M. W. Sophar Dunkle Taten Detektiv-Roman   Dresden Rudolph'sche Verlagsbuchhandlung Kapitel 1. Eine merkwürdige Entdeckung »Justus Wise, Privat-Agent, vom Hofe und einem hohen Adel protegiert und viel in Anspruch genommen.« (Haben Sie das? Dann fahren wir in Briefform fort: –) »Sehr geehrter Herr (oder gnädige Frau): Haben Sie ein Geheimnis? Gibt es etwas in Ihrem Leben, von dem Sie wünschen, daß es Ihre Gattin (oder Ihr Gatte), Ihr Vater oder Ihre Mutter oder Ihr liebster Freund nicht erfahren? Haben Sie vielleicht in einem schwachen Augenblick eine Handlung begangen, deren Folgen oder auch schon die Furcht, daß sie ans Tageslicht gezogen werden könnte, einen Schatten auf Ihre Existenz werfen und Ihnen das Leben zur Last machen können? Haben Sie vergeblich versucht, gegen diese Furcht anzukämpfen, haben Sie auch vergebliche Anstrengungen gemacht, sich dieser Angst ganz zu entschlagen oder sich durch das Eingeständnis Ihres Vergehens zu erleichtern? Und nachdem sich herausstellte, daß Ihnen keiner dieser Auswege möglich gewesen, sind Sie da nicht in die Qualen der Verzweiflung zurückgesunken? Gehen Sie dann zu Justus Wise, 142, Berkland Straße, SW., zweiter Stock. –« »(Sie ändern das besser in vierten Stock! Daß es nahe unterm Dach ist. wird nichts schaden. Also weiter:)« »Schellen Sie zweimal und treten Sie ein. Haben Sie einen offenen oder unbekannten Feind, der Ihnen das Leben verbittert, empfingen Sie einen anonymen Brief, befürchten Sie, daß jemand, der Ihnen nahesteht und Ihnen teuer ist, Sie hintergeht, haben Sie irgendwelche Sorgen oder leiden Freunde von Ihnen unter Sorgen? Dann ziehen Sie Justus Wise zu Rate. Wollen Sie sich mit Ihren Gläubigern verständigen? Taten Sie unter dem Druck der Verhältnisse etwas, was jene besser nicht sogleich erfahren? Brauchen Sie Geld für ein neues Unternehmen, ohne daß Sie sich an Ihre gewohnten Hilfsquellen wenden möchten? Sind Sie einem Erpresser in die Hände gefallen? Kurz gesagt, befinden Sie sich in irgend einer Schwierigkeit und bedürfen Sie zu welchem Zwecke immer eines Vertrauensmannes, so gehen Sie zu Justus Wise. Er ist ein Gentleman von Geburt und Empfindung und, mag eine Angelegenheit noch so heikel sein, die Verhandlungen mögen noch so großer Geschicklichkeit und Erfahrung (Justus Wise stehen langjährige Erfahrungen zur Seite), noch so strenger Verschwiegenheit und noch so viel an Takt und Umsicht bedürfen (Justus Wise haben Hof und Hochadel ihr Vertrauen geschenkt), Sie können wirklich nichts besseres tun, als Justus Wise aufzusuchen. Wenn etwas zu machen ist, so macht es Justus Wise. Mögen die Dinge auch noch so dunkel ausschauen, die Verwicklung unlösbar erscheinen, die Gefahr noch so gewaltig drohen, Erfahrung und Geschicklichkeit, wie sie Justus Wise besitzt (laut Ausweis seiner Zeugnisse), finden einen Ausweg, wo es Ihnen in Ihrer Angst unmöglich dünkt, daß es überhaupt noch einen Ausweg gibt.« »Wir wollen zunächst tausend Exemplare hiervon hinausgehen lassen. Ich werde Ihnen die Adressen geben. Sie müssen das Rundschreiben selbst austragen, das stellt sich billiger als die Postbeförderung. Ich denke, das muß ziehen. Es muß ziehen. Unser Inserat hatte keinen Erfolg, weil es nicht klar genug war. Ich bin aber überzeugt, das hier muß Erfolg haben, Dark.« »Und wenn nicht, Herr Wise?« »Wenn nicht, Dark? Wenn nicht, nun dann werde ich mir etwas anderes ausdenken. Der Wirt hat uns erlaubt, hier auf vierzehn Tage hinauf zu ziehen. Das ist keine allzugroße Gefälligkeit, denn es ist ihm trotz seiner Bemühungen ja nicht gelungen, diese Zimmer anderweitig zu vermieten. Nachdem die zwei Wochen verstrichen sind, dauert es mindestens noch acht Tage länger, bis er uns los wird. Und in drei Wochen kann sich vielerlei ereignen. Es ist hier übrigens verzweifelt kalt, Dark. Können Sie nicht nebenan einheizen? Es ist doch noch ein Rest Kohlen vorhanden?« Während sein Angestellter seinem Wunsche entsprach, nahm Justus Wise das soeben von ihm diktierte Rundschreiben zur Hand und las es mit offensichtlicher Befriedigung noch einmal durch. – Wise war ein Mann von mittlerer Größe, etwa fünfundvierzig Jahre alt und sehr sorgfältig gekleidet. Alles glänzte an ihm, vom Hut hinab bis zu den blank gewichsten Stiefeln, selbst sein schwarzer langer Schnurrbart und seine Zähne, die künstlich waren, blendeten fast mit ihrem Weiß das Auge. Seine Nase hatte etwas von einem Habicht-Haken und seine sehr scharfen, ruhelos umherschweifenden Augen, die alles zu durchforschen schienen, konnten auch den allgemeinen angenehmen Eindruck nicht abschwächen, den man von ihm empfing und der sogleich das Gefühl erweckte, daß ihn das Schicksal wohl glimpflicher hätte behandeln können. »Wenn dieses Rundschreiben an sämtliche Mitglieder des Carlton- und des Athenaeum-Clubs geht, so könnte es den Beginn eines glücklichen Unternehmens bedeuten,« sagte sich der Agent, indem er das Papier mit seinem spitzen Zeigefinger berührte, »aber das kann ich für den Augenblick gar nicht durchführen. Ich muß mir einige Adressen heraussuchen und dem Zufall vertrauen, wenn der mir nur zu etwas Kleingeld oder dem ersten Kunden rasch verhelfen möchte. Pfui! Was ist denn mit dem Feuer los?« In seine Zukunftsgedanken vertieft, hatte Wise gar nicht bemerkt, wie sich das Nebenzimmer allmählich mit Rauch füllte, bis ihn das Eindringen einer besonders dicken und schweren Rauchwolke veranlaßte, sich nach der Ursache umzusehen. »Was machen Sie denn mit dem Feuer?« fragte er beim Betreten des kärglich möblierten Zimmers sehr erbost. Der Schreiber, ein stramm gewachsener Mann, dem man seinen früheren Soldatenstand ansah, beugte sich über das Kamingitter und hustete heftig. »Ich kann es mir gar nicht erklären, wie das zugeht,« meinte der Diensteifrige. »Vielleicht ist hier lange Zeit nicht geheizt worden oder das Rohr muß verstopft sein. Der Rauch zieht nicht gut ab.« »Gut abziehen!« spottete der Agent zwischen zwei Hustenanfällen. »Er zieht überhaupt nicht ab. Ich werde mich beim Hauswirt darüber beschweren – später. Der Schornstein ist sicherlich verstopft. Sehen Sie doch 'mal hinauf, Dark. Können Sie nichts entdecken?« Gehorsam krümmte und wandte sich der Schreiber, um in den Schornstein hinauf zu blicken. »Da steckt 'was, glaube ich.« sagte er nach einer Minute. »Natürlich, da muß 'was stecken. Können Sie es nicht herausholen? Was ist es denn?« Dark machte einen neuen Versuch, sich um die Eisenstange durchzuwinden, des Feuers und Rauches gar nicht achtend. Dann aber zog er den Kopf rasch zurück. Sein Gesicht war leichenblaß. »Nun. was ist es?« »Es sieht aus, Herr Wise – es sieht wie ein Paar Stiefel aus.« »Ein Paar Stiefel. Na, ziehen Sie sie doch heraus!« Und da Dark zauderte, wiederholte der Agent seinen Befehl in schärferem Tone. Dark legte wie entschuldigend die Finger auf den Mund, bückte sich nieder und blickte nochmals in den Schornstein hinauf. »Ich glaube, wir löschen erst das Feuer, ehe wir die Stiefel hinunter ziehen,« meinte er. Wise starrte ihn an. »Das Feuer löschen? Wozu das? Um ein Paar Stiefel hinunter zu ziehen?« »Ja, Herr Wise. Ich glaube – ich glaube, es steckt 'was darin.« Der Agent sah dem anderen in das blasse Gesicht und wechselte dann selbst rasch die Farbe. »Großer Gott! Sie wollen doch nicht sagen, daß ein Körper im Schornstein hängt?!« Dark nickte und feuchtete sich die Lippen. Beide sahen sich niedergeschlagen an. ohne daß einer ein Wort zu sprechen wagte. Wise faßte sich zuerst. »Holen Sie mal rasch etwas Wasser, Dark, draußen an der Treppe hängt ein Feuereimer. Was es auch sein mag, wir müssen es doch hinunterschaffen. Aber, daß es ein Körper ist, kann ich doch nicht glauben. Sie irren sich. Wie sollte so 'was wohl möglich sein?« Trotzdem trat er an die entgegengesetzte Seite des Zimmers, während Dark das Wasser holte, und betrachtete den Kamin mit scheuem Blick. Er zwirbelte nervös an seinem Schnurrbart. Das Feuer war bald gelöscht, und nachdem der Rauch sich verzogen hatte, beugte sich Dark abermals, um den Schornstein zu durchforschen. Dann streckte er seinen kräftigen Arm aus und zerrte an einem Gegenstand, der den Blicken noch unsichtbar blieb. »Jetzt kommt es,« sagte Dark plötzlich. Wise sprang schnell einen Schritt zurück. »O, du mein Himmel!« rief er. und während er noch sprach, glitt eine schwere Masse ins Zimmer hinunter. Als sie auf dem Fußboden aufschlug, sprang auch Dark zurück: sein Brotherr flüchtete sich in die entfernteste Ecke. Nach einer Weile traten sie dann aber beide wieder vor und besahen sich, was vor ihnen lag: Es war der mit Asche und Ruß bedeckte Leichnam eines Mannes. Er mochte etwa fünfzig Jahre alt gewesen sein. Dem kostspieligen Anzug nach zu urteilen, war es ein stattlicher, wohlhabender Kaufmann aus der City. Die Gesichtszüge waren durchaus nicht entstellt, man hätte glauben können, daß er schlief. Die beiden standen wie gelähmt vor der Leiche und schienen völlig ratlos. »Das ist eine nette Bescherung.« sagte Wise endlich, ohne selbst zu wissen, was er sprach. »Ein Toter im Kamin! Was kann das zu bedeuten haben, Dark? Wie mag er hergekommen sein? Wer kann das sein?« Dark hatte sich ebenfalls vom ersten Schrecken erholt und beschäftigte sich nun mit der Unempfindlichkeit eines alten Soldaten damit, den Leichnam zu untersuchen. Bei den Fragen des Agenten sah er empor. »Was das zu bedeuten hat, – Mord!« antwortete er und sein erschreckter Blick begegnete den starren Augen des Agenten. »Sehen Sie sich diese Wunde am Hinterkopf an; es ist nur ein Schlag, der hat aber genügt. Gewiß, es kann sich nur um einen Mord handeln. Dann muß man den Toten in den Schornstein hinausgezogen haben.« Bei dem Worte Mord wurde der Agent noch um einen Schatten bleicher und den Handbewegungen Darks mit den Blicken folgend, zog er sich von dem Leichnam noch weiter zurück. »Mord!« rief er. »Gott im Himmel, das ist ja furchtbar, das ist ja entsetzlich, mein Geschäft wird vollständig ruiniert. Ein Ermordeter im Bureau eines Privatagenten? Was werden die Leute von mir denken? Zwar sind wir erst zwei Tage hier, aber – Dark, Sie sind Soldat gewesen, Sie müssen ja in solchen Dingen bewandert sein – wie lange ist er Ihrer Meinung nach schon tot?« »Seit drei oder vier Tagen, möchte ich behaupten. Der Leichnam muh schon hier gewesen sein, als wir kamen.« »Großer Gott! Wie gräßlich. Ich muß – ja. was soll ich denn eigentlich tun?« »Soll ich Lärm schlagen. Herr Wise? Die Polizei benachrichtigen?« »Die Polizei?« Herr Justus Wise biß sich auf die Lippen und zauderte. Wahrscheinlich hatten sich im Laufe seiner lebenslangen Erfahrungen Dinge begeben, die ihn bestimmten, nicht allzu rasch die Aufmerksamkeit dieser »edlen« Körperschaft wieder einmal auf sich zu lenken. Nach einem Augenblick meinte er: »Wir wollen 'mal sehen. Ich muß mir das erst überlegen. Natürlich haben wir die Behörde in Kenntnis zu setzen, indeß spielen dabei wenige Minuten Aufschub keine Rolle. Lassen Sie mich nachdenken.« Er zwang sich dazu, an den Toten noch einmal näher heran zu treten und betrachtete ihn genau. »Wer das wohl sein mag?« murmelte er vor sich hin. »Elegant gekleidet, jedenfalls jemand, dem es sehr gut erging; für einen umsichtigen, schlauen Menschen, wie ich es bin, kann sich die Sache schließlich noch als ein Glück erweisen, man muß nur den vernagelten Geschöpfen von Scotland Yard einen Vorsprung abgewinnen. Ja, ja, es kommt darauf an, ob wir herausfinden. wer es war.« »Macht es Ihnen nichts aus, Dark, so könnten Sie doch 'mal – es wird ja kein Raubmord sein, – Allmächtiger, da ist jemand vor der Tür!« Die Hand des Schreibers befand sich bereits in der Brusttasche des Toten, der Agent beugte sich voll Eifer darüber, als ein plötzliches Geräusch sie beide erstarren ließ. Ratlos sahen sie sich an. Nun wiederholte sich das Geräusch und es konnte kein Zweifel mehr darüber sein, was es war: an die Außentür des zweiten Bureaus wurde stark geklopft. Kapitel 2. Der erste Kunde Von dem betäubenden Schrecken erholte sich der Agent zuerst, er reckte sich empor und zog den Schreiber von dem Toten fort. »Schnell ins andere Zimmer.« flüsterte er ihm zu. »Tuen Sie so, als ob Sie die Außentür aufschlössen, während ich hier zuschließe.« Damit schob er den Schreiber ins zweite Zimmer und zog die Tür hinter sich zu, die er abschloß. Dann schwang er sich mit blitzartiger Geschwindigkeit an den Schreibtisch, nahm das Rundschreiben in die Hand und winkte Dark zu, den Fremden einzulassen, der immer lauter klopfte. Dem Schreiber, der noch immer etwas verwirrt war, gelang es nicht so leicht, die Tür zu öffnen, dann trat indeß nicht, wie sie beide in ihrer Erregung über das soeben Erlebte gefürchtet hatten, ein Schutzmann ein, sondern ein junger elegant gekleideter Herr. Dieser warf einen raschen Blick auf die beiden im Zimmer anwesenden Leute und wandte sich dann zu dem Agenten: »Sind Sie Herr Justus Wise?« Der Gefragte betrachtete das hübsche Gesicht des Fremden mit den offen dreinschauenden Augen, dem kurzgeschnittenen braunen Haar und die breitschulterige Gestalt, wie die ganze vornehme Erscheinung, und indem er das nervöse Zwirbeln an seinem Schnurrbart einstellte. gewann er rasch seine Fassung wieder. »Der erste Kunde.« sagte er sich, »die Folge meines Inserats.« Die nächsten Worte des Fremden bestätigten die Richtigkeit seiner Vermutung. »Ich komme hierauf,« erklärte der junge Herr. Der Agent verbeugte sich schweigend, er war immer noch zu aufgeregt, um zu sprechen »Ich las es im »Telegraph«. Er hatte seiner Westentasche den kleinen Zeitungsausschnitt entnommen. »Ich kam – ich dachte – die Wahrheit ist –« Er stockte und errötete leicht. Wise lächelte ihn wohlwollend an und wies mit der Hand auf den einzigen Stuhl, der in dem Zimmer noch frei war. »Wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr –« »Millbank, Georg Millbank.« »Danke, Herr Millbank. Sie kamen also auf mein Inserat? Ganz recht. Sie wollen meine Dienste in Anspruch nehmen, hoffentlich geniert Sie dieser Rauch nicht allzusehr. Wir haben – haben – mit dem Kamin in meinem Privatbureau eine kleine Schwierigkeit, weshalb ich es jetzt abschließen mußte, um den – den Rauch los zu werden, aber auch hier dringt er hinein. Wenn die Angelegenheit, die Sie mit mir besprechen wollen, jedoch sehr intimer Natur ist und Sie lieber sehen, daß mein Schreiber, der übrigens, wie ich Ihnen die Versicherung geben kann, ein durchaus vertrauenswürdiger Mensch ist, nicht hier im Zimmer bleibt, so soll er sich so lange auf dem Korridor aufhalten.« Herr Millbank warf auf das breite biedere Gesicht des ehemaligen Soldaten einen raschen Blick und schüttelte dann den Kopf. »Das ist durchaus nicht nötig. Machen Sie nur keine Umstände. Was ich Ihnen zu sagen habe, ist zwar ganz diskret zu behandeln, doch kann Ihr Angestellter es ruhig hören. Ich gebe mich mit Ihrer Versicherung zufrieden, daß außer uns Dreien niemand weiter davon erfährt.« Justus Wise verneigte sich mit stolzer Miene. »Diese Zusicherung gebe ich Ihnen hiermit.« Trotzdem begann Georg Millbank noch nicht gleich mit seiner Erzählung, sondern blickte mit bekümmerter Miene zu Boden. Erst nach einer Weile hob er den Kopf. »Ich befinde mich in großer Sorge. Vielmehr ein – Freund von mir. Oder um ganz offen mit Ihnen zu sein, Herr Wise, es ist eine Freundin.« »Das ist am besten so,« erklärte dieser und lächelte teilnahmsvoll. »Ich gebe meinen Auftraggebern allezeit den Rat, mir gegenüber ohne jeden Rückhalt zu sprechen, das führt auch, wie ich sagen darf, die schnellen Erfolge herbei, deren ich mich rühmen kann.« Millbank nickte, zog die Schultern hoch, als ob er plötzlich zu einem Entschlusse gelangt sei, und begann seinen Bericht. »Ich heiße Georg Millbank, wie ich Ihnen bereits sagte. Ich bin siebenundzwanzig Jahre alt und habe eine bescheidene Rente. Seit einem Jahre, bis auf die letztvergangenen Wochen, bin ich mit einer jungen Dame verlobt, die ich von ganzem Herzen liebe und die –« »Ihre Liebe natürlich erwidert.« warf Justus Wise ein. Millbank errötete. »Ja. davon bin ich überzeugt. Trotzdem ist unsere Verlobung aufgehoben. Aber keineswegs von uns. Der Vater meiner Braut, Herr West, hat die Verlobung für aufgehoben erklärt.« »Ah.« machte der Agent. »Der Vater? Und Sie haben ein festes Einkommen – Ihr Kapital?« »Genügt für uns beide. Wir haben keinen Sinn für Extravaganzen.« »Es liegt kein Grund vor – Sie sind der jungen Dame treu ergeben?« »Durchaus. Sie brauchen gar nicht an alle möglichen Dinge zu denken, die sonst solchen Bruch veranlassen. Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß der Entschluß des Herrn West in jeder Beziehung ganz unerklärlich bleibt, denn er hat unserer Verbindung nicht allein zugestimmt, sondern sie vordem geradezu gefördert.« »O, Du meine Güte!« sagte Wise, da ihm im Augenblick nichts besseres einfiel, was er hätte erwidern können, zumal er sah, wie Millbank so erregt wurde, daß es ihm fast unmöglich war, fortzufahren. Selbst der ehemalige Soldat hatte sich genähert und betrachtete Millbank mit anteilvollen Mienen. »O, Du meine Güte!« »Diese ungewöhnliche Wandlung im Benehmen von Herrn West bildet indeß nur einen Teil einer weit gröberen unerklärlichen Veränderung in seinem ganzen Wesen,« sagte Millbank, nachdem er sich etwas erholt hatte. »Diese völlige Veränderung war so tief einschneidend. daß man es manchmal gar nicht für möglich hielt, dies sei der nämliche Mann, der bisher ein so zärtlicher Vater, ein so gütiger Freund gewesen war und der jetzt – und das bringt mich zu dem eigentlichen Grund, weshalb ich Sie ausgesucht habe – verschwunden ist.« »Verschwunden? Gott im Himmel!« »Ja, Herr West ist verschwunden. Seit vier Tagen fehlt seiner Tochter jeder Anhaltspunkt dafür, wo er sich befinden könnte. Sehr vorsichtig gehaltene Nachforschungen seitens Fräulein West und meinerseits bei seinen Freunden und Geschäftsverbindungen überzeugten uns, daß sie sämtlich ebenso wenig über ihn etwas wissen, wie wir selbst.« Justus Wise strich sich den Schnurrbart. »Sie sagten, vorsichtig gehaltene Nachforschungen?« Der junge Herr nickte. Wir glaubten, das sei nötig. Die mit der unerklärlichen Veränderung seines ganzen Wesens in Verbindung zu bringenden Umstände machten es uns unmöglich, darüber zu entscheiden, ob es nicht gerade in seinem Wunsche liegen mag, auf einige Zeit unbemerkt zu verschwinden.« »Kann ich erfahren, was das eigentlich für Umstände sind?« Millbank zauderte. »Es ist schwer, sie völlig zu erklären. Es handelt sich eben um eine Kette kleiner Ereignisse, die an sich unbedeutend sind, aber aneinander gereiht eine gewisse Bedeutung erlangen und die uns jenen Zweifel erregten. Eins dieser Ereignisse will ich Ihnen erzählen, obgleich ich nicht behaupten kann, daß es von besonderem Einfluß war. Einige Tage vor dem Verschwinden von Herrn West empfing er den Besuch eines Freundes, mit dem er geraume Zeit hinter verschlossenen Türen zusammen geblieben ist. Während dieser Unterredung entstand ein heftiger Streit, der damit endete, daß der Fremde das Haus unter wütenden Drohungen gegen Herrn West verließ.« »Drohungen? So mag sein Verschwinden vielleicht mit jenem Streit unmittelbar zusammenhängen?« »Höchst wahrscheinlich, doch nicht in der Weise, wie Sie meinen. Die Drohungen trugen nicht den Charakter persönlicher Gewalttätigkeit. Es ist wohl besser, ich erzähle Ihnen, wieso ich zu dieser Annahme komme. Das Zimmer, in dem Herr West mit dem Fremden sprach, ist durch Flügeltüren mit einem Zimmer verbunden, in welchem sich Fräulein West häufig aufzuhalten pflegt und wo sie sich auch befand, als der Fremde zu ihrem Vater hineingeführt wurde. Sie war etwas müde, legte sich auf einen Diwan und versank in einen leichten Schlaf. Es ist nun möglich, daß Herr West die Flügeltüren geöffnet und in das Zimmer hineingesehen hat, das nicht erleuchtet war, sodaß er seine Tochter nicht bemerkte. Nach einer Weile weckten sie die lauten Streitworte im Nebenzimmer und zwischen Schlafen und Wachen hörte sie wider Willen einen wesentlichen Teil des Wortwechsels – den Schluß namentlich. Ehe sie noch darüber entscheiden konnte, was sie zu tun habe, fand die Unterredung durch den plötzlichen Fortgang des Fremden ihr Ende.« »Welche Drohungen hat dieser denn ausgesprochen?« »Das kann ich Ihnen nicht sagen, selbst wenn ich wollte. Fräulein West hat selbst die ganze Bedeutung nicht erfaßt, indeß meint sie, der Fremde sei der Ansicht gewesen, daß es in seiner Macht liege, Enthüllungen zu machen, die für Herrn West gefährlich wären, und daß Herr West –« »Fürchten müsse, daß diese Enthüllungen gemacht würden?« »Das ist mehr, als ich mich berechtigt fühle zu behaupten. Meine Stellung zu der Angelegenheit ist heikel und setzt mich in große Verlegenheit. Ich muß mich auf Sie verlassen, Herr Wise, das, was ich Ihnen mitteilen konnte, möglichst gut zu verwenden. Sie begreifen, Herr West ist ein vermögender, angesehener Mann und lediglich die Tatsache, daß wir uns nicht mehr zu raten wissen und daß Fräulein West unter dem Druck der letzten vier Tage zusammenzubrechen droht, ließ mich den Entschluß fassen, einen Fremden ins Vertrauen zu ziehen –« »Sie konnten wirklich nichts besseres tun, als zu mir zu kommen,« unterbrach der Agent ihn. Mit starkem Selbstbewußtsein fuhr er fort: »Es ist Ihr Glück, daß Sie gerade mein kleines Inserat gesehen haben, das ich – hem – zuweilen in die Blätter bringe. Ich kann die Sorge, die Sie und die junge Dame haben, wohl begreifen und auch recht gut verstehen, daß Sie es vermeiden, sich den Geschäftsfreunden von Herrn West oder gar der Polizeibehörde anzuvertrauen.« Er sah Millbank scharf ins Gesicht. »Der alte Herr scheint sich in eine zweifelhafte Sache eingelassen zu haben und will sich aus diesem Grunde eine Zeitlang von der Welt zurückziehen.« dachte er und war überzeugt, daß das Rot auf den Wangen seines Gegenüber durch die gleichen Gedanken hervorgerufen war. Laut sagte er: »Gestatten Sie mir zu wiederholen, Herr Millbank, daß ich ohne Eitelkeit behaupten kann, Sie hätten zu keinem geeigneteren Menschen für Ihre Angelegenheit kommen können als zu mir. Wir haben in diesem Bureau schon mit vielen Fällen von Verschwinden zu tun gehabt, die noch rätselhafter waren als der Ihrige, und ich darf sagen, sie sind sämtlich glücklich zur Lösung gebracht. So gehe ich auch mit vollem Vertrauen daran, Ihre Sache zu Ihrer Zufriedenheit zu erledigen. Sie müssen mir nur noch einige Fragen erlauben: Ihre Antworten bringt mein Schreiber zu Papier, natürlich ohne Beifügung von Namen; wir schreiben niemals die Namen hin, die behalten wir im Kopfe. Also was betreibt Herr West?.« »Er besucht die Börse, und ist ein Großunternehmer. In den verschiedensten Gesellschaften gehört er zum Vorstand oder zum Aufsichtsrat.« »Richtig, ich habe von ihm gehört. Wie alt mag er jetzt sein? Wie sieht er ungefähr aus?« »Er wird etwa fünfzig Jahre alt sein. Er ist etwas stark, hat dunkles Haar und eine hohe Stirn. Er kleidet sich immer elegant und – aber ich bitte um Entschuldigung?« Er hätte noch erstaunter sein können, denn bei seiner Schilderung des Verschwundenen war dem Schreiber die Feder geräuschvoll aus der Hand zu Boden gefallen und mit Augen, die aus dem Kopf zu treten drohten, die zitternde Linke an die Stirn geführt, starrte der Mann seinen Brotherrn an. Und dieser, dessen Gesicht sich allmählich mit einer Totenblässe überzog, dessen Hände bebten, kämpfte mit der Unmöglichkeit, für sein merkwürdiges Benehmen eine glaubhafte Erklärung zu finden. Dabei versuchte er, dem Schreiber verständlich zu machen, mit den Notizen weiter fortzufahren; seine wütenden Gebärden blieben wirkungslos und endlich kostete es ihn unsägliche Mühe, die Augen von der Tür des zweiten Zimmers abzuwenden. »Fünfzig, stark, mit dunklem Haar, ein vornehm gekleideter Geschäftsmann? Großer Gott! Nebenan –!« Das waren wirklich kritische Augenblicke, aber nicht die ersten in seinem Leben! Der Privatagent Justus Wise war schon früher in manchen Nöten gewesen. Ob sich Glück oder Verderben auf ihn herabsenkte? Er war nicht der Mann, der auch die kleinste Gelegenheit sich entgehen ließ, das Glück an sich zu reißen, nur fürchtete er jetzt, daß, wenn nicht ein wahres Wunder geschehe, Dark in der nächsten Sekunde mit allem herausplatzen würde. Er sprang vom Stuhl auf und stürzte zu Dark heran. »Entschuldigen Sie eine Minute, Herr Millbank, ich sehe, daß mein Schreiber unwohl wird. Es ist der Rauch, der arme Kerl hat mit dem Kamin seine Not gehabt. Nur einen Augenblick.« Damit packte er den erschütterten Dark beim Genick und schüttelte ihn heftig. Es kam Millbank so vor, als ob er den schwindlig gewordenen Menschen stützte, doch wenn Dark hätte reden können, wäre eine ganz andere Schilderung zu Tage gekommen. Aber wenn es sich auch um sein Leben gehandelt hätte, Dark konnte keinen Ton herausbringen. Die kräftigen nervösen Finger seines Gebieters hatten sich wie ein Eisenband um seine Luftröhre geschlossen und eine Sekunde lang fühlte er sich wie ein vom Zweig getrenntes totes Blatt hin und her geschwenkt. Dann lockerte sich der Griff und er konnte in das Stahlauge seines Brotherrn emporblicken. Er verstand den stummen Befehl; er raffte sich zusammen und machte sich wieder mit seiner Feder zu schaffen. »Es geht bester.« sagte Wise kühl, »der Rauch hat es ihm angetan. Mir wurde auch nicht wohl. Verzeihen Sie die Unterbrechung, Herr Millbank. Wir können jetzt fortfahren. Sie sagten also, Herr West sei etwa fünfzig Jahre alt, etwas stark, habe dunkles Haar und kleide sich vornehm. Wir haben das alles notiert. Ich möchte noch wissen, Herr Millbank, ob Herr West viel Geld bei sich zu tragen pflegte und ob Sie sagen können, daß er einen besonders großen Betrag bei sich hatte, als er verschwand.« »Wir haben keinen Grund anzunehmen, daß er gerade eine größere Summe bei sich hatte. Für gewöhnlich trug er aber immer reichlich Gelder bei sich.« Nun wanderten die Blicke des Agenten doch unwillkürlich nach der verhängnisvollen Tür und er unterdrückte einen Seufzer. »Eine Frage möchte ich noch an Sie stellen, Herr Millbank. Herr West ist doch ein sehr reicher Mann. Könnte ihm nicht ein Unfall zugestoßen sein? Es ist natürlich nur eine Vermutung. –« Der junge Mann fuhr erschreckt zusammen. »Sie glauben das doch nicht ernsthaft! Ich hoffe, daß ihm nichts passiert ist!« Eine Sekunde lang begegneten sich die Blicke des Agenten mit denen seines Schreibers. »Es ist meinerseits ja auch nur eine Vermutung.« entgegnete Wise. »In meiner Tätigkeit muß ich aber an alle Möglichkeiten denken. Sollte sich jedoch das Schlimmste wirklich ereignet haben, wer ist denn der gesetzmäßige Erbe?« »Natürlich Fräulein West, denn sie ist das einzige Kind. Ich habe an so etwas noch gar nicht gedacht, das können Sie mir glauben. Herr Wise, und sicherlich hat sie – Fräulein West – das auch nicht. Wir machen uns beide nicht viel aus Geld. Ich habe genug, mehr als genug für unsere bescheidenen Ansprüche und, wie ich fürchte, bildet gerade die Geldfrage die Ursache unserer Trennung. Ach, es kann niemand glauben, wie gern ich auf jeden Nutzen in der Zukunft durch das Vermögen von Herrn West verzichten möchte, wie gern ich auf jeden Pfennig, den ich besitze, verzichten und mir durch Arbeit ein neues Leben schaffen würde, wenn Herr West uns nur sein Jawort zurückgeben wollte, das er uns in so unfaßbarer Weise wieder entzogen hat.« Der Privatagent sah das blitzende Auge und das offene hübsche Gesicht des Sprechenden mit einer unwillkürlichen Bewunderung an und dachte, daß jener seine Worte sicherlich wahr machen würde. Dabei meinte er aber doch, wie töricht junge verliebte Menschen handeln! Er und sicherlich auch sie. Sonderbar! Indeß, ein so guter Kunde das Herrchen auch ist, jetzt muß ich ihn zunächst los werden. Es gilt in Ruhe zu überlegen, wofür ich mich zu entscheiden habe. Der unglückliche Mensch nebenan! Welch ein merkwürdiges Zusammentreffen. Wie unbeschreiblich glückliche, oder soll ich sagen, welch' seltsame Zufälle. Und dennoch ist die Situation recht heikel, ja, nicht ohne Gefahr, sodaß ich vorsichtig sein muß. Und nachdem er sich dieses alles selbst gesagt hatte, wandte er sich wieder zu seinem Klienten. »Ich glaube, Herr Millbank, daß ich Sie augenblicklich nicht weiter zu bemühen brauche. Sie dürfen sich völlig auf mich verlassen. Haben Sie keine Angst, Es ist ja nicht der erste Fall, den ich glücklich zu Ende geführt habe, wie meine Zeugnisse beweisen (Dark, geben Sie Herrn Millbank eine Abschrift meiner Dankzuschriften. nein, ich werde sie Ihnen mit der Post schicken, Herr Millbank)! – ich glaube, ich sehe jetzt schon Licht. Aber wie gesagt, jetzt brauchen Sie sich nicht mehr zu bemühen. Jedenfalls müssen Sie mir einen Tag Zeit lassen. Morgen – hm – ja morgen, um diese Zeit, denke ich bestimmt, in der Lage zu sein, Ihnen Mitteilungen zu machen –« Die Züge Millbanks klärten sich auf. »Glauben Sie wirklich, daß Sie schon so schnell –?« Darks Augen waren voll Bewunderung auf seinen Chef gerichtet. »Ja, ich meine ganz ernsthaft, Ihnen morgen um diese Zeit schon etwas Bestimmtes sagen zu können. Uns stehen Mittel und Wege zur Verfügung, die einem Außenstehenden ganz sonderbar erscheinen, in Wirklichkeit es aber nicht sind.« »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh ich bin, zu Ihnen gekommen zu sein,« sagte Millbank und erhob sich. »Sie haben mir einen Stein vom Herzen genommen. Fräulein West ist durch die Sache furchtbar angegriffen und das Bewußtsein schon, daß jemand für sie tätig ist, wird ihr ein großer Trost sein. Ich komme also morgen zu dieser Stunde wieder. Inzwischen, verzeihen Sie, ist es vielleicht Ihnen angenehm, daß ich – Sie werden Unkosten haben –« Justus Wise betrachtete die Handbewegung seines Klienten mit sichtlicher Genugtuung. »Gewiß, es entstehen Kosten. Herr Millbank. Und zwar nicht geringe – aber wenn es Ihnen nicht paßt –« Millbank hatte bereits eine Banknote aus seinem Taschenbuche genommen – dem Agenten erstarb das Wort auf den Lippen. »Sehr schön, wie es Ihnen beliebt.« sagte er dann und griff hastig nach der Note. »Zwanzig Pfund. Danke sehr! Ja. es ist ganz gut so. – Dark, schreiben Sie bitte Herrn Millbank eine Quittung aus über zwanzig Pfund Sterling a conto Auslagen erhalten. – Ich danke. Adieu, Herr Millbank. Also auf morgen, wie verabredet.« Er winkte Dark, die Tür zu öffnen und komplimentierte den jungen Mann hinaus. Dann schloß er behutsam hinter sich ab und steckte Geld und Schlüssel in seine Tasche. Hierauf holte er tief Atem, ließ sich in einen Sessel nieder und richtete einen strengen Blick auf seinen Schreiber. »Dark, ich glaube, Sie passen nicht für mich.« Der Angeredete zog ein langes Gesicht. »Es tut mir leid, Herr Wise, daß Sie solcher Meinung sind. Ich diene Ihnen doch nach besten Kräften. Darf ich fragen, was Ihnen gerade besonders nicht an mir gefällt?« Wise legte sein Gesicht in ernste Falten. »Besonders – nun Ihr Verhalten gerade jetzt überraschte und erschreckte mich. In einem höchst gefährlichen Augenblick ließ Sie Ihre Ueberlegung völlig im Stich. Mißverstehen Sie mich nicht – ich will nicht behaupten, daß die ganze Geschichte nicht sehr außergewöhnlich ist, aber darum handelt es sich nicht. Der Mensch, der in der Welt vorwärts will, Dark, muß auf jede Eventualität vorbereitet sein und in diesem Falle, das müssen Sie selbst zugeben, standen Sie im Begriff, völlig zu versagen. Wenn ich nicht meine – hm – Geistesgegenwart behalten hätte, ich weiß wirklich nicht, welche Torheit Sie begangen haben würden.« Dark wurde purpurrot. »Ich bedaure wirklich, Herr Wise, aber es war doch sehr merkwürdig, daß der junge Herr gerade hierher kommen mußte, um sich nach demselben – oder einem anderen Vermißten zu erkundigen. wo wir eben –« »Gewiß, aber es scheint, daß Sie nicht begreifen können, wie groß die Gefahr gewesen oder wie entsetzlich ungelegen für mich es sein mußte, wenn Millbank gerade in meinem Bureau, verstehen Sie wohl, bei mir die Leiche des Mannes vorgefunden haben würde, der sein Schwiegervater werden sollte.« »Wirklich, es tut mir aufrichtig leid, daß ich –« »Bei Errichtung eines Geschäftes, wie das meinige, einer Privatagentur,« fuhr Wise hochtrabend fort, »bedeutet ein erfolgreicher Fall oder ein guter Klient ungemein viel. Durch das unglaubliche Versagen Ihrer Selbstbeherrschung hätten Sie mich geradezu um die Früchte jahrelanger Mühe und Ausgaben bringen können.« (Während der sorgenvollen Monate, in denen Wise auf den verschiedensten Stockwerken des Gebäudes, in dem er sich befand, gehaust, hatte er sich in vier Unternehmungen höchst zweifelhafter Natur eingelassen und seine Ausgaben hatten darin bestanden, daß er seinem Schreiber zuweilen das Salair zahlte, seinem Wirt aber niemals). »Die außergewöhnliche Situation erheischt gründliche Ueberlegung und sorgfältiges Nachdenken, ich muß mich auf meine Erfahrung und mein Taktgefühl stützen. Wenn ich Sie nicht in dem richtigen Augenblicke zurückgehalten hätte, würde ich« – seine Hand tastete nach der Banknote in der Tasche – »hem, würde ich augenblicklich ganz anders gestellt sein. Jetzt mag sich die ganze Sache noch sehr günstig gestalten. – Herr Millbank ist ein sehr netter junger Mann.« »Ja, Herr Wise, er scheint sehr nett zu sein.« »Er hat eigenes Vermögen und Herr – der unglückliche West – besaß auch sehr viel, Dark.« »Ja, Herr Wise.« Mit einem ängstlichen Blick auf die Zwischentür meinte der Agent jetzt: »Na, ich will Ihnen noch einmal verzeihen, Dark, aber so etwas darf nicht wieder vorkommen. Und nun, ich bin momentan sehr erregt – würden Sie wohl die Untersuchung der Leiche fortsetzen?« »Pardon?« »Es ist doch natürlich von der größten Wichtigkeit, zu sehen, welche Papiere und so weiter der Ermordete bei sich führt. Wir werden die Polizei so bald wie möglich in Kenntnis setzen müssen, aber ehe wir ihr die Angelegenheit übergeben, ist es ratsam, uns nach Tunlichkeit mit allem Wissenswerten auszurüsten.« Dark wurde bleich. »Wäre es nicht besser, Herr Wise, Sie kämen mit mir? Der Herr hat vielleicht hohe Wertstücke bei sich, nach denen man später fragen wird, und –« Sie sahen sich beide ängstlich an und lauschten, als ob aus dem Nebenzimmer Geräusch kommen könnte. »Ach, Du meine Güte!« sagte endlich Wise. »Sie bereiten mir aber eine Enttäuschung, Dark, ich werde – ich glaube, ich muß Ihnen noch mit einem guten Beispiel vorangehen. Ein alter Soldat wie Sie sollte doch mutiger sein. Da gibt es doch überhaupt nichts, wovor man sich fürchten könnte. Ein Toter! Kommen Sie nur.« Herr Justus Wise schritt zur verschlossenen Tür. Unwillkürlich blieb er einen Augenblick davor stehen, beugte den Kopf und horchte am Schlüsselloch. Es blieb alles still und nun schloß er auf. »Nein, vor einem Toten braucht man sich doch nicht zu fürchten.« wiederholte er, wie zu sich selbst, und öffnete die Tür. Im Eingang blieben sie eine Sekunde stehen, sprangen aber dann mit einem Ausruf vorwärts und blickten sich verwundert an. Denn der Leichnam war nicht mehr vorhanden. Kapitel 3. Der verschwundene Leichnam Wise lief im Zimmer umher, sah in den Kamin hinauf, durch welchen jetzt ein schwacher Schein des rauchigen Londoner Himmels drang, und wandte sich dann an seinen Schreiber, der ebenso ratlos und verwirrt dastand wie sein Herr. »Was kann das bedeuten? Wohin – wohin mag nur die Leiche gekommen sein?« Dark wußte auf diese Frage keine Antwort. »Ja, fort ist sie,« das war alles, was er sagen konnte. Diese Entgegnung verdroß Wise, der seiner Erregung doch auch irgendwie Luft machen mußte. »Seien Sie nicht töricht, Dark. Daß die Leiche fort ist, sehe ich auch. Aber wohin – wie –« Daß er nun von Dark gerade diese Auskunft forderte, war sicherlich nicht logisch, denn er konnte sie ja selbst nicht geben. Der ehemalige Soldat runzelte die Stirn und wiederholte seine stupiden Worte: »Ja, sie ist fort! Es ist zu merkwürdig –« »Gewiß, es ist merkwürdig,« schrie Wise ihn an. »Es ist auch geradezu verteufelt! Da bin ich nun in einem Augenblicke durch eine Reihenfolge der außergewöhnlichen Ereignisse, die geschickt ineinandergreifen, vor dem Aufbau eines Vermögens gestellt und eine Minute später wieder an den Abgrund des Ruins gelangt. Wie kann das nur zugehen? Wie ist das möglich?« Wütend zerrte er an seinem Schnurrbart und warf Dark so vorwurfsvolle Blicke zu, als verdächtigte er ihn, die Ursache der Katastrophe zu sein. Aber das offene biedere Gesicht des Schreibers mußte ihn bald belehren, daß ein solcher Verdacht völlig unberechtigt war. So blieben sie denn beide wie vor einem unlösbaren Rätsel stehen und besahen sich das Zimmer, als könne ihnen von irgendwo doch eine Erleuchtung kommen. Im Zimmer gab es nun allerdings recht wenig zu sehen. Die Bureau-Ausstattung von Justus Wise war niemals verschwenderisch gewesen und überdies hatte sich mancher hartherzige Hauswirt an einzelnen Teilen schadlos gehalten. So kam es, daß dieses zweite Bureau fast noch leerer war als das andere. Es enthielt nur einen einfachen tannenen, mit Wachstuch überzogenen Tisch, drei Stühle, einen Kalender und einen Teppich. Dieser war abgeschabt und von seinen einstigen Farben ließ sich nichts mehr erkennen, dagegen waren darauf in der Nähe des Kamins die Spuren von Asche und Ruß sichtbar, die mit dem Leichnam hinuntergefallen waren. Dem Kamin gegenüber lag ein Fenster und an dieser Seite des Zimmers befand sich noch eine zweite Tür. Auf diese fiel endlich der Blick des Agenten; er trat an sie heran und untersuchte das Schloß. »Ach, Du mein Himmel!« sagte er. »die Tür ist ja unverschlossen,« und damit drückte er die Klinke. Er hatte dabei sich so heftig gegen die Tür gestemmt, daß sie seinem Griff schnell nachgab und beide Männer unwillkürlich hinausstürzten. – Sie befanden sich nun auf einem schlechtbeleuchteten, mit Steinpflaster belegten Treppenabsatz, von dem eine noch dunklere schmale Treppe hinabführte. Es war offenbar die Hintertreppe des Hauses. Wise bückte sich und besichtigte schnell den Fußboden. auf dem sie standen. Hier und da konnte er auf den Fließen Spuren von Ruß entdecken, auch wollte es ihm scheinen, daß er Tritte vernahm, die nicht von ihm und seinem Begleiter herrührten. Er blickte endlich auf. »Diese Tür war verschlossen, als wir den Toten fanden. Ich bin überzeugt davon, ich habe schon früher 'mal zu öffnen versucht. Seitdem wir hier eingezogen sind, ist die Tür auch nicht aufgemacht worden, denn Sie haben diese Hintertreppe ebensowenig benutzt wie ich. Ich glaube, sie führt zu den Kellern hinunter Aber dies ist der Weg, den man genommen hat, anders ist es nicht möglich. Wie konnte man das nur zuwege bringen? Wer mag es sein?« Wise richtete diese Fragen wieder an seinen Schreiber, der ihm einige Schritte auf die Treppe hinunter gefolgt war, und auch jetzt nur zu wiederholen wußte: »Wer mag das sein?« Dann aber fügte er hinzu: »Natürlich niemand anders als die Mörder – sie kamen, um den Toten zu holen!« Sie lehnten sich über das Eisengeländer und blickten in die Dunkelheit hinunter. Nichts regte sich dort. »Sie werden recht haben, Dark. Die Missetäter müssen irgendwie erfahren haben, daß das Bureau wieder bezogen ist, und wagten sich dann, aus Furcht vor Entdeckung, hierher zurück. Aber welchen Mut, welche Frechheit oder welche Verzweiflung, das zu tun, während wir uns im Nebenzimmer befanden und nur die eine Tür dazwischen liegt.« »Sonderbar, daß wir gar nichts von ihnen gehört haben.« »Die Zwischentür ist mit Filz belegt,« entgegnete Wise. »Wenn es zwei oder drei Menschen waren, so können sie die Sache ganz ruhig abgemacht haben. Herr des Himmels, der junge Mensch war ja kaum eine halbe Stunde bei uns. Entweder haben sie draußen gehorcht und sind in demselben Augenblick hereingekommen, als wir ins andere Bureau gingen, oder es ist noch nicht lange her, daß sie hier vorüber mußten: wer weiß, vielleicht sind sie noch da unten. Kommen Sie, Dark, wir wollen sehen, wohin die Treppe führt. So leicht will ich es den Menschen doch nicht machen, mich zum Narren zu halten.« Er stürzte die Treppe hinunter. Nach zwei Fluchten gelangten sie auf einen Absatz, der genau so war, wie der, den sie eben verlassen hatten, nur fanden sich hier keine Rußspuren mehr und zwei weitere Treppenfluchten führten abermals auf einen Absatz. Hier meinte Wise noch schwache Zeichen von Fußtritten auf den dunklen Steinen zu erkennen und blieb deshalb einen Augenblick stehen. Es war an der Hintertür eines Bureaus genau wie auf den anderen Treppenabsätzen, aber ach, sie war verschlossen und drinnen alles still. Noch zwei weitere Stockwerke, ebenso undurchdringlich wie die übrigen, folgten und dann endete die Treppe plötzlich an einer schmalen Tür. »Vermutlich der Keller,« sagte Dark. »Ist die Tür verschlossen?« »Ja, es sieht auch nicht so aus, als ob sie kürzlich geöffnet wäre. Wir müssen aber um jeden Preis mal sehen, was dahinter steckt. Es ist ja niemand in der Nähe. Glauben Sie die Tür eindrücken zu können?« Dark nickte und lehnte seine breiten Schultern gegen die Füllungen. Ein Stoß, ein zweiter, die Tür gab nach und sprang auf. Sie hatten nun aber nur einen leeren Keller vor sich, in dem sich nicht einmal ein Fenster befand. Langsam kehrten sie um. Während ihrer Rückkehr nach oben blieb Wise häufig stehen und blickte die Bureautüren, an denen sie vorüber mußten, voller Wut an. Es waren das nur fest verschlossene Notausgänge. Er war ganz davon überzeugt, daß durch eine dieser Türen die Leiche hindurchgeführt war, auf die er so große Hoffnungen gesetzt hatte, aber ebenso gewiß war es auch, daß er nirgends anklopfen konnte, um zu fragen, durch welche Tür das geschehen war. Nach und nach kamen sie denn in das eigene Bureau zurück. Erschöpft und verzweifelt sank Wise auf seinen Sessel. Da fiel ihm ein, daß er vergessen hatte, Millbank um seine Adresse zu bitten, und er errötete bei dem Gedanken, daß Dark sich dieses Versäumnisses vielleicht erinnern könnte. Um der Möglichkeit zu entgehen, sich noch viel kleiner zu fühlen, als er es jetzt schon tat, schickte er den Schreiber in das zweite Bureau und verbrachte den Rest des Tages damit, an seinem Schnurrbart zu zerren und voll ohnmächtiger Wut über sein Schicksal nachzudenken. Gegen abend klopfte Dark hastig an die Tür und brachte ihm eine Depesche, die er mit verhaltenem Atem öffnete. Sie war von Millbank und lautete: »Entschuldigen Sie Bemühung. Er ist glücklich heimgekehrt.« Wise wechselte die Farbe, besaß aber noch genügend Geistesgegenwart, um den Schreiber mit einer Handbewegung zu entlassen und den ruhigen Worten: »Ich danke. Antwort ist nicht nötig.« Dann starrte er auf seinen Tisch. – Das war nun das Ende eines ereignisvollen Tages! Sein Blick fiel auf die Stelle seines Prospektes: – »mögen die Dinge auch noch so dunkel ausschauen, die Verwicklung unlösbar erscheinen, die Gefahr noch so gewaltig drohen, Erfahrung und Geschicklichkeit, wie sie Justus Wise besitzt« – da packte er die Abschrift voll Zorn, zerriß sie und die Depesche in hundert kleine Stücke und warf sie zum Fenster hinaus. »Er ist glücklich heimgekehrt!!!« Wer war denn nun der Ermordete, dessen Leiche auf eine so geheimnisvolle Art verschwunden war? Und was um Himmelswillen bedeutet die ganze unerklärliche Geschichte?! Kapitel 4. Im Boudoir der Schauspielerin Auch der folgende Morgen brachte kein Licht in die Begebenheiten, die dem Privatagenten am Vortage zugestoßen waren. Deshalb zankte Justus Wise zwei Stunden seinen Schreiber aus und durchmaß sein Bureau gleich einem der Beute beraubten Tiger. Endlich machte sich das ihm angeborene geschäftsmäßige Temperament doch wieder geltend. Gewiß, das Schicksal hatte ihn gestern wieder schändlich behandelt, aber hatte er nicht so viele Jahre wider das Schicksal angekämpft und war doch nicht immer ganz unterlegen? War denn alles verloren? Sollten alle seine goldenen Träume von gestern in nichts zerrinnen? Er setzte sich nieder, betrachtete die aufgehäuften Rundschreiben und versuchte, ruhig nachzudenken. Und seine Gedanken klärten sich. Es war richtig, er hatte seinen »ersten Klienten«, den liebenswürdigen jungen Herrn mit dem eigenen Vermögen verloren, der stattliche geheimnisvolle Leichnam war ihm fortgenommen worden, aber der junge Herr hatte ihm doch zwanzig Pfund Sterling hinterlassen und deren Rückgabe in seiner Depesche mit keinem Worte erwähnt. Und der Tote? Zwar verschwunden, ihm von jemand entrissen, dessen Geschicklichkeit Justus Wise verdroß, die er aber zugleich bewunderte. Es war aber eine Leiche gewesen, – die Leiche eines nicht gewöhnlichen Mannes und dafür verbürgte sich Justus Wise, sonst wollte er sich selbst einen Narren schelten. Ein Mann von einer gewissen Bedeutung aber, ein reicher in Ansehen stehender Mann kann nicht auf lange Zeit verschwinden, ohne daß diese Tatsache die Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Verwandte, Geschäftsfreunde, Bekannte stellen Erkundigungen an und dem, der von der Sache auch nur etwas weiß, fließt Geld zu. Justus Wise wußte etwas. So war noch nicht alles verloren, wenn er nur die Augen offenhielt. Zwar sah Justus Wise in Wirklichkeit am besten, wenn er die Augen halbgeschlossen hielt, aber er verstand die Redewendung richtig auszulegen. Er gab Dark die Weisung, das Bureau zu hüten, setzte seinen glänzenden Hut auf, zog seine Glacéhandschuhe an und ging hinaus. Auf der Treppe blieb er stehen und besah sich die Tür des Bureaus, die ihm gegenüber lag. Auf diesem Stock hatte er gestern an der Hintertür gestanden und sich diese betrachtet. Auch die vordere Tür verriet ihm nichts anderes, als das, was er schon wußte, wer das Bureau innehatte: »Das Wapiti Syndikat, Limited, eingetragene Genossenschaft. S. Wyvill, Generalsekretär.« Gestern hatte er doch geglaubt, daß vor der Hintertür dieses Bureaus die Rußspuren aufgehört hatten. Was konnte er der Vorderseite ansehen? Konnten die Insassen ihm Aufklärung geben? Er biß sich die Lippen. Schwerlich konnte er hier Fragen stellen, um seine Neugierde zu befriedigen. So schritt er weiter. Da öffnete sich plötzlich die Tür und zwei Herren erschienen auf der Schwelle. Den einen von ihnen kannte Justus schon von Ansehen. Es war S. Wyvill, der Generalsekretär des Wapiti Syndikates. Als er den unbekannten Zweiten ins Auge faßte, fuhr er unwillkürlich zusammen. Ein starker, vornehm gekleideter Herr, etwa fünfzig Jahre alt, korpulent, mit dunklem Haar, etwas kahler Stirn! Diese Erinnerung an den grausigen Fund konnte Wise allerdings etwas außer Fassung bringen. War denn die ganze Welt voll von Leuten, die auf die Beschreibung von Herrn West paßten?! Und als nun der Unbekannte sich verabschiedete und Justus den Generalsekretär die Worte sagen hörte: »Adieu, Herr West,« da mußte er stehen bleiben und, um seine Verlegenheit zu verbergen, zog er sein Notizbuch heraus und schien eifrig darin zu lesen. Also, es war richtig der Finanzmann West selbst, der verschwunden Gewesene! Ja, der Herr, der verschwunden war und der so rücksichtslos gegen Wise sich plötzlich wieder eingefunden hatte. Justus sah ihm aus diesem Grunde auch recht scheel nach, als er ihm die Treppe hinunter voranging. Warum war der Narr auch zurückgekehrt? Weshalb war er denn nicht wirklich ermordet? Er hatte doch mit einem Fremden einen hitzigen Streit gehabt, war mehrere Tage vermißt worden, eine seiner Erscheinung ähnliche Leiche hatte durch den Kamin den Weg zu Wise gefunden und nun schritt er hier munter und fröhlich die gleichen Treppen abwärts wie Wise selbst. Das war einfach ekelhaft, räsonierte Justus, und doch auch wieder von einem gewissen Interesse. Die Gedanken jagten sich in seinem Kopfe. Auf der Straße blieb der Finanzmann einen Augenblick unentschlossen stehen und zeichnete mit der Spitze seines Schirmes, der einen goldenen Knauf hatte, Figuren in den Straßenstaub. Seine Schultern senkten sich und die ganze Haltung machte den Eindruck starker Verstimmung. Dann richtete er sich auf, als sei er plötzlich zu einem bestimmten Entschluß gekommen, rief eine vorüberfahrende leere Autokutsche heran und gab beim Einsteigen an: »Ashley Gardens. Nummer 400.« Wise hatte ihn scharf beobachtet. »Ashley Gardens! Das ist doch nicht seine Wohnung. Ich habe nichts Besseres zu tun und dank der zwanzig Pfund von Georg Millbank kann ich es mir leisten, der Sache näher zu treten,« sagte er sich und nahm ein zweites Automobil, das bald darauf folgte. Dem Chauffeur gab er schnell die erforderliche Weisung und lehnte sich gemächlich und nachdenkend im Wagen zurück. Auf der Regent-Straße ließ West halten, stieg vor einer eleganten Blumenhandlung aus und kam nach einigen Minuten mit einem mit Nelken geschmückten Knopfloch und einem Bukett wieder zum Vorschein. Von seiner früheren Verstimmung war durchaus nichts mehr an ihm zu bemerken. Justus Wise hielt abermals ein Selbstgespräch. »Ashley Gardens – ein Morgenbesuch – Blumen – Nelken im Knopfloch – für einen Herrn in diesen Jahren – mit einer erwachsenen Tochter zu Hause – das kann ja nett werden!« Sein Blick heftete sich aus das Auto, das ihm voranfuhr. Vor Nummer 400, Ashley Gardens stieg Herr West behende aus und betrat das Haus. Justus folgte ihm wenige Minuten später. Es war ein großes Gebäude mit mehreren Etagen. Er las die auf kleinen Schildern angebrachten Namen an der Seitenwand des Haupteinganges, als der Portier, der West mit dem Lift hinaufgefahren hatte, wieder herunter kam. Schnell hatte er den Mann abtaxiert und ließ ein Geldstück, das er aus der Tasche gezogen, in seiner Hand sichtbar werden. »Meinen Sie, daß Herr West lange bleiben wird?« fragte er und blickte von dem Pförtner auf das Geldstück und dann wieder von diesem aus den Mann. Der Gefragte folgte diesen Blicken verständnisvoll. »Ich würde an Ihrer Stelle nicht warten, es kann eine Stunde dauern und noch länger,« lautete die Antwort. Justus Wise besah sich noch einmal die Namentafel und zog die Brauen. »Ach, Du meine Güte, ich habe nur wenige Minuten Zeit,« sagte er und nahm wiederum die acht Namen in Augenschein, unter denen sechs mit »Frau« oder »Fräulein« versehen waren. Da wagte er es denn auf gut Glück: »Vermutlich findet er sie sehr – sehr hübsch!« Der Pförtner grinste. »Das ist sie auch.« Dabei nahm er dankbar die halbe Krone in Empfang, die endlich ihren Weg zu ihm gefunden hatte. »Für das Geld können Sie sie aber auch selbst sehen – bei Warndorffs. Sie spielt famos und tanzen kann sie.« »Fräulein Gertie Tillet,« sagte Wise, nachdem er noch einmal die Tafel überflogen hatte. »Ja, ich glaube auch, daß sie famos ist. Ich werde Ihren Rat befolgen und noch – hem – eine halbe Krone daran wenden, sie zu sehen. Ich werde nicht auf Herrn West warten können. Schönen Dank. Adieu!« Damit entfernte er sich. Er machte indeß nur wenige Schritte, und da er bemerkte, daß der Pförtner ihm nicht folgte, blickte er sich um. Der Nummer 400 gegenüber entdeckte er ein Portal, unter das er sich stellte und wo er wartete, den Blick auf das von Fräulein Tillet bewohnte Haus gerichtet. Er wappnete sich mit Geduld und sagte sich, daß nur der Erfolg hat, der die Gelegenheit beim Schopf nimmt. Er hielt sein Beginnen für vielverheißend. Und das mochte es sogar noch mehr sein, als er geglaubt hatte, denn während er sich auf das Warten von einer Stunde gefaßt gemacht, waren kaum zehn Minuten vergangen, seitdem er seinen Beobachtungsposten bezogen, als West wieder auf der Straße erschien. Trotz der kurzen Zeit seines Verweilens in dem Hause hatte sich in der Erscheinung des Herrn aber eine ganz wesentliche Veränderung vollzogen. Seine unternehmende Haltung, das selbstbewußte Lächeln, das gesunde Rot in dem massigen Gesicht waren völlig verschwunden. selbst die prachtvolle Nelke im Knopfloch schien verwelkt und flach geworden zu sein; er sah um zehn Jahre älter aus. Seine Niedergeschlagenheit von vorhin war in stärkerem Maße wiedergekehrt; er taumelte förmlich, als er das Trottoir betrat. Dann blieb er eine Minute stehen, schlug sich mit der geballten Faust an die Stirn und entfernte sich rasch. Diese plötzliche Umwandlung versetzte Justus Wise naturgemäß in große Verwunderung, sodaß er zuerst müßig dastand und dem Davoneilenden sogar den Vorsprung ließ, um eine Ecke zu biegen, ehe er ihm folgte. Als er gerade im Begriff stand, seinen Platz zu verlassen, sah er eine zweite Person aus dem Hause gegenüber treten. Es war eine Frau in mittleren Jahren, die einen Korb am Arme trug und wie ein Dienstmädchen gekleidet war. Sie erschien aufgeregt und sprach mit sich selbst, als sie sich in der entgegengesetzten Richtung von West eiligst auf den Weg machte. Justus hielt sie für den Typus des Mädchens, das einer Schauspielerin zugleich Dienerin, Gesellschafterin und Vertraute ist. Dann folgerte er weiter: auch die Person ist außer Fassung und stürzt mit einem Korbe davon. Vermutlich zum Drogisten – denn es hat einen großen Radau gegeben und da wird man Beruhigungsmittel, Riechsalz, vielleicht auch Brandy nötig haben. Wenn die Person nur das einzige Mädchen ist und dafür sehe ich sie ja an, dann befindet sich Fräulein Gertie allein. West hat sich nach Hause begeben, sie hat ihm eine Szene gemacht oder er ihr. Aber den kann ich zu jeder Zeit in seinem Hause sehen, wenn ich das will – indeß Fräulein Gertie – ich denke doch –« Justus sah der Dienerin nach, bis sie eine gute Strecke zurückgelegt hatte, zog dann einen kleinen Spiegel aus der Tasche und glättete sein Haar und den Schnurrbart. »Das ist schon recht lange her, daß ich dergleichen getan habe, aber ein Privatagent muß sich allen Dingen gewachsen zeigen.« Damit überschritt er den Straßendamm. Das Glück wollte, daß vom Pförtner nichts zu sehen war. Nachdem er die ihm bekannte Tafel zu Rate gezogen, schlich er unbeachtet zu der von der Schauspielerin bewohnten Etage hinauf. An der Tür ihrer Wohnung blieb er stehen, um den Knopf der Klingel zu suchen. Da bemerkte er aber zu seinem Erstaunen, daß die Eingangstür offen stand; die Dienerin hatte vermutlich in ihrer Eile vergessen. sie zuzuschließen. Auf dem Vorplatz, auf der Treppe war niemand, rasch und geräuschlos schlüpfte Justus hinein. Das Entree war in rosa und weiß gehalten und reich ausgestattet. Nach jeder Seite führten ebenso angestrichene Türen in die Zimmer, die aber nicht geöffnet waren. Nur aus einem wurde eine weibliche Stimme vernehmbar; dann folgte das Geräusch entzweigeworfenen Porzellans, was sich nach einem Augenblick wiederholte. Justus horchte, lächelte und rückte an diese Tür näher heran. »Hysterisch«, sagte er und nun hörte er ein wildes Gurgeln, ein aufschreiendes Gelächter, einen schweren Fall! dann wurde alles still. Er klopfte leise an die Füllung der Tür. Es erfolgte keine Antwort; da öffnete er und trat ins Zimmer. Auf dem Fell vor dem Kamin des raffiniert schönen Boudoirs lag eine außerordentlich hübsche Dame wie aufgelöst. Rings herum Trümmer zerschmetterten Porzellans und umgeworfene Stühle. Nach einem kurzen Blick über den ganzen Raum schritt er auf sie zu. Bewußtlos war sie wohl kaum, denn noch tappten ihre Hacken auf dem Boden; sie nahm jedoch von seiner Anwesenheit keine Notiz, so stand er kurze Zeit unentschlossen vor ihr. Dann kniete er nieder, brachte den Kopf der Dame in eine Lage, die er für die beste hielt, löste den Spitzenschal von ihrem Halse und rieb ihr kräftig die Haut. Seine Bemühungen hatten zunächst nur den Erfolg eines erneuten hysterischen Anfalls, doch endlich schien ihr das Bewußtsein zurückzukehren. »Dieses Untier! Dieser alte Dummkopf.« sagte sie. als sie die Augen öffnete. Sie starrte Justus an. »Wer sind Sie?« rief sie überrascht und versuchte dann beim Aufstehen möglichst viel Würde zu entwickeln. »Sind Sie der Arzt?« »Nein, ich bin nicht der Arzt. Ich bin – hem – mein Name ist Wise – Justus Wise.« Fräulein Tillet wurde rot vor Zorn. Sie richtete sich hoch auf. »Da möchte ich denn aber wohl wissen, wie Sie in meine Wohnung kommen.« Justus Wise rieb die Hände aneinander und verbeugte sich in untertänigster Weise. »Es ist ein Zufall. der reine Zufall«, murmelte er. »Ich kam gerade die Treppe hinauf, als ich einen Schrei hörte und« – als wollte er sich wegen der herrschenden Unordnung entschuldigen. blickte er ringsherum – »und ein Geräusch, wie wenn Porzellan in Scherben ginge. Die Tür stand offen und in der Annahme, daß sich vielleicht jemand in Gefahr befände, wagte ich es, einzutreten –« »Und nun können Sie auch wieder hinausgehen.« meinte Fräulein Tillet, nachdem sie ihn nachdenklich betrachtet hatte. Justus kam dadurch etwas außer Fassung und verbeugte sich abermals mit verbindlichem Lächeln. »Hoffentlich verzeihen Sie mir mein Eindringen, es geschah in der besten Absicht. Ich glaubte, jemand nützlich sein zu können, und nun, da mir dieser Zufall das Glück gebracht hat, die Dame außerhalb der Bühne zu sehen, die ich auf dieser schon seit so langer Zeit bewundere und verehre, kann ich im Innersten meines Herzens doch keine Reue über mein Handeln fühlen.« Fräulein Tillet gönnte ihm einen kurzen Blick und trat dann vor den Spiegel, um ihre dunklen Haarwellen zu ordnen. »Blech!« sagte sie. »Deshalb sind Sie nicht hierhergekommen! Sie gehören nicht zu der gewissen Sorte. Hat er Sie hergeschickt? Hat er das, so sagen Sie ihm. daß ich nicht mitgehen will. Es wäre töricht, gerade zu einer Zeit, wo ich so großen Erfolg habe. Sagen Sie ihm, daß mir der Plan mit Südamerika nicht gefällt. Er mag nur getrost allein dort hingehen oder meinetwegen auch zum –« Justus unterbrach hier voller Hast, noch ehe das unbekannte Reiseziel aus dem Munde der Schauspielerin genannt war. »Ich gebe Ihnen die Versicherung, gnädiges Fräulein, von niemand gesandt worden zu sein, meine Erklärung beruht auf Wahrheit. Gestatten Sie mir, Ihnen meine Karte zu geben? – Justus Wise. Bitte lesen Sie auch meine Adresse und sollten Sie jemals die Dienste eines Privatagenten nötig haben, so hoffe ich, daß Sie sich meiner gnädigst erinnern werden.« »Ein Privatagent, also eigentlich ein Privatdetektiv. Dann sind Sie doch von West hergeschickt!« »Ich versichere nochmals, es ist das nicht der Fall. Ich kenne Herrn West von Ansehen, das ist richtig, habe aber noch niemals ein Wort mit ihm gesprochen, auch stehe ich in gar keiner Beziehung zu ihm.« Fräulein Tillet sah ihn an. Justus hielt dem Blicke ihrer dunklen Augen tapfer stand und nun schien sie zu einem Entschluß gelangt zu sein. »Es kommt mir vor, als ob Sie mir die Wahrheit sagten, aber man kann nie wissen ... Jedenfalls habe ich für den alten West nichts übrig. Er kann mir nichts anhaben, aber ich vermute, daß mit ihm etwas nicht ganz richtig ist, und ich möchte wohl erfahren, was das ist.« Justus Wise strahlte vor Vergnügen. »Ich verstehe. Sie wünschen ihn unter Beobachtung zu haben.« Die Schauspielerin biß sich die Lippe, wandte sich um und stand nun Justus gerade gegenüber. »Sehen Sie mich einmal an,« sagte sie. Sie war ein stattliches, hübsches Mädchen von etwa achtundzwanzig Jahren, mit dunklem, in der Mitte gescheiteltem, üppigem Haar, das sich zu beiden Seiten türmte, großen braunen Augen und einem bezaubernden Lächeln, das allenthalben bekannt war, wohin nur immer Ansichtskarten gelangten. Ihr etwas verwirrtes Aussehen und die Tränenspuren auf ihren Wangen taten ihrer Erscheinung keinen Abbruch. Justus Wise bewunderte sie aufrichtig. »Es handelt sich hier nicht um Eifersucht.« meinte Fräulein Tillet nach einer Weile. »Es geht mit West etwas vor und das muß ich herausbringen. Auf diese Börsenmenschen ist nie Verlaß, und als er nun herkommt und von mir verlangt, mit ihm nach –« Sie unterbrach sich: Justus hing förmlich an ihren Lippen. »Nach? –« fragte er voll Eifer. »Mit ihm nach –« Sie brachte den Satz nicht zu Ende, denn in diesem Augenblick wurde gewaltsam die Schelle gezogen. Beide fuhren zusammen und sahen ohne jeden Grund wie Schuldige aus. Fräulein Tillet erhob sich und ging eilends zur Tür, die von der Stelle, wo Justus saß, deutlich zu sehen war. Draußen stand ein Messengerboy, der geklingelt hatte, und Justus beobachtete, wie die Schauspielerin mit einem leichten Ausruf das ihr gebrachte Billett ergriff und aufriß. »Von West, da möchte ich hundert Pfund Sterling darauf wetten,« dachte Justus und seine Augen hefteten sich aus die Schauspielerin, als könne er dadurch ihre Gedanken erraten. Er hat vermutlich seinen Plan aufgegeben. Was er wohl schreiben mag?« Fräulein Tillet knüllte das Papier lachend zusammen. »Warte mal einen Augenblick, mein Junge. Ich gebe die Antwort gleich mit.« Sie trat wieder in das Zimmer zurück und setzte sich ohne weitere Umstände an einen kleinen Schreibtisch. der neben dem Fenster stand. Hurtig flog die Feder über das Papier. Den empfangenen Brief hatte sie neben sich gelegt. Die Schrift lag zwar nach oben, aber sie hatte das Papier ja zerknittert. Deshalb konnte Justus, der sich allmählich näher an sie herangeschlängelt hatte und ihr über die Schulter sah, nur wenige Worte entziffern, deutlich war aber die Unterschrift: »Will.« »William West, – Will.« Es war natürlich der Finanzmann. Bei der Erinnerung an die gewichtige Gestalt und das Alter des Verehrers von Fräulein Tillet stahl sich ein Lächeln über die Züge von Justus Wise. Er trat immer dichter an ihren Stuhl heran, um möglichst viel zu erforschen. Als nun Fräulein Tillet die von ihr zu Papier gebrachten Hieroglyphen schnell ablöschte und aufstand, stießen ihre dunklen Locken nahezu dem Agenten an die Nase. »Nimm das hier.« sagte sie zu dem Messengerboy der an der Tür stehen geblieben war, und gab ihm den Brief und Trinkgeld. So rasch war sie in all ihren Bewegungen, daß sie schon wieder in die Nähe ihres Schreibtisches kam, ehe Justus noch Zeit gefunden, sich darüber schlüssig zu werden, ob es sich wohl verlohne, das dort liegengelassene Briefchen von West zu stehlen. Es wäre ihm sehr lieb gewesen, hätte er es fortnehmen können, denn ihre Mienen bewiesen ihm deutlich, daß dadurch die Dinge jetzt eine ganz andere Wendung genommen hatten. Als der rotgekleidete Bote die Klingel gezogen, war Justus im Begriff, etwas sehr Interessantes zu erfahren. Jetzt mußte er sich gestehen, daß die günstige Gelegenheit unausgenützt geblieben war. Fräulein Tillet zeigte sich durchaus nicht mehr zu Mitteilungen geneigt und in der ihr scheinbar zur zweiten Natur gewordenen Offenheit machte sie daraus auch weiter kein Hehl. »Sie müssen mich jetzt entschuldigen. Herr Wise. ich habe argen Kopfschmerz und muß mich ruhig hinlegen.« »Ihr Ton und ihre Haltung sprachen sehr deutlich. Justus wagte aber trotzdem noch einen Versuch. »Ich glaubte, Sie wollten mir gerade angeben, in welcher Weise ich Ihnen nützlich sein könnte –«, sagte er einschmeichelnd. »Ach, ich hatte es mir nicht recht überlegt – lautete ihre kühle Antwort. »Sie hatten mich ein wenig überrascht. Bitte, entschuldigen Sie mich jetzt.« Justus war entlassen, das sah er ein. Er seufzte, nahm seine Visitenkarte aus der Tasche und händigte sie der Schauspielerin ein. »Ich habe nichts zu entschuldigen. aber Sie wollen mir verzeihen. Es mag nun doch einmal ein Tag kommen, an dem Sie sich meiner Dienste gern erinnern werden. Bitte, hier ist meine Adresse.« Fräulein Tillet nahm die Karte etwas zögernd in die Hand, es lag ein feines verächtliches Lächeln um ihren schönen Mund, aber Justus bemerkte, daß sie die Karte nicht niederlegte. Er verbeugte sich tief und ging fort. »Sie wird die Karte aufbewahren und West nicht zeigen.« sagte er sich. »Es ist also nichts Schlimmes geschehen. – Und der Messengerboy?« Seine Verabschiedung von Fräulein Tillet hatte nur wenige Sekunden in Anspruch genommen, noch konnte er des Bürschchens laute Tritte auf der Treppe hören. Wie der Blitz ließ sich Justus mit dem Lift hinunter. Als er auf die Straße trat, befand sich der Junge nur wenige Schritte vor ihm. »Einen Augenblick, Messengerboy.« sagte er atemlos und klopfte dem Jungen auf die Schulter. »Fräulein Tillet hat sich verschrieben.« Er nahm dem Boten den Brief aus der Hand. »Ei, das geht doch nicht!« rief der Bursche aus. Justus stellte sich taub. Der Gummi am Briefumschlag war noch feucht: eine Sekunde später hatte Justus die Zeilen gelesen: »Schon gut, lieber Freund. Ich bin sehr froh, daß Du vernünftiger geworden bist. Es gibt doch schließlich nichts schöneres als die Heimat. Ja, ich werde mich einfinden. Gertie.« Der Messengerboy, der sich wohl erinnerte, den Herrn vor einigen Augenblicken in der Wohnung der Schauspielerin gesehen zu haben, beobachtete dessen Treiben mit zornigen Mienen und überlegte noch, ob er ihn, so gut es gehen mochte, mit seinen Fäusten bekannt machen sollte, als der von diesem Angriff bedrohte Justus, nach sorgfältigem Wiedereinfalten des Briefes in den Umschlag und nachdem er die Adresse notiert hatte, ihm sagte: »Ach, es war ganz zwecklos. Fräulein Tillet glaubte bestimmt, einen Irrtum begangen zu haben, und nun ist es doch nicht der Fall. Hier sind zwei Pence für Sie. Jetzt laufen Sie aber und verlieren Sie den Brief nicht.« Die Hand des Jungen umschloß freudig Geld und Brief. Noch zögerte er zwar, als jedoch der Herr ihm so freundlich zulächelte und ruhig seines Weges schritt, als sei nichts geschehen, setzte auch er die unterbrochene Tour fort und machte seinem Aerger durch Knurren Luft. Justus wandte sich nach einigen Sekunden um und sah, wie der Bote die Straße weiter entlang ging. »W. West, Esquire, 200 Berkeley Square,« sprach er vor sich hin. »Hat seine Pläne geändert. Stand im Begriff, durchzubrennen, konnte sie aber nicht dazu bestimmen. Wird also hierbleiben und den Brocken ausfressen müssen. Was es wohl da geben mag? Das zu erforschen, ist meine Aufgabe. Zunächst will ich einmal sehen, wie ich an ihn herankomme.« Mit der Absicht, sich das ruhig zu überlegen, begab er sich in ein kleines italienisches Restaurant, in dem er häufiger zu verkehren pflegte und wo er sicherlich ungestört blieb. Beim Kellner bestellte er Macaroni à l'Italienne und eine Flasche Chianti-Wein. Dann forderte er eine Zeitung, auf die er jedoch ziemlich lange warten mußte; das Essen kam früher und er war schon mit dem Macaroni fast zu Ende, als er die Mittagsausgabe des »Star« in die Hand nehmen konnte. Das hatte wenigstens etwas Gutes für sich, denn in dem Moment, in dem Justus in die Zeitung blickte, war auch schon sein Appetit vergangen. Er saß da, starrte auf die Druckzeilen und vergaß sein Lieblingsgericht. Eine kleine Notiz hatte das verursacht. »Die Leiche eines gut gekleideten Mannes wurde heute morgen früh in der Themse, in der Nähe der »Temple-Stufen« treibend aufgefunden. Der Verschiedene, der etwa fünfzig Jahre alt gewesen sein mag, gehörte sicherlich den bessersituierten Kreisen an und muß das Opfer eines Verbrechens geworden sein, denn an seinem Kopfe klaffte eine Wunde, die den Tod herbeigeführt hat und offenbar dem Unglücklichen beigebracht wurde, ehe man seinen Körper ins Wasser warf. In den Kleidertaschen fand sich gar nichts vor und keinerlei Zeichen in der Wäsche ist mehr vorhanden, das die Leiche identifizieren könnte. Zunächst hat sie im Totenschauhause von St. Giles Aufnahme gefunden.« Die Gabel voll überhängender Macaroni zwischen Teller und Mund haltend, saß Justus da. Seine schmerzerfüllten Blicke wanderten in dem kleinen Zimmer mit den plüschüberzogenen Sitzen und dem goldumrahmten Spiegel umher, als könnten ihm diese Trost bieten. »Natürlich – sie – die Leiche! Ihm gestohlen, in die Themse geworfen und nun wieder zum Vorschein gebracht, um ihm sein Frühstück zu verderben. Die Notiz war klar genug. Kein Erkennungszeichen – welchen Vorzug hatte er nun noch der Polizei und der übrigen Welt voraus? Und doch, und doch!« Justus legte Gabel und Zeitung nieder, sein natürlicher Optimismus regte sich wieder. Wer konnte wissen? Auf jeden Fall würde er den Leichnam ansehen, an dem er ja sogenannte Prioritätsrechte besaß. Er wußte doch etwas mehr als irgend jemand außer Dark wissen konnte, das stand fest, und auch dieses Wissen ließ sich immerhin noch verwerten. Herr West mußte schon auf ihn warten; die Leichenhalle zu besuchen, das ging vor. Herr Privatagent Wise kannte sein London, wie nur wenige Leute die Riesenstadt kennen, und deshalb brauchte er auch gar nicht zu lange Zeit, um den Weg zu dem trübseligen Gebäude zu finden, in dem schon so mancher im Leben Schiffbrüchige Aufnahme fand. Auch hatte Justus keinerlei Schwierigkeit wegen des Eintrittes. Der wachthabende Beamte kannte ihn gut und so blickte denn Justus zum zweiten Male auf den Leichnam hernieder, der in so seltsamer Weise in sein Leben gekommen war. Denn es war tatsächlich die Leiche, wie er es vermutet hatte, dieselbe Leiche, die den Rauchfang in seinem Bureau verstopft und so falsche Hoffnungen in ihm erweckt hatte. Er kaute wie verrückt an seinem Schnurrbart und betrachtete sinnend den Toten. »Ich hege nicht die geringste Abneigung gegen Herrn West, noch gönnte ich ihm etwas Böses, aber wenn er es wäre, der hier läge, welchen Unterschied bedeutete das für mich.« meinte Justus. »Wer mag das wohl sein?« Die Leiche eines starken Mannes mittlerer Jahre ruhte da friedlich auf einer Bahre, als ob der Tote den früheren Erlebnissen nichts nachtrage, aber sie verriet auch nichts von seinen Geheimnissen. Nachdem Justus mit photographischer Treue die blassen Gesichtszüge dem guten Gedächtnis eingeprägt, wollte er sich entfernen; da wurde die Tür der Halle geöffnet und schnell wieder zugemacht. Es hatte jemand hineingesehen und sich schnell wieder entfernt, doch schneller noch als der Betreffende gewesen, war Justus ihm gefolgt und hatte einen Blick auf den Davoneilenden erhascht, der ihn vor die Frage stellte, wo er doch diese Gestalt schon früher einmal gesehen habe. Endlich löste sich ihm diese Frage und er holte tief Atem. Der Mann war S. Wyvill, Generalsekretär des Wapiti Syndikates, den er noch heute morgen im Gespräch mit William West gesehen hatte. Sollte er das wirklich sein? Immerhin, wer es auch sein mochte, er hatte Justus gesehen und war seinetwegen davongestürzt. Das stand für Justus völlig fest und blitzartig schnell eilte er ihm nach, um noch gerade einen Rockzipfel an der nächsten Straßenecke verschwinden zu sehen. Aber so leichtfüßig Justus auch sein konnte, seine Absicht erreichte er nicht, weil er in seiner Hast beim Biegen um eine Ecke so heftig gegen einen Schutzmann anrannte, daß dieser ihn einen Augenblick unter sorgfältiger Besichtigung festhielt und ihn erst nach erlangter Ueberzeugung, keinen Taschendieb vor sich zu haben, wieder freigab. Dieses Aufhalten war für Justus verhängnisvoll geworden, denn in der belebten Straße sah er sich nunmehr nur einer fremden Menschenmenge gegenüber. Kapitel 5. 2000 Pfund Sterling gestohlen! Justus Wise hob voll Verzweiflung die Hand zum Himmel, als er einsehen mußte, daß es ihm unmöglich gemacht worden war, den Mitbewohner seines Geschäftshauses zu identifizieren. »Ich möchte mich nicht zwecklos beklagen,« sagte er zu sich selbst, »aber sieht es nicht wirklich so aus, als ob das Glück sich stets von mir abwendet? Wenn das Wyvill gewesen wäre und ich hätte mich davon überzeugen können! Aber, zum Henker, war es denn Wyvill? Es ist alles so verzwickt und ich finde keinen Ausweg. Oder sollte es mir wohl etwas nützen, wenn ich einmal das Haus des Herrn West besuche? Wie ich mich da einführe, habe ich mir zwar noch nicht zurechtgelegt. indeß –« Er pflegte sonst schnell zu einem Entschluß zu kommen, aber unter den mannigfachen Entschuldigungen, die er für diesen Besuch ersonnen hatte, wurde ihm die Wahl schwer, so daß er, auf dem Berkeley Square angelangt, vor dem Hause auf und abging und die Front eingehend besichtigte. Dann überschritt er die Straße und war im Begriff, die Stufen zur Haustür hinanzusteigen, als diese plötzlich geöffnet wurde und ein junger Mann hastig und wie aufgelöst auf die Straße stürzte. Der sah gar nicht, wohin er trat, und erst als Wise ihn förmlich mit den Armen auffing, ließ sich ein Zusammenprallen vermeiden. Beide waren so verwirrt, daß sie einen Augenblick mit einander rangen. Dann ließen sie sich aber sofort wieder unter gegenseitigen Entschuldigungen los, bis sie sich endlich erkannten. »Herr Millbank!« rief Justus. »Ich bitte tausendmal um Vergebung.« »Aber es war ja meine Schuld.« entgegnete Millbank und reckte die Schultern. »Ich muß mich bei Ihnen entschuldigen.« sagte Millbank. Er führte die Hand über die Stirn; sein Kopf war unbedeckt. Er biß sich die Lippen. »Großer Gott, wie merkwürdig.« sagte er endlich. »Herr Wise, ich glaube, Sie sind der einzige Mensch in der Welt, der mir jetzt helfen kann.« »Ich freue mich sehr, das zu hören.« entgegnete der Agent mit strahlenden Mienen. »Dann ist es ja auch ein glücklicher Zufall, daß wir uns trafen. Hoffentlich ist Ihnen aber nichts Schlimmes zugestoßen. Sie scheinen etwas außer Fassung geraten zu sein.« Millbank zog die Stirn und warf einen Blick auf das Haus zurück, das er soeben verlassen hatte. Justus Wise entgingen das blasse Gesicht und die zitternden Hände des Anderen nicht. »Ich will Ihnen alles erzählen, damit Sie mir helfen. Sie müssen mir helfen. Doch hier auf der Straße geht das nicht. Können wir nicht irgend wohin gehen, wo wir ganz ungestört bleiben?« Justus dachte nach. »Ich kenne hier in der Nähe ein kleines Gasthaus, wo eigentlich nur Kutscher und dergleichen verkehren. Wenn Sie das nicht geniert – dort nimmt niemand Notiz von uns. Es ist aber wie gesagt ein ganz gewöhnliches Haus und –« »Wenn es nur dort ruhig ist – alles übrige ist mir gleichgültig. Sehe ich nicht wie ein Toller aus? Mir ist wenigstens so zumute. Alle Menschen starren mich an.« »Nein, nein.« suchte Wise ihn zu beschwichtigen – »wir sind übrigens in zwei Minuten an Ort und Stelle.« Er führte seinen Begleiter durch verschiedene Nebengassen und dann zog er ihn durch die mit Sand bestreute Bar eines Gasthauses in der Nähe der »Marställe« der genannten Straße. Einem untersetzten Mann mit eingedrückter Nase, der wie ein Preisfechter aussah, nickte Wise zu, durchschritt die Bar und begab sich dann, gefolgt von Millbank, in den sogenannten Salon, ein dunkles Zimmer, das auf den Hof hinaussah. »Hier wird uns niemand stören.« sagte Justus und ließ Millbank sich setzen, während er ihm gegenüber Platz nahm. »Und nun erzählen Sie mir, was Sie bedrückt.« »Sehe ich wie ein Dieb aus, Herr Wise?« Der Agent fuhr zusammen und starrte ihn verständnislos an. »Wie ein Dieb, Herr Millbank? Sie machen schlechte Witze. Wie ein Dieb! Nein, wahrhaftig nicht.« Millbank knirschte mit den Zähnen. »Allerdings, ich bin kein Dieb, aber man hat mich soeben als solchen bezeichnet und ich konnte den Schurken, der dies tat, nicht einmal zu Boden schmettern. Auch darf ich ihn nicht so nennen – es ist ihr Vater. Aber sie glaubt nicht, sie kann nicht glauben, daß es wahr ist.« Millbank brach förmlich zusammen. Wise tat, als ob er das nicht sähe, und suchte nach einem Zündholz für seine Zigarette. Währenddessen hatte sich Millbank erholt. »Ja, Herr Wise, ich bin ein Dieb genannt worden und denken Sie sich, von Herrn West, gerade von dem. Ich will Ihnen der Reihe nach alles erzählen. Wie ich Ihnen depeschierte, ist Herr West zurückgekommen. Verzeihen Sie, das ich Ihnen das nicht persönlich mitgeteilt habe. Er kam zurück, ganz wie er früher zu sein pflegte – nicht lange, nachdem ich bei Ihnen gewesen war. Zufällig begegneten wir uns, er war sehr freundlich gegen mich. Es schien, als ob er das Vergangene ganz vergessen habe, und die Schranke, die sich zwischen uns aufgetan, war gänzlich geschwunden. Er selbst forderte mich auf, Sophie – Fräulein West – heute zu besuchen. Wir, sie und ich, verbrachten den Morgen zusammen und verabredeten, daß ich nachmittags zum Tee wiederkommen sollte. Als ich hinkam, wurde ich in das Arbeitszimmer des Herrn West geführt; das war bisher noch nie geschehen. Sie hören doch zu, Herr Wise? Denn das ist gerade ein wichtiger Punkt. Wenn Sie mir nicht helfen können, glaube ich wirklich, daß ich den Verstand verlieren werde.« »Ich höre Ihnen mit ungeteilter Aufmerksamkeit zu, Herr Millbank. Seien Sie außer Sorge.« »Das war also bisher noch nie der Fall gewesen. Herr West ist sehr eigen hinsichtlich seines Arbeitszimmers, niemand hat die Erlaubnis, dort hineinzugehen. Es überraschte mich also umsomehr, als Herr West sich gar nicht im Zimmer befand und sein Schreibtisch offen stand und mit allerlei Papieren bedeckt war. Ich sah mir diese Schriftstücke zwar nicht näher an. konnte aber doch nicht umhin, nach dem Schreibtisch zu blicken und entdeckte, daß gerade oben aus allen Briefen ein Päckchen Noten der Bank von England lagen.« Wise beugte sich vornüber und seine scharfen Augen folgten jedem Worte des anderen. »Banknoten!« wiederholte er unwillkürlich. »Ja, ich mußte sie bemerken, aber ich kann Ihnen mein Ehrenwort geben, Herr Wise, daß es mir gar nicht in den Sinn kam, sie anzurühren oder auch nur näher zu besehen.« »Das kann ich mir ganz gut denken.« »Und dennoch – aber ich will Ihnen ruhig weiter erzählen. Ich war nur erst wenige Minuten im Zimmer, als Herr West eintrat. »Hallo, Sie hier,« begrüßte er mich heiter. »Ei, was machen Sie denn hier ganz allein?« Ich wollte ihm gerade erklären, daß mich der Diener hier hereingeführt hatte, als er mich unterbrach. »Sophie wartet im Salon mit dem Tee auf Sie. Gehen Sie. Ich komme gleich nach.« Er klopfte mich auf die Schulter und sandte mich so hinaus. Ich begab mich in den Salon, wo ich Fräulein West fand. Wir hatten einige Minuten mit einander geplaudert, als Herr West zu uns kam. Er sah sehr blaß und ernst aus, und nachdem er die Tür geöffnet und einen Augenblick die Klinke in der Hand gehalten, starrte er mich an. Dann schloß er die Tür und trat dicht an uns heran. »Ich habe Ihnen etwas sehr Unangenehmes zu sagen, Millbank.« erklärte er mit so eisiger Miene, daß Fräulein West und ich verwundert aufblickten. »Wirklich? Das tut mir leid,« war alles, was ich erwidern konnte. »Ja, es muß geschehen und dann ist es erledigt. Ich traf Sie eben allein in meinem Arbeitszimmer.« »Allerdings. Man führte mich da hinein und sagte, ich möchte dort auf Sie warten.« »Ein Diener, der zwanzig Jahre bei mir ist und dem ich mein Leben anvertrauen würde –« Fräulein West und ich hatten noch immer keine Ahnung, wohinaus das gehen sollte. Er fuhr in ernstem Tone fort: »Also, Millbank, auf meinem Schreibtisch lag, als Sie in mein Arbeitszimmer kamen, ein Päckchen Banknoten von einem ziemlich hohen Betrage. es werden zweitausend Pfund Sterling gewesen sein –« Er sagte das so sonderbar und sein Verhalten war so drohend, daß ich aufstand. »Nun wohl Herr!« entgegnete ich. »Nun wohl, Herr.« entgegnete er. »Diese Banknoten sind verschwunden. Außer Ihnen war niemand im Zimmer, und als Sie dasselbe verließen, waren auch die Banknoten fort.« »Nun wohl, Herr,« sagte ich noch einmal, während mir das Blut zum Kopfe schoß. »Da gibt es kein ›nun wohl‹, sondern das ist recht schlimm, Herr Millbank. Es widerstrebt mir sehr, es zu sagen, und ich zaudere lange, ehe ich so etwas von jemand denke, den ich in meinem Hause empfange, den ich gern gehabt habe und der meine Tochter liebt, aber trotz allem, Herr Millbank, muß ich doch eine Erklärung von Ihnen fordern.« »Ich verlor die Geduld, Herr Wise; was würden Sie getan haben? Eine Minute meinte ich, ich müßte ihn niederschlagen, doch Sophies – Fräulein West's – flehendes Gesicht hielt mich zurück und gab mir meine Selbstbeherrschung wieder. Ohne ein weiteres Wort zog ich meine sämtlichen Taschen heraus und legte ihren Inhalt auf den Tisch. Dann sagte ich so ruhig, wie ich nur eben konnte: Herr West, Sie sind der einzige Mensch der ganzen Welt, von dem ich mir das gefallen lasse, Sie wissen auch, weshalb. Hier ist alles, was ich bei mir habe.« Er warf kaum einen Blick auf den Tisch und vermied es auch, meinen Blicken zu begegnen, darauf würde ich schwören. »Hatten Sie nicht eben noch einen Ueberzieher an?« fragte er. »Abermals wollte ich auf ihn losstürzen und wiederum bannten mich Sophies Augen. »Allerdings, er hängt im Hauseingang.« Er klingelte und der Hausmeister erschien. Ich kenne den Mann genau, Herr Wise. Ein famoser alter Mann und so ehrlich wie die Sonne, darauf lege ich meinen Eid ab. »Butt«, sagte Herr West, »bringen Sie, bitte, den Ueberrock von Herrn Millbank herein: er hängt auf der Diele.« Der Alte machte ein überraschtes Gesicht, verließ schweigend das Zimmer und kehrte mit meinem Ueberzieher zurück, den ich auf meinem Wege zum Salon in der Diele aufgehängt hatte. Er wollte ihn mir geben, doch Herr West befahl: »Geben Sie den Rock dem gnädigen Fräulein.« »O, Papa!« rief Sophie. Herr West erhob seine Hand. »Geben Sie den Rock meiner Tochter, Butt, und lassen Sie uns dann allein.« Der alte Diener tat wie ihm geheißen, warf uns verstohlene Blicke zu und verließ dann den Salon, die Tür leise hinter sich zuziehend. Sobald die Tür geschlossen war, sprang Fräulein West auf. »Papa.« rief sie. »ich glaube, Du bist von Sinnen! Wie kannst Du nur –?« Ich versuchte zu lächeln. »Sei doch ruhig, Sophie. Hier liegt ein gräßlicher – nein, nicht gräßlicher, sondern lächerlicher Irrtum vor. Offenbar glaubt Dein Vater, daß seine Banknoten in meinem Ueberzieher stecken. Bitte, sei so gut, Liebste, und beweise ihm, daß er sich irrt.« Tränen füllten ihre Augen, doch lächelte sie mich wieder an. »Es ist geradezu abscheulich und ich kann Dir das nie verzeihen, Papa. Ich will Dir zeigen, lieber Georg, daß ich Dir vollkommen vertraue und keinen Augenblick an Dir zweifle.« Sie steckte ihre Hand in eine der Taschen meines Rockes und zog sie plötzlich zurück: sie ließ den Rock fallen und sank auf ihren Sessel nieder. Schleunigst hatte sich Herr West vorgebeugt und seine Blicke auf Sophie gerichtet. »Nun?« fragte er. Sophie legte die Hand auf ihr Herz; ich glaubte, sie würde ohnmächtig. »Ich kann nicht,« hauchte sie. »Oh, ich kann nicht.« Voller Entrüstung sprang ich auf sie zu. »O, das ist zu viel,« schrie ich. »Das kann ich nicht mit ansehen.« Ich nahm meinen Ueberzieher auf und fuhr in die Tasche. »Herr Wise, da fand ich die Banknoten.« Wise nickte langsam. »Die Banknoten waren in der Tasche und dann?« Millbank wischte sich den Schweiß von der Stirn und ballte die Fäuste. »Sie werden mich verachten, Herr Wise, aber ich gebe Ihnen die Versicherung, ich verlor vollständig den Kopf. Ganz hilflos stand ich da, hielt die Banknoten in der Hand und blickte von Herrn West auf Sophie, die schluchzend in ihrem Stuhle lag. Ich holte tief Atem. »Wer kann die Noten in meine Tasche gesteckt haben?« »Zum erstenmale wich Herr West meinen Blicken nicht aus. »Ja, wer mag das wohl getan haben?« höhnte er. »Ich wandte mich schnell zu ihm, er unterbrach mich aber und wies auf die Tür: »Machen Sie es nur nicht noch schlimmer! Gehen Sie und lassen Sie uns alle vergessen, daß wir uns einmal gekannt haben.« »Aber –« sagte ich. »Er hob noch einmal die Hand und wandte mir den Rücken zu. Dann schellte er. »Meine Tochter befindet sich nicht wohl. Können Sie das nicht sehen? Gehen Sie! Wollen Sie sie vielleicht krank machen?« »Der Hausmeister erschien wieder. Herr West befahl ihm, die Zofe von Fräulein West zu rufen. Sophie lag blaß und ruhig in ihrem Stuhl zurückgelehnt da; ihr Vater hielt ihre Hand. Was blieb mir anders übrig, als das Zimmer zu verlassen! Ich ging. Aber er soll mir dafür büßen, Herr Wise; ihret- und meinetwegen. Ich habe natürlich die Banknoten nicht in meinen Rock gesteckt! Weshalb sollte ich das auch wohl getan haben? Der Gedanke schon ist niederträchtig und absurd. Für den alten Butt stehe ich so gut ein wie für mich selbst. Sonst ging niemand in das Arbeitszimmer. Bin ich verrückt? Was soll das bedeuten?« Justus fühlte wirkliches Mitleid. »Was das bedeuten soll? Das weiß ich jetzt selbst noch nicht. Aber das eine steht bei mir fest, daß Herr West energisch bemüht ist, Sie sich und besonders seiner Tochter fern zu halten.« »Also, dann glauben Sie auch, daß er es selbst gewesen ist?« Justus unterdrückte ein Lächeln, entschädigte sich aber dadurch, daß er einem Porzellanhündchen auf dem Kaminsims zuwinkte. »Na, daß die Geschichte verdächtig ausschaut, Herr Millbank, unterliegt doch keinem Zweifel.« »Welch elender Kerl ist er doch? Eine solch gemeine Tat,« stöhnte Millbank. »Und noch dazu in ihrer Gegenwart! Wie ist es nur möglich? Oh, es ist kaum zu glauben!« »Es ist zu glauben und es ist auch möglich, da West ja Ihren Ueberrock holen ließ, in dessen Taschen er die Banknoten wußte.« »Ja, ja, das weiß ich, aber weshalb hat er es getan? Weshalb haßt er mich denn?« »Wir wissen noch nicht, ob er Sie haßt, obgleich sein Verhalten gegen Sie nichts weniger als freundschaftlich genannt werden kann. Indeß mag er auch den Wunsch hegen, Sie aus dem Wege zu halten, ohne daß er Sie deswegen gerade zu hassen braucht.« Millbank senkte nachdenklich den Kopf. Dann trafen seine offenen Augen den Blick des Agenten. »Sie werden recht haben, so wird es sein, je mehr ich mir seine Miene und sein Benehmen ins Gedächtnis zurückrufe, desto mehr überzeuge ich mich davon, daß mir heute eine Falle gestellt wurde. Er mag sich in acht nehmen! Er ist der Vater von Fräulein West, aber solange sie und ich gute Freunde bleiben, soll er mich nicht von ihr trennen. Wenn ich nur wüßte, was er eigentlich bezweckt? Wollen Sie mir beistehen, Herr Wise?« »Sie dürfen sich wirklich darauf verlassen, daß auch nicht das geringste vergessen wird, was eine große Erfahrung ins Auge faßt. Sie werden sich meiner ungeteilten Dienste erfreuen.« »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, Herr Wise, wie dankbar ich Ihnen bin und wie sehr ich mich freue, Sie heute getroffen zu haben. Ich weiß nicht, was ich sonst getan haben würde. Jetzt gebe ich mich vollkommen in Ihre Hand. Was könnte ich selbst auch wohl tun?« Justus dachte nach. »Ich habe einige Erkundigungen einzuziehen und muß mir die ganze Angelegenheit in Ruhe durch den Kopf gehen lassen. Sprechen Sie morgen um diese Zeit in meinem Bureau vor, Herr Millbank, sonst kann ich Ihnen vorläufig keinen weiteren Rat geben.« »Ich werde mich pünktlich einfinden. Ich bin zwar nicht reich, Herr Wise, und auch nicht verschwenderisch, aber diese Sache liegt mir so sehr am Herzen, daß ich Sie bitte, keine Geldausgaben zu scheuen.« Justus Wise rieb sich unter dem Tisch vergnügt die Hände und erhob sich dann. »Darüber brauchen Sie auch nicht besorgt zu sein, Herr Millbank. Auf Geld soll es mir nicht ankommen. Kapitel 6. Der Langarmige Justus Wise war mit dem Verlauf der Dinge nunmehr sehr zufrieden. Nach seiner Gewohnheit sprach er mit sich selbst, als er sich nach Verabschiedung von Millbank auf dem Rückwege zu seinem Bureau befand. »Die Angelegenheit entwickelt sich viel verheißender, als ich mir je habe träumen lassen und sie ist zugleich ungemein interessant. Dieser Herr West benimmt sich recht komisch. Ich möchte rekapitulieren: Ein reicher angesehener Mann, der noch vor ganz kurzer Zeit alles tut, was in seinen Kräften steht, sowohl als Vater wie als zukünftiger Schwiegervater, das Pärchen glücklich zu machen, ändert plötzlich sein ganzes Verhalten, namentlich meinem liebenswürdigen Klienten gegenüber. Er wird nervös, unzuverlässig, sonderbar. Er empfängt fremde Menschen, die sich mit ihm zanken und ihm drohen. Dann verschwindet er, ohne eine Spur zu hinterlassen, und taucht wieder unerwartet auf, ohne eine Erklärung dafür notwendig zu halten. Er steht mit einer sehr hübschen Dame auf recht gutem Fuße, die weit jünger als er ist und die nicht zu seiner Gesellschaftsklasse zählt, mit der er indeß nach Südamerika zu fliehen beabsichtigt. Und während er sich damit beschäftigt, weiß er meinem jungen Freunde einen Diebstahl von zweitausend Pfund Sterling unterzuschieben, nicht in der Absicht, ihn deswegen verhaften zu lassen, sondern lediglich, um sich seiner zu entledigen. Endlich pflegt er Beziehungen zu Herrn Wyvill, in dessen Bureau, wie ich annehmen möchte, die Leiche verschleppt worden ist, die in meinem Kamin steckte. Das ist alles tatsächlich für einen Mann seiner Stellung recht sonderbar.« »Und zugleich ist die Geschichte sehr angenehm, denn nicht allein, daß es zum Schluß Geld gibt, es gibt es sogar jetzt schon. Und so werde ich für etwas gut bezahlt, was mein angeborener Instinkt mich doch auch – umsonst – hätte tun lassen, nämlich zu sehen, was hinter allem steckt. Ich muß mich aber vorsehen, nach welcher Richtung ich mich zuerst wende, um keinen falschen Schritt zu tun, denn solche Chancen habe ich ja nicht alle Tage.« Es war ein Glück, daß die Schnurrbarthaare fest saßen, denn Wise zupfte unablässig an ihnen, bis er die Berklandstraße erreichte und die Treppe zu seinem Bureau hinanstieg, wo der getreue Dark auf ihn wartete. Der lange Weg schien Wise gut getan zu haben, denn er hatte einen weit klareren Kopf, als er seinen Schreiber begrüßte. »Nun, Dark, Sie haben mich hier gut vertreten,« sagte er heiter. »War denn noch jemand da?« »Nein, Herr Wise, es ist niemand hier gewesen.« »Nein? Das Inserat hat meinen Erwartungen doch schlecht entsprochen. Ich hätte die Anzeige größer fassen lassen müssen, aber das läßt sich nicht mehr ändern. Wir werden trotzdem schon vorwärts kommen. Uebrigens, was ich sagen wollte. Dark, die Leiche ist gefunden.« »Die wir im Kamin entdeckt haben?« »Natürlich, natürlich, mit einer anderen haben wir doch nichts zu tun gehabt. Also man fand den Körper in der Themse.« »Was Sie sagen, in der Themse?« »Ja, und nun hat man sie in die Leichenhalle von St. Giles gebracht.« »Ist sie schon identifiziert?« »Ich glaube nicht, aber das wird schon geschehen. Wir müssen versuchen, den Dingen zuvorzukommen, Dark, aber der Weg dazu ist recht schwer. Indeß, ich kann ja wohl mit Recht behaupten, daß mich Schwierigkeiten nicht abschrecken. Und das erinnert mich daran, daß ich Ihnen etwas aufzutragen habe.« »Jawohl, Herr Wise.« »Ich möchte wissen, ob Herr Wyvill, der Generalsekretär des Wapiti Syndikates da unten, heute ausgewesen ist, ob er sich jetzt im Bureau befindet, und wenn das der Fall ist, zu welcher Zeit er dorthin zurückgekehrt ist. Glauben Sie, das in Erfahrung bringen zu können, ohne dabei Aufsehen zu erregen?« »Ja, das glaube ich wohl. Einer seiner Angestellten ist mit mir bekannt; er kauft mir zuweilen Brieftauben ab.« »Ach ja, ich erinnere mich, Sie sind Taubenzüchter. Na, Tauben kommen nicht durch den Schornstein herein, wie? Also versuchen Sie einmal, Ihren Bekannten zu sprechen und lassen Sie mich dann das Ergebnis wissen.« Sobald sich sein Faktotum entfernt hatte, pflanzte sich Wise an seinem Schreibtisch auf und nach vielem Besinnen und nachdem er mehrere Bogen Papier zerrissen hatte, weil ihm das Geschriebene nicht geeignet erschien, brachte er endlich den folgenden Brief zustande, den er vor dem Absenden mit einer gewissen Nervosität noch einmal durchlas. Fräulein Clementine Wise Manicurin und Spezialistin für Schönheitspflege. 478 Bondstraße London W. »Meine liebe Schwester!« »Ich hoffe, daß Du Dich wohl befindest. Es ist schon geraume Zeit her, daß Du von mir gehört hast, und ich bin überzeugt, daß Du mit großer Freude erfährst, wie vorzüglich es mir ergeht, sodaß es nicht mehr lange dauern wird, bis ich in die Lage kommen werde, Dir die £ 49.11 sh. 6 d. zurückzugeben, die Du so gütig warst, mir zu verschiedenen Zeiten in kleineren Beträgen vorzustrecken, als die Welt mich nicht mit lachenden Augen ansah. Das hat sich nun alles glücklich geändert, und ich denke, jetzt in der Laufbahn gelandet zu sein, für die sich meine Fähigkeiten ganz hervorragend eignen, wie Du selbst schon häufig hervorgehoben hast, und zur Hauptsache: am Ende dieser Laufbahn winkt das Glück in Gestalt von viel Geld. Zu diesem Zwecke, meine liebe Schwester, bedarf ich gerade jetzt Deiner Unterstützung, aber fürchte nichts, nicht durch Geld, sondern vermöge Deines Berufs und Verstandes, den Du wie wenige Deines Geschlechts in hervorragender Weise besitzt. Es wird Dir weder Zeit noch Mühe kosten und doch für mich von wesentlichem Nutzen sein. Ich bitte Dich also um folgendes und gebe Dir die Versicherung, daß Du mich nicht undankbar finden wirst, wie ich das auch bisher nicht gewesen bin. Du hast ja in Deiner zahlreichen Kundschaft nicht allein Angehörige der allerersten Gesellschaftsklassen, sondern auch Damen aus ganz anderen Lebenssphären, wenngleich sie beide sich jetzt mit einander vermischen. Ich interessiere mich nur für die Damen vom Operettentheater. Lasse mich wissen, ob Dir ein Fräulein Gertie Tillet bekannt ist. Ist das der Fall, oder gelingt es Dir, Dich mit ihr bekannt zu machen, so möchte ich, daß Du Dich bei ihr über einen gewissen Herrn William West in sehr erschöpfender Weise erkundigst. Es ist das der bekannte Finanzmann, der mit ihr sehr befreundet ist. Ich werde Dir, wie gesagt, außerordentlich dankbar für diese Auskunft sein, mit der Du zum hundertsten Male glühende Kohlen sammeln wirst auf das Haupt Deines Dich liebenden Bruders.« Bald nach dem nochmaligen Durchlesen dieses Schriftstückes kehrte Dark zu ihm zurück. »Nun, was bringen Sie?« »Mein Freund sagt mir, daß Herr Wyvill heute, kurz nachdem Sie fortgegangen waren – Whytner hatte Sie auf der Treppe gesehen – ebenfalls das Bureau verließ und bis jetzt noch nicht zurückgekommen ist.« Justus überlegte. »Also wird er es wohl gewesen sein, den ich im Leichenschauhause sah. Sobald er sich sicher fühlte, daß er mir entschlüpfte, wird er vielleicht wieder hingegangen sein. Das ist sehr wahrscheinlich, aber ich darf mich nicht von ihm sehen lassen.« Und laut sagte er: »Kennen Sie Herrn Wyvill von Ansehen, Dark?« »Ja, sehr gut. Er ist ein großer Herr mit rotem Haar und die Augen stehen ihm auffallend dicht über der Nase zusammen.« Justus nickte. »Das ist richtig. Ich möchte also, Sie eilen sofort zu dem Schauhause von St. Giles. Gehen Sie nicht hinein, sondern warten Sie an einer versteckten Stelle ab, wo Sie den Eingang betrachten und sehen können, wer da ein- und ausgeht. Wenn Wyvill kommt, so folgen Sie ihm, natürlich ohne daß er es merken kann, und prägen sich ein, wie er sich benimmt und wie er aussieht. Sie brauchen ihn, wenn er fortgeht, nicht länger im Auge zu behalten, sondern kommen Sie dann sofort zu mir. Ich glaube, ihn heute dort gesehen zu haben, sollte er sich nun noch einmal da einfinden, so wäre es für mich von größter Wichtigkeit, das zu erfahren. Das begreifen Sie? Also, trollen Sie sich und werfen Sie diesen Brief in den Kasten.« Dark grüßte und verschwand. Wise befand sich abermals allein. Er hoffte, daß sich Wyvill in St. Giles wieder sehen lassen würde, nachdem er vor ihm selbst davongelaufen war, denn damit würde er seinen Verdacht wesentlich bestätigt finden. Aus seinen Grübeleien wurde er durch ein Klopfen an der Tür aufgescheucht. Er fuhr förmlich zusammen und meinte, er sei doch seit der Kamingeschichte entsetzlich nervös geworden. Vermutlich ein neuer Klient, aber wie albern von mir, mich so erschrecken zu lassen. Er raffte sich auf, schritt zur Tür und öffnete sie. »Guten Tag,« sagte ein Herr, der so dicht an der Tür stand, daß es Wise vorkam, als habe jener das Auge am Schlüsselloch gehalten. »Sind Sie Herr Wise?« »Ja, der bin ich. Wollen Sie nicht näher treten?« Der Fremde antwortete nicht gleich, sondern betrachtete Justus sehr genau, wobei dieser die Empfindung hatte, daß er noch niemals in seinem Leben so scharf durchforscht worden war. Und trotzdem war an dem Manne gar nichts besonders Auffälliges, nur schien er eine Riesenkraft zu besitzen, die sich teils durch seine untersetzte Gestalt und den breiten Brustkasten und breite Schultern, teils aber auch durch die Tatsache kennzeichnete, daß seine lose herabhängenden Arme fast bis zu den Knien reichten. Er mochte fünfundvierzig Jahre alt sein. Sein kurzgeschnittenes dichtes Haar war ergraut. Das Gesicht war glatt rasiert und sowohl um die Augen, wie um den festen Mund lagen viele Falten. Die grauen Augen waren trübe und blickten etwas hoffnungslos ins Leere, wenn auch eine nähere Betrachtung sonderbar genug ergab, wie richtig der erste Eindruck von Justus Wise gewesen, mit diesen Augen durch und durch geschaut worden zu sein. Das hatte ihm das sonst so fremde Gefühl der Verlegenheit bereitet. Diese Verlegenheit dauerte denn auch nur ganz kurze Zeit. Er lächelte den Herrn an und wiederholte: »Ja, mein Name ist Wise. Wünschen Sie mich geschäftlich zu sprechen?« Es war, als ob die Gedanken des Besuchers sich mit anderen Dingen beschäftigt hätten; er betrachtete die Tür zum zweiten Bureau. »Da hinten liegt noch ein Zimmer?« fragte er. Justus machte ein erstauntes Gesicht. »Ja – ja. da ist noch ein Zimmer.« »Darf ich das einmal ansehen?« »Gewiß,« sagte Justus und führte den Herrn weiter. Sie standen nun beide auf der Schwelle und betrachteten das Bureau wie eine Sehenswürdigkeit. Mit einem raschen Ueberblick bemerkte Justus sofort, daß die Spuren von Asche und Ruß noch erkenntlich waren, die von dem geheimnisvollen Gast aus dem Kamin herrührten. Vermutlich hatte Dark nicht darüber entscheiden wollen, sie ohne Weisung zu beseitigen. Wise überzeugte sich dann, daß der Fremde jene Spuren nicht wahrnahm und nur den ganzen Raum mit ausdruckslosen Augen durchmaß. »Ich danke Ihnen. Ich glaubte, es wäre hier noch jemand, mehr wollte ich nicht wissen. Meine Angelegenheit ist privater Natur.« Sie kehrten in das vordere Zimmer zurück, ließen die Mitteltür offen und der Fremde, der sich Justus gegenübersetzte, begann nun, auf sein Geschäft zurückzukommen. Mit einer ruhigen tiefen Stimme hub er an: »Ich befand mich zufällig in diesem Hause, sah Ihr Schild und daß Sie Privatagent sind.« Justus verbeugte sich. »Ja, ein Privatagent. Darf ich Ihnen meinen Prospekt geben? Sie werden daraus sehen –« »Ich danke Ihnen. Ich faßte das so auf, daß Sie unter gewissen Verhältnissen auch Recherchen im Auftrage anderer anstellen.« »Gewiß, das ist ein Zweig meines Geschäftes.« »Und solche Recherchen und ihr Ergebnis bleiben streng diskret?« »Durchaus – durchaus. Nur der Kunde und ich.« Der Fremde nickte. »Also habe ich richtig gedacht. Ich möchte also jemand auffinden. Justus strahlte. »Sie wären nirgends besser damit angekommen als bei mir. Handelt es sich um eine Dame oder um einen Herrn?« »Um einen jungen Mann.« »Darf ich den Namen – und seinen Beruf erfahren? Wird er schon lange vermißt?« »Es läßt sich nicht gerade sagen, daß er vermißt wird. Es sind viele Jahre darüber hingegangen, seitdem ich ihn gesehen und von ihm gehört habe, aber das ist eine lange Geschichte, und es wäre zwecklos, sich darin zu vertiefen. Er ist in London, ich habe wenigstens Gründe, dies anzunehmen. Er heißt Millbank – Georg Millbank.« Justus erhob sich rasch und ging ans Fenster. Um seine Verwirrung zu verbergen, tat er, als ob er es schließen wollte. Nachdem er das Fenster zugemacht hatte, wandte er sich zu dem Fremden um. »Georg Millbank – wie alt ist er?« »Sechsundzwanzig Jahre. Er ist ein hübscher, stattlicher junger Mann. Bis vor kurzer Zeit wohnte er, soviel ich weiß, in der Duckestraße in St. James, er ist aber von dort verzogen und ich kann seine jetzige Adresse nicht herausbekommen. Ich möchte wissen, wo er sich jetzt befindet und was er treibt. Können Sie mir dabei behilflich sein?« Justus machte eine Miene, als ob er ernstlich überlege. »Ich halte es für höchstwahrscheinlich, daß ich dazu imstande bin, zumal ich behaupten kann, daß ich in solchen Fällen noch niemals versagt habe, und dieser Fall scheint ganz besonders einfach zu liegen. Wieviel Zeit geben Sie mir dazu?« »Ich will in einer Woche wiederkommen. Inzwischen möchte ich Ihnen auf Ihre Unkosten eine Anzahlung leisten.« »Sehr freundlich,« murmelte Justus und versuchte, seine Freude nicht merken zu lassen. »Hier sind zwanzig Pfund in Banknoten.« Er reichte Justus vier Fünfpfundnoten. »Genügt das?« »Reichlich, reichlich.« erklärte Justus, nachdem er seine weiße Hand ausgestreckt hatte. »Der Betrag wird alle Unkosten decken. Darf ich mir Ihren werten Namen und Ihre Adresse erbitten?« Er hatte die Banknoten sorgfältig eingesteckt und ging auf wie eine Blume im Sonnenschein. »Es wäre ja möglich, daß ich Ihnen eine Mitteilung zu machen hätte.« Der Andere schüttelte den Kopf. »Die möchte ich Ihnen heute noch nicht geben. Ich komme in acht Tagen zurück und dann –« Ehe er weiter sprechen konnte, wurde die Außentür rasch geöffnet und Dark trat ein. Der Fremde nickte schweigend. »Wyvill war wieder da.« sagte Dark hastig, »und jetzt kommt er gleich hierher zurück.« Als er den Besuch gewahrte, unterbrach er sich plötzlich. »Ich bitte um Entschuldigung, Herr Wise.« Justus zog die Stirne kraus, der Fremde trat auf das zweite Bureau zu. »Es ist mir, als ob es da drinnen noch eine zweite Tür gibt,« sagte er schnell. »Sie führt wohl hinaus?« Justus zauderte. »Da ist eine Hintertreppe, aber sehr schmutzig und wenig benutzt und ich –« »Ei, das tut nichts. Sie genügt mir, wenn ich nur auf die Straße komme. Es liegt mir besonders daran, heute hier nicht gesehen zu werden. Ich danke schön, ich werde den Weg schon allein finden. Bitte vergessen Sie nicht. Ich verlasse mich auf Ihre strengste Diskretion.« Er begab sich schnell zu der Ausgangstür und war wie verschwunden. Justus und sein Schreiber sahen sich verdutzt an, folgten dem Fremden dann, um gerade noch zu sehen, wie sich die Tür von außen schloß. Dann hörten sie die Tritte auf den Steinstufen. Justus führte die Hand in die Tasche, um die Banknoten zu befühlen. Dann zog er sie heraus, um sie zu prüfen. Sie waren zweifelsohne echt und lächelnd steckte er sie wieder ein. »Ein sehr wohlhabender Herr, aber exzentrisch, Dark.« sagte er leichthin, »recht komisch – aber nun erzählen Sie mal, was Sie erlebt haben.« Dark sah noch immer verwundert nach der Tür, hinter der der Fremde verschwunden war, und trocknete sich die Stirn. »Ich kann Ihnen nicht viel mehr erzählen, Herr Wise, als was ich Ihnen schon gesagt habe. Entschuldigen Sie, daß ich so außer Atem bin und daß ich auch so hereingestürzt kam, ich war schnell gelaufen und ahnte nicht, daß jemand bei Ihnen war.« »Ich will Ihnen dieses Mal noch verzeihen, aber vergessen Sie für die Folge nicht, daß hier ein Bureau ist, in dem jeden Augenblick Kunden erscheinen können. Also, weiter jetzt.« »Ja, Herr Wise. Ich ging also zu dem Schauhause St. Giles und wartete, wie Sie mich geheißen hatten, auf einer Stelle, wo mich niemand bemerken konnte, von wo ich aber das Portal betrachtete. Ich brauchte gar nicht mal lange zu warten, da kam auch schon Herr Wyvill. Er sah sich um, mußte aber weder mich noch jemand anders bemerkt haben, der ihn genieren konnte, und ging hinein. Ich folgte ihm und da lag auch die Leiche des armen Mannes, die durch unseren Kamin gekommen war.« »Hoffentlich haben Sie sich doch nicht verraten, daß Sie die Leiche erkannten?« »Nein, Herr Wise, gewiß nicht. Und selbst, wenn ich es getan hätte, würde es niemand gesehen haben. Herr Wyvill und der Aufseher unterhielten sich, als sie vor dem Toten standen und achteten gar nicht auf mich.« »Und was machte Wyvill für ein Gesicht?« »Ganz wie sonst, soweit ich sehen konnte. Gerade als ich hineinkam, hörte ich ihn sagen: »Ach, er ist es nicht; es ist nicht mein lieber Freund. Das war ein Militär, der auf der Stirn ein Zeichen hatte, bis wohin der Helm gegangen war, und dieser Tote sieht wie ein Kaufmann aus.« »Das tut er,« meinte der Aufseher. »Ich bedauere, daß es nicht Ihr Freund ist, den Sie vermissen. Ich will aber gern Ihren Namen und Ihre Adresse notieren. so daß ich Ihnen Nachricht geben kann, wenn wir hier etwas von Ihrem Freund erfahren.« »Gern,« entgegnete Wyvill. »Ich habe gerade keine Karte bei mir und will es Ihnen aufschreiben oder wenn Sie so gut sein wollen, können Sie es sich ja auch notieren: John Douglas. Albington Crescent, Battersea. Haben Sie das?« Damit wendet er sich um und sieht mich. »Adieu, Herr Aufseher.« sagte er. »Ich will Sie nicht länger aufhalten. Und fort ist er.« »Hat er Sie erkannt?« »Das kann ich nicht sagen. Ich habe noch nie ein Wort mit ihm gesprochen, aber er kann mich vielleicht auf der Treppe gesehen haben. Ich habe ihn wenigstens oft genug gesehen.« Justus zog die Brauen hoch. »Hoffen wir, daß er Sie nicht kennt. Jedenfalls gehen Sie ihm vorläufig möglichst aus dem Wege. Und was geschah nun weiter?« »Ich wollte ihm nachgehen, aber ehe ich noch aus der Tür bin, hält mich der Aufseher an und ein Inspektor kommt herein. Inzwischen war Wyvill natürlich längst fort.« »Nannten Sie Ihren Namen?« »Nein, ich hielt es für besser, das nicht zu tun. Ich machte es Herrn Wyvill nach und nannte mich Tom Arnold aus Limehouse. Ich hatte gerade ein Rechnungsformular von ihm in der Tasche und Tom wird nichts dagegen haben, daß ich seinen Namen gebrauchte. wenn er es überhaupt jemals erfährt.« »Sie haben das ganz gut gemacht.« sagte Justus. »Und dann?« »Wie ich hinauskam, war Wyvill natürlich längst verschwunden. Ich lief aber in unserer Richtung weiter und in einer Viertelstunde hatte ich ihn eingeholt. Er ging ganz gemächlich und begab sich offenbar in sein Bureau zurück; ich eilte weiter. Durch das Fenster auf dem Treppenabsatz konnte ich sehen, daß er die Straße hinunterkam, und deshalb stürzte ich zu Ihnen herein, um Ihnen das zu melden.« »Ich danke Ihnen, Dark. Sie haben das wirklich recht gut erledigt. Gehen Sie jetzt und trinken Sie Tee. Hier ist auch Ihr Salär. Wechseln Sie diese Banknote und machen Sie sich bezahlt.« Wieder allein geblieben, verfiel Wise in seine Gewohnheit, mit sich selbst zu sprechen. »Die Dinge nehmen doch einen interessanten Verlauf. Weshalb sich Wyvill plötzlich Douglas nennt und schwindelt, daß er in Battersea wohnt, gibt viel zu denken. Und was mag mein letzter Klient damit zu tun haben? Daß er Wyvill ausweichen wollte, unterliegt keinem Zweifel. Und daß gerade er meinen jungen liebenswürdigen Freund Millbank durch mich sucht, klingt fabelhaft, ist aber doch glücklicherweise die nackte Tatsache. Millbank liegt im Streit mit West, der wiederum mit Wyvill befreundet ist – ein prächtiger Kreis. Jedenfalls bleibe ich in diesem Bureau. Es zieht das Geschäft mächtig heran.« Kapitel 7. Ungelichtetes Dunkel Am nächsten Tage stellte sich Justus Wise schon früh in seinem Bureau ein, wo er eine Antwort von seiner Schwester vorfand. Justus hatte vor ihr, die eine geschäftskundige Dame mit strengen Gesichtszügen war, einen ziemlichen Respekt. »Mein lieber Justus!« (lautete der Brief): »Ich freue mich außerordentlich, daß Du so gute Aussichten hast und daß es Dir gelingt, Dein Talent von jetzt ab besser zu verwerten als bisher. Auch ist es mir lieb, die Rückzahlung der £ 49.11 sh. 6 d., die Du mir schuldest, bald erwarten zu können. Endlich betrachte ich es als einen sehr glücklichen Umstand, Dir die gewünschte Auskunft geben zu können, ohne erst Nachforschungen anstellen zu brauchen, die mühsam gewesen wären und denen ich mich schwerlich hätte unterziehen können. Es trifft sich also sehr gut, daß ich Fräulein Gertie Tillet genau kenne, da sie seit vielen Jahren meine Kundin ist. Da sie nun zu den jungen Damen gehört, die ihren Mund nicht einen Augenblick geschlossen halten können, mit Ausnahme der Zeit, wo sie meine besonders präparierte Lippensalbe aufgelegt hat, so sind mir ihre Privatangelegenheiten bekannt, die mich zwar wenig interessieren, da ich mich um mein Geschäft bekümmere, das mir wichtiger ist. West hat ihr schon seit langer Zeit den Hof gemacht und eine Menge Geld für sie ausgegeben. Der alte Narr ist in sie stark verliebt und möchte sie heiraten, sie kann sich aber nicht dazu entschließen. Sie hat es ganz gern, wenn er ihr von seiner Liebe viel vorschwatzt, aber sie will sich jetzt noch nicht binden und vor allem die Bühne nicht verlassen, worauf er im Falle einer Heirat bestehen würde, wie sie weiß. Ueber seine finanzielle Lage hegt sie seit einiger Zeit gewisse Zweifel und hat merkwürdigerweise mich deswegen um Rat gefragt. Soweit ich mich darüber erkundigen konnte, befindet sie sich da im Irrtum, denn West ist ein sehr vermögender Mann, was Du aber selbst wohl besser in Erfahrung bringen kannst als ich. Sie meint, er habe gerade jetzt große Sorgen, die ihn bedrücken, deshalb sei er auch vor wenigen Tagen mit der Frage an sie herangetreten, ob sie mit ihm aus England fortgehen möchte. West hat eine sehr hübsche und gute Tochter, die mit einem jungen Mann namens Millbank verlobt ist. West soll einst mit einem Millbank assoziiert gewesen sein, der ihn beschwindelt hat und deshalb vor zwanzig Jahren ins Zuchthaus mußte, wo er gestorben sein soll. Ob dieser junge Mann mit dem ehemaligen Partner von West verwandt ist, weiß ich nicht. Was ich sonst über West erfahren habe, läßt mich glauben, daß er aller Wahrscheinlichkeit nach ein größerer Schwindler gewesen ist als sein Partner und der weniger Schlaue den Kürzeren zog. Jedenfalls ist der Verlobte von Fräulein West ein sehr netter Mensch und er und das Mädchen geben ein recht hübsches Paar ab. Genügt Dir das nun? Sollte ich noch mehr erfahren, so lasse ich Dich es gern wissen. Deine Dich liebende Schwester »Clem.« Justus las diesen Brief mehrere Male, ehe er ihn in die Tasche steckte, und dann saß er da und kaute an seinem Federhalter. Er legte sich die Frage vor, ob es Georg Millbank wohl bekannt war, daß der einstige Partner von West, den dieser ins Zuchthaus gebracht hatte, des gleichen Namens gewesen. Die Tatsache konnte einiges Licht auf das sonderbare Benehmen West's gegen den Verlobten seiner Tochter werfen. Was er von Millbank gesehen, ließ ihn daran zweifeln, daß jenem die Geschichte mit dem früheren Partner Millbank bekannt war, obgleich sich Justus kaum selbst erklären konnte, weshalb er das eigentlich bezweifelte. Es stand für ihn fest, daß er das herausbekommen mußte, um weitere Klarheit in die Angelegenheiten zu bringen. Georg Millbank war noch ein Kind, als sein Namensvetter oder Verwandter ins Zuchthaus mußte, deshalb ist es leicht erklärlich, daß ihm die Sache unbekannt geblieben ist. Ob er sich heute wohl pünktlich einfinden wird? Darüber brauchte Wise nicht lange im Unklaren zu bleiben, denn schon zu früher Stunde meldete Dark ihm, daß Herr Millbank im Vorzimmer sei. Der Eintretende erschien blasser und schmaler als Justus ihn bisher gesehen, aber seine vornehmen Gesichtszüge prägten eine große Entschlossenheit aus und die starken Gemütsbewegungen, die ihn erregt hatten, waren nicht ohne tiefen Eindruck auf ihn geblieben. »Ich weiß es selbst nicht, woher es kommt, aber ich habe diesen jungen Mann herzlich gern,« sagte sich Justus, als er sich verbeugte und ihm einen Stuhl anbot. »Nun, mein verehrter Herr Millbank. wie geht es Ihnen heute und was wissen Sie Neues?« Vermutlich hatte er genau die Frage gestellt, die auf Millbanks Lippen schwebte, aber dieser erwähnte es nicht und begegnete den scharfen Blicken des Agenten. »Nicht allzuviel, Herr Wise. Ich hatte nur einen Brief von Soph – von Fräulein West.« »Also! Darf ich fragen, ob darin eine Aufklärung über das Benehmen ihres Vaters enthalten war?« »Keineswegs. Sie selbst kann es nicht begreifen. Es bleibt ihr ebenso unerklärlich wie mir, doch sie schreibt mir, daß sie mir gegenüber stets die gleiche bleiben wird und mir vollkommen vertraut. Bei Gott, sie ist ein Engel, Herr Wise.« »Sicher ist sie das,« lächelte Justus. »Es ist hübsch von ihr, Ihnen so zu schreiben, wirklich sehr hübsch von ihr. Und sie kann für die sonderbare Handlungsweise ihres Vaters keinen Grund angeben?« »Keinen.« »Und Sie selbst haben bei längerem Nachdenken auch keinen Grund gefunden?« »Nein. Jemehr ich darüber nachgedacht habe, desto tiefer scheint mir der Schlüssel zu dem Geheimnis zu liegen.« »Ganz recht. Ich bin indeß einer Lösung auf der Spur.« »Georg Millbank blickte rasch auf. »Wirklich?« »Ja. Indeß halte ich es für verfrüht, sie jetzt schon preiszugeben. Sie müssen mir vertrauen. Entschuldigen Sie übrigens die Frage, leben Ihre Eltern noch?« »Ich glaube nicht. Es klingt sonderbar, doch weder meinen Vater noch meine Mutter erinnere ich mich, jemals gesehen zu haben. Ich bin in Südafrika geboren, von wo ich in sehr jungem Alter nach England gebracht wurde. Eine alte Tante erzog mich und hinterließ mir ihr Geld, als sie starb. Sie hat nur niemals von meinen Eltern gesprochen; es war mir auch nicht möglich, mich über sie zu informieren.« »Darf ich fragen, wie Sie mit Herrn und Fräulein West bekannt geworden sind?« »Durch meine Tante. Herr West war seit vielen Jahren mit ihr befreundet und so kenne ich ihn und seine Tochter seit meinen Knabenjahren.« »Und Herr West hat sich stets sehr freundschaftlich gegen Sie benommen, bis auf die letzten Wochen?« »Stets.« »In den letzten Wochen war es auch, daß er den Besuch eines Fremden erhielt, mit dem er eine heftige Auseinandersetzung hatte?« »Ja.« »Und nach dem Streit verschwand er?« »Ja, das ist wahr, aber –« »Da es nun keine andere Erklärung für sein Verhalten gegen Sie zu geben scheint, so wäre es doch möglich, sogar wahrscheinlich, daß zwischen seinem Auftreten gegen Sie und den von Ihnen erzählten Ereignissen ein gewisser Zusammenhang besteht.« Millbanks Stirn furchte sich. »Wie soll das möglich sein? Dieser geheimnisvolle Mensch, der zu Herrn West kam. ist mir vollständig fremd.« »Sind Sie dessen sicher? Haben Sie ihn gesehen?« »Nein, doch der alte Butt beschrieb Sophie, wie er aussah, und sie erzählte mir das wieder. Ich kenne ihn nicht.« »Wie hat er denn ausgesehen?« »Es war ein ganz alltäglicher Mensch, ungefähr fünfzig Jahre alt, mit grauem Haar, glatt rasiert, sehr breitschultrig und mit ungewöhnlich langen Armen.« Für Wise war das eine genaue Schilderung seines Kunden vom Tage vorher, des Mannes, der ihn beauftragt hatte, Georg Millbank zu suchen. Abermals ein Zufall, der ihn überraschte und ihn zugleich vor die Entscheidung stellte, ob er Millbank von diesen Dingen Kenntnis geben sollte. Er entschloß sich für einen Aufschub, weil er als vorsichtiger Mann seine Chancen nicht aus der Hand geben wollte, zumal diese sich auf mancherlei Weise noch weiter entwickeln konnten. Erst wenn er bestimmt wußte, daß sein Besucher vom Vortage mit dem Manne identisch war, der West bedroht hatte, wenn er erfahren hatte, welche Beziehungen jenen, den Finanzmann und Millbank verknüpften, war es ratsam, die Mine springen zu lassen, jetzt noch nicht. Er wollte die Unterredung mit Millbank auf ein anderes Thema lenken, als Dark nach kurzem Anklopfen ins Zimmer trat. Er hielt ein Zeitungsblatt in der Hand, und während er anscheinend nach einigen Schriftstücken suchte, war er bestrebt, die Aufmerksamkeit seines Prinzipals auf die Zeitung zu lenken. Das machte er recht ungeschickt. Justus biß sich auf die Lippen und warf einen raschen Blick auf Millbank, der glücklicherweise von den Gebärden des Schreibers gar keine Notiz nahm. »Ist das die heutige Abendausgabe?« fragte Justus und streckte die Hand aus. »Entschuldigen Sie einen Augenblick, Herr Millbank. Ich wollte nur 'mal sehen, zu welchem Kurse heute Union Pacifics bei Eröffnung der Börse notiert wurden.« Dark wies mit dem Daumen auf eine Stelle im Abendblatte und Justus las: »Gräßlicher Mord: Eine Leiche in der Themse gefunden. Identifiziert.« Mit großen Lettern bildeten diese Worte die Ueberschrift zu nachfolgender Notiz, die der Agent mit hastigen Augen verschlang: »Die Leiche eines Mannes, der etwa fünfzig Jahre alt gewesen sein mag, wurde Donnerstag in der Themse gefunden, unter Anzeichen, die mit Sicherheit auf ein furchtbares Verbrechen schließen lassen. Sie war in dem Leichenschauhause von St. Giles ausgestellt und ist nunmehr als die Leiche eines südafrikanischen reichen und angesehenen Herrn erkannt worden, der sich in England eine Zeitlang aufgehalten hat. Der Name des Ermordeten ist Dunton. Man glaubt, daß er an verschiedenen Londoner großen Unternehmungen beteiligt gewesen ist. Es heißt, daß die Polizei dem Täter aus der Spur ist.« Sollte sich das so verhalten, dann mußte Justus Näheres darüber erfahren. Er zerknitterte das Blatt und schaute zu Millbank hinüber, der ihn überrascht betrachtet hatte. »Es tut mir leid, Herr Millbank, aber ich muß Sie bitten, mich jetzt zu entschuldigen. Ich habe einen notwendigen Gang zu machen, denn ich las hier eben etwas, was mich aufs höchste interessiert. Schade, daß wir unsere Unterredung abbrechen müssen, wenn es Ihnen aber angenehm ist, können wir ja eine Strecke Wegs zusammengehen und weiter plaudern.« Georg Millbank verbeugte sich. »Gewiß, sehr gern. Ich habe sonst nichts zu tun. Ich gehe mit Ihnen, wohin Sie wollen.« »Dann kommen Sie. Ich – wirklich die Sache ist sehr brennend. Ich danke Ihnen, Dark, Sie hatten recht, mir das zu zeigen.« Kapitel 8. Verhaftet! Wise ging seinem Begleiter hurtig voran. Er hatte Millbank versprochen, daß sie ihre Unterredung während des Weges fortsetzen würden, in Wirklichkeit war er aber durch die Neuigkeit, die er soeben gelesen, viel zu ausgeregt, um sich ruhig unterhalten zu können. Der Ermordete – sein Fund – identifiziert, die Polizei aus der Spur! Und er, Justus Wise, kalt gestellt. er, der auf alle Fälle viel, viel mehr wußte, als die Polizei ahnen konnte! Was wußte sie denn überhaupt? Das war es, was er jetzt auf diesem Wege herauszubekommen suchte. Er wußte wohl, daß es nicht leicht war, dies festzustellen, aber er besaß ein unbeschränktes Vertrauen zu sich selbst und damit glaubte er, auch hier zum Ziele zu kommen. Ueberdies hatte er einen Bekannten, dem er noch etwas Geld schuldete, das er bis jetzt vergessen hatte zurückzuzahlen, und aus diesem Grunde setzte er gerade in ihn starke Hoffnungen. Doch das Schicksal wollte ihn noch nicht so bald mit seinem Gläubiger zusammenführen. Nachdem sie aus der Berklandstraße in die Hauptverkehrsader eingebogen waren, stieß Millbank, der Justus wie in einer Art Traum folgte, mit einem Herrn heftig zusammen, der von der entgegengesetzten Seite um die Ecke kam. Der Fremde entschuldigte sich und kehrte dann in gleicher Richtung zurück wie die beiden Herren, als Justus sich jetzt gerade nach seinem Begleiter umsah. Hatten ihn auch die letzten Tage an mancherlei Ueberraschungen und an ein gar merkwürdiges Zusammentreffen von Ereignissen gewöhnt, dem gegenüber, was er jetzt sah, war er völlig sprachlos. Denn der Unbekannte, der sich bereit erklärt hatte, ihm dreißig Pfund Sterling und mehr dafür zu zahlen, wenn er ihm die Adresse von Georg Millbank nannte, war gerade der Mensch, mit dem Millbank soeben karamboliert hatte. Sie hatten sich beide in die Augen gesehen, sich gegenseitig entschuldigt und waren dann ihres Weges weiter gegangen. Von einer Bekanntschaft konnte keine Rede sein. Dazu sahen Wises Adleraugen zu scharf – er hätte sein Leben darauf verwettet, daß sie sich völlig fremd waren. Nun wanderte sein Blick von dem jungen Manne neben ihm aus den breiten Rücken des Fremden, der wenige Schritte vor ihnen dahinschritt. Wise nahm ein langsames Tempo an und überlegte sich, ob es nicht richtig wäre, an dem Unbekannten vorüber zu gehen. Dieser ging gemächlich vorwärts, schaute weder rechts noch links und gab Wise doch die Möglichkeit, seine Absicht auszuführen, ohne das Millbank etwas davon merkte. Es blieb aber zu fürchten, daß der Unbekannte jeden Augenblick stehen bleiben konnte, um sich eine Geschäftsauslage anzusehen, und Wise mußte immerhin einen Entschluß fassen. Aber auch hier beantwortete das Schicksal die Frage. Während Wise noch nachsann, kamen ihnen die Ausläufer mit gellendem Geschrei entgegen, die eine neue Ausgabe der Abendzeitungen noch feucht vom Druck feilboten. Welche Neuigkeiten da ausgeschrien wurden, war Wise kaum verständlich, aber der Fremde mußte sie verstanden haben, denn er beeilte sich, den ersten Jungen abzufassen, dem er eine Kupfermünze gab und dafür das rosafarbene Zeitungsblatt in die Hand nahm, das er mit einer Gebärde höchster Erregung auseinander faltete. Justus blieb stehen und beobachtete ihn mit wachsender Neugier, Millbank verwunderte sich über das Verhalten seines Begleiters und folgte der Richtung seiner Blicke. Was der Fremde las, war sicherlich nicht dazu angetan, seine Erregung herabzustimmen, denn nachdem er eine gewisse Spalte mehrmals gelesen, zerknitterte er wütend das Blatt, schleuderte es von sich und starrte wie geblendet um sich her. Dann streckte er die Hand ungestüm empor und setzte seinen Weg fort. Justus behielt ihn noch im Auge und winkte einen Zeitungsjungen heran. »Hier, mein Herr! Das Neueste über den schrecklichen Mord des afrikanischen Herrn. Verhaftung von William West! William West, der große Finanzmann verhaftet! Hier, mein Herr. Danke!« schrie der Bursche wie toll. »West verhaftet!« Wise riß das Blatt an sich und Millbank sprang mit einem Schreckensruf neben ihn. William West verhaftet! Zusammen lasen sie die Zeitungsnotiz. Ja, es war wahr! William West war verhaftet und nach der Bowstraße überführt aus Grund einer Anklage, an dem Tode von Peter Dunton, Kaufmann aus Südafrika, mitschuldig zu sein, der ermordet war und dessen Leiche man in der Themse aufgefischt hatte. Eine Sturzwelle von Gedanken strömte auf Wise ein, nachdem er das Gelesene in sich aufgenommen. Er wandte sich schnell nach der Stelle um, wo er den Unbekannten zuletzt gesehen hatte. Das war natürlich zwecklos; jener war in der Menge verschwunden und was zunächst für Justus von ihm übrig blieb, war nur das rosafarbene zusammengeballte Papier, das im Rinnstein lag. Aus seiner Grübelei wurde Wise durch einen starken Griff am Arme erweckt. Millbank hatte ihn gepackt und beugte sich mit gerötetem Gesicht und vor Erregung blitzenden Augen zu ihm nieder. »Gott im Himmel, das ist ja furchtbar, Herr Wise! Meine arme Sophie! Das ist ihr Tod! Sie liebt ihren Vater grenzenlos. Es kann nicht wahr sein, Herr Wise. Er kann das nicht getan haben. Nein, bei Gott nicht. Er hat mich nicht gut behandelt, er mag seine Fehler haben, er ist aber kein Mörder! Dafür setze ich mein Leben zum Pfande. Es ist nicht wahr. Die arme Sophie. Ich muß sofort zu ihr. Mein liebes, gutes Mädchen voller Verzweiflung und keinen Menschen, der sie tröstet. O, Herr Wise. Sie sind klug und erfahren. Sie werden uns beistehen und uns helfen. Kommen Sie mit mir und sehen Sie, was sich tun läßt. Können Sie, wollen Sie?« Wise raffte sich auf. »Gewiß, Herr Millbank. Sie können selbstverständlich auf mich zählen. Beruhigen Sie sich, bitte. Es ist wirklich eine schreckliche Nachricht und Fräulein West wird Ihres Beistandes und Ihres Trostes dringend bedürfen.« »Sie kommen also gleich mit mir? Sie wollen mir helfen?« »Weshalb nicht?« sagte er sich. »Die andere Angelegenheit kann noch eine Stunde warten. Wie sonderbar das alles ist. Ich werde mir keine Chance dabei entgehen lassen,« und laut wiederholte er: »Gewiß, ich werde Sie begleiten. Verlassen Sie sich nur auf mich, mein junger Freund, ich werde Ihnen meine ganze Zeit widmen. Ich hatte zwar eine Verabredung, aber unter diesen traurigen Umständen muß ich sie verschieben. Lassen Sie uns sogleich zu Fräulein West fahren.« Millbank rief ein vorüberkommendes Auto an und sie stiegen ein. Die Fahrt gab Wise Gelegenheit, darüber nachzusinnen, was den Unbekannten wohl so aus der Fassung gebracht haben mochte. Er glaubte, annehmen zu dürfen, daß es nichts anderes war als die Meldung von der Verhaftung von West. Und daran schlossen sich die weiteren Fragen: Kannte der Mann den Finanzier! Oder war er gar der Fremde, der diesen besucht und sich mit ihm gezankt, ihn bedroht hatte? Mit diesen Gedanken beschäftigt, schwieg Wise und Millbank, der voll Ungeduld und Unrast war, verspürte auch keine Neigung, sich zu unterhalten. Endlich hielt der Chauffeur an Berkeley Square an und sie sprangen ab. Millbank hielt sich nicht auf, warf dem Fahrer eine halbe Krone hin und eilte die Stufen zum Haustor hinauf; Wise folgte ihm. Auf ihr Klingeln öffnete ein alter Diener die Tür. Er sah elend und besorgt aus, seine Züge erhellten sich aber bei dem Anblick Millbanks. Doch gleich darauf trübten sich seine Augen wieder. »Das gnädige Fräulein – Herr Georg? Ja, Herr, sie ist zu Hause, nun – Sie wissen doch, Herr Georg, der gnädige Herr hat befohlen –« Millbank unterbrach ihn hastig. »O, ja, Butt, ich kann es mir gut denken, – ich sollte nicht hineingelassen werden. Aber, Mann, das ist doch jetzt natürlich etwas ganz anderes. Fräulein West weiß wohl, was in den Zeitungen steht, das brauche ich nicht erst zu fragen –« »Ob sie es weiß, Herr Georg? Wie sollte das wohl anders möglich sein? Hier ist ja alles geschehen. Sie sind ja gerade hierhergekommen und einer von ihnen ist noch im Hause. Ach, Herr Georg, Sie glauben doch auch nicht, daß da etwas Wahres d'ran sein kann.« »Nein, nicht einen Augenblick. Es muß ein toller Irrtum vorliegen, Butt. Also die Polizei ist noch hier? Ich glaube aber kaum, daß man mich daran hindern wird, Fräulein Sophie zu sprechen.« »Gewiß nicht, Herr Georg. Weshalb sollte man das wohl tun? Ich denke auch, daß sich jetzt alles geändert hat und ich Sie hereinkommen lassen darf. Aber wenn die Sache erst beigelegt ist und der gnädige Herr erfährt, daß ich gegen seinen ausdrücklichen Befehl gehandelt habe, dann müssen Sie mir aus der Patsche helfen.« »Gewiß, Butt, das wird schon alles in Ordnung kommen. Wo ist sie?« »Im ersten Stock. Das gnädige Fräulein weint in einem fort, seitdem man den Herrn weggeführt hat. Ich will melden, daß Sie hier sind, bitte gehen Sie einstweilen ins Rauchzimmer. Unser armes Fräulein! Sie wird froh sein, Sie wiederzusehen, Herr Georg. Das kann ich mir denken.« Er führte die beiden in ein Rauchzimmer im Hochparterre, nachdem ein Herr erschienen war, der Millbank einen oberflächlichen Blick gegönnt und den Privatagenten forschend angesehen hatte. Millbank zappelte nervös vor dem Kamin, Wise umfaßte mit einem verständnisvollen Blick den Raum. West hatte Geld, daran war nicht zu zweifeln, alles in dem Zimmer bedeutete Reichtum, der vernünftig, wenn auch nicht verschwenderisch zur Geltung gebracht war. Der Agent zog die Brauen hoch, wie schade, daß er den Mann nicht besser und nicht früher kennen gelernt hatte! Die Tür öffnete sich und ein junges Mädchen trat ein. Es war eine junge, frische und anmutige Erscheinung und wenn auch das liebliche Gesicht die Tränenspuren deutlich zeigte, so meinte Justus doch, ein so reizendes Mädchen noch nie gesehen zu haben. Bei dem Anblick des fremden Herrn war Fräulein West zurückgewichen, Millbank ging auf sie zu. »Nur ruhig, liebe Sophie! Das ist Herr Justus Wise, ein guter Bekannter von mir, der mir versprach, uns beizustehen. Aengstige Dich nicht, Liebste! Es muß unbedingt da ein Irrtum vorliegen, den wir schon richtig stellen werden, damit Dein Vater bald wieder ruhig in sein Haus zurückkehren kann.« Justus Wise machte seine beste Verbeugung und Sophie West versuchte mit einem schwachen Lächeln den Gruß zu erwidern. Millbank hatte ihre Hand ergriffen, seine Berührung brachte aufs neue Tränen in ihre Augen. »Glaubst Du wirklich, daß er so bald heimkehren wird?« schluchzte sie. »Ach, Georg, ich war so entsetzt – die Polizei kam hierher und dann –« »Ja, Liebste, sehr gut, laß nur,« entgegnete Millbank und führte sie zu einem Ruhesitz. Er bot alles auf, sie zu trösten und ihre Tränen zu trocknen, während Wise sich diskret umwandte. Das Zimmer war so groß, daß er nach einer Weile, als er fand, wie sich das junge Pärchen seiner Anwesenheit gar nicht mehr bewußt war, unbemerkt einen großen Lehnsessel aufsuchte, der mit flaumig weichen Kissen bedeckt war. Er rieb sich die weißen Hände und blickte fast väterlich auf die beiden hinüber. Es lag ein Stück Sentimentalität in Justus Wise, solange das nicht mit dem Geschäft in Widerspruch geriet, und so wäre ihm die Zeit durchaus nicht lang geworden, die Liebenden zu betrachten, es hätte ihm das sicherlich große Freude bereitet, wenn nicht ein Zwischenfall seine Aufmerksamkeit abgelenkt haben würde. Während er sich sehr behaglich in den Kissen hin und her schob, entdeckte er plötzlich, daß unter ihm ein Papier raschelte. Das Rascheln und Knistern wurde offenbar durch die Bewegungen seines Körpers verursacht, und nachdem er eine Hand unter das Kissen geschoben hatte, fühlte er auch, daß da ein Brief lag. Immer geistesgegenwärtig, umschlossen seine Finger sofort das Schriftstück und seine Augen wanderten zu dem Paare am anderen Ende des Zimmers. Das nahm nicht die geringste Notiz von ihm oder von dem, was er trieb. So beförderte er den Brief allmählich ans Tageslicht. Noch immer kein Zeichen von Millbank oder dem Fräulein, die flüsternd Hand in Hand dasaßen. Justus blickte auf seinen Fund. Auf einem Briefbogen des Hotel Metropole geschrieben standen die Worte: 24. Oktober. »Lieber William. Finde Dich im Wapiti Bureau Mittwoch nachmittag unbedingt ein. Bedenke, es ist die letzte Frist! Dein Peter.« Das Bureau des Wapiti Syndikates! Peter! Peter Dunton?! Die Augen von Justus Wise traten förmlich aus ihren Höhlungen. Ein kurzer Blick auf die Liebenden, die noch immer Hand in Hand dasaßen – und schnell glitt der Brief in seine Tasche. Das Bureau der Wapiti Gesellschaft! Ja! In dem Gebäude, das dieses Bureau enthielt – in dem hinteren Zimmer seines eigenen Bureaus war Duntons Leiche zuerst gefunden worden. Und Dunton selbst hatte West aufgefordert, sich da mit ihm zu treffen. West war dieser Aufforderung gefolgt. Justus sah zu Sophie West hinüber. Armes kleines Mädchen! Welch enorme Bedeutung hatte sein Fund. Und wie kam es nur, daß die Polizei diesen Brief nicht entdeckt hatte?! Schließlich pflegt man zwar nicht gerade anzunehmen, daß sich das Suchen von Briefen unter Kissen in Lehnsesseln sonderlich verlohnen kann. West mußte den Brief gelesen haben, wo Justus jetzt saß: dort mußte er ihm entfallen sein und so kam er ans Licht. Mein liebes junges Pärchen, dachte Justus weiter, wie glücklich trifft es sich für Euch, daß ich den Brief fand. Was mag man denn in Scotland Yard für Beweise besitzen? Die Dinge stehen für William West sehr, sehr schlimm. Jetzt wird mir das Interesse Wyvills für die Leichenschauhalle ganz verständlich. Aber wenn Wyvill alles über den Mord weiß, wenn er dort war, was hat er die ganze Zeit über getan und weshalb hat man ihn nicht auch verhaftet? Hallo, sie sind mit Schnäbeln und Kosen fertig. Millbanks Bemühungen, Sophie zu beschwichtigen, hatten offenbar Erfolg gehabt, denn als das junge Paar sich Wise jetzt nahte, sah Fräulein West viel weniger traurig aus, wenn sie auch noch sehr blaß war. Wie sich herausstellte, war sie außer stande, noch weitere Auskunft zu geben, als sie bereits besaßen. Herr West war verhaftet worden, als er beim Frühstück gesessen hatte. Er schien zwar sehr bestürzt, hatte aber zu dem Beamten, der ihm den Verhaftungsbefehl gezeigt, nichts gesagt und sich ganz ruhig abführen lassen, nachdem er sich von seiner Tochter verabschiedet, die sich an ihn geschmiegt und der er die Versicherung gegeben, daß sie guten Muts bleiben könne, weil er bald wieder bei ihr sein würde. Dann waren sein Schreibtisch und seine sämtlichen Papiere untersucht worden, auch sein Arbeits- und sein Schlafzimmer und ein Beamter, den sie beide beim Durchschreiten der Eingangshalle bemerkt haben würden, war im Hause geblieben. Von der vollständigen Schuldlosigkeit ihres Vaters überzeugt, hatte Sophie von Augenblick zu Augenblick während des ganzen Vormittags auf seine Heimkehr gewartet, befand sich aber gerade vor einem vollständigen Zusammenbruch, als Georg Millbank und sein Begleiter sie aufsuchten. Beide jungen Leute erwarteten offenbar von Justus Rat und Hilfe und dieser Unglücksmensch fühlte sich jetzt mit dem knisternden Briefe des Ermordeten in seiner Tasche in einer wenig beneidenswerten Lage. Trotzdem versuchte er, die Angelegenheit günstig zu färben, und es gelang ihm, das bedauernswerte Mädchen in eine solche Stimmung zu versetzen, daß Millbank und er sie allein lassen konnten, um sich nach dem Polizeigefängnis nach der Bowstraße zu begeben, wo sie sich nach dem Ergehen von West und dem Stand der Dinge erkundigen wollten. Während sie auf dem Berkeley Square auf eine Droschke warteten, fragte Millbank: »Natürlich hat West den Mann nicht ermordet! Weshalb sollte er eine solche Tat begangen haben? Aber wenn er nicht bald entlassen wird, geht sie zu Grunde. Wie töricht doch unsere Polizei ist! Aber wie tapfer ist sie auch! Ist sie nicht ein Engel? Gott sei Dank, daß wir sie haben. Ich habe Sophie mein Wort gegeben, daß ich nicht eher ruhen noch rasten werde, bis ich den wirklichen Täter gefunden habe, sodaß ihr Vater in Freiheit gesetzt wird. Und das werde ich doch mit ihrer Hilfe können. Sie begreifen, was das alles für mich bedeutet. Herr West wird dankbar gegen mich sein und dann –« Justus seufzte. Unwillkürlich umschloß seine Hand den Brief, den er in der Tasche hatte. »Ja, ich sollte meinen, daß er Ihnen dankbar sein müßte,« dachte er. »Mein lieber junger Freund, ich wünsche mir auch nichts Besseres, als Herrn West aus der Patsche zu ziehen und« – in Erinnerung an das Lächeln Sophies beim Abschied – »nichts wäre mir lieber als die Angst dieses süßen jungen Dinges beheben zu können, aber ich fürchte, ich fürchte – – Wäre es wohl möglich, daß sich schließlich doch alles als ein Irrtum herausstellen könnte? Kaum; ich habe selten eine Angelegenheit gesehen, die schlimmer für den Beschuldigten stand als diese.« Und laut sagte er: »Wir wollen unser Möglichstes tun, lieber junger Herr. Sie müssen aber selbst zugeben, daß die Dinge recht schlecht stehen. Durch Geschicklichkeit und Erfahrung erreicht man zuweilen manches. Ich gehöre Ihnen mit Leib und Seele. Wir wollen auch nicht das geringste versäumen, um dem unglücklichen Manne zu helfen. Also sehen wir erst einmal, was wir in der Bowstraße erfahren.« Sie erfuhren dort aber wenig Erfreuliches. Herr West war dem Untersuchungsrichter vorgeführt worden, hatte sich auf sein Alibi gestützt und die weitere Verhandlung war nach englischem Gesetz vertagt worden, die Anklage blieb bestehen. Die Polizei war auf Grund einer ihr zugegangenen Mitteilung eingeschritten, deren Ursprung sie einstweilen nicht verriet; es lag aber auf der Hand, daß die Behörde für die Verhaftung des Beschuldigten triftige Gründe besaß. Dieser hatte auch nicht in Abrede gestellt, mit dem Ermordeten in geschäftlicher Verbindung gestanden zu haben; ferner war von ihm zugegeben, daß er sich mit ihm schlecht gestanden habe. Zur Hauptsache war dann ein schweres Bureau-Lineal mit Blutspuren in der Tasche eines Ueberziehers gefunden worden, der in seinem Schlafzimmer gehangen hatte. Diese Mitteilung hatte Millbank ganz besonders schwer betroffen. Schweigend kehrten sie aus dem Amtsgebäude zurück und blieben einen Augenblick an der Straßenecke stehen. Wise sagte sich, daß dieses Lineal in Verbindung mit dem Brief in seiner Tasche und dem Erlebnis, das er mit Dark in seinem Bureau gehabt, auch den bestbeleumundeten Mann nicht vor dem Galgen retten könnte. Wyvill mußte ihm beim Fortschaffen der Leiche geholfen haben. Sollte Wyvill den Kronzeugen abgeben, um sich selbst der Strafe zu entziehen? Wise legte sich nun die Frage vor, ob er der Polizei sagen sollte, was er wisse, wenn er sich auch dabei in die Nesseln setzen würde. »Ei, Potztausend!« rief er plötzlich, als er zwei Leute bemerkte, die in regster Unterhaltung begriffen an ihm vorübergegangen waren. Sie kamen so nahe an ihnen vorüber, daß Millbank zum zweiten Male an diesem Tage von dem älteren Manne gestreift wurde Die beiden waren indeß derart vertieft, daß sie gar nicht aufblickten, sondern eifrig weiter mit einander flüsterten. Es waren der Mann, der Wise gestern den Auftrag gegeben, Georg Millbanks Adresse zu erfahren, und Wyvill, der Generalsekretär des Wapiti-Syndikates, an den Wise jetzt eben gerade gedacht hatte. »Was ist denn los?« fragte Millbank, der bei dem erstaunten Ausruf seines Begleiters sich vergeblich nach der Ursache von dessen Erregung umsah. Justus faßte ihn am Arm. »Ich weiß selbst noch nicht – ich kann es Ihnen nicht sagen – aber sonderbar, sonderbar–Gestern wollte er mit Wyvill nicht zusammentreffen und jetzt scheinen sie befreundet zu sein und den Weg zum Polizeiamt gemeinsam angetreten zu haben.« »Von wem sprechen Sie denn, Herr Wise? Sagen Sie mir doch, was Sie haben. Handelt es sich um die beiden Herren da vor uns?« Wise hielt noch Millbanks Aermel fest. »Ja. Sehen Sie sich den Mann in dem braunen Anzug an, den kleineren mit den langen Armen. Sagen Sie mir offen, kennen Sie ihn nicht?« Millbank blickte dem Paare nach und schüttelte den Kopf. »Sie sind mir beide unbekannt.« »Sehen Sie sie noch einmal an. Wir wollen hinübergehen und sie überholen, so daß Sie sie genauer betrachten können. Aber lassen Sie nicht merken, daß wir sie beobachten. »Nun. kennen Sie den Aelteren wirklich nicht?« Millbank hatte sich noch einmal umgewandt und schüttelte abermals den Kopf. »Nein,« beharrte er. »Einen Augenblick dachte ich, daß mir etwas an ihm bekannt vorkam, aber das war ein Irrtum. Ich bin jetzt meiner Sache ganz sicher, er ist mir völlig fremd. Wise war ganz davon überzeugt, daß Millbank die Wahrheit sprach: er hatte also keine Ahnung davon, wer der Fremde war. »Kommen Sie, Herr Millbank, wir wollen einmal sehen, wohin die beiden gehen. Es ist für unsere Angelegenheit nicht ohne Bedeutung.« Und so folgten sie den beiden. Kapitel 9. Auf der Hintertreppe Es bot für Justus und seinen Begleiter keine Schwierigkeit, die beiden ihnen vorangehenden Männer im Auge zu behalten, denn diese gingen geraden Weges, ohne sich auch nur einmal umzusehen und unterhielten sich sehr lebhaft. Der Weg führte über Covent Garden und Drury Lane auf den Stadtteil Holborn zu. »Sie gehen in das Bureau von Wyvill!« sagte Justus endlich, mehr zu sich selbst, aber Millbank fing die Worte auf. »Wer ist Wyvill?« fragte er schnell, »wer sind diese Leute? Wollen Sie mir das nicht sagen. Herr Wise?« »Gewiß, ich will Ihnen alles sagen, mein lieber junger Herr, das ist ja auch meine Pflicht, da Sie mein Auftraggeber sind. Ich müßte mich sehr irren, wenn nicht der breitschulterige ältere Mann, über den ich vorhin mit Ihnen sprach, der Unbekannte ist, der Herrn West besuchte und den Handel mit ihm hatte. Ihm verdanke ich doch schließlich den Vorzug Ihrer Bekanntschaft.« »Das wäre ja seltsam! Sind Sie Ihrer Sache sicher?« »Wie Sie selbst sehen, trifft die Beschreibung sehr genau zu – und daneben bestätigen mir auch andere Dinge meine Vermutung. Der Jüngere mit den roten Haaren heißt Wyvill. Sein Bureau liegt in demselben Hause wie das meinige. Er ist Generalsekretär des Wapiti Syndikates. Er kennt auch Herrn West, ich habe sie beide zusammen sprechen sehen.« »Und deshalb folgen Sie ihnen?« Wise tippte Millbank auf den Aermel. »Weil ich glaube, daß diese beiden da vor uns mehr über den Mord von Peter Dunton wissen als sonst jemand, und wenn es noch irgendwie möglich wäre. Herrn West von der Anklage zu befreien, sie uns dazu verhelfen könnten.« »Dann veranlassen Sie doch, daß sie verhaftet werden und –« Wise schüttelte den Kopf. »Nein, das wäre nicht ratsam. Ich will Ihre Hoffnungen nicht vernichten, aber ich glaube kaum, daß für West noch Aussichten vorhanden sind; wäre das aber der Fall, so würden wir auf dem von Ihnen vorgeschlagenen Wege nicht zur Wahrheit gelangen. Der ganzen Angelegenheit liegen noch tiefere Dinge zugrunde und wir müssen sehr vorsichtig sein, wenn wir unserem Zwecke dienen wollen. Wie ich Ihnen schon früher sagte, ich möchte ganz offen gegen Sie sein und bitte Sie –« »Ich erwidere das gern, Herr Wise.« »Ich danke Ihnen. Also Sie sagen, der ältere Mann sei Ihnen ganz unbekannt. Wo sind sie? – Ach, dort. Verlieren wir sie nicht aus den Augen. – Sie kennen ihn nicht?« »Wirklich nicht.« »Und Sie können auch keine Gründe dafür finden, weshalb er Nachforschungen nach Ihnen anstellt? Weshalb er in Erfahrung zu bringen sucht, wo Sie wohnen?« »Er sucht mich?!« Nein, darüber kann ich in der Tat nicht die geringste Auskunft geben,« entgegnete Millbank sehr überrascht. »Sie schulden ihm doch nichts?« »Ich habe keinen Pfennig Schulden. Mein Einkommen genügt mir reichlich, ich habe noch nie mehr gebraucht.« »Und es existiert keine alte Sache – hem – Liebesgeschichte?« Millbank lachte. »Eine andere Frau, wie? Nein. Ich bin kein Heiliger. Herr Wise, aber in dieser Beziehung ist durchaus nichts zu fürchten, Herr Wise. Die Versicherung kann ich Ihnen bestimmt geben.« »Aber trotzdem, er wollte Ihre Adresse haben?« »Meine Adresse? Sonderbar. Wieso wissen Sie das?« »Er kam deswegen in mein Bureau.« Und nun erzählte Wise mit kurzen Worten von dem Besuche des Mannes, der seinen Namen nicht nennen wollte. Das Erstaunen von Millbank wuchs. Von der Anzahlung glaubte Wise nichts sagen zu brauchen. Als er sonst alles berichtet hatte, schüttelte Millbank den Kopf und nach einigem Nachdenken meinte er: »Ich finde dafür absolut keine Erklärung. Ich habe ein sehr ruhiges Leben geführt und die wenigen Freunde und Bekannte, die ich besitze, werden sich nicht nach mir erkundigen. Weshalb der Fremde sich für mich interessiert, das kann ich, wie gesagt, Ihnen nicht erklären!« »Wenn ich Ihnen raten darf, so lassen Sie sich einstweilen nicht von ihm finden,« meinte Justus. »Von Ansehen kennt er Sie ja nicht.« »Woher wissen Sie denn das?« »Weil Sie aufeinander prallten, vorhin, kurz bevor wir die Zeitungsjungen kreischen hörten. Sie entschuldigten sich gegenseitig und er kannte Sie ebensowenig wie Sie ihn.« »Ja. jetzt erinnere ich mich. Wir sind uns allerdings ganz unbekannt.« »Also Sie sind einverstanden. Sie bleiben ihm auch ferner unbekannt und inzwischen versuche ich, mich über ihn zu informieren. Ich muß wissen, welche Beziehungen zwischen ihm und Wyvill und zwischen ihm und William West bestehen und außerdem zwischen ihm und Ihnen selbst.« »Das möchte ich auch. Ich habe von einer Beziehung keine Ahnung und doch, das wird Ihnen ja auch ausgefallen sein, Herr Wise, seitdem der Fremde bei Herrn West gewesen ist und sich mit ihm gezankt hat, datiert das veränderte Verhalten des letzteren gegen mich.« »Gewiß, das habe ich wohl bemerkt.« Er blickte den Mann vor sich mit seinen scharfen Augen an, als könne er dessen Geheimnis von dem Rücken ablesen. Inzwischen hatten sie Holborn erreicht und die Vorangehenden waren bereits um die erste Straßenecke eingebogen. Wise schlich ihnen vorsichtig nach und winkte dann Millbank heran, nachdem er sich überzeugt hatte, daß sie das Haus betreten und die Treppe hinaufgegangen waren. »Wir wollen jetzt schnell in mein Bureau schlüpfen und in Ruhe überlegen, was zu geschehen hat. Von meinem Fenster aus läßt sich der Hauseingang beobachten, so daß sie ohne unser Wissen nicht fortgehen können.« Sie begaben sich in Wises Bureau, natürlich hatten sie aus der Treppe vor der Tür des Wapiti Syndikates behutsam Halt gemacht: von denen, die sich dort drinnen befanden, war nichts zu sehen und zu hören. Dark hatte seinen Chef geduldig erwartet. Nach wenigen Worten mit ihm führte Justus seinen Begleiter in das nach rückwärts gelegene Zimmer. »Auf der Treppe ist mir ein Gedanke gekommen, Herr Millbank,« sagte Justus, nachdem er die Tür zugemacht hatte, »hier hinten heraus befindet sich eine Treppe, die an sämtlichen Bureaus vorbeiführt. Was in diesem Zimmer gesprochen wird, kann man draußen aus dem Vorplatz hören. Das wird wohl auch unten bei dem Bureau der Wapiti Gesellschaft der Fall sein. Die beiden werden nicht im anderen Zimmer sein, wie ich annehme, weil wir beim Hinaufgehen nichts von ihnen hörten. Befinden sie sich aber im Hinterzimmer, so wäre es möglich, daß man etwas von dem erfahren kann, worüber sie sich besprechen. Diese Hintertreppe wird nur von den Scheuerfrauen benutzt: man wird unten nicht vermuten, daß jemand lauscht. Sie werden mir beipflichten, daß es jetzt nicht an der Zeit ist, wegen der anzuwendenden Mittel übertrieben zartfühlend zu sein, und wenn Sie hier einige Minuten freundlichst warten wollen, so werde ich mich hinunterschleichen und horchen.« »Gewiß will ich warten,« erwiderte Millbank, der sich die Lippen biß, als er sah, wie sich Wise vorsorglich seiner Stiefel entledigte, »aber lassen Sie sich nur nicht abfangen.« Justus blieb kaum eine Viertelstunde fort; nachdem Millbank das Schnarchen Darks, das aus dem Privatbureau seines Chefs drang, lange genug mit angehört und sich auf einen Stuhl geworfen, wurde er in seinen wachen Träumen von Sophie und der glücklichen Vergangenheit durch das plötzliche Aufreißen der Tür geweckt. Wise, noch ohne Stiefel, stürzte atemlos herein. »Hören Sie denn gar nichts? Da unten gibts Mord und Totschlag!« Millbank sprang auf. »Nein, ich habe nichts gehört. Mord, sagen Sie?!« »Die Wände sind dick, aber horchen Sie doch nur.« Während Justus noch sprach, wurde unten, und zwar in der Richtung nach dem vorderen Bureau, eine Tür heftig zugeschlagen. Justus eilte ans Fenster und öffnete es rasch. »Sehen Sie doch,« rief er. Millbank war ihm nach vorn gefolgt und gewahrte einen Menschen, der in wilder Flucht aus der Haustür auf die Straße kam. Es war der Generalsekretär der Wapiti Gesellschaft; ohne Kopfbedeckung und seine Rockschöße flogen im Winde. Eine Sekunde blickten sie nach; auch Dark, der durch die scharfe Stimme seines Prinzipals erwacht war, hatte sich ihnen zugesellt. Dann lehnte sich Wise so weit aus dem Fenster, daß er fast das Gleichgewicht verlor. »Nein, es ist richtig,« sagte er, den Oberkörper zurückziehend, »er ist ihm nicht gefolgt. Dark, laufen Sie so schnell Sie können. Ich muß wissen, wohin Wyvill flieht. Folgen Sie ihm und lassen Sie ihn sich nicht entgehen. Dark gehorchte in militärischer Weise. »Was ist geschehen? Wo ist der andere?« fragte Millbank. Justus griff nach seinen Stiefeln, die er unter einen Stuhl gestellt hatte, und während er sie schnell wieder anzog, erholte er sich etwas. »Offenbar im Bureau der Wapiti Gesellschaft. Wir müssen hinuntergehen und nachsehen. Vor ihm fürchte ich mich im übrigen garnicht, aber vor Wyvill. Der andere sieht recht ruhig aus, auch ist er nicht mehr jung, aber wenn er gereizt wird, muß er schrecklich sein. Vor wenigen Minuten hielt ich Wyvills Leben für sehr gefährdet. Sie zankten sich. Ueber was, konnte ich nicht hören. Ich fing nur hin und wieder ein Wort auf, bis der ältere seine Stimme erhob und auf Wyvill losging. Ich hörte, wie er die Möbel umwarf und wie Wyvill auswich und um sein Leben bat. Hinein konnte ich nicht, denn die Tür war verschlossen; sie haben mich gar nicht bemerkt. Ich stürzte dann wieder hinauf, da das doch der nächste Weg war, um Hilfe herbeizuholen. Wyvill hat sich aber noch schneller zu helfen gewußt. Wie der gelaufen ist! Jetzt ist alles still. Was mag dem andern passiert sein?« »Lassen Sie uns nachsehen, Herr Wise.« »Wir wollen die Vordertreppe hinuntergehen, die Tür wird jedenfalls offen sein.« Sie eilten nach unten. Wie Justus vermutet hatte, stand die Vordertür des Bureaus offen. Nachdem sie einen Augenblick gelauscht hatten, traten sie ein. Welch eine Verwüstung! Nicht ein Möbelstück, mochte es noch so schwer und kostspielig sein, stand an seiner Stelle. Papier und Holzsplitter bedeckten den Fußboden. Allenthalben war die Spur eines wütenden Handgemenges sichtbar: es befand sich aber niemand im Zimmer. Justus trat an die Tür des hinteren Bureaus. Er wußte ja, daß die beiden Räume genau so lagen, wie die von ihm benutzten. »Hier muß er drin sein. Das ist das Zimmer, das auf die Hintertreppe führt.« Die Türklinke mußte aber in irgend einer Weise von innen beschwert sein, denn es gelang ihnen erst nach vieler Mühe, sie zu bewegen. »Ich höre nichts.« stöhnte Justus, nach immer mit der Klinke beschäftigt. »Wenn er nun tot wäre?!« Aber der Mann, der diese ganze Verwirrung angerichtet hatte, war nicht tot, er war gar nicht mehr da, denn als sie die Tür endlich geöffnet hatten, betraten sie ein leeres Zimmer. »Er ist fort,« sagte Millbank. »Wir haben ihn ja aber nicht gesehen,« entgegnete Justus, mit niedergeschlagenen Mienen den Raum betrachtend. »Hätte er Wyvill verfolgt, so würde er uns doch begegnet sein.« Millbank war es ganz willkommen, nicht einem zweiten tragischen Fall gegenüberzustehen. »Er muß hinausgegangen sein, während wir hinunterstiegen, und deshalb verfehlten wir ihn.« »Gewiß. Das kann aber nur geschehen sein, wenn er die Hintertreppe benutzte. Ei, sehen Sie doch, die Tür ist nicht mehr verschlossen.« Sie traten auf den hinteren Vorplatz hinaus. Es war ganz dunkel dort. Sie horchten. »Ist er denn auf diesem Wege fortgekommen?« fragte Millbank. »Nein, das ist nicht möglich, denn diese Treppe führt nur in den Keller, wie ich zufällig weiß, da ich bei einer anderen Gelegenheit hier hinunter ging. Um das Haus zu verlassen, muß er erst durch die Hintertür eines anderen Bureaus gegangen sein, oder –« »Oder er ist hinaufgegangen.« »Ei freilich, nach oben, vielleicht gar in Ihr eigenes Bureau, während wir hierher kamen. So wird es sein.« Justus nickte zustimmend. »Ich erinnere mich, daß er sich, als er bei mir war, nach dieser Treppe erkundigte. Wir wollen schnell wieder nach oben gehen.« Leise stiegen sie die Treppe hinauf. »Unterwegs flüsterte Justus seinem Begleiter zu: »Sollte er bei mir sein, so verraten Sie nicht, wer Sie sind. Sie gelten einfach als ein Freund von mir. Wir wollen erst einmal sehen, was wir aus ihm herausbekommen, ehe Sie sich zu erkennen geben.« »Sie haben recht,« entgegnete Millbank ebenfalls im Flüsterton. »Ich werde mich ganz still verhalten und alles Ihnen überlassen. Es kommt mir vor, als hörte ich ihn oben.« Waren sie nun auch beide sicher, den Unbekannten oben zu finden, so überraschte sie doch die Stellung, in der sie ihn beim Eintritt in das Bureau von Wise erblickten: er kniete am Boden und blickte in den Schornstein des Kamins hinauf. Kapitel 10. Entwischt Sobald der Fremde die beiden Eintretenden hörte, sprang er sofort auf und stand kerzengerade vor ihnen. Seine Augen mit dem eigenartigen Ausdruck, dessen sich Justus so gut erinnerte, ruhten sekundenlang auf Millbank und wandten sich dann zu Wise. Man sah, daß er Wise wiedererkannte. Offenbar war er sehr bestürzt, denn er atmete schwer. Er raffte sich indeß zusammen, und um seine Verlegenheit zu verbergen, griff er nach dem drastischen Mittel, mit lautem Geräusch sein Taschentuch zu benutzen. »Guten Tag, Herr Wise.« sagte er langsam. »Ich bin hier hineingekommen, obgleich niemand anwesend war. Die Tür stand offen. Es war mir, als hörte ich in Ihrem Rauchfang ein Geräusch.« Justus sah in scharf an. »Glaubten Sie, daß sich dort jemand aufhalten könnte?« Die Augen des Fremden flackerten. Trotz der Bronzefarbe seiner faltigen Wangen konnten sie beide bemerken, wie blaß er wurde, doch hielt er den Blicken von Wise stand. »Na, das habe ich nun gerade nicht vermutet.« entgegnete er leichthin, »aber ich dachte bestimmt, es fiele von dort etwas herunter. Es wird wahrscheinlich nur Ruß gewesen sein. Man sieht ja hier deutlich, daß Ruß unlängst hinunter gefallen sein muß.« Justus sah aus die Spuren am Boden und er bildete sich ein, dort auch die Leiche des korpulenten Mannes mittleren Alters wieder zu sehen, mit der furchtbaren Wunde am Hinterkopf, geradeso wie er daran zurückdachte, als er und Dark sich über die Leiche gebeugt hatten. Eine Spanne Zeit, wie man Atem holt, blickten sich die beiden starr in die Augen. Millbank, für den die Szene keine Bedeutung hatte, beobachtete überrascht die beiden Männer. Nun brach der Fremde das Schweigen. »Sie werden sich meiner erinnern, Herr Wise. Ich besuchte Sie vor einigen Tagen in einer Geschäftsangelegenheit. Ich sehe aber, daß Sie Besuch bei sich haben – vielleicht berufsmäßig in Anspruch genommen sind?« »Keineswegs,« erwiderte Wise, der sich plötzlich aus die zwanzig Pfund Sterling besann, die er von dem Fremden erhalten und daran dachte, mit welcher Leichtigkeit sich jener von dem Gelde getrennt hatte. »Dieser Herr ist – nimmt mit mir an einer Angelegenheit teil. Sie können in seiner Anwesenheit ganz offen mit mir sprechen.« Seufzend warf der Unbekannte einen Blick auf Millbank. »Ach.« sagte er. »ich hoffte – aber das macht nichts. Ich will Sie nicht länger aufhalten; mein Geschäft ist sehr kurz. Ich ersuchte Sie jüngst, jemand für mich aufzusuchen. Das ist jetzt nicht mehr nötig.« »Nicht mehr nötig?« »Nein. Ich will Sie in der Sache nicht länger bemühen. Ich stehe im Begriff, England sehr bald zu verlassen.« »Sie wollen England verlassen?« Die Augen von Justus schlossen sich fast hörbar. »Ja. Ich gehe sehr bald fort,« wiederholte der Gefragte und abermals begegneten sich die Blicke der beiden Männer im stummen Kampfe. Aber der Fremde hatte sich inzwischen von seiner Verwirrung gänzlich erholt, und wie er nun mit seinen breiten Schultern und langen Armen vor ihm stand, fühlten Wise und Millbank deutlich heraus, daß dieser Mann alles vollführen würde, was er sich einmal vorgenommen, und daß es jedem schlecht erginge, der sich seinen Absichten in den Weg stellen wollte. Nach einer kurzen Weile fuhr er langsam und stumpf fort: »Ja. ich sehe mich genötigt, meinen ursprünglichen Plan zu ändern und andere Vorkehrungen zu treffen, als früher beabsichtigt. Ich vermute, daß Sie bereits einige Mühe und Kosten in der von uns besprochenen Sache gehabt haben, so daß der Ihnen geleistete Vorschuß damit beglichen ist. Es ist möglich, daß ich später einmal zu Ihnen zurückkomme und Sie bitten werde, die Nachforschungen wieder aufzunehmen, augenblicklich ist nichts weiter nötig.« Justus nickte schweigend. »Nein,« fuhr jener fort. Außerdem möchte ich Sie ersuchen, Ihre ferneren Erkundigungen einzustellen und daß meine Besuche bei Ihnen überhaupt unter uns« – mit einem Blick auf Millbank – »dreien bleiben. Und jetzt, Adieu.« »Sie wollen mir Ihren Namen und Ihre Adresse nicht geben, falls –« »Das wäre zwecklos, da ich keinen festen Wohnsitz habe, mein Name kann Sie nicht interessieren.« Justus bebte vor Erregung, er öffnete den Mund, um zu sprechen, doch der Fremde hatte sich mit einer Verbeugung umgedreht und war gegangen. Justus machte einen Schritt hinter ihm her und blieb dann stehen. Was konnte er ihm sagen? Nun wandte er sich an Millbank. »Das ist ja aber Torheit.« rief er. »Wir werden ihn verlieren. Was sollen wir tun?« Millbank drückte die Erregung Wises nieder. »Ich wüßte nicht, wie wir ihn mit Gewalt zurückhalten können. Aber für wen halten Sie ihn denn? Weshalb sind Sie so darauf versessen, ihn festzuhalten?« »Weshalb? Weshalb? Weil er Dunton ermordet hat. Ich bin dessen ganz sicher, er ist es gewesen und nicht West – oder er mit West zusammen. Jedenfalls soll er nicht entkommen.« Er flog zur Tür, Millbank folgte ihm. Sie kamen in das erste Bureau und erreichten die Tür. die auf die Treppe führte, wie zwei Wahnsinnige, und gerade als Justus auf die Klinke faßte, konnten sie den festen Schritt des Mannes hören, der draußen die Treppe hinabschritt. Dieses Draußen machte für sie aber alles aus. »Da ist er ja noch auf der Treppe.« rief Millbank. »Ich höre ihn deutlich. Oeffnen Sie doch die Tür. Herr Wise.« Wise ächzte. »Das täte ich gern, aber die Tür ist verschlossen und der Schlüssel steckt von draußen. Das hat der Bösewicht getan und nun entwischt er uns.« »Ziehen Sie doch.« rief Millbank jetzt auch ganz außer sich. »Wir werden ihn noch bekommen.« Mit vereinten Kräften arbeiteten sie an der Tür. Endlich gab die Klinke nach und sie taumelten rückwärts. so daß sie fast aufeinander gefallen wären. »Wie töricht von mir, so die Zeit vergeuden.« schrie Justus und stürzte zur Schieblade seines Schreibtisches. »Wo habe ich denn meine Kneifzange? Das Ende des Schlüssels kommt ja durch.« So war es. Der lange, altmodische Schlüssel ragte noch ziemlich weit über das Schloß nach innen hinaus. Nachdem er seine Zange gefunden, packte Justus das Schlüsselende damit. Seine Hände waren stark und die Kneifzange griff fest. Das Eisen knirschte, ein Abgleiten folgte, dann ein abermaliges Fassen, wieder ein Knirschen, der Schlüssel drehte sich. Die Tür war ohne Schloß und doch noch versperrt. »Verd...!« wütete Justus. »Wir haben ja die Klinke abgedreht. Wo ist sie, schnell – schnell.« Millbank suchte sie; sie war fortgerollt und er setzte sie wieder an. »Gott sei Dank! Endlich hinaus.« Und sie klapperten die Steintreppen hinunter. Aber das Geräusch, das die Schritte des Fremden verursacht hatten, war schon längst nicht mehr zu ihnen heraufgedrungen und weder auf der Treppe noch auf der Straße bemerkten sie ein Spur von ihm. Sie sahen nach rechts, nach links. Die Dämmerung hatte schon eingesetzt und in dem schwächeren Licht, zwischen dem Gedränge der Menschen, die von ihren Arbeitsstätten heimwärts strömten, war er verschwunden. Kapitel 11. Mysteriöse Sachen »Dagegen läßt sich nichts machen.« sagte Justus endlich, als sie nutzlos und unentschlossen auf dem Trottoir vor dem Hause standen. »Er ist uns entschlüpft, aber ich werde ihn schon wiederfinden. Ich pflege mich durch widrige Umstände sonst auch nicht abschrecken zu lassen. Wyvill muß schließlich wissen, wo der Unbekannte wohnt und wer er ist und Wyvill wird über kurz oder lang in sein Bureau zurückkehren. Der Andere wird dann auch wiederkommen, um ihn zu sprechen oder sich mit ihm in Verbindung setzen, und dann kann es mir nicht schwer fallen, seiner habhaft zu werden. Hier ist mein Schreiber.« Millbank sah, wie sich Dark den Weg zwischen der Menge bahnte und auf sie zukam. Er war außer Atem und machte den Eindruck, ebenso verdrossen zu sein, wie sie selbst. »Ich bedauere, Herr Wise, ihn zum Schluß doch aus dem Auge verloren zu haben. Fast hatte ich ihn am »Southampton Weg« abgefaßt, als er in die Untergrundbahn-Station Brompton-Piccadilly hinübereilte. Es war dort ein kleines Gedränge und er bekam seine Fahrkarte an dritter Stelle vor mir und stieg in den Fahrstuhl wie er war, ohne Kopfbedeckung. Ich war ihm dicht auf den Fersen, aber ein Beamter schlug mir die Gittertür vor der Nase zu und da stand ich nun. Ich lief zur Treppe, als ich aber unten ankam, fuhr der Zug gerade fort. Bei meinem Versuch, doch in den Zug zu gelangen, wurde ich zurückgestoßen und fiel schmählich auf den Perron; dem Beamten ließ ich jedoch auch einen Denkzettel zurück. Also er fuhr fort, aber er muß ja wieder in sein Bureau kommen.« Justus seufzte. »Das habe ich auch soeben gesagt, doch hätte ich gern gewußt, wohin er sich begab. Der Fremde hatte ihm Furcht eingeflößt, doch deswegen würde er nicht die Untergrundbahn benutzt haben. Indeß jetzt läßt sich nichts daran ändern. Sollen wir uns ins Bureau hinaufbegeben. Herr Millbank?« Sie kehrten in das Bureau zurück, waren aber zum Reden wenig aufgelegt. Schweigend blickten sie ins Leere. »Endlich fragte Millbank: »Sagen Sie mir doch, Herr Wise, was veranlaßte Sie eigentlich, so plötzlich anzunehmen, daß der Fremde nicht allein von dem Morde, dessen Herr West angeklagt wird, etwas weiß, sondern daß er auch die Hand dabei im Spiele hatte.« Wise zauderte mit der Antwort und war etwas verlegen. »Ja, Herr Millbank, es fällt doch schwer, für Vermutungen immer Gründe anzugeben.« »Sie haben aber nicht so gesprochen, als ob es sich um Vermutungen handelt,« sagte Millbank und richtete seine Augen fest auf Wise, »auch war Ihr Benehmen gegen ihn, verzeihen Sie, daß ich das offen ausspreche, so sonderbar, daß es mir sofort auffiel. Es kam mir so vor, als ob Sie beide ein Geheimnis teilten, über das Sie sich unterhalten hätten, wenn ich nicht zugegen gewesen wäre. Ich fürchte deshalb, daß mein Bleiben sehr ungelegen war.« »Keineswegs,« erklärte Justus schnell. »Ich bin außerordentlich froh darüber, daß Sie zufällig zugegen waren. Besonders unter den obwaltenden Umständen war es sehr zweckmäßig, daß Sie mit ihm so nahe in Berührung kamen und sich gegenseitig gegenüber standen. Aber sagen Sie mir doch noch einmal, daß Sie ihn nicht erkannt haben und daß Sie sich auch gar nicht denken können, aus welchem Grunde er Sie aufsuchen wollte und weshalb er dann so plötzlich seine Absicht wieder änderte?« Millbank sann einige Minuten nach. »Es war mir manchmal, nicht als ob ich ihn wiedererkannte, aber als ob mir ein bestimmtes Gefühl sagte, daß ich mit ihm vor langer Zeit schon irgendwo einmal zusammengewesen wäre. Solche Empfindungen gingen dann wieder vorüber und je länger ich ihn betrachtete, desto gewisser wurde mir, daß er mir vollständig fremd war. Es ist ganz seltsam. Weshalb er mir wohl nachforschte und es dann wieder aufgab?« »Und weshalb er sich so plötzlich entschloß, England zu verlassen?« fuhr Wise fort. Millbank holte tief Atem. »Ich bin nicht reich, aber ich würde auf ein Jahreseinkommen verzichten, wenn ich hinter diese mysteriöse Sache sehen könnte, denn außer dem Verbrechen, wenn auch vielleicht im Zusammenhang damit, existiert da ein Geheimnis, das die Wests, mich, den Fremden und sogar den heute von ihm angegriffenen Generalsekretär in eine gewisse Beziehung bringt. Ich habe eine bestimmte Ahnung, daß das Geheimnis Sophie und mich bedroht.« Wise warf ihm einen verstohlenen Blick zu und zwirbelte wie gewohnt am Schnurrbart. »Ich will Ihnen ganz rückhaltlos alles sagen, Herr Millbank. Ich habe allen Grund, den Mann des Verbrechens zu bezichtigen, denn während ich mit ihm sprach, lag in seinem und meinem Geiste ein Hintergedanke, der aus dem Umstande erwuchs, daß wir ihn im Nebenzimmer ertappten. Sie erinnern sich, daß er dort in den Schornstein hinaufsah?« »Ja, auch bemerkte ich Ihr Benehmen, als Sie ihn fragten.« »Für mein Verhalten und für meine Fragen hatte ich triftige Gründe, ebenso wie er für sein auffallendes Tun und seine Verlegenheit allen Grund hatte. Auch seine Verlegenheit wird Ihnen nicht entgangen sein? (»Zum Henker,« dachte Justus, »es wird mir keinen Schaden bringen, wenn ich ihm alles sage. Ich kann dadurch nur profitieren. Also los!«) Und nun erzählte er Millbank die Geschichte von der Entdeckung der Leiche im Kamin und ihr eigenartiges Verschwinden. Dabei führte er ihn in das Zimmer, wo sich alles ereignet hatte und wo der anwesende Dark alles bestätigte und die Spuren auf dem Boden noch zeigen konnte, Ruß und Asche. »Nun begreifen Sie wohl, Herr Millbank. wie bestürzt er sein mußte, als wir ihn hier auf den Knien beim Kamin liegend fanden und weshalb ich jetzt behaupte, daß er an der Mordtat beteiligt ist.« Millbank hatte erstaunt und voller Schrecken zugehört. »Großer Gott, welche Entdeckung! Wie muß Ihnen zu Mute gewesen sein und was mögen Sie gedacht haben, als die Leiche wieder verschwunden war!« »Die Mörder müssen erfahren haben, daß dieses Bureau wieder vermietet war und wagten nun alles daran, um den Toten fortzuschaffen. Etwas wird ihre Pläne umgeworfen haben, die sie vielleicht vorher gefaßt hatten. Eine tolle Idee, den Ermordeten in den Schornstein zu bringen. Mir graute allerdings bei dem Funde.« »Und da kam ich gerade und störte Sie,« warf Millbank ein. der wie gebannt auf den ruhigen Herdstein blickte. »Was muß ich Ihnen denn noch für einen neuen Schrecken eingejagt haben?« »Das taten Sie wirklich. Ich kann mich deutlich daran erinnern.« »Und ich gab den Tätern noch dazu die Gelegenheit, den Ermordeten fortzuschaffen. Ach, wenn wir das nur geahnt hätten! Kein Wunder, daß die Stelle für den Mann etwas Anziehendes hat, wenn er mit dem Verbrechen in Verbindung stand. Wie sie sich wohl die Köpfe darüber zerbrechen, was sie darüber denken, was sie zu tun beabsichtigen. Ja, das kann nur allein der Grund sein, weshalb der Fremde hierher zurückkehrte – aber, Herr Wise, warum haben Sie Ihre Entdeckung nicht gemeldet, nicht die Polizei benachrichtigt?« Wise biß sich die Lippen. »Ich will Ihnen gestehen, daß ich bis zum Empfang Ihrer Depesche an jenem Tage geglaubt hatte, es sei die Leiche des Herrn West und später –« »Ist da nicht jemand an der Tür?« unterbrach Millbank ihn. Sie lauschten. Gewiß, da klopfte jemand. Dark eilte zur Tür und kehrte sofort zurück. »Eine Dame wünscht Sie zu sprechen, Herr Wise.« »Eine Dame?« Ehe Justus noch Zeit fand, eine Weisung zu erteilen, näherte sich das Rauschen seidener Unterkleider, die Tür flog auf und auf der Schwelle stand Fräulein Gertie Tillet. »Guten Abend,« sagte sie lächelnd und mit einem Blick auf Millbank, der sie neugierig ansah. »Ich bedauere, Sie zu stören, Herr Wise, aber ich habe keinen Augenblick Zeit. In einer halben Stunde muß ich im Theater sein und ich bin todmüde.« Justus verbeugte sich und schätzte ihren teuren Pelz, die funkelnden Ohrringe und ihren anderen Schmuck sachkundig ab. »Zu dienen, gnädiges Fräulein, zu dienen. Wollen Sie mich bitte entschuldigen, Herr Millbank, und im Nebenzimmer warten?« Millbank nickte und ging an Fräulein Tillet, die er von Ansehen kannte, vorüber, um ins andere Zimmer zu gelangen. Fräulein Tillet blinzelte. »Die Art junger Männer gefallen mir, kerzengerade, gepflegt und männlich. Ah, ich vermute, der hat eine Liebe. Na, deswegen bin ich nicht zu Ihnen gekommen – ich befinde mich ich schrecklicher Aufregung – nahezu in Verzweiflung.« »Wirklich, gnädiges Fräulein?« Justus hatte seine teilnehmendste Miene aufgesteckt und fragte sich inzwischen, was wohl die junge Dame zu ihm geführt haben mochte. »Hoffentlich ist es nicht so schlimm.« Fräulein Tillet zog ein Spitzentaschentuch aus einer ungeheuerlich großen goldenen Kettenbörse hervor und führte es an ihre Augen. »Doch, Herr Wise, es ist sehr schlimm. Ich habe eben einen gräßlichen Schrecken gehabt. Sie haben natürlich die Zeitungen auch gelesen?« »Sie meinen die Verhaftung von Herrn West?« »Ja, natürlich. Ich war wie vom Donner gerührt, als ich es hörte. Ich kam aus einer Gesellschaft, als ich die Zeitung las. Diese Ungeheuer! Natürlich haben sie es schon auf den Anschlagsäulen! Weshalb bekümmern sie sich nicht um ihre eigenen Angelegenheiten! Ich fiel fast in Ohnmacht. Ich glaube sogar, ich bin wirklich ohnmächtig geworden. Mord! Wenn es – aber natürlich, das hat er nicht getan, Herr Wise. Sie glauben doch auch nicht, daß er das getan hat?« Justus wich aus. »Ich kenne kaum alle Einzelheiten des Falles, aber, nein, wenn Sie mich fragen, ich glaube auch nicht, daß er die Tat begangen hat.« »Er hat sie nicht begangen. Er sagt das auch, sehen Sie her. Sie zog aus ihrer Börse einen Brief, den sie Wise gab. Er öffnete ihn und las. Mit Bleistift hatte West gekritzelt und von der Bowstraße datiert. »Ich bin unter der Anklage des Mordes verhaftet, weshalb ich heute abend nicht kommen kann. Alle Zeitungen werden die Neuigkeit in ein oder zwei Stunden bringen, deshalb sende ich Dir diese Zeilen – sie kosten ein Heidengeld –, um Dir, wenn möglich, etwas am Schrecken zu ersparen. Ich bin nicht schuldig. Ich werde Dich bald wiedersehen. Glaube an meine Schuldlosigkeit. Ich kann sie jeden Augenblick beweisen, wenn ich nur den Mund öffne, aber in diesem Moment bedeutete das für mich das Verderben. Weiter kann ich Dir das hier nicht erklären. Behalte mich lieb, warte auf mich und vergiß nicht, daß ich unschuldig bin. Vernichte diesen Zettel. Dein Willi.« »Selbstverständlich habe ich den Brief nicht vernichtet.« sagte Fräulein Tillet, als Justus zu Ende gelesen hatte. »Er beweist seine Unschuld. Ich dachte an Sie und an den Tag, als Sie mir Ihre Karte gaben, und deshalb kam ich her. Ich nehme an, Herr Wise, daß Sie gern Geld verdienen?« Justus schmunzelte. »Sehr gern, sehr gern.« »Sie können dazu kommen. Wie Sie wissen, hat West den Mord nicht begangen. Aber, da es sein Verderben ist, wenn er das jetzt erklärt – und bedenken Sie wohl, es muß seit einiger Zeit etwas Komisches mit ihm vorgehen –, so befindet er sich in einer sehr schwierigen Lage, solange nicht der wirkliche Täter gefunden ist. Die Polizei hat West einmal in den Händen und deshalb bemüht sie sich auch nicht mehr, nach sonst jemand zu fahnden. Ich habe West gern, ich bin sogar etwas verliebt in ihn, er ist alt, aber ein guter Kerl und ich will Ihnen folgendes sagen. Sie machten mir damals den Eindruck eines klugen Menschen, und wenn Sie nun herausbekommen, wer den Mord begangen hat und West davor bewahren, daß er durch die Anzeige ruiniert ist – er treibt keinen Scherz damit, ich kenne ihn zu genau –, so will ich Ihnen, trotzdem ich nicht reich bin, zweihundert Pfund Sterling zahlen und Herr West wird Ihnen wahrscheinlich das Doppelte geben, von mir erhalten Sie die Summe jedenfalls. Ist das nicht ein gutes Geschäft?« »Ja,« erwiderte Justus mit leuchtenden Augen. Das ist es, gnädiges Fräulein. Sie können versichert sein, ich werde mein Bestes tun und, wie ich wohl sagen darf, bei meiner Geschicklichkeit und Erfahrung ist es das Beste !« »Und Sie glauben, daß es Ihnen möglich sein wird, den Mörder zu finden?« »Da Herr West unschuldig ist, glaube ich wirklich, daß ich es kann!« Und für sich setzte er hinzu: »Er ist ja vor nicht langer Zeit hier gewesen.« »Dann verlieren Sie keine Zeit, Herr Wise. Jetzt muß ich gehen. Ich werde im Theater erwartet. Ich muß mir ja meinen Lebensunterhalt verdienen, obgleich mir jetzt so zu Mute ist, daß ich mich lieber zu Bett legen und mich tüchtig ausheulen möchte. Denken Sie daran, das Geld liegt für Sie bereit. Sie können den hübschen Kleinen nebenan von mir grüßen. Wo ist Ihr Angestellter? O, hier. Nun, Adieu. Sie wissen, wo ich zu finden bin.« Und Fräulein Tillet segelte von dannen. »Ein entzückendes Weib,« sagte Justus und strich sich den Bart, als Millbank wieder ins Zimmer trat, »und glücklicherweise (denn Geld ist Geld, mein lieber Kunde) stimmen ihre Wünsche mit den unseren ganz überein.« »Wirklich, darf ich fragen, was sie wollte?« »Sie will nichts anderes, als daß ich den wirklichen Mörder von Peter Dunton finde, um dann zu beweisen, daß ...« Er unterbrach sich und hielt es für angebracht, hinzuzufügen: »Ihr zukünftiger Schwiegervater unschuldig ist.« Millbank merkte natürlich die eingetretene Pause. »Herr West unschuldig ist.« setzte er lächelnd fort. »Ach ja. Das war Fräulein Tillet, die Schauspielerin? Ich dachte es mir. Ich weiß, daß sie und Herr West sehr befreundet sind. Er ist ganz vernarrt in sie. Seine Tochter glaubt, daß er Fräulein Tillet heiraten will.« »Hätte Fräulein West etwas dagegen?« »Ich glaube nicht viel, wenn sie selbst vorher verheiratet wäre. Obgleich natürlich kein junges Mädchen eine jugendliche Stiefmutter gern hat. Aber sagen Sie doch. Herr Wise, Fräulein Tillet hält Herrn West für unschuldig?« »Ja, hauptsächlich, weil sie einen Brief von ihm hatte, in dem er behauptet, unschuldig zu sein.« »Einen Brief?« »Ja, aus der Bow-Straße. Wie das ihm möglich war, kann ich mir kaum denken; er sagt zwar, er habe ihm ein Heidengeld gekostet.« Wise erzählte dann den weiteren Verlauf seiner Unterredung mit der Schauspielerin. »Er sandte Sophie keine Nachricht.« sagte der junge Mann. »Vielleicht doch, Herr Millbank. Der Brief kann ja nach unserem Besuche eingetroffen sein.« »Ich denke, es wäre ganz ratsam, wenn ich auf meinem Heimwege bei Fräulein West vorspreche und mich nach ihrem Ergehen erkundige. Vielleicht hat sie auch noch etwas neues erfahren.« »Das würde ich an Ihrer Stelle auch tun.« meinte Justus Wise mit väterlichem Wohlwollen, als er sah, wie sich das Gesicht Millbanks schon bei dem Gedanken erleuchtete. »Das ist eine gute Idee und mehr läßt sich heute abend ja doch nicht tun. Ich gebrauche eine gute Stunde Nachdenkens über die ganze Lage und hoffe morgen früh einen richtigen Feldzugsplan entworfen zu haben. Es ist recht schade, daß uns der Unbekannte entwischt ist, aber die Dinge entwickeln sich trotzdem ganz günstig für uns. Sobald Wyvill zurückkehrt, werden wir doch imstande sein, unsere Hand aus die Schuldigen zu legen. Wollen Sie morgen zeitig wieder hierherkommen? Schön. Guten Abend!« Nachdem Millbank fortgegangen war, sagte Justus: »Sie können das Bureau schließen, Dark. Es wird hier beim Dunkelwerden jetzt besonders unheimlich. Ei, was ist denn das? Noch mehr Ruß. Ja, schließen Sie nur ab. Ich denke, ich will eine Wenigkeit zu mir nehmen – und dann brauche ich Ruhe zum Ueberlegen. Es war ein aufregender Tag, Dark.« Kapitel 12. Vor Wyvills Heim Justus Wise hatte erklärt, daß der Generaldirektor der Wapiti-Gesellschaft unbedingt ins Bureau zurückkehren müsse und daß sich dann Gelegenheit böte, über den geheimnisvollen Fremden Auskunft zu erlangen. Aber Wyvill kehrte nicht zurück. Der nächste Tag verstrich und brachte keine Kunde, auch am folgenden Nachmittag war es Dark auf seine vorsichtigen Nachfragen bei seinem Bekannten, dem Taubenliebhaber, nicht möglich, über Wyvill etwas zu erfahren. Der rothaarige Mann, der ohne Kopfbedeckung. von Furcht gejagt, aus seinem Bureau geflohen war, schien verschwunden zu sein, in dem gewaltigen London spurlos untergetaucht und seine Angestellten sahen zum Teil müßig da, auf die Rückkehr ihres Chefs vergeblich wartend. Blieb jedoch Wyvill unsichtbar, so war es Justus Wise doch beschieden, auf die Fährte des Mannes zu kommen, der jenen so wütend angegriffen hatte. Nicht leicht entmutigt, war es Justus mit der Unterstützung von Dark nach vielen Bemühungen gelungen. sich die Privatadresse von Wyvill zu verschaffen, die dieser anscheinend sehr geheim zu halten pflegte. In einem kleinen Hause, das ein Garten umgab, im Distrikt von St. Johns Wood hatte Wyvill sein Heim aufgeschlagen und dorthin begab sich Justus am Nachmittag des zweiten Tages. Eine hohe Mauer umschloß den Garten derart, daß das Haus kaum sichtbar war, und die obersten Fenster, die gerade noch über die Mauer hinweglugten, waren mit Läden versperrt. Eine kleine grüne Tür führte in den Garten und ins Haus; sie war aus schwerem Holz. »Etwas geheimnisvoll,« meinte Justus, nachdem er einen gründlichen Ueberblick gehalten hatte, der ihm jedoch wenig verriet. Er entschloß sich, die Bewohner des Hauses herauszuklingeln und seine Nachfrage unverblümt zu stellen. Nach einigem Suchen entdeckte er einen kleinen Klingelknopf, der ganz versteckt neben der grünen Gartentür angebracht war. Er drückte darauf, aber es erfolgte keinerlei Erwiderung. Das Anwesen lag wie völlig verlassen da, so daß Justus auf die Vermutung kam, es habe der Gesuchte seinen ganzen Haushalt mitgenommen. Der Schrecken, den der Fremde Wyvill eingeflößt hatte, mußte doch ganz gewaltig gewesen sein, um so nachhaltig zu wirken. Während Justus solchen Gedanken noch nachhing, wurde ein kleines Gitter in der Tür, das er bisher noch nicht bemerkt hatte, geöffnet und ein Auge sichtbar. Ihm fiel das Wort ein: »Süß ist es, zu wissen, daß ein Auge unser Kommen bemerkt und heller leuchtet, so wir eintreten.« In diesem Falle konnte allerdings nicht behauptet werden, daß das Auge heller leuchtete, es schien vielmehr sehr böse auszuschauen und war im Nu wieder verschwunden. Das Gitter schloß sich mit einem hörbaren Knipsen. »Hallo! Bitte.« rief Justus schnell. »Kommen Sie doch wieder. Ich möchte Sie sprechen.« Da niemand antwortete, schlug er mit den Fäusten gegen das Holzwerk der Tür. »Aber wollen Sie denn die Tür einschlagen?« ließ sich jetzt eine rauhe Stimme vernehmen und das kleine Gitter flog auf. Es enthüllte dem schönheitsliebenden Wise ein häßliches und offenbar wütendes altes Weib, das sich wie eine Scheuerfrau trug. Mochte ihm dieser Anblick noch so widerwärtig sein, sein gewohntes Pathos verließ ihn nicht, und schnell sich fassend, lächelte er das bärtige Gesicht der Alten äußerst freundlich an. »Guten Tag, meine liebe Frau. Verzeihen Sie. daß ich so heftig geklopft habe, ich fürchtete, Sie hätten mein Klingeln nicht gehört.« »Sie haben aber doch gesehen, daß ich durch das Drahtgitter blickte?« Justus war wieder etwas abgestoßen: »Doch, ich sah ein Auge.« »Dann hätten Sie auch was Besseres tun können, als auf die Tür zu schlagen. Jetzt habe ich aufgemacht, um das Klopfen zu vermeiden. Was wünschen Sie denn eigentlich?« »Ich wollte fragen, ob Herr Wyvill zu Hause ist.« »Nein, das ist er nicht. Das hat Ihnen wohl Ihr Freund, der da an der Straßenecke wartet, wohl noch gar nicht gesagt?« »Mein Freund, werte Frau? Jemand, der an der Ecke wartet? Wirklich, ich weiß nicht – ich verstehe Sie nicht.« Die Alte trat auf das Trottoir hinaus und blickte die Straße hinauf und hinunter. »Jetzt ist er gerade nicht da, wahrscheinlich nicht, aber ich wette, er ist nicht weit von hier. Er kommt tagsüber zwanzigmal her und hämmert auf die Tür.« Justus folgte ihren Blicken und wandte sich ihr dann wieder zu. »Meine liebe Frau, Sie irren sich wirklich. Ich habe keinen Freund, der hier täglich zwanzigmal herkommen und an der Straßenecke warten würde. Ich bin zum ersten Male hier und aus eigenen Stücken, um mich zu erkundigen, ob Herr Wyvill zu Hause ist, und falls er abwesend wäre, wo ich ihn treffen könnte. Sie können mir wirklich glauben, bitte.« Die Frau sah ihn etwas milder gestimmt an. »Nein, er ist wirklich nicht zu Hause, wie ich Ihnen schon gesagt habe. Er sagt mir niemals, wo er zu treffen ist. Leute, die ihn kennen, wissen das auch. Seit zwei Tagen war er schon nicht mehr hier. Das ist alles, was ich Ihnen sagen kann. Manche Leute trauen meiner Antwort nicht.« »Sie glauben, daß der Herr, von dem Sie sprechen, mein Freund wäre!« »Ein Gentleman? Ja, das mag er wohl sein, ich glaube aber, er ist verrückt. Und er kriegt mich nicht mehr dazu, für ihn an diese Tür zu kommen.« »Verrückt? Meinen Sie das? Verzeihen Sie, ist dieser Unglückliche ein Mann zwischen vierzig und fünfzig, klein und breitschultrig, mit –« »Gewiß, das ist er. Graues Haar, runzliches Gesicht – er sieht aus, als ob er jemand totschlagen möchte.« »Armer Wyvill.« dachte Justus. »Er ist es! Möchte jemand totschlagen? Das hat er ja schon getan, oder ich müßte mich gewaltig irren. Es ist der Fremde, tatsächlich!« »Wie lange ist es her, daß er zuletzt hier gewesen ist?« fragte er. »Hier gewesen? Na, er ist eigentlich seit dem frühen Morgen noch gar nicht fortgegangen. Ich sehe ihn jetzt nicht mehr, aber wenn Sie es wollen, so brauchen Sie nur eine kleine Weile zu warten. Er kommt sicherlich zurück. Ich habe aber was Besseres zu tun, als mit Ihnen hier zu schwatzen.« und indem sie in den Garten zurückging, schlug sie Justus das Gitter vor der Nase zu, noch ehe er recht zur Besinnung gekommen war. »Ich danke Ihnen, Sie liebenswürdiges Wesen.« sagte Justus, allerdings nur zu der Tür, denn die Frau, die diese so gut bewachte, hatte sich schon weit entfernt. Justus war der Ansicht, daß er augenblicklich nichts Besseres tun könnte, als auf den exzentrischen Herrn zu warten, der zum einundzwanzigsten Male wiederkommen würde. Aber jener sollte ihn nicht sehen. Er blickte sich um. Nicht weit ab und mit gutem Ueberblick auf die verbotene Pforte Wyvills stand ein Haus mit dem Plakat »Zu vermieten«. Auch dieses Haus hatte einen Garten, der bis zur Straße führte und nur durch einen niedrigen Zaun abgegrenzt war. Da standen viele Pflanzen und Sträucher, hinter denen er sich verstecken konnte, um die grüne Tür zu Wyvills Garten zu beobachten. Schnell entschlossen ging er hinüber, schlüpfte unbemerkt über den Zaun und suchte sich einen Platz aus. Der Garten war kalt und das Buschwerk feucht. Eine halbe Stunde ereignete sich gar nichts, doch Justus Wise besaß eine große Geduld. Unbeschränkte Aussicht auf Erfolg und im Hintergrunde bares Geld hatten sich kürzlich vor ihm entrollt, so daß ihn etwas Unbequemlichkeit nicht schreckte. Und deshalb ertrug er auch geduldig, daß hin und wieder ein widriges Insekt ihm von den Blättern in den Halskragen fiel und Mücken und Beine ihn zeitweise schmerzten. Unablässig hielt er seine Augen auf die Landstraße gerichtet und sein Ausharren sollte auch belohnt werden. Denn mit festem, raschem Schritt, nur wenige Fuß von der Stelle entfernt, wo Justus zusammengekauert am Boden saß, kam endlich der Mann vorüber, auf den er gewartet hatte. Er näherte sich so schnell und sah so entschlossen aus, daß Justus sich noch weiter hinter den Strauch zurückzog. und bei dem dadurch entstehenden Geräusch hätte er beinahe seinen ganzen Zweck vereitelt. Der Fremde achtete aber gar nicht aus das Rauschen der Blätter, das er wohl dem Winde zuschrieb. Seine Blicke waren auf die Gartenpforte Wyvills gerichtet, seine Hände so erbost geballt, daß Justus sehen konnte, wie die Knöchel unter dem Drucke weiß wurden. »Es wird doch interessant sein, zuzusehen, welchen Eindruck er auf mein liebenswürdiges »Fräulein«, die alte Dame, macht.« sagte sich Justus, indem er den breiten Rücken des Mannes betrachtete. »Er scheint ja in recht netter Stimmung zu sein und sie steht doch auch ihren Mann. Da schellt er. Die Klingel wird entzwei gehen.« Justus hatte recht. Nach verschiedenem scharfen Anziehen des Knopfes blieb dieser in der Hand des Wütenden, der den Knopf eine Sekunde betrachtete und ihn dann auf die Straße warf. Jetzt begann er die Tür mit seinen kräftigen Fäusten zu bearbeiten. Justus betrachtete ihn mit Entsetzen. »Das möchte selbst ich nicht wagen. Wie ärgerlich wohl die alte Dame sein wird, wenn sie wieder herauskommt.« Doch die alte Dame schien keine Lust zu verspüren, sich zu zeigen. Weder der zerbrochene Klingelknopf, noch das Hämmern mit den Fäusten machte irgend welchen Eindruck auf sie. Außer diesem Klopfen an die Tür ließ sich ringsherum kein Ton vernehmen. »Abgeblitzt! Sie werden Ihr Verfahren einstellen müssen!« So sagte sich Justus schadenfroh. Der Unbekannte schlug noch einmal an die Tür und da noch immer keine Antwort erfolgte, stieß er mit der Schulter dagegen. Es entstand ein Knacken, ein Krach, das Schloß gab nach und der Feind befand sich in der Festung. Justus holte tief Atem. Welch ein energischer Mensch! Jetzt begreife ich, weshalb Wyvill jüngst nicht mehr nach seinem Hute suchte und weshalb er seinem Bureau fernblieb. Was mag geschehen, wenn er sich jetzt im Hause befindet?« Einige Minuten verstrichen. Viel hätte Justus darum gegeben, wenn er hätte erfahren können, was nun in dem Hause vorging, aber er wagte es doch nicht, gerade jetzt hervorzutreten. Seitdem der Unbekannte sich den Eingang erzwungen hatte, war es ringsumher ganz still geworden. Diese Stille wirkte auf Justus recht unheimlich und seine Neugierde wurde so groß, daß er sich doch genötigt gesehen hätte, die Dinge näher zu untersuchen und seinen Schlupfwinkel zu verlassen – wäre der Fremde nicht wieder erschienen. »Er hat gegen Windmühlen gekämpft.« dachte Justus und lugte durch das Buschwerk. »Da steht er nun und weiß nicht, was er tun soll.« Dieses Urteil traf zu. Die Wut des Mannes schien sich beruhigt zu haben, nachdem er sich den Eintritt in das Haus erzwungen und darin vergeblich gesucht hatte. Ein unsicherer, verdutzter Ausdruck lag aus seinen ernsten Mienen, als er auf der Straße nach rechts und links sich umsah. Er nahm den Hut ab und trocknete sich die heiße Stirn. Er machte einige Schritte, blieb dann wieder stehen, stützte den Kopf auf die Hand und lehnte sich gegen den Zaunpfosten. »Er gibt es für heute auf und wird jetzt nach Hause gehen. Da bietet sich mir die richtige Gelegenheit,« folgerte Justus. Und der Fremde raffte sich müde zusammen und schlenderte dann die Straße hinab. Justus wartete, bis er an ihm vorüber war, abermals so nahe, daß er mit der Hand seinen Aermel hätte berühren können, dann kroch er aus dem Versteck hervor und folgte dem Fremden in einer gewissen Entfernung und leichten Schrittes. Kapitel 13. Auf der Verfolgung »Dieses Mal sollst Du mir nicht entschlüpfen, Freundchen.« sagte sich Justus, indem er seine unvermutete Beute im Auge behielt. »Besser wäre es, wir hätten kein Tageslicht und die Straßen in dieser Gegend wären nicht so menschenleer. – Er würde mich ja sofort erkennen, wenn er sich zufällig umdreht und mich erblickt.« Der Fremde dachte aber nicht daran, sich umzuwenden. Er schritt immer weiter, zog seine Füße müde nach und Justus wollte bemerken, daß seine ganze Haltung nachgelassen, seine Gestalt älter und weniger aufrecht geworden war, nachdem er sich aus der Nähe des Wyvillschen Hauses entfernt hatte. Der von ihm eingeschlagene Weg führte über Straßenzüge, die keinen zu starken Verkehr hatten und andererseits doch genügten, um Justus vor der Entdeckung zu schützen. So wäre denn alles recht gut gegangen, wenn sich nicht ein Zwischenfall ereignet hätte. An der Ecke der Achardstraße mußte der Unbekannte einen Augenblick stillstehen und konnte erst dann nach der Oxfordstraße hinüberkommen. Er hatte den Platz aber nur zur Hälfte gekreuzt und Justus dicht hinter sich, als ein Radfahrer hinter einem Autoomnibus her in großer Eile hervorraste. Dem Omnibus war der Fremde ausgewichen, aber es erfolgte ein Zusammenstoß und ausgleitend fiel der Mann unter die Räder einer Hansom-Droschke. Das sah so aus, als ob er sich in Lebensgefahr befände, und Justus sprang unwillkürlich vorwärts, um ihn, wenn noch möglich, zu retten. Doch der Gefallene half sich selbst. Mit gewaltiger Anstrengung rollte er sich selbst unter dem Hansom fort und entging der neuen Gefahr, von einem schweren Lastwagen überfahren zu werden, dadurch, daß er sich an die Deichsel klammerte und dann, auf Rettung bedacht, sich so rasch ausrichtete, um seinem Verfolger fast in die Arme zu fallen. Justus war geistesgegenwärtig genug, sein Gesicht abzuwenden, er senkte das Kinn auf die Brust und wagte nicht aufzublicken, bis der andere sich erholt hatte und nun seinen Weg bis zur entgegengesetzten Seite des Platzes ganz sicher fortsetzte. Hatte er ihn erkannt? Die Frage hätte Justus für sein Leben gern beantwortet gehabt. Einmal schien ihm das der Fall zu sein und doch hatte der andere nichts davon merken lassen und seinen Weg ganz ruhig fortgesetzt, so daß es Justus dann wieder vorkommen wollte, als sei von ihm, mit dem jener zusammengeprallt, gar keine Notiz genommen worden. Endlich sagte sich Justus, daß er über die Sache doch bald Klarheit erlangen würde. Er erinnerte sich, wie ihn der Unbekannte in seinem eigenen Bureau angesehen habe und danach erwarten könnte, daß er von Justus fernerhin unbehelligt bleibe. Würde er ihn jetzt erkannt haben, so müsse er darin den Beweis sehen, daß man ihn verfolge. And Justus war erkannt! Diese Gewißheit wurde ihm, als er sah, wie der Fremde ganz harmlos um die Ecke einer Straße bog, auf einen Augenblick verschwand, wieder auftauchte und dann plötzlich in der entgegengesetzten Richtung schleunigst davonlief. Dieser Trick hätte unter gewöhnlichen Umständen damit geendet, daß der Verfolgte Justus gerade gegenübergestanden, ohne daß dieser die Gelegenheit fand, zu behaupten, er sei ihm erst nachgegangen. Die Umstände begünstigten Justus. Der Ecke gegenüber befand sich außerhalb eines Restaurants ein großer Spiegel und in diesem erhaschte Justus einen Blick auf »seinen« Mann, gerade eine Sekunde, ehe dieser die andere Richtung einschlug. Wie der Blitz stürzte er in einen Laden, an dem er vorbeiging und machte die Tür hinter sich zu. Er wartete einen Augenblick und lugte dann über den Vorhang, der den unteren Teil der Tür verdeckte. Vergnügt rieb er sich die Hände, denn der Fremde, der bei seinem Umdrehen niemand vor sich sah, den er erkannte, blieb verwundert und unentschlossen stehen. Dann schüttelte er den Kopf und wandte sich abermals, um nun in der bisherigen Richtung weiterzugehen. Inzwischen näherten sich aber Justus die Geschäftsleute und Justus sah sich einer stattlichen Dame im schwarzen Seidenkleid gegenüber. »Was darf ich dem verehrten Herrn vorlegen?« fragte sie. Justus bemerkte zu seiner Bestürzung, daß er in ein erstklassiges Konfektions-Geschäft für Damen geraten war. »O – hem – ich möchte mich nur nach dem Preise des Mantels erkundigen, des Pelzmantels, der dort im Fenster hängt.« »Vierhundertundfünfzig Pfund Sterling. Es ist russischer Zobel und Pelze –« »O, ich danke Ihnen, aber der Preis ist doch wesentlich höher als was ich anlegen wollte –« »Es ist ein prachtvolles Material dazu verwendet und wirklich äußerst billig,« erklärte die überraschte Dame. »Fräulein Siron, nehmen Sie doch mal das Pelzjakett herunter, damit der Herr sehen kann –« »Nein, wirklich, bemühen Sie sich nicht,« rief Justus und drängte zum Ausgange. »Er wird mir entschlüpfen – ich meine, der Betrag ist zu hoch für mich. Entschuldigen Sie. Ich danke Ihnen. Adieu!« Schweißtriefend kam er wieder auf die Straße. »Hol' der Henker alle Pelze und Rußland dazu,« murmelte er vor sich hin und hielt Umschau. »Wohin mag er gegangen sein?« Der Unbekannte war nirgends zu sehen. In höchster Aufregung bog Justus abermals um die Straßenecke, die ihm vor wenigen Minuten so verhängnisvoll geworden war. Noch immer keine Spur und schon gestand sich Justus verzweifelt zu, daß er abermals düpiert sei, als sein Blick auf eine vierrädrige altmodische Kutsche fiel, die die Straße hinabfuhr. Der Wagen kam ihm entgegen, doch als Justus sich auf gleicher Höhe damit befand, kehrte das Gefährt um und der Kutscher schlug wie wütend auf das Pferd und beugte sich nach hinten, offenbar um von seinem Fahrgast Weisungen entgegenzunehmen. Justus fühlte instinktiv, wer dieser Fahrgast war. Als ob dieser es noch hören könnte und sich darnach richten würde, schrie Justus: »Nein, Sie dürfen nicht fort.« Aber der Wagen gewann einen guten Vorsprung, auf dem Fußweg drängten sich die Menschen und Justus konnte nicht mehr tun, als den Wagen im Auge zu behalten. Er glaubte selbst nicht, daß er ihn erreichen würde. Schon verging ihm der Atem. »Das ist schrecklich,« murmelte er, »und wenn sich nicht etwas Besonderes ereignet, werde ich ihn doch verlieren.« Da stieß er einen Freudenruf aus, denn ein leerer Taxameter hatte ihn überholt und Justus taumelte fast hinein. »Folgen Sie dem Wagen da vorn«, rief er atemlos dem Kutscher zu und sank auf den Sitz nieder. Der Taxameter stellte bald eine angemessene Entfernung zwischen sich und dem Gegenstand der Verfolgung her und so begann wiederum die Nachreise, aber dieses Mal wesentlich günstiger für Justus. Das einzige, was ihm jetzt Sorge machte, war der Zweifel, ob das Cab auch tatsächlich den Unbekannten enthielt. Aber der Zweifel wurde auch bald behoben durch den Anblick eines ergrauten Kopfes und breiter Schultern, die aus dem Fenster an der vor dem Wind geschützten Seite hervorkamen, während ihr Besitzer die Straße hinter sich einer genauen Prüfung unterzog. Justus zog sich in seinen Taxameter zurück. Hatte der Mann ihn jetzt gesehen? Das war wohl kaum der Fall. Er war ja auch schnell wieder verschwunden und der Wagen da vorn setzte die Fahrt gemächlich fort, die durch lange Straßenzüge ging, um auf dem Berkeley-Platz zu enden. »Hallo,« rief Justus, »er hält ja vor dem Westschen Hause.« Das stimmte. Das Wagenfenster wurde herabgelassen. die Tür geöffnet und der Fremde sprang heraus. Er lohnte den Kutscher ab und stieg die Vorderstufen von dem Hause des Herrn West hinan. Auch der Taxameter hatte angehalten. Der Kutscher sah sich fragend um, doch Justus blieb ruhig sitzen, bis der Fremde verschwunden war. »Im Hause von West? Mein Himmel? Was mag er dort wollen?« Wie sollte Justus darauf eine Antwort finden? Die Haustür wurde geöffnet und der Unbekannte dort eingelassen. Nun stieg Justus zögernd aus dem Wagen, zahlte dem Kutscher und, während er sich außer Sehweite von den Fenstern hielt, betrachtete er die wieder verschlossene Tür und hatte Stoff zum Nachdenken. Wie merkwürdig das alles war. Der Mann, der sich jetzt im Hause von West befand, war doch derselbe. der den grimmigen Streit mit dem Finanzier gehabt, aus dem allem Anschein nach so viel Unheil entstanden war. Gewiß, es war sonderbar und noch viel sonderbarer, daß er jetzt dort hingegangen war, wo er wußte, daß sich West in Hast befand, hatte er doch das Abendblatt gelesen und dann zusammengeknüllt. Er muhte also nach Fräulein West gefragt haben. Aber weshalb? Er kannte sie ja gar nicht. Sie hatte Millbank gesagt, daß sie den Mann nicht kannte. Wie unglaublich das alles war! Und der Mann blieb im Hause. Er blieb so lange, bis Justus, von überwältigender Neugier getrieben, sich dem stillen Hause immer mehr näherte, mit fragenden Augen darauf starrte, die Ohren gespitzt und so einem gutgedrillten Vorstehhunde oder einem Foxterrier glich, der auf ein Kaninchen wartet, bis es sich aus seiner Höhle wagt. Was würde Justus darum gegeben haben, hätte er im Hause sein können, um die Unterredung mit anzuhören, die zwischen Sophie West und dem Fremden stattfand. Es war ihm nicht möglich, einen triftigen Grund zu finden, mit dem er seine Anwesenheit hätte entschuldigen können; so blieb ihm nichts anderes übrig, als seufzend auf den Zutritt im Hause zu verzichten. Plötzlich fiel ihm ein, daß sein Jagdwild doch endlich wieder herauskommen müsse, um dann gewahr zu werden, von ihm verfolgt worden zu sein. Bei dem Spionieren wollte sich Justus nicht ertappen lassen und deshalb entfernte er sich vom Hause und sah sich nach einem Versteckplatz um, wofür er gerade in den letzten Tagen Routine bekommen hatte. Sie nützte ihm aber schlecht in diesem Augenblicke, denn während er mit dem Rücken gegen das Haus gewandt dastand, kam jemand da heraus, entdeckte ihn und stülpte ihm mit dem Schlage einer hammerfesten Faust den Hut bis über die Augen hinunter. Schwindelig und geblendet, schwankte Justus und sank schwer aus das Pflaster nieder. Dann hoben sich seine Hände zu dem glänzenden Seidenzylinder, der seine ganze Form verloren hatte und ihm die Augen zudrückte. Ein kräftiger Zug, noch einer und damit hatte er den Hut vom Kopfe entfernt. Er rieb sich die Stirn und den schmerzenden Kopf. Dann kam er zu sich, blickte umher und rief: »Das war er. Verteufelt, daß ich ihm den Rücken zuwandte. Der Feigling! Und nun ist er fort.« »Wer ist fort?« fragte eine bekannte Stimme neben ihm. Georg Millbank stand an seiner Seite. »Er!« wiederholte Justus. »Der Unbekannte, der in mein Bureau kam, in den Kamin hinaufblickte, der Mörder. Aber haben Sie ihn nicht gesehen? Er muß Ihnen doch begegnet sein.« »Ich glaube, daß ich jemand von hier fortlaufen sah, als ich über den Platz kam, ich beobachtete Sie jedoch, wie Sie mit Ihrem Hute beschäftigt waren. Ich erkannte den Mann nicht und wunderte mich, was Sie denn eigentlich trieben. Erzählen Sie mir doch, was geschehen ist?« »Den hat er mir über den Kopf geschlagen.« entgegnete Justus und zog Millbank nach der Straße hin. auf die er gewiesen. »Halten wir uns nicht damit auf. Wir müssen ihm nach, wir dürfen ihn nicht verlieren. Kommen Sie!« Sie eilten in der Richtung, die der Fremde eingeschlagen haben mußte, davon, doch ihr Gespräch hatte Zeit gekostet, und als sie die Stelle erreichten, war von ihm natürlich keine Spur zu entdecken. Er war verschwunden und allem Anschein nach auf immer. Traurig kehrten sie zu dem Square zurück. Unterwegs erzählte Justus von seinen Erlebnissen bis zu der Zeit, wo Millbank ihn angesprochen hatte. »Gott im Himmel!« sagte dieser bestürzt, »was kann der Mann von Fräulein West gewollt haben? Und weshalb hat er sich gegen Sie so abscheulich benommen? Das ist eine ernste Sache, besonders nachdem er uns in Ihrem Bureau eingeschlossen hat. Ich darf gar nicht daran denken, daß er die ganze Zeit über mit Sophie allein gewesen ist. Wie wird er sie in Angst und Schrecken versetzt haben! Er mag sie vielleicht auch tätlich angegriffen haben. Schnell, lassen Sie uns nachsehen!« Er stürzte die Stufen hinauf und schellte. Offenbar hatte sich nichts Besonderes ereignet, denn Butt zeigte ruhige und gesetzte Mienen, als er die Tür öffnete. Er meldete auch sofort, daß sich das gnädige Fräulein im kleinen Salon befände und soeben den Tee befohlen habe. »Gott sei Dank! Sie ist unverletzt!« rief Millbank. worüber sich der alte Diener sehr verwunderte. »Fragen Sie Fräulein West, ob sie Herrn Wise und mich empfangen will. Bitte, recht schnell, Butt!« Der Alte zögerte nicht einen Augenblick und kam mit bejahender Antwort zurück. Er führte sie zu seinem Fräulein. Sie saß in dem kleinen Salon, neben ihr der Teetisch mit dem Gerät. Sie hatte sich indeß damit noch nicht beschäftigt und sah traurig und nachdenklich aus, als sie sich erhob, um ihren Besuch zu begrüßen. »Armes junges Ding.« sagte sich Justus bei ihrem Anblick, denn ihm fiel ihre Blässe und die dunklen Ringe unter ihren schönen Augen auf. »Das nimmt sie furchtbar mit und vielleicht weiß sie noch mehr als ich.« »Noch nichts Neues von meinem Vater?« fragte sie besorgt, als Millbank ihre Hand ergriff. »Leider nichts bis jetzt, aber sage uns. denn es ist von größter Wichtigkeit, Sophie, was wollte der Mann, der eben hier gewesen ist, von Dir?« Sie fuhr zusammen. »Der Mann« – sie stockte und errötete. »Wieso weißt Du, daß jemand bei mir war?« »Herr Wise ist ihm bis hierher gefolgt und sah ihn fortgehen. Er griff Herrn Wise, der draußen wartete, auch tätlich an und entfloh dann.« »Er griff Sie an? Ach. wie leid tut mir das. Herr Wise. Hoffentlich hat er Ihnen kein Leid zugefügt.« »Ach, es ist nichts.« erwiderte Justus verwirrt und beschämt. »Er hat mir nur den Hut eingetrieben.« »Ich freue mich wirklich, daß es nichts Schlimmeres ist, denn ich fürchtete schon, er hätte Sie verwundet – es ist sicherlich ein roher Mensch.« »Aber Sophie, wer ist es denn eigentlich? Du sagtest jüngst, Du kennst ihn nicht und doch – kennst Du ihn jetzt?« Das junge Mädchen wurde sehr verlegen und sie wich den Blicken Millbanks aus. »Nein, ich kenne ihn nicht. Ich weiß auch heute noch nicht, wer er ist. Aber ich erinnere mich seiner von jenem Tage – wenigstens seines Aussehens von dem Tage, an dem er den gräßlichen Zank mit meinem lieben Papa hatte.« »Es war also derselbe Mensch und nun kam er hierher, um mit Dir zu sprechen?« »Ja.« Millbank war über das Benehmen seiner Braut sehr verwundert; Justus beobachtete sie gespannt. »Aber, was sagte er denn zu Dir. Sophie? Was wollte er denn von Dir?« Fräulein West wurde noch bleicher und schwieg; sie kämpfte gegen Tränen an. »Ach, ich kann es Dir nicht sagen – ich kann es nicht,« preßte sie endlich heraus. Justus erhob sich. »Vielleicht hält meine Anwesenheit Fräulein West von der Mitteilung ab. Ich komme in kurzer Zeit zurück oder besser, ich werde in einem anderen Zimmer warten.« Millbank wandte sich zu Sophie, und da er bemerkte, daß sie erleichtert schien, nickte er Justus zu. »Ja. Herr Wise, warten Sie einige Minuten im Rauchzimmer, ich werde gleich bei Ihnen sein.« Fräulein West blieb regungslos. Sie blickte mit starren Augen ins Leere. Justus verbeugte sich und suchte das Rauchzimmer auf, in dem er schon früher einmal gewesen war. Seine Neugierde war auf Siedehitze gelangt. »Sie wird sich aussprechen, wenn sie mit ihm allein ist,« grübelte er. »Was es jetzt wohl noch geben wird? Uebrigens erinnert mich das an den Brief, der die Zusammenkunft im Bureau der Wapiti Gesellschaft vereinbarte. Vermutlich liegen dergleichen Dinge hier nicht mehr herum, es ist das kaum glaublich, denn jetzt wird die Polizei hier wohl gründlich aufgeräumt haben. Der Schutzmann, der mich jüngst hier so forschend anblickte, scheint nicht mehr im Hause zu sein.« Wie sich das auch verhalten mochte, niemand störte Justus, als er das Zimmer durchwanderte und er seine außerordentlich scharfen Augen auf jedem Gegenstand ruhen ließ, an dem er vorbeikam. Auf Briefe fiel sein Blick nicht mehr, und allmählich verzichtete er auf jeden Fund und setzte sich, die Rückkehr Millbanks geduldig erwartend. Es verfloß geraume Zeit. Dennoch war Millbank nicht in der Lage, ihm etwas zu sagen, das seine Neugierde hätte befriedigen können. Millbank selbst schien von Zweifel und Sorge gepeinigt zu sein, er sah viel älter und ernster aus als zu der Zeit, in der er Justus an diesem Nachmittage angesprochen hatte. »Ich stehe vor einem undurchdringlichen Rätsel, Herr Wise. Sie hat mir tatsächlich gar nichts anvertraut. Ich hoffte von ihr eine Erklärung über den Zweck des Besuches jenes Mannes zu erhalten und den Inhalt ihres langen Gespräches mit ihm, statt dessen richtete sie lediglich Fragen wegen ihres Vaters an mich und wie weit wir mit unserem Suchen nach dem richtigen Verbrecher seien. Als ich ihr dann sagte, daß unser Verdacht sich in einer bestimmten Richtung bewege, und zwar auf den Mann, über den ich von ihr Auskunft zu haben wünschte, zuckte sie zusammen, wurde totenblaß und nahezu ohnmächtig. Was sein Besuch zu bedeuten habe, sagte sie mir aber nicht. ›Ich kann es Dir nicht sagen!‹ wiederholte sie fortwährend. Es handle sich um Geschäftsangelegenheiten, in die ihr Vater verwickelt sei, es wäre ein Geheimnis und mehr könne sie nicht sagen.« »Eine Geschäftsangelegenheit. Ein Geheimnis?« wiederholte Justus – »das sie selbst Ihnen nicht sagen wollte –« »Ja. Ich kann es Dir nicht sagen – ich kann es Dir nicht sagen.« Noch immer klingt ihre klägliche Stimme in mein Ohr. »Ich habe mich verpflichtet zu schweigen, es wäre verhängnisvoll, würde ich es Dir sagen, es würde Papa ins Verderben stürzen. Das sagte er, er beschwor es und ich wagte es nicht –« »Würde ihren Vater ruinieren?« »Ja, so sagte sie und schluchzte dabei herzerweichend.« »Wie schrecklich für sie und auch für Sie! Seltsam, seltsam. Herrn West vernichten? Ach, er wird lediglich versucht haben, der jungen Dame Schrecken einzuflößen, denn die Lage für Herrn West kann doch gar nicht schlimmer werden, als sie jetzt ist; er ist ja schon verloren, wenn es uns nicht gelingt, ihm zu helfen. Aber, daß wir ihr helfen können, die so verschwiegen ist, glaube ich noch weniger. Machte sie denn keinerlei Andeutungen?« »Sie erwähnte ein Schriftstück, von dem ich annehme, daß der Mann es von West herauszubekommen suchte,« entgegnete Millbank nach kurzem Sinnen. »Vielleicht war das die Veranlassung, noch einmal hierherzukommen, sie sprach davon aber nur unbestimmt, es war, als ob sie das mehr zu sich selbst sagte, denn als ich später in sie drang, mir mehr darüber mitzuteilen, schlug sie mir es aus.« »Ein solches Schriftstück mag ja gerade die Ursache des Streites zwischen Herrn West und dem Manne bilden.« »Ja. Sie haben recht. Jemehr ich darüber nachdenke, jemehr weiß ich, daß es sich so verhält, so viel hat sie mir unfreiwillig verraten. Mehr konnte ich aber heute nicht aus ihr herausbringen. Sie war, ehe ich sie verließ, in einem Zustande, in dem ich nicht länger in sie dringen durfte; ich hätte wohl dabei meinen Zweck erreichen können, sie wäre aber zusammengebrochen. Deshalb hörte ich mit meinen Fragen auf, beruhigte sie, so gut ich das eben vermochte, und jetzt wird sie sich wohl zur Ruhe begeben haben. Ich werde sie aber morgen früh sehr zeitig wiedersehen. Wenn es Ihnen recht ist, wollen wir zusammen hingehen. Sie können dann warten, während ich mit ihr spreche, und hoffentlich wird sie den Schrecken von heute überwunden haben und mitteilsam sein. Die arme Kleine, stellen Sie sich doch einmal ihre Lage vor. Ich als Mann verliere schon dabei den Kopf.« Justus nickte. »Gewiß, Herr Millbank, trotz all' meiner Erfahrungen in verzwickten Dingen fühle ich doch mit Ihnen ganz besonders mit. Ich will Ihnen auch gestehen, daß ich selbst noch keinen klaren Weg vor mir sehe und von einem starken Kopfschmerz gequält werde. Sie haben vollkommen recht, es hätte sicherlich keinen Zweck, Fräulein West heute noch weiter zu quälen. Sie sagten, daß sie sich in ihr Zimmer zurückgezogen habe, um sich zur Ruhe zu begeben.« »Ja, ich hoffe es.« »Sehr gut, sehr gut. Das ist auch das klügste, das sie tun konnte, und vielleicht wird sie morgen imstande sein, uns etwas zu sagen, das von großem Wert für uns ist. Sie wird sich erholt haben, wie Sie selbst meinen. Daß der grauhaarige alte Herr bei der ganzen Angelegenheit den Mittelpunkt bildet, wird mir immer einleuchtender, Herr Millbank. Bis jetzt hat er noch immer bei den Begebnissen mit mir ganz besonderes Glück gehabt, schauen Sie sich nur einmal meinen Hut an, aber das Blättchen wird sich schon einmal wenden. Es handelt sich ja fast um meinen Ruf in dem Kampfe mit ihm. Ich will Sie morgen früh hier gern treffen. Sagen wir elf Uhr, ich bin pünktlich und Sie dürfen sich auch sonst ganz auf mich verlassen.« Sie trennten sich. Millbank kehrte in seine Wohnung zurück, während der Privatagent Wise sein Bureau noch einmal aussuchte, um die Begebenheiten des Tages einer gründlichen Betrachtung zu unterziehen. Kapitel 14. Ein Mordversuch Um vor der Stunde seiner Verabredung mit Millbank noch etwaige Korrespondenz zu erledigen, fand sich Justus Wise am folgenden Morgen sehr frühzeitig in seinem Bureau ein. Für gewöhnlich gab es wenig Briefe, die einer sofortigen Erledigung bedurften, meistenteils waren es kleine Rechnungen, die natürlich auf die lange Bank geschoben wurden. Aber in dieser Zeit von so außergewöhnlichen Ereignissen für Justus Wise konnte schon eher einmal der Fall eintreten, daß sich ihm die pünktliche Durchsicht seiner Morgenpost verlohnte. Und das war denn auch heute wirklich der Fall. Er fand zwei Briefe vor, die ihn im höchsten Grade interessierten. Die Absenderin des einen Brieses war Fräulein Gertie Tillet, wie ihn sofort das Parfüm belehrte. Sie schrieb: »Werter Herr Wise. Haben Sie nun über den Mord alles herausgefunden? Ich bin in meiner Sorge um den guten alten West schon ganz krank geworden und zerbreche mir den Kopf über die ganze Sache, wobei ich gar nicht verhehlen will, daß Kopfarbeit von jeher meine schwächste Seite gewesen ist. Weshalb sagt denn der alte Tor nicht das, was er weiß, damit er aus der Haft kommt?! Was hat er nun davon, daß er sich jetzt in ein geheimnisvolles Schweigen hüllt, wenn er doch verurteilt und schließlich gehängt wird? Sie wissen, daß er noch immer sitzt, und es sieht so aus. daß man ihn noch länger dort behalten wird, wenn er nicht ganz schnell etwas Energisches unternimmt. Also, Herr Wise, geben Sie sich einmal einen tüchtigen Ruck und zeigen Sie, was Sie können. Sie müssen den Mann kriegen, der den unglücklichen Peter Dunton ermordet hat. Soll ich Ihnen 'mal sagen, daß ich mir einrede, ihn gesehen zu haben? Wir Frauen sind ja eigenartig veranlagte Wesen. Zuweilen sind unsere Einfälle mehr wert, als die Männerwelt meint. Ich glaube also wirklich, den Mörder gesehen zu haben; es ist ein untersetzter breitschultriger Mann mit kurzem grauen Haar. Er ist ein brutaler, gefährlicher Mensch, etwa fünfzig Jahre alt, der ihn selbst schon früher einmal bedroht hatte. West erzählte mir es. Und ich sah ihn, da er einmal mit West, in dessen Begleitung ich war, zusammenstieß; sie zankten sich auch damals. Er gehört zu den Leuten, denen man wohl zutrauen kann, daß sie im Jähzorn einen Menschen umbringen. Seine Gesichtsfarbe ist braun, er läßt sich glatt rasieren und hat viele Runzeln, man kann ihm ansehen, daß er viel Schweres durchgemacht hat. Sein Name ist Millbank, wenn er sich auch zuweilen anders nennt; ich hörte, daß West ihn mit beiden Namen anredete. Uebrigens, hieß der kleine niedliche Mensch, den ich neulich in Ihrem Bureau antraf, nicht auch Millbank? Haben Sie ihm meinen Gruß ausgerichtet? Hoffentlich ist dieser gräßliche Alte nicht sein Vater, weil ich überzeugt bin, daß er der Mörder ist und seinetwegen der gute liebe West ins Gefängnis gebracht wurde. Sie müssen ihn herausbringen. Denken Sie doch, was das für eine famose Sache für Sie wäre! Ihr Ruf würde dadurch fest begründet. Ich kann kaum mehr schlafen bei dieser scheußlichen Spannung. Machen Sie mir gefälligst sofort Mitteilung, sobald Sie etwas hören. In Eile Ihre ergebene Gertie Tillet. Justus las den Brief mehrere Male. Großer Himmel! Noch mehr des merkwürdigen Zufalls. Diese oberflächliche Dame befand sich also auf der gleichen Spur mit Millbank und ihm selbst hinsichtlich West's und des Fremden. Und ihre Gründe für die Schuldlosigkeit von West hatten sogar manches für sich. Und dieser Fremde hieß Millbank! Justus erinnerte sich an den Brief seiner Schwester. Der ehemalige Partner von West, der in den Anklagezustand versetzt gewesen, hieß Millbank. Aber er sollte im Zuchthaus gestorben sein. Zwar waren ihre Angaben etwas unbestimmt. Vielleicht lebte er auch noch und war nun identisch mit diesem Fremden, war der Vater von Georg Millbank. Dieser hatte ja erklärt, daß ihm über seine Familie so wenig bekannt sei. Traf diese Annahme wirklich zu, so ließ sich allerdings wieder erklären, aber – es führte Justus zu einem Gedankengang, dem er nicht gern folgte. Er nahm den zweiten Brief zur Hand; er war von seiner Schwester. »Lieber Justus. Du batest mich, Dich wissen zu lassen, wenn ich zufällig über Herrn West, den Finanzmann, etwas weiteres erfahren sollte. Natürlich ist Dir bekannt, worüber ganz London sich aufregt, daß er unter Anklage, einen Mord begangen zu haben, verhaftet und nach der Bow-Straße geführt worden ist. Ob er das Verbrechen vollführt hat oder nicht, kann ich nicht sagen, bin aber der Meinung, daß jemand, der so schnell Geld verdient wie er und auf solche Weise, auch fähig ist, einen Mord oder jedes andere Verbrechen zu begehen. Ich habe nun noch folgendes gehört; es ist nicht viel, kann Dich aber doch vielleicht interessieren. Aus derselben Quelle, die mich über seinen Partner Millbank unterrichtete, hörte ich, daß er, West, und der ermordete Dunton vor zwanzig Jahren in Süd-Afrika sehr intime Freunde waren und daß dann alle drei es so trieben, daß ihnen der Aufenthaltsort unter den Füßen brannte. Sie zankten sich und stoben auseinander. Wer der größte Schwindler von ihnen war, steht nicht ganz fest, jedenfalls beschwindelten sie sich gegenseitig, und Millbank wanderte ins Gefängnis, wo er gestorben sein soll, wie ich Dir schrieb. Indeß möchte weder mein Gewährsmann noch ich selbst vor Gericht geladen werden, um dort vielleicht etwas von diesen Mitteilungen zu beschwören. Wenn sie Dir nützen können, so mache von ihnen Gebrauch, aber vergiß nicht, daß ich eine Geschäftsfrau bin, die Besseres zu tun hat, als ihre Zeit auf dem Zeugenstand zu vergeuden und sich von einem Anwalt anfahren zu lassen. Also reiße diesen Bries entzwei, nachdem Du ihn gelesen hast und behalte alles für Dich, wenn Du Dich weiterhin mit mir gut stehen willst. Und dann kannst Du noch etwas für mich tun. In demselben Hause, in dem Du Dein Bureau hast, befindet sich auch das des Herrn Wyvill, wenigstens hat er mir diese Adresse gegeben, auch findest Du seinen Namen wohl im Adreßbuche. Er ist Generalsekretär einer Gesellschaft, wenn ich richtig verstanden habe, heißt sie Wapiti. Vielleicht weißt Du das besser als ich. Er ist also seit geraumer Zeit Kunde von mir gewesen, wie mancher andere, der klüger sein sollte, aber darüber will ich nicht losziehen, denn das ist ja mein Geschäft. Wyvill ist ein rothaariger Mensch mit aufgeschwemmtem Gesicht, seine Augen stehen zu dicht aneinander und das mag alles zu seiner Entschuldigung dafür dienen, daß er einen Schönheitsdoktor zu Rate zieht. Ich habe ihm das Gesicht massiert, seine Augenbrauen gefärbt, so daß es weniger aussah, als sei sein Hut in Gefahr, in Flammen aufzugehen. Weshalb er sich das Haar nicht ganz und gar färben lassen wollte, weiß ich nicht, jedenfalls hätte er dann bedeutend besser, oder richtiger weniger häßlich ausgesehen, aber das ist ja schließlich seine eigene Sache. Er hat mir nun bis vor einem Monat alles regelmäßig bezahlt, aber seitdem kann ich kein Geld mehr aus ihm herausbekommen, so daß er mir jetzt eine für meine Verhältnisse beträchtlich hohe Summe schuldet. Als er zum letzten Male bei mir war, kam er mir sehr sonderbar vor; er muß ohne Zweifel in Schwierigkeiten geraten sein und mehr noch, denn er hatte eine große Wunde, die sich von der Hinterseite des Kopfes bis zum Augenlid hinzog, auch konnte man merken, daß er viel getrunken hatte. Ich verschminkte die Wunde, so gut es ging, so daß sie wohl niemand gewahrte, es sei denn, daß ihn jemand küssen wollte, was ich nicht für wahrscheinlich halte. Er hat mir aber weder diese Rechnung, noch den Rest von früher bezahlt, weshalb ich Dich bitte, Dich nach seinen Verhältnissen zu erkundigen. Ich kann keinen langen Kredit gewähren und Geld im Geschäft verlieren, möchte aber andererseits auch nicht einen guten Kunden dadurch einbüßen, daß ich ihn verklage. Wenn Du mir sagst, wie es um ihn steht, so daß ich weiß, ob ich mein Geld bekomme, wirst Du einen recht guten Dienst erweisen Deiner Dich liebenden Schwester Clementine Wise.« Auch dieser Brief gab Justus viel Stoff zum Nachgrübeln. So saß er denn lange Zeit mit halbgeschlossenen Augen auf seinem Bureausessel und hielt den Kopf nach oben zur rauchgeschwärzten Zimmerdecke gewendet, während ihm der feine Duft des Parfüms in die Nase stieg, dessen sich Fräulein Wise für ihre Korrespondenz bediente. So lange blieb er tatsächlich in Nachdenken versunken, bis er plötzlich erwachte, um zu sehen, daß an der verabredeten Zeit, 11 Uhr, nur noch eine Viertelstunde fehlte, die gerade genügte, um noch rechtzeitig zum Berkeley Square zu gelangen. Nun sprang er auf, schob die beiden Briefe in seine Tasche und rief Dark, dem er einschärfte, das Bureau nicht zu verlassen, da er selbst abwesend sei. Er griff rasch nach seinem Hut, den er so gut wie möglich wieder geglättet hatte und bedauerte, daß ihm nicht Zeit genug geblieben war, einen neuen zu kaufen, lief die Treppen hinab und rief eine vorüberfahrende Droschke an, in die er hineinsprang. »Berkeley Square, Kutscher! Ich habe es sehr eilig.« Während er seine Handschuhe anzog, betrachtete er die Uhrzeiger der Kirchen, an denen er vorübersauste. Holborn war sehr belebt, ebenso die Oxford-Straße und obgleich Kutscher und Pferd ihr Bestes taten, war es doch schon längst elf geworden, als der Wagen vor dem West'schen Hause hielt. Zur größten Ueberraschung von Justus war von Georg Millbank nicht das Geringste zu sehen. Eine kleine Auseinandersetzung über das Trinkgeld hatte Justus noch mit dem Kutscher, dann ging er mehrere Male auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes auf und ab und noch immer ließ sich Millbank nicht blicken. Justus biß sich die Lippen und betrachtete die Fenster des West'schen Hauses. »Wenn mich Millbank im Stich läßt, wäre es doch sehr fatal. Ich muß ihn ja unbedingt sprechen und ebensogern möchte ich hören, was die junge hübsche Sophie heute morgen etwa mitzuteilen hat,« murmelte Justus. Ungeduldig schritt er wieder zur anderen Seite hinüber und überlegte, ob er es doch nicht wagen könnte, allein zu Fräulein West zu gehen. Da wurde seine Aufmerksamkeit auf ein dunkelblaues Koupé gelenkt, das vor dem Hause anhielt. Ihm entstieg ein Herr in den mittleren Jahren mit einem langen Gehrock, der die Stufen schnell betrat und nach dem Erscheinen Butts im Hause verschwand, wie jemand, der den Weg gut kannte. »Das ist sicher der Hausarzt,« sagte sich Justus und versuchte das Monogramm auf dem Wagenschlag zu entziffern, »G. S.« »Wahrscheinlich der große Selby selbst. Hoffentlich ist Fräulein West nichts zugestoßen.« Nach wenigen Minuten wurde die Haustür abermals geöffnet. Von Butt geleitet, der selbst tief bekümmert und elend aussah, erschien der Herr von vorhin wieder und sagte zu dem Diener: »Auf meinem Heimwege spreche ich nochmals vor. Also ungefähr in einer Stunde.« Dann schritt er die Stufen hinunter. »Ich danke Ihnen, gnädiger Herr,« entgegnete der alte Diener und verneigte sich tief. »Ich werde es Herrn Millbank bestellen.« Der Besitzer des Koupé fuhr fort. In der Annahme, daß es wirklich der Hausarzt sei, der heute schon zum zweiten Male im Hause der West'schen Familie gewesen, wurde Justus durch die Zusage bestärkt, daß der Herr noch einmal vorsprechen wolle. Was konnte es aber zu bedeuten haben, daß er das Herrn Millbank bestellen wollte?! Sollte sich denn tatsächlich etwas Schlimmes ereignet haben und Millbank schon im Hause sein?« Nachdenklich blickte Justus dem rasch dahinrollenden Gefährte nach. Als es sich dann umwandte, sah er. daß Butt noch auf der Schwelle stand. Rasch entschlossen betrat er nun die Stufen, die zum Hauseingang hinaufführten und rief den alten Diener an: »Guten Morgen! Sie erinnern sich doch meiner. Ich bin mit Herrn Millbank schon zweimal hier gewesen. Auch gestern abend, und ich verabredete mit ihm, daß wir uns heute morgen hier vor dem Hause treffen wollten –« »Gewiß, ich erinnere mich, Herr –« unterbrach der Alte ihn. »Aber Herr Georg ist schon seit zwei Stunden hier, wir haben ihn so früh, wie wir nur konnten, holen lassen. Er muß die Verabredung mit Ihnen ganz vergessen haben. Das ist aber kein Wunder unter diesen Umständen!« »Unter diesen Umständen?« »Ja, Herr, es ist schrecklich! Haben Sie es denn noch nicht gehört? Aber natürlich nicht. Woran denke ich nur – das ist ja unmöglich. Unser liebes gnädiges Fräulein – doch es ist wohl besser, Herr Millbank sagt es Ihnen selbst. Es wird ihm jedenfalls angenehm sein, Sie zu sprechen, wenn er auch die Verabredung vergessen zu haben scheint. Seit länger als einer Stunde tut er nichts anderes, als im Rauchzimmer hin und her zu gehen und zu fragen, ob der Arzt noch nicht wieder dagewesen ist.« »Aber um Himmelswillen, was ist denn geschehen? Befindet sich Fräulein West nicht wohl? Hat sie ein Unfall betroffen? Ach, hier ist ja mein junger Freund!« In diesem Augenblicke war Georg Millbank in der Eingangshalle erschienen: er bemerkte Justus und eilte auf ihn zu. »Ach, Herr Wise. Es tut mir so leid. Sie müssen mir aber verzeihen – erst in dieser Minute fiel mir ein, daß wir uns verabredet hatten. Es ist jedoch etwas Furchtbares geschehen – es ist so entsetzlich – doch kommen Sie herein. Sie dürfen hier nicht stehen bleiben. Lassen Sie uns ins Rauchzimmer gehen. Ich brauche Ihren Rat. Sie können mir gerade jetzt von allerhöchstem Nutzen sein. Der Schurke – doch kommen Sie – ich will Ihnen alles erzählen.« Justus folgte ihm ganz bestürzt ins Rauchzimmer, und nachdem Millbank die Tür geschlossen, wandte er sich mit heftigen Worten an ihn: »Was ist denn nur geschehen? Betrifft es Fräulein West persönlich?« Millbank machte den vergeblichen Versuch, die Tränen zurückzuhalten, die sich in seine Augen drängten. Er nickte, da er momentan kein Wort sprechen konnte. Endlich: »Ja, Herr Wise, es betrifft sie. Sie liegt auf Leben und Tod, man hat sie ermorden wollen!« »Ermorden?« Justus holte tief Atem. »Sie ist überfallen und brutal mißhandelt worden, weil sie dem Räuber Widerstand leisten wollte, das mutige liebe Mädchen! Es ist ein Mord – ja, das ist es, wenn – wenn sie sterben sollte und das kann der Fall sein, Herr Wise. Der Arzt sagt es. Ja, zwischen Leben und Tod schwebt sie. Das kann noch Stunden, noch Tage so dauern.« »Ich hege das innigste Mitleid mit Ihnen,« sagte Justus, den die Mitteilungen und der Kummer des jungen Mannes tief erschütterten. »Ich kann Ihnen gar nicht ausdrücken, wie sehr ich das beklage. Aber wie geschah es denn? Wer war der Täter? »Das wissen wir noch nicht. Aber bei Gott. Herr Wise, wir werden es herausbringen und der Mensch soll dafür büßen! Ich werde weder Tag noch Nacht ruhen, bis ich ihn zur Strecke gebracht habe. Der Schurke! Der herzlose Bube! Sie anzugreifen!« »Die ganze Welt wird auf Ihrer Seite sein und Ihnen beistehen. Sie sagen, Sie kennen ihn nicht, Sie wissen nicht ...?« »Nein, wir wissen kaum etwas. Man hat sie heute morgen im Arbeitszimmer von Herrn West verwundet und weinend aufgefunden. Sie hatte noch ihr Morgenkleid an und war aus irgend einem Grunde so früh hinunter gekommen und dort angefallen worden.« »Und sie konnte nichts sagen?« »Sie schluchzte und dann stieß sie undeutlich die Worte Dokument, Dokument heraus. Später rief sie: ›Ich wußte es nicht, ich wußte es nicht!‹ Und darauf verlor sie das Bewußtsein, konnte überhaupt nicht mehr zusammenhängend sprechen; seitdem hat sie auch kein Wort mehr gesagt.« »Sie sprachen auch von einem Raub?« »Der liegt offenbar vor. Sophie weinte nicht nur über ein Dokument, sondern es steht auch fest, daß ein solches der Zweck war, der den Schurken hierher geführt hat und das ihn veranlaßte, sie anzufallen. Es ist nicht das Geringste von Wert aus dem Hause gestohlen worden, aber in dem Zimmer von Herrn West waren alle Tische und Schiebladen erbrochen und ihr Inhalt nach allen Richtungen hin umhergestreut. Ach, es ist ganz klar und gerade jetzt, wo ich Ihnen das alles erzähle, Herr Wise, fällt mir ein, daß Sophie gestern ein Schriftstück erwähnte, das jener Mensch gefordert hat. Er ist es also selbst gewesen, der wieder hierher kam. Bei Gott, er war es, der Verbrecher, den wir in ihrem Bureau getroffen und dem wir nachjagten" Der Mörder, der nun einen zweiten Mord auf sein Gewissen geladen hat. Er war es, so wahr ich lebe!« Kapitel 15. Falsch verbunden »Ja, ich habe recht, es ist derselbe Mensch,« wiederholte Georg Millbank noch einmal und ballte die Fäuste. »Begreifen Sie das denn nicht auch?!« Im Stillen gab Justus ihm recht. Dieser geheimnisvolle, grauhaarige Fremde kannte West, hatte mit diesem eine scharfe Auseinandersetzung gehabt, in der es sich, wie Fräulein West glaubte, um ein Schriftstück gehandelt hatte. Es war dem Manne dann nicht gelungen, das Schriftstück zu erhalten, und deshalb hatte er das Haus voller Wut verlassen. West war dann verhaftet worden und der Fremde zu dessen Tochter gekommen. Er hatte ihr gedroht oder ihr Schrecken eingeflößt und dann wieder das Schriftstück gefordert und war ebenfalls zornig davongegangen, weil er seinen Zweck nicht erreicht hatte. Und jetzt war das junge Mädchen bis auf den Tod verletzt, im Zimmer von West waren alle Behälter erbrochen – man hatte natürlich nach dem Schriftstück geforscht. Gewiß, der Täter konnte kein anderer sein als der Fremde, der vor nichts zurückschreckte, wenn es galt, sich Dinge zu verschaffen, die ihm wichtig erschienen! Endlich sagte er: »Ja, Herr Millbank. Es ist der Fremde gewesen. Er ist ein frecher Wicht. Der Gedanke daran, wie er uns noch jedesmal entwischt ist. macht mich wütend.« »Das wird ihm jetzt nicht mehr gelingen, Herr Wise. Wir werden ihn fassen. Er muß seine Strafe bekommen, darauf schwöre ich! Ich wage es nicht, dieses Haus zu verlassen, ehe der Arzt zurückgekommen ist und seine Ansicht ausgesprochen hat. Kenne ich diese erst, dann mag sich der Elende vorsehen!« »Sie müssen natürlich fürs Erste hierbleiben, doch ich kann inzwischen tätig sein. Zwischen jenem Schändlichen und uns gibt es ein Bindeglied, und das ist Wyvill. Der Fremde sucht Wyvill ebenso leidenschaftlich wie wir, und Wyvill kann nicht immer fortbleiben. Ich will mich also zunächst einmal nach dem Generalsekretär umsehen. Finden wir ihn, so werden wir auch über den anderen etwas hören.« »Gehen Sie; gehen Sie. Horch! War da oben nicht ein Geräusch! Nein, nichts. Ja, ich warte, bis der Arzt wieder bei ihr gewesen ist. Sie können mich hier treffen.« Justus nickte und verließ nach einem teilnahmsvollen Blick auf das verstörte, besorgte Gesicht des jungen Mannes geräuschlos das Haus. »Ach wie traurig.« sagte er zu sich, als er den Berkeleyplatz überschritt. »Wie gern würde ich dem netten Pärchen helfen. Der Gottseibeiuns hole den alten Bösewicht. Uebrigens, die dreißig Pfund, die er mir gezahlt, decken die Kosten des Hutes, den er mir verdorben hat. Das komischste ist doch, daß er erst so scharf darauf aus war, meinen jungen Freund zu finden und das dann plötzlich aufgab, aber in dieser ganzen Geschichte gibt es so viel sonderbare Dinge, daß ich mich über nichts mehr wundern sollte. – Ich werde jetzt einmal Dark telephonisch anrufen und hören, was er über Wyvill weiß.« In Ausführung dieses Entschlusses sah sich Justus nach einer öffentlichen Fernsprechstelle um, aber weder in der Nachbarschaft von Berkeley-Square noch von der Brookstraße, wohin er seinen Weg genommen hatte, befinden sich solche. Er mußte erst die weite Entfernung bis zur Oxfordstraße zurücklegen, ehe er das in England übliche blaue Schild mit den weißen Buchstaben darauf erblickte. Vorsorglich verschaffte er sich das nötige Kupfergeld (Pennystücke), denn er wußte recht gut, wie oft man »es nicht fallen hörte«, wie die Telephonistinnen den eiligen Geschäftsleuten erklärten – und so betrat er den kleinen Raum, nahm den Hörer ab und rief die Nummer seines Bureaus. Er hätte sich aber diese Mühe sparen können, denn nach drei oder vier Minuten war noch keine Antwort erfolgt. Und als diese endlich hörbar wurde, hieß es – »Niemand gemeldet, rufen Sie später wieder an.« Justus hing den Hörer voller Verdruß wieder auf, »Weiß der liebe Herrgott, die Mädels tun das absichtlich. Es ist ganz unmöglich, daß Dark nicht dort sein soll. Er geht niemals aus dem Bureau fort und gibt stets sofort telephonischen Bescheid. Ich muß nun selbst ins Bureau oder –« ihm kam plötzlich ein ganz origineller Gedanke und hastig blätterte er im Telephonbuch. »Ich werde den Generalsekretär selbst anrufen. Er kennt meine Stimme nicht, und ich erfahre jedenfalls, ob er schon wieder zurückgekehrt ist.« Daß er daran nicht früher gedacht hatte, kam ihm selbst ganz sonderbar vor. »Hallo! Ist dort das Wapiti Syn –, ei! Was ist das? So war ich lebe, das ist ja seine Stimme!« Justus hatte allen Grund, sich zu verwundern. Ein Zufall, wie er sich häufig ereignet, sei es durch die Unachtsamkeit der Telephonistinnen oder aus anderen Gründen, kam ihm großartig zu statten. Während er auf den Ruf wartete, sein Geld einzuwerfen, schlug der Klang einer bekannten Stimme an sein Ohr, und es wurde ihm sofort klar, daß er mitten in eine Unterhaltung hineingeraten war, welche die beiden Leute miteinander führten, die er von allen Menschen in London augenblicklich am meisten begehrte. Jeder Irrtum war ausgeschlossen: die Stimme, die Justus hörte, war die des Fremden und die andere gehörte Wyvill, den der erstere mit Namen nannte. »... Zwei Tage lang ...« so konnte Justus verstehen, der den Hörer ans Ohr preßte und den Atem anhielt aus Furcht, daß die geringste Bewegung von ihm des Sprechers Aufmerksamkeit auf ihn lenken konnte – »... verstehen Sie wohl, Eduard Wyvill, die Sache muß ein für allemal ein Ende nehmen. Meines Sohnes wegen habe ich bis jetzt geschwiegen, aber nun hört meine Geduld auf, was jetzt geschieht, haben Sie sich selbst zuzuschreiben.« »Aber, wenn Sie nur warten wollen –« klang es zurück – »in ein, zwei Tagen –«. »Das hat keinen Zweck,« fiel die erste Stimme in einem womöglich noch ernsteren Tone ein – »es muß geschehen. Ich werde alles sagen, was ich weiß, und –« »Ach, du lieber Gott! Nein, Millbank – nur das nicht! Das werden Sie nicht tun! Sie wissen, wie alles geschah! Sie wissen –« »Gerade, weil ich so viel weiß, bin ich fest entschlossen,« kam es von der ersten Stimme wieder – »es ist ja gerade Ihnen gut genug bekannt, daß ich von einem geplanten Vorhaben niemals abgehe.« »Aber« – diese zweite Stimme hörte sich wie ein Schmerzensschrei an – »ein oder zwei Tage werden doch – ach, geben Sie mir doch Zeit! Gott im Himmel! Mann, Sie wollen mich doch nicht ins –« Das Gespräch hörte so plötzlich auf, wie es begonnen hatte. Im Apparat entstand ein Geräusch und nun rief das Amt: »Haben Sie 123 Hop verlangt?« »Ach, du liebe Zeit!« murmelte Justus. Der Irrtum war entdeckt, er abgeschnitten und gerade in dem Augenblick, wo – ach, das war zu viel! Wie ein Bezechter taumelte er in dem kleinen Raume umher. »Ja, ja, 123 Hop.« schrie er wütend. »Sie haben mich gerade mitten in einem Gespräche abgestellt. Bitte, schnell, verbinden Sie mich wieder schnell!« Schweigen. Dann kam die weibliche Stimme wieder: »123 Hop ist besetzt. Bitte rufen Sie später wieder an.« »Besetzt! Natürlich! Justus raufte sich das Haar. »Ja. das weiß ich doch! Aber verbinden Sie mich trotzdem, liebes verehrtes Fräulein, Sie haben ja keine Ahnung, wie wichtig das ist.« »Besetzt! Bitte, rufen Sie wieder an. Verstehen Sie mich denn nicht?« Die Telephonistin schien jetzt etwas verdrießlich geworden zu sein. Justus Finger rissen große Löcher in das Linoleum, das die Wand der Zelle bekleidete. Es fiel ihm schwer, seine Stimme zu dämpfen. »Ja, ja. ich verstehe Sie. Ach, bitte gehen Sie nicht fort. Fräulein. Ich habe Sie verstanden – aber Sie brachten mich gerade in das Gespräch von zwei Freunden mit 123 Hop und –« »Das war ein Zufall, ich wußte nichts davon. Die Nummer ist jetzt aber besetzt, Sie müssen warten.« »Ich habe aber zugehört und –« »Das hätten Sie nicht tun dürfen,« rief die Beamtin und dann folgte wieder Schweigen. »O, das ist zu gräßlich!« wütete Justus und schlug auf das Lager des Hörers fortgesetzt ein. »Nun ist sie auch fort. Ach, mein liebes Fräulein, mein schätzbares Fräulein, kommen Sie doch wieder! Ach, sie will nicht, sie kommt nicht – verdammt! Sie gibt mir noch nicht einmal eine Antwort!« Mit lautem Getöse warf er den Hörer hin, so daß die Schnur fast zerrissen wäre. »Möge sie – o, ich könnte schließlich noch rechtzeitig ins Bureau kommen,« entschied er sich plötzlich. »Natürlich! Wie dumm von mir. hier die kostbare Zeit zu verlieren. Ich kriege die beiden am Ende noch!« Er riß die Tür auf und stürzte auf die Straße. In unser aller Leben gibt es jedoch Augenblicke, in denen alle lebenden und leblosen Dinge, die in dieser Welt sind, sich gegen uns zu verbinden scheinen, wo selbst die Zeitung, die wir umschlagen wollen, aus unbiegsamen Stahlstangen gemacht zu sein scheint, wo der Hut, den wir wieder einfangen wollen, mit den Flügeln eines Aeroplans ausgestattet ist, wo Omnibuskutscher für unsere Anrufe so taub wie Laternenpfähle sind und gar Droschkenkutscher würdig wären, in Asylen für Blinde Ausnahme zu finden. Ein solcher Augenblick war für Justus Wise gekommen. In der Bondstraße befinden sich schon immer genügend Droschken und Autoomnibusse, aber für Justus, der mit wilden, erregten Augen den Fußsteig hinunterlief, fand sich kein einziges Fahrzeug zweckdienlich. Allerhand Fahrzeug rasselte vorüber, viele Privatequipagen, das Trottoir schien ordentlich bedroht, doch für Justus gab es kein freundliches Auge, keine Hand, die sich ihm entgegenstreckte, und stöhnend raste er weiter. Er stülpte seinen eingetriebenen Hut noch tiefer auf den Kopf hinunter und murmelte vor sich hin: »Wenn ich erst in der Oxfordstraße bin, finde ich hunderte Droschken.« Aber auch die Oxfordstraße ließ ihn im Stich, er mußte noch mehrere hundert Meter laufen, ehe noch eine vorüber fahrende Autodroschke auf seinen Ruf anhielt und ihn aufnahm. »Berklandstraße, so schnell Sie können!« schrie er und sank atemlos auf den Sitz zurück. »Fahren Sie wie der Teufel, Chauffeur, ich habe es furchtbar eilig!« Das waren unglückliche Worte, und ihre Folgen machten sich bald fühlbar. Der Chauffeur nickte, umfaßte den Hebel, das Auto jagte rasch wie der Blitz, und alles schien gut zu gehen, doch weder der Lenker des Autos noch Justus hatten mit dem widrigen Geschick gerechnet. Allerdings, das Gefährt kam rasend schnell vorwärts, aber nicht lange, denn die Straße war glatt, schlüpfrig, und der plötzliche Ruck der Maschine veranlaßte das Ausgleiten der Räder. Das Auto beschrieb einen Halbkreis, stieß gegen einen Laternenpfahl, glitt abermals aus und traf dabei ein Hansom mit voller Gewalt aus die Achse. Dieser verhältnismäßig schwache Wagen fiel unter dem Stoß hoffnungslos zusammen, das Rad sprang ab, und Wagen und Kutscher fielen aus das Auto, in dem Wise saß. Eine Sekunde herrschte richtige Verwirrung. Justus sah sich als den Mittelpunkt einer wütenden, heftig gestikulierenden Menge. Er wäre gern geflohen, aber selbst der Versuch schien hoffnungslos. Der tiefgekränkte Kutscher mit der angeborenen Feindseligkeit gegen Autodroschken bestand darauf, daß dessen Fahrgast warten müsse, bis der Schutzmann, der natürlich durch Abwesenheit glänzte, gekommen war, um Namen, Adresse und alle Einzelheiten zu notieren. Als sich Wise endlich aus dem Gedränge frei machen konnte, hatte er kostbare Zeit verloren. Sein nächstes Fuhrwerk war ein feierlicher Vierräder, der sich wie bei einem Begräbnis durch den immer stärker werdenden Verkehr durchwand. »Verzweifelt sagte sich Justus: »Sie sind fort, sie sind fort!« indem er in seiner Angst ganz vergaß, daß die beiden Männer überhaupt nicht zusammen gewesen waren. »Alle meine Mühe wird vergeblich sein.« Endlich erreichte er die Berklandstraße. Schnell bezahlte er den Kutscher und verschwand im Hause. Zwei Treppenstufen nahm er auf einmal, blieb aber vor der Tür des Syndikatbureaus stehen. Er hatte noch keinen Plan entworfen, auch nicht einmal darüber nachgedacht, wie er den Mann anreden würde, dem er nachjagte. Nach kurzem Zaudern setzte er seinen Weg nach oben fort. »Es ist doch besser, ich spreche erst Dark, auch ist es ganz angebracht, daß ich für alle Fälle jemand neben mir habe.« Während er die Treppen weiter hinaufstieg, behielt er doch so viel wie möglich die Bureautür des Syndikats im Auge, damit es ihm nicht entginge, wenn jemand das Bureau verließ, ehe er mit seinem Schreiber gesprochen. Seine Tür blieb jedoch fest verschlossen, und der Grund dafür leuchtete ihm sofort ein, als er sein eigenes Bureau betrat. Denn auf dem Tisch in der Mitte war ein großer Bogen Papier befestigt, auf dem von der kräftigen Hand des ehemaligen Soldaten folgende Worte standen: »W. kam zurück. Ich beobachte sein Bureau, und wenn Sie nicht zurück sind, ehe er wieder ausgeht, werde ich ihm folgen und Sie wissen lassen, wohin er sich begibt. S. D.« Atemlos stürzte Justus wieder die Treppe hinunter und schlug mit voller Faust an die Bureautür des Syndikats. Ein Mann erschien, in dem Justus den Bekannten von Dark erkannte. »Ist Herr Wyvill zu sprechen?« fragte er schnell. »Nein, er war hier, ist aber wieder fortgegangen. Sie müssen ihn verfehlt haben, denn es sind seitdem nur wenige Minuten verstrichen.« Justus wandte sich um und schritt die Treppe hinab. Auf der Straße blieb er einen Augenblick stehen, um über die Sachlage nachzudenken. »Sie müssen ihn verfehlt haben,« wiederholte er sich. Natürlich mußte das so sein. Das war das Verhängnis. Dann besah er sich die Zeilen von Dark, die er in der Tasche zusammengeknüllt hatte. »Ich werde ihm folgen und lasse Sie wissen, wohin er sich begibt.« Das ist eigentlich das beste, was er tun konnte, sagte sich Justus, aber wie will er mich in Kenntnis setzen? Er kann doch nicht jeden Augenblick ins Bureau laufen oder mir sonstwoher telephonieren, da er ja nicht weiß, wo ich mich aufhalte. Also schließlich wird er warten müssen, bis Wyvill nach Hause geht und mir dann telegraphieren. Wenn ich an die Unterhaltung am Telephon denke, habe ich das Bewußtsein, daß sofort etwas geschehen müsse, aber was? Soll ich auf Dark warten? Es können Stunden darüber vergehen. Oder soll ich in das Westsche Haus gehen und fragen, ob die liebe junge Dame uns jetzt schon etwas sagen kann und meinen liebenswürdigen jungen Kunden von jener Unterhaltung in Kenntnis setzen? Ach, du mein Gott! Die Unterhaltung! Ja, ich gehe zu Wests! Dieses Mal fand sein Weg kein Hindernis, er gelangte bald in das Haus des Finanzmannes. Millbank, der ihn offenbar erwartet hatte, begegnete ihm in der Diele des Hauses, er schien viel heiterer und hatte sicherlich gute Nachrichten, wie seine ersten Worte schon bestätigten. »Es geht ihr besser.« antwortete er auf eine Anfrage von Wise, »obgleich sie noch bewußtlos ist, der Arzt erklärte das und sagt, daß dieser Zustand noch einige Zeit andauern wird, der Druck auf das Gehirn habe aber nachgelassen, und die unmittelbare Gefahr sei vorüber.« »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie mich das freut,« erklärte Justus mit herzlicher Teilnahme. »Das sind in der Tat gute Nachrichten. Der Arzt ist also hier gewesen?« »Ja. ich habe außerdem aber noch einen anderen Besuch gehabt.« »Noch jemand anders?« »Ja, und ich habe einen Knüppel in das Rad des Elenden geworfen, der alles dieses verursacht hat. Sie erinnern sich des Polizisten, der uns anäugelte, als er am Tage von Herrn Wests Verhaftung hierher kam?« »Ja, ja,« fuhr Justus etwas erschreckt auf, »ich erinnere mich seiner gut.« »Nun, der kam her und ich erzählte ihm alles über den alten Schurken –« »Sie erzählten, daß wir den alten Mann für den Mörder halten? Von dem Kamin und allem anderen?« »Nein, nein, nichts von dem Kamin. Das ist Ihre Sache, und ich weiß nicht, wie sie das erklären würden. Aber ich habe ihm alles übrige gesagt und er ist nach Scotland Yard zurückgegangen.« »Nach Scotland Yard?« »Ja, und jetzt ist die Polizei bereits auf der Spur von –« Justus beugte sich vor. »Halten Sie ein, Herr Millbank, mein lieber junger Freund, nennen Sie keinen Namen. O, es ist furchtbar – die Polizei ist auf seiner Spur?« »Ja, das hoffe ich, aber was ist denn los, Herr Wise, was habe ich Unrechtes getan? Die Polizei muß doch einen solchen Schurken, den wir für einen Mörder, einen Dieb und Gott weiß, was sonst noch, halten, dingfest machen.« Justus packte eine Handvoll seiner Schnurrbarthaare. »Können Sie einen Schreck vertragen, Herr Millbank? Wissen Sie, was Sie getan haben? Ihr –« »Was meinen Sie, erklären Sie sich doch." rief Millbank, den die Aufregung des anderen angesteckt hatte. »Mein – mein, was, wer? Sprechen Sie doch!« »Ihr Vater, Herr Millbank!« Kapitel 16. Armer Georg! »Mein Vater!« rief der junge Mann. »Mein Vater! Leichenblaß starrte er Justus an. »Mein Vater ist ja aber tot.« »Sind Sie dessen sicher?« »Ich habe das immer gedacht. Ich habe meinen Vater nie gekannt, habe aber stets gehört – ach nein, der Mann kann mein Vater nicht sein. O Gott, jetzt fällt mir ein, Sie erzählten mir, daß er mich suchen lassen wollte –« Wise blickte ihn an und errötete. »Ja,« sagte er leise. Millbank führte seine Hand an den Kopf und setzte sich so plötzlich hin, daß es aussah, als sei er gefallen. »Mein Gott – dann ist mein Vater ja – und oben Sophie – meine Verlobte beraubt und vielleicht gemordet – und der andere Mann auch! O, Herr Wise. es ist nicht war, es kann nicht wahr sein, es wäre zu schrecklich. Und gerade ich habe die Polizei auf ihn gehetzt! Um Himmelswillen, lassen Sie mir etwas Hoffnung. Ich kann das Schreckliche noch nicht glauben! Sagen Sie, daß irgend ein Irrtum möglich ist, ich glaube, ich werde sonst verrückt.« Wise erhob sich und durchschritt einige Male das Zimmer. »Betreffs Ihres Vaters muß ich leider annehmen, daß ein Irrtum ausgeschlossen ist, wegen der anderen Dinge hege ich aber noch Hoffnung. Vielleicht sind wir doch mit unseren Schlußfolgerungen zu schnell gewesen. Was ich heute nachmittag hörte, bringt mich zu dieser Meinung.« And nun erzählte er Millbank schnell von seinen Erlebnissen dieses Nachmittags. Millbank hörte gespannt zu und schien etwas erleichtert. »Es sieht wirklich so aus, als ob Sie Recht hätten. Weshalb sollte er auch nach mir suchen, weshalb sollte er auch in solcher Weise und solcher Beziehung von seinem Sohn sprechen, weshalb sollte West nach ihrem Streit zwischen Sophie und mir einen Krach herbeizuführen suchen, wenn er nicht mein Vater wäre. Ach, das erklärt so vieles. Doch der Mord, der Raub, der Angriff auf Sophie, das ist etwas anderes. Würde er davon sprechen, nicht länger warten zu wollen, alles zu sagen, was er weiß, wenn er wirklich der Schuldige wäre? Und doch, o, mein Gott, er ist es doch, der das Schriftstück forderte.« Justus nickte. »Es war West, der wegen der Ermordung Duntons verhaftet wurde und in Wyvills Bureau traf Dunton die Verabredung und Millbank senior drohte Wyvill. Das kann den Alten von dem Mord an Dunton entlasten, doch ich weiß es nicht, wer von den Dreien es gewesen ist, oder waren es alle Drei zusammen.« Diese Gedanken, die Justus nicht aussprach, waren ihm vom Gesicht abzulesen. Millbank starrte ihn an mit leeren, hoffnungslosen Augen, mit den Augen, die Justus an den Kunden erinnerten der seinen Namen nicht hatte nennen wollen. Millbank vergrub den Kopf in seinen Händen und stöhnte laut: »Es ist entsetzlich, ich glaube wirklich, ich werde wahnsinnig, sagen Sie nur um Gotteswillen, was wir tun müssen, Herr Wise.« »Vor allem müssen wir den Kopf hochhalten,« entgegnete Justus schnell und knöpfte sich den Rock zu. »Und Sie, Herr Millbank, bleiben einstweilen hier und tun weiter nichts. Aber warten Sie auf den ersten Augenblick, in dem Fräulein West sprechen kann, das wird ein kritischer Moment sein, von dem alles abhängt.« Als er sich außerhalb des Hauses wieder auf dem Platze befand, sagte er sich: »Hängt ist ein häßliches Wort, ich möchte wohl wissen, wer hängen wird, wenn sie gesprochen hat.« Kapitel 17. Auf der Lauer Justus Wise hatte kaum den Berkeley Square überschritten, als er sich zu seiner Ueberraschung von einer weiblichen Stimme angerufen hörte. Er wandte sich und sah ein elegantes Kupee neben sich halten. »Herr Wise! Herr Wise! Sie suche ich gerade,« rief die Insassin des Wagens, eine sehr elegante, junge Dame, die Wise holdselig anlächelte. Dieser erkannte sofort Fräulein Gertie Tillet und machte eine tiefe Verbeugung. »Herr Wise, wissen Sie nichts Neues,« fragte sie, als sie ihm die Hand reichte. Justus gewahrte, daß, wenn sie auch augenblicklich durch die Anstrengung, seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, angeregt war, sie doch elend und besorgt aussah »Wir kommen vorwärts, wir kommen vorwärts,« sagte er rasch, aber in diesem Augenblick habe ich etwas bestimmtes Neues nicht.« Das Gesicht von Fräulein Tillet verlängerte sich. »Ach, ich hatte so sehnlichst gehofft, daß Sie mir etwas Günstiges sagen konnten. Sie wissen, »er« ist noch immer dort, der liebe gute Kerl, und seit jenem Tage habe ich noch nichts von ihm gehört. Sie können doch nicht glauben, daß es möglich ist. – Ach nein, er hat die Tat natürlich nicht begangen. Aber weshalb sagt er denn nicht, was er weiß, um dort herauszukommen, er hat doch behauptet, er könne das sagen. Es ist doch zu schrecklich, im Gefängnis zu sitzen! Und wenn nun doch etwas schief geht. Ach, Herr Wise, weshalb läßt man ihn nicht frei?« »Das weiß ich nicht,« entgegnete Justus aufrichtig. »Ich wollte, ich wüßte es, Sie müssen Geduld haben, es geschieht alles, was geschehen kann. Ich glaube behaupten zu dürfen, daß ich mich endlich auf der richtigen Fährte befinde. Dergleichen Dinge lassen sich aber nicht an einem Tage erledigen und dieser Fall ist besonders kompliziert. Wie gesagt, ich bin auf der richtigen Fährte.« »Wirklich? Sie sind ein Prachtmensch, aber was ich Ihnen noch sagen wollte, ich habe den alten Mann wiedergesehen.« »Den alten Mann?« »Ja. Sie wissen doch, den Millbank, über den ich Ihnen schrieb, und von dem ich glaube, daß er der Mörder Duntons ist.« »Sie haben ihn gesehen?« »Ja, es sind noch keine zwei Stunden her, und ich weiß auch, wo er wohnt.« »Sie wissen, wo er wohnt?« Justus wurde rot vor Erregung. »Wo wohnt er denn? Mein liebes gnädiges Fräulein, sind Sie Ihrer Sache sicher?« »Sicher! Er stand auf den Stufen vor dem Portal, als ich vorüberfuhr, und da es ein Hotel ist, nehme ich an, daß er dort wohnt. Wenn ich nachgefragt hätte, würde er mich gesehen haben, und er kennt mich, weil er mich mit West zusammen getroffen hat.« »Wo ist das Hotel?« »In der Brutonstraße – es heißt Lavers. Es ist ein kleines Privathotel, und deshalb ist es um so wahrscheinlicher, daß er dort abgestiegen ist.« »Sind Sie auch sicher, daß er es war?« »Ganz sicher, ich würde ihn allerorts wiedererkennen. Seinesgleichen sieht man nicht alle Tage.« »Ich will sofort hingehen, ich muß ihn sofort aufsuchen. Vielen Dank.« In seiner Aufregung und Eile wußte er kaum, was er sagte. War es möglich, daß gerade diese oberflächliche junge Dame die Adresse des geheimnisvollen Mannes aufgestöbert hatte. Sollte man ihn endlich finden?! Er hatte seinen Hut gelüftet und war schon einige Schritte davongeeilt, als Fräulein Tillen ihm zurief: »Vergessen Sie nicht, daß er zwei Namen führt. West pflegt ihn Charleswort zu nennen. Lassen Sie mich wissen, wenn Sie ihn gefunden haben. Herr Wise, und vergessen Sie nicht –« Justus war schon außer aller Hörweite. Die Brutonstraße lag nicht weit entfernt, er legte die Strecke schnell zurück und nahm sich fest vor, daß der Mann ihm dieses Mal nicht entschlüpfen sollte. Er wollte eine Unterredung mit ihm erzwingen, eine Unterredung, der jener auch nicht versuchen würde, auszuweichen, schon seines Sohnes wegen. »Wenn also Fräulein Tillet sich nicht irrt, bin ich ein gemachter Mann. Lavers, Lavers, wo ist das Haus?« »Sein Blick war aus die weiße Laterne mit den schwarzen Buchstaben gefallen. »Lavers Privathotel« und schnell auf das etwas düster aussehende Haus zuschreitend. stieg er die Stufen hinauf. Ein alter Diener, der mehr wie ein Familien-Hausmeister als wie ein Hotelportier aussah, trat ihm entgegen und fragte nach seinem Begehr. »Ich suche einen Herrn namens Charleswort.« sagte Justus. »Herr Charleswort ist ausgegangen,« entgegnete der alte Mann ohne Zögern, warf aber auf Justus einen raschen Blick. Justus bemerkte den Blick, nahm die Antwort aber gleichgültig entgegen. »Können Sie mir vielleicht sagen, wann er wieder zurückkommt?« fragte er. »Darüber kann ich Ihnen nichts sagen, mein Herr.« erwiderte der Alte und schickte sich an, ins Haus zurückzutreten. »Er kommt und geht zu allen Zeiten, wollen Sie mir Ihren Namen sagen?« »Nach einigem Besinnen erklärte Justus: »Bitte, sagen Sie ihm, Herr Wyvill sei hier gewesen. Ich werde später wiederkommen.« Als er die Stufen wieder hinunterging, sagte sich Justus: »Das wird ihn zum Nachdenken bringen und ihn veranlassen, zu Hause zu bleiben, um Wyvill zu erwarten, wenn er nicht überhaupt zu Hause ist. Ich traue dem Diner nicht zu, daß er die Wahrheit sagt, aber ich kann doch nicht gut ins Haus gehen und nachsehen, ob er da ist. Jetzt heißt es zu warten.« Er blickte sich um, und einige Häuser weiter hinunter in der Straße entdeckte er eine kleine Gasse, die auf Stallgebäude führte. Er entschloß sich, hier stehen zu bleiben, nachdem er sich, soweit es ging, vergewissert hatte, daß er vom Hotel aus nicht beobachtet werden konnte. Während er einen guten Platz für seinen Zweck eingenommen hatte, dachte er an Dark und Wyvill und bedauerte, nicht zu gleicher Zeit an mehreren Stellen sein zu können. Er tröstete sich damit, endlich die »Höhle« des so lange von ihm gesuchten Mannes gefunden zu haben und beschloß, auf dessen Heimkehr zu warten. Seine Geduld sollte in diesem Falle gar nicht auf eine zu harte Probe gestellt werden, denn es waren kaum fünf Minuten verstrichen, als der alte Diener aus dem Hotel herauskam und sich sorgsam nach allen Seiten auf der Straße umsah. Justus hatte sich zu seinem Glück, auf alle Fälle vorbereitet, so gut versteckt, daß der Alte trotz seines gründlichen Prüfens der ganzen Umgebung Justus nicht gewahren konnte. Er hielt sich so dicht an der Mauer des engen Durchganges, daß nur seine Nase herausguckte. Nach einer Weile zog sich der alte Mann wieder zurück. Einen Augenblick geschah nichts, dann kam der Mann, den Justus suchte, heraus, sah weder rechts noch links und eilte in der entgegengesetzten Richtung davon. Eben so schnell verließ Justus seinen Versteckplatz und eilte ihm nach. Der Fremde hatte aber einen Vorsprung von zwanzig bis dreißig Meter und ging sehr rasch. Justus erkannte bald, daß er mehr Grund und Boden verlor als er gewann und fing an zu laufen, doch der von ihm Verfolgte schien Augen im Rücken zu haben. Sobald Justus zu laufen begann, fing auch er an zu laufen, und so hasteten sie beide die Straße entlang. »Er hat mich gesehen,« sagte sich Justus und beschleunigte seinen Lauf, »und ich werde noch eine anständige Jagd erleben.« Darin hatte er recht. Nie würde Justus geglaubt haben daß ein Mann in diesem Alter so schnell laufen könnte. Immer weiter stürmte er, rücksichtslos die erstaunten Blicke der Vorübergehenden mißachtend und ebenso das Murren der Leute, die er zur Seite schob. Justus wurde einen Augenblick verwirrt durch einen Zusammenstoß mit einer korpulenten alten Dame und begann zu fürchten, daß ihm dieser Mann zum dritten Male entschlüpfte. »Nein, das soll er nicht, ich schwöre darauf,« sagte er sich und konnte bei dem rasenden Laufen kaum Atem holen und dann schier verzweifelnd, wies er mit dem Finger auf die vor ihm fliehende Gestalt und schrie aus Leibeskräften: »Polizei, Polizei, haltet den Dieb!« Der Verfolgte wandte sich bei dem Ruf um. zauderte, sprang dann wieder vorwärts und verschwand unter einem Torweg. Soweit es ihm seine bebenden Glieder erlaubten, stürzte Justus an die Stelle und sah sich einer engen Sackgasse gegenüber, die kaum zwanzig Meter maß und von einer hohen Mauer begrenzt wurde. Zu beiden Seiten befanden sich versperrte Hintertüren von Warenhäusern und Magazinen. Von dem verfolgten Manne war nirgends eine Spur zu entdecken. Justus blieb stehen, holte tief Atem und blickte um sich her. Wohin konnte sich jener geflüchtet haben? Die Mauer am Ende der Gasse war fast 15 Fuß hoch und mit eisernen Spitzen besetzt, darüber konnte jener nicht gelangt sein. Nun blieben die Türen noch. In welche war er hinein gelangt? Sie waren sämtlich versperrt und gaben auf seine forschenden Blicke keine Antwort. Langsam schritt er die Gasse wieder entlang, blickte sich allenthalben sorgfältig um, aber keine Entdeckung belohnte seine gründliche Durchforschung. Allem Anschein nach waren manche der Türen seit Wochen nicht geöffnet worden. Justus stand ratlos, wie betäubt da. In diesem Augenblick der Verzweiflung erschien ihm jedoch eine Hilfe, denn die Gasse entlang kam ein kleiner, rothaariger Bursche, der vor sich hinpfiff. Justus, der noch immer nach Atem rang, blickte ihn gleichgültig an, nicht ahnend, welche Rolle der Kleine noch für ihn spielen werde. »Du kleines, rothaariges Ungeheuer,« dachte Justus dann, »weshalb bist Du nicht fünf Minuten früher aufgetaucht, dann hättest Du mir sagen können, wohin er ging.« Der Bursche konnte von diesen unausgesprochenen Gedanken zwar nichts wissen, unterbrach aber sein Pfeifen, als er bei Justus vorüberkam. »Alter Schnurrbart,« sagte der Kleine verächtlich, »wonach sehen Sie sich denn um?« Justus ignorierte ihn hochmütig und setzte seinen Weg fort. Der Kleine halte einen bestimmten Zweck im Auge und wollte offenbar bis an das Ende der Sackgasse gehen, blieb aber plötzlich stehen, als ob etwas Besonderes seine Aufmerksamkeit erregt habe. Das fiel Justus auf, und er beobachtete nun den Burschen genau. Dieser war vor einer Tür stehen geblieben, neigte den Kopf ein wenig auf die Seite, trat dann langsam vorwärts und schien gespannt aus etwas zu lauschen. Nun nahm Justus ein großes Interesse an ihm und legte sich die Frage vor, was der Kleine wohl gehört haben mochte. Der Rothaarige nickte verständnisvoll, sah sich um, als ob er sich vergewissern wollte, daß ihm ein Weg zum Entrinnen frei blieb, schlich dann an die Tür heran, drückte die Klinke und öffnete die Tür weit. Dann lief er mehrere Schritte zurück. Es ereignete sich jedoch nichts und offenbar sicherer geworden. ging er auf den Zehen durch die Tür hindurch. Die Vermutung des Knaben, daß eine Gefahr drohte, hatte auch Justus beeinflußt, und unwillkürlich war auch er auf den Zehen weitergegangen. Er hatte sich aber schnell auf sich selbst besonnen, und der Junge erschien nun plötzlich wieder auf der Gasse und pfiff wieder sorglos. Er spielte seine Rolle aber zu gut. Kein Junge, der ihn alter Schnurrbart geschimpft und ihn gefragt hatte, was er sich hier besähe, konnte zum zweiten Male bei ihm mit einer so gleichgültigen Miene vorübergehen, wie sie dieser Bursche aufsteckte, und Justus fixierte ihn deshalb mit ernsten Blicken. Und gerade in dieser Minute fiel aus dem zerrissenen Beinkleid des rothaarigen Straßenjungen ein Schilling und rasselte aufs Pflaster, offenbar waren die Kleidungsstücke des Burschen nicht gewöhnt, solche Schätze zu bergen. Der Junge blieb stehen, um das Geld aufzunehmen. Er sah zu Justus mit einem sonderbaren Blick empor und setzte nun voll Verlegenheit sein Flöten fort. Justus zuckte die Achsel und ging schweigend an ihm vorüber. Er hatte sich die Tür, vor der der Kleine stehen geblieben war, sofort genau gemerkt, trat leise an sie heran und legte die Hand auf die Klinke. Die Klinke folgte wohl seinem Drucke, aber die Tür ging nicht auf, sie schien vielmehr noch fester in den Angeln zu ruhen, als ob sie plötzlich mit Leben begabt worden sei. Justus atmete schwer. Nun zog er mit mehr Kraft an der Tür und da dieses plötzlich geschah, gab die Tür einen Augenblick nach, um dann mit einem festen Schnappen sich wieder zu schließen. »Da muß jemand auf der anderen Seite sein und zwar ein starker Mensch. Na, ich will mal sehen, wer von uns beiden der Stärkere ist.« Er setzte den Fuß gegen die Mauer, packte die Klinke fest und stieß mit seiner ganzen Kraft gegen die Tür; sie wich aber keinen Zoll breit, denn man hatte sich offenbar auf der anderen Seile entsprechend vorbereitet. Eine Weile lang setzte sich der Kampf so fort zum höchsten Gaudium des rothaarigen Jungen, der herangekommen war um zuzuschauen. Nun ließ Justus nach und wischte sich die Stirne ab. Dann aber bediente er sich einer List. Abermals drückte er auf die Klinke und stemmte sich gegen die Tür. Er hörte schweres Atmen auf der Innenseite. Plötzlich ließ er locker, die Tür schloß sich wieder wie vorher, aber dieses Mal stemmte sich Justus mit seinem ganzen Körpergewichte dagegen. Die List war ihm gelungen, wie er gehofft hatte. Der vollständig überraschte Verteidiger der Festung gab nach und kam auf die Straße hinaus, während seine Hand aber noch die Tür festhielt. Keuchend starrten sich Justus und der Fremde eine Sekunde lang ins Gesicht, dann stürzte der Aeltere mit einem Ausruf zurück, aber Justus hatte auch noch die Tür in der Hand, und in einem Augenblick befand er sich auch im Innern des Gebäudes. Er sah sich in einem weiten, leeren Lagerraum, der Fremde lehnte sich gegen eine Mauer. Kapitel 18. Endlich gestellt! Justus und der Fremde starrten sich gegenseitig einen Augenblick an: beide schöpften tief Atem. »Ach, Sie sind es,« sagte der Fremde schroff, »was wollen Sie?« Justus ärgerte der Ton: er schritt weiter in den Raum hinein. »Ich wünsche ein Wort mit Ihnen zu sprechen. Herr Charleswort, vielmehr Herr Millbank.« Millbank stieß einen wütenden Ruf aus und stürzte sich ohne weiteres auf sein Gegenüber. Der überraschte Justus stürzte zu Boden, zog aber seinen Gegner mit hinunter und packte ihn mit kräftiger Hand an der Kehle. Zum größten Entzücken des rothaarigen Burschen, der in sicherer Entfernung um sie herumtanzte, kämpften sie eine Weile. Millbank, der über eine enorme Kraft zu verfügen schien, erhob sich dann wieder, doch der Griff von Justus war wie von Eisen, er klammerte sich an den anderen und erhob sich mit ihm, sie rangen durch den ganzen Raum wild miteinander. Die Schlacht konnte aber nicht länger dauern. Justus war für seine Größe kräftig und entschlossen, doch der Aeltere besah mit seinem höheren Gewicht, den breiten Schultern und langen Armen die Stärke eines Ringers und offenbar noch dazu die Geschicklichkeit eines solchen. Er warf Justus umher, als ob dieser ein Fußball am Ende eines Strickes sei, und jeden Augenblick fürchtete Wise, gegen die Mauer zu fliegen. Das wäre auch höchst wahrscheinlich geschehen, wäre nicht ein Zwischenfall eingetreten, der die Dinge auf kurze Zeit zu seinen Gunsten wendete. Indem sich der Aeltere umwandte, um die Last, die sich an seine Schulter klammerte, abzuwerfen, war er mit der Stirn gegen die Kante der offenstehenden Tür geflogen und taumelte halbbetäubt rückwärts. Justus hatte die Veranlassung zu dem Schwächerwerden seines Gegners nicht bemerkt, wuchtete aber mit dem ganzen Gewicht seines Körpers gegen ihn, so daß der ältere Mann abermals taumelte. Jedoch dauerte auch dieses nur einen kurzen Augenblick, denn im nächsten hatte er sich bereits erholt, packte Justus mit einem besonders geschickten Handgriff und warf ihn über sich. »Habe ich es Ihnen nicht gesagt?« schrie der rothaarige Bursche. »Auf mein Wort, Sie kriegen es jetzt, Sie alter Schnurrbart! Sapperlot, was ist denn das? Der andere ist ja auch am Boden.« Justus, der ruhig dagelegen hatte, da ihm der Atem schier vergangen war und der erwartete, daß jeden Augenblick sein Gegner auf ihn knien und ihm den Garaus machen würde, spitzte die Ohren bei den Worten des kleinen Teufels und hob den Oberkörper schwerfällig vor, um sich nach seinem Gegner umzuschauen. Und da sah er zu seiner Ueberraschung, daß dieser schwer atmete und purpurrot im Gesicht war. Dann sank er in die Knie auf den Boden und griff nach seinem Halskragen. Eine Sekunde später stöhnte er tief auf und wälzte sich auf den Rucken, die Knie waren unter ihm gebogen. »Gott im Himmel!« Justus richtete sich auf und schritt mit bebenden Gliedern an ihn heran. Der Mann gab kein Lebenszeichen von sich, sah sonderbar blau aus, seine Augen stierten unbeweglich zur Decke empor. »Der ist tot, den haben Sie getötet,« schrie der Junge und lugte über die Schulter von Justus. »Ich fürchte mich, ich mache mich aus dem Staube.« Blaß und zitternd erreichte er die Tür und lief hinaus. Seine Furcht hatte Justus angesteckt, der von dem Ringen noch halb ohnmächtig war und eine Weile auf den Bewußtlosen, ohne sich zu rühren, hinabblickte. Dann kehrte ihm aber seine Geistesgegenwart zurück, und da er sah, daß er keinen Toten vor sich hatte, denn der Mann atmete noch schwer, beugte er sich zu ihm hinunter und riß ihm den Kragen auf. »Das ist ein Schlaganfall oder dergleichen,« murmelte er, »was fängt man dabei am besten an, so darf er hier nicht sterben, ich sollte ihn bluten lassen, aber wie – « Während er noch grübelte, stöhnte der Mann am Boden, bewegte sich und versuchte sich aufzurichten. Er blickte wie betäubt umher, und dann blieben seine Augen auf Justus haften, er seufzte und ließ die Hände lose auf die Knie fallen. »Es hat keinen Zweck mehr,« sagte er mit schwerer Zunge, »ich gebe es auf. Sie haben mich in der Hand, eines Tages werde ich auf diese Weise sterben: Ich habe an meine Jahre zu denken vergessen. Es ist eine fatale Sache, sich wie eine Ratte in der Falle zu ergeben, nachdem – ich meine, ich hätte Sie hübsch umhergeworfen?« »Wenn Ihnen das zur Befriedigung gereicht, ja, Sie haben es getan, ich werde es noch Wochen lang fühlen.« »Nun, Sie haben ja jetzt Ihre Revanche, denn schließlich haben Sie mich jetzt in der Gewalt, zu einem weiteren Kampfe fehlt mir die Kraft. Also nun heraus damit. Sie wissen meinen Namen. Machen Sie die Geschichte kurz. Wieviel fordern Sie?« Justus starrte ihn an. »Wieviel ich fordere?« wiederholte er. Justus reckte sich empor. »Ich verstehe Sie nicht,« sagte er würdevoll. »Ach, kommen Sie.« lächelte der Andere. »Zu welchem Zwecke wären Sie mir denn gefolgt und hätten sich an meine Fersen geheftet, ich meine, doch nicht zum Scherz und auch nicht, um mir meine dreißig Pfund zurückzugeben, die zu behalten ich Ihnen übrigens gestattete.« »Und für die ich Ihnen dankte.« entgegnete Justus. »Ja, allerdings, ich frage also noch einmal, was beabsichtigen Sie?« »Was ich beabsichtige?« Justus war entrüstet. »Was ich beabsichtige, ist nichts anderes« – »Ist Geld natürlich. Sollen wir es Erpressung nennen?« Justus wechselte die Farbe. »Sagen Sie doch lieber gleich Raub und Mord.« »Raub und Mord?« wiederholte der andere und richtete sich auf. »Was zum Henker meinen Sie damit?« »Ich meine damit das Schriftstück,« sagte Justus, »ich meine den Angriff auf Fräulein West und den Raub an ihr, und ich meine den Ermordeten in meinem Kamin.« Der Fremde zuckte zusammen, seine Blicke kreuzten sich mit denen von Justus, er schwieg aber und schien offenbar gründlich nachzudenken. Nach einer Weile fragte er: »Was sagen Sie da über Fräulein West?« »Fräulein West wurde gestern abend ein wichtiges Schriftstück fortgenommen, und bei dem Kampf darüber wurde sie in ihrem eigenen Hause schwer verletzt.« »Ein Schriftstück? Sie wurde tätlich mißhandelt! Mein Gott!« Er machte anscheinend den Versuch aufzustehen, sank dann aber zurück und grübelte weiter. »Natürlich,« murmelte er vor sich hin, »das hätte ich ahnen müssen.« And nach einer Pause sagte er laut: »Fahren Sie fort.« »Weshalb lagen Sie auf den Knien und blickten in meinen Schornstein hinauf?« fragte Justus und beugte sich vor. In die Mienen Millbanks trat ein sonderbarer Ausdruck, aber was Justus überraschte: Von Furcht war nichts zu bemerken. »Wie, zum Henker, wissen Sie das?« fragte er leise. »Ich habe Sie gesehen.« »Ja, das weiß ich, ich habe das nicht gemeint.« »Ich weiß noch viel mehr.« erklärte Justus. »Ja, Sie scheinen etwas zu wissen, aber doch nicht so viel, wie Sie sich einbilden.« »Ich weiß, daß die Leiche von dem Mörder in meinem Kamin versteckt wurde,« entgegnete Justus ärgerlich, »und ich weiß, daß Ihr Sohn und ich Sie ertappten.« »Mein Sohn!« Jetzt sprang der Alte aus und griff Justus am Arm. »Mein Sohn! Wollen Sie sagen, daß Ihr Begleiter mein Sohn war?« »Das war Herr Georg Millbank, ja, ein Kunde von mir und ein junger Herr, vor dem ich die größte Hochachtung habe.« »Mein Sohn? Das war Georg? Mein Gott, wie sonderbar, dann haben Sie mich aber getäuscht! Sie haben mir kein Wort davon gesagt.« Justus biß sich auf die Lippen. »Sie erklärten mir, daß Sie Ihre Nachforschungen aufgeben wollten, Sie sagten mir wiederholt, Sie wollten ihn nicht suchen.« Der andere fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Und das sagte ich in seiner Gegenwart! Und ich wußte nicht ...« Einen Augenblick herrschte Schweigen und dann fragte er hastig: »Wo ist er, was treibt er?« »Augenblicklich ist er im Hause von Fräulein West.« »Im Hause von West?« »Ja, er wartet, daß die junge Dame sich erholt –« »Im Hause von West? Aber weshalb, weshalb dort?« Justus starrte ihn an. »Es kommt mir sonderbar vor, daß ich Ihnen das sagen muß, er ist doch mit Fräulein West verlobt oder war es, denn ihr Vater hob die Verlobung auf.« »Er hob sie auf. Weshalb? Wo? War das kürzlich? Sagen Sie mir, war das kürzlich?« »Ja. nach Ihrem Besuch bei ihm.« »Mein Besuch! Mein Gott! Bin ich verrückt, bin ich wahnsinnig, oder sind Sie der Teufel in Person? Mein Besuch! Wie kommt es, daß Sie von all diesen Dingen Kenntnis haben, und was wissen Sie eigentlich?« Justus blickte ihn schweigend an. Was wußte er eigentlich? Gewiß manches, aber wie der andere ihm gesagt hatte, doch nicht soviel, wie er sich selbst eingebildet, und diese Unterredung hatte manchem seiner Gedanken eine ganz andere Wendung gegeben. Doch davon ahnte jener nichts und konnte auch nicht ermessen. was Justus wußte. Justus entschied sich dafür, die Rolle des Unwissenden zu spielen. »Wie ich bereits sagte, Herr Millbank, weiß ich sehr viel. Ich will Ihnen bekennen, daß ich das meiste in meiner Eigenschaft als Berater Ihres Sohnes erfuhr, und deshalb können Sie mich auch getrost als jemand betrachten, der durchaus nicht unfreundlich gegen Sie gesinnt ist.« Plötzlich schreckte der ältere Mann zusammen. »Wohin mag der Junge gegangen sein, der eben noch hier war. Wollte er Hilfe holen oder meinen Sie, daß er zur Polizei lief?« »Zur Polizei?« Justus erbleichte. Wenn die Polizei jetzt käme –! »Es wäre das beste, wir gingen jetzt schnell von hier fort, Herr Millbank. Nein, die Polizei darf Sie jetzt nicht finden.« Millbank faßte ihn am Arm. »Natürlich darf sie mich jetzt nicht finden, das wäre sehr fatal. Sie dürfen mich auch nicht verlassen. Wir haben viel mit einander zu sprechen. Es handelt sich um Leben und Tod dabei. Sie müssen volles Vertrauen zu mir haben. Ich bin mit meinen Kräften zu Ende und bedarf Ihres Bescheides und auch vielleicht den meines Sohnes. Wohin können wir gehen, um ungestört zu bleiben?« »In mein Bureau? Nein, das wäre nicht geeignet. Ich kenne einen Platz, wo wir ganz allein sind und uns niemand stören wird. Es ist nicht weit von hier.« »Dann kommen Sie also schnell, Gott weiß, wir haben keine Zeit zu verlieren.« Kapitel 19. Verhängnisvolle Diamanten Als sie aus der Sackgasse hinausschritten, sah sich Justus nach allen Seiten um und bemerkte zu seiner Befriedigung keine Spur von der Polizei. »Es ist nur um die Ecke, zwei Straßen weiter!« »Das ist mir angenehm.« sagte sein Begleiter, »denn ich fühle mich noch ziemlich stark angegriffen. Hoffentlich habe ich Sie nicht zu sehr verletzt.« »Keineswegs,« meinte Justus höflich, obgleich er sich ebenfalls noch recht angegriffen fühlte. »Es hat nichts zu sagen, Herr Millbank!« »Wenn es Ihnen gleich ist, so nennen Sie mich Charleswort. Es ist besser so – sagen Sie mir übrigens zunächst einmal, welch eine Art Mädchen Fräulein West ist.« »Eine überaus reizende junge Dame,« entgegnete Justus voll Begeisterung, »und ich glaube, sagen zu dürfen, daß sie Ihrem – Herrn Georg sehr ergeben ist.« Charleswort seufzte, nickte mit dem Kopfe, sagte aber weiter nichts. Justus blieb stehen. »Ist dies das Haus, das Sie meinten?« fragte Charleswort, indem er ein kleines Restaurant betrachtete, das wie ganz verloren in einer Straße lag, die fast nur aus Ställen und den Hinterpforten einiger großen Herrenhäuser bestand. »Das sieht allerdings ruhig genug aus.« »So ist es auch,« sagte Justus, indem er sich der vielen Wochen erinnerte, wo er sich zu verschiedenen Zeiten in strenger Abgeschlossenheit hier aufgehalten hatte, was nicht allein ratsam, sondern notwendig für ihn gewesen war. »Der Besitzer ist ein guter Bekannter von mir und sollte es Ihnen einmal genehm sein, einige Zeit ganz ruhig und unbeobachtet sich irgendwo aufzuhalten, so können Sie keinen besseren Ort finden. Wir wollen mal sehen, ob Herr Wilkes zu Hause ist.« Sie traten in das kleine Vorzimmer, wo ein Mann in mittleren Jahren einige Gäste bediente, dann zu Justus aufsah und ihm zunickte. »Guten Tag, Herr Wilkes, ist das blaue Zimmer frei?« »Guten Tag, Herr Wise,« sagte der Wirt, der kurzsichtig und kahlköpfig war und an einen ehemaligen Kammerdiener erinnerte. »Ja, das blaue Zimmer ist frei, bitte, kommen Sie hier durch.« Er führte sie zu einem kleinen Wohnzimmer am Fuße der Treppe. Das Gemach war einfach, aber reinlich ausgestattet. Das einzige Fenster blickte auf die ruhige Straße. »Ich danke Ihnen, Herr Wilkes,« sagte Justus, »mein Begleiter und ich wünschen hier eine Weile ungestört zu bleiben.« »Ganz recht,« erklärte der Wirt diensteifrig, »machen Sie es sich nur bequem. Niemand wird Sie stören. Sie wissen ja, wie ruhig es hier ist. Wenn Sie etwas wünschen, brauchen Sie nur zu schellen.« »Schön, Herr Wilkes, es wäre möglich, daß sich mein Freund entschließt, einige Tage hier zu verweilen. Sie werden es ihm dann recht behaglich machen.« Der Wirt betrachtete Charleswort sehr genau, der auf die Straße hinaussah und dessen Gedanken offenbar ganz wo anders weilten. »O gewiß, Herr Wise, ich bin ja stets bereit, Ihnen oder Bekannten von Ihnen dienstbar zu sein. Der Herr muß sich allerdings mit den Einrichtungen meines Hauses begnügen. Es wohnt hier noch jetzt ein anderer Herr, der aber auch sehr ruhig ist und wegen Krankheit das Zimmer hüten muß. Auch er ist mir von einem guten Bekannten empfohlen. Er würde Ihren Freund nicht stören, der, wie ich vermute, ruhig zu leben wünscht.« Justus nickte. »Ja, wenn er hier bleibt, muß er allerdings Ruhe haben, es ist aber noch nicht entschieden. Wir lassen es Sie noch wissen. Sie können uns jetzt eine kleine Erfrischung bringen und wollen wir später noch mehr haben, so werden wir klingeln. Herr Charleswort, was darf ich für Sie bestellen?« »Was Sie wollen, Brandy?« »Dann bitte also zwei Glas Brandy, Herr Wilkes, und etwas heißes Wasser und Zucker für mich.« Der Wirt verschwand und Charleswort wandte sich an Justus: »Haben Sie schon einmal das Gefühl gehabt – ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll – die Empfindung, daß Sie nicht mehr weiter gehen können?« »Nicht weiter gehen können?« fragte Justus erstaunt. »Ja, daß Sie einsehen, nicht länger existieren zu können. Für gewöhnlich sieht man, was man morgen tun wird, und wie man am folgenden Tage dasselbe Dasein fortsetzt; man steht auf, man ißt, man schläft, man vollbringt sein Tagewerk, man lebt sein Leben, kurz man kann sich bis zu einem gewissen Umfang vorstellen, was einem die nächsten Tage bringen werden.« »Gewiß,« sagte Justus, noch immer etwas überrascht, »das ist ganz richtig, ich kann mir zum Beispiel ganz gut vorstellen, was ich morgen tun werde.« »Nun, das kann ich eben nicht,« sagte der andere, und blickte mit seinen sonderbar hoffnungslosen Augen aus dem Fenster. »Es ist eine komische Sache. Ich kann es eben heute nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, was ich morgen oder später tun werde.« Justus machte den Versuch, ein unheimliches Gefühl abzuschütteln, das ihn unwillkürlich überlief. »Das ist wirklich sehr sonderbar, was Sie sagen. Vielleicht sind Sie ein bißchen überarbeitet, etwas erschöpft.« Charleswort schenkte seinen Worten keine Aufmerksamkeit, sondern saß noch still da und blickte aus dem Fenster. »Es ist sonderbar. Aber ich möchte zunächst meinen Jungen sehen.« »Das läßt sich leicht ermöglichen. Sie können ihn morgen, Sie können ihn, wenn Sie wollen, aber auch schon heute abend sehen.« Charleswort schüttelte den Kopf. »Nein, vorher habe ich noch etwas zu tun und ich hoffe, daß ich noch dazu imstande sein werde.« Sein Verhalten machte auf Justus trotz dessen gewohntem heiteren Temperament einen gewissen Eindruck und eine Weile blieb er ebenso schweigsam wie sein Gefährte. Dann wandte er sich zur Tür und nur um etwas zu sagen, meinte er: »Ei, wie lange bleibt denn der Wilkes mit dem Brandy.« »Ja, ja, der bleibt lange. Weshalb bringt er denn nichts?« In diesem Augenblicke kam jemand die Treppe hinunter, so leise zwar, daß nur das scharfe Ohr von Wise den schwachen Laut hörte. Der Schritt machte eine Sekunde lang vor der Tür halt. Justus hob den Kopf und lauschte gespannt; der andere bemerkte das und folgte seinem Blick. »Da horcht jemand?« fragte er flüsternd. Justus nickte und Charleswort schien sich unter dem Druck der Erregung plötzlich ganz zu erholen und verwandelte sich wieder in den ernsten, entschlossenen Mann der Tat. Da er der Tür näher war als Justus, stand er leise auf, durchschritt das Zimmer lautlos und beugte sich eine Sekunde lang zu dem Schlüsselloch nieder. Dann sperrte er die Tür in einem Nu sperrangelweit auf. Diese Bewegung war für Justus verhängnisvoll. Er war seinem Gefährten leise nachgeschlichen und befand sich nun neben ihm. als dieser die Tür weit aufschlug. Das war so plötzlich geschehen, daß ihn die Tür an die Brust traf und ihn heftig rückwärts stieß. Er taumelte, prallte auf einen Stuhl und fiel dann der Länge nach auf den Boden. Während seines Falles hörte er noch, daß Charleswort einen Schrei wie ein wildes Tier ausstieß und er sah ihn dann wütend auf den Vorplatz hinausstürmen. Trotz seiner Betäubung erhob sich Justus schnell, denn der Ruf hatte ihn erschreckt und er lief dem anderen nach, um gerade noch die breite Gestalt die Treppe hinaufstürzen zu sehen in der Verfolgung einer zweiten Gestalt, bei deren Anblick er selbst einen Ruf der Ueberraschung ausstieß. Denn wenn ihn nicht das Zwielicht des Treppenhauses täuschte, so war der Mann, der von Charleswort verfolgt wurde, kein anderer als Wyvill, der Generalsekretär des Wapiti-Syndikats. Justus vergaß alle Schmerzen und nahm die Verfolgung mit auf. Er hörte die eiligen Schritte und das schwere Atmen der Männer vor ihm. Nun erreichten sie den Treppenabsatz, dann kam ein kurzer Kampf, dann noch ein Scharren von Füßen und jetzt schlug auf dem Gange eine Tür heftig zu. Justus stürzte den Gang entlang, wo er mehrere Türen sah. Welche von ihnen war soeben zugeschlagen worden? Es war keine Zeit zu verlieren, er wählte die erste Tür. Sie führte in ein leeres Schlafzimmer, so daß er sich zu der zweiten Tür wandte. Aber während er das noch tat, hörte er einen heiseren Schrei aus einem entlegenen Zimmer, worauf er in jene Richtung stürzte. Als er sich näherte, hörte er ein fortgesetztes Stöhnen und das Geräusch von Bewegungen im Zimmer, aber die Tür war verschlossen, er konnte sie nicht öffnen. Wütend schlug er dagegen, rief laut nach Charleswort, stemmte dann seine Schultern gegen die Füllung und brach die Tür auf. Jetzt blieb er wie versteinert stehen, denn auf dem Fußboden lag Charleswort, aus mehreren Wunden blutend. Ein offenes Fenster hinter seinem Kopfe zeigte den Weg, den der Attentäter zu seiner Flucht benutzt hatte. Eine Sekunde lang beugte sich Justus über den am Boden Liegenden, doch dieser erhob die Hand und stieß ihn trotz seiner Wunden noch kräftig von sich ab. »Das Fenster! Das Fenster«, stöhnte er. »lassen Sie ihn nicht entkommen.« Justus gehorchte der Weisung und sprang an das Fenster, aber das Fenster ließ auf einen Hinterhof blicken, der vollständig leer war. »Er ist fort, er ist entflohen, der Elende. Sind Sie sehr stark verletzt, Herr Charleswort?« »Ich bin ein toter Mann, es geht auf jeden Fall mit mir zu Ende. Ich hatte den Schurken richtig gefaßt, aber ich bekam gerade in dem Augenblick meinen Anfall, als ich im Begriff stand, ihm das Genick umzudrehen. Ich strauchelte. Er nahm seinen Vorteil wahr, es handelte sich um Leben gegen Leben, das wußte er und er stieß mich wohl sechsmal mit seinem Messer.« »Ich will um Hilfe rufen. Hoffentlich ist es nicht so schlimm, wie Sie glauben. Sobald Hilfe da ist, werde ich Wyvill suchen.« »Ja. das sollen Sie tun und er soll bei Gott dafür büßen, aber rufen Sie jetzt noch nicht um Hilfe. Niemand scheint uns gehört zu haben, und ich möchte Ihnen etwas mitteilen, bevor wir gestört werden. Beten Sie, wie Sie bisher noch nicht in Ihrem Leben gebetet haben, daß mir die Zeit dazu bleibt. Nein, es hat keinen Zweck, das Bluten zu stillen – es geht doch mit mir zu Ende. Ich werde noch die Zeit haben, ich muß sie haben, um Ihnen alles zu sagen. Es hängt ein Vermögen von meiner Erzählung ab, ich muß Sie damit betrauen, und nicht nur ein Vermögen, sondern ein Menschenleben, vielleicht das Leben zweier Menschen. Hören Sie mir zu?« »Ja, ja, ich höre,« sagte Justus, der aufrichtigen Anteil nahm an dieser Tragödie, die mit so furchtbarer Eile den trüben Vorahnungen seines Gefährten gefolgt war. Obgleich er schwer atmete, sprach er doch klar und deutlich, der Todeskampf steigerte seinen Willen. »Wie Sie bereits wissen, heiße ich Millbank, aber was Sie nicht wissen, ist, daß ich ein Zuchthäusler bin. dem einige Jahre erlassen sind, nachdem er zwanzig Jahre abgesessen hat.« »Ein Zuchthäusler, großer Gott, Herr Millbank.« »Ja, aber ich habe meine Strafe nicht verdient, Sie sollen meine Geschichte hören. Vor zwanzig Jahren ging ich nach Süd-Afrika. Ich bin ein Engländer aus guter Familie, es war aber nicht viel Geld vorhanden und so wanderte ich nach den Diamantenfeldern aus, in der Hoffnung, mein Glück zu machen. Das war zu der Zeit, wo dort die großen Reichtümer geschaffen wurden, zu der Zeit, als Rhodes, Veit, Bornato und alle übrigen florierten. Ich war nicht gerade einer der Glücklichsten, vermochte aber doch etwas vor mich zu bringen, ich und mein Partner Dunton.« »Dunton?« »Peter Dunton. Der in der Berklandstraße ermordete Mann war zu der Zeit mein Partner.« »Wie seltsam. Bitte fahren Sie fort, Herr Millbank.« »Mein Partner Dunton und ich hatten einen guten Ruf als ehrliche und rechtschaffene Leute von Kaptown bis Johannisburg. Wir waren Diamantenhändler, das heißt, wir kauften die Diamanten auf Spekulation in ihrem Rohzustande und verkauften sie dann wieder zu den höchsten Preisen, die wir erzielen konnten. Hundert andere taten dasselbe, einige ehrlich, andere unehrlich, denn es lebten da draußen allerlei Menschen. Wissen Sie, was die Buchstaben I.D.B, bedeuten?« »Nein.« »Sie bedeuten ungesetzmäßige Diamantenkäufer (Illicit diamond buyer), das heißt, Leute, die Diamanten von den Kaffernjungen kauften, welche in den Minen arbeiteten und da die Steine an ihren Körpern versteckten, wenn sie des Abends die Arbeitsstätte verlassen und die sie dann zu einem Bruchteil ihres Wertes jedem verkaufen, der gewissenlos genug ist, aus ihren Diebstählen Vorteil zu ziehen. Unter denen, die in dem Rufe standen, auf solche Weise Geschäfte zu machen, befanden sich zwei Männer, die Sie kennen, die sich aber Baron und Allister nannten. Baron ist kein anderer als William West.« »West?« »Ja, William West, und Allister nennt sich hier Wyvill.» »Wyvill? Der Sie eben gestochen hat?« »Wyvill, der eben geflohen ist. Er und West waren Partner wie Dunton und ich. Sie hatten aber viel mehr Erfolg, denn sie waren nicht so gewissenhaft wie wir und geschickt genug, um ihre unsauberen Geschäfte ungestraft fortzusetzen, obgleich sie von vielen beargwöhnt wurden. Sie häuften große Reichtümer an. In unserem kleineren Umfange und in vorwurfsfreier Ehrlichkeit machten Dunton und ich manches Geschäft mit ihnen und kamen auf diese Weise in nähere Beziehungen zu ihrer Firma. Ich glaube gerade, weil wir als ehrlich bekannt waren, geschah es, daß sie uns manchen Verdienst zuschoben. Krumen von dem Tische eines reichen Mannes; es lag ihnen daran, den Anschein zu erwecken, daß wir befreundet mit ihnen wären. Ein weiterer Grund für ihr Verhalten mochte auch der Umstand sein, daß Peter ein intimer Freund des Inspektors Javell war, eines Mannes, der dort draußen eine große Macht besaß und der unsaubere Geschäfte unnachsichtlich bestrafte. Unsere Beziehungen zu ihnen sollte unser Verderben werden, sie gestatteten West und seinem Partner, uns in einem Falle auszunutzen, dessen Folgen Sie heute erfahren haben und auch aus den Vorgängen der letzten Tage kennen. Ich sagte Ihnen bereits, daß Dunton und ich ehrlich waren. Eines Tages trat aber die Versuchung an uns heran. Wir waren nicht reich und hatten große Ausgaben. Ich besaß eine junge, süße Frau, die ich aus England herübergeführt hatte und die das rauhe Klima und der Mangel an Gefährtinnen ihrer Klasse neben den Entbehrungen, denen wir in der ersten Zeit unseres Verweilens in jenem Lande ausgesetzt waren, langsam dahinsiechen ließen. Peter Dunton war im Geldausgeben sehr leichtsinnig. Eines Tages wurde mir nun unter der Hand ein so großer und schwerer Stein von so kräftiger Farbe und Gestalt angeboten, daß ich wirklich glaube, es existieren nicht sechs seinesgleichen in der ganzen Welt. Die Verkäuferin war das Weib eines Eingeborenen, der auf einer Mine beschäftigt gewesen, die heute gar nicht mehr in Betrieb steht. Wahrscheinlich hatte der Mann den Stein gefunden und es war ihm auf Gott weiß welche Weise gelungen, ihn von der Mine fortzubringen. Vor dem Versuch, ihn zu verkaufen. war er wohl zurückgeschreckt und hatte ihn aufbewahrt, bis er eines Tages plötzlich starb und nun brachte mir ihn seine Frau, die von dem Werte keine Ahnung hatte, der Stein, mit dem man ein Fürstentum hätte kaufen können, wurde mir nun zu einem Preise angeboten, der weniger als den tausendsten Teil seines Wertes betrug. Zum ersten Male in meinem Leben schwankte ich. Ich wollte mich weder nach der einen noch anderen Seite hin entscheiden und rief Peter herbei, um ihm das zu überlassen. Es war mir absolut unmöglich, diese ganze Last auf mich zu nehmen. Peter Dunton schlug den Handel schlankweg ab. »Wir haben so lange ehrlich gehandelt, Millbank,« sagte er, »laß uns es weiter so treiben. Der Stein ist mehr wert, als wir in fünfzig Jahren auf ehrliche Weise verdienen können. Er wird schließlich von einem Schuft gekauft werden, der ein Vermögen daraus machen wird, aber Millbank und Dunton werden imstande sein, ihren Kopf aufrecht zu tragen.« Die Eingeborene, die unsere Ablehnung nicht verstand und wahrscheinlich dachte, daß es geraten sei, die Schönheit des Steines eine Weile auf uns wirken zu lassen, legte ihn auf meinen Schreibtisch. Dann zog sie aus dem Versteck in ihrem Haar einige kleine, aber sehr schöne Diamanten, weitere Exemplare aus der Sammlung ihres Mannes, und versuchte, uns diese zu verkaufen. Sowohl Peter wie ich, die der Reichtum nicht übermäßig verlockt hatte, gaben auch in diesem Falle nicht nach und ohne weiteres schlugen wir es der Frau ab, die Steine zu erwerben. Jetzt geschah aber etwas Merkwürdiges, so merkwürdig, daß ich seitdem sehr oft darüber nachgegrübelt habe, ob nicht doch an manche Edelsteine von außergewöhnlichem Umfang und Wert sich ein Fluch knüpft, wie es der Volksmund behauptet. Durch unsere Ablehnung und die offenbare Mißachtung ratlos und wütend geworden, brach die Frau plötzlich in heftigster, leidenschaftlicher Weise aus. schimpfte und verfluchte uns beide mit den gräßlichsten Worten. Vergeblich versuchten wir, sie zu beschwichtigen und sie zu veranlassen, sich mit ihren Steinen anderswo hinzuwenden. Je länger wir sie aber zu überreden suchten, was ihr als eine fortgesetzte Verachtung ihres Besitzes erschien, desto wütender wurde sie, bis sie endlich in Tobsucht verfiel, Schaum ihr vor den Mund trat und sie zu Boden stürzte. Als wir sie aufheben wollten, war sie tot. Wir starrten uns einander an und in diesem Augenblick öffnete sich die Tür und West und Wyvill traten ein. Wyvill hatte ein Auge wie ein Habicht. Es dauerte nicht eine Sekunde, bis er die Steine auf meinem Tische entdeckt hatte, wo der große in seiner ganzen Herrlichkeit prangte und daneben die kleineren. Er holte tief Atem und blickte auf die tote Frau am Boden. Inzwischen hatte auch West den Stein entdeckt und sich auch darauf nach der Frau umgewandt. Beide sahen sich dann in die Augen. »Hallo,« sagte Wyvill leise, »hallo, meine beiden tugendhaften Herren. Sie scheinen sehr beschäftigt zu sein: I. D. B. Wie? Nun, es mag sich wohl lohnen, wenn Steine, wie dieser, täglich an unsere Tür kommen. Himmel, West, was ist das für ein Stein! Doch Gift, wie? Das geht doch etwas zu weit.« »Gift?« rief ich. »Es sieht doch ganz so aus. Woher käme sonst der Schaum vor ihrem Mund? Schlaganfall? Hm!« Peter und ich sahen uns verwirrt an. wir konnten nicht umhin, uns einzugestehen, daß auch Leuten, die weniger mißtrauisch und geneigt waren, Böses zu denken, als diese beiden Männer, die Umstände recht verdächtig erscheinen mußten. »Es ist eine Lüge.« sagte ich. »Sie sind ein Verleumder, Sie wissen, daß Sie lügen.« West schwieg. Seine Augen waren aus den Stein gerichtet, Wyvill trat an ihn heran. Beide zogen sich in eine Ecke zurück und hielten eine lange, leise geführte Unterhaltung, von der wir nichts verstanden. Endlich wandte sich Wyvill wieder zu uns und sagte: »Es ist möglich, daß die Frau einen Schlaganfall gehabt und daß es nur ein Zufall ist, daß sich diese Steine auf Ihrem Tisch befinden. Ebenso möglich ist es aber auch, daß das Geschöpf dort alle Anzeichen eines gewaltsamen Todes trägt. Wenn man besonders in Erwägung zieht, welch' phantastische Bedenken Sie beide bei verschiedenen Gelegenheiten geäußert haben, erscheint alles möglich. Andererseits werden Sie aber einräumen müssen, daß in diesen schweren Zeiten nur sehr wenige geneigt sein werden, so gläubig zu sein, wie wir es sind. Ich meine zum Beispiel, daß Herr Javell Ihre ganze Geschichte nicht in einem Zug verschlucken wird.« »Sie Schurke!« schrie Peter, »wir wollten den Stein nicht, wir haben ihn direkt abgelehnt.« Wyvill lachte höhnisch. Ein seltsames Licht flackerte in seinen und in den Augen von West auf. »Sie wollen den Stein nicht.« wiederholte Wyvill spöttisch. »Ich möchte lieber sterben, als ihn nur berühren« und blickte auf den entseelten Körper zu unseren Füßen. »Ich habe mich geweigert, ihn zu einem Preise zu kaufen, der kaum dem Werte eines der kleinen Steine entspricht.« sagte ich. »Wir haben bis jetzt ehrlich gehandelt und wollen das auch weiter tun.« »Dazu werden Sie keine Gelegenheit mehr finden.« meinte Wyvill, »denn heute abend gehts noch ins Loch.« Peter wurde blaß. Ich versuchte zu lachen, aber ein kalter Schauer durchrieselte mich bei den Worten des Mannes. Stellen Sie sich vor, Herr Wise, Peter und ich waren beide jung und unerfahren und bedeuteten wirklich wenig im Vergleich zu diesen beiden Männern. Auf den ersten Blick sah es doch ganz so aus, als wenn wir bei einem ungesetzmäßigen Geschäft ertappt worden wären. Wenn es ihnen beliebte, den Inspektor holen zu lassen und ihm das zu erklären, würden wir tüchtig in der Patsche sitzen, ganz abgesehen davon, daß man uns auch den Tod der Frau zur Last legen konnte, der nicht natürlich erschien. Peter faßte sich zuerst und trat Wyvill entgegen. »Sie sind ein Erpresser,« sagte er ihm, »es läßt sich nicht leugnen, daß es hier draußen ein leichtes ist, den Ruf einer jungen Firma, wie der unsrigen, zu vernichten und daß der Schein gegen uns ist, wenn zwei so reiche und ehrbare Männer wie Herr Baron und Allister gegen uns zeugen. Ich kenne Sie jedoch gut genug, Herr Allister, um nicht zu wissen, daß Sie nicht einen Deut danach fragen, was aus uns wird, es sei denn, daß Sie in irgend einer Weise Vorteil daraus ziehen können.« »Das stimmt.« sagte Wyvill laut auflachend, während West die Stirn kraus zog und den Kopf schüttelte. »Also,« fuhr Peter fort, »wenn Sie selbst es bestätigen, wo wollen Sie hinaus, was fordern Sie?« Wyvill lächelte. »Ach eigentlich nichts oder nur etwas, was Sie nicht wollen – den Stein dort.« »Den Stein?« »Nun, Sie sagten doch, daß Sie beide ihn nicht haben wollten, es ist doch ein schöner Stein. Wir sind nicht so selbstlos wie Sie junge Leute, wir möchten ihn schon haben.« Peter und ich sahen uns an. »Und wenn wir das verweigern, wenn wir ihn nicht geben und die Behörde benachrichtigen –« »Wissen Sie, von welcher Mine er stammt?« unterbrach Wyvill ihn schnell. »Nun, aber es wird wohl nicht schwer sein, herauszufinden, wo der Mann dieser Frau gearbeitet hat.« War sie verheiratet? Wer weiß, woher der Stein stammt, er kann ja auch von der Pachtung eines Buren stammen, vielleicht ist er auf eine ganz ehrliche Weise gefunden worden. Wer wird den Lügen eines Kaffern Glauben schenken?« »Das macht in der Sache gar keinen Unterschied,« erklärte Peter, »die Behörden werden das schon herausfinden.« »Wenn sie das können, das würde Ihnen bei Ihrer Geschichte aber auch nichts nützen und angenommen, nur angenommen, mein Freund und ich erzählten etwas anderes: eine kleine Geschichte, die Sie aus dem Wege räumt, ohne daß noch besonders viel Fragen gestellt werden. I. D. B. bedeutet heutzutage ein schnelles Verfahren.« Das traf zu und Peter und ich wurden uns des Ernstes der Drohung wohl bewußt, die in seinen Worten lag. Jetzt trat West vor. Einschmeichelnd sagte er: »Die Sache liegt doch so, meine Herren. Sie wollen den Stein nicht haben. Aber wir. Sie wollen die Gefahr nicht laufen, daß er gestohlen sein mag. Wir sind dazu bereit. Wir wollen den Versuch machen, die Angehörigen dieser armen Frau zu finden und ihnen den Betrag geben, den sie für den Stein gefordert hat und sodann werden wir jede Erklärung Ihrerseits unterstützen, die Sie für die Anwesenheit dieser Frau abgeben mögen. Unter den vorliegenden Verhältnissen meine ich, sollte das jeden von uns zufriedenstellen, andernfalls« – »und andernfalls?« fragte ich. »Andernfalls wird mein Freund recht behalten, aber weshalb sollen wir uns damit befassen?« Andernfalls werden Sie heute abend im Gefängnis sitzen und keine Macht der Erde kann Sie daraus wieder befreien,« schrie Wyvill, »und selbst wenn Sie wieder herauskommen, sind Sie ruinierte Leute. Wollen Sie uns also jetzt den Diamant geben?« Peter und ich sahen uns an. Dann blickten wir uns in unserm kleinen Bureau um und hinaus auf das vom Sonnenschein beleuchtete Feld. »Nehmen Sie ihn,« sagte ich »und möge ihre Hand daran verrotten.« »Nehmen Sie ihn,« wiederholte Peter. »Glück wird er Ihnen nicht bringen.« Wyvill schritt zum Tisch und steckte den Diamanten zu sich. Ich sah, wie West ihn eifersüchtig beobachtete. »Sie handeln wie kluge Leute.« sagte er. »Wir wollen es wagen. Jedenfalls wird er uns Geld bringen.« And damit ließ er den Diamanten in seine Tasche gleiten. In diesem Augenblick wurde die Tür unseres Bureaus geöffnet.« Inspektor Javell trat ein. Kapitel 20. Schurkenstreiche »Der Inspektor war ein Mann der Tat,« fuhr Millbank nach einer kleinen Pause fort. »Er machte wenig Worte und war, wie ich bereits sagte, ein unnachsichtiger Gegner jedes ungesetzmäßigen Geschäftes in Diamanten. In einer Sekunde hatte er die Sachlage überschaut oder vielmehr, was er für die Sachlage hielt, und daraus seine engeren Schlüsse gezogen. Wir machten den Versuch, den richtigen Hergang zu erzählen. Er wollte uns aber nicht gestatten zu sprechen, indem er erklärte, daß alles, was wir sagten, später gegen uns verwendet würde und es deshalb das beste wäre, was wir tun könnten, jetzt zu schweigen. Innerhalb vierundzwanzig Stunden standen Dunton und ich bereits vor einem Richter, angeklagt wegen I. D. B. in Verbindung mit dem Tode einer eingeborenen Frau, deren Leiche unter verdächtigen Umständen in unserem Bureau gefunden worden sei. Unsere Lage wurde sofort eine sehr gefährliche, weil die Untersuchung des Arztes die wirkliche Ursache des plötzlichen Todes der Frau ergeben hatte. Es stellte sich heraus, daß sie eine Stahlnadel im Haar getragen, die bei dem die Frau betroffenen Anfall in ihren Kopf gedrungen war und ihr das Gehirn durchbohrt hatte. Diese Verletzung konnte ebensogut zufällig wie absichtlich erfolgt sein. Darüber ließ sich nichts nachweisen. Dahingegen befanden sich die Diamanten auf meinem Tisch, und da wir natürlich die Wahrheit aussagten, erfuhren die Behörden, daß sie der Frau gehörten, daß sie zu uns gekommen war, um sie uns zu verkaufen und daß sie sich mit uns gestritten hatte. Das Beweismaterial genügte mehr als hinreichend, um das Einschreiten des Gerichts gegen uns zu veranlassen und das geschah, nachdem die sonst übliche Kaution wegen der Schwere der gegen uns gerichteten Anklage abgelehnt worden war. Ich erklärte Ihnen bereits, daß wir die Wahrheit ausgesagt hatten. Wir hatten aber über den großen Diamanten, den Wyvill in die Tasche gesteckt hatte, nichts gesagt. Wir waren feige und wagten es nicht. Wir kannten den Mann, mit dem wir es zu tun hatten. Vor dem Eintreffen des Inspektors waren wir ja schon entschlossen gewesen, West und Wyvill den großen Edelstein auf die einfache Drohung hin zu überlassen, die Sache nach ihrer Weise den Behörden darzustellen. Um unser Leben zu retten, durften wir es nicht wagen, sie uns zu Feinden zu machen, gerade jetzt, wo das Schicksal uns in eine solche Falle gebracht hatte. Denn wir befanden uns tatsächlich in einer furchtbaren Gefahr und konnten unsere Rettung nur durch, sie erwarten. Wir waren arm, ruiniert und im Gefängnis. Sie waren reich, mächtig und in Freiheit. Die Bestimmungen über Gefängnisse waren zu jener Zeit dort draußen nicht so streng wie im Mutterlande. Es war uns gestattet, Freunde zu empfangen. Und nun machten uns West und Wyvill ein Anerbieten, das uns in unserer Lage sehr großmütig erschien: Wir sollten nur über den großen Diamanten schweigen und dagegen würden sie ihren ganzen Einfluß aufbieten und mit Körper und Seele dafür arbeiten, unsere Freilassung durchzusetzen. Sollten jedoch ihre Bemühungen fehlschlagen und das schlimmste geschehen, so versprachen sie uns für unser Stillschweigen eine Summe, die groß genug war, um uns für den Rest unseres Lebens nach unserer Entlastung reich zu machen und uns wurde außerdem gewährleistet, daß meine Frau und mein Kind behaglich leben konnten, so lange ich mich im Gefängnis befand. Können Sie sich die Bedeutung vorstellen. Herr Wise, die dieses Anerbieten für uns hatte? Weder Peter noch ich hatten Geld erspart. Meine Frau war schwach und in jedem Falle, mochten wir nun gewinnen oder verlieren, war unsere Lage sehr gefährlich, denn es blieben immer Zweifel und Makel an uns hängen. Dagegen erhielten wir durch das Anerbieten die beste Hilfe für unsere Verteidigung, mein Georg war versorgt und überdies stand uns später ein Vermögen zur Verfügung. Außerdem mußten wir uns sagen, daß es nicht einmal sicher war, ob der große Diamant gestohlen war. So nahmen wir denn das Anerbieten an. Und schon am folgenden Tage wurde der uns versprochene Betrag den von uns gewählten Vertretern übermittelt, teils in Anteilscheinen auf wertvolle, noch nicht ausgebeutete diamantenreiche Ländereien, die West und Wyvill gehörten. Die beiden Männer handelten in dieser Angelegenheit durchaus ehrlich mit uns. die dann auch sicher und geheim zur Ausführung gebracht wurde, nachdem Peter und ich Leute ausgesucht hatten, auf die wir uns durchaus verlassen konnten, unsere Interessen redlich wahrzunehmen. Peter hatte seinen Bruder gewählt, einen armen, aber überaus ehrlichen Händler in Kaptown, der von dem Grunde der Transaktion nichts verstand, sondern nur das tat, was man von ihm verlangte. Ich hatte einen alten Freund von mir erwählt, dem ich schon manchen Dienst erwiesen und dem ich volles Vertrauen schenken konnte. Ob West und Wyvill insgeheim gegen uns arbeiteten, während es nach außen hin den Anschein hatte, als ob sie sich mit allen Kräften für uns einsetzten, das werden wir wohl niemals erfahren. Doch was rede ich? In einer Stunde werde ich alles oder nichts erfahren. Ich fühle mich sehr schlecht, Herr Wise. Werde ich noch Kraft genug haben, Ihnen die ganze Geschichte zu erzählen? Ich muß die Kraft haben. Wo war ich stehen geblieben?« »Sie sagten, daß –« »O ja, ich erinnere mich. Nun bin ich sicher, West verdient den Vorwurf nicht, aber Wyvill. Ich glaube, daß der Schurke hoffte, daß wir nicht frei kämen. Ich glaube, er hätte es gern gesehen, wenn wir im Gefängnis umkamen, während er im Gold schwamm. Ich habe die Ueberzeugung, daß er während der ganzen Zeit heimlich gegen uns intriguierte. Aber wie gesagt, nach außen hin deutete nichts darauf. Der beste Anwalt in Süd-Afrika wurde zu unserer Verteidigung engagiert und die Zeugenaussage von West und seinem Partner lautete für uns so günstig, wie nur irgend möglich. Natürlich konnten sie nicht mehr zu unseren Gunsten aussagen, als daß sie in unser Bureau gekommen waren, wie Inspektor Javell nach ihnen, daß wir ihnen dieselbe Geschichte erzählt hatten wie ihm und daß sie nicht den geringsten Grund hatten, zu glauben, daß wir ihnen nicht die reine Wahrheit gesagt hatten. In einer Gemeinschaft, wie solche damals dort bestand, beeinflußt jedoch die öffentliche Meinung die Justiz mehr als anderswo, und es konnte kein Zweifel darüber herrschen, daß sich die öffentliche Meinung gegen uns richtete. Aus welchem Grunde weiß ich nicht. Die Gerichtsverhandlung, die ich niemals als eine regelrechte anerkennen kann, endete mit unserer Verurteilung in beiden Punkten der Anklage und wir wurden demgemäß mit zwanzig Jahren schweren Kerkers bestraft. Meine Frau starb kurz darauf, mein Junge wurde schwer krank und mußte nach England geschickt werden und ich war ein Zuchthäusler. Büßte ich nicht wegen meines Schweigens über den großen Diamanten und doch, wer in meiner Lage hätte wohl anders gehandelt?! West hielt sehr anständig sein Wort; bis zu ihrem Ableben genoß meine Frau jeglichen Komfort. Als mein Sohn nach England gebracht wurde, nahm eine alte Verwandte sich seiner an, erzählte ihm niemals etwas von meiner traurigen Geschichte und West setzte ihm bis vor kurzem eine sehr anständige Rente aus. Nach Verlauf einiger Zeit verließen West und Wyvill das Kap und gingen nach England, wo sie andere Namen annahmen. Sie waren sehr reich, ich glaube aber, daß etwas, was sie getan hatten, den Namenswechsel notwendig machte. Auch hier in England trieben sie Geschäfte in großem Umfange. Da sie es jedoch mit einer ganz anderen Sorte Menschen zu tun hatten, als am Kap, so hatten sie nicht immer den gleichen Erfolg, wie ich letzthin gehört habe. Vor einigen Monaten wurden Dunton und ich entlassen, er etwas vor mir, denn ich habe ein rasches Temperament. Herr Wise, und ich bekam schlechte Noten, die mich rückwärts brachten. +++ Duntons erster Gedanke bei der Freilassung war sein Geld. Mein erster Gedanke mein Sohn. Aber um meinen Sohn zu sehen, mußte ich Geld haben und deshalb begaben wir uns zu unseren Vertrauensleuten. Fast zwanzig Jahre waren verstrichen. Peters Bruder war gestorben, aber der Sohn des ehrlichen Händlers hatte das Geld und die Anteilscheine unberührt gelassen und Dunton gelangte innerhalb weniger Stunden in ihren Besitz. Ich stellte dies alles erst viel später fest, denn inzwischen war ich fast dem Wahnsinn verfallen. Nur Peter Dunton rettete mich vor Verzweiflung und wenn je ein Mensch einem anderen ein Freund und Erretter gewesen ist, so war es Dunton mir. Er stellte sein Geld und alles was er besaß, vollständig zu meiner Verfügung, und so kamen wir beide nach England. Hier erfuhr ich, daß mein Sohn gut behütet gewesen und gut erzogen war und daß er jetzt ein guter und hübscher, junger Mann sei. Da mein Geld unwiderruflich verloren war, kehrte ich zurück, um es mit dem Land zu versuchen. das nun ein Vermögen wert war. Ich wollte mich in den Stand setzen, zu meinem Sohn gehen und ihm sagen zu können: Hier ist dein Vater, der dich liebt, der einen Gefährten für sein Alter sucht, und hier ist mehr Geld für uns beide als wir uns träumen zu lassen brauchen, aber wo war mein Freund, wo waren meine Anteilscheine? Erst nach geraumer Zeit und nur durch einen eigentümlichen Zufall erfuhr ich. daß mein unehrlicher Vertrauensmann nicht auf der allerniedrigsten Stufe der Schurkerei angelangt war. Er hatte zwar die Anteilscheine zu West gebracht, aber statt sich ein Vermögen zu verschaffen, wie ihm das leicht möglich gewesen wäre, hatte er sie nur gegen eine beträchtliche Summe verpfändet und war dann aus dem Lande geflohen. Einen kläglichen Brief voll leerer Ausflüchte und Entschuldigungen hatte er mir gesandt. Für West und Wyvill, den Partnern in vielen Geschäften und die sich in diesem Augenblick mit einer enormen Spekulation befaßten, die zwischen vollständigem Ruin oder ungeheurem Erfolg hin und her schwankte, fielen meine Anteilscheine wie Manna vom Himmel. Niemand kannte bester als sie den Riesenwert unserer Ländereien und den Nutzen, der daraus zu erzielen war. Sie wußten jedoch aber auch, wem der Hauptteil der Ländereien gehörte und sie stellten schnell fest, daß Peter und ich entlassen waren. Mithin wußten sie, daß wir ihnen zu ihrem Reichtum im Wege standen. Jetzt begann ein Kampf zwischen ihnen. West war der Meinung, es sei das richtigste, ein Syndikat für das Besitztum zu schaffen. Peters Anteilscheine zu kaufen und mit mir zu verhandeln. Wyvill wollte nur mit Dunton verhandeln und mir trotzen. Schließlich waren wir ja nur entlassene Züchtlinge und mein treuloser Freund hatte eine notarielle Erklärung abgegeben, daß meine Anteile sein Eigentum wären, die er von mir rechtlich erworben hätte. Das bewog Wyvill, sich mit Dunton abzufinden, mich aber abfallen zu lassen. Vielleicht hatte er recht. Er hatte aber ohne Dunton und ohne das Schicksal gerechnet. Sobald ich erfuhr, daß sich meine Anteilscheine bei West befanden, suchte ich ihn auf. Er war auf mein Kommen so ziemlich vorbereitet, lebte aber, wie ich sehen konnte, in einer gräßlichen Furcht, und da er nicht ein solch durchtriebener Schuft wie Wyvill ist und dieser nicht bei ihm war, um ihm beizustehen, so versuchte er mich zu beruhigen und hinzuhalten. Jedoch wollte er mir meine Papiere nicht herausgeben. Wir hatten einen furchtbaren Streit und ich verließ drohend sein Haus. Auf welche Weise Sie von meinem Besuch und unserem Streit erfuhren, kann ich nicht ahnen. Inzwischen hatte Wyvill. der gescheitere und größere Schurke, Dunton bearbeitet und ihm das Versprechen gegeben, durch das Syndikat, seine und West einflußreiche Unterstützung, aus seinen Ländereien einen weit größeren Nutzen zu ziehen, als er jemals durch einen anderweitigen Verkauf würde erzielen können. Aber Dunton war ein Mann, wie man ihn nicht unter Tausenden findet; er blieb mir zur Seite. Wohl gab er zu, daß Wyvills Vorschläge für ihn weit mehr Geld bedeutenden, auch wollte er die Vorschläge annehmen, aber nur unter der Bedingung, daß West mir sofort meine Anteilscheine zurückgab und mir als deren rechtmäßigem Besitzer dieselben Vorschläge machte, wie sie ihm jetzt angeboten waren. Wyvill lachte darüber, indem er erklärte, daß ich meine Rechte meinem Freunde abgetreten und deshalb mit der ganzen Angelegenheit nichts mehr zu tun hätte. West, von seinem bösen Genius gedrängt, pflichtete dem bei. Dunton blieb jedoch beharrlich auf seinem Standpunkt und es schien, als ob Wyvill einsähe, daß sein Plan mißglückt sei. Inzwischen drängte die Sache zur Entscheidung. Aus Furcht, den einzigen Halt, den wir über die beiden hatten, zu verlieren, konnte Dunton nicht versuchen, seinen Besitz anderweitig zu verkaufen und ebenso konnte ich die Rückgabe meiner Papiere oder eine befriedigende Vereinbarung mit West nicht erzwingen. In diesem Augenblick spielte Dunton ein kühnes Spiel, er schrieb Wyvill, daß, wenn er seine Bedingungen nicht zu einem bestimmten Termin annehme, würde er sein Land dem Meistbietenden verkaufen und dann jeden Pfennig seines Geldes benutzen wollen, um mir Recht zu verschaffen und West zu verderben. In diesem Augenblick hingen die Geschäfte der Partner an einem seidenen Faden, der geringste Umstand konnte ihren Ruin herbeiführen und das erkannten die beiden Männer sehr gut und zitterten ob der Gefahr. Sie zogen die Verhandlungen in die Länge und baten ihn dringend, nicht zu schnell zu sein. Schließlich wurde eine Vereinbarung getroffen, im Bureau von Wyvill zusammen zu kommen und dort alle Bedingungen festzustellen. Dunton ging auf diesen Vorschlag ein und schrieb an Wyvill und West, indem er ihnen erklärte, sich auf weitere Verschleppung nicht einlassen zu wollen und dieses Zustandekommen ihrerseits als die letzte Gelegenheit zu betrachten, die Sache freundschaftlich zu erledigen. Dunton stellte sich pünktlich zur Stunde ein, er betrat Wyvills Bureau an jenem Tage, ging dort aber nicht wieder lebend heraus. Er wurde von dem Schurken Wyvill ermordet. Ob der Elende die Absicht gehabt hat, ihn zu töten, ob es ein wohlüberlegter Mord gewesen ist, weiß nur der Himmel. Tatsache bleibt, daß Peter Dunton durch Wyvills Hand sein Ende fand.« Kapitel 21. Peter Duntons Ende Wyvill hatte Peter Dunton also ums Leben gebracht. Einen Augenblick herrschte Schweigen. Justus dachte lange nach, während Millbank sich zurücklehnte, unregelmäßig atmete und seine Hand an die Seite preßte. »Wyvill tötete Peter Dunton.« wiederholte Justus, »das habe ich schon seit einiger Zeit geglaubt, aber Herr Millbank, er ist jetzt geflohen und Sie befinden sich in großer Not. Lassen Sie mich Hilfe holen, ich möchte einen Arzt rufen.« Millbank hob die Hand. »Erst will ich meine Geschichte zu Ende erzählen. Ich bin ja doch dem Tode verfallen, das weiß ich und deshalb denke ich jetzt an meinen Sohn. Ich will seine Zukunft sicher stellen und das kann ich nur, indem ich meine Geschichte zu Ende erzähle. Mein Tod ist nahe, aber dazu werde ich noch lange genug leben. Ein Arzt kann mich vielleicht noch einige Stunden länger am Leben erhalten, aber was nützen mir diese wenigen Stunden. Hören Sie mir zu. »Ich wußte also, daß Dunton von Wyvill ermordet war, aber ich wußte noch mehr und wie ich das erfuhr, will ich Ihnen erzählen.« »Als Dunton nicht in sein Hotel zurückkehrte, mir auch keinen Bescheid sandte, wurde ich nervös und als die Zeit immer weiter schritt und ich noch immer keine Nachricht erhielt, steigerte sich meine Besorgnis und ich beschloß, zu untersuchen, was aus ihm geworden war. Hätte ich nicht ein solch vollkommenes Vertrauen in ihn gesetzt, so würde ich vielleicht den Verdacht gehegt haben, daß Wyvill und West ihn herüber gelockt haben könnten und daß er sich nun von mir fernhielt. Aber ich vertraute ihm – ja ich würde mein Leben darauf zum Pfände gesetzt haben und ich ahnte, daß ihm ein Unfall begegnet sein müsse. In den von mir zu treffenden Maßnahmen mußte ich aber sehr vorsichtig sein, denn durch einen falschen Schritt konnte alles verdorben werden. Glücklicherweise hatte die Vorsehung das Schicksal von West und seinem Partner in die Hände eines Narren gelegt. Das war einer von den Angestellten Wyvills, ein junger Mensch von zwanzig Jahren, der den Verstand eines Schuljungen besah und keinen anderen Gedanken im Kopfe hatte, als das Züchten von Brieftauben. Ich handelte schlau genug, mich nicht bei Wyvill oder West erst nach dem Aufenthalt von Dunton zu erkundigen, denn sie sollten nicht ahnen, daß ich Dunton vermißte oder irgend welchen Verdacht schöpfte. So stieß ich auf jenen jungen Menschen, der durch eine seltsame Schicksalsfügung zufällig in das Bureau zu der Stunde zurückgekehrt war, auf die jene Verabredung mit Dunton anberaumt gewesen, obgleich er und seine Kollegen unter den verschiedensten Gründen schon früher am Tage entlassen worden waren. Er hatte alles gesehen, seine Nervosität, sein ängstliches Benehmen bei meiner ersten Frage verrieten mir sofort, daß etwas unrechtes dort geschehen war und er davon wußte. Ich entwarf meinen Plan und sehr bald, teils dadurch, daß ich ihm drohte, teils dadurch, daß ich ihm Straflosigkeit versprach und teils, jetzt werden Sie lachen – daß ich seiner Taubensammlung ein seltenes und kostbares Exemplar zuführte, zog ich die ganze Wahrheit aus ihm heraus. Es war gräßlich. Und wenn der junge Mensch nicht ein so ausgesprochener Narr gewesen, hätte das Entsetzen zweifellos auf seinen Geist so einwirken müssen, daß er wider seinen Willen zur Polizei gegangen und das Geheimnis verraten haben würde, trotz aller Drohungen und aller Furcht. Ich erfuhr von ihm. daß er auf seinem Wege zum Bureau am Morgen ein besonderes Futter für seine Tauben eingekauft, das er in sein Pult gelegt hatte. Plötzlich von Wyvill, den alle Angestellten fürchteten, fortgeschickt, hatte er vergessen, das Paketchen Futter mitzunehmen und sich erst kurz vor seiner Haustür daran erinnert. Da es am Ende der Woche war und er kein Geld mehr übrig hatte, um neues Futter zu kaufen, entschloß er sich, ins Bureau zurückzukehren, statt Gefahr zu laufen, seine Tauben durch Hunger zu verlieren. Sein Schreibtisch stand im ersten Bureau und so hoffte er, sich das Paket holen zu können, ohne von seinem Chef bemerkt zu werden, den er in dem nach der Innenseite gelegenen Bureau vermutete. Das wäre ihm auch wohl gelungen, aber beim Betreten des Bureaus drang der Lärm heftigen Zankens an sein Ohr. Von Schreck ergriffen, schlich er sich an die Tür des inneren Bureaus, horchte und sah durch das Schlüsselloch. In dem Zimmer befanden sich drei Herren. Wyvill, West, den er von Ansehen gut kannte und ein dritter, den er mir als kahlköpfig beschrieb und den West Peter und Wyvill Dunton nannte. Zu der Zeit, als der junge Mensch sich am Schlüsselloch befand. mußte der Streit offenbar seinen Höhepunkt erreicht haben, denn der Lauscher sah, wie Dunton ein schweres Lineal ergriff und damit auf Wyvill zustürzte. Er schlug ihn damit mehrere Male, doch der Sekretär wich den Schlägen aus und entging den Verletzungen, indem er einen Schlag mit dem Arm auffing, ein anderes Mal den Kopf so geschickt wandte, daß der Schlag seine Augen nur streifte, statt die Hirnschale zu teilen. West stürzte sich nun dazwischen, ergriff den Arm des wütenden Mannes und in diesem Augenblick packte Wyvill das Lineal und versetzte Dunton einen einzigen heftigen Schlag. Dunton sank nieder und rührte kein Glied mehr. Der junge, über alle Maßen entsetzte Kommis fiel gegen die Tür und stolperte ins Zimmer. In einem Nu hatte Wyvill, der seine Geistesgegenwart nicht verlor, ihn an der Kehle gepackt. »Was haben Sie gesehen?« schrie er ihn an. »Ich sah, wie er Sie angriff,« stammelte der junge Mensch, »ich sah. wie er Sie zweimal schlug und Sie ihn niederschlugen. O. er ist tot, er ist tot.« Seine Antwort rettete ihn. »Ja, er schlug mich. Sie haben gesehen, daß er mich schlug.« rief Wyvill, aber das ist eine böse Sache, die für mich, die für uns alle Verderben bedeutet, wenn sie herauskommt. Man wird Fragen stellen, wird Zweifel hegen und wird uns verdächtigen, wenn wir die Leiche nicht beseitigen. Wir müssen sie fortschaffen, aber wie sollten wir das machen?« Eine ganze Weile herrschte Schweigen. Wyvill blickte wütend um sich her. Der junge Mensch stand bleich und bebend da und spähte allenthalben hin, wobei er ängstlich vermied, die Leiche auf dem Boden anzusehen und West, der zusammengesunken war, hielt das Lineal in der Hand und schwenkte die blutbefleckte Waffe wie geistesabwesend hin und her. Nun sprach Wyvill schnell: »Einige Treppen höher befindet sich ein leeres Bureau, in dem ein Unbekannter leicht seinen Tod finden kann, wenn er den Ort als letzte Zufluchtsstätte aufgesucht hat. Hinten führt eine Treppe hinauf. Wir müssen die Leiche dort hinaufschaffen. Kommen Sie mit.« Viel zu erschüttert, um Widerstand zu leisten, bei der Berührung des Toten erschaudernd, standen sie doch zu sehr unter der Gewalt des Generalsekretärs, und die beiden unschuldigen Leute, der Finanzmann und der junge Angestellte trugen die Leiche Duntons in Ihr Bureau hinauf, Herr Wise. Soweit befanden sie sich in Sicherheit, denn man hatte sie nicht gesehen, doch als sie gerade die Leiche auf den Fußboden gelegt hatten, wurde auf der Treppe ein Schritt hörbar und der Betreffende schien gerade vor der Tür stillzustehen. Das Entsetzen ließ sie verstummen und Wyvill flüsterte: »Der Kamin – der Kamin.« Sie packten die Leiche und wie wahnsinnig vor Schrecken steckten sie sie in den Kamin. Wer dort draußen vorübergegangen war, erfuhren sie nicht.« Kapitel 22. Was die Themse verschlingt Millbank erzählte weiter. »Ehe sie es wagten, das Zimmer wieder zu verlassen, blickten sie auf die dunkle Hintertreppe hinaus und dann schlichen sie leise in Wyvills Bureau zurück, schlossen sich dort ein und atmeten nun wieder frei auf. West und Wyvill vermieden es, sich anzusehen. Auf den Diamantenfeldern waren sie an gewalttätige Auftritte gewöhnt und hatten sich deshalb bald wieder gefaßt, voller Zweifel aber blickten sie auf den leichenblassen zitternden Kommis. »Das ist eine traurige Geschichte.« sagte Wyvill, »ein unglückseliger Zufall.« Damit legte er seine Hand auf die Schulter des jungen Mannes und sah ihn mit seinen schielenden Augen fest an. »Ich würde mir lieber die Hand abgeschlagen haben, als Sie in die gräßliche Gefahr zu bringen, bei dem Fortschaffen der Leiche beteiligt zu sein. Ich verspreche Ihnen aber, junger Mann, daß Sie darunter nicht leiden sollen. Hier sind fünf Pfund Sterling. Gehen Sie nach Hause. Sie haben eine Woche Urlaub. Ich verspreche Ihnen ferner, daß, sollte die Sache jemals herauskommen, Herr West und ich alles aufbieten werden, um Sie herauszulassen. Das schwöre ich Ihnen zu. Aber sie wird natürlich auch nicht herauskommen, denn wir beide bewahren tiefes Stillschweigen und so wird niemand etwas erfahren. In einer Woche werden Sie alles vergessen haben, was geschehen ist und bleiben Sie immer eingedenk, daß Sie uns vollständiges Vertrauen schenken können.« Der Mann ist ein abgefeimter Bösewicht; der junge Kommis ging seines Weges. Einige Tage verstrichen und es ereignete sich nichts. Eines Morgens aber klopfte der Kommis mit verstörten Blicken an Wyvills Tür. »Herr Wyvill, Herr Wyvill, das Bureau oben ist vermietet, es ist vermietet!« Wyvill warf ihm einen wütenden Blick zu, streckte seine Hand aus und zog den jungen Menschen in sein Zimmer. »Sie Narr,« schrie er ihn an, »müssen Sie denn das in die ganze Welt hinausposaunen? Was ist denn los? Wann wurde es vermietet, ich wollte es mir gerade nehmen.« »Man ist bereits oben, es ist jemand aus dem Stockwerk über uns. Ein Privatagent. Ein Detektiv.« »Ein Detektiv!?« »Ja, ein Herr Justus Wise.« In diesem Augenblick wurde, an die Tür geklopft und zitternd blickten sich die beiden an. Wyvill war ebenso blaß wie der andere. Er faßte sich aber schnell und schritt zur Tür. West stand davor. Von ihrem Anblick erschreckt, stieß er die Frage heraus: »Ist die Leiche gefunden worden?« Er erfuhr die Sachlage. Die Pläne, die sie während der letzten Tage gemacht hatten, um die Leiche für immer fortzuschaffen, erübrigten sich nun. Jetzt, wo die Entdeckung so nahe bevorstand, schien ihnen die Gefahr ungeheuerlich. Schon die Erwähnung des Wortes Detektiv drang ihnen durch Mark und Pein und der Gedanke, daß von diesem Mann die Schritte herrührten, die sie an jenem Abend auf der Treppe gehört hatten, daß er sich jetzt mit der Leiche in einem Zimmer befand, sie entdeckt haben würde und über sie beide Erkundigungen einzog, ließ ihr Blut erstarren. »Was mag oben vorgehen?« fragte Wyvill und schüttelte energisch die Betäubung ab. »Das muß ich sehen, das muß ich wissen.« Er schritt zur Hintertür und verschwand in der Dunkelheit der Treppe. Einige Minuten saßen West und der Kommis schweigend da und starrten auf die Tür und dann hörten sie von der Treppe einen gedämpften, aber schweren Schritt, ein Geräusch, als wenn jemand eine große Last trüge, unter deren Gewicht er zusammenbrach. Das Geräusch kam immer näher, erreichte dann den Vorplatz und stockte draußen vor der Tür. West und der junge Mensch vermochten das Entsetzen nicht länger zu ertragen und sprangen auf. Da öffnete sich die Tür allmählich und Wyvill, die Leiche Duntons im Arm. stolperte atemlos ins Zimmer hinein. Von Erstaunen und Angst gepackt, sprang West zur Tür, verschloß sie zweimal und der Kommis lehnte sich gegen die Wand und bedeckte die Augen. Der erschöpfte und betäubte Wyvill sank in einen Sessel, seine Augen rollten. Mit heiserer Stimme sagte er: »Man hat sie gefunden, ich sah es durchs Schlüsselloch. Sie hatten ein Feuer angezündet und zogen die Leiche im Kamin herunter. Sie untersuchten sie, wußten aber von nichts und hatten keinen Verdacht. Ich hörte sie sprechen. Sie fürchteten sich. Es wurde dann an ihre Tür geklopft. Das erschreckte sie, weil sie Angst hatten, selbst in Verdacht zu geraten, der Mann und sein Angestellter. Sie verließen das Zimmer und schlossen die Tür ab. Wir hatten seine Taschen noch nicht durchsucht, was sie gerade im Begriff waren zu tun. Ich öffnete mit meinem Schlüssel die Tür, trat ein, hob die Leiche auf und brachte sie herunter.« Die Wirkung, die Millbanks schauerliche Geschichte auf den mit weit geöffneten Augen zuhörenden Wise hatte, läßt sich schwer beschreiben. Allmählich dämmerte ihm auch die Erklärung für so manche Dinge auf, die ihm bis dahin unverständlich geblieben waren. Er nahm jedoch davon Abstand, mit irgend einer Bemerkung den Sprecher zu unterbrechen. Der Verwundete fuhr fort: »Der junge Angestellte und William West blieben eine Weile vom Schreck gepackt, betäubt sitzen, nachdem der Generalsekretär seinen schaurigen Bericht beendet hatte. Jeden Augenblick fürchteten sie, daß sich die Tür öffnen würde und in deren Rahmen die fragenden und anklagenden Gestalten der beiden Männer von oben erscheinen würden, die die Leiche gefunden hatten und die nun bei ihrem unerklärlichen Verschwinden erstaunt und erschreckt sein mußten und die deshalb sicherlich bereits Alarm geschlagen hatten. Aber kein Laut ließ sich hören, außer dem raschen Atmen des Generalsekretärs. Wie ein leerer Sack war die Leiche zu Boden gefallen. West wandte sich von ihrem Anblick ab und flüsterte mit heiserer Kehle: »Sind Sie sicher, daß man Sie nicht gesehen hat.« Wyvill sah ihn an. In das blasse Gesicht war etwas Farbe zurückgekehrt, aber die Augen schielten noch gräßlich. »Nein, man hat mich nicht gesehen, das konnte man nicht.« stieß er keuchend hervor. »Aber, o mein Gott, wie nahe war ich am Verderben, wenn sie in das Bureau wieder zurückgekommen wären! Während der ganzen Zeit, wo ich die Leiche aufhob, hörte ich sie sprechen.« Abermals richteten sich die Augen der drei Männer auf die Tür. »Es ist schrecklich, sie hier zu haben,« sagte West, »was sollen wir damit anfangen?« »Die Taschen untersuchen,« entgegnete Wyvill wie von Sinnen. »Wir müssen verrückt gewesen sein, vollständig verrückt, daß wir das nicht früher getan haben.« »Nicht für tausend Pfund würde ich sie berühren,« murmelte West zusammenschaudernd. Wyvill betrachtete ihn achselzuckend und strich sich dann langsam den Ruß und die Asche vom Aermel. »Ich nahm die Leiche auf und trug sie die Treppe herunter,« sagte er. »und die Leute befanden sich im Nebenzimmer, ich führe die Sache jetzt ruhig durch.« Er kniete neben der Leiche nieder, die beiden anderen beobachteten ihn mit gespannten Blicken. Nach einigen Minuten erhob er sich wieder mit einigen Papieren in der Hand. In einem eigentümlichen Tone sagte er: »Sie wollten ihn nicht anrühren für tausend Pfund, vielleicht tun Sie es für hunderttausend.« Er hatte ein Papier von den anderen abgesondert und las es gedankenvoll durch. Dann führte er West in eine Ecke des Bureaus, möglichst weit von dem Angestellten entfernt. Der junge Mensch sah, wie Wyvill das Papier West zeigte, er sah, wie dieser zusammenfuhr und es seinen Händen entriß, hörte, wie der Finanzmann einen erstaunten Ruf ausstieß und dann fiel er selbst mit einem kurzen Seufzer zu Boden. Die Aufregung war zuviel für ihn gewesen. Er war in Ohnmacht gefallen. Das ist alles, was er von der Angelegenheit wußte. Als er wieder zu sich kam, fand er sich in seiner Wohnung im Bette, wo er auch eine Zeitlang krank liegen blieb, von Wyvill sorgfältig gepflegt. Als er dann später ins Geschäft zurückkehrte, war die Leiche natürlich längst verschwunden und wurde mit keinem Worte mehr erwähnt. Wie Sie wissen, wurde sie später in der Themse aufgefunden, wohin sie West und der Generalsekretär oder dieser mit unbekannten Helfershelfern gebracht haben muß.« »Und die Papiere? Die Schriftstücke?« fragte Justus atemlos. »Das müssen Duntons Anteilscheine gewesen sein, die seitdem nicht wieder zum Vorschein kamen. Stellen Sie sich vor, was das für diese Leute bedeutete, die bereits im Besitze meiner Anteilscheine waren. Es bedeutete nichts weniger als ein Riesenvermögen, als eine Umwandlung ihrer anderen Pläne von zweifelhaften Wagnissen zu sicherem Erfolg. Es bedeutete für sie alles, solange das Geheimnis von Peters Tode verschwiegen blieb und solange sie mich aus dem Wege halten konnten.« »Aber Sie hielten sich nicht aus dem Wege,« sagte Justus. »Sie veranlaßten doch die Verhaftung von West?« »Nein, das war ich nicht. Ich ahnte zwar ein Verbrechen, noch ehe ich es wußte. und als ich es erfuhr, schwor ich, meinen Freund zu rächen. Zunächst hatte ich aber an meinen Sohn zu denken, an seine Zukunft und ehe ich Wyvill zum Teufel schickte, mußte ich die Anteilscheine wieder haben.« »Wer hat die Polizei denn auf West gejagt?« »Ich glaube, es war ein Mädchen. Peter stand allein in der Welt und sehnte sich, gutmütig und leichtherzig wie er war, nach Gesellschaft. So wurde er mit dem recht ordentlichen jungen Mädchen sehr befreundet, das hinter der Bar in dem Hotel stand, in dem er wohnte. Das Mädchen wußte von seiner Verabredung mit West an jenem Tage, wußte auch von einem Zwist zwischen ihnen, sonst aber nichts und hörte dann, daß Peters Leiche in der Themse aufgefunden sei. Sie meldete das der Polizei, und die Tatsache, daß West in seiner Aufregung das blutbefleckte Lineal, mit dem Wyvill den verhängnisvollen Schlag ausgeführt, in seine Tasche gesteckt hatte, in Verbindung mit anderen Umständen, die mir unbekannt geblieben sind, führte seine Verhaftung herbei.« »Aber weshalb spricht er denn nicht, weshalb belastet er Wyvill nicht?« »Er wird das tun, und würde es auch schon getan haben, um sein Leben zu retten. Aber erst im letzten Augenblicke, denn vorher würde das seinen finanziellen Ruin bedeuten. Ehe Wyvill nicht Zeit gelassen worden ist, die Anteilscheine an den Minen zu verwerten und ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, steht ihr ganzes Vermögen auf dem Spiel. Würde West sprechen, so folgte daraus noch gar nicht unbedingt, daß er entlassen wird, während Wyvill unbedingt verhaftet werden würde. Wenn aber beide gleichzeitig im Gefängnis sitzen, so wäre das ihr vollständiger Ruin.« Justus nickte. »Sie verstehen jetzt, weshalb ich Ihnen dies alles erzählen mußte, was ich übrigens zumeist erst später von den Beteiligten erfahren habe. Wyvill besitzt natürlich meine Anteilscheine. Er hat sie von Fräulein West gestohlen. Sie haben mir das selbst erzählt. Daß er sie stehlen mußte, ist klar, denn er konnte keine Vollmacht von West erlangen und ohne eine solche gab die junge Dame die Wertstücke nicht heraus. Nun konnte er in Ruhe und insgeheim ihre Angelegenheiten ordnen. Und da hätte ich nun seiner habhaft werden können – ich hatte ihn ja in meiner Gewalt, wenn der verzweifelte Anfall nicht gekommen wäre. Jetzt ist aber alles in Ihren Händen. Sie müssen ihn abfangen, Sie müssen ihm die Anteilscheine abnehmen und sie meinem Sohn geben. Ich vertraue Ihnen – ach, mein Sohn – es geht zu Ende!« Erschreckt sprang Justus zu ihm heran: der Verwundete war zurückgesunken. War er tot? Jedenfalls war er bewußtlos und Justus stürzte zur Tür hinaus nach unten. In der Bar traf er die Frau des Besitzers, die ihn erstaunt anschaute. »Ach du meine Güte, Herr Wise. Sie sind noch hier, wir dachten. Sie wären schon seit Stunden fort. Mein Mann kam hier herein und sagte, Dora, es tut mir so leid, daß Herr Wise und sein Freund fortgegangen sind und ich habe ihnen doch die Flasche Brandy aufgemacht und darauf kommt unser Nachbar, dessen Garten an unseren Hof stößt, und erzählte, daß jemand über unsere Mauer gesprungen sei und in seinem Gartentreibhaus eine Menge Scheiben zerbrochen habe – ich bin sicher, das haben Sie nicht getan. – Mein Mann ist jetzt herumgegangen, um sich die Sache anzusehen. Und nun sind Sie während der ganzen Zeit hier gewesen?« »Es ist oben ein Unglück geschehen. Der Herr, der bei Ihnen wohnt, hat meinen Freund angefallen und ihn erstochen. Bitte, gehen Sie gleich hinauf und sehen Sie sich nach ihm um. Ich hole schnell einen Arzt.« »Ihren Freund erstochen? Der Herr von oben. Aber Herr Wise, was soll das heißen?« rief die behäbige Wirtin voller Bestürzung. Aber Justus war nicht in der Stimmung. Fragen anzuhören und Erklärungen abzugeben. Er war bereits verschwunden und überließ es der Wirtin, den Weg nach oben allein zu gehen. Er wollte frei sein und einer Verhaftung entgehen, um ungestört handeln zu können, falls Millbank bereits tot war. Der Verdacht, an diesem Morde beteiligt zu sein, konnte ja leicht auf ihn fallen. In raschem Lauf eilte er die Straße entlang, an deren Ecke ein Arzt wohnte. Er wußte, daß dieser den Eigentümer des Hotels behandelte. Er zog die Klingel und sagte dem erscheinenden Diener, daß sein Herr sofort im »Marquis von Grandy« verlangt würde. Dann eilte er weiter. Unterwegs wiederholte er sich die Worte: Jemand ist über die Mauer in den Nachbargarten gelangt und er setzte hinzu: und ist offenbar unbehindert weiter gekommen. Er überlegte, daß es keinen Zweck habe, sich hier weiter aufzuhalten, denn mehr würde man ihm bei diesem Nachbar auch nicht sagen können. Wyvill ist entwischt, aber ich will ihn packen, so wahr ich Justus Wise heiße. Das schwor er sich. Zunächst suchte er ein Telephonamt auf und ließ sich mit dem Hause von West am Berkeley Square verbinden. »Ja, Justus Wise,« antwortete er auf eine Frage des alten Butt, dessen Stimme er erkannte. »Ist Herr Millbank dort? Sagen Sie ihm, daß ich ihn sofort zu sprechen wünsche. Butt, es ist sehr eilig.« Einen Augenblick später hörte er die Stimme von Georg Millbank am Telephon. »Hallo. Herr Wise, sind Sie es? Sie sind gerade der Mann, den ich sprechen wollte. Es geht ihr besser, sie kann wieder sprechen, der Arzt erklärt, sie sei außer Gefahr und würde sich bald erholen. Und nun kann ich Ihnen sagen, Herr Wise, der Attentäter, der Schurke war nicht mein – nicht der, den Sie glaubten. Es war ein rothaariger Mensch mit blassem Gesicht, der etwas schielte. Sophie kennt ihn vom Sehen, er ist ein Geschäftsfreund von West. Ist es nicht sonderbar – der Mann heißt Wyvill.« »Ich weiß, ich weiß.« sagte Justus, »mein lieber, junger Herr. Sie haben vollkommen recht, er ist es.« »Sie wissen das, Gott im Himmel? Wieso?« »Ja. ja, ich weiß es. Aber Herr Millbank, nun hören Sie mich bitte mal an. Herr Millbank senior, Ihr Vater, hat einen sehr schlimmen Unfall erlitten. Er befindet sich jetzt im »Marquis von Gramby« in Whitton. Brutonstraße, und zwar, wie ich fürchte, in einem sehr gefährlichen Zustande. Sie müssen sofort zu ihm, bitte ohne Aufschub.« »Mein Vater!? Ein Unglücksfall! Gott im Himmel, natürlich werde ich sofort kommen. Sie sind doch dort? Sie werden doch auf mich warten?« Justus zögerte eine Sekunde und hing dann den Hörer auf. »Das Telephon hat noch einen Nebenvorteil, man braucht nicht alle Fragen zu beantworten,« sagte er sich. And dann fuhr er in seinem Selbstgespräch fort: »Ich werde nicht dort sein, denn ich habe noch andere Dinge zu tun. Wyvill pflegt sehr rasch zu handeln und deshalb habe ich keine Zeit zu verlieren. Auch kann ich mir nicht denken, mein lieber junger Freund, daß Sie mir irgendwie nützlich sein könnten, wenn ich auf Sie wartete. Es handelt sich jetzt für mich lediglich um einen Kampf mit dem flüchtigen Generalsekretär. Der rothaarige Herr hat letzthin einige Male meine Pläne über den Haufen geworfen, als die Dinge sehr vielversprechend aussahen und das kann wirklich nicht so weitergehen.« Wohin nun zuerst sich wenden, fragte er sich. Die Sache hat Eile und jeder falsche Schritt muß vermieden werden. Wohin mag er sich jetzt wohl zuerst begeben haben? Er hat alle Anteilscheine bei sich. Da er nun aber den älteren Millbank nahezu getötet hat, wird er nicht imstande sein, dessen Anteile in England zu verkaufen, so daß er sich gezwungen sehen wird, sie am Kap loszuschlagen, wo er bekannt ist und Leute finden wird, die Geschäfte mit ihm machen werden. Er ist nun aber aus dem »Marquis von Gramby« plötzlich geflohen, mit Blut an den Händen und hat sich nicht die Zeit gelassen, irgend etwas mit sich zu nehmen. Natürlich kann er nicht nach Afrika ohne Gepäck, ohne Kleidung, ohne Geld gehen. Geld? Hat er denn Geld genug bei sich, um überhaupt die Reise zu unternehmen? Wird er direkt nach Southampton gehen und versuchen, das Schiff zu erreichen, das morgen früh absegelt, oder wird er erst in seine Wohnung nach St. Jones Wood gehen, um sich Geld und Kleider zu holen? Das war die Frage. Justus ging weiter, bis er an einen Zeitungsladen kam, wo er sich die »Morning-Post« kaufte. »Das Postschiff fährt morgen vormittag halb zwölf Uhr ab,« las er. Und nun entschloß er sich, zuerst nach St. Jones Wood zu fahren. Kapitel 23. Die Jagd auf den Schnellzügen Justus hatte dem Kutscher seines Taxameters Eile anempfohlen und das leichte Gefährt jagte und sprang dahin wie ein Hase über Feldfurchen. Ob ich ihn dort wohl abfange, fragte er sich. Wenn er in seine Wohnung kommt, so bleibt er sicherlich nicht länger dort als er braucht, um das Nötige zusammenzuraffen. Er kann einen allzu großen Vorsprung vor mir nicht haben, denn sicherlich – zapperlot, das war ein Stoß! – schneller als ich hat er nicht vorwärts kommen können. Hallo, das sah ja ganz so aus. als ob er in dem Wagen gesessen hätte. Er erhob sich und blickte hinaus. Er befand sich jetzt bereits in der Nähe von St. Jones Wood auf einem breiten, spärlich erleuchteten Wege, wo eben aus der entgegengesetzten Richtung ein anderer Wagen in wilder Hast vorübergeflogen kam. Und in diesem Wagen glaubte Justus eine zusammengekauerte Gestalt gesehen zu haben, die eine Aehnlichkeit mit Wyvill hatte. Er fühlte sich deshalb einen Augenblick versucht, dem verschwindenden Wagen nachzufahren, doch meinte er dann, es sei richtiger, den Weg fortzusetzen, denn er könne sich getäuscht haben, weil Wyvill auch gar nicht so schnell hätte fertig sein können. Wenige Minuten später hielt der Wagen vor dem Gittertor und Justus sprang heraus. Er ist hier, sagte er sich, da er sofort bemerkte, daß das Haus einen ganz anderen Eindruck machte als wie er es zuerst gesehen. Denn jetzt stand das Gittertor weit offen, das vermutlich seit der Zeit, als Millbank mit seiner kräftigen Schulter es aufgebrochen hatte, gar nicht wieder geschlossen war. Ein helles Licht in der Eingangshalle zeigte, daß auch die Haustür weit offen stand, so daß selbst die Treppe sichtbar wurde. Er ist hier, sagte sich Justus, oder auch vielleicht schon wieder fort. Nach kurzem Zögern durchschritt er die Pforte und ging bis ans Haus. Ich wollte, ich hätte mir einen Revolver gekauft, murmelte er vor sich hin. Wyvill ist ein gefährlicher Mensch und wird von meinem Erscheinen hier nicht sonderlich erbaut sein. Und wenn ihm auch die Beine zitterten, so ging er doch weiter, denn der Mann war hier, die Anteilscheine waren hier, Geld und Glück erwarteten ihn; er mußte weiter. Aber der Gesuchte war nicht hier! Wenige Augenblicke der Durchsuchung des Hauses bewiesen das. Ja, er war hier gewesen und zwar kürzlich. Auch weniger scharfe Augen als die von Justus Wise hätten diese Tatsache festgestellt. Offene Koffer, deren Inhalt umhergestreut, durchwühlte Schubladen. Papierhaufen – teils zerrissen, teils in mehreren Kaminen zur Hälfte verbrannt, Blutflecken auf einer Tischdecke, an einer Tür. an einem halbgeleerten Glas Brandy auf einem Büffet – alles das sprach von einem eiligen Besuch und einer eiligen Flucht und das Haus war vom Dach bis zum Keller leer. So war er es doch, der in dem Wagen an mir vorüberfuhr, rief Justus, ich fühlte es förmlich, daß er es war. Er warf einen letzten verzweifelten Blick um sich. Die Schriftstücke zogen seine Aufmerksamkeit auf sich, aber er schüttelte den Kopf. Ich will nur die Anteilscheine nur die Anteilscheine, rief er. Mag die Polizei nach allem übrigen sehen, ich will ihn vor der Polizei haben. Damit stürzte er aus dem Hause und bestieg den Taxameter wieder, der sich eben umgewandt und auf ihn gewartet hatte. »Waterloo – Hauptstation,« rief er und sprang in den Wagen. »So schnell, wie Sie können.« Und der brave Kutscher fuhr so rasch wie ein Auto. Ihn kümmerten nicht Ecken und Prellsteine und so dauerte es nicht lange bis er unter die Halle einbog, die zu dem Eingang der Station Waterloo führt. Behende sprang Justus ab und nahm sich nicht einmal die Mühe, über den hohen Fahrpreis zu schimpfen, den er zu zahlen hatte. »Southampton.« rief er, »wann geht der nächste Zug nach Southampton?« »Im nächsten Augenblick. Sie bekommen ihn noch, wenn Sie sich sehr beeilen.« sagte ein Portier. »Wann ist der letzte Zug gegangen?« fragte Justus, als er, von dem Portier geführt, den Perron entlang lief. »Vor anderthalb Stunden. Dies ist der Schnellzug.« Er war allerdings so schnell, daß es Justus nur mit Unterstützung seines freundlichen Führers gelang, ihn zu besteigen oder richtiger gesagt, er wurde hinauf gehoben; trotzdem gelang es ihm, in seiner Erregung bei einem Blick in die Wagenreihe ein fahles Gesicht, einen Kopf mit roten Haaren zu erspähen, das aus einem Fenster vorn im Zuge heraussah. So war denn seine Jagd nicht vergeblich gewesen. Atemlos, aber mit einem Triumphgefühl lehnte er sich in die Polster zurück. Er war sicher, daß auch Wyvill ihn gesehen hatte und nahm sich vor, den Zug bei der ersten Haltestation – das war Winchester – sorgfältig zu beobachten. Glücklicherweise war das Abteil, in dem Justus saß, leer, so daß niemand seine Erregung und Aengstlichkeit bemerken konnte, mit der er auf und abschritt, um hin und wieder aus dem Fenster zu sehen, wenn der Zug durch eine unterirdische Station flitzte oder an einem gefährlichen Kreuzpunkt die Schnelligkeit herabsetzte. Etwa auf der Hälfte zwischen Waterloo und Woking kam ein Zug in gleicher Richtung auf einem Bahngleise heran, der mit dem Zuge, in dem sich Justus befand, sozusagen ein Wettrennen begann. Es hatte ganz den Anschein, als ob dieser zweite Zug den ersten überholen wollte. Justus sah, wie der Heizer vor den Flammen des Kessels tätig war und den Lokomotivführer ernst und diensteifrig auf seinem Posten. Wagen auf Wagen rollte heran, die Fahrgäste blickten sich gegenseitig an und machten sämtlich so alberne Gesichter, wie das die Menschen unter solchen Umständen zu tun pflegen und endlich erschien der letzte Wagen mit dem Dienstkoupee und verschwand dann ebenfalls. Dann aber mußte die Maschine des ersten Zuges kräftig ausgehoben haben, denn wenige Minuten darauf liefen die beiden Züge in gleicher Geschwindigkeit wieder neben einander. Justus nickte einem Schaffner des anderen Zuges freundlich zu; wenn er die Hand ausstreckte, konnte er dessen Kopf berühren. »Das ist doch sehr spaßig.« sagte sich Justus, »wenn wir so Schritt nebeneinander halten, könnte ich trotz dieser Geschwindigkeit in den Wagen drüben ganz leicht hinüber. – O Himmel! Hallo! Hilfe! Halten Sie den Mann!« Als er sich hinausgelehnt und an den beiden Zügen hinunter gesehen, war aus einer Tür vorn in seinem Zuge eine Gestalt erschienen, die sich einen Augenblick aus dem Fußbrett des Wagens gehalten und dann rasch und leicht auf den andern Zug hinüber getreten war. Wild vor Aufregung, hatte Justus die Tür seines Abteils geöffnet und den ihm gegenüber stehenden Schaffner des anderen Zuges mit heftigen Gebärden zugewinkt. »Der Mann dort, der Mann dort,« schrie er. Durch sein Rufen aufmerksam geworden, hatte auch der Schaffner von drüben seine Tür geöffnet und war Justus Blicken gefolgt. »Bringen Sie den Zug zum Halten!« schrie Justus außer sich. »Der Mann wird sonst entwischen!« Aber der Wagehals da vorne hatte festen Fußgefaßt. Der Schaffner schüttelte den Kopf. »Wir können nicht vor Woking halten.« schrie er. »Der Mann da vorn ist schon sicher auf unserm Zug.« Die Geschwindigkeit der Züge war wieder verschieden geworden und es sah so aus, als ob sie auseinander kämen. Justus beugte sich weit vor. »Passen Sie jetzt auf,« rief er mit lauter Stimme, »ich komme jetzt auch zu Ihnen herüber.« Und indem er seine Kräfte stählte, gab er sich von der Eisenstange außerhalb der Tür einen kräftigen Abschwung – ein kühner, aber sicherer Sprung, ein kräftiger Ruck durch die Hand des erschreckten Schaffners – und Justus befand sich in dem zweiten Zug, atemlos und lebend. »Gott im Himmel, ich wäre beinahe gefallen,« sagte er. »Gewiß,« entgegnete ihm der Schaffner, »machen Sie dergleichen Geschichten nicht wieder.« Er war wieder zu seinem Fenster getreten, hatte die Tür geschlossen und blickte hinaus. »Ich möchte wohl wissen, was Sie damit bezwecken,« sagte er und wandte sich nach Justus um, »das muß gemeldet werden und alles um nichts.« »Um nichts!« wiederholte Justus, »es war um mehr, als Sie ahnen können, – Jener Mann – ich möchte nicht, daß er mir entwischte – ich würde tausend Pfund Sterling geben –« »Tausend Pfund Sterling, wirklich? Na, er ist aber schon fort.« »Fort? Er ist ja doch in diesem Zuge, Sie haben es mir ja selbst gesagt.« »Gewiß, er kam auch auf den Zug, aber er ist schon wieder davon. Sobald er sah, daß Sie ihm gefolgt waren, sprang er wieder auf den ersten Zug zurück und hätte beinahe dabei das Genick gebrochen. Ihr Herren scheint kein großes Gewicht auf euer Leben zu legen.« »Fort! Wieder zurück?« schrie Justus wie wahnsinnig, »ach, lassen Sie mich fort, lassen Sie mich auch wieder zurück.« Der Schaffner wies auf das Fenster, das nun dunkel und leer erschien. »Wir sind vor etwa zehn Minuten über die Kurve gekommen, der andere Zug hält nicht vor Winchester und wir halten erst in Woking.« »Dann halten Sie doch diesen Zug an,« rief Justus, »ich gebe Ihnen fünf Pfund dafür.« »Ich kann es nicht für fünfzig tun, es hätte auch gar keinen Zweck. Sie können doch den Süd-Expreß nicht zu Fuß erreichen, wenn Ihr Freund und Sie auch recht rührige Menschen sind.« »Es handelt sich aber um Leben und Tod,« stöhnte Justus. »Ja, das tat es fast. Mein Gott, ich glaubte. Sie wären verloren, als ich Ihre Hand packte. Doch nun, mein Herr, hat die Sache keinen Zweck mehr. Ihr Freund oder was er sonst sein mag, ist meilenweit weg von hier. Sie können nichts besseres tun, als in Woking auszusteigen und – wohin fährt Ihr Freund denn eigentlich?« »Ich denke nach Southampton.« »Da können Sie also in Woking aussteigen und den nächsten Schnellzug nehmen. Es ist höchstens ein Zeitunterschied von zwei Stunden, die Sie später in Southampton eintreffen als er, das heißt natürlich, wenn es ihm nicht wieder einfällt, einen Spaziergang zu machen, aber er wird dergleichen Scherze doch nicht oft mehr wiederholen, ebenso wenig wie Sie.« »Ich habe auch kein Verlangen danach,« seufzte Justus, »ich wollte, ich hätte es nicht getan. Indeß wenn ich ihm nicht gefolgt wäre, so würde er hier und ich würde dort sein und die Geschichte käme ganz auf dasselbe heraus. Ach, weshalb habe ich ihn nicht beobachtet?« »Na, deshalb brauchen Sie sich nun keine Vorwürfe zu machen.« sagte der Schaffner tröstend. »Wenn Sie auf ihn achtgegeben hätten, statt darauf, meine Hand zu erfassen, so lägen Sie jetzt auf dem Wege, von dem es kein Zurück mehr gibt.« Justus nickte. »Ich glaube, Sie haben recht! O Himmel, wann kommen wir nach Woking?« Kapitel 24. Der Mann am Schalter Justus vertrieb sich die Zeit, so gut es ging, indem er mit dem Schaffner plauderte. In Woking angekommen, wurde, nachdem er den Zug verlassen, ein Protokoll mit ihm aufgenommen: er mußte seine Adresse hinterlassen. Dann setzte er sich nieder und wartete geduldig auf den Zug nach Southampton. Das ließ ihm Ruhe, gemächlich und trostreich zu überlegen, daß Wyvill nicht vor halb zwölf am andern Morgen nach dem Kap absegeln konnte und bis zu der Zeit in Southampton zu warten hatte. Er wollte Southampton vom Westbahnhof bis zu den Werften durchforschen, damit Wyvill ihm nicht wieder entwischte. Endlich fuhr sein Zug ein. Justus hatte ihn bestiegen und freute sich, auf dem Wege zum Seehafen zu sein. Vor seiner Abreise hatte er jedoch an Georg Millbank sowohl nach dem »Marquis von Granby« als nach Berkeley-Square depeschiert, um ihm mitzuteilen, daß er plötzlich abberufen sei, so schnell als möglich aber in das Haus von West zurückkehren und jedenfalls dorthin seine Adresse senden würde, falls er noch länger fortbleiben müßte. Seine jetzige Fahrt verlief ungestört und bald hatte er sein geistiges Gleichgewicht und seinen angeborenen Optimismus wieder erlangt. Der Zug hielt sowohl in Southampton West als an der Werft. Justus entschloß sich, auf der ersten Station auszusteigen und von dort seine Nachforschungen zu beginnen. Southampton war schließlich kein London und Wyvill eine ziemlich auffällige Erscheinung. Es wäre sonderbar, wenn er nicht die Aufmerksamkeit von irgend jemand auf sich gelenkt hätte, der dadurch imstande war, Justus beizustehen. Indeß schon nach einer Stunde reger Nachfrage leuchtete es Justus ein, daß Wyvill nicht am Westbahnhofe in Southampton ausgestiegen war. Weder seine Anfragen bei den Stationsbeamten, noch sein diskretes »Anklopfen« in den verschiedenen Hotels gaben Justus irgend welche Kunde über den Generalsekretär. Er beschloß daher, sich nach den Werften aufzumachen. Der Weg vom Westen Southamptons nach dem Hafen unter der großen Brücke hindurch und längs der sonderbar riechenden, schlammigen Küste ist nach Dunkelwerden sehr einsam. Es liegt aber ein gewisser Reiz in dem eigenartigen Fischgeruch, die Lichter der Schiffe und der gegenüberliegenden Küste üben eine farbenreiche Wirkung aus, überall herrscht rühriges Leben, und so schritt Justus trotz seiner Aufregungen und Enttäuschungen dieses Tages ganz zufrieden weiter. Bald befand sich Justus vor den Bureaus der verschiedenen Dampferlinien. Wyvill muhte sich ja für die Ueberfahrt eine Fahrkarte gelöst haben und danach erkundigte sich Justus. Er erhielt zu seiner Enttäuschung jedoch die Auskunft, daß auf der Castel-Linie kein Mensch, auf den eine Beschreibung Wyvills passen konnte, in den letzten Stunden einen Platz gekauft hatte und in der Passagierliste für das am folgenden Morgen ausfahrende Schiff fand sich Wyvills Name auch nicht. Gerade im Begriff, das Bureau zu verlassen, sah Justus einen Mann eintreten, der beim Anblick von Justus sich schnell zurückzog, aber als er bemerkte, daß Justus seine Bewegung beobachtet hatte, zögerte er und schritt dann wieder vorwärts. Doch trat er nicht an den Ladentisch heran, sondern scharrte unruhig mit den Füßen und es kam Justus so vor, als ob die angebliche Beschäftigung des Fremden mit der Besichtigung der Bilder von den verschiedenen Dampferlinien und dem Durchblättern der Fahrplanbücher lediglich einen Vorwand abgab, auf die Entfernung von Justus zu warten und dann erst den Zweck seiner Anwesenheit zu verfolgen. Das Benehmen des Mannes lieferte Justus Stoff genug, um aufmerksam zu werden; er warf ihm deshalb einen langen forschenden Blick zu, unter dem der andere offenbar sehr verlegen wurde. Diese Verlegenheit gab sich so sichtbar kund, daß Justus einige Sekunden von dem ungeheuerlichen Gedanken erfüllt wurde, der Mann könne der verkleidete Wyvill sein. Ein zweiter Blick überzeugte ihn jedoch von der Torheit dieses Gedankens. Wyvill war groß, dieser Mann kurz und breit. Wyvill war blaß und rothaarig, dieser Mann hatte die Gesichtsfarbe eines Mulatten, dessen dunkles Haar sich ganz natürlich auf dem eiförmig großen Kopfe kräuselte und dessen dicke Lippen und dunkle Augen mit ihrem Gelblich-Weiß deutlich das Heimatland des Mannes bekundeten. Nein, Wyvill war das nicht, aber ganz bestimmt war dem Manne die Anwesenheit von Justus unbequem, weil er etwas zu verbergen hatte. Justus hörte nicht auf, ihn scharf zu beobachten. Aber auch der andere schielte unausgesetzt zu Justus hinüber bis dieser zu einem plötzlichen Entschluß kam. Er riß seine Uhr heraus und murmelte vor sich hin: »Himmel, ist das spät.« Dann verließ er das Bureau. Draußen aber blieb er stehen und blickte durch die Glastür. Genau wie er erwartet hatte, sah er nun, daß sich der Mulatte an den Zahltisch begab und eine eifrige Unterredung mit dem Angestellten begann. »Aha.« sagte sich Justus, »jetzt nimmt er eine Fahrkarte für sich oder für –« Justus wartete noch einige Minuten, betrat dann das Bureau wieder und schritt direkt auf den Zahltisch zu, indem er den Angestellten ansprach: »Verzeihen Sie. wollen Sie mir gefälligst sagen, wann die »Saxonia« morgen früh abfährt?« »Etwa um halb zwölf. Können Sie das nicht dort gedruckt lesen?« meinte wenig höflich der Angestellte. »Das kann ich wohl, aber ich wollte es nicht.« sagte sich Justus, nachdem er das Bureau wieder verlassen und auf der Straße stand. »D. Winter, eine Erste Klassenkabine nach Kapetown. soviel habe ich erspähen können, aber nun möchte ich auch wissen, wer dieser D. Winter ist. Daß es dieser Mulatte nicht war. davon bin ich überzeugt.« »Hier, mein Junge.« sprach er einen zerlumpten Knirps an, dem er einen Penny auf dessen klägliche Gebärde zugeworfen hatte. »Ich gebe Dir das doppelte, wenn du mir sagst, wer der Mann da drinnen ist, der mit dem Beamten der Schiffsgesellschaft spricht.« Der Knirps stellte sich auf seine nackten Zehen und blickte durch die Tür. »Ach, das ist ja nur der Vater.« »O, dein Vater, das ist schön, hier sind deine zwei Pence. Wie heißt denn dein Vater?« »Der schwarze Jack.« »Ei, der schwarze Jack, ja natürlich, das dachte ich mir auch. Was macht er denn?« »Nix. Was soll er denn auch tun? Er verhaut mich und Mutter.« »Ich meine, womit verdient er sich sein Brot?« »Er hält ein Logierhaus für Matrosen und dergleichen Leute und trägt das Gepäck für Herren von der Bahnstation. Ich will Ihren Koffer tragen, mein Herr, ich wohne jetzt nicht bei Vater.« »Ich danke Dir, mein Junge, ich habe augenblicklich keinen Koffer bei mir. Das ist wohl ein sehr einträgliches Geschäft solch' Koffertragen und Gasthaushalten? Es tut mir leid, daß du augenblicklich nicht bei deinem Vater wohnst, aber sieh dir mal hier dieses Sechspencestück an, es gehört dir, wenn du mir das Gasthaus zeigst.« Die Augen des Jungen weiteten sich. »Vater wird Sie selbst dorthin führen.« Justus drehte sich den Schnurrbart. »Ja, ja. das glaube ich wohl, du siehst ja, er ist augenblicklich beschäftigt und ich möchte mir nur das Haus ansehen und das kannst du mir doch gerade so gut zeigen wie er.« Der Junge blickte scharf auf. »Hat Vater Angelegenheit?« »Angelegenheit, nein, keineswegs. Aber willst du dir jetzt das Geld verdienen, dann komm, mein Junge.« »Ja,« sagte der Junge, »es tut mir nur leid, daß Vater keine Prügel bekommt.« Justus kam zu der Annahme, daß der Vater dieses Knaben keinen sonderlichen Charakter haben müsse. Im übrigen sah er zu seiner Genugtuung, daß die breite Straße jetzt ganz vereinsamt dalag. Von dem Mulatten war auch nichts zu sehen. Er folgte dem vorangehenden Knaben. Kapitel 25. Ein Kampf im Finstern Es war Justus Wise hinlänglich bekannt, daß Southampton wie jede andere Hafenstadt elende, schmutzige Straßen besitzt, aber solche Partien, durch die ihn jetzt sein kleiner Begleiter führte, hätte er doch nicht vermutet. Schließlich blickte Justus den Jungen von der Seite an und legte sich die Frage vor, ob man ihm nicht etwa eine Falle gestellt hätte und ob es nicht eine ganz verkehrte Sache sei, die Wohnung eines Mannes aufzustöbern, der mit dem Generalsekretär auch nicht die geringste Beziehung haben könnte. Der Mulatte hatte sich zwar sonderbar genug benommen und sicherlich das Billet erster Klasse weder für sich noch für einen seiner gewöhnlichen Gäste genommen. Es war aber doch sehr wahrscheinlich, daß er in seiner Eigenschaft als Gepäckträger Wyvill in den Weg gelaufen war und daß dieser sofort die Gelegenheit ergriffen hatte, ein Haus zu wählen, in dem er versteckt und ohne daß ihn dort jemand vermutet hätte, die Abfahrt des Schiffes erwarten konnte. So schritt Justus denn weiter. »In dieser Straße ist es.« sagte der Knirps endlich, als sie in eine dunkle, enge Gasse einbogen, in der das Gras zwischen den dunklen Steinen wuchs. »Das ist die Demman-Straße.« Justus blickte sich um. Zu beiden Seiten standen schmutzige, halb verfallene Häuschen. Aus einigen drang das Gegröle von Schiffsliedern, die meisten lagen schweigend und verschlossen da und öffneten sich nur dann, wenn lauernde, dunkle Gestalten hineinhuschten. Es wurde Justus unheimlich zu Mut. »Wie heißt das Haus?« »Welches? Vaters Haus? Das heißt »Schwarzer Mann.« »Sehr passend.« »Was?« »Ja, ja. ich meine so. Hörst du nicht, daß uns jemand folgt?« Der Junge wandte sich um. »Nein, nein, es folgt uns niemand. Sie haben vielleicht einen von den Ostindiern gehört, die treten ganz leise aus und hier steckt es voll von ihnen. Hier ist Vaters Haus.« Der Junge blieb stehen und zeigte auf eine Pforte zu einem Hof, in dem trotz der Dunkelheit ein kleines Häuschen sichtbar wurde. »Was ist da auf dem Hof?« fragte Justus. »Das ist kein Hof, das ist der Vorgarten. Wollen Sie hineingehen, ich darf nicht.« »Glaubst du, daß jemand dort ist?« Der Knabe schielte durch das Gitter. »Nur Mutter, ich glaube nicht, daß sonst noch jemand da ist, denn sonst wäre Vater nicht so spät ausgegangen. Wenn Sie mir noch sechs Pence geben, sehe ich nach.« »Hast du nicht gesagt, daß du dich fürchtetest?« »Nicht – für sechs Pence. Mutter kriegt mich vielleicht auch gar nicht.« »Schlägt dich denn deine Mutter auch?« »Ja. aber ich glaube, sie ist auch nicht zu Hause, weil kein Licht drinnen ist.« »Schön, du sollst deine sechs Pence haben.« Justus griff in seine Tasche. »Laß dich nicht verhauen und komm schnell zurück.« Der Junge nahm das Geld, spuckte darauf und knüpfte seine Hosenträger fest. Dann zwängte er sich durch die Pfosten des Gitters. Allein gelassen, sah sich Justus das dunkle, einsame Haus an und die finstere, stille Straße. Er sagte sich daß Wyvill hier nicht hergegangen sein könne, denn das Haus hatte ganz das Aussehen eines gefährlichen Ortes und jener mußte doch ein ganzes Vermögen bei sich führen. Wenige Minuten später tauchte der Kleine schon wieder neben ihm auf. »Da ist jemand drin, ein Herr wie Sie, er sitzt im Hinterzimmer und spielt mit seinen Nägeln. Mutter ist nicht da.« »Ein Herr wie ich?« »Ja, er hat keinen Schnurrbart und ist dünner.« »Hat er rote Haare? Schnell. Junge, hat er rote Haare?« »Das konnte ich nicht sehen. Er hat aber komische Augen.« »Schielt er?« »Ja, besonders wenn er auf seine Nägel guckt.« Justus holte tief Atem. »Und sonst ist niemand im Hause? Du bist sicher?« »Ja. Vater ist aus und Mutter ist aus.« Justus ergriff die kleine schmutzige Hand. »Nun paß mal auf, mein Junge, ich habe dir Geld gegeben, aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was du haben sollst, wenn du jetzt etwas für mich tust. Hier ist erst einmal eine halbe Krone auf Abschlag. Wie ist das Fenster in dem Zimmer, in dem der Mann sitzt?« »Aus Glas.« »Nein. nein. Ich meine, ist das Fenster groß: geht es bis auf den Boden?« »Ja, es führt auf unsern hintern Garten.« »Ist es verschlossen?« »Nein, es ist nur verriegelt.« »Und der Mann hat dich nicht gesehen, als du ihn beobachtet hast?« »Nein. Ich war im Dunkeln und er war im Licht.« »Schön, jetzt möchte ich also folgendes von dir. Führe mich leise, ganz leise zu dem Fenster und laß mich dort allein. Du verstehst mich? Dann gehst du an die Vordertür: nicht wahr, das ist dort drüben und klopfst daran, wie dein Vater oder deine Mutter klopfen würden, wenn sie eingelassen werden wollen. Die Tür ist sicherlich verschlossen, weil der Herr fürchten wird, gestört zu werden.« »Ja, sie ist verschlossen, ich habe versucht, sie zu öffnen. Vater klopft so: Rap, rap, rap – rapp, rapp.« »Wenn du mich also an das Fenster geführt hast, gehst du herum und klopfst wie dein Vater und paßt dann auf, ob jemand die Straße herunterkommt. Sobald du jemand kommen hörst – deinen Vater oder deine Mutter, läufst du zu mir und sagst es mir. Hast du mich nun ganz verstanden?« »Ja, ich weiß alles. Wollen Sie den Herrn da drin verhauen?« »Ja, vielleicht, ich weiß noch nicht genau. Willst du tun, was ich verlange? Tust du es und es geht alles gut, dann bekommst du zehn Schilling.« »Famos!« »Hier sind noch einmal zweieinhalb, das macht zusammen fünf Schilling. Nun komm schnell. Kommt da jemand? Nein, also schnell.« Justus ergriff wiederum die Hand des Knaben und ließ sich von ihm über den Hof ziehen. Sehr vorsichtig schlichen sie auf einem schlüpfrigen Pfad an der Haupttür vorbei, einen Nebenweg entlang, bis ein schwacher Lichtstrahl, der auf einen Grasflecken schien, Justus sagte, daß sie sich nahe der Glastür befanden. Er schritt leise vorwärts, stützte sich an die Ecke der Mauer und blickte durch das Glas. Er sah in ein kleines schäbiges Wohnzimmer, in dem vor einem erlöschenden Feuer der Generalsekretär des Wapiti-Syndikates saß. Nur sein Profil war Justus zugewandt, aber als er ihn beobachtete, wie er dort saß, die Nägel streichelte und in die Höhe blickte, erkannte er ihn sofort und er fühlte sein Herz schneller pochen. Das war der Mann, in dessen Tasche sich die Anteilscheine auf ein Vermögen befanden. Justus wandte sich zu dem Jungen. »Alles richtig.« flüsterte er ihm zu. »Geh schnell herum an die Haupttür.« Der Kleine nickte und verschwand. Justus krallte die Finger zusammen und schlich immer näher an das Fenster heran. Plötzlich ertönte durch die Stille das Klopfen des Knaben an die Tür und obgleich Justus das erwartet hatte, war es ihm, als müsse er aus der Haut fahren, und nun sah er, wie der Generalsekretär schnell aufsprang. Durch diese Bewegung wandte er Justus den Rücken zu. Dieser stellte sich sofort an die Glastür und als das Klopfen abermals ertönte, hatte Justus die Glastür geöffnet und befand sich im Zimmer. Im Eifer, sein Geld zu verdienen, hatte der Knabe dieses Mal länger geklopft und das Geräusch machte die Bewegungen von Justus unhörbar, so daß er Wyvill angegriffen hatte, ehe dieser noch eine Ahnung von der Anwesenheit eines anderen im Zimmer hatte. Und als das geschah, war es bereits zu spät, denn Justus hatte ihn an der Kehle gepackt. Beide Männer befanden sich wohl im gleichen Alter, aber Justus, der vernünftig gelebt hatte, besaß Muskeln von Eisen und hatte den Vorzug der günstigeren Stellung und der Angegriffene befand sich unvermutet in Gefahr. Außerdem besaß der Generalsekretär ein böses Gewissen und das Klopfen hatte ihn erschreckt. Obgleich er wie ein wilder Tiger kämpfte, waren die Aussichten gegen ihn. Er konnte Justus nicht abschütteln, dessen eiserne Finger sich immer tiefer in seine Kehle drückten. Er begann zu taumeln und einen Augenblick später wäre der Kampf beendet gewesen, wenn Justus' Füße nicht plötzlich in ein Eckgestell mit Porzellan geraten wäre, das mit großem Gepolter umfiel. Noch kämpfend trat er auf die Scherben und da er dabei sein Gleichgewicht verlor, lockerte sich sein Griff. Wyvill zog daraus sofort Nutzen, beugte sich vorwärts und hielt sich am Tisch fest; der Tisch schlug um, so daß die darauf stehende Lampe hinunterstürzte. Eine Sekunde später lag das Zimmer in Dunkelheit und Wyvill war frei. Rasch führte er die Hand in seine Tasche, zog einen Totschläger hervor, mit dem er blindlings um sich schlug und traf Justus an die Schulter. Es war Justus, als ob ihm sein Arm abstürbe und er machte sich klar, daß ihn ein zweiter Schlag zu Boden strecken würde, aber er war weit entfernt davon, sich zu ergeben. Er tastete in der Dunkelheit und da packte seine Hand die schwere Lampe aus Messing, die er nun dorthin schleuderte, wo er den Kopf Wyvills vermutete. Es kam ein Aechzen, ein Fall und dann trat Schweigen ein. Justus wartete einen Augenblick, es erfolgte aber kein weiterer Laut und bei dem schwachen Licht des herabgesunkenen Kaminfeuers erkannte er, daß Wyvill regungslos am Boden lag. Mit zitternden Händen durchsuchte er seine Tasche und fand endlich eine Schachtel Streichhölzer. Er zündete eins an, entdeckte einige Kerzen auf dem Kaminsims, steckte sie an und wandte sich dann zu dem am Boden Liegenden. Gott sei Dank, der Mann war nicht tot. Betäubt und durch die Lampe stark verletzt, atmete er schwer. Justus warf einen kurzen Blick nach der Glastür und kniete dann vor Wyvill nieder. Wo waren die Anteilscheine? In dieser Tasche? Nein. In dieser? Nein. Ach, was war da unter der Weste, unter dem Hemd, unter der Unterjacke, direkt auf dem Leibe –? Das Paket. Ja, es waren die Papiere. Rasch riß er das Päckchen auf, streifte das Wachspapier ab, stieß einen unterdrückten Ruf der Freude aus und dann erhob er sich. Denn ein Blick bewies ihm, daß es in der Tat die Anteilscheine waren und daneben lagen Banknoten, taufend Pfund Sterling. Während seine Augen sich noch an dem Reichtum in seinen Händen weideten, veranlaßte ihn ein plötzliches Geräusch, sich umzusehen. Der Knabe stand neben ihm. »Schnell, schnell, Vater kommt die Straße hinunter und Mutter ist bei ihm. Ei, Sie haben ihn verhauen!« Justus fuhr zusammen. »Wenn dein Vater kommt, kann ich doch auf diesem Wege nicht fort. Du hast deine Sache vorzüglich gemacht. Hier ist das übrige Geld. Nun zeig mir aber auch, wie ich fortkomme. Ich möchte deinem Vater nicht begegnen.« »Das kann ich mir denken.« meinte der Kleine verständnisvoll. »unsere Lampe und Mutters Porzellan. Machen Sie nur, daß Sie fortkommen. Ich gehe über die Hintermauer. Wenn Sie klettern können, dann kommen Sie nur.« Justus wartete eine zweite Aufforderung nicht ab. Einen Augenblick später waren er und der Knabe bereits jenseits der Mauer, die den Hintergarten abgrenzte und flohen durch einen schmalen, schlecht erleuchteten Gang hinunter. Am Ende desselben blieb der Knabe stehen und wies mit dem Finger auf einige Lichter in der Entfernung. »Dort unten ist Wellow Bar.« sagte er. »Finden Sie Ihren Weg von dort?« »Ja, ich finde mich schon zurecht.« sagte Justus außer Atem, aber frohen Mutes. »Was tust du aber jetzt?« »Ich gehe zurück, um zu sehen, wie Mutter Vater verhaut, weil sein Gast ihr Porzellan zerbrochen hat.« Justus blickte den Knaben gedankenvoll an. »Ei, ei – aber ich muß doch sagen, du hast mir heute abend einen großen Dienst erwiesen. Verlier dein Geld nicht, mein Junge, und halte dich brav. Uebrigens brauchst du unsere kleine Angelegenheit nicht zu erwähnen, das ist nicht nötig. Leb wohl, mein Junge.« Justus sah dem Knirps noch lange nach, wie er flötend davontrottete. »Ein famoser Junge, wirklich, ich weiß nicht, was ich ohne ihn angefangen hätte.« Ohne viel Schwierigkeiten fand Justus seinen Weg in die Zivilisation zurück und nachdem er zu seiner Auffrischung sich in das Süd-West-Hotel gewandt hatte, machte er sich mit einem Whisky und Soda in einem großen Klubsessel recht bequem. Die Augen träumerisch zur hohen Zimmerdecke gerichtet, lehnte er sich zurück. Sein Rock war über der Brieftasche des Generalsekretärs gut zugeknöpft und nun gestattete er seinen Gedanken, die Sachlage in aller Ruhe zu überblicken. Höchstwahrscheinlich sind hier im Hotel viele vermögende Leute. Ich glaube aber, ich kann es in diesem Augenblick mit jedem von ihnen gut aufnehmen. Die Anteilscheine auf die Diamantenfelder in meiner Tasche haben einen Riesenwert, denn West und Wyvill sind nicht die Leute, die sich mit Kleinigkeiten abgeben, daneben spielen die tausend Pfund Sterling, vermutlich Wyvills Sparschatz, kaum eine Rolle. Uebrigens weiß niemand, daß ich sie besitze. Wyvill hat keine Ahnung, wer sein Angreifer war, und wüßte er das, so könnte er auch nicht viel Aufhebens davon machen. Wenn es sonst jemand erführe, wäre es jedenfalls zu spät. Mit den tausend Pfund könnte ich nach Capetown hinüber, dort auf die Anteilscheine so viel Geld erheben, daß ich für mein Leben ausgesorgt hätte und dann auf immer verschwinden. Ich möchte wohl wissen, wieviel Leute in meiner Lage noch zögern würden. Dagegen könnte ich andererseits die Papiere dem alten Millbank bringen oder, wenn er inzwischen gestorben sein sollte, seinem Sohn. Mein verehrter Klient würde ohne Zweifel nicht kleinlich sein und das könnte mir genügen. Ferner kann ich zu Fräulein Gertie Tillet gehen, um ihr zu sagen, wer der Mörder von Peter Dunton war und die reizende junge Dame wird mich mit dem mir versprochenen Geschenk erfreuen, trotzdem West wegen dieser Angelegenheit doch nicht ganz frei ausgehen wird. Ich gebe aber auch dem Finanzmann einige gute Winke, für die er mir dankbar sein wird. Schließlich habe ich die tausend Pfund, denn ich sehe gar keinen Weg, wie ich diese nette Summe Herrn Wyvill zurückgehen kann, auch würde ihm das gar nichts nützen. Der Verehrte befindet sich in einer sehr schwierigen Lage und dürfte fürs erste auch keine Gelegenheit haben, Geld auszugeben. Ich bin sicher, daß Clementine es nicht gern sähe, wenn ich die Anteilscheine behielte, aber ich glaube nicht, daß sie wegen der tausend Pfund etwas sagen würde.« Er streichelte die Stelle seines Rockes, unter der das Taschenbuch lag und erhob sich erfrischt und lächelnd, nur ein dumpfer Schmerz in der Schulter störte das Gefühl vollständigen Friedens, das seine Seele durchflutete. »Wo ist das nächste Telegraphenamt?« fragte er einen Kellner. »Ach ja, ich weiß, das Hauptpostamt ist in Abovebar. Ich finde den Weg schon.« Langsam schlenderte er zum Postamt und sandte die folgenden Depeschen ab und zwar eine nach dem »Marquis von Granby«, die zweite nach dem Berkeley Square: »Georg Millbank. Hatte großen Erfolg. Fahre mit dem nächsten Zug zurück. Justus Wise.« Sodann begab er sich zum Westbahnhof. Kapitel 26. Dem Verdienste seine – Sterlings Früh am nächsten Morgen fand sich Justus Wise im Hause des Finanzmannes am Berkeley Square ein. Er hatte sich von den Strapazen und Aufregungen des Vortages erholt und sah so frisch und lächelnd wie der junge Morgen aus. Aus seine Anfragen erfuhr er, daß Fräulein West eine vorzügliche Nacht verbracht hatte und sich auf dem Wege der Besserung befinde. Herr Georg Millbank war nicht im Hause. Er war am Abend zuvor fortgegangen und noch nicht zurückgekehrt. Man hatte keine Nachrichten von ihm, dagegen hatte Butt eine Depesche für ihn. Justus dankte dem alten Diener und machte sich auf den Weg nach der Brutonstraße. Mit besorgtem Blick betrachtete er die Außenseite des »Marquis von Granby«. Ob der alte Millbank gestorben war, oder hatte er noch Zeit gefunden, dem jungen Manne seine Geschichte zu erzählen? Sobald er die Bar betrat, beruhigte ihn die Frau des Besitzers über den ersten Punkt. »O, Herr Wise, wie froh bin ich, daß Sie gekommen sind! Es geht dem armen Herrn heute morgen etwas besser. Aber welch' schreckliche Geschichte! Und daß so etwas in unserem Hause passieren mußte! Der Doktor hofft, daß er ihn doch noch durchbringen kann. Meinem Mann stand wirklich der Verstand stille, als er zurück kam und alles hörte. Er wollte zur Polizei schicken, aber der alte Herr wollte davon nichts hören. O du mein Herrgott, wie ging er dagegen an! Er ist ein so netter Herr und der junge Herr, sein Sohn, ganz reizend. Was mag das nun alles zu bedeuten haben? Hatten sie sich gezankt? Mein Mann sagt, er hätte das von dem andern Herrn nie geglaubt. Der verhielt sich hier so ruhig und mein Mann sagt, daß er ihn schon lange Zeit gekannt habe und daß er in der City ein großer Mann sei. Aber hier ist ja der junge Herr. Sieht er nicht schlecht aus?« Georg Millbank sah allerdings bleich und kummervoll aus. Es schien ihm aber große Freude zu bereiten, als er Justus im Gespräch mit der Wirtin fand. »Ach, wie nett von Ihnen, daß Sie gekommen sind, Herr Wise, mein Vater hat so sehnsüchtig nach Ihnen verlangt. Er ist sehr schwach, aber ich glaube, es ist doch noch Aussicht vorhanden, daß er durchkommt, nachdem Sie zurückgekehrt sind. Ueber den Verlust der Anteilscheine jammert er kläglich.« Justus führte ihn in das kleine Zimmer, in dem er und der ältere Millbank am Tage vorher gesessen hatten und wo ihr unberührter Brandy noch auf dem Tisch stand. »Hat er Ihnen alles erzählt?« fragte Justus. »Ja, ich glaube alles. Sie wissen, daß es derselbe Mann war, Wyvill, der Sophie verwundete und sie beraubte und der ihn hier mit dem Messer stach und dem Tode nahebrachte. Mein Vater will es aber der Polizei nicht anzeigen. Er ist darauf versessen, die Anteilscheine zurück zu bekommen, die seiner Meinung nach ein gewaltiges Vermögen für mich bedeuten und er fürchtet sich, daß sich die Sachen mit den anderen Anklagen, die gegen diesen Mann vorliegen, sehr komplizieren und vielleicht den Verlust des Geldes herbeiführen können. Er hat mir gesagt, was er ist und in welcher Lage er sich befindet.« Justus nickte. »Führen Sie mich zu ihm hinauf, mein lieber, junger Herr, ich glaube, ich kann ihn leicht beruhigen.« Der ältere Millbank, der noch in dem Zimmer war, in dem Justus ihn verlassen hatte, aber jetzt im Bett lag und wohl verpflegt, befand sich in einem halben Dämmerzustände, als die beiden Herren das Zimmer betraten. Beim Anblick von Justus raffte er sich auf und sprach mit seiner ruhigen Stimme wie früher: »Ach, Sie sind zurückgekommen, wo sind Sie denn gewesen? Haben Sie den Schuft gefunden? Ich habe mich ganz krank gegrämt nach Nachrichten von Ihnen.« Justus zog das Päckchen aus seinem Rock. Die Banknoten blieben in der Tasche. »Ich habe Ihre Anteilscheine gefunden, auch die Ihres Freundes. Hier sind Sie.« »Sie haben sie?« kam es gleichzeitig von Vater und Sohn. »Ja, sehen Sie nach, ob alles in Ordnung ist.« Dann erzählte Justus nach Ueberreichung des Paketes seine Erlebnisse und so bescheiden, wie er es der Sachlage entsprechend für angemessen hielt. Aufmerksam horchten die beiden zu und voller Furcht und mit zitternden Fingern prüfte der ältere Millbank die Papiere. Als Justus geendet, sagte Millbank: »Es ist alles in Ordnung! Georg, Du bist ein gemachter Mann, denn du hast nicht nur allein meinen Anteil, sondern auch die Hälfte Duntons. Die andere Hälfte bekommt das Mädchen aus dem Hotel, in dem Peter abgestiegen war. Er hatte das so bestimmt, falls ihm etwas zustoßen sollte, obwohl er nie daran gedacht hatte, so bald aus dem Leben scheiden zu müssen. Vielleicht sind Sie der Meinung, daß es richtiger gewesen wäre, Wyvill früher verhaften zu lassen oder wenigstens ihn früher der Polizei anzuzeigen, aber bedenken Sie nur, was alles davon abhing. Ich weiß, Peter würde ebenso gehandelt haben und nun hat der Mann mich auch noch zu töten versucht.« »Aber du wirst nicht sterben, Vater. Jetzt eben, wo wir uns wiedergefunden haben. Du mußt besser werden und du, Sophie und ich gehen wieder ans Kap oder nach Australien.« Der alte Millbank schüttelte den Kopf und betrachtete den Sohn mit seinen scharfen und doch traurigen Augen. »Ich werde nicht besser werden, mein Junge. Es geht mit mir zu Ende, aber ich habe erreicht, was ich wollte, dank unserm Freunde hier, Herrn Wise. Du wirst dafür sorgen, daß er zu seinem Rechte kommt, darauf kann ich mich verlassen. Er ist unser Retter gewesen. Er hat dich für mich gefunden, mein Junge, dann jenem Schurken die Niederlage bereitet und uns unser Vermögen wieder verschafft. Wirklich, Herr Wise, wir stecken tief in Ihrer Schuld.« Justus errötete. »Ach, es ist wirklich nicht der Rede wert. Bei einem Geschäft, wie ich es habe, kommt dergleichen schon vor, ich habe nichts außergewöhnliches getan.« Georg Millbank ergriff seine Hand und drückte sie. »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen bin, ich werde versuchen, Ihnen das zu beweisen. Um einen Dienst bitte ich Sie noch, sagen Sie uns genau, wo Sie den Mann getroffen haben, damit wir ihn der Gerechtigkeit überliefern können. Ich werde selbst heute noch dorthin gehen und seine Verhaftung veranlassen.« Nach einer Weile sagte der alte Millbank: »Es war ein Kampf zwischen ihm und mir. Ich war bis zum Wahnsinn wütend auf ihn und hätte ihm das Genick gebrochen, wenn er mir nicht mit seinem Messer zuvorgekommen wäre. Er ist ein Schurke, der jede Strafe verdient, aber man wird ihn nicht hängen und es gelingt mir nicht einmal, ihn in die Hölle zu bringen, die ich zwanzig Jahre erduldete. Er hat aber dein liebes Mädchen angefallen und dafür kannst Du ihn zur Rechenschaft ziehen. Ich sterbe und habe an meine eigenen Sünden zu denken. Da ich mein Eigentum zurückbekommen habe, bin ich mit ihm fertig.« Er schloß die Augen einige Minuten, Georg sah Justus an. Dieser beantwortete seine unausgesprochene Frage. »Die Polizei wird ihn sicher bald haben. Ich weiß, daß er nicht imstande ist, sich ins Ausland zu flüchten und überdies wird West jetzt sprechen.« Der ältere Millbank fing diesen Namen auf. »Ich halte West nicht für so schlecht, wie es den Anschein hat. Wyvill drang stets auf ihn ein. West würde die Sache nicht durchgeführt, er würde mir doch schließlich meinen Anteil zurückgegeben haben. Gewiß wird er sprechen. Er ist bestraft worden und hat seine Strafe auch jetzt, da er zwecklos wartet, denn die Anteilscheine sind ihm doch auf immer verloren. Er muß aus dem Gefängnis heraus. Du mußt veranlassen, daß der Kommis seine Geschichte erzählt. Es wäre auch für den Vater deiner zukünftigen Frau – ich kann aber jetzt nicht mehr sprechen, Georg, ich fühle mich sehr erschöpft. Gib mir von der Medizin. Wann, sagte der Doktor, daß er zurückkommen würde?« »Ich glaube, da kommt er gerade, ich kenne schon seinen Schritt.« Justus blieb noch einige Augenblicke im Zimmer, während der Arzt den Patienten untersuchte. Offenbar war dessen Zustand ein sehr ernster. Der Arzt empfahl größte Ruhe und hielt es für das beste, daß nur der junge Millbank sich bei seinem Vater aufhielt. Justus verabschiedete sich deshalb. Er begab sich in sein Bureau, wo er sich schon eine Zeit lang nicht hatte sehen lassen und wo er von seinem Angestellten sehnsüchtig erwartet wurde. Unterwegs bereitete ihm der Gedanke eine große Befriedigung, daß er doch nicht selbst mit den Anteilscheinen nach dem Kap ausgewandert war. Er sagte sich, daß die Dinge sich für ihn vorzüglich gestaltet hätten, zumal es ein Vergnügen sei, mit Leuten wie Millbank Vater und Sohn zu tun zu haben. Das Wyvill bald von der Polizei ergriffen würde, war ihm ebenfalls sehr angenehm. Jener hatte nicht die Zeit gefunden, ihn zu erkennen und so würden sich für ihn wegen der tausend Pfund Sterling keinerlei Schwierigkeiten ergeben können. In Anbetracht der Gefahr, die er einem so leicht zur Mordwaffe greifenden Menschen gegenüber bestanden hatte, glaubte er die Summe reichlich verdient zu haben. +++ Als Justus Wise in sein Bureau zurückkehrte, erfuhr er, daß der Angestellte des Wapiti-Syndikates bereits die Anzeige gemacht hatte. Nachdem Wyvill geflohen, war sein Geschäft in Trümmer gegangen. Ohne die ihn zum Schweigen verdammende Anwesenheit seines Chefs hatten Gewissensbisse und Furcht den jungen Menschen überwältigt. Er hatte die ganze Angelegenheit sich vom Herzen gesprochen und befand sich nun unter Polizeiaufsicht, während man zugleich dem Generalsekretär eifrigst nachspürte. Seines unrechtmäßigen Besitzes sowohl wie seines letzten Geldes beraubt und dadurch auch außerstande, nach dem Kap zu gehen, hatte sich Wyvill wieder nach London zurückbegeben und war verhaftet worden. Er hatte seine Missetaten eingestanden und dann in seiner Zelle einen Selbstmordversuch gemacht. In anbetracht, daß Dunton seinen Mörder zuerst geschlagen hatte, wurde dieser nicht wegen Mord, sondern wegen Totschlag verurteilt und West, der als Helfershelfer nach der Tat angeklagt war, erhielt nur ein nominelles Urteil, das auf die Untersuchungshaft angerechnet, ihn sehr bald der Freiheit wiedergab. Alsdann mußte er sich zwar bankerott erklären, kehrte jedoch nach der Hochzeit Georg Millbanks mit Sophie nach dem Kap in Begleitung von Gertie Tillet, jetzt Frau West, zurück. Es gelang West sehr bald, sich ein neues Vermögen zu verschaffen. Frau West hofft auf ein Haus in Park Lane, bekanntlich einem sehr vornehmen Teile Londons. Justus Wise ist nicht mehr Privatagent. Er ist Eigentümer der Firma »Equitable Trafalgar Square Banking Company, London,« einer großen Firma mit nahezu hundert Angestellten. Man kann bei ihm auf ein einfaches Akzept zu 2½ Prozent per Jahr borgen und zu einem Zinssätze von 7 Prozent per Jahr Geld in Verwahrung geben. Die Firma ordnet alle Angelegenheiten mit Gläubigern, die einen Schuldner zum Bankrott drängen und gibt Auskünfte über die Kreditfähigkeit von Kunden oder kauft zweifelhafte Forderungen. Die Firma ist auf allen Gebieten industrieller und kommerzieller Art tätig, kauft Automobile und verkauft sie, kauft Börsenpapiere usw. usw. Kurz gesagt, die Firma »macht alles« und ihr Besitzer – schwimmt in Geld ...   Carl Seifert, Buchdruckerei, Köstritz/Leipzig.