Albert Emil Brachvogel Oberst von Steuben – des großen Königs Adjutant   Historischer Roman Neubearbeitet von E. Th. Kauer Deutsche Buchgemeinschaft Berlin Alle Rechte vorbehalten Oberst v. Steuben. Quelle: Familie von Steuben Bei Treptow Ende 1761, anderthalb Jahre kaum vor dem Frieden, welcher das siebenjährige Ringen Friedrichs II. gegen die gewaltigsten Nationen des europäischen Kontinents beendete, stand die Sache Preußens schlecht. Les trois cotillons , die drei Unterröcke – Maria Theresia mit dem deutschen Reichsheer, Madame de Pompadour mit dem Lilienbanner und Zarin Elisabeth , das Mannweib, mit ihrem gewaltigen Russenvolke kämpften noch den Vernichtungskampf gegen das kleine Preußen – und mit nur zu gutem Glück! Der Augenblick schien gekommen, dem hohenzollernsches Heldenkönig, ob ganz Europa ihn auch bewunderte, ein kurzes, schreckliches Ende zu bereiten und seine Lande unter sich zu teilen. Wie gegen Ende besagten Jahres Friedrichs Lage war, bedarf für den Freund vaterländischer Geschichte keiner Erörterung. Um ein Gesamtbild der Situation um Wintersanfang 1761 zu geben, genüge zu sagen, wie um jene Zeit der tapfere König mit seinem Heer sich in dem sogenannten »Hungerlager« zu Bunzelwitz in Schlesien befand, nachdem Schweidnitz, eine seiner Hauptfestungen und der Schlüssel Schlesiens, von Laudon genommen worden war. Trencks Verrat, Berlins Besitznahme durch die russischen Generale Tschernitscheff und Tottleben machten das Maß der äußerstes Not voll. – Die preußischen Armeekorps waren zur Zeit weit auseinander und auf ihre eigenen Kräfte angewiesen. Gegen Österreich und Rußland stand Friedrich II. mit seiner Armee, wie schon gesagt, in Schlesien, gegen die Franzosen agierte das Korps Herzog Ferdinands von Braunschweig im Westen, während Prinz Heinrich von Preußen in Sachsen gegen die Reichsarmee operierte. Ein nutzloses Danaidenringen schien es gegen die Übermacht. Schwerin, Keith, Winterfeld, den ausgezeichnetsten Generalen des preußisches Heeres, hatte dieser mörderische Krieg ihr Heldengrab gegraben, der Militäradel Preußens, welcher seit Menschengedenken dem Staate ein auserlesenes Offizierkorps zugeführt hatte, war mehr als dezimiert, die preußischen Kader wichen aus allen Fugen, und die Hilfsmittel waren erschöpft. Preußens letzte schwache Hoffnung blieb das Genie seines Monarchen, das Ehrgefühl und die glühende Vaterlandsliebe seines halb zertrümmerten Heeres und dessen alternder Führer. Jeder Einsichtige erkannte mit schmerzlichem Blicke endlich doch, daß der große König sich gegen die Übermacht seiner Feinde nicht länger zu halten vermöge, falls nicht ein glücklicher, an das Wunderbare streifender Zufall oder die Hand der Vorsehung selber durch eine plötzliche politische Veränderung den Staat errette, welchen der Große Kurfürst einst aus dem Chaos des Dreißigjährigen Krieges geformt hatte. Innerhalb des nächsten Jahres war die Entscheidung über Preußens Sein oder Nichtsein gewiß. Zweifellos zeigte sich von Friedrichs Gegnern Elisabeth von Rußland zur Zeit als der gefährlichste. Ihre Energie, durch tiefsten Haß entflammt, der Fanatismus ihres Volkes und die unerschöpflichen Hilfsquellen ihres ungeheuren Reiches, dessen Lage in Preußens Rücken dazugerechnet, ließen sie weit fürchterlicher erscheinen als den finanziell bereits zerrütteten Ludwig XV. und das in allen Grundfesten erschütterte Österreich. – Am 11. September 1761 hatte Friedrich II. aus dem befestigten Lager von Bunzelwitz siebentausend Mann unter General von Platen nach Polen entsendet, um den Russen in den Rücken zu fallen. Am 15. desselben Monats war dieser auch so glücklich gewesen, eine russische Wagenburg von fünftausend Gespannen bei dem Kloster Golzowska unweit Gostyn in Großpolen zu stürmen, zu verbrennen, die viertausend Mann starke Bedeckung total zu schlagen, über die Warthe zu treiben und mit fast zweitausend Gefangenen Landsberg, den Übergang über den Fluß, zu sichern, um auf frischer Tat mittels eines energischen Streifzuges durch Pommern der russischen Übermacht daselbst hindernd entgegenzutreten! Auf diesem Zuge begriffen, ereilte aber Platen die Nachricht König Friedrichs: eine russische Flotte sei seit August mit einem großen Landungskorps unter dem Grafen Romanzow von Kronstadt aus an der kassubischen Küste erschienen, und Kolberg schwebe in höchster Gefahr. Platen solle stehenden Fußes dem Prinzen Friedrich Eugen von Württemberg zu Hilfe eilen, der durch ein verschanztes Lager die Festung decke und bisher die Belagerung derselben mit Mühe verhindert habe; die Lage desselben werde täglich schwieriger. Platen leistete sofort Folge. Vermöge außerordentlicher Gewaltmärsche erreichte er Köslin, nahm, von da aus westlich an der Persante marschierend, am 30. September Mittels Überrumpelung eine russische Schanze oberhalb dieses Flusses und vereinigte sich am 4. Oktober auf der zwischen Persante und Rega gelegenen Terrainhöhe glücklich mit dem Prinzen von Württemberg. Die Situation um Kolberg war schlimm genug. Vor dem Hafen der Stadt der Mastenwald der russischen Flotte Romanzows, eines jener kühnen Barbaren aus der Schule Peter des Großen, welchem Humanität wie chevalereske Sitte gänzlich unbekannt waren und den die zornige Zarin gesandt hatte, gegen Preußen nunmehr einen entscheidenden Schlag zu führen, dann aber Tottleben und Tschernitscheff im Kommando zu ersetzen, weil dieselben ihrer Ansicht nach mit Berlin viel zu gelinde umgegangen seien; Romanzow sollte in der Mark wie ein anderer Attila hausen. In der Festung Kolberg selbst kommandierte General Heiden nur etwa zweitausend Mann und hielt die russische Flotte allein mittels seiner vortrefflichen Batterien im Schach. Auf der Landseite der Festung, rechts und links der Persante, hatte Prinz Friedrich Eugen von Württemberg in seinem verschanzten Lager dem russische Belagerungskorps heftigsten Widerstand entgegengesetzt. Platens Marsch im Rücken des russischen Korps, ferner auch, daß er die südliche Schanze, mit ihr aber den Übergang oberhalb der Persante gewann, hatte Romanzow genötigt, seinen linken Flügel eiligst ostwärts über den Fluß zurückzuziehen. Hierdurch erst war Platens Vereinigung mit Prinz Friedrich Eugen von Württemberg möglich geworden. Die Russen aber wären vorläufig auf das rechte Persanteufer beschränkt und standen dort etwa in Stärke von siebzehntausend Mann. Nunmehr mußten sie den Prinzen Württemberg sowie das die linke Flußseite beherrschende Korps Platen zu gleicher Zeit beobachten. Die beiden preußischen Korps zählten etwa zwölftausend Mann. Um die russische Flotte abzuhalten, in der Mündung der Rega oder an der Küste zwischen den beiden Flüssen zu landen, hatte man vom Platenschen Korps die Brigade des Generals von Knobloch in Stärke von zweitausend Mann abdetaschiert, um das Städtchen Treptow an der Rega teils zu besetzen, teils von dort aus in fliegenden Kolonnen die Verbindung mit dem Korps des Prinzen von Württemberg und mit den Truppen Platens aufrechtzuerhalten. Das Zahlenverhältnis der Preußen zu dem der Russen stellte sich mithin fünfzehntausend zu sechzehntausend Mann. Die Russen hatten aber, wie man sagte, im ganzen fünfundzwanzigtausend Mann mitgebracht, von denen neuntausend auf der Flotte zurückgeblieben waren, um je nach Zeit und Gelegenheit an irgendeinem günstigen Punkte zu landen. Dies zu verhindern, war nunmehr die vornehmste Aufgabe der Preußen. Gelang es ihnen, so waren sie der bereits auf preußischem Boden stehenden Macht Romanows gewachsen, ihre Stellung war dazu entschieden besser, gedeckter. Der rauhe Herbst half ihnen auch noch insofern, als ein heftiger Orkan die russische Flotte zwang, sofort abzusegeln, und kein Wimpel derselben wurde mehr gesehen. – Wäre Kolberg wie die vor demselben liegenden preußischen Korps, Prinz Württemberg und Platen, jetzt nur ausreichend genug verproviantiert gewesen, so daß sie ihre Stellungen nicht zu verrücken brauchten, so wäre wahrscheinlich auch der Ausgang dem preußischen Waffenglück in Pommern glücklicher gewesen. Die wachsende Not jedoch, verbunden mit den Anforderungen der rauhen, bereits winterlichen Jahreszeit, nötigte die preußischen Befehlshaber endlich, sich westlich aus der Wolliner Gegend und südwestlich von Cammin her mit Zufuhren zu versorgen. Aufgabe der Brigade Knobloch, welche aus zwei Infanterie- und einem Kavallerie-Regiment bestand, war es, diese Zufuhren zu decken. Das Städtchen Treptow an der Rega, bisher strategischer Stütz- und Observationspunkt, wurde nunmehr Durchzugs- und Knotenpunkt für die anlangenden Vorräte. Um diese zu fassen und vor Überfall zu sichern, mußte sich die Brigade Knobloch nach zwei Richtungen hin zersplittern und in lange Linien auflösen, Treptow dazu aber gut besetzt halten, mit anderen Worten also: die alte Stellung auf dem Plateau zwischen Persante und Rega aufgeben. Diese Pflicht sowie die, eine Verbindung mit dem Korps des Prinzen Friedrich aufrechtzuerhalten, fiel nunmehr Platen zu. Dessen Konzentration an der Persante mußte demgemäß auch verringert, seine Linien mußten ebenfalls länger nach Westen ausgedehnt werden, dadurch erhielt das östlich massierte Belagerungskorps Romanzows aber bedeutende Bewegungsfreiheit. – Mit diesem Stande der Dinge beginnt unsere Geschichte. Am Abend des 20. Oktober befanden sich im oberen Stock des ehedem herzoglichen Schlosses zu Treptow in einem dreifenstrigen, getäfelten Zimmer fünf höhere preußische Offiziere. Der General von Knobloch war ein ältlicher, indessen noch höchst frischer Herr und Kommandeur der Brigade. Leutnant de l'Enfant und de Romanai, alteingewanderten Familien der französischen Kolonie in Berlin entstammend, waren des Generals Adjutanten, Leutnant Friedrich von Steuben aber sein Generalstabsoffizier, ferner war Oberst von Koch, zur Zeit Platzkommandant der Stadt und Chef des in ihr garnisonierenden Infanterieregiments, zugegen. Die Strammheit, welche den Soldaten des großen Friedrich zur anderen Natur geworden war, verleugneten diese Herren selbst in dem Augenblicke nicht, da sie, gesellig um ihren Kommandeur vereint, aus kurzen holländischen Pfeifen rauchten und des schneeigfeuchten, unlustigen Wetters wegen einer Grogbowle zusprachen, deren geistigen Bestandteil sie einem in der Zimmerecke stationierten Fäßchen entlehnten, das ihnen von Stettin aus vor etwa einer halben Woche zugekommen war. Von Knobloch und seine Offiziere waren ein lebendiger Beweis des Dogmas: »Der preußische Soldat ist immer, ja selbst im Schlafe, in Seiner Majestät Dienst!« Wer sie so sitzen sah, kerzengerade, mit steifen Zöpfen, jeden Augenblick marschfertig, bei ihrem ruhigen, kühlernsten Gespräch dann und wann nur einen Schluck nehmend und den Dampf leicht durch die Lippen blasend, der hatte ein vortreffliches Miniaturbild jener zwar altväterlichen, aber kraftvollen Heldengenossen, mit denen der große Friedrich bisher seine wunderbaren Schlachten geschlagen hatte. Trotz aller steifen, kalternsten Würde war General von Knobloch aber weder ein militärischer Philister noch ein inhumaner Vorgesetzter. Seine Offiziere waren nichts weniger als nur pflichtgemäße Automaten des Dienstes, die vor des Generals bloßem Augenwink zitterten. Im Gegenteil, ihr beiderseitiger Verkehr blieb bei aller Distinguiertheit zwanglos, denn jeder dieser Männer war von dem Bewußtsein seiner Stellung, einer Kriegstüchtigkeit und Bravour erfüllt, die er in zahlreichen Schlachten und oft genug unter den Augen des Monarchen bewährt hatte. Ein Band innigster Hochachtung und Freundschaft also umschloß sie alle, ihr gegenseitiges Vertrauen äußerte sich deshalb im engeren Abendzirkel, sonst weist auch immer in einer achtungsvollen Vertraulichkeit. Nach wenigen Worten gegenseitiger Begrüßung hatte man mit jenem Instinkte, der bei unvorhergesehenen Momenten stets den preußischen Offizier beseelt, sofort einen knappen, schneidigen Ton angeschlagen, der wie ein Logarithmus oder ein Geschäftskonto in Dialogform wirkt. Man sprach die »militär-diplomatische« Sprache, welche ein anderer Offizier schwerlich außer diesen Fünfen völlig verstand. Den Grund, dieser Art sich zu unterhalten, gab eine Terrainkarte der Küste und Flußgebiete um Kolberg und Treptow ab, welche zwischen General von Knobloch und Leutnant von Steuben, dem Stabsoffizier, auf dem Tische ausgebreitet lag, um welche die übrigen Herren sich gruppiert hatten. Diese Karte hatte verschiedene Striche, welche die momentane Stellung von Freund und Feind markierte, Steuben, den Bleistift in der Hand, deutete während des Gesprächs auf die verschiedensten Stellungen, welche in Rede kamen. Das Rauchen und Trinken war nur eine mechanische Beschäftigung, an der das Bewußtsein keinen Anteil nahm. »Laut Bericht greifenbergischer Vorposten von 6 ¼ Uhr abends!« erwiderte Romanai. »Dort etwa!« – sein Finger legte sich auf einen Punkt der Karte. »Werden wir unsere Seefische heute wieder haben, Herr von Steuben?« fragte Knobloch nach einer Pause. »Falls die tollen Seewehen nicht neu erwacht find, ja! Seit gestern morgen konnten die Fischer von Deep wieder seit zwei Wochen das erstemal einen Zug tun.« Steuben sah nach der Uhr. »Vogel müßte mit den Flundern eigentlich seit einer Stunde da sein!« »Wenn die Deepner wieder Fische ans Land bringen, könnten noch ganz andere Hechte gelandet sein,« sprach Oberst Koch nach kurzer Pause, »die ein verdammt schlechtes Gericht für uns abgeben würden, Exzellenz!« »Denk' ich jetzt auch«, entgegnet« Knobloch. »Das Unglück dabei ist, daß meine und General von Platens Truppen so zerfasert stehen müssen! Das Langzerren meiner Regimenter nach Westen, die leidige Not des Zufuhrwesens ist sehr schlimm! Wie soll man dem aber begegnen, da die nächste Umgegend seit September schon ausgesogen ist? Gestern früh bereits wurde Steuben unruhig und drang darauf, die Anfuhr des Proviants zwei Tage wenigstens auszusetzen, um die Brigade wieder heranzuziehen. Aber ich kann es nicht verantworten!« »Sie hielten es weder für tunlich noch für geraten?« »Es fehlte uns eben noch Heu, Stroh, Mehl und Fleisch, Oberst. Schlägt das erste weiche Schneewetter plötzlich in scharfen Frost um, wie endlich doch zu erwarten ist, dann sind unsere Leute den größtes Übelständen ausgesetzt, wenn nicht alles mühevoll Zusammengebrachte herein ist. In drei bis vier Tagen aber können wir damit zustande kommen.« »So wünschte ich nur, Exzellenz, wir hätten auch solange tollen Wind und brausende See, wollte, daß wir vor acht Tagen keine Flotte zu Gesicht bekämen!« »Könnten die Kosaken denn aber nicht von der Ostseite der Persante herkommen, Herr von Steuben?« »Könnten? Gewiß, Herr von Romanai, sie könnten es schon, ich fürchte nur, sie werden es nicht! Denke immer, sie kommen westwärts oder von der Oder aus Südwesten!« »Weshalb?« fuhr Koch auf. »Glauben Sie, von dort aus sind Russen in Anmarsch?« »Ich behaupte es nicht, Herr Oberst, aber es wäre doch möglich, weil die Deepner wegen stillen Wassers seit gestern morgen wieder auf den Fang gehen können.« »Lassen Sie auf alle Fälle satteln, de l'Enfant!« befahl Knobloch kurz. »Binnen einer Stunde müssen wir wissen, ob das Wetter mit den Kosaken etwas zu schaffen hat!« Eben wollte der Adjutant diesen Befehl ausführen, als sich die Tür rasch öffnete und ein Ordonnanzoffizier hereintrat. »Auf Befehl des Herrn Majors Schellhorn habe Exzellenz zu melden, daß westlich der Stadt fernes Schießen, auch vermehrte Bewegung auf der Ebene vernehmbar ist.« »Westlich? – Sogleich die Pferde vor! Weiß Er genau, daß es auch westlich ist?« »Ganz bestimmt westlich, etwa 'ne halbe Meile von hier, Exzellenz; kleines Gewehrfeuer, unregelmäßig wie beim Scharmuzieren.« »Verfüge Er sich sofort zur Wache! Lasse Er Generalmarsch schlagen, Leutnant! Kehre Er dann zu seinem Bataillon zurück. Major von Schellhorn soll binnen zwanzig Minuten Unterstützung haben!« Nachdem der Adjutant des Generals und der berichterstattende Leutnant das Zimmer verlassen hatte, sah Knobloch seine Abendgäste mit vielsagenden Blicken an. »Meine Herren,« sagte er mit eigentümlichem Tone, »die feindliche Flotte hat ihre Truppen gelandet; neuntausend Mann also gegen unsere zweitausend!« »Es müßte wirklich seit gestern morgen geschehen sein«, damit rollte Steuben die Karte zusammen. »Entweder ging Vogel beim Kundschaften zu weit vor, und sie fingen ihn ab, oder er sammelt so viel Nachricht, daß er nicht eher – da ist er!« Ein junger, rotwangiger, schlanker Mensch trat ein. Er hatte ein kassubisches Fischerhemd über die Uniform geworfen und einen geteerten Schlapphut in der Hand. In demselben Augenblick rasselten die Alarmtrommeln. »Keine Fische, Vogel?« wandte sich Knobloch trocken zu dem Ankömmling. »Nein, Exzellenz, aber Russen übergenug! Zehn Boote von Deep schnitt die feindliche Flotte ab, die Fischerfrauen heulen und klagen. Zwei Meilen westlich auf Stettin zu liegen die Russen Schiff bei Schiff und setzen große Massen Kosaken und Infanterie ans Land!« »Wann sahst du das?« fragte Steuben. »Vor fünf Stunden, Eure Gnaden, zwei Meilen westlich von Deep. Mußte leider der drängenden Proviantkolonnen wegen einen Umweg nehmen, sonst wäre ich durchs westliche Tor herein und viel eher da.« »Besorge Pferde und Gepäck, Karl!« Als der Bursche des Stabsoffiziers sich entfernt hatte, erhob General von Knobloch das Glas. »Meine Herren Kameraden, des preußischen Soldaten Wahlspruch ist stets gewesen: › in victoria sterben, et cum gloria auferstehen!‹ Dabei soll's bleiben! Oberst, lassen Sie ein Bataillon gefechtsbereit die westliche Straße eine halbe Meile vorrücken, es soll das Bataillon Schellhorn wie alle Posten und die zurückgedrängten Trupps der Unsern aufnehmen und unterstützen. Ihr Adjutant aber soll den Befehl bis zu den letzten Kolonnen in die Nähe des Feindes bringen: daß sämtliche erreichbaren Bedeckungsmannschaften während der Nacht zurück und in die Stadt kommen müssen. Die Proviantwagen werden gerettet oder verbrannt, die Gespanne unter allen Umständen mitgebracht. Es ist ganz klar, woher die Kosaken bei Greifenberg kamen! Romanai, reiten Sie auf Tod und Leben! Melden Sie Exzellenz von Platen und der Hoheit, Prinzen von Württemberg, die russische Landung und den hiesiges Stand der Dinge! Wir halten Treptow, bis Seine Durchlaucht weitere Order gibt.« Sämtliche Offiziere entfernten sich rasch, nur der General und sein Stabsoffizier blieben zurück. Langsam füllte Knobloch wieder sein Glas und das des anderen. »Der letzte Trunk vielleicht, Steuben! Die Frage ist nur noch, ob Romanai Platen und den Prinzen erreicht und glücklich zurückkommt.« Steuben stieß mit dem General leise an. »Zurückkommt, ohne zwischen Rega und Passarge die Graugrünen gesehen zu haben!« »Wenn er sie sah und es ihrer viele waren –« »Dann sind wir abgeschnitten – wenn nicht umzingelt, mein General!« » Foudre! A cheval, à cheval, mon ami! Wir wollen ans Westtor und dann die Runde machen. Gott gebe, daß wir wenigstens die Brigade wieder zusammen kriegen!« Etliche Minuten später ritten Knobloch und Steuben los. In der Stadt gab es Höllenlärm und gründliche Verwirrung. Zwar standen die Soldaten ordnungsmäßig auf den Alarmplätzen, auch des Generals Befehle wurden musterhaft ausgeführt, aber die hastig in die Stadt einfahrenden Proviantkolonnen stopften und verfuhren sich in den engen Straßen. – Mit kaltblütiger Umsicht ordnete der General mit Hilfe seines Stabsoffiziers und de l'Enfants alles. Er ließ die Fuhrwerke in den Seitengassen aufstellen, so daß die Passage vom östlichen zum westlichen Tor frei wurde. Dann sprengten beide zu dem letzteren, durch welches abwechselnd Truppenabteilungen und Fuhrwerke in höchster Eile drangen. Dort stiegen beide von den Pferden und begaben sich auf den Wall. Ihre Besorgnis wurde nur zu sehr begründet. Die russische Flotte hatte, von der ruhigen See begünstigt, heute oder schon gestern ihre übrigen Truppen westlich der Rega gelandet. Diese schienen, den beobachtenden Kosakenabteilungen oberhalb Greifenbergs zufolge, in einer Umgehung im südlichen Bogen begriffen und mochten hierbei auf die Proviantkolonnen und deren Bedeckung gestoßen sein. Sicher hatten sie diese teils durchbrochen, teils abgeschnitten und verfolgten dieselben mit einer starken Abteilung nach der Stadt zu. Auf letzteres deutete das immer näher kommende heftige Schießen, die größere Panik und Eile der zum Tore zurückdrängenden preußischen Kolonnen und Wagen. Um elf Uhr, nachdem der General persönlich umfassende Anordnungen getroffen und der Panik gesteuert hatte, trat endlich Ruhe ein. Das Schießen hörte plötzlich auf. Entweder stand das Gefecht still oder es war vom Feinde abgebrochen worden. Den Befehl zurücklassend, daß die Kommandeure der eintreffenden Truppen sich sofort zur Berichterstattung auf dem Schlosse zu melden hätten, eilten Knobloch und Steuben in ihr Quartier. Die Nachrichten der Regimentskommandeure bestätigten, daß ein starkes russisches Korps von der Küste her in Anmarsch begriffen gewesen sei, sie angegriffen, geworfen und viel Beute an Vorräten und Transportwagen gemacht habe. Andere Abteilungsführer, welche diesem Schock noch rechtzeitig entgangen waren, hatten südwärts starke Massen russischen Kriegsvolks eiligst nach der oberen Rega marschieren sehen. Nachdem Knobloch später den Adjutanten de l'Enfant nach Deep an die Küste gesandt hatte, um nachzusehen, ob dort etwa die Russen gelandet wären, blieb für die Nacht nur noch übrig, die Wallmannschaften zu verstärken, die übrigen Truppen aber für den Fall bereitzuhalten, daß der Feind es auf eine Überrumpelung abgesehen habe. Während Leutnant von Steuben wach blieb, um bei besonderen Veranlassungen gleich zur Hand zu sein, warf sich sein General halb entkleidet aufs Feldbett. Wer eine ungefähre Idee von den Pflichten des Strategen, des wissenschaftlichen Beirats und Adlatus eines Generals hat, wird zugeben müssen, daß für ihn der Augenblick stets der bitterste sein muß, in welchem ihn mehr und mehr die Ahnung beschleicht, daß kein Schachzug mehr bleibt und mit jeder kommenden Stunde die Bewegungsfähigkeit seines Korps durch die Übermacht rings andrängender feindlicher Massen vermindert wird. Zwei Alternativen schwebten Leutnant von Steuben vor: die etwaige Möglichkeit, unter Preisgabe Treptows nördlich der Küste entlang, dem Gegner noch auszuweichen und das Korps des Prinzen von Württemberg von Kolberg zu verstärken, oder südöstlich zu Platen vorzudringen. Beide Auswege konnten noch offen stehen, ebensogut aber bereits unmöglich geworden sein. Die dritte Alternative war, Treptow zu verteidigen, es aber Platen und dem Prinzen zu überlassen, einen Versuch zu machen, die Brigade Knobloch zu entsetzen. Der Weg nach Norden stand frei, falls die Russen nicht inzwischen auch bei dem Fischerdorf Deep genug Truppen ans Land gesetzt hatten, um den Weg nach Kolberg zu verlegen. Der Marsch zu Platen, also zurück zur eigenes Division, ließ sich wagen, wenn das Plateau zwischen Passarge und Rega noch frei war. Hatte der Feind, sei es von Norden oder Süden her, die Vereinigung der Brigade mit den übrigen preußischen Truppen aber unmöglich gemacht, so war man eingeschlossen. Ein gewaltsamer Durchbruch mit blanker Waffe wäre töricht und unheilvoll gewesen. Die Überzahl der Russen, der Mangel an Kavallerie und Feldgeschützen verbot ein derartiges Wagnis. Sorgsam erwog Steuben, ob schlimmstenfalls nicht wenigstens Treptow gehalten werden könne, doch auch bei diesem Gedanken sank ihm das Herz. Allerdings hatte man dank den Proviantkolonnen hier Lebensmittel, aber wenig Munition für die Artillerie, und die Werke der Stadt waren zu schwach und unzulänglich für eine regelrechte Belagerung. Die qualvollen Betrachtungen des Stabsoffiziers wurden endlich gegen zwei Uhr des Nachts durch de l'Enfant unterbrochen, welcher von Deep zurückkehrte. »Wie steht's dort?« »Mindestens anderthalb russische Brigaden sind da gelandet. Man schiffte noch Truppen aus, als ich kam.« »Dann wird vor morgen früh die Straße nach Kolberg verlegt sein. Wir können auf Romanai nicht länger warten!« Damit trat er zu dem schlafenden General und erfaßte dessen herabhängende Hand. »Ach ja!« Knobloch fuhr auf und rieb sich die Augen. »Was ist's denn?« »Ein russisches Korps, anderthalbmal stärker als wir, ist in Deep gelandet,« entgegnete Steuben, »somit rückt der Feind gegen uns von Westen und Norden an. Ich glaube, wir dürfen nicht bis Tagesanbruch warten, ehe wir zum Entschluß kommen.« »Weiß Gott, nein!« Der General stand auf und schüttelte sich. »Sie müssen die Obersten Koch und Witzleben wecken, deren Truppen müssen binnen einer Stunde marschbereit sein. Kavallerieregiment Kaminsky soll aufsitzen und eine Eskadron sofort ostwärts der Stadt in der Richtung auf General von Platen vorgehen, damit wir wissen, ob sich dort der Feind bemerkbar macht, oder ob eine Verbindung mit Platen möglich ist! Helfen Sie mir rasch die Montur anlegen, Steuben!« Der Adjutant entfernte sich. Mit des Stabsoffiziers Beistand ordnete der General rasch seine Toilette. »Sie sollen sehen, cher ami , in dieser Richtung ist noch etwas zu machen, sonst wäre Romanai schon da.« »Sie wollen die Brigade mit unserer Division wieder vereinigen und Treptow verlassen?« »Entschieden, wenn wir nicht geradezu im Sack sitzen sollen. Viel kann freilich nicht geschehen, das Menschenmögliche aber muß versucht werden. Diese unglückselige Abdetachierung, der Proviantzufuhren wegen, ist unser Unglück, obwohl sie unerläßlich war, um die darbenden Truppen zu versorgen.« »Was soll aus diesen Zufuhren aber werden, wenn wir Treptow verlassen?« »Witzleben, der die Arrieregarde bilden soll, hält die Stadt solange als möglich, damit wir sie als Stützpunkt und Rückzug nicht verlieren, wir aber gehen mit Koch, Kaminky als Vorhut, östlich vor. Bestätigt die rekognoszierende Kavallerie, daß der Weg zu Platen frei ist, so nehmen wir den Fuhrpark in die Mitte, durch Witzleben gedeckt, und lassen Treptow samt der Regastellung fahren. Unsere bisherige Aufgabe ist dann erfüllt, und wir haben uns mit der Division zu vereinigen. Platen und der Prinz mögen dann entscheiden, ob mit 15 000 Mann den 25 000 Streitern Romanzows eine Schlacht unter Kelbergs Mauern anzubieten ist.« »Es wäre das beste, falls es gelingt. Vereinigt können wir wenigstens dem Feinde imponieren und Kolberg Sr. Majestät erhalten; erleiden wir hier einen Schlag, Exzellenz, so muß unrettbar dieser wichtigste Punkt für Preußen im Norden fallen.« – Steuben sah nach der Uhr, befahl die Pferde, dann saß Knobloch mit ihm und l'Enfant auf und trabte zum Marktplatze. Dort und in den Nebenstraßen hatten sich das Regiment Koch und die zwei letzten Eskadrons von Kaminskys Reitern aufgestellt. Oberst von Witzleben und Major von Wurmb, welcher die Fahrkolonnen kommandierte, waren erschienen, und die Truppenführer schlossen um den General einen Kreis. Nachdem ihnen dieser kurz auseinandergesetzt hatte, worauf es ankäme, erhielt Witzleben bis auf weiteres das Kommando in Treptow, die Marschordnung wurde festgesetzt, dann setzte sich General von Knobloch mit seiner militärischen Begleitung an die Tete, und lautlos verließ der größte Teil der Brigade ostwärts die Stadt. Es mochte gegen drei Uhr sein. Die Nacht war mondhell und kalt. Da es inzwischen sehr stark geschneit hatte und die Luft durch des erstes eingetretenen Frost klar geworden war, konnte man die Gegend weithin übersehen. Dieser in größter Stille vollzogene Ausmarsch hatte etwas Beklemmendes. Weit den Eskadrons Kaminskys voraus, zogen seine rekognoszierenden Reiter, eine lange, aufgelöste Linie, die nach Ost, Nordost und südöstlich fächerförmig ausschwärmte. »Ist es Ihnen genehm, Exzellenz,« unterbrach Steuben die Stille, »so möchte ich in gerader Linie auf General Platens Schanzen zu den rekognoszierenden Reitern vorreiten. Es wäre möglich, ich stieße auf Romanai.« »Tun Sie das, seine verzögerte Rückkehr macht mich besorgt.« Der Stabsoffizier preßte seinem Gaule die Sporen ein, fegte über die verschneiten Äcker hin und hatte bald denjenigen Punkt der Reiterlinie erreicht, welcher südöstlich der Richtung auf Platens Standort am nächsten lag. »Nichts bemerkt bis jetzt, Kinder?« redet er ein Pikett an, das ein alter Wachtmeister führte. »Kein Luftzug regt sich. Nicht einmal ein Hase ist zu sehen, geschweige denn ein Russe.« »Desto besser für uns!« Schweigend ritten sie so eine Viertelstunde, mit der übrigen Kavallerie möglichst in gleicher Linie und scharf ausschauend. Plötzlich schlug fernes, vereinzeltes Schießen an ihr Ohr. Tief in der Ebene – gerade in Platens Richtung, blitzte es mehrfach funkenartig auf. »Halt!« kommandierte Steuben. Pferde und Reiter hielten, steif wie Statuen. Alle lauschten. Die übrigen Piketts folgten ihrem Beispiel. Nur an den Flanken rückten die rekognoszierenden Trupps noch vor. »Ich höre Pferdegetrappel, Herr Leutnant!« »Lasse Er durch zwei Mann die nächsten Seitenpiketts heranholen. Droht uns ein Vorstoß, so ist es auf diesem Punkt. Haltet Karabiner und Pallasch bereit!« Das Schießen, obwohl es vereinzelt blieb, kam näher. Ein dunkler Gegenstand bewegte sich schnell auf das Pikett zu, weiter hinten folgten demselben ziemlich viel graue Gestalten. »Es muß Romanai sein!« murmelte Steuben, dann wendete er sich zu dem Wachtmeister. »Galoppiere Er mit sechs Mann vor. Ich glaube, es ist Sr. Exzellenz Adjutant. Decke Er ihm den Rücken! Ist's aber ein Russe, so fängt Er ihn!« Während der Wachtmeister den Befehl ausführte, kamen links und rechts die Seitenpiketts heran. Steuben, unverwandt nach dem blickend, was sich vor ihm entwickelte, sah, wie der Wachtmeister und seine Leute mit dem einzelnen Reiter zusammentrafen, ihn sofort weiterließen, dann aber in gestrecktem Galopp vorgingen. »Trab!« kommandierte der Stabsoffizier. In diesem Augenblick krachten Schüsse, der Wachtmeister und seine Leute waren bereits im Handgemenge. Einige Sekunden später keuchte der einzelne Reiter heran, sein Pferd taumelte vor Erschöpfung, er selbst hatte den Hut verloren. »Romanai! Teufel, da sind Sie endlich! Wo haben Sie gesteckt?« »Zwischen den südlich und östlich anrückenden Russen!« »Vorwärts, Reiter, helft eurem braven Wachtmeister! Blase Er zur Attacke, Trompeter!« Die Piketts brausten an beiden vorüber, indes das bekannte Angriffssignal erklang. Sofort richteten alle links und rechts in der Ebene trabenden Posten ihren Lauf im Galopp nach der Stelle des Kampfes, der nun ernstlich zu entbrennen schien. »Kommen Sie zum General, lieber Romanai, erholen Sie sich inzwischen ein wenig. Sie waren arg in der Klemme?« »Teufelsmäßig, Steuben! Aber gottlob, ich bin hier. In Wahrheit, Freund, die Russen sind zwischen beide Flüsse gerückt, wir sind von Platen abgeschnitten! Hoffentlich noch nicht von Kolberg und dem Prinzen?« »Gestern abend sind sie auch bei Deep gelandet und rücken vom Norden her. Wir machen diese Diversion, um ihnen nach Osten auszuweichen.« »Vergebens, Steuben, wir werden Kolberg und Platen nie wiedersehen!« »Bah, das ist Schwarzseherei!« »Warten Sie es nur ab, Freund. Bevor der Tag graut, werden Sie in diesem Punkte meine Ansicht teilen.« Unter ähnlichen unangenehmen Bemerkungen erreichten sie, wegen Romanais erschöpftem Pferde nur im Schritt reitend, den General und die Tete der Brigade. »Sie bringen den Feind gleich mit, Adjutant«, rief Knobloch übellaunig. »Wohl wahr, Exzellenz. Wenn Sie mein Pferd ansehen, werden Sie bemerken, daß ich Mühe hatte, daß der Feind nicht vor mir bei Ihnen war.« »Ihren Bericht also?« »Gestern abend stieß ich, indem ich einen südlichen Bogen nach dem Lager des Generals von Platen nahm, bereits ziemlich in der Mitte der Ebene zwischen beiden Flüssen auf ein starkes russisches Korps, das ich in der Entfernung auf etwa 3000 Mann schätzte. Es marschierte nordöstlich auf Treptow zu; der Mond schien wie jetzt auf den Schnee. Sie müssen weder Kosaken noch sonstige Kavallerie bei sich gehabt haben, oder sie bemerkten mich nicht, ich entkam ihnen.« »Wann war das?« »Etwa gegen zwölf Uhr.« »War es mehr nach uns und Treptow zu oder mehr auf der Persanteseite?« »Mehr nach der Rega und Treptow hin. Es schien, daß ihr linker Flügel sich auf Greifenberg stütze.« » Sacre mille tonnerres ! Oberst Kaminsky!« »Exzellenz?« »Ihr ganzes Regiment geht zum Angriff vor, aber mit Bedacht! Ich werde Ihnen für den Notfall ein Bataillon von Koch nachsenden. Wenn Sie nicht müssen, schlagen Sie nicht. Eine Blame aber lassen Sie sich auch nicht gefallen! Jedenfalls vergessen Sie nicht, daß wir unter solchen Umständen Treptow keineswegs preisgeben dürfen, um auf freiem Felde an der Übermacht zu zerbröckeln. Vor dem bedenklichen Moment wird das Gefecht also abgebrochen!« »Zu Befehl, Herr General!« Während Knobloch mit Steuben und Romanai abschwenkten und an den linken Flügel des Regiments ritten, kommandierte Oberst von Kaminsky »Trab« und führte den Rest des Regiments rasch vorbei, dann formierte er zur Attacke, zumal das Schießen und Scharmützeln reger wurde. Bald darauf trabten die Reiter in Schlachtfront ihren schon engagierten Vortruppen zu. »Was noch weiter, Romanai? Wenn Sie gestern abend entkamen, weshalb sieht man Sie jetzt erst?« »Dem Regen entschlüpft, komme ich unter die Traufe. Zu General Platen zu gelangen war unmöglich, ich wendete mich nordöstlich in der Richtung nach Kolberg zu, um zu sehen, ob der Anschluß an den Prinzen möglich sei.« »Von Treptow aus ist das vorbei, Leutnant. Was sahen Sie denn, und wie kamen Sie an den Feind?« »Etwa nach ein Uhr, zwei Meilen nordöstlich der Schanzen an der Passarge, begegnete ich einem zweiten noch größeren russischen Korps, das mir parallel zur Persante von Norden her entgegenmarschierte.« »Wie erklären Sie das, Steuben?« »Das erste russische Korps, was Romanai erblickte, ist das von der Flotte gelandete, besten Kosaken gestern Greifenberg sah. Es marschiert zweifellos Treptow zu, um die Stadt im Osten zu umschließen. Das zweite Korps aber ist von Romanzow wahrscheinlich östlich über, die Persante oberhalb der Schanzen dirigiert worden, und seine südliche Bewegung gilt Platen. Man will ihn von Kolberg und uns von ihm absperren, und es ist gelungen!« »Haben Sie noch etwas zu sagen, Adjutant?« »Daß Herr von Steuben recht haben muß, denn beide feindlichen Korps in ihrem divergierenden Marsche hatten sich mit den Flanken berührt, und Truppen dieser ihrer Flankendetachements sind mir auf den Fersen, Dragoner und Kosaken – vielleicht als Gros auch Infanterie!« »Dann ist unsere letzte Disposition sachgemäß, Steuben!« »Gewiß, Exzellenz. Lassen Sie sogleich rückwärts mit Treptow Verbindung nehmen, Witzleben aber ein Bataillon im Osten vor die Stadt schicken. Wenn wir genau wissen, wir drücken weder gegen Platen noch nach Kolberg hin durch, dann müssen wir zurück, sonst kommt das bei Deep gelandete Korps uns in den Rücken!« »L'Enfant! Kochs zweites Bataillon bleibt stehen und formiert sich zum Gefecht; das erste folgt zu Kaminskys Unterstützung. Sie aber reiten nach Treptow zurück. Witzleben führt die Bewegung aus, welche Steuben vorschlägt und gewinnt Anschluß an das zweite Bataillon Koch. Steht die Sache wirklich so, wie es scheint, dann müssen wir vor der Dämmerung in Treptow wieder eingetroffen sein! Lassen Sie Romanai ein anderes Pferd geben, Steuben, sein Tier ist hin. In einer halben Stunde sind wir über die Physiognomie klar, die der Feind gegen uns macht.« In der Dämmerung ward Kriegsrat gehalten, der zu der Resolution führte: die westlichen und nördlichen Wälle der Stadt möglichst stark zu verteidigen, mit den übrigen Truppen aber auf der östlichen und südlichen Seite vor der Stadt stehenzubleiben. Dem Regiment Kaminsky wurde der Vorpostendienst übertragen. Obwohl die Stärke der russischen Truppen, welche jetzt zwischen Persante und Rega zu operieren schienen, etwa 13 – 15 000 Mann betragen mochte, waren die gesamten innerhalb derselben Region befindlichen Streitkräfte der preußischen Korps immerhin doch 13 000 Mann stark. Die etwa 3000 Mann Russen westlich Treptows und die 9000 Mann Romanzows, östlich Kolbergs, vermochten vorläufig in keine weitere Aktion einzutreten, als daß sie beide Plätze bedrohten. Die Entscheidung preußischerseits lag also immer noch ostwärts von Treptow, und dorthin mußten seine Bewegungen sich neigen, während das russische Interesse die entgegengesetzte Richtung erheischte. Die einzige, obwohl schwache Hoffnung Knoblochs bestand in der Annahme, daß dem zwischen den Flüssen agierenden Feinde keine Artillerie zu Gebote stand, er diese vielmehr allein für Kolbergs Belagerung und gegen den Prinzen von Württemberg in Anwendung zu bringen schien. War bei dem General und seinen Kommandeuren wirklich noch ein Schimmer von Hoffnung vorhanden, sobald der nächste Tag vorgeschritten genug war, um übersehen zu lassen, was es zu sehen gab, wich jegliche Einbildung der niederdrückenden Wirklichkeit. Die Brigade Knobloch war von einer über 8000 Mann starken russischen Armee umschlossen, von Platen und von dem Prinzen von Württemberg abgesperrt. Lediglich darauf beschränkt, Treptow zu halten und sich mannhaft der Übermacht zu erwehren, konnte das Los der Brigade Knobloch nur Vernichtung sein, oder das verzweifeltste aller Auskunftsmittel, die Kapitulation !! Die vier Tage vom 21. bis 25. Oktober waren für die brave Brigade in Treptow Höllentage, eine Kette von Enttäuschungen und vernichteten Hoffnungen. Wir unterlassen die Schilderung der Kämpfe, mittels welcher General von Knobloch sich der eisernen Umarmung seines unerbittlichen Gegners zu entziehen suchte; es war nur eine verlängerte Todesqual. Nach mehrfach höchst blutigen Versuchen bei Tage und Nacht, sich östlich, südlich oder nördlich durchzuschlagen, zog Knobloch seine Truppen ganz in die Stadt zurück, auf eine Belagerung gefaßt. Der Feind brachte von seinen Schiffen bei Deep inzwischen auch Artillerie heran, und die Beschießung des Städtchens begann. Bald genug brannte Treptow an verschiedenen Stellen, und zwei Breschen im Norden und Osten begannen zu klaffen, die preußische Artillerie aber hatte keine Munition mehr, um den ungleichen Kampf ausfechten zu können. – In der Nacht vom 24. zum 25. ist es, und dasselbe Zimmer des Schlosses zu Treptow wieder, welches General von Knobloch vorher bewohnt hatte, in dem die Kommandeure sich das letztemal um ihn versammelten. »Meine Herren,« sagte er bleich, aber gefaßt, »wir haben getan, was möglich war, uns mit General Platen und dem Prinzen zu vereinigen. Mehr als der vierte Teil der Brigade ist tot oder verwundet. Noch einen Tag ein solches Bombardement, und die Stadt ist ein Schutthaufen! Der Sturm, die völlige Vernichtung unserer Brigade, Plünderung und schlechte Behandlung der Einwohnerschaft ist gewiß, denn wir stehen einem Romanzow gegenüber, einer Vandalenseele! Es fragt sich, ob wir's bis zu diesem Schlusse treiben wollen oder durch ehrenvolle Übereinkunft mit dem Feinde wenigstens Sr. Majestät unsere wackeren Leute erhalten, das bald genug dem Feinde preisgegebene Treptow aber vor fernerem Brand und der Plünderung bewahren. Was ist Ihre Meinung, lieber Koch?« »Ich muß sagen, daß jeder fernere Kampf gegen unser Gewissen ist. Es wäre ein Verbrechen, und es verstößt gegen den allgemeinen Kriegsbrauch, einen so schlecht befestigten Platz wie diesen mit kaum 1500 Kombattanten gegen eine fast sechsfache russische Übermacht behaupten zu wollen. Ich stimme für Kapitulation!« »Mit anderen Worten, Herr General,« sagte Oberst von Witzleben, »wir sollen mit diesem Akte der Schmach unsere bisherige kriegerische Ehre vernichten, unsere Namen auslöschen und dem Herzen des Monarchen eine neue Wunde schlagen? Wissen Sie, was unser Los in Rußland sein wird? – Sibirien!!« »Ich hege die Ansicht, daß man noch einen Durchbruch versuche!« rief Kaminsky. »Ich will mich an die Spitze desselben stellen und vor der Front meines Regiments fallen!« »Wenn es sich um uns handelte, unser Los die Hauptsache wäre,« erwiderte Steuben, »dann hätte Oberst von Kaminsky zweifellos recht. Nutzloses Abschlachten der eigenen Leute halte ich aber für ruchlos und töricht! Meinen Sie, meine Herren, daß dem von uns, welcher das Unglück hat, diesen neuen Durchbruch zu überleben, etwa Sibirien erspart bleibe, daß Graf Romanzow uns nicht mit noch wilderer Barbarei behandeln wird? Was aber ist dann das Schicksal der Mannschaften? Es ist gegen meinen Eid als Offizier, gegen mein preußisches Gefühl und meine Religion, in dieser unglücklichen Lage zu anderem zu raten als zu einer Übereinkunft mit dem Feinde!« Ein langes Schweigen erfolgte. Jeder in dieser kleinen militärischen Versammlung ging nochmals mit sich zu Rate. »Lassen Sie uns abstimmen, meine Herren«, sagte düster der General. »Auf mein Gewissen nehme ich die Ausführung dessen, was wir beschließen! Gott sei uns ein barmherziger Richter in dieser äußersten Not!« Man stimmte ab. Knobloch, Koch, und Witzleben für, Kaminsky gegen die Kapitulation. Selbst dieser, nachdem er überstimmt worden war, erklärte, er sähe ein, daß der Abschluß einer Kapitulation die weisere, wenn auch unglücklichere Maßregel sei. Die eigene Ehre müsse hier der Wohlfahrt der Truppen weichen. Nachdem sie den gemeinsamen Beschluß zu Papier gebracht und unterzeichnet hatten, setzten sie die Kapitulationsbedingungen fest, und Steuben wurde beauftragt, mit dem Feinde zu paktieren. Demgemäß sandte General von Knobloch sofort die Adjutanten de l'Enfant und Romanai mit einem Billett zu den feindlichen Vorposten, welches, an den russischen Oberstkomandierenden gerichtet, den Wunsch aussprach, ihm seinen Generalstabsoffizier von Steuben behufs Unterhandlungen zu schicken, und daß während derselben die Feindseligkeiten eingestellt sein möchten. Nach Verlauf von anderthalb Stunden erschienen die Adjutanten wieder und händigten dem General das Antwortschreiben des Grafen Romanzow folgenden Inhalts aus: »Exzellenz! Ich erwarte Herrn von Steuben und habe sofort Befehl zur Einstellung aller Feindseligkeiten gegeben. Lassen Sie, ich bitte, im eigenen wohlverstandenen Interesse Ihre Bedingungen derartig sein, daß ich sie anzunehmen vermag. Ich will, soweit meine Pflicht es gestattet, mich bemühen, Ihren Wünschen Rechnung zu tragen. Mein Adjutant wird Ihren Herrn Parlamentär bei Ihren Vorposten empfangen. Ew. Exzellenz ergebenster von Romanzow Kaiserl. Russ. Oberstkommandierender der Okkupations-Armee für Pommern.« Friedrich von Steuben begab sich, mit Instruktion versehen, in Begleitung von Knoblochs Adjutanten in das feindliche Hauptquartier. Romanzows Antwort war sehr entgegenkommend höflich, ja sogar verbindlich gewesen, ein Beweis, daß er gern auf eine Übereinkunft eingehen werde und sein bei Treptow gegen Knobloch stehendes Korps für andere Aktionen frei zu sehen wünschte. Was das für welche sein mochten, konnte man sich denken. Zunächst mußte Steuben also die Art basieren, in der er die Verhandlungen zu leiten hatte. Es war der schwerste Gang seines Lebens, den er mit l'Enfant und Romanai antrat. Bei den Vorposten von Romanzows Adjutanten Tscherbenow empfangen, wurden alle drei mit verbundenen Augen unter Bedeckung in das Zelt des russischen Generals geführt, wo ihnen die Binden abgenommen wurden. Bald darauf trat Romanzow mit einem anderen hohen Militär ein, der sein Generalstabsoffizier zu sein schien. Steuben gefiel der Graf nicht, er hatte ein unangenehmes Wesen, das durch übergroße Freundlichkeit noch verdächtiger wurde. »Ich mache Ihnen und Ihrem ausgezeichneten Korps mein Kompliment!« redete ihn derselbe in schlechtem Französisch an und reichte ihm die Hand. »Sie haben uns heiß genug gemacht, und bei einem Haar wären Sie zwischen meinen beiden Korps vorbei und durchgekommen, was mir sehr unangenehm gewesen wäre. Die Verluste, welche meine Leute in den letzten Kämpfen erlitten, haben bewiesen, daß wir ein Korps der besten preußischen Truppen, von den vorzüglichsten Führern geleitet, vor uns haben!« »Gestatten Ew. Exzellenz,« erwiderte Steuben, »daß ich Ihnen die Beglaubigung meines Chefs überreiche und die Bedingungen nenne, unter welchen wir die Waffen niederzulegen keinen Anstand mehr nehmen würden.« Romanzow legte die Beglaubigung auf des Tisch, ohne sie zu erbrechen. »Sie sind bereits durch das vorige Billett des Herrn Generals legitimiert. Ich bitte um Ihre Vorschläge.« »Wir sind bereit, binnen zwölf Stunden die Waffen zu strecken und Treptow Ihnen zu übergeben, falls Sie folgende Punkte annehmen. Erstlich ist den Truppen des Generals von Knobloch gestattet, unbewaffnet aber mit ihren Fahnen und allen militärischen Ehren unter der Bedingung südlich nach der Mark abzurücken, daß sie eidlich geloben, in diesem Kriege nicht mehr gegen Rußland zu kämpfen!« »Angenommen ohne weiteres! Das heißt, diese Bedingung bezieht sich nur auf die Mannschaften vom Feldwebel abwärts. Die Offiziere aller Grade sind ausgeschlossen!« »Was haben Sie mit den Offizieren vor?« »Sie behalten ihre Degen, aber sind Kriegsgefangene und werden nach Rußland transportiert!« »Nach Sibirien mutmaßlich, mein Herr.« Ein höhnisches Lächeln umspielte Romanzows breites, stark gerötetes Gesicht. »Hierüber habe nicht ich, sondern Ihre Majestät die Kaiserin zu verfügen.« »Ich verstehe! Unter der Bedingung also, daß wir, die Offiziere, uns opfern, sind die Leute frei?« »Ohne Waffen unbedingt frei!« »Die Kavallerie behält ihre Pferde, die aufgespeicherten Mundvorräte bleiben den abziehenden Truppen zu ihrer Verfügung.« »Gott bewahre!« rief Romanzow. »Wo denken Sie hin, Herr? Diese Vorräte, welche Sie nutzlos sammelten, werden uns selber sehr gute Dienste tun!« »Dieser Punkt wäre abgelehnt?« »Ein für allemal. Das kann nicht zugestanden werden, Pferde wie Vorräte sind unser Beuteteil!« »Binnen zwölf Stunden soll ferner die Stadt Treptow den kaiserlich russischen Truppen unter der Bedingung übergeben werden, daß Leben und Eigentum der Bewohner nicht angetastet, noch Gewalt gegen sie angewendet werde.« »Einverstanden. Wir werden uns übrigens mit Treptow gar nicht aufhalten, Herr von Steuben. Unsere Pflichten rufen uns woanders hin, und eine Einquartierung von einer Woche ist alles, was man den Leuten dort zumuten wird.« »So wäre nur ein Punkt noch zu erörtern. Sobald die Kapitulation abgeschlossen ist, wird dem General von Knobloch gestattet, den Inhalt derselben seinem Chef, Herrn General von Platen und Sr. Durchlaucht dem Prinzen von Württemberg durch je einen Offizier mitteilen zu lassen. Diese beiden Offiziere kehren nach erfüllter Pflicht zu General von Knobloch zurück, um das Schicksal ihrer Kameraden zu teilen!« »Hierzu verstehe ich mich nicht, mein Herr! Wenn diese preußischen Generale nicht auf anderem Wege die Kapitulation und ihre Gefangenschaft erfahren, brauchen sie es durch Sie nicht zu wissen, um nach dieser Nachricht ihre Dispositionen einzurichten!« »Dann, Herr Graf, ist meine Mission hier unnütz! Die Generale, unter denen wir stehen, müssen wissen und Sr. Majestät melden können, wo wir geblieben sind und welche Gründe unser Pflichtgefühl gezwungen haben, diese Konvention abzuschließen! Falls Sie diesen Punkt nicht zugestehen, bleibt uns keine Wahl, als mit der Waffe in der Hand zu sterben!« Romanzow warf einen wilden Blick auf den Sprecher, dann schritt er, die Hände auf dem Rücken, sinnend auf und ab. »Darf ich mir eine Bemerkung erlauben?« fragte Romanai. »Reden Sie!« »Wäre ich russischer Offizier, so würde letztere Bedingung für mich gar nichts Anstößiges haben. Ich würde meine Dispositionen gegen General Platen wie den Prinzen schon so einrichten, daß es ihnen wenig nützen würde, zu wissen, daß die Brigade Knobloch ihnen nichts mehr helfen kann!« »Haha, gut, junger Mann! – Wir wollen auch diesen Punkt zugestehen! Lassen Sie uns die Kapitulation aufsetzen.« Der Wortlaut derselben wurde nun Punkt für Punkt festgestellt und den Adjutanten in die Feder diktiert. Das Instrument ward in doppelten Exemplaren ausgefertigt und von allen Anwesenden unterschrieben. Dann begab sich zur Überbringung derselben Steuben mit l'Enfant, Romanai und dem Adjutanten von Tscherbenow ins Quartier des Generals Knobloch zurück. Wenn es in diesem großen Kriege Friedrichs gegen ganz Europa höchst selten vorgekommen war, daß preußische Truppen gezwungen wurden, die Waffen zu strecken, so war dieser Fall, wenn er einmal eintrat, desto erschütternder, gramvoller für die Beteiligten, um so gravierender für das Selbstgefühl des Königs und der Nation. Daß die Kapitulation von Treptow ungewöhnlich milde ausfiel, nicht auch die Mannschaften noch Kriegsgefangene und ihrer Fahnen beraubt wurden, war nur ein sehr schlechter Trost für die Gewißheit, daß nunmehr Kolberg und die Korps von Württemberg und von Platen um so bedrohter seien. Um sie eben warnen zu dürfen, war auf den letzten Punkt der Konvention bestanden worden, und kaum war dieselbe unterzeichnet, als zwei berittene Offiziere vom Regiment Kamimsky die Abschriften derselben zu dem bestürzten Prinzen nach Kolberg und dem geradezu entsetzten Platen brachten. Am Abend des nächstes Tages, vor Sonnenuntergang, nachdem General von Knobloch den Truppen wie den Einwohnern die Kapitulation verkündet hatte, ließ er seine Braven auf dem Markte die Waffen ablegen. Wohl floß so manche Träne, wohl tönte so mancher Fluch – Kapitän Vandry vom Regiment Witzleben schoß sich, um nicht russischer Gefangener zu werden, durchs Hirn –, im allgemeinen aber bewahrten die preußischen Soldaten ihren bewährten Ruf der Disziplin und Würde. Der gemeine Mann hatte das lebendige Gefühl, daß seine Offiziere für seine Freilassung sich selber und ihre Ehre eingesetzt, sich ihrem Wohle geopfert hatten. – Die bleiche Sonne eines schneeigen Oktoberabends schien auf die bewegte Szene des letztes Abschieds nieder. Die Zugbrücke des Osttors von Treptow fiel. General Knobloch an ihrer Spitze, traten Steuben, Romanai, l'Enfant, die Obersten von Koch, von Witzleben und Kaminsky, mit vier Majoren, dreizehn Hauptleuten und die Leutnants heraus auf die weiße Ebene, auf welcher die Russen zur Parade aufgestellt waren. Graf Romanzow mit seinem Stabe erwartete sie hier. Wie abgemacht worden, trugen sie sämtlich ihre Degen. »Herr Graf,« sagte Knobloch, »Ihrer Ehre und der Gnade Ihro Majestät der Kaiserin übergebe ich mich und diese meine Kameraden. Das einzige, was uns trösten kann, ist, daß wir uns erst nach schwerstem Kampfe und harten Verlusten der Übermacht beugten.« »Ich fühle mich geschmeichelt, Exzellenz,« entgegnete Romanzow, »so tapfere Gegner besiegt zu haben! Ich werde Ihre Verdienste, meine Herren, gegen meine kaiserliche Herrin offen bekennen, und es wird mich glücklich machen, wenn mein geringer Einfluß bei ihr zu Wege bringt, Ihr künftiges Los zu mildern. Lassen Sie zum Zeichen der Hochachtung die Truppen vor diesen Herren präsentieren, Tscherbenow!« Der Adjutant sprengte davon und überbrachte den verschiedenen russischen Obersten den Befehl. Trommelwirbel erklang, die Truppen Romanzows präsentierten, die Musikkorps fielen mit schmetterndem Marsche ein. Das war das Zeichen für die entwaffneten preußischen Soldaten, ihren Abmarsch anzutreten. Da kamen sie durchs dunkle Stadttor heraus zu vier und vier, in Mäntel gehüllt, ihr Bündelchen in der Hand oder aus dem Rücken. Langsam zogen sie die russische Linie entlang. Als sie an Knobloch und ihren ehemaligen Offizieren vorüberkamen, strömten manchem alten Knaben die Augen über. Schluchzend riefen sie die Namen ihrer Führer zum Abschiede und so manches heißes Dankeswort. Gar mancher eilte rasch aus der Reihe, seinem Oberst oder Kapitän die rauhe Hand zu bieten und Gottes Segen auf ihn herabzuflehen. Mit dumpfer Resignation sahen die Offiziere diese Wackeren, von russischen Piketts eskortiert, südlich in der Ebene verschwinden. »Nunmehr, ihr Herren,« rief Romanzow heransprengend, »haben Sie sich nicht mehr als preußische Offiziere, sondern als Gefangene zu betrachten, deren Schicksal in der Kaiserlichen Majestät Händen liegt. Das Regiment Kutusow nehme Sie in die Mitte; morgen machen Sie eine Schlittenfahrt nach Petersburg!« Der Ton des Grafen war jetzt so höhnisch lustig geworden, so drohend und so gemein, daß die Gefangenen nicht länger im Zweifel sein konnten, ihre Zukunft werde, wenn nicht geradezu schrecklich, so doch mindestens höchst bemitleidenswert sein. General von Knobloch trat geröteten Angesichts vor. »Gefangene mögen wir sein, schmähliche Behandlung und Beschimpfung mögen wir wohl erdulden, aber Preußen und Offiziere unseres großen Königs bleiben wir bis in den Tod!« Er zog den Hut und schwang ihn ums Haupt. »Se. Majestät Friedrich II., König von Preußen, Vivat hoch!« »Hoch, hoch! Hurra!« und im patriotischen Aufjauchzen vergaßen diese Männer, daß Elisabeths von Rußland fanatischer Preußenhaß in Petersburg sie schon erwarte, um ihnen Schmach und Elend zu bereiten. Romanzow, von Knoblochs Erwiderung erst verblüfft, geriet in Wut. Durch betäubenden Trommelwirbel und Musik ließ er das Vivat ersticken, die Offiziere sofort von dem Regiment Kutusow in die Mitte nehmen und hielt nunmehr seinen Einzug in die Stadt. Am anderen Mittag wurden die Gefangenen in den inneren Schloßhof gerufen, wo Romanzow mit einem Hetman und dreißig Kosaken ihrer warteten. »Iwan Grischow,« sagte er zu dem Hetman, »den Brief, den ich dir gab, und diese zweiunddreißig gefangenen Preußen lieferst du unserer großen und erhabenen Kaiserin ab, die befehlen wird, was mit ihnen geschehen soll! Tust du deine Pflicht, dann erwartet dich in Petersburg großer Lohn! Läßt du einen nur von ihnen entschlüpfen, dann wirst du es mit dem Tode bezahlen! Vorwärts, ihr Herren, laßt euch den russischen Winter wohl bekommen!« Mit diesem zweideutigen Wunsche wendete Graf Romanzow den Rücken und überließ die Gefangenes ihrem Schicksal. »Iwan Grischow,« General von Knobloch wendete sich in gutem Russisch an den Kosakenhauptmann, »ein so tapferer Krieger wie du weiß, wie man wackere Feinde im Unglück behandelt. Hätte Gott dich in meine Hand gegeben, wie ich in deiner bin, ich würde dich wie einen Bruder behandeln. Bedenke, daß nicht nur die Zarin, sondern auch Gott dich belohnen und strafen kann. Tu an uns deine Pflicht als ein gerechter Mann.« Der Hauptmann grinste fröhlich und legte die braunen behaarten Hände auf die Epauletten des Generals. »Väterchen, sei ruhig, du und die Deinen sollen es so gut haben, als wäret ihr Prinzen! Kommt, laßt eure Sachen bringen; es muß sein.« Die Gefangenen folgten, von den Kosaken umgeben, dem Hetman, der sie durch die Stadt wiederum zum Osttor führte. Unterwegs begann es sehr stark zu schneien. Auf der Ebene standen etwa zwanzig teils von Bauern, teils in der Stadt aufgetriebene Schlitten, deren jeder etwa zwei Mann mit dem Gepäck faßte; die Burschen mußten meistens auf dem hinteren Trittbrett stehen. Hetman Grischow beorderte den General in den größten, bestgebauten und stellte ihm die Wahl seiner Gefährten frei. Er bestimmte Oberst Koch und Steuben hierzu. Die übrigen bestiegen nach freier Wahl ihre Gefährte, und nun glitten sie über die weiße Ebene durch die graue, flockenerfüllte Landschaft ostwärts in den Winter hinein, der russischen Grenze und St. Petersburg zu, wo sie der triumphierende Grimm einer allgewaltigen Frau erwartete, die nichts tiefer haßte als alles Deutsche, unter allem Deutschen aber nichts tiefer als Preußen! Gefangene Rußlands Eine Reise im offenen Schlitten, bei etwa zwölf und mehr Grad Kälte von der Rega bis zur Newa zurückgelegt, gehört gewiß nicht zu den Annehmlichkeiten. Wird sie aber in Begleitung von Kosaken und mit der gewissen Aussicht unternommen, von Petersburg alsbald in die sibirischen Einöden weitertransportiert zu werden, so möchten selbst die stärksten Nerven und trotzigsten Mannesherzen einer solchen Aussicht erliegen. Der Beginn von Knoblochs und seiner Gefährten Reise erfolgte mithin unter allgemeiner, trostlosester Niedergeschlagenheit! Sie erklärten sich sämtlich für langsam Sterbende, deren Todespein noch erschwert werde durch die nur zu gewisse Brutalität einer ebenso verhaßten wie grausamen Siegerin. Was die Härte der Reise aber von vornherein milderte, war Iwan Grischows, des Hetmans, Benehmen, und daß General Knobloch ihn geschickt zugunsten aller Leidensgefährten ausbeutete. Grischow war nicht bloß von sehr viel besserem, wenn auch ebenso rohem Gemüte wie Romanzow, er war auch einer jener listigen Naturen, die, gegen ihre Gebieter kriechend und gehorsam, dennoch auf eigene Hand Politik treiben, den veränderten Umständen sofort sich zu bequemen wissen und innerhalb ihrer Pflichterfüllung so ungehorsam zu sein verstehen, daß sie einen Befehl in einer Weise ausführen, der gerade die entgegengesetzte Wirkung hat als die, welche derselbe beabsichtigte. General von Knobloch wie Steuben hatten sein Herz durch das vortreffliche Russisch völlig erobert, in dem sie ihn anredeten und mit ihm verkehrten. Der General war ferner reich und hatte sich für den Marsch nach Pommern mit bedeutenden Geldmitteln, namentlich offenen Wechselbriefen, versehen, und so herb es für ihn war, in seinem Alter von Weib und Kind mutmaßlich für immer zu scheiden, war es ihm doch eine große Beruhigung, seine Familie in guten Glücksumstände zu wissen, was in damaligen Zeitläuften beim preußischen Militäradel als ein sehr seltener Fall galt. Die Freundlichkeit des Hetmans, mit der er den General wie dessen Genossen behandelte und ihnen jede mögliche Erleichterung und Bequemlichkeit gewahrte, vergalt Knobloch mit klingenden Belohnungen. Ein oder zwei Kosaken waren stets bereit, seine Wünsche betreffs erwärmender Getränke, Speisen, Nachtlager und dergleichen zu erfüllen, so daß die kleine Karawane stets einen Proviantschlitten von Genüssen mit sich führte, welche ihnen ihr Los doch etwas weniger grau erscheinen ließ. Da die preußischen Offiziere klug genug waren, von ihren Vorräten einen Teil den Kosaken selbst abzutreten, um diese bei gutem Humor zu erhalten, so wurde für die rohen Kinder der Steppe diese Eskorte zum reinen Vergnügen, und sie sprachen laut aus, daß sie ihre gutes, armen Väterchen gerne so bis nach Sibirien und in alle Ewigkeit begleiten möchten. Natürlich war dieser fromme Wunsch nicht gerade nach dem Geschmack aller Beteiligten. Jedenfalls hatten die freundlichen Beziehungen, welche Knobloch und die Seinen mittels Tabak, Wodka und etlichen Pfunden Speck zwischen sich und ihren Wächtern hergestellt hatten, eine treuherzige Intimität der Kosaken zur Folge, welche erst ihre höheren Zinsen in dem Augenblick trug, als sie russischen Boden betraten. Dies Ereignis fand am 1. Januar deutschen Stils statt und war überaus merkwürdig. Eine Meile vor der Grenze ritt der Hetman dicht an des Generals Schlitten. »Väterchen,« sagte er zu ihm, »bald wird es besser mit uns. Wir haben etwa nur sechs Werst bis zum Grenzpfahl, jenseits aber sind wir die Herren und können euch mehr Liebe beweisen als bisher. Vergiß nicht,« er blinzelte listig, »ihr seid geheiligte Leute, denn ihr seid der Kaiserlichen Majestät Gefangene! Freilich kann sie euch nach Sibirien in die Bleigruben schicken, euch auch totprügeln lassen oder als Gemeine in irgendein Regiment in Moskau, Twer oder Tobolsk stecken, aber nur Sie allein kann es. Jeder Russe verliert Hand oder Hals, der euch oder was euer ist, anpackt! Seid deshalb stolz, grob, ruhig; fürchtet euch nicht. Du, Väterchen General, aber sprich ja kein Russisch mit den Beamten oder den anderen, wenn ich es dir nicht rate, denn die große Zarin hat Aufpasser überall, und dem armes Iwan möchte es schlecht bekommen, wenn sie erführe, er sei euer Freund!« »Verlaß dich darauf, Freund Hetman, daß ich schweige. Was sollte uns auch geschehen, wenn du uns bewachst?« »Gut denn, Väterchen. Ich werde jetzt zwei Leute vorausschicken, die uns anmelden.« Er instruierte die beiden Verläßlichsten seiner Truppe, und die Kosaken ritten ab. Etwa eine Stunde später tauchten die grüngestreiften Pfähle mit den kaiserlichen Adlern und die Gebäude der Grenzstation am flachen Horizont auf. Bald hielten sie vor denselben. Russische Infanterie mit geladenem Gewehr, Offiziere und Beamte empfingen sie. Hetman Grischow saß ab, erstattete, so schien es, einem feisten Major Bericht und übergab ihm die Liste der Gefangenen. Gedankenvoll hatte dieser Mann Iwans Bericht angehört und den Kopf nachdenklich geschüttelt. Gedankenvoll hatte er die Liste durchgelesen, und noch viel gedankenvoller, noch viel sonderbarer den Kopf geschüttelt, als ihm der Hetman Romanzows Brief an die Kaiserin vorzeigte. Es schien, daß er etwas mißbilligte oder bedauerte, ob nun den Brief, ob das Eintreffen der Gesellschaft, war unklar. Darauf gab er dem Hetman einen Wink und verschwand, die Liste in der Hand, mit ihm im Innern des kaiserlichen Amtshauses. – Während beide längere Zeit daselbst beschäftigt schienen, war es verzeihlich, daß sich die Aufmerksamkeit der Ankömmlinge der Umgebung zuwendete, Leuten, deren Sitten, Tracht und Art dem Lande angehörten, das ihnen fortan eine unfreiwillige und wahrscheinlich sehr harte Heimat werden sollte. – Das Militär stand steif und regungslos wie Mauern, lebhafte Neugier aber spiegelte sich sowohl auf den Gesichtern der Beamten wie in den Mienen der russischen Bauern des nahen Dorfes, die vielleicht das erstemal in ihrem Leben preußische Offiziere sahen. Noch hatten letztere ihre Studien und die melancholischen oder sarkastischen Bemerkungen, welche diese Umgebung ihnen aufnötigte, nicht beendet, als der russische Major mit dem Hetman und verschiedenen Beamten wie männlichen und weiblichen Dienstboten heraustrat. Den Gefangenen ward eine unerklärliche Überraschung zuteil. Erstlich zeigte das breite, stutznasige Gesicht des Hetmans Iwan Grischow namenlose Bestürzung, und er nahm gegen die Gefangenen eine so blöde und ängstliche Unterwürfigkeit an, wie man sie bei ihm bisher nicht bemerkt hatte. Der Major aber, die Mütze ziehend, trat tiefgebückt zu dem Schlitten des Generals und richtete in gebrochenem Deutsch an ihn folgende Anrede: »Exzellenz, mögen Sie die Gnade haben, zu gestatten, daß Ihr Diener, Major Labadin, Sie und Ihre Herren Begleiter ehrfurchtsvoll in Rußland willkommen heißt. Er hofft, Sie mögen gesund in Petersburg eintreffen und hochgeehrt vor die geheiligte Kaiserliche Majestät treten. Damit dies geschehe, bitte ich mir dir Ehre aus, Pelze und Decken wie Erfrischungen anzubieten, und Sie wollen gestatten, daß Ihr Diener für Ihr Wohlbefinden und glückliche Ankunft sorgt. Der Herr General und seine Offiziere sollen in der Residenz wenigstens sagen können, daß nichts von mir versäumt worden ist, was Devotion gegen Sie und Bewunderung gegen Se. Königl. Majestät von Preußen irgend nur erwarten kann!« Damit winkte er, und Beamte und Dienerschaft beeilten sich in übereifriger Höflichkeit, die Gefangenen mit Pelzdecken, Wildschuren und Fußsäcken zu versehen. Dann offerierte man ihnen ein ziemlich großes Fäßchen Rum, einen Samowar mit Teebechern, etliche Pfunde Tee und Zucker und eine ziemliche Quantität russischer Pfeifen und Tabak. Eine kleine dicke Dame, die Majorin augenscheinlich, ließ es sich nicht nehmen, ihnen noch Wein, Schinken und andere kalte Speisen aufzunötigen. General von Knobloch war in großer Verlegenheit, wie er dies aufnehmen und inwiefern er sich erkenntlich zeigen sollte. Von Bezahlung oder Dank wollte aber Major Labadin nichts wissen. Er wendete sich kurz um, zog den Degen und ließ die Soldaten vor den Gefangenen präsentieren, der Hetman aber, um jede Erörterung abzuschneiden, kommandierte »marsch«, und die Schlitten flogen wieder davon, durchs Dorf hin ins weite, russische Reich hinein. Die Gefangenen konnten sich von ihrem Erstaunen über die Zuvorkommenheit der Rußen und Iwans nunmehriges Gebaren gar nicht erholen. Es mußte etwas vorgegangen sein, was eine günstigere Wendung ihres Geschicks zur Folge hatte, sonst, dessen hielten sie sich überzeugt, wäre die Veränderung im Gehaben ihrer Wächter unmöglich gewesen. Knobloch rief, nachdem er mit Steuben und Koch den sonderbaren Fall vergebens erörtert hatte, den Hetman zu sich heran. »Sage nur, Iwan, was dieser Willkommen, diese Geschenke des Majors Labadin bedeuten? Werden denn Gefangene immer so bei euch auf der Grenze behandelt?« »Nein, großer, sehr gnädigster Herr General, man behandelt sie schlechter wie Hunde! Mit dir aber und deinen Herren Kameraden ist's etwas ganz anderes. Iß, trink und laß dir's wohlgehen. Ehe wir die Nachtherberge erreicht haben, darf dein armer Knecht nicht mit dir reden, dann aber sollst du hören, was dein Herz erfreuen wird.« Damit ritt er hastig an die Spitze des Zuges, als fürchte er, weiter ausgefragt zu werden. – Als der Abend herabgesunken war, fuhren sie in ein Dorf ein, dessen elende Schenke sie aufnahm, nachdem der Hetman und etliche Kosaken ohne weitere Redensarten die zechenden Bauern mit dem Kantschu hinauskarbatscht hatten. Die Gefangenen wurden in das Haus geführt, den geringeren Offizieren die große Schenkstube, dem General, Steuben, l'Enfant und Romanai wie den drei Obersten aber das anstoßende Familiengemach des Wirtes eingeräumt. Bald knisterte ein helles Kienfeuer in dem großen Ofen, der Samowar dampfte, die geschenkten Vorräte wurden serviert und mit den Pelzen die Nachtlager hergestellt. Iwan Grischow war überall, und seine Sorgfalt schien sich heute zu verzehnfachen. Als diese Vorbereitungen beendet waren und Knobloch sich mit den Offizieren um die brodelnde Tee- oder besser gesagt Grogmaschine niederließ, sagte der General: »Hetman Iwan, du hast so freundlich für uns gesorgt und bist so artig seither gewesen, daß du verdienst, unser Gast zu sein. Setze dich her und lange zu, der Ritt wie der Frost werden dir Appetit gemacht haben.« »Ich würde sehr töricht handeln, Herr, wenn ich deine Gnade annehmen wollte. Dein Knecht darf nicht mit dir zu Tische sitzen.« »Plaudern aber mit uns und etwas von diesen guten Dingen annehmen, das darfst du doch? Zweifelsohne war es dein Einfluß bei Major Labadin, der uns solche Bevorzugung einbrachte?« »Nein, gnädiger Herr General, das nicht. Ein so geringer Mann wie ich hätte das nicht vermocht. Wer Labadin kennt, weiß, daß er den Reisenden eher abnimmt, was er kann, denn der Himmel ist hoch, und der Zar ist weit, als daß er jemals einem schon etwas geschenkt hätte! Du und deine Herren Offiziere wären von ihm grob genug angefahren, geplagt und verspottet worden, wenn nicht – etwas sehr Großes geschehen wäre!« »Etwas – sehr Großes, Iwan?! Doch ich vergaß, daß du uns ja was mitzuteilen hast. Freund, was ist geschehen?« »Die Zarin Elisabeth ist am 25. Dezember gestorben! Zarewitsch Peter hat den Thron bestiegen!« »Unerforschliche Vorsehung! Ist das wahr, Iwan?! Weißt du das ganz bestimmt?« »Major Labadin hat es mir zugeschworen. Es muß wahr sein, sonst hätte der Major euch so große Geschenke nicht gegeben, vor euch gewiß nicht präsentieren lassen. Er sagte mir: wolle ich nicht den Hals verlieren, so solle ich euch ja höflich behandeln, und brächte ich's zuwege, daß du, großer General, des Majors Artigkeit vor dem Kaiser lobtest, so sollte ich auch sogar von ihm ein ganzes Fäßchen Wodka haben.« Damit warf sich Grischow auf die Knie und küßte des Generals Hand. »Habe Erbarmen mit mir und sage, daß ich immer gut zu euch war.« Knobloch war im Augenblick starr. Dann rötete sich sein Gesicht von tiefinnerster Bewegung. Er knöpfte die Uniform auf, zog seine goldene Uhr mit der Kette und den Petschaften aus der Weste und reichte sie dem Kosakenhetman. »Nimm sie, mein Freund, zum Andenken an diese glückselige Stunde und als Zeichen, daß ich deine freundliche Behandlung wie deine Achtungsbezeigungen gegen uns überall loben werde und vor dem Kaiser zuerst!« Der Hetman ergriff das schöne Geschenk mit lüsternen Blicken, küßte es und umfing, trotz allem Sträuben, des Generals Knie und Fuße. »Befiehl, was du willst, gnädiger Herr, Iwan tut alles!« Die vorgefallene Szene war zu eigentümlich gewesen, als daß des Generals Gesellschaft nicht höchst gespannt auf das Resultat des Gesprächs hätte sein müssen, welches zwischen Knobloch und dem Hetman russisch geführt und außer ihnen nur von Steuben noch verstanden worden war. Aus den glücklich lächelnden Mienen ihres Chefs, und daß er mit seiner Uhr dem Grischow ein Geschenk gemacht hatte, entnahmen die übrigen, es müsse ein Ereignis auf ihr Geschick unmittelbar und höchst glücklich eingewirkt haben. »Es scheint, wir sind, seitdem der russische Grenzpfahl hinter uns liegt, ins Land der Wunder gekommen!« rief Steuben, als sie allein waren. »Das sind wir, meine Freunde. Doch nicht für uns allein wollen wir das Glück behalten, alle Kameraden sollen sich desselben freuen. Damit aber auch in der Freude Maß gehalten werde, damit wir das günstige Geschick beim Schopfe fassen und gemeinsam handeln, muß Vorsicht walten, denn noch sind wir Gefangene!« Damit erhob er sich, öffnete die Tür und lud die Majore von Saldern, von Schellborn, von Meyer und von Wurmb und den Kapitän de Valadie zu einer Besprechung ein. Die Eingeladenen erschienen sogleich, und die Tür wurde verschlossen. »Wissen Sie, meine Kameraden, welchem Umstände wir des Hetmans erhöhte Servilität und Major Labadins Freigebigkeit zu danken haben? Seit dem 25. Dezember ist Elisabeth II., die bitterste Feindin unseres Monarchen, tot, und Friedrichs Bewunderer, Zarewitsch Peter, ist Kaiser!« Ein staunendes Ah, darauf ein freudiges Jauchzen war die Antwort. »Unsere Befreiung, wenn wir in Petersburg eintreffen, wird die Folge sein!« rief Koch. »Nein, das wäre nicht genug, meine Herren«, sagte Steuben lächelnd. »Wenn wir von Peters Zuneigung zu König Friedrich und seiner Vorliebe für preußisches Militär nicht mehr erlangten, so würden wir in Berlin sehr schlechten Dank verdienen, würden Sr. Majestät das Unglück von Treptow nicht vergessen machen, unsere Namen wären doch stets an die unselige Kapitulation geknüpft.« »Was können wir sonst in unserer Lage tun«, rief Kaminsky. »Als Gefangene Rußlands kommen wir nach Petersburg. Wir dürfen es aber nicht verlassen, ohne daß Preußen dort gesiegt hat und wir viel wertvollere Gefangene gemacht haben, als unsere Wenigkeit den Russen sein kann.« »Sie sprechen wahrhaftig in Rätseln, Steuben!« sagte Witzleben. »Wen wollen Sie dort gefangennehmen?« lachte Major von Wurmb. »Wen? Den Kaiser, die Kaiserin, den ganzen russischen Hof!! Gefangennehmen mit Leib und Seele für das preußische Interesse! Wir müssen sie bestricken und zu Friedrichs Freunden sie machen, daß Rußland vom Bündnis mit Österreich und Frankreich alsbald zurücktritt, womöglich gar mit Preußen sich verbindet!« »Donnerwetter!« rief General von Knobloch. »Das ist ein veritabler Gedanke, Steuben! Wenn es gelänge, Kameraden, würde sich unser großer König vor seinem Gewissen schämen müssen, treuen Offizieren länger zu zürnen, weil sie einmal im Leben unverschuldetes Malheur hatten.« »Wie? Aber wie?« riefen drei oder vier. »Ich hab's!« und Kapitän de Valadie lachte listig. »Meine Herren, ohne uns zu überheben oder unserer momentanen Lage uneingedenk zu sein, glaube ich doch, behaupten zu dürfen, wenn preußische Offiziere liebenswürdig sein, wenn sie verführen wollen, dann sind sie bezaubernde Kerle, und es gleicht ihnen kein Soldat der Welt! Vermochten wir die Russen in Pommern auch nicht zu schlagen, weil sie in der Übermacht waren, so lassen Sie sie uns in Petersburg durch die Übermacht unserer Bildung, unseres Witzes, unserer List und der anmutigen Künste des Salons besiegen! Hierin in brillantem Beispiele voranzugehen, ist aber niemand geeigneter als der, welcher diesen diplomatischen Feldzug ersonnen hat, unser Generalstabschef von Steuben selber!« »Bravo, Bravo!« Gelächter und Händeklatschen erscholl ringsum. »Steuben soll auch in dieser Beziehung unser Stabschef sein.« »Wenn Sie der Meinung sind, hochverehrter Herr General, und wenn Sie, meine Herren Obersten und Majore, Sr. Exzellenz gute Meinung von mir teilen, so muß ich bei aller Selbstschätzung und Eitelkeit des Fleisches doch sagen, daß ich mich für den Bestrickendsten unter uns eben nicht halte, vielmehr Herr Oberst von Kaminsky, unser chevaleresker Reiter, Herr Hauptmann de Valadie und noch viele andere unter uns mich bei weitem übertreffen dürften. Aber da ich die Idee faßte, will ich den Plan auch entwerfen und Ihnen vorlegen. Dann wollen wir die Rollen oder vielmehr die Kommandos unter uns verteilen und die Art der Operation feststellen. Ich schlage vor, daß wir dies würdige Geschäft mit einem Glase vom Steifsten und einer Pfeife Russischem einleiten.« »Einverstanden, einverstanden!« »Baladie ist der Jüngste unter uns, er und l'Enfant mögen das Anfeuchtungsdepartement, Romanai dagegen soll das narkotische dirigieren. Nun aber schießen Sie los, Steuben, denn wir müssen mit unserer Handlungsweise im reinen sein, ehe wir die Kuppel der Newskikirche und die Sworzowaja Nabereschnaja sehen.« »Gewiß müssen wir das, Exzellenz! Sie wissen, daß ein Feldzugsplan, noch dazu in einem fremden, uns noch feindlich gesinnten Lande unmöglich wird, wenn man keine gute Karte hat, also das Terrain nicht kennt. Zuerst müssen wir das diplomatische Terrain also kennenlernen, die Parteien des Hofes, die Einflußreichen und die, welche unsere Gegner sind. Wir lachen jetzt zwar noch lustig darüber, meine Herren. Die Hoffnung, anstatt Sibirien wieder die Heimat zu sehen, läßt uns die Sache mit zu vergnügten Blicken ansehen. In der Nähe dürfte sie aber doch ein verteufelt ernstes Gesicht machen.« »Nur zu wahr, lieber Steuben«, fiel Knobloch ein. »Sowenig Einblick einem von uns auch in die augenblicklichen dortigen Verhältnisse gegönnt ist, das wissen wir doch, daß am Kaiserhofe eine deutsche oder besser preußische Partei herrscht, deren Führer Zar Peter selbst ist, daß es aber eine noch größere russische Partei gibt, die Preußen haßt, und ihr Haupt ist Peters Gemahlin, die Zarin Katharina.« »Ganz gewiß«, setzte Steuben fort. »Wir müssen von den Verhältnissen und Personen die allergenaueste Kunde haben, bevor wir den Kaiser sehen und unsere Hebel ansetzen. Diese Kunde zu gewinnen, vermag nur unser geehrter General und allenfalls ich, denn wir sind allein des Russischen mächtig.« »Ich unterziehe mich dem gern, und da ich als General der Hauptgefangene bin, so ziemt es sich, daß ich auch das Hauptrisiko in dieser Sache übernehme.« »Vorausgesetzt nun, wir wissen alles, was zu unserem Zwecke tauglich ist,« warf Oberst Koch ein, »dann ist, wie bei jedem Kriegszuge, der Kostenpunkt nicht außer acht zu lassen, meine Herren. Wir müssen stramm und vortrefflich aussehen, um Eindruck zu machen, müssen unsere Toilette verbessern, Geld in den Taschen haben, um mit Sicherheit aufzutreten. Ich bezweifle, daß wir dazu jetzt imstande sind. Unser Auftreten unter den reichen Bojaren und an einem Hofe voll asiatischen Pomps wird etwas schwächlich ausfallen.« »Dafür weiß ich Rat!« fiel der General ein. »Es handelt sich hier um eine sehr ernst Sache, um die Rehabilitierung unseres gutes Rufes etwa nicht bloß, sondern um einen Sr. Majestät von Preußen zu leistenden hochwichtigen Dienst. Tritt Rußland von dem Kriege zurück, dann sind Österreich wie Frankreich viel zu geschwächt, ihn lange noch auszuhalten. Tritt Rußland dagegen auf Preußens Seite, dann ist der Friede gewonnen! Angesichts einer solchen Aufgabe muß geopfert werden, was jeder hat. Zum Glück ist mein Portefeuille wohlversehen, etliche Monate können wir mit demselben also schon respektabel auskommen. Betrachten Sie mich also in Petersburg als Ihren Schatzmeister und bedenken Sie, daß jeder Friedrichsdor, jeder Rubel in Ihren Händen ein Kämpfer der List, eine Waffe der Anmut werden muß.« »Wir sind Ihnen tief dankbar, Exzellenz,« sagte Oberst Kaminsky, »es soll an uns gewiß nicht liegen, wenn wir alle unsere Reize nicht keck entfalten.« »Ich möchte hierbei nur bemerken,« sagte Steuben, »daß wir mit dem äußeren Brillieren dennoch vorsichtig sein müssen! Reich zu sein, von Diamanten zu blitzen, ist in Petersburg eine ziemlich gewöhnliche Sache. Zu rechter Zeit des rechten Luxus anwenden, dafür stimme ich gewiß. Lassen Sie uns aber als das auftreten, was wir sind, als Gefangene, die ihr Los von des Kaisers Gnade erwarten. Wir wissen wohl, daß der Zarewitsch Peter Preußen liebte und eine andere Politik als Elisabeth begünstigte, ob er das aber als Kaiser noch tun wird, wissen wir nicht. Die Menschen sind wandelbar in ihren Meinungen! Ich bitte Sie darum ernstlich, unser eigentliches Vorhaben für uns zu behalten, es von uns hier versammelten Zwölfen als ein gemeinsames, sehr ernstes Geheimnis zu betrachten. Unsere Leutnants und Herren Kapitäne im anderen Zimmer dürfen nichts wissen, als daß wir uns in Petersburg so interessant wie möglich machen wollen. Was wir anderen weiter erstreben, das lassen Sie uns Zwölfe auf unsere alleinige Gefahr und Verantwortung tun. Vergessen Sie nicht, ein einziges Glas Wein, das in Petersburg eines unserer liebenswürdigen Brauseköpfe zum renommistischen Plauderer macht, dürfte uns allerdings Sibirien weit gewisser machen, als unserem Herrn und König Peters Freundschaft!« »Vivat dem Zar Peter III. von Rußland! Er lebe hoch!« erscholl es donnernd, und die Gläser klangen. »Haha,« lachte Knobloch und rieb sich bis Hände, »sie fangen schon die Courtoisie an. Laßt uns ihnen folgen und dabei wünschen, daß die preußische« Gefangenen in Petersburg recht viel russische Gefangene machen mögen! Se. Kaiserliche Majestät Zar Peter III. soll leben!« »Vivat! Vivat!« – Preußische Invasion Peter III. hatte schon hinlänglich seine Bewunderung für Friedrich II. bekundet, als er noch Zarewitsch gewesen war und die preußengrimmige Elisabeth noch die Zügel der Gewalt in ihren energischen Händen hielt. Es ließ sich darum mit großer Sicherheit erwarten, daß er als Selbstherrscher aller Reußen nunmehr seine freundschaftlichen Gesinnungen gegen den größten Kriegshelden seiner Zeit mit all der eigenwilligen Leidenschaftlichkeit betätigen werde, die er zu seinem Unglück besaß. Der Plan der preußischen Gefangenen, ihre eigentümliche Lage zu benutzen, um den Spieß der russischen Politik umzudrehen und dessen Spitze fortan gegen Österreich und Frankreich zu lenken, war also gar keine so große Narrheit, wie derselbe jedem anderen russischen Monarchen gegenüber gewesen sein würde. So klug ihr Vorhaben aber auch war, so gefährlich war es auch, ja erschien den ebenso kühnen wie leichtlebigen Offizieren, je näher sie der Ausführung desselben rückten und je mehr sie sich während der Reise über die zur Zeit obwaltenden Verhältnisse des Zarenhofes belehrten, doch viel halsbrecherischer, als sie sich dasselbe in der ersten Freude über Peters Thronbesteigung vorgestellt hatten. – In fast reißender Schnelligkeit, mittels untergelegter Pferde, eilten sie nunmehr ihrem Ziele zu. Als sie Riga erreicht hatten und der Hetman ihnen ein vertrauliches Gespräch mit dem dortigen preußischen Konsul verstattete, machte ihnen dieser gewiegte, mit den Petersburger Verhältnissen sehr vertraute Beamte derartige Eröffnungen, daß ihre Gesichter ziemlich lang wurden und sie sich zur äußersten Vorsicht veranlaßt fühlten. Nicht, daß sie daran gedacht hätten, ihren patriotischen Plan aufzugeben, aber die Art, wie sie denselben auf Rat des Konsuls angriffen, war weit weniger kriegerischkühn, als schlangenklug leisetreterisch zu nennen. Sie waren immerhin Gefangene, deren Los von der Laune ihres Besiegers abhing. Brauchten sie zwar auch nicht mehr des Transport nach Sibirien zu befürchten, so war doch immer noch sehr die Frage, ob der Zar oder dessen Umgebung sich eine diplomatische Hinterlist würden gefalle lassen, welche die bisherige russische Politik geradezu auf den Kopf stellen mußte. Sollte ihr Vorhaben trotz aller Schwierigkeiten gelingen, dann gehörte hierzu Kaltblütigkeit und eine todesverachtende Rücksichtslosigkeit der Gefangenen gegen ihre eigene Existenz. Auf welche schwanke Brücke sie hierbei traten, bewies, daß kaum ein halbes Jahr später Peter III. nicht ohne Mitwissen, oder doch mit Gutheißung Katharinas, seiner Gemahlin, von der ihr ergebenen stockrussischen Partei nicht nur entthront, sondern auch ermordet wurde. Dieser unglückliche Monarch wurde das Opfer seiner preußischen Politik und erduldete eigentlich das Los, welches die kecken preußischen Abenteurer für ihre in Petersburg gesponnenen selbstsüchtigpatriotischen Ränke verdient hätten! Die Art und die Gründe, weswegen sie demselben entgingen, sind um so sonderbarer und interessanter, als die Vorsehung sich ihrer geradezu als Werkzeug bedient zu haben scheint, um des schwerstes, längsten und allgemeinsten aller neueren Kriege fast wie durch einen Theatercoup zum Schlusse zu bringen. Bevor die preußischen Schicksalsgenossen Riga verließen, richteten sie ein Schreiben an den Vizekanzler Michael von Woronzow, in welchem sie sehr höflich, aber auch ohne demütigende Floskeln ihre Gefangenschaft und die ungefähre Zeit ihres Eintreffens in der Hauptstadt anzeigten und diesen russischen Staatsmann baten, »bei Ihren Kaiserlichen Majestäten ihr Fürsprecher sein zu wollen, damit ihnen eine ehrenvolle Gefangenschaft in Petersburg selbst und damit die Möglichkeit verstattet werde, die großartigen Schöpfungen Sr. seligen Kaiserlichen Majestät des großen Peter wie seiner glorreiches Nachfolger zu bewundern!« Knobloch an der Spitze, unterzeichneten alle das scheinbar sehr bescheidene und unschuldig aussehende Papier, welches zwei Tage vor ihrer Abreise durch einen Kosaken, der auch Romanzows Brief an die tote Kaiserin mitnahm, vorausgesendet wurde. Der General machte in Riga ferner seine Gelder flüssig und stattete sich und seine Offiziere mit allem aus, was ihr Äußeres in vorteilhaftes Licht setzen konnte. So schafften sich unter anderem von Knobloch wie die Obersten von Koch, Witzleben und Kaminsky prächtige Schlitten mit breiten, russischen Gespannen an und mieteten eigene Kutscher; kurz das ganze Auftreten der Gefangenen war darauf berechnet, doch eine gewisse theatralische Wirkung hervorzubringen. Als sie sicher sein durften, ihr Kollektivschreiben sei bereits in des Vizekanzlers Händen, eilten sie der Zarenstadt zu, von den besten Ratschlägen des wackeren Konsuls begleitet, der sehr wohl begriff, welcher Vorteil seinem Vaterlande durch das mutige Beginnen dieser kriegerischen Patrioten erwachsen könne. Auf der livländischen Straße bewegte sich in der Abenddämmerung des 19. Januar ein langer Zug Schlitten nordöstlich der Hauptstadt zu. Vorauf ritt Hetman Iwan Grischow allein, und wie es schien, etwas gedankenvoll. Er hatte seinen Auftrag beendet und war nun doch nicht ganz sicher, ob er einen Beutel voll Rubel oder einen Buckel voll Knutenhiebe zum Lohn erhalten werde. Eine ziemliche Strecke hinter ihm ritten der Oberst der kaiserlichen Garde zu Pferde, Generalleutnant Abergunow und Graf Rasumowsky, Chef eines Garderegiments zu Fuß. Ihnen folgte ein Beritt der Garde, dann General von Knobloch nebst Steuben und den beiden Adjutanten in großer Uniform und in des Generals eigenem Schlitten, hinter ihnen die übrigen Gefangenen, sämtlich links und rechts von Gardisten zu Pferde eskortiert. Grischows Kosaken aber machten den Schluß. Man fuhr durch die livländische Vorstadt und die Wasnesenskaja hinab zur Admiralität. Durch das mittlere Haupttor derselben, durch die Werke und den großen Hof hindurch gelangte man zur Newa selbst, über deren festgefrorene weite Fläche es bis zur St.-Petersburg-Zitadelle ging. Melgunow richtete hier das erste Wort an Knobloch. Er befahl ihm französisch, mit seinen Gefährten auszusteigen und dem Hetman zu folgen. Steif vom harten Frost und langen Sitzen wickelten sich die Gefangenen aus ihren Umhüllungen und betraten unter Iwans Führung die Zitadelle, von ihren mit Gepäck beladenen Dienern gefolgt. Melgunow und Rasumowsky kehrten mit den Garden sogleich über die Newa zurück. Zwischen den Werken der Zitadelle empfing die Ankommenden jetzt ein anderer höherer russischer Offizier und führte sie unter Begleitung von Infanteristen in das Innere der Festung zur Kommandantur. Dort nahm sie im Oberstock ein weites, saalartiges Zimmer auf, das gut geheizt und ziemlich nobel eingerichtet war. Kaum hatten die Diener indes Zeit, das Gepäck abzulegen und die Offiziere von ihren Mänteln zu befreien, so flog die Tür auf, und ein stattlicher Militär mit schwarzem Haar und Schnurrbart und dunklem, funkelndem Blick nebst einem rotblonden, zweifellos echt russischen älteren Herrn trat ein, der die damalige Uniform höherer Beamten trug und dem der Stern des Alexander-Newsky auf der Brust erglänzte. Er hielt einen Brief in der Hand. Diesen beiden folgte ein Greis in Generalsuniform, den sein weißer dicker Schnurrbart und der Schnee seines Hauptes ehrwürdig machten. »Sie sind zweifellos General von Knobloch?« sagte der Rotblonde im Beamtenrocke, sich an den General in leidlichem Deutsch wendend. »Zu dienen, mein Herr!« »Ich bin Michael Graf Woronzow. – Schrieben Sie diesen Brief an mich?« »Gewiß, Herr Kanzler, die übrigen Unterschriften sind von diesen Herren, meinen Schicksalsgenossen.« »Weshalb schrieben Sie an mich, statt an irgendeinen anderen?« »Weil ich niemand aus der Umgebung Ihro Kaiserlichen Majestät kenne, Ew. Exzellenz Name aber mehrfach nennen und Ihren wohlwollendes Einfluß rühmen hörte. Wir erlaubten uns deshalb zu glauben, daß Ew. Exzellenz ebenso großmütig gesinnt als bei Hofe beliebt sein müßten.« Der Rotblonde lächelte. »Nun, nun, es läßt sich halten. – Hier stelle ich Ihnen übrigens den Generalfeldzeugmeister Seiner Majestät, Baron de Villebois, Exzellenz, vor, der jedenfalls größeren Anspruch darauf hat, unseres gnädigsten Kaisers Vertrauter zu sein. Er ist der Kommandant der Zitadelle, die Ihnen als Aufenthalt angewiesen ist, also Ihr Vorgesetzter. Dieser General aber ist unser greiser Kriegsheld, Generalfeldmarschall Graf von Münnich, dessen Ruhm selbst bis zu Ihnen gedrungen sein wird!« »Wir sind Ihnen für die Eröffnung höchst verbunden, daß uns verstattet ist, in Petersburg zu bleiben, und daß unser Los in die Hände eines Edelmannes gelegt ist, der mit dem Allerhöchsten Vertrauen beehrt wird. Wir sind überzeugt, Herr Generalfeldzeugmeister, daß Sie ebenso geneigt wie der Herr Vizekanzler sein werden, Ihro Kaiserlichen Majestäten Milde für unsere Lage zu erbitten.« »Ich bedauere zwar, Herr General, daß kriegerisches Unglück Sie auf solche Art zu uns führte,« lächelte Villebois, »aber ich gratuliere uns dennoch, daß wir Ihro und Ihro Waffengefährten Bekanntschaft dadurch machen. Seine Majestät hat verfügt, daß Sie hier vorläufig bleiben sollen, bis Höchst-Selbst er Sie gesehen hat. Dies wird morgen abend geschehen. – Haben Sie die Güte, uns nun Ihre Herren Kameraden vorzustellen, Exzellenz!« »Mit Vergnügen«, sagte Knobloch mit höflicher Verbeugung. »Hier ist mein Generalstabsoffizier Leutnant Friedrich von Steuben; diese beiden sind meine Adjutanten –« »Halt!« rief der alte Marschall Münnich und trat auf Steuben zu. »Bist du der Sohn meines alten Steuben, Junge? Der Sohn Augustins?« »Jawohl, Exzellenz,« und Steuben schoß das Blut ins Gesicht, »Ihres alten Augustin. Sie können sich denken, Herr Graf, wie mein Herz erbebte, als ich Sie sah und Ihren Namen hörte.« Den greisen Kriegshelden erfaßte tiefe Bewegung. Er legte seine zitternden Hände um Steubens Hals und sah ihm starr ins Gesicht. »Ja, ja, 's ist des Alten Gesicht, so muß er ausgesehen haben, bevor er nach Rußland kam. Sage, Junge, lebt er noch?« »Als Platzkommandant und Major zu Landsberg an der Warthe!« »Gott erhalte ihn! – Kann dann wohl auch Russisch, Steuben, wie er?« »Ich kann es, Väterchen,« erwiderte der Stabsoffizier auf russisch, »aber ich kann's nur schlecht, denn mit siebzehn Jahren trat ich als Fähnrich in Dienst und habe seitdem nur einmal meinen Vater wiedergesehen.« »Er redet wahrhaftig leidlich genug Russisch!« rief Münnich, sich zu Woronzow und Villebois wendend. »Verzeihung,« lächelte General von Knobloch, »ein wenig können es andere Leute auch.« Die russischen Offiziere waren höchlich überrascht. »Da seid Ihr ja ordentlich Russen selber?« lächelte Münnich vergnügt. – »Die Preußen sind verdammte Kerle!« »Wenigstens kann ich den Exzellenzen meine Kameraden auf russisch vorstellen!« entgegnete General Knobloch heiter und entledigte sich dieses Geschäfts nun in der Landessprache so gewandt, daß die Vertrauten des Kaisers mit dem Geständnis schieden, sie seien noch weit angenehmer überrascht worden, als sie es beim Empfang der Herren Preußen ohnehin schon erhofft hatten. Damit empfahlen sie sich und überließen die Gefangenen einem vortrefflichen Souper und etlichen Batterien Weinbouteillen, welche sogleich vor ihnen aufgepflanzt wurden. Um dieselbe Zeit etwa stand Graf Rasumowsky im Winterpalais vor der Zarin Katharina, welche die Damen Buturlin und Daschkow bei sich hatte. »Nun, Oberst,« fuhr sie auf, als er eintrat, »du hast die Preußen gesehen?« »Ich habe sie gesehen, Majestät.« »Ich weiß, daß du nie lügst, Oberst. – Du wirst mir auch jetzt die Wahrheit sagen? Wie?« »Ich werde die Wahrheit wie immer sagen!« »Gut. – Die Leute sind nun einmal hier, und Peter wird sie schwerlich wegschicken, vielmehr wird er seine preußischen Narrenspossen mit ihnen treiben. Sage mir, wie sehen sie aus?« »Allergnädigste Frau, wenn preußische Offiziere, nachdem sie geschlagen und gefangen wurden, dann aber von Kolberg bis Petersburg 'ne Winterreise machten, schon so vortrefflich aussehen, so müssen die, welche siegreich gewesen sind, ganz unvergleichliche Leute sein!« »Oho! – Also es sind schöne Männer unter ihnen?« »Sehr schöne, und wie mir scheinen will – obschon ich noch mit keinem sprach –, sind es Männer von Bildung und Feinheit. General von Knobloch allerdings ist ein grauer Herr, die übrigen aber in den besten Jahren und viele noch jung; sie sehen ganz vorzüglich aus.« »Wir wollen sie morgen abend bei dem Zaren sehen. Wir sind neugierig, einige Exemplare dieser Preußen kennenzulernen, die sich sieben Jahre für ihren König wie die Bären geschlagen haben. Gefallen sie uns leidlich, so werden wir sie an uns ziehen, meint ihr nicht, Burtulin und Daschkow – vorausgesetzt, daß sie für russische Frauen traitable sind. Dies muß geschehen, um sie unter den Augen zu behalten, daß sie dem Peter nicht vollends den Kopf verdrehen. – Wo brachte man sie unter?« »In der Zitadelle.« Kaum hatte dies der Graf gesagt, als Vizekanzler Woronzow erschien. »Das ist schön, daß du kommst, Michael, nun, ich habe es erwartet. Setze dich, lasse Wein bringen, Rasumowsky, er wird erfroren sein. – Du kommst auch von den Preußen, Michael?« »Zu Befehl, Majestät.« »Erzähle, aber ohne Winkelzüge, wie du es gemacht hast, sie herzubringen, was mit den Preußen nun geschehen soll, wie sie sich bei der Ankunft benahmen und was für Leute sie sind. Wenn du mich anzuführen Lust haben solltest, Michael, deiner dicken Nichte, deiner Privatpolitik und des Zaren wegen, bedenke, daß ich dahinter komme und – dann weder vergesse noch vergebe! – Rede!« Woronzow, der zwischen den Parteien zu lavieren wußte, kam oft genug in den Fall, zwischen Tür und Angel zu stehen und in Verlegenheit zu geraten, wohin er eigentlich Front machen sollte. Seine Politik war aber so biegsam, sein Verfahren so schlau, er hatte für diesen besonderen Fall so richtig seine Position genommen, und die Sache ließ sich so gut an, daß ihn nichts aus dem Gleise zu bringen vermochte. Er kannte ferner seine Leute zu genau, um nicht auf ihre Leidenschaften zu spekulieren. »Kaiserliche Majestät werden sich überzeugen, daß meine Handlungsweise nicht anders sein konnte, als sie es gewesen ist, sollte ich meine Pflicht nicht verletzen. Die Gefangenen hatten sich von Riga aus an mich schriftlich gewendet, ich solle Ihrer Majestäten Gnade ansprechen. Ich beeilte mich, Höchstihnen wie Sr. Majestät die Sache vorzulegen.« »Wir stimmten dafür, sie nach Sibirien zu schicken, wenigstens doch nach Moskau, der Zar, wie gewöhnlich, befahl das Gegenteil und will sie hier haben. – Weshalb wendeten die Leute sich an dich?« »Ich fragte sie soeben danach. General von Knobloch erklärte mir, sie hätten niemand gewußt bei Hofe, an den sie sich sonst wenden könnten, und da sie – so drückte er sich aus – von meinem wohltätigen Einflüsse gehört hätten, hätten sie mir ihr Gesuch gestellt.« Katharina lächelte in eigentümlicher Art, dann versank sie in kurzes Sinnen. – »Diese Preußen hatten entweder einen klugen russischen Ratgeber unterwegs, oder sie sind sehr verschmitzt! Ich höre, der Zar will sie morgen abend sehen. Wir werden dabei sein, Michael, und achtgeben, daß diese Milde Peters nicht in zu große Preußenvorliebe ausartet, welche auf den ferneren Gang des Krieges von Einfluß sein könnte. Das Äußere der Gefangenen ist passabel?« »Ich denke, sie sind – leidlich. Doch hierüber wird der Blick meiner allergnädigsten Herrin ein entscheidenderes Urteil haben als meiner. Das Benehmen dieser Leute ist übrigens würdevoll, zugleich ehrerbietig, und sie sind dankbar, daß man ihnen die Zitadelle anwies. Es hat uns aber überrascht, daß sowohl General von Knobloch wie Herr von Steuben , sein Stabsoffizier, Russisch sprachen.« »Russisch?« Das Auge Katharinas blitzte. »Diese Leute sprachen wirklich Russisch? Das ist ein seltener – für sie günstiger Fall! Das gefällt mir wohl! – Weißt du, wie sie als Preußen dazu kamen?« »Betreffs des Generals kann ich das nicht sagen, bei Steuben aber ist die Ursache klar. General Münnich war der Neugier wegen mit Villebois gekommen. Als Steuben genannt wurde, fragte er ihn, ob er der Sohn seines alten Augustin sei. Der junge Mann bejahte es und schien sehr ergriffen, der General aber umarmte ihn, und sie sprachen Russisch. Auf dem Rückwege bat ich des Grafen um Aufklärung. Beim Ausbruch des polnischen Erbfolgekrieges trat der alte Augustin von Steuben nämlich auf Befehl König Friedrich Wilhelms I. in russische Dienste –« »Ah! Das hätte ich Friedrichs Vater wirklich nicht zugetraut. Ich werde den Sohn fragen, wie das kam. – Nun?« »Der alte Steuben zeichnete sich bei der Belagerung von Danzig aus, diente unter Münnich in der Krim, blieb im Frieden in Petersburg und half als Ingenieur Kronstadt befestigen, erteilte auch unseren Offizieren kriegswissenschaftlichen Unterricht.« »Bei Peter und Paul, was so ein Preuße nicht alles kann!« »Da ich mich kurz darauf beschränke, sie zu empfangen und laut Sr. Majestät Befehl dem Baron Villebois zu überweisen, vermag ich sonst Näheres über sie nicht mitzuteilen; kluge Leute sind es ganz gewiß!« »Unzweifelhaft! Sie hätten sich sonst auch nicht an dich, sondern an einen der Vettern von Holstein oder den Sternberg gewandt. – Da die Herren durch dich gewissermaßen sich auch Unserer Gnade empfohlen haben, so bedeute ihnen, daß Unser Wohlwollen gegen sie von der Zurückhaltung abhängen wird, welche sie sich dem Kaiser gegenüber auferlegen. Sie haben nie zu vergessen, daß sie Gefangene sind, daß ihr König unser Feind ist! Wir sind nicht gewillt, daß in diesem Verhältnis eine Änderung eintritt, es sei denn durch einen Frieden, der den Philosophen von Sanssouci zahm macht!« »Das soll ich ihnen deutlich sagen?« »Deutlich sagen, nein! Andeuten sollst du es ihnen aber gewiß. Abgeschreckt werden sollen sie, hier etwa ihren Witz und ihre Verführungskunst auf russische Kosten spielen zu lassen! Je weniger sie sich bemerkbar machen, desto besser werden sie Uns gefallen! Morgen abend also, Michael.« Damit winkte die hohe Frau, und der Vizekanzler empfahl sich. Die Politik dieses Mannes, welche ihn und seine Familie erhielt und mächtig machte, bestand nun darin, daß er der Kaiserin wie dem Kaiser ihren Willen nicht bloß buchstäblich tat, sondern sie von ihren beiderseitigen Absichten stets vorher unterrichtete. In gewisser Beziehung hetzte er also beide Gatten dadurch gegeneinander, schwächte aber durch seine Offenheit zugleich die Operationen, welche sie gegeneinander unternahmen. Michael Woronzow begab sich, diesem löblichen Verfahren gemäß, sofort zum Kaiser, der ihn bereits erwartete. Augenscheinlich hatte Peter III. schon über die Gefangenen Erkundigungen eingeholt und seine weiteren Entschlüsse gefaßt. Dies bewies nicht nur Villebois' Anwesenheit, den er nebst dem Generaladjutanten von Ungern-Sternberg mit dem Kaiser im eifrigsten Gespräch fand, sondern auch Peters Benehmen. »Du bleibst lange, Woronzow? Woher kommst du?« »Von der Kaiserin, Majestät.« »Weshalb? Was hat sie mit der Angelegenheit der gefangenen Offiziere zu tun?« »Wenn sie gefangengehalten werden, das heißt die Zitadelle niemals verlassen, dann hat Ihro Majestät schwerlich Ursache, sich mit ihnen zu befassen. Da Eure Majestät aber morgen abend General von Knobloch und seine Gefährten hier zu empfangen beabsichtigen, hielt ich es für angemessen, mich über das zu vergewissern, was die hohe Frau etwa bei dieser Gelegenheit zu tun beabsichtigt.« »Hm! – Nun, was will sie tun?« »Sie will mit ihrem Hofstaat der Abendaudienz beiwohnen!« »Den Teufel auch, Michael! Es sollte eine Abendunterhaltung unter Männern sein – hast du ihr das nicht gesagt?« »Nein, Majestät, weil die hohe Frau dann viel mehr ahnen und mutmaßen würde, als in der Tat richtig oder nötig wäre!« »Ich glaube, Woronzow handelte klug!« sagte der Generaladjutant mit klarem und scharfem Tone, dem Kaiser einen vielsagenden Blick zuwerfend. Lassen Sie deshalb einen Hofball ansagen. – Sprachen Sie nicht vorher davon, Villebois, daß morgen der Termin der Truppeninspektion in der Zitadelle St. Petersburg sei?« »Richtig,« fiel dieser hastig ein, »ich hatte das über anderen Dingen vergessen.« »Also gut, Michael,« sagte der Zar kurz, »wir werden morgen großen Empfang mit Damen haben. Du kannst gehen.« »Befehlen Eure Majestät meinerseits näheren Bericht über die preußischen Offiziere?« »Es ist unnötig, Woronzow. Sie sind müde, und es ist spät genug. Villebois hat Uns das nötige gesagt, im übrigen werden Wir über die preußischen Herren morgen selbst ein Urteil gewinnen.« – Er nickte und wendete sich um, als wollte er das Zimmer verlassen. Der Vizekanzler verbeugte sich und trat rasch ab. »Wir glauben, Wir erraten dich, Baron?« sagte Peter hastig zu Villebois, wieder stehenbleibend. »Wir müssen ihr zuvorkommen, und morgen abend muß bereits alles geschehen sein!« »Dies ist nur möglich, Majestät,« lächelte Villebois, »wenn Sie die Inspizierung der Zitadelle als Vorwand nehmen, General von Knobloch zu sehen und dann den geeignetes Schritt zu tun, der unwiderruflich sein wird!« »Gewiß, so geht's. Ordnen Sie alles für morgen an, Villebois, und bereiten Sie die preußischen Offiziere vor. Guten Abend!« – Es mußte eine eigene, politisch sehr geheime Bewandtnis habe», daß sowohl Peter III. wie Katharina sich so außergewöhnlich um die Gefangenen kümmerten und dieselben für den russischen Hof bereits ohne ihr Zutun eine Wichtigkeit erlangt hatten. In der Tat waren sie, sobald man ihre Ankunft wußte, zur Tagesfrage im Winterpalais geworden, gewissermaßen zum Probierstein, von welchem Metalle die Politik sein werde, welche die eine Partei erwartete, die andere befürchtete. Am nächsten Morgen, schon um neun Uhr – die preußischen Offiziere waren in militärischer Gala und zu jeder Art Besuch bereit – erschien Villebois bei ihnen. »Messieurs,« sagte er, »ich benachrichtige Sie, daß Se. Kaiserliche Majestät in einer Stunde die Truppen und die Armierung der Zitadelle besichtigen wird. Da ich annehme, daß Ihnen Preußens Interesse am Herzen liegt, so werden Sie sowohl heute abend wie überhaupt von dem schweigen, was sich hier zutragen sollte. Vergessen Sie nicht, Sie sind des Kaisers Gefangene. Nur unter diesem Rechtstitel ist Ihnen gestattet, gute Preußen zu sein!« »Herr Generalfeldzeugmeister,« erwiderte von Knobloch, »wir bitten Sie, sich überzeugt zu halten, daß sowohl Liebe für unseren Monarchen wie Ehrfurcht vor Sr. Kaiserlichen Majestät Maßnahmen uns die Zunge binden wird.« »Was Sie indessen nicht abhalten soll, im übrigen so liebenswürdig zu sein, als Sie vermögen. Das wird Ihnen wie Sr. Majestät Politik sehr zugute kommen. – Also in einer Stunde, meine Herren!« »Was halten Sie von der mysteriösen Andeutung, meine Kameraden?« fragte Knobloch, als sie allein waren. »Mir scheint,« lächelte Koch, »man kommt unserem geheimen Vorhaben auf halbem Wege entgegen?« »Und daß die Abendgesellschaft des Winterpalais nicht wissen soll, was am Morgen in der Zitadelle vorging!« fiel Kaminsky ein. »Was könnte hier vorgehen, Steuben?« »Eins gewiß, Herr General. Der Kaiser kommt her, uns jetzt schon zu sehen. – Er kann also bis heute abend nicht warten! – Folglich will er uns hier auf andere Art sehen wie im Winterpalais. »Ich verstehe das nicht!« warf von Witzleben dazwischen. »Ich will nicht behaupten, daß ich es ganz verstände,« erwiderte Steuben, »aber ich halte Rußlands Frieden mit Preußen für bevorstehend, und es ist unsere Pflicht, dem Kaiser die größtmögliche Sympathie zu erwecken.« Die Stunde der Inspizierung kam. – Auf dem Glacis der St. Petersburger Zitadelle, in einem ungeheuren Karree um die Kirche St. Peter und Paul, also dem Mittelpunkte des Platzes, in deren Grüften Peter der Große, die Kaiserinnen Katherina, Anna und Elisabeth schliefen, waren die Besatzungstruppen aufgestellt; die Kanoniere standen mit brennender Lunte an ihren Geschützen auf den Wällen. Die nordwestliche Ecke dieses Karrees umschloß zugleich das Kommandanturgebäude, den Aufenthaltsort der Gefangenen. Kurz vor zehn holte dieselben Baron de Villebois ab und geleitete sie in den zu ebener Erde liegenden Konferenzsaal, an welchen sein Bureau und die Amtswohnung stieß. Hier ließ er sie sich ihrer Rangordnung gemäß aufstellen, dann entfernte sich Villebois, bestieg sein Pferd und sprengte zum Haupttor der Zitadelle. Durch dasselbe ritt jetzt Zar Peter III. ein, von den beiden Prinzen von Holstein, dem Flügeladjutanten von Ungern-Sternberg, dem berühmten Münnich, Fürsten Trubetzkoi, dem Grafen Wolkowsky und den Generalleutnants von Melgunow und Wolkow, – kurz den Häuptern seiner Partei begleitet. Die Truppen riefen hurra und präsentierten unter Trommelwirbeln das Gewehr. Unsere preußischen Freunde konnten sich nicht enthalten, einen neugierig verstohlenen Blick durch die Fenster zu werfen. Ihre Aufmerksamkeit war selbstredend auf des Kaisers Person konzentriert, und dieselbe war auffällig genug. Peter III. war erst vierunddreißig Jahre alt, untersetzt und gesund aussehend, aber er hielt das Haupt nachdenklich gesenkt, etwas zur Seite, sah also von unten auf. Er ritt nicht nur einen Schimmel wie der Preußenkönig, führte nicht nur ebenfalls einen Krückstock, er trug ebenfalls, der russischen Mode zuwider, einen steifen Zopf, die preußische Infanterie-Generalsuniform und dieselbe gelbe Weste wie sein großer Freund in Berlin. Sein Gefolge hatte gleichfalls preußische Uniformen angelegt, und die Kavalkade gewährte den Gefangenen einen ebenso eigentümlichen als überraschenden Anblick, als sie der grünen Front der russischen Truppen entlang heranzog. Gegen sonstige Gewohnheit ließ der Zar die Soldaten keine Evolutionen machen und begab sich des gewöhnlichen Drillens, das seine ganz besondere Passion war. Vor der Kirche Aufstellung nehmend, ließ er die Truppen, von Villebois kommandiert, den Parademarsch machen und abrücken, dann trabte er mit der Suite zur Kommandantur hinüber und saß ab. General von Knobloch und seine Gefährten standen, echte Bilder preußischer Straffheit, steif wie Statuen an den Wänden des Saales. Die Tür flog auf, Peter III. trat ein, die Rechte auf dem Rücken, die Linke auf den Stock gestützt und betrachtete lächelnd die Offiziere. Plötzlich seine friderizianische Maske vergessend, die ihm doch etwas hinderlich zu sein schien, überließ er sich seiner angeborenen launischen Lebhaftigkeit. »Ah, Messieurs, willkommen in Petersburg!« rief er auf deutsch. »Es lebe Se. Kaiserliche Majestät Peter III. von Rußland!« rief Knobloch und legte die Hand mit militärischem Gruße an den Hut. Donnernd fielen seine Kameraden ein. »Danke, ihr Herren, danke! – Du bist General von Knobloch, wie?« »Zu befehlen, Majestät.« »Es ist dir bei Treptow schlecht gegangen, Väterchen, wie? Der Romanzow hat Euch da schön in die Falle gelockt!« Knobloch küßte des Zaren Hand, die ihm derselbe gereicht hatte. »So nahe uns dies Unglück geht, so tröstet uns wenigstens doch, daß unser Los uns vergönnt hat, Eurer Kaiserlichen Majestät Antlitz zu sehen und dem erhabenen Enkel des großen Peter, seinem leuchtenden Nachfolger und Nacheiferer, die ehrfurchtsvolle Bewunderung auszudrücken, welche nicht nur wir, sondern die ganze preußische Armee für Höchstsie empfinden!« »Also Ihre Armee hat Anerkennung und Faible für Uns? Selbst als Feind begreift sie Unser Streben?« »Wer sollte die Gefühle und Geistesrichtung Eurer Majestät unter uns nicht würdigen und lieben?« »Das freut Uns! – Freut Uns sehr! Es wäre nur zu natürlich, daß man auf uns Russen bei euch mit Bitterkeit blickte, und der Zorn beurteilt nie gerecht! Buturlin und Tottleben haben in Berlin sich lange nicht human genug benommen! – Ich weiß auch, ihr schlugt euch bei Treptow verteufelt gut, die Übermacht Romanzows und daß ihm 'ne Flotte zu Gebote stand, war an eurem Unglück schuld! Das ist nicht richtig, das gefällt mir nicht, es soll anders werden, Väterchen! Während dieser sechs Jahre hat Friedrich II., mein königlicher Freund, bewiesen, daß er ganz Europa gegenüber in Wahrheit der einzige zu sein wußte, ›einzig‹ als Monarch und Krieger! Es ist gar kein Kunststück, wenn einen König mit so beschränkten Mitteln, wie sie Preußen hat, die drei größten Staaten angreifen. Das ist durchaus unnobel! Ich will dieser Betise mich nicht schuldig machen, will Sr. Majestät zeigen, daß ich in Wahrheit sein Freund bin! – General, stelle mir deine Kameraden vor. Wer ist der schöne Mann hier? Nur Leutnant?« »Leutnant von Steuben, mein Generalstabsoffizier!« »Ah! – A la bonheur , eine vortreffliche Figur! – Seht sie an,« rief Peter seinem Gefolge zu, »das sind preußische Offiziere, die Helden von Friedrichs Schlachten! – Ich sage dir, Steuben, vor dem preußische« Generalstabe habe ich Respekt! Wir haben in Rußland höchst bedeutende Generale, hier ist Villebois, besonders der dort, der Marschall Münnich. Aber mit unserem Generalstabe können wir keinen großen Staat machen! – Welche ist die berühmteste Schlacht, die du unter deines Königs Augen mitgefochten, Steuben?« »Bei Prag ward ich verwundet, bei Roßbach kämpfte ich in der Avantgarde.« »Wahrhaftig? In der Avantgarde, welche so bedeutenden Anteil am Siege hatte? Ich bin erfreut, einen Mann deiner Art bei mir zu habe»! – Rede, Steuben, könntest du uns mit russischen Truppen wohl etwas von euren Evolutionen bei Roßbach sehen lassen?« »Gewiß, Kaiserliche Majestät, ich will nach der Erinnerung die Bewegungen wiederholen!« »Vortrefflich! Villebois wird deine Befehle erwarten, General von Knobloch soll das Gegenkorps führen. Was braucht ihr noch?« »Jeder von uns eine Terrainkarte, einen Bleistift und ein Pferd!« »Ihr sollt's haben. – Nun, wer sind die Herren weiter?« – Die Vorstellung der übrigen erfolgte, und die Preußenpassion Peters erreichte eine solche Höhe, daß er sich mehr, als er schon ohnehin sonst tat, vergaß. »Meine Herren, ich bin entzückt von eurem Anblick, ich bin euer Freund! Ihr habt euch nur insofern als Gefangene zu betrachten, als ihr bis zum Frieden Petersburg nicht verlaßt. Die Zitadelle ist eure Wohnung, aber nicht euer Gefängnis. Ihr sollt alles bei uns sehen und mir sagen, ob es gut oder schlecht ist. Ich werde Befehl geben, daß ihr überall wie Freunde des Kaisers empfangen werdet! – Sternberg, wo ist das Handschreiben, das ich an meinen königlichen Bruder von Preußen noch gestern nacht gerichtet habe?« »Hier, Majestät.« Der Adjutant reichte es ihm. »Feder und Siegellack, Villebois!« Damit trat er an die Konferenztafel. Der Generalfeldzeugmeister tauchte die Feder ein und reichte sie ihm. »In diesem Handbillet trage ich eurem großen Könige Waffenstillstand und Freundschaft an! In eurer Gegenwart unterzeichne ich dasselbe und von dieser meiner Peters-Burg aus sende ich ihm den Frieden! Mein Großvater hätte das auch getan!« Der Zar setzte seinen Namen unter die Schrift. »Es lebe Se. Kaiserliche Majestät von Rußland, der großmütige Freund unseres Monarchen!« Rauschend und begeistert fielen die Stimmen der preußischen Offiziere in Knoblochs Vivat ein. »Solange ich atme, werde ich Friedrichs II. von Preußen Bruder sein!« Damit warf der Zar die Feder hin und reichte seinem Generaladjutanten den Siegelring. Während derselbe den bekannten, höchst merkwürdigen Brief schloß, wandte sich Peter zu seiner russischen Begleitung. »Ihr werdet sofort die betreffenden Orders nach Deutschland an mein Heer senden. Jede Aktion ist eingestellt! Dir, General von Knobloch, wie deinen Kameraden schärfe ich nur noch ein, das eben Geschehene für euch zu behalten. Nichts soll an euch gefangen sein als eure Zunge! – Wer eskortierte die Herren hierher, Villebois?« »Der Hetman Iwan Grischow!« »Warst du und deine Kameraden mit ihm zufrieden, oder hat das Biest sich was erlaubt?« »Wir müssen Iwan aufs höchste loben, ebenso den vortrefflichen Major Labadin von der Grenzstation, er versah uns mit Decken, Pelzen, Weinen und was er sonst nur auftreiben konnte.« »Labadin soll Oberst werden, Sternberg, und viertausend Rubel haben. Der Iwan aber zweitausend! Grischow wird dies Billett eiligst an Se. Majestät nach Preußen bringen und Antwort holen; er sitzt sogleich auf! Bringt er uns fröhliche Nachricht, so soll er die Summe noch einmal haben. – Guten Tag, ihr Herren. Macht mir auf den Abend lustige Gesichter!« Damit grüßte der Zar nach allen Seiten und entfernte sich mit seinen Begleitern. Einen Augenblick standen die preußischen Offiziere wie bezaubert von dem Geschehenen. Dann sanken sie einander freudig bewegt in die Arme. »Wir haben ihn!« rief Steuben halblaut. »Er bahnt uns selbst den Weg! Heute abend seid so bestrickend, Freunde, als tanztet ihr mit euren Bräuten auf der Redoute im Opernhause zu Berlin. Nach dem Roßbachmanöver setzen wir dann die Hebel an, um unseren Plan zu realisieren!« Das Winterpalais strahlte am Abend wie ein Lichtmeer. Der Schein der Lüster und Kandelaber brach sich tausendfach in dem Diamantschimmer, der von den Stirnen, Busen und Armen wie von den Roben der Damen des russischen Hofes und Adels glänzte, die an der Seite ihrer männlichen Angehörigen erschienen waren. Die Uniform der Offiziere, die Staatsgewänder hoher Beamter und Gesandten bildeten einen eigentümlichen Gegensatz zu dem altrussischen Nationalkostüm und den farbenreichen modisches Ballgewändern. Kurz vor dem Erscheinen der kaiserliches Herrschaften trat Generalfeldzeugmeister von Villebois mit General von Knobloch und den gefangenen Preußen ein, auf die sich alsbald aller Blicke richteten. – Sie waren die Helden des Abends, und somit ist es unsere Pflicht sie jetzt etwas näher zu beleuchten. Unzweifelhaft verdiente ihre straffe, musterhafte und dabei elegante Haltung alles Lob, obschon der Preußenenthusiasmus des Zaren am Morgen etwas stark übertrieben war. Es ist gewiß, daß es unter den Gefangenen prachtvolle Gestalten gab und der eine sich durch leichte Zierlichkeit und eleganten Bau, der andere durch Größe, schönes Ebenmaß, edle Gesichtsbildung und Würde auszeichnete. Zu diesen gehörten Oberst Kaminsky, der Major von Saldern, Hauptmann de Valadie, die Leutnants de l'Enfant und Romanai. Als hervorragender, auffällig schöner Mann aber konnte indes doch nur der Leutnant von Steuben gelten, und das machte in Petersburg sein Glück und seine Gefahr aus. Sein Wuchs war von jener Höhe und Kraft, wie man ihn fast nur im deutschen Norden und selbst da nicht allzuoft antrifft. Die knappe, pralle Uniform des Generalstabs und seine getragene Haltung vermehrten noch den wohlgefälligen Eindruck, den er auf jedermann hervorbrachte. Seine hochgewölbte Stirn, die edelgebogene Nase mit den leicht geblähten Flügeln, der große dunkle Blick, kurz, alles gab ihm einen geistigen Adel, der zumal so vielen nationalrussischen Mannesfiguren gegenüber auffiel. Das einzige, was man nicht sonderlich loben konnte, war, daß seine Unterlippe ein wenig hervorragte. Indes wirkte die Totalität seines Wesens so gewinnend, daß man diese Geringfügigkeit übersah. Kurz, Leutnant von Steuben war einer jener preußischen Offiziere, die überall in den Salons die erste Rolle zu spielen wissen, und für welche die Herzen der Frauen weit empfindsamer schlagen als für irgendeinen anderen männlichen Nebenmenschen. Selbst als ganz alter Herr und unter sehr veränderten Lebensbedingungen übte Steuben auf das zartere Geschlecht noch immer jenen magnetischen Zauber aus, der am besten mit den Worten: »Vollendet liebenswürdig« bezeichnet wird. Um den Plan der Gefangenen, welcher seinem Hirne entsprossen war, noch zu begünstigen, hatte Zar Peter III. den preußischen Gesandten, Freiherrn von der Goltz, durch Ungern-Sternberg besonders eingeladen und ihn vertraulich von dem, was in der Zitadelle geschehen war, unterrichten lassen. Von der Goltz, ein von Friedrich II. für Peters III. Individualität besonders gut berechneter Diplomat, hatte sich nicht nur bemüht, bevor er zum Balle ins Winterpalais fuhr, einen Kurier mit einem vorläufigen Bericht an den König zu senden, er beschloß auch, die sichtliche Vorliebe des Zaren für seine gefangenen Landsleute zum Vorteile Preußens zu benutzen und sich deshalb den Gefangenen zu attachieren. Er hatte bereits mit ihnen Bekanntschaft gemacht, als Paukenwirbel und Tusch des Orchesters die Nähe der kaiserlichen Herrschaften ankündigte. Zwei gegenüberliegende Türen öffneten sich. Aus der rechten trat der Kaiser, aus der linken die Kaiserin und verneigten sich voreinander. Im Gefolge Peters erschienen die beiden Prinzen Holstein, Baron Sternberg, die Grafen Münnich, Wolkowsky, Fürst Trubetzkoi, die Generale Melgunow und Wolkow wie die Familie Woronzow, einschließlich der etwas korpulenten Mätresse des Zaren, Elisabeth, welche von der Gegenpartei deshalb auch die »dicke Gräfin« genannt wurde. Katharina hingegen folgte die Fürstin Daschkow und Gräfin Buturlin mit anderen Damen, die Grafen Rasumowsky, Panin, der Hetman Kyrilla und die Brüder Gregor und Alexander von Orlow. Von den Gesandten waren außer Goltz noch Graf Mercy, der österreichische, Baron Breteuil, der französische Botschafter, und Legationsrat Trasse, der sächsische Gesandte, anwesend. Als beide Hofparteien eintraten, deren Häupter die kaiserlichen Ehegatten selbst waren, erschienen sie jedem in die Dinge Eingeweihteren wie zwei feindliche Heerhaufen, die einander gegenüber in Schlachtordnung rücken, und wer nachmals die Folgen erlebte, welche von diesem Abend an die Anwesenheit der Preußen in Petersburg hatte, erinnerte sich dieses Festes als an den Anfang jenes Trauerspiels, das am 17. Juli so düster endete. Noch ahnte einen solchen Ausgang kein Mensch. Wenn die Gegner sich auch beargwöhnten und haßten, wenn sie sich auch immer wieder erinnerten, was sie bisher einander angetan hatten, dennoch hätten sie in diesem Augenblick vor dem Gedanken zurückgebebt, daß gegenseitige Intrigen ihre Gefühle schließlich zu solcher Wildheit steigern würden, daß nur der Untergang des einen von ihnen und damit der Fall einer ganzen Partei diesen Streit beenden könne. – Peter III. ergriff seiner Gemahlin Hand und tat, das beiderseitige Gefolge hinter sich, mit ihr im Saale einen Umgang, um die Gäste zu begrüßen. Natürlich war die Aufmerksamkeit der Preußen allen denjenigen besonders zugewendet, welche ihnen leise von Villebois und dem preußischen Gesandten als Gegner ihres Landes und als unter Elisabeth besonders politisch mächtig bezeichnet wurden. Drei Frauen vornehmlich fesselten ihre Blicke. Die schönste derselben war Gräfin Buturlin. Fast rotblond, hatte sie einen vollendet weißen Teint und von feinstem Rot angehauchte Wangen, dabei dunkle, mandelförmige Augen, deren innere Winkel ein wenig nach unten gestellt waren und ihnen etwas Orientalisches verliehen. Das himmelblaue Atlaskleid, schwer gestickt, in einem sehr breiten Saum von karmesinrotem Samt endigend, hob noch mehr die Weiße ihres Nackens und ihrer Arme. Die bedeutsamste aller Frauen, wenn sie auch nicht die Kaiserin gewesen wäre, war Katharina. Worin dies lag, ließ sich schwer sagen. Sie war braunblond, hatte große, graue, ruhige Augen, und ihre Gesichtsfarbe sowohl wie Arme, Nacken und Busen schienen etwas auffällig rot. Es war, als ob ihre Haut so dünn sei, daß das Blut durch sie hindurchleuchtete. Katharina war sehr voll, aber nichts weniger als unproportioniert und in die Masse gehend wie ihre begünstigtere Nebenbuhlerin, die Woronzow, die sich dessen rühmen konnte. Die Physiognomie der Kaiserin erschien weniger ansprechend wie lebhaft und charaktervoll. Zwischen einer gewissen männlichen Markigkeit und weiblicher Weiche schwankend, verrieten ihre Züge sehr viel Geist, und wenn ihr kleiner, höchst lieblicher Mund sprach, schien ihr Auge zu phosphoreszieren und durch seine lebhafte Sprache den Worten besonderen Nachdruck und erhöhtere Bedeutung zu geben. Sie trug ein russischgrünes Samtkleid, das, vorn offen, eine blaßrote Brokatrobe sehen ließ; das grüne Überkleid hatte um Ausschnitt und Saum des Rockes eines breiten Besatz von Hermelin. Ihr schönes, sehr üppiges Haar war in breite Zöpfe geflochten, die, turbanartig um die Stirn gewunden, von einer Diamantagraffe an der Seite festgehalten wurde, aus der ein Büschel weißer Reiherfedern quoll und ihr Haupt umspielte. Als besonders ihr eigen, trug sie um den Hals anstatt der Kolliers eine kleine, anschließende Fraise von Silberzindel, die ihr lebhaftes Kolorit ungemein hob. Ging sie wie die Buturlin mehr nationalrussisch, so hatte Elisabeth von Woronzow, obwohl sie entschieden slawische Gesichtsbildung besaß, sich halb germanisch, halb russisch gekleidet, die dunkelblonde Fürstin Daschkow aber, aus deren eigentümlich brünettem Gesicht Esprit und List leuchteten, erschien hingegen selbständig à la Pompadour in rosa und paille Seide. Hatten diese vier Frauen, welche gewissermaßen die politischen Systeme des Hofes in sich symbolisierten, die gespannte Aufmerksamkeit der Preußen erregt, so waren letztere diesen Damen nicht minder Objekte argwöhnischer Neugier. Kaum war die Kaiserin eingetreten, als auch ihr Auge auf die Gefangenen fiel und sie die Lippen kniff. Aufflackernd lief ihr Blick dann die Reihen der Preußen entlang und blieb dann erstaunt, groß und glühend auf Steuben haften. Wie kam es – ob er nun diesen Blick erwiderte und zwischen der Zarin und ihm sich sofort eine sonderbare Sympathie herstellte, zu welcher sicherlich beide vorher keine Neigung empfunden hatten –, das wußte Steuben nicht. In diesem Augenblicke raunte seine Eitelkeit ihm aber zu: »Du kannst ihr gefallen!« Diesem inneren Argumente setzte sein Patriotismus aber sofort den sophistischen Rat hinzu: »So mußt du sie gewinnen, womit es auch immer sei.« Daß dieser Weg gut war, ist unzweifelhaft, daß er besonders moralisch war, etwas weniger. Hätte der junge Stratege die Wirkungen desselben vorauszusehen vermocht, wäre er weltweiser, anstatt ein enragierter Preuße gewesen, er hätte sicher das Spiel vorsichtig aufgegeben, das er verwegenen Sinnes nun begann. In ihm lag der Anfang einer tragischen Schuld unseres Helden, welche sein ganzes ferneres, wechselvolles Los bestimmen sollte. Er war, von Eitelkeit, Vaterlandsliebe und Ehrgeiz gedrängt, keck genug, mit dem Heiligsten zu spielen, was es hinieden außer der Religion gibt, er spielte mit der Frauenliebe! Frauenliebe sollte darum auch die Nemesis werden, die, solange sie lebte, an ihm sich rächte! Der Hof hatte die Runde gemacht und näherte sich den letzten Gästen, den Preußen. Zu Peters üblen Eigenschaften gehörte unter anderem auch, nichts für sich zu behalten, wenn es noch so nötig und wichtig war, sobald er seinen Gegnern, zu denen er vornehmlich Katharina rechnete, einen Hieb versetzen konnte. Unklugheit aus Caprice war sein Hauptfehler. »Ah, messieurs, da seid ihr ja! Majestät, unsere Gefangenen! Das sind Preußen! Was sagst du zu ihnen, Kathinka?« »Majestät,« erwiderte sie, Peter groß ansehend, »fragst du mich als russische Kaiserin – oder als Frau?« »Haha, als beides! Kannst du denn die Kaiserin zu Hause lassen, solange du meine Frau bist?« »Solange ich es bin, nein! Als Kaiserin sage ich also, daß mir die Anwesenheit dieser Preußen nicht gefällt und ich sie lieber in Sibirien sehen würde. Als Frau erkläre ich aber mit demselben Rechte, daß, wenn diese Herren so klug und gut sind, als sie unbezweifelt schöne Männer sind, mir ihre Bekanntschaft willkommen sein wird!« »So macht bei dir die Frau gut, was die Kaiserin schlecht gemacht hat! Du wirst bei näherem Umgange mit diesen Herren sehr bald deine kaiserliche Ungnädigkeit verlieren. Hier ist General von Knobloch, der dort sein Generalstabschef Leutnant von Steuben. Beide Herren haben versprochen, mit unseren Truppen uns nächster Tage die Schlacht von Roßbach darzustellen.« »Sie haben dir das versprochen? Du kennst die Herren schon?! Dann hast du sie wohl vorher gesehen?« »Gesehen und gesprochen, natürlich! Heute morgen bei Inspizierung der Zitadelle.« Generaladjutant von Ungern-Sternberg wurde blaß und warf auf Villebois einen verzweifelten Blick. Diesem stieg das Blut in die Stirn, und er sah namenlos verlegen aus. »Gestern abend, spät noch, allergnädigste Frau,« sagte er entschuldigend, »gaben Se. Majestät die Order zur Inspizierung.« Katharina warf auf Peter einen furchtbaren Blick, einen jener Blicke, in dem sich jahrelanger Haß aussprach. Sie wandte sich zu dem Gefolge um. »Ach,« sagte sie gedehnt, mit dem scharfen Klang ihrer sonoren Stimme, »wir werden also in Petersburg eine Roßbach-Schlacht erleben! Freut ihr euch nicht, Russen? Laßt uns nur gleich die preußischen Herren da um Frieden bitten. – Weißt du, welchen Witz du jetzt machst?« »O ja, Kathinka, und – er wird sehr gut sein!« »Das glaube ich! Also lasse ihn uns nur offen aussprechen. Bei Treptow machte der russische Kaiser preußische Gefangene, in die er so verliebt ist, daß er sie zu einer preußischen Invasion in Petersburg verwendet. Weshalb, Russen, sollen wir der Majestät erhabenem Beispiele nicht folgen und auch in sie verliebt sein? Möge es uns nur wohl bekommen! – General von Knobloch, ich befehle dich zum ersten Tanz, Daschkow, nimm den Steuben. Wir wollen das kaiserliche Beispiel ehrerbietigst nachahmen!« Mit einem Lächeln reichte sie dem preußischen General die Hand und hob befehlend die andere empor zu den Trompetern. Der Tanz erklang. Stolz schritt sie an dem Zaren vorüber und eröffnete den Hofball. Peter III. stand verdutzt. Es dämmerte leise in ihm auf, daß er gegen sich selbst eine Indiskretion begangen habe. »Was sagte sie denn von preußischer Invasion, Sternberg?« »Die kaiserliche Frau deutet« an,« erwiderte derselbe niedergeschlagen, »daß sie ahne, was im Werke sei! Wenn Sie sich selbst lieben, allergnädigster Herr, so bitte ich, geben Sie niemals Befehle, solche Dinge zu verschweigen, die Sie selbst auszuplaudern geruhen!« »Ganz egal, ich tue doch, was ich will!« Damit engagierte er seine teure dicke Elisabeth, die Romanowka-Woronzow. »Er bleibt doch immer derselbe, Sternberg!« flüsterte Villebois. »Er wird sich und uns den Hals brechen. Wir wollen uns doch etwas vorsehen, Lieber!« Der erste Tanz war beendet, der zweite folgte. Katharina befahl jetzt Steuben zu ihrem Tänzer. Als sie seine Hand ergriff, drückte sie dieselbe und gab ihm einen Blick, der eine zwar stumme, aber überaus starke Ermunterung war. Steuben, verwegen wie der Teufel, erwiderte beides. Dieser Augenblick war verhängnisvoll. Mochte Steuben nun für die Kaiserin etwas empfinden oder nicht, sicher regierte ihn nicht das tiefe heiße Liebesgefühl, was den Mann zum Weibe zieht und über sein ganzes ferneres Leben bestimmt. Eitelkeit war's einerseits und keckes Selbstvertrauen, das ihn auf ein so gewagtes Verhältnis aus dem Grunde eingehen ließ, weil ihm von allen Seiten die Gunst des Schicksals lächelte, die lockende Gelegenheit so unverhohlen nahegelegt wurde. Steubens Seele erfüllte nur ein Gefühl, glühender Enthusiasmus für sein blutendes, vom Kriege verwüstetes Vaterland, heißeste Liebe zu seinem Heldenkönige, der noch mit letzter, sinkender Kraft sich gegen das gesamte bewaffnete Europa wehrte. Gelang es, Katharinas Liebe zu gewinnen, sie mit erheuchelter Gegenliebe zu täuschen, dann mußte sicher der Plan glücken, zu dem er mit den Freunden sich verbunden hatte. In der aufflammenden Neigung dieser Frau, welche seines Monarchen bitterste Gegnerin war, sah er nur die seinem Angriffe bloßgelegte Flanke des Feindes und in seiner eigenen Handlungsweise eine Kriegslist, deren Erfolg seinem Vaterlande und Monarchen allein zugute kam. Je mehr er nur den Empfindsamen spielte, desto interessanter wurde er Katharina, desto sicherer war er seines Erfolges; wenn er aber seine gewinnenden Eigenschaften aufraffte, um einen solchen verderblichen Einfall ins Herz einer Frau zu machen, die in Liebe wie Haß einer Tigerin nicht unähnlich, zugleich aber das erste Herrschergenie unter allen Fürstinnen ihrer Zeit war, so mußte er sich doch mit kaltem Blute sagen, daß in der Stunde, wo Katharina entdeckte, sie sei betrogen, die Vernichtung in furchtbarster Gestalt vor ihn treten, sein Gewissen ihm dann aber sagen müsse, er habe sein Los verdient! Die Kaiserin dirigierte den Tanz dergestalt, daß sie die erste Tour endigte, sobald sie die dem Kaiser fernste Seite des Saales erreicht hatte, wo Fürstin Daschkow mit General von Knobloch und Buturlin bei Oberst Kaminsky stand. Sie befand sich mit ihrem Tänzer also unter Vertrauten. »Ich sehe und fühle, Steuben, daß du gegen mich nicht falsch sein kannst«, sprach sie, und so ernst auch ihre Worte klangen, lächelte sie doch mit einer Unbefangenheit, als gälte es die heiterste Unterhaltung von der Welt. »Ist dein Blick, ist der Druck deiner Hand wahr und willst du mir – mehr als ein Freund sein, rede aufrichtig!« »Seien Sie versichert, erhabene Frau, daß ich es bin.« »Woher sprichst du das Russische so gut?« »Konnte ich die Sprache denn vergesse», Majestät, die mein Ohr zuerst im Leben vernahm? Im Jahre 33, als mein Vater auf den Befehl König Friedrich Wilhelms in die russische Armee eintrat, war ich drei Jahre all. Ja Ostpreußen, der Krim, in Petersburg, wo mein Vater unter russischer Fahne diente, verlebte ich meine Jugend.« »Wie kam dein Vater in unseren Dienst?« »Er erzählte mir später, die selige Kaiserin Anna habe damals des Königs Majestät von Preußen um einige Ingenieure ersucht. Unter den Erwählten befand sich mein Vater.« »Er ist nun tot?« »Nein, Majestät, er ist noch Platzmajor zu Landsberg an der Warthe!« »Aha, als euer König Schlesien wegnahm, litt es ihn hier nicht mehr. Schade, jetzt wäre er bei uns General und ein guter Russe dazu. – Sei aufrichtig, war heute der Zar nur in der Zitadelle, die Truppen zu sehen und euch zu besuchen, oder tat er – noch etwas anderes in eurer Gegenwart, oder tat es doch so, daß du davon Kenntnis hast?« »Er tat noch etwas anderes, von dem ich Kenntnis habe!« »So, so?« sie lachte heiter auf, wie über einen Witz. »Sage mir in zwei Worten, was es ist.« »Hohe Frau, weil ich geradeso fühle wie Eure kaiserliche Majestät, darum kann ich es nicht. Ich würde dann ein Schurke sein, solch ein Elender aber würde nie den strahlenden Gnadenblick Eurer Majestät verdienen! Höchstsie würden ja dann ebenso berechtigt sein, meine Treue gegen Sie selbst für verdächtig zu halten, wie sie es gegen andere gewesen wäre... Kaiserliche Frau, wenn ich das Geschehene verriete, würde es zugleich nutzlos sein, denn niemand kann es mehr widerrufen! Wie es von uns nicht zu hindern war, daß es beschlossen wurde, ehe der Kaiser uns sah, ebenso kann keine Gewalt es mehr ungeschehen machen. Dazu sind wir Gefangene, unser Los liegt in unseres Siegers Hand!« »Du magst recht haben, ich kann mir leicht denken, daß dem so ist! Ich danke dir aber für die Art, wie du mir geantwortet hast, denn du zeigtest mir wenigstens deinen guten Willen. – Du wirst das Manöver wirklich gegen Knobloch kommandieren?« »Zu Befehl, Majestät!« »Wenn ich finden sollte, daß du als Stratege so gut manövrierst wie als galanter Mann gegen Frauen, dann will ich aus dem Leutnant Steuben etwas Besseres machen. Nach dem militärischen Schauspiele wirst du dich bei mir melden, und ich werde dir meine Meinung sagen.« Bevor sie ihn nach dem letzten Tanze entließ, empfand und erwiderte er denselben brennenden Blick und denselben Druck der Hand nochmals. Er war seines Triumphes jetzt so ziemlich sicher, und die mit den Genossen verabredete Intrige erhielt für ihn fortan eine viel konkretere Wirklichkeit. Das Erscheinen der Preußen, die ganz auffallende Bevorzugung Steubens durch die Kaiserin, deren erotische Leidenschaftlichkeit man bei Hofe genugsam kannte, hatte aber ebenso ihre Wirkungen auf die Anwesenden, wie das anfänglich von ihr mit ihm gepflogene Gespräch auf den weiteren Gang der Begebenheiten. Erstlich war das politische Programm der bisherigen Hofparteien kläglich durchlöchert worden und hatte einem Chaos der Meinungen Platz gemacht. Leidenschaften waren entfacht worden, die bisher in solcher Stärke doch nicht bestanden hatten, endlich aber sanken die bisherigen Hauptpersonen und Leiter der Hofintrigen zu Nebenfiguren oder vielmehr zu Objekten eines Planes herab, der von Personen ausging, die in ihrer Lage nach hier nur zu einer sehr untergeordneten, nur geduldeten Rolle hätten verurteilt bleiben sollen. Peter III. war in seiner Preußenliebe schreckhaft blind, er sah nicht, was andere argwöhnische Blicke entdeckten. Die von ihrem Gatten, trotzdem sie ihm den Zarewitsch Paul und Großfürstin Anna geboren hatte, offen vernachlässigte und doch so heißblütige Katharina hatte den schönen Poniatowsky bis fast an die Grenze der Selbstvernichtung geliebt. Alexander Orlow, der, wie man flüsterte, zur Zeit alles bei ihr gelten sollte, war, das zeigte sich jetzt klar, nur – eine Liaison aus Langeweile gewesen. Nicht aber Steuben allein war gegen Katharina siegreich, sondern auch seine Genossen, dem Beispiele ihres Stabsoffiziers folgend, hatten den Wunsch Peters III. und Villebois' Rat, recht liebenswürdig zu sein, bei den übrigen Damen des Hauses mit einer solchen Verve in Szene gesetzt, daß die Schönen an reiner Preußenschwärmerei krankten und ihre russischen Galane erstaunt sich völlig in den Schatten gestellt sahen. Die antirussisch gesinnten Vertrauten Peters sahen mit geheimer Lust, daß Preußens hauptsächlichste Gegnerinnen, die Zarin mit ihren Damen, fortan ganz anderen Gefühlen unterlagen, also Aussicht vorhanden war, die ihnen entgegenstehende stockrussische Politik über Bord geworfen zu sehen. Die altrussische Partei aber, welche in Katharina ihr Haupt verehrt hatte, erkannte voll Schreck, wie preußische Offiziere mit ebenso schnellem als auffälligem Glücke die Gunst und Stellung erlangten, welche sie bisher ausschließlich besessen hatten. Was Ungern-Sternberg, Trubetzkoi und Villebois mit Hoffnung erfüllte, versetzte Leute wie Rasumowsky, Panin, namentlich die Orlows aber in die äußerste Wut und Furcht, welche um so größer war, als sie jetzt ihre völlige Ohnmacht erkannten. Die Tatsachen, welche sich vollzogen hatten, nahm allein Michael Woronzow, der Vizekanzler, mit schlauer Kaltblütigkeit hin und machte danach seine Berechnungen. Es wunderte ihn daher auch gar nicht, als die Kaiserin kurz vor Schluß des Balles ihm befahl, sie in ihren Privatgemächern zu erwarten. »Michael,« sagte sie daselbst scharf, »es passierte heute in der Zitadelle etwas Besonderes! Bei deinem Leben, weißt du darum?« »Ich war heute früh gar nicht in der Zitadelle anwesend. Geschah etwas, so geschah es hinter meinem Rücken, und ich weiß davon sowenig wie Eure Majestät.« »Vielleicht geschah es gestern schon, und deine dicke Nichte, die Gräfin, wird darum wissen. Sie sollte bedenken, daß, wenn ich ihr auch verzeihe, daß sie sich an Peter verkauft hat, ich doch einst Mittel finden könnte, sie zu züchtigen, wenn sie an einer Konspiration gegen Rußland teilnimmt oder sie verheimlicht! Ihr Woronzows steht bald auf dem rechten, bald auf dem linken Beine, nehmt euch nur in acht, daß ihr nicht einst beide Beine verliert und den Kopf dazu!« »Majestät, ich werde mit Elisabeth reden, und weiß sie etwas, dann werde ich es erfahren. Ich fürchte, daß, da etwas geschah, was Eurer Majestät zuwider scheint, die Sache allein zwischen Seiner Majestät, Sternberg und Villebois geblieben ist. Der Zar liebt zwar Elisabeth, aber ist in der Politik gegen sie nichts weniger als mitteilsam. Er traut den Woronzows nicht!« »Möglich. Selbst diesem stöckischen Hohlkopf ist die Dicke für Staatsaffären denn doch zu dumm! Frage sie aber nur, und was sie nicht weiß, soll sie zu erfahren versuchen. Das könnte ihr sehr zustatten kommen, wenn ich einmal Witwe werde! Leicht möglich ist das schon, denn der Zar leidet an zunehmender Geistesschwäche!« »Ich werde sie hierüber belehren!« »Gute Nacht, Woronzow. – Mir ist schon so – preußisch zumute, als wäre ich in Sanssouci statt in Petersburg. Wir sind die Gefangenen unserer Gefangenen geworden und sind doch ganz vergnügt darüber!« Die Strategie der Leidenschaften Das sogenannte »Roßbach-Manöver« war eben vorüber. Man hatte es unter Anwesenheit des gesamten Hofes auf der livländischen Seite unweit Katharinenhof mit allem Pompe damaliger Zeit unter dem Zusammenströmen einer unabsehbaren Menschenmenge abgehalten. Daß dasselbe Knobloch und Steuben vorzüglich geglückt war, versteht sich von selbst, da Villebois wie Ungern-Sternberg die Stabsoffiziere der beiden Parteien spielten, Marschall Münnich, Trubetzkoi, Wolkowsky und andere Anhänger der Partei Peters die Truppen der beiden operierenden Korps kommandierten. Zar Peter war geradezu außer sich vor Bewunderung, und da er sah, wie sich mit russischen Truppen schwierige preußische Bewegungen ausführen ließen, erklärte er laut, daß die russische Armee völlig auf preußischen Fuß gebracht werden müsse! Bei dem Diner, das hierauf im Katharinenhof eingenommen wurde, überhäufte der Kaiser Knobloch wie Steuben mit Lob und Gnadenbeweisen, und die russischen Militärs kamen sich wie Automaten vor, welche von preußischen Drähten gelenkt wurden. Dies ostensible Manöver, welches sonach zu einer Glorifikation der preußischen Armee geworden war, legte aber zuerst den Keim jenes Hasses gegen Peter III. in die Herzen der Petersburger Offizierkorps und ihrer Regimenter, welcher für den Kaiser sehr verhängnisvoll werden sollte. Es bedurfte nur noch der Torheit, die Mannschaften selbst, die einzelnen Offiziere zu erbittern, um Peter ihren Herzen gerade dann zu entfremden, da ein einziges Regiment, das ihn geliebt hätte, genügt haben würde, ihn zu schützen. Nach Beendigung des Manövers und des Diners zu Katharinenhof kehrten Steuben und Knobloch samt ihren Kameraden in der Suite des Kaisers zum Winterpalais zurück. Katharina war mit ihren Damen vorausgefahren. Ihr Benehmen war ruhig und nachdenklich gewesen. Als Steuben bei der Parade, welche den Schluß des militärischen Schauspiels bildete, sein Korps, das die friderizianische Armee personifiziert hatte, der hohes Frau vorüberführte, hatte sie ihn herangewinkt. »Das, was ich von dir gesehen habe, Steuben, erwartete ich vorher. Ich weiß, ich täusche mich nicht in dir! Ich sehe dich also noch heute?« – Damit entließ sie ihn. Bei dem Diner hatte sie kein Wort mit Steuben gewechselt, aber offen vor dem Kaiser erklärt: »Seine Offiziere machen dem Könige von Preußen Ehre; ich glaube, sie würden selbst mit einem Korps Tschentschenzen oder Baschkiren den Soubise geschlagen haben!« Als Peter III. sich an der Spitze seines militärischen Hofstaats zum Winterpalais zurückbegab, ritt er zwischen Knobloch und Steuben. In einiger Entfernung folgten sein Vetter und sein Oheim, die Prinzen von Holstein, Villebois, Münnich und Sternberg; hinter diesen erst kamen die übrigen russischen Generale. Somit wurde der Kaiser durch seine Vertrauten genugsam von letzteren getrennt, um sich ungestört seinen militärischen und politischen Sympathieergüssen hingeben zu können. »Bei der Seele des großen Peter, Väterchen,« rief er unbedacht, »ich wünschte wohl, ich hätte den Tag von Roßbach erlebt und an deines großen Königs Seite am Kampfe teilnehmen können!« »Niemand würde das eine reinere Freude gewesen sein als meinem Monarchen,« entgegnete Knobloch, »und keine größere Ehre könnte Preußen je widerfahren sein!« »Wenn mein schwergeprüfter Landesherr«, setzte Steuben das Gespräch fort, »diesen Freudestrahl in seinem Leben voll Sorgen, wenn das von aller Welt gepeinigte Preußen diese Ehre damals nicht haben durfte, weil der Wille Ihrer seligen Vorgängerin, Majestät, dies unmöglich machte – ist denn aber jetzt Eure Majestät nicht frei? Wer kann Höchstihnen zuwider sein, wenn Ihr allmächtiges Wort jetzt das wahr macht, was Sie wünschen, daß es schon damals geschehen sei?« »Wie meinst du das, Freundchen?« »Der Schluß des Waffenstillstandes, Majestät, ist seitens unseres Königs ganz unzweifelhaft. Er wird sicher gern auf alles eingehen, was denselben in einen Frieden verwandelt. Wird aber damit dem Blutbade Einhalt getan sein? Werden deshalb Österreich wie Frankreich etwa den Krieg nicht fortsetzen? Ihn zu beenden, hieße sich Friedrichs II. ewigen Dank verdienen, es hieße der Wohltäter Preußens – ja, der gesamten deutschen Lande sein!« »Es wäre eine schöne, unvergängliche Tat für den, der sie täte!« sagte Peter sinnend. »Wer ist zu ihr sichtlicher berufen als Eure Majestät?« »Wie denkst du dir, daß es geschehen kann?« »Wenn mein kaiserlicher Herr nicht nur mit Preußen Friede, sondern zugleich ein Schutz- und Trutzbündnis schließen würde!« »Dann müßte ich aber meine Russen gegen meine bisherigen Verbündeten marschieren lassen?« »Gegen Ihre Verbündeten, Majestät? – Ich meine, Österreich und Frankreich seien nur die Verbündeten der seligen Kaiserin gewesen. Ihr Herz und Ihr Wort ist nicht gebunden!« »Nein! Noch weniger mein Wille! Wenn der Waffenstillstand erfolgt, will ich das überlegen, Lubesnoi! – Wie wär's denn aber, Steuben, wenn du mit dem General, mit allen euren preußischen Offizieren hier in meine Dienste treten würdest? Friedrich hat genug berühmte Führer, um euch missen zu können! Wäre es nicht schön, wenn ihr selber meine Truppen für Friedrich und Preussen dann gegen deren Feinde führtet?« Steuben warf Knobloch einen hastigen Blick zu. »Majestät, das könnte wohl geschehen. Uns müßte es zu einer besonderen Ehre und zu hohem Ruhm gereichen, seinen Landesherrn mit einem so großen Monarchen wie Eure Majestät zu vertauschen. Dazu bedarf es aber unseres Königs Genehmigung. Gewiß wird er sie erteilen, aber, verzeihen Sie ihm das, auch wohl bestimmt nicht eher, als bis Friedrich Ihres Bündnisses gegen seine Feinde sicher ist. Die preußische Armee hat verzweifelte Lücken in ihrem Offizierkorps, und König Friedrich dürfte sich keines brauchbaren Mannes entäußern wollen, wüßte er nicht, daß es seinem teuersten Freunde zuliebe geschieht, dessen Hilfe ihm den Frieden sichert.« »Ja, ja, 's ist richtig! Ich würde auch Billebois, Münnich oder Tschernitscheff nicht an ihn weggeben, wüßte ich nicht, daß Friedrich mit mir marschierte. Nun, ich weiß wenigstens eure Meinung, und vielleicht werdet ihr in nicht allzulanger Zeit gute Russen.« – Am Winterpalais verabschiedeten sich die Preußen. Als die kaiserliche Suite in dem gewaltigen Portal des Palastes verschwunden war, stieg Steuben vom Pferde, welches Knoblochs Reitknecht übernahm. »Sie gehen zur Kaiserin?« sagte der General leise. »Ich bin befohlen. – Wäre es nicht vielleicht klug, wenn Sie unserem Gesandten von der Goltz einen Besuch machten und ihm erzählten, was wir soeben gehört habe»?« »Ich dachte bereits daran.« Damit trennten sich die preußischen Offiziere. Steuben betrat ein Seitenportal, das direkt zu den Appartements der Kaiserin führte, und befand sich alsbald im Vorgemach der Fürstin Daschkow gegenüber. »Sie kommen gerade im rechten Moment, Herr von Steuben. Die Kaiserin hat aus zuverlässiger Quelle erfahren, daß Zar Peter Schritte tat, einen Waffenstillstand, vielleicht sogar den Frieden mit Ihrem Könige abzuschließen. Sie werden Ihre Majestät in einiger Aufregung finden.« »Hoffentlich wird sie nicht mir ungnädig sein, weil etwas geschah das ich die Macht nicht hatte zu verhindern.« »O nein, Sie haben meine Gebieterin völlig für sich eingenommen. – Ich weiß aber, Steuben, Sie sind Patriot, Sie würden also wohl die Versöhnung Rußlands mit Preußen auch nicht gehindert haben, wenn es in Ihrem Belieben gestanden hätte, wie?« »Gewiß nicht, schöne Fürstin, ich verdiente sonst die Kugel vor den Kopf!« »Nun gut, das ist ja natürlich. Was geht Sie auch an, was die Monarchen untereinander treiben? – Aber Ihr Glück, Steuben, geht Sie doch am meisten an, zumal wenn – Frieden werden sollte! Ich bitte Sie also, mein Freund, treiben Sie den preußischen Patriotismus nicht so weit, daß Sie das Glück verscherzen, das Ihnen in Rußland blüht! Jetzt werde ich Sie melden.« – Damit verschwand sie. Steuben überließ sich seinem Sinnen. – Der Wink der Fürstin war deutlich. Es schien auch, als habe die Wahrscheinlichkeit des Waffenstillstands und des Friedens bei Katharina nicht so schweren Zorn erweckt, wie man bei ihrer politischen Richtung und ihrem Widerwillen gegen Friedrich II. notwendig gewärtigen mußte. Es kam also nur darauf an, die Stimmung der Kaiserin zu mildern, den Verhältnissen, wie sie sich in Preußen zu gestalten schienen, ihre günstige Meinung zu sichern. Fürstin Daschkow öffnete die innere Tür und winkte lächelnd. Steuben folgte ihr durch einen prachtvollen Saal und mehrere Gemächer, in welchen sich Hofdamen aufhielten, zum Arbeitskabinett der Kaiserin, in das beide eintraten. Katharina saß an ihrem Schreibtisch, das Haupt auf die kleine, volle Hand gestützt und finster sinnend. Als sie Steuben sah, ward ihr Gesicht milder. »Nein, du bist nicht schuld daran, ich weiß es! Komm her, dich lasse ich nichts entgelten!« Sie hielt ihm die Hand hin. Er eilte zu ihr und preßte seine Lippen auf ihre Rechte. »Aber ist es nicht bitter, daß dieser – dieser Mensch das tun mußte, der sich mein Gemahl und Rußlands Herr nennt und hinter meinem Rücken operiert, nur weil ich's bin, die er damit zu kränken denkt? Still nur! Du kennst nicht ihn, kennst nicht mich, kennst nicht die Ehe, die dem Manne schrankenlose Willkür läßt, aber das Weib zur Sklaverei und Entehrung verdammt! Peter muß ganz rasend sein und wird mich rasend machen, bis ich endlich etwas tue –!« Sie brach kurz ab – »Was hältst du von dem Zaren?« »Majestät, die Ehrfurcht verbietet mir –!« »Ehrfurcht?! – O ja, das ist ein guter Vorwand, kein Urteil abzugeben. – Hier sprichst du als Freund zu deiner Freundin, Steuben, und über jemand, der ihr mehr Feind als irgendein Mensch und den sie weit mehr haßt als deinen Friedrich! Man mag diesem Könige gram sein, aber achten und bewundern muß man ihn, Peter aber kann man nur verachten. Doch selbst in dem Zustande, in dem ich mich jetzt befinde, will ich gegen ihn gerecht sein, will eine parteilose Stimme über ihn hören.« »Majestät, es gibt nicht leicht einen Charakter, der schwerer zu beurteilen ist als der des Zaren, seine Individualität, die sich in Gegensätzen und sprungweise bewegt. In dem einen Augenblicke bewundert man Sr. Majestät Scharfsinn, in dem nächsten weiß man nicht, ob man ihn nicht beklagen muß.« »Sehr richtig!« Katharina erhob sich und schritt durch das Zimmer. »Es kommt mir vor, als habe er zwei Hirne, ein begabtes, ja mitunter großartiges, und ein albernes voll von Dummheiten! Bald denkt das eine, bald faselt das andere, bald denken und faseln beide durcheinander, so daß es sich wie Verrücktheit anhört! Rußland wird von einem Narren regiert, der mitunter Geistesblitze hat, das schlimmste aber ist, daß dieser Narr nicht einmal ein gutes Herz hat, damit er wenigstens ein gutherziger Narr wäre!« »Sie urteilen so scharf und dabei so klar, Majestät, daß man sich eigentlich vor Ihrem Urteil fürchten müßte.« »Du brauchst es nicht. Ich weiß, du hast ein Herz!« Sie legte ihre Hand auf Steubens Arm. »Ich fühle, daß du Preußen liebst und für deinen König mehr tun kannst als für jeden anderen. Das ist deine Schuldigkeit und deine höchste Ehre zugleich. Für Zar Peter würdest du nichts tun können, er würde dich nur zu seinem Affen machen oder du ihn zu deinem. – An deinen Evolutionen im Manöver erkannte ich gut genug, daß du nicht bloß ein tüchtiger Soldat im Felde gewesen sein mußt, sondern daß du einst ein großer Feldherr sein wirst! Du bist der geborene Lehrer und Gestalter einer Armee!« Damit sahen ihre großen, klugen Augen Steuben an und bohrten sich tief und glühend in seine Seele. Als er halb erschrocken, halb beschämt und in geheimer Sorge, von diesem Blick durchschaut zu werden, das Haupt senkte und tief errötete, legte sie ihm die Hand unter das Kinn, erhob ihm den Kopf und lächelte ihn an wie eine liebende Braut. »Es fragt sich, Steuben,« sagte sie sanft und leise, »ob du mir zuliebe etwas vermagst?!« Der kecke Preuße, vor solch eine klare Alternative gestellt, ergriff Katharinas Hand. »Alles vermag ich für Sie, was ein Mann im Leben und Sterben zu bieten vermag!« »Das wäre nicht weniger als dich selbst mit allen deinen Gaben! Nichts würdest du für dich behalten?« »Doch, Majestät! Meine Ehre und mein Gewissen! Sie gehen mir übers Leben!« »Die lasse ich dir gern; ich liebe weder ehrlose noch gewissenlose Männer! Eins aber muß ich wissen, ob du es kannst. Peter hat es nie vermocht, für dich ist es doppelt schwer! Vermagst du russisch zu fühlen und zu denken?!« »Das wird mir etwas schwierig sein, selbst wenn ich wüßte, wie es zu machen wäre. Aber zu fühlen und zu denken wie – Katharina, wie die hohe Frau, die ich so heiß verehre – das muß ich doch wohl vermögen!« »Wir wollen's einmal versuchen. – Erkläre mir doch, weswegen ich solchen Widerwillen gegen deinen König und dies Preußen habe.« »Ich glaube, man würde Ihrem fürstlichen Frauenherzen wie Ihrem hochsinnigen Geiste gleich Unrecht tun, wollte man diesen Widerwillen für Laune halten oder für ein verstandsloses Gefühl. Ebensowenig kann ich mir denken, daß Sie Preußens Geist und Friedrichs II persönliche Gaben mißachten.« »Nein, Steuben, das tue ich nicht, im Gegenteil!« »Sie beneiden Preußen um seinen König und diesen König um Preußen.« Die Stirn Katharinas erglühte, ihr Busen hob sich, ein leichtes Zittern durchrieselte sie. »Ich sehe,« sagte sie, »du siehst in mich hinein! – Bist du mit deinem Urteil fertig?« »Nicht ganz, Majestät. – Es ist kein kleiner gewöhnlicher Neid, der Sie beseelt, sondern der Neid der guten und großen Fürstin, daß ein anderes Land ein Wissen und Können, eine Gesittung besitzt, welche Ihrem heißgeliebten Rußland noch abgehen! Der tiefe Neid einer in ihren heiligsten Gefühlen gekränkten fürstlichen Frau ist es, daß das kleine Preußen von einem so großen und weisen Könige regiert wird, einem Könige, der zu Ihrem Geiste paßt, Majestät, indessen das große Rußland und Sie einen Mann zum Schicksalslenker erhielten, der –« Steuben stockte. »Ich dächte – der Punkt wäre genügend erörtert! – Jeder von uns Fremden, jeder Ausländer muß Ihnen darum eine Bitterkeit über alles das erregen, was die Russen nicht leisten, und es ist eine Beleidigung für Ihre patriotische Empfindung, Rußland von fremder Kultur überflutet zu sehen und es nicht hindern zu dürfen, soll Ihr Reich nicht kulturlos bleiben!« »Du sprichst mir aus der Seele!« rief sie, die Hände ineinanderpressend, und große Tränen standen ihr in den Augen. »Ich wollte ja Friedrich und Preußen mit beiden Händen Frieden und meine Freundschaft obenein geben, vermöchte ich Rußland durch die Russen zu dem, nein, zu noch mehr zu machen, als Preußen durch sein eigenes Volk geworden ist!« »Das können Sie. Majestät!« »Wie?! – Der Mann, der das zu sagen und zu erringen wüßte, der müßte Rußlands Zar sein! Ich wollte ihn wie eine Sklavin anbeten, denn in ihm lebte Peter des Großen Riesengeist wieder unter uns auf!« »Mit einem Male ist es gewiß nicht zu machen, hohe Frau. Auch befinden Sie sich im Irrtum, zu glauben, sein eigenes Volk allein habe Preußen zu dem gemacht, was es ist, was es selbst noch in diesem langen, fürchterlichen Kriege geblieben ist. – Holländische Einwanderer im Mittelalter, französische Flüchtlinge, übergetretene schwedische, österreichische und sächsische Generale, die alle sind die Lehrer meines Volkes gewesen. Noch heute blüht zahlreich und wohlhabend die französische Kolonie, die Herren de Valadie, Duloulin, Lafauche, l'Enfant und Romanai in unserem Offizierkorps sind alle französischen Blutes! Ich habe aber darum weder gesehen noch gehört, daß dadurch die Berliner Franzosen geworden wären. – Die Enkel der Fremdlinge, die ihrer Länder Wissen hierher nach Petersburg tragen, Majestät, werden einst so gute Russen sein wie Höchst sie selbst. Ist es nicht Ihrem Volke zu verzeihen, wenn es nicht Ihre Geisteskraft besitzt, Majestät, um sich so rasch auf die Höhe seiner nationalen Aufgabe zu schwingen? Wenn die preußische Nation nur aus ringenden, sich entwickelnden Menschen besteht, soll die Ihrige denn nur Götter hervorbringen, Götter, die einen so ahnenden Blick über alle Zeiten hinaus haben wie Sie?!« »Daschkow,« sagte Katharina flammend, »er ist der einzige Mann, der mich versteht, der einzige, dessen Geist dem meinen entspricht. – Geh hinaus, Liebchen, es gibt nicht viele so selige Stunden für mich im Leben!« Die Fürstin hatte sich entfernt. Mit starken Schritten und in fieberhafter Erregung schritt Katharina auf und nieder, dann ergriff sie Steubens Hand. »Komm, mein Freund, mein Geliebter. Nicht hier, da drinnen ist der Ort, das Beste zu sagen.« Sie führte ihn zu einer kleinen Tür, die aufsprang. Sie standen in der Kaiserin Schlafzimmer. »Du hast versprochen, mir alles, dich selbst zu geben, nur deine Ehre, dein Gewissen nicht. Steuben, alles sollst du mir sein, Herz von meinem Herzen, Geist von meinem Geiste, Blut von meinem Blute! Willst du der Ordner und Verbesserer meiner Armee, willst du mein Herrschaftsgenosse einst – willst mir zuliebe du ein Russe werden?! – Verlasse deines Königs Dienst, mag sein Land meinetwegen Friede und Glück haben. Verlasse ihn, sei unser, nein, sei mein! Ich will dich einst so hoch erheben, daß Birons und Menschikows Namen gegen den deinen ein Gespött werden sollen! Willst du das?« Sie schlang ihre Arme um seinen Hals. »Für eine einzige Gnade, für ein Opfer, ja!« »Nenn's, und ich bring's!« »O große Frau, dafür, daß ich mich dir geweiht, sei eine Freundin meines Landes, meines Königs, den ich um dich verlassen soll!« »Sei es denn! – Ewig bist du mein Gefangener! Friedrich sei ewig von meinem Haß frei! In dir will ich ihn lieben!« Der Abend dämmerte bereits, als der preußische Stratege vom Kaiserpalaste zum preußischen Gesandten schritt. Freiherr von der Goltz war sehr erstaunt, ihn bei sich zu sehen. »Das muß etwas ganz Besonderes bedeuten, zumal Ihr General schon hier war! Ich dachte, Sie pflegen nach dem anstrengenden Manöver jetzt in der Zitadelle der Ruhe?« »Ich hatte noch andere Manöver zu machen. – Ich komme von der Kaiserin!« »Privataudienz?« »Privatim! – Ich bitte Sie, mir in einer Angelegenheit behilflich zu sein, welche für das Gelingen unseres Planes und die Interessen unseres Königs von äußerster Wichtigkeit ist!« »Sie machen mich begierig!« »Ich kann Ihnen vorläufig mitteilen, daß die Kaiserin bereits weiß, daß es sich um einen Waffenstillstand handelt!« »Was? Woher um Gottes willen?!« »Sie weiß es nicht nur, sie wird sogar bei dem Frieden keine Miene verziehen!« »Das – ja, das ist wirklichst höchst überraschend! Wahrhaftig, ich glaube am Ende noch, sie wird ernstlich Preußens Freundin, nachdem sie – Ihre Freundin geworden ist.« »Mutmaßlich!« »Herr von Steuben, ich bewundere Sie! Diese Tatsache ist ganz außerordentlich! – Dann ist am Ende wohl Aussicht, daß Katharina auch noch ruhig zusieht, wenn Rußland für unseren König marschiert?« »Dessen bin ich denn doch nicht sicher! Es gilt also, über diesen Punkt sehr geheim und geschickt zu verhandeln. Sie muß, bevor wir Rußland verlassen, keine Ahnung hiervon haben, und es muß so veranstaltet werden, daß wir an demselben Tage oder der auf ihn folgenden Nacht Petersburg den Rücken gekehrt haben, da dieser Friede unterzeichnet ist!« »Die Sicherheit von Ihnen allen würde sonst bedroht sein?« »Darum handelt es sich gar nicht, sondern daß Katharina auch nach dem Friedensschluß solange getäuscht wird als möglich! Am besten, sie bliebe es solange, bis mit russischer Hilfe Preußen von seinen übrigen Gegnern des Frieden erzwungen hat!« »Wie soll diese Täuschung indes möglich sein?« »Ich reiche hiermit mündlich meinen Abschied aus dem preußischen Dienste ein, morgen werde ich denselben schriftlich senden!« »Sie? Ich – ja aber was heißt denn das? – Welche Ideenverbindung zwischen diesen beiden Sätzen besteht denn?« »Sie benachrichtigen Se. Majestät, daß ich und mutmaßlich noch eine Anzahl meiner Schicksalsgenossen ihren Abschied nachsuchen wollen.« »Um in russische Dienste zu treten?« »Das können Sie dazusetzen, obwohl sich Se. Majestät es selbst wohl sagen wird.« »Ihr Gesuch ist sehr eigentümlich! Majestät dürfte wahrscheinlich erwidern, daß Sie, als im Kriege gefangen, gar keine Bestimmung über sich haben, Ihnen der Abschied also nicht zu bewilligen sei.« »Diese Resolution wäre mir sehr angenehm! – Ich würde dann, wenn ich frei wäre, also nach dem Friedensschluß, meinen Abschied erhalten?« »Auch dies möchte ich bezweifeln, Sie und Ihre Genossen haben zu Treptow die Waffen gestreckt, den Ort übergeben und – Kolbergs Fall war die Folge! Wer unseren König kennt, der wird der Ansicht sein, daß er diesen Vorfall an seinen Urhebern zu bestrafen wünscht, schon des Beispiels in der Armee wegen. Die Folge wird sein, daß, nachdem man Sie nach Preußen entlassen hat, Ihnen ein Kriegsgericht bevorsteht, und etliche Monate Festung dürften Ihnen schwerlich erspart werden.« »Sehen Sie, Exzellenz, das alles wünsche ich eben, gerade das kann ich brauchen. In Preußen angelangt, ziehe ich sofort meinen Abschied zurück und diene weiter! Vielleicht ist unser Plan dann hier geglückt, und Se. Majestät gratuliert sich am Ende noch zu der Gefangennahme in Treptow, welche uns ermöglichte, ihm in Petersburg Rußland zum Bundesgenossen zu machen!« Von der Goltz starrte Steuben eine Weile an, dann brach er in helles Gelächter aus. »Jetzt erst verstehe ich Sie, das ist ja ganz einzig! – Ihre Pointe also ist, hier offiziell den Abschied abgeschlagen, Ihnen Untersuchung und Strafe verheißen zu sehen, ehe der Friede perfekt ist?« »Damit, wenn ich hier fort bin, die Kaiserin der festen Meinung lebe, ich kehre nach meiner Bestrafung verabschiedet wieder.« »Die Hoffnung Ihrer Wiederkehr aber wird sie uns Preußen gegenüber zahm erhalten?« »Eine Weile – ganz gewiß!« » A la bonheur , Herr von Steuben, Sie sind nicht nur Stratege, wo es gilt, Truppen, sondern auch, wo es gilt, Leidenschaften ins Feld zu führen! Ich setze sofort den Bericht Ihres Besuches auf und sende ihn ab. Morgen erwarte ich Ihren schriftlichen Abschied, der übermorgen mit dem inzwischen angelangten zweiten Kurier abgehen soll. In Petersburg wird eine hohe Dame wohl lange genug mit Bitterkeit und Wehe an Sie denken!« »Das soll mich nicht kümmern, wenn Friedrich, mein einziger Herr und König, erst Sieger ist und in den Lorbeer die Palme des Friedens schlingen darf!« Der Abschied Am folgenden Tage sandte Steuben an den Gesandten seinen Abschied ein, dessen Empfangnahme bescheinigt wurde. Er zeigte dieselbe der Kaiserin bei seinem nächsten Besuch, und sie war nunmehr felsenfest überzeugt, daß Steuben nichts mehr fehlte als die russische Uniform. Ebenso wurde Zar Peter III. getäuscht, zumal Knobloch zur Vervollständigung der Intrige ebenfalls seinen Abschied eingereicht hatte. – Inzwischen war es stehende Regel geworden, daß Knobloch und dessen Offiziere am Tage sich dem Kaiser widmeten, seinen Truppenexerzitien beiwohnten, öfters vor ihm selbst die Truppen kommandierten oder ihn auf die Jagd wie zu Inspektionen begleiten mußten. Ebenso sicher war aber auch Steuben, falls nicht Hoffeste es hinderten, abends bei der Kaiserin und ihren Damen zu finden. In letzterem sahen Peter III. und dessen Umgebung nichts Auffälliges. Erstlich war der Zar ein viel zu achtloser Gatte, um sich für seiner Gattin Treiben zu interessieren, sofern sie ihm nur seinen Willen ließ und seine Pläne nicht durchkreuzte. Ferner sah seine Partei, mithin er selber, es gern, wenn, wie er sagte, »die preußischen Offiziere zu den Damen liebenswürdig waren«, weil man sich dann versichert hielt, Katharina werde gegen eine preußische Politik nichts unternehmen, und ihre bisherigen russischen Partisane würden völlig aus dem Felde geschlagen werden. Die gefangenen Preußen ließen sich so etwas nicht zweimal sagen. Sie hatten die Gelegenheit, Eroberungen zu machen, so gut benutzt, daß fast jeder bei Hofe eine kleine schalkhafte Liaison unterhielt. Oft begleiteten Romanai und Oberst Kaminsky den Generalstabsoffizier, damit den Damen Daschkow und Buturlin die Zeit nicht lang werde, wenn Steuben sich mit der Kaiserin unterhielt. Der Waffenstillstandsvertrag war von Friedrich II. angenommen und demgemäß von Peter III. die Einstellung aller Feindseligkeiten verfügt worden. Katharina sprach kein Wort der Widerrede, sie schien versöhnt. Die altrussische antipreußische Partei schnob natürlich Gift und Galle wegen des kommenden Friedens. In der Petersburger Garnison erwachte, der endlosen, höchst anstrengenden Exerzitien wegen, ein drohender Geist der Widerspenstigkeit, Adel und Klerus aber blickten täglich besorgter und ingrimmiger auf die Reform, welche Peter ihnen über den Hals brachte. Alle russischen Kreise waren mit sich einig, daß man diese schönen Neuerungen so gut wie den nahestehenden Frieden nur den »verdammten Preußen« zu verdanken habe, welche selbst die eifrigste aller Russinnen, Katharina, verblendet hatten. Darin ging man selbstverständlich zu weit, denn der eigentliche Schuldige, wenn man überhaupt so sprechen darf, war Peter III. unbedingt selbst. Der Haß, den das alles jedoch erzeugte, richtete sich nicht gegen ihn, sondern gegen die Gefangenen. Mit jedem Tage wurde die Lage Steubens und seiner Genossen bedrohlicher. Einerseits lauerte auf sie rings der nationale Haß, andererseits war, je weiter ihr Plan bei Peter III. reifte und Früchte trug, die vorzeitige Entdeckung zu besorgen. Der französische, österreichische wie sächsische Gesandte wurden um so mißtrauischer, je offenkundiger der Zar sie ignorierte, sie sogar mit kindischen, höchst unpassenden Spöttereien aufzog, indessen der preußische Gesandte bei Hofe eine bevorrechtete Rolle spielte. Der Gang der Intrige war folgender: Nachdem es Knoblochs und Steubens Überredung geglückt war, mit Hilfe des von Friedrich II. instruierten von der Goltz die Beistimmung Peters zum Frieden unter dem ausdrücklichen Vorbehalt zu erlangen, daß demselben in den ersten Tagen des Mai ein preußisch-russisches Schutz- und Trutzbündnis folgen solle, war das Friedensinstrument nach Berlin gesendet worden, um es dort nochmals durchsehen, ratifizieren und dann die Unterschriften auswechseln zu lassen. An dem Tage, da letzteres geschehen sollte, den 25. April, traf von Freiherrn von der Goltz schon am Morgen ein Schreiben an den Generalfeldzeugmeister de Villebois, den Gouverneur des Platzes, ein, welches eine Kabinettsorder des Königs von Preußen »an den Königlich Preußischen General von Knobloch und dessen Offizierkorps, zur Zeit Gefangene Sr. Kaiserliches Majestät von Rußland« und ein Privatschreiben des Gesandten an Knobloch enthielt. Die Order Friedrichs II. sprach aus, »daß der von Knobloch, Steuben und wer sonst noch seinen Abschied einzureichen gewillt sei, sich als Gefangene solcher Forderung gänzlich zu enthalten hätten, da ihnen keinerlei Beschluß über sich selbst zustehe. Sie hätten, sobald der Friede ihnen die Freiheit zurückgebe, sich noch als in Sr. Majestät Diensten befindlich zu erachten, sofort in Berlin einzutreffen, sich zu melden und wegen der Waffenstreckung zu Treptow vor einem Kriegsgericht zu verantworten. Erst wenn dieses sie freispreche oder sie ihre eventuelle Strafe verbüßt hätten, stände es ihnen frei, zu quittieren, falls sie es über ihr Gewissen bringen könnten, vor Beendigung des Krieges ihre Fahne zu verlassen.« – Das Privatschreiben des Gesandtes an Knobloch sagte: »Das Friedensdokument ist angelangt! Sie wissen, heute abend ist Hofball, dort müssen Sie die Damen so fesseln, daß die Ratifikation unbemerkt erfolgen kann. Diese Nacht noch werden Sie sämtlich Petersburg verlassen, damit nächste Woche die Ankunft des anderen Schriftstücks zu gewärtigen stehe. – Lassen Sie die Kabinettsorder durch den Generalfeldzeugmeister sofort dem Kaiser vorlegen und um Ihre Freilassung bitten. Klug und rasch sein, heißt jetzt gewinnen!« – Die Gesichter aller verklärten sich, nur nicht das Antlitz Friedrich von Steubens. Es war bleich, und sein Auge blickte starr. »Was haben Sie,« rief Oberst Kaminsky, »Sie schauen bei der Befreiungskunde wie ein Verzweifelter drein?« »Wie ein Verzweifelter nicht, Oberst. Wie ein Schuldiger, wollen Sie sagen! Noch ist es Zeit, mein Unrecht gutzumachen. Ich werde es!« »Dann tun Sie es wahrscheinlich nicht bloß auf Ihre, nicht nur auf unsere Lebensgefahr hin, sondern auf die Gefahr Ihres hoffenden Königs, Ihres ringenden Vaterlandes!« rief General von Knobloch. »Dürfen Sie das, Herr, als Patriot?!« »Nein, mein General, ich werde es auch nicht. Mein König soll nicht zu kurz kommen, mein Land nicht um meinetwillen länger vom Feinde verwüstet werden! Wenn es ohne Opfer nicht abgeht, ich werde es, sei's auch mit meinem armen Leben, bringen! Ich habe mich in das Nest der Löwin gewagt und mit ihr gekost, ich werde drum auch erwarten, daß ihre Tatzen mich zerreißen!« Damit zog er sich auf sein Zimmer zurück. Das Privatbillett des Gesandten verbrannte Knobloch sogleich, die Kabinettsorder aber übergab er Villebois zur schleunigen Überreichung mit dem Bemerken, daß er wie Steuben unter allen Umständen entschlossen seien, nach überstandenem Kriegsgericht und etwaiger Strafe den preußischen Dienst mit dem russischen zu vertauschen. – Die Aufregung im Winterpalais, als die Kabinettsorder durch Villebois anlangte, war außerordentlich. Binnen einer Stunde wußte jedermann daselbst den Inhalt von Friedrichs II Order. Der Zar ließ die angesetzte Parade absagen, denn er war über seinen »von frère Frederic« sehr wütend. Um Mittag wußte man schon in allen höheren russischen Kreisen die Neuigkeit und freute sich, daß nun doch einmal Friede werde, »die schuftigen Preußen wenigstens von Petersburg weg müßten, um in Berlin ins Loch gesteckt zu werden, falls ihnen nichts Schlimmeres geschehe«, denn die preußische Willkür bei Abmessung der Strafe dachten sich diese Herrschaften ebenso hart wie die russische. Alle Gegner der Offiziere, welche hoffähig waren, beschlossen, abends den Ball zu besuchen, um die neue Situation zu prüfen und welche Aussichten den altrussischen Parteien sich nunmehr darböten. Peter III. war so gereizt, daß die für den Abend bevorstehende Ratifikation des Friedens im ersten Augenblick ernstlich in Frage gestellt war. Ungern-Sternberg und Villebois, welche vorher schon von dem preußischen Gesandten verständigt worden waren, sagten jedoch dem Zaren, daß man die disziplinarische Gewalt Friedrichs über seine Leute ehren müsse, weil diese seine Armee zu dem gemacht habe, was sie wäre. Daß, wenn der Friede etwas verzögert würde, auch die Freiheit, mithin die Rückkehr der Offiziere sich verzögern müsse, Steuben wie Knobloch aber hätten ausdrücklich versichert, es werde sie nichts vom Abschiede abwendig machen, sobald sie denselben erst ordnungsmäßig einreichen könnten, überdies würde, wenn der Kaiser in einem Handbillett die Pardonierung der Gefangenen von Friedrich II. erbitte, derselbe schon aus Courtoisie sofort dieselbe gern erteilen. Es handele sich ja eben nur um die reglementsmäßige Aufhebung ihrer Verpflichtungen und ihres Untertanenverbandes in Preußen und die Ordnung ihrer Angelegenheiten daheim, so daß die Offiziere vielleicht schon im Laufe des Mai wieder erscheinen und alsdann ihre Ämter antreten könnten. Diese Gründe schlugen durch, und wie Peter sich immer in Extremen bewegte, so erschienen ihm auf einmal jetzt die Dinge weit günstiger als vor dem Eintreffen der Order. Er war um so eifriger, nun die Gefangenen außer Land zu wissen, und befahl, ihnen ihre Abreise für Ende der kommenden Nacht anzukündigen. Um so eher, meinte er, würde er sie wieder haben. – Steuben und Knobloch waren ihm nachgerade zu Spielpuppen geworden, und sie selbst mußten beständig dagegen steuern, daß er sich mit ihnen nicht vor allen Leuten geradezu lächerlich machte. Die Kaiserin, welcher Michael, der geschäftig-devote Vizekanzler, die Neuigkeit zuerst überbrachte, war außer sich. Sie fiel Steubens wegen in einen Zustand, in welchem peinvolle Liebe und aufsteigender Argwohn gleich heftig an ihr nagten. Andererseits wollte sie nicht durch leidenschaftliche Exaltation oder durch einen falschen Schritt das Geheimnis ihres Herzens preisgeben, denn eine Entdeckung desselben hätte Peter III. sicher nicht nur bestimmt, auf das Vergnügen zu verzichten, Knobloch und Steuben in seinen Diensten zu sehen, er hätte vielleicht auch tiefer in Katharinas ehrgeizige Seele blicken und eine Zukunft ahnen können, die als drohendes Gespenst bereits heranschritt. Bei ruhigem Nachdenken sagte sie sich, daß Steuben, wenn er sie wirklich liebe, sein Herz auch freiwillig zu ihr treiben müsse, und sie erwartete ihn, obwohl mit Unruhe, doch in voller Sicherheit. Und er kam! – Er kam, aber nicht wie immer! Das war derselbe rücksichtslos kühne und zugleich leichtfertig eitle Mann nicht mehr, welcher mit dem Herzen einer Frau so lange Ball spielte, bis er zu entfliehen vermochte, um seine Treulosigkeit durch Feigheit zu besiegeln. Als er ein sogenanntes »interessantes« Verhältnis mit der Zarin eingegangen war, um sie zu einer Freundin Preußens zu machen, ihren Widerwillen und Haß gegen seinen über alles geliebten Monarchen zu überwinden, hatte sein Herz ihr gegenüber nichts empfunden als die Eitelkeit und den Ehrgeiz eines Triumphes, welcher Preußens Sache zugute kam. Steuben war aber kein Don Juan, keiner jener herzlosen Wüstlinge, welche Weiber mit ihren Umarmungen vernichten. Er war ein ritterliches Gemüt. Liebte Steuben auch Katharina nicht, in ihm hatte sich doch ein edles Mitempfinden, hatte sich Mitleid mit ihr erzeugt, ein um so herzlicheres, quälenderes Mitleid, je mehr er sich gestand, daß ernsthafte Liebe hier nur zu einem tödlichen Verbrechen führen könne. Er war entschlossen, lieber noch heute zugrunde zu gehen, als – einen Schritt, einen letzten äußersten Schritt auf diesem Pfade weiter. Katharina empfing ihn allein. – Sie stand eine Weile vor ihm still, und alle ihre Pulse flogen. Dann sank sie an seine Brust und brach in ein Weinen aus, ein so fürchterliches Weinen, wie diese Frau es bis zu ihrer Todesstunde nie wieder an sich erlebt hat. »Ist es denn nun noch unrecht,« rief sie wild, »wenn ich deinen Friedrich hasse mit aller Kraft meiner Seele, dies Preußen verfluche, das mir das einzige in dir raubt, was außer meinem Volke mir noch wert ist? Behandelt man brave Offiziere, weil sie der Übermacht des Gegners erlagen, so grausam? – Uns scheltet ihr Preußen Barbaren und tut euch mit eurer Humanität, eurem französischen Esprit groß, wir aber hätten an braven Offizieren in solchem Falle nicht so – unköniglich gehandelt!« »Erhabenste Frau, wenn ich in diesem Falle nicht so denke, verzeihen Sie es mir. Nicht weniger hat mich die Order erschüttert, aber sie soll mir nicht den Gerechtigkeitssinn rauben, weil ich der Beteiligte, der Gefährdete bin. Solange nicht der Frieden zwischen Preußen und Rußland besiegelt ist, solange bin ich gefangener Offizier, als solcher aber noch immer in des Königs Dienst. Ich muß mich ihm stellen, muß sein Urteil erwarten und dessen Folgen hinnehmen, das ist Untertanenpflicht, ist die Disziplin, Majestät, durch die unsere Armee Europas Augen auf sich gelenkt hat. Nicht mit dem Frieden dem Befehl gehorchen, hieße mich zum Meineidigen, zum Deserteur machen, zu einem Elenden, auf den jeder russische Offizier hier mit Verachtung blicken müßte, dessen Nähe sie nur beschimpfen kann. Übrigens haben General von Knobloch und ich mit Villebois Hilfe alles getan, die Folge dieser Order wirkungslos zu machen.« »Und was geschah, Friedrich? Peinige mich nicht länger.« »Seine Majestät der Zar hat sofort durch Handbillet bei König Friedrich unsere Freisprechung und Verzeihung erbeten, ja, selbst versprochen, Kolberg für uns zurückzugeben. Friedrich bedarf des Friedens, bedarf der Freundschaft Rußlands, und so verblendet ist er nicht, um die Aussicht auf beides durch Versagung einer Höflichkeit zu gefährden.« »So mag der Friede lieber heute denn morgen gezeichnet werden, da es doch sein muß. Ich selber werde den Zaren bitten, daß er das Werk beeilt, das dich für mich befreit. Der Friede aber wird dich mir zurückbringen. – Sei offen, hast du eine Ahnung, wann abgeschlossen werden wird?« »Ich weiß es, und – obgleich es Geheimnis bleiben sollte, hohe Frau, mag ich Sie nicht in dem Augenblicke belügen, wo ich von Ihnen scheiden muß. Der Friede soll heute abend unterzeichnet werden!« Katharina fuhr wild auf. »Heute schon? – Der Friede? – Heute abend? – Haha, haha! Nun gut – ich habe nichts dawider. Für dich, als Preis dafür, schlösse ich mit dem Teufel Freundschaft! Ich danke dir, daß du so offen bist, da mich die Meinen hintergehen; das ist ein Zeichen wahrer Liebe.« »Wenn Sie so an die Macht der Liebe glauben, erhabene Frau, so lassen Sie mich um der Liebe, um Ihres und meines reinen Herzens willen auch offen gegen Sie sein, damit Sie an preußischer Ehre, an meiner Treue gegen Sie nicht irre werden. Lassen Sie mich wahr sein, wenn es Ihnen auch wehe tut!« »Gut! – Du darfst mir wehe tun! – Sprich zu mir wie der Mann zum Weibe seiner Wahl, sprich nicht zur Kaiserin.« – Sie führte ihn auf einen Diwan und setzte sich neben ihn, seine Hände in den ihrigen. »Bis zu diesem Augenblick, Katharina, handelten wir beide – verzeihen Sie, vielleicht ein wenig töricht und gewagt doch handelten wir nicht schlecht. Ich habe es nicht über mich vermocht, trotz Ihrer Glut die Schranken zu zertrümmern, die die Vorsehung leider zwischen uns aufgerichtet hat. Ihre Ehe mag schrecklich sein, Katharina, Ihre Entwürdigung maßlos – mag Zar Peter als Fürst wie als Mensch gleich bedauernswert erscheinen –, mir muß er ewig Ihr Gemahl sein, mir ist er stets ein gütiger Herr gewesen! Seine Gastfreundschaft durch eine Niedertracht schänden – ich könnte es nicht! – Wird dies so bleiben, Katharina, wenn ich zurückkehre? Nein! – Dann wird die Stunde schlagen, da Steuben als Peters Diener an seinem Herrn und Kaiser zum Schuft wird! Du hast mir mein Gewissen, meine Ehre gelassen, erhabene Frau, o lasse, ich flehe dich an, lasse sie mir, und ich will dich anbeten! – Ich kann nicht wiederkommen!« »Du kannst nicht?« rief sie außer sich, aufspringend. »Warst du ein Heuchler, als du dich mir versprachst?« »An Kaiser Peter ja, nicht an dir! Wärst du Witwe, Katharina, wärst du die freie Herrin deines Loses, dann käme ich wieder, dann könnte ich mit frohem Gewissen dein sein! – Glaubst du, solange der Zar lebt, wäre unsere heimliche Liebe nicht in Gefahr? Glaubst du nicht, eines Tages würde man sie entdecken, nicht in deinem wie meinem Herzblute des Kaiserhauses Schmach auslöschen? Siehst du den Haß der Orlow, Rasumowsky und Panin nicht, die deshalb schon willige Werkzeuge von Peters Rache werden würden, weil sie durch solche Tat ihn auch zugleich in ihre Hand bekämen? – Liebe blickt sonst doch scharf, Katharina!« Die Kaiserin hatte, vor ihm stehend, mit großen, blitzenden Augen zugehört. In diesem Augenblicke kam sie ihm so schreckhaft drohend vor, daß sein Herz erbebte. – Plötzlich wandte sie sich um, schritt durch Gemach ans Fenster und starrte hinab. Eine beängstigende Stille folgte. – Hätte Steuben dies auf die Newa starrende Medusenantlitz sehen können, er hätte vielleicht gänzlich die Fassung verloren. – »Wenn ich Witwe wäre, sagt er – wenn Peter tot ist!« flüsterte sie. Dann kehrte wieder Leben in sie zurück, die Blässe wich dunkler Glut. Sie wandte sich um, schritt langsam zu ihrem Sekretär, nahm zwei Etuis heraus und kam sinnend zu Steuben zurück. »Reise denn, Friedrich. Ich lasse dich in dem unauslöschlichen Bewußtsein deiner treuen Liebe ziehen! Sie allein, dein Gewissen und deine Ehre sollen unsere Richter sein.« – Sie öffnete das eine größere, eigentümlich geformte Etui und nahm ein Kreuz von rohem Holze, aber mit Steinen und Gold köstlich geschmückt, heraus. »Es ist das Kreuz der heiligen Helena, geformt aus dem Holze Christi. Schwöre mir auf dies Heiligtum, daß du zurückkehrst, wenn ich Witwe, wenn ich einst frei bin! Mit dieser – fernen – schwachen Hoffnung –«, sie lächelte dabei ganz sonderbar, »will ich mich trösten!« – Steuben faßte einen schwermütig opferwilligen Entschluß, den Entschluß, seine Person an seine Sache und an die Liebe einer Frau zu setzen, die sich noch an diese letzte, schwanke Zuversicht knüpfte. »Wenn Sie einst frei sind, Katharina, ich Sie dann lieben darf ohne Verlust von Ehre und Gewissen, dann, Gott sei mein Zeuge, komme ich wieder!« – »Einst wirst du's, Steuben! – Die Leibärzte meinen, es sei mit Peters Hirn nicht richtig, sein Tun reibt ihn selbst auf! Ich weiß, du wirst immer meiner gedenken, aber ich will auch, daß du mein Abbild wenigstens stets bei dir hast. Möge es alle Tage dich an diesen Schwur, mit dem dem du dich an mich gebunden, erinnern!« Sie öffnete das zweite Kästchen und reichte es ihm hin, es enthielt ihr Miniaturbild. Er ergriff es bewegt und küßte zitternd die schönen Hände, die es ihm darboten. Eine halbe Stunde später kehrte er in die Zitadelle zurück. »Nun,« rief ihm Knobloch beklommen entgegen, »was haben wir von ihr zu fürchten?« »Nichts, General! Ich bin dem Käfig der kaiserlichen Löwin entronnen, alles steht gut! – Machen Sie sich auf Außerordentliches gefaßt, aber glauben Sie auch, daß diese außerordentliche Frau zu dem höchsten fähig ist – sie kann sogar aus Liebe entsagen! – Jetzt erst gestehe ich, daß ich sie ganz erkannte, ihre gewaltige Seele ganz durchdrang! Es tut mir wehe, daß sie gerade mich lieben muß!« Der letzte Abend, das letzte Hoffest in Petersburg war noch zu überstehen, erst der neue Morgen brachte den Gefangenen Sicherheit. – Wer je einen Seiltänzer die sogenannte »große Aszension« machen sah, weiß, daß der Augenblick, bevor er den höchsten Punkt des Turmseils erreicht hat, der gefährlichste, der spannendste und aufregendste für die unten versammelte Menge ist. Im allgemeinen ist dieselbe immer roh und mitleidslos. Viele Zuschauer wünschten freilich, der arme Teufel, welcher sich produziert, möge sicher den Turmkopf erreichen und festen Boden unter den Füßen gewinnen. Genug Subjekte aber zählt auch der Haufen, welche wünschen: »Wenn er doch jetzt herunterfiele!« und die einen prickelnden Reiz bei dem Gedanken empfinden, einer Katastrophe beizuwohnen, die den regelmäßigen Gang der Dinge schreckhaft unterbricht. Zu dieser Gattung gewissenlos Schadenfroher gehörten mindestens zwei Drittel der Gesellschaft, welche sich zu dem Hofball eingefunden hatten, und deren rohe Gefühle durch ihren Haß gegen die vom Kaiser so bevorzugten Offiziere wie durch den Groll über den augenscheinlich bevorstehenden Frieden verstärkt wurden. Jeder von der russischen Partei wünschte, die Preußen möchten mit irgendeinem Schimpf scheiden oder es möchte etwas bei diesem Abschiedsfeste vorfallen, das der Teilnahme und Vorliebe des Kaiserpaares für die Eindringlinge einen jähen Stoß gab oder wenigstens bei Katharina die russischen Adelshäupter wieder in Gunst brächte, welche ihr sonst alles gegolten hatten. Denjenigen preußischen Offizieren, welche mit Steuben im Bunde und seines Planes Genossen waren, schlug hingegen das Herz. Ihnen war in der Entscheidungsstunde ähnlich zumute wie dem armen Equilibristen auf dem Turmseil, kurz vor Erreichung des Zieles. Steuben hatte indes eine feste, sichere Seelenruhe gewonnen. Er wußte, Katharina vertraute blindlings seinem Schwur, und war entschlossen, was es ihn sonst auch koste, demselben, wenn es sein sollte, treu zu bleiben. Da das Fest ausgesprochenermaßen dem Abschiede der Fremden galt, hatten es die Gesandten Sachsens, Österreichs und Frankreichs natürlich vorgezogen, sich fernzuhalten. Dies war für die geheime Angelegenheit, welche heute hinter den Kulissen spielen sollte, sicher ein Gewinn, weil diese lauernden Beobachter nun nicht zu fürchten waren. Niemand ging bei der beregten Sache mit mehr Sorgsamkeit zu Werke wie Zar Peter III., seine Vertrauten und Freiherr von der Goltz. Letzterer befand sich bereits im kaiserlichen Kabinett, welches mit Audienz- und Vorgemächern an den großen Ballsaal stieß. Er hatte die Friedensdokumente bei sich. In einem Entree nebenbei war ein Kurier versteckt, der sofort mit dem Dokumente nach Berlin abgehen sollte. Sein Pferd und eine militärische Eskorte bis zur Grenze standen bereit. Die Ratifikation des Friedens unter der Bedingung eines Kriegsbündnisses, welche über Rußlands Stellung zu Preußen in einer Weise entschied, die sich die altrussische Partei, zumal Katharina, denn doch nicht träumen ließen, sollte zu Anfang des zweiten Teiles des Balles nach der Pause bei Gelegenheit des großen Menuetts erfolgen, welches damals Mode war und gewissermaßen die Stelle der heutigen Quadrille vertrat. Diesen Tanz, der lange dauerte und eine Reihe schwieriger Touren enthielt, welche gerade die Damen sehr liebten, pflegte der bequeme Kaiser selbst mit seiner »dicken Gräfin« nie zu tanzen. Seine Abwesenheit war somit nichts Befremdendes, die Unterschrift konnte gegeben werden, der Kurier abreiten, lange bevor der Tanz zu Ende war. – Sobald, so war zwischen des Zaren Vertrauten und den Offizieren verabredet worden, am Schlusse des Menuetts Peter III. eintrete, sollte der Abschied der Preußen erfolgen und dieselben durch bereitgehaltene Boote – die Newa war nun eisfrei – nach der Zollstation voll Wassilj-Ostrow geführt werden, wo in der keinen Newa die russische Fregatte, Gepäck und Dienerschaft an Bord, der preußischen Offiziere harrte. Der Ball begann in herkömmlicher Art. Die russische Partei war sehr kleinlaut, denn Peter III. wie Katharina erwiesen den Gefangenen mehr Auszeichnung als jemals zuvor. An Steubens Uniform bemerkte man auf der einen roten Frackklappe an der Brust eine kleine, aber sehr wertvolle Brillantagraffe, deren Fassung den russischen Juwelier verriet. Welche Hand dies gewesen sei, wurde klar, als die Kaiserin mit einigen verbindlichen Worten General von Knobloch ein ebenso wertvolles Juwel anheftete. »Das ist schön von dir, Katharina!« sagte ungewöhnlich freundlich der Kaiser. »Ich freue mich, daß wir über den Wert dieser Männer gleich denken! Hoffentlich sehen wir sie wieder, dann werden sie aber keine bloßen Gäste in Rußland mehr sein!« »Ich hoffe das auch! Ich habe so wie du das mögliche getan, die Newa ihnen unvergeßlich zu machen!« »Ich danke dir, mir gefällt wohl, was du getan hast! Wenn sie wiederkommen, wird manches bei uns anders werden, als es jetzt ist!« »Das will ich meinen, haha! – Darf ich dich unter vier Augen etwas fragen?« »Was hast du denn?« Sie legte ihre Hand auf des Gemahls Arm und trat mit ihm abseits. Die Zunächststehenden wichen ehrerbietig zurück. »Peter,« sagte die Kaiserin leise, »du weißt, es ist selten, daß wir uns verstehen, ich wollte, daß es öfter wäre. Diese beiden Männer mögen das Mittel dazu sein! – Laß dir aber sagen, daß du mit deinen Leuten mich doch nicht irreführen kannst. Das Friedensinstrument ist da, und heute wird es unterzeichnet!« Peter III. schrak auf und erbleichte. »Katharina! – Aber von wem kannst du das wissen?« »Ich weiß es! – Unterzeichne denn den Frieden, rufe deine Truppen ins Land zurück! Du hast in diesem Friedensschluß mit Friedrich ihm doch nicht mehr zugestanden, als daß wir fortan Ruhe mit ihm halten?« »Ich? – Nein! – Wieso?« erwiderte der Zar zitternd und verblüfft. Katharina sah ihn durchdringend an und entfärbte sich. Dann lächelte sie. »Ei gut, wenn es so steht, ist es mir recht! Daß du ihm nichts versprochen hast als den Frieden, das lasse zwischen uns einen Pakt sein, wie?« Sie reichte ihm die Hand und blickte ihn halb boshaft, halb ironisch an. Er schüttelte ihr die Rechte. »Bei meinem Leben, so fest als einer nur sein kann!« brachte er stotternd heraus. Katharina verbeugte sich lächelnd und trat zurück. »Bei seinem Leben hat er es versichert!« murmelte sie, zu ihrem Platze schreitend. »Er muß doch seines Lebens also mindestens so gewiß sein wie ich des meinen!« Nach langer Zeit war es das erstemal, daß man das Kaiserpaar vertraulich miteinander reden sah, es war aber auch das letztemal. Der eben erlebte Vorgang war indes zu auffällig, um nicht bemerkt und von den Stockrussen sehr übel aufgenommen zu werden. »Sie kommen also wieder, die Schufte!« flüsterte Alexander Orlow grimmig seinem Bruder und Rasumowsky zu. »Wenn wir dann nicht Eisen oder Blei anwenden, werden wir die Preußenwirtschaft nie wieder los!« »Warte ab, wie weit sie's treiben«, erwiderte Rasumowsky finster. »Die Soldaten ertragen's nicht lange mehr; eines Tages wird Petersburg an allen Enden beben. Entweder kommen die Preußen nicht zurück, oder irgend etwas anderes geschieht, um sie wegzuschaffen – dann fällt Peter, und die Zarewna regiert! Oder sie kommen wieder und fangen hier an, à la Friedrich zu hausen und alles auf den Kopf zu stellen, nun, dann fällt Kathinka mit dem Peter, und Zarewitsch Paul wird ausgerufen! Ein minderjähriger Kaiser ist für den alten Adel Rußlands immerhin das beste!« Während diese Herren über etwas sannen, was dem Begriffe Rebellion und Majestätsverbrechen sehr ähnlich sah, hatte Peter III. seinen Vertrauten bestürzt mitgeteilt, daß die Zarin wisse, heute werde der Friede ratifiziert, und daß sie es gebilligt habe. Schreck wie Staunen erfüllten Ungern-Sternberg und Villebois. Sie baten den Kaiser, über seine Zunge wenigstens an diesem folgenschweren Abend zu wachen, und er versprach es. Seine Freunde dankten Gott, daß der nun in vollem Gange begriffene Ball, bei welchem sich Peter seiner geliebten Elisabeth Woronzow völlig widmete, ihn bis zur Pause vor weiteren Annäherungen der Zarin und eigener Unvorsichtigkeit bewahrte. Diese Pause, in der man das Souper im Speisesaal einnahm, der Kaiser zwischen Knobloch und Steuben, neben letzterem aber Katharina saß, lag die Gefahr für ihn wiederum sehr nahe, sich gehen zu lassen; seine Vertrauten zitterten. Zum Glück aber schien in Peters Seele die Ahnung dunkel aufzudämmern, er treibe ein gewagtes Spiel. Eine unbestimmte Vorempfindung des Loses war's, das ihn nachmals ereilte. Dies Gefühl war aber zu flüchtig, um so tief zu werden, daß es ihn beunruhigen, von seinem Vorhaben abbringen konnte. Knoblochs und Steubens Mahnungen erzielten also nur, daß er auf seine launenhaften Schwätzereien für heute verzichtete. – Endlich war die Tafel aufgehoben. Das große Menuett begann und mit ihm des Zaren herkömmliche Tabakstunde... Steuben tanzte mit der Kaiserin, Knobloch verwickelte den lauernden Vizekanzler in ein längeres Gespräch, die übrigen preußischen Offiziere entfalteten noch einmal all ihre Grazie, ihre Tanzkunst und ihren Witz. Das Gespräch Katharinas mit Steuben berührte allein nur noch die schmerzlichen Empfindungen, welche sein Abschied in ihr auslösten. Als das Menuett endete und die Flügeltüren zu Peters Gemächern geöffnet wurden, sagte sie nur noch mit brennendem Blicke: »Lebe wohl! Gedenke des Kreuzes!« Peter III. trat mit Villebois und Ungern-Sternberg ein, ein Siegeslächeln schwebte auf seinen Lippen. Alle, die um des geheiligten Vorgang dieses Abends wußten, sagten sich, daß der Friede ratifiziert sei. – »Wir bitten General von Knobloch, von Steuben und alle preußischen Herren, vor Uns zu treten!« Die Gefangenen leisteten Folge. – »Nachdem die bisherige Feindschaft zwischen der Krone Rußlands und Preußens freundlicher Verständigung Platz gemacht hat und – solange Wir wenigstens leben, nicht wieder beide Staaten trennen soll –, ist es Pflicht, Unserem Bruder von Preußen die Offiziere zurückzusenden, welche das Unglück zu Treptow in unsere Gewalt gebracht hat. Wir entlassen euch hiermit in Gnaden, aber auch in der Hoffnung, daß ihr euch in Petersburg so zufrieden gefühlt habt, daß ihr bald wiederkommen werdet, um euch nicht mehr von Rußland zu trennen!« »Kaiserliche Majestäten! Großmütigster Kaiser, erhabenste Frau Kaiserin!« erwiderte Knobloch feierlich. »Es ist mir in diesem bewegten Augenblicke ganz unmöglich, die Gefühle auszudrücken, die uns beseelen! Wir können der Huld und Gnade gegenüber, mit der Ihre Majestäten uns beglückten, nichts weiter erwidern, als daß wir derselben würdig zu werden, sie mit Treue und Eifer zu vergelten hoffen, sobald uns das Geschick vergönnen wird, abermals vor Höchstihnen zu stehen!« Er küßte Peter, dann Katharina die Hand. Die Kameraden folgten seinem Beispiele. Als Steuben Katharina nahte und gebückt ihre Hand ergriff, wurde sie außerordentlich bleich. In ihrem Auge schimmerte eine Träne. »Lasse nicht zu lange auf dich warten, Steuben, wenn ich rufe!« sagte sie leise und gepreßt, »es möchte weder für Uns noch euch gut sein!« »Wir lassen auf uns nicht länger warten, Majestät, als Ehre und Pflicht gebieten.« Er drückte ihre Hand, preßte auf sie einen heißen Kuß und warf ihr einen flammenden Blick zu. »Mit Gott denn!« sagte sie laut. – Die entlassenen Offiziere verabschiedeten sich bei den übrigen Herren und Damen ihrer Bekanntschaft, verbeugten sich nochmals tief vor dem Kaiserpaare und, von Villebois begleitet, verließen sie das Winterpalais. Zwei Stunden später lichtete am Wassilj-Ostrow die russische Fregatte ihren Anker, welche die endlich befreiten Gefangenen trug. Als die Preußen den kaiserlichen Hofball verlassen hatten, ging der Tanz weiter. Eine Weile saß Katharina zwischen den Damen Daschkow und Buturlin. Sie sprach kein Wort, ihre Blicke waren starr und fest auf den Boden gerichtet. Plötzlich stand sie auf. »Daschkow, tanze doch einmal mit Alexei Orlow und rufe Panin! Du wirst es so einrichten, daß wir fern von Peter sind!« Der Befehl wurde, obwohl mit Erstaunen, befolgt. Die Fürstin tanzte mit Orlow, die Kaiserin mit Panin. Als die Tour beendet war, standen sie am fernsten Ende des Saales beieinander. »Könnt Ihr schweigen, solange ich es will, und könnt Ihr etwas Großes, Kühnes tun, wenn ich's befehle?« raunte sie. »Gewiß,« entgegnete Orlow, »wenn Ew. Majestät wieder Vertrauen zu uns fassen können!« »Wer sagte euch denn, daß ihr es je verloren habt? – Narren seid ihr, zu glauben, Katharina könne je etwas anderes sein als Russin mit Leib und Seele! Hört, und behaltet alles bei Euch bis zur geeigneten Stunde! Wißt Ihr, was während des Menuetts geschehen ist? Der Friede mit dem Könige von Preußen ist unterzeichnet worden!« »Der Friede? Heute schon?« fuhr Panin auf. »Still, Graf! – Nicht nur der Friede, nein, noch – was Geheimes dabei! Ich ahne, was es ist! Wenn aber das eintritt, Panin, Alexei – dann – muß ich – Witwe werden! – Seht ihn an, den drüben! Der Hohlkopf weiß nicht, was das Mennuett ihn kostet!« Der Adjutant Nicht mehr der gewaltige Zarensitz an der Newa ist's, des wir grüßen, doch ein andrer Ort, so erhaben wie lieblich und eines Königs würdig – Sanssouci! Der Mai steckt jauchzend seine Blüten auf Busch und Baum, die Lerchen schlagen, und mit der Sonne lächelt die ganze Natur, trägt sie doch das Auferstehungskleid des Frühlings. Die Fontänen springen alle, denn heute ist der königliche Ruhesitz, namentlich Potsdam, belebt wie seit Jahren nicht wieder: König Friedrich ist mit Kanzler von Herzberg plötzlich aus dem Feldlager eingetroffen, und General von Tschernitscheff wie der neue russische Gesandte, Graf Wolkowsky, befinden sich eben mit dem Monarchen in geheimer Audienz. Auf der Höhe der Rampe von Sanssouci, von der herab man über die Terrassen zur großen Fontäne schaut, stehen höhere Offiziere der Garnison, im Audienzsaale selbst befinden sich, außer dem königlichen Generaladjutanten von Krusemark und Graf von Anhalt, der General von Knobloch mit seinen Gefährten. Gestern abend bereits über Pommern angelangt, sind sie heute morgen schon zur Audienz beordert worden. Unsere Ankömmlinge sind sehr ernst, ja niedergeschlagen, und die wenigen kühlen Worte des Empfangs seitens der Generaladjutanten haben ihre Zweifel auch nicht gehoben. Eine Stunde harren sie bereits regungslos, diese tiefe Stille aber hat etwas Beklemmendes. Knobloch und seine Gefährten dachten jetzt sicher nicht an die Mühe, die sie aufgewendet hatten, ihrem Monarchen in Petersburg nützlich zu sein, sondern an den entwürdigenden 25. November, an welchem sie die Waffen gestreckt und Treptow übergeben hatten. Eine Glocke vom Kabinett der Majestät her erklingt, die Generaladjutanten erscheinen. Nach einigen Augenblicken öffnet sich die Tür und Tschernitscheff mit Graf Wolkowsky treten heraus, von Krusemark begleitet. »Da sind ja unsere Petersburger Gäste schon?« lächelte der russische Botschafter. »Auf Wiedersehen hier und in Petersburg dann!« Damit flüchtig grüßend, folgte er den beiden anderen; die Russen schienen es sehr eilig zu haben. Die Tür des königlichen Arbeitskabinetts öffnete sich bald darauf wieder, und der Mann erschien, den sie sooft in Schlachtenwettern als Kriegsgott an sich vorüberbrausen gesehen, Friedrich II. Graf Anhalt folgte ihm. Noch stand der fünfzigjährige Held ungebeugt in königlicher Kraft. Langsam trat er vor die Offiziere hin, jeden einzelnen durchdringend anblickend. Er schritt ihre Reihe entlang und wieder zurück. »Knobloch, Er hat mit der Brigade zu Treptow die Waffen gestreckt, und weil Er die Stadt nicht hielt, ist Kolberg gefallen! Hat Er dafür 'ne Entschuldigung?« »Wenn Ew. Majestät nach eingesehenem Kriegsberichte meine Handlungsweise nicht entschuldigen, so bin ich schuldig!« »Ah was, Wir sollen Ihn wohl noch selbst vor Uns verteidigen? – Ein preußischer Offizier streckt nie die Waffen, er fiele denn dabei, ruhmvoller Tod allein kann ihn pardonieren! – Ein Jahr auf die Festung schicken werde ich euch, einen wie den andern! Verstanden, Messieurs? – Das heißt,« der König zog gemächlich die Dose und nahm eine Prise, »versteht sich, nach dem Kriege; jetzt ist zu langem Arrest nicht Zeit. – Im übrigen, Knobloch, hat Er, habt ihr euch alle in Petersburg ein Verdienst um Uns und Preußen erworben, das nicht nur die Blamage in Pommern ausgleicht, sondern Uns Ihm und seinem Offizierkorps gewogen macht! Wir sind durch Goltz von allem unterrichtet. Wir wissen, was ihr riskiert, und daß ihr bei eurer Prozedur nicht auf euer Wohl und Wehe gesehen habt, sondern auf die Lage eures Königs!« Er nahm aus einem Kästchen, das ihm Graf Anhalt reichte, den Orden Pour le mérite . »Hier, Knobloch, hat Er den Beweis, wie ich – trotz Treptow – von Ihm denke! Er hat uns mit seinen Herren Kameraden Frieden und Waffengemeinschaft mit Rußland zuwege gebracht, und das will sehr viel sagen! Er kommandiert fortan 'ne Division, übermorgen geht er mit Uns zur Armee ab.« »Majestät!« rief Knobloch erschüttert aus, doch der König fiel ihm in die Rede. »Schon gut! – Leutnant von Steuben!« Steuben trat vor, nicht weniger bewegt als alle übrigen. »Der also war's!« – Friedrich lächelte. »Nun, es ist ihm schon anzusehen, haha, qu'il fait fortune auprès des dames! – Aus seinem Hirn also stammt eigentlich die magnifique Idee und bei der weiblichen am schwerstes traitablen Partei il avait jeu gagné? Wir haben aber noch einen Steuben in der Armee?« »Meinen Vater, Majestät, den Major Wilhelm Augustin von Steuben, Ingenieur vom Platze zu Landsberg an der Warthe.« »Richtig! Den meine ich indes nicht. Ich meine einen Steuben, der auch nicht viel älter als Er sein kann, ich sah ihn bei der Armee in Sachsen?« »Halten zu Gnaden, Majestät, das war ich selbst. Ich stand als Generaladjutant des Herrn Generals von Hülsen dort!« »Ach ja, das Korps Hülsen focht unter Prinz Heinrich. Daher kenne ich ihn also, Er fiel mir schon Anno 59 auf. – Wo trat Er ein und wann?« »Anno 47 ins Regiment Lestwitz als Fahnenjunker, ich war siebzehn Jahre.« »Fünfzehn Jahre im Felde gedient? Das ist brav! Verwundet ist Er nicht?« »Zweimal. Bei Prag und – und –« »Was sitzt Ihm denn in der Kehle?« »Kunersdorf!« stieß Steuben gepreßt heraus. »Da packte es mich zum zweiten Male.« Des Königs Auge umflorte sich, dann blitzte es hell auf, er reichte Steuben die Hand, welche dieser küßte. »Wen es am Tage von Kunersdorf packte und doch – ganz gelassen hat, mon ami , den hat Gott der Herr sichtlich in seine Hand genommen! – Er schlug Roßbach auch mit?« »Bei den 31ern, Majestät!« »Aha, in der Avantgarde! – Hat Er sonst etwas dienstlich von sich zu sagen?« »Daß ich Anfang des Jahres 58 unter Vorbehalt des Avancements in das Freibataillon des Generals von Meyr als dessen Generaladjutant eintrat.« »Ha, der Meyr! Ein tüchtiger General! Bei dem wird er strategische Kenntnisse erlangt und das Tirailleurgefecht genug praktiziert haben?« »Ein wenig, Majestät.« »Sie sprechen doch Französisch?« fuhr jetzt Friedrich in seiner Lieblingssprache fort. »So gut man es während der Kampagne vermag«, erwiderte Steuben ebenso. »Das muß Er nun nachholen, die Gelegenheit soll Ihm werden«, erwiderte Friedrich deutsch. »Vermögen hat er nicht?« »Nein, Majestät!« Der König blickte sinnend vor sich hin, dann lächelte er. »Wir ernennen Ihn hiermit zum Stabshauptmann und Unserem Flügeladjutanten, auch verleihen Wir Ihm ein Kanonikat beim Domkapitel zu Havelberg, das bringt Ihm zeitlebens etliche hundert Taler Zubuße zum Gehalt. Ihr anderen sollt ebenfalls Beförderungen und Auszeichnungen erhalten, damit die Armee sehe, daß Wir für außergewöhnliche Leistungen auch dankbar sind! Meldet euch morgen sämtlich zur Parade! – Krusemark und Anhalt,« setzte er französisch hinzu, »nehmen Sie sich des Hauptmanns von Steuben an, adjustieren Sie ihn und führen Sie ihn in den Dienst ein!« Damit ging Friedrich II. grüßend die Reihe der begeisterten Ankömmlinge entlang und trat durch die äußeren Portale auf die Rampe, wo ihn die übrigen Militärs empfingen. Gewiß war der Dienst, den Knobloch, Steuben und Genossen dem Könige geleistet hatten, von weittragenden Folgen, denn inzwischen war der Allianzvertrag mit Rußland zustande gekommen, und an demselben Morgen, da unsere gefangenen Freunde in Sanssouci erschienen waren, hatte General Tschernitscheff seine Truppen Friedrich II. auf Befehl des Kaisers zur Verfügung gestellt. Es war ein stolzes und zugleich gefährliches Glück, welches Friedrich von Steuben erblühte, und – er war demselben nicht gewachsen! – Sein während der Reise nach Petersburg gefaßter, von den Kameraden aufgenommener Plan war angesichts der Thronbesteigung Peters wie ein lustiges Impromptu aus keckem Soldatenhirn entsprungen und um so waghalsiger durchgeführt worden, je sichtlicher sich Steuben in Petersburg den Weg zum Herzen Katharinas von selbst geebnet hatte. Trotzdem war die Spannung, in der ihn die Intrige während dreier Monate erhalten hatte, das Bewußtsein, durch Unvorsichtigkeit nicht bloß sich und sämtliche Schicksalsgenossen, sondern in noch höherem Grade seines Königs Wohl zu gefährden, wie das Gefühl, für die Waffenlegung zu Treptow noch verantwortlich zu sein, so aufregend für ihn gewesen, daß er, fast täglich von dem Kaiser und der Kaiserin beansprucht und stets auf sich selbst wie alle anderen aufmerksam, bisher nicht an sich und seine Zukunft zu denken vermocht hatte. Sein Verhältnis zu Katharina war auch immer ernster geworden. Hatte es seine Manneseitelkeit auch geweckt, so hatte es doch zugleich ein anfänglich unempfindliches Herz, sein Gewissen, kurz alle seine edleren Gefühle in Wallung und innersten Konflikt gebracht. Als die Seelenorkane sich legten, nachdem er Kronstadt im Rücken hatte, war er nicht weniger stark als seine Kameraden um den Empfang besorgt gewesen, der ihn daheim erwartete. Kurz, diese Kette verschiedenartigster Aufregungen und Erschütterungen, welche Tag um Tag einander gedrängt hatten, waren einem zwar wachen, aber tollen, abenteuerlichen Traume ähnlich gewesen, aus welchem Steuben erst in der Maisonne Sanssoucis erwachte und sich – zu eigenem Erstaunen – als seines großen Monarchen Flügeladjutant wiederfand. Jetzt – in der größeren Ruhe des ersten Tages, in der majestätischen Stille des preußischen Königssitzes ging alles Erlebte, Empfundene, Gewollte und Vollbrachte im Geiste an ihm nochmals vorüber, und er vermochte es nach seinem wahren Gehalt zu schätzen. Es wäre ein Wunder gewesen, wenn ein Mann von zweiunddreißig Jahren, der sich aller seiner Vorzüge bewußt war, vor welchem des Lebens schönster Teil in allem seinem Reize lag, nicht eitel und hochmütig geworden wäre, wenn Steuben nicht wenigstens in einer unglückseligen Stunde den bisher so festgehaltenen sittlichen Grundsatz hätte vergessen sollen, daß der Dienst des Staates über der Eigenliebe des Individuums stehe, der Grundsatz, durch den er in Rußland gesiegt hatte. Es wäre eine zu seltene Tugend gewesen, wenn Steuben das ruhige Urteil nicht über sich verloren, nicht vergessen hätte, daß er die ungeahnte Stellung in der Nähe des Monarchen hauptsächlich doch dem Glücke verdankte, das ihn in Rußland über alle gefahrvollen Klippen getragen hatte. Noch brach sich Eitelkeit und Hochmut in ihm nicht Bahn. Stets unter den Augen des von ihm mit Begeisterung geliebten Monarchen, in seiner neuen Lage und noch im Kriege, bewahrte er sich die Gemessenheit und Klarheit der Seele und drängte die verderbliche Seite seines Ichs ohne besondere Anstrengung zurück. Aber Eitelkeit und Hochmut steckten doch bereits in ihm, Zeit und Gelegenheit aber mußten beide zur Blüte bringen. Die Stellungen um einen Monarchen sind in ihrem eigentlichen Werte sehr voneinander verschieden. Seit alters ist bei den Königen Preußens zwar äußerlich unter ihren Adjutanten wenig Unterschied zu spüren gewesen, dennoch aber war die Kluft zwischen einem Generaladjutanten und einem Flügeladjutanten bedeutend genug. Ersterer war stets mehr der Vertraute, der altbewährte Freund des Monarchen, letzterer immer nur ein Offizier im Dienste. Der mechanischere, ausübende Teil desselben um die Majestät fällt daher den Flügeladjutanten zu, während die Generaladjutanten wesentlich zu des Monarchen Beratern und Umgange gehören. Dies galt besonders bei Friedrich II., dessen Hofstaat wesentlich militärischer Natur war und dessen Generaladjutanten Genossen seiner persönlichen Schicksale, seiner ernstesten Stunden in den Wechselfällen des Krieges geworden waren. An dem Tage nach Steubens Eintritt in den Hofstaat begab sich Friedrich II. nach Schloß Schönhausen, wo Königin Elisabeth Christine Hof hielt. Dorthin waren sämtliche in Berlin anwesende Glieder der königlichen Familie und alle Personen geladen worden, die zum Hof gehörten oder in besonderer Gunst standen, da es dem Monarchen nur an diesem Tage möglich war, vor der Abreise allgemeinen Empfang zu halten. Steuben wußte so gut wie jedermann, daß die Ehe des Königs keine auf Liebe begründete war, er wußte aber auch ebenso gewiß, daß Friedrich II. niemals die Pflicht des Respektes noch die große Hochachtung verleugnete, welche er vor seiner Gemahlin empfand. Bei paradiesischem Wetter fuhren am Morgen nach Erledigung der laufenden Geschäfte Friedrich II. mit seinem Adjutanten nach Berlin, um auf dem Schloßplatze die Parade abzunehmen. Nachdem der König bei Herzberg ein leichtes Frühstück genommen hatte, eilte man durch den nördlichen Teil Berlins Schönhausen zu. Der Jubel des Volkes, das in den Straßen zusammenströmte, um den König zu sehen, der Reiz der Neuheit seiner Lage und der helle Frühlingsschimmer, in den sich alles kleidete, übten auf Friedrich von Steuben eine ebenso ungewohnte wie berauschende Wirkung aus. Er begann jetzt erst seine Erhebung zu fühlen. Als Friedrich II. vor Schloß Schönhausen vorfuhr, erwartete ihn die Königin, begleitet von den Prinzessinnen Amalie und Wilhelmine, ihren Damen und einer großen Anzahl Berliner Adeliger. Der König zog sogleich den Hut, verließ den Wagen und eilte auf seine Gemahlin zu, welche sich tief verneigte. Er ergriff ihre Hand. »Gott erhalte Ihre Majestät!« sagte er wärmer als sonst. »Lassen Sie uns hoffen, daß, wenn wir Sie – was vielleicht bald sein wird – wiedersehen, wir Ihnen den Frieden verkünden können.« Er küßte sie auf die Stirn. Die Königin war außerordentlich bewegt. »Dies glückselige Wort, Majestät, soll mir der Vorbote freudiger Gewißheit sein. Hat man wirklich Aussicht, den Krieg beendet zu sehen?« »Bessere als jemals, ma chère, doch wir wollen nicht zu früh jubilieren. Ma soeur, wie befinden Sie sich? Noch leidend?« Er umarmte Prinzessin Amalie. »Wenn ich Sie sehe, Majestät, ist mir immer wohl, der Friede wird mich also sicher ganz gesund machen.« »Dann wollen wir ihn sobald wie möglich schließen. – Ich freue mich, Sie zu sehen, Prinzessin«, wandte er sich zu Wilhelmine, der Gemahlin seines Bruders Heinrich. »Sie sind blühender denn je, das Zölibat scheint Ihnen nicht schlecht zu bekommen. Ah, lieber Hülsen, Er auch? Das ist schön, daß Er herauskam. Grüße Er mir die Berliner und sage Er dem Magistrat, man möge in Geduld nur noch eine Weile aushalten, es würde bald besser werden! – Da sind ja auch Pöllnitz, Maupertuis und Des Champs, lauter alle Freunde. Ach, daß Uns eure Nähe bisher so selten gegönnt war; der Friede muß Uns eben allen helfen!« Er wandte sich zur Seite. »Steuben!« »Zu Befehl, Majestät!« – Steuben, den Hut in der Hand, trat vor. »Majestät, wir stellen Ihnen unseren neuen Adjutanten, Kapitän Friedrich von Steuben; vor, der uns in Petersburg vortreffliche Dienste geleistet hat. Mache Er sich mit den Herrschaften bekannt, Steuben!« Damit reichte der König seiner Gemahlin den Arm und führte sie ins Schloß. »Endlich komme ich doch dazu,« sagte der Gouverneur von Berlin, General von Hülsen, zu Steuben, »meinem ehemaligen Adjutanten mehr zu gönnen als einen kurzen Paradeblick. Ich gratuliere Ihnen und mache mir das Vergnügen, Sie den verschiedenen Herren und Damen vorzustellen.« Die Einzelvorstellung erfolgte im unteren Empfangssaal, der an den Park stieß. Die Königin und die Prinzessinnen unterhielten sich mit Steuben sehr liebenswürdig und fragten mit einem Interesse, das nicht frei von Neugier war, nach den Petersburger Verhältnissen. Steuben kam hierbei mitunter arg in die Klemme, aus der ihn nur seine in Rußland gut geschulte Gewandtheit erlöste. Er sah nur zu wohl, daß alle seinen Einfluß auf Kaiserin Katharina kannten und er in den Augen der hohen Damen dadurch außerordentlich an pikantem Interesse gewann. Nachdem er ihren Fragen endlich entkommen war und der Generalin von Hülsen, Frau von Krusemark und anderen Damen vorgestellt worden, trat Generaladjutant Graf Anhalt zu ihm und legte die Hand auf seinen Arm. »So werde ich Ihnen wohl auch meine Frau und Schwester vorstellen müssen!« »Ich bitte um die Ehre, Herr Graf.« – Anhalt führte ihn in eine Ecke des Saales. »Liebe Amalie, beste Sophie – der Herr Kapitän von Steuben, mein neuer Kamerad! Ich empfehle ihn eurer Freundlichkeit. – Gräfin Amalie, meine liebe Frau, und Komtesse Sophie, meine sanfte Schwester; ich überlasse sie Ihrer ritterlichen Artigkeit.« Damit nickte Anhalt lächelnd und wandte sich zu der übrigen Gesellschaft. Friedrich von Steuben stand wie gelähmt. Alles Blut schoß ihm zu Herzen und dann ins Hirn zurück. Über ihn kam allmächtig das Gefühl einer ersten tiefen, heißesten Liebe. Komtesse Sophie von Anhalt, welche der Graf seine »sanfte« Schwester genannt hatte, war eine nicht nur blendende Erscheinung, sondern ein Wesen von unbezwinglicher Liebenswürdigkeit. Hochgewachsen, schlank, hatte sie in ihrer Haltung etwas fürstlich Imponierendes. In der ersten Hälfte der Zwanzig stehend, war sie eine vollerblühte Jungfrau, deren weißer Nacken, Hals und Busen wie die wundervoll geformten Arme das Entzücken Pesnes und Buissons waren, welchen sie mehrmals zu deren allegorischen Gemälden gesessen hatte. Dies aber hätte Steuben noch nicht gefesselt. Er hatte in Petersburg gewiß sinnlich fesselndere Frauen gesehen. Sophie von Anhalts Zauber bestand in der Geistigkeit und dennoch mädchenhaften Naivität ihrer Züge, in jener rührenden Unschuld und Idealität, die nur dem deutschen Weibe eigen ist. Ihr dunkles Auge blickte so sinnig in die Welt hinein, so liebevoll, und die reizenden Lippen, die Wangengrübchen milderten schalkhaft die Vornehmheit ihrer Bewegungen. »Aber mein Gott, Herr Adjutant,« lächelte die Gräfin, »hat Sie Berlin denn stumm gemacht, nachdem Sie, wie die Fabel geht, so überaus beredsam bei den Damen in Petersburg zu sein verstanden?« – Sophie schlug errötend die Augen nieder. Steuben faßte sich. Er kehrte rasch in die Wirklichkeit zurück. »Verzeihen Sie die Unart, allergnädigste Frau. Wenn ich in Petersburg beredsam war, so war ich es gegen Feindinnen meines Landes. Bin ich vielleicht hier stummer als höflich ist, so geschieht es, weil ich der Macht deutscher Frauen erliege, die mir, der ich als Knabe schon im Kriege allein gelebt habe, noch neu ist!« »Wie galant, Herr von Steuben. Ich fürchte dann, Sie wollen durch die umgekehrte Methode bei uns Eroberungen machen, und das wird uns vielleicht noch gefährlicher als den Petersburgerinnen.« »Wer selbst erobert ist, Frau Gräfin, dem wird es schwer, den Eroberer zu machen!« »Nein, nein,« lachte die Gräfin, »schlagen Sie nicht den Schäferton des Amaranth an, mit uns deutschen Frauen können Sie schon hübsch einfach und im Tone guter Freunde sprechen. Die Herzlichkeit und Hochachtung hat immer ein einfaches Gepräge.« »Ich hoffe, Gnädige, Sie wollen mich nicht so beschämen, daß Sie meine Taktlosigkeit gegen mich als Waffe kehren, welche nur meine Verwirrung entschuldigen kann!« »Gut denn, nur werden Sie uns verzeihen, daß diese Verwirrung gerade an Ihnen zu entdecken uns etwas wundert. Doch es kommt Bewegung in die Gesellschaft, und da taucht auch mein Herr Gemahl auf.« Der Graf wand sich durch den Knäuel der Anwesenden zu ihnen heran und bot der Gattin den Arm. »Die Majestäten gehen in den Garten, es scheint auf eine Überraschung abgesehen. Bei Hoffesten und Soireen, lieber Steuben, ist es Sitte, daß jeder Herr eine Dame hat. Wollen Sie sich nicht engagieren?« »Ist mir verstattet, mich Ihnen anzuschließen, Herr Graf, und der Komtesse den Arm zu bieten?« »Mit Vergnügen!« Anhalt verbeugte sich und schritt mit der Gräfin voraus, Steuben bot Sophie den Arm, und der lange Zug der Anwesenden betrat den Park, um einen Rundgang durch die sonnigen Pfade zu tun, von prangendem Grün und Blüten umgeben, von Vogelgesang erfüllt. – – »Mein Benehmen muß Ihnen höchst sonderbar vorgekommen sein, gnädigste Komtesse, ich kann es aber, ehrlich gesagt, durch nichts rechtfertigen als mit einer Art von Befangenheit, die mir wirklich neu ist.« »Oh, lassen Sie doch,« versetzte Sophie errötend, »ich bin Ihnen ja nicht böse. – Aber wirklich,« sie lächelte heiter, »ich möchte wohl wissen, was die Damen von Petersburg für eine Abart unseres Geschlechts sein müssen, daß Sie bei ihnen keine Schüchternheit befiel, ja, daß es Ihnen im Gegenteil gelang, durch die Macht der Frauen für Preußen zu erlangen, was von uns nie gehofft werden konnte?« »Sie haben recht, Gnädige, daß die russischen Damen – mit Ihnen verglichen – eine Abart genannt werden müssen. Vergessen Sie nicht, wir waren in Petersburg Gefangene, die Gelegenheit aber zu verführerisch, unserem Monarchen einen Dienst zu tun. Derselbe erforderte einige soldatische Keckheit und kaltblütigen Verstand. In solch einer Verfassung und bewegt von einem berechnenden Plane ist man weniger zugänglich, Frauen auf sich wirken zu lassen, als fähig auf sie einzuwirken. Man ist eben nicht mehr unbefangen.« »Ich kann das begreifen, aber ich begreife nur die hohen Damen dort nicht, Damen wie Katharina, die Daschkow und Buturlin, daß dieselben sich so einnehmen ließen?« »Weil Sie, gnädiges Fräulein, eben eine völlig andere Art von Frau sind. – Die Kaiserin wie ihre Damen lieben eben kecke Männer, die etwas riskieren. Die Sitte da ist – derber, freier, die Art des Umgangs vertraulicher. Sie werden zugeben, daß das Du mit welchem beide russische Majestäten jedermann anzureden pflegen, sie allen Leuten näher rückt. Dies vertrauliche Vorrecht, was sich die russischen Herrschaften gegen uns nahmen, verwischte im Umgang die Kluft, welche sonst Souveräne von ihren Umgebungen trennt, und fordern den so kordial Behandelten auf, in anderer Art, sei es auch nur durch heitere Galanterien seinerseits, eine Brücke zu den Herzen zu schlagen, die man zu gewinnen die Absicht hat.« »Die Kaiserin, sagt man, soll schön und sehr klug sein!« »Sie hat etwas, das nicht nur einem Mann unwillkürlich sympathisch ist, sondern ihm zugleich eine Blöße zeigt, die er, wenn er, wie in unserem Falle, absichtlich und intrigant handelt, nicht unbenützt lassen wird.« »Wie meinen Sie das?« »Die Kaiserin ist heißblütig, leidenschaftlich, von lebhaftestem Gefühl, zugleich klug. Wäre sie als Frau glücklich, so würde das nichts auf sich haben, aber sie ist von dem Zaren vernachlässigt – ja entwürdigt. Sie muß einer Frau weichen, die in allem ihr nachsteht. Diese Lage hat bei ihrem Seelenzustande aber zur Folge, daß sie geneigt ist, sich der Bewunderung fremder Männer mehr zu überlassen, als es für eine Fürstin ratsam sein dürfte.« »Das heißt, Herr von Steuben, es fehlt ihr im Schmerz jede Würde!« »Sie haben recht, die Würde, welche der beste Schutz jeder edlen Frau ist! Ihr Geist macht Katharina fähig, ganz Rußland zu beherrschen, ihre Leidenschaft aber unfähig, sich selbst zu regieren!« »Dann wird die Beklagenswerte an sich selbst zugrunde gehen!« »Wohl möglich, wenn sie nicht andere durch ihre Leidenschaft vernichtet!« »Herr von Steuben!« »Mein gnädiges Fräulein, die Kaiserin ist ein dämonischer Charakter! Sie liebt und haßt dämonisch! Wie weit eine solche Natur, begabt mit einer ehernen Seele, zu gehen vermag – wer will das wissen?« »Dann ist Ihr Einfluß, Herr von Steuben, bei Katharina rätselhaft.« »Weniger als Ihnen scheint, Komtesse. Ihre kaiserliche Laune verfiel einmal darauf, Steuben mit nicht preußenfeindlichen Augen anzusehen. Ihre politischen Absichten, ihren Geist, ihre Empfindungen vermochte ich zu begreifen, während sie in Petersburg sonst niemand begriff. Sie sah in mir zugleich aber auch einen Mann, der ihr als Soldat einst nützlich werden konnte, wenn sie ihn für Rußland dauernd gewann.« »Hat Katharina Sie denn gewonnen?« rief halblaut Sophie. »Sie kann mich niemals gewinnen. Ja,« und Steuben sprach leise, »wenn sie, setzen Sie den Fall, mich selbst gewonnen, wenn ich mich wirklich schon entschlossen gehabt hätte, wie Katharina wünschte, nach dem Frieden russische Dienste zu nehmen, von diesem Augenblick an würde sie mir so fern und fremd stehen, als hätte ich sie nie gekannt!« – Sophies Wangen, Nacken und Busen überflog ein glühendes Rot, sie senkte den Blick und wandte ihr Haupt ab. »Mißbilligen Sie diesen Entschluß, Komtesse?« »Nein!« – »Darf ich das Bewußtsein mit in den Krieg nehmen, daß Sie – es gern sehen, bliebe ich in meines Königs Dienst?« – Noch einmal errötete Sophie, aber sie kehrte langsam ihr schönes Antlitz ihm zu und sah ihn mit halb verschämtem Lächeln an. »Das dürfen Sie«, sagte sie leise und innig. »Dann will ich als Preuße sterben!« – Wie wenn das Schicksal ihn beim Wort nehmen, die kurze, erste selige Liebeslust im Mollklange des Scheidens ersticken wolle, gab sich plötzlich eine Bewegung kund. »Wo ist Herr von Steuben? Der Adjutant von Steuben?« »Verzeihung, Majestät befiehlt mich!« Er verbeugte sich und eilte durch die Gruppen der Herren und Damen, die sich nach ihm gewendet hatten, zu König Friedrich, welcher in einem Kreise von Generalen stand. »Da ist er!« sagte Hülsen. »Steuben, Er muß sogleich nach Berlin und dann nach Potsdam. Ich habe Ihn zum Chef meines Quartiermeisterstabs gemacht! – Diese Bleistiftorder genügt! Fahre Er mit Exzellenz von Hülsen, der Ihm die Listen, die Ordre de bataille, den Etat des Hauptquartiers und die Etappenkarte geben wird, sofort zurück und sei Er agil. Er trifft uns Punkt acht Uhr abends im Schlosse zu Berlin, wo wir übernachten. Rendezvous des gesamten Stabs nebst Wache morgen früh drei Uhr auf dem Schloßplatze!« »Zu Befehl, Majestät!« »Ich werde sehen, Steuben, wie Er sich im Kriege in meiner Nähe nun anläßt.« Steuben machte sein Honneur. »Ich empfehle mich Ihro Majestät, der Königin und den Hoheiten Prinzessinnen.« Er verbeugte sich erblassend, wandte sich und schritt mit Hülsen durch die rings stehenden Herrschaften. »Eine Bitte, Exzellenz!« flüsterte er Hülsen zu. »Nun rasch, was haben Sie?« »Ich möchte nur noch Komtesse Sophie und Gräfin Anhalt die Hand küssen.« »Dann machen Sie schnell. Er liebt das Zaudern nicht!« Steubens Blick flog umher. Dort stand Sophie neben der Schwägerin. »Sie müssen bereits heute schon fort, Sie Ärmster?« sagte die Gräfin. »Ich habe soeben das Kommando des Hauptquartiers erhalten. Ich empfehle mich zu Gnaden.« Er küßte der Gräfin Hand. Als er Sophies Hand an die Lippen preßte, fühlte er ihren Druck. »Vergessen Sie mich nicht ganz, gnädiges Fräulein!.« Eine Träne antwortete ihm, die Sophies Blick umflorte. Rasch wandte sie sich ab. – »Ich stehe Exzellenz zu Befehl!.« – Eine Viertelstunde später jagte ein königlicher Wagen mit Hülfen und Steuben nach Berlin. Zwar schien die Sonne, aber es schien letzterem, als sei sein Frühling zu Ende. – General von Hülfen belehrte ihn unterwegs indes über seine Generalquartiermeisterpflichten und was er zunächst zu tun habe, damit der Aufbruch nächsten Morgen stattfinden könne. – Friedrichs II. Ökonomie im Felde war ziemlich knapp bemessen, sein Hauptquartier war lediglich nur aus Offizieren im Dienst zusammengesetzt. Kein Zivilmensch, geschweige denn fürstliche Kriegsamateure waren bei ihm zu finden, welche sonst die Plage des gesamten Hauptquartiers zu sein pflegen. Außer den Adjutanten, des Offizieren des Generalstabs, den Chefs der verschiedenen Departements, welchen die Sorge für Bewaffnung und Ernährung der Truppen oblag, befand sich nur des Königs Leibarzt, der Oberstallmeister mit dem Marstall, Fredersdorf, sein Kammerdiener, ein Sekretär und das für die leibliche Existenz seines militärischen Hofstaates unerläßliche Personal im Gefolge. Trotzdem hatte Steuben mit Hülfens Hilfe in Berlin wie in Potsdam übergenug zu tun, um es möglich zu machen, neben Hülfen den König abends am Portale des Schlosses mit den Worten zu bewillkommnen: »Majestät, alles ist parat!« »Alles auch ordentlich, Hülfen?« »Ich habe alles genau inspiziert, Majestät. Die Mitglieder des Hauptquartiers sind im Schloßhofe bei der Wache versammelt.« Der König fuhr in den Hof ein, stieg aus und begrüßte seine militärischen Feldgenossen, fragte dies und jenes, besichtigte die aufgefahrenen Gepäck-, Vorrats- und Küchenwagen, nahm den Bericht des Stallmeisters wie der Beamten entgegen und musterte dann das begleitende Personal. »Ich bin mit Ihnen zufrieden, Steuben; morgen also pünktlich, meine Herren!« Damit grüßte er und betrat das Innere des Schlosses. Die Adjutanten zogen sich zeitig auf ihre Zimmer zurück, und bald nach drei Uhr des anderen Morgens befand sich das Hauptquartier auf dem Marsche zur Armee. – Es ist bekannt, daß, sobald die übrigen Gegner Preußens inne wurden, Rußland trete mit seinem Heere für Friedrichs Sache ein, sich sofort ein heilloser Schrecken der Kabinette Europas bemächtigte. Sie verloren plötzlich das bisher noch immer gehegte Gefühl der Übermacht. Sofort schloß Schweden mit Preußen Frieden, die übrigen feindlichen Heere aber konzentrierten sich vorsichtig weiter rückwärts, dadurch wurden aber Friedrichs II. Erblande frei. Am 19. Juli stand das Heer des österreichischen Feldmarschalls Daun zwischen Schweidnitz und Glatz auf den Höhen von Burkersdorf und Läutmannsdorf. Ihm gegenüber befanden sich Friedrich II. mit seinem Heere und 21 000 Mann Russen unter General Tschernitscheff. Es lag alles daran, die Österreicher wieder aus Schlesien zu werfen und Schweidnitz zurückzugewinnen. Hierzu war begründete Hoffnung, denn zahlreiche Kosakenkorps durchschwärmten Mähren, und Prinz Heinrich schickte sich an, Dresden zu belagern, Herzog von Bevern dagegen war beordert, der Reichsarmee auf den Pelz zu gehen. Die Dispositionen waren nunmehr so getroffen, daß Friedrich II. längstens in zwei oder drei Tagen den Kaiserlichen eine Schlacht anbieten konnte. – Das Hauptquartier des Königs hatte sich zur Zeit in einem Dorfe hinter dem Zentrum der russisch-preußischen Armee etabliert, Friedrich II. selbst aber hatte beim Pfarrer des Ortes Unterkunft gefunden. Am 19. Juli hatte sich der König frühmorgens, bevor er seinen herkömmlichen Ritt machte, um die Stellung der Truppen zu besichtigen, mit Adjutanten und Stabsoffizieren eingeschlossen und saß über den Karten. Steuben befand sich an einem Tische am Fenster und schrieb militärische Orders. Plötzlich wurde scharf und hastig geklopft. Alles fuhr auf, denn eine solche Manier, Einlaß, noch dazu um diese Zeit, zu fordern, war unerhört. »Steuben, sehe Er nach, was das heißen soll!« befahl der König. Steuben schloß auf und trat hinaus. Mau hörte ihn einen Augenblick draußen unterhandeln, dann kam er wieder. »General Tschernitscheff ist, nur von seinem Stabschef begleitet, erschienen und verlangt dringend Eure Majestät zu sprechen. Er behauptet, es betreffe Dinge von der äußersten Wichtigkeit!« »Sehr odiös! Lasse Er ihn ein!« Tschernitscheff erschien allein. Sein Gesicht war blaß, sein Auge wirr, er schien dem Eindrucke einer furchtbaren Tatsache zu erliegen. »Majestät,« sagte der Russe französisch, »ich bin gezwungen, Höchstsie um ein Gespräch unter vier Augen zu bitten. Die Nachricht, welche ich Ihnen bringe, verträgt keines Menschen Ohr, bevor nicht Sie dieselbe wissen und danach Ihre Dispositionen treffen können! Kein Offizier meines Heeres weiß noch davon außer mir!« Friedrichs II Gesicht erhielt einen eigentümlich starren Ausdruck. » Eh bien! Gehen Sie alle hinaus, meine Herren. Graf Anhalt, Sie bleiben draußen an der Tür, daß wir nicht belästigt sind.« Er legte die Hände auf den Rücken und durchmaß das Gemach. Sämtliche preußische Offiziere eilten in den Vorsaal und warteten dort eine volle Stunde lang. – Man hörte drinnen verschiedene Ausrufe, hastige Rede und Gegenrede. Endlich war das Gespräch so leise, daß man keinen Ton mehr vernahm. – Die Tür öffnete sich nun rasch, der russische General erschien und entfernte sich, seinem Stabsoffizier winkend, langsam. Sein Gesicht war sinnend und sorgenvoll, aber es war ruhiger geworden. – Die Schelle des Königs ertönte, seine Offiziere erschienen vor ihm wieder. »Schließen Sie eigenhändig ab, Graf Anhalt!« – Das Schloß schnappte zu, die Offiziere umstanden gespannt den König. »Wissen Sie auch, meine Herren, was Tschernitscheff Uns angekündigt hat? – In Petersburg ist am Juli eine Revolution ausgebrochen, Peter III., mein edelmütiger Freund, ist nicht nur entthront und die Zarin als Katharina II. zur Kaiserin ausgerufen worden, die russische Partei dieses höllischen Weibes hat Peter III. erdrosselt! Man flüstert, Alexei Orlow mit etlichen anderen vornehmen Schurken solle dabei gewesen sein!« Dabei richtete Friedrich II. einen furchtbares Blick auf Steuben. Hätte ein Sprenggeschoß ins Gemach eingeschlagen, die lähmende Wirkung auf die Umgebung des Königs hätte nicht größer sein können. Steuben empfand in diesem Augenblicke namenloses Grauen, Empörung und Ekel zugleich. Er zitierte bei dem Gedanken, daß die Erinnerung an ihn mit dazu beigetragen haben könne, die Kaiserin zu einem so unnatürlichen Entschlüsse zu bringen. Den auf ihn einstürmenden Gefühlen ließ aber der König nicht lange Zeit. – »Der erste Regierungsakt der Zarin«, fuhr derselbe fort, »ist nun, den Tschernitscheff mit seinem Korps sofort nach Rußland zurückzurufen. Der General zeigte Uns die französisch geschriebene Order! – Wir müssen noch Gott danken, daß sie in ihr wenigstens die Absicht ausspricht, strenge Neutralität zu beobachten! – Durch Bitten und Überredungen, besonders aber durch den Vorwand, es wäre Uns in Unserer augenblicklichen Lage unmöglich, sofort die Anstalten zu treffen, versprach er, so lange zu bleiben und Uns zu Gefallen eine demonstrative Haltung gegen die Österreicher zu beobachten, bis die bevorstehende Schlacht entschieden sei und Wir an des Generals Rückmarsch denken könnten. Die Russen werden also nur die Staffage bilden, wir – wie gewöhnlich – allein unsere besten Akteure sein müssen! Setzen sie sich sämtlich zu Pferde, untersuchen Sie unsere und die kaiserlichen Stellungen und inwiefern wie unter so veränderten Verhältnissen von Tschernitscheffs Anwesenheit noch Nutzen ziehen können! Bis nach der Schlacht wird der General schweigen und sich still halten, in Wien weiß man aber noch nichts! Also Totenstille und rasches Handeln! – Ich werde indes nachdenken, wie wir den Österreicher trotzdem packen können; Steuben mag hier bleiben.« Ein schrecklicher Augenblick brach für Steuben an, da er sich seinem Könige allein gegenüber sah und dieses große blaue Auge sich in seine Seele senken fühlte. Unzweifelhaft, der König hegte gegen ihn einen sehr traurigen Verdacht. Langsam kam er auf ihn zu und legte die Rechte schwer auf Steubens Achsel. »Habe ich Seinem Patriotismus, Seinem männlichen Opfermute den Frieden und die Allianz mit Rußland zu danken gehabt, oder verdanke ich Seinem schurkischen Ehrgeize den schmählichen Tod eines Monarchen, der mein Freund gewesen?« »Majestät, wenn etwas in meiner Seele mich gedrängt hat, Katharinas leicht gewährte Gunst zu benutzen, so war's der Gedanke allein, meinem Herrn zum Segen zu handeln! Erst an dem Tage, da der Friede unterzeichnet wurde und wir abreisten, trat mir der Kaiserin Leidenschaft in einer Art in den Weg, daß mir bange war und ich in Gefahr kam, mich im letzten Augenblick zu verraten!« »Wieso? In welcher Art?« Steuben erzählte hierauf dem König alles, was ihm in Petersburg bis zu dem Augenblicke begegnet war, wo er am Wassilj-Ostrow die Fregatte bestieg, welche ihn mit seinen Kameraden zurückbrachte. »Hm!« Friedrich senkte das Haupt. – »So lag bei dem Abschiedsgesuche denn doch wohl ernster Wille zugrunde, da Er dieser Frau schwor, zu ihr zurückzukehren?« »Nein, Majestät, so wahr Gott mein Richter sein wird! – Das aber sage ich ebenso aufrichtig, wenn Zar Peter nach dem Laufe der Natur und an einer Krankheit gestorben wäre, sie aber hätte mich als Kaiserin an meinen Schwur dann gemahnt, obwohl ich ihn nur in der Überzeugung tat, er werde nie Erfüllung erheischen, so hätte ich mein Dasein meinem Vaterlande zum Opfer gebracht und wäre der Günstling Katharinas geworden, um Preußen zu nützen! Ich habe ihr stets gesagt, meine Ehre und mein Gewissen seien allein mein eigen, Mördern aber, Majestät, diene ich nicht!« »Das würde Er ihr doch auch schreiben, Steuben, wenn sie Ihn jetzt riefe?« »Majestät sollen mit eigenen Augen den Brief an sie dann sehen. Sosehr ich den unglückseligen Zar beklage, so danke ich doch der Vorsehung dafür, daß sie mich durch seinen ruchlosen Tod von den Fesseln dieser kaiserlichen Furie befreit hat!« »Er ist doch 'n respektabler Kerl, Steuben!« »Dächten Eure Majestät je anders von mir, so würde meine Pistole Sie von einem so elenden Diener befreien!« »Kein Wort von dieser Sache mehr! Ich sehe jetzt erst ein, auf welch verflucht abschüssigem Boden Er in Petersburg operiert hat! – Laß Er Uns an die Karten, Steuben, Er hat bei Uns gerade in dieser Stunde ein solch' Vertrauen erweckt, als wäre Er Unser ältester Adjutant.« Am 21. Juli wurde die Schlacht bei Reichenbach siegreich geschlagen, Daun, trotz dem vom Papst geweihten Hute und Degen, verlor für immer seinen Kriegsruhm! Am 9. Oktober fiel Schweidnitz, Kleists fliegende Korps brachen in Franken ein und bedrohten Nürnberg, Prinz Heinrich mir Seydlitz schlugen am 29. Oktober das Reichsheer bei Freiburg. Wenige Tage nach Schweidnitz' Fall erhielt der König einen Brief des Herzogs von Braunschweig-Bevern. Etliche Stunden nach dessen Eingange befahl er unseren Helden vor sich. »Kapitän von Steuben, Er weiß, daß ich Ihn schätze, und zwar wegen dessen schätze, was Er für mich getan hat unter keinem andern richtenden Auge als dem Gottes! Ich wünsche aber, daß man Ihn auch in dem schätze, was alle Welt von Ihm sieht; Er soll sich vor der Front auszeichnen! – Se. Hoheit von Braunschweig schreibt wegen eines guten Kommandeurs für das Regiment Salmuth, er kann keinen anderen für dies Kommando aus seinem Korps entbehren, das Regiment selbst hat aber alle Stabsoffiziere verloren! Gehe Er hin und kommandiere Er die Truppe gegen die Franzosen! Er behält allerdings nur Kapitänsrang, denn nach dem Frieden ist Er wieder mein Adjutant. Handle er aber so, daß Ich Ihn bald zum Major machen kann!« – Mit einer ihm im allgemeinen seltenen Herzlichkeit reichte er Steuben die Hand. Dieser küßte sie, und in der tiefen Bewegung entglitt ihm eine Träne, die auf des Königs Hand fiel. »Ich danke Euer Majestät für diese Auszeichnung!« * Am 1. November wurden auch die Franzosen bei Kassel geschlagen. Steuben blieb an der Spitze des Regiments bis nach dem Hubertusburger Frieden, dann rückte dasselbe als Besatzung nach Wesel ab, unser Held hingegen kehrte wieder als des Königs Flügeladjutant nach Berlin zurück. Schwur gegen Schwur Anfang März 1763 langte Steuben zu Pferde wieder in Berlin an, nur seinen Diener Karl Vogel, mit dem Mantelsack auf dem Reservegaul, als Begleiter. – Vogel war gewiß eine sehr untergeordnete Persönlichkeit. Außer guter militärischer Dressur, einer großen Verschlagenheit und Kaltblütigkeit in der Gefahr besaß er sonst keine Tugend als eine fast ans Abgöttische streifende Liebe für seinen Herrn und ein nicht zu erschütterndes Vertrauen zu dessen Eigenschaften. In Berlin hatte sich Steuben sofort bei dem Gouverneur, General von Hülsen, gemeldet, der ihn mit Freude und großen Achtungsbezeugungen empfing und zu Tische lud. Nachdem er sich bei ihm über etwa inzwischen eingetretene Veränderungen bei Hofe Belehrung geholt hatte, erkundigte er sich nach seinen Petersburger Mitgefangenen, denn das Gouvernement der Hauptstadt war stets das allgemeine Anfrage- und Adressenbureau für die preußische Armee. – Es war nicht zu verwundern, daß Steuben gerade an seinen Schicksalsgenossen in Petersburg lebendigeren Anteil nahm als an anderen Kameraden. Furcht wie Hoffnung und ihr gemeinsames patriotisches Unternehmen hatte sie enger mit ihm verknüpft, menschlich ihm näher gebracht, als dies mit anderen Offizieren im Wechsel des langen Krieges möglich geworden war. Besonders aber hatte Steuben mit dem Obersten von Koch und dem Adjutanten Knoblochs, von Romanai und de l'Enfant, innige Freundschaft fürs Leben geschlossen. Sie hatten einander gelobt, wo sie das Schicksal such immer hinverschlage, stets brieflich in Verbindung zu bleiben. War dies während der letzten Kriegsaffären rein unmöglich gewesen, so wünschte Steuben doch jetzt, mit ihnen den Verkehr wieder aufzunehmen, ohne zu ahnen, daß dies ihm in der Zukunft ein großer, vielleicht sein einziger Trost werden sollte. Mit lebhaftem Vergnügen hörte er, daß Koch eins der Berliner Garnison-Regimenter erhalten habe, de l'Enfant wie Romanai aber unter ihm dienten. Da er erst gegen Abend in Potsdam zu erscheinen brauchte, suchte er nach dem Diner bei Hülsen alle drei auf und verlebte in Kochs Familie mit ihnen einen vergnügten, erinnerungsreichen Nachmittag. Gegen 6 Uhr saß er wieder zu Pferde und ritt, von den Freunden bis Steglitz begleitet, nebst Vogel zum Potsdamer Tor hinaus. Der Hof Friedrichs II. war bekanntlich eine gute Reihe Jahre nach dem Kriege wenn nicht einer der glänzendsten, so doch gewiß einer der geistvollsten und imponierendsten seiner Zeit. Die Helden, welche der Krieg geboren, aber auch auf den Operationsfeldern zerstreut und nur gelegentlich flüchtig zusammengeführt hatte, vereinte jetzt der Friede um den Thron. Das Waffengeräusch war verstummt. Neben Heilung der Wunden, an denen der Staat litt, der Hebung der Kultur, dem Ausbau der Gesetze und Besserung der Verwaltung war es namentlich Friedrichs II. Vorliebe für Literatur und Kunst, welche ihr altes Anrecht jetzt an ihn geltend machte und besonders der Geselligkeit bei Hofe Physiognomie verlieh. Das eine nur war schade, daß die Dichtungen, welche der König liebte, rein französisches Gefieder trugen, die Musik sich aber meist nur auf italienischer Schwinge wiegte. Es war eben noch die Epoche, da die deutschen Höfe wie das deutsche Volk zur Amme seiner Bildung Frankreich erwählt hatte und mit dem gesunden geistigen Leben, was dieses Land ihm lieh, auch einen großen Teil seiner ungesunden Säfte in sich aufnahm. Aber das sollte man noch lange – lange nicht merken. Das geistige Fluidum, was über den Rhein herkam, war zu süß und berauschend, um es nicht in vollen Zügen einzuatmen als das Universalmittel gegen alle heimische mittelalterliche Barbarei, als das einzige Lebenselixier, um den guten deutschen Michel wieder auf den Strumpf zu bringen. Jener kleine aber köstliche Konzertsaal ist es, den Menzels meisterhafter Pinsel mit den Gestalten jener Tage belebt hat, in welchem der Hof seit einer Viertelstunde sich versammelte. Der musikalische Genuß ist nach dem Kriege wieder so neu, die Herzen sind so empfänglich für das so lang entbehrte Schöne, daß man zahlreicher versammelt ist als je zuvor. Dies Konzert ist eine Art Jubelhymne auf die Seligkeit teuer erkauften Friedens! Rings im Kreise sitzen die Damen, in ihrer Mitte die Königin, die Prinzessinnen. Da ist Prinz Heinrich, der Sieger von Roßbach. Unweit von ihm, mit Herzberg plaudernd, Herzog Carl Wilhelm von Braunschweig-Bevern, der zu Kassel den letzten Sieg errang. Hier ist Maupertuis und Mylord Marishall von Keith, Bruder des bei Hochkirch gefallenen Feldmarschalls. Mit General von Hülsen und dessen Gemahlin plaudert Seydlitz, der Stolz der preußischen Reiterei, der leichtlebige Baron Pöllnitz aber bildet mit Hofprediger Des Champs und dem Hofmaler Pesne eine Gruppe. Noch viele wären zu nennen, denn wer aus diesen großen Tagen fehlte heute bei der ersten musikalischen Soiree außer dem greisen Ziethen, den das Alter bereits ans Haus zu fesseln beginnt? In der Mitte des Saales aber, am Notenpult unter dem großen Lüster von Kristall steht Friedrich der Einzige, die Flöte in der Hand, Quanz, die Brüder Graun und Benda um ihn her. Das letzte Flüstern verklingt, denn der König sieht ringsum. Das Quintett soll beginnen. In diesem Augenblicke tritt Friedrich von Steuben ein. »Ei, da ist Er ja, Steuben!« »Melde mich zu Ew. Majestät persönlichem Dienst!« »Versteht Er was von Musik?« »In meiner Jugend, vor dem Kriege, spielte ich erträglich die Geige; mein Vater liebte das Instrument.« »Da wird Er wohl nicht mehr viel leisten, wenn Er die Violine nicht etwa ins Feld mitgenommen hat! – Aber Noten lesen kann Er doch noch?« »Ich hoffe, Majestät.« »Gut, komm Er her, schlag Er mir die Blätter um, damit Er den persönlichen Dienst« – der König lächelte – »gleich anfängt.« Steuben verbeugte sich, trat an des Königs rechte Seite – das Konzert begann. Welche Absicht Friedrich mit dieser Dienstleistung bezweckte, da er sie sonst von niemand beanspruchte, ob er Steuben auf diese Weise jedermann zeigen wollte oder plötzliche Laune allein der Grund war, bleibe dahingestellt. Im Ton der Worte, mit denen er Steuben aber an seine Seite gerufen hatte, lag so viel gemütvolle Heiterkeit und Wärme, daß jedenfalls eine Regung persönlichen Wohlwollens aus ihnen hervorleuchtete. Als die Piece geendet hatte, nickte der König Steuben lächelnd zu, indem er die Flöte auf das Pult legte. »Ich habe mit Ihm nach der Soiree in meinem Kabinett noch etwas zu sprechen, amüsiere Er sich jetzt nur.« Steuben verbeugte sich, trat zurück, und der König machte bei den Herrschaften, die sich erhoben hatten, die Runde. Herzog von Bevern kam mit ausgestreckter Rechten auf Steuben zu und schüttelte ihm die Hand. »Ich freue mich, mein wackerer Steuben, Sie in Sr. Majestät Nähe zu sehen. Wir werden nun wohl öfter zusammenkommen und, wie mir scheint, in engerem Verkehr als hier, oder – wo's sonst im Leben tunlich ist. Prinz Heinrich scheint Sie auch begrüßen zu wollen!« Beide Herren schritten zu dem Prinzen, der Steuben lächelnd zunickte. »Willkommen!« sagte derselbe. »Man ist mit Ihnen sehr zufrieden, und bei mir haben Sie von Sachsen her schon einen Stein im Brett. Ich wünsche Ihnen, daß Sie in dieser Atmosphäre so glücklich sein mögen, wie Sie im Kriege und bei schönen Frauen es schon gewesen sind. Lassen Sie sich aber nicht verleiten,« des Prinzen Stimme sank zum Flüstern herab, »zu kühn zu werden! Einem Monarchen sehr nahe stehen, das hat – seine Übelstände; ich spreche aus Erfahrung. Vergessen Sie also nie, daß Sie doch nur stets – der Kapitän von Steuben für gewisse Leute bleiben, mag die Umgangsform, welche man gegen Sie anwendet, auch viel Blendendes haben. Ich bin Ihr aufrichtiger Freund, Steuben, deshalb sage ich Ihnen das. Sollte Ihnen irgendeine Angelegenheit zustoßen, bei der Sie – Rat brauchen, kommen Sie zu mir!« »Ich werde mich dieses Vorzugs, Königliche Hoheit, durch Bescheidenheit und Veneration stets würdig zu machen bestreben!« Die Aufnahme, welche Steuben bei der Gesellschaft fand, war die ausgezeichnetste von der Welt. Die Adjutanten von Krusemark und Graf Anhalt besonders kamen ihm mit einer warmen Vertraulichkeit entgegen, welche sie früher, trotz aller sonstigen Höflichkeit, noch nicht an den Tag gelegt hatten. Daß der König ihn insgeheim sprechen wollte, die Andeutung Beverns betreffs einer größeren Intimität, endlich des Prinzen Heinrich nicht zu verkennende Warnung waren Dinge, welche unserem Helden um so mehr im Kopfe herumgingen, als er nicht zu fassen vermochte, was man mit ihm vorhatte. Sobald es möglich und schicklich war, näherte sich Steuben der Gräfin Anhalt und ihrer schönen Schwägerin. »Da haben wir ja unseren Petersburger Bayard sans peur et sans reproche wieder!« lächelte die Gräfin, ihm die Hand reichend. »Sie können sich denken, daß wir nach allem, was seit dem 17. Juli vorigen Jahres geschah, einen ganzen Sack voll Fragen an Sie zu richten haben. Neugier ist einmal ein Frauenlaster! Hier dürfen wir es nur nicht befriedigen, dafür aber nächstens, wenn der große Schauerakt vorbei ist!« »Nach einem Schauerakt, Allergnädigste?« »Ach, das wissen Sie noch nicht, was man Fürchterliches mit Ihnen machen will? Nun, nun, nur Mut und – auf Wiedersehen!« »Ich werde nicht verfehlen, Ihnen meine Aufwartung zu machen, sobald ich über die Natur des Schauerns aufgeklärt bin. Ich begrüße Sie, gnädigste Komtesse, und hoffe, daß auch Sie mir ein wenig Wohlwollen bewahrt haben.« »Seien Sie davon überzeugt!« erwiderte Sophie herzlich, obwohl über sich selbst errötend. »Was Sie während Ihrer Abwesenheit Rühmliches leisteten, hat mein Wohlwollen Ihnen sicher nicht entzogen!« Gern hätte Steuben mehr mit der Komtesse gesprochen, doch es ging nicht an. Erstlich war die Gräfin in der Nähe, und genug Damen saßen um Sophie herum, die lauschende Ohren hatten, ferner war bei diesen Hofzirkeln keine längere Konversation möglich. Die Zwischenpausen des Konzerts waren kurz, dann schwärmte alles durcheinander. Jeder hatte mit jedem eine Begrüßung, eine Frage oder kurze Mitteilung zu wechseln, und kaum stand der eine Rede, als schon ein anderer sein ernstes oder munteres Wort an einen der Sprecher richtete. So endete, nachdem der Tee, Wein und leichte Speisen serviert worden waren, die erste Soiree, welche Steuben bei Hofe erlebt hatte. Alles zog sich gegen elf Uhr zurück, die Königin mit ihren Damen zuerst, die Musiker und Sänger zuletzt, nur der König, Graf Anhalt und Steuben blieben zurück. »Kommen Sie, Messieurs,« sagte er französisch und schritt ihnen vorauf nach seinem Arbeitskabinett, wo Fredersdorf ihm Hut, Handschuhe und Degen abnahm. Mit stummer Geste befahl Friedrich, daß beide Adjutanten sich setzen sollten, sein Gesicht nahm jetzt die Miene eines feierlichen, zugleich aber eigentümlichen Ernstes an. – Fredersdorf zog sich zurück. »Was ich Ihnen jetzt sagen will, lieber Steuben,« er blieb bei der französischen Sprache während der ganzen Unterhaltung, »spreche ich nicht als Monarch, sondern als Mensch zu seinem Mitmenschen. Wenn ich mit einem meiner Umgebungen so weit ins Vertrauen gekommen bin wie mit Ihnen, Steuben, dann gehe ich, wie das bei unserem Anhalt hier, dem Herzog von Bevern und anderen geschah, einen Schritt weiter! Ich nehme ihn dann unter die Männer der Gesellschaft auf, welchen gestattet ist, in den kurzen Stunden, die uns zu dem gemeinsamen Werk gegönnt sind, in mir den König zu vergessen und nur den Menschen, den durch Gottes Fügung ihm gleicherschaffenen Bruder zu sehen! Ich bin Freimaurer, und ich wünsche, Sie würden es auch!« »Ew. Majestät Wunsch ist mir ein ehrenvoller Befehl.« »Da sehen Sie die Sache von vornherein falsch an! Maurer zu werden kann und darf man keinem befehlen. Das muß ein Akt freiwilligen Entschlusses, muß – das Herzensbedürfnis eines freien Mannes sein! Ich habe keinen besonderen Zweck, Sie in den Orden aufzunehmen, Sie werden mir dadurch weder lieber noch ich Ihnen ein anderer. Ich möchte Ihnen aber, weil Sie Mann meines Vertrauens sind, etwas geben, was Ihnen noch mangelt und in dessen Besitz ich mich glücklich fühle! Ganz gleich, ob Sie dann in meiner Nähe, ob Sie wo anders in meinen Diensten sind, oder ob Sie in fernen Ländern freundlos unter fremden Menschen wohnen müssen – sind Sie Maçon, dann haben Sie überall und selbst in der Einsamkeit einen vertrauten Freund, mit dem Sie reden können, dann wird es auf dem weiten Erdenrunde keine Stätte geben, die nicht, sobald Ihr Fuß sie betritt, Ihnen zur Heimat würde. – Dieses Glück wünsche ich Ihnen zu verschaffen, will den zweiten, geistig höheren Menschen in Ihnen erwecken, den Menschen, der der ewige Steuben, der Gottcharakter wird, wenn der andere, der kleine Steuben, Flügeladjutant et cetera – dahin geht, wohin wir alle durch die letzte Wanderung kommen. Haben Sie mir auf diese Anschauung etwas zu erwidern?« »Nichts als eine Frage. – Ist denn der Glaube, ist nicht die Kirche mit ihrem Gottesdienst der sichere Weg hierzu?« »Gewiß, Steuben, nicht bloß der sichere, der geeignetste, er ist auch für die große Summe der Menschen, fürs Volk, der einfachste, faßlichste. Es gibt aber in dieser Summe Menschennaturen, die nun einmal höher veranlagt sind als die alltäglichen Menschen, Naturen, welche über die Vorstellungen und Grenzen hinüberschauen, die die Religion hegen und ziehen muß, will sie nicht gestaltlos für uns werden! In solchen Mannesseelen tut sich dann eine Sehnsucht kund, die weder die Schönheit dieser Erde, weder Mannes-, Frauen- noch Kindesliebe, die auch der herrlichste Gottesdienst und die höchsten Wunder der Kunst nicht zu überwältigen vermag! Eine Sehnsucht, Steuben, weiter zu dringen, höher zu wachsen im Geist, und diese Sehnsucht wird dann zur Klage, zum Wehe in uns über unsere Unzulänglichkeit und Endlichkeit. Diese Klage verstummt in der Maurerei, denn aus der Sehnsucht wird bewußte Überzeugung! Zwei Wege gibt's zu Gott, den einen gehen alle durch den Glauben, durch die Kirche, den anderen gehen einzelne, von allmächtigem Drange getrieben, durch die Maurerei! Wer aber ein vollendeter Mensch werden will, so weit er nur kann, der geht in die Kirche und geht in die Loge, er geht zwei ewige Wege des Heils zugleich! – Haben Sie mich verstanden? Haben Sie die Möglichkeit, das könne am Ende wahr sein, empfunden?« »Ja, Majestät! – Ich will darum, nicht Ihretwegen, sondern meinetwegen beide Wege gehen. Ich bitte um Aufnahme in den Orden!« Friedrich II. umarmte Steuben und küßte ihn. »Damit begrüße ich Sie vor der Schwelle des Baues. Morgen nachmittag gehen Sie zu Graf Anhalt, abends sehen wir uns beide in einem anderen Zustande, anderem Lichte wieder! Gute Nacht, Steuben!« Selbstverständlich war dadurch, daß er seinen Monarchen, den Herzog von Bevern, Anhalt, Krusemark und eine Menge Offiziere unter Bürgern, Fabrikanten und Kaufleuten im Ordenshause fand, Steubens Stellung wie Beziehung zum Könige selbst in nichts verändert. Im Dienste, im äußeren Leben war Friedrich II. für ihn der König, in der Loge war er ihm Lehrer, Vorbild, Bruder. Beide Stellungen trennten eben die Wände der Loge, trennte das gelobte Geheimnis. Kein Mensch merkte Friedrich II. den Maçon an, und er litt es auch von seiner Umgebung nicht, daß sie ihn im profanen Leben daran erinnerte. – Insofern brachte diese neue Beziehung zum Könige und zu verschiedenen Herren am Hofe eine Veränderung zuwege, daß die Art des gegenseitigen Umganges besonders milder, von ruhiger, prätentionsloser Innigkeit durchleuchteter wurde. Der König redete seinen Adjutanten nicht mehr an: »Hör Er, Steuben«, sondern »Lieber Steuben, hör Er einmal.« Keine Vertraulichkeit duldete Friedrich, aber jenes ehrfurchtsvolle kindliche Vertrauen, mit dem diejenigen seiner Umgebung, welche dem Orden angehörten, ihm nahten. Es ist bekannt, daß er anderen Kavalieren, welche aus nicht ganz reinen Motiven die Aufnahme nachsuchten, kurz und rund sagte: »Er? – Er ist 'n ganz guter Kerl, dazu paßt Er aber nicht. Geh' Er in die Kirche, das ist für ihn genau ebensogut!« In seiner neuen Stellung fand aber zwischen Steuben und Graf Anhalt ein besonderes gegenseitiges Anschließen, eine Freundschaft statt, die über das bloße Kameradschaftliche, über den sozusagen täglichen Bedarf geselliger Höflichkeit und Wertschätzung ging. Beide Männer lebten sich seelisch mehr ineinander ein, ohne daß in den Umgangsformen etwa eine auffällige Kordialität hervorgetreten wäre. Dieses gegenseitige Anschließen hatte zur Folge, daß Graf Anhalt Steuben sein Haus öffnete, mit ihm bei sich unter vier Augen oft über Dinge sprach, die Steuben nicht ganz oder nicht richtig in der Ordenslehre aufgefaßt hatte. Wenn sie dann zu der Familie des Generaladjutanten nach solchem Diskurse zurückkehrten, sagte die Gräfin oft lächelnd: »Sie haben wohl wieder was fertiggemauert?« – »Oh, ein ganzes Stockwerk!« – »Das muß ja aber schon bald so hoch wie der babylonische Turm sein!« – und man lachte herzlich darüber. – Aus diesem vertraulichen Verkehr der Männer erwuchs auch eine größere Traulichkeit und Annäherung Steubens an die Gräfin und Komtesse Sophie, und die leider etwas zu sehr genährte Eitelkeit unseres Helden verlockte ihn zu törichten Hoffnungen, ja, ließ ihn endlich die Grenze vergessen, welche das Geschick ihm gesteckt hatte. – Steuben war blutarm. Sein Gehalt mit den Revenuen seiner Domherrnstelle brauchte er völlig auf, und selbst wenn er es bis zum Generaladjutanten oder Regimentsobersten gebracht hätte, würde er Sophie von Anhalt nie das aristokratische Leben haben bieten können, das sie jetzt genoß. Gewiß waren Graf von Anhalt wie seine Schwester reich, aber wir können wohl Steubens Ehrenhaftigkeit zutrauen, daß er ein Mädchen, welches er heiß und innig liebte, gewiß nicht aus Berechnung sein zu nennen wünschte. – Wäre Steuben weniger eitel, aber kaltblütiger und besonnener gewesen, er hätte sich gewiß gesagt, daß es sein sehr Bedenkliches habe, sich in eine so hohe, dem preußischen Königshause nahe Verwandtschaft drängen zu wollen, er hätte das Gefühl haben müssen, daß Sophie zur Verbindung mit Söhnen aus den ältesten und reichsten gräflichen oder fürstlichen Häusern Deutschlands berechtigt war. Steuben mochte bereits zwei Monate in den Dienst des Königs zurückgekehrt sein – es war Mitte Mai und Potsdam ein einziges Blumenmeer –, als ihm ein wenig erwartetes Ereignis begegnete. Ein Billet des jetzigen russischen Gesandten, Grafen Panin, lud ihn in dessen Potsdamer Sommerwohnung, da Exzellenz ihm eine »angenehme Mitteilung« zu machen haben – Wir erinnern uns so gut wie Steuben, daß Panin ein enragierter Russe, einer der heftigsten Feinde Peters III. und Intimus Alexanders von Orlow war. Unserem Helden mußte es sehr auffällig sein, daß gerade dieser Mann ihm so besonders Angenehmes zu sagen haben sollte, und diese Selbstfrage machte ihn stutzen. »Ist es Majestät allergnädigst angenehm, dies Billett Panins anzusehen?« sagte der Flügeladjutant, sofort nach Empfang das schreiben Friedrich aushändigend. »Aha, nun kommen sie!« lächelte der König sarkastisch, nachdem er die Juvite gelesen hatte. »Er ist doch über die Annehmlichkeit klar, mein lieber Steuben?« »Ich fürchte, daß ich darüber nur zu klar bin. – Mir fällt indes auf, daß gerade Panin diese Offerte zu machen hat!« »Mir gar nicht, ich sehe das Spiel durch und durch. – Die Kaiserin wünscht Ihn zurück als Amateur. Sie wird ihren herzliebsten Steuben an den Schwur mahnen, und diese Mahnung, wahrscheinlich mittels eines Handbilletts, muß Panin naturgemäß als Gesandter an Ihn übermitteln. Gesetzt, unser guter Steuben ist ebenso eitel wie schwach, zu glauben, die Liebe einer hohen Dame erhöhe ihn zu ihr, gesetzt, unser Steuben quittierte den – kleinen König von Preußen, um der erste Mann im Winterpalais zu sein – glaubt Er denn, Panin wisse durch die Orlows nicht bereits, was in dem Billettdoux etwa stehen könne? Glaubt Er, lieber Steuben, Er würde je die Newa zu Gesicht bekommen?« »Ich werde sie nie wiedersehen, Majestät! Aber gesetzt, ich wäre Tor genug, König und Vaterland in den Wind zu schlagen und abzureisen, wer wollte mich hindern, anzukommen?« »Wer? – Ein unfreiwilliger Sprung vom Verdeck! Die unglückliche Kugel eines Grenzbeamten!« »Majestät!?« »Ach, glaubt Er denn, die Helfershelfer, welche Katharina zur Witwe machten, würden sich gutwillig einen Vizekaiser vor die Nase setzen lassen, der die teuren Altrussen ›à la Prussienne‹ modernisierte? Hat Er wirklich gar sowenig in Petersburg und von jenem 17. Juli gelernt?« »Majestät haben recht! – Wenn ich Katharinas Rufe folgte, ich handelte nicht nur an Höchstihnen undankbar, nicht nur als Mensch und Bürger schlecht, ich handelte wie ein Selbstmörder!« »Da hat Er recht – wenn Er sich wirklich selber so sehr hassen wollte, könnte er sich das hier mittels eines Pistols besorgen, ohne die zweite schimpflichere Gemeinheit auf sich zu laden, den – männlichen Harem einer hohen Dame als erste Schönheit zu zieren. Eine große und kluge Herrscherin ist Katharina gewiß, lieber Steuben, aber – eine sehr gewöhnliche Frau!« »Ich werde den Brief in Empfang nehmen und Eurer Majestät verschlossen übergeben.« »Er ist sein freier Herr! Tue Er, was Er in dieser Sache für korrekt hält.« Steuben begab sich zu Fuß von Sanssouci nach Potsdam zum Sommerlogis Panins, das in der Nähe des königlichen Stadtschlosses lag. Er wurde von dem russischen Botschafter mit der ausgesuchtesten Liebenswürdigkeit empfangen. »Ich habe mich also nicht in der schmeichelhaften Hoffnung betrogen, Sie nach Empfang meines Billets bei mir zu sehen?« »Das durften Sie mit Sicherheit voraussetzen, Herr Graf. Wenn Ihre Kaiserliche Majestät sich herabläßt, mich einer besonderen Botschaft würdig zu halten, so versteht es sich von selbst, daß ich solcher Ehre mit Ehrfurcht entgegenkomme.« »Allerdings ist diese Botschaft von besonderer Huld, denn sie besteht nicht in einer bloßen Benachrichtigung, einem Wunsche oder einer Erwartung der hohen Frau, welche ich Ihnen auszusprechen beauftragt wäre, sondern in einem eigenhändigen Allerhöchsten Briefe an Sie!« »Das habe ich erwartet«, entgegnete Steuben trocken. Panin fuhr zurück. »Sie? Erwartet? – Sie sind höchst zuversichtlich, mein Herr!« »Bei dem persönlichen Vertrauen Ihrer hohen Gebieterin zu meiner Wenigkeit kann mich eine direkte Mitteilung derselben nicht frappieren. Ich bin bereit, sie entgegenzunehmen.« »Zweifeln Sie nicht, daß ich alsbald dies Allerhöchste Schreiben in Ihre Hand legen werde. Sie gestatten aber doch gewiß, daß, da der Gegenstand, den dies Handbillet enthalten dürfte, zarter Natur sein könnte, ich einige Vorsicht beobachte.« »Herr Graf, meines Wissens haben Sie nichts zu beachten als mir den von Kaiserlicher Majestät an mich gerichteten Brief zu übergeben oder ihn mir nicht zu übergeben! Betrifft es so zarte Dinge, daß Sie sich bei der sehr einfachen Zeremonie des Überreichens glauben erst sichern zu müssen, dann nehme ich Anstand, ein derartiges Schreiben zu empfangen« »Mein Herr?!« – »Ganz gewiß. Ich würde mir nämlich sagen, wenn Majestät Ursache haben, mir – gewissermaßen mit Gnädigster Intimität – irgendeine Mitteilung zu machen, daß es dann mein Geheimnis ist! Wenn Ihro Majestät Sie aber über den Inhalt des Billets verständigt hat, ich mich dann nicht berechtigt halte, es mein zu nennen. Ich würde mich dann begnügen, seinen Inhalt von Ihnen nur zu hören, denn dann wäre derselbe offiziell!« Panin war in höchster Verlegenheit. Um sie zu verbergen, wandte er sich ab, trat an den Tisch, öffnete eine Art Kassette von Leder und nahm ein wohlversiegeltes Schreiben heraus. »Sie fassen die Angelegenheit etwas eigen auf. Ich weiß vom Inhalte dieses Briefes natürlich nichts. Majestät hat auch nicht geruht, mir über dasselbe irgendwelche Weisungen oder Andeutungen zu geben, außer dem Befehl, Ihren Beschluß betreffs der Frau Kaiserin mit allen Mitteln und meinem ganzen Ansehen zu unterstützen. Hier, mein Herr, ist der Brief.« Steuben nahm ihn und schob ihn in die innere Brusttasche seiner Uniform. »Sie lesen ihn nicht?« »Gewiß, aber nicht hier, sondern in meinem Kabinett. – Da der Inhalt, wie Sie andeuten, vertraulicher Natur ist, Sie aber nichts von demselben wissen, so werde ich Sie auch nichts davon wissen lassen!« »Ich begreife Ihr Zartgefühl, noch mehr Ihre politische Vorsicht. Jedenfalls aber werden Sie mich doch benachrichtigen, welchen Beschluß Sie diesem Billet zufolge gefaßt haben.« »Mir scheint, daß ich verpflichtet bin, diese Benachrichtigung direkt an die Majestät zu richten, und daß Sie nur die Übermittlung gütigst übernehmen.« »Wenn eine Antwort erforderlich ist, ganz sicher. Ich glaube aber, die beste Nachricht für meine Kaiserin würde Ihr persönliches Erscheinen in Petersburg sein, ich aber würde die angenehme Pflicht haben, Ihre Reise zu unterstützen.« »Dies sind Annahmen, Herr Graf, welche nicht bloß sehr gewagt sind, sondern – verzeihen Sie – etwas voreilig. Erstlich muß doch erst das kaiserliche Handschreiben erweisen, daß Majestät mich zu sich wünscht, dann fällt doch auch ins Gewicht, ob ich eine so huldvolle Auszeichnung anzunehmen vermag oder ob nicht dies Billet ganz etwas anderes enthält, was mit meiner Person wenig, mit einer Anwesenheit meinerseits bei Ihro Majestät gar nichts zu tun hat.« »Allerdings, alle die und wer weiß welche Annahmen sind möglich«, sagte Panin in gereiztem und spöttischem Tone. »Würden Sie aber infolge des kaiserlichen Briefes sich bemüßigt sehen, die Antwort auf ihn selbst zu überbringen, dann dürfte ich doch wohl erwarten, daß Sie mir kund tun, ob Sie über Stettin zu Wasser oder den Landweg zu reisen belieben.« »Das weiß ich noch gar nicht, ob ich Ihnen das sagen würde!« »Sie sind mir etwas rätselhaft, Herr von Steuben. Man kann in der Vorsicht auch zu weit gehen!« »Oh, wenn es Ihro Majestät betrifft, geht man nie zu weit!« »Mein Gott, wie wollen Sie denn aber reisen?« »Mit meinen eigenen Mitteln und auf meine eigene Methode, Herr Graf. Es bedarf dazu weder Ihrer Pässe noch Ihrer Bemühungen für mein Wohl unterwegs. Ich finde, daß hierüber aber jedes Wort vorher ganz unnötig ist.« »Ich begreife Ihr Verhalten gegen mich. Sie mißtrauen mir, weil Sie wissen, daß ich zu den Widersachern der Pläne gehörte, welche der selige Zar gehegt und teilweise ausgeführt hat. Jetzt ist von denselben aber gar nicht mehr die Rede, denn wir haben in Ihro Majestät eine national gesinnte Herrscherin.« »Das ist mir bekannt, aber auch sehr gleichgültig, denn soviel ich weiß, hat Ihre Majestät mit mir weder wegen der russischen, noch weniger aber habe ich mit ihr wegen der preußischen Politik etwas zu tun. Zwischen Höchstihr und mir besteht nur ein persönliches Verhältnis, und daß es persönlich bleibe, dafür zu sorgen ist meine Sache! Ich empfehle mich Ihnen, Herr Gesandter!« »Darf ich vorher nicht um eine Bescheinigung darüber bitten, daß ich meiner Gebieterin Brief in Ihre Hände gelegt habe?« »Das versteht sich von selbst. Ich werde Ihnen die Quittung sogleich schreiben.« Steuben setzte sich an Panins Arbeitstisch und fertigte ihm den Schein aus. Panin stand neben ihm. »Und Sie haben keinerlei Neigung, Veranlassung oder Gründe der Klugheit, sich mit der nunmehr herrschenden Partei bei uns zu – verständigen?« sagte er leise. »Wenn ich Petersburg wiedersehen sollte, Exzellenz, so besuche ich die Kaiserin, aber keine Partei. Ich verständige mich also mit ihr, nicht mit wem anders! Schlimm genug, wenn nicht die Kaiserin mehr, sondern eine Partei regieren sollte, dann wäre der 17. Juli überflüssig gewesen!« Er verbeugte sich und verließ den Gesandten. »Ein unergründlich schlauer Schuft!« murmelte Panin giftig. »Gelangt er wirklich noch zu ihr, wird er Menschikoff selbst an Gewalt in Schatten stellen, die Opfer aber werden wir sein!« – – Der König promenierte in der großen Allee, seine Lieblinge, die Windspiele, umsprangen ihn. Unter diesen hohen Bäumen liebte er es, ohne irgendeine andere Begleitung zu lustwandeln und den erhabenen Grundsätzen und Gefühlen nachzuhängen, so manchen großen und geheimnisvollen Fragen, die auf dem Grunde seiner Seele verborgen ruhten. Es ist bekannt, daß Friedrich II. so gut wie der große Kurfürst, und trotz des kritischen Skeptizismus, den die Enzyklopädisten in ihm erregt hatten, an die Prädestination glaubte. Gewiß hegte er die Überzeugung, daß der Mensch mit Freiheit handle, aus eigenem Willen, aus eigener Überzeugung und somit für seine Handlungen verantwortlich sei. Aber ebenso glaubte er, daß trotz dieser Freiheit und Verantwortlichkeit alle Handlungen der Menschen, alle ihre Schicksale einem großen Gesetze zwingender Notwendigkeit unterliegen, und daß des Menschen ganzes Geschick, die Art seines Lebens, zufolge dieses Gesetzes, von der Vorsehung vorher bestimmt sei. Der große König glaubte nicht bloß, die Wahrheit dieser Überzeugung an sich selbst und den großartigen Wechselfällen seines Lebens erfahren zu haben, es bot sich ihm gerade in Friedrich von Steuben, an welchen soeben eine ganz eigentümlich verhängnisvolle Frage herantrat, auffälliger als an irgend jemand seiner jüngeren Umgebung eine Gelegenheit, diese göttliche Vorherbestimmung sich bewahrheiten zu sehen oder nicht. Ein armer, unbedeutender junger Mann des märkischen Adels, aus einem wenig hervorragenden Geschlecht, eines Soldaten Sohn, vom Krieg schon als Knabe zum Soldaten gemacht, hatte die schwersten und glänzendsten Schlachten dieses großen Krieges trotz mehrfacher Verwundungen glücklich überstanden, um – gefangen zu werden, und zwar kurz vor dem Tode von Friedrichs großer Feindin Elisabeth, gefangen zu werden und Katharinas II. Herz und Sinn zu erobern und mit Hilfe seiner Genossen das Mittel der Vorsehung zu werden, einen heillosen Krieg dadurch zu beenden, daß er Rußlands Tatkraft lähmte, den einzigen Gegner also, welcher Anfangs des Jahres 1762 Preußen noch verderblich werden konnte. Ungewöhnlich waren Steubens Gaben, das erkannte der große König wohl, ungewöhnlicher war aber auch Steubens Glück gewesen. – Steuben ward in der Allee sichtbar, sich rasch auf den König zubewegend, auch Friedrich beschleunigte seinen Schritt. Als beide einander nahe waren, verbeugte sich Steuben, griff in die Brusttasche seiner Uniform und brachte den kaiserlichen Brief zum Vorschein. »Die Zarin hat Ihm also selbst geschrieben? – Wenn man es wissen darf, was will sie?« »Ich errate es, obwohl ich es nicht weiß. Ich bitte, daß Majestät die Epistel zuerst erbrechen.« »Er wünscht das?« »Ich ersuche Eure Majestät darum!« König Friedrich nahm den Brief, klemmte den Krückstock unter den linken Arm und öffnete das Schreiben. Eine Weile stand er still und überflog den Brief; keine Muskel seines Gesichts regte sich. – »Er wird nunmehr einen kurzen und ernsten Entschluß fassen müssen, Steuben. Fasse Er ihn bald und mit ebenso freiem wie klarem Geiste!« Er gab den Brief an Steuben zurück. »Lese Er ihn gleich!« Der Flügeladjutant errötete, als er der Kaiserin Schriftstück aufklappte und gleich die Worte ihm ins Auge fielen: »Friedrich! Einzig geliebter Steuben!« – Er faßte sich indessen genug, um in dem Texte weiterzulesen, welcher also lautete: »Nachdem das Geschick unsere und Deine Wünsche erfüllt hat, Ich Witwe bin und Gebieterin Rußlands zugleich, bitte Ich Dich flehentlich, geliebter Mann, komme an Mein Herz, erlöse Mich von nagender Liebespein, sei Mein wie Ich Dein, ach, wenn Du willst, sei sogar Mein Gebieter! Ich mahne Dich an den Schwur, den Du auf das heilige Holz Christi getan hast! – Erfüllst Du ihn, will Ich Dich nicht nur glücklich machen, es soll Deinem Lande, Deinem Könige zu großem Nutzen gereichen! – Ich brauche Dir nicht zu sagen, daß Feinde und Neider Dich erwarten! – Vertraue Dich betreffs der Reise also nicht Unserem Gesandten Panin an, komme auf einen offenen, eigenhändigen Geleitsbrief Deines Königs, der französisch und russisch zugleich sein muß, und komme als Überbringer einer geheimen Botschaft Sr. Majestät, Unseres Bruders von Preußen! Was Er in dieser von Uns verlangt, wenn es nicht Land und Leute sind oder etwas, das Ich nicht geben kann, weil Er es selbst nicht tun würde an meiner Stelle – das ist im voraus gewährt! So wahr Ich Dich liebe bis über die Grenze der Vernunft hinaus und mit Dir teilen will alles, alles, so wahr möge Mein Fluch und Gottes Gewalt Dich treffen, wenn Du treulos bist, denn Du nur kannst Mir Meiner Seele verlorenen Frieden wiedergeben! Katharina.« Steuben ließ die Hand mit dem Briefe sinken, er war sehr blaß geworden. »Hat Er sich entschieden?« »Ich habe mich entschieden, in Eurer Majestät Dienst zu bleiben und diesen Brief nach meinem Gewissen zu beantworten!« »Ich erwartete das von Ihm! Komme Er!« Der König schritt mit Steuben langsam bis zur großen Fontäne, dann erstiegen sie die Terrassen von Sanssoucie und betraten, ohne ein Wort zu sprechen, die Gemächer des Königs. Im Arbeitskabinett, als Fredersdorf seinem Gebieter Degen, Hut, Stock und Handschuhe abnahm, sagte Friedrich: »Benutze Er meinen Sekretär zur Erwiderung, Steuben, Gott leite seinen Sinn und seine – Hand! Öffne Er das Fenster da, Fredersdorf, dann – die Flöte! – Übereile Er sich nicht, Steuben, überlege Er ja recht, was und wie Er schreibt, sie bleibt, trotz allem, eine Souveränin!« Während Steuben, vor dem Schreibtisch des Königs sitzend, nachsann, wie er die Antwort wohl am besten fasse, ergriff Friedrich II. sein Lieblingsinstrument. Er trat an das Fenster, und in zitternden, sehnsüchtig leicht verhauchenden Triolen begann er eine freie Fantasie. Er sprach in Tönen mit sich selbst, sprach in Tönen zu jenem jungen Mann, der mit der Feder, die da über das Papier hinglitt, sein und das Schicksal der mächtigsten Frau in Europa besiegelte. »Allergroßmächtigste, Allergnädigste Kaiserin und Herrin! – Exzellenz Graf Panin hat mir das huldreiche Schreiben übergeben, durch welches meine Allerhabenste Frau mich zu sich ruft. Eure Majestät erinnern mich zugleich an meinen Ihnen geleisteten Schwur! Zu diesem Schwur bekenne ich mich offen vor Gott und meinem Gewissen. Mich ganz mit Seele und Leib indes Ihrem Dienst zu ergeben und nach Petersburg zu kommen, verbietet mir Ehre und Gewissen, bevor Höchstsie nicht einen schweren Zweifel entfernt haben, der mich belastet. Können Eure Majestät auf dasselbe Kreuz, auf welches ich schwor, öffentlich in der St.-Peter- und Pauls-Kathedrale vor dem Metropoliten, gehört von Ihrem Volke, den Eid ablegen, daß der selige Zar Peter III. am 17. Juli 1762 eines völlig natürlichen Todes gestorben sei und keine frevelnde Hand in sein Leben griff? Wenn Sie das vermögen und ich die untrüglichen Beweise in Händen habe, daß diese heilige Handlung der Eidesreinigung durch Höchstsie, wie ich erbeten habe, erfolgt sei, komme ich und bin für ewig der Ihrige. In Ehrfurcht Friedrich von Steuben.« Leise stand er auf und ließ das Schreiben liegen. – Nach wenigen Kadenzen endete der König. »Wollen Eure Majestät die Gnade haben, die Antwort zu lesen?« Die Flöte in der Hand, setzte sich Friedrich II. und las langsam, jede Silbe wägend, das Schriftstück Steubens durch. Dann erhob er sich. »Steuben, Wir haben Uns nicht in Ihm betrogen! Er hat meine größte Estimation! – Für diesen Entschluß kann ich Ihn freilich nicht durch Erhöhung der Charge oder sonstigen Vorzug belohnen, denn das ist ein Verdienst, das außer Mir und Ihm nur Gott sieht! Folge Er seinem ehrlichen Gewissen nur immer so, und nie wird sein König ihn verlassen! – Siegle Er den Brief jetzt mit Seinem Petschaft, nach der Tafel werde ich den Panin rufen lassen, da kann Er ihm den Brief geben. Die Kaiserin wird Ihn wohl nach diesem chapitre de moral nicht mehr molestieren!« – Die Gesellschaft, welche gewöhnlich mit König Friedrich zu speisen pflegte, war nur klein. Außer seinen Adjutanten pflegte er ab und zu Generale der Potsdamer oder Berliner Garnison um sich zu sehen, besonders Jugendfreunde oder die berühmten Genossen seiner Siege. Auch heute waren nur etwa acht Herren versammelt, unter ihnen Mylord Marechall, Seidlitz, der Herzog von Bevern und Baron von Pöllnitz. Das Diner war fast zu Ende, nur noch ein kriegerischer Wortwechsel hielt alle beim letzten Glase fest, als Fredersdorf erschien und den russische« Botschafter meldete. »Ah, gut! – Pöllnitz, gehe Er doch zu Sr. Exzellenz und unterhalte Er ihn, ich werde ihn im Augenblick empfangen!« Als der Baron den Speisesaal verlassen hatte, sagte Friedrich lächelnd: »Ich hielt euch mit Absicht noch bei Tische fest, Messieurs, weil ich eure Anwesenheit wünsche. Man kann in Petersburg nämlich noch immer nicht die amabilité unserer gefangenen preußischen Offiziere vergessen, namentlich aber ihre militärischen Fähigkeiten. So hat Kapitän von Steuben durch ein eigenes Handschreiben Ihrer Majestät so vorteilhafte Anträge erhalten, wie Wir sie ihm nicht bieten können. Wir ließen ihm freie Wahl, sein Glück zu machen, Steuben hat die glänzende Avantage aber abgelehnt, und deshalb ließ ich Panin rufen. – Nachdem er seinen Entschluß freiwillig erwählt hat, ist es nun Sache seines Monarchen, für ihn einzutreten. Ihr werdet Zeugen davon sein, meine Herren!« Er erhob sich, und alle übriges folgten ihm. – Der Botschafter, so rasch zum Könige entboten, wußte nicht, was das bedeuten sollte. Er vermutete ein dringendes, also wichtiges diplomatisches Geschäft, und Panins Eitelkeit schmeichelte sich, dabei eine Rolle zu spielen, welche ihm bei seiner Gebieterin irgendeinen Vorteil eintragen könnte. Sein lächelndes Gesicht, als er sich verbeugte, wurde indes ziemlich erstaunt, als er Friedrich in der Umgebung von Offizieren sah. »Exzellenz,« redete ihn der König an, »Ihro Majestät hat geruht, den Hauptmann und Adjutanten von Steuben mit einer höchst verlockenden Proposition zu beehren, und derselbe hat sie Uns pflichtmäßigst vorgelegt.« Panins Gesicht wurde furchtbar lang, sein Blick völlig verwirrt, dann schoß ihm das Blut ins Gesicht. »Eure Majestät nahm also von diesem Schreiben Kenntnis?« »Wie von allem, was Unsere Offiziere betrifft, die zumal vom Dienst bei Unserer Person! Ebenso nahm Ich Kenntnis von seiner Antwort an Unsere erhabene Freundin und Nachbarin. Gebe er mir den Brief an die russische Majestät, Steuben.« Steuben händigte dem Könige die Antwort ein. »Haben Sie die Güte, dieselbe zu befördern und Ihrer gnädigsten Gebieterin dabei zu melden, daß Wir völlig die Gründe billigen, welche es dem Kapitän von Steuben vorläufig unmöglich machen, den königlich preußischen Dienst mit dem der kaiserlichen Armee zu vertauschen!« »Ich werde gewiß dies Schreiben und die über dasselbe ausgesprochene Meinung Eurer Majestät auf rascheste Art zu Allerhöchster Kenntnis bringen. – Ich darf wohl so kühn sein, anzunehmen, daß der Entschluß des Herrn Kapitäns sich – einigermaßen den Wünschen Sr. Majestät untergeordnet habe, obwohl es scheint, daß die Anfrage meiner Gebieterin privater Natur war und auf solche Art durch den Herrn Adjutanten hätte erwidert werden sollen.« »Wir bemerken, daß der Adjutant hierin, eben wegen seiner nahen Stellung zu Uns, seine Pflicht besser kennt! Um Ihro kaiserlichen Majestät Wünsche zu erfüllen, mußte er mir notwendig ein Dokument vorlegen, welches sein Abschiedsgesuch hätte erklärlich machen können, da im übrigen der Kapitän doch wohl keine Veranlassung finden dürfte, Unseren Dienst zu quittieren.« »Ich bescheide mich und hoffe, die Antwort des Herrn Adjutanten werde keinen Einfluß auf die freundlichen Gefühle Ihrer Majestät der Kaiserin haben.« »Wir befürchten das nicht. Höchstihre Gebieterin ist eine zu kluge Dame, einen noch nicht verabschiedeten Offizier, der freiwillig nicht den preußischen Dienst zu verlassen gesonnen ist, zu einer Quelle ernsterer Mißstimmung zu machen!« – Friedrich II. machte mit leichter Verbeugung dem vor Ärger und Verlegenheit berstenden Grafen die Geste der Entlassung. Als die Tür hinter ihm zufiel, wandte sich der König zu Steuben. »Seine Treue hat freiwillig auf die russischen Anerbietungen verzichtet, wie Wir vor diesen Herren Ihm attestieren müssen. Wir wollten Ihm durch Unser Verfahren nur die Verantwortlichkeit für einen refus abnehmen, den Er Uns zuliebe gegeben hat. Wir danken Ihm für seine honnêteté !« Sophie von Anhalt Der nördliche Teil der Wilhelmstraße in Berlin, welcher von den Linden bis zum Wihelmsplatze und über ihn hinaus zur Leipziger Straße reicht, ist von alters her der aristokratischste Teil der preußischen Residenz gewesen, denn hier folgen in ununterbrochener Reihe die verschiedenen Ministerien und Sitze altbrandenburgischer wie preußischer Adelsfamilien aufeinander. Noch heute wohnen in denselben Räumen, welche die Koryphäen der friederizianischen Zeit gesehen haben, die Radziwill und Schwerin. Namentlich die Hotels an der westlichen Seite der Straße, deren Grundstücke bis an die alte, nunmehr gefallene Stadtmauer stoßen, besaßen prachtvolle parkartige Gärten, ganz in dem Stil holländisch-französischen Geschmacks gehalten, welcher sich seit Ludwig XIV. und Oranien unter uns eingebürgert hatte, bevor die Methode der »englischen Anlagen« der Gartenkultur andere Bahnen verzeichnete. Einer dieser Adelssitze, unweit der Linden, war dem damaligen Berlin als das »Hôtel de Anhalt« wohlbekannt. Der alte Dessauer wie seine Söhne Wilhelm Gustav und Maximilian Leopold hatten es innegehabt, solange sie in Preußen dienten, und nachdem der letztere als Leopold II. die Regierung seines Landes angetreten hatte, war es an die Reichsgrafen von Anhalt übergegangen. – Die Zeit der Frühjahrsparaden und Manöver war gekommen, jener großen Militärischen Schauspiele auf dem Köpenicker und Tempelhofer Felde, durch welche der Große Friedrich den Geist und die Schulung seiner Truppen rege erhielt. Dies war jetzt um so mehr nötig geworden, als das Heer aus dem Kriege fast zertrümmert hervorgegangen war, die Regimenter durch neue Mannschaften, teilweise neue Offizierkorps ergänzt, nicht selten sogar ganz umgeschmolzen werden mußten. Schon jetzt drängte sich dem erfahrenen Auge Friedrichs und seiner Getreuen die Wahrnehmung einer Verschlechterung der Armee zumal in den Provinzen auf, eines Rückganges derselben, einer Verminderung ihrer Leistungsfähigkeit. Diese Ahnung betrog den König nicht. Solange er und seine Kriegshelden noch lebten, wurde diesem Übelstande noch nach Kräften Einhalt getan, aber unter dem schwachen Regiments seines Nachfolgers, des sogenannten »dicken Wilhelm«, kam das einst ruhmreiche Heer in einen so argen Verfall, daß es notwendig bei Jena geschlagen werden mußte. Begreiflicherweise machte der desolate Zustand seiner Truppen dem Könige eben solche Sorge wie der gesunkene Wohlstand des Landes, den es zuerst zu heben galt, ehe von einer Neugeburt der Armee und der Ausmerzung von Schäden die Rede sein konnte, welche sich, begünstigt durch Zeit und Umstände, eingeschlichen hatten. Zu besagten Übungen erwartete man nächster Tage die Ankunft des Königs und seines militärischen Hofstaats wie der Garnisonen von Potsdam und Spandau in Berlin; Steuben war vorausgesandt worden, die Dispositionen des Königs dem Gouverneur General von Hülsen zu überbringen und mit demselben für Unterkunft der Truppen und alle diejenigen Vorkehrungen zu sorgen, welche bei Ansammlung großer militärischer Massen und deren Bewegungen unerläßlich sind. War dieserhalb unser Held auch vollauf beschäftigt, etliche Nachmittagsstunden blieben für ihn immer frei. Steuben wußte, daß Graf Anhalt vor drei oder vier Tagen nicht im Gefolge des Königs in Berlin erscheinen konnte, seine Familie aber bereits aus ihrem Logis in Potsdam nach dem »Hause Anhalt« in der Wilhelmstraße übergesiedelt sei, er die Damen mithin zu treffen sicher sei. Sein Zartgefühl wie sein Verstand hätten ihm sagen müssen, daß, wenn er auch eingeführt und ein für allemal invitiert worden war, es der Schicklichkeit gänzlich zuwider lief, in Abwesenheit des männlichen Oberhauptes der Familie nicht bloß hinzugehen, sondern auch ernste Schritte zu tun, seinen Liebeszielen näherzukommen. Aber er war eitel, blind, der Sklave seiner mit aller Gewalt erwachten Gefühle, und gerade das, was ihn hätte abhalten sollen, sich seiner Selbstsucht hinzugeben, wurde ihm ein Grund mehr, rasch zum Zwecke zu kommen. – Sophie von Anhalt liebte Friedrich von Steuben mit aller Tiefe, deren das weibliche Gemüt, namentlich das einer hochgebildeten, zartbesaiteten Frauennatur, fähig ist. Sein Äußeres nicht bloß, nicht seine wertgeschätzten Gaben als Soldat wie Edelmann nur, auch seinen Charakter hielt sie hoch, dessen innerer Menschenwert bei ihr und ihrem Bruder und dessen Gemahlin über allen Zweifel erhaben war. Dennoch liebte ihn Sophie nicht frei, wie das Weib den Mann lieben muß, sondern mit Sorgen, voll Scheu und Bangigkeit, und diese scheue, bange, sorgenvolle Liebe mußte mit dem immer klareren Bewußtsein wachsen, daß Steuben nicht gewillt sei, sein Liebesglück der Zeit und einer ruhigen Entwicklung zu überlassen, sondern eifrig Gelegenheit suchte, sein Glück beim Schopf zu fassen und sich durch entschlossene Kühnheit in dessen Besitz zu setzen. Sophie war die Schranke nicht verborgen, welche Steuben von ihr trennte, und sie hielt dieselbe auch nicht für gänzlich unübersteiglich, doch für ein sehr starkes natürliches Hindernis, das nur Zartheit, Ruhe, Geschick, der Einfluß der Zeit und Umstände beseitigen konnten, welches rücksichtslos zu überspringen aber gefährlich war. Ein prachtvoller Mainachmittag, als gerade die westlicher rückende Sonne mit wirksamem Strahle den parkartigen Garten und die Hinterfront des »Hauses Anhalt« mit goldiger Flut übergoß, fand Komtesse Sophie allein in seiner Blütenpracht und seinem prangenden Grün. Ihre Schwägerin war ausgefahren, Besuche und Einkäufe zu machen. Die »Bonne« war bei den drei kleineren Mädchen, der »Gouverneur« bei den beiden Knaben des Generaladjutanten. Alles rings war still, friedlich, träumerisch, und ebenso waren Sophies Gedanken. In diesem Augenblick dachte sie weniger als je an die sorgenvolle Seite, die Schatten ihrer Liebe – diese Liebe stand in ihr sonnenhaft licht und groß. Am allerwenigsten dachte sie sich die Gefahr so nahe, welche sie für ihr Herz, ihr Lebensglück fürchtete. Der Park oder Garten hatte eine hohe, ziemlich breite Mittelallee, die von der Terrasse des Hauses bis zur Fontäne in der Mitte des Areals lief und jenseits derselben bei einem kleinen, schnörkelhaften und massiven Pavillon an der Mauer endete, dessen Stil damals als » à la chinoise « galt, obwohl ein Mandarin dagegen wahrscheinlich erhebliche Einwände gemacht hätte. Diese Allee, deren Weg überdies von wohlverschnittenen halbhohen Taxushecken eingefaßt und so von den seitlichen Rasenplätzen und Blumenbuketts getrennt war, promenierte Sophie auf und ab, die » aventures de Télémaque « des Abbé Fénelon in der Hand, in welchen sie vorher auf einer Steinbank mehr geblättert als gelesen hatte. Die Fontäne bereits hinter sich und im Begriff, auf das Haus zurückzuschreiten, gewahrte sie eine hohe Gestalt in Uniform aus dem unteren Pavillon auf die Terrasse treten. Im ersten Augenblick überlegte sie, ob sie nicht, um eine Begegnung zu vermeiden, umwenden oder rasch in einen Seitenweg einbiegen solle, damit, wenn Steuben die Allee herabkomme, sie auf einem Umwege ins Haus und auf ihr Zimmer gelangen könne, wo es ihr leicht war, ihn abzulehnen, falls er gemeldet würde. Sie errötete aber über diesen Entschluß, denn er wußte nicht nur bereits, daß sie im Garten sei, er sah sie ja vor sich. Ein Ausweichen hätte Steuben beleidigt. Sie entschloß sich also, auf Steuben und die Terrasse stracks zuzugehen und ihn zu empfangen. – Sophie trat hierbei die ganze Schwere und Peinlichkeit ihrer Lage vor Augen und machte sie erblassen. Trotzdem man ihm doch wahrscheinlich gesagt hatte, daß die Gräfin nicht anwesend sei, hatte Steuben doch den Eintritt verlangt, sein Besuch galt also ihr, und mit schmerzlicher Verlegenheit unterzog sie sich den Folgen. Steuben schritt geröteten Angesichts hastig auf sie zu. »Verzeihung, Komtesse, wenn ich störe, aber –« »Sie stören zwar nicht, Herr Adjutant,« fiel sie ihm mit vorwurfsvollem Tone ins Wort, »aber ich hätte wohl hoffen dürfen, daß Sie eine günstigere Gelegenheit gewählt hätten, dieses Haus zu beehren.« »Kann es eine günstigere Gelegenheit als jetzt geben, Sophie, um das auszusprechen, was mein Herz peinigt und bewegt?« »Herr von Steuben, was Sie auch bewege – wenn es meine Teilnahme – ja mein Mitempfinden selbst verdienen mag –, Sie müssen sich aber doch sagen, daß Sie sich am passendsten an meinen Bruder gewendet hätten, der Ihnen ja in jeder Beziehung so nahe steht!« »Finden Sie es denn so unpassend, teure Komtesse, daß ein Mann zuerst dem Wesen seine Gefühle kundtut, dem sie für alle Zeit geweiht find?« »Ein solcher Mann, Herr von Steuben, hätte sich doch aber versichern sollen, ob die Situation derjenigen, welche er seiner Empfindungen würdigt, für solche Expektoration schicklich gewählt ist, oder ob er nicht gerade in vorschnellem Streben auf sein Ziel die Dame und – sich selbst gefährde, welcher seine Anwesenheit gilt?« Dieser Avis war deutlich und wohl sehr angetan, Steuben zur Besinnung zu bringen, aber er wollte sich nicht mehr besinnen, er war von seinen Empfindungen völlig übermannt. »Sophie,« rief er, leidenschaftlich ihre Hand ergreifend, »sprechen Sie doch nicht in so tadelndem Tone zu mir, verheimlichen Sie doch nicht, dem eigenen Herzen zuwider, daß Sie wohl wissen, was Sie mir sind, und daß Sie meine Hoffnungen nicht ohne Ermunterungen ließen!« »Wenn ich dies tat, Steuben, dann macht Ihre jetzige Handlungsweise, daß ich es schwer bereue. Ein Mädchen kann eines Mannes Hoffnungen ermuntern, aber kann auch Schmerz und Kummer empfinden, wenn er diese Hoffnungen so eigenwillig wie Sie zu verwirklichen sucht.« »Und warum, Sophie, soll ich es nicht? Weshalb, wenn ich Sie liebe, soll ich Ihnen das nicht sagen dürfen, um mich meines Glückes zu versichern? – Erinnern Sie sich des Tages von Schönhausen, da Ihnen der noch wenig bekannte Steuben doch so viel inniges Interesse abzunötigen vermochte, daß Sie wünschten, er möge nicht nach Rußland gehen. Sagten mir Ihre Blicke seitdem so gar nichts, um mich zu ermutigen? War das in Seligkeit erglühende, holde Antlitz meiner Sophie denn Täuschung, mit dem sie mich empfing, als ich von Kassel wiederkam? Hat die zarte Freundschaft, welche Sie mir in diesem Hause gönnten, nicht Gefühle gesteigert und befestigt, die ich in heiligen Charakteren aus Ihren Mienen las und welche mein wonneberauschtes Herz verstanden? Nein, nein, edles, engelgleiches Mädchen, du sollst mich nicht hindern, dir zu sagen, daß ich nur eine Frau im Leben liebe, dich, ein Glück nur, eine Wonne, eine Sehnsucht kenne, deinen Besitz! Oh, sprich aus, was ich zu hoffen habe, Gott allein sei zwischen uns Zeuge, er allein schaue in unsere Herzen, ehe wir sie anderen öffnen!« Er wollte sie umfangen, aber sie trat zurück. Dann entströmten ihren Augen heiße Tränen, und beide Hände legte sie in seine Rechte. »Wenn Sie eine Ahnung davon haben, was in meinem Herzen für Sie schlägt, Friedrich, warum wollen Sie mir ein Geheimnis abpressen, weil ich Ihnen gegenüber schutzlos bin. Gewiß ist Gott Zeuge aller unserer Handlungen, Regungen und Gedanken, gewiß muß man ihn zuerst anrufen, wenn man vor der heiligsten Frage seines Lebens steht! Hätten Sie es so getan, Steuben, wie ich, dann hätten Sie mich nicht zu einer Szene gezwungen, deren Folgen für uns beide unvermeidlich, ach – vielleicht verhängnisvoll sind. Steuben, weil Sie gerade in meiner Brust alle Stimmen für sich haben, deshalb antworte ich Ihnen nicht, mein Freund, heute nicht, antworte Ihnen nicht eher, als bis mein Bruder Ihnen das Recht eingeräumt hat, mich zu fragen! Wohl ist die Liebe eine freie Gottesregung, die irdischen Zwang nicht kennt, aber es gibt ein Heiliges und Keusches, die Sitte! Es ist nicht Sitte, daß einer so liebt, so freit wie der andere. Unsere Stellung im Leben bedingt die Form, in der wir uns unseren Gefühlen überlassen dürfen. Vermochten Sie diese Schranke zu überspringen, ich vermag es nicht. Sie haben mein Wort nicht eher, bevor Sie das meiner Verwandten nicht haben! Nachdem Sie mir allein, absichtlich und heimlich Ihren Besuch machten und der Dienerschaft den Zweck Ihrer Anwesenheit ganz unzweideutig ließen, muß ich Sie bitten, mich vor Ankunft meines Bruders nicht wiederzusehen und ihm, als Mann, als Kavalier, das erste Wort in dieser Sache zu gönnen, bevor Sie eine Frage wiederholen, bei der ich nur bedaure, daß sie vier Tage zu früh und in einer Weise erfolgt ist, daß ich vielleicht über das Lächeln und Flüstern derer erröten muß, die auf diese Art eher in ein Geheimnis eingeweiht wurden als Menschen, die für mich das erste Anrecht dazu haben.« Sie gab ihm hastig die Hand, preßte das Taschentuch vor die zuckenden, wehmutsvollen Lippen und schritt an ihm vorüber dem Hause zu. Langsam folgte er ihr, halb beseligt, halb bestürzt. Als er aus dem Portale trat und die Wilhelmstraße hinauf, den Linden zugehen wollte, fuhr eben die Equipage der Gräfin vor. Steuben schrak auf, wie wenn er über einem Unrecht ertappt worden wäre, grüßte hastig und eilte mir großen Schritten davon. Gräfin Amalie, welche ihn hatte aus ihrem Hause kommen sehen, war höchlich frappiert. Als Dame von Takt ließ sie sich aber nichts merken. »War Besuch inzwischen hier?« fragte sie den Lakaien im Vorsaal. »Der Herr Flügeladjutant, Kapitän von Steuben!« »Brief aus Potsdam gekommen?« »Einer von des Herrn Grafen Gnaden.« »Legen Sie ihn in mein Zimmer!« Sie begab sich eben dahin, wo die Jungfer ihr Enveloppe, Fächer und Hut abnahm. »Wo befindet sich die Komtesse, meine Schwägerin?« »Vor wenigen Augenblicken kam die Gnädige vom Garten und eilte in ihr Kabinett!« »Lasse die eingekauften Sachen aus dem Wagen bringen!« Als die Jungfer sich entfernt hatte, ging die Gräfin zu Sophie aufs Zimmer. – »Mein Gott, Steuben war hier? – Wie du aufgeregt bist!« »O wärst du doch eine halbe Stunde früher zurück gewesen, es wäre nicht geschehen!« Schluchzend fiel Sophie Amalie um den Hals. »Mein Herz, meine liebe, liebe Sophie, was geschah dir denn? – Mein Gott, er hat sich dir doch nicht erklärt?« Sophie verbarg ihr glühendes Gesicht am Busen der Schwägerin, ein inniges Umarmen allein war die Antwort. »Ach, ich hab's geahnt, gefürchtet!« sagte Amalie. »Der Unbesonnene! – Doch beruhige dich, geschehen ist geschehen! Ich werde an meinen Mann schreiben und brauche dir wohl nicht zu sagen, daß seine brüderlichen, wahrhaft humanen Gefühle dein bester Trost und sicherste Stütze sind. In wenig Tagen kommt Ludwig mit dem Könige herüber, bis dahin fahre ich stets nur in deiner Begleitung aus. Hätte ich diese Taktlosigkeit irgend ahnen können, ich hätte sie nicht begünstigt.« * Es ist schlimm genug, zu wissen, daß man eine Narrheit begangen habe, noch schlimmer aber ist's, wenn man die eine Narrheit mit einer zweiten, nicht geringeren gutzumachen sucht und den bereits als falsch erkannten Weg in der eitlen Hoffnung fortsetzt, man käme auf ihm dennoch ans Ziel. Steuben hatte auf wenig kavaliermäßige Weise eine Dame in Verlegenheit gesetzt und sie bedrängt, deren Neigung er auch ohne vorschnelle Kühnheit ziemlich sicher sein konnte. Nachdem er diesen Schritt getan hatte, bereute er ihn. Er wußte nun zwar gewiß, daß sie ihn liebe, aber er wußte nicht, ob sie sein werde oder nicht. So schrieb er an sie. Er bat sie wegen des Besuches um Verzeihung, versicherte sie seiner Leidenschaft mit heißen Schwüren und daß er nur des Grafen Rückkehr erwarte, um sich die Erlaubnis zu erbitten, ihr Jawort einzulösen. Dieser Brief wurde gegen Abend im Hotel Anhalt durch Karl Vogel abgegeben, und als der Diener der Frau Gräfin mit schlecht verborgenem Lächeln das duftende Billetdoux übergab, sie auf dem Kuvert Steubens Wappen, Handschrift und Sophies Adresse sah, rief sie empört aus: »Die Fadessen des Herrn Adjutanten übersteigen alle Begriffe! Herr von Steuben ist von einer Naivität erfüllt, die wirklich nur ein kleinbürgerliches Begriffsvermögen voraussetzen! Du wirst erlauben, liebe Sophie, daß dein Bruder diese épître amoureuse zuerst eröffnet.« Sophie entgegnete kein Wort. Sie zog sich zeitig auf ihr Zimmer zurück, um eine tränenvolle Nacht zu durchwachen. Der König ist in Berlin angelangt, der Empfang der Generalität und Staatsbeamten vorüber. Anfänglich hat der König Steubens Anwesenheit kaum obenhin bemerkt, Graf Anhalt seinen Gruß mit kurzer, geschäftsmäßiger Verneigung erwidert. Als der König mit seinen Adjutanten und dem zurückgebliebenen Gouverneur allein war, examinierte er mit sonderbarer Kälte und Schärfe Steubens Tätigkeit in Berlin bis auf das Pünktchen über dem i und beruhigte sich nicht eher, bis General von Hülfen versicherte, es sei alles buchstäblich ausgeführt, »was Majestät befohlen habe«. Nach einigen Erörterungen zwischen ihm, Hülsen, Krusemark und dem Grafen sagte der König: »Ich danke, lieber Hülsen. Es ist alles gut; also morgen die Kavallerie, übermorgen die Artillerie, dann die Fußtruppen. Adieu! – Er kann gehen, Steuben, Ihn brauch' ich nicht mehr!« – Steuben verbeugte sich bestürzt. – Das: »Ihn brauch' ich nicht mehr!« klang eigenartig, klang ihm ganz fürchterlich ins Ohr. Die Adjutanten benahmen sich ihm gegenüber, als ob sie einen Ladestock verschluckt hätten. Mein Gott, gehörte Steuben denn noch hierher? – Auf sein Zimmer zurückgekehrt, setzte er sich nieder, schrieb an Sophies Bruder und suchte eine Privatunterredung mit ihm nach. – Am anderen Tage war das Benehmen des Königs und seiner Umgebung unverändert. Als die Truppenübung vorüber war und die Suite vom Tempelhofer Felde zurückkehrte, fügte es der Zufall oder auch Absicht, daß Graf Anhalt neben Steuben ritt. – »Herr von Steuben,« sagte ersterer kalt, »Sie haben mich zu sprechen gewünscht. Nachmittag zwischen fünf und sechs Uhr bin ich bereit, Ihre Mitteilung in meinem Hause entgegenzunehmen.« Damit brachte er durch eine kurze Wendung sein Pferd neben das des Dragonerobristen Zastrow, welchen der König seines Regiments wegen besonders belobt und zur Tafel befohlen hatte. – Zu der bezeichneten Stunde betrat Friedrich von Steuben das Haus des Mannes, der ihm unlängst ein so herzlicher Freund, ja mehr als Freund gewesen war, das Haus, welches das einzige Wesen umschloß, dem er sich in Liebe heiß und ewig verbunden fühlte. Sein Zustand war in diesem Augenblicke von verschiedentlichsten Seelenstimmungen aufgeregt. Erstlich hing sein Lebensglück, hing seine bisherige Stellung an Anhalts Seite beim Könige von dem »Ja« oder »Nein« dieser Stunde ab, die Pein der Liebe kämpfte also in ihm mit den beängstigendsten Zweifeln. – Diese plötzliche eisige Behandlung nicht nur seitens des Grafen, sondern des Königs und seiner Umgebung empörte ihn um so mehr, als sie ihn alle nicht nur sonst mit Vertraulichkeit geehrt hatten, sondern auch weil er sich nicht des geringsten Fehlers im Dienst bewußt war. Was ging es den König an, wenn es ihm gefiel, der Komtesse Sophie einen Antrag zu machen, und wenn der Monarch sich in diese Sache mischte, ihn seinen Unwillen fühlen ließ, war dieser nicht durch eine beleidigende Indiskretion Anhalts hervorgerufen, der Steubens Absichten dem Könige also eröffnet hatte, bevor er selbst Zeit gefunden, dem Grafen dieseleben auszusprechen? Scham und Zorn gekränkter Ehre, verletzter Eitelkeit und unverdienter Mißachtung machten Steuben gleich ungeschickt, in dieser Stunde den Brautwerber zu spielen. Statt in sich die Quelle seiner so plötzlich veränderten Stellung zu suchen, suchte er sie bei anderen. Der alte Kammerdiener des Grafen empfing ihn überaus ernst. Im Hause war's totenstill, nur der leise Tritt der Schuhe des Lakaien klang wider, als ihn derselbe durch eine ihm wohlbekannte, jetzt einsame Zimmerreihe zu dem entfernten Arbeitskabinett des Grafen führte. – Leopold Ludwig von Anhalt war allein und augenscheinlich auch nicht so innerlich ruhig, wie es ratsam gewesen wäre. Er verneigte sich und bot, als der Diener das Zimmer verlassen, Steuben mit erzwungener Ruhe das Kanapee an. »Sie haben eine Unterredung gewünscht, Herr von Steuben, und ich habe kein Recht, Ihnen eine solche zu verweigern. Ich bin bereit, jede Frage zu beantworten, die anständigerweise beantwortet werden kann. – Gestatten Sie mir, ehe Sie mich mit Ihren Wünschen beehren, vorher einige Worts über Ihr Benehmen fallen zu lassen, welches Sie zu beobachten für gut fanden, bevor ich eintraf. – Keinen Kavalier oder Offizier Sr. Majestät kann ich abhalten, der Komtesse, meiner Schwester, den Hof zu machen, ja, sich in sie zu verlieben und kühnere Erwartungen an seine Leidenschaft zu knüpfen. Auch steht es Komtesse Sophie frei, über ihre Gefühle zu verfügen und dadurch gewisse Hoffnungen zu erwecken, denn ich bin nicht ihr Vormund. – Ihr Bruder aber bin ich gewiß und der Chef der Familie, deren Schutz die Komtesse genießt, bis sie einen besseren zu wählen vorgezogen hat. – Gebe ich alles dies aber auch zu, so werden Sie mir zugestehen müssen, daß es der Dame gegenüber, welcher Sie Ihre Huldigung widmeten, nicht zartfühlend ist, daß Sie nicht nur meine, sondern auch der Gräfin Abwesenheit benutzten, sich zu einem Tete-a-tete bei meiner Schwester einzudrängen und sie dem Gerede der Domestiken preisgaben, nur um der jungen Dame eine Erklärung aufzunötigen, die Sie nicht Mut genug hatten, so scheint es, aufzusparen, bis die Komtesse wieder unter unserem Schutze stand! Sie haben dies in Ihrem mehr als naiven Briefe an die Komtesse ja auch zugegeben!« Steuben fuhr heftig empor: »Sie wagten, Herr Graf, dies Billet zu öffnen, das nicht an Sie gerichtet war?« »Ich hoffe, wie werden uns nicht echauffieren, sondern dies unliebsame Gespräch mit soldatischer Kälte und der Würde unseres Ranges beendigen! Allerdings, ich eröffnete zuerst das Billet, bevor ich es meiner Schwester einhändigte. Die Gründe hierzu sind Sache meiner Familie!« »Dann erlaube ich mir die Frage, Herr Graf, ob Sie es waren, dem ich Sr. Majestät Kälte und das Benehmen der übrigen Herren seiner Umgebung zu verdanken habe? Sind Sie es gewesen, welcher Sr. Majestät Mitteilung meines Besuchs bei der Komtesse gemacht hat, und gehören die Gründe zu dieser Mitteilung auch lediglich zur Sache Ihrer Familie oder sind sie auch Sache meiner Ehre?« »Allerdings veranlaßten mich Familiengründe, Ihren Besuch dem König mitzuteilen, und die Art, wie er denselben aufgenommen haben mag, wird Ihnen keinen Zweifel lassen. Messen Sie nicht mir noch sonst jemand, messen Sie sich allein die Schuld aller dieser Folgen bei! Eins ist doch gewiß, Herr von Steuben, entweder Sie kannten die Empfindungen meiner Schwester zu Ihnen nicht, dann war es nicht bloß illoyal, sondern auch höchst unklug, nicht mir zuerst Ihr Vertrauen zu schenken, ehe Sie sich einem Refus aussetzten. Kannten Sie aber die Gesinnungen meiner Schwester für Sie – und ich fürchte, Sie kannten sie nur zu gut –, dann hätten Sie die heiligste Scheu vor diesen Gefühlen haben sollen, einen Schritt zu tun, welchen Sie nicht widerrufen können, und der nach jeder Richtung heillos enden muß! – Ich habe Ihnen meine Meinung nicht verhehlt, ich bitte nunmehr auf die Unterredung zu kommen, welche Sie gewünscht haben.« – »Herr Graf, es wird mir schwer, nach dem, was Sie gesagt und getan haben, den wahren und innigen Ton der Herzlichkeit zu treffen, welcher sonst unter uns Sitte war, und der zu dem gerade am nötigsten ist, was ich Ihnen zu sagen habe. Ich hoffe aber, Sie werden mir glauben, daß mein Antrag offen und ehrlich gemeint und der Ausfluß meiner wahren Hingebung und der unaussprechlichen Liebe für Ihre Fräulein Schwester ist.« »Das, Herr von Steuben, glaube ich Ihnen unbedingt, glauben wir Ihnen alle. Eben deswegen tut mir's wehe, daß die Sache so endet, durch Ihr beklagenswertes und selbstsüchtiges Vorgehen enden muß. Machen wir es kurz, Frage wie Antwort ist bald gegeben!« Steuben überglühte es wie Lohe, dann schüttelte es ihn wie Fieberfrost. »Herr Graf, ich bitte Sie um die Hand Ihrer Schwester und frage Sie, ob ich wert oder unwert bin, Komtesse Sophie meine Gattin nennen zu dürfen!« »Diese beiden Fragen schließen sich einander völlig aus. – Daß Sie wert sind, meiner Schwester Gemahl zu sein, es wert sind als Patriot, als Soldat und Mensch, wert als Charakter, das, Herr von Steuben, gestehe ich Ihnen freiwillig zu. Würdig sind Sie meiner Schwester nicht! Deshalb muß ich Ihren Antrag ablehnen, der ehrenvoll in jeder Beziehung ist, dem ich aber sowenig in der Lage bin, wie meine vernünftige Schwester, Folge zu geben!« »Sie weisen mich ab, Graf?« rief Steuben drohend. »Ich bin hierzu gezwungen!« »Haha, Sie spielen mit Worten und mit Herzen! Wert bin ich Sophie also, würdig aber nicht? In was besteht denn die Würde, die Ihre Familie für den beansprucht, der es wagen darf, ein Glied derselben zu werden?« Der Graf wurde blaß. »Da Sie mich dazu treiben, diese Würde zu nennen, so besteht sie darin, daß Ihr Blut wie Ihr Rang dem Sophies und dem meinen nicht gleich sind, und daß keine Neigung, kein sonstiger Wert über die Klippe forthelfen kann! Das ist auch Sr. Majestät Meinung, der in dieser Frage ein doppeltes Recht hat, seine Meinung zu äußern! Sie hätten sich das selbst sagen können, wenn Sie nicht blind nur Ihren Gefühlen gefolgt wären und die der anderen vergessen hätten!« Steuben verlor den letzten Rest kalten Blutes und seiner Vernunft, er verlor sich selbst, seine Vergangenheit und Zukunft in dem Wahnsinn einer Sekunde! »Hahaha!« lachte er im Kampfe der Leidenschaft. »Darin liegt also die Reichsgräflich Anhaltische Würde? – Nun, mein Herr, was die Ebenbürtigkeit betrifft, so ist mein Vater Major Augustin von Steuben, meine Mutter aber war Maria Dorothee, eine Dame aus dem Hause von Jagow, altmärkischen Adels, was Ihre gräfliche Familie nicht von Ihrer Frau Mutter behaupten kann!« »Steuben!« schrie der Graf auf und taumelte totenfahl zu seinem Schreibtische, an dessen Rand er sich klammerte. – »Gerechter Gott, was haben Sie getan! Sie beschimpften das Andenken unserer geliebten Toten!« »Um Gottes willen, Herr Graf, ich bereue von Herzen –!« Er eilte auf Althalt zu. »Schweigen Sie! – O schweigen Sie um Gottes willen! Schonen Sie den letzten Rest von Vernunft in mir und – bei der alten Gemeinschaft, die uns verband – machen Sie nicht, daß ich mich an Ihnen vergreife, an Ihnen in meinem Hause zum Verbrecher werde!« Schwer und erschöpft vor Aufregung sank er auf seinen Arbeitsessel und verbarg das Gesicht in den Händen. Steuben stand wie gelähmt. – Nach einer Weile erholte sich der Graf, und tiefer Gram umflorte sein edles Angesicht. – »Steuben,« sagte er gepreßt, »diese Beleidigung kann nicht zurückgenommen, nicht verziehen, nicht gesühnt – sie muß gerächt werden. Ich kann nicht leben, kann neben Ihnen nicht leben, der, meiner Schwester Liebe sich bewußt, dennoch dessen fähig war! Zwischen uns muß der König, dann aber Gott auf der Walstatt entscheiden! Es gibt keinen Ausweg sonst, denn ohne volle Entlastung von diesem Schimpfe würde meiner Familie Existenz Vergiftet sein. Ich beschwöre Sie, verlassen Sie dies Haus. Kehren Sie in einem Fiaker sogleich zum Schloß zurück und halten Sie sich auf Ihrem Zimmer. Das Weitere findet sich!« – Graf Anhalt wankte aus dem Kabinett; wie ein Verdammter, einem wandelnden Gespenste gleich, verließ Steuben den Ort, wo alles, was ihm teuer war, zurückließ, selbst seinen Charakter – niedergewürgt von einer Bestie, geheißen: selbstsüchtige Eitelkeit. Unser wenig heldenmäßiger Held, nachdem er das Residenzschloß in höchst bedauernswertem Zustande erreicht hatte, verzog etwa zwei Stunden in seiner Dienstwohnung, welche mit den Gemächern des Königs durch einen inneren Korridor und einen Glockenzug in Verbindung stand. Wie ein Unsinniger wälzte er die gräßliche Wahrheit des Geschehenen durch sein Hirn. Den Schellenton hätte er gesegnet, der ihn vor das strenge Auge seines Monarchen gerufen, um das Urteil »drei Jahre Festung und Kassation« zu vernehme«. Jegliches Opfer hätte er daran gesetzt, seine Tat vergessen zu machen. – Karl Vogel, dessen Treue in schweren Stunden ihm wohl ein altes Anrecht an seinen Gebieter gegeben hatte, umschlich ihn, ohne ihn zu stören. Der brave Mensch sah diese Kämpfe, diese Leiden. »Was hat denn Ew. Gnaden?« flüstert« er trübe. »Nichts habe ich mehr, Karl, nichts als dieses erbärmliche, wüste, zerschlagene Herz, und auch das ist nicht mehr mein – es gehört der Kugel eines anderen! – Ein Ehrenhandel! – Ich oder er! Ich hoffe, ich werde es sein!« Mit leisem Aufschrei erhob Karl die plumpen Hände, die er zusammenschlug. Dann senkte sich sein Haupt, und er schwieg. Er wußte, was das für eine Sache nur sein konnte, sein ungebildetes, aber empfindungsvolles Herz, wie so oft einfachen Leuten eigen, sagte ihm, daß, wie dieser Konflikt auch auslief, alles für seinen Herrn verloren sei. Jetzt regte sich etwas draußen, es klopfte. »Öffne, dann geh' weg – laß sie mit mir machen, was sie wollen.« Vogel öffnete. Generaladjutant von Krusemark trat ein, Vogel verließ das Zimmer. – »Ich denke, Herr Kapitän, wir können uns kurz fassen. Majestät weiß alles, Graf Anhalt ist bei ihm! – Auf Befehl des Königs sind Sie von jetzt bis morgen früh vier Uhr Arrestant. Drei Viertel fünf Uhr Rendezvous im Keller! – Pistolen! – Ich sekundiere dem Grafen, besorge Zeugen und Arzt! – Sollten Sie nach der Affäre noch gesund sein, dann kehren Sie in dies Gemach als Arrestant zurück bis auf weitere Verfügung. Majestät wird Sie entweder nie mehr wiedersehen oder nur aus alter Großmut vielleicht einmal noch, denn, wenn Sie leben, werden Sie sehr elend sein! Als letztes Freundeswort mag Ihnen die Versicherung gelten, ich bemitleide Sie namenlos, noch mehr aber jene Unschuld, die Ihre Leidenschaft zu Boden trat! Nennen Sie mir die Herren, welche Sie in dieser Sache zu Vertrauten wählen!« »Leutnant de Romanai vom Regiment Koch als Sekundanten, den Generalleutnant selbst als Unparteiischen, de l'Enfant von dem gleichen Regiment als meinen Zeugen. – Gestattet Majestät, in Ihre Hände mein Testament niederzulegen, so bitte ich, es der Allerhöchsten Gnade zu empfehlen!« – »Ich bin alle Wünsche entgegenzunehmen ermächtigt, die Sie in dieser Sache haben können. Ein Fiaker wird Punkt vier Uhr bereitstehen. – Leben Sie wohl!« – Krusemark ergriff Steubens Hand, sah in des Gebeugten jammervolle Züge, dann ging er rasch hinaus. Das Duell Der Morgen zog mit Rosenschimmer herauf. Steuben hatte nicht eine Sekunde geschlafen, sondern sein Testament gemacht, nachdem er Romanai acht Uhr abends noch empfangen hatte, des Kalibers der Waffen und sonstiger Arrangements wegen. – Friedrich II. haßte den Zweikampf. Er bestrafte ihn als Monarch nicht nur unerbittlich streng, er verabscheute ihn auch als Mensch aus tiefster Seele. Er mußte also nicht minder aus seiner objektiven Kaltblütigkeit durch des Grafen von Anhalt Schimpf gerissen worden sein, der in seinem Blute angetastete Hohenzoller mußte doch in dieser Sache über den Fürsten in ihm gesiegt haben. Eine sehr sonderbare Affäre war's, deren Veranlassung nur den nächsten Militärs um den König und den Beteiligten bekannt war, von welcher weder Generalleutnant von Koch, de l'Enfant noch Romanai ein Sterbenswort erfuhren, obwohl ihre Hilfe von Steuben zum Duell beansprucht worden war, diese Bitte aber durch einen der Person der Majestät so nahestehenden Mann wie von Krusemark überbracht wurde, welcher wissentlich eine – Ungesetzlichkeit beging, weil der Fall, den diese Herren nicht kannten und nicht kennen durften, anders nicht zu erledigen war. Steuben hatte sich nach Erfüllung seiner letzten Pflicht als einen Sterbenden betrachtet, und in seine bisher so leidenschaftliche Seele war mit dem Todeswunsche zugleich eine merkwürdige Ruhe gekommen. – Schlag vier Uhr holte ihn de Romanai mit dem Pistolenkasten ab, Vogel saß auf dem Bock, und die Lindenstraße hinab ging's durch die Wälle, das Hallesche Tor hinaus. Die bekannten Sandkegel – die nächste, dünenhafte Bodenerhebung südlich Berlins –, heute »Kreuzberg« genannt, hatten damals an ihrem nördlichen Fuße eine »Kute«, wie der Berliner sagen würde, das heißt eine Art von Schlucht. Teils in und vor derselben lag eine Tabagie mit Obstgarten, von dem dunklen Tannengehölz überhöht und eingerahmt, welches damals besagte Sandkegel, ähnlich wie die anstoßende Hasenhaide noch heute, bedeckte. Dieser Ort hatte einen etwas schattenhaften, düstern Charakter und einen ebensolchen Ruf. Er heißt noch heute der »dustere Keller« und ist eine historische und berühmte Kneipe Berlins. Gar oft frühmorgens hat sich hier eine Affäre, Leben um Leben, abgespielt, von welcher nachmittags die »biederen Mitglieder der französischen Kolonie« keine Ahnung hatten, wenn sie beim Kaffee, der Pfeife, der Vossin oder Spenerin saßen, um dem Wandel der Zeiten tiefsinnig nachzudenken. – Die Tabagie war erreicht, der Morgen, wie überhaupt der Sommersanfang dieses Jahres, schön und erfrischend zugleich. Generalleutnant von Koch und de l'Enfant waren bereits angelangt, ebenso ein Regimentsarzt, nur die Gegenpartei fehlte noch. Die Begrüßung fand ohne viel Redensarten statt, der Wirt war, wie immer, informiert. Die Friedrichsdore waren für ihn das Beste dabei, alles übrige hatten ja – »die Herren unter sich abzumachen«! – Steuben und seine Begleiter sollten nicht lange warten. Zwei Equipagen langten an, in der einen Graf Anhalt und Krusemark, in Mäntel gewickelt, in einfacher Leutnantsuniform, nebst zwei fremden Offizieren der Berliner Garnison, welche General von Hülsen als verläßlich bezeichnet hatte. In dem anderen Wagen war durch Decken, Kopfkissen und dergleichen Bequemlichkeiten auf des Grafen Veranlassung hin für denjenigen Vorsorge getroffen, »der es nötig haben werde«. Der alte Kammerdiener Ludwigs von Anhalt saß auf dem Bock. – Man begrüßte sich stumm und traurig. Steuben war ergeben und still, wie jemand, der die Ewigkeit erwartet, weil das Leben ihm nichtig geworden ist. Der Graf dagegen, dessen Gesicht hektische Röte bedeckte, war überaus nervös erregt. Seine Augen blitzten, seine Brust arbeitete, man sah, er wollte treffen, wenn er schoß! Seine ganze Seele krankte an dem Schimpf, der nur im Herzblut des Beleidigers abgewaschen werden konnte. Der Gerechtigkeitssinn, der schwere Ernst der Sache, die eigentümliche Stellung der Männer, welche sie ausfochten, alles machte den Anwesenden die höchste Unparteilichkeit und Sorgfalt zur Pflicht. Nachdem der Platz gewählt und ausgemessen war, die verschiedenen Augenzeugen des trüben Dramas ihre üblichen Plätze eingenommen hatten, traten die Gegner auf neun Schritt Distanz einander gegenüber. Es war ausgemacht worden, daß beide auf »drei« zugleich schießen sollten und nur völlige Kampfunfähigkeit eines der Beteiligten als gültige Genugtuung angesehen werden dürfe. Die kurze Entfernung zwischen den Gegnern und die zuletzt genannte Bedingung machten es mehr als gewiß, daß der Kampf einen tödlichen Ausgang nehmen werde. Steuben hegte nicht nur den lebhaften Wunsch, mit seinem Leben den Bruder Sophiens zu versöhnen, er hatte auch fest in sich beschlossen, ihn nicht zu treffen. Koch kommandierte: »Eins! – Zwei! – Drei!« Die Schüsse krachten a tempo . Graf Anhalt und Steuben standen unverletzt. »Ich ersuche den Herrn Gegner, besser zu zielen!« rief Ludwig von Anhalt bitter. »Mir scheint, er gibt seiner Waffe eine absichtlich falsche Richtung!« »Wenn ich nicht fürchten müßte, den Herrn Grafen nochmals zu beleidigen,« erwiderte Steuben ruhig, »so würde ich ihn ersuchen, selbst besser sein Ziel zu nehmen. Tue jeder, was er vermag!« Frische Pistolen wurden gebracht. Das verhängnisvolle Kommando erschallte wieder, und die Rohre krachten. – In demselben Augenblick, da an Steubens Schläfe des Gegners Kugel so dicht vorbeisauste, daß sie die gedrehten Locken seiner Perücke auseinanderriß, sank Graf Anhalt blutend zu Boden. Einen Augenblick stand Steuben starr, dann tat er einen herzzerreißenden Schrei. – »Er ist erschossen! Ich habe ihn getötet! Romanai, Ihre Pistole! Er soll nicht ohne mich vor Gottes Gericht treten!« Damit suchte der unglückliche Mann seinem Sekundanten dessen Pistole zu entwinden. De l'Enfant wie Koch rissen ihn von Romanai los. »Unsinniger,« rief der Generalleutnant, »wollen Sie das Unheil noch mehr vergrößern?« »Halten Sie sich still, Kapitän, im Namen des Königs!« sagte von Krusemark. »Der Graf ist schwer, aber nicht lebensgefährlich verwundet!« »Gott sei gelobt!« erwiderte Steuben bebend und wankte zu dem am Boden Blutenden. Er warf sich neben ihm auf die Knie, ergriff des Grafen Hand, und während Tränen seine Stimme erstickten, sagte er: »Verzeihen Sie einem Rasenden, der in der Leidenschaft nicht wußte, was er sagte! Das härteste Los will ich gern tragen, wenn Sie vergessen können, daß ich Sie beleidigte!« »Sie haben mir als Mann von Ehre Genugtuung gegeben«, sagte der Graf matt. »Ich verzeihe Ihnen gern und achte Sie, wenn ich Sie auch – bemitleiden muß!« Er drückte ihm leise die Hand. Dann ließ ihn Blutverlust und Erregung in Ohnmacht fallen. »Um Gottes willen, Doktor,« stöhnte Friedrich von Steuben, »sagen Sie mir, welchen Ausgang die Verwundung nehmen wird?« »Die Kugel ging ihm in die linke Hüfte, dort sitzt sie. Tödlich ist die Wunde nicht, aber sie kann es werden, falls es nicht gelingt, die Kugel bald zu entfernen.« »Um meines Seelenfriedens willen, tun Sie alles!« – Unheimliche Stille folgte. Die Ohnmacht benutzend, gab sich der Arzt die größte Mühe, das Geschoß zu finden, bevor Geschwulst und Entzündung dies unmöglich machten, und es gelang ihm, die Kugel glücklich herauszuziehen. Steuben, der mit einer Angst und Sorgfalt, welche genugsam seine Reue und alte Liebe zu des Grafen bekundete, dem Arzt Beistand geleistet hatte, beruhigte sich nicht eher, als bis er geholfen hatte, den Gegner in den zweiten Wagen zu bringen und möglichst bequem zu betten. Krusemark, ihn beobachtend, stand sinnend bei dem Schlage. Als der Graf untergebracht war und der Arzt neben ihm Platz genommen hatte, trat Steuben zu Krusemark und legte salutierend die Hand an den Hut: »Herr Generaladjutant, ich melde mich zum Arrest!« »Es ist gut, Kapitän. – Die Herren von Romanai und de l'Enfant bringen Herrn von Steuben ins Schloß auf sein Zimmer. – Ich danke Ihnen allen und ersuche Sie im Namen Sr. Majestät um strengste Diskretion! Ich werde den Herrn Grafen seiner Familie übergeben und dann dem Könige Meldung tun.« »Darf ich noch eine Bitte aussprechen, Herr Generaladjutant?« »Ich stehe zu Diensten!« »Sagen Sie der Gemahlin und Schwester des Herrn Grafen, sie möchten einem Verzweifelten, einem sinnlosen Toren ihr Mitleid nicht gänzlich verweigern!« »Verlassen Sie sich darauf, Herr von Steuben, ich werde bei den Damen wie anderwärts Ihr Fürsprecher sein. Keiner hätte schicklicher, ehrenhafter und gefühlvoller handeln können wie Sie; ich hätte nur gewünscht, dies wäre zu Ihrem Heile eher geschehen!« Steuben verbeugte sich trübe und trat zwischen seine Sekundanten. Langsam fuhr der Wagen mit dem Verwundeten fort, Krusemark mit seinen Begleitern und Generalleutnant von Koch stiegen in die andere Equipage, welche vorauf eilte, um die gräfliche Familie auf den Unglücksfall vorzubereiten, Koch hatte vorher seinem alten Kameraden Steuben schmerzlich die Hand gereicht. Betäubt und matt nahm dieser in dem Fiaker Platz, seine Sekundanten gegenüber. Wenige Minuten später war die Walstatt leer und von dem Vorfall nichts zurückgeblieben als eine Lache Bluts, die der Wirt vorsichtig mit einer Lage Sand bestreute. Der »dustere Keller« hatte wieder einmal seine alte Schuldigkeit getan. – Steuben war Arrestant. Er sah niemand als Vogel, der ihn bediente und aus der königlichen Küche mit Bedürfnissen versah. Tage und Nächte schlichen ihm bleiern so dahin, erfüllt von den Vorwürfen seines Gewissens, von der Erwartung des Ausganges der Krankheit Anhalts. – Sein eigenes Los war ihm gleichgültig geworden. Verflogen war die heißblütige Leidenschaft, welche ihn hingerissen hatte, zu tun, was seiner besseren Natur völlig widersprach, verlöscht die törichte Eitelkeit und Überhebung in dem Blute des ehemals so teuren Freundes, das er vergossen hatte. In ihm lebte nichts mehr als die schwermütige Liebe seiner Jugend und die Entsagung alles dessen, was Glück heißt. Die Bitte, Krusemark möge ihn über des Grafen Zustand beruhigen, konnte er nicht zum zweiten Male aussprechen, da der Generaladjutant auf ein in diesem Sinne an ihn gesendetes Billet gar nicht geantwortet hatte. Man schien es als einen Teil seiner verdienten Strafe anzusehen, Steuben in der Folter der Erwartung über die Folgen seiner Tat zu erhalten. Vogel, still und traurig, sah das Elend seines Herrn, und es ging ihm tiefer zu Herzen, als er sich merken ließ. Er dachte nach, wie er ihm helfen, ihm einigermaßen seine Gewissenslast erleichtern könne. Die Wahrheit zu wissen, das sah Vogel ein, war für Steuben besser als diese nagende, aufreibende Ungewißheit. Da Karl gestattet war, in die Stadt zu gehen, um Bestellungen und Aufträge seines Herrn auszurichten, so benutzte er nach den ersten paar Tagen die Gelegenheit, sich an der Tür des »Hotels Anhalt« bei der Dienerschaft nach Sr. Gräflichen Gnaden Gesundheit zu erkundigen, indem er sagte, er komme im Auftrage Steubens. Vogel war dem Lakaien bekannt genug und so wurde seinen Bitten gewillfahrt. Die ersten acht Tage hatte Ludwig von Anhalts Entzündungsfieber so zugenommen, daß allerdings sein Leben in äußerster Gefahr schwebte; vom zehnten Tage an besserte es sich aber. Die Eiterung der Wunde ging vorüber, sie schloß sich und begann zu heilen. Gegen Ende der dritten Woche, dank des Grafen kraftvoller Natur, war selbst die Möglichkeit jeder Gefahr ausgeschlossen. – Alle Stadien derselben hatte Friedrich von Steuben mit ihm im Geiste durchlebt und mehr gelitten als der Kranke. Er war aber Vogel höchst dankbar für die Auskunft und hatte ihn täglich in die Wilhelmstraße gesandt, um direkte Nachrichten zu empfangen. Ende dieser dritten Woche erschien plötzlich Krusemark auf Steubens Zimmer. »Kapitän, Se. Majestät will Sie heute nach der Tafel sehen. Sie haben nicht mehr als Adjutant, sondern in einfacher Kapitänsuniform – doch mit dem Degen zu erscheinen!« »Das war wohl selbstverständlich für mich, Herr Generaladjutant. Ich sage tiefgefühltesten Dank, daß mir wenigstens meines Königs Degen vor ihm verstattet ist, wäre es auch das letztemal.« Die Stunde der Audienz kam. Steuben fühlte in tiefster Seele, wie er seinem erzürnten und hartstrafenden Monarchen gegenüberzutreten habe, seinem geliebten Herrn, der fast väterlich mit ihm verkehrt, ihn an seine Seite genommen, so ausgezeichnet, dem seine Eitelkeit aber so schlecht diese ungewöhnlichen Gnaden gedankt hatte, mit denen er überschüttet worden war. Zur festgesetzten Zeit trat er, von Krusemark eingeführt, ins Kabinett Friedrichs II. – Steubens Antlitz war fahl, seine hohe, straffe Erscheinung gebeugt, körperlicher wie geistiger Verfall prägte sich in seiner ganzen Erscheinung aus. Bei dem König befanden sich, außer Krusemark, der Herzog von Bevern, Mylord Marishall und einige andere engere Freunde aus seinem Hofstaat. Friedrich II. trat langsam auf den Unglücklichen zu, streng und vorwurfsvoll war seine Miene. »Dahin also hat Er's in Seiner wahnwitzigen Narrheit gebracht, Er – Er jämmerlicher Kerl, daß ihm nun nichts mehr bleibt im Leben?! So hat Er also Gott und seinen Monarchen außer Augen gesetzt, daß man sich schämen muß, Ihn vordem hoch gehalten, an ihm Tugenden vermeint zu haben, die Er entweder nie besaß oder die doch so insolide waren, daß eine leidenschaftliche Verblendung genügte, sie zu verlieren? Was hat Er Uns denn nun noch zu sagen? Was denkt Er denn, daß sein Geschick ist?« »Majestät,« erwiderte Steuben gepreßt, »ich vermag nur zu erwidern, daß jede Strafe, die Höchstsie über mich verhängen werden, lange nicht so groß sein kann als die Strafe meines eigenen Gewissens! Mich hat eine Leidenschaft übermannt und völlig mein Wesen verkehrt, die lächerlich, die verderblich sein mag, die aber menschlich ist. An ihrer Torheit möge Ew. Majestät die Gewalt und Tiefe derselben ermessen. Das ist meine aufrichtige reuige Meinung, sie soll aber keineswegs eine Entschuldigung meines Verhaltens sein.« »Ja, ja, Steuben, Sein fortune bei Dame Katharina, weil Er'n schöner Kerl ist, und daß Wir Ihn auch gern hatten, das machte Ihm den Kamm schwellen!« »Selbst in diesem Augenblick gerechtester Entrüstung, Majestät, kann ich nicht glauben, daß Ihr Urteil mich als Charakter gar so niedrig anschlägt. Mag sein, daß Eitelkeit mein Fehler war, aber er war nicht der Fehler eines hirnlosen Laffen, einer gemeinen Seele! Der Mann, welchen der erste Kriegsheld und König seiner Zeit wert achtete, ihn neben sich zu dulden, der durfte eitel genug sein, sich für was Besonderes zu halten. Wenn ich auch entehrt, als Bettler sterbe, mag es denn sein! Unbeachtet, im Winkel aber sterbe ich nicht, denn der Ruhm wird mein einsames Grab immer verklären, daß die Leute sagen müssen: der Alte, der dort fault, war doch des großen Friedrich Adjutant! Dies Gefühl wird weder die Reue eines ganzen Lebens, noch Ew. Majestät schwerster Zorn aus meinem preußischen Herzen reißen!« Des Königs Antlitz ward milder. »Ja, ja, darin hat Er recht, das kann Ihm selbst unser Herrgott nicht nehmen. Ich hätte Ihn aber für vernünftig genug gehalten, mit solcher Ehre zufrieden zu sein und sein Auge nicht so keck zu erheben!« »Nicht keck bloß, sagen Sie frech, Majestät! Sie kennen aber die Stärke des Gefühls nicht, das Sie tadeln, und das mich ins Elend brachte! Ich hätte die Komtesse eben nie sehen müssen, um noch ich selbst zu bleiben!« »Genug! Das Kapitel ist abgetan!« »Für ewig, Majestät!« »Ewig ist nichts, Er Narr, als Gott! Nicht einmal das Andenken der besten Könige! Er muß nun freilich die Folgen seiner Handlungsweise tragen! Als Adjutant ist er – nicht entlassen, aber zur Disposition gestellt, damit Er mir die Kompetenzen nicht verliert. Er soll nicht darben! Er ist als Kapitän zur Armee zurückversetzt!« »Majestät! – Ist – ist das meine Strafe?« Steubens Stimme brach, er fiel aufs Knie und bedeckte schluchzend des Königs Hand mit Küssen. »'s ist 'ne menschliche Schwachheit von Uns«, lächelte Friedrich. »Er hat zu viel Stimmen in Unserem Herzen, die für ihn bitten, und genug Stimmen Seiner alten Freunde rings um Uns, die meinen Gefühlen akkompagnieren. Sein Vorteil ist, daß man Ihn eben gut leiden kann. – Steh Er auf, ich bin nicht unser Herrgott! Er wird also als Kapitän und Kompaniechef im Regiment Salmuth weiterdienen, das jetzt in Dresden steht!« Steuben erhob sich totenbleich. »Majestät! Die – die Festung wäre mir gesünder!« »Wir diktieren Ihm die Strafe aber!« »Das können Ew. Majestät aber unmöglich wollen! Ich habe zwar interimistisch nur dies Regiment unter Durchlaucht von Bevern kommandiert, aber ich habe es doch kommandiert, habe es gegen die Franzosen bei Kassel ins Feuer geführt. Den Schimpf kann ich nicht tragen, im Frieden unter denselben Offizieren zu dienen, die vor dem Feinde mich als ihren Leiter sahen. Ich würde an der Verachtung meiner Kameraden, an der Despektation der Mannschaften zugrunde gehen!« »Wenn Er nicht wiederum ein kläglicher Tor ist, nehme Er nur mit dem Kompaniechef Seine Strafe auf sich. 's ist gut, wenn Er sich in Demut übt, dabei kann Er bei jedermann nur gewinnen!« Steubens Gesicht ward dunkelrot. »Wenn ich bei einem gewissen Handel gefallen wäre, ich wäre glücklich! Wenn Ew. Majestät mich auf die Festung setzte, ich wäre zufrieden! Wenn Ew. Majestät mich fortjagte, so hätte ich das verdient! Wenn aber Ew. Majestät mich im aktiven Dienst vom Regimentskommandeur zum Kompaniechef degradieren, dann lassen Sie mir nur noch die Wahl, mit einer Kugel solche Ungnade zu quittieren. Jetzt, Majestät, bitte ich um das, was ich nie für möglich gehalten hätte, ich bitte um meinen Abschied.« Der König fuhr zurück. »Ist das Sein letztes Wort?« »Mein letztes Wort ist: Festung, wenn's auch zeitlebens ist oder Entlassung.« »Und was will Er tun?« »Außer Landes gehen!« »Wohin?« »Das, Majestät, weiß ich noch nicht, nur das weiß ich, nach Rußland gehe ich nicht.« »So gehe Er, da Er auf seinen harten Kopf besteht! Den Abschied kriegt Er aber nicht, er soll Kapitäns- und Adjutantensalär wie seine Domherrndotation fortbeziehen. Erst wenn Er in 'nes fremden Staats aktiven Dienst zu treten Gelegenheit hat, wo Seine Subsistenz sicher ist, dann mag Er auf Grund dessen Seinen Abschied einreichen.« »Das ist eine weit großmütigere Gnade, als ich nach diesen schweren Tagen erhoffen durfte.« »Sie ist Ihm nicht mit gar gutem Willen gegönnt, denn er sollte Preuße und mein aktiver Offizier bleiben! Wir sehen aber, Er will eben mit Gewalt weg, will alle Hoffnung in der Heimat fahren lassen, alle Unsere guten Absichten vereiteln! Er muß am besten wissen, was Ihm gut ist.« »Mir ist nur noch die Fremde gut, Majestät, Glück in der Heimat, das Glück, was ich ersehnte, finde ich nie!« »Er hat nur den rechten Weg dazu verfehlt! Hat Er irgendnoch etwas zu wünschen?« »Nach dieser gnädigen Entlassung, Majestät, habe ich allerdings noch eine schwermütige Bitte auf dem Herzen.« »Nun?« »Graf Anhalt ist so weit in der Genesung, daß er Besuch empfangen kann. Ich möchte ihn einmal sehen, ihm Lebewohl sagen und die Versicherung geben, daß meine Person nie mehr seinen Weg kreuzen wird. Ich möchte den Seinigen alles abbitten, was meine Verblendung ihnen zugefügt hat.« »Das ist christlich und sehr hübsch von Ihm, aber es geht nicht an, Krusemark mag der Familie Seinen Gruß bestellen. Der Graf hat – ehrenwert und hochherzig genug – den Seinen nicht die Art der Beleidigung mitgeteilt, welche Grund des Duells gewesen ist. Sein Besuch würde vielleicht zu Erörterungen führen, die besser unterbleiben!« »Oh, mein erhabener König,« brach Steuben flammend aus, »ich habe geahnt, daß der erlauchte Graf edelherzig den Seinen die Größe meiner Schuld verschweigen werde! Sie darf aber der Dame nicht verschwiegen bleiben, welche diese Beleidigung gleich sehr wie ihn angeht!« »Wozu soll das? Will Er sich und sie denn ganz zerfleischen?« »Ich muß so handeln, Majestät! Die Komtesse hat mich geliebt, oh, mir sagt's mein Herz, sie liebt mich noch, wird immer mich lieben, wo ich auch bin, wird an mir ewig kranken, und mein Vergehen wird ihr ewiges Elend sein! Nur daß sie mich verachtet, kann sie heilen! Ihr Heil ist aber der einzige Trost meines Gewissens!« Friedrich II. war sehr bewegt, seine Umgebung nicht minder. – »Das ist wahrhaftig mein alter Steuben wieder, den Wir so lieb hatten, der Steuben, der in sich die Wiedergeburt seines eigenen neuen Mensches trägt! Ja, Er muß weg! Er muß der Komtesse das sagen, Er hat sehr recht! Zieh' Er etliche Tage in 'nen Gasthof, Krusemark wird Ihn bei dem Grafen anmelden, wird die Sache vorbereiten.« Der König reichte seinem entlassenen Lieblinge die Hand. »Geh Er mit Gott, die ewige Liebe, die vorher schon dem Menschen seinen Pfad vorschreibt, wird über Friedrichs Adjutanten walten und seines Kriegsherrn, seines Meisters Ihn würdig machen! Wo Er auch sei, lasse Er gleich von sich hören!« Auf der Lindenstraße gab es damals eine Ausspannung, zum »Roten Roß« genannt, einen jener Gasthöfe niederen Ranges, in denen bescheidene Reisende, welche Bauern und Fuhrleute nicht genierten, billiges Unterkommen fanden. Dorthin war Steuben mit seinem Diener Vogel gezogen. Außer zwei Mantelsäcken, dem Pistolenkasten und im Futterale Degen nebst Reitpeitsche, die Gefährten seiner Schlachten, führte er nur noch einen nicht sehr großes Holzkoffer bei sich, verschiedene militärische und andere Werke, alte Exerzierreglements, seine Dienstpapiere und übrigen Utensilien enthaltend, wie ein unverheirateter Militär sie eben zu besitzen pflegt. In der Stadt hatte er bei Generalleutnant von Koch, de Romanai und de l'Enfant Abschiedsbesuche gemacht, und da er erklärte, in fremde Dienste zu treten, wie irgend Aussicht auf Krieg vorhanden sei, baten ihn die beiden letzteren, seine alten Genossen als Knoblochs Adjutanten, er möge dann ihrer denken und ihnen auch Stellen verschaffen, sie wollten mit ihm dienen, wo es sei, denn das Garnisonieren im Frieden gefalle ihnen nicht. Er gab ihnen sein festes Versprechen. Zwei Tage nach der letzten Audienz beim Könige besuchte ihn Krusemark im »Roten Roß«. Er teilte ihm mit, die gräfliche Familie von Anhalt erwarte ihn am Nachmittag, alles sei eingeleitet. Er übergab ihm zugleich die vom Könige vollzogene Bewilligung, »daß Unserem ehemaligen Flügeladjutanten und Kapitän Friedrich von Steuben ein unbeschränkter Urlaub unter dem Charakter als Major von der preußischen Armee gnädigst erteilt sei«. Gerührt nahm Steuben diese letzte Gnade seines Fürsten als Zeugnis von dessen Liebe hin. Nachmittags trat er seinen letztem Gang in Berlin – den schwersten seines ganzen Lebens – an. Der alte Kammerdiener des Grafen empfing ihn wie immer und führte ihn in das Zimmer des Patienten, bei dem die Gräfin sich allein befand. Leopold Ludwig von Anhalt saß am geöffneten Fenster nach dem Garten zu in einem Lehnstuhl zwischen Betten, wohl noch recht bleich, aber er rauchte doch seine Pfeife wieder, und die »Nachrichten über Staats- und gelehrte Sachen« lagen auf seinem Schoße. »Gott grüße Sie, lieber Steuben!« Er streckte ihm freundlich die Hand entgegen. Überwältigt von seinen Gefühlen umarmte Steuben weinend den Kranken, dann küßte er der Gräfin Hand. »Ich habe nur ein Wort – Verzeihung, erlauchte Frau, gnädigster Graf! Wenn Sie meiner je gedenken, so denken Sie an mich wie an einen jungen, allzu eitlen Mann, der durch das Übermaß seiner Leidenschaft nicht bloß sein Glück zerbrach, sondern das von Menschen gefährdete, die seinem Herzen viel teurer sind als er sich selbst!« »Das, Steuben, ist auch die schönste Rache, daß wir jetzt wirklich wissen, wir seien Ihnen teurer als Ihre eigene Person! Sie haben schwer gefehlt, aber zehnmal schwerer gebüßt, jetzt ist's damit genug. Haben Sie die letzte Prüfung dieser Stunde hinter sich, dann können Sie mit dem Bewußtsein scheiden, Sie lassen Freunde hier zurück, die Ihrer nie anders als in Liebe und Hochachtung zu denken vermögen! – Gehen Sie – gehen Sie in den Garten zu Sophie. – Ihre Anwesenheit greift mich jetzt noch ein bißchen an, in 'ner Stunde bin ich schon fester vor Ihnen. – Gehen Sie nur ganz ruhig, ich bin mit Ihrer Absicht einverstanden.« Die Gräfin war sanft und höflich gewesen, aber wortkarg. Sie trug in ihrem Herzen Steuben das Duell doch noch nach, obwohl sie weder dessen Ursache kannte, noch diesen liebevollen Empfang des Gegners durch den Gemahl begriff, noch weniger aber einsah, wozu jetzt noch ein heimliches Zwiegespräch zwischen Steuben und Sophie dienen solle. Gleich vielen vortrefflichen Ehefrauen aber, welche merken, daß Dinge hinter ihrem Rücken vorgehen, beschloß sie, auf den Charakter ihres Mannes vertrauend, die Aufklärung der Zeit zu überlassen. Durch denselben Pavillon, auf dieselbe Blumenterrasse trat jetzt Steuben, sah den reizenden dunkelbelaubten Garten, über welchem sich der Junihimmel wölbte, welche Zeugen seines übereilten Fehltritts gewesen waren. Hier blieb er stehen, die Hand auf sein schlagendes Herz gepreßt, um noch einmal dies alles in sich als Bild zu fangen, das Bild des verlorenen Paradieses, das ihn durchs Leben als Erinnerung begleiten sollte. – Da regte sich etwas unweit von ihm – Sophie, die ihn, auf einem Gartenstuhle dicht am Hause sitzend, beobachtet hatte und nun aufstand. »Sie kommen, uns Lebewohl zu sagen, lieber Friedrich«, sagte sie, ihm mit Engelsruhe die Hand reichend. »Ein ewig Lebewohl, Komtesse, ja. Ich bitte Sie aber, die Gnade zu haben, einen Unwürdigen nicht mit so trautem Namen anzureden, ihn nicht so sanft und edel zu behandeln – er verdient es nicht. Oh, Sie wissen ja noch nicht, wie tödlich er nicht bloß Ihren Bruder, nein, Sie beleidigt hat, und daß es Dinge gibt, die das Herz nie verzeihen kann!« »Sie sollen mich nicht in dem Augenblicke des Scheidens in meinen Gefühlen irremachen, die unabänderlich sind und mit mir sterben werden. Zweifellos haben Sie Unrecht getan und uns Gram bereitet, dafür müssen Sie ja büßen. Wir büßen aber mit Ihnen, da wir Sie für immer entbehren müssen! Wie groß auch die Beleidigung sei, die meinen Bruder gezwungen hat, Sie zu fordern, diese Beleidigung, Steuben, wäre Ihnen unmöglich gewesen, wenn Ihre Liebe zu mir nicht mächtiger wäre als Ihre Vernunft, als die Erinnerung an Ihre Würde, als die Erwägung, daß Sie die eigene Liebe morden aus übermächtiger Leidenschaft. Ludwig hat mich auf Ihre Eröffnung insoweit vorbereitet, als er mir sagte, Sie würden mir gestehen, wie groß und unverzeihlich Ihre Beleidigung gewesen sei. Gut denn, nennen Sie sie, aber je schwerer sie ist, desto tiefer nur werde ich empfinden, daß ich Ihrer Leidenschaft Ideal und Inhalt gewesen bin und ein Mann mich bis zur beiderseitigen Vernichtung geliebt hat und ewig lieben muß, der einer Kaiserin Reizen und den höchsten Gütern des Glücks, des Ehrgeizes und Stolzes zu widerstreben wußte. Ja, Friedrich, um Katharinas Willen ließen Sie – ein simpler Leutnant, Ihr teures Preußen nicht, um meinetwillen aber lassen Sie Vaterland, Ihres großen Königs Gunst, lassen alles, selbst das fernste Hoffen! Steuben, wenn auch dies Herz, das Sie verliert, mir brechen sollte, es wird im Tode doch auch von einem kaiserlichen Stolz auf Ihre Liebe erfüllt bleiben!« »O Gott, mein Gott, auch diese Prüfung noch! – Haben Sie doch Erbarmen, angebetetes Mädchen, mit mir, o nein, mit sich – noch mehr mit sich selber! Vernichten Sie doch nicht das einzige, wenn auch schreckliche Mittel, welches ich ergreife, Sie sich selbst wiederzugeben, Ihrer Stellung und Ihrer Zukunft, das einzige Mittel, was zwischen uns eine ewige Kluft zieht und Sie durch Scham wie Empörung zwingt, eine Schranke zu setzen zwischen mir und Ihnen – die der namenlosen Verachtung!« »So sollte ich Sie deshalb nur von heute an verachten, um Sie vergessen zu können, um frei vom Gefühl der Liebe zu Ihnen zu werden, um fähig zu sein, einst in eines anderen, besseren Mannes Armen die Verirrung zu belächeln, Sie geliebt zu haben. – Bei meiner Eltern Seligkeit, Sie lassen mich zu tief in Ihr aufopferndes Gemüt, in die Größe Ihrer Leidenschaft blicken, als daß ich nicht Ihr teures Andenken, Friedrich, mit aller Kraft in meiner Brust festhalten sollte! Und durch welches Wort haben Sie denn mich und den Bruder so beleidigt, der nur mit schwerstem Gewissen daran zu gehen fähig war, Rache an Ihnen zu nehmen? Soll ich das Wort Ihnen nennen? Soll ich es erraten und Ihnen beweisen, wie sehr ein liebend Weib, einer Seherin gleich, das ahnen kann, was man vor ihr verbirgt? Sie sind von adeligen Eltern, Friedrich, nichts haben Sie – aber alles, was wir an Ihnen lieben, haben Sie durch Ihr Schwert, Ihre Treue, durch den Adel in Ihrer Brust erreicht! In diesem Selbstgefühl, bei Ihrer Inbrunst für mich, wurden Sie von meinem Bruder mit Ihrem Antrage abgewiesen! Da erinnerten Sie sich im Zorn Ihrer niedergetretenen Gefühle, daß ich wie er ein –« »Sprechen Sie es nicht aus!« »Ich sprech' es aus – daß ich ein Bastard bin! – Steuben! –« Sophie senkte das Haupt, und ihrer Stimme Ton ward leise wie ein zitternder Hauch. »Sie nur allein, kein lebender Mann sonst – Sie durften in so großem Liebesgrolle solch Wort aussprechen, denn ich gehöre ja Ihnen, ich bin das beste Stück Ihres Herzens! Den Frevel, den ein Mann an seinem eigenen Ich, an seiner Seelen Seele begeht, kann man ein ganzes Leben lang beweinen – lieben muß man ihn darum doch! Diese Überzeugung kann keines Königs Machtgebot, kann keines Bruders Rücksicht zerstören! Ich tue meine Pflicht, wenn ich dem Glück entsage, Ihr Weib zu sein, das Glück aber zu verlieren, mich von Ihnen allein und über alles geliebt zu wissen, es hieße für mich soviel wie sterben!« »So liebe, liebe mich, Sophie, so heiß und sehnsuchtsvoll, wie ich dich liebe!« Er umarmte sie sanft und küßte sie. Da – jauchzend, schluchzend hing sie an Steubens Halse und küßte ihn mit flammendem Munde. »Jenseits der Gräber!« rief sie zu ihm auf, ganz Hoffnung und dennoch Entsagung. »Sophie, mach mir das Scheiden nicht so erbarmungslos schwer! Willst du mir ein Zeichen deiner Liebe mitgeben – oh, schenk mir dein Miniaturbild, das ich auf dem Kamin so oftmals stehen sah. Es wird nicht nur dein hohes, reines Bild mir stets erneuern und klar erhalten, es wird auch der Genius sein, der mich stets an meine Pflicht mahnt! Nie mehr erkenne ich wie jetzt, wie tief ich in meiner Raserei irrte! Die edle Liebe, die du mir schenktest, hat nur in einem fürstlichen Herzen Raum, dem Herzen, das allgewaltig, groß und licht, Himmel und Erde zu umfassen weiß!« – Hand in Hand schritten sie ins Haus, im Pavillon trennten sich beide. Während Sophie ihr Bild holte, trat Steuben wieder in des Grafen Zimmer. »Ich hatte, bevor Sie kamen, lieber Steuben, mir hier mein Fenster, wie Sie sehen, öffnen lassen, des Tabakrauchs wegen. Ich kann nicht dafür, daß ich also ziemlich alles hörte, was mir so nahe auf der Terrasse gesprochen wurde.« »Was konnte ich denn tun, teuerster Graf?« erwiderte Steuben in stumpfer Resignation. »Nichts, Friedrich, als was Sie getan haben. Es ist vergebens, gegen Gottes Fügung zu streiten! Gibt der Himmel Ihnen Glück, mein Freund, so daß Sie sich sagen können, Sie vermögen Sophie vollendet zu beglücken, soweit als es ein Erdenmensch nur kann, dann – hier meine Hand, mein Wort, dann ist Sophie die Ihre, und selbst meines Königs Mißfallen soll mich unbedenklich machen!« »Mein teurer Graf, mein –« »Nennen Sie mich Ludwig! Doch still von törichten Hoffnungen, Sophie kommt! Sehen Sie Ihren Weg, Gott gibt das Ende!« Sophie trat ein, ihr Bild, in einem Etui verschlossen, in der Hand. Sie reichte es Steuben ohne ein Wort zu sagen. »Sie werden ihr dafür, sobald Sie können, das Ihrige senden, Friedrich«, sagte der Graf ernst. »Und nun – umarmt euch! – Lebe wohl, teurer Steuben, lebe wohl!« Vor den Ihrigen umfingen sich Sophie von Anhalt und Friedrich von Steuben – zum letzten Male. Zwei Stunden später blies der Postillion den »Major zur Disposition« zum Halleschen Tor hinaus, am »dustern Keller« vorbei, nach Halle. Amerika Unsere Geschichte macht einen weiten Sprung. Viele Jahre sind verflossen, seit Friedrich den Hubertusburger Frieden schloß. Wohl lebten seine leuchtenden Taten frisch genug in der Erinnerung der Menschen, er war und blieb die Bewunderung Europas, überstrahlt bisher von keinem Fürsten oder Feldherrn des Jahrhunderts – aber trotzdem hatte sich die Welt, hatten die Menschen sich so unendlich verändert, daß, wenn diese Wandlung derselben stetig so fortging, man wahrlich nicht absehen konnte, wo sie denn schließlich enden sollte. Namentlich war diese sonderbare und in vieler Beziehung unbegreifliche Wandlung in Westeuropa ersichtlich. Blendend und schreckhaft zugleich war sie von einem Strahle höchster göttlicher Vernunft erfüllt, dennoch aber paradox zugleich. – – Statt des Jahres 1763 schreiben wir jetzt den 2. Mai 1777, und es sind gute vierzehn Jahre her, seit Steuben Berlin und in ihm all sein Lebenshoffen hinter sich gelassen hatte. An besagtem zweiten Mai befinden wir uns als blinder Passagier in der Diligence ordinaire de Meaux, welche eben dies Städtchen verlassen hat und die alte östliche Straße hinab ins Seinetal, der dermaligen Metropole der Welt, dem riesigen Zeughause materieller Üppigkeit wie geistreich blitzender Ideen, kurz – Paris entgegenrasselt. Schon hebt sich der Park von Courberon und Clichy im Westen empor. Bevor wir nun einen Blick auf die Insassen besagten öffentlichen Fuhrwerks werfen, ist ein Rückblick auf die inzwischen erfolgten Weltbegebenheiten nötig, sonst würden wir weder die Art des Gespräches dieser Herrschaften noch ihre Empfindungen begreifen. Wiederum steckt heller Krieg die Welt aller Ecken in Flammen, indessen Deutschland von den selbstgeschlagenen Wunden ausruht. Rußland erweiterte sich unter Katharina II. durch die erste Teilung Polens und nach einem glücklichen Kriege mit der Türkei im Osten. Während des Siebenjährigen Krieges aber war bereits der Kampf Englands gegen Frankreich wegen der Grenzen der großen Ländergebiete in Nordamerika ausgebrochen, und die englischen Kolonisten hatten wacker für ihre Regierung gestritten. Schon 1749 hatte England den Franzosen das Ohiogebiet entrissen, und nachdem diese mit wechselndem Glück kämpften, die englischen Generale Abercrombie und London aber schlecht genug ihre Schuldigkeit taten, war durch Pitts patriotischen Eifer und unermüdliche Tatkraft der Krieg der amerikanischen Kolonien 1758 gegen Frankreich zu einer neuen Entwicklung gekommen. Das Mutterland hatte Soldaten, Flotten und Geld gesandt. Der kühne Lord Clibe hatte in Ostindien die Reiche Bengalen, Orissa und Babar der Ostindischen Kompanie unterworfen, die Angloamerikaner aber warfen die Franzosen sowohl auf dem amerikanischen Festlands, wie sie sie im Atlantisches Ozean schlugen. General Wolfes Name wurde unsterblich. Er drang mit Armhorst und Muray in Kanada ein, eroberte es und gewann dessen Hauptstädte Quebec und Montreal. Endlich, mit dem Hubertusburger Frieden zugleich, hatten England und Frankreich den Frieden unterzeichnet und letzteres außer Ohio noch die Provinzen Kanada und Kap Breton abgetreten; als beiderseitige Grenze wurde der Talweg des Mississippi festgestellt. Von Spanien dagegen hatte England Florida und alle spanischen Besitzungen im Osten des Mississippi erhalten. Frankreichs Demütigung und der Reichtum Englands, der ihm durch so große Eroberungen erwachsen war, konnten geradezu ungeheuer genannt werden. Aber diesen Erfolg verdankte außer dem älteren Pitt und Generalen wie Clive und Wolfe England in Amerika vor allem seinen tapferen und loyalen Kolonisten. Wäre die Regierung klug gewesen, sie hätte nunmehr mit allen Kräften die sehr billigen Wünsche derselben unterstützt, um ihnen die Möglichkeit zu geben, sich endlich ihres von nie versiegendem Reichtum erfüllten Bodens zu erfreuen und dessen großartige Hilfsquellen für seine eigene Entwicklung als auch für den Nutzen des Mutterlandes zu erschließen. England war aber nicht bloß undankbar gewesen, es hatte seinen amerikanischen Provinzen ihre patriotischen Opfer mit Niedertracht vergolten. Einer der traurigsten aller englischen Regenten war König Georg III. Als er 1760 den Thron seines Großvaters bestiegen hatte, Lord Bute aber als Galan der Königinmutter, der verwitweten Prinzessin von Wales, die Zügel des Staates an sich gerissen hatte, wurde der geniale Pitt entlassen, und Lord Greneville trat an dessen Stelle. Bereits im Jahre 1764 waren die verrufenen Greneville-Akte erschienen, welche nicht nur den amerikanischem Kolonien eine unerhörte Steuerlast auferlegte, sie dem Stempelzwang unterwarf, sondern auf Kosten derselben der Englisch-Ostindischen Kompanie an der amerikanischen Küste ein Schiffahrts- und Handelsprivilegium für die bedeutenden Summen erteilte, welche diese Gesellschaft dem Staate während des französischen Krieges hatte vorschießen müssen. Diese Akte hatten in den Kolonien eine furchtbare Aufregung erzeugt. Die amerikanischen Untertanen Englands waren keine zahmen Schlachtopfer für den gefräßigen Beutel des Mutterlandes, sie hatten sowohl gegen die wilde Natur ihres Heimatlandes wie gegen die Franzosen als Männer gekämpft und Selbstbewußtsein wie Unabhängigkeitssinn gewonnen. Schon 1753, mitten im Kriege, hatten sie in einem Generalkongresse beschlossen, die Krone zu bitten, daß sie entweder Abgeordnete der amerikanischen Provinzen ins Londoner Parlament schicken dürften, um ihre Interessen zu wahren, oder daß in Amerika selbst ein Kongreß zusammentrete. Die Greneville-Akte war die brutalste Verhöhnung der Gefühle Amerikas, ein Eingriff in den gesamten Kreis seiner sozialen und politischen Rechte. Im Oktober 1765 schon waren die Kolonialkongresse von Massachusetts, Rhode Island, Connecticut, New Jersey, Pennsylvanien, Maryland und Süd-Carolina zusammengetreten, hatten die Greneville-Akte für gesetzwidrig erklärt und eine Beschwerde an das englische Parlament beschlossen, Schutzvereine hatten sich überall gebildet, und Benjamin Franklin war ihr Präsident. Zwar hatte England im nächsten Jahre die Stempelakte aufgehoben, aber die Steuerbill blieb. Das englische Parlament erklärte, daß Amerika der englischen Regierung einfach zu gehorchen hätte. Die darauf gegebenen widersinnigen Zollakte des Ministers Townsend erbitterten die Amerikaner noch mehr. Franklin veröffentlichte einen Briefwechsel des Statthalters Hutchinson mit dem Obersten Olivier, aus welchem die offene Absicht des englischen Parlaments hervorging, die Verfassung von Massachusetts abzuändern. Ein furchtbarer Ausbruch des Volksunwillens war die nächste Folge. Noch war der Torheit der englischen Regierung aber nicht genug. 1770 im Februar wurde die Teeakte des Ministers Lord North in Amerika eingeführt. Drei Jahre später warf das erbitterte Volk in Boston 342 Kisten Tee ins Meer! Nun ließ England zur Bestrafung den Hafen von Boston durch eine Flotte sperren, aber bereits war die Empörung ausgebrochen, Oberst George Washington, der sich im Kampfe gegen Frankreich besonderen Ruhm erworben hatte, wurde zum Befehlshaber des amerikanischen Volksheeres gegen England in Virginien ernannt. Die Kolonien rüsteten zum Kriege, wählten einen Sicherheitsausschuß und stellten ein Heer von 12 000 Mann auf. Im Jahre 1775 war nunmehr General Page beordert worden, die Waffen offen gegen die Rebellen zu brauchen. Am 18. April, im Begriff, den Kongreß in Concord aufzuheben und die dortigen Magazine der amerikanischen Volkstruppen zu zerstören, wurden 1800 Mann Briten bei Lexington, zwischen Boston und Concord, so schwer geschlagen, daß es nur der einzigen Brigade Percy gelang, fliehend Boston zu erreichen. Schon im Mai hatte der amerikanische Oberst Arnold die Forts Ticonderoga und Crownpoint in Kanada erobert, im Juni aber war Washington einstimmig zum Oberfeldherrn der gesamten nordamerikanischen Kriegsmacht erwählt worden; unter ihm standen die Generale Putnam, Ward und Schuyler. Nicht die Kriegskunst der Amerikaner hatte bisher gesiegt und Vorteile erlangt, denn dies alles wären ja nur Erfolge einer fanatisch erregten, undisziplinierten Volkskraft gewesen, die, von wenigen wirklich militärisch befähigten Männern richtig geleitet, mit einer solchen Mehrzahl die englischen Streitkräfte überfallen hatte, daß die bestgeschulten Linientruppen ihr nicht zu widerstehen vermochten. Mit dem Augenblicke indes, da das Mutterland imstande war, große Armeekorps regulärer Truppen mittels bedeutender Flotten beliebig an die amerikanischen Küsten zu werfen, mußte die amerikanische Erhebung aufs äußerste in Gefahr geraten und jeglichem sich das Gefühl aufdrängen, wie wenig der beste, glühendste Wille, die wuchtige Kraft der rohen Masse gegen geschulte Berufssoldaten auszurichten vermöge. Dieser Augenblick erschien im Sommer 1776. England hatte 55 000 Mann ausgerüstet, welche mit einer starken englischen Flotte unter Admiral Howe landeten. Daß die großbritannische Regierung kein Mittel scheute, die Kolonien zu Boden zu werfen, bewies, daß unter den besagten neuen Truppen sich allein 16 000 Hessen, Braunschweiger, Waldecker und Anhaltiner befanden, die mit Gewalt von ihren verehrten Landesvätern gepreßt und an England verkauft worden waren. Im Juni, des sicheren Zuzugs aus dem Mutterlande gewiß, setzten sich die englischen Generale Clinton und Cornwallis nach Charlestown in Marsch, während die Flotte sie unterstützen sollte. Der amerikanische General Lee schlug sie jedoch auf allen Punkten zurück, so daß sie nach New York umkehren mußten. Am 4. Juli endlich hatten sich die sieben Staaten Amerikas: Massachusetts, New Hampshire, Rhode Island, Connecticut, Pennsylvanien, Virginien und Süd-Carolina für unabhängig erklärt, andere Staaten traten ihnen bei. Die Union der ersten dreizehn war begründet, Franklin gab ihr eine republikanische Verfassung. Die vorhergegangene Knechtung und diese energische Erhebung des Volks, dies ebenso furchtbare wie zweifellos glänzende Ringen der Amerikaner mit der englischen Streitmacht, die brutale Abscheulichkeit der Mittel, deren sich die Regierung zu London während des Krieges bediente, hatte, verbunden mit dem Grolle, unlängst von Großbritannien besiegt worden zu sein, Frankreich in allen Schichten aufgeregt und dessen Sympathie für die Vereinigten Staaten auf den Kulminationspunkt getrieben. Der Geist der Nation war überdem durch Rousseaus »Gesellschaftsvertrag«, »die Aufstellung der Menschenrechte«, die Lehren Voltaires und der Enzyklopädisten in einer Weise für die Ideen der Freiheit und Gleichheit empfänglich gemacht worden, daß die Franzosen im Jahre 1777 eine romantische Sehnsucht empfanden, an dem Kampfe Amerikas gegen seine Tyrannen teilzunehmen. Die Keime und Anfänge einer geistigen Bewegung, welche das Kriegsgetümmel aus dem europäischen Kontinent eine Weile unbeachtet gelassen hatte, waren pilzartig jetzt emporgeschossen und begannen ihre ersten, sehr ernsten Früchte zu tragen. Natürlich waren die Insassen besagter auf dem Wege nach Paris befindlichen Diligence von der großen Frage der Zeit nicht weniger erfüllt wie das ganze Land. Die Gesellschaft, den Kondukteur, Monsieur Carbonier, einbegriffen, zwölf Personen stark, hatte sich auf der Poststation zu Meaux zusammengefunden und vertrug sich, trotz der großen Verschiedenheit ihrer Lebensstellungen, sehr gut und war bereits in lebhaftester Unterhaltung, zumal der Kondukteur Sorge getragen hatte, sie bald miteinander bekannt zu machen. Der omnibusartige Kasten der Diligence, von vier Pferden gezogen, bestand aus drei Coupés. Das vorderste nach den Pferdes und dem Bock zu wurde von dem Kondukteur und der etwas korpulenten Madame Pampagnan eingenommen, welche ihres Zeichens Epicière, Spezereihändlerin war. Rechts den Eckplatz neben ihr hatte ein kräftiger Bursche mittleren Alters inne, welcher in einer dunkelbraunen Livree mit roten Aufschlägen steckte; er gehörte zweifelsohne der dienenden Klasse an. Da er einen Zopf trug, etwas in Frankreich Unerhörtes, und kein Wort der Landessprache verstand, wurde er bald übersehen. Das mittlere, innere Coupé gehörte den bevorrechteten Ständen. Den linken Rücksitz, dem fremden Diener dos à dos , hatte ein ebenfalls bezopfter, etwas steifer, sehr ruhiger, fein, doch nicht prätentiös gekleideter und unauffällig schöner Herr, » un baron allemand !«, wie Carbonier den übrigen anvertraut hatte, eingenommen. Ruhig und im besten Französisch nahm er an der Unterhaltung nur gerade soviel teil, als nötig war, um sich entweder zu belehren oder neugierigen Anfragen zu genügen. Den Mittelplatz neben ihm hatte Demoiselle Claire de Joliveu inne, die unter dem Schutze Monsieurs le Chevalier de Robignac und der Chevalière, seiner Gemahlin, reiste, welche ihr und dem » baron allemand « gegenüber saßen. Der Platz neben der Chevalière gehörte einem Grafen, Stanislaw de Clermont-Tonnerre, aus einer der bekanntesten altadeligen Familien von Paris. Die ihm sehr ungewohnte Diligence war von ihm nur gewählt worden, weil seine Reiseequipage in Meaux eines plötzlichen Unfalls wegen zurückbleiben mußte, er aber Paris noch heute zu erreichen wünschte. Das letzte, dritte Coupé war rückwärts gekehrt, so daß dessen Insassen den Weg, welchen man gekommen war, überblickten. Monsieur Pradin, ein feister Pariser Großhändler, und ein heiteres, noch junges Ehepaar, Monsieur und Madame Glorieux, marchands de modes , teilten sich in dasselbe. Da die Zwischenwände, welche die Coupés trennten, nur aus einem Ledervorhange bestanden, das Wetter aber schön war und die Gesellschaft aneinander Gefallen fand, so hatte man dieses Trennungsmittel aufgerollt und an die Decke des Wagens geschnallt. Frische Luft wie frische Rede kamen somit der ganzen Gesellschaft zugute. Bald hätten wir eine Person übersehen, welche noch im Mittelcoupé rechts neben Demoiselle de Joliveu sitzt, einen achtzehnjährigen Studenten der Rechte aus Arras, welcher am Collége de France habilitiert ist. Ein kleines, dürftiges Bürschchen, das anfänglich wenig spricht und den man noch weniger fragt, er nennt sich Maximilian Robespierre. »Nein, nein, mein Herr Baron,« setzte der Chevalier das nach gegenseitiger Begrüßung im Wagen bald sehr lebhaft begonnene Gespräch fort, »da wir in Ihnen einen preußischen Offizier zu sehen die Ehre haben, so dürfen Sie nicht behaupten, daß es nicht Amerikas Befreiung sei, die nicht auch Sie nach Paris ruft! In Zeiten wie den unseren, da der Enthusiasmus für die großen politischen Ideen der Menschheit Paläste wie Mansarden erfaßt hat, jede Berufsart blitzartig durchdringt und belebt, reist sicher ein preußischer Krieger, welcher unter seinem großen Könige gekämpft hat, nicht zum Vergnügen nach Paris, viel weniger nach England. Fi donc ! Ein so elendes Volk zu besuchen, das der Mammon zum Tyrannen und Banditen an denselben amerikanischen Kolonien gemacht hat, ohne deren Heldenmut unser Heer niemals jenseits des Ozeans geschlagen worden wäre. Wahrhaftig, eine Mutter, welche ihr Kind dafür quält und ruiniert, daß es ihr größeren Reichtum und den Sieg über ihre Feinde verschafft hat, würde Englands unmenschlicher Bosheit gegenüber noch für tugendhaft gelten! Ich gebe Ihnen mein Wort, es kommt noch dahin, daß Frankreich für Amerika gegen England marschiert. Nein, nein, seien Sie offen! Sie kommen nach Paris, um dem Beispiele des kühnen Marquis de Lafayette, Koscziuszkos, Pulawskys und des wackern Duplessis zu folgen und Amerika zu befreien!« »Für Ihr gütiges Zutrauen bin ich sehr verbunden, Herr Chevalier, aber Sie irren zufällig wirklich«, sagte matt lächelnd der » baron «. »Ich habe keinerlei Wunsch und Absicht, wieder zu dienen, am wenigsten für eine Sache, die mir so fern liegt. Ich bin kein Republikaner, sondern ein Anhänger der Monarchie, und wenn ich auch nicht das Benehmen des englischen Volks, noch weniger das seiner Regierung gutheißen kann, denn es ist gewissenlos, so gibt es denn doch wohl auch in England noch Ehrenmänner, unter diese aber rechne ich die Freunde, denen mein Besuch gilt!« »Verzeihen Sie, Herr Baron,« sagte die Chevalière voll Liebreiz, »wenigstens die neugierige Frage, in welcher Charge dienten Sie in Ihrer Armee?« »Ich hatte die Ehre, der persönliche Adjutant Sr. Majestät zu sein, kurz vor Schluß des Krieges aber kommandierte ich unter dem Herzog von Bevern das Regiment Salmuth bei Kassel und genoß so dar Vorzug, mit Ihren tapferen Landsleuten, schöne Frau, persönlich die Klingen zu kreuzen.« »Es ist mir rein unmöglich, mein Herr,« rief die lebhafte Claire de Joliveu, »daß ein Held Ihres Schlages nach England reisen will, anstatt Amerika seinen glorreichen Degen zu weihen! Wenn es nicht zuviel gesagt ist, will ich so kühn sein, zu behaupten, Sie sind von Ihrem großen König geradezu zur Unterstützung Amerikas gesendet und wenden die englische Reise nur vor, um den zahlreichen Spionen zu entgehen, durch welche Großbritannien unsere Regierung in Paris und Versailles überwachen läßt!« »Mademoiselle, ich kann Sie nicht hindern, zu glauben, was Ihnen nicht auszureden ist,« sagte der Baron in kühler Artigkeit, »aber Seine Majestät kann mich schon deswegen nicht nach Amerika senden, weil er mir seit zwölf Jahren den Abschied bewilligt hat, ich seit jener Zeit den preußisches Staat verlassen habe und in Württemberg, Baden und Hechingen lebte. Ein König kann mir doch immer nur solange befehlen, als ich in seinen Diensten bin, ich habe gegenwärtig aber das Vergnügen, ein völlig freier Mann zu sein und über meine Person allein zu verfügen.« »Wenn Sie für die Freiheit, für dieses großartige Leiden und Kämpfen der Kolonien wirklich auch keine Sympathie haben wie wir,« rief die Chevalière mit blitzenden Augen, »doch gewiß für Ihren eigenen persönlichen Ruhm, für den edlen Ehrgeiz, für das ritterliche Entzücken, mit dem Schwerte dem Unterdrückten beizuspringen?« Der Baron begann etwas gelangweilt auszusehen. – »Frau Chevalière, wir Menschen sind nicht alle von demselben Stoffe, noch haben wir dieselben Ideen. Mein Ehrgeiz ist begraben wie alle Hoffnungen meiner Jugend! Ich habe weder den Drang, mich in die großen Fragen der Zeit zu mischen, noch hoffe ich, daß sich jemand vorsorglicher meiner Zukunft annehmen wird, als sie, schöne Frau, es wirklich wert ist!« »Schade, daß ein Mann in seiner Blüte das von sich sagen kann!« Der Chevalier verbeugte sich etwas spöttisch. »Ich begreife indessen, Sie wollen damit andeuten, Sie wünschten nicht, mit dem Worte Amerika ferner in Verbindung gebracht zu werden.« »Weil es gänzlich unwahr wäre, dies zu tun, Herr Chevalier! Ich werde weder für noch gegen Amerika in irgendeiner Art tätig sein, ein Land, dem ich von ganzem Herzen übrigens den Sieg schon um seiner Bravour und der Ungerechtigkeiten willen wünsche, die es erlitten hat!« »Ich begnüge mich mit diesem gerechten Urteil über die Union. Die Gründe, welche Sie in kraftvollem Lebensalter auf jede öffentliche Tätigkeit resignieren lassen, müssen Verhältnissen entspringen, welche Ihr Herz wie Ihr Gewissen allein angehen!« »Sie haben vollkommen recht, Herr Chevalier. Seit ich meines Königs Dienst verließ, nahm mein Leben eine so unheilvolle Wendung, daß ich nicht mehr das Vertrauen habe, meine geringe Hilfe könne noch irgendeiner Sache, einem Lande oder Volke Glück bringen. Wollen wir nicht von irgend etwas Interessanterem sprechen als von mir?« Das Gespräch stockte. Die Gesellschaft war eigentümlich ernst geworden, in den Augen Claires glänzte sichtliche Teilnahme. Wenn der preußische Offizier, in welchem wir wohl längst einen alten Bekannten wiedererkannten, geglaubt hatte, durch seine letzte Rede bei seinen Reisegenossen an Bedeutung zu verlieren, dann hatte er geirrt, vielmehr war das Gegenteil erreicht worden. Man machte in seinen Forschungen nur eine vorläufige Pause, um einen neuen Angriffspunkt an ihm zu entdecken. Dies allgemeine Sentiment für ihn ward indessen glücklicherweise bald abgelenkt. »Ach, meine Herrschaften, von was soll man heutzutage wohl noch reden,« seufzte Madame Glorieux plötzlich auf, »wenn es nicht von der großen amerikanischen Revolution ist? Sie beherrscht unsere Gedanken, unsere Gefühle, unsere Sitten und unsere Moden!« »Die Mode auch, meine Liebe?« rief die Chevalière lebhaft. »Gewiß, gnädige Frau! Die Männermode wenigstens schon! Ich und mein kleiner Mann, marchands de modes , Ecke der Honoré und Rue St-Mertin, hatten den unglaublichen Vorzug, dies zu bewerkstelligen!« »Neue Männermoden und auf die amerikanische Revolution bezüglich?« »Ganz gewiß, Frau Chevalière. Mein Männchen faßte vor einem Vierteljahr den heroischen Entschluß, den berühmten Herrn Benjamin Franklin zu besuchen und denselben zu bitten, ihm seinen mausgrauen Überrock als Modell zu überlassen, um nach demselben einen Rock » à l'indépendance de Franklin « anzufertigen. Dieser große Mann, von schlichter, bewundernswerter, von einer Römertugend, wie die Herren von der Akademie von ihm sagen, erklärte sich bereit, dieses Kleidungsstück uns unter der Bedingung zu überlasse», daß wir ihm dafür zwei ebensolche neue Röcke herstellten!« Ein schallendes Gelächter antwortete der Modistin. – »Alle Achtung vor solcher Römertugend!« kicherte Claire de Joliveu. »Spaßen Sie nicht, meine Herrschaften,« nahm Monsieur Glorieux das Wort. »Diese Bedingung war sehr billig und der große Mann wußte, was er tat! Er hatte nur einen Rock, den er somit überhaupt nicht hergeben konnte, nun hat er zwei, die ihm bewunderungswürdig stehen. Er trägt meine Röcke! Ich aber hatte acht Tage die Reliquie dieses Erhabenen, der seines Volkes Sache unter uns verficht, in meinem Laden gegen zwei Franken Entree ausgestellt und nahm die Kleinigkeit von 7413 Franken für diese Spekulation ein. Dann hing ich denselben in mein Schaufenster mit der Affiche: »Rock des großen amerikanischen Bürgers Franklin! Exemplare derselben Art und Farbe für jede Figur sind hier für 150 Franken zu beziehen.« Wir machen ein enormes Geschäft damit, messieurs et mes dames , denn Sie sehen auf den Boulevards, im Café Regence, im Palais Royal, kurz wo nur gute Gesellschaft verkehrt, diese mausgrauen Röcke mit dem hohen Kragen und dem Regenmäntelchen! Ein Land, das einem einzigen Franzosen schon soviel einbringt, ist wert, daß unsere ganze Nation sich für seine Freiheit begeistere!« »Ich bin auch ganz für die Amerikaner«, klang Pradins, des Großhändlers Baß durch das Gekicher. »Diese Engländer mit ihren Flotten sich schuld, daß wir keinen Tabak, keine Baumwolle, kein amerikanisches Leder, keine edlen fremden Hölzer, keinen Zucker mehr erhalten, oder nur zu ganz unerschwinglichen Preisen! Eine so nichtswürdige Nation muß gehaßt werden von jedem, der da raucht, schnupft und Kaffee trinkt, von jedem Gebildeten!« »O Gott ja, Mr. Pradin«, akkompagnierte die Epicière, im vorderen Coupé sich umwendend. »Sie sprechen ein sehr wahres Wort aus. Selbst die Rosinen und das Gewürz, Wein und Öl schlagen darum jetzt ungeheuer auf, so daß man nichts mehr verdient. Das ist für eine Witwe, die vier Kinder und zwei Ladendiener zu ernähren hat, nichts Kleines!« »Natürlich«, erwiderte Pradin eifrig. »Die Menschen wollen eben leben und ihren Genuß haben; wird das eine ihnen verteuert, so halten sie sich am übrigen schadlos. Dadurch werden auch alle anderen Bedürfnisse dem gesteigerten Verbrauch gemäß teurer! Kommen Sie übrigens zu mir, meine liebe Pampagnan, Rue du bac 12, ich werde Ihnen Preise machen, bei denen Sie zufrieden sein sollen.« »Sehr großmütig, mein teurer Herr Pradin, ich werde Ihnen meinen ergebensten Besuch machen!« Dabei wechselte die liebe Pampagnan mit Pradin ein rasches Kreuzfeuer von Blicken, indes die übrigen Insassen vor Lachen zu ersticken drohten. Selbst des Barons melancholisches Gesicht wurde vorübergehend durch diese Konsequenzen des anglo-amerikanischen Krieges erhellt. Studiosus juris Robespierre allein hatte nicht gelacht, sondern mit gekniffenen Lippen zugehört. – »Um Vergebung,« sagte er zu dem Modisten mit taubensanfter Stimme, »wo wohnt der große Franklin?« »In Passy Nr. 112, parterre, mein Herr!« gab Glorieux mit stolzem Bewußtsein zurück. »Was wollen Sie denn bei ihm, Jünger der Themis?« fiel Graf Tonnere ein. »Ich liebe die Freiheit und Gleichheit, weil ich eben die Gerechtigkeit liebe«, entgegnete Maximilian. »Besonders wünschte ich in Franklin aber den berühmten Entdecker des Blitzableiters kennenzulernen und ihm ein schriftliches Plädoyer über den Nutzen dieser Erfindung vorzulegen.« »Über dieselbe ist man in Paris aber doch nicht mehr im Zweifel«, sagte Demoiselle Claire. »In Paris nicht, aber in der Provinz! In meiner Vaterstadt Arras zum Beispiel hat sich die Klerisei geweigert, an den Kirchen dieses Schutzmittel anzubringen, weil sie behauptet, das hieße in Gottes Ratschluß eingreifen. Gegen diese Dummlinge ist meine Schrift gerichtet.« »Ganz vortrefflich, mein junger Freund«, lächelte Tonnerre. »Ich würde es aber für noch weit ersprießlicher halten, wenn Sie lieber einen Blitzableiter gegen die Dummheit und Selbstsucht errichten wollten, so daß die Ideen von Gleichheit und Freiheit, welche unsere Geister erhellen, nicht bloß Worte, sondern Tat würden.« Da flammte Robespierres Auge auf und schoß Blitze. »Sie können nicht wissen, Herr Graf, ob Sie das nicht noch erleben! Dann aber werden Sie kein Graf mehr, sondern der Bürger Clermont-Tonnerre sein!« »Haha, und ich der Bürger Robignac! Nun, es wäre das kleinste Übel, das uns Edelleute treffen könnte. Ich liebe die Weisheit des edlen Rousseau so sehr, daß, wenn der Gesellschaftsvertrag Wahrheit würde, ich um ihn ruhig Wappen und Titel herzugeben vermöchte.« Bei diesen Worten rasselte die Diligence ins Tor, am Temple vorüber, und hielt auf dem Boulevard vor dem Stationshause. Man empfahl sich gegenseitig, wobei der Chevalier Steuben seine Adresse nannte. Letzterer ließ durch Carl Vogel, er steckte in der blau-roten Livree, sein Gepäck von dem Verdeck der Kutsche in Empfang nehmen, und ein Fiaker entführte sie alsbald nach dem Hotel St-Louis in der Rue Antoine. Steuben war in Paris allerdings kein Fremder mehr. Der Wirt seines Hotels erinnerte sich, als er ihn im Flur begrüßte, sogleich, daß er vor etlichen Jahren die Ehre gehabt habe, Son Excellence als Grand Maréchal de la cour in Begleitung de son Altesse le Duc de Hechinge fast vierzehn Monate hindurch in seinem Hause beherbergt zu haben. Nachdem der Ankömmling gespeist hatte, während Vogel auspackte, ging er an die Verbesserung seiner Toilette und begab sich zu Wagen ins preußische Gesandtschaftshotel, das damals in der Rue Honoré nahe dem Palais Royal gelegen war. Die Rue Honoré;, die eleganteste Hauptstraße von Paris, bis sie Herr Haußmann durch die Rue Rivoli verdunkelte, war belebt von eleganten Toiletten, und Steuben hatte Gelegenheit, wirklich eine hübsche Zahl der grauen »indépendances« , dieser Wunderleistungen aus der Offizin des Monsieur Glorieux, auf den Leibern alter und junger Gecken zu sehen, die Benjamin Franklin nachahmten, ohne zu begreifen, eine wie schlechte Travestie von ihm sie abgaben. Im Gesandtschaftshotel fragte er nach dem Königlich Preußischen Militärbevollmächtigten und ließ sich kurzweg als ehemaligen Kriegskameraden Sr. Exzellenz melden. Kein anderer war's, der ihn als solcher empfing, als General von Koch. »Steuben! – Mein Gott, Sie hier, Steuben?« – Der General ergriff seine Hand. »Ich finde Sie sehr verändert! Das Hofleben am Rhein scheint Ihnen, mein teurer Freund, gerade nicht so bekommen zu sein wie anderen Menschenkindern.« »Das Hofleben, Exzellenz, hat mir gerade nicht viel angehabt, außer daß es mich leiblich wie geistig träge machte. Der nagende Wurm sitzt tiefer bei mir, frißt mir langsam alles innere Leben ab. Natürlich geht das Gehäuse nach und nach mit dem Triebwerke zugleich zum Teufel!« »Ihre Affäre also ist's noch immer, die – doch was frage ich nach Dingen, welche mich nichts angehen dürfen! Ich sehe die Wirkung des Seelenleidens ja in Ihrem Gesicht, das ist für mein betrübtes Herz genug! So früh enden zu müssen, so jung noch – das muß jedem wehe tun, der Sie, wie ich, lieb hatte. Doch willkommen! Setzen Sie sich, erzählen Sie, wie es Ihnen ergangen ist. Sie haben in Berlin nichts wieder von sich hören lassen?« »Ich war viel verreist, namentlich im Auslande. Mein Leben war im übrigen auch so wenig amüsant, daß es keinen Stoff bot zu Berichten. Sollte ich etwa von den Launen Serenissimi, den Platituden der Serenissima, von empfindsamen Hofdamen, dummen Schranzen, kurz, der engherzig hohlen Vornehmheit deutscher kleiner Höfe erzählen? Mir ist das längst zum Ekel, und ich würde gern die Gelegenheit ergreifen, auf andere Art als bei Hofe mein Brot zu verdienen, wenn es nicht so bequem wäre, sich ohne eigene Anstrengung füttern zu lassen. Ich bin schlapp geworden, General, schlapp wie ein abgetragener Handschuh, und das ist das Furchtbarste, was man von sich mit sechsundvierzig Jahren sagen kann!« »Wenn man ein Mann war wie Sie, gewiß! Doch erzählen Sie. Schütten Sie Ihr Herz aus, wenn Sie das erleichtert oder wenn mein Rat Ihnen nutzen kann. Darf meine Frau Sie sehen?« »Heute nicht, General, ich bin jetzt nicht in der Stimmung. Wenn ich Sie anblicke, muß ich immer zweier verhängnisvoller Tage gedenken, die Sie mit mir geteilt haben – den Abschied in Petersburg und jenen Morgen im – dustern Keller!« »Armer Freund, Sie betrauern noch immer Ihre tote Liebe?« »Oh, wenn sie nur tot wäre, wohl wir, aber gemordet – durch mich gemordet in Verblendung, das ist der Gifthauch meines Daseins, denn meine Sehnsucht ist zugleich Reue, ist die Vergeltung, welche mich erreicht hat!« »Sie machen mich ernstlich unruhig!« »Seien Sie unbesorgt um mich. Mein Kadaver ist so fest, meine Seele so zähe, daß es erst ganz anders kommen muß, ehe die beiden endlich auseinanderreißen. Hören Sie zu. Meinen ersten Brief erhielten Sie aus Halle und Dessau. Sie wissen, daß ich dort nach der Entlassung den Plan gefaßt hatte, in die sardinische Armee einzutreten.« »Sie erhielten brillante Anträge aus Turin!« »In Hamburg redete mir indes Graf St-Germain, später im Wildbade aber Prinz Friedrich von Württemberg diese Idee aus.« »Von dem Prinzen ist das begreiflich, von St-Germain indes nicht. Der Prinz wünschte sicher, wenn nicht uns, so doch Deutschland wenigstens Ihre Kraft zu erhalten, er ist Patriot, St-Germain ist es aber nicht. Er hat als Ehrgeiziger sich anfänglich expatriiert und Dänemark gedient, es vom General dort zum Minister gebracht, wie jetzt ja so viele Generale anderen Regierungen als der ihres Landesvaters, ja manche sogar den Feinden ihrer Nation dienen. St-Germain ist ein geriebener Patron, er betrachtete seine auswärtigen Dienste nur als Staffeln zu einem hiesigen Portefeuille und ist auch wirklich nun König Ludwigs XVI. Kriegsminister geworden. Es sollte mich nicht wundern, wenn er, die Stimmung von Volk und Hof benutzend, Frankreich in eine kriegerische Affäre aus keinem anderen Grunde verwickelte, als um durch einen glücklichen Krieg sich unentbehrlich, zum Lenker seines Vaterlandes und eines Monarchen zu machen, der kein König, sondern nur ein guter Kerl und ein leidlicher – Schlosser ist!« »Sie beurteilen den Grafen denn doch zu streng, ich kenne ihn besser. Ehrgeizig mag er sein, wer ist es denn nicht? Ein gewöhnlicher Egoist aber ist er doch nicht.« »Gut, gut, er interessiert mich in diesem Augenblicke gar nicht, aber Sie! Sie erhielten Ihre Entlassung von König Friedrich, nachdem Sie Hofmarschall des Fürsten von Hohenzollern-Hechingen geworden waren?« »Und zwar mit dem Titel Oberst. Als ich in Hechingen als Hofmarschall angestellt war, kränkelte Sophie bereits; ihr Bruder schrieb es mir. Ich machte bei dem Fürsten Anstrengungen, um seine Genehmigung zu erhalten, Komtesse Sophie von Anhalt heiraten zu dürfen, falls ich ihr Jawort erhielte; Serenissimus erwiderte aber, kalt wie ein Eiszapfen: ›Lieber Steuben, wenn Sie heiraten wollen, so nehmen Sie doch eine Dame meines Hofes, ein Landeskind. Da ist das kleine Fräulein von Plessenberg, des Bischofs Nichte; Geld hat sie auch. Ich wünsche keine Dame um mich, die nicht reinen Blutes ist und sich dennoch für 'ne Art – von Hoheit hält!‹ Das sagte dieser edle Fürst mir, General!« »Damit war die Sache aus?« »Nicht ganz. Ich erwiderte: ›Serenissimus, ich kann eher eines Fürsten Tochter heiraten als des Herrn Bischofs Nichte, deren Blut noch gemischter ist; ich danke für die Ehre!‹ – ›Nun,‹ lachte er leichtfertig, ›so müssen Sie Garçon bleiben, wenn Sie ferner mein Hofmarschall sein wollen!‹ – Ich mußte Garçon, mußte Hofmarschall bleiben. Sophie kränkelte mehr und mehr. Ob Gram um mich ihr Leiden beförderte, ich weiß es nicht, der Graf schrieb davon kein Wort. Eines Tages teilte er mir tieftraurig endlich aber mit, Sophie habe unheilbar die Schwindsucht. Oh, mein teurer General, ich habe Unsägliches gelitten. Die furchtbare Krankheit hätte sie wohl auch erfaßt, wäre sie mein gewesen, aber dann hätte ich sie doch beglückt, sie hätte doch der Liebe Seligkeit hienieden – wenn noch so kurze Frist – genossen. Im Jahre 1767 starb sie. Mein Bild lag im Verscheiden auf ihrer Brust! Beklagen Sie mich, General – aber Trost geben kann Ihre Teilnahme mir nicht. Seitdem mein Herz diesen Stoß erlitten, habe ich für Frauen kein Gefühl mehr, mein Herz bleibt so kalt, als hätte es nie empfunden, was Frauenliebe ist. Öfters nahm ich nun von Hechingen Urlaub, meine schlechte Gesundheit vorschützend. Ich bereiste Südfrankreich. In Montpellier traf ich wieder mit Graf St-Germain zusammen, lernte den Prinzen von Montbarey, die Lords Spencer und Warwick kennen. Diese in England zu besuchen, ist nun meine Absicht.« »Sie verließen nach zehn Jahren aber doch den Hechinger Hof und traten in badische Dienste?« »Ich verließ ihn nicht, ich wurde entlassen, plötzlich entlassen!« »Steuben?!« »Gewiß! Frauenzimmer, Pfaffen und Schranzen waren schuld! Obwohl ich mehrmals lange mit dem Fürsten und seiner Gemahlin in Frankreich geweilt hatte, besonders in Paris, hatten der Bischof und seine Couleur es darauf abgesehen, mir seine Nichte aufzuhängen. Man rückte mir endlich direkt auf den Leib, so daß ich erklärte, die Dame stände mir aus Gründen nicht an, die das Gewissen des Herrn Bischofs ihm wohl selbst angeben würde. Damit war mein Sturz ausgesprochen. Markgraf Carl Friedrich von Baden, dem ich mein Schicksal klagte – er hatte mich früher schon vielfach ausgezeichnet, machte mich zum Obersten der Reichstruppen des schwäbischen Kreises. Es war ein Faulenzerposten! Ich hatte Serenissimus zu unterhalten und Listen von Soldaten zu führen, die jährlich nur einen Tag Musterung hielten. Alle kriegerischen Gelüste gab ich auf. Geistesträge, ein Mensch der Tafelfreuden, ohne seelische Nahrung außer der, welche weltbeglückend über den Rhein kam, wurde ich Schranze – Schranze, Schranze! So sehen Sie mich nun. Vielleicht bleibe ich etliche Wochen zur Zerstreuung in Paris, dann gehe ich nach England. Ich will morgen St-Germain in Versailles aufsuchen.« »Wenn es Ihnen nur um Zerstreuung zu tun ist, hier finden Sie deren genug. Wann essen Sie bei uns?« »Übermorgen, falls Ihnen mein langweiliges Gesicht nicht choquant ist.« Ein stummer Druck von Kochs Hand war die Erwiderung, melancholisch kehrte Steuben zu Fuß in sein Hotel zurück. Dort fragte er brieflich an, wann er »Exzellenz den Herrn Kriegsminister« in Versailles stören dürfe. Am anderen Tage schon traf ein Billet des Grafen St-Germain für Steuben ein. »Teuerster Baron! Ich heiße Sie höchlich willkommen. Sie in Versailles zu empfangen, ist mir aber rein unmöglich, niemand darf Sie dort ahnen, viel weniger sehen. Ich werde mich aber freuen, Sie drei Tage später im Arsenal von Paris privatim zu empfangen. Zu festgesetzter Zeit bitte ich Sie, einem Offizier zu folgen, der Sie abholen wird. Natürlich tragen Sie Zivil! Ich habe Ihnen wichtige Nachrichten mitzuteilen! St-Germain.« – Wichtige Nachrichten! Heimlicher Empfang! Was konnten denn Steuben wichtige Nachrichten noch interessieren? Was hatte St-Germain bei solcher Verstohlenheit im Sinn? Steubens Zweck, nach Paris zu kommen, über Havre dann nach England zu gehen, hatte er von Karlsruhe aus schon St-Germain mitgeteilt, und er begriff nicht, was er noch mit Politik, Krieg und Diplomatie, kurz mit ministeriellen Heimlichkeiten zu tun haben könne. Jedenfalls fühlte er herzlich wenig Lust zu dergleichen. Um den Grafen durch seine Anwesenheit aber nicht in irgendeine ihm freilich schwer begreifliche Verlegenheit zu bringen, unterließ er es, nunmehr dem Prinzen von Montbarey wie dem Duc de Ligne sein Eintreffen anzuzeigen. Der festgesetzte Tag erschien, so gleichgültig von unserem Helden erwartet, wie er seit lange jeden Morgen erwartete. Um neun Uhr morgens meldete ihm Vogel den Herrn von Pagenstecher, Oberst vom Regiment Condé. »Indem ich die Ehre habe, mich Ihnen als deutscher Landsmann vorzustellen,« damit trat der Offizier ein, »ersuche ich Sie, mich an den bewußten Ort zu begleiten.« »Ich bin bereit, doch etwas erstaunt über diese Heimlichkeit!« »Staatsgeheimnis, Herr Baron!« Sie bestiegen einen Mietwagen und fuhren die erste Querstraße der Rue Antoine südlich zur Seine entlang, an der Isle de St-Louis, dem Punkte, wo einst der Tour de Billi stand, endlich an den Célestins vorüber. Da ragt das Arsenal in dem Winkel, welchen die Seine mit der südöstlichen alten Stadtmauer bildet. In diesen düstern kolossalen Mauern mit weiten Höfen und zahlreichen Anbauten, in welchen die Waffen des stolzen Frankreich wie in einem großen Kriegsmuseum ruhten, waltete einst Sully, der kluge Minister jenes galantesten und populärsten aller Könige, dessen Reiterbild beim Pontneuf ragt, Heinrich IV. Es ist wohl natürlich, daß angesichts dieser kriegerischen Umgebung, der alten Lilienbanner von Amiens, Rocroy und hundert anderer Siege, welche da an den Wänden als Trophäen glänzten, der heroischen Reliquien eines Condé, Turenne, Dunois und der alten ritterlichen Könige des Landes – dennoch Gefühle in Steubens Herzen wieder auftauchten, wie er sie einst bei Roßbach und Leuthen, Reichenbach und Kassel empfunden hatte, eine plötzliche heiße Sehnsucht nach Taten, ein Drang, dieses sein unnützes, mehr als halbvergeudetes Leben an eine Sache zu setzen, für die es sich lohnte zu siegen und zu bluten. Es war ein mittelgroßes, entlegenes Arbeitsgemach, das zu den Bureaus des Gouverneurs gehörte, in das Oberst Pagenstecher unseren Freund führte. In ihm an einem Konferenztische saß Robert Graf von St-Germain, ein 69jähriger Greis, der Kriegsminister dieses stets kriegerisch gesinnten Volkes. Er war ein höchst merkwürdiger Mann und hatte eine sehr merkwürdige Karriere hinter sich. Zu Anfang des Jahrhunderts geboren, war er zum Jesuiten erzogen worden. Dem Konvikt entsprungen und Soldat geworden, hatte er erst Frankreich, dann der Pfalz, dann Preußen gedient, war zu Struensees Zeit dänischer General, dann Kriegsminister geworden und bei Ludwig XVI. Regierungsantritt in die Heimat zurückgekehrt; dann hatte man ihm Frankreichs Wehrkraft anvertraut. Ehrgeiz war die einzige Flamme dieses Greisenlebens, und im Auge glühte ihm noch das abenteuerliche Reckenfeuer seiner Jugend, nur gemildert durch die Ruhe des Alters, die kluge Zurückhaltung des Staatsmannes. Er hatte eben den Finger auf einer großes Karte, als ob er einen Punkt auf ihr festhalten wolle, und hob nur flüchtig das Haupt, Steuben lächelnd zunickend. Ein Blick auf diese Karte bewies Steuben, daß Mitchels »Britisches Amerika« vor dem Minister lag. Unser Held kannte zu genau die Gewohnheiten des Grafen, um nicht sofort den Ton anzunehmen, mit welchem derselbe angeredet sein wollte. »Was haben Sie denn da, Herr Graf?« St-Germain unterstrich mit einem Bleistift den Punkt, auf welchem sein Finger bisher geruht hatte. »Was ich hier habe, Baron? Ihr künftiges Schlachtfeld!« Er stand auf und reichte Steuben die Hand. »Seien Sie doppelt willkommen, Sie treffen in dem Moment gerade ein, wo man Sie braucht, und nur Sie! Das ist von guter Vorbedeutung!« »Ich gestehe Exzellenz, daß mir Ihre Worte höchst dunkel sind. Amerika mein Schlachtfeld?! – Ich schrieb Ihnen doch, ich habe auf kriegerische Tätigkeit verzichtet und bis in Begriff, nach London zu gehen.« »Ich fürchte – wenn ich mich nicht aufs gröblichste in Ihnen täusche, Mylord von Warwick und Earl Spencer werden auf Ihren Besuch für immer verzichten müssen. Ich hatte schon die Absicht, Ihnen nach Karlsruhe zu schreiben, als Ihr Brief Sie anmeldete. Ich habe mich in letzter Zeit sehr viel mit Ihnen beschäftigt, habe mir alle Gespräche rekapituliert, die ich in Hamburg, im Elsaß, zu Montpellier mit Ihnen über Militaria hatte. Ich habe Ihnen einen Plan vorzulegen!« »Sie setzen mich wirklich in Verwunderung, Graf!« »Sie sind der rechte Mann oder keiner! Sie müssen nach Amerika! Die Republik dort ist's, der Sie dienen sollen, Sie werden der Kopf, Washington wird der Arm sein, Albion zu schlagen, die Rabenmutter, welche sich vom Blut und Schweiß ihrer mißhandelten Kinder nährt. Die Republik bedarf Ihrer Dienste, Washington bedarf eines Mannes, der, wie Sie, Friedrichs Schlachten schlug, um zu siegen. Werden Ihre Bemühungen mit Erfolg gekrönt, dann wird nicht bloß dies befreite Volk, nicht allein Frankreich, ganz Europa wird Ihren Namen mit Achtung und Liebe nennen. Sie werden Ihr Glück machen und endlich die Stellung finden, die Ihr tatenreiches Leben würdig abschließt! Was das aber für ein Glück ist, sehen Sie an mir, dem Greise, und ich möchte, indem ich einen großen Gedanken in Ihnen erwecke, Sie beglückt sehen. Ihr Glück allein ist freies Mannestum. Sie werden jenseits des Ozeans mehr Ehre ernten wie in Europa. Die Kolonien, nachdem sie einmal ihre Unabhängigkeit erklärt haben, werden diese aufrechterhalten oder zugrunde gehen. Es wäre also ein verdienstvolles Werk, das Gebäude der jungen Republik errichten zu helfen – der Welt das Problem zu lösen, daß man frei und doch loyal sein kann, daß ein großes Gemeinwesen auch ohne König bestehen kann, weil jeder sich selbst zu regieren, sein gerechtes Gewissen als die oberste Instanz in allen irdischen Dingen anzusehen weiß. Die Hilfsquellen Amerikas sind enorm. Ungeheure Kräfte besitzt es, sie sind nur noch unerschlossen. Sie, Steuben , würden der Prometheus sein, der die schlummernden Kräfte der Urwälder weckt und das Sternenbanner in den Streit führt. Schon jetzt, obwohl den Engländern genug Soldaten, Gold und Flotten zu Gebote stehen, ist Amerikas Macht fast der der Engländer gleich. Wir hier können noch nicht offen handeln, am wenigsten bevor Sie nicht hinüber sind, aber indirekt helfen Spanien und Frankreich der Republik bereits. Sie werden das sehen, wenn Sie den Spanier Aranda, Prinz Montbarey, den Duc de Ligne und andere sprechen. Es glüht in den Franzosen die alte Ritterlichkeit für das zertretene Recht, der Hof bereits ist kriegerisch gestimmt, Sie werden noch kein halbes Jahr drüben sein und – er dämpfte des Ton, »Sie werden die vereinten Lilien aller regierenden Bourbons in den Häfen Amerikas flattern sehen!« »Meinen Schultern also wollen Sie das Werk aufbürden, die Republik der Vereinigten Staaten gegen die reichste, erste Seemacht der Welt siegen zu machen?« »Die beste Sache, mein Freund, hat zwei Seiten. Ihre ewige, geistige – der treibende Geist der Sache, und ihre irdische, materielle, die eben betrieben, geschoben werden muß, damit der Erfolg dem Gedanken entspreche. Die Schattenseite des Krieges der Amerikaner werden Sie mit dem ersten Blick erkennen, sowie Sie das Auge nur auf die Angelegenheit ernstlich leiten. Nehmen Sie Platz. Lassen Sie uns ruhig darüber reden. Es muß Ihnen erst klar werden, vorläufig kann nur Steuben und kein anderer lebender Mensch der Union helfen, es müßte denn Friedrich II. selber sein, und zwar um ein Dutzend Jahre jünger!« »Allerdings sind die Schattenseiten zunächst das wichtigste Exzellenz.« »Sicher, Baron! Zweifelsohne sind Leute wie Washington, Putman, Armstrong höchst vortreffliche Generale. Sie kennen ihr Terrain genau und verstehen sich auf brillante Schachzüge. Feldherrn im eigentlichsten Sinne aber sind sie nicht. Sie mögen im Tirailleurgefecht und bei verstreutem Kampfe Bedeutendes leisten und den Gegner glänzend überlisten, eine große, geschlossene Schlacht jedoch schlagen und gewinnen, das verstehen sie nicht!« »Es wäre eben kein gar so schlechtes Kompliment, was Sie ihnen da machen, Graf. Ich habe die Art des Freischarenkriegs und des Tirailleurgefechts gründlich genug unter General Meyr kennengelernt, um ihn für eine der vortrefflichsten Methoden zu erachten, um mit geringeren Kräften den stärkeren Gegner bis zur Verzweiflung zu ermüden. Wir diesseits des Wassers können ja noch gar nicht beurteilen, ob diese Kampfart für die Amerikaner nicht die beste, vielleicht die einzige ist. Mitchels Karte schon, so dürftig sie ist, wird Ihnen sagen, daß die bedeutenden Flüsse, welche von den Alleghany- und Albany-Mountains nordöstlich zum Meere strömen, sowie diese Urwälder keine Schlachten wie die von Zorndorf, Roßbach und Leuthen verstatten, wo Masse gegen Masse steht, wo Sie drei Treffen breit operieren können!« »Vortrefflich, Freund!« St-Germain lächelte still in sich hinein. »Ich sehe, Sie haben in müßigen Stunden denn doch schon ein bißchen darüber nachgedacht. Gleichviel welche Kampfart dort die bessere sein mag – sie sind alle gut, wo sie hingehören. Es kommt doch erst auf die Qualität der Kämpfer, die Gliederung des Heeres, kurz auf das Material an, das man ins Gefecht bringt. Ich muß Ihnen aber sagen, Freund, Washington ist darin so schlecht bestellt als irgendmöglich. Keine regelmäßige und feste Formation besitzt das Heer der jungen Republik, weder Ordnung noch Methode in der Organisation der verschiedenen Korps. Die Anwerbungen geschehen für viel zu kurze Zeit, oft nur auf sechs oder vier Monate. Abgang und Verlust von Mannschaften aber zerstört die kaum erfolgte Bildung dieser Korps wieder. Der Ruin an Pferden, Lagergerät und Waffen ist ungeheuer, da die Lieferungen, die Inspektionen vernachlässigt oder kenntnislosen Leuten anvertraut sind. Der Kongreß mag Millionen auftreiben, da wo der Soldat es braucht, findet er das Nötigste oft nicht, und bevor ein Korps noch an den Feind gebracht werden kann, schrumpft es durch den Urlauber und den Abgang derer zusammen, die zur Heimat entlassen werden, weil ihre Dienstzeit eben um ist. Das ist das Unglück, an dem Amerika krankt, und welches ihm selbst dann noch nicht den Sieg über seinen Gegner sichern würde, wenn Frankreich seine besten Soldaten und Schiffe sendete!« »Das alles ist richtig, Exzellenz. Man braucht nicht erst diese Zustände zu sehen, um zu wissen, daß Milizregimenter, aus unabhängigen, trotzigen Leuten bestehend, die von Subordination wenig wissen und nur auf den Tag warten, an dem ihre Werbezeit abläuft, die schlechtesten Truppen der Welt sind. Da bedarf es eines geschickten und geschulten Offiziers, vertraut mit allen Details des Dienstes, gewöhnt an die regelmäßige Formation der Armee, welcher sowohl ein System kluger Sparsamkeit einführt, wie durch energische Inspektionen allen solchen Mißbräuchen vorbeugt!« »Und dieser fähige Offizier kann kein anderer als Friedrich von Steuben sein.« Damit sah ihm St-Germain listig ins Gesicht. »Der Geist Friedrichs von Preußen läßt Sie doch nicht ruhen, ich sehe es.« Steuben stand betroffen. Er selbst hatte sich jede fernere Widerrede durch die schlagendsten Argumente abgeschnitten, die ein ehrlicher Mann zur Annahme eines ehrenvollen Auftrages etwa anführen konnte. »Exzellenz, Sie haben mich in mein eigenes Netz verstrickt. Wohl wahr, ich bin in meiner jetzigen Stellung ein ziemlich unnützes Möbel der menschlichen Gesellschaft gewesen, aber ich bin mit meiner Stellung in Baden dennoch zufrieden. Ich habe mein auskömmliches Gehalt, meinen kleinen Landsitz, meine Jagd, heitere Gesellschaft, kurz alles, was ein alter Knabe wie ich braucht, um leidlich zu existieren. Ihr Vorschlag, der Republik zu dienen, ist für mich etwas zu weitaussehend, auch kenne ich die Landessprache nicht. Ich will es mit einer Frage kurz abmachen. Raten Sie mir als Freund oder in der Eigenschaft des Ministers bestimmt dazu, auf ein so gefährliches Unternehmen einzugehen?« »Als Minister habe ich Ihnen gar keinen Rat zu geben. Ich und Frankreich können nur wünschen, Amerika siege, England werde geschlagen. Ob Sie das bewirken können, ob ein anderer und wer, das zu ermessen vermag aber kein Mensch. Als Freund jedoch, lieber Steuben, würde ich Ihnen nie zu etwas raten, was ich, wenn ich eben könnte, nicht bereit wäre, selbst zu tun! Ich rate Ihnen also aufs bestimmteste, daß, wenn Sie den Triumph einer großen und redlichen Sache lieben, wenn noch Ihr altes friederizianisches Herz für den Ruhm schlägt, dann gehen Sie hinüber! Der Ruhm und ein beneidenswerter Lebensabend sind Ihnen gewiß!« »Sei es denn! – Ich erkläre Ihnen also, vorläufig auf die englische Reise zu verzichten, um näheren Einblick in die Angelegenheit zu gewinnen. Vergessen Sie nicht, ich entscheide damit über mein ganzes Leben!« »Sie haben zur Überlegung den ganzen Sommer noch Zeit. Hören Sie alle Stimmen! Ich weiß, wenn Sie dann ja sagen, so hat Amerika einen der edelsten Patrioten gewonnen!« Steuben reichte dem Minister sprachlos die Hand und nickte. Er schritt zum Tor des Arsenals hinaus, den Quai des Célesrins hinab wie ein Träumender; er redete mit sich selbst. »Sagte dir einst nicht Katharina, du mußt nicht bloß ein tüchtiger Soldat im Felde gewesen sein, du wirst einst ein großer Feldherr werden, denn du bist der geborene Lehrer einer Armee! – Dein teurer König ließ dich mit den Worten von sich: Geh er mit Gott, die ewige Weisheit, die vorher schon des Menschen Pfad ihm vorschreibt, wird über meinem Adjutanten walten und ihn seines Kriegsherrn, seines Meisters würdig machen! – Wär's wirklich so vorherbestimmt? Hätte Gott mich deshalb nur so tief demütigen, durch meine eigene Torheit aus allen Himmeln stürzen, mir deshalb die Geliebte entreißen wollen und nun vor diese große Frage mich gestellt, weil ich erst jetzt fähig geworden bin, das Höchste zu leisten? Friedrich und Katharina haben groß von mir gedacht, Hohes von mir erwartet, ich allein halte mich für zu gering. – Gut denn, ich will von mir nicht schlechter denken als andere, will nicht durch starren Trotz mich der göttlichen Schickung zu entziehen suchen. Treibe denn mein Lebensnachen in den Strom, in den er jetzt gleiten will. Auf welchem Wege er dich zum Ruhme oder Tode führe, ist gleich! Sei denn Amerika mein Ziel!« Ben Franklin Seinem letzten Entschluß gemäß ließ sich Steuben also von dem Strome der Ereignisse treiben, aber dennoch mit dem festen Vorsatze, sofort sein Steuer zu wenden und die Sache aufzugeben, wenn er finde, er sei derselben entweder nicht gewachsen oder könne ihr nichts nützen. Die Offiziere der preußischen Armee waren übrigens damals die anspruchsvollsten, prätentiösesten der ganzen Welt. Sie durften es auch sein, denn man riß sich in fremden Staaten um sie und bewilligte ihnen gern höhere Chargen und größere Kommandos, als sie unter Friedrich II. je besessen hatten; der Nimbus des siegreichen Genius Preußens umgab sie wie eine Aureole. Am folgenden Tage ging Steuben wieder zu St-Germain ins Arsenal, um den Plan seines Eintritts in den Dienst der Union näher mit ihm zu besprechen. St-Germain war auch weit davon entfernt, ihn zu drängen, im Gegenteil, er zeigte sich sehr behutsam, sehr verstandeskalt. Der Minister ging auf die kleinsten Einwände, welche Steuben geltend machte, ein. Zunächst gab er ihm eine genaue Übersicht des Standes der Politik in Europa. Aus derselben ging hervor, daß England zur Zeit keinen einzigen Freund, geschweige denn einen Alliierten habe. Frankreich war sein offenbarer Feind, der nur noch eine lächelnde Maske trug, um nicht vorschnell zu verraten, daß er im Begriffe stehe, sich für Amerika zu erklären. Spaniens Stellung war die gleiche, nur hing seine Politik sehr wesentlich von Frankreich ab. Österreich und Rußland verhielten sich neutral, das eine aus innerer Schwäche und Gleichgültigkeit, das andere, weil es seiner Politik im Orient wie dem skandinavischen Norden gegenüber sehr zustatten kam, England jetzt kriegerisch beschäftigt und womöglich geschwächt zu sehen. Allerdings waren Schweden und Dänemark mehr englisch als französisch gesinnt, aber nur, weil sie Rußland gegenüber sich auf die britische Seemacht zu stützen wünschten, der Kampf mit den Kolonien aber nötigte ihnen kein besonderes Interesse ab. Preußen und Holland endlich begünstigten Amerika England gegenüber, wenigstens indirekt. Friedrich sah die Union eben als einen ganz guten Ableiter etwaiger Kriegsgelüste der westeuropäischen Mächte an, Holland aber operierte am Kap bereits selbst kriegerisch gegen Britannien. Nur noch eines wahrhaft entscheidenden Erfolges der Waffen bedurfte die Union, und sie hatte sofort zwei offene und verschiedene heimliche Alliierte. Der englische Hof wußte dies nur zu wohl. Er unterhielt deshalb in Paris und in Versailles eine Bande von Kundschaftern aus allen Gesellschaftskreisen. Deshalb beschwor St-Germain Steuben auch, sich ja nicht in Versailles blicken zu lassen und vorläufig nur mit ihm und seinen sonstigen französischen Freunden durch Herrn Baron de Beaumarchais, den Dichter, Journalisten und Millionär, in Verbindung zu treten. Dieser war der vermittelnde Agent zwischen Spanien, Frankreich und den Vereinigten Staaten. Mit Erstaunen erkannte Steuben, wie viele Fäden diese beiden Staaten schon unsichtbar mit der Union verbanden, und daß sich Frankreich namentlich mit ihr schon so stark engagiert hatte, daß es nicht mehr zurücktreten konnte, ja, daß man jeden Tag seine Kriegserklärung an England erwarten durfte. Der junge Lafayette sandte an seine vornehme und mächtige Familie, an die Aristokratie und den Hof wahre Brandbriefe und betrieb von Amerika aus durch so glühende Schilderungen, wie sie eben nur der Übertreibung eines Franzosen möglich sind, eine eifrige Agitation für die offene, bewaffnete Unterstützung Amerikas. Seit Steuben Beaumarchais kennengelernt hatte, erhielt der Gedanke, sein ferneres Leben der Union zu weihen, konkretere Formen und verlor sowohl die bedenkliche wie die allzu romantische Seite. Wenn das Vertrauen, das Katharina und Friedrich II. zu ihm in einer Art Prophezeiung ausgesprochen hatten, ihm den Anstoß gegeben hatte, der Frage über seine kriegerische Zukunft näherzutreten, war die Sicherheit, mit welcher Graf St-Germain, der Prince de Ligne und Beaumarchais es aussprachen, »daß sie gerade von seinen Diensten für Amerikas Sache Bedeutendes erwarteten«, die Ursache gewesen, diese seine kriegerische Zukunft als etwas positiv bereits Gegebenes zu betrachten und sich nur noch zu fragen, wie er derselben gerecht werde und ob er Fähigkeiten genug besitze, im friederizianischen Geiste mit Faktoren fertig zu werden, die ihm völlig neu, mit Verhältnissen sich abzufinden, die denen seines Vaterlandes entgegengesetzt waren. Hierüber klar zu sehen, gab es in Paris indessen nur einen Mann, mit dem er sich berühren, den er kennen, aushorchen, verstehen lernen mußte – den ersten Würdenträger der Union, Benjamin Franklin. Beaumarchais und St-Germain hatten alles eingeleitet, und Steuben fuhr eines Tages zu ihm nach Passy hinaus. – Steuben wußte, daß Franklin nicht bloß ein großer Mann, sondern ein ziemlich schnurriger Heiliger, daß er in seiner Eigenart geradezu das fabelhafte Meerwunder von Paris geworden sei. Schon die Geschichte des Modisten Glorieux mit den grauen »Indépendances« hatten ihm den Verdacht eingegeben, Franklin sei ein sehr schlauer Yankee, der alles nur aus Berechnung tue, ein diplomatischer Schauspieler, der seine Staatskunst in eine republikanische Römertoga hülle, weil das unter den Franzosen eine völlig neue, höchst effektvolle Inszenierung seiner Person, noch weit mehr aber seiner Sache sei. Unter solchen Voraussetzungen und Gefühlen langte er vor dem kleinen Hause in Passy an, das den absonderlichen Mann beherbergte. Als Steuben in den Garten trat, fand er einen kraftvollen Greis, hoch an Jahren; er mochte wohl schon in den Siebzigern stehen. An seiner rechten Seite schritt eine Greisin, links neben ihm aber ein hagerer großer Herr von starkem Knochenbau, in braunes Sommertuch gekleidet. Es bedurfte keiner Vorstellung, denn die Pariser Bilderläden hatten sie unnötig gemacht. Der Greis war Franklin selbst, die Gefährtin seine Gattin, die berühmte Leah Read; der Hagere endlich war Mister Silas Deane. »Ich glaube, ich stehe vor Herrn Franklin!« sagte unser Held. »Mein Name ist Steuben.« »Du bist willkommen, General, denn du bringst Gutes, dich selbst.« Franklin reichte ihm die Hand. »Du willst deine Gaben, die du unter deines Herrschers Auges entwickelt hast, der Republik Amerika überbringen?« »Ich habe das im Sinn, Herr Franklin. Es handelt sich nur darum, unter welchen Bedingungen es geschehen kann.« »Ich muß dich aufmerksam machen, General, daß du vor allen Dingen dir manches wirst abgewöhnen müssen, was in deinem Vaterland Sitte war, wovon man aber bei uns nichts weiß. Ich nenne dich du, wie ich deinen König auch du nennen würde, denn ich gehöre dem Religionsbekenntnis der »Reinen«, oder wie uns die Welt nennt, der »stillen Brüder« an. Meine Überzeugung verbietet mir, dich anders als meine übrigen Mitmenschen anzureden. Ich bin kein Herr, denn bei uns gibt es keine Herren, sondern nur freie Männer. Nenne mich du und Franklin, das ist das beste. – Du sprichst endlich von Bedingungen. Ich verstehe dich nicht! Bedingungen macht man seinen Feinden oder bei Kauf und Verkauf! Bist du denn unser Feind, oder willst du dich uns verkaufen, so etwa, wie ich höre, daß es andere Generale in Europa tun, wenn sie in fremde Dienste treten?« Steuben beschlich eine große Enttäuschung. »Es ist hier nicht von einem Verkauf meiner Dienste die Rede, Franklin, wenn ich dich denn so nennen soll. Du wirst mir aber doch zugeben, daß, wenn ich in Europa eine feste und ehrenvolle Stellung, gesicherte Einkünfte, meinen Besitz und ein ruhiges Leben aufgebe, um mich in einen ungewissen Krieg auf fremder Erde zu stürzen, ich doch wissen muß, welche Stellung ich dort einnehme, was ich dafür erstattet erhalten werde, wenn ich euch alles opfere?« Franklin sah ihn groß und schweigend an. »Ben!« sagte Leah betroffen, »dieser Mann spricht von Stellung, von Lohn!« Franklins Ton bekam eine eigene Härte. »Ich muß dir sagen, General, daß du mir gar nicht gefällst; wir werden schwerlich zueinander passen. – Der Freiheit und dem Volke dient man nicht um Lohn! In einer Republik, die um ihr Höchstes kämpft, sucht man keine Stellung, denn jede Stellung unter den Streitern einer guten und gerechten Sache ist recht, die das Bedürfnis des öffentlichen Wohls und deine größeren oder geringeren Eigenschaften unter uns anweisen. Du magst deinem Lande und Könige sehr wertvoll sein, magst dich nicht bloß als hochbezahlten, sondern auch als einen vortrefflichen General bewiesen haben – was du uns aber nütze bist, das müssen wir doch erst abwarten!« »Mit anderen Worten, Franklin, du nimmst an, ich lasse alles hinter mir, um mich zum Bettler zu machen und für jeden Dienst anzubieten, zu dem mein Reitknecht vielleicht ebensogut tauglich sein würde wie ich, der an eines Königs Seite in die Schlacht ritt!« »Mit wem du in den Kampf gingst oder rittest, kann mir gleichgültig sein, sobald du nur wie ein braver Mann gekämpft und gehandelt hast. Wir können keine Leute brauchen, die Stellungen und Lohn suchen, sondern allein Männer, welche mit warmem Herzen, aus freiem Entschlusse uns im Widerstande gegen widerrechtliche Bedrückung helfen und als amerikanische Bürger, als unsere Brüder, mit uns leben oder sterben wollen.« »So hast du mir keinerlei Vorschläge zu machen; Franklin, welche geeignet wären, mich zu vergewissern, in welcher Art meine Dienste von euch gern gesehen werden und wieviel ich zu empfangen habe, um eben die beanspruchten Dienste überhaupt leisten zu können?« »Ich habe dir keine solche Vorschläge zu machen! – Ich bin von dem Kongreß nicht ermächtigt, Offiziere zu engagieren, noch Vorschüsse, Gehälter, sonstigen Lohn oder Stellungen zu bewilligen. Ein französischer Adliger, du Coudrai, dessen Dienste mein Vorgänger hier angenommen hat und den er gegen Geldeswert und Anspruch auf Rang bei uns engagiert hatte, wurde vom Kongreß, als er hinüberkam, nicht angenommen, obwohl er, wie gesagt, einen Kontrakt des amerikanischen Gesandten vorzeigte. Niemand hat das Recht unter uns, über Staatsgelder zu verfügen und eigenmächtig zu handeln. Der Kongreß allein kann entscheiden, ob er dich will und was mit dir zum Heil der gemeinsame« Sache anzufangen ist.« »Ich bin somit darüber belehrt, wie wenig ich dir gelte, und daß ich auf das Geratewohl nicht nach Amerika gehen kann.« »Dann bleibe, wo du bist. Nicht was du mir giltst, ist hier die Frage, sondern was du George Washington, vor allem, was du dem Kongresse gelten würdest, wenn du hinübergegangen wärest. Was hülfe es dir, wenn ich dich auch für einen so guten Feldherrn wie deinen König, für einen zweiten Alexander von Mazedonien hielte, wenn der Kongreß doch fände, du taugtest für ihn nichts, oder Washington wüßte nicht, ob er dir ein Regiment oder eine Kompagnie nur auf eine Stünde anvertrauen dürfe.« »So wird bei unseren Verhandlungen wohl wenig herauskommen.« »Es scheint so. – Mir ist hierbei aber besonders mißfällig, Steuben, daß du nur von deiner Stellung bei uns, von deinem Lohne oder Solde redest, kein Wort aber über deine Lippe kommt, was du uns denn leisten willst.« »Höre, General,« fiel Leah ein, »du verrechnest dich in uns, und das tut uns leid, das enttäuscht uns. Nach St-Germains und Beaumarchais' Angaben sahen wir in dir einen ganz anderen Mann. – Darf ich als Frau, als alte Frau dich etwas fragen?« »Gewiß, Mistreß Leah«, stotterte Steuben, halb in Verlegenheit, halb in Unmut. »Sage mir – hast du schon je im Leben ein Weib geliebt, das du besitzen wolltest?« Steuben schrak empor. Sein Gesicht erglühte, dann ward es bleich. Seine Augen schimmerten feucht, und seine Lippen bebten. »Ich habe einst ein edles Mädchen geliebt!« »Liebst du sie nicht mehr?« Leahs kleine magere Hand ergriff die seine und drückte sie. »Ich werde sie solange lieben, wie meine Seele lebt. Sie ist tot.« »So höre mich an, Steuben, und erwäge in deinem Herzen und in deinem Geiste jedes meiner geringen Worte, dann geh – wenn du kannst, komme wieder. – Hast du jene geliebte Tote je gefragt, was sie dir an Geld oder Rang geben würde, wenn du sie heiratest?« »Du fragst töricht, Frau. Welcher Mann von Ehre und Gefühl würde das Mädchen seiner Wahl, die Geliebte, nach solchen Dingen fragen? Müßte die Scham ihm nicht nach dem ersten Worte die Lippen schließen?« »Wohl! So gefällst du mir. Denk dir unter dieser toten Geliebten jetzt, General, die Freiheit! Die Freiheit, die begraben ist, die zum Himmel entfloh und die du für dein armes Vaterland durch treues Kämpfen, durch das Opfer deines Lebens erwecken und wieder lebendig machen sollst. Welcher Mann von Ehre und Gefühl würde die Freiheit, die er wählte, das Vaterland, dem er sich weihen will, danach fragen, was es ihm einbringt? Müßte die Scham ihm nicht die Lippen schließen?« – Leah legte Steuben beide Hände auf die Schulter, und ihr altes, ehrwürdiges Gesicht blickte ihn mit treuherzigem Lächeln an. – Steuben ergriff ihre Rechte. »Erlaube mir, Leah, daß ich diese deine mütterliche Hand küssen darf. Du hast mich beschämt und besiegt! – Wir stehen hier unter Gottes Auge, und ich sage dir, Franklin, wäre ich in diesem Augenblicke so reich, wie ich es nicht bin, ich ginge nach Amerika unter Washingtons Fahnen! Ich habe aber nicht Mittel genug, um so hinüberzugehen! Ich kann aufs Ungewisse um so weniger hinüber, als mich mein Diener und höchstwahrscheinlich meine ehemaligen Adjutanten in Berlin begleiten werden.« Franklin legte die Rechte auf Steubens Arm. »Ich kann dir die Mittel nicht geben noch verschaffen, die dich und deine Begleiter hinüber in meine Heimat bringen, ich kann, ich will es nicht, weil ich es nicht darf! Ich bin ein schlichter Mensch, der aber in seiner Person seine kämpfenden Brüder daheim, sein gequältes Vaterland, die Majestät der amerikanischen Freiheit vertritt. Die Freiheit darf nie lohnen, denn belohnt ist der Kämpfer dadurch, daß er sie liebt! Ich bin zu vornehm, das zu bewilligen, was du zu vornehm sein müßtest anzunehmen. Kehre nach Paris zurück, Freund Silas mag dich begleiten und deinen Freunden die Sache auseinandersetzen. Lasse mich hoffen, daß sich die nötigen Mittel finden werden, dich in den Stand zu setzen, meine Mitbürger, meines Landes Verteidiger zu werden. Kannst du dann mit derselben Liebe für die Union vor mich hintreten, die du der toten Frau deines Herzens bewahrst, dann wird der Herr mit dir, mein Bruder, sein als eine ewige Kraft, die dem Schwachen hilft und den Niedrigen zu Ehren bringt. Lebe wohl!« »Lebe wohl, Franklin! – Sollte ich auch – nicht wiederkommen, ich werde dich nicht vergessen!« – Steuben verließ mit Deane Passy. Schweigend kehrten sie nach Paris zurück. Die Stimmung, in welcher Steuben wieder in seinem Hotel eintraf, nachdem Silas Deane sich von ihm getrennt hatte, um zu Beaumarchais zu gehen, war nicht sehr rosig. Die Umgangsformen Franklins, die Rauheit seiner Zurückweisung hatten ihn anfänglich abgestoßen. Seine Manier, echt amerikanisch frei und steif quäkerisch dazu, war ihm zu ungewohnt. Ein politischer Komödiant war er gewiß nicht, sicher ein großer Mann. Dies und die stille ernste Begeisterung für ein Volk, das solche Männer und Frauen hervorbrachte wie jenes greise Ehepaar, konnte seine Mißstimmung dennoch nicht völlig beheben. Davon konnte keine Rede sein, bei seinen knappen Mitteln, die nur für die Sommerreise nach Paris und England langten, einen Krieg mitzumachen, bei dem er nicht wußte, ob man ihn als gewöhnlichen Leutnant in der Masse verschwinden lassen oder ihm eine umfangreichere Stellung zuweisen werde. Der Stolz des Republikaners hatte in ihm den Stolz des Royalisten geweckt, letzteren aber zu steigern, war ein Gespräch mit General von Koch sehr geeignet, bei dem er heute zu Tische war. Koch zeigte sich ganz empört über die Zumutung Franklins, daß Steuben aufs Blaue hin alles opfern solle. Er kritisierte den amerikanischen Krieg, und die Unionspartei kam hierbei schlecht genug weg. Jedenfalls ergaben die Betrachtungen der beiden alten Freunde, daß die Sache der Befreiung Amerikas auf sehr schwachen Füßen stehe, Franklin also nicht berechtigt war, gar so stolz zu tun. Wenn die Union bisher nicht gerade unterlegen war, so lag das nach Kochs Überzeugung an der Unkenntnis des Terrains und der Unfähigkeit der englischen Generale. Teilte Steuben auch diese Ansicht nicht ganz, so hatte der General ihn doch bedenklich und zweiflerisch genug gemacht, um nach dem Essen Beaumarchais aufzusuchen. »Herr Chevalier,« so trat Steuben bei Beaumarchais ein, »ich habe Ihnen zu erklären, daß ich meine Dienste den Freistaaten nicht widmen werde!« »Keinen zu hastigen Entschluß, teuerster Baron. Ich weiß bereits von Deane alles! Es ist für Franklin wie Silas unmöglich, Ihnen einen Sold oder Ihre künftige Charge zu bestimmen, noch ihr Land Ihnen gegenüber kontraktlich zu binden. Einmal hat Franklin nichts zu ernennen und zu bewilligen, selbst Washington nicht, sondern nur der Kongreß. Er versteht ferner von militärischen Dingen nichts. Er vermag Sie nicht zu beurteilen, auch würde man im Kongreß, so hoch man Franklin sonst verehrt, in dieser Richtung ihm doch nicht glauben. Franklin ist zwar ein vermögender Mann, aber er ist Ausländern gegenüber höchst mißtrauisch. Würde er Ihnen oder sonst einem Militär Vorschüsse und Equipierungsgelder aus eigenen Mitteln bewilligen, so können Sie sicher sein, Baron, daß Passy bald von einem Heere französischer abenteuerlustiger Offiziere und Edelleute belagert sein würde, unter denen man das Genie von der Mittelmäßigkeit, den verlorenen Sohn, den Abenteurer, den Lasterhasten, den Egoisten nicht von dem wackeren Manne mit reinem Willen unterscheiden könnte. Zudem ist der Amerikaner, zumal jetzt, auf Rang, Titel, Stellung höchst eifersüchtig, auf alles, was an die Monarchie erinnern könnte. Geld aber, mein lieber Baron, das ist dasjenige gerade, was die junge Republik leider am wenigsten besitzt. Ich mache Ihnen jedoch einen Vorschlag, der alles beseitigt. – Meine Kasse steht Ihnen zu Gebote! Nehmen Sie 1000 Louisdor an, aber entziehen Sie in sich Amerika nicht einen Mann, den es braucht, um zu siegen!« »Das hätte der Amerikaner Franklin aber nur sagen müssen, nicht Sie, der Franzose! Ein für allemal, Chevalier, wie jetzt die Sache liegt, ist sie für mich abgetan! Ich reise nicht und bedaure, daß ich mit dieser Angelegenheit meinen hiesigen Freunden soviel zu schaffen machte.« »Sprechen Sie doch nicht so schroff, Baron. Ich glaube wahrhaftig, Sie wären imstande, schon morgen nach England abzugehen. Bitte, warten Sie doch diese Woche nur noch, ich fahre zu St-Germain! Seien Sie überzeugt, daß ein Ausweg gefunden werden wird, der alle Teile befriedigt!« »Gut, die Woche noch! – Tun Sie, was Sie wollen, Chevalier, aber seien Sie überzeugt, ich gehe nicht nach Amerika, wenn ich nicht über meine Stellung beruhigt bin.« Noch keine vierundzwanzig Stunden waren verflossen, als Steuben einen Brief des Grafen von St-Germain in Händen hielt, welcher ihn aufforderte, sich abends mit Gepäck und Diener in Versailles einzufinden und schlicht-bürgerliche Tracht anzulegen. Oberst Pagenstecher werde kurz vor Versailles auf der Pariser Chaussee seine Ankunft in Zivil erwarten und ihn zu ihm führen. Man laufe nämlich jetzt, da die Entscheidung der französischen Regierung bevorstehe, äußerste Gefahr, durch vorzeitige Entdeckung alle guten Absichten unmöglich zu machen. – Steuben folgte dieser Einladung. In der angedeuteten Weise reiste er mit Gepäck und Diener mittels Mietskutsche nach Versailles ab, wo er elf Uhr abends anlangte. Er kannte die politischen Verhältnisse bei Hofe jetzt gut genug, um zu wissen, wie der Stand der Dinge war. Nicht nur die ganze französische Nation, auch der Hof, ja der König selbst, waren von der Lust angesteckt, Amerika zu helfen und England zu demütigen. Waren die Motive der verschiedenen Parteien auch nicht dieselben, so doch die Absicht. – Ludwig XVI. war schüchtern, er mußte stets mit fortgerissen werden, auf seine Entschließungen mußte ein zwingender Druck ausgeübt werden, wenn er überhaupt handeln sollte. Wie in allen Regierungsmaßregeln dieses unglücklichen Monarchen, gab sich auch hierin ein unsicheres Tasten und Zaudern kund, und von dem »Instinkt der Könige« hatte er sicher nicht die leiseste Spur. Er wünschte Amerika frei zu sehen, wünschte, daß Frankreichs Waffen an den Engländern Vergeltung üben möchten für die Schmach, des schönsten Teils der eigenen amerikanischen Besitzungen beraubt worden zu sein. Aber er verschob die Kriegserklärung von Monat zu Monat, suchte nach Gründen, sein Zögern vor den eigenen Ministern zu beschönigen, und hoffte noch immer auf einen von außen kommenden Anstoß, der ihm den Entschluß zum Kriege erleichtern sollte. Hätte er sich die Frage vorgelegt: ist ein Krieg Amerikas gegen England für Frankreich von großem Nutzen oder Gefahr, hätte er königliches Selbstbewußtsein gehabt, diese Frage zu entscheiden, dann war es etwas anderes. Er war aber bereits Partei in dieser Angelegenheit. Der Enthusiasmus des Volks für Amerika war Gefühlssache, war Sympathie, war das erste Resultat, welches die Rousseauschen Ideen und die enzyklopädistische Philosophie in des Seelen erzeugt hatte. Die Parteinahme des Adels und Hofes für Amerika hingegen war vornehmlich das Gelüst einer politischen Clique, welche mit den Doktrinen der Menschenrechte, der Freiheit und Gleichheit ein höchst gefahrvolles Spiel trieb, nur weil diese Doktrinen eben Mode waren und es zum guten Ton gehörte, den Liberalen und Philosophen zu spielen. Der Adel brauchte Popularität, um sich im Besitze seiner wankenden Gewalt zu erhalten, die Minister bedurften der Popularität, um ihr stets bedrohtes Portefeuille nicht zu verlieren. Das jetzige Zaudern des Königs war also eine ebenso große Schwäche wie die, welche er beging, als er sich später Hals über Kopf dennoch in den Krieg reißen ließ. Er wurde zuerst die Beute seiner eigenen Partei, bevor er reif war für den hungrigen Volksrachen. Der Wagen fuhr in die Stadt ein, bog in eine kleine Seitenstraße ab und hielt endlich vor der hinteren Front eines großen Gebäudes an; es war das Hotel St-Germain. In den inneren Hof gelangt, führte Pagenstecher Steuben sofort in eine Hintere Mansarde des dritten Stocks, welche ein Zimmer nebst Kabinett enthielt, die man eiligst möbliert hatte. Diener des Ministers brachten mit Vogel das Gepäck herauf, Pagenstecher wünschte Steuben gute Nacht, und nachdem dieser soupiert hatte, begab er sich mit etwas unklaren Vorstellungen seiner nunmehrigen Lage, welche einer freiwilligen Gefangenschaft sehr nahe kam, zur Ruhe. Am nächsten Morgen ließ ihn der Kriegsminister durch seinen Kammerdiener zu Tische bitten. Der Lakai führte ihn zur festgesetzten Stunde in die Privatgemächer des Grafen, wo er mit demselben in engstem Kreise speiste. Hierbei drang der Minister mit allen Gründen, die sein klarer und beweglicher Geist nur geltend zu machen wußte, in Steuben, nach Amerika zu gehen und sowohl den Empfehlungen seiner französischen Freunde, wie Silas Deanes und Ben Franklins, noch mehr aber seinem militärischen Wissen, seinem Talente und seiner praktischen Kriegserfahrung es ruhig zu überlassen, ihm seine Stellung und Zukunft zu sichern. »So richtig Sie auch als preußischer Offizier denken mögen,« sagte er, »so urteilen Sie doch vom amerikanischen und republikanischen Gesichtspunkte aus gänzlich falsch. Sie würdigen die Art, Meinung und Gewohnheit des Landes nicht, dem Sie Ihre Dienste widmen und das Sie als Ihr künftiges Vaterland ansehen wollen. Ein Republikaner ist stets eine eifersüchtige Natur! Die amerikanischen Offiziere aller Grade sehen die ausländischen Militärs, welche mit höheren Fähigkeiten und größerer Erfahrung zur Armee kommen, als Okkupatoren ihrer Rechte, ja – als Abenteurer an, die ihr Glück machen wollen, und bei vielen irren sie leider auch nicht. Sie haben, Baron von Steuben – verzeihen Sie die Andeutung, zurzeit keine höhere Charge als die eines Obristen! Mögen Sie auch mit großem Rechte die jämmerlichen Milizoffiziere belächeln, welche jenseits des Meeres die Obristen spielen, so wird das diese Leute gewiß nicht abhalten, sich für genau soviel, für so klug, so militärisch gebildet, für so tapfer zu halten, wie Sie sind. Eifersucht und der schlechte Wille, sich Ihnen unterzuordnen, wird Ihnen anfänglich entgegentreten, sobald Sie schon von vornherein eine Stelle und Vorteile von der Union zugesichert erhalten, welche diese Leute als eis Privilegium ansehen, deren Notwendigkeit ihnen deshalb schon nicht einleuchtet, weil sie eben kenntnislos sind. Daß ein preußischer Obrist etwas anderes sein könne als ein Oberst der republikanischen Miliz, ist ihnen unfaßbar, und erst Ihre tatsächlichen Leistungen, mein Herr, also das Vertrauen, das man zu Ihnen faßt, die Entdeckung, daß Sie eben den Krieg besser verstehen als diese Herren, wird diese geneigt machen, Sie anzuerkennen!« – Diese und ähnliche Unterredungen trugen mächtig dazu bei, die Skrupel Steubens abermals zu widerlegen. Plötzlich trat der Kammerdiener des Grafen mit bestürztem Gesicht und der Nachricht ein, der englische Gesandte sei erschienen und verlange eine dringende Unterredung. St-Germain sprang auf. »Er muß eine Ahnung habe», daß jemand hier ist, welcher England nicht liebt, er hat sicher eine Spur Ihrer Anwesenheit! – Ich werde zu ihm gehen. Mein Dieser kann Sie durch die Privatgalerie in mein Schlafzimmer führen, das an mein Arbeitszimmer stößt. Dort werden Sie unser Gespräch hören und selbst beurteilen können, ob ein plötzlicher Entschluß jetzt nicht geboten ist.« Damit eilte er hinweg, indessen Steuben an den bezeichneten Ort geführt wurde. Er horte Wort für Wort das Gespräch der beiden Diplomaten. »Exzellenz,« sagte der Engländer, »Gründe der verschiedenfies Art bewegen mich, Fragen an Sie zu richten, welche unaufschiebbar geworden sind. Von Ihrer Loyalität und Offenheit bin ich überzeugt, daß Sie dieselben so beantworten werden, daß Ihre Meinung mit Ihren Handlungen übereinstimmt. – Der Geist Frankreichs ist erregt, die Gemüter allerorts in Gärung, das Volk haßt uns und wünscht, Ihre Regierung helfe den amerikanischen Rebellen gegen ihr Mutterland, ihre gesetzmäßige Regierung! Können Sie das länger leugnen?« »Es tut mir leid, daß ich das nicht vermag; diese Gärung besteht nicht bloß, sie wächst mit jedem Tage!« »Sehr wohl! – Bei Worten des Hasses aber bleibt es nicht mehr. Nicht nur, daß französische, polnische und andere Offiziere hinübergegangen find, den Yankees gegen uns zu dienen, französische Finanzmänner liefern des Amerikanern sogar Geld, Waffen und Munition! Ich weiß bestimmt, daß ein gewisser Chevalier de Beaumarchais, ein Millionär, mitten in Paris ein Waffendepot, ein förmliches Arsenal für Amerika errichtet hat, daß zwischen ihm und Buchdrucker Franklin, dem ersten aller verräterischen Anstifter dieser Erhebung, ein lebhaftes Einverständnis herrscht. Es steht ferner fest, daß diese beiden dieser Tage einen verkappten preußischen Offizier aus Friedrichs II. nächster Umgebung empfangen haben! Einen seiner Adjutanten oder Stabsoffiziere! Agenten meiner Regierung wollen sogar behaupten, Ew. Exzellenz ständen diesen Vorkommnissen nicht fern. – Obwohl ich das zu glauben höchsten Anstand nehme, gebietet meines Landes Lage wie seine bisher freundschaftliche Beziehung zu Frankreich denn doch, daß Sie mich so weit aufklären, daß meine Regierung über Ihre Politik sich beruhigen kann!« »Mylord,« entgegnete St-Germain lächelnd, »ich befürchte, daß es eben Ihre vielen Agenten sind, deren bezahlter Entdeckungseifer diese Beunruhigung hauptsächlich bewirkt. Ich weiß von dieses Herrn Beaumarchais Treiben sowenig, als ich Herrn Franklin je sah. Was Sie da von einem Sendling des preußischen Monarchen sprechen, verstehe ich wirklich nicht. Mir scheint, eine derartige Person gehört ins Reich der Mythe. – Eins räume ich Ihnen gewiß ein, die Feindschaft unseres Volkes und Adels gegen Ihr Land und Ihre Politik in Amerika! Ich habe Ihnen schon längst nicht mehr verhehlt, daß ich diese Politik für heillos halte. Von allen Seiten werden wir durch das Land gedrängt, für Amerika gegen England das Schwert zu ziehen. Dies alles ist gewiß richtig. Folgt daraus denn aber, daß wir es tun werden? Ich erkläre Ihnen, das geschieht nicht, wenn uns nicht zwingende, für uns selbst bedenkliche Ereignisse jedes freien Willens berauben!« »Das aber, fürchte ich, wird eintreten, Herr Graf!« rief der Engländer. »Die Bewegung zugunsten Amerikas greift schon in Ihrem Heere um sich, die höchsten Personen in Sr. Majestät Umgebung sprechen Grundsätze aus, welche sich weder mit einer monarchischen Gesinnung noch mit der Freundschaft für uns vertragen! Kann diese Bewegung nicht zur Empörung führen? Können Sie nicht eines Tages nur noch zwischen der Rebellion im eigenen Hause oder dem Kriege gegen uns zu wählen haben?« »Oh, so ganz unmöglich ist das nicht, Mylord, aber es ist unwahrscheinlich. Wir haben gerade die entgegengesetzten Besorgnisse, und diese sind es vor allem, welche uns verhindern, Englands Gegner und Freund der Amerikaner zu sein!« »Was sind das für Besorgnisse?« »Mylord, die Philosophie, die extravaganten Ideen der Neuzeit haben mein ebenso leichtlebiges, exzentrisches wie heißblütiges Volk in Gärung gebracht. Der Freiheitskrieg der Union gibt ihm gewissermaßen nun die Gelegenheit, diese modernen Ideen in Szene gesetzt zu sehen. Trotzdem ist Frankreich nicht nur ein sehr katholisches Land, es bedarf zu seiner Existenz auch der monarchischen Staatsform. Es ist bei aller Phantasterei der stets willige Sklave seiner Könige und unserer Kirche. Auf dieser alten Erfahrung beruht unser innerer Friede. Gesetzt aber, wir geben diesem momentanen Taumel der Menge nach, sendeten eine starke Flotte und eine große Armee nach Amerika – gesetzt, wir schlügen England drüben, mit unserer Hilfe würde Amerika frei und eine Republik – wissen Sie auch, was wir dann getan hätten? – Wir hätten unsere eigene Armee, unsere Flotte dann durch eine solche Verwendung ihrer monarchischen Gefühle und Traditionen beraubt, hätten sie republikanisch gemacht! Diese Soldaten und Matrosen, als Sieger zu uns ins Land zurückgekehrt, würden, berauscht von amerikanischer Freiheit, bei uns die Republik predigen, und gerade diejenige Institution, welche sein sicherster Schutz zu sein bestimmt ist, würde Frankreichs Verderben herbeiführen. Diese Furcht hegt der König, dieses stille Bedenken hege ich wie Vergennes. Ich sollte meinen, wenn auch nichts sonst England vor unserer Feindschaft bewahrte, so doch gewiß der Wunsch, an uns selbst keinen Selbstmord zu begehen! Darf ich das Gespräch mit einem Rate schließen?« »Ich bitte darum, Herr Graf!« »So mache England vor allen Dingen, daß seine Generale ein oder zwei entscheidende Schlachten gegen die Republikaner gewinnen! Das wird nicht bloß meine Landsleute abkühlen, meine Regierung bestimmen, offen für England aufzutreten und die Widersinnigkeit des Aufstandes der Kolonien auszusprechen, Ihr Sieg wird auch die monarchische Idee in Frankreich überhaupt, ja in ganz Europa befestigen, und unter uns, haha, wird eben etwas anderes dann Mode werden als Philosophie und Amerika. Ich kenne die Franzosen, Mylord!« »Sie haben so offen Sr. Majestät und Ihre Meinung angesprochen, Herr Graf, und mit so schlagenden Gründen unterstützt, daß ich mir Glück wünsche, das Kabinett von St. James über Frankreich beruhigen zu können.« – Wenige Augenblicke später empfing St-Germain Steuben lachend wieder in dem Speisezimmer. »Meinen Sie nicht, daß ich ihn köstlich mystifiziert habe? Nun werden wir mit weniger gêne vorgehen können.« »Wenn ich Sie nicht kennen würde, Herr Graf, ich müßte glauben, Sie seien ein politisches Chamäleon, oder die Völker und Menschen dienten Ihnen bloß zum Ballspiel!« St-Germain griff in die Tasche und brachte einen Louisdor zum Vorschein. »Sehen Sie die Seite an, was sehen Sie?« – »Das Porträt Ihres Monarchen!« »Gut! Die Seite zeigte ich dem Engländer, und nur sie! Ihnen zeige ich die andere, das Wappen Frankreichs. Beide goldenen Seiten aber, den wirklichen, sehr angenehmen Louisdor, stecke ich wieder ein! Jedes Volk, messieurs , hat seinen Charakter und will nach ihm regiert sein. England wie Deutschland sind stabile Völker im Guten wie im Schlimmen. England ohne Parlament, Deutschland ohne Zerrissenheit sind undenkbar! Die Franzosen sind aber eine Nation, die nur mittels ihrer Veränderlichkeit bestehen kann! Wir ertragen schon übermorgen nicht mehr gern, was uns vorgestern amüsierte, und wer uns amüsiert, der darf uns regieren! Wie, womit er das tut, ist uns gleich, sobald es nur amusable ist. Einmal liegt bei dem Louisdor der goldene Louis oben, wir werden dann absolut, aber was die Hauptsache ist, mit Brillance regiert. Geschieht das nicht, liegt Louis unten, eh bien , so ist das goldene Frankreich oben, und die Herrschaften, welche sich den »Gedanken« Frankreichs nennen, die Patrioten, Philosophen, kurz, die Skandalmacher regieren! Gewiß ist richtig, was ich dem Lord sagte. Unsere Armee, einmal in Amerika, bringt uns die Republik in den Patronentaschen mit. Aber noch weit richtiger ist, daß die Republik überhaupt schon Frankreich und unserer Armee in den Gliedern liegt. Spielen wir drüben nicht die politischen Befreier, so geht hier die Theorie zur Praxis über! Es ist also besser für uns, wir geben der öffentlichen Stimme betreffs Amerika nach, als daß wir ihr hier auf den Boulevards mit Bajonett und Kugel zu begegnen haben. Mit dieser Ansicht stehe ich freilich noch in Paris allein, aber so wahr ich weder das Ende des amerikanischen Krieges noch den Anfang unserer Republik zu erleben hoffe, so sicher sehe ich beides voraus. Erinnern Sie sich dessen, wenn ich tot bin, die Sache ist heillos ernst!« »Und Ihr Monarch? Die königliche Familie?« »Wenn ich einen König hätte, wenn ein Louis XIV., ein Heinrich IV. auf dem Lilienthrone säße, ich würde weder mit Ihnen noch dem Briten solche Gespräche geführt haben. Man hätte aber dann auch Rousseau, Voltaire und die ganze Enzyklopädie nach der ersten Zeile, die sie schrieben, schon in den Temple und die Bastille gesteckt, statt sie zum gehätschelten Liebling unserer Aristokratie zu machen. Wenn die Könige, wie hier und in England, selber ihre Fahne verlassen, wenn sie selbst nicht wissen, was sie sein müssen, um zu sein, den Teufel auch, wozu sollen wir uns denn für sie abmühen! Die Republik ist für mein Bewußtsein da überall das Beste, Sicherste, wo die Könige aufhören, royalistisch zu sein, das aber sind sie bei uns schon sehr lange nicht mehr.« »So raten Sie mir also auch aus Ihrem eigenen politischen Prinzipe heraus, nach Amerika zu gehen?« rief Steuben. »Mit tiefster Überzeugung! Was hier nur Mode ist, vor der Hand eine bloße Spielerei, dort ist es Ernst, dort ist es eine Naturnotwendigkeit. Hier hoffe ich den Ernst nicht mehr zu erleben, denn die Freiheit würde uns genau so unglücklich machen, als sie für Amerika ein Bedürfnis ist.« »Exzellenz,« erwiderte Steuben, »ich hatte bisher Lust, nach Amerika zu gehen, jetzt habe ich die bestimmte Absicht!« Steuben hatte noch eine Bittschrift an Friedrich II. gerichtet, in welcher er, nachdem er seinen Vorsatz, für die Union zu kämpfen, ausgesprochen hatte, um die Gnade bat, daß seine Havelberger Pfründe von ihm auf seine beiden Neffen von Canitz, die Söhne seiner Schwester, übertragen werden möchte. Hierauf hatte er seinen Freunden wie dem Hofe für immer Lebewohl gesagt. – Den Tag vor seiner Abreise war ihm, unvermutet rasch, folgende Antwort seines ehemaligen Monarchen zugegangen: »Mein lieber Steuben! Wir find erfreut, daß Sie der Union Ihre Dienste widmen wollen. Wir kennen nur zwei Staaten, in denen die Republik praktiziert werden kann, ohne daß sie tyrannischer würde, als ein schlechter König nur sein kann, Amerika und Holland. Gehen Sie, helfen Sie den wackeren Kolonisten einen geldsüchtigen herzlosen Gebieter überwinden und ein Staatsgebäude aufrichten, dessen Säulen Unabhängigkeit, Gerechtigkeit und Ordnung sind. Es wird Uns freuen, zu hören, daß Sie Ihrem alten Lehrmeister und Könige Ehre machen, obwohl Wir dessen versichert sind. Möge der Ruhm Ihnen reichlich den Verlust eines Gefühls ersetzen, das – fürchten Wir, für Sie begraben ist. Ihre Bitte wegen Ihrer Neffen ist gewährt. Gehen Sie mit Gott. Ihr wohlaffektionierter König Friedrich.« Am anderen Morgen gegen Mittag fuhr Steuben hinaus nach Passy zu Ben Franklin. Sein Entschluß war während der Nacht und den Morgenstunden, in denen er mit sich mannhaft und ehrlich genug gerungen hatte, gereift. – Er konnte nicht zurück! Verachtung bei seinen Freunden in Paris, Verachtung bei den Freunden in Deutschland wären sein Los gewesen. Er fand den alten Herrn am Schreibtisch über einer Menge von Papieren, Mistreß Leah saß am Fenster bei einer Handarbeit. Der amerikanische Staatsmann erhob lächelnd das Haupt. »Nun, General, du kommst doch wieder?« »Um dir zu sagen, Vater Ben, daß ich von Amerika nicht mehr lasse und du nur zu bestimmen hast, wann ich den Boden deines Vaterlandes, das ich das meine jetzt nennen will, betreten soll, um mich zum Dienst zu stellen!« »Wir haben uns nicht in ihm betrogen!« sagte Leah sanft, ihr gerötetes, von Rührung überstrahltes Gesicht zu dem Gatten wendend. Franklin stand auf. Forschend blickte sein Auge auf den Kriegsmann, dem er langsam die Hand reichte. »Ich danke dir für dies gute Wort! Damit Klarheit und Offenheit nun aber unter uns herrsche und ich dann für dich tun kann, was ich glaube zum Wohle der Republik tun zu sollen, so bitte ich dich, mir aufrichtig zu sagen, weshalb du jetzt erst zu diesem festen Entschluß kamst, und welches dann deine sogenannten Bedingungen eigentlich sind, auf denen du damals bestandest, und ob du sie noch festhältst.« »Das wird bald gesagt sein, Ben. Erstlich kannte ich damals die amerikanischen Verhältnisse, Gewohnheiten und Eigentümlichkeiten so gut wie gar nicht, ich urteilte eben als preußischer Offizier. Das hat sich geändert. Ich habe lange gekämpft mit mir, und um als gewissenhafter Mann nicht selbstsüchtigen Gefühlen zu folgen, zu denen ich unter euch nicht berechtigt bin, noch etwa einen falschen oder voreiligen Schritt zu tun, habe ich diejenigen zu Rate gezogen, die mich am besten kennen, und die in militärischer Beziehung meine besten Ratgeber zu sein vermögen.« »Wen hast du über diese Lebensfrage zu Rate gezogen?« »Ich schrieb an meinen früheren Monarchen, dem ich, eine letzte Bitte ans Herz legend, meine Absicht kundtat. Hier ist seine Antwort.« Franklin nahm Friedrichs II. Brief und überflog ihn. Zum ersten Male bemerkte Steuben eine tiefinnerliche Bewegung in diesem Greisenantlitz. – »Willst du den Brief mir überlassen, um ihn dem Kongreß einzusenden?« fragte er. »Alles, was ich bin und habe, gehört der Union!« – Franklin wandte sich und legte den Brief auf seinen Tisch. Obwohl Steuben sein Gesicht in diesem Augenblicke nicht sah, so schien doch mit dem Alten etwas ganz Sonderbares vorzugehen, denn selbst Leahs Blick, der auf Ben ruhte, hatte etwas Bestürztes. Als sich Franklin umwandte, war er etwas entfärbt. »Höre, General, die Verhältnisse haben sich, seit wir uns sahen, sehr geändert. George Washington wurde zweimal geschlagen!« Franklins Auge glühte, seine Lippen bebten. – Steuben blieb bei dieser Nachricht unbewegt. – »Franklin,« sagte er, »geschlagen werden kann selbst der beste General, auch Friedrich wurde mehr als einmal geschlagen! Nicht Washington, nicht die Republik ist zeitweise unterlegen, sondern die Untüchtigkeit eures schlecht geschulten und formierten Heeres! Laß mich je eher, je lieber hinüber, und wenn wir auch ein Jahr lang dann selbst noch die Leidenden sind, nach diesem Jahre werde ich die Milizen zu guten und geübten Soldaten gemacht haben, dann wird der tapfere Washington nicht mehr geschlagen werden, weil England keinen militärischen Vorteil mehr voraus hat!« Franklins Auge schimmerte feucht, er legte seine Arme auf Steubens Schulter. »Sieh, so bist du mein Sohn, mein Bruder, so nehme ich dich an! Die Republik wird für dich sorgen, wie du verdienst, und wie sie es kann, sie wird den tugendhaften Mann, der für sie alles opferte, um ihr zu dienen, nicht im Alter vergessen, vermag sie auch nicht mit Orden, Ketten und tönenden Titeln ihm zu vergelten. Dein bester Lohn wird die Liebe aller Amerikaner sein. – Ich habe für dich getan, was ich noch nie tat, nie wieder tun werde, ich habe, um dich zu prüfen, gelogen! Washington wurde nicht geschlagen! Erkenne daran, daß du mir um meines Landes, meiner Sache willen selbst die schwere Sünde der Unwahrheit wert bist!« »Würde auch diese Täuschung dennoch Wahrheit, bis ich hinüberkomme, Franklin, ich würde anders nie gesonnen sein, als ich in dieser Stunde bin!« Fortan war Steuben viel in dem stillen Hause zu Passy. Franklins Umgang weihte ihn in die Eigenart amerikanischen Lebens, die Verhältnisse, die Gefühle und Anschauungen seiner künftigen Heimat ein. Ende August wurde er durch das geradezu jubelnde Eintreffen de l'Enfants und Romanais ebensosehr überrascht als erfreut. Er hatte ihr Kommen nicht mehr erhofft. – Sehr gern aber hatten sie den preußischen Dienst verlassen, denn, wie sie sagten, hatte der Friede die Armee des großen Königs sehr verschlechtert. Wohl lebte der alte Geist in ihr, aber ihre Helden waren gealtert, die Untergenerale lässig geworden, schritten mit den Bedingungen der Zeit nicht mit, und Apathie schlich durch die Cadres, welche in der Not einst wie Eisen zusammengehalten hatten. Der große König selbst, ein Ziethen und Seydlitz vermochten dem nicht zu steuern, das Land aber war noch zu erschöpft, als daß man ihm die Opfer hätte zumuten dürfen, welche nötig waren, das Heer zu verjüngen und zu vergrößern, damit Preußen seine nunmehrige Stellung aufrechterhalten könne. Es wurde verabredet, daß l'Enfant wie Romanai sich unter Steuben als Kapitäne, Adjutanten und Instruktoren zu betrachten hätten. Beide Freunde machte er darauf mit Franklin und Deane, St-Germain, Vergennes, Beaumarchais, Montbarey, dem Duc de Ligne und dem Grafen Aranda, dem spanischen Gesandten, bekannt. Man schritt nunmehr zur Ausführung der Expedition. Außer Romanai und l'Enfant wurde Steuben noch Mr. Pierre Duponceau zum Sekretär und Dolmetscher, ein Leutnant Des Epiniers aber als dritter Adjutant mitgegeben. Ferner sollte Beaumarchais' Neffe, Mr. de Francy, als dessen Agent für Amerika und Rittmeister de Pontière die Gesellschaft begleiten. Franklin hatte Steuben und dessen Genossen Empfehlungen an den Kongreß, an Washington selbst und Samuel Adams mitgegeben. – Um nicht Englands Verdacht zu erwecken, nahm Steuben auf den Namen des Herrn von Frank, eines alten Hechinger Freundes, einen französischen Paß, und nachdem er, seines Versprechens eingedenk, dem Chevalier de Robignac noch seinen Abschiedsbesuch gemacht hatte, welcher ebenso entzückt wie die Chevalière und Demoiselle Claire war, in ihm nun – doch einen Kämpfer für Amerika zu erblicken, verließen alle inkognito Paris, um in Marseille an Bord des Sechsundzwanzigpfünders »l'Heureur« zu gehen, welchen man auf Arandas Rat in »le Flammand« umgetauft hatte. Am 26. September lichtete die Fregatte vor Tagesgrauen ihre Anker, und als die Sonne sank, lag schon die Salzflut breit und mächtig als ewige Trennung zwischen ihnen und der europäischen Heimat. Am 30. November desselben Jahres, in welchem unsere letzten Begebenheiten zu Paris gespielt hatten, passierte ein Schiff am Spätnachmittage eben den 43. Grad nördlicher Breite und den 51. Grad westlicher Länge. Schon am frühen Morgen hatte es die Südspitze der Halbinsel von New Schottland oder Arkadien, das Kap de Sable und die Inselgruppe der »Meerwölfe« (loupsmarins) hinter sich und befand sich bereits im Weichbilde der Küste von New Hampshire, deren grüne Uferstreifen ihm erst fern vor dem Bugspriet, dann während des Tages deutlicher an der Steuerbordseite aus den rollenden Wogen der Atlantis hervortauchten. Das Fahrzeug führte an Topp und Gaffel die spanische Flagge. Es hatte zwölf sechsundzwanziger Kanonen in seinen Batterien, ein sogenannter Jäger (ein langes Deckgeschütz) sah drohend über das Vorderkastell, und scharf blähte der nordwestliche Küstenwind seine Segel und warf es gegen die schäumenden Wasserkämme, deren Kürze und Heftigkeit bereits die Nähe des Landes verrieten. So stattlich das Schiff nun auch seinem Port zusteuerte, erfahrene Seemannsaugen würden doch bald erspäht haben, daß bei ihm nicht alles in Ordnung sei. Man hätte bei so starkem Wind gewiß mehr Segel beisetzen können, anstatt am Hauptmast allein das große Marssegel zu benutzen, Bram- wie Toppsegel aber, ja das Bugspriet selbst außer Gebrauch zu lassen. Dies ließ sich nur rechtfertigen, falls es an Bord an Händen fehlte, die Takelage zu bedienen. Die Besorgnis, daß dem Schiffe Außergewöhnliches zugestoßen sei, würde sich für diejenigen aber zur Gewißheit gesteigert haben, welche in dem Augenblick, da das grünende Festland schon winkte, das Fahrzeug betreten hätten. Das Gallion oder der Schnabel war rauchgeschwärzt und stark verbrannt, das Bugspriet nur unvollkommen durch Stangen ersetzt worden. Große Lachen geronnenen Blutes zeigten sich auf dem Deck und die Spuren eines wilden Kampfes, welcher vor sehr kurzer Zeit erst hier stattgefunden haben mußte. – Das Schiff war derselbe »I'Heureux«, der »Glückliche«, welcher – ominös genug – in Marseille in »le Flammand« – der »Flammende« – umgetauft worden war. Er hatte zwei scharfe Stürme, einen im Mittelmeer und einen an der nördlichen Küste von Neu-Schottland, und drei Schiffsbrände glücklich genug überstanden. Das Entsetzen der Reisenden war bei letzteren um so größer gewesen, als sie bedeutende Kriegsvorräte, 1700 Zentner Pulver, 22 Tonnen Schwefel, 52 metallene Kanonen, 19 Mörser, 1500 Musketen, 2500 Bomben und eine Menge Flinten, Karabiner und Pistolen, für Beaumarchais' Rechnung an Bord hatten. Diese Brände, bei denen der bedeutendste Teil der Schiffsmannschaft sich verdächtig genug erwiesen hatte, ließen den Kapitän Landoi, Steuben und dessen Begleiter eine Katastrophe ahnen. Ein Teil der zusammengepreßten Matrosen, ihrer tristen Lage, der Vorräte des Schiffes ebenso wie der Kriegslage sich bewußt, welche die Piraterei nur zu sehr begünstigte, hatte den Plan gefaßt, durch leichte Brände den Kapitän erst zu schrecken und durch Wachsamkeit und immerwährende Angst zu ermüden, um in einer plötzlichen Meuterei sich des Schiffes dann leicht zu bemächtigen, die schwarze Flagge aufzuziehen und ein »freies Geschäft« auf eigene Hand zu etablieren. Diese Meuterei war fast angesichts der Küste von Neu-Schottland vor kaum zwei Tagen ausgebrochen, und vierzehn Passagiere, unseren Helden und seine Begleiter mit einbegriffen, waren nebst dem Kapitän und wenig Getreuen gezwungen worden, mit den vierundachtzig Meuterern einen verzweifelten Kampf zu bestehen. Landois und de Franeys vorbauende Klugheit, Steubens und seiner Kameraden kaltblütiges Handeln im Augenblick des Ausbruchs, besonders aber, daß es gelungen war, die beiden Rädelsführer sofort niederzuschießen und der Nächstbeteiligten sich zu versichern, hatten den sicheren Untergang der Reisenden abgewendet. Wie es an Bord stand, beweist, daß Kapitän Landoi an Stelle des ersten Steuermanns den Platz am Rade und Kompaßhäuschen hatte, Steuben unter dessen Beirat das Schiff kommandierte und seine Offiziere diejenigen Leute, denen bei guter fernerer Pflichterfüllung Nachsicht versprochen worden war. Mit Pistole und Degen unter der Fuchtel hielten und sie aus dem Dienst bei Tag und Nacht nicht mehr herauskommen ließen. Zwölf der Meuterer waren tot und bereits über Bord geworfen, dreißig, meist verwundet, lagen unten im Schiffsraum in Eisen, die übrigen waren nun zahm und wurden mit jeder Stunde, welche den Raum zwischen Schiff und Land verringerte, demütiger. – Ein unheimlicher Geist schwebte dennoch über der Fregatte, die unter kurzen Wogesstößen erzitterte. Steuben, mit dem Glase in der Hand, stand auf dem Hinterkastell, oberhalb der Steuerbordtreppe, das Ohr lauschend nach Landoi, den Blick aber zum Lande gerichtet, das hüpfend und zitternd rechts in der Ferne vorüberzog. »General,« sagte Landoi halblaut, »das Kap südlich da ist Casko, links davon ist eine schlimme Bank. Zwischen beiden hindurch aber kommen wir in die Bai von Portsmouth. Einfahren in sie können wir heute nicht mehr, sowohl wegen des Zustandes an Bord wie auch, weil es zu spät wird. – Wenn wir Casko gegenüber sind, wende ich westwärts, der Nordwest wird dann ein steifer Nord, ein Seitenwind sein. Lassen Sie unter Romanais und Duponceaus Aufsicht dann sofort die Segel schräg südwestlich stellen und alle anpacken, damit das große Focksegel endlich aufkommt und Wind faßt, bis wir durch sind! Vor allen Dinges lassen Sie Mac Oddon, des Unterschiffer, am Backbord vom Vorderkastell aus die Tiefe messen, damit wir nicht auf die Bank geraten. L'Enfant mag ihn mit der Pistole in Ordnung halten, Epiniers aber soll laut die Zahl angeben. Der Augenblick der Durchfahrt wird für die Schurken der günstigste sein, falls sie noch einmal den Tanz von vorgestern wiederholen wollen. Seien Sie daher energisch, und vergessen Sie nicht, daß ich Ihnen jetzt nicht helfen kann. Ich darf vom Rade nun nicht los, sonst gibt es ein Unglück!« »Genug gesagt, ich treffe alle Anstalten!« Damit winkte Steuben seinem Dolmetscher Duponcean und schritt, von demselben gefolgt, die Steuerbordstreppe hinab. – Eben hatte er Romanai, Duponcean und de l'Enfant zu sich gerufen und sie betreffs der beabsichtigten veränderten Bewegung instruiert, als im Zwischendeck ein Krachen erfolgte. Alles war starr und stumm! – Die Matrosen, bisher im Oberdeck auf Kollis und Lafetten hockend und düster brütend, sprangen bleich auf, blieben aber zögernd stehen. Aus der Zwischendeckluke hob sich jetzt Karl Vogels wildes Gesicht. Er sprang aufs Deck, die noch rauchende Pistole in der Hand. »Young Inglish, der Hochbootsmann, hat die Handeisen abgestreift, und ich ertappte ihn, als er sich schon an den Fußschellen zu schaffen machte. Wie Ihr Befehl lautete, General, schoß ich ihn nieder!« »Du hast deine Pflicht getan, Vogel. – Teilen Sie den englischen Matrosen in ihrer Sprache den Vorfall mit, Mr. Duponceau, dann rufen Sie Whyters und übersetzen Sie ihm meinen Befehl wie das, was ich sonst zu den Leuten reden werde, es gilt jetzt alles!« – »Whyters!« – Der Matrose trat salutierend vor. »Ich halte Euch für 'nen ehrlichen und frommen Mann. Geht mit Vogel hinab, Whyters, und bringt den unseligen Mann herauf!« – Steuben fühlte, wie gefahrvoll dieser blutige Zwischenfall war, aber er hatte das Äußerste beschlossen. Einen Blick auf Landoi werfend, trat er zum Hauptmast, das Auge bald auf die Luke, bald auf Kap Casko richtend, welches sich langsam westwärts schob und samt dem Ufer näher rückte. Whyters und Vogel brachten Young Inglish herauf. Durch den Kopf geschossen, war er bereits entseelt. Man legte ihn vor Steuben nieder. Er war vor der Meuterei einer der Beliebtesten an Bord gewesen! »Hauptmann de Romanai und Monsieur de Pontière, begeben Sie sich zum Kapitän ans Rad, falls er Weisungen zu erteilen hat. – Alle Mann auf Deck! Achtung! Stillgestanden! Mütze ab!« – Die Matrosen standen entblößten Hauptes um Steuben und die Leiche. »Der Unglückliche vor euch wußte nicht, was er tat, als er sich gewaltsam befreien wollte, um zu seiner Schuld eine neue zu häufen! Ich habe Inglish sehr gern gehabt und hatte vor, ihm völlig zu verzeihen, sobald Portsmouth in Sicht sei, so wie ich eurer Verirrung ferner nicht mehr gedenken will. Ihr seht, wie er sich wahnsinnig selbst alle Hoffnung abschnitt! Gott sei Richter zwischen mir und ihm! Wollt ihr bei dieser armen Leiche mir schwören, daß ihr willig und treu das Ende der Fahrt mit uns aushalten wollt? Wollt ihr mir schwören, dies hier solle das letzte Blut sein, das auf diesem Schiffe fließt?« »Ja!« zitterte es von den Lippen. »So lege ich meine Hand auf Young Inglishs Leiche« – Steuben kniete nieder –, »daß mit meinem Willen kein Blut mehr zwischen uns fließen soll, und daß jeder, der seine Hand im gleichen Schwur auf diesen stillen Mann legt, als ein freier Amerikaner das Festland betreten soll!« Er erhob sich. »Tue jeder seinen Schwur.« Alle drängten sich heran. MacOddon aber trat gebeugt zu Steuben. »General, wenn Ihr's wirklich so gut mit uns vorhabt und den Inglish nicht an den Strang habt liefern wollen, gebt für ihn eines der anderen unten schmachtenden Leben los! Den jungen Fergus, meiner Schwester Sohn! – Sie – die Toten – hatten ihn nicht bloß wild, sondern auch trunken gemacht. So verging er sich, und ich half ihm bloß, um das Schicksal von meiner Schwester einzigem Blute zu teilen!« Die Matrosen standen still und hörten. »Mac Oddon, ich weiß wohl, daß ihr englischen Matrosen von französischen Kapern aufgebracht und zu dieser Fahrt gezwungen worden seid, das entschuldigt auch allein eure Verwirrung! Man hat euch nicht nach dem Recht behandelt, und ich danke Gott, daß ich an eurem Mißgeschick keinen Teil habe. Deshalb, Oddon, und weil mir das Geschehene leid ist, gebe ich nicht bloß Fergus, sondern jeglichen englischen Matrosen, der unten in Eisen liegt, so frei wie euch! Aber meine Pflicht und was recht ist tue ich auch! Jeder Franzose und Amerikaner dort unten hängt, denn diese Leute haben ihres eigenen Landes Schiff, sie haben Frankreich und Amerika verraten! Seid ihr zufrieden?« »Hurra!« – Freude verklärte alle Gesichter. »So tut den Schwur, dann an die Arbeit! Wenn ihr macht, daß wir beim Sonnensinken die Portsmouth-Bai in Sicht haben, dann sollt ihr sie heraufholen, ihnen die Eisen lösen und sie pflegen. Sie sollen mit euch morgen zu Lande gehen, wohin sie wollen!« Das Gelöbnis erfolgte jetzt rasch und aufrichtig. Die Mannschaften gingen sichtlich beruhigt zu ihres Dienstplätzen. Steuben eilte auf das Hinterkastell zu Romanai, Pontière und Landoi. »Die höchste Zeit ist's«, sagte der Kapitän halblaut. »Kap Casko, wie Sie sehen, liegt dicht genug vor uns. In zehn Minuten muß ich wenden!« »Hinab denn, Romanai! Ein langer Pfiff gilt dem Epiniers, l'Enfant und Oddon. Lassen Sie l'Enfant die Pistole aber jetzt wegstecken. Der kurze Doppelpfiff ist für Sie und Duponceau wegen der Takelage. Wir wollen tun, als vertrauten wir unbedingt den Leuten. Ich denke, wir können's!« Romanai verfügte sich auf seinen Posten, l'Enfant informierend. Kap Casko hatte sich rechts geschoben. »Jetzt, General!« sagte Landoi. Steuben ließ die Schiffspfeife in langgezogenem Gellen ertönen, Oddon eilte zum Backbord und warf das Lot aus. »25!« meldete Epiniers. Londoi wendete. – »Nun an die Segel!« Steuben ließ das zweite Signal ertönen und eilte nach dem Vorderkastell. »Rasch, Jungens, die Sonne sinkt! Wer frei sein will und bald ruhen, der soll jetzt vier Hände haben!« Ein »Ahoi« und »Hurra« antwortete ihm. In wenigen Minuten stand die volle Takelage außer den Sprietsegeln schräg gegen den Nordwind, Kap Casko schob sich seitlich mächtig heran. »10 – 14 – 4 – 8 – 9 – 17 – 30!« meldete Epiniers; das Vorgebirge lag bereits dem Schiff im Spiegel. »Gott sei Dank – wir sind hindurch!« atmete Landoi auf. »Bald kann ich südlich der Küste entlang gehen. – Lassen Sie dann die Segel geradestellen, wir nützen so den vollen Nord. In einer Stunde ist's dunkel, wir werden aber den Leuchtturm von Portsmouth vor uns haben und werfen endlich den ersten gesegneten Anker. Am Morgen kann dann alles manierlich gemacht werden, ehe wir einfahren!« »Schon recht. Eine Nacht Schlaf wird allen außer mir gewiß willkommen sein.« »Sie schlafen nach diesen Höllentagen nicht?« »Ich nehme die Schiffswache abwechselnd mit meinen Offizieren gemeinsam!« – Landoi schwieg, seine Aufmerksamkeit ganz der Leitung des Steuers widmend. »36!« klang jetzt die Meldung. »Vortrefflich! Wir haben starkes Tiefwasser! Die Segel jetzt, General, die Schiffslaterne, wenn's dämmert, dann Anker los, sobald Sie das Leuchtfeuer sehen. Darauf disponieren Sie über die Leute ganz nach Gutdünken; meine Knochen fallen mir förmlich ab.« »Das glaub' ich! Sie haben wohl nie 'ne große Schlacht nach 'nem vollen Wochenmarsche mitgemacht? Haha!« Damit begab sich Steuben auf die Schanze, befahl durch Duponceau, die Segel steif auf das Bugspriet zu richten, und der »Flammand«, einen Bogen beschreibend, lief jetzt unter vollem Winde. Es war den Matrosen nunmehr so sehr um rasche Ankunft zu tun, daß sie sogar noch zwei Bugsprietsegel befestigten und seitlich stellten, um, wie sie sagten, »jeden Mund voll Wind abzufangen«. Noch war die Dämmerung nicht ganz eingetreten, als vor ihnen am Lande tief in einer Bucht ein Feuer erglühte. »Der Turm von Portsmouth!« riefen die Leute. Landoi drehte bei. – »Refft die Segel! – Geht vor Anker! – Die Laternen auf!« kommandierte Steuben. »Dann bringt eure freigegebenen englischen Kameraden aufs Deck! Ist das geschehen, so wird gegessen, und alles geht zur Ruhe! Morgen ist ein neuer Tag, und neue Menschen sollt ihr sein!« »Holliho! Es lebe der General!« – die Anker fielen. Die gefangenen englischen Matrosen wurden heraufgebracht und begnadigt erklärt. – Als die Sonne hinter dem Ufer des Festlandes versank, wurde Young Inglish auf einem Brett, die Kanonenkugel am Fußende, unter dumpfem Trommelschlag ins nasse Grab versenkt. Der Schiffsarzt verband die Verwundeten, die Rationen wurden verteilt, eine Stunde später schliefen alle. Steuben hatte die Wachen für die Nacht bereis eingeteilt, die Tür zu den Gefangenen war durch schwere Kollis verrammelt worden; Vogel mit zwei sicheren Leuten hielt dort die Wache. Übrigens war nun nichts mehr zu besorgen. Die Mannschaften waren nicht nur zu ihrer Pflicht zurückgekehrt, sondern voll Vertrauen zu Steuben; überdies wußten sie ebensogut wie er, daß etliche Notschüsse genügt hätten, ihnen nunmehr binnen zwei oder drei Stunden die Unionssoldaten von Portsmouth auf den Hals zu ziehen, und daß dann das Verfahren höchst summarisch ausfiele. Obwohl man den letzten November zählte, war doch in jenen Breiten, zumal der ganze Herbst höchst drückend gewesen war, die Temperatur noch nicht kalt. Erst tiefer im Lande nach dem Gebirgen hin begann der Winter bereits scharf einzusetzen. Die Mehrzahl der Leute zog deshalb vor, lieber die Nacht auf dem Oberdeck zu bleiben als in den dumpfen Kojen. – Steuben umwanderte langsam die Borde des Schiffes, Romanai an seiner Seite, der die erste Wache mit ihm teilte. – Die Nacht hatte etwas feenhaft Magisches. Rückwärts das ewige Meer, vor ihnen als breiter, schwarzer, unregelmäßiger Streif lag die Küste mit der Bucht, welche tief einschnitt, und deren Perspektive das Leuchtfeuer bildete, einem braunroten Sterne gleich, der sich in der Flut spiegelte. Das gelbe Licht der Schiffslaterne schien mehr zu blenden als zu leuchten, denn die weiße volle Mondscheibe am dunklen Himmel streute ihr silbernes Licht hell auf das Deck, auf die Schläfer ringsum aus. Sie beleuchtete auch das verwitterte, aber zufrieden lächelnde Gesicht Mac Oddons, des Unterschiffers, auf dessen breiter Brust das blasse Haupt des Sohnes seiner Schwester, Fergus, ruhte, dem der linke Arm verbunden war. »Es wird doch kälter werden, lieber Romanai,« sagte Steuben, »als dem armen Jungen da gut ist. Ich will die Erschöpften nicht wecken und in die Koje schicken, holen Sie also meinen Mantel, wir wollen den Knaben zudecken.« Romanai eilte zu der Kajüte im Spiegel, indes Steuben ins Brüten versank. Beide schlichen die Lauftreppe hinab zum Oberdeck und hüllten den Schiffsjungen ein. Doch konnte es so behutsam nicht geschehen, daß Mac Oddon nicht erwacht wäre. Er hob erschrocken den Kopf und starrte beide Offiziere an. »Dem Jungen wird die Nachtluft schaden, Mac, zumal er das Wundfieber noch nicht ganz los ist!« sagte Steuben in sehr gebrochenem Englisch. »Vergelte es Ihnen Gott, Sir, ich – ich werde das Ihnen nie vergessen! – Und wenn Sie, General, – wenn Sie 'nen treuen Kerl etwa zum Diener oder zum Soldaten brauchen können, nehmen Sie mich mit. Der Junge wird wohl auch noch zu was taugen, wenn's auch nur zum Tambour wäre!« Steuben reichte dem Unterschiffer die Hand. »Ich werde es bis morgen überlegen, Mac. Schlaft jetzt, Ihr habt's nötig!« – Mac Oddon küßte bewegt Steubens Hand und befolgte willig seine Mahnung. »Sie haben Lust, General, diesen Wunsch zu erfüllen?« sagte Romanai im Weiterschreiten. »Halb und halb, Freund. Mac weiß mit allem Bescheid, was auf Wasser Bezug hat, wir werden aber in diesem Lande mit manchem breiten Strome zu tun bekommen. Ich meine, 's ist dann gut, 'nen sicheren Mann bei der Truppe zu haben, der mit Ruder und Segel, Wind und Strömung Bescheid weiß.« – Sie schritten eine Weile nebeneinander her, in den Herzen der alten Kameraden lebten vergangene Zeiten auf. »Da wären wir denn nach scheußlichen fünfundsechzig Tagen an Ort und Stelle«, begann Romanai, »und noch leidlich weggekommen. Sie schlafen also wirklich nicht?« »Nein. Diese eine Mondnacht noch will ich von Europa träumen, morgen werden Sie keine anderen als Yankee-Gefühle an mir erleben! Gute Nacht!« Es war halb sechs, als der neue Tag dämmernd heraufzog. Rosige Wolken zogen über den Ozean her und brachten von Europa die letzten Grüße. Rosiges Glühen erfüllte des Meeres fernen Rand und hüpfte leise tanzend heran, mit seinem Inkarnate den Schaum der Wellen färbend, indes noch über dem Schiffe selbst die graue Dämmerung lag und dichte Nebel das träumende Land verhüllten. Steuben hatte kein Auge zugetan. Diese Nacht war seiner Vergangenheit Abschluß gewesen, und als er jetzt die Schiffspfeife ansetzte und sie schrill ertönen ließ, war er ein anderer. – Die Schläfer rings rissen sich empor, Kapitän Landoi erschien bei Steuben mit Duponceau auf der Schanze. »Lassen Sie die letzte Ration verteilen, Kapitän,« sagte Steuben, »indes ich dem ›Flammand‹ ein besseres Aussehen gebe. Man soll nicht sagen, daß wir so bettelhaft unser Ziel erreicht haben.« Landoi nickte und eilte mit zwei Matrosen in den Proviantraum. »Matrosen,« redete Steuben durch den Dolmetscher die Leute an, »ich denke, ihr seid einer Meinung mit mir, daß wir anständig einsegeln müssen, und daß man nicht auf den ersten Blick zu sehen braucht, was Trauriges unter uns geschah! Macht das Deck klar zur Parade, wascht Blut und Schmutz weg wie aus eurer eigenen Brust Jammer und Verblendung! Dann frühstückt und legt Paradeanzug an, daß die Sonne freundlich in freundliche Gesichter schaue. In zwei Stunden müssen wir die Anker lichten, gegen Mittag aber in Portsmouth sein.« Frohes Ahoi antwortete ihm. – Als die Sonne des ersten Dezember ihre letzten Nebel verscheuchte und Meer wie Land goldig übergoß, stand die Mannschaft in Parade an den Laufplanken, Landoi saß vor dem Rade. Aus der Kajüte aber trat Steuben, wie ihn außer seinen beiden Freunden de Romanai und l'Enfant noch keiner bisher gesehen hatte, nämlich in der Uniform eines königlich preußischen Flügeladjutanten mit Schärpe, Degen und Federhut; sein Bein umschloß die enge lederne Reithose und der bespornte Reiterstiefel. – Ähnlich erschienen Romanai und l'Enfant, die französische Begleitung des Generals, aber in der Uniform ihres Landes. Als der Tambour anschlug und die Leute salutierten, sah man unter ihnen manches erstaunte Gesicht, das mit Wohlgefallen auf der athletischen Gestalt Steubens ruhte. Er hielt einen Säbel und zwei Pistolen in den Händen. »Guten Morgen, Kinder!« Er lüftete den Hut. »Guten Morgen, General!« tönte es zurück. »Mac Oddon vor!« »Ihr habt diese Nacht gewünscht, unter mir zu Lande zu dienen. Seid Ihr das noch willens?« »Ja, wenn mein Neffe Fergus nur auch mit darf.« »Der Junge soll mit und wird einstweilen meine Offiziere bedienen, bis er enrolliert werden kann. Da ich in Eurer Bitte eine Anhänglichkeit an meine Person sehe, so ernenne ich Euch zum Unteroffizier und Schiffsmeister während der Kampagne; hier sind Eure Waffen. Das Patent erhaltet Ihr, wenn ich das meine habe! – Genug, dankt mir mit Gehorsam! – Achtung! Anker auf und unter Segel!« – Steuben trat mit Duponceau zu Landoi an das Rad. Langsam stiegen die Anker in die Höhe, die Segel blähten sich. Der »Flammand« wendete, der Morgenwind faßte das Linnen, zweimal krachte ein Signalschuß über die Flut, und man zog zu Lande. – Auf halbem Wege vor der Mündung der Bai kam ihnen der amerikanische Hafenkutter entgegen und brachte den Lotsen. Bald zog das volle Bild der Küste von New Hampshire mit der Bai, den grünen Wäldern, der Stadt im Grunde des Hafens, der Bastion bei der Einfahrt, von welcher das Sternenbanner wehte, vorbei. Als sie letzterem nahten, zog der »Flammand« die amerikanische Flagge auf, unter ihr das Lilienbanner, und alle seine Kanonen wurden mit Hurra zum Gruße für Amerika gelöst. Das Fort beantwortete ebenso höflich den Willkomm, und kurz nachher lag die Fregatte ruhig im Hafen von Portsmouth. – Horace Gates Ein festliches Mittagsmahl vereinte Gouverneur Langdon, dessen Gäste und die Honoratioren der Hafenstadt. Staunend hörten die Amerikaner aus Steubens und seiner Genossen Munde die Erzählung ihrer gefährlichen und dennoch von Glück gekrönten Fahrt. »Meine Freunde,« sagte Langdon, wir können uns wirklich Glück wünschen, daß alles so zusammentrifft, um den glücklichen, baldiges Ausgang des Befreiungskrieges zu verbürgen. Ihr werdet noch nicht wissen, meine Herren,« wendete er sich zu den fremden Offizieren, »daß der englische General Bourgoyne auf den Brämutshöhen bei Saratoga am 13. Oktober von unserem vortrefflichen Horace Gates geschlagen worden ist und sich vier Tage später mit 3500 Mann seiner zusammengeschmolzenen Truppen ergeben mußte! Erst gestern langte hier die glückliche Nachricht an!« »Wissen Sie, Gouverneur, was diese Post wert ist? Die offene Allianz Frankreichs mit Amerika!« rief de Francy, Beaumarchais' Neffe. »Ich zweifle keinen Augenblick, daß, sobald die Kunde des Sieges von Saratoga in Paris und Versailles bekannt wird, Frankreich an England den Krieg erklärt!« »Es lebe Frankreich!« riefen die Amerikaner. »Es lebe das freie Amerika!« entgegneten toastend die fremdes Gäste. »Amerika und Frankreich!« brauste es zu den Fenstern empor von den Lippen der jauchzenden Menge. Während einige Zeit verging, ehe der Orkan des Enthusiasmus sich legte, hatte Steuben Zeit, nachzudenken. Unzweifelhaft war hier soeben ein Sieg erfochten worden, der schwer wog, und er unterschätzte denselben wicht. Zweierlei aber fiel ihm auf. Erstlich mußten – seiner militärischen Erfahrung nach – verschiedene, nicht von General Gates allein abhängige Dinge hier zusammengetroffen sein, welche eine so schimpfliche Niederlage gut geschulter englischer Linienregimenter durch Volksmilizen möglich gemacht hatten. Ferner sah Steuben, daß das, was Graf St-Germain in Paris als »Humbug« bezeichnet hatte, in Amerika wirklich Stil zu sein schien und dieser blaue Dunst der Leute hier in der Manie zu bestehen schien, nicht sein eigenes Verdienste nur, sondern auch jeden Erfolg, jedes Ereignis im öffentlichen Leben zu übertreiben, um einen höheren Kredit durch denselben für sich selbst zu erlangen. Alles um ihn sah sozusagen wie ein berechneter Enthusiasmus aus, bei dem die eigene Selbstsucht sich stets am besten befand. Als ein ruhiges Gespräch wieder möglich wurde, wandte sich Steuben an Gouverneur Langdon. »Wo befindet sich denn General Washington nun, der dürfte doch solchem eklatanten Siege nicht allzu fernstehen?« »Pah! George Wash? Abkürzung, als Spitzname »Sumpf« bedeutend. – Haha, dem geht's jetzt sehr washy! George Wash, den der König Cong Washy heißt »wässerig«. Das Ganze ist eine Probe jener stechenden Yankee Witze, die man damals über seine eigenen größten Männer zu reißen liebte; König Cong ist zum Beispiel der Spitzname für Congreß. zum Diktator ernannt hat, sitzt mit seinen zerbleuten Leuten noch immer weit oben am Schuylkhill in irgendeinem verschneiten Gebirgstal. Er wird sich hüten, aus seinem Bau zu kriechen!« »Das wundert mich, Gouverneur. Washington galt bisher sowohl hier wie in Europa für euren besten General!« »Gewesen, Baron, gewesen! Man gilt bei uns so lange für etwas, als man es ist. Nach dem Siege zu Princeton ließ er sich am Brandywine-River den ll. September und am 4. Oktober von demselben General Howe bei Germantown schlagen! Mit seinem zerfetzten Korps zog er sich darum in die Einöden zurück, wie er schon einmal in Whiteplains tat, bevor er bei Trenton durchbrach. Es ist aus mit ihm! Gates ist fortan unser Mann, mein alter Freund Horace! Gates for ever !« »Dann müssen Sie noch sehr viele Generale zuzusetzen haben,« lächelte sarkastisch Romanai, »wenn es mit jedem gleich aus ist, wenn er etliche Male Unglück hat.« »Bah, nicht bloß, daß er etliche Male Unglück hatte! Dieser Virginier hatte stets zu viel Glück! Man wälzte auf seine Schultern alles, Ehre und Macht, da brach er zusammen, weil er auf zu schwachen Beinen stand! – An wem liegt's denn, daß der eine General geschlagen wird, indes der andere siegt? An unseren Milizen, sagen George Washs gute Freunde! Narrheit! Die Männer Amerikas sind überall aus demselben tapferen Stoffe, die dem Teufel in den Bart greifen. Wenn sie bei Saratoga siegen, zu Germantown und dem Brandywine aber geschlagen werden, so ist eben Gutes der bessere Soldat und »the washy Wash« der schlechtere! Lernt nur unseren Gates kennen, 's ist ein Goldkerl, Baron. Ihr werdet ihn sehen, wenn euch der Kongreß ruft. Ich bin gut dafür, man macht ihn nächstens in York zum Obergeneral oder gar zum Diktator an des Virginiers Stelle; mir hat es wer ins Ohr gesagt. Will Euch an ihn empfehlen, Barson, denn Ihr gerade seid der rechte für ihn! Ich meine, Ihr reist sobald als möglich nach Boston, da Ihr doch Sam Adams wie Handcock sprechen müßt.« »Wir reisen nach Boston, sobald wir uns nur etwas erholt haben, gerüstet sind und annehmen können, eine Antwort auf die Meldung unserer Ankunft dort vorzufinden, welche ich nächster Tage an den Kongreß wie Washington richten will, denn an diesen General, der bis jetzt noch Oberkommandierender ist, nicht aber an Mr. Horace Gates bin ich durch Franklin gewiesen.« »Ach wohl, Ben Franklin, der alte Ben! – Er ist fromm und listig zugleich, der ist denn freilich der erste Abgott! Er sorgt bei den Franzosen leidlich für uns und hat hier zuerst für die Unabhängigkeit geschrieben; das ist schon etwas! – Aber andere Leute tun auch was, und man wird sehen, wer an dem Tage, da wir als Sieger Frieden machen, der eigentliche General und Staatsmann gewesen ist, haha! – Schreibt Eure Briefe also wem Ihr wollt, wir haben Euch, und das ist das beste! Bevor indes noch irgendeine Zeile von Euch Eure Ankunft beweist, werden die Amerikaner bereits durch den kleinen Joel Himpson im Portsmouth-Advertiser von Euch gehört haben.« Damit endete der erste Gedankenaustausch auf amerikanischem Boden. Steuben machte über denselben seine eigenen Bemerkungen. Jedenfalls fiel ihm Langdons unverschämtes Absprechen für die bewährtesten, in Europa so geehrten Männer seines Landes auf. Wenn schon Franklins Lauterkeit, die anzuzweifeln Steuben empört, so angegriffen wurde, waren sicherlich des Gouverneurs hämische Bemerkungen über Washington ebenso falsch und parteiisch wie seine Vorliebe für Gates. In militärischen Dingen, obwohl doch Langdon ein höherer Offizier war, fand Steuben dessen Urteil ebenso oberflächlich wie arrogant. Er beschloß deshalb, um so mehr dem Sieger von Saratoga, falls derselbe ihm begegnen sollte, mit Vorsicht zu nahen, überhaupt erst persönliche Erfahrungen zu sammeln, ehe er einen Schritt in einem Lande unternahm, in dem jeder sich für den Ersten zu halten schien. Am 6. Dezember, nachdem sich die Reisegesellschaft von den Strapazen der Seefahrt erholt hatte, sandte Steuben seine Meldungen an den Kongreß und Washington, denen er seine Empfehlungsbriefe beilegte. Am 12. Dezember reiste er mit besonderer Gelegenheit, welche Langdon beschafft hatte, unter den größten Hochachtungsbezeugungen der Bewohner von Portsmouth nebst Genossen ab. Außer Karl Vogel hatte die Gesellschaft nun Mac Oddon und Fergus zur Dienstleistung bei sich. Zwei Tage später trafen sie in Boston ein, und Steuben begab sich sogleich zu dem berühmten Patrioten und Redner John Handcock, der unlängst erst sein Amt als Präsident des Kongresses niedergelegt hatte. Er fand in ihm einen von dem hageren, heißspornigen Langdon sehr verschiedenen Mann. Mittelgroß, breitschulterig, mit breiter Stirn und markierten Zügen, prägte sich in diesem Manne Ruhe und eiserne Beharrlichkeit aus. Er reichte Steuben die Hand. »Ich begrüße Sie wie einen alten Bekannten, Baron – ich lege Ihnen diesen Aristokratentitel nämlich bei, weil's mir für Sie eine bequemere Bezeichnung ist als Ihr vertrackter deutscher Name. – Also, wie 'nen alten Bekannten! – Freund Ben hat mir von Paris schon vor Wochen über Sie geschrieben, bald nachdem Sie wieder aus Deutschland zu ihm zurückkamen und ja sagten. Wenn der Mann aber Sie kennt, kenne ich Sie auch! Zuvörderst habe ich Ihnen diese Antwort des Obergenerals zuzustellen; es ist das beste, sie gleich zu lesen, für den Fall, daß ich Ihnen nützen kann. Zugleich aber ging ein Befehl des Kongresses ein, nach welchem ich ermächtigt bin, für Sie und Ihre Begleitung alle erforderlichen Bequemlichkeiten zur Reise nach York in Pennsylvanien zu beschaffen. Dort ist zur Zeit der Kongreß und will Sie sehen. Es versteht sich von selbst, daß ich für alles sorge, was Ihre baldige, möglichst rasche und angenehme Reise ermöglicht.« »Was das Angenehme betrifft, Mr. John, so bitte ich, ja nicht mehr Ausgaben zu machen, als Sie, der des Orts wie des hiesigen Klimas kundig sind, für geboten erachten. Ich bin als Soldat abgehärtet und denke, ich werde manchmal noch unbequem genug versorgt sein, bis es uns gelingt, die Engländer aus dem Lande zu werfen.« »Schon gut, in Wolle packen werde ich Sie nicht. Was schreibt Washington?« Steuben, der den Brief des Diktators geöffnet hatte, las ihn vor. »Mein Herr, ich habe Ihr patriotisches Schreiben empfangen, das mich befriedigte. Indem ich Ihnen mitteile, daß ich Ihretwegen sogleich an den Kongreß schrieb, ersuche ich Sie, sich sofort an den Sitz desselben zu begeben und die Entschließungen der Regierung abzuwarten. Inzwischen wird es gut sein, wenn Sie mir mitteilen, welches Urteil Sie über unsere militärische Lage, besonders über die meine, gewonnen haben. Sie werden wissen, daß ich vorigen September zweimal von Howe geschlagen wurde, als ich das bedrängte Philadelphia zu entsetzen unternahm. – Einesteils soll mir Ihre Ansicht schon jetzt klarmachen, wen ich vor mir habe, andererseits aber, inwieweit Sie von unseren Übelständen unterrichtet sind. Haben Sie an Ihre Ansichten Vorschläge zu knüpfen, so bitte ich Sie, dieselben nicht zu verhehlen. Ergebenst George Washington.« »Vor allen Dingen«, sagte Handcock, »wird also die Reise nach York betrieben. Hoffentlich bringe ich alles rasch in Ordnung. Jedenfalls haben Sie Zeit genug, über das, was Sie wegen unserer Armeeleitung glauben sagen zu müssen, dem General Antwort zu erteilen.« »Sobald als möglich. Wo treffe ich Mr. Samuel Adams, ich habe einen Brief Franklins an ihn.« »Wollen Sie bis morgen warten? – Ich denke, Sie können es. – Dann erspare ich Ihnen einen Weg. Ich wünsche Mr. Samuel und Sie mit Ihren Begleitern zu Tische zu laden.« »Ich nehme Ihr freundliches Anerbieten so an, wie es gegeben ist.« Damit kehrte Steuben in sein Quartier zurück. – »Ich glaube,« sagte er unterwegs zu sich, »daß die Wahl zwischen Charakteren wie Handcock, Washington und Langdon nicht sehr schwer ist. Bei den ersteren beiden handelt sich's zweifelsohne stets um die Sache, bei dem Gouverneur aber stets nur um die Person. Ist General Gates, wie ich fürchte, von Langdonschem Kaliber, dann wird er wenig Vergnügen an meiner Bekanntschaft finden.« Ein einfaches, aber nach dem kräftigen Geschmack der Amerikaner bereitetes Mahl vereinte am nächsten Tage bei Handcock den Baron und seine Genossen mit Samuel Adams. Letzterer war in seiner Art auch ein Original, welches mit Langdon und Handcock zu vergleichen Steuben sehr interessant fand. Er war untersetzt, voll gebaut, mit hochgewölbter Brust, der eine dröhnende Baßstimme entstieg. Große, treue, blaue Augen, eine dicke Stumpfnase, starke, leicht lächelnde Lippen und rotblondes, kurzes, krauses Haar bildeten die Erscheinung des Mannes, der im Kongreß geradezu gefürchtet war wegen seiner rücksichtslosen Wahrheitsliebe, die sich von Grobheit kaum noch unterschied. Er war indes keiner jener politischen Komödianten, welche mit ihren Eigenschaften sich selbst in Szene zu setzen suchen, er war auch kein Schwätzer. Was er auch empfand, was er auch mißbilligte und verwarf, er behielt seine Gefühle sehr lange bei sich, wollte nicht besser, tugendhafter erscheinen, nicht bedeutender als jeder andere. Aber wenn sich, durch mühsame Unterdrückung seiner ehrlichen und starken Leidenschaften, ein Ungewitter in seinem Herzen gesammelt hatte und er's für Pflicht hielt, dreinzufahren, dann prasselten seine Donnerschläge auf die Häupter der Gegner, und die Blitze seines drastischen Witzes zermalmten jede andere Rhetorik. Für gewöhnlich war er gern schweigsam. Als Steuben ihm vorgestellt wurde, erwiderte Adams demselben lächelnd zunickend: »Bin erfreut!« – Als ihm der Baron dann Franklins Empfehlungsbrief überreichte, wurde er ernst, fast feierlich. Er nahm ihn, ging ans Fenster und las ihn, dann steckte er ihn langsam ein. »Wenn 'n Mann wie der alte Ben über Euch so zu schreiben für Pflicht hält, wie er getan hat, muß an Euch was dran sein! Wie viel, das werden meine eigenen Augen wohl sehen. Von Militärsachen versteht Old Ben aber nichts, da glaube ihm der Teufel, nicht ich. Ans Essen, John, mein Junge, wenn dir's recht ist.« Anfänglich drehte sich das allgemeine Gespräch um die Fahrt des »Flammand« und die Meuterei. De Franey, Beaumarchais' Neffe, Duponceau und de Pontière schilderten besonders das Benehmen Steubens und wie seine kaltblütige Energie hauptsächlich alle gerettet habe. Der Baron verhielt sich dabei still, er hatte ganz andere Dinge auf dem Herzen, an denen ihm sehr viel gelegen war, und als gerade de Pontière von seiner Großmut gegen die Meuterer erzählte, schnitt er ihm etwas ungeduldig das Wort ab. »Genug von diesen Erlebnissen, Monsieur. Wir taten samt und sonders unsere Schuldigkeit und damit gut. Es lohnt nicht, von Vergangenem zu reden, wo uns die Zukunft gerade genug zu tun macht. Ich wollte auf etwas anderes kommen, was mir in diesem Lande, so kurze Zeit ich es auch kenne, doch bereits auffiel. – Ist es denn hier Sitte, Mister John, Mister Samuel, daß die Leute gerade ihre verdienstvollsten Männer verunglimpfen, Urteile schlechthin und trotzig über Dinge abgeben, die sie augenscheinlich nicht verstehen? Ist die öffentliche Meinung denn hier der Sklave jedes zufälligen Erfolges, so daß sie demjenigen allein nachläuft, der heute Glück hat, ihn morgen aber, wenn Mißgeschick ihn trifft, begeifert?« »Wieso?« fuhr Samuel Adams auf. »Ich machte wenigstens bei Gouverneur Langdon und den Portsmouthleuten die Erfahrung.« »Hat Euch das Publikum oder Langdon weniger gut empfangen, als man hier tat?« fiel Handcock ein. »Im Gegenteil! – Man empfing mich hier freundlich, wohlwollend, vertrauensvoll, also wie einen Mann, der, ohne von Eitelkeit gebläht zu sein, es erwarten kann, wenn ihm ein gewisser guter Ruf vorausgeht. In Portsmouth empfing man uns aber enthusiastisch mit Ovationen. Das gerade hat mich frappiert, denn während das Volk noch vor Langdons Fenstern über unsere Ankunft jauchzte, fand es der Gouverneur bei dem uns bereiteten Festmahle für gut, über Ben Franklin wie Washington höchst lieblos herzuziehen, Gates wegen Saratoga aber in den Himmel zu erheben. Ich weiß gewiß nicht, was es war, das Mister Horace siegen machte, ob eigenes Talent, ob des Gegners Torheit. Eins weiß ich nur, wäre ich Bourgoyne gewesen, hätte ich die Engländer kommandiert, etwas saurer wäre das Einschließen meiner Leute dem Herrn Gates mit seinen Milizen denn doch geworden. Es ist für mich betrübend, daß man mir zujubelt, bevor ich irgend etwas tat, wenn in demselben Atem verdiente Kämpfer der Volkssache geschmäht werden. Eine so wechselnde Laune der öffentlichen Gunst, die hierzulande eben die Regierung bildet, ist nicht sehr ermutigend für einen, der es erlebte, daß Friedrich, der erste Soldat Europas, mehrfach bis – ja, meine Herren, bis zur Vernichtung geschlagen wurde! Wer da, wie ich, weiß, daß nur Bourdalues Gebetbuch meinen großen Monarchen nach dem Unglück von Kollin vor dem Selbstmord bewahrte, denselben König, an dessen Seite ich die letzte Siegesschlacht bestehen durfte, der lernt doch etwas fester, edler über Charaktere denken, als hierzulande zu geschehen pflegt!« »Will Euch gleich darauf antworten«, dröhnte Sam Adams Stimme. »Ich bitte Euch, macht unter uns Eure hellen Augen und Euer richtig fühlendes Herz auf. Laßt diese, weniger aber Eure Ohren urteilen. Was Langdons Geschwätz betrifft, nun, er ist ein Esel. Sobald Ihr Gates eine Stunde gesprochen haben werdet, bin ich gewiß, daß Ihr ihn für 'ne höchst pfiffige Canaille haltet! 's ist zwar auch nur 'n Urteil, was ich ausspreche, Ihr werdet aber Gelegenheit haben, zu erfahren, ob der Gouverneur oder Sam Adams recht hat!« »Ich stimme Sam völlig bei, Baron!« sagte Handcock. »Überall in der Welt sind zwar Eifersucht und neidische Parteilichkeit zu finden, überall existiert ja eine zahlreiche Gattung mittelmäßiger, wenn nicht schofler Charaktere mit höchst zweifelhaften Talenten. Bei uns, lieber Baron, ist diese Sorte aber ganz besonders zu Hause, sie gibt den Ton an! Hier pflegt man eben rücksichtslose Urteile, schroffe Ansichten und grobe Anklagen als offene Wahrheit eines freien Mannes, als Bürgertugend anzusehen, und man ist in dieser Beziehung um so tugendhafter, also ein um so größerer Schreier, je bornierter man ist! Bei uns kann man der elendste Patron sein, sobald man sich durch sein freches Mundwerk eben Ansehen verschafft, ist man ein gemachter Mann; das ist für die Mittelmäßigen im Leben aber doch immer die Hauptsache. Ich rate Ihnen deshalb, Baron, ja Ihnen allen, meine Herren, tun Sie nach bestem Wissen und Gewissen Ihre Pflicht für Ihr neues Vaterland. Halten Sie sich zu allen denen, welche Sie mehr denken, mehr handeln, aber weniger sprechen sehen, im übrigen lassen Sie die Menge schwatzen. Auch Sie, sobald Sie sich auszeichnen, werden verleumdet werden. Sie werden Feinde haben, bevor Sie es noch wissen, denn Partei ist alles bei uns! Antworten Sie der Niedertracht wie der Narrheit mit Taten! Das ist auch hier die Manier, die Majorität mundtot zu machen!« »Wenn ich in Washington einen ebenso guten Lehrer finde, dann hoffe ich meine Gegner mundtot zu handeln!« »Ich denke, man schickt Sie zu dem Obergeneral«, sagte Adams. »Er wird Ihnen 'n besserer Lehrer sein als wir. Washington ist nicht nur der beste Mensch, er ist das größte Genie, das unter uns lebt. Selbst unser alter Ben in Paris, so sehr er Amerikas Liebe verdient, kann immerhin erst nach George genannt werden. Er verhält sich zu ihm wie Aaron zu Moses.« »Eins übrigens ist Ihnen, bevor Sie den Kongreß sehen, zu wissen wichtig«, fiel Handcock ein. »Ehe Sie uns dienen, müssen Sie sich pro oder kontra hierüber entscheiden. – Sie werden sehr bald die leidige Erfahrung machen, was Volksgeist ist. Meinungen werden Sie wie Heuschrecken offen und heimlich umschwirren. Zwei große Parteien aber, die Sie zu beachten gezwungen sind, zu deren einer Sie sich bekennen müssen, haben sich während des Krieges herausgearbeitet und werden in Amerika so stabil werden, wie die Whigs und Tories in England. Es sind die Demokraten und die Republikaner.« »Um Vergebung,« fiel der Baron ein, »wie kann man denn Republikaner sein, ohne sich Demokrat zu nennen? Wie kann man das demokratische Prinzip sich nur denken, wenn nicht in republikanischer Form?« »Dicker Irrtum, Baron, schrecklicher Irrtum!« polterte lachend Sam Adams heraus. »Haha, Sie meinen wohl europäische Demokraten und Republikaner, nicht aber unsere? – Ein Demokrat in Amerika ist ein Mensch, dem die Freiheit nur sein eigener verkörperter Egoismus ist! Sein Staat soll tun und lassen, was er will, so wie er es selbst macht. Was für Virginien, New York oder Philadelphia profitabel ist, ihnen Vorteil bringt, das ist dem Virginier, New Yorker und Pennsylvanier der Inbegriff seiner Freiheit! Ob dabei die anderen verbündeten Staaten zugrunde gehen, ob das übrige Amerika von den Engländern allenfalls wieder erobert wird, daß ist 'nem solchen Kerl egal. Er würde sich in solchem Falle dem Franzosen oder Spanier, kurz der absoluten Monarchie ruhig an den Hals werfen, sobald sie ihm nur garantiert, daß sein Staat und er in ihm regieren und machen kann, was er Lust hat oder nicht! – Die Republikaner, Liebster, sind aber die, welche das Gesamtvaterland, die Union der amerikanischen Staaten, und ein gemeinsames kraftvolles Regiment, kurz, welche die Einheit allem vorziehen! Für diese Einheit bringen sie jedes Opfer, für die Einheit geben sie ihren Sonderwillen hin, so lieb er ihnen auch ist, und sind der Überzeugung, daß die Freiheit der einzelnen Staaten nur ein hohler Schall, eine bloße läppische Einbildung ist, sobald die Einheit nicht die starke Quelle ist, aus der sie fließt! Sind Sie nun klar, Baron?« »Was in Amerika ein Demokrat oder Republikaner ist, gewiß. So wahr ich dieses Glas Wein nun erhebe, um auf Amerikas Unabhängigkeit zu trinken, so wahr will ich von Stunde an als Republikaner leben und für die einige, unteilbare Republik sterben! Wer anders denkt, der ist für mich ein Staatsverräter!« Alles war aufgesprungen. Handcock ergriff das Wort, und seine Züge leuchteten. »So heiße ich Sie in diesem Gegentrunke als meinen und Sam Adams, als Washingtons und Franklins, als jedes wahren Amerikaners Bruder hoch willkommen!« Er stürzte sein Glas hinunter und erfaßte Steubens Hand. * Schnee und Eis lag als dicker Mantel auf dem Lande. Man schrieb bereits den 14. Januar 1778, als der Baron samt Genossen seine Abreise nach York bewerkstelligte. Trotz aller Bemühungen Handcocks, von Adams unterstützt, hatte es fünf Wochen gedauert, ehe die Reiseequipage aufgetrieben und eingerichtet war, Wagen, Schlitten und Handpferde, die nötigen Reit- und Wagenknechte beschafft und der geeignete Kommissär, Mr. Giffon, gefunden war, welcher auf dem Wege für Quartier und Fourage zu sorgen hatte. Auch mußte erst Washingtons Antwort abgewartet werden, welche sehr umfangreich war und zugleich Instruktionen für Steuben enthielt, gewisse militärisch-diplomatische Geschäfte bei dem Kongresse abzuwickeln. Mit dem Gefühle gegenseitiger warmer Zuneigung und Hochachtung schieden der Baron, Handcock und der grobe Sam Adams voneinander. – Der Sieg von Saratoga, so äußerlich glänzend er war, so ungeheures Aufsehen er in Europa machte und Frankreichs Kampfbegeisterung zur Siedehitze brachte, hatte sich, bei Licht besehen, doch nichts weniger als besonders folgenreich erwiesen. Die Amerikaner befanden sich in einer höchst kritischen Lage. Die Engländer waren im Besitze von New York, Rhode Island und Philadelphia, dazu hatte Howe sämtliche Forts der Chesapeake-Bai erobert, und Britannien besaß noch immer eine wohldisziplinierte Armee. Ein Glück für die Republik, daß der englische General Howe jetzt in sein altes Laster der Untätigkeit verfiel und an der Küste stehenblieb, statt durch einen energischen Winterfeldzug das Unglück Bourgoynes bei Saratoga in Vergessenheit zu bringen und die Verlegenheiten des Gegners auszubeuten; diese waren unendlich groß. Die amerikanische Hauptarmee unter Washington befand sich hoch im Gebirge zu Valley Forge am Schuylkhill in Pennsylvanien, inmitten eines strengen Winters, ohne Kleider, ohne Provisionen, ohne regelmäßige Disziplin, entblößt von allem außer ihrem Mute und ihrem Patriotismus. Die zweite, kleinere Armee unter Gates dagegen stand am oberen Hudson bei Albany, also ungefähr einhundertunddreißig geographische Meilen von Washington entfernt. Das Schlimmste war aber die Unzufriedenheit im Lande, die täglich mehr Boden gewann, der Überdruß an den eigenen patriotischen Opfern und Leiden und der selbstsüchtige Wunsch mancher einzelnen Staaten, Frieden zu schließen um jeden Preis und ohne Rücksicht auf die übrigen. Solche Sinnesrichtung drohte verhängnisvoll für die Sache der Union zu werden. Angesichts so trauriger Verhältnisse hatten Handcock und Adams dem Baron den Rat gegeben, sich soweit wie möglich von der Küste entfernt zu halten, damit er nicht von den Engländern oder von Detachements der Tories, wie man die königlich Gesinnten im Lande nannte, aufgehoben werde, welche von New York, Philadelphia und der Küste aus Streifzüge bis ins Innere des Landes unternahmen. Steuben richtete daher seinen Kurs westlich, erreichte am 18. Januar Springfield, am 20. Hartford, vier Tage später Fisykill, Ende des Monats Bethlem, am 2. Februar Reading und traf am 5. nach dreiwöchentlicher, bald per Schlitten, bald zu Pferde oder Wagen vollbrachter Reise in York im südlichen Pennsylvanien ein. Ein damals noch kleines, meist aus hölzernen Blockhäusern bestehendes Landstädtchen war's, in welchem sich dermalen die Regierungsgewalt Amerikas befand, und der einzige Gasthof des Ortes mußte seinen Tanzsaal für die Sitzungen des Kongresses hergeben. Dieses primitive Städtchen am Codorus-Creek, im Umkreis kaum einer halben Meile von dichtestem Urwald umgeben, und alles das in des tiefsten Winters Leichentuch gehüllt, gab so recht das melancholische Bild der geistigen Erstarrung wieder, in welcher der Unabhängigkeitskampf Amerikas zu liegen schien. Steuben, den geradesten Weg wählend, nachdem er am Tore der Stadt gehört hatte, der Kongreß tage eben, ritt mit seinen Begleitern sofort vor das Hotel, welches den bescheidenen Namen »boardinghouse« führte. Der Baron wußte aus Eröffnungen Handcocks, daß »das Bündel von Königen« oder »King Cong«, wie man das amerikanische Staatenhaus nannte, längst nicht mehr jene begeisterte Versammlung repräsentierte, welche die Unabhängigkeitserklärung votiert hatte. Alle hervorragenden Männer, mit Ausnahme weniger, hatten der Tribüne entsagt, und diese jetzt tagende Versammlung war etwa auf die Hälfte jener ersten berühmten Versammlung zusammengeschmolzen. Jetzt zerriß sie Hader und Zwiespalt, die Partei der Demokraten stand der der Republikaner gegenüber. Anderseits hatte Steuben auf der Reise aber die Erfahrung gemacht, daß der Sieg von Saratoga die Herzen des Volkes doch unendlich wieder erhoben hatte, überall war er von lebhaften Sympathien für den »großen Fritz« begrüßt worden, und seine Ankunft hatte überall eine solche Freude, ein solches Vertrauen erweckt, als wäre er an der Spitze eines Hilfskorps erschienen. Augenscheinlich hatten die Blätter von Portsmouth und Boston sein Erscheinen im »Humbug-Stile« gründlichst ausgebeutet. Vor der verschlossenen Tür des Kongreßsaales, die in ein Vorgemach führte, waren zwei Konstabler stationiert, welche dafür zu sorgen hatten, daß die Versammlung in ihren Verhandlungen nicht gestört werde, während im Erdgeschoß des Gasthauses die Wache der Miliz von York stand, welcher der Schutz des Kongresses anvertraut war. Nachdem der Offizier von dem brieflichen Befehl des Kongresses an Steuben, in York zu erscheinen, Kenntnis genommen und ihn den Konstablern vorgelegt hatte, tat einer derselben mit dem Kolben einen Schlag gegen die Tür des Versammlungszimmers. Die Rede, welche bisher ertönt war, brach ab, eine Glocke erklang. Die Tür wurde aufgeschlossen, und der Quästor der Versammlung erschien auf der Schwelle. »Welche Ursache unterbricht die Sitzung?« sagte er. »Das Eintreffen dieses Herrn, des Generals Baron Steuben, das sogleich zu melden ich von dem Präsidenten ermächtigt bin«, entgegnete der Konstabler. Des Quästors Gesicht erhellte sich sofort. »Haben Sie die Güte, Baron, zu warten, bis die Versammlung Sie empfangen kann, ich werde sie von Ihrem Eintreffen benachrichtigen.« Die Tür schloß sich wieder. Man hörte den Quästor drinnen laut Steubens Namen nennen, darauf erfolgte lebhafte Bewegung und Unruhe in der Versammlung. Der Präsident schien eine kurze Bemerkung zu machen, auf welche der vorhin unterbrochene Redner seinen Vortrag beendigte. Dann öffnete sich die Tür. »Baron Steuben, der Kongreß erwartet Sie!« rief der Quästor. Seinen Sekretär und Dolmetscher Duponceau neben sich, trat Steuben, den Hut in der Linken, wie wenn er vor Seiner Majestät in Sanssouci erschiene, in den Sitzungssaal, trat bis in die Mitte desselben, verneigte sich vor dem Präsidenten, dann vor der Versammlung und sagte französisch: »Herr Präsident! Hohe Versammlung! Ich, Friedrich von Steuben, vordem Adjutant des Königs von Preußen und deutscher Generalleutnant, melde mich mit meinen Gefährten zum Dienst und bitte, bis ich des Englischen ganz geläufig bin, mich dieses Mannes, Mr. Duponceaus, meines Sekretärs, als Dolmetscher bedienen zu dürfen.« – Duponceau wiederholte Steubens Worte in der Landessprache. Die imposante Erscheinung des Barons im vollen kriegerischen Schmucke seiner Nation, sein geistvoll edles und offenes Antlitz und die Kürze und Geradheit seiner Anrede nahmen sofort für ihn ein und erhöhten das Vertrauen, welches man für ihn durch St-Germains, Vergennes' und Beaumarchais' Empfehlung, zumal aber durch Ben Franklins Brief, dem das Schreiben Friedrichs II. beigeschlossen war, gefaßt hatte. Als Duponceau geendet, erhob sich Laurent Morris, der Präsident. »Wir heißen in Ihnen, Baron, einen ausgezeichneten Offizier willkommen, welcher dem siegreichen Preußenkönige nicht bloß lange gedient hat, sondern auch dessen Vertrauter gewesen ist. Wenn Sie den Staaten, der Union, deren Gesetzgeber und Regierung Sie in uns sehen, ebenso treu dienen wie Ihrem Monarchen, so werden Sie finden, daß eine Republik ein nicht weniger dankbarer Herr sein wird, als es ein Monarch ist! Sie erscheinen zu einem höchst wichtigen und schwierigen Augenblick für die Union, und das Zeugnis, das Ihnen schriftlich nicht bloß der würdige Ben Franklin, sondern unlängst erst noch Mr. Handcock in Boston betreffs Ihrer Einsicht und Ihrer Gesinnungen gegeben hat, läßt uns hoffen, daß Ihre Dienste sich jetzt zumal besonders segensreich für Amerika erweisen werden. Wir werden eine Kommission erwählen, welche Ihre Wünsche entgegennimmt. Nehmen Sie solange mit Ihrem Dolmetscher Platz.« Dr. Witherspon, der allein in der Versammlung des Französischen mächtig war und deshalb die Verhandlungen leiten sollte, Mr. Henry aus Maryland und Thomas Mc. Kean wurden nunmehr als Kommissare erwählt; hierauf richtete Morris das Wort an Steuben, der sich erhob. »Obwohl wir Sie bereits als den Unsrigen betrachten, Baron, wird dies faktisch doch erst der Fall sein, wenn wir wissen, wie wir mit Ihnen stehen, und welche Art von Dienst es ist, den wir Ihnen anzuvertrauen vermögen. Ich bitte Sie, mir Ihre Wohnung anzugeben, in der diese Herren Sie morgen aufsuchen werden. Noch einmal heiße ich Sie willkommen.« »Exzellenz!« erwiderte Steuben. »Indem ich für den gütigen Empfang und das Vertrauen des Hohen Hauses innig danke, erkläre ich Ihnen allen, meine Herren, auf meinen Eid als Christ, daß ich dem Hohen Kongreß und dessen Haupt, dem Präsidenten, stets so mit Ehrfurcht, Liebe und Treue dienen werde, wie ich meinem früheren Könige gedient habe. Jede Art des Dienstes, den Sie von mir fordern, wird mir recht sein und mich bereitwillig finden. Ich gebe mich völlig Ihrer Einsicht in die Hände. Nur zweierlei wage ich heut schon offen zu erbitten. Lassen Sie mich unter keinem anderen General dienen als unter Mr. George Washington, denn unter ihm hoffe ich am besten zu lernen, was in militärischer Beziehung der Union heilsam ist. Ferner bitte ich, daß Sie meine Dienststellung unter General Washington derartig sein lassen mögen, daß ich wirksam dazu beitragen kann, daß in den nächsten und allen künftigen Schlachten die Engländer vor uns den Rücken kehren müssen! Mr. Handcocks Haus ist mein Quartier, und ich erwarte mit Vergnügen die Herren der Kommission.« Als Duponceau diese Erwiderung Steubens kundtat, erhob sich in begeisterter und überraschter Bewegung Morris mit dem ganzen Hause. »Für diese eben ausgesprochene Gesinnung, Baron, sagen wir Ihnen Dank und erweisen Ihnen, wie Sie sehen, aus der freien Bewegung unserer Gemüter durch Aufstehen die höchste Ehre, welche wir einem wackeren Manne zu erzeigen vermögen. Gehen Sie mit Gott, Baron!« Steuben verneigte sich und verließ die Versammlung. Am nächsten Tage fand sich bei ihm die Kommission ein, und nur weniger Sitzungen bedurfte es zur völligen Einigung. Er erklärte, daß er auf seinen ehemaligen Rang als Militär verzichte, um durch denselben den Offizieren der Unionsarmee keinerlei Grund zur Mißstimmung zu geben; daß er nur als Freiwilliger unter Washington in derjenigen Art Dienste zu tun wünsche, in welcher er diesem General für geeignet erscheine. Er besitze kein eigenes Vermögen, sondern nur die Einkünfte von Ämtern und Ehrenstellen, welche er nunmehr in Europa aufgegeben habe, und die etwa fünfundachtzig Friedrichsdor jährlich betragen hätten. Er hoffe, die Republik werde die Ausgaben, welche sein Dienst nötig mache, bezahlen. Schlüge der Krieg unglücklich aus, so mache er auf nichts weiter Anspruch, siege aber die Sache der Union, und seien seine Anstrengungen von Erfolg gekrönt, so erwarte er, daß die Union ihn für alle Opfer, die er freiwillig ihrer Sache wegen gebracht habe, so entschädigen werde, wie ihre Liberalität und ihr Gerechtigkeitssinn ihr vorschreibe. Er verlange für sich selbst vorläufig kein Patent, denn er überlasse es Washington, seinen Rang zu bestimmen. Für seinen Adjutanten, Herrn von Romanai, dagegen verlange er Majorsrang, für de l'Enfant den eines Ingenieur-Hauptmanns, den eines Rittmeisters für Herrn de Pontière, für Duponceau aber ein Kapitänspatent. Wären diese Wünsche den Vereinigten Staaten genehm, so erkläre er sich bereit, mit seinen Begleitern auf der Stelle zur Armee abzureisen. Mit lebhaftem Beifall erklärte die Kommission sich bereit, diese Bedingungen einzugehen, und erstattet noch denselben Tag dem Kongreß Bericht. – Gegen Abend ließ sich bei Steuben General Horace Gates anmelden. »Aha«, damit nickte Steuben Romanai und l'Enfant zu. »Der Sieger von Saratoga hängt die Angel nach dem fremden Weißfisch aus! – Mir ahnt, er will mich allein sprechen, verlaßt mich darum, Freunde, außer dem Duponceau. Wir wollen ihm seine Herzensergüsse erleichtern, vielleicht gewinne ich dabei in diesen Mann einen ganz nützlichen Einblick.« Seine Umgebung leistete Folge, und Gates trat ein. – Horace, in England geboren, stand mit Steuben ziemlich im gleichen Alter. 1765 in Virginien als Grundbesitzer angesiedelt, war er 1776 bei der Erhebung in die Dienste der Union getreten und hatte mit abwechselndem Glück gekämpft. Hager, sehnig, mittelgroß und von der Sonne tief gebräunt, hatte er eine blutige Schmarre, die vom rechten Stirnbein quer über die linke Wange herablief: er hatte sie gleich zu Anfang des Krieges empfangen. Seine Uniform war einfach dunkelgrün. Außer den goldenen Epauletten ohne Kantillen mit dem Generalsstern der Union hatte er als Abzeichen nur eine blauweiße Schärpe, deren weiße Hälfte mit roten, schmalen Streifen durchwoben war. Er erschien ohne Waffe, den Schlapphut unterm Arm und in etwas nonchalanter Haltung. Er ging auf Steuben ohne Umstände los, schüttelte ihm die Hand und begann ein Gespräch, das Steuben teils absichtlich in seinem noch sehr schlechten Englisch, teils mit Duponceaus Hilfe führte. »Muß durchaus der Erste sein, Baron, der Ihnen Glück wünscht! Morgen werden Sie ein amerikanischer Soldat sein, und der Kongreß wird Sie in jeder Weise ehren. – Etwas habe ich auf dem Herzen, das mich besonders herführt. Als 'nen offener Kerl und Ihr künftiger Kamerad sage ich, was ich denke, geradeheraus! Wie, das ist Ihnen doch recht?« »Biedere Geradheit liebe ich immer, General, selbst wo sie mir nicht angenehm ist. Seien Sie ganz offen.« »Sie wissen doch, daß ich bei Saratoga siegte, indes George Wash zu Valley Forge in seinem Loche lag?« »Ich weiß es und gratuliere Ihnen sowie dem Lande zu diesem Siege.« »Gut. Er war nur etwas für den Anfang, verstehen Sie! Mich wundert nur teufelmäßig, daß Sie sich gerade so auf den Dienst bei Washington gespitzt haben! Denken Sie denn, ich könne einen so ausgezeichneten Mann wie Sie nicht auch brauchen? Ich hätte Sie zu meinem ersten Divisionsgeneral gemacht, haha!« »Sie ehren mich durch diese Versicherung überaus, General. Die Frage aber, unter wem ich diene, ist für mich keine persönliche, wie Sie zu denken scheinen, Horace, Sie ist rein sachgemäß. Daß Sie bei Saratoga siegen konnten, Washington aber zweimal geschlagen wurde, vermag meine siebenjährige kriegerische Erfahrung in Preußen nur dadurch zu erklären, daß Ihre Truppen bedeutend besser sein müssen als die des Obergenerals. Da es sich für die Union nun darum handelt, daß nicht nur Sie, sondern alle Generale derselben, also auch Washington, siegen, so ist es mein Wille, da zu dienen, wo eben ein Mißerfolg gerade erlitten worden ist. Sie sind ein so glänzender Sieger gewesen, daß es lächerlich wäre, Ihnen erst noch meine Hilfe anzubieten. Die steht Ihnen übrigens für den Fall zu Diensten, daß Sie sich einmal in Washingtons Lage befinden, wenn er in der Ihren ist.« »Goddam, verflucht edelmütig!« lachte Gates. »Aber wissen Sie, Baron, daß Sie mit Ihren deutschen idealen Gefühlen unter uns nichtswürdig schlecht fahren werden? Bei uns beruht alles auf der Person, und wenn ich meine Person möglichst fördere, so fördere ich in ihr auch die nationale Sache, der ich diene! In Amerika finden Sie keine tugendhaften Träumer, haha, aber dafür kraftvolle Leute, die den Egoismus in sich zur sozialen und politischen Tugend machen. Oder glauben Sie denn, daß Franklin, Morris, Adam, Handcock, Washington, kurz wie sie alle heißen, keine krassen Egoisten sind? Warten Sie es nur ab! Wenn Sie nicht selbstsüchtig wie wir sein wollen, so werden Sie von allen anderen mißbraucht und ausgebeutet werden, und indem Ihr Obergeneral Ihre Verdienste in seine Tasche steckt, werden Sie am Tage des Sieges leer ausgehen!« »Für Ihren klaren und uneigennützigen Rat bin ich Ihnen sehr verbunden, General, obwohl ich Ihrer Meinung doch nicht bin. Mir steht die Sache hoch über meiner Person, und ich lebe der Überzeugung, daß eine selbstsuchtlose Hingabe für Amerikas Unabhängigkeit der einzige Weg ist, meiner Person den besten Dienst zu leisten. Sie sehen meine Angelegenheit mit demokratischen Augen an, ich mit republikanischen, General!« »Ah, nicht übel! Sie haben von unseren kleinen inneren Angelegenheiten mehr Kenntnis als vorauszusetzen war! So würden wir mithin politische Gegner sein?« »Insofern Sie der demokratischen, ich der republikanischen Partei angehöre, gewiß!« »Haha, das tut nichts, mit meinem Demokratismus ist's nicht weit her. Ich bin Soldat, das ist alles! – Nun sagen Sie, wenn Sie zu Wash gehen, was denken Sie da zu tun? Man erzählt sich im Kongreß, Sie würden des Obergenerals Armee zu reformieren suchen, wie?« »Das käme doch ganz auf des Obergenerals Willen und Befehl an!« »Oh, er wird schon den Willen dazu haben, weil er ihn haben muß! Sie irren aber, wenn Sie glauben, das gehe nur so. Da ist der Generalinspekteur Convay noch zu Valley Forge, der sich von Ihnen gewiß nicht ins Handwerk fahren läßt, und ich bezweifle lebhaft, daß die amerikanischen Herren Offiziere sofort nach preußischer Pfeife tanzen werden. Haha, aber Sie wollen es so! Bei mir hätten Sie dagegen frei schalten können, und wir hätten die Ehre unserer Erfolge viel brüderlicher geteilt, als Ihnen das am Schuylkhill passieren dürfte. Nun, wir kennen uns jetzt. Ich habe Ihnen nur mit dem allen sagen wollen, wie sehr ich Sie schätze. Bitte, besuchen Sie mich, und sehen Sie mein Haus ganz als das Ihrige an!« »Sehr verbunden, General. Da mir mein verehrter Freund Handcock dies Haus aber bereits als das meinige zu betrachten empfahl, würde es sehr unhöflich sein, das Ihrige vorzuziehen.« »Nichts für ungut, nichts für ungut!« Damit schüttelte Gates Steuben die Hand und ging, wobei es unserem Baron vorkam, als schiede eben ein Heuchler von ihm, der höchst verlegen sei, sich durchschaut zu wissen. Am anderen Morgen erhielten Steuben und seine Gefährten von Präsident Morris die Einladung zu einem Festessen, das der Kongreß ihnen zu Ehren veranstaltet hatte. Nachmittags fand es im Kongreßhause statt, und Steuben hatte neben Morris den Ehrenplatz. Die Solennität ward damit eröffnet, daß Morris Steuben den Beschluß des Kongresses vorlas und dann überreichte, »daß derselbe den Baron Steuben in den Kriegsdienst der Vereinigten Staaten aufnehme, in die von ihm mit der Kommission vereinbarten Bedingungen ebenso wie in die von ihm gewünschten Chargen seiner Begleitung willige und ihn ersuche, in das Hauptquartier der Armee abzureisen«. Es verstand sich von selbst, daß Steuben seiner Ergebenheit Ausdruck verlieh. Er schloß mit einem so flammenden Toast auf den Sieg der Union und Englands völlige Niederwerfung in Amerika, daß rauschender Jubel den Saal erfüllte. Die Kongreßmitglieder erschöpften sich in Artigkeit gegen ihn und seine Begleiter; Gates allein hielt sich kühl. Der Prophet Am 19. Februar war in der bis dahin größten Binnenstadt Amerikas, Lancaster, großer Ball. Der »fremde preußische Baron, der Adjutant des großes Fritz« – sagten die zahlreichen dortigen Kolonisten – war endlich am Morgen angekommen. Die reichen Grundbesitzer und Farmer der nächsten Umgegend, denen Steubens Eintreffen bereits brieflich von York aus durch Kongreßmitglieder angekündigt worden war, und zu denen man alsbald reitende Boten gesendet hatte, zogen zu Roß und Wagen nun in hellen Haufen samt Frauen und Töchtern ein, um im ersten besten Gasthof oder bei den Freunden in der Stadt sich zu schmücken, damit sie des Vorzugs genießen konnten, einen Adjutanten des großen Preußenkönigs zu erblicken, mit ihm zu reden, vielleicht gar zu tanzen – und als die Kerzen den großes Saal des Cityhauses durchflammten, bestrahlten sie eine übervolle Ballgesellschaft, von welcher allerliebste Frauen und holde Jungfrauen nicht den kleinsten Teil bildeten. Vornehmlich hatten die Deutschen von Lancaster sich fast vollzählig eingestellt, ja sogar für eine deutsche Kapelle gesorgt. Als Steuben, von seinen Offizieren begleitet (Beaumarchais' Neffe de Francy war in York zurückgeblieben), in den Festraum eintrat, wurde er nicht wenig überrascht, als die Klänge des alten Dessauers ihn empfingen und der Präses der Deutschen Gesellschaft ihm mit feurigen Worten in seiner eigenen Muttersprache ein Lebehoch brachte. Nicht nur die innere Genugtuung, sich nun auf dem Wege zu seinem Ziele zu befinden, dieser Empfang, dies unvermutete Zusammentreffen mit deutschen Landsleuten versetzte Steuben in eine Freude und machte ihn so heiter und liebenswürdig, wie er lange nicht mehr gewesen war. Er tanzte viel, hatte für jedermann ein herzliches, angenehmes Wort, und manches deutschen Mädchens Wange rötete sich höher, wenn er ihr eine Galanterie sagte, um Veranlassung zu nehmen, mit ihr das Menuett oder den Schleifer zu tanzen. Bis ein Uhr währte der Ball, dann ging man zu Tische, und Steuben nahm zwischen Madame Andres, der Gattin des deutschen Präses, und Mrs. Moulage, der des Mayors der Stadt Lancaster, Platz. Während der Mittelpause des Balles, da man den Tee genommen hatte, war der Held des Tages auch mit Leutnant William North bekannt geworden, der, zu der Armee Washingtons gehörig, von Valley Forge vor sechs Wochen hierhergekommen war, um einige Kompanien rüstiger Lancaster zur Verstärkung zusammenzutrommeln. Der junge, bescheidene und offenherzige Mann mit seinem edlen und doch einfachen Wesen gefiel ihm sehr wohl. Er saß ihm, neben Duponceau, gegenüber und teilte Steuben eben mit, daß er in drei Wochen längstens mit seinem Geschäft zustande zu kommen und ihn Valley dann zu sehen hoffe, als plötzlich die Gesellschaft durch einen ungeladenen Gast vermehrt wurde. Die Saaltür flog auf, Horace Gates trat ein und schritt auf Steuben zu. »Bei Gott,« rief er, »da sind Sie ja! Dachte ich doch, daß ich Sie mitten unter schönen Augen und lachenden Frauenlippen treffen würde.« »Ich bin erstaunt, Sie hier zu sehen, General!« »Weshalb? – Sie kennen doch des Obergenerals strengen Befehl an mich, zu ihm zu kommen! Muß dem nicht gefolgt werden?« »Gewiß, nur dachte ich, Sie würden nicht geneigt sein, den Befehlen so rasch nachzukommen.« »Ich? – Gott bewahre! Ich komme ihnen nach, ja so sehr nach, daß ich Sie bitten muß, mit Ihnen das Ende der Reise gemeinschaftlich zurückzulegen.« »Ich habe nichts dagegen, General. Haben Sie die Gewogenheit, Platz zu nehmen. Lieber Duponceau, suchen Sie dem General zwischen sich und Mr. North einen Platz zu verschaffen.« Damit war das Gespräch beendet. Man aß, trank, scherzte, toastete bis zwei Uhr und ging so heiter auseinander wie nur möglich. Obwohl Steuben eigentlich hätte gefaßt sein können, Gates wenige Tage später in Valley Forge zu begegnen, so machte ihn dies plötzliche Erscheinen doch stutzig. Besonders sein zuversichtliches Auftreten, als sei so gar nichts vorgefallen, und daß er keck genug war, an seiner Seite Washington unter die Augen zu treten. Am anderen Morgen gegen zehn Uhr – in der Ballnacht hatte es stark geschneit – setzte man sich zu Pferde und verließ unter den lebhaften Zurufen des herzuströmenden Publikums die gastfreie Stadt. Seinem kecken und anmaßlichen Wesen ganz entsprechend, nahm Gates von dem Platz an Steubens rechter Seite Besitz, Duponceau die andere überlassend. »Gestehen Sie's nur, Baron,« sagte er, als sie die nördlichen Felder dahin dem Walde zuzogen, »Sie sind von meiner Gegenwart und meinem Benehmen betroffen! Raus mit der Sprache, was?« »Von Ihrem Benehmen gewiß, von Ihrer Gegenwart weniger. Es ist ja in der Ordnung, daß Sie gehorchen, und ich freue mich wahrhaft, wie Sie es so sorglos und mit soviel Humor zu tun vermögen.« »Warum nicht? – Weshalb sollte ich Sorge haben, weshalb keinen Humor?« »Ei, General, weil ich denken muß, Sie hielten mich für Ihren Feind, ferner aber, weil ich glaubte, es könne einem Untergeneral sicht gerade sehr angenehm sein, vor seinem Vorgesetzten erscheinen zu müssen, um sich über eine Sache zu rechtfertigen, die so peinlich ist wie die Ihre!« »Peinlich? – Haha, nun sehen Sie, Baron, Sie mögen ein sehr kluger Mann und vielleicht ein recht guter Soldat sein, aber Sie haben über Uncle Wash und mich kein Urteil. Er wird mir vielleicht noch mehr mißtrauen, als er es ohnehin schon tut, aber mich fühlen lassen, daß ich ihn kränke, nie! – Nein, nein, sich an ihm versündigen, das kann man völlig ohne Sorge, ich wollte aber keinem raten, daß er gegen das Land oder vor dem Feinde sündigte! – Wissen Sie, was ich tue, und was ihn völlig gut macht gegen mich? Ich werde mich wie ein Teufel in der wachsten Kampagne schlagen! Dann aber wird Wash lächeln und denken, ›Mr. Horace ist zwar ein nichtsnutziger Kerl, aber n' braver General ist er doch!‹ und das läßt ihn meine sonstigen Streiche vergessen.« Dumm war Gates gewiß nicht. Er merkte auf der Stelle Steubens Absicht, ihn loszuwerden, und war nun ebenso bereit, am Ende des Zuges mit Mac Oddon oder Karl Vogel zu reiten und mit Fergus, dem »Boy«, wie er ihn rundweg nannte, schlechte Soldatenwitze mit noch schlechteren Matrosenwitzen zu tauschen. Gates Charakter war eben ein Gemisch von soldatischer Tollkühnheit, Yankeehinterlist und sorglosester Nonchalance. Sie ritten den ganzen Tag durch den schweigenden Wald und an verstreuten Ansiedlungen vorüber, in deren einer sie übernachteten, ebenso den zweiten Tag, an dem sie gegen Abend das kleine Städtchen Schuykill erreichten, bei welchem der gleichnamige Fluß in den Susquehannah mündet. Es war die letzte Station in der ansteigenden Ebene und lag bereits gegen 3000 Fuß über dem Plateau von Lancaster. Nun begann der Bergpfad, so ziemlich den Schuykill-River entlang, aufwärts in die Albany-Mountains. Jetzt verschwanden die Ansiedlungen völlig, welche sonst, wenigstens in der Nähe des Wassers, häufig genug vorgekommen waren. Die bisher leidliche Straße durch das Holz hörte auf, der Urwald trat in seiner ganzen erhabenen Gewalt und Wildheit zutage, mit Riesenstämmen, wie sie Steuben und seine Begleiter noch nie gesehen hatten, deren Kronen sich oben so verflochten, daß trotz des Schnees und des vollen Tageslichts man wie in einer hellen Dämmerung ritt. Dazu war der Weg steil und griff die Tiere sehr an. Felsenblöcke, schroffe Wände, Schluchten und kleine, scharf eingeschnittene, oft reißende Creeks vermehrten die Hindernisse der Reise außerordentlich. »Ich muß wirklich Mitleid mit Ihnen haben,« lachte Gates, die Arrieregarde des kleinen Zuges verlassend, »obwohl meine Begleitung Ihnen unerwünscht ist. Ich habe den Weg aber schon drei oder viermal gemacht, Sie und diese Herren sind dagegen noch grün auf unserem Boden. Wollte ich Ihnen die Führung überlassen, so kämen wir zwar tief genug in die Einöde, um nie wieder herauszufinden, nach dem Valley und zu General Wash aber gewiß nicht. Da nun kein annehmbarerer Führer bei der Hand ist, werden Sie mit mir vorliebnehmen müssen, denn ich bin Egoist genug, um recht sehr zu wünschen, meine zusammengefrorenen Glieder am Lagerfeuer und bei 'nem beißen Grog wieder aufzutauen.« »Wir nehmen Ihr Anerbieten mit Dank an, General, übrigens ist mir Ihre Begleitung so unangenehm nicht, wie Sie meinen. Seien Sie versichert, wenn ich erst den amerikanischen Tick mehr heraus habe und an ihm Geschmack finde, werde ich Ihre Begleitung gewiß derjenigen vieler anderen vorziehen.« »Ja, ja, wir Amerikaner sind 'ne ganz eigene Art Menschen, und ich kann mir denken, daß so höllisch zivilisierten Europäern, haha, Leuten von königlichen Höfen, wie Sie, unsere Melodie schlecht zu dem Text paßt, den Sie sich jenseits des Meeres über uns gemacht haben.« Hieran knüpfte Gates ein Gespräch über Land und Landessitte, darüber, wie es früher in dem königlichen Amerika gewesen wäre, und wie es jetzt geworden sei. Er machte die fremden Herren auf die Hauptberufsarten des Volkes, das rauhe, entsagungsvolle Leben der Yeomen oder Axtleute in den Urwäldern aufmerksam und belehrte Steuben über den Unterschied eines Settlers oder rechtmäßigen Ansiedlers von dem Squatter, der ohne Besitztitel Land okkupierte, und daß ein Floater ein um sein Land geprellter Grundherr, ein Trapper aber ein Pelzjäger sei. Bei dieser für die Fremden sehr interessanten Unterhaltung erwies sich Gates als ein sehr ernster, scharfdenkender Mann, der dies Land mit seinen seltsamen Lebensformen fast ebenso warm zu lieben schien als seine eigene Person. Die Stunden eilten unter solcher Verkürzung rasch dahin, und es mochte etwa vier Uhr nachmittags sein, als sie auf einer kleinen Prärie anlangten, um abzusitzen und ein Mittagsmahl zu improvisieren. »Ich schlage vor, General, wir machen ein Feuer«, sagte Steuben, »und versuchen, ob wir nicht einen Grog brauen können, wie Sie ihn sich in Valley Forge gewünscht haben.« »Nein, nein, Baron, das verstehen Sie nicht – es geht nicht! Wir sind, seit wir vom Schuykill abritten, in der echten Indianerregion. Sie müssen wissen, daß sich das rote Gesindel während des Krieges nachgerade in die oberen Flußläufe und die Berge gezogen hat. Man kann's ihnen aber nicht verargen, sie sind zu oft zwischen die Engländer und uns geraten und unter zwei Feuer genommen worden; sie müssen ihr Fell also in größere Sicherheit bringen. Hier ein Feuer anmachen hieße uns die roten Teufel auf den Hals ziehen, denn sie würden den Rauch über den Bäumen sogleich sehen. Ich bezweifle nicht, ihr Herren, daß wir zehn – den Boy nämlich als Mann gerechnet – sie heiß genug empfangen würden, aber die Rothäute sind nicht bloß sehr geschickt in Handhabung ihrer Waffen, sie sind auch sehr tückisch. Kämen sie nur dreißig oder vierzig über uns – mit weniger tun sie's nicht –, dann dürfte es doch zweifelhaft werden, wann und wie viele von uns bei Wash ankommen!« »So sind die Rothäute also Feinde beider weißen Parteien?« »Nicht immer, Baron. Manche Stämme sind uns, manche den Engländern zugetan und so 'ne Art Verbündete, was natürlich nicht ausschließt, daß sie kleinere Trupps Weißer überfallen und ihr blutiges Werk nur deshalb an ihnen tun, um ihre Pferde und Waffen zu erbeuten und sich 'nen weißen Skalp an den Gürtel zu hängen. Niederträchtige Schufte sind's!« Gates' Wort wurde durch einen hellen, zitternden Schrei unterbrochen, der von einem Tiere aus der Nähe zu kommen schien. Horace packte Steubens Arm und machte hastig die Gebärde des Schweigens. Noch einmal tönte der Schrei, und zwar auf dem Wege, den sie eben gekommen waren. Nach einer Weile wurde vor ihnen, aber weit entfernt, derselbe Ton, jedoch schwächer, beantwortet. Die Anwesenden umringten Gates. »Das war der Schrei einer Lomme«, sagte er leise. »Die Lomme ist aber ein Wasservogel, der nur an den nordischen Südwasserseen lebt, hier nicht. Folglich ist's ein Indianersignal vor und hinter uns, sie sind uns auf der Fährte. Endet den Imbiß, ladet rasch die Gewehre und dann zu Pferde. Der Teufel soll mich holen, wenn sie's auf uns nicht abgesehen haben.« Man brach sofort auf, die Waffen für den leisesten Wink bereit haltend. Stillschweigend überließ man Gates das Kommando. Eine Stunde ritten sie still dahin; es war fast dunkel geworden. Nichts regte sich, weder Mensch noch Tier, nur die Hufe klapperten auf dem gefrorenen Gestein, und die Rosse schnauften bei dem immerwährenden Bergauf. »Sie müssen die Sache aufgegeben haben, oder das Signal hatte 'nen andern Zweck«, begann Gates halblaut. »Auf Engländer können sie nicht gelauert haben, denn die Rotröcke haben diese Gegend noch nie gesehen, sie bleiben klugerweise in der Ebene. – Die Art des Signals nur macht mich konfus.« »Wieso, General? Man erzählte mir, die verschiedenen Stämme erwählten verschiedene Tierstimmen zum Erkennungszeichen.« »Das wohl, aber stets nur von Tieren, in deren Regionen sie selbst leben. Woher an den Schuykill und Susquehanna, an denen sonst nur Rote vom Lenapevolke, also Mohegans oder höchstens Delawaren streifen, Schufte kommen sollen, welche die Lomme aus dem Ontariosee, dem Champlain oder Huron nachahmen, also Oneidas und Tuscaroras sind, geht über meinen Verstand! Freilich einen Kerl gibt's, der alle Indianerdialekte spricht, alle Tiere nachahmt, überall zu Hause ist! – Sollte er? – Es ist eigentlich nicht möglich!« »Sie machen mich neugierig, General. Was für ein Mensch ist das?« »Ein alter Teufelskerl und interessant genug! Er gilt weit und breit als eine Art indianischer Prophet und nennt sich Tamenund. Besonders hält er sich gern mehr nordwärts am Delaware auf, wo er aber auch sei, diesem alten Gauner gehorchen sowohl Irokesen, Lenapes als auch Sioux.« »Sie haben sehr eingehende Kenntnisse des indianischen Wesens.« »Der Krieg zwingt uns dazu. Man hat ja nicht bloß die Engländer, sondern auch diese verzweifelten Banden sich gegenüber, bei denen man nie sicher ist, was sie vorhaben. Sie werden sie schon noch genau genug kennenlernen, Baron.« »Wie kam Tamenund aber zu einer solchen Macht über die Gemüter seiner sonst so getrennten Rasse?« »Durch Schlauheit! Durch die Schlauheit, welche in unserem gesegneten Lande eben alles ist. Auch Washington, trotz aller Tugend, ist schlau, und Sie werden es auch werden müssen, wenn Sie unter uns je was erreichen wollen! Dieser Prophet Tamenund war nun so schlau, drei Weiber zu wählen, die Tochter eines Oneidahäuptlings, die eines Delawaren und die eines Nadowessen, dadurch gehört er den drei größten Volksstämmen der Indianer an. Seine klugen Ratschläge und Aussprüche – er ist satanisch klug – machten ihn bald zum Richter in allen indianisches Streitfälle n, und da man seinem Wort, wie wir sagen würden, gleich ›Gottes Wort‹ glaubt, hat er überall unter den Rothäuten die Macht in Händen. Wenn ich in der Haut dieses alten Halunken steckte, so vermöchte ich ein Heer von mehr als 'ner Million Streiter aufzubringen und trotz Union und Engländern hier ein Reich zu gründen, wie man sagt, daß es die alten Inkas in Peru einst besessen haben sollen. – Ha! Seht, seht da! – Die Rothäute!« Er hielt an und deutete auf einen leichten glühenden Schein, der über ihnen auf einem breiten Felsenabsatz in den Wipfeln der Bäume spielte. »Unter diesen Bäumen haben sie ihr Lager. Sie erwarten uns.« »Was haben wir zu tun?« »Wachsam zu sein, sonst nichts. – Entgehen können wir ihnen nicht, denn an ihnen vorüber müssen wir. Es ist die letzte scharfe Steigung, bevor wir nach Montgomery auf die Hochebene kommen. Bigost, ich dachte, es wäre noch zu erreichen, aber die Gäule halten es doch nicht mehr aus.« Man klomm leise weiter empor. Der Wald wurde freier, das letzte blasse Abendrot und der Sternenhimmel waren nur sichtbar. Die Kronen der Bäume droben, rötlich, von dem Feuer bestrahlt, das man selbst noch nicht sah, prägten sich scharf am Horizonte ab, bald im schwärzesten Dunkel starrend, bald rot blitzend, je nachdem die Flamme, vom Winde bewegt, sank und stieg und dies oder das erhellte. Als die Reisenden die Höhe erreicht hatten, genossen sie einen für Steuben und seine Begleiter außergewöhnlichen Anblick. In der Tat waren sie gezwungen, sich links südwestlich zu wenden, denn rechts erhob sich steil eine Felswand, von Schluchten flankiert, vor ihnen auf dem breiten Felsabsatze aber lag der weitere Pfad versperrt durch die Lagerstelle der Indianer. Nichts Gewalttätiges zeigte sich in dieser Maßregel. Ein einziges Zelt von Büffelleder, mit grellen Figuren phantastisch und sehr roh bemalt, angeglüht vom Feuerscheine, bildete der Szene Mittelpunkt, hinter ihm ragte düsterer Wald, hohe Eichen umstanden es. An einer derselben, dicht vor dem Zelte, brannte ein hohes Feuer und leckte in den majestätischen Stamm hinein. An einem der untersten Äste des Baumes schwebte ein Kessel und brodelte über der Glut. Vor dem Zelte lagerten zwei Männer und drei Weiber um das Feuer, sonst war keine Seele sichtbar. – Das Haupt der kleinen Familie saß gerade vor der Zeltöffnung, den Ankommenden gegenüber, und rauchte die bekannte steinerne Kriegspfeife der Indianer, mit bunten Federn geschmückt. Es war ein Mann in hohen Jahren, aber noch keineswegs von den Gebrechen des Alters befallen. Sein Körper, sehnig und schlank, war nicht wie bei Greisen mager. Als er sich vor den Nahenden erhob, zeigte sich die ungewöhnliche Größe und Majestät seiner Erscheinung wie der scharfe Schnitt seines trotzdem milden, sinnenden Gesichts. Ungleich anderen Indianern trug er nicht den Schädel geschoren und die geflochtene Skalplocke auf dem Wirbel gedreht, sondern sein volles, lang bis ins Rückgrat wallendes Haar in der Mitte nur durch einen roten Riemen gebunden. Einst glänzend schwarz, war es jetzt bleigrau, das einzige Zeugnis, daß er die Mannesblüte hinter sich habe. Wie die übrigen Glieder seiner Familie trug er das bis zum Knie reichende geblümte Kalikohemd ohne Ärmel. Um den Leib schlang sich das Wampum, der buntverzierte Ledergürtel, in welchem das Bowiemesser steckte, seine Füße bekleideten indianische Ledergamaschen und Schuhe. Außer dem Kriegsbeil, das neben ihm lag, sah man keine weitere Waffe. – Der andere Indianer, ihm auffällig ähnlich, war erst im Beginn des Mannesalters, auf seinen Knien lag eine Jagdflinte, die er eben reinigte. Neben dem Alten saß noch ein ziemlich junges, volles Weib, das einem kleinen Kinde die Brust reichte, und ein anderes weibliches Wesen, älter als jene, hockte auf der andern Seite und bediente den Kessel. Den Schluß machte, den Reisendes den Rücken zugekehrt und auf den Boden halb hingestreckt, ein junges Geschöpf, mehr Kind als Mädchen. Ein Hirsch, dessen Hinterschenkel bereits abgetrennt waren, hing in seiner Haut an einem der nächsten Bäume. »Bei Gott, es ist wirklich Tamenund!« flüsterte Gates. »Was hat das zu bedeuten, daß er hier ist? – Seid klug, Baron, er hat mehr Hirn als mancher Europäer! Sago!« Sago heißt »Sei gegrüßt« oder »Guten Tag«, die Anredeformel der Indianer beim Begegnen Damit trat der General auf den indianischen Propheten zu und reichte ihm die Hand. Der Indianer erwiderte die Höflichkeit nicht. »Hauh«, »Hauh« – »ja!«, einfache Zustimmung. rief er mit sonorem Tone, nickte, schritt langsam an Gates vorüber und trat vor Steuben hin. »Sago! Ich heiße meinen Bruder Baron in der Wildnis willkommen. Möge dein neues Vaterland dich mehr lieben als das, welches du verlassen hast, da du auf das große Wasser gingst. Wärme dich, esse und schlafe. Teile mit deinen Freunden, was der große Geist dem Tamenund gegeben hat.« Er reichte Steuben die Hand. Als Duponceau diese Anrede dem betroffenen Steuben übersetzt hatte, erwiderte letzterer französisch: »Man nennt dich mit Recht einen Propheten, Tamenund, da du mich erkanntest, den du doch sie gesehen hast. Ich nehme deine Einladung für mich und meine Freunde an; möge es dir und den Deinen nach deiner Gerechtigkeit wohlgehen!« Als Duponceau dem Indianer dies übersetzen wollte, erhob er Ruhe gebietend die Hand. In höchst geläufigem Französisch erwiderte er: »Zwischen uns sei keine fremde Zunge. Laß uns die Sprache der Sacristis »Sacristi« Bezeichnung der französischen Amerikaner, namentlich der Trapper, mit der sie von den Eingeborenen belegt werden. wählen, wenn wir reden wollen, was der Mann mit der Narbe nicht verstehen soll. Deine Freunde werden uns nicht verraten.« Damit sah er ruhig jeden von Steubens Begleitern an. – »Komm, Bruder!« »Duponceau, lassen Sie die Pferde besorgen und abpacken.« Als er zum Feuer trat, an welchem Gates stehengeblieben war, bemerkte er an dessen bewölkter Stirn und unstet schweifenden Augen, daß der bisher sorglose Sieger von Saratoga von peinlichen Gedanken erfüllt war. Unser Held nahm neben dem greisen Häuptling Platz, welcher den Seinen einige Befehle in indianischer Sprache gab. Die Frau mit dem Kinde verschwand sogleich im Zelte, die übrigen sprangen auf. Die ältere Frau begann in dem Kessel zu rühren, das junge Mädchen zündete mehrere Feuer an, der junge Mann aber eilte, den Ankömmlingen zu helfen. Während Steuben Tamenund betrachtete, der sich um Gates gar nicht zu kümmern, ja für den »Mann mit der Narbe« einen sichtlichen Widerwillen zu empfinden schien, stopfte Tamenund wieder die steinernde Pfeife, entzündete sie und tat ein paar Züge, dann reichte er sie Steuben. »Rauche die Friedenspfeife mit mir, Baron, denn zwischen uns kann kein Streit sein. – Ich sehe den Geist in dir, den der große Manitou Gott dir gab, und, was besser ist, dein Herz! Rauche zum Zeichen, daß meine Rede dir wohlgefällt, und laß die, welche du liebst, dasselbe tun, bevor du ißt.« Steuben vollzog schweigend die Zeremonie, dann reichte er das dampfende Symbol der Freundschaft Duponceau zu gleichem Zwecke mit der Weisung, daß es der Reihe nach herumgehen und auch Gates angeboten werden solle. Die Gesellschaft vereinte sich am Feuer. Auch die jüngere Frau erschien mit Näpfen aus Tannenholz. Die Weiber füllten eilig dieselben mit warmer, würziger Hirschbrühe und großen Fleischstücken, und mit wahrem Behagen, welches die überstandenen Beschwerlichkeiten der Reise erhöht hatten, vertiefte sich jedermann in das Essen. »Den in Aussicht gestellten Grog jetzt darauf zu setzen, Baron,« sagte Gates nach Beendigung des Mahles, »dürfte sehr angenehm sein, wir werden diese Nacht bei vier Grad Kälte hier oben im Freien zubringen müssen.« »Es wird nicht das letztemal sein, General, daß uns das geschieht; lassen Sie Mac Oddon Wasser besorgen, Duponceau; Karl mag Zucker und Rum bringen.« Die Pfeifen wurden hervorgeholt, und während Karl Vogel die Grogbereitung dirigierte, eröffnete sich ein allgemeines, meist englisch geführtes Gespräch, dessen Hauptinhalt die Person des altes Tamenund betraf. »Sage mir, Bruder,« sagte endlich Steuben, »wie kommt es, daß du nicht nur alle Sprachen des roten Mannes, sondern außer Englisch auch Französisch sprichst?« »Ich zähle fünfundsechzig Sommer, bleicher Freund«, erwiderte der Indianer lächelnd. »Ich kenne das Land vom großen Wasser bis an den Mississippi, von den Sees im Norden, wo der Winter lang ist, bis in den Süden, wo das große Licht, das Manitou für den Tag gemacht hat, alles versengt! – Ich kenne alle Flüsse und alle Pfade des roten Mannes, mein Leben ist Wanderung, Krieg und Jagd gewesen, meine Heimat ist überall. – Einst war es nicht so! – Ich bin unter den Delawaren geboren, aber zu der Zeit, da noch die englischen Yankees die französischen Yankees nicht anfeindeten, lebte ich lange im Oneidalande droben, denn meine erste Squaw Squaw, Gattin, Ehefrau, im Gegensatz zu dem allgemeinen Begriff von weiblichen Wesen. war Ouivit, die Häuptlingstochter der Oneidas. Das Land hatten die französischen Yankees inne. Sie waren gut, sie vertrieben den roten Mann nicht, sie waren seine Freunde. Mein Sohn da, Yokomen, wurde von ihr geboren, auch sein älterer, toter Bruder. Er hieß wie ich, denn er hatte meinen Leib und meinen Geist. Der große Manitou hatte ihm wie mir die Kraft gegeben, seine Stimme zu hören und ins Verborgene zu sehen. Er sah auch seinen Tod, denn vor dem Kriege wollte er mit seinem jungen Weibe und dem Pappussen Pappusse, eine Verkrüppelung von Baby. Säugling. wegziehen. Er konnte sich aber von uns nicht trennen! – Als die bösen englischen Jankees in Kanada einfielen und wir das Kriegsbeil nahmen, um uns zu wehren und unseren Freunden zu helfen, da schossen sie meinen Sohn tot. – Sigh!« Auf diesen Ruf sprang das Mädchen herbei, dem man bisher noch keine Beachtung geschenkt hatte. Es setzte sich zwischen des Alten Knie, legte den Kopf in seinen Schoß und sah mit ihren dunklen wunderbaren Augen liebevoll den Greis an, und ein Seufzer, ein leichter Klagelaut floh von ihren Lippen. Wo hatte Steuben doch diese großen, träumerischen Augen gesehen, welche jetzt flackernd wie zwei Sterne an ihm haften blieben? Waren es dieselben schönen Augen denn, die sich auf ewig für ihn geschlossen hatten? Steuben wurde ganz wundersam weh, ganz ahnungsbange bei dieses Mädchens Augen. »Sie hat den Blick meines Sohnes,« sagte Tamenund, »sie ist sein einziges lebendes Blut! – Sie hat auch seine Gaben, mögen sie ihr mehr Glück bringen! – Nach dem Tage der Trauer zog ich an die oberen Seen, von da zum Mississippi. Dann ostwärts wieder bis zum Ohio zurück und weiter her, in diese Berge, hier starb meine arme Squaw! Aber Yokomen war groß geworden und stark und half mir. Wo ich nur auf den Inglish-Yankee stieß, da krachte mein Kriegsbeil auf seinen Schädel, da führte ich die roten Männer gegen die roten Röcke, in denen schwarze Herzen wohnen. Am Delaware nahm ich eine andere Squaw, das Kind des mächtigen Harnaul, des großen Uhu. Sieh sie da, die Rattan! – Sie ist mit mir gealtert, sie wird mich nicht lange überleben. Ich wurde ein großer Häuptling unter den Delawaren. Die Blaßgesichter fürchteten mich, aber alle roten Männer liebten mich. – Die Sacristis, die Franzosen, wurden aber dennoch besiegt von den Rotröcken, sie mußten fortziehen und ihr Kriegsbeil begraben. – Ich lernte die Blaßgesichter darin unterscheiden, die Yankees, die hier geboren sind wie ich, nur daß sie bleiche Haut haben und aus dem Walde Felder machen, feste Häuser bauen und viele Städte. Ich sah, wie sie alles das taten für ihre Herren, die Inglish-Yankees. Die Rotröcke, welche übers weite Wasser kamen in den großen Kanus, nahmen ihnen alles weg und behandelten sie schlecht. Hatten die Yankees mit ihnen nicht als Freunde gegen die Franzosen gekämpft? Jetzt hatten die Yankees ihren Lohn für ihre Treue! Ich, der ich nie lache, damals lachte ich! Mein Stamm zog immer höher das Land hinauf, denn immer weiter hinein drangen die Squatter und Farmer. Ich ließ Rattan bei den Ihren und ging zu den Cherakis, dem Stamm der Sioux, weit im Süden. Unter ihnen nahm ich ein zweites Weib, ich nannte sie Smirk, denn sie lächelte immer. Da seht, ist sie nicht wie ein still lächelnder Tag? Ich nahm sie, denn Rattan hatte der große Geist die Gabe nicht gegeben, ein Kind zu haben, und sie wurde alt.« – Er winkte der Frau, die das Kind getränkt hatte, und sie kam sofort heran. Wirklich lag auf ihrem Gesicht ein immerwährendes, leises Lächeln wie ein sanfter Sonnenblick. Als sie neben ihm hinkniete, legte er seine Hand liebevoll auf ihr Haupt. – »Ich bin mit ihr wieder jung geworden, Manitou segnete sie. Aber ich werde lange vor ihr sterben, und sie wird eine Verlorene sein, sie und ihr Kind! Dann wird auch dies Lächeln von ihr schwinden.« – Er schwieg. »Deine Rede ist lang gewesen, Vater,« sagte Gates nicht ohne Teilnahme und Ehrfurcht, welche ihm sonst fremd war. »Ich weiß, du sprichst selten und selten soviel.« »Ich habe gesprochen vor diesem weißen Manne,« sagte Tamenund, auf Steuben deutend, »weil der große Geist mich trieb.« »Willst du nicht auf mein Wohl trinken, Tamenund, wie ich auf dein langes Leben?« Steuben reichte dem Alten die Schale mit dem dampfenden Grog. »Kein Feuerwasser nimmt mein Mund, Bruder! Du wirst mein und ich werde dein Freund sein ohne das Trinken. Verlängert dein Trunk meine Zeit? – Feuerwasser haben die englischen Rotröcke den Yankees gebracht und sie verdorben! Yankees verderben mir Feuerwasser den roten Mann. Tamenund trinkt kein Feuerwasser!« »Kannst du denn wirklich in der Zukunft lesen, Vater?« lächelte Steuben. »Wir werden uns nicht eher trennen, Baron, bis du es weißt!« »Er hat wirklich eine Art wunderbarer Gabe der Voraussicht!« sagte Gates zu den anderen. »Es ist auch immerhin seltsam, daß dieser fünfundsechzigjährige Mann noch ein so guter Krieger ist wie die jüngste, stolzeste Rothaut. Er fehlt niemals sein Ziel, er würde es, glaube ich, im Schlafe treffen.« »Nie sein Ziel? – Davon möchte ich doch den Beweis sehen«, rief Duponceau. Tamenund berührte Sighs Schulter und winkte Smirk. Beide Frauen sprangen auf und traten beiseite. Der Prophet ergriff sein Kriegsbeil. »Mann mit der Narbe,« sagte er zu Gates, »du kennst mich! Willst du mein Ziel sein?« Gates richtet sich langsam auf. »Ich weiß, Tamenund, daß du mein Freund nicht bist! Aber ich bin ein Krieger, ich will dein Ziel sein!« Er schritt, mit stolzem Lächeln Steuben einen Blick zuwerfend, an den vom Feuer beleuchteten Stamm einer dem Lager gegenüber etwa zwanzig Schritt weit ragenden Fichte, lehnte sich mit dem Rücken an den Stamm und schlug die Arme über der Brust ineinander, seinen Blick starr auf Tamenund richtend. Dieser, in den Raum beim Feuer schreitend, welchen die übrigen rasch verlassen hatten, setzte langsam den rechten Fuß vor, das linke Knie ein wenig beugend. Jetzt erhob er mit der Rechten das Kriegsbeil rasch über sein Haupt, wirbelnd fuhr es aus seiner Faust und saß dicht über Gates' Haupt im Stamm der Fichte, so dicht, daß der krumme Stiel über des Generals Stirn herausragte. Ein allgemeiner Aufschrei erfolgte. Man stürzte herzu, das Ungewöhnliche zu sehen. Tamenund schritt ruhig durch die Schar seiner erstaunten Gäste und reichte Gates die Hand. »Sago! – Mann mit der Narbe, jetzt grüße ich dich! – Ich traue dir nicht, aber dein Feind bin ich nicht mehr; tapfere Krieger sollen sich achten!« »Und der böse Geist soll mich heimsuchen, Tamenund, wenn du nicht die einzige Rothaut bist, die in meinem Zelte schlafen soll als mein Bruder, sobald du nach dem Valley kommst!« »Ich werde kommen, Blaßgesicht. Es wird Nacht, laßt uns die Augen schließen.« – Er winkte. Die Weiber vermehrten die Glut durch neues Holz. Yokomen zog aus dem Gebüsche ein zweites indianisches Zelt und schlug es ebenfalls vor dem Feuer mit Vogels und Oddons Hilfe auf, indessen Steuben unter seine Begleiter die Nachtwachen verteilte und sich dann mit Gates und Duvonceau in das zweite Zelt zurückzog. Eine Stunde später schliefen alle, nur Karl Vogel, die Flinte im Arm, hielt bei den Ruhenden Wache. – Seltsame Träume zogen an Steuben im Schlafe vorüber, Sophies Bild und das der Sigh. Friedrich II., den Krückstock unter den Arm gepreßt, saß nachdenklich am Feuer bei Tamenund, und sie erzählten einander von dem großen Geiste. So wunderlich hatte Steuben noch nie geträumt, und noch wunderlicher war sein Erwachen. Eine Stimme klang an sein Ohr, die französisch redet, leise erst, dann immer lauter. Er riß die Augen auf. Sonnengold flammte ins Zelt hinein, und eine Hand legte sich auf seine Brust. Tamenund saß neben ihm. »Steh' auf, Bruder,« sagte er leise, »begrüße den Tag, dann will ich mit dir reden.« Steuben folgte lautlos der Aufforderung. Als er vor das Zelt trat, genoß er einen überwältigenden Anblick. Der Felsvorsprung, auf dem sich das kleine indianische Lager befand, war so hoch über der Gegend gelegen, welche die Reisenden durchquert hatten, daß ein weiter Ausblick gegen Osten möglich war. Er sah nichts als den hellen Winterhimmel, an welchem rotglühend das Tagesgestirn durch den Frostnebel heraufstieg, ihm zu Füßen aber dehnte sich der beschneite Wald wie ein grünes ewiges Meer, am Horizonte verrinnend. Die riesigen Baumwipfel glichen grünen Wellen, und als der Morgenwind über sie heranbrauste, gab es ein Wogen und Rauschen in der Laubflut. »Es ist das grüne Wasser ohne Kanu!« sagte Tamenund, Steubens Empfindungen erratend. »In ihm bin ich geboren, in ihm verirre ich mich nie, in ihm werden sie mich begraben! Baron, du fragtest gestern, ob ich ein Prophet bin, ein Mann, der alles voraussieht. Nein, Bruder. Ich bin von meinem Volke nur ein weiser Mann genannt, weil der große Geist mir mehr Geist gab als anderen. Dennoch kann ich dir sagen, was du vielleicht nicht glaubst. Aber es ist doch wahr. Ich bitte dich, Bruder, hüte dich vor dem Mann mit der Narbe! In seiner Seele ist Stolz und Neid, er wird dir im Valley mit seinen Genossen Sorge machen! Noch mehr aber hüte dich vor dem Manne mit den zusammengewachsenen Augenbrauen, er hat das tückische, treulose Herz eines Schakals! Willst du mir nicht glauben, so glaube wenigstens daran bei der Macht der zwei toten Augen, die dich in Sigh anblicken! In Valley sehen wir uns wieder, ich sage dir also nicht Lebewohl!« Steuben war erstaunt und erschüttert zugleich. Es kam eine Art kindliche Furcht vor diesem greisen Indianer über ihn, dem Manne, der von der Geliebten Augen sprechen konnte, die jenseits des Ozeans tief in seiner märkischen Heimat seit vielen Jahren den letzten Schlaf schliefen. Rasch wandte er sich fragend nach ihm um. Der Häuptling war fort. Steuben hatte den leichten Tritt des Wegeilenden nicht vernommen. Jetzt regte sich's rings, die Schläfer erwachten. Zuerst tauchten die beiden Squaws auf, versorgten das fast erstorbene Feuer mit neuer Nahrung und füllten den Kessel. Steuben zog die Wache ein, während Vogel, Fergus und Oddon die Pferde sattelten und packten. Bald saß man um das Feuer, und die warme Wildbrühe mit Hirschfleisch galt als Frühstück, auf das man einen Schluck Rum setzte. Diesmal saß Tamenund neben Gates, sie sprachen englisch über den nächsten Weg nach dem Valley. »Ich kenne keinen besseren als den längs des Flusses nach Montgomery, von dort geht's steif südlich auf die Forge!« »So werdet ihr erst abends in dem Tale sein. Gehst du aber meinen Weg, so bist du's in drei Stunden.« »Wie sollten wir deinen Weg aber finden, Yokomen müßte denn mitgehen.« »Yokomen geht nicht mit, mein Sohn ist auf der Jagd. Er hat diese Nacht den großen grauen Bären gewittert. Sigh kennt den Weg ebensogut.« »Wie kann das arme Kind denn allein aber zurück, wenn solch ein graues Biest hier herumhaust?« »Ich werde sie holen oder mein Sohn. Der große General wird als Vater für sie sorgen.« Tamenund, jeden Widerspruch abschneidend, trat zu Steuben: »Bruder,« er legte feierlich seine Hand auf des Barons Schulter, »das Seltenste auf Erden ist ein ganz gerechter Mensch. Einen solchen wirst du in dem Manne sehen, der dir nun befehlen wird! Auch wirst du einst solch ein gerechter Mensch sein, wenn dein Herz immer in deinem Kopfe, wenn dein Geist immer in deinem Herzen lebt! Der große Manitou schreitet vor dir auf dem Pfade!« – Er drehte sich um und trat in sein Zelt, aus ihm kam jetzt Sigh, gekleidet wie gestern, aber das Bowiemesser hing auf ihrem Rücken, im Ledergürtel trug sie das Kriegsbeil und in der Linken einen langen abgeschälten Stock. Sie stellte sich still an den Kopf von Steubens Pferd und küßte es auf die Nüstern. Nur einen nachdenklichen Blick warf unser Held auf diese geschmeidige, noch kindliche Gestalt, dann winkte er den anderen und saß auf. Mochte auf Gates der gestrige Abend ebenso tief gewirkt haben oder die Gewißheit, binnen wenigen Stunden dem strafenden Blicke Washingtons zu begegnen, die Ursache sein, der General war heute ernst und schweigsam, seine frühere sorglose Dreistigkeit hatte ihn gänzlich verlassen. Er drängte sich weder Steuben auf, noch trieb er Narrheiten im Nachtrab, vielmehr gesellte er sich zu Duponceau, während Steuben vorausritt, Romanai und l'Enfant aber zunächst ihm folgten. Neben dem Kopfe seines Rosses, dicht vor ihm, schritt Sigh. Sie war still und wandte sich nicht um. Hinter dem Zelte ihres Großvaters führte sie auf einer schmalen Fährte die Offiziere durch das hohe Holz der Schierlingstannen einer engen Kluft zu, die über Steingrate zackig steil zwischen zwei Felswänden emporführte, welche kulissenartig links oder rechts in den Weg vorsprangen, ja ihn oft verdeckten. Steuben, auf der ganzen Reise mit seinen Ideen beschäftigt, erwog, daß hier eine halbe Kompanie energischer Leute völlig genügen würde, des Paß selbst gegen ein starkes Korps erfolgreich zu verteidigen. Hatte er bei solchen Gedanken nun vielleicht sein Pferd außer acht gelassen, oder tat es von selbst einen Fehltritt, kurz, es war eben im Begriff, auf die Vorderfüße zu stürzen, als Sigh es kraftvoll am Zügel emporriß, Steuben einen warnenden Blick zuwarf und nun die Hand nicht mehr von dem Halfter des Pferdes ließ. Es lag so viel besonnene Entschlossenheit und zugleich zarte Sorgfalt in dem Kinde, daß Steuben gerührt war. Er legte seine Hand auf ihre Schulter. Sie blieb stehen und regte sich nicht. Er legte seine Hand auf ihr Haupt. »Gott segne dich!« sagte er sanft in französischer Sprache. Da wendete sie ihr flammendes, liebliches Gesicht, ihre Augen schimmerten in Tränen. »Der große Geist sei bei Euch, mein Baron!« erwiderte sie leise ebenso, und ihr Blick bohrte sich ihm in Auge, Hirn und Herz. Es war nur ein Augenblick, aber – welch ein Augenblick! Die Hand am Zügel und jetzt von einer Art Unruhe erfaßt, eilte Sigh schneller vorwärts als vorher. »Auch du sprichst die Sprache der Franzosen, Mädchen?« »Der Großvater und General Wash spricht sie stets mit mir!« »Du verstehst auch Englisch und Indianisch?« »Ich verstehe alle Sprachen, die der Großvater kennt; ich muß oft ins Valley!« »In unser Lager und allein?« rief Steuben. »Kind, fürchtest du dich denn nicht, zu den Soldaten zu gehen?« Sie wendete sich in grenzenlosem Erstaunen zu ihm. »Du bist doch ein wehrloses Kind, bist ein Mädchen!« verbesserte er sich, über seine eigene Frage errötend. »Wer sollte dem Wesen etwas tun, das der große Wash liebt, welchen alle lieben? – Doch ich verstehe dich! Es gibt dort,« sie zeigte nach der Richtung des Weges, »wie überall, Menschen mit guten Gedanken und Menschen mit bösen Gedanken. Wer Menschen mit bösen Gedanken in der Einsamkeit begegnet, ist so in Gefahr, wie wenn die Unze, der Jaguar oder der graue Bär in seinen Weg tritt. Sigh ist ein Kind, Sigh ist ein Mädchen! Sigh ist aber des toten großen Kriegers Tamenunds Tochter, ist die Sohnestochter des Propheten! Sein Kriegsbeil trifft nicht sicherer als das meine, und der böse Mensch auf meinem Wege mag seinen Skalp in acht nehmen!« Es lag in diesen Worten ein so weibliches Bewußtsein, ein so stolzer Trotz, daß unser Freund überzeugt war, unter Umständen werde sie ihr Selbstvertrauen auch durch die Tat zu rechtfertigen wissen. Unter derlei Gesprächen waren sie über zwei Stunden dahingezogen, stetig bergauf durch dieselbe Schlucht, welche sich wie ein ewiges Labyrinth dahinzuziehen schien. Plötzlich hielt sie Steubens Pferd an, blieb stehen und machte zu den übrigen Offizieren die Gebärde des Stillschweigens. Dann kniete sie hastig nieder und näherte ihr Ohr dem Boden. »Reiter sind auf unserem Wege!« sagte sie, sich erhebend, sie kommen herunter, uns entgegen!« »Was für Leute können es sein, Sigh?« »Von Valley Forge allein, der Weg führt nirgend anders hin! 's ist General Wash, denn er hat gesagt, er wolle die Stunde deiner Ankunft wissen. Deshalb ist Yokomen in der Nacht voraus.« »Ich denke, er jagt den Bären, den er gespürt hat?« »Nicht er, Vater Tamenund hat ihn die Nacht gespürt und ist ihm jetzt auf der Fährte!« sagte Sigh leiser. »Bleichgesichter brauchen roten Mannes stillen Weg nicht zu wissen, nur Wash weiß ihn!« Steuben wurde es nun klar, daß der greise Indianer und die Seinen, mochten ihrer nun viele oder wenige hier herum sein, Kundschafterdienste für Washington verrichteten und ihn lange vorher benachrichtigten, wenn irgend jemand sich dem verborgenen Tale näherte, in welchem die Hauptarmee, die eigentliche Hoffnung der Union, kampierte. Man setzte sich ruhig wieder in Gang, da der Baron wegen des General Gates es nicht für geraten hielt, das Erscheinen des Diktators offen anzukündigen, ihm auch, trotz der Verläßlichkeit Sighs, nicht glaublich erschien, daß Washington ihn durch ein solches Entgegenkommen so auffällig auszeichnen werde. Plötzlich erklang vor ihnen die teilweise verschneite Felsschlucht von Roßtrapp, der Schall zog wie durch einen von Echos erfüllten Tunnel die Schlucht zu ihnen herab. Nun wurden Reiter sichtbar. »Wash, der große Krieger!« rief Sigh und eilte in Sprüngen voraus, dem Nahenden zu. Ein eigenes Gefühl von Ehrerbietung und Liebe beschlich Steuben, als er des Mannes ansichtig wurde, der von allen verehrt wurde, ja dessen Feinde selbst nur den einen Fehler an ihm fanden, daß er zu tugendhaft sei. George Washingtons große, schlanke Figur nahm sich auf dem Schimmel, den er stets ritt, imposant, fast königlich aus. Sein langes Haar, im Nacken nur durch ein Band gebunden, umrahmte ein edles, von jener stolzen und großen Ruhe erfülltes Gedicht, wie innere Wahrhaftigkeit bedeutenden und guten Männern es verleiht. Sein braunes Auge war tief, fragend und sinnend, aber weder von drohendem Glanze noch Unruhe erfüllt. So kam es, daß Washingtons bloßes Erscheinen oft die aufsässigen Milizen zu Vertrauen und Geduld zurückführte. Bedenkt man, daß des Obergenerals Lage jetzt gerade die bedenklichste des ganzen Krieges war, jeder geringere Feldherr und Staatsmann sie für verzweifelt angesehen hätte, so wird man ermessen, welche Willenskraft dieser Heros der Amerikaner über die Gefühle seines Innern übte. Seine Uniform war dunkelblau und ziemlich abgetragen, sie hatte karmesinrotes Futter und Aufschläge. Seinen Leib umgab die dreifarbige Schärpe der Union, und seinen Rang als Oberstkommandierenden kennzeichneten nur die Kantillen, seine Epauletten und ein kurzer weißrot und blauer Federbusch auf dem Hute. Ar seiner Begleitung befanden sich nur zwei Stabsoffiziere und ein Diener zu Pferde. Sigh lief auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen. »Er kommt, der Baron, großer Vater!« Washington überließ der Kleinen seine Hand, die sie küßte. »Der Mann mit der Schmarre ist bei ihm?« »Wie Yokomen dir gesagt hat.« »Hat Tamenund von der schielenden Schlange gehört?« »Die Squint Snake ist vor zwei Wochen an den Ort zurückgekehrt, wo der Schuylkhill in den großen Fluß fällt. Wir haben die Spur seiner Füße bis dorthin verfolgt. Er wird aber wiederkommen. Er hat viel falsche Cherakis nach dem Norden gebracht!« »Es ist gut. Wir werden schon sehen, wo der Schwanz der Snake zu finden ist. Bleibe zurück, bis wir umwenden. – Meine Herren,« er wendete sich halb zu seinen Begleitern, »ihr werdet die Güte haben, euch mit des Barons Begleitung zu beschäftigen, damit ich ihn allein habe!« Als Steuben Washington näher kam, brachte er sein Pferd in raschere Gangart, zog den Hut und ritt entblößten Hauptes zu ihm. »Exzellenz,« sagte er französisch, »Friedrich Steuben, ehemals preußischer Adjutant, meldet sich zum Dienst!« Washington lüftete den Hut. »Willkommen, Herr Baron! Bedecken Sie sich, und reichen Sie mir als Freund, Gesinnungsgenosse und Kamerad die Hand. Ich stelle Sie hier zweien meiner Stabsoffiziere, Lord Stirling, den wir schlechtweg den »Lord« nennen, und meinem Divisionsgeneral, Nathanael Greene, vor. Zeigen Sie uns Ihre Begleiter.« Steuben wendete und ritt neben Washington zu den Seinen zurück. Während er sie sämtlich vorstellte, würdigte Washington den General Gates, welcher sichtlich verlegen war, keines Blickes. »Ich begrüße Sie sämtlich, meine Herren, als wertvollen Zuwachs der Armee, die Ihren Geist wie Ihre Energie bald schätzen lernen wird. Machen Sie sich mit meinen Begleitern bekannt. Mister Gates, kommen Sie doch an meine rechte Seite, der Baron reitet links!« Damit wandte er, und die Kavalkade setzte sich in Gang. Natürlich verfehlten Steuben wie Gates nicht, dem Willen des Oberbefehlshabers nachzukommen. Als sie zu Sigh kamen, trat die Kleine wieder an Steubens Pferd, neben dem sie hinschritt. »Gates,« begann Washington, »ich entbinde Sie von jeder Erklärung wegen des Geschehenen, es ist vergessen! Ich würde dessen gar nicht erwähnen, wenn nicht Ihre Machinationen in diesem Falle das Staatswohl so nahe berührt hätten, daß dasselbe gefährdet schien! Ich warne Sie deshalb! Tun Sie mir gegenüber, was Sie wollen. Solange es nur mich allein betrifft, wissen Sie, daß ich alle Ihre Künste nur zu bemitleiden vermag. Wiederholt sich der Fall aber, daß Ihr selbstischer Eifer nicht bloß die Person, sondern die Sache gefährdet, so lasse ich Sie vor Ihrer eigenen Front niederschießen. Der Baron ist Zeuge, daß Sie gewarnt sind! – Reiten Sie sofort voraus nach dem Valley, melden Sie sich bei Lafayette. Sie sind vorläufig meinem Stabe beigegeben und dem Kriegsrat! Im übrigen begrüße ich Sie gleichfalls, Kamerad Gates!« Er reichte dem blassen Manne die Hand. »Exzellenz, wenn ich Unrecht tat, so bin ich gründlich bestraft. Sie werden keine Ursache mehr haben, mir Ihre Achtung zu entziehen.« »Bringen Sie Convay dieselbe Gesinnung bei, dann tun Sie an uns allen ein gutes Werk! Sigh, zeige dem Manne mit der Schmarre den Weg, dann komme zu mir.« – Sofort sprang Sigh an Gates Seite und erfaßte seines Pferdes Zaum. »Es kommt die schroffe Höhe«, sagte sie entschuldigend. – Im nächsten Augenblick war die Indianerin mit dem General um die breite Felsenecke verschwunden, welche wandartig so in den Weg ragte, daß mit knapper Mühe ein Reiter bei ihr vorüberpassieren konnte. »Der Mann dort würde ein ganz leidlicher General sein, Baron,« sagte der Diktator gedämpft, »wenn er sich mit dem Waffenhandwerk allein, nicht aber mit Parteipolitik befaßte, und würde ein noch besserer Bürger wie Soldat sein, vermöchte er mehr an sein Land und weniger an sich zu denken! Sein freiwilliges Versprechen hält er gewiß, dennoch werden Sie erleben, daß er sich auf die eine oder andere Art durch die Gewalt seiner eigensüchtigen Leidenschaften den Hals bricht.« »Mir scheint, Sie beurteilen den Sieg von Saratoga ebenso wie ich.« »Der Tag von Saratoga ist dann von politischem Werte, wenn er uns die offene französische Allianz einträgt! Vom militärischen Gesichtspunkt ist dieser Sieg aber keine Meisterleistung. Ferner ist das, was ihn ermöglichte, nämlich die geschickt Vorbereitung der Umstellung des Generals Schuyler, nicht das Verdienst Gates'!« Inzwischen hatten alle die Höhe ohne Unfall erreicht. Hier ritten sie über eine muldenförmige Ebene hin, welche in einer kurzen Schlucht in einen etwa eine Meile haltenden schroffen Kessel fiel, es war »das verlorene Tal«, die Valley forge! – »Unsere Bergfeste ist schrecklich unangenehm.« »Der Ort ist so lange gut, bis wir ein besseres Heer haben, Exzellenz. – Eine Frage! Da Tamenund Ihr unbedingter Freund ist, könnte er, bei seiner Macht über die Gemüter, nicht etliche Dutzend Stämme vereinigen, mit denen man inzwischen die Engländer beunruhigen könnte?« »Das ist unmöglich! Des Propheten Macht ist gewiß unbedingt, aber nur über den Stamm, bei dem er sich gerade befindet. Feindliche Stämme untereinander versöhnen kann er wohl, sie aber zum Kampfe für uns gegen England vereinen niemals. Sie würden den Propheten auslachen und an ihm irre werden.« »Sie selbst nennen ihn einen Propheten. Glauben Sie wirklich, er sehe Dinge, die anderen verborgen sind?« »Glauben Sie es denn?« »Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Er sah mich nie, kann von meiner Vergangenheit nichts wissen. Dennoch erinnerte er mich daran, daß Sigh dieselben Augen habe wie das tote Weib meines Herzens, das seit Jahren in preußischer Erde schlummert!« Washington lächelte leicht. »Tamenund ist zwar kein Prophet, aber gewiß ein sehr weiser Mann und Menschenkenner! Er merkt auf alles, benutzt alles; wenn irdische Klugheit je von dem Heute auf das Künftige richtig schließen könnte, die seine kann es! Ich will Ihnen klarmachen, wieso er Sie staunen machte. Leah Franklin fragte Sie am Tage Ihres ersten Besuches bei Ben, ob Sie geliebt hätten, Sie erklärten, Ihre Braut sei tot. Hieran knüpfte Bens Frau den ihr sehr ähnlichen Vergleich zwischen Ihrer toten Liebe und der begrabenen Freiheit Amerikas!« »Leah erschütterte mich und reifte zuerst meinen Entschluß, zu kommen.« »Ich weiß es. Ben teilte mir das Gespräch mit, um mich einen Blick in Ihren Charakter tun zu lassen. Tamenund ist nun von höchster Wichtigkeit für uns, vor ihm habe ich kein Geheimnis. Sie werden seine eigentliche Macht noch kennenlernen, mir aber war darum zu tun, daß er Sie auch schon kenne, ehe er Sie sähe.« »Sie teilten ihm Bens Brief und Leahs Worte mit?« »Und er sagte: ›Der Mann, dessen Squaw geschieden ist, und der nicht wieder lieben kann, wird seiner Freunde bester Freund, wird wild wie der Panther und kalt wie der Bär beim Kampfe sei«!‹ – Wahrscheinlich, als Sie des lieben Kindes schöne Augen sahen, verriet dem Alten Ihre staunende Ergriffenheit, daß Ihnen der Verklärten Bild vorschwebe! Das ist Tamenund, der Prophet.« »Er warnte mich heute früh vor dem Mann mit der Schmarre!« »Gates? – Dann hat er guten Grund! Gates und Convay stecken unter einer Decke, reformieren Sie aber die Armee, so ist Convay eine Null!« »Gut, Exzellenz. Der Indianer sagte aber, ich sollte mich noch mehr vor einem Manne in acht nehmen, der zusammengewachsene Augenbrauen hat, er besäße das treulose Herz eines Schakals!« Washington zuckte auf, dann sann er. – »Baron,« sagte er nach einer Pause, »diese Warnung geht nicht Sie, sie geht vielmehr mich an! Es sieht dem Tamenund ganz ähnlich, daß er wichtige Dinge, welche er ahnt, ja oft mit seltsamem Instinkte voraussieht, die er aber nicht beweisen kann, dem, den sie angehen, nicht selbst, sondern solchen sagt, von denen er weiß, daß sie dem Betreffenden davon Mitteilung machen werden. Der Mann, den er meint, ist General Arnold; Sie werden ihn morgen sehen. Jedenfalls schwebt Tamenunds Verdacht nicht völlig in der Luft; ich werde Mr. Arnold fortan schärfer ins Auge fassen. Vielleicht, wenn der Alte ins Lager kommt, wird er mir sagen, weshalb er ihn beargwöhnt. Ich frage ihn nicht, denn er wird nie zu mir selbst reden oder eine Anklage aussprechen, wenn er seiner Sache nicht gewiß ist.« Das Gespräch stockte, sie kamen an eine kurze, enge Schlucht, die wie ein gewundener Trichter nach der Forge von dem Plateau hinabführte. Washington ritt voraus. Plötzlich hielt sein Pferd an, denn aus einer Querspalte glitt ein Indianer herab und sprang in den Weg. »Ei, Yokomen, du?« rief der Obergeneral. »Aber was machst du hier? Wenn du mich sprechen mußt, ist in dem Valley denn nicht Zeit, und wenn du den Vater verließest, weshalb kamst du nicht mit dem Baron statt Sighs?« »Im Lager zwei, vier, sechs böse Ohren! Lief die Schlucht voraus hierher, Tamenund folgt und wird bei dir sein, wenn das große Licht zum zweiten Male sinkt.« Er zeigte nach der Sonne. »Also morgen abend? Wo ließet ihr die Frauen, junger Mensch?« »Im Verborgenen!« »So ist ein Feind auf dem Wege!« »Du sagst es! Reite vorüber, daß ich ihm begegne; Tamenund folgt seiner Spur herauf!« »Squint Snake!« »Ich habe nichts gesehen«, sagte die Rothaut ausweichend. »Tamenund aber sagt, du sollst etliche deiner Freunde und den Mann mit den verwachsenen Augenbrauen bei dir haben, wenn er kommt. Er hat dem Manne große Dinge zu sagen.« »Es soll geschehen!« Yokomen verschwand. Man erreichte des Ausgang des Hohlweges, welcher mit einem Verhau versehen und durch ein starkes, rohes Holztor zu passieren war. Am Verhau war ein Wachtpikett, das vor den Ankommenden präsentierte. Jetzt wurde das Tal frei. Von hohen Bergen umgeben, verschneit und teilweise bewaldet, lag in dessen Mitte ein ärmliches Dorf von weitverstreuten Blockhäusern. Elende Zelte, Erdhütten, Schuppen, kurz, die primitivsten, rohesten Wohnungen menschlicher Wesen waren überall sichtbar, das Haus Washingtons zeichnete sich durch einen dreifarbigen Wimpel aus. »So sind unsere Truppen logiert, Baron, hier mögen Sie auf ihren Zustand schließen. Sie werden morgen so viel Heilloses sehen, daß es Ihnen schwerfallen wird, zu sagen, was zuerst zu bessern sei.« Damit verabschiedeten sich der Obergeneral, Greene und Stirling, Steuben stieg ab, und wenige Augenblicke später löste das warme Herdfeuer seines Quartiers den lähmenden Frost von seinen Gliedern. Les Sansculottes Andern Tages früh, bei gelindem Frost und klarem Wetter, stieg der Baron mit seinen Begleitern zu Pferde. Gegenüber von Washingtons Quartier fand sich dessen berittene Suite ein, und Trommelrasseln wie Hornsignale und die ameisenhafte Bewegung im Dorfe zeigte, daß die Regimenter schon im Ausrücken begriffen seien. Noch am Nachmittag des gestrigen Tages hatte der Obergeneral einen Armeebefehl erlassen, in welchem dem Heere die Ankunft des »Barons, des Adjutanten des großen Preußenkönigs«, angekündigt und eine Parade zu dem Zweck befohlen wurde, um die Tüchtigkeit der Armee zu prüfen, deren Mängeln aber auf frischer Tat abzuhelfen. Jetzt saß unser Held nebst Genossen zu Pferde und erwartete das Erscheinen Washingtons, dessen bekannter Schimmel mit einem anderen, ebenfalls weißen Pferde eben vorgeführt wurde. Washington trat aus der Tür, gefolgt von einem noch sehr jungen Manne mit kurzgelocktem, brennend rotem Haare, vornehmen, sehr lebhaften Zügen, der eine strahlende französische Generalsuniform trug; hinter beiden wurden etliche Adjutanten sichtbar. Washington und der rotblonde Franzose saßen, nachdem sie der Anwesenden Gruß erwidert hatten, auf, Washington sprengte auf Steuben zu, parierte sein Pferd und sagte: »Meine Herren Kommandeure, ich stelle Ihnen den preußischen Baron Steuben vor, dessen Ankunft wir längst erwartet haben. Sie werden ihn als den beim großen Stabe angestellten Instrukteur der Armee so lange ansehen, bis der Kongreß seine Wirksamkeit und Stellung definitiv festgesetzt haben wird. Kommen Sie ihm mit demselben aufrichtigen Vertrauen entgegen, das ich für ihn hege. Sehen Sie in ihm den preußisches Kriegsmann, der Schüler und Freund seines großes Monarchen gewesen ist und unter uns erscheint, um der Armee und dem Lande wie ein Patriot, freiwillig und opfermutig, zu nützen. Die Generale Greene, Stirling und Gates kennen Sie schon, Baron. Hier ist Generalinspekteur Convay, dem ich befehle, Ihnen jede verlangte Auskunft und Einblick in seine Papiere zu geben.« Er deutete auf den rotblondes Franzosen. »Dies ist mein vorzüglicher Freund, Generalmajor Marquis de Lafayette! – Hier aber sind die Generale Charles Lee, Mifflin und – Benedikt Arnold!« – Er warf Steuben einen scharfen Blick zu. Steuben verbarg seine plötzliche Erregung. Das war der Mann mit den verwachsenen Augenbrauen. »Ferner empfehle ich Ihnen meine Generalstabsoffiziere und militärischen Vertrauten, die Obersten Laurens und Alexander Hamilton, General Kalb, Oberst Armstrong und de Neuville. Die anderes Kommandeure stelle ich Ihnen bei den Truppen vor. Folgen Sie uns, meine Herren, und machen Sie sich mit den Offizieren des Barons bekannt.« Damit setzte sich Washington nebst Steuben an die Spitze der Suite. Sie verließen den Ort und trabten einer weiten Ebene zu, auf welcher in langen dunklen Linien die Armee aufgestellt war. »Exzellenz, Sie haben keine Stabswache?« »Wieso? Was ist das?« »Es ist eine Truppe, welche die Pflicht hat, den Oberbefehlshaber wie dessen Stab zu begleiten, zu verteidigen und sein Hauptquartier zu beschützen.« »Eine Leibwache? Ich? Das mag für einen König taugen, nicht für Washington!« »Sie sehen das, meines Erachtens, nicht richtig an, Exzellenz! Jeder Obergeneral jeglichen Landes hat eine solche Wache im Kriege! Nicht nur dürfen Sie, das Ganze einer Schlacht im Auge, auf Ihre Person nicht achten, Sie müssen sich auch rücksichtslos der Gefahr im Gefecht wie bei Rekognoszierungen aussetzen. Ferner ist noch Ihr Stab nebst Adjutanten da, die mit Ihren Befehlen beschäftigt sind, sich also weder um Ihre noch um die eigene Person kümmern können. Dazu aber ist diese Stabswache eben da und hat zu verhindern, daß nicht eines Tages die Armee ohne Feldherrn und Generalstab sei!« »Es liegt viel Wahres darin, aber es ist eine aristokratische Neuerung!« »An Neuerungen muß sich Exzellenz nicht stoßen, wenn ich Ihnen hier von Nutzen sein soll. Nicht darum, ob dieselben aristokratisch oder demokratisch sind, handelt es sich, sondern ob sie gut sind!« »Haha, und da fangen Sie gleich mit denselben bei mir an?« »Es ist der logische Weg von oben nach unten! Übrigens wird diese Stabswache dem ganzen Heere zugute kommen.« »Wieso?« »Ich werde sie kommandieren, folglich sie auch exerzieren. Wir nehmen dazu meine Ehrenwache, die ich nicht brauche. Sind die Leute ausgebildet, dann kommt eine neue Kompanie daran, damit man sieht, was aus dem einzelnen Manne unter geschickter Leitung zu werden vermag.« »Sie können doch aber so die ganze Armee nicht disziplinieren?« »Nein, die Stabswache soll gewissermaßen nur unser Lehrbataillon sein, unsere Soldatenakademie, welche dann für die übrigen die Instruktoren und Exerziermeister abgibt. Die anderen Truppen aber lassen wir einstweilen regimenter- und brigadeweise üben, die muß man vorerst in der Totalität ausbilden. Das ist allerdings der völlig umgekehrte Weg wie in Preußen, wo man mit dem einzelnen Mann anfängt, aber dieser Weg ist für Amerika und unsere mißliche Lage der einzig gebotene, wenn wir hoffen wollen, nächsten Sommer schon mit besserem Glück an den Feind zu kommen.« »Ich erkenne jetzt Ihre Absicht, Sie fangen die Reform an beiden Enden auf einmal an! Das ist gut. Ich werde die Stabswache bewilligen und ganz nach Ihrem Sinne handeln. Lassen Sie uns jetzt die Fronten abreiten, dann defilieren die Truppen. Ich bitte nach der Parade um Ihre Meinung.« Diese Parade unterschied sich von Falstaffs berühmter Garde nur durch die größere Zahl und eine barockere Vielseitigkeit der Leute. Dort sah man Musketiere, die kein Bajonett, statt der Patronentasche aber einen leinenen Beutel am Säbelgurt hatten. Jenen fehlten die Seitengewehre, diesen die Flinten. Kavalleristen ritten zwar auf Sätteln, aber ohne Schabracken, andere auf Decken, aber ohne Sättel. Manche Pferde hatten keine Zäume, sondern nur Halfter. Die Bespannung der Artillerie war höchst ungleich und die Bekleidung erbarmungswürdig. Viele hatten statt der Hemden den Leib in Decken gewickelt, und ein Hauptmann trug sogar einen zerfetzten Schlafrock, von dem Regimentsschreiber aus verschiedenen Kalikoresten verfertigt. Ebenso sonderbar war, was man hier unter Marschieren und Exerzieren verstand. Dabei zeigten Offiziere wie Leute jedoch einen Ernst, einen Eifer, eine Lust, ein so stolzes Selbstbewußtsein, daß es sehr bedenklich gewesen wäre, über sie zu lachen. Während dies sonderbare militärische Schauspiel vor sich ging, erklärte Washington halblaut Steuben, woher diese Mängel alle stammten, welche an dem Mißlingen jeder größeren Aktion bisher schuld gehabt hätten. Die Revue näherte sich dem Schlusse. »Nun Ihre Meinung, Baron!« »Sie ist, Exzellenz, daß trotz dieser Mängel, trotz dieser Disziplinlosigkeit und schlechten Ausrüstung dennoch England, kämpfte es auch hundert Jahre, sich niemals zum Herrn Amerikas machen wird! Diese Leute, über die man in Preußen lachen dürfte, werden dem besten englischen Heere dennoch stets verderblich sein, denn ihnen stehen nach jeder Schlappe diese kolossalen Einöden des Gebirges, diese Urwildnisse als Schlupfwinkel zu Gebote, und sie werden stets über die englischen Korps dann wieder mit Feuereifer hereinbrechen, wenn sie gekräftigt sind, der Gegner aber eine Blöße bietet! Durch Waffengewalt erliegen kann die Union also nie, England müßte denn ein Xerxesheer von einer Million an diese Küste werfen. Bei diesen Zuständen der Armee kann aber Amerika auch nie siegen, nie die englische Tyrannei abschütteln. Geld und Kräfte des Landes müssen schließlich versiegen, der Geist der Vaterlandsliebe ermatten. Das Volk wird sich dem Gegner dann mit jener Zahmheit beugen, welche die Frucht der Erschöpfung und Verzweiflung ist. Sie sagen, diese Leute sind nur auf sechs oder neun Monate geworben? Wie ist es möglich, in dieser Zeit aus ihnen Soldaten zu machen? Und wenn sie weniger Sold bekommen, als zu ihrer Existenz nötig ist, wie sollen sie bei der Fahne dauernd erhalten werden? Millionen sind verpraßt, Gott weiß wie, aber die Armee darbt an allem! Der Geist der Truppen muß ja verwildern, und wenn Sie seufzend klagen, daß jeder Leutnant zwei und drei Diener aus seiner Truppe wählen darf, Obersten und Generale aber noch mehr, nun, so ist die Armee, die ich in Europa so bewundern hörte, ein Bedientenheer geworden, wie ich es schmählicher in keinem Lande sah!« Washington reichte Steuben die Hand. »Entwerfen Sie ein Memorial über die Art, wie die Heeresverwaltung, Verpflegung, Gliederung oder dergleichen in Preußen geordnet ist. Heute abend sieben Uhr sind Sie mit Herrn Duponceau mein Gast; ich erwarte den Propheten!« Er lüftete den Hut, begab sich in die Mitte der Suite und befahl sämtliche Offiziere der Armee vom Major aufwärts heran. Er entfaltete einen Brief. »Laut Beschluß des Hohen Kongresses ist Generalinspekteur der Armee, Convay, direkt unter meine Befehle gestellt und hat mir allein Rechenschaft zu geben. Baron Steuben ist meinem Stabe einverleibt und soll alle Mängel der Armee untersuchen und als Instruktor bei derselben fungieren. Ich ernenne ihn zugleich zum Kriegsrat und gebe ihm außer seinen mitgebrachten Offizieren die Herren Benjamin Walker, Fish und English und versehe mich zu dem Heere und allen Offizieren, daß sie die Bemühungen des Barons mit entgegenkommendem Eifer vergelten, unsere Mängel entfernen und uns zum Siege verhelfen werden! – Kameraden, der Baron hat soeben versichert, daß, ob ihr auch jetzt in Lumpen steht, schlecht verpflegt und bewaffnet seid, es unmöglich ist, daß England uns je überwinde! Aber er schwört mir ebenso zu, daß wir nie unsere Feinde aus dem Lande werfen werden, wenn es so weiter fortgeht! Ich werde eine Lehrkompanie bilden, die der Baron exerzieren wird, ferner wird er die Armee regimenter- und brigadenweise einüben lassen. Unsere Lage, meine Freunde, ist so traurig, daß jeder, welcher Amerika liebt, einen Mann freudig begrüßen muß, der die Fähigkeit und den Willen mitbringt, unsere Verhältnisse zu bessern. Ich befehle dem Baron Steuben, ans Werk zu gehen!« – Diese englisch gehaltene Ansprache des Obergenerals wiederholte Hamilton französisch. Steuben aber, den Hut ziehend, erwiderte: »Ich gehorche Ew. Exzellenz Befehl! Ich habe keine andere Absicht, keinen anderen Willen, als daß Amerika frei und unabhängig werde und der letzte Engländer seinen Küsten bald den Rücken wende!« »Freiheit! Unabhängigkeit für immer!« rief das Offizierkorps ringsum. »Amerika und die Union!« hallte es von tausend Zungen wieder. Man kehrte ins Dorf zurück, und unser Held eilte in sein Quartier, um sofort das Memorial und eine erste allgemeine Instruktion für die Armee zu erlassen. – Der zweite Abend von Steubens Anwesenheit in Valley-Forge sollte indessen sehr unmilitärisch schließen und unseren Helden in ungeahnter Weise erregen. Als er mit Duponceau bei Washington eintrat – es war etwas später geworden –, fand er außer Hamilton, Greene, Lord Stirling und Lafayette auch Benedikt Arnold vor. In einem Winkel am flammenden Herde saß, auf die Erde gekauert, Sigh. – Sie sprang auf, ihr eigentümliches Seufzen klang wieder, und sie reichte Steuben die Hand. »Er wird kommen«, flüsterte sie. Dann ging sie an ihren Platz zurück. »Wir warten schon eine Weile auf Sie, Baron!« »Ich wollte nur das Memorial fertigstellen, das auf die Gliederung und Verwaltung der preußischen Armee Bezug hat, denn diese, Exzellenz, müssen wir unserem Beginnen zugrunde legen.« »Das ist richtig. Ich sehe ein, Sie sind schnell bei der Hand. Natürlich dachten Sie an die Stabswache noch nicht?« »Sie exerzierte heute vier Stunden; mein Diener, ein alter Infanterist, und Kapitän Romanai instruieren sie.« »Gut. Nun lassen Sie uns zu Tische gehen. Sigh, der Diener mag das Essen bringen!« Man begab sich in ein größeres Nebengemach und nahm an der Tafel Platz. Das Gespräch war zwanglos und lebhaft. Es drehte sich um die Neubildung der Armee, und gegen Convays Wirtschaft wurde schonungslos hergezogen. Nathanael Greene zumal ließ in bitterer Satire Steuben einen Blick in das unglaubliche Chaos von Unordnung und Verschwendung tun, welches in allen Branchen der militärischen Verwaltung herrschte, so daß Überfluß wie Mangel gerade stets dort herrschte, wo beides hinderlich oder verderblich werden mußte. Beim Grogglase, Wein gab es in dem Valley nicht, saß man so noch lange schwatzend und rauchend. Stunde um Stunde verrann; schon begannen die Amerikaner des Barons Absichten zu würdigen, nur die arrogante Großsprecherei Lafayettes, der aus einem kaum neunzehnjährigen Leutnant vor ein und dreiviertel Jahren ein amerikanischer Generalmajor geworden war, und die gar zu heuchlerische Liebenswürdigkeit Arnolds behagten Steuben nicht. Steuben erörterte gerade lebhaft, daß es der größte Mangel der Amerikaner wäre, fast keine Kavallerie zu besitzen, weil dies sie hindere, mit Raschheit in der Ebene zu operieren. Widerreden und Erörterungen folgten. Washington besonders ging auf diese Materie lebhaft ein, denn er trug sich damals mit dem geheimen Plane, den englischen General Sir Henry Clinton aus New Port zu entführen oder abzufangen. Es ist bekannt, daß nur Alexander Hamiltons kluges Abmahnen Washington an der Ausführung dieses allerdings abenteuerlichen Gedankens verhinderte. Plötzlich wurde das Gespräch durch das Erscheinen Tamenunds und seines Sohnes Yokomen unterbrochen. Das Aussehen beider Indianer, obwohl den Offizieren gewiß nicht neu, war für Steuben sehr auffallend. Beide trugen nicht mehr das Kalikohemd, sondern waren nackt. Ihren Körper hatten sie mit grellen schwarzen, roten und blauen Linien, Kreisen und Figuren bemalt, führten ihre Waffen bei sich, und wenn Yokomen seine Skalplocke mit einem Fuchsschwanze verziert hatte, so trug der Prophet in ihr ein Büschel Schwungfedern des wilden Schwanes. Seine linke Schulter bedeckte eine bunte lange Decke so, daß sie seine ganze untere Gestalt verhüllte. »Sago, großer General!« sprach er und reichte Washington seine Rechte. »Tamenund hält sein Versprechen!« »Du bist auf dem Kriegspfad, Bruder«, entgegnete dieser. »Wo sahst du einen Feind? Doch setze dich, nimm meine Pfeife, unter uns ist Friede.« »Ich brauche die Friedenspfeife nicht, Wash. Denn die, welche immer zusammen im Frieden leben, wie ich und du, wissen es ohne den blauen Dampf!« Er setzte sich neben Arnold, wo – war es Zufall oder Veranstaltung des Obergenerals, ein Stuhl frei geblieben war und man das Gedeck nicht fortgenommen hatte. »Wo sahest du deinen Feind?« fragte Washington. Tamenund erwiderte hierauf nichts, sondern wendete sich zu Arnold. »Mann mit den finsteren Augen, ich bringe dir einen Gruß deines Freundes!« »Meines Freundes?« erwiderte Arnold, der plötzlich zu lächeln aufgehört hatte. »Was mag das für ein Freund sein, roter Mann?« »Der Freund, du Blaßgesicht, der deine Tat nicht verrichten kann, denn eine weite Reise hat die Squint Snake angetreten!« Arnolds Stirn rötete sich. »Was soll das heißen? Was weiß ich von der Snake? Seit wann ist ein indianischer Inschun mein Freund?« Blitzschnell erhob sich der Prophet. »Frage ihn selber!« Die Decke entglitt seinem Körper, in der Rechten erhob er an den Haaren das losgetrennte Haupt eines getöteten Indianers, dessen Blick verglast und zugleich mit einem scheußlichen Schielen starrte, und setzte ihn auf seinen noch leeren Teller vor Arnold hin. Dieser fuhr mit einem Schrei erbleichend empor und warf dabei den Stuhl um, des Propheten Hand aber legte sich langsam an den Griff seines Skalpmessers. Steuben war entsetzt und starrte die anderen an. Keiner regte sich. Die Blicke der Offiziere wendeten sich von Arnold fragend zu Washington. »Du klagst General Arnold an, Tamenund? Du mußt sehr guten Grund haben, um das zu wagen! Meines Wissens war der tote Cheraki mit den Seinen wieder hinab zum Susquehanna gegangen!« »Er war es, und ich wußte nicht, warum«, erwiderte Tamenund ruhig. »Als du sagtest, der Baron, der über das große Wasser kam, sei von York auf dem Wege ins Valley, sah ich, daß die Snake mit den Ihrigen deshalb hinab war, damit der Baron nicht hierher käme.« »Woraus schließt du das?« »Er hat ihn verfehlt, aber er folgte ihm! In der Nacht, da der Baron bei mir schlief, habe ich die Spur der Mokassins des Snake um unser Lager gesehen. Das war der große Bär, den ich jagen wollte! Ich schickte Yokomen vorher hinauf in die Schlucht bis über die Höhe. Ihm folgte ich!« – Der Prophet nahm das starre Haupt und verbarg es unter der Decke. »Er war in den Wald zurückgegangen, denn er war allein und unserer waren viele. Ich wußte, daß er da bleiben würde.« »Das war vorgestern abend?« »Du sagst es. – Als gestern morgen der blasse Baron und die anderen fortritten mit Sigh, brachte ich die Squaws mit dem Papussen in meine Verborgenheit, eilte in die Schlucht und wartete auf ihn, Yokomen aber sollte herabkommen, wenn der blasse Baron am Eingang des Valley wäre. – Snake kam. Ich hätte ihn schießen können, ich tat es nicht! Es konnten jetzt Cherakis hinter ihm sein. Ich wartete zwei Stunden, der Pfad blieb leer. Die schielende Schlange ging den Kriegspfad nicht, sondern den Schleichweg! Ich eilte ihm nach, ich traf ihn, wie Yokomen eben über den Grat weg und in die Schlucht kam, wir hatten ihn zwischen uns. Mit der Büchse durchschoß ich ihn, und mein Messer endete das Werk. Bleichgesicht!« Tamenund wendete sich zu Arnold, und seine Augen flammten wild. »Kannst du bei deinem Manitou schwören, daß er nicht zu dir kam, nicht mit dieses Mannes Blut an den Händen zu dir kommen wollte?« Damit deutete er auf Steuben. Arnold hatte sich von seiner furchtbaren Alteration genug erholt, um gefaßt zu antworten. »Ich verachte dich! – Seit wann, Exzellenz, kann eine Rothaut Zeugnis ablegen, ein Inschun Bigh Inschun, Schimpfwort auf die Eingeborenen, später auch auf die Neger übertragen. D. V. gegen einen General der Armee?« »Wenn Euer Gewissen kein Zeugnis gegen Euch ablegt, gewiß nicht!« Washington erhob sich und zog den Degen. »Dies Zeugnis Ihres guten Gewissens aber fordere ich!« Er hielt Arnold des Degens Kreuzgriff hin. »Legen Sie die Rechte auf dieses einzige Kreuzsymbol des Soldaten und schwören Sie bei jenes Toten Haupte – daß Sie die Squint Snake niemals gekannt haben!« »Ich habe die Squint Snake nie gekannt, und Tamenund lügt, so wahr mir Gott helfen möge!« »Es ist gut, General.« »Ich hoffe, Exzellenz, daß Sie diese elende Kreatur jetzt aber züchtigen werden!« »Das werde ich nicht tun!« »So erkläre ich Ihnen, daß ich mit Rothäuten nicht zu Tische sitze!« »Das werden Sie sich in meinem Hause stets gefallen lassen müssen, sooft Tamenund oder die Seinen hier sind!« »Dann gestatten Sie mir, daß ich mich zurückziehe.« »Guten Abend, Mr. Arnold!« General Arnold war bei dem Schwur sehr bleich geworden, sein trotziger Stolz war jetzt offenbar nur Verstellung. Lautlos ging er hinaus. – Tamenund winkte Yokomen. Der Sohn trat aus dem Halbdunkel der Tür und reichte dem Vater einen indianischen Gürtel, dessen innere Seite aufgetrennt war. Aus ihm zog der Häuptling ein Stück Papier. »Das Wampum der Snake?« rief Washington. »Hauh! – Arnold hat geschworen! Arnold hat falsch geschworen! Schrift redet lauter als falsches Gewissen!« Er legte das Papier vor Washington hin. Washington las es gedämpft vor. – »Sir! Ein Indianer von den Cherakis, den Snake mit Ihrem Briefe zu mir sandte, bringt diesen an Sie durch den Schielenden zurück. Ich akzeptiere alle Ihre Forderungen und hoffe, wenn der Verräter Wash aus seinem Sumpfe im Sommer herabkommt, werden wir ihm aufspielen, und Sie werden dann der Unsere sein! Mein Auftrag an Sie geht jetzt dahin, daß der besagte Baron, über den wir aus Paris genaue Mitteilung haben, auf indianischem Wege beseitigt wird! Die Snake und deren Leute sind bereits damit betraut. Mißglückt dies, dann suchen Sie allen Einfluß des Barons mit Ihren Freunden zu vernichten! Setzt er die preußische Organisation im Heere durch, so kommen wir in schlimme Lage, zumal wenn es wahr ist, daß die Franzosen sich anschicken, England den Krieg zu erklären. Philadelphia. Harry Clinton, General Sr. Majestät.« Man war starr. – »Meine Freunde, wenn es auch nicht bewiesen werden kann, daß dieser Brief gerade an Arnold gerichtet gewesen ist, denn wohlweislich fehlt jede Adresse, zweierlei wissen wir aber doch! Wir haben Verräter im Heere, und die Engländer fürchten des Barons Wirksamkeit bei uns! Dies Zeugnis des Feindes muß ihn uns nur noch werter machen.« »Wie es auch sei, Tamenund rettete mein Leben. Der Tod jenes Indianers wird dem Propheten aber den ewigen Haß des Cherakistammes zuziehen. Er und seine Familie müssen geschützt werden.« »Das versteht sich«, rief Greene. »Wir können unseren roten Freund sowieso nicht entbehren.« »Die Squaws mit dem Pappussen stehen bei den Soldaten an der großen Tür des Passes«, sagte Tamenund leise. »Man lasse sie in der Stille herein, aber wohin mit ihnen?« »In mein Quartier. Ich gehe sogleich nach Hause«, rief Steuben. »Mein Lebensretter muß mein Gast sein!« Washington reichte Steuben die Hand, indes Greene mit Yokomen hinauseilte. »Sie haben heute ein Stück englischer Schurkerei und indianischer List gesehen. Sie begreifen, weshalb Tamenund mir so wert ist. Gute Nacht!« Man trennte sich. Der Baron eilte mit Tamenund und Duponceau in sein Quartier und wies den Indianern eine größere Kammer bei seinem Schlafzimmer an, die vom Hof direkt betreten werden konnte. Eine halbe Stunde später traf die indianische Familie geräuschlos ein und bezog ihr Asyl. Spät erst ging Steuben zu Bett. * Am 4. Mai – der Schnee hatte diese Hochplateaus und Schluchten eben verlassen und war nur noch in der oberen Albanyregion zu finden – hatten Steubens Offiziere ihn gebeten, einige jüngere Kameraden von der Armee einladen zu dürfen und der Gesellschaft die Ehre seines Erscheinens zu gönnen. »Gut, ihr Herren,« erwiderte Steuben voll Laune, »unter zwei Bedingungen! Sie müssen den Obergeneral auch dazu bitten, und dann darf keiner erscheinen, der ein Paar ganze Hosen hat! Wir wollen heute eine Brüderschaft der Gleichheit in der Armut stiften, die frères sans culottes, deren erster Grundsatz sein muß, keine Hosen zu haben!« Fröhlich stimmten alle ein, Washington trat auch dem Scherze bei, und man traf seine Vorbereitungen, die freilich primitiv genug waren. Abends trafen die Geladenen, Generale, Obersten, Leutnants, kurz etwa dreißig Offiziere der verschiedensten Grade und Waffengattungen, in Steubens Quartier ein. Da ihre sogenannten Paradeuniformen schon sehr defekt waren, jeder aber das Schlechteste angezogen hatte, was er besaß, so fand sich eine wahre Lappenredoute zusammen, und man bewillkommte einander mit schallendem Gelächter. Selbst Washingtons gemessenes, stets gleiches Wesen wurde heiterer, und er beteiligte sich an der harmlosen Fröhlichkeit. Nachdem die Gesellschaft Platz genommen hatte, ließ sie sich ein zähes Beefsteak mit Kartoffeln vortrefflich schmecken, zum Dessert knackte sie Walnüsse. »Meine Herren!« sagte Steuben. »Ich habe an diese kleine Abendgesellschaft meiner Offiziere nicht ohne Absicht die Bedingung geknüpft, daß Sie in diesem Aufzuge erscheinen möchten. Nicht bloß schmückt uns diese Armut mehr als die gestickteste Uniform, sie sagt auch der Welt, daß wir Brüder in Leid und Freude sind, daß uns das Elend gleichmachte und wir diese Gleichheit und männliche Unabhängigkeit nur deswegen der Disziplin und dem Gehorsam opfern, weil ohne beide wir eben nie hoffen können, diesen Boden vom englischen Joche zu befreien. Deshalb schlage ich vor, einen Orden zu stiften, genannt les frères des Sansculottes! Sein Symbol sei sie zerfetzte Hose, sein Zweck, daß wir, sooft wir uns in brüderlichem Verkehr, ob im Lager, im Dienste oder in der Schlacht begegnen, uns erinnern sollen, wie unsere Entsagung und Aufopferung allein Amerika erretten werden! Die Statuten sollen darum nur den einen Paragraphen haben: ›Sieh in deinem Vorgesetzten, im Untergebenen in den schwersten Augenblicken selbst nur den Kameraden und Bruder, der seine Pflicht bis ans Ende tut, und strebe, ihn zu übertreffen! Wenn du dies nicht tust, bist du ein Lump, aber kein ehrlicher Sansculotte.‹« » Vivat les Sansculottes! « rief Lafayette, »die Ohnehosen von Amerika und Frankreich sollen leben!« » The sansculottes of the Union God save! « donnerte es rings. Gläser voll Rum und Arrak wurden herumgereicht. »Damit aber unser Orden«, begann Washington, »bis über unser Grab hinaus bestehe, solle jeder in den Orden getretene Sansculotte am nächsten Tage, da er mit anderen Kameraden zusammen beim Glase sitzt, diese unter der gleichen Bedingung in den Orden mit der Verpflichtung aufnehmen, daß sie ihren Kameraden dasselbe tun, was wir an uns allen heute durch Eintritt in den Orden tun! Ausgeschlossen ist nur der schlechte Soldat, der Feigling und der Verräter! Lassen Sie uns das schriftlich jetzt gleich festsetzen und unterschreiben, der Baron soll unser erster Ordensmeister sein, unsere Kinder und Enkel aber werden sich einst erinnern, wie wir in der hoffnungslosesten Kriegszeit in diesen Einöden uns unverbrüchliche Liebe gelobt haben!« Von der Gewalt des Augenblicks ergriffen, riefen alle ein schallendes »Ja«, umarmten sich und reichten sich die Hände, Walker setzte das Ordensdokument englisch, Lafayette französisch auf, beide wurden von allen unterzeichnet und bestimmt, daß am nächsten Tage für die dreißig ersten frères Abschriften des Dokuments gefertigt und auf solche Weise das Statut vervielfältigt werde. Wenn die Dokumente aber in der ganzen Armee zirkuliert hätten, sollten sie an den Baron zurückgelangen. Während man mit dieser Angelegenheit so eifrig beschäftigt war, daß man selbst Glas und Pfeife, den einzigen Genuß des Soldaten, vergaß, schlugen ferne Klänge wie Trommeltöne an ihr Ohr, ein Offizier von den Vorposten trat atemlos ein. »Was haben Sie, Leutnant Collins?« »Leutnant North mit den Kontinental-Rekruten von Lancaster marschiert herab!« »Herein mit ihm, sie sind willkommen, je mehr ihrer sind!« »Es sind Damen und Wagen mit ihnen, Tamenund führt sie!« »Damen?« – Alles fuhr auf. »Ich weiß es nicht mit Bestimmtheit, Exzellenz, aber ich hörte, es sei Ihre Gemahlin und Frau Generalin Greene.« »Um Gottes willen,« rief Lafayette, »lassen Sie uns diese Angelegenheit dann vertagen! In solchem Aufzuge dürfen die Ladies uns nicht sehen.« Er sprang auf, und verschiedene wollten hinaus. »Halt! Ruhe! – Setzen Sie sich!« rief Washington. »Ich denke, unsere Frauen kennen uns! Sie wären sehr schlechte Gattinnen und wenig edel gesinnt, wenn sie selbst in ihren Lumpen nicht die Befreier ihres Landes in uns ehrten. Sind sie gekommen, unsere Entbehrungen aus Liebe zu teilen, so müssen sie sich an diese auch gewöhnen. Wir, die Sansculottes, erwarten sie mit vollen Gläsern! Gehen Sie, Collins, North, um die Damen herzugeleiten!« Kaum stand die letzte Unterschrift auf dem Papier, als auch die Tür aufflog. Eine hohe, gebietende Frauengestalt in der Blüte des Lebens, die berühmte Martha Curris, trat ein. Hinter ihr, rasch sich hervordrängend und auf Greene zufliegend, eine liebliche Frau, die blonde Clemence. »Du beweist sehr starken Mut und große Zuversicht, teure Frau,« sagte Washington bewegt, »daß deine Liebe zu mir dich hierher führt.« Er schritt auf sie zu, um sie zu umarmen. »Nicht so, George,« sagte sie, ihm nur die Hand gebend und ihn errötend abwehrend, »ehe ich dein Weib sein darf, laß mich Patriotin sein. Selbst über die Liebe, die ich für dich empfinde, geht der Stolz dieser geweihtes Stunde, der Stolz, daß ich dir eine Glücksbotin sein darf! Lies das! Den Brief gab der Kongreß mir mit! – Meine Herren Offiziere, ich habe Ihnen zu melden: Frankreich hat England des Krieg erklärt! Am 13. April, so wird aus Paris berichtet, ging bereits das erste Hilfskorps von Toulon mit einer Flotte unter Graf d'Estaing unter Segel, Ende dieses Monats folgt eine zweite unter Graf d'Orbilliers. Die erste Wirkung dieser Nachricht auf England machte, daß Howe, als sein Waffenstillstandsvorschlag von unserm Kongreß verworfen ward, den Oberbefehl an General Clinton abgab!« Keiner wagte zu atmen, als sie sprach. Dann aber sanken sie jubelnd einander in die Arme. »Es lebe Frankreich! Nieder mit England! The Sansculottes for ever !« Tumultarisch trennte man sich, um in die Quartiere zu den Kameraden zu eilen und die glückselige Kunde weiterzuverbreiten. Ein Taumel des Entzückens erfaßte das Heer, ein Wonnerausch erfüllte Valley Forge. Es war die Vorahnung des Sieges, es war die Freiheit. Am anderen Tage wurden die Programme der Sansculottes schon mit 900 Namen gezeichnet. Leider war die Siegeshoffnung verfrüht. Dieser merkwürdige Abend aber hatte die Gründung jenes Ordens zur Folge, der später den Namen »Cincinnati« erhielt, ferner, daß die französischen demokratisches Truppen nachmals den »Sansculottismus« nach Frankreich brachten. Des großen Friedrichs Adjudant aber mußte es gerade sein, dessen ironische Kaprice einen Namen und einen Begriff erschaffen hatte, dem nachmals die Jakobiner eine so konkrete Wirksamkeit verliehen! – Auch die Geschichte der Völker hat ihre – Kaprice. Barrenhill Hatte sich für Steuben trotz des glücklichen Fortganges seiner Armeereform das Mißtrauen, die Renitenz und der Neid der Truppenchefs seit dem Augenblicke fühlbar gemacht, da der Kongreß durch Washingtons Einfluß seinem Reformplane zugestimmt, ihn zum Generalinspekteur und Generalmajor ernannt hatte, so trat Widerwille und Opposition jetzt gegen ihn weit intensiver auf, als man, der französischen Hilfe sicher, wöchentlich die Nachricht erwartete, eine große französische Armee wäre gelandet. Von diesem Augenblick an stieg Lafayettes Dünkel. Gates trat gleichfalls offen gegen Steuben auf, denn er war und blieb doch einmal der Sieger von Saratoga, seinem Feldherrngenie allein hatte man nur Frankreichs Freundschaft, also den nunmehr gewissen Sieg zu verdanken! Daß General Arnold ihn haßte, an ihm einen Mordversuch durch die schielende Schlange beabsichtigt hatte, davon war Steuben ebenso fest überzeugt, wie daß dieser Mann seine Kameraden gegen ihn aufstachelte. Arnold vermochte aber insofern nur im kleinen zu schaden, als er sich wohl bewußt war, daß Washington und die Offiziere, welche an jenem Abend bei dem Obergeneral die Szene mit Tamenund erlebt hatten, gegen ihn Verdacht hegten. Schon ging in Valley Forge offen die Rede, ein Verräter sei im Heere, und da sein Ruf ohnehin gerade nicht glänzend war, hatte Arnold alle Ursache, vorsichtig zu sein. Doch auch die Generale Mifflin, Kalb und viele andere sonst redliche Männer hielten nun, da zwei mächtige, wohldisziplinierte französische Armeekorps ihnen gewiß waren, die preußische Drillerei und Schererei für völlig überflüssig. Sie waren eben Stockamerikaner, die das alte englische System und den wilden ungeordneten Kampf der Massen, kurz die Guerillagefechte der Taktik geschulter Truppen vorzogen. Eine organisierte Verschwörung bildete sich gegen Steuben, an deren Spitze Lafayette stand. – Anfänglich hatte der Baron keine Ahnung davon, die erste Katastrophe brach deshalb unerwartet über ihn herein. Wäre er aber achtsamer auf das gewesen, was um ihn vorging, hätten seine Amtsgeschäfte ihn nicht gänzlich absorbiert, er würde schon zwei Tage nach dem Eintreffen der Damen Washington und Greene die Anfänge dieser Koalition gefühlt haben. Infolge der französischen Allianz und des leidlichen Frühjahrs sowie der vorgeschrittenen Ausbildung des Heeres erschien eine Operation zur Einleitung des Sommerfeldzuges empfehlenswert. Am 8. Mai wurde deshalb Kriegsrat gehalten. In demselben machte Lafayette die Prätention, daß ihm ein starkes Detachement Infanterie und Artillerie gegeben werden, um den Susquehanna hinab gegen die Chesapeak-Bai, falls dort Engländer ständen, oder über Lancaster seitwärts einen Stoß gegen Clinton auf Philadelphia hin zu tun und seinen landenden Landsleuten die Hand zu reichen. Steuben dagegen meinte: »Es sei doch noch nicht gewiß, wann die französische Flotte anlange, und wo sie landen werde. Clinton könne aus Vorsicht sicher dann erst einen operativen Schritt tun, wenn die Landung oder die Vereinigung beider alliierter Heere zu gewärtigen wäre. Sei Lafayettes Annahme aber auch die richtige, so wäre der Streifzug doch so gewagt, daß derselbe nur einem General, der schon gesiegt habe, zu übertragen wäre!« – Diese Pille war deutlich. Lafayette beantwortete sie mit der Einrede, daß es ihm zuerst zustehe, seinen Landsleuten zur Vereinigung beider Heere zu verhelfen, Steuben wenigstens gehöre nicht zu den siegreichen Generalen, da von ihm doch nur erwiesen sei, daß er in den preußischen Feldzügen hinter seinem Könige herzureiten oder dessen Befehle zu kolportieren gehabt habe. – Der Franzose legte dabei eine maßlos stolze Gereiztheit an den Tag, und Washington, neben Steuben am Konferenztisch sitzend, stieß denselben leise an und stimmte selbst für das Kommando Lafayettes, die übrigen Generale natürlich auch. Steuben sagte nur noch, daß er es dann angemessen fände, Lafayette wenigstens eine Eskadron Reiter mitzugeben, damit dessen Verbindung mit Valley Forge nicht unterbrochen werde. Dies wurde bewilligt. Ferner schickte man Gates nach Virginien zur Umbildung und Vergrößerung der dortigen Truppen, Arnold aber zum Nordkorps, um dort das gleiche zu tun. Lafayette marschierte ab, und die genannten Generale eilten an ihre Bestimmungsorte. Es muß unbegreiflich erscheinen, daß ein Mann von Washingtons Klugheit und Vorsicht Lafayette ein so großes Vertrauen erwies. Er handelte hier aber nicht als General, sondern als Staatsmann und ganz im Sinne des Kongresses. Lafayette war für Amerika eben eine politische Notwendigkeit. Seinem ungeheuren Einfluß bei Hofe und bei dem Adel von Paris, seinen Fanfaronaden von Römertugend, republikanischer Freiheit und den Wundern des amerikanischen Volksgeistes in den heimischen Journalen hatte man eben die fanatische Teilnahme Frankreichs zumeist zu danken. Um dieselbe zu erhalten, hatte der Kongreß den Leutnant Lafayette zum amerikanischen Generalmajor gemacht. Washington gab ihm jetzt das Kommando eines Detachements, um – sei es durch seinen Sieg oder durch seine Niederlage – den Stolz oder den Zorn Frankreichs gegen England noch zu erhöhen. Das Leben im Lager erhielt durch die Anwesenheit der Damen einen neuen Reiz. Ihr Heroismus, in diese Einöde vorzudringen, war bewundernswert. Lady Washington begann sofort abendliche Teezirkel zu arrangieren, zu denen sich die Elite der Offiziere einfand, und wenn die Lady ein starker, tief angelegter Frauencharakter war, so wußte die feingebildete Clemence Greene die Gesellschaft durch ihre heitere Unterhaltungsgabe zu bezaubern. Kein grellerer Unterschied war denkbar als der zwischen Nathanael, ihrem Manne, und Clemence. Greene war Quäker, ein Mann von schlichtester Einfachheit und Biederkeit, patriotischer Soldat, scharfsinnig, kurz und praktisch, Clemence dagegen eine leichtlebige Franco-Amerikanerin, die Tochter eines französischen Ansiedlers in Georgien. Zwischen ihnen herrschte ein Unterschied wie zwischen Salon und Kirche, wie zwischen Feldlager und Boudoir, aber in ihrer gegenseitigen tiefen, unbezwinglichen Liebe ergänzten sie sich aufs beste. General Greene hatte schon in den ersten Wochen zu Steuben eine warme Zuneigung gefaßt, diese war in der Feldloge noch mehr gewachsen, welche in Valley Forge errichtet worden war, und welcher Washington und viele andere angehörten. Kein Wunder, daß Clemence Greene bald die Gefühle ihres Gatten teilte und Steuben in einer Weise auszeichnete, wie dies allein nur eine feinsinnige, gefühlvolle Frau vermag. Ebenso wert hielt unseren Freund auch Martha Washington, obwohl ihr ruhiges, kühleres Wesen eine so innige Annäherung nicht zuließ. Jedenfalls war bei beiden Frauen Steuben eine persona gratissima , und da in den nächsten Wochen mehr als ein halbes Dutzend höhere Offiziersfrauen, ermutigt vom Beispiele beider Damen, ebenfalls im Lager anlangten und Steuben gleichermaßen liebenswürdig fanden, war er um so mehr begünstigt, je lauter sich das Murren seiner Kameraden gegen ihn erhob. Arnold war nach dem Norden abkommandiert worden; so lag kein Grund mehr vor, für die Familie des Propheten Besorgnis zu hegen. Die wärmere Jahreszeit lenkte die Familie ins Freie und zu ihren herumschweifenden Gewohnheiten, man sah sie also nun im Lager überall, besonders Sigh. Mochte nun Tamenund Grund haben, die Frauen, besonders seine Enkelin, noch im Lager zu lassen, oder folgte letztere bloß ihrem Hange, sich zu den amerikanischen Offiziersdamen zu halten, kurz, das Mädchen war stets in der Umgebung derselben zu finden. So gern sie bei dem »großen Wash« weilte, Martha war doch zu ruhig, stolz und imponierend, um das Mädchen nicht schüchtern zu machen. Dafür hing Sigh aber an Clemence Greene mit rührender Inbrunst. Es schien, als ob sich diese beiden, scheinbar so an den Endpolen der Kultur befindlichen Wesen aus eine Weise verständigten, die auf unerklärlichem seelischem Instinkt zu beruhen schien. Steuben verkehrte viel in Greenes Haus, sah Sigh daher oft, und wie von Anfang an gab sie ihm offen Zeichen einer jungfräulich-kindliches Zuneigung, die er gütig, halb väterlich, halb brüderlich und mit einer nicht zu verkennenden Rührung erwiderte. Clemence Greene hätte indes kein Weib sein müssen, hätte sie nicht die entkeimende Neigung dieses halben Kindes zu dem reifen Manne durchschaut. Steuben, gerade dienstfrei, war, indes Greene mit Washington, Stirling und Hamilton über dem Plan für den Sommerfeldzug brütete, von der Generalin zu einem Spaziergang aufgefordert worden, bei welchem Sigh sie begleitete. Der Wald, welcher das Valley umschloß, stand in vollem majestätischem Blätterschmuck, die Wiesen lagen wie ein grüner Teppich, von Millionen duftenden Blüten durchwebt, ausgebreitet, die Bergluft war wahrhaft balsamisch. Plaudernd schritten sie langsam dahin. Sigh hörte meist zu, warf hin und wieder etwas ein oder bückte sich nach einer Blüte. »Sigh,« sagte Clemence, »flechte doch für mich und dich einen Kranz, den ersten hoffnungsvollen Frühlingskranz aus dem vergessenen Tale! Ich werde immer an Valley Forge denken müssen, Baron, verlebten wir hier doch eine denkwürdige Zeit!« »Lassen Sie uns hoffen, teuerste Freundin, daß diese Zeit auch für des Landes Geschichte wie Ihres Mannes Ruhm denkwürdig werden möge!« Aus Sighs Brust hatte sich wieder einer jener halb unbewußten Seufzer gestohlen, der wie das Echo einer Stimme ihrer Seele klang. Dann eilte sie über die Wiese, hockte unter den Blüten nieder und begann ihr Werk. »Was die Kleine nur immer seufzen mag, Baron?« »Nennt man sie denn nicht Sigh; der Seufzer? Sie muß als Kind wohl diese Gewohnheit schon gehabt haben, daß man sie so benannte; die Indianer lieben redende Namen.« »Sehen Sie nur, wie schön sie ist, mein Freund. Wie ebenmäßig und geschmeidig in ihren Formen, als wäre sie jenes erste reine Weib, die Mutter der Menschen, welche Gott erschuf!« Clemence hatte schalkhaft ihr Gesicht zu Steuben gewendet. Er bemerkte es nicht. »Ja,« sagte er halblaut vor sich hin, »sie hat wunderbare Augen.« »Wunderbare Augen? In der Tat, die hat sie, ganz wundervoll tiefe. Doch sind denn ihre Augen nur bezaubernd, nicht ihre ganze Gestalt, ihr Wesen, ihre sinnige, wie eine Knospe leise sich öffnende Seele?« »Gewiß ist ihr Körper höchst vollkommen und vom Jugendreiz umstrahlt, ihr Herz ist vortrefflich – doch wunderbar, betörend und verwirrend ist allein ihr Augenpaar. Ich sehe es immer und habe doch nie geglaubt, es auf Erden wiederzusehen.« Die Generalin stand überrascht still. »Baron! Wahrhaftig, ich glaube gar, Sie lieben die Kleine?« »Ich liebe ihre Augen, ja! Das Mädchen selbst aber habe ich nur gern. Ich glaube nicht, daß Sie, meine schalkhafte Freundin, ernstlich meinen, ich könne noch heiraten und verfiele dann gerade auf ein Oneidamädchen.« »Ob Sie sich noch zur Ehe qualifizieren, Baron, will ich als Freundin erst zu erörtern suchen, wenn dieser leidige Krieg vorbei sein wird, in dem wir armen Geschöpfe ohnehin wenig von euch Männern haben. Auch welchen Gegenstand für Ihre Liebe Sie dann zu wählen hätten, lasse ich auf sich beruhen. Von Sighs Augen sprachen Sie aber mit einer ganz eigentümlichen Feierlichkeit. Wie soll ich das verstehen, wenn Sie sagen: Sie liebten ihr Augenpaar, Sie sähen es immer, hätten aber nie geglaubt, es auf Erden wiederzusehen?« »Dies Augenpaar ist mein einziger – aber ein tiefer und ewiger Schmerz! Sie, meine Freundin, sollen Teilhaberin desselben sein, sollen die Augen jenes Kindes sehen!« Er öffnete die Uniform, griff in seine Brusttasche, zog ein Etui hervor und öffnete es – es enthielt das Bild Sophies von Anhalt. Er reichte es der Generalin. »Mein Gott,« rief Clemence, »wie ähnlich! Ist es nicht, als ob dieser Blick und Sighs Augen zwei Zwillingsschwestern zugehörten?« »Diese Teure, deren Abbild ich auf dem Herzen trage, bis es zu schlagen aufhört oder eine Kugel diese Züge mit meinem Blute überströmt, ist tot, ist – um meinetwillen gestorben. Sie begreifen, Clemence, daß ich nach diesem Engelsweib keine andere mehr lieben kann.« – Clemence klappte leise das Etui zu. »Ich danke Ihnen, lieber Baron, für dieses Vertrauen; ich werde es wie eine Schwester rechtfertigen. Was ich bei dieser trauriges Eröffnung empfinde, überlasse ich Ihnen zu beurteilen, der da weiß, wie ich Sie vorher schon geschätzt habe. Lassen Sie mich offen sein und eine Bitte wagen« – ihre Stimme zitterte vor Bewegung. »Sprechen Sie, Clemence!« »Darf ich Nathanel dies Bild zeigen, ihm Ihr Geheimnis mitteilen?« »Wozu?« »Daß er Sie noch mehr liebe!« Eine Träne entglitt Steuben. – »Zeigen Sie es ihm!« »Aber ich bin mit Bitten noch nicht fertig, Freund. – Darf ich Sigh von Ihrer toten Liebe reden, der toten Liebe, die Sighs Augen hatte?« »Nein, nein! Sagen Sie dem Kinde doch das nicht!« »Dies Kind hat eines Weibes glühendes Herz. Dies Kind liebt Sie. Die Flammen ihrer Gefühle für Sie lohen aus Sighs Augen. Soll das holde Geschöpf sich in törichter Hoffnung verzehren? Sie sind zu edel, das zu dulden. Starb jener Engel aus Liebe um Sie, und waren Sie ihr einziger und letzter Gedanke, soll denn auch noch ein zweites weibliches Wesen unbeglückt um Sie in Herzenspein verenden? Auch eines toten Oneidamädchens Seele gehört dem Allmächtigen, dem Vater der Liebe. – Wenn meine arme kleine Törin, noch ehe sie ihrer Gefühle sich völlig bewußt ist, weiß, daß Sie an ihr nur einer Toten Augen lieben und nie, nachdem Sie jene Vollendete geliebt, mehr lieben können, wird sie dann nicht Gefühlen entsagen, die erst noch im Entstehen, noch zu dämpfen sind?« »Ich möchte dies liebe Mädchen um keinen Preis elend sehen, wünschte alles aufzubieten, ihre törichte Liebe wieder entschlummern zu machen. Ich schätze Tamenund, ja ich achte ihn so hoch, wie man einen Menschen seiner Art nur immer achten kann; ich schulde ihm überdies Dank. Am wenigsten möchte ich also dieses Greises letzte Tage durch die Entdeckung trüben, daß seine Enkelin um meinetwillen Kummer leidet. Ob es der rechte Weg ist, durch dies Bild das Mädchen zu heilen, ob Sie vielleicht ihre Liebe zu mir nicht zu wilderer Lohe anfachen werden, wenn Sie sie dämpfen wollen? – Clemence, ich bin ein Mann, der sich nur unvollkommen in ein weibliches Seelenleben versetzen kann, ich vermag hier nicht zu unterscheiden, was schlimmer oder besser ist. Sie allein sollen es! Sie sollen verantworten, was hierin geschieht. Vergessen Sie nur eins nicht. Sie mögen tief in Sighs Wesen eingedrungen sein, Ihr Herz mag mit dem jenes Mädchens gleich empfindungsvoll schlagen, Sie bleiben aber immer eine Weiße, die, wie Tamenund sagen würde, ›weiße Gaben‹ und keine roten hat. Die Leidenschaft mag bei allen Frauen dieselbe sein, aber indem Sie, teure Clemence, sich eines Gefühls bewußt werden, ziehen Sie aus ihm die Konsequenzen der weißen, der christlichen, der durch die Kultur und Sitte erzogenen Frauen. Sigh dürfte aus ihrer Leidenschaft aber indianische Konsequenzen ziehen. Welche, weiß ich nicht, aber Sie müssen sich doch sagen, daß wir über diese Gefühle keine Gewalt haben.« »Ich verkenne weder Ihr Zartgefühl, noch die Vernunft Ihrer Argumente. Wir werden das, was Sie indianische Gefühle nennen, nicht vorher bestimmen, nicht nachher ungeschehen machen können. Nathanael möge uns raten. Aber auch er wird ratlos sein, denn alle drei sind wir eben Weiße.« »Glauben Sie wirklich mit Sicherheit, daß Sigh für mich etwas empfinde?« »Ich weiß es, denn ich sehe es ja! Nur Sie, der dies kleine Mädchenherz angesteckt hat, Sie sind allein blind.« »Ich weiß, um das Mädchen vor sich selber zu bewahren, nur ein Mittel, es ist das geradeste, einfachste. Tamenund allein kann seiner Enkelin helfen. Er ist für sein Volk ein Weiser, er ist klug und voll Gemüt. Da er wie Sigh dieselben Gefühle, Ansichten und Grundsätze hat, welche seiner Rasse eigen sind, so wird er am besten ein Mittel finden, das Mädchen vor Torheit zu bewahren. Sprechen Sie mit Ihrem Gemahl, bitten Sie ihn, daß er den Propheten auf die Veränderung aufmerksam macht, welche mit seinem Kinde vorgehen will. Ich werde mir heute abend das Bild abholen.« »Gut, mein Freund.« Clemence steckte das Porträt in die Tasche. »Es ist mir lieb, daß wir in der Sache zu einem verständigen Schlusse kamen, denn sehen Sie, da kommt sie mit drei Kränzen.« Eine wunderliche Blütenpracht war's, welche Sigh in ihre duftigen Ringe vereint hatte. Der eine Kranz schimmerte im reinsten Weiß, durch grüne Blätter gehoben, der andere himmelblau mit gelben Blüten durchstreut, der dritte war zusammengestellt aus weißen, dunkelblauen und roten Blumen, das Rot herrschte indes vor. »Mädchen, was hast du dir bei diesen Kränzen nur gedacht, als du so eigen die Blüten wähltest?« rief die Generalin. »Ich dachte, wie dein Haar goldig ist, gleich des Manitou großes Licht, das uns erwärmt, so ist dein Herz tief wie der Himmel und umfaßt alles, was schön ist. Darum sollst du den Kranz tragen, der blau und gelb ist!« Sie reichte ihn sanft lächelnd Clemence. – »Du, großer Baron, kamst über das ewige Wasser, das dunkler ist wie der Himmel, ins Land der roten Kinder, die hier wie rote Blumen stehen. – Weshalb kamst du? Weil der Geist der Wahrheit dich trieb – die Wahrheit aber ist weiß wie der Schnee.« – Ihre Stimme zitterte, als sie dabei dem Baron sein Geschenk gab, und sie blickte zur Erde. Das dritte Geflecht drückte sie sich selbst auf. »So ist der weiße Kranz also der Wahrheit Zierde?« fragte Steuben. »Das Abbild der Wahrheit, des großen unsichtbaren guten Geistes – und des Todes, der blaß macht. Wie er mich schuf, so wird er durch den bleichen Tod in seine glücklichen Gefilde mich nehmen, und mein Herz wird rein sein wie der Schnee in der einsamen Höhe.« Keiner erwiderte ihr. Sie schritt sinnend voraus dem Dorfe zu; Clemences und des Barons staunende Blicke hingen an ihr. – – Am Abend, als Steuben sein Bild von Greene holte, hatte Nathanael bereits den Propheten durch Smirk, seine zweite jüngere Frau, wissen lassen, daß er ihn morgen gegen fünf Uhr nachmittags in seinem Wigwam sprechen wolle. Zur gedachten Stunde begab sich der General dorthin. Tamenund hatte seine beiden indianischen Zelte jetzt mitten in dem Teile des Waldes aufgeschlagen, der nördlich des Exerzierplatzes von Valley Forge lag und gegen das eigentliche Hochgebirge anstieg, von welchem die ganze Gegend, welche wir bereits kennen, nur das Vorgebirge, den Übergang zur Ebene bildete. Als Nathanael Greene den Paradeplatz und dann die Wiesen durchschritten hatte, welche die nördliche Waldlistere bildeten, und auf denen die Pferde des Trains grasten, traf er am Waldrande auf Tamenund selbst, der ihn, die Pfeife rauchend, erwartete. Der Indianer erhob sich sofort. »Sago!« »Sago, mein Freund. Es ist gut, daß du hier bist, so können wir im Freien reden.« »Hier? – Nicht gut, Wald besser?« »Warum Wald?« »Wald ist Geheimnis! Manitou liebt Wald!« »Weshalb aber Geheimnis? Habe ich denn ein Geheimnis?« Tamenund nickte. »Wenn Yankeegeneral zu rotem Mann kommt, hat er immer ein Geheimnis! Wald besser!« Er lenkte die Schritte ins Dickicht, unter die hohen Säulen der stolzen Baumriesen. Greene folgte, und schweigend schritten sie nebeneinander her. Feierlichkeit war um sie gebreitet. »Du hast recht, mein Bruder, es ist ein Geheimnis, was ich mit dir reden will, aber es betrifft den Feind nicht!« »Den Freund!« Nathanael fuhr auf. »Du sagtest es. Aber nicht nur den Freund, es betrifft deine Enkelin, Tamenund.« »Sigh! – Ich höre meinen Bruder.« »Dieser mein Freund und der Freund meiner Frau ist der Baron!« »Ich weiß es und weiß, was du sagen wirst.« »Das bezweifle ich doch, denn wenn du es so gut wüßtest wie ich, so hättest du gesorgt, daß ich davon mit dir nicht erst zu reden brauchte.« Tamenund schwieg, obwohl Nathanael eine Erwiderung erwartet hatte. »Die Sache ist die, daß meine Frau bemerkt hat, wie Sigh inniger an dem Baron hängt als sonst ein indianisches Mädchen an einem weißen Mann. Gestern hat meine Frau dies dem Baron gesagt, und wir alle meinen, Tamenund, daß du, der rote Mann, du, ihres Vaters Vater, den besten Weg kennst, sie zu heilen, und daß du zuerst die Wahrheit wissen müßtest, damit du nicht deine Freunde anklagst, sie hätten dir und dem Kinde durch Unachtsamkeit Schmerz gemacht!« »Mein Bruder spricht weise. Das Herz deiner Squaw, des großes Barons und deines bewahrt der Manitou in seinen leichten Händen. – Es ist aber alles vergebens.« »Vergebens? – Ich verstehe dich nicht.« »Der große Geist liebt alle Menschen, er hat allen Menschen Liebe gegeben. Der Mann liebt das Weib, damit die Welt nicht ohne Menschen bleibe, wenn Vater und Mutter in die ewigen Gefilde gehen. Ich bin alt, ich habe viel gesehen. Liebt ein weißer Mann ein blasses Mädchen, so sagt er es ihr. Dann kommt einer in einem schwarzes Rock, legt ihre Hände ineinander, betet zu eurem Manitou, und sie wohnen zusammen in steinernen Häusern oder Wigwams von Holz und treiben ihre Geschäfte nach ihrer Art. Wird Blaßgesichtmädchen Mutter ohne den schwarzes Rock, so hat sie Schimpf und Leid; ihr kleiner Pappusse hat keinen Vater. Rote Menschen lieben aber nicht so. Liebt der Indianer ein Mädchen, so sagt er es ihr auch. Ist sie zufrieden, so gehen sie in den Wald, in Manitous Geheimnis, entzünden das Feuer und umarmen sich; sie ist seine Squaw, und ihre Kinder sind seine Kinder. Rote Gaben sind andere Gaben als weiße.« »Das bezweifle ich gar nicht. Eben deshalb warnen wir dich ja. Weshalb denn vergebens? Sie nährt vielleicht schon Hoffnungen, die der Baron nicht erfüllen kann?« »Tamenund weiß alles, Tamenund kann aber nicht alles. Blasse Mädchen lieben, aber in ihres Herzen ist Stolz, Ehre, ist nicht Liebe allein. Blasses Mädchen liebt auch Geld, Glanz, und blasser Mann muß nicht bloß guter Mann sein, er muß großer Mann sein, das ist weiße Liebe. Indianische Mädchen lieben aber, weil ihr Herz süß ist. Sie suchen etwas, das sie nicht haben. Ihre Liebe ist Sehnen und Ungeduld. Haben sie eines Pappussen, so ist ihre Ungeduld gestillt, ihr Sehnen schweigt. Sie halten die Liebe dann in ihren Armen und sind ruhig. Das ist roten Mädchens Liebe.« »Tamenund, was sprichst du da? Du, ihres Vaters Vater, du, den man gut und weise nennt, kannst dazu raten, daß deine eigene Enkelin – –?« Tamenund legte seine Hand auf Greenes Arm. »Raten?« rief er scharf. »Wer hat geraten?« – Nach einer Weile setzte er ruhig fort: »Ich habe dir nur gesagt, daß Sigh, wie alle ihres Volkes, nur nach ihren roten Gaben zu lieben vermag. Der Baron liebt nach seinen weißen. – Der Baron kann Sigh zu seiner Squaw nicht machen wie ein weißer Mann, die Sigh kann nicht sein werden wie eine Blaßgesichtsfrau.« »So sind wir ja einig, Freund. Wenn du dem guten Kinde, das wir alle so lieben, nun sagtest –« »Ich sagen? Was sagen? Mein Bruder redet töricht. Was soll ich ihr sagen, als was sie schon weiß? Was soll sie mir antworten, als was sie schon geantwortet hat?« »Sie ist sich ihrer Liebe bereits bewußt? Sie hat sie dir gestanden?« »Sigh hat gesprochen. Als sie noch klein war, seufzte sie um das, was vor ihr lag, und was sie noch nicht wußte: sie seufzte nach dem Unbekannten. Sie hatte noch nichts zu seufzen, und sie tat es doch. Jetzt aber hat sie zu seufzen, denn sie seufzt um Vergangenes, Gewesenes.« »Gewesenes?« »Ja, sie möchte gern die tote Frau sein, deren Augen sie hat, und die der Baron noch liebt. Darum seufzt sie und wird seufzen, bis sie stirbt. Sei ohne Sorge, Bruder, Sigh ist verständig, ist von Tamenunds Blute. Sie weiß, daß sie die blasse Frau doch nicht sein kann, deren Augen sie trägt, ob sie auch nun geschlossen sind. Manitou schafft dasselbe Wesen, dieselbe Seele und Gestalt nicht zweimal, macht nicht rot zu weiß! Sigh wird lieben und seufzen, Sigh wird aber starkes, rotes Mädchen sein, wird Tamenunds Geist nicht verlieren, der von dem großen Geiste stammt!« Greene reichte dem Indianer bewegt die Hand. »Ich bewundere deine Güte und Wahrheit, ich erstaune über dieses Kindes Geist und Herz. Eins – das letzte nur noch sei zwischen uns beredet. Sigh ist noch ein halbes Kind. Werden ihre Gefühle für den Baron immer dieselben bleiben? Werden sie, je mehr sie Weib wird, sich nicht verändern, vergrößern? Bist du denn gewiß, daß, wenn sie stets den Baron sieht, wenn sie immer im Lager ist, sie sich selbst stets treu bleibt? Wir haben zwar zweierlei Farbe, Bruder, wir sind beide aber Männer. Man kann schwache Stunden haben, die man bereut, aber braucht deswegen noch kein Schurke zu sein. Bedenke, Sigh hat eben der Toten Augen, und der Baron ist auch ein Mensch, der irren kann.« »Der Baron wird nicht irren.« »Wie Willst du das wissen? Wie kannst du darüber beruhigt sein?« »Ich bin ruhig. Wenn der Baron nicht Sigh liebt, sonders bloß die offenen Augen der toten Frau, so wird er ihr nichts sagen. Wenn der Baron aber nicht ihre Augen mehr, wenn er Sigh selber liebt, alles von ihr liebt, Herz, Leib, Augen, Mund, Seele, alles, dann irrt er auch nicht.« »Tamenund!« »Schweige, Bruder! Geschieht es ja, so werde ich vielleicht in den lichten Jagdgründen sein. Aber wenn es geschieht, so wird in des Barons Augen, Geist und Herz meine Sigh die Gestalt der Toten annehmen, weil Manitou ihn für Verlorenes trösten will. Stirbt dein Freund und stirbt Sigh, so wird er vor dem großen Geiste zwischen der weißen und der roten Seele zweier Mädchen stehen, alle drei verschlungen, der, welcher alles liebt, wird lächeln.« Tamenund verneigte sich kurz und mit dem Anstande eines Königs, dann wandte er sich langsam und verschwand im Laube. Greene kehrte betroffen, fast verlegen und zugleich von einer Pietät und Rührung erfüllt, zurück, die er bisher in solcher Stärke für keinen Menschen, am wenigsten für eine Rothaut empfunden hatte. Ohne seine eigene Meinung anzudeuten, wiederholte er Clemence und Steuben, was Tamenund ihm entgegnet hatte. »Ich bis jetzt um so mehr überzeugt,« sprach die Generalin, als ihr Mann geendet hatte, »daß es gut und für das Mädchen heilsam gewesen wäre, hätte ich ihr das Bild Ihrer teuren Braut gezeigt, Baron. Ertötet wären ihre Gefühle freilich nicht worden, aber besänftigt. Sie hätte im Anschauen desselben erkannt, es sei für Sie, mein Freund, eine Unmöglichkeit, die Verstorbene zu vergessen und ein anderes weibliches Wesen an deren Seite zu setzen.« »So will ich es ihr selbst zeigen«, sagte Steuben trübe. »Oh, tun Sie das. Erzählen Sie ihr von der Toten. Der Schmerz in Ihrem Antlitz wird Sighs reinem Gemüt und lichtem Verstand besser als alles sagen, daß Sie für sie nichts sind, niemals ihr Geliebter, ihr Gatte sein können. Man muß, das ist meine feste Überzeugung, Tamenund und dies Mädchen so zart und achtungsvoll behandeln, als wäre der Greis ein Lord und sie eine Lady.« »Wahrhaftig, teures Weib, du hast recht«, rief Nathanael. »Laßt uns also handeln nach unseren Gaben! Wir Quäker, Baron, nennen uns die ›Reinen‹, weil wir wissen, daß unsere Religion, unsere Sitten gereinigter sind als die der anderen christlichen Glaubensgenossen. Vor Tamenund aber und diesem Kinde komme ich stark in Zweifel, ob sie in ihren Gefühlen nicht Gott doch noch näherstehen als wir.« Steuben ging wie im Traume nach Hause. * Seine Absicht, mit Sigh zu reden, ihr das Bild zu zeigen, kam indessen nicht zur Ausführung. Plötzliche Begebenheiten traten dazwischen. Wir wissen nicht, ob Steuben Mißtrauen zu Lafayettes aufschneiderischen Gaskognerien hatte, oder ob es nur das Vorgefühl war, eine Aktion im Felde stehe unmittelbar bevor. Seine Aufmerksamkeit und Spannung teilte sich, namentlich seit Lafayettes Abzug, allen Truppenchefs, selbst denen mit, die er nicht zu seinen Freunden zählen konnte, und wie es in allen Prologen der Fall ist, die einem Drama vorausgehen, verstärkte das mystische Gewand desselben, das Unbestimmte, nur das Kampfgefühl und den Eifer der Armee. An ihrer Stimmung, wie in allen Vorkehrungen der Truppen konnte man gewahren, daß jeder auf dem Sprunge stand. Der Zufall wollte, daß am 21. Mai früh die Division Greene im Feuer manövrierte und der Baron dabei seinen Funktionen oblag. Greene galt nicht nur Steuben als einer der wenigen geborenen amerikanischen Generale, Greene war auch ein unbedingter Anhänger von des Barons Reform; er wußte, was er Steuben bei seiner Truppe zu danken hatte. Überdies hätte ihre intime Freundschaft es schon nicht anders zugelassen, als daß etwaige Irrtümer unter ihnen still abgemacht wurden. Man hatte eine halbe Stunde schießend evolutioniert, als man Major Fish, einen der zweiten Inspekteure, über den Plan dahersprengen sah. Er übergab Steuben ein versiegeltes Papier von Washingtons Hand. Es enthielt die Worte: »Eben bringt ein abgehetztes Reiterpikett Nachricht, daß Lafayette auf dem Rückmarsch gegen Barrenhill zu in Gefahr ist, abgeschnitten zu werden. Generalmarsch! Kann in einer halben Stunde die Armee nach unserer Ordre de bataille in Reih und Glied stehen? Ich bereite mit dem Stabe indes das Nötige vor. Washington.« »Bitten Sie General Greene, lieber Walker, daß die Übung aufhöre!« Sofort wurde das Exerzitium beendet. »Sagen Sie Sr. Exzellenz, Major Fish, ich ließe ihm anzeigen, daß ich hoffe, in weniger als der benannten Zeit seinen Befehl auszuführen. Ich erscheine alsbald selbst!« Er reichte Greene lächelnd das Papier. »Es kommt früher, als ich dachte. Romanai, alarmieren Sie sofort Division Lee, Sie, Walker, befehlen Division Patterson zum Ausmarsch! Leutnant North wird Pulawsky aufsitzen und die Stabswache antreten lassen. Zeigen wir durch Schnelligkeit, was wir im Winter gelernt haben. Hoffentlich, mein teurer Greene, ist die bloße Inspiziererei und das Drillen für uns nun aus.« Er drückte dem Freunde die Hand und ritt mit dem Unter-Inspekteur seinen Adjutanten nach, von denen nur noch die Staubwolke sichtbar war, welche ihre Pferde, im Dorfe verschwindend, erregten. »Major English ist teilweise schon nach der vorgeschriebenen Order verfahren«, sagte Fish. »Hören Sie, man alarmiert bereits!« Die Division Greene brach, als sie den Generalmarsch hörte, in dröhnenden Jubel aus. Die Tambours nahmen das Signal auf; Valley Forge war wie elektrisiert. Steuben zog während des Galopps die Uhr. »Major Fish, wenn Sie die Güte haben, Scott und Division Patterson zu ersuchen, vor dem Dorfe neben der Straße aufzumarschieren, so haben die anderen Truppen Luft, Smalwood, Geschütze und Train aber Zeit, sich hier anzuschließen. Ich begebe mich zu Sr. Exzellenz.« Damit trennten sie sich. Als Steuben vor dem Hauptquartier absaß und Vogel die Zügel zuwarf, hörte er bereits Pulawskys Trompeten zum Abmarsch blasen, und Division Lee rückte aus. Er lächelte und trat zu Washington ein, um welchen sein Stab versammelt war. »Exzellenz, da in diesem Augenblick mein Generalinspektorat aufhört, die Marschformation aber verfügt ist, so bitte ich, mich an den Kopf der Reiter setzen und Herrn von Lafayette zuerst aus der Verlegenheit reißen zu dürfen. Wenn Sie sich seiner Äußerungen über königlich preußische Adjutantendienste erinnern, werden Sie die Bitte natürlich finden.« »Sie ist gewährt, Baron, doch unter der Bedingung, daß nach dem ersten Chok, und sobald Ihnen des Feindes Stellung klarliegt, Ihr Platz an meiner Seite ist.« »Zu Befehl!« Steuben eilte hinaus und warf sich aufs Pferd. »Packe das Letzte rasch ein, Vogel, ich bin vorn bei Pulawsky zu treffen. Siehe, daß der Prophet und die Seinen bei dir oder den Damen sind.« Er sprengte durch das Dorf und suchte die Lanciers in der angegebenen Richtung auf. Er fand sie dicht vor dem Verhau bei dem Passe. »Herr General,« rief er dem Polen zu, »es gilt, den Marquis de Lafayette aus einer englischen Umarmung zu reißen! Lassen Sie den Verhau abwerfen und eine Eskadron auf das Plateau bis zum Rande der großen südlichen Schlucht rücken. In zehn Minuten bin ich bei Ihnen. Mot d'ordre ist – Schweigen!« Er trabte langsam zurück. Bereits formierte sich die Division Lee vor dem Dorfe. Ins Dorf einschreitend, sah er Detachement Scott antreten, die Stabswache hielt vor dem Hauptquartier, Division Greene rückte jubilierend eben heran. »Wie fanden Sie die Arrieregarde?« rief er Greene zu. »In zehn Minuten wird sie im Rücken des Dorfes stehen, Train in einer halben Stunde.« »Auf den kommt es zunächst nicht an. Sahen Sie Ihre Gemahlin?« »Nein. Sie ließ mir aber sagen, sie reite mit der Frau Exzellenz und nehme Sigh mit sich.« »Gott befohlen denn und Glück zu!« Steuben wendete das Pferd und begab sich langsam, die Uhr in der Hand, vor Washingtons Tür. Während er den Vorbeimarsch der Truppen beobachtete und berechnete, wie lange derselbe noch dauern könne, berührte eine Hand leicht seine Knie. Sigh stand vor ihm. »Ich wollte dich noch einmal sehen, ehe du gegen den Rotrock gehst!« »Mich freut in diesem Augenblick dein liebes Antlitz, Mädchen. Ich hatte etwas mit dir reden wollen. Du siehst, es geht aber nicht. Meinen höchsten Schatz aber anvertrauen will ich dir. Bewahre ihn wohl.« Er zog Sophies von Anhalt Bild aus der Tasche. »Du darfst es ansehen, wenn du allein bist; darfst es der Generalin Clemence und dem Großvater zeigen, sonst niemand, Sigh!« »Sind es die toten Augen?« »Sie sind's.« Hastig griff das Mädchen nach dem Bild und verbarg es in den Falten der Reisedecke, die ihr über der Schulter hing. Steuben sah hierbei, daß sie Skalpmesser und Kriegsbeil bei sich trug. Sie reichte ihm die Hand und eilte ins Haus zurück. Wenige Minuten darauf trat Washington mit seiner Suite heraus. »Wieviel Zeit verging seit Empfang meiner Order, Baron?« »Fünfzehn Minuten.« Der Obergeneral warf seinen Blick umher, alles stand oder marschierte in Gliedern. »Lord Stirling, sehen Sie, wie weit die Arrieregarde und die Geschütze sind!« Stirling sprengte fort. Washington bestieg sein Pferd. »Mit Gott und Amerika denn!« – Im Schritt, gefolgt von der Stabswache, durchritt die Suite das Dorf, die Linien der Truppen und langte vor der Division Greene an. Alles hatte lautlos Stellung genommen. Washington wendete sich zu Steuben und zog den Hut. »Herr Generalinspekteur, in fünfzehn Minuten war wirklich die Armee mobil. Das ist ein Ruhm für unsere Offiziere, für die Soldaten, für Sie, Baron, aber eine sehr edle Genugtuung und eine höchst passende Antwort für Ihre Feinde!« »Ich hoffe, diese Antwort unten bei den Barrenhills deutlicher zu geben!« Steuben grüßte und sprengte zu der Tete der Lanzenreiter. »General, ich habe die Ehre, Sie zu begleiten. Lassen Sie uns leicht und ohne Geräusch wie ein Maienlüftchen sein.« »Wir wollen eine polnische Razzia machen, Baron!« Pulawsky winkte mit dem Degen. Die Lanciers rückten vor und die Schlucht hinauf. »Ich wünschte, ich hätte 5000 berittene Polen jetzt bei der Hand, General,« sagte Steuben, »ich gäbe viel darum. Wir müssen mit den wenigen also wie eine große Masse erscheinen. Wer hat das Vorposten-Detachement?« »Koscziuszko!« »Ich werde mich zu ihm gesellen!« Steuben sprengte mit seinen Adjutanten vor, das Vorspiel des Kriegstanzes hatte begonnen. – – – Die Amerikaner jener Tage, dem Indianer in seinen urwäldischen Gewohnheiten näherstehend, liebten es wie jener, Menschen wie Dingen Sobriquets, Spitznamen, zu geben. Den Ort, an dem Lafayette sich gerade in der Klemme befand, hatten sie Barrenhill oder die Gegend der »unfruchtbaren Hügel« genannt. Etliche Wegstunden unterhalb vom Zusammenflusse des Schuykill- und Susquehanna-River unterbrach sechs Meilen östlich vom linken Ufer letzteren Flusses den Urwald eine fast zwei englische Meilen lange Wüstenei. Als letzte Gebirgswelle zur Niederung hinab reckte sich da eine Gruppe Hügel ohne allen Baumwuchs, kaum mit dürftigem Grase bedeckt, und bildete ein gewundenes Tal. – In ihm steckte seit sechs Tagen Marquis Lafayette mit seinem Detachement wie in einer Falle. Den nordwestlichen Ausgang nach dem Flusse sowie den südlichen Eingang desselben hielten nämlich starke englische Abteilungen besetzt, auf den Höhen der Hügel selbst aber waren Truppen postiert, deren Linien die Amerikaner fortwährend unter Feuer hielten und ihnen erheblich geschadet hatten. Zahlreiche Versuche, an einem der beiden Endpunkte durchzudrücken oder einen der Hügel zu nehmen, waren von Lafayette gemacht worden, und seine Truppen hielten sich brav. Ein Entrinnen aber schien unmöglich. Sie wurden stets zurückgeworfen. Ein Glück, daß die Engländer keine Feldgeschütze bei sich hatten, sonst wäre es ihnen ein leichtes gewesen, dem abenteuerlichen Zuge Lafayettes ein rasches Ende zu machen. Sie hatten ihn indessen fest genug, und Gefangenschaft war das drohende Geschick des guten Marquis. Mittag war vorüber, und noch kam keine Hilfe. Lafayette packte eine Art Grauen, und die Scham der Niederlage machte sein Herz erbeben. Da ertönte am nördlichen Eingang des Passes seitens der Engländer Geschrei und wildes Kampfgetöse. Die dieser Stelle zunächst auf dem Hügel stehenden englischen Schützen wendeten nicht mehr ihre Aufmerksamkeit Lafayette zu, sondern eilten ihren Kameraden am nördlichen Eingang zu Hilfe, welche augenscheinlich dort von einem nordwärts herabkommenden Gegner bedrängt wurden. Hiervon kaum unterrichtet, sammelte Lafayette sein Detachement und führte es zum Sturm gegen den nördlichen Ausgang vor. Ehe ihm dies jedoch gelang, erschienen schon Scharen fliehender englischer Musketiere von dort ihm entgegeneilend, die er sofort unter Feuer nahm. Jetzt brachen die Lanciers von Pulawsky, Koscziuszko und Steuben voran, in die fliehenden Massen und die Schlucht herein, indes auf den Höhen rechts das Korps Greene, auf den Höhen links das Korps Lee die Rotröcke bedrängte. Viele der letzteren klommen oder stürzten die Hügelseiten herab, die Mehrzahl wälzte sich südlich Barrenhill fort, verfolgt von der amerikanischen Infanterie, welche sich mit wahrhaft wollüstigem Grimme an deren Fersen heftete. Was von den Engländern sich in das Tal selbst geflüchtet hatte, wurde umgeritten oder niedergehauen. Lafayette, in einer Anwandlung von Dankgefühl, galoppierte auf Steuben zu und streckte ihm die Hand entgegen. »Verzeihung, Herr Marquis, diese preußische Adjutantenattacke geht der französischen Artigkeit vor. Vorwärts, Graf Kosczinsko, lassen Sie uns südwärts Luft machen, damit der Feind nicht Zeit gewinnt, sich wieder zu rangieren!« Damit stürmten die Reiter vorüber und lachten Lafayette ins Gesicht. – Vielleicht wäre es von unserem Helden diplomatischer gewesen, Lafayettes Dank anzunehmen und auf diese kleine Rache zu verzichten, aber der märkische Stolz, das Bewußtsein seiner alten Verdienste machten es ihm unmöglich. Lafayettes Eitelkeit war beleidigt, er vergaß die Blamage nie, welche ihm Steuben vor aller Augen angetan hatte, und sein Dank verkehrte sich in Haß, seine Scham in Neid und giftige Nebenbuhlerschaft. Diese Gefühle wurden nur vermehrt, als Washington mit seinem Stabe eintraf, das Kommando von Lafayettes Detachement selbst übernahm und es sofort durch Hamilton aus der Schlucht nordwärts abführen ließ. – »Ich bitte um Verzeihung, Exzellenz,« stotterte Lafayette, »daß ich gezwungen gewesen bin, Sie zu inkommodieren, aber –« »Keine Entschuldigung, wenn's gefällig ist, Marquis,« fiel ihm Washington lächelnd in die Rede, »Sie haben mir Veranlassung gegeben, die Erfahrung zu machen, was unsere Leute wert sind, und wieviel dieselben der Schulung des Barons verdanken. Haben Sie die Güte, schließen Sie sich der Suite an.« – Damit durchtrabte Washington nebst Gefolge das Tal der Barrenhills. Als sie dessen südlichen Paß erreichten, sprengte Steuben ihnen entgegen. »Das Korps Simcoes warf sich in voller Flucht südlich und westlich in die Wälder. Greene und Lee folgen ihm bis zur Dämmerung. Ich habe mir erlaubt, in Ihrem Namen beide Generale zu ersuchen, gegen Abend zurückzukehren, um auf den südlichen Lisieren Biwaks zu beziehen.« Washington reichte Steuben die Hand. »Sie haben meine Zustimmung. Ich danke Ihnen als Stellvertreter der Staatsgewalt für die Einsicht und Bravour, welche Sie persönlich bewiesen haben, und für den ersten Erfolg der Truppen, welchen sie Ihrer Erziehung verdanken!« – Die jetzt in das Tal wie längs den Höhen vorrückenden Divisionen Scott und Patterion brachen in helles Siegesgeschrei aus, die Suite umjubelte Steuben und gab ihm ihre lebhafte Anerkennung kund. Nach an Ort und Stelle gehaltenem Kriegsrate ward beschlossen, einstweilen in der eingenommenen Stellung zu bleiben, Steuben aber wurde von Washington zum Generalquartiermeister ernannt und ihm der Auftrag erteilt, das Kampement der Truppen laut Beschluß des Kriegsrats zu ordnen, auch sollte der Train in dem nördlichen Teil des Barrenhilltals herangezogen, die Artillerie auf die südwestlichen Höhen desselben aufgepflanzt und die Stellung der Armee durch sie und durch starke Rekognoszierungs-Detachements gesichert werden. Den Rest des Tages suchte Steuben mit seinen Gefährten diesen Befehlen zu genügen, und als er spät abends zu dem für ihn und seine Begleiter aufgeschlagenen Zelt zurückkehrte, konnte er sich mit Befriedigung zu einem Erfolge Glück wünschen, der die Armee mit Stolz und Selbstvertrauen zu erfüllen begann. Monmouth Die kühne Hoffnung, in kürzester Zeit ein französisches Hilfsheer den Boden Amerikas betreten zu sehen, bewahrheitete sich nicht. Die größere der beiden französischen Flotten unter Graf d'Orbilliers lieferte dem englischen General von Keppel, der sich ihm aus der Höbe von Questant entgegenstellte, eine blutige Seeschlacht, in welcher sich beide Teile den Sieg zuschrieben. Wie dem auch sei, die französische Flotte war so schmählich zugerichtet, daß sie in den Hafen von Brest zurückkehren mußte, also den Amerikanern nichts nutzte. Da nun keine Hoffnung vorhanden war, durch französische Hilfe die Küsten von den Engländern zu befreien, Barrenhill durch der Franzosen Nichterscheinen aber seine strategische Wichtigkeit verloren hatte, marschierte Washington nach Valley Forge zurück. Inzwischen hatte Frankreich gegen Albion andere, höchst verderbliche Waffen in Bewegung gesetzt. Es hetzte Spanien, den Hyder Ali und die Waratten gegen England auf. Eine siegreiche Rebellion der letzteren, durch Truppen der französisch-indischen Kolonien begünstigt, schien in dem ersten Augenblick den ganzen Besitz der Ostindischen Kompanie zu verschlingen. Vergeblich sandte das Kabinett von St. James Kommissäre mit Friedensvorschlägen an die Union, der Kongreß schlug sie rundweg mit dem Bemerken ab, »daß nur die restlose Räumung des amerikanischen Bodens und Anerkennung der Unabhängigkeit der Union dem Kriege ein Ende machen könne«. In Amerika wie in Ostindien bedroht, ohne Mittel, neue Armeen zu schaffen, mußte England die Kräfte, über welche es zurzeit gebot, teilen. Dem General Clinton in Philadelphia wurde deshalb befohlen, einen Teil seiner Truppen nach Indien zu senden, weil dort der Verlust des Landes näher bevorstand als hier. Diese Schwächung an Macht war der erste Anstoß zur wirklichen Niederlage Englands. Am 17. Juli hatte Steuben in einer Kriegsratsitzung erklärt, es sei für ihn fernerhin unmöglich, seinen Funktionen nutzbringend obzuliegen, wenn nicht der Kongreß endlich definitiv die Grenzen seiner Machtbefugnisse feststelle. Er wünsche, daß man ihn bei dem beginnenden Feldzuge wenigstens an die Spitze eines Truppeskorps stelle. Die Antwort war eine Aufforderung, seine Sache selbst beim Kongreß zu betreiben. Sofort machte er sich reisefertig, um am anderen Morgen aufzubrechen, und benutzte den Rest des letzten Tages, seinen befreundeten Generalen, Washington und Martha, Clemence und den Damen Lebewohl zu sagen. Mit einiger Verstimmung bemerkte er, daß Sigh nicht bei Greene anwesend war. Auf eine Andeutung gegen Clemence, daß er das Bild gern mitnehmen möchte, entgegnete sie in etwas melancholischem Tone: »Die Kleine hat es immer bei sich und zeigt es nicht einmal. Mittags schon ging sie fort. Sobald sie zur Nacht wiederkehrt, werde ich Ihnen das Porträt senden und hoffe, Sie behalten es dann immer.« In Anwesenheit der übrigen Damen war es für Steuben unmöglich, dies kurze, geflüsterte Gespräch ohne falschen Verdacht fortzusetzen. Der Baron konnte deshalb über das sonderbare Wort Clemences keine Aufklärung erlangen. Wegen des wertvollen Bildes beunruhigt, durch die auffällige Nachlässigkeit Sighs verletzt, verabschiedete er sich bald. Sinnend schritt er nach seinem Quartier. »Sie hätte wohl da sein können, um mir die Hand zu geben, wenn sie wirklich Empfindungen für mich hegt«, flüsterte er. »Und dann das Bild! Wie kann ich es in ihren Händen lassen, ist doch sein Platz an meinem Herzen? Was weiß ich denn, was sie damit treibt, und im Grunde bleibt sie doch nur eine Indianerin und ein Kind dazu.« Mit solchen Gedanken betrat er sein altes Blockhaus wieder. Indem er so sann und sich ernsthafte Vorwürfe machte, sich zu der Indianerin in eine solche Lage gebracht zu haben, vernahm er plötzlich hinter sich das ihm wohlbekannte Seufzen. In der Nähe des plötzlich nun offenen Fensters stand Sigh, trat gebückt zu ihm und reichte ihm das Porträt. Staunend maß Steuben das jungfräuliche Kind und nahm mechanisch sein Eigentum zurück. »Aber Mädchen, wie bist du hereingekommen?« flüsterte er verlegen und deutete besorgt nach der Tür, welche ihn allein von seinen Offizieren trennte. Sigh legte ihre Hand auf Steubens Arm und deutete auf das Fenster. »Aber ich bitte dich,« flüsterte er, »man wird dich bemerken!« Sigh schloß lächelnd mit ihren kleinen Fingern seine Lippen, brachte ihren Mund dicht an sein Ohr und sagte kaum hörbar: »Niemand wird wissen, daß Sigh bei dir war, auch die Generalin nicht! Niemand wird sehen, daß ich hereinkam. Hat Sigh mit dir geredet, schlüpft sie da wieder hinaus in die schweigende Nacht.« Das Antlitz der Kleinen hatte in diesem Augenblick so völlig den Ausdruck kindlich-schalkhaften Triumphes, daß unser Held, so betreten er auch war, ihr nicht zürnen konnte. Ehe er etwas erwidern konnte, hatte sie beide Hände auf seine Schultern gelegt, ihr Gesicht war plötzlich traurig geworden. Dann näherte sie ihre vollen Lippen wieder seinem Ohr: »Du wolltest Sigh etwas sagen, denn morgen gehst du weg. Sage es jetzt, Baron, oh, sage es jetzt!« Er wandte sanft ihr Haupt, das sich dicht zu ihm geneigt hatte, und flüsterte: »Hast du ihr Bild gesehen?« »Ich habe es vielmal gesehen«, erwiderte sie ebenso, »und habe es gefühlt in mir. Ich habe ihre Augen angesehen und meine Augen im Wasserspiegel, meine Augen sind ihre Auges.« »Ich habe sie geliebt, Sigh, so heiß, als mein Herz, meine Seele nur kann, geliebt ganz und gar, ihren Geist wie ihres Leib! Ich kann nach ihr keine andere mehr lieben'« »Aber meine Augen, die ihre Auges sind, liebst du und kannst sie sowenig vergessen wie die ihren – nein, noch weniger, denn von meinen Augen brauchst du kein Bild.« »Ja, Sigh, ich liebe deine Augen, aber nichts mehr an dir!« erwiderte Steuben beklommen; seine Pulse begannen heftiger zu schlagen. »Wenn du doch von mir mußt, wer weiß wie weit, Baron, und du meine Augen liebst – küsse meine Augen!« Die Bitte wurde so ausgesprochen, die Nähe des lieblichen Mädchens in seiner Unschuld war so bezaubernd, so aufregend und zugleich für Steubens Gemüt so unbegreiflich beruhigend und wohltuend, daß er der Empfindung des Mädchens nachgab. Er nahm es in die Arme, sah in diesen unendlich schönen, großen, zu ihm emporgerichteten, fragenden Blick, und indem er seinen Mund zu ihr niedersenkte und sie die Augen selig schloß, küßte er sie auf die großen, schwarz bewimperten Lider, küßte sie heiß, küßte sie oft und lange. Ach, alle erstorbenen Gefühle standen in seinem Herzen plötzlich wieder auf, Erinnerungstränen rollten aus seinen Augen auf Wangen und Busen der Indianerin. In diesem Momente höchsten Empfindens, da seine Vergangenheit mit der Gegenwart zusammenfloß, küßte er auch ihren Mund. Sigh trat von ihm weg. »Du hast ihre Augen in des meinen geküßt, meine Augen sind fortan dein! Du hast aber nicht ihren Mund in dem meinen, den meinen allein hast du geküßt! Mein Mund im Schweigen, im Reden, im Kusse, ist so ewig dein wie der Toten Augen; Manitou will es so. – Lebe wohl!« Im Augenblick war sie durch das Fenster verschwunden, und als Steuben ihr betroffen nachstarrte, sah er, wie ihre Hand von außen das Fenster leise zuzog. Wir glauben aufrichtig, daß es für ihn sehr heilsam war, als er am anderen Morgen von Valley Forge mit Karl Vogel, Mac Oddon und Fergus nach Yorktown aufbrach, wo der Kongreß eben tagte. Oddon und dessen Neffen hatte er zu dem Zwecke mitgenommen, um bei erster Gelegenheit eins der Schiffe des Susquehannah zu benutzen und auf kürzeste Weise Yorktown zu erreichen. Hierbei konnten ihm die ehemaligen Matrosen des »Flammand«, Onkel und Neffe, nützlich werden und zugleich Proben ihrer Geschicklichkeit in der Flußschifferei ablegen. Am 22. Juni traf Steuben auf dem Wasserwege in Yorktown ein. – Doch gar bald belehrte ihn jeder Schritt, den er in den nächsten Tagen bei dem Kongreß tat, daß seine Gegner im Heere ihm nur zu gut entgegengearbeitet, die Regierung völlig umgestimmt hatten. Eine weitere Reform der Disziplin und Verwaltung wurde vertagt. Statt ihm seine früher erteilten Machtbefugnisse wieder einzuräumen, wurden sie noch mehr beschränkt, er wurde zum bloßen Exerziermeister herabgedrückt. Nicht bloß diese persönliche Zurücksetzung kränkte ihn tief, er beklagte auch aufs bitterste, daß alle Resultate seiner rastlosen Mühen in Frage gestellt wurden. Man dachte jetzt nur an die Erneuerung des Krieges, an die Ankunft der Franzosen, und daß man weder Zeit noch Geld habe, sich auf Reformen einzulassen. Während der oft bitteren Verhandlungen und Täuschungen dieser Tage kam Steuben bei einem Erholungsgange um die Stadt der plötzliche Gedanke, sie topographisch in einer Skizze aufzunehmen. Die Stadt war eine kleine, etwas desolate Festung oberhalb Hamptons und dem heutigen Fort Monroe am York-River und auf der breiten, hügeligen Landzunge gelegen, welche der York- und Jamesfluß bilden, und die sich fast am Eingange der Chesapeakbai befindet, also einer Landung sowohl für die Engländer wie für die Franzosen überaus günstig war. Gut ausgebaut und stark armiert, konnte sie den Freunden der Union nicht nur als Verteidigungsfeste, sondern als Schlüssel zu der ganzen Bai und ihrer zahlreichen Flußmündungen dienen. Wenige Tage später schwamm der Kongreß und ganz Yorktown in Seligkeit. Der englische General Clinton, an Truppen stark geschwächt, hatte Philadelphia am 18. aufgeben müssen und zog nun durch New Jersey, um den Hudson und New York zum Zentralwaffenplatz und zur Basis seiner Operationen zu machen. Als Präsident Morris dem Baron diese Nachricht mitteilte, sprach er seine Überzeugung aus, Washington werde diesen Zug Clintons zu verhindern suchen. Auch Steuben zweifelte nicht daran und, sofort aufbrechend, zeigte er sich bereit, Clinton rekognoszierend nachzufolgen, um dann mit der amerikanischen Hauptarmee, wie ihm für diesen Fall befohlen war, zusammenzutreffen. Steubens direktes Ziel war Philadelphia, wohin er sich weitere Weisung erbat; er wollte dem Feinde möglichst bald an die Fersen kommen. Den Delaware hatte Clinton zwar schon überschritten, aber wenn es den Unionstruppen gelang, ihn an der Erreichung des Hudson zu hindern und auf der Landzunge von New Jersey zu packen, so konnte das leicht den Untergang der englischen Hauptarmee zur Folge haben. Washington war sicher der Mann nicht, sich diese Möglichkeit entgehen zu lassen. Steuben betrat zum ersten Male Philadelphia, die Wiege der ersten Unabhängigkeitserklärung Amerikas. Engländer und Hessen hatten die sonst so schmucke, blühende Stadt von Schmutz und Ungeziefer starrend zurückgelassen. In Slate Hause, einem damals berühmten Privathotel in der zweiten Straße, traf Steuben solche Scharen von »hessische Fliegen« an, wie sie die Philadelphia titulierten, daß er bei Tag und Nacht nicht Ruhe fand. Seines Bleibens war auch nur kurze Zeit. Washington hatte ihm Duponceau über Porktown sofort nach der Kunde von Clintons Abzug mit dem Befehl nachgeschickt, zur Armee zu kommen, dieselbe werde fünfzehn Meilen oberhalb Philadelphia bei Corryels Ferry über den Delaware gehen und den Feind angreifen. Washington hatte bereits Maxwells Brigade zur Verfolgung des Feindes abgeschickt, diesem General aber zugleich befohlen, sich mit Dickinson, dem General der New-Jersey-Milizen, zu vereinigen und mit ihm dem Marsch des Feindes möglichst zu hindern. Zu demselben Behufe waren auch die Divisionen Lee und Woyne entsendet, hatten aber Auftrag, am ersten günstigen Punkte den Anmarsch der nachrückenden Hauptarmee zu erwarten. Washington hatte am 24. bereits Hopewill, fünf Meilen von Princeton, erreicht, dort traf Steuben mit ihm zusammen. Sofort wurde Kriegsrat gehalten. Sechs Generale mit Lee an der Spitze meinten, daß man sich einer Schlacht enthalten, höchstens 1500 Mann zur Beunruhigung des Feindes verwenden möge. Steuben mit den übrigen Generalen stimmten aber fürs Losschlagen, und der Obergeneral übernahm auf eigene Verantwortung hin die Schlacht. Um Gewißheit über die Bewegungen des Feindes zu erlangen, beorderte er Steuben und dessen Offiziere zur Rekognoszierung. Clinton war inzwischen nur langsam von Glocester Point, links des Delaware, nach Haddenfield und Mont Holly, von da nach Croßwicks und Allentown gerückt. Vom letzteren Punkte liefen nach New York zwei Straßen, die linke über Brunswick und South Amboy, die zur Rechten über Monmouth und Sandy Hock. Am 25. vermochte Steuben dem Brigadegeneral Scott mitzuteilen, Clinton schicke sich an, rechts über Monmouth zu gehen, er stelle ihm anheim, mit seinem Corps bis Highestown zu rücken und die Kommandeure der vorgeschobenen Corps über den Marsch der Engländer aufzuklären. Clinton, dem Steuben mit der Brigade Scott hart auf den Fersen war, kam erst am 27. in die Nähe von Monmouth Courthouse. An demselben Tage konnte Steuben die Stellung der Engländer genauer ermitteln, wobei ihm Tamenund und Yokomen durch Kundschafterei besonders nützlich waren; stillschweigend hatten sie sich ihm in Princeton angeschlossen. Nachdem er Washington durch eine Depesche über die Situation am Mittag aufgeklärt hatte, der Gegner aber bis Abend untätig stehenblieb, begab sich der Baron mit seiner persönlichen Begleitung in Washingtons Hauptquartier. Die Schlacht stand also vor der Tür. Die Morgensonne des 28. Juni strahlte feuriger als jemals über dem Kampfgefilde. Bei Anbruch des Tages schickte sich der Baron in Begleitung Walkers und Tenants an, die etwa veränderte Stellung des Feindes bei Monmouth zu ermitteln, und begab sich nach einem links von einem dichten Walde gelegenen Höhepunkt, der ihm klaren Einblick in die Stellung der Briten und Hessen bei Courthouse verstattete. Der Feind verließ eben seine Stellung und bewegte sich in das zwischen Courthouse und Middletown gelegene Tal hinab. Clinton, der glauben mochte, der Angriff habe es auf sein Gepäck abgesehen, hatte dieses zur Avantgarde der Hessen unter General Knyphausen beordert, während er seine zuverlässigsten Truppen unter Cornwallis in die gefährdete Nachhut stellte. Steuben mochte sich auf seinem Rekognoszierungspunkte dem Feinde wohl zu sehr ausgesetzt haben, denn als er mit seinen Wahrnehmungen gerade zu Ende war, raschelte es plötzlich im Gehölz. Seine Augen schnell dahin wendend, sah er, daß zwei hessische Reiter auf ihn zuritten. Er feuerte seine Pistole auf sie ab, wendete sein Pferd, setzte über eine Hecke, wobei er den Hut verlor, und gelangte glücklich ins Hauptquartier nach Englishtown. Nicht ohne trübe Besorgnis dachte er an seine Adjutanten, die wahrscheinlich abgeschnitten und gefangen waren. Zum Bedauern war indessen keine Zeit. Er stattete Washington Rapport ab, indem er sagte, daß der Feind sich auf den Marsch begeben habe und es zu bezweifeln wäre, ob man ihn noch einholen könne. Sofort hatte Washington dem General Lee, welcher die Avantgarde führte, Befehl zum Angriff gegeben, um zu verhindern, daß Clinton die deckende Höhe von Middletown gewinne. Steuben ritt wieder nach Monmouth zurück, um zu sehen, wie weit der Feind im Tale hinab sei, und bemerkte dort nur noch, daß einige amerikanische Milizkompagnien dem Gegner hitzig nacheilten. Er kehrte hierauf in Englishtown ein, um zu ruhen und etwas zu sich zu nehmen, da er seit der Tagesdämmerung zu Pferde gewesen war. Erfrischt, saß er wieder mit Walker, Tenant, Duponceau und North auf, um den Obergeneral aufzusuchen. Kaum war er aus dem Orte gelangt, als er heftigen Kanonendonner hörte. »Das muß Clintons Arrieregarde sein, General Lee hat ihn also gepackt. Vorwärts, ihr Herren, wenn wir noch etwas nützen wollen!« Steuben galoppierte auf die seitwärts gelegene Höhe und traf Washington, der eben seine anmarschierenden Truppen in Schlachtordnung stellte, während vorn in der Niederung die Avantgarde Lees im Gefecht stand. »Stellen Sie die Flankenbatterie da am Höhenrande auf, Baron! Schaffen Sie Lee Luft, und halten Sie den Feind unter Feuer!« befahl Washington. Steuben ritt zu dem erwähnten Punkt, ließ mit Hilfe seiner Offiziere die besagte Batterie postieren, richtete selbst die Geschütze und begann das Schießen. In demselben Augenblicke aber sah er die Avantgarde weichen, verfolgt von etwa 2000 Mann des Korps Cornwallis. Todesbleich kam General Lee im Galopp an Steuben vorüber, von seinen fliehenden Leuten umgeben. »Vorwärts die Divisionen Greene und Smalwood!« donnerte Washington, »Angriff auf der ganzen Linie!« – Unter heftigem Kugelregen und scharfer Kanonade führte er sein Gros über die Höhe herab, indes Steuben mit der Batterie die den fliehenden Leuten Lees nachdringenden englischen Kolonnen so scharf in die Flanken nehmen ließ, daß, von den eigenen Verwundeten und Leichen behindert, Cornwallis eilig zurückging, um sich dem Gros Clintons wieder anzuschließen. Wenige Augenblicke hierauf kam Alexander Hamilton auf dampfendem Gaule die Höhe empor. »Der Obergeneral läßt für die Abweisung des Feindes danken und befiehlt Ihnen, die Division Lee bei Englishtown zum Stehen zu bringen, die Führung derselben zu übernehmen und sie zu seiner Unterstützung bereit zu halten. Ich bleibe bei der Batterie, die gleich Sukkurs erhält!« Ohne ein Wort der Erwiderung zog Steuben den Degen und setzte sein Pferd in Karriere, die Adjutanten folgten ihm. Er traf bald genug auf die hintersten fliehenden Bataillone Lees. Er warf sein Pferd zwischen sie mit donnerndem »Halt«. »Seid ihr Amerikaner oder feige Hunde? Seid ihr Soldaten, die ich geschult, seid ihr trotzige Herzen oder Memmen? Halt in Amerikas Namen! Walker, North, Tenant, rufen Sie alle andern zurück!« »Baron,« sagte der Oberst bitter, »General Lee wich hinter uns, so mußten wir Vordersten endlich zurück, wir hatten die ganze Wucht des Feindes auf uns! Wären wir von Ihnen geführt worden, wir hätten festgestanden!« »Jetzt führe ich euch, also steht! Wir gehen in Reserve nach Englishtown. Wenn General Washington uns aber braucht, rücken wir vor, und ich führe euch ins Feuer.« Inzwischen hatten sich die anderen Bataillone rangiert, es war, als ob ihres Lehrmeisters Nähe sie elektrisierte. Er führte die Division lautlos nach Englishtown. Als er diesen Ort passierte, traf er General Lee, der vor einem Hause hielt. »Wohin geht es, Baron?« »Auf Befehl Sr. Exzellenz formiere ich die Division in Reservestellung!« »Ich bin sehr erfreut darüber,« sagte Lee verlegen, »daß Sie diese Aufgabe übernommen haben. Ich fühle mich sehr ermattet.« Steuben sammelte dann einen Teil von General Maxwells Brigade und einen Teil des Detachements Scott hinter dem Bache der Stadt. Kaum hatten die Truppen ihre Position eingenommen, als General Patterson mit drei Brigaden der zweiten Linie, die zurückstand, ankam. »Ich wünsche zu wissen, Baron, wo Sie für dienlich halten, daß ich mich aufstelle.« »Haben Sie die Güte, ein wenig rückwärts auf der Höhe Stellung zu nehmen und mir eine Batterie hierzulassen!« Pattersons Korps nahm Stellung, die Batterie fuhr bei Steuben auf, und er ließ sie auf dem rechten Flügel der zweites Brigade des Generals Smalwood aufstellen. – Inzwischen hatte vorn die Kanonade beiderseits ununterbrochen fortgedauert. Eine halbe Stunde nach Steubens Aufstellung überbrachte Oberst Gemat Washingtons Befehl, »daß der Baron ihm Verstärkung zuführen solle, da der Feind nahe am Wanken sei, seine eigenen Truppen aber sehr erschöpft wären«. Steuben sprengte zu Marwell. »Mein General, ich übergebe Ihnen das Kommando sämtlicher Reserven, bleiben Sie hier bis auf weitere Order!« – Vor die Division Lee hintretend, rief er: »Ich gebe mir laut Oberbefehl jetzt die Ehre, die Division gegen den Feind ins Feuer zu führen! Vorwärts für Jung-Amerika!« »Jung-Amerika for ever !« donnerte es die Linien entlang. Die Trommeln rasselten, und wie in Parade rückten sie durch Englishtown. Lee kam dort auf Steuben zugeritten. »Wo wolle Sie denn hin? Vorrücken?« »Der Feind wankt, der Obergeneral befiehlt mich zum Sukkurs!« »Ich bezweifle, Sir, daß der Feind das tut und Washington die Division befohlen haben kann!« »Ich erhielt die Order vom Oberst Gemat!« »Es muß ein Irrtum sein!« Steuben wendete sich: »General Mühlenberg, lassen Sie Ihre Brigade halten, die anderen Truppen gehen laut Befehl vor! Rufen Sie Oberst Walker, Duvonceau!« Wie ein Steinbild auf seinem Pferde haltend, ließ Steuben, nachdem Mühlenberg eingeschwenkt hatte und hielt, die übrigen Truppen an sich vorüberziehen, und jede Kompanie begrüßte ihm mit Hurra. Inzwischen brachte Duponceau Walker heran. »Sagen Sie doch General Lee, welche Order mir Oberst Gemat und von wem er sie überbracht hat! Ich wünsche Ihnen Ihr Bestes, General!« – Damit befahl er auch der Brigade Mühlenberg den Weitermarsch und begab sich eiligst an die Tete der Truppen kurz vor ihrem Einrücken in die Schlachtlinie. Das Erscheinen der unlängst geflohenen Division Lee wurde von Washington auf der Höhe anfänglich mit der höchsten Sorge beobachtet. Die Truppen aber, an Steubens Leitung gewöhnt, setzten ein so großes Vertrauen auf sich, daß sie, obwohl bereits von feindlichen Kugeln überschüttet, mit einer Kälte und Unerschrockenst aufmarschierten, wie sie nur alte, Truppen besitzen. Steuben ließ sie ohne einen Schuß in die Stellung rücken, ob der Feind auch herandrängte. Dann aber gab seine Division in nächster Nähe auf ihn Feuer. »Zur Attacke! Sturm!« »Hurra!« – – General Clinton und Cornwallis wurden geworfen. Die anderen schon ganz ermatteten Teile der Unionsarmee schlossen sich jetzt dem Vorstoße Steubens an, das »Aufrollen« des Feindes begann. Sicher wäre es geglückt, die englische Armee zu zertrümmern, hätte man nur noch zwei Stunden länger Tag behalten. Die Dunkelheit machte dem Treffen ein Ende. Washington befahl, das Gefecht abzubrechen, die Truppen aber in ihren Stellungen biwakieren zu lassen, nachdem Beobachtungsdetachements vorgezogen worden seien; er erwartete zuversichtlich, den Angriff am nächsten Tage zu erneuern. – Er täuschte sich indessen. Die englische Armee, heillos zugerichtet, zog es statt eines neuen, verhängnisvolleren Kampfes vor, unter dem Schutze der Nacht über Monmouth nach Sandy Hock zu flüchten, wo sie zu Schiff New York erreichte. Allerdings war es durch Lees Verschulden unmöglich geworden, zu rechter Zeit den Feind noch zu umspannen und von der Richtung nach New York abzudrängen, aber ein Sieg, der erste auf freiem Felde und in geschlossener Linie, war erkämpft worden, Steubens Schulung und Organisation hatte sich bewährt. Alle Generale – natürlich Lafayette und dessen Anhänger ausgenommen –, die Truppen und ihre Unterkommandeure aber besonders, waren in ihrem Lobe, ihrer Begeisterung für Steuben einig. Auf der blutigen Walstatt wurde am anderen Morgen Revue gehalten. Nachdem die Hauptarmes gerastet und ihren Bedürfnissen genügt hatte, trat sie ihren Weg nach Brunswick, in den folgenden Tagen weiter über Bergen, Paramus und Haverstraw nach dem westlichen Ufer des Hudson an, welchen sie bei Kingsferry überschritt und am 20. Juli zu Whiteplains anlangte. Dort nahm Washington sein Hauptquartier. In einem Armeebefehl wurde Steuben zwei Tage später seines temporären Kommandos enthoben, in seine alten Funktionen wieder eingesetzt und die Division Lee unter Washingtons direkten Befehl gestellt. Lee aber war nach Philadelphia gegangen, wo nunmehr der Kongreß seinen Sitz genommen hatte, um vor demselben sein Verhalten bei Monmouth zu verantworten. Friedrich von Steuben, der bei dem Siege den Ausschlag gegeben hatte, wurde also das Kommando der Division, die er so glorreich geführt hatte, nicht belassen. Er war wieder in die Stellung des bloßes Drillmeisters zurückverwiesen. – Er wußte, daß sein Erfolg bei Monmouth die Feindschaft alter wie neuer Gegner im Heere gegen ihn erregt hatte, und daß man ihm weder seine Kenntnisse, noch daß er ein Fremder sei, zu vergeben wußte. Er kannte die Schwierigkeiten, mit denen Washington bei seinen Generalen zu kämpfen hatte, aber er konnte sich eine solche Behandlung dennoch nicht gefallen lassen. Washington erwiderte, es sei ihm sehr leid, die Sachen ständen indessen so, daß sämtliche Brigadegenerale mit ihrer Entlassung gedroht hätten, falls dem Baron das Divisionskommando verbleibe. Sie beklagten sich, daß die amerikanische Hauptarmee während des letzten Marsches durch drei fremde Generale, von Kalb, Lafayette und Steuben, kommandiert worden sei, der Kongreß aber habe Steuben allein als Generalinspekteur und nominellen Generalmajor angestellt. Steuben erbat sich Urlaub, um in Philadelphia beim Kongreß eine Erklärung zu verlangen, ob seine Befugnisse endlich festgestellt werden sollten, da Oberst de Neuville, ein Anhänger Lafayettes, welcher früher bei Gates Generalinspekteur gewesen, jetzt aber im Hauptheere war, ihm jede Subordination verweigert und erklärt habe, er diene nicht unter ihm! Washington erteilte natürlich den Urlaub und sagte ihm zu, er werde alles aufbieten, ihn in seinen Rechten als Generalinspekteur zu schützen, mehr könne er der Unzufriedenheit der Offiziere wegen aber nicht tun, wolle er nicht das Ganze in Gefahr bringen. Mißmutig hatte sich Steuben bei der Generalin und den Damen empfohlen, vor Greene und Clemence aber seiner Bitterkeit den vollsten Ausdruck gegeben. »Lieber Baron,« sagte Nathanael, »Sie wissen, daß ich Ihr Freund bin und Ihnen jedes Kommando schon in der Überzeugung gönne, es gereiche meinem Lande zum Segen. Wenn Sie aber glauben, es sei unter den übrigen amerikanischen Offizieren nur ein gemeiner Neid, eine Verkennung Ihres Wertes und ein persönliches Übelwollen gegen Sie im Spiele, dann sage ich Ihnen, Sie täuschen sich! Sie tun meinen Kameraden unrecht. Natürlich nehme ich ja einzelne elende Kerle unter uns aus, Lafayette, Lee, Gates, Neuville, Arnold. Ich wüßte aber sonst wirklich keinen, der Sie nicht hoch achtete, Ihr Verdienst nicht ebenso schätzte wie Sie selbst. Seien Sie nur auch gerecht! Es dienen sehr viele fremde Offiziere unter uns, die unseren heimischen Generalen die höheren Chargen versperren!« »Ist es denn besser, unter Lee geschlagen zu werden, als unter Steuben das Feld zu gewinnen?« »Welche Frage? Aber nicht alle fremden Offiziere sind Steuben, lieber Freund, und wir waren in der Wahl eines großen Teils Fremder unglücklich genug! Verdenken Sie denn uns einheimischen Offizieren, wenn wir eifersüchtig sind auf den Ruhm, doch auch unseres Landes Unabhängigkeit miterkämpft zu haben? Sollen wir als Bettler an Ehre neben Ihnen am Tage des Friedens stehen und uns scheel ansehen und sagen lassen: ›Ja, selber habt ihr nie was gekonnt, Fremden verdankt das Land alles‹?« »Sie haben ein zu gerechtes Herz, Baron!« Damit legte Clemence ihre Hände sanft auf Steubens Arm. »Sie können das an uns nicht verdammen, was Sie ebenso als Offizier in Ihrer Heimat schmerzlich empfinden müßten, wenn es dort wie hier zugegangen wäre.« »Sie haben recht, teure Frau, immer haben Sie recht! Aber ich hatte gehofft, man werde mich hier bald als Amerikaner ansehen, denn wie ein Amerikaner Ihres Blutes habe ich bisher gefühlt!« »Weiß ich denn das nicht, mein einziger Freund?« rief Greene. »Aber wie können Sie von den anderen schon verlangen, daß sie Ihnen den besonderen Ehrenplatz einräumen, den Sie in unseren Herzen haben?« »Sie müssen warten können,« sagte Clemence, »warten wie Sigh – mit Seufzen! Ja, ja, es ist schon so! – Aber wenn Sie mutvoll warten, wird Ihnen alle Welt einst die Palme geben, die Ihnen gebührt!« Steuben küßte der holden Trösterin die Hand und umarmte Greene. Am anderen Tage befand er sich auf dem Wege nach Philadelphia. Das Blaue Buch Steuben kam in Philadelphia bald zu der Einsicht, beim Kongresse sei auf dem bisher eingeschlagenes Wege entschieden gar nichts zu machen. Ein Kommando im Heere schlug man ihm ab, und er war klug genug, auf alle Kommandos fortan zu verzichten. Aber auch die Feststellung seiner Kompetenzen durchzusetzen, gelang ihm ebensowenig, obwohl man seine Autorität vor der Armee dadurch anerkannte, daß man Oberst de Neuville, welcher Steuben Subordination verweigert hatte, mit Ostentation aus dem Dienst entließ, obwohl er Lafayettes Protegé war. Höchlich empört ging de Neuville nach Frankreich zurück. – Auch im übrigen wurde Steuben von dem Kongreß wie allen öffentliches Kreisen Philadelphias die höchste Achtung und ein unzweifelhaftes Wohlwollen erwiesen, ihm für sein siegreiches Eingreifen in die Monmouth-Schlacht und seine organisatorische Tätigkeit rückhaltlose Anerkennung gezollt. Unser Freund war darüber ebensowenig erstaunt, als ihn das Mißlingen, seine Stellung zu fixieren, mehr erzürnte oder ihn erlahmen ließ. Er hatte endlich erkannt, daß der Widerstand gegen ihn, trotzdem man ihn anerkannte, allein in seiner Person liege. Die Eifersucht, welche ihm einen Vorrang, eine Machtsphäre verweigerte, die für amerikanische Verhältnisse allerdings außergewöhnlich war, ging nicht nur, wie er entdeckte, von den Generalen, nicht nur von den politischen Parteien aus, sondern war durch das republikanische Prinzip selbst bedingt, das eine privilegierte Stellung nicht oder nur aus dem Bewußtsein eines dringendsten Notstandes anerkannte. Der Amerikaner beugte sich dem Gesetze und dem, der es gesetzlich ausübte, aber er beugte sich nicht der Autorität. Steubens Generalinspektorat aber war eine Autoritätsstellung mit sehr dehnbaren Normen gewesen. – Gelang es nun dem Baron, seine Person außer Spiel zu bringen, dennoch aber alles das durchzusetzen, was er für das Heil der Armee für wichtig hielt, so mußte er den ganzen Umfang seines Wollens einfach kodifizieren, das heißt in ein Militärgesetzbuch bringen. Dann befahl nicht er, sondern die Paragraphen herrschten, er führte sie tatsächlich nur durch. Das war für das Bewußtsein der Unionsstaates aber ganz etwas anderes, es war eben echt amerikanisch-republikanisch. Steuben erkannte nur zu gut, daß der mehr oder weniger entschiedene, wenn auch stets wohlwollende Widerstand, den Washington selber ihm, namentlich je mehr die Truppenausbildung vorgeschritten war, entgegengesetzt hatte, nur auf dies amerikanische Unabhängigkeitsbewußtsein zurückzuführen sei. Sofort begab er sich zu dem Präsidenten Morris. Er erklärte ihm freimütig, er sähe ein, daß das ganze Inspektorat und Reformwerk anders angefaßt werden müsse. Ein Militärkodex allein müsse sagen, was jeglicher zu tun habe oder nicht. Morris stimmte ihm mit der lebhaftesten Freude zu, und als er hiervon dem Kongreß Anzeige machte, gab derselbe unter lautem Beifall seine Genehmigung. Steuben war glücklich, endlich doch den rechten Ausweg gefunden zu haben. Mit wahrem Feuereifer ging er ans Werk, und langsam, aber wie ein unverrückbares Gebäude, erhob sich das stolze Werk seines Lebens, » the blue book «, das berühmte blaue Buch. – Inzwischen hatte sich beim Kongreß der Prozeß gegen General Lee abgespielt. Zahlreiche Offiziere, Steuben selbst, auch Washington, hatten Zeugnis gegen dessen nachlässige, ja sogar feige Führung der Truppen abgelegt. Das Urteil lautete, daß General Lee unfähig sei, eine Division oder ein Detachement selbständig zu kommandieren und ihm nur noch, je nach Dafürhalten des Obergenerals, eine Brigade anzuvertrauen wäre. Den Tod im Herzen, ging Lee zur Armee zurück; Washington behielt ihn ohne Kommando bei seinem Stabe. Der Baron beendete jedoch nur den Anfang des blauen Buches in Philadelphia, man bedurfte seiner anderswo. Die zweite aus Frankreich erwartete Flotte war endlich angelangt und bei Sandy-Hock erschienen, hatte dort die britische Flotte blockiert, doch auf Washingtons Betreiben sich dann nach New Haven begeben, um einen Versuch gegen Rhode Island zu machen, das die Engländer seit 1776 innehatten, General Sulivan mit der Nordarmee sollte dabei von der Landseite aus mitwirken. Der englische Admiral Howe, dies ahnend, wollte mit seiner Flotte der französischen folgen, wurde aber von einem Sturm gezwungen, nach Sandy Hock umzukehren. Die französische Flotte konnte den Engländern in Rhode Island hingegen aber auch nicht beikommen, denn sie vermochte ihre Truppen nicht zu landen. Das Korps Sulivan kam daher ins Gedränge. Am 28. August abends erhielt Steuben Befehl, sofort zu Washington zu reisen, der ihn als Ratgeber zum Korps Sulivan zu schicken wünsche. Auf der Stelle reiste der Baron ab. – Als er am 1. September in Whiteplains eintraf, eröffnete ihm Washington, Sulivan habe bereits glücklich seinen Rückzug nach Providence beendet. Sei des Barons Hilfe jetzt dort zwar unnötig, so bedürfe man seiner doch im Hauptquartier. Wegen neuer Rekrutenmassen und Abgangs Gedienter müsse mehr exerziert werden als je, und das sehr wohltätig wirkende blue book könne im Lager, wo das Material gleich zur Hand sei, ebensogut und besser geschrieben werden, zumal Steuben dann auch die Hilfe der Unterinspektoren habe. Ohne ein Wort zu verlieren, fügte er sich, nahm seine alte Drillmeisterei wieder auf, schrieb sein Buch und wurde wieder der liebenswürdige Freund der Damen. In Wahrheit zogen ihn diese Frauen an und fesselten ihn an die Armee, ebensosehr der Orden der Sansculotten, noch mehr aber Sigh. Wieviel Rechenschaft er sich über seine Sympathien für das Indianermädchen ablegte, bleibe dahingestellt. Sie fesselte ihn, weil sie nicht einen Schritt der Annäherung tat. Es war eine solche Naivität, verbunden mit einer so sinnigen und bewußten Sittsamkeit in dem Mädchen, eine so unbeschreiblich bezaubernde Ruhe lag wie ein Schleier über ihrer Neigung gebreitet, daß ein gänzlich empfindungsloses Gemüt dazu gehört haben würde, für sie nicht wenigstens ein gewisses Gefühl von Liebe zu empfinden. Einer jener seltenen und sonderbaren Abende brachte Steuben in dieser Zeit bei Nathanael Greene und Clemence zu, da Gemüt und Verstand aufhören, zwei besondere, nebeneinander fungierende Seelenkräfte zu sein, sondern wo sie sich zu einer höhern Form gatten, zu der durch Intuition hochflammenden Vernunft. Sigh saß in dem Garten, wo Steuben, Greene und dessen Frau sich am Abendtische befanden, auf einem niedrigen Schemelchen zu Clemences Füßen. Man sprach allerlei: vom Stande der öffentlichen Dinge, der Parteien, von den verschiedenen kämpfenden Armeen, und kam endlich auf Religion zu reden. Natürlich nicht auf die Religion oder die verschiedenen christlichen Glaubensbekenntnisse, sondern man verstand stillschweigend bei diesem Gespräche die eine alles ihren Bekennern gemeinsame, einfache Lehre Christi. Sigh hatte wortlos bisher zugehört und an einer indianischen Decke mit bunten Fäden genäht. »Ach,« sagte Clemence im Laufe der Rede, »jeder Religion eigentlicher Inhalt und Grund ist die Liebe, muß ja Liebe sein, sonst kann sie nicht geglaubt werden, denn sie dringt dann nicht ins Herz! Sage doch, Sigh, wo ist der Liebe Anfang? Ihr Anfang nämlich, Baron, muß auch der Anfang alles Glaubens sein; du wirst mir das doch auch zugeben, Nathanael!« »Ob ich's tue, sage ich erst,« lächelte der General, »wenn uns die Kleine auseinandergesetzt hat, wo wir den Anfang zu suchen haben.« Sigh legte die Arbeit auf ihren Schoß, blickte Steuben mit sinnenden großen Augen an, dann wendete sie ihr Gesicht zu Clemence. – »Beim Mann und seiner Squaw fängt unter allen Menschen die Liebe an, ob sie helle oder dunkle Haut haben mögen!« »Bei Mann und Frau?« erwiderte die Generalin. »Weshalb aber nicht beim Kinde? Fühlt das Kind nicht schon Liebe, wächst diese nicht mit ihm, wird Jünglings- oder Jungfrauenliebe, ehe sie Gattenliebe werden kann?« »So ist's nicht!« sprach Sigh, die langen Wimpern senkend. »Kann ein Kind lieben, bevor es lebt? Die Liebe muß doch in seinen Eltern begonnen haben, damit es leben kann, um selbst zu lieben!« »Gut«, lächelte Greene. »Also die Ehe ist der Liebe Anfang.« Sigh nickte ernst. »Wenn zwei zusammen erst Mann und Frau sind, ja!« »Ei, Mädchen,« wendete Steuben ein, »wie können sie beide denn Mann und Frau werden, wenn sie sich nicht vorher schon lieben?« »Natürlich!« warf Clemence ein, »du wirst zugeben, Sigh, das müssen sie!« »Nein!« erwiderte diese. »Ihr mögt es mit Euren Gaben anders tun, wir roten Menschen nicht. – Ich weiß, Ihr meint, Mann und Weib müssen vorher etwas empfinden, ehe sie sich haben können. Sie empfinden Verlangen und eine Pein! Haben sie sich aber, so verlangen sie nichts mehr, sie lieben und sind zufrieden! Der Liebe Anfang ist Mann und Weib, das Verlangen, die Pein führt sie nur zueinander!« »Und wo ist der Liebe Ende?« fragte General Greene, plötzlich die Pause gemeinsamen Sinnens unterbrechend. »Wenn es die Liebe war, die dem großen Manitou wohlgefällt, nirgend! Einmal erweckt, währt sie ewig!« »Wie unsere Seele, der unsterbliche Geist?« fragte lebhaft Clemence. »Wie der große gute Geist, der eben die Liebe ist!« Sighs Antlitz wurde wie verklärt. »So ist dir die Liebe von Mann und Weib zugleich ein Zeugnis von Manitous Liebe?« erwiderte Steuben. »Das mußt du uns erklären«, sagte Nathanael gespannt, »und ob das alle roten Leute glauben!« »Sie glauben es alle!« – Sigh erhob sich, nachdem sie die Arbeit weggelegt hatte, feierlich und richtete den Blick in stiller Verzückung zum Himmel. – »Alles schuf er,« begann sie, »das Sichtbare und Unsichtbare. Er schuf es aus ewiger Sehnsucht, und als er es geschaffen, hegte er es in ewiger Liebe! Sehnsucht schafft, es ist das Männliche, Liebe hegt, es ist das Weibliche! Jedes Geschlecht schuf er so in jedem Ding. Die Blume, der Baum, das Tier, der Mensch ist gestaltet als Mann und Weib, damit immer mehr die Sehnsucht und Liebe Manitous und seiner Welt wachse. Er führt durch sie aus diesen dunklen Gründen in seine ewigen, lichten, wo alles blüht und reift, nichts abfällt und vergeht, alles ewig, wie Manitou, und alles Geist und Liebe ist!« – Sie stand still, als horche sie hinauf, als könne sie durch die Himmelsdecke blicken. »Er redet zu mir, daß es so recht ist!« »Hörst du denn seine Stimme, Sigh?« fragte Clemence mit bewegtem, leisem Tone. »Nicht durch mein Ohr – mein Herz hört ihn! Dann seufze ich; es ist der Widerhall seiner Stimme.« Steuben konnte seiner Regungen nicht mehr Herr werden. Er vergaß, daß sie ein rotes, ein indianisches Weib sei. Er sah in ihr nur den Engel, der Gott in seiner Kindlichkeit offenbarte. Er eilte zu ihr, ergriff ihre Hand und küßte sie inbrünstig. »Ich danke dir, Mädchen, Manitou segne dich!« Da jauchzte Sigh auf, eilte zu Clemence, warf sich vor ihr nieder und umfing die schöne blonde Frau. »Er hat mir die Hand geküßt, vor euch offen diese Hand!« Sie sprang auf und reichte Steuben die so von ihm geehrte Rechte: »Nun ist auch diese Hand noch dein! Willst du sie wieder küssen?« »Hier tu ich's wieder, so wahr mir Gott helfe!« und er drückte die kleinen Finger des Mädchens nochmals an den Mund. Der General und Clemence hatten sich staunend erhoben. »Küßte dir der Baron schon mehr als die Hand?« rief Nathanael. Steuben errötete tief, und er wendete sich ab. Sigh senkte das Haupt. »Was er offen küßt, ist offen! Was er im stillen küßt, bleibt still!« – Sie ging langsam sinnend ins Haus. Eine Weile herrschte Schweigen unter den dreien, dann legte Greene die Hand auf des Freundes Schulter. »Sie hat uns allein gelassen, damit Sie mit uns reden können, Baron, wie Ihnen ums Herz ist.« »O Gott, Nathanael, ich weiß es nicht!« Clemence faßte bittend Steubens Rechte. »Aber Sie entsinnen sich doch, ob Sie ihr noch andere Küsse gegeben haben. Sie sind zu sehr Mann und Christ, haben, wie wir, für das Mädchen zuviel Gefühl, um uns etwas zu verschweigen!« »Sie haben recht, und kein noch so leichter Flecken darf an dieses Kindes Reinheit haften, teure Frau! Wenn niemand, so sollen doch Sie und Nathanael, meine liebsten Freunde, alles erblicken, was in mir lebt. Als ich von Valley Forge schied, um nach Philadelphia zu gehen und beunruhigt war, daß Sigh mir nicht mein Bild brachte, kam sie heimlich in mein Blockhaus – spät am Abend.« »Heimlich? Ohne daß sie jemand sah?« »Durchs Fenster meines Schlafgemaches. Sie stand, Sophies Bild in der Hand, plötzlich vor mir. Ich klagte ihr, warum ich die Tote ewig lieben müsse und keine andere, sagte ihr, daß ich nur ihre Augen liebe, nicht sie. Sigh erwiderte, ihre Augen seien der Toten Augen und also mein, ich möge sie küssen. Ich habe ihre Augen geküßt, habe mich satt geküßt an diesen holden, unvergeßlichen Augen! Mir war, als hielt ich meine Sophie atmend und lebend wieder in meinen glückseligen Armen, an meiner freudelebenden Brust, und – ich küßte ihr auch den Mund.« »So haben Sie von ihr Auge, Mund und Hand in Besitz genommen, lieber Steuben!« sagte Clemence. »Hochbedeutsame Güter für alle Menschen, zumal aber für den Indianer, der in den Blick, das Wort, die Tat die Summe seines ganzen Lebens legt. Vergessen Sie das nicht, mein Freund. Gute Nacht, Baron!« – Sie warf ihrem Gemahl einen lächelnden Blick zu, Nathanael nickte und lächelte wieder. Steuben hatte gesenkten Blickes Clemencens Hand gedrückt. Er wandte sich und schritt dem Ausgange des Gartens zu. Greene folgte ihm. Kurz vor dem Gartenpförtchen rief er leise: »Baron, ein Wort!« Steuben blieb sinnend stehen. Greene trat zu ihm. »Hören Sie, lieber Freund, einen Wink. Ich bin selbst in den zartesten, süßesten, heiligsten Dingen praktisch. Das mag nicht sehr schön sein, aber ich werde dadurch meinen Freunden mitunter nützlich!« »Sprechen Sie, mein teurer Greene.« »Zwischen Ihnen und Sigh liegt die Sache nach zwei Seiten hin sehr einfach. Küssen Sie sie nie mehr, so handeln sie ungerecht gegen sich, noch ungerechter gegen das Mädchen. Küssen Sie Sighs Augen, Mund und Hand, so handeln Sie richtig und gerecht zwar, aber Sie machen sich zum Besitzer der Gaben des Mädchens, die den Indianern die wertvollsten find. Sie brauchen bei diesem Besitze nicht stehenzubleiben, denn wer würde Sie daran hindern? Tamenund nicht, Sigh noch weniger, aber Sie werden dann wissen, Baron –!« »O schweigen Sie, Freund! Das war das Gefühl ja eben, was auf mir lastete! Soll ich denn verflucht sein, noch einen Engel in Frauengestalt zu morden?« »Das werden Sie nicht, und bei Sigh vermöchten Sie es auch schwerlich, aber der Baron von Steuben, der General der Armee, der ebenso Beneidete wie Angefeindete, wird sich doch fragen müssen, ob er eine rote Squaw haben will!« – Steuben wendete sich zu ihm völlig um, eine eigentümliche Vornehmheit überkam ihn. »Was ich bin, lieber General, und was ich muß, weiß ich. Aber wie ich es muß, das lehrten Sie mich soeben! Ich besitze Sighs Augen, Mund und Hand. – Ich werde – so hoffe ich von meinem Charakter – mit diesem Vorzüge mich begnügen. Wohl hat ihn Sigh mir als Indianerin nur verliehen, ich könnte als Weißer mit diesem Schatze ihrer Liebe also gewissenlos umgehen. Dies Mädchen ist aber seit heute für mich keine Indianerin mehr. Dieses engelgleiche, von Gottes Geist erfüllte Kind steht mir hoch über manchem jener weißen Weiber, die ich in Rang und Reichtum sich blähen sah. Ich erkläre Ihnen, ich werde das immer so halten, sei's vor unseren Ladies, sei's vor den Soldaten beim Marsch. Sagen Sie Sigh, daß ich sie so liebe wie meine geliebte Tote, und wenn sie meinen Kuß auf ihrer Hand fühlt, möge sie dabei stets denken, ich hätte auch ihre Lippen und Augen geküßt!« »Baron, Sie sind ein wahrhaft rechtschaffener Mensch!« und Greene umarmte und küßte Steuben. »Aber noch ein Wort. Wenn Sie des Mädchens Hand vor allen küssen, wo und wann es auch sei, was werden die Leute dann von Ihnen sagen, Baron?« »Lieber Nathanael, darauf, was die Leute sagen, kommt's nicht an! Küssen Sie Ihre Frau und grüßen Sie sie!« – Steuben schritt rasch durch die Gartenpforte und die Straße zu seiner Wohnung hinab, Greene sah ihm lange nach. Dann kehrte er zu Clemence zurück, die ihn erwartet hatte. Er umfing sie innig und sagte sanft: »Ja, sie hatte recht, der Liebe Anfang ist, wenn Mann und Weib sich haben!« »Und dann ist sie göttlich, ewig, Nathanael!« – Mit Eifer sowohl seinem alten Amte wie der Ausarbeitung seines militärischen Gesetzbuches obliegend, genügte unser Freund zugleich seinen geselligen Pflichten mit gewohnter Liebenswürdigkeit. Es war sichtlich zu merken, wie Groll und Neid im Heere einer immer entschiedeneren Vorliebe für ihn zu weichen begannen. Der Sitte der galanten Zeit gemäß küßte er natürlich jeder Dame, mit der er in Gesellschaft zusammentraf, ob alt oder jung, häßlich oder schön, die Hand. Seit jenem Abend jedoch, mochte auch Martha Washington, die Exzellenz selber, mit noch soviel schönen Amerikanerinnen anwesend sein, suchte sein Blick gewiß zuerst Sigh auf, und sicher war ihre Hand auch die erste, die seine Lippen berührten. Obwohl das Mädchen durch Clemence wußte, warum er das tat und was es für ihn bedeute, nahm sie doch diese Huldigung nicht so offen, so naiv mehr hin, wie wenn er sie auf Augen und Mund geküßt hätte, sondern mit einer ihr sonst fremden Scheu und Scham, die ihr zwar reizend stand, deren Herr zu werden sie sich aber vergeblich bemühte. Natürlich fiel solche Auszeichnung Sighs durch den Baron allen Damen und Herren auf. Martha Washington, die als streng auf Takt haltende Frau solche Bevorzugung des Oneidamädchens vielleicht nicht ganz in der Ordnung finden mochte, fragte einmal Steuben in einer größeren Gesellschaft, in der Sigh gerade nicht zugegen war: »Weshalb, lieber Baron, hat sich Sigh stets des ersten Handkusses von Ihnen zu erfreuen?« »Nicht darum, Exzellenz,« erwiderte Steuben mit Wärme, »weil, wie Sie wissen, Sigh dieselben Augen wie eine von mir heißgeliebte Tote besitzt, denn für diesen Vorzug kann sie ja nichts. Der öffentliche Handkuß, gnädige Frau, geht aber als äußerliche Huldigung die Gesellschaft gewiß an, und ich erzeige sie Sigh auch nur darum, obschon sie nur eine Indianerin ist, mit tiefster, liebevollster Verehrung, weil sie unter allen lebenden Frauen mir am meisten als Engelsnatur erscheint, in mir die höchsten und göttlichsten Empfindungen hervorruft. Wie das geschah, Exzellenz? Lassen Sie sich von Frau Generalin Greene einmal das Gespräch wiederholen, das wir eines Abends mit diesem wunderbaren Mädchen hatten, und Ihr eigener, reiner Sinn, gnädige Frau, wird mir zugestehen, Sigh verdiene meine Huldigung.« Natürlich zog noch denselben Abend Madame Washington, immerhin eine Tochter Evas, Clemence auf die Seite; sie wollte gar zu gern das Gespräch wissen. Als es ihr mitgeteilt worden war, Martha dann kurz vor Schluß der Gesellschaft in deren Mitte stand, um den Abschied derselben entgegenzunehmen, sagte die schöne, majestätische Frau mit bedeutsamem Lächeln: »Ich muß Ihnen wohl frei und offen gestehen, meine Freunde, daß unser Baron sehr recht hat. Die Gesinnung Sighs, dieses von Gott wirklich mit allen Gaben gesegneten Mädchens, erheben sie zu einer Dame, die unserer würdig ist. Ich habe sie bisher geliebt, nun bewundere ich sie, und nicht wahr, liebe Generalin,« sie reichte Clemence die Hand, »wir wollen nun sorgen, daß Sigh jetzt auch ladymäßig unter uns erscheint.« Sigh war nun nicht mehr indianisch entblößt unter den Damen sichtbar. Sie trug auf Clemences Bitte jetzt stets ein ausgeschnittenes, kurzärmeliges Musselinkleid wie alle anderen. Nun war sie aber noch viel scheuer und schöner geworden – ach, alle ihre Naivität war verloren. Sie kam auch jetzt seltener zu den Zirkeln, blieb fast allein in Clemences Umgebung, wurde noch ernster, noch stiller, und wenn bei Greene Besuch war, verließ sie gern das Gemach. »Ein roter Mensch hat nur rote Gaben, ein weißer aber weiße.« Diesen Spruch Tamemnunds hatten die weißen Herrschaften leider vergessen. – Der Herbst war da, ohne daß sich Washingtons Hauptarmee regte. Man hatte sich im ersten Rausche von trügerischen Hoffnungen täuschen lassen, hatte über scheinbar Näherliegendem das zwar Fernere, aber Solidere vergessen. Man hatte die französischen Hilfsheere erwartet, bis zu dieser Stunde – man stand Ende des September – hatte aber noch kein französisches Korps Amerikas Boden betreten. Die Flotte hatte sich nach der verunglückten Landung auf Rhode Island begnügt, englische Schiffe an der Küste von Georgien wegzunehmen. Da das Mißtrauen der Generale wie des Kongresses Steubens ursprünglichen Organisationsplan und seine anfängliche Stellung nicht sanktioniert, sondern unterbrochen hatte, so befanden sich alle Bildungen in der Halbheit, die alte Liederlichkeit und Verschleuderung, der alte Mangel herrschte noch immer, und wenn man warten wollte, bis Steubens Gesetz beendet, adoptiert und eingeführt sei, verlor man eine nie zurückzukaufende Zeit. Lange genug hatte Washington drohend zu Whiteplains gestanden, es war Zeit, in die sicheren Winterquartiere zu Boundbrook und Middlebrook zu ziehen. Noch war die Jahreszeit warm und schön, und man konnte also hoffen, sich bequem einzuschanzen, bevor der Winter von den Albany Mountains herabkam. Man zog über Friedrichsburg den Hudson hinauf, den Hochlanden zu. Nachdem Washington General Lee bisher untätig gelassen hatte, übergab er ihm die Führung der Proviantkolonne. Das fuhr demselben heftig in die Krone. Vom Divisionär zum Trainkommandeur versetzt zu werden, war eine Erniedrigung, die er sich nicht gefallen lassen wollte. Er nahm Urlaub, um sich in Philadelphia zu beklagen. Bei dem Aufbruch nach Norden befand sich der Baron wieder bei einem Teil von Pulawskys Lanciers an der Tete der Vorhut. Er hatte während des Marsches das Generalquartiermeisteramt erhalten und war gleichzeitig beauftragt worden, zu rekognoszieren. Da Tamenund das Heer die kürzesten Pfade zu führen versprochen hatte, kam er beim Ausmarsch auch Steuben bald zu Gesicht. Wie erstaunte er, Sigh nun bei ihm und nicht bei den Damen im Zentrum des Heeres, dazu in ihrer alten indianischen Nacktheit und kriegsmäßig bewaffnet zu finden. Jede Scheu und Verlegenheit war jetzt an ihr verschwunden, und wie glückselig leuchtete ihr Blick ihm zu. Pulawsky kommandierte »Vorwärts!«. Steuben ritt an Tamenunds Seite, neben welchem Yokomen schritt. Sigh ging Steuben zur Rechten, während die Frauen Tamenunds mit den beiden Packpferden folgten. »Sags! Du führst uns den Hudson hinauf in die Berge, Prophet?« »Sago! Ich führe dich die Richtung, wo mein Oneidaland liegt. Da war ich so glücklich und so traurig. Dort ist Wald, Berg und Wasser schöner als sonstwo. Mein Herz ist dort froh von Erinnerung und trübe vom Weh.« »Es ist ja natürlich, Tamenund. Ein weiser Mann darf immer jauchzen und weinen zur rechten Zeit.« »Das darf er, Baron, aber nicht laut.« »Weshalb? Soll er sich schämen?« »Weiße Menschen schämen sich zu falscher Zeit, roter Mann anders. – Roter Mann und rotes Weib gehen ohne Kleider, wie ihre Eltern, bis das Wetter den Körper angreift. Sie begreifen nicht, daß Wange und Herz dabei zu brennen anfangen müssen, wenn man seine eigene Haut zeigt. Rote Männer und Squaws weinen und lachen aber nicht laut wie die Blaßgesichter, sie schämen sich dessen. Denn am Menschen ist das Schönste der stille Geist, wie das Seltenste an ihm der gerechte Geist ist; du hast beides.« »Ich verstehe meinen Bruder«, entgegnete der Baron. »Er tadelt auch die weißen Frauen, daß sie Sigh mit solchen Kleidern wie sich selbst bedeckt haben.« »Sigh ist nicht Lady, kann nicht Lady werden. Tamenund hat noch keine rote Lady gesehen.« Der Prophet richtete seinen großen Adlerblick fragend auf Steuben. »Tamemund wird auch keine sehen!« »Für mich ist aber Sigh eine Lady und wird immer eine bleiben. Nicht wahr, du weißt das, Mädchen?« Sie drückte ihm leise verstohlen die Hand und lächelte. »Ich weiß es.« »So wird Sigh durch dich die erste rote Lady unter dem weißen Volke sein!« Steuben schwieg betroffen. »Nun, dann wird sie's. Wenn ich sie und wenn alle sie dafür halten, dann ist sie's auch!« »Mache, wie dir's gefällt, denn du kannst nichts tun, ohne daß Manitou zu dir spricht. – Wir ziehen aber jetzt nach Norden!« »Ist das so auffällig, Tamenund?« »Für den, der Augen hat. – Du wirst vielleicht noch das Oneidaland sehen. Behalt's in deinen Gedanken. Wenn das Kriegsbeil einst begraben ist und Tamenund längst tot, gehe nach den Oneidawäldern und nimm sie mit. Dort kann Sigh deine rote Lady sein. Störe mich nicht. Du wirst auf diesem Kriegspfade auch anderes sehen. Den Mann mit den Augenbrauen!« »Ha, Arnold. – Richtig, der ist im Korps Sulivan! – Werden wir ihn bald treffen?« »Ich weiß es nicht, aber treffen wirst du ihn, und – ich werde dabei sein. Mein Bruder wird es erlauben.« »Hast du von den Leuten der Squint Snake nichts mehr zu fürchten?« »Rotes Herz ist ohne Furcht! Aber Ohren und Augen müssen offen bleiben. Baron, frage nichts mehr.« Aus dem Propheten war nun keine Silbe mehr herauszubringen. Nach einigen herzlichen Worten zu dem Mädchen wendete Steuben und ritt zu seinen Offizieren und Pulawsky. Ohne daß der Feind sie belästigte oder sich Tamenunds Andeutungen bewahrheiteten, langte die Armee im Gebirge am oberen Hudson an, wo jenseits des Kammes der Oneida entspringt. Dort, in einem wonnevollen Tale der Gebirgsscheide, nistete man sich ein. Von der Lieblichkeit der Gegend genoß aber unser Freund außer flüchtigem Betrachten nichts, ihn beschäftigte die Quartierung der Truppen, die Herstellung der Verschanzungen, die Einrichtung der gesamten Winterökonomie dieser Masse von Menschen, endlich das Gesetzbuch des Heeres. Darüber war es Ende November und schon so kalt geworden, daß die Indianer wieder zu den Kalikohemden, die Soldaten zu den Mänteln greifen mußten. Steuben wurde nun nach Philadelphia berufen, um das Gesetz über das Heer zu beenden, es prüfen, genehmigen, drucken und seine Stellung nach demselben endlich fixieren zu lassen. Oberst Fleury, Kapitän Walker, de l'Enfant und Duponceau hatten ihn zu begleiten. Es konnte lange dauern, ehe er wieder zum Heere zurückkam, ehe er Greene und Clemence, Tamenund und Sigh wiedersah. Von allen hatte er Abschied genommen, nur von dem Mädchen nicht, obwohl er sie bei Greene heute gesehen hatte. Als er von letzterem weggegangen war, war Sigh ihm gefolgt, und er hatte ihr zugeflüstert: »Komm heute abend; Vogel wird dich zu mir bringen.« Der treue Karl, welcher sein altes Liebesleid in Berlin mit ihm durchlebt hatte und an Steuben wie an seinem älteren Bruder hing, war instruiert. Sigh kam; sie war sehr still. Viel Herzliches und Liebes sprach Steuben zu ihr. Er redete von seiner teuren toten Braut, von Sighs verstorbenem Vater, von diesem stillen, großartig schönen Lande hier und von dem Geiste aller Geister, dem Manitou. Ehe sie ging, küßte er ihr die Hand. Sie blieb stehen und sah ihn lange fragend an. Ihr Busen flog, Tränen begannen ihr hervorzubrechen. Da umarmte und küßte er sie. »Nein, um mich selbst sollst du nicht weinen, um mich nie! Lebe wohl, ich werde deiner niemals vergessen.« »Du wirst es nicht, denn Manitou hat dich und mich lieb. Er sagt mir, ich werde, wie ich auch immer bin, einst deine rote Lady sein.« – Beruhigt schied sie von ihm. Dieser Abschied, der einer langen Trennung vorherging, war, so wie er ernst und lieblich zart gegeben und genommen wurde, nur die symbolische Bekräftigung der seelischen Vereinigung beider. Von dieser bis zur Ehe aber war ein unendlich weiter Weg, welchen gewöhnliche Leidenschaft wohl leichtsinnig überspringen mochte, aber sicher nicht abkürzen konnte. Das Kind der Natur und der im Leben herumgeworfene Kulturmensch waren eben an denselben einfachen Quellen stiller Erkenntnis angekommen, und ihr Abschied bedeutete nur, daß sie bei ihnen vereint bleiben wollten. * Steuben langte Anfang Dezember in Philadelphia an. Schon während des letzten Teils der Reise durch größere Ansiedlungen und Ortschaften hatte er verschiedentliche Nachrichten erhalten, welche seine Ungeduld, endlich die Angelegenheiten des Heeres geregelt zu sehen, mäßigten und ihm die Überzeugung gaben, daß, wenn auch viel versäumt, trotzdem noch nichts verloren sei, es sich vielmehr jetzt um die Gründlichkeit seiner Institutionen handle. Inzwischen war freilich der britische General Campbell nach Georgien gegangen, hatte Savannah erobert und war nach Süd-Carolina vorgedrungen, so daß General Lincoln mit der üblichen Unionsarmee nur Charlestown retten konnte. Mit letzterer vereint, hatte die französische Flotte unter l'Estaing vergebliche Wiedereroberungen versucht; sie war dann nach Europa zurückgesegelt. Die Union blieb also so ziemlich auf ihre eigene Kraft angewiesen. Aber dafür hatte sich inzwischen der Kriegsschauplatz bedeutend erweitert. England hatte Frankreich sich nicht bloß in beiden Indien in schwerem Kampfe gegenüber, am Jahresschlusse erklärten auch die Niederländer den Krieg, Spanien aber rüstete mit aller Gewalt. Von allen Seiten gepackt, mußten die übermäßig angestrengten Kräfte Englands sich zersplittern. Die Amerikaner erhielten also nicht nur Luft, freiere Bewegung, sondern auch das Wichtigste – Zeit. Davon machte Steuben Gebrauch. Er hatte im Winter mit seinen Getreuen zu Philadelphia die »Militärischen Regulative« – so hieß sein Werk ursprünglich – entworfen und dem Kongreß den Plan, also den Rahmen des Gesetzes, vorgelegt. Am 18. Februar genoß unser unermüdlicher Freund das Glück, seinen Plan adoptiert zu sehen; jetzt konnte er endlich freudevoll Washington den Anfang des Gelingens melden. Er stellte nun das längst kodifizierte Material zusammen, und so wuchs organisch das Werk aus sich heraus. Dieses ganze Gesetzesfaszikel hatte Steuben zufällig in einen dunkelblauen Deckel heften lassen und übergab es so dem Kongreß. Dieser Umstand und daß es, als es später gedruckt war, auch einen blauen Einband erhielt, wurde Anlaß, die Regulative des amerikanischen Heeres schlechtweg das »Blaue Buch« zu nennen. Am 29. März des nächsten Jahres adoptierte der Kongreß das Blaue Buch selbst einstimmig und ohne jede Änderung und befahl, 3000 Exemplare für das Heer drucken zu lassen, ferner, daß sich die Infanterie der Union fortan auf 38 160 Mann belaufen solle. Die größte Lebensaufgabe Steubens war erfüllt. Da das Werk mit Ansichten und Plänen versehen war, welche de l'Enfant gezeichnet hatte, und die gestochen werden mußten, auch wegen mangelnder Arbeitskräfte in Philadelphia der Druck höchst langsam vor sich ging, wurde das Werk erst im Juni fertig. Wer da weiß, daß sehr bald nach dessen Erscheinen in den Unionsstaaten es nach der Bibel kein populäreres Buch gab als »the blue book«, der wird begreifen, daß unser Held nach Washington auch der volkstümlichste Mann in der Union wurde. Er hatte, ohne irgendeinen Heerführer zu beeinträchtigen, ja, indem er mit diesem Buche jeglichen sich zum Freunde machte, eine Stellung über alle anderen erlangt, die nur von Washington selbst überragt wurde. Während Steubens Anwesenheit in Philadelphia hatte General Lee mittels der demokratischen Partei, welcher er angehörte, eine Revision seines Urteils durchgesetzt. Die Kommission aber, welche die Akten prüfte, fand indes, daß namentlich Steubens Aussage für Lee, betreffs Monmouth, so gravierend sei, daß von Vernichtung des Urteils keine Rede sein könne. Lee war außer sich. Er richtete an Steuben einen Brief, in dem er ihn ziemlich unverblümt der Feigheit bezichtigte. Steuben erwiderte denselben mit einer Forderung auf Pistolen, welche Major Walker dem Mr. Lee überbrachte. Tödlich erschrocken, revozierte der erbärmliche Lee. So auf allen Seiten kompromittiert, vergaß er sich endlich soweit, Washington einen Brief ohne allen Respekt, ja voller Ungezogenheiten zu schreiben. Washington sandte das Schriftstück an den Kongreß mit der Randglosse: »Er geht – oder ich!« – General Lee wurde cum infamia entlassen. Man hat nie wieder von ihm gehört. Die Sommerkampagne sollte beginnen, Steuben wollte wieder ins Hauptquartier. Seine Geldmittel aber waren in Philadelphia durch die außerordentlichen Nebenkosten des Werkes aufgebraucht, die Summen, welche der Staat ihm gezahlt hatte, unzulänglich gewesen und durch die vielfachen Dienstreisen erschöpft. Die Kassen der Union aber waren leer. Ohne seiner Bedürfnisse zu erwähnen, wandte er sich an den Kriegsrat nur um eine mäßige Entschädigung für seine Offiziere. Sie wurde gewährt. Der Kongreß, Steubens Zartgefühl ehrend und wohl wissend, daß er sogar in Verlegenheit sei, wie er seinen Diener bezahlen solle, ließ ihm 4000 Dollar Equipagengelder einhändigen. Nun konnte er sich reichlich ausrüsten und brach mit seinen Gefährten wieder zur Armee auf. Seine Aufnahme im Lager war ausgezeichnet. Am Abend gab Generalin Washington zu Ehren des Barons eine große Soiree. Als Steuben eintrat, war Sigh die erste Person, welche er sah. Sie stand mit Clemence neben Martha und trug ein einfach weißes Kleid im Schnitt der englischen Mode. Steubens Geist hatte trotz aller Arbeiten so manchmal bei ihr und dem greisen Tamenund geweilt, der auf des Obergenerals Wunsch ebenfalls heute im schlichten Kalikohemd erschienen war. Eine wahre Herzensfreude empfand unser Freund jetzt bei Sighs Anblick. Größer, voller war sie geworden, sie war mehr Mädchen jetzt, kein Kind. Ob sie das etwa fühlte, ob es die Kleidung vielleicht machte, oder daß sie lange nicht in Gesellschaft gewesen war, oder ob sie Steubens, des »großen Barons« Benehmen gegen sich doch nicht ganz sicher fühlte, sie schlug bei seinem Nahen die Augen nieder. Die Damen der Offiziere, welche die frühere Bevorzugung Sighs mit dem nunmehr großartigen Ansehen und Einflusse dieses Mannes in Erwägung zogen, waren jetzt höchlichst gespannt, ob derselbe sich treu bleiben werde. Selbst die Frau Exzellenz und Clemence dachten, daß Ehrgeiz und Eitelkeit die menschliche Natur oft verkehren, und daß so mancher sonst wackere Mann, sobald er zu Ansehen und Gewalt kam, sich dessen oft schon geschämt hätte, was ihm sonst lieb und nicht zu gering gewesen war. Washington führte Steuben feierlich in die Gesellschaft ein. »Meine Herren Kameraden, meine Damen! Ich stelle Ihnen unter unserem alten Freunde, dem Baron, nunmehr den definitiv ernannten Generalinspekteur und Generalmajor, den Gesetzgeber und Vater unserer Armee vor, wie sie nun nach dem Willen der Republik sein soll. Dies ist, meine Freunde, ein so großes, segensvolles Ereignis, daß wir erst vom heutigen Tage an eine ernstere Zuversicht auf den Sieg unserer Waffen setzen können. Ich heiße Sie im Namen des Offizierkorps der Armee willkommen, bester Baron!« »Exzellenz« – Steuben verneigte sich –, »indem ich in Ihnen zugleich meinen Herren Kameraden danke, danke ich vor allem Gott, daß er mich nach manchem inneren Kampfe, mancher Täuschung, und nachdem ich genug Fehler begangen habe, doch den rechten Weg finden ließ, meine Absicht ins Werk zu setzen, ohne irgendeines Offiziers Rechte zu verletzen oder dessen Ehrgefühl zu kränken! Fortan kann jeder mir wenigstens mit den Buchstaben des Gesetzes entgegentreten, wenn ich ihm zuviel tue, und ich habe die Beruhigung, daß das Blaue Buch es ist, nicht ich, das unser Leiter ist. Dieser Gnade Gottes, der ich soviel schulde, mögen Sie mir gestatten in dem Wesen zu danken, welches er mir als ein lebendes Beispiel seiner Allmacht und Weisheit vor Augen stellte.« Er ging ehrfurchtsvoll auf Sigh zu und drückte ihre Hand an seine Lippen, dann zog er ein goldenes Kreuz an einem blauen Bande aus der Brusttasche und schlang es ihr um den Hals. »Das ist das Zeichen dessen, liebe Sigh, durch den ich einst zu Gott eingehen will, um dich und sie zu treffen.« Die Indianerin stand erschüttert. Die Damen umdrängten sie, um das schöne Kreuz zu betrachten. Damals zumal war in dem verarmten Lande Schmuck sehr selten; meist war man durch die Rot gezwungen worden, dergleichen Wertstücke einzuschmelzen. Wer solche wirklich aber noch besaß, pflegte sie gewiß nicht zu tragen. Martha Washington war die erste, welche das Kleinod in die Hand nahm und näher betrachtete. »Meine Freunde,« und das Gesicht der Generalin erglühte in Ergriffenheit, »diese Gabe kennzeichnet unseren Baron ganz! Dies Kreuz trägt den 29. März als Datum! Den Tag der Sanktion des Blauen Buches! – Du kannst stolz sein, liebes Mädchen, auf diese Anerkennung deines Werts!« Steuben küßte Marthas Hand. »Sie ist derselben auch würdig, Exzellenz. Ich habe unter den Mühen meiner Arbeit oft an Sigh gedacht, durch meiner entschwundenen Liebe Bild das ihre mir zurückgerufen, und Gott hat mich durch sie gestärkt. Es ist nur Dankbarkeit, die ich ihr zolle, ist das Bekenntnis, daß sie mir gleich-, ja daß sie höhersteht, als ich mich selber halte.« »Das ist nicht christlich, nicht edel allein, mein Freund, das ist wahrhaft republikanisch gedacht, und Sie gehen uns in Anerkennung der Rassengleichheit voraus!« rief Washington. »Wissen Sie, Kameraden, was die Folge sein wird, wenn wir siegen, wenn wir die einige Staaten-Union gegründet haben? Daß nicht nur alle Religionen gleiche Duldung, alle Menschen gleiche Rechte haben werden, sondern daß der Unterschied der Hautfarbe, vor allen Dingen, daß die Sklaverei unter uns aufhört! Steubens Leben und dieses Mädchens ganzes Tun hat bewiesen, daß in Amerika allerdings ein Adelsprivilegium herrscht und ewig herrschen wird, das Vorrecht, der beste Mensch zu sein! Solche Aristokraten aber wollen wir Sansculotten werden. Ich bringe dem Baron, dem Präses der Sansculottes, dies Glas zu!« Die Soiree verwandelte sich in ein patriotisches Freudenfest, Steuben wie Sigh waren stillschweigend dessen Heldenpaar geworden. So war damals der Geist beschaffen, welcher jene Recken durchflammte, die in zähem Ringen langsam aber sicher Albion das Szepter über Amerika entwanden und es zerbrachen, um an dessen Stelle die Faßes zu setzen. Das waren ihre Hoffnungen und ihre Absichten. Die Befreiung ihres Landes erreichten sie allerdings, aber die Konsequenzen der Befreiung nicht mehr, sonst wäre der blutige, jahrelange Sezessionskrieg unmöglich gewesen. Wilde Gier nach Besitz, Aussicht auf schrankenlosen Reichtum ließ nachmals die Yankees von der sittlichen und heroischen Höhe herabsinken, zu welcher der Befreiungskrieg sie erhoben hatte, und Amerikas kranke Gesellschaft konnte endlich nur durch eines jener großen Blutopfer gesunden, welche die Vorsehung den Völkern mitunter zu ihrer Reinigung schickt. Benedikt Arnold Unser Held stand im Zenith seines Strebens. Er konnte vielleicht als Soldat mehr Ruhm ernten, mehr geachtet und verehrt werden, aber mehr Amtsgewalt und Einfluß zu erringen vermochte er nicht mehr. Feierlich mit militärischem Pomp wurde der französische Gesandte im Lager von Morristown am 20. April empfangen. Washington beorderte Steuben, dem Chevalier de la Luzerne zu Ehren ein Manöver und eine Revue auszuführen, welche zwei Tage hintereinander stattfanden und so glänzend ausfielen, daß der Gesandte seinen unbedingten Beifall, der Obergeneral aber der Armee, insbesondere Steuben, seine dankbare Anerkennung aussprach. Trotz ihrer finanziellen Bedrängnisse hatten die Generale der Hauptarmee zusammengeschossen, um dem französischen Gesandten und den französischen beim Heere befindlichen Offizieren ein Festmahl zu geben, und Steuben hatte seinen letzten, ihm aus der Heimat verbliebenen Reichtum, sein Silberservice, ein Geschenk des Fürsten von Hechingen, geopfert und den Erlös mit den Worten beigesteuert: »Wenn wir künftig auch aus Holznäpfen essen müssen, die Franzosen sollen wenigstens nicht behaupten, es sei geradezu bettelhaft unter uns hergegangen.« Die Damen waren selbstverständlich zugegen, und der Baron führte Sigh zu Tisch, als wäre sie die Erbin eines Lords. Er tat dies um so absichtlicher, als einer der französischen Offiziere gleich nach seiner Ankunft im Lager eine frivole Bemerkung über das Verhältnis der Indianerin zu ihm hatte fallen lassen. Steuben hatte ihm die Alternative gestellt: »Der Monsieur schießt sich binnen zwölf Stunden mit mir oder bittet der Enkelin Tamenunds seine Betise ab.« Der Franzose bat ab, und nicht die leiseste Bemerkung fiel mehr über das Mädchen. Es stand bei allen fest, sie sei Steubens Verlobte, und er behandelte sie als solche vor allen Leuten. Es war die Zeit der Seligkeit für Sigh, die Epoche des höchsten Stolzes für unseren Helden. Erst gegen Ende der Vierzig, von kerniger Gesundheit, galt seine Erscheinung zu Pferde den Soldaten als die des verkörperten Mars, und außer Washingtons allvergöttertem Namen klang keiner heller und öfter im Heere wieder als der des »Barons«. Unter mannigfachen Anekdoten, die während des Kampagnements zu Morristown über ihn umliefen, war eine besonders für seinen Charakter bezeichnend. Bei einem Manöver, es regnete stark, wurde auf seinen Befehl ein sonst tapferer Offizier, Leutnant Gibbons, vom Fleck weg arretiert und wegen eines Fehlers, welcher für einen Augenblick die Linie in Unordnung gebracht hatte, hinter die Front geführt. Der Regimentskommandeur benutzte einen günstigen Augenblick, Steuben zu erklären, woran die Sache gelten habe, und daß Gibbons nicht die Schuld trage, der brave Offizier fühle sich durch die ihm gewordene Behandlung beschimpft. Sofort ersuchte Steuben den Oberst, Leutnant Gibbons vor die Front kommen zu lassen. Steuben zog den Hut. »Mein Herr,« redete er den Offizier an, »der begangene Fehler hätte vor dem Feinde sehr verderblich für uns werden können. Ich ließ Sie deshalb arretieren, weil ich Ihnen die Schuld beimaß, allein ich habe mich überzeugt, daß ich mich irrte. Ich bitte Sie wegen des Ihnen angetanen Unrechts sehr um Entschuldigung, kehren Sie an Ihren Posten zurück. Ich bin weit entfernt, irgend jemand, geschweige denn einen Offizier von Ihrem Verdienste und Ihrem Charakter, beleidigen zu wollen.« Während er das sagte, trieften seine Perücke, sein Gesicht und sein ganzer Körper vom Regen. Nicht einer war unter allen Kriegern, der in diesem Augenblick nicht von erhöhter Liebe und Ehrfurcht für Steuben durchdrungen gewesen wäre. – – Das Jahr 1780 versprach sehr kriegerisch zu werden. Der englische General Clinton, der 6000 Mann unter dem Hessen von Knyphausen in New York zurückgelassen hatte, landete mit seinem übrigen Heere in Süd-Carolina, besetzte Johns Island, belagerte Charlestown, zwang General Lincoln mit 6000 Mann zur Kapitulation und eroberte die ganze Provinz. Daselbst ließ er Lord Cornwallis mit 4000 Mann zurück und ging dann wieder nach New York. Alle Freunde der amerikanischen Unabhängigkeit flohen von Süd-Carolina nach Virginien und Nord-Carolina, zumal die Mehrzahl der Einwohner der eroberten Provinz entschieden royalistische Sklavenbarone waren. Anfang Juni unternahm der Hesse Knyphausen eine Invasion in New Jersey. Das Äußerste stand der Union bevor: Des Feindes Absicht war unzweifelhaft, die im Norden massierten Armeekorps Washingtons, Sulivans und Howes nach dem Süden zu locken und den so entblößten Hudson, mit ihm aber den Weg ins nördliche Innere zu gewinnen. Washington hatte Steuben für die Kampagne zu seinem Generalstabschef ernannt und war mit ihm wie seinem Stabe einig: daß gewiß der Süden wiedergewonnen werden müsse, aber der Hudson um jeden Preis zu halten, die Hauptarmee daher von Morristown nicht wegzuziehen sei. Knyphausens Vordringen wurde durch die siegreichen Gefechte bei Connecticut Farms und Springsfield abgewiesen; bei beiden Gefechten war Steuben in seinem neuen Amte tätig. Nun erst wurde auf Wunsch des Kongresses ein Teil der Armee Washingtons nach dem Süden gesandt, wo alle Milizen Virginiens und Nord-Carolinas sich unter Gates Oberbefehl mit demselben vereinigen sollten. Während Knyphausen Washingtons Hauptarmee bei Morristown jetzt in Schach hielt, bemerkte man, daß der Engländer Clinton seinen eigentlichen Stoß auf Westpoint, den Schlüssel der Hochlande am Hudson, zu richten suchte. Den amerikanischen General Howe hielt man zur Verteidigung des Platzes für nicht kraftvoll genug, zumal Arnold unter ihm diente. Es wurde beschlossen, daß Steuben mit seiner Energie Howe unterstützen solle, und des Barons und seiner Offiziere Abreise war für den nächsten Morgen bestimmt. Die Kunde dieser Abkommandierung nach Westpoint hatte bald die Runde unter den Generalen gemacht, auch Tamenund hatte von ihr erfahren. Er erschien mit Yokomen bei Greene, verlangte Sigh zu sprechen und führte sie in die Prärie hinaus. »Der Baron geht morgen nach Westpoint«, sagte der Greis. »In Westpoint ist der Mann mit den Augenbrauen und Cheraks bei ihm, die Brüder der schielenden Schlange. Yokomen und Tamenund werden den Baron begleiten, werden den Mann mit den Augenbrauen bewachen. Was wird Sigh tun?« »Sigh wird bei dem Großvater und dem Baron sein. Sechs Augen sehen mehr als vier. Sechs Arme sind stärker!« »Großvater Tamenund ist sehr alt, Mädchen«, setzte der Prophet fort. »Manitou hat ihm gesagt, daß er bald kommen soll in die ewigen Gründe. Schweige davon. Ich weiß, es wird geschehen. Ich werde dann nicht mehr bei dir sein, mein Blut aber ist verstreut – Smirk, der Pappussen, Rattan! Wo das Haupt fällt, zerfallen die Glieder!« »Sigh und Yokomen werden das neue Haupt sein«, sagte das Mädchen langsam mit schwerer Stimme. »Sigh wird Tamenund begleiten, wird seine stillen Augen schließen. Aber Sigh mit Yokomen werden den Mann mit den Augenbrauen und die Brüder der Snake festpacken. Dann wird Sigh des Barons rote Lady sein!« »Legt eure Hände auf meine Brust und redet mit Manitou!« Großvater, Enkelin und Sohn standen zusammen. Sigh und Yokomen legten die Hände auf Tamenunds heftiger als sonst pochendes Herz. »Es ist so«, sagte Sigh nach einer Weile. »Ich lasse nicht von Smirk und Sigh«, stieß Yokomen heftig hervor. Tamenund legte seine Hände auf beider Haupt. »Der große Geist wacht, das Schlechte gelingt nicht. Komm zu General Wash, Mädchen; Yokomen soll den Baron holen.« Sie gingen nach Morristown zurück, der Alte mit der Enkelin zu dem Obergeneral, der Sohn zu Steuben. – Der greise Indianer fand Washington mit Hamilton und Stirling über Karten und Schriftstücken. Der Obergeneral fuhr auf. Seine Züge, sonst so ruhig, veränderten sich plötzlich und wurden düster. »Fast ahnte ich, du würdest kommen, Freund! Ich war sogar im Zweifel, ob ich dich nicht rufen lassen müsse.« »Tamenund kommt ungerufen, er versteht deiner Seele Schrei! Laß deine Freunde weggehen!« Washington warf seinen Offizieren einen Blick zu, und sie entfernten sich. »Du kommst wegen des Arnold!« Tamenund nickte. »Ich werde von ihm reden, was ich denke, wenn Yokomen mit dem Baron kommt. Du sollst aber etwas wissen, was nur Sigh und Yokomen weiß. Du siehst Tamenund nicht wieder!« »Du meinst, du wirst sterben?« »Sterben wie das Tier, nein! Ich werde in Manitous ewige, tiefblaue Gründe gehen! Dem Baron sage nichts!« »Ich bitte dich, wie weißt du das?« »Hier drinnen!« Der Greis legte die Hand aufs Herz. »Diese Nacht sind vier Cherakis vom Hudson heraufgekommen!« »Also vom General Clinton? Spießgesellen des Arnold?« »Ein fünfter war dabei, ein Inglish-Rotrock. Hatte aber keinen roten Rock an, war bemalt und im Kalikohemd, ein Inglish-Inschun!« »Ein englischer Offizier, der sich in einen Indianer verkappte? Du hast ihn gesehen?« »Gesehen! Mond war groß! Hörte ihn reden. Nicht indianisch, wie Inglish-Rotrock reden!« »Was sagte er zu den Freunden der Schlange?« »General in New York Geld geben, viel Geld und viel Branntwein, wenn Cherakis alles tun!« Ein Geräusch störte die weiteren Eröffnungen. Steuben trat mit Yokomen ein. »Teuerster Baron,« sprach der Obergeneral erregt, »Tamenund hat die alten Befürchtungen, und es sind neue Anzeichen vorhanden, die den Verdacht gegen Arnold verstärken. Sie werden mir zugeben, bei den jetzigen strategischen Absichten Clintons würde sich für Arnold die allerbeste Gelegenheit bieten, die Prozedur vom Valley Forge mit mehr Wirkung zu wiederholen!« »Sie meinen, daß Clinton anmarschiert, indes Arnold mich unschädlich zu machen sucht?« »Sind Arnold und Clinton wirklich im Einverständnis, so wird Arnold Westpoint den Engländern zu übergeben suchen, dann sind Sie dem Verderben verfallen. – Tamenund hat etwas Sonderbares gesehen, was er Ihnen während des Marsches mitteilen mag; er will mit Ihnen.« »Tamenund ist willkommen. Er wird mir, komme wie es wolle, sehr nützlich sein.« »Tamenund, Yokomen und Sigh. Alle mit! Squaws bleiben beim großen Wash.« »Ich werde für sie wie du selber sorgen, mein Bruder!« »Wenn auch Yokomen mitgeht,« rief Steuben erstaunt, »weshalb das Mädchen? Ich bitte dich, Sigh, in diese Gefahr?« »Bin ich deine rote Lady? Nein?« »Du bist es, Mädchen! Eben weil –« Sie preßte ihm die Hand auf den Mund. »Du hast mich geküßt, und ich bin dreifach dein! Die Squaw ist bei ihrem Mann, und wenn ich noch nicht deine Squaw bin, so will ich doch bei meinem Großvater, bei dir, meinem Freunde, und Yokomen sein!« »Weigern Sie sich nicht, lieber Baron, Sie sehen, es hilft Ihnen nichts. Die drei folgen ihnen mit oder ohne Ihren Willen!« »So sollen sie es lieber mit meinem Willen tun. Tamenund muß seine Ursachen haben, selbst Sigh nach einem so bedrohten Punkte mitzunehmen, Exzellenz. Ich werde ihr ein Pferd stellen, vielleicht kann ich auch einen Damensattel auftreiben.« »Ich sende Ihnen einen von meiner Frau, Baron«, erwiderte Washington. »Pferd für Sigh sehr gut,« fiel Tamenund ein, »aber nicht gleich reiten! Roter Vater, Sohn und junge Tochter gehen diese Nacht. Sehen erst, ob Cheraki-Leute auf deinem Wege sind!« »Tue, wie du denkst, Prophet, das Pferd für meine rote Lady wird bereit sein. Noch einmal denn, Exzellenz, leben Sie wohl!« »Gott sei mit Ihnen, Baron. Zur größeren Sicherheit vor einem Überfall und um alle Kundschafter aufzufangen, werde ich zwei Regimenter an den Hudson als Riegel vorlegen, sobald Sie erst weit genug voran sind. – Dir, mein treuer, ehrwürdiger Tamenund, möge der große Geist beistehen in der Gefahr, die du auf dich nimmst!« wendete sich George Washington mit verhaltener Rührung zu dem Alten. »Wo du auch seist, ich werde immer dein gedenken!« – Er hatte dem indianischen Greise die Hand gereicht. Dieser hielt sie lange fest und sah Washington starr an. »Lebe wohl und lebe lange, großer Wash! Du wirst das Kriegsbeil begraben!« Tamenund wandte sich kurz um und ging hinaus, die anderen folgten ihm auf Washingtons Wink. Nur der Baron blieb zurück, da diesem der Obergeneral besondere Vollmachten und Instruktionen zu geben hatte. – Am nächsten Morgen brach Steuben mit seinen Offizieren auf. Vogel nebst drei Dienern führte mit den Pack- und Reisepferden ein gutes sanftes Tier für Sigh mit, das einen Damensattel trug, den eine Stalldecke verhüllte; die Indianer waren längst aus Morristown verschwunden. Man zog in scharfem Trabe durch lange Waldhügel, die sich endlich tief hinab zum Hudson senkten. Dort hoffte man gegen Abend den Propheten und die Seinen zu finden. Sie erreichten in der Dämmerung schließlich eine Biegung des Stroms, wo die Straße zwischen dem Flusse und etlichen mit Gebüschen bestandenen großen Felsblöcken hinlief. Als sie diese erreicht hatten, schlüpfte Sigh aus einer Spalte derselben. Sie war mit dem indianischen Hemd bekleidet, in völligem Kriegsschmuck und trug Steubens Kreuz am Halse. »Hier treffen wir dich, Kind?« rief Steuben. »Du wirst sehr müde sein!« »Sigh ist nie müde, wenn sie ihren Baron sieht,« lächelte sie, »auch bin ich hier versteckt, seit das große Licht aufging. Jetzt lasse mich reiten, ich habe viel zu sagen!« Das Pferd wurde ihr gebracht. Steuben half ihr selbst hinauf. Man setzte sich in Gang. Sigh erzählte den erstaunten Offizieren alsbald: Vor zwei Nächten hätte sich der Großvater mit Yokomen am Flusse bei der Straße in den Wald versteckt und vier Cheraks, wie Tamenund dies bereits Washington mitgeteilt hatte, nebst einem verkappten Engländer den Weg stromauf vorbeikommen sehen. Schon die Nächte in der Woche vorher hätten der Großvater und Yokomen auf dieselben gelauert, weil dieser zufällig bei der Jagd am Flusse auf die acht Fußspuren der feindlichen Indianer gestoßen sei, welche damals jedoch stromabwärts gerichtet gewesen waren, und die er an der eigenen Gangart und dem Abdruck der Sohlen als von Cheraki-Indianern herrührend erkannt hatte. Gestern um Mitternacht wäre Sigh mit ihren beiden Verwandten deshalb aufgebrochen, um den in den letzten Tagen wieder nördlich nach Westpoint laufenden Spuren derselben nachzugehen. Am Morgen waren sie hier angelangt und hatten den Tag über gerastet. Weil die feindlichen Indianer nebst dem Engländer, um nicht entdeckt zu werden, nur bei Nacht reisen würden, habe Tamenund Sigh hier zurückgelassen, damit sie Steuben und die Offiziere erwarte, er aber wäre mit dem Sohne vorangeeilt. Yokomen war bestimmt, die Gegner zu überholen, sich in der Nähe des Forts zu verstecken, um die Indianer mit dem Engländer anlangen zu sehen, während Tamenund denselben nachschleichen und ihr Tun gleichfalls beobachten wollte. Der Großvater lasse dem Baron sagen, wenn derselbe abends zu den Steinblöcken kommt, solle er ja bis Mitternacht weiterziehen, dann aber im Walde, doch ohne Feuer, rasten, bis Yokomen käme und ihm sage, was aus dem Engländer und seinen Begleitern geworden wäre. »Sonach ist zweifellos,« begann Leutnant North, »daß die Indianer vom Fort aus erst zu Clinton gesendet worden sind. Diesem aber muß die erteilte Botschaft so wichtig erschienen sein, daß er einen seiner Offiziere verkleidet mit zurückschickte, selbst auf die Gefahr hin, daß derselbe erwischt und als Spion verurteilt werde. Wahrscheinlich soll dieser sich mit dem Verräter verständigen und als Mann vom Fach Einblick in die Werke und die Besatzungsstärke des Forts zu erlangen suchen.« »Der Offizier wird sicher dann etwaige Zeichnungen und Nachrichten durch einen der Cherakis an Clinton senden, und dieser wird hierauf seinen Anschlag basieren!« versetzte l'Enfant. »Wer aber kann der Verräter sein?« rief Romanai. »Der mit den starken Augenbrauen!« sagte Duponceau. »Ich enthalte mich jeder Meinung hierüber«, fiel Steuben sinnend ein. »Wir werden mir Hilfe unserer indianischen Freunde dahinterkommen. Doch auch wir dürfen nicht müßig sein. Wir sollen auf Yokomen warten, Mädchen?« »Er wird uns führen, daß du nach Westpoint kommst, ohne daß einer drinnen vorher es weiß, und ohne daß die Cherakis Vater Tamenund und uns wittern!« »Das wollte ich wissen! Es ist dringend nötig, Freunde, daß wir plötzlich vor Howe und Arnold treten, letzteren aber besonders scharf ins Auge fassen. Zunächst ist unsere Aufgabe, genau zu ermitteln, wie die Verteidigung beschaffen ist, namentlich, wer nach der Flußseite und wer die südlichen Werke kommandiert. Dann müssen wir sofort Riflemen-Kompanien zusammenstellen und ganz besondere Sorgfalt auf die Batterien und Pulvermagazine verwenden. Da General Howe ein schwacher Mann ist, muß ihm alle Möglichkeit entzogen werden, durch Lässigkeit Westpoint in Gefahr zu bringen.« Unter derlei vorsorglichen Gesprächen setzten sie bis Mitternacht ihren Weg fort, bogen dann in den Wald ein und lagerten. Nachdem die Nachtwachen unter Karl Vogel und die Diener verteilt worden waren, begab man sich, die Waffen auf den ersten Griff bereit, zur Ruhe. Für Steuben hatte man inmitten seiner Offiziere Decken ausgebreitet, seinen Mantelsack zum Kopfkissen, Sigh hatte sich neben ihn gesetzt. Rings war Waldesdunkel um sie. Steuben konnte nicht schlafen; er fühlte sich aufgeregt wie selten. Nicht, weil die schöne Indianerin an seiner Seite saß, denn wo hätte sie auch sein sollen als bei ihrem Beschützer. Er war vielmehr von dem Gedanken bewegt, daß wirklich Verrat den Ort bedrohe, dessen Obhut ihm anvertraut war, Arnold und kein anderer es aber sein müsse, welcher mit den Engländern ein Einverständnis unterhalte. Noch immer sann und grübelte er hierüber und wie seine Ehre an diesen wichtigen Platz geknüpft sei, als der tiefe Atem der übrigen verriet, daß sie schliefen, und außer diesen Tönen nur Vogels Schritte leise erklangen, der das kleine Biwak mit der Flinte im Arm umkreiste. Plötzlich fühlte er Sighs kleine Hand die seine suchen. Er ergriff sie. »Schläfst du noch nicht?« »Ich wache wie du.« »Warum? Du mußt von dem Ritt und dem Gehen doch müde sein!« »Soll ich schlafen, wenn du wachst? Du bist so allein mit deinen Gedanken!« »So laß die deinen denn bei mir sein!« – Er zog sie an sich und legte ihr Haupt an seine Brust. Ein schwerer, zitternder Ton rang sich von ihren Lippen, und sie schlang zaghaft leise die Arme um ihn. »Warum wolltest du denn mit uns, Mädchen? Konntest du nicht im Lager bei den Ladys bleiben?« »Sigh kann ihren Freund nicht lassen – den alten Großvater nicht! In meinem Herzen redete es: ›Gehe mit‹, und ich folge der Stimme. – Deine Gefahr soll meine Gefahr sein, deine Lust meine Lust!« »Armes Kind, deine Lust! Ich weiß wohl, du träumst, bald würdest du meine Lady werden. Der Krieg kann indes lange dauern, Sigh, und wenn er zu Ende ist, werde ich vielleicht nicht so viel haben, daß ich dich zu meiner Squaw machen kann. Es werden Jahre und das Leben wird vergehen.« – – »Du sollst nicht traurig denken, sondern froh!« flüsterte sie. »Laß es lange sein, ich warte! Manitou will, daß wir eins werden!« Leise umschlang er das Mädchen und legte ihr Haupt an das seine. Wie Gottesfrieden, wie Gewißheit des Glücks, wie ein Siegergefühl kam es wohltätig über ihn. Alle Erregung und Sorge fiel von ihm ab. »Laß uns ruhen, damit wir morgen kräftig sind. Lege deinen Kopf in meinen Arm, du wirst dann auch im Schlafe fühlen, daß du bei mir bist.« – Er lehnte sich zurück auf den Mantelsack, der Indianerin Haupt schmiegte sich an seine Brust. Wenige Minuten später deckte beide der Schlummer. Es war noch nicht völlig Tag, als Sigh die Augen öffnete. Sanft lächelte sie zu dem geliebten Manne, an dessen Seite sie geschlummert hatte. Sich leise von seinem Arm befreiend, der noch auf ihrer Schalter lag, stand sie auf, nahm ihre Waffen, drückte Steuben rasch einen Kuß auf die Lippen, huschte über alle Schläfer weg und blieb bei dem verdutzten Diener stehen, der eben Morgenwache hatte. Steuben ermunterte sich sofort und blickte umher. »Wohin willst du?« »Yokomen!« Sie verschwand im Gebüsch. Steuben und die Wache weckten sogleich die übrigen. Die Morgentoilette war bald gemacht, das kalte Frühstück verzehrt. Sigh bei demselben zu sehen, mußte Steuben verzichten, wie er überhaupt bemerkte, daß sie im Freien, sei es auf dem Marsche oder bei kriegerischen Begebenheiten, die Gewohnheiten ihres Stammes annahm und sich ihm entzog, um nur nach Tamenunds Befehlen zu handeln. Damit beschäftigt, die Pferde zum Aufbruch zu bereiten, hörte man in ziemlicher Entfernung den Zitterschrei der Lomme und darauf ein keifendes Kläffen. Sie ermahnten einander zu größter Stille, vollendeten ihre Vorbereitungen und lauschten gespannt. Das Kläffen, jedoch ganz fern, wiederholte sich, dann ein hohles, langgezogenes Geheul. Es war, als jagte ein größeres Raubtier irgendeinen kleinen Quadrupeden, denn das Kläffen kam näher und auch das Heulen. Plötzlich erschien Sigh und sprang zu ihrem Pferde. »Yokomen bald hier!« Sie schwang sich auf, der Zug ordnete sich und blieb dann regungslos. Nach einer Viertelstunde ertönte von Norden her ein grillenhaftes Zirpen, Sigh beantwortete es mit leise winselnden Tönen. Nach wenigen Augenblicken stand Yokomen vor Steuben. »Sind sie hinein ins Fort?« fragte dieser. »Sago! – Baron, nein! Warten vielleicht die Nacht ab oder gehen gar nicht hinein. Der mit den dunklen Augenbrauen wird dann zu ihnen herauskommen!« »Sago, Yokomen! Und dein Vater?« »Bei ihnen!« »Unter ihnen?« »Nein, bei ihnen, aber sie sehen ihn nicht!« »Ist das Fort weit, und werden wir die Cheraki vermeiden können?« »Fort nur zwei Stunden weit. Wir machen Weg vier Stunden lang.« »Weshalb?« Yokomen winkte den Offizieren bedeutungsvoll. Jetzt zog er einen Pfeil hervor, kniete nieder und glättete mit dessen Schaft eine sandige Stelle des Bodens. Gespannt sahen sie ihm zu. Erst zeichnete er eine gewundene Linie, dann einen Halbkreis daran. »Das Fluß, hier Fort! Baron jetzt hier!« Er gab südlich die Stelle an, wo man sich ungefähr befand. »Alles Wald – so weit!« Er machte eine krause Abgrenzung, welche um das, was er als Fort bezeichnet hatte, bis zu der Linie herumlief, die er als Hudson angegeben hatte. »Da Tal, Quelle! Dort Cheraki! Quelle läuft nach dem Fort, Baron so herum!« So sprechend, gab er erst eine leichte, von Westen nach Osten gewundene Linie an, die in den Hudson, unterhalb des Forts verlief, bei derselben einen Punkt, das Lager der Feinde. Jetzt zeichnete er von der Stelle, wo man sich zur Zeit befand, einen weiten westlichen Bogen, der um besagte Quelle herum nach der nördlichen Seite des Forts führte. »Hat mein Bruder verstanden?« »Gewiß! Wir wollen die Indianer mit dem Inglish-Inschun umgehen, so daß es scheint, wir kämen von Norden.« Yokomen nickte lächelnd. »Von Albany! – Der mit den dunklen Augen wird denken, daß der Baron nichts von den Cheraki wissen kann.« »Sehr gut! Führe uns, Yokomen.« Der Indianer gebot die größte Stille, und man gelangte über hohe Hügel durch den einsamen Wald endlich gegen Mittag auf die nördliche Straße, selche von Albany tief hinabführte. Als sie den Hudson unten wieder blinken sahen, hielt Yokomen an. »Ich mit Sigh bleiben; erwarten Vater. Wenn der Baron abends herauskommt, Sigh hinein!« Die Indianerin sprang vom Pferd und reichte Steuben die Hand. »Ich bitte dich, nimm dich in acht! Bist du nicht mein?« »Ich bin dein, aber Großvater wartet. Großvater ist bei den Cheraki!« »Wohl wahr, Kind, aber mich bekümmert, daß auch du seine Gefahr noch teilen sollst!« Sigh wendete sich ohne Erwiderung ab und zog das Kriegsbeil. Yokomen deutete, gegen Steuben gewendet den Pfad hinunter, dann verschwanden beide. »Meine Freunde,« sagte Steuben, »wir befinden uns der Niedertracht im eigenen Lager gegenüber jetzt weniger in der Lage offener, ehrlicher Krieger als in der von Strauchdieben, die ihre Hinterlist den Indianern entlehnen müssen. Mir kommen also von der Inspektion Albanys hierher! Dupenceau, reiten Sie vorsichtig voraus; wenn Sie des nördlichen Tores ansichtig werden, dann halten Sie. Lassen Sie sich nicht blicken!« Der Sekretär ritt voraus, indes die Offiziere noch eine Weile beratschlagten, dann folgten diese im Schritt. Die Straße, zwischen den Hügeln sich senkend, lief eine ganze Strecke so, daß man keine Aussicht auf den Fluß, noch weniger auf das Fort hatte. Plötzlich wurden beide und auch Dupenceau sichtbar, der, von einer dicken Eiche verdeckt, am Wege hielt. »Galopp, meine Herren, wir wollen ihnen wie Geister erscheinen!« Letzteres war in der Tat der Fall. Im Augenblick befanden sie sich am nördlichen Tor. Steuben befahl der Wache im Namen der Regierung und des Oberbefehlshabers, sie einzulassen. Die Brücke fiel, sie trabten ein und befanden sich innerhalb der Werke. Steuben richtete sein Wort sofort an den Offizier der Torwache. »Ich ersuche Sie, mir einen Mann mitzugeben, der mich zum Kommandierenden General führt! L'Enfant, North und Dupenceau folgen mir; Vogel bleibt mit den Dienern an dieser Stelle. Damit stieg er nebst seinen Offizieren ab, nahm den alten Feldmantel um, der namentlich die Generalsepauletten verhüllen sollte, und folgte dem führenden Soldaten, von welchem er erfuhr, um diese Zeit bei General Howe immer zu Hause. Derselbe empfing Steuben höchst erschrocken und in einer komischen Verzweiflung. »Sie – o mein Gott, Sie – Sie überraschen uns ja wie ein feindlicher Überfall, Herr Baron! Sie kommen, Herr, ohne – ohne daß man uns die geringste Anzeige machte! Ich glaube sogar, daß – daß nicht einmal die Torwache wußte, wer angelangt ist, und – und ihre – ihre Pflicht versäumte«, stotterte er. Steuben lächelte ihn mit einer, in diesem Augenblick fast übertriebenen Überlegenheit an, denn der dicke General, dessen Nase eine starke Liebhaberei für Spirituosen verriet, wurde während des Gesprächs immer fassungsloser. »Sie, mein General, sind in Westpoint allerdings der erste, welcher weiß, daß der Generalinspekteur der Armee hier ist. Ihnen meine Ankunft vorher anzuzeigen, dazu war die Zeit zu kurz. Übrigens pflegen sich in Preußen die Inspekteure nicht vorher anzumelden, damit schlechte Zustände erst rasch vertuscht werden können, vielmehr überraschen sie die ahnungslosen Korps und räumen von Grund aus mit den Übelständen auf!« »Ich begreife, haha – o ja, ich – begreife, daß das sein Nützliches für den Dienst hat, aber – aber auch – auch seine Unbequemlichkeit, Sir!« »Für die Herren Kommandeure unzweifelhaft! Bitte, belehren Sie mich doch, wer kommandiert die Flußseite und wer die Landseite?« »Die Nordseite hat Major Armstrong, die Südseite General Knox, ich den Westen der Stadt, die Flußseite nahm General Arnold.« »Warum Arnold gerade diese Seite? Hatten Sie einen besonderen Grund, dem General die gefahrvollste Stelle des Platzes zu übertragen?« »Ich? Hm, nein! Der – der General ist – ist ein etwas eigenwilliger Herr; er hat sich eben die Verteidigung der Flußseite ausgebeten!« »So, so! Man bittet sich hier also den Dienst aus, den man zu tun gerade Lust hat? Exzellenz Washington wird Ihre Gutmütigkeit höchlich bewundern, wenn ich über den Befund von Westpoint berichte.« »Ich – ich hoffe, General, Sie werden mit den Verhältnissen eines vom Oberkommando so – so entfernten Postens Nachsicht haben, und Sie werden, Sir – ja, wenn ich Sie um diese Gefälligkeit ersuchen darf –, Sie werden mir lieber die Dinge vorher bezeichnen, welche verbessert werden müssen, bevor, hm, hm, Sie an die große Glocke schlagen! Ich bin ein altgedienter Offizier von den Franzosen her, Sir, und – und ich hebe im Kongresse wie im Hauptquartier meine Feinde!« »Das bedauere ich, denn Ihre Stellung dürfte eine verzweifelte werden, wenn unsere Nachrichten sich bestätigen. Es ist gewiß, daß, während Knyphausen den Obergeneral nötigt, Morristown festzuhalten, General Clinton darauf sinnt, Ihnen mit überlegener Gewalt Westpoint zu entreißen!« »Großer Gott, welche Nachricht!« »General, kein Aufsehen! Sie werden, diesen Fall im Auge, begreifen, daß der Oberbefehlshaber mir umfassende Vollmachten gegeben hat, die sogar so weit gehen, erforderlichenfalls Sie im Oberbefehl zu vertreten! Ich wünsche das nicht, im Gegenteil will ich Ihnen helfen, die schlimmsten Schäden hier sofort abzustellen. Ich werde solange auch meinen Bericht an Washington aufschieben.« »O tun Sie das, General, Sie machen mich zu Ihrem Schuldner. Ich werde alles bewirken, was Sie anempfehlen.« »Haben Sie die Güte, sofort mittels Korpsbefehls zu erklären, daß Sie mit allem einverstanden sind, was ich verfügen werde, und künftig nichts zu geschehen hat, was ich nicht genehmigt hätte. Es ist der einfachste Weg, Ihnen Ihre schwere Verantwortlichkeit zu erleichtern. Lesen Sie meine Vollmachten; heute abend konferieren wir. Damit den Truppen aber sofort klar sei, ich handle unter Ihrer Autorität, so erscheinen Sie jetzt von der westlichen Seite aus auf dem Wall, bei der Division Arnold treffen wir zusammen.« Zitternd hatte Howe den Korpsbefehl in der verlangten Form ausgestellt und Steuben übergeben. Man sah, vor dem Gedanken, Clinton könne den Platz berennen, bebte Howe zurück. Steuben empfahl sich, eilte zum Nordtore und, bei Vogel seinen Mantel zurücklassend, erschien er nebst Begleitern auf der Höhe des nördlich zwischen Tor und Fluß gelegenen Bastions. – Die Aussicht rings über den Wald und die Ufer des schäumenden Hudson war köstlich, doch gönnte sich Steuben dieselbe nur einen Augenblick. Seine athletische, blendende Erscheinung, die Generalsepauletten, die Adjutanten in seinem Gefolge deuteten den Soldaten, obschon sie Steuben nicht kannten, seine Stellung an. Die Wachen präsentierten, die Müßigen sprangen auf und salutierten. Ein Leutnant eilte ihm entgegen. »Hier kommandiert Major Armstrong, nicht wahr, Sir!« sagte Steuben. »Zu Befehl, Herr General!« »Ein ausgezeichneter Offizier! Führen Sie mich zu ihm.« Der Leutnant geleitete sie zu dem Bastion, welches im nordöstlichen Winkel des Forstes am Fluß lag. In dessen Batterien befand sich der Major, welcher nicht wenig überrascht auf den General zutrat. »Sehe ich recht, Baron, Sie?« »Ein alter Bekannter von Valley Forge. Ich bringe Ihnen vom Obergeneral einen Gruß und schätze mich glücklich, Ihnen zuerst zu begegnen.« »Sehr gütig, General. Ich aber freue mich herzlich, in dem Regenerator unserer Armee einen alten Kameraden wiederzusehen.« Sie schüttelten einander herzlich die Hände. »Sie praktizieren also hier mit Erfolg das Blaue Buch«, lächelte Steuben. »Ich, gewiß! Ich halte es für die sicherste Anleitung, uns zum Siege zu verhelfen, General. Aber man kann nicht gerade sagen, daß es die übrigen ebenso machten, etwa General Knox ausgenommen, der ein verläßlicher und einsichtiger Offizier ist. Unser Kommandierender General, im Vertrauen gesagt, ist schlapp, Herr Arnold aber meint, das alte englische System, das wir sonst hatten, wäre viel besser.« »Hm! Wenn General Arnold das englische System für besser hält, so wird er seine guten Gründe dafür haben«, entgegnete Steuben ironisch. Armstrong riß die Augen auf. »Schwere Not, Baron, entweder reden Sie zweideutig, ohne es zu wissen, oder nur zu deutlich.« »Begleiten Sie mich zu General Arnold, bester Major; das Urteil eines der erfahrensten Offiziere des Heeres, welcher schon den Kontinentalkrieg gegen Frankreich mitgemacht hat, wird mir von großem Wert sein.« Ohne weiteres Gespräch schritten sie langsam die Befestigungen der Flußseite entlang an verschiedenen Mannschaften der Division Arnold vorüber. Steuben betrachtete genau die beiden Ufer, namentlich das diesseitige. Letzteres war unterhalb der Werke mit dichten, weit überhängenden Fichten- und anderen Büschen bewachsen, deren Zweige den schilfigen Rand des Wasserspiegels berührten. Es war undenkbar, daß hier mehr als der Fuß eines Menschen Platz finde. Dennoch deutete ein Mauereinschnitt darauf hin, daß eine Tür aus dem Innern dort zum Wasser führen müsse. Steuben behielt diese auffällige Wahrnehmung für sich. An der südöstlichen Flußbastion stand, nichts ahnend, Benedikt Arnold. Ein kurzes Fernrohr in der Hand, blickte er den Weg südlich stromab und schien dort den Wald einer sehr genauen Beobachtung zu unterziehen. »Sie kommen noch nicht, General«, sagte Steuben scharf. Arnold prallte zurück und wendete sein bleiches Gesicht dem Sprecher zu. »Ha, Sie, Baron? Sie hier?!« »Ja, ich bin hier, aber die, welche Sie erwarten, noch nicht.« »Wie verstehe ich das?« »Nun, wie es zu verstehen ist! Sie erwarten als guter Amerikaner ja doch wohl die Engländer? Herrn Clinton, der's auf diesen Platz abgesehen hat. Weshalb sollten Sie sonst mit Ihrem Blicken das Laub durchbohren?« Nur die Frechheit, welche Arnold seine geheime Wut verlieh, ließ ihn den Schrecken, sich ertappt, vielleicht schon verraten zu sehen, überwinden. »Ich habe von diesem Vorhaben Clintons noch nichts gehört. Sie müssen also die südliche Straße gekommen sein, da Sie von seinem Anrücken wissen.« »Das ist nicht gerade nötig. Ich komme mit meinen Offizieren von Albany, das ich inspizierte. Dort erhielt ich die Mitteilung durch eine an mich expreß gesendete Depesche Sr. Exzellenz des Diktators. Demgemäß bis ich hier, um den Platz auf den Angriff vorzubereiten und die Verteidigung zu leiten.« »Sie, Baron? Haha, eine hübsche Neuigkeit! Ich möchte wohl wissen, wozu dann General Howe und wozu ich und wir anderen alle hier sind.« »Um zu gehorchen, Sir! Sie werden demnach mit Ihrer Division die Fluß- und Südseite des Forts verlassen und Nord- und Ostseite verteidigen; Ihren Platz nehmen die Truppen des Majors Armstrong und des Generals Knox ein. Ich werde die Geschütze besser placieren.« Arnolds Gesicht bedeckte dunkle Zornesglut. »Was Sie werden, soll mir gleich sein; ich stehe unter General Howe! Nur dieser hat mir zu befehlen, kein anderer.« »Wissen Sie, was Insubordination ist?« sagte Steuben kalt. »Major Armstrong, ich befehle Ihnen, Generalmarsch schlagen zu lassen! Sie alle sind Zeugen, meine Herren, von Mr. Arnolds Benehmen. Ich gebe Ihnen fünf Minute« Zeit, sich zum Gehorsam zu bequemen.« Steuben zog die Uhr und hielt sie ihm hin. »Ist der Termin um, dann lasse ich Sie hier auf dem Fleck erschießen. Major Armstrong, schicken Sie zwei Piketts zu 25 Mann mit geladenem Gewehr unter je einem Offizier hierher. Romanai, l'Enfant und North haben Sie die Güte, diesen Herrn in Ihre Obhut zu nehmen.« Er wendete sich, um weiterzugehen. Armstrong eilte den Wall hinab. »Ach, da ist der Obergeneral ja!« Steuben blieb stehen. Howe, der seiner ansichtig wurde, eilte herbei. »Bedeuten Sie Mr. Arnold doch, General, daß ich unter Ihrer hier schriftlich ausgesprochenen Autorität und infolge umfassender Vollmachten handle.« »Ich – ich bestätige das durchaus«, stotterte derselbe. »Hallo,« und Arnolds Gesicht verzog sich zu einem verlegenen freundlichen Grinsen, »wenn es so steht und Sie von General Wash ermächtigt sind, was sagten Sie das nicht gleich?« Er verbeugte sich. »Ich bin weit davon entfernt, mich einer Verfügung Sr. Exzellenz zu widersetzen.« »Bringen Sie also, wie befohlen ist, Ihre Truppen nach der Westseite. Die Ihren, General Howe, nehmen den Teil vom Stadttor bis zur nordwestlichen Schanze ein, Major Armstrong schließt sich an. Ich werde sämtliche Truppen besichtigen. Leutnant North, lesen Sie mm die Mannschaften aus, welche zu Riflemen tauglich sind.« Damit schritt der Baron den beiden Piketts zu, welche eben anmarschierten. »Halt!« rief er ihnen zu. »Ich ersuche die Herren Offiziere, Ihre Leute Front machen und Gewehr bei Fuß nehmen zu lassen. Dann folgen Sie beide mir.« Dem Befehl wurde gehorcht, die Offiziere eilten dem Weiterschreitenden nach, der sein Taschentuch gezogen hatte. »Ihre Namen, meine Herren.« »Ich bin Leutnant Robeson!« »Mein Name ist Dewalden, Sir.« »Ich bin Baron Steuben, Generalinspekteur der Armee, und handle nach besonderen Befehlen des Obergenerals.« Die Offiziere machten Honneur. »Ich habe für Sie einen wichtigen und geheimen Auftrag,« fuhr Steuben leise fort, »über welchen ich mit Ihrem Chef, Major Armstrong, mich des weiteren besprechen werde. Von Ihrer Ehre, Ihrem Mute, Ihrer Umsicht wird es abhängen, ob ich Sie beim Oberbefehlshaber rühmen darf. Westpoint wird vom Feind bedroht. Er unterhält Einverständnis mit jemand in der Festung. Feindliche Indianer von den Cherakis sind in der Nähe und werden in das Fort zu kommen versuchen. Sie werden das verhindern und, wenn möglich, die Kanaillen fangen. Ich lasse dieselben übrigens durch indianische Kundschafter, nämlich den Delawaren Tamenund und seine Kinder, bewachen. Wer von diesen herein will, wird mittels Eskorte in mein Quartier gebracht. Damit wir besagte Absicht nun erreichen, wird Mr. Robeson sogleich durchs nördliche Tor rücken und die davorliegende Waldlisiere bis zum Flusse unter Bewachung nehmen, Leutnant Dewalden hat die Güte, dasselbe im Süden zu tun. Beide Piketts bleiben die Nacht im Dienst, immer je zehn Mann schlafen zwei Stunden. Biwakfeuer können gemacht werden. Halten Sie auch den Fluß fest im Auge. Ganz gleich, was von Fahrzeugen herauf- oder herabkommt, es wird unter scharfes Feuer genommen. Handeln und schweigen Sie, ich werde in Person ihre Stellungen in der Dunkelheit besichtigen.« Er grüßte freundlich, rief Romanai und l'Enfant heran und umschritt den Wall. Inzwischen war überall im Fort Generalmarsch geschlagen worden, die Dislokation der Truppen begann, während man Piketts aus den Toren rücken und die anbefohlenen Stellungen vor dem Fort einnehmen sah. »Das ist geglückt, meine Freunde«, flüsterte Steuben seinen Adjutanten zu. »Ich bitte Sie jetzt, Romanai, gehen Sie zu unseren Pferden und suchen Sie sich ein Quartier auf dem Marktplatze aus. Das ist aber nur Ihr scheinbarer Auftrag, der wirkliche ist wichtiger. Es steht fest, daß an der Wasserseite das Fort einen geheimen Flußausgang hat. Derselbe muß von innen sichtbar sein, auf irgendeine Weise muß man zu ihm gelangen. Ohne daß es Truppen und werden schließlich an der Wasserseite bei Armstrong zu finden sein.« Romanai entfernte sich. – Die Inspektion ging vor sich. Steuben fand vieles bei Howe, noch mehr bei Arnold zu tadeln und war sehr scharf. Howe war konsterniert, und seine Angst gab ihm fortan mehr Temperament und Eifer, als er bisher besessen hatte. Arnold war widerlich devot und versprach, des Herrn Generals Befehlen aufs genaueste nachzukommen. Man sah, der Mann fühlte, sein Spiel sei verloren, und daß er nur darauf sinne, sich vor Entdeckung zu bewahren. Inzwischen hatte North auch die Riflemen ausgelesen, etwa hundert Mann, welche für die besten Schützen der Garnison galten. Sie wurden in zwei Kompanien geteilt und an die Flußseite beordert. Nachdem der Baron die Wälle des ganzen Forts umschritten und wegen besserer Aufstellung der Geschütze Vorsorge getroffen hatte, kehrte er zu Armstrong zurück, der die Flußseite bereits besetzt hatte. »Ein Wort unter vier Augen, Baron!« sagte dieser lächelnd. »Ich wollte Ihnen ein solches Tete-a-tete auch eben anbieten!« »Es scheint, Baron, wir verstehen uns. Ich gratuliere Ihnen und mir zu Ihren Maßnahmen. Dieselben haben unserem Freunde Dick Arnold einen verfluchten Strich durch die seine Rechnung gemacht!« »Wissen Sie etwas über ihn?« »Hm – zweierlei gewiß! Erstlich, daß es ihm sehr unangenehm ist, mich hier die Beobachtung übernehmen zu sehen, denn er hat den Fluß sehr in sein Herz geschlossen. Ferner promenierten früher Cherakiindianer hier herum, und er verkehrte mit ihnen. Weshalb, weiß er sicher besser als ich. Die Kommunikation mit der Außenwelt wird ihm jetzt wohl schwieriger werden!« »Damit dies geschehe, habe ich eben jenes Scharfschützenkorps bilden lassen. Dasselbe steht fortan unter Ihren Befehlen, Major. Teilen Sie es zu fünfzig Mann und geben Sie ihm die zwei besten Offiziere, welche Sie haben; ebenso kommandieren Sie die beiden Ihrem Regiment entnommenen Piketts vor wie hinter den Toren. Kurzum, ich übergebe Ihnen zugleich den Außendienst im Rayon des Forts. Um meine Maßregeln zu motivieren, hören Sie nun folgende kleine Geschichte.« Er teilte Armstrong kurz die Beobachtung Yokomens und seines Vaters wie die Anwesenheit des Engländers bei den Cherakis mit und was er wie Washington über Arnold dächten. »So hat meine Ahnung mich nicht betrogen«, flüsterte Armstrong. »Ich werde die Riflemen sogleich eine kleine Streifpartie machen lassen und Ihnen den Erfolg melden. Ich glaube aber, es ist durchaus nötig, daß weder Tamenund noch Yokomen sich hier blicken lassen. Sieht sie Herr Arnold, dann weiß er, er sei durchschaut, den Propheten, seinen Sohn, die Sigh kennt er von Valley Forge her!« »Natürlich dürfen meine roten Freunde nicht sichtbar sein. Sigh, Tamenunds Enkelin, muß jedoch herein und in mein Quartier, damit wir mit ihren Verwandten durch sie in Verbindung bleiben. Was das Mädchen selbst betrifft, Major, so ist sie ihres Geistes, Gemüts und ihrer Anmut wegen Washingtons, seiner Gemahlin und aller Damen Liebling, die sich zu Morristown im Hauptquartier befinden, und wenn ich Ihnen sage, daß, sobald Friede ist, ich sie heiraten werde, dann kennen Sie ihren Wert. Daß ihre Anwesenheit besonders geheim bleiben muß, ist mein besonderer Wunsch. Mir bleibt nur noch jetzt übrig, Major, Ihnen zu erklären, daß, falls ich, Howe oder Knox unvorhergesehen von hier abberufen würden, Arnold das Kommando erhalten müßte; ich würde Sie dann aber als den eigentlichen Kommandeur betrachten und dem Obergeneral in Vorschlag bringen. Sie sollen alsdann Vollmachten haben, so einzugreifen, daß auch für diesen schlimmsten Fall Westpoint nicht fallen kann!« »Lassen Sie meinen Handschlag als Eid vor Gott gelten, daß Westpoint nicht fällt, solange ich lebe!« »Ans Werk denn!« Armstrong eilte hinweg, Romanai erschien. »Nun?« »Die Wasserpforte ist da, aber sehr versteckt.« »Lassen Sie uns nun nach unserem Quartier, meine Freunde.« Dasselbe befand sich in dem einzigen, sehr kleinen Gasthof des Orts, und Steuben nahm das Gebäude fast ganz in Beschlag, da Armstrong ihm eine Staatswache von 20 Mann der neugebildeten Riflemen gestellt hatte. Der Tag verging unter Annahme und Abgabe von Befehlen und Nachrichten, einem Berichte an Washington und der Veröffentlichung des Korpsbefehls Howes an die Garnison, kraft dessen derselbe Steubens Maßnahmen zur Verteidigung sanktionierte. Die Sonne sank. Steuben eilte in Howes Quartier. »Ich bin erfreut, Sie mit mehr Ruhe bewillkommnen zu können, General, als vorhin möglich war,« sagte Howe, »darf ich Sie mit einem Glase Sherry begrüßen?« »Mit Vergnügen! Wenn in meinem heutigen Auftreten einige Unhöflichkeit lag, lieber General, so handelte ich, wie Sie nun wissen, nicht aus Lust am Bramarbasieren. Die Situation ist höchst gefahrvoll. Sie selbst wissen, daß es hier mit Pflege der Truppen, Proviant, Munition und dergleichen schlimm steht; ob wir von Albany her oder aus der Umgegend Requisitionen werden beziehen können, ist aber erst abzuwarten. Wer hat die Schlüssel zu sämtlichen Ausgängen des Forts?« »Es gibt deren drei. Das Süd- und Nordtor und die Wasserpforte, welche Sie wahrscheinlich noch nicht kennen.« »Diese ist doch verschlossen?« »Ich verschloß sie selbst! Hier ist der Schlüssel zu ihr, der einzige, den es gibt, General. Dies sind die beiden anderen Torschlüssel.« »Dieselben sind natürlich doppelt, und der zweite liegt auf der inneren Torwache?« »Gewiß, Baron! – Ich mag Ihnen vielleicht als kein sehr brillanter General gelten, aber ein guter Hausvater, der alles unterm Riegel hält, nebenbei aber auch 'n ehrlicher Kerl, der bin ich doch!« »Daran zu zweifeln wäre eine Schande, bezeigen Sie mir die Ehre, Sie morgen zu Tische bei mir zu sehen, damit ich meine Hochachtung für Sie durch ein Glas bekräftigen kann. Gestatten Sie, daß ich diese Schlüssel mitnehme?« »Im Gegenteil, ich bitte darum! Sie nehmen mir eine für unsere Lage doppelt schwere Last ab!« Steuben nahm die Schlüssel, schüttelte jovial dem alten General die Hand und ging in sein Quartier zurück. Tamenund Der Abend sank herab. In düstergrünem Kranze ragte der Wald und zog sich von allen Seiten über die Hügel zum Fort herunter. In breiten Fluten rauschte der Hudson, Waldfeuer brannten an den Lisieren des Gehölzes, und hin und wieder blitzten im Mondlicht die Bajonette der Soldaten. – Steuben wünschte lebhaft, zu wissen, was aus dem Engländer und dessen Begleitern, was aus seinen indianischen Freunden geworden sei. Er rief den Führer der Stabswache, Sergeant Furner, auf sein Zimmer und teilte ihm mit, daß die Stabswache ihn jetzt begleiten werde. Er habe mit seinem im Walde befindlichen indianischen Kundschafter zu sprechen und werde dessen Tochter zu sich hereinnehmen, weil das Mädchen nächtlich ab und zu Nachrichten empfangen oder den Ihrigen Befehle bringen müsse. Er gebot Furner in der Sache tiefes Schweigen, wenn ihm sein Hals lieb sei, und unterstützte sein Argument mit zehn Dollars. Furner schwor, so wahr er als Puritaner an den konvenatischen Jesus glaube, Treue und Verschwiegenheit. North und Romanai zurücklassend, damit diese einlaufende Nachrichten empfangen und nötigenfalls sofort Verfügungen treffen könnten, hing er, obwohl es warm war, ein leichtes Unwohlsein vorschützend, seinen Feldmantel um und begab sich, mit l'Enfant an der Spitze der Stabswache, durch das südliche Tor. Hier war nichts vorgefallen. Dewalden meldete, keine Spur der Cherakis sei sichtbar geworden. Auch die Riflemen-Detachements, welche die südliche Straße gezogen seien, waren durch den Wald, den sie abgesucht hatten, resultatlos zurückgekehrt. Um Mitternacht wollten sie indes eine zweite Razzia unternehmen. Indem Steuben die Stabswache vor sich her ausschwärmen ließ, ging er mit l'Enfant von der Südseite aus westlich um das Fort herum. Sie überschritten die Brücke des Baches, dessen Ufer sie untersuchten, besichtigten die Biwaks und näherten sich auf diese Weise der Nordseite. Als sie sich gerade westlich des Forts befanden, stand l'Enfant still und deutete auf die gegenüberliegenden Werke. »Kocht man da, oder ist das ein Signal für die Cherakis?« »Teufel auch!« Steuben erblickte eine schmale dunkle Rauchsäule, welche vom westlichen Walle aufstieg und sich am Nachthimmel als grauer Streif abhob. »Es ist ein Signal Arnolds. Er will den Indianern seinen veränderten Standort anzeigen!« Sie eilten zum nächstliegenden Biwak am Waldrande. »Habt ihr jene Rauchsäule im Fort gesehen?« »Sie qualmt seit einer Stunde schon!« entgegnete der Unteroffizier der Riflemen. »Schickt eine starke Patrouille westlich in den Wald, legt auch ein Pikett unter die Brücke in den Bach. Es wäre möglich, ihr finget etwas! Fünf Dollars für jede Cheraki-Rothaut, ob tot oder lebendig!« Eben hatte Steuben das Wachtfeuer verlassen, von dem die Mannschaft aufgesprungen war, um seinen Befehlen zu folgen, als nördlich nach dem Flusse zu ein Dutzend Schüsse krachten, dann wurde auch auf Armstrongs Seite Gewehrfeuer hörbar. »Dort also sind sie, im Norden? – Ziehen Sie die Stabswache zusammen, l'Enfant! Bringen Sie dieselbe im Laufschritt nach, ich eile voraus!« Damit beflügelte Steuben seine Schritte, von lebhafter Sorge namentlich um Sigh erfüllt. Als er den Weg zum nördlichen Tor erreichte, sah er Riflemen und Leute vom Detachement Robeson teils mit den Gewehren in der Hand lauernd am Ufer, den Blick nach Süden gewandt, teils in einem Kreise um irgendeinen Gegenstand in ihrer Mitte stehen. »Was hat es gegeben?« rief Steuben, auf die letzteren zueilend. Der Kreis löste sich, Robeson eilte zu ihm heran: »Die Cherakis, General, sie kamen – zwei Mann, in einem Kanu von Norden den Fluß herab. Hier ist Tamenund mit den Seinen.« »Zwei Indianer nur? Es sind aber ihrer vier, Leutnant, und ein verkappter Engländer. Der Engländer mit den beiden anderen Cherakis muß nordwärts im Walde nahe dem Flusse versteckt sein, suchen Sie mit fünfzig Leuten eine halbe Stunde talauf das ganze Terrain ab!« Damit trat Steuben zu seinen indianischen Freunden. Die Gruppe, welche sie bildeten, war sonderbar genug. Tamenund kniete und hatte die zusammengesunkene Sigh im Arme. Yokomen stand vor ihm. »Ist dem Mädchen etwas geschehen?« »Geschehen? O Baron, Kugel geschehen! Falsche Cherakikugel in Sighs Hals!« »Um Gottes willen! Ist sie gefährlich verwundet?« »Großer Geist ist guter Geist, läßt es nicht geschehen. Aber sehr viel Blut verloren. Arme Sigh schwach, kann nicht gehen.« »Das soll sie auch nicht. Schnell, l'Enfant, heran mit der Stabswache!« rief er den Herbeieilenden zu. Im Augenblick umgab die Wache Steuben und die Indianer. »Willst du und Yokomen mit hinein ins Fort, wenn ich Sigh zu mir bringen lasse?« »Nein«, entgegnete der Alte. »Tamenund und Yokomen im Walde die Cherakis suchen und den Inglish-Inschun! Sigh wird sagen, was geschehen ist, wenn sie geschlafen hat. Schlaf ist Gesundheit!« »Unteroffizier Furner, machen Sie aus zwei Gewehren mittels Schnupftüchern und meinem Mantel eine Tragbahre, wir legen die Ärmste hinein. Rasch aber dann ins Fort zurück!« Er warf ihm seinen Mantel zu. Während die Mannschaften in wenigen Minuten auf die angegebene Weise eine Trage konstruierten, kniete Steuben nieder, nahm Sigh aus Tamenunds Umarmung und lehnte sie an sich. Er faßte ihren Puls. Sie fieberte, dabei schien sie unendlich schwach. Als die Trage bemannt war, hob Steuben die Leidende sanft auf und legte sie auf seinen Mantel, befahl, daß die Stabswache dieselbe dicht umgebe, deckte Sigh mit der indianischen Decke, die ihr entfallen war, so zu, daß ihr Gesicht nur frei blieb, und der Zug setzte sich in Bewegung. »Morgen abend um dieselbe Stunde bin ich oder Yokomen hier«, sagte Tamenund, Steuben die Hand reichend, dann schritten Vater und Sohn dem Walde zu. – Als der Baron sein Quartier erreicht hatte, ließ er Sigh in sein Schlafzimmer bringen, legte sie mit Vogels Hilfe auf sein Bett, befahl letzterem, alle Vorbereitungen zum Untersuchen wie Verbinden der Wunde zu treffen, und eilte zu seinen Adjutanten ins Vorzimmer. »Sind Berichte über das Schießen eingegangen?« »Von verschiedenen Seiten, sowohl von Robeson, Dewalden, Knox und Armstrong. Alle stimmen darin überein, daß ein Kanu mit zwei Indianern hart am diesseitigen Ufer stromab vom Norden gekommen sei, unfehlbar in der Absicht, sich der Feste zu nahen«, sagte Romanai. »Vielleicht um zu untersuchen, ob die Wasserpforte geöffnet ist?« warf Steuben ein. »Sie wurden von Robesons Leuten zuerst bemerkt, welche Feuer auf das Boot gaben. Oberst Armstrongs Posten beschossen es ebenfalls. Es stieß aber sofort von der Wasserpforte ab, gewann die Mitte des Flusses und ließ sich, außer Schußweite, stromabwärts treiben.« »Für heute nacht werden die Schurken keinen Versuch mehr wagen. Setzen Sie gemeinsam ein Protokoll für Washington über alle Vorgänge auf, welche wir seit unserem Abmarsch aus Morristown bis jetzt beobachteten, morgen vervollständigen wir es. Sie aber, teuerster de l'Enfant, begeben sich zu Arnold. Ich lasse den General fragen, ob der Rauch von seinen Schanzen etwa ein Signal vorstellen sollte und für wen? Geben Sie ihm mein Ehrenwort, daß ich demjenigen den Prozeß mache und ihn nötigenfalls hänge, welcher veranlassen oder dulden wird, daß auf dem Walle Biwakfeuer brennen oder Rauch erzeugt wird! Gute Nacht, Freunde. Für den Anfang hätten wir der kriegerischen Abenteuer genug.« Der Baron eilte an das Lager des Mädchens. Leises Stöhnen zeigte, daß sie Schmerzen empfand. Vogel hatte Feuer unter dem Teekessel gemacht, des Generals Arzneikasten und Verbandzeug bereitgestellt. Steuben beugte sich zu ihr nieder. »Hast du großen Schmerz, liebe Sigh?« »Nein,« hauchte sie, »du bist ja bei mir!« »Halte dich recht ruhig, Kind. Ich werde die Wunde untersuchen und verbinden.« Mittels warmen Wassers gelang es Steuben und Vogel, das von Blut starrende Kalikohemd von Sighs Schultern loszulösen und abzustreifen. Eine Mutter hätte mit ihrem wunden Kinde nicht liebevoller umgehen können als der Baron mit dem Oneidamädchen. Als er die Wunde an ihrem Halse erblickte, erschrak und erstaunte er zugleich. Einen Zoll tiefer, und die Kugel wäre durch Sighs linke Brust in ihr Herz gedrungen! – Die Wunde, durch einen Streifschuß erzeugt, lief unterhalb der Halsgrube bis zur linken Brust, an der sie plötzlich spitz verlief. Gerade war dieser Schuß nicht gefallen, er mußte von oben oder unten auf sie abgegeben worden sein. Gott wußte wie – es war unerklärlich. Bei der Grübelei hierüber versäumte Steuben seine nächste Pflicht indessen nicht. Er wusch die Wunde, stillte das aus ihr noch leise rinnende Blut und bedeckte sie mit einer kühlenden Kompresse. »Geh hinab und braue am Wachtstubenfenster den Tee, Karl, ich komme jetzt schon allein mit ihr zurecht. Schärfe den Leuten ein, daß sie über des Mädchens Anwesenheit schweigen.« Abgesehen davon, daß er dies zu befehlen für nötig hielt, sich auch wirklich von der Reise und der großen, sofort entfalteten Tätigkeit erschöpft fühlte, wollte er auch mit Sigh einige Worte des Wiedersehens wechseln. Als Karl hinausgegangen war und Steuben sie bewegt auf die Stirn küßte, lächelte Sigh. »Mein armes Lieb,« flüsterte er, »weshalb mußte dir das zustoßen? Wärst du doch bei Clemence Greene geblieben!« »Nicht dort! Bei dir lieber tot sein als woanders ohne dich! – Mach mir die Hände frei, es ist so heiß!« »Du hast eben Fieber, Schatz.« Dabei hob er aber sanft ihre Arme empor und legte sie auf die Decke. »Ich möchte dich umarmen – küssen! Ich möchte vor dir knien! Du bist mir Vater, Mutter, du bist mein Mann – mein Manitou, den ich sehen kann!« – »Willst du stilliegen, kleine rote Lady, so will ich dir alles zuliebe tun.« – Er legte ihre Arme um seinen Nacken und küßte ihr Augen und Mund. – »Willst du meine Squaw werden, dann gehe nicht mehr auf den Kriegspfad!« Er fühlte, wie sie seines Kuß erwiderte, und wie ihre Hände ihn an sich preßten. Er legte nun den von Vogel bereit gehaltenen Verband an. »Weißt du auch, Mädchen, daß nicht viel fehlte, so hätte der Elende dich durch die Brust geschossen, in der dein Herz schlägt, das Herz, das mir gehört? Dann hätte ich nichts – nichts gehabt als eine – zweite heilige Tote!« Da klang's wie ein leises Freudejauchzen von Sighs Lippen. »Ich gehe nicht mehr auf des Kriegspfad, und deine rote Lady, Baron, werde ich doch.« »Gesund werden mußt du nur erst! Nimm den Fiebertrank, dann schlafe. Schlaf, sagt der Großvater, ist Gesundheit!« Sie schwieg, nahm den Trank und schloß lächelnd die Augen. Nach einer Weile entschlummerte sie. Vogel brachte den Tee und verschwand. Steuben nahm sein frugales Abendbrot ein, indessen die Bilder des Tages an ihm nochmals vorüberzogen. Endlich vertauschte er die Inspektoratsuniform mit einem alten Interimsrock, legte seinen Mantel neben Sighs Bett auf die Diele und entschlief. – – Am anderen Morgen war er früh auf. Bei den Adjutanten war nichts während der Nacht eingelaufen. Die Geschäfte wurden für den Tag geordnet, die nötigen Befehle erteilt, dann widmete er sich Sigh. Sie hatte sehr gesund geschlafen, das Fieber hatte nachgelassen, die Entzündung der Wunde war nur noch unbedeutend; er erneuerte den Verband. Sigh war jetzt auch kräftig genug, ihm – obwohl in Pausen – den ganzen Hergang zu erzählen. Der verkappte Engländer und die vier Cheraki hatten es nämlich gar nicht darauf abgesehen gehabt, durch die Tore in das Fort zu kommen. Sie hatten vom Bache aus Westpoint umgangen. Nördlich des Platzes hatten sie sich dann getrennt, indem zwei von ihnen direkt an den Fluß geeilt waren, der Engländer mit einem Indianer nördlich durch den Wald weitergegangen war, indes der vierte Indianer umkehrte, als wolle er zum Fort. Diese dreifache Bewegung des Gegners zwang Yokomen, Tamenund und Sigh, sich gleichfalls zu teilen. Sigh sollte dem Zurückgehenden folgen, der unzweifelhaft in die Hände der Streifparteien hätte fallen müssen. Tamenund suchte dem Engländer und dessen Begleiter zu folgen, während Yokomen den beiden anderen nachschlich, um zu sehen, was sie am Flusse trieben. Hatte Sigh trotz aller Gewandtheit die Spur ihres Cheraki verfehlt, oder hatte derselbe alsbald ein Versteck gefunden, sie wußte es nicht. Er war am Eingange des Waldes, wie der Abdruck seiner Sohlen bewies, sehr viel herumgelaufen, als ob er dort etwas suche, dann war er plötzlich verschwunden, als sei er in den Boden versunken. Sigh, die alle Hoffnung aufgab, ihn zu erspähen, war in die Tiefe des Waldes wieder bis zu dem Punkte zurückgekehrt, wo sie sich von den Ihrigen getrennt hatte, und war den Spuren ihres Großvaters gefolgt. So schlau auch Tamenund war, den Engländer, auf den er es abgesehen hatte, erreichte er nicht. Derselbe schien sich von den Cherakis getrennt zu haben. An einem Bache, der fast eine Stunde nördlich des Forts in den Hudson strömte, war der Prophet aber auf dessen Begleiter gestoßen, der wahrscheinlich zurückgeblieben war, den Weg des Engländers zu decken. Mit der List, die Tamenund bei solchen Gelegenheiten selbst vor den Kriegern seines Stammes voraus hatte, und in Erwägung, daß er durch einen Schuß nicht die Aufmerksamkeit der übrigen Cherakis wecken dürfe, hatte er seine Büchse in einen hohlen Baum versteckt und war dann an den Gegner herangeschlichen. Ein Pfeil hatte dem Cheraki ein Ende gemacht. Nachdem der Prophet die Leiche in den Bach geworfen und vergebens die Spur des Engländers gesucht hatte, war er zurückgekehrt, zufrieden, die Genossen des Inglish-Inschun um einen Mann verringert zu haben. Großvater und Enkelin trafen darauf zusammen und suchten nun Yokomen auf. Dieser lag unfern des Hudson auf der Lauer und zeigte ihnen durch eine Lichtung ein Kanu, das unter dem Ufergebüsch versteckt war. Bei ihm schliefen scheinbar die anderen Cherakis. Es wäre ganz leicht gewesen, sie zu beschleichen und zu töten, da es jetzt aber darauf ankam, daß ihre Verräterei entdeckt werde, so mußte ihnen nun auch die Gelegenheit gegeben werden, eine solche zu begehen. Unsere drei indianischen Freunde blieben also den ganzen Tag auf dem Anstande, sahen am Abend beide Cherakis das Kanu besteigen und das Ufer entlang vorsichtig fußweise nur hinabgleiten. Indem Yokomen ihnen direkt in der Nähe des Ufers folgte, ging Tamenund mit Sigh voraus, um die Patrouillen auf die Ankunft der Indianer vorzubereiten. Ehe sie dies jedoch bewerkstelligen konnten, waren die Cherakis von den Truppen schon gesehen worden und erhielten gerade Feuer, als Tamenund und Sigh aus dem Walde treten wollten. In diesem Augenblick empfing das Mädchen von oben herab den Schuß und brach zusammen. Der Cheraki, welchem sie nachgeschlichen war, hatte sich nämlich bereits völlig darüber belehrt, daß Delawaren-Indianer auf seinem und seiner Gefährten Wege seien, und sich auf einen Baum geflüchtet, unter welchen Sigh unglücklicherweise gerade forteilte. Er hatte herabgefeuert, und nur der Zufall wollte, daß sie nicht durch den Kopf oder die Brust tödlich getroffen worden war. – Die Voraussetzung, daß es sich für den englischen Offizier allein um die Wasserpforte handle, war jetzt erwiesen. Sie mußte also Steubens besonderes Augenmerk werden. Er beschäftigte im Laufe des Tages alle Truppen durch Exerzitien, denen er auf den verschiedenen Punkten beiwohnte. Bei dieser Gelegenheit kam er absichtlich in die Richtung, in der die Pforte im Mauerwerk liegen mußte. Es war ein etwas abseits gelegener Platz mit leeren Vorratsschuppen. Hinter ihnen, verdeckt durch Gebüsch, fand er die innere Tür der Pforte. Er öffnete sie mit dem Schlüssel geräuschlos und trat hinaus ans Wasser. Dort war Gestrüpp, hängende Weiden und Schilf, sonst nichts Auffälliges. Daß mehrere Menschen hier hätten unbemerkt ab und zu gehen und verkehren können, dazu schien kein Raum! Steuben verschloß die Tür wieder und gab sich seinen übrigen Tagesgeschäften hin, traf auch umfassende Vorkehrungen für die Nacht. Die Nacht kam und verging. Nichts geschah. Am Abend hatte Tamenund nur dem Baron berichtet, was dieser schon durch die Verwundete wußte, aber hinzugesetzt, so bald würden die Indianer nun nicht wiederkommen, erschienen sie aber, dann gewiß abermals von Norden. »Wieso ist das möglich?« fragte Steuben. »Haben das Kanu hinabtreiben lassen weit, dann ans andere Ufer gegangen! Ziehen das Kanu ans Land, tragen drüben wieder Kanu nach Norden weit durch den Wald, dann setzen oben Cherakis über, dahin wo Kanu gestern gelegen hat. Machen es so oft, bis sie zu dem Manne kommen mit den finsteren Augenbrauen.« Steuben erzählte ihm von der Wasserpforte. »Ah, Pforte gut für Indianer! Ich und Yokomen jetzt in Pforte schlafen alle Nacht. Indianer denken, wir weggegangen! Indianer kommen und bringen Inglish-Inschun, und er reden mit dem Augenbrauenmann in der Pforte. Da aber Tamenund und Yokomen den Inglish-Inschun, Cherakis und Yankee-Inschun Arnold ertappen!« »Der Plan ist gut. Ich werde auf der inneren Seite ein Pikett Soldaten bereit halten, welches Arnold den Rückzug abschneidet!« * Von diesem Plan wußten außer Steuben nur Armstrong, Yokomen, Tamenund und der Unteroffizier Furner, welcher mit zehn Mann der Stabswache still in einer Nacht nach einem der leeren Schuppen bei der Pforte aufgebrochen war und dort einen permanenten Beobachtungsposten eingerichtet hatte. Arnold und der Engländer mußten in die Falle gehen. Aber sie gingen nicht. Arnold rührte sich nicht, er verließ seine Schanzen nicht einen Augenblick. Keine Cherakis, keine Engländer waren während vieler Wochen zu sehen, sie waren noch schlauere Füchse als Steuben und Tamenund. Inzwischen genas Sigh; eine kleine Narbe nur blieb am Halse, die wie ein leichter feuriger Strahl nach dem goldenen Kreuze auslief. Diese Narbe war Sighs ganzer Stolz, denn der Baron liebte sie. Er konnte des teuren Mädchens Wunde sie ansehen, ohne daß er ihre Hand an seine Lippen preßte. – Über sechs Wochen verstrichen. Bei den Forts, in oder außer der Festung hatte sich nichts begeben. Exerzitien, Schanzarbeiten, mühevolles Aufbringen von Waffen, Munition und Proviant, Empfang und Absendung von Depeschen wie Berichte füllten Steubens Zeit aus. Wenn Sigh nur immer hörte, was Tamenund und Yokomen machten, so war sie beruhigt. Zu Westpoint, zu Morristown, überall litt die Unionsarmee Not. Die Franzosen kamen nicht, weder mit Geld, Waffenlieferungen noch mit Soldaten. Man hatte Lafayette deshalb nach Frankreich gesandt, und indem man ihm erlaubte, als Theatertribun à la Racine zu triumphieren, hoffte man, die Allianz aus dem Stadium der bloßen Phrasen herauszubringen. »Die Unionsarmee in ihrer Operationen«, so schrieb Greene Steuben aus dem Hauptquartier, »gleicht einem Kaufmann, der, zu ohnmächtig, große Geschäfte zu machen, auch kleinere aus der Besorgnis nicht mehr wagt, das Wenige zu verlieren, was er errungen hat!« Selbstverständlich wußte Washington, wie sehr sich sein und Steubens Verdacht gegen Arnold bestätigte. Um den Riegel am Hudson für Clinton zu verstärken, eine Wegnahme Westpoints völlig unmöglich zu machen, hatte Steuben von Washington Befehl erhalten, aus der in Westpoint, Fishhill und der umliegenden zweiten, sehr starken Division neun Bataillone Riflemen auszuheben, von denen vier Bataillone unter General Howe südlich an den Hudson vorgeschoben werden sollten, fünf Bataillone aber direkt zu Washingtons Hauptarmee zu stoßen hätten. Clinton hatte inzwischen Springsfield niedergebrannt und schien jetzt im Nordosten gegen Connecticut und Massachusetts operieren zu wollen. Nachdem Howe vier Riflemen-Bataillone gebildet hatte, marschierte derselbe ab, und Steuben war, laut Washingtons Order, an seine Stelle gerückt. Die gesamten, auf dem Territorium des nördlichen New England stehenden Unionstruppen ballten sich jetzt um des Hudson zusammen, welcher das entscheidende Objekt zu werden schien, an welches der Sieg oder Untergang der Unabhängigkeit Amerikas geknüpft werden sollte. Um Mitte August, es hatte sich seit Howes Abmarsch zu Westpoint nichts geändert, erschien in dem Fort ein von Washington expreß gesandter Offizier, welcher Steuben eine Depesche überbrachte. Dieselbe erhielt die höchst erfreuliche Nachricht, daß der französische General Rochambeau mit einem Korps auf Rhode Island gelandet wäre und dessen Vereinigung mit der Hauptarmee nur noch eine Frage der Zeit sei. Washington sei jetzt im Begriff, über den Hudson zu setzen und an dem rechten, westlichen Ufer desselben bei Tappan sein Hauptquartier zu beziehen. Da Westpoint hierdurch von zwei Seiten völlig gedeckt und den Engländern unzugänglich wäre, Rochambeau Clinton jetzt im Schach halte, so möge Steuben den Befehl über das Fort an General Arnold übergeben und mit seinen Offizieren zu Washington zurückkehren, bei dem er die Geschäfte des Stabschefs übernehmen solle, zumal man noch im Herbste wichtigen kriegerischen Entscheidungen entgegensähe. Dieser Order war folgendes geheime Billet beigelegt: »Ich verkenne nicht, lieber Baron, daß es als Akt des Leichtsinns erscheint, General Arnold Fort Westpoint anzuvertrauen, aber Verrat zu üben vermag er faktisch nicht. Wollte er in Person mit Hilfe besagten Engländers und der Cheraki zu Clinton desertieren, so bliebe ihm hierzu jetzt nur noch der Hudson selbst frei, welcher von Howe bei Nacht und Tag aber so unter Augen gehalten wird, daß kein Schiff herauf oder herab kann. Er ist in Westpoint also sein eigener Gefangener. Kommen Sie ungesäumt. Für den Fall eines dennoch projektierten Verrats ist Major Armstrong durch diesen Brief, den Sie ihm zur Legitimation einhändigen werden, an Arnolds Stelle zum Kommandanten von Westpoint und aller dortigen Truppen ernannt. Ich denke, Mr. Arnold wird es soweit denn doch nicht kommen lassen!« Wie einfach auch diese Argumente des Oberbefehlshabers klangen, und so sehr Steuben auch wünschen mochte, endlich im offenen Felde zu irgendeiner entscheidenden Tätigkeit zu kommen, er empfand doch geradezu Widerwillen, eine ganz unerklärliche Bangigkeit, Washingtons Order zu befolgen. Traute er Arnold wirklich noch zu, er könne Westpoint unter solchen Umständen dem Feinde in die Hände spielen? Gewiß nicht, denn es war unmöglich. Hielt er den energischen und erfahrenen Armstrong nicht für fähig, Arnold bei dem leisesten Versuche einer Verräterei sofort zu ertappen und unschädlich zu machen? Ganz sicher, denn Steuben traute Armstrong wie sich selbst. Aber Tamenund und Yokomen zurückzulassen, kam ihm sehr hart an. Wochenlang hatten Vater und Sohn im Freien der Pflicht obgelegen, den Cheraki und dem Engländer aufzulauern. Wenn Arnold mit dem Oberbefehl aber nun die Macht erhielt, mit seinen Helfershelfern draußen zu verkehren, und er von Tamenunds Anwesenheit erfuhr, dann konnte der Greis samt seinem Sohne leicht das Opfer einer Rache werden, welche ihnen den Tod der Squint Snake blutig heimzahlte. Arnold, obwohl jetzt der Älteste der zum selbständigen Kommando eines besonderen Korps berechtigten Generale, war seit jener Affäre von Washington stets zurückgesetzt, stets jüngeren Generalen unterstellt worden. Es war zu erwarten, daß diese Schmach in der unbändigen, stolzen und heimtückischen Seele dieses Mannes unvergessen sei. Indessen die Order mußte befolgt werden. Um alle Vorbereitungen zu größerer Sicherheit erst geheim zu treffen, bevor Arnold seine Erhöhung ahnte, hatte der Baron gleich nach Empfang der Depesche, und als geschehe das infolge derselben, sofort Detachements der Riflemens nach allen Seiten ausschwärmen und den Wald rings absuchen lassen. Romanai, de l'Enfant und North, welche sich bei diesen Streitereien beteiligten, hatten den Auftrag erhalten, Tamenund und Poksmen um Mitternacht an das Südtor zu bestellen, wo zuverlässige Leute Armstrongs sie zu Steuben bringen sollten. Armstrong war um dieselbe Zeit von Steuben zu einem Gespräch geladen worden. Den Rest des Tages brachten sie, Vogel und Duponceau, mit Packen und den Vorbereitungen zur Abreise zu. Sigh sah wohl, was geschah, und mochte sich ihr Teil denken, aber da der Baron finster war und schwieg, wagte sie keine Frage. Vom Turme der kleinen Kirche, die auf dem Markte ihnen gegenüberlag – Sigh pflegte ihn den »stummen Finger Gottes« zu nennen –, hatte es zwölf geschlagen. Steuben war unruhiger als jemals im Leben. Gegen Viertel auf eins traten Armstrong, Tamenund, Yokomen und Steubens Adjutanten ein. »Sie scheinen vom Hauptquartier geheime Nachricht zu haben, Baron?« »Ich übergebe Ihnen diese Depesche und den beigefügten vertraulichen Brief. Ich habe Order, mit meinen Offizieren zum Hauptquartier zurückzukehren. Gern hätte ich Tamenund und Yokomen so gut wie Sigh mitgenommen, der Obergeneral aber wünscht, daß beide hierbleiben und Arnold beobachten, denn Arnold ist nun an meiner Stelle Oberbefehlshaber in Westpoint!« »Er?« rief Armstrong heftig. »Lesen Sie nur die Depesche und den Brief!« entgegnete Steuben finster und schritt gesenkten Hauptes das Gemach auf und ab, während der Major sich in die Papiere vertiefte. Der Prophet schritt langsam zu Steuben und legte ihm die Hand auf die Achsel. »Lebe wohl, Bruder, Tamenund und Yokomen bleiben hier!« »So soll Sigh wirklich allein mit mir?« sagte Steuben traurig. »Sigh geht, wohin ihr Geist sie treibt!« »Großvater! Baron!« rief das Mädchen, zu ihnen eilend. »Tamenund jetzt nicht hier ohne seines liebsten Sohnes Tochter bleiben! Meine Hand, mein Geist sollen ihm helfen, wo allein List hilft!« »Hier willst du bleiben, Mädchen,« rief Steuben erschrocken, »bei den Deinen bleiben, nicht bei mir?« – Die Indianerin schlang ihre Arme um ihn. – »Sei ruhig, mit dir geht mein Herz! Meine Schritte müssen aber Tamenund und Yokomen folgen, ihr Los ist mein Los; wir werden dich doch wiedersehen!« Steuben war außer sich. In der Furcht, im Wehe der Trennung fühlte er erst recht, wie allgewaltig er dies Mädchen liebe. Ohne die Anwesenden zu beachten, bat er sie mit allen Schmeicheltönen der Liebe, mittels aller Überredungskünste, sie wenigstens solle sich der Rache Arnolds nicht aussetzen. Doch was er auch sagte, sie schüttelte das Haupt. »Manitou will es so! Er redet in mir. Wollte ich mit meinem Baron gehen, so wäre fortan mein Herz schwarz und nicht rein mehr, nie wieder würde Manitou in mir reden!« Die übrigen hatten diesem Kampfe der Liebenden zugesehen, welcher Steubens ganze Leidenschaft seinen Freunden enthüllte. Als alle Gründe gegenseitig erschöpft waren, ohne daß das Mädchen zum Mitgehen zu bewegen war, sprach Tamenund: »Mein Bruder, lasse Sigh hier. Sigh wird nichts geschehen. Sigh wird des Barons rote Lady sein und Tamenund froh und still werden!« »Weißt du das so sicher, Prophet?« – »Weiß es! Inglish-Inschun mit Cheraki weit hinab den Hudson; nicht mehr hier!« Er blickte seines Sohn mit starrem blitzenden Auge an. »Yokomen wird auch sagen, daß Inglish-Rotrock und Cheraki nicht hier mehr sind!« »Nicht hier mehr!« erwiderte Yokomen langsam. »Damit ist die größte Gefahr für unsere roten Freunde vorüber«, sagte Armstrong. »Tun Sie des edlen Mädchens Kindesliebe keine Gewalt an. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, General, eher soll Westpoint durch meine Schuld fallen, bevor ein Haar vom Haupte Sighs gekrümmt wird. Sie ist mir ein Pfand, das Ihre Freundschaft meiner Sorgfalt übertrug, und wie ein Vater sein Kind will ich die Braut meines Freundes hegen!« »Ich danke Ihnen, lieber Armstrong, obwohl der Gedanke, sie zurückzulassen, mir furchtbar ist. Eine Bedingung nur, Sigh, erfülle, eine Bitte! Du verläßt dies Zimmer erst an dem Tage, an dem du unter sicherer Bedeckung zu mir zurückkehrst! Sie, l'Enfant, bleiben bei ihr unter der Form eines Kommandos zur Inspektion der Riflemen. Tamenund, Yokomen, nehme euch Gott in seinen Schutz! Laßt euch nur nie in der Festung blicken!« – Man ging auf alle Wünsche Steubens ein. Die Indianer nahmen mit einer gewissen Feierlichkeit von ihm Abschied, dann legte Tamenund seine Rechte auf Sighs Haupt, sie die ihre auf seine Brust. Darauf – das erstemal, daß Steuben eine solche Herzlichkeit an dem Greise bemerkte, küßte derselbe seine Enkelin und schritt mit dem Sohne hinaus. Armstrong folgte beiden und brachte mit einer Eskorte der Stabswache in Person die Indianer zum Südtor. Ehe sie dasselbe jedoch erreichten, ergriff Tamenund Armstrongs Hand. »Schweigen! Was ich jetzt sage, soll Baron nicht wissen, sonst großes Unglück!« »Dann werde ich schweigen. Was ist es?« »Tamenund und Yokomen vorhin Unwahrheit gesprochen! Inglish-Rotrock und Cherakis noch da, der Mann mit den zusammengewachsenen Augenbrauen hat sie zweimal am Wasser gesprochen!« »An der Wasserpforte?« »Und ich habe gehört, was sie gesagt. Arnold hat noch einen Schlüssel zu der Pforte! Arnold hat gesagt, er kann nicht Festung übergeben, will nun fliehen, sobald er kann, mit Inglish-Inschun! Tamenund, du, Major, und Yokomen werden sie fassen. Gute Nacht!« Armstrong stand starr. Ihm war, als gerinne das Blut in seinen Adern. Eines war gewiß, dieses Geheimnis mußte zwischen ihm und den beiden Indianern bleiben, wenn Arnold mit dem Engländer je ertappt, dessen Verrat erwiesen werden sollte. Nur l'Enfant, beschloß er, sobald Steuben abgereist wäre, einen Wink zu geben. Am anderen Tage beim großen Appell erschien Steuben nebst Begleitern zu Pferde, reisemäßig gerüstet. Er erklärte, daß, nachdem das Hauptquartier nach Tappan verlegt, die Überrumpelung Westpoints nicht mehr zu besorgen wäre, der Obergeneral ihn zurückberufe und von seinen Offizieren nur Kapitän de l'Enfant noch zur Einübung der Rifle-Kompanien zurückbleibe. »Laut Order«, er übergab sie ihm, »geht das Kommando nun an den General Arnold über, der die weiteren Weisungen von Tappan aus zu gewärtigen hat.« – Nicht eine Miene verzog der Schurke, obwohl über den Besitz des Oberbefehls sein Herz jubeln mußte, da er den letzten Rettungsweg für sich nun geöffnet sah. Er nahm von Steuben in bester Form Abschied. Dieser schüttelte jedem der Regimentschefs die Hand und sagte dabei nicht ohne Absicht: »Man geht bedeutsamen Ereignissen nunmehr entgegen, da General Rochambeau mit einem französischen Armeekorps gelandet ist und im Begriffe steht, sich mit General Washington zu vereinigen.« Als das Abschiednehmen beendet war, ritt Steuben mit seinem Reisegefolge durch das südliche Tor und zog die Straße hinab seinem neuen Ziele entgegen. – Kaum hatte er den Rücken gewandt, als Arnold die Order Washingtons, welche er durchgelesen hatte, nachlässig in die Tasche steckte. »Wir wären also den preußischen Drillmeister los! Sie sind ja wohl sein Freund, Armstrong?« »Ich rechne mir das zur Ehre an.« »Das sind Geschmackssachen, über die ich nicht streite. Also, meine Herren, exerzieren Sie, trommeln Sie, suchen Sie Wälder ab, kurz, tun Sie, was sie wollen, und lassen Sie, was Sie nicht wollen, mir ist's egal. Bah, der Hudson ist ja so bespickt mit Truppen, daß alle drei britischen Reiche anmarschieren müßten, bevor wir uns ein graues Haar wachsen zu lassen brauchten. Weil man mir das Kommando erst anvertraute, wo es nichts mehr zu verteidigen gibt, so werde ich die Sache auch so auffassen, wie sie liegt. Für mich ist Steubens Blaues Buch gar nicht da, es ist ein Unsinn! Komme man mir doch nicht mit solchen Sachen und malträtiere unsere armen Teufel, wenn man nichts zu essen für sie hat! Laßt erst die Leute für ihre Magen sorgen, ehe ihr sie zum Dienste zwingt! Gute Mahlzeit!« »Herr General,« erwiderte Armstrong, »meine Leute werden nach meinem Befehl ihre Schuldigkeit tun, und jeder unserer Regimentschefs Wird die seinige der Republik gegenüber wohl ebenso genau wie ich kennen!« »Ah, gut, daß Sie mir das erwidern. Meine Pflicht kenne ich auch. Sie werden mit Ihren Truppen meine bisherige Stellung, ich aber die Ihre wieder einnehmen. Die Guckerei auf den Fluß hilft verteufelt wenig, wenn nichts während Monaten zu sehen ist als 'n einziges Kanu mit ein paar dummen Teufels von Rothäuten, die man dann wie wilde Enten schießt!« »Zu Befehl, General!« * Während Steuben seines Weges zog, Sighs letzte Umarmung, letzte Träne noch im Gedächtnis, begann zu Westpoint das, was nachmals Armstrong mit dem – freilich sehr drastischen – Worte »Schweinewirtschaft« bezeichnete. In Benedikt Arnold war auch der letzte Funke von Ehrgefühl erstorben. Haß, Rache, selbstsüchtiger Ehrgeiz, zugleich aber Angst vor Entdeckung ließen ihn all seinen Witz anspannen, um diesem Käfig zu entrinnen. Er kannte sehr wohl den ganzen Umfang der Gefahren, denen er entgegenging, sowohl wenn er blieb, als auch wenn er floh; er war ferner von der Anwesenheit Tamenunds und Yokomens unterrichtet. Wenn er Sigh für erschössen hielt, wie der Indianer, der die Tat begangen, ihm mitgeteilt hatte, so geschah dies nur, weil man sie in Steubens Quartier vor den Augen der Garnison streng verborgen hielt. Floh Arnold, so war er freilich in Gefahr, getötet zu werden, aber es war doch die Möglichkeit noch vorhanden, Clintons Hauptquartier zu erreichen. Blieb er aber, so wurde über kurz oder lang der Engländer gepackt, ihm selber war der Tod des Verräters alsdann gewiß. Er mußte ein Deserteur und Vaterlandsverräter werden, denn jetzt wäre selbst seine offene Reue sein Todesurteil gewesen. Seine heimlichen Aufpasser, Armstrong, Tamenund und Yokomen, hingegen hatten sich zu einem Plane vereinigt, der Arnold wie seine Mitschuldigen unfehlbar in die Hände der Besatzung liefern mußte. Diesem Anschlag zufolge schlichen mit jeder anbrechenden Nacht Tamenund und Yokomen, der eine von der nördlichen, der andere von der südlichen Seite des Forts, den kaum zwei Fuß breiten, von Gebüsch und Binsen verdeckten Uferrand zwischen dem Hudson und den gemauerten Wällen entlang und trafen bei der bewußten Wasserpforte zusammen. Dort blieben sie unter hängendem Gesträuch die ganze Nacht, den Augenblick erspähend, da der Fluchtversuch stattfinden sollte. Armstrong hingegen hatte seinen Adjutanten und den ältesten Kapitän in die Angelegenheit eingeweiht, und jede Nacht waren dieselben in der Nähe der innerhalb des Forts liegenden Seite der Wasserpforte auf dem Anstande, um Arnold wie ein Wild zu erwarten. Hinter die nächsten Baulichkeiten der kleinen Stadt hatten sie einzelne Posten von Riflemen aufgestellt, denen ein Pistolenschuß das Zeichen sein sollte, sofort herbeizueilen. Arnold, der seine Truppen in die Werke der Flußseite wieder zurückgeführt, Armstrong von derselben entfernt hatte, spähte Tag und Nacht umher, in der Überzeugung, daß man ihn und sein Vorhaben beobachte. Er vermochte aber weder Anzeichen von Tamenunds Nähe noch irgend sonst Verdächtiges zu entdecken. Schon über zwei Wochen nach Steubens Abreise hatten seine Wächter vergeblich auf eine Katastrophe gewartet. Augenscheinlich wollte sie Arnold einschläfern, ermüden. Andererseits wußten sie aber recht gut, daß jeder Tag Zögerns Arnolds Gefahr nur vergrößerte, sein Entrinnen erschwerte, seine Erregung und den Wunsch also notwendig steigern mußte, das Äußerste zu wagen. Er und der Engländer konnten nur mit Hilfe der Cheraki in einem Kanu entfliehen, das weiter oberhalb Westpoints am rechten Ufer liegen mußte. Das Erscheinen des Bootes war mithin das Zeichen sowohl für Arnold und seine Gegner, daß der Moment der Flucht gekommen sei. – In einer dämmerig-hellen Septembernacht waren Tamenund und Yokomen, Armstrong und seine Vertrauten wie die Riflemenposten, kurz jeder wie immer auf seinem verabredeten Posten. Oben auf der Zinne der Wasserschanze, gerade über dem Pförtchen, stand Benedikt Arnold, die geladenen Pistolen in der Schärpe, den Schlüssel zu seiner Freiheit in den Händen. Sein Herz klopfte unruhevoll, seine Lippen waren gepreßt, sein Auge starrte auf die Wasserfläche, er erwartete das Kanu. Gegen Mitternacht sah er links einen schwarzen Punkt am diesseitigen Ufer langsam heranrücken. Die Außenposten und Streifpiketts hatte er klugerweise längst einzuziehen befohlen, seine Leute schliefen. Die wenigen Wachen waren so verteilt worden, daß sie von dem, was unten etwa vorging, nichts sahen. Armstrong aber wußte er in den westlichen Werken, das Kanu konnte ohne Gefahr herankommen. Der dunkle Gegenstand rückte langsam vor, bald zwischen den Binsen und Gebüschen verschwindend, bald im matten Mondlicht sichtbar; das Fahrzeug wurde von nur einem Indianer dirigiert. »Aha,« murmelte Arnold, »die drei anderen schleichen auf dem schmalen Uferstreifen heran. So, das Kanu ist bei der Pforte, der rote Schlingel wird es am Ufer befestigen. Sei's denn! Hinab!« Er eilte zu dem nächsten Wallgange, der hinunter in die Nähe der Pforte führte. Alles hatte seine Richtigkeit. Das Kanu langte wirklich an. Der Cheraki legte zwei Schritte unterhalb der Stelle an, auf welche die Pforte mündete, zog leise das Ruder in das Fahrzeug und sprang, das Seil des Bootes in der Hand, gerade an der Stelle ans Ufer, wo Yokomen lauerte. Im Nu erhob sich derselbe, gab mit Blitzesschnelle dem Cheraki noch während des Sprunges einen Tritt vor den Leib, der ihn rücklings ins Wasser stürzte und unter demselben lautlos verschwinden ließ. Yokomen, sofort die Sehne des bereit gehaltenen Bogens ans Ohr ziehend, wartete einen Augenblick. Der Kopf des Cheraki kam über das Wasser, der Mann begann zu rudern, um das Ufer zu gewinnen. Ein schnalzender Klang, und für ewig sank er unter; der Pfeil war ihm durch den Kopf gegangen. Das Seil des Kanus ergreifen, es an einen Strauch binden, war für Yokomen das Werk eines Augenblicks, dann verschwand er, sein Kriegsbeil ziehend, wieder im Gestrüpp. Etliche Minuten verstrichen in tiefstem Schweigen. Dann hörte Tamenund von seiner Seite, also von Norden her, ferne Schritte. Er machte ein leises Geräusch, wie wenn eine Schlange durchs Laubwerk raschele. Es war für Yokomen das Zeichen: »Sie kommen.« Zu gleicher Zeit sahen innerhalb der Werke Armstrong und seine Gefährten Arnold endlich herabsteigen und vorsichtig zu der Pforte schleichen. Er trat in ihre tief in das schräg geböschte Rasenwerk eingeschnittene dunkle Wölbung, welche jetzt plötzlich hell erschien. Er hatte das Pförtchen geöffnet, und der mondbeglänzte Fluß schimmerte herein. Armstrong schlich hervor, seine Gefährten folgten. Der Major blickte in die Öffnung, wendete sich dann zu den anderen und flüsterte: »Sie sind beisammen.« Damit zog er eine Pistole und schoß. Die Riflemen kamen im Fluge heran, und der beorderte Tambour schlug Generalmarsch. Bevor innen dies letztere Ereignis erfolgte und die Riflemen die Pforten besetzten, hatte sich am Wasser bereits alles entschieden. Arnold trat, nachdem er die Pforte geöffnet hatte, eben heraus, als von links eine Gestalt heranschlich – der Engländer im Kalikohemd. »Seid Ihr's, General Arnold?« flüsterte er. »Natürlich, Sir John! – Kommen Sie.« »Wo ist dritter Cherakibruder?« fragte der Indianer, welcher hinter der Sir John angeredeten Person stand. »Wo ist er?« »Hol' dich der Teufel, roter Hund! Halte dein Maul und komm!« rief Arnold halblaut. Tamenund hatte sich leise aufgerichtet, das Kriegsbeil in der Hand. Da krachte Armstrongs Schuß. »Verflucht, wir werden gefangen! Ich oder du!« Damit schleuderte Arnold den Engländer rückwärts nach der Pforte und sprang in das Boot. Tamenund wollte mit dem Beil nach ihm eben den nie fehlenden Wurf tun, da schmetterte auf den Greis die Waffe des Cheraki nieder, welcher alsbald Arnold nachsprang und das Seil zerhieb. Der Engländer wollte jetzt auch nach, aber ein Schlag von Yokomens Beil in seine Kniekehle, und er knickte in der Öffnung der Pforte zusammen. Der letzte Indianer, in Hast, noch in das Kanu zu gelangen, traf jetzt auf Yokomen, der, als er seinen Vater fallen sah, ihm sein Messer in den Leib rannte und dann dasselbe, mit Gedankenschnelligkeit in der Hand wirbelnd, wie ein Geschoß auf Arnold schleuderte. Es war zu spät! Der erste Indianer, welcher Tamenund verwundet hatte und Arnold ins Kanu gefolgt war, hatte dasselbe mit kräftigem Ruderstoß bereits über sechs Fuß vom Ufer fortgeschnellt. Eben ließ er es in die Strömung schießen, und dicht hinter Arnolds Rücken fuhr Yokomens Waffe wie ein blitzender Strahl in die Flut. Alles war das Werk weniger Sekunden. Armstrong hatte kaum seine Pistole entladen, als er auch mit gezogenem Degen an der Spitze seiner Begleiter durch die Pforte ans Ufer drang. »Wo ist Arnold?« rief er. »Arnold da im Kanu! Zu weit im Wasser!« »Er ist entflohen?« »Entflohen,« sagte Yokomen, »nicht mehr kriegen! Aber hier Engländer lebendig und Tamenund tot!« Die Offiziere, aus ihrer Betäubung erwachend, sahen eine Gestalt im Kalikohemd in die Knie gesunken, Yokomen aber hielt links im Gebüsch seines Vaters blutigen Leichnam in den Armen. »Etliche Leute heran, Kapitän!« rief Armstrong. »Sie sind mein Gefangener«, wendete er sich zu dem Engländer und packte ihn an der Brust. »Steht auf, Herr, wenn's gefällig ist, und nennt Euren Namen.« »Ich kann nicht aufstehen, Sir«, sagte der Angeredete. »Der Indianer hat mich gelähmt. Der Name eines unglücklichen Mannes aber, der sich seiner Regierung opferte, ist bald gesagt. Ich bin Sir John Andree, Major und Generaladjutant Sr. Exzellenz des Generals Clinton.« Armstrong trat betroffen zurück, dann zog er den Hut. »Sir John, ich bedauere, daß ein Mann von solchem Range des Hallunken Arnold wegen so enden muß!« »Ich danke, mein Herr, für Ihr Mitgefühl. Ich habe gewußt, was ich unternahm, als ich herkam, Sie sehen wahrscheinlich meine Tat von Ihrem Gesichtspunkte an, ich von dem meinen. Mein Tod ist der Lohn für das mißlungene Werk, dessen Gelingen mir vielleicht den Baronstitel eingetragen hätte!« »Bei uns wird man leider einen anderen Mann als den Baronet aus Ihnen machen! Heda, Riflemen, steckt ihm zwei Gewehre durch die Beine und laßt ihn reiten, da er nicht gehen kann. Hebt Tamenunds Leiche auf und den Cherakischurken, dann zum Alarmplatz! Eine Wache bleibt an der offenen Tür, bis der Tatbestand aufgenommen ist. Leutnant Vorister,« wandte er sich zu seinem Adjutanten, »begleiten Sie Yokomen zu des Propheten Enkelin!« Der düstere Zug bewegte sich zurück durch die Werke nach der Stadt, wo die Alarmtrommeln rasselten und Lichter an den Fenstern erschienen. Als sie an der ersten konsignierten Truppe vorüberkamen, eilten fragend deren Offiziere herzu. »Arnold ist soeben den Hudson hinab zu den Engländern auf einem Kanu entflohen! Senden Sie sofort bis zu Howe Streifpiketts den Fluß entlang, ob der Verräter vielleicht doch noch zu erwischen ist. 500 Dollars, wer ihn tot, 1000, wer ihn lebendig fängt!« »Arnold entflohen! Arnold bei den Engländern!« tönte es rings. Entsetzen, Wut, Flüche aller Art folgten dem Ehrlosen. Auf dem Marktplatze waren die Oberoffiziere an der Spitze ihrer Stäbe versammelt, als man Tamenund niederlegte und Major Andree in den Kreis trug. Alle waren ergriffen, als sie den in der amerikanischen Armee so wohlbekannten indianischen Freund Washingtons blutbedeckt mit zerschmetterter Hirnschale sahen. Ein herzzerreißender Schrei gellte durch die flüsternden Gruppen. Sigh, Yokomen und Armstrongs Adjutanten wie l'Enfant hinter sich, drängte sich mit flatterndem Haare durch die Militärs. Einen einzig furchtbaren Blick nur warf sie auf den Großvater, dann fiel sie über ihn her, und ihre zuckenden Glieder bewiesen, wie ihr Geist verzweifelt den seinen in seine irdische Hülle zurückzujammern suchte. Feierlich still war's ringsum. – »Sehen Sie dies arme Mädchen, Major Andree. Sie haben nicht bloß eine mißlungene Tat, den Tod dieses Greises haben Sie auf dem Gewissen!« »Ich glaube nicht, Sir,« entgegnete der Gefangene, »daß Sie hier ein Schauspiel in der Nachtluft mir zu Ehren aufführen wollen. Mich wenigstens läßt der Tod einer Rothaut und das Bestiengeheul eines Weibes kalt.« »Seht, Kameraden, in diesem, selbst in der Schmach noch übermütigen Engländer verkörpert sich das humane und christliche Königsregiment Englands! Mein guter Sir, dieser tote Indianer hatte in einer Stunde mehr edle Gefühle und Gedanken als Sie in Ihrem ganzen Leben! Gerecht ist der Himmel doch. Er ging als Krieger in ihn ein, Sie werden zu ihm durch einen Strang gelangen; das ist zwischen euch der kleine Unterschied! Feldscher, verbindet den Gefangenen, in zwei Stunden beginnt das Kriegsgericht die Voruntersuchung, damit wir den Herrn Generaladjutanten und – Baronet in spe schleunigst an die Jurisdiktion des Obergenerals abliefern können!« Marquis de Lafayette Während der vorhergegangenen, dem Hauptquartiere noch unbekannten Vorfälle am oberen Hudson hatte der Oberbefehlshaber genug peinliche Schwierigkeiten zu überwinden. Gates hatte sein Sieg bei Saratoga nicht schlafen lassen; er wollte seinen Ruhm um jeden Preis erneuern. Cornwallis war ihm mit einem bedeutenden Teile seiner Heeresmacht rasch entgegengezogen, bevor der amerikanische Heißsporn seine Truppen völlig zu ergänzen vermochte. Gates engagierte sich trotzdem hitzig und wurde am 16. August so schwer geschlagen, daß sein ganzes Korps aufgerieben und zerstreut wurde und sämtliche Geschütze verlorengingen. Washington entsetzte ihn des Oberbefehls und gab denselben an Nathanael Greene. Zu dessen Armeeinspekteur ernannte er, auf dessen eigenen Wunsch, Steuben. Es galt um so mehr, jetzt den bedrohten Südstaaten beizuspringen, als die Möglichkeit hierzu dadurch gegeben erschien, daß Cornwallis seinen Sieg bei Cambden nicht ausgenutzt hatte. Im Begriff, nach Nord-Carolina zu marschieren, hatte er nämlich ein starkes Streifkorps unter Major Fergusson nach den Hochlanden geschickt, um sich dieser zu versichern, dazu litt das englische Heer durch nasse Witterung und Epidemien. Das Korps Fergusson aber wurde auf dem Königsgebirge von dessen ganz der Union ergebenen Bewohnern gänzlich vernichtet, Cornwallis mußte nach Süd-Carolina zurückkehren. In der Hauptarmee hingegen begann es an Offizieren zu mangeln, und die bisherigen Truppenführer sprachen in immer größerer Anzahl den Willen aus, ihren Abschied zu nehmen, da der Kongreß ihre Zukunft noch immer nicht sichergestellt hatte. Washingtons Hauptarmee, die Hoffnung der Union, drohte zu zerbröckeln. In dieser Not hatte Washington kategorisch an den Kongreß die Forderung gerichtet, die Pensionsfrage in befriedigender Art zu erledigen. Zu diesen Kalamitäten kam nun ein plötzliches, dunkles und schreckhaftes Gerücht: General Howe hatte durch ein reitendes Pikett dem Oberbefehlshaber melden lassen, von der Westpoint-Garnison komme die Nachricht, Arnold sei entflohen, ein englischer Offizier als Spion gefangen worden und Tamenund bei dieser Gelegenheit getötet oder sehr schwer verwundet worden. Washington hatte sofort Befehl gegeben, daß Detachements von Riflemen auf allen verfügbaren Booten auf dem Hudson kreuzen, und daß die Landstraßen wie Waldpfade beständig abpatrouilliert werden sollten, um des Verräters habhaft zu werden. Die Stimmung des Oberbefehlshabers wie seiner vertrauten Offiziere war finster, die Steubens geradezu martervoll. Man war überzeugt, daß irgend etwas Außerordentliches im Fort zugegangen sein müsse, andererseits konnte man nicht an den vollen Umfang der Ehrlosigkeit eines kommandierenden Offiziers, eines geborenen Nordamerikaners, glauben. Diesem Zwitterzustande von Furcht und Zweifel machte der Morgen des 26. September ein Ende. Auf dampfendem Pferde erschien de l'Enfant in Steubens Quartier zu Tappan, und da er hörte, derselbe befände sich mit General Greene bei dem Obergeneral, eilte er sofort in dessen Wohnung. »Ist das Gerücht wahr,« rief Washington, »das Ihr Detachement General Howe überbracht hat?« »Wenn es aussagte, Arnold sei zu den Engländern entflohen, der Prophet getötet und ein englischer Spion gefangen, Exzellenz, so sagte es die Wahrheit. General Knox kommt selbst, um eingehenden Bericht zu erstatten. Der gefangene Spion, Tamenunds Leiche, Yokomen und Sigh sind bei ihm.« Washington sank das Haupt auf die Brust. Lange starrte er vor sich nieder, als erblicke er einen gähnenden Abgrund zu seinen Füße«. »Ist Sigh unverletzt?« flüsterte Steuben. »Um Gottes willen, wie überstand sie das furchtbare Ereignis?« – Greene trat horchend hinzu. »Teuerster Baron,« entgegnete de l'Enfant ebenso, »Sigh kam bis zu dem Augenblick, da man den toten Greis brachte, nicht aus ihren vier Pfählen. Des Mädchens Jammer vermag ich nicht zu schildern, bald genug werden Sie ihn sehen. Hätte Sigh jetzt nicht Sie und des Obergenerals Menschenfreundlichkeit, sie wäre beklagenswerter als ein heimatloses Tier, das seine Mutter verlor.« »Nein!« schrie Washington. »Das ist nicht Menschenart mehr! Es ist jene Bosheit, welche aus Freude am Schlechten, aus entarteter Wollust des Hasses geübt wird! Ich muß Arnold haben, lebend oder tot! Dieser entartete Sohn seines Landes soll eines so schimpflichen Todes sterben, daß selbst das Herz des Erbärmlichsten unter uns sich sträubt bei dem Gedanken, in eines solchen Schurken Fußtapfen zu treten. An dem Verlust dieses Scheusals ist dem Vaterlande freilich nichts gelegen. L'Enfant, schreiben Sie in kurzen, nackten Worten den Tatbestand an den Kongreß und daß ich auf meinen erneuten Antrag vom 15. des Monats verweise und die Frage stelle, ob man in Philadelphia noch jetzt zögern will, zu tun, was getan werden muß, soll überhaupt noch gekämpft werden! Das schreiben Sie genau so hin! Ist das Schriftstück beendet, dann bereiten Sie die Frauen Tamenunds vor und melden Sie das Geschehene meiner Gattin und der Generalin Greene!« – Washington, Steuben und Greene ritten, ohne auf ihre Adjutanten zu warten, die nördliche Straße den Fluß entlang. Bald genug erblickten sie den düsteren Zug, der gerade um eine Waldecke bog, welche der Fluß verursachte. Voraus ritt General Knox mit seinen Adjutanten, eine Kompanie Riflemen folgte mit drei Tambouren. Hinter ihnen auf einem alten Proviantkarren lag Tamenund, kriegerisch bemalt, in vollem Waffenschmuck. Neben ihm hockte Yokomen und sang in langen, klagenden Tönen den Totengesang der Oneidakrieger. Sigh folgte dem Gefährt, des Blick zu Boden geheftet, mechanisch schreitend. Von der zweiten Kompanie umgeben, zog dann der Karren heran, auf welchem der gefangene Engländer zwischen zwei Unteroffizieren saß. Dies stumme, schattenhafte Nahen, des breiten Hudsons Rauschen, die klagenden Molltöne Yokomens machten einen unendlich traurigen Eindruck. Washington, Steuben und Greene hatten links am Rande der Straße eingeschwenkt. General Knox sprengte heran. »Exzellenz,« er lüftete den Hut, »dieser Augenblick bedarf keiner Erklärung. Ich erlaube mir, Ihnen das Protokoll des Tatbestandes und der ersten Untersuchung des Kriegsgerichts zu überreichen. Ich glaube, Major Armstrong wie ich haben in Ihrem Sinne gehandelt, Exzellenz, wenn wir dem totes Häuptling die Ehren erwiesen, die unseren eigenen Offizieren gebühren!« »Ich bin Ihnen wie dem Major sehr dankbar, General,« erwiderte Washington, »Tamenund war mir so teuer, daß mein Herz den Verlust eines Bruders nicht tiefer beklagen könnte! Lassen Sie die Tambours den Totenmarsch der Unionsarmee schlagen!« Als die Trommeln ihre Wirbel erklingen ließen, unterbrach Yokomen seinen Gesang, Sigh schrak wie aus einer Betäubung auf. Als sie Steubens ansichtig wurde, breitete sie mit einem Schmerzensschrei die Arme nach ihm aus und taumelte mehr zu ihm hin als sie ging. Der Baron saß sofort ab und nahm die Verwaiste in seine Arme. Sie hing an seinem Hals, als habe sie ihre Heimat wiedergefunden. »Armes, heißgeliebtes Mädchen,« flüsterte Steuben, »komm auf mein Pferd, du bist ja am Zusammenbrechen! Wenn nichts dir bleibt, Sigh, ich bleibe dir!« »Du,« hauchte sie, »du allein!« Sie ließ sich von ihm zu seinem Pferde führen und hinaufheben wie ein Kind. Der Baron ergriff des Rosses Zügel und führte es hinter Tamenunds entseelter Hülle her. – Zufolge Verabredung zwischen Steuben und Greene wurde Sigh in des letzteren Wohnung zu Clemence gebracht, in deren schwesterlichen Armen sie sich ausweinen konnte. Wie Tamenund geahnt hatte, zog sein Tod die Auflösung seiner Familie nach sich. Rattan erklärte, zu ihrem Stamme nach dem Delaware zurückzukehren, um dort ihr Elend und ihr Alter zu begraben. Auch Smirk und Yokomen trennten sich, aber in einer für das Volk der »roten« Leute sehr bezeichnenden Weise. Smirk war noch jung und hübsch, sehr bedeutend jünger als Yokomen, in welchem sie stets mehr ihren Bruder als den Sohn ihres Mannes erblickt hatte. Als Rattan ihres Weges gegangen war, sagte Yokomen zu seines Vaters jüngster Witwe: »Smirk, du hattest einen Sioux-Vater, bist von den Cheraki, an deren Händen das Blut Tamenunds ist. Ich bin von den Oneida. Willst du zu den Cheraki gehen? Willst du mit Yokomen zu den Oneida?« »Was soll ich mit dir bei den Oneida?« »Ich werde für dich jagen und fischen, mein Wigwam wird dein Wigwam sein, mein Stamm der deine! Smirk, ich frage dich, sehe ich Tamenund ähnlich?« »Du siehst ihm ähnlich, aber nicht ganz.« »Ich habe seinen Leib! Wenn ich seine guten Gaben nicht habe, Smirk, so habe ich doch sein Herz! Werde meine Frau und lächle wieder!« Smirk lächelte wieder, dann weinte sie und küßte ihr Kind. »Yokomen,« sprach sie sinnend nach einer Pause, »jetzt ist in meinem Herzen der Schmerz! Ich will zu meinem Stamme, will die Quellen des Moratoc und Saxapahaw wiedersehen. Vielleicht wird mein Herz dort still, und – ich denke an dich. Dann komme! Sei dann nicht mehr Yokomen, sondern Tamenund. Ich werde dir zu den Oneida folgen und deine Squaw sein.« Sie reichten einander die Hände. – »Ich nenne mich fortan Tamenund, die wandernde Sehnsucht!« »Tamenund, die wandernde Sehnsucht willst du sein?« Smirks Stimme bebte. – »Wandere! Wenn du an den Moratoc kommst, Yokomen, willst du Tamenund, der Friede, sein?« »Dann will ich der Friede werden, will Frieden bringen zu meines Vaters Feinden!« – Das war die indianische Verlobung einer jungen Witwe, so fest und heilig in ihrer Weise, daß der ganze Stamm der Cheraki und Oneida sie nicht hätte ungeschehen machen können. Am nächsten Tage zog Smirk gen Süden, Yokomen, der sich fortan Tamenund nannte, nordwärts dem Oneidalande zu, nachdem angesichts der ganzen Armee und ihrer Generale der Prophet inmitten des Lagers begraben und eine dreimalige Salve über ihm abgeschossen worden war. Sigh allein blieb zurück an dem Orte, wo der Geliebte lebte und der Großvater unter den weißen Kriegern schlief. Der Prozeß Andrees war kurz; seine Schuld lag auf der Hand. Man hatte bei ihm eine genaue Karte des ganzen oberen Hudsonlaufes, den Plan von Westpoint und einen Operationsentwurf gegen den Platz für Clinton gefunden. Alle diese Papiere stammten von Arnolds eigener Hand, und man erstaunte zugleich über das Geschick wie die Schlechtigkeit eines Mannes, der zweifellos ein begabter General der Union gewesen war. Am 29. September wurde Andree vor den Augen der aufmarschierten Armee erhängt. Es war abgemacht, daß Martha Washington die Nordarmee gleichfalls verlassen, nach Mount Vernon, dem Familienbesitztum des Generals am unteren Potomak an der Grenze von Virginien und Maryland, zurückkehren sollte; Sigh mit Clemence Greene sie aber begleiten und bei ihr bleiben sollten, zumal beide Frauen Nathanael und Steuben dann bedeutend näher waren. Sigh folgte Martha in der Erwartung, daß sie mit dem Baron dann nach dem Süden weiterziehen werde. Vor der Katastrophe, welcher man augenscheinlich näherrückte, faßte auf Washingtons Drängen endlich der Kongreß den heilsamen Beschluß, allen Offizieren, welche bis Ende des Krieges bei der Armee dienen würden, Halbsold auf Lebenszeit zu bewilligen. Diese Aussicht erhielt die Offiziere fortan ihrer Fahne, gab sie ihren Pflichten zurück, und der Bestand der Unionsarmee war gerettet. Greene und Steuben waren Ende Oktober in Philadelphia beim Kongreß eingetroffen, der ihre Ernennung sanktioniert hatte. Als Adjutant begleiteten ersteren Major Burnet und Oberst Morris, Steuben dagegen Benjamin Walker und Leutnant Duponceau, sein Sekretär. Richmond, Virginiens Hauptstadt, war zum Rendezvousplatz der befreundeten Generale bestimmt, und nach Beendigung aller Reisevorbereitungen eilte Steuben voraus, um in Mount Vernon bei Generalin Washington seinen Besuch zu machen und von Sigh Abschied zu nehmen. Diese Aufgabe war nicht leicht. Niemand vermochte beim jetzigen Stande des Krieges sein Ende und die Zeit zu berechnen, in welcher von einer Wiedervereinigung die Rede sein konnte. Wer aber wußte, unter welchen Umständen sie dann stattfand? Auf dem Mount Vernon, unter den Bäumen versteckt, lag Vernon House, Washingtons Geburts- und Elternhaus, klein und von fast geschmackloser Einfachheit. Als Steuben seiner ansichtig wurde, meinte er treffend: »Wenn Washington kein größerer General und Staatsmann wäre als er Baumeister ist, die Union würde schwerlich Bestand haben!« Es schien allein den Vorstellungen angemessen zu sein, die man sich von dem Leben eines Cincinnatus zu machen pflegt. Nachdem Steuben nebst Adjutanten von einer Negerin in das Empfangszimmer geführt wurden, trat ihnen die Generalin mit der bekannten, vornehm-gelassenen Freundlichkeit entgegen und reichte Steuben die Hand. »Seien Sie gegrüßt, Baron, und nehmen Sie mit unserer engen Gastlichkeit vorlieb. Das Elternhaus meines Mannes ist winzig, wie Sie sehen, denn dies Zimmer, der Vorflur, das Eßgemach und die Küche sind eng. Die Herren werden sich also einrichten müssen. Als Washington die Renovation des alten Hauses vornahm, wollte er es nicht vergrößern. Da wir keine Kinder haben, ist es für uns genügend, und da wir gute Republikaner sind, wollen wir mit unserem Vermögen nicht prahlen, indem wir einen aristokratischen Bau aus ihm machen. George hat überdies eine solche Pietät für den Sitz seiner Eltern, daß jedes Stück, das Sie sehen, noch auf der Stelle steht, wo er es in seiner Jugend sah. Diese Enge ist leider auch schuld, daß ich meine liebe Clemence und unsere Sigh in das Haus des Inspektors einquartieren mußte, der viel besser wohnt als sein Herr. Generalin Greene aber ist dadurch mit Sigh unabhängiger von mir, und ich bin in meinen vielfachen häuslichen Geschäften auch weniger behindert. Kommen Sie, wir wollen beide nun aufsuchen!« Damit setzte sie ihren Hut auf, nahm einen Schirm von Palmenblättern und führte die Herren durch das Haus einen dunklen Laubgang hinab. »Exzellenz, ich habe eine Bitte!« sagte Steuben. »Wenn ich sie gewähren kann – gern, General!« »Ich ersuche Sie um Ihre Unterstützung in einem Kampfe, dem ich entgegengehe. Sigh wird mit mir fort wollen! Daß dies nicht geschehen darf, selbst wenn des Mädchens Sicherheit dabei weniger bedroht wäre, bedarf Ihnen gegenüber keiner Gründe.« »Sie muß unbedingt bleiben, General. Eine Frage gestatten Sie mir, die zwar für mich schon entschieden ist, die ich aber, bevor Sie in den ungewissen Krieg ziehen, noch einmal von Ihnen beantwortet hören möchte. Ist es Ihr fester Entschluß, Sigh zu Ihrer Ehefrau zu machen, wenn Gott uns den Sieg gibt?« »Mein fester Wille. Ich betrachte sie bereits als meinen moralischen, seelischen Besitz, als mein Weib. Es kommt nur darauf an, wie bald meine Verhältnisse nach dem Frieden mir gestatten, sie zum Altar zu führen.« »Und wollen Sie mit Ihrer roten Lady dann unter uns leben?« »Ich glaube nicht, Exzellenz. Ich weiß sehr wohl, daß, wenn auch im Kriege, namentlich im Feldlager, Unterschiede und Vorurteile der Rasse schwinden, wenn Sigh von einer so edlen Frau, wie Sie, Exzellenz, und Generalin Greese, auch fast als Ihresgleichen behandelt wird, man in Philadelphia oder New York trotz meiner Stellung sie fühlen lassen dürfte, sie gehöre nicht in das Parlour einer amerikanischen weißen Schönen. Gewährt mir der Kongreß die Entschädigung, welche meinen Diensten und Opfern entspricht, erlaubt er mir, meine Pension jenseits des Meeres zu verzehren, dann werde ich mit Sigh in einem stillen Winkel Deutschlands meinen Herd gründen.« Martha reichte Steuben die Hand. »Ich hoffe, die befreite Republik wird von der Gleichheit und Würde aller Menschen dann einen so erhabenen und religiösen Begriff haben, daß Sie wegen Sigh nicht genötigt sind, uns zu verlassen.« Steuben küßte der Generalin die Hand, und sie schritten gedankenvoll dahin. Sie kamen an einem nach der Straße zu offenen Hof, von Scheunen umgeben, vorüber, auf dem etwa zwei Dutzend Negermädchen, Weiber und Männer singend emsig wirtschafteten. »Unsere Leute, Baron«, sagte Martha, als dieser stehenblieb. »Noch sind sie, wie alle Farbigen, Sklaven vor dem Gesetz. Sie wissen aber längst, daß sie nach dem Frieden freigelassen werden. Trotzdem fürchte ich nicht, daß sie dann von uns gehen würden, erhielten sie auch besseres Brot. Sie ersetzen uns ja die Kinder«, fügte sie weicher hinzu. Nun traten sie aus dem Grün. Vor ihnen auf abwärts gesenkter Bergwelle lag ein schönes, zweistöckiges Haus, das, zwischen Buketts und Rosenplätzen an der steil abfallenden Flußseite gelegen, auf den Potomak und die Chesapeakebai heruntersah. Martha deutete auf die Mündung der Bai: »Dort und im südlichen Küstenlande wird bald Ihre Tätigkeit beginnen. Denken Sie daran, daß wir drei harrenden Frauen hier stehen und Gott bitten, Ihr Schwert möge uns mit den Gatten den Frieden wiederschenken. Doch man hat uns schon gesehen.« Sighs Jubelruf schlug an sein Ohr. »Er ist es, Clemence, mein lieber Baron!« Und aus der Pforte des Hauses eilte das Mädchen mit ausgebreiteten Armen ihm entgegen und umarmte ihn. »Nun gehe ich mit dir, nicht wahr? Ich verlasse dich nicht mehr!« Ein Kuß auf diese schöne Stirn war Steubens erste Antwort. »Wir werden schon noch Zeit gewinnen, ruhiger darüber zu reden. Lasse mich Generalin Greene nur erst begrüßen.« »Aber mit dir gehe ich doch?« – Damit ließ ihn die Indianerin los und trat beklommen zurück. Steuben hatte Clemences Hand ergriffen. »Mein erster Gruß, teure Frau, muß die Bitte sein: Helfen Sie mir doch, Sigh begreiflich zu machen, daß sie in diesem Kriege unmöglich meine Gefährtin sein kann.« »Ich soll nicht bei dir bleiben? Wo soll ich denn nach Tamenunds Tode sein, wenn nicht an deiner Seite?« »In den Krieg, der dort geführt werden wird,« fiel Martha Washington mit sonorer Stimme ein, »darf kein Weib ihrem Manne folgen. Deswegen sind wir hier und nicht bei unseren Gatten; auch du wirst bei uns bleiben, wenn der Baron es dir befiehlt, denn jede gute Squaw folgt dem Willen ihres Mannes, wie sie dem Willen Gottes folgt.« »Wenn Manitous Stimme aber in mir anders redet? Wenn sie spricht: ›Gehe mit ihm!‹ Oh, befiehl mir nicht, daß ich bleiben soll, Baron! Solange ich dich habe, solange meine Arme dich umfangen, meiner Stimme Ton dein Ohr noch erreicht, laß mich dich bitten, daß ich dir folgen darf. Kannst du im Krieg nicht sterben? Sterben, fern von mir, ohne meinen letzten Kuß?« »Gewiß, liebe Sigh, kann ich sterben, gleich Tamenund, deinem Großvater. Meinst du, mir würde der Tod nicht viel schwerer, ließe ich dich als einsames Weib im Kriegsgetümmel zurück, vielleicht der Bestienroheit unserer Feinde Opfer? Nimmermehr! Ein Wort für tausend: Betrachtest du mich als deinen künftigen Gemahl?« »Manitou hat dich mir zu eigen gegeben.« »Gut denn! So wahr ich dein Mann bin und du mein bist, so wahr ich dir befehlen darf und du meinem Willen folgen sollst, so gewiß befehle ich dir, bleibe! Bleibe hier im Schutze dieser edlen Frauen und glaube dann, ich werde fröhlicher meine Pflicht tun!« Sigh senkte traurig das Haupt. »Ich bleibe! Ich tue deinen Willen! Doch wenn im Kriege dir eine Stunde kommt, da es dich grämt, daß du deine Sigh nicht hast, dann frage dein Herz, wer weiser war von uns beiden. Dann rufe mich!« Mit dieser fast feierlichen Mahnung war die Aussprache zu Ende. Man verbrachte den Tag teils bei Clemence Greene, teils bei Generalin Washington. Sighs Abschied von Steuben war herzlich, doch traurig still, sie kämpfte mit ihren Tränen. So schwer sich auch unser Held von dem Mädchen losriß, er war, als Sigh mit Clemence Greene spät abends von Vernon House endlich wegging, doch froh, daß dieser Kampf vorüber, er voll und ganz seiner Pflicht zurückgegeben war. Martha Washington, die ihn noch eine Stunde in den mondbeglänzten Garten einlud, machte ihm den Abschied noch leichter. Mit ernst-sittiger Anmut, die ihr sein ganzes Herz gewann, erklärte die Generalin: »Wir müssen Sigh durch Beschäftigung ablenken. Ganz gleich, ob sie in Amerika oder Deutschland als Baronin Steuben auftritt, sie wird ihre Stellung doch nur dann behaupten können, wenn sie sich höhere weibliche Bildung aneignet, den Gewohnheiten ihres Volkes ganz entsagt.« Steuben brach ungleich ruhigeren Herzens nach Richmond auf. In Virginiens Hauptstadt traf er mit Nathanael Greene zusammen. Die erste Nachricht, welche ihn empfing, war die Vereinigung von Rochambeaus Korps mit Washington und daß der Norden dadurch unangreifbar geworden sei. Als Steuben dem Präsidenten des Staates Virginien, Jefferson, von Greene vorgestellt wurde, erklärte dieser, daß er unseren Helden zum Oberkommandierenden in Virginien ernenne. Eine Instruktion gebe er ihm nicht, er möge aus eigenem Ermessen tun und lassen, was die Kriegslage gebiete. Greene mußte nämlich alsbald nach den Staaten von Carolina aufbrechen, um dort das versprengte Heer Gates' zu sammeln und zu komplettieren, Steuben lag gleiche Pflicht in Virginien ob, namentlich aber, verschiedene virginische Korps, sobald sie ausgerüstet seien, Greene zu Hilfe zu senden. Steuben befand sich gerade zur Inspektion der Truppen in Chesterfield, als die Nachricht wie ein Blitzstrahl durch die virginische Armee zuckte, Arnold sei von den Engländern als General an die Spitze eines Korps gestellt worden und schicke sich an, in Virginien einzufallen. Präsident Jefferson selbst hatte sie von Richmond gebracht und erschien wie ein Verzweifelter im Lager. Die Bildung einer größeren Kontinentalarmee gedienter Liniensoldaten war nicht mehr möglich, mit einheimischen Milizen mußte Steuben also den ungleichen Kampf gegen Arnold wagen, und: »Milizen,« so hatte noch unlängst Nathanael Greene geschrieben, »von ihnen, guter Gott, erlöse uns!« – Es gibt Augenblicke, wo nicht nur die schlechteste Waffe besser ist als gar keine, sondern wo eine schlechte Waffe in verzweifelter und todesmutiger Hand Wunder verrichtet. Die Truppen, besonders aber die Virginia-Milizen, schäumten vor Wut. Wohl hatten sie den Rotröcken oft den Rücken gekehrt, aber Arnold, dem Verräter, der mordbrennerisch ihren heimischen Fluren nahte, vor dem nicht Weib noch Säugling sicher war, dem schworen sie zu stehen, selbst ohne Waffen. »Mit Zähnen und Nägeln wollen wir den Hund anfallen!« wetterten sie Steuben entgegen. – Bei dieser merkwürdigen Inspektion fiel Steuben ein wettergebräunter Sergeant auf, der seine Kompanie an Stelle der fehlenden Offiziere ganz vortrefflich eingeübt hatte. – Steuben rief ihn heran. »Sergeant, wie heißt du?« »Ich, General? – Oh, o Gott, ich?« »Wie du dich nennst, will ich wissen. Heraus damit!« Der Mann senkte schamerfüllt sein Gesicht. »Ach, mein General, ich – ich heiße Lawrence Arnold.« Alle blickten finster auf den Unglücklichen und Steubens strenges Gesicht. »Arnold?« donnerte dieser, sogleich den seltsamen Umstand aufgreifend. »Welcher brave Patriot kann noch den Namen Arnold tragen, seitdem dieses Scheusal ihn in sich gebrandmarkt hat? Lawrence, du bist ein zu guter Soldat, ein zu redlicher Kerl, um ferner so zu heißen. Taufe dich um. Hier vor der Front deiner Kameraden lege diesen entehrten Namen ab! Wie willst du heißen?« »Ich will heißen wie Sie, General, the Baron.« Steuben zog bewegt den Degen und hielt ihm den Kreuzgriff desselben hin. »Bei diesem Zeichen unserer Erlösung, das uns allein zum Kampfe folgt, schwöre deinen alten Namen ab und schwöre, fortan zu leben und zu sterben als Lawrence Baron!« Unter tiefster Stille schwor der Sergeant die Annahme von Steubens Soldatennamen. »Und nun, Kamerad,« rief der General leuchtenden Auges, »ernenne ich Sie, Lawrence Baron, zum Leutnant und Kommandeur Ihrer Kompanie. Es lebe die Ehre und die Freiheit!« Der Jubel der Soldaten erstickte des Generals Stimme, rings lohte die Flamme der Begeisterung. Ein Sonnenblick war's durch unendliche Nacht, ein Sonnenblick aber, der anhielt, eine Begeisterung und Energie, die sich verstärkte und ausbreitete, und welche gezeitigt und erhöht wurde durch die Niedertracht des Gegners. Die Baronstaufe von Chesterfield ging durch das ganze Heer von Mund zu Mund, und viele Soldaten, als ob dieser Name ein Talisman wäre, vertauschten den ihren mit Baron. »Wahrhaftig,« rief Steuben, als er dies hörte, »so habe ich mehr Kinder als je ein verheirateter Mann!« – Im Januar 178l erfolgte Benedikt Arnolds Einfall; die Union befand sich gerade auf der Höhe ihres finanziellen Mißgeschicks. Da half endlich Frankreich mit sechzehn Millionen Livres und großen Waffensendungen. Washington konnte sich wieder regen, der Armee flossen neue Lebensquellen zu. Wenn das Schach ein Kriegsspiel ist, bei welchem kluge Berechnung, nicht aber Übermacht entscheidet, dann wurde unter Steubens Leitung der Krieg in Virginien zu einem Schachspiel eigentlichster Art. Am 21. Januar erschien Arnolds Korps mit vierunddreißig Schiffen, um den Appomattox hinauf nach Petersburg zu segeln. Er landete bei Jamestown, stürmte um Mitternacht die Batterien von Hoods und nahm dann Westower, raubend und sengend, weg; sein Ziel war die Hauptstadt Richmond. Steuben hatte bereits alle dortigen Militärmagazine nach Westham gebracht und stellte dort seine aus Petersburg gezogenen Truppen auf. Dasselbe tat der amerikanische Oberst Davis, nachdem er alle Vorräte aus Chesterfield weggebracht hatte. Arnold marschierte nach Richmond und brannte es total nieder. Den Vandalismus, den er dort sowohl an Tories wie Republikanern übte, trieb arm und reich, Farmer und Handwerker, Kaufleute, kurz, was nur eine Jagdflinte besaß, den Truppen Steubens zu. Sein Extrem wurde Arnold verderblich, kam aber Steuben zugute. Als in Richmond nichts mehr zu vernichten war, ging Arnold nach Westower zurück. Steuben marschierte nach Marwick, die dortigen Vorräte zu decken, und als Arnold Westower erreichte, erschien Steuben schon in Petersburg. Dort brachte er die Regierungsmagazine mit General Smallwoods Hilfe in Sicherheit, und als die englische Flotte den Fluß aufwärts dort passieren wollte, zwang eine formidable Kanonade dieselbe, den Appomattox gänzlich zu räumen. Am 19. Januar marschierte Arnold plötzlich nach Petersburg und setzte sich dort fest. Er hatte nämlich, von Steubens Bewegung beirrt, geglaubt, für denselben sei Petersburg der Stützpunkt. Steuben hatte ihn aber nur dorthin gelockt und schloß ihn mit seinen von allen Seiten anmarschierten Korps ein, die sich durch Zuzug verdoppelt hatten. Der Krieg, wie Washington gewollt, war nicht nur nach Virginien verlegt worden, er war nun zwischen Appomattox-, James- und York-River auf einem klar sichtbaren Operationsrayon verdichtet. Washington meldete Steuben, der französische Admiral werde von der Seeseite gegen Arnold operieren und im März in der Chesapeake-Bai sein, ferner werde er 1200 Mann Linie unter Lafayette senden, dem der Kongreß den Oberbefehl in Virginien übergeben habe. Steuben wurde also Lafayettes Untergebener! Was er dabei empfinden mochte, ist leicht zu erraten, aber er schwieg. Lafayette hatte durch seinen Einfluß ja eben die Millionenanleihe, die neue Flotte und die Verstärkung, welche sicher erwartet wurden, veranlaßt, dafür mußten dessen Adelskoterie, der Hof von Versailles und Frankreich auch des Marquis Ruhm in tönenden Berichten lesen können. Folglich kommandierte er in Virginien, wo sich alles ja so brillant anließ. Statt der französischen Flotte erschien am 20. März aber die britische unter Admiral Arbutnoth, welcher eben des Franzosen Destoues Geschwader auf den Höhen von Virginia Cap so zugedeckt hatte, daß es nach Newport umkehren mußte; General Arnold wurde entsetzt. Lafayette kehrte in der selbstsüchtigen Erwägung, daß hier nichts mehr für ihn zu holen sei, alsbald ins Hauptquartier zu Washington zurück. Für jeden anderen wie Steuben wäre dies Mißgeschick entmutigend gewesen, aber in seiner Seele wohnten lichtere Gewalten. Zwar war Arnold frei, aber für die Amerikaner stand die Sache darum nicht schlechter als vor der Zernierung von Petersburg. Obwohl Cornwallis in Carolina Greene zweimal geschlagen hatte, konnte er sich gegen diesen zähen General ohne Zuzug und Lebensmittel nicht halten. Er beschloß deshalb, sich zu Virginien mit den Generalen Arnold und Phillips zu vereinigen und mit Clinton in New York in Verbindung zu treten. Worauf Washington so lange gerechnet hatte, nämlich Cornwallis auch nach Virginien gelockt und dort den Kampf sich ballen zu sehen, geschah, vorerst auf Steubens Kosten. Damit Greene im Süden nicht abgeschnitten werde, sandte ihm der Obergeneral Lafayette mit einem Korps leichte Infanterie zu. Die Infanterie nahm Greene an, Lafayette aber schickte er zu Steuben mit der Weisung, in Virginien den Oberbefehl zu übernehmen. Dies meldete Greene Steuben in einem vorausgesandten Briefe mit der kurzen Motivierung: »Lassen Sie ihn nur seine Narrheiten treiben. Er beschäftigt eben Cornwallis und Clinton, sei es auch so zwecklos, wie es wolle. Inzwischen kommt hoffentlich der große Schlag. Bergen Sie nur möglichst die Vorräte.« Dieselben waren bereits vereinigt und nach Point of Fork ins Gebirgsland gerettet worden, indessen General Mühlenberg sowohl Arnold wie Phillips festgehalten hatte. Jetzt brach ersterer am 19. April von Broadwater nach Cabin Point auf. Einen Tag später rückten die Engländer nach Jamestown vor, indes die englische Flotte bei Sandy Point landete. Nun marschierte Steuben mit Kavallerie und leichter Infanterie am 22. April nach Petersburg, sein Ziel war, die Korps Arnolds und Phillips' von der Vereinigung mit Cornwallis abzudrängen. Wirklich, beide Korps marschierten auch nach City Points Plünderung wieder gegen Petersburg. Nur 1000 Mann stark, ließ Steuben jetzt Mühlenberg die Stadt Blandford als Verteidigungspunkt wählen und bestimmte die Brücke von Pocahontas zum Rückzug. Am 25. April kam der Feind in Sicht, aber erst 3 Uhr nachmittags begann das Feuer. Neben Steuben hielt Präsident Jefferson zu Pferde. Die Milizen standen wie Sturmböcke gegen den Feind. Das Artillerie- und Infanteriefeuer dauerte zwei Stunden. Erst als seine Leute alle Munition verschossen hatten, befahl Steuben lächelnd den Rückzug, der in musterhafter Ordnung über den Pocahontas ging, dessen Brücke man abwarf. Zum ersten Male hatten Milizen in waldloser Ebene ein Feuergefecht gegen englische Regierungstruppen bestanden. Der Feind wagte nicht, dem Korps Steuben zu folgen. Wenn die Virginier nachmals des Befreiungskrieges sich erinnerten, riefen sie einander zu: »Denkt des Barons und an den Tag von Pocahontas!« Mehr als geschehen war, konnte nicht geschehen, der Feind war vom Süden abgelockt und dann respektabel bedient worden. Daß Phillips jetzt nach Richmond marschierte, die dort aus dem Innern angekommenen Handelsschiffe und großen Tabaklager zerstörte, Arnold aber zu Warwick ebenso hauste, beide Spießgesellen zu Warwick aber sich vereinten, konnte nicht verhindert werden. Vier Tage später langte Lafayette beim Heere an, mit ihm 2000 Milizen aus dem westlichen Innern Virginiens. »Zweifellos haben Sie mich mit Sehnsucht erwartet«, rief der eitle Mann Steuben entgegen, als er bei ihm eintrat. Steuben verbeugte sich. »Mit Sehnsucht? Nein, Marquis. Die Milizen erwartete ich mit Spannung, Sie, wie es sich gebührt, mit Ruhe.« »Foudre, ich verstehe Sie nicht, mein Herr. Ihre Sprache ist beleidigend.« »Die Wahrheit kann nie beleidigend sein. Ich bin ein alter Soldat und habe meinen Aberglauben. Daß derselbe sich an Ihre Person knüpft, dafür kann ich nichts.« »Sie werden sich darüber Ihrem nunmehrigen Obergeneral erklären müssen.« »Das bin ich Ihnen schuldig, Marquis. Es mag närrisch sein, aber es ist einmal so. Solange wir ohne Sie in Virginien operierten, gewannen wir zwar keine großen Schlachten, aber geschlagen wurden wir nicht und hielten den Feind beständig in Atem. Wenn mein Aberglaube mich jedoch nicht trügt, so fürchte ich, werden wir von Ihrem Eintreffen ab geschlagen werden.« Lafayette legte die Hand an den Degen. »Für diese Behauptung werden Sie mir Genugtuung geben.« »Eine Stunde nach Proklamation des Friedensschlusses gewiß, sobald Sie bis dahin nicht geschlagen wurden. Beschämen Sie mich doch! Zwingen Sie mich doch, Ihnen diese Behauptung abzubitten! Cornwallis rückte an, Arnold und Phillips werden sich mit ihm vereinen wollen. Ich habe ihnen das bisher verwehrt, habe sie bis Richmond, Warwick und Manchester herausgelockt. Werfen Sie sich doch zwischen den James- und den Appomattox-River! Nehmen Sie Petersburg! Schieben Sie sich als Keil zwischen Cornwallis und seine Untergenerale, indes ich und Mühlenberg den Arnold und Phillips festhalten.« »Ich danke für den Rat, welchen Sie so berechnend in eine Beleidigung hüllten. Es bleibt bei der Forderung. Vorläufig indessen befehle ich, und Sie gehorchen!« »Unzweifelhaft!« »Ich werde nur noch schriftlich mit Ihnen verkehren!« »Wie Sie befehlen!« Zornig entfernte sich der gekränkte Marquis. »Sie sehen,« lächelte Steuben achselzuckend, »daß seine törichte Eitelkeit der Feind seines Ruhmes und seine engherzige Selbstsucht der Feind seiner Eitelkeit ist.« »Ich wette,« erwiderte Duyoncean, »er wird Ihren Rat befolgen, und Sie werden ihm unrecht getan haben, mein General.« »Nein doch«, fiel Walker ein. »Er wird, geben Sie acht, Ihren Rat entweder gänzlich in den Wind schlagen, oder er wird aus ihm ein so eigenes Gebräu lafayettischer Genialität machen, daß gewiß die schönste Schlappe herauskommt.« – Lafayette begann zuerst mit einer demonstrativen Entfaltung der ganzen Armee am oberen James-River. Weder Phillips noch Arnold rührten sich. Am 2. Mai ging ersterer langsam wieder stromab bis Cobham, Arnold aber blieb. Lafayette folgte Phillips mit dem Hauptkorps und ließ Mühlenberg und Steuben Arnold gegenüber zurück. Drei Tage später erhielt Phillips von Cornwallis Order, sich in Petersburg mit ihm zu vereinigen. Lautlos brach dieser in der Nacht auf und erreichte Petersburg in Eilmärschen. Lafayette war verblüfft, Phillips am anderen Tag nicht mehr vor sich zu sehen, und setzte sich nach Petersburg in Marsch. Er kam um eine Nacht zu spät und wurde mit Kartätschen empfangen. Der Marquis war wütend über diese Dupe und blieb trotzig vor der Festung stehen. Jetzt marschierte aber auch Arnold in Petersburg ein, von General Mühlenberg verfolgt. Wenige Tage später rückte Cornwallis' Hauptarmee an, zwang Lafayette, sich vor der Gefahr einer Einschließung zurückzuziehen und vereinigte sich in Petersburg mit seinen Untergeneralen. Inzwischen war von Greene an Steuben die Order gelangt, Lafayette habe, da des Cornwallis Anmarsch doch unaufhaltsam sei, Richmond zu besetzen und festzuhalten, Steuben aber mit allen diensttüchtigen Rekruten zu ihm zu stoßen, General Woyne, der mit pennsylvanischen Linientruppen unterwegs sein solle, möge Steuben unverzüglich folgen. Es war klar, daß Greene sich anschickte, aus Carolina nordwärts nach Virginien zu marschieren, daß die projektierte Bewegung Washingtons also begann. Steuben eilte mit dieser Order zu Lafayette und überreichte sie ihm. »Was werden Sie tun, Herr Baron?« fragte Lafayette höchst kleinlaut. »Ich werde dem Befehl entsprechen, wie sich das von selbst versteht.« »Halten Sie dafür, daß ich sofort nach Richmond abrücke oder am Appomattox vorläufig stehenbleibe, bis Cornwallis eine Bewegung macht?« »Ich halte dafür, daß ich Ihnen keinen Rat zu geben habe. Sie könnten ihn ja wieder als Beleidigung auffassen, mehr als einmal totschießen im Duell aber können wir einander doch nicht. Hier ist übrigens keine andere Erwägung am Platze als die, wie dem Befehle unseres gemeinsamen Oberbefehlshabers Greene zu gehorchen ist.« – Am selben Tag eilte Steuben nach Point of Fortan zu den Einmündungen des Rivanna und Fluvanna in den Jamesfluß, wo das Rendezvous der Rekruten stattfinden sollte. Statt 1500 Mann fand er dort nur 540 und im elendesten Zustande. Cornwallis brach indessen gegen Lafayette auf, der wirklich noch zögernd bei Wilson stehengeblieben war, um denselben mit Übermacht anzugreifen. Lafayette rief in dieser Gefahr Steuben zu Hilfe und zog sich hastig nordwärts zurück. Cornwallis folgte ihm und trieb Lafayette vor sich her bis tief ins Innere des Landes. Steuben, statt zu Greene abzurücken, mußte Lafayette notgedrungen auf seiner verzweifelten Retirade begleiten. Als er mit ihm zusammentraf, sagte er. »Herr Marquis, ich tat Ihnen Unrecht. Geschlagen wurden wir unter Ihrer Leitung nicht, aber wir müssen ohne Schwertstreich ausreißen, was mir noch nicht passiert ist.« »Baron,« sagte Lafayette, »ich nehme das Duell zurück. Ich bin der Schuldige, und die Folgen meiner Empfindlichkeit sind meine größte Strafe.« Steuben reichte ihm die Hand. »Lassen Sie uns darüber schweigen, Herr Marquis, und seien Sie überzeugt, daß ich Ihnen dies freimütige Geständnis hoch anrechne. Wollen Sie meinen ernstlichen Rat jetzt annehmen, so suchen Sie nordwärts durch Eilmärsche General Woyne zu erreichen, und kehren Sie mit ihm zurück. Ich bleibe bei Ihnen, solange noch ein Gefecht in Aussicht steht, dann sichere ich die Vorräte des Point of Fork. Sicher wirft Cornwallis sich alsbald auf mich, Sie werden also Gelegenheit haben, mir einen Gegendienst zu leisten.« – Ein Treffen fand nicht mehr statt. Lafayette verstand das Ausreißen so meisterhaft, daß Cornwallis ihn nicht einzuholen vermochte. Als der Marquis ihm zwei volle Tagesmärsche voraus war, verließ Steuben den windigen Franzosen und ging seitwärts nach dem Point of Fork. In denselben Tagen, da Lafayette sich scheinbar vor ihm demütigte, sandte er aber an Washington einen renommistischen Brief, in welchem er seine Mißerfolge auf Steuben abwälzte; der Marquis war unverbesserlich. Lord Cornwallis war Lafayette fast bis zur nördlichen Grenze Virginiens gefolgt. Als er einsah, dessen Vereinigung mit General Woyne sei nicht mehr zu hindern, kehrte er um; Steuben war sein Ziel. So teilte er also seine Streitmacht und sandte unter Tarliton 250 Mann nach Charlotteville am rechten Ufer des Nivanna, um das dort tagende Virginia-Staatenhaus aufzuheben. Dasselbe, rechtzeitig gewarnt, war fort, Tarliton sengte und raubte, dann ging er langsam am Flusse zurück. 500 Mann unter dem schlauen General Simcoe hatte Cornwallis inzwischen gegen Steuben detachiert, indes er selbst langsam mit seiner abgehetzten Hauptarmee südwärts folgte. Alle diese Bewegungen wurden von den Engländern so sorgsam verheimlicht, daß Steuben erst am 2. Juli Cornwallis' Anmarsch erfuhr. Seine schwerste Stunde schlug! Er wußte, daß er den Stoß aushalten und sich opfern, Virginien also dem Feinde zur rückhaltlosen Beute geben oder aber daß er ihn herumzerren, aufhalten, kurz ihn beschäftigen müsse, bis Hilfe kam. Um auf alle Fälle vorbereitet zu sein, verteilte er die noch am Fork befindlichen Staatsvorräte so, daß stets nur ein Teil derselben dem Feinde in die Hände fallen konnte, er selbst aber bewegungsfähig wurde. Am 3. Juli meldete er dies Lafayette. Am anderen Tage erschien Major Call von Washingtons Hauptarmee, bestätigte Cornwallis' Anmarsch, durch dessen Korps er sich mit genauer Not durchgeschlichen hatte, und brachte die Weisung: »Durch Lavieren Zeit gewinnen!« Steuben wußte, nun bereite sich Washington auf die große Entscheidung vor! Sofort ließ er alle Bagage auf die andere Flußseite bringen, vereinte sich mit General Lawson, der 250 Mann Fußmilizen und 50 Reiter herangeführt hatte, und nachdem er den Anmarsch des Feindes jenseits des Flusses gesehen, trat Steuben mit der Dämmerung den Rückzug nach Wallis Creek an. Er wich aus, weil er sich der ganzen Armee Cornwallis gegenüber glaubte und alle Nachrichten ihn getäuscht hatten. Er beschloß jetzt, einen Versuch zu machen, sich südlich mit Greene zu vereinigen, und zeigte dies während des Nachtmarsches dem Gouverneur Nash von Nord-Carolina ebenso an wie Lafayette. Inzwischen langten die englischen Generale Simcoe und Tarliton am Point of Fork gemeinsam an und fanden Boote wie Vorräte geborgen, das Korps Steuben aber über den James-River gesetzt. Der Hauptzweck der englischen Expedition war vereitelt. Steubens Kräfte aber waren völlig erschöpft. Als er am anderen Morgen aufstehen wollte, fand er seine Füße geschwollen. Während der vier Tage, die er auf seinem Schmerzenslager zubrachte, traf die Nachricht ein, daß, von der glücklich gelungenen Vereinigung Steubens und Lafayettes nördlich und Greenes Anmarsch vom Süden her bedroht, Lord Cornwallis Richmond geräumt und an die Küste zurückgewichen sei. »Wir haben ihn!« rief unter Schmerzen jubelnd Steuben. »Wir haben Cornwallis zwischen den Rappahannoc und Potomac geklemmt! Dort, an welchem Flecken es auch sei, liegt Amerikas Sieg und Frieden!« – Am 20. Juni sollte der Vormarsch der Steuben-Lafayetteschen Armee auf Richmond erfolgen. Cornwallis hatte inzwischen auch Fort Williamsburg geräumt, da Clinton ihm befohlen hatte, die Hälfte seiner Truppen zum Sukkurs nach New York zu senden. Seit langem zum ersten Male strahlten die Gesichter der zerlumpten Truppen der Sansculotten der Union. Alle Fibern spannten sich der nicht mehr fernen Entscheidung entgegen. Steuben wollte sich das erstemal wieder zu Pferde setzen. Als er, von Walker und Duponceau begleitet, aus seiner Wohnung schweren Schrittes trat und den Fuß aufhob, um ihn in den Steigbügel zu setzen, schrie er auf und taumelte zurück. Man mußte ihn halten, daß er nicht zur Erde stürzte. »Bringt mich weg, Kameraden! Es ist aus mit mir!« – Man trug ihn ins Haus zurück, legte ihn aufs Bett und hüllte ihn ein. Eine Menge Generäle und Offiziere erfüllten das Gemach, Lafayette erschien. Er ergriff des stöhnenden Steuben Hand. »Um Gottes willen, was haben Sie? Was fehlt Ihnen?« »Hahaha, Marquis, fehlen? Mir fehlt nichts, ich habe was zuviel! Nämlich die Gicht! Lassen Sie mich irgendwo an den Rand setzen und machen Sie jetzt alles so vortrefflich, wie wenn ich Ihnen als Nebenbuhler zur Seite säße und Sie ärgerte!« – Unter tiefstem Bedauern der Armee wurde Steuben auf einem Proviantwagen nach Charlotteville in das leere Landhaus eines entflohenen Tory gebracht. Duponcean und Karl Vogel mit Bagage und Pferden begleiteten ihn. Als er in der teilweise zerstörten Villa anlangte, war sein erstes Wort, ehe er todesmatt auf sein Lager sank: »Oh, wäre sie jetzt, wäre meine Sigh doch bei mir!« Als er eingeschlafen war, zog Vogel Duponceau beiseite. »Ich nehme sein und mein Pferd und hole sie ihm!« »Sigh? – Um Gottes willen! Vom Potomac bis zum Rivanna?« »Der Liebe eines Weibes und eines alten Dieners Treue, Mr. Duponceau, ist nichts zuviel. Ich bringe sie ihm! – Eher wird er uns doch nicht gesund, bis er ihr liebes Gesicht sieht. Ich kenne das – noch von Europa her, Sir!« – Yorktown Duponceau und der herbeigerufene Arzt der Stadt pflegten Steuben. Wie lange Steuben in Apathie, Fieber und Schmerzen gelegen haben mochte, davon hatte er nur undeutliche Begriffe, als er wieder zu sich selbst kam. »Sie sind's, lieber Duponceau? – Wo befinde ich mich?« »Zu Charlotteville wieder, oberhalb Point of Fort am rechten Rivanna-Ufer. Dies ist ein Landhaus am Flusse vor der Stadt. Die Luft und die Ruhe hier wird Ihnen guttun.« »Ich danke Ihnen, Duponceau – danke allen, die mich lieben. – Welches Datum haben wir heute?« »Den 4. Juli, Baron!« »Den Teufel! Am 20. vorigen Monats war's, als mich die Krankheit niederwarf, und jetzt erst weiß ich wieder, daß ich auf der Welt bin?« »Sie waren sehr krank. Zu den gichtischen Anfällen gesellte sich ein heftiges klimatisches Fieber. Der Fieberzustand ist gebrochen.« »Aber die Gicht nicht, mein Alter! Hoffentlich hat Sie Vogel treulich unterstützt? Wo ist er?« »Sie werden schelten, mein teurer Gönner, aber Sie müssen sich noch eine Weile meiner Pflege allein bedienen. Karl ist nach Mount Vernon und holt Sigh!« »Sigh? Um Gottes willen, Mensch, wie konnten Sie es dulden? Es ist ein unvernünftiges, ein halsbrecherisches Wagnis! Das arme Mädchen!« »Konnte ich es hindern? Ihr letztes Wort hier war: ›Oh, wäre doch Sigh bei mir!‹ In derselben Nacht noch reiste Vogel ab. Als ich abreden wollte, meinte er, ohne Sigh würden Sie doch nicht gesund, eines Weibes Liebe und eines alten Dieners Treue vermöchten aber alles!« »Ja, Liebe und Treue!« Steuben lächelte gedankenvoll. »Die vermögen das Höchste! Wie lange ist Vogel fort?« »Seit dem 25. vorigen Monats!« »Wir werden noch lange auf beide warten müssen, Duponceau. Ach, das Warten ist für mich das Unerträglichste. So haben Sie denn immer allein bei mir gewacht?« Er reichte dem Sekretär gerührt die Hand. »Der wackre Doktor Moor aus der Stadt wachte auch oft genug; er sagte, den Mann, der das Blaue Buch geschrieben habe, müsse er gesund machen. Auch ist hier ein scheues, aber gutmütiges Geschöpf, eine Negerin. Sie wachte fast noch mehr als ich und bediente uns beide.« »Wer ist der Besitzer des Hauses?« »Es war ein Tory. Die Horden des Tarlikon haben hier und in Charlotteville wie die Würgengel gehaust, und diese beiden Zimmer sind noch die besten im ganzen Hause!« »Der Elende! Und noch gegen die Leute der eigenen englischen Partei! Rufen Sie mir die Schwarze. Ich muß die Zügel der Herrschaft hier ergreifen, wenn's auch bloß der Unterhaltung halber wäre.« »Ich will Bängo bewegen, daß sie mit Ihnen spricht, aber sie ist sehr gedrückt und weint viel. Sie fürchtet sich vor Ihnen, weil sie glaubt, ein feindlicher General müsse es doch noch schlimmer hier machen, als der englische getan hat.« »Sagen Sie dieser Bängo, ich sei kein Menschenfresser. Ich wolle mich nur bei ihr bedanken. Ich bin auf die Dame neugierig!« Duponceau lächelte und ging hinaus. Nach einer Weile schob er die halb widerstrebende Negerin vor sich ins Gemach hinein. Sie blieb gesenkten Hauptes an der Tür stehen. Für eine Negerin war sie entschieden hübsch. Ihr Gesicht war mild und traurig. Untersetzten, strammen Baues, nur mit einem Bastrock bekleidet, zeigte sie ihre volle Büste, Nacken und Arme glänzend schwarz wie Ebenholz. – »Komm her, Bängo, ich tue dir ja nichts. Dies Haus und seine Bewohner sind ganz sicher. Raub verüben nur gottlose Soldaten, fürchte dich also nicht, und gib mir die Hand!« – Die Negerin trat zögernd heran, reichte ihm die Rechte und schlug ungewiß das dunkle Auge zu ihm aus. »Massa Baron jetzt besser?« »Es geht, und ich danke dir herzlich für deine Pflege. Gott wird dich belohnen für das, was du an mir getan hast!« Sie schüttelte wehmütig das Haupt. »Gott lohnt nicht! Gott tut nichts und ist stumm, wenn Menschen weinen! O Massa, was hab' ich gesehen, was hab' ich erlebt, und Gott hat stillgeschwiegen!« Sie begann zu schluchzen. – »Du tust Unrecht, das zu glauben. Setze dich her, erzähle, was geschehen ist. Wem gehört das Haus?« »Niemand mehr, Massa, der neue Major von Charlotteville hat gesagt, es gehöre der Regierung.« »Wem gehörte es aber früher, und wem gehörtest du?« »Ich, das Haus, das Gut und all das schwarze Volk nannte den Lord von Ravlinson seinen Herrn!« »Er war Royalist oder, wie ihr sagt, ein Tory?« »Der Lord war von des Königs Leuten in London. Er war sehr stolz und finster, aber gegen das schwarze Volk war er gut. Er hatte eine schöne Tochter, die liebe Lady Rowenna. Sie hat mich Bängo getauft, als bei uns noch gute Zeit war.« »Weshalb, Mädchen?« »Weil ich die Bängo Es ist die Zither der Negersklaven. D. V. so schön schlug und dazu sang. Mylady hatte daran Freude, die Niggers tanzten dazu, und selbst der Lord streichelte mir dann das Haar und schenkte mir etwas.« »Jetzt schlägst du die Bängo nicht mehr?« »Die Rotröcke des Tarliton kamen zweimal und stachen zuletzt den Lord tot, weil er nicht alles hergeben wollte. Die junge Lady aber floh mit ihrem Geliebten. Seitdem singe ich nicht mehr, denn ich muß weinen.« – Steuben war erschüttert. Er drückte der Negerin Hand, die sie bisher still in der seinen gelassen hatte. – »Wohin ist Rowenna gegangen?« »Ich weiß es nicht, niemand weiß es. Sie liebte einen jungen, reichen Herrn, Mr. John Zabriskie im Staate New York. Er war auch gut königlich, der stolze Lord aber wollte ihm Rowenna nicht geben, weil Zabriskie nicht so vornehm war wie er.« »Aha, er war wohl nicht adelig, wie die Lords von Ravlinson?« »Er hatte das Ding eben nicht, was auf des Lords Siegelring gegraben stand.« »Richtig, das Wappen. Wie kam aber Zabriskie dennoch her?« »Als der Arnold nach Virginien kam, rief Lady Rowenna heimlich ihren Liebsten in einem Brief an, er solle doch ihrem Vater in der kommenden Not beistehen. Ach, nicht die republikanischen Yankees, die Rotröcke Tarlitons machten den Lord kalt, und als Sir John kam, war alles wüst, und wir hatten Rowenna im Keller versteckt. Er setzte sie – es war Nacht – vor sich auf sein Pferd, und wir wissen nicht, sind sie beide lebendig oder tot.« »Arme Bängo, und deshalb weinst du? Mädchen, ich bin gewiß ein Yankeegeneral, also wie ihr meint, euer Feind, aber ich und meine Leute haben noch nie einen alten Mann getötet, der wehrlos war, sondern im offenen, ehrlichen Kampfe gefochten, Mann gegen Mann. Weißt du, was die Bibel oder die Heilige Schrift ist?« »Oh, das große Buch des Pfarrers, aus dem Gott redet, wie sie sagen.« »Die Leute haben recht. Gott redet aus des Pfarrers Buch! Sobald Friede ist und ich erfahre, wo Lady Rowenna und John Zabriskie leben, so will ich dafür sorgen, daß sie nicht für ihre Königstreue zu leiden haben, sondern ihr Besitztum wiedererhalten, das schwöre ich dir bei dem Buch Gottes.« »Ach, Charlotteville Court kriegen sie nie mehr! Präsident Jefferson hat alles für die Republik Virginien genommen!« »Vielleicht kann man aber Zabriskie sein Gut in New York erhalten!« »Wo werde ich aber bleiben, Massa?« »Das wollen wir ein andermal überlegen, Bängo. Ist noch von Niggers jemand im Hause?« »Die Patra, die Ramis und der lange Leander!« »Der lange Leander? Hm! Wie heißen die Frauen? Patra und Ramis?« »Lady Rowenna nämlich hat die Köchin Kleopatra und die Zimmersklavin Semiramis In den Südstaaten, später auch im Norden, war es Sitte, seinen Negersklaven antike Namen zu geben, wie der Amerikaner überhaupt mit antiken Benennungen sonderbare Spielerei treibt und auch Orten altgriechische, jüdische und römische Namen gibt. getauft, ich bin die Schaffnerin gewesen. Alle anderen Niggers sind verkauft, weggeschleppt oder entlaufen.« »So hat die Patra für uns alle bisher ordentlich gesorgt?« »Sie, ich und die Ramis, ja. Die Patra hat aber einen Liebhaber.« Bängo lächelte verschämt. »Trotz Raub, Mord und Totschlag? Wer ist das?« »Der lange Leander! Oh, Massa, was sollen die armen Niggers tun, um sich zu trösten, wenn sie einander nicht lieben?« »Eine weise Philosophie! Nun, Bängo, so sollen Ramis und Leander Mann und Frau werden und zehn Dollars Hochzeitsgeschenk von mir haben!« »Oh, Massa Baron ist gut, Massa General ist fromm! Die Niggers wollen Massa immer lieben!« Bängo küßte Steuben die Hände, er klopfte ihr den wolligen Kopf und hieß sie gehen. »Schreiben Sie doch den Namen des toten Besitzers, Rowennas und ihres Geliebten auf, lieber Duponceau,« sagte Steuben, »vielleicht kann man den unglücklichen Erben des Opfers Tarlitons doch noch einmal nützlich werden.« – Das Leben des Kranken glitt gleichmäßig dahin. Die Gicht setzte ihm zwar öfters zu, im allgemeinen aber besserte er sich; gesunder Schlaf und Appetit halfen ihm wieder. Steuben hatte die Herzen der Neger völlig gewonnen, und sie boten alles auf, um ihn zu erfreuen. Das lebhafte Völkchen lachte wieder. Bängo schlug die Sklavenzither und sang ganz artig dazu, kurz, es bildete sich eine Art südstaatliches Familienleben um Steuben aus. Manchen Ärger hatte er auch. So meldete ihm sein Adjutant Tenant von den Verleumdungen, die seine Feinde in Virginien wegen des Rückzuges vom Point of York und der verlorenen Magazine gegen ihn ausstreuten. Am 10. des Monats aber langte plötzlich ein noch bedeutungsvollerer Brief von Walker an. Vor vier Tagen hatte Cornwallis bei seinem Übergang über den James-River Lafayette bei Jamestown zu einer Schlacht verleitet und ihn dermaßen geschlagen, daß nur die Tapferkeit des Generals Woyne und die Dunkelheit, welche dem Cornwallis die Verfolgung seines Sieges unmöglich gemacht, die ganze amerikanische Südarmee vor gewisser Vernichtung bewahrt hatte. »Statt also froh zu sein, daß Cornwallis nach der Halbinsel übersetzt,« lachte Steuben wild, »läßt sich der Esel Lafayette schlagen? Wahrhaftig, Duponceau, dieser Narr opfert nutzlos mehr Soldaten, als seine leichtfertige Nation uns je zu Hilfe schickt! Hoffentlich wird sich nun die Union für seine strategischen Künste bedanken!« Je mehr Zeit verfloß, um so stärker wuchs Steubens Sehnsucht, Erwartung und seine lebhafteste Sorge um Sigh, und oft sprach er sich auch in Bängos Gegenwart hierüber aus. Der Juli neigte sich schon dem Ende zu, und noch immer war nichts von Vogel und der Indianerin zu sehen. Karl war abgereist, ohne Geldmittel empfangen zu haben. Ob er Ersparnisse besaß, wußte man nicht. Selbst wenn ihm und seiner Gefährtin keinerlei Gefahren drohten, mußte ihre Mittellosigkeit ihnen große Reisehindernisse bereiten. Duponceau war gerade ausgegangen, Besorgungen in der Stadt zu machen, und bei Steuben, der einen Brief Nathanael Greenes las, saß Bängo, mit der Ausbesserung seiner vom Kriege sehr desolat gewordenen Garderobe beschäftigt. Ein schwerer Seufzer der Negerin ließ ihn aufblicken. Er sah, wie ihr die bisher mühsam verhaltenen Tränen über die Wangen flossen. »Aber was hast du? Du weinst ja wieder, Mädchen? Überhaupt bist du in letzter Zeit so ernst! Weshalb singst du nicht mehr? Denkst du noch immer an deinen toten Herrn und Lady Rowenna?« »O ja, aber nicht soviel!« »Woran denn?« »Massa erwartet indianisches Mädchen, die er liebt, erwartet Sigh! Vogel ist zu lange weg! Vogel wird nicht kommen, sondern mit der Indianerin davongehen!« – Steuben sah Bängo starr an. Ihm ging langsam ein Licht auf, doch noch war er seiner Sache nicht sicher. – »Lege die Arbeit weg. Komm, sieh mich an!« – Die Negerin gehorchte. »Weinst du, weil Sigh nicht kommt, die du doch noch nicht kennst, oder weinst du um Karl Vogel?« Selbst durch ihr dunkles Inkarnat konnte er das Erröten auf Bängos Wangen sehen. Die senkte den Kopf auf die Seite. »Bängo, du bist wohl in meinen Karl verliebt?« »Ich weiß es nicht, Massa! Ich weine um ihn und daß er nicht kommt, weil die Indianerin ihn verlockt hat!« »Haha, du bist närrisch, Mädchen! Sigh ist keine rote Wilde, wie du glaubst, und nicht etwa eine bloße Liebschaft von mir. Sigh ist eine rote Lady, die ich heiraten werde, wenn Friede ist. Sie würde sich weder von Vogel entführen lassen, noch würde Karl Vogel seinen Herrn je zu betrügen wagen!« Bängo hob staunend die Hände. »Sigh eine rote Lady? Sigh wird Massa Barons Frau werden? Kann ein rotes Weib denn eine Lady sein?« »Weshalb nicht? Die Liebe, Bängo, macht alle Menschen gleich!« Die Negerin lächelte vor sich nieder. »Das wäre gar schön, wenn Karl nur käme!« Steuben wollte sich näher erkundigen, wieweit das Verhältnis seines Dieners und der Negerin an dem einen Tage gediehen sei, welchen Karl hier nur zugebracht hatte, bevor er nach Vernon abreiste, als ein furchtbares Geschrei und Kreischen erst unten, dann oben aus dem Flur dem Gespräche ein Ende machte. »Die Indianer kommen, die wilden Sioux! Die Cheraki!« zeterte es draußen. »Donnerwetter, ihr schwarzen Teufel,« klang eine Stimme in breitem Englisch, »erschreckt mir den Baron nicht! Kennt ihr mich nicht wieder?« In diesem Augenblick eilte ein junger Indianer herein, von einem älteren gefolgt. Hinter beiden erschienen die schreckhaft glotzenden Gesichter der Damen Semiramis und Kleopatra und des langen Leander. Die Indianer trugen ihr Kalikohemd, waren aber im Kriegsschmucke, hatten die Haare auf dem Wirbel zusammengedreht und mit Federn besteckt, die Haut mit Asche und Fett gefärbt. Arme, Beine und Gesichter aber waren bunt und gräßlich bemalt, ganz ähnlich den Cherakis, welche Steuben bei Westpoint flüchtig gesehen hatte. War das Wirklichkeit oder Täuschung? Steubens Hand langte schon nach einer der geladenen Pistolen, die bei seinem Bett hingen. »Haha, gnädiger Herr,« lachte der ältere, »wir müssen doch schmählich echt aussehen, wenn auch Sie mich nicht erkennen können.« »Vogel! – Und dies ist Sigh?« Der junge Indianer warf seine Waffen von sich, war mit zwei Sprüngen an Steubens Bett und schloß ihn in die Arme. »Mein lieber, armer Baron! Du riefst deine rote Lady, und sie ist da; nur verlasse ich dich nimmer!« »Seine rote Lady!« murmelte Bängo starr, und die Neger standen wie versteinert. Als Steuben Sighs Haupt von seiner Brust aufhob, an die sie es geschmiegt hatte, und er ihr ins Gesicht blickte, da waren es dieselben süßen Augen, die ihm so teuer waren, nur jetzt von großen blauen Ringen entstellt, welche dieselben geisterhaft, eulenartig machten. »Ich danke Gott, daß er dich unverletzt zu mir führte. Aber wenn ich deine Augen nicht erkannt hätte, Mädchen, selbst jetzt würde ich dich nicht kennen. Sei ruhig, mein wilder Schatz, besänftige dein Herz. Sieh, wie die Niggers sich vor dir fürchten! Geh dort in Duponceaus Gemach, tue erst die häßliche Farbe und das Fett ab, damit ich meine sanfte, liebe Sigh ganz sehe, wie sie ist, und das schwarze Volk mir glaubt, wenn ich ihm sage, du seist meine rote Lady!« Sigh lächelte, nickte und erhob sich. »Karl, unsere Sachen, tue auch deine Maske ab. Bängo heißt du, schwarzes Mädchen?« Damit ergriff sie der Negerin Hand. »Wahrhaftig, ich glaube, Massa, sie ist doch eine wirkliche Frau!« sagte Bängo erstaunt. »Ja, ich heiße so.« »So komme mit mir. Die schwarze Squaw soll des Barons rote Squaw schmücken, damit er sie küssen kann und nicht die häßliche Farbe der Cherakileute.« Sie zog die Negerin ins Nebenzimmer, indessen Vogel das Krankengemach verließ, um die Pferde abzupacken und sich in seine frühere Gestalt zu verwandeln. Steuben blieb allein. Froh bewegt, daß er Sigh glücklich bei sich wußte, aber verlegen und zugleich unangenehm berührt von der auffälligen Art ihres Erscheinens, bedurfte er einiger Zeit, sich zu sammeln. Sinnend gewahrte er ein Briefchen auf seiner Bettdecke. Er nahm es auf. Die Adresse war an ihn gerichtet und von einer Frauenhand, verschlossen durch ein Siegel mit einem einfachen »W«. – »Von Martha Washington?« – Er öffnete es. »Mein lieber Baron! Glücklich gelangte Vogel zu mir und Clemence. Sie können sich denken, daß Ihre Krankheit wie Ihr Wunsch, Sigh zu sehen, es unmöglich machten, das Mädchen von der gefahrvollen Reise abzuhalten. Überdem hatte ich wichtige, geheime Nachrichten für Sie von meinem Manne, die ich nur Sighs und Vogels Sorgfalt anvertrauen konnte! Gebe Gott, daß Sie bald ganz wohl sind, um an den Dingen teilzunehmen, die sich jetzt zum Schlusse des Krieges, wie George schreibt, gestalten dürften. Es war sehr schwierig zu ermitteln, in welcher Art Sigh und Ihr Diener die Reise sicher zu Ihnen bewerkstelligen könnten, nachdem Lafayette sich hatte in Virginien herumjagen lassen; sie konnten leicht feindlichen Truppen begegnen. Sigh, welche den Cheraki- oder Sioux-Dialekt spricht, kam auf den glücklichen Einfall, sich in einen Mann zu verwandeln. Sie sahen recht greulich aus, als sie so fortritten, aber sie haben dabei den Vorteil, die Wälder mit weniger Bedürfnissen durchziehen und bewohnte Orte vermeiden zu können. Verzeihen Sie also eine Maskerade, die des lieben Mädchens bester Schutz sein wird. Was unsere pädagogische Erziehung, betrifft, so trug sie bei ihr herrlich schlechte Früchte: Sigh lernte vor lauter Sehnsucht nichts! Nun unsere Nachrichten! Sie wissen, daß, bevor Sie und General Greene von Tappan ausbrachen, ein allgemeiner Operationsplan zwischen Ihnen beiden und meinem Manne vereinbart wurde. Die Exemplare der Stabskarte, die jeder von Ihnen damals besaß, waren mit Nummern versehen worden, welche Sie nun freundlichst beachten, mit beifolgendem Zettel, den Ihnen mein Gemahl schickt, vergleichen und die Disposition dann General Greene mitteilen wollen. Trotz Lafayettes Unglück, schreibt George, steht die Sache Englands so, daß es sein Geschick jetzt zwischen dem Yames- und Appomattox- oder zwischen James- und York-River auskämpfen muß! Nur die Herren Franzosen müssen erwartet werden. Möchten Sie doch nur erst bald gesunden! Von Ihrem Befinden und der momentanen Lage wird es abhängen, ob Sie zu Greene eilen und ihm heranhelfen, oder ob Sie dem gottverlassenen Lafayette beispringen. Dieser hat immerhin doch noch das Zentrum der Armee! Wenn Sie von der französischen Flotte hören, so seien Sie versichert, daß George nicht weit ist! Es gilt dann, zu ermitteln, wo Lord Cornwallis konzentriert sein wird, wie also das Kesseltreiben eingerichtet werden muß. Man hält Sie für krank, also außer Spiel. Es wäre köstlich, wenn Sie gerade dadurch der stille Organisator unserer Konzentration würden! Bitte, wenn Sie auf Ihrer Karte die Bewegungen disponiert haben, verbrennen Sie den Brief und euch den Zettel! Gute Besserung und endlich Frieden! Ihre Freundin Martha.« Steuben hatte die bewußte Karte zwar nicht gleich zur Hand, aber die numerierten Punkte gut genug im Kopfe, um sofort zu wissen, was der Zettel Washingtons meinte. Das Herz schlug ihm vor Aufregung. Er wünschte nur erst Dupouceau aus der Stadt zurück, um sich zu vergewissern, daß er sich über die Großartigkeit des Gedankens seines Obergenerals nicht täusche! Nun ging die Tür von Duponceaus Gemach auf, Sigh trat ein. Das Mädchen war ganz europäisch gekleidet, sein Kreuz glänzte auf ihrer Brust, das Haar hatte sie in breiten Flechten aufgewunden, und ein hellblaues Kleid umfloß ihre schlanke Gestalt. »Wie sie schön ist, Massa, es ist merkwürdig!« rief Bängo. »Sie ist die erste und schönste rote Lady, die ich je gesehen habe!« Sigh trat verschämt zu Steuben. »Hat mein Baron die Schrift gelesen? Ich mußte mich wohl so häßlich machen wegen der Rotröcke!« »Mein teures Kind, mein geliebtes Weib, sei willkommen! Gott hat dich mir zweifach als Engel gesandt, er lasse mich nur gesund werden!« Steuben zog sie an sich, schloß sie in seine Arme, und ihm war, als strömte neues Lebensfeuer in seine unlenksamen Glieder. – Ende Juli traf den Baron Greenes Order, »um jeden Preis, selbst allein und ohne Truppen zu ihm zu kommen, zugleich auch die Nachricht, daß Washington ein sehr prahlerisches Schreiben Lafayettes empfangen habe. Über letzteres zuckte Steuben die Achseln, Greenes Wunsch aber, so gern er zu ihm geeilt wäre, mußte er ablehnen. Zwar brachte er den Tag schon außer dem Bett auf dem Sorgenstuhl zu, doch er konnte noch nicht gut gehen, noch weniger reiten. Wie sollte er den Weg nach Nord-Carolina zurücklegen? Während des August war große Unruhe in der Armee des Cornwallis. Mit Mühe hatte er einen Teil seiner Truppen für Clinton nach New York eingeschifft, und dieselben sollten von Portsmouth aus am 23. August unter Segel gehen. Einen Tag vor ihrem Absegeln kam aber an Cornwallis die Konterorder, alle Mannschaften wieder auszuschiffen und einen Posten an der Südseite des James-River zu errichten, der zum Schutze für Linienschiffe dienen müsse. Cornwallis räumte also Portsmouth, das er zu freiliegend fand, und konzentrierte sich in Yorktown und Gloucester am York-River, mehr im Innern der Chesapeake-Bai. Er wählte diese Punkte, weil sich bereits Greenes Anmarsch am Appemattox fühlbar machte. Am 20. August hatte Steuben seinen ersten Ausritt gemacht, nachdem er sich Wochen vorher schon im Parke des Landhauses, von Sigh begleitet, in Fußtouren geübt hatte. Dieser Ritt war ihm vortrefflich bekommen, der Arzt konnte ihn diensttüchtig erklären, und daß er es wirklich war, fühlte er selbst. Voll Freude hierüber trat er in Duponceaus Gemach, den er über offenen Briefen fand. »Ich habe Sie schmerzlich erwartet, Herr General!« rief dieser ihm zu. »Zwei wichtige Nachrichten sind eingetroffen. General Woyne und Mühlenberg schreiben, daß sich Cornwallis in Yorktown und Gloucester konzentriert hätte, Yorktown als Stützpunkt und Haupthafen.« »Auf der gewünschten Halbinsel? Am York-River? Yorktown als Hauptplatz? Ich bitte Sie, holen Sie mir sofort den alten Plan, den ich, wie Sie wissen, von Yorktown nahm, als dort der Kongreß tagte und alle meine Forderungen abwies! Ich habe vor einiger Zeit zur Unterhaltung einmal die Belagerungsparallelen und die Truppenstellungen behufs der Zernierung hineingezeichnet!« »Lesen Sie doch erst das Schreiben des Obergenerals und Lafayettes!« Ein rascher Einblick in die beiden Schriften machte, daß Steuben jubelnd aufschrie. Dann kam ein Zittern über ihn, und Tränen traten ihm in die Augen. Sigh eilte aus dem offenen Nebenzimmer besorgt herbei. »Gott ist gerecht und erbarmungsvoll!« sagte Steuben tiefatmend. »Beide Briefe erklären, daß die langersehnte französische Flotte nebst Rochambeaus neuem Hilfskorps angelangt ist! Lafayette bittet mich, bei ihm zu bleiben! Washington rückt vom Norden an! Duponceau, wenn Sie mich je geliebt haben, Ihnen mein Dank wert ist, antworten Sie Lafayette, daß ich bei ihm bleibe und nicht zu Greene gehe, daß ich ihn aber beschwöre, wenn er Frankreichs Ehre und Amerikas Glück sichern will, möge er mit der gesamten Armee in breitem Treffen nächtlich zwischen James- und York-River vorrücken, Williamsburg aber als Stützpunkt und Hauptquartier nehmen. Bitten Sie ihn, mich durch Vogel, der ihm das Schreiben bringen soll, wissen zu lassen, was der Effekt von dieser Maßregel gewesen ist. Ist dieser Brief weg, dann machen Sie sich reisefertig, um dem Obergeneral Bericht zu erstatten und ihm den Zernierungsplan von Yorktown zu bringen. Jetzt geht es in den Krieg, mein trautes Herz!« – und er preßte Sigh in seine Arme. »Du aber sollst in meiner Nähe sein und sehen, wie deines Vaters, deines edlen Großvaters Blut an den Rotröcken vergolten und Amerika frei wird! Du und Leander sollt mich begleiten, die Niggermädchen aber müssen Charlotteville in Ordnung halten!« – Die Begeisterung, welche Steuben durchglühte, erfaßte auch seine Umgebung, selbst die Neger und das ganze Charlotteville. Ganz Amerika flog zu den Waffen! Es war das Jauchzen der Siegeshoffnung, der Pulsschlag einer Nation, die, in einem der scheußlichsten Bürgerkriege stehend, dem Frieden und ihrer Freiheit entgegeneilte. Am selben Tag gingen Vogel wie Duponceau ab, drei Tage später verließen Steuben, Sigh und der lange Leander zu Pferde Charlottsville, den Risanva- und James-River entlang, Williamsburg zu. – Wir übergehen die inzwischen erfolgten strategischen Dispositionen, die Art, wie Washington, Steuben, Lafayette und Rochambeau kooperierten und Nathanael Greene verständigt wurde. Tatsache ist, daß Washington so lange Clinton in New York beunruhigt hatte, bis dieser General sich wirklich fest versichert hielt, es gelte, ihn zu vernichten, zumal Rochambeans Flotte sichtbar wurde. Niemand fiel dies ein. Washington hatte nur ein Korps unter Howe und Armstrong zu Clintons Beobachtung zurückgelassen und war mit Rochambeau aufgebrochen, hatte Duponceau mit dem akzeptierten Belagerungsplane zu Steuben wieder zurückgesandt, und am 17. Dezember bot die Chesapeake-Bai wie die vom Park- und James-River gebildete Landzunge eines jener Kriegsbilder, die einzig sind im Leben der Völker. Am genannten Tage hatten sich die beiden französischen Flotten von de Grasse und Barra vereinigt, nachdem eine britische Eskader teils von ihnen verstreut, teils erobert worden war. Sie hatten die Chesapeake-Bai geschlossen, dann die Spitze der Landzunge, welche jetzt Fort Monroe und Hampton beherrschen, umgriffen und waren teils in den York-, teils in den Jamesfluß eingelaufen. Lafayette, dem Steuben jetzt als Stabschef diente, war in breiter Linie westwärts von Williamsburg nach der Küste avanciert, und Lord Cornwallis war so gezwungen worden, auch Gloucester zu räumen, um seine gesamte Streitmacht in der Festung Yorktown zu konzentrieren. Er war nunmehr auf diesen letzten Punkt des amerikanischen Festlandes verwiesen. Am 19. erschien der französische Oberst Laurens mit einem Linienschiff ersten Ranges im James-River und brachte Geld, Belagerungsgeschütze, Munition, Trains und alles Nötige zur Beendigung des Feldzugs für die Armee Lafayettes mit. Am 24. September erschien Washington in Baltimore. Das auf der amerikanischen Flotte embarkierte nordische Hauptheer landete in Westpoint und rückte in die Zernierungslinie rund um Yorktown ein. Die Falle war zu. Die Belagerung konnte beginnen! Steubens größte Lebensstunde hatte geschlagen. Er war kein gewöhnlicher Mensch des Dienstes mehr, wenn er auf seinem Rosse so dahin und dorthin brauste und Befehle gab, er war der Kriegsgott selber, ein Geist, der überall in den andern tätig war. Washington hatte ihn nun zum Kommandierenden General ernannt und ihm die kombinierte Division von Virginien, Pennsylvanien und Maryland, nämlich die zwei Brigaden der Generale Woyne und Gift, 2309 Mann stark, unterstellt. Da Steuben unter allen amerikanischen Generalen (selbst Washington nicht ausgeschlossen) der einzige war, der von einer regelmäßigen Belagerung einen Begriff hatte, bei der berühmten Eroberung von Schweidnitz an Friedrichs II. Seite zugegen gewesen war, Rochambeau überdem Steubens Belagerungsprojekt nach der Skizze von Yorktown sofort annahm, so war unser Held auch allein beschäftigt, die Ehre der amerikanischen Waffen im Kriegsrate bei dieser Gelegenheit zu vertreten. Die Belagerung Porktowns begann am 1. Oktober 1781. In der Nacht vom 6. zum 7. wurde die erste Parallele ausgehoben. Bisher war Sigh mit Duponceau, Vogel und Leander stets in seiner Nähe gewesen, jetzt sandte er das Mädchen zur Generalin Washington nach dem Hauptquartier zurück. In besagter Nacht schlug dicht bei Steuben eine feindliche Bombe ein. Er warf sich im Laufgraben zur Erde, und sein hinter ihm stehender Brigadegeneral Woyne fiel, da er eiligst sich bücken wollte, lang über ihn her. Das Geschoß zersprang, ohne zu treffen, die Offiziere der nächsten Batterie eilten besorgt hinzu, Steuben erhob den Kopf und sagte lächelnd: »Ich wußte schon lange, General, daß Sie ein tapferer Offizier sind, ich wußte bisher aber noch nicht, daß Sie selbst dann Ihre Pflicht tun, wenn es gilt, den Rückzug Ihres Generals in bestmöglicher Weise zu decken!« – Dieses Witzwort lief durch die ganze Armee. Die Eitelkeit der Franzosen zeigte sich in dieser Belagerung wieder in mannigfachen Zügen. Am 10., um 4 Uhr nachmittags, kommandierte Baron de Vioménil in den Laufgräben und sendete den Grafen Deuxponts zu Steuben. »Baron Vioménil läßt Ihnen sagen,« sprach der Graf, »daß er bei seinem Besuch vorhin Ihre Division sehr schwach gefunden habe. Da aller Wahrscheinlichkeit nach in nächster Nacht der Feind einen Ausfall machen wird, will der Herr Baron, falls Sie es nötig finden, Ihren linken Flügel um fünf- bis achthundert Mann verstärken!« »Herr Graf,« entgegnete Steuben mit größter Gleichgültigkeit, »ich glaube keine Verstärkung nötig zu haben und stehe Ihnen gut dafür, daß ich bei einem feindlichen Ausfall meine Batterien behaupte. Sollte Baron Vioménil aber angegriffen werden, so werde ich denselben mit 800 Mann in zwei Kolonnen unterstützen.« Verblüfft ging der Graf hinweg. »Mein Gott,« sagte General Woyne, »Sie haben ja nur im ganzen jetzt tausend Mann etwa in der Division, wie wollen Sie solch ein Versprechen halten?« »Allerdings habe ich nicht mehr als tausend Leute, aber tritt der Fall ein, dann lasse ich zweihundert Mann bei unseren Batterien als Deckung und werde für den Vioménil mit den anderen achthundert ausfallen! Wenn ich mit meinen wenigen Leuten den Gascogner spiele, so geschieht es zu Amerikas Ehre! Die Franzosen sollen nicht sagen können, sie hätten Yorktown genommen, wir aber hätten zugesehen!« Da faßte Woyne Steubens Hand und rief den umstehenden Offizieren flammend zu: »Jetzt, meine Herren, ist es unsere Pflicht, die Übertreibung unseres Generals wahr zu machen und so zu kämpfen, als ob wir die doppelte Anzahl wären!« In der Tat, jeder Mann, vom Kanonier bis zum General, kämpfte für zwei in diesen außerordentlichen Tagen. Eine Nacht später begann Steuben die zweite Parallele und beendete sie am 12. nachts. Die Kanonade vom 13. bis 19. früh war mörderisch. Steuben hatte eine breite Bresche in den Teil der Werke geschossen, welchen er als den schwächsten auf der Landseite kannte; Washington befahl für den nächsten Tag den allgemeinen Sturm. – Der Morgen des 19. zog herauf, die amerikanischen Sturmkolonnen bildeten sich eben – da – ist's Wahrheit? – Cornwallis zieht die weiße Fahne auf den zertrümmerten Wällen des brennenden Yorktown auf! Die ersten Kapitulationsverhandlungen begannen, das Feuer schwieg. Während dieser Pause, zur Ablösung am Morgen des 20., erschien plötzlich höchst naiv Marquis de Lafayette mit seiner Division zur Ablösung! »Bemühen Sie sich nicht, Marquis,« sagte Steuben lächelnd. »Ich weise Ihre Ablösung zurück. In ganz Europa ist es Kriegsetikette, daß der Offizier, der das Kommando während der Kapitulation in den Laufgräben hatte, in ihnen so lange mit seinen Truppen bleibt, bis die Übergabe erfolgt oder die Feindseligkeiten wieder beginnen!« »Ich werde mir das nicht gefallen lassen, Herr Baron, der Oberbefehlshaber wird darüber entscheiden!« »Lassen Sie ihn entscheiden! Monsieur North, begleiten Sie doch den Marquis. Ich will abwarten, ob Washington im Augenblicke des Sieges dem General die Palme aberkennen wird, der Bresche schoß, oder sie dem reichen will, der bisher noch nicht ganz klar war, wie eine Parallele eigentlich aussieht.« Wütend entfernte sich Lafayette. – Nach einer halben Stunde zog er seine Division zurück. Washington hatte gesagt: »Steuben behält, was er hat!« – Die Mittagssonne des 19. beleuchtete das Schauspiel der Kapitulation des Cornwallis mit seiner ganzen entwaffneten Armee. Der Lord übergab Baron Steuben eigenhändig seinen Degen. »Wo ist Arnold, der Verräter, Mylord? Sie wissen, seine Auslieferung ist eine der ersten Bedingungen!« »Sir,« entgegnete der gebeugte Oberbefehlshaber der Engländer, »ich habe ihn, auf mein Ehrenwort versichere ich es, sofort aufsuchen lassen, um ihn festzunehmen! Er war von seiner Division verschwunden. Seine Offiziere behaupten, sie hätten ihn gestern abend seewärts, in ein bloßes indianisches Hemd gehüllt, aus einer Wasserpforte schleichen sehen. Er muß also nächtlich mittels eines Bootes gerade zwischen den französischen Schiffen hindurch entkommen sein.« – So war es in der Tat. In Amerika hörte man nichts mehr von Arnold. Er soll in London als kleiner Krämer in der Gegend der Minories vegetiert haben und dort, selbst von den Engländern verachtet, gestorben sein. Nachdem die gefangene englische Armee abgeführt worden war, kam Washington mit dem gesamten Stabe zu Steuben. »General!« rief er, ihm die Hand schüttelnd, »ich begrüße in Ihnen den Sieger von Yorktown und Amerikas Friedensbringer! Reiten Sie neben mir in die eroberte Stadt ein.« – Cincinnati Der Krieg war beendet. In den zur Union gehörenden Staaten besaß England nur noch Stadt und Hafen von New Jork im Norden, welche Clinton, und Charlestown im südlichen Virginien, welches General Randon besetzt hielt. Den Wutausbrüchen des in seinem Nationalstolz wie in seinen alten Kolonialbesitzungen aufs empfindlichste gekränkten England mußte das Ministerium North endlich weichen, Pitt ergriff das Staatsruder, Britannien wollte mit Amerika nunmehr einen Separatfrieden schließen. Die Union erklärte aber, sie lasse sich ohne Frankreich und Spanien, ihre Verbündeten, in gar keine Unterhandlungen ein und werde die Feindseligkeiten fortsetzen. Der Krieg ging mithin weiter, obwohl er nicht mehr der Unabhängigkeit wegen, sondern in Rücksicht auf die Allianzverträge mit Frankreich und Spanien geführt wurde. General Greene blieb im Süden, die Hauptarmee Washingtons samt dem Korps Rochambeau kehrte nach dem Norden zurück, um Clinton in New York zu bedrängen. Es ist wohl natürlich, daß eine siegreiche Armee, wie die der amerikanischen Union, am Ende des Krieges dem Frieden, der Heimat, dem endlichen Besitze des schwer Errungenen zujubelt. Ehre, Rangerhöhung, soziale Vorteile erwarten dann den Offizier, mindestens aber doch eine Sicherstellung seiner Zukunft. Aber statt Ruhe wurde Unruhe, statt Ehre – Kränkung, statt Befriedigung – Täuschung, statt Belohnung kriegerischer Verdienste – wurden Drangsale das Los Steubens wie seiner Kameraden. Neid und Scheelsucht, der Hang, das Bedeutende zu verkleinern, dem Besten einen Flecken anzuheften, machte sich indes bald genug geltend. Die Affäre von Point of Fork, sein Rückzug nach dem Süden und der absichtlich übertriebene Verlust von Staatsmagazinen hatten eine höchst lieblose Diskussion im Virginia-Staatenhause erregt und es war von einer Steubens Ehre schwer antastenden Untersuchung die Rede. Heißblütig und vom Bewußtsein seines guten Rechtes getragen, brauste Steuben bei dieser Nachricht auf. Er forderte von Lafayette ein Ehrenzeugnis und von Nelson, dem nunmehrigen Präsidenten Virginiens, eine Erklärung, daß, bevor er dienstlich in den Norden gehe, festzustellen sei, ob der Staat Virginien gegen ihn den leisesten Grund zur Beschwerde habe. Lafayette, so sehr er dem Baron auch wegen der Affäre in den Laufgräben von Yorktown grollte, konnte dennoch nicht umhin, ihm ein glänzendes Zeugnis betreffs seiner Haltung in Virginien zu geben. Dies Zeugnis sendete Steuben an den Präsidenten Nelson ein. Er erhielt keine Antwort. Am 13. Dezember richtete er nun einen geharnischten Brief an General Harrison, den Sprecher des Virginia-Staatenhauses, und verlangte Antwort. Dieselbe erfolgte am 28. Dezember. Man suchte die Sache zu kalmieren und versicherte, »es könne von einer Untersuchung ja gar nicht die Rede sein, und die für Virginien im Kriege sehr begreiflichen Verluste ständen in gar keinem Vergleiche zu den Vorteilen und Leistungen, welche dieser Staat dem General Steuben verdanke«. Der Baron reiste der längst aufgebrochenen Hauptarmee zum Hudson nach. Seine Begleitung war für seinen schmalen Säckel leider zu groß. Außer Duponceau, Vogel und Sigh hatte er auch den langen Leander mit seiner Patra und Bängo bei sich. Die herrenlosen Neger wollten sich von Steuben nicht mehr trennen und niemands als seine Sklaven sein. Dame Semiramis allein fand für gut, in Williamsburg zu bleiben, da ihre dunklen Reize und ihre Kochkunst in dem Besitzer des dortigen Boardinghouses einen tiefen Verehrer gefunden hatten. Die Reise zu Washingtons Hauptquartier, Newburg am Hudson, wurde von den frohesten Hoffnungen erheitert. Hatte man auch mehr Schulden als Haare auf dem Kopf – jedermann hatte ja welche, die Union aber die allerungeheuersten. In Newburg angekommen, entwarf Steuben einen vereinfachteren Plan für das Inspektionswesen, Washington billigte ihn, verschob ihn aber, weil man Clinton in New York anzugreifen gedachte. Diese Operation unterblieb indessen, weil England bereits mit den Alliierten der Union Verhandlungen eingeleitet hatte. Am 10. Januar wurde Steubens Inspektionsplan vom Kongreß genehmigt, er selbst wiederum zum Generalinspekteur der ganzen Armee ernannt. Der Friedensschluß war im Oktober 1782 gewiß, noch gewisser, daß die Republik Amerika nicht daran dachte, ihren Befreiern gegenüber ihre Versprechungen zu erfüllen. Der Friede machte sie mutmaßlich zur zweitreichsten Nation der Welt, aber ihre Schuldenlast war durch den Bürgerkrieg geradezu unübersehbar geworden. Im Augenblick der Krisis waren zehn Quadratmeilen Urwald mit den noch ungehobenen Schätzen seines Innern nicht imstande, einen lumpigen Wechsel von 100 Dollars zu decken. Nach Geld schrie alles, nach Grund und Boden niemand. Man kannte entweder seinen reichen Besitz nicht, oder das flüssige Kapital wie die Menschenkräfte fehlten, denselben auszunützen. Die politische Situation war aber aller Übel verderblichstes. Der Kampf der beiden großen Parteien, der Demokraten mit den Republikanern oder Föderalisten, war durch die Leidenschaften und die Schrecken des Krieges gewachsen. Zwar befanden die Anhänger des Unionsgedankens sich noch in der Mehrheit, aber die Partei der Demokraten erstarkte in dem Grade, in welchem der Frieden Gestalt gewann. Er brachte den Staaten der Union nicht bloß die Unabhängigkeit, das Selbstbestimmungsrecht, sondern auch enormen Länderzuwachs, mithin größere Macht und materielle Vorteile. Die einzelnen Staaten fanden nach dem Friedensschlusse, daß sie für sich groß und eins genug seien, wozu sollten sie sich der Union denn unterordnen, einer Zentralregierung, nachdem sie die des Mutterlandes aus dem Lande geworfen hatten? Derartig räsonnierte die demokratische Partei. Wäre sie damals mit ihren Theorien durchgedrungen, so hätte die Beendigung des Bürgerkrieges gegen Britannien den Anfang eines noch viel wilderen Bürgerkrieges der einzelnen Staaten untereinander zur Folge gehabt. Die Söhne hätten sich um das Erbe der Mutter gerauft, welche sie mit vereinter Kraft vorher aus dem Hause gewissen hatten. Das Konfiszieren allen Toriesbesitztums war schon lange vor dem Frieden allgemeine Parole gewesen. Drei Viertel der königlich gesinnten Familien, die ihr Eigentum nicht versilbern konnten und dem Bettelstabe entgegensahen, krochen beizeiten unter das Schutzdach der Demokratie, spielten die unbändigen Freiheitsfreunde, unterstützten ihre betreffenden Staaten in deren letztem Kampfe gegen England, ja, kauften geradezu den Regierungen ihres Staates ihren Besitz durch gewisse pekuniäre Leistungen ab. Sie bildeten in den Südstaaten besonders jenes Gremium mächtiger Sklavenbarone, die ihre aristokratische Vergangenheit in eine sich rasch erstarkende Oligarchenherrschaft verwandelten. Die so rekrutierte demokratische Partei brachte nach dem Friedensschluß die Union an den Rand des Verderbens. Nirgends wird das Verdienst bedeutender Männer leichter vergessen als in einem Lande, das seine Gesetzgeber und Beamten nach der einer Parteimajorität wechselt, deren ganzes Sinnen nur ist, in Besitz der öffentlichen Gewalt zu gelangen. Steubens Lage wurde immer düsterer. Er hatte dem Kongreß schon im Spätsommer seine Forderungen eingereicht, derselbe hatte zugesichert, sie in Beratung zu ziehen, aber er hatte nichts getan. Tiefe Bitterkeit bemächtigte sich seiner wie aller Oberoffiziere der Armee. Die Connecticut-Linienregimenter hielten eine drohende Versammlung, die Massachusetts-Regimenter sandten dem Kongreß eine Denkschrift; sämtliche Stabsoffiziere drohten ihre Demission zu nehmen. Nur Washingtons, Steubens und deren Freunde Einfluß gelang es, die Leute den Sommer über wenigstens zu beschwichtigen. Am 30. Dezember endlich reichten sämtliche Korps-, Divisions- und Brigadegenerale dem Kongreß eine Vorstellung ein, in welcher sie auf Erfüllung der ihnen im Oktober 1780 zugesicherten Pensionen drangen. Ob aus Schreck, Scham, oder um wenigstens einen hervorragenden Mann für den Augenblick stumm zu machen, bewilligte die Versammlung der Unionsabgeordneten Steuben »zu dringender Befriedigung seiner Bedürfnisse auf Abschlag seiner beträchtlichen Forderungen« 2400 Dollars und 300 Dollars pro Monat nebst Proviant und Fourage, damit er seinen Dienst tun könne. Der Denkschrift der Offiziere gegenüber aber blieb man still. Man hoffte, sobald der Friede publiziert sei, die Armee aufzulösen, dann aber mit den einzelnen leicht fertig zu werden. Die Offiziere ahnten dies, sie setzten ein Komitee in Philadelphia nieder, um die Forderungen der Armee zu betreiben und den Kongreß zu überwachen. Die Offiziere gerieten im Herbst und Winter am Hudson endlich in Verzweiflung, sahen sie doch, daß alle ihre Hoffnungen nichtig waren. Vergebens stellte Washington dem Kongreß das Recht der Soldaten vor, versorgt zu werden, stellte ihm die naheliegende Gefahr dar, eine Armee, welche noch in Waffen stand, zum äußersten zu treiben. Der Kongreß von 1780, welcher den Halbsold auf Lebenszeit garantiert hatte, war eben der Kongreß der Revolution gewesen, die jetzige Versammlung aber war der Kongreß des neuen Bundes der befreiten Union. Er hielt sich an die von dem früheren Kongreß eingegangenen Verpflichtungen nicht gebunden. Ein furchtbarer Geist erwachte in den geschändeten, vom Vaterland verlassenen Truppen und schlich heimlich von Mund zu Mund durch Zelte und Baracken. »Wenn unsere Waffen die Union befreiten, werden dieselben Waffen den Undank der Union auch züchtigen und uns unser Recht erstreiten!« Die größte aller Militärrevolutionen gewann Boden. Der öffentliche Treuebruch der Regierung sollte mit einem öffentlichen Treuebruch der Armee erwiedert werden. Am 10. März lief eine Adresse im Lager von Newburg welche auf Sonnabend, dem 15., alle Oberoffiziere bis zum Regimentschef und je einen Offizier aus jeder Kompanie zu einer Beratung rief: »um die letzten Mitteilungen unserer militärischen Abgeordneten in Philadelphia in Erwägung zu ziehen und zu beraten, welche Mängeln zur Erlangung der vergeblich nachgesuchten Abstellung der Beschwerden der Armee unverzüglich zu ergreifen seien.« Diese Schrift hatte den Obersten John Armstrong zum anonymen Verfasser. Sie wendete sich an die verletzten Gefühle der Kameraden und wies ziemlich unverblümt auf das Schwert als Heilsmittel hin. Washington erlebte die schwerste Stunde seines Lebens. Wenn noch heute die Amerikaner seiner in Ehrfurcht und Liebe gedenken, so sollte ihnen diese Stunde besonders klar vor Augen stehen, die ihren verblendeten, eigensüchtigen Vätern die Röte der Scham in die Wangen trieb. Noch an demselben Tage nach Bekanntwerden der Aufforderung Armstrongs erließ Washington einen Tagesbefehl, welcher eine Versammlung auf Grund einer anonymen Schrift untersagte und die Offiziere anwies, sich Sonnabend öffentlich zu versammeln, um einen Bericht ihres Komitees zu vernehmen und zu beratschlagen, welche weiteren Maßregeln am besten genommen werden sollten, um für ihre wichtigen und billigen Forderungen Gerechtigkeit zu erlangen. Der im Rang älteste Offizier war angewiesen, den Vorsitz zu übernehmen und das Resultat dem Oberfeldherrn zu berichten. Scheinbar ging der Obergeneral also auf das Vorhaben seiner Offiziere ein und stellte sich auf deren Seite. Dies hob eine zweite anonyme Schrift Armstrongs scharf genug hervor, welche tags darauf im Lager zirkulierte. – Die Waffe, welche Washington brauchte, um den Bestand der Union zu retten, war zweischneidig. Das Lager war in Gärung, ein zitternder Vulkan, der jedem Augenblick die dünne Hülle der Disziplin zu durchbrechen und alles mit seiner Feuerflut zu verderben drohte. Die Offiziere versammelten sich, der Bericht des Komitees begann. In diesem Augenblick – völlig unerwartet – erschien Washington in Person, von den Generalen Putman, Knox, Brooks, Howard und Steuben begleitet, und nahm unter der Versammlung Platz. Nach Beendigung des Berichts nahmen mehrere Offiziere, zumal Armstrong, das Wort. Wilde Reden fielen gegen den Kongreß, und nochmals wurden des Heeres Beschwerden dargelegt und ihre Forderungen schriftlich formuliert. »Wie aber,« rief Armstrong, »wenn auch dieser öffentlichen, loyalen, von Sr. Exzellenz dem Diktator und Oberbefehlshaber selber berufenen, ja sogar von ihm besuchten Versammlung der ersten Offiziere der Armee keine Gerechtigkeit wird? Was wird dann?« Washington erhob sich. »Kameraden, Sie wissen, daß ich diese Versammlung nicht freiwillig berief. Ich erachtete das darum nicht für nötig, weil ich in meinem eigenen Gewissen darüber mich völlig beruhigt fühlte, daß das Land, welches uns gebar, nie ernstlich daran denken könne, die bravsten seiner Söhne, die Retter seiner Freiheit, ins Elend zu stoßen. Ich berief nachträglich nur deshalb diese allgemein gewünschte Versammlung, damit das Land etwa nicht glaube, seine eigenen Kinder wollten, weil sie die Waffe führten, es in diesem Augenblick als die Stärkeren vergewaltigen und den freien Willen der Republik durch meuterische Drohungen unterdrücken. Deshalb berief ich Sie öffentlich, Kameraden, deshalb kam ich mit meinen nächsten Freunden zu Ihnen, damit Amerika wisse, daß die Männer, mit denen Washington und alle, welche ihn lieben, in Beratung treten, niemals Beschlüsse fassen können, deren nur ungehorsame Bürger, Landesverräter, Männer ohne Herz und Ehre fähig sind. Sie sind tief verletzt, Kameraden! Sie haben nicht bloß gekämpft, geblutet und gelitten wie Männer, sie gehen auch einer Zukunft voll Sorge und bitterem Herzen entgegen. Obwohl mich Gott über mein Verdienst mit Glücksgütern gesegnet hat, so hat er mir doch ein offenes Gemüt gegeben, das Ihre Leiden, Ihre Enttäuschungen und alles, was Ihr Herz empört, mit Ihnen zu empfinden vermag, wie Sie mit mir den Hungerwinter zu Valley Forge, die Tage der Niederlage und die Tage des Sieges empfunden haben. Bei diesen gemeinsamen Entbehrungen, Schmerzen und Ehren versichere ich Ihnen als Christ wie Patriot, der Staat wird Ihre Wünsche befriedigen! Er wird Ihnen Gerechtigkeit nicht versagen. Seien Sie nicht so erbarmungslos, dieselbe in diesem allgemeinen Notstande erzwingen zu wollen. Bringen Sie die eben formulierte Forderung noch einmal in einer Adresse an den Kongreß, ich werde sie unterschreiben und selber überreichen. Erheben Sie Ihren patriotischen Geist zu dem Beschlusse, in dieser Adresse öffentlich dem Lande zu versichern, daß Sie nichts zum Bruche Ihrer bürgerlichen Treue verleiten werde, und legen Sie nochmals Ihr Geschick in die Hände des Landes. Oberst Armstrong hat gefragt: ›Was dann, wenn man auch jetzt uns keine Gerechtigkeit gewährt?‹ – Kameraden, nehmen wir selbst jenes Äußerste an, das mein Herz nicht zu glauben, meine Vernunft nicht zu erfassen vermöchte! Wenn man uns wirklich Gerechtigkeit verweigert, dann will ich wenigstens der Union ein Beispiel von Rechtschaffenheit geben, so gering es immerhin sein mag! Ich, der mit Ihnen ein Sansculotte war, will auch mit Ihnen vereint dann Zeit seines Lebens ein Bettler werden. Dann soll Cincinnatus nicht mit stolzerer Verachtung Rom den Rücken gewandt haben, als ich zur Schmach der Freiheit Amerikas mit Ihnen die Lumpen eines Bettlers in den Straßen von Philadelphia und New York tragen will!« Mit fast einstimmiger Majorität nahmen die Offiziere die nach Washingtons vorgeschlagener Fassung redigierte Adresse an. Am nächsten Tage war der Oberbefehlshaber mit derselben nach Philadelphia unterwegs. Am, 22. März beschloß der Kongreß, daß vom 4. Juli an alle Außenstände der Armee, seien es unbezahlter Sold oder rückstehende Kompetenzen, bezahlt werden und der ihr 1780 versprochene Halbsold auf Lebenszeit in einen vollen Sold auf fünf Jahre verwandelt sein und mit dem Augenblick beginnen sollte, da die Auflösung der Armee nach dem Frieden ausgesprochen sei. Mit diesem Beschluß reiste Washington zur Armee ab. Das Unwetter war durch den großen Zauberer abgeleitet worden. Was der Staat darbot, war freilich blutwenig; er konnte eben nicht mehr gewähren, und man fand sich darein. Dieser drohende Vorgang in der Union, der als die erste Krisis einer inneren Krankheit bezeichnet werden muß, ließ nach allen Seiten hin Spuren zurück. Die demokratische Partei war vorerst eingeschüchtert, ihr ganzes Sinnen mußte jetzt daran gerichtet sein, die drohende Armee loszuwerden. Eine andere edlere Stimmung gab sich betreffs Steubens bei denjenigen Staaten der Union kund, welche bisher am meisten von seiner amtlichen Tätigkeit während der bittersten Leidenszeit berührt worden waren. Sie gedachten der Strenge nicht mehr, mit der er in friderizianischem Soldatenjargon oft seine Requisitionsforderungen gestellt hatte, sondern daran, was er ihnen beschützt, erspart, unter oft bedenklichen Verhältnissen gerettet hatte. Pennsylvanien ernannte ihn zu seinem Ehrenbürger und machte ihm eine Landschenkung von 2000 Acres im Bezirk Westmoreland. Virginien, – die glänzendste Antwort auf die Anklage wegen der Affäre am Point of Forge – schenkte Steuben »als Zeichen der hohen Anerkennung für seine großen Verdienste und Anstrengungen« 15 000 Acres, die zwischen dem Muskingum und großen Miami für ihn abgezweigt werden sollten. Steuben nahm die Anzeige der Pennsylvanierdotation mit tiefer Bewegung auf. Aber er blieb still, sprach mit seiner Umgebung über diesen Besitz nicht und begnügte sich, dem pennsylvanischen Staatenhause zu danken. Die Virginiadotation aber, nicht bloß auffällig ihrer Größe wegen, sondern weil sie von dem Staate ausging, der in der Leidenschaft kriegerischer Notstände seine Ehre am tiefsten gekränkt hatte, regte ihn ganz besonders auf. Er nahm beide Verleihungsdokumente, eilte zu Washington und teilte sie demselben mit. – »Durch diese Dotationen, bester Baron,« erwiderte Washington, »sind sie eigentlich ein reicherer Mann geworden als ich. Mit diesem Besitze geht es Ihnen aber wie der Union mit ihrem ungeheuren Terrain: er ist heute tot und wertlos, erst eine Generation fleißiger Hände ist imstande, ihn lebendig zu machen und in Geld umzuprägen. Ich glaube nicht, daß einer Ihrer Gläubiger für diesen Besitz Ihnen seine Forderung erlassen wird.« »Sie wären Narren, Exzellenz, wenn sie es täten. Der lebende Steuben mit seinen Rechtsansprüchen an die Regierung ist ihnen doch immer noch sicherer als jene ferne Wildnis, die demselben gehört. Ich bin in der Tat ein sehr armer reicher Mann!« »Um nur bis zu Ihrem Besitz am großen Miami zu reisen,« lächelte Washington trübe, »würden Sie ein Kapital, ein kleines Vermögen aufwenden müssen, auch würde ich genötigt sein, Ihnen ein Bataillon Riflemen mitzugeben, um jene Gegenden den Indianern, Squatters, Settlers und den Pelzjägern gegenüber für Sie zu okkupieren!« »Als ich eine ruhige, sorgenfreie Existenz daheim mit dem mühe- und enttäuschungsreichen Leben Amerikas vertauschte, habe ich wirklich nicht geahnt, auch einst ein Floater zu werden, ein Mann, dessen Besitz schwimmt, weil er ihn nie festzuhalten, noch weniger zu verwerten versteht!« »Aber Segen stiften, Menschen mit ihm glücklich machen, das können Sie!« »Inwiefern?« »Geben Sie dem Staate Virginien sein an sich gewiß großartiges Geschenk mit der Bestimmung zurück, den Grund und Boden umsonst an virginische Veteranen, Handwerker wie Ackerbauer zu verteilen. Sie werden dadurch Hunderte von Familien dem Elend entreißen, eine ferne Urwildnis aber der Kultur und menschlichen Wirkungskreisen erschlossen haben!« »Ich werde dieses Rat befolgen, Exzellenz. Oh, gleiche ich nicht dem König Midas? Alles zwar wurde zu Gold, was er berührte, aber zu essen hatte er nichts. Bisher habe ich immer noch gehofft, man werde für mich sorgen, daß ich mit Sigh nach Europa gehen und in einem Winkel meiner Heimat ausruhen könne von allen Lebenskämpfen – kommt nicht bald Hilfe, so ist auch dieser Traum vorbei! Dann muß ich, will ich meine Gläubiger nicht betrügen, ihnen wenigstens meine Person zum Pfande lassen.« Washington legte die Rechte auf Steubens Schulter. »Drängt es Sie denn von uns fort, von dem großartig schönen Felde Ihrer Tätigkeit? Gesetzt, Ihrer Abreise stände nach dem Frieden nichts mehr im Wege, Sie langten mit Sigh und einem hübschen Kapital in Deutschland an. Würden Sie in Berlin sich nicht als Fremder in fremd gewordenen Verhältnissen fühlen? Würden Sie am Rhein etwa die Befriedigung wiederfinden, die unser Land Ihnen noch immer versagt? Wird Sigh dort glücklicher an Ihrer Seite sein als hier? Sie sind Amerikaner geworden, Baron, durchweht von amerikanischen Gefühlen. Jeder unserer Staaten ist Ihnen ein Vaterland, für jeden haben Sie gekämpft, um jeglichen Verdienste sich erworben. Hier klingt der Name Steuben überall, Hochachtung, Dank und Liebe begegnet Ihnen im Lager wie in den Städten, Sie sind Mitschöpfer der Freiheit, Mitordner von Amerikas neuem Dasein geworden, alle unsere Verhältnisse legen sich Ihnen heimatlich ans Herz und halten Sie fest! Hier allein leben Sie! Hier sind Sie unsterblich. Hier müssen Sie bleiben, Baron, denn in Deutschland werden Sie sich lebendigen Leibes schon als vergessener Toter fühlen!« »Ich danke Gott,« sagte Martha bewegt, »daß er Ihnen so viele Schulden aufbürdete! Die wenigstens erhalten Sie uns, wenn wir es nicht vermögen! Oh, verzagen Sie nicht! Auch diese Trübsal wird einmal weichen. Beweisen Ihnen die Dotationen nicht, daß man Ihrer dankbar gedenkt? Dieser öffentliche Dank wird sich verstärken, allgemeiner werden, die Stunde muß schlagen, wo die Union zu Ihnen sagt: ›Du hast genug um mich gelitten, Glück und Freude soll jetzt dein Lohn sein!‹« »Sie haben mich bezwungen, hochverehrte Frau, Sie haben den Entsagungsschmerz in mir besänftigt, mein General. Ich werde bleiben, darben und warten!« »Ich aber,« und Washington umarmte ihn, »der mit Martha Ihre Seelenkämpfe sieht, werde Zeugnis für Sie ablegen vor Gott und Menschen!« Bald nach diesem Entschluß erfolgte eine dritte Auszeichnung. New Jersey, tief durchdrungen von dem Werte der vielen und wichtigen Dienste, die Baron Steuben den Vereinigten Staaten während dieses letzten Krieges geleistet hatte, und von dem Wunsche beseelt, das innige Gefühl der Dankbarkeit für die genannten Dienste vor der Welt an den Tag zu legen, hatte ihm die lebenslängliche Nutznießung einer Besitzung übertragen, die im Bezirke Bergen bei New Bridge, der Hafenstadt New York nahe gelegen, früher einem Tory, John Zabriskie, gehört hatte. Welch ein Glück. Hier war ihm ein Asyl geboten, ein Auskommen, ehrenvoll und reichlich genug, hier hätte er sein Nest bauen können. »Zabriskie! John Zabriskie?« tönte es in Steuben, als er das Dotationsinstrument in der Hand hielt. »Kenne ich den Mann denn nicht? Wann klang sein Name mir doch ins Ohr?« Er rief Sigh, Leander, Kleopatra, Vogel und die Bängo. »Kinder, wer von euch und wo hat mir von einem John Zabriskie geredet?« »Ich, ich, ich!« riefen wie aus einem Munde Bängo, Patra und Leander. »O Massa,« sagte erstere, »das ist der junge Tory ja, der Miß Rowenna Ravlinson geliebt hat! Als Tarlitons Volk ihr den Vater erschlagen, entfloh sie mit ihm nach seinem Gute in New Jersey!« »Von Charlotte Courthouse weg, wo ich krank lag!« – Steuben seufzte schwer auf. »Diesem John Zabriskie hat der Staat New Jersey jetzt sein Gut genommen, weil er ein Tory ist, und will es mir schenken!« Die Neger standen starr. Dann brachen Bängo und Patra in lautes Klagen aus, Leander aber fiel auf die Knie, und Steubens Hand küssend, sagte er: »O guter Massa Baron, das Gut dem Zabriskie nicht nehmen, dem Manne unserer armen Herrin! O könnten Leander, Patra und die Bängo ihre bleiche liebe Miß Rowenna doch wiedersehen und jetzt mit ihr weinen!« Steuben starrte vor sich ins Leere, dann strich er sich gedankenvoll die Stirn. »Weint nicht!« sagte er plötzlich scharf. »Sollt sie wiedersehen, sollt eure verlorene Herrin wiederhaben! Ich nehme das Gut nicht an! Macht euch in einer Stunde reisefertig; Vogel, du wirst die Niggers begleiten und meine Antwort an das Jersey-Staatenhaus überbringen. Weg mit euch! Geht, eure Tränen ersäufen mein ganzes Glück! Haha, dazu bin ich ja auf der Welt, ewig geopfert zu werden!« – So scharf und bitter hatte Sigh ihren Baron noch nicht gesehen. »Du zürnst, du willst das Geschenk nicht nehmen?« »Ich werde tun, was der große Geist der Liebe in mir spricht«, versetzte er sanfter. »Laß mich mit ihm allein, Sigh.« Sigh lächelte. »Ich weiß schon, was du tun wirst.« Damit verließ sie das Gemach. Steuben richtete an seine Geschenkgeber sofort eine Antwort, in welcher er für die Ehre und die erwiesene Huld dankte. »Will das Hohe Haus von New Jersey zu diesem Geschenke aber eine besondere Gunst noch fügen und mein Gewissen beruhigen, so bitte ich, daß es das konfiszierte Gut in meinem Namen seinem ehemaligen Besitzer wiedergibt. Wohl ist Mr. John ein Königsfreund gewesen, aber er ist jetzt ein Bettler und hat Familie. Den Vater seiner Frau, Rowenna Ravlinson, der Besitzer von Charlotte Courthouse am Riwanna in Virginien, haben Tarlitons Mordbrenner getötet, die Negersklaven dieses toten Torys aber haben mich, den Feind, den Kranken, daselbst gepflegt und am Leben erhalten. Ich will nicht fremdes Gut mein nennen, ich will an diesem Manne und seiner Frau die Menschenliebe seiner Sklaven vergelten sehen. Arm bin ich, das ist wahr, Hohes Haus. Gestatte man mir aber darum wenigstens den Stolz des freien Mannes: in Armut gerecht bleiben zu dürfen. Gott, der Vater aller Nationen, sei über New Jersey und Young Amerika!« Nach einer Stunde erschienen vor ihm die Neger und Karl Vogel reisefertig. Steuben gab letzterem den Brief und das Reisegeld; zum Glück war die Tour nicht übermäßig weit und kostspielig. Der Abschied der Neger war höchst bewegt. Diese vortrefflichen Menschen, im letzten Augenblick noch in ihrer Treue zwischen Steuben und ihrer alten Herrin schwankend, ergingen sich in Tränenströmen, Handküssen und schmerzlichen Ausrufen, bis Vogel sie auf Steubens Wink endlich hinausschaffte. Als es still um ihn geworden war, schloß Steuben Sigh in seine Arme, seines Herzens Weh machte sich in verhaltenen Tränen Luft. »Arm und ohne Hoffnung zu sein, mein Mädchen, ist unser Los. Wie heiß wir uns auch lieben mögen – nie, du wirst niemals meine teure Frau sein.« »Ich werde es doch. Du aber bist mein großer Baron! Sieh, wie du wächst nach jedem Schmerze, wie die Bergtanne vom Gewitter. Du lebst dem guten Geiste, dessen Kind auch ich bin; Tamenund würde dich preisen als den gerechtesten aller Männer.« Inzwischen war Vogel von Trenton zurückgekehrt, mit ihm Bängo. Das Jersey-Staatenhaus hatte Steubens Bitte gewährt, Mr. John Zabriskie und seine Rowenna mit ihren zahlreichen Kindern waren vom Elend gerettet, denn ihr Besitz war ihnen wiedergegeben worden. Mr. Johns von Rührung und Dank erfüllter Brief und die Segenswünsche, welche Kleopatra und ihr langer Leander Vogel mitgegeben hatten, bewiesen Steuben, welch' grenzenlosem Familienjammer er ein Ende gemacht hatte. Als er Bängo schelten wollte, daß sie nicht bei ihrer Herrin geblieben, sondern in sein Haus zurückgekehrt sei, erwiderte sie treuherzig: »Massa Baron, nicht böse sein. Gute Herrin Rowenna hat Bängo freigelassen, weil Bängo Karl lieb hat. Bängo den Karl heiraten und für Massa Baron und rote Lady viel arbeiten; Bängo ist sehr stark.« Es wäre vergeblich gewesen, eine Anhänglichkeit zu hindern, die von der Liebe diktiert und, was das Lebenslos beider betraf, gewiß nicht von gemeinem Interesse geleitet wurde. Am 12. Juli übernahm Steuben ein ihm vom Kongreß durch Washington übertragenes militärdiplomatisches Geschäft. Von allen amerikanischen Besitzungen blieb den Briten nach den Präliminarien nur derjenige Teil von Kanada übrig, welcher vom linken Ufer des St. Lorenzstromes und den nördlichen Ufern des Ontario und Eriesees ab die ganze nordische Region umfaßte, so daß der Champlainsee und das gesamte angrenzende Oneidaland dem Staate New York zufiel. Steuben sollte nun einige befestigte Punkte der Engländer in den Seedistrikten gegen eine Abschlagssumme erwerben, in welcher die Union Militärstationen errichten wollte, um ihre Rechte auf den Großen Seen zu wahren sowie die neuen Gebiete gegen den Einbruch räuberischer Mingo-Indianer zu schützen. Auf dieser Reise wurde Steuben von de l'Enfant, North, Walker und Sigh begleitet. Anfang August trafen sie am Champlainsee, dann in Sorel, später in St. John ein, wo die Verhandlungen mit den britischen Militärbehörden begannen. Ob diese höherer Weisung gemäß oder aus dem natürlichen Grolle der Besiegten handelten, die Konferenzen wurden als erfolglos abgebrochen. Nach Saratoga zurückgereist, hatte Steuben nur eben Zeit, Washington seinen Bericht zu senden, als die Gicht ihn völlig wieder niederwarf. Drei Wochen lag er, ängstlich gepflegt, ehe es Sighs treuer Liebe mit Hilfe ihrer Umgebungen gelang, den Baron wieder gesund zu machen. »Sie bedürfen nur der Ruhe eines sorgenfreien Lebens, mein verehrter Freund,« sagte de l'Enfant, »um wieder ganz der Alte zu werden. Ich bin gewiß, wenn die Engländer erst New York geräumt haben und der Kongreß dort seinen Sitz nimmt, werden sich auch Ihre Verhältnisse ordnen. Dann wird hierbei«, er warf einen Blick auf Sigh, »auch Ihr letzter, süßester Wunsch in Erfüllung gehen.« »Oh, mein Baron,« rief Sigh, »mein Geliebter, sieh, das Oneidaland ist nahe genug. Könntest du nur eine Woche in seinen ewigen Bergeswäldern leben, da würdest mir dort ganz gesund. Dort könnten ich und du, fern von den Menschen, die dich kränken und plagen, denen du um schlechten Lohn dienst, zusammenleben wie Manitous Kinder.« »Gut, mein Herz, gut. Wir wollen hinüber nach deinem heimlichen Feenlande und doch sehen, was es für ein glückliches Arkadien ist.« – Sie zogen westlich in der Richtung des Ontario und langten in dem gigantischen Felstale an, dem der Oneida entspringt, um mit dem Onondago nördlich vereint als Oswego-River von den Plateaus hinab in den Ontario zu münden. Hier war Sigh geboren, hier empfingen die Indianer ihres Stammes jauchzend die Tochter ihres toten Häuptlings, unter ihnen auch der stille Yokomen, der über die Oneidas jetzt als Tamenunds Sohn herrschte. Großartigkeit und Stille, rings Üppigkeit einer jungfräulichen Natur und das Walten der roten schuldlosen Kinder einer noch nicht geknechteten Erde. Die Offiziere waren überrascht und entzückt. In Steubens Brust erwachte allgewaltige Friedenssehnsucht. »Ja, Mädchen, hier allein kann ich gesunden, hier nur vermöchte ich, von deiner Liebe beglückt, den beneidenswertesten Tod zu sterben, den Gott verleihen kann. Alle Politik, allen Streit, alle Kultur wollte ich hier verlachen, um stolz und frei ein Cincinnatus zu sein. Pah, welch närrische Träume. Ich bin ein Sklave meiner Pflicht, um nur aufzuhören, ein Sklave meiner Gläubiger zu sein. Zurück ins Joch, Cincinnatus, du nennst keine Acker dein, die du mit eigener Hand bebauen dürftest.« Bargeld-Prevost Während des Krieges nun hatte sich bei der Armee Washingtons eine originelle Persönlichkeit befunden, mit welcher Steuben, zumal als Chef der Heeresverwaltung, in vielfache Berührung gekommen war. Der Mann, ein New Yorker, war Agent und Lieferant des Heeres und hieß Prevost. Die Armee hatte ihm den Spitznamen »Bargeld-Prevost« gegeben, weil er die in der damaligen Lage Amerikas allerdings höchst seltene Eigenschaft besaß, stets »Bargeld« zu haben, für seine Lieferungen und Bemühungen stets nur »Bargeld« zu nehmen, aber nie mit etwas anderem als Unionsschuldscheinen, Schecks und anderen Staatspapieren zu bezahlen, welche natürlich damals nur mit Verlust versilbert werden konnten. Von wem allen er Gläubiger im Heere war, mochte Gott wissen, daß er aber Steubens Hauptmanichäer war, der denselben in Händen hatte, das wußte unser Held nur zu gut. Bargeld-Prevost war nicht gerade, was man einen ausgemachten Spitzbuben nennt, er war aber ein schlauer Patron, den sein Herz beim Geschäft nicht genierte, und welchem die Not seiner Mitmenschen, die Lage des Landes, die Stellung der Parteien reiche Quellen geworden waren, um ein großes Vermögen zu sammeln. Trocken, kaustisch, dabei von einer gewissen Bonhomie für seine Opfer erfüllt, war er stets zu der für ihn rechten Zeit gefällig und zu der für ihn rechten Zeit unnahbar, kurz, das Original derjenigen Klasse von Amerikanern, die sich noch heute von der Ausbeutung anderer nähren, ohne selbst jemals Ausbeute zu geben, eine in der Union durch alle Lebenskreise auch heute noch recht verbreitete Menschensorte. War damals irgend jemand die gigantische Zukunft von Amerika klar, dem Bargeld-Prevost gewiß. Dieser würdige Mann besaß nun ein väterliches Erbgrundstück in New York, und nach dem Abzuge der Engländer bevölkerte er es wieder mit Eva, seiner Gattin, Anel, seinem Sohne, seinem Lieblingskinde Diana, kurz Dina genannt, nachdem seine Familie im Kriege mit ihm jenes Nomadenleben geteilt hatte, das im Train nicht gerade von sehr patriarchalischer Art gewesen war, wenn das liebe Vieh in ihm auch eine Rolle gespielt hatte. Dieser Mann lud Steuben und dessen Begleitung in sein Haus ein. Steuben war nicht in der Lage, durch Ablehnung eines kostenfreien Anerbietens einen Mann zu beleidigen, dem er stark verpflichtet war, noch weniger aber war er in der Lage, mit den Seinen ein Gasthaus zu beziehen. Da Prevosts Haus geräumig war, dieser ihm die obere Etage höchst liberal auch in der Zukunft für einen sehr geringen Preis zur Verfügung stellte, New York zunächst aber der Ort war, wo unser Held die Entscheidung seiner Zukunft abwarten mußte, so ging er auf Bargeld-Prevosts Vorschlag ein. Steubens finanzielle Not war so im Steigen, seine Verhältnisse waren vorläufig so inkurabel, daß es wirklich kaum darauf ankam, Verpflichtungen zu vergrößern, die zu verkleinern vorläufig außer seinem Bereiche lag. Seine Wohnung, welche er mit Duponceau, de l'Enfant, Walker, North, Sigh, Vogel und Bängo teilte, lag auf der höchsten südöstlichen Erhebung der New Yorker Halbinsel in einem reizenden Wäldchen, Johnes Gehölz genannt. Da, wo heute die sogenannte 10. Straße liegt. Damals war New York noch nicht über Ranelagh, das eau douce und den Beginn der Bowery Lane hinaus gebaut Dieses Quartier enthielt in dem weiten Gebäude mehr denn zehn Zimmer nebst Küche. Nach allen vier Himmelsgegenden gingen Fenster, und von Steubens Gemach überblickte man die Stadt, die beiden Hudsonmündungen, die New-Jersey-Seite links, Long Island rechts, in der Ferne aber das Staateneiland mit dem blauen Ozean. Ein entzückendes Panorama voll buntem Hafenleben der stolzen Handelsflotten, die jetzt ab und zu strömten, den lange entbehrten Welthandelsverkehr neu einzuleiten. Ach die Schulden, wären die Schulden doch nicht gewesen! Man half sich, so gut es ging, man führte ein Kasernenleben! Vogel war der Kalfaktor, Bängo die Köchin, Sigh sorgte für die übrige häusliche Ordnung mit Karls Hilfe. Solange jeder der anderen Kameraden mit Steuben noch zusammenschoß, was die Wirtschaft erforderte, lebte man ganz leidlich. Steuben darbte wenigstens nicht, obwohl er mündlich wie schriftlich seine Gläubiger abzuwehren hatte, namentlich Prevost, welcher, nun ganz sicher, daß der Baron nicht aus seinen Krallen könne, langsam die Schraube fester anzog. Dieser Zustand nahm bald ein Ende. Ben Walker verheiratete sich und gründete ein Maklergeschäft in Maidenlane, wo seine Braut ein Haus besaß. Auch l'Enfant, North und die anderen fanden verschiedene Berufsarten, nachdem ihre Barschaft zu Ende ging. Dadurch erschwerte sich Steubens Leben. Bald suchte auch Dupoceau außer dem Hause Beschäftigung, endlich gingen selbst Karl Vogel und seine Gattin auf Arbeit und brachten ihren wöchentlichen Gewinn heim, um ihn mit Steuben zu teilen. Das Sansculottentum wurde für ihn eine fürchterliche Wahrheit! Kummer, Aufregung, Mangel und Gicht nahmen ihm seine alte Liebenswürdigkeit, er wurde düster und mürrisch – selbst Sigh hatte darunter zu leiden. Er liebte sie unsäglich, aber hoffnungslos. Der Gram, sie an sich gekettet zu haben, ohne sie besitzen zu dürfen, ihr ein sorgenfreieres Los bieten zu können, machten ihn zornig und ungerecht gegen sich selbst. Seine Geduld und Ergebung waren zu Ende, zumal die Angriffe gegen die hervorragenden Träger des Freiheitskampfes jegliches Maß zu übersteigen begannen. Es war eben der entbrennende Kampf der mit den schimpflichsten Mitteln auftretenden demokratischen Partei gegen die der Föderalisten. Ben Franklin, in die Heimat zurückgekehrt, hatte nicht bloß die neue Bundesverfassung in streng unionistischem Sinne entworfen, er schrieb auch gegen die Sklaverei. Washington hatte soeben mit Befreiung seiner Sklaven in Virginien das erste praktische Beispiel gegeben. Dies alles hieß den Demokratismus an seiner empfindlichsten Stelle verwunden. Seine Wutangriffe galten dem Heere, während sie mittels Parteiversammlungen die Namen aller hervorragenden Föderalisten beschimpften und herabwürdigten. Am 24. März 1784 forderte Steuben seine Entlassung aus dem Staatsdienste und die Anerkennung seiner Forderungen. Der Abgeordnete Gerry stellte den Antrag, ihm 40 000 Dollar Entschädigung zu zahlen. Am 15. April nahm der Kongreß Steubens Resignation an, versprach ihm gänzliche Schadloshaltung, eine Abschlagszahlung von 10 000 Dollar und votierte ihm einen Ehrendegen, den verfertigen zu lassen der Superintendant der Finanzen Befehl erhielt. Besagte Abschlagszahlung erfolgte denn auch, aber in sehr langen, unsicheren Raten und mittels Schatzbons, welche ihres geringen Kurses wegen die Summe auf das Drittel reduzierten. Es gewann den Anschein, als wolle man Steuben durch Redensarten stumm machen und durch Verzettelung seiner Angelegenheiten ermüden. Bald hierauf verlegte der Kongreß seinen Sitz von Annapolis nach Trenton im Staate New Jersey. Steubens traurigste Lebenszeit begann. Seine Ansprüche nahmen plötzlich eine völlig ungünstige Wendung, da das demokratische Element den Föderalisten jetzt im Kongresse die Wage hielt. Man bestritt offen die Gültigkeit des vom Kongreßausschuß 1778 mit Steuben eingegangenen Vertrages. Er wurde in Zeitungen angegriffen. Sie schrieben, daß dieselben fremden Abenteurer, welche im Cincinnatus-Orden eine aristokratische Clique zu begründen dächten, den Kongreß mit ihres Bettelforderungen belästigten, nachdem ihr Kriegsruhm darin bestanden habe, die Staatsvorräte in Feindes Hand gelangen zu lassen! Steuben erwiderte im Daily Advertiser: »Wenn der Schreiber dieses Artikels ein Mann wäre und kein Feigling, so hätte er seine Behauptungen durch Nennung seines Namens vertreten! Dann hätte ich entweder vor Gericht oder mit dem Pistol in der Hand diese Angelegenheit mit ihm abmachen können. So hat er sich außer den Bereich meiner Züchtigung gebracht. Die Devise der Cincinnati ist: Omnia relinquit servare rem publicam! Ich ergänze dieselben im folgenden Verse: ›Alles ließ ich zurück, der Sache des Staates zu dienen, Dafür läßt mich der Staat – dankbar – im Elend zurück‹ Friedrich von Steuben.« Dieser Artikel rief enormes Aufsehen hervor! Die Deutschen von New York brachten Steuben einen Fackelzug und riefen ein »Pereat den Demokraten« durch die Straßen. Die deutsche Gesellschaft wurde gestiftet und Steuben zu ihrem Präsidenten ernannt. Sein grimmigster Feind aber lauerte bereits auf ihn. Eine Woche später kehrte Prevost von einer Reise nach Pennsylvanien zurück. Das erste, was ihn empfing, war sein Sohn Abel, der ihm die Nummer des Daily Advertiser mit Steubens Antwort entgegenhielt. »Mach mit ihm ein Ende, Vater, so oder so!« »Still, Junge, ich kenne den Artikel; in Philadelphia ist man voll davon! Ich weiß aber auch, wie schief seine Angelegenheiten beim Kongresse stehen. Trotzdem bleibt er immer noch ein fetter Bissen; ich werde schon mit ihm fertig.« Am nächsten Morgen machte Prevost Steuben seinen Besuch. Er fand ihn über Papieren, und nur Sigh war bei ihm. Sie saß an einem Fenster und besserte eine alte Uniform des Generals aus. »Lange nicht gesehen, Baron! War sechs Wochen im Lande herum!« »Vermutlich um Geschäfte zu machen und Geld einzutreiben.« »Ungefähr so, Baron, nun komme ich zu Ihnen.« »Mit anderen Worten, Mr. Prevost, Sie kommen wegen Ihres Geldes!« »Ja, Baron, wegen barer 6000 Dollars, die Sie mir schulden, abgerechnet die Wohnung.« »Leider. Prevost. Mir tut leid, daß der Kongreß mich noch immer nicht in die Lage versetzt hat, Sie zu befriedigen.« »Das muß ein Ende nehmen, General, ich brauche mein Geld! Der Kongreß geht mich nichts an, desto mehr Sie.« »Ich muß Sie aufmerksam machen, Mr. Prevost,« und Steuben erhob sich zu seiner vollen Größe, »daß ich artiges Benehmen gewöhnt bin und man mit mir in den Tönen der guten Gesellschaft redet. Wenn Sie nicht warten wollen, Sie sich etwa einbilden, jetzt sei die Zeit gekommen, mir die Kehle zuzuschnüren, dann tun Sie, was Sie wollen! Aber wenn Sie mit mir reden, Sir, dann werden Sie trotz alledem den Respekt bewahren, den man einem General der Republik schuldig ist, den Respekt, den Sie sehr wohl zu beachten wußten, solange Sie als Lieferant mit krummem Rücken vor mir standen! Andernfalls werden Sie aus meiner Wohnung rascher die Treppe hinab den Weg finden, wie Sie ihn heraufgefunden haben!« »Ach, Herr General, wie schlimm muß es mit Ihnen stehen, wenn Sie mit Gewalt drohen. Gut, Sie sind in Ihrer Lage eben reizbar, ich in meiner nicht. Beklagen kann ich mich aber wohl, daß Sie Ihre eigenen Vorteile so leicht opfern, anstatt sich ohne den Kongreß frei zu machen und mir zu meinem Gelde zu verhelfen!« »Welche Vorteile opferte ich so leicht, mit denen ich Sie hätte bedenken können?« »In Ihrem Sensationsartikel im Advertiser sagen Sie ja selbst, daß Sie 15 000 Acres, welche Sie von Virginien erhielten, Invalidenfamilien abtraten. Bei Gott, dabei sagen Sie noch, daß Sie der Staat im Elend lasse?! Man könnte Sie auf diese Art mit der ganzen Republik dotieren, Sie würden sie wegschenken, Ihre Gläubiger aber blieben unbezahlt, und Sie hungerten?« »Diese Klage ist in Ihrem Munde sehr kurios, Prevost! Sie tun wirklich, als ob Sie als Geschäftsmann nicht wüßten, daß ich ein Kapital doppelt so groß wie alle meine Schulden und dazu eine Menge Arbeitskräfte nötig gehabt hätte, hinten am Miami aus dem Urwalde Dollars zu machen.« »Zum Teufel, Sir! Ja, was Sie gebraucht hätten, um zu Ihrem Gelde zu kommen, und was ich gebraucht hätte, Ihnen zu Ihrem Gelde und mir zu meiner Bezahlung zu verhelfen, das ist der Unterschied!« »Sie meinen, ich hätte die Acres Ihnen verkaufen sollen, statt sie meinen virginischen Kameraden zu schenken?!« »Ich sage, ich hätte Ihnen das Land zu Gelde gemacht! 15 000 Acres, Goddam, ich hätte alle Ihre Schuldscheine zerrissen und Ihnen 15, hol mich der Teufel, 20 000 Dollars hätte ich Ihnen sogar noch draufgelegt.« Steuben zuckte auf. Er sah Prevost durchdringend an. »Wie hätten Sie das wohl anfangen wollen?« »Pah, wie es Ihre Soldatenfamilien jedenfalls angefangen haben, denen Sie das Terrain schenkten. Da ich mit Geld in den Taschen das getan hätte, was die mit dem leeren Beutel und nur mit der Axt tun, wäre die Geschichte wohl etwas schneller gegangen. Haha, was denken Sie denn, ich hätte allein für 10 000 Dollars Felle jährlich an die New Yorker Pelz-Kompanie geliefert!« Steuben ging ein ungeheures Licht auf. Prevost war gewiß nicht der Mann, eine Behauptung in finanziellen Dingen aufzustellen, die er nicht durch Ausführung realisiert hätte. Steuben ohne Mittel hätte dies freilich nicht gekonnt, und er bereute es auch nicht, so viele brave Familien glücklich gemacht zu haben. Aber der Gedanke lag nahe, daß, wenn er mit diesen Kolonisten an den Miami gezogen wäre, er jetzt keine Ursache hätte, sich solche Eröffnungen gefallen zu lassen! Fast war er im Begriff, einen Wink wegen der 2000 Acres fallen zu lassen, die er in Pennsylvanien besaß. »Hören Sie, General,« sagte plötzlich Prevost, »Sie schreiben, Sie seien auch Ehrenbürger von Pennsylvanien. Ist dort nicht auch etwas für Sie abgefallen?! So ein paar hundert Acres am Laurell Hill oder Chestnut Ridge?« Welch' starke Versuchung auch Steuben anwandelte, die Idee Prevosts aufzugreifen und sich von diesem Polypen zu befreien, er warf einen Blick auf Sigh, deren schwermütige Augen in stummem Jammer auf ihm ruhten, und er sagte sich: »Diese letzte Hilfe, die letzte Scholle Besitzes dürfe schon als Ruhestätte für dies teure Mädchen nicht verlorengehen. Ich wüßte nicht, daß ich mit Ihnen über derartige Geschäfte zu verhandeln hätte. Sie haben Ihr Geld zu fordern, sonst nichts. Wenn Sie nicht warten und fünf Prozent Zinsen nehmen wollen, – nun so warten Sie nicht.« »Auch gut! Ich ersuche Sie um meine 6000 Dollars binnen heute und vier Wochen.« »Heute habe ich sie nicht, binnen vier Wochen wahrscheinlich auch nicht, der Kongreß müßte denn plötzlich seine demokratische Natur verleugnen!« »So werde ich meine Schritte bei Gericht tun. In vier Wochen legen Sie mir 6000 Dollars auf den Tisch, oder ich lasse Sie als Bankerotteur und Schuldenmacher so lange ins Gefängnis stecken, bis Sie Mittel gefunden haben, mich zu bezahlen!« Steuben erschauerte, seine Wange wurde fahl. »So ist das Gefängnis denn das Ende deines Lebens!« klang es kreischend in ihm wieder. »Tun Sie, Mr. Prevost, was Ihr christliches Gewissen Ihnen gestattet!« »Guten Morgen, General.« Steuben saß lange, das Haupt in die Hände gestützt. Dann zog er sich an, um in die Stadt zu gehen; er wollte Walker sein Herz ausschütten. Ehe er aufbrach, trat er zu Sigh. Tränen umflorten seine Augen, dann umarmte und küßte er sie. »Arme Sigh, du wirst meine rote Lady nicht werden!« Sie antwortete nicht. Aus dem Fenster blickte sie ihm nach durchs Gehölz; es arbeitete in ihrem Innern. Als sie ihn jenseits des Wäldchens den Feldweg auf Bowry Lane hinab einschlagen sah, verließ sie das Zimmer, schlich die Treppe hinunter in den Flur, wo bei dem Hausflur Prevosts Schreibstube lag, und horchte an der Tür. Alles war still, mitunter hörte sie nur den alten Geldmenschen husten und dies und das hantieren. Um ihrer Sache gewiß zu sein, trat sie aus dem Hause und ging langsam an dem Kontorfenster vorbei. Jetzt blieb sie vor demselben stehen und starrte durch die Scheiben hinein. Niemand als der Alte war drinnen. Da Sighs Gestalt das Fenster verdunkelte, mußte er sie sehen. Ahnend, daß sie irgend etwas wolle, öffnete er das Fenster. »Willst du mit mir reden, Sigh?« »Ja, Prevost, wenn du klug genug bist, zu schweigen!« »Hm! – Gut, ich schweige!« »Gegen den Baron, den Duponceau, Vogel und Bängo! Auch die Deinen dürfen's nicht wissen!« »Wenn es klug ist, zu schweigen, so bin ich nicht Narr genug, meine Zunge zu mißbrauchen. Niemand außer uns beiden erfährt von dem, was du wir zu sagen hast!« »Du läßt ihn bestimmt in vier Wochen in das dunkle Gefängnis stecken, wenn er dir nicht 6000 Dollars zahlt?« »Verlasse dich fest darauf, Sigh!« »Schreibe das auf. Deinen Namen und den heutigen Tag darunter.« »Weshalb?« »Schreibe! Du wirst dein Geld erhalten!« Prevost schrieb den Schein und reichte ihn ihr heraus. »Wie willst du das zuwege bringen?« »Ich kenne eine reiche, schöne Lady, die gibt für ihn das Geld. Ich gehe zu ihr. Er darf nichts wissen!« »Höllenteufelswetter!« – Prevost starrte sie an. – »Du, du willst das? Für ihn?« – Er schüttelte den Kopf. »Du willst von einer schönes Lady das Geld holen, das sie für ihn geben wird?« »Holen nicht! Wenn sie deinen Schein und mich hat, schickt sie das Geld!« »Du weißt das gewiß?« »Bei dem großen guten Geist, bei der Schrift, an die ihr Blaßgesichter glaubt, und dem Kreuz an meinem Halse, ich weiß es ganz gewiß!« »Willst du in die Stadt?« »Weit weg, wo er mich nicht mehr sieht. Du brauchst das nicht zu wissen!« »Wenn es aber weit ist, wie willst du ohne Geld hinkommen? – Höre, Mädchen, ich will dir noch 500 Dollars geben und dir raten, wie du dein Ziel erreichst.« »Den Ort sage ich dir nicht. Ich will nach dem Potomak.« »Eine gute Strecke und vier Wochen sind bald rum! Wenn du willst, gehe ich nach dem Hafen und sichere dir 'nen Platz in 'nem Handelsschiff, das morgens fünf Uhr nach der Chesapeake-Bai geht. In etlichen Tagen kommst du dort an.« »Tue es und gib mir das Geld. Du sollst 6500 Dollars auf die Stunde haben, Prevost! – Bedenke aber, erfährt mein Baron, ich habe ihn um deiner Unbarmherzigkeit willen verlassen, er ist Soldat, Mensch, und hat Pistolen! Mit der Verzweiflung ist wie mit den Bären des Gebirges schlecht zu ringen!« »Du wirst ihn nie wiedersehen? Er wird nie wissen, wo du bist?« – »Ich werde ihn wiedersehen, aber wo? Das weiß der große Manitou! Ich werde nie verraten, wo ich bin!« – Sie ging ins Haus zurück und wieder hinauf. – Mittags kam Steuben nicht zum Essen. Erst abends, als es dunkelte, Duponceau und Vogel von ihren Geschäften aus der Stadt zurückkehrten, erschien er düster wie immer. Er teilte beiden den heutigen Vorgang mit Prevost mit. – Was sollten sie erwidern, was er nicht schon wußte? Was konnten sie empfinden, was er nicht martervoll genug empfand? Als Steuben zu Bett gegangen war, huschte Sigh aus ihrer Kammer, ein Bündelchen in der Hand, in eine Matte gewickelt. Sie schlich die Treppe hinab zu der Kontortür. Prevost trat heraus, schob ihr einen vollen Lederbeutel und einen Schein zu und führte sie durchs Gehölz den Berghang hinab, indem er ihr leise auseinandersetzte, wo das Schiff zu finden sei, wie der Kapitän heiße, und was sie zu tun habe. Dann trennten sie sich. »Hihi, es geht ganz von selber, mein alter Fuchs,« lachte er im Zurückschreiten leise, »wie du willst! Die kleine Rote war mir nur im Wege, und sie ist jetzt dumm genug, Platz zu machen! – Hoho, Baron, du magst Truppen recht leidlich kommandieren, die Dollars aber, deine Schulden, die Zahlen im Konto, die kommandiert Prevost besser als du, und wenn du nicht völlig verrückt bist, marschierst du nun, wie ich kommandiere!« Als die Sonne mit geldigem Glührot die Batterien und das alte Fort St. George beleuchtete, verließ ein Handelsschiff mit vollen Segeln die Zollstation des East-River und zog gleich einem Schwane an Long Island vorüber dem Meere zu. Unweit des Steuers stand Sigh, schlicht, doch wie weiße Frauen gekleidet, sah zum entschwindenden Lande hin und breitete ihre Arme nach jenem grünen Hügel, gekrönt von Prevosts Haus, dessen Fenster im Morgenlicht wie Feuer glühten. Überströmenden Gesichts flüsterte sie bebend, leise: »Lebe wohl, mein Baron, deine rote Lady geht von dir für immer! Oh, nur in Manitus blauen Gefilden wirst du sie wiedersehen! – Großer Geist, der du ihn liebst, laß ihn gerettet sein durch meine Liebe, laß ihn nicht in die Hand des Mannes fallen, dessen Herz finster ist, weil er nichts kennt als das gelbe Metall, mit dem die Blaßgesichter einander betrügen!« – Jetzt hüllte sie sich in die Decke, setzte sich neben ihr Bündel und starrte noch lange dem in die Wogen versunkenen New York, ihrer versunkenen Erdenliebe, nach. Das Volk auf dem Schiffe lies sie zufrieden, der Kapitän hatte überdies gesagt: »Dies rote Mädchen soll man gehen lassen. Sie ist Frachtgut wie jedes andere, das sicher und unverletzt ankommen muß!« Als Steuben sich denselben Morgen von seinem Lager nach schlafloser, von wüsten, trübseligen Gedanken erfüllter Nacht erhob, war's ihm unendlich traurig im Gemüt, der Anblick des Meeres stimmte ihn melancholisch. – Als die Zeit des Frühstücks kam, das er mit Sigh zu teilen pflegte, schellte er. Bängo kam mit dem Kaffee und war sonderbar aufgeregt. »Hast du Sigh gebeten, zu kommen?« »Sigh nicht kommen, Massa! Sigh nicht da! Nicht in der Kammer, nicht im Hause; Sigh weg!« »Du bist närrisch!« »Sigh schon in der Nacht weg, nicht geschlafen, Massa! Sighs Bett ist glatt und zugedeckt. Sie ist weg mit ihren Kleidern und allem!« »Das ist unmöglich, ist unglaublich!« Er sprang auf. »Sie kann höchstens in die Stadt gegangen sein!« – Er eilte in Sighs Gemach, es war leer. – Die Indianerin hatte nicht nur ihre weiblichen Habseligkeiten, sondern auffälligerweise auch noch ihre Waffen mitgenommen, wie wenn sie dieser Schutzmittel bedürfe. – »Das deutet auf eine Reise!« flüsterte er starr. »Aber wo kann sie denn hingegangen sein? Welcher Zweck treibt sie fort? Wo ist dein Mann und Duponceau, Bängo?« »Früh in die Stadt; Massa weiß ja, warum!« »Erkundige dich bei Prevost und den Leuten, ob man sie gesehen hat.« Er taumelte fast, als er nach seiner Stube ging. Er ließ das Frühstück unberührt, vollendete seinen Anzug und schritt, auf den Stock gestützt, schwer die Treppe hinab. Bängo trat ihm mit Abel Prevost im Hausflur entgegen. »Haben Sie sie gesehen?« »Nein, Baron. Der Vater sagte, er habe gestern spät noch aus dem Fenster geschaut, da sei sie nach elf Uhr aus dem Hause gekommen, ein Bündel in der Hand. Er habe Sigh angerufen, sie habe aber zu laufen angefangen, hinab ins Holz, und fort war sie.« »Wenn sie noch in New York ist, muß ich sie finden! Wissen Sie, ob etwa diese Nacht oder heute morgen ein Schiff auslief?« »Mir ist, als wenn gestern morgen davon gesprochen worden, heute früh ginge ein Küstenfahrer nach dem Süden!« Steuben eilte, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Hause, durchs Gehölz, der nahen Stadt zu. Ihm war, als sei ihm das Herz aus der Brust gerissen, als bräche und sänke alles in ihm, Glaube, Vernunft, Empfinden. Wie er in die Stadt, durch das Menschengewühl zum Hafen kam, wußte er nicht. Nur die eine Idee bewegte sein Denkvermögen, daß, wenn ihn wirklich Sigh verlassen habe, sie mit einem Seeschiff nicht nach dem Süden, sondern mit einem Flußschiff den Nordriver hinauf gegen Norden gereist sein müsse. Vermochte sie aus irgendeinem Grunde nicht mehr bei ihm auszuhallen, so war doch sicher das Oneidaland, das Land ihrer Geburt, ihr Ziel, wo Yokomen lebte. Dieser Schluß wurde in ihm mehr instinktiv als durch Nachdenken klar, und wie schlafwandelnd wandte er sich dem westlichen Hafenquai des Hudson zu. Er fragte, ob Schiffe heute morgen oder diese Nacht stromauf abgegangen wären, ob man denn auf einem derselben oder im Hafen eine Oneidaindianerin gesehen habe. – Wohl wären vier Frachtschiffe abgegangen, von einer Indianerin wußte niemand. Steuben keuchte weiter über Broadway die French Churchstreet hinab zum Osthafen. Dieselbe Frage, dieselbe Antwort! Ein Schiff war am Morgen zwar südwärts nach der Chesaspeake Bai ausgelaufen, von Sigh jedoch wußte keiner. Unseres Freundes geistige Kraft war zu Ende, er fühlte nur das Eine, Ungeheuerliche, Unfaßbare, daß er – verlassen sei! Verlassen von ihr! Er lachte bitter. Er wandte um, sein nächster Gedanke war: »Zu Walker!« Als er so dahinschritt, fühlte er, sie sich seine ganze Natur verkehrte, sein ganzes Ich einen Stoß erhielt. Er traf den Freund im Wohngemach neben seinem Kontor, den kleinen sonnenverbrannten fröhlichen Walker, sie er so neben seiner großen brünetten Frau am vollen Frühstückstisch behaglich saß, es war mittlerweile elf Uhr geworden. »Bei Gott, Baron, am Vormittag? Da pflegen Sie sonst nicht die Stadt zu besuchen! Ein Glas für den Baron, Beth, und ein Kuvert! Vielleicht haben Sie meinen Vorschlag von gestern überlegt?« »Hahaha, hahaha!« Steuben sank auf den Stuhl am Tisch. »Überlegt? Wir Menschen denken und fühlen, guter Ben, überlegen, sorgen und hoffen. Dann stehen wir aber eines Morgens auf, haha, und finden, daß wir Narren wären, weil wir ja gar nichts mehr zu überlegen, zu sorgen und zu hoffen haben!« »Großer Gott, was fehlt ihm?« rief Walker entsetzt seiner Elisabeth zu, die mit Glas, Teller, Messer und Gabel eintrat. »Sie sehen ganz verstört aus, General!« »Verstört, Mrs. Elisabeth? – Nun ja! Es geht eine Rebellion in mir vor. Aus des großen Friedrichs Adjutanten, aus dem Freunde Washingtons, aus dem Schöpfer der Armee haben wir diesen Lumpen-Baron gemacht, der über sich selber spottet, sich selber verachtet.« »Wenn noch ein Funken gesunden Menschenverstandes in Ihnen ist, General,« sagte Walker bebend, »sprechen Sie, was geschah?« »Was geschehen ist? Nichts. – Eine Kleinigkeit, die noch dazu so natürlich ist. Gestern stellte mir Bargeld-Prevost in vier Wochen das Gefängnis in sichere Aussicht. Hätte ich den Kerl unschädlich machen, mir außerdem noch 'ne hübsche Summe als verständiger Kerl sichern wollen, ich hätte ihm meine 2000 Acres bestes Pennsylvanialand am Alleghany-River verkaufen können, der Filou weiß sehr gut, wie es zu versilbern ist. Aber Sigh war bei mir, das Weib meines Herzens, der ich eine Heimat für alle Fälle der Not sichern wollte, mit der ich hätte in die Einöde ziehen, wie ein Holzhacker arbeiten und dennoch glücklich sein können! Ich schwieg. Ich riskierte den Käfig! Ich hätte mich zeitlebens hineinsetzen lassen, damit Tamenunds Enkelin nur nicht zu darben brauchte! Was geschehen ist? Nun, diese Nacht ist sie auf und davon, sie hat mich verlassen!« »Sigh? Wäre es möglich, zu denken, daß Sigh Sie verlassen könne, Sie, der ihr Schützer, ihr Lebensodem war?« »Hunger, lieber Walker, die Furcht vorm Elend sind selbst der tiefsten Liebe Tod! Wenn ein Schiff sinkt, wie ich, verlassen es nicht bloß die Ratten, edlere Wesen tun's auch!« »Wenn Sie behaupten würden, die Engländer hätten Amerika wiedererobert und Cornwallis, der Ihnen den Degen übergab, werde in einer Stunde einmarschieren, bei Gott, eher hätte ich's geglaubt, als das! Ich hoffe, General, daß diese furchtbare Erfahrung Sie nicht hindern wird, die Probe zu machen, ob Ben Walker mit seinem Weibe Sie nicht auch noch verläßt und die letzte Ratte ist!« »Das kommt auf die Probe an. Ihre Qualität in Ehren, Walker, aber ich sehe nicht ein, weshalb mein Kamerad bei guter Gelegenheit nicht weniger treulos sein sollte als das Weib, an das ich mein ganzes Dasein gekettet habe!« »Nehmen Sie meinen gestrigen Vorschlag an?« »Gestern tat ich es Sighs wegen nicht, heute kann ich ihn annehmen! Also ich ziehe sobald als möglich zu Ihnen und zahle ehrlich so lange Wohnung und Kost, als ich noch was habe. Macht der Kongreß oder die Gicht der Geschichte kein Ende, nun, Oberst, ein alter Soldat weiß immer, was ihm noch bleibt!« Steuben erhob sich starren Blickes. »Gehen Sie nicht; jetzt in dieser grauenvollen Stimmung nicht! Nehmen Sie ein Glas Wein!« Mistreß Walker drückte Steuben sanft in den Sessel nieder und schenkte ein. »Sie haben recht. Alle beide habt ihr recht! Ja, Walker, ich hege den Glauben noch, will den Glauben hegen als letztes Gut, daß Freundschaft, im Schlachtfeuer geschmiedet, dauerhafter ist als Frauenliebe. Vielleicht ist mein ganzer Lebensfehler nur der, daß ich für Weiber viel zuviel empfand, ich mir von der Frauennatur zu göttliche Begriffe machte, die, welche ich geliebt, so verklärt und in die reinste Sphäre versetzt habe, daß sie notwendigerweise meinen Anforderungen eben nicht mehr genügen konnte. Oh, ich hatte ja bei Sigh völlig vergessen, daß auch der beste rote Mensch doch nur nach seinen roten Gaben handelt. Schenkt ein den Wein und trinket leer, das Trauern wollen wir lassen! Haha, mein Junge, ich werde kalt wie ein Eiszapfen sein, werde mit den Schönen meinen Spaß haben, mich ins Leben stürzen und den Rest meines Daseins verwirtschaften. Wenn noch eine süße, tiefere Regung in mir aufkommt, ein anderes Gefühl noch als Ironie, dann sollen auch Sie das Recht haben, Walker, sich von mir zu wenden, wie man den Narren verläßt, der sich selber verloren hat! Eins tröstet mich bei diesem Schlage. In meiner Jugend ging um mich ein geliebtes Weib zugrunde, ihrem Andenken allein wende sich das letzte kleine Stückchen Herz zu, was ich noch so der Nachfrage wegen in mir habe. Sigh aber habe ich nicht elend gemacht. Was sie an Glück genoß, sie hatte es von mir! Fand sie ein besseres Los, konnte sie es ohne mich finden, wohlan, sie nahm freiwillig ihr Geschick auf sich!« An dem Tage, welcher sein Herz so zertrümmert hatte, hielt er sich, nach Hause zurückgekehrt, scheinbar ruhig für sich, wanderte viel im Gehölz umher und suchte mit sich selber ins klare zu kommen. Am Abend machte er Duponceau und Karl Vogel Sighs Entweichen bekannt und eröffnete ihnen mit jener Ruhe, die nur in Ertötung aller Gefühle denkbar ist, daß er für ihre Lieb und Treue, für ihr Aushalten bei ihm zwar danke, aber mir noch so lange ihre Dienste annehmen werde, bis er das »Louvre« mit Walkers Haus in der Stadt zu vertauschen vermöchte. Dann sollten sie nur noch ihren eigenen Vorteile nachgehen. Zu diesem Entschlusse nötigten ihn nun seine Verhältnisse, die ihm jeden selbständigen Haushalt verboten. Änderten sich dieselben zu seinen Gunsten, daß er ihre Treue belohnen könne, und sie wären in der Lage, daß es ihnen wünschenswert sei, mit ihm sich wieder zu vereinen, dann würden Duponceau, Vogel und Bängo sicher sein erster Gedanke sein. Die kalte, klare Entschiedenheit, mit welcher das gesagt wurde, und die Karl Vogel schon aus Berlin her sehr wohl kannte, ließ keinen Widerspruch zu. Betrübt zogen sich die drei letzten, welche Steubens kleinen Hausstand gebildet hatten, am Abend dieses Trauertages zurück. »Still, Mr. Duponceau! – Lamentiere nur nicht jetzt los, Bängo!« sagte Karl Vogel, ehe sie sich in der Küche trennten. »Ich kenne ihn, er wird sich vorerst auswirtschaften, wie er das schon einmal vor Jahren getan hat. Vielleicht ist ihm das ganz gut und kratzt ihn wieder auf. Aber eins ist gewiß, das lasse ich mir nicht ausreden: Sigh ist aus 'nem besonderen Grunde von ihm gegangen, und ganz gewiß war es ein Grund, der zu loben ist! Was, weiß ich freilich nicht. Wenn er diesen besonderen Grund aber einmal zu erfahren kriegt, ich wette, das passiert ihm aber noch, dann wird er Sigh an aller Welt Enden suchen, sollte er dann auch nichts mehr tun können als an ihrer Brust zu sterben!« Am anderen Tage ließ Steuben durch Bängo Prevost zu sich bitten. Derselbe erschien und war nicht wenig über die Ruhe und klare Kälte des Barons erstaunt. »Es bestätigt sich also, daß Sigh fort ist?« sagte er mit scheinbarem Bedauern. »Da sie nicht hier ist, so bestätigt es sich natürlich, Prevost. – Setzen Sie sich, wir wollen von Geschäften reden.« »Ich bin immer dazu bereit.« »Sagen Sie, Prevost, wie kommen Sie zu der Mutmaßung, der Staat Pennsylvanien habe mich gleichfalls dotiert. Ohne Umstände, wieso wissen Sie das?« »Hm, hm, ja! Na, General, man sagte mir in Philadelphia und so, so – da ich in jener Gegend gerade zu tun hatte, reiste ich ein wenig nach Westmoreland Country – es ist der große Verkehrsweg nach dem Westen, General – und besah mir den Fleck. Zweitausend Acres herrliches Land! Hoher Wald, Prärie, Berg und Wasser – es lachte einem 's Herz!« »So! – Gesetzt nun, ich wollte damit was anfangen, wie hoch taxieren Sie das Land?« »Das ist – ehrlich gesagt, 'ne etwas eigene Sache. Da gibt es drei Taxen!« »Drei Taxen? Ich denke, der Wert einer Sache ist doch nicht dreifältig verschieden?« »Doch, doch! Er ist erstlich verschieden nach dem Manne, der das Land hat; ich bin gegen meine Gewohnheit ganz aufrichtig, Baron. Wenn Sie, mein Schuldner, es verkaufen, der Sie keine Mittel haben, – bah, so ist es« – Prevost schmatzte und hob die Nase schnüffelnd in die Höhe – »noch seine 12 000 Dollars Wert, 6 Dollars der Acre. Kauft das Land einer, der Geld hat, aber er weiß nicht wohin damit, na, der wird 20 000 geben, dann aber knapp durchkommen, das ist die zweite Taxe. Kauft Prevost es aber und packt das Geschäft an, wie 'n wirklicher Spekulant es soll, so ist das die dritte Taxe. Bah, dann kann er ruhig dreißig geben und weiß, daß er mit sechzig unter allen Umständen herankommen wird. Aber das wissen außer mir nicht viele, hihi, deshalb bin ich auch Prevost, Baron!« »Wie wär's mit 20 000? – Dafür würde ich's geben!« »General, ich – ich möchte eigentlich gar nicht kaufen, möchte es Ihnen lassen und mit meinem Verstande damit so manipulieren, daß Sie den ganzen Nutzen hätten!« »Was? – Aber Prevost, wie kommen Sie mir denn vor? Sie bilden sich doch nicht ein, ich glaube wirklich, Sie täten etwas aus Edelmut und umsonst?« »Lirumlarum, was heißt umsonst? Was ist Edelmut! Entweder ich habe an 'ner Sache ein Interesse und Sie nicht, oder es ist mein Vorteil oder mein Wunsch oder meine gutmütige Laune, daß Ihr Interesse mit dem meinigen Hand in Hand geht!« »Nun, wie geht das denn Hand in Hand?« Eins Pause sichtlicher Verlegenheit für Prevost kam. Dann wurde er rot, schnappte nach Luft und rückte an der Binde. – »Hand in Hand, jawohl! Ha, nehmen Sie also meiner Tochter Dina Hand, und ich gebe Ihnen dann meine Hand!« – Eine abermalige Pause erfolgte. Prevost senkte den Blick. »Mr. Prevost, ich werde Ihnen hierauf geschäftsmäßig antworten. Für Sie hat mein Penssylvanialand 60 000, für mich hat es nur 20 000 Dollars Wert. Die Differenz beträgt 40 000. Wenn ich nun den Wert von Miß Dina Prevost wirklich auf 40 000 rechne – Sie sehen, ich bin galant – und wenn ich die Hand der jungen Dame Ihnen mit dieser Summe dankbar jetzt zurückerstatte, dass würden Sie mir also runde 20 000 weniger 6000 herauszahlen. Auf dieses Geschäft gehe ich ein!« »Sie, General, Sie schlagen Dinas Hand aus?« »Diese mir für 40 000 Dollars wertvolle Hand – ja!« »Aus welchen Gründen, General? Weshalb wollen Sie sie nicht, Baron Steuben, da Dina eines reichen Mannes Tochter ist, Sie aber nichts mehr haben als Ihre sogenannte Ehre und Titel und das Vergnügen, daß die Leute Sie grüßen, wenn Sie vorbeigehen!« »Das eben ist der Grund!« und Steuben erhob sich. »Ist's gefällig?« Eine entlassende Geste erfolgte. »O gut! Sehr schön! – Aha, so stehen wir?« Prevost erhob sich. »Wissen Sie, daß Ihre Gesamtschulden 15 000 betragen? Wissen Sie, daß ich alle Forderungen Ihrer Gläubiger aufkaufen werde? – Der Teufel soll mich holen, wenn Ihnen noch was anderes übrigbleibt als Dina zu heiraten! Ich will Ihnen zeigen, daß ich durchführen kann, was ich mir in den Kopf gesetzt habe!« »Mein Herr Prevost, Sie sind in Ihren Handlungen, was Geld betrifft, ungeniert. Ich weiß jetzt wenigstens, was mein Gut am Alleghany-River wert ist! Klagen Sie! Ich zeige Ihnen an, daß ich morgen nach der Stadt zu Oberst Walker ziehen werde!« Prevost sah ihn mit einem dummstaunenden Stierblick an, als sei ihm Steuben unbegreiflich, dann zuckte er die Achseln und ging hinaus. – Am nächsten Morgen schickte sich Steuben an, sein »Louvre« zu verlassen. Ein Lastkarren nahm bereits seine Habseligkeiten auf, als Prevost noch einmal erschien. »Sie können sich wohl gar nicht von mir trennen, lieber Herr?« sagte Steuben sarkastisch. »Wie gestern, Baron, wenigstens nicht. – Donnerwetter, ich – ich muß besoffen gewesen sein, Ihnen so mitzuspielen!« »Wenigstens rechtfertigte Ihr Benehmen so ziemlich die Vermutung.« »Wie gesagt, ich war 'n Narr! – Kurzes Gebot also, General, 20 000, und das Gut in Westmoreland Country ist mein; natürlich die Schulden abgezogen. »Mit 20 000, wie gesagt, ist es Ihr Eigentum! Von morgen an stehe ich Ihnen und Ihrem Notar bei Mr. Walker zu Diensten.« Die rote Lady Wenn Steuben auch jetzt allein lebte und nur für sich zu sorgen hatte, mußten binnen zwei, höchstens drei Jahren seine Mittel sich doch erschöpfen. In seiner Stellung im Hauptquartier und auf seinen vielen Inspektionsreisen stets gewohnt, zu repräsentieren, vermochte er sich jetzt um so weniger einzuschränken, als die große Geselligkeit, in der er lebte, ihm auch die entsprechenden Ausgaben auferlegte. Auch von Walker trennte er sein Leben. Derselbe hatte sein Haus verkauft und war auf Courtlandstreet gezogen, Steuben aber fand nicht mehr die wünschenswerten Wohnräume bei ihm. Er mietete deshalb in einem Hause des Dr. Vaché in der Fultonstreet ein Quartier, aß in dem bekannten Boardinghouse der Miß Danberry in der Wallstreet zu Mittag, kurz, richtete sich völlig darauf ein, als alter Junggeselle zu sterben und allem Valet zu sagen, was Liebe, Ehe, Häuslichkeit und friedlichen Besitz in sich schloß. – Im Jahre 1785 siedelte der Kongreß von Trenton nach New York über und erhob dadurch diesen Welthafen zur Hauptstadt der gesamten Union. Diesen Umstand benutzte Steuben, um direkt auf endliche Erfüllung seiner Ansprüche zu dringen. Erst wollte ihm die Regierung nur 20 000 Dollars bewilligen, also kaum den dritten Teil seiner Forderungen, endlich gar nur 7000! Neue Kränkungen, neue Bitterkeiten wurden ihm bereitet, und zugleich steckte er tief in dem Kampfe der beiden großen Parteien, welcher immer heißer entbrannte, ein immer drohenderes Aussehen annahm. Die ihm fortgesetzt erwiesene schlechte, ja geradezu schimpfliche Behandlung seitens des Kongresses erregte in New York aber nach und nach den Unwillen aller maßgebenden Kreise. Das New Yorker Staatenhaus endlich, um ihm dem Kongreß gegenüber seine Hochschätzung zu beweisen, verlieh ihm am 5. Mai 1786 eine Viertelsektion von 16 000 Acres kürzlich den Indianern abgekauften Landes, zwölf Meilen nördlich vom alten Fort Schuyler Nunmehr die Stadt Utica. D. V. im Oneidalande. Man erhob das Gebiet zu einer eigenen Sektion und nannte es »Steubenville«. Oneidaland! Oh, er kannte es gut genug! Hatte er nach seiner letzten Krankheit zu Saragota nicht dies Paradies mit Sigh besucht und geträumt, mit ihr hier einst zu leben? Jetzt war ein ansehnlicher Teil dieses von Gott überreich gesegneten Distriktes sein, aber nicht bloß die Mittel fehlten ihm, es für sich zu nützen, vor allem fehlte sie, sie, die allein diesem Eden Wert verliehen, ihm den Reiz der Heimat und des Friedens gegeben hätte! Wehmütige Bitterkeit war das Gefühl, mit dem er die Schenkung annahm. Er hätte sie leicht auch ohne Prevost jetzt zu Geld machen können, denn da in drei Tagen sein Besitztum von New Port aus zu erreichen war, dessen Rohprodukte mittels des Susquehanna sich ohne Schwierigkeit in den Handel bringen ließen, man auch bereits begann, in umfangreichem Maße Agrikultur zu treiben, war dieser Besitz von ganz anderem Werte als die Strecke am Alleghany oder am Muskingum. Wie hätte er vom Oneidalande aber nur eine Hufe weggeben sollen, dem Lande, wo Tamenund gelebt hatte, wo wie er wußte, Yokomen hauste, Sigh vielleicht unter dem roten Volke bei ihm? – Es war ihm eine Art traurig-stolzer Genugtuung, Herr dieser köstlichen Strecke zu sein, besaß er auch nicht das Geld, sie zu genießen. Gegen Herbst desselben Jahres hatte er sich eines Abends in der Sitzung der Deutschen Gesellschaft befunden und verließ eben mit etlichen Freunden das Versammlungslokal. Als er auf die Straße trat, fiel sein Blick auf einen Indianer, der, völlig zur Reise gerüstet, vor ihn hintrat. »Yokomen!« »Sago; Tamenunds Sohn kommt zu dir!« Steuben empfahl sich seinen Freunden und gab der Rothaut ein Zeichen, ihm zu folgen. »Du kommst vom Oneidalande?« »Mit noch fünf anderen Oneidabrüdern, Baron. Die Leute von New York mit ihren Gerichten und Gesetzen haben uns gezwungen, unser Land für Geld zu geben! Ist Geld Boden? Ist Geld Wald, Berg und Wasser, in dem arme Indianer leben können? Sie wollen uns zwingen, weiter nach Norden zu ziehen, und viele Länder sind schon weg. In Kanada aber leben unsere alten Feinde, die Rotröcke und die falschen Mingos, die herauf ins Gebirge steigen, Yokomen geht nicht dahin! Ich bin mit den fünfen bei Fort Schuyler zu Mr. Post, deinem Freunde, gegangen, dem Kaufmann aus Schenektady, der auch immer unser Freund war, unsere Felle und Häute kaufte und mit uns Handel trieb. Hat Tamenunds Sohn ihn gefragt, ob der neue Herr des Tals, in dem er und Sigh geboren sind, uns nicht wolle wohnen lassen wie immer. Mr. Post hat gesagt, der große Baron, unser Freund, sei jetzt des Landes Herr, die New-York-Leute hätten ihm viel davon gegeben. Lasse uns wohnen bleiben, Baron!« – Steuben stand erschüttert. Er reichte Yokomen die Hand. »Mein Bruder soll mit den Seinen nicht von mir verdrängt seien. Mein ist das Land zwar, und ich will es behalten, aber ihr sollt seine Gründe bewohnen, sollt in seinen Wäldern jagen und in seinen Wassern fischen!« »Ich habe gewußt, Bruder, daß du so handeln wirst! Aber wir wollen mit dir teilen, was Wald und Strom bietet, wollen dir ein Blockhaus bauen, wie du im Valley Forge eins hattest, und wie die Farmer sie haben. Du sollst unser weißer Häuptling sein. Dann komme mit ihr. Komme und mache Sigh zu deiner roten Lady!« »Sigh? Haha! Hahaha! Ich soll mit Sigh zu euch kommen? So ist denn Sigh nicht im Oneidaland?« »Sigh? Tamenunds Enkelin, meines toten Bruders Kind, kann nirgends als bei ihrem Baron sein!« »So sieh doch, haha, ob sie bei mir ist! Verlassen hat sie mich! Verlassen hat sie mich! Verlassen seit zwei Jahren! Allein bin ich, allein will ich auch bleiben, Oneidaland soll mich nicht wiedersehen!« Yokomen stand wie ein regungsloses Steinbild. – »Sie muß um schwere Dinge von dir gegangen sein!« sagte er endlich tiefatmend. »Natürlich, um leichte Dinge nicht! Ein Bettler war ich, der Hunger drohte ihr, mich aber erwartete das Gefängnis, weil ich mehr Schulden hatte, als ich bezahlen konnte. Da schlich sie sich in einer Nacht weg. Freilich, als sie noch neben mir zu Pferde sitzen konnte, als ich Diener und Gefolge genug hatte, sie um meinetwillen Ehre genoß, da konnte sie bei mir leicht aushalten!« »O Baron,« und Yokomen hob warnend den Finger, »dein Herz ist dunkel geworden, dein Geist trübe! So spricht keiner von Tamemunds Kind, so darfst du von Sigh, vom Weibe deiner Seele, nicht denken! Wenn sie ging, so ging sie mit zerrissenem Herzen! Wenn sie ging, so ging sie aus Liebe zu dir! Lache nicht! Untreue lag nie im Blute Tamenunds! Ich werde sie suchen! Da du uns in Oneida leben läßt, sollen die fünf Brüder zurück, ich will aber nach dem Süden unter die Cherakis, will Smirk holen ins Oneidaland; sie hat versprochen, mir zu folgen! Überall, bei dem großen Wash, bei General Greene, bei allen, die dich und sie, die Tamenund je geliebt haben, will ich fragen, ob sie von Sigh hörten! Vielleicht finde ich sie so, daß deine Worte dich reuen und du dich schämst über dein leeres Herz! Gib mir eine Schrift, Baron, daß wir letzten roten Männer mit unseren Weibern leben dürfen in deinem Lande!« Steuben war still geworden. Er konnte dem starken Gefühle Yokomens seine Zweifel ferner nicht entgegensetzen, war es ihm in diesem Augenblicke, wo er seinen roten Freund wiedersah, doch selber so, als könne es nicht wahr sein, daß Sigh ihn wirklich verlassen habe! Und doch war sie fort. Wo war sie? Schweigend hatten beide des Barons Wohnung erreicht. Steuben schrieb und unterzeichnete den Erlaubnisschein, in Oneida zu hausen, für Yokomen und die fünf letzten Indianerfamilien, für seine ersten Ansiedler! »Sehe ich dich wieder?« fragte er Yokomen trübe, als er ihm die Schrift reichte. – »Wenn ich Sigh gefunden habe, ja, sonst – nie!« Ohne Handschlag, ohne Gruß ging der Indianer hinaus; er war gekränkt in tiefster Seele. Diese Reaktion zu Sighs Gunsten hielt bei unserem Helden leider nicht lange vor, und der Grund hierzu war einfach genug. Hätte er sich die Schuld beimessen müssen, daß Sigh ihn verließ, Steuben hätte das Leben nicht ertragen können. Sie hatte ihn verlassen, heimlich und seinen Wünschen entgegen, hatte ihn in der Zeit seiner schwersten Lebensnot aufgegeben, ihm in sich den letzten Trost geraubt. Sigh der Treulosigkeit überführt zu finden, gab ihm allein das Recht, so zu sein, wie er jetzt war, so töricht gehandelt zu haben, wie er gehandelt hatte. Er gefiel sich in der Vorstellung, daß gerade der Umgang mit der Kultur der Weißen, mit Martha Washington, Clemence Greene und das für das indianische Mädchen neue glänzende Leben der Kriegszeit nach und nach ihren einfachen Charakter verändert, verschlechtert habe und ihr Herz, das dem General Steuben geschlagen hatte, dem Bettler Steuben entfremdet worden sei. Schließlich wäre sie heimlich weggeschlichen, um ihm nur nicht gestehen zu müssen, daß sie ihm innerlich lange schon verloren sei. Diese Anschauung, von den Tatsachen unterstützt, überwog alles, was Yokomen behauptet hatte. Es war klar, daß der Indianer sie nicht finden würde. Im Jahre 1787 überwog im Kongreß endlich einmal die föderalistische Partei die der Demokraten. Am 4. Januar wurde Steuben mit einer Zuschrift des Kriegsministers General Knox der bereits votierte Ehrendegen überreicht. An dessen goldenem Griffe prangte der Adler der Union mit dem Sternen- und Streifenschilde. Neben den Symbolen des befreiten Amerika und der Minerva im Kriegsgewande am Griffe befand sich, emailliert, das »Blaue Buch, der Kodex der Armee«. Um zu seinem Rechte zu kommen, ließ Steuben jetzt alle schriftlichen Beweise für die Solidität seiner Forderungen drucken und veröffentlichte sie in einer Broschüre, die er an die hervorragenden Männer des Staates versandte. Das Übergewicht der föderativen Republikaner hielt eben nicht lange vor, die Gegenpartei machte die unerhörtesten Anstrengungen. Alle Staaten kamen in politische Bewegung, der Augenblick war da, wo entweder die Union zerreißen, in einzelnen Sonderstaaten sich auflösen mußte oder eine Gegenbewegung eintrat, welche das zersetzende Prinzip niederwarf und die Union mittels einer starken Regierung für immer befestigte. Dieser das Jahr 1783 kennzeichnende Kampf hatte zur Folge, daß das Kongreßkomitee, welches Steubens Angelegenheiten ernstlich untersuchen sollte, sich überaus kläglich verhielt. Unser Freund hatte dasselbe Los wie der amerikanische Staat, so konnte er nicht mehr existieren! Er war jetzt an derselben äußersten Grenze seiner Not wie Amerika an der Grenze des Bürgerkrieges angelangt. Ein Mittel gab's, die Sache zur Entscheidung zu bringen, und beide streitenden Parteien verlangten schließlich nach ihm, die Auflösung des alten Kongresses, die Wahl einer neuen Regierung auf Grund der von Franklin verfaßten Konstitution. Welche Wahlkämpfe stattfanden, mit welchen Mitteln operiert wurde, kann, wer die Agitationen des heutigen Amerika kennt, erraten. Steuben war mitten in der Bewegung und rastlos tätig. Seine Armut machte mit seinem Verdienst und seiner Rednergabe seinen Einfluß nur noch entscheidender, zumal er als rein und unbestechlich bekannt war. Die Demokraten unterlagen, die Anhänger der Union siegten. Der erste Kongreß trat zusammen und wählte im Frühjahr 1789 zu seinem ersten Präsidenten George Washington!– In New York herrschte grenzenloser Jubel. Steubens Herz war in dem Gedanken beglückt, daß der Staat, für den er alles eingesetzt hatte, der ihm so teuer geworden war, gerettet sei, war er doch verwachsen mit ihm durch alle Lebensfasern. – Anfang April wurde Washington erwartet, Cincinnatus, den das Volk aus der stillen stolzen Einsamkeit des Mount Vernon, aus dem engen schmucklosen Hause seiner Väter zurückberief. Steuben war leidend, die letzten politischen Kämpfe hatten ihn sehr angegriffen – leidend und allein in seiner kleinen Wohnung, die er nunmehr im Hause des Dr. Tillory an der südöstlichen Ecke von Broadway und Wallstreet bezogen hatte. Immer kleiner, immer enger war's um ihn geworden, was Wunder also, daß er in der Außenwelt allein alles fand, im Äußerlichen sich selbst vergaß? Der Abend sank. Schatten lagerten auf den Straßen, der letzte rosige Schein am Himmel verglomm. In Steubens Klause war's finster. Ein Geräusch unterbrach sein Grübeln. »Ist da jemand?« »Ich bin es, mein Bruder, Sago!« »Yokomen, du?« Er erhob sich überrascht. »Ich bin lange geblieben, Baron. Ich habe unter meines Vaters Feinden, den Cherakis, gelebt, Habe das Kriegsbeil mit ihnen zusammen begraben und ziehe mit Smirk ins Oneidaland!« »Wohl dir, so hast du alles, um beglückt zu sein. Hast du sie gefunden?« »Ich habe Sigh gefunden, und damit du siehst, daß ich wahr rede, nimm das!« Er legte ein Papier in des Erstaunten Hand. Als Steuben es öffnete, glänzte ihm im Abendlicht das goldene Kreuz entgegen, welches er als ewiges Liebeszeichen einst Sigh geschenkt! »Großer Gott!« schrie Steuben. – »Oh, habe Erbarmen, Yokomen, wo fandest du sie und wie? Ach, werde ich sie jemals wiedersehen?« »Ich fand sie so, wie ich Tamenunds Enkelin stets gefunden habe! Du wirst sie sehen, wenn du willst!« »Und wo?« »Wo du sie findest, Baron? – Ich sage es nicht, du wirst es erfahren, und welch arges Herz du hattest! Warte, bis der große Wash kommt!« »Washington? Sie ist bei ihm, bei Martha?« »Ich sage nichts weiter. Lebe wohl! Im Oneidalande magst du mich treffen, wenn dieses Zeichen, das du anbetest, an der Stelle ruht, die du ihm an einem besseren Tage gegeben hast!« Yokomen ging hinaus. Wie von eurem Wetterstrahl geblendet, verwirrt und betäubt stand Friedrich von Steuben. – – Der 30. April war zur feierlichen Einführung des Kongresses bestimmt. Seit einer halben Woche schon schmückten Banner und Flaggen mit Gewinden aus erstem Grün die Straßen von New York, und der Hafen glich einer offenen Festhalle. Vom Georgsfort standen die Milizen die alte Biberstraße und Broadstreet entlang bis zur Kongreßhalle, in dessen Räumen Washington residieren sollte. Steuben war es so festlich erwartungsvoll und doch so weh, hoffnungsreich und doch gar bange zumute. Wohl gehörte er zu den Ersten, Glänzendsten, die den berühmten Staatsmann hätten begrüßen müssen, aber seine alte Uniform war doch zu abgetragen; er wollte seine offenbare Armut den Blicken an diesen Freudentagen denn doch nicht preisgeben. Deshalb hatte er seinen Freunden, den Deputierten Jay und Hamilton, gesagt, er werde am 29., dem Ankunftstage Washingtons, nicht auf der Reede sein, wenn ihn Exzellenz aber sprechen wolle, möge er ihm die Dunkelstunde zu einer Audienz bewilligen. – Die Dunkelstunde kam. Steuben saß am offenen Fenster in der alten Uniform, den Ehrendegen im Gehänge, Sighs Kreuz in der Tasche auf seiner Brust. Wohl hatte er gegen Mittag drei Uhr das Jauchzen vom Hafen her gehört, das Hochrufen. Die Fenster begannen nun überall zu schimmern im Lichterglanz, und Arm in Arm zogen die Menschen, flammende Lieder singend vom »freien Young Amerika«. – Es klopfte. Hamilton trat herein. Er drückte Steuben die Hand. Kommen Sie nur zum alten Wash. Erheben Sie das Haupt! Auch mit Ihnen wird es jetzt besser!« »Es müßte nur bald sein, Hamilton, sonst ist's – zu spät!« – Er folgte ihm durch die volkreichen, von Freudentönen erfüllten Straßen, brütend und geistig abwesend. War es ihm nicht in diesem schrillen Menschengewoge, wie wenn er ein halb zerbrochenes Fahrzeug wäre, ankämpfend gegen die Fluten, wie eine einzelne Menschenwelle, begraben im Sturmschwall seiner Mitgeschöpfe? Oh, diesen Volksjubel, diese wälzenden Massen, hatte er sie in Petersburg nicht gesehen, Katharina zujauchzend, die ihn so zärtlich geküßt hatte? Hatte nicht ebenso rauschende Volkslust den einzigen Friedrich umtönt, den jetzt das Grab deckte wie die stille Sophie? Noch nie war ihm die Menge so zuwider, noch nie die Sehnsucht nach Stille so nahe gewesen, noch nie hatte er inmitten allgemeinen Wonnetaumels so herb die Endlichkeit aller Dinge empfunden. Alexander Hamilton führte ihn durch eine Seitentür der Kongreßhalle eine Hintertreppe hinauf in ein kleines Vorzimmer. »Gehen Sie nur zu ihm hinein, seine Familie ist bei ihm. Ich kann warten.« Als Steuben das weite, hellerleuchtete Wohngemach betrat, sah er Washington mit Martha am Tische sitzen, Sigh zwischen sich. Steuben blieb stehen. War es, daß Sighs nun völlig vollendete weiblich entwickelte Schönheit ihn so blendete, oder daß die stumme Ergebenheit ihn tief erschütterte, mit der sie niedergeschlagenen Blickes sich erhob, er wußte nicht, was mit ihm vorging. Washington trat auf ihn zu und reichte ihm bewegt die Hand. »Steuben, ich heiße Sie als Kriegskamerad, als Mitstreiter im Kampfe dieser Tage willkommen. Kein Wunder, daß die erlittene Mühsal, daß die Stürme der letzten Zeit Ihren früheren großmütigen Charakter, Ihren inneren Menschen aus den Fugen trieben! Sie haben geirrt und wahrscheinlich sich ein Glück verkürzt, das Ihrer längst gewartet hat! Als Sigh vernahm, jener Schurke Prevost wollte Ihnen an Ehre und Freiheit, wolle Sie gar ins Gefängnis bringen, da bat sie diesen Mann heimlich, daß er mit seiner Drohung noch warte, sie wolle ihm das Geld schicken. Sie hat es ihm gesandt. Sigh hat sich meiner Martha als Sklavin verkauft für 7000 Dollars, und der Wechsel von Hunter \& Blakeley zu Baltimore an Sie war dieses einzigen Mädchens Kaufpreis! Hier ist der Zettel, den Prevost ihr mitgab. Hier ist Ihre Quittung über die Summe. – Sigh, du bist frei! Du warst die Letzte meiner unfreien Leute, uns aber so lieb wie ein Kind. Möge der Mann dich belohnen, für den du dich selber hingegeben hast!« – Steuben wankte auf die Indianerin zu. Er wollte sie umarmen, aber er brach kraftlos in die Knie, seine Hände umfingen ihre Füße. Sie erhob sein Haupt, sie drückte es an ihre Brust. »Kannst du's vergessen, daß ich dich verließ?« »O Weib, mein Weib, ich denke jetzt an nichts mehr, als daß ich wieder dich besitze! Willst du mein, willst du meine rote Lady sein und mit mir bei den Deinen im Oneidalande wohnen? Sieh hier das Kreuz, nimm's wieder an deine Brust, und ich werde Frieden haben für immer!« – Zitternd erhob er sich, weinend vor Weh und Lust hing er das Kreuz ihr um den Hals, dann küßte er ihr wie ehemals Augen, Mund und Hand. »Tamenund hatte recht!« flüsterte sie. »Ich werde die erste rote Lady unter dem weißen Volke sein, deine Lady, mein Baron!« »Ich bitte Sie, Exzellenz, bitte Sie, teure, hochsinnige Frau, die diesem Engel Mutter war, seien Sie Zeuge, wie ich Sigh zu meiner Gattin mache!« »Ich habe das vorausgesehen und bereits dafür gesorgt. Ihre Rechte, lieber Baron, werden Ihnen durch des Kongreß nunmehr gesichert werden. Sie werden bis zur Ordnung Ihrer Verhältnisse über meine Kasse verfügen, ich aber werde hoffentlich kulanter als Prevost sein! Eins nur mache ich mir im Namen der Union, in Ihrer Freunde, in unserem Namen zur Bedingung! Ihre Winter gehören uns und New York, der Sommer dem Oneidalande! Gehen Sie darauf ein?« »Exzellenz, könnte ich Ihnen denn das verweigern, was Inbegriff meiner eigenen Wünsche ist?« Washington lächelte. Er reichte Sigh den Arm, die Präsidentin bot Steuben den ihren. Sie traten in den angrenzenden Saal. Ein Jubelruf empfing Steuben, Hamilton, Greene und Clemence, Armstrong, Jay und Walker mit ihren Frauen umarmten ihn. Der Hochzeitstafel gegenüber, zwischen den beiden Fenstern, war ein kleiner Altar errichtet, dort segnete der Prediger von St. Paul den »amerikanischen Generalmajor Baron von Steuben und Miß Sigh« – die erste rote Baroneß – ein. Am anderen Morgen ging Steuben Washington zur Seite, als der Kongreß ihn feierlich auf den ersten Präsidentenstuhl setzte. Wenige Tage später eilten drei Gefährte dem Oneidalande zu. Im erstes saß Sigh und der Baron, im zweiten Karl Vogel und Bängo, der dritte Wagen trug Steubens kleine Wirtschaft. Im reizenden Oneidalande, unfern den Trentonfällen, lebten Steuben und Sigh selige Jahre der Liebe. Dort unter den Tannen senkten sie auch des großes Friedrichs Adjutanten in die Gruft. *   Sub tutela altissimi semper!