Gustaf af Geijerstam Alte Briefe Novellen   Alte Briefe – Margit – Frau Gerdas Geheimnis – Das gelbe Haus   Zweite Auflage (Drittes und viertes Tausend) Berlin 1906 S. Fischer, Verlag   Autorisierte Übersetzung von Francis Maro   Alle Rechte vorbehalten Alte Briefe 1 Allein zu sein, ist gut für den Menschen. Es ist das höchste Gut auf Erden, und nichts anderes ist gut. Ich habe meine alte Wohnung zugeschlossen, die Rouleaux herabgelassen und den Schlüssel in meine Lade gelegt. Niemand darf mehr hineinkommen, nicht einmal ich selbst werde sie betreten, ehe der Tag kommt, an dem man alles fortführt und selbst der letzte Rest dessen, das einmal gewesen, aus dem Dasein und meiner Erinnerung gelöscht wird. Jetzt habe ich bloß meine zwei Zimmer, so wie ich sie früher hatte, als ich noch allein und glücklich war. Ich habe einen kleinen Schlafraum, und hier draußen schließt sich ein großer, geräumiger Saal um mich, voll Bücher. Die sehen von ihren Regalen auf mich herab, sie erinnern mich daran, daß sie meine alten, treuen Freunde waren, die einzigen, die ich je gehabt, und es ist mir, als ertönten aus ihren Reihen Stimmen, die mich zu sich rufen, Stimmen, die flüstern, daß zwischen ihnen und mir nicht alles vorbei sei. Eines Tages wird unsere Freundschaft und unser Verkehr aufs neue beginnen, und ich werde wieder in vollem Maße die große, unbeschreibliche Freude der Einsamkeit kosten. Aber vorher will ich die Trümmer meines zersplitterten Lebens sammeln, sie zusammensetzen, Stück für Stück, auf daß das Bild des Lebens, das gewesen, so klar und wahr werde, daß ich mich selbst verstehen kann, die Mächte verstehen kann, die dieses Leben in Stücke schlugen, sie so ganz verstehen, daß ich nie wieder in ihre Gewalt gerate. Von meinem Fenster hier sehe ich hinaus über die weite Ebene, hinter der sich der dunkle Rand des Lidingöwaldes erhebt. In dem letzten Hause des Walhallavägen habe ich meine Wohnung, und hier ist es stille und stumm, als lebte ich auf dem Lande, als wäre die große Stadt weit weg. Diese Aussicht ist schön und weit. Sie sollte meine Gedanken fliegen und meine Pulse schlagen machen. Wie sie so daliegt, von der Abendsonne beleuchtet, habe ich sie zwei Jahre meines Lebens gesehen, und sie sollte zu mir sprechen, wie kein Mensch auf Erden zu einem andern zu sprechen vermag. Aber sie tut es nicht. Wenn ich über diese wunderliche Ebene hinblicke, diese trockene Heide, die mitten in Stockholms Inselnatur versetzt ist, da habe ich das unheimliche Gefühl, daß sie daliegt und mir entgegenschweigt, ihre Lippen schließt, wie ein Mensch im Zorn oder Schmerz. Ich habe vielleicht diese Ebene mit ihrem dunklen Waldessaum zu oft gesehen. Ich habe sie in dem Jahr gesehen, das vergangen ist, in dem Jahr, das mein Schicksal in seinem Schoße barg und seine Entwickelung erfüllte. Sie erinnert mich an alles, das ich ausgeschlossen habe, als ich die Rouleaux in meiner Wohnung herabließ und den Schlüssel in meine Lade legte. Ich will sie nicht mehr ansehen. Denn sie ist unheimlich, wenn sie schweigt, aber gerade diese Stille macht mir den gespenstischen Eindruck, als könnte sie zu sprechen beginnen. Darum beuge ich mich hinab über meine Papiere, beuge mich hinab, um besser in mich blicken zu können. Wenn es dunkelt, werde ich ruhiger. Da zünde ich die Lampe an und ziehe den Vorhang in meinem Zimmer zu. Wie eine Wand versperrt dieser Vorhang den Ausblick in das Verflossene, und mit geschärften Gedanken sehe ich nur auf das, das ist. Vor mir und hinter mir ist Dämmerung und nahe meinem Auge leuchtet nur die einsame Sonne meiner Lampe. 2 Was ist es, das ich mir selbst entwirren muß? Das, das ist? Nichts anderes, als daß ich, der ich vier Jahre verheiratet war, Witwer geworden bin. Es ist gar nichts anderes, als was alle Tage geschieht, und das einzige, was für mich Interesse hat, ist, daß es mir geschehen ist. Es liegt nichts Unerhörtes darin, daß man eine Frau betrauert. Ich muß sterben, sie muß sterben, alle müssen wir sterben. Das ist der Lauf der Welt. Wie ich hier einsam sitze, befreit von all den teilnahmsvollen Blicken, die ich erwidern, all den beklagenden Händedrücken, die ich mit gesenktem Haupte entgegennehmen muß, weiß ich, daß ich sie nicht betrauere. Hundertmal ist der Gedanke durch mein Hirn gezuckt: wenn sie nun stürbe! Hunderte Male habe ich diesen Gedanken zu Ende gedacht, mir vorgestellt, was für ein Gefühl es sein würde, wenn ich mich wieder frei wüßte, und immer habe ich es als eine Erleichterung empfunden. Immer habe ich geglaubt, daß dieser Tag das Rätsel entschleiern würde, das zwischen uns beiden war, dies wunderliche Rätsel, das darin lag, daß ich mich an einen Menschen gebunden wußte, dessen Schicksal mir im Grunde gleichgültig war. Aber ich fühle keine Erleichterung. Wie eine entsetzliche Schwere lastet ihr Tod auf meinem Gewissen. Es ist mir, als hätte ich ihn hervorgerufen, weil ich ihn so lebhaft wünschte, oder vielleicht gerade dadurch. Ich habe mir so oft diese Lösung unseres Schicksals gedacht, daß meine Gedanken vielleicht die ihren erreicht, sich in ihre Seele hineingebohrt haben mit jener Macht, die Gedanken über das Leben eines andern besitzen, und ihre Widerstandskraft gelähmt, als der erste, schwache kühle Atemhauch des Todes ihre warme Wange berührte. Es mag ein Wahn sein, und natürlich ist es ein Wahn, niemand, der seinen gesunden Verstand hat, kann sich ernsthaft einen solchen Vorwurf machen. Es ist ein Traumbild, von einer krankhaften Phantasie hervorgerufen, ein Gaukelspiel, aus Unruhe und Überreizung geboren. Tausendmal habe ich mir das selbst gesagt, aber nie ist es mir gelungen, auch nur für einen Augenblick seine dämonische Macht über meine Seele abzuschwächen. Dieser Gedanke verfolgt mich unablässig, er hat mir in den letzten Nächten den Schlaf geraubt. Ja, er hat mich dazu gebracht, Gespenster zu sehen. Ich sehe nicht sie, die jetzt tot ist. Aber wenn ich ab und zu einmal einschlummere, versinke ich in eine Art wunderlicher Betäubung, während der ich zu wissen glaube, daß ich schlafe. Sobald diese Betäubung mich überkommt, merke ich, daß ich nicht allein bin. Ein dunkles, wunderliches Tier, das mir einem Hunde zu gleichen scheint, aber dessen Konturen ich nicht unterscheiden kann, folgt mir, wohin ich gehe. Ich glaube nämlich in dieser Art Betäubung, daß ich auf bin und gehe. Ich gehe durch eine Wohnung, in der kein Licht angezündet ist, und wo viele Türen sind. Ich will nicht rasch gehen. Denn da, glaube ich, wird mein Verfolger meine Absicht, zu entfliehen, merken. Obgleich ich seine Augen nicht sehen kann, weiß ich doch die ganze Zeit über, daß dieser Schatten eines Tieres mir mit seiner Aufmerksamkeit folgt. Ich gehe darum vorwärts, als ginge ich in Gedanken, nähere mich einer der versperrten Türen, und öffne sie langsam, wie aus Zerstreutheit. Ohne mich zu beeilen, ohne Hast, gehe ich durch die geöffnete Tür und schließe sie lautlos hinter mir. Ich habe sie geschlossen. Ich weiß, daß ich sie geschlossen habe. Aber bevor ich noch meine Finger von der Klinke hebe, fühle ich, wie die Tür aufgleitet, obgleich meine Hand noch den Türgriff hält. Ich habe nicht einmal den Willen, zuzuhalten, weiß bloß, daß die Kraft, die mich zwingt, zu öffnen, meine eigene paralysiert. Ich sehe und fühle gleichzeitig, daß ein schwarzer, zottiger Körper an meinem eigenen vorbeistreift, und ich weiß, daß ich ihm nicht entfliehen kann. Aber ich gehe aus einem Zimmer ins andere, gehe unaufhörlich, von diesem Gespenst gefolgt, das mich weder betrachtet, noch sich einen Laut entschlüpfen läßt, und wenn ich erwache, glaube ich es durch jene versperrte Tür entschwinden zu sehen, deren Schlüssel in meiner Lade liegt. Mit einem seltsamen Gefühl von Trotz liege ich wach und denke an den Traum. Und ich versuche mich selbst zu überzeugen, daß niemand für seine bösen Gedanken verantwortlich sein kann. Ich kann nichts dafür, daß meine Frau gestorben ist. Ich kann nichts dafür, daß meine Liebe zu ihr erlosch. Sie verschwand eines Tages, als ich am wenigsten daran dachte, und als das Gefühl für sie selbst sich in mir wandelte, da sah ich auch sie und alles, was ihrer war, mit anderen, fremden Augen. So denke ich und versuche meine Augen zum Schlummer zu schließen. Aber wieder kommt derselbe Traum und bemächtigt sich meiner Sinne, gleichsam aus der Betäubung hervortretend, in der ich zu wissen glaube, daß ich schlafe. Wieder gehe ich von Zimmer zu Zimmer, von meinem geheimnisvollen Begleiter gefolgt. Und ich sehe endlich, daß die Räume, in die er mir folgt, vom Eßzimmer in den Salon, vom Salon in die Schlafkammer, von der Schlafkammer in den langen, leeren Korridor, wo Schränke und Türen versperrt sind, – daß dies meine eigene Wohnung ist, dieselbe, die einmal unsere war, meiner Frau und meine. Da ist auch all das geschehen, was mir jetzt den Schlummer raubt und mein Herz kalt macht. 3 Man sagt, es sei bitter, seine Frau zu betrauern. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß es bitterer ist, sie nicht zu betrauern. Am Tage nach dem Begräbnis ging ich zeitig morgens zur Schule, und, als sei nichts geschehen, wollte ich in das Klassenzimmer treten, wo meine Schüler mich erwarteten. Da traf ich im Korridor den Direktor, der mir die Hand reichte und mich mit einem, wie es mir vorkam, wunderlichen Ausdruck in Stimme und Miene fragte: »Kommen Sie wirklich heute, Herr Lektor?« »Natürlich komme ich.« Er drückte mir die Hand und sagte mir ein paar Worte, mit denen er mir seine besondere Hochachtung bezeugen wollte. Ich bekam augenblicklich den Eindruck, daß er ironisch sprach, und mit einem Gefühl der Verstimmung betrat ich die Klasse. Was meinte er? Sieht man es mir wirklich an, daß ich nicht trauere? Wollte er sagen, daß er es passender gefunden hätte, wenn ich ein paar Tage zu Hause geblieben wäre, oder meinte er wirklich nur, was seine Worte besagten, nämlich, daß es großartig sei, wenn man seinen Gefühlen Zwang anlege, um nur seine Pflicht zu tun? Im selben Moment fielen meine Blicke auf die Schüler, die sich bei meinem Eintritt erhoben hatten und mich stehend begrüßten, während ich auf den Katheder zuging. Es lag ein angenommener Ernst auf allen Gesichtern, etwas von einer hoch hinaufgeschraubten Stimmung, die das ganze Zimmer erfüllte und sich beinahe zu einem Luftstrom des Bedauerns vereinte, direkt auf mich zuging, mich umspann und mir einen Dank für dieses Mitgefühl abzwingen wollte, das bei diesen Fünfzehnjährigen gewiß ganz und gar romantischer Natur war. Ich mußte mich abwenden, um das scharfe Lächeln zu verbergen, das nahe daran war, mich zu verraten, und als ich mich imstande fühlte, meine Gesichtszüge hinreichend zu beherrschen, forderte ich die jungen Leute durch ein Kopfnicken auf, sich zu setzen, und begann die Lektion wie gewöhnlich, ohne von ihrer Teilnahme Notiz zu nehmen. Ich merkte, daß sich etwas wie getäuschte Erwartung auf diese Knabenversammlung legte, und mit Mühe nur konnte ich mich aufrecht erhalten, bis die Lektion zu Ende war. Ich ging hastig hinaus, schlich mich auf einem Umweg an meinen Kollegen vorbei und brachte die Pause in einem Teil des Hofes zu, wo niemand sich aufzuhalten pflegte. Durch die Fenster sah ich jedoch, wie man mir aus dem Innern des großen Gebäudes mit mitleidigen Blicken folgte, denen ich nicht begegnen konnte; und je mehr ich mich bemühte, nicht nach dieser Richtung zu sehen, desto deutlicher fühlte ich, wie aller Augen mich suchten. Die zehn Minuten der Pause erschienen mir so unnatürlich lang, daß ich zweimal auf die Uhr sehen mußte, um mich zu vergewissern, daß die Zeit nicht stille stand, und als ich endlich die Schulglocke läuten hörte, rief sie mich herein, um in einem neuen Klassenzimmer denselben beklagenden Mienen, demselben teilnahmsvollen, stummen Gruß zu begegnen. Viermal im Laufe des Vormittags machte ich diese Tortur durch, und als endlich die Stunde der Befreiung schlug, wurde ich im Korridor von einem Kollegen aufgehalten, der mit schwermütigem Ausdruck in Blick und Stimme den Trauerfall beklagte. Ich glaube, ich hätte ihm ins Gesicht schlagen können. Wie von bösen Geistern verfolgt, eilte ich heim; ich ging durch Seitengassen, um keine Bekannte zu treffen, und ich atmete erst auf, als ich wieder in meinem Zimmer stand, und wußte, daß die Tür hinter mir verschlossen war und niemand gegen meinen Willen das Recht meiner Einsamkeit stören konnte. 4 Ich habe versucht, meine Bücher wieder herunterzunehmen, meine Studien von neuem an dem Punkte zu beginnen, wo ich sie vor mehr als vier Jahren verließ. Aber es geht nicht. Dieses entsetzliche klare Licht, das an solch einem langen Frühlingsnachmittag mein Zimmer erfüllt, macht jede gesammelte Arbeit unmöglich. Ich gehe auf und ab und sehe es an, fühle gleichsam mit allen Poren, wie die Frühlingssonne in mein ganzes Wesen sickert und meine Gedanken in Unordnung bringt. Mit Verbitterung denke ich daran, daß der Winter so lang gewesen ist, so dunkel und so traurig, daß die Ungewohntheit an das Licht mich unruhig macht, als sei das Licht eine Qual und die Dunkelheit eine Segnung. Die Zeit herbeisehnend, da die Dämmerung kommen und das matte Licht der Lampe meinen Gedanken Ordnung bringen wird, gehe ich auf und ab, und all die Zeit grübele ich darüber nach, warum ich doch die Erinnerung an die Jahre, die gewesen sind, nicht aus meinem Leben zu drängen vermag. Es ist wunderlich, daß man sein eigenes Schicksal nicht an das eines anderen binden kann, ohne daß dieses unser ganzes Leben verwirrt, es in Unordnung bringt. Noch wunderlicher ist es, daß nun, da der Anlaß zu dieser Unordnung entfallen ist, die Harmonie zwischen mir und meiner Welt dennoch nicht wiederkehren will. Und während ich an dies denke, wird es mir klar, daß der Anlaß dazu, daß meine Frau und ich uns trennten – oder daß ich mich von meiner Frau trennte – der war, daß ich schon von Anbeginn an fühlte, daß mein Leben mit ihr nicht das werden konnte, was es früher war. Sie war es, die die Geordnetheit in meinem Leben erschütterte, und ich glaube, daß ich schon sehr bald in meiner Ehe das Gefühl hatte, daß sie ein Hindernis für mich war. Warum mußte sie das sein? Was in ihrer Natur oder in meiner machte es, daß ich schon frühe, während mein Gefühl für sie noch so brennend stark war, daß ich mir es als eine Niedrigkeit vorwarf, doch stets mit der Idee umherging: ›Sie steht mir im Wege. Die Bahn, die mich vorwärts führen sollte, ist durch sie versperrt?‹ Ich habe darüber gegrübelt und gegrübelt, worin dies lag, und nie habe ich es finden können. Ich weiß bloß, daß ich beständig ein Gefühl hatte, als hielte sie mich zurück, als fesselte sie mich gleichsam an sich, als bände sie mich an jene Welt der Träume und der Ruhe, die die ihre war, und über die sie nie hinauskam. Ich merkte es am deutlichsten, als wir nach Stockholm zogen. Sie hegte eine wunderliche Furcht vor der großen Stadt, einen kindlichen, naiven, beinahe abergläubigen Widerwillen gegen alles, was ihr hier begegnete. Sie fürchtete die Gassen mit ihrem Volksgewühl und Lärm, besonders die Promenaden, wo die bekannten Persönlichkeiten der Stadt einander treffen. Sie hatte Angst vor den hohen Häusern, mit ihren vielen Stockwerken, mit der Menge von Familien, die sich unter demselben Dach zusammen drängten. Die Theater, die Cafés, die überfüllten Speisesäle, das Tellergeklapper, das Stimmengemurmel und Lachen, den Wirrwarr dieses Außenlebens, das sich in dem elektrischen Licht drängt, die Glocken der Trambahnen, das Läuten der Telephone, den Witz jener Welt, deren Lebensgefühl sich als Ironie und ein bißchen leichtfertiger Scherz äußert – all dies fürchtete sie, fürchtete es, als schlösse es eine Gefahr für sie selbst in sich. Und führte ich sie unter Menschen, so kam sie mit; aber mitten in lebhaftem Scherz oder interessanten Debatten saß sie still und verschlossen da und erwiderte jede Ansprache mit müdem Lächeln und abwesenden Antworten. Mitten in einer Gesellschaft konnte ich mich selbst darauf ertappen, daß ich dasaß und sie betrachtete, und wenn ich dann ihrem Blick begegnete, der mich zu bitten schien, sie heimzuführen, fühlte ich, wie die Energie in meinem Wesen einfror, die Worte auf meiner Zunge erstarrten und ich nur begriff, daß die Welt, die die meine sein mußte, nie die ihre werden konnte. Sie ging außerhalb derselben, wenn sie mir auch Abend für Abend zu den Menschen gefolgt war, die ich nicht entbehren konnte, wollte ich mich nicht selbst begraben. Was half es mir, wenn sie, sobald wir allein waren, mit einem seligen Ausdruck, bei dem mir manchmal ganz warm ums Herz wurde, sich dicht an mich schmiegte und sagte: »Nun bin ich allein mit dir. Nun können wir heimgehen!« Was half es mir, wenn ich fühlte, daß ihre Empfindungen mit derselben Intensität weiterlebten wie früher, daß sie mich inniger liebte, als alles andere auf Erden? Sie liebte mich, so wie sie lieben konnte. Aber sie liebte mich nicht so, daß sie um meinetwillen die Schale ihrer Natur durchbrechen und zusammen mit mir uns beide durchs Leben vorwärts zwingen konnte. Als wir nach Stockholm ziehen sollten, bat sie mich, ich möge uns eine Wohnung verschaffen, die weit ab von den besuchten Straßen läge, und von der aus wir ein Stückchen Land sehen könnten. Ich tat es, und an einem Fenster der Wohnung, die jetzt verschlossen ist, pflegte sie mit ihrem Buch oder ihrer Arbeit zu sitzen. Wenn ich sie zu einem Spaziergang abholte, wollte sie immer hinaus über die Ebene gehen, oder in den Wald hinein. Sie sagte es mit einem Blick, dem ich nicht widerstehen konnte. Und ich folgte ihr, von einem wunderlichen Gefühl der Wehmut und des Widerstrebens erfüllt. Es war, als arbeitete sie daran, mich vom Leben fort und zu sich zu ziehen, oder richtiger – zusammen mit sich aus jenem Leben heraus, das ich leben mußte. Und wenn das Gesellschaftsleben seine Forderungen geltend machte, waren ihre Worte stets: »Kannst du nicht allein gehen? Du findest es amüsant, aber ich fühle mich am wohlsten, wenn ich daheim sitze und auf dich warte.« Es lohnte nie, mit ihr über so etwas zu sprechen, ihr zu zeigen, was sie eigentlich von mir verlangte, ihr zu zeigen, daß, so wie die Welt nun einmal war, sie eigentlich nicht mehr und nicht weniger anstrebte, als mich auf meinem Platz als armer Lektor festzuhalten, dessen einzige Möglichkeit zu erhöhtem Einkommen darin lag, daß er die Anzahl seiner Privatlektionen vermehrte. Wenn ich davon sprach und ihr zu beweisen versuchte, wie töricht sie handelte, lauschte sie immer aufmerksam meinen Worten, und ich glaubte einmal ums andere, daß sie mir recht gab. Sie widersprach mir nie, und sie betrachtete mich stets mit einer Miene, als dächte sie selbst das gleiche, und als fehlte ihr bloß die Energie, ihre Gedanken auszuführen. Aber bald merkte ich, daß dies nicht der Fall war. Meine Worte waren im Gegenteil an ihr vorbeigerauscht, ohne in ihrem Gedächtnis haften zu bleiben. Und wie eine glückliche Schlafwandlerin ging sie ihren Weg, unbekannt mit der Welt, in der sie lebte. Wenn ich davon zu ihr sprach, weckte ich sie nicht aus ihrem Wahn. Ich störte sie nur für eine kurze Minute. Wenn sie mich anhörte, waren ihre Gedanken weit weg, und was ich sagte, war ihr eine Qual, die sie mir bloß eine Zeitlang verhehlen konnte. Aber sicherer, rascher, unerbittlicher als der ernsteste Anlaß zu Uneinigkeit und Spaltung trennte mich dieser Zug ihrer Natur von meiner Frau. Ich glaube nicht, daß sie ahnte, wie fremd sie mir nach und nach wurde, und wie scharf ich die Kluft zwischen mir und ihr empfand. Ich glaube nicht, daß es ihr auch nur in den Sinn kam, daß dies ernstlich mein Herz von dem ihren zu entfernen vermöchte. Denn merkte sie ab und zu eine Gereiztheit oder Zeichen des Unmuts von meiner Seite, so glaubte sie nie, daß diese Mißstimmung ihr gelte. Sie beunruhigte sich nur darüber, daß ich so nervös war. Geschah es manchmal, daß sie zu mir sprach und ich nicht antwortete, gleichgültig, wie ich für ihre Interessen geworden war, ebenso wie sie für die meinen, nannte sie mich zerstreut und scherzte darüber. Ging ich im Zorn und ließ sie allein, warf sie mir meine Heftigkeit vor und glaubte, daß ich bereute. Ja, ich bereute auch. Aber nicht, wie sie glaubte. Ich bereute den Tag, an dem ich zum erstenmal ihrem Blick begegnete, der versprach, was sie selbst nie halten konnte. Ich bereute, daß ich – wie es nun einmal stand – mich nicht besser beherrschte. Aber ich bereute die Gefühle nicht, die meine Handlungsweise diktierten, und von denen sie nichts wußte. Ich betrachtete sie als eine gerechte Folge meiner Antipathie gegen eine unfruchtbare, starre und welke Traumsucht, die, wie eine Mauer, die im Bau ist, strebte, täglich Stein auf Stein zu häufen, um endlich sie und mich von dem Leben abzuschließen, in dem ich wirken und teilnehmen wollte. Dies stand zwischen uns gleich einer Qual, einer Beklemmung, einer zehrenden Krankheit, die an der Lebenskraft unseres Zusammenlebens nagte. Es wurde allmählich immer stiller zwischen uns, eine unheimliche Stille, die mich erschreckte und mich von meinem Heim fortscheuchte, mich in einen Strudel von Vergnügungen und Arbeit schleuderte, aus dem ich erst erwachte, als ich fühllos und erstaunt an ihrem letzten Lager saß. Es herrschte Dämmerung in dem Zimmer, in dem meine Frau lag, und wo ein Wort des Arztes mir die plötzliche Gewißheit gab, an Gertruds Totenbett zu sitzen. Oft in verbitterten Augenblicken war der Gedanke wie mit Feuerflammen durch mein Hirn gebraust, daß vielleicht eines Tages der Tod mich frei machen konnte. Dieser Gedanke hatte mich so oft beschäftigt, daß ich gleichsam auf das vorbereitet war, was kommen sollte. Darum trafen mich auch die Worte des Arztes nicht wie ein heftiger Schlag, nicht wie etwas Scharfes, das in mein Herz schnitt, nicht wie irgend etwas von all dem, womit bartlose Poeten das Gefühl zu bezeichnen pflegen, mit dem ein Mann die Todesbotschaft des Weibes entgegennimmt, das er einst geliebt. Wie eine dumpfe, von fernher kommende Kunde eines Gewitters, das ich ohne Furcht ertragen mußte, damit nachher der Himmel wieder klar werden konnte, hörte ich diese Worte, deren Wirklichkeit ich mit einer solchen Intensität fühlte, daß ich dem Arzt nicht einmal eine einzige Frage stellte. Ich setzte mich bloß nieder und nahm Gertruds Hand in die meine, gleichsam, als hätte ich beschlossen, eine Pflicht zu erfüllen. So saß ich Stunden, beugte mich hinab und empfing die Worte, mit denen sie mir ihren Scheidegruß bot. So saß ich noch, als die schweren, scharfen, röchelnden Atemzüge begannen, mit denen der Tod sein Nahen verkündet. Und ich dachte daran, wie wunderlich es war, daß ich nie zuvor einen Menschen sterben gesehen hatte. So saß ich noch, als diese Atemzüge plötzlich aufhörten, als alles um mich still wurde und der letzte Seufzer mit seinem wunderbaren sausenden Laut die letzte Luft aus ihren Nasenflügeln preßte. Bis in die innersten Fibern meines Wesens fühlte ich, daß dies Wirklichkeit war, und meine Hand zitterte nicht, als ich mich über die Tote hinabbeugte und ihr die Augen zudrückte. Langsam, als seien es Monate, gingen die Tage vor dem Begräbnis hin. Ich sah Menschen, die in meinem Hause aus- und eingingen, Menschen, die sagten, daß ich selbst nach ihnen geschickt hätte, mit denen ich von allerlei sprach, und denen ich Rechnungen bezahlte. Ich sah den langen Zug der Leidtragenden, die von den Wagen hinauf über den Friedhof strömten, sah mich selbst schwarz gekleidet an dem Grabe stehen, hörte die wohlbekannten Worte des Pfarrers und den Laut der Erdscholle, die auf den Sargdeckel fiel. Dann fühlte ich Hände, die die meinen drückten, ich merkte, daß ich in einen Wagen stieg, hatte die Empfindung, als lehnte ich das Anerbieten jemandes ab, der mir Gesellschaft leisten wollte, und stieg endlich allein die Treppen zu meiner Wohnung hinauf. Da ging ich durch alle Zimmer. Ohne bei den Erinnerungen zu verweilen, die sie bargen, ließ ich selbst die Rouleaus herab und verschloß alle Türen. Ermattet nach der ungeheuren Anstrengung des Tages, setzte ich mich in meinen Schaukelstuhl und sah mich um, mit einem Gefühl, als wäre ich lange fortgewesen und endlich heimgekommen. Ich saß und wartete darauf, daß ein Gefühl der Erleichterung mich überkommen sollte, weil ich nun frei war. Aber es kam nicht. Wie von der Last kommender Tage gequält, fühlte ich mich in einer Weise aufgewühlt, die ich nie beschreiben können werde. Es war mir zumute, als hätte ich im geheimen ein Verbrechen begangen, ohne zu wissen warum, und aus dieser beginnenden Qual ist die Angst meiner Tage und Nächte gewachsen, gewachsen mit stets gesteigerter Kraft. 5 Es ist eigentümlich, wie fest wir an andere Menschen gebunden sind und durch sie an die ganze Welt, in der wir leben. Wir mögen immerhin, soviel es uns beliebt, sagen und denken, daß unser innerstes, persönliches Ich niemanden angeht, unsere entscheidendsten Handlungen und Lebensschicksale nicht von anderen abhängen, unsere Gedanken, Gefühle und Meinungen unser Eigentum sind, unseres und niemandes andern. Aber wenn wir so denken, wenn wir diese Unabhängigkeit, die der Schutz unseres Wesens sein und uns im Leben aufrecht erhalten sollte, am stärksten fühlen, da schleicht sich gleichzeitig ein heimlicher Zweifel in die Tiefe unserer Seele, und ohne daß wir es hindern können, horchen wir scheu der Stimme, die uns erzählt, was andere denken. Was sagen die Leute von uns? Was denken die Menschen? Wie beurteilen sie uns jetzt, gerade in dem Augenblick, in dem wir am liebsten wollten, daß kein fremder Gedanke sich unserer Tür näherte, um anzuklopfen und sich einen unberechtigten Blick durch die Spalte zu erzwingen. Wunderlich genug habe ich mich gerade in diesen Tagen selbst durch die seltsame Entdeckung überrascht, daß ich es im Grunde ganz natürlich finde, wenn die, die mich kennen, wirklich ein wenig wissen wollen, wie ich jetzt – in diesem Augenblick, in diesen Tagen, wo alles Alte aufgerissen wird, wo mein ganzes Leben sich vor meiner Selbstbeobachtung ausbreitet – lebe, denke, handle, mich entwickele. Es sind Freunde, die ich mir vom Leibe gehalten habe, alte und neue Bekannte, Verwandte und nahe Angehörige. Alle scheinen sich um mich zu scharen, zu versuchen, mir ins Gesicht zu sehen, und fragen ganz kalt und ruhig: »Was tust du, mein Freund? Was wird aus dir? Bist du derselbe wie früher, oder bist du es nicht?« Ich weise diese Zudringlichkeit mit Bestimmtheit ab. Denn ich will mich niemandem nähern, und ich habe beschlossen, daß niemand in mein Zimmer blicken oder meine versperrte Tür auflehnen darf. My house is my castle. Aber ich wurde in eigentümlicher Weise an meinen Gedankengang erinnert, als ich dieser Tage dicht vor meiner Tür ganz unvermutet meinen ehemaligen Freund Christian Sundin traf. Es war nun beinahe fünf Jahre her, seit ich ihn zuletzt gesehen, und es überraschte mich daher, als er ohne weiteres herankam und mir die Hand gab. Er ist Schriftsteller, mein ehemaliger Freund, ja, er hat sich sogar einen Namen gemacht, und ich bin immer an ihm mit dem Gefühl vorbeigegangen, daß es jetzt für ihn nicht von Interesse sein kann, einen unbedeutenden Lektor an einer Schule zu treffen. Er blieb jedoch stehen und sagte mit einem wunderlichen Tonfall, daß er die Todesanzeige meiner Frau in einer Zeitung gesehen hätte. Dann verstummte er plötzlich, und ich fühlte, daß ich rot wurde, als er mich ansah. So standen wir eine Weile, einander anstarrend, ohne zu sprechen, bis ich ganz unmotiviert seine Hand ergriff, ein paar Worte des Dankes murmelte und mich entfernen wollte. »Du gehst?« sagte er. »Ja,« antwortete ich, »ich wohne hier.« Damit ging ich. Aber diese Begegnung hat mich aufgestört. Sie läßt mir keine Ruhe. Unaufhörlich denke ich an Christian Sundin, denke an alte Zeiten. Es ist nichts besonders Ungewöhnliches im Leben, daß es Personen, die ein tiefes Gefühl der Sympathie füreinander haben, auf die Länge schwer fällt, wirklich gut miteinander auszukommen. Gerade diese Sympathie schließt nämlich eine Seelenverwandtschaft in sich, so tief, daß sie gleichsam die Individuen ermüdet, indem sie sie unablässig auf jene Gebiete drängt, in denen man es nur ausnahmsweise erträgt zu verweilen. Das Alltagsleben hat nämlich seine Forderungen, und der Mensch, der durch seine bloße Anwesenheit in uns alles erweckt, was Phantasie, Geist, Streben zur Größe, Glücksdurst heißt, stört unser Alltagsleben. Und darum fürchten wir ihn, wie es heißt, daß Antonius Cäsar fürchtete. Es ist wunderlich, daß ich jetzt daran denken kann. Aber mit solchen Menschen begehen wir in der Jugend die Feierstunden des Lebens. Wie ich hier sitze, erinnere ich mich an die Zeit in Upsala, als ich diesen Mann zum ersten Mal sah. Wir hatten einander anfangs an jenen Abenden gesucht, an denen das ganze Übermaß des Lebens oder seine ganze Leere die Seele erfüllt, und wir hatten beide gewußt, daß wir einander gerade dann suchten, wenn der Mensch fürchtet, mit sich selbst allein zu sein, oder wenn er in überströmendem Lebensgefühl es nicht sein kann. Es ist mir überhaupt immer schwer gefallen, andere zu suchen, und darum war meist er es, der mich suchte. Ich erinnere mich, daß er erzählte, wie oft er den bekannten Weg, den Karolinenhügel hinauf, gegangen war, um dann von einem bestimmten Punkt der Schloßgasse nachzusehen, ob mein kleines Giebelfenster beleuchtet war, von dem aus man am Tage ein paar Bäume des Schloßhügels sehen konnte, über denen sich der dunkle Schatten des alten Schlosses erhob. Er versicherte, daß er beinahe vor Unruhe zitterte, das Licht oben könnte nicht brennen, ordentlich ging und sich fürchtete, die kleine Scheibe dunkel zu sehen, als würde dies für ihn den schwersten aller Unglücksfälle bedeuten. Ich erinnere mich, daß, wenn er so etwas erzählte, ich ihm bisweilen mit einem Gefühl zuhörte, das an Neid grenzte. So lebhaft fühlen zu können, so ganz in einem anderen aufzugehen, sich so ganz der Gesellschaft eines anderen zu erfreuen! Ich wußte ja, daß dies mir ein Geheimnis war und immer bleiben würde. Seine Zuneigung schmeichelte mir darum nicht. Sie war mir eine Qual, weil ich ein Unbehagen darüber empfand, sie nur so matt vergelten zu können, und ich weiß, daß aus diesem Gefühl des Unbehagens der Keim unseres späteren Mißverstehens entsproß. Schon seit unserer frühesten Jugend entsann ich mich, wie oft ich mich über die seltsame Mischung von Scheu und Vertrauensseligkeit gewundert hatte, die das Wesen dieses Mannes barg. Wenn er bei einer Gelegenheit, wie der oben geschilderten, in mein Zimmer trat, erinnere ich mich noch, daß er stets einen ängstlichen und gleichzeitig forschenden Blick auf mein Gesicht warf, um zu ergründen, ob ich ihn mit Vergnügen begrüßte, oder ob ich ihn eigentlich dorthin wünschte, wo der Pfeffer wächst. Er machte sich diesbezüglich nie sonderliche Illusionen, und wenn ich ihm zu verstehen gab, daß er überflüssig war, ging er ohne ein Wort seiner Wege, ganz, als sei dies die natürlichste Sache der Welt. Ich erinnere mich, wie diese seine Unterwürfigkeit gegen meine Person mich gleichzeitig belustigte und reizte. Ich weiß, daß ich mich oft darüber wunderte, daß sein Interesse für mich nicht erschlaffte. Es nahm im Gegenteil mit den Jahren zu, und ich konnte mich schließlich eines gewissen Eindrucks dieser Zuneigung nicht erwehren, die auch die härtesten Stöße ertragen zu können schien, ohne dadurch abgekühlt zu werden. Aber während ich seine Freundschaft entgegennahm, konnte ich doch eine gewisse Verachtung der natürlichen Offenheit, mit der er der meinen nachstrebte, nicht unterdrücken. Es erschien mir als eine unmännliche Schwäche, nicht einmal den Schein wahren zu können, sich selbst genug zu sein, und es kam vor, daß ich ihn dies sogar merken ließ. Inzwischen ging es mit unserem Freundschaftsverhältnis, wie mit so vielen andern: wir gewöhnten uns aneinander. Das Bedürfnis, hie und da zusammenzutreffen, wurde schließlich gegenseitig, und ich glaube, daß Sundin den Umgang mit mir als einen Ersatz für das Einerlei und die Banalität des Alltagslebens ansah. Wir trafen uns wie aus gemeinsamer Übereinkunft beinahe immer des Abends. Bei diesen Gelegenheiten aßen wir stets bei Gästis und ließen uns dann auf eines der rückwärtigen Sofas des Cafés nieder, wo wenige vorbeikamen und wir möglichst ungestört blieben. Ich kann mich noch der rauchigen Luft in dem großen, dunklen Zimmer mit der braunen Täfelung und den grünen Sofas entsinnen. In dieser Umgebung bekamen unsere Gespräche jenen Schwung, der von dem Bedürfnis der Jugend kommt, sich an Gedanken zu berauschen; und die Worte flogen mit einer Leichtigkeit zwischen uns hin und her, als hätten sie Schwingen besessen. Wenn wir bis Mitternacht drinnen gesessen hatten, gingen wir ins Freie, die lange, gerade Flüsterpromenade hinauf, kehrten zum Karolinahügel um, machten auf dem Abhang vor dem Schlosse halt und sahen den Horizont sich über der schönen Upsalaebene weiten, wo die Träume von Generationen um die kleinen Kirchtürmchen geschwebt und an der geschwungenen Linie der Wälder und Hügel abgeprallt sind. Wir standen lange hier oben, bevor wir gingen, und wenn wir uns endlich trennten, hatte ich nicht selten das unbehagliche Gefühl, daß mein Kamerad diesen Zusammenkünften ein ganz anderes Gewicht beilegte, als es mir möglich war. Er wurde förmlich zu Tränen gerührt, wenn wir uns Lebewohl sagten, und seine Empfindsamkeit erwärmte und irritierte mich gleichzeitig. Aber warum muß ich an all dies denken? Warum kehre ich zu diesen Erinnerungen zurück, mit denen ich schon längst abgeschlossen habe? Der eine Mensch geht seinen Weg im Leben, und der andere geht den seinen. Wir treffen uns zufällig, um uns zu helfen, einige jener Augenblicke zu vertreiben, in denen die Einsamkeit, die unausweichlich ist, allzu fühlbar wird. Dann trennen wir uns wieder, gehen aufs neue jeder unseren Weg und haben uns im Grunde nicht mehr getroffen, als sich zwei Steine treffen, die zufällig durch einen vorbeirollenden Wagen aneinander gestoßen werden. Warum soll dann diese Begegnung, die so zufällig, so kurz, so nichtssagend war, mich jetzt beschäftigen, wo so vieles andere mir näher liegt, wo ich allen Anlaß habe, nur an mich selbst zu denken? Es ist mir zumute, als wollte dieser Mann etwas von mir. Ich kann den Gedanken nicht loswerden, daß, als wir uns trafen, er mir etwas zu sagen hatte, das nie gesagt wurde. Er wird für mich zum Inbegriff der Menschen, die ich ausgeschlossen habe, und die sich nun hereinklopfen wollen, um zu fragen, ob ich einsam bin, ob ich traure. Schnickschnack. Meine Tür ist verschlossen, mein Hirn ist klar, ich traure nicht, und ich will allein sein. 6 Es ist wunderlich, daß ich mich nicht entschließen kann, das Porträt meiner Frau von meinem Schreibtisch zu entfernen. Es würde mich ruhiger machen, wenn ich es fortnehmen könnte. Aber ich kann nicht. Es steht im Schein des grünen Schirms der Lampe, und ihre Augen leuchten den meinen entgegen, als könnten sie sprechen. Einmal ums andere habe ich eine der Schreibtischladen geöffnet, um das Porträt hineinzulegen – auf denselben Platz, wohin ich den Schlüssel zu meiner Wohnung gelegt habe. Aber immer habe ich die Lade wieder zugeschoben und das Porträt stehen gelassen. Ich kann mich ganz einfach nicht davon befreien, und ich habe davor verweilt, grübelnd, als könnte dieses Antlitz meines Lebens Rätsel lösen. Der einzige Mensch, den ich zuweilen treffe, ist mein Dienstmädchen. Sie war die Kinderfrau meiner Gattin, als diese noch klein war, ist ein altes Original, das zur Familie gehört, und ich habe es nicht über mich bringen können, sie zu anderen ziehen zu lassen. Sie räumt meine Zimmer auf, serviert mir Frühstück und Abendbrot und hat im übrigen Order, sich nie zu zeigen. Sie vergötterte meine Frau, und als wir heirateten, nannte sie mich zuerst in ihrer naiven Art ›mein Sohn‹. Ich kann sie nicht wie eine gewöhnliche Dienerin behandeln, und ich fühle oft in qualvoller Weise, daß sie mich beobachtet. Es ist, als wollte sie mich erforschen, und manchmal bilde ich mir ein, daß sie spürt, was ich denke. Aber sie sagt nichts, obgleich ich manchmal sehen kann, daß sie geweint hat. Eines Abends jedoch hatte ich das Bild meiner Frau umgedreht, um ihre Augen nicht sehen zu müssen, die mich verfolgen. Als Greta mit dem Frühstückstablett ins Zimmer kam, stellte sie erst das Brett weg. Dann drehte sie das Porträt wieder um und ging hinaus. Es war mir, als hustete sie vielsagend, und das machte mich rasend. Aber seither habe ich nicht versucht, das Porträt wegzuschieben. Es ist wunderlich, daß, wenn ich es ansehe, ich nicht fassen kann, daß Gertrud tot ist. Ich kann nicht begreifen, daß dies dasselbe Weib sein soll, das ich vor mir sterben gesehen, dessen Augen ich zugedrückt, und die ich einsam zurückgelassen unter den Tausenden, die sich in der Erde des Kirchhofs den Platz streitig machen. Ich habe das Gefühl, als müßte sie irgendwo da sein. Und während ich daran denke, fühle ich, daß, wenn sie da wäre, ich sie finden müßte, schon darum, damit ich ihr einmal sagen könnte, was ihr Leben und ihr Tod für mich gewesen ist. Das würde nicht mehr sein als bloße Gerechtigkeit. 7 Ich kann es jedoch nicht hindern, daß ich wieder an Christian Sundin denken muß. Merkwürdig genug habe ich das Gefühl, als hätte ich schon von vornherein gewußt, daß ich ihm begegnen würde. Nicht gerade, als es geschah, nicht einmal in diesen Tagen. Aber irgend einmal, wenn ich es am wenigstens erwartete. Daß dieser Mann aber jetzt beständig in meinen Gedanken ist, kommt daher, daß ich seinen Gesichtsausdruck nicht vergessen kann. Er sah beinahe schwermütig aus, als ich von ihm ging, und das erinnert mich an den Tag, an dem wir uns das letzte Mal in Upsala trafen. Das Wunderlichste ist, daß ich mich sehr wohl entsinne, wie er aussah, wie wir uns jenes Mal trafen. Das ist viele Jahre her. Aber ich erinnere mich deutlich, daß er auch damals jenen Gesichtsausdruck annahm, den ich jetzt beobachtete, und der mich damals quälte, so wie er mich jetzt quält. Sein Gesicht drückte nämlich ein Gemisch von Erstaunen, Enttäuschung und beherrschtem Gram aus, und dies quälte mich, weil es einen Anspruch in sich schloß. Ich erinnere mich, wie gesagt, sehr wohl, wann wir uns trennten, und ich habe mir nie verhehlt, daß es meine Schuld war. Es war um die Zeit, als ich mich eben verlobt hatte, und wenn ich allein sein wollte, hatte ich meine Gründe. Da verschloß ich meine Tür vor ihm ebenso, wie vor allen anderen. Ich erkannte seine Schritte, wenn er die Treppe hinaufkam, und ich hörte, wie er an meine Tür klopfte. Ich begriff sehr wohl, daß er gesehen hatte, daß ich zu Hause war. Die Lampe brannte nämlich hinter der herabgelassenen Gardine in meinem Studentenzimmer, und von dem Platze, wo er stehen zu bleiben pflegte, um sich zu überzeugen, ob ich zu Hause war, mußte er dies unbedingt sehen. Ich ersah aus der Zeit, die zwischen seinem Klopfen verstrich, daß er erwartete, schließlich doch eingelassen zu werden, und als er zurück, die Treppe hinab ging, geschah es mit langsamen, zögernden Schritten, als glaubte er, ich würde ihn zurückrufen. Ich erwartete, er würde dies auf sich wirken lassen und nicht wieder kommen. Ich befand mich in einem Zustande der Überreiztheit, den ich nicht beschreiben kann. Verliebt wie ich war, litt ich doch an einer qualvollen Unsicherheit mir selbst gegenüber, die mich für jeden Verkehr unmöglich machte. Aber er kam einmal ums andere wieder – immer mit demselben Resultat. Er wollte sich offenbar nicht abweisen lassen, und als er mich eines Tages auf der Gasse traf, ging er gleich auf mich zu und sagte, als erzählte er mir eine Neuigkeit, daß er dagewesen war um mich zu besuchen. Ich war zu erregt, um ihm antworten zu können. Ich fühlte nur Erbitterung gegen diese Freundschaft, die nicht locker lassen wollte, aber ich bemerkte mit so ruhiger Stimme als nur möglich, daß ich in letzter Zeit viel zu denken gehabt hatte. Es ist möglich, daß in meinem Ton etwas wie Verachtung lag, die ich nicht verbergen konnte. Denn er zuckte zusammen und betrachtete mich mit forschenden Blicken. Es lag Unruhe in seinem Blick, ganz, als fürchtete er, daß mir etwas Böses zustoßen könnte, oder vielleicht schon zugestoßen war. Und er fuhr fort, schweigend neben mir einherzugehen, während er nach Worten zu suchen schien, um das unterbrochene Gespräch wieder anzuknüpfen. Ich war ebenso erstaunt, wie geärgert. Die ganze Situation erschien mir barock. Hier arbeitete ich tagaus tagein an meinem eigenen Schicksal, wenn dieses Schicksal auch nur die Gestalt eines kleinen Mädchens angenommen hatte, das mich betörte, und da wollte dieser Mann eingreifen, bloß, weil es seine Gewohnheit gewesen war, sein Souper in meiner Gesellschaft zu verzehren und beim Kaffee über Philosophie zu sprechen. Meine Überreizung wurde so heftig, daß ich mich nicht länger beherrschen konnte. Ohne auch nur den Versuch zu machen, einen Vorwand zu finden, nahm ich plötzlich Abschied und bog in eine Nebengasse ein. Man sollte glauben, dies hätte genügen können, um ihn mir für die Zukunft fern zu halten. Aber dies war durchaus nicht der Fall. Zu den merkwürdigsten Tageszeiten sah ich ihn in dem Viertel umherstreifen, wo ich wohnte. Besonders kam er des Abends. Ich konnte seine Schritte auf dem Trottoir vor meinem Fenster hören, konnte hören, wie sie innehielten, um nach einem kurzen Augenblick aufs neue zu ertönen. Diese Schritte, die ich deutlich in der Stille der Nacht unterschied, irritierten mich mehr, als ich zu sagen vermag, und ich kam dahin, daß ich dasitzen und lauschen konnte, um zu hören, ob sie nicht näher kamen. Natürlich begriff ich, daß es eigentlich nur Interesse für meine Person war, was diese Beharrlichkeit hervorrief. Christian bildete sich ein, daß ich seiner bedurfte, daß ich unglücklich war, daß er etwas tun könnte, um mein Schweigen zu brechen, und daß, wenn es ihm bloß gelang, sich mir zu nähern, dies mir gut tun würde. Ich verstand all dies sehr wohl. Aber ich konnte nichts dafür, daß das bloße Bewußtsein, daß seine Gedanken sich unaufhörlich mit mir beschäftigten, mich außer mir brachte. Ich fühlte mich als pauvre honteux behandelt, dem man ein Almosen aufzwingen will, und ich begann mich danach zu sehnen, dieser ungebetenen Wohltätigkeit die Tür weisen zu können. Ich konnte seinem Gedankengang folgen, glaubte ich. In überspannter Nervosität ging er dort draußen und sah zu dem Fenster auf, wo die Lampe brannte, zögernd, ob er sich entschließen sollte, die kurze Holzstiege hinaufzusteigen und an meine Tür zu klopfen. Ich konnte mich nicht einmal in meinem Zimmer rühren. Beugte ich mich zur Lampe vor, so daß der Schatten meiner Gestalt gegen die weiße Gardine fiel, so zeichnete sie sich darauf wie eine dunkle Silhouette ab, erzählte ihm, daß ich da war und erfüllte seine Einbildung mit tausend tollen Phantasien. Er blieb stehen und betrachtete dieses Schattenspiel, bis er verschwand und die Gardine wieder leer und weiß dahing, von rückwärts beleuchtet wie das weiße Papier einer Laterna magica. Dann kehrte er um und ging fort. Aber er brachte es dennoch nicht über sich, mich allein zu lassen. Er faßte das Bild, das er gesehen, als einen Wink auf, daß nun der Zeitpunkt gekommen war, wo er hervortreten konnte, und er fand den Moment einer Annäherung günstig. Er bildete sich ein, daß ich allein in meinem Zimmer saß und mich nach ihm sehnte, so wie er einsam auf der Straße ging und an mich dachte. Er glaubte, daß, wenn ich ihn bloß wiedersah, ich froh werden müßte, und wir zusammen bleiben würden, als sei nichts geschehen. All dies glaubte er; ich wußte das so bestimmt, als hätte ich ihn schon aufs neue die Treppe hinaufsteigen gehört. Und wie ich so saß und an dies dachte, fuhr ich zusammen. Ich hatte wirklich Schritte auf der Treppe gehört. Er war es, der kam, und in einem Augenblick klopfte es. Ale keine Antwort erfolgte, klopfte es noch einmal, und als auch dies nicht half, rief er meinen Namen, indem er versuchte, seiner Stimme einen so natürlichen Klang als möglich zu geben. »Tage, höre doch, mache jetzt auf! Ich habe ja gesehen, daß du zu Hause bist.« Ich kann das Gefühl der Erbitterung nicht beschreiben, das mich packte. Zornig riß ich die Tür auf, und er trat ein, gleichmütig, ruhig, freundlich, als sei nichts vorgefallen. Wir begrüßten uns, und er versuchte, ein paar scherzhafte Worte darüber zu sagen, wie schwer ich zu treffen war. Ich fühlte, wie mir das Blut zu Kopfe stieg, und in diesem Augenblick wußte ich, daß ich ihn hätte schlagen können. »Bist du böse, daß ich gekommen bin?« sagte er endlich. »Ja,« erwiderte ich kurz. »Ja, aber warum? du hast mir ja früher nie deine Türe verschlossen.« Ich stand vor ihm, und er sah, daß ich einen gewaltsamen Versuch machte, den Aufruhr zu unterdrücken, der nahe daran war, loszubrechen. »Wenn ich mich fern hielt,« sagte ich schließlich – und meine Stimme klang in meinen eigenen Ohren, als hätte ein Fremder gesprochen – »glaubte ich, du würdest begreifen, das ich allein sein will. Und wenn ich das will, müßtest du verstanden haben, daß ich auch nicht um die Ursache gefragt sein mag. Ist das genug?« Aber es war nicht genug. Er blieb sitzen und antwortete: »Ich habe dich nicht gefragt.« Da brach meine Selbstbeherrschung, und zornig rief ich ihm zu: »Nein, aber du dachtest es zu tun.« Er sah mich erstaunt an, als hätte er mich nicht verstanden. Aber ich fuhr fort: »Ich vertrage in der Freundschaft keine Spionage.« Ich erwartete, daß er aufbrausen würde. Aber er fragte bloß: »Willst du, daß wir in dieser Weise scheiden?« »Ich kann es nicht verhindern.« Ich war außer mir über seinen Besuch, außer mir über seine unerhörte Kaltblütigkeit. Ich zitterte vor Zorn und Seelenbewegung. Und das Wunderlichste von allem war, daß es ihm nicht einen Augenblick einzufallen schien, sich persönlich verletzt zu fühlen. Er sah mich an, wie man einen rasenden Menschen betrachtet, der in Aufruhr gekommen ist und blind um sich schlägt, ohne zu berechnen, wohin oder wie der Schlag treffen kann. Ich fühlte die Geringschätzung, die in dieser Ruhe lag, und mit einer geringschätzigen Gebärde setzte ich mich an den Schreibtisch, indem ich ihm ohne ein Wort der Erklärung den Rücken kehrte. Ich hörte ihn aufstehen und gehen, aber ich wandte mich erst um, als ich mich erinnerte, daß der Schlüssel herausgenommen war. Da sprang ich auf und schloß die Tür hart hinter ihm zu. Seither habe ich ihn oft gesehen, aber wir haben nie miteinander gesprochen. Ich habe ihn allein getroffen und auch, wenn ich mit Gertrud in Gesellschaft kam. Er hat mich von seinem Tisch im Restaurant angesehen, ebenso wie ich ihn von meinem betrachtet habe. Er ist für mich einer der tausend Gleichgültigen in dieser Welt gleichgültiger Menschen gewesen. Und nun, da der Gram seine Krallen in mein Herz geschlagen, kommt er mir wieder auf der Straße entgegen, drückt mir die Hand, als sei nichts geschehen, und in seinen Augen liegt derselbe Anspruch auf das Recht, meine Einsamkeit zu stören, der stets meine Erbitterung hervorgerufen hat. Was will er von mir? Ist er ausgeschickt, um meinen Frieden zu stören? Hier gibt es nichts zu stören, nichts zu sehen. Ich glaube, ich könnte ihn hassen. 8 Isoliert zu sein, bringt mit sich, daß selbst der die Einsamkeit sucht, zuweilen auch von ihr gequält wird. Eines Tages, als ich aus der Schule heimgehen wollte, bekam ich plötzlich Lust, andere menschliche Gesichter zu sehen, als die, welche mich in den Gängen der Schule oder durch die Fenster des großen Gebäudes zu betrachten pflegten. Ich hatte außerdem Furcht vor meinem langen Nachmittag und, einem plötzlichen Impuls gehorchend, ging ich zu Du Nord hinein, um Mittag zu essen. Kaum war ich in den Speisesaal getreten und an dem Glasschirm vorbei, als ich mich Angesicht gen Angesicht Christian Sundin gegenüber befand. Er saß an einem der Fenstertische, war allein wie ich und grüßte. Ich war so unvorbereitet auf seine Anwesenheit, daß es mir nicht einmal gelang, meine Gedanken zu sammeln, um mit Überlegung zu handeln. Als stünde ich unter dem Einfluß einer fremden Macht, näherte ich mich ihm; und als er fragte, ob ich allein sei, antwortete ich ohne weiteres ja und saß im nächsten Augenblick ihm gerade gegenüber am Tisch, den Speisezettel in der Hand, das Mittagsessen besprechend. Ich war in diesem Moment verhext, ich erinnerte mich nicht an das Vergangene, gab mir nicht Rechenschaft über das Gegenwärtige. Aber alles, was mich umgab, wurde so deutlich, als sähe ich die Welt durch scharfe Gläser. Auch mein Gehör war in eigentümlicher Weise geschärft. Jedes Wort, das gesprochen wurde, schien mir mit verstärktem Klange zu kommen, gleichsam deutlicher, klarer als sonst im Alltagsleben. Ich hatte dieselbe Empfindung wie in dem Zwischenzustand zwischen Träumen und Wachen, und ich entsann mich in wunderlicher Art des Gespenstes in Tiergestalt, das mir von Zimmer zu Zimmer folgte, und dem ich nicht entgehen konnte. Ich saß da, neugierig, was mein Gegenüber eigentlich sagen würde, als ich plötzlich seine Stimme hörte, die mich fragte, ob ich nicht Wein trinken wollte. Ich fuhr zusammen und antwortete ja, als hätte ich nie an etwas anderes gedacht. Und bei mir selbst wunderte ich mich, ob er mir keine weiteren Fragen stellen würde. Aber er saß ruhig da, als hätte er mich seit mehreren Jahren jeden Tag getroffen. Er lachte mir sogar zu, und so nach und nach merkte ich, daß meine Spannung nachließ, und es war mir. als finge alles um mich an, sein natürliches Aussehen wiederzugewinnen. Die Stimmen, die ich um mich hörte, wurden weicher; was ich sah, hatte nicht länger diese scharfen Konturen, die beinahe schmerzten; und schließlich sah ich auch, daß der Mann, der mir gegenüber am Tische saß, sich mit den Jahren verändert hatte. Es fiel mir auf, daß ich ihn erst jetzt überhaupt sah. Er hatte einen Vollbart bekommen, das Haar auf dem Scheitel war gelichtet, das Gesicht hatte markierte Linien, die von Leiden erzählten. Aber gleichzeitig war ihm eine beherrschte Ruhe eigen, die sich mir mitteilte, und die ich als Erholung empfand. Ohne daß ich darüber reflektierte, fühlte ich, wie natürlich es war, daß wir beide zusammen saßen und sprachen. Wie einen Hauch des Lebens empfand ich das wohltuende Bewußtsein, daß ich für einen Augenblick mich selbst vergaß. Seine Person regte mich an, zu sprechen, und mein langes Schweigen, meine tiefe Einsamkeit ruhten aus in dieser Unterredung mit einem alten Freunde, nach dem ich mich beinahe gesehnt zu haben glaubte. Als sei seit dem Tage, an dem wir uns getrennt hatten, bis zu dem, der uns wieder vereinte, nichts vorgefallen, knüpften wir die Fäden zwischen dem Verflossenen und dem Gegenwärtigen zusammen. Und zwischen uns begann jenes belebende Spiel, das darin liegt, bei einem Glase Wein beredt und mitteilsam zu werden. Wohl hatte das Leben viel von dem leichten, kategorischen Gedankengang der Jugend erweitert, umgeformt, entwickelt und vielleicht verhärtet, aber wir fühlten doch für eine Weile, daß wir beide jung waren – oder wenigstens schien es mir, wir seien es – und es dauerte nicht lange, so hatten wir die Gebiete der Philosophie verlassen und waren direkt zum alten Upsala zurückgekehrt. Und da stiegen die Reminiszenzen empor. Wie bei den Festen der Jugend freundliche Kameradengesichter aus Tabakswolken lächeln, wie sie uns, von den Säften der Bowle und dem gelben Schimmer zitternder Gasflammen gefärbt, entgegenlächeln, so lächelten uns auch diese Erinnerungen entgegen. Sie leuchteten durch den Nebel der vielen Jahre, die dazwischengekommen waren und uns von jener Zeit trennten, da diese Erinnerungen lebende Wirklichkeit waren; und sie hatten ganz den warmen, frohen Ausdruck, den die Entfernung selbst den größten Widerwärtigkeiten verleiht. Wir hörten den Klang von Jugendliedern, sahen Walpurgisfeuer lodern, erwärmten uns an enthusiastischen Reden, lachten über der Liebe Glück – und Verirrungen, fühlten gleichsam den warmen Händedruck von Freunden, die schon lange in alle Ecken und Winkel Schwedens und der Welt zerstreut waren. Und über all dem leuchtete es wie eine ewige Frühlingssonne, die Luft um uns erwärmend, alte Bitterkeit und alte Enttäuschungen dahinschmelzend, so daß der Groll hinweggespült wurde, wie einst die Eisschollen unter der Islandsbrücke, von den donnernden Jubelrufen und den Lenzesgedanken der Jugend gefolgt. Wir vertauschten den Speisesaal mit dem Café, und noch immer währte die seltsame Verzauberung, in der ich mich befand. Aber plötzlich spürte ich, daß ich ganz einfach müde war. Es entstand eine Pause im Gespräch. Und dieses kurze Schweigen war genügend, um mich zu meinem früheren Gedankengang zurückzuführen. Plötzlich dünkte mich alles, das eben noch so natürlich gewesen – fremd, wunderlich, beinahe verhaßt. Warum saß ich hier? Was wollte dieser fremde Mann von mir? Hatte er mich gesucht, oder ich ihn? Der absurde Verdacht stieg in mir auf, daß er hier gesessen und auf mich gewartet hatte, meinen Schritten gefolgt war, so wie er früher in Upsala meine Handlungen überwacht hatte; und obgleich er seine Absicht mit keinem Worte angedeutet, hatte er mich doch die ganze Zeit über ausgeforscht, mich verfolgt, sich zu meinem Vertrauten gemacht. Nun saß er da und glaubte das Spiel gewonnen, glaubte, mich überlistet zu haben. Ich hätte in tolles Gelächter ausbrechen, mit der Faust auf den Tisch schlagen und ihm sagen mögen, was für ein Dummkopf er war. Ich hatte Luft, das zu tun. Aber ich beherrschte mich, um mich nicht zu verraten, stand auf und erklärte, ich müßte gehen. Er ließ sich nicht fangen. Ganz ruhig reichte er mir die Hand zum Abschied; und vor Zorn darüber bebend, wie gut er sich in der Gewalt hatte, erwiderte ich seinen Händedruck und ging. 9 An diesem Abend irrte ich lange in den Straßen umher, bevor ich es endlich wagte, nach Hause zurückzukehren. Nie hatte mich dieses helle, lange Frühlingsabendlicht so unsäglich gepeinigt, wie an diesem Abend, als ich ziellos in den neugebauten Vierteln umherstreifte, die das Haus umgeben, in dem ich wohnte und das ich an diesem Tage nicht zu betreten wagte. Einmal ums andere ging ich an meinem Tor vorbei, weil ich mich nicht entschließen konnte, auf den kleinen schwarzen Knopf zu drücken, der mir den Weg zu meinen verschlossenen Räumen öffnen sollte. Immer wieder kam ich zurück, und als ich endlich die Treppe hinauf ging, war ich so müde, daß ich mich nur mit Mühe weiterschleppte. Als ich zu mir hineinkam, fiel es mir auf, wie still es war, und in dem peinigenden Gefühl, allein zu sein, zündete ich die Lampe an und zog die Gardine zusammen. Es war zu zeitig, um zu Bett zu gehen, und ich legte mich daher auf mein Sofa, in der Idee, daß die Müdigkeit bald verfliegen würde. Es war nur der Wein, das Gespräch, der lange Spaziergang, ... all das vereinigte sich, um meine Nerven zu betäuben. Und ohne daß ich es merkte, schlossen sich meine Augen, und ich schlummerte ein. Wie lange ich geschlafen, weiß ich nicht. Aber gerade, weil ich lange geschlafen zu haben vermeinte, bin ich geneigt, zu glauben, daß es höchstens eine Viertelstunde gewesen sein kann. Da glaubte ich – ob es im Traume war, oder gerade, als ich erwachte, konnte ich unmöglich entscheiden – eine Stimme zu hören, die wie unter dem Druck einer unbeschreiblichen Qual seufzte. Diese Stimme glich in wunderbarster Art etwas, das ich früher gehört zu haben glaubte. Und starr vor Entsetzen, lag ich unbeweglich, während ich, meine Nerven aufs äußerste anspannend, lauschte. Da ich nichts unterscheiden konnte, erhob ich mich und begann in meinen Zimmern umherzugehen, als wollte ich mich vergewissern, daß niemand darinnen war. Ich ging in mein Schlafzimmer, zündete Licht an, leuchtete unter die Möbel, aber fand natürlich nichts. Das wunderlichste war jedoch, daß ich die ganze Zeit über völlig überzeugt war, daß ich nichts finden würde. Meine Untersuchungen fanden nur des Scheines wegen statt, ich wußte es sehr wohl, und ich blieb schließlich vor der Tür stehen, die in die leere Wohnung führte, die einmal mein Heim gewesen. Wir waren ja nun in den Mai hineingekommen, und seit Wochen hatte ich nicht einmal an diese Wohnung gedacht, deren Tür ich selbst an einem Aprilabend verschlossen hatte. Sie war neben mir gelegen, versperrt und öde, und keine Stimmen von dort hätten mich vermocht, die Tür zu öffnen und durch die leeren Räume zu gehen. Sie waren ja für mich so leer, daß sie nicht einmal Erinnerungen bargen. Nun erschien es mir plötzlich, als hätte ich dort drinnen mein ganzes Leben zurückgelassen, um mich dort draußen selbst zu begraben. Und ich wußte ganz bestimmt, daß von dort drinnen der Seufzer gekommen war, der mich geweckt hatte, oder den ich gehört, als ich erwachte. Wenn es mein Leben gegolten hätte, würde ich es doch nicht gewagt haben, hineinzugehen. Unentschlossen, was ich tun sollte, nahm ich ein Buch und versuchte, mich in seinen Inhalt zu vertiefen. Aber es war mir natürlich unmöglich, zu lesen, und plötzlich hörte ich wieder diesen tiefen Seufzer, der mich vorhin erschreckt hatte. Er war dieses Mal so deutlich, daß ich nicht einmal den Versuch machen konnte, ihn als eine Gehörstäuschung zu betrachten. Und von meinem Sessel auffahrend, eilte ich auf die Tür zu, um besser horchen zu können. Da sah ich zu meinem unaussprechlichen Entsetzen, daß ein Schlüssel im Schlosse steckte. Ich stürzte zum Schreibtisch zurück, zog die Lade heraus, in die ich einmal den Schlüssel gelegt hatte, und begann danach zu suchen. Er fand sich nicht. Ich durchsuchte die anderen Laden, in der Voraussetzung, daß ich ihn anderswohin gelegt hatte und mich bloß nicht recht an die Stelle erinnerte. Ich durchsuchte mein Bureau, ja sogar meine Bücherregale. Vergeblich. Er war nirgends zu entdecken. Ich begriff, daß ich nicht länger allein war. Es existierte jemand in dieser abgesperrten Wohnung, ein paar Schritte von mir, jemand, der hineingegangen war und also auch einmal zurückkommen konnte. Wunderlich genug war es jedoch nicht das, was mich hauptsächlich beschäftigte. Daß ich nicht allein war, war offenbar. Aber, worüber ich grübelte, war, wie der Schlüssel aus meiner Lade gekommen war. Niemand konnte gesehen haben, daß ich ihn einmal hineingelegt hatte. Niemand wußte auch nur, daß ich ihn abgezogen hatte, oder daß er überhaupt aufgehoben war. Ich selbst hatte ihn seit dem Begräbnistage nicht gesehen, und wenn er nun im Schlosse steckte, mußte er also gestohlen worden sein. Einen Augenblick dachte ich daran, mich zu bewaffnen und hineinzugehen, um den ungebetenen Gast wegzujagen, der nun wahrscheinlich eben daran war, meine Geheimnisse zu durchstöbern. Aber ich konnte mich dazu nicht entschließen, und obgleich nichts mit der Tortur zu vergleichen war, die ich mir jetzt aus purer Unentschlossenheit selbst auferlegte, blieb ich doch und wartete ab, was kommen würde. Ich wagte nicht länger auf- und abzugehen, weil ich da von Zeit zu Zeit gezwungen war, jener Tür den Rücken zu wenden, hinter der das Geheimnis verborgen lag. Ich setzte mich darum so, das ich das Schloß sehen konnte. Ich wendete meine Blicke nicht davon ab, sondern fixierte ununterbrochen den Schlüssel, der mir auf eine beinahe übernatürliche Art in die Tür gekommen zu sein schien. Ich horchte auf jeden Laut, ich hörte entfernte Schritte auf der Stiege, Stimmen in angrenzenden Wohnungen, Schritte, die auf den Plafondziegeln über meinem Kopfe ertönten. Es pochte in den Wänden um mich, sauste in den Rauchfängen, klapperte auf dem Steinpflaster unter meinem Fenster. Kein Laut entschlüpfte meiner aufs äußerste geschärften Aufmerksamkeit. Meine Nervosität hatte einen solchen Grad erreicht, daß eine wirkliche Erscheinung aus der Geisterwelt mich kaum in stärkere seelische Erschütterung hätte versetzen können, als in der ich mich schon befand. Ich konnte keinerlei Entschluß fassen, wie ich handeln sollte. Aber ich wußte, daß in jedem Augenblick Greta kommen konnte, um mein Zimmer für die Nacht fertig zu machen, und wie eine fixe Idee beherrschte mich der Gedanke, daß ihr Kommen der unleidlichen Spannung, in der ich mich befand, ein Ende machen würde. Ich harrte darum mit Ungeduld des Augenblicks, da ich den scharrenden Laut der Flurtür hören würde, die sie mit ihrem eigenen Schlüssel zu öffnen pflegte, oder wenigstens ihre schleppenden, schweren Tritte, wenn sie die Treppe hinaufstieg. Da vernahm ich plötzlich abermals einen Laut aus dem Inneren jener Tür, die ich unablässig betrachtete, als wollte ich mit meinen Blicken ihr Geheimnis durchdringen. Deutlich und klar hörte ich das Geräusch von Schritten. Sie kamen nicht von der Stiege, von wo ich sie erwartete. Sie kamen aus der leeren Wohnung, die ich nicht zu betreten wagte; zuweilen hielten sie inne, dann hörte man sie aufs neue, und jedesmal glaubte ich, daß sie sich der Tür näherten. Außerstande, diese angstvolle Erwartung länger zu ertragen, erhob ich mich und stellte mich in Verteidigungsstellung hinter den Stuhl, mein Gehör noch schärfer anstrengend, als früher. Im Laufe von ein paar Minuten flog eine Serie der bizarrsten Phantasieen durch mein Hirn. Daß meine Frau gestorben war, versank vor meinem Bewußtsein wie eine Phantasie, deren Unwirklichkeit ich die ganze Zeit geahnt hatte. Ihr Begräbnis erschien mir wie ein Gaukelspiel, herbeigeführt, um die Tatsache zu verbergen, daß sie noch die Zimmer bewohnte, in die ich sie eingeschlossen. Denn ich war es, der sie eingesperrt hatte, sie lebend begraben, in diesen öden Zimmern, außerhalb derer ich selbst lebte, wie ein geheimnisvoller Gefängniswärter, auch von aller Gemeinschaft mit anderen Menschen abgeschlossen. Ich war vollkommen überzeugt, daß Gertrud drinnen lebte, und als die Schritte auf dem Fußboden wieder hörbar wurden, glaubte ich ihre Schritte zu erkennen, die mir mit jedem Augenblick näher kamen. Ich war völlig darauf vorbereitet, ihr noch lebend zu begegnen, und während diese wahnwitzigen Gedanken mit Blitzesschnelle mein Hirn durchzuckten, sah ich, wie die Tür sich langsam und lautlos öffnete. Die Hände um die Rücklehne meines Stuhles geballt, hinter den ich mich gestellt hatte, erwartete ich das Erscheinen des Phantoms oder des menschlichen Wesens, dessen Kommen ich mit unsagbarer Angst entgegensah. Und im selben Augenblick trat Greta durch die geöffnete Tür und schien sich mir nähern zu wollen. Wie sie mich erblickte, blieb sie stehen, und ich brauchte mehrere Minuten, um angesichts ihres Anblicks meine Fassung wiederzuerlangen. Meine ganze überreizte Gemütsstimmung verschwand jedoch nicht, sie nahm bloß, als ich das vermeintliche Gespenst erkannte, eine neue Richtung an, sie änderte Farbe und Form. Das Geheimnisvolle war noch immer da, wenn auch nicht so, wie ich es mir gedacht hatte. »Greta!« rief ich aus und packte die alte Dienerin – denn sie war es wirklich – am Arme. »Was tust du hier?« Die Alte schien bestürzt, mich zu sehen, und sie stammelte etwas, wie, ich solle nicht böse auf sie sein. Ich merkte, daß mein erregtes Aussehen sie erschreckt haben mußte, und indem ich mich, so gut es ging, beherrschte, wiederholte ich meine Frage: »Was hast du dort drinnen getan?« Die Alte sah mich scheu an. »Ich bin dort gesessen und hab an die arme Frau gedacht, die tot ist,« antwortete sie. Diese Antwort entflammte in eigentümlicher Art meinen Fanatismus aufs neue, und mit wieder losbrechendem Zorne schrie ich sie in höchster Erregung an: »Aber, Weib, wie bist du hineingekommen?« Sie sah ganz verschüchtert aus und betrachtete mich mit jener Angst, mit der man einem gefährlichen Narren entgegentritt. »Ich bin hineingegangen, bevor der Herr Lektor nach Hause gekommen sind.« »Ja, aber wie kamst du hinein?« »Durch die Tür.« » Wie kamst du durch die Türe?« »Ich hab ja meinen Schlüssel.« »Ins Vorzimmer, ja. Aber zu dieser Tür! Wie kamst du durch diese Tür?« Ich wies auf die noch nicht geschlossene Tür, und ich rief es zornig, um endlich die Lösung des Rätsels zu erfahren. »Der Schlüssel hat doch gesteckt. Die Tür war nicht zugesperrt.« »Nicht zugesperrt?« »Das wissen der Herr Lektor doch. Sie ist nicht zugesperrt gewesen seit dem ersten Abend.« »Wer hat sie geöffnet, frage ich? Wer?« »Das haben Herr Lektor selbst getan, so viel ich weiß. Der Schlüssel war drin, wie ich am Morgen hier zusammengeräumt habe.« Ich ließ die Alte los und betrachtete sie mit mißtrauischen Blicken. »Sperre die Tür ab,« sagte ich. Sie kam meinem Geheiß widerwillig nach. »Ziehe den Schlüssel ab!« Sie tat es. »Stecke ihn in die Tasche. Nimm ihn mit! Ich will nicht, daß er hier sein soll. Verstehst du?« Die Alte tat, wie ich sagte, und in zitterndem Schweigen wollte sie beginnen, aufzubetten. Aber ich war zu aufgewühlt, um irgend einen Menschen in meiner Nähe zu dulden. Ich erklärte, daß ich mir selbst helfen würde, sagte kurz gute Nacht und bat sie, zu gehen. Sie ging auch, und ich sah, daß sie froh war, nicht mit mir allein sein zu müssen. Eine Beute der qualvollsten Gedanken, begann ich, nachdem ich selbst mein Bett für die Nacht geordnet, mich auszukleiden, um schlafen zu gehen. Ich probierte die Klinke der furchtbaren Tür, um mich zu überzeugen, daß sie nun wirklich geschlossen war. Dann setzte ich mich halb angekleidet hin und versuchte, die Ereignisse des Abends zu überdenken. Aber nichts konnte ich erklären, das Ganze schien mir hundertmal wunderbarer, unheimlicher, unglaublicher, als wenn meine Phantasie Wirklichkeit geworden und der Geist meiner Frau mir tatsächlich entgegen getreten wäre. Ich wagte es nicht, die Lampe auszulöschen, sondern stellte sie nur ein Stück hinter mein Kopfpolster, so daß der Schein mir nicht ins Gesicht fiel, ging hierauf zu Bett und schlief beinahe augenblicklich ein, als sei ich durch anstrengende körperliche Arbeit ermattet. Eine wirre Masse von Träumen muß meinen Schlummer gestört haben. Denn ich wachte ein paarmal durch Laute auf, die klangen, als hatte ich selbst im Schlafe gestöhnt. Aber ebenso rasch, wie ich erwachte, versank ich wieder in einen schweren, betäubungsähnlichen Schlummer; und als ich endlich wirklich die Augen aufschlug, geschah es mit einem wunderlich gemischten Gefühl. Es war mir, als drückte mich etwas Schweres zu Boden, so daß ich zusammenbrach, und gleichzeitig fühlte ich die Anwesenheit meines alten tierähnlichen Begleiters aus früheren Träumen. Ich glaubte eine gewaltsame Anstrengung machen zu müssen, um mich von einer ungeheuren Last zu befreien; und als ich endlich zu vollem Bewußtsein kam, sah ich, daß ich nicht in meinem Bette lag, sondern auf dem Boden stand, mit meiner Hand die Klinke der versperrten Tür umklammernd. Zur Hälfte war ich unter einem Kleiderstock begraben, der nahe der Tür stand, und den ich im Schlafe auf irgend eine Weise über mich gezogen hatte, – dies hatte den Eindruck einer unleidlichen Schwere hervorgerufen. Ich glaubte plötzlich das Ganze zu begreifen. Ich war ganz einfach ein Schlafwandler; in meiner Überreizung hatte ich all den Seelenbewegungen nicht standhalten können, die über mich hereingebrochen waren, und war, von Gott weiß welchen Impulsen angetrieben, nachts jene Wege gegangen, wohin ich am Tage keinen Fuß setzen wollte. Friedlos wie ein Schatten war ich in meiner leeren Wohnung von Zimmer zu Zimmer gewandelt. Ich selbst hatte den Schlüssel aus der Lade genommen und die Tür geöffnet. Und wie ein großes, schwarzes Tier war mein Gram mir von Zimmer zu Zimmer gefolgt und verschwunden, als das Tageslicht kam und meine gewohnten Gedanken anfingen, in meinem Hirn zu arbeiten. Als ich nun wirklich ausgeschlossen und mein Schlüssel fort war, da erwachte ich von der heftigen Anstrengung, die Tür mit der Kraft meiner Hände zu öffnen. Es herrschte klares Tageslicht, die Lampe war ausgebrannt. Ich sah mich frierend im Zimmer um, und mit Beben fühlte ich, wie mein ganzes Wesen gleichsam entzweigespalten war, und wie unversöhnlich diese beiden Hälften meines Ich miteinander im Streite zu stehen schienen. 10 Von diesem Moment an fürchtete ich die Einsamkeit, und wenn ich abends nach Hause gehen mußte, um zu schlafen, beobachtete ich die Vorsichtsmaßregel, mich an den Bettpfosten anzubinden, um mich so zu verhindern, bei Nacht umherzuirren. Ich sah natürlich ein, daß dies keine Sicherheit bot und daß ich diese Bande ebensogut im Schlafe zu lösen vermochte, wie ich etwas anderes ausführen konnte. Allein das gab mir doch eine Art eingebildeter Ruhe und half mir zuweilen, zu schlafen. Wir sind inzwischen zum Ende des Monats Mai gekommen, und ich befinde mich in der größten Verlegenheit, wenn ich daran denke, wozu ich eigentlich die langen Ferienmonate verwenden soll. Wenn es mir schon jetzt so schwer fällt, mir meine freien Nachmittage zu vertreiben, wie wird es dann gehen, wenn ich von morgens bis abends frei sein werde? Ich fühle eine unbestimmte Furcht vor diesem Sommer, der herannaht, und indes die Tage vergehen, finde ich immer neue Vorwände, um mich nicht in meinen Zimmern aufhalten zu müssen. Ich mache lange Spaziergänge außerhalb Stockholms, esse in irgend einem Wirtshaus zu Mittag und verbringe Stunden, auf einer Veranda sitzend, eine Zigarre nach der andern rauchend, während meine Augen auf dem knospenden Laubwerk wehender Birken ruhen oder das helle Grün betrachten, das, von weißen Anemonen unterbrochen, Hügel und Felder bedeckt. Dies ruht mich aus und bringt für den Augenblick Vergessen. Es gibt mir eine Art Ruhe, als sei ich ein Teil jener Natur, die ihr stilles Leben unberührt von den Kämpfen der Menschen lebt. Gleichsam vertrocknet und kalt sitze ich da und betrachte all das, das lebt, wächst, jubelt, blüht. Ich sehe es an und denke, daß ich außerhalb von allem stehe. Das ist ein angenehmes Gefühl, es kündet die Stille der Auflösung. An anderen Tagen bleibe ich in der Stadt, suche unbekannte Restaurants auf, wandere von Café zu Café, lese Zeitungen oder betrachte durch das Fenster das Leben der Straßen. Ich treffe niemanden, spreche mit niemandem – außer mit einem, und dieser einzige ist Christian Sundin. ES ist wunderlich, daß, seit ich ihn das erste Mal traf, kaum ein Tag vergangen ist, ohne daß ich ihm bei irgend einem Anlaß begegne. Bald kommt er quer über die Gasse, um mich zu begrüßen und mir ein paar Worte zu sagen, bald treffe ich ihn, gerade, wenn ich um eine Straßenecke biege, und die Folge ist natürlich wieder, daß wir stehen bleiben und miteinander sprechen; bald sitzt er in dem Restaurant, wo ich zufälligerweise mein Mittagessen einnehmen will, ja einmal ist es sogar geschehen, daß wir uns als einsame Spaziergänger in einem entlegenen Teil des Djurgården trafen. Ich habe aufgehört, darüber zu reflektieren, wie es kommt, daß wir, die wir jahrelang aneinander vorbeigegangen sind, nun plötzlich anfangen uns zu treffen, als suchten wir uns wirklich. Ich nehme es als eine ganz natürliche Sache, ja, es ist sogar vorgekommen, daß ich mich gesehnt habe, er möge mich nach diesem fragen – diesem, das mich trotz meiner scheinbaren Ruhe unablässig beschäftigt. Ich fange nämlich an, ein wunderliches Verlangen danach zu spüren, mich jemandem mitzuteilen. Es ist, als hätte ich das Bedürfnis, mich bei einem Mitmenschen zu beklagen, meinen Schmerz hinauszurufen, so daß ich sein Echo in der Brust eines andern höre. Kürzlich abends fehlte nicht viel, und ich hätte Greta meinen Kummer anvertraut. Sie schob nämlich Gertruds Porträt auf dem Schreibtisch fort, um Platz für das Tablett mit meinem Abendbrot zu bekommen. Es war mir, als umdüsterte sich ihre Miene, wie sie das Porträt anrührte, und ich war nahe daran, sie zu fragen, was sie eigentlich von mir dächte. Bloß mit Anstrengung vermochte ich mein Redebedürfnis zu unterdrücken, und während die Minuten verstrichen, hatte ich förmlich Herzklopfen vor Unentschlossenheit, ob ich die Alte ansprechen sollte oder nicht. Ich fühlte mich jedoch erleichtert, als sie ging, und doch wußte ich, daß die wirkliche Erleichterung eingetreten wäre, wenn ich mich überwunden und gesprochen hätte. An einem anderen Abend klingelte es an meiner Tür. Ausnahmsweise war ich zu Hause, obgleich es noch früh am Tage war. Ich ging und öffnete, in der Voraussetzung, es sei der Briefträger. Zu meiner Überraschung trat Christian Sundin mir entgegen und fragte, ob ich zu sprechen sei. Ich war weder erstaunt noch ungeduldig, ich dachte an nichts anderes, als daß er es jetzt erfahren sollte. Ich wollte mich ihm gerade gegenübersetzen, ruhig und natürlich, dann wollte ich mich ihm zuwenden, der mich in meiner Einsamkeit aufgesucht, und anfangen zu erzählen. Aber ich konnte keine Worte finden, um zu beginnen. Er sprach leicht und freundlich von lauter alltäglichen Dingen, von der Aussicht aus meinem Fenster, vom Frühling, vom Sommer, der kam; er fragte, wo ich die Ferien zuzubringen gedächte, und erzählte von seinen Sommerplänen. Die ganze Zeit saß ich und hörte seinen Worten zu, antwortete und nahm neue Themen auf. Aber ich dachte nur daran, wie ich anfangen sollte zu sprechen, und ich suchte unablässig nach Worten. Da stand er auf, um zu gehen. Und ich begriff blitzschnell, daß ich ihn gerade jetzt zurückhalten müßte. Aber die Worte erstarrten auf meinen Lippen, und als er gegangen war, fühlte ich, daß meine leeren Zimmer von dem Schmerz über meine eigene, verzweifelte Einsamkeit widerhallten. 11 Ich habe Christian Sundin eine ganze Woche lang gesucht, ihn an allen erdenklichen Orten gesucht, aber ihn unmöglich treffen können. Es ist bei mir zur fixen Idee geworden, daß ich ihm mein Leben erzählen muß. Ich will mein Schicksal in eines anderen Augen spiegeln, meine eigene Stimme hören, die mich selbst verteidigt und anklagt, will sehen, ob ein anderer, wenn ich mein wirkliches Ich enthülle, dasselbe Entsetzen fühlt, das ich täglich empfinde. Warum ich all dies will, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß es geschehen muß. Ich möchte am liebsten keinen Tag verlieren, bevor ich es geschehen weiß, und ich habe schon eine Woche gewartet. Da traf ich ihn eines Abends, als die letzten Strahlen der Sonne über den Humlegården fielen, und ohne Einleitung, plötzlich und eindringlich, fragte ich ihn, ob er mit mir nach Hause kommen wollte. Ich sah, daß er zögerte – möglicherweise war er in Anspruch genommen – aber er mußte gesehen haben, mit welcher Angst ich seine Antwort erwartete, denn er sah nur auf die Uhr, bat mich, vorauszugehen, und versprach, gleich nachzukommen. Ich brachte eine Viertelstunde damit zu, auf ihn zu warten, und dieses Warten gehört zu den aufregendsten Augenblicken, die ich durchlebt habe. Es war mir zumute, als sei ich ein zum Tode Verurteilter, der auf Sekunden weiß, wann seine letzte Stunde kommen soll, und die Minuten zählt, die ihm noch bleiben, während er gleichzeitig wünscht, daß alles zu Ende wäre. Ich erinnere mich nicht, wie er zu mir hereinkam, kann mich nicht erinnern, welche Worte wir zuerst wechselten. Ich erinnere mich an nichts, nur, daß ich ihn ganz plötzlich vor meinem Schreibtisch stehen sah, das Porträt meiner Frau in der Hand haltend. »Du hast sie wohl nie gesehen,« sagte ich. »Doch,« antwortete er. »Viele Male.« »Wann?« »Ich habe euch zusammen gesehen. Und bin euch mehr als einmal mit meinen Gedanken gefolgt.« Ich fuhr empor und stellte mich ihm gerade gegenüber. »Und was hast du gedacht?« brach ich los. »Was hast du gedacht?« »Nichts Besonderes,« antwortete er. »Was man bei solchen Anlässen zu denken pflegt.« Ich fühlte, daß er es vermied, mir zu antworten, und während ich das Porträt in die Hand nahm und es nun meinerseits betrachtete, sagte ich: »Erinnerst du dich ... damals ... in Upsala ... als du mich so beharrlich aufsuchtest ... und als wir aufhörten, uns zu treffen?« Er nickte zur Antwort. Und ich sprach weiter: »Um ihretwillen weigerte ich mich, dich zu empfangen.« »Ich habe mir zuweilen so etwas gedacht,« erwiderte er. Ich stellte das Porträt auf den Tisch und fuhr fort: »Sie pflegte abends mit ihrer Arbeit bei mir zu sitzen. Darum hatte ich mich daran gewöhnt, meine Tür nicht zu öffnen.« Und nach einer Pause fügte ich hinzu: »Es war übrigens töricht, daß ich dich nicht einließ. Das würde mir manches erspart haben.« Er zuckte zusammen, und seine Miene sagte mir, daß er verstand, was ich meinte. »Man hielt euch allgemein für so glückliche Menschen,« sagte er. Diese Worte bohrten sich in mich wie scharfe Messer; ich fühlte, daß ich nicht länger Herr über meinen Schmerz war, und ich schrie die Worte beinahe hinaus, als ich antwortete: »Ja, das war der Fluch.« Als ich dies gesagt hatte, hefteten sich meine Blicke wieder auf das Porträt, und es war, als sähe ich es nun in ganz neuem Lichte. Ich hatte es ja so oft gesehen, aber nie hatte es so wunderlich zu mir gesprochen, wie gerade jetzt. Ich sah Gertrud leibhaftig vor mir, so wie ich sie früher nie hatte wiedersehen können, und es war mir, als bäte sie mich um etwas. Ich wußte nicht, was ihr Gesicht verändert hatte, wußte bloß, daß der Ausdruck ihrer Züge im Widerspruch zu den Worten stand, die mir jetzt auf den Lippen schwebten. Dies Gesicht teilte den Eindruck des Seelenvollsten und zugleich weich Weiblichsten mit, das ich je gesehen. Sie saß in einer vorgeneigten Stellung, ihre Augen waren mir gerade zugewendet, und das ganze Gesicht lächelte, als dächte sie lauter glückliche Gedanken. Es lag über ihrem ganzen Aussehen etwas gleichzeitig Mildes, Warmes und Strahlendes, das mich ganz wunderlich stimmte. Aber zugleich war noch etwas anderes da. Ich weiß nicht, wie ich es nennen soll. Tragisch ist nicht das richtige Wort. Denn der Ausdruck war so glücklich, daß ich bei seinem Anblick vor Schmerz erbebte. Und doch bekam ich den Eindruck, daß sie – und nicht ich – die Unglücklichere von uns beiden sei. Es war, als wollte das, was ich nun sah, meine Zunge binden, mich zwingen, nicht zu sprechen, bevor ich noch einmal über meine Worte nachgedacht hatte. Und gleichzeitig konnte ich mir nicht erklären, wie es möglich war, daß ich all dies nicht früher gesehen hatte. Aber um mein eigenes Zögern zu betäuben, begann ich. Ich sprach mich in meine ganze alte Gemütsstimmung hinein, ich redete mich warm und stark. Meine Worte wurden spitzig wie Nadeln, meine Stimme war schneidend und scharf. Ich fühlte, wie ich mit dem Strom meiner Rede meinen Zuhörer an mein eigenes Schicksal fesselte, ich glaubte, daß er es so ansah, wie ich. Ich sprach fest und sicher, stundenlang, und ich kann mich noch an die meisten meiner Worte erinnern. 12 Ich begann gerade damit, von ihrem Bilde zu sprechen. Es war, als wollte ich mit Gewalt die Stimme zum Schweigen bringen, die mich warnte, fortzufahren. »Du siehst ihr Porträt an,« sagte ich, »und ich sehe an deinem Gesicht, daß du an unser Glück denkst. Nicht einmal ich kann es lassen, daran zu denken, sobald ich es sehe. Aber dieser Gedanke ist in der wunderlichsten Art mit einem Schmerz verwoben, der sich zuweilen bis zu ohnmächtiger Raserei steigern kann. Wenn ich nun versuchen sollte, dir zu erklären, was ich meine, fürchte ich beinahe, daß du finden wirst, daß das, was ich erzähle, nur ein erträgliches Maß von Leiden bedeute. Ich jedoch, der ich es durchgemacht habe, kann dir die Versicherung geben, daß es Leid genug war. Und was das Glück betrifft, so ist vielleicht dieses Porträt das einzige, nicht bloß, was mir geblieben ist, sondern was ich je besessen habe. »Du findest es vielleicht entsetzlich von mir, in diesem Tone von einer zu sprechen, die tot ist. Und du kannst den Gedanken nicht los werden, daß man den Tod den großen Versöhner nennt! Ich sage dir, daß nichts furchtbarer ist, als der Haß, der kommt, wenn der Tod seine unübersteigliche Mauer zwischen mir und dem Gegenstand dieses marternden Gefühles aufgerichtet hat. Du darfst nicht glauben, daß dieses Gefühl durch den Tod gemildert wird. Es wird zu einer Stärke angefacht, die im Verhältnis zu der Unmöglichkeit steht, ihm Ausfluß zu verschaffen; und es geht in etwas über, das beinahe einer Manie gleicht. Denn gerade das Unnatürliche, Vernunftwidrige, Unmenschliche dieses Gefühls gibt ihm eine Intensität, die, wie ich glaube, gewöhnliche Leidenschaften nicht besitzen können. Wie oft bin ich nicht hier in meiner Einsamkeit umhergegangen, den Teppich meines Zimmers mit mechanischen, ermatteten Schritten messend, Stunde um Stunde gegangen, nur von diesem grauenvollen Schmerz erfüllt, der an meinem ganzen Leben nagt! Ich habe darüber nachgegrübelt, warum sie gerade damals sterben mußte als sie starb, ohne daß der geringste Sinn darin lag, daß sie, wie sie es getan, in das ganze Leben, das mein war, das ich zu meinem machen wollte, eingriff und es erschütterte! Ich habe den Gedanken wieder und wieder gedacht: wenn ich sie einmal weniger geliebt, wenn ich mich zur Selbstverteidigung aufgerafft hätte ... Aber es ist zu spät, um daran zu denken, und so bizarr es dir auch vorkommen mag – ich habe gedacht, daß es mir eine Erleichterung sein würde, wenn ihr Geist sich mir zeigen wollte, so daß ich ihm einige der Fragen stellen könnte, die sich in meiner erhitzten Phantasie den Platz streitig machen. Ich habe gedacht, daß, wenn ich sie bloß noch einmal sehen dürfte, ja, wenn ich sie bloß fühlen lassen könnte, wie mir zumute ist, dies eine Erleichterung sein würde. Kannst du das begreifen? »Ich weiß, daß du das nicht kannst. Und ich bitte dich darum, nur zu glauben, daß ich jetzt über mich selbst mit jener hallucinationsartigen Klarheit und Offenheit spreche, mit der man sich selbst nur dann sieht, wenn man sich lange daran gewöhnt hat, zu schweigen. Denn ich habe geschwiegen. Ich kann wohl sagen, daß ich bis zum heutigen Tage nicht gesprochen habe. »Aber ich will versuchen, mich auch der Zeit zu erinnern, wo ich glücklich war, oder es zu sein glaubte. Es war die Zeit, als ich Gertrud zuerst begegnete, und die Zeit, die gleich darauf folgte. Wir lernten uns kennen, wie es immer geschieht, durch einen Zufall, und wie in einem Traum kann ich noch den eigentümlichen, fragenden Blick ihrer großen Augen sehen, als sie mich das erste Mal betrachteten. Dieser Blick mußte etwas geradezu Hypnotisierendes an sich gehabt haben, denn ich vergaß ihn nie. Ja, ich kann eigentlich sagen, daß er mich nie verließ. »Ich will dich nicht ermüden, indem ich von unserer ersten Liebe erzähle. Alle derartigen Erzählungen gleichen einander, wie verschiedene Referate über dasselbe Theaterstück. Ihre Mutter war eine Beamtenwitwe und Gertrud ihr einziges Kind. Du siehst, das Ganze war wie in einem Roman angeordnet. Aber unglücklicherweise hatten wir nur wenige Hindernisse zu überwinden, um uns treffen zu können. Denn Mutter und Tochter wohnten in dem Hause, das neben meiner eigenen Wohnung lag, und es dauerte nicht lange, so waren wir heimlich verlobt. Warum wir eigentlich heimlich verlobt waren, kann ich nachträglich nicht begreifen. Ich erinnere mich, daß meine Braut es wünschte. Sie behauptete, es wäre so schön, wenn wir beide ein Geheimnis hätten, das niemand auf der weiten Welt ahnte, und ich weiß noch, daß mir all dies damals ganz natürlich vorkam. Das Geheimnis lag wohl darin, daß ich alles mit ihren Augen sah. »Wenn du je selbst das Opfer einer solchen Leidenschaft gewesen bist, so weißt du, daß in solchen Fällen, man kann beinahe sagen, ein Seelenaustausch vorgeht. Wenigstens weiß ich, das ich etwas ganz Ähnliches empfand. Nun hatte ich aber nicht Zeit, sie so oft zu besuchen, als sie – oder richtiger wir beide – es wünschten. Ich schrieb damals an meiner Habilitationsabhandlung, die ich um jeden Preis zu einer bestimmten Zeit fertig haben mußte, weil sonst meine Mittel zu Ende gingen, ohne daß ich eine Möglichkeit zur Fortsetzung meiner Arbeit sah. Jeden Nachmittag machten wir daher in der Dämmerung einen Spaziergang im Karolinenpark –; ich konnte, nebenbei bemerkt, nie begreifen, daß du uns nicht trafst, denn wir sahen dich mehr als einmal, wenn du abends in den Straßen des Viertels umherstreiftest, in dem wir wohnten. Nach dieser Promenade kam sie zu mir hinauf – mit der Erlaubnis der Mama, natürlich –; sie hatte ihre Arbeit mit, und während ich Seite für Seite schrieb, in meinen Büchern nachschlug oder im Zimmer auf und abging, um meinen Gedankengang zu ordnen, saß sie still und stumm da, nähte, stickte oder las in einem meiner Bücher, unter denen sie immer die aussuchte, von denen sie wußte, daß ich sie liebte, oder über die sie mich sprechen gehört hatte. »Ich weiß nicht, ob ich es mir einbildete, oder ob es Wirklichkeit war. Aber ich hatte ganz die Illusion, daß ihre stumme Nähe mir half. Sie wirkte auf mich wie Herzenswärme, wie Frühlingssonne. Sah ich von meinem Papier auf, begegnete ich stets ihren Augen, wir tauschten ein Nicken, ohne auch nur zu sprechen – sie hatte immer Angst, mich zu stören – und wenn ich dann weiter schrieb, schien es mir, daß meine Gedanken wuchsen und die Feder Worte formte, die sonst ungeschrieben geblieben wären. Aber mitten in diesem stillen Glück – oder wie du es nennen willst – erinnere ich mich, daß ich zuweilen etwas in mir aufsteigen fühlte, was einem Zweifel glich. Ich sage mit Absicht: glich. Denn diese Empfindung war von sehr unbestimmter Natur, und ich war so sehr durch die Verzauberung gebunden, in der ich lebte, daß es mir nicht einmal möglich war, meine eigenen Gedanken zu Ende zu denken. Ich wollte keinen Zweifel aufkommen lassen. Ich glaube sogar, ich würde einen solchen, wenn er Macht über mich erlangt hätte, als ein Sakrileg betrachtet haben. Ich fuhr fort, das zu leben, was Gertrud »unser Familienleben« nannte, und ich, der ich mich immer daran gewöhnt hatte, das zu überdenken, was ich tat, kann mich damals auch nicht des geringsten Gedankens an die Zukunft entsinnen. »Das einzige, was sich in dieser Zeit zutrug, war mein Auftritt mit dir. Ich meinte damals, nur sie zu schützen. Jetzt glaube ich, daß ich die Gegenwart jemandes fürchtete, der mich möglicherweise kritisieren konnte.« 13 »Damit du das, was ich jetzt erzählen will, leichter verfolgen kannst, muß ich dich an eine Sache erinnern, die tiefer in mein ganzes Leben eingegriffen hat, als du dir vielleicht dachtest. Daß ich entschlossen war, mein ganzes Leben wissenschaftlichen Studien zu widmen, weißt du. Daß ich mich vorzüglich mit Kulturgeschichte beschäftigte, ist dir auch bekannt. Daß ich stets, seit ich mich selbst kennen lernte, mit dem Ziele vor Augen arbeitete, Universitätslehrer zu werden, kannst du nicht vergessen haben, ebensowenig wie mein Entsetzen bei dem Gedanken an die Möglichkeit, das Streben des Gelehrten mit dem ertötenden Einerlei des Schulmannes zu vertauschen. Aber was du nicht wissen kannst, ganz einfach, weil ich es weder dich noch einen anderen je ahnen ließ, ist, in wie hohem Grade die Wissenschaft die mein ganzes Leben beherrschende Leidenschaft geworden war. Ich könnte dir meine Pläne erzählen, meine Entwürfe zeigen, die unter jahrelangen Studien in einem Alter gesammelt waren, in dem andere sich nicht mit so etwas zu befassen, ja auch nur daran zu denken pflegen. Aber das führt jetzt zu nichts. Diese Sache ist tot und begraben. Was tot ist, ist tot, und davon zu sprechen, hieße bloß, heute noch mehr Gespenster heraufbeschwören. »Genug, solange ich an der Universität war, hatte ich mich in den Gedanken an die Werke eingelebt, die ich mit der Phrase der Zeit bei mir selbst die Tat meines Lebens zu nennen pflegte. Kein Dichter, kein Erfinder, kein Held kann das, was er für sein Lebensziel hält, glühender umfaßt haben, als ich an diesen Studien hing, die mir unendliche Horizonte über Welten zu eröffnen schienen, die kein Buch der Welt mit solchem Glanz beleuchten konnte, daß ich sie nicht noch Heller und klarer sah. Du kannst sagen, dies war Selbstüberschätzung. Ich antworte dir kühn: das war es nicht. Es war bloß das Gefühl einer Kraft, deren ich so gewiß war, daß ich weder das Bedürfnis hatte, sie vorher zu prüfen, noch auch nur die kleine Befriedigung zu suchen, die die Mittelmäßigkeit darin findet, anderen Sympathie für ein Streben abzulocken, das in Wirklichkeit noch nicht geltend gemacht wurde. »Nicht einmal jetzt, in dieser Unterredung mit dir, würde ich diese Sache berührt haben, wenn es zum Verständnis des folgenden nicht absolut unerläßlich gewesen wäre. Ich bin so sehr davor zurückgeschreckt, das zu offenbaren, daß es mich mehr gekostet hat, diese Worte über meine Lippen zu bringen, als von – von all dem anderen zu erzählen, das sich in mir solange zusammengepreßt hat, daß ich sprechen muß, um mir Luft zu machen. »Natürlich erwähnte ich Gertrud gegenüber all dies, was ich jetzt berührt habe, nicht. Aber die ganze Zeit über hatte ich das Gefühl, als begriffe sie es doch. Sie hatte eine Art, mir zuzuhören, wenn ich sprach, jedem geringsten meiner Worte zu folgen, gleichsam den Eindruck davon in dem wechselnden Mienenspiel ihres Gesichtes widerspiegelnd, daß es mir wirklich vorkam, als hätte sie alles verstanden, was ich dachte, wollte, wünschte, träumte, es verstanden – ohne daß ich ein einziges Wort sagte, das eigentlich meine geheimsten und bestgehüteten Bestrebungen berührte. Und etwas Derartiges erträumen wir ja alle, wenn wir ein anderes Schicksal mit dem unseren fürs Leben verknüpfen. Wenn ich auch bezweifle, daß jemand je diesen Traum verwirklicht gesehen hat, so zweifle ich doch andrerseits nicht daran, daß viele, die meisten, ja vielleicht alle, sich eine kurze Zeit ihres Lebens in dem Wahn befunden haben, daß sie jenen unauffindbaren Ariadnefaden des Glücks entdeckten, der aus den verwickelten Labyrinthen des Lebens führen soll. Gewiß ist es, daß ich ihn gefunden zu haben glaubte, und dieser Glaube erfüllte mich mit einem Entzücken, dessen bloße Erinnerung mich jetzt schon peinigt. »Ich absolvierte meine Disputation, ich bekam ein Dozentenstipendium, ich heiratete. Das weißt du. Aber ich kann dir sagen, daß ich mich an nichts mehr erinnere, oder doch nur an wenig mehr, als ich dir jetzt erzählt habe. Ich kann nur sagen, daß ich wie in einem ewigen Rausche umherging, und es kommt mir nachträglich so vor, als hätte ein unsichtbares mächtiges Schicksal mich in all dies hineingezwungen, das mir damals das höchste Glück in sich zu schließen schien, aber mir nun so entfernt vorkommt, daß ich kaum fassen kann, daß wirklich ich es erlebt haben soll. »An eine einzige kleine Szene erinnere ich mich und will versuchen, sie so zu erzählen, wie ich sie im Halbdunkel der Erinnerung sehe. Aber ich kann dir dennoch nie sagen, welchen Eindruck dieser kleine Vorfall jetzt auf mich macht, wenn ich mich seiner entsinne. »Es war in den letzten Tagen vor unserer Hochzeit. Gertrud kam gleich nach dem Frühstück zu mir hinauf, eine Stunde, zu der sie mich sonst nie zu besuchen pflegte. Sie war in äußerster Erregung, ihre Augen zeigten Spuren von Tränen, und ich hatte den Eindruck, als bebte ihr ganzes Wesen. »Als sie hereingekommen war, blieb sie, sobald sie mich erblickt hatte, an der Tür stehen, und ihr Gesicht bekam einen unbeschreiblich gequälten Ausdruck, der augenblicklich einem förmlichen Glanz von Glück Platz machte. Sie warf sich mir um den Hals und brach in langes, unaufhaltsames Weinen aus. »Nachdem sie sich beruhigt hatte, dauerte es lange, bis ich sie endlich bewegen konnte, zu sprechen, und während sie schwieg, behielt ihr Gesicht den wunderlichsten Ausdruck von Verschlossenheit, Verwirrung und dabei Hingebung an meine Person. Beinahe mit Gewalt mußte ich ihr das Bekenntnis abzwingen, daß sie geträumt hatte. Und was hatte sie geträumt? ›Ich träumte,‹ sagte sie, ›du und ich wir waren allein in einem dunkeln Zimmer, und ich tappte und tappte im Finstern umher, um dich zu finden. Aber es war, als wolltest du dich nicht finden lassen. Du wichst mir stets aus, und ich glaubte, daß du es mit Absicht tätest. Nie habe ich solche Angst gefühlt ...!‹ Sie war nahe daran, von neuem in Tränen auszubrechen. Ich mußte sie wieder in meine Arme nehmen, um sie über diesen eingebildeten Schmerz zu trösten. »Und als ich sie endlich fragte, warum sie zuerst ihren Traum nicht erzählen wollte, antwortete sie, sie hätte gefürchtet, ich würde sie auslachen.« 14 »Vielleicht erscheint es dir wunderlich, daß mich nichts so stark an dieses Mädchen fesselte, als gerade ihre Schweigsamkeit. Ich nenne sie ›Mädchen‹, weil sie eins war, auch nachdem wir geheiratet hatten, sie erreichte kein anderes Stadium. Diese Schweigsamkeit war sozusagen ihr Wesen, sie bildete ihr ganzes äußeres Ich, hinter dem ich das Wirkliche durchschimmern zu sehen glaubte. Vielleicht betörte es mich in so hohem Grade, eben weil es mir die Möglichkeit gab, alles hineinzulegen, was ich selbst wünschte. Und es ist gewiß, daß ihr Schweigen meine ahnungsvolle Phantasie beflügelte. »In den zwei Jahren, die wir nach unserer Verheiratung in Upsala zubrachten, war es diese ihre Schweigsamkeit, die mich zu ihr hinzog, mich an sie fesselte, ja geradezu die Quintessenz meines Glückes ausmachte. Ich meine natürlich nicht, daß sie eigentlich schweigsam war. Im Gegenteil. Sie zwitscherte wie ein Vögelchen, plauderte und sang, tagaus, tagein. Ihr Schweigen galt nur ihren innersten Gefühlen – vor allem der Teilnahme an meiner Arbeit und dem, was mich am eifrigsten beschäftigte. Sprach ich davon, oder saßen ein paar Freunde in unserem Heim, und das Gespräch verließ das Alltägliche und schweifte zu den lockenden Gefilden der ungeborenen Gedanken, da schwieg Gertrud und ließ uns andere sprechen. Aber ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, als sagten mir ihre Augen dasselbe, was in unseren ausgesprochenen Worten verborgen lag. Und so gewiß war ich in dieser meiner Meinung, daß kein Tag verging, an dem ich ihr nicht für ihr stummes Verstehen Dank sagte. »Jetzt nachträglich ist es diese Eigenschaft oder Eigenheit ihres Wesens, die mich am allermeisten in Aufruhr versetzt. Diese Eigenschaft macht es, daß ich sie wiedersehen möchte, ihr begegnen, Auge in Auge, um meine Zweifel zu stillen, um zu erfahren, was dieses Schweigen im Innersten barg. »Kannst du mir sagen, wie es zugeht, wenn eine Illusion aufhört, ihren betörenden Einfluß auf uns arme Menschen zu üben? Du kannst es nicht, ich weiß es. Kann ich es wohl selbst? Kann irgend ein Mensch es? Und doch sollte ich es ja können. Denn ich habe selbst gefühlt, selbst erfahren, was es heißen will, aus einem peinvollen Glückstraum zu erwachen, der noch peinvoller wurde, als ich endlich merkte, daß mein eigener Glücksdurst es war, der mich so viel hinter dieser holden Unzugänglichkeit ahnen ließ, die mich betörte. Aber ich weiß nicht, wie es zuging. Ich weiß nur, daß ich nach und nach erwachte, nach und nach die Augen öffnete, und als dies geschah, da senkte sich eine lähmende, eiskalte Todesstarre auf meine Glieder und zwang mich, zu erkennen, wie ohnmächtig ich selbst war, wie leer mein Dasein, wie nichtig mein Leben. »Ich weiß nicht, wie lange es mir erspart geblieben wäre, all das zu sehen, wenn unser Leben in denselben Gleisen hätte weiter gleiten können, wie in den ersten Jahren unserer Ehe. Aber da kam plötzlich ein Tag, an dem unser Leben seine Färbung veränderte. Das war, als ich erfuhr, daß mein Dozentenstipendium an einen andern übergehen sollte. Du hast es vielleicht in den Zeitungen gelesen. Und ich kann dir den Grund sagen. Es war, weil ich »nichts geschrieben« hatte, wie es heißt. Weil ich nichts geschrieben hatte! Nein, ich hatte nichts geschrieben, denn ich sammelte Tag für Tag Material zu dem Werke, das mir schon seit meiner Studentenzeit vorschwebte. Darum war ich nicht dazu gekommen, Zeitungsartikel, kleine Abhandlungen, populäre Vorträge zu verfassen, mit einem Worte all das sinnlose Stückwerk, das notwendig ist, um einen Menschen bekannt zu machen. »Im Anfang traf mich dieser Schlag so heftig, daß ich mir beinahe meinen eigenen Gedankengang nicht klar zu machen vermochte. Aber so tief und fest lag in mir der Gedanke an das Werk, das ich einmal ausführen wollte, daß ich glaubte, es könnte nichts geschehen, das mich an dieser Ausführung zu hindern vermöchte. Ich wußte, daß ich warten konnte. Aber für den Augenblick beschäftigte mich nur der Gedanke, daß meine Frau und ich leben mußten. Ich suchte eine Gymnasiallehrerstelle in Geschichte, und du weißt, daß ich sie bekam. »Damals nahm unser Elend seinen Anfang. Oder richtiger – damals lernte ich erst verstehen, daß das, worin ich lebte, ein Elend war, so tief, daß ich nie etwas Ähnliches geahnt, obgleich ich wohl einsehe, daß, was ich litt, Tausende von Menschen vor mir gelitten haben. »Ich kann sagen, daß mein Leiden damals begann, als ich mir das erste Mal klar darüber wurde, was ich geopfert hatte. Denke dir, nie, nie, nicht einmal in meinen geheimsten Gedanken war es mir früher in den Sinn gekommen, daß, wenn dieses kleine Mädchen meinen Weg nicht gekreuzt hätte, mein ganzes Leben ein anderes geworden wäre. Nie, nicht einmal in meinen Träumen hatte ich das einfache Rechenexempel gemacht, darüber nachzudenken, was sie durch unsere Ehe gewonnen, und was ich verloren hatte. Es war mir nie eingefallen, bis der Tag kam, an dem wir einander fremd gegenüber standen und mein Auge klar wurde. Du kannst nicht glauben, wie klar. »Im Anfang, nachdem wir hierher gekommen waren, merkte ich nichts. Wir hatten ein kleines behagliches Heim, und wir fingen an, so nach und nach mit meinen Kameraden zu verkehren. Ich fühlte mich wohl mit ihnen und bei meiner Arbeit in der Schule. Es gibt nichts, was man im Anfang so wohltuend empfindet, als nach dem Glockenschlag geordnete Arbeit, wenn man sein Lebelang die überreizte Existenz geführt hat, die darin besteht, sich mit freier geistiger Arbeit zu beschäftigen. Ich nehme an, daß du irgend einmal in deinem Leben dasselbe erfahren hast. Für mich war es klar, daß ich in dem Moment, wo ich eine Wirksamkeit hatte, mich vor allem hineinarbeiten und den Platz behaupten mußte, auf den das Schicksal mich einmal gestellt hatte. Erst in zweiter Linie durfte ich daran denken, die Träume zu verwirklichen, die meine Jugend erfüllt hatten. »Ja, es war mehr als das. Je länger ich in diesem Milieu von Lektionen, kleinen Verhältnissen, Lehrerkonferenzen und Büffelei lebte, desto deutlicher wurde es mir, daß ich den Rubikon meines Lebens überschritten hatte. Und hier gab es kein Zurück. Ich konnte nicht zweien Herren dienen. Eins mußte ich opfern, um ein anderes zu erringen. Der Traum meiner Jugend war es, der der festgesetzten Arbeit weichen mußte. Und mit einem wunderlichen Gefühl der Kühle merkte ich, wie mein Ich begann, sich einer langsamen Verwandlung zu unterziehen, wie das, was mich früher erfüllt, fortglitt; und aus der Asche des Verflossenen stieg, wie ein häßlicher Vogel Phönix, ein gestählter Mann der Arbeit empor, der für sich selbst und seine Familie lebte. »In einer unbeschreiblich quälenden Weise fühlte ich damals, wie mein Weib und ich allmählich auseinanderglitten, und ich merkte es erst, als ich empfand, wie lang unsere Abende wurden. Gleich einer seltsamen Beklemmung füllte die Stille unsere Räume, und wie wir so allein saßen, kam es mir manchmal vor, als hätten wir einander nichts zu sagen. Ich grübelte darüber, und ich versuchte, mit Gertrud von der Arbeit zu sprechen, die mich in der Schule beschäftigte. »Ich werde nie den erstaunten Blick vergessen, der dem meinen begegnete, als ich zum ersten Mal dieses Gesprächsthema anschlug. Und zum ersten Mal in meinem Leben ging es mir auf: Sie versteht mich nicht, ebenso wie ich sie nicht verstehe. Ich merkte deutlich, wie es war, und ich begriff es auch. Mit kindischem Eigensinn hatte sie sich an den Gedanken geklammert, daß ich ein großer Mann der Wissenschaft werden würde, und sie sah nicht ein, daß durch unsere Übersiedelung alles verändert war. Kindlich und unreflektiert war sie mir hierher gefolgt, weil ich es vorschlug. Aber als es geschehen war, faßte sie nicht, daß wir beide die Konsequenzen tragen müßten, und daß diese Konsequenzen dahin führten, daß mein Leben ein anderes wurde. »Mit einer heftigen Kraftanstrengung hatte ich mich von allem losgerissen, was mein war, und ich hatte es getan, ohne zu reflektieren, warum. Es war geschehen, weil ich verheiratet war, weil ich nicht allein stand; und mit jenem paradoxen Widerspruch, in dem das Leben sich zuweilen gefällt, wurde ich gerade dadurch in weit fühlbarerer Art einsam, als wenn ich es wirklich gewesen wäre. »Du kannst sagen, ich hätte mit ihr sprechen, sie lehren sollen, zu verstehen! Glaubst du denn, daß ich es nicht versuchte? Es kam zu einem förmlichen Kampfe zwischen uns, einem Kampfe, der natürlich zu keinem Resultate führte. »Wenn ich sah, daß das, wovon ich sprach, sie nicht interessierte, wechselte ich für den Moment den Gesprächsgegenstand. Aber immer wieder kam ich darauf zurück. Ich sprach mit ihr von der Schule, von meinen Zöglingen, von der ganzen Welt, die jetzt die meine geworden war. Aber ich erreichte damit nichts anderes, als daß sie scheu und zurückgezogen wurde. Und ich erinnere mich, wie sie eines Tages zu mir sagte: ›Warum mußt du mit mir so viel von der Schule sprechen? Das kann mich ja nicht interessieren.‹ Ich kann den wunderlichen Ton von Antipathie, mit dem sie diese Worte aussprach, ebensowenig begreifen wie vergessen. Es lag eine Art Abscheu in ihrer Stimme, als setzte sie sich gegen etwas Böses zur Wehr. Sie wich meinen Blicken aus, und sich in sich selbst verschließend saß sie stumm da, wie in eine unbekannte Ferne blickend. »Ihre Worte gingen wie ein Schwert durch mich, und von diesem Moment an lernte ich es, klar zu sehen. Ich weiß, daß nach diesem Augenblick meine Stimme nicht mehr denselben Klang hatte, mein Blick nicht denselben Ausdruck, meine Lippen nicht dieselbe Wärme, wenn ich meine Frau küßte, sie ansah oder zu ihr sprach. Ich verschloß mich in mich selbst, ebenso hart und unerschütterlich, als ich jemals meine Tür vor dir verschlossen habe. »Ohne daß ein Wort der Bitterkeit zwischen uns gefallen war, gingen wir von diesem Tag an unsere eigenen Wege, und ich tat nichts, um sie zu dem Pfad zurückzurufen, der mein war und uns gemeinsam sein sollte. »Ich überließ sie ihren Gedanken, und ich hatte recht, ich hatte tausendmal recht. Um ihretwillen hatte ich meine Studien im Stich gelassen, meine Wissenschaft, alles, was mich im Leben vorwärts tragen sollte. Warum hatte ich das getan? Und was war mein Lohn? »Wenn ein Mensch alles für einen andern opfert, wenn er dann findet, daß dieser andere das Opfer nicht wert war, wenn man Schritt für Schritt merkt, daß alles, was man für Glück, Seligkeit, Feinheit, Verständnis hielt, nichts ist, nur Überdruß und Leere, da ersteht eine Hölle, die an unserem innersten Lebensfaden zehrt und die uns lehrt, das Fazit aus der zusammengesetzten règle d'étri des Lebens zu ziehen. Denn sie ist sehr zusammengesetzt. Und wehe uns, wenn wir entdecken, daß das Fazit gleich 0 ist. »Ich sah dies, und während ich es sah, merkte ich, wie das Wesen, das Tag um Tag sein Leben an meiner Seite dahinbrachte, sich veränderte. Mit Erstaunen beobachtete ich, wie alles in der Stadt, in unserer ganzen Umgebung Gertruds Widerwillen erregte. Unser Verkehr quälte sie, das Spazierengehen, ich glaube beinahe, sie litt sogar unter der Aussicht von unseren Fenstern. Stets sprach sie von Upsala, als sei es die natürlichste Sache der Welt, daß wir bald dorthin zurückkehrten. Es war, als hätte sie außerhalb Upsalas Luft und Grenzsteinen nicht leben können. »Und was vermißte sie? Das Jugendleben, die Konzerte, die Studentenkappen, den ersten Mai – was weiß ich. Genug – sie entbehrte es, sie vergrub sich in diese Entbehrung mit einer Intensität, die auf mich wie eine Ansteckung wirkte. Ich, der ich all die Zeit hindurch nur kämpfte, um zu vergessen, mir würde es notgetan haben, daß sie mir geholfen, daß sie dieses mein Streben geteilt, die Sache kalt genommen hätte, wie ich selbst. Aber sie konnte nichts vergessen, nichts entbehren. Sie konnte bloß klagen, daß sie die langen Vormittage einsam bleiben mußte, während ich in der Schule war. »Sie haßte diese Schule, ich bin ganz überzeugt davon, und ihr Egoismus schlug mir auf jedem Schritt meines Weges entgegen. Er war so stark, daß ich in seinem Lichte sehend wurde. Ich sah, wie sie allen anderen gleich war, nur vielleicht ein wenig schöner. Und ich erinnere mich, daß ich dasitzen konnte und sie in dem Lichte jener Sinnlosigkeit betrachten, die unser Leben war und die mich an jenen Platz fesselte, wo ich ohne Nutzen für mich selbst anderen nützen sollte. »Es liegt mir nicht, mich von Widerwärtigkeiten zu Boden drücken zu lassen. Auf Leben und Tod will ich gegen die Schwierigkeiten des Lebens kämpfen. Soll ich einen Traum töten, muß es ohne Schonung und vollständig geschehen. Und ohne Grübeln will ich das Leben leben, welches das Schicksal mir beschert. Neben mir sah ich dieses weiche, schwache Weib, dessen Augen sich mit Tränen füllten, ein stummes, verschlossenes, leidendes Weib, das geknickt ward, weil es nicht in der Sphäre leben konnte, nach der es sich sehnte. Ihre Schwäche steckte mich an. Sie erschütterte meine Widerstandskraft wie schleichendes Gift. Und ich fürchtete ihre bloße Nähe, weil ich neben ihr die Gewalt über mich selbst verlor und die Lust zu wirken. »Ich erinnere mich dieser Winterabende. Ah, wie genau ich mich ihrer erinnere. Ich saß an meinem Schreibtisch, damit beschäftigt, mich für die Lektionen des nächsten Tages vorzubereiten, und von meinem Platz aus sah ich im Schein der Wohnzimmerlampe den Schatten ihrer Gestalt, der über den Teppich fiel. Ich hatte sie vermocht – nicht ohne Kampf – davon abzusehen, in meinem Zimmer zu sitzen, wenn ich arbeitete. Aber ich fühlte ihre Nähe. Und du kannst dir keinen Begriff davon machen, wie sie mich irritierte. Ich saß, so lange es mir möglich war in meinem Zimmer, um der Tortur zu entgehen, die darin lag, ein Gespräch zwischen uns zu erzwingen. Und wenn ich endlich zu ihr hinauskam, nahm ich ein Buch oder eine Zeitung und las laut, um nicht sprechen zu müssen. »Einmal, als ich herauskam, sah sie zu mir auf und sagte: »›Warum schreibst du nicht mehr, wie früher?‹ »Warum ich nicht schrieb, wie früher! Sie meinte diese Notizen, die mein Werk vorbereiteten, und bei deren Ordnen sie mir früher geholfen hatte. Und sie fügte hinzu: »›Ich fand es so schön, zu wissen, wie deine Arbeit wuchs.‹ »Sie sagte mir das, sie, um deretwillen ich alles über Bord geworfen hatte. Es war mir, als sei ich ins Meer gesprungen, um einen Ertrinkenden zu retten, und dieser fremde Mensch packte mich zum Danke an der Kehle und preßte meinen Kopf unter Wasser, um mich zu zwingen, zu sterben. »Ich weiß nicht mehr, was ich antwortete. Aber ich weiß, daß diese Worte mich in dem Grade verfolgten, daß ich sie mir beinahe wie mit Phosphorschein von den Wänden des Schulsaals entgegenleuchten sah. Hätte sie begriffen, was ich tun mußte und was es mich kostete, würde sie wenigstens geschwiegen haben. Nun begriff sie bloß das was gewesen, aber nichts von dem, was war. Und darum sprach sie diese Worte die sich wie scharfe Nadeln in mich bohrten. Sie brannten in mir, wie eine heimliche Wunde, und frei, wie ich mich fühlte, grübelte ich unter ihrer Einwirkung über die Möglichkeit nach, allem zu trotzen und fort, in irgend eine deutsche Kleinstadt zu flüchten, wo ich unangefochten mein einsames Leben von neuem beginnen konnte. 15 »Aber merke nun, wie das Schicksal mich lenkte, wie alles sich verschwor, um mein Elend vollzumachen. Gerade als ich am lebhaftesten den Fluch empfand, nutzlos an ein Weib gekettet zu sein, das sich mir jeden Tag gewöhnlicher zeigte, das immer weniger dem Bilde glich, das ich, wie ich nur allzu gut wußte, mir selbst geschaffen – gerade da kam sie eines Tages mit freudestrahlenden Augen und erzählte mir, daß unser Glück vollständig werden, daß wir ein Kind bekommen würden. »Wie dieser Herbst verging und dann der Winter, das kann ich dir nicht sagen. Es ist ja so, daß der eine mit seinem Leiden für das Glück des anderen büßen muß. Es ist ja so, daß, wer es nicht versteht, das Glück zu suchen und zu finden, daran vorbeigeht und sehen muß, wie andere mit vollen Händen davon nehmen. »Früher war es mir jedoch gelungen, mir Zwang anzutun, und es hatte mich oft gewundert, daß Gertrud von meiner veränderten Gemütsstimmung nichts zu merken schien. Wenn man zuviel opfert, siehst du, so merkt man es zum Schlüsse selbst, und die Natur, die gesund ist, gebietet der Opferwilligkeit Halt. Aber der, für den man geopfert hat, merkt nichts. Der nimmt nur, nimmt mit vollen Händen und läßt sich nichts davon träumen, daß sein Reichtum einen anderen arm macht. Dies tat Gertrud mir gegenüber. Ich sah ihr Glück mit jedem Tage, der ging, wachsen, und ich dachte daran, wie alles gewesen sein könnte, wenn sie mir bloß mit einem Worte gesagt hätte, daß ich nicht so einsam war in meinem Leiden, als ich glaubte. Aber das fiel ihr nie ein. Sie glaubte, daß für mich alles war, wie es sein sollte, nur weil sie sich so glücklich fühlte. Sie ahnte nicht, daß ihr Kind noch vollständiger das meine tötete, das Kind meines Geistes, meines Lebens Hoffnung. »Das Schlimmste war doch, daß sie starb. Du kannst dir dies nicht denken. Denn ich weiß, daß man so etwas unnatürlich nennt. Sie starb und das Kind mit ihr. Das geschah an einem Tage anfangs April, es ist übrigens heute beinahe einen Monat her, seit es geschah. Ich habe die Stunde noch nicht vergessen können, als ich an ihrem Totenbette stand. »Ich sage dir – es war nicht Schmerz, was mich damals erfüllte. Es war Raserei. Wie in einem Traum sah ich den Arzt und die Pflegerin in dem dämmerigen Zimmer umhergehen, wo ich auf dem Bette saß und die Hand meines Weibes in der meinen hielt. Die ganze Zeit über war ich von dem einzigen, alles absorbierenden Gefühl erfüllt, wie sinnlos dieser ganze Austritt war. Der furchtbare Entbindungsprozeß, nach dem das Kind tot zum Vorschein kam, das Fieber, das folgte, die entsetzliche lange Nacht – all dies ging an mir vorüber, als wäre ich weit weg, und ich wußte nur, daß nun alle glaubten, ich sei es, der litt. Meine Frau zog mich zu sich und flüsterte mir zu, ich hatte sie so glücklich gemacht. Eine kleine Weile darauf war alles zu Ende, und der Arzt führte mich weg, um mich zu zwingen, zu versuchen, ein Weilchen zu ruhen. »Aber damals trauerte ich nicht um sie. Ich trauerte überhaupt um niemanden, nicht einmal um mich selbst. Ich ließ mich ohne Widerstand wegführen, und als ich allein war, weinte ich wie ein Kind im Dunkeln, weinte aus der abscheulichsten Nervosität. Ich glaube, wenn ich eine Waffe zur Hand gehabt hätte, würde ich mich getötet haben, ohne zu wissen, was ich tat. Und die Legende hätte sich verbreitet, daß ich meine Frau nicht überleben konnte. »Man kann ja auch sagen, daß ich es nicht vermochte. Denn was jetzt von mir weiterlebt, ist nicht viel wert. Aber ich beneide sie, beneide sie mit einer Bitterkeit der Verzweiflung, weil sie in ihrer Illusion starb, weil sie starb, bevor sie mehr als höchstens ahnte, was das Leben eines Menschen Böses bieten kann. Sie starb, bevor sie es lernte, mich mit denselben Augen zu sehen, wie ich sie betrachtete. Vielleicht würde sie auf ihre Weise ebenso recht gehabt haben, wie ich. Aber das wäre auch gerecht gewesen. Und diese Gerechtigkeit wird mir nie zuteil. »Es ist entsetzlich, sich nicht an die Lebenden wenden zu können, um Gerechtigkeit zu finden. Das ist es, was mich an die Tote fesselt, stärker, als wenn ich sie aus ganzer Seele beweinte.« 16 Nachdem ich diese Worte ausgesprochen, fühlte ich in seltsamer Weise, wie es stumm um mich wurde. Ich konnte lange nicht aufblicken, ich saß und wartete, daß etwas komme, etwas, das dieser unheimlichen Stille ein Ende machte. Ich fühlte nur eine wunderliche Müdigkeit, die mein ganzes Wesen lähmte, und ich dachte daran, daß ich irgendwo gelesen hatte, wie eine Art Mattigkeit gewisse Verbrecher zu überfallen pflegt, nachdem sie eine Tat vollführt haben, über die sie lange gebrütet hatten. Da fühlte ich eine Hand auf meiner Schulter, und ich hörte Christian sagen: ›Armer Freund!‹ Ich hörte diese Worte sozusagen nur mit meinen äußeren Sinnen aussprechen. Ihr Sinn wurde mir nicht klar, ebensowenig als ich fassen konnte, daß der Mann, zu dem ich gesprochen, an meinem Schmerz teilnahm, ja auch nur je mein Freund gewesen war. Ich hörte, wie er mir Lebewohl sagte und ging, und ich glaube, daß er dies tat, weil ich ihn gebeten hatte, mich allein zu lassen. Nachdem er gegangen, saß ich lange in Gedanken, und zum ersten Mal seit dem Tode meiner Frau empfand ich die Erleichterung, die darin liegt, weinen zu können. 17 Wie lange ich so in meine Gedanken versunken dasaß, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß, als ich wieder zu mir kam, meine ganze Überreiztheit verschwunden war, und ich ein Gefühl der Befreiung und Erleichterung empfand, als hätte etwas in meinem ganzen Dasein plötzlich und unvorbereitet seine Farbe verändert. Gleichzeitig hatte ich die Empfindung, als arbeitete sich etwas Fremdes und Neues, zugleich Kühlendes und Starkes in mir hervor. Ich hatte das wunderliche Gefühl, vor einem neuen Abschnitt meines Lebens zu stehen, und dieses Gefühl hatte nicht den Charakter eines entscheidenden Entschlusses – es war überhaupt nicht etwas, das ich selbst tun konnte, oder zu tun brauchte – sondern es war von dem dunklen Bewußtsein erfüllt, daß in einer für mich unfaßbaren Art eine Wendung meines ganzen Schicksals eingetreten war. Ich hatte erwartet, daß ich nachträglich Verbitterung gegen den Mann fühlen würde, dem ich so rückhaltloses Vertrauen geschenkt hatte, und gleichzeitig saß ich da und wartete, daß meine alte Furcht wiederkehre. Doch nichts von alledem traf ein. Es bemächtigte sich meiner im Gegenteil eine wunderbare Ruhe. Alle Gegenstände rings um mich zeigten sich in bestimmten sicheren Konturen, sie nahmen ein Aussehen an, das mir in unbeschreiblich wohltuender Art natürlicher schien, als es einen ganzen Monat hindurch der Fall gewesen war. Ich saß in der Dämmerung, aber sah meine Welt klarer, als seit lange bei Tageslicht; ich merkte, daß ich mich nach dem vollen Tageslicht sehnte, das ich bis jetzt nicht hatte ertragen können; in meinem Ohr erklang es wie ein mildes Echo der Worte, die ich eben mit einem unbeschreiblich tiefen Wohllaut über meinem Haupte hatte aussprechen hören – ›armer Freund‹ – und in meiner Seele stieg wie eine warme Woge das Gefühl der Dankbarkeit gegen den Mann auf, der sie ausgesprochen. Plötzlich kam mir die Idee, daß ich hinaussehen wollte. Und von dem Verlangen erfaßt, etwas anderes zu sehen, als die vier Wände meines Zimmers, zog ich die Gardine auf und bemerkte, daß es Vollmond war. Es wunderte mich, daß ich an den vorhergehenden Abenden nicht darauf geachtet hatte, obgleich der Mond damals natürlich ebenso klar wie jetzt geleuchtet hatte, während ich in meiner Erregung umhergestreift war, mich in die Schale meiner eigenen Bitterkeit verschließend. Etwas hatte diese Schale gesprengt, so daß ich wieder um mich blicken konnte, und mit einem beinahe neugierigen Verlangen, zu sehen, stand ich am Fenster und starrte über die Ebene. Als hätte ich entdeckt, daß in meiner Nähe ein Freund war, der mir unerschöpfliche Schätze von Güte und Frieden bieten konnte, aber den ich lange vernachlässigt hatte, betrachtete ich diese Ebene, die sich so wunderbar weit in dem bleichen Mailicht des Mondes hinstreckte. Ein leichter Nebel stieg auf, kaum eine Elle vom Boden entfernt, wie ein weicher Flor lag er über dem kurzen Gras, hell, unendlich hell wirkte diese ganze Fläche, so daß selbst der dunkle Wald einen Widerschein ihres Glanzes annahm, weich, gemildert, beinahe licht wurde, auch er. Und über diesem ganzen Bilde ruhte der bleiche, klare Himmel, der sein Licht dieser strahlenden Erde zu entlehnen schien, deren Fläche er am Horizont berührte. Vergeblich suche ich den wunderbaren Eindruck zu beschreiben, den der Anblick dieses Bildes in mir hervorrief, mir, der ich so lange vergessen hatte, daß etwas außerhalb meines gequälten Daseins existierte. Ich stand da, bis ich eins mit dieser Natur zu werden vermeinte, mit ihr zu verschmelzen glaubte, so wie der Strom im Meer verschwindet. Und als ich aus meinen Traumen erwachte, ging ich ganz sachte zum Schreibtisch und nahm ein Bündel Briefe hervor, die ich, nach und nach, auf Reisen, unter Wochen der Trennung erhalten, aber seither nie durchgelesen hatte. Es waren Gertruds Briefe, und sie lagen geordnet in meiner Lade, mit einem Band umwunden. Meine Frau hatte es einmal für mich gemacht. Selbst hatte ich nie daran gedacht, und es fiel mir in diesem Augenblick ein, daß sie, als es geschah, mir meine Achtlosigkeit vorgeworfen hatte. ES kam mir jetzt vor, als hätte sie vielleicht mehr gemeint, als sie sagte, und ich glaubte noch ihren Blick sehen zu können, der etwas wie eine getäuschte Hoffnung ausdrückte, als sie zuerst entdeckte, daß ihre Briefe ungeordnet in meiner Lade lagen, vermischt mit meiner übrigen Korrespondenz. Ich saß und drehte das kleine Päckchen Briefe zwischen meinen Händen hin und her, aber ich grübelte nicht darüber nach, was mich gerade jetzt veranlaßt haben mochte, sie aus dem Versteck hervorzuholen, wo sie so lange ungelesen und vergessen gelegen hatten. Es erschien mir nur ganz selbstverständlich, daß ich sie gerade jetzt las, und daß sie mir vielleicht etwas sagen würden, was ich nicht gewußt hatte. Ich nahm sie einen nach dem anderen hervor, und ich fand, daß sie alle dalagen – in chronologischer Ordnung – von den ersten Brautbriefen mit ihrer kindlichen, unsicheren Handschrift bis zu den Briefen des letzten Jahres, als ich sie wegen einer Geschäftsreise eine Woche allein gelassen hatte. Das war ganz kurz bevor sie starb. Und ich sah an diesen Kuverts, wie sich ihre Handschrift mit den Jahren verändert hatte. Zum ersten Male merkte ich, daß sie einen Aug meiner eigenen aufwies. Ich merkte dies mit einem Gefühl, das mir in unbeschreiblicher Weise wehe tat, und ich war gerade im Begriff, die Briefe wieder wegzulegen, als mein Blick auf ein dickes Kuvert ohne Poststempel oder Überschrift fiel. Es lag zu unterst in dem Päckchen und schien mit Absicht hingelegt zu sein. Wenigstens durchflog mich dieser Gedanke, und mit einem Gefühle plötzlichen Entsetzens betrachtete ich dieses weiße Kuvert, dessen Inhalt ich nicht kannte. Nachdem ich es erbrochen, fand ich, daß es einen Brief enthielt, und daß dieser Brief an mich war. Er war gerade aus der Woche datiert, in der ich sie das letzte Mal allein gelassen, und das Kuvert barg außer dem Briefe, den ich nicht zu lesen wagte, eine Haarlocke und ein Porträt, das offenbar in ihrer allerletzten Lebenszeit aufgenommen war. Diese beiden Gegenstände erfüllten mich mit der unbeschreiblichsten Empfindung. Sie wollte noch einmal zu mir sprechen, sie wollte, daß ich ihrer gedachte. Sie hatte also gewußt und doch nicht gewußt, gesprochen und geschwiegen, mir gedankt im Augenblick des Todes und dennoch gelitten, bevor sie starb. Ich griff bebend nach dem Brief, den ich nicht zu lesen wagte und doch lesen mußte, und in krampfhaftem Schmerz las ich ihn von der ersten Zeile bis zur letzten. 18 Stockholm, im März 18–. »Mein einziger, einziger Tage! »Du sollst nicht erschrecken, wenn Du einmal diesen Brief bekommst. Denn wenn Du ihn bekommst, weiß ich, daß Du Dich freuen wirst, wenn Du ihn liest. Du wirft Dich freuen über diese dürftigen Zeilen, die das einzige sind, was ich Dir nunmehr schenken kann, weil sie Dir nie vor Augen kommen werden, ehe Du Dich nicht nach mir sehnst und sie von selbst findest. »Ich will diesen Brief nicht so hinterlassen, wie Menschen es tun, die wissen, daß sie sterben werden. Denn ich will mich Dir nicht aufzwingen, und das würde ich tun, wenn ich Dir sagte, daß ich Dir Worte geschrieben, von denen ich es nicht ertragen kann, daß Du sie liest, solange ich noch am Leben bin. Aber wenn Du Dich selbst nach mir sehnst, wenn die Stunde kommt, in der Du meine alten Briefe suchst und vielleicht wünschest, daß Deine kleine Frau wieder bei Dir säße, wenn Du milde gegen mich geworden bist in Deinem Herzen, wie Du es früher warst, aber wie ich weiß, daß Du jetzt nicht bist, da wirst Du in einer einsamen Stunde diesen Brief finden, und da, glaube ich, daß es Dir vielleicht wohltun wird, mich noch einmal sprechen zu hören. Da wird es Dir lieb sein, mich wiederzusehen, so wie ich in der letzten Zeit war, obgleich ich weiß, daß ich jetzt blaß und häßlich bin, und da wirst Du nicht finden, daß ich kindisch bin, weil ich Dir eine Locke meines Haares gebe, damit Du sie zur Erinnerung an Dein kleines Weib-Mädchen behältst, wie Du mich einmal nanntest. »Ich habe viel Zeit zum Schreiben. Denn es dauert noch mehrere Tage, bevor Du nach Hause kommst. Und das brauche ich auch. Denn ich bin so müde, und ich kann nie lange hintereinander schreiben. Ich weine auch, wenn ich schreiben soll, und ich glaube dann, daß ich diesen Brief nie fertig bringen kann. Aber ich habe Dein Bild hier neben mir, wenn ich schreibe, und so oft ich es ansehe, werde ich stärker. Denn dann weiß ich, daß, wenn ich diesen Brief nicht fertig bekomme, ich nie das sagen kann, was ich in all diesen Jahren nicht sagen konnte. Und wenn ich tot bin, darfst Du nicht so für mich fühlen, wie Du es jetzt tust. Wenn ich daran denke, ist es, als müßte mein Herz vor Trauer brechen. »Du wunderst Dich wohl darüber, daß ich so bestimmt sagen kann, daß ich sterben werde; und manchmal sage ich mir ja auch selbst, daß ich mir es vielleicht nur einbilde, und daß gar manche vor mir geglaubt hat, sie müsse sterben, und doch am Leben geblieben ist. Aber ich kann mich nicht daran kehren, wie es anderen Menschen gegangen ist. Es tröstet mich nicht, und ich glaube nicht daran. Was ich nun weiß, das, glaube ich, hat mir jemand ins Ohr geflüstert, der es besser weiß, als ich. Daran glaube ich, und täte ich das nicht, würde ich nie schreiben können. Aber das ist das Wunderliche, ich weiß, daß mir nie das Glück zuteil werden wird. Deinem und meinem Kinde das Leben zu geben. »Kannst Du mich verstehen, wenn ich Dir sage, daß ich mich freue, daß dies nie geschehen wird? Ich freue mich darüber, weil ich weiß, daß es Dir nie Freude machen würde. Du hast es mir nie gesagt, es nie auch nur mit einem Worte angedeutet. Du bist so gut gegen mich gewesen, Du warst die Sonne in meinem Leben, von dem ersten Augenblick an, da ich Dich sah. Niemand ist wie Du, aber manchmal scheint es mir doch so schwer, zu wissen, daß ich Dir im Wege stehe, und daß Du bei fremden Menschen, die ich nicht kenne und nie sehen werde, all das finden wirst, was ich Dir nicht geben konnte. Es klingt so wunderlich, daß ich Dir nichts geben konnte, ich, die ich Dir alles geben wollte. »Als ich zuerst erfuhr, daß wir hierher ziehen sollten, in diese große Stadt, wo alles Lärm, Unruhe und Verwirrung ist, da ergriff es mich wie eine dunkle Ahnung, daß ich Dich hier nie so besitzen würde, wie in Upsala, in unseren kleinen Zimmern, wo die großen Bäume unsere Fenster beschatteten. Ich war so glücklich dort, Tage, mein einziger Tage. Ich war so glücklich, wie Du wohl in Deinem ganzen Leben nie gewesen bist, so glücklich, wie ich Dich nicht machen konnte, und ich habe oft so bitter darüber geweint, als es dunkel um uns geworben und Du mich nicht länger sehen konntest. Damals weinte ich nicht, und nie hatte ich gewußt, was es heißt, zu weinen. Ich weinte nur noch manchmal vor Freude, wenn ich allein war, weil ich mich so glücklich fühlte. Aber hier im letzten Jahre habe ich es gelernt. »Wenn ich nun dies schreibe, dann kommt es mir beinahe vor, daß es grausam von mir ist. Dir all dies zu sagen, was Du sonst vielleicht nie gewußt hättest. Aber wenn man sterben soll, will man so gerne, daß die, denen man gut war, sich der Fortgegangenen erinnern. Ich habe niemanden, von dem ich will, daß er meiner gedenke, niemanden auf der weiten Welt als Dich. Und wenn Du diesen Brief nicht liest, da wirst Du mich sehr bald vergessen. Denn ich habe es Dich ja nie lehren können, mich recht zu lieben. »Du glaubst wohl, daß ich dies sage, weil Du so ungeduldig gegen mich warst, wenn ich es nicht lassen konnte, mich nach unserem alten Heim und unseren alten Freunden zu sehnen. Das ist es nicht. Aber ich weiß doch, daß ich Dir damit sehr wehe tat. Ich sah, daß Du von mir gingst, und ich sah auch, daß Du froher warst, wenn Du heim kamst und ohne mich fortgewesen warst. Du hattest so viel zu leisten, so viel zu denken, und alles, was Du unternahmst, sagtest Du, geschah für Deine Zukunft. Zuweilen sagtest Du auch für unsere Zukunft, und wenn ich nichts antwortete, glaubtest Du, ich hätte Dich nicht verstanden. Ich sah es so deutlich, daß Du das glaubtest, wenn Du Dich dann von mir zurückzogst und kalt und starr und verschlossen wurdest. Und da fiel es mir wie eine Last aufs Herz, und die geht wohl nie fort, bevor ich einmal richtig einschlafe, um nie wieder aufzuwachen. Aber da wollte ich, daß Du wüßtest, daß, wenn ich Dich so sitzen und grübeln sehe, ich mich so gerne neben Dich setzen und mit Dir plaudern möchte, wie ein verständiger, hilfreicher Freund. Aber dabei zugleich habe ich solche Angst, daß das, was ich sagen könnte, so wenig wäre, gegen alles, was ich wollte, und so sitze ich Dir stumm gegenüber und denke an Dich. Es ist wie wunderliche Melodieen, die ich zuweilen still für mich selbst hören kann, aber unmöglich hervorbringen, obgleich ich jeden einzelnen Ton so wohl vernehme. Dann gehst Du manchmal von mir, und dann glaube ich zu hören, wie Du seufzest, wenn Du meinst, daß ich Dich nicht hören kann. Ich glaube, daß Du Dich nach mir sehnst, und ich wollte vor Kummer sterben, daß ich so klein und unbedeutend bin, daß Du nicht einmal merkst, wie ich Dich liebe. Und wenn Du gegangen bist, sitze ich allein und sage all das, was ich Dich nie hören lassen konnte, weil ich nichts anderes bin, als eine kleine Frau, die Dich liebt. »Zuweilen war es mir, als riefe all das in mir so laut, daß Du es hören müßtest, auch wenn ich schwieg; und als ich nun endlich wußte, daß ich nichts zu hoffen hatte, da wurde ich so unglücklich, als ich jetzt bin, weil ich Dir nicht das sein konnte, was ich sollte. Weißt Du, wann ich das wußte? Oh nein, das kannst Du nicht wissen, denn ich begreife so gut, daß Du nie daran dachtest. Das war, als ich das erste Mal zu Dir kam, meine Arme um Deinen Hals legte und Dir erzählte, daß wir ein Kind bekommen würden. Wenn Du wüßtest, wie sehr es mich beglückte, als ich zuerst wußte, daß es so war. Es wurde schwarz vor meinen Augen, und ich glaubte, daß es im Dunkeln funkelte. Ich war wie wahnsinnig vor Glück. Viele, viele Tage ging ich umher mit meiner Freude, und es war mir, als sei die Welt so wunderlich reich geworden, und alles, was mich umgab, war licht und froh. Ich sang nicht, ich sprach nicht, ich ging nur umher und faßte nicht, daß all dies Glück wirklich mein war. Denn ich glaubte so felsenfest, daß Du mir nun wieder gut sein würdest. Ich war so überzeugt, daß, wenn Du es erfuhrst, Du mich in Deine Arme schließen und vor Freude weinen würdest. Und dann würdest Du alles verstehen, ohne daß ich Dir etwas sagte. Ach, Tage, daß ich damals nicht starb, als ich sah, wie Du es aufnahmst. Du strichst über mein Haar, und Du sahst weg. Du wandtest Deine Augen von mir ab, weil Du den meinen nicht begegnen wolltest, und da begriff ich, daß es für mich keine Hoffnung gab. Nichts gab es für mich – nur die schwarze Nacht, vor der mir so bangte. Ich bin nicht mehr bange. Denn seit ich damals Deinen Blick gesehen, kann ich vor nichts mehr zurückschrecken. Du gingst an diesem Abend fort, Tage! Sag, kannst Du Dich daran erinnern? Du gingst fort. Und als Du gegangen warst, stand ich am Fenster und sah Dir nach. Es wurde dunkel um mich, als ich Dich nicht mehr sah, und ich ging den ganzen Abend im Zimmer auf und ab, ich preßte meine Finger gegeneinander, so daß sie schmerzten. Ich konnte weder denken noch weinen, ich wußte nur, daß es nicht so weh tun konnte, zu sterben. Darum Tage, bin ich froh, zu wissen, daß ich sterben werde. Denn ich kann mir nicht denken, daß ich es ertrüge, zu sehen, wie Du Deine Augen von unserem kleinen Jungen, den ich täglich und stündlich in mir fühle, abwenden würdest – so wie Du Dich einmal von mir wandtest. »Aber wenn ich nun hier sitze und schreibe, versuche ich zu denken, daß ich schon tot bin, und daß Du einmal so freundlich und gut meiner gedenkst, daß Du meine Briefe zur Hand nehmen und versuchen willst. Dich für eine kleine Weile meiner zu erinnern, wenn Du zu müde bist, um zu arbeiten. Dann weiß ich, daß ich Dir doch etwas Gutes getan habe, indem ich dich beizeiten allein ließ, und dann wirst Du wissen, daß ich so innig für Dich fühlte, daß ich wußte und begriff, daß Du zu den Menschen gehörst, die das leiseste Band drückt und für die die Einsamkeit Glück ist. Viele, viele Male habe ich Dir das früher gesagt. Wenn ich manchmal kam und mich neben Dich setzte und Deine Hand in meine legte, dann wisse, daß ich Dir damit soviel, soviel gesagt habe. Dann wirst Du mir auch alles vergeben, was ich Dir Böses getan, und daß ich nicht einsah, daß, wenn ich Dein Bestes verstanden hätte, ich nein gesagt haben würde, damals, als Du es selbst nicht verstandest und Dich an einem kleinen Madchen blind sahst und sie fragtest, ob sie Dein Weib werden wollte. »Dann gehst Du vielleicht eines Tages, wenn Du frei hast, hinaus zu meinem Grab und besuchst mich, damit ich nicht glauben muß, daß ich immer draußen so einsam liegen werde, als ich jetzt fühle, daß ich bin. Und da wirst Du noch eines wissen: seit ich all dies niedergeschrieben, bin ich nicht so unglücklich, als ich erst noch glaubte. Ich weine nicht mehr. Ich habe alles vergessen. Ich gedenke nur der Zeit, als ich Dich heim zu uns begleiten durfte und Deine Lampe anzündete und still neben Dir saß, während Du arbeitetest. Da sahst Du zuweilen auf und nicktest mir zu, ich kam zu Dir, und Du nahmst mich in Deine Arme und küßtest mich. Wisse, an das denke ich jetzt. Es ist das einzige, an das ich mich erinnere und erinnern werde. Ich werde mich daran erinnern, an jedem Tage, der vergeht, in jeder Stunde, die entschwindet. Ich werde dessen noch in der Stunde gedenken, da Du an meinem Bette sitzest und ich Dir zum letzten Male aus ganzer Seele dafür danken darf, daß Du mich um so Vieles glücklicher gemacht hast, als ich Dich machen konnte. »Und nun sollst Du mich nicht für töricht halten, weil ich sage, daß, seit ich dies geschrieben, es mir nicht so schwer fällt, zu sterben. Denn ich weiß ja, daß ich Dir einmal Lebewohl sagen darf – wenn Du das liest, was ich jetzt hier schreibe. Da wirst Du mich vielleicht wieder ein klein wenig lieben, und es ist so bitter, so bitter, zu denken, daß ich dann nicht den Kopf in Deine Arme bohren kann und fühlen, wie Du mich streichelst. Und doch ist es wie das höchste Glück, wenn ich daran denke. »Und wenn unser kleiner Junge am Leben bleibt, sollst Du ihn nie wissen lassen, daß ich Dich nicht glücklich machen konnte, nur daß ich Dich mehr geliebt, als irgend jemand Dich liebte. Sprich manchmal mit ihm und sag' ihm, wenn er so groß wird, daß er es verstehen kann, daß seine Mama eine schwache kleine Frau war, die in der Welt nirgends hinpaßte, als heim zu Dir. .Deine, nur Deine Gertrud.«   Nachschrift. Es ist eine lange Zeit verstrichen, seit ich zum ersten Mal diesen Brief las. Wenigstens ist mir die Zeit lange erschienen. Ich weiß wohl, daß wir jetzt Mittsommer haben, den schönen Mittsommer des Nordens, und daß also nur ein paar armselige Wochen vergangen sind. Und doch ist mir, als hätte ich hier viele Jahre einsam gelebt, rings um mein Inselhäuschen den Wald und das Meer, das gegen die Steine unter meinem Fenster schlägt. Der Tage, die vergingen, nachdem ich den Brief meiner toten Frau gelesen, werde ich mich wohl nie entsinnen können. Ich erinnere mich bloß, daß die alte Dienerin mich eines Morgens in Gertruds Zimmer auf dem Boden liegend fand, den Kopf gegen die Bettkante, und daß nicht lange darauf die Schule abschloß und ich fortreiste. Es war nichts geschehen, nichts anderes, als daß ich verstehen gelernt hatte, daß ich nun ein kinderloser Witwer war, der das Glück in der Hand gehalten und es zwischen seinen achtlosen Fingern zerdrückt hatte. Hier draußen singt das Meer sein Lied. Ich gehe hier und überdenke mein ganzes verflossenes Leben. Nichts finde ich zu sagen, das mir Ruhe zu geben vermöchte, und ich habe nicht einmal versucht, mich gegen die Anklagen zu verteidigen, die nichts verstummen machen kann. Aber in mir habe ich das Gefühl, als hätte sich etwas gelöst und wäre geschmolzen, und ich fühle mich wohl in dieser Natur, die so vielfältig, so wechselnd, so strahlend ist, ich glaube, ich fühle mich auch wohl unter diesen Menschen, und ich finde sie alle so glücklich. Was ich selbst durchlebt, läßt sich nicht mit Worten erzählen. Aber als schenkte mir jeder Tag etwas Neues, fühle ich, wie meine Frau näher kommt, an mich herantritt, wie nie zuvor; und ich, der ich nie beten konnte, habe mein ganzes Leben in eine Danksagung verwandelt, die gleichzeitig eine Bitte um Vergebung ist. Jetzt, wo die Nächte hell sind und die Sonne nur ein paar Stunden von der herrlichen Erde fortgleitet, jetzt danke ich ihr, daß ich einmal die Fülle des Lebens kosten, daß ich einmal leben lernen durfte. Was kommen soll, weiß ich nicht. Aber ich weiß, daß das Alte vergangen ist, und daß alles für mich neu werden soll. Mein ganzes Zimmer ist mit Laub verkleidet, und über der Tür der Veranda wölbt sich eine Pforte aus weißstämmigen jungen Birken. Das ganze Haus ist stumm, niemand ist daheim, außer mir. Von dem Dorfe, das auf der anderen Seite des Wassers liegt, höre ich die Laute einer Drehorgel, zuweilen knallt ein Schuß, und über den lichten Wasserspiegel gleiten laubgeschmückte Kähne, mit jungen, fröhlichen Menschen, die sich zum Fest versammeln. Ich habe nicht vom Hause weggehen können, und darum blieb ich hier. Einsam lausche ich dem Schweigen in mir, das den Sturm abgelöst hat, und ich habe den wunderlichen Eindruck, daß in mir ein Glaube wächst – wie oder woran weiß ich nicht – aber er vernichtet mich und macht mich gleichzeitig stark. Langsam fügen sich die zerrissenen Teile meines innersten Ich zusammen, und immer seltener fühle ich den peinigenden Schmerz, als zerrte jemand an den Fugen. Aber während ich den entfernten Tönen des Tanzes horche, dem Plätschern der Wellen und dem Schrei der Möwen, schmilzt all dies zu einer wunderlichen Harmonie zusammen, mit der ich mich selbst eins werden fühle. Langsam gehe ich zum Strande und schiebe mein Boot vom Ufer hinab. Die Nachtbrise füllt das große Segel, und sachte gleite ich auf dem hellglänzenden Wasser dahin, das den rosigen Streifen des Sonnenuntergangs widerspiegelt und die träumenden Gestade. Da steigt zum ersten Male in mir eine Erinnerung an jene Nacht empor, in der ich bewußtlos zusammengesunken war, allein, den Kopf an das Bett meines toten Weibes gelehnt. Da kam die alte Dienerin herein und fand mich auf dem Boden. Sie sah mich an, fing zu weinen an und sagte: »Jetzt weiß ich doch, daß der Herr Lektor unsere Frau betrauert.« Ich denke daran, während ich einsam am Steuer sitze, und das Boot über das Wasser gleitet, das die Nachtbrise kräuselt. Weit weg schimmert das offene Meer zwischen niedrigen Klippen, und über mir am Himmel funkelt ein einsamer Stern. Margit Es gibt ein geheimnisvolles Gefühl, das sicherlich in den meisten Menschen verborgen liegt, das Gefühl von dem innigen Zusammenhang zwischen all dem Bösen und Guten, das zusammen die ganze Summe ihres Lebens bildet. Ich erinnere mich, starke und harmonische Menschen sagen gehört zu haben, daß wenn sie eine schlechte Tat ungeschehen machen könnten, wenn sie nicht nur aus ihrer Erinnerung, sondern auch durch einen übernatürlichen Willensakt aus der Wirklichkeit selbst, den tiefsten Schmerz auslöschen könnten, der ihrem Leben seinen Stempel aufgedrückt, sie es nicht wollten. Sie wollten keine einzige Erinnerung verlieren, keinen einzigen Tag auch nicht von jenen, die sie später beschämen, weil sie damit zugleich auch etwas von dem auslöschen würden, was dazu beigetragen hat, ihr Ich zu dem zu machen, was es heute ist. Dieses ungeheure Lebensgefühl ist der Gegensatz zu der feigen Reue, die sich von sich selbst wegschleichen will. Es hat etwas von der Gesundheitsempfindung der großen Natur selbst, die die morschen Stämme langsam sich selbst vertilgen läßt, während der lebende Wald unbekümmert um die Grundvesten seiner Starke neue Knospen treibt und aus der Fäulnis selbst seine Nahrung zieht. Ich habe selbst immer geglaubt, daß ich zu diesen ungebrochenen Menschen gehöre, die die Macht haben, was ihnen das Leben bringt, zu ertragen. Ich habe es bis vor wenigen Tagen geglaubt. Aber diese wenigen Tage scheinen mein ganzes Leben verändert zu haben, nicht nur mein eigenes, sondern alles, was sich in meinem Gesichtskreis regt, lebt und atmet. Es liegt wie ein Schleier über meinem Dasein und dem der anderen, und durch diesen Schleier suche ich die Form zu entdecken, die die Dinge früher zu haben schienen, das Rauschen des Stromes zu hören, der mich einstmals trieb, meinen Gedanken Inhalt gab, meinen Muskeln Spannkraft und meinen Wangen Farbe. Ich sehe nichts, höre nichts, kann nichts unterscheiden. Alles in mir ist ein Chaos geworden, und ich fühle nichts anderes als ein unmögliches, wahnwitziges, wildes und unbezwingliches Verlangen, mein ganzes Leben umzugestalten, zu verändern – nicht eine Einzelheit oder eine Kleinigkeit – sondern das Ganze zu verändern, von dem ersten Tage an, den ich gelebt habe, bis zum letzten. Das Leben beginnt ja unter den wahnwitzigen Angstrufen des Schmerzes und schließt mit einem Seufzer der Erleichterung. Es dünkt mir, als wäre mein eigenes von Anfang an dazu verurteilt, in einem Schrei zu enden, verzweifelnder, herzzerreißender als die qualvollen Jammerrufe eines gebärenden Weibes.   Das erste, was ich in diesem grausigen Chaos zu hören glaube, ist der Laut der großen Stille des Waldes, der um mein Kindheitsheim rauschte. Ich höre diesen stillen wunderlichen Laut, der den Sinn läutert und das Herz mit sachterem, gleichmäßigerem Schlage pochen macht, höre ihn so wie ich ihn oft gehört, wie eine stille, feierliche Musik, die in den seltenen großen Augenblicken des Lebens meine Seele erfüllte und mich die Schmach dessen vergessen ließ, was in den übrigen klein und unbedeutend erschienen war. Es ist im übrigen seltsam mit uns, die wir mit dem Walde um unser Heim aufwachsen. Und ich glaube nicht, daß ich mit diesem Gefühl allein stehe. Der Wald ist uns auf der Wanderung durchs Leben gefolgt, er hat sozusagen einen stillen Raum in uns geschaffen, in dem er, unberührt vom Lärm des Lebens, zu uns spricht. Wir hören so manches, was unhörbar für andere Ohren ist als solche, die sich gewöhnt haben, dem Walde zu lauschen. Wir sehen vieles, weil unsere Augen sich gewöhnt haben, all das Seltsame zu entdecken, das die Dämmerung der großen Wälder erfüllt. Wir ahnen vieles, weil unsere Sinne geschärft sind, unsere Augen offen und unsere Herzen gläubig. Wohin das Leben uns auch führen mag, immer behalten wir etwas von dem, was wir vom Walde lernten, und wenn alles um uns verstummt, spricht der Wald wieder mit seiner zugleich einlullenden und weckenden Stimme. Aus dieser starken Erinnerung an den Wald leite ich die Eigentümlichkeit ab, die ich oft an mir selbst bemerkt habe, nämlich, daß ich, der ich mein ganzes Leben lang in einer Großstadt gelebt, stets eine Hinneigung zur Einsamkeit hatte, die es bewirkte, daß ich erst in sehr vorgerückten Jahren eine ernste Neigung für ein Weib faßte. Hieraus leite ich auch noch etwas anderes ab, das nicht weniger bemerkenswert ist. Ich habe nämlich immer die Empfindung gehabt, daß ich stets, auch in der Einsamkeit, gleichsam mein Leben zu Zweien lebte. Ich pflegte im allgemeinen nicht das, was man denken nennt, zu tun, oder was ich wenigstens zu finden glaubte, daß Menschen gewöhnlich unter diesem Worte verstehen. Meine Gedankentätigkeit ist sozusagen in Dialogform vor sich gegangen, indem ich bei allem, was für mich im Leben von Wichtigkeit war, mit jemandem zu sprechen pflegte, dessen Züge ich wohl nie gesehen und von dem ich auch nie dachte, daß ich ihn je sehen würde, aber dessen Worte ich doch auf jeden Fall vernommen, so als ob er mich anspräche, meine Gedanken weckte und auch darauf antwortete. Ich habe oft geglaubt, daß dieser sechste Sinn, diese zweite Persönlichkeit, die bei mir wacher sein muß als bei anderen Menschen, eigentlich ihren Ursprung aus der Zeit herleitet, in der ich noch ein Kind war und meine größte Freude darin bestand, mich aufs Geratewohl so weit in den Wald zu vertiefen, daß ich rings um mich nichts anderes sah, als die hochstämmigen Bäume, deren Kronen am Horizont zusammenzuwachsen schienen, das weiche, feuchte Moos, die Steine, das Preiselbeerkraut, die Vögel und die Eichhörnchen. Da ging ich immer und sprach zu mir selbst, sprach von allem, was meine kindliche Phantasie weckte. Ich sprach mit den Bäumen, den Vögeln, den Steinen, den Blumen und dem Grase, und ich versuchte sie mir in den Worten, nach denen ich mich sehnte, antworten zu lassen. So muß ich eine schlummernde Stimme in mir geweckt haben. Denn was ich als Kind begonnen, nahm seinen Fortgang, als ich zum Manne geworden, und tief in mir vernahm ich diese Stimme, die nicht mehr der Hilfe meiner Lippen bedurfte, um sich mir mitzuteilen, sondern die stille und ruhig erklang, so als vernähme ich die Gedanken eines anderen, die, für meine äußeren Sinne unhörbar, zu meinen eigenen flüsterten. Das Denken dieses anderen behielt übrigens bei allen Gelegenheiten, wo ich in einem Entschlüsse zögerte oder in einer Bestrebung schwankend wurde, meinem eigenen gegenüber recht, und ich gewöhnte mich allmählich, ihm ganz blindlings zu gehorchen, als wäre ich ganz überzeugt gewesen, so nie einen Fehltritt zu begehen oder in bezug auf das Rechte oder Nützliche irren zu können.   Ich stamme von einer alten Familie ab, deren Angehörige ebenso wie ich selbst stets einen gewissen Sonderzug hatten, der sie mehr oder weniger zu Einsiedlern im Leben machte. Ich weiß nicht, ob sie ihre Lage ebenso ruhig und philosophisch aufgefaßt haben, wie ich lange – ja bis zu allerletzt – die meine. Ich weiß nur, daß ich selbst ein vollkommen ruhiges, harmonisches, sorgenloses Leben führte, und wenn mich die Verhältnisse irgend einmal in Berührung mit einem meiner Verwandten brachten, dann geschah das Eigentümliche, daß ich immer das Gefühl hatte, daß zwischen mir und ihnen etwas existierte, was ich eine unausgesprochene Freimaurerschaft nennen möchte. Es war, als spräche in ihnen sowohl wie in mir das Blut, und oft war ich nahe daran, ihnen von meinem eigenen Seelenleben zu erzählen. Ich hatte dabei das Gefühl, daß der andere – die Stimme in mir – nichts dagegen habe. Er schwieg nämlich immer, sagte weder ja noch nein. Aber gerade deshalb, weil er nie ausdrücklich ja sagte, hatte es bei meinem bloßen Wunsche sein Bewenden. Zu anderen als zu solchen zu sprechen, die ich von meiner eigenen Art wähnte, kam mir niemals in den Sinn, und so kam es, daß ich nie jemandem etwas darüber mitteilte, sondern, wo ich mich auch befand, bei angestrengter Arbeit oder bei lärmenden Vergnügungen, stets mein eigenes eigentliches Leben ferne von allen Menschen lebte, sozusagen – mitten im Walde. Dies war um so merkwürdiger, als das Leben mich auf einen Platz gestellt hatte, der bei den meisten alle Möglichkeiten zu dem stillen Einsiedlerleben der Einsamkeit vernichtet. Ich wurde nämlich als das dritte von vielen Geschwistern geboren, und das kleine Eisenwerk, das mein Vater besaß, reichte nicht hin, um uns allen eine Universitätserziehung angedeihen zu lassen. Wir zerstreuten uns früh nach verschiedenen Richtungen, und ich bekam eine Stelle in einem Großhandlungskontor in der zweiten Stadt des Reiches, eine Stelle, die ich behalten habe und von der ich, beinahe ohne es zu merken, dazu aufgestiegen bin, ein vermögender Mann zu sein. All das ging jedoch, so schien es mir, gewissermaßen neben mir selbst vor sich, und es machte mir nicht mehr Eindruck, als daß ich es ganz natürlich fand, und das, was sich mir bot, mit demselben Gleichmut hinnahm, den ich mich auch für fähig hielt, dem unerwartetsten Mißerfolg gegenüber an den Tag zu legen. Während dieser ganzen Zeit lebte ich jene Art Doppelleben, das für mich natürlich war, aber, wie ich glaube, allen anderen abnorm oder geradezu unglaublich vorkommen muß; und nicht ein einziges Mal geschah es mir, daß ich mich der inneren Stimme widersetzte, die noch immer zu mir sprach, wenn ich allein war, ja die zuweilen auch erklang, wenn ich von anderen Menschen umgeben war. Ich habe in meinem Leben zahlreiche Beweise dafür gehabt, daß man im allgemeinen der Ansicht war, daß ich ein sehr eigentümliches Dasein führe. Obgleich alle Welt wußte, daß ich mir nichts zu versagen brauchte, suchte ich in meinen späteren Jahren wenig Vergnügungen auf, und ich habe im ganzen keine Freunde gehabt, wenigstens nicht in dem Sinne, in dem man dieses Wort im allgemeinen gebraucht. Ich verkehrte mit einigen meiner Bekannten, und ich war froh, wenn ich ihnen einen Dienst erweisen konnte. Aber ich erinnere mich nicht, daß ich je das Bedürfnis empfunden habe, ihnen etwas über meine eigene Person anzuvertrauen, und ich glaubte übrigens zu merken, daß wenn jemand von sich selbst sprechen wollte, es ihm am liebsten war, wenn ich mich mit seinen Verhältnissen beschäftigte, ohne ihn dadurch zu stören, daß ich etwas von meinen eigenen hineinmischte. Ich empfing auf diese Weise so viel Geständnisse, daß es mir schließlich zur Gewohnheit wurde, solche entgegenzunehmen, und ich habe in meiner Einsamkeit viele Dialoge über die Schicksale der Menschen geführt, die man mir anvertraut hatte, und die ich wie meine eigenen bewahrte. Wenn ich die Vorstellung ausnehme, die ich als Kind hatte, daß Frauen nicht Beine haben wie andere Menschen, sondern dem Fall des Kleides entsprechend aus einem Stück sind – ein Irrtum, der zu gehöriger Zeit durch die Erfahrung aufgeklärt wurde – kann ich mich nicht erinnern, daß sich während meiner Jünglingsjahre meine Phantasie irgendwie besonders mit dem Gedanken an Frauen beschäftigte. Ich habe von meiner Mutter den hellen, ruhigen Eindruck der Geborgenheit und Fürsorge, und als sie starb, hatte ich lange das Gefühl, als wäre rings um mich eine Leere. Ihr Bild ist das einzige Frauenporträt, das, bis ich über vierzig Jahre wurde, je auf meinem Tisch gestanden hat, und von anderen Frauen habe ich nie andere Eindrücke empfangen als den Rausch eines Augenblicks. Ich ging durch die Welt, als berührte sie mich nicht, und meine einzige große Freude war, wenn ich mir für einen Monat Urlaub nehmen und allein fortreisen konnte, um in fremden Ländern das Bedürfnis nach einem reichen Leben voll wunderlicher Gedanken und starker Eindrücke befriedigen zu können, das mich stets erfüllt hatte, seit ich einsam unter den heimatlichen Tannen umherging und mir Flügel wünschte, um die große Lichtung zu erreichen, wo der Wald ein Ende nahm. Wenn ich dann von einer Wanderung am Quai der Seine oder in den Tiroler Bergen heim in mein Zimmer kam und zufällig mein Bild im Spiegel sah; konnte ich mich nicht enthalten zu lächeln. Dieses ruhige Gesicht mit den gepflegten schmalen Whiskers, die mit dem Schnurrbart zusammenhingen und das Kinn frei ließen, diese kalten, vielleicht etwas wehmütigen grauen Augen und dieser ernste Mund, das schien mir alles im seltsamsten Gegensatz zu einem Menschen zu stehen, der glücklich und frei die Welt durchstreifte, ohne einen Gedanken an Kontors und Fakturas, nur die Stille mitten im Volksgewühl suchend, dessen eigentümliches Brausen mein Inneres stets in Harmonie versetzte. Dann lächelte ich in Gedanken mir selbst zu, und es kam mir in den Sinn, daß ich, so alt ich auch war, noch einherging und darauf wartete, daß das Leben sein Rätsel vor meinen Augen lösen sollte. Ich war kein Zuschauer der Schicksale anderer, kein Fremdling im Leben, ich war auf einer langen, langen Reise begriffen, und mein einziger Reisekamerad saß heimlich und verborgen tief in meiner Brust, mir Laute zuflüsternd, die für das Ohr unhörbar waren, meine Geständnisse empfangend und sie bewahrend wie kein anderer. Ich entkleidete mich in meiner Einsamkeit und ging zu Bette, und in meinem Ohr erklang es wie der Laut einer Stimme, die mein Gutenacht beantwortete. Wenn ich darauf wartete, daß das Leben einmal sein Rätsel vor meinen Augen entschleiern würde, so stand das im Zusammenhang mit einem wunderlichen religiösen Gefühl, das mich immer bei dem Gedanken an den Tod erfüllt hat. Ein Grauen hat mir das Gefühl vom Tode nie eingeflößt, es war nur von einer ernsten Gemütsstimmung begleitet, die dem nahe lag, was man Wißbegierde zu nennen pflegt. Der Tod würde eigentlich das Ganze erklären oder es abschneiden. Und wenn ich mich nach diesem Augenblick nicht sehnte, so war es wohl deshalb, weil ich von keinen Sorgen wußte. Daß das Leben mir sein Rätsel schon hienieden lösen könnte, kam mir nicht in den Sinn, ganz einfach, weil ich mir nie dachte, daß ich mich selbst in anderer Weise verändern würde, als es eine natürliche Folge der Wechselfälle der Jahre und Verhältnisse war. Ich hatte schon graue Haare an den Schläfen und in meinem Barte, und noch hatte ich nichts von dem erfahren, was die Sinne der Menschen in Aufruhr bringt. Ich erschauere, wenn ich diese Worte niederschreibe, und ich glaube zu ahnen, daß ein Sinn in der Sage von dem Mann liegt, der sein teuerstes Geschmeide ins Meer warf, aus Entsetzen darüber, was das Schicksal, da es ihn nie einen Schmerz fühlen ließ, mit ihm im Sinne haben mochte. Das Schicksal hatte seine eigene Absicht und nahm das Opfer nicht an. Der Ring kam zurück, und da begriff der Mann, der von seinem Glück zu Boden gebeugt wurde, daß sein Urteil gesprochen war. Zitternd erwartete er das Schicksal, das vielleicht am sichersten in seinem eigenen Schrecken verborgen lag.   Nun da alles in mir klar zu werden beginnt, mit jenem quälend hellen Lichte, das morgens dem überwachten Blick des Grüblers begegnet, fange ich an, alles zu sehen, wie es war, und vor mir steht zuerst, vom Schimmer der Maisonne beleuchtet, das Bild einer Straße, in der ich an der Seite eines jungen Weibes auf und ab gehe, an der Ecke umkehre, wo der Vogel sang – ich höre noch sein Trillern im Ohr erklingen – an ihrer Seite umkehre und aufs neue über die sonnenbeschienene Promenade gehe, die von hellen Frühlingskleidern unter frisch knospenden Blättern leuchtet. Es ist jung, dieses Weib, es hat durch einen Zufall meinen Weg gekreuzt. Das Ganze kam daher, daß ich ihr eines Morgens, als ich mich ins Kontor begab, begegnete, als sie ihre Promenade machte. Sie stürzte durch irgend einen Zufall, und im Fall verstauchte sie sich den Fuß. Ich rief eine Droschke an und begleitete sie nach Hause. Das war alles. Ich fing dann an, in ihrem Heim zu verkehren, die freundliche Lehrerfamilie, bei der ich sie fand, wollte mich um keinen Preis wieder von sich lassen. Und nachdem ich einmal hingekommen war, fügte es sich ganz natürlich, daß ich wiederkam. Nie habe ich etwas gesehen, das sich in so hohem Grade von allem, was ich früher gekannt, unterschied, als diese Häuslichkeit, wo ich vom ersten Augenblick, in dem ich die Türschwelle der Alten überschritt, geradezu das Gefühl hatte, als wäre ich daheim bei mir. Schon das Äußere des Hauses, der altväterische, geräumige Hof, die alten, ausgetretenen Steinstufen, die in Spiralen gingen, der schwere Türklopfer aus getriebenem Eisen – alles zeigte, daß hier ein Heim war, in dem die Menschen gleichsam einem anderen Zeitalter als unserem eigenen angehörten. Ja, man war schon von Anfang an versucht zu denken, daß sie wohl auch in Frieden vor dem Gewühl der Vergnügungen, der Jagd nach Geld, Glück und Macht lebten. Auf dem Hofe wuchs eine alte Ulme, um deren Stamm ein grünes Sitzbrett ging, und tief in einer Ecke, die durch das Gebäude selbst und eine hohe Steinmauer gebildet wurde, lag ein kleines offenes Lufthaus, von einer Anpflanzung umgeben, die auf der Erde wuchs, welche man auf den Steingrund gebracht hatte. Man sah, daß sie wohlgehegt war, und auf dem kleinen Platze, wo jedes Zollbreit Erde ausgenützt war, wuchsen all die altmodischen Blumen, die aus den modernen Gartenanlagen mehr und mehr verschwinden. Reseda duftete zu den Füßen der lichten Provencerose, Erbsenblüten schlangen sich um das grüne Spalier des Lusthauses, die dunklen Blätter der Dahlien beschatteten die Astern, die blühen sollten, wenn der Herbst kam, dunkle Sonnenblumen erhoben sich von dem Beete, auf dem Narzissen und Hyazinthen schon verblüht waren und die hellblauen Glocken des Immergrüns aus dem üppigen Laub hervorguckten, das die Einfassung des Beets bedeckte. Auf dem Wege lag eine große grüne Gießkanne vergessen, so als ob sie kürzlich benützt worden wäre. Die Wohnung, in der die kleine Familie wohnte, war wie der Hof, oder machte wenigstens denselben Eindruck wie dieser. Eine große Eßstube mit einfachen Möbeln und Laufteppichen, ein kleines Wohnzimmer, wo weiße Überzüge die verschnörkelten Stühle und das lange gerade Sofa bedeckten, Mahagonitische, Kupferstiche an den Wänden, ein hoher vergoldeter Spiegel in Rokokogeschmack, von einem rosa Gazeschleier umgeben, ein großer Kronleuchter aus Glasprismen, die in der Sonne schimmerten, welche über den Boden mit seinem alten, abgetretenen Teppich und den weißen Läufern fiel. In allen Farben des Prismas glänzte das Sonnenlicht durch die geschliffenen Gläser, fiel wie Regen über die Wände, huschte über das große Napoleonsbild mit Soldaten, Generälen, weißen Pferden und Wolken von Kanonenrauch, das über dem Sofa hing, und warf die wunderlichsten Glanzlichter auf die pausbäckigen kleinen Engelchen, die von dem unteren Rande der lithographierten Sixtinischen Madonna herausguckten. Dies war der erste Eindruck, den ich von dem Heim des alten Schullehrers empfing, und ich stand einen Augenblick allein dort drinnen, mich in die eigentümliche Stimmung vertiefend, die dieses Heim erweckte, bevor noch die Hausleute sich zeigten. Ich erinnere mich, daß ich in den ersten Minuten den Eindruck hatte, als erschienen sie mir gleichsam verändert seit dem Tage, an dem ich zum ersten Male über ihre Schwelle getreten war, das junge Mädchen heimbringend, das sich den Fuß verstaucht hatte. Damals waren sie erschrocken und unruhig, ihre Gesten waren heftig, ihre Rede überstürzt. Nun verschmolz der Eindruck der beiden Alten in eigentümlicher Weise mit der Stimmung, die die kleine Wohnung hervorrief, während die Julisonne durch die Fenster schien. Dieser Eindruck verstärkte sich, als wir uns niedergelassen hatten und das erste von den gewöhnlichen Höflichkeitsphrasen unterbrochene Schweigen vorüber war und das Gespräch in Fluß kam. Im Anfange war ich ganz verwirrt über die Dankbarkeit der beiden Alten für eine an sich selbst so unbedeutende Sache, wie die, daß ich ein junges Mädchen, das sich verletzt hatte, in einem Wagen nach Hause gebracht hatte. Der Lehrer kam unaufhörlich auf diesen Vorfall zurück. Er sprach kurz und in abgehackten Sätzen, beinahe als fürchtete er, seine eigene Rührung zu verraten, und er strich sich einmal ums andere über seinen grauen Bart, während die Augen zu beiden Seiten der gebogenen Nase feucht wurden. Die alte Frau beherrschte sich besser, sprach ruhiger und sah aus, als hätte sie von dem niedrigen Sofa, auf dem sie saß, einen Überblick über alles, was geschieht und sich begibt. Aber ihre Stimme war ebenso freundlich, und ihre Augen musterten mich zwar ein wenig, drückten aber jenes Wohlwollen aus, das man immer so wohltuend empfindet, wenn es von einem Menschen kommt, der lange und gut gelebt hat. Es war ein wunderlicher Eindruck und eine wunderliche Anziehungskraft, die dieses ganze Heim schon von allem Anfang an auf mich ausübte. Ich erinnere mich, daß ich zuerst das junge Mädchen weniger beachtete, und daß hauptsächlich die Alten mein Interesse in Anspruch nahmen. Sie selbst schienen das nicht begreifen zu können, und ich kann mir sehr wohl denken, daß mein Interesse ihnen seltsam erscheinen mußte. Sie konnten ja nicht wissen, wie verschieden ich im Grunde von meinem ganzen äußeren Menschen war und daß ich mit dieser Umgebung, die so himmelweit von meiner übrigen Welt getrennt war, harmonieren mußte. Sie hörten mich darum mit einem gewissen Mißtrauen sagen, daß ich mich bei ihnen wohl fühlte. Der Alte saß in seiner Sofaecke, rieb sich die Hände und sagte: »Hier kann man nicht viel bieten. Hier ist alles so altfränkisch.« Und die alte Frau sah von ihrem Strickzeug auf, indem sie antwortete: »Es ist vielleicht für jemanden, der etwas anderes gewöhnt ist, eine kleine Abwechslung.« Ich lächelte und dachte, wie wenig ich mich nach etwas anderem sehnte. Ich versank sozusagen in die Ruhe und Stille, die aus diesen stummen Räumen auf mich einströmte, und im Anfange – bevor ich bei den Alten heimisch geworden war – fiel es mir recht schwer, nicht zu oft zu kommen. Es sprach mich gleich an, daß ich nie jemand anderen traf als die Familie. Diese wurde für mich eine abgeschlossene Welt, deren tägliche Freuden und kleine Sorgen mich mit einem Interesse erfüllten, wie ich früher nicht geglaubt, daß man es für irgend etwas auf der Welt empfinden könne. Es war so gut, in einer Ecke bei diesen Alten zu sitzen und von allem zu sprechen, was in der Welt geschehen war und geschah, so als könnte all dies gar keine Bedeutung für uns haben; diese Stille zu fühlen, die nicht erschüttert werden konnte, und die doch so voll von Gedanken, Interessen und Reiz war. Es war, als gäbe es hier ein Ziel fürs ganze Leben, einen Sinn in jedem ereignislosen Tag, der vorüberging. Hier war die Einförmigkeit nicht drückend, sie war nur natürlich, so als hinge sie mit der Einsamkeit zusammen und bekäme durch diese ihre Erklärung. In jedem Zimmer hingen Porträts, blasse Daguerrotypien und moderne Kabinettphotographien. »Es ist zuweilen wunderlich zu wissen,« sagte der Alte, »daß so viele unserer Freunde tot sind.« Und er fügte hinzu: »In meinen Jahren lernt man selten neue kennen.« Ich fühlte mich von diesen Worten so seltsam berührt, als offenbarten sie mir ein Geheimnis, das mir mein ganzes Leben hindurch verborgen gewesen war, und ich entsinne mich, daß ich mich während dieser Zeit zum ersten Male bedrückt, unruhig und sehnsüchtig fühlte, wenn ich einmal an einem Abend allein zu Hause saß. Aber während die Tage gingen, gewöhnte ich mich daran, meine Besuche in der Familie natürlich zu finden, ich merkte, daß ich willkommen war, und bald kam ich jeden Tag.   Während dieses ganzen Sommers vergaß ich von meinem Recht auf Urlaub Gebrauch zu machen und ins Ausland zu reisen, und ich kann sagen, daß ich eigentlich in dem kleinen Lusthaus auf der Terrasse des bepflanzten Hofs lebte. Ich sah die Blätter der Rosen fallen, welken und sterben, ich sah, wie Stiefmütterchen und Reseda von Levkojen und Erbsenblüten abgelöst wurden. Ich sah diesen die prachtvolle Blütezeit der Sonnenblumen folgen, ich sah Astern und Dahlien kommen. Auch diese sah ich verschwinden, als die erste Frostnacht kam und es nichts mehr gab, dessen man sich freuen konnte, als den klaren Sonnenschein, der über die abfallenden Blätter der alten Ulme gaukelte. Ja, ich erinnere mich auch an den Tag, wo diese entblättert und kahl dastand und wir durch die Kälte von unserem sommerlichen Lieblingsplätzchen vertrieben und auf die Stuben in der Wohnung der beiden Alten verwiesen wurden. Aber es war für mich kaum eine Entbehrung, als die kalten Herbststürme kamen und der Wind vom Meere um die Stadt heulte und uns miteinander einschloß. Es verursachte mir kein Bedauern. Es war nur ein Wechsel der Jahreszeit, der so unmerklich und still kam, daß es mir kaum bewußt wurde, daß etwas in unserem Leben sich verändert hatte. Daß der Sommer nach dem Frühling kam und der Herbst auf den Sommer folgte und der Winter mit seinem Schnee die Sommererinnerungen des Herbstes bedecken würde – was lag Wunderliches darin, wo doch jeder Tag seine Bedeutung hatte, jede Stunde, die ging, von einem Sinn erfüllt war, von einem Gedanken, oft von einer Freude? Ich kannte nun das Leben der Alten in- und auswendig. Ich wußte, daß es nichts anderes barg, als eine Menge kleiner Tätigkeiten, daß, wenn das Mittagessen vorüber war, der Nachmittag mit seiner Tasse Kaffee und seiner Pfeife kam, und wenn der Abend kam, schied man mit dem Gedanken, sich am nächsten Morgen wieder in Freude zu begegnen. Das war alles. Der Rest war eine kleine Anpflanzung, eine Menge Blumen im Hause, ein großes Vogelbauer, das den Vorraum mit Jubel und Gesang erfüllte. Das war alles. Wenigstens glaubte ich anfangs so.   Aber ich merkte bald, daß es etwas anderes gab, das in diesem Heim mehr bedeutete, als die alten Gewohnheiten, die täglichen Sorgen, die Stille, ja selbst die Erinnerung an verstorbene Freunde. Ich begreife nachträglich nicht, daß ich es nicht früher merkte. Ich lebte einen ganzen Sommer unter diesen Menschen, ohne daß ich begriff, was ihrem Leben seinen ruhigen Glanz, ihrem Heim sein Gepräge gab. Aber ich sah es nicht. Ich sah sie nicht. Ich fühlte mich bei diesen stillen Menschen so wohl, daß ich nicht wußte, daß die Sonne ihres Alters Margit hieß, das junge Mädchen, das mich zuerst in dieses Heim geführt, es nicht wußte, bis der Herbst kam und ich mich schon daran gewöhnt hatte, wie einer der Ihren zu sein, jemand, dessen Abwesenheit bemerkt worden wäre, sogar wenn ich selbst versucht hätte, fortzubleiben. Ich hätte es vielleicht nicht einmal dann gemerkt, wenn nicht Margit zu Verwandten eingeladen worden wäre und man mir nicht eines schönen Tages erzählt hätte, daß sie nach Stockholm reisen würde, um einen ganzen Monat fortzubleiben. Ich erinnere mich, daß es mich bei dieser Nachricht durchzuckte, und zum ersten Male in meinem Leben sah ich das junge Mädchen an und sah, daß sie schön war. Hoch, schlank, mit hellem, weichem Teint, und einem Ausdruck der Freude in ihrem erwartungsvollen Gesicht stand sie vor mir. Ich sah ihre feine schmale Hand die Karaffe halten, während sie fragte, ob sie mir zum Kaffee ein Gläschen einschenken dürfe. Die Augen leuchteten und die weißen Zähne glitzerten hinter den lächelnden Lippen. Es lag wie ein Sonnenschimmer um ihre ganze Gestalt. Sie nickte mir zu und sagte: »Ja, ich soll fortreisen. Können Sie sich das denken?« Ich konnte es mir wirklich nicht denken, und während ich heimging, beschäftigte mich diese Neuigkeit wie eine Sache von allergrößter Bedeutung. Margit reiste ab, und ich blieb mit den Alten allein. Sie baten mich, oft zu ihnen zu kommen, und ich fühlte, daß ich wie ein Schuljunge errötete, als die alte Frau sagte: »Herr German wird vielleicht bald müde werden, zu uns beiden Alten zu kommen.« »Das wird er gewiß nicht,« meinte Margit. »Ich bin sicher, daß er viel öfter kommt als früher.« Margit behielt natürlich recht. Ich kam noch öfter, ich kam jeden Tag, manchmal zweimal am Tage. Unser Zusammenleben war in dieser Zeit vielleicht noch inniger denn je. Denn ohne daß wir uns davon Rechenschaft gaben, hatten wir in der Abwesenden ein gemeinsames Interesse, das in ganz besonderer Weise den Vereinigungspunkt in unserem Kreise bildete. Unsere Gespräche knüpften sich an Margits Briefe, und da diese fast jeden zweiten Tag kamen, gaben sie uns meist genügenden Gesprächsstoff, bis wieder ein neuer ankam und uns neue Themen zu Überlegungen und Gesprächen gab. Diese Briefe waren übrigens wirkliche kleine Tagebücher, und sie bat die Eltern, sie gut aufzuheben, damit sie, wenn sie heimkäme, sich wieder an all das Herrliche, das sie erlebt, erinnern könnte. Sie hätte wirklich nicht darum bitten müssen. Denn es gab niemanden, der daran dachte, diese Briefe zu zerstören, in denen die ganze Frische eines jungen Mädchens war, das zum ersten Male etwas von der Welt sieht und sich durch alles, was es sieht, beglückt fühlt. Sie erzählten von Promenaden und Ausflügen, von Theaterbesuchen und Musikabenden. Sie schilderten Eindrücke aus Museen und Ausstellungen. Wenn sie von einem Abend im Grand Hotel oder einem Mittagessen in Hasselbacken erzählte, lag etwas Neckisches im ganzen Ton des Briefes, und ich erinnere mich, wie sehr es mich freute, wenn sie sich in ihrer Auffassung der jungen Herrenwelt ein wenig ironisch zeigte. Aber wenn sie von ihren Kunsteindrücken sprach, wurde sie ernst, so, als hätte sie in neue Welten des Lebens geschaut, die ihrem eigenen erhöhten Glanz liehen. Nie glaubte ich Stockholm so gesehen zu haben wie jetzt, nie hatte ich gewußt, daß diese Stadt, in der ich wie in meiner eigenen daheim war, all die Herrlichkeiten barg, die ich in diesen Briefen wiederfand. Es schien mir, daß die Hauptstadt eine ganz neue Bedeutung erlangt hatte, die viel höher war, als ich es je ahnen konnte. Ein kleines Wort, eine Wendung warf den Sonnenstrahl des glücklichen Lächelns Margits über diese Orte, diese Vergnügungen und Persönlichkeiten, die für mich alte Bekannte waren, und dieses Lächeln folgte mir, so daß ich in diesem Monat in und mit Margit vielleicht intensiver und voller lebte, als wenn ich an ihrer Seite gesehen hätte, was sie sah, und der selige Glanz ihrer jungen Augen mich erwärmt hätte. Ich glaube, daß die Eltern etwas Ähnliches gefühlt haben müssen. Denn es war augenscheinlich, daß Margits Abwesenheit sie nicht verstimmte, wie ich zuerst glaubte, daß es der Fall sein würde. Im Gegenteil, sie waren beide wie verjüngt. Sie lächelten bei jeder Erinnerung, die diese Briefe in ihnen erweckten, sie erzählten von früheren Besuchen in der Hauptstadt, die sie selbst gemacht, und es sah aus, als lebten sie in diesem Monat ihre eigene Jugend wieder. »Sie unterhält sich,« sagte der Alte und rieb sich die Hände. Er sah fröhlich aus, so als stände er im Begriffe, für sein eigen Teil Torheiten zu begehen, als er diese Worte aussprach. Und es war uns allen so zumute, als wenn wir an dem Festmonat ihrer Jugend teilgenommen hätten. Dann lasen wir ihre letzten Briefe wieder – oft war ich es, der sie den Alten laut vorlas, und es geschah zuweilen, daß sie uneröffnet aufgehoben wurden, damit wir gemeinsam den ersten Duft ihrer Beschreibungen genießen könnten – wir unterbrachen die Lektüre, um zu bemerken, wie gut sie schrieb oder wie fein ihr Verständnis war, und ich glaube, daß wir nicht wußten, wer von uns dreien am weitesten in der kindlichen Bewunderung unseres entzückenden Kindes ging. So war uns zumute, und ich erinnere mich, daß ich nur ein einziges Mal eine Spur von Mißstimmung in mir selbst entdeckte. Das war, als sie in ihrem letzten Briefe schrieb: »Ja, nun ist alles aus. Und nun komme ich bald wieder heim.« »Alles aus,« dachte ich, »sie hat uns vergessen, sie sehnt sich gar nicht einmal darnach, uns wiederzusehen.« »Das ist ganz natürlich,« dachte ich weiter, »was haben wir Alten ihr wohl zu bieten, das die ganze große weite Welt und all ihre Herrlichkeit aufwiegen könnte?« Aber in mir hatte ich das Gefühl einer großen schmerzlichen Leere, und es gelang mir nicht, ihre herzlichen Schlußgrüße als etwas anderes zu deuten, als einen matten Versuch, den Kopf hoch zu halten. Ich glaubte zu sehen, wie sie weinte, als sie den letzten Abend allein in ihrem Stübchen saß, sich vielleicht in den Schlaf weinte wie ein unglückliches Kind, das aus einem schönen Traum erwacht ist und sich wieder mitten in die kalte Wirklichkeit versetzt sieht. Wie im Fieber ging ich an dem Tage umher, an dem ich wußte, daß sie wieder heimkommen würde. Ich dachte daran, daß sie jetzt, wo sie zurückkam, vielleicht ganz anders sein würde. Ich wünschte beinahe, daß ihre Heimreise aufgeschoben wäre, wünschte, daß mir noch einige Tage des Lebens, das mir so teuer geworden war, bevorständen. Ich glaubte, daß sie selbst, wenn ich sie wiedersah, mein Glück stören, mich von der Freude ausschließen würde, die ich genossen hatte. Ja, ich hatte Angst davor, sie wiederzusehen, ich war bange wie ein Junge, der glaubt, daß er jung und kindisch erscheinen wird, wenn er mit einem gleichalterigen Mädchen spricht, das seine Phantasie gefangen genommen hat. All das wurde mir damals nicht völlig klar. Ich hatte nur das Gefühl, als ob alles, woran ich mich lange gefreut, plötzlich verschwinden würde. Ich war der einzige Überflüssige in diesem Kreis, in dem der Zufall mich zu einem geduldeten Mitglied gemacht, und ich wünschte tausendmal, daß ich mich nie hätte dazu verleiten lassen, die Schale zu durchbrechen, die mich bis dahin vor jeder Berührung mit dem Leben anderer Menschen geschützt hatte. Ich hatte mir jedoch meine eigenen Gefühle bei dem Wiedersehen mit Margit so lebhaft ausgemalt, daß die Begegnung selbst mir ganz anders erschien, als ich eigentlich erwartet hatte. Mein erstes Gefühl war eigentlich, daß nun alles war wie früher, daß nichts sich verändert hatte, und ich teilte beinahe die Freude der Alten darüber, daß wir sie nun wieder hatten. Ich hatte die Empfindung, daß das Leben ohne meinen Willen in neue Bahnen glitt, und ich gab mich diesem wunderlichen Gefühl hin, von der unerklärlichen Empfindung erfüllt, daß ein unbeschreibliches Glück meiner harrte. Nun erzählte mir mein alter Freund eines Abends von Margit. »Du glaubst gewiß, daß sie unser Kind ist,« sagte er. »Und es ist ja auch ganz natürlich, daß du nichts anderes glauben kannst. Aber,« fügte er hinzu, »das ist das einzige Glück, das das Leben mir versagt hat. Meine Frau und ich, wir haben nie eigene Kinder gehabt.« Ich saß da und dachte an das, was ich gehört hatte, es erschien mir nicht wunderlich, daß er es mir erst jetzt erzählte, ich glaubte nur, daß ich es schon früher einmal gehört hatte und daß es natürlich war. »Ich begreife nicht, daß ich dir das nicht schon früher gesagt habe,« fügte er hinzu. Ich dachte nicht daran. Ich saß ja nur da und freute mich, daß dies in irgend einer wunderbaren Weise geschehen war und daß ich es erfahren hatte. Ich wußte nicht warum, aber es schien mir, daß dies mir in unerforschlicher Weise Margit näher brachte. Inzwischen erzählte der Alte eine romantische Geschichte von einer Frau, mit der er entfernt verwandt war und die ihn in ihrer Todesstunde hatte holen lassen, nachdem sie einer Tochter das Leben geschenkt hatte. Aus der Erzählung des Alten empfing ich im übrigen den Eindruck, daß sie nicht die Frau gewesen war, für die er sie in seiner Güte hielt. Er sagte mir, sie sei unglücklich und verlassen gewesen und habe keinen anderen Wunsch gehabt, als ruhig zu sterben. Er hatte Margit von diesem Totenbette mit heimgebracht, und er sagte mir, daß er geglaubt hatte, ein Lächeln auf dem Gesichtchen des neugeborenen Kindes zu sehen, als er sich zum ersten Male über dessen Bettchen beugte. Dies alles erzählte er mir, und er sah erstaunt aus, weil ich, der ich mich sonst für die geringste Kleinigkeit interessierte, die sie oder ihr Leben betraf, mir nicht einmal die Mühe nahm, etwas darauf zu erwidern. Es kam mir auch selbst zum Bewußtsein, daß ich einen wunderlichen Eindruck machte. Aber ich konnte mich nicht aus den Träumen losreißen, die mich umfingen und über die sie mit einer Stärke herrschte, die mir beinahe Schmerz verursachte. Ich war so von diesem erfüllt, daß ich nicht wie gewöhnlich zum Abend bleiben konnte. Ich sagte Gutenacht und ging heim, und mein Herz zitterte vor Jubel. Daß Margit im Leben allein stand, war alles, was ich denken konnte, einsam wie ich selbst, ja noch einsamer. Wenn die Alten einmal tot waren, würde niemand darnach fragen, ob sie lebte oder starb. Sie würde dann nur mich haben, ich würde ihr Vater, Bruder und Freund sein. Alles andere verschwand vor diesem Gedanken, dessen Glückseligkeit so überwältigend war, daß keine Musik mir je so schön geklungen hatte wie dieser stumme Jubel, der mein ganzes Wesen erfüllte und Tränen in meine Augen lockte. »Margit,« sagte ich für mich selbst, »Margit!« Und ich ging in meinem Zimmer umher, mit dem Gefühl, daß sie meine Stimme hören und kommen müßte, wenn ich nach ihr riefe. Mein ganzes Leben zog in dieser Stunde an mir vorbei. Nackt, leer, freudlos und in einen unfaßbaren Jubel ausmündend, zog es in dem wehmütigen, zitternden Licht der Erinnerung und der Hoffnung an mir vorbei. Ich dachte an die Frauen, die ich geliebt hatte, und an die, die ich zu lieben geglaubt. Leere, kalte Frauen, Frauen ohne Herz und ohne Seele, voll Berechnung, List und Verstellung, Frauen, die sich selbst verwerteten, ihre Schönheit und ihren Körper, und deren einziger versöhnender Zug die unberechenbar gewaltsame Laune der Sinne war. Ich sah sie vor mir, eine nach der anderen, und sie schienen vor meinem Blick zu entfliehen, tief in den Nebel zu fliehen, der das Verflossene umhüllt. Es war mir, als hätte ich gelebt, ohne zu sehen und zu verstehen. Ich hatte nichts anderes gesehen als sie, und in meiner Erregung glaubte ich, daß es ihre Schuld war, daß ich so lange gleichsam neben meinem eigenen Leben einhergegangen war, ihre Schuld, daß ich ein unnützer Mensch war, der nur für sich selbst lebte. Ich war voll Glück, ich empfand kein Zaudern, keine Furcht. Denn Margit gegenüber empfand ich nichts von dem Begehren der Liebe. Ich würde über mich selbst gelacht haben, wenn ich auf den Gedanken gekommen wäre, das Gefühl, das ich für sie hegte, Liebe zu nennen. Ich war nur glücklich, in ihrer Nähe weilen zu dürfen und es war mir nicht möglich, weiter in die Zukunft zu denken. Aber der Winter verging, und der Frühling kam, und diese ganze Zeit lebte ich mein neues Leben mit diesen drei Menschen, die mein Glück und der Zweck meines Daseins waren. Margit wurde mit jedem Tage schöner, und es schien mir, daß sie sich mir gleichsam immer mehr näherte. Sie wandte sich an mich, wenn sie sprach; das war vielleicht, weil sie nach ihrer Reise vieles wissen wollte, wovon ich ihr erzählen konnte. Das tat ich auch, und zwischen uns entstand gleichsam eine ganze Welt von Gedanken und Interessen, die ihr Netz um meine Gefühle spannen und mich zu ihr hinzogen. Den Übergang vom Winter zum Frühling merkten wir gar nicht, ebensowenig als ich je merkte, wann meine Gefühle für sie ihr Wesen veränderten. Aber als der Frühling kam, pflegte sie mit mir allein Spaziergänge zu unternehmen, denn die beiden Alten konnten nicht so weit gehen, und da sagte ich ihr eines Tages, wie innig lieb ich sie hatte und wie reich sie mein ganzes Leben machte. Ich war ganz bestürzt, als ich sie in Tränen ausbrechen sah, und noch mehr ergriff es mich, als sie meine Hand faßte und sie ohne ein Wort in der ihren behielt. »Um Gottes willen,« sagte ich, »mißverstehen Sie mich nicht! Sie dürfen nicht glauben, daß ich je etwas begehrt habe, was Sie mir nicht geben könnten. Ich will nur, daß Sie wissen, wie grenzenlos glücklich Sie mich gemacht haben.« Da weinte sie nicht mehr, sondern antwortete: »Und was wäre das, was ich Ihnen nicht geben könnte?« Ihre Stimme, ihr Blick, ihre ganze Gestalt schienen mich zu liebkosen. »Margit! Margit!« rief ich aus, »ich bin ein alter Mann.« »Ah!« Sie lachte mich aus, lachte wie ein Kind. Und wir wanderten unseren gewohnten Weg, uns mit den Armen umschlungen haltend, während das kleine Vöglein über unseren Häuptern zwitscherte. – – Diese Stunde möchte ich aus meinem Leben reißen, und wenn ich denke, wie glücklich ich damals war, preßt sich mein Herz im Krampf zusammen. Aber glücklich war ich damals, glücklicher als Menschen sind, und in mir war der Himmel höher als der Himmel der Erde, und Sonne und Sterne tauschten da so leicht ihren Platz wie die Stunden für die Erdenkinder wechseln. Ich hätte den Staub unter ihren Füßen, den Saum ihres Gewandes küssen mögen, ich wollte sie auf meinen Armen tragen, sie hoch emporheben, wo das Weh der Erde sie nicht erreichen konnte. Ich erinnere mich an alles aus dieser Zeit, und dennoch glaube ich mich an nichts erinnern zu können. Es ist wie die Erinnerung an große Musik. Ich erinnere mich an alles, es kommen Takte, die ich summen kann, dann verschwinden sie wieder, und in der Erinnerung ist ein einziges bebendes Gefühl, das weint und jubelt, klagt und lächelt, aber vom Leben erfüllt ist so wie die Umarmung der Liebe. Durch dieses Glück glitt ich dahin, an meine Jahre vergessend, alles vergessend, was ich erlebt, und so kam der Tag, an dem die Kirchenglocken läuteten und ich meiner Braut in dem kleinen Salon begegnen sollte, in dem wir beinahe ein ganzes Jahr miteinander gelebt hatten, und wo Napoleon und seine Generäle von tanzenden Sonnenpünktchen überhuscht wurden, während an der gegenüberliegenden Wand das Licht durch die Glasprismen des Kronleuchters gebrochen auf die Madonna mit dem Kinde fiel, die auf den Wolken des Himmels emporsteigt, umjubelt von den Heiligen der Erde und des Himmels. Aber vor diesem Tage durchlebte ich eine Nacht, die in seltsamer Weise im Gegensatz zu dem Leben stand, das mir so still und unerwartet zuteil geworden war. Das war die Nacht vor meiner Hochzeit, ich ging allein durch meine Zimmer, die ich nun bald verlassen sollte, und wehmutsvoll verweilten meine Gedanken bei dem Verflossenen. Es war Ende August, wenig mehr als ein Jahr seit dem Tage, der begonnen hatte, mein ganzes Schicksal zu verändern. Hell und klar leuchtete der Augustmond vor meinen Fenstern, die Gasse war stumm, und sachte ging ich auf und ab und nahm von meinem alten Leben Abschied. So als hätten meine Gedanken und Erinnerungen sich in den Möbeln, Tapeten, Wänden, ja in der ganzen Atmosphäre dieser Räume, die ich durch so viel Jahre bewohnt, eingenistet, erschien es mir, als flüsterten all die Gedanken, die ich einst gedacht, all die unbedeutenden Erinnerungen, die mein früheres Leben barg, in ihrer stummen Sprache mit mir und wiegten mich in unbestimmte Träume, die mir von Ahnungen der Zukunft erfüllt schienen. Mir war so weich ums Herz, wie wenn man von Dankbarkeit erfüllt ist und gleichsam umhergeht und jemanden sucht, dem man dies zeigen kann. Und in der Erwartung dessen, was kommen würde, dachte ich an das, was gewesen war. Da überraschte mich plötzlich der Gedanke, daß ich während eines ganzen Jahres nicht wie früher gelebt hatte, ich war ein anderer geworden, und ich hatte mein früheres Ich vergessen, so wie man ein Kleid vergißt, das man zu tragen aufhört. Alles, was gewesen, und alles, was ich gewesen, stieg aus den Schatten der Vergangenheit auf und erhob sich aus dem Dunkel des Daseins selbst gleichsam drohend gegen mich. Und zum ersten Male wurde es mir bewußt, daß ich nicht mehr mit dem anderen sprach, wenn ich allein war. Diese Entdeckung machte mich zuerst lächeln, wie eine wunderliche Kinderei, aber zugleich fühlte ich mich in seltsamer Weise beklommen. Es war, als hätte ich etwas vergessen, das zu vergessen ich nicht das Recht besaß, als hätte mich das Glück ungerecht, saumselig gemacht. Es war beinahe, als hätte ich eine Pflicht außer acht gelassen. Und während ich daran dachte, zuckte ich plötzlich zusammen. Die Stimme, die ich früher so oft in mir erklingen gehört hatte, sprach zum ersten Male während dieses ganzen letzten Jahrs. Deutlich und klar, als wäre ich nicht allein in meinem Zimmer, hörte ich diese Stimme sagen: »Tu es nicht! Tu es nicht! Tu es nicht!« Ein Gefühl namenlosen Schreckens überfiel mich. Was wollte er von mir? Was wollte diese Stimme? Warum ließ sie sich gerade jetzt hören, wo das Vergangene begraben und ich kaum erst glücklich geworden war? So als würde ich gewaltsam zu dem Verflossenen zurückgezogen, begann ich wie einst zu denken oder zu sprechen, und ich dachte: »Was willst du von mir?« »Ich will dich retten,« antwortete die Stimme. »Warum hast du nicht früher gesprochen?« fragte ich weiter. »Ich habe gesprochen und gesprochen. Aber du hast mich nicht gehört,« lautete die Antwort. »Nun ist es zu spät,« erwiderte ich, »es ist zu spät.« »Heute nicht, aber morgen,« antwortete wieder dieselbe Stimme. »Reise, reise. Versäume keine Minute.« So ging ich lange auf und ab, ohne Worte mit mir selbst sprechend. Ich kann nicht erklären, wie dies möglich war, weiß nur, daß es sich so verhielt. Rings um mich nahm die Dämmerung zu, und der Mond versteckte sich in Wolken. Ich zündete die Lampe an, es wurde hell, aber die Stimme in mir wollte nicht verstummen. Sie sprach so laut, daß ich beinahe meinte, sie wirklich mit den Ohren zu hören. Ich rang in Angst die Hände; ohne zu ermatten, als wäre ich verurteilt, gerade in dieser Nacht nicht Rast noch Ruhe zu finden, schritt ich Stunde für Stunde in meinen Zimmern auf und nieder. Ich ging und wehrte mich gegen meine eigenen Gefühle. Aber ich vermochte sie nicht zu beherrschen, und als ich endlich in meinem Bette lag, mit den Kräften kämpfend, die um die Herrschaft in meiner Seele rangen, glich ich nicht einem Manne, der am nächsten Tag Hochzeit feiern sollte. Als ich am nächsten Morgen aufstand, war ich ermattet wie nach einer langen Krankheit, ich war bleich, und in der Erregung, in der ich mich befand, schien es mir, daß ich in den wenigen Stunden, die verflossen waren, seit ich meiner Braut Gutenacht gesagt hatte, alt geworden war. Aber während ich mich ankleidete, sanken die Gedanken der Nacht wieder in Vergessenheit zurück, und als ich hinausblickte, lag Sonnenschein über der Straße. Ich öffnete das Fenster und ließ die warme Sommerlust hereinströmen. Als wäre ein ganz neuer Mensch in mir erwacht, fühlte ich wieder die Freude in meiner Brust emporsteigen. Es kam mir zum Bewußtsein, daß ich nie mehr allein zu sein brauchte, nie mehr jene Angst fühlen mußte, die panischer Schrecken heißt und die jemand daher die Furcht vor unserer eigenen Natur genannt hat. Ich glaubte, daß ich die ganze Nacht, wachend oder schlafend, in einem bösen Traum herumgegangen war. Aber nun war ich wieder erwacht, nun wartete meiner das Glück, nie mehr würde ich allein schlafen, nie mehr diese Stimme sprechen hören, die nicht meine eigene war. Ich vergaß sie, so wie man die Krankheit vergißt, wenn man sich wieder für gesund hält. Voll Ungeduld ging ich aus, kaufte einen großen Strauß Rosen und ging gegen alle Sitte und Brauch vormittags zu meinen Schwiegereltern, um nur Margit zu sehen. Sie stieß einen leichten Schrei aus, als ich eintrat. Denn der Bräutigam soll ja die Braut am Hochzeitstage nicht vor der Trauung sehen, weil das Unglück bedeutet. Aber ich küßte ihren Unwillen fort, der übrigens nur gespielt war, ich blieb den ganzen Vormittag, und ich war die ganze Zeit in einem Gemütszustand, der sich nicht beschreiben läßt. Ob es nun Glück oder Unglück war, was mein Inneres beherrschte, ich weiß es nicht. Aber unaufhörlich fühlte ich, wie mir die Tränen in die Augen kamen, und als ich heimging, um mich umzukleiden, war ich ruhig und zufrieden, wie an all den vorhergehenden Tagen. Es ist seltsam, wie ich mich all der Einzelheiten entsinne, die die Stunden dieses ganzen Tages ausfüllten. Ich erinnere mich, daß ein Knopf an meinem Hemde abriß und daß ich ihn wieder annähen mußte, daß ich meine weißen Handschuhe fallen ließ, als ich sie aus der Lade nahm, daß ich die Zeitung Spalte für Spalte las, als ich fertig angekleidet war, nur damit die Zeit verginge. Ich erinnere mich an all das. Aber ich erinnere mich nicht daran, wie man sich gewöhnlich an alltägliche Dinge erinnert. Ich erinnere mich daran mit einer Schärfe, die diese bedeutungslosen Geschehnisse in ein unnatürliches Licht stellt, in dem die Gegenstände keinen Schatten zu haben scheinen. In der Erinnerung sehe ich die ganze Zeit mich selbst. Es ist, als könnte ich durch mein eigenes Fenster blicken und alles betrachten, was ich selbst vornahm. Ich kann noch sehen, wie ich meinen Rock auf den Arm nahm und den Hut aufsetzte, ich kann den Laut vernehmen, als ich die Türe hinter mir zuschloß, und ich höre noch meine eigenen Schritte, als ich über die Treppe ging, und das Krachen des Tores, das ins Schloß fiel. Dann erinnere ich mich an nichts, bis ich vor dem Geistlichen stand, in dem kleinen Salon, wo die Überzüge fortgenommen waren und die Sonne durch die Prismen des Kronleuchters Strahlenbündel von Farbenglanz über den Kranz und das Haar der Braut warf. Weißgekleidet und schlank, jung und rosig stand sie an meiner Seite, und ich schob meinen Ring an ihren Finger. In meinem Ohr klangen die Worte des Priesters: So nimm sie denn zu deinem Eheweibe und liebe sie in Freud und Leid, und ich stand da und wartete darauf zu fühlen, wie das Glück meine Brust erfüllte. Aber ich empfand nichts, ich wartete nur, und ich vernahm um mich das Rauschen großer Flügel. Ich glaubte, daß es die Feierlichkeit des Glücks war, die mich mit Andacht erfüllte. Ich ahnte damals nicht, daß das, was geschah, der Gegensatz von all dem war, was ich sah, dachte und ahnte, der Gegensatz gerade des heiligen Aktes, der allen Augen Tränen entlockte, nur den meinen nicht. Es war besprochen, daß wir ein paar Tage in einem Hotel der Stadt wohnen sollten, und dann wollte ich Margit fortführen, um ihr zu zeigen, wie herrlich die Erde war, und um noch einmal die Orte zu besuchen, wo ich mich in meiner Einsamkeit heimisch gefühlt hatte, und ihre Schönheit aufs neue zu genießen, indem ich sie in der Empfänglichkeit ihrer Jugend gespiegelt sah. Margit hatte es so gewünscht, damit die beiden Alten nicht sogleich allein blieben, und ich hatte mich darein gefügt, weil sie es wünschte. Und von den stummen Segenswünschen der Alten begleitet, fuhren wir, als der Abend angebrochen war, heim in unsere Zimmer. Wie gut erinnere ich mich an diese kurze Fahrt! Wie gut erinnere ich mich, wie Margit sich an mich lehnte, wie sie weinte und lachte und wie wir endlich allein blieben und ich das Gefühl hatte, daß ich nun von allen quälenden Gedanken befreit sein würde. Das war ich auch. Großer Gott, ich war von allen Sorgen, aller Unschlüssigkeit befreit, die Jahre, die uns trennten, schienen mir verschwunden und ausgelöscht von der großen Gerechtigkeit, die mir endlich das schenkte, was ich nie vom Leben zu hoffen gewagt. Obgleich ich ein Mann war, wollte ich selbst vor Freude weinen, und ich glaube, daß ich es tat. Aber erst als der Morgen mit seiner klaren Sonne kam, fühlte ich mich so glücklich, wie ich an dem Tage, der vergangen war, gewünscht hatte zu sein. Und als ich angekleidet war, sehnte ich mich nach Margit, sehnte mich, als wäre ich Wochen und Monate hindurch von ihr getrennt gewesen. Ich mußte sie wiedersehen, und ich ging abermals ins Schlafzimmer. Sie saß vor dem Spiegel, und durch die auseinandergezogenen Vorhänge übergoß der Sonnenschein ihre ganze Gestalt mit einer Flut von gedämpftem Licht. Es war wie ein Glorienschein um ihr Haar, das sie zwischen den Händen drehte und im Nacken befestigte. Ihre entblößten Arme und ihr Nacken schienen in diesem wunderbaren Licht zu erröten, und als ich mich ihr näherte, wandte sie sich um, während ihr ganzes Antlitz mir selig entgegenlächelte. Nie war sie mir so strahlend, so jung erschienen, nie hatte mich die Gewißheit, daß sie mein war, mit so unsagbarem Jubel erfüllt. Ich wagte nicht, mich ihr zu nähern, ich stand nur still neben ihr und sah in diese Augen, die, ohne daß sie sprach, den meinen begegneten, bis sie mir ihre Arme entgegenstreckte und ich mich hinab beugte, um ihrem Kuß zu begegnen. Da wurde es plötzlich schwarz vor meinen Augen, und ich erhob mich mit einem Gefühl, als wankte die Erde unter meinen Füßen. Denn auf ihrem Halse, unter der Spitze des Hemdes, sah ich ein kleines rotes Mal in wunderlicher Streifenform. Ich stand stille und sah es an, und ich weiß, daß die Farbe aus meinen Wangen wich. Denn ich erkannte dieses Mal. Ich hatte es schon einmal gesehen. Eine halbvergessene Erinnerung zuckte blitzartig durch meine Seele, und wie ein Ertrinkender rang ich nach Luft. Ich sah eine andere Frau vor mir, ein reifes fünfunddreißigjähriges Weib. Ich sah mich selbst als jungen Mann zu ihren Füßen knieen, die Arme um ihren Hals und meine Lippen scherzend auf dieses selbe rote Mal gepreßt. Ich sah das so deutlich, als erlebte ich es aufs neue, und ich wurde erst durch die ängstliche Frage, ob ich krank sei, aus meiner Vision gerissen. Ich antwortete Margit, so gut ich konnte. Ich gab vor, daß es ein plötzliches Unwohlsein wäre, an dem ich oft litte, das aber nichts zu bedeuten hätte, sagte, daß ich eine halbe Stunde frische Luft brauchte. Was weiß ich? Ich erinnere mich nicht, was ich ihr sagte, wußte nicht, ob sie mir glaubte. Aber wie ein Trunkener wankte ich aus ihrem Zimmer und stürzte hinaus. Was ist noch zu erzählen? Was sonst, als daß ich alles, was das Leben aus mir gemacht hat, umgestalten möchte, vom ersten Tage bis zum letzten. Ein einziges Wesen habe ich geliebt, und diesem Wesen habe ich die wärmende Lebenssonne gestohlen. Denn nie wird sie vergessen, daß der Mann, dem sie ihr Vertrauen schenkte, an dem Tage nach der Nacht, in der sie in Liebe die seine wurde, von ihr geflohen ist. Ich ging zu dem Alten, und ich fand ihn allein. Seine Frau war, müde von den Gemütserregungen des Vortags, noch nicht aufgestanden. Ich fand ihn, wie gesagt, allein, und wir sprachen lange miteinander. Ich fragte ihn nach allem, und ich glaube nicht, daß er meine Angst sah. Dem Äußeren nach war ich ruhig und kalt, denn ich fühlte, daß ich um jeden Preis meine Energie aufrecht halten mußte, um mich nicht zu verraten. Denn gab ich dem Aufruhr nach, der in jedem Augenblick losbrechen wollte, dann war ich nicht mehr Herr über meine Handlungen und meine Worte. Und ich mußte wissen, mußte alles wissen, damit das Grauenvolle nicht noch mehr Böses stiftete, als es schon getan. Ich hatte übrigens keinen anderen Plan bei meinem Vorgehen, als daß ich Gewißheit haben mußte, und ich erfuhr auch den Namen der Frau, die die Mutter meines Weibes war. Die ganze Zeit sprach ich mit Fassung, und ich verriet mein Geheimnis mit keinem Worte. Nie werde ich mir jedoch sagen können, warum diese Frau, die ich ein paar flüchtige Wochen meines Lebens gekannt, mir das Geheimnis vorenthielt, es mich nicht mit ihr teilen ließ. Nie werde ich erfahren, was der Grund ihres Schweigens war. Nichts, nichts mehr, als daß ich mich in der Stunde versündigte, als ich nicht begriff, daß Margit meine Tochter war. Ich hielt mich ferne an diesem Tage, an dem das Unglück mich traf. Ich fand einen Vorwand, und am selben Abend reiste ich ab und ließ Margit in ihrem Heim zurück. Ich fuhr Tag und Nacht durch, bis ich weit entfernt von meiner Heimatstadt und meinem Lande war. Die Welt schien mir nicht groß genug für den Abstand, den ich zwischen sie und mich legen wollte. Hier sitze ich nun, und langsam verrinnen die Stunden, langsam wie die Sandkörner aus den alten Stundengläsern fallen, die man wenden und wenden kann, während in alle Ewigkeit der Sand durch ihre Spitze rinnt. Wißt ihr, ihr glücklichen Menschen, was es heißen will, eine Tat ungeschehen zu wünschen und nichts wieder gut machen zu können? Ich habe es erfahren, ich, der ich um ihretwillen mein ganzes Leben wieder leben wollte und nur weiß, daß ich alt bin, daß in den wenigen Tagen, die vergangen sind, meine Wangen gefurcht und mein Haar grau geworden ist. Das Entsetzliche, das ich erlebt habe, hat meinem Leben den Stempel aufgedrückt, und es steht mir nun nicht mehr viel bevor, nur das eine, ein Ende zu machen. Vorher möchte ich nur an Margit schreiben und ihr Lebewohl sagen. Aber ich kann es ja nicht, denn was sollte ich ihr wohl sagen? Aber hier im fremden Lande, wo niemand mich kennt und ich niemanden kenne, hier will ich eines Tages einsam sterben, und ich werde nicht zu lange leiden. Ich werde es bald tun, und Margit wird glauben, daß ich, als ich dies tat, den Verstand verloren hatte, oder sie wird denken, daß ich gestorben bin, um sie zu schonen. Etwas anderes wird sie nie erfahren, und darum wird sie mich lange beweinen. Aber ihre Jugend wird eines Tages über ihre Trauer siegen, und dann wird sie wieder glücklich werden können, weil sie nichts wissen wird. Aber nun ist es nicht mehr mein eigenes Rätsel, was mich am meisten beschäftigt; es scheint mir weniger als nichts zu bedeuten. Doch Margit möchte ich zuflüstern können, was das Schicksal damit gemeint hat, als es diesen Schatten auf ihr unschuldiges Leben warf. Um das zu können, würde ich wünschen, daß es einen Geist gäbe, einen guten oder dösen, den ich fragen könnte und der es mir zu sagen vermöchte. Wollte er dafür meine Seele nehmen, so würde ich gerne ewige Schmerzen tragen, wenn ich nur Margit das Wort schenken könnte, das den Schatten verscheuchte, den ich auf ihr Leben geworfen habe. So aber kann ich nur sterben, und ich weiß, daß meine Hand nicht zittern wird, wenn meine Stunde schlägt. Aber für jemanden zu sterben, ist ein Geringes. Schwerer ist es für mich, in Gedanken diese drei vor mir zu sehen, die ich im Leben geliebt, Margit und die beiden Alten, die mich ihren Sohn nannten. Sie werden zusammen in dem Salon sitzen, wo die weißen Überzüge wieder die Stühle bedecken, und da werden sie den Brief empfangen, den ich an die Alten – nicht an Margit – geschrieben habe, um meinen Tod zu erklären. Die beiden Alten werden starr vor Entsetzen dasitzen, keiner wird Worte finden. Sie werden vielleicht den Fremdling verfluchen, der einst in ihr Heim einbrach und es zerstörte. Aber Margit! Ich wage nicht, an Margit zu denken. – – – Ich fühle bloß die schwere Hand, die die Waffe in die meine drückt, ich höre den Knall eines Schusses, der in mir selbst ein Echo weckt, und ich weiß nur, daß ich im nächsten Augenblick sterbe und daß Margit mich nie mehr fragen kann. Ich weiß, daß dies alles ist, und was übrig ist, das ist nichts. – – – – – – – – – – – Frau Gerdas Geheimnis 1 Paris. Er wird einmal vorbei sein so wie alle anderen, dieser Sommer, den ich erwarte, und es wird wieder Herbst werden. So unglaublich es jetzt klingt, wird dies doch einmal geschehen, und dann werde ich wieder das Gefühl haben können, daß in mir Frühling ist. Alles wird dann wieder anders werden. Alles. Ja, kann das wirklich möglich sein? Ist nicht jede derartige Hoffnung nur eine leere Illusion? Wer kann es mir sagen? Wer? Es heißt ja, die Zeit heile alle Wunden. Ach, wie leer, wie armselig erscheinen uns nicht eigentlich alle derartigen Weisheitsworte, wenn wir versuchen wollen, sie auf uns selbst anzuwenden, an den Wunden blutend, die die Zeit heilen soll! Ein solches Wort sagt mir jetzt gar nichts. Es klingt für mich lächerlich und hohnvoll, und ich begreife nicht, wie es mir eigentlich einfallen konnte. Ich hörte einmal die Geschichte einer Frau, über deren Schicksal ich oft nachgegrübelt habe. Ich erinnere mich, daß ich einmal mit meinem Manne darüber sprach, und er sagte, daß er es sehr wohl verstehen könne. Er sah ernst, beinahe träumerisch aus, als er dies sagte, und er blieb dann sitzen und streichelte gedankenvoll meine Hand. Ein Glücksgefühl durchzuckte mich. Es war beinahe, als hätte ich ihm alles anvertraut und er hätte mich in seine Arme geschlossen und gesagt, er verstehe auch mich. Ich schlang meinen Arm um seinen Hals und küßte ihn so innig, daß ich meinte, er müsse es fühlen, daß ich ihm beichtete. Im selben Augenblick erschrak ich, und es war mir, als ob mein Herz bis hinauf zum Stehkragen klopfte. Aber er saß nur ruhig und glücklich an meiner Seite, und seine Augen feuchteten sich vor Glück, weil er nur daran dachte, wie innig ich ihn liebte. Die Geschichte war diese: Es war ein junges Weib, das weder reich noch schön war, und nie in seinem Leben geliebt worden, nie Gegenstand jener Huldigung gewesen war, die die Männer den Frauen darbringen, welche sie zu Gattinnen oder Geliebten begehren. Es fehlte ihr wohl das Bedürfnis selbst zu lieben und sich von einem Manne geliebt zu wissen. Sie war gleichgültig gegen die Liebe, sie hatte nie von einem Manne geträumt, nie sich von jenem Glücke berauscht geträumt, das heißt, sich hinzugeben. Aber in ihrem tiefsten Inneren barg sie eine andere Leidenschaft. Sie träumte Tag und Nacht von einem Kinde, das sie auf ihren Knieen wiegen konnte, das sie mütterlich und warm lieben durfte, das sie aufwachsen sehen würde und dem sie all die Zärtlichkeit widmen konnte, die sie sich sehnte zu schenken. Sie war so wunderlich, dieses Mädchen, daß sie Mutter sein wollte, ohne zu lieben, und sie pflegte Tage damit zu verbringen, in den öffentlichen Anlagen die Kinder zu betrachten, die, von der Mutter oder der Kinderfrau geführt, dort herumgingen. Aber sie spielte niemals mit anderer Leute Kinder, sie sprach sie nicht einmal an. Sie hatte eine Scheu vor ihnen, so wie eine gute Frau sich davor scheuen wird, einer anderen Frau den Geliebten zu stehlen. Sie ging an ihnen vorbei mit ihren Träumen. Ach, was muß sie geträumt haben, diese Frau, und wie tief muß sie gelitten haben. Denn so sehr Weib war sie, daß sie nicht ein fremdes Kind annehmen wollte, bevor sie wußte, daß die Natur ihr die Möglichkeit versagt hatte, ein eigenes zu bekommen. Sie hatte wohl daran gedacht, ein fremdes Kind anzunehmen und es zu ihrem eigenen zu machen, aber immer hatte sie den Gedanken zurückgestoßen, als enthielte er etwas Widerwärtiges, etwas so Geringes und Armseliges, daß es ihren Traum zu einem eitlen Spiel mit leeren Gefühlen machte. Es war für sie, glaube ich, beinahe so wie etwas Unnatürliches zu begehen. Und nun wurde diese Frau plötzlich reich. Sie beerbte eine entfernte Verwandte, und ihr ganzes Leben wechselte die Farbe, wie es wohl immer der Fall ist, wenn der Reichtum plötzlich einen armen Menschen zu Freiheit und Unabhängigkeit emporhebt. Sogleich wurde sie gefeiert und gesucht. Ihre Verwandten begannen sich zu erinnern, daß sie sie immer gerne gehabt hätten, und die Männer entdeckten, daß sie weibliche Reize besaß und gewiß eine ausgezeichnete Gattin sein würde. Da packte sie ein Haß gegen ihre Umgebung, ein Haß gegen ihr eigenes Leben, und es wurde ihr natürlich, jedes Gefühl zu verachten, das einen Mann zu einem Weibe zog. Sie haßte all das so heftig, daß sie es los werden wollte, um jeden Preis. Sie wollte eine Tat begehen, die sie außerhalb jener falschen Zärtlichkeit stellte, die ihr Judasküsse bot. Sie wollte ihrer Familie entgehen und sich die Männer ferne halten. Sie reiste nach Paris, um Ruhe zu finden, und da reifte ihr Plan. Was nützte ihr dieser Reichtum, der doch nur ein Mittel sein sollte, um sie glücklich zu machen? Sie war nicht genußsüchtig, nicht prunkliebend, sie hatte keine Begabung, die sie zwang, ihren eigenen Weg zu gehen. Sie war nicht eigensüchtig, und sie wußte, daß sie nur das einzige vom Leben verlangte, ihre volle mütterliche Zärtlichkeit einem Wesen zu opfern, das sie lieben, ihr treu sein und ihr alles zu danken haben würde. Ich glaube, dieses Gefühl muß in ihr mit einer Stärke aufgeflammt sein, wie sie einen Mann veranlaßt, welche Tat immer zu begehen, um jene Befriedigung zu erringen, die er in der Vollbringung eines Meisterwerkes sucht. Sie griff nach dem einzigen Mittel, das sie finden konnte. Sie sah nicht, daß es unschön und häßlich war, nur, daß es ihren Traum erfüllen konnte. Darum ging sie in den Fabriken und den Arbeitervierteln von Paris herum, ging dort einher ruhig und beherrscht von diesem Traume, den sie nicht lassen konnte – und wählte . Sie ersah einen jungen schönen Arbeiter aus, der für sie nichts anderes war als ein gesunder, kräftiger Mann. Sie sprach mit ihm, und nachdem sie ihm die Augen verbunden hatte, führte sie ihn in einem Wagen zu sich nach Hause. Sie behielt ihn bei sich, bis der Morgen graute. Dann verband sie ihm wieder die Augen und ließ ihn fortfahren. Nie sah sie ihn wieder. Nichts anderes wollte sie von ihm, als daß er ihr ein Kind schenken sollte. Sie freute sich allein an diesem Traume, den sie zur Wirklichkeit gemacht; und ohne der Welt ihr Geheimnis zu verraten, zeigte sie sich eines Tages offen vor allen mit ihrem Kinde an der Hand. Sie war nun befreit von jenen, die ihren Reichtum und ihre Gunst gesucht hatten. Sie war befreit von den Männern, die in ihr eine zweideutige Person sahen. Sie war befreit von den Frauen, die sich ihrer Gesellschaft schämten. Ihr ganzes Leben gehörte nur ihr und ihrem Kinde. Und sie war glücklicher, sagt man, als Menschen es sonst sind. Pierre lächelte, als ich ihm die Geschichte erzählte, und sagte, daß diese Frau in ihrer Weise ein Genie war. »Ein Genie?« fragte ich. »Ja,« sagte er lächelnd, »als Weib.« Er hatte recht, und ich empfand seine Worte als einen schneidenden Vorwurf gegen mich selbst. Ich wurde in diesem Augenblick in meinen eigenen Augen so klein und unbedeutend, daß ich fühlte, wie die Tränen mir in der Kehle aufstiegen, und ich mußte mich abwenden, um es ihn nicht merken zu lassen. Aber er merkte es doch, wandte meinen Kopf herum und zog mich an sich. Er war erstaunt und fragte mich »ob er mich böse gemacht habe«. Ich konnte nichts antworten, schüttelte nur den Kopf. Aber ich fühlte, wie die Tränen aus meinen Augen tropften, ohne daß ich sie aufhalten konnte, und ich glaubte gleichsam den Schatten eines Verdachtes über sein Gesicht huschen zu sehen. Aber er verschwand sogleich, und anstatt dessen sagte er: »Wie wunderlich ihr Frauen seid! Man kann aus euch nie klug werden.« Ach, ich hatte alles in der Welt hingegeben, um mich ihm erklären zu können, und es gab auch keinen Winkel, den ich verbarg, außer gerade dies einzige , das ich nicht mehr offenbaren konnte. Und ich vermochte die Worte nicht zurückzuhalten, die über meine Lippen glitten: »Du sagst, daß du sie verstehst. Ich finde, es ist verabscheuungswürdig.« Er lächelte und nahm sie in Schutz, in einem eigentümlichen ruhigen Tone, der in mir immer ein wunderliches Gefühl des Zorns und zugleich der Bewunderung erregt. Es ist, als wenn er alles durchschaute und niemanden verurteilen wollte. Und das reizt mich, weil ich selbst gerade das nie kann. »Wolltest du, daß ich dasselbe getan hätte, wie sie?« sagte ich. »Du?« antwortete er in demselben Tone. »Es handelt sich ja nicht um dich, sondern um sie.« Was dachte er, als er mir so antwortete? Ich weiß es ja nicht. Glaubte er, ich hätte so etwas tun können, oder meinte er nicht mehr damit, als direkt in seinen Worten lag? Ich verstand es nicht. Aber ich wußte, daß ich log, als ich das Betragen dieser Frau verabscheuungswürdig nannte. Ich bewunderte sie im Gegenteil, und ich beneidete sie um ihren Mut. Wenn ich an sie denke – und sie kommt mir oft in den Sinn – schrumpfe ich in meinen eigenen Augen zu etwas Geringerem als nichts zusammen. Sie war hundertmal besser als ich. 2 Alles kam daher, daß Pierre und ich eines Morgens erwachten, als die Aprilsonne durch unsere Fenster schien, die hinter den vorgezogenen Gardinen halb offen standen, durch den Duft der Kastanienblüten erwachten, der vom Boulevard hereindrang, vergaßen, daß wir fast zehn Jahre verheiratet waren, und uns jung fühlten. Ich fühlte mich so glücklich, als ich an diesem Morgen erwachte, daß ich eine Weile die Hand vor meine Augen halten mußte, um so recht herauszufinden, wie glücklich ich war. Und ein Freudeschauer durcheilte mich, als ich Pierres Hand fühlte, die die meine wegzog, während er fragte: »Woran denkst du?« Er war auch erwacht, und ich merkte, daß er schon lange dagelegen und mich stumm betrachtet hatte. Ich antwortete nichts, aber er muß etwas von dem empfunden haben, was mich selbst erfüllte. Denn er lachte über das ganze Gesicht und fragte, ob ich mit ihm nach Meudon wolle. Nun hatte es mit Meudon seine eigene Bewandtnis. Denn als wir uns kennen lernten – es war auch im Frühling, als die Kastanien in Blüte standen und ganz Paris wie ein unermeßlicher, lichter Rahmen um unser junges Glück lag, da hatten wir uns immer auf das kleine Dampfschiff gesetzt, das nach Meudon ging, hatten draußen gefrühstückt, und waren am Ufer des Flusses spazieren gegangen, unter den alten Bäumen, die ihr helles Laubwerk über unseren Köpfen ausbreiteten. Wir gingen so stumm damals, als hätten wir gefürchtet, einander und uns selbst durch einen lauten Schritt oder den Klang unserer Worte zu stören, und wir fühlten nur, wie uns das reiche Grün erwärmte, das bei jedem Schritte über den geschlängelten Pfad von Sonnenflecken bestreut wurde. All das sah ich, als Pierre Meudon nannte. Ich sah es so deutlich, wie ich nur sehe, wenn ich allein sitze und mich an alles erinnere, was mein Leben glücklich und reich gemacht hat. Es war mir, als entwichen die Jahre vor meinem Blick, und ich begriff sogleich, daß wir allein fahren sollten, er und ich, die Kinder daheim lassen und uns einbilden, daß die Jahre, die wir zusammen gelebt, nie gewesen seien. Es war, als würden wir von etwas Unsichtbarem, Wundervollem getragen, das uns unendliches Glück spenden sollte. Und ohne daß wir es merkten, versetzten wir uns aus all unseren täglichen Gedanken in neue, helle, lenzliche. Ich freute mich so über seinen Vorschlag, daß ich beinahe vor Glück laut aufgeschrien hätte, und als wir zusammen über die Straße gingen, kam es mir vor, daß die Vorübergehenden mich so betrachteten, daß ich errötete. Was für ein Tag das war, was für ein Tag! Ich bin glücklich darüber, mit Pierre verheiratet zu sein, glücklich über meine Kinderchen, glücklich über alle Beschreibung. Aber zuweilen überkommt mich eine Sehnsucht nach den Tagen, die niemals wiederkehren. Vielleicht auch ist es eine Sehnsucht nach etwas, was es nie gegeben hat und niemals geben wird. Ich kann nicht sagen, wie es ist. Aber manchmal möchte ich mein ganzes Leben zu etwas Starkem, Schönem, unerträglich Berauschendem emporreißen. Ich möchte, daß ich gar nicht verheiratet wäre, daß Pierre und ich jung wären, daß wir uns erst jetzt kennen gelernt hätten. Nur für einen Augenblick möchte ich diesen Schauer der Seligkeit fühlen, der mich früher packte, wenn er sich mir nur näherte, wenn ich nur seine Hand berührte, ein Seligkeit, die mich zwang, die Augen zu schließen, um mich nicht zu verraten. Ich glaubte nicht, daß ich all dies wieder fühlen könnte. Aber es kam an über mich diesem Tage, kam so stark und so berauschend, als hätte ich zehn Jahre geschlafen und wäre zu einem Tage der Jugend erwacht. Es ertönte wie Sang in meinem Herzen, ein sanfter, holder, freudiger, jubelnder Gesang, der mit den Lerchen im vollen Sonnenschein über grünenden Wiesen und blühenden Feldern aufstieg. Ich fühlte mich abenteuerlustig wie ein kleines Mädchen, und ich fühlte auch, daß Pierre das verstand. In unserer alten Laube frühstückten wir. Pierre erinnerte sich an unser altes Menü, ich weiß, daß mir Tränen in die Augen kamen, als er die Speisen aufzählte, und gleichzeitig wurde ich so übermütig ausgelassen, daß ich den Handschuh an der linken Hand anbehielt, damit der Kellner meinen Ring nicht sähe. Es ging ein Jubel durch uns beide, es war wie ein berauschendes Bad des Glücks, und als der Nachmittag kam, gingen wir wie einst schweigend unter den alten Bäumen, deren Zweige die Seine beschatten. Es war ja wie einst, ganz wie einst. Die Jahre, die vergangen waren, waren für uns nicht da. Nichts hatten wir erlebt, erst jetzt hatten wir uns gefunden. Eng aneinander geschmiegt, gingen wir über den schmalen Pfad, und wir sprachen kaum ein Wort, doch zwischen uns flogen Gefühle und Stimmungen hin und her, so wie Schmetterlinge von Blume zu Blume flattern und auf ihren bunten Flügeln der Liebe Botschaft tragen. Ich dachte daran, wie ich zuerst für Pierre gefühlt und wie ich jetzt fühlte. Es erfaßte mich ein so unendliches Dankbarkeitsgefühl gegen diesen Mann, der mich zu seiner glücklichen Gattin gemacht und mein Leben erhellt hatte, daß ich seine Hand ergreifen und sie küssen mußte, während ich dachte, was ich alles für ihn tun wollte, wenn er dessen bedurfte. Ich glaube, ich hätte für ihn sterben wollen, in dieser Stunde, wo das Leben so herrlich war und mein Herz in mir aufzuckte, wenn ich daran dachte, daß wir nicht allein auf der Welt waren, sondern daß unsere Kinder in ihren Betten lagen und wir sie sehen würden, wenn wir nach Hause kamen. Wir blieben auch über das Mittagessen, und der Tag erschien uns dennoch zu kurz. Schließlich, als der Abend anbrach, saßen wir wieder auf dem kleinen Boote, das uns nach Paris zurückführte. Rings um uns ertönten Stimmen von Menschen, die aus gewesen waren und sich amüsiert hatten, aus der Ferne hörten wir das unbestimmte Getöse von Paris, das das glänzende Fest der Nacht begonnen hatte, und als wir gelandet waren, erklang um uns das Gebimmel der Straßenbahnen, das Getrappel der Pferde, Menschenstimmen, laute Rufe und schrille Dampfpfeifen. Aber wir hörten eigentlich nichts von all dem, es war so still und stumm in uns geworden, daß kein äußerer Laut in das Heiligtum eindringen konnte, das wir den ganzen Tag in der Lenzsonne gebadet und mit den Rosen der Erinnerung geschmückt hatten. Meudons alte Bäume und das stille Wasser der Seine folgten uns mitten durch den Straßenlärm von Paris, das sich zu den Freuden der Nacht rüstete. Wie ich mich an all dies erinnere! Ich erinnere mich an jede Einzelheit, als wäre sie in Stein gegraben, und ich zittere noch, wenn ich an das denke, was dann folgte. Pierre war erregt wie ich, erregt und glücklich. Vielleicht hatte er für mich ein wenig von dem gefühlt, was ich für ihn fühlte. Ja, er hatte es gefühlt. Denn er sagte es mir ja selbst. Als wir uns unserem Hause näherten, blieb er stehen und sagte, gleichsam als Ausdruck all der Gefühle, die den ganzen Tag über in seiner Stimme gezittert hatten: »Ich möchte dir in irgend einer Weise zeigen, wie lieb ich dich habe. Es ist mir heute so seltsam zumute. Ich möchte dich so richtig froh machen.« Ich weiß nicht, warum ich mich bei diesen Worten mit einem Male so beklommen fühlte, daß ich, bevor er noch gesprochen, beinahe das fürchtete, was er sagen wollte. Und dann kam sein Vorschlag. Er fragte mich, ob ich nicht meine Freundin Elsa und ihr Kind einladen wolle, ein paar Monate bei uns auf dem Lande zuzubringen. Wir hatten ja unser kleines Landhaus in der Gegend von Fontainebleau. Er malte aus, wie wir uns einrichten sollten, erzählte, wie er es sich ausgedacht hatte. Er war froh über seinen Einfall, erfüllt von dem Gefühl, daß er mir eine Freude machte, und ich ging an seiner Seite und wagte nicht, ihm zu antworten. Es wurde mir schwarz vor den Augen, und es war mir, als müßte ich laut aufschreien, um meinem Schmerze Luft zu machen. Als wir heimkamen, sah Pierre mich an und fragte, ob ich müde sei. »Ja,« sagte ich, »ich bin wirklich ein wenig müde.« Ein Schatten glitt über sein Gesicht, und ich fiel ihm um den Hals, um ihn fortzuschmeicheln. Aber er sah noch immer wehmütig aus, und ich versuchte nun Einwendungen gegen seinen Vorschlag zu erheben. Ich sagte, daß ich am liebsten mit ihm allein sein wollte, daß ich nichts anderes wünschte, daß ich mich schon den ersten Tag nach ihrer Ankunft darnach sehnen würde, mit ihm allein zu sein. Aber er lächelte so als wenn er mir nicht Glauben schenkte, und ich wagte nicht, ihm zu widersprechen. Ich wagte nicht. Ich sagte nur noch einmal, daß ich müde sei. Und da sah ich wieder, wie der Schatten sich auf sein Gesicht legte. Pierre hat mir später erzählt, warum er bei meinen Worten trübe wurde. Es war durchaus nicht das, was ich glaubte. Es war kein Verdacht gegen mich. Nein, nein. Pierre hat mir nie mißtraut. Es war nur ein Gefühl, das er nicht beherrschen konnte. Es schien ihm, daß meine Worte von Müdigkeit die Stimmung der Jugend, die der ganze Tag uns geschenkt, ertöteten. Als ich davon sprach, kam es ihm vor, daß wir alt waren, daß der Frühling nicht für uns da war, daß gleichsam ein Trauerflor über den Jubel des Frühlingstages glitt, daß ich ihn daran erinnerte, daß Jahre vergangen waren. Es war ihm wohl ungefähr so zumute wie mir, als ich zum ersten Male im Spiegel ein graues Haar sah. Er sagte mir, er hätte es so ungestüm genossen, unser beider Jugend zu fühlen, daß er nahe daran war bei dieser kleinen Erinnerung, daß die Jahre gegangen waren, zu weinen. Ach, Pierre, Pierre, warum bist du so gut gegen mich! Warum liebe ich dich so sehr! Und warum habe ich dich nicht immer geliebt? Warum schwieg ich, als ich sprechen sollte, und warum kann ich jetzt nicht sprechen? So dringt Frage um Frage auf mich ein, und jede Frage brennt mich wie glühendes Eisen. Ich lag diese Nacht wach, und bei dem matten Flämmchen der Nachtlampe sah ich Pierre oft an. Er schlief so ruhig wie ein Kind, und er erwachte nur einen Augenblick, um zu fragen, ob ich wach sei. Ich konnte ihm nichts anderes antworten, als daß ich zu müde war, um zu schlafen. Da hörte ich ihn so schwer seufzen, als hätte aller Schmerz der Welt auf seiner Brust gelastet. Aber das war nur, weil er die Unterbrechung der Stimmung, die unser Glück geschaffen hatte, so schwer empfand. Er wußte nicht, was es war, das mich wach hielt, er ahnte nichts. Nach einer Weile hörte ich, daß er wieder schlief. Die Decke an den Mund gepreßt, weinte ich lautlos, damit Pierre mich nicht höre, und in dieser Nacht war es mir, als glitte mein ganzes Leben in Geisterbildern in der Dunkelheit an mir vorbei. 3 Es kam so, wie Schritte, die wir zwischen Träumen und Wachen hören, an unser Bett schleichen. Es kam so, wie die Erinnerung kommt und mit ihrem Schmerz quält. Es kam so, wie wenn das Leben selbst sich umkehrt und uns seine Kehrseite zeigt, voll von den Lappen und Flicken, hängenden Fäden und falschen Stichen, die wir vor der Welt verbergen, wenn das Kleid bis zum Halse hinauf zugeknöpft ist, aber die uns quälen, wenn wir gehen, und kaum verschwinden wollen, wenn wir uns in der Einsamkeit entkleiden. Ich konnte diese Nacht nicht verstehen, daß das, woran ich mich zu erinnern hatte, wirklich wahr war. Ich hatte mich in den Gedanken eingelebt, es sei ein Traum. So stark hatte ich mich hineingelebt und so heftig, daß ich nicht zu glauben vermochte, etwas könne je anders werden. Ich sah Pierre wieder an, und ich fühlte, daß ich Furcht hatte. Nicht vor ihm. Sondern davor, daß alles, was mein Glück ausmachte, zerbrechen und uns beide zerschmettern würde. Ich fühlte, wie ich fror und wie meine Zähne aufeinanderschlugen. Es gab einen Augenblick, wo ich mir einbildete, daß er alles wußte und es mir, wenn der Morgen anbrach, gerade ins Gesicht sagen würde, mich aus seinem Hause jagen, um mich niemals wiedersehen zu müssen. Ich mußte meinen ganzen Mut zusammennehmen, um wieder ruhig zu werden, und mitten in der Nacht war ich so wach, daß es mir vorkam, als hätte ich nie in diesem Grade gefühlt, wie meine Gedanken arbeiteten. Ich war so jung, als es geschah. Und ich kam aus einem Heim, wo ich nie gewußt hatte, was es heißen wollte, froh zu sein. Alles bei uns war klein, armselig, quälend und unerträglich. Die Einkünfte waren gering – mein Vater war ein Beamter, der nie zu höherem Gehalt aufsteigen konnte – die Zimmer waren klein, beinahe so, daß man sich gegenseitig nicht entgehen konnte, fand ich manchmal; Mama quälte Papa und Papa Mama. Ich kann mich nicht erinnern, daß ich sie über etwas anderes sprechen hörte als über Geld und Haushaltungssorgen. Meine Mutter sparte und rackerte sich, ging auf den Markt und stand in der Küche. Mein Vater war nur dann vergnügt, wenn er herauskommen konnte, die Geschwister balgten sich um den Platz, ihre Lektionen lernen zu können und um die Möglichkeit eines Vergnügens. Ich erinnere mich an all das mit demselben Eindruck, mit dem ich das Märchen vom armen Aschenbrödel hörte, das allein in einer Ecke saß und über seine garstigen Kleider weinte. Alles, was häßlich, unschön und kleinlich war, stand für mich lange in Verbindung mit dem Gedanken an ein Heim, und ich erinnere mich, wie ich zu Weihnachten zu weinen pflegte, weil ich immer gehört hatte, wie Papa über die Weihnachtsgeschenke und das Konfekt zankte. Das einzige, was ich genoß, als ich älter wurde, war meine Freiheit. Denn Mama fragte mich nie, wohin ich ging, und Papa bekümmerte sich schon gar nicht darum. Er verlangte von uns Kindern nichts anderes, als daß wir ihn nicht dadurch quälen sollten, daß wir von Geld sprachen. Später habe ich mich wohl gewundert, wie es möglich war, daß niemand ein junges Mädchen, wie ich es war, beaufsichtigte, und ich habe manchmal gedacht, daß dies daher kam, daß die arme Mama so zerquält von all dem war, was sie zu tragen hatte, daß sie gewissermaßen gar nicht Zeit fand, an ihre Kinder zu denken. Sie glaubte wohl, die jungen Mädchen seien so wie in ihrer Jugend, und sie konnte sich gar nicht denken, daß mir etwas Böses zustoßen würde. Inzwischen genoß ich meine Freiheit, und ich fand Verkehr, der mir zusagte. Junge Familien, junge Männer und Frauen, Künstler und Schriftsteller, der ganze Kreis von Menschen, der sich um jene sammelt, die die Pflichten und Bande des Alltagslebens nicht kennen und die dieses Gefühl auf alle übertragen, mit denen sie in Berührung kommen. In diesem Kreis glaubte ich nach all dem aufzuatmen, was mich während meiner ganzen trüben Kindheit bedrückt hatte. Hier war es mir, als lernte ich zum ersten Male, was es heißen will, jung zu sein. Hier traf ich auch zum ersten Male ihn. Ich kann mich dieser Zeit nicht mehr so entsinnen, wie sie einmal war. Ich kann sie nicht in dem Lichte sehen, in dem ich damals alles sah, was mir widerfuhr und was ich erlebte. Aber wenn ich jetzt leide, so weiß ich doch, daß es nicht um der Liebe willen ist, die mich damals glücklich machte, sondern um der Feigheit willen, die mich dazu trieb, das zu verleugnen, was einmal mein Stolz, mein Leben war. Und doch erscheint es mir wie ein Traum, daß ich ihn je geliebt habe. Wenn ich jetzt Pierre ansehe, wenn ich an ihn denke, habe ich das Gefühl, als müßte ich zu seinen Füßen hinsinken und sterben, um das, was gewesen ist, wieder gut zu machen. Ich kann mich selbst in jener Zeit sehen, wie ich an seiner Seite, der des anderen, ging, und ich verstehe nicht, daß ich ihn je geliebt habe. Ich habe ihn nicht geliebt. Ich habe niemand anderen geliebt als Pierre. Es war die Freude, die Freiheit, die Jugend, der Rausch des Lebens selbst, der mich lockte. Rings um mich sah ich Männer, die Frauen liebten, und Frauen, die Männer liebten. Verheiratete und Verlobte tauschten Händedrücke, zärtliche Blicke, Küsse vor meinen Augen. Es war Frühling wie jetzt, und ich war so einsam. Ich war so einsam, wenn ich heim in meine kleine Kammer kam, wo meine Schwester schon schlief. Ich weiß noch, wie oft ich aufsaß und weinte, weinte, als ob das Herz mir brechen wollte, weil nichts von all dem, was die ganze Welt mit Jubel erfüllte, mir je zuteil werden sollte. Da kam er eines Tages, als wir uns bei einer bekannten Familie getroffen hatten, und erbot sich, mich nach Hause zu begleiten. Schon lange hatte ich bemerkt, daß es wie ein Strahl von Glück über sein Gesicht huschte, wenn er meinem Blick begegnete. Wenn ich in seine Nähe kam, ging es mir wie Feuer durch jedes Glied, und als er jetzt kam, erschrak ich. An seinem Arm ging ich durch die stummen Gassen, und wovon wir sprachen, habe ich vergessen. Ich glaube, wir sprachen eigentlich kaum, tauschten nur hastige, verstohlene Worte. Aber plötzlich merkte ich, daß ich weinte. Ohne daß ich es hindern konnte, tropften die Tränen aus meinen Augen und rollten eine nach der anderen über meine Wangen. Ich wußte nichts davon, oder ich dachte kaum daran, bis ich seine Stimme hörte, die mich beim Namen rief, ich fühlte seinen Arm, der mich umschlang, und ehe ich es hindern konnte, hatte er mich geküßt. Ich wollte mich losreißen und fortlaufen. Aber ich konnte nicht, es war mir, als würde ich dann wieder ebenso einsam sein wie früher, als würde ich damit den einzigen Menschen zurückstoßen, der sich etwas aus mir machte. Ich empfing seine Küsse, ich zitterte angstvoll, weil ich mich so glücklich fühlte, und ich küßte ihn wieder, während ich laut schluchzte. Nie werde ich den Schrecken vergessen, der mich überfiel, als ich an diesem Abend allein war. Es schien mir, als bebte die Erde unter meinen Füßen, und zu gleicher Zeit war ich wie berauscht vor Stolz und Freude. Ich meinte, alle müßten mir ansehen, was geschehen war, es mir ansehen und alles begreifen. Ich sehnte mich darnach, daß es Tag wurde, daß ich ihn wiedersehen konnte, und zugleich fürchtete ich, daß ich ihn nicht wiedersehen würde. Wie konnte ich wissen, ob er nicht glaubte, daß ich nur ein gedankenloses Mädchen sei, das er küssen durfte, da sie es erlaubte. Er hatte ja nichts gesagt – nicht einmal, daß er mich liebte. Und nun kam jener wunderliche Sommer der Jugend und des Glücks, den ich mit einem anderen Sommer bezahlen muß, der auch einmal vorbei sein wird. Hoch über alle Sorgen und Zukunftsgedanken ward ich an seiner Seite emporgetragen, und ich war so stolz auf mein Geheimnis, daß ich beinahe auf andere Frauen, die nichts für ihr Glück geopfert hatten, herabsah. Ich dachte nicht, ich grübelte nicht, ich schob gleichsam jeden Gedanken an die Zukunft von mir weg. Ja, ich spiegelte mir beinahe vor, daß ich von einem seltsamen Schicksal getragen wurde, dessen Macht größer war, als Gedanken es ahnen und Traume es erreichen konnten. Ich glaubte über die Erde zu schweben, und nie wandelte ich mit leichteren Schritten. Aber der Herbst kam, und als ich wußte, daß ich einem Kinde das Leben schenken sollte, da weinte ich nicht, und ich verzweifelte nicht. Ich wußte ja, daß er mir nicht helfen konnte. Er hatte nichts – wie oft hatte er es mir nicht gesagt, und wie oft hatte ich nicht über seine Worte gelächelt – wir konnten nicht heiraten, und ich glaube beinahe, ich hätte gar nicht gewünscht, seine Frau zu werden. Ich weiß ja jetzt, wenn es geschehen wäre, wäre ich nie glücklich geworden. Vielleicht wußte ich es schon damals oder ahnte es wenigstens. Aber als die Not kam, fühlte ich mich mit einem Male so verzweifelt stark. Es kam eine Spannkraft über mich, wie sie in Menschen erwachen muß, wenn sie gezwungen werden, um ihr Leben zu kämpfen, und eines Tages erinnerte ich mich, daß ich eine Freundin hatte, die wie eine Schwester gegen mich war. Zu ihr ging ich und erzählte ihr alles. Sie war verheiratet und hatte keine Kinder. Wir sprachen und sprachen. Gott weiß, was wir uns sagten, aber am Abend kam ihr Mann nach Hause, und nachdem sie beide lange allein miteinander gesprochen hatten, kam er und fragte mich mit Tränen in den Augen, ob ich ihnen das Kind, das bald mein Eigen werden sollte, anvertrauen wolle. Wie glücklich machte es mich nicht, zu sehen, wie sie sich meinethalben sorgten. Wie Eltern, wie Geschwister waren sie gegen mich! Ich hatte Furcht vor ihrem Manne gehabt, und ich hatte es ihr gesagt. Aber als er kam, machte er mir keine Vorwürfe, er stellte mir nicht einmal irgendwelche Fragen, er sprach bloß davon, wie alles geordnet werden sollte und wünschte meine Antwort. Es war mir, als wenn eine Last, die mich zu ersticken drohte, plötzlich von meiner Brust gehoben worden wäre. Ich lehnte mich an ihn wie an einen Bruder, weinte und dankte ihm in einem Atem, und ich glaube, daß ich nie weder früher noch später so für einen Menschen empfunden habe. Es schien mir, daß er ein höheres Wesen war, das mich zu sich emporhob. Es war mir, als hätte ich weder ihn noch Elsa vorher recht gekannt, und daß, wenn ich sie so gekannt hätte, dies nie geschehen wäre. Aber wie ich nun nachts wach lag und an dies dachte, wurde mir das Herz so schwer. Ich sah Pierre wieder an, und vor Schmerz stöhnend, erhob ich mich, warf eine Decke über meine Schultern und begann im Zimmer auf und ab zu gehen, sachte und lautlos, um ihn nicht zu wecken. Ich konnte nicht im Schlafzimmer bleiben. Ich vermeinte zu ersticken, wenn ich dieselbe Luft atmete wie er. Er wußte ja nichts, hatte nie etwas geahnt. Und ich trat hinaus in das Atelier, das voll von seinen Bildern war. Ich dachte daran, wie ich ihn zum ersten Male traf. Alles war vorüber, ich war gesund, und aller Schmerz schien entschwunden. Ich war nach Paris gereist, wo niemand mich kannte und mein Geheimnis unbekannt war. Wieder waren es Elsa und ihr Mann, die für mich gedacht und mich hieher geschickt hatten. Es kam mir damals vor, als wäre alles, was ich erlebt hatte, versunken, dahin, und als sollte das Leben von neuem beginnen. Und niemals dachte ich, daß das, was ich einmal, wie es mir damals schien, so herrlich und reich erlebt hatte, mir noch einmal widerfahren, sich wiederholen, sich erneuen könnte. Ich glaubte, daß ich mit dem Leben fertig sei, und ich war stolz, mir selbst mein Brot verdienen zu können, indem ich in einem Blumenladen arbeitete. Ich hoffte überhaupt nichts anderes, als einmal so glücklich zu werden, meinem Knaben, der sich meiner nicht einmal erinnern konnte, etwas von all dem, das ich jetzt verschweigen mußte, erzählen zu können. Da begegnete mir Pierre. Ich weiß nicht, was ihn zu mir zog, ich habe es nie verstehen können. Es war vielleicht meine Scheu, wie er es selbst gesagt hat, meine Verwirrung, als ich merkte, daß er mich liebte, meine Angst, als er schließlich sprach, als ich ihm nicht entkommen konnte und ich fast vor Schrecken aufschrie und ihn bat, mich zu lassen. Soll ich es ihm sagen? erklang es in mir. Wie ein furchtbares Unglück, das mich zerschmettern konnte, quälte mich dieser Gedanke. Wochen gingen, Wochen und Monate, und ich konnte mich nicht davon befreien. Ich schrieb nach Hause und fragte die einzigen Menschen, die mein Leben kannten. Ich wollte, daß sie für mich entscheiden sollten. Ich hoffte, sie würden mir befehlen zu sprechen. Aber es kam nicht so. Sie antworteten mir, daß hier nur mein eigenes Gefühl entscheiden könne, hier könne ich mich nur selbst entschließen. Und mit Schrecken erkannte ich, daß ich keine Macht mehr über mich selbst hatte, keine Macht mehr, mein eigenes Schicksal aufzuhalten. Ich war wie von unsichtbaren Banden gefesselt. Wie oft war ich nicht entschlossen gewesen zu sprechen. Wie oft hatte ich nicht überdacht, daß es geschehen mußte. Nur ein paar Worte, dann war es gesagt, nur ein Augenblick, den ich im Fluge ergriff, dann konnte ich von meiner Angst befreit sein. Geschehe dann, was da wolle! Aber so oft ich Pierres wehmütigen, strahlenden Augen begegnete, die mich zu liebkosen schienen, wenn sie den meinen entgegenglänzten, da war es, als ob die Worte mir in der Kehle stecken blieben, und ich zitterte vor Angst, daß ich ihn verlieren könnte. Ich versuchte zu schreiben. Ein Mal ums andere saß ich da und schrieb, zerriß, was ich geschrieben hatte und weinte über meine Schwäche. Einmal stand ich mit einem Briefe in der Hand vor dem Postkasten. Aber ich zog die Hand wieder zurück und lief nach Hause. Es war, als hätte mir jemand ins Ohr geflüstert: »Nein und nein und nein.« Und ich gab mich nicht eher zufrieden, als bis ich meinen Brief im Kamin brennen gesehen hatte. Ach, wie lange wankte ich nicht in dieser Nacht in seinem Atelier umher und dachte an all dies, während ich sah, wie der matte Schein der kleinen Lampe durch die offene Türe wie ein allsehendes Auge hinaus ins Dunkel leuchtete. Ich erinnerte mich an unsere Hochzeit, wie glücklich ich war und wie ich litt, wie ich vor Angst bebte, daß er mein Geheimnis an meinem Körper sehen könnte ... Ah, ich hätte vor Scham sterben können, als ich ihn meinen Namen flüstern hörte, als ich ... Ah, ich kann nicht daran denken. Noch in diesem Augenblick möchte ich nur weinen, aus Reue weinen, weil ich so schwach und so feige gewesen bin. Denn Pierre liebte mich nur zu sehr. Er konnte nichts sehen, nichts. Wenn mein Körper vergiftet gewesen wäre, er hätte es nicht gemerkt. So sehr liebte er mich. In diesen Gedanken blieb ich an der Balkontüre stehen. Von dort aus hat man den Blick über die Seine, und ich erinnerte mich, wie oft ich an Pierres Seite da gestanden hatte. Ich begriff nicht, wie dieser Gedanke sich in diesem Augenblick beruhigend auf meine Seele senken konnte, so wie eine kühlende Hand, die sich auf eine fieberheiße Stirn legt. Aber es kam das Gefühl über mich, wie glücklich ich durch Pierre geworden war. Es wollte mir scheinen, als könnte nichts dieses Glück erschüttern. Etwas in mir sagte mir, daß alles nur von mir selbst abhänge. Ich glaubte es wie ein fernes Flüstern zu hören, an das ich glauben wollte, aber nicht konnte. Und als ein großer Segen, den ich niemals vergelten konnte, erschien es mir, daß ich einen Mann gefunden, der mich den Wert des Lebens kennen gelehrt. Was war all das andere? Was war es wohl wert? Und was war es gewesen? Es war nichts. Es war Tag für Tag abgefallen. Ich war nun so glücklich geworden, daß es aus meinem Dasein, beinahe aus meiner Erinnerung ausgelöscht war. Ich mußte an den Tag denken, an dem mein und Pierres erstes Kind geboren wurde. Ich erinnerte mich, wie Pierre da an meinem Bette saß und durch seine bloße Gegenwart meine Qualen linderte. Es war mir, als hätte er mich so durchs Leben getragen, daß ich seine Schwere gar nicht zu fühlen bekam. Wohin ich sah, entdeckte ich nichts anderes als Pierre und Pierre und Pierre. Ich konnte nicht anders als vergessen, ich mußte vergessen, was wie nichts gewesen, wenn ich nun an das dachte, was war. In mir stieg etwas von jenem Kraftgefühl der Verzweiflung an, als wollte ich mit dem Leben um mein Glück kämpfen und alles wagen, um nur Pierre nicht zu verlieren. Ich fühlte mich mit einem Male so stark, als könnte mir nichts zu leide geschehen, und lautlos schlich ich mich in unser Zimmer und ging frierend zu Bette, ohne daß er mich bemerkte. Aber als ich wieder in seiner Nähe war, verließ mich meine Stärke. Ich mußte mich selbst mit Gewalt zurückhalten, ihn nicht wach zu küssen, ihm zuzurufen, was ich so lange verschwiegen, mich auf die Kniee zu werfen und ihn anzuflehen, mich nicht zu verstoßen. Ich lag wach, bis die Sonne auf die schweren Vorhänge schien, und als der erste Strahl kam, war es, als wenn kleine unsichtbare Wesen über den Boden gehuscht und nach allen Seiten verschwunden wären. Da endlich schlief ich ein und träumte, daß ich in meinem Elternhause säße. Es war Weihnachtsabend, und ich weinte, weil ich kein Geld hatte, den Geschwistern Geschenke zu kaufen. Diese Tränen erweckten mich zu dem Gefühle, daß etwas Trauriges eine alte Frau erwartete. 4 Wie hätte ich mich weigern können, Pierres Anerbieten anzunehmen und die Einladung an Elsa und ihr Kind zu schreiben? Wie sollte ich ihm erklären, daß es mir keine Freude machte, diese Freundin zu sehen, von der er wußte, daß ich ihr innig zugetan war? Wie hätte alles anders sein können, als es war? Ich tat, was ich mußte, weil nichts anderes für mich möglich war, und ich ging in dem fatalistischen Gefühl umher, daß rings um mich das Leben seinen gewohnten Gang ging, während sich mein eigenes Schicksal still und sicher zu Untergang und Vernichtung entwickelte. Es war mir, als wenn alles, was geschah, mich in irgend einer wunderlichen Weise anginge, um meinetwillen geschähe, mit meiner Person und meinem Schicksal verknüpft wäre. Aber als ich meinen Brief abgesandt hatte, bemächtigte sich meiner die phantastische Vorstellung, daß dies überhaupt nicht geschehen konnte. Etwas so Furchtbares konnte nicht eintreffen, wie daß ich Tag für Tag, Woche für Woche bei Pierre und meinen Kindern umhergehen und meinen Knaben unter ihnen sehen sollte, meinen Knaben, den ich vergessen, den ich, wie mir schien, nie gesehen, nie gekannt hatte. Ich glaubte, daß ich geträumt hätte und daß dies nie, nie geschehen könnte. Elsa würde es verhindern, sie würde nicht zugeben, daß es geschah. Sie würde wissen, welche Leiden es mir zufügen mußte, und mich schonen – obgleich ich ihr in meinem Brief gesagt hatte, daß es so sein müsse, daß Pierre es wollte, daß sie auf mich keine Rücksicht nehmen solle, und daß ich tapfer und munter sein würde, wie ein kleines Vogelweibchen, das sein Nest verteidigt. Ich ging tagelang umher und dachte daran, und es fiel mir nicht ein, daß eine einzige Zeile von mir – die Pierre nicht zu lesen brauchte – die ganze Sache zunichte gemacht haben würde. Es fiel mir erst eines Tages ein, als es schon zu spät war, und ich in meiner Hand Elsas Brief hielt, der mir sagte, daß sie kommen würden. Pierre und ich lasen diesen Brief zusammen. Das heißt, ich übersetzte, und er hörte zu. Es stand kein Wort darin, das ich ihm nicht ganz so vorlesen konnte, wie es geschrieben stand. Darum hatte ich Elsa gebeten, weil es mir so qualvoll war, wenn ich Pierre das allergeringste verschweigen oder verbergen mußte. In dem Briefe stand: »Du solltest Erik jetzt sehen. Er ist so groß und tüchtig geworden. Er ist ganz außer sich vor Freude, weil er nach Frankreich kommen darf, und er grüßt Dich schon jetzt, obwohl er sich natürlich nicht daran erinnern kann, daß er Dich schon gesehen hat.« Wie oftmals hatte ich nicht früher derartige Mitteilungen vorgelesen! Wie oft hatte ich es nicht getan, ohne daß Pierre das Geringste gemerkt hatte! Ich hatte mich so sehr in den Gedanken eingelebt, daß diese Sache mein Geheimnis war, daß ich beinahe über das Gefühl, daß dies ein Betrug war, hinausgekommen zu sein meinte. Aber nun fühlte ich plötzlich, wie die Farbe aus meinen Wangen wich und meine Augen sich mit Tränen füllten. Ich saß da so voll Angst, daß Pierre etwas merken könnte, daß ich es nicht wagte aufzublicken. Ich versuchte weiterzulesen, aber die Stimme versagte mir, es wurde mir schwarz vor den Augen, ich war überzeugt, daß nun alle Hoffnung vorüber war und die Entdeckung kommen mußte. Ohne daß ich es hindern konnte, würde das Geheimnis meinen Lippen entgleiten, und dann ... dann ... Aber nichts von all dem geschah. Sondern Pierre stand auf und sagte mit jener Stimme, die ich so wohl kannte – einem zärtlichen Tonfall, der kommt, wenn er so recht tief fühlt –: »Ich muß sehr egoistisch gewesen sein, wenn ich nicht früher gemerkt habe, wie sehr du dich gesehnt haben mußt, jemanden aus deinem eigenen Lande zu sehen.« Er sah ein wenig grüblerisch aus, als er dies sagte, so als hätte er sich beinahe in dem Glauben enttäuscht gesehen, daß ich außer ihm niemanden brauchte, und er ließ mich bald allein. Wenn er mich damals geschlagen, mir die gröbsten Namen gegeben, mich beschimpft hätte – ich hätte mich nicht so unglücklich gefühlt wie jetzt, wo ich wußte, daß er sich meinethalben Vorwürfe machte. Ein langer, langer Monat verging, bis Elsa kam. Sie kam erst im Juni, und in diesem Monat verließen wir Paris und zogen aufs Land. Das war sonst meine glücklichste Zeit im ganzen Jahre. Wir pflegten nämlich gerade dann hinauszuziehen, wenn der Salon vorüber war und alles in unserer Welt wieder anfing, sich in den gewohnten Geleisen zu bewegen. Die Skandinavier reisten heim, es wurde heiß in Paris, und nach all dem Lärm und der Unruhe kehrten wir in unser Heim am Ufer des kleinen Flüßchens zurück, das weich, ruhig, vornehm und lieblich zugleich durch die Landschaft fließt. Gerade Pappeln wachsen am Horizonte, der sich zu dem blauen Schleier verdichtet, den ich an den französischen Ebenen immer geliebt habe. Die Obstbäume blühten, Rosen und Mohn standen in Flor. Die Kinder wurden in den Garten gelassen, sie spielten frei auf Wiesen und Feldern, Pierre begann, draußen unter seinem großen weißen Sonnenschirm sitzend, zu malen, und ich selbst ging zwischen ihnen umher und freute mich über jede Stunde die ich lebte. Dieses Mal fand ich nichts von all dem wieder. Das kleine Häuschen hatte ein kaltes, seltsames Aussehen, das mich erschreckte, und die Weinranken, die sich um die Veranda schlangen, die Bäume, die unsere Fenster beschatteten, der kleine Fluß, der zwischen den flachen Ufern dahinfloß, ja sogar die grünen Fluren, die Blumen, die herrlichen Rosen – alles schien mir verändert, verwandelt, eng und klein geworden. Das Ganze sammelte sich gleichsam in einem einzigen Eindruck, der mir die Kehle zusammenschnürte, wenn die rasche Dämmerung einfiel, es dunkel wurde und die Frösche im Sumpfe quakten. Früher hatte ich immer diese milden Sommernächte geliebt, in denen die Luft von Düften erfüllt war und es so still wurde, daß man sich selbst atmen hörte. Jetzt fürchtete ich sie wie etwas Grauenvolles, und ganze Tage konnte ich umhergehen und daran denken, wie gräßlich es war, daß der Abend mit seiner Dunkelheit kommen würde. Und eines Abends, als die Sonne gerade im Begriff war unterzugehen, fuhren wir zu der kleinen Station, um unsere Gäste abzuholen. Ich hatte alle möglichen Finten angewandt, um Pierre dazu zu bringen, nicht mitzukommen. Aber es war mir nicht gelungen. Fröhlich, ausgeräumt und strahlend saß er neben mir in dem geräumigen Wagen und lächelte und scherzte über meine Sehnsucht, die ihn eifersüchtig machte. Er faßte meine Hand und behauptete, daß ich friere. Sie muß eiskalt gewesen sein, obgleich ich es nicht wußte. Denn er ließ sie los, sah bedenklich aus, berührte meine Wange und sagte, ich hätte Fieber. Ich erinnere mich, daß ich lächelte, daß ich ihm auf alles antwortete, was er sagte, ja daß ich sogar selbst Gesprächsthemen fand. Aber es kam mir vor, daß all dies sich abspielte, ohne daß ich selbst mit dabei war. Es schien mir, daß ich träumte, und unaufhörlich klang es mir in den Ohren: »Nun erwachst du bald. Nun erwachst du. Nun mußt du durchaus erwachen.« Wir kamen zur Station, und ich stieg aus, auf Pierres Hand gestützt. Die ganze Zeit war ich erstaunt, ganz einfach erstaunt darüber, daß nichts Merkwürdiges eintraf. Das Gefühl, daß das Ganze eigentlich äußerst lächerlich war, überfiel mich so heftig, daß ich mir beinahe Gewalt antun mußte, um nicht hell aufzulachen. Da kam der Stationschef, klein und geschäftig, grüßte uns und stellte sich mit seiner Amtsmiene hin und wartete auf den Zug, während er hie und da ein paar nichtssagende Worte äußerte. Was wollte er eigentlich von mir? Was wollten alle Menschen von mir? Ich hätte alle Leute vom Perron entfernen wollen, wenn ich nur gekonnt hätte, und ich wunderte mich, daß niemand sah, wie drohend ich sie betrachtete. »Jetzt kommt der Zug,« sagte Pierre. Warum mußte er das auch sagen? Der Zug, ja der Zug. Wie eine Riesenschlange kam er und ringelte sich über die glatten Schienen. Wenn ich mich auf das Geleise würfe, gerade während das schwarze Ungeheuer an mir vorbeizischte! Dann wäre alles vorbei, dann würde alles in mir mit einem zerschmetternden Laute verstummen, so wie wenn man einen in einen Glassturz eingeschlossenen Fliegenschwarm dadurch zur Ruhe brächte, daß man das Glas zerschlüge. Ich dachte an das oder es wirbelte durch mein Hirn. Aber ich wußte zugleich, daß es Unsinn war, und daß ich es nie tun würde. Lächelnd, winkend, verzweifelt, meine eigenen Bewegungen zu sehen, das Mienenspiel in meinem eigenen Gesicht ebenso deutlich zu fühlen, als ob ich mich im Spiegel gesehen hätte, stand ich da und sah, wie die Wagen an mir vorbeiglitten – ohne daß ich mehr sehen konnte als ein einziges Fenster, in dem ich Elsas Gesicht entdeckte und neben ihr ein wunderndes, verlegenes Knabengesicht, das ich meines Wissens nie gesehen hatte. Die Spannung ließ nicht eher nach, bis ich fühlte, wie Eriks kleine Hand die meine faßte und ein paar große blaue Augen den meinen begegneten. Da beugte ich mich hinab und wollte ihn küssen. Aber ich konnte es nicht. Ich wandte meine Lippen ab, streichelte ihm nur sanft die Wange und ließ ihn dann los, und indem ich meine Arme um Elsas Hals schlang, brach ich in ein Schluchzen aus, das ich nicht beherrschen konnte. Als ich wieder ruhig wurde, sah ich die großen blauen Augen des Kindes, die mich staunend betrachteten. 5 Meine eigenen Kinder haben braune, blanke, lebhafte Augen. Aber die Eriks sind träumerisch, groß und blau. Sie erinnern mich an alles, was ich verlassen habe, alles, was gewesen ist. Sie ziehen mich an sich, und ich verstehe nicht, warum ich immer meine, daß sie aussehen, als verbargen sie ein Leid, das nicht das des Kindes, sondern das des frühreifen Jünglings ist. Es ist meine Einbildung, die mich beherrscht. Er ahnt ja nichts, er kann gar nichts ahnen. Und doch kann ich diesen Gedanken nicht los werden, der mich verfolgt wie ein steter Vorwurf. Wie oft saß ich nicht diesen Sommer da und sah meine vier Kinder an, die auf dem Gartengang vor der Veranda spielten. Erik ist der Älteste und Verständigste. Ich sehe noch, wie er meine beiden Mädchen begleitet, während der kleine Pierre, der der Jüngste ist, nachstolpert und nicht mittun darf. Erik geht da wie ein Kavalier, er zeigt sich aufmerksam, pflückt seinen Spielgefährtinnen Blumen, er läßt sie in seinem Wagen fahren, und die Kleinen versuchen, miteinander zu sprechen. Ich sitze da und sehe ihnen zu und denke an den Tag, an dem sie erwachsen sein werden. Nein, nein! Ich will nicht weiter an meinen Roman denken. Ich will nicht. Aber ich kann es doch nicht hindern, daß die Gedanken arbeiten, und diese unnatürliche Ahnungslosigkeit schnürt mir das Herz zusammen. Es ist mir, als könnte ich verstehen, wie es sein müßte, ein Verbrechen begangen zu haben, dessen Folgen zu sehen und gezwungen zu sein, zu schweigen, um selbst der Strafe zu entkommen. Natürlich weil ich Erik kaum gesehen, ihn nie an meine Brust gelegt, nicht seine ersten stammelnden Worte gehört, habe ich ihn mir so selten als mein Kind gedacht. Aber nicht einmal jetzt, wo ich ihn sehe, ist es mir möglich. Um Pierres willen kann ich es nicht. Ich nehme Eriks Hand und gehe mit ihm hinab zum Strande. Da steht ein Boot. Er ist zwölf Jahre, und er erzählt mir voll Stolz, daß er rudern kann. Wir steigen in das Boot, und er rudert mich hinaus auf den kleinen Fluß, wo die Ufer so niedrig sind und das Schilf so hoch, daß, wenn wir uns einige Ruderschläge entfernt haben, uns niemand vom Ufer aus sehen kann. Und wir rudern schweigend weiter, einsam, von dem hohen Grün, dem Wasser und dem klarblauen Himmel umgeben. Endlich machen wir Halt, um auszuruhen, und Erik beginnt zu plaudern. Ich höre, daß er von allem spricht, was ihm einfällt, von der Schule, von den Kameraden, von den Sommern, die er meist draußen in den Schären verbracht hat. Er erzählt von all dem so freimütig und ungezwungen, als wenn er zu seiner eigenen Mutter spräche. Das Herz von einem seltsamen Gefühl erfüllt, das ich nicht beschreiben kann, sitze ich da und betrachte ihn. Er hat über den Augen einen Zug, der mir gleicht, und ich lächele ihm zu. »Hast du mich auch ein wenig lieb?« sage ich. »Ja, gewiß,« antwortet der Knabe erstaunt. »Sehr!« Ich fühle, daß ich erröte, so als wenn ich etwas Unpassendes gesagt hätte, und indem ich mich vorbeuge, fasse ich seine sonnverbrannte Hand, die schon anfängt, eine gewisse männliche Form zu bekommen, und küsse sie. Er sieht noch erstaunter aus, und da ich nicht mehr weiß, was ich ihm sagen soll, fordere ich ihn auf, nach Hause zu rudern. Er tut es, aber die ganze Zeit sieht er gedankenvoll und verwundert aus. Er plaudert nicht mehr. Als wir an der kleinen grauen Brücke anlegen, steigt er aus und hält das Boot, während ich ans Land gehe. Und nachdem er es festgemacht hat, kommt er mir über den Kiesweg nach und ergreift, ohne ein Wort zu sagen, meine Hand. Er hielt sie in der seinen fest, als wollte er mir eine große Freundlichkeit bezeigen, und es war mir die ganze Zeit, als spräche er freundliche, tröstende Worte zu mir. Natürlich begriff er nichts von all dem, was meine Gedanken erfüllte. Aber ich konnte es nicht lassen zu glauben, daß er in seiner Weise wenigstens ahnte, daß es einen besonderen Grund dafür gab, daß ich ihn so lieb hatte, und zum ersten Mal in meinem Leben empfand ich es als eine Entbehrung, daß ich um seinetwillen nichts gelitten, nichts geopfert hatte. 6 Als wir zur Veranda kamen, stand Pierre da und betrachtete uns. Er wartete auf das Frühstück, und als er uns erblickte, nickte er uns zu und lächelte. »Das war ein schönes Bild,« sagte er und blinzelte mit den Augen, wie er es tut, wenn er ein Motiv betrachtet. Unwillkürlich ließ ich die Hand des Knaben los und drehte mich um, wie um mein Kleid zu ordnen. »Nein, nein,« rief Pierre, »bleibe stehen, wie du eben standest. Es war ausgezeichnet.« Er zwang mich, Erik wieder bei der Hand zu nehmen, und er ließ uns auf dem Kiesweg in derselben Stellung stehen bleiben, in der wir gekommen waren. Die Sonne rieselte durch die Blätter der alten Bäume, und ich glaubte zu sehen, wie sie uns mit Sonnenflecken bestreute und hinter uns leuchtete, als hätten wir uns von einem Goldgrund abgehoben. Ich sah, daß der Knabe vor Vergnügen und Befangenheit lächelte, und ich hörte wie durch einen Nebel Pierres Stimme: »Mutterglück! Das ist etwas, woran ich gedacht habe. Das will ich malen.« Ich weiß nicht, was in diesem Augenblick mit mir vorging. Aber ich konnte nicht länger stille stehen. Ich ließ Eriks Hand los und eilte auf Pierre zu. Ich plauderte und lachte, ich erzahlte von unserer Fahrt, griff den ersten besten absurden Scherz auf, den ich finden konnte, und sagte, daß er auf Erik eigentlich eifersüchtig sein sollte, der seiner Frau fast den Hof machte. Jedes Wort, das ich sagte, schnitt wie Messer in mein Herz, und ich sprach absichtlich so rasch französisch, daß der Knabe wenigstens meine Worte nicht verstehen konnte. Pierre ging auf den Scherz ein, er nannte Erik einen Schelm und rief Elsa heraus, damit sie hören sollte, was ich sagte. Dann wollte er uns zwingen, noch einmal unsere Stellung auf dem Kiesweg einzunehmen. Aber ich hing mich an seinen Arm, drehte ihn ganz herum, sagte, daß wir frühstücken wollten, und daß es häßlich von einem Manne sei, seine eigene Frau zu exponieren. Dann gingen wir alle vier hinein, und uns nach kamen Pierres und meine Kinder, rotwangig und froh, alle fragend, wo Mama den ganzen Morgen gewesen war. 7 Ich kämpfe einen täglichen Kampf mit mir selbst, und ich habe das Gefühl, als wenn ich Pierre untreu wäre, jedesmal, wenn ich mit dem Knaben spreche, besonders wenn ich ein paar Stunden mit ihm allein gewesen bin. Mein ganzes Ich ist gleichsam entzweigespalten, und ich muß mir selbst Gewalt antun, um Erik nicht zuviel zu sehen. Nicht daß mein Gefühl für den Knaben so stark ist, daß es mich überwältigt. Das Entsetzliche ist, daß er hier ist, daß ich mich von den Gedanken, die mit ihm verknüpft sind, nicht befreien kann. Diese Gedanken stellen sich zwischen Pierre und mich. Noch ist kaum eine Woche vergangen, und schon kommt es mir vor, als wäre ich ein Jahr von ihm fort gewesen. Nicht meine Pflichten als Hausfrau, nicht die Stunden, in denen Pierre und ich getrennt sind, fürchte ich am meisten. Da ist es mir beinahe leicht ums Herz. Da kann ich sogar fröhlich sein, plaudern, lachen und nicht nur glücklich scheinen, sondern selbst glauben, daß ich es bin. Es kann wohl manchmal eine Sehnsucht über mich kommen, Pierre bei seiner Arbeit aufzusuchen, wie ich es in vergangenen Sommern oft getan, zu ihm hinzugehen, mich stumm an seine Seite zu setzen, zuzusehen, wie er arbeitet, und glücklich in dem Bewußtsein in seiner Nähe zu sein. Ich könnte das ja auch tun, so oft ich nur wollte. Niemand würde mich hindern. Elsa würde sich gewiß nicht verletzt fühlen, wenn ich sie manchmal allein ließe. Aber ich kann mich nicht dazu entschließen. Ich gehe hier tagaus, tagein und sehne mich nach Pierre, als wenn er weit von mir weg wäre und ich beinahe fürchten müßte, ihn nie wiederzusehen. Aber das ist gerade das Entsetzlichste, daß mir nie so furchtbar zumute ist, als wenn er durch die Türe tritt, oder wenn ich nur aus der Ferne seine Stimme oder den Laut seiner Schritte höre. Ich eile ihm entgegen, wie ich es früher zu tun pflegte, ich gehe allein mit ihm und ich flüstere ihm Worte zu, die niemand außer ihm hören soll. Aber alles was ich tue oder sage, alles, was ihn betrifft, selbst meine eigenen Blicke, der Ausdruck meines Gesichts – alles schmerzt mich, so als verbärge ich hinter der kleinsten Handlung oder dem unschuldigsten Wort eine böse Absicht. Das tue ich ja auch. Ich weiß ja, daß alles, was ich vornehme oder sage, nur darauf abzielt, daß er nichts ahnen soll. Darum weiche ich ihm aus, wenn ich es kann; und wenn ich es nicht mehr kann, oder zu können glaube, dann suche ich ihn auf, nur damit er keinen Verdacht schöpft. Elsa faßte mich dieser Tage um die Taille und sagte zu mir: »Du bist merkwürdig, Gerda.« »Ich?« antwortete ich und versuchte zu lächeln. Ich fühlte, daß es mir nur halb gelang. »Du gehst hier tagaus, tagein mit uns,« fuhr sie fort. »Du bist die Fröhlichste von uns allen. Du scherzest, du lachst, du hast tausend Einfälle. Ich verstehe dich nicht. Du mußt doch furchtbar leiden.« »Du irrst dich,« antwortete ich. »Ich leide nicht.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich kann dir nicht glauben,« sagte sie. »Ich erinnere mich ja an deine Briefe ... Kannst du nicht mehr offen mit mir sprechen?« Ich wurde ernst, und ich antwortete ihr freundlich und warm, so als wenn ich ihr mein ganzes Leben gebeichtet hätte: »Glaubst du, daß ich nicht offen mit dir sprechen könnte, wenn ich dir etwas zu sagen hätte. Aber da ist nichts. Ich habe mich in das Leben, das ich führe, so stark hineingelebt, daß es nichts gibt, was mein Glück erschüttern könnte. Du meinst, daß ich darunter leide, daß Erik hier ist. Weißt du, ich kann mich gar nicht recht hineinversetzen, daß er etwas anderes ist als dein Junge, deiner und nur deiner. Ich höre ihn ebenso ruhig Gutenmorgen und Gutenacht wünschen, als wenn er wirklich dir gehörte – und niemandem anderen. Ich kann es dir nicht erklären, ebensowenig als ich es mir selbst zu erklären vermag. Denn ich verstehe es nicht. Aber ich glaube, es kommt daher, daß ich Pierre so grenzenlos liebe. Er ist für mich alles auf Erden, er hat mir alles gegeben, er hat mich so unaussprechlich glücklich gemacht, daß ich um seinetwillen vergessen kann. So ist es.« Als ich die letzten Worte sagte, kamen mir die Tränen in die Augen, weil ich an Pierre dachte. »Das ist seltsam,« sagte Elsa. Und ich sah, daß sie mir glaubte. Ich war auch froh, daß sie es tat, und ich fühlte jenen leichten Schauer, den man empfindet, wenn man seine eigene Stärke an einer Lüge entdeckt. Denn nicht um alles in der Welt hätte ich ihr anvertrauen wollen, was ich Pierre verschweigen mußte. Um keinen Preis sollte ein anderer mit mir das Leid teilen, das ich allein tragen wollte und mußte. Es war mir, als verringerte ich meine Schuld gegen Pierre, wenn ich mir selbst sagen konnte: einmal habe ich dich an andere verraten, ein einziges Mal. Aber es soll nie wieder geschehen. Nein, allein will ich tragen, was mein ist, und niemand soll das Recht haben, in ein Leid zu blicken, das ich nicht mit dir teilen kann. 8 Ich habe es im Lügen weit gebracht. Ich habe es so weit gebracht, daß es mich selbst erschreckt. Früher hatte mich die geringste Unwahrheit ängstlich und unruhig gemacht. Aber in den Wochen, die vergangen sind, ist die Lüge meine natürliche Lebensluft geworden, sie ist meine einzige Bundesgenossin, außer meiner Liebe, und sie gleitet mit einer Meisterschaft über meine Lippen, die mich unerschöpflich in Erfindungen macht. Nicht genug damit, daß sie über meine Lippen gleitet. Sie ist im Ausdruck meines Gesichtes, in der Sprache meiner Augen, dem Tonfall meiner Stimme heimisch geworden; ich habe meine Fertigkeit so weit entwickelt, daß sie mir zur Gewohnheit und Natur geworden ist, ich kann sie nicht missen, und zugleich sehne ich mich wie nach einer Befreiung nach dem Tage, an dem dieser unleidliche Zwang verschwinden wird. Ich kann mir nicht vorstellen, daß dieser Tag kommen wird. Ich kann mir nicht denken, daß ich je so glücklich sein werde. Jeden Morgen, wenn ich erwache und Pierres Blick begegne, wenn er mir guten Morgen wünscht, habe ich das Gefühl, als wenn eine brennende Röte mich vom Kopf bis zu den Füßen bedecken würde. Ich schließe meine Augen vor seinem Blicke und stelle mich schläfrig. Mit geschlossenen Lidern liege ich still, bis er angekleidet ist. Ich horche jedem Laute, außer mir vor Furcht, daß er anfangen könnte zu mir zu sprechen und mich zwingen zu antworten. Bevor ich mich fassen, ein Weilchen mit meinen Gedanken allein sein, aufs neue die Maske ordnen kann, die mein Antlitz und all das, was einst mein war, bedeckt, fürchte ich, daß ich mich verraten könnte. Es ist ja nun eine lange Zeit vergangen, wir sind mitten im Sommer, die Tage werden kürzer, und die Trauben in den Weingärten fangen an, weich zu werden. Ich hatte Zeit genug gehabt, mich zu gewöhnen. Aber es ist mir nicht gelungen. Mit geschlossenen Augen liege ich still in meinem Bett, und wenn ich nicht höre, daß Pierre sich bewegt, kommt die Vorstellung über mich, daß er an meinem Bett stehen geblieben ist und mich betrachtet. Ich wage dann nicht die Augen aufzuschlagen, um zu sehen, ob diese Vorstellung eine Täuschung ist oder nicht. Es ist mir, als ob meine Glieder kalt würden und erstarrten. Während ich so liege, glaube ich die ganze Zeit, daß Pierre mich betrachtet, schließlich meine ich, daß sein Blick fragend, mißtrauisch, böse wird. Er ahnt etwas. Er beugt sich über mich, legt seine Hand auf meine Schulter, und sagt mit jener kühlen Stimme, die ich schon gehört habe, wenn der Zorn in ihm gärt, ich solle aufwachen. Er zwingt mich, die Augen aufzuschlagen. Und dann sehe ich, daß er alles weiß. Ohne daß ich ahnen kann, wie, versteht er das Ganze. Er hebt die Hand, und ich fühle die Schläge als rächende Gerechtigkeit auf meinen Körper fallen. Sie verursachen mir keinen physischen Schmerz, sie treffen gleichsam nicht meinen Körper, aber ich fühle sie fallen, und ich weiß, daß es Pierres Hand ist, die schlägt. Das ganze Leben stürzt rings um mich zusammen, und mit bis zum Äußersten angespannten Sinnen horche ich in meiner Phantasie, ob ich nicht das leise Knirschen der Klinke vernehme, wenn seine Hand sie niederdrückt und er hinausgeht. Da höre ich anstatt dessen plötzlich seine Stimme, die mich fragt, ob ich denn gar nicht aufwachen will. »Ich bin heute so schläfrig, laß mich erst ein wenig munter werden,« antworte ich, und zugleich wundere ich mich, wie es mir möglich ist, meiner Stimme diesen natürlich jammernden Ton zu geben, der zugleich scherzhaft und schlaftrunken klingt. Ich fühle es wie einen Stich, als ich höre, wie gut ich ihn betrüge. Denn er lacht im Gehen. »Siebenschläferin,« sagt er und schließt die Tür hinter sich zu. Aber in demselben Augenblick, in dem ich die Türe ins Schloß fallen höre, sind meine Augen offen, und um mich starrend, richte ich mich im Bett auf. Still, lautlos, jedem Geräusch horchend, schleiche ich mich zur Türe, schiebe sachte den Riegel vor, und als ich weiß, daß niemand hereinkommen kann, sinke ich im bloßen Hemde auf der Chaiselongue zusammen, verberge das Gesicht in die Hände, und mein ganzer Körper bebt, als wäre ich im Fieber. Ach, hätte ich nur einen Schlafraum für mich, in dem ich mich einschließen könnte, wenn der Abend kommt, wissend, daß kein Auge mich sehen, kein Ohr mich hören kann. Tag und Nacht muß ich diesen furchtbaren Kampf kämpfen, um meine Gedanken nicht zu verraten. Tag und Nacht muß ich vor mir selbst auf der Hut sein. Nicht eine einsame Stunde, nicht eine ruhige Nacht. Wenn ich meine Augen zum Schlummer schließe, zucke ich bei dem Gedanken zusammen, daß ich mein Geheimnis im Schlafe verraten, daß ich schlummernd Worte sprechen könnte, die meinen ganzen Kampf, alles was ich gelitten, vergeblich machen würden. Ich liege wach und kämpfe gegen den Schlaf an, der sich auf meine Augenlider senken will, und ich kann diese Angst nicht los werden. Zugleich will ich schlafen, denn ich brauche den Schlaf, damit meine Nerven mich im Laufe des Tages nicht im Stich lassen. Aber die Angst verläßt mich weder im Schlafen noch im Wachen, und jeden Morgen ist mein erster Gedanke: »Was habe ich gesagt während ich schlief? Habe ich gesprochen? Hat Pierre es gehört? Und was denkt er von mir?« Eines Nachts weckte mich Pierre, und als ich erwachte, fühlte ich, daß ich im Schlaf geweint hatte. Pierre war ängstlich, glaubte, daß ich krank sei, und überhäufte mich mit Zärtlichkeitsbezeugungen. »Warum hast du geweint?« fragte er. »Ich weiß nicht,« antwortete ich. Ich lag stille und ich weiß, daß ich die Rolle eines Menschen spielte, der sich von dem Schrecken, den das heftige Erwachen aus einem bösen Traum hervorruft, nicht erholen kann. Ich hielt sogar den einen Arm über die Augen, als müßte ich meine Gedanken erst sammeln. »Hast du geträumt?« begann Pierre wieder. Und ich antwortete: »Ich erinnere mich nicht.« Ich hatte geträumt, daß Erik tot war, und mein Weinen war ein Ausbruch der Erleichterung, ein grauenvoll gemischtes Gefühl des Schmerzes und der Befreiung. Da sagte Pierre zu mir: »Du riefst Eriks Namen, als ich dich weckte.« Ich wußte, daß ich das getan hatte. Ich glaubte es selbst gehört zu haben. Ich hatte still dagelegen und kaum zu atmen gewagt, weil ich doch Pierre nicht fragen konnte, ob er es gehört hatte. Nun sagte er es selbst ganz ruhig, wie um meine Gedanken auf die richtige Fährte zu bringen. Er hatte also wieder nichts gemerkt. Es fiel mir wie ein Stein vom Herzen, und indem ich die Arme um seinen Hals schlang, flüsterte ich: »Pierre! Pierre! Ich bin so erschrocken!« Aber auch als ich dies sagte, fühlte ich, daß ich ihn betrog. Meine Kraft war wie erschöpft, und ich verstand kaum, was er meinte, als ich ihn sagen hörte: »Schlafe nun, Kind! Ich werde wach liegen, bis ich sehe, daß du eingeschlafen bist.« Ich schloß die Augen, weil ich seinen Blick nicht ertragen konnte. Ich atmete lange und tief, um Pierre zu überzeugen, daß ich schlief. Und ich tat das, um nicht fühlen zu müssen, daß seine Augen mich betrachteten. Als ich dann hörte, daß er eingeschlafen war, schlug ich die meinen wieder auf und versuchte an das zu denken, was geschehen war. Ich war so schwach, daß ich Gott dankte, weil er mich vor einer drohenden Gefahr beschützt hatte. Aber zugleich fühlte ich, daß dieses Gebet eine Lästerung war. Und bis der Morgen graute, lag ich wach und dachte, welches Unheil diese Lästerung auf mein Haupt herabbeschwören würde. 9 Jeden Morgen, wenn ich mich allein glaube, gehe ich zu meinem Schreibtisch, nehme meinen Kalender vor und mache mit einem Bleistift einen Strich über den Tag, der vergangen ist. Ich habe jedesmal das Gefühl, als atmete ich erleichtert auf, und zu gleicher Zeit starre ich mit Verzweiflung vorwärts und grüble über die vielen Namen und Ziffern nach, die nacheinander Seite für Seite füllen und noch unberührt dastehen, so als bedrohten sie mich mit dem unbekannten Schicksal, das sie in ihrem Schoß bergen. Wie oft bin ich nicht in den Sommern, die vergangen sind, so gesessen. Da strich ich auch den Tag, der verflossen war, durch, und mit Wehmut sah ich, wie immer weniger und weniger Tage übrig waren, bis der Tag kam, an dem ich die Türe unseres stillen Sommerheims schließen, in die große Stadt zurückkehren und nicht mehr mit den Kindern und Pierre allein sein sollte. Jetzt bebe ich vor Sehnsucht, daß die grauen Striche so zahlreich als nur möglich werden. Ich fühle Fieber im Blute, und ich werde mit jedem Tage, der vergeht, immer unruhiger. Es ist, als ob jeder Morgen, an dem ich mit dem Gedanken: »Noch ist nichts geschehen«, erwache, das Entsetzen verstärkte, das die folgenden Tage bergen, und ich vergesse nie, die Tage zu zählen, die ich noch nicht gesehen habe. Ich sitze da und betrachte die Blätter in meinem Kalender, und ich glaube, daß die kleinen gedruckten Typen auf diesen weißen Seiten in unsichtbaren Zeichen die wichtigsten unbeschriebenen Seiten im Buche meines Lebens enthalten. Ich meine, daß wenn ich es nur wagte, sie zu fragen, sie mir antworten könnten, mir sagen, was geschehen wird, und ich brenne vor Verlangen, diese Blätter abzureißen, sie aus meinem Leben auszulöschen. Es scheint mir, als könnte kein Glück größer sein, als wenn ich einschlummern könnte und nicht früher erwachen, als bis eine milde Hand mir wieder dies Buch vor die Augen hielte und mir zeigte, daß überall, wo die Seiten jetzt blank sind, nur kurze graue Striche wären, die mir sagten, daß alles vorbei sei. Wie ich da sitze, fühle ich, daß Pierre hinter mir steht. Ich habe seine Schritte nicht gehört, aber ich weiß, daß er da steht, und ich drehe mich nicht um, als ich seine Hand auf meiner Schulter ruhen fühle. Er beugt sich vor und blickt in das Buch, das ich offen halte. »Was tust du?« sagt er. »Sitzest du da und träumst?« Ich habe solche Angst, daß er weiter fragen könnte, daß ich gar nicht denken kann. Ich lehne den Kopf an seinen Arm und sage: »Ich sitze und sehe nach, wie lange es dauert, bis ich wieder mit dir allein sein kann.« Aber im selben Augenblick wird es mir bewußt, daß ich zu viel gesagt habe. Ich fühle, wie ich bei meinen eigenen Worten erblasse, und einen Augenblick wird es mir schwarz vor den Augen. Im selben Moment sehe ich auf und begegne Pierres Blick. Ich will sehen, was er denkt, sehen, ob er mich durchschaut hat. Um jeden Preis muß ich wissen, ob er den verborgenen Sinn meiner Worte verstanden hat. Da begegne ich seinem Blick und sehe, daß er zärtlich, tief und feucht ist. Es liegt ein glücklicher Glanz über seinem Antlitz, und er lächelt mir zu. »Hast du mich so lieb?« sagt er. Bei diesen Worten fühle ich, wie eine brennend heiße Röte der Scham meine Wangen und meinen Hals bedeckt, und ich senke meinen Blick vor dieser offenen Zärtlichkeit, die mein Glück und meine Qual ist. Er bedeckt mein Gesicht mit Küssen, gesteht, daß er eifersüchtig gewesen ist, daß auch er die Gäste weit weg wünscht, sagt mir, daß ich ihn durch meine Worte glücklich gemacht habe, und daß er sich nun seiner Kleinlichkeit und seines Egoismus schämt. Ich höre all dies an, ich erwidere seine Liebkosungen, fühle mich über alles emporgehoben, was mir unerträglich und dunkel erschien, und zugleich verbreitet sich über meinen ganzen Körper ein Gefühl der Kühle, die das Herz zusammenzieht, wie der Stich eines kalten, scharfen Eisens. 10 Pierre muß doch etwas ahnen. Er hat einen Verdacht. Ich kann es an seinem Benehmen gegen mich sehen, an seiner Miene, an seinem ganzen Wesen. Ich fühle es, wenn er mich liebkost, sehe es, wenn meine Augen den seinen begegnen, merke es an jedem Zug seines Gesichtes, wenn ich ihn betrachte und er sich allein glaubt. Besonders kann ich es daran sehen, daß er nicht mehr so arbeitet wie früher. Er geht umher und grübelt. Ich kann es ihm ansehen, wenn wir ein paar Stunden getrennt waren und er zufällig herein kommt. Er wirft einen Blick auf mich und glaubt, daß ich es nicht bemerke. Sein Blick ruht auf meinem Gesicht, als hoffte er, daß es ihm etwas von dem sagen könnte, was meine Worte verschweigen. So sitzt er eine Weile, über gleichgültige Dinge plaudernd. Dann geht er wieder, und ich glaube zu fühlen, wie sein Zweifel wächst. Ich glaube nicht, daß er einen direkten Verdacht hat. Aber er fühlt, daß es etwas gibt, von dem er nicht weiß, was es ist, daß ohne sein Wissen etwas vorgeht, was ihn selbst betrifft. Er kann es nicht erklären. Er sucht sich selbst zu überzeugen, daß es Einbildung ist. Aber es kommt wieder, es wächst in ihm, eines Tages kann er sich nicht länger beherrschen. Und dann wird er es mir sagen. Ich weiß das so sicher, daß meine ganze Energie von diesem Gedanken angespannt, wach und lebendig wird. Ich vergesse beinahe, an mich selbst zu denken. Anstatt dessen kreisen meine Gedanken um Pierre, und ich will ein Mittel finden, um seinen Blick wieder hell und sein Denken ruhig zu machen. Ich bin von einer Furcht erfüllt, die von ganz anderer Art ist als die frühere. Ich fürchte jetzt ihn allein zu lassen, ich will ihn stets in meiner Nähe haben, und ich möchte zu ihm sprechen, wenn ich nicht fürchten müßte, das Übel nur zu verschlimmern. Wir treffen uns ja immer erst am Abend allein, und da sagt Pierre nichts. Er ist freundlich, aber seine Freundlichkeit hat etwas Lebloses an sich, so als ob etwas in ihm erloschen wäre, und wenn er versucht, heiter zu sein, merke ich, daß er eigentlich nur bemüht ist, die Stimme zu übertönen, die nicht verstummen will, und die ihn die ganze Zeit über peinigt. Ich wurde meiner Sache gestern gewiß, als Elsa und ich unter der Marquise auf der Veranda saßen und Pierre von seiner Arbeit heimkam. Er ging den Weg hinauf, und als er das Haus erblickte, blieb er stehen und betrachtete es. Ich saß die ganze Zeit da und erzählte Elsa etwas, das im Frühling in Paris passiert war, und ich fuhr mit meiner Erzählung fort, als Pierre kam, damit er nichts merkte. Aber durch ein kleines Loch, das die Kinder in die Marquise gerissen hatten, konnte ich Pierre sehen. Er stand zuerst stille, so als überlege er, machte zweimal Miene ins Haus hinauf zu gehen, aber schließlich kehrte er um und begab sich in eine kleine Laube, von der aus man gerade in die Fenster des Hauses sehen kann. Da saß er eine Weile und starrte zu unserem Hause empor, und nie werde ich den Ausdruck vergessen, den ich in seinem Antlitz sah. Er war hoffnungslos und wundernd, beinahe flehend wie der eines Kindes und doch bitter wie der eines Mannes, der sich getäuscht fühlt. Ohne daß er es wußte, erzählte er mir da, daß er allein umherging und mit sich selbst kämpfte so wie ich, allerdings in anderer Art. Und ich begriff mit einem Male, daß, als er mich an jenem Morgen, an dem ich die Blätter meines Kalenders zählte, gefragt hatte, woran ich denke – er da meine Antwort nicht geglaubt hatte. Oder er hatte sie zuerst geglaubt. Als er von dem sprach, was er seinen Egoismus und seine Kleinlichkeit nannte, da befreite er sein Herz von all den Gefühlen, die er vielleicht ebenso lange mit sich herumgetragen wie ich die meinen. Aber nachher ist der Zweifel wiedergekehrt, er hat meine Antwort auf der Wage des Mißtrauens gewogen, er ist mit dem Resultat nicht zufrieden gewesen, und nun denkt er daran, denkt an all das – denkt, denkt und kann seine Gedanken nicht abschütteln. Ich saß lange da und sah Pierre an. Meine Zunge sprach vom Vernissagetage und der Feststimmung in den Champs Elysées. Aber in meinen Gedanken betrachtete ich alles Gewesene in einem neuen Lichte, und wie in einer Halluzination glaubte ich zu sehen, daß nicht alles so war, wie ich geglaubt hatte. Nichts war so gewesen, wie ich geglaubt. Ohne daß ich sie sehen konnte, ohne daß ich etwas zu ahnen vermochte, hatten all die unsichtbaren Kräfte, die in den geheimsten Tiefen der Menschenseelen arbeiten, ihr langsames Zerstörungswerk vollbracht, hatten das Band zwischen mir und Pierre zernagt, das, was ganz war, zerfetzt, was rein war, befleckt, was vereint war, getrennt. Ich sah dies Antlitz mit seiner bleichen Farbe und den brennenden Augen, die langen schmalen Hände, die Neigung des Kopfes – ich sah es alles, als wäre es mir näher gekommen und hätte mir alles erklärt. Es war, als wenn alles von mir fortglitte, und ich weiß nur noch, daß ich mich darüber wunderte, daß es mir plötzlich möglich war, so klar zu sehen, ohne auch nur zu versuchen, mir selbst zu widersprechen, ohne einen Gedanken daran, die Wirklichkeit von mir zu schieben. Es war, als hätte ich frisch und gesund dagesessen und ohne mit der Wimper zu zucken, die Nachricht, daß ich sterben sollte, entgegengenommen. Es war mir in dieser Stunde so, als bräche alles zusammen, und ich fasse nicht, daß ich, als Pierre endlich zu uns hinaufkam, seinen Gruß erwidern konnte, ohne daß meine Stimme zitterte. 11 Warum mußte das gerade jetzt geschehen? Warum mußte ich gerade jetzt so klar sehen, da ich doch zuvor nichts gemerkt? Die Tage waren ja vergangen. Die Stunde, die meine Angst von mir nehmen soll, kommt immer näher. Nur einige wenige Tage fehlen noch, einige wenige armselige Tage. Warum mußte das gerade jetzt geschehen? Ich bin so erfüllt von diesen Gedanken, daß alles, was mich früher beschäftigt hat, mich so tief quält, daß ich glaube, daß mir in diesem Leben nichts mehr geschehen kann. Es ist nun zurückgewichen, zu nichts geworden gegen das alles absorbierende Gefühl, daß Pierre mein Geheimnis weiß oder ahnt. Alles andere erscheint mir so gleichgültig und so klein. Es gleitet ab, als könnte es mich nicht mehr treffen, und ich gehe nur und grüble, was ich, wenn der entsetzliche Augenblick kommt, Pierre sagen soll. Alles andere könnte ich ertragen, das weiß ich nun, nur nicht ihn in jener entsetzlichen Grübelei erstarren zu sehen, die jetzt seine Seele beherrscht. Aber ich wage ja nicht zu sprechen. Ich kann mein Schweigen nicht brechen. Ich kann nur warten und die Tage zählen, die gehen, und die, die übrig sind. Da kommt Pierre eines Abends, als wir allein sind, und legt seinen Arm um meine Schulter. Ich fühle, daß er etwas auf dem Herzen hat, was er mir sagen will, und als ich aufsehe, sind seine Augen voll Tränen. Ich weiß nun, daß es kommen wird, und ich warte auf seine Worte, indem ich den Kopf auf seinen Arm neige und das Weinen zurückdränge, das mein Herz zusammenschnürt. »Es wird mir so schwer, es dir zu sagen,« beginnt Pierre. Seine Stimme zittert, und ich halte den Atem an, oder ich kann nicht atmen. Alles in mir scheint mir so still, und ich höre nur Pierres Stimme, die von unterdrücktem Leid zu zittern scheint. »Ich habe in letzter Zeit Verluste gehabt,« fährt er fort. »Ich wußte es schon im Anfang des Sommers. Ein Bankier, der mein Freund war, ist durchgegangen ... Es ist leider notwendig, daß wir unsere Lebensweise für eine Zeitlang ganz verändern ... Aber ich kann arbeiten, und ich hoffe ...« Den Rest hörte ich nicht. Denn die Spannung war zu stark gewesen, ich wurde ohnmächtig, und als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Sofa, während Pierre über mich gebeugt stand und meine Schläfen benetzte. 12 Nur dies, nichts anderes hatte ihn so grüblerisch gemacht. Ich kann nicht begreifen, daß das wirklich wahr ist. Nichts anderes als eine Geldfrage hatte es bewirkt, daß er diesen ganzen Sommer nicht derselbe gewesen war. Davor zurückschreckend, mir Kummer bereiten zu müssen, hat er sich mit seinen Gedanken in sich selbst verschlossen. Jedes von seinen Sorgen erfüllt, sind wir aneinander vorbeigegangen und haben nichts gesehen und nichts verstanden. Der Kopf wirbelt mir, wenn ich versuche, daran zu denken. Es schmerzt in meinem Herzen. Ich kann überhaupt nicht denken. Ich weiß nur dieses einzige, daß ich mich getäuscht habe, daß Pierre nichts gesehen, nichts geahnt hat, daß mein Geheimnis wohl bewahrt ist. Als ich aus meiner Ohnmacht erwachte, dachte ich an dies. Es erfüllte mich zuerst mit solchem Jubel, daß ich vor Freude hätte aufschreien können. Dann fühlte ich mich von ungeheurer Scham gequält. Was mußte Pierre von mir glauben? Was sollte er denken? Würde er meinen, daß ich um seinetwillen nichts ertragen, nichts entbehren könne? Ich war ja ohnmächtig geworden, als er mir erzählte, daß er Geld verloren hatte. Ach, wenn er wüßte, wenn er nur wüßte! Die Gefühle stürmten so durch meine Seele, daß ich meinte, ersticken zu müssen. Ich dachte nur an eines, fragte nur nach einem auf der ganzen Welt: daß ich Pierre über alles liebte und daß ich es ihm um jeden Preis sagen mußte. Ich fiel vor ihm auf die Kniee, ich weinte und lachte durcheinander. Ich benahm mich, als wäre ich wahnsinnig. »Ich verstehe dich nicht,« sagte Pierre. »Nein, nein,« sagte ich. »Du kannst mich auch nicht verstehen. Du bist den ganzen Sommer umhergegangen und so seltsam gewesen. Ich habe nichts gewußt, nichts ahnen können. Es war mir, als könnte ich dich nicht darnach fragen. Ich glaubte – ach, Pierre – ich glaubte, Du hättest mich nicht mehr lieb, du wärest meiner müde geworden, ich wäre dir gleichgültig. Ach, Pierre, ich bin so unglücklich gewesen, daß ich oft glaubte, ich müßte sterben. Aber jetzt bin ich nur glücklich, glücklich, glücklich!« Ich weiß nicht, wie ich das sagen konnte. Ich weiß nur, daß es wie eine Eingebung über mich kam. Als ich es sagte, kam es mir vor, als hätte alles sich wirklich so abgespielt, wie ich es sagte. Ich weiß nachher kaum, ob das, was ich sagte, Wahrheit oder Lüge war. Aber wenn es Lüge war, so habe ich nie so meine ganze Seele in alle Wahrheit gelegt, die ich je gesprochen oder gedacht. 13 Der Tag ist gekommen, an dem Elsa und Erik abreisen sollen, und zum ersten Male fühle ich mit einer Überraschung, die ganz den Charakter der Furcht hat, daß ich Erik, meinen Knaben, vermissen werde. Ich, die ihn während dieses ganzen Sommers vergaß, so wie ich ihn während des ganzen Lebens vergessen habe, das ihn von mir und mich von ihm getrennt hat, ich, die an nichts anderes als an Pierre gedacht, für Pierre gelebt, wachend und schlafend von Pierre geträumt – ich fühle nun, daß ich Erik vermissen werde. Oder ich fühle es nicht, so wie man etwas klar und deutlich empfindet. Der Gedanke eilt nur durch die Seele, wie aus einer unbeschreiblichen Verzweiflung geboren, die ich vergessen will und die in der nächsten Minute auch wirklich verschwindet. Alles, was heute geschieht, scheint mir nämlich unwirklich. So war es ja auch an jenem Tage, als Elsa und Erik kamen. Auch da erschien mir alles, was mich umgab, so, als wäre es nicht dagewesen. Es ist so ähnlich jetzt, und doch so verschieden. Denn in meinem Herzen bebt das Gefühl, daß es nicht möglich, nicht denkbar ist, ein solches Glück kann mir nicht widerfahren. Die ganze Angst und Schwere dieses Sommers kann nicht in einem Augenblick verschwunden sein. Nein. Ich kann es mir nicht denken. Es ist unmöglich. Ich kämpfe förmlich mit mir selbst, damit mich nicht ein Gefühl des Glücks, dem ich nicht widerstehen kann, überwältige. Ich muß bis zuletzt auf meiner Hut sein. Ich darf ja nicht zeigen, was ich fühle. Still und milde steigt in mir ein Gefühl der Dankbarkeit auf, dem ich Ausdruck geben muß. Ich gehe im Garten umher, pflücke die schönsten Blumen, die ich finden kann, ordne sie auf langen Stengeln zu einer Melodie von Farben, die mir alles zu künden scheint, was meine Brust erfüllt. Ich gebe sie Elsa, falle ihr um den Hals und flüstere aus der Tiefe meines Herzen einen Dank für alles, was sie an mir getan. Sie ist gerührt wie ich, und an ihrem Blicke sehe ich, daß sie verstanden hat, mehr als ich gewollt. Nun bedeutet es mir nichts, nun gleitet es ab. Nun mag sie wissen und verstehen, es ist mir gleich. Ich gehe hinaus und suche die Kinder. Sie stehen unter der Veranda, stumm und ernst. Erik und Susanne – mein ältestes Mädchen – sprechen wie zwei erwachsene Menschen miteinander. Sie versprechen, sich im Winter zu schreiben, und sie geben sich die Hand, um das Versprechen zu bekräftigen. Erik hat im Sommer einiges gelernt, er drückt sich französisch nicht schlecht aus. Ich bin stolz auf ihn. Und ich nehme die Kinder mit mir in den Garten, pflücke ihnen Früchte, und dann setzen wir uns unten an den Strand, um sie aufzuessen und zu plaudern. Es wird ein recht seltsames Gespräch über dies und jenes. Aber wir sind alle ein wenig feierlich, die Kinder sowohl wie ich, und ich bitte sie, einander nicht zu vergessen, sondern Freunde und gute Kameraden fürs Leben zu sein. Die ganze Zeit fühle ich mich dankbar gegen jemanden, dankbar für mein Glück, und ich muß es allen zeigen, die mir in den Weg kommen. Pierre kommt auf uns zu, er sitzt ein Weilchen bei uns und nimmt am Gespräch teil. Dann gehen wir zusammen über den Kiesweg zur Veranda. Pierre geht voran und führt Erik an der Hand. In seltsamer Weise habe ich das Gefühl, als ob seine Freundlichkeit gegen den Knaben mir wohltäte, und als wir hereinkommen, hasche ich verstohlen nach seiner Hand und küsse sie rasch. Er sieht mich zur Erwiderung an, aber ich lächele ihm ohne Zögern oder Angst zu, freimütig und offen. Mit einem Schauer der Freude erinnere ich mich, daß wir von einem Unglück betroffen worden sind, das ich Pierre tragen helfen darf. Ich fühle, daß er meine Zärtlichkeitsbezeugung als einen Dank für den ganzen Sommer aufgefaßt hat, und ich suche gleichsam in meinem Innern, um den empfindlichen Punkt zu finden, der früher bei der leisesten Berührung geschmerzt hat. Aber ich finde ihn nicht. Ich fühle nichts, und ohne auch nur eine Erklärung zu versuchen, lasse ich mich von der Stimmung des Moments ergreifen und sehe nur wie in einem Traum, wie alles um mich anfängt sich zu verändern. Ich kann uns noch alle sehen, wie wir zum letzten Male um den Tisch sitzen, bei jener kurzen Abschiedsmahlzeit, die uns für immer trennen soll. Es scheint mir nämlich, daß es für immer sein wird. Die Zukunft verschwindet vor dem Jetzt, das mich gefangen nimmt. Ich sehe Pierre sein Glas erheben, und ich schenke den Kindern Wein ein. Alle Köpfe neigen sich vor, ich sehe Tränen in den Augen der anderen, Susanne sieht gedankenvoll und ernst aus, und sie stößt mit Erik an, der versucht, sich tapfer zu halten. Dann sitzen wir wieder in dem großen offenen Wagen, die Kinder haben nicht darin Platz und müssen zu Hause bleiben – Pierre und ich sollen unsere Gäste zur Station begleiten. Ich kann nicht begreifen, daß nur zwei Monate vergangen sind. Zwei Monate! Ich verstehe nicht, daß ich nicht in der Zeit, die jetzt vorbei ist, alt geworden bin. Ich habe mich so alt gefühlt, als wäre ich ein greises Mütterchen, das schon aufgehört hat, an sich selbst zu denken. Oft bin ich vor dem Spiegel gestanden und habe nach den ersten grauen Fäden in meinem braunen Haar gesucht. Aber jetzt durchströmt mich etwas wie das Brausen einer Musik, die ich nie zuvor vernommen. Es klingt in mir mit dem Jubel von Hoffnung und Jugend, Frühlingssehnsucht und Glück. Ich gebiete mir selbst Schweigen. Ich muß dieses Gefühl ersticken, jetzt, wo ich Abschied nehmen soll. Und dann stehen wir wieder auf dem Perron. Wie ist er doch hell und traulich, sonnig und offen! Ich sehe den Zug kommen. Mit der Botschaft langer Sommerfahrten, Abenteuer und fremder Länder, Freiheit und Reiselust rollt er in den Perron. Wir sagen Lebewohl, die Reisenden steigen ein, ich höre den Pfiff der Dampfpfeife, das Stöhnen der Lokomotive – wie lange es dauert, wie ewig langsam es geht – dann begegne ich Eriks großen, blauen Augen, und es legt sich wie ein Schleier über meinen eigenen Blick. Dann ist alles verschwunden, und an Pierres Arm gehe ich zu dem Wagen zurück, der wartet. Ein Gefühl unsäglicher Wehmut erfüllt mich, und als wir in die lange Pappelallee kommen, lehne ich meinen Kopf an Pierres Schulter. Ich kann das Ganze nicht fassen, ich verstehe nichts, ich nestele mich in seine Umarmung, als könnte er mich vor allem Bösen auf der Welt schützen, und voll von dieser wunderlichen Dankbarkeit, die ich nicht erklären kann, fühle ich den leisen Druck seiner Hand auf meinem Arm. So sitzen wir still, bis der Wagen sich wieder dem Dorfe nähert. Es ist jetzt Abend, und die Strahlen der Sonne fallen schräg auf die Ebene, die weit weg in Blau vertönt. Wir fahren in den Hof ein, und als ich wieder auf der Schwelle unseres Heims stehe und die Kinder sehe, die uns entgegenkommen, da merke ich, daß ich vorher nichts von all dem gesehen habe, was mir so teuer war und ist. Mit einem Blicke, der sich zu weiten scheint, um alles zu umfangen, sehe ich die grünen Walnußbäume, die dunklen Pappeln, den lichten Garten mit seiner langen weißen Mauer, die Bäume, die Früchte tragen, den Fluß, der so still an unseren Fenstern vorübergleitet. Ich sehe die Kinder so wie ich sie während dieses ganzen langen Sommers nicht gesehen. Und ich sehe Pierre. Er ist wieder bei mir, und ich bei ihm. Es wurde Abend, und es wurde dunkel. Auf der Veranda brannte die Lampe, und es war draußen so windstill, daß die gelbe Flamme nicht zuckte. Wir saßen nebeneinander, und an Pierres Hand, die die meine hielt, fühlte ich, wie glücklich er war, daß wir wieder allein waren. Da wurde plötzlich die ganze wunderliche Stimmung gebrochen, die mich früher beherrscht hatte, und eine furchtbare Beklemmung bedrückte mein Herz, als sollte mir die Brust zerspringen. Wie oft waren wir nicht so wie jetzt gesessen, stumm, ohne zu sprechen, einander nur bei den Händen haltend, und zwischen uns wehte der Hauch von Gedanken und Ahnungen. Zwischen uns wuchs das große Glücksgefühl, das nichts stören, nichts vernichten konnte! Ich wußte so gut, was Pierre fühlte. Er empfand nur was ich so oft selbst gefühlt, nur daß er mich nie, nie, so über alle Grenzen vergöttern konnte, wie ich ihn vergötterte. Aber in einer seltsamen, kühlen und stillen Weise begriff ich, daß, während er glücklich war, mein Gefühl nicht wie einst dem seinen begegnen konnte. Es gab einen leeren Raum in meinem Innern, und da war etwas, das sich in stummer Qual wand und stöhnte. Es war wie ein unseliger Geist, der in meiner Brust keine Ruhe finden konnte, und mit einem Schmerz, den die Angst dieses ganzen Sommers noch vergrößerte, fühlte ich, daß jetzt, wo ich mit Pierre allein war, etwas Neues begann, etwas, das ich nie geahnt, etwas, das sich an hellen Frühlingstagen und stillen Nächten langsam über mich schleichen würde. Er würde in mir kämpfen und mir nie Ruhe gönnen. Ich schloß die Augen und schmiegte mich enger an Pierre. Ich hatte das Gefühl, als wenn mein ganzes Leben verzehrt würde und verkohlte. Ich sah wieder auf, und meine Augen begegneten der Dunkelheit, die sich gegen den gelben Schein der Lampe um die Veranda zusammenzuballen schien. Schauernd betrachtete ich diese Dunkelheit, und es war mir, als wäre etwas darin verborgen, das hervortreten und sich mir nähern würde. Da hörte ich Pierres Stimme sagen: »Wie blaß du bist!« Ich erschrak über seine Worte. Ich hatte beinahe vergessen, daß er da saß, und es quälte mich, daß ich nun, wo die Stunde gekommen war, nach der ich mich gesehnt, ihm nichts zu sagen hatte. »Ich friere,« sagte ich und stand auf. Ich wußte nicht, was ich sagte, ich konnte nur diese Liebe nicht ertragen, die die meine suchte und die ich nicht ohne Schmerz erwidern konnte. So standen wir auf und gingen hinein, und Pierre hielt seine Hand um meine Schulter. Es war mir, als hätte er, ohne es zu wissen, eine Leiche umarmt. 14 Paris, im September. Es geht nicht so leicht, eine Erinnerung auszustreichen, wie den kleinen kurzen Strich über einen Tag im Kalender zu ziehen. Es geht nicht so leicht. Ich fühle es wohl. Denn sie kann über mich kommen, wenn ich allein bin oder wenn Pierre bei mir ist. Sie läßt mich zusammenzucken, wenn ich über die Straße gehe, oder unter anderen Menschen sitze, rings um mich fröhliches Geplauder. Es ist derselbe kleine Punkt, der früher zu schmerzen pflegte und den ich wieder fühle. Wenn ich nun an den Sommer denke, der vergangen ist, weiß ich nicht, wie ich ihn ertragen konnte. Und wenn ich daran denke, welches Unrecht ich gegen Pierre begangen, dann glaube ich zuweilen, daß ich es ihm einmal sagen werde. Wenn wir beide sehr alt geworden sind, und die Jugend nur mehr in unserer Erinnerung lebt, dann werde ich einen Abend wählen, an dem wir allein in der Dämmerung sitzen und das Feuer im Kamin verkohlt ist. Da werde ich ihm alles sagen und ihn fragen, ob er mir verzeihen kann, daß ich ihn so sehr geliebt, daß eben die Liebe selbst meine Zunge band. Aber ich weiß auch, daß, wenn ich alt werde, ich ebensowenig imstande sein werde zu sprechen wie jetzt. Dann wird alles, was Pierre und mich verbindet, mir so kostbar sein, daß ich fürchten werde, zu verlieren, was wir an gemeinsamen Erinnerungen besitzen, so wie ich jetzt fürchte, das zu verlieren, was uns an Glück und Leben verbindet. Denn alles, was geschieht, und alles, was ist, fügt ein neues Glied in die Kette, die wir beide im Leben verflochten haben. Ich kann es nicht ertragen, daß das kleinste Stück davon verloren geht, und darum werde ich mein Geheimnis bewahren, wie ich es bisher getan. Und jeden Abend, bevor ich einschlafe, werde ich Pierre schweigend um Vergebung bitten. Wie die Erinnerung an einem wunderlichen Traum sucht mich zuweilen der Gedanke an die Frau heim, die nie einen Mann liebte, sondern ein Kind suchte, das ihr Reichtum ward. Wenn das geschieht, denke ich immer an Erik, und ich möchte wissen, was er sagen würde, wenn er erführe ... Ich meine, daß diese Frau mir etwas zu sagen hätte, wenn ich sie sehen würde, aber ich verstehe sie nicht. Ich erinnere mich an Pierres Worte, daß ein Mensch immer daran schuld ist, wenn er im Leben etwas begegnet, das er nicht versteht. Aber könnte er mir wohl verzeihen, wenn er alle meine Gedanken wüßte? Ich glaube nicht. Vielleicht ist dieser Zweifel von Anfang an mein ganzes Unglück gewesen. Nun sind wir wieder zu Hause, und alles ist wie zuvor. Pierre ist heute in Arbeitsstimmung, ich höre es an seiner Stimme, wenn er manchmal draußen im Atelier pfeift. Ich sitze allein – nur ein Zimmer trennt mich von ihm – ich habe keine Angst mehr, hineinzugehen, wenn ich mich sehne, in seiner Nähe zu sein, und ich schlage meinen Blick nicht mehr nieder, wenn ich dem seinen begegne. Es liegt ein Jubel in diesem Gefühl, der ohne Grenzen ist. Und zuweilen fühle ich einen wilden, unbezwinglichen, unvernünftigen, unbändigen Stolz auf alles, was ich um meiner Liebe willen gelitten habe. Es scheint mir, daß mein Leiden mir das Recht gegeben, glücklich zu sein, und ich fühle mich stark, weil ich mich auf mich selbst verlassen kann. Aber es gibt auch andere Augenblicke, und da überfällt mich eine Angst, die ich nicht bezwingen kann, die Furcht, daß das, was geschehen ist, sich wiederholen könnte. Ich fürchte, daß ich dann nicht dieselbe Stärke des Widerstands haben werde. Die Erde scheint mir so unheimlich klein, und ich wollte gern Weltenräume zwischen mich und alles legen, was mich von Pierre trennen kann. Denn ich habe um Pierre gekämpft, nicht mit dem Tode, sondern mit dem Leben selbst. Und niemand kann den Tod so fürchten, wie ich einmal vor dem Leben geschaudert habe. Die Erinnerung an dieses Entsetzen kann mich noch zuweilen überfallen und mich ängstigen. Aber sie kann mich nicht unglücklich machen. Denn ich liebe Pierre, liebe ihn mehr als Worte aussprechen können, mehr, als ich selbst weiß.– – – Aber denke ich an all dies, dann erscheint es mir so seltsam, daß ich glaube, nie das Geringste von meinem eigenen Leben verstehen zu können. Und dennoch weiß ich, daß jeder andere es noch weniger verstehen würde als ich. Das gelbe Haus Le ciel est pardessus le toit si bleu, si calme. Un arbre pardessus le toit berce sa palme. La cloche dans le ciel qu'on voit doucement tinte, Un oiseau sur l'arbre chante sa plainte. Mon Dieu, mon Dieu, la vie est là simple et tranquille. Cette paisible rumeur-là vient de la ville. Qu'as tu fait, o toi que voilà Pleurant sans cesse Dis qu'as tu fait toi que voilà de ta jeunesse? De ta jeunesse? Paul Verlaine   1 Irre bin ich gegangen, irre durchs Leben, und wie einen Schlag, der mich gleichzeitig in Hirn und Herz trifft, fühle ich, wie diese Entdeckung mein ganzes Wesen durchströmt und all das, was ich einst geordnet und klar zu sehen wähnte, in das wildeste Chaos verwandelt. Irre bin ich gegangen. Ich bin wie im Kreise in meinen eigenen Fußtapfen umhergeirrt, ich finde mich nicht zurecht, ich stehe nur stille und sehe mich um in des Lebens Waldesdunkel, und wundere mich, wie es zugehen kann, daß ich all das nicht früher gesehen. Aus diesem Kreislauf bin ich zu dem Punkte zurückgekehrt, von dem ich ausgegangen war. Ich weiß, daß ich einmal gerade hier stand, wo ich mich jetzt befinde. Der Weg lag so deutlich und klar, wie er noch vor mir liegt, von einem wehmütigen Strahl von etwas beleuchtet, das Sonne oder Mond sein kann, aber vielleicht nur meine eigene Hoffnung ist, die lebt – trotz alledem. Und doch griff ich fehl. Es bedurfte bloß eines verräterischen Schimmers, der mich von meinem Wege ablockte, nur eines kleinen Irrlichts, das mich hinaus auf schwankes Moor führte. Es war vielleicht nichts anderes, als daß ich rechts von einem dichten Gestrüpp ging, wo ich links gehen sollte. Und gleich ließ mich der Instinkt im Stiche. Ich ging und ging, wunderlich genug all die Zeit mit dem bestimmten Gefühl, daß mein Weg der rechte war, und daß ich nie sicherer gegangen. Bin ich schwächer als andere Menschen? Oder sind alle Menschen ebenso schwach wie ich? Nun stehe ich wieder an derselben Stelle, wo ich damals stand. Nun fällt gleichsam ein kaltes klares Licht auf die Stelle, wo ich zuerst den Weg verlor. Es leuchtet wie Phosphor oder Elektrizität, und dieses Licht ist vielleicht nichts anderes als mein eigenes Ich, das aufgewacht und Herr über sich selbst geworden ist. Welche unnützen Schritte, welche lange zwecklose Mühe, welche Last und welche Verzweiflung! Welche Todesmüdigkeit in dem Gefühl, von neuem beginnen zu müssen, welche Todesangst, welche Scham in der Reue selbst, welcher Wahnwitz in dem bloßen Gedanken: Alles, was gewesen ist, ist Schein. Alles was geschah, war Trug. Alles was geschehen wird, ist Qual, Schmach und Armut. Und wieder zuckt der Gedanke wie ein schneidender Blitz durch meine Seele. Du bist irre gegangen und hast es nicht einmal gewußt. Du mußt umkehren, und der Weg, den du findest, wird ein anderer sein, als der, den du einmal für den deinen hieltest. Und gleichzeitig will es mir scheinen, als wäre ich nicht nur jetzt fehlgegangen. Das ganze Leben, glaube ich, bin ich um mich selbst herumgeirrt. Ich stehe und sehe in das, was gewesen ist, hinein mit derselben Empfindung, als starrte ich in einen tiefen, schwarzen, kochenden Strudel, der mein Leben umsponnen, und aus dem ich in wunderbarer Weise gerettet wurde. Ich höre ihn brausen, ich fühle noch, wie er mich hinabzerren will, sehe seine Wellen, die in alle Ewigkeit einander zu greifen und loszulassen scheinen. Und ich begreife nicht, wie ich gerettet werden konnte. Fasse nicht, daß ich es bin, der da steht und all das sieht . Fühle mich bloß wie schwindelig nach einem wogenden Sturm, will forteilen, um in Sicherheit zu kommen, aber muß stehen bleiben und in diesen Wirbel hineinsehen, der mir in den Boden versunken scheint, an eben der Stelle, wo ich zuerst den Weg verlor. 2 Augenblicklich ist nichts anderes geschehen, als daß meine Frau und ich allein durch die öden Zimmer gingen, in denen die Gardinen herabgenommen waren, wie zum Abschied aus einem Raum in den anderen gingen und die Strahlen der untergehenden Sonne durch die gelbgewordenen Blätter der Ulmen fallen sahen. Wir gingen aus meinem Zimmer in den Speisesaal, aus dem Speisesaal in das Wohnzimmer, aus dem Wohnzimmer in die Schlafkammer. Dann gingen wir denselben Weg wieder zurück, und auf unserer Wanderung wurden wir wie von unsichtbaren Wesen begleitet, die wir nun zurücklassen sollten, und von denen wir Abschied nahmen. Wir blieben vor dem Fenster im Wohnzimmer stehen, wo wir so oft gesessen, und, von jener wunderlichen Wehmut erfüllt, die uns an gewisse Augenblicke in unserem Leben so denken läßt, als schlössen sie gleichsam mehr in sich als das Leben selbst, standen wir stumm da und sahen hinaus über die Terrasse. Es war einer jener milden Herbstabende wo die Blätter eins um andere fallen, sachte und bebend, als wollte die Vernichtung sich still, unbemerkt über die Natur schleichen. Es liegt etwas Liebkosendes in dem milden Ton, der sich über Blumen und Blätter breitet. Es ist beinahe, als brächte der Herbst es nicht über's Herz, mit schwerer Hand an des Sommers Pracht zu rühren. Mit etwas von der milden Kühle ruhiger Resignation breitet er die Decke fallender Blätter über die gebärmüde Erde. Und wenn der letzte Strahl der Sonne über das Gras des Bodens huscht und in den Wipfeln der Bäume verschwindet, in den großen Glutball, der im Westen verlischt, gleitet und mit ihm verschmilzt – da hinterläßt er eine gedankenvolle, schweigende Stimmung, die weder Schmerz noch Unruhe ist, weder Aufruhr noch Kummer, die nur in das stille Friedensgefühl übergeht: jetzt ist es Herbst, jetzt muß die Erde schlafen. So schlief alles um uns, als wir in der Dämmerung ausgingen und von der alten verfallenen Terrasse zum letzten Mal unsere Blicke zurück zu dem gelben Hause wandten. In ein paar Fenstern brannte Licht, sie blickten uns entgegen wie zwei Augen, zwei wunderliche, sprechende Augen, die uns in ihrer stummen Sprache alles sagten, was wir in den zwei Jahren, die wir hier gewohnt, durchlebt hatten. Diese Augen schienen alles gesehen und alles verstanden zu haben. Sie sagten uns beiden vielleicht nicht dasselbe. Sicherlich war ein großer Unterschied in der Sprache, die sie zu Olga redeten, und der, die ich zu vernehmen glaubte. Aber wie ferne ihre Gedanken auch in diesem Augenblick von den meinen waren, so fand sich doch in diesen stummen Lichtern, die aus dem Heim leuchteten, dessen Türen sich bald hinter uns beiden schließen sollten, ein Vereinigungsband, das uns zueinander zog und gleich Erinnerungen wirkte, die die Gedanken fesseln und die Herzen öffnen. Und als wir endlich umkehrten und sachte weiter gingen, über dürre Zweige schreitend, die unter unseren Tritten zerbröckelten, da merkte ich, daß meine Frau den Kopf senkte, und ich begriff, daß sie weinte. So fremd waren wir einander seit langen gewesen, daß ich mit Erstaunen merkte, daß sie vor mir ihren Gefühlen Luft machte. Ohne zu sprechen, gingen wir weiter unter den alten Bäumen, deren Äste sich über unseren Köpfen zu einem Gewölbe verflochten. Darunter war es dunkel, aber als wir an die Barriere herankamen, strahlten uns die tausend und abertausend Lichter Stockholms entgegen, das sich in einem phantastischen Bogen zu unseren Füßen ausbreitete. Ich hatte es nicht gewagt, Olga zu fragen, woran sie denke. Ich hatte nichts gesagt, das eine Antwort hervorrufen, oder als Neugierde gedeutet werden konnte. Ein halbes Jahr lang hatten wir als Fremde gelebt, und ich hatte mich in den Gedanken vergraben, daß nichts anders werden würde. Aber hier in dem Lichte, das uns von dem nächtlichen Festschmuck der großen Stadt entgegenglänzte, sah ich wieder, wie die Tränen aus ihren Augen fielen, ich sah ein Beben in ihrem Antlitz, das ich aus der Zeit her kannte, wo die leiseste Regung in diesen Zügen in mir selbst ein Echo weckte, und ich wurde von Mitleid ergriffen. Ich hatte das Gefühl, daß sie an meinem Arm so einsam dastand, als hätte die ganze Welt sie fortgestoßen. Und in der Erinnerung an das Gefühl, in dem wir einander einstmals begegnet waren, beugte ich mich hinab und küßte ohne ein Wort die Tränen von ihren Wangen. So standen wir lange und sahen hinaus zur Stadt, die wir einmal geflohen, in der Furcht, mit in den wilden Ringtanz um das goldene Kalb gelockt zu werden, das der König der Welt ist. Die Erinnerung an das, was wir suchten, als wir fortzogen von dem Lärm der Straßen, der Hetzjagd des Lebens, dem Karneval der Vergnügungen, zog mit einem Ton tiefen Schmerzes durch meine Seele. Und wie vom selben Gefühl ergriffen, kehrten wir um und gingen wieder hinauf zu dem gelben Hause, wo die beiden hellen Fenster uns entgegenleuchteten wie zwei unergründliche Augen. Als wir eintraten, blieb Olga in meinem Zimmer stehen, und zum ersten Male seit mehr als einem halben Jahre sprachen wir miteinander. Es war Olga, die sprach, und ich hatte ihr nichts zu antworten. Aber mit jedem Worte, das sie sagte, wuchs meine Angst in dem Bewußtsein, wie sehr ich irre gegangen. 3 Es gibt Zeiten in unserem Leben, wo es aussieht, als jagten uns böse Geister in Unglück und Verderben hinein. Aus der Tiefe unserer Seele tauchen Mächte empor, die wir niemals bemerkt haben, oder deren Dasein wir nicht einmal uns selbst zugestehen wollten. Es ist wie Hexerei in unserem Blute, wie gaukelnde Spiegelbilder vor unserem Blick. Unsere Augen sehen nicht, unsere Ohren sind taub, unser Verstand schläft, unser Gefühl ist tot. Das ganze Leben wird eine teuflische Fatamorgana, deren Blendwerk uns zu unnatürlichen Handlungen anreizt, und deren Trugbilder den Platz einnehmen, wo früher des Lebens Wirklichkeiten geherrscht. Ich schlief nicht in der Nacht, in der meine Frau zu mir gesprochen, und als ich ihre Hand zum Gutenachtgruß ergriff, wußte ich nicht, was ich sagte. Aber als ich allein blieb, sank ich in den Stuhl vor meinem Schreibtisch, und in einem Nu glaubte ich alles zu sehen, was gewesen, das ganze wunderliche Schicksal, das mich gefangen gehalten, es in einem neuen Lichte zu sehen, das mir Entsetzen einflößte; nicht bloß vor mir selbst, sondern vor dem ganzen Leben und allem was es im Leben gab. Langsam verschwand dieser Eindruck. Langsam tauchte ein Gedanke aus dem Chaos empor. Dieser Gedanke verbreitete sich weiter, so wie ein Licht in die dunkelsten Ecken eines finsteren Zimmers dringt, und sachte glitt die Geschichte des letzten Jahres an meinem Blick vorbei, mir mein eigenes Ich mit jener qualvollen Unbarmherzigkeit zeigend, so wie wenn man vor einen Spiegel zu sitzen kommt und, von sich selbst fasziniert, gezwungen ist, seine eigenen Bewegungen zu verfolgen, sein Mienenspiel, den geringsten Zug, der sich in dem Gesichte verändert, das man nicht abzuwenden vermag. 4 Die erste Zeit, deren ich mich entsann, war die, als wir zuerst hier herausgezogen. Ich war seit einigen Jahren als kommerzieller Direktor einer Aktiengesellschaft angestellt, und meine Arbeit war von der Art, daß sie mir die Abende frei ließ, aber mich ungefähr den ganzen Vormittag beschäftigte. Die Geschäfte der Gesellschaft waren recht umfassend, und da ich in dieser Zeit in lebhafte Berührung mit einer Menge Menschen kam, war es natürlich, daß ich auch in das Verkehrsleben hineingezogen wurde, das Stockholm charakterisiert und dessen Schwerpunkt immer mehr von den Familien in die Restaurants verlegt wird. Es gab Zeiten, wo meine Frau und ich uns kaum öfter sahen, als wenn ich nach Hause kam, um sie abzuholen, und uns erst allein trafen, wenn wir um zwölf oder ein Uhr zu zweien auf der Straße standen, eine Droschke suchend, die uns nach Hause bringen sollte. Die Hetzjagd dieses Lebens war es, die zum ersten Male etwas wie eine Verstimmung zwischen uns beiden hervorrief. Ich kann mich noch erinnern, wie wir, wenn wir zufälligerweise einen Abend allein zu Hause saßen, uns unruhig fühlen konnten, als ob wir etwas vermißten oder wünschten, daß etwas einträfe, um die Stunden auszufüllen, die nicht durch Arbeit oder Vergnügen in Anspruch genommen waren. Wir waren gleichsam befangen über dieses ungewohnte Tete-a-tete, konnten keinen Anlaß finden, es abzubrechen, ebensowenig irgend eine Beschäftigung ausfindig machen, um uns die Zeit zu vertreiben. Wenn der Abend kam, wurde diese Unruhe unerträglich. Das Bedürfnis, Menschen zu sehen, Lärm zu hören, vielleicht auch das Verlangen nach dem Stimulus der Erfrischungen – all das vereinte sich zu einem Fieber, das uns keine Ruhe ließ. Als ob wir gefürchtet hätten, daß die Gedanken in der Einsamkeit zu tief dringen und uns den Abgrund zeigen würden, an dem wir Feste feierten, begannen wir einen Anlaß zu suchen, dieses Zuzweisein abzubrechen, das unsere Unruhe erregte. In dem wahnwitzigen Wirbel, in dem wir lebten, der übrigens nichts anderes war, als was die Mehrzahl der Menschen, die »mitleben«, Jahr für Jahr erträgt, verlernten wir gewissermaßen das Vermögen, miteinander zu leben, und wir fanden es erst wieder, wenn der Sommer kam und wir uns in unsere Villa in den Schären zurückzogen. Das einzige Überbleibsel des Bedürfnisses, ein ruhiges, glückliches Leben zu leben, das noch in uns vorhanden war, äußerte sich darin, daß wir in den Sommermonaten gerne so weit als möglich hinauszogen, um wenigstens da allein zu sein. Hier lebten wir miteinander und mit unseren Kindern. Und hier holten wir Kräfte, um im kommenden Winter dieselbe törichte Lebensweise fortzusetzen, von der wir uns im Frühling weggesehnt hatten. An wie viele Male aus dieser Zeit erinnere ich mich nicht, wo wir von einem ausgelassenen Fest, bei dem der Champagner floß und die Stimmung gehoben war, still und verstimmt durch die menschenleeren Straßen gingen, um zu unserem Heim zurückzukehren. Wir waren beide gleich müde, gleich überdrüssig des Lebens, das uns durch überanstrengende Arbeit und ebenso überanstrengende Zerstreuung ruinierte. Ich öffnete das Haustor, wir gingen die Treppen hinauf, und sowie wir die Überkleider abgelegt hatten, zündete Olga ein Licht an und ging ins Kinderzimmer. Ich folgte ihr auf den Zehen, um die Kinder nicht zu wecken, und bei ihren Betten blieben wir stehen, sahen ihre frischen Gesichter an und lauschten ihren ruhigen, gleichmäßigen Atemzügen. Es durchfuhr uns wie Gewissensbisse, während wir dastanden, und wir schmiegten uns schweigend aneinander, wenn wir das Zimmer verließen. An solchen Abenden konnten wir lange aufbleiben und fühlen, wie wir immer tiefer hinab in jenes Dunkel gezogen wurden, das Leere ist. Was nützte es uns, wenn wir mit den Jahren vermögend wurden? Was nützte es uns, daß wir noch jung waren, sogar glücklich sein konnten? Wir wurden mit in den Wirbel gerissen, wie Späne, die ohne Aufenthalt oder Ziel umhergeworfen werden, unser ganzes Leben war nichts anderes als ein sinnloses Jagen nach leeren Schalen, die zu knacken es der Mühe nicht verlohnte. Bei solchen Gelegenheiten gelobten wir einander zuweilen, daß wir ein anderes Leben beginnen würden. Ein paar Tage hielten wir auch Wort – bis die physische Müdigkeit überwunden war. Es gibt keine Worte, um die sinnlose Qual zu schildern, die ein solches Leben mit sich bringt. Wir hatten eine Lebenskraft, die uns gestattete, zu genießen, wir waren jung genug, um uns des Lebens freuen zu können, wir hatten das Glück, zumeist mit Menschen zusammenzutreffen, die unsere Tage nicht zu inhaltslos machten. Aber dieser beständige Wechsel zwischen Müdigkeit und Fieber hält die Seelen, die er einmal ergriffen, fest, ebenso sicher, wie die Prostitution die Frauen behält, deren Körper einmal in den Zauberkreis gekommen sind, wo das schwarze Gespenst über die Nächte der großen Städte herrscht. Ich weiß nicht, ob andere in meiner Lage dieselben Erfahrungen gemacht haben, wie ich. Aber ich habe Grund zu glauben, daß wir nicht die einzigen waren, die ihr ganzes Verhältnis entzweigerissen fühlten durch jene Überreizung, die in einem Übermaß von Zerstreuungen liegt. Es war beinahe, als schämten wir uns voreinander dieser Lebensweise, deren einzige Entschuldigung die war, daß sie sich in keiner Hinsicht von der aller anderen unterschied. Wir wurden nervös und überreizt. Der geringste Mißerfolg war hinreichend, um uns aus dem Gleichgewicht zu bringen. Eine Kleinigkeit konnte Zornesausbrüche hervorrufen, deren Brutalität uns erröten ließ, während wir gleichzeitig bei ruhigerem Nachdenken über die Übertreibung lachen mußten, die in unseren Handlungen wie in unseren Worten lag. Ein kleiner Wortwechsel über die unbedeutendste Sache konnte eine Mißstimmung hervorrufen, die tagelang dauerte. Während dieser Tage wichen wir uns aus, es war zwischen uns wie ein heimlicher Groll, der bloß eines geringen Anlasses bedurfte, um loszubrechen. Dieser Groll war gleichzeitig schleichend und offen. Ich weiß nicht, wie ich ihn charakterisieren soll. Aber ich glaube, daß er eine gewisse Verwandtschaft mit jenem lauernden Haß hatte, der zwischen zwei Menschen besteht, die im geheimen durch das gemeinsame Bewußtsein eines gemeinsamen Verbrechens verbunden sind. Und war es nicht auch so zwischen uns? Wußten wir nicht, daß wir mit jedem Tage, der ging, etwas von dem zärtlichen Gefühle abstreiften, das uns einmal verbunden hatte? War es uns fremd oder unbekannt, daß wir all das versäumten, was das Leben reich und warm macht, und nur alles aufsuchten, was zersplittert und zerstört? Wußten wir nicht, daß der Kultus, den wir trieben, der Gottesdienst der Barbaren war, bei dem das Getöse der Pauken und Tambourine das Jammern der Unglücklichen übertönt, die in dem glühenden Ofen dem Moloch geopfert werden? Wußten wir nicht, daß wir täglich unser Heim opferten, unser Glück, unsere Kinder, und daß der Rausch der ordnungsmäßigen Orgie die Andacht des Lebens aus unseren Herzen vertrieb? Diese Andacht war es, die mehr als irgend etwas anderes aus unserem Leben fortstarb. Ihr Fehlen schuf das jagende, hitzige Gefühl der Disharmonie, das uns jeden Augenblick betörte, neue Betäubungsmittel zu suchen, um die Wirkung der früheren aufzuheben. Das furchtbare Gefühl, aus allem Gleichgewicht herausgeschleudert zu sein, ließ uns immer weiter die Unmöglichkeit, innezuhalten oder umzukehren, steigern. Und nie kann der Mahlstrom, der einen passionierten Spieler ergreift, verheerender wirken, als unser beider Glücksverlangen, das Tag für Tag unerbittlich das Glück in uns tötete. An einem Tage im Juni, nachdem wir kürzlich aufs Land gezogen waren, wurde uns diese Wahrheit zuerst klar. Wie gut erinnere ich mich nicht an jenen stillen Juniabend, wo wir den Strand entlang gingen und hinaus über das klare, ruhige Wasser sahen, in dessen Tiefe die eben aufgesprungenen Birken ihre hellen Knospen spiegelten. Ein Dampfboot glitt vorbei. Es warf große Wellen zum Strand hinauf. Sie seufzten unter unseren Füßen, spritzten auf den Kiesweg vor uns, und sanken wieder zurück, bis die Bucht wieder ruhig und klar dalag, nur mit einem leisen Schaukeln. Rings um uns kreisten die Vögel, der schrille Schrei einer Fischmöwe durchschnitt die Stille, und weit weg flogen einige Enten schwer über das niedrige Schilfrohr. Wir gingen und sahen all dies, als erwachten wir langsam dazu, einander zu kennen und zu verstehen. Aber es war, als hätte das Fieber und die Unruhe uns stumpf gemacht. Gedankenleer schritten wir dahin, und wir konnten das Gefühl der Hingerissenheit nicht wiederfinden, das uns ehedem beherrscht, sobald wir den Lärm der Stadt verlassen hatten und wieder Angesicht gen Angesicht der Natur gegenüberstanden. Wir konnten nicht wie früher Erleichterung empfinden, daß die Ruhe endlich kam. Wir konnten überhaupt nicht mehr das fühlen, was wir wußten, daß wir fühlen sollten, und es war kein Zweifel, daß nicht dieselbe Stimmung uns beide beherrschte und daß wir beide uns dessen bewußt waren. Todesverzweiflung lag in diesem Gefühl. Zum ersten Male empfanden wir es, und wie Kranke, die lange die Krankheit bemerkt, aber sie aus Unachtsamkeit die Oberhand gewinnen ließen, fühlten wir die eisige Furcht, die in der Vorstellung liegt, daß die Krankheit unheilbar sein würde, den Vorwurf, nicht beizeiten Heilung gesucht zu haben. Und mit Angst merkten wir, daß wir der Umgebung fremd waren, nach der wir uns mit dem wilden Ungestüm gesehnt, das stets all unsere Gefühle auszeichnete. Wir waren der Natur fremd, der Stille, dem Leben, einander, und beinahe mit Verwunderung hörten wir, daß alles um uns stille war, und begriffen gleichzeitig mit Schrecken, daß, wenn wir nur einen kleinen Schritt weiter gingen, wenn wir nur ein, zwei Jahre so fortfuhren, wir verurteilt waren, niemals umkehren zu können. Die Einsamkeit würde uns unleidlich werden, das Schweigen erschreckend wirken, wir würden beide vor den Tagen zurückbeben, an denen die Einsamkeit uns das Medusenhaupt der Leere zukehrte, und in unverbesserlichem Zerstörungsdrang würden wir uns aufs neue weiterziehen lassen, um das Entsetzen zu vergessen, das diese Stunde in sich schloß, – und das Entsetzen selbst ewig machen. Der Alp des Großstadtlebens war es, der uns in unserer Einsamkeit verfolgte, uns mit dem Wahlspruch der Hölle bedrohend: Lasciate ogni speranza voi ch' entrate . Es war kein ruhiger Entschluß, den wir jetzt faßten. Es war eine plötzliche, unwiderstehliche Todesangst, die uns einander in die Arme führte. Das Bedürfnis nach Rettung war so schreiend stark, daß wir kaum davon zu sprechen brauchten, und zuerst taten wir es auch gar nicht, ganz einfach weil wir es nicht konnten. Wie Menschen, die sich an narkotische Mittel gewöhnt haben, brauchten wir Zeit und Ruhe, um uns dem Einfluß zu entziehen, den diese Mittel ausüben. Wir brauchten Zeit, damit unsere Gefühle, die betäubt waren, die Fähigkeit wiedererlangten, zu sprechen, wir brauchten Zeit, bis alles, was in uns selbst verzerrt war, wieder in die richtige Lage kommen konnte. Wir sprachen nicht davon an diesem Abend, als wir schweigend miteinander den Strand entlang gingen, unter den hellen Blättern der Birken. Aber ich weiß, daß an diesem Abend in uns beiden das aufkeimte, was später unser Entschluß wurde. Da dachten wir zum ersten Male an das , was uns dann bewog, das gelbe Haus zu mieten, das auf dem Hügel liegt, von wo man Stockholm wie eine wunderbare Feenstadt sieht, im Sonnenlicht gebadet, im grellen Licht des Gases und der Elektrizität glitzernd, in das das Wasser kleine dunkle Furchen schneidet, in Nebel gehüllt, von weißem, blendendem Schnee bedeckt oder von Sprühregen umgeben, dunkel, schmutzig und unförmlich in allen Linien. Hierher zogen wir auch nach jenem Sommer der Gewissenspein, nachdem wir uns von allem losgemacht hatten, was uns an die Stadt band, und hier glückte es uns anfangs, das durchzuführen, was wir uns gedacht, uns selbst wiederzufinden und ein Leben zu leben, das von dem verschieden war, was wir früher durchgemacht hatten. Wie erinnere ich mich an dieses erste Jahr und den Sommer, der dem Umzug voranging. Wir waren wie Kinder, die der Riese gefangen gehalten, und ängstlich tasteten wir uns über die wohlbekannten Wege zurück, die, wie wir wußten, zur Heimat führten. Wir waren froh und doch beklommen. Wir genossen unsere Freiheit, aber wir fürchteten insgeheim, auf unserer Flucht von den bösen Geistern ertappt und gezwungen zu werden, in ihren Kreis zurückzukehren. Wir waren auf unserer Hut bei jedem Schritt, den wir machten, wir kämpften, um unser Leben zu schützen, und in uns fühlten wir neue Kräfte erwachen, neue Möglichkeiten neue Wege eröffnen. Still und sicher kehrte bei uns jenes ganze Gefühl für das Leben zurück, aus dem alles Glück kommt. Wohltuend fühlten wir das Einerlei der Tage an uns vorbeigleiten und unseren Sinn zum Zusammenklang mit dem ewigen Gang des Lebens stimmen, und als wir in das alte Haus zogen, vor dem die Bäume in herbstlicher Pracht standen und wo einige verstreute Astern in dem verwilderten Garten blühten, da war es uns, als wären wir durch ein Wunder einer großen Gefahr entronnen und nach einer furchtbaren Gefängniszeit dem Leben wiedergegeben. Was für ein Jahr das war! Was für ein Jahr! Nie wußte ich, daß das Zusammenleben zweier Menschen soviel Glück bergen kann, auch nicht, daß man auf so innige Art mit den Seinen zu leben vermag. Meine Kinder, die ich früher kaum gesehen, denen ich höchstens einen sentimentalen, in wunderlicher Weise mit Reue gemengten Gedanken zu widmen pflegte, wenn ich, von einem nächtlichen Souper heimkehrend, mich an der Seite meiner Frau über ihre Betten beugte, sie waren nun Persönlichkeiten geworden, die mit mir selbst zusammenhingen, auf mir beruhten, deren Charaktere ich würdigte und deren Freude und Schmerz ich teilen wollte und bat, teilen zu dürfen. Wir nahmen jeden Tag als ein neues Glück, und es verging keine Stunde, die nicht ihren Wert, ich möchte beinahe sagen ihre Freude hatte. Es war ein Altweibersommer in unserem Leben, der den ganzen Glanz des Frühlings hatte und uns mit einem Glück umstrahlte, über das wir uns selbst wunderten und das wir anderen nie zeigen konnten. Ich erinnere mich nur an eines, was uns verfolgen konnte, als trüge es eine Quelle der Unruhe in sich. Das war die Nähe der Hauptstadt, die wir durch die großen Bäume vor unseren Fenster schimmern sehen konnten, und die wir unter unseren Füßen sahen, so oft wir in dem alten Parke spazieren gingen, wo Erinnerungszeichen früherer Tage von einer Zeit sprachen, in der unser stiller Zufluchtsort der Sammelplatz für all die Vergnügungen war, von denen wir uns zurückgezogen hatten. Wenn wir über das niedrige Staket hinaussahen, konnte dieses Gefühl über uns kommen, besonders wenn die Festesfackeln sich in tausend Lichtern entzündeten, die gleich einer glitzernden Flamme durch die Nacht glühten. Dann konnte von dieser Stadt, in der wir so nahe daran gewesen, uns selbst zu verlieren, eine dumpfe Stimmung des Unglücks aufsteigen, die gleichsam eine fieberheiße Erinnerung der alten Vergnügungsjagd in unser Blut goß. Diese Erinnerung lockte und erschreckte zugleich. Es lag darin ein Etwas, das zurückkommen konnte, das unser ganzes Leben bedrohte. Und ich erinnere mich, daß ich einmal als Ausdruck unserer Gefühle Baudelaires Worte zitierte: La Prostitution s'allume dans les rues. Ein Schauer durchfuhr uns beide, und wie vom selben Gedanken ergriffen, wendeten wir uns um. Vor uns lag das alte, freundliche gelbe Haus, von seinen hohen Bäumen umgeben, hinter denen graue Felsen schimmerten. Es sah auf uns herab mit seinen leuchtenden Fenstern, und als wir hineingingen und die Tür hinter uns zuschlossen, senkte sich ein Gefühl der Geborgenheit in unseren Sinn, und ohne daß wir recht darum wußten, wuchs mit jedem Tage, der ging, in uns die Kraft, aus der die Freude am Leben sproßt. 5 Zu dieser Zeit hatte sich alles, was in uns beiden an Glücksverlangen war, zur Ruhe gelegt, nicht weil es verstummt war, sondern weil wir fühlten, daß es außerhalb der Welt, die wir uns selbst geschaffen, für uns nichts mehr zu verlangen gab. Nachher habe ich gedacht, daß vielleicht einige Wahrheit darin liegt, daß, wenn zwei Menschen das Glück gefunden haben, ihnen zuweilen in ihrem Glücke neidische Wesen folgen, die insgeheim daran arbeiten, daß ihre Seligkeit nicht länger währe. Vielleicht hat die Sage recht, wenn sie diesen Wesen, die sich ohne unser Wissen mit unserem Dasein beschäftigen, die Macht gibt, ohne daß wir es ahnen, ohne daß wir einen Augenblick ihre Nähe spüren, in unsere Sinne das heimliche Gift zu träufeln, das unseren Blick trübt und unseren besten Gedanken eine neue, früher ungeahnte Richtung gibt. Wie oft ist mir das nicht in den Sinn gekommen! Wie oft erschien es mir nicht als eine bloße plumpe Umschreibung, um das unerforschliche Schicksal zu bezeichnen, das unser ganzes Leben beherrscht. Dieses Schicksal, das wir mit Entsetzen und Neugier zugleich anstarren und das zu erforschen uns doch nie gelingt. Und doch ist diese Erklärung der Sage, wenn man es recht bedenkt, ebenso gut wie irgend eine andere. Im Grunde erklärt sie ebenso viel und ebenso wenig, wie irgend eine der gelehrten Auslegungen, die die Folianten moderner Psychologie füllen. Und es ist eigen, wenn der Schmerz kommt, dann kehren unsere Gedanken zurück zur Sage, zu den Ahnungen, die seit Generationen das schwermütige Bewußtsein der Alten von des Lebens Qual ausdrücken, und wo sie den Trost suchen, den die Psychologie nicht schenkt. Wenigstens taten es meine Gedanken, als das Unglück an einem Tage im April über uns hereinbrach. Das ist nun über ein Jahr her. Es kam in der Form von Krankheit und Tod, unser ältester Knabe war es, der starb – er, der das erste Kind unserer Liebe war, das Unterpfand unseres Glücks, er, der einmal das Licht der Welt unter Jubel und Freude erblickte, als es Mai war und alles um uns blühte. Er erreichte nun seinen neunten Geburtstag nicht, sondern die Krankheit nahm ihn, tötete das zarte Wesen, das unser Glück und unsere Hoffnung war. Und das war das Ende des ersten Jahres unseres Glücks, nachdem wir geglaubt hatten, die Welt verlassen und alles vergessen zu können, was uns mit Zauberbanden gefesselt. Wie erinnere ich mich nicht an diese Tage. Es waren nicht viele, aber ich gedenke ihrer jetzt, als wären es Monate gewesen. Am zweiten Tage hatte ich eine Absage ins Kontor geschickt, und im Schlafzimmer, in das wir sein Bett getragen hatten, saßen Olga und ich und fühlten schweigend, wie die Minuten gingen, und betrachteten den Knaben, der mit geschlossenen Augen und schwer keuchender Brust dalag. Er brannte im Fieber, und er zuckte wie ein Licht, das der geringste Windhauch verlöschen kann. Wir saßen da, ohne zu sprechen, aber in unser beider Brust kämpften die Tränen, und unsere Finger griffen in krampfhaftem Schmerz zu, wenn einer von uns versuchte, die Hand des anderen zu drücken. Wir warteten auf den Arzt, und er kam. Wie Stunden dünkten uns die kurzen Minuten, während deren er sich über unser Kind beugte. Er richtete sich auf und sagte ein paar Worte, die in unserm Ohren klangen, als könnten sie keine Beziehung auf das haben, was nun geschehen sollte. Aber als er ging, wußten wir, daß alle Hoffnung vorüber war, und daß unser kleiner John in ein paar Stunden tot sein würde. Was in diesen Stunden mit und in uns beiden vorging, das kann ich ja nie erzählen. Es ging uns, wie es den Menschen immer vor dem Tode geht. Hilflos saßen wir da, hilflos und ratlos. Wir hatten keinen Trost zu geben, uns kein Wort zu sagen. Wir saßen nur in verzweiflungsvollem Schweigen da und ließen die Sekunden Tropfen für Tropfen ihren Schmerz in unsere Herzen gießen. All unser Denken, alles, was wir empfinden oder meinen konnten, preßte sich in dem Gefühl für den kleinen Knaben zusammen, der dalag und im Fieber ächzte und leise für sich selbst Worte sprach, die wir nicht verstehen konnten. Und als der große Schatten sich zwischen ihn und uns senkte, als er uns schon dahin schien, unempfindlich für unsere Worte wie für unsere Liebkosungen, als nur die Brust sich mechanisch hob und der Atem so leise vernehmbar war, daß wir in Verzweiflung beinahe jene wunderliche Stille herbeisehnten, die sagte, daß zwischen uns und dem Toten das letzte Band zerschnitten war – da überfiel uns beide eine unnennbare Angst davor, daß er das ertragen sollte, was Menschenkraft übersteigt, und daß wir ihm nicht helfen konnten. Ach, wir fühlten ja da, was jeder Mensch, der sein Kind sterben gesehen, zu allen Zeiten gefühlt hat. Aber ich weiß, daß sich in diesem Augenblick zwischen mich und meine Frau das Schicksal drängte, das ich nun aufhalten möchte, aber nicht kann. Das war nicht nur ein Kind, das starb. Es waren die verborgenen Kräfte unseres ganzen alten Lebens, die, ohne daß wir es wußten, in diesem Augenblick zu wirken begannen. Wenn ich sage, daß wir beide unser Kind betrauerten, so ist das ein Ausdruck, der in keiner Weise dem Gefühl entspricht, das uns wirklich zu Boden beugte. Dieser Schlag traf uns mitten in einem Glück, das keiner kennen kann, außer dem, der einmal das Glück verloren zu haben glaubte und es dann wiederfand. So kostbar war uns das, was wir wiedergefunden, daß ein Verlust einem Todesstreiche gleichkam, der in uns das Lebensgefühl selbst vernichtete. Und unaufhörlich kehrten wir zu der Frage zurück: warum geschah das erst jetzt? Warum mußte das Ärgste geschehen, gerade als wir nach der Rettung aufatmeten? Es kam Frage auf Frage, mit jener Stärke gestellt, die eine Antwort hervorzwingt. Und in meiner Frau wuchs die Antwort, die sie im Anfang nicht einmal sich selbst eingestehen wollte. Sie benahm ihr die Kraft, sie erfüllte Tag und Nacht ihre Gedanken, und das machte ihren Sinn so schwer, wie der Tod des Kindes allein es nicht vermocht hätte. Ich hatte Angst vor diesem Schmerz, der mir in seiner Gewaltsamkeit unnatürlich schien, aber es vergingen Tage, während deren ich nicht wußte, daß dieser Schmerz etwas anderem galt, als unserem Kinde. Am Tage vor dem Begräbnis hörte ich Olga zum ersten Male davon sprechen. Wir standen zusammen an seinem Sarge, den man in ein kleines Kabinett gestellt und mit Hyazinthen, Aurikeln, Narzissen und Schneeglöckchen umgeben hatte. Alles, was der Frühling an Blumen und Grün besaß, hatten wir um das letzte Lager unseres Knaben vereinigt. Meine Frau hatte selbst alles geordnet, sie hatte die Blumen gepflückt oder sie gekauft. Es sah drinnen nicht wie in einem Sterbezimmer aus, sondern so, als feierten wir einen Geburtstag, und wie sie sich so mit den Blumen beschäftigte, betrachtete ich sie, und zum ersten Male fühlte ich einen Stich der Angst. Nicht Kummer prägte sich in ihren Gesichtszügen aus, sondern ein Gemisch von Grübelei und Selbstvorwürfen. Sie stand stille vor dem kleinen Bettchen. Ihre Hände strichen nervös über das Haar des Kindes, oder spielten mit den Blumen auf seinem Kissen. Stundenlang saß sie dort drinnen, und ihre Lippen murmelten unhörbare Worte. Endlich stand sie auf und strich liebkosend über das Bett – ein Mal ums andere – und ich glaube, daß sie den Toten um Verzeihung bat. Ich sah dies am letzten Abend, bevor er für immer fortgetragen wurde. Ich war in das Zimmer getreten, ohne daß Olga mich gehört hatte. Sie stand dort drinnen, die starren Augen auf das Bett des Kindes geheftet, sie weinte nicht, sondern hielt nur die Hände über der Brust gefaltet, und ihre Lippen bewegten sich. Es machte einen unheimlichen Eindruck auf mich, sie so zu sehen, fast wie eine Schlafwandlerin, die im Traume das offenbart, was sie wachend verschweigt. Ich weiß nicht, wie es mir möglich war, so plötzlich die bestimmte Empfindung zu haben, daß ich nicht Zeuge eines Schmerzensausbruchs war, sondern eines Leidens, das eine Gefahr für uns beide in sich schloß. Ich hatte das Verlangen, sie aus ihren eigenen Gedanken herauszureißen, und indem ich auf sie zuging, sagte ich, nicht als Trost, sondern wie in Angst, sie von diesem Kummer abzuziehen, den sie selbst vor mir geheim hielt: »Olga, Olga, woran denkst du?« Sie warf mir einen verwirrten Blick zu, als wollte sie mich abhalten, sie zu stören, und ihr Gesicht nahm langsam wieder den Ausdruck stiller Schwermut an, den es wahrend der letzten Tage gehabt. »Komm von hier fort,« sagte ich hastig. »Du sollst nicht hier drinnen sein.« Sie schüttelte nur den Kopf und schob mich weg. »Ich will bei John sein,« sagte sie und brach in Tränen aus. Ich begriff, daß sie allein sein wollte. Aber ich konnte mich nicht überwinden, von ihr zu gehen. Es war, als fürchtete ich, sie mit dem toten Kinde allein zu lassen, und ich blieb unentschlossen stehen, auf die Laute ihres krampfhaften Weinens horchend. Es dauerte lange, bevor es aufhörte, und als alles im Zimmer still war, wurde die Stille selbst noch unerträglicher als alles andere. Meine Beklemmung war so stark, daß ich nicht einmal fähig war, sie anzusprechen oder ein Wort zu finden, das ich sagen wollte. Da hörte ich sie aufstehen, und mit leiser Stimme begann sie zu mir zu sprechen. »Richard,« sagte sie langsam. »Weißt du, warum John gestorben ist? Ich weiß ja, daß er Lungenentzündung hatte. Der Doktor hat es mir gesagt, und er muß es verstehen. Aber ich kann nicht glauben, daß es so war. Er starb, weil ich nie dazu kam, eine Mutter für ihn zu sein. Er hat acht Jahre gelebt, und erst jetzt hat er angefangen zu sehen, daß ich an ihn denke. Ich habe ihn nicht selbst genährt. Ich hatte ja nie Zeit. Ich habe ihn nie gepflegt, als er klein war. Nicht zu mir kam er mit seinen Freuden und Leiden. Zu Fremden. Nicht auf meinem Schoße lernte er zum ersten Male in einem Buche lesen. Wieder bei Fremden. Nicht ich war es, die mit ihm spielte, nicht ich, die ihn erzog, nicht ich, die ihm irgend etwas gab – nur das, was böse war, habe ich ihm getan. Ich habe ihn weinen sehen, wenn ich fortging. Und doch bin ich gegangen. Ich wollte anfangen, all das für ihn zu sein, was andere Mütter für ihre Kinder sind. Aber ich kam nicht dazu. Als er starb, war das die Strafe, die mich endlich erreichte. Die Strafe!« Mit steigendem Schrecken hörte ich sie diese Worte sagen. Ich begriff ihre Übertreibung, begriff die Gefahr, die in diesem wahnwitzigen Schmerz lag, und ich kannte sie so gut, daß ich wußte, sie würde nie so gesprochen haben, bevor der Gedanke in ihr so tiefe Wurzel geschlagen hatte, daß keine Worte ihn loszureißen vermochten. Ich begriff all das in einem Nu, und ich wußte mir keinen Rat. Ich versuchte bloß, meinen Arm um sie zu legen, um sie wegzuführen, und ich hoffte, daß ich, wenn wir dieses Zimmer verlassen hatten, Worte finden würde, um das zu sagen, was ich sagen wollte, und daß Olga mich hören würde. Aber sie entwand sich meinem Arm, und wortlos standen wir neben einander, unser totes Kind anstarrend, das bleich und still dalag, von den hellen Blumen des Frühlings umgeben, die nicht die Liebe, sondern der Wahnwitz der Reue auf sein letztes Lager gelegt hatte. 6 Man kann es nicht fassen – ich weiß, oder ich glaube, daß man es nicht fassen kann – daß aus diesem Ereignis, das uns mehr als irgend ein anderes aneinander gefesselt haben müßte, der Same emporkeimte, der meinen Sinn von meiner Frau abwandte. Es scheint mir jetzt so unbegreiflich, so wider die Natur, daß das Ganze mir immer rätselvoller wird, je mehr ich zu wissen und zu verstehen glaubte. Alles, was ein Mensch einem anderen Böses zufügen kann, habe ich nach diesem Tage Olga getan. Ich habe aufgehört sie zu lieben, ich habe sie mißachtet. Ich habe sie und mich selbst mit einem anderen Weibe verraten, das unendlich tief unter ihr stand. Ich habe sie verlassen, als sie meiner am meisten bedurfte, und ich habe nicht gewußt, was ich tat. Wie ist so etwas möglich? Wie kann man Herzenskälte gegen jene fühlen, die man am meisten geliebt, nur weil zwischen ihr und mir ein Kummer stand, der ihr die Kraft raubte? Das ist in meiner Seele als das große Rätsel meines Lebens eingebrannt, das nicht einmal der Tod lösen kann; und wenn ich an diese Zeit denke, will es mir scheinen, als wäre die unmenschlichste Grausamkeit erklärlich, verglichen mit meiner eigenen. Es ist, als stellte mich das, was ich in dieser Zeit dachte, tat und wollte, außerhalb des Kreises der Menschen, und ich wünschte, daß ich das, was mir damals widerfuhr, so erzählen könnte, daß andere Menschen wenigstens verständen, was ich in dieser Zeit litt. Es ist so unglaublich, daß es den letzten Rest von Stolz in meiner Seele zermahlen hat, und daß ich alles dahingeben wollte, um zu erreichen, was sonst das Verächtlichste von allem ist: einen Funken Mitleid mit mir selbst gerade in dem Punkte, wo ich am verbrecherischsten war. Und doch – was kümmern mich hier anderer Menschen Gedanken, anderer Mitleid? Eine einzige gibt es, deren Seele sich in dieser Angst der meinen nähern kann. Sie, die ich mit Füßen getreten, vergessen und verschmäht, sie, die ich in den Monaten verließ, wo jeder Tag, der ging, alles nahm, was in mir ihr gehörte. 7 Es gibt eine wunderliche Härte in unserer Natur, die es macht, daß ein gesunder Mensch einen kranken verachten zu können glaubt. Ein solches Gefühl war es, das mich Abneigung gegen den großen Kummer empfinden ließ, den Olga nicht tragen konnte. Vielleicht fühlte sie auch tiefer und besser als ich, und vielleicht kehrte sich darum mein Widerwille gegen ihren grenzenlosen, nie gestillten Schmerz gegen sie selbst. Auf andere Weise kann ich das Gefühl nicht schildern, das zuerst in mir aufkeimte und das ich gegen meine Frau gerichtet wußte. Dieses wunderliche Gefühl der Gewissensqual, das sie mir anvertraut, war es, das mir eine eigentümliche Empfindung des Widerwillens einflößte. Ich konnte den ganzen Sommer damit Geduld haben, den Sommer, der an uns vorbeiging, als hätten die Wiesen nicht gegrünt, die Sonne nicht für uns geleuchtet. Ich litt es, obgleich ich seine Gewalt fürchtete und ich sah, wie es sich Olgas immer mehr und mehr bemächtigte, sozusagen die Kehrseite des Schmerzes hervorzog, der nur der Kummer um des Kindes Tod war. Und ich hatte Geduld damit, weil ich es doch nur für vorübergehend hielt. Als ich merkte, daß dies nicht der Fall war, wurde ich von Raserei ergriffen, wie über ein ungerechtes Unglück, das sie über mein Haupt herabbeschwor. Der Gedanke, daß sie in geheimnisvoller Weise die Ursache dieses Schlages war, der uns beide so hart traf, hatte sich nämlich mit der Stärke einer fixen Idee in ihrem Hirn festgesetzt, und ich glaube, daß er sie nie verließ. Das war es, was ich erst nach Jahr und Tag voll verstehen lernen sollte. Es war ein Kampf zwischen uns, zwischen mir, der uns wieder zurück zum Leben führen, und ihr, die in dem Gedankenkreise verharren wollte, der langsam ihr Leben tötete. Dieser Kampf wurde still und zähe geführt, und mit jedem Tage trennte er uns mehr. Er brach in kleinen, scharfen Worten aus, die im Vorbeigehen gesagt wurden und wie scharfe Stacheln stecken blieben, die bei der geringsten Bewegung wehe taten, und neue Anstrengungen hervorriefen, um den alten Schmerz loszuwerden. Es war ein Streit, in dem ich zuweilen mit den Waffen der Liebe zu kämpfen glaubte, um unser Glück wiederzugewinnen, zuweilen wieder vorsätzlich mit blanker Klinge losging, um mich zu rächen. Es war ein Kampf, der in vollen Flammen aufloderte, als meine Frau eines Tages zu mir sagte: »Hast du daran gedacht, wie es gewesen sein würde, wenn John gestorben wäre, bevor wir Stockholm verlassen hatten?« Ich verstand sie nicht, sondern antwortete nur: »Wenn du es doch lassen könntest, immer an John zu denken!« »Du weißt, daß ich das nicht kann,« antwortete sie. »Und daß ich nicht will. Aber wenn er damals gestorben wäre, als wir so ganz in das Leben verstrickt waren, das wir damals lebten ...« Sie verstummte, und ich begriff, was sie sagen wollte. Ich begriff, daß es ein Wink war, den sie mir gab, und daß er aus Liebe gegeben wurde. Aber ich war so gequält von diesem ewigen Einerlei, das alles grau in grau machte, daß ich sie gleichsam nicht verstehen wollte, und ich antwortete daher ironisch: »Du meinst, daß sein Tod uns damals gelehrt haben würde, uns zu lieben, während es jetzt umgekehrt ist.« Ich sah, wie ihr Gesicht gleichsam erstarrte. Aber im selben Augenblick flog ein Zornesblitz über ihre Züge, und sie antwortete: »Es freut mich zu hören, daß du mich verstehst.« Sie sagte das mit einer Miene, als ob sie berechnet hätte, wie scharf ihre Worte treffen würden, und eine Weile sahen wir einander in die Augen mit Blicken, die in keimendem Hasse glühten. 8 Auch dieser Sommer ging zu Ende, und als wir in die Stadt kamen und unsere Winterwohnung bezogen, in der wir an stillen Abenden gleichsam die Nähe des Vampyrs des Großstadtlebens fühlten, der seine Opfer bis zum letzten Tropfen aussaugt, da hatte ich das Gefühl, als läge Unheil in der Luft, und kein Trieb in meinem Blut ist stärker gewesen, als das Verlangen, das mich da trieb, Betäubung zu suchen. Der Lärm der Straßen, das grelle Licht der Restaurants, das Getöse von Stimmen und Lachen, das von den Wänden widerhallte, dieses ganze Rascheln von Vergnügungen und Gold, das die Abende füllt, lockte mich aufs neue. Der Vampyr streckte seine schmalen Lippen aus, um seinen Raub an sich zu saugen, und in meinen Adern, schien es mir, war das Blut gleichsam durch pulsierendes Feuer ersetzt worden. Um diese Zeit geschah es mir, daß mein Verhältnis zu ein paar der einflußreichen Aktionären der Gesellschaft gespannt und meine Stellung dadurch recht unsicher geworden war. Die Notwendigkeit, die daraus für mich entstand, meine Energie anzuspannen, all meine Kraft aufzuwenden, um nicht plötzlich auf dem Pflaster zu stehen, wäre vielleicht unter anderen Umständen für mich nützlich gewesen. Es hätte mir geholfen, den Kopf oben zu behalten. Es wäre eine Art Ableiter für die wunderliche Gemütsstimmung gewesen, in der ich lebte. Und als ich zum ersten Mal meiner Frau sagte, wie die Sache stand, geschah es in der Meinung, daß meine Worte eine Veränderung in unserem Verhältnis zueinander bewirken würde. Zu meinem Erstaunen bemerkte ich, daß sie mich, während ich sprach, so ansah, als verstünde sie gar nicht, was ich sagte. Es verging ein Tag, und es vergingen mehrere. Das Ganze gestaltete sich zu einem förmlichen Zerwürfnis zwischen mir und der Unternehmung, das beizulegen es vielleicht Monate bedurfte. Während dieser ganzen Zeit lebte ich natürlich in der furchtbarsten Spannung, da nichts Geringeres als meine ganze Existenz auf dem Spiele stand. Diese Spannung ließ mich den Schmerz vergessen; der Selbsterhaltungstrieb, die Energie des Mannes bekam die Oberhand, und ich glaubte, daß etwas Ähnliches auch mit meiner Frau vorgehen würde. Ich erwartete Tag für Tag, daß ich an ihr eine Stütze finden, daß sie wenigstens Interesse für die furchtbare Gemütsunruhe zeigen werde, in der ich lebte und die bei mir alles andere verschlang. Aber das geschah nicht. Ihr Leben verfloß, als lebte sie in einem Traum, dessen Zauberkreis sie selbst nicht durchdringen konnte, und wo ich sie nicht zu erreichen vermochte. Sie verschloß sich in sich selbst, und es war mir, als stieße sie mich mit Absicht hinaus in das Dunkel, das auf mich lauerte, das darauf wartete, mich verschlingen zu können, und sie ließ mich ziehen, obgleich ein Wort von ihr genügt hätte, um mich zurückzuhalten. Es war, als ginge von ihrer Person ein rätselvolles Grauen aus, das mich, wie mir schien, zu Boden drücken, mich zwingen wollte, ohne Kampf jahrelange Anstrengungen und Arbeit zu opfern; und nichts war mir nunmehr verhaßter als unsere einsamen Abende, weil sie meine Energie erschlafften, mich in neue Grübeleien versenkten und eigens dazu geschaffen schienen, mein tägliches Elend noch dahin zu verschlimmern, daß ich nicht einmal mehr vermochte, mich selbst aufrecht zu erhalten. Ich war in dieser Zeit oft fort. Ich suchte Gesellschaft und Zerstreuung. Ich brachte die Tage bei der Arbeit, die Nächte in Gesellschaft zu. Ich ging heim, das Blut von dem ganzen Fieber erfüllt, das als zitternder Giftstoff die Luft durchdringt, in jenem Zentrum glühendheißer Orgie, das die Nächte der Zivilisation geschaffen haben. Und wenn ich dann zu dem gelben Hause heimkehrte, konnte ich die Gefühle nicht fassen, mit denen ich einmal an der Seite meiner Frau über diese Schwelle getreten war. Wenn ich heimkam, lag es vor mir gleich einer unförmlichen, schweren Masse, die mir aus dem Dunkel entgegentrat, das ganze Entsetzen des unseligen Zusammenlebens mit einem Weibe bergend, das mich scheute so wie ich sie. Aus einem einzigen Fenster schimmerte Licht, und dieses Licht starrte mir aus dem Dunkel wie ein böser Blick entgegen. Ich wußte, daß, wenn ich hereinkam, meine Frau wach liegen und lesen würde. Ich wußte, daß ich ihr nichts zu sagen hatte, was sie hören wollte. Und in mir wuchs ein kaltes Gefühl der Widerstandskraft der Verzweiflung, so als müßte ich meine ganze Energie aufbieten, um nicht zu vergessen, daß ich allein stand und mich verteidigen mußte. Ich ging auch in mein Zimmer und saß allein wach, Briefe schreibend oder an die Möglichkeiten denkend, die mir noch offen standen, und an solchen Abenden konnte es vorkommen, daß ich in meinem Zimmer blieb, bis der schwache Streifen in der angelehnten Schlafzimmertüre erlosch. Da wußte ich, daß Olga das Licht abgedreht hatte, und von bösen Gedanken erfüllt, konnte ich dann zu Bette gehen, ohne daß ich mich zu überwinden brauchte, ihr Gutenacht zu sagen. 9 Eines Tages geschah es, daß ich eine Stunde früher als gewöhnlich zum Mittagessen nach Hause kam. Ich hörte Stimmen im Salon, und ich wußte, daß meine Frau Besuch hatte. Ich war von meiner Arbeit ermüdet und wäre am liebsten allein geblieben. Aber aus purer Unentschlossenheit konnte ich mich nicht aufraffen, meine Tür zu schließen, sondern zeigte mich auf der Schwelle. Dann konnte ich nicht mehr umkehren, und als hätte mich jemand geschoben und gezwungen, ging ich in den Salon, wo ich meine Frau in lebhaftem Gespräch mit einer bekannten Dame fand. Ich hatte sie früher oft gesehen, und wir kannten sie seit einiger Zeit, ohne daß es doch zu einem Verkehr zwischen uns gekommen war. Sie wohnte im Djurgärden (Tiergarten) in einer Villa, die ihr Mann, der Künstler war, für mehrere Jahre gemietet hatte, und ich kannte dem Aussehen nach Frau Dagmar sehr gut. Aber als ich jetzt hereinkam, empfing ich den wunderlichen Eindruck, daß ich sie nie zuvor gesehen, oder sie wenigstens nicht genügend beachtet hatte. Sie trat mir entgegen wie die Personifikation des Lebens, dem ich wieder anzugehören begonnen hatte, und als ich sie nun in meinem Hause sitzen sah, sog ich ihre ganze Gestalt wie in einem einzigen Blicke ein. In einen kurzen, leichten Cape von dunklem Stoff gehüllt, mit einem großen extravaganten Hut, dessen Schleier hinaufgenommen war, saß sie auf einem Taburett mitten im Zimmer, mit meiner Frau plaudernd, die angeregt aussah und sich für das zu interessieren schien, was die lebhafte Frau zu erzählen hatte. Sie verstummten beide bei meinem Eintreten, ich hörte ein kleines Lachen, das gleichsam in der Luft erlosch, und ich fühlte, daß ich meine Frau nicht ganz so begrüßen konnte, wie ich es in der Anwesenheit von jemand Fremdem sollte. Es kam mir gleichzeitig vor, als ob Frau Dagmar das merkte, und das rief keine Mißstimmung bei mir hervor. Ich war erstaunt über dieses Gefühl, aber kam nicht recht dazu, mir Rechenschaft darüber zu geben. Denn als ich mich verbeugte und Frau Dagmars Hand schüttelte, warf sie mir einen Blick zu, als hätte sie im Handumdrehen die ganze Situation erfaßt. Dieser Blick war gleichzeitig strahlend warm, überrascht und nachsichtig. Er brachte eine Art heimliches Einverständnis zwischen mich und sie, und bevor ich wußte, wie, war ich in ein Gespräch verwickelt, das darauf ausging, zu zeigen, daß meine Frau leidend war und der Stärkung bedurfte. Sie war verstimmt und brauchte Zerstreuung. Und nun waren die Damen übereingekommen, daß wir, die wir so nahe von einander wohnten, oft zusammentreffen sollten, und sie – Frau Dagmar – wollte es auf sich nehmen, meiner Frau Rosen auf die Wangen zu zaubern und uns alle recht vergnügt zu machen. Bei alledem saß ich da und betrachtete meine Gattin und diese andere Frau, die ich nie zuvor beachtet hatte, und es fiel mir auf, das ich zum ersten Male meine Frau mit einer anderen verglich. Frau Dagmar war mehrere Jahre älter als Olga, sie war kräftig und derb, und doch war es ihre Jugend, die mich fesselte. Sie wollte jung sein, und sie war es. Ihre Bewegungen waren wie prickelnde Musik, und ihre Augen sagten, was ihre Worte verhehlten. Von ihrer Person ging etwas aus, das in einer mir unbegreiflichen Weise stimulierend wirkte. Es war, als hätte sie ein Übermaß an Nervenkraft besessen, von dem sie austeilen konnte. Ihre Nähe machte mich leichteren Sinns, als hätte ich feurigen Wein getrunken, und sie hatte nicht ein Gesicht, sondern viele. Dieses Gesicht war rund und beweglich mit ein paar Augen, deren Pupillen sich bis ins Unendliche erweitern zu können schienen. Sie sogen gleichsam alles an sich, was in ihren Gesichtskreis kam, und diese Augen konnten plötzlich eine Schattierung annehmen, so warm, wie die, welche einen aus der Bühne in der Unschuld eines Blickes frappiert, der Dichterworte begleitet. Aber dieses ganze Gesicht, welches von kastanienbraunem Haar umrahmt war, das über die Ohren fiel und sie verbarg, konnte sich in einem Augenblick verwandeln, so daß es den Eindruck von etwas Spitzigem machte. Es war, als würde das ganze Oval anders, als hätte die Nase ihre Lage verändert, während gleichzeitig die Augen in eine andere Farbe übergingen. So scharf wurde der ganze Ausdruck. Und zwischen diesen Gesichtern lag eine ganze Serie, die kein mit der modernsten Kamera bewaffneter Momentphotograph so rasch hätte wiedergeben können. Sie war nicht geheimnisvoll, aber sie schien mir so, und zwischen ihr und dem Fieber, das in meinem Blut raste, gab es ein Vereinigungsband, das auf mich wie eine unerklärliche Sympathie wirkte. Ich wußte nicht, warum sie gekommen war, und was sie von mir wollte. Aber ich hatte das wunderliche Gefühl, daß Frau Dagmar die ganze Zeit zu mir sprach, und nicht zu meiner Frau. Als sie ging, hinterließ sie den Duft eines Parfüms, den ich damals unangenehm fand. 10 Von diesem Tage an war unsere ganze Lebensweise verändert. Sie wurde unruhig, aber auf eine neue Art. Wir machten die Bekanntschaft von Frau Dagmars Mann, einem liebenswürdigen Künstler, dessen Leben zwischen der Kunst und der Bewunderung für jene Frau geteilt war, deren Leben er nicht kannte, und deren Seele er nicht verstand. Es wurde ein Leben zu vieren, das eine ganze Serie von Lustbarkeiten in sich schloß, und das gelbe Haus widerhallte nunmehr von den frohen Festen, die wir einst, als wir hinzogen, geflohen hatten. Ein neues Fieber kam zu dem alten, und während der Zeit, die folgte, entdeckte ich, daß ich Frau Dagmar liebte. Mitten in der Unruhe, die mich ob unserer ganzen ökonomischen Stellung erfüllte, mitten in dem Gefühl, daß Olga sich von mir zurückgezogen hatte, was mich gegen sie kalt machte und mich vor jedem Gedanken, daß wir uns einander wieder nähern könnten, zurückscheuen ließ – loderte diese Leidenschaft wie eine klare Flamme aus leicht entzündlichem Holz empor, und in ihrem Glänze sah ich das Leben, das ich gelebt, und das, welches kommen sollte, in einem neuen Licht, das mir die Morgenröte der Hoffnung schien und eine neue Zukunft verhieß. Wie es zuging? Wie es möglich war? Ich weiß es nicht mehr. Aber tagaus tagein quälte mich das wunderliche Gefühl, daß ich verraten war, verraten von meiner eigenen Frau. In der furchtbaren Nervosität, in der ich lebte, hatte ich zuerst Versuch auf Versuch gemacht, um mich Olga zu nähern. Ich konnte nicht fassen, warum sie sich mir entzog. Aber ich sah, daß sie es tat, oder ich glaubte es wenigstens zu sehen. Da sammelte sich in mir ein Fond von Bitterkeit, der mich vor allem Überdruß empfinden ließ. Olga sah es, und ich unterließ auch nicht, sie es wissen zu lassen. Aber es war, als hörte sie mich nicht, als könnte oder wollte sie nicht verstehen. Und ich brauchte um jeden Preis jemanden, zu dem ich sprechen konnte, jemanden, dem ich das anzuvertrauen vermochte, was in mir brannte. Aber gleichzeitig sah ich und begriff ich dunkel, daß meine Frau mich noch liebte. Dies machte mich gereizt, rasend, wild. Ich brannte vor Fieber, sie widerzugewinnen, sie zu besitzen wie früher. Aber gerade dieses Verlangen, das so heftig war, daß es Tag und Nacht nicht von mir wich, machte mich kalt, da ich mich zurückgestoßen glaubte, und ich merkte gleichzeitig, daß sie unter diesem angenommenen Kaltsinn litt, der sich wie ein Schleier über meine Seele breitete. Ich erinnere mich, daß ich sie eines Tages damit beschäftigt fand, ein paar Blumen auf meinem Schreibtisch zu ordnen. Ich kam etwas früher als gewöhnlich nach Hause, und ich bemerkte deutlich, daß ein Beben über ihr Gesicht flog, als ich sie bei diesem offenbaren Beweis von Zärtlichkeit überraschte. Ich sah erstaunt aus, und ich konnte nicht begreifen, warum sie das tat. Ich fühlte es wie einen Stich in mir, und für einen Augenblick wollte es mir scheinen, daß das, was zwischen mir und meiner Frau vorging, vielleicht doch im Grunde etwas anderes war, als was ich glaubte. Wenn ich an dieser Ahnung festgehalten hätte! Wenn ich ihr Zeit gegeben hätte, in mir zu Wort zu kommen! Aber der Kaltsinn, den ich zuerst als Maske angenommen, war mir so nach und nach ins Blut übergegangen, und das Furchtbare war ja auch, daß ich so gut wie nie Zeit hatte, meine eigenen Gedanken zu Ende zu denken. Ich hörte meine Frau sagen: »Es fiel mir ein, daß du Blumen gerne hast.« Ich hörte, daß sie diese Worte mit einem besonderen Tonfall aussprach. Aber ich fand nichts zu erwidern, empfand bloß ein peinvolles Gefühl von Vorwürfen und Unerquicklichkeiten, und die ganze Sache ging an mir vorbei, wie alles, was sich in dieser wunderlichen Periode meinem Gedächtnis eigentlich hätte einprägen sollen. Ich vergaß es, und ich kehrte zu meinen alten Gedanken zurück. Einsam und verlassen fühlte ich mich. Und in dieser Verlassenheit brodelte in mir ein Gärungsstoff, der nicht zur Ruhe kam. Ich schlief nicht, ich hielt mich durch Trinken aufrecht. Ich ruhte nicht, aber ich machte mit Gewalt meine Nerven widerstandsfähig, so daß sie mir gehorchten, als ob mein Wille meinen Körper beherrschte. Die Bibel spricht irgendwo davon, daß ein Mann »sein Herz verhärtete«. Und es ist eigentlich seltsam, wie vollkommen einem das gelingen kann, wenn man einmal den Anfang gemacht hat. Das ist ein Ausdruck von unerschöpflicher psychologischer Tiefe, und nichts schildert besser, wie ich mich in dieser Zeit mit Absicht und Überlegung von ihr abwandte, die ich einstmals mehr als alles auf Erden geliebt. Ich tat das so ganz und gar, so gründlich, daß es nichts, was ich früher in ihrer Natur geliebt hatte, gab, was ich schonte, nichts, was ich nicht entstellte, was ich nicht in Gedanken besudelte. Ich machte mir ein Zerrbild von allem, was zwischen uns gewesen, und dieses Zerrbild überhäufte ich mit rasenden Schimpfworten, als wäre es mir eine Freude, alles zu beschmutzen, was mir früher teuer und heilig gewesen. Ich dachte keinen Augenblick mehr daran, daß Olga eine Frau war, die ihr Kind betrauerte. Ich hatte das vergessen, so wie ich alles vergessen hatte, was ich früher gewußt und gefühlt, und als ich zum ersten Male Frau Dagmar begegnete, zerstörte sie wirklich kein Bild, das früher in meiner Seele war. Sie nahm nur den Platz ein, den meine eigene Raserei sich bemüht hatte, frei zu machen, und wenn sie mich beherrschte, so erreichte ihre Gewalt nicht mein Ich, so wie es einmal gewesen. Es war ein neues Ich, das hervorgebrochen war und das alte in schrankenlosem Begehr nach betäubenden Orgien zerfleischte. Ich begehrte sie so, wie der Opiumesser alles opfert, um das geliebte Gift in seine Hand zu bekommen. 11 Ich merkte eines Tages, daß ich eine Leidenschaft für diese Frau in mir trug, die mich selbst gleichzeitig mit Staunen und einer Art Berauschtheit erfüllte, die der ganzen Überreizung verwandt war, in der ich lebte. Ich sah ihr Haar vor mir, ihre Hand, ihren Fuß, ich träumte von ihr im Schlafen und Wachen. Dieses Verlangen nagte an mir, als hinge mein Lebensfaden an der Erreichung dieses Ziels, um dessentwillen ich nun alles andere vergaß. Und ich erwog die Situation mit derselben Kaltblütigkeit, wie ein Spieler, der seine Chance berechnet. Ich war ein täglicher Gast in ihrem und ihres Mannes Haus, so wie die beiden in dem unseren, und ich wußte, daß der Weg von mir zu ihr leicht war. Nur Skrupel konnten mich hindern, und solche kannte ich nicht. Zwischen Frau Dagmar und mir hatte sich ein höchst eigentümliches Verhältnis angesponnen, der Art, wie es zwischen Jünglingen, die alles im Licht der Illusion sehen, und sehr erfahrenen Frauen zu bestehen pflegt, die es lieben, der Gegenstand einer solchen Illusion zu sein. Dieses Verhältnis pflegt man Pagenliebe zu benennen, und wäre ich nicht bis zu diesem Zeitpunkt so ausschließlich in dem Gefühl für meine Frau aufgegangen, hätte ich vielleicht durchs Leben gelernt, daß dieselbe Illusion bei einem verzweifelten, überanstrengten und unzurechnungsfähigen Manne erwachen kann. Vielleicht hätte ich trotzdem gehandelt, wie ich es tat, aber ich hätte meinem Gefühl nicht die blendende Vergoldung gegeben, die meine ganze Welt verwandelte; und was mich am meisten blendete, war, wie offen sie und ich gegenseitig unsere Gesellschaft suchten. Wir verhehlten nichts, und um alle besser zu betrügen, spielten wir mit aufgedeckten Karten. Promenierten wir, so ging ich stets an Frau Dagmars Seite, saßen wir bei Tische, so stand mein Stuhl neben dem ihren. Wenn wir sprachen, flogen die Worte zwischen mir und ihr hin und her, und sie saß vor meinen Augen wie in einen prachtvollen Rahmen eingefaßt. Dieser Rahmen war das ganze Leben, das wir wieder führten, in dem das Fest des gestrigen Tages von dem Tage fortgesetzt wurde, der folgte, wo der Champagner perlte und die Luft von dem berauschenden Duft des noch unausgesprochenen Verlangens gesättigt war. In diesem Rahmen saß sie wie eine Königin, und es blinkte von Juwelen auf dem kühlen Glanz ihrer weißen Büste. Um ihren Mund spielte ein Lächeln, und in ihrem Auge brannte jenes rätselvolle Gemisch von Übermut und Spleen, das der Grundton des ganzen Lebens war, das mich wieder gefangen hatte, und von dem ich vergaß, daß ich es einst geflohen. Ich machte oft ohne meine Frau Besuche in ihrem Hause, und fast immer traf ich sie allein. Ich reflektierte damals nicht darüber, sondern freute mich nur über mein Glück; und mitten in der Welt, in der wir lebten, träumte ich, daß ich der einzige in ihrem Leben sei. Nun weiß ich ja, welches Interesse ich diesem Weibe bot, das von mir nichts anderes verlangte, als die Freude jenes Machtgefühls zu empfinden, das der Aufruhr anderer Menschen einflößt. Ich glaube, daß sie dasselbe Vergnügen daran hatte, wie es die Tyrannen des Altertums bei Gladiatorenkämpfen empfanden All dies ist mir jetzt um meiner selbst willen gleichgültig. Es ist verschwunden, nicht wie ein böser Traum, sondern wie eine Wirklichkeit, die nicht zurückkommen kann. Ich sehe und weiß, daß das geschehen ist, daß das mir geschehen ist. Der Gedanke brennt wie Feuer in meinem Herzen, und ich habe keinen Raum für das Gefühl, das den Menschen zu verführen pflegt, über seine eigene Jämmerlichkeit zu lächeln. Ich weiß nur, daß eines Tages Worte der Leidenschaft sich über meine Lippen drängten, und daß Frau Dagmar meine Liebeserklärung mit großer Gemütsruhe aufnahm. Ich weiß auch, daß nach diesem Tage mein Leben ein Glücksrausch war, und ich glaubte Frau Dagmar, als sie mir sagte, sie müßte sich ganz geben. – – – – Wie gemein und alltäglich dies mir auch jetzt erscheinen mag, so steht es doch fest, daß ich damals Erklärungsgründe für alles fand, was geschah. Ich liebte ihre Gedanken und ihren Wuchs, ihren Blick und ihre chamäleonartige Lügenhaftigkeit, ja selbst das Parfüm, das sie benützte. Ich war wie von einem Fatum beherrscht, das mich unbekannten Zielen entgegentrug. Ich sah nichts von dem, was ich rings um mich niedertrat, empfand nichts für das, was ich ferne von ihr erlebte, dachte oder tat. Und von diesem Verhältnis ging eine magische Kraft aus, die meine Nerven in eine Spannung versetzte, als ginge ich frischen Muts und über alle Unbedeutendheiten des Lebens erhoben, meine Bahn weiter und könnte von nichts besiegt werden. Ich fühlte mich wie ein Halbgott, für den die kleinen gewöhnlichen Gesetze der Sterblichen nicht existieren, und ich war stolz auf dieses Geheimnis, das mir die Lebenskraft der Berauschung und die Illusion der Jugend gab. Es war mir zumute wie einem Spieler, der fühlt, daß sein Tag angebrochen ist, und der in einer Art kaltblütigem Taumel die Einsätze verdoppelt, damit nichts von dem Glück, das er nicht einbüßen will, verloren gehe. Ich hörte es wie Goldgeklingel um mich rasseln, und ich spielte, nicht um das wertlose Metall, sondern ich gab mein Leben als Einsatz. Dieser Einsatz war schlechter, als ich selbst wußte, und ich hörte nicht, daß der Klang des Gewinnstes, den ich einheimste, unecht war. Denn ich ahnte keinen Augenblick, daß mein Partner falsch spielte. Ich ahnte es nicht einmal an dem Tage, als ich zum ersten Mal daran denken mußte, daß meine Frau lebte und daß sie auch Anspruch auf mich hatte. Denn das hatte ich vergessen, und so lautlos ging Olga in dem Leben dahin, das wir beide jetzt lebten, daß ich sie vergessen konnte. Eines Abends begleitete ich Frau Dagmar nach Hause, der Weg ging unterhalb der Barriere, an der meine Frau und ich auf unseren Abendpromenaden in jenem Jahre stehen zu bleiben pflegten, das mir nun wie eine längst verschwundene Parenthese in meinem Leben vorkam. Es war Mondschein, und wahrscheinlich gleichzeitig kam Frau Dagmar und mir der Gedanke, daß, wenn jemand oben auf der Terrasse stand, wir sichtbar waren, wie wir da den Weg entlang gingen. Wir drehten uns jedoch nicht um, sondern gingen unbefangen weiter, und ich erinnere mich, daß ich die ganze Zeit überzeugt davon war, daß Olga uns sah. Wie mir diese Idee kam, weiß ich nicht. Ich hatte ja beinahe aufgehört, ihrer zu gedenken. Aber ich wußte es so sicher, daß ich es hätte sagen können, wenn mir die Sache von irgendwelcher Bedeutung erschienen wäre. Als wir an dem Hügel vorbeikamen und dort, wo der Weg sich krümmt, abbiegen sollten, um zu Frau Dagmars Villa zu kommen, wendeten wir uns beide um, und in dem Mondschein, der klar über den entlaubten Bäumen lag – wir hatten schon Anfang März – sahen wir auf einmal deutlich eine weibliche Gestalt, die sich über die Barriere beugte und uns betrachtete. Wir machten nicht Halt und gaben kein Zeichen, daß wir Olga dort stehen gesehen. Wir sagten es nicht einmal. Aber wir wußten es beide, und Arm in Arm gingen wir weiter, während die ganze Zeit der Gedanke an das, was ich gesehen, in meinem Kopfe arbeitete. Frau Dagmar war unruhig. Aber bei mir war das nicht der Fall. Ich ging im Gegenteil mit leichten Schritten von ihr, ein Lächeln um die Lippen. Ich war wie ein Narr oder wie ein Fanatiker, der durch nichts in seinem Irrwahn oder seinem Glauben erschüttert werden kann. 12 Als ich heimgekommen war, überraschte es mich, daß meine Frau mir keine Fragen stellte. Und nachdem ich ein paar Minuten vergeblich darauf gewartet hatte, sagte ich in gleichgültigem Ton, daß ich Frau Dagmar getroffen und sie nach Hause begleitet hatte. »Ich habe es gesehen,« antwortete Olga, und ich bildete mir ein, einen Zug des Mißvergnügens in ihrem Gesichte zu entdecken. Aber sie setzte das Thema nicht fort, und ich freute mich darüber, als wäre dies die Bestätigung, daß ich nicht über jene Steine straucheln konnte, die gewöhnliche Sterbliche fürchten. Auf mich hatte jedoch dieser kleine Vorfall keine andere Wirkung, als daß meine Gefühlshärte zunahm. Olga stand mir von nun an im Wege, und wo ich ging, glaubte ich ihre Augen zu sehen, die mich verfolgten. Wenn ich bei Frau Dagmar saß, wenn ihr Kopf auf meiner Schulter lag, wenn ihre Lippen den meinen begegneten, stets glaubte ich diese großen, fragenden Augen zu erblicken, die ich in meiner Einbildung wie Sterne von der mondbeleuchteten Terrasse hatte blinken sehen. Die Entfernung war ja viel zu groß. Ich konnte sie nicht gesehen haben. Und doch sah ich sie vor mir, als hatte ich sie gerade damals gesehen. Aber sie flößten mir kein anderes Gefühl ein als das, daß ich mich um jeden Preis von ihnen befreien mußte. Da war zufällig ein Tag bestimmt, an dem wir an einer großen Künstlermaskerade teilnehmen sollten. Es war die letzte große Unterhaltung des Jahres, und Frau Dagmar und ich hatten einander diese Nacht als ein Jubelfest versprochen, bevor der Sommer kam. Wir wollten Abschied von jenem Winter nehmen, den wir als unser eigenstes Besitztum betrachteten, und ich hatte Olga en passant erzählt, daß ich diese Maskerade zu besuchen gedachte. Zu meiner Überraschung kam sie eines Tages und sagte mir, daß sie auch hingehen wollte. Ich war so überrascht, daß ich kaum eine Antwort fand. »Meinst du, daß ich zu alt bin?« sagte Olga. Und ich glaubte, Ironie aus ihrer Stimme herauszuhören. Aber ich tat, als ob ich es nicht merkte, und begnügte mich, etwas über ihre Abneigung gegen Maskeraden im allgemeinen hinzuwerfen. Auch sie umging meine Antwort, als dachte sie an etwas, das sie nicht verraten wollte, und antwortete bloß, daß sie nun dieses eine Mal wollte, und darum würde sie gehen. Ich erwiderte, daß ich mich darüber freute, daß sie mitkommen wolle. Und ich sprach die Wahrheit. Es kam mir wirklich vor, als verliehe die Anwesenheit meiner Frau dem Feste einen mystischen Reiz, einen Zusatz raffinierten Triumphs, den ich wie Feuerströme mein Blut durcheilen fühlte, und nie vergesse ich, wie ich mit meiner Frau am Arm in den Festsaal trat, nach der Loge auslugend, wo wir Frau Dagmar und ihren Mann treffen sollten. Im ersten Augenblick durchzuckte mich ein plötzliches Gefühl des Unbehagens, als ich von weitem Frau Dagmar entdeckte. Sie war als Bébé angezogen, und das kleine Mützchen saß kinderweich auf ihrem reichen, braunen Haar, während die Halbmaske den Mund und das kindlich runde Kinn frei ließ. Sie sprach mit Kinderstimme und war von Kavalieren umgeben, die laut und ohne ihre Worte zu wählen plauderten. Ich sah in einem Blick das ganze seine weiße Kleid, das ihren Körper, der unter diesem imitierten Hemde, das die Büste bloß ließ, unbekleidet schien, zugleich verhüllte und verriet. Ruhig, als stände sie im Paradeanzuge, konversierte sie mit allen diesen Männern, deren Blicke jede Linie ihres Körpers taxierten, und instinktiv, wie sie alles faßte, mußte sie begriffen haben, daß ihr Betragen meine Mißstimmung hervorrief, denn als ich ihre Hand faßte, gab diese mir, ohne daß jemand außer mir das mindeste zu merken brauchte, einen Druck, der mir versicherte, daß all dies für mich war – nur für mich, und aus den Augen leuchtete mir durch die Maske ein Blick entgegen, der mit einem Male meine ganze Mißstimmung verjagte. Ich hatte das Gefühl, als spannte eine Stahlfeder jeden Muskel in meinem Körper; und meiner selbst und meines Glückes sicher bot ich Frau Dagmar meinen Arm, und wir verschwanden in dem Gewühl von Farben, Masken, Fräcken und entblößten Frauengliedern. Es war, als sammelte sich die Überreizung meines ganzen Lebens zu einer einzigen kostbaren Essenz, die mir den Genuß dieser magischen Nacht schenkte. Das Leben war ein Karneval, in dem Frau Dagmar und ich, enthüllt und maskiert, umhergingen, der ganzen Welt offen zeigend, daß wir zusammenhielten, in diesem Wirbel, in dem die dröhnenden Töne des Orchesters den Schmerz des Lebens übertönten. Es war nicht Laster, es war nicht Tugend, nicht Freude und nicht Schmerz, es war nicht Scham, nicht Unschuld, es war weder Glück, noch Verzweiflung – es war nichts von alledem, was zwei Menschen aneinanderkettet und Leben um sich schafft. Wir waren wie zwei Besessene, die sich von den wirklichen Werten des Lebens entfernt haben und im Tanz nur den Wirbel, im Schaum des Weins den Taumel, im Lärm der Musik die Betäubung suchen. Wir jagten aus einem Zimmer ins andere, wir suchten uns einen einsamen Platz, da wo eine Portiere zwischen zwei Holzsäulen niederfiel, und uns umarmend saßen wir da, selbst ungesehen, und sahen, wie die Masken des Karnevals an uns vorbeieilten. Ich weiß nicht, woher mir der Gedanke kam. Aber es war mir plötzlich, als verbärgen diese Masken, die die Gesichter der Frauen bedeckten, eine Schönheit, die nicht wirklich existierte, sondern tot und welk war und in ihrer Illusion nur die kurze Stunde währte, solange das Gaslicht brannte und das Orchester noch nicht seine letzte Fanfare geblasen hatte. Es kam auf dieser Maskerade nie zu einer Demaskierung. Denn niemand wollte das sehen, was, wie jeder wußte, unter der schwarzen Seide war, die die Kraft der Illusion in der Orgie der Berauschung aufrecht erhielt. Unter diesen Masken waren die Gesichter toter Frauen, und ihre Augen brannten in leeren Augenhöhlen. Die Wangen waren nackte Knochen, die in einer prachtvollen Chevelure abschlossen. Und all diese Männer, die ohne Masken, in steifen Feiertagskleidern, die Frauen herumjagten, trinkend, scherzend, plaudernd, sie wußten, was sie suchten, und sie vergaßen für diese Nacht ihre teuer erkaufte Erfahrung. Es war die unschöne Nacktheit, die entblößt und doch nicht entblößt war, es waren Arme, die sie im Gedränge küßten, Nacken, die sie berührten, wenn sie vorbeistreiften. Diese vollen Körper waren es, die die Männer lockten, und sie vergaßen, daß auf ihnen Köpfe ohne Leben saßen, in deren leeren Höhlen nur die Augen brannten. Das Ganze war eine danse macabre von Toten, die nach Leben dürsteten und sich in idiotischem Taumel bei den Tönen eines unmenschlichen Höllenkonzerts umherschwangen. All dies kam mir in den Sinn, während Frau Dagmar in meinem Arm ruhte, und ihr Körper schien mir aufgelöst und freigegeben wie der eines nackten Weibes. Aber diese Gedanken erschreckten mich nicht. Sie erhöhten die Wärme ihrer Küsse, sie vereinigten sich wie rieselnde Perlen mit dem moussierenden Schaum des Champagners, sie wirkten so wie wenn ein süßer Trank in einen herben verwandelt wird, um perverse Gaumen zu reizen. Und die Phantasie von diesen Gedanken erfüllt, legte ich meinen Arm um ihre Bébétaille und walzte mit ihr durch das große Zimmer, während ihre braunen Locken gleich Flaumfedern meine Wange liebkosten. Diese Gedanken verfolgten mich noch, als wir soupiert hatten und um den gedeckten Tisch saßen, Zigaretten rauchend und vom Tanze ausruhend. Die Stimmung war fieberheiß, und die Worte flogen wie Raketen durch die Luft. Ich saß hinter dem Sessel Frau Dagmars, mit meiner Hand auf dessen Lehne, und als wäre sie müde, lehnte sie sich, ohne sich umzuschauen, zurück, indem sie ihren bloßen Rücken auf meiner Hand ruhen ließ. Ich sah auf und begegnete quer über den Tisch Olgas Blick. Ich sah dessen Ausdruck nicht. Aber ich fühlte, wie er meinen Rausch steigerte, und ohne zu wissen, was ich tat, erhob ich mein Glas und trank ihr zu. Als ich diese Bewegung machte, merkte ich, daß Frau Dagmar lachte. Ich erwachte erst aus meinem wunderlichen seelischen Rausch, als ich wieder allein mit dem Bébé am Arm ging und plötzlich zu fühlen glaubte, daß der Griff ihrer Hand, die meinen Arm hielt, erschlaffte. »Woran denkst du?« sagte ich. »Ich denke daran, daß das unsere letzte Nacht ist,« sagte sie und lachte. Ich begriff damals nicht, was sie meinte. Ihre Worte waren nur ferne, bedeutungslose Laute, die mein Ohr erreichten, aber nicht zu meinem Verstande vordrangen. »Frage mich heute nicht,« bat sie. »Jetzt will ich tanzen.« Und als ich sie wieder zu unserer Loge führte, flüsterte sie mir ins Ohr: »Es ist Zeit, daß du deine Frau nach Hause begleitest.« 13 In demselben Augenblick, in dem Frau Dagmar mich verlassen hatte, kehrte in mir die Erinnerung an die Worte zurück, die sie mir zuvor gesagt: »Das ist unsere letzte Nacht.« Sie hallten in meinen Ohren wie etwas Unfaßbares, das ich mit dem, was sonst um mich geschah, nicht in Zusammenhang bringen konnte. Sie schienen mir die Vorbedeutung von etwas Bösem in sich zu schließen, das ich in mir selbst getragen und nie loswerden sollte, und das würde mich jetzt in einer ganz anderen Weise treffen, als ich es je geahnt. Ich hörte diese Worte in mir, und da mir die Kraft fehlte, umzukehren, um Frau Dagmar in dem Gedränge wiederzufinden und ihr eine Erklärung abzufordern, ging ich weiter durch das Gewühl flammender Gesichter und den verblichenen Luxus, wie er in dem Gedränge eines Festes zu herrschen pflegt, das sich seinem Ende nähert. Ich suchte meine Frau, so wie Frau Dagmar es gesagt, und ich fand sie allein in unserer Loge, in einen Fauteuil versunken und auf den ganzen Auflösungszustand der Anständigkeit starrend, der sich vor ihr entfaltete. Ohne ein Wort zu sagen, nahm Olga auf meine Aufforderung meinen Arm, und stumm saß sie im Wagen, der uns in dem grauen Morgenlicht zu unserem Heim führte, dem gelben Hause, das im letzten Winter bar an allem gewesen, was uns einst Freude geschenkt. Abwesend und in einem inneren Aufruhr, den ich nicht beschreiben kann, verließ ich meine Frau, um in mein Zimmer zu gehen und die Türe zuzuschließen. Die Erinnerungen dieses ganzen Winters jagten durch mein fieberheißes Hirn, der Sinnesrausch war für den Augenblick vorüber, und in dem grauen Morgenlicht nahm ein kühles Nachdenken, das mir das Blut im Herzen stocken ließ, die Stelle des Rausches ein. Was war geschehen? Was war nur geschehen. Nur dieses einzige Wort »unsere letzte Nacht« erklang in meinem Ohr und wollte mir keine Ruhe lassen. Wie ich so daran dachte, wurde es mir unmöglich, zu Hause zu bleiben. Ich riß meinen Überrock an mich und stürzte hinaus. Meine Schritte führten mich zu Frau Dagmars Wohnung, und vor den verschlossenen Läden, durch die kein Lichtfunke herausdrang, ging ich auf und nieder, in der wahnwitzigen Hoffnung, daß sie zurückgekehrt sein und ihr Fenster öffnen würde, so daß ich sie eine Minute sehen und ihr noch einmal Gutenacht sagen konnte. Es schien mir, daß meine Sehnsucht so stark war, daß sie sie wecken mußte, wenn sie schlief, daß sie ihr Herz durch versperrte Türen und Steinmauern treffen, sie zu mir führen mußte, auf welchem Wege immer, und in dem hellen Aprilmorgen glaubte ich unaufhörlich Schritte zu hören, die nahten, eine Stimme, die mich rief, das Rauschen eines Gewandes, das das ihre war. Plötzlich fiel es mir ein, daß sie möglicherweise noch nicht heimgekommen war, und ich wandte mich um und ging den Weg entlang, ging auf und ab vor der stummen Villa, dem Rasseln von Wagenrädern horchend, die durch die schlummernde Stadt rollten. Ich mußte lange warten, und ich wartete mit wallendem Blut, bis der Glanz der Sonne über die kahlen Wipfel der Eichen emporstieg. Da hörte ich deutlich das Rollen eines Wagens, der sich näherte. Ich wollte ihm entgegenstürzen, bereitstehen, die Wagentüre zu öffnen, und, alles vergessend, sie in meine Arme schließen. Aber es war, als hätte mich jemand zurückgehalten, und ohne mir über meine Handlungsweise Rechenschaft zu geben, eilte ich über den Weg und stellte mich in den Schatten des Stakets und der Hecke, die die Villa umschloß. Stumm stand ich dort, ohne von der Landstraße gesehen zu werden, jeder Nerv angespannt, vielleicht mit der unklaren Empfindung, daß die nächste Minute über mein Schicksal entscheiden sollte. Da sah ich den Wagen kommen, er fuhr langsam, und eine wunderliche Angst überfiel mich. Der Wagen blieb ein Stück vor Frau Dagmars Villa stehen, aber ich kam nicht heran, um sie zu empfangen. Ich stand wie an dieselbe Stelle gebannt, und es war mir, als wollte meine Seele meine Augen sprengen, die unablässig auf die geschlossene Tür des Wagens starrten. Sie öffnete sich nicht. Ich hörte Laute so wie Flüstern von Menschen, die in Streit geraten sind. Hierauf sah ich eine Hand, die sich durch das Fenster streckte und den Türgriff faßte. Es war eine Männerhand, und im nächsten Augenblick sah ich Frau Dagmar allein aus dem Wagen steigen und ohne sich umzusehen, auf die Villa zugehen. Der Wagen drehte um und rollte schnell der Stadt zu. Ich hielt vor Spannung den Atem an, und es schien mir, daß mein Herz zu schlagen aufhörte. Selten hatte ein Schimmer des Mißtrauens mich in dieser Zeit des Rausches erreicht, und auch jetzt war es nicht mehr als eine Ahnung, was meine Seele durchströmte. Aber diese Ahnung barg einen Abgrund von Erniedrigung und Qual, der mir alle Besinnung raubte und gleichzeitig jeden Gedanken an Handlung in meiner Seele betäubte. Ich hatte bloß das Gefühl, als drehte jemand in meinem Körper ein Messer herum, ich sah, was dann geschah, hörte jedes Wort, jedoch mit dem Gefühl, als sei mein eigentliches Ich schon weit weg. Ohne daran zu denken, was ich tat, wankte ich hinab auf den Weg und stand plötzlich Frau Dagmar gegenüber. Sie sah zuerst ganz erstaunt aus, dann verwandelten sich ihre Züge, so als wollte sie mit ihrem gewohnten Aplomb das Ganze weglachen. Aber im nächsten Augenblick veränderte sich ihr ganzer Gesichtsausdruck, und wie verletzt, nicht in ihren Gefühlen als Weib, sondern in ihren Rechten als Mensch, maß sie mich mit einem Blick der Verachtung vom Kopf bis zu den Füßen und sagte: »Ich vertrage es nicht, daß jemand mir nachspioniert.« Ich hörte diese Worte, ich begriff den Ton, in dem sie ausgesprochen wurden. Aber ich war in dem Maß vernichtet, daß ich nicht die Stärke besaß, ihr in gleicher Weise zu antworten. Ich hatte überhaupt nicht die Stärke, ihr zu antworten. Ich drehte mich nur um und begann an Frau Dagmars Seite weiterzuschreiten. Sie ließ es geschehen, und im Sonnenaufgang gingen wir auf und ab auf dem Platze, den ich eben erst mit den einsamen Schritten meiner Erwartung durchmessen. Nur ein Gedanke schwirrte in diesem Augenblick in meinem gemarterten Hirn herum, und das war derselbe Gedanke, der mich eben erst hinausgetrieben. Alles, was dann hinzugekommen – die Szene mit dem Wagen, der in der Entfernung Halt gemacht, der Abschied, dem ich beigewohnt und doch nicht beigewohnt hatte – all das war noch nicht dahin gekommen, mich zu schmerzen. Es war nicht zu dem Brennpunkt meines Ichs vorgedrungen, in dem nur für einen einzigen Gedanken Raum war. Ich suchte lange nach Worten, um diesem Gedanken Ausdruck zu geben, und endlich sagte ich still, beinahe wehmütig und mild: »Gedenkst du abzureisen?« Sie lachte kurz. »Warum fragst du das?« »Was meintest du damit, daß das unsere letzte Nacht sei?« Sie blieb stehen und sah mir spöttisch in die Augen. »Kommst du deswegen her?« fragte sie. Ich antwortete ja, aber ich empfand meine Schwäche als brennende Schmach. Es war, als ob ein ganz neues Weib vor mir stünde. Ich verstand es nicht, und ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, als arbeiteten in meinem Innern Mächte, die ich am klügsten täte zu fliehen. »Du willst wissen, was ich meinte,« sagte sie langsam. »Du sollst es auch erfahren. Damals meinte ich nichts. Nichts, hörst du! Es war ein Scherz, und es fiel mir nicht ein, daß du ihn ernst nehmen könntest. Aber jetzt ist es Ernst. Jetzt meine ich, daß ich zu reisen gedenke.« »Deshalb, weil ich – wie du sagtest – dir nachspioniert habe?« fragte ich trocken. »Ja,« antwortete sie kurz. »Ich bin nun einmal so.« Aber nun war das Gefühl, das lange in mir gearbeitet hatte, herangewachsen, alles andere hinwegfegend, so wie wenn ein Orkan die Luft reinigt. Jetzt war das Wort gesagt, das ich während der Nachhausefahrt in mir getragen, während meines Wartens, bis der Wagen kam. Im selben Augenblick zuckte dieser neue Gedanke wie ein Blitz durch das Dunkel, und vor Verachtung bebend, sagte ich, so ruhig ich es vermochte: »Du fährst mit ihm?« »Wen meinst du?« »Ihn, von dem du dich eben erst nach Hause begleiten ließest.« Sie sah mich mit Erstaunen an, beinahe mit Neugierde, als sähe sie in mir einen ganz anderen Menschen als den, den sie früher kennen gelernt, und mechanisch ließ sie sich die Phrase entschlüpfen, die alles abschneidet, ohne irgend etwas zu erklären: »Ich verstehe nicht, was du meinst.« Ich weiß nicht, welche Macht mich in diesem Moment klarsehend werden ließ. Es war vielleicht nur der falsche Klang ihrer dünnen Stimme, die mir plötzlich so offenbar wurde, als hätte ich ihr mein ganzes Leben lang mißtraut, und indem ich mit beiden Händen ihre Schultern packte, zischte ich ihr förmlich die rohesten Worte der Sprache ins Ohr. Sie zuckte zusammen und versuchte zu antworten. Aber nichts konnte mich mehr aufhalten. Ich sah sie im Bébékleid, von Courmachern umgeben, sah den Wagen, der stehen blieb, und die Männerhand, die von innen die Tür öffnete, ich sah ihre leichtfertige Miene, ihre imitierte Ladyhaltung, ihren kalten Gesichtsausdruck, diese ganze verabscheuungswürdige Kühle, die bei jedem Lachen aus der Tiefe ihres Wesens hervorströmte. Ich sah all dies blitzartig, als wäre ich durch eine Offenbarung zur Besinnung erweckt worden, und indem ich sie von mir schleuderte, rief ich so laut, als wünschte ich, daß die ganze Welt mich hören sollte: »Du hast mich betrogen. Von der ersten Stunde an, in der ich dich sah, hast du mich betrogen. Glaubst du, ich wüßte nicht alles? Glaubst du, ich verstände es nicht wenigstens jetzt? Aber eines will ich dir sagen: Das ist mir gleichgültig. Das kann ich ertragen, sowie alles, was ich durch dich gelitten habe. Nur eines kann ich dir nie verzeihen, und das ist, das ich durch dich so tief gesunken bin, daß ich eine solche Frau wie meine Gattin mit dir vergleichen konnte.« Sie hörte mich mit der Ruhe an, mit der sie jeden anderen Ausbruch, der sie durch seine eruptive Kraft gefesselt hätte, angehört haben würde. Aber bei meinen letzten Worten wechselte ihr Gesicht die Farbe und nahm den Ausdruck tödlichen Hasses an. Sie wandte sich ab und ging. Und vor Gemütsbewegung zitternd, blieb ich auf der Straße stehen, mit dem Gefühl, als hätte ich auf eine giftige Schlange getreten. – – Wie kam ich dazu, in diesem Augenblick den Namen meiner Frau zu nennen? Wie kam sie mir auch nur in den Sinn? Das zu erklären ist mir heute und immer unmöglich. Aber über dieses Rätsel grübelnd, taumelte ich wie ein Betrunkener zurück in mein Heim. 14 Ich fühlte mich zerrissen und müder, als ich je gewesen zu sein glaubte. Eine wunderliche Nervosität arbeitete in meinem ganzen Körper, und als ich heimkam, schloß ich die Türe mit einer Hast hinter mir zu, als fürchtete ich verfolgt zu werden. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch. Es fiel mir ein, daß ich gerade jetzt an Frau Dagmar schreiben sollte. Aber meine Finger zitterten so heftig, daß sie die Feder nicht halten konnten. Ich war gleichzeitig so unerhört müde, daß ich fürchtete, der Schlaf könnte mich, wie ich da auf meinem Schreibstuhl saß, überwältigen. Schlaftrunken begann ich mich auszukleiden, und ich hatte das Gefühl, als fiele mit jedem Kleidungsstück, das ich ablegte, mein eigenes Leben Stück für Stück ab. Zum ersten Male hatte ich eine Ahnung davon, daß diese Liebe mich erniedrigt hatte, so als säße ich in zerlumpten Kleidern betrunken in einer Schenke und müßte mich vor Menschen verbergen, die mich in besseren Tagen gekannt. Gedankenleer ging ich auf die Schlafzimmertür zu, als ich plötzlich dadurch zusammenzuckte, daß ich sie offen fand. Ich sah, daß die Lampe drinnen brannte, und ihr matter Schimmer gab einen gespenstischen Schein gegen das Sonnenlicht, das durch die Eßzimmerfenster einfiel. Ich scheute mechanisch zurück, empfand eine Art instinktiven Widerwillen, weiterzugehen, aber konnte ganz einfach nicht umkehren. Auf der Schwelle angelangt, blieb ich jedoch stehen, blieb stehen und sah mich um, ohne zu begreifen, was ich sah. Auf dem Boden lag das Maskenkostüm meiner Frau, ein feiner rosa Domino, dessen geblähte Puffärmel noch abstanden, als könnten sie nicht zusammenfallen. Er war zerknüllt wie ein Fetzen, und die Spitzen hingen in langen Streifen herunter, als wäre alles abgerissen und in Raserei fortgeschleudert worden. Und auf dem Bette sah ich meine Frau halbbekleidet, bis zur Mitte entblößt, kopfüber daliegen, als wäre sie in dem Augenblick, in dem sie zu Bette gehen wollte, hingefallen. In der Verwirrung, in der ich mich befand, war es mir unmöglich, irgend ein neues Gefühl zu empfinden. Das Ganze erschien mir nur so eisig konsequent. Es hing mit dem zusammen, was ich eben erlebt, war nur der natürliche Schluß der wahnsinnigen Farce, deren gellendes Lachen noch durch jede Fiber meines Körpers schnitt. Es war natürlich, daß sie tot war. Es war gut, daß sie tot war. Ich konnte nichts anderes finden, ich hatte nicht Raum für etwas anderes in meinem Hirn, das mit hörbaren Lauten gesprengt wurde, so als ob ein Riesenpuls drinnen pochte, um Luft zu bekommen. Es war mir, als wären wir zu gleicher Zeit, in der Einsamkeit, jeder für sich gestorben, und ich fürchtete mich, hinzugehen und sie zu berühren. Ich wußte ja nicht, wie lange ich fortgewesen war, wußte überhaupt nichts, und ich hätte es als Erleichterung empfunden, wenn das gelbe Haus in dieser Stunde über uns beiden zusammengestürzt wäre. Aber als ich endlich näher trat, um eine Decke über ihren Körper zu breiten, merkte ich, daß sie atmete, und ich hörte ein Schluchzen wie einen Angstschrei die Stille durchschneiden. Es erschreckte mich noch mehr als das Schweigen eben erst, und außerstande, etwas zu sagen, wie paralysiert von all dem wahnwitzigen Elend, das sich außer mir und in mir ansammelte, stand ich stille und wartete, daß etwas geschehen sollte, das meiner Angst ein Ende machte. Ich hörte mich selbst sagen: »Bist du krank?« Aber ich meinte nichts damit, begriff nicht einmal meine eigenen Worte, und es war mir, als spräche Olga zu einem anderen, als sie sagte: »Richard, Richard! Kann so etwas möglich sein?« Ich dachte an mich selbst, ich glaubte, daß sie alles wußte, und ich fragte: »Was?« Und wieder hörte ich Olgas Stimme: »Etwas so Schmutziges. Etwas so Niedriges. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß ich bei so etwas mit dabei gewesen bin.« Wie an etwas längst Verschollenes erinnerte ich mich, daß wir auf einem Maskenball gewesen waren, und ich begriff, daß sie an etwas ganz anderes dachte als ich. Während ihre Zähne wie im Schüttelfrost aufeinanderschlugen, nahm meine Frau ihr Nachtgewand um und ging zu Bette, indes ich selbst versuchte, meine Gedanken zu sammeln, um ihr wenigstens antworten zu können. Aber ich fand keine Worte. Ich fühlte bloß, daß der Tag über einer Leere ohne Grenzen anbrach, und als ich endlich einschlief, geschah es mit der Empfindung, daß mein Bewußtsein im Tode erloschen war. 15 Als ich wieder erwachte, fühlte ich zu meinem Erstaunen, daß ich so ruhig war, als hätte sich in meinem ganzen Leben nichts ereignet, oder als wäre ich von Kälte gegen die ganze Welt erstarrt. Diese Ruhe wich den ganzen Tag hindurch nicht von mir, ich fühlte nichts, sah nichts, ging herum, sprach, brachte meine Arbeitszeit im Kontor zu, aber alles vollkommen automatisch. Es war mir, als stände ich selbst außerhalb des Ganzen und betrachtete einen Fremden, der unter dem Schein, zu leben, eine Menge bedeutungslose Dinge tat und sagte. Ich war vollständig betäubt, und ich konnte nicht einmal Schmerz fühlen, als ich hörte, daß Frau Dagmar wirklich abgereist war. Es störte mich nicht einmal, als man diese Fahrt in Verbindung mit der plötzlichen Geschäftsreise eines Bankdirektors brachte. Es war, als hätte ich die Krise einer Krankheit überstanden, ohne doch noch Rekonvaleszent genannt werden zu können. Und die Tage gingen in einem furchtbaren Einerlei, das mich sachte und unmerklich unter der Last einer Ohnmacht begrub, die mich betäubte und sich in der Unmöglichkeit äußerte, auch nur wollen zu können. Alles erschien mir so fremd, so neu. Es war, als wäre ich mit leerem Bewußtsein, ohne Erfahrung und Erinnerungen in eine neue Welt versetzt worden, an die ich mich erst gewöhnen mußte, um sie verstehen zu können. Alles kam mir dort wunderlich, fremd, bedeutungslos, ohne Sinn vor. Die Menschen, die auf der Straße an mir vorbeigingen, wanderten mit müden, niedergeschlagenen Blicken umher, nichts suchend, nichts verlangend, mit dem Nichts beginnend, und bei demselben leeren Grab landend, das einmal alle gleich machen wird. Warum lebte ich? Warum arbeitete ich? Warum lebte überhaupt jemand? Woher kam diese Müdigkeit, die mich und alle beherrschte? Ich begriff auch nicht, daß irgend ein Sinn in dem Verlangen war, das meine Frau an mich stellte, als sie eines Tages in mein Zimmer kam und mich bat, sie im Sommer allein fortreisen zu lassen. Sie sah so seltsam erregt aus, als sie diese einfachen Worte aussprach, und in meinem damaligen Zustand konnte ich es nicht fassen, wie jemand überhaupt über etwas erregt sein konnte. Wenn sie fortreisen wollte, so war es, weil sie nicht länger mit mir zusammenleben konnte. Was war da wohl Wunderliches daran? Trauerte sie noch über etwas? Hatte sie noch so viel Illusion übrig, daß sie trauern konnte? Olga saß vor mir, als sie von ihrer Reise sprach, ihr Gesicht war bleich und ihre Augenlider schwer, wie nach Nachtwachen oder Weinen. Ein wunderliches Gefühl des Mitleids mit uns beiden überkam mich, aber dieses Gefühl war zu schwach, um mich ganz auszufüllen. Es sank zurück wie in ein Chaos, und ich saß wie früher da, erstaunt und starr, und blickte in ihr Gesicht, das mir alt erschien. »Warum willst du reisen?« fragte ich. »Ich kann nicht hier bleiben,« war die Antwort. »Du hast das Bedürfnis von mir fortzukommen?« »Das auch.« Olga hatte also alles verstanden. Sie hatte nur nichts gesagt. Ja, es war ja auch natürlich. Ich glaubte mich noch erinnern zu können, wie sie ihre Kränkung in dem unzugänglichsten Winkel ihres Herzens verbergen konnte, wenn Leid ihr Leben bedrückte. Von ihr Abschied zu nehmen, erschien mir so hoffnungslos und zugleich so einfach, wie alles andere in der ganzen Welt, oder richtiger – es schien mir so einfach zu sein, daß alles hoffnungslos war. »Wohin willst du reisen?« fragte ich. Sie nannte einen kleinen Badeort in Norwegen, und ich antwortete, sie möchte tun, was sie wollte. »Es wird vielleicht dann besser,« sagte sie mit Anstrengung und reichte mir ihre Hand. Ich nahm sie, aber ich begriff nicht, wie sie zu glauben vermochte, daß etwas besser werden könnte. Ohne etwas anderes zu empfinden als mein tägliches Gefühl, wie neu und fremd alles war, hielt ich ihre Hand in der meinen und streichelte sie gedankenlos. Da brach sie in Tränen aus, und indem sie sich vorbeugte, küßte sie meine Hand. Ein Gefühl unendlicher Qual bemächtigte sich meiner, und ich zog meine Hand zurück. Sie merkte es, und indem sie wegsah, murmelte sie: »Ich habe dir so unendlich viel abzubitten.« Sie? dachte ich. Sie? Ich fühlte, daß ich ihr etwas sagen, sie nach dem Sinn ihrer Worte fragen sollte. Aber ich konnte nichts sagen, weil die Leere in meiner Seele war und meinen Willen hemmte. Ich stand auf und ging im Zimmer auf und ab, außerstande zu fassen, was nun mit uns beiden vorging. Da hörte ich wieder, wie Olga zu sprechen anfing, und ihre Stimme nahm einen bittenden Tonfall an: »Und dann bitte ich dich, laß uns von hier fortziehen. Ich kann nicht hier bleiben.« »Zurück nach Stockholm?« sagte ich. »Wohin immer,« sagte sie. »Hier kann ich nicht sein.« Ich versprach es ihr, so wie ich zu allem Ja gesagt haben würde, um was sie mich auch gebeten hätte. Aber meine Antwort war keine feste Einwilligung zu einer gemeinsamen Handlung, nur eine müde Konzession, die ich machte, um wieder in die einschläfernde Ruhe meiner müden Gedanken versinken zu dürfen. 16 Einige Tage später sah ich meine Frau abreisen. Sie hatte unseren kleinen Gunnar mitgenommen, und ich wußte, daß ich es als eine Erleichterung empfinden würde, ganz allein sein zu können. Im Coupéfenster sah ich wie in einem Rahmen meine Frau und den Knaben, die mir zum Abschied winkten. Ich hörte die Dampfpfeife zischen, sah wie der Zug sich in Bewegung setzte und wußte, daß Olga mit Gunnar fort war. Ich wandte mich um und ging, bevor der Zug den Perron verlassen hatte. Ich ging mit dem Gefühl, daß sie beide für immer fortgereist waren und nie wiederkommen würden. Alles war aus. Meine Frau hatte mich verlassen, und nichts von dem, was gewesen, würde wieder so werden, wie es einstmals war. Lange hatte ich dieses Gefühl, und lange lebte ich in einer Schwermut, die einen Schleier zwischen meine Gefühle und die Welt um mich breitete. Es war beinahe, als hätte ich mich aufs neue daran gewöhnen müssen, zu leben, das Leben so um mich zu sehen, wie es wirklich war. Aber nach und nach wuchs aus diesem Chaos, das mich umgab, eine Empfindung hervor, als wäre etwas leichter zu tragen geworden. Als wäre eine Last von meiner Brust genommen, so daß ich wieder anfangen konnte zu atmen, als hätte ich lange im Dunkeln gesessen und sähe nun die Ahnung des kommenden Tages grauen – so war mir zumute. Und mit der Nebenempfindung, wie seltsam es war, daß etwas Derartiges möglich sein konnte, merkte ich, daß ich begann, mich nach den Briefen meiner Frau zu sehnen. Sie waren kurz, und sie erzählten nur von alltäglichen Begebenheiten, nichts von dem, was sie selbst dachte oder fühlte. Ich las diese kleinen Briefchen wieder und wieder, und ich zwang mich gleichsam zu Tätigkeit und Energie durch das Verlangen, das ich empfand, ihren Sinn kennen zu lernen und zu deuten. Gerade das, daß sie nie etwas von mir schrieb, nur von ihrem täglichen Leben, am meisten von Gunnar, rief in mir die Vorstellung hervor, daß sie alles wußte, was mich einmal von ihr getrennt, daß sie daran arbeitete, ihren Schmerz zu überwinden, so wie ich selbst den meinen, aber daß sie für das Kind lebte und Tag für Tag mehr von mir fortglitt. Ich dachte oft daran, daß sie mich nie nach Frau Dagmar gefragt hatte. Sie war aus unserer Welt verschwunden, ohne daß ein Wort darüber gesprochen wurde. Es war, als hätte Olga es nicht einmal bemerkt. Je mehr ich daran dachte, desto klarer wurde es mir, daß ich mit meiner Vermutung, daß Olga alles wisse, recht hatte. Und aus dieser Gewißheit entsproß ein neues Gefühl, das so still und warm kam, wie wenn die Sonne Grün auf der Erde erweckt, die der Waldbrand verheert und mit Asche gedüngt hat. Ich begann, an meine Frau mit einem weichen wunderlichen Gefühl zu denken, das um Vergebung bat. Ich ersehnte den Tag, an dem sie wiederkehren würde, ich hatte keinen anderen Wunsch, als daß sie noch einmal an meiner Seite leben sollte, wie früher. Ich vermochte nur nicht zu glauben, daß dies je Wirklichkeit werden könnte. Alles, was einmal an Liebe und Vertrauen zwischen uns beiden gewesen, stieg aus der Vergangenheit empor. Die Zwischenzeit versank in Vergessenheit, und die Erinnerungen aus den Tagen unseres Glücks kamen eine nach der anderen, tauchten aus der Tiefe des Verflossenen empor, besuchten mich in den Gedanken meiner Einsamkeit und verbreiteten Wärme in meinem Herzen. Und aus all dem löste sich immer mehr und mehr das Gefühl meines Unrechts ab. Alle Theorie von der Unberechenbarkeit und dem Recht der Liebe verschwand aus meiner Seele, und ich begriff, daß sie hier nichts zu sagen hatte. Für mich waren das jetzt nur leere Phrasen, die es nicht vermochten, die Wahrheit zu bemänteln, daß ich Fluch über mein eigenes Leben gebracht hatte. Ich kann die Unruhe nicht beschreiben, in der ich lebte, nicht die Tage dieses wunderlichen Sommers schildern, in dem ich strebte, die Scherben meines eigenen zersplitterten Lebens zusammenzusetzen. Ich erinnere mich an nichts Besonderes, das vorfiel, an keinen Tag, der verschieden von den anderen war. Ich wohnte einsam in dem gelben Hause, und ich ließ die Tage verstreichen, von dem heimlichen Glauben getragen, daß mir das Leben schließlich etwas von jener ungeahnten Lösung schenken würde, die zuweilen kommt, wenn jede Möglichkeit erloschen scheint. Da kam eines Tages ein Brief von meiner Frau. Er war wie alle ihre übrigen Briefe, der Ton der gleiche, es war keine Spur von Erregung oder Unruhe darin. Aber unten auf der letzten Seite fand ich diese Worte: »Ich hoffe, daß Du das ordnest, bis ich komme, so daß wir gleich in unsere neue Wohnung ziehen können. Du verstehst das vielleicht nicht. Aber nicht einmal eine Woche würde es mir möglich sein, in diesen Räumen zu wohnen, die für mich peinvollere Erinnerungen bergen, als Du je ahnen kannst.« Lange saß ich mit diesem Briefe in meiner Hand. Ich las diese Zeilen wieder und wieder, und ich glaubte aufs neue zu verstehen, daß Olga alles wußte. Ich verstand auch, daß es bloß von mir selbst abhing, sie wieder zu gewinnen. Meine Augen füllten sich mit Tränen, und es war mir, als machte schon die Hoffnung, die ich hegte, meine Seele von etwas rein, von dem ich mich allein nie hätte befreien können. Während ich daran dachte, wurde ich von der Sehnsucht ergriffen, Olga alles zu sagen, was geschehen war und geschehen hätte können, alles rückhaltlos in einem Briefe niederzuschreiben. Nichts schien mir ärger, als dieses verbissene Schweigen, das meine Zunge band und selbst meine Briefe leer und inhaltlos machte. Ich wollte mit einem Schlage alles wegfegen, was uns trennte, und es schien mir, daß in diesen wenigen Worten, die ich wieder und wieder buchstabierte, etwas wie eine Bitte lag, daß ich sprechen möge. Aber gleichzeitig war es, als hielte eine milde Hand mich zurück. Ich wagte nicht zu schreiben, oder ich konnte nicht. Es schien mir so leicht, allzu leicht. Aber wenn ich sie wieder vor mir sah, da wollte ich ihr alles sagen, ihr das gestehen, was sie wußte und was sie nicht wußte: daß ich wie ein Tor gehandelt, daß ich des Lebens Gold für falschen Flitter von mir geworfen, daß meine Schuld grenzenlos war, aber meine Scham und Demütigung noch größer. Kurz und ohne jeden Zusatz schrieb ich nur diese Worte: »Ich werde tun, was Du willst. Wenn Du kommst, wird alles für unsere Übersiedlung bereit sein.« 17 So kam der Abend, an dem wir wieder in dem gelben Hause beisammen saßen. Es war der Abschiedsabend, wo das Echo der Vergangenheit gleich auf Moll gestimmten Glocken in unseren Ohren erklang, und draußen war es Herbst. Alles war wie früher und doch anders. Wir waren uns wie Freunde gegenübergetreten, und ich fühlte auf den ersten Blick, daß zwischen uns beiden die warme Stimmung webte, die nur von einer Liebe kommt, welche trotz allem lebt. Aber als wir an diesem Abend zusammensaßen und die alten Räume in der stummen Sprache der Erinnerungen zu uns flüsterten, da war es meine Frau, nicht ich, die zu sprechen begann, und mit steigender Angst lauschte ich ihren Worten. »Du wirst dich wohl über das wundern, was ich dir jetzt sagen werde,« begann sie, »und ich habe zuweilen gedacht, ich würde es dir nie sagen können. Aber jetzt, wo ich wieder bei dir sitze und es ist, als wäre all das Alte aus unserem Leben ausgelöscht, jetzt fühle ich, daß ich nicht mit dir leben kann, bevor ich dir alles gesagt, bevor ich gesehen, daß du mich verstehen und – mir verzeihen kannst. »Du weißt nicht, was es heißen will, nicht Herr seiner selbst zu sein, wie im Nebel zu gehen, und bei jedem Schritte, den man tut, das Gefühl zu haben, als könnte man den richtigen Weg nicht finden. Ich kann es dir nicht recht erklären. Aber siehst du, als John tot war, glaubte ich beinahe, daß ich gleichsam nicht richtig bei Verstande blieb. Ja, du darfst mich nicht mißverstehen. Ich konnte über alles Mögliche nachdenken, alles Mögliche verstehen. Aber es drang gewissermaßen nicht in meine wirklichen Gedanken ein. Wo ich ging, hörte ich Stimmen, die mir ins Ohr flüsterten. Das ist nicht nur eine Redeweise. Ich hörte sie wirklich. ›Es ist deine Schuld, deine Schuld, deine Schuld. Deshalb durfte er nicht am Leben bleiben. Du hast dich zuerst nicht um ihn gekümmert, und als du dann versuchtest, es zu tun, war es zu spät.‹ Ich hörte das beständig, Richard, oder beinahe beständig, und ich glaube, es kam daher, daß ich zu unaussprechlich glücklich mit dir gewesen war. Gerade da starb John, gerade da als wir glaubten, dem Schlimmsten entronnen zu sein, wo wir so glücklich lebten, als hätten wir nie etwas anderes durchgemacht, da brach das Unglück über meine Seele herein, und ich konnte es nicht tragen. Ich fühlte mich so schwach, Richard, und so wunderlich einsam. Ich versuchte, die Gedanken fortzudrängen, ich krümmte mich in meinem Unglück, das, wie ich meinte, keiner teilen sollte, und ich weinte Tag und Nacht, Richard, nicht um deinetwillen, sondern um meinetwillen. »Denn wenn diese Gedanken über mich kamen, dann konnte ich mich dir nicht nähern, ich konnte nicht zu dir sprechen, und es war mir, als hätte ich nicht das Recht dazu. Ich sah ja, daß du es tragen konntest. Warum sollte ich da mein Unglück über dich bringen? Und ich wagte nicht, dir das Schreckliche zu erzählen, daß jede Nacht John in seinem weißen Hemdchen an meinem Bett saß und zu mir sprach . Ach, du kannst dir das nicht denken. Wenn der Tag kam, wußte ich, daß es eine Krankheit war, und ich dachte immer, jetzt werde ich mit Richard sprechen. Jetzt werde ich es tun. Aber sobald ich es versuchte, schien es mir, als hieße das meinen kleinen Jungen von mir wegscheuchen. Er sah so betrübt aus, wie er da saß. Seine Augen waren manchmal voll Tränen, und ich mußte lange zu ihm sprechen, während du schliefst, damit er wieder froh wurde. Er kam nie, bevor du eingeschlafen warst, und es schien mir, daß er mich bat, nichts davon zu erzählen, weil er dann nicht länger bei mir bleiben konnte. Ich war ja die einzige auf Erden, die seiner gedachte. »Darum konnte ich nie zu dir sprechen, dir nie etwas sagen. Dann zogen wir wieder hierher in unser gelbes Haus, wo wir es so schlecht und so gut gehabt hatten, und wie der Winter verging, Richard, da begriff ich eines Tages, daß du glaubtest, ich hätte dich nicht mehr lieb. Du sagtest es mir nicht, aber ich sah es an deinem Blick, an deinem Wesen, an allem. Ich wußte es ebenso sicher, als wenn ich es aus deinem Munde gehört hätte. »Und da überkam mich ein Gefühl, als wäre es mir unmöglich weiter zu leben. Ich sagte dir nichts, ich konnte ja nicht einmal denken, es war, als wäre das Leben in mir erloschen, und in dieser Nacht weinte ich mich nicht in den Schlaf. Ich lag wach, und wie ich so das Vergangene überdachte, wurde mein Herz immer starrer gegen dich, und dennoch wußte ich ja, daß ohne dich das Leben für mich wertlos war. Aber der Gedanke selbst war mir so entsetzlich, daß ich mir zuweilen gewissermaßen vorspiegeln konnte, es sei nicht wahr. Ich konnte, während ich dies im Sinne hatte, scherzen, mich vor dir fröhlich zeigen, dich bei dem ganzen Leben begleiten, von dem ich begriff, daß du es aufsuchtest, um mich zu vergessen. »Aber nun sollst du auch wissen, wie es mir möglich war, während dieser ganzen Zeit auszuhalten und warum ich am allermeisten wünschte, fortzukommen. Erinnerst du dich, daß mir der Doktor ein paar Mal Morphium gab, weil ich so müde war und nicht schlafen konnte? Erinnerst du dich daran, Richard? Wenn du wüßtest, wie oft ich mich darüber wunderte, daß du nicht ängstlicher warst, als man mir Morphium in die Hand gab! Denn jetzt will ich dir auch dies sagen. Nur weil dieses Gift mich aufrecht erhielt, konnte ich überhaupt leben. Und ich begnügte mich nicht mit dem, was mir der Arzt gab. Ich verschaffte mir mehr, ich ging auf unerlaubten Wegen und verschaffte mir, was ich sonst nicht hätte bekommen können. Tag für Tag lag ich wie in Betäubung, alles vergessend, und mich glücklich wähnend. Ich schämte mich vor dir. Ich hatte Angst, daß du es entdecken würdest, und mit Entsetzen begriff ich, daß ich untergehen mußte, wenn das andauern durfte. Aber siehst du, Richard, ich wollte untergehen. Ich wollte mich selbst zugrunde richten. Und erst als ich sah, daß du mich nicht mehr liebtest wie früher – da erwachte in mir das Verlangen, dich wiederzugewinnen, und ich sah ein, daß wenn ich dich gewinnen wollte, ich zuerst die Gewalt über mich selbst zurückerlangen mußte. »Erinnerst du dich noch an die Maskerade, an jenen entsetzlichen Abend, als du mich in meinem Bett fandest und mich vielleicht für tot hieltest? Da brach all das aus, da schrie es in mir mit einem Entsetzen, als peitschte das Leben selbst mich mit Ruten blutig. Da riß ich meine Kleider ab, riß sie in Stücke, trat auf sie. Als du kamst, hörte ich deinen Schritt, und damit du es nicht verstehen solltest, warf ich mich auf mein Bett. Aber hättest du eine Minute gezögert, würde ich mir alles vom Leibe gerissen haben, und nackt wäre ich hinausgestürzt. Ich weiß nicht warum – ich weiß nur, daß ich es getan hätte. »Ich lernte da erkennen, daß man fühlen kann, wie der Wahnwitz in der Seele lauert, und daß es einen Augenblick gibt, wo es nur des Bruchteils einer Unbedeutendheit bedarf, damit man unwiderruflich über die Grenze geschleudert wird. Das war der Grund, warum ich dich bat, reisen zu dürfen. Darum schrieb ich, daß ich nie wieder hier wohnen könne. Denn diese Wände waren Zeuge meiner Erniedrigung gewesen, von diesen Fenstern hatte ich meinem eigenen Tod entgegengesehen, in diesen Räumen war ich gegangen und hatte auf mich selbst gelauert, so wie man einen Tollen bewacht, der jede Minute ausbrechen und ein gefährliches Tier werden kann. »Du merktest nichts, Richard. Und ich war dir so dankbar, daß du nichts sahst. Aber so wunderlich ist das Leben, daß gerade das, was mir am härtesten von allem schien, meine Rettung wurde. Denn dadurch kam ich dahin, John zu vergessen , und als ich ihn vergaß, kam er nicht mehr an mein Bett. Er weckte mich nicht mehr. Er ließ mich schlafen. Ach, Richard! Ich habe an das gedacht und wieder gedacht, und ich verstehe es nicht. Ich habe jetzt viel Zeit zum Denken gehabt, und ich habe ja besser als du gewußt, daß ich recht daran tat, meiner Wege zu gehen, als meine Gedanken stärker wurden als ich selbst. Ich wußte ja, welche Gefahr für mich darin liegt, mich in etwas zu vergraben. Ich wußte ja, daß ich hier nie von – von dem anderen loskommen konnte. Und als ich von dir fort war, geschah mir das Wunderliche, daß sich nach und nach eine große warme Ruhe auf meine Seele senkte. Das kam nicht gleich, denn du weißt wohl, daß bei mir alles langsam geht. Da war viel, das gleichsam weggescheuert werden mußte und das lange schmerzte, sowie der Gedanke daran anstreifte. Aber jetzt sitze ich hier bei dir, jetzt ist alles wie ein Traum, und morgen schließen wir die Türen des gelben Hauses.« – – – – – – – – – – 18 Ich sitze still da, indes meine Frau spricht, und in mir ist das Gefühl, als wäre mein eigener Schmerz verschwunden und ich spüre ein Schicksal, größer als mein eigenes, sich an meiner Seite erfüllen. Was ist doch das? Was ist es? Ich sitze und versuche meine eigenen Gedanken zu entwirren. Aber ich kann es nicht. Ich will anfangen und nun meinerseits sprechen. Aber die Worte stocken unausgesprochen auf meinen Lippen, und es wird mir nur so wahnwitzig klar, daß ich von allem, was gewesen ist, nichts gesehen, nichts verstanden habe. Denn irre bin ich gegangen, irre durchs ganze Leben. Ich fühle das so tief, daß ich für den Augenblick allein zu sein glaube. Ich vergesse Olga, die an meiner Seite sitzt. Ich vergesse alles um mich, und wie von unsichtbaren Händen geleitet, glaube ich zurück über die Wege zu tappen, die ich früher gegangen und wo jeder Schritt mir jetzt Schmerz verursacht. In der wunderlich gesteigerten Empfindung, daß mein ganzes Leben sich in diese stille Stunde zusammenpreßt, schweift mein Gedanke zurück durch jene Tage, die nun in Vergessenheit versunken sind. Alles, was war, und alles, was ist, sammelt sich in einem ungeheuren Gefühl der Sorge und Beklemmung, und ich höre in mir eine Stimme, die mich zwingen will, vor Raserei zu schreien: wie sinnlos ist doch all dies! Wie sinnlos, sinnlos, sinnlos! Aber der Schrecken erstickt meine Stimme, und ich sitze stumm da, während ein Laut wie von entsetzeneinflößenden Flügelschlägen um meinen Kopf rauscht. Ich wurde zu dem Gedanken an das, was wirklich geschehen war, durch Olgas Stimme erweckt, die sagte: »Hast du meine Worte nicht gehört? Verstehst du mich nicht?« Ihre Stimme klang dumpf und schwer, und sie fuhr fort: »Fühlst du nichts für mich? Kannst du mir nicht verzeihen?« »Verzeihen!« wiederholte ich mechanisch. Es war mir in diesem Augenblick unmöglich, zu ergründen, was sie meinte. »Ja,« antwortete sie, »allen Kummer, den ich dir bereitet habe.« Ich weiß nicht, was ich ihr antwortete. Ich erinnere mich nicht, was ich sagte oder was ich tat. Der Worte werde ich mich nie entsinnen können. Ich weiß nur, daß ich den heftigen Schmerz nicht beherrschen konnte, der durch mein Blut jagte. Ich hatte nicht Zeit zu denken oder zu überlegen. Ich folgte blindlings dem Instinkt, der mir gebot zu sprechen, und in einem rasenden Strom von Worten erzählte ich ihr alles. Jedes Wort traf mich selbst, als wühlte man mit Messern in meinem Fleisch, und ich hatte das Gefühl, als wäre es mein eigenes Glück, das ich da mordete. Wie lange wir so saßen, weiß ich nicht. Es war mir, als stände die Zeit stille während der Minuten, die verstrichen, bis Olga antwortete: »Wie konntest du glauben, daß ich dich nicht liebe?« Wie konntest du glauben? Ich wußte nichts zu erwidern, ich fiel ihr zu Füßen, barg meinen Kopf in ihrem Schoße, und mein Schmerz machte sich Luft. Wie konnte ich glauben? Noch brennt diese Frage meine Seele. Noch habe ich keine Lösung des Rätsels gefunden. Nie, nie werde ich eine solche Lösung finden. 19 Nie werde ich vergessen, daß meine Frau mir nicht ein Wort des Vorwurfs zu sagen hatte. Nie auch wird der Ausdruck von versteinertem Schmerz aus meinem Gedächtnis schwinden, der ihrem Gesicht aufgeprägt war, als sie meine Hand drückte und ihren Kopf an den meinen schmiegte. »Wir sind irre gegangen,« sagte sie einfach. Ihre Worte klangen in meinen Ohren wie eine Verheißung. Und wie vom selben Gedanken ergriffen standen wir auf und gingen hinaus. Um uns fächelte der laue Wind der Herbstnacht, unter unseren Füßen raschelten die gelben Blätter wie stumme Wahrzeichen, und der Himmel war mild und blau wie an einem Maiabend. Aber auf dem dunkelblauen Firmament leuchtete der Mond mit dem tiefen, wehmutgesättigten Goldglanz des Septembers. In uns stiegen auf verschiedenen Tonwellen des Lebens wunderlich reiche, wehmutgetränkte, demutvolle Jubelhymnen auf. Sie kamen von ferne wie ein Chor unsichtbarer Stimmen, auf unsichtbaren Wogen getragen, und ich sah an meines Weibes Blick, daß sie lauschte wie ich, der ewigen Musik des Leids lauschte, das in Glück verschmilzt, der ganzen Reihe von starken Akkorden lauschte, die durch vereinte Menschenherzen ziehen.