Oscar A. H. Schmitz Der Geist der Astrologie Blick auf! Hier steht bedeutend nah Im Mondenschein der ewige Tempel da. Faust II. Vorwort zur 4. Auflage. Fünfzehn Jahre sind seit Erscheinen der 1. Auflage vergangen. Der Verfasser hat die irdische Kampfstatt verlassen. Wenn die Neuauflage fast ohne große textliche Änderungen wieder in die Welt geht, so zeugt dies davon, daß die Gedankenwelt dieses Buches nicht zeitbedingt ist. Die Wandlungen, die sich seit diesen fünfzehn Jahren im Leben der Völker vollzogen haben, sind als Ausdruck der inneren Wandlung der Menschen zu werten. Deshalb ist dieser Auflage ein kurzes Nachwort beigegeben, in dem dem Leser der Fortschritt und die neueren Erkenntnisse dieser Zeitspanne nähergebracht werden. Möge die Neuauflage sich weitere Freunde erwerben unter den suchenden Menschen der Jetztzeit. Berlin, am Julfest 1936. Erstes Buch. Astrologie als Erfahrungswissenschaft I. Ausgangspunkt Diese Abhandlung will weder ein Lehrbuch für Neulinge ersetzen, noch beansprucht sie, den Meistern der Astrologie wesentlich Neues zu bieten; sie richtet sich vielmehr an den gebildeten Menschen unserer Zeit, der wissen möchte, was es eigentlich um die Astrologie ist, da er der Ableugnung geistiger Weltzusammenhänge von seiten der materialistischen Naturwissenschaft nicht mehr vertraut, aber ebensowenig vom Regen in die Traufe kommen möchte, indem er sich jedem Aberglauben unter dem Namen »Geisteswissenschaft« überließe. Meine Arbeit will sich zu einem Lehrbuch oder gelehrten Werke verhalten, wie eine persönliche Reisebeschreibung eines wenig bekannten Landes zu einer wissenschaftlichen Monographie. Der Vollständigkeit halber wird zwar auch die Technik des Horoskopstellens in den Grundzügen erklärt, doch als Nebensache. Wer Astrologie ernstlich studieren will, braucht Lehrbücher. Mir kommt es, wie gesagt, nur darauf an zu sagen, was Astrologie ist. Vorkenntnisse etwa astronomischer oder mathematischer Natur setze ich nicht voraus; ich bemühe mich vielmehr, wie in allen meinen Schriften, das zum Verständnis notwendige Wissen dem Leser gelegentlich zu vermitteln und erwarte von ihm nur einige Aufmerksamkeit, die sich nicht scheut, einen Abschnitt unter Umständen zweimal zu lesen, um die notwendigen Grundbegriffe dem Gedächtnis einzuprägen, besonders das erste Buch nach Lektüre des zweiten zu wiederholen. Man nehme zunächst einmal alle fremdartigen Ausdrücke hin. Im Verlauf der Darstellung wird immer gerade soviel davon erklärt, als im Augenblick nötig ist. In die Tiefe führt erst das zweite Buch. Das einzige, was wir dem kritisch-wissenschaftlichen Betrieb des neunzehnten Jahrhunderts wirklich verdanken, muß erhalten bleiben, auch nachdem die Ergebnisse jenes Betriebs für die Erkenntnis als bloß sekundär geschätzt werden, nämlich das empirische Prinzip, das Behauptungen nur gelten läßt, wenn sie auf Erfahrung beruhen. Daher ist die immer wiederkehrende Frage, die dem Astrologen gestellt wird, wie es denn möglich sei, daß die Gestirne Charakter und Schicksale bestimmen, in sich ganz und gar unwissenschaftlich, denn die Aufgabe exakter Wissenschaft ist mitnichten die Spekulation darüber, wie es möglich ist, daß etwas geschieht, sondern die Beobachtung, was oder ob etwas geschieht, und unter welchen Bedingungen. Die Frage, wie es möglich ist, daß Ätherschwingungen Bilder auf der Netzhaut erzeugen, geht die Optik gar nichts an, sie nimmt diese Tatsache als gegeben. Noch heute vermag kein Biologe zu sagen, was eigentlich die Ursache des Todes ist. Auch die bewunderungswürdige Entwicklung der Lehre von der Elektrizität erklärt nicht, was diese Kraft ist, stellt sie vielmehr nur fest in immer genauerer Beobachtung ihrer Tatsächlichkeit, was zu immer weiter gehender Verwertung führt. So wie man nun jedem Ungläubigen leicht das Dasein, wenn auch nicht die Ursache der Elektrizität erfahrbar machen kann, so braucht der Astrologe dem Zweifler nur zu sagen: verschaffe dir einige kunstgerechte Horoskope, am besten dein eigenes, die deiner Verwandten und Freunde, sowie einiger bekannter Persönlichkeiten der Geschichte und der Gegenwart, etwa Goethes, Napoleons, Bismarcks, Wilhelms II.; mache dich mit den seit dem Altertum im wesentlichen unveränderten Deutungsregeln vertraut, und dann urteile, ob diese Regeln stimmen. Dazu soll diese Schrift anleiten. Die Sicherheit der exakten Naturwissenschaften wird zwar in der Astrologie nicht erreicht, wohl aber die der Medizin, die, wenn wohl verstanden, gleich der Astrologie mehr eine Kunst ist als eine Wissenschaft. Auch sie stößt auf das große X der Individualität, deren Eigengesetzlichkeit den Mechanismus der körperlichen wie psychischen Funktionen und ihrer Reaktion auf Einflüsse zwar nicht umstößt, aber ihm doch eine nicht berechenbare Richtung gibt. Koffein z. B. wirkt in kleiner Dosis anregend, in großer manisch, in sehr großer betäubend, in größter tödlich. Das ist den Ärzten einwandfrei bekannt. Die Grenzen dieser Wirkungsarten sind aber bei jedem Individuum andere. Bei manchen hebt ferner Nikotin die Koffeinwirkung auf, bei andern wieder Koffein den Alkoholrausch. Sehr verschieden ist die Wirkung dieser Gifte, je nachdem und womit der Magen gefüllt ist. Nicht anders ist die Wirkung der Planeten zu verstehen. Dazu kommen Kombinationen folgender Art: Wer eine gesunde Hautausdünstung hat, entlastet dadurch die Nieren und wird Nierenleiden durch seine Schwitzfähigkeit leichter überstehen, aber kein Arzt wird Indexziffern finden für solche »Stärken« und »Schwächen« des Körpers, aus denen er mit Sicherheit den Ausgang einer Krankheit berechnen könnte. Vergleichen wir z. B. den Einfluß einer guten Ernährung mit dem astrologischen Einfluß Jupiters, den Alkohol mit der Wirkung des Mars. Oft wird das alkoholische Gift bis in ein hohes Alter wohl vertragen; oft wird durch starken Alkoholgenuß die Magenschleimhaut angegriffen. Auf jeden Fall bleibt der Alkohol ein Gift, dessen Wesen genau bekannt ist. Seine Wirkung auf ein Individuum aber hängt von zahlreichen andern Faktoren ab. Ebenso kennen wir in der Astrologie die Einflüsse des Mars und des Jupiter in ihren mannigfachen Abstufungen und Modifikationen und können aus einem Horoskop genau feststellen, ob sie bei einem Individuum stärker oder schwächer, einander freundlich oder feindlich sind, aber das Urteil, was diese Konstellationen nun tatsächlich hervorbringen, hat so wenig die Genauigkeit eines physikalischen Experiments, wie das Urteil eines Arztes über die Menge von Alkohol, die einem Menschen schaden wird. Nachher kann dann der Arzt, vielleicht erst bei der Sektion der Leiche, alles tatsächlich beweisen, und das soll kein spöttischer Vorwurf sein, sondern eine Feststellung, daß unser Wissen nicht nur in der Astrologie Stückwerk ist. Ganz exakt ist auch sie nur, wenn für geschehene Ereignisse die astrologischen Ursachen festgestellt werden, aber auch ihre allgemeinen Voraussagungen erreichen zum mindesten die Genauigkeit ärztlicher Diagnosen. In beiden Fällen gibt es geniale, mittlere und schlechte Diagnostiker. Die ersten sind intuitiv, die andern bestenfalls buchgelehrt. So wie der Arzt ist auch der Astrologe zwar an ganz bestimmte Erfahrungstatsachen gebunden, aber ohne Kombination und Intuition bleiben sie tot. Das Beispiel vom Alkohol ist übrigens mehr als ein Vergleich. Schon befinden wir uns mitten in der Astrologie, denn in der Tat ist der Ernährungszustand eines Menschen bei geeigneter Disposition der Häuser stark von der Qualität Jupiters in seinem Horoskop bedingt, während Alkohol dem Mars unterstellt wird. Bismarck Die in diesem Buch angeführten Horoskope sind teils deutschen, engl. u. französ. Zeitschriften entnommen, teils verdanke ich sie persönlichen Beziehungen mit ihren Besitzern. z. B. hatte eine sehr gute Mars-Jupiterbestrahlung, die außer vielem andern eine deutliche Beziehung auf seine Gesundheit zeigte. Mars steht bei ihm im Haus der Krankheit, was an sich schlecht ist, aber der günstige Jupiterschein ließ trotz diesem schlechten Marseinfluß ein hohes, wenn auch nicht gesundes Alter zu. Man weiß, daß er den krankmachenden Freuden des Bachus stets sehr zugetan war, denen aber seine starke Natur (Jupiter) lange widerstand. Die Astrologie ist durchaus Erfahrungswissenschaft, und das Vieldeutige ihrer Urteile hat nichts verworren Mystisches, sondern entspricht vielmehr der Vieldeutigkeit ihrer Gegenstände. Das organische Leben und die individuelle Psychologie haben eben nicht die Exaktheit von Maschinen, und darum gleichen auch ihre Gesetzmäßigkeiten nicht den physikalischen Gesetzen. Die Ungewißheit der Astrologie bei all ihrer Wahrheit ist natürlich sehr ermunternd für den Pfuscher, aber dieses Schicksal teilt sie mit der Medizin, der Kunst und der Religion. Technische Pfuscherei erkennt man leicht daran, daß z. B. eine Maschine nicht funktioniert. Kurpfuscherei, schlechte Kunst, falsches Prophetentum sind schwerer zu entlarven, denn auch die Aussagen, des wahren Arztes, des echten Künstlers und des wirklich Religiösen sind sind nicht so eindeutig bestimmt wie die Leistungen des Technikers oder Physikers, ja es gibt nicht wenige unter jenen, bei denen echte Erkenntnis mit Selbstbetrug, ja vielleicht mit ein bißchen ganz bewußtem Nachhelfen bei versagender Intuition gemischt ist, und gerade unter diesen finden wir oft Genies. Oft hört man die Frage, ob denn die Astrologie in ihrer geozentrischen Orientierung nicht durch das kopernikanische System widerlegt sei. Nun, das praktische Leben wird stets geozentrisch bleiben. Für uns Menschen wird die Sonne immer auf- und untergehen, gleichgültig, ob dies nur ein Schein ist, hervorgerufen durch die Erdumdrehung. Ebensowenig wie seit Kopernikus sich an der Erwärmung und Beleuchtung unseres Planeten etwas geändert hat, sind dadurch die übrigen planetarischen Einflüsse in Frage gestellt. Die Scheine der Planeten wirken so, wie sie uns treffen, gleichgültig, wie weit dies infolge ihrer Bewegung oder der unseren geschieht. So spüren wir auch nur die astrologische Wirkung derjenigen Sonnen- und Mondfinsternisse, die auf unserer Halbkugel sichtbar sind, d. h. die für uns tatsächlich die Sonnen- und Mondbestrahlung stören. Ferner rechnet die Astrologie nicht mit dem siderischen Mondumlauf von ca. 27 Tagen, sondern mit dem synodischen von ca. 29 Tagen, wie er uns infolge der Erdumdrehung von Neumond zu Neumond sichtbar wird. Auch die Rückläufigkeit der Planeten schwächt oder verlangsamt ihre Wirkung. Ohne Bedeutung ist es ferner, daß die frühere Astrologie auch Sonne und Mond in der Praxis Planeten nennt, dagegen ist es wichtig, daß sie die Planeten Uranus und Neptun nicht kannte. Davon später mehr. Wie gesagt, ich will kein Lehrbuch und kein gelehrtes Buch schreiben. Wenn trotzdem aus meinen Darlegungen auch der Lernende oder gar der gelehrte Astrologe einigen Nutzen zieht, so wird es mir ein willkommener Lohn sein, auf den ich aber nicht rechne. Für diejenigen, denen meine Ausführungen Lust erwecken, sich ernstlich mit Astrologie zu befassen, will ich zuerst berichten, wie ich selbst dazu gekommen bin. Dabei werde ich häufig vorgreifen und Gelegenheit nehmen, an der Hand von Beispielen den Leser sofort mitten in den Stoff hineinzuführen. Vorher sei noch der immer wiederkehrende Hauptfachausdruck erklärt: Aspekt. Aspekt heißt Anblick. Die Strahlen zweier Planeten treffen einen Punkt auf der Erde in einem bestimmten Winkel, der bald günstig, bald ungünstig auf diese Stelle wirkt. Diese Anblickungen der Planeten untereinander sind die Aspekte. Günstig sind Sextil (Winkel von 60°) und Trigon (120°), ungünstig Quadrat (90°) und Opposition (120°). Konjunktion ist das Zusammentreffen zweier Planeten in der Blickrichtung, so daß uns die Strahlen in einer Linie ohne Winkelbildung erreichen (0°). 2 günstige Planeten sowie 2 ungünstige Planeten in Konjunktion verstärken einander. Ein günstiger und ein ungünstiger verbinden ihre Gegensätzlichkeit zu einer gemischten, oft besonders einschneidenden Wirkung. Es kommt darauf an, welcher Planet seiner Natur und Stellung nach der stärkere ist. Besser spräche man statt von guten und schlechten, von sanften und heftigen Aspekten. Bei den sanften verbinden sich die Kräfte, und ihre Wirkungen sind Geschenke. Die heftigen Aspekte gleichen Pferdekuren. Starke, entwickelte Naturen vermögen durch sie zu erringen, was die milden Aspekte von selbst geben, schwache erliegen ihnen. Jedes Horoskop hat Aspekte beider Art. II. Mein eigener Weg zur Astrologie (Geburtsastrologie) Im Jahre 1900 schlenderte ich eines müßigen Nachmittags in Paris an den Seinequais umher. In den auf den Steinbrüstungen aufgestellten Kästen der Buchhändler stöbernd, fand ich das mir seit langer Zeit empfohlene Werk von Desbarolles: »Les mystères de la main.« Ich kaufte es und ließ es zwei Jahre unbeachtet in meiner Bibliothek stehen. 1902 packte ich meine Koffer für eine mehrmonatliche Reise nach dem Süden. Als ich meine Bücherei nach Reiselektüre durchsuchte, fiel mir der Desbarolles in die Hand. Ich fand nun in ihm unterwegs ein gut geschriebenes, psychologisch klares Kompendium der Handlesekunst. Wie weit sie auf Wahrheit beruht, kann nur lange Erfahrung feststellen. Die Gesetzmäßigkeit dieser Kunst indessen ist aus diesem Buch zu lernen. Man unterscheidet 7 psychologische Grundprinzipien, die durch die Erhöhungen unter den 5 Fingern, den Handballen und die 2 ihnen in der unteren Handhälfte gegenüberliegenden, leicht schwellenden Flächen dargestellt werden. Diese Grundprinzipien heißen: Jupiter, Saturn, Sonne, Merkur, Mars, Venus, Mond. Hier ist der Zusammenhang der Chirologie mit der Astrologie, die sich auf dieselben 7 Grundprinzipien aufbaut. Desbarolles gibt nun eine kurze Darstellung der astrologischen Psychologie. Diese fesselte mich bedeutend mehr, als die ganze Handlesekunst. In einem Zypressen- und Pinienhain bei Ospedaletti überfiel sie mich geradezu an einem sonnigen Aprilmorgen und ergriff derart von mir Besitz, daß ich eine Zeitlang wie besessen war. Ich versuchte nun, mich selbst, mir nahestehende Menschen, Gestalten der Geschichte, kurz jede mich interessierende Person als ein anderes Wirkungsverhältnis, sonnen- und mondhafter, merkurischer, jovischer, venus- und marshafter Kräfte zu erfassen, deren Wesensart Desbarolles sehr klar darstellt. Dabei war es ihm ganz gleich, ob diese Kräfte in der Tat von den Gestirnen ausgingen, vielmehr neigte ich dazu, sie mit den antiken Göttern, deren Namen sie trugen, in Verbindung zu bringen, schienen mir doch jene Götter nichts anderes als typische Steigerungen bestimmter menschlicher Wesenheiten. Weder vor- noch nachher im Leben hatte ich bei Studien je wieder in demselben Maß das Gefühl, hier endlich etwas gefunden zu haben, was ich seit langen suchte, nämlich eine gesetzmäßige Individualpsychologie. Psychologie! Dieses Wort hatte ich mit etwa sechzehn Jahren zum erstenmal gehört. Mein Vater ließ es mich, an meine griechischen Kenntnisse appellierend, als Seelenkunde, Lehre von der Seele, übersetzen. Wie? Das gab es? Ich hatte schon allerlei gelesen. Ich interessierte mich für Literatur, Kunst, Philosophie, Geschichte, Sprachen, soziale Fragen, aber nun merkte ich erst: was ich in alledem suchte, war – Psychologie. Wo konnte man denn die studieren? Das wußte mein Vater nicht. Es war in den achtziger Jahren. Als Student der Rechte kam ich später nach Leipzig und München. Ich hörte Wundt, ich hörte Lipps, aber war deren Lehre die gewünschte Seelenkunde? Ich merkte bald, daß die Psyche dieser Psychologie mit der Seele nicht mehr zu tun hat, als die Physis der Physiologen. Es war zwar nützlich, die psychischen Funktionen unterscheiden zu lernen, besonders Gefühle von Empfindungen, aber all das war kollektiv, betraf die Menschen überhaupt, die mir von Kindheit an stets sehr gleichgültig waren, denn mich interessierte nur der Mensch gerade im Hinblick auf das, worin er sich von den Menschen unterscheidet. »Dann sind Sie hier an der falschen Stelle,« sagten mir einige gescheite Kommilitonen, »was Sie suchen, finden Sie bei den Dichtern. Lesen Sie Balzac und vor allem Dostojewskij.« Dort fand ich es in der Tat, und noch mehr fand ich es im Leben selbst, das ich allmählich mit anderen Augen sehen lernte, aber ich wünschte mir doch noch etwas anderes, etwas, was alle diese Einzelerfahrungen untereinander verbindet. Ist auch jeder einzelne Mensch etwas für sich, was sich keinem System unterordnen läßt, so liegt doch dieses Einmalige, soweit es in Erscheinung tritt, in dem jedesmal anderen Mischungsverhältnis derselben Elemente. Es gab nur einen Goethe, aber das Dichterische ist doch etwas, an dem alle Dichter und unendlich viele Nichtdichter Anteil haben. Mag es selbst etwas Letztes, Unauflösliches sein, es äußert sich in 3 Funktionen, die an sich jedem geläufig sind: Phantasie, Intellekt, Sprache. Wenn Menschen Visionen und Erkenntnisse überhaupt mitteilen, so geschieht es mit denselben Mitteln, deren sich das alltäglichste Leben zu seiner Äußerung bedient. Vielleicht ist jedes Wesen in sich schöpferisch. Ob das Dichterische aber auch zum Ausdruck kommt und wie weit, hängt wohl davon ab, wie stark jene Funktionen entwickelt, d. h. gerade für das Dichterische durchlässig sind. Das aber zu erforschen, wäre Psychologie. Nun las ich z. B. im Desbarolles, daß das Künstlerische, die verfeinerte Sinnlichkeit, Geschmack und Phantasie unter Venus stehen, Intellekt und Sprache unter Merkur. Sind beide einem Menschen günstig, so ist jedenfalls eine Vorbedingung für literarisch-poetische oder künstlerische Äußerung erfüllt. Da wir uns hier nicht für Handlesekunst interessieren, will ich gleich vorgreifen. Viel später, als Astrologe, erfuhr ich, daß Richard Wagner tatsächlich Venus und Merkur vereint in einem Venuszeichen Den 12 irdischen Feldern entsprechen die 12 Zeichen des Tierkreises. Jedes Zeichen ist von einem Planeten beherrscht. Daher gibt es Venuszeichen, Merkurzeichen usw. Davon später mehr. hat, Ludwig II. von Bayern besitzt dieselbe Konjunktion in einem Merkurzeichen, Richard Strauß hat Merkur in einem Venuszeichen, Venus in einem Merkurzeichen. Man nennt diese Gegenseitigkeit Rezeption. Sie verstärkt die Einflüsse. Gustave Flaubert und George Sand haben beide günstige Aspekte zwischen Merkur und Venus, bei Goethe steht die Venus in einem Merkurzeichen im Haus des Berufs. Literarisch-dichterische Veranlagung kann astrologisch freilich auch durch andere Einflüsse bewirkt und durch Gegeneinflüsse verhindert werden. Damit daraus ein ursprünglicher Dichter wird, ist noch mancherlei anderes nötig, als ein Venus-Merkuraspekt; vor allem muß er in geeignete Häuser wirken. Noch ein anderes Beispiel: Ich las bei Desbarolles, daß Saturn tiefe Konzentration und finsteren Ernst gibt; Jupiter dagegen ist der Herr der Ordnung, des Gleichmaßes, der Gesetzmäßigkeit, er macht großmütige Herren, gerechte, menschliche Richter; Saturn macht einsame, suchende Denker. Treten sie nun astrologisch in freundliche Beziehung, so geben sie zusammen tiefe, echte Religiosität, wahres Priestertum; bestrahlen sie sich feindlich, so entsteht ein Zwiespalt zwischen Denken und Ordnung, Empörung gegen Gesetz und Religion, oder unehrliche Unterordnung: Heuchelei. Im Horoskop Luthers z. B. befinden sich Jupiter und Saturn in Konjunktion und dazu an der Stelle, die für das höhere Denken und die Religion entscheidend ist, im IX. Felde. In Luther sehen wir nun in ganz besonderem Maße Jupiter- und Saturneigenschaften vereint. Die Konjunktion dieser beiden sehr entgegengesetzt gearteten Planeten ist zunächst kein freundlicher Aspekt. Beide werden ihre Natur stark zum Ausdruck bringen, oft gegeneinander. So erklärt sich bei Luther die Vereinigung des Empörers mit dem Ordnungsmenschen. Sowohl sein starrköpfiger Individualismus wie sein Obrigkeitsbegriff haben saturnische Färbung; aber seine warme Menschlichkeit und Großherzigkeit tragen jovisches Gepräge. Der ernste, saturnische Luther war ein sehr »jovialer« Mann. Wenn Jupiter und Saturn sich ausgesprochen günstig bestrahlen, das heißt in Sextil oder Trigon, dann ist ihre Wirkung einheitlicher, weniger problematisch. Aber hier sei gleich bemerkt, daß es die Problematiker sind, d. h. die Menschen mit nicht durchaus günstigem Horoskop, welche die Welt bewegen. Sogenannte gute Horoskope bringen jene Mittelmäßigkeiten hervor, die mehr Glück haben als Verstand. Bis in das späte Mittelalter wurde für jede irgendwie bedeutende Person die Nativität gestellt. Die antike Astrologie ist uns in dem Tetrabyblos und den Aphorismen des Ptolemäus überliefert, aber dieser alexandrinische Kompilator chaldäischer und ägyptischer Fragmente ist der lebendigen Astrologie schon so fern, wie ein später Apologet den heiligen Schriften einer Religion. Er ist ein reiner Intellektualist, seine »Rezepte« haben das ganze Mittelalter und die Renaissance beherrscht, die wenig Neues hinzufügten, das sich bewährt hätte. Die Trümmer indischer Astrologie, die durch die Araber nach Europa kamen, haben mehr verwirrt, als geklärt. Die Hypothese, unsere Periode intellektueller Erkenntnis sei eine solche intuitiv-visionärer Erkenntnis vorausgegangen, der die Urvölker ihr Wissen verdankten, ähnlich der heute wiederum auftauchenden Fähigkeit der Psychometrie, lehne ich nicht ab, will aber, um nicht den Weg exakter Erfahrung zu verlassen, nicht darauf eingehen. Es sei hier gleich näher erklärt, was unter den »Zeichen« zu verstehen ist. Eine genaue Wesensbeschreibung der 7 Planeten, der Zeichen u. der 12 irdischen Felder bildet den Inhalt des 2. Buchs. Vorläufig begnüge ich mich, von den Bedeutungen immer nur gerade das mitzuteilen, was zum Verständnis erforderlich ist. Vielfach wird angenommen, daß die 12 astronomischen Sterngruppen, die die gleichen Namen wie die Tierkreiszeichen führen, miteinander in Verbindung stehen. Dieser Auffassung muß entgegengetreten werden. Ebenfalls genügt die vielfach vertretene Ansicht, daß der Tierkreis die Bahn von Sonne, Mond und Planeten ist, nicht. Der Tierkreis war bei allen alten Völkern bekannt. Die Einteilung in 12 Kraftfelder, eben diesen 12 Tierkreiszeichen, ist auch seit der ältesten Zeit überliefert. Erst die neuere Forschung in der Astrologie ist diesem Problem wieder nähergerückt (s. Nachwort). Jeder Planet beherrscht eins oder zwei dieser Zeichen, d. h.: so wie die 7 astrologischen Planeten (zu denen Sonne und Mond gehören, nicht aber die Erde) 7 verschiedene Lebensprinzipien darstellen, so hat auch jedes der 12 Zeichen einen bestimmten Charakter. Da uns nun der Schein eines Planeten notgedrungen stets aus der Richtung eines solchen Zeichens erreicht, wird sein Charakter des Zeichens modifiziert. In den ihm besonders entsprechenden Zeichen heißt ein Planet entweder Herrscher, oder er gilt dort für erhöht; in den ihm entgegengesetzten Zeichen heißt er vernichtet, oder er ist in seinem Fall. Seine Wirkung ist dann geschwächt, unharmonisch oder verschlechtert. Hierzu nun gleich einige Beispiele: Ein Venuszeichen ist also ein Zeichen, worin Venus herrscht, d. h. besonders günstig wirkt. Steht z. B. Merkur darin, so nimmt Merkur (Intellekt) zu seinem Wesen etwas von der Venus hinzu, d. h. die Geistigkeit wird künstlerisch. Zwar hat auch Hindenburg, dem niemand eine künstlerische Geistigkeit zutrauen wird, eine Venus- Merkurverbindung, sogar in einem Venuszeichen, aber sie steht in dem alle Wirkungen abschwächenden, wenn nicht vernichtenden Haus des Todes und ist sehr schlecht von Mond und Uranus bestrahlt. Dennoch ist auch hier die Wirkung fühlbar. Alle, die ihm genaht, sind erstaunt über den Charme (eine Gabe der Venus), den dieses an sich unschöne Gesicht (eine Gabe des Saturn) ausstrahlt, sobald er zu sprechen beginnt. Des ferneren hat Hindenburg den Mars vernichtet, nämlich im Stier. Nun wird niemand behaupten können, daß ein Mann wie Hindenburg einen schwachen Mars habe. Er hat vielmehr einen ungünstigen Mars. Der Stier ist das materiellste aller Zeichen. Die seelenhafte Venus ist darin an ihrem Platz, hier entfaltet sie ihre sinnliche Fülle, die den Stoff belebt und verschönt. Wenn sich aber der von Haus aus elementare, ungeistige Mars in die Materie festrennt, so entsteht zwar keine Schwächung, aber jene eigenwillige, blinde Kraft, die sehr starker, geistiger Gegengewichte bedürfte, um Gutes wirken zu können. Von den geistigen Feldern steht nun das eine (III.) selbst im Zeichen des Stiers und beherbergt daher den Mars, das andere (IX.) wird von ihm beherrscht, denn es steht im Skorpion, einem der 2 Marszeichen. Dazu kommt die bereits genannte ungünstige Stellung und schlechte Bestrahlung des Merkur (Intellekt). Hindenburgs Mars konnte daher nichts anderes bewirken, als eine ungeheure Zähigkeit auf der materiellen Ebene bei ungenügender Einsicht in die höheren Zusammenhänge des Geschehens. Das militärische Gebiet ist überhaupt nur die stoffliche Form der Marsbetätigung. Luther, gewiß eine Kampfnatur ersten Ranges, verabscheute den Kampf mit Waffengewalt. Er hat dennoch einen ausgezeichneten Mars, im Widder stehend, dem Zeichen, wo Mars am reinsten herrscht. Wegen dieses günstigen Mars ist es bei ihm ein Vorteil, daß das Feld der höheren Intellektualität (IX.) wie bei Hindenburg von einem Marszeichen, dem Skorpion, beherrscht wird (ganz abgesehen davon, daß Luther in diesem Feld 5 Planeten in Konjunktion hat); Luthers Mars ist an sich gut, und so sind es in seinem Horoskop auch die Marszeichen und die irdischen Felder, die sie beherrschen. Als Luther am 18. April 1521 gegen Sonnenuntergang die berühmten Worte aussprach: »Hier stehe ich, ich kann nicht anders!« ging die Sonne über die Stelle des Himmels, wo bei seiner Geburt der Mars stand (ein solcher »Transit« ruft unter gewissen Bedingungen die besondere Wirkung eines Planeten hervor), und zwar befand sich diese Stelle zur Zeit im Feld der Gegner (VII.), während jenes fünffache Satellitium von Sonne, Jupiter, Merkur, Saturn und Venus, die bei seiner Geburt das geistige IX. Feld einnahmen, in diesem Augenblick sein I. Feld füllte, welches das eigene Ich darstellt. Diese fünf Planeten gaben ihm im Augenblick Größe, Redlichkeit, Verstand, Festigkeit und Maß gegenüber den Feinden. Ein Planet bedeutet nicht nur, was wir sind und vermögen, auch das, was uns widerfährt. So ist es in Luthers Leben vorgekommen, daß ihm die eigene Marskraft half gegen Sonne (Fürsten), Jupiter (Priester), Merkur (dialektische Gegner), Saturn (Hemmungen) und Venus (Anfechtungen). Diese steht bei ihm im Marszeichen Skorpion in ihrer Vernichtung. Er hatte also eine schlechte, d. h. gehemmte Venus. Seine sinnlichen Anfechtungen und beispiellosen Gewissensqualen um ihretwillen sind bekannt. Die Konjunktion mit Jupiter wirkt hier veredelnd und schützend. Man sieht aus alledem bereits, daß die Ansicht, Mars und Saturn seien nichts als Übeltäter, falsch ist. Ihre Wirkung ist nur außerordentlich heftig. Infolgedessen ist das Unheil ihnen immer nahe, aber sie allein geben wirkliche Kraft des Handelns und Duldens. Darüber, ob Luthers historischer Augenblick in Worms etwas Gutes oder Böses war, werden Katholiken und Protestanten verschieden urteilen. Daß es ein großer, starker Augenblick war, wird niemand leugnen. Das Buch von Desbarolles machte mich nur mit einem Teil der astrologischen Psychologie bekannt, nämlich soweit sie für die Handlesekunst in Frage kommt. Von den Tierkreiszeichen und den Häusern ist dort nicht die Rede. Was mich nun zunächst abhielt, tiefer in die Astrologie einzudringen, war die Furcht vor der Mathematik, ein Fach, worin ich nie ein Meister war, obgleich mein Merkur (Verstand) einen guten Saturnaspekt (Konzentration) hat, was gewöhnlich gute mathematische Anlage gibt. Nun steht aber Merkur bei mir im Widder, einem beweglichen Feuerzeichen, und das macht ihn viel zu ungeduldig und vorwärtsdrängend, um bei umständlicher Rechnerei zu verweilen. Ich teile diesen Umstand mit, weil er wiederum ein Beispiel gibt für die Doppelwertigkeit (Ambivalenz) der meisten astrologischen Daten. Niemand kann sagen, ob es an sich gut oder schlecht ist, den Merkur im Widder zu haben. In der Mathematik kommt es nicht auf »Widder«vorzüge an, wie schnelles Kombinieren und lebhaftes Vorwegnehmen von Ergebnissen, sondern auf geduldiges Verweilen und langsames Weiterschreiten. Das widerstrebt nun dem Wesen des beweglichen, feurigen Widders durchaus. So hat mich auf dem Gymnasium Mathematik geradezu nervös gemacht, aber trotzdem war ich, gestützt durch einen guten Saturnaspekt des Merkur im letzten Jahre vor der Matura imstande, mich zusammenzunehmen, alles nachzuholen und eine befriedigende Prüfungsarbeit zu leisten. Ebenso ging es mir später mit der Astrologie. Schließlich habe ich mich dem mühsamen Rechnen doch unterzogen, aber noch heute traue ich meinen eigenen Berechnungen sehr wenig, ehe ich sie nochmals an verschiedenen Tagen durchgeprüft habe. Merkur im Widder reibt mich immer sofort zu den Ergebnissen der Kombination; da fühlt er sich in seinem Element, zumal er bei mir im IX. Haus (höheres Denken) steht. Was heißt das nun eigentlich: ein bewegliches Feuerzeichen? Die Tierkreiszeichen sind nach verschiedenen Gesichtspunkten eingeteilt; deren wichtigste sind ihre elementare Qualität: Feuer- (leidenschaftlich), Luft- (geistig), Wasser- (sensitiv), Erdzeichen (materiell), und ihre Dynamik: bewegliche oder kardinale), feste und gewöhnliche Zeichen (sehr ungeschickt auch gemeinschaftliche Zeichen genannt). Die beweglichen machen vorwärtsstrebend, pionierhaft, die festen machen konservativ, Werte erhaltend, konzentriert, die gewöhnlichen haben keinen bestimmten Charakter. Bei unentwickelten Naturen macht die Mehrheit der Planeten in gewöhnlichen Zeichen charakter- und farblos, unentschieden, beeinflußbar. Hochentwickelte Naturen finden dagegen gerade wegen dieser mangelnden Bindung ein Jenseits von Ruhe und Bewegung, von Vergangenheit und Zukunft, eine buddhistische Indifferenz gegenüber allen festen Werten und beweglichen Zielen. Die Feuer- und Luftzeichen heißen auch männlich oder positiv und schöpferisch, die Wasser- und Erdzeichen heißen weiblich oder negativ, empfänglich und formgebend. Ich kehre nun zu meinen eigenen Erlebnissen zurück, deren astrologische Deutung den Leser am schnellsten in medias res führen wird. Wenn mich Merkur im Widder und IX. Haus auch nicht zur Astrologie führte – dazu waren erst viel später Uranusdirektionen nötig, denn Uranus ist Signifikator für Astrologie –, so befähigte er mich doch zu weitgehenden Kombinationen über das bei Desbarolles Gelesene. Ich erkannte das Zusammenwirken sämtlicher Planeten vor allem in meiner eigenen Person, und das gestaltete sich mir zu einem jahrelang in mir herumgetragenen Bilde eines neuen Olymps. In einer sommerlichen Sternennacht des Jahres 1908 überließ ich mich auf dem Deck eines Dampfers zwischen der marokkanischen Küste und den Kanarischen Inseln einer tiefen Meditation über diesen Götterkreis, angeregt durch die Begegnung mit einem rätselhaften Menschen, der auf demselben Dampfer seit acht Tagen meinen einzigen Umgang bildete und mir in seiner strahlenden Weisheit, die sich bescheiden hinter den Formen eines großen Herrn verbarg, wie der leibhaftige Jupiter erschien. Äußerlich war er nicht viel: Beamter mittleren Ranges des amerikanischen Außendienstes, der »zufällig« schon seit einiger Zeit dieselben marokkanischen Orte besuchte wie ich, um sie den amerikanischen Einflüssen zu erschließen. Daß mir von allen Göttern in meinem Leben nur Jupiter in solcher Reinheit entgegentrat, erkläre ich mir daraus, daß er sich in meinem Horoskop im I. Haus befindet, welches das eigene Wesen darstellt. Nun kömmt bei mir selbst infolge vieler anderer Determinierungen des I. Hauses das Jovische äußerlich nicht zu besonders auffälligem Ausdruck, aber seit meiner Kindheit hat es mich innerlich gelenkt und mächtig angezogen und mir, mit dem eigenen Vater beginnend, viele jovische Begegnungen verschafft. Während der folgenden Wochen, in denen ich in einem luftigen Hotel auf Teneriffa Tür an Tür mit dem Amerikaner wohnte und ihn bisweilen auf seinen amtlichen Gängen begleitete, sein königliches, immer siegreiches Verkehren mit den Menschen aller Stände bewundernd, schrieb ich, in der Zimmerkühle gegen die tropische Morgenluft geschützt, die Novelle: »Die Begegnung der Götter«, die später in mein Buch: »Herr von Pepinster und sein Popanz, Geschichten vom Doppelleben«, (Verlag Georg Müller, München) aufgenommen wurde. Der Schauplatz der Geschichte ist der geheimnisvolle Berg Montsalvat in Katalanien, den ich im Frühjahr von Barcelona aus besucht hatte. Dort trifft der Held mit einer sehr sonderbaren Gesellschaft von sieben typischen Personen zusammen, von denen jede ihn an etwa ein halbes Dutzend früherer Bekannter und Freunde erinnert. Schließlich kommt er bei der unfreiwilligen Belauschung eines nächtlichen Gesprächs dahinter, daß diese Personen sieben griechische Götter sind, dieselben, die ich aus Desbarolles als die astrologischen Urprinzipien kannte. Dem Amerikaner habe ich in Lord Jove ein Denkmal gesetzt. Die Geschichte endigt damit, daß der Held, der in hoffnungsloser innerer Zerrissenheit in das Kloster Montsalvat geflohen war, von Merkur die Erklärung erhält, daß sein Zustand den Kreuz- und Quereinflüssen jener Götter zuzuschreiben ist. Merkur gibt ihm Weisungen, wie er sich auf seiner Entwicklungsstufe zu verhalten habe, und verspricht ihm seinen Schutz. Ich war damals der Meinung, ich stünde am stärksten unter Merkureinfluß. Im Laufe der folgenden Jahre wurde mir dies immer zweifelhafter, und als ich viel später mein wirkliches Horoskop kennen lernte, erklärte sich dieser Irrtum. Merkur ist nach Zeichen und Haus bei weitem nicht mein stärkster Planet, aber er hat Aspekte mit beinahe allen anderen Planeten, und zwar fast ausschließlich günstige. Dadurch wurde mir die Gefolgschaft Merkurs besonders mühelos und abwechslungsreich, und nach dem Gesetz des geringsten Widerstandes, oder weniger schön gesagt: aus Trägheit hatte ich seine mir geebneten Wege eingeschlagen, ehe ich noch die wahren Probleme meines Lebens zu fühlen begann. So besaß ich eine ziemlich auffallende Frühreife und erschien mir und anderen wesentlich Intellektueller, solange mir noch meine eigentlichen, viel stärkeren, aber auch viel widerspruchsvolleren Triebkräfte verborgen waren. So ist Merkur nur das Schoßkind in meinem Horoskop. Fast alle Planeten bestrahlen ihn günstig, aber fast alle sind stärker als er, was ihre Stellung in Zeichen und Häusern betrifft. Der Widder ist nämlich ein dem Merkur »fremdes« Zeichen, d. h. ihm weder verwandt noch feindlich, und das IX. Haus ist zwar geistig, aber doch ein »fallendes« Haus. Am stärksten wirken die Planeten in den 4 Eckhäusern des Horoskops, schwächer in den 4 diesen nachfolgenden, am schwächsten in den übrigen, den 4 sogenannten fallenden Häusern. Nichtsdestoweniger wurde Merkur in den nächsten Jahren der Virgil auf meiner Barke durch Himmel und Höllen meines Lebens, bis ich, wie wir alle, 1914 gezwungen war, mich mit Mars auseinanderzusetzen. Mars steht bei mir in einem Eckhaus, in seinem eigenen Zeichen Skorpion, wo er herrscht und erhält 2 schlechte, freilich sehr verblassende Aspekte (von 10° Orbis). Ein Aspekt wirkt auch noch, wenn er nicht genau ist. Nur selten entsteht z. B. ein Winkel von 90°. Die Grade zwischen 80 und 100° Orbis (= Umkreis) sind noch als Quadratur wirksam, wenn auch immer schwächer, je weiter von 90° entfernt. Ein stark gestellter Planet gibt, wie ich schon bei dem Mars im Horoskop Luthers zu zeigen Gelegenheit hatte, nicht nur die Kraft an, die uns der Planet selber verleiht, er führt uns auch immer wieder zusammen mit den von diesem Planeten ausgehenden Gewalten. Handelt es sich um den Mars, so werden es starke Gegner sein. Bei mir handelte es sich um die heftige Verteidigung meiner persönlichen Sphäre gegen militärische Zumutungen, denen ich mich gesundheitlich nicht gewachsen fühlte, was aber schwer nachzuweisen war. Ich habe den hemmenden Saturn im Haus der Krankheit (aber in dem seine besten Einflüsse begünstigenden Zeichen Wassermann) im Quadrat zur Sonne. Das ist für einen Mann der böseste Aspekt, den es gibt. Glücklicherweise wird er durch den besten, den es gibt, ein Trigon zwischen Jupiter und Sonne aus Eckhäusern, die höher als er am Himmel stehende Sonne (Elevation) und noch einige gute Saturnaspekte in Schach gehalten, aber eine körperliche Labilität, der Militärdienst unerträglich gewesen wäre, ist doch die mir sehr fühlbare Folge. Nach zähestem Kampf erreichte ich die Anerkennung meiner dauernden Untauglichkeit, gestützt von meinem selber martialischen Merkur (im Marszeichen Widder) und der Sonne (sie bedeutet die höhere Individualität, das eigentliche Kraftzentrum), die bei mir ebenfalls im Widder steht, also auch den Mars und zwar im Skorpion und einem Eckhaus zum nicht leicht vor Zumutungen kapitulierenden Herrn hat. Man sieht wiederum, daß Mais als der Kriegsgott durchaus nicht mit Militarismus identisch ist, sondern mit dynamischer Energie und Kampf schlechthin, der geradesogut in der Uniform, wie von einer anderen Daseinsebene aus gegen sie entbrennen kann. Wer einen starken Mars in seiner Nativität hat, kann wohl gegen die Austragung der Völkerkonflikte durch Waffengewalt und gar gegen den Militarismus eingenommen sein, er wird aber nicht leicht das Wort des Heraklit leugnen, daß der Krieg (in einem tieferen Sinn) der Vater aller Dinge sei. Nachdem sich der erste der verschiedenen Stürme dieser heftigsten Marsperiode meines Lebens beruhigt hatte, zog ich mich in die Einsamkeit einer vom Krieg wenig berührten Alpenstadt zurück und überließ mich gänzlich dem Studium buddhistischer, taoistischer und mystischer Schriften. Der Bau meines bisherigen Lebens war zusammengebrochen, ein Weltleben in der so veränderten Welt schien mir nicht mehr möglich, alle Voraussetzungen dazu sah ich entgleiten. Es gab nur ein Zurück in den Schmelzofen der Seele mit der Hoffnung, eine neue Lebensform zu prägen. Aus meiner anfänglich gänzlichen Einsamkeit wurde ich durch einen jener geringfügigen, äußeren Umstände aufgescheucht, die gerade, weil sie nur lästig und im übrigen mehr lächerlich, als tragisch sind; uns so leicht als überflüssig und ganz und gar sinnlos erscheinen. Ich bewohnte in einem fast leerstehenden Hotel ein angenehmes Zimmer in der Friedhofsruhe des sonst unbewohnten oberen Stockwerks, so wie es meinen viel Sammlung verlangenden Studien entsprach. Eines Tages wurde mir mitgeteilt, daß ich dieses Zimmer ab 1. Januar zu räumen hätte, da eine Dame mit Kindern und eigener Bedienung das ganze Stockwerk für ein Jahr gemietet habe. Ich wurde einen Stock tiefer einquartiert, viel weniger nach meinem Geschmack, und hatte geringe Lust, jene Dame kennenzulernen, der ich sogar aus dem Wege ging. Eines Mittags, als ich den Speisesaal betreten wollte, sah ich sie mit dem Besitzer des Hauses im Gespräch. Dieser machte mir irgendeine Mitteilung, ich blieb stehen, verbeugte mich flüchtig vor der Dame, und sie sprach mich an, ihr Bedauern ausdrückend, daß sie mich vertrieben habe, und sich erkundigend, wie ich jetzt untergebracht sei. Was wir dann sprachen, war nichts als der Austausch der in solchen Fällen üblichen Höflichkeiten, aber nichtsdestoweniger machte sie eine zufällige Anspielung, aus der ich sofort entnahm, daß sie um Astrologie Bescheid wußte. Von diesem Augenblick an folgten sich meine Berührungen mit Astrologie und Astrologen auf dem Fuß. Die Stunde hatte für mich geschlagen, in der sich mir der Tempel zu öffnen begann. Nachdem ich ihr mein Interesse bekundet hatte, sah mich meine neue Bekannte scharf an und sagte: »Wenn ich nicht sehr irre, müssen Sie die Sonne oder den Aszendenten im Löwen haben, außerdem fühle ich den Uranus stark.« »Was ist der Aszendent?« fragte ich; »daß Uranus ein im achtzehnten Jahrhundert entdeckter Planet ist, weiß ich zwar, aber unter den in der Astrologie vorkommenden 7 Gestirnen ist er doch nicht?« Ich erfuhr nun folgendes: Der Aszendent ist der Ekliptikgrad, der im Augenblick der Geburt am östlichen Horizont aufstieg. Hier beginnt die Zählung der 12 irdischen Felder, er bezeichnet also die Spitze des I. Feldes und ist für die Beurteilung der materiellen Auswirkung eines Horoskopes fast wichtiger, als Sonne und Mond, die beiden »Hauptlichter«. Aus der Tatsache, daß der Aszendent alle zwei Stunden in ein anderes Zeichen tritt, erklärt es sich, daß Zwillinge sich so ähnlich, aber auch so unähnlich sein können. Fällt nämlich zwischen die zwei mindestens doch fünfzehn bis zwanzig Minuten voneinander getrennten Geburten ein Zeichenwechsel, so wechselt auch der »Geburtsgebieter« beider Kinder, als welcher meist der Herr des Zeichens am Aszendenten gilt. Bei beiden haben zwar die Planeten gleiche Stellung und Aspektierung, aber ist z. B. die Sonne gut und der Merkur schlecht, und hat das eine die gute Sonne, das andere den schlechten Merkur zum Gebieter, so kann sehr wohl das eine ein hochstehender Mensch mit einigen Mängeln des Intellekts (Merkur), das andere ein Schwindler von starker Vitalität (Sonne), der erste ein dünner kränkelnder Mensch, der andere ein muskelstarker Naturmensch sein. Was den Uranus betrifft, so wurde dieser, ebenso wie der erst Mitte des neunzehnten Jahrhunderts gefundene Neptun, erst von den neueren Astrologen in den Kreis ihrer Berechnungen gezogen. Später überzeugte ich mich, daß infolge der Kürze der Beobachtungszeit die Wirkung dieser zwei Gestirne noch nicht annähernd so genau erforscht ist, wie die der übrigen Planeten; außerdem ist ihr Wesen an sich sehr rätselhaft. Jedenfalls bringt man mit ihrem Wirken die Tatsache in Verbindung, daß sich im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts die Welt plötzlicher und gründlicher verändert hat, als in der ganzen uns bekannten Geschichte. Schlecht gestellt, besonders wenn durch Mars oder Merkur verunglimpft, bringen beide Planeten Revolution, Uranus gewaltsame Zerstörung, Neptun mehr chaotische Auflösung. Uranus ist mehr intellektuell, Neptun mehr gefühlsmäßig. Der starken Wirkung des Uranus in den Horoskopen der wissenschaftlichen Pioniere verdanken wir die Entdeckung der Dampfwirkung, der Elektrizität, der Radioaktivität, der Luftschiffahrt, der Wirkung des Neptun den gänzlich neuen Ton der modernen Kunst mit all ihrem Chaos, dessen bisher erst einer Meister geworden ist: Richard Wagner. Bei ihm steht der Mond im Feld des Berufs (X.) unter günstigem Neptuneinfluß aus einem Eckhaus, indes sein Freund Ludwig von Bayern den Neptun, sehr schlecht von Mars und Sonne bestrahlt, im Haus der höheren Geistigkeit hat. Neptun gibt chaotische Visionen. Während sie sich bei Wagner zu neuartigen Kunstgebilden bändigen ließen, führten sie den unglücklichen König in den Wahnsinn. Bei beiden findet sich die oft beobachtete Nebenwirkung des undisziplinierten Neptun: die Geschmacklosigkeit. Es wird behauptet, daß heute nur wenige Menschen den überraschenden Einflüssen dieser beiden neuen Planeten gewachsen sind. Sie gelten daher als Unglücksplaneten. Den meisten bringen sie in der Tat nur unverhoffte Schicksalswechsel und Chaos. Aber andererseits ist es heute, wo alle bisherigen Formen in Frage gestellt sind und niemand schöpferisch genannt werden kann, der nicht in Erkenntnis der Kunst einen neuen Sinn mitbringt, undenkbar, daß einer ein eigenartiger Denker oder Künstler sei, ohne Uranus- oder Neptuneinfluß. Nur jener gibt den Mut zur Erkennen des Niegedachten, nur dieser zum Gestalten des Niegeschauten. Beide sind durch und durch unkonventionell und daher gefährlich für alle an das Konventionelle Verhafteten, sei diese Verhaftung positiv, indem man ihm als Sklave verfällt, sei sie negativ, indem man es als entronnener Sklave revolutionär bekämpft, aus dem Irrtum, der in der Konvention die Ursache der der eigenen inneren Gehemmtheit sucht. Erst wenn jemand durch innere Indifferenz die Distanz zu Konvention und überlieferter, als Gefäß noch unentbehrlicher, wenn auch sich immer mehr entleerender Form gefunden hat, erst dann werden ihm Uranus und Neptun zum Heil. Die große Menge wird durch sie nur in eine sinnlose Aufregung versetzt, die sich in äußerem Revolutionieren auf allen Gebieten zeigt, ohne wahrhaft die Beseitigung des Veraltenden ruhig dem natürlichen Wirken der Zeit überlassen könnte. Bolschewismus, Expressionismus, Futurismus, Massenokkultismus, Reformwut im Staat, in der Familie, ja, im Tanz und in der Erotik, alles dies sind Äußerungen unverstandenen Uranus- und Neptuneinflusses, denn, was alle diese Dinge von dem gemeinen Verbrechen und der gewöhnlichen Narrheit so deutlich unterscheidet, ist, daß in solcher Raserei etwas fühlbar ist, das man doch als notwendigen Gärungsprozeß empfindet; und das ist auch der Grund, warum es nicht einfach in Zucht- und Irrenhäusern aufgefangen werden kann. Um diese Dinge kommen wir nicht herum, wir müssen hindurch. Daß bei den Okkultisten, echten wie schwindelhaften, Uranus und Neptun eine bedeutende Rolle spielen werden, ist nach dem Vorherigen anzunehmen. H. P. Blavatsky, die Begründerin der europäischen Theosophie, zeigt sich in ihrem Horoskop zu dieser Rolle in hohem Maß berufen. Uranus hat die für ihn sehr heilsame Konjunktion mit Jupiter (Religion) und zwar an der Spitze des IX. Feldes (höheres Denken), dazu im Zeichen Wassermann, worin Uranus stark wirkt. Diese Konjunktion wird obendrein im Trigon beschienen von dem Geburtsgebieter, dem Mond, der seinerseits in Konjunktion steht mit der freundlichen Venus in ihrem eigenen Zeichen. Eine bessere Berufung zu kühnem Eindringen in die geheimen Lehren des Ostens ist kaum denkbar. Die Opposition des Uranus zu der im übrigen vorzüglich gestellten Sonne zeigt die heftigen Gegnerschaften und Feindseligkeiten an, die Mrs. Blavatsky auf ihrem uranischen Pfad begegneten. Schlecht ist dagegen bei ihr Neptun, gänzlich unaspektiert, und dadurch in seiner Chaotik ohne Halt. Darum sind die Schriften von Mrs. Blavatsky doch nur mit größter Vorsicht zu gebrauchen, und oft ist die Frage aufgeworfen worden, ob sie am Ende doch eine Schwindlerin war oder nur sich selbst betrog. Noch bedenklicher steht es um die Zuverlässigkeit ihrer Nachfolgerin Mrs. Annie Besant, der Begründerin der theosophischen Gesellschaft. Wohl zeigt sich auch hier eine ausgesprochene Berufung zur höheren Erkenntnis. Herr des IX. Hauses ist Jupiter, und dieser hat eine Konjunktion mit dem Mond, eine Stellung, die einer Frau seelisch wie materiell alles Gute zu bringen vermag. Dazu stehen beide Gestirne in einem Eckfeld im Zeichen Krebs, wo Jupiter erhöht ist und der Mond herrscht. Der Uranus jedoch steht dicht beim Aszendenten im Marszeichen Widder und empfängt ausschließlich schlechte Bestrahlung von 5 Planeten, davon 3 aus dem Feld der offenen Feinde (VII.). Uranus verletzt auch jene günstige Jupiter-Mondkonjunktion, ferner steht Mars als Geburtsgebieter selbst im I. Feld. Das alles zeigt, daß hier der tendenziöse Kampf um die äußere Geltung der Ideen die eigentliche Versenkung in sie weit in den Hintergrund drängte. Mrs. Besant hat mehr das Leben einer politischen Versammlungsrednerin und Broschürenschreiberin, als das einer wahrhaft Erkennenden geführt. Auch die Konjunktion des Neptun mit dem hemmenden Saturn im XII. Feld (Täuschung, Lüge, Intrige, Geheimnisse, Verborgenheit) ist kein gutes Zeichen für wissenschaftliche Aufrichtigkeit. Hier ist der Verdacht der Unzuverlässigkeit noch begründeter, als bei Mrs. Blavatsky, neben einer unzweifelhaften Begabung für okkulte Erkenntnisse. Nach Blavatsky und Besant wird gewiß auch das Horoskop Rudolf Steiners interessieren, des Begründers der Anthroposophie, der, aus deutscher Universität hervorgegangen, die allzu chaotische Theosophie angelsächsischer Herkunft in seinen besten Schriften auf ein ernstlich diskutierbares Niveau erhob. Steiner hat eine enge Konjunktion des Neptun mit Merkur (Intellekt) im Zeichen Fische, wo der Neptun herrscht, aber Merkur vernichtet ist. Aber sicher ist seine Hauptfähigkeit, das Neptunisch-Visionäre unter die Herrschaft des Intellekts zu stellen, wenn auch dieser Intellekt (Merkur im Wasserzeichen Fische) selbst etwas allzu Flutendes hat. Steiners Horoskop zeigt einen Menschen von außerordentlicher Kraft. Mars ist Geburtsgebieter, gekräftigt durch einen guten Sonnen-, gefestigt durch einen guten Saturnaspekt; aber er steht wie bei Hindenburg in dem materiellen Zeichen Stier, nur kommt hier die Fähigkeit höherer Erkenntnis hinzu. Nichtsdestoweniger ist dieser materialistische Mars auch bei ihm fühlbar. Steiner begann als Materialist Haeckelscher Richtung, und noch heute wirft man ihm vor, daß er die »Geisteswissenschaft« zu sehr nach Art der Naturwissenschaft behandelt, wodurch er sie andererseits auch wieder vielen Skeptikern geöffnet hat. Uranus im intellektuellen Zeichen Zwillinge steht auf der Spitze des mystischen Todesfeldes (VIII.), gut vom Mond bestrahlt, aber schlecht von Sonne und Saturn. Das deutet sehr heftiges Ringen auf seinem geistigen Pfad. Steiners hoher Aufstieg ist deutlich zu erkennen. Das Haus des Berufs ist beherrscht vom Sonnenzeichen Löwe, das Ruhm verleiht, und der wohltätige Jupiter steht an der Spitze. Aber auch Saturn befindet sich in diesem Haus in Opposition zur Sonne im IV. Feld (Ende des Lebens). Ein Sturz ist unvermeidlich. Überhaupt liegen Steiners Schwierigkeiten in seiner unglückseligen saturnischen Natur. Das Alter scheint dennoch freundlich zu werden, wie Venus im IV. Feld anzeigt, bestrahlt vom Mond aus dem Haus der Freunde und Hoffnungen. Die Frauen werden ihm wohl bis ans Ende treu bleiben. Die Uranus- und Neptunwirkung in der Entwicklung der Menschheit offenbart sich erst unverkennbar, seit diese Planeten für uns sichtbar geworden sind. Zu erklären ist diese Tatsache nicht leicht, indessen nehme ich nicht an, daß ihre Sichtbarkeit die Ursache ihrer Wirkung ist, sondern umgekehrt. Ihrer Wirkung verdanken wir die wachsende Empfänglichkeit für das Inkommensurable des unendlich Großen und des unendlich Kleinen. Diese Entwicklung wiederum befähigt uns zu der Erfindung von mathematischen Rechnungsmethoden und astronomischen Instrumenten, die uns erlauben, den Himmelsraum erkennend zu durchdringen. Daß Uranus und Neptun schon vor ihrer Sichtbarkeit auf einzelne Auserlesene gewirkt haben, ist so wahrscheinlich, wie es sicher ist, daß Aspekte dieser Planeten bei Dutzendmenschen auch heute noch oft unwirksam sind, sowohl im Guten wie im Schlechten. Die so ausgesprochene Liebe Luthers zur Musik in einem innerlich tiefen, aber äußerlich auf schönste Art dilettantischen Sinn ist aus seinem Horoskop nur zu erklären durch Konjunktion des Mondes (Empfindungsleben) mit Neptun, die sich miteinander wohl vertragen, und zwar an der Spitze des XI. Feldes, das Freunde, Hoffnungen und Wünsche bezeichnet. Man weiß, wie die Musik für Luther vor allem ein Herzenstrost und die Seele freundlicher Geselligkeit war. Goethe hat einen ungewöhnlich guten Neptun im Wasserzeichen Krebs auf der Spitze IX (höhere Geistigkeit), gut aspektiert durch Jupiter, Venus, Mond und Saturn. Dagegen habe ich ausgesprochene Neptunwirkungen in den Horoskopen lebender Personen nur selten, und dann meist als hoffnungslose Verwirrung des Fühlens und Denkens bis zum Pathologischen, als Neigung zu betäubenden Mitteln, als Mediumismus, überhaupt als Zersetzungstendenz gefunden. Eine sehr interessante Neptunbeeinflussung hat der Maler Alfred Kubin. Neptun steht bei ihm im festen Venuszeichen Stier, einem Erdzeichen. Venus lenkt seinen Einfluß auf das Künstlerische, das feste Zeichen gibt dem allzu vagen Wesen des Neptun Halt. Kubins Werke sind daher sehr sonderbar und überraschend, aber nicht unverständlich, wie die der meisten Expressionisten. Sie wirken irgendwie auf jeden, auch auf die, welche nicht erst in Broschüren gelesen haben, was gemeint ist und dadurch zur Gewährung mildernder Umstände bereit sind. Kubins Neptun steht ferner im VIII. Feld, dem Haus des Todes und der Ewigkeitsfragen. Man weiß, wie ihn diese stets angezogen haben und eigentlich das geheime Thema seiner ganzen Kunst und seines Philosophierens sind. Dieser Neptun erhält nun einen sehr gefährlichen Quadrataspekt aus einem Eckhaus durch Mars, freilich einen erhöhten Mars (im Steinbock) d. h. edler Art. Dieser Umstand hat Kubin, ehe er seinen Neptun erkennen gelernt, tief ins Pathologische hineingetrieben, aus dem ihm der Trigonalschein des Jupiter (aus demselben Eckhaus) allmählich wieder heraushalf. Ich komme nun zu der Begegnung mit jener Dame in dem Hotel der kleinen Alpenstadt zurück. Unser Gespräch dauerte keine zehn Minuten, da auf jeden von uns sein Mittagessen wartete. Sie hatte sich schnell meine Geburtsdaten aufschreiben lassen, die ich leicht geben konnte, da ich genau um Mittag geboren bin, eine etwas auffallende Stunde, die in Familien gewöhnlich nicht vergessen wird. Später erwies das Kirchenbuch meiner Heimatsgemeinde sie als zutreffend. Ich hatte mich nach Tisch kaum in mein Zimmer zurückgezogen, als es an die Tür klopfte. Die Zofe der Dame bat mich hinauf. Dort erfuhr ich nun – ich gestehe: unter einigen Schauern – zum erstenmal Näheres über mein Horoskop. Die Dame besaß die Verzeichnisse der Gestirnstände für viele Jahrgänge (Ephemeriden genannt), darunter auch für mein Geburtsjahr. Dort finden sich, für jeden Tag die Planetenstellungen um zwölf Uhr mittags, und da dies, wie gesagt, gerade meine Geburtsstunde ist, war es leicht, ohne umständliche Berechnungen in einer Viertelstunde Aspekte und Stellungen meiner Planeten nach Zeichen zusammenzuschreiben. Die Aufstellung des eigentlichen Horoskops mit den 12 Feldern, die erst zeigen, auf welchen Lebensgebieten sich die Einflüsse hauptsächlich äußern, wurde auf später verschoben. Immerhin erfuhr ich schon jetzt sehr viel Überraschendes, und mit einem Schlag erkannte ich, warum ich mich so lange für einen Merkurmenschen gehalten und daran dann wieder gezweifelt hatte. Es stellte sich heraus, daß bei mir 3 Planeten in eigenen Zeichen stehen und einer erhöht ist; später wurde festgestellt, daß 5 sich in Eckfeldern befinden, also nur 2, nämlich Merkur und Mond, ohne »Würden« sind, wie man sagt. Diese 2 aber sind mit allen anderen Planeten, auch unter sich, gut aspektiert, so daß ihre Auswirkung sich reibungsloser vollzieht, als die der stärkeren, aber mehr durch ungünstige Aspekte verunglimpften Gestirne. So mußte ich gerade meine wesentlichen Kräfte lange Zeit als Hemmungen, die Merkur- und Mondeinflüsse aber als mein positives Wesen empfinden. Nun erschien das sich gegenseitig Hemmende gerade als wesenhaft, aber auch die günstigen Einflüsse jener stärkeren Planeten, Saturn, Jupiter, Mars und Venus, die ich als selbstverständlich bisher gar nicht recht beachtet hatte, wurden mir nun bewußt. Welcher Planet eigentlich als der stärkste, der sogenannte Geburtsgebieter zu gelten habe, ließ sich nicht so ohne weiteres feststellen, zumal der Aszendent noch nicht berechnet war. Dessen Herr aber gilt, wie schon gesagt, wenn nicht gegenüber anderen stärkeren Planeten allzu schwach gestellt, meist als Geburtsgebieter. Ich verstand nun, daß ich Kämpfe und Bündnisse des ganzen Götterkreises in mir auszutragen hatte, und daß Merkur nicht mehr als ein freundlicher Berater sein konnte. Die Astrologie jener Dame ist wesentlich auf Intuition gegründet. Die genauen Berechnungen überläßt sie einer Vertrauensperson, die ich im folgenden kurz die Sekretärin nenne, mit guten rechnerischen Fähigkeiten. Die treffenden Interpretationen meiner Bekannten überraschen mich oft noch heute, nachdem ich mich selbst fünf Jahre lang wissenschaftlich und praktisch mit Astrologie beschäftigt habe. Solche »intuitive« Astrologie ist natürlich gefährlich, sie verirrt sich leicht ins Unprüfbare und wird darum von exakten Lehrern oft verachtet. Meiner Meinung nach doch mit Unrecht, denn gerade die eigene Exaktheit schützt ja am besten gegen solche Grenzenlosigkeit der Intuitiven. Es ist leicht erlernbar, den Aszendenten eines Menschen auszurechnen, aber es ist eine seltene Gabe, ihn auf den Blick ins Gesicht und auf die Gestalt intuitiv zu erkennen. Die Annahme jener Dame, daß mein Aszendent sich im Löwen befinden müsse, erwies sich auch nach den Berechnungen der Sekretärin als zutreffend, ebenso daß Uranus bei mir eine wesentliche Rolle spielt. Er hat Aspekte mit den beiden Lichtern und Merkur und bildet noch gerade eine Konjunktion mit dem Aszendenten. Die Konstellierung des Aszendenten aber pflegt besonders auf das Äußere zu wirken. Nebenbei sei bemerkt, daß die Stellung des Uranus über Interesse für und Liebe zur Astrologie entscheidet. Das Sonnenzeichen Löwe im Aszendenten ergab in meinem Horoskop die Sonne als Geburtsgebieter, zumal sie im Widder erhöht ist und im Zenit des Horoskops (X. Feld = äußere Stellung, Beruf) eine starke, von Jupiter (aus dem I. Feld) gestärkte, aber von Saturn (aus VI.) und Uranus (aus XII.) sehr bestrittene Stellung hat. Als nach einiger Zeit die Sekretärin von einer Reise zurückkam und mir mein nun genau berechnetes Horoskop vorlegte, erschrak ich nicht wenig über die vielen unglücklichen Konstellationen. Erst nach langer Meditation über alle die guten und schlechten Einzelheiten schloß sich mir das ganze zu einer Totalität zusammen, in der ich in der Tat den Spiegel meines Wesens erkannte. Dies aber – und nicht das Schauen in die Zukunft – ist der wesentliche Gewinn eines ernsten astrologischen Studiums. Wir sind immer geneigt, uns mit dem Teil unseres Wesens zu identifizieren, der sich im Augenblick am stärksten auswirkt. Aus Mangel an religiösem Bewußtsein, das durch das Erleben der eigenen Seele der Mannigfaltigkeit seines Wesens die Einheitlichkeit geben würde, zersplittert sich der moderne Mensch und hat schließlich nur noch die Teile seines Selbst in der Hand. Da zerbricht man sich den Kopf, ob man selber ein Intellektualmensch, ein Begierden- oder Gefühlsmensch sei, mehr künstlerisch oder verstandesmäßig veranlagt, mehr aufs Physische oder Metaphysische gerichtet, ob man im ganzen mehr Glück oder Unglück habe usw. Alle diese Fragen verstummen für den, der sich in sein Horoskop vertieft hat. Aus dem Entweder-Oder wird ein Sowohl-Alsauch, und aus den sich gegenseitig hemmenden oder gar bekämpfenden Widersprüchen (d. h. schlechten Aspekten) werden, je weniger man sein Ich mit einzelnen Anlagen identifiziert, Gegengewichte, welche die Bewegung des Ganzen regeln. In den Horoskopen mittelmäßiger Leute ist das Gleichgewicht von vornherein gegeben, sie leben in einem faulen Frieden dahin. Aber nur die Naturen, die ihr Gleichgewicht dauernd erkämpfen oder verteidigen müssen, bleiben lebendig und wirken schöpferisch. Jeder geniale Mensch fühlt in sich, wie Goethe, die Möglichkeit zum Verbrechen, zum Abgrund; nur dadurch gewinnt er den Tief blick in die Welt. Der Unterschied der Anlage zwischen Genie und Verbrecher liegt vielleicht nur darin, daß jenem durch Wille und Erkenntnis das Gleichgewicht über dem Abgrund gelingt, wodurch ungeheure Kräfte für Tat und Werk frei werden, während bei diesem die an sich nicht geringeren Kräfte zerstörerisch gegeneinander toben. Was Goethe betrifft, in dem wir doch den Inbegriff olympischen Gleichmaßes verehren, so zeigt seine Nativität, gegen wie große Widerstände es immer wieder erkämpft werden mußte, und seine Biographie bestätigt es. Goethe ist unter dem Marszeichen Skorpion geboren, was immer ein Leben mit schweren Aufgaben und Konflikten anzeigt. Dazu hat er den finsteren, Einsamkeit suchenden Saturn dicht beim Aszendenten. Und ist nicht Goethe im Grunde stets ein einsamer Mann gewesen, der unter seiner Einsamkeit zugleich litt und den tiefsten Gewinn aus ihr zog? Aszendent und Saturn haben freundliche Mondbestrahlung aus einem Eckhaus – darum vermochte er sich ohne Groll vor der Welt zu verschließen – aber zugleich eine Quadratur mit Uranus, der plötzliche Entfremdungen, Trennungen und Wechsel anzeigt. Nun, aber Jupiter muß doch dem alten Olympier günstig gewesen sein? Gewiß, er steht in dem ihm eigenen Zeichen Fische, in einem Eckhaus, aber seine Bestrahlung ist durchaus nicht ganz günstig. Wohl verbindet ihn ein Trigon mit dem auch von Venus bestrahlten Neptun von der Spitze des IX. Feldes her (höhere Geistigkeit), was den großen Künstler mit gebändigtem Chaos anzeigt, aber er empfängt schlechte Aspekte von Mars und Venus und diesen letzten aus dem X. Felde (Beruf, äußere Stellung). Das verrät, wieviel unfromme Unbotmäßigkeit, wieviel Eitelkeit und Begierde hier im Zaum gehalten werden mußte, bis der geckenhafte Leipziger Student die heilige Reinheit seiner Höhe erreicht hatte. Der größte Gegensatz dieses Horoskops aber ist die Opposition zwischen Sonne (höhere Individualität) und Mond (äußere Persönlichkeit). Nichts macht von Haus aus unharmonischer. Dieser Aspekt, dazu aus den Eckfeldern X und IV, stellt alles in Frage: Erfolg, Ruhm, Gesundheit, Liebe, Freundschaft, Finanzen, Beruf, Häuslichkeit, gerades Wollen und Seelenfrieden. Wer Goethes Biographie studiert, wird leicht finden, daß er auf allen Gebieten sein ganzes Leben hindurch erhebliche Schwierigkeiten hatte. Freilich strahlt am Zenit dieses Horoskops (Feld des Berufes und der Stellung) die Sonne in dem Zeichen Jungfrau, von Mars in dem ehrgeizigen Zeichen Steinbock im Trigonalschein bestrahlt, was eine ungeheuer gesteigerte Lebenskraft und großen Erfolg verleiht, während der in den Fischen im IV. Feld (Lebensende) stehende sensitive Mond durch einen guten Aspekt des Saturn vom Aszendenten her, besonders in späteren Jahren große Festigkeit, Haltung, Beharrungsvermögen, Organisationstalent gibt, kurz, einen Menschen ausmacht, dem vieles anvertraut wird. Da wir gerade bei Goethe sind, will ich Gelegenheit nehmen, noch an zwei Beispielen zu zeigen, bis in welche Einzelheiten sich der Einfluß der Planeten verfolgen läßt. Venus beherrscht unter anderem alles, was mit der Liebe der Geschlechter zusammenhängt. Bei Goethe steht sie im X. Feld (Stellung) und zeigt dort obendrein Glanz und Ehren an (ebenso bei Bismarck). Jupiter beherrscht unter anderem das Gesetzmäßige, legitim Geordnete und steht bei Goethe im IV. Feld, das den Charakter des eigenen Heims angibt. Beide Planeten stehen bei Goethe in Opposition zueinander und verkünden daher das Fragwürdige und anfangs Illegitime seines Zusammenlebens mit Christiane Vulpius, das seiner äußeren Stellung so sehr widersprach. Auch diese Disharmonie verstand Goethe so in die Totalität seines ganzen Daseins einzuordnen, daß sie heute nur ein puritanischer Pedant lieber nicht darin sähe. Das zweite Beispiel ist das schon erwähnte Quadrat, das der Aszendent (das eigene Wesen) von Uranus, dem revolutionären Planeten, aus dem intellektuellen III. Feld empfängt. Bekannt ist, wie Goethe alles revolutionäre Wesen persönlich zuwider war, und das ging so weit, daß er selbst in der Geologie die gewaltsame Katastrophentheorie als Erklärung der Erdveränderungen ablehnte. Diese Gereiztheit erklärt sich nun: Nichts hassen wir mehr, als die dämonischen Mächte, die wir in uns selber im Zaum zu halten haben. Sehen wir sie nun außer uns plötzlich Macht gewinnen, entfesselt von entweder ahnungslosen oder verbrecherischen Menschen, so entsteht entrüstete Ablehnung. Goethe hatte in sich selbst den heftigen saturnisch-uranischen Gegensatz ausgekämpft zwischen dem Starren und dem Fessellosen. Solche Menschen, nicht die Mittelmäßigen, die nur ihr Schäfchen im Trockenen behalten wollen, sind die entschiedensten Gegner äußerer Revolution. Der Durchschnitt läßt sich vielmehr, wie die sogenannte deutsche Revolution von 1918 gezeigt hat, widerstandslos mitreißen und vergißt leicht sein Schäfchen in der Hoffnung auf einen fetteren Hammel. Ich sagte schon, daß sich nach der Bekanntschaft mit jener Dame und ihrer klugen Sekretärin die astrologischen Begegnungen bei mir auf dem Fuße folgten. Wenige Wochen nachher begann ich in einem Haus zu verkehren, dessen Herr, ein Okkultist magischer Richtung, bald mein guter Freund wurde. Er war gerade von einer Reise nach Deutschland zurückgekehrt und hatte von dort einige zusammengekaufte Bücher mitgebracht, unter denen sich ein eben erschienenes Lehrbuch der Astrologie befand, der er selbst bisher durchaus ferngestanden war. Er lieh mir dieses Buch, und nun begann mein Leidensweg durch die damals gänzlich unzulängliche astrologische Literatur, die mir zunächst erreichbar war. Erst das siebzehnte Jahrhundert brachte in die aus dem Altertum überlieferte Wissenschaft den kritischen Geist exakter Forschung, oder wenigstens Beobachtung. So finden wir in Deutschland Kepler eine große Reinigung von abergläubischem Wust vornehmen, ohne der Astrologie grundsätzlich abzusagen, wie moderne Astronomen glauben machen möchten; in England tut dies Lilly, der als Nichts-als-Astrologe im übrigen nicht mit dem großen Kepler verglichen werden kann. Nachdem er im Jahre 1651 die Pest in London für 1665 und den Brand von London für 1666 richtig vorausgesagt hatte, wurde er königlicher Hofastrologe. In Frankreich bemächtigt sich ein Mann von kartesianischer Denkschulung, Jean-Baptiste Morin de Villefranche, der bisher so verworrenen Wissenschaft und bringt sie zum erstenmal in seiner in verhältnismäßig leichtem, elegantem Latein geschriebenen »Astrologia Gallica« in ein rein auf Erfahrung und Vernunft aufgebautes System. Ein wichtiger Teil daraus ist von dem modernen französischen Astrologen Selva in klares Französisch übersetzt. Ich bemerke gleich, daß dieses mir erst später zugänglich gemachte Werk die einzige brauchbare Grundlage ist, auf der wir heute weiterbauen können. Das achtzehnte Jahrhundert mit seiner Aufklärung drängte die Astrologie gänzlich in den Hintergrund. Immer mehr verfiel sie der Scharlatanerie. Nichtsdestoweniger gab es noch Lehrstühle für Astrologie an den Universitäten. In Deutschland war der letzte wissenschaftliche Astrologe ein gewisser Pfaff, der noch anfangs des neunzehnten Jahrhunderts zu Erlangen las. Sein Buch über Astrologie ist sehr selten geworden, doch habe ich es auf der Universitätsbibliothek in München gefunden. Viel Nutzen vermochte ich daraus nicht zu ziehen. Pfaff gehört zu jenen ängstlichen Geistern, wie man sie heute nicht selten unter deutschen Katholiken findet, die wohl an ihre Sache glauben, aber dauernd auf den Gegner schielen und ihm eine Konzession nach der anderen machen, bis nicht mehr viel vom eigenen Wesen übrigbleibt; damit aber wird keiner Sache gedient, weder im Sinn der Bejahung, noch der echten Kritik. So entschuldigt sich Pfaff gewissermaßen, daß er Astrolog ist. Das neunzehnte Jahrhundert brachte in der materialistischen Wissenschaft die sogenannte Aufklärung auf ihren Höhepunkt, aber schon lange, ehe er erreicht war, begann die Gegenbewegung, und zwar gerade in den Ländern, die am schnellsten jenem Materialismus verfallen waren: in Frankreich und England. Dem französischen Charakter mit seiner glühenden Energie des Willens entsprachen unter den geheimen Wissenschaften vor allem Magie und Kabbala, die von Eliphas Levy wieder entdeckt wurden, während der den empirischen Tatsachen zugekehrte Geist der Engländer sich auch auf okkultem Gebiete verrät, und zwar in der Wiedererweckung der Astrologie. Hier ging man nun von vornherein methodisch vor. Zwar lockte die Erschließung indischer Geheimlehren durch Mrs. Blavatsky viele Astrologen in das »theosophische« Lager, aber in allen besseren englischen Schriften werden sogenannte »esoterische« und »exoterische« Astrologie klar auseinandergehalten. Kapitän Morrison (Zadkiel I), Simmonite, Sepharial, Pearce (Zadkiel II), Wilson, Raphael sind einige Namen bedeutender englischer Astrologen, deren Bücher alle sehr brauchbar sind; den Reigen beschließt der während des Weltkrieges verstorbene Alan Leo. Als Herausgeber einer vortrefflichen Zeitschrift »Modern Astrology« und einer großen Reihe von Lehrbüchern ist er weltberühmt als außerordentlich klarer Kopf und vorzüglicher Pädagog. Aus seinen Büchern kann man am besten lernen, was an der Astrologie überhaupt lernbar ist. In seiner Weltanschauung zwar durchaus auf theosophischem Boden stehend, vermeidet er doch gänzlich diese unleidliche Geheimniskrämerei, die Lücken der Erfahrung zudecken soll. Ebenso klar in der Erörterung der astronomischen Grundlagen, wie in der systematischen Anordnung der erfahrungsmäßig geprüften Regeln, schreibt er für jeden und gibt doch dem tiefer Denkenden eine Fülle wertvoller Fingerzeige. Dabei ist er ein scharfer Psychologe von umfassender Weltkenntnis. In Frankreich ist H. Selva auf den bedeutenden Morin de Villefranche zurückgegangen, dem sein disziplinierter, lateinischer Geist verwandt ist. Seine Zeitschrift: »La Science Astrale« ist leider aus Mangel an Publikum eingegangen. Er ist nicht Organisator wie A. Leo, vielmehr der typische französische Gelehrte der guten Sorte, der zwar in der Stille schafft, aber dem es selbstverständlich ist, seine Ergebnisse in einer klaren Sprache zu veröffentlichen. Im Gegensatz zu seiner kartesianisch-deduktiven Richtung steht die induktive Methode Paul Flambarts, der, ebenfalls auf Morin fußend und auf Ptolemäus zurückgehend, deren Erkenntnisse durch Statistiken erprobt. Was die Franzosen vielleicht noch über die Engländer stellt, ist, daß sie nicht bei der Emperie stehenbleiben, sondern von hier aus wieder zu den Prinzipien aufsteigen, in deren Allgemeinheiten sie sich jedoch, durch Tatsachen gestützt, nicht gleich den arabischen und mittelalterlichen Astrologen verlieren. Es genügt ihnen nicht die Feststellung, daß ein Planet in einem bestimmten Zeichen anders wirkt als in einem andern, sondern sie ergründen, nach welcher Gesetzmäßigkeit dies so sein muß. Am weitesten ist hier F. M. Barlet in seinem Buch: »Les Genies Planétaires« (Libraire Chacornac, Paris) vorgedrungen. Wie aber steht es in Deutschland? Frankreich hat Kultur, England Zivilisation, wir haben »Bildung«. Diese Bildung ist bekanntlich durchaus wissenschaftlich orientiert, und Wissenschaft hieß im neunzehnten Jahrhundert: Materialismus. Die gebildete Schicht schwor auf die exakte Wissenschaft; die Folge davon ist, daß sehr vieles zu ihr im Widerspruch Stehende fast nur von den Außenseitern dieser Universitätsbildung gepflegt worden ist. Soviel Verdienst in diesen »laienhaften« Bestrebungen steckt, es haften ihnen alle Fehler des Autodidaktentums an: mangelnde geistige Vorbildung, ungeschultes, unkritisches Denken, voreiliges Schließen, mangelhafte Beherrschung der Sprache und Unfähigkeit zum klaren, eindeutigen Ausdruck. Ich erinnere an die Naturheilkunde, Magnetismus und dergleichen Dinge, deren Pflege unter dem Widerspruch der gebildeten Klassen ein großes Verdienst der Mittelschicht bleibt; aber zu einem wirklichen Besitz wurden diese Dinge erst, seitdem sie von solchen in die Hand genommen werden, die zwar über die geistige Schulung der Wissenschaft verfügen, aber nicht deren Scheuklappen tragen. Genau dasselbe gilt von der Astrologie. Sollte es deutsche Astrologen geben, deren Schriften mir unbekannt geblieben sind, auf die das Folgende nicht paßt, so werden sie sich selber von dieser Verallgemeinerung ausnehmen. Die aber, welche sich durch meine Kritik getroffen fühlen, eben die sind hier gemeint. Während ein englischer und französischer Astrologe ohne weiteres aus und zu dem höheren Bildungsmilieu seines Landes spricht, stehen die deutschen Astrologen bei all ihren Verdiensten des ehrlichen Kampfes gegen »wissenschaftliche Vorurteile« doch zu sehr außerhalb. Führt eine solche Stellung in der Medizin zur Kurpfuscherei, so in der Astrologie zu einer auffallenden Sterilität, sobald es sich um die Anwendung des Wissens handelt. Astrologie ist doch nur Mittel, Mittel zur Erkenntnis des Menschen; der Mensch aber entfaltet sich zeitlich in der Geschichte, örtlich in der uns umgebenden Welt. Was hilft aber nun die genaueste Kenntnis der astrologischen Technik, wenn die Werte, die dadurch genauer unterschieden werden sollen, aus Mangel an geistiger und Welterfahrung in ihrem Wesen nicht recht angeschaut werden. Was fruchtet ein Wissen über die Gestirnstellungen der Dichter, Denker, Heiligen, Staatsmänner, Industriekapitäne, Fürsten, Hetären usw., wenn die innere und äußere Anschauung dieser Realitäten fehlt? Wer nicht aus der Enge von Stand, Beruf, Nationalität, Partei, ja des eigenen Bekenntnisses (sei dies religiös, philosophisch oder wissenschaftlich) gänzlich herauszutreten vermag, kann wohl Astrologie wie etwa Mathematik betreiben, aber die Synthese in Anschauung und Urteil muß fehlen. Welterfahrung in der Art, wie sie etwa ein reisender Kaufmann oder ein Hotelangestellter macht, hilft so wenig wie Bücherwissen. »The world and the books«, wie Lord Chesterfield sagte, diese beiden Elemente zusammen machen erst wahre Bildung aus, die imstande ist, Gestalten und Begebenheiten der Geschichte mit dem Blick zu betrachten, den der erfahrene Weltmann nur für die Gegenwart hat, und die Gestalten und Begebenheiten der Gegenwart in die geschichtlichen Zusammenhänge einzuordnen, die der bloße Büchermensch nur in der Vergangenheit erkennt. Diese Art der Bildung ist in Deutschland, dem Land des fachmännischen Spezialistentums, selten, wird sogar oft als oberflächlich verdächtigt, und darum fehlen uns neben so viel Einzeltüchtigkeit gerade diejenigen Typen, bei denen solche Universalität unerläßlich ist. Echt deutsch ist ferner, daß immer wieder einer versucht, sein eigenes System aufzustellen. So wirft er zunächst die Fundamente um, auf welche die andern, bauen. In Deutschland gibt es mehrere Arten, Horoskope aufzuzeichnen, während man sich in England zu dem Kreis, in dem der Aszendent ein für allemal links in der Mitte und der Meridian senkrecht auf dem Horizont steht wie in der Natur, entschlossen hat. Alle andern Systeme führen infolge ihrer Unübersichtlichkeit immer wieder zu Seh-, Schreib- und Druckfehlern. {Übrigens haben sich auch die Franzosen noch nicht auf ein System geeinigt.) Aber haben wir nötig, die Engländer nachzuahmen? heißt es. Ich antworte: Warum denn nicht, wenn sie etwas besser machen? Während deren Pionierarbeit so wenig wie die französische voll anerkannt, ja, nicht einmal genau gekannt wird, findet man oft eine allzu große Abhängigkeit von der mittelalterlichen Tradition, deren Rezepte ungeprüft immer wieder abgeschrieben werden. Für den Planeten Uranus, dessen allgemein gebräuchliches Zeichen dem lateinischen H ähnlich ist – sein Entdecker war Herschel – haben die deutschen Astrologen ein eigenes Zeichen erfunden, das sehr leicht mit dem des Mars verwechselt wird. Ganz verwirrend sind plötzliche Neuerungen der Berechnung, etwa der Häuserspitzen, oder die Ausgrabung veralteter Quellen ohne eingehende Prüfung an Beispielen, da nur mitgeteilte Erfahrung auf der Grundlage von langen Versuchen mit einzelnen Horoskopen bekannter Menschen die Abweichung von allgemein geübten Bräuchen rechtfertigen würde, und zwar bei Zusammenarbeit mit anderen und gegenseitiger Überwachung. Die Folge solcher Eigenbrötelei ist, daß ein von deutschen Astrologen aufgestelltes Horoskop nicht ohne weiteres zu gebrauchen ist. Die Auslegung eines Horoskops kann ohnehin nicht aus Büchern gelernt werden. Die Originalität, die im Technischen ein Fehler ist, fehlt aber nun gerade da, wo sie mir unerläßlich scheint, nämlich bei der Auslegung. Hier kommt man mit überlieferten Rezepten nicht weit. Hier ist Phantasie, beherrscht durch philosophisches Denken, verstandesmäßige Kombination, belebt durch künstlerische Intuition, nicht zu entbehren, lauter Gaben, die sich selten vereint finden. Da meine erste Beschäftigung mit Astrologie in die Zeit des Weltkrieges fiel, waren mir zunächst nur Lehrbücher zugänglich, die mit allen diesen Fehlern behaftet waren. Aus dem mühsamen Herumtappen im Dunkel erlöste mich die sonst nicht gerade willkommene Tatsache einer bevorstehenden militärischen Nachmusterung. Zu diesem Zweck mußte ich mich zum nächsten deutschen Konsulat begeben, und das war in Wien. Ein Verwandter versah mich mit einer Empfehlung an einen Freund,, einen Marineoffizier a. D., und als ich ihn nach den ermüdenden Kämpfen des ersten Tages abends endlich traf, entpuppte er sich als ernsthafter, wissenschaftlicher Astrologe. Von ihm wurden mir nun Bücher und Aufsätze jener oben genannten englischen und französischen Autoren nacheinander geliehen. Ich vergrub mich während des Sommers in einem kleinen Nest in Steiermark und fand endlich Klarheit. Als ich im Herbst nach Wien zurückkehrte, war ich imstande, selbst ein Horoskop zu stellen. Meine Auslegungen freilich verloren sich noch ins Uferlose. Etwa vierzehn Tage lang arbeitete ich nun vor- und nachmittags mit meinem neuen Freund durch, was ich mir im Sommer aufgezeichnet hatte. Er brachte Methode in mein aufs Geratewohl aufgestapeltes Wissen und gab mir dann zunächst einen Band des Morin de Villefranche mit auf den Weg, dem ich in der Kunst der Synthese neben meinem Lehrer selbst das meiste verdanke. Ich will gleich hier bemerken, daß der englische Astrologe Raphael die Ephemeriden der täglichen Gestirnstände alljährlich herausgibt. In den letzten Kriegsjahren waren die englischen Ephemeriden plötzlich nicht mehr zu haben, und es wird sogar behauptet, daß die Engländer dadurch die Deutschen verhindern wollten, ihre kriegerischen Maßnahmen nach astrologischen Gesichtspunkten vorzunehmen. Über die sogenannte politische oder Mundanastrologie und die Astrologie der Stundenwahl, die hier in Frage kommt, spreche ich später. Viele werden über solche Kombinationen lächeln. Jedenfalls weiß ich, daß astrologische Ratschläge bis in die Nähe des deutschen Kaisers gedrungen sind. Wie weit nie berücksichtigt wurden, ist mir nicht sicher genug, um hier darüber bestimmte Aussagen zu wagen. Von englischer Seite ist behauptet worden, unsere ersten Siege hingen mit den für uns sehr günstigen Konstellationen zusammen, die klug zu Angriffen ausgewählt worden, wären. Die Engländer und Amerikaner dagegen hätten ruhig den Ablauf dieser Serie abgewartet, in der von Anfang an geäußerten Überzeugung,, daß wir die Schlachten, sie den Krieg gewinnen würden, und sich erst ins Zeug gelegt, als für uns ungünstige Aspekte kamen, zumal ihnen die Horoskope für die Augenblicke der verschiedenen. Kriegserklärungen als für Deutschland ungünstig bekannt waren. Dies alles erzähle ich mehr als, Merkwürdigkeit, immerhin ist es nicht grundsätzlich abzulehnen. Sicher weiß ich, daß eine dem deutschen Kaiser sehr nahestehende Person der Astrologie anhängt, und ferner, daß erste amerikanische Geschäftshäuser sich Hausastrologen halten, wie früher die Fürsten. Jedenfalls scheint es,, daß uns die Engländer während des Kriegs verhindern wollten, ihnen zum Schaden Astrologie zu treiben. Nun sind zwar für die letzten Kriegsjahre im Verlag Huber in Dießen bei München Ephemeriden erschienen, aber sie enthielten viele Druckfehler. Nichtsdestoweniger sind diese Veröffentlichungen sehr verdienstlich und ihre Schwächen verzeihlich, denn es ist in der Tat unmöglich, genaue Ephemeriden ohne weiteres aus der Erde zu stampfen. Die astronomischen Tafeln müssen nämlich für jeden Mittag des Jahres umgerechnet: werden, da sie die Gestirnstände angeben in Graden, die auf dem Äquator gemessen sind (Rektaszension), während für die Astrologie die Längengrade der Ekliptik, der scheinbaren Sonnenbahn, in Frage kommen. In England, wo diese Berechnungen seit einem Jahrhundert gemacht werden, hat man Zentralen, welche sie von mehreren Leuten gleichzeitig ausführen lassen, deren Ergebnisse dann immer wieder verglichen werden, und auch da kommen in den ersten Auflagen hie und da Druckfehler vor. So etwas ist nicht von heute auf morgen zu organisieren.   Heute haben wir in Deutschland noch die alljährlich im Verlage Huber Dießen erscheinenden Ephemeriden, die sich neben der englischen Ausgabe sehr gut eingebürgert haben, da die oben erwähnten Mängel heute überwunden sind.   Besonders sei aber auf das im Otto Wilhelm Barth-Verlag, Planegg bei München erschienene Ephemeridenwerk hingewiesen. In drei handlichen Bänden sind hier die Gestirnstände von 1850 bis 1950 für jeden Tag verzeichnet. Der Preis des Gesamtwerkes beträgt in der Leinenausgabe RM. 50,–; Bd. I und II 1850 bis 1930 RM. 20,– (einzeln RM. 15,–). Bd. III 1930 bis 1950 RM. 15.–   Noch ein Wort über die Astrologie im Weltkrieg. Vielleicht erinnert man sich noch des Horoskops Hindenburgs, das erst von der Zensur verboten, dann doch veröffentlicht wurde. Ist es denkbar, daß die Zensur an die Veröffentlichung die Bedingung geknüpft hat, daß Uranus und Neptun gestrichen wurden? Oder war der Patriotismus der deutschen Astrologen die Ursache, daß diese beiden Gestirne in dem Horoskop fehlten, was besonders hinsichtlich des Uranus zu den falschesten Ergebnissen führte? Richtig ist, daß das Horoskop Hindenburgs große militärische Erfolge voraussagen läßt. Das Haus des Berufs ist vom Mars beherrscht, der aus einem Eckhaus einen guten Aspekt von Jupiter erhält, an sich die beste Vorbedingung für äußeres Gelingen. Auch das aufsteigende Zeichen Steinbock (Ehrgeiz), dessen Herr, Saturn, im I. Feld einen Trigonalschein von der Sonne erhält, deutet auf eine große Laufbahn. Dazu steht Jupiter im Krebs erhöht und hat obendrein eine Konjunktion mit dem Mond, der im Krebs herrscht. Das gibt dieser Berühmtheit die besondere Note der Popularität, dem Charakter Edelmut und Gefühlsweichheit. Auch daß die äußeren Erfolge erst spät kamen, läßt sich astrologisch begründen. Das Feld des Alters (IV.) ist von einem Venuszeichen beherrscht. Venus selbst steht sehr stark im eigenen Zeichen, aber sie ist rückläufig und ihr Zeichen ist eingeschlossen zwischen zwei Häuserspitzen (gefangen). Beides wirkt verzögernd. Ferner hat Venus dort eine Konjunktion mit Sonne und Merkur und obendrein steht noch ein besonderes Zeichen – das sogenannte Glücksrad (Pars Fortunae) Siehe 2. Buch. – in demselben Venuszeichen (Waage). Das Schweigen der offiziellen Wissenschaft über die Astrologie wurde im Jahre 1918 durch Professor Dr. Franz Boll unterbrochen, der bei Teubner in Leipzig in der Sammlung »Aus Natur- und Geisterwelt« ein Bändchen »Sternglaube und Sterndeutung« erscheinen ließ, das inzwischen in erweiterter Neuauflage große Verbreitung gefunden hat. Das Goethesche Motto, das der Verfasser für sein Büchlein wählt, wäre im Mund eines exakten Forschers kaum möglich gewesen. Es ist ein Appell an das »Innerste« in uns, das sogar die Psychologie bisher vernachlässigen zu dürfen oder zu müssen glaubte: »Daß wir solche Dinge lehren, Möge man uns nicht bestrafen: Wie das alles zu erklären, Dürft ihr euer Tiefstes fragen.« Prof. Boll ist nicht Astrologe, er nähert sich dem Gebiet mit der gebotenen Zurückhaltung des Historikers und folgt dabei der Rankeschen Forderung zu untersuchen, »wie es eigentlich gewesen ist«. Die moderne Astrologie wird nur kurz erwähnt. Am Schluß deutet er Goethes Horoskop nach den Regeln der hellenistischen Astrologie und kommt zu dem Ergebnis, daß es stimmt. Dieses vorsichtige und doch nicht ängstliche Buch ist sehr zu empfehlen. Auch auf den kurzen, die Astrologie verteidigenden Aufsatz des Grafen Keyserling in seinem Buch: »Philosophie als Kunst« möchte ich hier nachdrücklich aufmerksam machen. III. Die Erforschung der Zukunft (Progressive Astrologie) Bisher habe ich fast ausschließlich von der Geburtsastrologie gesprochen, die aus den Gestirnständen im Augenblick der Geburt eines Menschen dessen Wesen, Konstitution, Gesundheit, Talente, Schicksale usw. in großen Umrissen erkennt. Das Feststellen künftiger Ereignisse und ihrer Termine verlangt weitere Berechnungen. Dieses Gebiet heißt progressive Astrologie. Seit der ältesten Zeit sind uns zwei Direktionsmethoden überliefert, die heute unter den Namen Primär- und Sekundärdirektionen bekannt sind. Es dürfte sicherlich interessieren, daß die Methode der Berechnung der Sekundärdirektionen auf Grund von Angaben in der Bibel wiedergefunden wurde. (Hesekiel 4,5 u. 4,6.) Über die Berechnung und Anwendung der Sekundärdirektionen sind sich alle Astrologen einig. Sie werden ständig mit bestem Erfolg für die Vorhersage herangezogen. Dagegen herrscht auf dem Gebiete der Primärdirektionen eine große Unsicherheit. Es gibt nicht weniger als 11 verschiedene Direktionsschlüssel und eine Unzahl verschiedener Berechnungsmethoden. Schon diese Tatsache zeigt, das hier etwas nicht stimmen kann. Warum herrscht auf dem Gebiete der Sekundärdirektionen Einmütigkeit und inbezug auf die Primärdirektionen dieser Wirrwarr? Doch offenbar nur deswegen, weil man mit Hilfe der Sekundärdirektionen eindeutige Ergebnisse erzielte, während bei den Primärdirektionen, einerlei welche der vielen Methoden man auch anwandte, die Ergebnisse stets unbefriedigend waren. Man suchte aber die Fehler nicht in der Methode selbst, sondern glaubte sie durch kleine Korrekturen und durch Berechnungsänderungen beheben zu können. Die wenigen Astrologen, die heute noch eine der vielen Arten der Primärdirektionen vertreten, vermochten bisher nicht exakte Beweise für die prinzipielle Richtigkeit dieser Direktionsart beizubringen. Sehr zu beachten ist auch die Annahme, die einer unserer zeitgenössischen Astrologen, Johannes Lang im II. Bande seines Lehrbuches der Astrologie ausspricht. Er vertritt die Ansicht, daß Ptolemäus, auf dessen Angaben die Primärdirektionen beruhen, die von ihm gesammelten diesbezüglichen Überlieferungen falsch verstanden sind. Nach Johannes Lang beruhen die eigentlichen Primärdirektionen auf derselben Grundlage wie die Sekundärdirektionen, nämlich der Annahme, daß ein Tag nach der Geburt einem Lebensjahr entspricht. Die in dem genannten Werk von ihm gebrachten Beispiele sind in ihrer prägnanten Eindeutigkeit überzeugend. Übrigens handelt es sich hier nicht um eine neue Erfindung. Neu ist lediglich die Begründung und Behauptung, daß es sich bei dieser Direktionsart, die unter den Namen »Sonnenbogendirektionen« von zahlreichen anderen Astrologen angewandt wird, lediglich um eine richtige Art der Primärdirektionen handeln soll. Wie dem auch sei, man kann die Direktionen mittels des Sonnenbogens ebenso wie die Sekundärdirektionen als zuverlässig in ihren Ergebnissen bezeichnen. Beide Systeme beruhen auf der Annahme, daß unmöglich die Wirkung der Gestirne in dem Augenblick der Geburt erschöpft sein könne. Vielmehr wirken die nachgeburtlichen Einflüsse auslösend auf die Konstellation der Nativität. Es müssen also auch die Aspektbildungen nach der Geburt berücksichtigt werden, und die Erfahrung hat gelehrt, daß nach diesen die künftigen Lebensereignisse häufig zu berechnen sind. Infolge der Direktion scheint uns jeder Planet weiterzurücken. Sobald er nun einen neuen exakten Aspekt bildet zu irgendeinem Radixplaneten, ist eine Direktion gegeben. Einem Tag nach der Geburt soll ein Lebensjahr entsprechen. Wenn also nach z.B. 17 oder 40 Tagen der Saturn einen guten oder schlechten Aspekt bildet zur Radixsonne, so wird im 17. oder 40. Lebensjahr ein Ereignis eintreten, das dem Wesen der Sonne und des Saturn im Radixhoroskop im günstigen oder ungünstigen Sinn entspricht. Was die Unsicherheit der Geburtszeit betrifft, so läßt sich diesem Übelstand abhelfen. Man wartet ab, ob die nach der vermutlichen Geburtszeit berechneten Ereignisse pünktlich eintreffen. Das wird natürlich in der Regel nicht geschehen. Ebenso werden die bereits eingetroffenen wichtigen Ereignisse der Vergangenheit den Berechnungen nicht durchaus entsprechen. Man sucht sich nun solche heraus, die bedingt wurden durch Direktionen zu den Felderspitzen I (Aszendent) und X (Meridian), deren Aspekte von besonderer Wichtigkeit sind. Zeigt sich nun, daß bei drei oder vier eindeutigen Ereignissen wie Todesfällen der Eltern, Hochzeit, unvorhergesehenem großen Gewinn oder Verlust usw. die Verfrühung oder Verspätung des Eintreffens jedesmal genau dieselbe ist, so nimmt man den Meridian oder Aszendenten so an, daß das Eintreffen der Ereignisse stimmt. Aus diesen Angaben ist dann die Geburtszeit aus Tabellen auf die Sekunde zu ersehen. Die Sache hat nur einige Haken. Nicht alle Ereignisse sind gerade durch Direktionen zum M.C. oder Aszendenten bestimmt, sondern sehr viele können auch durch solche von Planeten zu Planeten bedingt sein. Allgemein anerkannt, wie oben schon erwähnt, sind die Sekundärdirektionen. Sie beruhen auf der scheinbaren Bewegung der Planeten um die Erde. Diese Veränderungen sind den Jahresephemeriden zu entnehmen. Hier entspricht die Bewegung innerhalb 24 Stunden dem Zeitraum eines Jahres. Die Aspekte, welche die progressiven Planeten z.B. am 20. oder 47. Tag nach der Geburt unter sich oder zu Radixplaneten bilden, deuten also die Ereignisse im 20. oder 47. Jahr des Lebens an. Da die Ephemeriden die Stellung um 12 Uhr mittags nach Greenwicher Zeit angeben, muß man die Ortszeit bei der Geburt in Greenwicher Zeit umrechnen, und dabei berücksichtigen, ob in dem Geburtsjahr schon die mitteleuropäische Zeit (und die Sommerzeit der Kriegsjahre) eingeführt war. Dies geschah in Deutschland und Österreich 1892. Angaben über die Zonenzeit und über die Sommerzeit findet man in jedem guten astrologischen Lehrbuch. Außerdem sind auch in den meisten Lehrbüchern Tabellen über die geographischen Positionen der wichtigsten Orte der Welt enthalten. Es sind aber auch besondere Bände im Handel, die nur geographische Positionen enthalten. Darüber wird jede Fachbuchhandlung oder der Verlag dieses Buches bereitwilligst Auskunft geben. Auch ihr Zeitunterschied von Greenwich ist angegeben, östlich von Greenwich wird es bekanntlich früher, westlich später Mittag. Bedeuten 24 Stunden 1 Jahr, dann entsprechen 2 Stunden oder 120 Minuten einem Monat, 4 Minuten einem Tag. Bei den Sekundärdirektionen kommen nicht nur Aspekte zwischen den progressiven Planeten und den Radixplaneten in Frage, sondern auch die Aspekte, welche die progressiven Planeten untereinander bilden. Viele Astrologen behaupten, die Direktionen bedürften, um zu wirken, einer besonderen Auslösung. Diese kann auf dreierlei Arten erfolgen: durch Transite bezw. Ingresse und Monddirektionen. Transite sind Übergänge der Planetenbewegung irgendeines Kalendertages über wichtige Orte des Radixhoroskopes oder deren Aspektstellen. Erreicht z.B. der heutige Uranus, wie aus der Ephemeris des laufenden Jahres zu ersehen, die Stelle, wo bei meiner Geburt die Sonne stand, so hat meine Radixsonne einen Uranustransit. Aber auch ein starker Aspekt, Quadrat, Trigon, Opposition des Transituranus zur Radixsonne wirkt, wenn auch weniger stark als die Konjunktion. Ein Ingreß ist ebenfalls ein Transitaspekt, aber nicht zu einem Radixort, sondern zu einem Ort, wo ein progressiver Planet steht oder einen Aspekt hat. Wird nun irgendein Radix- oder progressiver Planet von einem Transit oder Ingreß betroffen zu einer Zeit, da eine Direktion zu ihm fällig ist, so wird deren Wirkung entweder ausgelöst, wenn beide günstig oder beide ungünstig sind, oder mehr oder weniger aufgehoben, wenn beide sich widersprechen. Hat z.B. die Sonne eine schlechte Saturndirektion, aber einen guten Jupitertransit, so wird man entweder nichts davon spüren, oder aber in eine schwierige Lage kommen, der man gewachsen ist. Bei einer günstigen Direktion mit ungünstigem Transit wird man vielleicht eine glückliche Aussicht zerrinnen sehen, oder es wird nichts geschehen. Für Transite kommen nur die größeren Planeten in Frage: Uranus, Saturn, Jupiter und in geringerem Grade, weil eiliger vorübergehend, aber doch im Augenblick heftig fühlbar: Mars. Was Neptun, den größten und langsamsten Planeten unseres Systems, betrifft, so äußert sich seine Transitwirkung nach meiner persönlichen Erfahrung weniger in Ereignissen, als in lange andauernden Zuständen, die je nach der Entwicklungsstufe eines Menschen und der daraus sich ergebenden Empfänglichkeit für Neptuneinflüsse sich als Beängstigung, Unruhe, Verwirrung, Visionen, künstlerische Inspirationen, Vertiefung der Erkenntnis äußern können. Jeder Planet wirkt in demselben Leben immer in derselben Weise, ob in Radix- oder progressiver Stellung, als Aspekt, Direktion oder als Transit. Seine gute oder schlechte Radixstellung ist für seine Art und Weise in einem Menschenschicksal ein für allemal maßgebend, womit nicht geleugnet wird, daß ein entwickelteres Selbst seine Aspekte ganz anders erlebt und beherrscht; aber ein guter Jupiter oder eine schlechte Venus bleiben dies durch das ganze Leben. Der englische Astrologe Bailey macht in seiner Zeitschrift »Destiny« (Juni 1905) auf die chronische Wirkung progressiver Plätze in den Zeichen und Häusern aufmerksam, in die sie durch ihre Bewegung zu stehen kommen, auch wenn keine Direktionen gebildet werden. Das habe ich erprobt. Als ich mich entschied, die juristische Laufbahn mit dem philosophischen Studium zu vertauschen, war mein progressiver Aszendent vom Löwen in das Merkurzeichen Jungfrau getreten. Als ich zum erstenmal publizistisch auf breiterer Basis hervortrat, hatte mein progressiver M.C. den Stier verlassen, um in das Merkurzeichen Zwillinge zu gelangen. Als meine geistigen Interessen das endgültige Übergewicht gewannen über meine sehr stark damit konkurrierenden weltlichen, ging Merkur aus dem Venuszeichen Stier in sein eigenes Zeichen Zwillinge. Dagegen fand ich Raphaels Behauptung nicht genügend bestätigt, daß die Transitplaneten eine Dauerwirkung haben sollen in den Häusern, durch die sie gerade gehen. Eine wichtige Art der Auslösung von Sekundärdirektionen findet statt durch den Mond. Infolge seiner schnellen Bewegung (ca. 12–15 Grad im Tag gegen etwa 2 Grad Tagesbewegung des zweitschnellsten Gestirns Merkur) bildet er bedeutend mehr Aspekte zu radikalen und progressiven Planeten, als die übrigen Planeten, fast immer mehrere im Jahr. Sie beziehen sich auf die wechselnden Ereignisse des Monats und wirken außerdem wie Transite und Ingresse verstärkend und aufhebend, wenn sie mit ähnlichen oder entgegengesetzten Direktionen der andern Gestirne zeitlich zusammenfallen. Transite, Ingresse müssen, um zu wirken, fast exakt sein. Es wird hier nur ein Umkreis von allerhöchstens 1 Grad Orbis um die genaue Aspektstelle angenommen. Auch die Sekundärdirektionen haben lange Wirkungszeiten, Monddirektionen etwa 2–4 Wochen, Planeten- und Sonnendirektionen wirken etwa ein Jahr. Diese Wirkungsdauer ist der Grund, warum es zur Berechnung der Sekundärdirektionen, soweit es sich nicht um Aszendent und M.C. handelt, keiner so genauen Angabe der Geburtszeit bedarf. Der Tag ihrer Auslösung wird doch vorwiegend durch die aus der Ephemeris zu ersehenden Transite bestimmt, und auch hier ist ein Spielraum gelassen. Alles, was durch langsame Planeten und feste Zeichen geschieht, hat lange Dauer. Je schneller ein Planet, desto verübergehender seine Wirkung. Gewöhnliche Zeichen verursachen mittlere, bewegliche kürzen die Dauer. Das Widersprechende muß gegeneinander abgewogen werden. Bei den Direktionen kann man nur dann mit Sicherheit darauf rechnen, daß etwas von einem bestimmten Charakter geschieht, falls schon das Radixhoroskop darauf hinweist, d. h. etwas Günstiges oder Ungünstiges, etwas Plötzliches (uranisch) oder sich lange Vorbereitendes (saturnisch), etwas Akutes (marsisch) oder Chronisches (saturnisch); ferner sind meist auch zwei oder drei Lebensgebiete angebbar, auf deren einem es sich vollziehen wird. Handelt es sich z. B. um eine günstige Venusdirektion bei jemand, der die Venus körperlich im IX. Feld (Reisen), und das X. Feld (Stellung) und das II. Feld (Geld) von einem Venuszeichen besetzt hat, so kann sich das Glück auf diesen drei Gebieten einstellen, ganz abgesehen davon, daß Venus an sich noch Liebe und Ehe begünstigt. Ist die Spitze oder der Herr des V. Feldes (Kinder, Spekulationen) oder des VII. (Ehe, Partnerschaft, Prozesse) im Radixhoroskop gut von Venus bestrahlt, so kann die Venusdirektion auch hier wirken, falls gerade auf diesen Gebieten irgend etwas im Gang ist. Man versteht nun, warum die Vorhersagen der Astrologien im einzelnen stets mehrere Möglichkeiten offen lassen. Noch auf ein anderes System der Zukunftserforschung ist hinzuweisen: die sogenannten Jahres- und Monatshoroskope (auch Sonnen- und Mondrevolutionen genannt). Sie werden gestellt für den Augenblick, da die Sonne bzw. der Mond wiederum exakt dieselbe Länge auf der Ekliptik erreichen, wo sie im Augenblick der Geburt standen. Da die scheinbare Bewegung der Sonne um die Erde ein Jahr dauert, so erreicht sie jedes Jahr einmal ihren Radixort und zwar am Geburtstag; der genaue Augenblick, von dem aus gerechnet werden muß, kann übrigens auch auf den Tag vor- oder nachher fallen. Da der Mond sich in 4 Wochen um die Erde dreht, erreicht er seinen Ort jeden Monat einmal. Es handelt sich nun nicht darum, die für solche Augenblicke gestellten Horoskope an sich für die Ereignisse des nächsten Jahres oder Monats zu befragen, viel wichtiger ist ihr Verhältnis zum Geburtshoroskop. Jeder Planet im Geburtshoroskop ist Signifikator für Angelegenheiten des Feldes, in dem er steht, und der Felder, deren Zeichen er beherrscht, falls in ihnen sich nicht ein Planet körperlich befindet, denn dieser hat stets Vorrang. Hat also z. B. jemand den Merkur im IX. Feld (weite Reisen) und beherrscht dieser zugleich das II. Feld (Geld), so ist er Signifikator für Geld und Reisen. Beherrscht gleichzeitig Jupiter das Zeichen des IX. Feldes, so ist dieser Kosignifikator für Reisen, und steht er zugleich selber im VII. Feld (Ehe), so ist er außerdem Signifikator für Ehe. Will ich also das Jahres- oder Monatshoroskop befragen im Hinblick auf Reisen oder Ehe, so muß ich sehen, was aus dem Signifikator und Kosignifikator des Radixhoroskops für diese Lebensgebiete geworden ist. Steht Merkur in dem betreffenden Geburtshoroskop gut, so bedeutet das Glück für das ganze Leben, steht er aber im Jahres- oder Monatshoroskop schlecht, so wird die Reise vielleicht jetzt verschoben oder sonst irgendwie gestört sein, aber kein Unheil verursachen. Zeigt der Merkur schon im Geburtshoroskop Unglück im Hinblick auf Reisen an, so wird sich das bei schlechtem Revolutionshoroskop in diesem Jahre bzw. Monat besonders zeigen. Auf alle Fälle – und dies gilt für die ganze Astrologie, auch für die Direktionen – sagt das Radixhoroskop das entscheidende Wort. Ein schlechter Aspekt im Jahreshoroskop oder als Direktion zwischen zwei Planeten, die im Radixhoroskop gut stehen, wird nie ein endgültiges Unglück bringen, während gute Direktionen oder Revolutionsaspekte von zwei im Radix sich unfreundlich anschauenden Planeten immer nur vorübergehende Aufhellungen bewirken können. Meistens ist ein Lebensgeist nicht einseitig gut oder schlecht determiniert. Der Signifikator ist vielleicht gut, der Kosignifikator schlecht, oder es stehen ein guter und ein schlechter Planet, also zwei Signifikatoren im selben Feld oder die ganze Determination ist gut, aber von geschwächten Planeten ausgehend, oder die Signifikatoren sind zwar Übeltäter, aber von Wohltätern gut bestrahlt oder umgekehrt. In solchen Fällen können Direktionen wie Jahres- und Monatshoroskope verraten, welche Kräfte gerade wirken, die guten oder die schlechten. Sicher ist nach meiner eigenen Beobachtung, die sich nun auf fünf eigene Jahres- und etwa ein Dutzend Monatshoroskope bezieht, daß bei weitem nicht alles in Erfüllung geht, was sie anzeigen, daß aber das, was geschieht, im großen und ganzen von Ihnen angezeigt wird. Nehmen wir an, das Feld für Ehe zeigt Gutes an, der Betreffende ist aber nicht verheiratet, und auch sonstige Angelegenheiten des VII. Feldes kommen für sein Leben nicht in Frage, so wird diese Konstellation vielleicht ganz unwirksam bleiben aus Mangel an Wirkungsmöglichkeiten oder aber in diesem Jahr eine Möglichkeit zur Verheiratung herbeiführen. Ob sie ausgenützt wird, kann aber nicht sicher gesagt werden, obwohl immer eine Mehrheit der Planeten in gewöhnlichen Zeichen Menschen anzeigt, die äußeren Einflüssen stets nachgeben, während die Mehrheit der Planeten in festen Zeichen Menschen ankündet, die sich selbst den Entscheid vorbehalten, was nur im Fall sehr fortgeschrittener Entwicklung ein unbedingter Vorteil ist. Den Durchschnitt leitet oft das Schicksal besser, als es die eigene freie Entschließung tun würde. Die Mehrheit der Planeten in kardinalen Zeichen verrät Menschen, die oft aus übergroßer Aktivität sich jeder Gelegenheit bedienen, was auch nicht immer von Vorteil ist. Jemand, der leidend oder nicht mehr jung ist, wird im Revolutionshoroskop meist die Aussagen des VI. Feldes (Krankheit) zutreffend finden. Als mich eine entzündliche Krankheit befiel, stand der Aszendent (körperliche Konstitution) in Konjunktion zu meinem Radixmars. Die Sonne befand sich zu Mars in Opposition im Feld der Krankheit, und dieses Haus war von dem Marszeichen Widder beherrscht. Das ist eindeutig genug, aber ich betone ausdrücklich, daß solche Eindeutigkeiten zu den Seltenheiten gehören. Man soll den Aussagen des Jahres- und Monatshoroskops nur dann volles Vertrauen schenken, wenn sie Direktionen bestätigen. Hat man in einem Monat Wichtiges vor und stellt man das Mondhoroskop, so wird ein Astrologe, der nichts von dem Vorhaben weiß, doch oft das Lebensgebiet erkennen, worum es sich handelt. In einem Monat z. B., während ich eine Übersiedlung ins Ausland vorhatte, zeigte das Mondhoroskop eine auffallend starke Besetzung des IV. Feldes (eigenes Heim), vorwiegend günstig mit einer starken saturnischen Bedrohung. Sie wurde verschoben. Das größte Bedenken gegen die progressive Astrologie liegt darin, daß für planetarische Einflüsse an sich nicht alle Menschen gleich empfänglich sind. Ein durch Entwicklung oder von Natur sehr konzentrierter und ausgeglichener, vielleicht nicht einmal sehr vertiefter Mensch bemerkt oft seine Aspekte nicht, so wie manche, und nicht einmal immer die geistig entwickeltesten Menschen bei ihrer Arbeit überhören können, daß inzwischen ein Gewitter niedergegangen ist. Andererseits gibt es sicher Menschen, die unbewußt oder mit magisch entwickeltem Willen Möglichkeiten ihres Radixhoroskops auch ohne Direktionen aufleben lassen können. In allen solchen Fällen stimmt dann natürlich kein System mehr. IV. Die Grenzen der Astrologie. Man darf von der Astrologie nur das verlangen, was sie wirklich anzuzeigen vermag. Ihr Gebiet ist nach oben und nach unten abgegrenzt. Die Geburts- sowie die progressive Astrologie sagt nur aus über das Irdische und zwar in persönlicher Ausprägung. Was darüber und darunter liegt, steht nicht im Horoskop. Jenseits des Horoskops liegt das höhere Selbst, unterschieden von der Menschlichkeit, in der es sich derzeit verkörpert hat; diesseits des Horoskops liegt das Unpersönliche, Gattungsmäßige, in welches ein Mensch mit einem bestimmten Horoskop geboren wird. Rasse und Milieu sind aus keinem Horoskop zu erkennen. Ein Negerkind, das in einem Gebärhaus genau gleichzeitig mit einem weißen oder gelben Kind zur Welt käme, würde zwar dieselbe Dynamik des äußeren Schicksals, d. h. die gleichen Förderungen und Hemmungen haben als jenes, aber sie gänzlich anders ausleben, gebunden an die geringere Entwicklungsstufe der schwarzen und der vielleicht höheren der gelben Rasse. Dasselbe gilt vom Milieu und von der Heredität, die nicht zu beseitigen ist, auch falls ein Mensch sofort nach der Geburt in ein höheres Kulturmilieu versetzt würde. Haben ein Arbeiterkind, ein Bürgerkind und ein kleiner Prinz z. B. denselben guten Aspekt im X. Feld, etwa einen gutbestrahlten Jupiter, der hohen Aufstieg anzeigt, so werden alle drei aufsteigen, aber nur bei dem Prinzen wird das vielleicht einen Thron bedeuten, bei dem Bürgerkind etwa einen hohen Rang im öffentlichen Leben, bei dem Proletarierkind eher eine einflußreiche Stellung in seiner Partei. Man hat besonders in England auch einige Versuche mit Tierhoroskopen gemacht. Bei einem Huhn wird ein Merkuraspekt (Intelligenz) nicht fühlbar sein, wohl aber bei einem Hund; dagegen will man gerade bei Hühnern die Stärke der Vitalität, Fruchtbarkeit usw. aus Geburtshoroskopen erkannt haben. Natürlich kann, ein Aspekt nur wirken, wo eine Empfänglichkeit ist. Das X. Feld (Stellung) eines Huhns wird gleichgültig sein, weil ein Huhn keine Stellung hat, aber ein Hund kann eine Stellung haben. Aus dem X. und IV. Feld (Heim) seines Horoskops wird wohl zu ersehen sein, was er für einen Herrn finden wird. Kurzum: nur da kann ein Planet wirken, wo Empfänglichkeit ist. Totes wird auch durch die Sonne nicht lebendig, wohl aber wird Lebendiges durch sie gefördert. Wo kein Hirn ist, bleibt Merkur stumm. Wo keine Kultur ist, wird auch der beste Merkur-Venusaspekt keine Künstler hervorbringen. Daher ist es wertvoll für den Astrologen, Rasse, soziales Milieu, Herkunft und Geschlecht der ihn Befragenden zu kennen. Das Horoskop des Kaisers Karl von Österreich z. B., der ohne die Ermordung des zum Thronfolger bestimmten Erzherzogs Franz Ferdinand nicht auf den Thron gekommen wäre, zeigt einen sehr guten Aspekt für große Stellung: Mond, Herr des X. Feldes, selber im X. Haus, im Zeichen seiner Herrschaft: Krebs, in Sextilaspekt mit Venus, dem Geburtsgebieter, aus dem I. Feld; aber der Mond hat dort Konjunktionen mit Mars und Saturn und ein Quadrat mit Jupiter. Ferner beherrscht Saturn das Ende (IV. Feld). Das alles mußte Aufstieg und schnellen Fall herbeiführen. Kein Astrologe, der nicht weiß, um was für ein Milieu es sich handelt, konnte aus der Nativität sehen, wie sich dieses dynamisch so sicher vorbestimmte Schicksal als menschliches Leben offenbaren würde. Weiß man aber, daß es sich um einen nahen Verwandten eines Thronfolgers handelt, dann konnte die Astrologie durch Kombination folgendermaßen vorgehen: Was gab es bei einem Erzherzog für eine Aufstiegmöglichkeit? Als Heerführer? Dazu ist in diesem Horoskop der Mars viel zu schwach. Im beweglichen Wasserzeichen Krebs hat er etwas Haltloses. Darum war der Aufstieg weniger der eigenen Energie, als einem äußeren Einfluß oder Ergebnis zu danken. Einer Frau? Das Ehehaus ist wie das Haus der Finanzen von demselben schlechten Mars beherrscht. So lag es bei den sicheren Anzeichen für hohen Aufstieg und Sturz nahe, an eine zeitweilige Erhebung auf den Thron zu denken. Auch aus dem Horoskop des Kaisers Nero konnte niemand von vornherein erkennen, zu was für einem Ungeheuer sich dieser Mensch auswachsen würde. Prüft man aber die Nativität, wissend, daß es die Neros ist, so wird man alle Vorbedingungen finden, die einen solchen Charakter ermöglichen, nicht aber unbedingt erfordern. Um Grausamkeit festzustellen, werden wir zunächst den Mars prüfen. Wir finden ihn in seiner Vernichtung in dem materiell-sinnlichen Zeichen Stier in Konjunktion mit Venus. Das ist ein bekanntes Anzeichen für geschlechtliche Ausschweifung. Ferner hat Mars eine Opposition zu Jupiter, was an sich eine Verachtung von Recht und Gesetz bedeuten kann. Jupiter selbst steht in dem Marszeichen Skorpion, wo seine Lebensfülle oft in Maßlosigkeit und Unzucht entartet. Dazu ist er im Feld der Vergnügungen (V.). Das allein würde aber noch nicht das Neronische erklären. Hinzu kommt, daß die Sonne auf der Spitze des großen Unglücksfeldes (XII.) ein Quadrat empfängt von Saturn aus einem Eckhaus. Wenn zu diesem Aspekt kein günstiger Strahl von Jupiter, Venus oder Mond hinzukommt, so bedeutet er das Äußerste an Egoismus und Grausamkeit. Aller Segen der Sonne ist unterdrückt. Aber auch der Mond (Gefühle) kann nicht helfen, da er ohne guten Aspekt von dem schlechten Mars beherrscht wird. Erst die Verbindung der sexuellen Depravation mit solcher Herzens- und Gemütsleere macht den hemmungslosen Wollüstling. Berücksichtigt man die hohe äußere Stellung, die das von Jupiter beherrschte Haus des Berufs verrät, mit Mond und Glücksrad darin, so ist der Charakter des Kaisers Nero als Möglichkeit gegeben. Der dreifach bestrahlte Merkur beim Aszendenten zeigt noch obendrein die hohe intellektuelle Begabung dieses Menschen, und Venus im eigenen Zeichen Stier im XI. Feld (Geselligkeit) gibt außer der Neigung zu derben Tafelfreuden jene entschieden künstlerische Richtung, die den Sterbenden ausrufen ließ: qualis artifex pereo! Das Ende ist gänzlich von Saturn beherrscht. Man sieht: die Elemente zu einem Nero sind alle im Horoskop zu finden, aber sie hätten von einem andern Selbst anders kombiniert werden können. Dieses transzendentale Selbst, das nach brahmanischer Lehre zu seiner höchsten Bewußtwerdung zahllose Leiber durchlaufen muß, d. h. ebenso viele Horoskope erlebt, ist das große X, das sich astrologisch nicht erkennen läßt, so wie man nie voraussagen kann, wie ein bestimmter Dichter einen bestimmten Stoff behandeln wird, auch wenn man genau weiß, in welcher Richtung der Dichter begabt und daß der Stoff ein dichterischer ist. Ja, der Dichter wird es selbst zunächst nicht wissen. Das Horoskop Napoleons I. hat natürlich einen großartigen Aspekt für Erhöhung: die Sonne im X. Feld im Zeichen Löwe, wo sie herrscht; aber sie hat ein Quadrat mit Jupiter im Aszendenten, was unter anderm die Illegitimität der Erhöhung andeutet, denn Jupiter ist das Gesetz. Jeder Astrologe hätte der Madame Lätitia zu der Sonnenstellung ihres Kindes an der Wiege mit aufrichtigem Herzen gratulieren können, denn wer die Sonne im Löwen im X. Feld hat, auch wenn verletzt, wird unbedingt aufsteigen. Aber viele berühmte Männer haben dies und sind noch lange keine Napoleons. Hier müssen unbedingt nicht im Horoskop sichtbare Faktoren berücksichtigt werden: Rasse, Heredität, Milieu. Jemand, der aus dem »Slums« einer nordischen Großstadt stammt und in einem verhetzten und verdorbenen Milieu aufwächst, wird auch mit einem solchen Aspekt trotz allem Aufstieg in der Regel kein »Herr« werden. Ein Mensch aber mit korsischem Banditenblut, erzogen in der Luft leidenschaftlichen und oft heroischen Bürgerkriegs, hat eine ganz andere Empfänglichkeit für die Strahlen der Sonne im Löwen. Alle Aspekte und Direktionen können sich aktiv oder passiv auslösen. Der in einem Haus anwesende Planet soll die aktive, der das Zeichen an der Spitze beherrschende Planet die passive Auslösung anzeigen. Hat ferner ein Mann vom Range Napoleons zu einer bestimmten Zeit seiner Laufbahn, sagen wir, eine schlechte Marsdirektion, so wird sie sich ganz anders auslösen als bei einem Forscher, einem Studenten oder einem Zuhälter. Aktiv: Napoleon befiehlt die Erschießung des Herzogs von Enghien, passiv: verliert eine Schlacht; der Forscher macht vielleicht einen tollkühnen Vorstoß oder erleidet einen Unglücksfall auf einer gefährlichen Expedition, der Student hat ein Duell und der Zuhälter gerät in eine Messeraffäre. Man wird in allen diesen Fällen das Marsisch-Gewaltsame erkennen, doch in ganz verschiedener Tönung, dabei habe ich noch nicht einmal den Fall erwähnt, daß es sich auch geistig auslösen kann, etwa in einer kühnen Entdeckung, die der Natur, oder in einem Kunstwerk, das der Phantasie gewissermaßen abgezwungen wird. Mir selbst ist es geschehen, daß ich während einer schlechten Marsdirektion zu meiner progressiven Sonne, ohne es vorsätzlich so eingerichtet zu haben, in einem Roman unter starker persönlicher Erregung einen Brudermord darstellte – ein ausgesprochenes Marsproblem. Äußerlich bekam ich jene Direktion zwar auch zu spüren, und da ich die Sonne im Feld des Berufes habe (X.), ebenfalls im Beruf, aber auf seiner praktischen Seite. Es handelte sich um eine ausgesprochene marsische Dissonanz, aber von verhältnismäßig untergeordneter Art. Offenbar war die Wirkung abgeschwächt durch ihre Spaltung ins Geistige und Praktische. Die Möglichkeit solcher Auswirkung ist in meinem Horoskop angezeigt, da das Feld der höheren Geistigkeit (IX.) zwar von Jupiter (als Herrn des Zeichens Fische) beherrscht, aber größtenteils von dem Marszeichen Widder eingenommen wird. Auch jene Marsdirektion war erweislich gegeben, aber das Wie der Auswirkung hängt von der nicht im Horoskop zu findenden Entwicklungsstufe der eigentlichen Individualität ab.   Zu der völligen Unerforschbarkeit dieser eigentlichen Individualität kommt also als Hauptgrenze der Astrologie nach unten, daß Charakter, Gemüt, Intelligenz, Wille, deren Elemente deutlich im Horoskop zu finden sind, sich verschieden je nach Rasse, Heredität und Milieu abtönen. Vor kurzer Zeit las ich ein neues Buch über Astrologie. Mit gutem Gewissen will ich für die Behauptung einstehen, daß es kein gutes Buch ist. Der Verfasser bringt nun ahnungslos ein höchst wertvolles Material bei. Auf der ersten Seite befindet sich sein Bild, seine Handschrift und sein Horoskop. Die Handschrift zeigt auf den ersten Blick den Menschen geringer Bildung: unsichere, von der Vorlage des Schulunterrichts nicht losgekommene Züge; was davon abweicht, ist nicht eigenartig, sondern konventionell schnörkelhaft, geschmacklos. Um dies zu sehen, braucht man nicht Graphologe zu sein. Meine geringen graphologischen Kenntnisse erlauben mir immerhin in der Schrift außerdem Anständigkeit, Gutmütigkeit, Sorgfalt, Fleiß zu erkennen. Die Photographie zeigt ein ausgesprochen unbedeutendes, aber angenehmes Gesicht, wie man es häufig in den Berufen findet, die, ohne Bildung und Erziehung vorauszusetzen, doch dauernd mit höheren Schichten in Berührung bringen (Gasthausangestellte, Friseure, Verkäufer, kurz Leute, die gewohnt sind, »ein besseres Publikum zu bedienen«). Nun aber das Horoskop! Bessere Aspekte für Intelligenz braucht ein ernster Gelehrter nicht zu haben, um Wertvolles zu schaffen. Merkur (Verstand) steht in einem Saturnzeichen und bildet ein Trigonaspekt mit Saturn selbst im Aszendenten. Das gibt ernstes, konzentriertes Denken und Ausdauer. Dazu kommt ein Sextil zu der Venus-Jupiterkonjunktion. Das verleiht dem Denken Harmonie und verrät unbedingt Gutgläubigkeit. Alle diese Eigenschaften verraten sich auch in dem Buch. Der Mann hat sich ernstlich mit Astrologie beschäftigt, manche gute Einzelbeobachtung gemacht; aber was ihm gänzlich fehlt, ist dasjenige geistige Niveau, das unerläßlich ist zum Betreiben einer Wissenschaft, die wie die Astrologie alle Höhen und Tiefen des Menschlichen umspannt und die früher die königliche Wissenschaft genannt wurde. Geschieht es einmal, daß ein Selbst die Grenzen seiner menschlichen Heredität sprengt, dann suchen die Menschen das Wunder der Göttlichkeit im elenden Gewand doch immer wieder dadurch zu erklären, daß sie auch auf eine geheime, äußerlich königliche Abstammung schließen. Niveau – geistiges wie seelisches – kann ein Mensch niemals mit seinen persönlichen Eigenschaften erringen, die sich im Horoskop angedeutet finden. Er kann es mit ihrer Hilfe nur entwickeln, wenn ihm seine rassenmäßige und soziale Abkunft dafür den »Sinn« verleiht. Auch der sogenannte Geistesadel, der etwas anderes ist als intellektuelle Begabung, ist in erster Linie erblich, genau wie der anerkannte Geburtsadel, der ebenfalls etwas anderes ist als persönliche Anständigkeit. Daß sich durch gute Abkunft übertragene Möglichkeiten entwickeln, bewirkt am meisten ein entsprechendes Kindheitsmilieu, in viel geringerem Maß die persönliche Begabung. Geistes- oder auch Seelenadel ist insofern nicht identisch mit dem anerkannten Geburtsadel, als er überall da vorkommt, wo die Eltern den Kindern eine Überlieferung der Rasse, vor allem seelischer, dann auch ethischer und ästhetischer, in letzter Linie intellektueller Kultur mitgeben, auf der das Individuum dann persönlich etwas aufbauen kann, während das Proletarierkind zwar ebenso begabt sein mag, wie das Kind anderer Stände, aber diesen Unterbau nicht vorfindet. So weit der geborene Proletarier es dann auch persönlich bringen mag, das Niveau wird ihm immer fehlen, das heißt der Sockel, von dem aus persönliches Streben überhaupt erst den Anschluß an die bereits erreichte Kulturhöhe findet. Hat nun ein voraussetzungslos Emporgestiegener für diese Dinge wenigstens den Instinkt, so wird er nicht revolutionär alle Sockel umstürzen, d. h. das Kulturniveau zu beseitigen streben, sondern er wird sich getrieben fühlen, eine Frau von etwas Niveau auszuwählen, so daß seine Kinder bereits höher beginnen können als er selbst. Wenn man sich genau vergegenwärtigen will, was ich meine, so frage man sich einmal, was eigentlich letzten Endes so peinlich wirkt in Gesprächen mit intelligenten Menschen ohne eigentliche Bildung, aber mit dem modernen Wissensdurst, der sie von Buch zu Buch treibt. Es ist die Niveaulosigkeit, die man nie empfindet, wenn z. B. ein Bauer oder Handwerker alten Schlags zu philosophieren beginnt. Seine Ausdrucksweise ist viel ungeschickter, als die eines intelligenten Kellners oder Buchdruckers, aber was er sagt, läßt einen Unterton vernehmen, der dem überlieferten Niveau seines Standes zu danken ist. Würde man ihn aber ermuntern, seine oft originellen Gedanken aufzuschreiben oder gar zu drucken, sofort wären sie niveaulos, denn für diese Stufe sind sie nicht reif. Dasselbe erlebt man beim Aufzeichnen eigenartiger Worte aus Kindermund; gedruckt wirken sie immer abgeschmackt. Umgekehrt können die Vorzüge des Niveaus überliefert sein, aber von einer irregeführten jüngeren Generation geflissentlich vernachlässigt werden. Man wird nun verstehen, was gemeint ist, wenn ich zusammenfassend sage, daß alle die generellen Bedingungen, durch die das geistige und seelische Niveau eines Menschen bedingt sind im Gegensatz zu seinen persönlichen Eigenschaften wie Verstand und Moralität, nicht im Horoskop zu finden sind. Auch läßt das Jahreshoroskop so wenig das Alter eines Menschen erkennen, wie das Geburtshoroskop das Geschlecht. Welcher Art ist nun das Niveau, von dem aus eine so vielseitige Wissenschaft wie Astrologie mit Nutzen betrieben werden kann? Dazu bedarf es mehr als einer durch günstige Merkur-Saturnstellung bedingten gut funktionierenden Intelligenz, nämlich der nur durch Generationen züchtbaren Empfindlichkeit für alle jene Nuancen, die es bei der verständnisvollen Beurteilung geistiger, seelischer, ästhetischer, moralischer, religiöser, gesellschaftlicher Dinge zu beachten und zu kombinieren gilt. Man braucht dazu weder Gelehrter, noch Künstler, noch Politiker, noch Weltmann, weder Mystiker noch Gläubiger zu sein, aber von allem muß man selber so viel haben, daß man diese sämtlichen Lebensmöglichkeiten innerlich miterfahren kann. Dazu gehört eine Vorfahrenreihe, die schon viele Lebensformen bewußt verwirklicht hat. Auch schadet es gar nichts, wenn sich darunter einige bedenkliche Exemplare befunden haben. Die dunkeln Gewalten, die diese haben scheitern lassen, bewußt auch in sich zu fühlen, macht Tiefblicke möglich, welche eine lange Ahnenreihe protestantischer Theologen und pflichttreuer Beamten nicht zu vermitteln pflegt. Vielleicht wird man mir einwenden, es seien doch auch Dichter und Künstler aus engsten Verhältnissen aufgestiegen. Ganz recht, aber die engen Verhältnisse meine ich auch nicht eigentlich. Zunächst können sie doch ein sehr hohes Gemüts- und Gefühlsniveau bilden, wenn das Herkommen der Eltern auf Überlieferungen dieser Art beruht. Dazu tritt wie gesagt immer das große X der transzendenten Individualität. Aus Handwerker- und Kleinbürgerkreisen sind daher viele Menschen von Niveau hervorgegangen, denen es gelang, ihren Gesichtskreis über die ursprüngliche Enge auszudehnen. Gerade das kann mit Hilfe persönlicher Begabung sehr leicht geschehen, falls diese Enge einen Inhalt an Werten besaß, nicht voraussetzungslos war. Nicht die Weite seines Horizonts, aber sein inneres Niveau hat z. B. Hebbel mitgebracht, der Sohn eines Maurers. Der Maurer war damals noch kein proletarischer Arbeiter, sondern ein angesehener Handwerker. Was aber die neueren sogenannten Proletarierdichter betrifft, so sind sie, falls sie sich als wirkliche Dichter erweisen, kaum wirkliche Proletarier gewesen. Solche Legenden lassen sich leicht zerstören. Einem der bekanntesten bin ich zufällig begegnet. Sein sogenanntes Proletariertum bestand darin, daß sein Vater, ein gebildeter Mann in mittlerer Stellung, Bankerott gemacht hat, und der Sohn eine Zeitlang tatsächlich gezwungen war, in einer Fabrik zu arbeiten. Wohl hat er dadurch das Proletariat kennengelernt, aber sein schlichtes, etwas gedrücktes Wesen hatte bürgerliches Niveau, geistig wie seelisch, und gar nichts Proletarisches. Die Enge der Verhältnisse schließt also Niveau keineswegs aus, bildet sich doch gerade das dichterisch-künstlerische Talent, wie Goethe sagt, in der Stille. Aber so wie sich der Charakter nur »im Strom der Welt« entwickelt, so auch der Geist, der Charaktere erkennen will. Das mitgebrachte Niveau, von dem aus dies geschehen kann, ist wiederum anderer Art als das, welches Dichter und Künstler ermöglicht. Es verlangt weltkundige Vorfahren und ein Kindheitsmilieu, das geistiger Beweglichkeit günstig war. Darum beginne ein Bildungshungriger nicht mit Astrologie, sondern Wissende und Erkennende mögen sie als Kuppel über ihre Welt- und Bucherfahrungen wölben. Der hervorragende französische Astrologe H. Selva sagt in seinem »Traité théorique et pratique d'Astrologie généthliaque« (Paris, Bibliothèque Chacornac, 11, Quai St. Michel, 1900) in wörtlicher Übersetzung: »Mir scheint unbestreitbar, daß die gewohnte Häufigkeit und Vielfältigkeit der Eindrücke die Vibrationsfähigkeit der Nervenzentren steigert. Je mehr unter dem erzieherischen Einfluß des Milieus deren Beweglichkeit zunimmt, desto beschleunigter, bestimmter und feiner werden die Eindrücke des Individuums, desto mannigfacher und umfassender wird seine Fühl- und Denkweise. Dies ist eine geläufige Beobachtung in gebildeten Milieus im Gegensatz zu primitiven. Ist nun diese größere Beweglichkeit einmal in eine Heredität mit den ihr entsprechenden formenden Eigenschaften eingetreten, so ist offensichtlich, daß ein bei der Geburt diese Möglichkeiten mitbringendes Individuum mit vielfältigeren intellektuellen und psychischen Fähigkeiten ausgestattet ist, als ein anderes, bei dem die Hirnsubstanz noch nicht zu demselben Grad von Sensibilität und Vibrationsfähigkeit gelangt ist: auf denselben Anlaß werden solche Individuen sehr verschieden reagieren. Dieselben astrologisch bestimmbaren intellektuellen und moralischen Anlagen in zwei Individuen, deren Organismen in diesem Punkt verschieden sind, werden daher sehr merkliche Unterschiede aufweisen: sie werden bei dem ersten viel ausgedehnter, vielfältiger, umfassender sein, bei dem zweiten viel enger, einfältiger, unentwickelter. Und das ist sehr wichtig bei astrologischen Urteilen, indem es zur aufmerksamen Erwägung der Möglichkeiten der Heredität und des rassemäßigen wie gesellschaftlichen Milieus zwingt, worin das Individuum geboren ist. Dies gilt natürlich ebenso von der Entwicklung ungünstiger wie günstiger Anlagen. Ein schlechter Aspekt z. B. zwischen Venus und Mond bedingt, vorzüglich beim weiblichen Geschlecht, das besonders dem Mondeinfluß unterliegt (so wie das männliche Geschlecht der Sonne), Hang zur Unordnung und Unsauberkeit. Ist nun eine Frau in einem Milieu aufgewachsen, wo ihr Reinlichkeit zur zweiten Natur werden mußte, so wird sich dieser Aspekt gewiß nicht sichtbar an ihrer Person, wohl aber im Inneren ihrer Schubladen und Kästen zeigen. Wächst dagegen ein Mädchen mit einem guten Mond-Venusaspekt, der Nettigkeit, Ordnung, Reinlichkeit verleiht, in einem Milieu auf, wo man z. B. den Gebrauch der Nagelbürste noch nicht kennt, so wird auch sie sie nicht neu erfinden, aber sie wird sich durch relative Sauberkeit auszeichnen, etwas auf ihr Äußeres und ihre Sachen halten, jedoch immer nur im Rahmen ihres Milieus. Kommt sie dann z. B. als Dienstmädchen in ein gutes Haus, so wird sie zu denen gehören, die im Handumdrehen gute Manieren und Körperpflege lernen, während eine Dame der Gesellschaft mit dem schlechten Mond- Venusaspekt im Falle eines äußeren Zusammenbruchs wehrlos dem Schmutz und der Unordnung der Armut preisgegeben sein dürfte. Es gibt keinen Aspekt, der, besonders wenn er aus dem Zusammenhang gerissen wird, den berufenen Astrologen, den wahren Dichter, Künstler, Staatsmann, Heerführer usw. mit Sicherheit erkennen läßt, aber es gibt mehrere Stellungen und Aspekte, die solche Gestalten möglich oder unmöglich machen, und ebenso ist es mit dem Erkenner großen Stils und dem Heiligen. Große Willenskraft, Kühnheit im Handeln und Denken, hohe Begabung verschiedener Art, ernste Frömmigkeit, äußerer Erfolg sind, wie gesagt, feststellbar, aber die großen Führer der Menschheit wären aus einigen Dutzenden von Horoskopen mit solchen großartigen Anzeichen doch nicht zu erkennen. Kennt man auch Rasse, Heredität und Milieu eines Menschen, dann bleibt noch immer das undurchdringliche Rätsel, das X des transzendenten Selbst, der wahren Selbstheit, die war, ehe der Leib wurde und erst durch die Geburt in Abhängigkeit geriet von der Gestirnstellung eines irdischen Augenblicks, und die den Augenblick überdauert, in dem eine Gestirnstellung diesem Leib die Lebensmöglichkeit abgeschnitten haben wird. V. Vergleichende Astrologie (Verhältnis von Horoskopen zueinander) Eines der interessantesten Gebiete ist die vergleichende Astrologie. Die Erfahrung zeigt, daß es von Wichtigkeit ist, wie die Planeten miteinander in Berührung kommender Menschen sich gegenseitig bestrahlen. Bildet z. B. meine Sonne einen guten Aspekt zu der Himmelsstelle, wo bei einem andern Menschen der Mond steht, so ermöglicht das ein tieferes Verstehen. Am wichtigsten sind die Stellungen der beiden Lichter (Sonne und Mond) zu denen des andern und zu den sogenannten Wohltätern Jupiter und Venus. Das bringt gegenseitiges Glück. Stehen Mars und Venus zueinander in Sextil oder Trigon, so zeigt sich eine sehr starke erotische Anziehung. Ein ungünstiger Aspekt oder Konjunktion zwischen Venus und Mars, Venus und Uranus, Venus und Neptun wird erotisch sehr fühlbar sein als dämonische Anziehung, die leicht in Haß und Abscheu umschlägt. Mars, Saturn und Uranus ungünstig zu Lichtern oder dem Aszendenten des andern empfindet jener als heftigen Druck und Tyrannei. In der Ehe werden daher oft auch im astrologischen Sinn Freud' und Leid geteilt. Aspekte des einen werden nicht selten von dem des andern miterlebt. Auch diese Tatsachen sind innerhalb der Grenzen zu werten, die ich oben bereits als für die Astrologie bestehend angegeben habe. Menschen von Niveau werden sich auch bei starken Gegensätzen der Aspekte zuletzt doch besser vertragen, als wenn sie ohne Rücksicht auf Heredität und Milieu auf der Basis z. B. günstiger Mars- und Venusaspekte, was alltäglich ausgedrückt so viel heißt wie »aus Liebe«, heiraten. Gewiß werden gute Aspekte zwischen Menschen, die an Rasse, Heredität und Milieu verschieden sind, sehr merkbare Brücken über diese Abgründe schlagen, aber jene anderen Mächte sind doch wohl für das Zusammenleben ausschlaggebender. Oppositionen von Planeten, im allgemeinen als ungünstig gewertet, können in der Ehe gerade jene Gegensätze darstellen, die sich, wie das Sprichwort sagt, berühren. Ich kenne mehrere gute Ehen, wo die Aszendenten oder die Lichter, wenn auch nicht dem Grad nach, doch wenigstens den Tierkreiszeichen nach in Opposition stehen. Bei der Wahl von Geschäftsverbindungen, Teilhabern, Vertrauenspersonen ist der Vergleich ihrer Gestirnstände mit den eigenen sehr nützlich. Besonders bei Dienstboten ist das leicht zu machen, da ihr Geburtstag, wenn auch ohne die Geburtsstunde, stets in dem Dienstbuch angegeben ist. Für die Feststellung der Planetenorte (mit Ausnahme des schnell beweglichen Mondes) genügt das. Verletzt der Saturn oder Mars des Anzustellenden vielleicht meinen Mond aus der Gegend meines XII. Feldes, so kann ich mich auf heimliche Diebstähle gefaßt machen, natürlich nur, falls bei ihm, etwa durch einen schlechten Merkuraspekt, eine derartige Disposition überhaupt vorliegt; wenn aus meinem VI. Feld an offene Unbotmäßigkeit, falls nicht sein Mars durch gute Aspekte seiner Aggressivität beraubt ist. Stehen mein Jupiter und meine Sonne gut zu seinen Lichtern, so werden sie sich meinen Einfluß als heilsam gefallen lassen. Wenn das Verhältnis umgekehrt ist, dann werde ich durch ihn Gutes erleben usw. Sehr aufschlußreich ist der Vergleich der Horoskope Wilhelms II. und seiner Feinde. Wenn Wilhelm II. etwas für seinen wahren Beruf hielt, so war es gewiß die Schaffung einer deutschen Kriegsflotte. Betrachten wir also zunächst sein X. Feld (Beruf, Stellung). An der Spitze stehen die Fische im Jupiterzeichen, das auf hohe Stellung hindeutet. Als Zeichen für die See gibt es einen deutlichen Hinweis auf das von ihm so sehr geliebte Element. Auf der Spitze des X. Feldes steht eine Konjunktion des Mars (Militär) und des Neptun (Ozean, Chaos). Man wird schwer einen Menschen finden, bei dem die Mars-Neptunwirkung so charakteristisch erscheint, gleichzeitig materiell und geistig, denn die so unheilvolle Chaotik seines Denkens und Fühlens ist sicher auf diese fragwürdige Konstellation im Zenit des kaiserlichen Horoskops zurückzuführen. Auch die von unseren Feinden so heftig bestrittene, aber von uns doch zugegebene Gutgläubigkeit dieses Mannes ist aus seiner Nativität zu sehen. Er hat den sogenannten königlichen Aspekt, ein Dreieck zwischen Sonne und Jupiter, das Loyalität und anständige Gesinnung verleiht, aber Sonne sowohl wie Jupiter sind in ihren Zeichen vernichtet und stehen an den Spitzen der Unglücksfelder VIII (Tod) und XII (großes Unglück, Exil). Ebenso ist es mit seinem Geburtsgebieter, dem Mond, der Menschen von Gefühl, Einbildungskraft, Idealismus hervorbringt, aber auch er ist vernichtet im Zeichen Skorpion, das obendrein eingeschlossen ist im V. Feld (Unternehmungen). Kurzum alle die großen Eigenschaften, die ihm seine Verehrer nachsagten, sind irgendwie vorhanden, aber viel zu schwach, sie konnten nicht zur Auswirkung kommen unter der aufdringlichen Vorherrschaft eines in dem Zeichen Fische völlig unbeherrschten Mars, dessen Unmaß durch die Neptunkonjunktion etwas Unklares, gelegentlich aber auch persönlich Faszinierendes annahm. Gewiß kam er anfangs den Gegnern großmütig entgegen, aber es war etwas Haltlos-Überschwengliches dabei, ja, er lief ihnen geradezu nach, und diese unkönigliche Art seines schlechten Jupiters überzeugte nicht, blieb ohnmächtig. Die an sich schwach gestellt Sonne erhält eine Opposition durch den im Löwen besonders unglücklichen Saturn. Der Sturz aus Sonnenhöhe war unvermeidlich, zumal die Sonne in einem Saturnzeichen, der Saturn im Sonnenzeichen steht, beide zueinander also in jenem die Planetenwirkung im bösen oder guten Sinn verstärkenden Verhältnis, das man, wie gesagt, Rezeption nennt. Wie aber steht es mit seiner vielgerühmten Intelligenz? Merkur im Steinbock, einem beweglichen Zeichen, mit nur ungünstigen Aspekten von Seiten des vernichteten Monds und des Uranus macht seinen Verstand wohl beweglich und vielseitig, aber das ist auch alles; die Opposition seines schlechten Monds mit Uranus aus festen Zeichen gibt ihm jene Art der hartnäckigen Schrullenhaftigkeit, welche die Franzosen »lunatique« nennen. Die schon durch den ungünstigen Mars gegebene Unbeherrschtheit und Unüberlegtheit wird durch solche Mond- und Merkurkonstellationen noch verstärkt. Merkur im VI. Feld (das Niedrige) dürfte die Neigung zu gemeiner Ausdrucksweise erklären, von der ich selbst einmal Zeuge war. Daß er zunächst Bismarck als unerträglichen Druck empfand, ist auch astrologisch sehr begreiflich, denn dessen Saturn steht mit seiner Sonne in enger Konjunktion, die beiden Saturne in Opposition, die beiden Marse in Quadratur. Auch seine anfängliche Bewunderung für den Kanzler ist verständlich, denn beider Sonne und Jupiter stehen in gutem Aspekt zueinander. Daß ihn Eduard VII. zu höchstem Widerspruch reizte, erklärt dessen Mars in Konjunktion mit seinem im VI. Feld etwas untergeordneten Merkur; daß er ihn zugleich bewunderte, bewirkte dessen Jupiter in Konjunktion mit seiner Venus. Des Königs Uranus stand genau auf der Spitze des kaiserlichen X. Feldes, d. h. gefährdete in hohem Maß dessen Stellung. Am verhängnisvollsten erscheint der Gegensatz mit dem Präsidenten Wilson. Dessen Saturn steht in Opposition zu Wilhelms Merkur, die beiden Uranus stehen in Konjunktion, der Neptun des Präsidenten in dessen XII. Feld (Tragik, geheime Feinde) befindet sich in Konjunktion mit der fatalen Konjunktion von Mars und Neptun im kaiserlichen Zenit. Obendrein wird der Mond des Kaisers vom Uranus des Präsidenten (und dem eigenen Uranus) in Opposition getroffen. Kurzum: die Feindschaft dieses Mannes zur Zeit eigener unglücklicher Direktionen mußte den Zusammenbruch bringen. Das IV. Feld (Ende) wird von dem in dem Horoskop so zerfahrenen Merkur beherrscht; im VIII. Feld, von Saturn regiert, steht die Sonne in Opposition zu Saturn. Auch Wilsons hoher Aufstieg und Fall ist leicht zu ersehen: die Sonne im Zenit im Steinbock (politischer Ehrgeiz) in Opposition mit Saturn im IV. Feld (Ende). Bei vielen Hauptpersonen des Weltkriegs findet sich dieselbe Tragödie. Auch der Zar Nikolaus II. hat die Sonne im X. Feld (Stellung) in Opposition mit Saturn (Ende).   Ein anderes Sondergebiet ist die medizinische Astrologie. Hier fehlt mir jede persönliche Erfahrung. Was mir an Schriften in die Hand kam, war unzuverlässiges Gerede ungeschulter Köpfe. Von der Richtigkeit des Prinzips halte ich indessen viel. Das VI. Feld zeigt die Krankheitsdispositionen, die Sonne die Konstitution, der Mond die Funktionen, der Aszendent die physische Widerstandskraft an. Da der Aszendent nur für den Breitengrad des Geburtsortes gilt, müßte es möglich sein, durch Ortswechsel einer schlechten Direktion zum Aszendenten auszuweichen. Es wird behauptet, die Reise Eduards des VII. nach Indien habe mit einer solchen Erwägung zu tun gehabt. Ob nicht überhaupt die wunderbare Heilwirkung, die bisweilen ein Ortswechsel sehr plötzlich hat, mit diesen Dingen zusammenhängt? Mars gibt entzündliche, Saturn schleichende, Merkur Nervenkrankheiten. Jupiter beherrscht Herz und Leber, Venus die Nieren, Mond die Frauenkrankheiten. Dies nur einige Beispiele. Bei einer Diagnose sind der Herr des VI. Feldes und die darin befindlichen Planeten zu befragen, nach Zeichen und Aspekten, derzeitigen Direktionen und Transiten. Dies läßt natürlich vielerlei Kombinationen Raum und macht eindeutige Ergebnisse schwer. Die verschiedenen Heilmittel tierischer, pflanzlicher und mineralischer Herkunft, sollen wie die Krankheiten bestimmten Planeten unterstehen. Manche wollen z. B. Marskrankheiten mit Venusmitteln, andere gerade durch Marsmittel bekämpfen. Jeder Teil des Körpers untersteht einem bestimmten Himmelszeichen. Operationen sollen gefährlich sein in den Tagen, da der Mond in dem Zeichen steht, das den betreffenden Körperteil beherrscht. Für den Verlauf der Krankheit und ihre Krisen sollen maßgebend sein die Aspekte, die der Mond zu der Stelle wirft, wo er bei Ausbruch der Krankheit stand. Nun ist aber meistens schwer zu sagen, wann eine Krankheit begonnen hat. Nicht einmal, wann sie einem zuerst bewußt wurde, pflegt gewiß zu sein. Wie oft hat man schon wochenlang vorher irgend etwas Unbestimmtes gespürt. Läßt sich aber irgendein entscheidender Anfang feststellen, ein Augenblick, in dem man sich zum erstenmal krank fühlte, so empfiehlt es sich für diesen Augenblick das Horoskop zu stellen. Ist Saturn und Mars im Spiel, so wird es gefährlich sein. Feste Zeichen an der Spitze des VI. Feldes oder als derzeitiger Aufenthalt der in Frage kommenden Planeten deuten auf lange, gewöhnliche auf mittlere, bewegliche auf kurze Dauer. Das Krankheitshoroskop führt uns bereits zur Stundenastrologie. VI. Stundenastrologie (Elektionen oder Wahl günstiger Stunden). Die Stundenastrologie ist dasjenige Gebiet unserer Wissenschaft, das am meisten zu niederer Wahrsagerei mißbraucht wird. Das zugrunde liegende Prinzip ist dies: nicht nur jedes Lebewesen, auch jedes Ereignis hat eine »Nativität«. So kann man Horoskope stellen für die Grundsteinlegung eines Hauses, für den Augenblick, in dem eine Krankheit, eine Bekanntschaft begann, ein Gedanke, ein Plan, ein künstlerischer Stoff zum erstenmal ins Bewußtsein trat. Wer überhaupt an Astrologie glaubt, wird auch die Berechtigung solcher Stundenhoroskope anerkennen. Nun kann man aber auch das Horoskop stellen, um Antwort auf eine Frage zu bekommen, die man an das Schicksal richten möchte, und hier beginnt der Mißbrauch. Solche Betätigung verrät immer wieder den so häufigen Mangel an Distanz zu seelischen Dingen. Derartige in der Oberschicht der Psyche stets zum Überschreiten der Schwelle des Bewußtseins bereitliegende Fragen sind ganz belanglos. Nur eine wirklich aus der Tiefe zum erstenmal auftauchende Frage – mag sie an sich wichtig oder unwichtig sein – hat eine »Nativität«. Wenn man z. B. von einer entfernten Person lange nichts gehört hat, ohne sich deshalb Sorgen zu machen, und plötzlich überfällt einen die Angst, es könne ihr etwas zugestoßen sein, so ist dies, vorausgesetzt, daß man nicht überhaupt an Angstzuständen leidet, die dauernd müßige Fragen hervorbringen, möglicherweise ein Augenblick, über den ein Horoskop befriedigende Auskunft gibt. In der Stundenastrologie bedeutet das I. Feld immer die Person oder den Gegenstand, um deren Schicksal es sich handelt. In einem Horoskop für eine Eheschließung oder eine Reise bezeichnet es also den Frager selbst. Wird wegen eines Gebäudes oder eines anderen Gegenstandes gefragt, so bezeichnet das I. Feld diese Sache. Die übrigen Felder haben dieselben Bedeutungen wie bei der Geburtsastrologie, also z. B. XI die Freunde, VII die Gegner und Partner usw. Günstige Erfahrungen hat man z. B. mit Horoskopen gemacht für den Augenblick, in dem man den Verlust eines Gegenstandes oder das Verschwinden eines Kindes zuerst bemerkte. In solchen Fällen zeigt das I. Feld den verlorenen Gegenstand oder den verschwundenen Menschen an. Es handelt sich nun darum, festzustellen, wie und wo der Herr des I. Feldes steht; da man im Horoskop nördliche (unten!), südliche (oben!), östliche (links!) und westliche (rechts!) Felder unterscheidet, ergibt sich zunächst die Himmelsrichtung, wo zu suchen ist. Zeichen und Feld enthalten Hinweise über die Umgebung, wo der Gesuchte sich befindet. Steht der Signifikator in einem Wasserzeichen im Feld des Todes, so befindet sich der Mensch in Gefahr des Ertrinkens, steht der Herr im Feld der Freunde, so hat der Vermißte bei solchen Zuflucht gefunden. Alles dies ist prinzipiell sicher zutreffend, die Klippe aber ist auch hier wieder die Vieldeutigkeit. Zunächst: welches ist der Signifikator? Das I. Feld kann im Zeichen Wassermann oder Fische stehen, deren jedes zwei Herren hat, das erste Saturn und Uranus, das zweite Jupiter und Neptun. Es kann im letzten Grad eines Zeichens beginnen, so daß dieses zwar an der Spitze steht, das ganze Haus aber von dem folgenden Zeichen eingenommen wird, dessen Herr, resp. Herren also mit in Betracht kommen. Ferner kann ein Zeichen eingeschlossen sein (was andeuten könnte, das ein Mensch oder eine Sache mit Gewalt verborgen gehalten wird). Zudem stehen möglicherweise mehrere Planeten in demselben Feld, Welcher ist nun der Signifikator? Kurzum: die Beispiele der Lehrbücher sind fast immer sehr eindeutig und mögen daher auch stimmen, aber die Praxis führt stets in ein Labyrinth von Möglichkeiten. Diese Erfahrung wiederholt sich in allen Zweigen der Astrologie. Das klassische Lehrbuch über Stundenastrologie ist das von dem schon genannten englischen Astrologen Lily, der im sechzehnten Jahrhundert lebte. Es ist sehr selten geworden. Ich habe es einmal eine Woche lang leihweise zur Verfügung gehabt und es vorzüglich gefunden. Alle übrigen mir zu Gesicht gekommenen Lehrbücher der Stundenastrologie fand ich nahezu unbrauchbar. Sie befassen sich vielmehr mit Orakelfragen, z. B. ob man die Wohnung wechseln soll, als mit der Auswahl der Stunde, z. B. des Einziehens in die neue Wohnung. Meine eigenen Erfahrungen beziehen sich vorwiegend auf Reisen, für deren Beginn ich das Stundenhoroskop häufig gestellt habe. Alle diese ca. zwei Dutzend Reisen sind befriedigend verlaufen, aber die Felder für Reisen sind schon in meinem Radixhoroskop sehr günstig, so daß also die Stundenhoroskope nicht viel beweisen. Ferner hatte ich in den letzten Jahren viele Wohnungswechsel durchzumachen. Das deutet schon darauf hin, daß das IV. Feld (eigenes Heim) im Radixhoroskop irgendeine Schädigung haben muß. Zwar wird es bei mir von Venus, die selbst sehr gut steht, beherrscht, aber Mars ist darin. Beides bekomme ich immer wieder zu spüren. Beim Beziehen neuer Wohnungen stellte es sich heraus, daß in der in Frage kommenden Zeit ganz gute Stunden überhaupt nicht zu finden waren. Immer war etwas anderes schlecht, so daß ich mich also mit relativ günstigen Konstellationen begnügte. Jedenfalls ließ sich nachträglich immer herausfinden, daß alles Gute und Böse, was ich in einer Wohnung im Hinblick auf das häusliche Behagen erfuhr, im Horoskop verzeichnet stand. Ich habe diese Horoskope von Anfang an mehr aus experimentellen Gründen gestellt, um zu erfahren, ob sie stimmen, bin aber dann doch in eine gewisse Abhängigkeit davon geraten. Als ich dies merkte, gab ich die Stundenwahl auf, überließ mich vielmehr »meinen Sternen«, merkte mir aber doch entscheidende Augenblicke, in denen irgend etwas begann, und stellte dann nachträglich das Horoskop dafür, um zu sehen, ob es stimmte. Dabei ist es mir nicht schlechter gegangen. Im Gegenteil: ich erfuhr erst, welcher Vorteile ich mich bisher beraubt hatte durch mein voreiliges »corriger la fortune«. Ich hatte mich stets dem Einfluß der Wohltäter unterstellt und war den Uebeltätern aus dem Weg gegangen, statt gerade deren Hilfe zu gewinnen. Ehe ich das näher erörtere, zunächst eine Erklärung, was unter Planetenstunden zu verstehen ist. Jede Stunde des Tages ist von einem bestimmten Planeten beherrscht, und zwar wechselt die Stundendauer, die nicht der bürgerlichen Stunde von 60 Minuten entspricht, je nach der Jahreszeit. Berechnungen kann man sich durch Benutzung von Tabellen ersparen, wie sie sich z. B. finden in dem Buch von Brandler-Pracht über »Tattwische und astrale Einflüsse« (Astrologischer Verlag W. Becker, Berlin-Steglitz). Die sehr einfache, aber langweilige Berechnung der Planetenstunden sei kurz erklärt: Man stelle auf die Minute Sonnenaufgang und Sonnenuntergang des Ortes fest, für den das Horoskop gestellt wird, und teile dann die Tageszeit und die Nachtzeit in je 12 gleiche Teile. Das sind die Planetenstunden, die natürlich im Sommer bei Tag lang, bei Nacht kurz sind, im Winter umgekehrt. Um die Zeit der beiden Tag- und Nachtgleichen werden sie einander an Länge immer ähnlicher; im Augenblick des Aequinoktiums selbst, also am 21. März und 24. September decken sie sich fast mit den 24 Stunden des bürgerlichen Tages. Die erste Planetenstunde, die also mit Sonnenaufgang beginnt, gehört demselben Planeten, der den Tag regiert, also Sonntags der Sonne, Montags dem Mond, Dienstag dem Mars, Mittwochs dem Merkur, Donnerstag dem Jupiter, Freitags der Venus, Samstag dem Saturn. Die Reihenfolge ist immer dieselbe, beginnend mit dem langsamsten Planeten, dem der Erde fernsten Saturn über Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur zu dem schnellsten Gestirn, dem der Erde nächsten Mond. Diese Reihenfolge ist nie unterbrochen, da die letzte Stunde vor Sonnenaufgang stets auf den Planeten fällt, der dem nächsten Tagesplaneten vorgeordnet ist. Ehe man nun einen Augenblick für ein Unternehmen wählt, überzeugt man sich, innerhalb welcher Stunde ein dafür geeigneter Planet herrscht. In der Zeit, da ich meine Versuche machte, wählte ich nun mit Vorliebe für den Einzug in eine neue Wohnung die Venusstunde, zumal Venus mein IV. Feld (Heim) beherrscht. Als ich nun zuletzt in die Wohnung einzog, die einem fünfjährigen Hotel- und Gasthausleben ein Ende setzte, tat ich es aufs Geratewohl, ohne die Sterne zu befragen. Das nachträglich für den Augenblick des ersten Betretens der neuen Wohnung gestellte Horoskop ergab nun, daß ich in der Stunde des sogenannten Uebeltäters Mars eingezogen war, in einem Augenblick, wo das Marszeichen Skorpion am Aszendenten stand. Niemals hätte ich mich bewußt zu einem solchen Augenblick entschlossen, aber er wurde mir zum Heil. Mars ist, wie oben gesagt, Kosignifikator für mein IV. Feld (Heim). In dem Einzugshoroskop nun ist er Herr, aber vorzüglich bestrahlt; er befindet sich in Konjunktion mit Merkur und Sonne, in Trigon zum Mond, der selber am Aszendenten steht und in Sextil zu Jupiter und Saturn an der Spitze des X. Feldes (äußere Verwirklichung). Das IV. Feld des Einzugshoroskops aber ist von Jupiter beherrscht, dem Kosignifikator meiner eigenen Person (im Radix im Aszendenten stehend), der gleichfalls gut bestrahlt ist. Das Glücksrad steht in Konjunktion mit dem Glücksrad des Radixhoroskops und zwar im IV. Feld des Einzugshoroskopes (Heim), während es sich im Radix auf der Spitze des IX. Feldes (höhere Erkenntnis) befindet. Kurzum, ich habe diesen Einzug unter dem freundlichen Beistand meines vermeintlichen Unglücksplaneten Mars vollzogen, während die mir von Haus aus freundliche Venus in dem Einzugshoroskop von ganz unerwarteter Seite ihren Segen spendete. Sie steht im VII. Feld (Partner, also hier Vermieter). In der Tat erwies sich die vermietende Person als ausgesprochener Venustypus. Der Venuseinfluß aber macht verträglich und liebenswürdig. Da Saturn mit dem Horoskopgebieter, Sonne, Mond und Jupiter in guten Aspekten stand, war der Zustand von längerer Dauer. Noch ein Wort über die Planetenstunden. Es gibt Menschen, die sich einbilden, wenn man z. B. in einer Venusstunde, bei guten Aspekten der Venus mit dem Mond, Hasard spiele oder spekuliere, so müsse man Glück haben. Nichts dergleichen ist wahr. Auch hier wissen wir nicht mehr, als daß zwischen solchen Aspekten und Glück eine Beziehung besteht, aber damit sich etwas ereignet, sind noch mehrere Determinanten nötig, die wir nicht auswählen können und wahrscheinlich gar nicht alle kennen. Dagegen kann man, wenn man sich eine Tabelle der Planetenstunden angefertigt oder angeschafft hat, unschwer folgendes feststellen: Glückliche und unglückliche Ereignisse des Alltags, z. B. durch Briefe und Begegnungen bedingt, angenehme oder bedrückende Augenblicke in der Einsamkeit oder in Gesellschaft fallen regelmäßig in die Stunden, deren Planeten sie entsprechen. Ich kann also nicht eine angenehme weibliche Begegnung dadurch erzwingen, daß ich in einer Venusstunde es darauf anlege, aber hat eine solche Begegnung stattgefunden, so wird es nicht leicht die Saturnstunde gewesen sein. In der Saturnstunde beginnende gesellschaftliche Veranstaltungen verlaufen, wie ich oft festgestellt habe, fast immer langweilig. Sich in der Jupiterstunde versammelnde Menschen sind meist von heiterem Wohlwollen erfüllt. Marsstunden bringen zum mindesten Gereiztheit und Debatten. In diesen kleinen Alltagsangelegenheiten, die man sich aber doch nicht gerne verderben läßt, ist die Stundenauswahl sehr empfehlenswert. Natürlich hängt sehr viel vom Radixhoroskop ab. Wessen XI. Feld (Geselligkeit) z. B. von einem gutgestellten Saturn beherrscht wird, dem werden Saturnstunden ernste Gespräche mit wissenschaftlichen Freunden bringen, und wessen Venus schlecht steht, der wird in ihren Stunden leicht allerlei nachteilige Dinge im Revier der Venus treiben. Bei der sehr häufig gemachten, nachträglichen Feststellung der Planetenstunden bei Vorkommnissen des täglichen Lebens habe ich die Stundenastrologie ausnahmslos zutreffend gefunden. In England and Frankreich, wo man wirklich sachgemäß bemüht ist, die Astrologie wissenschaftlich zu begründen, pflegt man bei großen Unglücksfällen den genauen Augenblick festzustellen und dafür das Horoskop zu errichten, ferner die Nativitäten von Betroffenen zu beschaffen. Das hat zu sehr lehrreichen Ergebnissen geführt. So hat die französische Zeitschrift »La Science Astrale« z. B. anläßlich der Brandkatastrophe am Boulevard Sebastopol im Februar 1904 die Horoskope von dort Verunglückten und Verwundeten untersucht. Sie alle haben die Aspekte, die seit dem Altertum für Zeichen gewaltsamen Todes gelten: beide Himmelslichter vom selben Uebeltäter verletzt, der Herr des Todeshauses selbst ein Uebeltäter oder ebenfalls von einem Uebeltäter verletzt. Die Horoskope der fünf Verunglückten sind in der Zeitschrift abgedruckt. Eine sechste Person rettete sich durch einen Sprung durch das Fenster des vierten Stockes und trug einige schwere Brandwunden und Verletzungen durch den Fall davon. Es war, als sei das ihr bestimmte Unheil durch eine schützende Macht abgewendet worden. In der Tat findet sich bei ihr im IV. Feld (Ende) die Konjunktion der beiden Uebeltäter Saturn (Erde) und Mars (Feuer), aber ganz nahe ist in stärkerer Stellung eine Konjunktion der zwei Wohltäter Venus und Jupiter. Die beiden Himmelslichter sind gut bestrahlt. Noch interessanter ist der Fall des Unterganges der Titanic, den so viele als Auftakt des sich im Weltkrieg erfüllenden Schicksals empfunden haben. Der englische Astrologe Sepharial hat Horoskope aufgestellt für die Augenblicke des Stapellaufes der Titanic in Belfast und für den Beginn der Unglücksfahrt von Southampton aus. Diese Horoskope liegen mir vor, die Deutungen Sepharials sind mir leider unbekannt. Das Schiff verließ Belfast, wo es gebaut worden war, um 12 Uhr 42 mittags am 31. Mai 1911. Der Aszendent stand im Zeichen Jungfrau, so daß dessen Gebieter, Merkur, Herr des Horoskops ist. Er gibt auch tatsächlich sofort Auskunft darüber, worum es sich hier handelt, steht er doch im IX. Feld (größere Reisen) und zwar in Konjunktion mit dem Vater der Hindernisse: Saturn. Aus dem III. Feld erhalten beide eine Opposition durch Jupiter, der, rückläufig und im Marszeichen Skorpion, alle seine guten Gaben ins Gegenteil zu verwandeln pflegt. Der Mond, der in Stundenhoroskopen immer Kosignifikator ist steht im beweglichen Wasserzeichen Krebs (Schiffahrt) in Opposition zu Uranus, dem Vater der Katastrophen. Das IV. Feld (Ende) hat zum Herren den in diesem Horoskop durch den Skorpion unglücklichen Jupiter, der außer der Opposition zu Merkur und Saturn noch ein Quadrat mit Uranus zeigt. Das Feld des Todes aber ist von Mars beherrscht, im Wasserzeichen Fische (Ozean) sehr gefährlich, wenn auch so gut aspektiert durch Uranus, Neptun, Venus, Mond, daß seine vernichtende Wirkung zunächst noch gebunden war. Ein Jahr später, am 10. April 1912 mittags hat die Titanic die Todesfahrt angetreten. Horoskopgebieter ist in diesem Augenblick die Sonne. Sie steht erhöht im Widder im X. Feld (Stellung); das zeigt an, daß es sich um das Horoskop von etwas sehr Hervorragendem handelt. Die Titanic war eines der größten, glänzendsten – wenn ich nicht irre, damals sogar das größte Schiff der Welt. Wollte man sich nun eine Konstellation ausdenken, aus der mit Sicherheit das furchtbare Unglück zu ersehen wäre, so müßte man zunächst das XII. Feld beachten, das großes Unglück, Hinterhalt, geheime Feindschaft, Tragik bedeutet. Von hier müßte ein Unglücksplanet einen schlechten Aspekt auf die Sonne werfen, und da es einen Unglücksstifter gibt, der eine besondere Beziehung hat zum Ozean und zugleich die Gemüter der Menschen gleichsam narkotisch verblendet, nämlich Neptun, so könnte sich das Schicksal hier keinen geeigneteren Gesellen aussuchen, zumal wenn dieser gerade in einem Wasserzeichen stünde. Alles dies ist nun tatsächlich der Fall. Die erhöhte Sonne erhält eine scharfe Quadratur von Neptun im Wasserzeichen Krebs aus dem XII. Feld. Ferner hat sie eine Quadratur mit dem Mond, der in der öffentlichen Astrologie Volk, Publikum bedeutet. Der Mond steht im Steinbock vernichtet, im VI. Feld (Krankheit, Mißgeschick) in Opposition mit Neptun und deutet durch sein Quadrat zur Sonne den Gegensatz an zwischen den Reisenden und dem Kapitän, der gleichfalls durch die Sonne im Widder dargestellt wird. Sie hat eine Konjunktion mit Merkur, der auch von Neptun in Quadratur getroffen wird. Der Geist (Merkur) des vorwärtsstürmenden Kapitäns (der Widder ist ein bewegliches Marszeichen) wird durch Neptun derart verblendet, daß er an nichts als Schnelligkeit denkt und so unbeherrscht den elementaren Gewalten verfällt. »Wehe, wenn sie losgelassen!« Zwar erhält die Sonne einen günstigen Schein von Jupiter, aber er ist rückläufig und eingeschlossen, so daß seine beste Wirkung gehemmt ist. Jupiter zeigt immerhin an, daß die Motive des Kapitäns keine verbrecherischen waren, er steht in dem rücksichtslosen Schützen (Sport) und im V. Feld (Spiel, Spekulation, Vergnügen). Das Motiv des Kapitäns war, einen Schnelligkeitsrekord zu erreichen: das blaue Band des Ozeans wiederzugewinnen, das seit einiger Zeit aus englischem in deutschen Besitz übergegangen war. Das IV. Feld (Ende) wird von der Venus beherrscht, die im IX. Feld (große Reisen) in dem Ozeanzeichen Fische steht. Diese Stellung deutet das Ende des Schiffes auf einer Seereise an. Die Venus, empfängt ein Quadrat von Mars; aber auch ihre guten Gaben hat sie bis zum Schluß gespendet. Mit Neptun und Mond in günstigen Aspekten verursachte sie jene Sorglosigkeit (Neptun) der Passagiere (Mond), die sich bis ans Ende bei Musik und Tanz vergnügten. Das VIII. Feld steht im Zeichen Wassermann, das Saturn beherrscht und in dem Uranus stark wirkt. Uranus befindet sich in Konjunktion mit dem Mond, und die Sonne läuft auf eine Quadratur mit ihm zu: Tod für Kapitän und Passagiere. Auch das Horoskop des Kapitäns Smith hat Sepharial aufgestellt. Im Todeshaus hat er den auf das Meer bezüglichen Unglücksstifter Neptun im Wasserzeichen Fische. Im Haus der großen Reisen befinden sich die beiden Unglücksstifter Saturn und Uranus (Katastrophen). Obendrein stehen Sonne und Mond in Opposition und zwar beide durch den vierten Unheilstifter Mars verunglimpft. Eine solche Konstellation allein macht einen unnatürlichen Tod verständlich. Von Direktionen sind folgende von Wichtigkeit: der progressive Uranus ging während des Unglücks über die Spitze des 10. Feldes (Beruf), die in derselben Woche von einer Sonnenfinsternis getroffen wurde (17. April). Der transitierende Uranus befand sich am Unglückstag genau in Opposition zum Radix-Mond und in Konjunktion mit der Radix-Sonne und löste so die Konstellation des unnatürlichen Todes durch eine unerwartete Katastrophe aus. Ganz ähnlich ist das Horoskop eines der Mitreisenden, des bekannten Spiritisten W.T. Stead. Genau wie der Kapitän hat er den Neptun in den Fischen im Feld des Todes; auch hier wird der unnatürliche Tod angezeigt durch die Opposition von Sonne und Mond, die beide vom selben Uebeltäter verletzt werden, nämlich Saturn, der selbst im Haus der großen Reisen steht. Tödlicher Unfall auf einer Seefahrt wäre hier eindeutig vorauszusagen gewesen. Dieselbe Stellung des Neptun im VIII. Feld (Tod) in Quadrat mit der Sonne findet sich außerdem noch in dem sogenannten Mundanhoroskop Englands für den Frühling 1912, und damit kommen wir zu der VII. Mundan- oder politischen Astrologie. Auch Städte und Länder haben ihre Horoskope. Die Schwierigkeit besteht darin, daß man nur in Ausnahmefällen den Augenblick der Gründung kennt. Ptolemäus gibt ein Verzeichnis von Ländern und Landschaften mit den Himmelszeichen, unter denen sie stehen sollen. Bei flüchtiger Betrachtung wirkt das ganz und gar phantastisch, bei näherer leuchtet manches ein. Daß die österreichischungarische Monarchie und insbesondere Wien unter dem Venuszeichen der Wage war, wird man leicht bei einem durch Heiraten entstandenen, zuletzt wie eine Familie durch inneren Streit der Mitglieder zerfallenen Staat begreifen, der durch Musik, Tanz, schöne Frauen und Lebensgenuß weltberühmt war. Aber von diesem ausgesprochen österreichischen Charakter war noch unter den Babenbergern nichts zu spüren. Damals war der Oesterreicher ein rauher Bajuvar, mehr marshaft als venushaft. Und was für Leute zur Zeit des Ptolemäus das heutige Oesterreich unter dem Namen der Pannonier, Rhätier und Noriker bewohnten, weiß niemand. Ptolemäus hat das Land jedenfalls unter das Zeichen Wage gestellt, und die Geschichte hat ihm recht gegeben. Uebrigens ist es höchst auffallend, wie oft in Horoskopen von Oesterreichern das Zeichen Wage im Aszendenten steht. Auch die Stadt Frankfurt a.M. hat man später unter das Zeichen Wage gestellt, und in der Tat ist eine gewisse Verwandtschaft ihrer in Deutschland einzig dastehenden Architektur (vor der wilhelminischen Epoche) mit dem Wiener Ringstraßenstil, ihrer breiten und doch nicht schematischen Straßenzüge, ihrer witzigen, theater-freundlichen, bewußt am Dialekt festhaltenden, etwas unernsten Bevölkerung mit entsprechenden Wiener Erscheinungen auffallend. Auch daß Deutschland und England Oesterreich gegenüber als Marsländer unter dem Widder, Frankreich und Italien unter dem Löwen, dem Zeichen der Sonne, stehen, leuchtet ein. Amerika und London, diese vom Handel beherrschet Gegenden, hat man dem Merkurzeichen Zwillinge, das feuchte Holland, Schottland, auch Venedig dem wässerigen Mondzeichen Krebs unterstellt und so weiter. Will man nun für irgendeinen Ort für einen Zeitabschnitt das sogenannte Mundanhoroskop stellen, so berechnet man mit Hilfe der entsprechenden Jahresephemeris und Häusertabellen, in welchem Augenblick auf diesem Breiten- und Längengrad (bei Ländern nimmt man die Grade der Hauptstadt), die Sonne den Frühlingspunkt (0° Widder) oder den Herbstpunkt (0° Wage) oder die Tag- und Nachtgleichen (0° Krebs, 0° Steinbock) durchschreitet. Für diesen Augenblick stellt man nun das Horoskop. Gebieter ist immer der Herr des Zeichens, unter dem der Ort angeblich steht. Auf dieser Grundlage werden in England und Frankreich die politischen Ereignisse vorauszusagen versucht. Die englischen habe ich wenig zuverlässig gefunden. Die leider eingegangene französische Zeitschrift: »La Science Astrale« hatte viele Treffer zu verzeichnen. Das Fragwürdige des ganzen Systems liegt darin, daß für benachbarte Länder infolge ihrer so wenig verschiedenen geographischen Lage die Horoskope sich wenig unterscheiden. Paris und London z.B. liegen ungefähr auf demselben Längengrad, London und Berlin unterscheiden sich nur durch einen Grad Breite. Also gerade bei kriegführenden Staaten ist oft das Horoskop fast dasselbe, nur der Gebieter ist ein anderer. Wenn aber nun obendrein der Gebieter derselbe ist, wie bei Deutschland und England, dann liegt der einzige Unterschied im Grad des Aszendenten und der übrigen Felderspitzen. Der Aszendent rückt durchschnittlich in zwei Stunden durch die 30 Grad eines Zeichens. In Berlin tritt die Sonne 53 Minuten früher als in London in den Aequinoktialpunkt. Die Felderspitzen der Mundanhoroskope werden sich also um ca. 13 bis 14 Grad unterscheiden., können daher sehr leicht in dasselbe Zeichen fallen. Man sieht, daß hier eine große Lücke ist. Die wichtigen Ereignisse sind in der Tat immer im Mundanhoroskop zu finden; warum sie sich aber gerade an einem Ort entladen, am andern nicht oder viel schwächer oder ganz anders, das wird nicht ausschließlich durch jenen Gradunterschied der Felderspitzen erklärt. Immerhin ist das Grundprinzip richtig. So wird Gicht durch unverarbeitete Harnsäure bedingt, aber unverarbeitete Harnsäure verursacht nicht immer Gicht. Dieser Vergleich gilt für die gesamte Astrologie. Im einzelnen fehlen mir auch in der Mundanastrologie infolge der derzeitigen schweren Zugänglichkeit der französischen und englischen Werke persönliche Kenntnisse und Einzelerfahrungen, aber eines war immerhin nicht schwer zu beobachten: der deutsche Zusammenbruch und die sogenannte Revolution standen in engstem Zusammenhang mit einer dreimal hintereinander auftretenden Opposition zwischen dem starr am Veralteten haftenden Saturn und dem unerwartet zerstörenden, voraussetzungslosen Uranus. In dem Herbsthoroskop für Deutschland fiel diese Opposition, durch ein Marsquadrat verschärft, vom II. Feld (Wohlstand) ins VIII. (Tod), aber in dem englischen und französischen Mundanhoroskop ebenfalls. Gewiß ist der Sieg der Feinde ein Pyrrhussieg und schädigt sie mehr, als in früheren Zeiten eine Niederlage getan hätte; immerhin ist der riesenhafte Unterschied in der Auswirkung nicht allein zu erklären durch eine Verschiedenheit der Felderspitzen um 13°. Hier müssen wie bei der Geburtsastrologie Faktoren mitspielen, die nicht im Horoskop stehen: die verschiedene Art der inneren Entwicklung der Völker und Rassen, der Grad ihrer Unverbrauchtheit, das Wesen ihrer bisherigen Erfahrungen und die Formen der Kultur, kurz das, was im persönlichen Leben dem Grad der Bewußtheit der transzendenten Individualität, der Heredität und dem Milieu entspricht. Deutsche, Engländer, Franzosen werden als Einzelne wie als Völker immer verschieden antworten auf denselben Gestirneinfluß, selbst wenn er in dieselben Felder fällt. Viel zuverlässigere Ergebnisse findet man, wenn man Horoskope stellt für den Augenblick eines eindeutigen politischen Ereignisses, z.B. für die Proklamierung einer neuen Staatsform. Der französische Senat verkündete das erste Kaiserreich am 18. Mai 1804 um 3 Uhr nachmittags. Der Aszendent steht in diesem Augenblick auf 8° Wage. Somit ist Venus Gebieterin des Horoskopes zusammen mit Jupiter im I. Feld, das sind die beiden sogenannten Wohltäter. Jupiter hat den königlichen Aspekt: das Trigon mit der Sonne. Venus selbst steht auf der Spitze des X. Feldes (Stellung, praktische Verwirklichung). Auch alle übrigen Planeten befinden sich über dem Horizont. Großartiger kann nichts auf dieser Weit in Erscheinung treten, als dieses napoleonische Reich. Jupiter im Trigon mit Merkur zeigt das Verwaltungs- und Ordnungsgenie an, dem es entstammt. Der Mond in der politischen Astrologie das Volk, steht im XII. Feld (Gefangenschaft). Die Pöbelherrschaft ist zu Ende, aber der Mond hat ein Trigon mit der Sonne, dem Kaiser, d.h. steht mit ihm in freundlicher Beziehung. Das Volk wünscht selber dessen Herrschaft und hat diesem Wunsch durch Abstimmung Ausdruck gegeben. Zugleich steht der Saturn, die Macht der geschichtlichen Ueberlieferung, in Konjunktion mit dem Mond, in Trigon mit der Sonne, d.h. sie hält das wankelmütige Volk (Mond) wiederum in Schranken und gibt dem Throne Kraft. Man weiß, wie der Kaiser bestrebt war, seine Krone zu »legitimisieren«, sein Reich an die geschichtliche Entwicklung anzuknüpfen. Nun aber die Kehrseiten: die Sonne steht im Feld des Todes (VIII.), wohl im Venuszeichen, aber Venus ist von Mars und Uranus heftig verunglimpft. Hunderttausende und den Kaiser selbst riß dieses Reich in den Abgrund des Verderbens. Das XII. Feld, in dem Saturn den Mond niederhält, ist auch das Haus der geheimen Feinde. Saturn und Mond haben ein Quadrat, mit Merkur (Verrat). Das Feld des Endes (IV.) ist von Saturn beherrscht und hier, im IV. Feld, im Saturnzeichen steht das Glücksrad, gewissermaßen im Exil. Ein Blick läßt den schlechten Ausgang erkennen. Die sichere Katastrophe wird angedeutet durch Uranus im I. Feld im Quadrat zur Spitze X. (Stellung) und zu Venus, der Herrin des Horoskops, in Opposition zu Mars im Widder, im VII. Feld (Krieg, Feinde). Widder ist das Zeichen Preußen und Englands, der beiden Sieger von Waterloo. Uranus im I. Feld bezeichnet aber auch zugleich den revolutionären, illegitimen Ursprung dieser Staatsform, das durchaus Originelle, Unabhängige, Faszinierende dieser kurzen Epoche. Trotz allem Unheil und Haß, den das Kaiserreich beschwor, das Dreieck zwischen Sonne und Mond in Konjunktion mit Saturn sichert ihm die Popularität, sogar in der Geschichte lange über seinen Fall hinaus. Auch die Geburtsstunde des deutschen Kaiserreichs ist genau überliefert. Am 18. Januar 1871 wurde es um 12 Uhr 15 Minuten nachmittags zu Versailles proklamiert. Der Aszendent steht im Merkurzeichen Zwillinge, dem »Zeichen des Verkehrs«. Nichts könnte das auf der Basis eines Zollvereins und gemeinsamen Eisenbahnnetzes begründete, später durch Handel und Industrie emporgewachsene Reich besser bezeichnen. Merkur, der Gebieter, steht selbst im IX. Feld, das Handel, Kolonien, Schiffahrt, überseeische Verbindungen beherrscht. Gekräftigt wird Merkur durch seine enge Konjunktion mit der Sonne, aber aufs äußerste gefährdet durch eine Opposition mit dem katastrophalen Uranus, und zwar aus dem III. Feld, das in der politischen Astrologie die Nachbarländer anzeigt. Auch in der Mundanastrologie ist Uranus der Entfremder zwischen den Menschen, der, wenn schlecht aspektiert, mit hochmütiger, trotziger Verblendung schlägt. Erklärt seine Opposition zu Merkur (Denken) nicht hinreichend die Vereinsamung Deutschlands, die es so irrtümlich für »splendid isolation« hielt? Günstig ist es gewiß für Erfolg und Gewinn, daß Jupiter dicht beim Aszendenten steht, aber er ist derselbe arme Jupiter, den wir bei Wilhelm II. vernichtet und rückläufig, der intellektuell gewordene Jupiter ohne Segen, mehr ruhmredig als groß, mehr geschäftig als wirksam. Jupiter ist der eigentliche Herr des Friedens und der gedeihlichen Ruhe. Daß die große Mehrzahl, ja, fast das ganze deutsche Volk, einschließlich seines Kaisers, diesen Zustand wollte, ist sicher; aber ein so schwacher Jupiter im intellektuellen Zeichen verpuffte sich in Reden und Beteuerungen, die niemand überzeugten. Oft wurde gesagt, daß selten ein Herrscher mehr das Wesen seines Landes in einer bestimmten Epoche darstellte, als Wilhelm II. Beiden ist dieser Jupiter im Merkurzeichen gemeinsam, voll von guten Absichten, die sich nicht in segensreiche Taten, sondern in leere, große Worte umsetzten. Dieser Jupiter ist obendrein Herr des Mondes, der das Volk bedeutet und auch ihm diesen Charakter verlieh. Der Mond steht in Opposition zum Aszendenten und Jupiter. Das zeigt, daß das Reich nie populär werden konnte. Das Volk war von Phrasenmachern geleitet und, wie das Zeichen des Schützen andeutet, dauernd in einem Zustand von Unruhe. All dies wird verstärkt durch Parallelen des Mondes mit Saturn und Uranus, etwas gebessert durch eine Parallele mit der Venus, die gut aspektiert im X. Feld den Glanz und Erfolg erklärt, den das Reich trotz allem hatte, sowie die Lust an rauschenden Festen und prunkender Hofhaltung. Der Mond steht im Feld des Krieges und der offenen Feinde (VII.). 1918 ist die Reichsfeindschaft in der Tat offen hervorgetreten. Das VII. Feld beherrscht auch Prozesse. Der Thron wird durch die Sonne dargestellt. Eine Konjunktion mit Merkur (Handel, Industrie, Wissenschaft) und ein Dreieck mit Mars (Heer) weist deutlich auf die beiden Mächte, auf die er sich stützte; aber die Sonne steht im Saturnzeichen Steinbock (politischer Ehrgeiz), wo sie schwach ist, und hat wie Merkur eine Opposition mit Uranus aus dem Haus der Nachbarstaaten, woher diesem Thron die Katastrophe kommen mußte. Mars bedeutet stets die Instinkte und Triebe. Gebändigt sind sie die heilsame Kraft, ohne die sich nichts lebendig bewegen könnte, unbeherrscht bringen sie Maßlosigkeit und Zerstörung. Mars steht in dem luftigen Venuszeichen der Waage im V. Feld. Das kann ihm keinen Halt geben. Das V. Feld beherrscht Vergnügungen, Theater, Singspielhallen, Ballsäle, Wirtshäuser, die öffentliche Moral. Nun war zwar im deutschen Reich durch das Dreieck mit der Sonne Mars stets äußerlich von der Staatsgewalt durch militärische Disziplin gebändigt, aber überall, wo diese nicht hinreichte, machte sich eine die ganze Welt in Erstaunen setzende Maßlosigkeit im Genießen geltend. Ein Dreieck des Mars mit Venus verrät zwar die ausgesprochene Bestrebung, dem Genuß eine ästhetische Form und eine künstlerische Rechtfertigung zu geben, was auch in einigen kultivierten Kreisen gelang – die Blüte des Kunstgewerbes, der Theater, der Geselligkeit gehört hierher –, aber das Quadrat des Mars mit Saturn zeigt doch die Derbheit, die gleichzeitig das Vergnügen beherrschte, und da Saturn bedeutend stärker steht als Mars, nämlich im eigenen Zeichen und über ihn erhöht, aber auf der Spitze des Todeshauses, so mußte alles, was Mars im Guten wie im Schlechten bringen konnte, beitragen zum Untergang. Neptun (humanitäre Ideen) im XI. Feld (Parlament) in guten Aspekten mit Mond (Volk) und Jupiter (Gesetz) verrät die außerordentlichen Fortschritte des Sozialismus auf dem legitimen Weg durch den Reichstag. Die Organisation der Arbeiterschaft und die Arbeiterschutzgesetze waren in der ganzen Welt vorbildlich und wurden besonders von England nachgeahmt. Aber auch hier wirkte Uranus (Revolution) zerstörend. Neptun erhält von ihm eine Quadratur aus dem III. Feld, einem Intellektualhaus. Erkennt man nicht hier den kommunistisch-bolschewistischen Wahn, welcher die gut organisierte sozialdemokratische Partei schließlich doch sprengte? Das Glückszeichen steht im Reichshoroskop eingesperrt im XII. Feld der schweren Prüfungen. Dennoch ist dies alles nicht das Ende. Das in Versailles gegründete Reich ist trotz seiner derzeitigen Staatsform noch vorhanden und gleich einer über allem Unheil wehenden Fahne steht Venus, gut mit Mars und der Sonne aspektiert, am Zenit, der Spitze des X. Feldes (Stellung), die selbst neben der Venuskonjunktion gute Aspekte von Neptun, Jupiter und Mars empfängt. Das gibt unerschöpfliche Kräfte, die des größten Feindes, des eigenen verworrenen, so schwer belehrbaren Volkes doch immer wieder Herr werden dürften. Wie gesagt, steht der Mond (Volk) im Feld der offenen Gegner in Opposition zum Jupiter und Aszendenten und in Halbquadrat zum Zenit. VIII. Die Technik der Astrologie (Aufstellung des Horoskops). In diesem Abschnitt wird alles Technische, das teilweise schon erklärt werden mußte, zusammengefaßt und vervollständigt. Dabei sind einige Wiederholungen unvermeidlich, vielleicht sogar erwünscht. Es kann nicht die Aufgabe eines Buches vom »Geist der Astrologie« sein, über die genaue Technik der Astrologie zu. unterrichten. Dazu sind die Lehrbücher da. Nur worauf diese Technik beruht, sei hier kurz mitgeteilt. Einem aufmerksamen Leser wird es danach wohl möglich sein, nach meinen Angaben sein Horoskop in den Hauptlinien aufstellen und sich ein allgemeines Urteil über die Astrologie zu bilden, ehe er sich zu eingehenderen zeitraubenden Studien entschließt. Ein genaues Horoskop aufstellen, deuten und nach ihm die Direktionen eines etwa 60–70jährigen Lebens berechnen, nimmt etwa fünfzig volle Arbeitstage in Anspruch. Das wird nur selten jemand aus Gefälligkeit tun, und nur wenige werden im Stand sein, eine solche Leistung angemessen zu bezahlen. Man begreift danach leicht, daß die Hofastrologen der Vergangenheit, welche für die Hauptverhandlungen ihrer Herren die rechte Stunde zu wählen und die Nativitäten aller Freunde und Feinde des Hauses und deren gute und schlechte Direktionen zu berechnen hatten, viel beschäftigte Leute waren. Seitdem das Wissen von der Astrologie geschwunden ist, findet man nur sehr selten haarscharfe Angaben des Geburtsaugenblicks. Deswegen muß der moderne Astrologe mit den höchst mühsamen Rektifikationsberechnungen beginnen, die oben angeführt wurden und infolge der großen Zahl der Aspekte und ihrer Vieldeutigkeit auch nicht immer zu sicheren Ergebnissen führen. Bei modernen Angaben der Geburtszeit kann man zufrieden sein, wenn sie nicht mehr als eine Viertelstunde von der Wahrheit abweichen. Vorausgesetzt, daß ein solcher Irrtum nicht gerade das Zeichen des Aszendenten zweifelhaft macht, fällt er für die Deutung eines Geburtshoroskops nicht allzu schwer ins Gewicht. Nur bei der progressiven Astrologie, die obendrein an sich das ungewissere Gebiet ist, geht es nicht ohne Genauigkeit. Wird infolge der Unsicherheit des Geburtsaugenblicks fraglich, ob der Aszendent in die letzten Grade eines Zeichens oder in die ersten des folgenden fällt, so bleibt, falls man die Rektifikationsrechnung scheut, nichts anderes übrig als die Kombination. Diese ist jedoch gerade hier recht aussichtsvoll. Der Aszendent drückt, wie gesagt, das Wesen, Charakter und sehr oft auch die äußere Erscheinung eines Menschen aus. Da nun die aufeinander folgenden Zeichen sich nie ähnlich sind, vielmehr in polarem Gegensatz zueinander befinden, wird man nicht leicht im Zweifel sein, ob jemand z.B. im Zeichen des Löwen oder der Jungfrau, der Fische oder des Widders geboren ist. Nachdem nun gleich an der Schwelle der Astrologie eine solche Nötigung zu nur annähernder Genauigkeit steht, ist es sinnlos, solange keine Rektifikation der Geburtszeit stattgefunden hat, im weiteren Verlauf eine Exaktheit zu verlangen, deren Voraussetzung zweifelhaft ist. Dies einmal zugegeben, kann man unter Zuhilfenahme der vorhandenen Behelfe ein annähernd richtiges Geburtshoroskop zur Erkundung des Charakters, der Anlagen, der Aussichten und Hindernisse eines Menschen, aber ohne seine Direktionen, in einer halben Stunde errichten. Eine andere Frage ist die Deutung. Ein intuitiv-kombinatorischer Kopf sieht einerseits auf den ersten Blick manches, was der Anwender überlieferter Rezepte nie erkennt, und wird andererseits ein Horoskop auch noch nach mehrjähriger Kenntnis immer wieder unerschöpflich an neu auftauchenden Gesichtspunkten finden, während der Schematiker nach Berücksichtigung aller ihm bekannten Regeln am Ende seiner Weisheit angelangt ist. Der erste erscheint daher dem bedächtigen Rechner und Rezeptensammler bald zu voreilig, weil er schon bei flüchtigem Ueberblick über eine Nativität einige Behauptungen wagt, bald zu bedenklich, weil ihn immer wieder neue Möglichkeiten vor endgültigen Urteilen zurückschrecken lassen.   Indem ich nun versuche, dem Leser zu zeigen, wie er in einer halben Stunde sein Horoskop oder das einer ihm nahestehenden Person aufstellen kann, schlage ich bewußt den entgegengesetzten Weg ein, der heute als Lehrmethode üblich ist. Jeder wundert sich, warum selbst auf den besten Schulen so außerordentlich wenig gelernt wird, verglichen mit der angewendeten Zeit. Man macht sich keinen Begriff, wie unwissend die meisten Menschen im allgemeinen sind, selbst wenn sie zwölf Jahre für Vorschule und Gymnasium verwendet haben, während doch in den meisten Berufen auch von den Unbegabten gerade die Fachkenntnisse leidlich beherrscht werden. Wie ist das erklärlich, da doch während der Schulzeit die Gehirne jünger und aufnahmefähiger waren? Warum lernen so viele als Erwachsene eine neue Sprache spielend, falls sie sie für ihren Beruf nötig haben, während jahrelanges Französisch- und Englischlernen auf der Schule kaum befähigt, einen leichten Schriftsteller mühelos zu lesen. Warum lernen ferner viele Menschen so leicht aus den mittelmäßigsten Zeitungsaufsätzen und so schwer aus ernsten Lehrbüchern? Der Grund ist der: Wir lernen alles spielend, was uns als Mittel zu einem klar gesehenen und von uns erwünschten Zweck übersichtlich erscheint, und je besser ein Mensch geartet ist, desto mehr weigert er sich, Sklavenarbeit zu verrichten, das heißt sich zu plagen für etwas, dessen Sinn er nicht erkennt. Was aber hat antike Geschichte und Grammatik für einen Sinn in dem Hirn eines zehnjährigen Knaben? Nur für die allernächste Vergangenheit kann er sich naturgemäß interessieren, soweit sie ihm die ihm bekannte Gegenwart erklärt. Schritt für Schritt führe man ihn rückwärts und eines Tages wird ihn antike Geschichte fesseln wie ein Roman. Grammatische Fragen aber sind nur interessant für den, welcher den lebendigen Ausdruck einer Sprache bereits beherrscht. Die astrologischen Lehrbücher führen nun wie die meisten anderen Lehrbücher zunächst in einen Wust verwirrender Einzelheiten ein, ehe noch klar geworden, wozu das alles dient. Da nun ihre Verfasser selber meist weniger vom Geist der Astrologie, als von ihrer rechnerischen Technik ausgehen, verlieren sie sich in einem »luxe prodigieux de mathématiques«, wie Paul Flambart sagt, anstatt zunächst einmal folgende Grundtatsachen einfach mitzuteilen, die dann später nach Bedarf mathematisch ergänzt und astronomisch erklärt werden müssen.   Zur schnellen Errichtung eines annähernd genauen Geburtshoroskops bedarf man zweier Behelfe, der Ephemeris (Ephemeriden liefert der Verlag dieses Buches) des Geburtsjahrs und eines Verzeichnisses der Felderspitzen. Felderspitzentabellen für die geographischen Breiten, sowie ein Verzeichnis der Längen- und Breitengrade der Hauptorte der Erde. Wer nun die Ephemeris für das Geburtsjahr benutzt, schlage darin den Geburtstag auf. Er findet dort in der ersten Spalte unter »Sternzeit« oder in der engl. Ausgabe »Sidercal Time« eine Zeitangabe Das Zeitmaß für einen Tag ist bekanntlich die einmalige Achsendrehung der Erde. Da aber in einem Tag die Sonne selbst um ca. 1° fortzuschreiten scheint, ist die Zeit von Mittag zu Mittag keine einheitliche Größe. Eine solche findet sich jedoch, wenn man die Erddrehung an den Fixsternen orientiert. Die Sterntage sind gleich groß im Gegensatz zu den Sonnentagen. Die Rechnung beginnt in beiden Fällen im Frühlingspunkt. Der Unterschied wächst täglich um 4 Minuten und beträgt am Ende des Sonnenjahres 24 Stunden. ). Es ist die Sternzeit 12 Uhr mittags. Ist nun jemand um 3 Uhr 20 Minuten nachmittags geboren, so sind dieser Sternzeit 3 Stunden 20 Minuten zuzuzählen, ist er etwa um 4 Uhr 50 vormittags geboren, so sind 7 Stunden 10 Minuten (d.h. der Abstand vom Mittag) abzuziehen. Genau genommen müßte man auch für diese Abstände den Unterschied der Sternzeit berechnen. (Die Lehrbücher geben an, wie dies geschieht.) Da die Ungenauigkeit bei Vermeidung dieser Umrechnung gering ist, kann sie logischerweise unterlassen werden, wo die Geburtszeit um Minuten ungenau ist. Statt 4 Uhr nachmittags, d.h. 4 Stunden nach 12 Uhr setzt also die Astrologie 4 Stunden nach der für Mittag in der Ephemeris angegebenen Sternzeit, statt 8 Uhr vormittags 4 Stunden vor dieser mittäglichen Sternzeit. Da in Bayern und Württemberg 1892, im übrigen Reich 1893 die mitteleuropäische Zeit (= Görlitzer Ortszeit) eingeführt wurde, 1916 und 1918 vom 1. April bis 1. Oktober und 1917 vom 15. April bis 15. Oktober die sogenannte Sommerzeit galt, nach der die Uhren um 1 Stunde vorausgestellt wurden, müssen Geburten, die in diese Zeiträume fallen, auf Ortszeit umgerechnet werden. Der für die mitteleuropäische Zeit maßgebende Görlitzer Meridian liegt genau um 1 Stunde östlich von Greenwich. Das Verhältnis des Geburtsorts zu Görlitzer (= mitteleuropäischer) Zeit ist daher leicht nach dem Verzeichnis der Längen- und Breitengrade in dem Band Felderspitzentabellen zu berechnen: Wer die Länge eines Ortes auf einer Karte sucht, der vergewissere sich, ob sie auf Greenwich Bezug nimmt. Ältere Karten rechnen von Ferro aus, was natürlich ganz andere, hier nicht brauchbare Daten ergibt. Dagegen unterscheidet sich die Pariser Länge der französischen Karten nur um 2 ¼° also 9 Zeitminuten von der Greenwicher und zwar in östlicher Richtung. Liegt ein Ort östlich von Görlitz, sind für einen Grad Unterschied zu der mitteleuropäischen Zeit 4 Minuten zuzuzählen, im umgekehrten Fall ihr abzuziehen. Die so erreichte Zeit ist die bei Berechnung der Sternzeit maßgebende Ortszeit. Hat man diese gefunden, so schlägt man im Verzeichnis der geographischen Positionen den Geburtsort bzw. die dem Geburtsort zunächst liegende Stadt auf, deren geographische Breite man in der ersten Spalte findet. Wie in der Ephemeris ist auch hier in der ersten Spalte die Sternzeit angegeben. Rechts von der vorhin berechneten Sternzeit der Geburt findet man nun die Felderspitzen. Die Ephemeris gibt rechts von der Sternzeit um Mittag die Planetenstellungen an. Das ist alles, was man für die Berechnung eines Horoskopes braucht. Es gibt mehrere Arten, ein Horoskop aufzuzeichnen. Für die Auswahl der besten Art kann einzig und allein die klare Übersichtlichkeit in Frage kommen, denn eine Arbeit, die zum Teil auf Berechnung, zum Teil auf Kombination beruht, wird durch nichts mehr erschwert, als wenn der kombinatorische Geist dauernd gestört wird durch die Unübersichtlichkeit der rechnerischen Grundlagen. Da wir in das Himmelsgewölbe schauen wie auf eine Bühne, über welche die Sonne geht, liegt vor uns der Süden. Im Gegensatz zu den geographischen Karten zeigt deshalb jede astronomische Aufzeichnung den Osten links, den Westen rechts, den Norden unten, den Süden oben. Hier als Beispiel eines Horoskopes die Nativität Goethes: Kardinal: 1   Feuer: 1 Fest: 3   Luft: 2 Gewöhnlich: 5   Wasser: 3 Positiv: 2   Erde: 3 Negativ: 7   Eckhäuser: 5 Aspectarium   Während noch vor einigen Jahren der Horoskop aufriß von der mittelalterlichen quadratischen Form, über den einfachen Kreis mit den 12 gleichen Sektoren bis zu den modernsten Vordrucken (Horoskopformular) mit der 360 Gradeinteilung vertreten waren, hat sich nunmehr eine Vereinheitlichung vollzogen, indem heute fast nur das vorgedruckte Horoskopformular Verwendung findet. Bei der Aufzeichnung des Horoskopes gehen wir also folgendermaßen vor. Nachdem mit Hilfe der Gestirnstandstabelle (Ephemeris) und der Felderspitzentabelle das im Osten aufsteigende Zeichen errechnet ist, wird es auf der linken Seite des Formulars (im vorliegenden Beispiel Skorpion) eingetragen und der aufsteigende Grad markiert. Nun zeichnet man die 12 Symbole des Tierkreises in der Reihenfolge vom aufsteigenden Zeichen ein. Folgendes sind die Namen und schriftlichen Symbole der jeden Monat gegen den 21. wechselnden Tierkreiszeichen, mit dem Frühlingspunkt (21. März), dem Beginn des Sonnenjahres, anfangend, wo die Sonne in den Widder tritt: Sommerhalbjahr:   Winterhalbjahr: Widder (Aries) Wage (Libra) Stier (Taurus) Skorpion (Scorpio) Zwillingen (Gemini) Schütze (Sagittarius) Krebs (Cancer) Steinbock (Capricornus) Löwe (Leo) Wassermann (Aquarius) Jungfrau (Virgo) Fische (Pisces) In den Felderspitzentabellen findet man nun rechts von der Sternzeit in der ersten Spalte den Grad (= die Länge auf der Ekliptik oder Sonnenbahn) des X. Feldes, auch Zenit oder Medium Coeli (M.C.) genannt, dann die Grade des XI., XII., I. (Aszendent), II., III. Feldes. Das dazugehörige Zeichen ist immer nur bei 0° angegeben und gilt für die nächsten 30°. Beginnt eine neue Seite mitten in einem Zeichen, so ist dieses oben in der Spalte wiederholt. Man darf also nicht bloß dorthin schauen, sondern muß sich überzeugen, ob nicht im Verlauf der Spalte ein neues Zeichen begonnen hat. Die Felder IV, V, VI, VII, VIII, IX sind in den Tabellen nicht verzeichnet, da ihre Grade dieselben sind wie bei den gegenüberliegenden, die Zeichen aber sind die entsprechenden des andern Halbjahres. Dem Widder liegt immer die Wage,, dem Stier der Skorpion gegenüber usw., wie in der obigen Liste der Himmelszeichen durch Pfeile angegeben. Häufig kommt in höheren Breiten vor, daß ein Zeichen zwischen zwei Felderspitzen fällt, dann hat das gegenüberliegende Zeichen dasselbe Schicksal. So sind in Goethes Horoskop die Zeichen Löwe und Wassermann im III. und IX. Feld eingeschlossen (interzeptiert). Da es aber ebenso viele Zeichen wie Felder gibt, nämlich zwölf, werden sich infolgedessen zwei andere Zeichen über je zwei Felderspitzen erstrecken müssen. So beherrscht bei Goethe die Wage das XI. und XII., bei Widder das gegenüberliegende V. und VI. Feld. Am Äquator sind die Felder gleich groß; je näher den Polen, desto schiefer steigt die Sonne über dem Horizont auf; dadurch wird der Abstand der Felderspitzen auf der Ekliptik immer unregelmäßiger. In der Nähe der Pole selbst fallen oft mehr als zwei Zeichen in ein Feld und dementsprechend beherrscht wiederum ein Zeichen oft mehrere. Nachdem wir nun Zeichen und Grade der Felderspitzen in den Kreis eingezeichnet haben, müssen wir die Sternstellungen eintragen. Die Namen und schriftlichen Zeichen der Gestirne sind in der Reihenfolge der Ephemeris: Sonne , Mond , Neptun , Uranus oder nach seinem Entdecker Herschel genannt oder , Saturn , Jupiter , Mars , Venus , Merkur . Für den neuentdeckten Planeten Pluto hat E. Koppenstätter eine besondere Ephemeris, die die Gestirnstände von 1840 bis 1940 angibt, herausgegeben. Der Preis der Ephemeris beträgt RM. 2.–. Für die Geburtsastrologie kommen bloß die Längen, d.h. Grade auf der Ekliptik in Frage. Es sind also in der Ephemeris zunächst nur die Spalten der unteren Seitenhälften mit der Überschrift Long. (= Longitude, Länge) zu berücksichtigen, nicht die Überschriften Lat. (= Latitude, Breite). Diese sind wichtig bei der Berechnung der Rektaszension der Gestirne, die bei den Primärdirektionen verwendet wird. Die obere Hälfte der Seiten enthält Verzeichnisse mit der Überschrift Dek. (Deklination), wovon nachher die Rede ist, und ebenfalls mit Lat., was für die bloße Geburtsastrologie wiederum ohne Bedeutung ist. Wirkungen sind ebenfalls bei den sogenannten Mondknoten zu beachten, d. h. die Punkte, wo die Mondbahn täglich die Sonnenbahn schneidet. Da dies in einer Schlangenlinie geschieht, hat man die Stelle, wo der Mond über die Ekliptik emportaucht, den Drachenkopf(☊), die gegenüberliegende Stelle, wo er wiederum untertaucht, den Drachenschwanz (☋) genannt. Der erste hat in Konjunktion mit einem Gestirn günstige (sonnenhafte), der andere ungünstige (saturnische) Bedeutung. Ohne eine solche Konjunktion sind sie ziemlich unwesentlich. Für das Goethesche Horoskop habe ich sie nicht erfahren können. Der aufsteigende Mondknoten ist in der Ephemeris auf der oberen Seitenhälfte rechts unter dem Zeichen ☊ für jeden Tag verzeichnet, der absteigende hat denselben Grad im gegenüberliegenden Zeichen. Während nun die Sternzeit für jeden Ort mit geringer Ungenauigkeit, die hier vernachlässigt werden darf, ohne Umrechnung aus der Ephemeris entnommen wird, gelten die Planetenstände der Ephemeris nur für den Greenwicher Mittag. Man muß also die Ortszeit in Greenwicher Zeit umrechnen. Wieviel Uhr war es bei der Geburt in Greenwich? Dazu brauchen wir wiederum den Längengrad des Geburtsorts. Jeder Grad, um den er von Greenwich entfernt ist, macht einen Unterschied von 4 Minuten aus. Die östliche Länge von Greenwich, auf diese Weise in Zeit umgerechnet, wird von 12 Uhr abgezogen; liegt der Geburtsort westlich, wird die Zeit zugezählt. Görlitz z. B. hat genau 15° östliche Länge von Greenwich. Da einem Grad 4 Minuten entsprechen, ist es also in Görlitz um eine Stunde früher Mittag als in Greenwich. Darum hat man die Görlitzer Zeit zur mitteleuropäischen gemacht, wie die Greenwicher zur westeuropäischen. Am Görlitzer Mittag ist es also in Greenwich 11 Uhr. Wenn man daher die englische Ephemeris für einen in Görlitz Geborenen benutzt, so gelten die Gestirnstände nicht für Mittag, sondern für 11 Uhr, für einen Frankfurter, da Frankfurt a. M. ungefähr 9° östliche Länge hat, für 36 Minuten vor 12 Uhr. Bei der Aufstellung eines Geburtshoroskops mit annähernder Genauigkeit ist das nur für den schnell laufenden Mond von Wichtigkeit, da bei ihm eine Stunde Zeitunterschied immerhin ½ Grad Längenunterschied ausmacht. Die Ephemeris gibt also die Gestirnstände für den Greenwicher Mittag an, bzw. für den Zeitpunkt, der unter einer andern Länge dem Greenwicher Mittag entspricht. Daher muß man, um die englische Ephemeris benutzen zu können, zunächst feststellen, ob nicht für die Geburt mitteleuropäische oder Sommerszeit abzurechnen ist. Ergibt sich dann für die Geburt etwa 4 Uhr 20 Minuten nachmittags als Frankfurter Ortszeit, so heißt dies 3 Uhr 44 Minuten Greenwicher Zeit. Dies ist ungefähr ein Sechstel eines Tages von 24 Stunden. Das muß bei den sich schnell bewegenden Gestirnen berücksichtigt werden. Stand der Mond um Mittag auf 2° Schütze und steht er am folgenden Mittag auf 14° Schütze, so befindet er sich um 4 Uhr nachmittags stuf 40 Schütze. Da es sich aber meist um Bruchteile von Graden und gewöhnlich nicht um rund 12° Tagesbewegung = ½° Stundenbewegung handelt, kann man, um sich mühsames Kopfrechnen zu ersparen, mit Proportionallogarithmen rechnen, deren einfachen Gebrauch die Lehrbücher zeigen. Da bei Goethe z. B. der Mond auf 12° Fische steht und das IV. Feld mit 5° Fische beginnt, fällt er in das IV. Feld, als erstes auf die Spitze folgendes Gestirn. Nach ihm kommt auf 26° 11 Minuten Fische der Planet Jupiter. Das ihm beigefügte R bedeutet, daß er rückläufig (retrograd) ist, ein durch die Erddrehung bisweilen bewirkter Schein – in Wirklichkeit läuft jedes Gestirn geradeaus; aber erfahrungsgemäß beeinträchtigt oder verspätet, zum mindesten hemmt die Rückläufigkeit eines Gestirns dessen Einfluß oder macht ihn zu Zeiten unzuverlässig. Die Rückläufigkeit ist leicht aus der Ephemeris zu sehen. Läuft der Planet wieder direkt, so ist dies durch ein D bezeichnet. Sonne und Mond erscheinen niemals rückläufig. Steht ein Gestirn in einem eingeschlossenen Zeichen, so wird seine Wirkung ebenfalls beeinträchtigt. Auf diese Weise trägt man alle Gestirne in das Schema ein. Bis jetzt ist nur von Sonne, Mond und Planeten die Rede gewesen. Auch den Fixsternen schreibt die Astrologie Bedeutung zu. Jedenfalls kommen nur die Sterne erster und zweiter Größe in Frage, unter den kleineren allein der sehr bösartige Algol. Sie wirken nur in enger Konjunktion mit einem Planeten und erklären bisweilen unverhältnismäßiges Glück oder Unglück, das aus dem Horoskop sonst nicht in dem Maß zu erklären wäre, besonders gewaltsamen Tod oder erstaunliche soziale Erhöhung, Auch das Versagen eines stark gestellten Wohltäters erklärt sich bisweilen aus der Konjunktion mit einem heftigen Fixstern. Die einflußreichsten sind folgende: günstig: Sirrah (12° Widder), Riegel (15° Zwillinge), Kapella (26° Zwillinge), Sirius (12° Krebs), Regulus (28° Löwe), Wega (14° Steinbock), Formalhaut (2° Fische); ungünstig: Algol (24° Stier), Aldebaran (4° Zwillinge), Castor (18° Krebs), Pollux (21° Krebs), Antares (8° Schütze). Kommen diese Fixsterne in enge Konjunktion (nicht über 3° entfernt) zu einem der Planeten zu stehen, so schreibt man ihre Namen an die betreffende Stelle. Neben den Planeten und Fixsternen gibt es einzelne Stellen im Horoskop, die zwar selber keine Strahlen aussenden, aber große Bedeutung haben, wenn sie Strahlen empfangen; das sind zunächst alle Felderspitzen, deren Bestrahlung durch Aspekte (darüber weiter unten) wohl zu beachten ist, unter ihnen besonders das I. und das X. Feld, ferner die schon genannten beiden Mondknoten und die sogenannten sensitiven Punkte. Man kann für jede Angelegenheit des Lebens in dem Horoskop einen sensitiven Punkt berechnen, in dem man die Länge der 2 dafür in Frage kommenden Hauptplaneten in ein Verhältnis zum Aszendenten bringt. So sind z. B. für den Tod Saturn und Mars, für die Liebe Mars und Venus maßgebend und danach können Punkte für Liebe und Tod berechnet werden. Von diesen Punkten aber hat nur ein einziger, der Glückspunkt, (pars fortunae) und zwar schon seit Ptolemäus, Aufnahme in die astrologische Praxis gefunden. Er bezieht sich im allgemeinen auf das, was das eigentliche Glück eines Menschen ausmacht und hat eine besondere Beziehung auf materiellen Gewinn. Es kommt darauf an, in welches Haus er fällt, wie dessen Herr steht, und was für Aspekte er empfängt. In einem guten Haus fördert er das Gute, in einem schlechten erliegt er dem Übel oder gibt auch Glück durch Unglück anderer, unter Umständen in gutem Sinn. Wer z. B. das Glücksrad im VI. Feld (Dienstbarkeit und Krankheit) hat, findet bei guter Aspektierung sein Glück im Dienen oder in der Krankenpflege, im XII. Feld (geschlossene Anstalten) wird es oft den Aufenthalt in solchen anzeigen, aber unter Umständen als Beamter oder Leiter eines Gefängnisses, Irrenhauses oder Spitals. Ein siegreicher Feldherr kann leicht das Glücksrad im Zeichen des Todes haben, ebenso ein tiefer Philosoph. Richard Strauß hat den Glückspunkt im V. Feld (Theater), Richard Wagner im X. Feld (Ruhm), ebenso Maurice Barrès, Jaurès im III. Feld (Intellektualität), Goethe im VII. Feld (Liebe und Ehe), Gustav Flaubert, der fast sein ganzes Leben auf seinem Landsitz Le Croiset bei Rouen im Studierzimmer verbrachte, im IV. Feld (Heim und Heimat), Oscar Wilde im XI. Feld (Freunde), Kaiser Karl von Österreich im XII. Feld (Unglück, Gefangenschaft, Verbannung), Hindenburg im VIII. Feld (Tod), Hugo Stinnes im V. Feld (Unternehmungen), Alfred Kubin im XI. Feld (Freunde), ich selbst habe ihn im IX. Feld (Reisen, Denken). Berechnet wird der Glückspunkt auf folgende Art: Man zählt die Länge des Aszendenten zu der des Mondes und zieht dann die Länge der Sonne ab. Goethe z. B. hat den Aszendenten auf 17° Skorpion, d. h. des 8. Zeichens, das sind 7 Zeichen 17°. Der Mond steht auf 12° des 12. Zeichens (Fische), das sind 11 Zeichen 12°. Die Addition ergibt 18 Zeichen 29°. Dann werden für die Sonne abgezogen 5 Zeichen 5° = 13 Zeichen 24°. Da es nur 12 Zeichen gibt, ist das 13. Zeichen wiederum das 1. (Widder), die 24° fallen also ins 2. Zeichen: Stier. Beim Abziehen einer größeren Summe von einer kleineren ist zu bemerken, daß ein Zeichen 30° hat. Es werden also 30° »geliehen«, wenn z. B. 1 Zeichen 20° von 2 Zeichen 10° abgezogen werden. Wenn die Zeichen, von denen abgezogen werden soll, nicht genügen, so wird ihnen 12 zugezählt, dann wird aus dem 2. Zeichen das 14., aus dem 6. das 18. Wir haben nun alle Elemente berücksichtigt, aus denen ein Geburtshoroskop besteht. Ihre Beziehungen zueinander sind die Aspekte Bestrahlungen). Günstig sind die Längenunterschiede von 30° ( Halbsextil, schwach), 60° ( Sextil, stark), 120° ( Trigon, sehr stark); ungünstig: 45° ( Halbquadrat, schwach), 90° ( Quadrat, sehr stark), 180° ( Opposition, sehr stark), 135° ( Sesquiquadrat, schwach). Günstig mit einem wohltätigen, ungünstig mit einem übelbringenden Planeten oder auch gemischt sind Längenunterschiede von 150° ( Quinkunx Halbsextil und Quinkunx sind in der Geburtsastrologie fast bedeutungslos. Bei den Primärdirektionen jedoch werden sie beachtet. ), sehr schwach) und 0° ( Konjunktion, sehr stark) d. h. Zusammentreffen zweier Planeten auf demselben Grad. Nun ist es selten, daß Aspekte exakt sind, d. h. genau 30°, 60°, 90° haben. Je exakter sie sind, desto stärker ihre Wirkung. Die ungenauen Aspekte nennt man plaktisch. Aspekte mit Sonne und Mond sind noch fühlbar, wenn sie bis auf 12-15° ungenau sind. Bei den übrigen Planeten habe ich Saturn und Jupiter bis zu 10° ihres Umkreises (Orbis) fühlbar gefunden. Bei den übrigen nimmt man selten mehr als 8° an. Starke Aspekte wie Konjunktion und Opposition haben einen stärkeren Orbis als schwächere wie Sextil. Trigon und Quadrat stehen in der Mitte. Die Ansichten über den Orbis lauten verschieden, da die Erfahrungen natürlich individuell sind. Jedenfalls nimmt die Wirkung mit zunehmendem Orbis ab, und eine sichere Grenze, wo sie ganz aufhört, gibt es nicht, so wenig wie etwa für die Wirkung des Föhns, für den gewöhnlich als Grenze die Nord- und Ostseeküste angegeben wird. Ich habe ihn aber auch in Skandinavien gelegentlich noch gefühlt. Je sensibler ein Mensch ist, desto empfänglicher ist er auch für fernere Wirkungen. Außer den genannten Aspekten hat man noch eine ganze Reihe anderer sehr schwacher berechnet. Sie überladen und verwirren das Horoskop mehr, als sie es bereichern. Es handelt sich nun darum, die Qualitäten der von Planeten besetzten Zeichen festzustellen, die Aspekte zu berechnen und übersichtlich in das Aspektarium zu schreiben, wie es das Beispiel der Goetheschen Nativität zeigt. Die Zeichen werden nach ihren Elementen in Feuer-, Luft-, Wasser- und Erdzeichen, nach ihrer Dynamik in bewegliche (kardinale), feste und gewöhnliche, nach ihrem Geschlecht in männliche(positive) und weibliche negative) eingeteilt. Man notiert also am Rand, wie viele Planeten in die einzelnen Kategorien fallen. Die Bedeutung dieser Kategorien findet sich im zweiten Buche: Astro-Psychologie. Nun zu dem Aspektarium. Die Mondknoten werden genau wie Gestirne eingezeichnet und notiert, doch werfen sie selbst keine Aspekte, sondern empfangen nur solche. Dies gilt auch vom Glücksrad, dem Aszendenten und dem Medium Coeli. Man schreibt nun in der bei dem Goetheschen Horoskop angegebenen übersichtlichen Weise die Aspekte der Sonne heraus. Bei der Sonnenwirkung kann man, wie gesagt, einen Umkreis von 15° annehmen. Gehen wir von der Sonne aus nach links, so finden wir zunächst die Venus auf 26° Jungfrau. Der nächste Aspekt wäre ein Halbsextil (30°). Dieses fiele auf 5° Waage. Das ist eine Entfernung von 9° von 26° Jungfrau (Venus). Bei einem so schwachen Aspekt wie das Halbsextil gilt nur ein Umkreis von 3°. Es ist also in diesem Fall selbst bei der Sonne nicht wirksam. Gehen wir weiter nach links hinunter, so treffen wir auf 15° Skorpion den Saturn. Auf 5° Skorpion wäre das Sextil exakt. Da das Sextil ein starker Aspekt ist und es sich obendrein um die Sonne handelt, wird man es noch gerade als wirksam gelten lassen. Die Tatsache, daß das Zeichen Waage 2 Felderspitzen (XI. und XII.) beherrscht, ändert natürlich nichts an der Entfernung der Gestirne (Sonne und Saturn) voneinander. Ein Zeichen hat eben immer 30°. Steigen wir nun weiter abwärts, so treffen wir auf 3° Steinbock den Mars. Das ist ein fast exaktes Trigon zur Sonne. (Auf 5° wäre es ganz exakt.) 5° Wassermann würde ein Quinkunx ergeben, aber Uranus steht auf 19° zu fern. Der Mond bildet zur Sonne eine Opposition mit 7° Orbis, Jupiter ist auf 26° der Oppositionsstelle schon zu fern (19° Orbis) und ebenso der Quinkunxstelle auf 5° Widder. Der Glückspunkt wirft selber keine Strahlen und empfinge, wenn er ein Gestirn wäre, von der Sonne ein sehr schwaches Quadrat auf 5° Zwillinge, von denen er 11° entfernt ist, aber bei sensitiven Stellen rechnet man den Orbis nie weiter als 5°. Neptun wird nicht getroffen, denn er ist von den nächsten Aspektstellen, 5° Zwillinge (Sextil) und 5° Löwe (Halbsextil), zu weit entfernt. Dagegen erreicht Merkur auf 29° Löwe die Konjunktion mit der Sonne mit 6° Orbis. Alle diese Aspekte fallen, da die Sonne auf 5° steht, in den Umkreis von 5° der betreffenden Zeichen. Anders ist es bei den Halbquadraten (45°) und Sesquiquadraten (135°). Sie werden (zu 5° addiert) in den Umkreis von zirka 20° fallen. Die Stellen für Halbquadrat der Sonne wären bei Goethe 5° Jungfrau   45°= 50° = 20° Waage und 5° Jungfrau – 45° = 20° Krebs. Bei 20° Waage befindet sich kein Gestirn, auf 22° Krebs der Neptun. So haben wir also ein Halbquadrat Neptun zu verzeichnen. Die Stellen des Sesquiquadrats sind 5° Jungfrau   135° = 140° = 20° Steinbock, 5° Jungfrau – 135° = 20° Widder. An beiden Orten befindet sich kein Planet. Zur Erleichterung der Verrechnung dieser 135° bei Sesquiquadraten suche man zunächst das exakte Trigon, das sich immer in einem Zeichen desselben Elements befindet, also hier der Erde, da die Sonne im Erdzeichen Jungfrau steht, und addiere 15° nach vor- oder rückwärts. So wie die exakten Trigone stets in die gleichen Elemente fallen, so die Sextile in die verwandten (verwandt sind Feuer und Luft, Erde und Wasser), die Quadrate in die feindlichen (Feuer und Wasser, Wasser und Luft, Luft und Erde, Erde und Feuer). Die Aspekte, die infolge ihrer Ungenauigkeit in das benachbarte Zeichen fallen, sind weniger charakteristisch. Ein schlechter Aspekt aus verwandten Zeichen ist weniger gefährlich, ein guter aus feindlichen Zeichen weniger segensreich. Die Planetenwirkung an sich aber verliert dadurch nichts an Kraft. Nur spielen dann ihre dem Aspekt widersprechenden Seiten mehr hinein. Aspekte, die bei der Geburt noch nicht exakt sind, heißen applizierend und sind stärker als die, von welchen sich der schnellere Planet bereits wieder entfernt (separierend). Zum Schlusse dieses Abschnitts will ich noch die Grundsätze der Deutung des Horoskops mitteilen. Absichtlich gebe ich keine Rezepte an; denn ihre Verbreitung kann nur dazu dienen, Unberufene zur schematischen Anwendung der Astrologie zu veranlassen. Nur für jemand, der zu einer geistigen Deutung eines Horoskops befähigt ist, können die in Regeln gefaßten Erfahrungen anderer, wie z.B. die Aphorismen des Ptolemäus, von Nutzen sein. Die Astro-Psychologie des folgenden Buches zeigt, wie vieldeutig die einzelnen Konstellationen sind, und darum kann freilich nie ein Einzelner auf alle Möglichkeiten von selber kommen; aber erst, wer selbst zu einer Synthese fähig ist, wird mit Nutzen die Erfahrungen anderer über die Wirkungen bestimmter Konstellationen in bestimmten Fällen verwenden können. Ich verwerfe also solche Erfahrungen nicht. Am besten hat sie Alan Leo in seinem siebenbändigen astrologischen Lehrwerk (Theos. Verlagshaus, Leipzig) systematisiert in Verzeichnissen, welche die erfahrungsmäßige Wirkung der 9 Planeten in den 12 Zeichen und den 12 Feldern darstellen. Über allen modernen Versuchen steht die schon erwähnte philosophische Methode des Morin de Villefranche. Wir beginnen bei der Deutung eines Horoskops mit der genauen Betrachtung seines Gebieters, also bei Goethe mit dem Mars im Steinbock. Nun ist aber jedes Gestirn durch das Himmelszeichen modifiziert, in dem es steht. Bei Goethe steht die Sonne in der Jungfrau. Es handelt sich also darum, dieses Zeichen und seinen Charakter mit dem der Sonne zu vereinen. Man wird dabei teils Gegensätzliches finden, das der Wirkung des Gestirns widerspricht, sie aufhebt, sie verengt oder mäßigt, aber auch vieles, was sich ihr gut verbindet, ihren Einfluß in bestimmte Bahnen lenkt. Manche Zeichen können auch den Einfluß eines Gestirns verstärken, andere können ihn vergiften und ganz zum Übel wenden. Was für ein Zeichen ist nun die Jungfrau? Zuerst fragt man nach dem Herrn. Der ist Merkur. Man vertieft sich also in die Beschreibung des Merkur mit besonderer Berücksichtigung seiner Wirkung durch das Zeichen Jungfrau. Merkur ist Intellekt, und die Jungfrau seine mehr dem irdischen als der intellektuellen Spekulation zugekehrte Seite, wie sie das Zeichen Zwillinge darstellt. Man wird dies für Goethe recht charakteristisch finden. Ferner hat man zu forschen, in welche Kategorien das Zeichen Jungfrau fällt. Es ist ein Erdzeichen, gewöhnlich und weiblich. Man lese im folgenden Buche nach, was diese Kategorien bedeuten. Diese durch das Zeichen Jungfrau modifizierte Sonne wirkt sich nun bei Goethe vorzugsweise im X. Feld (siehe dieses) aus, worin sie steht, doch ist zu bedenken, daß jedes Gestirn an sich noch allgemeine Wirkungen hat, die sich äußern in den von ihm beherrschten Zeichen sowie in Aspekten zu Planeten und Felderspitzen. Da die Sonne in einem Merkurzeichen steht, ist Merkur ihr Herr. Wir haben nun die Stellung des Merkur nach Zeichen und Feld genau so zu prüfen, wie die Stellung der Sonne, um zu sehen, ob diese Herrschaft für sie gut oder schlecht ist. Ein schlecht gestellter Herr beeinträchtigt die Wirkung eines Planeten durch seine Mängel, ein gut gestellter unterstützt sie nach seiner Art und Weise. Wir finden hier Merkur im Löwen und im IX. Feld (höhere Geistigkeit). Nun handelt es sich darum, die Aspekte dieser merkurisch modifizierten Sonne festzustellen. Am wichtigsten ist stets die Konjunktion, da sie die Einflüsse zweier Planeten vermischt. Bei Goethe findet sich nun, daß Merkur, der Herr seiner Sonne, obendrein mit ihr in Konjunktion steht und außerdem in Rezeption, d.h. er steht in dem Sonnenzeichen Löwe, sie in dem Merkurzeichen Jungfrau. Während der Leser die Charakteristik des Zeichens Jungfrau durchging, war er vielleicht nicht ganz befriedigt. Die dort geschilderte Intellektualität entspricht doch nur zum Teil der Goetheschen, ja, sie enthält das Beste nicht, den feurigen Schwung. Dieser wird nun erklärt durch das Zeichen Löwe (siehe dieses), das seinem Merkur erst den Charakter gibt. Den nächst wichtigen Aspekt zu Goethes Sonne gibt der Mars. Auch dieser ist nun vor allem seinem Zeichen nach zu prüfen. Er steht in dem Saturn- und Erdzeichen Steinbock erhöht, was dem Ungestümen einen gerade ihm sehr heilsamen saturnischen Einschlag verleiht, der sich als Selbstzucht äußern wird. Man kombiniere also die Mars- und Steinbockwirkung und bringe sie in günstige Beziehung zur Sonne, denn der Trigonaspekt ist sehr günstig. Wäre es eine Quadratur, so würde der Marsaspekt zwar der Sonne ebenfalls große Lebenskraft zuführen, aber das ganze müßte sich heftig und maßlos vollziehen, zerstörende Temperamentsausbrüche zur Folge haben, kurz, weniger Goethisch sein. Immerhin sind Sonne und Mars beide heiße Gestirne und daher so verwandt, daß auch ihre schlechten Aspekte nicht zu den ganz gefährlichen gehören, wie etwa zwischen dem heißen Mars und dem kalten Mond. Ein Quadrat zur Sonne mit dem kalten, ihr feindlichsten Planeten Saturn wäre viel gefährlicher. (Übrigens für den Mond nur wenig besser, dessen Kraft unter ihm erstarrt.) Bei Goethe hat auch Saturn, an sich im Wasser- und Marszeichen Skorpion ungünstig gestellt, einen guten Aspekt zur Sonne, so daß er ihre Glut mäßigt, ohne sie durch Kälte zu beeinträchtigen, was durch ein Quadrat geschähe. Wir finden ferner eine Opposition der Sonne zum Mond, d. h. es war Vollmond zur Zeit der Geburt. Für die Lebenskraft ist die volle Wirkung beider Lichter vielleicht nicht so schlecht, wie die Theorie sagt, welche Opposition als ungünstig betrachtet. Die Bauern wissen in allen Himmelsrichtungen, daß der zunehmende und Vollmond die Vegetation fördert, der abnehmende und Neumond (die Konjunktion) sie hemmt. Immerhin zeigt die Sonne unser ewiges Selbst in seinem derzeitigen Entwicklungszustand an, der Mond unsere äußere weltliche Persönlichkeit. Daß zwischen diesen bei Goethe ein ausgesprochener Gegensatz bestand, der ihn in seiner Universitätszeit so skurril erscheinen ließ, ist gewiß. In. Leipzig hielt man ihn für einen Gecken, in Straßburg nannte Herder ihn einen Spatzen. In den ersten Weimarer Jahren schien er das ihm anvertraute Pfund gänzlich im Hofleben vergeuden zu wollen, bis dann Saturn durch sein Trigon den Mond in dem sehr schwankenden gewöhnlichen Wasserzeichen (Fische) fest in die Zucht nahm. Seit der Flucht nach Italien gelang es Goethe, innerlich ein einsamer zu sein (Saturn beim Aszendenten) und doch bis zum Ende seines Lebens seiner geselligen, genußliebenden Persönlichkeit ohne Beeinträchtigung seines Selbst ihre Rechte zu lassen. Daß aber Selbstheit und äußere Persönlichkeit stets einen, wenn auch durch Saturn, der beide Lichter gut bestrahlt, beherrschten Gegensatz bildeten, ist bekannt und wird durch die Opposition von Sonne und Mond auch astrologisch angezeigt. Zu Neptun hat die Sonne einen schwachen, schlechten Aspekt, ein Halbquadrat. Neptun (s. folgendes Buch) beherrscht unter anderem auch das Visionäre. Er steht im VIII. Feld (Tod). Viel Bedeutung gebe ich diesem Aspekt bei der sonst so ausgezeichneten Neptunbestrahlung nicht, doch ist bekannt, daß Goethe hie und da Erscheinungen hatte (z. B. als er auf dem Weg von Sesenheim nach Straßburg sich selber in einem hechtgrauen Gewand entgegenkommen sah, was ihm erst auffiel, als er um Jahre später wirklich in einem solchen Gewand wieder den Weg nach Sesenheim einschlug). Über gute und schlechte Neptuneinflüsse s. Neptun im zweiten Buche. So wie die Sonne muß man nun jeden Planeten, jedes Zeichen und vor allem den Aszendenten und das Medium Coeli behandeln und dabei berücksichtigen, über welche Felder jeder Planet herrscht. Dies findet man, indem man feststellt, welches Zeichen an der Spitze jedes Feldes steht. An der Spitze des I. Feldes (Aszendent) steht der Skorpion. Es fragt sich also, was zeigt der Aszendent überhaupt an, was der Skorpion, wer ist der Herr des Skorpion? Es ist Mars. Und wie steht Mars in diesem Horoskop? Steht ferner ein Planet in dem I. Feld bzw. nicht mehr als 5° von der Spitze entfernt? Saturn hat mit der Spitze eine Konjunktion von nur 2°. Also wird Goethes Aszendent von Mars und Saturn bestimmt. Nicht anders behandelt man die übrigen Felder. Das II. Feld (beweglicher Besitz) wird von Jupiter (sehr günstig) beherrscht, weil es dessen Zeichen an der Spitze hat. Jupiter steht selbst herrschend in den Fischen und in einem Eckfeld (I., IV., VII., X. sind Eckfelder). Die Stellung in ihnen verstärkt jeden Planeten beträchtlich. Die Opposition mit der friedlichen Venus wird hier nicht sehr viel bedeuten. Dagegen steht im II. Feld Mars selbst mit einigen schlechten Aspekten. Mars bringt an sich im II. Feld Geldverluste oder, wenn nicht schlecht aspektiert, große Ausgaben. Der gute Sonnenaspekt aber wird das nicht gefährlich werden lassen, zumal das Saturnzeichen Steinbock, wie schon gesagt, hier dem Mars Halt gibt und der Verschwendungssucht, die dieser Planet verursacht, Zügel anlegt, ja, sie vielleicht gänzlich besiegt. Man gehe nun genau auf die in den früheren und den späteren Abschnitten verstreuten Beispiele aus Horoskopen ein, um sich einen rechten Begriff von der Art der Kombinierung zu machen. Die Zusammenfassung aller solcher sich bald ergänzenden, bald aufhebenden, bald sich kreuzenden Einzelheiten nennt man eine Synthese. Sie ist der wichtigste und schwierigste Teil der Astrologie, weder dem Halbgebildeten noch dem gelehrten Pedanten, weder dem undisziplinierten Schwärmer noch dem phantasielosen Rechner zugänglich. Nur der durch viele Erfahrungen des Geistes und der Welt Gegangene möge sich hier versuchen. Zweites Buch. Astro-Psychologie I. Die irdischen Felder Die irdischen Felder sind als die Rückstrahlung der kosmischen Kräfte zu werten, die aus jenem Himmelsraum kommen, den wir den Tierkreis nennen. Deshalb sind zwischen den Zeichen und Feldern immer wieder die Beziehungen festzustellen. Durch die Stellung in einem der vier Eckfelder (I., IV., VII., X.), besonders im I. und X. wird der Einfluß jedes Planeten besonders gestärkt. Viele Planeten in Eckfeldern zeigen ein gewisses Hervortreten, mannigfaltige Gelegenheiten, wenn nicht Berühmtheit an, besonders wenn sich auch viele Planeten über dem Horizont und in beweglichen (kardinalen) Zeichen befinden, die den Eckfeldern entsprechen. Viele Planeten in fallenden Feldern (III., VI., IX., XII.), die den gewöhnlichen Zeichen entsprechen, besonders im VI. und XII., verraten ein Leben, dem die Gelegenheiten zur Entfaltung mangeln. Die sogenannten nachfolgenden Felder sind neutral. Weder begünstigen noch hemmen sie das etwa durch andere Anzeichen mögliche Hervortreten. Nur das VIII. (das Todesfeld) ist für die Wirkung jedes Planeten nach außen schwächend. Es sei hier ein für allemal ausgesprochen, daß jede Schwächung nach außen, ist sie einmal durchschaut, dem inneren Leben zu gut kommen muß, von dem aus auch ein gehemmtes Außenleben stets bemeistert werden kann. Als innere Potenz sind ja die Planeten in jedem Horoskop dieselben, wie sehr auch ihre äußere Wirkung verschieden sein mag. Das I. Feld, auch Aszendent = das Aufsteigende genannt, bezeichnet den Menschen selbst, so wie er aus dem Mutterleib hervorgekommen ist mit seiner erblichen Anlage des Körpers, des Charakters, des Temperaments. Häufig wird das Aeußere eines Menschen gänzlich ausgedrückt durch das Zeichen an der Spitze des Aszendenten, modifiziert durch einen Planeten, der dort etwa selbst anwesend ist. Doch kann man darauf nicht mit Sicherheit rechnen. Oft gibt auch das Zeichen, in dem beim Mann die Sonne, bei der Frau der Mond steht, bisweilen auch das Zeichen des M. C. dem Aeußeren das Gepräge. Von höchster Wichtigkeit sind auch die Aspekte, welche die Spitze des I. Feldes empfängt. Das Zeichen Fische (siehe dieses) erklärt die äußere Unscheinbarkeit eines so bedeutenden Mannes wie Hugo Stinnes. Auch Goethe hat den Skorpion im Aszendenten. Bei Friedrich dem Großen befindet sich der Aszendent im Merkurzeichen Zwillinge (siehe dieses). Ihm verdankt er die dünne, grazile Gestalt, aber das berühmte, unwiderstehliche blaue Auge gab die Sonne im Wassermann und in Konjunktion mit M. C. Auch Hermann Bahr hat den Aszendenten im Schützen und den Jupiter in der Wage im Zenit. Alfred Kubin hat die Jungfrau im Aszendenten und ist ein ziemlich reiner Typus dieses Zeichens, durch Uranus (siehe diesen) modifiziert, der mit Merkur, dem Herrn der Jungfrau, ein Trigon bildet. Napoleon I. hat den Skorpion auf der Spitze des Aszendenten, den Jupiter damit in Konjunktion und die Sonne im Löwen am M. C. Diese 3 Einflüsse bestimmen sein Aeußeres durchaus. Albrecht Dürer hat den Löwen im Aszendenten. Ich erinnere an sein berühmtes Selbstporträt mit dem Löwenkopf. Hindenburgs Aeußere wird durchaus durch das Saturnzeichen Steinbock gekennzeichnet (siehe dieses). Das zweite Feld, dem Venuszeichen Stier verwandt, bedeutet das bewegliche Vermögen, aber auch die verfügbaren inneren Kräfte eines Menschen und daher das Maß seiner Freiheit. Ist es ungünstig, so zeigt es Armut, Gebundenheit und Verluste an. Hugo Stinnes, der für den reichsten Mann Deutschlands galt, hat an der Spitze des II. Hauses das Venuszeichen Stier. Die Venus selber steht im Jupiterzeichen Fische, der Jupiter im Venuszeichen Stier, also sind beide Wohltäter miteinander in Rezeption. Dazu kommt, daß Venus im I. Feld ist. Was aus dem I. Feld kommt, steht immer mit der Person selbst im Zusammenhang. Stinnes verdankte also seinen Reichtum größtenteils sich selbst. Die Venus hat ein Trigon mit dem Mond, ebenfalls einem guten Signifikator für Erwerb und Besitz. Der Mond steht im Krebs, wo er herrscht, im Eckfeld IV und beherrscht durch den Krebs noch das V. Feld (Unternehmungen, Spekulationen), worin sich das Glückszeichen befindet. Aber das alles ist noch nicht die Hauptsache. Jupiter selbst steht im II. Haus, gut mit Venus und Mond aspektiert, Jupiter und Venus haben beide gute Aspekte mit Uranus. Das bedeutet das Ungewöhnliche, Gewagte seiner Unternehmungen, aber Uranus ist rückläufig und im V. Feld und empfängt ein Quadrat von Neptun aus dem I. Feld. Plötzliche überraschende Fehlschläge im einzelnen, an denen irgend etwas in seiner Natur schuld ist, was er nicht immer ganz zu beherrschen vermag, sind also auch diesem Feldherrn der Industrie nicht unbekannt geblieben. Dazu kommt ein Quadrat des Jupiter mit der Sonne aus XII (geheime Feinde und Gefahren). Richard Wagner hat das Merkurzeichen Zwillinge an der Spitze des II. Feldes, das ist an sich gut für den Erwerb, zumal Merkur im Venuszeichen Stier steht, aber dieses befindet sich eingeschlossen im XII. Feld (siehe dieses) und hat Quadrate mit Jupiter und dem verschwenderischen Mars. Man weiß, daß Wagner bis an sein Lebensende in Geldnöten war. Die ausgezeichnete Stellung des Jupiters im Löwen im Eckfeld IV, gut mit Venus und Sonne aspektiert, brachte ihm die Gunst eines Fürsten und trotz dem schlechten Merkuraspekt des Jupiter immer wieder beträchtliche Unterstützungen, aber Mars ließ ihm das Geld zwischen den Fingern zerrinnen. Die ewigen Geldnöte des Königs Eduard VII. von England waren bekannt. Er hat die beiden chaotischen Planeten Uranus und Neptun im II. Feld, was auf Hasardieren und zweifelhafte Geschäfte hinwies. Die Konjunktion von Jupiter und Saturn, beide im eigenen Zeichen im I. Feld und Herrn der beiden Zeichen des II. Feldes Wassermann und Fische, hat den leichtsinnigen Prinzen doch immer wieder über Wasser gehalten. Das III. Haus, dem Merkurzeichen Zwillinge verwandt, ist intellektuell. Es bedeutet das kleine Denken im Gegensatz zu Philosophie und Religion (IX. Feld), Bildung (im Gegensatz zu höherem und tieferem Wissen), die Korrespondenz, Dokumente, die Handschrift, Nachrichten, Neuigkeiten, Besuche, Kanzleien, kleine Reisen, Ausflüge, Fuhrwerke, Eisenbahnen, Post, die Nachbarn und Geschwister. Dieses Feld bezieht sich so ausschließlich auf das Privatleben und ist so vieldeutig, daß sich Beispiele bekannter Persönlichkeiten schwer geben lassen. Feste Zeichen hindern, gewöhnliche und besonders bewegliche (kardinale) Zeichen an der Spitze von III und IX fördern Reisen. Bei Goethe, dessen Leben wie kaum ein zweites vor uns liegt, ist das III. Feld von dem beweglichen Zeichen Steinbock beherrscht. Seine große Korrespondenz, das gewohnheitsmäßige Hin- und Herfahren zwischen Weimar und Jena sowie seine häufigen Fahrten und Ausflüge sind bekannt. Das Saturnzeichen Steinbock gilt allen diesen Dingen den ernsten wissenschaftlichen Charakter. Viele Geschwister wird Saturn, der Unfruchtbare, nicht geben, und die einzige Schwester Cornelia wurde Goethe verhältnismäßig früh durch den Tod entrissen: Uranus der Trenner und Berauber steht im III. Feld im Quadrat zu Saturn. Da der Saturn hier mächtiger ist, ward das Uranische im Denken Goethes niedergehalten; aber gerade die bewußte Unterdrückung zeigt, wie stark es vorhanden sein muß. Die Beherrschung des Chaos streifte bei ihm schon bisweilen die Pedanterie und die Unduldsamkeit. (Saturn im Aszendenten.) Für die geistige Entwicklung sind an den Spitzen III und IX bewegliche Zeichen günstiger als feste, Feuer- und Luftzeichen besser als Wasser- und Erdzeichen, daher ist die Opposition Stier-Skorpion und umgekehrt auf den Spitzen III und IX am ungünstigsten, da hier Wasser und Erde mit Festigkeit zusammenfallen, doch kann dies natürlich, wie etwa bei Luther, durch geistige Planeten in einem der beiden Felder oder in beiden aufgehoben werden. Immerhin findet auch bei ihm die oft hartnäckige Beschränktheit durch Stier und Skorpion seine Erklärung. Bei George Sand werden diese Zeichen durch eine Opposition Mars-Neptun in Schach gehalten, bei dem Fanatiker Robespierre werden sie durch nichts gemildert. Das IV. Feld beherrscht den unbeweglichen Besitz, Baulichkeiten, Land, das eigene Heim und die Häuslichkeit, das Vaterland, das Erworbene, auch im geistigen Sinn (im Gegensatz zum Ererbten des I. Feldes), das Alter, das Ende des Lebens, aber nicht die Todesart, den Vater; doch ist dieser letzte Punkt zweifelhaft. Manche sagen, es bedeute im Gegensatz zum X. Feld den Elternteil, der die geringere Bedeutung in einem Leben habe, andere behaupten, bei Frauen bedeute das IV. Feld Mutter, ebenso bei Männern, die bei Nacht geboren sind. Ferner ist das IV. Feld (wie VIII. und XII.) bedeutsam für die transzendenten Möglichkeiten eines Menschen. Von hierher kommende Kräfte und Fähigkeiten, gute wie böse, eignen sich am ersten zur Richtung in eine tiefere Bewußtseinschicht oder auf eine höhere Ebene. Friedrich des Großen Alter war einsam, aber er ruhte aus auf der Höhe seiner Erfolge. Wir finden Saturn und Jupiter in seinem IV. Feld. Auch Richard Wagner starb auf dem Gipfel seines Ruhms in der stattlichen Umgebung des venezianischen Palastes Vendramin, betreut von einer Frau, die sein höchstes Glück war. Sein IV. Feld steht im Krebs, dem Zeichen des Mondes (Gattin), der selbst eine Konjunktion mit dem Glückszeichen hat. Körperlich anwesend ist im IV. Feld Jupiter. Goethes freundliches und weises Alter ist von Jupiter und dem Mond beschützt. Beide stehen im IV. Feld, dessen Spitze das Jupiterzeichen Fische beherrscht. Bismarcks Alter war von politischem Streit und von Ärger erfüllt. Uranus, der Planet der Entfremdungen, Trennungen und plötzlichen Wechsel steht im IV. Feld. An dessen Spitze befindet sich das heftige Marszeichen Skorpion. Mars steht selbst im IV. Feld (Krankheit). Das V. Feld beherrscht Nachkommen, Schwangerschaft, die Liebe zu Kindern, Schulen, Erziehung, ferner Vergnügungen, Sport, Theater, Bälle, Gesellschaften, Liebhabereien und Liebesabenteuer im Gegensatz zu ernsten Bindungen an das andere Geschlecht, die dem VII. Feld unterstehen, schließlich Wetten, Spekulationen, Spiel, Lotterie und alle Unternehmungen gewagter Natur. Es ist das kurzweiligste aller Felder. Daß das Feld bei dem König Eduard VII. von Venus beherrscht ist, wird man begreiflich finden. Venus selbst steht in der Waage, im IX. Feld (Reisen), gut mit Jupiter, schlecht mit dem Mars (Ausschweifungen). Bei Oscar Wilde ist es von dem wechselvollen Mond im Löwen beherrscht. Dessen Quadrat mit Uranus im I. Feld zeigt das Romantisch-ausgefallene seiner Liebhabereien an. Auch bei George Sand herrscht der Mond im V. Feld. Die Sonne (bei der Frau Schlüsse auf ihre Beziehungen zu Männern zulassend) steht selbst darin. Bei Shakespeare finden wir Uranus auf der Spitze des V. Feldes (seine Sonette huldigen der Venus Urania), bei Goethe das feurige Marszeichen Widder (starkes Begehren, Draufgängertum). Dasselbe finden wir bei Maurice Barrès, bei dem obendrein Mars selbst im V. Feld anwesend ist. Nero hat hier das zur Disharmonie neigende Zeichen Skorpion, in dem des darin befindlichen Jupiter Fülle leicht in Üppigkeit und Übermaß entartet. Auch bei Friedrich dem Großen finden wir hier, wie bei Shakespeare, den Uranus, aber eingeschlossen (d. h. gefesselt), im Zeichen Jungfrau. Das V. Feld ist wie das III. Feld so vieldeutig und bezieht sich so sehr auf das Privatleben, daß seine nähere Erklärung kaum möglich ist, solange man nicht die intimsten Neigungen eines Menschen kennt. Ohne dies wird es z. B. nicht zu verstehen sein, was im V. Feld des keuschen, kinderlosen, zurückgezogenen Immanuel Kant das Sonnenzeichen Löwe an der Spitze bedeutet, sowie die Konjunktion des Mondes und des Glücksrades darin. Er war ein Freund der Tafel und ein liebenswürdiger Wirt, aber die genannten Konstellationen betonen doch das V. Feld zu stark, als daß sie durch diese Liebhaberei genügend erklärt wären. Das VI. Feld ist im Gegensatz zum V. das unerfreulichste. Es ist vor allem das Feld der Krankheiten und Gebrechen. Es bezeichnet die Beziehungen zu Menschen in niederer sozialer Stellung, besonders zu Dienstboten und Untergebenen; ihm unterstehen die Armen, die Arbeiter, das Proletariat, die Arbeit, der Militärdienst, das Heer, niedrige Seelen aller Art, psychische Erscheinungen niederen Ranges, die Haustiere, auch andere Tiere, so weit sie klein sind. Ist das VI. Feld gut bestrahlt, so kann es außer guter Gesundheit Glück mit Dienstboten, Gewinn durch Kleintierzucht bringen. Auch Ärzte und Krankenpfleger, Missionare und soziale Helfer sollten das VI. Feld gut haben, wenn sie auf Erfolg in ihrem Kampf gegen das Leid rechnen wollen. Häufig gibt das VI. Feld Auskunft über den Schwiegervater, sowie Onkel und Tanten väterlicherseits. Nicht selten zeigen ungünstige Direktionen oder Transite in diesem Feld deren Tod an. Bei Goethe steht das VI. Feld unter dem festen und erdhaften Venuszeichen Stier, was an sich eine dauerhafte Gesundheit gibt, aber die Venus findet sich im empfindlichsten aller Zeichen, in der Jungfrau, und empfängt ungünstige Aspekte durch Jupiter und Mars. Durch Überernährung (Jupiter) bewirkte entzündliche (Mars) Krankheiten haben ihn sein Leben lang heimgesucht und machten ihn zu einem alljährlichen Gast in Marienbad. Die Venus, als Herrin des VI. Feldes, erklärt auch die guten Beziehungen zu seinen Dienstboten und den bei ihm persönlich Angestellten. Wilhelm II. hat die Venus selbst im VI. Feld, aber sehr schlecht aspektiert. Durch ihr Zeichen Stier, das den Uranus enthält, beherrscht sie Hals- und Kehlkopf. Gut bestrahlt bringt sie Sänger hervor, schlecht bestrahlt verursacht sie Krankheiten dieser Teile. Der viel von Krankheit gequälte Bismarck hatte Mars und Saturn im VI. Feld. Eine sehr schlechte Konstitution findet man, wenn beim Mann (so bei Chopin) die Sonne, bei der Frau der Mond im VI. Feld steht. Wohltäter im VI. Feld sind natürlich auch hier von gutem Einfluß, aber sie verlieren stark an allgemeiner Wirkung. In diesem Feld wird alles Wohltätige geschwächt. Übrigens lassen sich Krankheiten durchaus nicht einseitig aus dem VI. Feld diagnostizieren. So findet sich z.B. bei Napoleon III. (in dem von Merkur beherrschten VI. Feld) kein Anzeichen für seine Blasensteine, unter deren Qualen man ihm 1870 in Vichy die Kriegserklärung abgenötigt haben soll, die ihm den Thron kostete. Sucht man aber das Zeichen auf, das die Harnwege beherrscht, den Skorpion, so findet man hier den starren Herrn der Steinleiden Saturn in Quadrat mit dem Mond im I. Feld. Zugleich steht Saturn im X. Feld (Stellung), der hier wohl Erhöhung, aber auch Sturz bringt. So findet sich Krankheit, Sturz und eigene Schuld (der von Saturn verunglimpfte Mond im I. Feld) auch astrologisch eng verstrickt. Mit dem VII. Feld beginnt die zweite Hälfte der Häuser, die der ersten genau gegenüberliegt. Bedeutete das I. Feld den Menschen selber, so das VII. seine Partner im guten und schlechten Sinn: die Gattin, die dauernde Geliebte und Gefährtin, die Teilhaber, Genossen, Kompagnons, Kontrahenten, aber auch die offenen Feinde, Zivilprozesse, Duelle, Gegner, Krieg, kurzum die Beziehungen mit Nicht-Blutsverwandten (außer den dem XI. Feld unterstehenden Freunden). Menschen von ausgesprochen öffentlicher Wirkung wie Richter, Anwälte, Parlamentarier und öffentliche Redner werden das VII. Feld meist bedeutend haben. Es ist dem Venuszeichen Waage verwandt, welches den Ausgleich der Gegensätze beherrscht, schlecht bestrahlt aber Trennung, Scheidung und Unfriede bringt. Mitunter zeigt das Zeichen an der Spitze VII oder ein Planet im VII. Feld das Wesen des Gatten oder der Gattin an. Haben Sonne oder Mond Aspekte zur Spitze VII, so lassen auch sie Schlüsse auf Gatten oder Gattin zu. Bei Robespierre wird man das VII. Feld stark und übelbringend erwarten. An der Spitze steht das Sonnenzeichen Löwe (hohe öffentliche Ämter), die Sonne selbst steht in Quadratur mit Mars. Das allein macht natürlich keinen Robespierre aus. In einem andern Horoskop kann sich eine solche Konstellation auf die Ehe beziehen, der der Löwe den hohen sozialen Rang bestimmt und die Mars zerstört. So zeigt bei George Sand der Löwe an der Spitze VII, während die Sonne im V. Feld steht, im Quadrat mit Uranus, ihre vielen öffentlichen Liebschaften und Trennungen. Bei Luther wiederum zeigt das im VII. Feld eingeschlossene Zeichen Löwe, während die Sonne im IX. Feld (Religion) steht, seine vielen öffentlichen Rechtfertigungen und Disputationen in Glaubenssachen an. Seine glückliche Ehe mit einer häuslichen Frau wird dargestellt durch das Mondzeichen Krebs an der Spitze VII bei gut konstelliertem Mond. Daß bei Goethe das VII. Feld von dem Venuszeichen Stier beherrscht wird und das Glückszeichen darin steht, wird nicht Wunder nehmen. Kant, der Junggeselle, hat hier das zur Einsamkeit geneigt machende Zeichen Skorpion, dessen Herr Mars im IV. Feld (Heim) in seinem Fall (Krebs) steht, mit einer Uranusquadratur. Das macht die Ehe unmöglich. Napoleons I. erste Ehe war glücklich, aber er trennte sie aus Ehrgeiz. Wir finden an der Spitze seines VII. Feldes das Venuszeichen Stier, aber darin Uranus in Opposition zu Jupiter (Gesetz und Recht), und in Quadratur zu Merkur (Verstand und Berechnung). Das Zerwürfnis Kaiser Franz Josefs mit seiner Gattin wird durch den Mars im VII. Feld bezeichnet. Ludwig II. von Bayern hat hier das Saturnzeichen Steinbock, dazu den Saturn mehrfach geschwächt. Eine frühe Verlobung ging zurück. Richard Wagners glänzende und glückliche Ehe wird durch Jupiter als Herrn von VII mit gutem Sonnen- und Venusaspekt bezeichnet. Der darin stehende, vom Mond aus dem X. Feld gut bestrahlte Neptun gibt den romantischen Charakter dieser zugleich seiner öffentlichen Stellung entsprechenden Ehe an. Bei der berühmten Frauenrechtlerin Mrs. Pankhurst zeigt die Venus im Löwen im VII. Feld mit Quadratur von Mars und Uranus ihre Leidenschaft und das Unglück sowie die Scheidung ihrer Ehe an. Das VII. Feld ist von der Sonne beherrscht, deren teils sehr gute Aspekte ihre großen öffentlichen Erfolge beweisen, besonders beim Zusammenschließen ihrer Anhänger. Die Sonne selber (bei der Frau der Mann) steht schwach im Feld der Dienstbarkeit (VI.). So witzig ist oft die Astrologie. Das Unheilvolle der Wirkung der Mrs. Pankhurst wird durch die Konjunktion der Sonne mit Saturn und Merkur bezeichnet, die noch in das VII. Feld ihre Strahlen senden und dessen Herrn beeinträchtigen. Das VIII. Feld heißt das Feld des Todes. Es zeigt die Todesart an, ob sanft, heftig oder gar gewaltsam; für den letzten Fall müssen freilich mehrere Anzeichen zusammentreffen. Nicht alle Leute verunglücken oder werden ermordet, die Mars oder Saturn schlecht bestrahlt im VIII. Feld haben. Es müssen außerdem dessen Herr oder die beiden Lichter, womöglich von demselben Übeltäter, verunglimpft sein, um derartiges wahrscheinlich zu machen. Hier hängt viel von den allgemeinen Umständen ab. Bei Ptolemäus und den mittelalterlichen Astrologen staunt man über die vielen Aspekte, die sie als gewaltsamen Tod auslegen. In jenen Zeiten war eben das Leben überhaupt weniger geschützt und verhältnismäßig kleine Verletzungen des VIII. Feldes bewirkten gewaltsamen Tod. Ebenso ist es noch heute in Zeiten von Krieg und Revolution; doch glaube ich, daß jemand auch dann solchem Schicksal entgehen wird, wird er das VIII. Feld und die Lichter unverletzt hat. Die Beobachtungen von Horoskopen während des Weltkrieges haben manche unverhoffte Rettung aus Todesgefahr erklärt. Als Gegenfeld zum II. (beweglicher Besitz und Erwerb) gibt das VIII. Feld Auskunft über ererbte und erheiratete Güter. Ferner ist es gleich dem IV. und XII. ein okkultes Feld. Es hat eine entschiedene Beziehung zum Ewigen oder, populär ausgedrückt, zum Fortleben nach dem Tode. Konstellationen im VIII. Feld, die dem Leben abträglich sind, können durch Betrachtung der ewigen Dinge auf einem höheren Plan zum Vorteil gereichen. Das VIII. Feld ist dem Zeichen Skorpion verwandt. Alfred Kubin, der Philosoph und Bildner des Todes und der »anderen Seite« der Welt (vgl. seinen Roman »Die andere Seite«), hat die Sonne auf der Spitze des VIII. Feldes (was seine Lebenskraft entschieden schwächt), das Merkur und Neptun beherrscht. Merkur richtete seine Gedanken von Kindheit an auf den Tod, Neptun gibt ihm den visionären Blick in die Hintergründe irdischen Geschehens. Goethes Todesfeld ist von seinem gut konstellierten Merkur beherrscht. Mehrmals hat er tödlich scheinende Krankheiten gut überstanden. Der wohl bestrahlte Neptun im Todesfeld gab ihm im Sterben den Ewigkeitsblick. Ludwig II. von Bayern hat den Saturn auf der Spitze VIII, dazu Aszendenten und Sonne von Übeltätern getroffen, die beiden Lichter zueinander im Quadrat. Es wird interessieren, wie das VIII. Feld bei einem Scharfrichter aussieht, dessen Geschäft das Töten ist. M. Deibler, der frühere Scharfrichter von Paris, ist selber eines friedlichen Todes gestorben und hat das Venuszeichen Stier auf der Spitze des VIII. Feldes. In Horoskopen, die überhaupt auf gewaltsamen Tod schließen lassen, pflegt ein ungünstiger Jupiter (Gesetz) in Beziehung zum VIII. Feld den Tod durch das Gesetz, d.h. Hinrichtung anzuzeigen. Nun hat M. Deibler den Jupiter auf der Spitze des VIII. Feldes, was ihm selbst nur von Vorteil sein konnte, aber dieser Jupiter wirft Quadrate auf Sonne, Mars, Merkur und Venus im IV. Feld (Ende des Lebens). Tod und Lebensende spielen also bei ihm eine sehr große Rolle, und zwar durch Jupiter, das Gesetz. Da das Horoskop keinerlei Anzeichen eines gewaltsamen Todes oder verbrecherischer Anlagen gibt, dagegen einen starken Mars als Geburtsgebieter (Aszendent in Skorpion) zeigt, muß man unbedingt auf einen Menschen schließen, der in legitimer Weise tötet, also etwa auf einen Soldaten, einen Chirurgen, dem immer wieder die gefährlichsten Fälle unterkommen, oder einen Scharfrichter. Ehe M. Deibler seine wahre Berufung fand, war er Metzger gewesen. Daß es dabei nicht sein Bewenden haben würde, hätte ein Astrologe voraussehen können, denn der Löwe an der Spitze des X. Feldes, beherrscht von einer nicht ungünstigen Sonne, ließ eine höhere Laufbahn, ja, sogar Berühmtheiten erwarten, zumal der recht populäre Mann 5 Planeten, also mehr als die Hälfte in Eckfeldern hat, davon 4 im IV. Feld (Ende des Lebens). Das IX. Feld ist in jeder Hinsicht das Gegenfeld zu dem III. Entspricht jenes dem Merkurzeichen Zwillinge, so dieses dem Jupiterzeichen Schütze. Dort das kleine Denken der Intelligenz, hier die höhere Erkenntnis: Philosophie, Religion, Einweihung. Dort die Nähe, hier die Weite des einem Menschen gesteckten Horizontes. Dort die Ausflüge und kleinen Reisen, hier die Fahrten in die Ferne, in fremde Länder, besonders Seereisen. Dort geschickte, gewitzigte Leute, hier Priester und Weise. Ferner zeigt das IX. Feld die angeheirateten Geschwister an: Schwäger und Schwägerinnen. Bei Goethe finden wir hier Merkur selber im Sonnenzeichen Löwe. Da er zugleich Herr des M.C. ist, wird die äußere Stellung durch Merkur im IX. Feld bestimmt. An der Spitze finden wir den Krebs, das Zeichen des Mondes, der für die Geistigkeit mitbestimmend ist (siehe Mond). Bei Kant ist das IX. Feld von dem Jupiterzeichen Schütze beherrscht. Bei Shakespeare finden wir den Merkur auf der Spitze IX in Trigon mit Uranus. Flaubert hat wie Goethe das Zeichen Krebs an der Spitze, beherrscht von einem vorzüglich konstellierten Mond. Wilhelm II. hat hier den Wassermann, an sich ein geistiges Zeichen – religiösen Drang wird ihm niemand absprechen – aber die beiden Herren des Wassermanns sind so schlecht wie möglich konstelliert: Saturn rückläufig und vernichtet, Uranus rückläufig und in einem Erdzeichen, wo er nur hartnäckige Extravaganz statt wahrer Originalität zu geben vermag. Eduards VII. weise Welt- und Menschenkenntnis dagegen zeigt Venus im eigenen Zeichen Waage an der Spitze des IX. Feldes. Hindenburg hat hier das Marszeichen Skorpion, von einem vernichteten Mars (im Stier) beherrscht. Bei Bismarck steht im IX. Feld die Sonne, im Widder erhöht, die zugleich seinem Aszendenten im Löwen gebietet. Das erklärt sein geistiges Übergewicht über alle, die ihm nahten. Seine Irrtümer stehen auf einem anderen Blatte: Merkur und Mond sind schlecht konstelliert. Luther hat 5 Planeten in diesem Feld der Religion. Wie gesagt: mit dem Verstand hat das IX. Feld nichts zu tun, sondern mit dem Geist. Daher kommen auch die größten Irrtümer aus dem IX. Feld. Napoleon I. hat hier zwar seinen vorzüglichen Merkur, aber zugleich den im Krebs vernichteten Saturn in Opposition mit dem ebenfalls vernichteten Mond aus III. Das erklärt jene tragischen Irrtümer, die nach der Schlacht bei Leipzig einen Sachsen sein Urteil über ihn in die Worte zusammenfassen ließ: »Halt e guter Kerl, aber e dummes Luder«. Der unbelehrbare Kaiser Franz Josef hat das feste Erdzeichen Stier an der Spitze IX. Bei Hugo Stinnes wird das IX. Feld von dem gut konstellierten Jupiter beherrscht. Hinter dem Praktiker soll sich in diesem Mann tiefe Erkenntnis verbergen. Clémenceau hat an der Spitze das feste Zeichen Wassermann. Es verrät die Festigkeit seiner Überzeugungen, aber diese Überzeugungen klammern sich an einen Wahn: Neptun steht im IX. Feld. Er ist gut bestrahlt, und darum vermochte dieser Wahn zu siegen. Bei Ludwig II. finden wir hier ebenfalls den Wassermann und Neptun, aber diesen schlecht bestrahlt. Auch er hing fest an seinem Wahn und setzte ihn in Wirklichkeit um, aber schließlich zerbrach er daran. (Neptun, Konjunktion Mars, Opposition Sonne.) Das IX. Feld der Mrs. Pankhurst ist von ihrer schwer verletzten Venus beherrscht und beherbergt einen starken Mars (im Skorpion), der zugleich über das X. Feld (Beruf, Stellung) gebietet. Richard Strauß, sicher einer der zähesten Geister des heutigen Kulturlebens, hat an der Spitze IX den Wassermann, dessen beide Herrn, Saturn und Uranus, bei ihm sehr stark sind. Die festen Zeichen an den Spitzen III und IX lassen nicht seine vielen Reisen erkennen. Hierüber sagen der Mond im gemeinschaftlichen Zeichen Jungfrau in III und der Aszendent im Merkurzeichen Zwillinge aus. So muß man außer den Feldern auch immer den Signifikator der Angelegenheit befragen. Das X. Feld, mit dem I. das wichtigste, dessen Spitze auch Medium Coeli (M.C.) oder Zenit genannt wird, zeigt als Gegensatz des IV. (Heim) den Menschen in der Öffentlichkeit: die soziale Stellung, Beruf, Amt und Würden, Ehrungen, Orden, die höhere Gesellschaft, Personen von Rang, besonders Fürsten und Könige, bei Frauen oft die Stellung des Gatten. Von Verwandten bedeutet es im Gegensatz zu IV den für das Leben entscheidenden Elternteil an, nach manchen stets den Vater, nach manchen stets die Mutter. Es findet sich wohl nicht leicht ein Emporgestiegener oder Hochstehender, der nicht im X. Feld etwas Gutes hat. Bei Richard Strauß steht das X. Feld im Zeichen Fische unter der Herrschaft Jupiters und Neptuns (moderne Musik), bei Mrs. Pankhurst im Zeichen Skorpion unter Mars (Kampf), bei Chopin im Zeichen Zwillinge unter der Herrschaft des von Jupiter und Venus (Kunst) gut bestrahlten Merkur. Richard Wagner hat hier auch den von Neptun (moderne Musik) gut bestrahlten Mond in Konjunktion mit dem Glücksrad, ferner den teils gut, teils schlecht bestrahlten Mars, der die schweren Kämpfe, aber auch die Kraft verrät, die seinen Erfolg schließlich erzwang. Bei Napoleon III. ist das M.C. von einem starken Mars beherrscht. Sein Ehrgeiz brachte ihn ans Ziel, auch Saturn, der sich hier findet, pflegt im X. Feld dem Ehrgeizigen zu helfen, aber ihn schließlich mit Gewißheit zu stürzen. Bei Ludwig II. findet man am M.C. das Zeichen Fische, aber die Spitze des Feldes, sowie seine zwei Herren, Jupiter und Neptun, sind schlecht bestrahlt, und obendrein ist der Zerstörer Uranus selbst anwesend und rückläufig. Zwar wird er gut bestrahlt, und das erklärt die Bezauberung, die der König ausübte und die seine Extravaganzen solange glücken ließ. Bei Hugo Stinnes ist das M.C. von dem vortrefflich bestrahlten Jupiter beherrscht, aber auch hier ist Saturn anwesend, freilich ausschließlich gut bestrahlt. Kaiser Franz Josef hat die Venus, das Zeichen Österreichs, im X. Felde mit gutem Aspekt zu Mars im Widder und im VII. Felde (öffentliche Feinde). Er versöhnte sich mit seinem Feind und wurde dessen Verbündeter. Der Widder ist das Zeichen Deutschlands. Kaiser Karl von Österreich wurde durch einen starken Mond (im Krebs) im X. Feld auf den Thron gehoben, aber durch Mars und Saturn, beide ebenfalls in X, gestürzt. Wilhelm II. fiel durch die Konjunktion Mars-Neptun in X. Goethe hat hier Sonne und Venus, Napoleon Sonne, Merkur in Konjunktion mit dem Glücksstern und das Sonnenzeichen Löwe, aber gleichzeitig steht ein sehr schlechter Saturn in X und empfängt das M.C. ungünstige Aspekte von Jupiter aus I (eigenes Ich) und von Uranus aus VII (öffentliche Feinde). Dazu kommt die schon erwähnte Opposition Mond-Saturn. Der eigene Charakter (I. Haus) ist das Entscheidende gewesen. Oscar Wildes Erfolge und Sturz sind allein durch Saturn erklärlich. Gut aspektiert beherrscht er das X. Feld durch den Steinbock. Er hebt und stürzt zugleich. Zwingend war auch dieser Sturz nicht. Der Dichter hat ihn durch seine unzeitige Rückkehr nach England herausgefordert. Wilson, hat hier die Sonne, die ihm eine königliche Stellung gab, in Opposition zu Saturn, der ihn stürzte. Bismarck hat im X. Feld die Venus im eigenen Zeichen Stier, dazu den Glückspunkt, aber M. C. wie Venus haben Quadrate mit Saturn aus dem VI. Feld. Nachdem Venus ihn mit allen erdenklichen Auszeichnungen und Ehren überhäuft hatte, fiel er durch die Ohrenbläserei der den jungen Kaiser umgebenden Lakaiennaturen, womit sein Anteil an der Schuld an dem Zerwürfnis nicht geleugnet werden soll. Das XI. Feld ist das Gegenfeld zu dem vergnüglichen V. Es bezeichnet die uns weder durch Verwandtschaft noch Heirat verbundenen Menschen: Freunde, Gönner, Ratgeber, ferner Hoffnungen, Wünsche, Erfüllungen. Wie das III. und V. bezieht es sich so sehr auf das Privatleben; daß viele Beispiele berühmter Männer nicht leicht zu geben sind. Bei Goethe, dessen Leben so reich an Freundschaft war, steht es unter dem Venuszeichen Waage, Venus selbst im X. Feld Stellung und Beruf brachten ihm die vielen glücklichen Beziehungen; aber Venus erhält ungünstige Aspekte durch Mars und Jupiter, der im IV. Feld (Lebensende) steht. Alt werden, sagt er einmal, heißt seine Freunde überleben. Viele Hoffnungen sind ihm fehlgeschlagen, und er war zwar nie ein verbitterter, aber doch ein resignierter Mensch. Oscar Wilde hat im XI. Feld das Glücksrad, aber beherrscht ist es von Saturn. Auch Wilhelm II. hat hier das Glücksrad, aber auch den schlecht konstellierten Uranus. Mars (in Konjunktion mit Neptun) ist Herr. Seine Freunde waren falsch, unaufrichtig, liebedienerisch (Neptun), viele ließ er plötzlich fallen (Uranus). Das Zeichen Skorpion an der Spitze des XI. Feldes bei König Eduard VII. zeigt dessen fragwürdige Pariser Bekanntschaften an, Merkur im XI. Feld den Verkehr mit Kaufleuten wie Sir Ernest Cassel. Das XII. Feld heißt das Haus des großen Unglücks. Es ist das eigentlich tragische Haus im Gegensatz zu dem VI., welches die Miseren des Lebens beherrscht. Es ist das Feld der Verfolgung, der geheimen Feinde, der Kriminalprozesse. Dadurch bildet es auch einen Gegensatz zu VII, dem Feld der offenen Feinde und Zivilprozesse. Ist jenes das Feld des Kampfes, so dieses das Feld der Verlassenheit, der Einsamkeit, der Verbannung, der geschlossenen Anstalten, Gefängnisse, Irrenhäuser, Krankenhäuser, Kasernen. Es zeigt skandalöse Angelegenheiten an, die verborgen bleiben, geheime Verbrechen und Laster, von Menschen die Schwiegermutter. Das ist kein billiger, moderner Witz; schon Ptolemäus führt dies an. Venus oder Mond, in diesem Feld gut bestrahlt, können unter Umständen eine gute Schwiegermutter bedeuten. Daß eine böse mehr als ein Unglück, nämlich eine Tragödie sein kann, wird niemand bezweifeln. Wenn schon das Altertum die Schwiegermutter dem XII. Feld unterstellt, so beweist das nur, was für eine bedeutsame Person sie ist. Das XII. Feld ist wie IV und VIII ein okkultes Haus; als solches bedeutet es die Vernichtung des Ichs, Einkehr, Umkehr, Zerknirschung, Buße, Wiedergeburt, Erlösung, Zustände, die ja bekanntlich nur durch großes Leid bedingt werden. Bei Oscar Wilde finden wir hier den Neptun (siehe Neptun) im eigenen Zeichen Fische eingeschlossen. Gefangenschaft, Umkehr und Vertiefung werden dadurch eindeutig bezeichnet. Wilhelm II. hat den Jupiter auf der Spitze XII mit gutem Sonnenaspekt. Das rettete ihn vor der Gefangenschaft, die ihm eine Zeitlang drohte. Kaiser Karl hat hier den Glücksstern. Das Schicksal dieser beiden Fürsten ist unglücklich, aber ohne jede Tragik. Das XII. Feld bezieht sich nicht nur auf das intimste Privatleben, sondern obendrein auf das, was einem Menschen oft selber in seinem Leben unbekannt oder rätselhaft ist. Ich will daher auf eine Deutung verzichten und nur mitteilen, daß Hugo Stinnes Merkur, den Herrn von IV (Lebensende) auf der Spitze XII, Sonne (Herr von VI) und Mars (Herr von VIII) im XII. Feld hat. Das muß mehr bedeuten als mächtige, geheime Feinde. Übrigens sind die Aspekte dieser 3 Planeten nicht beunruhigend, teils sogar gut. Er scheint dauernd von drohendem Unheil umgeben zu sein, das er immer wieder besiegt. II. Die Kategorien der Tierkreiszeichen. Die Tierkreiszeichen werden zunächst nach den vier Elementen der antiken Philosophie eingeteilt, deren Bedeutung kosmisch ist und nichts zu tun hat mit den Elementen der modernen Physik. Die »Richtigkeit« dieser Physik ist unbestreitbar, aber darum hebt sie nicht eine einzige philosophische Wahrheit auf. Die zweite Einteilung in bewegliche (kardinale), feste, gewöhnliche Zeichen ist dynamisch. Wie gesagt, wird jeder Planet in seinem Wesen modifiziert, d. h. bald gestärkt, bald geschwächt, verbessert oder vergiftet durch den Charakter des Zeichens, in dem er steht. So ist die Jungfrau z. B. ein Merkurzeichen und gibt einem darin stehenden Planeten merkurische Eigenschaften. Der Kategorie nach aber ist Jungfrau ein Erd- und gewöhnliches oder veränderliches Zeichen. Es ist daher zu erwägen, was Erde und Veränderlichkeit für Eigenschaften verleihen. Bei jedem Horoskop zählt man, wie viele Planeten in die verschiedenen Kategorien fallen. Die Zeichen, in denen die Mehrheit der Gestirne steht, ergeben das Temperament: Feuer – fest – positiv z. B. oder Wasser – beweglich – negativ usw. Feuerzeichen: Widder (Mars), Löwe (Sonne), Schütze (Jupiter). Das Feuer ist das Symbol des Geistes. Die Feuerzeichen geben Einbildungskraft, Kühnheit, Wärme, Leidenschaft, lebhafte Gesichtsfarbe und starkes Muskelsystem. Sie strahlen aus, sich selbst isolierend. Luftzeichen: Zwillinge (Merkur), Waage (Venus), Wassermann (Saturn und Uranus). Die Luft symbolisiert den Geist, welchen die Griechen ψυχη, die Lateiner mens nennen, d. h. die Vernunft im Sinne philosophischer Einsicht. Die Luftzeichen geben höhere Intelligenz, Kombinationsgabe, den Standpunkt über den Dingen. Im Gegensatz zu den zur Isolierung neigenden Feuerzeichen suchen sie Verbindung. Sie geben feine Züge und zarte Farben, schlanke Körper und eine nervöse Konstitution. Feuer- und Luftzeichen sind positiv, handelnd, männlich. Wasserzeichen: Krebs (Mond), Skorpion (Mars), Fische (Jupiter und Neptun). Das Wasser ist das Symbol der Seele (anima). Die Wasserzeichen beherrschen die Gefühle und die Gemütsbewegungen, auch die Sentimentalität. Sie machen sehr empfänglich für fremde Einflüsse, begeisterungsfähig, empfindlich. Sie geben eine bleiche Gesichtsfarbe und oft etwas gedunsenes, schwammiges Fleisch. Sie strahlen nicht aus, nehmen aber gerne fremde Strahlung auf. Der bewegliche Krebs symbolisiert fließendes Wasser, der feste Skorpion stehendes Wasser (Sumpf und Eis), die veränderlichen Fische flutendes Wasser (Meer, Ozean). Erdzeichen: Stier (Venus), Jungfrau (Merkur) Steinbock (Saturn). Die Erde ist Symbol des Stoffes (materia). Die Erdzeichen beherrschen die animalischen Instinkte, sie machen materialistisch, derb, zäh, rücksichtslos, schwerfällig, ungesellig, aber auch zuverlässig, ordnungsliebend, fleißig, geduldig. Sie geben untersetzte, fleischige Körper und ein phlegmatisches Temperament. Sie strahlen nicht aus und sind doch nur schwach empfänglich für fremde Strahlung. Die Wasser- und Erdzeichen sind negativ, duldend und aushaltend, weiblich. In kurzen Schlagworten zusammengefaßt: viele Feuerzeichen machen in einem Horoskop leidenschaftlich, viele Luftzeichen idealistisch, Wasserzeichen gefühlvoll, Erdzeichen materialistisch. Eine ebenso wichtige Einteilung der Zeichen wie die elementare, ist die dynamische: Bewegliche oder kardinale Zeichen (den Eckfeldern verwandt): Widder, Waage, Krebs, Steinbock. Sie entsprechen den indischen Rajas. Sie machen aktiv, pionierhaft, idealistisch, aber auch einseitig und verblendet. Sie begünstigen öffentliches Hervortreten, Ruhm, Führerschaft. Die festen Zeichen: Stier, Skorpion, Löwe, Wassermann (Tamas). Sie geben Stabilität, Konzentration, Selbstbeherrschung, Festhalten an dem materiell und geistig Erworbenen. Sie machen zurückhaltend, exklusiv, konservativ, aber oft auch starr. Die gewöhnlichen oder veränderlichen Zeichen (Sattvas): Zwillinge, Schütze, Jungfrau, Fische sind den fallenden Feldern verwandt. Sie machen schwankend und haltlos, ungleich, unzuverlässig, wirr, zerfahren, aber auf hoher Stufe gibt gerade ihre Ungebundenheit die Möglichkeit zu tiefer, von den Dingen losgelöster Weisheit. Sie sind es, durch welche die Polarität und Ambivalenz des Weltgeschehens erkannt wird. Nicht ohne Grund sind der intellektuelle Merkur und der weise Jupiter Herrn von je einem Paar dieser Zeichen. Goethe hatte 5 Planeten in veränderlichen oder gewöhnlichen Zeichen, aber wohl gestützt durch gute Besetzung der festen, der Wasser- und Erdzeichen. Dies muß gegeneinander abgewogen werden. Hätte er statt dessen viele Planeten in Luftzeichen, so wäre das zu gewichtlos, und die Gefahren der gewöhnlichen Zeichen hätten ihn haltlos im Vordergrund der Dinge taumeln lassen, statt daß er über sie hinausstieg. Viele Planeten in festen Zeichen brauchen ein Gegengewicht durch Feuer und Luft, während Erde und Wasser zu viel Festigkeit zu Starrheit und Dumpfheit entarten läßt. So ist beweglich und feurig zu viel des Guten. Bewegliche Zeichen bedürften einer guten Gabe Erde. Der Widder, feurig und beweglich, der Stier erdhaft und fest, die Zwillinge luftig und veränderlich sind daher die einseitigsten Zeichen. Dagegen sind Löwe (Feuer und fest), Wassermann (luftig und fest), Skorpion (wässerig und fest), Steinbock (erdhaft und beweglich) besonders in sich selbst beruhende autonome Zeichen. III. Der schöpferische Gegensatz zwischen Geist und Stoff (Licht und Finsternis) Dies ist der erste Versuch, die Psycho-Astrologie systematisch in ihrem ganzen Farbenreichtum so zusammenzustellen, daß ihr Sinn durchscheint. Nur auf diesem Weg wird klar, daß es sich nicht um willkürliche Zusammenstellungen von Eigenschaften unter einem Kennwort handelt. Darum rühmt sich diese Arbeit trotz ihrer Erstmaligkeit keineswegs der Originalität, sondern nur ihrer Wahrhaftigkeit. Sie stützt sich auf die Erfahrungen von Jahrtausenden. Das relativ tiefgründigste, was die moderne Astrologie bisher über die Astro-Psychologie hervorgebracht hat, findet sich bei F. Ch. Barlet, Les Génies planétaires (Librairie Chacornac, Paris). Im Folgenden knüpft mancherlei an diese Untersuchungen an. Sonne, Löwe. Die Sonne ist das sichtbare Symbol des Schöpferischen, Göttlichen, das sich in ihr, ehe sich seine Kraft in die Vielheit der schaffenden Wirkung verteilt, in strahlender, feuriger Einheit darstellt. So ist die Sonne zwar die spontane Urkraft, aber noch nicht als Mars im Irdischen verschlackt, sie ist die Schönheit, aber noch nicht als Venus an den Stoff gebunden, sie ist die Urweisheit und Güte, aber noch nicht in Jupiter für die Götter und Menschen verkörpert, sie ist der zeugende Urschoß, aber noch nicht als Mond fruchtbar gemacht zum Gebären der Kreatur, sie ist der Geist, aber noch nicht als Verstand, dem Kampf ums Dasein angepaßt, sie enthält in ihrem Feuer sogar das zerstörende Prinzip, noch nicht als Saturn zu dem äußerlich selbst die Götter bindenden Fatum der Materie erstarrt, ohne welche Begrenzung seiner selbst das Schöpferische nie Geschöpf zu werden vermöchte. Indem nun die Sonne, wie alle anderen Gestirne, ihre Strahlen stets aus einem bestimmten Tierkreiszeichen zur Erde sendet, individualisiert sich das Göttliche. Dadurch, daß sie ihr Licht auf die sie umkreisenden Planeten wirft, überläßt sie diesen von ihrer Kraft zum Zwecke der Differenzierung, und da schließlich durch die unaufhaltsame Bewegung der Planeten und der Erde sich die Winkelbildungen dieser Strahlen (d. h. ihre Aspekte zur Erde) jeden Augenblick ändern, entsteht aus Strahl, Mittel und Bewegung jene aus Dissonanzen (schlechten Aspekten) und Konsonanzen (guten Aspekten) gebildete Sphärenmusik, deren Harmonielehre die Astrologie ist. Ein Horoskop mit seinen Direktionen ist eine Partitur für die in einem bestimmten Augenblick anhebende und mit dem Tod endende Komposition, aber das Eigentümliche der Sphärenmusik ist, daß sie nicht wie menschliche Tonkunst von einem Anfang bis zum Endtakt verläuft, sondern daß von jedem Klang strahlenförmig unendlich viele rhythmische Melodien verlaufen, aber nicht ins Leere, sondern in die Fülle aller anderen Melodien zu einem ewigen Chor verstrickt. Während nun die Sonne ihre Strahlen den Planeten überläßt, die sie in ihrer Weise differenziert in den Weltraum zurückwerfen, wo auch die Erde von ihnen getroffen wird, bleibt doch die unmittelbare Wirkung ihres Lichtes auf die Erde bei weitem die stärkste. Daher ertönt sie wie ein Orgelpunkt in jeder Komposition eines irdischen Schicksals; in ihrer Modifizierung durch das Tierkreiszeichen, in dem sie gerade erscheint, und mit ihren guten und schlechten Aspekten zu den verschiedenen Planeten bezeichnet sie das Grundwesen eines in einem bestimmten Augenblick geborenen Menschen oder sein transzendentales Selbst. Gott ist die Selbstheit der Welt. Alles, was sich als Selbst fühlt, erlebt Gott, und wer nur Ich empfindet, ahnt ihn bereits. Damit die Gottheit sich selbst erleben kann, will sie schöpferischer Gott werden. Dazu muß sie sich zuerst einen Widerstand schaffen, die Materie, um ihre Unendlichkeit im Endlichen zu begrenzen. Der Schöpfer bedarf der Materie, denn Schaffen heißt Formen, Gestalten; Form, Gestalt aber bedeutet Umgrenzung. In der Beschränkung zeigt sich der Meister, der Dilettant fließt über. In der Schöpfung begrenzt sich also das bisher Unbegrenzte durch die Materie; Gott spaltet sich in Ja (Schaffen) und Nein (Grenze). Er unterwirft sich wollend dieser ihn selber einengenden Polarität, und in dieser Zweiheit vergißt er zunächst selbst die eigene Einheit. Es bedurfte einer langen Entwicklung der Materie durch das Mineral-, Pflanzen- und Tierreich, bis ein Organ entstand, welches das Ich fühlen konnte, dieses Organ ist der Mensch; und es bedurfte einer weiteren qualvollen Entwicklung, bis dieses Ich zu dem Göttlichen eine andere Beziehung fand, als die der Furcht oder des Trotzes vor einer Macht außer und über ihm; und weiter waren die historischen Jahrhunderte nötig, bis einzelne, besonders gut geratene Exemplare der Menschheit die Stimme des Göttlichen in sich selber und so die vergessene Einheit im Grunde aller Unterscheidung, also auch des eigenen Ichs, wiederfanden. So steht hinter dem von Geburt und Tod begrenzten Ich ein Selbst, und dieses Selbst ist nichts anderes als sich ihdividualisierenwollende Gottheit, deren Maske (= persona) das Ich der menschlichen Persönlichkeit. Grauenhafte Umwege sind nötig gewesen, ehe solche Erkenntnis im einzelnen möglich war. Besonders furchtbar war zunächst der, auf welchem die Menschen in der zerstörerischen Materie, diesem negativen Pol, den der schöpferische Gott seinem Schaffen als Grenze entgegensetzen mußte, das positiv Göttliche zu finden glaubte, das durch Opfer gesättigt werden könnte, um eine Zeitlang mit seinen Übeltaten zu verschonen. Nicht minder furchtbar als diese Verblendung des Gemütes ist die des Verstandes, die geradezu monumentale Dummheit des sogenannten Atheismus, der das einzig ganz und gar Wirkliche, das Schöpferische, verneint, in das Gebiet der Phantasie verweist und den äußeren Mechanismus, unter dem es in der Natur erscheint, für das Wesen nimmt, so wie die Maske der menschlichen »Persönlichkeit« für das Selbst. Heute ist es nun so, daß sich für die erkennenden Menschen das Göttliche immer mehr aus dem Objekt zurückzieht. Alles, was Objekt ist, ja alles, was im Sinn des Menschlich-Irdischen »ist«, ist Schöpfung, auch der Name, auch das Gefühl, ja, das persönliche Erlebnis Gottes selbst. Und weil eben Gott eigentlich nicht ist, war jene größte menschliche Dummheit des sogenannten Atheismus möglich, als Vorläufer eines tiefsten Gewahrwerdens. Wer dies nicht versteht, dem ist mit Worten nicht zu helfen; und viele werden nicht begreifen, warum die Worte der Dümmsten und die Worte der Weisesten gleich lauten: Gott ist nicht. Es ist derselbe menschliche Irrtum, von zwei Seiten begangen, mit positivem und negativem Vorzeichen: wegen der jedem Menschen evidenten Wirksamkeit Gottes, ihm ein objektives Sein zuzuschreiben, oder aber, weil dieses Sein in der Natur nicht zu finden ist, Gott auch die Wirksamkeit abzusprechen, d. h. ihn zu verleugnen. Die ganze Schöpfung ist also ein tragisches Streben der in der Schöpfung aufgehenden Gottheit, sich in ihrer einheitlichen Selbstheit bewußt zu werden, und das ist ihr bisher nur in so geringem Maße gelungen. Immerhin ist das Organ grundsätzlich geglückt, in dem, falls ein Exemplar gut gerät, Gotterkenntnis möglich ist, und damit ist die Erschaffung des Menschen der Beginn der Erlösung Gottes von der Qual seiner eigenen Schöpfung. »Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben.« (Angelus Silesius.) Daher ist jedes Geschöpf berufen. Jeder Kieselstein ist ein Schritt zum Werden des nicht seienden Gottes, aber das Mineralreich ist fallen gelassen worden, der Kristall ist sein Ende, über das es nicht hinaus kann. Auch Pflanzen- und Tierreich sind abgeschlossen; wenigstens ist es unwahrscheinlich, daß die Gattung der Vögel einen göttlichen Phönix hervorbringen werde. Den Vorsprung hatten die Säugetiere, die in dem Menschen das Übertier ausgetragen haben und nun selbst im Animalischen weiterdämmern. Beim Menschen ist zum erstenmal das Ich, und in wenigen Exemplaren sogar das Selbst als bewußte Gestalt geglückt. In diesen beginnt das Göttliche zum erstenmal sich des Seins jenseits vom Werden und Vergehen, und zwar gerade im Gegensatz dazu, bewußt zu werden. Das sind die »Auserwählten«, doch dieser Wahl liegt keine grausame Bevorzugung vor den Verworfenen zugrunde. In jeder Kreatur will der Schöpfer zu sich selbst kommen, aber die meisten Kreaturen mißglücken noch derart, daß es nicht möglich ist, und gerade bei dem Menschen, dem Apparat, wo die Möglichkeit zum Aufnehmen der göttlichen Schwingungen prinzipiell vorhanden ist, kommen in der Ausführung die verhängnisvollsten Mißgriffe vor. Gerade weil der Mensch zum Höchsten fähig ist, nämlich ein reines Gefäß des Göttlichen zu sein, darum ist er dem höllischen Leid verfallen, solange er es nicht ist. Je näher er noch dem Tier steht, desto eher vermag er noch zeitweise in augenblicklicher Lust einen Ersatz zu finden, je näher er dem Durchbruch des göttlichen Bewußtseins ist, desto teuflischer seine Qual, so daß er in verzweifelten Augenblicken die dumpfe Lust des Tierischen zurückrufen möchte, die wir ja alle in der frühen Kindheit noch einmal geschmeckt haben. Niemand kann sagen, wer nur berufen, wer auserwählt ist. Aber allem Anschein nach liegt es so, daß die früheren Reiche (Mineral, Pflanze und Tier) aufgegeben sind. Unter den Menschen scheint es nur noch auf die gelbe und die weiße Rasse anzukommen, und auch bei ihnen nur auf eine gut geratene Minderheit. Diese Gutgeratenheit ist nicht menschlicher Art. Sie kann Krankheit und große Charakterfehler einschließen. Vielleicht sind gerade Schwächen dazu geeignet, das Menschliche schneller ad absurdum zu führen, und was menschlich ins Verderben führt, kann gerade das innere Auge öffnen. Die gute Rasse allein tut es nicht und noch weniger gute Begabung, aber gewisse Rassen-, Herzens- und Geistesmängel verursachen, wenn sie zusammentreffen, allzu große Verhärtungen und allzu haltlose Auflockerungen, die den Durchbruch unmöglich machen dürften. Nicht die trotzigen Verneiner sind die Hoffnungslosen, denn es gibt das Phänomen der Um- und Einkehr, des Pendelschwungs in die andere Richtung; viel schlimmer daran sind die, welche intellektuell alles zugeben können und im Grunde doch unverändert bleiben; weder die zu Heißen, noch die zu Kalten, weder die Hochmütigen, noch die Einfältigen, sondern die Lauen hat Gott ausgespien aus seinem Munde. Diese Abschweifung war nötig, um zu erklären, was es heißt, daß die Sonne das Göttliche, das Selbst des Menschen in seinem Horoskop bezeichnet. Das Göttliche verteilt sich nicht etwa unter die Kreatur in so und so viele Fragmente. Es ist vielmehr unbewußt in jeder ganz und ungeteilt vorhanden, aber in anderer Gestalt, gewissermaßen anders geschichtet, so wie sich in jeder Begattung; immer wieder das ganze Männliche und das ganze Weibliche einen, aber in immer wieder andersartigen Schnittflächen der entzweiten Substanz. Die Sonne ist in Feuerzeichen vor allem Kraft, in Luftzeichen Erkenntnis; in Wasserzeichen Gefühl, in Erdzeichen Stoff. In beweglichen Zeichen ist sie der Drang nach vorwärts, in festen Zeichen konzentrierte Kraft, im gewöhnlichen Zeichen wird sie ganz und gar Vibration. Natürlich ist immer die Hauptsache, wer der Herr des Zeichens ist, in dem sie steht. Ist es Merkur, so wird der Verstand, ist es Jupiter, wird die Intuition, ist es Mars, wird der Wille usw. von ihr hauptsächlich getragen, und dies wird nun wiederum gestützt oder gehemmt durch die guten und schlechten Aspekte anderer Planeten. Das Zeichen aber, in dem die Sonne steht, sowie dasjenige, welches sie durch ihr Zeichen Löwe beherrscht, geben die Lebensgebiete an, in denen sich die Sonnenwirkung besonders äußern wird. Man verfalle nun ja nicht auf die Oberflächlichkeit, aus der guten Stellung der Sonne oder überhaupt aus dem Horoskop ablesen zu wollen, ob jemand zu den Auserwählten gehört. Bekanntlich züchtigt Gott die, welche er lieb hat. Aus der Perspektive der Ewigkeit gelten plus und minus völlig gleich. Das Göttliche kann durchbrechen auf dem Gipfel der Freude wie im Abgrund der Traurigkeit. Wer aber bewußt »den Pfad« sucht, den kann sein Horoskop lehren, welche Pferde er im Stall hat, und wie er sie gebrauchen kann. An sich bedeutet die Sonne immer die Lebenskraft, die geistige Energie, auch das rein menschliche Selbstbewußtsein, Ruhm, hohe Stellung, hohe öffentliche Ämter, den Thron, Erfolg. Gut aspektiert macht sie ehrlich, loyal, großzügig, wahrhaft, offen, vertrauend, edel, würdig, strahlend, kühn, vornehm, entschlossen, charakterfest, überzeugend, kompetent, intuitiv. Sie ist Zentralwille, die Freiheit gegenüber dem bindenden Schicksal (Saturn), das Erhabene im Gegensatz zum Alltag (Mond). Eine schlecht bestrahlte Sonne stärkt das Unheil. Im Feld der Feinde macht sie diese mächtig, im Feld der Krankheit nährt sie das Übel. Bringt sie Unglück, dann besonders auf ihrem Gebiet: Unehre statt Ruhm, Mißlingen statt Erfolg. Sie macht hochmütig, despotisch, willkürlich, selbstsüchtig, überheblich. Von Menschen bedeutet sie den Vater, den Gatten, den Vorgesetzten. Ihr unterstehen Fürsten, Päpste, hohe Würdenträger, Paläste, öffentliche Gebäude, von den Metallen das Gold. Bei allen hier geschilderten Typen ist zu berücksichtigen, daß sie wohl niemals rein vorkommen. Immer kreuzen, verstärken und hemmen sie sich untereinander, aber oft hat einer in einem Menschen das unverkennbare Übergewicht. Der Löwe ist das Himmelszeichen, in dem die Sonne herrscht, d. h. in dem ihre Wirkung am reinsten zur Geltung kommt. Die körperlichen Eigenschaften, die dieses Zeichen verleiht: voller Körper, starke Knochen, gute Proportionen, rötliche Gesichtsfarbe, kurze, wie vorne abgebrochene Nase, weite Nasenflügel, feine, mehr lange, als runde Ohren, gelbliche Zähne, fleischiges Kinn, ein mittelgroßer, gut geformter Mund, ohne daß eine Lippe vorsteht, die Oberlippe an den Enden etwas sinkend, denn der Edle wird in dieser Welt immer etwas zur Melancholie neigen. Der Löwe stärkt Glaube, Liebe, Wille und ist jeder Vervollkommnung günstig. Er verleiht Lebenskraft und Macht, geistig oder weltlich. Wunsch und Bitte der unter dem Zeichen Man sollte sich auf folgende Ausdrucksweise einigen: man ist unter dem Zeichen geboren, das am Aszendenten steht, in dem Zeichen, worin sich die Sonne befindet. Löwe Geborenen, worunter man, wie bei allen Zeichen, bald die versteht, die in diesem Zeichen die Sonne, bald die, welche es am Aszendenten haben, wirken auf andere mehr oder weniger unwiderstehlich. Bei ihnen findet man nicht selten jene großzügige Naivität, die von Niedrigen oft ausgenutzt wird und von kritischen Köpfen zunächst nicht leicht verstanden wird, es sei denn, sie haben selber etwas davon hinter der Maske ihrer bewußt negativen Haltung. Der innere Mut der Überzeugung der unter diesem Zeichen Stehenden ist größer, als der rein körperliche. Der Löwe sucht den äußeren Kampf nicht, vermeidet ihn vielmehr gern. Unter dem Löwen Geborene sind leicht aufbrausend und meist ebenso leicht versöhnt, nicht nachtragend, aber Feinde alles Gemeinen und darum nicht mehr zugänglich, wenn sie sich von der Niedrigkeit eines andern überzeugt haben. Wenn sie sich rächen, dann nur, solange die erste Aufwallung dauert. Zeit gewinnen, heißt bei ihnen alles gewinnen. Ihr Selbst ist ebenso unverletzbar, wie die äußere Person bisweilen leicht zu erregen. Sie sind zu selbständig, um Cliquen anzugehören, dagegen sind sie oft Führer. Sie besitzen eine große Selbstbeherrschung, handeln aber doch auch immer wieder unter Gefühlseinflüssen, wo sie leichtgläubig die andern überschätzen. Erst die Erfahrung lehrt sie die Niedrigkeit der menschlichen Natur kennen. Ihre Entrüstung gilt dem tatsächlichen Unrecht. Dann strafen sie wie Götter. Sie werden sehr leicht mißverstanden. Immer erscheinen sie hochmütig und überheblich in den Augen derer, die unter ihnen stehen. Sie kennen keinen Neid, weil sie alle inneren und äußeren Werte, auch wenn sie diese selber nicht besitzen, als ihnen verwandt fühlen. Große äußere Verhältnisse erscheinen ihnen selbstverständlich und verwirren sie nicht. Ohne Ungezogenheit mit selbstverständlicher Gebärde nehmen sie den Stuhl, den man vergessen hat, ihnen anzubieten. Sie handeln, ohne um Erlaubnis zu fragen, »car tel est mon plaisir«. Ihre Sinnlichkeit ist stark, aber ihre Ausschweifung nie schmutzig. Sie lieben, ja, überschätzen leicht die eigene Familie. Die ungeheure Gefahr dieses scheinbar vor allen andern bevorzugten Typus liegt gerade in seiner Auszeichnung. Hier ruht das göttliche Selbst am dichtesten unter der Bewußtseinsschwelle. Darum vermag es das Ich so sehr mit Macht auszustatten, aber auch am leichtesten zu blenden. Schlechte Aspekte zur Sonne, die nicht durch gute aufgewogen wurden, vermögen in keinem Typus eher die menschliche Hybris zu erzeugen. Göttliche Gnade und Hilfe wird dann menschlichem Verdienst zugeschrieben. Stolz wird Hochmut, Macht wird Willkür, Selbstheit rücksichtsloser Egoismus, Zurückhaltung wird Feigheit, das Bewußtsein des eigenen Wertes entartet in Arroganz und Prahlerei, die Kraft der Instinkte erschöpft sich in wollüstiger Üppigkeit. Man erkennt hier die Laster der Könige und der Großen. Je höher einer äußerlich oder innerlich steht, desto tiefer kann er stürzen. Dieses Polaritätsverhältnis nennt man in ethischer Anwendung Gerechtigkeit. Dieselben schlechten Aspekte aber, die einem unter dem Löwen Geborenen sein königliches Wesen und Schicksal beschneiden, können ihn, wenn er erkennt, zur Einkehr bewegen, und nun wird gerade für den vollen Durchbruch zu göttlichem Bewußtsein dieselbe Grenze, die seinem »Löwenanteil« nach außen gezogen ist, zum Gewinn. Schlechte Aspekte treffen nur das Menschliche. Sie vermögen die Gestaltung der göttlichen Kraft zu hemmen, nicht diese Kraft selbst. Gerade dadurch aber, daß diese infolge eines schlechten Aspekts an eine Grenze anrennt, hat sie die Freiheit der Rückkehr, nun aber mit dem Gewinn der Selbsterkenntnis, die auch Gott nur durch seinen Abstieg in den Stoff möglich wird. Auch auf diesem Pfad wird der Löwe sich durch Mut, Unabhängigkeit, Festigkeit und Vertrauen auszeichnen. In Zeiten großer Kulturen sind die Gestalten der Götter in Religion und Kunst lebendig geworden, aber Gestalt ist vergänglich und kann daher nicht letzter Zweck der Schöpfung sein. Die Zeiten, in denen die Gestaltung verwirrt und zerbröckelt, heißen Verfallszeiten. Hier findet man Entartung der Menschen, aber immer zugleich Loslösung der Erkennenden vom Menschen überhaupt, dessen Schönheit verblaßt und darum seine Nichtigkeit durchschauen läßt. So folgen auf Zeiten der Schönheit, in denen ahnungslos Halbgötter auf Erden wandeln, Zeiten der Weisheit, in denen sich die Gottheit im Einzelnen erkennt. Die Schönheit wirkt in die Breite und darum sind die von ihr Geschmückten, die άριοτοι, die Aristokraten, weithin anerkannt, und der Pöbel beugt sich. Schickt sich die Schönheit zu sterben an, dann stürzt sich der Pöbel über ihre Trümmer und beschleunigt ihre Vernichtung. Die Weisheit aber ist ihm nicht zugänglich, sie wirkt in die Tiefe und in demokratischen Zeiten sind die άριοτοι unbekannt, aber ihr Gewinn ist groß: war die Schönheit die größte Vollendung des Göttlichen in der vergänglichen Gestalt, d. h. im Schein, so ist die Erkenntnis sein erster Schritt ins bewußte Sein, und damit beginnt das nicht mehr vergängliche, sondern ewige Reich des Heiligen Geistes. Das Menschliche verfällt demselben Schicksal, dem Mineral, Pflanze und Tier verfallen sind. Was es hervorzubringen vermochte, hat es geliefert: das Organ, durch welches das Göttliche sich in seiner Selbstheit bewußt werden kann. Es zieht sich heute merklich aus der uns bekannten Materie zurück, die es ihrem Mechanismus überläßt, so lange er noch laufen mag, denn noch nirgends ist es verweilt, nachdem seine Aufgabe erfüllt war. Die Menschheit ist ganz offensichtlich aufgegeben. Wem ein sogenanntes günstiges Horoskop das Leben in ihr leicht macht, gerade der ist der Erkenntnis dieser Dinge am wahrscheinlichsten verschlossen. Schlechte Aspekte lassen viel eher erfahren, wieviel die Weltuhr geschlagen hat. Die meisten werden es zwar überhören und mit ihrem Schicksal hadern, da sie den Wink nicht verstehen, der sie in die Geborgenheit des Innern weist. Aber viele möchten verstehen und werden heimlich verstehen, und darum wird vielleicht die Arche größer sein, als es scheint, welche die vom Licht getroffenen Reste der Menschheit zu dem neuen Ararat trägt, wo die leibhaftigen Götter wohnen werden, deren Seligkeit darin besteht, daß sie als erste Geschöpfe wissen, wer sie sind, in welcher Tiefe sie wurzeln, in welche Höhe sie ragen. Auch sie werden im Fleisch wandeln, denn, um zu sein, bedarf die Gottheit des Stoffes, aber Götter sind solche Wesen, deren Materie unter dem Drang des Göttlichen so entwickelt wurde, daß dieses nicht nur ausnahmsweise, wie beim Menschen, sondern immer durchscheint. Es handelt sich nicht länger darum, die Menschheit zu retten, und das ist es wohl, was heute einige Erkennende treibt, Geheimstes, von früheren Wissenden höchstens Angedeutetes laut und zum erstenmal in klarer Sprache auszusprechen, auf die Gefahr hin, daß die Unberufenen an dem ihnen gefährlichen Wissen zerbrechen. Ja, es scheint auf deren schnelle Zerstörung abgesehen. Ihre eigene Niedrigkeit und Verblendung vollzieht selber das. Gericht. Sie haben die Schönheit zerstört, nun stürzen sie sich auf die Erkenntnis, aber deren zugängliche, begriffliche Formen, niedergelegt in zahlloser, heiligen und profanen Büchern, sind ja nicht die Sache selbst, sondern nur Zeichen, die allein in den Auserwählten das in ihnen Vorhandene, aber noch Schlummernde, durch Erhebung ins Bewußtsein wirksam machen können. Es soll keine Tempelgeheimnisse mehr geben, alle Worte und Begriffe sind dem Gleichheit fordernden Pöbel ohne Bedenken auszuliefern, damit er an ihnen umkomme. Aus der Umkehr, die Wiedergeburt bezweckt, wird in seinen Klauen der Selbstmord der Revolution, aus der Liebe, welche das Göttliche meint, die Liebe zur Menschheit, die das Gemeine rechtfertigen will, wenn es nur Menschenantlitz trägt, aus der Freiheit der Besten die Willkür der Schlechtesten. Das Göttliche ist sich selbst heute im Einzelnen so weit bekannt, daß es ohne Gefahr vor die Hunde kommen kann. Mit proteischem Humor kehrt es sich dann sofort in den Hundegott um. Daemon est deus inversus. Entweihung, Profanierung gab es nur, solange Gott noch im Objekt steckte, wo er seines Lebens nie sicher war. Heute ist er gerettet. Behemot und der Dämon, dessen Name ist Legion, sind keine Widersacher mehr, vielmehr erkennt er sich selbst in allen diesen Masken. Ist er nicht in Babylon und Ägypten mit dem Hundskopf erschienen, weil er es selbst noch nicht besser verstand? Heute, wo er alles weiß, ist er Herr aller Formen und kann lächelnd als Maskerade mitmachen, was ihm einmal Ernst und später in seiner christlichen Gestalt Abscheu war. Wie vorhin gesagt, es gibt keine bewußt Auserwählten. Jede Kreatur ist ein Versuch, und was als Form (durch gute Konstellation) leidlich gelingt, ist vielleicht gerade dem bewußten Durchbruch des Göttlichen verschlossen. Wer sich aber öffnen will, dem vermag seine Nativität zu sagen, wo die Schwierigkeit, wo die Aussicht liegt. Ein ungünstiger Aspekt zur Sonne z.B. kann ihm verraten, wo er durch Leidenschaft (Mars) oder durch kalten Gegendruck (Saturn) fehlt, und falls es ihm gelingt, eine solche Konstellation bewußt anzuschauen (Intuition kommt von intueri = schauen), dann gelingt ihm vielleicht, dem Göttlichen in die Werkstatt zu blicken, wo es sein derzeitiges Ich sich bewegen hieß. Er wird dann dessen glückliche und unglückliche Dynamik als Fatum hinnehmen und eben dadurch eine göttliche Freiheit von und zu diesem Menschlichen gewinnen. Weder wird er es asketisch verneinen, sondern gerade so, wie es ist, bejahen, noch sich mit ihm identifizieren, d.h. glauben, durch Glücksfälle alles gewonnen, durch Unglücksfälle alles verloren zu haben. Vielmehr wird er merken, daß, von innen gesehen, alles stimmt, auch das, was, menschlich angeschaut, entschieden Mangel und Mißgeschick ist. Aber für das, was das Göttliche, d.h. mein Selbst mit diesem in meiner Nativität angezeigten Ich vorhat, gerade dafür sind alle nötigen Mittel vorhanden. Von hier aus wird gar nicht ausschließlich Glück, Erfolg, Reichtum, Gesundheit, Liebe in höchster Vollendung bezweckt, sondern wohl von alledem etwas, aber dazu such noch die Grenze, die dem Ganzen eben meine Art aufprägt, und wer nun von hier aus gerade dies, nämlich sich , auch bewußt will , den bedroht nichts Äußeres mehr, auch kein Gott; dem glückt, was er will, und er ist so ganz nebenher auch menschlich glücklich, eben weil dies nicht mehr Ziel ist. Als Ziel des Strebens muß das Glück mißlingen, denn isoliert ist es geradezu gegen den Willen Gottes. Das haben auch alle Religionen bemerkt und es dem Neid, dem Zorn oder gar der Liebe eines Gottes zugeschrieben, der Besseres mit uns vorhabe (richtig wäre: mit sich vorhabe). Aus den ethischen Auslegungen einer intuitiv stets treffend erkannten Tatsache sind alle diese Moralen, Opfertheorien, Bußübungen u. dgl. entstanden, die innerlich so wenig gefruchtet haben, aber zur Niederhaltung derer noch immer unentbehrlich sind, die nur dann sich im Morden, Stehlen und Verleumden mäßigen, wenn es verboten ist und bestraft wird. Dem Löwen gegenüber liegt Wassermann, darum ist die Sonne hier in ihrer Vernichtung, d.h. daß sie hier in ihrer Wirkung am meisten gehemmt ist. Dagegen ist ihre Wirkung nächst dem Löwen am meisten dem feurigen Marszeichen Widder verwandt. Darum ist sie hier erhöht, d.h. besonders stark, aber durch den Charakter des Widders (siehe diesen) modifiziert. Dem Widder gegenüber liegt das Venuszeichen Waage. Hier ist daher die Sonne in ihrem Fall, d.h. beeinträchtigt. Nun ist die Sonne ja in ihrem Grunde allen Planeten verwandt, da jeder von ihr sein Licht erhält, und darum ist ihr Einfluß in keinem Zeichen schlecht. In Wassermann und Waage ist er nur geschwächt, und das wird sich vor allem in einer herabgesetzten Lebenskraft äußern (was aber durch einen guten Mond oder Aszendenten oder gute Aspekte mehr oder weniger aufgewogen sein kann). Dagegen verstärkt die Sonne auch hier die Eigenschaften der Zeichen, in denen sie steht, und gibt ihnen Glanz. Saturn, Steinbock, Wassermann, Uranus. Gott schuf das Licht (Geist) und die Finsternis (Stoff). Der Gegenpol zur strahlenden Sonne ist der finstere Saturn. In ihr verkörpert sich die, Schöpferkraft, in jenem die von ihr abgetrennte Gegenkraft, der Widerstand, den die Idee braucht, die Materie, der sie ihre Form aufprägt. Das Göttliche vermag – es kann nicht oft genug gesagt werden – ohne Materie nicht zu erscheinen. Es muß zunächst seinen schmerzlichen Gegensatz schaffen, ein Ungöttliches, an dem es sichtbar wird, einen zähen ihm widerstrebenden Rohstoff. »Und er sprach das Wort: Es werde! Da erklang ein schmerzlich Ach, Als das All mit Machtgebärde In die Wirklichkeiten brach. Auf tat sich das Licht, so trennte Scheu sich Finsternis von ihm, Und sogleich die Elemente Scheidend auseinanderfliehn. Rasch, in wilden, wüsten Träumen Jedes nach der Weite rang, Starr, in ungemeßnen Räumen Ohne Sehnsucht, ohne Klang.« (Goethe, Westöstlicher Diwan.) Das ist Saturn, der Vater der Hindernisse, über die der Schöpfer immer wieder durch seine Werke triumphiert; aber diese Werke sind nicht ewig gedacht. Über sie triumphiert immer wieder Saturn,, der Vernichter, der alle Formen, als seine Kinder, verschlingt. Bei den Griechen heißt er Chronos = die Zeit (tempus edax rerum), in der die in der Ewigkeit zeitlosen Ideen kurze Dauer gewinnen in Formen, die wieder vergehen. Saturn herrschte vor der heiteren Weisheit des Zeus. Die Alten verehrten in ihm den ältesten der Götter, den Schöpfer der stofflichen Welt, vor dem nichts war. Die; Ewigkeit ist im Gegensatz zu dem populären Glauben nicht Zeit ohne Ende, sondern überhaupt nicht Zeit, weder Dauer noch Nichtdauer. Durch Saturn erscheinen erst Dauer und Vergänglichkeit als die Pole der Zeit im Stoff, und so ist Saturn zugleich der Herr der Vernichtung und des Dauernden, alles Alten, Ehrwürdigen, Geschichtlichen, der chronischen Leiden, der zähen ausdauernden Charaktere, alles Harten, des Mineralreichs, der Kristallisierungsprozesse, der Knochen, der Zähne, der krankhaften Verhärtungen im Körper, der Verkalkung, des Erstarrten, der eigensinnigen, rechthaberischen Naturen, aller langsamen Zerstörungen, der Verwitterung, des Zufalls. Er ist Herr alles Sonnenfremden, des Dunkels, der Traurigkeit, der schweren Melancholien und Depressionen, aber auch der tiefen Betrachtung und Erkenntnis des Weltzusammenhangs. Ein wahrer Philosoph ist ohne einen starken Saturn gar nicht denkbar. Aber Saturn ist auch die Grenze des Lichtes, dessen Wirkung er beschränkt: Borniertheit, Armut, Enge, niedrige Lebensverhältnisse sind je nach Aspekten und Häusern ebenfalls seine Gaben. Man wird nach alledem verstehen, daß die Aspekte zwischen Sonne und Saturn die wichtigsten sind, wenigstens in einem männlichen Horoskop (bei der Frau ist der Mond wichtiger als die Sonne). Nichts vermag die gute Wirkung des Saturn mächtiger hervorzubringen als gute Aspekte mit den Lichtern. Dann wird die Begrenzung des schaffenden Geistes durch den Stoff nicht schmerzlich verspürt. Unbefangenes Zupacken, Furchtlosigkeit, Ausdauer, Fleiß, Unermüdlichkeit und Erfolg sind die Wirkung. Solchen Menschen wird das Leben an sich nicht zum Problem (außer dies geschieht durch andere Konstellationen), ohne daß sie deshalb oberflächlich würden. Dazu gibt Saturn zuviel Ernst. Nie verleiht er seine Gaben mühelos, aber bei guter Aspektierung wird das Leben nicht als schwere Last, sondern wie ein gutsitzender Rucksack getragen. Stehen Saturn und Sonne schlecht, so wird der kosmische Gegensatz der zwei Gestirne zur individuellen Problematik. Hier hängt nun alles davon ab, welches von beiden Gestirnen stärker ist nach Zeichen, Haus und Aspekten, und vor allem welcher Qualität die beiden Gestirne sind, abgesehen von ihrer gegenseitigen Bestrahlung. Ist Saturn stärker, so werden seine Eigenschaften das Licht besiegen, aber nun fragt sich's, ob es dem Zeichen nach ein edler oder gemeiner Saturn ist, und ob er nicht etwa Hilfe von anderen Planeten erhält oder gar auch von solchen, noch Verletzungen empfängt. Je nach diesen Umständen, werden Verzweiflung, Zusammenbruch, Starrsinn von der verhältnismäßig harmlosen Pedanterie bis zum Verbrechen, Egoismus, Herzenskälte, Krankheit (besonders infolge gestörter Blutzirkulation und mangelnder Wärme) die Folge sein. In dem Maß nun, als die Sonne Kraft hat, und Saturn durch ein günstiges Zeichen oder Aspekte gestützt wird, verbessern sich diese Möglichkeiten, und schließlich dient dem Erkennenden ein schlechter Aspekt des Saturn mit einem Licht gerade dazu, die Welttragik als die Polarität von Licht und Finsternis, von unendlichen! Geist und begrenzendem Stoff, besonders tief als sein eigenes Problem zu erfassen und nun aus göttlicher Erkenntnis zu beherrschen, gleichwie es die unter gutem Saturnaspekt Geborenen unbewußt tun. So bestätigt sich das Wort des Meisters Eckehart, daß Leid das schnellste Pferd ist, das zur Erkenntnis führt. Wie sollte auch der hinter das Weltgeheimnis kommen, dem ein zu »günstiges« Geschick es immer wieder verbirgt? Die meisten werden das angenehmer finden und lieber glücklich als auserwählt sein wollen, und sind infolgedessen weder das eine noch das andere. Die im folgenden aufgezählten Eigenschaften des Saturn sind sehr widerspruchsvoll. Steht er in günstigem Zeichen, besonders im Wassermann oder in der Waage, kehrt er von vornherein seine gute, wenn auch stets ernste, schicksalhafte Seite heraus, denn er bleibt das Fatum, die Grenze. Ungünstige Aspekte werden, wie ungünstige Zeichen, mit Unheil drohen, während günstige einen ihrem Zeichen nach schlechten Saturn mildern. Hier heißt es für den Astrologen kombinieren nach dem Charakter der Zeichen, Felder und aspektierenden Planeten. Ein guter Saturn macht vorsichtig, geduldig, einfach, exakt, zuverlässig, arbeitsam, verantwortlich, konzentriert, pünktlich, besonnen, sparsam, nachdenklich, gehalten. Er gibt Erfahrung, Kraft, dem Chaos der Dinge zu widerstehen. Er ist das negative Zentrum des Selbstbewußtseins (im Gegensatz zur positiven Selbstheit der Sonne) und darum auch des materiellen Elgoismus. Er macht ernste Gelehrte, Philosophen, Theologen, Mathematiker, Einsiedler, Mönche und beherrscht alle die Berufe, die mit der harten Materie, besonders dem Boden zu tun haben oder im Dunkel arbeiten: Ackerbauer, Metallarbeiter, Töpfer, Bergleute, Kanalarbeiter, im Verein mit Venus (Kunst) die Bildhauer und Architekten. Auch die schmutzigen und unheimlichen Gewerbe beherrscht Saturn: Gerber, Färber, Kaminkehrer, Schuster, Gassenkehrer, die Totengräber, Scharfrichter, Küster, Bettler. Auch ernste Würden, verantwortungsvolle Posten (das Gegenteil von Sinekuren), ja, Reichtum besonders an Grund und Bodenschätzen vermag er zu geben. In höchster Entfaltung ist er der Durchschauer des Scheins der Dinge. Er ist der große Prüfer. Nur was seiner Vernichtungsarbeit entkommt, d. h. was nicht durch die Materie besiegt wird, ist ewig. Er ist der »Hüter der Schwelle«. Erst muß die Lektion des Lebens gelernt, d. h. der Sinn des scheinbar unsinnigen Daseins erkannt sein, ehe er Einlaß gewährt. Dann erst legt er die Maske des Übeltäters gänzlich ab und wird zum Einweiher in die Wahrheit. Ehe der Schein der Materie durchschaut wird, ist Saturn der Vater der Lüge, Feind und Verführer des Wahrheitssuchers. Mephisto überredet Faust (mit Hilfe starker Merkurkünste), sich doch mit dem Endlichen, der Materie, zu begnügen. Saturn ist der Vater aller materialistischen Irrtümer des Kopfes und des Gefühls. Er spiegelt vor, das Leben sei »nichts als« Materie. Er will alles begrenzen, alles relativ machen, so daß er selber, die Materie, die Verneinung, als das absolute erscheint. Hat man aber diese Täuschung durchschaut (und dazu gehört Erfahrung und Leid), dann wird er selber, die Materie und die Zeit, relativ, und besiegt gesteht er die Wahrheit. Die heutige Wissenschaft, welche die Materie in Bewegung auflöst und mit neu entdeckten Strahlen durchdringt, ist auf bestem Wege, ihre saturnische Blendung aufzugeben und sich in das Bereich des Uranus (siehe diesen) zu begeben. Je ernster die Materie genommen wird, desto mächtiger ist sie. Alles Unheil kommt von ihrer Übermacht. Gehorcht sie, so wird sie furchtbar, sich dem Geist anschmiegender Rohstoff; erlangt sie die Oberhand, dann ist sie Hemmung, Unglück. So bringt Saturn Armut, Knechtschaft, Deklassierung, Mißerfolg, geheime Feindschaften, Entehrung, Gefangenschaft, Verkennung, Tod im Elend, auch durch Fall, Erstickung, Quetschung, Einsturz, Ertrinken, Schiffbruch. Er beherrscht die unterirdischen Orte, Minen, Brunnen, Kloaken, Latrinen und einsame Gegenden wie Friedhöfe, Wüsten. Er gibt den niederen, erdgebundenen Geist, das starre, zu sehr an Konvention oder Doktrin hängende, reaktionäre oder fanatische Denken ohne Freiheit und Vornehmheit. Er macht obskur, verächtlich, erpresserisch, langweilig. Neid, Furcht, Verzweiflung, Trauer, Mißtrauen, Bosheit, Eifersucht, Schwerfälligkeit, schmutzige Sinnlichkeit, Perversität, zerstörende Skepsis, Gefühllosigkeit, Herzenskälte, Ungerechtigkeit, Beschränktheit, Inkompetenz, Unehrlichkeit, Einmischungssucht, Ohnmacht, Impotenz, Unentschlossenheit, Mißlaune, Habsucht, Käuflichkeit, Haß, Unfruchtbarkeit, revolutionären, sowie despotischen Geist, alles dies gibt ein schlechter Saturn in Abhängigkeit von seiner Konstellierung durch Zeichen oder Aspekte, die je nach ihrer Art seine verschiedenen Eigenschaften hervorlocken. Eine ungünstige Venus wird hier zur Obszönität, eine günstige zur Treue, Merkur je nachdem zum Betrug oder zur Erkenntnis, Jupiter zur Heuchelei oder ernsten Frömmigkeit, Mars zur Gewalt oder Selbstbeherrschung führen, aber dies alles immer ausgewogen durch die übrigen Konstellationen eines Horoskops. Ein Aspekt allein genommen sagt dem Astrologen ganz und gar nichts Endgültiges, so wenig wie dem Arzt ein einzelnes Symptom. Von Menschen beherrscht Saturn die Vorfahren, besonders die Großeltern, überhaupt alte Leute. Äußerlich gibt er tiefliegende Augen, dunkles Haar, schlechte Zähne, ein knochiges, großes Kinn ohne Einschnitt unter der Unterlippe (das Habsburgische Kinn ist typisch saturnisch), hohle Wangen. Von Metallen beherrscht er das Blei, von Farben alle düsteren und schmutzigen. Im Zeichen Steinbock herrscht Saturn. Als Erdzeichen stellt es sein Element dar, aber als bewegliches Zeichen befreit es ihn aus seiner Starrheit. So ist der Steinbock das wirksamste Medium der saturnischen Substanz. Es ist das Zeichen mühsamer Arbeit, zähen Ehrgeizes nach Macht und Autorität in irdischen Dingen, und bei guter Stellung und Bestrahlung können hohe Stufen erreicht werden. Nicht wenige Staatsmänner haben dies Zeichen im Aszendenten oder M. C. Der letzte Fall ist gefährlicher, da saturnische Einflüsse im X. Feld fast immer auch Sturz bringen. Kommt jedoch einem (infolge seiner Sonne oder seines Aszendenten) unter dem Steinbock Geborenen im X. Feld ein Wohltäter zu Hilfe, so vereinen sich unermüdliches Ausharren und Glück zu den dauerhaftesten Erfolgen; aber man darf nie vergessen, daß Saturn selber die Tiefe ist, die sich freilich erlösen möchte durch die Erkenntnis, daß sie ja nur scheinbar, damit Schöpfung möglich sei, ungöttlich, daß sie in Wahrheit nur der Gegenpol der Höhe, negative Höhe, Licht mit umgekehrtem Vorzeichen ist. Im Zeichen Steinbock jedoch finden wir Saturn noch nicht zu dieser Erkenntnis reif, hier müht er sich noch mit der Kraft der Titanen, die Last des Stoffes mit stofflichen Kräften zu überwinden, was ihm auf diesem Weg ohne Hilfe der lichten Götter nicht gelingen kann. Wird ihm aber diese durch gute Aspekte zuteil, dann steuert der von ihm Beeinflußte die ganze elementare Gewalt des Stoffes zum Werke bei und gewinnt die Tugenden der unermüdlichen Ausdauer und Geduld. Ihn schreckt ja der Stoff nicht, und er erträgt seine, dem Menschen feindlichste, widerwärtigste Form. So besiegt er Härte, Verwirrung, Schmutz und jede »Tücke des Objekts« leichter, als irgendein anderer. Ihn locken gerade die schweren Aufgaben. In der Tiefe ist er Schwerarbeiter, auf der Höhe reizen ihn die mühsamsten Probleme der Wissenschaft. Sein Selbstvertrauen kommt ihm aus dem Bewußtsein seiner Verwandtschaft mit dem Stoff und dessen Hindernissen, wodurch das Leben problematisch wird. Er weiß von vornherein, daß der Mensch nicht zum Vergnügen auf der Welt ist und kann daher die Süßigkeiten des Daseins leichter entbehren, als andere. Bisweilen leuchtet jedoch durch seine Finsternis der Goldblick des Humors. In der Tat, wie lächerlich müssen ihm die Oberflächlichen und Leichtfertigen erscheinen! Sehr oft hat dieser Humor eine zynische Note. Erreicht der unter Steinbock Geborene die Höhe, so liebt er oft sehr den Prunk in seiner Umgebung, aber nicht an seiner Person. Nichts ist dafür charakteristischer als die Haltung Napoleons I., der den Mond im Steinbock hat und den Saturn nicht weit vom M. C. Er selber blieb zeitlebens der unscheinbare, kleine Korporal, aber sein Hof und seine Generäle sollten Glanz entfalten. Mag der vom Steinbock Beeinflußte erreichen, was er will, ein gewisser Materialismus wird ihm stets anhaften, obwohl er Idealist sein kann, aber auch sein Idealismus wird stets stoffgebunden sein. Diese Bindung ist häufig negativer Natur. Alle wahren Asketen stehen unter Saturn. Ihr Drang, den Stoff zu überwinden, was in Wirklichkeit nur durch das Erschauen seines Sinnes möglich ist, führt sie zu dem Gewaltmittel der Unterdrückung. Die Erotik des reinen Saturniers ist unfrei, entweder gehemmt oder gemein; aber ein guter saturnischer Einschlag in der Erotik gibt Treue, Anhänglichkeit, Opferfähigkeit. Auch die faunische, panische Erotik hat durch ihre Verfallenheit an den Stoff einen saturnischen Einschlag, aber ihr Wesen wird von Venus und Mars bestimmt. Das höchste Symbol des Steinbocks ist der Sämann, der immer wieder, über die Erde gebeugt, ihr den Samen anvertraut und dadurch den Stoff zwingt, alles das zu geben, was er hat. So ist er immer wieder der Zukunft zugewendet und in all seiner Dunkelheit doch auch Optimist, aber ein aussichtsloser, denn eine Erde, auf der ein Bauerngeschlecht auf das andere folgte, immer wieder Samenkörner der Tiefe anvertrauend, die immer wieder dieselbe Frucht trügen, wäre sinnlos. Ziel der Gottheit ist, sich aus der Verstofflichung in ein bewußtes, den Stoff spielend beherrschendes Sein zu erlösen, und dazu macht der Steinbock nur den ersten Schritt. Mehr als die Gipfel der Erde vermag er nicht zu erreichen; auch hier bleiben seine Sohlen an den Staub gebunden. Das niedrigste Symbol des Saturn ist der Geizige, der die Materie gänzlich erstarren läßt, indem er sie auf einen einzigen Stoff, den, der die materiellsten Werte im kleiner, Raum zusammenfaßt, auf das Geld reduziert. Hier ist das Erlösungsbedürfnis Saturns, alle seine emportreibende Kraft erstorben. Der sinn- und ziellosen Entwicklung hemmungsloser Geister setzt der Steinbocktypus den Wert der geschichtlichen Vergangenheit, der Überlieferung, der Autorität gegenüber, denn Entwicklung ist unmöglich ohne Anknüpfung an sie. So finden wir ihn oft als Freund von Altertümern. In der Kindheit ist er meist schwach und erreicht oft nicht die Reife. Die ersten Jahre sind seine schlechteste Periode. Hat er aber die gefährliche Zeit überwunden, so besitzt er die größte Aussicht auf ein hohes Alter, in dem sein Wesen patriarchalisch wird und den Höhepunkt erreicht. Dann wird er milde und liebt, als Gegensatz zu sich selber, heitere, freundliche Gesellschaft. Wenig kennt er eine Kameradschaft auf gleich und gleich, entweder sucht er Schutz bei Höheren, oder er gewährt ihn Schwächeren. Bei seinen Mitmenschen interessiert ihn bis zur Neugier alles, was Geburt, Ehe, Tod betrifft und zwar von der stofflichen Seite her. Diese Gebundenheit an das Stoffliche gibt natürlich eine große Einseitigkeit, die oft zu zäher, unbelehrbarer Selbsttäuschung über die Prinzipien und den Wert der an sich richtig erkannten Tatsachen führt. Überhaupt ist nirgends die Grenze zwischen guten und schlechten Wirkungen so fließend wie bei Saturn. Der Verehrer der geschichtlichen Überlieferung erstarrt leicht in den Vorurteilen der Konvention, der Ehrgeiz schlägt in ruhelose, lauernde Unzufriedenheit um, das Religiöse wird zur Bigotterie und Aberglaube, Tiefe wird zu Enge, Eifer zu Skrupellosigkeit, Streben zu Servilität erniedrigt, die Fähigkeit zu geduldiger Unterordnung entartet in Sklavensinn, Ordnung in Pedanterie und Kleinigkeitskrämerei, Würde in jene dumme Feierlichkeit, die man recht oft bei kleinen Leuten findet, deren Aufstreben nicht erfolglos gewesen ist. Die äußere Gestalt des Steinbocktypus ist, falls nicht andere Einflüsse dazukommen, kaum mittelgroß. Sein Bart ist dünn und schlecht gewachsen, oft ist er geißbärtig, Haar und Augen sind dunkel, die Gesichtsfarbe ist blaß, der Blick kalt, die Nase lang, dünn, scharf geschnitten, aufwärtsgerichtet, die Nasenflügel sind eng. Die Ohren sind groß, sitzen tief und stehen etwas ab. Nicht selten sind sie spitz wie bei einem Satyr. Der Mund ist weit und dünn, die Unterlippe steht oft etwas vor. Der Hals ist dünn, die Knie sind schwach, was einen schlechten Gang bewirkt. Die Haut ist trocken und ungenügend durchblutet. Die echte Steinbockgestalt erinnert an einen Gnomen. War der Steinbock das Nachtfeld des Saturn, so ist das Zeichen Wassermann sein Tagfeld. Hier erreicht Saturn die Höhe der ihn von seiner Erdbefangenheit erlösenden Kenntnis. Der Wassermann ist ein Luftzeichen, aber dynamisch gehört er zur Kategorie fest, und dadurch bleibt der Erlösungsdrang beherrscht, ohne Gefahr, sich ins Leere zu verlieren. Half die Beweglichkeit des Erdzeichens Steinbock dem Saturnier in die Höhe, so hält ihn die Festigkeit des Luftzeichens Wassermann bei all seiner Erkenntnis noch in der Atmosphäre der Erde. Mit Ausnahme der beiden Merkurzeichen Zwillinge und Jungfrau ist der Wassermann das einzige Zeichen, das nicht durch ein Tier dargestellt wird, sondern durch einen Menschen. Der Wassermann ist der Mensch selber in seiner äußersten Entwicklung als Herr des Stoffes; er zeigt die höchste Stufe der Erkenntnis an, die er aus eigener Kraft erreichen kann, die sich aber inhaltlich deckt mit der göttlichen Weisheit des Jupiter. Diese kommt dem mühevoll Emporsteigenden von oben entgegen, während Jupiter sie seinen Kindern mühelos mitgibt. So ist der Wassermann die von den Göttern unabhängige Individualität, aber nicht in prometheischem Aufruhr gegen sie – Prometheus hat vielmehr Züge vom Steinbock –, der ja doch mißglücken muß und in noch härterer Fesselung endigt am kaukasischen Fels. Der Wassermann ist vielmehr der Mensch, der durch das Wissen vom Guten und Bösen den Göttern gleich geworden ist. Er braucht ihnen nicht länger zu trotzen, und sie haben keinen Grund, ihn zu strafen, denn er ist ihres Gesetzes inne geworden und will selber nichts anderes als sie. Kein Gott im brennenden Dornbusch hat ihm dies offenbart, kein priesterlicher Kult, kein äußeres Gesetz, sondern das eigene Innere. Er ist jenseits von Kirche und Ketzerei, nicht katholisch noch protestantisch, nicht Sklave und nicht Empörer, sondern Gott selber, bewußt geworden im Stoff. Non sit alterius, qui suus esse potest. Er pocht nicht auf menschliche Kenntnisse und praktisches Können, nicht auf das Stückwerk der armseligen Wissenschaft, des ichhaften Verstandes, was alles dem Merkur untersteht, sondern er ist der Idee der Welt inne geworden im Schauen der einsamen Meditation, der die Gnade schließlich antworten muß. »Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn.« Nichts ist ihm ferner als Weltverbesserung, die ja immer wieder in den Stoff verstricken, die Täuschung verlängern würde, das Menschliche habe absoluten Wert. Selbstverbesserung ist sein einziges Ziel, und dadurch wird er der wahre Menschenfreund, der Überwinder der eigenen Ichheit im Selbst. Nichts Menschliches wähnt er sich fremd. Was aber von außen gesehen als menschliches Verstehen erscheint, ist von innen Menschenverachtung. Gleich dem Löwen muß sich Wassermann vor der Klippe des Hochmuts hüten, eine Gefahr, die ihm auf keinen Fall erspart bleibt. So gibt das Zeichen Wassermann hohe Originalität, Erleuchtung, Konzentration und eine Neigung zu Einsamkeit und heiterer Askese ohne unreine Qual, so wie sie Vorbedingung ist zu jedem magischen Werk, ob es nach innen oder außen zielt. Er macht visionär und verleiht häufig eine kombinierte künstlerisch-wissenschaftliche Begabung. Unter dem Wassermann Geborene sind bei guter Konstellierung Wahrheitssucher ohne Schwärmerei, standhaft, gutmütig, liebenswürdig, glücklich und trotz ihrer Liebe zur Einsamkeit keineswegs ungesellig, vielmehr ausgezeichnete Freunde, aber nur von wenigen, auf die sie großen psychischen Einfluß haben. Sie zeigen ein gerechtes, gütiges Verständnis für alle Menschlichkeiten, über die sie oft selbst erhaben sind. Da sie den Stoff nicht fürchten, sind sie oft handfertig. Ihr Grundzug ist geistige Freiheit, die sie aber nur sehr langsam nach vielen Erfahrungen zu entwickeln vermögen. Trotz der großen Faszination, die sie oft ausüben, schauen sie zu tief, um vielen zu gefallen. Sie sind nie populär, den meisten etwas unheimlich, da sie selten verstanden werden. Sie haben keinen »Marktwert«, aber um so mehr »Liebhaberwert«. Oft sind ihnen exklusive Zirkel leicht zugänglich; diejenigen, wo grundsätzlich jeder beitreten kann, stoßen sie instinktiv aus. Ihre Illusionslosigkeit erschreckt und wird für Zynismus genommen. Da ihnen menschliche Ideale nicht viel bedeuten, sind sie oft wenig aktiv, aber nicht aus Trägheit; im Gegenteil: ihr Herr, Saturn, gibt ihnen Ausdauer und Fleiß, wo es ihnen der Mühe wert scheint. Sie sehen in allen menschlichen Bestrebungen stets zugleich den Gegenpol, und das läßt sie erkennen, daß jedes menschliche Wollen, als Programm gefaßt, unrecht hat. Daher erscheinen sie unzuverlässig, als Leute, an die man sich nicht halten kann, »kein Fisch und kein Fleisch«. Seltener als irgendein Typus kommt der Wassermann zur vollen Entwicklung. Dann aber wird er Herr seines Schicksals, das ihm nicht mehr »passiert«, das er vielmehr erlebt und zwar als Spiegel, als sein eigenes Inneres, von außen angeschaut. Bei ungünstiger Konstellation gehören dem Wassermannnzeichen die gefährlichsten Menschen an, schwarze Magier, d. h. solche, die höhere Kräfte in sich durchbrechen fühlen, denen sie aber weder durch Erkenntnis, noch durch moralische Entwicklung gewachsen sind. Wohl erheben auch sie sich erkennend über den Stoff, aber sie finden nicht den Einklang mit dem Weltgesetz (Jupiter), und so fallen sie um so tiefer zurück. Sie sind es, die der leibhaftige Teufel holt wie den Doktor Faustus im Puppenspiel. Sie wollen mit ihren Kräften die Materie unmittelbar beeinflussen, also nichts Geringeres, als das Naturgesetz aufheben, statt es zu durchschauen und in seinem Sinne zu herrschen. Die Natur aber erlaubt auf die Dauer weder Despoten noch Revolutionäre, sondern macht die zu Machthabern, die ihre Verfassung beschworen haben. Die Laster des Wassermanns sind Hochmut, Einbildung, Sophistik, Betrug, geistige und auch ganz niedere Hochstapelei. Schlechte Wassermanntypen sind leer an Substanz, meinen alles mit Tricks machen zu können, vermögen auch damit eine Zeitlang zu faszinieren und endigen in seelischen Verwirrungen, die den Psychiatern die größten Rätsel aufgeben, da sie nicht wissen, was Besessenheit ist. Bei anderen Typen ist der Materialismus eine mehr oder weniger harmlose Dummheit, beim Wassermanntypus wird er dämonisch. Die meisten der öffentliche Vorstellungen gebenden Hypnotiseure, Magnetiseure, Gedankenleser, Telepathen usw. gehören hierher. Die gesamte Welt des Kino und der von ihm Besessenen dürfte stark unter Wassermann stehen. Äußerlich verleiht dieser Typus eine Schönheit geistig verfeinerter Art. Er gibt gute Mittelgestalt, ein langes Gesicht, Augen von rätselhafter blauer Tiefe, die man schwer vergißt, blondes oder hellbraunes Haar. Die Größe des Mundes wird oft beim Lächeln sichtbar, das alle Zähne, aber nicht in unschöner Weise das Zahnfleisch entblößt. Das Kinn ist lang, meist fein geschnitten. Im ersten Buch war die Rede von der sogenannten Präzession des Frühlingspunktes, wodurch die Tierkreiszeichen nicht mehr mit den Sternbildern zusammenfallen, nach denen sie heißen. Der erste Grad Widder liegt zurzeit im Sternbild der Fische. Man hat diese Bewegung mit dem Wandel der Religionen in Zusammenhang gebracht. Tatsächlich befindet sich der Frühlingspunkt ungefähr seit Beginn der christlichen Ära in den Fischen. Der Fisch ist das Symbol Christi und ihm gegenüber liegt die »Jungfrau«. In den dem Christentum vorausgehenden 2000 Jahren war der Frühlingspunkt im Zeichen des Widders, des alten jüdischen Osterlammes; ihm gegenüber liegt die Waage, das Symbol Jehovas. Vor der jüdischen liegt die ägyptische Zeit. Der Frühlingspunkt war im Stier, dem gegenüber der Skorpion (die Schlange) liegt. Man erkennt die 2 Symbole des Apiskultes. Die Zwillinge sollen der persischen Dualitätslehre, ihnen gegenüber der Zentaur (Schütze) vermutlich dem alten vorderasiatischen Heidentum entsprechen, dessen Götter Tier- und Menschheit in einer Gestalt umfaßten. Das Mondzeichen Krebs – die Fruchtbarkeit der Materie – entspricht den indischen vielgliedrigen, vielköpfigen, stofflichen Göttern, die sich, gleich dem gegenüberliegenden Zeichen Steinbock, mühsam der Materie entringen. Nun aber liegt dem Löwen gegenüber der Wassermann, in den der Frühlingspunkt im nächsten Jahrtausend tritt. Dann wird vielleicht die Religion des Gottmenschen kommen, auf den schon unsere neuesten Ahnungen hindeuten (während die sogenannten Humanitätsideen nur leblose Abfälle des ersterbenden Christentums sind). Mit dem Wassermann aber wäre der Tierkreis durchlaufen. und der Sinn der Schöpfung erfüllt. Gott hat Sein gewonnen und wandelt im Stoff. Saturn ist also im Wassermann und Steinbock erhöht, denselben Zeichen, in denen Sonne und Mond vernichtet sind. Dagegen ist er vernichtet in den gegenüberliegenden Zeichen Löwe und Krebs, wo die beiden Lichter erhöht sind. Löwe ist ein Feuer-, Krebs ein Wasserzeichen. Auch in den anderen Zeichen dieser beiden Elemente entwickelt Saturn seine üblen Seiten, und zwar gefärbt durch Eigenschaften des betreffenden Zeichens, mit denen er eine Mischung eingeht. Das kann große Kräfte, aber auch große Laster ergeben. In den Feuerzeichen, die stets ein großes Machtbewußtsein verleihen, wird durch Saturn die Macht böse, das Herz verhärtet, in den Wasserzeichen, die eine starke Triebhaftigkeit geben, wird Saturn durch Stoffgebundenheit leicht gemein und zügellos. Die Erde ist sein Element, aber nur das bewegliche Erdzeichen Steinbock ist ihm förderlich. Im festen Erdzeichen Stier begünstigt er zu sehr dessen plumpe stoffliche Schwerfälligkeit und Enge, in der Jungfrau (siehe diese), die ohnehin stark zu Egoismus neigt, alle schlechten Seiten dieses Merkurzeichens. Günstig für ihn sind daher nur die stoffentbundenen Luftzeichen. Dem substanzlosesten aller Zeichen, Zwillinge, gibt er Festigkeit und in dem Venuszeichen Waage ist er erhöht. Hier verliert er, wie Wassermann, alle Schwere, gibt vielmehr diesem beweglichen Luftzeichen ein heilsames Gewicht. Der Waage gegenüber, im Widder, ist Saturn in seinem Fall und verbindet seine schlechten Seiten, aber auch seine Kräfte, mit denen des Mars. Die Beobachtung zwingt dazu, den kurz vor der französischen Revolution entdeckten Planeten Uranus, von dem schon im ersten Kapitel die Rede war, in Beziehung mit dem Wassermann zu bringen. Die neuere Astrologie erblickt in ihm den Mitherrscher dieses Zeichens neben Saturn. Sein Wesen ist noch nicht annähernd so erforscht, wie das der alten Planeten. Manche nennen ihn die höhere Oktave des Merkur auf einer oberen Erkenntnisstufe. Tatsächlich ist er ein Versteher von Zusammenhängen, die dem ganz und gar menschlichen Merkur nicht zugänglich sind, gleichzeitig hat er eigene Substanzfülle, die diesem abgeht. In der Plötzlichkeit seiner Wirkung gleicht er dem Mars, aber diese ist niemals Episode, sondern immer Schicksalswende, und darum ist er Saturn verwandt. Er zerstört schneller als dieser, baut aber oft auch mit zauberhafter Schnelle wieder auf, und zwar ebenso unverhofft und in den Mitteln überraschend, wie er vernichtet hat. Er ist das neue Leben, das Ruinen zur Voraussetzung hat, das unsterbliche »Stirb und Werde« aller geheimnisvollen Wandlung. So ist jeder Tod nur die Kehrseite eines andern Lebens, und damit führt Uranus bereits über die Grenzen des Menschlichen hinaus. Wer dies noch nicht zu begreifen vermag, für den ist Uranus vorliegend Zerstörer, eine Kombination von Mars- und Saturnwirkungen, für den Verstehenden ist er dagegen ein Erlöser, freilich mit unsanfter Hand. Uranus kann plötzliche Verarmung und plötzlichen Reichtum bringen. Am gefährlichsten ist er als Entfremder im Verhältnis der Geschlechter. Im Haus (Ehe) führt er fast zur Scheidung. Für Frauen ist er besonders fatal. Verunglimpft er die Lichter oder die Venus, so führt er zu Ausschweifung, Verführung, Perversität, Notzucht und dergleichen. Der hochentwickelte Uranier gleicht äußerlich und innerlich dem höheren Wassermanntypus. Er ist eher still, bescheiden, wenig enthusiastisch, aber alles dies aus innerer Freiheit, die über jedem Gesetz, jeder Moral, jeder Konvention, Mode und Partei steht. Ehe jedoch dies alles selbstverständlich geworden ist, macht der Uranier Zeiten der schrullenhaften Exzentrizität durch, in der die meisten stecken bleiben. Man erkennt sie an ihrer Pseudogenialität, die sich in Verachtung der Formen der Gesellschaft äußert, was sie immer wieder zu den Verfolgten stempelt. Das aber gerade betrachten sie als Bestätigung ihres Wertes. Seltener als je ist heute der wirkliche unkonventionelle, unabhängige Mensch, der auch nicht negativ, nämlich durch knabenhafte Empörung, an Konvention und Gesetz gebunden ist, sondern aus wahrer Freiheit dies alles als Spielregel hinnehmen kann, eben weil es ihn innerlich nicht bindet. Vielmehr schließen sich alle diese halbentwickelten Uranier in ketzerische Gruppen zusammen, als Reformer der Religion, der Erziehung, der Ehe, ja der Liebe selbst, der Tracht usw. In der Kunst suchen sie durch Futurismus und Kubismus zu verblüffen, in der Literatur durch einen, die Sätze bald zerhackenden, bald in Wortknäuel ballenden, Tiefe vortäuschenden Stil, während die Echteren im Expressionismus teilweise wirklich in die Nähe von Geheimnissen geraten, die vor ihrer vollen Entdeckung immer wieder von der unberufenen Schar ihres alten Pferchs müder, verwilderter Haustiere durch ihren Unrat zugeschüttet werden. Ein Übermaß an Mist und zu wenig Erde läßt auch die lebenstüchtigen Keime gar zu oft verfaulen. Uranus beherrscht die viel versprechende, nichts haltende Bohème. Man wird nun das Widerspruchsvolle folgender Eigenschaften des Uranus zusammenreimen können: intuitiv, explosiv, vulkanisch, energisch, erwachend, eigensinnig, verbohrt, unberechenbar, hochgeistig, bisexuell, asexuell, rätselhaft, heroisch, schöpferisch, überkritisch, sarkastisch, unordentlich verschroben, blitzhaft, paradox, aphoristisch, im selben Augenblick einen Eindruck oder Gedanken auffassend und reflektierend, bald schwindelhaft hohl, bald überraschend tief. Seine fraglosesten Erfolge hat der Uranus bis jetzt in den neuen Entdeckungen und Erfindungen zu verzeichnen. Elektrizität, Radioaktivität, Luftschiffahrt, Psychoanalyse stehen unter seiner Wirkung. Ferner ist ihm die handvoll verblüffend unabhängiger Denker zu danken. Dagegen wirkt er im praktischen, politischen Leben vorläufig nur zerstörerisch, als Bolschewismus und Revolution. Widerspruchsvoll wie er ist, bedeutet er zugleich unverhoffte Entwicklung und Rückkehr. In der für erledigt gehaltenen Vergangenheit findet er plötzlich das Ungeahnte, und so sehen wir, daß diese so revolutionäre Zeit gleichzeitig in der Vergangenheit der Ur- und Vorgeschichte sucht, vergessene Kulte und Lehren ausgräbt, kurz, überall anknüpft, außer bei dem Jüngstvergangenen. Erst die polare Zusammenfassung des Zukünftigen mit dem Vergangenen in einem Hirn ergibt jenes Neue, das nur darum wahr ist, weil es sich zugleich als Uralt erweist. Das ist hohe uranische Erkenntnis. Weltkrieg und Revolution dagegen ist Schicksal einer gegen uranische Erkenntnis noch tauben Menschheit. Plötzliche Entfremdungen, Attentate, Katastrophen, Verbannung, blinde Impulse, schwankende Verhältnisse, alles dies bewirkt Uranus im öffentlichen wie im Privatleben. Hans Blüher, dessen Horoskop ich nicht kenne, dürfte ein echter Uranier sein, Inzwischen konnte ich feststellen, daß er die Sonne tatsächlich in den letzten Graden des Wassermanns hat. der sich in seinem Buch über Christus aus früherer, zweifellos stets origineller, geisterfüllter Schrullenhaftigkeit zu tiefsten Erkenntnissen durchgerungen hat. In Feuerzeichen macht Uranus hastig, vorwärtsdrängend, besonders kühn, originell und selbstbewußt, in Luftzeichen feinsinnig, künstlerisch und erkennend, in Erdzeichen hartnäckig, boshaft, treulos, roh, in Wasserzeichen schlecht erzogen, hohl, verschlagen. Trotzdem behaupten viele, er befinde sich im Wasser- und Marszeichen Skorpion in seiner Erhöhung. In der Tat vermag er in diesem besonders originellen Zeichen, das den polaren Weltgegensatz von Gut und Böse so scharf zum Ausdruck bringt, seine Eigenart des Erkennens, aber auch alle Laster dieses Zeichens stark zu entfalten. Daß er in dem gegenüberliegenden festen Erdzeichen Stier in seinem Fall ist, wird leicht einleuchten. Vernichtet wäre er in dem seinem Herrschaftszeichen Wassermann gegenüberliegenden Zeichen Löwe. Davon ist aber nichts zu bemerken. Gerade in diesem festen Feuerzeichen vermag er seine ganze Originalität zu entwickeln, ohne zerstörerisch ins Uferlose zu geraten. IV. Die drei göttlichen Geschenke: Weisheit (Gesetz), Kraft (Leben), Schönheit (Liebe). Jupiter, Schütze, Fische, Neptun. Wenn unser an die Zeit gebundenes Denken sich den Schöpfungsakt vorstellen will, der in Wahrheit zeitlos, d.h. ewig ist, ohne Anfang und Ende, so müssen wir ihn in eine Reihe von Handlungen zerlegen. Die erste war die Spaltung der unendlichen Kraft in endliche Kraft (Sonne, Licht, Geist) und Widerstand (Saturn, Finsternis, Stoff). Nun differenziert sich die also verendlichte Kraft nochmals in drei Formen. Der Schöpfung wohnt ein Gesetz inne, dessen Erkenntnis Weisheit ist (Jupiter). Ferner aber bedarf die Schöpfung einer unausgesetzten Durchströmung mit bewegender Kraft, ohne welche die Welt eine formlose, von der Sonne zwecklos beschienene Stoffmasse wäre. Der Ausdruck dieser Kraft ist erst das Leben (Mars). Die durch ihn in abertausend Formen zersplitterte Schöpfung bedarf einer Bindung, damit sie in all ihrer Geschiedenheit doch ihre Einheit nicht verliere. Diese Bindung ist die Liebe, ihr Mittel die Schönheit (Venus). Weisheit, Leben, Schönheit sind also die drei göttlichen Geschenke, die der Stoff empfängt. Jupiter ist das der Schöpfung eingeborene göttliche Gesetz. Es ist ihr immanent, d.h. es durchstrahlt sie, ist ihr nicht von außen auferlegt. So ist seine Befolgung nicht Zwang, sondern Harmonie, seine Übertretung; nicht Freiheit, sondern Willkür, deren Korrektur nicht Strafe, sondern Notwendigkeit. Die Erkenntnis dieses Gesetzes ist nicht Lernen, sondern Offenbarung: »Dort im Reinen und im Rechten Will ich menschlichen Geschlechten In des Ursprungs Tiefe dringen, Wo sie noch von Gott empfingen Himmelsehr' in Erdensprachen Und sich nicht den Kopf zerbrachen.« (Goethe.) Die aus diesem Gesetz abzulesende Ethik ist nicht moralischer, sondern dynamischer Natur. Sünde ist »Fehltritt«, d.h. eine falsche Bewegung, die das Gleichgewicht stört. Tugend ist zwar nicht Wissen, d.h. erlernbar, aber Weisheit, d.h. erschaubar. So verleiht Jupiter die echte Frömmigkeit, die Vertrauen ist auf die göttliche Fügung der Welt. Nach ihr ist für jedes Geschöpf grundsätzlich eine Stelle im Kosmos, wo es harmonisch, oder menschlich gesehen: glücklich, mit dem Ganzen schwingen kann. Grundsätzlich sind daher alle berufen, tatsächlich aber vermögen dies nur wenige zu erkennen, und diese scheinen dann auserwählt. In Wahrheit sind sie es selber, die sich auswählen. Wem nun ein nur günstig konstellierter Jupiter seine volle Weisheit verleiht, dem scheint sich die Welt leicht zu fügen, unbewußt gestaltet er sein Ich so, daß es dem immanenten Gesetz des Geschehens mehr oder weniger entspricht. Dadurch verleiht Jupiter Gesundheit, Erfolg, Reichtum, Ehren, Ruhm, Glück auf allen Gebieten, besonders auch mit Frau und Kindern. Vor allem gibt er aber auch Macht. Wer die innere Gesetzmäßigkeit der Welt ausstrahlt, dem folgen die Menschen instinktiv, im Gegensatz zu dem, der ihnen ein Gesetz auferlegt, das stark durch Züge der Willkür (Mars), der Lebensfeindlichkeit (Saturn) oder des falschen Denkens (Merkur) entstellt ist. Jupiter macht die geborenen glücklichen und geliebten Herrscher, Richter, Beamte, Familienoberhäupter, Vormünder, Vorgesetzte und Leiter von Unternehmungen, vor denen sich Revolutionäre, wenn sie ihnen »des Prinzips wegen« Unrecht tun, stammelnd entschuldigen mit den Worten: »Ja, wenn alle wären wie Sie!« Sie sind die vornehmen, milden Spitzen von Verwaltungskörpern und wissen oft nicht, welche Roheiten in ihrem Namen begangen werden. Dringt der geschundene Soldat bis zu ihnen vor, dann findet er ein williges Gehör gegen seinen Unteroffizier, aber Jupiter thront in den Wolken. Ohne daß er sich bewußt abschließt, empfinden ihn die meisten als unnahbar, und er selbst fühlt nicht den Drang, hinunterzusteigen und die Welt vom Stoff aus zu ordnen, weiß er doch im Grund alles zum Besten gefügt. Daß die Menschen im einzelnen immer wieder »Fehltritte« begehen und sich dadurch ins Unglück stürzen, kann er nicht ändern. Er grollt ihnen nicht darum, ist duldsam, denn alles Moralisieren liegt ihm fern, erbarmt sich vielmehr jedes einzelnen Falles, der vor ihn kommt, aber ein Weltverbesserer ist er nicht. Am häufigsten findet man ihn daher unter hohen kirchlichen Würdenträgern, die sich als Verwalter der göttlichen Heilsgüter fühlen. Jupiter macht edel, wohltätig, heiter, »jovial«, anständig, gnädig, großmütig, wohlwollend, vernünftig, aufrichtig. Er gibt ein liberales Herz, aber zuviel Ehrfurcht vor der organischen Entwicklung, um irgendwie zur Revolution zu neigen. Man findet ihn auch häufig unter den Konservativen, aber niemals als Reaktionär. Die extreme Reaktion (Erstarrung) und Revolution (Zerstörung) stehen, wie gesagt, unter Saturn (oder Uranus). Der Reichtum, den er spendet, ist nicht die Folge mühsamen Erwerbs, sondern weisen Verhaltens und des Glücks. Auch die edleren Typen im großen Geschäftsleben, Reeder, manche Großkaufleute und Bankiers unterstehen ihm. Er umfaßt die Weisheit von ihrem göttlichen Pol der prophetischen Erkenntnis bis hinab zur weltlichen Weisheit, die oft wie bloße Klugheit erscheint (Merkur). Sie unterscheidet sich jedoch von dieser immer dadurch, daß sie etwas allgemein Gültiges, also dem Weltgesetz Entsprechendes hat, während der berechnenden Klugheit, die nur das Ich und seine zufälligen Aussichten sieht, immer die Unvornehmheit als Kennzeichen anhaftet. Der Weise ist immer auch klug, aber der Kluge nur dann weise, wenn Jupiter Merkur günstig bestrahlt. Der Unterschied wird dann besonders sichtbar, wenn in einem Horoskop ein dem Zeichen nach starker Jupiter durch Aspekte ungünstig steht. Solange er überhaupt noch irgendwie wirksam bleibt, wird er bis ins Verbrechen eine gewisse Großzügigkeit bewahren, die zur Folge hat, daß man in dieser Welt die großen Diebe laufen läßt, die kleinen hängt, die unter Saturn und Merkur stehen. In bester Ausprägung findet sich Jupiter in dem einfachen, ungezierten, unsophistischen Edelmann. Sein Geist ist mehr philosophisch als wissenschaftlich, sein Ausdruck treffend und oft bildhaft, aber nicht literarisch und rhetorisch. In ungünstigen Zeichen oder wenn schwer durch Aspekte verletzt, wird Jupiters Ruhe jenseits der menschlichen Kleinheit zur anspruchsvollen Üppigkeit, Indolenz, Ausschweifung, Prunksucht, Verschwendung. Seine Überlegenheit wird Hoch- und Übermut, Arroganz, Prahlerei, Geckenhaftigkeit, Eitelkeit, seine Frömmigkeit wird dogmatisch, ja, heuchlerisch (besonders durch schlechten Saturneinfluß). Aus dem Weisen wird ein Schulmeister (besonders durch schlechten Merkureinfluß). Aus richterlicher Milde wird Willfährigkeit, ja, Bestechlichkeit, aus Freundlichkeit Falschheit (der falsche »Biedermann«). Ob günstig oder ungünstig gestellt, Jupiter ist stets Ausdruck des Gesetzes. Hat er, schlecht stehend, eine Beziehung zum Todeshaus, verursacht er oft Tod durch gesetzliche Konflikte, ja, sogar Hinrichtung. Äußerlich gibt Jupiter eine volle, in späteren Jahren zur Üppigkeit neigende stattliche Gestalt, ein fleischiges Kinn, oft Grübchen, eine wohlgeformte Nase. Am bezeichnendsten ist die hohe gewölbte Stirn, die meist durch frühe Kahlheit besonders hervortritt. Die Hautfarbe ist hell, im Gesicht frisch gerötet. Die Augen sind feucht und fröhlich, die Lippen rot und stark geschwungen, die Hände kräftig. Jupiter beherrscht Gerichtsgebäude, öffentliche Gärten und Parks, die purpurne Farbe, das Pflanzenreich, als erste Form des organischen Lebens, das Metall Zinn, sowie gesetzliche und kirchliche Angelegenheiten, Zeremonien, alle Entfaltung weltlicher und kirchlicher Macht, die Kulte und Sakramente. Auch das Holz beherrscht er, weshalb abergläubische Menschen an hölzerne Gegenstände pochen, wenn sie fürchten, ihn durch Betonung ihres Glücks herausgefordert zu haben. Es wird auffallen, daß er in vielen Wirkungen der Sonne verwandt ist, bis zu einem gewissen Grad wird man das auch bei Mars, ja, sogar Venus finden. Das erklärt sich dadurch, daß diese drei Planeten differenzierte Qualitäten der Sonne sind: Macht, Lebenskraft und Einigkeit. Der Schütze ist das Zeichen des Jupiter, in dem er sich positiv manifestiert. Sein Symbol ist der Zentaur. Dieses Zeichen gilt in der ersten Hälfte als menschlich, wie die Zwillinge, die Jungfrau und der Wassermann, in der zweiten als tierisch, wie die übrigen Zeichen des Tierkreises. Für die urheidnische Anschauung aber ist der Gott eine Mischung höchster menschlicher Geisteskraft mit äußerster tierischer Elementarkraft. Zugleich hat der Schütze eine besondere Beziehung zum Menschlichen, dieser eigentümlichen Mittelschicht zwischen Himmel und Erde, während die eigentlichen Tierzeichen als Symbole die himmlischen Kräfte, als sichtbare Formen deren irdische Wirksamkeit unterhalb der menschlichen Stufe bezeichnen. Der Mensch steht zwischen diesen beiden Ebenen, und die menschlichen Zeichen dienen ihm als Mittler zwischen Tier und Engel. Beim Wassermann haben wir das schon erklärt, wir werden es wieder finden bei den zwei Merkurzeichen Jungfrau und Zwillinge, und nun sehen wir es auch beim Schützen. Jupiter heißt ausdrücklich der Vater der Götter und Menschen. Er ist das Gesetz der Weisheit, und zwar in einer für göttliche und menschliche Wesen geeigneten Ausprägung. Die Zentauren sind ausgesprochene »Joviskinder«, im Mythos häufig wegen ihrer Weisheit zu Heldenerziehern bestimmt und mit Heilkräften bedacht. Im Gegensatz zu dem beweglichen Erdzeichen Steinbock, in dem Saturn aus der Stoffgebundenheit zu seiner Idee als Gott mit negativem Vorzeichen, als Gegengott emporstrebt, was ihn zu der höchsten Menschlichkeit des Wassermanns führen muß, senkt sich Jupiter aus dem Himmel herab, wendet sich im Zeichen Schütze dem Menschen zu und erreicht im edelsten der Tiere, im Pferd, sogar die oberste Stufe des Tierreichs. So umfaßt Jupiter im Schützen Göttliches, Menschliches und Tierisches, je nach der Entwicklungsstufe des Individuums. Der Schütze macht Seher, Propheten, Priester. Die Leichtigkeit, die der von Jupiter begünstigte Mensch in dieser stofflichen Welt empfindet, macht ihn leicht übermütig, stolz und scheinbar rücksichtslos gegen die, deren Nöte er nicht versteht. Intellektuellen Unterscheidungen ist er nicht geneigt, ist doch die Welt für ihn nicht Problem. Gern vertraut er seinem Stern, und er hat Recht, denn dieser Stern ist ja Jupiter, in der alten Astrologie das Große Glück (fortuna major) genannt. Hier soll der Intellekt schweigen, um die Intuition nicht zu stören. Kaum etwas verdirbt den Jupiter mehr, als schlechte Merkureinflüsse. Die Haupteigenschaften des Schützen sind: Munterkeit, Beweglichkeit, Impulsivität, Ehrgeiz, Leidenschaft, Unabhängigkeit, Gerechtigkeit (fair play), Tätigkeit des Leibes und Geistes, Neigung zu Übertreibung, Gutartigkeit, Zuverlässigkeit, sympathisches Wesen. Die unter dem Schützen Geborenen lieben die Autorität und verkörpern sie oft selbst, aber sie ertragen nicht eine schlechte Autorität. Darum sind sie nie revolutionär, obwohl man sie bisweilen unter den edleren Typen der Revolution findet, sondern Frondeure. Sie sind nicht Rebellen von unten, sondern von oben, nicht um das Niedere zu erhöhen, sondern um zu hindern, daß die Höhe niedrigen Händen verfällt. Sie vertragen keine enge Umgebung. Sie lieben die Weite. Ihre Gefahr ist viel eher der Aberglaube, als der an die exakten Tatsachen zu eng gebundene Positivismus der Wissenschaft und der auf bloße Nützlichkeit ausgehenden Bestrebungen. Bei schlechter Bestrahlung entfaltet der Schützentypus folgende Fehler: durch Mars Roheit, Frivolität, Jähzorn, Gewalttätigkeit, durch Saturn Heuchelei, Mißtrauen, Argwohn, durch Merkur Oberflächlichkeit, Falschheit, Schwätzsucht, durch Venus Genußsucht. Sonne und Mond vermögen ihm weniger zu schaden. Äußere Kennzeichen sind: Größe, oft Schönheit, guter, etwas fleischiger Wuchs, edle starke Nase, kluge, meist dunkle Augen, offener Blick; mittelgroße, nicht ganz anliegende Ohren, großer, stark geschweifter Mund, ähnlich wie der Venusmund, nur noch stärker die Oberlippe in der Form eines etwas eingekerbten Bogens (Bogen des Cupido) ausprägend, gesunde, große Zähne, die zwei Vorderzähne besonders groß, starke Backenknochen. In dem Wasserzeichen Fische ist Jupiter tief in die Materie hinabgestiegen. Hier leidet seine edle Art unter dem Stoff, seine Weisheit unter der Unvernunft der Welt. Die Fische sind das typische leidende, tragische Zeichen. Nicht ohne Grund ist der Fisch Symbol des gekreuzigten Gottessohnes. Die unter den Fischen Geborenen sind selten glücklich. Ihr guter Wille und die sinnlose Welt stehen in zu großem Mißverhältnis. Dabei ist diesem veränderlichen Wasserzeichen wenig Energie und Widerstandskraft verliehen. Hindernisse aller Art, Enttäuschungen türmen sich auf, und Mißerfolge werden zum alltäglichen Erlebnis. Empfänglichkeit im Guten wie im Schlechten charakterisiert dieses Zeichen. Bald zeigt sie sich in Demut, bald als Charakterschwäche. Stets stellen die unter den Fischen Geborenen ihr Licht unter den Scheffel. Bei guter Konstellierung hat ihr inneres Wesen alle guten Jupitereigenschaften in passiver Form: sie sind vertrauenswürdig und vornehm, bescheiden, aufopfernd, nur zu ängstlich und unselbständig, zur Nachahmung geneigt. Man möchte bei ihnen von einem dienenden Jupiter sprechen, und in der Tat findet man diesen Typus oft unter den alten, treuen Herrschaftsdienern, die ihren Herrn als Kind auf den Armen getragen haben und auf Gedeih und Verderb mit dem Schicksal der Familie verknüpft sind. Das Zeichen Fische macht bequem bis zur Faulheit und Indolenz, sinnlich, Behagen liebend und gern den anderen Behagen schaffend, gastfrei, aber nicht heiter, kränklich und sehr unter dem Druck der Materie leidend. Das kann zu einem tiefen Erlösungsbedürfnis und echter jupiterhafter Frömmigkeit führen, aber auch zu dumpfer Resignation, die bis in die tiefsten Abgründe tierischer Dumpfheit verfallen kann. Dann verwandelt sich Jupiters Neigung zum Wohlleben in eine niedrige, unsaubere Sinnlichkeit. Im ersten Fall sind sie die geborenen Tröster im Unglück, das sie andere zu tragen lehren, im letzten verfallen sie dem Alkohol und anderen Narkotika. Man findet sie dann als menschliche Ruinen in den Tiefen der Großstadt, als verhältnismäßig harmloses Gesindel auf einer kaum vorstellbaren Stufe der Verkommenheit. Zum eigentlichen Verbrechen fehlt es ihnen an Tatkraft. Ihre Laster sind wie ihre Tugenden durchaus passiv. Fast immer sind sie musikliebend. Besonders die gefühlsschwelgerische Musik Wagners wirkt auf sie. Auch sind sie meist mediumistisch, und diese Fähigkeit wird leicht von anderen mißbraucht. Sie können nicht nein sagen, stets sind sie friedlich, freundlich, nachgiebig. Ihr Charakter ist sehr veränderlich und ruhelos. Selbsterkenntnis ist ihre schwächste Seite, auch werden sie von anderen schwer erkannt. Ist ihre zurückhaltende, sich zurückziehende Stille das Schweiger, der Dumpfheit, ja, Dummheit, oder der Weisheit? Das ist oft schwer zu entscheiden. Auch die so rätselhafte Spaltung der Persönlichkeit (double life), die einen Menschen neben seinem geordneten bürgerlichen Leben, ohne daß er es selbst weiß, ein zweites Leben in Verbrecherkneipen oder dergleichen führen läßt, das Quartalsäufertum, das oft zu einer ähnlichen Spaltung führt, der Somnambulismus, der krankhafte Wandertrieb (Poreuomanie), der schon Kinder immer wieder von Hause durchbrennen läßt, alle diese, den Kern der Persönlichkeit auflösende Erkrankungen stehen meist unter dem zweikörperlichen Zeichen der Fische, das übrigens dem XII. Feld entspricht (Auflösung der Persönlichkeit, Wiedergeburt). Selten wird man einen Fischtypus finden, der nicht Geheimnisse hat oder leicht in geheime Dinge verflochten wird. In irgendeinem wörtlichen oder übertragenen Sinne bleibt er stets im Dunkel, im Hintergrund oder im Abgrund. Bei all seiner Schwäche ist er dennoch zäh, ja, eigensinnig und kann daher auch oft sehr quälend auf entgegengesetzte Temperamente wirken, zumal man so schwer dahinter kommt, was er eigentlich will. Darum ist er bei all seiner Bescheidenheit doch oft nicht leicht zufriedenzustellen. Vielleicht weiß er selbst nicht, was er will, oder ob er überhaupt ernstlich will. Dazu kommt die Ungenauigkeit des Ausdrucks. Er kann sich nicht formulieren (Merkur ist in den Fischen vernichtet) und fühlt sich daher stets zurückgesetzt. Dies kann ihm eines Tages zur Seligkeit werden: »Der Gerechte muß vieles leiden.« Dann wird er der wahre Christ, der im Selbstunterricht selig ist. Die göttliche Natur erkennt sich in ihm gerade daran, daß sie am Stoffe leiden muß. Das Leid wird Auszeichnung, Beweis der Gotteskindschaft: Offenbarung auf die ausgesprochen christliche Art hat stattgefunden, »die Letzten werden die Ersten sein«. Christus ist zu den Zöllnern und Sündern gekommen und verschmäht auch die Dirne nicht. Das Zeichen Fische ist das Zeichen des Unglücks (Kreuzigung) und der Wiedergeburt. Der den Stoff verirrte Gott hat sich wiedergefunden, aber nicht wie im Wassermann durch Erhöhung des Menschen als Hemmung der Erkenntnis. Das Ziel ist dasselbe: die Selbsterkenntnis Gottes durch die Schöpfung, einmal auf positivem, das andere Mal auf negativem Wege. Das Zeichen der Fische beherrscht wie das XII. Feld Klöster, Spitäler, Gefängnisse, kurz alle die geschlossenen Anstalten, wo der Mensch vom Leben abgesondert ist. Äußerlich machen die Fische untersetzt oder klein, eher dick als schlank. Die Haltung und der Ausdruck haben etwas Schläfriges, Füße und Hände sind eher groß. Dazu kommen träumerische, graublaue Fischaugen, volle Wangen, die im Alter oft hängend werden, reiches, aber sehr dünnes Haar, bleiche Farbe, schlechte Zähne, eine etwas fleischige Nase. Das Zeichen Fische macht körperlich empfindlich und ängstlich vor Erkrankung, wenn auch nicht in dem Maße wie die Erdzeichen Stier und Jungfrau. Die Ursache aber ist dieselbe, ein der Materie entgegengesetzter Planet (hier Jupiter) ist zu ihr hinabgestiegen und leidet nun unter ihrem Druck. Mars, Saturn und Mond fühlen sich den niederen Elementen äußerlich weniger fremd, als Venus, Merkur und Jupiter. Die Sonne aber ist allen Elementen gleich vertraut. Frauen, die unter den Fischen geboren sind, haben nicht selten einen nixen- oder undinenhaften Reiz. Sie sind selten glücklich. Im Zeichen Fische ist Venus erhöht, d. h. vermag hier besonders gut ihre seelischen Eigenschaften zu entfalten und gibt dann den Menschen leicht den Zauber von kühlen, aber gutartigen Elementarwesen, die nicht ganz zu den Menschen gehören, aber sich nach ihnen sehnen. Man denke an das Märchen von Undine. Wenn Venus hier keinerlei Stütze erhält, kommt es leicht zur Unterschätzung sozialer Distanzen, wodurch oft genug aus einer falschen Humanität von oben die Revolution begünstigt wird. Jupiter ist erhöht im Krebs. Wie in den Fischen, kommt hier seiner großherzigen Fülle das Element Wasser entgegen, aber der Krebs ist ein bewegliches Zeichen. Von dieser Bewegung des Stoffes fühlt sich Jupiter getragen. Hier hat er nichts von der Unentschiedenheit des Zeichens Fische. Die ihm im Schützen, wie wir sahen, oft anhaftende stolze Rauheit ist von der Flut glattgespült. Seine Erhabenheit hat sich in dem Wasserzeichen mehr dem Stoff angepaßt, und so vermag er im Zeichen Krebs den ganzen Reichtum seines irdischen Segens besonders fruchtbar zu entfalten: Erfolg, Ruhm, Rang, Reichtum. Das feste Wasserzeichen Skorpion dagegen bindet ihn wiederum zu sehr; sein Herrschertum nimmt gewaltsame, selbstsüchtige Gestalt an und verbindet sich mit den gefährlichen Eigenschaften dieses Zeichens. Am gehemmtesten in seiner höheren Wirkung ist Jupiter in Erdzeichen. Er ist zu tief in den Stoff hinabgestiegen. Im Saturnzeichen Steinbock ist er in seinem Fall. Hier beeinträchtigt Saturn alle seine Gaben, und er selbst erhält saturnische Eigenschaften: er wird ein schlechter, aufsässiger Herr mit trübem Gemüt. Im Zeichen Stier ist Jupiter gänzlich materialistisch, aber seine Verwandtschaft mit dessen Herrscherin Venus gibt Erfolg und Glück auf der materiellen Ebene. In den beiden Merkurzeichen Jungfrau (Erde) und Zwillinge (Luft) ist Jupiter »vernichtet«, aber auch das vermag seinen Einfluß nicht ganz zu brechen. Er wird merkurisch gefärbt, das paßt sehr schlecht zu ihm. Er wird geschwätzig, prahlerisch, aufschneiderisch, unwahr, verliert sehr an eigener Kraft, entwickelt dagegen die Kräfte Merkurs bis zu einem gewissen Grad und stört sie gleichzeitig durch Voreiligkeit des Schließens, Oberflächlichkeit, Unaufrichtigkeit. Alles, was bei dem Weisen Tugend war: Glaube, Intuition, Einbildungskraft, verwandelt sich im Bereich des exakten Merkur in Mängel. In den beiden anderen Luftzeichen Waage und Wassermann verstärkt Jupiter durch Hinzufügung seines Einflusses beträchtlich die günstigen Vorbedingungen dieser Zeichen, ebenso in den beiden Feuerzeichen Löwe und Widder. Besonders in diesem Marszeichen mildert er die allzu starke Leidenschaftlichkeit seines Herrn. Die Beobachtung hat gelehrt, daß der Planet Neptun in seiner Wirkung dem Zeichen Fische so nahe verwandt ist, wie Uranus dem Zeichen Wassermann. So wie man nun Uranus dem Wassermann als zweiten Herrscher neben Saturn zugeordnet hat, so Neptun den Fischen neben Jupiter. Es ist aber von vornherein zu bemerken, daß das für die große Mehrheit der Menschen nicht stimmt. Nur wer überhaupt den höheren Einflüssen jener beiden Tierkreiszeichen zugänglich ist, wird von Uranus, andere als zerstörende Wirkungen empfangen. Bei den meisten wirkt Neptun verwirrend. Neigen sie zum Okkultismus, so führt er sie in dessen Kloaken, d. h. Hypnose und anderem, die Vitalität zersetzendem, müßigem Zeitvertreib mit bedenklichen Folgen. Neptun, der nicht eigentlich entdeckt, sondern von Leverrier aus den Abweichungen der Uranusbahn errechnet und dann erst mit dem Fernrohr gefunden wurde, entführt uns aus dem Irdischen, und diesen Weg kann nur der ungestraft gehen, dessen Irdisches gebändigt und geordnet ist. Andernfalls ist es Desertion. Neptun beherrscht neben der echten Mystik auch alle die billigen Arten, der Wirklichkeit zu entfliehen, vor allem die Berauschungen jeder Art durch Alkohol, Narkotika, Visionen, Illusionen. Er begünstigt Schwindel und Betrug. Die neptunischen Schwindler sind im Gegensatz zu den weltkundigen merkurischen, die mit der Wirklichkeit rechnen, stets Phantasten und erwecken auch bei dem besonnenen Laien leicht Zweifel an ihrer Zurechnungsfähigkeit, während sie unkritische Menschen oft bezaubern und ganz und gar einzuspinnen vermögen. Stets führen sie große Worte im Munde, nennen sich Idealisten, Jünger der Schönheit, höhere Menschen, Edelnaturen und dergleichen. Obwohl selbst nicht gewalttätig, glauben sie an Revolution, denn sie sind unverbesserliche Utopisten, die nie sehen, was ist, sondern was nach ihrer Meinung sein sollte. Dabei vergessen sie völlig das Naheliegende, vor allem ihr eigenes Privatleben, das meist in einer kaum verständlichen Unordnung und Unsicherheit verläuft. Dabei sind sie im Innersten gutartig und freundlich. Man findet sie viel häufiger unter Lebensreformern und Kunstbeflissenen, als unter den meist weniger harmlosen sozialen Revolutionären. Ihre Unkorrektheiten, ja, Schwindeleien in Geld- und sonstigen Eigentumsfragen erklären sich dadurch, daß ihnen tatsächlich der Sinn für Mein und Dein fehlt, was sie für allgemeines Brüderlichkeitsgefühl ausgeben. Die Besseren unter ihnen sind aber keineswegs habsüchtig oder diebisch. Ebenso unbefangen wie sie über fremdes Gut verfügen, geben sie auch eigenes her. In ihren Fehlern wird man oft verzerrte Tugenden erkennen. Die innere Gelöstheit vom Besitz ist gewiß eine hohe Stufe der Entwicklung, aber sie äußerlich so zu praktizieren, als gäbe es keinen Besitz, ist ein tiefes Mißverständnis des Weltsinnes. Nichts hindert die innere Entwicklung mehr, als die freilich nur relativ gültigen Spiegelregeln einer Welt, in der wir eine Stelle auszufüllen haben, dauernd durch absolute Forderungen zu stören. Man darf nicht päpstlicher sein wollen, als der Papst oder göttlicher als Gott. Wo es Privateigentum gibt, ist seine Verletzung Diebstahl, zum mindesten Irrtum; wo es keines gibt, wäre seine heimliche Anhäufung Unterschlagung, wie sie Ananias und Saphira (in der Apostelgeschichte) begingen in einer Gemeinde Gutgläubiger, die freiwillig zusammenlegten, was sie hatten. Wie weit im übrigen der Einzelne seine Seele an das Eigentum hängt, das ist eine andere, und zwar weit wesentlichere Frage, als die der sogenannten gerechten Verteilung des Eigentums im sozialen Sinn. Ein stark von Neptun Beeinflußter, dem nicht ein guter Jupiter sagt, was Recht und Unrecht ist, oder den nicht ein ernster Saturn auf der Erde festhält, kann es zu Hellseherei und anderen Kunststücken, niemals aber zu einer wirklichen, höheren Entwicklungsstufe bringen, die er übersieht. Wohl blickt er durch manches Schlüsselloch in das Außermenschliche, aber es ist nur dann Gewinn, wenn es nicht auf Kosten seines Menschlichen geschieht. Dies darf nicht übersprungen, es muß »ausgelebt« werden, freilich in einem andern Sinn, als dem, welchen man gewöhnlich diesem Worte beilegt. Die zu frühen Vorstöße, die Neptun in das Reich des Geheimnisvollen macht, werden stets mit Hysterie und Neurose bezahlt, während wahre, stufenweise erworbene Erkenntnis gesund macht, indem sie dem Menschen immer mehr die innere Stelle zeigt, von wo er, unabhängig von äußeren Umständen, ganz er selbst sein kann. In dem Maß aber, wie jemand das vermag, ist er der Harmonie des Kosmos eingeordnet – denn er gibt für jeden einen ihm entsprechenden Platz – und die Folgen sind Gesundung und Glück. Die Neptunier verdanken jedoch ihre »Blicke ins Jenseits«, wie sie gern sagen, einer krankhaften Überempfindlichkeit. Im gewöhnlichen Leben sind sie leicht abgestoßen und leicht abstoßend, ängstlich, ausweichend, nachahmerisch. Niemand unterliegt mehr dem Selbstbetrug in Hinsicht auf eigene und fremde Eigenschaften. Ohne zu wissen wie, geraten sie unter allen möglichen irreführenden Phrasen und Vorstellungen in die sonderbarsten Abenteuer, Hinterhalte, Geheimnisse, Verschwörungen, Logen, ja, Ausschweifungen, Skandale und Verbrechen. Alle diese Dinge erscheinen ihnen in einem »astralen« Licht. Ihre Visionen sind nun nicht einfach im Sinn der heutigen Psychiatrie als Einbildung zu betrachten. Sie sehen da in der Tat Dinge, von denen auch die echten Mystiker, ja, manche Künstler berichten. Ihr Unheil ist nur, daß sie die Schichten der inneren Wahrnehmung nicht unterscheiden können und die Erfahrungen der getrennten Ebenen nicht auseinanderhalten, wie der Künstler, der seiner Visionen Herr wird, indem er sie gestaltet, oder der Mystiker, der, nachdem sie ihn verlassen haben, durch ein tieferes Erkennen gestärkt, in sein menschliches Leben zurücktritt und dies in aller Schlichtheit weiterlebt. Was die Ärzte »Halluzination« nennen, ist oft genau so real wie eine Sinneswahrnehmung, aber darin werden die Ärzte immer recht behalten: eine Halluzination, was sie auch sei, ist keine Sinneswahrnehmung, und wer diese beiden Dinge nicht auseinanderhalten kann, ist krank. Das Leben der Neptunier scheint tatsächlich wie von Dämonen beherrscht: Heftige Angstzustände infolge von unsichtbaren Ursachen, viel Veränderung, unverhoffte Gewinne und Verluste, Intrigen und Klatschereien unglaublichster Art, die sie bald anstiften, bald zu erleiden haben, Bigamie, Doppelleben, (siehe oben unter »Fische«). Kaum scheinen sie aus einer Gefahr gerettet, da trifft sie erst der verderblichste Stoß aus dem Hinterhalt. Rätselhafter Tod, Verschwinden und Verschellen ist bisweilen ihr Los. In dem Horoskop eines sehr entwickelten Menschen, den Charakter und Intelligenz gegen die Gefahren Neptuns schützen, wird dieser Planet zum Schlüssel letzter Erkenntnisse, wobei es nicht mehr so wichtig ist, ob seine Aspekte ganz gut oder schlecht sind. Jeder Aspekt gibt hier Möglichkeiten, der gute schützt nicht gegen Gefahren dieses Planeten, wenn das Horoskop sonst keinen Schutz verleiht, der schlechte wird zwar sehr heftig empfunden, aber ebenso innerlich verwertet, wenn überhaupt die Möglichkeit da ist, von Neptun Segen zu empfangen. Diese merkwürdige Tatsache erklärt sich dadurch, daß Neptun überhaupt nur auf einer Entwicklungsstufe wohltätig ist, wo die Art der Aspekte (auch bei anderen Planeten) nebensächlich wird gegenüber der immer tiefer erlebten Substanz ihres Wesens. Davon mehr im letzten Abschnitt. Jedem wahren Künstler und wahren Erkennenden ist Neptun ein Führer aus dem Menschlichen heraus. Er gibt tiefste, seherische Inspiration und Intuition; den Musiker läßt er Urklänge vernehmen (wie einige eine Göttersprache redende Motive bei Wagner: Walhalla, Rheintöchter, Erda, Loge), dem Dichter und Mystiker zeigt er die Archetypen der Dinge (die platonischen Ideen). Er bedeutet den Höhepunkt der schöpferischen Phantasie, wenn verstanden, den Abgrund der Schwindelhaftigkeit, wenn nicht verstanden. Mir ist ein Fall bekannt von zwei Menschen mit starkem Neptun, die am selben Tag geboren wurden, der eine wurde ein Künstler und Erkenner, der andere ein Hochstapler großen Stils, der sich schließlich im Untersuchungsgefängnis erhängt hat. Über die Wirkung des Neptun in den verschiedenen Zeichen sind die Beobachtungen noch unvollständig. Als er im Jahre 1846 entdeckt wurde, stand er in den letzten Graden des Wassermann, heute steht er in der Mitte der Jungfrau. Die praktischen Erfahrungen der Astrologen bezeugen immer mehr, daß der Neptun auf jeden Fall in allen materiellen Dingen, seinem Zeichen Fische entsprechend, auflösend, zersetzend wirkt. Auf der geistigen Ebene mag er zu gewissen Zeiten eine Schau geben. Bei Künstlern, vor allem bei denjenigen, die die Saiteninstrumente spielen, steht er vielfach in hervorragender Stellung. Da er im Zeichen Fische sein Domizil hat, steht er im Zeichen Jungfrau in seinem Exil. Nach dem Gesetz der Erhöhung (s. Joh. Lang: Neuentdeckte und totgeschwiegene Gesetze der Astrologie) steht er im Zeichen Zwillinge in der Erhöhung und im Zeichen Schütze in seinem Fall. Im Krebs ist er sehr ungünstig. Dieses Mondzeichen neigt schon ohnehin zu einem unbeherrschten Gefühlsleben. Ein großes Rätsel, das erst am Ende dieses Jahrhunderts die Erfahrung lösen kann, wird Neptun in dem mystischen Zeichen Skorpion aufgeben (s. dieses). Mars, Widder, Skorpion Ist Jupiter die Weisheit des göttlichen Weltgesetzes in der Form der Offenbarung für das menschliche Gemüt, so ist Mars die von der schöpferischen Essenz losgelöste Kraft, die sich differenziert zur Ermöglichung gesonderter Geschöpfe. Mars ist das priacipium individuationis, das Prinzip der Vereinzelung, der Trennung, ja, des Hasses und des Krieges, der Heraklit als der Vater aller Dinge gilt, und zwar darum, weil Trennung der Pole die Vorbedingung ihrer Vereinigung durch Liebe ist (Venus ist das Gegenprinzip zu Mars). So ist Mars nur insofern das Böse, als er den Sinn der Individuation, als Vorstufe zur liebenden Vereinigung, nicht erkennt, die Individuation als Selbstzweck betrachtet, was man Egoismus nennt. Andererseits ist er die Tragkraft alles menschlichen, Wertes. Was sich nicht stark »individuiert«, kann sich auch nicht liebend hingeben, vielmehr nur wegwerfen. Die menschliche Forderung des Altruismus und die Gegenbehauptung, Altruismus sei gar nicht möglich, denn wer Gutes gern tue, dem sei es eben auch nur ein egoistisches Vergnügen, und alle die talmudistischen Spitzfindigkeiten, ob eine Handlung wirklich ein Opfer und darum verdienstlich war, fallen vor der Astrologie als leere Sophistik zusammen durch die Erkenntnis, daß Liebe Trennung voraussetzt und Trennung Einigung sucht. Sinn der Trennung ist die Einigung, Sinn der Einigung die Trennung. Kein wesentliches Werk, keine wirkende. Tat, die nicht von einem sehr bewußten Ego getragen wurde, kein wesentliches Ego, dessen Werk und Tat nicht auf andere, d. h. auf Einigung zielte. Gleichermaßen gegen den Weltsinn verstoßen die in der Trennung erstarrenden, nur ihre Ichsphäre ausbauenden Naturen, vom kleinlichen Egoisten bis zum Verbrecher, wie jene, die das principium individutionis als das Böse auf Erden bekämpfen, die Menschheitsverbrüderer politischer und religiöser Richtung. Auch sie verwechseln zwei Lebensschichten. Daß jede tiefere Erkenntnis bedingt ist von der Überwindung des »principium individuationis«, wodurch allein das Eintauchen in den Weltgrund möglich ist, daß unsere Selbstheit jenseits dieses Prinzips steht, das ist gewiß, aber nachdem wir einmal durch unsere Geburt in dieses Prinzip eingetreten sind, ist es wider alle Vernunft, uns zu gebärden, als wäre es nicht so, d. h. wider die zur Zeit für uns gültige Natur dieses Prinzip zu opfern, während wir es noch verkörpern. Und was ist das Ergebnis solcher büßenden Haltung? Etwa die Beschleunigung der Menschheitserlösung? Zunächst soll und kann sie gar nicht beschleunigt werden, da jedes Individuum von selbst aus seiner leidvollen Trennung vom Ganzen herausfinden muß. Opfert sich aber ein Individuum für die Gesamtheit der anderen, statt aus seiner Trennung heraus seine Einung zu finden, so wird dadurch weder seine Individuation noch die der andern aufgehoben, sondern das, was er wegwirft, wird von andern Individuen, die schlechter sind als er, genommen. Es ist zwar unbedingt richtig, daß jeder für das Ganze da ist, aber zu dem Ganzen gehört doch auch er selbst, und das bedeutet: Jeder ist auf seine individuelle Weise für das Ganze da, hat also die Einigung dort zu suchen, wo die Schnittflächen zwischen Ich und Nicht-Ich aufeinander passen. Während der Egoist sich selber nur vereinzelt, nicht in einem Ganzen sieht, will der grundsätzliche Altruist alle Grenzen verwischen in einem Allerweltsmischmasch, in dem keine Individualität mehr gilt, und somit auch keine Liebe möglich ist. Dies ist das Ziel aller kommunistischen und bolschewistischen Lehren. Wo sie sich kurze Zeit realisieren, sehen wir, daß die gewaltsame Aufhebung aller individuellen Trennungen zwar keine Liebe schafft, wohl aber ein neues Trennungsbedürfnis, das sich als Haß äußert. Aber man braucht nicht so weit zu gehen. Alle Lehren, die dem principium individuationis, d. h. Mars, zu wenig gerecht werden, von der zu buchstäblich genommenen christlichen Nächstenliebe bis zu den Gleichheits- und Brüderlichkeitslehren der Revolutionen, haben nur das Gegenteil dessen bewirkt, was sie sagten. Die grundsätzlichsten Betonungen des schrankenlosen Individualismus, der lebt, als sei er allein auf der Welt, hat gerade das christliche, stets Kollektivitäten wie den Staat oder das Volk oder die Menschheit vergötternde Europa zu allen Zeiten hervorgebracht vom mittelalterlichen Raubritter bis zum modernen Erwerbsmenschen. In diesen Typen findet sich Mars in völliger Lösung aus dem kosmischen Zusammenhang, der Trennung will, um zu einen. Geht aber in Europa einem ein Licht auf, daß dies Selbstzerstörung ist, so will er auch die Einigung meist wieder mit gewaltsamen Marsmitteln herbeiführen. Wir sehen daher immer wieder kollektive Bewegungen, die plötzlich alle auseinanderstrebenden Bewegungen »unter einen Hut« bringen wollen, wobei die Liebe nichts gewinnt. Diese will gar nichts »unter einen Hut« bringen, sondern kann sich freuen an der Mannigfaltigkeit, die das »principium individuationis« des Mars in den sonst formlosen, saturnischen Stoff bringt, denn wo viel Trennung ist, ist viel Liebe möglich. Haben sich aber bei uns einmal ein paar Menschen über etwas geeinigt, so ist das erste, was sie tun, daß sie »Front« machen müssen gegen andere Gruppen. Gutgläubig meinen sie, um überhaupt etwas zu »erreichen«, müsse es ihr wenn auch praktisch unerreichbares Ideal sein, die ganze Welt zu sich zu bekehren. Damit aber zieht jede Vereinigung den Fluch der Vernichtung auf sich. Sehr bald finden sich schon innerhalb der Gruppe selbst »unzuverlässige Elemente«, die nicht den »rechten Geist« haben; statt der Pflege des bezwickten idealen Gutes zu dienen, erschöpft sich das Zusammensein in prinzipiellen Streitfragen; Sezessionen entstehen, welche sich mit der Muttergruppe heftiger befehden, als mit den ursprünglichen Feinden. Optimisten nennen das dann ein frisch-fröhliches, Erstarrung vermeidendes Leben, ohne darin die völlige Unfruchtbarkeit einer richtungsblinden Masse zu sehen. In der Tat: Erstarrung ist nicht die Gefahr des Mars (im Gegensatz zu Saturn), dagegen wird Mars, der den Anschluß an Venus versäumt, steril. Seine Wirkung vollzieht sich, wenn er allein bleibt, in sinnlosen Wirbeln, die Leben Vortäuschen, in Wirklichkeit nur leere Bewegung sich gegenseitig vernichtender Tendenzen sind. Beherrschte Jupiter das vegetative Leben des Pflanzenreichs, so Mars das Tierreich. Er ist der Herr des Animalischen, der Begierden und Leidenschaften, der Zeugung, der physiologischen Seite des Geschlechtslebens, vor allem seines angreifenden, überwinden wollenden Charakters. Die Krankheiten, die er verursacht, sind stets an ihren hohen Fiebergraden zu erkennen. Er gibt den von ihm Beherrschten eine gute Muskulatur, ein lebhaftes, übereiltes Temperament. In günstigen Konstellationen macht er gute Ärzte, Feldherrn, auch Redner und Advokaten, in schlechten: Soldaten, Metzger, Räuber, Diebe, Scharfrichter. Er beherrscht alles, was mit der Verarbeitung der Metalle zu tun hat, Gießereien, Schmieden (gemeinsam mit Saturn), Waffenfabriken, alle Berufe, die mit Feuer und scharfen Instrumenten arbeiten, Ingenieure, Chirurgen, Zahnärzte usw. Er verursacht Feindschaft, Streit, Duelle, Militarismus, Sieg und Niederlage, Verschwendung, Zerstörung, Brandlegung, gewaltsamen Tod, Ehebruch, Notzucht, Laster, Rachsucht, Schmähsucht, Zynismus, Frivolität, Verspottung der Religion, Wunden durch scharfe Gegenstände, Feuer und giftige Bisse, heftige Schmerzen. Ist seine stets Trennung betonende Kraft irgendwie gebunden, so verwandelt sie sich in höchsten Segen und gibt dem aspektierenden Planeten besondere Kraft (bei guter Aspektierung im guten Sinne). Mit Jupiter macht er Pioniere der Kultur, gibt er große Generosität, Edelmut, Ritterlichkeit (schlecht bestrahlt: Unbotmäßigkeit, Gesetzesverachtung, Verschwendung), mit Venus unwiderstehliche Männlichkeit (bzw. Ausschweifung), mit Merkur höchste Verstandeskraft, Witz, Schlagfertigkeit, Treffsicherheit (bzw. Sophistik, vernichtende Satire, Unwahrhaftigkeit, Taktlosigkeit, Verleumdung, alle Zuge des nie um Mittel und Argumente verlegenen Pamphletisten), mit der Sonne äußerste Steigerung der Lebenskraft und des Mutes, auch bei schlechter Aspektierung; ebenso wirkt gute Aspektierung mit dem Mond; schlechte gibt ein äußerst rohes Gefühlsleben, oft Feigheit und Neid. Mars und Saturn in Aspekt machen höchst entschlossene, vor nichts zurückschreckende, Naturen. Auch bei guter Aspektierung wird man die Fehler beider Planeten spüren. Dasselbe gilt von Aspekten mit Uranus und Neptun. Mars schlecht mit Uranus ist der zerstörerischste Aspekt, den es gibt, Mars schlecht mit Neptun der verworrenste. Mars, die Energie alles Lebens, die Unabhängigkeit an sich, ohne wesentliche Beeinflussung durch andere Planeten, macht unfruchtbar, beschränkt, ja, dumm, dabei äußerst zäh und rechthaberisch, derb, aufsässig, materiell, brutal, gewaltsam, oberflächlich. Diese niedrigsten Marstypen findet man vorzugsweise in den unteren Chargen beim Militär. Sie verachten z. B. die Generalstäbler, deren Mars mit Merkur und Jupiter gute Beziehungen unterhält, weil sie nicht im Feuer sind. Der reine Marstyp glaubt an nichts als an die rohe Kraft und sieht nicht, daß er nichts wäre, als Zerstörung, ohne diejenigen, die ihm die Richtung geben. Die richtungslose Kraft rennt gern blind in den Untergang, und diese rein instinktive Bewegung gilt leicht als Tapferkeit. Umgekehrt wäre alle Richtung nichts, als ein in die Luft gezeichneter Strich ohne die den saturnischen Stoff in Bewegung setzende Marskraft; noch niemals gab es auf dieser Erde ein starkes Werk oder eine wirksame Tat, ohne daß sein Urheber einen starken Mars gehabt hätte. Erkenntnis, Verstand, Gefühl, Empfindung verwirklichen sich nicht ohne die Individuation durch Mars. Mars gilt für den Planeten Deutschlands. Das erklärt dessen unverwüstliche Kraft, aber auch seinen oft richtungslosen, selbstzerstörerischen Individualismus, den die Welt nicht ertragen will. Äußerlich gibt Mars eine kräftige Gestalt, eine kurze Adlernase mit weiten Naslöchern, vorstehende, hochsitzende, stark gerötete dicke Ohren. Der Mund ist groß, die obere Lippe dünner als die untere, meist sind die Lippen geschlossen und etwas rauh mit vielen gekreuzten Linien. Großes knochiges Kinn, hohe Backenknochen, hohle Wangen kennzeichnen die Marsphysiognomie. Das Zeichen Widder eröffnet als erstes den Tierkreis, denn von der Schöpfung aus gesehen gilt das Wort: »Im Anfang war die Kraft.« Der Mars ist »Herr« vom Widder. In seiner feurigen Beweglichkeit entspricht es ihm am meisten. Hier tritt daher Mars am unverfälschtesten hervor, als naiver, den Stoff angreifender Wille. Hier ist Mars ganz und gar unproblematisch. Widdertypen, mögen sie infolge sonstiger Konstellationen hohe oder geringe Ziele haben, sind die Menschen, denen ihr Wille niemals fraglich wird. Kühnheit, Entschlossenheit, Schnelligkeit, Fähigkeit zu führen, andere anzuspornen, neu zu beginnen, zu befehlen und Gehorsam zu finden, Unbefangenheit, naive Leidenschaft, Optimismus, Ehrgeiz, Jähzorn, Tapferkeit, Ritterlichkeit, Idealismus, Wahrheitsliebe, Ungenauigkeit in Einzelheiten, Streitsucht, Neigung zum Übertreiben, Übereiltheit, mit dem Kopf durch die Wand wollen, blindes Draufgängertum, Roheit, Aggressivität ohne Bosheit, die aber infolge ihrer derben Sorg- und Rücksichtslosigkeit viel Böses anrichten kann, schlechte Menschenkenntnis, Begeisterungsfähigkeit, welche die Dinge gern sieht, wie man sie haben möchte, Unvorsichtigkeit und Indiskretion, alle diese guten und schlechten Eigenschaften ergeben das wohlbekannte Bild des Willensmenschen, der, nicht von des Gedankens Blässe angekränkelt, stets seinen Weg macht, und wenn er gestrauchelt ist, unverwüstlich immer wieder aufsteht. Auf dem Gebiet der Erkenntnis hingegen, auch praktischer, ist er nicht vorgeschritten, falls nicht andere Planeten seine Pionierkraft lenken. Er ist ausgesprochen unwissend, Führer etwa eines Regiments, aber nicht Schlachtenlenker, allenfalls guter Taktiker, niemals Strateg. Da er sich über nichts den Kopf zerbricht, kann er ebensowohl zäh an der konventionellsten Auffassung von Gut und Böse, Recht und Unrecht festhalten wie voraussetzungslos alle Tradition verachten, als beginne mit ihm erst die Welt. Verständnis und Liebe für das Andersartige besitzt er nicht, aber dafür kann man ihn »behandeln«, ohne daß er es merkt; dann geht er in die gewünschte Richtung, die er für die seine hält. Das kommt daher, daß es ihm auf Richtung im Grund überhaupt nicht ankommt, so wie der Ritter des Mittelalters ohne Bedenken das Lager wechselt, wenn er nur dreinschlagen darf. Nur um Auswirkung der Kraft ist es ihm zu tun, die er gar nicht von ihrer Richtung unterscheidet. Eben darum ist er, ohne es zu ahnen, von anderen mit einem vielleicht weniger starken, aber bewußt geleiteten Willen unschwer in eine bestimmte Richtung zu bringen, dagegen verachtet er alle die, welche vermeinen, Wille und Tat durch Intellekt und Wort ersetzen zu können. Am besten für ihn ist es, wenn er seine Richtung in einer ererbten Überlieferung vorfindet, als Ritter, als Offizier. Der kleine Adel bringt diesen Typus sehr häufig hervor. Den vorgefundenen Ehrenkodex nimmt er dann als durchaus selbstverständlich hin, als gäbe es nichts anderes, und als seien Andersartige mißratene Exemplare der Menschlichkeit, auf die es nicht ankomme, die man verachten und zum Gegenstand roher Spaße machen dürfe, aber ohne ihnen allzu ernstlich zu schaden, denn schlecht und eigentlich grausam ist dieser Typus nicht, dazu ist er zu primitiv. Auf dem Gebiet des Humors kennt er nur den Schabernack. Die Leiter jener nicht böse gemeinten und doch für feinere Naturen bisweilen fürchterlichen Mißhandlungen neu ankommender Kameraden, wie sie bei Seeleuten, in Kadettenschulen, ja, eigentlich überall vorkommen, wo viel junges Mannsvolk beisammen ist, sind meist Widdertypen. Daß diese Bräuche sich allmählich doch mildern, beklagen sie als trauriges Verfallszeichen. Ohne eine gegebene Richtung wirkt dieser Typus geradezu zerstörerisch. Wehe dem Staat, an dessen Spitze er gerät, statt von dem Staatsmann niedergehalten zu werden, der ihn in Kriegszeiten nach Bedarf loszulassen hat. Äußerlich sind die Widdertypen groß und sehnig, sie haben eine gerötete trockene Haut, starke Nase, stechende Augen. Das Haar ist tief in die Stirn gewachsen, meist rötlich, üppig nur im Schnurrbart, auf dessen Stattlichkeit sie oft stolz sind. Auffallend ist ihre Unempfindlichkeit gegen Kälte. Im Gegensatz zu Saturn, der, in den Stoff gefesselt, durch das Bewußtwerden seiner Idee aus dem Erdzeichen Steinbock in das Luftzeichen Wassermann aufsteigt, löst sich die Kraft des Mars aus dem Sonnenfeuer, erreicht im Widder ihr ungebundenes, richtungsloses Dasein und muß in den Stoff hinab, um ihm das Prinzip der Individuation aufzuprägen, damit er sich in Einzelgeschöpfen gestalte. Der Skorpion ist das andere Zeichen des Mars, ein festes Wasserzeichen, in dem wir ihn in die Tiefe des Stoffes hinabgetaucht sehen. Es ist das Zeichen seiner Extreme, des Guten und Bösen. In der antiken Astrologie heißt dieses Zeichen anfänglich nicht Skorpion, sondern Adler. Wie erklärt sich dieser äußerste Gegensatz zwischen dem Kriechtier mit dem giftigen Stachel – statt dem Skorpion wird auch oft die Schlange als Symbol gewählt – und dem königlichen Flieger in demselben Himmelszeichen? Hier packt zunächst die sich aus der Ganzheit des Kosmos aufs schärfste unterscheidende Ichheit in all ihrer eigensüchtigen, unwissenden Unbeherrschtheit die Materie mit ihrem grenzenlosen Egoismus an; eben dadurch offenbart sie die rasende Gewalt des individuellen Willens, der, solange er sich nicht in seiner Gänze erkennt, nämlich nicht nur in einem Individuum, sondern als derselbe in allen Individuen allgegenwärtig, den Krieg aller gegen alle entfesselt und durch Zerstörung seiner eigenen Geschöpfe Auflösung und Zerstörung jeder Gemeinschaft bewirkt. Die Ichheit, die sich nur in dem eigenen Ich erkennt und nicht auch zugleich negativ im Nicht-Ich, in allen anderen Ichen, ist dem Fluch allen sich aus der kosmischen Gesetzlichkeit (Jupiter) loslösenden materiellen Lebens geweiht: der Vergänglichkeit. Sie sät Haß und muß Tod ernten. Der Skorpion ist das VIII. Zeichen im Tierkreis und entspricht dem VIII. irdischen Feld, dem Ort des Todes. Aber hier steht auch, bewacht von der »Schlange«, der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. »Welches Tages du davon issest, wirst du des Todes sterben«, hat der alte Gott gesagt, der den Menschen das Paradies als Aufenthalt bestimmt hatte. Die Menschen aßen dennoch und beluden sich mit dem Fluch der Erbsünde, der Ichsucht, die sie des göttlichen Geschenks ihres paradiesischen Daseins verlustig gehen ließ. Aber die Schlange hat gesagt: »Ihr werdet mitnichten des Todes sterben, sondern Gott weiß, daß, welchen Tages ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.« Der Mensch hat also die Frucht gekostet, sich dadurch tief in den Stoff verstrickt, den Abgrund der Verbrechen und Laster durchwatet. Wo aber bleibt die Erkenntnis, die Hin zum Gott macht und die ihm die »Schlange« versprochen hat? Warum ist er kein Gott? Weil er sich durch seine eigenmächtige Individuation ausgesondert hat aus der göttlichen Substanz. Aber wer hat sich denn ausgesondert? Etwa dieses menschliche Individuum? Mitnichten; denn dieses ist ja erst die Folge jener Aussonderung. »Ich« war also schon vor dieser vermenschten Ichheit da. Diese ewige Ichheit erscheint uns zerspalten in unzählige Individuen. Ihrem Wesen nach ist sie die Selbstheit aller Kreatur, die Selbstheit des Schöpfers, die nicht bewußt hätte werden können ohne die Verrichtung im Geschöpf. So ist die Marskraft im Widder ganz unwissend dessen, was sie da eigentlich individuiert, und schwelgt in ihrer Entfaltung an sich. Vor dem Auge des im Skorpion Geborenen aber türmen sich die Leichen dieser sich selber gegenseitig zerstörenden Individuen so hoch und stinken Laster und Verwesung derart gen Himmel, daß hier in der verworfensten Tiefe des Abgrunds, gerade hier und nur hier, plötzlich das große Geheimnis offenbar werden kann, das die Menschen zu Göttern macht, daß nämlich jeder, der Ich sagt, ein Sprachrohr ist des göttlichen Selbst. Diese Erkenntnis hebt die Trennung des Sünders von der göttlichen Einheit der Welt mit einem Blick auf. »Allah braucht nicht mehr zu schaffen, Wir erschaffen seine Welt.« (Goethe.) Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, denn er ist dasselbe. Hassen wir in ihm nicht das am meisten,, was wir in uns selbst am heftigsten bekämpfen? So lieben wir in anderen auch am meisten das, was in uns selber am verborgensten ist. Nun weiß das Ich, was gut und böse ist. Böse ist das Vergessen des großen einen Selbsts in der Begrenzung des kleinen unterschiedenen Ichs. Gut wird alles, wenn es aus der göttlichen Mitte der Welt kommt. Dies ist die Erkenntnis, die den niedrigen Skorpion plötzlich in den alle Menschlichkeit überfliegenden Adler zu verwandeln vermag, der zu dem Throne Jupiters strebt, um an dessen Stufen zu ruhen. »Gerettet ist das edle Glied Der Geisterwelt vom Bösen: Wer immer strebend sich bemüht, Den können wir erlösen. Und hat an ihm die Liebe gar Von oben teilgenommen, Begegnet ihm die selige Schar Mit herzlichem Willkommen.« Diese Worte stammen von einem Dichter, der den Skorpion im Aszendenten hatte (vgl. das Horoskop Goethes), und der ein Kenner der Höhen und Tiefen war. Nun erklärt sich, wieso der Skorpion häufig als das allerböseste Zeichen gilt, unter dem die meisten Verbrecher vorkommen, und zugleich das mystische Zeichen derer ist, die zu höchsten Aufgaben berufen sind. Alle Gegensätze sind hier vereint: er ist marsisch, aber doch fest. Wenn Skorpion in einem Horoskop besondere Bedeutung hat, steht immer eine große Aufgabe und eine harte Prüfung bevor. Am Boden kriechen, mit dem giftigen Stachel zerstören – gen Himmel fliegen zu den Stufen des Zeus: keinem Skorpiontypus dürfte die erste dieser zwei Möglichkeiten fremd sein – Goethe fühlte die Fähigkeit zu jedem Verbrechen in sich –, die zweite Möglichkeit sehen nicht wenige; sie aber entschlossen ergreifen, das gelingt nur einer kleinen Zahl, und sie werden nicht verstanden. »Siehe, Adam ist geworden wie unser einer; und weiß, was gut und böse ist. Der Skorpion ist auch äußerlich das Zeichen der Wandlung. Keine Konstitution ist zäher als die skorpionische, erneuert sich leichter und steht wie verjüngt von Krankheiten auf, die als Reinigungsprozesse erscheinen. Skorpiontypen sind entweder sehr unsauber oder sehr reinlich. Sie schätzen das Bad und besonders das Schwitzbad. Ihre Fähigkeit zur Transpiration ist oft erstaunlich. Immer wieder werfen sie die Schlacke ihrer Unreinigkeiten ab und fühlen sich wie neu geboren. In der Jugend wirken sie oft alt, im Alter jung. Das eigentliche Jünglinghafte, aber auch das Knabenhafte, Kindische liegt ihnen nicht. Sie interessieren sich außerordentlich für die Materie, ob sie ihr durch Begierden unterliegen oder ob sie ihre Herren werden. Erkenntnis als solche, wie sie der höhere Merkurtypus sucht, ist ihnen wesenlos. Ihre Erkenntnis will Macht über den Stoff. Darum wollen sie auch nur das wissen, was sie brauchen. Sie sind Scheidekünstler, Alchymisten, Magier, die den Stein der Weisen und die Universalmedizin suchen, bald auf materiellem Wege als Naturforscher und Ärzte, bald als Philosophen. Ich habe mir bisher Nietzsches Horoskop nicht verschaffen können, aber ich will wetten, daß bei diesem größten geistigen Scheidekünstler, der das Buch »Jenseits von Gut und Böse« schrieb, der Skorpion und sein Herr, Mars, keine geringe Rolle spielen. Auch im Körper beherrscht der Skorpion die Scheidung der Nahrung in Lebensstoff und Abfall, sowie die Pforten, durch die dieser ausgestoßen wird; ferner die physiologische Seite des Geschlechtslebens, das die Pole des Stoffes in ihrer Begierden erweckenden Trennung zeigt. Der Skorpion trennt und mischt. So stehen Chemiker und Apotheker unter ihm, bei sehr gefährlicher Konstellation, auch Giftmischer. Immer stellt er den Gegensatz dar: Degeneration und Regeneration. Er ist Kain, und er ist Judas. Er ist das Ärgernis, doch Christus sagt: »Es muß ja Ärgernis kommen, aber wehe dem Menschen, durch den Ärgernis kommt.« Zugleich soll er die Zirbeldrüse beherrschen, dieses geheimnisvolle Organ, dem das dritte Auge entspricht, das die Buddhas und Bodisatwas auf der Stirn tragen und mit dem sie das Rätsel der Welt durchschauen. Skorpion ist das Zeichen der Mystiker magischer Richtung, deren Ziel nicht bloß Versenkung in die göttliche Substanz ist, sondern deren Ausstrahlung in den Stoff. Diese Magie kann schwarz oder weiß sein. Im Gegensatz zu dem andern mystischen Zeichen Fische, bei dem soviel Sinnestäuschung mit unterläuft, gibt es hier keinen Selbstbetrug. Betrügt der Skorpiontypus, dann niemals sich selbst. Er ist im gemeinen weltlichen wie im höchsten erkennerischen Sinne der Durchschauer aller Täuschung. Oft beginnt sein Erkenntnisdrang mit sinnlicher Neugier, die unreiner Seele den Stoff betastet und schmeckt. Niederste Sinnlichkeit und asketischste Selbstbeherrschung, das Wühlen im Untermenschlichen und die Erhebung zum Übermenschen, zynische Würdelosigkeit und unerschütterlichstes Selbstbewußtsein, roher Materialismus und erhabenste Mystik, alle diese Gegensätze sind skorpionisch, und zwar treten sie immer mit größter Entschiedenheit auf. Die Frömmigkeit des Skorpiontypus wird, wenn nicht anderweitig gedämpft, stets dazu neigen, zum Äußersten zu gehen: Fanatiker und Märtyrer gehören hierher, die für Alles – oder Nichts den Scheiterhaufen besteigen. Auch wo sie sich opfern, geschieht es noch im Sinne einer Trennung, einer Unterscheidung. Wird aber der Skorpiontypus Atheist und Feind der Religion, so ist er es ebenfalls mit der Inbrunst eines religiösen Fanatikers. Der Skorpiontypus hat alle Marseigentümlichkeiten des Temperaments, die wir bereits genannt haben in mehr konzentrierter, als expansiver Art. Auch er ist mutig, entschlossen, aggressiv, eifer-, streit- und rachsüchtig, zynisch, roh, sarkastisch, aber viel zurückhaltender und vor allem ohne die Naivität des Widdertypus. Er ist im Gegensatz zu jenem wirklich haßfähig, lieblos und oft ausgesprochen böse. Fast immer hat er etwas Geheimnisvolles. Geistig ist er auch auf niederer Stufe stets sehr scharf unterscheidend. Er prüft die Worte auf ihren ursprünglichen Sinn und entzaubert daher oft mit einem Schlag Irrtümer, Mißverständnisse, Zweideutigkeiten, ist aber, wenn er will, selber ein Meister der Zweideutigkeit. Sein Geist ist paradox, aphoristisch (Nietzsche). Er ist viel ausdauernder als der Widder, der der Hindernisse nur da Herr wird, wo er sie im Sturm überrennen kann. Sein Führertum ist weniger sichtbar, als das des Widdertypus, oft zieht er es vor, im Hintergrund die Drähte zu lenken. Sein Mut ist mehr der passive der selbstbewußten Kraft, als der aktive der sich stets ausstürmenden Leidenschaft. Er ist ganz unfähig, Zwang zu ertragen, und läßt sich auch nicht leicht wie der Widder in eine nicht selbst erkannte Richtung einspannen. Er hat nicht den blinden Mut des Draufgängers, sondern den sehenden dessen, der die Gefahr kennt, aber sich zutraut, sie zu überwinden. Was das Äußere betrifft, so gehört Skorpion zu den häßlichen Zeichen, doch ist er, wenn einiges Günstige sich mit seinem Einfluß mischt, oft die Ursache dieser so mächtigen »beauté de diable«. Frauen unter Skorpion gehören oft dem Typus »belle laide« an. Der Körperbau ist meist kräftig, mittelgroß, untersetzt und breitknochig, die Beine sind oft zu kurz oder mißgestaltet. Häufig ist ein Muttermal im Gesicht zu finden. Das Haar ist dunkel und sehr stark, das Gesicht hat wenig Farbe; Kinn und Kiefer sind knochig, eckig und breit. Skorpion gibt die stärksten, meist gelbliche Zähne. Der festgeschlossene Mund drückt selbstbewußte Zurückhaltung aus. In dem beweglichen Erd- und Saturnzeichen Steinbock ist Mars erhöht. Hier gibt ihm Saturn Festigkeit und teilt ihm die Bewegung nach oben mit. In diesem Zeichen zeigt Mars vielleicht am wenigsten von seinen schlechten Seiten. Dagegen sind ihm sonst die Erdzeichen ungünstig. Im Stier ist er vernichtet, völlig in der harten Materie verstrickt und mit Zähigkeit ihren mühevollen Zwecken in geistloser Arbeit zugekehrt. Im Zeichen Jungfrau erweckt er alle die egoistischen Instinkte dieses Zeichens und gibt ihnen ungeheure Kraft. Auch die Wasserzeichen (außer dem Skorpion) taugen ihm nicht. Im Krebs ist er in seinem Fall. Hier wie in den Fischen bestärkt er die schlechten Anlagen: Das Schwankende wird durch ihn zur positiven Charakterlosigkeit. In Wasserzeichen macht Mars zum Trunk geneigt. In dem Venuszeichen Waage ist er vernichtet wie im Stier. Hier verliert er sehr an Kraft und verkehrt die Venuswirkung in ihr Gegenteil. Statt Einigung bringt er Trennung, Familienzwist, Krankheit infolge geschlechtlicher Ausschweifung und Infektion. Mars ist hier zerstörerisch in das Revier der Venus eingedrungen. Dagegen wirkt er sehr belebend und stärkend in den beiden anderen Luftzeichen Wassermann und Zwillinge, deren Zielen er sich unterordnet, ebenso in den Feuerzeichen, die seinem Wesen am verwandtesten sind; freilich verstärkt er auch deren Bedürfnis nach Macht und ihrer Betonung. Venus, Waage, Stier Die Individuen, die Mars aus der kosmischen Einheit durch Vervielfältigung des Stoffes scheidet und trennt, treibt Venus, die Liebe, wieder zur Vereinigung. Ihr Ziel ist mitnichten die Aufhebung des Marswerkes, was ja nur ein Rückfall wäre in die ungeschiedene, formlose, unbewußte Stofflichkeit. Vielmehr erkennt sie gerade die Individuation an, ohne welche die von ihr gewünschte höhere, bewußte Einigung nicht möglich wäre. Saturn war die feste, starre Materie mit ihrer Kohäsionskraft, Venus setzt ihre volle Auflockerung voraus. Sie ist nicht Kohäsion, sondern Attraktion, nicht Masse, sondern Gemeinschaft, und darum liebt sie den rauhen trennenden Mars, der ihr Werk vorbereitet. Sie ist das, was man gemeinhin die Seele nennt, das sanfte Band, das die Individuen lustvoll, niemals mit Zwang vereint. »Das artige Wesen, das, entzückt, Sich selbst und andre gern beglückt, Das möcht' ich Seele nennen.« (Goethe.) Vor ihr muß Mars die Waffen strecken, und er, der keinen Zwang erträgt, fügt sich gern ihren Rosenketten, ja, wenn er sich selbst erkennt, ersehnt er diese Niederlage, die sein höchster Sieg ist, erfüllt sie doch erst den Sinn der von ihm gewaltsam geschaffenen Individuation. Venus liebt Maß und Ausgleich. Sie entwickelte dem Trüben Ein erklingend Harfenspiel, Und nun konnte wieder lieben, Was erst auseinander fiel.« (Goethe.) Darum ist die von ihr begünstigte Frau in allen höheren Kulturen die Hüterin der einigenden Sitte. »Willst du genau erfahren, was sich ziemt usw.« »Nach Freiheit strebt der Mann, das Weib nach Sitte« (Goethe, Tasso.) Dagegen ist ihr das Gesetz etwas Fremdes. Sie macht es nicht, wütet aber auch nicht dagegen. »Les femmes ont leur jurisprudence à elles«, sagt Balzac. Wo das Gesetz herrscht, schmiegt sich Venus ihm ein und sucht es erträglich zu machen. Wo es sich auflöst, unterliegt sie leicht der Roheit entfesselter Marskräfte, – » ... und wo die Frechheit herrscht, da sind sie nichts« – und die Frauen mit Marsnatur oder schlechter Venus gewinnen Oberwasser (Mannweiber und Dirnen). Ihre große Empfänglichkeit und Hingebung macht Venus schutzbedürftig. Sie braucht eine gute Umgebung, worin ihre Empfänglichkeit nicht zu sehr in Gefahr kommt, Verderbliches aufzunehmen. Dann ist die Venushafte »die Seele« des Kreises, worin sie lebt, ihr Wirken ist ein Walten, ein zwangloses Verbinden. Sie ist das Ideal der männlichen Männer, deren Fehden ihr Blick zur Ruhe bringt. In ihrer Gegenwart schweigen die Waffen. Sie ist rein in der höchsten Lust, aber niemals asketisch oder prüde. Sie ist idealistisch, aber nicht kämpferisch, fühlend, aber nicht überschwänglich und zerflossen, bescheiden aus Anmut, dankbar, genuß- und glücksfähig, mitleidig, zärtlich, kunst- und musikliebend. Maß zeichnet sie aus in allem, im Gegensatz zu dem Unmaß des Mars, der ihr Gegenpol, aber mitnichten ihr Feind ist. Ihr Segen bringt Glück auf allen Gebieten: Beliebtheit, Wohlwollen, Gewinn, Erfolg, Liebe, Schönheit, Harmonie. Sie beherrscht Gärten, Lustwälder, Wiesen, Blumen, Vergnügungen, Feste, Fröhlichkeit, Schmuck, Zierat, die Künste, Liebesangelegenheiten, die Kultur. Sie macht milde, nachgiebig, freundlich, dankbar, manierlich, geschmack- und taktvoll, versöhnlich und flieht nichts mehr als Streit. Vor allem gewährt sie Grazie und Anmut des Leibes und der Seele. Ihr unterstehen Künstler, besonders Sänger, da ihr von den Organen der Kehlkopf zugeordnet ist, Juweliere, Parfümeure, Coiffeure, Blumengärtner, alle Berufe und Geschäfte, die mit der Verschönerung des Daseins und mit Vergnügungen zu tun haben, bei ungünstigen Mars- und Saturneinflüssen auch Kupplerinnen, Dirnen und Freudenhäuser. Bei schlechter Konstellation, ja, oft schon bei zu geringer Unterstützung durch andere Planeten, wie Jupiter oder Saturn, schlagen ihre Tugenden mehr oder weniger in Fehler, ja, Laster um. Aus ihrer Liebe zu Friede und Gleichgewicht wird die passive Indolenz, die alles gehen läßt, wie es will, zu allem »ja« sagt. Venus ist daher die hohe Schutzpatronin der Schlamperei, und nicht umsonst steht Österreich unter ihrem Zeichen Waage. Bei guter Konstellation ist jedoch das Bedürfnis der Venus nach Nettigkeit und Anmut ein Gegengewicht gegen diese Schwäche. Besitzt sie Ordnung, dann niemals aus moralischen, sondern aus ästhetischen Gründen. Ihre weiteren Fehler sind bei schlechten Aspekten oder in ungünstigen Zeichen zu starke Sinnlichkeit, Eitelkeit, Gedankenlosigkeit, Albernheit, Widerstandslosigkeit gegen Stimmungen, Eifersucht, Vergnügungssucht bis zur Liederlichkeit. Bei schlechter Bestrahlung macht Mars sie ausschweifend, Saturn lasterhaft und niedrig, Mond launenhaft und unsauber, Uranus emanzipiert, Jupiter übertrieben in allem Venushaften, das stets des Maßes bedarf, um Segen zu sein. Schlechte Venusaspekte führen auch leicht zu Tratsch und Skandal. Von Menschen beherrscht Venus in Horoskopen die Gattin oder die Geliebte. Von Metallen untersteht ihr das Kupfer, das sich wegen seiner Weichheit so sehr zu »Legierungen« eignet. Äußerlich gibt Venus Anmut und Schönheit, eine mittelgroße harmonische Gestalt mit guten Bewegungen. Auch wo sie etwas zuviel Rundung verleiht, wirkt das nicht plump. Das Gesicht zeichnet sich durch Freundlichkeit und lachende Blicke aus. Die Ohren sind klein, rund, rosa und dicht anliegend. Die leicht geschweifte, sehr rote Oberlippe wurde von den antiken Dichtern oft mit dem Bogen des Kupido verglichen. Grübchen in den Backen verraten fast immer Venuseinfluß. Die Zähne sind klein, regelmäßig und sehr weiß, das Kinn ist fleischig, rund. Unter der Unterlippe findet sich ein starker Einschnitt. Die Kiefer sind wenig markiert, die Wangen sind voll und bleiben es bis ins Alter, ohne zu hängen. Die Unterscheidung des Plato, Venus Urania und Venus Pandemia, finden wir als himmlische und irdische Liebe im Mittelalter wieder. Beide unterscheiden sich nicht dem Wesen nach, sondern nur nach dem Grad, in dem Venus zum Stoff hinabgestiegen ist, um dort ihre Aufgabe der Einung der von Mars zerteilten Materie zu erfüllen. In der Astrologie entspricht das Taghaus Venus, die Waage, der Urania. Sie ist ein Luftzeichen und verkörpert somit eines der beiden höheren, geistigen Elemente. Venus erkennt die von Mars geschaffene Individuation an, um sie der allgemeinen Weltharmonie einzufügen, ja, nach diesem Prozeß wird das marsische Individuum erst Individualität . Durch Venus wird seine Trennung von dem Ganzen gerechtfertigt. Die Marskraft ist, wenn auch in zahllose Individuen zersplittert, ihrem Inhalt nach noch gänzlich kollektiv. Venus in der Waage bedeutet also auf gar keinen Fall die blinde Anziehung der Geschlechter, sondern die Liebe, die ein Erkennen des anderen ist. Ihre Sehnsucht nach Einigung ist nicht wahllose Vermischung, sondern höchste Harmonie, die nur möglich ist, wenn jeder Ton etwas ganz Bestimmtes für sich ist. Dadurch wird Venus die wahre Besiegerin des Egoismus, nicht indem marsisch das Ego unterdrückt wird, was nur immer wieder einem anderen, im Augenblick stärkeren, Ego zugute kommt, sondern indem sie jedem Ego seinen Platz anweist, an dem es, sanft gebändigt, in seinen Grenzen bleibt, sich erfüllend, indem es sich vereint. Das Zeichen der Waage beschenkt bei guter Konstellierung mit den edelsten Gaben der Venus: Inspiration, Intuition, Kontemplation, künstlerischer Begabung, Idealismus, Weichheit, Takt, Diskretion, Fähigkeit und Würdigkeit zur Liebe, Barmherzigkeit, Empfänglichkeit, Ausgeglichenheit und jener anmutig-bescheidenen Selbstsicherheit, die ohne Ehrgeiz nur dort stehen will, wo sie hingehört, da aber ganz sie selber ist; Venus zeigt Bereitschaft, eigenes Unrecht einzusehen, denn Harmonie ist ihr mehr als um jeden Preis recht behalten. Sie gibt Unparteilichkeit und Gerechtigkeit, deren besonderes Symbol ja die Waage ist, Gleichgewicht, das aber durch ungünstige Einflüsse sehr leicht gestört wird. Dann erscheinen die Waagetypen oft hilflos gegenüber der zu heftig auf sie einstürmenden Welt. Erwerbsfähigkeit und praktische Tüchtigkeit, sowie die Fähigkeit, sich selbst zur Geltung zu bringen, ist nicht ihre Sache. Sie verlangen die kongeniale Umgebung, die sie anmutig, ja, reich und glänzend wünschen. Zu grober und sehr mühsamer Arbeit sind sie nicht fähig. Sie sind nicht anpassungsfähig. In ungeeigneten Verhältnissen gehen sie ein wie edle Tiere. Wo sie aber verstanden, geschätzt und vor allem geliebt werden, da wirken sie Wunder im Überbrücken der Gegensätze. Im Kosmos wie im kleinen menschlichen Kreis begünstigt die Waage die coincidentia oppositorum. Ihr ganzes Wesen ist mehr sanfter Antrieb, Aspiration, als Vollendung in eigener Tat. So sehen sie immer mehr das Mögliche, als das derzeitige Hier, über das sie im günstigen Fall hinwegschweben, wobei sie noch diejenigen tragen, auf die sie Einfluß haben, während sie im ungünstigen Fall an der Wirklichkeit leicht zerschellen. Stets sind sie hilfreich, aber ihre Hilfe ist nicht planmäßig und daher oft praktisch bedeutungslos. Am meisten geben sie dem, welcher nichts anderes von ihnen erwartet als die Ausstrahlung ihres beglückenden, blumenhaften Wesens. Bei ungünstigen Bestrahlungen sind ihre Fehler Ungeduld, Unbesorgtheit bis zum Leichtsinn, Empfindlichkeit, Unbeständigkeit, Vergnügungssucht, Oberflächlichkeit, Beeinflußbarkeit. Ihr eigenstes Bereich ist Ehe, Familie und Geselligkeit verfeinerter Stufe. Die von Venus vernachlässigten Naturen halten deren Gaben gern für Beigaben, oft nicht eigentlich real, mehr für Spiegelungen der Phantasie. Nun ist aber die Schönheit eines im Abendfrieden daliegenden Dorfes nicht minder wirklich, als die Tatsache, daß in den Häusern vielleicht Schmutz (Neptun) und Bosheit (Mars) herrschen,. Auch »wenn man die Bauern kennt«, bleibt diese Schönheit, die nichts mit eingebildeter Romantik zu tun hat. Ja, sie erhält durch ihren Gegensatz noch Relief, denn Schönheit ist nicht Monotonie, sondern Harmonie, und die setzt Dissonanz voraus. Die Schönheit gräbt Lettern in den Stoff, die man erst dann ganz rein zu lesen vermag, wenn man von allem, was der Stoff sonst noch erzählt, zu abstrahieren vermag. Das ist das uninteressierte Anschauen der Schopenhauerschen Ästhetik, durch das man auf eine von Jupiter, Saturn und Mars verschiedene, nämlich venushafte Art den Weltsinn erfahren kann. Auch Venus muß, um ihre Aufgabe zu erfüllen, den Stoff durchdringen, und so ist es nicht erstaunlich, daß, wie Jupiter und Mars, auch sie ein Zeichen in den niederen Elementen beherrscht. Es ist das feste Erdzeichen Stier. Hier ist sie tief eingedrungen in die rudis indigestaque moles des saturnischen Stoffes, dem sie Schönheit verleiht, wodurch er liebenswert wird. Was Venus im Stier bedeutet, hat der persische Dichter Hafis in einem sehr anmutigen Gedicht dargestellt (Übersetzung von Daumer): Es ist ein Stern vom erhabenen Himmel gefallen, herab ins irdische, tolle Getümmel gefallen. Da sah er umher die Kräuter und Blumen der Wiese; ihm hat das lustige, bunte Gewimmel gefallen. Er sah, wie ein Roß leicht über die Heide dahinflog, ihm hat der herrliche, fliegende Schimmel gefallen. Er hörte die Glöckchen am Halse der Herden läuten; ihm hat das klingende, kleine Gebimmel gefallen. Nicht wieder empor zum erhabenen Himmel verlangt er; er blieb, was er war, blieb gerne vom Himmel gefallen. Venus erweckt im Stoff im Gegensatz zum aktiven Willen des Mars den passiven Willen: den Wunsch. Sie teilt dem Stoff ihre Empfänglichkeit mit und gibt ihm zugleich Anziehungskraft, ja, die Kraft, zu bezaubern, zu verführen. So wird sie im Zeichen Stier zur irdischen Liebe, die nicht mehr bloß die ideale Verbinderin des Gegensätzlichen ist, sondern, in die Materie versprengt, aus der Not der Vereinzelung für sich selbst die Bindung erstrebt und dabei auch egoistisch sein kann bis zur Tyrannei. Dann wird sie Abgrund, der alles in sich einschlingen will, dem Geist und Weisheit nichts gelten, die oft ganz ihrer dämonischen Versuchung unterliegen. Sie ist die natura naturata des Spinoza, die »heidnische Natur«, welche die Kirchenväter und christlichen Heiligen so sehr fürchteten, daß sie, die zugleich in der Mutter Gottes die himmlische Liebe anbeteten, aus dem irdischen Weib das unreine Gefäß der Sünde machten. Freilich: ohne das Uebermaß von Schönheit, das Venus über ihn ergießt, wäre der saturnische Stoff plump, das Fleisch reizlose Masse, die keinem weisen Menschen zu verführen vermöchte, der je in den Reichen des Jupiter empfangen worden ist. Die Beobachtung des ersten Christen hat Schopenhauer unterstrichen mit der Behauptung, die Natur habe das Weib während einiger Jugendjahre darum mit soviel berauschender Anmut ausgestattet, weil ein vernünftiger Mann bei klaren Sinnen sich kaum entschließen würde, sich an sie zu binden und die Zwecke der Natur zu erfüllen. Das ist nicht unrichtig gesehen, aber die Schlußfolgerung ist falsch. Eben der Segen, den Venus über die Materie streut, beweist, daß diese nicht verneint werden soll. Das Göttliche selbst ist es, das in den Stoff hinein will, freilich nicht um sich darin zu verlieren, sondern um bewußt zu werden, und wenn auch dem im Abgrund der Materie Versinkenden zum Zwecke der Selbstbesinnung eine zeitweilige Askese nur empfohlen werden kann, so wie der Arzt einen kranken Magen zum Zwecke der Gesundung zeitweise auf Hungerdiät setzt, so wird der, welcher den göttlichen Gegensinn des Stoffes im Inneren erfahren hat, ohne Angst des Versinkens, ungestraft, ja reich belohnt die Fahrt in den Schacht wagen dürfen, und je tiefer ihn Venus Pandemia in das Geheimnis des Stoffes eingeweiht hat, desto höher vermag er nach dem Gesetz der Pendelschwingung ihrer Schwester, Venus Urania, in die Höhe zu folgen. Im Grunde sind sie ja eins: die Schönheit, die alles verbindet, also auch Geist und Stoff. Wer sie fürchtet und nur in reinem Geist verweilen möchte, fehlt nicht minder, als der, welcher blind in den Stoff hinabstürzt. Trennung und Einigung sind zusammen der Sinn dieser Welt, und nur der nimmt die göttliche Mitte ein, der erkennend beide Funktionen erfüllt. Askese ist genau so »sündhaft« wie Unzucht, sie ist die negative Unzucht des Geistes. Demgegenüber gibt es heute eine Richtung, die alle Liederlichkeit rechtfertigen möchte, indem sie kurzerhand den Stoff heilig spricht, womit sie wähnt, den Spuren der heidnischen Götter zu folgen. Diese Mischung ordinärer Triebe und hilflosen Denkens duftet den Göttern nicht lieblich. Der Stoff ist nicht heilig. Gott schuf ihn, indem er ihn von sich als Saturn abspaltete, damit das Unheilige sei, und wer ihm blind verfällt, den verglichen schon die Alten mit dem selben grunzenden Tier, wie wir. Aber nun hat die Gottheit die Weisheit des Jupiter und die Schönheit der Venus in den unheiligen Stoff hinabgesandt, auf daß er geheiligt werde durch Gesetz und Liebe. Damit solche Heiligung möglich sei, ist das Unheilige Voraussetzung. Erst wer dies erkannt hat, vermag ungestraft den Weg der Venus gleich dem weisen Hafis zu wandeln. Nur von hier aus, nicht für den Instinkt freigelassener Knechte, ist alles rein. Nacktheit kann schön sein, Nacktkultus ist Exhibitionismus, der sich selber als unanständig empfindet, aber gerade darüber so außer sich ist vor Freude, daß man jetzt plötzlich unanständig sein darf. Das ist gerade das Gegenteil dessen, was Venus will, nämlich die Heiligung des Stoffes, es ist vielmehr der durch Mars in Bewegung gesetzte unheilige Stoff, aber durch einen bereits degenerierten Mars, der sich mit Schauen und Betasten begnügt und dadurch keine Katastrophen mehr zu befürchten hat. Er besitzt nur gerade noch so viel Kraft, um den Kitzel, nicht die Gewalt der Begierde hervorzubringen. Venus hingegen ist im Geist wie im Stoff und zwischen beiden Einung, sie stellt die Wahlverwandtschaft des Getrennten dar. Ja, ihr dürstender Schoß will alles einschlingen, auch Geist und Wille, aber nicht in ein totes Grab, sondern um alles wieder neu im Stoff zu gebären. So ist Venus im Stier die Venus genitrix der Alten, die nicht unmittelbar vom Himmel Herabgestiegene, sondern durch die Nacht des Meeresgrundes Gegangene, die nun überrieselt von der dämonischen Schönheit des Elementes als Cypria aus dem Wellenschaum hervortaucht, und der Tempel zu Amahunt und Paphos standen. An den Stoff gebunden, gilt sie in ihrer Unerlöstheit als die Gattin des niedrigen, mühseligen, mißgestaltenen, von Arbeit berußten Vulkan, aber sie verachtet ihn, entzieht sich seinen Armen, um dem Geliebten entgegenzueilen. Der kann kein anderer sein, als Mars (im Widder), dessen Rauheit wiederum allein Venus im Stier zu binden vermag: die erlöste Erlöserin. Freilich, unwissend sind beide dessen, was sie tun. Alles, was durch sie geschieht, ist Trieb, wenn nicht Laune, und das ist es, was Begierde und Lust so gefährlich macht, besonders wenn noch Saturn seine Gewichte daran hängt. Darum hat es seinen Grund, warum diese Belebung des Stoffes durch Mars und Venus nicht erst dem Christentum als dämonische Tragödie erschien. Erst des Weisheit des olympischen Jupiter wird sie zum Spiel der Götter, welche der Dämonen Herr geworden sind, sie sanft einordnend in das kosmische Gesetz, aber ohne sie, wie die Menschen tun, durch Sondergesetze zu fesseln. Das Zeichen Stier bedeutet also die starke, aber aus der Stofflichkeit noch nicht erlöste Venus mit allen Wünschen und Hemmungen des Stoffes; es macht daher vor allem stoffverwandt, also sinnlich, wollüstig, verliebt, geduldig, geeignet zu körperlicher Arbeit, bald schweigsam, bald geschwätzig, bald fleißig, bald träg, phlegmatisch, bequem, behaglich, materialistisch, aber auch, wenn nicht gereizt, gefügig, zäh, standhaft, vorsichtig, sehr reizbar, aber den Zorn lange sich verbeißend, langsam, mürrisch, melancholisch, selbstsüchtig, erwerbend, praktisch, tüchtig, instinktiv, neidisch, zuverlässig, genußsüchtig, beschränkt, ja dumm, bigott, dogmatisch, genau, am Wort und an Einzelheiten klebend, keinen Widerspruch ertragend, eifersüchtig, nachtragend, sehr auf die Gesundheit bedacht und Krankheit übermäßig fürchtend, hypochrondrisch, dabei entschieden produktiv, aufbauend mit viel Sinn für das Gegenwärtige, Wirkliche. Als Künstler bevorzugen die Stiertypen die schwere Materie (Architektur, Skulptur). Sie sind mehr sorgfältige Zeichner als Impressionisten, jeder Theorie und Abstraktion abhold. Wenn sie ein Ziel erreichen, sind sie nicht länger von Ehrgeiz gequält, vielmehr zufrieden, liebefähig, treu, dankbar, schwer erregbar, aber auch schwer zu beruhigen oder sonstwie zu beeinflussen. Man erkennt hier den gebundensten aller Typen, ist doch der Stier das feste Erdzeichen, und das erklärt es, warum man hier auf den ersten Blick mehr materielle als Venusmerkmale erkennt. Die Venus ist, wie gesagt, hier gänzlich in den Stoff eingesprengt und wartet auf Erlösung. Der Stiertypus ist daher von einem innerlich glimmenden, leidenschaftlichen Feuer erfüllt, das ohne Hilfe von außen nur selten Flammen zu schlagen vermag. Steht in einem Horoskop Venus unverletzt im Stier, so vermag sie mit allen Gütern des stofflichen Lebens Liebe, Genuß, Reichtum, ja, Erfolg zu segnen. Äußerlich macht der Stier untersetzte Gestalten, mit breiter niedriger Stirn, dickem Hals, starken Schultern, Stiernacken, gutmütigen Augen, wie sie ein in der Wiese träumender, nicht gereizter Stier hat. Die Nase und der Mund sind klein, das Haar ist meist dunkel, die Gestalt etwas plump. Trotz allem gießt Venus über diese Fleischlichkeit ihre Anmut. Besonders unter diesem Zeichen geborene Frauen haben eine etwas derbe, aber sehr gewinnende Hübschheit, freundliche Augen, einen üppigen, anmutig geschweiften Mund, etwas rundliche Formen, Patschhändchen mit Grübchen und oft sehr viel echte Herzlichkeit. Sie sind verliebter Natur, nicht gerade intelligent, bei richtiger Behandlung gefügig, sonst voll Eigensinn, und sehr musikalisch. Das Zeichen Stier beherrscht Hals und Kehlkopf. Es ist erstaunlich, wie viele Bühnensängerinnen unter diesem Zeichen geboren sind, besonders Koloratursängerinnen. Es ist das typische Zeichen der Primadonna mit all ihrer Anmut und den durch die Tradition der Bühne fast geheiligten Fehlern. Sie ist die irdische Venus in Reinkultur, deren Weh und Ach nur aus einem Punkte zu kurieren ist, und das versteht am besten Mars im Skorpion. Der Eigensinn und die zähe Launenhaftigkeit der erdgebundenen Venus will im Grunde nicht siegen, sondern besiegt werden. Nie wird sie das zugeben, aber einer weiß es von selbst, ohne daß man es ihm gesagt hat, so dumm er sonst oft ist: Mars im Skorpion. In den anderen beiden Erdzeichen ist Venus schlecht. In der Jungfrau (in ihrem Fall) schadet ihr der Egoismus dieses Zeichens, im Steinbock verfällt sie Saturn. Hier ist sie materiell bis zur Liederlichkeit, und die Beweglichkeit dieses Zeichens führt sie weit. Am schlechtesten ist sie wohl in dem festen Wasserzeichen Skorpion. In diesem, dem Stier gegenüberliegenden Haus ist sie vernichtet. Hier ist ihr Feuer ganz und gar gebunden, entweder ist sie überhaupt frigid oder lasterhaft mit Kälte, stets von den schlechten Marseigenschaften verdorben. Auch in dem beweglichen Mond- und Wasserzeichen Krebs ist Venus nicht am Platz. Hier fehlt ihr aller Halt. In dem Wasser- und Jupiterzeichen Fische hingegen vereinigt sie sich mit dem Jupitereinfluß. Hier ist sie erhöht. Ausgezeichnet ist sie in den Zwillingen, wo sie sich mit Merkur verbindet, weniger günstig im Wassermann, dessen saturnisches Wesen selbst auf dieser Stufe (Luftzeichen) sich schwer mit ihr paart. Sie wirkt hier effeminierend. In dem feurigen Marszeichen Widder ist sie vernichtet. Hier wird sie zu hitzig und bei Frauen ausgesprochen roh, während die beiden anderen Feuerzeichen Löwe und Schütze ihre Sonnen- und Jupiterwirkung mit ihrer Sinnlichkeit aufs günstigste verbinden. V. Die beiden Mittler zwischen oben und unten Merkur, Zwillinge, Jungfrau Merkur ist der Götterbote, der die Verbindung zwischen Jupiter und den Menschen herstellt. Er ist ganz und gar Vermittler zwischen der Weisheit und dem Stoff, selbst ohne eigene Substanz. So ist er zugleich der menschliche Verstand, in sich unproduktiv, aber unerläßlich, um die produktiven Kräfte im Menschen bewußt zu machen, zu ordnen und miteinander in Verbindung zu bringen. Wer hundert Joch Grund hat und die rationell bewirtschaftet, ist reicher als der, welcher tausend Joch hat und nicht damit umgehen kann. Nichtsdestoweniger ist es auch im ersten Fall der Boden, nicht die rationelle Bewirtschaftung, was Früchte trägt. So verhält sich Merkur zu den Gaben der übrigen Planeten. Im Augenblicke, da der Verstand sich aus seiner Dienerstelle befreit und sich selbständig macht, erscheint er in seiner ganzen Substanzlosigkeit und Dürftigkeit als leerer Schwätzer, der sich mit Fetzen von Jupiter geliehener Weisheit schmückt, ja als Lügner und Betrüger. So wird erklärlich, daß Verstandeserkenntnis an sich nichts ist, und daß ein bedeutender Mensch dennoch ebensowenig ohne einen starken Merkur denkbar ist, wie ohne einen starken Mars, der für sich genommen, nichts anderes ist als richtungslose Kraft. Es laufen zwar heute viele sogenannte Weise mit einigen Jupiter- und Halbkünstler mit einigen Venusgaben herum, denen es aber am ordnenden Verstand fehlt. In der Literatur und Kunst gerade unserer Tage bilden diese Gestalten die große Mehrheit. Daher das verworrene Dickicht ihrer Unverständlichkeit, durch das manchmal Blitze der Erkenntnis und Schönheit leuchten, um sofort wieder leerem Gerede Platz zu machen. Dies ist eine Reaktion auf den Intellektualismus, d. h. die Überschätzung des Verstandes, die, aus dem achtzehnten Jahrhundert stammend, über die Geistigkeit des neunzehnten Jahrhunderts nach der kurzen Unterbrechung durch die Romantik ihren Mehltau gelegt hat. Ganz gewiß kann man nicht alles erklären, an diesem Wahn ist die Wissenschaft des neunzehnten Jahrhunderts gescheitert. Aber wo sich klare Anschauung mit klarem Verstande paart, da kann man alles Erlebte genau beschreiben, so zwar, daß das nur schattenhaft, ahnungsvoll Vorgekommene eben auch nur schattenhaft und ahnungsvoll dargestellt wird, ohne daß damit Verworrenheit und Unklarheit zum Prinzip der Darstellung erhoben würde. Daher ist es bereits eine Verirrung des seine Dienerstellung verlassenden Verstandes, wenn sich Merkur vor Jupiter, Mars und Venus stellt und ehrfurchtsvoll verlangt: Erklärt mir eure Weisheit, Kraft und Schönheit! So verfährt die Wissenschaft und wundert sich, daß ihre dummen Fragen nicht beantwortet werden können, ja, hält sich deshalb für besonders gescheit. Was aber da ist, im irrationellen Dasein selbst seine »raison d'être« hat, was ist daran noch weiter zu erklären? Es kann nur angeschaut und beschrieben werden. Hier leistet nun Merkur seine unerläßlichen Dienste. Er vermag durch das irrationale Dasein Grenzen zu ziehen. Ohne ihn würden wir zwar der Wirkung des Jupiter, Mars und der Venus genau so ausgesetzt sein wie mit ihm, aber wir würden aus ihrer Gesamtwirkung sie selber nicht unterscheiden können. Alles würde sich instinktiv unbewußt vollziehen. Erst dadurch, daß Merkur leibhaftig auf die Erde steigt, können wir Menschen die Geheimnisse der Götter erfahren, statt bloß ihr Wirken zu spüren, und so ist der menschliche Verstand eben doch das Organ, auf welches die ganze Entwicklung der Natur hingezielt hat, denn die ganze Natur ist nur Mittel für Gott, sich zu offenbaren. Wir sehen noch die Vorversuche der Natur z. B. im Leben der Bienen und Ameisen. Hier ist die Fähigkeit rationellen Handelns bereits in erstaunlicher Weise gediehen, aber sie bleibt rein kollektiv. Die äußere Individuation hat zwar auch hier, wie in der ganzen Schöpfung, stattgefunden – jede Biene ist ein Wesen für sich – aber noch ist hier das Organ des Merkur, der Verstand nicht so weit entwickelt, daß er diesem Individuationsprinzip zu folgen vermag, d. h. es bewußt machen kann. Dies ist erst im menschlichen Hirn möglich, und hier allein können die Götter selber bewußt werden. Dieses Hirn kann daher als Mittel gar nicht hoch genug geschätzt werden, aber die geringste Überschätzung, die aus ihm mehr als Mittel macht, gibt jenes die Götter vertreibende Falschwissen (Atheismus), das schlimmer ist als alles Unwissen und Ahnen. Noch der krasseste Aberglaube hat mit den Göttern zu tun, der Materialismus dagegen entgöttert die Welt, macht aus ihr die gottverlassene Hölle, in der heute die Menschheit lebt. Natürlich sind die Haupteigenschaften des Merkur Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit. Darum wird er wie kein anderer Planet modifiziert durch Zeichen und Aspekte, ja, erst durch diese erhält er Substanz. Sein Symbol ist der Spiegel, sein Metall ist das Quecksilber (Mercurium). Er beherrscht vor allem die Nerven, diese Telegraphendrähte, die alle unsere Empfindungen, Gefühle und Gedanken im Zentralorgan, dem Gehirn, zu einem Mikrokosmos zusammenfügen. Verbindungen, Beziehungen schaffen, das ist sein Beruf, aber nicht im Sinne der Einigung, wie sie die Attraktion der Venus sucht, sondern nur vorübergehend zu immer wieder wechselnden intellektuellen oder auch praktischen Zwecken. Das logische Denken, das die Begriffe nach verschiedensten Gesichtspunkten verbindet, das Rechnen, durch welches Gleiches und Ungleiches zusammengeordnet oder geschieden wird, die Mathematik, die gänzlich auf die Substanz der Dinge verzichtend, alles auf Zahl oder Schema reduziert, all dieses wechselnde, sehr zweckvolle Trennen und Vereinen, das nichts mit Mars und Venus zu tun hat, untersteht dem Merkur, und das Absehen von der Substanz zugunsten der Beziehung gibt ihm etwas Unpersönliches. Vielgeschäftigkeit, Oberflächlichkeit, Einmischungssucht, Neugier, Nervosität, Erregbarkeit, Veränderlichkeit, Ängstlichkeit sind die Fehler, die am dichtesten bei seinen Vorzügen liegen. Er beherrscht vor allem Boten und Diener, jüngere Brüder, Schüler, Mathematiker, Astronomen, Philosophen, Redner, Schriftsteller, Schreiber, Sekretäre, Dolmetscher, höhere Handwerker, Geschäftsleute, Börsenbesucher, kurz, alle die Berufe, die, auf welcher Ebene auch immer, den Verstand besonders nötig und mit Tinte, Feder und Papier zu tun haben; ferner Messen, Transportmittel, Reisen, Handel und Gewerbe; bei schlechter Konstellation (besonders mit Saturn und Neptun) macht er auch Diebe, Falschmünzer, Fälscher (Merkur, der Gott der Kaufleute und der Diebe!). Er begünstigt Unternehmungen, Missionen, Verträge, nützliche Beziehungen, Bekanntschaften, Gedrucktes und Geschriebenes, Korrespondenz, in schlechter Konstellation geheime Umtriebe, Verleumdung, falsche Zeugen, ja, Giftmord, Falschheit, Sophistik, Geschwätzigkeit, Niedertracht, Gemeinheit, Servilität. Würdelosigkeit, Aufdringlichkeit, Ohnmacht, Inkompetenz, Verächtlichkeit, Herumtreiberei, Landstreicherei, Bübischkeit, Frechheit sind die Eigenschaften eines sehr verunglimpften Merkur; Schwächlichkeit, Unzuverlässigkeit, Übereilung, Verlegenheit, Verwirrung, Weitschweifigkeit, dauernde Befangenheit im Kleinen, Ärgerlichkeiten des Alltags und ruhelose Beängstigung beruhen auf kleineren Schwächen des Merkur, wie etwa Rückläufigkeit oder Gefangenschaft in einem Zeichen. Auf geistigem Gebiet beherrscht Merkur alles, was zur Form des Ausdrucks gehört, Begriffsbildung nicht nur, sondern auch Wort und Sprache. Er verleiht (besonders wenn gut mit dem Mond aspektiert) Sprach- und Redetalent. Seine besten Eigenschaften sind Klugheit, klarer Blick, Verständigkeit, Geschicklichkeit, Diplomatie, Aufgewecktheit. Nichts liegt ihm ferner, als schwerfälliges, langweiliges Phlegma. Merkur nimmt von allen Planeten die Einflüsse auf, aber nicht, um sie in sich zu verarbeiten, sich zu wandeln, sondern nur, um sie miteinander in unter Umständen originelle Verbindung zu bringen. Seine Originalität kann nicht mehr als kombinatorisch sein. Er hat keine Entwicklung, sondern nur wechselnde Inhalte, und so bleibt sich sein Wesen immer selber gleich, aber dieses Wesen ist im Grunde die Substanz- und Wesenlosigkeit. Börsen- und Wechselgeschäfte, Agenturen, Zeitungen, Internationalismus, Kongresse, Lexika, Enzyklopädien, Inventare, Kunst und Theaterkritik, kurz alles, was mehr auf Vermittlung, Verkehr, Beziehung, Ordnung und Spiegelung aus ist als auf Schaffen, Entwicklung und Substanz, ist merkurisch. Man wird in diesen Eigenschaften, guten wie schlechten, leicht einen unter den Juden häufigen Typus erkennen, deren Produktivität sich seit der frühchristlichen Zeit immer mehr erschöpft. Menschen, die, von viel eigener Substanz beladen, eine innere Aufgabe haben, wären zu solcher merkurischen Tätigkeit unfähig. Eine innere Aufgabe scheinen die Juden als Volk und Rasse in der Tat nicht mehr zu fühlen, obwohl ihnen die Götter alles ins Ohr gesagt haben, so daß sie genau Bescheid wissen, wie man die Dinge auf Erden »macht«. Sie stellen das Inventar der Schöpfung auf, sie schreiben das Inhaltsverzeichnis zu dem Buch der Weisheit. Sie verhalten sich dem Schöpfer gegenüber wie der Korrektor zu dem Autor, und stehen ihm daher näher als die Setzer, von denen nicht verlangt wird, daß sie das Werk verstehen. Auch äußerlich zeigt der Merkurtypus etwas Unwandelbares. Gestalt und Gesichtsausdruck behalten bis ins Alter etwas Jugendliches, aber auch in frühen Jahren ist diese Jugendlichkeit weniger strahlend als beweglich. Die Gestalt ist gelenkig und schlank, oft mager, ja, dünn und schwächlich, die Nase lang, gerade, fein mit sehr beweglichen Nasenflügeln, oft an der Spitze mit einer kleinen spaltartigen Rinne, die Wangen sind dünn, die Kiefer schmal; das Kinn ist lang, spitz, leicht hervortretend. Auch die Lippen sind dünn, sehr beweglich, meist geöffnet, die obere etwas stärker, die Zähne nicht groß und ziemlich gut, die Ohren sind klein, mehr lang als rund, blaß gefärbt, das Ohrläppchen ist fein. Am reinsten herrscht der beziehungsreiche Merkur in den Zwillingen. Es ist ein Luftzeichen, so beschwert ihn kein Element; in seiner Dynamik ist er gemischt und veränderlich; daher reißt ihn weder eine starke Bewegung fort, noch hält ihn eine hemmende Schwerkraft zurück. Das Symbol dieses Zeichens ist der Affe. Dabei muß man alle die komischen Assoziationen vergessen, die sich für uns durch die Erinnerung an zoologische Gärten und Menagerien mit dem possierlichen Tier verbinden, und sich vorstellen, wie erstaunlich dieses intelligente, den Menschen nachahmende, ihn aber in seiner Beweglichkeit übertreffende Geschöpf auf primitivere Völker gewirkt haben muß. Es gibt ein altes russisches Sprichwort: »Der Deutsche hat den Affen erfunden«, denn der Deutsche galt dem phlegmatischen Russen stets als der Inbegriff der Findigkeit. Wie sein Herr, Merkur, ist der unter den Zwillingen Geborene an sich substanzlos, darum haben alle Eigenschaften dieses Zeichens etwas Vages, Unbestimmtes, Widerspruchsvolles, ja, Charakterloses. Sobald aber ein anderer Planet seine Hilfe leiht, werden alle Eigenschaften dieses Typus als Mittel äußerst wertvoll. Niemand ist befähigter, seine Gaben zum Ausdruck zu bringen, als ein unter den Zwillingen Geborener, dem andere Planeten genügenden Inhalt geben. An sich ist dieser Typus ruhelos, ungeduldig, unkonzentriert, vielgeschäftig, aber idealistisch, erzieherisch, unfertig, sich oft mit der Halbheit begnügend, plauder- und schwatzhaft, aber oft auch wirklich redebegabt und gelehrt, geistreich, verfeinert, sehr witzig, nervös, erregbar, unentschlossen, weitschweifig, wenig ausdauernd. Die Zwillinge sind ein zweikörperliches Zeichen. Dadurch offenbart es die Polarität des Geschehens. Die persische Ormudz-und-Ahriman-Religion wird diesem Zeichen unterstellt. Der unter den Zwillingen Geborene wird immer fähig sein, die zwei Seiten einer Sache zu sehen. Niemand ist weniger verbohrt, als er; immer läßt er mit sich reden, aber es ist eine im Grund unproduktive, zweideutige Menschlichkeit, die ihm erlaubt, allem gerecht zu werden, denn eben dies ist die größte Ungerechtigkeit gegen das Wertvolle, dem nach höherer Gerechtigkeit der Vorrang über das Geringe gebührt. Darum ist dieser Typus ausgesprochen humanitär. Das Menschliche interessiert ihn an sich, nicht das Menschliche, insofern es Werte verkörpert. Diese nivellierende Intelligenz ist genau der skorpionischen entgegengesetzt. Wir sahen den Skorpiontypus dauernd mit den Werten Gut und Böse befaßt, häufig für das Böse entschieden, aber niemals die Wertunterschiede leugnend. Der Typus Zwillinge ist ganz und gar ungläubig, er glaubt weder an Heilige noch an Verworfene. Von ihm stammt das Wort, daß überall mit Wasser gekocht wird, und dabei ist ihm wohl. Er schwört auf das Menschliche und will nicht wie der Skorpiontypus »sein wie Gott, das Gute und Böse wissend«. Gut und Böse sind ihm keine Wirklichkeiten, nur Relationen. Der reine Zwillingstypus ist unerlösbar, denn das Menschliche ist ihm Endzweck und im Menschlichen wiederum das, was in der Tat den Menschen am entschiedensten vom Tier unterscheidet: der entwickelte Verstand. Die Natur ist ihm fremd, er sieht in ihr nur den Mechanismus; das Göttliche ist ihm etwas, das am Menschen zum Vorschein kommt als Vorstellung, Phantasie, wenn nicht Schrulle, d. h. psychologisch völlig erklärbar. Die Psychoanalyse – an sich eine Offenbarung hohen Ranges – ist in der Form, auf die sie ihr Entdecker Freud, in dem sich Jupiter- mit Merkurzügen einen, beschränkt, das vielleicht typischste Beispiel solcher alles Substantielle auf die Beziehungen reduzierenden Geistigkeit. In den Beziehungen ihrer Teile zueinander äußert sich freilich die Substanz, aber sie ist nicht identisch mit ihnen. Man beobachtet diesen Typus in allen Kreisen des geistigen Lebens, überall rege interessiert, verständnisvoll, angenehm und liebenswürdig, aber ohne eigentliche Wärme, nie leidenschaftlich und hingerissen, aber auch niemals weise und abgeklärt. Im Gegensatz zu dem Mars-Widdertypus, dem die Tat alles ist, und der daher blind z. B. in einen »frisch-fröhlichen Krieg« stolpert, hört für den Zwillingstypus das Interesse an einer Sache auf, wenn sie gedacht und ihr Wesen auf eine Formel gebracht ist. Beide Typen sind die Extreme von Tat und Gedanke, und wenn sie sich nicht mit anderen Kräften mischen, gleich unfruchtbar. Das Licht des Zwillingsverstandes ist weder wärmend noch leuchtend, sondern trügerisch flackernd. Er ist hoch intellektuell und hält das für geistig, ohne zu ahnen, daß in den Dogmen und Sakramenten der Religionen sich mehr Geist kristallisiert hat, als in ihrer Widerlegung durch den Verstand, der immer nur die zeitbedingte Schale annagt, solange er den Kern nicht gewahrt. Der Zwillingstypus ist kein Kämpfer und verkündet seine negativen Ideen nie fanatisch, nie im Hinblick auf tatsächlichen Umsturz; nichtsdestoweniger bereitet sein ungebundenes, ja, oft verantwortungsloses Denken leicht die Revolution, wie das Beispiel der französischen Enzyklopädisten zeigt, deren Genius Merkur war. Der Zwillingstypus hält Maß in allem, in allen körperlichen Genüssen, wie in geistiger Hinsicht. So ist auch sein Ehrgeiz mehr unruhig als brennend. Er ist zwar nicht großzügig, aber auch nicht kleinlich, dazu ist er viel zu locker mit den einzelnen Dingen verbunden. Sehr leicht gibt er etwas auf und ergreift Neues. Er ist ganz und gar unhistorisch und ohne Pietät. Er, der überall Beziehungen vermittelt, ist im Grunde selber beziehungslos: Ubi bene, ibi patria. Für verantwortliche Stellen, die eine gewisse Identifikation mit einer Sache erfordern, ist er ungeeignet, ebenso für harte, mühsame Arbeit. Sein Widerspruchsgeist ist nicht bösartig, denn er stammt nicht aus dem Gemüt, sondern aus dem Verstand. Er sieht eben immer gleich auch die andere Seite, ohne aber nur von höherer Stufe aus die beiden Seiten zusammenzufassen. Vielmehr sagt er automatisch schwarz, wenn der andere weiß und weiß, wenn jener schwarz gesagt hat. So wirkt er oft zersetzend durch unfruchtbaren Widerspruch. Natürlich ist er ein Dialektiker ersten Ranges, der gesiegt zu haben glaubt, wenn der andere die Debatte einstellt mit dem Gefühl: von Farben kann man nicht mit Blinden reden (in diesem Fall Wertblinden). Immer wieder sei wiederholt, daß sich dies alles nur auf den reinen Merkurtypus bezieht, aber kein Typus ist so abhängig von der Hilfe anderer Planeten. Im Verein mit Venus bringt er echte Künstler, mit Jupiter Juristen, Theologen; hohe Beamte, Würdenträger hervor, mit Uranus die originellsten Denker usw. Immer nimmt Merkur den Charakter der ihn bestrahlenden oder durch ihr Zeichen beherrschenden Planeten an (das wird besonders wichtig, wenn ein Merkurzeichen am Aszendenten steht), und dann ist er seinem Beruf treu, ein Bote zwischen Göttern und Menschen zu sein. Bei schlechter Aspektierung freilich unterliegt Merkur jeder Versuchung: Betrug. Hochstapelei, geistige Prostitution, unsaubere Geschäfte, besonders solche, in denen sich schließlich kein Mensch mehr auskennt und die dadurch um ein Haar dem Strafgesetz entgehen. Taschenspieler, Zauberkünstler, Schauspieler, »Volksaufklärer«, Broschürenschreiber, welche fremden Geist vulgarisieren und popularisieren, Demagogen stehen ebenfalls unter diesem Zeichen. Im Gegensatz zur Liebe kann die Losung Freiheit (wovon? wozu?), Gleichheit (der substantiell Ungleichen), Brüderlichkeit (derer, die tatsächlich nichts gemeinsam haben) nur dem abstrakten Denken eines von Merkur und besonders von dem Zeichen Zwillinge beherrschten Verstandes erdacht sein, ebenso die soziale Vorurteilslosigkeit aus Mangel an innerer Bindung, und der Internationalismus, der alle Völkerunterschiede wegleugnet, statt sie wie der echte geistige Kosmopolitismus unserer Klassiker gerade in ihrer Verschiedenheit liebend zu umfassen. Der Vertrag von Versailles und der Völkerbund sind Ergebnisse dieses rein merkurischen, substanzfremden Denkens. Die Zwillinge sind das Zeichen der geschichtlosen Vereinigten Staaten von Amerika, die unter sich mit dem Lineal gezogene geometrische Grenzen haben. Auch der intellektuelle Kommunismus, der die tatsächliche Menschennatur übersieht und das ihm Widerstrebende nur für vorläufige Unreife der Menschen hält, ist ein dürftiges Merkurgebilde. Freie Liebe als theoretische Forderung, oder Reformehe, die alles Lebendige in einen gegenseitigen, dürren Vertrag auflöst (der Gegenpol zum Sakrament der Ehe), kurz alle Ehrfurchtslosigkeit vor Gott, Natur und tatsächlicher Menschlichkeit gehört zu diesem Typus. Infolge seiner Gehaltlosigkeit kann er nicht allein sein. Er muß mit jemand reden können, und wäre es Unsinn, er muß Beziehungen haben, und wären es schlechte. Niemand ist weniger exklusiv, und das empfindet er als eine Menschlichkeit. Er muß sich bemerkbar machen, fragt mehr, als er behauptet, und hört dann oft gar nicht auf die Antwort. Ohne Wahl nimmt er auf, denn er will gar nichts verarbeiten, sondern nur wissen, was es außer ihm gibt. Er versteht nicht, was das Selbst ist, er kennt nur das Ich. Darum ist er anpassungsfähig bis zur Servilität und bezieht doch alles auf sich. Darum vergißt er auch leicht das Aufgenommene. Der Witz bedeutet ihm übertrieben viel. Selten bleibt er bei der Stange, oft schillert er in tausend Farben und zersplittert sich in vielen Berufen. Schwierigkeiten schiebt er gern hinaus, leicht läßt er eine Arbeit unvollendet liegen. Als Dichter sieht er, wenn Venus ihn stützt, oft die Poesie des Wirklichen. Dann greift er etwas auf, was offen daliegt, woran aber die meisten vorbeigehen, und dadurch, daß es nun ausgesprochen wird, hat es auf einmal einen überraschend anheimelnden Reiz. Ich habe dies sehr ausgesprochen in einigen Gedichten von Wildgans gefunden, der zwar kein reiner Zwillingstypus, aber doch stark und günstig von Merkur beeinflußt sein dürfte. Ich kenne sein Horoskop nicht. Die Vorstellungswelt des reinen Zwillingstypus gleicht einem Film. Er kann zahllose Eindrücke und Gedanken hintereinander fassen, aber nie zwei zugleich. Darum weiß er unendlich viel, erkennt aber nie, wie unter Skorpion oder Wassermann Stehende, durch den Gegensatz. Immer wieder entfällt ihm das Frühere, wenn ein neues in seinen Gesichtskreis tritt. Darum hat er keine wandelnde Entwicklung, nur ewige Veränderung. Was er weiß kann er auch sagen. Das Unaussprechliche, Geheimnisvolle gibt es für ihn nicht. Überall ist er schnell zu Haus, und da er doch nie aus Eigenem lebt, sondern stets aus zweiter Hand, ist er stets bereit, jede Hand zu erfassen: der den Tieren und den Göttern gleich entfremdete Mensch in Reinzucht. Sein wahres Milieu ist das Gasthaus, wo es stets Gespräch, Zeitungen, Neuigkeiten und Telegramme gibt, oder die Gänge in einem D-Zug, Bahnhöfe, Schiffsagenturen usw. Verkehr und Betrieb sind sein Element. Körperlich ist der Typus Zwillinge der reinste Ausdruck der merkurischen Anlage, meist groß, schlank, wohlgewachsen und beweglich, er hat scharfe, dicht beisammenstehende Augen, bewegliche Backen, gleich den Backentaschen, in denen der Affe Nüsse aufbewahrt. In dem Erdzeichen Jungfrau ist Merkur in die Materie eingedrungen, die er nun seinem logischen Gesetz unterwirft. Hier wird er der Schöpfer der exakten Wissenschaften und beherrscht ihre Anwendung in Technik, Industrie, Gewerbe, kurz allen denjenigen Tätigkeiten, die, ohne sich um den Sinn der Welt zu kümmern, sich auf Einzelbeobachtung stützen. Der Jungfrautypus ist der Praktiker, der durch Erforschung der Naturgesetze die Fatalität der rohen, elementaren Materie besiegen zu können glaubt und auf diesem aussichtslosen Weg immer sehr vieles Nützliches schafft, als Träger der eigentlichen Zivilisation, im Gegensatz zur Kultur, der Domäne des Jupiters und der Venus. Während er aber den Stoff im einzelnen Schritt für Schritt überwindet, sich dienstbar macht, verfällt er ihm zugleich im ganzen immer mehr. Der Apparat, die Maschine wächst ihm über den Kopf, und sein echt merkurisches Ideal ist, ganz im Betrieb aufzugehen. So dreht er sich im Kreis, und die technisch erstaunlichen Werke, die er dem Stoff abringt, bleiben gehaltlos und verblenden ihn immer mehr gegen die höhere Erkenntnis, obgleich sie an sich völlig neutral sind, gewiß nicht göttlich, aber auch nicht teuflisch, wie man so oft sagt, sondern materiell menschlich. Schuld des Einzelnen, wenn ihm dieses Menschliche zum Endzweck wird. Der Erkennende allein vermag sieh, die nützliche Tätigkeit Merkurs in seinen beiden Typen dienstbar zu machen. Wenn Mahadö heute wieder herabstiege, würde er sich nicht scheuen, im Automobil zu fahren, denn die Regel, welcher Merkur die Materie unterwirft, widerstreitet durchaus nicht dem göttlichen Gesetz, ist sogar seine spezialisierte Anwendung. Nur darf sie sich nicht selbständig machen wollen. Der emanzipierte Merkur, der seinen Beruf als Bote der Götter vergißt, ist von allen Göttern der Dürftigste. Seines Dienstes eingedenk, ist er jedoch imstande zu zaubern. Die Kraft muß ihm von anderer Seite kommen, allein leistet er zwar an Schnelligkeit, Geschicklichkeit, Klugheit bis zur List das Unwahrscheinliche, aber es bleibt wesenlos. Er ist es, der den hundertäugigen Argus zu täuschen verstand. Handelt er ohne höheren Auftrag, dann bleibt er in der niedrigen Sphäre der Ichheit, der Nützlichkeit. Ueber die Welt des Betriebes, des Verkehrs kommt er dann nicht hinaus. Wohl ist er auch dann ein Diener der Menschheit, aber in ihren niedersten Bedürfnissen, als Geschäftsmann, Wirtschaftspolitiker u. dgl. Ausdrücklich sei betont, daß sehr viele geniale Menschen den Aszendenten, das M. C. oder die Sonne im Zeichen Jungfrau haben. Wie schon mehrfach gesagt: keine geistige Bedeutung ohne wesentliche Merkureinflüsse, aber Merkur, der sich mit Vorliebe der Genialität zur Verfügung stellt und ohne dessen Hilfe sie stumm bleibt, ist selbst nicht genial, nur äußerst talentvoll. Geniale Naturen sind vielleicht sehr viel häufiger als man annimmt, aber zu Bedeutung kommen sie erst, wenn sie sich auch ausdrücken können. Gerade diese unerläßliche Ausdrucksfähigkeit beherrscht Merkur. Da sie für den, oberflächlich Beobachtenden das Auffälligste an bedeutenden Menschen ist, die schon ganz anders reden als Unbedeutende, wird oft diese merkurische Seite für das Wesentliche gehalten. Es gibt heute kein größeres Lob, als »ein gescheiter Mensch« genannt zu werden, und die große Menge der aufstrebenden Mittelintelligenzen läßt sich lieber jeden Gemüts – und Charakterfehler nachsagen, als den Vorwurf zu ertragen, man sei unintelligent. Nun beweist zwar mangelhafte Intelligenz sehr viel gegen die wirkliche Bedeutung eines Menschen, aber vorhandene Intelligenz allein beweist gar nichts. Auch Ausdrucksfähigkeit allein ist nichts. Es kommt darauf an, ob etwas zum Ausdrücken da ist. Durch den persönlichen Gehalt erhält der Ausdruck erst Stil, und den gibt nicht Merkur. Reine Merkurier schreiben und reden unpersönlich, bestenfalls sachlich. Auch körperlich beherrscht das Zeichen Jungfrau das Funktionelle, und zwar besonders innerhalb des materiellsten Bereiches unseres Lebens, der Verdauung. Diesem Zeichen sind die Eingeweide untergeordnet. Nicht umsonst steht auch die Nationalökonomie unter diesem Zeichen. Der Jungfrautypus ist körperlich oft schwächlich, immer empfindlich, hat stets Angst vor Erkrankung, ähnlich wie der Stiertypus, und die Ursache ist dieselbe: Hier Venus, dort Merkur in die Materie eingeschlossen, und während sie sie mit ihrem Wesen durchdringen, leiden sie auch unter ihrem Druck, denn im Grund sind sie ihr nicht verwandt, wie Mond, Mars und Saturn. So findet man bei dem Jungfrautypus stets eine Neigung, sich scheu zurückzuziehen. Bei guter Konstellation ist er bescheiden, unauffällig, ruhig, rein, taktvoll, klug, lernbegierig, witzig, besonders liegt ihm der trockene Witz; ferner sprachbegabt. Erstaunlich ist seine Unfähigkeit, das Große und Kleine zu unterscheiden, ja, das Kleine zieht ihn sogar besonders an, und so wird er oft kleinlich. Als Kritiker wird er immer bereit sein, das Nahe zu überschätzen. Es fehlt ihm das Distanzgefühl, und das ist ja im Grund wiederum nichts als Gefühl für Werte. So wird er immer geneigt sein, in einem hübschen Gegenwartstalent den neuen Goethe oder Rembrandt zu sehen, und es verschlägt ihm gar nichts, wenn diese kleinen Sterne nach einem Jahrfünft verblaßt sind. Dann verkündet er wiederum neue, immer das Große übersehend, das ihn erdrücken würde. Wie der Zwillingstypus denkt er ganz und gar unhistorisch; immer ist er geneigt, die Einzelheit zu überschätzen – darum ist er oft ein guter Philolog – und das Ganze dem einen Fall unterzuordnen, statt das Einzelne im großen Rahmen zu erblicken. Wird dieser Typus bösartig, dann kann er weit gehen. Meist ist er zu schwach und ängstlich zum großen Verbrechen. Er beißt nicht, er nagt nur. Er nimmt gelegentlich was weg, aber scheut sich doch, richtig zu stehlen, ein Dieb zu werden. Fällt er dann doch dem Gesetz anheim, dann kann er es kaum begreifen. Er ist doch kein Dieb? Mehrere historische Giftmischerinnen indessen waren unter diesem Zeichen geboren. Sonst reizt es sehr zu Überkritik, Argwohn, Mißtrauen, Verdächtigung, Verleumdung, Tratschsucht und Angeberei mit Vorliebe im Namen der Moral (schon in der Kindheit ist dieser Zug auffallend!). An sich ist viel Verständnis für Regel und Gesetz vorhanden, schon deshalb, weil es verneint und beengt. Kritik, Tadel, Anklage werden oft mit geradezu raffiniertem Scharfsinn für die empfindlichen Stellen und wirklich schwachen Seiten des Gegners ins Werk gesetzt, so daß man von einer psychologischen Giftmischerei sprechen könnte. Aber auch als Ausbund aller Tugenden kommt dieser Typus vor und wirkt dann erst recht widerwärtig. Musterschüler und -schülerinnen, die bei den Lehrern beliebt, aber den Mitschülern verhaßt sind, gehören hierher; ferner junge Mädchen, die von den Frauen mit Vorliebe als ideale Gattinnen angepriesen, aber von den Männern weniger geschätzt werden. Sehr häufig findet man bei Frauen des Jungfrautypus etwas Madonnenhaftes, aber nicht mit der rührenden Schönheit des Zeichens Waage, sondern als selbstzufriedenes »Bild ohne Gnade«. Man kennt diese Frauen, die sich auf ihre »Reinheit« etwas zu gut tun, sich mimosenhaft vor der männlichen Angriffslust zurückziehen und sich dabei doch erstaunlich gut auf ihren Vorteil verstehen. Die verhüllte Prostitution der »demi-vierge« gehört auch hierher. Sie wird es immer so einzurichten verstehen, daß »eigentlich« nichts vorgefallen ist, und man ihr nichts nachsagen kann. Das Zeichen Jungfrau bringt die Menschen mit schnödester egoistischer Berechnung hervor, die nicht wie der Egoismus des Mars die Folge eines ungebändigten Triebes ist, sondern der inneren Armut und Dürftigkeit entspringt. Verliebt sich der rohe Widdertypus in den Jungfrautypus, so wird sein Ungestüm dessen reflektiertem, Egoismus unbedingt unterliegen. Frauen von diesem schlechten Jungfrautypus gehen klugen Männern sichtlich aus dem Weg. Sie fürchten stets, daß man ihnen in die Karten schaut. Man wird sie, wenn sie hübsch sind, und das sind sie oft, umgeben sehen von Männern, besonders Jünglingen, die noch, keine Herrschaft über ihr Gefühls- und Triebleben haben und ein »Reinheitsideal« suchen, an dem sie sich läutern können. Die Jungfrau, in der die Venus bezeichnenderweise in ihrem Fall ist, stellt daher eine Karikatur dessen dar, was einen im Trieb befangenen Mann wirklich erlösen kann, nämlich die Bindung durch die Liebe, wie ich sie in dem Abschnitt über Venus geschildert habe. Wenn Venus spielt, dann kokettiert sie anmutig. Das erotische Vergnügen der Jungfrau erschöpft sich im »Flirt«, den sicher nur dieser Typus erfinden konnte. Er hat nichts zu tun mit den liebenswürdigen Geduldproben der Liebesgöttin und den Neckereien ihres Sohnes, sondern er ist im Grunde ein merkurischer Schwindel, dem marsische Begierde wie venushafte Lust und Einigung gleich fremd sind. Mißtrauen, Berechnung, Geschäft, Gefühlskälte und Bosheit lauern um diesen erotischen »Betrieb« unserer Zeit. Der Jungfrautypus fragt immer mehr nach Mittel und Methode, als nach dem Wesen. Ich werde nie vergessen, wie einmal in England – wo unter den Mädchen der Jungfrautypus herrscht und ein Hauptkontingent zur Frauenbewegung bildet – eine junge Dame, der ich eben als ein deutscher Schriftsteller vorgestellt wurde, sofort die Frage an mich richtete, ob ich meine Bücher mit einer Füllfeder schreibe. Der Jungfrautypus verehrt die Tatsachen, klebt »am Buchstaben, der tötet«. Immer werden Einzelheiten oder mechanische Regeln gegen den Geist ins Feld geführt. Als Mann wird er daher leicht zum kleinlichen Pedanten, als Frau zu der übergenauen, eigensinnigen Hausfrau, die in ihrem Reinlichkeitsfanatismus die Familie und Dienstboten mit schriller Stimme zur Verzweiflung bringt. Echte Sammler und solche, die jeden Kram aufheben, »nichts hergeben können«, findet man unter diesem Zeichen. Als Dienstbote und Angestellter, besonders in Vertrauensstellung, hat dieser Typus Gelegenheit, wenn man seine große Empfindlichkeit zu schonen weiß, sich von der besten Seite zu zeigen. Fleiß, Reinlichkeit, Ordnung, Zuverlässigkeit, Diskretion sind seine Tugenden, sobald er sich in ihm entsprechender abhängiger Stellung befindet. Dann zeigt er sich ehrgeizig und ist sehr gekränkt, wenn ein anderer seine Arbeit vollenden soll. Da diesem Typus leicht etwas Kindisch-unentwickeltes anhaftet, läßt er sich gerne leiten, Aufträge geben und hat dann eine naive schülerhafte Freude an Lob und Anerkennung. Auch liebt er sehr das mechanische Lernen, versagt aber dann oft bei der selbständigen Anwendung. Am wohlsten fühlt er sich auf der Schule, wo man keine selbständige Verantwortung trägt und nur einiges Verbotene zu unterlassen hat. Er eignet sich ganz und gar nicht zum Führer, ist, wenn nicht von andern Planeten befruchtet, unselbständig, unoriginell, unproduktiv, immer einen Anstoß abwartend, um reagieren zu können. So ist er sehr kritisch, aber während der Kritik des Zwillingstypus höchstens lästig ist, hat die Zunge des Jungfrautypus etwas Giftiges. Das Nein liegt ihm an sich näher als das Ja. Sofort sieht er kleine Fehler, die er scharfsinnig, hervorhebt auf Kosten des Ganzen. Oft ist er witzig, mit viel Sinn für das Lächerliche, sarkastisch, aber meist humorlos. Immer wieder verrät sich die innere Leere, die gefüllt werden muß, daher oft die Lern- und Lesewut, das Streben nach Erwerb, die Unfähigkeit zu schenken, zu ermutigen. Auch sein Lob verkleinert. Der edlere Jungfrautypus quält sich selbst durch ein pedantisches Pflichtgefühl – Pflicht ist sein drittes Wort – und sieht die Moral immer viel mehr in dem, was man unterlassen, als in dem, was man tun soll. Alle negativen Tugenden werden geschätzt, besonders Reinheit, Enthaltsamkeit, Verzicht, Entsagung bei einem aufrichtigen Streben das Rechte zu tun, aber es wird eben doch immer wieder das Unrechte, weil alles aus dem Nein und der Regel abgeleitet ist, nichts aus dem Herzen kommt. Ist der Jungfrautypus religiös, dann auch mit einer trockenen Methodik. Nichts liegt ihm näher, als das puritanische Sektierertum der angelsächsischen Länder. Alles bleibt klein, dürftig, unfruchtbar, denn Merkur ist ja in sich substanzlos und in diesem Erdzeichen, ist die Substanz, der er sich verbindet, die Materie, dieses Negativ des Geistes (Sonne). Wohl kann er dies erkennen und sich durch Streben aus dem Stoff befreien, dann wird er »rein«, aber diese Reinheit ist zugleich tot wie sterilisierte Milch. Seine Tugend ist immer ein Nein, keine Beherrschung des Triebes, sondern seine Verleugnung. Er ist enthaltsam, aber nicht unschuldig. Diese Armut wirkt auf die Umgebung bedrückend, tötend. Alles wird zu Asche vor der Kritik des Jungfrautypus, der immer weiß, wie es nicht gemacht werden darf, höchstens einige Ordnung im kleinen stiftet, nie einen Fingerzeig zum Schaffen gibt. Dabei erwartet dieser Typus im Gefühl der eigenen Schwäche stets Entgegenkommen, ist aber selber verschlossen. Immer beklagt er sich, daß man ihn übersehen, nicht das Wort an ihn gerichtet hat. Stundenlang kann er, ohne ein Wort zu sagen, einer Unterhaltung zuhören, um dann hinter dem Rücken der Sprecher alles Gesagte kritisch durchzuhecheln. Der einzige Triumph, der ihm »in seines Nichts durchbohrendem Gefühl« gegönnt ist, scheint die Einsicht zu sein, daß die anderen auch lange nicht soviel wert sind, wie sie vorgeben und als unkritische Menschen glauben. Geht man aber auf die kleine Welt der Jungfrautypen mit Teilnahme ein, dann sind sie schnell gewonnen. Hat ein Künstler oder ein Politiker oder ein irgendwie sonst bekannter oder bedeutender Mensch an einen Jungfrautypus einige freundliche Worte gerichtet, so erscheint diesem sofort der berühmte Mann als einer der Bedeutendsten. Seine Bekannte, seine Freunde hält dieser Typus unbedingt für die Besten. Er überschätzt das Nahe und der sonst so Kritische wird kritiklos. Wie kommt nun das Symbol der Jungfrau dazu, all diese Dürftigkeit zu decken? Die jungfräuliche Tugend ist eben nur ganz kurze Zeit gültig. Das eben gereifte Mädchen soll sich nicht wahllos wegwerfen, sondern bewahren. Noch ist sie ein halbes Kind, eine geschlossene Knospe. Ihre Tugend ist das vorläufige Nein, das ein großes Ja der Erfüllung reifen soll. Jedes Wesen muß diesen Zustand der Knospe durchmachen. Aber was hier die gespannte Fülle der drängenden Reife ist, wird Armut, wenn das Ja, die Erfüllung, nicht folgt; dann werden die jungfräulichen Tugenden zu Mängeln, und der Fluch des ewigen Nein liegt auf solchen Menschen. Dies alles ist nur bildlich gemeint. Der Jungfrautypus kommt bei Männern und Frauen, bei Vermählten und Unvermählten vor. Das Bild des unbefruchteten Weibes ist hier nicht mehr als sehr treffendes Symbol. Ein Jungfrautypus braucht ebensowenig eine tatsächliche Jungfrau zu sein, wie der Fischtypus ein Fischer, aber tatsächlich findet man bei Menschen unter diesem Zeichen häufig Freude am Fischen, und die wirklich typische alte Jungfrau hat oft die Merkmale des Jungfrautypus in hohem Maße. Was nun aber die heilige Jungfrau betrifft, so ist sie als die »Himmlische Liebe«, als das Ewig-Weibliche, das uns hinanzieht, viel mehr der Venus in der Waage verwandt. Gerade ihr ist nichts Merkurisches und nichts Erdhaftes eigen. Sie ist göttliche Fülle, nicht irdische Dürftigkeit. Ihre Reinheit ist Schönheit, d. h. ein Ja, nicht ein Nein. Es ist bezeichnend, daß man keine besonderen Zeichen gefunden hat für die Erhöhung und den Fall des Merkur. Als vernichtet bezeichnet man ihn natürlich in den den Zwillingen und der Jungfrau gegenüberliegenden Jupiterzeichen Schütze und Fische. Aber wo keine Substanz ist, gibt es eigentlich auch keine Vernichtung. Die »Vernichtung« des Merkur besteht daher nur darin, daß er für die Unaussprechbarkeit jupiterhafter Gemütserkenntnis nicht das geeignete Mittel ist. Überall dient er dem Wesen des Zeichens zum Ausdruck, in dem er sich befindet, natürlich auch dessen ungünstigen Seiten, z. B. im Feuerzeichen dem Ungestüm und Stolz. Im beweglichen Schützen verliert er viele seiner Tugenden, besonders die sachliche Exaktheit, während ihm die reicheren Jupitertugenden nicht entsprechen. »Glaube weit, eng der Gedanke« (Goethe, westöstlicher Diwan). Darum kann er hier als »vernichtet« gelten. Noch mehr ist das im Wasserzeichen Fische der Fall. In Jupiterzeichen wird Merkur weitschweifig, ungeordnet im Gedankenleben, chimärisch, geschwätzig, kurzum ungeschickt im Ausdruck dessen, was diese Zeichen bedeuten. Indessen haben nicht wenige gescheite Leute trotzdem den Merkur im Jupiterzeichen. Schließlich paßt sich Merkur allem an. Das Mondzeichen Krebs macht ihn phantasievoll, aber allzu beweglich. Im Skorpion dient er dessen besten und schlechtesten Anlagen. Im Steinbock nimmt er leicht die ungünstigen Saturnseiten an (List, Bosheit usw.), in dem Erd- und Venuszeichen Stier ist er vorwiegend dem Materiellen zugekehrt und gibt einen gesunden Menschenverstand. Am günstigsten wirkt er sich in den Luftzeichen aus. In Waage und Wassermann stellt er sich in den Dienst der edelsten menschlichen Aspirationen. Mond, Krebs. Der Mond ist noch in höherem Maße substanzlos als Merkur. War dessen Wesen Vermittlung zwischen fremden Einflüssen, so ist das Wesen des Mondes Empfänglichkeit für sie. Wie der merkurische Einfluß richtet sich der des Mondes im wesentlichen nach dem Zeichen, in dem er steht und den Aspekten, die er erhält. Gehört Merkur als Bote zwar noch gerade zu den olympischen Göttern, unter denen er aber nie verweilt, von denen er nur Aufträge empfängt, so kommt Luna (Selene) überhaupt nicht in ihren Kreis. Sie ist aber auch nicht wie Saturn vom Olymp verstoßen, sondern Stellvertreterin der Sonne im näheren Bereich der Erde und ebenso wie Merkur keinem Gestirn dem Wesen nach feindlich. Um die meisten Planeten drehen sich Monde, die nur für sie Bedeutung haben, und so hat auch unser Erdmond lediglich irdische, nicht allgemein kosmische Zwecke. Wie gesagt, er ist Stellvertreter der Sonne, deren Einflüsse er aufstaut und gemäßigt der Erde zuwendet. Vor allem ist es das Prinzip der Fruchtbarkeit, mit dem er den Stoff durchtränkt. Er ist die große Matrix der Erde und beherrscht dadurch das weibliche Leben, dessen Rhythmus seinem monatlichen Umlauf entspricht. Mit der stofflichen Fruchtbarkeit ist dem Weibe ein besonderer Beruf auf Erden zuteil geworden, und dadurch ist seine Doppelnatur bedingt. Von außen gesehen ist dieser Beruf ganz und gar materieller Natur, er ist eng verknüpft mit dem Stoff in seiner geist- und schönheitverlassenen Widrigkeit. Das ist aber nur die Formseite dieses Berufs. Dem Wesen nach ist er ein Priestertum. Dem Schoß des Weibes ist die Entstehung des Wesens anvertraut, in dem allein sich Gott erkennen kann, und in der Mutter Gottes wird das nur manifest, was als Beruf potentiell in jedem Weibe liegt. Darum empfinden alle Völker die Mutterschaft als heilig, während sie gleichzeitig dasjenige menschliche Gebiet ist, das uns am deutlichsten unsere Stoffgebundenheit vor Augen führt. Die vorgeschichtlichen Zeiten, die matriarchalisch orientiert waren, in denen die Familie durch die Herkunft aus demselben Mutterschoß, nicht aus dem Samen eines und desselben Gatten, gebildet wurde, haben den Mond, nicht die Sonne verehrt und keinerlei geistige Kultur oberhalb des stofflichen Lebens hervorgebracht, das ihnen das Heilige war. (Vgl. Bachofen, Das Mutterrecht.) Indem der Mond das durch Mars in die Welt gebrachte principium individuationis durch den weiblichen Schoß als natura naturans plastisch gestaltet, ist das Wesen des Mondes, wie das des Mars gänzlich kollektiv. Zwar handelt es sich hier um das Werden von Einzelindividuen, aber noch um alle zugleich in ihrer Gesamtheit. Noch ist das Individuationsprinzip nicht durch Merkur bewußt geworden; das ist die Ursache, warum es bei dem Weib weniger entwickelt ist, als beim Mann. Die Frau ist, wie man oft sagen hört, zwar dem Göttlichen, aber auch der Natur näher, d.h. sie ist kollektiver als der Mann durch ihren besonderen göttlichen Auftrag, natura naturans zu sein, während sich der Mann viel entschiedener als Individuum unter- und ausscheidet, aber auch eine größere Möglichkeit hat, sich aus der dunstigen sublunaren Zone in die kosmische Sternenklarheit zu erheben. Die Frau bedarf alles dessen weniger. Erfüllt sie nur, ihren göttlichen Auftrag leise ahnend, die Forderung ihrer Mondnatur, und hat sie gar das Lächeln der Venus, wenn auch von ferne, gestreift, so gleicht sie all ihrer Irdischkeit der Mutter Gottes, die wie auf dem Bilde des Sassoferrato in der Mondsichel thronend gen Himmel fährt. Auch dies ist, wie im vorigen Abschnitt das Zeichen der Jungfrau, symbolisch zu verstehen. Es muß nicht unbedingt jede Frau geboren haben, um das Prinzip ihrer Mondnatur – Empfänglichkeit und Formgebung im Stoff – als das weibliche Geheimnis zu erleben. Empfängnis und Geburt sind auch hier nur die treffenden Symbole ihres Wesens, das sie auch als Heilige nicht ändert. Wie nun auch eine Frau sich äußerlich verhalten mag, keine kann zu wesentlichem Leben kommen, welche die Mondzone zu umgehen versucht. Nur aus ihr kann ihr die Kraft zuwachsen, die Einflüsse anderer Planeten aufzunehmen. Mag sie durch Stellung und Beruf scheinbar gänzlich dem Kreis des gewöhnlichen Weibes entzogen sein, wenn sie irgend etwas erfüllt, so wird es immer wieder aus dem Schoß ihrer Weiblichkeit kommen, und die wird durch den Mond bedingt. Die Frau also braucht viel weniger nach Erlösung zu suchen, als der durch seine entschiedenere Individuation von Gott und Natur viel abgelöstere Mann; sie ist erlöst, wenn sie bewußt ganz Weib ist, ihrem mütterlichen Trieb in die Natur folgt und zugleich dessen göttlichen Sinn ahnt. Nur sie kann im Erfüllen ihres irdischen Berufes, ja, gerade in ihm göttlich sein. Geht ihr diese Ahnung jedoch nicht auf, erfüllt sie ihre Aufgabe als einen Fluch oder stumpf, sich einer Geburt nach der andern sinnlos unterziehend, weil ihr der Mann nun einmal keine Ruhe läßt, dann stellt dasselbe Geschlecht, in dessen Bild sich die Mutter Gottes verkörpert, die niedrigste menschliche Stufe dar, und das unter der Last seines Geschlechtes dahinkeuchende ahnungslose Weib ruft notgedrungen Vergleiche aus dem Tierreich wach. Die physische Mutterschaft für sich betrachtet wäre in der Tat ein Fluch, und so stellt die Genesis sie dar. Wenn sich nun in einem weiblichen Horoskop der Mond nur von seiner physischen Seite zeigt, d.h. ohne bindende, erleuchtende, verschönende Einflüsse durch andere Planeten, so gibt er eine charakterlose, unbeherrschte Triebnatur, die, wenn gar schlechte Einflüsse hinzukommen, die Eigenschaften hervorbringen, welche Pessimisten in vorschneller Verallgemeinerung und die eigentlichen Tiefen übersehend die Minderwertigkeit des Weibes nennen. Gewiß, die gibt es, aber es gibt auch den Gegenpol: die Heiligkeit des Weibes, von der man auch bei der Geringsten, wo es sich um das Kind handelt, manchmal etwas spürt. Das sei nur Trieb, nicht ethisches Verdienst, sagen die starren Moralisten. Nun, ich kenne kein höheres Ethos, als im Sinne des kosmisch-göttlichen Gesetzes zu schwingen, und eben das tut die Frau, die ihre Weiblichkeit ganz erfüllt, während der Mann, der nichts anderes ist, als ein rechter Mann, noch sehr wenig ist und höchstens irdisch einiges bedeutet. Um den Einklang mit dem Weltgesetz zu finden, muß er außerdem ein wenn auch unbestimmt Erkennender sein; erst auf diesem Wege kann er seine individuelle Natur ihm einordnen, während es die Frau gerade durch ihre kollektivierte Art ohne Umweg tut. Das geringste Individuum, wenn es sich nur zentripetal zum göttlichen Kern verhält, ist dadurch gerechtfertigt; der menschlich Größte, und gar der Nützlichste, dessen Richtung zentrifugal verläuft, ist verworfen. Dies ist der Sinn des Wortes: »Die Letzten werden die Ersten sein«, womit durchaus nicht gemeint ist, daß das menschlich Geringe an sich gottgefälliger wäre, als das Große. Die Geringheit gibt keinen Vorrang, sie ist bloß kein Hindernis. Indem die Astro-Psychologie die wahren Grundkräfte der Welt zeigt, zerstreut sie neben vielen anderen Vorurteilen auch das von der Minderwertigkeit des Weibes und verhindert zugleich, daß das heute bis zum Überdruß gebrauchte Wort von der Heiligkeit der Mutterschaft zur leeren Phrase entwertet wird oder gar zum Ansporn, auch die Mutterschaft dem Nutzen zu unterwerfen, etwa um dem Staat möglichst viele Soldaten oder der Gesellschaft Arbeiter zu schaffen. Durch solche, auch etwa im Interesse der Rasse aufgestellten Programme, wird der Mutterschaft ihre Heiligkeit, ihr göttlicher Auftrag gerade genommen. Der Mond stellt also in der Astrologie die plastische, formgebende Kraft der Materie dar, und so ist er auch die äußere Persönlichkeit im Gegensatz zur schöpferischen Selbstheit (Sonne). Persona heißt Maske und kommt von dem lateinischen Wort: personare = durchtönen. Durch die Maske tönte die Stimme des antiken Schauspielers, durch ihre Schallvorrichtungen wurde sie erst weithin in dem ungeheuren Theater vernehmlich. So trägt unsere Selbstheit zwischen Geburt und Tod die Maske unserer Persönlichkeit. Auch in ihr zeigt sich der Mond als Empfänger, Verwalter und Verwerter der Sonnenstrahlung, des Selbst. Für besonders gut gelten daher im Horoskop günstige Aspekte zwischen beiden Lichtern oder elementare Verwandtschaft ihrer Zeichen, sei es, daß sich beide Lichter im selben Element oder einander freundlichen Elementen befinden wie Feuer und Luft oder Wasser und Erde. Es ist ein charakteristisches Zeichen für die Gottentfremdung unserer Zeit, daß sie die Persönlichkeit, d. h. die der Erde zugekehrte Form des Menschen, so sehr überschätzt, ja, sie meist mit seiner Selbstheit verwechselt, die durch eine kleine wie durch eine große Persönlichkeit durchzutönen vermag. Die Persönlichkeit an sich ist gerade das niedere Ich mit dem Rohmaterial seiner empfänglichen und sich wandelnden Stofflichkeit. So beherrscht der Mond den Wechsel, die Instinkte, allgemeine Gefühle und Empfindungen, kurz alles das Kollektiv-passive am Menschen (der Mars das Kollektiv-aktive), in der politischen Astrologie das Volk, den Demos. Ein gut gestellter Mond gibt Ruhm in der Gestalt der Popularität. Der Mond ist das Formende, das fruchtbare Material im Gegensatz zum Leben gebenden Prinzip der Sonne. Darum steht auch das Kindesalter unter dem Mond. Kind und Weib, Pflanze und Tier sind mondbedingt, weil hier das Kollektive das Individuelle überwiegt. Sehr stark wird daher von der Stellung des Mondes im Horoskop das Heim, der Wohnsitz, die Familie, die Ehe, die Gesundheit, kurz alles allgemein Menschliche beeinflußt. Besonders Wechsel und Veränderung bedingt der Mond, daher auch Reisen und Launen, ja, Visionen und mediumistische Veranlagung. Ohne feste Stützen durch andere Planeten bleibt dies alles aber unbestimmt, verschwommen, ja, wird oft krankhaft: mondsüchtig (»lunatique«). Der Mond hat keinen eigenen Charakter. Wie Merkur Inhalt sucht, so er Anlehnung. Er ist der Urheber der Sehnsucht, des jugendlichen Weltschmerzes, der Romantik und alles dessen, was junge Mädchen unter »Poesie« verstehen; aber auch in der großen Dichtung spielt er seine Rolle, denn er verleiht dem Gemüt die magnetische Empfänglichkeit für Eindrücke und die plastische Kraft ihrer Verarbeitung. Er ist die reflektierte Sonne, und daher verdanken wir ihm die Möglichkeit, unsere Welt als Mikrokosmos zu erleben, d. h. als Spiegelung des Makrokosmos. Dies zeigt den Mondeinfluß auf seiner höchsten Höhe. Er ist also nicht allein das Symbol der stofflich gebärenden Fruchtbarkeit, sondern der Fruchtbarkeit in einem höheren Sinn. Da alle höhere Erkenntnis abstrakt bleibt, solange sie nicht unsere persönliche Welt durchdringt – die eben dadurch aus einem engen Gefängnis erst Welt wird – ist gerade bei bedeutenden Geistern der nichts als empfängliche Mond genau so wichtig wie der nichts als beziehungsreiche Merkur und der nichts als richtungslose, Kraft verleihende Mars. Durch den Mond vermögen wir erst zu erleben , was wir erkennen, wollen und fühlen. Der Mond macht veränderlich, anpassungsfähig, sympathisch, eindrucksfähig, häuslich und zugleich reiselustig, erwerbend, brauchbar, sensitiv, intuitiv, ängstlich und doch wieder sorglos, sehr von der Umgebung bedingt, gefühlsmäßig, empfindlich, unruhig, leicht versagend aus Mangel an Ausdauer, sinnlich, bei ungünstiger Bestrahlung lüstern, neugierig, eingebildet, frivol, hysterisch, lethargisch, albern, unbedeutend, schwächlich, beeinflußbar, kindisch, charakterlos, gierig, schlampig, faul, armselig, irrsinnig, verträumt, inkompetent, unpraktisch, kopflos. Der Mond beherrscht das unbewußte Fühlen und Denken. Nächst einem guten Sonnenaspekt ist für ihn daher nichts wertvoller als eine Bestrahlung durch Merkur, und wäre es eine schlechte. Zwar wird eine solche zwischen diesen beiden substanzlosen Gestirnen eine sehr unruhige Intelligenz hervorbringen, aber doch immerhin eine Intelligenz, welche die Mondeinflüsse aufnimmt, wenn auch in Gefahr ist, von ihnen mitgerissen zu werden. Eine gute Mond-Merkurbestrahlung gibt vor allem der Intelligenz Stoff, Leib, Form, Gestalt, d. h. er verleiht ihr plastische Kraft und ergibt die Menschen, die über ihre eigene intellektuelle und stoffliche Natur Bescheid wissen und ihr Gefühls- und Triebleben beherrschen. Der Mond beherrscht das Sterbliche unserer Instinkte, Sehnsüchte, Wünsche. Die Monddirektionen (vgl. I. Buch) deuten vorzugsweise Alltagserlebnisse an oder lösen die durch andere Direktionen angezeigten Erlebnisse aus, d. h. geben ihnen die irdische Form. Der Mond ist das Hauptinstrument unserer irdischen Erfahrung, und dadurch hat er, bei all seiner höheren Bedingtheit, die ausgesprochene Beziehung zum Gewöhnlichen, Alltäglichen, ja, Vulgären. Den allzu ausgesprochenen Mondnaturen geht alles Distanz- und Niveaugefühl ab. Sie mischen alles. Er beherrscht, was mit dem Volke zu tun hat: Hausierer, Bader, Jahrmärkte, öffentliche Orte, in der Natur das Wasser. Wird der scheinende Mond mit Artemis identifiziert, der Schwester des Lichts (Helios, Apollo), so ist der unterirdische Mond die Todesgöttin Hekate, die im Hades wohnt. Von Menschen beherrscht der Mond vor allem die Mutter, aber auch Schwestern und Töchter, die Gattin, in der Politik das Volk. Körperlich macht der Mond die lymphatischen, etwas schwammigen Konstitutionen. Oft gibt er jene bekannten bleichen Vollmondgesichter. Vergleiche sein Zeichen Krebs. Der Mond herrscht nur in dem Wasserzeichen Krebs und ist im Erdzeichen Stier erhöht, vermag sich also nicht wie die anderen Planeten durch Würden zu den höheren Elementen, Feuer und Luft, zu erheben, während wiederum die Sonne nur in Feuerzeichen herrscht und erhöht ist. Auch dies drückt aus, daß der Mond ausschließlich für die Erde Bedeutung hat. Der bewegliche und wässerige Charakter des Zeichens Krebs entspricht dem Mond am meisten, das Wasser ist bei allen Völkern Symbol der Fruchtbarkeit. Es ist daher verständlich, daß in diesem Zeichen der Fülle und Segen spendende Jupiter erhöht, der karge Saturn in seinem Fall ist. Der Krebs beherrscht in erster Linie Mutterschaft und Mütterlichkeit und verleiht alle Mondeigenschaften in besonderem Maße: Gefühlsmäßigkeit, Sensitivität, Romantik, ja, als kardinales Zeichen auch Ehrgeiz und Idealismus. Er macht sympathisch, freundlich, mehr träumerisch als gedankenvoll, sinnlich, abergläubisch, bindet bei aller äußerlichen Veränderlichkeit doch auch stark an das Vergangene und Bestehende, was der rückwärtsgehende Krebs symbolisiert. Einbildungskraft, Phantasien, Launen, Interessen für Politik und Öffentlichkeit, Reiselust, wechseln mit Freude am eigenen Heim, Familiensinn, ja, Familienvorurteilen und Festhalten am Erworbenen, Kränklichkeit, Ängstlichkeit und Willensschwäche mit Zähigkeit, Selbstbewußtsein. Die Liebe zum eigenen Heim steigert sich oft zur Heimatliebe, ja, zum Patriotismus, der sich mit dem Interesse für die Vergangenheit zur Heldenverehrung verbindet. Wilhelm II. hatte den Aszendenten im Krebs; seinen aufrichtigen, wenn auch fanatischen Patriotismus wird niemand leugnen. Krebsnaturen werden oft Sammler. Sind sie Hausfrauen, dann lieben sie es, große Vorräte im Haus zu haben. Das Wechselnde des Mondes zeigt sich in dem widerspruchsvollen Charakter aller im Zeichen Krebs Geborenen. Sie sind anhänglich und doch auch sehr selbstisch, nachgiebig und trotzig, sparsam und dann wieder zu leicht Geld ausgebend, versöhnlich und doch nachtragend, konservativ und neuerungssüchtig, konzentriert und zugleich von Stimmungen hin- und hergerissen, gleichgültig bis zur Indolenz und doch wieder ungeduldig und explosiv. Der Mond zeigt die Seite der weiblichen Natur. Wer diese Veränderlichkeit weder ernst nimmt, noch sie durch Spott verletzt, wird Krebstypen meist gutmütig und leicht lenkbar finden, besonders wenn man ihnen bisweilen Lob und Beifall spendet. Sie bedürfen stets der Bestätigung von außen, und gerade ihr oft stark betontes Selbstgefühl ist nur eine Überkompensation ihrer heimlichen Schwäche. Darum fürchten sie so sehr die Lächerlichkeit, sind nachtragend und leicht verletzbar und zu entmutigen. Sie suchen Halt in Vereins- und Sektenbildung. Sie sind sehr abhängig vom Urteil anderer, den öffentlichen Meinung; sie suchen und fürchten die Öffentlichkeit. Empfänglichkeit in gutem wie in schlechtem Sinn ist ihre Haupteigenschaft, auch körperlich nehmen sie leicht Krankheitsstoffe auf und sind bei Epidemien besonders der Ansteckung ausgesetzt. Der Mond beherrscht das Wasser, daher auch die Tränen, die den im Krebs Geborenen sehr schnell in die Augen treten. Stets suchen sie Anregung von außen, neigen sehr zu Geheimnissen, aber sie können sie nicht lange bei sich behalten. Ihr Bedürfnis nach Anschluß kann bei schlechter Aspektierung zum Parasitentum ausarten. Man hat die Frauen abwechselnd konservativ und neuerungssüchtig genannt (»denn die Arge liebt das Neue«). Auch dieser Widerspruch ist bezeichnend für die Mondnatur: ihr Wesen ist der Wechsel, aber doch immer wieder auf der vorgeschriebenen Bahn in denselben Phasen. In ihrem Wesen sind die Frauen entschieden konservativ, nur in ihrer Äußerlichkeit lieben sie Veränderung. Der Mond beherrscht auch die Mode. Läuft ihr Wechsel nicht immer auf dasselbe hinaus? Zwar werden der Reihe nach immer andere Teile des Leibes hervorgehoben, unterdrückt, entblößt oder verhüllt. Das ganze Verfahren aber ist dasselbe, geht auf dieselben Ursachen zurück und zielt auf dieselben Zwecke, ob wir die Dandies und Modedamen auf alten Mykenischen Reliefs oder in neuen Pariser Modeblättern betrachten. Das Zeichen Krebs beherrscht alle Gewerbe, die mit Wasser zu tun haben, Wäschereien, Badeanstalten. Es ist das Zeichen, unter dem das wasserreiche Holland steht. Äußerlich macht der Krebs höchstens mittelgroß. Oft ist die Gestalt zart und schwächlich, aber auch aufgeschwemmt. Die Augen sind grau oder wässerig blau. Die Nase ist klein, schlecht geformt, eingedrückt oder unsymmetrisch. Die Ohren sind blaß, mittelgroß, die Lippen ziemlich voll, blaß, lose aufeinander liegend, selten ganz, niemals fest geschlossen, die Zähne groß, aber schlecht und unregelmäßig. Sehr bezeichnend ist die Neigung zu Doppelkinn, das übrigens ziemlich stark nach rückwärts steht. Die Kiefer sind wenig ausgeprägt, die Wangen voll, das Fleisch ist oft schwammig, das Haar stark, weder ganz dunkel, noch ganz hell. Der Mond ist, wie gesagt, in dem festen Erdzeichen der Venus, dem Stier, erhöht. Hier verbindet sich seine Beweglichkeit sehr glücklich mit der zu zähen Festigkeit dieses Zeichens und fördert dadurch die Venuseinflüsse. Vernichtet ist der Mond in dem Erdzeichen Steinbock, wo er widerstandslos die geringen, ja die gemeinen Saturneinflüsse annimmt, kaum weniger schlecht in der Jungfrau, deren kindische, enge Art er bei Frauen, für die der Mond das wichtigste Gestirn ist, durch seine eigene wechselvolle Substanzlosigkeit zu geradezu hoffnungsloser Torheit und Albernheit steigert, die selbst durch gute Aspekte kaum zu beheben ist. Bei Männern habe ich diese Mondstellung zwar auch nicht gut, aber nebensächlich gefunden. Auch in dem Wasserzeichen Skorpion ist der Mond dessen verderblichen Einflüssen widerstandslos ausgesetzt, wenn nicht starke Hilfen durch Aspekte kommen. Dagegen nimmt der Mond in dem Wasserzeichen Fische leicht die guten Seiten der Jupiternatur an. In den Luft- und Feuerzeichen ist die Wirkung des Mondes ähnlich der der Sonne. Er bringt das Wesen dieser Zeichen zu besonderer Wirksamkeit. VI. Vorteil und Gefahr der Astrologie Jeder der zwei sogenannten Uebeltäter Saturn und Mars, und der zwei Wohltäter Jupiter und Venus ist auf seine Art Träger des Weltgesetzes. Während aber Saturn und Mars es mittelbar durch ihren Gegensatz sind, wird durch Jupiter und Venus das Gesetz unmittelbar offenbart. »Omnis definitio est negatio« sagt Spinoza. Damit das Göttliche sich »definiere«, d. h. abgrenze, bedarf es eines Negativs. So braucht die Sonne, um zu strahlen, den Hintergrund der Finsternis, Saturn, und dessen Chaos war nötig, damit Jupiter es zum Kosmos bändige. Ebenso wird die Kraft in Mars scheinbar aus der göttlichen Zone in die Trennung entlassen, aber nur damit in Venus die Liebe zwischen dem Getrennten entstehen kann. Wir haben gesehen, wie Saturn im Wassermann, Mars im Skorpion das große Geheimnis ihrer umgekehrten Göttlichkeit in all ihrer Tragik erleben und eben dadurch über den Menschen zu gottähnlichen Wesen emporsteigen können. Die Kinder des Jupiter und der Venus haben es leichter. Sie erfahren nicht die Abgründe der Welt, wandeln immer dem Lichte nah, bleiben Kinder Gottes, erkennen leicht sein Gesetz, aber kommen nicht auf sein Geheimnis, daß nämlich auch das Widergöttliche göttlich ist, Gottes negative Hälfte, ohne die er positiv nicht erscheinen könnte. Für den Saturn- und Marstyp ist von vornherein die Aussicht schlechter, als für Jupiter- und Venustyp. Wenn nicht die größte eigene Anstrengung stattfindet, bleiben jene verworfen, ohne je durch Ahnen des Sinnes ihrer Verworfenheit des göttlichen Gesetzes inne zu werden. Unfromm verharren sie in Sünde, Mühsal, Unwissenheit und Leid, während die Jupiter- und Venuskinder ein instinktives Wissen mitbringen, daß es eine Harmonie im Grund aller Dinge gibt, die ihre Sünden zu bloßen Schwächen, ihre Mühen leicht macht und ihrem tiefsten Leid stets einen Schimmer von Hoffnung läßt. Diese fromme Gotteskindschaft ist den reinen Mars- und Saturntypen nicht gegeben. Sie sind verworfen oder eingeweiht, das Böse und das Gute wissend, und in diesem Fall scheinen sie den Frommen ganz besonders dem Teufel des Hochmuts verfallen. Das Böse weiß nur der zunächst scheinbar Verworfene, und darum kann auch nur er jenseits von Gut und Böse steigen, indem er den Sinn der Verworfenheit durchschaut und dadurch erfährt, warum es Verworfenes geben muß. So steigt sein Selbst über Götter und Engel hinaus. Kein Heiland vermag ihn von seinen Sünden zu erlösen, denn die mußten ja sein, auch keine Gnade vermag aufzuheben, was im Schöpfungsplane als Ungnade, als negative Gnade unerläßlich war. Hier kann nur die Schlange helfen, deren Versprechen sich nicht in dem Durchschnittsmenschen Adam und seiner Rippe, sondern nur in dem Uebermenschen erfüllt, der ebenfalls »sein Kreuz« auf sich nimmt und es allein zu den Füßen Gottes zurückträgt mit den Worten: Ich habe deinen Sinn verstanden; ich bringe dir wieder, was du von dir verworfen hast, nachdem es seinen Zweck in der Gottferne erfüllt hat. Du bist erkannt in mir, und nun laß uns eine bessere Welt schaffen, in der das Leid nicht mehr als Strafe, sondern als Schatten des Lichts erscheint, das Nein nicht mehr als Vernichtung, sondern als das andere Ja. Das wäre die Erlösung von allem Uebel. Der Gläubige vermag sich dem Willen Gottes zu fügen, ohne ihn zu kennen, eben weil es Gottes Wille ist. Der Ungläubige versucht sich gegen diesen Willen zu empören, ja ihn abzuleugnen als gäbe es nichts dergleichen. Der Erkennende hingegen erfährt den Willen Gottes in seinem Innern als Gesetz der Schöpfung und steht daher dem Gläubigen näher als dem »Aufklärer«, nur mit dem Unterschied, daß er sich nicht blind, sondern sehend dem Gesetz einordnet, und ohne Murren über die unerforschlichen Ratschläge Gottes, wie es selbst bei den Frömmsten nicht selten vorkommt. Der Gläubige stellt das Kindesalter, der Ungläubige die Flegeljahre, der Erkennende die Reife des menschlichen Geistes dar. Er wird zwar keine der einzelnen Flegeleien, wie die Hetze gegen Kirche und Priester, Revolution gegen die Ordnung u. dgl. gutheißen, denn er weiß zu genau, daß die Freiheit niemals! von außen kommt, sondern von innen, aber er wird zugeben, daß als Ganzes die höchst unerfreulichen Flegeljahre durchgemacht werden müssen. Wer nicht mehr gläubig das göttliche Gesetz erfüllen kann, der muß es wissend tun, nur darin kann die Freiheit bestehen, niemals in neuen, vermeintlich besseren Gesetzen, die von außen gegeben werden. Da nun leider nicht die Weisen, sondern die Masse herrscht, so werden die von ihr gewaltsam gemachten Gesetze von den Verhältnissen immer wieder gewaltsam durchbrochen, statt daß sich in organischer Entwicklung Moral und äußeres Gesetz ohne Revolution und Gewalt von selbst jeweilig der inneren Stufe des menschlichen Geistes anpaßt. Dies war der Fall in den mittleren Zeiten, als die staatliche Macht noch im Namen Gottes ausgeübt wurde, und diese Zeiten waren verhältnismäßig harmonisch. Man wußte, was Recht und Unrecht ist, und wer Unrecht tat, wurde bestraft. In den Flegel-Jahren wird Geist und Gesetz verachtet. Natürlich werden Flegeleien immer mit dem entschuldigt, was an der bekämpften Autorität in der Tat nicht mehr erträglich war, aber durch die Art, wie sich die Flegel dagegen verhalten, haben sie auf jeden Fall unrecht. Wenn ein Sklave seine Ketten zerbricht, wird er noch kein Freier, sondern nur ein Freigelassener. Das Wort Freiheit besagt an sich nichts, solange nicht hinzugefügt ist, wovon, und wozu man frei ist. Wer sich also z. B. von Kirche und Glauben befreit hat, ist zunächst weniger als er war, solange er nicht auch frei ist zur Erkenntnis und Selbstheit. Um nun zur Astrologie zurückzukehren: Die Gläubigen werden kaum ein Bedürfnis nach ihr haben. Für die Ungläubigen ist sie Gift. Nur dem nach Erkenntnis Strebenden, der sein Selbst bereits von seinem menschlichen Ich zu unterscheiden vermag, kann sie helfen, denn sein Selbst ist auch unter Dämonen sicher, während das mittelpunktlose Ich ihr Spielball wird. Wer Astrologie treibt, ohne eine für ihn geeignete Beziehung zum Ewigen gefunden zu haben, mag dies in den Formen einer Religion, einer Philosophie, einer Weltanschauung oder der eigenen Erkenntnis des Guten und Bösen sein, begibt sich in große Gefahr. Die im vorigen Abschnitt geschilderten Planeten und ihre Tierkreissymbole sind nichts anderes als Genien oder Dämonen. Wer sich mit ihnen in Verbindung setzt, treibt Magie. Darüber soll niemand im Zweifel gelassen werden, der sich eine Ephemeris kauft. Die Kirche verbietet ihren Gläubigen die Magie und zwar mit nur zu guten Gründen, nämlich nicht, weil sie ein Aberglaube ist, sondern weil sie auf Wirklichkeit beruht und die Kunst mit Hexen umzugehen erlernt sein will. Man erwarte von der Astrologie keinen Aufruhr gegen die Götter; nichts Prometheisches ist in ihr, nichts Revolutionäres, aber ebenso wenig starre Dogmatik. Der Erkennende steht jenseits von Autorität und Revolution. Das Menschliche hat für sich jede Bedeutung verloren, es besitzt nur noch Wert als Hieroglyphe eines göttlichen Sinnes, aber in dem Augenblick, da es all seine Würde verliert, glüht es auf in einer neuen, magischen Lebendigkeit. Kein Übermut, keine Hybris, sondern tiefste Geborgenheit im Weltgrund und als einzige Möglichkeit für Glück und Gelingen das Schwingen im göttlichen Gesetz der Polarität von Ja und Nein, Tag und Nacht, Werden und Vergehen! Kein Turmbau zu Babel, denn der Blitz, der ihn zertrümmern muß, ist von Anfang an in den Bau mit einbezogen, aber eben darum auch kein tatloser Verzicht, nur ist für den aus Erkenntnis Handelnden nicht der Turm das Wesentliche, sondern er selbst, der Erbauer; der aber schafft nur nach dem Gesetz von Verwirklichung und Vernichtung, das er, indem er es kennt, auch beherrscht. Er weiß dann, wo und wie hoch er bauen darf, und hat er sich geirrt und doch den Blitzstrahl herabgezogen, nun so trifft er den Bau, nicht ihn. Nur so ist das astrologische Gesetz zu verstehen, daß der Weise die Sterne beherrscht: nicht indem er ihr Wesen ändert, sondern indem er die in ihm selbst wirkende schöpferische Kraft im Sinne ihres Wesens walten läßt, ohne sie durch menschliche Willkür der Triebe (Mars), des Verstandes (Merkur), der Trägheit (Saturn) oder durch Mißverständnisse ihrer Wirkungsweise zu stören. Diese Fähigkeit kann man auf mehrere Arten erreichen. Eine davon ist die Astrologie, die einem erlaubt, auf einem Stück Papier das Kräfteverhältnis der verschiedenen Einflüsse aufzuzeichnen, das für die Zeit zwischen Geburt und Tod auf alle Fälle gültig bleibt, ob einer zeitlebens ein Kind, ein Unwissender bleibt oder ein Erkennender ist. Die äußere Auswirkung freilich dieser unabänderlichen Formel wird je nach dieser Stufe grundverschieden sein, sowohl in dem was geschieht, als in dessen Rückwirkung auf das Gemüt. Das Horoskop stellt nur das Instrument dar. Wie das Selbst darauf spielen wird, ist nicht vorauszusehen. Was aber leicht aus dem Horoskop erkannt werden kann, ist die Qualität des Instruments. Es gibt edle Instrumente, die mancherlei Schäden haben, dann gibt es geringe, die aber ganz gut im Stand sind. Viele Instrumente sind auch nur schlecht gestimmt, Fehler lassen sich oft ganz oder teilweise wiederherstellen, andere Mängel entstehen durch Mißbrauch des Instrumentes oder werden dadurch erst unheilbar. Einige Vollkommenheiten sind nur möglich auf Kosten von Beschränkungen, und schließlich gibt es geringe Instrumente, die außerdem so schlecht im Stand sind, daß überhaupt kein reiner Ton mehr hervorzubringen ist. Die Astrologie zeigt uns, wie oben schon einmal gesagt wurde, was für Pferde einer im Stall hat. Der Wille des Eigentümers kann sie in diesem Fall zwar nicht vertauschen, aber er kann sie, indem er ihre Art studiert und sie im Zaum hält, zwingen,, sich untereinander zu vertragen und seinem Sinne zu unterwerfen – wenn nämlich dieser Sinn kein Unsinn ist, sondern die Anpassung an den Weltsinn sucht. In dem Maß, als das gelingt, wird er tatsächlich immer mehr Herr über die Aspekte, die der Wirkung der Planeten durch die Himmelszeichen untergeordnet sind. Wer in seinem Horoskop das Wesen der Gegnerschaft zweier sich schlecht aspektierender Planeten erkennt, kann allmählich lernen, solcher Feindschaft durch eine bestimmte innere Haltung möglichst wenig Nahrung und Gelegenheit zu geben und dadurch die einzelnen planetarischen Kräfte gewissermaßen zu isolieren. So empfängt er ihre an sich immer hilfreiche Wirkungen, ohne daß diese Wirkungen sich gegenseitig befehden, wodurch sie ja erst schlecht werden. Darum kann ich nicht viel Gutes in der Vorausberechnung der Zukunft sehen, nachdem ich dies lange genug selber getrieben habe. Gläubige haben eine instinktive Abneigung dagegen, Ungläubige nur eine spielerische Neugier, die sie immer abhängiger macht, statt sie zu befreien. Je mehr man aber erkennt, desto gleichgültiger werden die Ereignisse. Daniel wurde in der Löwengrube nicht darum verschont, weil er ein guter Tierbändiger gewesen wäre. Nicht weil die Sterne an meinem Geburtstag so standen, bin ich so geworden, wie ich bin, sondern weil ich so war, konnte ich eine durch diese Konstellation bedingte Menschlichkeit annehmen. Deren Form aber ist sehr allgemein, und vieldeutig. Sie läßt unzählige Möglichkeiten offen. Gäbe es nur eine einzige, wozu wäre dann dieses Leben; nötig gewesen? Es hätte genügt, meine Nativität in die Akashachronik zu verzeichnen, und ewige Augen hätten jederzeit sehen können, was diese Formel als Menschenleben bedeutet. Es handelt sich aber hier nicht um eine mechanische, sondern um eine organische Gesetzmäßigkeit und mehr. Bei Ausführung einer chemischen Formel muß immer dasselbe Ergebnis herauskommen; schon der organischen Welt steht die Mannigfaltigkeit der Formenfülle zur Verfügung, und nun gar der transzendenten Welt der Selbstheit, die sich dieses Organismus bemächtigt und ihn erst zum Ich macht. Hier ist die Zahl der Möglichkeiten, wie ein Horoskop erlebt werden kann, unendlich. Was also für die Astrologie die größte Verlegenheit bedeutet und auch die begründetesten Einwände gegen sie liefert, ihre Vieldeutigkeit, das eben ist das höchste Gnadengeschenk der Gottheit, nämlich die Freiheit, die sie jedem Ich grundsätzlich in all seiner Begrenzung vorbehält. Der Gegensatz zwischen Gnade und Verdienst beruht wohl auf der Freiheit und ihrer Benutzung. Ohne Bemühung (Verdienst) hilft die Freiheit nichts, ohne die Freiheit (Gnade) wäre alle Mühe umsonst. Ob es prädestiniert Unbegnadete gibt? Das scheint mir undenkbar; wohl aber mißraten manche Menschlichkeiten in der Werkstätte der Schöpfung derart, oder anders gesagt: Gott läßt sich versuchsweise in so verworrene Formen ein, daß die Freiheit in der trüben Stofflichkeit oft nicht entdeckt werden kann. Das sind seine Fehlschläge, die Ausschußware ergeben. In wem die Frage auftaucht, ob er vielleicht zu den Verworfenen gehört, der kann schon daraus erkennen, daß dies nicht der Fall ist, denn wer da fragt, das ist schon ein Selbst und nicht das menschliche Ich. Dies aber hat sich bereits dadurch für das Göttliche durchlässig gezeigt, daß diese Frage bewußt werden konnte. Nur wer Astrologie zum Zwecke der Erkenntnis betreibt, wird Vorteil von ihr haben und ihre Wahrheit sehen. Wer sie vorwiegend aus praktischen Gründen ergreift, der ruft Geister, die er nicht mehr los wird, und die ihn narren. Das Beste, was ihm dann passieren kann, ist, daß er sich enttäuscht abwendet, weil auf sie so wenig Verlaß sei. Die meisten aber verstricken sich durch sie in eine Abhängigkeit vom Fatum, die ärger ist als die der gänzlich Blinden. Der Sinn der Schöpfung kann nur der sein, daß die Gottheit als blind schaffender Gott nach einem Organ strebt, in dem sie sich selber bewußt zu werden vermag. Dieses Organ ist ihr im Menschen gelungen, aber noch ist es sehr unvollkommen. In jedem Individuum findet immer wieder ein Abstieg Gottes in den Stoff statt, mit der Möglichkeit, daß das Ziel der Bewußtheit erreicht wird, mit der Wahrscheinlichkeit, daß es mißlingt, aber grundsätzlich verworfen, ehe sie noch geschaffen wurde, ist keine Form. Das widerspräche allem Sinn, und an das, was wir als Sinn erleben, müssen, wir uns halten. Der ist: Selbstoffenbarung der Gottheit durch die Vergottung des Stoffes und der Welt im Menschen. »Wo hast du das genommen? Wie konnt' es zu dir kommen? Wie aus dem Lebensplunder Erwarbst du diesen Zunder, Der Funken letzte Gluten Von frischem zu ermuten? Euch mög' es nicht bedünkeln, Es sei gemeines Fünkeln; Auf ungemeßner Ferne, Im Ozean der Sterne, Mich hatt' ich nicht verloren, Ich war wie neu geboren.« (Goethe, Westöstlicher Diwan.) Nachwort. In der Welt gibt es keinen Stillstand, Alles ist ewiges Werden. Es gibt aber Zeiten, wo sich dieses Werden in Ruhe und Gemächlichkeit, in Stetigkeit und im scheinbaren Gleichmaß vollzieht. Es kommen auch Perioden, wo alles sprunghaft, eruptiv, revolutionär in die Welt der Erscheinungen tritt. Unsere Generation ist Zeuge eines solchen Geschehens. Die beschauliche Ruhe vergangener Jahrhunderte ist abgelöst durch eine Hast und Unruhe, die alles Leben durchzittert. Was unsere Eltern und Großeltern in Generationen erlebten, durcheilen wir in einem Jahrzehnt oder in einer noch kürzeren Spanne. In unserem Vaterlande sind diese Gestaltungskämpfe um neue Ideen besonders stark in Erscheinung getreten. Und es gibt wohl kein Gebiet menschlicher Betätigung, das davon ausgenommen wäre. Interessant ist es, dabei feststellen zu müssen, daß gerade auf den geistigen Gebieten der Anschluß an vergangene, längst totgeglaubte Epochen gesucht wird. Die Menschheit sucht wieder das Natürliche, das Gottgegebene. Im Zuge dieser Entwicklung konnte es nicht anders sein, daß die Astrologie, die im Kulturgut der Vergangenheit bei allen Völkern eine Rolle spielte, heute auch ihre Auferstehung feierte. Wohl ist sie seit der Jahrhundertwende, wo sie zuerst wieder zaghaft an die Öffentlichkeit drang, begeifert und verspottet worden. Ihr Weltbild paßte ja nicht in den liberalistischen und materialistischen Geist, mit dem wir auch heute noch zu ringen haben. Wir wollen aber auch der Gerechtigkeit halber die Frage aufwerfen, konnte die Astrologie der damaligen Zeit den ernsthaft suchenden und vorurteilsfrei an diese Materie herantretenden Menschen Befriedigung schaffen? Wir müssen die Frage verneinen. Denn das damalige Schrifttum war aus dem Mittelalter überliefert und zumeist kritiklos wiedergegeben. Und zu welch armseliger Stufe war die Astrologie in den letzten 500 Jahren herabgeglitten. Eine üble Wahrsagerei war von dem einstmaligen Priesterwissen übrig geblieben. Das tiefste Wissen war in sogenannten Rezepten, die heim Lesen oftmals ein Lächeln hervorriefen, verankert. Der erste, der gegen diese Astrologie Front machte, war der Verfasser dieses Buches. Vor 15 Jahren schrieb er es nieder. Für diese Tat müssen wir uns heute noch dankbar erweisen, indem wir gerade dieses Buch fördern. Aber auch diese 15 Jahre haben keinen Stillstand geduldet. Wohl ist die erfreuliche Tatsache festzustellen, daß die vorhin erwähnten Rezeptbücher immer mehr und mehr verschwinden. Die methodische Forschung hat sich aus dem Geist des heutigen Weltbildes heraus, mehr und mehr mit den Planeten und ihren Wertungen befaßt. Diese Arbeit ist dankbar anzuerkennen. Wir stehen aber nach wie vor am Anfang der Forschung zur Ergründung der tiefsten Zusammenhänge des Seins. Die kommende Zeit wird für mittelalterliches Gedankengut keinen Platz mehr haben. Was wir heute in der Astrologie als gesichertes Wissen werten, ist die Tatsache, daß wir gewisse Überlieferungen geprüft und die Richtigkeit zum Teil bestätigt gefunden haben. Für den Forscher und vor allem für den deutschen Menschen erhebt sich aber immer wieder die Frage des Warum. Er begnügt sich nicht mit der Feststellung, sondern er will den inneren Zusammenhang ergründen. Auch hier waltet die Gesetzmäßigkeit.   Auf diesem Wege der Forschung sind wir im unserem Vaterlande in den letzten Jahren um ein großes Stück weitergekommen. Der Dank gebührt. dem deutschen Astrologen Johannes Lang. Er hat als erster erkannt, daß die Grundlage in der Astrologie nicht die Planeten und nicht die Felder sind, sondern der Tierkreis. Er hat das Gesetz, das im Zwölferrhythmus schwingt, entdeckt und im ersten Bande seines Lehrbuches der Astrologie Aquarius-Verlag Magdeburg geb. 8.50 kart. 7.-. der deutschen Astrologenschaft zugängig gemacht. Diese Erkenntnis, die in den letzten Jahren bedeutend erweitert ist, gibt uns erst die Möglichkeit einer systematischen Begründung und Erklärung des Horoskopes. Aus dieser Erkenntnis wird sich die Philosophie der Astrologie aufbauen und die Psychologie begründen lassen. Wohl stürzt dieses Wissen, alte aus der Überlieferung gewonnene Erkenntnis. Der Fortschritt ist nun einmal der Feind des Bestehenden. Und unsere Zeit schreit nach Fortschritt und nach Neuformung. Wir als Träger und Gestalter müssen den Mut aufbringen, Trennungen durchzuführen, mögen sie auch noch soviel Schmerz bereiten. Unsere Gegenwart ist ja so reich an Trennungen und trägt so viel unerfüllte Sehnsucht nach Vereinigung im Sinne der Venus. Mögen deshalb die Gedanken dieses Buches erneut dazu beitragen, das Leben von einer höheren Warte zu werten. Möge recht vielen Lesern sich der Sinn der Zeit offenbaren, denn dann ist jene Voraussetzung geschaffen, die das Leben von jedem fordert: Sein Leben bewußt gestalten.