Vater und Sohn Eine oberfränkische Dorfgeschichte von Heinrich Schaumberger     Berlin 1924 Verlag von Martin Warneck     Ein neues Haus und ein alter Wurm. Es war fast Abend, der westliche Himmel begann zu glühen, als der Meister den letzten hölzernen Nagel mit gewaltigem Schlage befestigte – das neue Haus war aufgerichtet. Schlank und zierlich, wie ein leichtes Netzwerk, stiegen die Balken zum Himmel, und doch standen sie schwer und fest, gerüstet zum trotzigen Widerstand gegen Wetter und Sturm. Die künftige Gestalt des Hauses war erkennbar, aber das kunstvolle Gefüge wohnlicher Räume, welches die äußere Form künftig umschließen sollte, konnte nur das Auge des schaffenden Meisters aus dem Gewirr der Balken herausfinden. Ein ernstes Sinnbild! – Ist für unsere Erkenntnis das menschliche Leben mehr als solch ein offener Bau? – Daran dachte freilich die Schreinersfamilie, für die der Bau gerichtet ward, wohl nicht; andre, nicht minder ernste Gedanken mochten sie bewegen; denn der Schreinersfrieder nahm seine Mütze ab und faltete die Hände, die Schreinersannelies weinte heftig, und Johannes, ihr einziger Sohn, blickte sinnend vor sich nieder. 8 Wie Ameisen kletterten unterdes die Gesellen im Gebälk umher, errichteten auf dem höchsten Speicher eine Bühne und sammelten sich dort um den Meister. Im langen Kirchenrock, um den hohen Hut ein buntes Seidentuch gebunden, trat der jüngste Geselle aus ihrer Mitte, befestigte auf der Spitze der beiden äußersten Giebelsparren einen grünen, mit wallenden Tüchern und Bändern geschmückten Tannenbusch und krönte so Haus und Werk. Der letzte Strahl der Sonne glänzte auf seinem Gesicht, der Abendwind spielte leise mit seinem blonden Haar, als er den Hut abnahm und den Zimmerspruch begann: Das neue Haus ist aufgericht't; gedeckt, gemauert ist es nicht, noch können Regen und Sonnenschein von oben und überall herein. Drum rufen wir zum Meister der Welt, er wolle von dem Himmelszelt nur Heil und Segen gießen aus hier über dieses offene Haus. Zu oberst wolle er gut Gedeihn in die Kornböden uns verleihn, in die Stube Fleiß und Frömmigkeit, in die Küche Maß und Reinlichkeit, in den Stall Gesundheit allermeist, ins ganze Haus einen guten Geist. Die Fenster und Pforten wolle er weihn, daß nichts Unseliges komme herein, und daß aus dieser offnen Tür bald fromme Kinder springen für. Nun, Maurer, deckt und mauert aus; der Segen Gottes ist im Haus!                                                   (Uhland.) 9 Nach einem Hoch auf den Bauherrn, in das die Gesellen droben und die Bergheimer drunten kräftig einstimmten, leerte der Jüngling ein volles Glas und schleuderte es mit kräftigem Schwung unter die atemlos lauschende Menge. Heller Jubel ertönte, da das zerbrechliche Ding klanglos im Gras verschwand, und um seinen Besitz erhob sich großes Gedränge. Gespannt – Annelies vergaß sogar das Weinen – blickte die Schreinersfamilie in das Gewühl; endlich teilte sich der Haufe, ein junges schlankes Mädchen, in deren Hand das Glas funkelte, eilte auf die Schreinersleute zu und rief schon von weitem: »Pat', ich hab's, ich hab's! – und es ist noch wie neu!« »Gott sei Dank!« seufzte Annelies erleichtert und betrachtete es forschend von allen Seiten. »Die Freude, Auguste! – Es ist ein gar böses Zeichen, wenn beim Aufrichten das Glas zerbricht.« Auch Frieders Augen glänzten, allein das Mädchen achtete wenig auf sein Lob; um ihre frischen Lippen spielte ein glückliches Lächeln, als ihr Johannes mit freudestrahlendem Angesichte leise zunickte. Die Hirtenkathrin, die von ihrem Vater selig, dem alten Hirtenhannes, allerlei geheime Kunst und Wissenschaft geerbt hatte, und sich gern ein wenig damit hervortat, kam auch herbei und nickte: »Ich sag's ja, das Augustele ist ein Glückskind! So ein Glas – hebe es ja wert auf! – ist ein wahrer Schatz im Haus! Und lasse es nicht mit bloßen Händen angreifen, das können die wundersamen Kräfte, die darin stecken, nicht vertragen. Ja, ja, Auguste, merk dir's, wundersame Kräfte stecken 10 drin! Zum Exempel: wenn ein Kind nur ein Tröpflein daraus trinkt, hat ihm das G'fraisch (Krämpfe) nichts mehr an; zahnt es gar durch die Glieder, so braucht man das Zahnfleisch bloß mit dem Glas zu berühren, und die Zähnle brechen durch, das Kind merkt gar nichts davon.« Die Alte würde noch lange fortgeredet haben, hätte nicht eben der Meister mit seinen Gesellen droben auf dem Speicher den Choral angestimmt: Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen! – Feierlich klang der Gesang, an dem sich alle Anwesenden beteiligten, hinein in den stillen Abend; kein Herz blieb unbewegt, nicht bloß in den Augen der Schreinersleute schimmerte es feucht. Gerührt dankte Annelies den Freunden und Nachbarn, die sie beglückwünschend umdrängten; auch Frieder war freundlich; aber seine Worte waren minder herzlich, und der hochmütige Zug um seinen Mund, seine stolzen Blicke wollten dem Bergbauer nicht gefallen. Die Gesellen, voran der Meister kletterten vom Haus herab, einzelne Zuschauer entfernten sich, da rief Frieder mit schallender Stimme: »Holla, verlauft euch nicht, unser Weg führt ins Wirtshaus, ihr alle seid heut meine Gäste!« Ohne sich nach Weib und Kind umzusehen, wollte er vorangehen, da trat ihm der Bergbauer in den Weg: »Gevatter schämst du nicht?–Willst du die Annelies und deinen Johannes am Weg stehen lassen?« Frieder runzelte finster die Stirn; ohne dem Bergbauer einen Blick zu gönnen, rief er den Seinen heftig zu: »Was steht ihr noch da? Wollt ihr mir an meinem 11 Ehrentag die Freude verderben? – Macht voran ins Wirtshaus, daß ihr den ersten Reihen nicht verpaßt.« Annelies hielt bei diesen lieblosen Worten nur mit Mühe die Tränen zurück, traurig blickte sie Frieder nach, der weit voraus neben dem Meister dem Wirtshause zuschritt, und erklärte, sie möge von der Welt nichts mehr wissen, sie gehe heim. Auch Johannes war bleich geworden; seinen Bitten gelang es endlich, die Mutter doch zum Mitgehen zu bewegen. Langsam folgte der Bergbauer den beiden; kopfschüttelnd sagte er zu seiner Frau: »Marie, bei unseren Gevattersleuten ist was nicht in Ordnung, ich fürchte, der Neubau bringt ihnen wenig Glück.« »Was nur den Frieder angefochten hat? – Den ganzen Abend gönnte er der Annelies kaum ein Wort, und so barsch habe ich ihn noch nicht reden hören.« »Das ist's nicht allein. Der Frieder muß was auf dem Herzen haben, mir ist sein wunderliches Wesen schon lang aufgefallen. Gott gebe, daß wir uns irren, es kann ja auch sein, daß ihn die vielen Sorgen der letzten Zeit verdrießlich machten. – Drum geh zur Annelies und rede zum guten, sie ist auch, wie sie ist; es wäre zu traurig, gäbe es heute einen Verdruß.« Einsam und verlassen lag der luftige Bau, den noch vor kurzem fröhliche Menschenstimmen belebten; nur die Zweige des Tannenbusches droben auf dem Giebel wogten leise im Abendwind, als klagten sie, daß sie so bald ihres bunten Schmuckes beraubt wurden. Desto fröhlicheres Leben entfaltete sich auf 12 dem Tanzboden, halb Bergheim hatte sich eingefunden; so dicht gedrängt standen die Gäste, daß für die Tanzlustigen kaum Raum blieb. Trotzdem wirbelten die Paare lustig durch die Menge, Scherz und Lachen übertönte fast die Musik, und Frieder ermunterte fortwährend zu größerer Lustigkeit. Nur zwei Frauen saßen teilnahmslos in einer einsamen Ecke, so vertieft in ihr Gespräch, daß sie nicht zu bemerken schienen, was um sie her vorging. Annelies hatte die Bergbäuerin in diesen stillen Winkel gezogen, um ihrem übervollen Herzen Luft zu machen; sie brach in leidenschaftliche Klagen gegen Frieder aus; auf alle Trostgründe der Bäuerin schüttelte sie traurig den Kopf und meinte zuletzt, indem sie sich mit der Schürze die Augen wischte. »Laß nur, Gevatterin! Ich weiß, du meinst es herzlich gut, aber für mich gibt es keinen Trost. Was du da sagst, habe ich mir selber hundertmal eingeredet – das ist vorbei.« »Annelies, du tust deinem Frieder gewiß unrecht, er hat dich immer in Ehren gehalten.« »Vor den Leuten, ja! – Im Herzen hat er mich verachtet von Anfang an. Wenn ich reden wollte – aber was hilft's? Und gib nur acht, mein Unglück ist noch nicht voll!« »Du erschreckst mich zum Tod! –« »Sei still! – Die Veitenmargt hat uns schon lang im Aug'. – Sieh nur, wie der Frieder tanzt, wie er mit den Weibern und Mädeln schön tut – an mich denkt er nicht. Komm wir wollen zu deinem 13 Jörg, in der finsteren Ecke wird mir ganz ängstlich.« Nachdenklich folgte ihr die Bäuerin; die Klagen kamen ihr nicht unerwartet; nur daß es so schlimm sein könne, hatte sie nicht befürchtet. Nach ernstem Besinnen, was hier zu tun sei, beschloß sie, nächstens mit ihrem Jörg darüber zu reden, heute aber ganz zu schweigen; als sie beim Näherkommen Annelies im heiteren Geplauder mit dem Bergbauer antraf, nickte sie zufrieden. Johannes war auf Befehl des Vaters in den Reihen getreten, aber sobald es anging, schlich er hinweg, lehnte sich in ein Fenster und starrte traurig hinaus in die Nacht. Plötzlich legte sich eine weiche Hand auf seine Schulter; erschrocken fuhr er herum und blickte in ein paar große unschuldige Kinderaugen, die ihm heiter entgegenlachten. Das schlanke Mädchen, dem er heute auf dem Bauplatz so vertraut zugenickt, stand vor ihm und sagte: »Jetzt such' ich dich wer weiß wie lang in allen Ecken und wäre um ein Haar an dir vorbei gegangen. Ist das eine Art, in die Nacht hinausgucken nach den Irrgeistern und feurigen Männern, die draußen ihr Wesen treiben, während um dich die Leute so vergnügt sind?« »Der Lärm tut mir weh, draußen ist's so still – ich möchte fort, weit fort.« »Siehst du? Das kommt davon! Rasch in den Tanz, über ein fröhliches Herz hat der Nachtspuk keine Gewalt.« »Aber ich bin nicht fröhlich, Auguste, ich kann nicht tanzen.« 14 Der neckische Zug um Augen und Mund des Mädchens verschwand bei der Frage. »Und was ist's schon wieder?« »Hast du nicht bemerkt, wie der Vater vorhin die Mutter und mich vergessen hat, wie er uns so hart anfuhr?« »Mir hat es weh genug getan, Johannes,« entgegnete das Mädchen und drückte ihm die Hand, »ich wollte nur nichts sagen, um dir das Herz nicht schwer zu machen. Du nimmst alles so ernst. Lieber Gott, solche Verdrießlichkeiten kommen in jedem Haushalt vor, bei uns auch, und wenn man sich wegen jeder Kleinigkeit ein graues Haar wachsen lassen wollte, mit achtzehn Jahren hätte man einen weißen Kopf.« Johannes blickte lächelnd auf das Mädchen und meinte. »Bei dir hat es noch keine Gefahr!« »Ich danke auch dafür!« lachte sie fröhlich und schüttelte die schweren dunkelblonden Flechten, die sich wie ein Kranz um den feinen Kopf legten. »Jeder Mensch hat einen Hochmut, warum sollte ich nicht auf meine Zöpfe stolz sein? Aber im Ernst, du verdienst gar nicht, daß ich dir noch ein gutes Wort gönne, böse müßte ich dir sein, recht böse. Wie war ich so glücklich, als ich das Glas erhaschte! Ich dachte, das macht dem Johannes gewiß auch Freude, und er wird nicht wissen, wie er mich genug loben soll. – Aber verlaß sich eins auf Männer! – der Herr da denkt gar nicht dran, wie ich seinetwegen meine Röcke in Gefahr brachte und mir fast die Füße habe abtreten 15 lassen – hätte ich das zuvor gewußt! – Zur Strafe sage ich dir auch nicht, was mir die Hirtenkathrin aus dem Glas prophezeit hat.« »Auguste, du hast recht!« rief der Jüngling und ergriff beide Hände des holden Mädchens. »Verzeih' mir und tue nicht so heimlich; was hat die Kathrin prophezeit?« »Ei, seht doch die Neugierde!« neckte Auguste. »Aber gib dir nur keine Mühe, du bringst nichts aus mir heraus.« Johannes hatte seinen Kummer vergessen und ging fröhlich auf den Scherz ein; als er sich jedoch aufs Raten legen wollte, lachte sie ihn aus und meinte über und über rot: »Sei nur still, du erfährst nichts, kein Mensch erfährt was, es ist ja doch bloß dummes Zeug. Laß das und komm, wir wollen tanzen.« Mancher Blick folgte dem schönen Paar; die Bergbauernleute, Augustens Eltern, nickten der Annelies lächelnd zu, nur der Frieder hatte dafür keine Augen. Im Eifer, andere zur Fröhlichkeit aufzumuntern, war er selbst in ausgelassene Lustigkeit und in eine merkwürdige Tanzlust geraten. Alle Nachbarweiber und ihre Töchter hatte er schon in die Reihen geführt, als er seine Magd, die Bärbel, nebendraußen bemerkte; kurz entschlossen ging er zu ihr und sagte: »Komm Bärbel, haben wir so manche schwere Arbeit zusammen vollbracht, wollen wir heute auch eins tanzen.« Bärbel hatte dagegen natürlich nichts einzuwenden, am Ende des Reihen sagte sie. »Herr, einen Tänzer wie Euch hab' ich mein Lebtag nicht gehabt.« 16 »Geh doch!« lachte Frieder, »das ist lange vorbei. – Ja, wie ich in deinem Alter war, damals habe ich's mit jedem aufgenommen.« »So dürft ihr nicht reden; – aber freilich – s'ist schade um Euch.« »Bist du närrisch? Warum?« »Drum!« sagte Bärbel, die an ihren Schürzenbändern zupfte und nur mit einem blitzschnellen Blick Annelies streifte, »Ihr dauert mich eben.« – Frieder fuhr zusammen; ganz verändert, blaß, mit funkelnden Augen sah er dem Mädchen nach, dann setzte er sich in eine Ecke und trank. Aber je mehr Bier er hinabstürzte, desto nüchterner ward er, fort und fort klang ihm in den Ohren: Ihr dauert mich! – Um Weib und Kind kümmerte er sich nichts; den Bergbauer, der ihn mit heimnehmen wollte, fertigte er kurz ab; als der letzte verließ er den Saal und wankte im grauenden Morgen heim. Unausgekleidet warf er sich auf sein Bett, drückte die geballten Fäuste vor die Stirn und stöhnte: »Es ist schade um Euch! sagt sie. – Wo habe ich bis heute meine Augen gehabt?« 17     Aus vergangenen Tagen. Ehe wir dem Gang der Ereignisse folgen, ist es nötig, einen Rückblick in die Vergangenheit der Schreinersfamilie zu werfen. Frieder, der einzige Sohn des reichen Schreinerspaule, war seinerzeit der stattlichste Bursche Bergheims; alle Mädchen fuhren an die Fenster und machten lange Hälse, wenn er im Sonntagsstaat über die Gasse schritt. Dabei hielten die Männer große Stücke auf ihn wegen seiner Rechtschaffenheit und Tüchtigkeit; seine Kameraden wären für ihn durchs Feuer gegangen; denn eine aufrichtigere treuere Seele konnte es nicht leicht geben, dazu immer heiter und fröhlich, stets zu Scherz und Neckereien aufgelegt, war er noch obendrein ein Sänger, der weit und breit seinesgleichen suchte. Frieder ward darum der Liebling der Mädchen, der Gegenstand heimlicher Wünsche und Hoffnungen; die reichsten und stolzesten Schönen warfen ihre Netze nach ihm aus und seufzten im stillen: klopfte er doch bei mir an, wie gern wollte ich ihm auftun! Allein alle Bemühungen waren vergebens; merkte Frieder 18 dergleichen, so lachte er darüber. Schon lange hatte er das schönste und bravste Mädchen im Dorf, freilich auch das ärmste, ins Herz geschlossen, und als sie ihm eines Abends gestand, sie sei ihm von Kind aus gut gewesen, war er der glücklichste Mensch unter der Sonne. Im Dorf gab es wohl ein großes Aufsehen, als es hieß: der Schreinersfrieder geht mit dem Fritzenmargtle! – Die verschmähten reichen Mädchen rümpften spöttisch die Nasen, und der Schreinerspaule schalt heftig auf die »Dummheit« seines Sohnes. – Allein Frieder ließ die Leute reden, tröstete sein Margtle und erklärte dem Vater ernsthaft: »Die Margaret ist so brav und tüchtig wie eine, wenn sie gleich arm ist. Ihr selber könnt nichts an ihr aussetzen, drum hört auf zu schelten, ich lasse doch nicht von ihr.« Um jene Zeit begann der alte Jock zu wirten; bald saßen die Männer Tag und Nacht bei ihm, der Schreinerspaule stets am längsten; danach liefen dunkle Gerüchte durchs Dorf, beim Jock gehe es nicht sauber zu und es werde hoch gespielt – aber es blieben Gerüchte, Gewisses wußte niemand. Hätte Frieder achtgegeben, wäre ihm vielleicht die Veränderung seines Vaters aufgefallen, allein über seiner Liebe vergaß er die ganze Welt; nach und nach erst, wie der Vater immer mürrischer und verbissener in Haus und Werkstatt herumwirtschaftete, wie ihm kein Mensch etwas zu Dank machen konnte, dämmerte ihm die Ahnung auf, es müsse etwas nicht in Ordnung sein. Als sein Vater einmal nach einer durchschwärmten Nacht in die Werkstatt wankte, vor den Gesellen in Schmähungen gegen 19 Margtle ausbrach und Frieder mit Fluch und Enterbung drohte, wenn er nicht in dieser Stunde noch von ihr lasse, wallte es in ihm auf, den Hobel warf er in eine Ecke und sagte: »Ich habe ertragen, was zu ertragen war, nun hat es aber ein Ende! Tag und Nacht kommt Ihr nicht aus dem Wirtshaus – die Mutter drehte sich im Grabe um, wenn sie das wüßte! der ganze Haushalt liegt allein auf mir, und doch, brummt Euch der Kopf, muß ich es ausbaden. Ich sag' Euch, von der Margaret laß ich nicht, und wenn alle Stricke zerreißen, keine Macht der Welt bringt uns auseinander.« – Paule war bleich geworden und ging still hinaus. Vielleicht eine Stunde später ward Frieder auf die obere Stube gerufen. Bei seinem Eintritt lag der Vater halb über dem Tisch, sein Gesicht ruhte auf den Armen, und aus seiner Hand hing ein hänfener Strick mit weiter Schlinge, den er hastig verbarg. Mit schlotternden Knien wankte er zur Tür, die er verschloß und verriegelte, dann sank er wie vernichtet auf einen Stuhl und sagte. »Frieder, ich will's kurz machen. Ich war von jeher ein schlechter Haushalter, unser Vermögen ist unter meinen Händen zerronnen wie Wasser. Jahr für Jahr mußte ich Schulden machen; was noch übrig blieb, habe ich in der letzten Zeit an den Tiefenorter Hofhannes verspielt. Viertausend Gulden hat mir der Hannes geborgt, dafür mußte ich ihm Hof und Güter, Hausgerät und Handwerkszeug, alles, was wir besitzen, verschreiben. – Heut' kommt er, und kann ich die Verschreibung nicht 20 einlösen, jagt er uns von Haus und Hof. – – Noch weiß kein Mensch um die Sache, der Hofhannes will's auch nicht lautbar machen, wenn – du seine Annelies freist. – Frieder, bring' mich nicht in die Schande; – auf den Knien bitt' ich dich, laß von dem Margtle und nimm die Annelies. – – Siehst du, wenn du's nicht tust, dann hast du mich auf dem Gewissen; an dem Strick da häng' ich mich auf, einen Fluch leg' ich auf dich und die Margaret. – – –« Frieder lehnte bleich und stumm an der Wand, er hatte nur den einen klaren Gedanken: du bist ein Bettler! Wie im Traum sah er den Vater vor sich knien; der Strick, mit dem er sich zu hängen drohte, verwandelte sich in eine Schlange, die ihm nach dem Herzen züngelte, der Fluch, den er auf ihn zu legen drohte, riß einen tiefen Abgrund zwischen ihm und Margtle auf; dazwischen hörte er den Vater das Glück des Reichtums preisen und von der Schande, vom Elend der Armut reden. In seinem Hirn begann es zu brausen: unglücklich bist du so wie so, drum halte wenigstens den Reichtum fest; das ist vielleicht das einzig wahre Glück! – Zuletzt vergingen ihm die Sinne. Als er die Augen öffnete, lag der Vater noch vor ihm und hielt jammernd seine Knie umfaßt; beim Anblick des Strickes zuckte Frieder zusammen, er fühlte, wie sich in ihm etwas schloß, wie sich eine eisige Kälte in seinem Herzen festsetzte. Langsam strich er sich über Stirn und Augen, mit ganz veränderter Stimme sagte er. »Steht auf! – Wann wird der Hannes kommen?« – Dann wankte er an den Tisch, 21 legte den Kopf in die Hand und antwortete nicht, was auch der Vater vorbrachte. Ein Klopfen schreckte ihn auf – es war der Hofhannes. Das kleine, bewegliche Männchen nahm am Tisch Platz und sagte: »Wie ich sehe, hat dein Alter mit dir geredet – bist wohl arg erschrocken? – Und nun, was wählst du: – die Annelies oder den Bettelsack?« »Hannes,« begann Frieder und rang nach Atem, »seid ein Mensch. Laßt mir die Güter; ich will Euch das Kapital ehrlich verzinsen, Ihr sollt keinen Heller verlieren.« »Narr,« lachte der Angeredete, »meinst, ich wüßte nicht, daß eure Sachen unter Brüdern ihre fünf- bis sechstausend Gulden wert sind? – Nichts da, kurz und klar, die Annelies oder nichts! – Solltest froh sein, daß ich dir das Mädle anbiete, sie ist für dich eigentlich zu hoch, aber ein Bauer nimmt sie nicht wegen ihrem kurzen Bein, und in dich vernarrt ist sie auch, drum mag's sein. – Also – wie wird's?« »Und wenn ich sie nehme, wie dann?« »Die 4000 Gulden sind ihre Mitgabe; wohl gemerkt, sie gehören meiner Annelies, nicht dir. Die Schande will ich dir ersparen und die Güter auf meinen Namen überschreiben lassen; da habe ich vom Advokaten ein Ding aufsetzen lassen, worin du anerkennst, daß du die Güter nur zum Schein hast.« »Das tu' ich nicht, nie und nimmer!« »Gut, dann pack dich! – was du auf dem Leib hast, schenk' ich dir. – Möchtest wohl bäumen?« 22 fuhr er höhnend fort, als Frieders Lippen zuckten und seine Augen blitzten. »Nimm dich in acht! – Zum letzten Mal – willst du oder nicht?« »Seid barmherzig! – Ich will Euch eine Verschreibung geben, als hätte Annelies fünf- bis sechstausend Gulden Mitgabe bekommen – nur laßt mir die Güter.« »Nichts da, was der Hofhannes sagt, dabei bleibt's, dein letztes Wort – ja oder nein! Ich habe die Zerrerei satt und muß weiter.« Zähneknirschend, mit zitternder Hand setzte Frieder seinen Namen unter die Urkunde, zerstampfte die Feder und ging hinaus. Hannes rief ihm nach: »Morgen ist Freierei, daß du mir nicht zu spät kommst.« Ehe er das Dokument in der Tasche verbarg, prüfte er genau die Unterschrift und sagte schmunzelnd zum alten Schreiner, der wie zerbrochen am Fenster lehnte: »Das wilde Füllen ist ja merkwürdig zahm, noch ein bißle scheu zwar, doch das gibt sich. – Dachte nicht, daß sich die Sache so glatt machen würde, vor dem Frieder habe ich mich wahrlich gefürchtet. – Das war ein Streich! – Die Annelies gut versorgt und deine Sachen in der Hand, ha, ha! – Na, Vettermann, auf Wiedersehen morgen! Unser Färbeln wird wohl ein Ende haben, von wegen – ha, ha! – Muß mir 'nen andern suchen, den ich rupfen kann, wenn ich's nicht lieber laß, 's ist zu gefährlich. Adjes!« Der Fluch, den ihm Paule nachschickte, verhallte ungehört. 23 Frieder ließ sich den ganzen Tag nicht blicken; erst nach dem Abendessen öffnete er dem Vater, der oft vergeblich gepocht hatte, die Kammertür mit den Worten: »Macht Euer Werk fertig, geht zum Margtle und sagt ihr auf; ich erwarte Euch hier.« Hinter ihm schloß er die Tür, warf sich über sein Bett und vergrub das Gesicht in die Kissen. In tiefer Nacht kehrte Paule zurück, tastete sich an Frieders Bett und sagte: »Da ist das Halskettle und das Tüchle, das du dem Margtle geschenkt hast, sie sagt: – –« »'s ist gut, legt's dort auf meine Lade«, unterbrach ihn der Jüngling. »Und nun merkt auf: Ich hab' Euch den Willen getan und Euch aus Schande gerissen, nun sind wir fertig. Wie Ihr mir mit dem Strick drohtet, wie Ihr einen Fluch auf mich legen wolltet, wo ich Euch in allen Stücken gehorsam war, da habt Ihr mir alle Lieb', alle Freud' aus dem Herzen genommen. Und ich zwing's nicht, ich kann Euch nimmer als meinen Vater ehren. Vor den Leuten bleibt's beim alten, Ihr sollt keine Not haben – aber nennt mich nicht mehr Sohn, und wenn wir allein sind, redet mich nicht an. Jetzt geht!« Paule wollte in Jammer ausbrechen, allein Frieder schob ihn aus der Tür und riegelte sich ein. Am andern Tag – es war ein Sonntag – gab es in Tiefenort eine stille Verlobung. Frieder saß bleich und stumm neben der Annelies, die es endlich seufzend aufgab, ihren traurigen Bräutigam aufzuheitern, und darüber nachdachte, ob das nun wirklich das Glück sei, von dem sie Tag und Nacht geträumt. 24 Bei dem gleichgültigen und doch so prüfenden Blick Frieders schoß ihr das Blut nach dem Kopf – hatte er jetzt Augen für ihre Gebrechlichkeit? – Und als er ruhig, eisigkalt begann: »Annelies, ich will dich in Ehren halten, weil ich lebe, aber aus Liebe nehm' ich dich nicht, ich sag' dir's vorher!« Da knirschte sie mit den Zähnen, um nicht laut aufzuschreien. Das Wasser kam ihr in die Augen, schon schwebte ihr eine heftige Antwort auf der Zunge, da traf sie ein tückischer Blick ihres Vaters, und sie ließ den Kopf hängen, zwang sich zu einem Lächeln und meinte: »Ich seh' schon, du bist wenigstens ehrlich und aufrichtig, ich will's doch mit dir probieren, die Lieb' wird schon auch kommen!« Das war so ziemlich alles, was die Brautleute zusammen redeten. In Bergheim hatte sich unterdes ein dunkles Gerücht von der Freierei in Tiefenort verbreitet; kein Mensch wollte anfangs daran glauben, allein als immer unverwerflichere Zeugnisse einliefen, die weinende Fritzenmargaret es selbst bestätigte, ward streng über Frieder geurteilt. Am heftigsten erschrak der Bergjörg, Frieders Beichtkamerad und treuester Freund. Er konnte kaum dessen Heimkehr abwarten, eilte zu ihm und machte ihm herbe Vorwürfe. Frieder hörte ihn gelassen an. »Das ist alles ganz richtig, was du sagst, aber was hilft mir's?« – Mehr war nicht aus ihm herauszubringen, und Jörg ging endlich kopfschüttelnd heim. Wenige Tage vor der Hochzeit verließ Margtle Bergheim. Sie hatte weit drinnen im Gebirge einen 25 Dienst angenommen. Später ging das Gerücht, sie habe einen Witwer geheiratet, viel Kinder und wenig Glück gefunden und sei bald gestorben. Frieder atmete auf, als sie das Dorf verlassen hatte; die Hirtenkathrin, die bei dem Hofhannes diente, wollte ihn auf der Hochzeit sogar einmal haben lachen sehen. Aus dem fröhlichen, offenherzigen Jüngling ward ein ernster, wortkarger Mann. Wenige Wochen nach der Hochzeit furchten tiefe Falten seine Stirn; die finster zusammengezogenen Brauen, die trüben Blicke deuteten auf schwere innere Kämpfe, die bleichen Wangen auf schlaflose Nächte. Die Mißgestalt der Annelies erschreckte ihn und steigerte die Abneigung gegen die aufgezwungene Frau zu einem heftigen Widerwillen; je bitterer er bei ihrem Anblick seinen Verlust empfand, desto größer ward der Zorn gegen die Urheber seines Unglücks; dazu nagte es Tag und Nacht an seinem Herzen, sein Erbgut in den Händen des Hofhannes zu wissen; die Abhängigkeit von dem Mann, den er haßte und verachtete, ward ihm täglich unerträglicher. Oft stöhnte er verzweiflungsvoll: »Der Strick, mit dem der Vater drohte, wäre für mich selber das beste gewesen!« Dagegen kam ihm wieder der Gedanke: gehen meine Widersacher damit um, mich gänzlich zu verderben – soll ich ihnen die Freude gönnen und sie ihre Absicht erreichen lassen? – Das erweckte seinen Trotz; noch fühlte er sich stark genug, sein Schicksal zu tragen, die lebendig erwachende Empfindung der eignen Kraft reizte ihn zum Widerstand. »Soll ich 26 mich von schlechten Menschen zugrunde richten lassen? – Nein und tausendmal nein; ich muß das Schicksal zwingen und den Hofhannes mit! Darum muß ich reich werden, so reich wie er selber – aber auf geradem, ehrlichem Weg – damit zwinge ich ihm die Urkunde ab. – Ja, reich will ich werden, reich und frei von Hannes, eher ruh' und raste ich nicht!« Solche Erwägungen richteten ihn auf, und es zeigte sich bald, daß es ihm Ernst war mit seinen Vorsätzen. Von den Nachbarn schloß er sich schroff ab, Gesellschaft mied er, nur mit dem Bergbauer hielt er noch Freundschaft; aber das rechte Vertrauen bestand auch hier nicht mehr, ein Geheimnis hatte sich zwischen sie gedrängt, seine Verheiratung war der dunkle Punkt in Frieders Leben, an dem der Bergbauer nicht rühren durfte. Daheim kam Frieder wenig aus der Werkstatt; alle Kräfte spannte er an, alle Sinne und Gedanken richtete er darauf, seinen Ruf als geschicktester Schreiner, als zuverlässigster Geschäftsmann der Gegend immer fester zu begründen; – für sein junges Weib blieb ihm keine Zeit, achtlos ging er an ihr vorüber. Annelies litt schwer, um so schwerer, da sie nicht klagen konnte – nicht durfte. Was zwischen dem Vater und Frieder vorgegangen war, warum er so plötzlich das Margtle verlassen hatte, wußte sie nicht, fragte auch nicht danach; mit hoffender Seele war sie ihm zum Altar gefolgt. In den ersten Wochen ihrer Ehe kam sie Frieder mit Herzlichkeit entgegen, an den Augen suchte sie ihm abzulesen, was ihm Freude machen könne – vergebens; Frieder schien ihr Bemühen 27 nicht zu bemerken. Dann weinte sie, ward eigensinnig, trotzte wochenlang – auch ohne Erfolg; gleichgültig sah Frieder darüber hinweg und ließ sie gewähren. Zuletzt hörte sie auf zu weinen, aber die Tränen flossen nach innen, legten sich wie eine Eisrinde um ihr Herz und erstickten ihre Liebe. Noch nicht nach Jahresfrist gingen die Gatten still aneinander vorüber, nicht gut und nicht böse, nur auf Erfüllung ihrer Pflicht bedacht – und die Bergheimer begannen das Glück der Schreinersleute zu preisen, rühmten sie als Muster braver Eheleute und lobten Frieder, daß er seinen Vater so gut halte. Mit der Zeit ward Frieder ruhiger, er gab sich in sein Geschick, selbst sein Verhältnis zur Annelies besserte sich – freilich innerlich blieben sich beide fremd. Als dann der Bergjörg seinen Schatz, die Hempelsmarie von Weitersrot, heimführte, fand Annelies an der sanften, stillen Frau eine treue Freundin. Nach einigen Jahren traten Veränderungen im Schreinerhaus ein, die den Schreinersleuten zum Segen hätten gereichen können. Wenige Tage, nachdem Annelies einem kräftigen Knaben das Leben gegeben hatte, starb der alte Schreinerspaule. Hinter dem Sarg des Vaters ward Frieder das Herz weich; hier hatte der Tod eine Schuld getilgt – dort war ein junges Leben erblüht, das, unschuldig an seinem Unglück, ihn einst lieben sollte. Daheim drückte er Annelies wortlos die Hand und verbarg sein Gesicht in den Kissen des schlafenden Kindes. Trotz der Trauer rüstete er ein stattliches Tauffest; beim Essen stieß er mit der Annelies und 28 den Paten des Kindes, den Bergbauernleuten, fröhlich auf eine glückliche Zukunft an. Aber die Wolken am Himmel der Schreinersleute waren nur zerrissen, nicht verschwunden, bald zogen sie sich drohender zusammen denn je. Annelies empfand nicht, daß in Frieders Herzen die Liebe erwachen wollte; seine Milde und Freundlichkeit riefen ihr nur ins Gedächtnis, was sie die langen Jahre hatte entbehren müssen; in bitterer Vergeltung ging jetzt sie kalt und gleichgültig an ihm vorüber. Dazu erweckte die Zärtlichkeit, mit der sich Frieder um den kleinen Johannes bemühte, in Annelies ein Gefühl fast wie Eifersucht; sie begann zu fürchten, er könne ihr das Kind abwendig machen, und ihr armes liebebedürftiges Herz bäumte sich dagegen. Von da an suchte sie ihm den Knaben unter allerlei Vorwänden zu entziehen, ja, sie riß ihn oft mit zornigen Blicken aus seinen Armen. Frieder sah zuerst erstaunt diesem wunderlichen Treiben zu, nach und nach erst dämmerte ihm das Verständnis dafür auf – und sein kaum geöffnetes Herz schloß sich wieder. Er empfand noch schärfer als zuvor die eisige, tote Kälte in seiner Brust. »Jetzt macht die Annelies fertig, was mein und ihr Vater begonnen haben,« rief er auf einsamen Gängen. »Ich darf nichts lieb haben, selbst mein Kind wird mir genommen! – Aber sei's drum! – 's ist wohl ein elend, erbärmlich Ding um das Leben – ich halte doch aus. Reich will ich werden, frei von dem Hofhannes, und Haus und Hof bau' ich neu auf, daß sich alle Leute verwundern sollen – das ist 29 mein Glück!«– Der alte Trost mußte auch diesmal aushelfen. Johannes verlebte eine freudlose Jugend im Elternhaus; der Vater war ihm entfremdet, und die Mutter machte ihn früh zum Vertrauten ihres Kummers. Ohne zu bedenken, welche Gefahren der jungen Seele daraus erwuchsen, legte sie ihr Leid auf sein Herz, ja, sie sagte rundweg: er dürfe den Vater nicht lieben, müsse allein zu ihr stehen. Mit tränenvollen Augen sah dann der Knabe zur Mutter auf, er hätte so gern geholfen: aber den Vater mußte er lieben; je strenger es die Mutter verbot, desto mehr. So wurde ein Zwiespalt in seine Seele gelegt, der seine jugendliche Heiterkeit zu untergraben, sein ohnedies nach innen gekehrtes Wesen zu krankhafter Frühreife zu steigern drohte. Es war ein Glück, daß er im Bergbauernhaus seine zweite Heimat fand; im Umgang mit der kleinen Auguste ward er wieder zum fröhlichen, unbefangenen Kinde. Frieder liebte Johannes nicht; er hatte sich einen frischen, derben Buben gewünscht, keinen »Kopfhänger«, »Dämling« und »Duckmäuser«, wie er den Knaben verdrießlich nannte. Später trat der tiefe, innere Gegensatz zwischen Vater und Sohn schärfer hervor. Als einst in der Heuernte die Braune, Johannes Lieblingskuh, vor dem Wagen unruhig ward, und Frieder das Tier in leidenschaftlicher Erregung mit Füßen trat, suchte ihn Johannes weinend hinweg zudrängen und war lange nicht zu beruhigen. »Du bleibst ein Heulmaul!« sagte Frieder ärgerlich. »Ich hätte die Kuh nicht ertreten. Vor einem richtigen 30 Bub muß Vieh und Geziefer davonrennen, wenn er sich nur blicken läßt!« – Ein andermal kam er dazu, als sich Johannes mit zwei älteren Dorfbuben raufte, die im Schreinersgarten Sprenkel nach Rotkehlchen stellten. »Du bist ein Dämling!« fuhr er den erschrockenen Sohn an. »Läßt dich prügeln eines lumpigen Vogels willen, statt daß vor dir stundenweit kein Vogel und kein Nest sicher sein sollte!« Wäre Johannes nicht eine jener kerngesunden Naturen gewesen, deren innere Kraft unter dem Druck wächst, die sich um so fröhlicher entwickeln, je mehr Hindernisse sie zu überwinden haben, er hätte zugrunde gehen müssen. Aber gerade solche Vorgänge, die Verhältnisse im Elternhaus erweckten frühe in ihm ein Gefühl der Selbstverantwortlichkeit. Wußte er sich im Recht, wenn der Vater schalt, so ging er stille davon, ohne sich beirren zu lassen; wollte die Mutter vor ihm den Vater erniedrigen, suchte sie ihn in ihre Leidenschaft hineinzuziehen, dann sah er sie ernst an, und sie verstummte. Als er nach seiner Konfirmation ein tüchtiger, zuverlässiger Geselle ward, ging eines Tages Frieders Herz auf; er beklagte sich bitter über die Zurücksetzung, die er von Johannes erfahren müsse, und schalt, daß Johannes allein zur Mutter stehe. Johannes ließ den Vater ausreden, dann sagte er ruhig. »Ich halte nicht bloß zur Mutter, ich habe Euch lieb, eines wie's andre. Aber die Mutter braucht mich mehr als Ihr, warum macht Ihr sie weinen?« Frieder wollte auffahren, aber vor dem Blick seines Sohnes ging er hinaus. Von da an war das letzte 31 Band zwischen ihnen zerrissen; Frieder begann Johannes zu fürchten, und von Furcht zum Haß ist nur ein kleiner Schritt. So vereinsamte Johannes mehr und mehr; oft ertappte er Vater und Mutter auf mißtrauischen Blicken, beide fürchteten in ihm einen heimlichen Gegner. Sein Trost blieb das Bergbauernhaus. Dort fand er Teilnahme und Liebe; Auguste, sein Schützling noch von Schulzeiten her, war seine schwesterliche Vertraute; sie half ihm sein Leid tragen und sorgte durch ihr harmloses, frisches Wesen, daß er kein Kopfhänger wurde. 32     Der Wurm frißt tiefer. Ein merkwürdiges Glück hatte Frieder begünstigt; früher als er es zu hoffen gewagt, sah er sich am Ziel seiner Wünsche. Aber merkwürdig, seit dem Beginn des Neubaues war er unzufrieden, ein Unmut gärte in ihm, über den er sich selbst nicht klar werden konnte. Der Bau war ihm lästig, die Arbeit verleidet, Geld und Gut erschien ihm nicht mehr so begehrenswert, oft ekelte ihn die ganze Welt an. Schon jetzt fürchtete er den Einzug in das neue Haus, ihm graute vor dem alten Leben in den neuen Räumen, und je tiefer dieses Gefühl wurzelte, desto größer ward eine unbestimmbare, unerklärliche Sehnsucht. Zornig murrte er oft, wenn Annelies, die in letzter Zeit kränkelte und auffallend verfiel, an ihm vorüberschlich: »Paßt solch eine Frau in das schmucke Haus?« Daran reihten sich Gedanken, vor denen er selber erschrak, und die er doch nicht los werden konnte. Von da an verbarg er seinen Widerwillen gegen Annelies nicht mehr: nach einer sechsundzwanzigjährigen Ehe begann er seine Frau rauh und hart zu behandeln. 33 Annelies erriet ihn, weinend klagte sie oft: »Ich seh's, Frieder wartet auf meinen Tod; ich werde kaum die Augen zugetan haben, führt er eine Jüngere und Schönere in meine Sachen.« Solche Reden, die sie fast täglich hörte, brachten die Magd des Hauses, die Bärbel, zuletzt auf wunderliche Gedanken. Die runde, kräftige Dirne galt im Bergheim für ein schönes Mädchen; sie selbst wußte das und glaubte daran, darum standen ihre Sinne nach hohen Dingen. Schon manchen ehrlichen Knecht, selbst den Eckenphilipp, der doch eine hübsche Sölde von seinen Eltern erben sollte, hatte sie schnöde und spöttisch abgewiesen; – ihre Absichten gingen auf den Sohn ihrer Herrenleute. Allein Johannes beachtete ihre Aufmerksamkeiten nicht, und als sie zudringlich wurde, fertigte er sie so derb ab, daß sich ihre Neigung in Haß verkehrte. Die zunehmende Verstimmung ihrer Herrenleute, die wachsende Kränklichkeit der Annelies, besonders aber deren Befürchtungen vor der Zukunft erweckten, wie gesagt, eigne Gedanken. Sie war jung und schön, gesund und kräftig; – wenn Frieder nach dem Tod der Annelies wieder heiratete, warum sollte er sie nicht freien? Er war wohl alt, und lieb hatte sie ihn nicht, aber sie ward dann eine angesehene Frau und – das war nicht ihr letzter Grund – konnte dem Johannes heimzahlen, daß er sie verschmäht. Aber würde sie auch Frieder wollen? – Sie, die arme Magd, war gewiß die letzte, an die er dann dachte. Wollte sie darum ihren Plan nicht fallen lassen, so blieb ihr nur ein Weg, zum Ziel zu 34 gelangen – sie mußte Frieder noch bei Lebzeiten der Annelies auf ihre Seite bringen. Zuerst erschrak Bärbel wohl vor solchen Gedanken, aber bald ward sie vertraut mit ihnen, auch an schlauen Entschuldigungen ihres Vorhabens gebrach es ihr nicht; – nach kurzer Zeit stand ihr Entschluß fest, und sie wartete nur auf günstige Gelegenheit, ihren Plan ins Werk zu setzen. Beim Aufrichten des Hauses, als Frieder Weib und Kind verächtlich behandelte, jubelte sie innerlich; das Wort beim Tanz: Ihr dauert mich! – war der erste vergiftete Pfeil, den sie nach Frieders Herzen abschoß, und – er traf. Wie ein Blitz schlug das Wort in Frieders Seele, grauenvoll erhellte er das Dunkel seines Innern; – die Sehnsucht war keine unklare Empfindung mehr, er wußte jetzt, was ihm fehlte. Von Stund' an war er wie umgewandelt. Die so lange unterdrückte Sinnlichkeit brach hervor, das Bild der Bärbel verfolgte ihn im Wachen und Träumen. Es half ihm nichts, daß er erkannte, in welcher Gefahr er stand; es schützte ihn nicht, daß er sich seine Grundsätze ins Gedächtnis rief – die Leidenschaft war stärker als seine Vernunft. »Du bist unglücklich, und kein Mensch weiß darum; sie allein hat dein Elend erkannt, sie allein hat Mitleid mit dir, sollst du sie deswegen verstoßen?« rief es in ihm, wenn er daran dachte, Bärbel aus dem Hause zu tun. Der innere Zwiespalt machte ihn unstet und hastig; mancherlei begann er, um es halbvollendet liegen zu lassen; oft starrte er stundenlang ins Leere, zusammenschreckend blickte er 35 dann verstört um sich, oder er tat ausgelassen fröhlich, pfiff und sang die lustigsten Weisen, während doch verhaltener Unmut in seinen Augen glühte. Dazu begann er das Wirtshaus öfter als sonst aufzusuchen, geistige Getränke über Bedürfnis zu genießen – ein trostloser Zustand! Annelies faßte sich endlich ein Herz, machte ihm Vorstellungen; eine Weile hörte sie Frieder an, brach dann in höhnisches Lachen aus und ließ die tiefgekränkte Frau allein. Die Befürchtung des Bergbauers schien einzutreffen, der Neubau brachte der Schreinersfamilie eitel Jammer und Herzeleid; Johannes ging traurig umher, selbst Auguste vermochte ihm kaum mehr ein Lächeln abzugewinnen, und Annelies klagte ihrer Gevatterin trostlos: »Ich weiß nicht, was über den Frieder gekommen ist, aber das weiß ich, mit uns nimmt es kein gutes Ende.« Der Bergbauer schwieg und schüttelte verdrießlich den Kopf, wenn seine Marie in ihn drang, er solle dem Frieder ins Gewissen reden. Als aber dieser zum großen Ärgernis der Bergheimer sogar Streit im Wirtshaus begann, ward es ihm zu bunt, er beschloß nun nicht länger zu schweigen. An einem heißen Sonntag Nachmittag, der leichte Ostwind trug den süßen Heugeruch vom Werthagrund herauf, trat der Schreinersfrieder aus den Hecken der Hausgärten und folgte dem Sülzdorfer Kirchsteig. Bei den Rotwiesen, wo der Kirchsteig in der Badergasse endet, traf er mit dem Bergbauer zusammen, der, wie er selber, auf dem Weg nach Schottendorf war. Nach einigen gleichgültigen Bemerkungen über 36 Wetter und Ernte meinte der Bergbauer: »Habe im Vorbeigehen deinen Bau angesehen, ist wacker damit vorwärts gegangen. Wirst froh sein, daß die Unruhe und Sorge bald ein Ende nimmt.« »Ich wollte, mit mir selber ging's zu Ende«, entgegnete Frieder finster. »Frieder, was ist das für eine Rede!« rief der Bergbauer und sah seinem Nachbar erschrocken ins Gesicht. »Schäm' dich! Hast alles, was du dir wünschen kannst – und führst solche Reden? Ich kann nicht anders denken, das Glück hat dich übermütig gemacht.« »Übermütig? – Daß sich Gott erbarm'! Ich will dir mein Glück nicht wünschen, meinem ärgsten Feind nicht.« »Du versündigst dich! – Was hättest du zu klagen? – Ist dir nicht vom ersten Tag deiner Ehe bis heute geglückt, was du angefangen hast? Du bist einer der Reichsten im Dorf, und was noch mehr bedeutet, der angesehenste Mann nicht bloß in Bergheim – gilt dir das nichts? – Dazu hast du eine rechtschaffene Frau, einen Sohn so brav und – –« »Und wo steckt das Glück?« unterbrach ihn Frieder ungeduldig. »Merk auf, Jörg! Seit ich gezwungen worden bin, die Annelies zu freien, ist mein Herz zu Eis geworden, von da an habe ich keinen Menschen mehr gern haben können, und mir war auch niemand aufrichtig gut. Das Leben war mir schon damals zur Last, aber ich meinte, Reichtum und Ehre wäre auch was; das könnte wohl die Liebe ersetzen. Drum 37 hab ich danach gearbeitet jahraus, jahrein – und jetzt, da ich's erreicht habe, seh' ich, es ist nichts. Was nützt der Reichtum, was hilft Ehre und Ansehen, wenn sich niemand mit mir darüber freut? – Kein Mensch dankt mir für meine Mühe und Plage; ich bin ärmer wie der geringste Tagelöhner; meine Arbeit war vergeblich; die Jahre, die ich dran setzte, um es vorwärts zu bringen, sind weggeworfen!« »Das ist ja schrecklich! – Sage, wie kommst du auf solche Gedanken? – Du warst doch bisher zufrieden.« »Zufrieden? – Geduldig vielleicht. Weißt du, solange ein Nachtwandler nicht erweckt wird, ahnt er nichts von der Gefahr, in der er steht; ich war auch eine Art Schlafwandler, aber ich wurde angerufen, nun ist's vorbei.« »Ich verstehe dich nicht! – Wo soll's noch hinaus?« »Wo es kann! Das Leben ist mir zur Last; es ist zu schlimm, wenn man niemand von Herzen gut sein kann – und darf,« setzte er leise hinzu. Kopfschüttelnd schritt der Bergbauer dahin; endlich begann er: »Frieder, so tut es nicht gut, die Gedanken bringen dich ins Elend. Ich will mich nicht in deine Sachen mischen, aber wenn ich dich noch was achten soll, dann führe nicht mehr solche lästerlichen Reden.« »Du hast gut predigen! Was weißt du, wie es da drinnen in mir aussieht? – Denke von mir, was du magst; ich bin so unglücklich, daß es mir darauf wahrlich nicht ankommt, was du von mir hältst.« 38 »Du schlägst dir selber ins Gesicht. Erst beklagst du dich, daß dir niemand gut sei, und jetzt behandelst du mich so? – Mach nur zu Frieder! Dann wird's freilich bald Wahrheit werden, was du dir jetzt nur einbildest, dann wirst du bald allein stehen – du müßtest denn Sauf- und Kartbrüder für Freunde rechnen.« »Ich dachte, darauf würde es hinauslaufen. Wer hat dich an mich geschickt, die Annelies oder der Johannes?« »Pfui, Frieder, jetzt sehe ich, daß du ganz gering von mir denkst.« »Du etwa besser von mir? Siehst du nicht ein, daß ich nicht anders kann? – Ohne Freude hält es kein Mensch aus, und wo soll ich das Vergnügen suchen, wenn nicht im Wirtshaus? – Und Jörg, wenn mir das Bier zu Kopf steigt, dann habe ich Ruhe vor den wüsten Gedanken, die, – o könnt' ich die Gedanken los werden!« »So weit ist's mit dir? Ich hab' dich für einen Mann gehalten, verzeih' mir, ich tat dir unrecht.« »Was willst du damit sagen?« »Die Spatzen werden es bald von den Dächern schrein! Ich habe dich warnen wollen – aber wem nicht zu raten ist, dem ist nicht zu helfen.« Ohne Gruß wendete er sich ab in das Sülzdorfer Wirtshaus, vor dem sie eben angekommen waren. Frieder stand eine Weile still und sah dem Bergbauer mit zusammengekniffenen Lippen nach. Die Spatzen 39 werden es von den Dächern schrein; was er damit meinte? sann er im Weiterschreiten. »Sollte er ahnen? Dummheit! Wie kann er wissen, was ich selber nicht wissen will? – Und er soll nicht recht behalten, nie und nimmer. Ich bleib der Schreinersfrieder. Nein, nein, schlecht werde ich nicht, dem Bergbauer zum Trotz nicht!« Wie zur Bestätigung seines Entschlusses stieß er den Stock heftig in die Erde. 40     Brav und treu. Vater, ich möchte Euch was sagen,« begann Johannes, als er am Sonntag Nachmittag allein mit dem Vater in der Stube war. »Was ist's?« fragte Frieder und blickte verwundert von seiner Schreiberei auf. »Seht,« meinte Johannes zögernd und nestelte an seiner Pfeife, »der Bau ist bald fertig, bis zum Winter sind wir im neuen Haus lange eingerichtet, dazu haben wir jetzt gerade zwei tüchtige Gesellen – auf den Hansmichel und den Martin könnt ihr Euch in allen Stücken verlassen – und zwanzig Jahre bin ich auch gewesen –« »Bin neugierig, wo du hinauswillst,« unterbrach ihn Frieder, legte die Papiere zusammen und brannte seine Pfeife an. »Möchtest am Ende gar heiraten?« »Das wäre doch zu bald,« lachte Johannes. »Nein, ich hätte ein andres Anliegen. Mein Handwerk versteh' ich so ziemlich, darin habe ich Euch viel zu danken; was aber das Rechnen und Schreiben betrifft und besonders das Zeichnen, ohne das ein Schreiner 41 gar nicht bestehen kann heutzutag, da sieht's windig aus. Drum wollt' ich Euch bitten, laßt mich den Winter über auf die Baugewerkschule nach C. Heuer könnt Ihr mich entbehren, weil Ihr Martin und Hansmichel habt, und bei meinem Alter ist's die höchste Zeit, wenn ich's noch zu was bringen will.« Frieder zog die Stirne kraus. Schon als Johannes Geselle ward, hatte er daran gedacht, ihn auf eine Schule zu tun, verschob es aber von Jahr zu Jahr und ärgerte sich nun, daß ihm Johannes vorgriff. »Hm, hm!« brummte er, »die Sach' ist mir selber schon im Kopf herumgegangen, aber heuer geht's nicht, warte bis übers Jahr.« »Ich bitt' Euch, überlegt's Vater. Wer weiß, was später dreinkommt, ich meine, gerade diesmal schickt sichs besonders gut.« »Durch den Bau sind viele Bestellungen liegen geblieben, die müssen im Winter aufgearbeitet werden.« »Das wird uns nächstes Jahr nicht besser gehen; braucht Ihr wirklich Hilfe, so hat mir der Zieglersferdinand gesagt, er trete jeden Tag bei uns ein.« »'s geht nicht, wo soll ich das Geld hernehmen?« »Ja, die paar Gulden, die ich mir sparte, reichen freilich nicht aus, aber ich will mich schon einrichten, daß ich Euch nicht zu sehr zur Last falle.« »Hm, hm! – Hast's arg eilig, dahinter steckt gewiß noch was; gesteh's nur, du denkst doch ans Heiraten.« »Vater!« 42 »Verstell' dich nicht, deinen Patenleuten zulieb läufst du nicht allabendlich ins Bergbauernhaus. Und wäre das was Unrechtes? – Die Auguste ist ein braves Mädle.« Johannes ward rot und entgegnete leise: »Ich habe Auguste immer für meine Schwester angesehen.« »Dummes Zeug!« lachte Frieder. »Aber ich dringe nicht in dich, willst du es nicht gestehen, mir auch recht, nur tu' deine Augen auf. Die Auguste ist ein prächtiges Mädle und reich, Johannes, sehr reich – drum folge mir, bleibe daheim und mache die Sache fest.« »Und wenn es sein sollte, das hat noch lange Zeit.« »'s ist wahr, ihr seid beide noch jung, aber bei solchen Mädeln muß man bald dazutun, sonst sitzt man hintendran. Folge mir und benütze die Gelegenheit, mit Auguste bist du geborgen; was du erheiratest, brauchst du nicht zu erarbeiten.« »Ihr meint es wohl gut, aber ich denke anders. Um reich zu werden, heirate ich nicht, und ihres Geldes wegen versetzte ich keinen Fuß nach Auguste. Ich bitt' Euch, überlegt Euch die Sache mit der Gewerkschule, mir liegt viel daran, und ich fürchte, komme ich diesmal nicht hin, wird überhaupt nichts daraus.« Frieder stand am Fenster und trommelte an die Scheiben. Plötzlich drehte er sich nach Johannes um: »Ein für allemal, heuer bleibst du daheim. Wäre mir eine schöne Sach'; wo ich mich den Sommer über mit dem Bau halbtot gerackert habe, soll ich für den 43 Winter auch noch das Geschäft allein auf mich nehmen, mich mit Gewalt zugrund' richten? – Ich glaube, dir wäre es einerlei, aber ich danke! Im übrigen bist du noch derselbe Dämling wie in deinen Bubenjahren, du bringst es im Leben zu nichts!« Dann ging er hinaus. Johannes sah ihm traurig nach, allein die trüben Gedanken über diese rauhe Behandlung hielten heute nicht stand, des Vaters Worte über Auguste machten ihm viel zu schaffen. Er begann ernstlich zu überlegen, ob er wirklich Auguste nur wie eine Schwester liebe. Wohl hatte er schon öfter, besonders wenn seine Kameraden von ihren Liebsten erzählten, daran gedacht, es müsse doch herrlich sein, wenn er Auguste zum Schatz hätte, und in der Ordnung wäre es auch – allein die Gewohnheit, in Auguste noch immer das kleine, seines Schutzes bedürftige Mädchen zu sehen, die geschwisterliche Vertraulichkeit, mit der sie ihm entgegenkam, brachten solche Bedenken bald wieder in Vergessenheit. Heute war es jedoch anders, ein ganz neues beglückendes Gefühl war in ihm erwacht. In der milden Abendkühle nach dem heißen Tag saßen die Männer neben Weib und Kind vor den Haustüren, atmeten mit Lust den würzigen Geruch, den der Abendwind von den blühenden Getreidefeldern ins Dorf trug, lauschten dem Quaken der Frösche im Grund, den dumpfen Hammerschlägen des Sülzdorfer Eisenwerks und erfreuten sich dieser Vorzeichen einer beständigen Witterung. Rund und glänzend stieg der 44 Mond über den Stammberg jenseits der Wertha empor, und wie er so freundlich in die Gassen hereinleuchtete, ward es lebendig im Dorf. Plaudernd und rauchend sammelten sich die Bursche auf dem Bauholz vor dem Zimmerhaus, manches Auge schielte heimlich hinauf zum Spritzenhaus nach den Mädchen, die bald darauf, das Gestrick in der Hand, singend die Straße herabzogen. Beim Bauholz gab es einige Unordnung; die Bursche, die ihre Schätze begrüßen wollten, drängten sich zwischen die Mädchen, dabei ging es ohne Küsse natürlich nicht ab. Endlich entwirrte sich der Knäuel, Arm in Arm, in Reihen, die die ganze Breite der Gasse einnahmen, zogen die Mädchen voran, die Bursche folgten, und die ganze Gesellschaft sang: Muß i denn, muß i denn zum Städtele 'naus, Städtele 'naus, und du mein Schatz bleibst hier. Johannes, in der Meinung Auguste zu treffen, hatte sich angeschlossen, allein da er das Mädchen nicht bei ihren Kamerädinnen fand, gefiel es ihm nicht unter den Burschen; beim Beckenhof blieb er zurück, drückte sich unter die Büsche des Schloßgartens und schritt auf dem breiten Kiesweg langsam ins obere Dorf zurück. Es war eine wundervolle Nacht. Der Mond, dessen Bild die kleinen Wellen des Schloßteichs zitternd widerspiegelte, goß ein zauberhaftes Licht über die uralten Baumgruppen, umstrickte die Rosenbüsche mit einem Silbernetz und leuchtete als milder Glanz aus den halbgeöffneten Blütenkelchen der Blumenbeete. Entzückt blieb Johannes stehen, tief atmend sog er die berauschenden Düfte ein und lauschte dem Gesang 45 seiner Kameraden, der in der Ferne leise durch die stille Nacht erklang. Eben vernahm er noch: Es stand eine Lind' im tiefen, tiefen Tal,     war oben breit und unten schmal, darunter zwei Verliebte saßen,     vor Liebe all ihr Leid vergaßen. – Dann ward es still, die Sänger mochten in die tiefe Schleifgasse einbiegen, die zur Zangenmühle abführt. Wie oft hatte Johannes das selber mit gesungen, ohne sich etwas Besonderes dabei zu denken; aber heute, wo ihm die Liebe im Herzen erblüht war, verstand er ahnend der Liebe Lust und Leid auch im Lied. Leise den »G'satz« vor sich hin summend, verließ er den Schloßgarten, schlenderte durchs Kugelgäßle, von dessen Hecken er manches Blatt abriß und sinnend zerzupfte, bog ums Wagnershaus und schritt in glückseliger Versunkenheit am Bergbauerngarten hin. Da hörte er oben auf der Mauer unterdrücktes Lachen, eine Rose streifte seine Wange, und als er aufblickte, sah er eine Gestalt in den Büschen verschwinden. Mit zwei Sprüngen war er um die Gartenmauer, und Auguste, die eben ins Haus schlüpfen wollte, wäre ihm fast in die Arme gelaufen. »Warte nur, ein andermal bin ich doch schneller wie du!« rief sie dem Jüngling entgegen, der plötzlich verlegen dreinschaute und verzagt fragte: »Darf ich rein?« »Ich wüßte nicht, daß dir unser Garten verboten wär'«, lachte Auguste, indem sie umkehrte, »und das Bänkle ist um nichts kürzer worden, wir werden wohl beide Platz haben.« 46 Unter dem Rosenstrauch an der Giebelseite des Hauses, dessen Bewurf im Mondschein leuchtete, setzte sie sich auf das niedere Bänkchen, das ihr Johannes als Knabe gezimmert hatte. Aus den ordnungslos niederfallenden Ranken und Zweigen, die sich wie Kränze und Girlanden über ihre Stirne und Schultern legten, aus den Rosen, die um ihr Gesicht nickten und wankten, lächelte das Mädchen dem Jüngling entgegen, der klopfenden Herzens vor ihr stand und die Augen nicht wenden konnte von dem lieblichen Bild. Es drängte ihn, ihre Hand zu ergreifen und zu sagen: ich bin dir gut – aber eine wunderliche Scheu hielt seine Zunge gefesselt, und als seine Kameraden, die sich dem Dorfe wieder näherten, drunten sangen: Ach wie wär's möglich dann, daß ich dich lassen kann; hab dich von Herzen lieb, das glaube mir. Du hast die Seele mein so ganz genommen ein, daß ich kein andre lieb, als dich allein. – – und so seine geheimsten Gedanken und Empfindungen aussprachen, kam ihm das vor wie Sünde, es ward ihm unsäglich schwül, am liebsten wäre er ihr davon gelaufen. Zum Glück merkte das Mädchen nichts von seiner Not; unbefangen meinte sie, als er sich so weit als möglich von ihr entfernt auf das Ende der Bank setzte: »Nimm dich in acht, du fällst gewiß noch in die Dörner. Rück' doch 'ran, ich habe 47 noch niemand gebissen, und glühendes Eisen bin ich auch nicht. Was ist nur mit dir? – Vorhin gehst du vorbei und tust nicht, als ob ein Bergbauernhaus in der Welt wäre, und jetzt sitzest du da – sage, ist an mir etwas nicht in Ordnung, weil du mich so anguckst?« »Ach, Auguste, du bist so – so –« – so schön wollte er sagen, aber das ging doch nicht, das Wort blieb ihm im Halse stecken, und der Husten, in den er verfiel, trieb ihm das Blut ins Gesicht. Das Mädchen schüttelte den Kopf: »Du bist wunderlich – was wolltest du doch sagen?« »Ach, du bist so – geputzt!« platzte Johannes in seiner Verlegenheit heraus. »Johannes, bist du bei Trost?« lachte sie fröhlich und strich ihre Schürze glatt. »Hast du mich nicht alle Sonntage in dem Anzug gesehen?« »Nun ich meine ja nur,« entschuldigte er sich. – Wie schön das Mädchen aussah, wenn die Schatten der Rosenblätter über ihr frisches Gesicht huschten; wie gut ihr das buntseidene Halstuch stand, unter dem die blühweißen Hemdärmel so sauber hervorquollen! – Er machte einen Versuch, näher zu rücken, blieb aber sitzen, roch an der Rose, die ihm Auguste zugeworfen, und begann zögernd: »Ja, eigentlich wollte ich dir was sagen.« »Ich dachte es ja gleich, du hättest was auf dem Herzen,« sagte Auguste, setzte sich dicht zu ihm und sah ihm erwartungsvoll in die Augen. Das hätte ihn um ein Haar wieder außer Fassung gebracht; allein er hielt sich tapfer, fuhr mit der Hand ins Halstuch, das ihm plötzlich sehr eng vorkam, und 48 begann: »Sieh, wir haben uns gern gehabt wie Geschwister, aber das ist nichts mehr. Weißt du – ach – wie sag' ich doch gleich – ja, weißt du – mit der Lieb' ist's vorbei.« »Johannes!« rief Auguste, deren Augen sich mit Wasser füllten. »Gott, so versteh mich doch!« bat Johannes und ergriff ihre Hand. »Ich meine ja nur die Lieb', wie sie bisher war. – Guck, jeder Bursch hat sein Mädle gern und sie ihn, und sind auch keine Geschwister – und da – da hab' ich gedacht – du könntest auch mein Schatz sein!« »O, du böser Mensch! Wie du mich erschreckt hast!« lachte und weinte das Mädchen an seinem Hals, und leise setzte sie hinzu: »Ich hab' schon lang' erwartet, du würdest einmal mit mir reden.« Freundlich versteckte sich der gute alte Mond hinter dem Kastanienbaum im Hofe, die Rosen nickten sich heimlich zu und streuten ihre süßesten Düfte aus und vom Dorf klang es herauf: Stirbt Blum und Hoffnung gleich, wir sind an Liebe reich, denn die stirbt nie in mir, das glaube mir. – »Und ist es dein Ernst?« fragte Johannes immer wieder. »Bist du wirklich mein Schatz?« »Ich habe dich lieb, Johannes, lieber als die ganze Welt. – Bist du mir auch treu?« »So mußt du nicht fragen, das versteht sich von selbst und ist gar nicht zu denken, daß wir uns einmal 49 nimmer liebhaben können. Ach, das Glück! Ist nun auch der Vater hart und läßt mich nicht auf die Schule, es soll mich nicht kümmern, ich nehme Stunden in Schottendorf; denn ein rechter Mann muß ich werden, nicht wahr, das willst du auch?« »Du guter, braver Mensch!« »Ja, brav und rechtschaffen – da hast du meine Hand darauf, ich bleib's, weil ich lebe. Versprich mir's auch; – so, dabei bleibt's.« Im Dorf war es still geworden, nur dann und wann hörte man noch eine Tür ins Schloß fallen, der Mond sah verstohlen hinter dem Kastanienbaum hervor, als wollte er sagen: Nun Kinder, ich dächte, es wäre Zeit. – Da drängte Auguste zum Aufbruch. Vor der Haustüre gab ihr Johannes noch einmal die Hand und sagte: »Da hast du eine Rose von mir, wie ich eine von dir hab', wir müssen in allen Dingen gleich sein. Schlaf wohl herztausiger Schatz; brav und treu, nicht wahr? – Gute Nacht!« Am Morgen rief sich Johannes fröhlich zu: »Weißt du, du hast einen Schatz! – Guten Morgen, Auguste, denkst du auch an mich?« Dann wickelte er die Rose säuberlich in weißes Papier, legte sie in die Lade zu seinen übrigen Kostbarkeiten – Schreibhefte und Bücher aus seiner Schulzeit, verblichene Bänder, die ihm Auguste geschenkt, als er mit ihr den Plan aufstellte – und ging im Herzen glücklich an die Arbeit. 50 Nicht so Frieder. Verdrossen kam er in die Werkstatt und ärgerte sich, daß Johannes so heiter war. Die Worte seines Sohnes: um reich zu werden, heirate ich nicht, klangen ihm wie ein versteckter Vorwurf; dazu hatte er gestern durch seine schroffe Weise sich selbst einen lange überlegten Plan vereitelt. – Beides wurmte ihn; je länger er darüber nachsann, desto mehr. Zunächst hoffte er noch, Johannes werde seine Bitte wiederholen: allein als Tag für Tag verging und Johannes die Bauschule vergessen zu haben schien, ward Frieder ernstlich zornig; dies Schweigen hielt er für eine neue absichtliche Kränkung. Am nächsten Sonntag führten Frieder Geschäfte nach Schottendorf. Sein Erstaunen war nicht gering, als der Ratswirtschristian, bei dem er stets einkehrte, sich zu ihm setzte und laut, daß es alle Gäste hören mußten, sagte: »Das lasse ich mir gefallen, du wendest doch was an deinen Buben. Der »Modellör« Dorn sagte mir gestern, dein Johannes habe Zeichenstunde bei ihm genommen, und der neue Herr Kantor erzählte, ein gewisser Johannes Scheler von Bergheim komme zu ihm in Rechen- und Schreibstunde. So ist's recht! – Ich sagte auch gleich: »Ja, der Schreinersfrieder, das ist einmal ein richtiger Mann!« Frieder lächelte und nickte, obgleich es ihm nicht zum Lachen war, bezahlte seine Zeche und ging heim. »O, der Duckmäuser!« zürnte er, als er allein war, und ballte die Fäuste. »Ehe er mir ein zweites gutes Wort gönnt, bringt er mich in Schimpf und Schande – denn was sollen die Leute von mir denken, 51 wenn's heraus kommt, wie's wirklich ist? Und daß es heraus kommt, dafür wird Johannes schon sorgen. Und von Fremden muß ich erfahren, was er tut; – s'ist sündlich, wie ich im eignen Haus verachtet bin!« Daheim sah Bärbele sogleich, daß ihm etwas quer gegangen sein müsse, und baute darauf ihren Plan. Besonders sauber angetan erschien sie beim Abendessen, schlau wußte sie den Blick Frieders auf sich zu ziehen; danach, als Annelies, die sich nicht wohl fühlte, zu Bett gegangen war, setzte sie sich mit dem Strickzeug vor die Haustür und erwartete ihren Herrn. Schwere Regentropfen rauschten und klapperten auf den Ziegeln des Vordaches, aus den Gärten wehte ein erfrischender Erdgeruch herauf – darauf achtete sie jedoch nicht, sie horchte gespannt den Tritten Frieders, der in der Stube heftig auf und ab ging. Endlich trat er zum Ausgehen gerüstet in die Haustür, brannte seine Pfeife an und fragte in möglichst gleichgültigem Tone: »Wo steckt Johannes? Er war wieder nicht beim Essen.« »Er wird eben bei seinem Schatz sein,« war die kurze Antwort. »Wer ist das?« »Wenn er's auch verleugnet,« kicherte Bärbel, »es weiß doch das ganze Dorf, daß er mit der Bergbauers-Auguste geht.« »Verleugnet? – Was schwätzest du?« »Meint Ihr, ich hätte keine Ohren? Ihr und Johannes habt ja vor acht Tagen geschrien, drei Häuser 52 weit mußte man's hören. Habt Ihr einmal wieder Heimlichkeiten abzumachen, dann schickt mich erst aus der Küche.« »Und ist's gewiß? – Ich meine mit Johannes und Auguste?« »Fragt weiter. Ist er etwa nicht vor acht Tagen von Euch weg ins Bergbauernhaus gelaufen? Hat er nicht den ganzen Abend bei der Auguste im Garten gesessen?« Frieder trat an die Brüstung und starrte finster hinaus in den fallenden Regen; – also auch darin hatte er ihn betrogen! – Plötzlich fragte er: »Ist Johannes nach Schottendorf?« »Ihr waret kaum durch den Herrenhof, so rannte er mit einem Pack Bücher zur Lorenzgasse hinaus. er nimmt ja Stunden in Schottendorf. Ich hab's mit angehört, wie er der Annelies sagte, Euch zum Trotze täte er's, und sie hat ihn auch gründlich bestärkt.« Eine leichte Röte stieg ihr bei dieser Unwahrheit ins Gesicht; wie im Trotz gegen sich selbst warf sie jedoch den Kopf zurück und fuhr fort. »Herr, es geht mich nichts an, aber manchmal überläuft mich's, wenn ich mit ansehen muß, wie Euch die eignen Leute zum Narren haben.« »Zum Narren halten; – ist mir's nicht von jeher so gegangen?« knirschte Frieder. »Aber meine Geduld ist zu End', jetzt will ich ihnen den Herrn zeigen! Dir dank ich, Bärbel; es soll dein Schade nicht sein, daß du zu mir hältst.« 53 Ohne den strömenden Regen zu beachten, ging er mit weiten Schritten hinüber ins Wirtshaus. Bärbel nickte und sah ihm mit zufriedenen Lachen nach; hinter Johannes, der eben triefnaß von Schottendorf heimkehrte, drohte sie mit der Faust und zischte durch die Zähne: »Warte nur, Bürschle, du sollst an mich denken.« 54     Verfehlte Hoffnung. Schon waren die Felder geleert, die Birke kleidete sich in bunte Farben und ließ ihre Blätter im herbstlichen Wind dahinflattern, die Schwalben sammelten sich auf dem Kirchendach zur Reife, als das neue Schreinershaus schmuck und nett zur Aufnahme der Bewohner bereit stand. Am Abend vor dem Einzug sagte die Bergbäuerin zu Annelies, die müde und traurig bei ihr im Sessel saß: »Gib dich jetzt zufrieden, Gevatterin; wohnt ihr erst im eignen Haus, kehrt Frieder gewiß um und wird wieder ordentlich.« »Nein, nein, Marie!« weinte Annelies. »Meine Gebrechlichkeit ist ihm zuwider, ich bin ihm zur Last, drüben wird er erst recht denken: daherein gehört eine junge, schöne, gesunde Frau. Ach, ich kenne ihn in- und auswendig; mir graut vor dem Einzug, gib acht, nun geht mein Elend erst an.« Und draußen im Garten unter dem schon halbentblätterten Rosenbusch sagte Johannes zu Auguste: »Warum er so ist, weiß ich nicht, ich kann nicht anders denken, es hetzt jemand an ihm. Wie er mich behandelt, 55 davon will ich still sein, er ist mein Vater; aber daß er die Mutter so sehr verachtet, daß er sie vor den Dienstboten beschimpft und kränkt, das frißt mir am Herzen.« »Könntest du nicht einmal mit ihm reden?« fragte Auguste bekümmert. »Hab' es probiert, aber es ist nichts. Bei uns dürfen nur noch fremde Leute reden, die Mutter und ich müssen schweigen.« »Könnt' ich helfen!« »Du gutes Herz! Hast du mich nicht schon oft getröstet und aufgerichtet? – Und ich werde noch viel Trost brauchen, ich ahne es. Auguste, ich wollte, der Einzug wäre vorüber, wer weiß, was es da wieder gibt; gute Nacht.« Am Abend des nächsten Tages faß die Schreinersfamilie im neuen Haus zusammen am Tisch, selbst der alte Hofhannes hatte sich auf die Einladung Frieders eingefunden, um den Einzug mit zu feiern. Annelies wollte auch die Bergbauernleute herüberbitten, aber Frieder hatte dies, zu aller Erstaunen, barsch verboten. Als die Gesellen das Haus verlassen hatten, um sich im Wirtshaus auf Kosten ihres Meisters gütlich zu tun, legte Frieder ein Paket sorgfältig zusammengebundener Papiere und seine große rote Brieftasche vor sich auf den Tisch. Bedächtig öffnete er die Schnur, breitete die Papiere vor Hannes aus und sagte: »Schwieger, das ist die Rechnung über die Baukosten: die Quittungen dazu seht Euch genau an, es ist alles in Ordnung.« 56 Der Alte nahm schmunzelnd seine Hornbrille vor, prüfte Blatt für Blatt genau, kein Posten entging seinen Luchsaugen. »Das ist in Richtigkeit,« nickte er, indem er Frieder die Papiere ordnen half. »Der Bau wäre keine unebene Sach', aber für die Kapitalien, die er gefressen hat, ist's doch schad'.« Frieder lächelte, legte einige Schuldverschreibungen, die er aus der Tasche nahm, mit den Worten auf den Tisch: »Da seht, der Bau hat mich noch nicht ausgegeldet, es fehlt mir auch nicht an Kapitalien.« Hannes machte große Augen, die Obligationen übertrafen seine Erwartungen. Während er heimlich die Beträge zusammenrechnete, liefen seine Augen forschend von einem zum andern, heimlich dachte er: »Was bedeutet das? – Frieder war nie aufrichtig gegen mich, soll das eine Leimrute sein? – Warte, mich fängst du doch nicht!« – Ein pfiffiges Lachen lauerte in seinen Mundwinkeln, als er die Schuldbriefe zurückgab. Frieder hustete, strich sich mit der Hand über den Mund und begann: »Schwieger, Ihr seht, ich habe es vorwärts gebracht, das Vermögen ist mehr als verdoppelt, dazu habe ich bewiesen, daß Ihr mir vertrauen dürft, drum gebt die Verschreibung heraus, Euch nützt sie nichts, und mir ist sie ein Pfahl im Fleisch. Gefahr ist dabei nicht vorhanden, weder für Euch noch Annelies, Johannes erbt doch einmal das ganze Vermögen.« »Ich dacht's gleich, du hättest was vor,« lachte Hannes, »nichts da, es bleibt beim alten!« 57 »Tut das nicht! Die Urkunde läßt mir Tag und Nacht keine Ruh, ich bin ein halber Mensch, solange ich sie nicht in Händen habe. Macht dem Hader ein Ende; für das Papier will ich Euch eine Verschreibung geben, daß Annelies viertausend Gulden eingebracht hat, mehr könnt Ihr nicht verlangen.« »Was ist das für eine Urkunde?« fragte Johannes. »Hat dir das deine Mutter noch nicht gesteckt?« entgegnete Frieder bitter. »Es ist die Bescheinigung, das dein Herle da meinem Vater im Spiel das Vermögen abgenommen hat. Dafür, daß er ihn und mich damals nicht von Haus und Hof jagte, mußten wir ihm die Güter abtreten.« »Herle, das wär ja schrecklich!« rief Johannes »Ist's wirklich an dem?« »Das hat gerade gefehlt, daß du dich in die Sache hängst,« brummte Hannes ärgerlich. »Dein Vater könnt' auch was Besseres tun, als so dumm schwätzen. Hätt' ich das gewußt, ich wär gewiß nicht gekommen.« »Herle, wenn Ihr die Urkunde habt, gebt sie 'raus,« bat Johannes. »Das ist ja Sünd' und Unrecht.« »Nun hab' ich das Geschwätz satt!« fuhr Hannes auf. »Von solch grünem Buben wie du laß ich mir nicht in meinen Kram reden. Kurz und gut, die Urkund' bleibt bei mir. – Meinst, ich bin ein Narr, Frieder, und laß deine Sachen aus der Hand, jetzt, wo sie dreimal so viel wert sind, wie ehemals! – Oha! – Ich bin der Hofhannes.« 58 Frieder war bleich geworden, aber er hielt an sich und sagte: »Annelies, jetzt rede du! – Dein Vater hat dir die 4000 Gulden, wegen der er die Güter an sich zog, als Mitgab' versprochen; wenn du willst, muß er die Verschreibung herausgeben.« »Mutter, besinnt Euch nicht!« bat Johannes. Aber Annelies, die mit weitgeöffneten Augen dem Gespräch gelauscht hatte und sehr bleich geworden war, traf ein Blick des Vaters; langsam stand sie auf und sagte: »Was mein Vater tut, ist mir all recht, der muß es besser verstehen wie ich.« Frieder sprang jach in die Höhe, Hannes griff nach Hut und Stock und lachte spöttisch: »Du dummer Narr! Hast gemeint, den Hofhannes in den Sack zu stecken? – Oha, das geht nicht so geschwind! – Und einen grausamen Gefallen hast du mir getan; jetzt weiß ich doch genau, wie's mit dir steht! Haha!« Damit ging er hinaus. Johannes folgte, er wollte noch einmal bitten, allein Hannes sagte giftig: »Red' kein Wort! Ich weiß, was du willst. Denkst du, ich hab' mich mein Lebtag geplagt, um mir zuletzt von dummen Buben übers Maul fahren zu lassen? – Red' kein Wort, sonst hast du's aus bei mir für immer.« In seiner Angst suchte Johannes die Mutter. Er fand sie in der oberen Stube auf dem Kanapee liegen, ihr Gesicht verhüllte sie mit der Schürze, und ein krampfhaftes Schluchzen zuckte durch ihren Körper. »Mutter, Mutter!« rief er, »was habt ihr gemacht! – Was ist's mit der Urkunde, und warum habt Ihr sie nicht verlangt?« 59 Annelies fuhr zusammen, wischte sich die Tränen aus den Augen und sagte: »Das habe ich nicht erwartet, daß auch du noch über mich herfallen würdest. Was es mit der Urkunde für eine Bewandtnis hat, weiß ich so wenig wie du, heute habe ich selber das erste Gewisse darüber gehört. – Aber merk' auf, Johannes! Dein Vater hat mich verachtet, solange er mich kennt; auf unserer Freierei sagte er mir ins Gesicht: ich nehm' dich nicht aus Lieb'! Damals habe ich das nicht verstanden – aber mir ist bald ein Licht aufgegangen, was er mit den Worten meinte. Mein Geld wollte er, und zum Dank, daß er durch mich reich wurde, machte er mich unglücklich. Ich war ihm ein Dorn in den Augen von Anfang an: er wartet schon lang auf meinen Tod, um eine andere in meine Sachen zu führen; – soll ich ihm nun selber dazu helfen? Nein und tausendmal nein! – Auch deinetwegen darf ich nicht; du wirst mir's im Grab noch danken, daß ich nicht nachgegeben hab'.« »Aber er sagt, Euer Vater hätte dem Schreinerspaule das Vermögen im Spiel abgenommen. Mutter – wenns wahr wäre – Gott im Himmel!« »Deinem Vater trau ich nicht so viel! – Der Schreinerspaule war in aller Welt bekannt als ein liederlicher Haushalter; hätten er und Frieder gerechte Dinge gegen meinen Vater gehabt, Frieder war gewiß der letzte, der sich's hätte gefallen lassen.« »Mutter, diesmal hat der Vater gewiß recht, ich ahn's! – Ich bitt' Euch, gebt nach, verlangt die Urkunde, tut's um des Friedens willen.« 60 »Johannes, sag das nicht wieder!« rief Annelies, die mit weit geöffneten Augen vor dem Sohne stand. »Du weißt nicht, wie du mir ans Leben greifst. Seit mich dein Vater beim Aufrichten des neuen Hauses vor allen Leuten beschimpfte, seit er nicht mehr weiß, wie er mich genug drangsalieren soll, ist's vorbei zwischen uns. – Und wenn ich's auch tun wollte, es wäre doch vergebens; – du kennst meinen Vater nicht. – Ach, Johannes, mir ist es von Kindesbeinen an schlecht gegangen.« Johannes mußte ablassen, er hatte schwere Mühe, die aufgeregte Frau zu beruhigen. Frieder hatte unterdes nicht minder erregt das Haus verlassen. Ohne Bärbel zu bemerken, die wohl nicht ohne Absicht an der Haustür lehnte, stürmte er hinüber ins Wirtshaus. Die Gäste erschraken über sein zerstörtes, verwildertes Aussehen; ohne ihre erstaunten Blicke zu beachten, setzte er sich an den Ecktisch zum Steinmüller, den die Bergheimer seines unmäßigen Trinkens wegen »Geuß« nannten, und zum Saufpaule, die beide schon angetrunken waren. »He, Geuß!« schrie Frieder, »ich seh' ein, du hast mehr Witz im Kopf, wie die Bergheimer zusammen, sag mir deinen Leibspruch, ich will ihn mir merken.« »Wirst du gescheit?« lachte Geuß. »Ich pfeif' auf die ganze Welt und bleib' dabei: Alles versoffen vor meinem End, macht ein richtiges Testament. Erben die Kinder, streiten sich drum, – lieber bring' ich's selber um!« 61 »Lieber bring' ich's selber um – das ist das Wahre!« jubelte Frieder. »Du bist ein Mordskerl, Geuß; auf dein Wohl, Bruderherz!« Die Gäste, vor allem der Beckenjörg und der Schneidersnickel schüttelten die Köpfe; sie fragten leise die Gesellen, was das bedeute; aber die konnten keinen Aufschluß geben, sie waren selber wie aus den Wolken gefallen. Nur der Holsteiner, der auf eine freie Zeche hoffte, nahm sein Glas, setzte sich zu Frieder und schrie: »Stoß an! Jetzt gefällst du mir, redest wie ein Mann! Bin auch einer, bin dabei gewesen, wie Christian der Achte in die Luft ging drinnen in Holstein; – Donnerwetter! Mein Leibsprüchle ist auch nicht ohne: ›Lustig gelebt und selig gestorben, heißt dem Teufel die Rechnung verdorben!‹« Als nun auch der Saufpaule mit seinen Sprüchen und Lumpenliedern herausrückte, räumten die übrigen Gäste den vieren das Feld. Morgens um zwei Uhr hörte sie der Wächter noch singen und schreien; sie wären auch wohl noch länger sitzen geblieben, hätte nicht der Wirt kurzen Prozeß gemacht und die Lichter gelöscht. Mit sich und der Welt zerfallen, wetterte Frieder am Morgen im Haus und in der Werkstatt herum; die Hausgenossen atmeten auf, als er nach dem Mittagsessen wieder ins Wirtshaus schlich. Allein es wollte ihm nicht gelingen, den gestrigen Jammer zu ersäufen; die Schande wurmte ihn, und der Spott der Gäste erregte seinen Zorn, zeitig ging er heim. Bärbel saß trotz der feuchtkalten Herbstluft auf dem Treppenaltan und erwartete ihn; sie sah das 62 Eisen glühen und wollte nicht säumen, es zu schmieden. »So bald?« fragte sie, als Frieder die Treppe heraufkam. »Hat's Euch nicht gefallen?« »Mir ist die Welt zur Last!« knurrte Frieder. »Glaub's! So wie Euch muß auch noch keinem Menschen mitgespielt worden sein, und noch dazu von den eignen Leuten! – 's Herz dreht sich im Leib um, wenn man das mit ansehen muß.« »Nicht von allen, Johannes hat sich brav gehalten.« Bärbel blickte fast erschrocken zu ihrem Herrn auf; was war das? – Allein, verblüffen ließ sie sich nicht; spöttisch lachend begann sie: »Und das nennt Ihr brav gehalten? Was hat er getan? Wär's ihm Ernst gewesen, hätte er anders für Euch geredet, verlaßt Euch drauf. Seht, das sind alles abgekartete Geschichten; erst muß der Johannes Euch ärgern, um einen Anfang zu machen, gestern setzten Euch der Hofhannes und die Annelies zu, gebt acht, nun wird auch der Bergbauer bald über Euch kommen. Und so geht's fort, bis Ihr mürbe geworden seid, denkt an mich.« »Rede vernünftig! – Was soll das bedeuten?« »Ha, ha, ich fürchte mich nicht, ich sag's gerade 'raus. Erfährt's die Annelies und der Johannes, muß ich freilich aus dem Haus, denn Ihr seid ja schon lange nicht mehr Herr; aber das ist mir eben recht, braucht' ich doch nachher das Treiben nicht mehr mit anzusehen. Wo sie hinaus wollen? – 63 Ihr habt sie reich gemacht, nun brauchen sie Euch nimmer, nun möchten sie Euch das Vermögen aus den Händen reißen, daß Ihr in Euren besten Jahren ins Eckele kriechen und Euch jedes Zehnerle vorzählen lassen müßt. Das ist's, worauf sie es abgesehen haben, und wenn Ihr Euch nicht beizeiten festsetzt, bringen sie's auch noch so weit.« »Diesmal haben sie sich verrechnet,« knirschte Frieder, dem die Worte der Bärbel die eignen Gedanken und heimlichen Befürchtungen bestätigten; »sie kennen den Schreinersfrieder nicht. Dir dank ich, du hast mir die Augen aufgetan, und laß dich's nicht kümmern, wenn meine Leute über dich wollen – ich bin auch noch da.« Bärbel sah Frieder nach, der hastig, als habe er zuviel gesagt, ins Haus eilte; höhnend schnippte sie mit den Fingern und lachte: »Dich hab' ich! – Mit der Urkunde wird es nicht viel auf sich haben, die Güter gehören ja doch dem Frieder. Nur immer zu, jetzt nicht mehr geschont, je mehr Lärm und Verdruß, desto besser für mich!« Droben in seiner Kammer ging Frieder ruhelos auf und ab; oft fuhr er sich mit den Händen in die Haare und rief: »Wenn Bärbel recht hat, bin ich nicht wehrlos in ihre Hände gegeben? – Was ist noch mein von dem Vermögen? – O, die Urkunde, die Urkunde! – Aber ich geb' doch nicht nach, ich laß es aufs äußerste ankommen; ich will Meister sein in meinem Haus und mich meines Lebens erfreuen, soweit ich kann.« 64 Mutter und Sohn verbrachten die Nacht auch schlaflos; Johannes hielt der Kummer über die gestrige Schande des Vaters wach, und Annelies weinte über den Verfall ihres Haushaltes. Am Morgen machte sie Frieder Vorstellungen, kam aber damit übel an. Das war Frieder eine willkommene Gelegenheit; er erhitzte sich, ein heftiger Zank brach aus und riß die Kluft zwischen den Eheleuten noch weiter auf.     Der Stein kommt ins Rollen. »Hast gestern auf dem Markt nichts Neues erfahren, Hansjörg?« fragte der Bergbauer seinen Knecht am Abend eines trüben Novembertages. »Es muß viel Leute in Schottendorf gegeben haben.« Der Knecht verschluckte die Antwort, die ihm auf der Zunge lag, als Auguste mit einer großen Suppenschüssel in die Stube trat, und sagte bloß: »Es hat sich gemacht.« »Nu,« sagte der Bauer verwundert, »hast du sonst gar nichts erlebt?« »Ei ja, erlebt genug, aber nichts Gescheites,« war die Entgegnung. »Ich wollte es nicht ausbreiten, aber verschwiegen bleibt's doch nicht – der Schreinersfrieder hat sich gestern wieder aufgeführt, 's war eine Schand'.« Hansjörg nickte der Magd zu, da Auguste den Löffel niederlegte und hinausging, dann fuhr er beherzter fort: »In allen Wirtshäusern und Schnapsläden hat er sich herumgetrieben, auf dem Tanzboden tat er wild und wüst, und die Bärbel durfte nicht 66 drei Schritt von ihm. Herr, 's war ein arger Spektakel! Die Burschen wollten den beiden auflauern und ihnen heimleuchten, aber unserer Auguste und dem Johannes zu Willen, ruhte ich nicht, bis ich sie davon abbrachte. Ein andermal helfe ich dem Frieder nicht wieder.« »Ich dank' dir, Hansjörg,« sagte die Bäuerin. »Das war schön von dir.« »Braucht's keinen Dank. Mich dauert nur unsre Auguste, wird sich das arme Mädel wieder abkümmern! – Herr, ich meine, Ihr solltet einmal ernstlich mit dem Frieder reden, er treibt's in der letzten Zeit gar zu toll.« Die beiden Dienstboten gingen hinab in den Stall, die Bäuerin räumte, da Auguste noch nicht zurück war, allein den Tisch ab, und der Bauer stopfte in tiefen Gedanken seine Pfeife. Als die Bäuerin zurückkehrte und nach dem Gestrick langte, sagte er zu seinem Sohn, einem Buben von zehn Jahren: »Hans, nimm deine Bücher und geh zum Beckenfritz, er wartet auf dich; bleib mir aber nicht zu lange aus.« Während der Knabe fröhlich die Treppe hinabstürmte, setzte sich der Bauer auf die Ofenbank neben den Lehnstuhl seiner Frau, sah ihr ernst in die Augen und begann: »Was sagst du nun?« Die Bäuerin ließ daß Gestrick in den Schoß sinken und sagte: »Mir liegt der Schrecken in allen Gliedern. – Ist's denn möglich?« »Sagt' ich nicht, so wirds kommen? – Ich hab' dem Frieder schon lang nicht getraut.« 67 »'s ist schlimm! – Aber Jörg, tust du dem Frieder nicht doch am Ende unrecht? – Mir will der Gedanke nicht aus dem Kopf, es ist nicht so weit, als die Leute glauben. Jörg, die Bärbel ist schlecht, die legt es darauf an, Frieder ins Gerede zu bringen.« »Wenn er sich aufführt wie gestern, ist's nicht nötig.« Die Bäuerin wiegte sinnend den Kopf. »Eben das bestärkt mich in meiner Meinung. Es ist klar, die Bärbel geht darauf aus – Gott mag wissen, was sie dabei für Absichten hat – den Frieder an sich zu ziehen, darum macht sie die Geschichte ärger als sie ist, führt ihn absichtlich in die Schande und bestärkt ihn in allen Lastern.« »Wär's möglich? Aber eine Entschuldigung für den Frieder ist's immer nicht, er ist ein Mann und sollte gescheiter sein. Mich dauert nur die Annelies; was wird das werden, wenn sie es endlich erfährt!« »Daran mag ich nicht denken. – Und doch, Jörg, die Annelies ist viel an dem Unglück schuld!« »Ist das dein Ernst?« »Sieh, mit der Urkunde ist's so eine Sach', ich glaub' fest, dem Frieder ist dadurch großes Unrecht geschehen, denn der Hofhannes war von jeher kein Guter. Darauf, ob Hannes recht oder unrecht hat, kommt es aber nicht an, Annelies hätte zu Frieder stehen müssen, nicht zu ihrem Vater. Ich habe ihr das schon selber gesagt, bin damit freilich schön angekommen; auch mein ernstliches Zureden, sie solle doch gut und freundlich gegen Frieder sein, war ganz vergeblich; umgekehrt, sie ist eher noch schlimmer 68 geworden. Überleg nur selber, wie sie's treibt: tagtäglich quält und ärgert sie ihn; ein gutes Wort, ein freundliches Gesicht kennt er gar nicht mehr an ihr. Mich wundert's nicht, wenn zuletzt Frieder würmisch wird, über alle Stränge schlägt und der Bärbel dankbar ist für ihr freundliches Wesen.« »Von dir hätte ich das nicht erwartet, daß du Frieder in Schutz nähmest.« »Das tu' ich nicht, Sünd' bleibt Sünd', aber was wahr ist, muß man auch sagen.« Der Bauer nickte und ging in der Stube auf und ab. »Hör, Alte,« begann er nach einer Weile, »was meinst, wenn ich einmal mit Frieder redete?« »Ist so 'ne Sach'! – Ihr seid das vorigemal nicht gut auseinander gekommen, drum ist mir bang, du machst das Uebel ärger. – Doch rede ich auch nicht ab, ihr waret ja immer Freunde, vielleicht gibt er noch was auf dich. Aber ich bitt' dich, komm säuberlich an ihn, sei mild und freundlich.« »Will's schon machen!« sagte der Bauer, indem er die Pelzkappe aufsetzte. »Vielleicht treff' ich ihn im Wirtshaus, dann findet sich auf dem Heimweg Gelegenheit; gerade heute wäre die rechte Zeit. – Sieh nach dem Mädle und richte sie auf; sie soll sich's doch nicht allzusehr zu Herzen nehmen.« Frieder war wirklich im Wirtshaus, ausnahmsweise still und vernünftig, auch nicht in Gesellschaft seiner Zechgenossen. Das machte dem Bergbauer Mut, auf dem Heimweg sagte er: »Eil' nicht so, Frieder, möcht' mit dir reden.« 69 »Möchtest mir wieder den Text lesen? Habe nichts mit dir zu schaffen.« »Das redet das böse Gewissen aus dir, früher wärest du mir nicht so gekommen. – Frieder, was ficht dich an, daß du auf deine alten Tage solch' ein Lumpenleben beginnst?« »Kreuzhagel – das nenn' ich aber grob!« »Nenn's wie du willst! Ich könnt's vor Gott nicht verantworten, wollt' ich deinem Treiben ruhig zusehen; weil wir so lange gut Freund waren, darum muß ich reden.« »Gut Freund!! – O du!« »Frieder, tu' nicht so! Weißt nimmer, was ich dir auf dem Wege nach Sülzdorf sagte? – Sieh, das ist schon buchstäblich eingetroffen. Hättest du damals auf mich gehört, jetzt dürfte dich kein Mensch einen Säufer und Spieler schelten, dann würde es auch nicht heißen: Der Schreinersfrieder hat sich mit seiner Magd eingelassen.« »Wer sagt das?« »Frag' lieber, wer es nicht sagt; denk' an gestern!« »Und du glaubst dem Geschwätz, traust mir wirklich solche Schlechtigkeit zu?« »Kann ich anders nach dem, wie du's treibst?« »Ich seh', daß ich dich richtig taxiert habe. – Und was weiter?« »Und was weiter?« – Daß sich Gott erbarm, so redet nur ein –, ich mag das Wort nicht auf die Zunge nehmen?« »'s ist auch dein Glück, daß du das nicht 70 'rausgesagt hast. – Mich entschuldigen vor dir, dazu bist du mir nicht gut genug, ich sage bloß: die Leute lügen, ich habe nichts mit der Bärbel! Ich bin freundlich, weil sie's mit mir ist – weiter nichts. Nun sollst du aber erfahren, was ich von dir und deiner Freundschaft halte. – Meinst, ich wüßte nicht, wer die Annelies stützt und gegen mich hetzt? – Meinst, ich merk' nicht, wie du mit meinen Leuten unter einer Decke steckst, wie du darauf ausgehst, mir das Vermögen aus den Händen zu zwingen, damit sich deine Auguste mit dem Johannes ins warme Nest setzen könnt'?« »Ei, so wollt' ich doch gleich!« brauste der Bergbauer auf, »das sind ja schändliche Lügen.« »Wundert's dich, wenn du einmal die Wahrheit zu hören bekommst? – Merk' dir's; was ich bin, ich verantwort's; ein heimtückischer Schleicher, wie du, bin ich wenigstens nicht.« »O Frieder – das will ich dir gedenken! Du tust jetzt wohl, als kümmerte dich die ganze Welt nicht nagelkuppengroß, aber wart' nur, wart' nur! Bist du wirklich nicht weiter mit der Bärbel, als du sagst, wie lange wird's dauern, so behalten die Leute doch recht. Du spielst jetzt mit der Sünde, weil du meinst, du bist doch noch der alte Schreinersfrieder und du kannst zurück, wenn du willst. Aber gib dem Teufel ein Haar, so bist du sein mit Leib und Seel'. Ich will's erleben, daß du noch ganz anders pfeifst, dann komme mir aber nicht!« »Brauchst keine Sorge zu haben, 's müßt sehr schlimm um mich stehen, wenn ich daran dächte, 71 dich aufzusuchen. – Nimm dich in acht, Jörg, komme ich erst hinter deine Schliche, Gott sei dir gnädig.« Daheim ging Frieder heftig atmend in der Stube auf und ab, von Zeit zu Zeit lachte er rauh auf. Als er das Licht vom Tische nahm, sagte er zur Bärbel, die eben von der Lichtstube heimkehrte und ihn verwundert betrachtete: »Du bist ein Hauptmädle, im kleinen Finger hast du mehr Verstand, wie mancher im Hirn, vor dir hab' ich Respekt. Der Bergbauer hat sein Teil, der kommt in zwei Tagen nicht wieder an mich, nun will ich mit den andern auch schon fertig werden. Ich spür's, ich bin noch nicht zu alt, ich hab noch Leben und Kräfte in mir. Gute Nacht.« Bis tief in die Nacht brannte das Licht auf seiner Kammer, auch droben im Bergbauernhaus waren die Fenster lange erhellt. Nach einer ernsten Unterredung schloß der Bauer: »Ja, Marie, wir sind fertig miteinander. Wir werden schwere Dinge erleben, Gott steh' der Annelies und dem Johannes bei, daß sie das Leid ertragen!« Die Bäuerin nickte seufzend. – Bald sollte sich zeigen, wie gerechtfertigt dieser Wunsch war. Am Abend des nächsten Tages trat Johannes ins Bergbauernhaus, bleich, verstört; Auguste, die erschrocken aufsprang, bemerkte er nicht, sein Auge suchte den Bauer. »Pat',« begann er, und die Stimme versagte ihm fast, »Pat', es ist nicht möglich; sagt's, es kann nicht sein – es ist nicht möglich!« »Setz' dich, Johannes,« bat die Bäuerin und drückte ihm die Hand. »Komm zu dir, es ist gewiß nicht so schlimm.« 72 »Armer Bursch!« sagte der Bauer mitleidig. »Von wem hast du's erfahren?« »Und Ihr wißt's auch schon? – Also ist's wahr? – O, meine Mutter!« »Nicht doch, Johannes, wer wird gleich verzagen?« tröstete die Bäuerin und strich ihm sanft über die Stirn. »Komm, erzähle, was du erfahren, das macht dir das Herz leichter.« »Die Burschen sagten mir vorhin – ich dachte, ich muß in die Erde versinken – mein Vater hätte es mit – mit –; sie hätten ihm gestern in Schottendorf aufpassen wollen, und wenn er sich noch einmal so – aufführte, wollten sie ihm heimleuchten.« Auguste weinte, die Bäuerin hielt seine heißen Hände in den ihren, und der Bauer ging mit großen Schritten in der Stube auf und ab. Endlich blieb er vor dem Jüngling stehen und sagte: »Johannes, was hilft's? – Einmal mußt du es doch erfahren. Nimm dich zusammen, du bist ja kein Kind mehr.« »Pat'! – O, die Schande – das Elend!« »Das ist's freilich,« erwiderte der Bauer achselzuckend, »du mußt es eben tragen, zu ändern ist's nicht. Ich wollt' selber gern nicht dran glauben, aber es ist kein Zweifel. Beruhige dich, du bist brav, und dich trifft die Schande nicht.« »Aber meine Mutter, meine Mutter! – Pat', helft, verlaßt uns nicht; redet mit dem Vater, Ihr geltet was bei ihm, wendet ihn um.« »Deinen Vater gib auf, dem ist nicht zu helfen. Ich habe gestern mit ihm geredet – was gäb' ich 73 drum, könnt' ich das ungeschehen machen. Nicht weil er mich so schlecht behandelt hat, aber mit meiner guten Meinung goß ich nur Öl ins Feuer. Laß ihn, er ist blind und toll, und wie gesagt, dich trifft die Schande nicht.« Damit ging er hinaus. Die Bäuerin stand am Fenster und zupfte kopfschüttelnd die gelben Blätter von ihrem Monatsrosenstock; die Reden ihres Alten gefielen ihr nicht, sie empfand, daß damit Johannes nicht geholfen war. Kurz entschlossen ging sie ihm nach; sie wollte ihn veranlassen, nochmals mit Johannes zu reden, damit er nicht ungetröstet von ihnen gehen müsse. Johannes saß am Tisch, hatte den Kopf auf die Arme gelegt und rang nach Atem; verzagt trat Auguste zu ihm, legte die Hand auf seine Schulter und flüsterte: »Johannes!« Er blickte auf, zog das Mädchen an seine Seite und klagte: »Auguste, wer hätte das gedacht? – Es ist schrecklich, der Vater ein –« »Sag' das böse Wort nicht,« bat das Mädchen und lehnte sich auf seine Schulter. »Vielleicht ist's gar nicht so schlimm, die Leute reden gar viel.« »Nein, Auguste, mir sind selber die Augen aufgegangen, die Bärbel – o die Bärbel!« »So tröste dich, es ist ja nicht das erstemal, daß so was vorkommt, und die böse Zeit wird vorübergehen.« »Was mir am Herzen nagt, ist nicht allein die Schande und das Unglück. Ach, Auguste, wenn der Vater so sein kann – wo ist dann noch Rechtschaffenheit? 74 Denk' nur, wie angesehen war er weit und breit – und jetzt? Wenn ich das überlege, dann wird mir's schwindlig, mir ist, als wären alle Menschen schlecht.« »Johannes, das ist nichts! Wenn dein Vater unrecht tut, deswegen wird die Welt nicht schlechter. Wer keinem Menschen mehr was Rechtes zutraut, taugt selber nichts, und das paßt auf dich nicht. Du bist brav und gut, drum darfst du nicht so denken.« Johannes drückte dem Mädchen die Hand, nach einer Weile begann er: »Was soll aber werden, wenn es nun die Mutter erfährt? Überlebt sie den Schrecken, so ist das Elend nicht abzusehen; denn, dir darf ich es ja sagen, die Mutter ist jetzt oft schon schlimm gegen den Vater und tut nicht, was recht ist – wie wird sie es nachher treiben?« Auguste nickte betrübt, und Johannes fuhr fort: »Von Jugend auf hat die Mutter an mir gearbeitet, mich gegen den Vater aufzubringen, nun wird sie verlangen, daß ich mich ganz von ihm lossagen soll.« »Er hat sich schwer an deiner Mutter versündigt.« »Er bleibt immer mein Vater.« »Ja freilich. – Wenn mein Vater das getan hätte – Gott verzeih' mir's, so was zu denken – ich könnt' doch auch nicht von ihm lassen.« »Aber die Mutter wird mich verfluchen und verwünschen, bin ich ihr nicht zu Willen – und der Vater wird mir es nicht danken, er hat mich noch nie leiden mögen.« »Armer, armer Bursch!« klagte das Mädchen. 75 »Es ist freilich hart, recht hart, aber was bleibt dir übrig. Tu', was du denkst, das recht ist, und laß dich sonst nichts anfechten. Stürmt deine Mutter, so tröste dich, du hast ihren Zorn nicht verdient; stellt sich dein Vater ungebärdig, habe Geduld! Er wird auch noch zur Einsicht kommen.« »Auguste, habe Dank!« flüsterte Johannes. »Wofür? – Ach könnt' ich dir helfen, aber ich bin eben nur ein armes, einfältiges Mädle.« »Sag' das nicht!« rief Johannes und zog sie an seine Brust. »Dir hab' ich schon mehr zu danken, als ich aussprechen kann, und wenn ich jetzt bestehe, ist's auch dein Werk. Auguste, mag's drüben wettern, ich klage nimmer, ich will unserm Herrgott danken, daß ich dich habe.« »Aber Auguste – Johannes! Herr du meine Güte, was macht ihr für Streiche?« rief die Bäuerin, die ihren Alten nicht mehr angetroffen und nun voller Verwunderung in der Tür stand. »Wenn das ein Mensch gesehen hätte!« Erschrocken sprangen beide auf. Auguste verbarg ihr glühendes Gesicht am Hals der Mutter, und Johannes sagte verlegen: »Pate, seid nicht bös, wir haben uns eben lieb.« »Nu, nu!« begütigte sie, »so schlimm war's eben nicht gemeint, weiß ich doch schon lang, wie es zwischen euch steht, aber so was schickt sich doch nicht. Seid nur zufrieden, ich verrat euch nicht, und du, Johannes, bist du jetzt ruhiger?« 76 »Ich denke, es soll werden. – Pate, der Vater steht so allein, kein Mensch warnt ihn, und doch ist mir, als müsse er umkehren, wenn ihm recht liebreich zugeredet würde. Dem Bauer ist's vielleicht mißglückt, allein er hat es vielleicht nicht recht angefangen. Pate, wenn ich es wüßte – –« »Möchtest selber mit ihm reden?« fragte die Bäuerin. »Darf ich?« »'s ist eine gefährliche Sach'. – Wenn nur der Bauer da wär'; doch der ist dagegen, das ist vorauszusagen,« sagte die Bäuerin nachdenklich. »Hast du wirklich das Herz? – es kann auch recht schlimm für dich ausschlagen.« »Davor fürchte ich mich nicht, wenn ich nur wüßte, ob ich darf.« »Dann tue es in Gottes Namen. Bitt' ihn, er soll die Bärbel aus dem Hause schicken, vielleicht wird ihm das Herz weich.« »Was meinst du, Auguste?« »Tu's, ein Unrecht ist gewiß nicht dabei.« »Mir graut vor dem Heimgehen; – meine Mutter, meine arme Mutter! Pate, Auguste – verlaßt sie nicht; wenn sie es erfährt – steht ihr bei.« – »Hättest nicht zu bitten gebraucht,« entgegnete die Bäuerin herzlich. »Sei darum ohne Sorgen, das versteht sich ja von selbst.« »Und härm' dich nicht zu sehr, Johannes,« bat Auguste. »Denke dran, unser Schicksal steht in Gottes Hand.« 77 Am nächsten Morgen war Bärbel in allerschlechtester Laune, brauste im Haus herum und schnurrte die Gesellen an, daß ihr Hansmichel ärgerlich die Faust vor das Gesicht hielt und versicherte, wenn sie ihm noch einmal so komme, wolle er ihr einen Denkzettel anhängen. Als die Gesellen mit den Kühen nach Sülzdorf fuhren, um Bretter zu holen, wollte sie Annelies wegen ihrer Unart zurechtweisen; aber auch ihr antwortete sie so unverschämt, daß Johannes, der zufällig dabei stand, vor Zorn das Blut ins Gesicht schoß. Zwar hatte der Vater heute auch nicht ausgesehen, als sei bei ihm viel auszurichten, allein in seiner Erregung besann sich Johannes nicht lange, ging in die Werkstatt und sagte zum Vater, der einsam dort arbeitete: »Vater, ich hätte eine rechte Bitte, schlagt sie mir nicht ab, ich will Euch gewiß so bald nicht wieder plagen.« »Was ist's?« fuhr ihn Frieder an. »Ich weiß nicht, was der Bärbel in den Sinn kommt, sie tut wie närrisch. Eben hat sie die Gesellen grob behandelt, und die Mutter, die ihr das verweisen wollte, fuhr sie an, 's war eine Schande. Drum wollte ich Euch recht gebeten haben: schickt sie fort.« »So? – Weiter nichts? – Wer hat dich aufgehetzt und an mich geschickt?« »Wie Ihr nur so denken könnt! – Ich wollte keinem Menschen geraten haben, mich gegen Euch aufzureden, ich komme allein für mich selber – und, nicht wahr: Ihr tut's?« 78 Oha! – Ja so! – Und was suchst du darunter?« »Ich? – Ich verstehe Euch nicht.« »Aber ich dich! – O du! – Willst du mich schon meistern – den Herrn im Haus spielen? Oha! – Deine Pfiffe kenn' ich; dir, deiner Mutter und dem Bergbauer weich ich nicht fußbreit, basta, kein Wort weiter!« »Vater, Ihr tut unrecht, mir und den andern; die Mutter und der Bergbauer wissen gar nicht, daß ich bei Euch bin. Und ich laß nicht nach und bitte Euch recht von Herzen, schickt die Bärbel fort. 's ist ja nicht meinetwegen – was hätte ich für Nutzen dabei? – Vater, tut's, daß endlich die lästerlichen Reden der Leute ein Ende haben.« »Da soll doch gleich ein heiliges –! Auch du traust mir solche Schlechtigkeit zu?« schrie Frieder und hob die Hand. Johannes wich dem Schlage aus, stolperte über ein Werkzeug, stürzte rücklings nieder und verletzte sich im Fallen am Kopf. Als er sich blutend aufrichtete, fragte Frieder erschrocken: »Es hat dir doch nichts geschadet?« »Kaum die Haut geritzt – was bin ich auch so ungeschickt. – Vater, hört auf mich, ich bitte Euch um Christi willen, schickt die Bärbel fort, bringt Euch und uns nicht ins Elend!« »Oha! schrie Frieder. »Geh hin, spreng es aus in die Welt, dein Vater hätte dich wegen der Bärbel blutig geschlagen. – Tu's nur, je schlechter du mich 79 machst, desto besser für dich; – aber die Bärbel bleibt da, merk's, nun erst recht bleibt sie da!« Krachend warf er die Tür hinter sich ins Schloß. Johannes saß auf dem Hackklotz und seufzte: »Arme Mutter! – Aber er ist auch unglücklich, vielleicht am unglücklichsten von uns allen. – Könnt' ich helfen – aber mit meinem Tun ist's vorbei.« Draußen hörte er die Gesellen Bretter abladen; um niemand merken zu lassen, was vorgefallen war, schlich er leise in seine Kammer. Frieder verließ sein Haus und rannte ziellos durch den kalten Nebel. So sehr er Johannes zürnte, seine Worte hatten ihn doch tiefer ergriffen, als er sich selbst gestehen wollte. Sie riefen ihm das Gespräch mit dem Bergbauer ins Gedächtnis, daran reihten sich schwere Gedanken. Der Bergbauer war ihm stets in Wahrheit ein treuer Freund gewesen, Johannes hatte ihm nie ernstliche Ursache zur Unzufriedenheit gegeben und sich beim Einzug treulich seiner angenommen – verdienten beide nicht mehr Vertrauen als die Bärbel? Dazu war die Bitte des Sohnes vernünftig und klug, sie zeigte einen Ausweg, die Verwirrung zu lösen und zu einem ordentlichen Leben zurückzukehren. »Noch bin ich nicht, für was mich die Leute ansehen,« sagte er zu sich selbst, »aber die Gedanken sind auch Sünde, und wohin soll dieser Zustand zuletzt führen? – Soll ich ihm folgen und die Bärbel wegtun? – Aber dann bin ich wieder verlassen; sie ist doch die einzige, die aufrichtig zu mir steht. Wären Johannes und der Bergbauer 80 aufrichtig gegen mich gesinnt, hätten sie mir vertrauen, aber nicht gleich das Schlimmste von mir denken müssen. Tu' ich ihnen jetzt den Willen, werden sie mich verhöhnen und verspotten, dann haben sie mich schon unter sich, und ich darf nicht mehr mucken. – – Nein – ich könnt' es jetzt auch nicht ertragen, wäre die Bärbel fort. – – Ich hab' sie gern, das ist wahr, aber zu was Unrechtem darf es deswegen doch nicht kommen – dabei bleibt's!« 81     Sturm über dem Grab. »So hat der alte Hofhannes doch endlich Feierabend machen müssen, wenn er gleich immer tat, als hätte ihm unser Herrgott selber nichts an,« sagte die Beckenbäuerin, als wenige Tage vor Weihnachten feierliches Glockengeläute vom Turm herabtönte. »Ja und die Welt wird fortbestehn ohne ihn,« stimmte der Beckenjörg bei, der nach Hut und Gesangbuch griff, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. »'s ist ein wunderlich Ding! Sein Lebtag hat er nicht genug kriegen können, Ehre und Seligkeit setzte er eines lumpigen Gewinstes willen aufs Spiel, und nun muß er doch mit sechs Brettern zufrieden sein. – Ich möchte nicht für den Hofhannes vor unsern Herrgott treten.« Draußen schloß er sich stille dem langen Zuge an, der dem reichgeschmückten Sarg zum Friedhof folgte, und dachte: »Ja, wenn ein Verstorbener durch Gold, Atlas und Seide geehrt werden könnte, dann wäre der Hofhannes noch im Tode zu beneiden, aber – 82 aber – das Beste fehlt doch; wenn die Annelies nicht weinte, kein Auge würde naß.« Und er hatte wohl recht. Der Glanz und Prunk des Reichtums, den die Angehörigen des Verstorbenen entfalteten, ließ grell und schneidend den Mangel jeglicher Liebe und Teilnahme für den Toten hervortreten. Hochmütig schritten die drei Söhne hinter dem Sarge drein, nicht der leiseste Zug von Wehmut oder Trauer milderte die harten Züge, tückisch funkelten die Augen unter den gesenkten Lidern, Mißtrauen und Hinterlist lauerten in den Falten der Stirn und den herabgezogenen Mundwinkeln. Über das Gesicht des jüngsten Bruders zuckte es sonderbar, fast wie heimliche Freude, und der Tiefenorter Schmied stieß leise den alten Wirtshaushenner an: »Solche Leiche habe ich noch nie erlebt; sieh nur, wenn es lange dauert, fängt der Hofkaspar noch an zu lachen.« Dabei ging ein unheimliches Flüstern durch den Zug. Daß er gestorben ist, war der größte Gefallen, den der Hofhannes seinen Buben tun konnte, und der Schreinersfrieder wird sich die Haare auch nicht ausraufen. – Seht nur die Pracht der Hofleute; aber ihre Schande deckt sie doch nicht zu. – Wie sich die Brüder anschielen; da traut keiner dem andern; ist auch in der Ordnung, ihr Reichtum ist kein ehrliches Gut, drum darf er ihnen auch keinen Segen bringen. – Paßt auf; 's gibt Krieg im Hofhaus, 's ist nicht alles in Ordnung dort! – – So rauschte es auf und ab, noch viel schlimmere Dinge, im Munde der Leichenleute lebendig, folgten dem Hofhannes zum 83 Grab; alte Sünden des Verstorbenen, lange vergessen, erwachten im Gefolge und schwebten wie dunkle Schatten über den Sarg. Ob sie die milden Friedensworte des Geistlichen wegbeteten? Auch auf die Grabrede achtete niemand. Die Weiber stießen sich an: »Wie die Annelies heult! – Das gilt auch nicht allein dem Hofhannes, der Frieder treibt's ja immer toller mit der Bärbel.« Und die Männer steckten die Köpfe zusammen: »Wie der Frieder aussieht! Was der wohl denken mag? – Ja, ja dem wär' es auch lieber, er könnte hinter dem Sarge der Annelies drein gehen.« Das waren harte Urteile, aber sie trafen auch nur teilweise zu. Annelies beweinte wohl ihr Hauskreuz daheim, aber von der Untreue, die Frieder zur Last gelegt wurde, ahnte sie nichts. In Frieders Seele hatte sich ein arger Tumult erhoben. auch anders als man vermutet. Eine Stimme in ihm sprach: »Der Tod des Hannes ist ein Fingerzeig Gottes, der dir auf den rechten Weg helfen will. Du bist jetzt frei von ihm, die Urkunde kommt in deine Hände, drum kehr' um.« Dagegen erwachten Erinnerungen auf Erinnerungen, und bei jeder glühte Zorn und Haß auf, Frieder kämpfte schwer; als er das Grab verließ, war es ihm noch nicht gelungen, die bösen Gedanken niederzuzwingen. Nach dem Leichenbegängnis sammelten sich die Hinterbliebenen, drei Söhne mit ihren Weibern und die Bergheimer Schreinersfamilie, im Hofhaus zu Tiefenort. Von Wehmut und Trauer war nichts unter ihnen zu spüren; dafür saßen unholde, friedlose Geister genug um den Tisch. 84 Der dicke Ritzengottfried von Dammsbrück, der älteste Sohn, sagte zum jüngsten, dem Kaspar, der bisher mit seiner Frau dem Vater hausgehalten hatte. »Wir wollen noch nicht an die Sachen des Vaters rühren, aber die Bücher und Schriften müssen wir doch ansehen. Bin neugierig, was der Alte noch zusammengescharrt hat.« »Ja,« nickte der zweite Bruder, der den Schäfershof in Meschenbach erheiratet hatte, »wenn's mit rechten Dingen zugegangen ist, muß ein schöner Brocken an Geld vorhanden sein. Drum gib die Obligationen einmal 'raus, wir wollen sie aufschreiben – 's ist von wegen!« »Ja, von wegen!« lachte Kaspar. »Vor sechs Wochen wird nichts angerührt, das sag ich. Wär' mir 'ne schöne Sach', der Vater drehte sich ja im Grabe um.« Nach dem Volksglauben kann allerdings der Tote nicht im Grabe ruhen, wenn gleich in den ersten Wochen nach seinem Verscheiden die Hinterlassenschaft aus ihrer Ordnung gerissen wird. Das wußten die Brüder gut genug, aber es paßte ihnen nicht, darum sagte Gottfried: »Behalte deine Weisheit für dich, wirst sie selber noch brauchen. Verrückt soll nichts werden, aber die Papiere ansehen, ist was anders, das wird den Vater in seiner Ruhe nicht stören.« »Alles Reden ist vergeblich,« erklärte Kaspar, »ich tu's nicht, dazu ist mir der Vater zu gut.« »Seit wann bist du so auf den Vater bedacht?« fragte der Schäfersbauer. »Das ist wunderlich, warst 85 doch früher ganz anders. Kaspar, deine Pfiffe kennen wir, damit ist es nichts.« »Mache keine Geschichten; ich rate dir Gutes – zeig' die Schriften auf!« unterbrach Gottfried die Weiber, die sich zankend einmischten. »Wir wissen gut genug, wie du bisher uns und den Vater betrogen hast, damit hat's ein End'!« »Das soll ich mir gefallen lassen im eignen Haus?« fuhr Kaspar auf. »Vergeßt nicht, Ihr sitzt an meinem Tisch, noch solch ein Wort und ich will Euch die Mäuler stopfen!« »In deinem Haus? – An deinem Tisch?« schrien die Männer, während die Weiber aufkreischten, »bist du verrückt?« »Wartet's ab, das Ende wird's klar machen,« lachte Kaspar und ging pfeifend hinaus. Wie vom Donner gerührt starrten sich die Brüder ins Gesicht, fluchend rissen sie die Gäule aus dem Stall und jagten mit ihren weinenden Weibern davon. »Das wird ja herrlich!« sagte Frieder, der auch aufstand und mit einem bösen Blick auf Annelies die Stube verließ. »Mein Gott, was bedeutet das?« jammerte Annelies, die mit Johannes allein zurückblieb. »Was ist das mit dem Kaspar? – Der Vater wird doch nicht – er wird uns doch nicht unglücklich gemacht haben?« »Mutter, wir wollen heim!« sagte Johannes, als die junge Bäuerin scheltend in Stube und Kammer herumwirtschaftete. »Wir sind hier übrig.« Während Annelies, auf Johannes gestützt, seufzend 86 und klagend heimwankte, saß Kaspar im Wirtshaus bei den »Leichenleuten«, die sich auf dem »Leichentrunk« von ihrer Traurigkeit erholten. Lachend schwenkte er ein schäumendes Maßglas und schrie: »Mir ist's bei dem Alten schlecht gegangen, aber ich weiß doch, warum ich ausgehalten habe – mein Teil habe ich im Trockenen, und die Geschwister lache ich aus. – Sauft – ich, der Hofbauer von Tiefenort, kann was draufgehen lassen!« Der Schulbauer, Herrnbauer und Beckenjörg verließen bald den Leichentrunk; das wüste Treiben, das Schreien und Lachen war ihnen zuwider. »Ich habe die Bauern gern,« sagte der Schulbauer unterwegs, »weiß auch, es ist ein tüchtiger Kern in ihnen, aber oft möchte ich zornig werden über ihre Herzlosigkeit und Roheit. Ist das ein Jammer, wie sie sich heute wieder auf dem Leichentrunk auslassen, und der eigne Sohn des Verstorbenen treibt es am ärgsten.« »Du kannst eben noch immer den Schulmeister nicht los werden,« lächelte der Herrnbauer, sein Schwager. »Recht hast du, aber ist's zu ändern? Was einmal Sitte und Brauch ist, daran hängen wir wie Kletten, sei's gut oder böse. Mit dem Kaspar aber muß es eine besondere Bewandtnis haben.« »Ich fürchte,« sagte der Beckenjörg, »der Hannes ist mit einem schlechten Streich aus der Welt gegangen.« »Ich auch,« stimmte der Schulbauer bei, »und dann gnade Gott den Schreinersleuten, das wäre Frieders Untergang!« * * * 87 Bleich, verstört schritt Frieder unterdes Bergheim zu; einen Zweig, den er von einer Hecke gerissen, zerbiß er in kleine Stücke; oft schlug er mit geballten Fäusten um sich und stieß heftige Verwünschungen aus. Bei seinem Eintritt ins Haus schrie Bärbel erschrocken: »Barmherziger Gott, wie seht Ihr aus? – Herr, was ist Euch geschehen?« »Was?« rief Frieder und schleuderte den hohen Hut in eine Ecke. »Was mir geschehen ist? – Nichts! – Der Hofhannes, wie er als Lump gelebt hat, ist auch als Lump gestorben!« »Fehlt Euch was? – Soll ich Euch Tropfen holen?« »Was mir fehlt, dagegen helfen keine Tropfen. – Der Hofhannes hat vor seinem Tode dem Kaspar die Güter in die Hände gespielt!« »Herr meines Lebens – ist's möglich? – Wißt Ihr das gewiß?« »So gewiß Hannes sein Lebtag ein Spitzbub war; schriftlich erfahr' ich's erst in sechs Wochen.« Bärbel fuhr erschrocken nach Frieder herum, der mit fest zusammen gekniffenen Lippen und unstet umirrenden Blicken auf und ab schritt – das ging sie ja auch an; was Frieder verlor, ward ihr selber genommen. Aber als sie ihm in das bleiche Gesicht blickte, als sie sah, wie es in ihm arbeitete, verwandelte sich ihr anfänglicher Schrecken in wilde Freude. Auch ohne das Erbe war Frieder noch immer reich genug, zumal jetzt die Urkunde, die ihr manche schlaflose Nacht gemacht hatte, nach ihrer Meinung unschädlich geworden war. Jetzt oder nie mußte es ihr gelingen, 88 Frieder ganz an sich zu ziehen; Haß und Zorn war ja da, nur noch auf einen bestimmten Punkt brauchte sie ihn zu lenken, und sie hat gewonnen Spiel. Vorsichtig ihre Freude hinter teilnehmendes Wesen versteckend, rief sie: »Es ist nicht möglich! – Und doch – Ihr bleibt dabei? – O diese Schlechtigkeit! – Nun versteh' ich, warum Euch alle aufs Leder knieten; es ist nicht anders, der Hofhannes wollte Euch zur Seite schieben, um in Sicherheit seine Streiche auszuführen.« Aus seinem Brüten auffahrend, fiel ihr Frieder finster ins Wort: »Nimmst du das aus dir selber?« »Ich bin freilich nur ein dummes Ding, aber meine eignen Gedanken habe ich doch, und ich meine auch, das läge nahe genug. Herr, Euer Schicksal geht mir zu Herzen! – 's ist nicht bloß wegen dem himmelschreienden Unrecht, das Ihr vom Hofhannes erfahren müßt, auch nicht bloß wegen der Schlechtigkeit und Undankbarkeit der eignen Leute – das wäre zuletzt alles zu ertragen; – ich kenne Euer Unglück, ich weiß, die Hauptsache ist ganz was anders. Ihr dürft mir glauben, Herr, die Leute sehen's auch ein und haben Mitleid mit Euch; wie oft habe ich sagen hören: der Frieder ist zu bedauern; ein Mann wie er – und solch elende, gebrechliche Frau! – 's ist wahrhaftig zu bewundern, daß er sie um sich leiden kann!« Frieder war ans Fenster getreten und starrte hinaus in den Hof; bei den letzten Worten drehte er sich hastig um, auf seinen Wangen brannten dunkelrote Flecken, in seinen Augen loderte wildes Feuer, seine Blicke hingen an dem Mädchen, das mit 89 geröteten Wangen und niedergeschlagenen Augen auf der Ofenbank saß und mit ihren Schürzenbändern spielte. Bärbel fühlte, wie die Blicke Frieders auf ihr ruhten, sie wußte, daß er sie jetzt mit Annelies verglich, und ihr Herz fing an zu klopfen. Allein sie zwang sich zur Ruhe und fuhr fort: »Ja, sie wundern sich, wie Ihr so sanftmütig gegen die Annelies seid, obgleich sie Euch alles gebrannte Herzeleid antut; sie sagen: der Annelies wäre es gar nicht zu verzeihen, wie sie Euch behandle; wenn sie Euch auf den Händen trüge, täte sie lange nicht genug; denn ein Mann wie Ihr verdiene von Gottes und Rechts wegen die schönste und beste Frau. Ihr wäret freilich auch viel zu gut, sagen sie, und das mache die Annelies erst schlimm; zeigtet Ihr nur einmal den Meister, dann würde es bald anders werden.« Frieder mußte sich abwenden, er fühlte, wie er die Herrschaft über sich verlor; da sah er Annelies und Johannes aufs Haus zukommen, mit einem Fluch hob er die Fäuste. »Still jetzt!« rief er der Bärbel mit heiserer Stimme zu. »Geh – sie kommen!« Dann setzte er sich hinter den Tisch, drückte die Hand vors Gesicht. »Ich wollte umkehren – ja, ich wollte – aber es soll nicht sein, ich bin zum Unglück geboren!« Annelies trat ein und sank wie zerschlagen in einen Lehnstuhl; ein Gefühl der Vereinsamung und Hilfsbedürftigkeit trieb ihr die Tränen in die Augen und erweckte fast etwas wie einen Nachhall der früheren Liebe zu Frieder, war er doch der einzige, bei dem sie Trost und Beistand suchen konnte. »Frieder, ich 90 vergehe vor Kummer und Angst!« klagte sie und blickte unter Tränen bittend zu ihm auf. »Ach Gott, gelt, du glaubst auch nicht, daß es sein kann, mit – mit dem Kaspar; gelt, du sagst auch, es ist gar nicht möglich? – Ich bin ja sein Kind so gut als der Kaspar!« »Nicht möglich? – Was wäre dem Hofhannes nicht möglich? Hat er fremde Leute bestohlen, warum sollte er nicht auch einmal die eignen Kinder betrügen?« »Frieder – daß sich Gott erbarm! Ist das dein Ernst? – Fürchtest du dich auch nicht der Sünde, einem Toten, der kaum unter der Erde ist, so was nachzureden?« »Und ich soll ihn wohl loben, den –, ich will den Namen nicht sagen, den er verdient! – Soll ihn loben, daß er meinen Vater um das Vermögen und mich ins Elend gebracht hat?« »Gott verzeih' dir! – Was er mit deinen Vater hatte, weiß ich nicht, aber was tat er dir? – Wodurch hat er dich ins Elend gebracht.« »Und du fragst auch noch?« schrie Frieder, der aufgesprungen war und ihr mit blitzenden Augen in das Gesicht starrte. »Meinst wohl, ich hätte das Herz nicht, mit der Farbe herauszugehen? Ich sage dir's und vor allen Leuten sage ich's: du – du bist mein Unglück; durch dich hat mich mein Vater ins Elend gebracht.« Annelies stieß einen Jammerruf aus, dann fuhr sie auf: »Du willst sagen, ich hätte dich ins Elend gebracht? – Hast du es nicht mir zu danken, daß 91 die Liederlichkeit deines Vaters zugedeckt und du aus Armut und Schande gerissen wurdest?« Frieder hob die Hand gegen die schreiende Frau, noch zur rechten Zeit fiel ihm Johannes in den Arm mit den Worten: »Laßt ab, Vater, laßt ab! Ich leid's nicht, Ihr dürft die Mutter nicht schlagen.« »Bist du auch da?« lachte Frieder wild. »'s ist schon recht so, haltet nur wacker zusammen, du gehörst ja auch zu den Hofhannsen – aber nehmt euch in acht, du und deine Mutter, wir sind noch nicht fertig zusammen!« Damit riß er sich los und eilte hinaus. »Das habt ihr brav gemacht – fahrt nur so fort, und es wird bald anders werden im Haus!« flüsterte Bärbel, die an der Tür gelauscht hatte. Als aber Frieder, ohne darauf zu achten, an ihr vorbeieilte, murrte sie hinter ihm drein: »Er bleibt ein Narr! Sollte ich heute wieder vergebens gearbeitet haben? – Aber warte, ich weiß jetzt, wie du zu fangen bist, du entgehst mir doch nicht!« Im Wirtshaus ward Frieder von seinen Zechbrüdern, die den Lärm im Schreinershaus gehört hatten, sehnlichst erwartet. Saufpaule behauptete, Annelies habe gewiß die Geschichte mit der Bärbel erfahren, der Holsteiner und Geuß rieten dagegen auf einen Verdruß in Tiefenort; auch die übrigen Gäste sprachen lebhaft ihre Vermutungen aus, als Frieder eintrat. Seine Erzählung über die heutigen Vorgänge im Hofhaus erregte großes Aufsehen; der Unwille über die Schlechtigkeit des Hofhannes, die niemand bezweifelte, war um so größer, als wohl kaum einer 92 unter den Anwesenden war, der nicht einen heimlichen Groll gegen den Verstorbenen im Herzen trug. Einstimmig rieten die Gäste Frieder, er solle sich nur nichts gefallen lassen, sondern dem Hofkaspar die Hölle gehörig heiß machen. »Und was werde ich erreichen?« war Frieders Antwort. »Der Alte war ein Fuchs. Hat er Kaspar die Güter wirklich verkauft, so machte er die Sache gewiß so fest, daß sie nicht umzustoßen ist.« »Eigentlich geschieht dir's schon recht!« lachte Geuß. »Was warst du so dumm dein Leben lang? Was nützt dir jetzt deine Rechtschaffenheit, deine Mühe und Plage? – Da war ich gescheiter, ich habe wenigstens mein Leben genossen.« »Hast dich garstig hinters Licht führen lassen,« rief der Holsteiner. »Und wenn du den Reichtum bekämst – was nützt' er dir? – Ich möchte die Annelies nicht, und wenn sie mit Gold behängt wäre.« »Sei vernünftig, Frieder,« schrie Saufpaule. »Nimm mit, was mitzunehmen ist. Hast's vergessen: lustig gelebt und selig gestorben? – Ich an deiner Stelle wüßte, was ich tät – hast du keine Augen?« Frieder lauschte; berauscht taumelte er spät heim. Vor der Haustür griff er mit der Hand an die Stirn: »Sagte nicht der Bergbauer, du spielst jetzt mit der Sünde; aber gib dem Teufel ein Haar, so bist du sein mit Leib und Seel'? – Und soll er recht behalten? – Nein, ich tu's nicht – ihm zum Trotz nicht!« In der Nacht wachte Johannes am Bett der Mutter, die, kaum aus langer Ohnmacht erwacht, mit 93 bitteren Tränen ihr schweres Geschick beweinte und auf alle Trostgründe mit Kopfschütteln antwortete. Traurig wendete sich Johannes ab und gedachte seufzend des nahen fröhlichen Weihnachtsfestes; damals bei der Geburt des Heilandes hatte der Engel den Hirten zugerufen: Friede auf Erden! – Sollte nicht endlich auch ein Engel des Friedens bei ihnen einkehren? – »Laßt's genug sein,« sagte er ernst, als die Mutter in Schmähungen gegen den Vater ausbrach. »Der Vater behandelt Euch wohl schlimm, aber er tat es im Zorn. – Nein, ich helf' ihm nicht, ich stehe nicht gegen Euch. – Seid jetzt still, wir leben in der heiligen Zeit, und in drei Tagen ist Weihnachten, denkt daran. Ich will Euch ein Kapitel aus der Bibel vorlesen!« Ohne eine Antwort abzuwarten, zündete er die Lampe an und holte das heilige Buch. 94     Harte Herzen. Es war am zweiten Weihnachtsfeiertag, die letzten Strahlen der untergehenden Sonne fielen glühend rot durch die beeisten Fenster in die Bergbauernstube und funkelten auf den goldenen Äpfeln und Nüssen des Christbaums; der kleine Hans lehnte zwischen den Knien des Schreinersjohannes und setzte ihm eifrig die Vorzüge seiner neuen Pelzmütze auseinander, allein er plauderte tauben Ohren vor; in trübes Sinnen versunken, starrte der Jüngling vor sich nieder. Solch trauriges Weihnachtsfest hatte er noch nie erlebt. Am ersten Feiertag verließ die Mutter das Krankenbett, auf welches sie der Kummer des Begräbnistages geworfen, mit ihr stand Haß und Zorn auf und schlug in lichten Flammen empor. Die finsteren Blicke Frieders empörten die krankhaft reizbare Frau; sie glaubte darin den Unmut über ihre Genesung zu erkennen, und dieser Gedanke, den sie sich nicht ausreden ließ, brachte sie zur Verzweiflung. Zwar hatte sie Johannes versprochen, dem Vater nicht neuen Anlaß zum Zorn zu geben, allein das war vergessen; an allen Gliedern zitternd überhäufte sie ihn mit 95 Schmähungen und Vorwürfen. Frieder, der zuerst erstaunt horchte, blieb ihr nichts schuldig, ein Wort gab das andere, bitterer und verletzender wurden die gegenseitigen Beschuldigungen, bis zuletzt Annelies rief: »Du übertriffst noch deinen Vater! Die Leute sagen schon, wenn du dein Saufen und Spielen lange forttriebst, würdest du das Haus für Fremde gebaut haben.« Höhnisch auflachend, hatte Frieder erwidert: »Du brauchst meinen Vater nicht schlecht zu machen – du! – Immer besser ein Säufer und Spieler, als ein Betrüger.« – Schon fürchtete Johannes das Ärgste, als der Eintritt auswärtiger Kunden dem Streit wenigstens für den Augenblick ein Ende machte. Aber der Hader ruhte nicht, wenn auch der Zank nicht wieder diese Heftigkeit erreichte. Vergebens suchte Johannes zu vermitteln; er bat und warnte – umsonst. Der Vater antwortete ihm mit giftigem Hohn, die Mutter setzte ihm Trotz entgegen, und als er sich dennoch nicht abschrecken ließ, ward er barsch zur Ruhe verwiesen. Traurig verließ er das Elternhaus; ein neuer Kummer fiel auf seine Seele, als er sich dem Bergbauernhaus näherte. Auch der Pate war in letzter Zeit anders geworden: kürzer, schärfer in seinen Reden, wenn auch nicht unfreundlich, doch schon minder herzlich, dabei auch rauh und heftig besonders dann, wenn er auf den Vater zu reden kam. Heute bemerkte Johannes mit Schrecken, daß die Mutter den Bauern ganz auf ihre Seite gebracht 96 hatte; denn auf seine Klage antwortete der sonst so besonnene Mann mit heftigem Tadel Frieders, und seine Vorwürfe, obwohl nur allzu begründet, verletzten sein kindliches Gefühl. Mit Wärme nahm er sich des Vaters an. »Mein Vater ist nicht schlecht,« sagte er, »nur unglücklich. Als Kind habe ich ihn einmal nachts mit sich selber reden hören, und das will mir nicht aus dem Kopf; wenn ich gleich die Worte heute noch nicht zusammenreimen kann, seitdem weiß ich, den Vater drückt ein altes Leid, das er nicht sagen will oder nicht darf – und das treibt ihn ins Elend. Ich merke, die Mutter hat Euch gegen den Vater aufgeredet, aber glaubt mir, sie hat auch nicht in allen Stücken recht, sie selber reizt den Vater zum Zorn. – Klagt sie Euch wieder, sagt ihr das!« – Allein diese Erklärung erfuhr heftigen Widerspruch vom Bergbauer, der immer rascher in der Stube auf und ab ging, den Tabaksrauch in kurzen Stößen von sich blies und gereizt behauptete, Frieder sei durch allzu großes Glück übermütig geworden. Als ihn Johannes bat, wenigstens in seiner Gegenwart nicht so schlimm über den Vater zu reden, er könne und dürfe das nicht mit anhören, griff der Bergbauer verdrießlich nach der Pelzkappe und sagte: »Im Grund kann ich dir nicht so ganz unrecht geben, daß du ihn in Schutz nimmst, er ist nun einmal dein Vater; aber doch erzürnt mich's, daß du gar nichts auf ihn kommen lassen willst. Er gesteht es freilich nicht, meine Alte behauptet auch, er wäre noch nicht so weit mit der Bärbel, aber auf dem Weg dahin ist 97 er doch, und mit meinem eignen Bruder hätte ich kein Erbarmen, wenn er das täte.« Johannes sah dem Bauer traurig nach, der heute zum erstenmal in Verdruß von ihm ging; ein tiefes Weh zog durch sein Herz, als er bedachte, welche schlimme Folgen ihm aus dem Zorn des Bauern erwachsen könnten. Er war froh, als sich die Bäuerin zu ihm setzte; ihr durfte er ja sein Herz öffnen. »Das fehlte nun noch,« sagte sie, nachdem er geendet, »Zank am lieben Feiertag und im Verdruß auseinander – o, die Männer! Was nur meinen Alten anficht, daß er dir das Leben verbittert! – Freilich mit deinem Vater wird es alle Tage schlimmer.« »Pate, wenn Ihr nun auch noch über den Vater scheltet, dann weiß ich nimmer, was ich anfangen soll.« »Loben kann ich ihn nicht, es ist zu schändlich, wie er's treibt, und was es geben wird, wenn deine Mutter das Gerede mit der Bärbel erfährt, daran darf ich nicht denken. Im übrigen tadele ich dich nicht, daß du deinen Vater in Schutz nimmst, vor dir werde ich nichts mehr über ihn sagen.« »Was ist's schon wieder?« fragte Auguste besorgt, die festlich geschmückt mit einem Lichte in der Hand eingetreten war und dem Bruder, der sich an sie drängte, liebkosend über den Kopf strich. »Der alte Streit!« entgegnete die Mutter und zupfte die Schürze des Mädchens in bessere Falten. »Du weißt ja, wie der Vater ist. Jetzt lasset die Geschichten, geht in die Lichtstube und seid vergnügt!« 98 Beim Anblick des Mädchen erhellte ein Freudenstrahl das Gesicht des Jünglings, allein seine Stirne umwölkte sich wieder bei den Worten: »Ist's nicht Sünde, Pate, jetzt an Lustbarkeiten zu denken?« »Wir bleiben daheim, Johannes,« sagte Auguste und sah ihm traurig in die Augen. »Ach, wenn ich doch wüßte, womit ich dich trösten sollte.« »Ei, warum nicht gar,« rief die Bäuerin, »setzt euch zusammen und flennt die ganze Nacht – das wäre das Wahre! – Ich leid's einmal nicht, daß ihr euch vergeblich abhärmt, und sage dir, Johannes, ich werde ernstlich bös, wenn du dem armen Mädle das Herz schwer machst.« »Aber meine Mutter ist allein daheim.« »Tut nichts, ich geh' zu ihr, macht jetzt vorwärts. Was wird's derweil mit dir, Hans?« »Ich möcht' mit Johannes, Mutter; der Ungersandres und der Schustershanfrieder gehen auch in die Lichtstube.« »Hätte das dein Vater gehört, der würde dir die Lichtstube anstreichen! – Geh zum Beckenfritz, Punkt zehn kommst du und holst mich im Schreinershaus ab.« Als die Kinder die Stube verlassen hatten, schlug sie ein Tuch über Kopf und Schultern, verschloß das Haus und ging hinab ins Schreinershaus. Annelies saß im Lehnstuhl und sagte zur Bäuerin: »Ich dachte schon, du hättest mich auch vergessen, wie mich alles vergißt; sogar Johannes ist fortgelaufen – ich bin mutterseelenallein im Haus!« 99 »Dem Johannes mache keinen Vorwurf; ich selber habe ihn in die Lichtstube geschickt, obgleich er nicht wollte; dem armen Jungen ist ein Vergnügen zu gönnen.« »Natürlich, an mich denkt kein Mensch.« »Annelies, du tust nicht gut, daß du dich gegen die Welt so verbitterst. – Ich will nicht von mir reden, es gibt noch mehr Leute, die sich gern deiner annähmen, aber du bist so herb, so verdrossen, drum hat niemand recht das Herz zu dir zu gehen.« »Möcht' auch wissen, wer sich meiner annähme.« »Du darfst nicht zu viel verlangen. Jeder Mensch hat seine eignen Gedanken, und danach tut er. Sieh, wie dein Frieder zuerst ausartete, standen alle Leute auf deiner Seite; nach dem, was aber in Tiefenort vorgefallen ist, reden sie anders.« »Freilich, jetzt fallen sie über mich und meinen Vater her, und Frieder ist der Unschuldengel – o, die Welt!« »So ist's schon nicht – aber kannst du selber deinem Vater recht geben, wenn er dem Kaspar den Hof in die Hände gespielt hat? – Ich verhehle dir's nicht, Annelies, es gehen scharfe Reden unter den Leuten; sogar der Beckenjörg, der doch gewiß ein achtbarer Mann ist, und vor dem kein Ansehen der Person gilt, sagte gestern im Wirtshaus zum Frieder: wenn's wahr ist mit deinem Schwieger, dann bist du in vielem zu entschuldigen, ich kann mir denken, wie dir der Kopf warm sein mag. Und die Nachbarn haben ihm zugeredet, er solle sich seiner Haut wehren.« 100 »Was sagst du mir das?« weinte Annelies. »Kann ich es ändern?« »Das nicht, aber du sollst dich ändern. Ich gebe sonst nichts auf das Gerede der Leute, aber dasmal ist's nicht ohne. Es wird dir sehr verdacht, und du tust nicht gut, den Frieder noch zu reizen; es heißt: dem Frieder sei es nicht so übel auszulegen, wenn er da und dort über die Schnur haue, du triebest ihn ja mit Gewalt dazu. Hör' auf mich, Annelies, komme mit Sanftmütigkeit an ihn, ich bleib dabei, von Grund aus ist er nicht schlecht.« »Jawohl – ich bin wieder an dem ganzen Unglück schuld – o, wär' ich gestorben! Marie, es ist nicht schön von dir, daß du dich auch gegen mich setzest, aber es ist gut, kenne ich dich doch und weiß, was ich mir von dir zu versehen habe.« »Deine bösen Reden trage ich dir nicht nach, du siehst eben nicht ein, wie ich's von Herzen gut meine. Was ich sage, ist keine Entschuldigung für den Frieder, ich will nur nicht ins Feuer blasen. Folge mir, Annelies, bezwinge dich, versuchs im guten, treib' ihn nicht zum äußersten, es kann ja kein gutes Ende nehmen.« »Als ob das nicht schon Unglücks genug wär'. Was mir der Frieder angetan, ist über alles Maß, ich kann's ihm nicht vergeben, mag daraus werden, was da will.« »So kann ich's auch nicht ändern; – rede von was anderem.« Aber es kam kein Gespräch mehr in Fluß, beide waren verstimmt, und als um zehn Uhr Hans an 101 das Fenster klopfte, ging die Bergbäuerin mit ihm heim. Unterwegs dachte sie: Arme, arme Kinder, traurige Zeiten werden kommen, und euch wird das Unglück am schwersten treffen. Vor Schrecken hätte sie fast die Lampe aus den Händen fallen lassen, als sie daheim Auguste weinend im Sessel sitzen sah. Hans war zu Bett geschickt, die Mutter zog sich einen Stuhl neben ihr Kind und fragte: »Um Gotteswillen, Mädle, was ist passiert?« »Ach denkt an,« schluchzte Auguste, »wir waren noch keine fünf Minuten in der Lichtstube, so kam Frieder mit der Bärbel auch herein. Die Bursche lachten und sangen ein Spottliedle auf ihn, aber er lachte mit und meinte: Das Liedle taugt nichts, mir macht es aber doch Spaß, drum geb' ich euch ein Fäßle Bier – und jetzt seid keine Narren, was geht euch mein Vergnügen an? – Nun war eine Herrlichkeit mit dem Frieder, es war nicht anders, als wollte ihn die Gesellschaft gleich in den Himmel erheben; Johannes und mich hat kein Mensch mehr angesehen. Johannes war käsweiß geworden; wer weiß, was es noch gegeben hätte – da bat ich so lang, bis er mit mir heimging. – Mutter, Mutter – was soll noch daraus werden?« »Schlimm, schlimm!« seufzte die Bäuerin. »Aber – und das ist zuletzt auch ein Trost – lange kann das Treiben nicht mehr fortgehen, auf die eine oder andere Art muß es bald zum End' kommen. Bet', Kind; weiter ist nichts zu tun und wart's ab.« Aber die Geduld der ängstlich Harrenden ward auf eine schwere Probe gestellt. Dumpfe Schwüle lag 102 auf dem Schreinershaus, äußerlich ging wohl noch alles seinen gewohnten Gang, aber die Spuren des inneren Zerfalls traten täglich sichtbarer hervor. Frieder war selten mehr nüchtern, nur in einer gewissen Betäubung fand er sein Leben, die Zustände in und um sich erträglich. Wichen einmal die Nebel aus seinem Hirn, dann schauderte er zurück vor dem Abgrund, an dem er hintaumelte, aber statt sich aufzuraffen, suchte er Vergessenheit im neuen Rausch. Er hatte das Vertrauen auf sich selber verloren, der Zorn auf den Johannes verwirrte ihn vollends, und auch Bärbel tat redlich das Ihre, daß er nicht zu sich kam. Mit Annelies redete er seit der Leiche des Schwiegervaters kein Wort; dafür wirtschaftete Bärbel, als sei Haus und Hof schon jetzt ihr Eigentum, und Frieder ließ sie gewähren, auch da, als sie frech die kranke Frau reizte und quälte. Johannes sah diesem Treiben mit tiefem Schmerz zu; daß sich der Übermut der Bärbel auch gegen ihn kehrte, beachtete er kaum, dafür erbitterten ihn die Beleidigungen der Mutter desto mehr. – »Darf ich's geschehen lassen? – Bin ich nicht der Annehmer meiner Mutter, da der Vater sie verläßt und der Herle gestorben ist?« fragte er sich oft. – Aber was sollte er tun? Mit dem Vater reden oder mit Bärbel? – Eines so gefährlich als das andre. Auguste, der er seine Not klagte, wußte auch keinen Rat, als: »Wart's ab; ertrag's, solange du kannst, und geht es durchaus nicht mehr, findet sich vielleicht ein Ausweg.« 103 Eines Tages – Frieder war nach Schottendorf – wühlte Bärbel in dem Weißzeug der Annelies und warf vor den Augen der Kranken die Stücke verächtlich durcheinander. »Was fällt dir ein?« rief Annelies. »Was hast du in meinen Sachen zu kramen?« »Eure Sachen?« lachte Bärbel höhnisch, »möchte wissen, wo die steckten; was im Haus ist, gehört ja doch dem Frieder.« »Bärbel, Bärbel,« schrie Annelies, der eine furchtbare Ahnung aufging, »das ist ein Nagel zu meinem Sarg.« Aber auch Bärbel zitterte, denn hinter ihr stand Johannes, und seine zornfunkelnden Augen weissagten nichts Gutes; hastig brachte sie die Wäsche wieder in Ordnung und verließ mit scheuem Blick die Stube. Unentschlossen ging Johannes auf und ab; der Jammer der Mutter schnitt ihm ins Herz; es kam ihm vor wie Sünde, wollte er auch diese Bosheit ungeahndet hingehen lassen, und doch fürchtete er sich vor den Folgen eines raschen, in der Hitze hervorgestoßenen Wortes, hatte er doch den heimtückischen Charakter des Mädchens genugsam kennen gelernt. »Ich wag's – ich darf nicht länger stille zusehen,« sagte er nach ernstem Sinnen und ging der Bärbel nach. Die Magd erschrak heftig, als er in die Scheune trat, und suchte schreiend den Ausgang zu gewinnen. Allein Johannes schloß kaltblütig das Tor und sagte: »Schrei nicht so unvernünftig, es nützt dir doch nichts, gib jetzt acht, was ich dir sagen will.« 104 »Ich will nichts hören, von dir will ich nichts wissen.« »Glaub dir auf's Wort, aber ich bin einmal da, und du mußt mich hören. Bärbel, ich kenne dich, weiß womit du umgehst – wenn du dich nicht mehr vor der Sünde fürchtest, nimm dich in acht vor mir. Über mich kommst du nicht leicht weg; ehe ich ruhig zusehe, daß du die Mutter zu Tode kränkst und den Vater ins Elend treibst – Bärbel hüte dich, ich weiß nicht, was ich tue!« »Ich seh's, womit du umgehst! Aber komm mir nicht zu nahe, rühr' mich nicht an, ich wehr' mich.« »Geschwätz! Hand an dich lege ich nicht, es gibt ja wohl noch andere Mittel. Jetzt rede ich im guten. Laß ab; deinen Zweck erreichst du doch nicht! Hilf, daß in unserem Haus wieder Ordnung wird. Wenn du fortziehst und vom Vater läßt – dreihundert Gulden zahle ich dir sofort auf.« »Du?« lachte Bärbel höhnisch. »Wovon? Woher denn?« »Überleg's!« entgegnete Johannes, in dessen Gesicht eine dunkle Röte aufflammte. »Woher ich's nehme, was kümmert's dich? Stoß dein Glück nicht von dir!« »Mein Glück? Ha! ha! Gestohlenes Gut und Glück?« »Bedenk' dich!« knirschte Johannes, der kaum an sich halten konnte. »Was da bedenken! Deinem Vater sag' ich's, was du für einer bist, und merk' dir's, mit Spitzbuben habe ich all mein Lebtag nichts zu schaffen haben mögen.« 105 Außer sich, warf Johannes die Magd an den Barren, wendete sich langsam ab und hörte, wie sie ihm nachrief: »Das sollst du mir bezahlen.« Unruhig, verstört schritt er in der Werkstatt auf und ab! So hatte er auch hier das Übel nur schlimmer gemacht, hatte der Bärbel neue Waffen in die Hände gegeben, und daß sie davon Gebrauch machen würde, daran durfte er nicht zweifeln. Eben trat der Vater ins Haus; Johannes hörte die Bärbel weinen und jammern, und er drückte seine Hand fest auf das schlagende Herz, als er den Vater fluchend näher kommen hörte. Minutenlang standen sich Vater und Sohn schweigend gegenüber – aber sonderbar, alle Ängstlichkeit war verschwunden; mit einer Ruhe und inneren Sicherheit hielt Johannes die wilden Blicke des Vaters aus, über die er selber erstaunte. »Was hattest du mit Bärbel?« brach endlich Frieder los. »Nichts Unrechtes, Vater.« »Hast du ihr Geld versprochen?« »Für den Fall, daß sie das Haus verläßt – ja.« »Wer steht hinter dir?« »Ich handle für mich selber.« »Und woher willst du's nehmen? Gesteh, auf welche Art wolltest du mich betrügen?« »Ihr solltet Euch schämen, Eurem leiblichen Kinde so was zuzutrauen. Woher ich's genommen hätte? Das weiß ich jetzt nicht, auf alle Fälle aber ehrlich und redlich beschafft, darauf verlaßt Euch.« 106 »Lügner, elender Lügner!« »Rührt mich nicht an!« rief Johannes furchtlos, als Frieder auf ihn loskam. »Habe ich unrecht getan, verzeih' mir's Gott, ich konnte nicht anders. Ihr seid mein Vater, drum ich ertrage diesen Schimpf, aber schlagen lasse ich mich nicht!« Frieder sah Johannes mit weitgeöffneten Augen nach, als er hoch aufgerichtet die Werkstatt verließ. »Bärbel,« sagte er am Abend und ging unruhig umher, »entweder ist Johannes ein durchtriebener Schuft oder – – Herrgott, wenn ich mich in ihm geirrt hätte?« 107     Vollendet. Auf dem kleinen Bauernwagen, den zwei runde Braune durch den Schmutz der Tiefenorter Hochgasse schleppten, saßen in dunkle Mäntel gehüllt zwei Männer, die, ohne auf die lautlos niederrieselnden wässerigen Schneeflocken zu achten, im eifrigen Gespräch dichte Rauchwolken in den Nebel hinausbliesen. »Dabei bleibt's!« sagte der Ritzengottfried und schlug kräftig in die dargereichte Hand seines Bruders. »Getreide und Geräte, soweit es nicht zum täglichen Hausbedarf nötig ist, wird geteilt, den Hof bekommt Kaspar nicht unter 24 000 Gulden. Ist ihm das zu hoch, behalte ich das Gut für denselben Preis.« »Bin neugierig, was an Kapitalien vorhanden ist,« meinte der Schäfersbauer, »ich dachte mir so ein zehn- bis zwölftausend Gulden zum wenigsten.« »Wenn der Kaspar nicht gar zu sündlich betrogen hat, ist's eher mehr denn weniger.« »Gottfried, ich werde die Sorgen nicht los, der Alte wird doch mit dem Hof keinen schlechten Streich gemacht haben?« 108 »Zuzutrauen wär's ihm wohl, aber ich glaube doch nicht; zuletzt sind wir auch da.« »'s ist dumm, daß wir nicht auf den Schreinersfrieder zählen können – der wäre für uns eine Hilfe.« »Werden auch ohne ihn fertig. Im Vertrauen: der Annelies gönne ich's schon, daß sie auch was erfährt, sie war gar so hochmütig und tugendstolz.« »Und dem Frieder ist's auch nicht zu arg zu verübeln, daß er nebenausgeht, wenn er's nur nicht so sündlich dumm anfing.« »Freilich, das ist's!« bestätigte Gottfried und schwippte mit der Peitsche. »Wir müssen aber doch tun, als wären wir arg erbittert, sonst – du verstehst mich.« Beide Brüder lachten aus vollem Hals; die Pferde bewegten die Ohren und fielen in flotten Trab, als sie festen Boden unter die Hufe bekamen und die ersten Häuser Tiefenorts aus dem Nebel auftauchten. Kopfschüttelnd sah Gottfried den Bruder an, als im Hof niemand erschien, sie zu begrüßen; fluchend warf er einem Knecht, der achtlos an dem Gefährt vorbeigehen wollte, die Zügel zu und ging trotzigen Schrittes dem Bruder nach ins Haus. Frieder saß schon am Tisch und sagte höhnisch: »Man merkt, daß wir im Hofhaus nichts mehr zu suchen haben – es müßte denn sein, daß sich Kaspar aus Furcht vor uns in ein Mausloch verkrochen hätte; – seit einer Stunde hat sich kein Mensch blicken lassen.« In der Küche wurden Türen auf- und zugeworfen; sonst blieb es still. Zornig riß der 109 Schäfersbauer das Fenster auf und rief einem Knecht zu: »Sage deinem Herrn, es wären Leute im Haus, die mit ihm zu reden hätten; kommt er nicht bald, wissen wir unsern Weg weiter.« Der Knecht lachte; die Worte wirkten aber doch; denn Kaspar trat mit einem Papier in die Stube. »Wir danken für die Bewirtung und werden's gleich machen seinerzeit, verlaß dich darauf,« sagte Gottfried, ohne seinen Gruß abzuwarten. »Jetzt bringe die Papiere und Bücher – heute wird kein Federlesens gemacht.« »Werdet bald genug erfahren, wie es steht,« entgegnete Kaspar höhnisch. Vorsichtig wischte er den Tisch ab, faltete das Papier in seiner Hand, das mit dem großen Amtssiegel bedruckt war, auseinander und forderte die Brüder zur Einsichtnahme auf. Die Männer lasen und lasen, sahen sich erschrocken an, wischten die Augen und lasen wieder – und je bleicher sie wurden, desto hämischer verzog sich Kaspars Mund. Und die Männer hatten wohl Grund zu erschrecken; das Schreiben war nicht mehr und nicht weniger als ein in aller Form Rechtens ausgestellter und obrigkeitlich bestätigter Kaufbrief folgendes Inhalts: Der Johannes Jakob Röschler verkauft sein Hofgut in Tiefenort mit allen walzenden Grundstücken, Haus und Hof, totem und lebendem Inventar, sowie sämtlichem Hausgeräte seinem jüngsten Sohn Johann Kaspar Röschler um 8000 Gulden rheinisch. – Zugleich war in dem Kaufbrief bestimmt: von diesen 8000 Gulden fallen 4000 Gulden dem Kaspar Röschler 110 sogleich als Erbteil zu, da die übrigen Geschwister bei ihrer Verheiratung ebenfalls je 4000 Gulden als Mitgabe bekommen haben. Die übrigen 4000 Gulden bleiben bis zum Tod des Verkäufers als unkündbare Schuld auf dem Hofgut stehen; von den Zinsen hat Kaspar Röschler den Vater bis zum Tod zu unterhalten und für ein standesgemäßes Begräbnis zu sorgen, danach werden sie unter die vier Geschwister zu gleichen Teilen geteilt, als letztes Erbgut, da sonst kein Vermögen vorhanden ist. Der Vertrag wird erst nach dem Tod des Verkäufers bekannt gegeben, und bis dahin steht dem Verkäufer das Recht zu, ihn jederzeit wieder aufzuheben. Dergleichen Scheinverkäufe an bevorzugte Kinder sind in reichen Bauernfamilien nicht ungewöhnlich; denn der Bauer ist nicht minder stolz auf den Glanz und Reichtum seiner Familie als der adlige Grundherr, und da er nicht wie dieser sein Vermögen, um es vor Zersplitterung zu bewahren, in ein Majorat umwandeln kann, nimmt er, um das gleiche Ziel zu erreichen, seine Zuflucht zum Betrug. So auch der Hofhannes. Wie er einst selbst durch die Ränke des Vaters ohne Mühe ein reicher Mann geworden war, scheute auch er sich nicht, dem jüngsten Sohn Kapital und Grundvermögen zuzuwenden, damit der Hofbauer von Tiefenort nach wie vor für den ersten Mann der Gegend gelten könne. Nur pfiffiger, gehässiger, als gewöhnlich zu geschehen pflegt, war er zu Werke gegangen. Nichts scheute er mehr als Lärm und Streit, wenn er sich im Unrecht wußte, darum mußte 111 der Kaufvertrag geheim bleiben bis nach seinem Tod, mochten dann die betrogenen Kinder klagen und schelten, soviel sie wollten, das focht ihn nicht mehr an; durch die Klausel, welche ihm gestattete, jederzeit den Kaufvertrag rückgängig zu machen, hatte er zugleich seinem Kaspar, dem er nicht ohne Grund mißtraute, die Hände gebunden. Denn wollte Kaspar nicht die glänzenden Aussichten für die Zukunft verlieren, mußte er alle Launen des Vaters geduldig ertragen; obgleich eigentlich Herr des ganzen Vermögens, besaß er in Wahrheit doch nichts und war ärmer als sein geringster Tagelöhner. Für jahrelange Entbehrungen und Erniedrigung war nun heute die Stunde der Vergeltung gekommen. Wohl hatten, wie wir wissen, Frieder und auch die älteren Brüder befürchtet, der alte Hofhannes könne sie auf Kosten des Kaspar verkürzt haben, aber so schlimm hatten sie es sich doch nicht gedacht; solches Unrecht war ja ganz unerhört. Kaspar saß behäbig im Lehnstuhl und lachte spöttisch, als er sah, wie sich seine Brüder nicht in die Lage der Dinge finden konnten, wie sich Gottfried wieder und wieder die Augen wischte, und der Schäfersbauer kreidebleich mit den Händen in der Luft rum focht; auch ihr Fluchen und Toben rührte ihn nicht, war er doch seiner Sache sicher, und für den schlimmsten Fall lauschten seine Knechte vor der Tür. Dir Vorsicht war allerdings unnötig, denn nachdem sie hundertmal Ehre und Seligkeit verschworen, der Wisch, wie sie den Kaufbrief nannten, solle Kaspar teuer zu stehen kommen, 112 wurden die Brüder ruhiger, sahen ein, daß mit Drohungen doch nichts auszurichten sei und suchten einzulenken. Dafür begann Frieder zu wettern – aber das war gerade, was Kaspar wünschte. Eine Weile ließ er den Schwager gewähren, dann sagte er: »Jetzt bist du mir still; es ist schon viel, daß ich dich überhaupt im Haus leide, ich tät's auch nicht, hätte ich dir nicht was zu sagen. Paß auf! Zwischen dir und der Annelies besteht keine Gütergemeinschaft – 's ist ein Glück für die Schwester! – Jetzt hat der Vater gerichtlich festgemacht: die Schreinersgüter, die du ihm abgetreten hast damals bei deiner Freierei, werden auf die Annelies überschrieben, und die tausend Gulden, die sie jetzt erbt, kriegst du auch nicht unter die Hände; euer Vermögen bleibt getrennt.« Frieder war jach aufgefahren und ächzte tonlos: »s ist nicht möglich, nicht möglich – sag's, Kaspar, sag's – bring' mich nicht um den Verstand!« »Als wenn du einen zu verlieren hättest!« höhnte der Hofbauer, »'s ist, wie ich gesagt, und dabei bleibt's; was warst du auch solch ein Narr!« Frieder war bleich geworden; seine Blicke irrten unruhig umher, und seine Lippen bewegten sich, ohne daß er einen Laut hervorgebracht hätte. Endlich stieß er die Worte heraus: »Es kann nicht sein, ihr könnt das nicht durchsetzen, ihr dürft gar nicht, wenn ihr auch wolltet. Kaspar – Schwäger – die Güter sind mein von Gottes und Rechts wegen – könnt ihr anders sagen? – Und jetzt redet, daß ihr das nicht zugebt, nehmt mir den Stein vom Herzen; – mein 113 Gott sagt's nur, im Ernst könnt ihr doch nicht daran denken!« »Wärst du ein reputierlicher Mann, ließe sich wohl darüber reden; – wie's aber mit dir steht, bei dem Lebenswandel, den du führst, versündigen wir uns an der Schwester, wollten wir uns deiner annehmen!« sagte der Schäfersbauer. »Und jetzt höre du ein Wort, Kaspar! Du kannst selber nicht glauben, daß dieser Schandbrief Rechtskraft hat; – gib nach beizeiten, wir wollen uns in Güte vergleichen.« Kaspar lachte, und Frieder schrie: »Und ich laß es nicht gelten, das ist Betrug, spitzbübischer Betrug! Die Güter gehören mir; Heidenmillion – ich will sehen, wer daran rührt! Probierts einmal und nehmt sie mir; eh' ich das zugebe, eh' geschieht ein Unglück!« »Kaspar, zum letztenmal,« fuhr Gottfried dazwischen auf, »willst du in einen gütlichen Vergleich?« »Willst du mich äffen?« zürnte Kaspar, dem der Streit zu lange währte. »Was da Vergleich! – Dort liegt er – ist auch der nicht gut genug, beschwert euch weiter, ich lasse mich auf nichts ein, bin fertig mit euch.« »Aber wir nicht mit dir!« schrien die Brüder einstimmig, indem sie hinausstürmten. »Du sollst bald mehr von uns hören!« Frieder sah ihnen verstört nach; unentschlossen, ob er ihnen folgen oder bleiben solle, drehte er seine Mütze in den Händen. Plötzlich sagte er: »Kaspar, du wirst einen schweren Stand bekommen gegen deine 114 Brüder – so was ist ja unerhört, wie der Hannes an seinen Kindern gehandelt, das kann die Obrigkeit nicht ruhig geschehen lassen. Aber ich will dir gegen deine Brüder beistehen, du sollst behalten, was du hast, nur verhilf mir zu der Urkunde.« »Ja, ich helf' dir, aber aus dem Haus, wenn du nicht gleich gutwillig gehst!« schrie Kaspar grob. »Ich habe jetzt den Lärm satt, und merk' dir's, du bist der allerletzte, mit dem ich mich einlassen möchte, selbst wenn ich's nötig hätte. Es bleibt, wie ich gesagt habe, auf dem nächsten Amtstag werden deine Güter der Annelies zugeschrieben– und jetzt marsch, wir sind fertig!« Wie er aus Tiefenort kam, wußte Frieder nicht, er war verwundert, als er sich auf dem Weg nach Bergheim fand. Ein wilder Schmerz über diese unerhörte Bosheit des Hofhannes, dem er nie etwas zuleid getan, zog ihm das Herz zusammen. Auf der Höhe zwischen Tiefenort und Bergheim lehnte er sich an den Holzapfelbaum, hob drohend die Fäuste gegen das Hofhaus, aus dem er soeben mit Schimpf und Schande gestoßen worden war, dann schlug er die Hände vor das Gesicht und stöhnte: »So ist alles, alles hin, Erbe und Eigentum verloren für immer, für alle Zeiten bin ich ein ruinierter, beschimpfter Mann. – O – und auch mein Erworbenes ist fort, verbaut in das neue Haus, das mir nicht gehört!« – – Beim Weiterschreiten taumelte er wie ein Betrunkener; vor seinen verglasten Augen lag ein dunkler Schleier, und als sein Fuß an einen Stein stieß, stürzte er wie ein Kind in den Schnee. Mühsam raffte er sich auf, 115 blickte verstört umher, und ein Stöhnen entrang sich seiner Brust. – Der Stein, über den er gefallen, war der Lagstein seines Kirschenackers – der nun auch nicht mehr sein war. Das Wasser trat ihm in die Augen bei den Worten: »Verloren – dahin! – Was bin ich noch?– Wie wird mir's im Alter ergehen?« Plötzlich warf er den Kopf zurück, zerschlug seinen Eichenstock am Lagstein, und während der Nordwind in seinen Haaren wühlte, schrie er mit heiserer Stimme. »Gibt es keine Gerechtigkeit mehr auf Erden, kann der Herrgott selber das zulassen, finde ich nirgends Hilfe, so helfe ich mir selber. – Den Raub muß ich ihnen freilich lassen, und straflos bleiben sie auch – aber heimzahlen, vergelten wenigstens kann ich ihnen – und so wahr sie mir heute das Herz entzwei gerissen haben, ich tu's! – Annelies – Annelies! – – Ich habe nicht gewollt, ich meinte, ich müßt's überwinden – das weiß Gott!« – – Er vergaß seine Mütze aufzuheben, barhäuptig rannte er dem Dorfe zu; als er sich durch den Garten seinem Hause näherte, stand ihm kalter Schweiß auf der Stirn, in wirren Strähnen hing ihm das Haar in das Gesicht, und sein Atem ging röchelnd. Plötzlich hemmte er die eilenden Schritte; lautes Jammern und Wehklagen scholl ihm entgegen, und wie ein Blitz durchzuckte ihn der Gedanke: ist Annelies gestorben? – Vor seinen Ohren rollte es wie Donner; Bäume und Häuser begannen sich um ihn zu drehen; es ward ihm so schwach, daß er sich an einem Baume festhalten mußte. Wirre, tolle Gedanken schossen ihm 116 durchs Hirn: der Herrgott hat ein Einsehen mit meiner Not, er will nicht, daß ich in Sünde und Schande falle – ich soll noch glücklich werden. – Unwillkürlich faltete er die Hände – da ward das Schreien lauter, und er erkannte die Stimme der Annelies. Wie betäubt starrte er eine Weile vor sich nieder, dann brach er in ein rauhes Lachen aus: »Äfft mich der Teufel bis zuletzt? – Verflucht, daß ich glauben konnte, für mich gäbe es noch ein Glück. – Der Tanz ist drinnen losgegangen – mir recht – jetzt durch, mag es enden, wie es will und kann.« An der Tür hätte er fast die Bärbel überrannt, die ihm hastig zuraunte: »'s ist ein Glück, daß Ihr kommt; der Johannes und die Bergbäuerin haben der Annelies alles gesteckt und hetzten den ganzen Nachmittag an ihr. Geht und stopft ihnen die Lästermäuler.« Mit wildem Schrei warf Frieder die Magd beiseite und stürmte in die Stube. Seit dem bösen Wort der Bärbel: es gehört doch alles dem Frieder! – war Annelies nicht wieder ruhig geworden; ihr Verdacht wuchs täglich, allein so scharf sie auch beobachtete, Gewißheit konnte sie nicht erlangen, und die Bergbäuerin wie auch Johannes wichen ihren Fragen behutsam aus. Heute, da Frieder in Tiefenort war, und sie sich vor Überraschung sicher wußte, winkte sie die Hirtenkathrin zu sich und ruhte nicht, bis ihr die Alte das Gerede der Leute mitteilte. Johannes hörte das Jammern der Mutter in der Werkstatt; voller Schrecken eilte er in die Stube, dort kam ihm die Kathrin heulend entgegen: »Ich kann 117 nichts dazu, wahrhaftig nicht, deine Mutter hat mehr gewußt als ich.« – Das sagte ihm genug; ohne Säumen eilte er in das Bergbauernhaus und holte die Pate zur Mutter. Annelies war außer sich; verzweiflungsvoll rang sie die Hände, alles Zureden war vergeblich und vermehrte nur die Aufregung der unglücklichen Frau, die ihre treuesten Freunde mit kränkenden Vorwürfen überhäufte, weil sie ihr das Unglück so lange verheimlicht hatten. Bekümmert verließ die Bäuerin die Kammer der Annelies, setzte sich zu dem bleichen Johannes auf die Ofenbank und sagte: »Es ist freilich ein Hartes für deine Mutter, aber sie treibt es auch arg. – Wenn nur um Gottes willen jetzt dein Vater nicht heimkommt.« Sie hatte kaum ausgeredet, so tönte der Schrei Frieders herein; im nächsten Augenblick ward die Tür aufgerissen. Zitternd ging die Bäuerin dem Wilden entgegen und bat: »Um Gotteswillen sei stät, Frieder, deine Annelies weiß alles.« »Und das sagst du mir, du!« fuhr sie Frieder an. »Hinaus mit dir, hinaus, fort aus meinem Haus!« »Deinem Haus?« schrie Annelies, die sich in die Stube geschleppt hatte. »Das Haus ist mein, du selber mußt hinaus und das gleich, jetzt im Augenblick!« »Was sagst du?« rief Frieder. »Ha – so weißt du schon die Geschichte? – Hast vielleicht deine Finger selber drin stecken? – Verflucht! – Und du wagst mir zu drohen? – Jetzt, wo es auskommt, daß dein Vater dem Kaspar alles Vermögen zugewendet 118 und den Hof um achttausend Gulden verkauft hat – jetzt willst du mir noch so drohen?« »Daß sich Gott erbarm!« ächzte Annelies und sank in den Sessel; allein Frieder riß sie am Arm empor und schüttelte sie heftig: »Ja, schrei nur, verstell' dich nur, mich betrügst du nicht – du selber hast's doch so weit gebracht, daß dir meine Güter zugeschrieben werden sollen. Aber hüte dich, ehe ich's so weit kommen lasse, sollst du sehen, was geschieht.« Annelies hatte sich losgerissen, die blauen Male am Arm brachten sie um alle Besinnung, gellend schrie sie: »Habt ihr's gehört? – Die Güter werden mir zugeschrieben, die ganzen Sachen sind mein Eigentum! – Im Grab noch dank' ich meinem Vater, daß er so gut für mich gesorgt hat, und keine Stunde mehr leide ich den da im Haus, fort muß er, heute noch, er und seine –« Weiter kam Annelies nicht, ein Schlag Frieders warf sie nieder. Ehe er jedoch zum zweitenmal die Hand heben konnte, riß ihn Johannes zurück und stellte sich zwischen ihn und die Mutter. Jammernd rang die Bergbäuerin die Hände, als sich Vater und Sohn mit zornfunkelnden Blicken maßen – doch plötzlich wendete sich Frieder ab und ging hinaus. In der Nacht noch mußte Johannes den Arzt zu der todkranken Annelies holen, bei der die Bergbäuerin und die Hirtenkathrin wachten. Frieder ließ sich nicht blicken; als die Sonne rot und glanzlos heraufstieg, fielen ihre Strahlen auf einen Ehebrecher. 119     Neuer Sturm. Wenn ein blendender Feuerstrahl die rabenschwarzen Gewitterwolken zerrissen hat und der brüllende Donner verhallt ist, dann schweigt auf Minuten das Toben des Sturmes, eine tiefe Stille folgt dem Aufruhr der Elemente, und der segnende, erquickende Regen rauscht stärker nieder auf die erschrockene Erde. Ähnlich in Frieders Seele. Der furchtbaren Spannung der Leidenschaften, die sich endlich in stürmischer, wilder Tat Luft verschafften, folgte ein gewaltsamer Rückschlag. An Stelle der Erregung trat tiefe Erschlaffung, eine müde Stille legte sich über seine Seele; er sehnte sich nach Ruhe, nach einem langen, tiefen, traumlosen Schlaf. Aber er fand ihn nicht. Drohend stand neben ihm ein dunkles, gestaltloses Etwas, dessen eisiger Hauch ihn erschreckte, so oft er die Augen schloß; in den Tiefen seiner Seele regte es sich wie nagender, fressender Schmerz. Als endlich das ersehnte Licht des Tages heraufdämmerte, schauderte er zurück vor sich selber, vor der Größe seiner Schuld, die er jetzt erkannte. Er suchte Vergessenheit in der Arbeit, aber 120 der Schmerz nagte fort; ein geheimes Bangen lag wie ein Alp auf ihm; mitten im eifrigsten Schaffen überlief ihn ein Schauer bei dem Gedanken: »du bist ein Ehebrecher!« Dann mußte er sich in plötzlicher Mattigkeit niedersetzen, kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn, und die teilnehmenden Blicke des Johannes, den seine Seufzer aufmerksam machten, drangen ihm wie Messerstiche ins Herz. Reuevoll sehnte er sich nach Befreiung von seiner Tat, und mit der Empfindung, daß nur Annelies den Schmerz in ihm stillen könne, erwachte ein herzlicher Wunsch nach Versöhnung mit der schwergekränkten Frau. So oft Johannes von der kranken Mutter in die Werkstatt zurückkehrte, lauschte er, ob er ihm nicht ein gutes Wort von ihr überbringe; auch die Frage nach ihrem Befinden lag ihm mehrmals auf den Lippen, doch unterdrückte er sie; dafür gelobte er sich im stillen, nach ihrer Genesung selbst mit ihr zu reden und sich um jeden Preis mit ihr zu versöhnen – der milde Himmelsregen rauschte nieder. Allein der Zorn, der ihn von Annelies schied, war zu alt, die Erbitterung zu tief, als daß diese innere Erwärmung hätte bleibend sein können, schon am folgenden Tage bereitete sich ein neuer Umschwung vor. Frieder ward ruhiger und gewöhnte sich an den neuen Zustand, der ihm im ersten Augenblick so schrecklich, so unerträglich erschienen war; er begann über seine Lage nachzudenken und fand, daß es nicht so gar schlimm um ihn stehe. »Der Hofhannes war noch viel schlechter als ich und ist doch als angesehener Mann gestorben,« sagte er sich. »Was ich getan, 121 haben tausende vor mir vollbracht, und tausendmal wird es nach mir geschehen; wie mancher Ehebrecher steht in Amt und Würden, und kein Mensch darf ihn darum ansehen. Mit einem Stück Geld ist die Bärbel abzuweisen; hat sie erst das Haus verlassen, wächst Gras über die Geschichte, und kein Mensch denkt mehr daran. – Annelies – freilich, ob die nachgeben wird? – Aber was will sie machen? Vorwerfen darf sie mir nichts, schon wegen der Schlechtigkeit ihres Vaters nicht, denn die ist noch viel größer als die meinige: umgekehrt muß sie froh sein, wenn ich ihr verlorenes Erbe verschmerze. – Ich und Annelies heben gegeneinander auf; ich tu die Bärbel aus dem Haus, und sie läßt es mit den Gütern beim alten, so ist uns beiden geholfen, und der Lärm war für uns eine Lehre; vielleicht gestaltet sich in Zukunft unser Leben desto besser. – Wozu sich gleich den Kopf abreißen? – Ich will auch ein übriges tun und das erste Wort reden – Annelies wird bis dahin zur Einsicht kommen und nicht mit dem Kopf durch die Wand wollen.« Eine große Veränderung war dennoch mit Frieder vorgegangen; Bärbels zuversichtliches, dreistes Wesen erschreckte ihn; er wich ihr aus, um so ängstlicher, je mehr er merkte, wie sehr er sich an sie gewöhnt hatte. Auch in das Wirtshaus kam er seltener; seine Zechbrüder steckten die Köpfe zusammen: »Was nur den Frieder anficht? Der ist doch wie umgewandelt, und gerade seit jenem Abend, da man meinte, nun ist's mit ihm für immer vorbei – daraus werde einer 122 klug.« Selbst den Nachbarn fiel die Veränderung auf; der Herrnbauer sagte einmal zu seinem Bruder, dem Beckenjörg: »Wir haben dem Frieder doch unrecht getan, der macht einen rechtschaffenen Anfang zur Umkehr.« – »Wollens abwarten!« war die Entgegnung, »ich traue ihm nicht.« Wunderbar schnell erholte sich Annelies von ihrer Krankheit; schon acht Tage nach jener Schreckensnacht verließ sie das Bett, und die Herrschzeit der Bärbel fand ein unerwartetes Ende. Annelies war sanfter und stiller als früher, sprach wenig, und man sah ihr an, daß sie mancherlei Gedanken bewegten. Zwar redete sie nicht mit Frieder, doch ging sie ihm auch nicht allzu absichtlich aus dem Weg; Bärbel allein durfte sich nie in ihrer Nähe blicken lassen. Für die häuslichen Arbeiten nahm sie die Hirtenkathrin zu sich und beschränkte Bärbel dadurch auf Stall und Scheune. Zufällig kam in diesen Tagen der Hofkaspar nach Bergheim, und es fiel ihm ein, daß er nichts versäume, wenn er sich bei dieser Gelegenheit nach dem Ergehen der Schwester erkundige. Annelies fuhr wohl ein Stich durchs Herz bei seinem Anblick; aber er war doch aus ihrer Freundschaft, und nach einigem Besinnen trug sie ihm auf, er solle zu Frieder gehen und wegen der Bärbel, die sie nicht mehr ersehen könne, mit ihm reden. »Aber sprich vernünftig und komme säuberlich an ihn, ich will keinen neuen Streit, wir haben Unglück genug im Haus!« rief sie ihm nach. – Höhnisch lachend stolperte Kaspar in die Werkstatt und verlangte im 123 Namen der Annelies, Frieder solle entweder im Augenblick die Bärbel fortschicken oder selber das Haus räumen. Frieder, den schon der Anblick des Mannes reizte, der ihm als Mitschuldiger am Betrug in Tiefenort verhaßt war, konnte nicht ahnen, daß Kaspar boshaft gerade das Gegenteil von dem tat, was ihm Annelies an das Herz gelegt; der befehlende Ton des Schwagers empörte ihn vollends; das Verlangen, an sich nicht ungerecht, erregte seine Erbitterung, da man ihm keine Gegenleistung zugestand. Alle Reue, alle guten Vorsätze erstickten im neuauflodernden Zorn. »Das alte Spiel,« fuhr es ihm durch den Kopf. »Sie wollen mich nun einmal gänzlich unterdrücken! Aber halt da – wehrlos gebe ich mich nicht in ihre Hände, überhaupt nicht, denn sie sind nichts Besseres als ich. Hundert Ursachen hätte ich schon gehabt, gegen sie loszufahren, und ich tat es nicht – darum gebe ich jetzt auch nicht nach, nicht fingerbreit, mag daraus werden was da will!« – Ohne sich auf weitere Auseinandersetzungen einzulassen, schrie er Kaspar an. »Sag's ihr, so ließ ich mir nicht kommen; hab' ich unrecht getan, so wird's hundertmal aufgewogen durch das, was ich von euch habe erleiden müssen. Und jetzt geh, geh im Augenblick, willst du deine Gliedmaßen nicht auf dem Weg zusammenlesen; geh fort, eh' ich in Wut komme.« Kaspar hätte sich wohl gern gestellt, aber er traute Johannes und den Gesellen nicht und verließ trotzig die Werkstatt. Bei Annelies vollendete er sein Bubenstück; vorsätzlich entstellte er Frieders Worte, seine eigne 124 Roheit verschwieg er. Als er das Haus verließ, zitterte Annelies an allen Gliedern vor Zorn, und Johannes, der sich über Kaspar beklagen und den Vater in Schutz nehmen wollte, erfuhr so kränkende Abfertigung, daß er im Innersten verletzt schwieg. Der Augenblick, da eine Vereinigung möglich gewesen, war vorüber, das rechte Wort zur Versöhnung blieb ungesprochen – der gänzliche Verfall schritt rasch vorwärts. Bärbel, der sich Frieder jetzt fest und rückhaltlos anschloß, triumphierte; zwar ließ sie ihren Verdruß nicht merken, vergessen konnte sie es jedoch Frieder nicht, daß er sie eine Zeitlang beiseite geschoben. »Hab' ich dich nur erst ganz, dann will ich dir das wett machen!« gelobte sie sich innerlich, und sie war die Natur, darin Wort zu halten. Freilich gab ihr die Rückkehr Frieders auch sonst keine rechte Befriedigung; Annelies machte keine Anstalten zu sterben; ihr zum Trotze schien sie im Gegenteil täglich frischer aufzuleben, und noch andre Sorge begann sie zu ängstigen. Das Gerücht hatte sich verbreitet, die Schreinersgüter gehörten schon lange der Annelies, und es hinge bloß von ihr ab, ihren Namen in die Grundbücher eintragen zu lassen; – wenn sich das bewahrheitete, waren ihre Absichten vereitelt; denn, starb dann auch Annelies, so fiel der Besitz doch an Johannes. Heftig drang sie in Frieder um Aufklärung; er machte Ausreden, allein seine Verlegenheit bestätigte, was er leugnen wollte, und Bärbel war trostlos. Es kam zu heftigen Auftritten; Bärbel dachte sogar daran, ihn zu verlassen – aber das war schon zu spät. 125 Eine Vorladung Frieders, im Amt die Überschreibung seiner Güter an Annelies zu genehmigen, kam ihr zufällig in die Hände und gab ihr die Gewißheit, vor der sie so lange gezittert. Was sie mit Frieder redete, erfuhr niemand; danach lag sie krank zu Bett, während Frieder bleich und verstört das Haus verließ. In wahrer Todesangst eilte er in nahen und fernen Städten von einem Advokaten zum andern, bot große und immer größere Summen dem, der die Verschreibung verhindern würde. Hatte er jedoch seine Verhältnisse klar dargelegt, so ward ihm als Antwort ein bedauerliches Achselzucken; überall ward er mit dem wohlgemeinten Rat entlassen. »Vergleicht Euch in Güte mit Eurer Frau, ein Prozeß wäre Wahnwitz.« Einige Winkeladvokaten machten ihm zwar Hoffnungen, allein als er bestimmte Zusicherungen verlangte, wiesen sie ihm die Tür. – Trostlos kehrte er heim; ihm bangte vor den Stürmen, die ihm daheim bevorstanden; eine dunkle Ahnung, Bärbel könne sich von ihm lossagen wollen, quälte und ängstete ihn; – jetzt fiel im die Kälte und Gleichgültigkeit der letzten Zeit schwer auf die Seele. Wunderliches Ding das Menschenherz! Statt daß ihm diese Zurücksetzung, deren Ursache er unmöglich verkennen konnte, die Augen hätte öffnen sollen, vermehrte sie nur feine Verblendung; ohne Bärbel glaubte er das Leben nicht mehr ertragen zu können, und einen neuen Zorn warf er auf Frau und Sohn, denen er schuld gab, sie zerstörten sein letztes und einziges Glück. Beim Eintritt in sein Haus kamen ihm der 126 Bergbauer und Ritzengottfried entgegen. »Also richtig hat der Bergjörg auch darin seine Finger!« knirschte er und stellte sich breit und trotzig den Männern in den Weg, die ihm jedoch klug auswichen und nicht taten, als bemerkten sie seine herausfordernden Blicke. Droben in ihrer Kammer starrte ihn Bärbel mit weit geöffneten glanzlosen Augen entgegen; noch ehe er ein Wort reden konnte, verfärbte sie sich und sank schluchzend in die Kissen zurück – sie wußte, woran sie war. Frieder wollte sich einen Stuhl an ihr Bett ziehen, wollte ihr freundlich zusprechen, allein sie schrie: »Weg, weg von mir, wir sind geschieden, ich habe nichts mehr mit dir zu schaffen!« Eine Flut von Vorwürfen und Verwünschungen folgte diesen Worten. Frieder stand zuerst wie betäubt; aber bald hörte er nichts von den Scheltworten und Anklagen, mit denen ihn die Dirne überhäufte; im Zorn erschien sie ihm reizender, ihre Wildheit verstrickte ihn fester in wahnsinnige Leidenschaft. Außer sich rief er: »Sag' nicht mehr, daß du von mir willst, du bist mein, jetzt und immer; ich laß dich nicht, mit dem Teufel selber nehm' ich's auf um dich! Du darfst mich nicht verlassen, hörst du? – Du darfst nicht, es gibt sonst ein Unglück!« – – Am selben Nachmittag schaffte Johannes mit den Gesellen emsig in der Werkstatt, und bei den munteren Reden, die heute ausnahmsweise die Arbeit belebten, vergaß er fast seinen Kummer. Da sah er den Ritzenvetter von Dammsbrück und den Bergbauer ins Haus treten, hörte sie mit der Mutter reden und dann zur 127 guten Stube hinaufsteigen. Erschrocken fragte er sich: »Was bedeutet das? – Sollte ein Anschlag gegen den Vater im Werk sein?« Je länger er über die möglichen Ursachen dieses unerwarteten Besuches sann, desto ängstlicher ward er; kurz entschlossen legte er endlich seinen Hobel aus der Hand und ging den Männern nach. »Gib acht,« sagte Hansmichel und lehnte sich verdrießlich an die Hobelbank, »es gibt wieder was; vergebens setzen sich der Ritzengottfried und der Bergbauer nicht in die obere Stube zur Annelies, der Johannes ist auch arg erschrocken. – Das ist doch ein wahres Hundeleben in dem Haus, und wird's nicht bald anders, weiß ich, was ich tu'! – Wäre Johannes nicht, dem Meister hätte ich schon lange den Hobel vor die Füße geworfen.« »Ich auch,« stimmte Martin bei; »aber Johannes dürfen wir nicht verlassen, der arme Bursch hat ohnedies Elend genug auf seinen Schultern liegen. Was nur los sein mag? – Frieder ist seit drei Tagen nicht ins Haus gekommen, und als er fortging, sah er aus, ich bin vor ihm erschrocken.« »Ja, er könnte einen beinahe dauern, und doch verdient er kein Mitleid. 's ist eine verkehrte Sach', Unrecht hüben und drüben, man weiß nicht, wie man sich dazu stellen soll. Der arme Johannes! Er möchte so gerne die Geschichte ausgleichen, sorgt und kümmert sich ab zum Erbarmen und ganz vergeblich, Feuer und Wasser vertragen sich eher, als der Meister und die Meisterin. Und wie wird ihm gedankt! – Ich möchte nicht in seiner Haut stecken!« 128 Als Johannes in die gute Stube trat, sagte eben Gottfried: »Ich bin froh, daß es nun zu Ende geht. Sei nur standhaft und laß keine Zaghaftigkeit spüren, wenn Frieder etwa über dich kommen sollte. – Zurück darfst du um keinen Preis mehr – morgen müssen dir die Güter zugeschrieben werden.« »Soweit ist's schon?« rief Johannes und trat an den Tisch. »Und davon erfahre ich nichts? Solch wichtige Sache, die mich so nah angeht, wird heimlich hinter meinem Rücken abgemacht?« Verlegen blickte Annelies und der Bergbauer, die bei dieser unerwarteten Unterbrechung fast erschrocken herumgefahren waren, auf Johannes; nur Gottlieb bewahrte seinen Gleichmut und entgegnete gelassen: »Seinerzeit würden wir dir gesagt haben, was dir zu wissen nötig ist. – Solche Geschäfte machen die Männer allein ab.« »Bin ich ein Kind?« »So ist's nicht gemeint,« fiel der Bergbauer begütigend ein. »Johannes, es ist nicht immer gut, wenn man um alles weiß; wir haben dir von unserm Vorhaben nichts gesagt, damit du leichter darüber hinwegkommen solltest.« »Wirklich? – Pat', diesmal seid Ihr nicht aufrichtig, gesteht nur, Ihr verschweigt mir den Handel, um selber leichter darüber hinwegzukommen; denn daß ich niemals darein willigen würde, wußtet Ihr gut genug.« »Weiß freilich nicht, womit ich's verdient habe, gewohnt bin ich's schon, daß du mir in allen Stücken entgegen bist,« erwiderte der Bergbauer verdrießlich 129 und doch auch nicht ohne Verlegenheit. »Einen Rat will ich dir geben, und er ist gut gemeint: überleg' dir inskünftig deine Worte, ehe du damit herausplatzest, du könntest sonst in große Ungelegenheiten kommen; es sind nicht alle Leute so gutmütig wie ich.« »Ich meinte es nicht bös,« antwortete Johannes, dem eine leichte Röte die Wangen färbte, »allein in dieser Sache hättet ihr mich nicht übergehen dürfen. Mutter, ich bitte Euch, laßt von Eurem Vorhaben! Es kann Euch doch nicht daran liegen, den Vater gänzlich zu verderben, beschwert Euer Gewissen nicht.« »Gott und die Männer da wissen es,« begann Annelies tief aufatmend, »ich habe es nicht leichtsinnig unternommen. Es ist hart, daß ich davon reden muß, aber du zwingst mich dazu. In meiner Krankheit sind mir gar mancherlei ernsthafte Gedanken gekommen, ich habe da eingesehen, deinem Vater ist's nicht immer gut gegangen, ich war vielleicht auch oft nicht, wie ich sein sollte. Zuletzt aber hätte das Unrecht, das mein Vater an uns verübte, auch einen gelasseneren Menschen wie Frieder in Zorn gebracht, und es war nicht klug von mir, daß ich ihn an jenem Unglücksabend noch mehr aufreizte. Wie ich das so überlegte, nahm ich mir vor, ich wollt' ihm den Schlag nicht nachtragen, ihm auch sonst alles verzeihen und die Güter lassen, wenn er die Bärbel fortschickte und wieder ordentlich würde.« »Großer Gott, Mutter, ist das Euer Ernst?« fiel ihr Johannes ins Wort. »Mir blutet das Herz! Hättet Ihr doch das dem Vater gesagt oder sagen 130 lassen, jetzt wäre alles gut. Der Vater, ich weiß es, sehnte sich selber nach Ordnung; der Kummer lag schwer auf ihm; er dauerte mich oft, wenn er so tief seufzte. Mutter, Mutter, warum habt Ihr das versäumt?!« »Versäumt? – Schickte ich nicht den Kaspar an ihn?« »Kaspar! – Warum mußtest Ihr Euch denn gerade dem anvertrauen?« »Warum – ja, warum? – Wie oft mußte ich das schon hören? Was kann ich für seine Schlechtigkeit? Hat der Kaspar betrogen, trifft ihn die Verantwortung, nicht mich. – Johannes, halte ein, vergiß nicht, ich bin deine Mutter! Ich habe getan, was ich konnte – mußte Frieder gleich so arg gegen mich aufbegehren? Durfte er mir nicht zuvor ein gutes Wort gönnen, ehe er dem Faß den Boden ausstieß? – Nein, Johannes, mich trifft keine Schuld. Behält er mir zum Trotz die Bärbel im Haus – du kannst nicht verstehen, was es für eine Ehefrau heißen will, mit solchem Weibsbild unter einem Dach zu wohnen – so greif' ich nach den Gütern, dabei bleibt's, rede mir kein Wort mehr.« »Mutter, hört noch eins. Die Sache ist nicht schlimmer, als da Ihr den Kaspar an den Vater schicktet – wenn ich oder sonst jemand es dahin brächte, daß der Vater sogleich die Bärbel fortschickte – versprecht Ihr mir, daß Ihr ihm dann die Güter lassen wollt?« »Nicht schlimmer als damals?« weinte Annelies, »geh mir aus den Augen, wenn du das sagen kannst.« 131 »Mutter, laßt Euch erweichen, versprecht, daß Ihr gut sein wollt, wenn der Vater nachgibt.« »Nie und nimmer! – Und meine Geduld ist auch zu Ende! Zu was sitzet Ihr da? – Habt Ihr kein Wort zu meinem Beistand?« »Das ist doch leeres Gered'!« sagte Gottfried gleichgültig und klopfte die Asche aus seinem Pfeifenkopf. »Du hast uns einmal die Geschichte übertragen, und nun führen wir sie durch, selbst wenn du zurück wolltest.« »Und ich weiß nicht, was ich von dir denken soll, Johannes,« fiel der Bergbauer ein. »Was hast du nur immer mit dem Menschen, dem Frieder? Merk's doch einmal, das ist ja dein Vater gar nicht mehr. Daß du es nur weißt, ich selber habe deiner Mutter geraten, sie solle die Güter an sich ziehen.« »Das hätte ich freilich von Euch am wenigsten erwartet, und wie Ihr das übers Herz bringen konntet, verstehe ich nicht – dagegen sage ich: er bleibt mein Vater, was er auch tut; ich wenigstens lasse mich nicht gegen ihn aufbringen.« »'s ist eine wunderliche Welt heute, hätte nie gedacht, daß ich mich gegen einen grünen Jungen verantworten müßte. Du verdienst freilich keine Antwort auf deine unverschämten Reden; wenn ich's doch tue, geschieht's nur, damit du siehst, der Bergbauer braucht seine Augen nicht niederzuschlagen. – Ich halte was auf mich und meine Ehre, darum verlange ich von meinen Gefreundten das gleiche. Frieder stellte sich auch, als wäre ihm sein guter 132 Name was wert, und jetzt kommt es 'raus, das war eitel Lug und Trug – das ist es, was uns scheidet. Einen Menschen, der sich jahrelang verstellen kann, wie es Frieder tat, der in seinen alten Tagen Unzucht treibt und seine Frau schlägt – mit dem habe ich keine Gemeinschaft. Und solchem Menschen ist überhaupt nicht zu trauen, der ist zu allem fähig – darum müssen ihm die Hände gebunden, und vor allen Dingen euer Vermögen sicher gestellt werden!« »Wenn ich gleich weiß, jedes Wort ist vergeblich, so sage ich doch, Ihr tut dem Vater unrecht. Das mag zuletzt auch sein, wie es will; ich, als Kind vom Haus, und weil ich an das Vermögen auch ein Recht habe, ich sage, die Mutter soll die Güter nicht nehmen.« »Gut!« fiel ihm Gottfried ärgerlich ins Wort, »wir wissen jetzt deine Meinung, wir haben eben eine andre und dabei Punktum.« »Aber Ihr dürft mich nicht übergehen.« »Was du nicht alles weißt,« entgegnete der Bergbauer spöttisch. »Aber du bist noch jung, darum wollen wir dir deinen Vorwitz zugut halten.« »Euer Spott trifft mich nicht, bin ich doch gerade alt genug, um einzusehen, daß Ihr und der Vetter unser Unglück voll macht. Wenn die Mutter zu weit geht, ist's ihr nicht allzuhoch anzurechnen, sie ist eine Frau und gekränkt, erzürnt obendrein, aber Ihr solltet klüger sein und nicht den Haushalt gänzlich auseinander reißen.« »Johannes, Johannes, nimm dich in acht,« rief der Bergbauer ernstlich zornig. »Vergiß nicht, Bürschle, 133 es könnte mir einmal einfallen, daß der Schreinersfrieder dein Vater ist, und der Apfel nicht weit vom Stamm fällt. – Denk' an Auguste! – Jetzt geh, wir haben noch wichtige Dinge zu bereden.« Traurig verließ Johannes die Stube, droben im Bergbauernhaus setzte er sich neben Auguste und klagte ihr, daß all sein Mühen vergeblich gewesen. Auguste erschrak heftig und sagte weinend: »Ach, Johannes, was hast du gemacht? Der Vater hat nun einmal einen Zorn auf Frieder, warum mußtest du ihn noch mehr erbittern? Ich ahn's, ach, ich ahn's, nun kommt das Unglück auch über uns!« »Schilt nicht, Auguste, ich habe mir selbst schon Vorwürfe gemacht, daß ich den Männern so rundweg meine Meinung sagte – aber ich kann nicht anders. Unrecht still zusehen, ist mir einmal nicht gegeben, ich muß reden, die Worte kommen ganz von selbst, sie sind da und lassen sich nicht unterdrücken. Sei mir nicht bös, Herzlieb; Leid wird wohl kommen, ich ahn's auch, allein es ist besser, Leid als Unrecht tragen. Mir wird's nicht leicht, was ich tu', Auguste, ich stehe zwischen beiden Eltern, und wie ich mich auch wende, es wird mir übel ausgelegt. Was noch werden soll, weiß ich nicht, aber ich halte aus; brav und treu allerwegen, davon laß ich mich nicht abbringen.« Der Eintritt des Bergbauern unterbrach das Gespräch; mürrisch zankte er mit Hans und Auguste; der Bäuerin gab er kurze Antworten, und Johannes, dessen Gruß er kaum erwiderte, seufzte auf dem 134 Heimwege: »Wie lange werde ich im Bergbauernhaus noch ein- und ausgehen?« Am nächsten Morgen hielt der Bernerwagen des Ritzengottfried, der selbst die Zügel führte, und neben dem der Bergbauer saß, vor dem Schreinershaus. In der Haustür trat Johannes zur Mutter, ergriff ihre Hand und sagte mit bewegter Stimme: »Mutter, tut's nicht! – Bleibt daheim, denkt an die Folgen! – Tut's wenigstens heute noch nicht.« Annelies sah ihm halb zornig, halb ängstlich in die Augen, und als draußen Gottfried ungeduldig mit der Peitsche knallte, riß sie sich mit den Worten los: »Johannes, verzeih dir's Gott, daß du mir den schweren Gang noch schwerer machst. Ich tu's nicht leichtfertig, dein Vater will's nicht besser haben, gib ihm die Schuld, nicht mir.« – Der Bergbauer half ihr auf den Wagen, die Pferde zogen an, und Johannes seufzte: »Nun ist's entschieden!« »Jawohl, entschieden,« rief Frieder rauh, der unbemerkt zu ihm getreten war. »Aber freue dich nicht zu früh, Bursch! Die Güter habt ihr mir nun wohl aus den Händen gewunden, aber noch ist nicht aller Tage Abend, wir kommen noch einmal zusammen, und dann rechnen wir ab!« An Johannes vorbei stürmte er ins Freie; er ging nicht ins Gericht, was sollte er dort? – Die Verschreibung konnte er doch nicht hindern. Lange irrte er ziellos durch die Flur, erst gegen Mittag kehrte er zurück und setzte sich im Wirtshaus fest. Selbst Geuß und Saufpaule erschraken vor seiner Wildheit und 135 suchten, freilich vergebens, ihn zu beruhigen. Als gegen Abend Gottfrieds Wagen draußen vorbeirollte, schrie Frieder: »Jetzt zieht die Annelies in ihr Haus ein! – Hurra, wird drüben eine Freude und Herrlichkeit sein – freilich, solch seine Sachen fängt man nicht alle Tage! – Aber holla, was kümmert mich Haus und Hof? – Hin ist hin! – Dafür bin ich jetzt ein freier Mann, heisa, frei wie der Vogel in der Luft! – Juhu! – Lustig gelebt und selig gestorben, heißt dem Teufel die Rechnung verdorben! Darauf leb' ich, darauf sterb' ich! – Bier her, juhu!« 136     Verstoßen. Die Tauben girrten unter dem Dach und badeten sich im Brunnen neben dem Nußbaum; der alte Spitz saß schläfrig auf dem Treppenaltan und wedelte leise mit dem Schwanz, wenn drunten ein Bekannter vorbeiging, was ziemlich oft geschah, da er mit allen Bergheimern, die Schulbuben ausgenommen, in den freundschaftlichsten Verhältnissen stand; in den Fenstern blühten Monatsrosen und Lackstöcke, eine befriedete Stille lag über Haus und Hof, als habe nie ein unholder Geist Eingang gefunden, und doch war im Innern nur Haß, Zwietracht, Jammer und Herzeleid heimisch. Frieder war allein in der Werkstatt; längst war der Hobel seinen Händen entglitten, müßig starrte er hinaus in die Welt, durch welche der erste Frühlingsodem wehte, und ernste Gedanken bewegten seine Seele. Trübe Tage lagen hinter ihm, trübere standen ihm bevor; ein Schauer überrieselte ihn, als er heute, zum erstenmal seit langer Zeit nüchtern, überlegte, was in Zukunft werden solle. Bisher hat er jeden Vorschlag zur gütlichen Auseinandersetzung mit 137 Annelies barsch abgewiesen, auf den Mangel entscheidender Beweise pochend, sogar dem Gericht, dessen Hilfe Annelies zur Entfernung der Bärbel in Anspruch nahm, getrotzt. Das war nun vorbei; er fühlte, auch wenn sich Bärbels Zustand noch länger hätte verbergen lassen, so konnte es nicht länger fortgehen, das Leben war für alle gleich unerträglich – und dennoch zagte der starke, wilde Mann vor der Entscheidung. Frieder bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen, als plötzlich lautes Wehklagen durch das stille Haus hallte – das war das Totenlied seiner Ehre. »Sie weiß es,« flüsterte Bärbel durch die halbgeöffnete Tür, »was soll werden?« Wie aus einen Traum erwachend, starrte er ihr in das bleiche Gesicht, seine Stimme hatte allen Klang verloren bei den barschen Worten: »Packe deine Sachen und mache dich auf nach Sülzdorf, du weißt, wo du dich hinzuwenden hast. – Marsch, vorwärts! – Was gaffst du noch? – Deines Bleibens ist hier nicht länger – vielleicht meines auch nicht!« Langsam ging er in der Werkstatt auf und ab, sah die Hirtenkathrin weinend das Haus verlassen, sah sie mit der verstörten Bergbäuerin zurückkehren, auch den Bergbauern erschrocken ins Haus eilen und dachte: »Nun wird Gericht über mich gehalten und mein Urteil gesprochen – was sie mit mir vorhaben mögen!« Frieder hätte sich gerne in Erregung und Zorn hineingesonnen, allein es gelang ihm nicht; die Frage, »mußte es auch so kommen?« erweckte Gedankenreihen, die ihm den Angstschweiß auf die Stirn trieben. 138 Freundliche Bilder einer glücklichen Zukunft umgaukelten ihn; er sah vor sich ein ruhiges, sorgenfreies Alter, sah seine Ehre, sein Ansehen im Sohn fortleben, den Wohlstand seines Hauses sich mehren, frische Enkel um seine Knie spielen, und eine Stimme in ihm sprach: »So wäre es geworden, hättest du zur rechten Zeit deine Leidenschaften gezügelt!« Allein die Klagen der Annelies, die schneidend dazwischen tönten, sagten ihm, wie das für immer verloren, wie ihm für sein Alter nichts geblieben, als Schmach und Schande vor den Menschen, Haß und Reue im Herzen, ein elendes mühseliges Leben bis ins Grab. Trostlos drückte er die Stirn gegen die kalten Scheiben, und im wilden Schmerz fragte er sich wieder und wieder: »Hat es wirklich so kommen müssen?« In seinem Kummer merkte er nicht, wie sich die Tür öffnete; erst als der Riegel ins Schloß schnappte, erwachte er aus seinem Brüten und sah sich dem Bergbauer gegenüber. Eine Weile blickten sich die einstigen Freunde, die heute als Todfeinde sich gegenüberstanden, prüfend in die Augen, als wollten sie ihre Kräfte messen; endlich begann der Bergbauer, der trotz aller Mühe das Beben seiner Stimme nicht verbergen konnte: »Du wirst wissen, warum ich komme, mache dir und uns keine Ungelegenheiten, es führt doch zu nichts – verlaß das Haus!« »Was habe ich mit dir zu schaffen? – Hast du mir zu befehlen?« »Ich bin Pate und Vormund deines Johannes und rede im Auftrage der Annelies. Mache keine 139 Weitläufigkeiten, du mußt selber spüren, daß deines Bleibens hier nicht mehr sein kann.« Frieder hatte den Kopf auf die Brust sinken lassen, nach einer Pause sagte er leise: »Die Bärbel ist fort.« »Zu spät! – Zu rechter Zeit hätte dich das retten können, jetzt ist's vorbei, die Annelies dringt auf Scheidung. Willst du das Haus räumen?« »Gutwillig nicht,« rief Frieder, und seine Augen blitzten. »Das Haus ist mein, ich hab's gebaut, es steht auf meinem Grund und Boden – habt ihr das Herz, werft mich hinaus – freiwillig geh' ich nicht.« »Besinne dich! – Du weißt, wie du im Amt angeschrieben stehst, jetzt eine Anzeige von der Annelies – und morgen schon führt dich der Gendarm aus dem Haus.« Frieder hatte den Kopf wieder sinken lassen und wühlte mit den Füßen in den Hobelspänen; plötzlich brach er los: »Gut, ich räume euch das Feld, aber im Haus und Stadel steckt mein erworbenes Vermögen – zahlt mir das auf, aber bei Heller und Pfennig; auch das Hausgerät und Handwerkszeug, soweit es neu ist, die Bretter und Bohlen gehören mir – und ich sage, solange ein Heller meines Vermögens in euren Händen ist, solange ein Stück meines Eigentums im Haus steckt, bringt mich keine Macht der Welt von der Stelle.« »Wie es mit dem erworbenen Vermögen wird, darüber streite ich nicht mit dir, das wird vor Gericht ausgemacht; mit deinem Aufenthalt hat es nichts zu 140 schaffen. – Willst du fort, oder soll ich eine Anzeige machen?« »Was habt ihr vor? – Wollt ihr mich auch um mein Erworbenes betrügen?« »Geteilt wird es, darauf verlaß dich – hast du es etwa allein zusammengebracht? – Und vom Betrügen sei ja still; du hast deine Bücher und Schriften, die stellen dir dein Eigentum sicher genug. – Frieder, mache dir keine Ungelegenheiten,« rief der Bergbauer, als Frieder fluchend auffahren wollte, »bis heute abend hast du Frist, bist du dann noch im Haus, weißt du, was geschieht!« Frieder war wieder allein in der Werkstatt; mit gekreuzten Armen lehnte er an der Hobelbank, seine Augen irrten unruhig umher, bis sie auf einer Schachtel mit Schwefelhölzchen haften blieben. – Das war nun die Entscheidung – verstoßen und auch um sein letztes Gut betrogen! – Bis zum Abend durfte er noch bleiben, dann waren Annelies und Johannes hier Herr, erfreuten sich der Herrlichkeiten – welchen Reichtum barg nicht das Haus – und er war hinausgestoßen in Armut und Elend! – Bis zum Abend noch, dann war er ein Bettler! – Unwillkürlich ergriff er die Schachtel mit Streichhölzern; warum sollte er zugeben, daß sich seine Gegner ihres Raubes erfreuten? – Das Haus mit allem, was es barg, war sein Werk, er hatte es geschaffen – wer konnte ihn hindern, das eigene Werk wieder zu zerstören? – Heute abend – ein Strich – ein Fünkchen ins Heu und Stroh – und die ganze Herrlichkeit ging 141 in die Luft; – dann erfuhr Annelies auch, was es heißt, in Armut geraten. – Ein wilder Taumel erfaßte ihn, das war ja zugleich eine Antwort auf des Bergbauern hartes Wort »zu spät!« – Plötzlich kam ihm ein andres Wort des Bergbauern in den Sinn: »Jetzt spielst du mit der Sünde, weil du meinst, du kannst zurück, wenn du magst – aber gib dem Teufel ein Haar, und du bist sein mit Leib und Seel'.« – Die Schwefelhölzer entglitten seiner Hand, seine Haare sträubten sich, und leise stöhnte er: »Ehebrecher und Brandstifter – nun fehlt bloß noch Räuber und Mörder! Zu spät – zu spät. Der Bergbauer hat recht, ich gehöre dem Teufel mit Leib und Seele. Zu spät – zur Umkehr, ja aber ein Brandstifter – nein, das wenigstens will ich nicht werden.« – Langsam wankte er aus der Werkstatt; mit zitternden Händen packte er seine unentbehrlichsten Habseligkeiten zusammen, und im neu erwachten Zorn verließ er durch die Hintertür das Haus. * * * Um dieselbe Zeit, als Frieder einsam in der Werkstatt seinem Schicksal nachsann, lehnte Johannes am Kammerfenster und lauschte dem Brausen des Aprilsturmes, der die Aeste des Nußbaumes wild hin und her zerrte. Trübe Ahnungen lasteten auch auf seiner Seele, nicht minder trostlos als der Vater blickte er in die Zukunft. Die Eltern zu versöhnen, hatte er aufgegeben; stille ließ er beide gewähren, aber der Kummer, den er in sich verschließen mußte, legte sich 142 schwer und immer schwerer auf seine Seele; selbst Auguste vermochte nur noch selten seine umwölkte Stirn zu erheitern. Obgleich es zwischen ihm und dem Bergbauern nicht wieder zum offenen Zwist gekommen war, kehrte doch auch die alte Herzlichkeit und Aufrichtigkeit nicht zurück; eine Verstimmung, ja ein gewisses gegenseitiges Mißtrauen lag zwischen ihnen und erfüllte sein Herz mit schweren Sorgen. Noch vermittelte die Bäuerin, allein Johannes sah voraus, daß ein Bruch zwischen ihm und dem Bauer, dessen Feindschaft gegen Frieder immer bitterer und unverhüllter hervortrat, nicht ausbleiben konnte. Und freilich trieb es der Vater so, daß selbst Johannes kaum ruhig bleiben konnte und der Mutter recht geben mußte, die auf Lösung des unerträglichen Verhältnisses drang. Er sehnte sich nach Klarheit und Ordnung; seinem ehrlichen, geraden Charakter widerstrebten die unnatürlichen Zustände, die alle sittlichen Ordnungen verrückten – und doch bangte er vor einer Entscheidung, die nur zum Verderben des Vaters ausschlagen konnte. Er ahnte, wie es um Bärbel stand, und als die Wehklagen der Mutter in seine stille Kammer drangen, faltete er die Hände – er hatte ja gewußt, daß es so kommen mußte. Als der Bergbauer ins Haus trat, kam ihm der Gedanke hinabzugehen, aber er schüttelte traurig den Kopf; – was sollte er dort? – Der Vater mußte das Haus verlassen, das war schon lange beschlossen, daran konnte sein Einspruch nichts ändern, und – vielleicht war es ja auch das Beste, 143 wenn der Vater wenigstens für einige Zeit aus dem Wege ging. Ein bitteres Gefühl quoll in ihm auf; die ganze Verwirrung war im Grunde doch nur um des leidigen Geldes und Gutes willen entstanden. Zwar kannte er die Vergangenheit des Vaters nur wenig, aber schwere Schicksale mußten es gewesen sein, die ihn gezwungen hatten, seine Güter an den Hofhannes abzutreten. Die nächtlichen Reden des Vaters kamen ihm wieder in den Sinn, er hatte damals deutlich »Urkunde«, wie auch »Sünde und Unrecht« vernommen; – hing das mit der Abtretungsurkunde zusammen? – Und wenn, dann war das gewiß die erste Ursache gewesen, die den Vater ins Elend trieb, und der Zorn der Mutter, von deren Brüdern und dem Bergbauern absichtlich genährt, hatte ihm jede Rückkehr unmöglich gemacht. »Warum ist der Haß überall größer und stärker in der Welt als die Liebe?« fragte er sich seufzend und stützte den Kopf in beide Hände. Sein Unmut war verflogen, ein herzliches Mitleid mit dem Vater überwog alle andern Empfindungen, und die Hände erhebend, gelobte er sich den Fall des Vaters nie zu eignem Vorteil zu benutzen. »Jetzt kann ich ihm freilich noch nicht helfen, aber bin ich erst mein eigener Herr, dann will ich nicht vergessen, was ich dem Vater schuldig bin. – Und könnte ich ihm wirklich gar nichts tun? – Halt, der Vater soll nicht ganz ohne Trost von uns gehen, ein gutes Wort wenigstens will ich ihm auf den Weg mitgeben; es ist freilich nicht viel, aber doch besser als nichts.« Ohne Säumen griff er nach der Mütze 144 und Jacke und schritt hinab; im Vorbeigehen hörte er in der Stube den Bergbauern sagen, »es ist mir selber ans Herz gegangen; er sah gar so verfallen aus. Alte, solchen Kampf mache ich nicht zum zweitenmal mit.« »Jörg, Jörg, was mußtest du dich auch in die Sachen hängen?« entgegnete die Bäuerin. »Mir gefällt das Wesen nicht, gar nicht, ihr seid alle so wild, man meint nicht anders, ihr müßtet ersticken an einem guten Wort!« »Still, das verstehst du nicht,« fiel ihr der Bauer barsch in die Rede. »Wenn das Johannes hörte, ging die Teufelei von vorne an. Für den Frieder ist keine Strafe hart genug; daß er aus dem Hause muß, ist noch viel zu wenig.« Seufzend ging Johannes in den Garten, unter dem alten Apfelbaum wollte er den Vater erwarten. Trübe, schwere Wolken zogen am Himmel dahin, der Wind brauste hohl in den Tannen des Kulm und in den Zweigen der Obstbäume: kalte Aprilschauer rauschten nieder und durchnäßten ihn bis auf die Haut – allein er achtete nicht darauf, ein herbes Weh schnürte ihm das Herz zusammen, und bange Erwartung machte sein Blut in den Adern pochen. Plötzlich stürmte der Vater aus der Tür, wendete sich gegen das Haus, betrachtete es minutenlang, dann schüttelte er drohend die Faust, und schwere Worte rollten über seine Lippen. »Fluchet nicht, Vater,« bat Johannes und zog die drohende Faust nieder, »tut es nicht; wer weiß, ob Ihr Euch nicht selbst verfluchet.« 145 Verwirrt starrte Frieder dem Sohn, den er nicht bemerkt hatte, ins Gesicht, entriß ihm seine Hand und keuchte. »Du – du hier? – Was willst du? –« »Euch sagen, daß ich Euer Sohn bin und bleibe. – In Trübsal geht Ihr fort – aber, will's Gott, nicht für immer.« »Was ist das? – Was soll das bedeuten? – – Aber ich versteh' dich, Bursch! – Kirre machen willst du mich, ein Mäntele um deine Schlechtigkeit hängen – geh', du solltest dich schämen, einen alten Mann und noch dazu deinen Vater zum Narren zu haben.« »Das tut mir weh, Vater – könntet Ihr mir doch ins Herz sehen! – Solange mir ein Auge im Kopf steht, vergesse ich nicht, daß Ihr mein Vater seid – ich werd's durch Taten beweisen.« »Jawohl, durch Taten! – Ich will deine Taten nicht sehen, habe genug und übergenug an dem, was du schon an mir verübt hast. Nicht vergessen willst du, daß ich dein Vater bin? – Lügner du! – Aber was rede ich? – Verflucht – –« »Vater,« fiel ihm Johannes ängstlich ins Wort, »die Zeit wird Euch eines Besseren über mich belehren – aber fluchet nicht, denkt daran, ein Fluch könnte Euch die Rückkehr versperren.« »Weißt du, ob ich je zurück will?« lachte Frieder bitter. »Eines Fluches bedarf es freilich nicht, der liegt ohnedies schon auf Haus und Gütern – was sag' ich: – einer? – hunderte! – Ihr werdet den Unsegen bald spüren, und ich will's erleben, daß auch ihr die Armut schmeckt!« Heftig stieß er die Hand 146 seines Sohnes, die ihm dieser noch immer entgegenhielt von sich und eilte fort. Johannes sah dem Vater noch nach, als ihn Regen und Schnee längst seinen Blicken entzogen hatten; es war ihm, als sei ihm das Herz mitten entzwei gerissen. Dunkel stand das Elternhaus vor ihm, sein Anblick machte ihm Grauen – es fehlte ihm der Vater; der war gestorben für seine Familie und ging doch um bei lebendigem Leibe wie ein Gespenst. – Eine Wolke senkte sich auf das Dorf nieder, verhüllte vor seinen Augen das Vaterhaus und seine Umgebung, – schauernd wendete er sich ab, die Wolke erschien ihm wie ein Leichentuch, das sich über sein Leben und Glück legte. Annelies ward endlich ruhiger und atmete erleichtert auf, als sie erfuhr, Frieder und Bärbel hätten das Haus verlassen. Öfter schon hatte sie nach Johannes gefragt; sein langes Wegbleiben, dessen Grund sie nur zu gut ahnte, begann sie zu ärgern, und da er endlich zu ihr in die Kammer trat, machte sie ihm heftige Vorwürfe; er habe einmal wieder gezeigt, daß ihm die Mutter gar nichts gelte, daß sein Herz bloß an dem Vater hänge. Gerade in den schwersten Stunden verlasse er sie und denke nicht daran, wie eigentlich alles für ihn und sein Glück geschehen sei. Johannes ließ die Mutter ausreden, bei den letzten Worten aber richtete er sich hoch auf und rief: »Meinetwegen wäre das geschehen? – Mutter, sagt das nicht wieder, mengt mich nicht in die Sache, daran will ich keinen Teil haben!« Ohne weiter auf ihr Schelten 147 zu achten, nahm er die Bibel vom Schränkchen, legte das Buch, indem er eine Stelle bezeichnete, auf ihr Bett und ging hinaus. Annelies las; bleich klappte sie die Bibel zu und drehte das Gesicht nach der Wand; – der Spruch, den Johannes aufgeschlagen, war Matth. 6, 12. »Und vergib uns unsre Schulden, wie wir unsern Schuldigern vergeben.« * * * Der Frühling kam, überall regte sich frisches Leben, nur im Schreinershaus achtete niemand auf das Erwachen da draußen. Auch nach der Entfernung des Vaters, der mit Bärbel in Sülzdorf zusammenlebte, wollte Glück und Friede nicht einkehren; zwischen der kränklichen Annelies und dem stillen, bleichen Johannes war es zu offenem Zwist und Hader gekommen. Gleich in den ersten Tagen führte Johannes einen Wagen mit Brettern und Handwerkszeug vor das Häuschen, das der Vater in Sülzdorf gemietet hatte, und lud ab; ohne auf das Schelten der Bärbel zu achten. Er hatte keinen Dank gewollt und erwartet, wie hätte ihn der Undank kümmern können. Zudem wußte er, daß ihn daheim noch viel Schlimmeres erwartete. Die Mutter war außer sich, als sie erfuhr, was Johannes getan; in ihrer Heftigkeit beschuldigte sie ihn des Diebstahls und drohte, ihn sogar zu verklagen. »Das ist ein vergeblicher Zank,« entgegnete er ruhig; »was ich dem Vater zustellte, habe ich aufgeschrieben; der Wert reicht noch lange nicht an den Lohn, den ich seit sechs Jahren als Geselle bei 148 Euch verdient habe. Ich hätte gern vorher mit Euch geredet, aber ich fürchtete, Ihr könntet mich hindern; der Vater kann nicht von der Luft leben, und wie sollte er sich ohne Handwerkszeug und Bretter etwas verdienen? Laßt mich diesmal gewähren, der Vater bedarf noch mancherlei, das wir entbehren können – ich werde Euch genau Rechnung legen und darauf sehen, daß Ihr nicht zu Schaden kommt.« Annelies wäre gern aufgefahren, allein die Ruhe und Sicherheit des Sohnes, der sie dabei so traurig anblickte, brachte sie außer Fassung; als sie beim Bergbauer Rat und Hilfe suchte, schüttelte dieser ärgerlich den Kopf und sagte: »Der Kuckuck werde aus dem Burschen klug; ist's Verstocktheit oder was sonst, daß er immer das Gegenteil tut von dem, was wir wollen? – Laßt ihn diesmal gewähren, er bringt uns sonst in ein Geschrei, als hätten wir den Frieder wunder wie hart behandelt; zuletzt hättest du die Sachen ohnedies herausgeben müssen. Laß ihn, beim Scheidungsprozeß wollen wir Frieder schon dafür knebeln, und einmal wird der Junge ja auch vernünftig werden.« Wenn nun auch Annelies geschehen ließ, daß Johannes noch manche Ladung nach Sülzdorf schaffte, verzeihen konnte sie es ihm nicht und vergalt es durch rauhe, lieblose Behandlung. Johannes ertrug diese Härte still wie etwas Unvermeidliches; er klagte nicht, ward nicht unmutig, nicht zornig, dagegen sah man ihn auch nie heiter; Gesellschaften mied er, auch ins Bergbauernhaus kam er selten, und Auguste 149 weinte oft im Verborgenen über die Veränderung des Geliebten. Seine liebste Erholung waren einsame Gänge durch die Flur, und auf der Teufelskanzel, einem vorspringenden Felsen im Steinschrot mit weiter Aussicht über waldige Berge und liebliche Täler, verträumte er manchen Sonntagnachmittag. Gewiß wäre sein Trübsinn auch der Annelies und dem Bergbauer aufgefallen, hätte sie nicht der Scheidungsprozeß gegen Frieder, bei dem es wegen der Teilung des erworbenen Vermögens zu harten Kämpfen kam, vollauf beschäftigt. Von Anfang an hatten sie die Einmischung des Sohnes befürchtet und dankten Gott, daß er sich nichts um die Sache kümmerte. Zufrieden meinte der Bergbauer: »Johannes wird endlich vernünftig werden.« Er wußte ja nicht, daß Johannes keine Ahnung hatte, bei dem Prozeß könne es sich um Geld und Gut handeln. Endlich traf die gerichtliche Entscheidung in Bergheim ein, und in ihrer Herzensfreude – Frieder war auch hier in all seinen Erwartungen betrogen – teilte Annelies abends den Stand der Dinge Johannes mit. »So steht's, fünfzehnhundert Gulden zahlen wir dem Frieder hinaus,« schloß sie, »dann sind wir frei von ihm. Und nun wollen wir ein neues Leben beginnen; ich hoffe, du wirst endlich eingesehen haben, zu wem du stehen mußt.« »Und wer hat's so weit gebracht?« fragte Johannes, dessen Lippen zuckten. »Deinem Paten hast du es zu danken, wem sonst?– Aber was ist mit dir, was hast du vor?« 150 »Laßt's gut sein – in der Sache hätte ich auch gefragt werden müssen, ich bin nächstens mündig und brauche keinen Vormund mehr. – Ich werde mit dem Paten reden.« Damit ließ er die erschrockene Mutter allein und ging hinauf ins Bergbauernhaus. »Wo ist der Bauer?« fragte er nach kurzem Gruß. »Johannes, wie siehst du aus?« rief Auguste aufspringend. »Was ist dir begegnet?« »Gerechter Gott, was ist's schon wieder?« fiel ihr die Bäuerin ins Wort, deren Stricknadeln in ihren Händen klirrten. »Was willst du vom Bauer?« »Wo ist er? – Ich muß mit ihm reden!« »Herr meines Lebens, nehmen die Schrecken kein Ende? – Setze dich, Johannes, und erzähle – ich zittere an allen Gliedern. – Nichts da, du bleibst, der Bauer ist über Feld, du triffst ihn nicht; – rede, was ist wieder geschehen?« »Johannes, gilt auch mein Wort nichts mehr bei dir?« fragte Auguste, die zu ihm getreten war und ihre Hand auf seine Schulter gelegt hatte. »Setze dich, bis du ruhiger bist, und erzähle, laß mich nicht in der Angst.« Halb widerstrebend ließ sich Johannes auf einen Stuhl ziehen, aufgeregt berichtete er den Ausgang des Prozesses, und wie er das neue Unrecht, das dem Vater angetan worden sei, nie zugeben könne. »Ich bin bald mündig – wie kann sich der Bauer unterstehen, ohne mein Wissen und Willen dem Vater für mich noch ein Stück seines sauren Schweißes abzupressen? – Was auf der Mutter Anteil fällt, 151 mag sie behalten, darüber habe ich nichts zu reden; was aber auf meinen Part kommt, bleibt dem Vater, kein Pfennig davon darf ihm entzogen werden!« »Sagt' ich nicht, so wird's kommen? – Nun hat man das Elend zu Haufen,« klagte die Bäuerin. »Johannes, höre mich ruhig an. – Was du da sagst, habe ich dem Bauer alle Tage eingeredet – aber du weißt ja, wie er ist, es war rein vergebens. Ich habe ihm auch gedroht, du würdest den Vergleich nicht anerkennen; darüber hat er nur gelacht und gesagt, das wird festgemacht, daß hundert Burschen wie Johannes die Sache nicht umstoßen. – So hör' mich doch zu Ende! – Es ist schön von dir, daß du deinen Vater nicht unglücklich machen willst; was in deinen Kräften stand, hast du redlich getan, und in Zukunft ist dir der Weg zu ihm auch nicht abgegraben. – Jetzt sei einmal vernünftig, denke an dich selber und an Auguste. – Du bist im Zorn, und der Bauer hat einen alten Groll auf dich, kommt ihr jetzt zusammen, so ist die helle Feindschaft fertig. Folge mir, ergib dich darein, es werden ja auch wieder andre Zeiten kommen.« »Ich kann nicht, Pate! Ihr sagt wohl, ich hätte getan, was möglich war – aber was habe ich bis heute ausgerichtet? –« »Was zu erreichen war, gewiß. – Johannes, du bist sonst ein vernünftiger Mensch; überlege doch selber, der Streit mit dem Bauer nützt deinem Vater nicht so viel, als das Schwarze am Nagel wert ist – aber dir richtest du ein Unheil an, das gar nicht zu übersehen.« 152 »Soll ich ein Unrecht stillschweigend gutheißen?« »Recht und Recht behalten ist zweierlei. Mußt du mit dem Kopf durch die Wand, wenn du fünf Schritte weiter eine Tür hast? – Jetzt sieht's der Bauer nicht ein, daß er einen verkehrten Streich gemacht hat, und deine Worte bringen ihn noch mehr in Zorn. – Wart's ab, bis er selber zur Überlegung kommt, dann hast du gewonnen Spiel, und wenn es durchaus sein soll, kannst du deinem Vater später das Geld ja immer wieder zustellen – er wird es auch dann nicht zurückweisen, verlaß dich darauf.« Als Johannes noch immer unentschlossen schwankte, schlang Auguste ihre Arme um seinen Hals und rief: »Ich habe dich noch nie überredet, weil ich weiß, du hast mehr Verstand als ich; aber heute, Johannes, heute laß ich nicht nach, bis du mir versprichst, keinen Streit mit dem Vater anzufangen. Johannes, hast du mich lieb, folge der Mutter, die meint es gewiß gut.« »Wenn du bittest und weinst, kannst du mit mir machen was du willst, Auguste. – Mag's drum sein; ich tu's freilich mit schwerem Herzen, es ist das erste Unrecht, dem ich wissentlich still zusehe; aber euch sage ich, den Vergleich erkenne ich nicht an; sobald ich kann, ersetze ich dem Vater den Schaden.« »Ich danke dir, Johannes, du bist brav!« sagte die Bäuerin mit feuchten Augen und ging hinaus; sie wollte die jungen Leute nicht stören, die sich gewiß noch viel zu sagen hatten. 153     Schwere Kämpfe. Tag um Tag, Woche um Woche ging dahin, mit dem Frühling ward unmerklich Sommer – im Schreinershaus blieb es beim alten. Der Zank und Streit hatte wohl aufgehört, äußerlich herrschte Ruhe und Stille in der kleinen Familie, allein das war lange nicht der rechte, glückliche Friede. Das traurige, freudlose Wesen Johannes', der für nichts mehr Sinn zu haben schien als für seine Arbeit, machte endlich Annelies ernstliche Sorgen, selbst der Bergbauer blickte ihm kopfschüttelnd nach, zumal daheim Auguste ebenfalls das Köpfchen tiefer und tiefer sinken ließ. »Das muß anders werden!« sagte er eines Sonntags zur Annelies. »Wer weiß, was sich der Bursch in den Kopf gesetzt hat, und nun vergrämen sich die Kinder das Leben. Wie wär's, Annelies, wenn du Johannes die Güter gäbst, und wir ließen die beiden heiraten? – Ich meine, das würde sie bald auf andre Gedanken bringen.« Annelies hatte selbst schon daran gedacht, sich zur Ruhe zu setzen, sie nahm daher den Vorschlag mit Freuden auf, und auch die Bäuerin sagte natürlich nicht – nein. 154 Anfänglich beachtete Johannes das geheimnisvolle Treiben der Mutter und des Bauern nicht weiter; wenn beide halbe Tage in der oberen Stube hinter Büchern und Papieren saßen oder zusammen nach Schottendorf ins Amt fuhren, war er der Meinung, das geschehe, um die Auseinandersetzung mit dem Vater zu beenden. Erst als Mutter und Pate auffällig freundlich gegen ihn wurden, ihn oft mit ganz eignen Blicken ansahen, von nahen, wichtigen Veränderungen sprachen, ward er aufmerksam und begann zu ahnen, daß es sich um Entscheidung der eignen Zukunft handeln könne. Das machte ihm viel Herzklopfen, aber freudig war seine Erregung nicht; er sehnte sich nach Ruhe und Stille, hatte das Bedürfnis, erst mit sich selber ins klare zu kommen, Ordnung in und um sich zu schaffen, ehe er den wichtigsten Schritt des Lebens wagen durfte. »Es wird ja nicht so eilig gehen,« tröstete er sich, »solche Sache werden die Mutter und der Pate gewiß nicht übers Knie brechen.« Aber es ging doch gar eilig. Am Sonnabend, acht Tage vor Johanni begannen große Zurichtungen im Bergbauernhaus, es ward gescheuert von unten bis oben, Annelies half eifrig Kuchen und Krapfen backen, der Bergbauer ging zufrieden herum und erzählte den Nachbarn: »Morgen übernimmt Johannes die Güter und macht Freierei mit meiner Auguste!« Johannes ahnte von alledem nichts; ohne die verwunderten Blicke seiner Gesellen zu beachten, die nicht begreifen konnten, daß ihr junger Meister nicht 155 merkte, was drüben vorging, arbeitete er rüstig, bis der Tag sich neigte. Nach dem Feierabend setzte er sich mit seiner Pfeife, wie er immer gern tat, unter den Nußbaum, blickte sinnend hinein in das verglühende Abendrot und horchte auf das Rauschen der Blätter droben in den Zweigen. Die Stille ringsum tat seinem Gemüte wohl; wie linder Balsam legte sich der Abendfriede in sein wundes Herz und löste die Spannung seines Wesens in milde Wehmut. Kathrin, die mit ihrem Strickzeug auf dem Treppenaltan saß und Johannes heimlich beobachtete, empfand Mitleid mit dem stillen Jüngling, der auch im größten Kummer so gut und freundlich blieb; sie konnte es nicht übers Herz bringen, ihn noch länger seinem Leid zu überlassen. Trotz des Verbotes der Annelies ging sie sachte zu ihm und flüsterte: »Sei nimmer so leidmütig, Johannes, guck, das Glück kommt in Haufen über dich; morgen übergibt dir deine Mutter die Güter, und im Bauernhaus ist Freierei mit der Auguste.« Ohne eine Antwort abzuwarten, im Bewußtsein, eine gute Tat vollbracht zu haben, entfernte sich Kathrin eilig, sie wollte Johannes in seiner Freude nicht stören. In seiner Freude! – Bleich, mit weit geöffneten, starren Augen sah Johannes der Alten nach; seine Lippen zuckten, und die silbernen Ketten seiner Pfeife klirrten; tief seufzend stützte er die Ellbogen auf die Knie, legte den Kopf in die Hände und saß lange, lange regungslos. Spät, als es stille im Haus wurde, ging er auf seine Kammer, noch lange hörte ihn 156 Kathrin auf und ab gehen, und als er sich endlich auf sein Lager warf, floh ihn der Schlaf, erst gegen Morgen fiel er in unruhigen Schlummer. Er träumte, sein Vater stände vor ihm, bleich, verfallen, harmvoll; mit traurigem Blick sagte er: »Siehst du? – Um dir Platz zu machen, mußte ich fort; mein Elend ist dein Glück!« Dann wieder träumte ihm, er hätte die Güter übernommen, Auguste wäre sein Weib. Da öffnete sich die Tür, zornig trat der Vater herein und rief mit drohend erhobener Hand: »Warum hast du das getan? Fluch dir und deinem Haus! – Wer soll mich nun befreien?« In Schweiß gebadet, erwachte Johannes; lange ehe der erste Schimmer des Morgenrots im Osten aufglühte, wandelte er einsam durch die schweigende Flur. Kathrins Worte, die Aussichten, welche sie ihm für die Zukunft eröffneten, hatten einen heftigen Sturm in ihm angefacht; Pflichtgefühl und Leidenschaft rangen heiß in seiner Seele. Verlockend umgaukelten ihn heitere Bilder einer fröhlichen Zukunft, eines tatenvollen, reichen Lebens; es kostete ihn nur ein Wort, und all die süßen Träume künftigen Glückes waren erfüllt. – Dagegen sprach eine ernste gewichtige Stimme in ihm, du darfst die Güter nicht nehmen, es ist nicht recht, es steht geschrieben, du sollst Vater und Mutter ehren! Wie ein Maifrost fiel diese Mahnung des Gewissens auf seine Hoffnungen; denn weigerte er sich heute 157 die Güter zu übernehmen, so war, wie er den Bergbauer kannte, auch Auguste für ihn verloren. Ein tiefer Schmerz erfaßte den Jüngling, er konnte nicht fassen, wie er leben sollte ohne das Mädchen. Ruhelos irrte er umher, oft rief er laut: »Ich kann nicht, ich kann Auguste nicht lassen« – aber auch sein Gewissen schwieg nicht, ernster und dringender mahnte es, du darfst die Güter doch nicht nehmen, es ist nicht recht! »So muß es einen Mittelweg geben,« seufzte er mit brennender Stirn und glühenden Wangen, »ich ruhe nicht, ich muß ihn finden.« Allein vergebens zermarterte er sein Hirn; die Lösung des Rätsels, sein Glück festzuhalten, ohne die Ruhe des Gewissens preiszugeben, wollte ihm nicht gelingen. Müde vom Denken setzte er sich auf einen Stein am Weg, stützte den Kopf in die Hände und blickte traurig hinein in die lichtgrüne Welt, die ihm heute so öde und trostlos erschien. Schwer fiel ihm seine Verlassenheit aufs Herz; kein Freund stand ihm zur Seite, keine Menschenseele kümmerte sich um sein Wohl oder Wehe, selbst Auguste ahnte nichts von seiner Not, er konnte nicht zu ihr eilen, so nahe dem treuen Herzen mußte er allein den schweren Entschluß fassen, von dem seine und ihre Zukunft abhing. Aufs neue begann er seine ruhelose Wanderung; achtlos stieg er den Kulm hinan und stand über dem Dorf, als drunten die Glocken zur Kirche läuteten. Die geputzten Kirchgänger, die fröhlich plaudernd von 158 allen Seiten dem Dorfe zueilten, vermehrten sein Gefühl der Verlassenheit. sie sahen so heiter, so zufrieden aus, gewiß waren sie glücklich, erfreuten sich ihres Lebens – nur ihm allein war solch schweres Geschick auferlegt. –»Aber warum bin ich nicht glücklich? – Wer hindert mich daran?« fragte er sich. »Niemand steht mir im Weg, als ich selber! – Bis heute habe ich das vierte Gebot befolgt in allen Stücken, dazu bin ich der Mutter so gut Treue schuldig als dem Vater, und zuletzt haben auch die Kindespflichten ihre Grenzen. – Wollte ich die Güter nicht nehmen, was nützte es dem Vater? – Und würde er mir's danken?« Der Sturm in seiner Brust ward heftiger, als er sich erinnerte, daß jetzt Auguste festlich geschmückt der Kirche zuschritt; er mußte daran denken, wie sie gewiß hoffend voll bräutlicher Erwartung das Gotteshaus betrat, für ihn und sein Glück betete und nicht ahnte, wie er im Begriff stand, eine unüberwindliche Scheidewand zwischen sich und ihr aufzurichten. Laut und lauter rief es in ihm: »Du bist ein Narr, was quälst du dich vergeblich? – Du darfst, du kannst ja die Güter gar nicht ausschlagen! – Wer gibt dir das Recht, Auguste um ihre Hoffnungen zu betrügen? – Ist es nicht deine Schuldigkeit, an dich selber zu denken?« – Mehr und mehr neigte sich sein Entschluß dahin, wo Liebe und Glück winkten – aber in gleichem Maße ward auch seine Not größer. Ein bleiches, harmvolles Gesicht stand stets vor ihm, ein paar trübe Augen schienen traurig zu fragen. »Kannst du 159 mir das wirklich antun? Bin ich nicht dein Vater?« – Es war fast eine Empfindung körperlichen Schmerzes, die ihm die Worte auspreßte: »Ich kann nicht! – Und wenn Leben und Seligkeit davon abhingen – ich kann doch der Mutter und dem Paten nicht zu Willen sein!« Aber warum nicht – warum nicht? – – Lange irrte er durch Feld und Wald, ohne eine Antwort zu finden, ja, je mehr er sann, desto größer ward seine Verwirrung. Rat- und trostlos, müde und matt kehrte er nun endlich heim. Annelies erschrak vor seinen ernsten Blicken und würde noch mehr erschrocken sein, hätte sie geahnt, was in ihm vorging, allein sie deutete sein gehobenes Wesen anders; heimlich lächelnd sagte sie zur Kathrin: »Er kann die Zeit nicht erwarten, die Ungeduld treibt ihn herum!« Kathrin dagegen schüttelte den Kopf und meinte: »Ich weiß nicht, wie ein Bräutigam sieht er mir nicht aus!« Im Haus, unter den Menschen konnte es Johannes nicht aushalten, die engen Wände bedrückten, die forschenden Blicke ängsteten ihn, er sehnte sich nach Luft und Licht, nach Himmelblau und Saatengrün, nach Einsamkeit und Stille. Das Dunkel seiner Seele mußte er aufhellen, ein Entschluß mußte gefaßt werden; – nach kurzem Aufenthalt verließ er abermals das Haus. – Als er aus dem schmalen, von Jelängerjelieber, Linden und Haselsträuchern überschatteten Fußweg trat, der durch Gras und Baumgärten hinaus in die Feldflur leitete, nahm der Sülzdorfer Schulbauer von seinem Schwager, dem Herrnbauern, Abschied. 160 Beim Anblick seines Lehrers – der Schulbauer war vor seiner Verheiratung Lehrer in Bergheim gewesen – flog ein Freudenstrahl über sein Gesicht; – konnte ihm jemand raten und helfen, so war es der Schulbauer. Geduldig wartete Johannes, bis der Herrnbauer in den Hecken verschwunden war, dann trat er näher und sagte: »Kennt Ihr mich noch, Schulbauer? – Ach, waren das glückliche Zeiten, als ich zu Euch in die Schule ging. Seht, hundertmal lag mir die Frage auf den Lippen, habt Ihr den Schreinersjohannes noch lieb? – Aber Ihr waret immer so ernst, darum hatte ich das Herz gar nicht, Euch anzureden. Aber heute ist es eine glückliche Fügung, daß gerade Ihr mir in den Weg kommt. – Schulbauer, ich bin in großen Ängsten – helft und ratet mir!« »Das ist brav, daß du mich nicht vergessen hast,« entgegnete der Bauer. »Ich dachte schon, dir müsse was Besonders begegnet sein – was ist's?« So kurz als möglich berichtete der Jüngling, was heute noch geschehen solle, welche Zweifel und Ängste das Vorhaben seiner Mutter in ihm erweckte, und schloß: »Nun sagt, was muß ich tun? Darf ich oder darf ich nicht?« »Armer Bursch, du dauerst mich – aber ich kann auch nicht anders sagen, als: tu' es nicht!« »Also hatte ich recht! – Ja, ich dachte mir wohl, daß es so kommen würde! – Aber es ist Hartes, bedenkt, was für mich und Auguste auf dem Spiel steht. – Schulbauer – warum darf ich die Güter nicht nehmen?« 161 »Weil schweres Unrecht darauf liegt, und es nicht gut ist, auf solchen Grund einen neuen Hausstand aufzurichten. – Johannes, der Haß deiner Eltern ist noch unvermindert, eines möchte dem andern schaden auf jegliche Weise, darum sucht dich deine Mutter völlig mit dem Vater zu verfeinden; sie weiß, daß dies das Schlimmste ist, was sie ihm zufügen kann.« »Ja, ja – und der einfache Weg dazu wäre, wenn ich in seinen Besitz träte. Dem Vater dürfte ich dann wohl nicht mehr vor die Augen kommen.« »Aber auch deiner Mutter würdest du damit einen schlimmen Dienst erweisen. Merke: Du darfst dich nicht zum Werkzeug des Hasses hergeben, weder hier noch dort; du mußt frei zwischen den Eltern stehen, damit ihnen ein Weg zur Versöhnung offen bleibt!« »Das ist der rechte Grund! – Ja, ja, das ist's, was mir so schwer auf dem Herzen lag. – Ich danke Euch, Ihr habt mir zurecht geholfen.« »Johannes – es ist nicht leicht, was du unternimmst; aber halte aus, führe es durch.« »Da bedarf es keines Zuredens! – Auguste ist freilich unglücklich und ich auch – aber mag's sein, ich kann nicht anders! – Und doch, was wird es nützen? – Ach, ich weiß, die Eltern werden sich niemals versöhnen – da ist alles vergeblich!« »Rechttun ist nie vergeblich, es führt stets zum Ziel, wenn auch nicht nach unserm Sinn! Tue das Deine – der Ausgang ist nicht deine Sache!« »Aber warum muß ich's so teuer bezahlen? Warum ist das Rechttun so schwer?« 162 Der Schulbauer sah ihm tief in die Augen, ergriff seine Hand und sagte nach kurzem Sinnen: »Johannes, du bist nicht der erste, der also fragt, du wirst auch nicht der letzte sein. Ich war auch in deiner Lage. Eine Antwort darauf habe ich nicht, aber merke: wer sich um eines inneren Grundes willen, der über das Herkömmliche und Gewöhnliche hinausliegt, mit der Welt in Widerspruch setzt, dem bleiben schmerzliche Kämpfe nicht erspart. Es will etwas heißen, für die eigne Überzeugung sich allein gegen die altgewohnten Ansichten der Nebenmenschen aufzulehnen, mit keinem andern Rückhalt, als den im eigenen Gewissen, keiner andern Bekräftigung, als der im eignen Bewußtsein, nur allein auf die eigene Kraft gestellt! Es ist stets ein gewagtes Beginnen, denn der Erfolg ist zweifelhaft, und ohne Opfer geht solcher Kampf nie ab! Aber das alte Wort: Gott legt dem Menschen nicht mehr auf, als er tragen kann, gilt auch hier, wenn ich es gleich in andrer Deutung fasse; – solchen Kampf kann niemand unternehmen, der nicht mit besonderen Kräften ausgerüstet ist. Darum hebe den Kopf auf und bedenke: für Recht und Wahrheit einstehen ist das Größte und Herrlichste, was einem Menschen beschieden sein kann.« Johannes schritt stille neben dem Bauer dahin, der noch lange fortredete, ihm zeigte, wie alle großen Männer, alle Wohltäter der Menschheit einst klein und bescheiden begonnen, wie sie mit Zweifeln und Gewissensnöten zu kämpfen hatten, und wie sie oft ihr Werk – ohne seine Vollendung zu sehen – mit dem Leben bezahlten. 163 Johannes atmete tief; endlich sagte er leise: »Ich danke Euch! – Freilich verstehe ich nicht alles, was Ihr mir sagtet, Ihr müßt eben Geduld mit mir haben, aber ich will mir rechtschaffene Mühe geben, Euch nachzukommen. Habt Dank und glaubt, ich stehe fest! – Denkt auch nicht gering von mir wegen meines Kleinmuts. – Ach, ich habe Auguste allzu lieb!« »Klage nur, Johannes, das macht das Herz leichter! – Bedenke aber, alle Hoffnung ist noch nicht verloren; ist das Mädchen das, wofür ich sie halte, dann wird sie beharren wie du, und ihr werdet noch glücklich sein.« Johannes schüttelte traurig den Kopf. »Wohl,« fuhr der Schulbauer ernst fort, »mache dich immerhin auf das Schlimmste gefaßt, denn es werden schwere Zeiten für dich kommen, Tage, an denen du an dir selbst und der Welt irre wirst. Deine Mutter, der Bergbauer, vielleicht Auguste werden heftig auf dich einstürmen, und auch dem Urteil der Leute gegenüber wirst du einen schweren Stand haben! – Aber laß dich nicht werfen, Johannes, bleibe fest! Will dir die Welt zu eng werden, denke, du stehst nicht allein im Feuer, und – ich bin ja auch nicht weit!« »Ist's Euer Ernst, Schulbauer?« fragte Johannes und hob den Kopf. »Wollt Ihr mein Freund sein?« »Bin ich's denn nicht?« rief der Schulbauer und zog den Jüngling an seine Brust. »Schon als Knabe warst du mir ins Herz gewachsen, und heute bist du mein Bruder!« Sanft machte er sich dann von dem 164 Jüngling los. »Ich muß heim, Anna würde sonst schelten. Sei stark, Johannes, beharre! – Bald sehen wir uns wieder, leb' wohl!« Johannes stieg den Königsbühel hinan, lehnte sich an den Feldbirnbaum, der weithin sichtbar den Hügel krönte, und blickte dem Schulbauer nach, bis er hinter den Erlen des Fehrenbachs verschwunden war. Aus tiefer Brust seufzte er: »Auguste, o Auguste! – Was wirst du von mir denken?« – Aber bald richtete er sich auf, seine Augen glänzten, denn in ihm sprach es: sie wird mir recht geben; sie wäre nicht Auguste, könnte sie es anders von mir verlangen. Sein Blick hastete sinnend am Sülzdorfer Schulbauernhaus, das schmuck zu ihm heraufglänzte, und leise sagte er: »Wer denkt heute daran, wie glücklich der alte Schulbauer in dem Haus lebte? – Aber seine Rechtschaffenheit und Güte ist noch in aller Mund. – Ja, das Glück ist wohl herrlich; aber wenn's genossen ist, nachher war's ein Traum, und nichts bleibt davon. Dagegen, was ein braver Mensch Gutes tut, das bleibt, und andre Menschen können sich daran stärken und aufrichten. Und kostet's auch mein Glück – ich halte aus; und versöhnen sich die Eltern nicht, was tut's? – Weiß ich doch, ich habe meine Schuldigkeit getan.« – – Unter dem Hexenbaum, einer uralten Eberesche, die sich wie ein Tor über die Badergasse wölbte, traf der alte Türkenhenner, der vom Steinschrot herabkam, mit ihm zusammen und fragte: »Nu, wie ist's, darf man gratulieren?« 165 »Guten Tag, Henner,« entgegnete Johannes, dem eine hohe Röte ins Gesicht schoß. »Wüßte nicht wozu.« »Bist ein wunderlicher Heiliger! 's ganze Dorf weiß, daß du heute die Güter übernimmst und die Auguste freist.« »Soweit ist's noch lange nicht.« »Na, da werde einer klug! – Deine Mutter hat mir's gestern selber gesagt,« entgegnete Henner kopfschüttelnd und betrachtete Johannes mißtrauisch, als sei es mit ihm nicht richtig. »Hab' mich freilich schon lange über dich gewundert, und jetzt wieder siehst aus, als läg' dir das Unglück der Welt auf dem Buckel. – Hm! – Na, jedem Tappen gefällt seine Kappen und jedem Narren seine Weis'! – Nichts für ungut.« Johannes sah dem kleinen hüstelnden Manne lange nach. »Da kommt schon das Urteil der Leute,« sagte er vor sich hin. »'s ist nur gut, daß mich der Schulbauer darauf vorbereitet hat. Aber in einem hat der Henner doch recht, das jammerige Wesen taugt nichts, damit ist mir nicht geholfen, und den Leuten gibt's Ursach zum Geschwätz. Das sieht aus, als bettele ich um Mitleid, und das will ich nicht und brauch' ich nicht; jetzt will ich zeigen, daß ich ein Mann bin!« Daheim trippelte unterdes Annelies ungeduldig umher; bald aus diesem, bald aus jenem Fenster schaute sie nach Johannes aus und ärgerte sich, daß er gar so wenig Begierde nach seinem Glück zeigte. 166 Den besten Sonntagsstaat hatte sie ihm zurechtgelegt und jedes Stäubchen davon entfernt, aber die blinkenden Knöpfe der Jacke und Weste erinnerten sie an die Worte der Kathrin: er sieht mir nicht aus wie ein Bräutigam! – Wo er nur stecken mochte? Recht verdrießlich sagte sie, als er endlich eintrat: »Ist mir eine schöne Art, am lieben Sonntag in der Welt herumzuflanieren; hättest ein Gebet aus dem Starkenbuch oder ein Kapitel aus der Bibel lesen können, daß der Herrgott seinen Segen gebe zu deinem Vorhaben. Aber iß jetzt und zieh dich an, drüben warten sie gewiß schon lange.« »Mutter,« entgegnete Johannes, und es lag ein so eigentümlicher Klang in seiner Stimme, daß Annelies erstaunt aufsah, »es hat jeder seine besondere Art mit dem Herrgott umzugehen; ich denke, sein Segen wird mir nicht fehlen bei meinem Vorhaben, wenn ich nur auch Euren hätte.« »Den hast du, Johannes, den hast du,« schluchzte Annelies versöhnt, und da sie sich mit der Schürze die Augen trocknete, konnte sie den traurigen Blick, das leise Kopfschütteln des Sohnes nicht bemerken. Johannes hätte gerne mehr gesagt, aber er wußte, es war doch vergeblich, darum schwieg er. Seufzend setzte er sich an den Tisch, legte die guten Kleider an und schritt dann an der Seite der Mutter, die ihn mit stolzen Blicken betrachtete, hinüber in das Bergbauernhaus. – – Und Auguste? – Ahnte sie wirklich nichts von der Not ihres Freundes, von der Gefahr, die ihrer Liebe 167 und ihrem Glück drohte? – Ach, sie litt nicht weniger als Johannes, dieselben Zweifel ängsteten und peinigten sie, nur waren sie in ihrem Herzen noch früher wach. Flink wie immer ging sie am Sonnabend der Mutter und der Annelies zur Hand; aber kein Wort kam über ihre Lippen, kein Lächeln erheiterte ihr Gesicht. Selbst dem Bergbauern fiel zuletzt ihr freudloses, verhärmtes Wesen auf, und der Trost der Annelies, die meinte: »sie ist verstört vor lauter Glück; eine traurige Braut bedeutet eine fröhliche Ehefrau!« – wollte nicht recht verfangen. Die Bergbäuerin schwieg und beobachtete sorgenvoll ihr Kind; im richtigen Muttergefühl behielt sie ihre Gedanken jedoch für sich und beschloß, zuerst mit dem Mädchen selber zu reden. Jörg ging heute früh zu Bett, bald verkündigte sein kräftiges Schnarchen im » Kafenetle «, daß er fest eingeschlafen war; darauf hatte die Bäuerin nur gewartet; leise, um die Dienstboten nicht zu wecken, stieg sie hinauf in die Kammer ihrer Tochter. In dem kleinen weißgetünchten Raum verbreitete der Mond, der hell herein schien und die Schatten der Monatsrosen, Nelken und Rosmarinstöcke vor dem offenen Fenster auf dem schneeweißen Fußboden abzeichnete, ein mildes Dämmerlicht, das gerade hinreichte, in der dunkelsten Ecke die heftig schluchzende Auguste zu erkennen. Sanft legte die Mutter ihre Arme um das zusammenschreckende Kind, hielt es still an ihrem Herzen, flüsterte ihm milde Worte zu und wartete 168 geduldig, bis es sich beruhigen und von selbst sein Herz öffnen werde. »Ach Mutter,« begann auch das Mädchen und schmiegte sich fester an sie, »wie gut Ihr seid! – Ich wäre vergangen, hätte ich allein bleiben müssen – Mutter, Mutter, ist das ein Elend.« »Du bist mein lieb Kind,« sagte die Bäuerin, die ihr Erschrecken verbarg und dem Mädchen beschwichtigend die heißen Wangen streichelte, »du sollst deinen Kummer nicht allein tragen, deine Mutter hilft dir!« »Habt tausend, tausend Dank! – Mutter, was wird das morgen werden? – Gebt acht, Johannes nimmt die Güter nicht, und dann sind wir unglücklich fürs ganze Leben, ich und er. Und wenn ich denke, er könnte die Güter nehmen, vielleicht meinetwegen – dann ist mir wieder, als wäre das ein grausames Unrecht, als müsse nun alle Sünde, die im Schreinershaus verübt worden ist, über mich und Johannes kommen, und meine Angst wird noch größer.« »Du armes, armes Mädle! – das ist ja erschrecklich,« sagte die Bäuerin außer Fassung. »Glaubst du wirklich, es wäre unrecht, wenn Johannes die Güter übernähme?« »Das weiß ich nicht, aber ich ahne, wenn er es tut, gibt's eitel Unglück.« »Hast du schon mit Johannes geredet?« »Ich wollte vorhin den Bruder nach ihm schicken, aber ich ließ es sein; ich müßte ihm ja doch sagen: tu's nicht – und das brächte ich nicht fertig.« 169 Der Bäuerin war selber das Weinen nahe; aber um des Mädchens willen, das trostlos in neues Schluchzen ausbrach, nahm sie sich zusammen und sagte. »Härm' dich nicht so sehr, Auguste! Sieh, Johannes ist ein braver Mensch, der wird sich die Sache wohl überlegen, und was er tut, soll recht sein. Nimmt er die Güter, so ist gewiß kein Unrecht dabei, und du kannst getrost ins Schreinershaus ziehen; nimmt er sie nicht, was ich beinahe selber glaube, so müssen wir uns eben drein fügen, später kann sich's ja immer noch machen. Dein Vater wird freilich lärmen, du lieber Gott! – Aber, Auguste, wie sich's auch schickt und was kommt – du bleibst mein herzig's lieb's Kind!« Das Vertrauen auf die Tüchtigkeit des Geliebten beschwichtigte die Unruhe des Mädchens; die milden Liebesworte wandelten ihren Schmerz in linde Wehmut; – sprachlos schlang sie die Arme um den Hals der Mutter und drückte sie fest, fest an sich. »Nun ist's genug geflennt (geweint),« meinte die Bäuerin und machte sich sanft los. »Leg' dich nieder, bet' und schlaf, du bist ein braves Mädle, drum sollst du nicht so kleinmütig tun.« Sie half das Mädchen entkleiden, schüttelte die Kissen zurecht, und nachdem sie die Decke glatt gestrichen, beugte sie sich mit den Worten über das Bett: »Der Herr segne und behüte dich! So ist's recht, tu' die Augen zu und schlaf, der Schlaf ist der beste Tröster. Gib mir deine Hand, so, ich bleibe bei dir, bis du eingeschlafen bist.« 170 Mutterhand und Kindeshand hielten sich fest umschlungen, die Pulse, die zuerst heftig durcheinander pochten, regelten sich zu gleichförmigem Gang, und – war es die beruhigende Nähe der Mutter, oder strömte vom Mutterherzen heilende Kraft durch die verknüpften Hände ins wunde Kindesherz – das Mädchen seufzte einigemal tief und lispelte: »Mutter!« – Als sich jedoch die Bäuerin mit den Worten über sie beugte: »Schlafe, Kind Gottes, ich bin bei dir,« waren ihre Augen geschlossen, und ihr Atem ging ruhig. In tiefen Gedanken saß die Mutter am Bett; der Mond, der neugierige Geselle, rückte leise weiter; eben da die Bäuerin ihre Hand sanft aus der ihres Kindes löste, fiel sein Licht voll über das Antlitz der holden Schläferin, und eine Träne in ihren langen Wimpern glänzte wie ein Demant. Leise küßte die Mutter die Träne auf, schloß das Fenster und verließ das Gemach. – Am Sonntag Morgen bereitete sich Auguste still zum Kirchgang; als sie beim zweiten Läuten in den Garten ging, um sich Jünkerleinsnelken, Jungfernblättchen und Ziegenbart, den die Bergheimer Gartum nennen, zu einem Kirchensträußchen zu pflücken, nickten ihr von dem Busch am Haus die ersten Rosen entgegen, die in der Nacht ihre duftenden Kelche geöffnet hatten. Weinend setzte sich das Mädchen auf das Bänkchen und verhüllte das Gesicht in der Schürze; – vor einem Jahr war ihr das höchste Glück des Lebens erblüht, das schon heute – nach so kurzer Zeit – zu Grabe getragen werden sollte. Allein der 171 Schmerz hatte heute nicht mehr die Gewalt über sie, wie gestern abend. Die Worte der Mutter: »Johannes ist ein braver Mensch, was er tut, soll recht sein« – wurden ihr eine Quelle des Trostes; fast etwas wie Stolz regte sich in ihr, von einem Jüngling geliebt zu sein, dem die Mutter selbst solches Zeugnis gab. Auch die Worte, die Johannes vor einem Jahr hier zu ihr gesprochen: »brav und treu bleibe ich, weil ich lebe,« kamen ihr ins Gedächtnis und richteten sie mächtig auf. »Brav und treu,« sagte sie sinnend und drückte eine Rose an ihre Brust, »was will ich mehr? Freilich wird Johannes eben darum die Güter nicht nehmen; aber muß ich mich nicht freuen, daß er einsieht, was recht und unrecht ist, und das Herz hat, seinen Willen durchzusetzen, wenn's ihm auch schwer wird? Und schwer wird's ihm, das spür' ich an mir selber. Ach – es wäre wohl herrlich, dürfte ich seine Braut sein – und das ist nun auf lange, lange vorbei, vielleicht auf immer; – aber er läßt ja doch nicht von mir, das ist mir gewiß, und wenn ich ihm auch Treue bewahre – vor Gott gelob' ich's, mich soll nichts irre machen – so gehören wir doch zusammen, wenn wir auch vor der Welt getrennt sind!« Ein Finkenhähnchen flatterte vor ihren Füßen auf dem Boden, bewegte das Köpfchen hin und her und sah ihr mit den schwarzen funkelnden Äuglein klug ins Gesicht, als wollte es sagen: ich verstehe dein Leid und möchte dich so gerne trösten, wenn ich nur könnte. Ein paarmal schien der Vogel näher kommen zu wollen, allein die natürliche Scheu behielt die 172 Oberhand, plötzlich flatterte er auf den Jelängerjelieberbusch in der Gartenecke und schmetterte seinen fröhlichen Schlag zu dem Mädchen nieder. Gerührt blickte Auguste dem zutraulichen Tierchen nach, und während sie seinem Gesang lauschte, flüsterte sie: »Du gut's Dingle, ach könntest du mich verstehen, du würdest nicht so lustig singen!« »Was ist nur mit dem Mädle?« fragte der Bergbauer kopfschüttelnd, als Auguste, der die halboffene Rosenknospe am Busen so gut stand, sittig der Kirche zuschritt. »Gestern war sie schon niedergeschlagen, und heute gar sieht sie aus wie das bittre Leiden – was ist ihr nur?« Die Bäuerin, der das Gespräch mit der Tochter gestern abend schwer auf der Seele lag, hätte gern ihrem Herzen Luft gemacht, allein sie wußte, dadurch wäre nur unnützer Streit entstanden, und den wollte sie wenigstens am Sonntagmorgen vermeiden; dazu mochte sie auch Johannes nicht vorgreifen, es war ja immerhin möglich, daß er die Güter doch nahm. Ausweichend sagte sie darum: »Laß sie – geh jetzt, Jörg, es wird bald auf zu läuten hören; bet', daß unser Herrgott alles zum besten lenkt, es ist ein wichtiger Tag heut'.« Blendend lag der Sonnenschein auf der schneeweißen Tischplatte von Lindenholz und dem blank gescheuerten, mit knirschendem Sand bestreuten Fußboden; durch das offne Fenster wehte aus dem Garten süßer Rosenduft ins Zimmer, von der Kirche klang leiser Orgelton und Gesang herauf, und im 173 Jelängerjelieberbusch schmetterte noch immer der Fink. Der einsamen Bäuerin ward es weich ums Herz; sie nahm das Starkenbuch vom Schränkchen, heute jedoch genügten ihr die gedruckten Gebete nicht, mit feuchten Augen flüsterte sie: »Herr, wie du willst, so schick's mit uns; aber ist's möglich, so wende gnädig das Leid von meinem Kind!« 174     Du sollst Vater und Mutter ehren. Am Nachmittag bereitete die Bäuerin einen ausnehmend starken Kaffee, Auguste ordnete die guten Tassen mit den breiten Goldrändern auf dem Tisch, und während sie Kuchen und Krapfen auftrug, holte der Bauer seine Staatspfeife – der Ulmerkopf mit hohem, helmartigen Silberbeschlag und schwerem Kettenbehang war eine Rarität – aus dem Schrank. Vergnüglich die Wölkchen von sich blasend, schritt er langsam auf und ab; so oft sein Blick durchs Fenster auf das stattliche Schreinershaus fiel, in dem nun Auguste bald als Herrin walten sollte, zog ein Lächeln über sein Gesicht, ganz im stillen dachte er: Es ist eben einmal wahr: kein Unglück ist so groß, es hat ein Glück im Schoß! Hätte Frieder nicht den dummen Streich gemacht, wer weiß, ob sich für uns die Geschichte so erfreulich gestaltet hätte. Eben stellte die Bäuerin die dampfende »Kaffeekannel« auf den Tisch, als Annelies mit Johannes in die Stube trat. Nach herzlicher Begrüßung, den Weibern kam dabei das Wasser in die Augen, setzte man sich 175 zu Tisch, Johannes natürlich neben Auguste, und Annelies tat es nicht anders, der Hans mußte ihr Nachbar werden. Kaffee und Kuchen fand den ungeteilten Beifall der Schreinerin, die vor lauter Loben und Bewundern fast Essen und Trinken vergaß, bis ihr die Bäuerin lachend zurief: »Denk' nur auch an dich selber und steck' dem Hans nicht alles zu, der Bub ist ohnehin nicht blöde.« Johannes und Auguste saßen still zusammen, nur einmal hatten sich ihre Blicke getroffen, und während der Bergbauer Annelies erfreut anstieß und ihr zublinzelte, konnte das arme Mädchen nur mit Mühe die Tränen zurückhalten; – sie hatte Johannes verstanden und wußte, das Glück war dahin! Leise zitternd räumte das Mädchen den Tisch ab, dann setzte sie sich im Kafenetle aufs Bett und weinte. In der Stube ging indes der Bauer ans Wandschränkchen, brachte, nachdem er lange darin gekramt, ein Päckchen Papiere hervor, setzte sich an den Tisch und sagte, indem er die Schnur öffnete. »Johannes, ich habe dich immer gern gehabt, wie mein eigen Kind, die Papiere, denke ich, sollen's beweisen, daß ich auch väterlich für dich sorgte. Ich sage das nicht, um mich groß zu machen, dafür kennst du mich – und jetzt merk' einmal auf – dein Vater ist abgeteilt, sein Anteil am Vermögen bar ausgezahlt – da, sieh dir die Quittung an! Haus, Hof und Güter gehören jetzt schuldenfrei deiner Mutter, ja, es sind auch noch Kapitalien vorhanden. Ihr seid wohlbehaltene Leute, und wenn ihr dem Unfrieden ein 176 Ende macht, brav zusammenhaltet und an der Arbeit bleibt, wie bisher, muß es alle Tage vorwärts gehen. – So rede doch auch was, sitzest du nicht da wie ein Stock?« »Was soll ich sagen? – Mein Reden ändert doch nichts!« »Johannes,« rief der Bauer und stemmte beide Fäuste auf den Tisch. »Laß mich so was nicht noch einmal hören. Überhaupt, aufrichtig gestanden, gefällt mir dein Wesen und Treiben in letzter Zeit gar herzlich schlecht. Was soll dabei herauskommen, wenn du den ganzen Tag grübelst und sinnierst? Das muß anders werden, ganz anders; ein Bauer, der viel denkt, taugt nichts.« »Ja, wenn man die Gedanken nur so von sich werfen könnte,« lächelte Johannes, »ich meine, Ihr selber müßtet wissen, daß das nicht so leicht angeht.« »Ganz unrecht hast du nicht,« entgegnete der Bauer, der sich getroffen fühlte, »ich rede auch nur von dem trübseligen Nörgeln über Dinge, die einmal nicht zu ändern sind. Hebe den Kopf auf, Elend und Jammer war genug in eurem Haus, es darf nun anders werden. Deine Mutter hat das Unglück hart angegriffen, dabei wird sie alt, kränklich ist sie auch – ich verdenk's ihr nicht, daß sie sich nach Ruhe sehnt. Und, Johannes, dazu sollst du ihr helfen – sie will dir die Güter übergeben.« »Ruhe mag sich die Mutter gönnen; ich selber habe sie schon täglich darum gebeten, sie soll sich's leicht machen und die Arbeit andern überlassen. Aber 177 das Hausregiment kann sie deswegen immer behalten, so schwach ist sie nicht, daß sie das aus den Händen geben müßte.« »Es ist schön, daß du deine Mutter nicht drückst,« entgegnete der Bauer mit finsterem Seitenblick auf den Jüngling, während Annelies heftig schluchzte. »Aber die Sache hat noch einen andern Grund. Deine Mutter braucht Warte und Pflege, fremde Leute, wenn sie auch noch so gut bezahlt werden, sind dazu nichts nütz. Frieder hat deine Mutter nie gut gehalten, jetzt, da endlich Ordnung im Haus ist, sehnt sie sich nach liebreicher Behandlung – kurzum, damit du ihr eine rechtschaffene, brave Schnur ins Haus führen kannst, übergibt sie dir die Güter. – Du sollst einen leichten Anfang haben,« fuhr er fort und trommelte in steigender Verstimmung über Johannes' Schweigen auf dem Tisch, »Haus und Hof, Schiff und Geschirr wird dein Eigentum gegen die Verpflichtung, deine Mutter treulich zu versorgen bis an ihr Ende. Sollte Annelies wider alles Erwarten mit dir oder deiner Frau sich nicht vertragen können, so hat sie sich einen Auszug festgesetzt – da habe ich dir's aufgeschrieben – ich denke, du kannst damit zufrieden sein. – – Aber zum Kuckuck,« fuhr er auf, und sein Gesicht rötete sich, als Johannes immer noch beharrlich schwieg und das Papier, welches ihm der Pate zuschob, gar nicht ansah, »hast du kein Maul?« »Mutter,« sagte Johannes leise, ohne aufzublicken, 178 »Ihr seid noch jung und kommt Ihr erst wieder zu Kräften, reut es Euch gewiß – behaltet die Güter.« »Jetzt rede du, Gevatterin!« wendete sich der Bauer an Annelies; »ich weiß nichts mehr zu sagen.« »Ich verstehe dich gar nicht, Johannes,« rief Annelies; »ich will's nun einmal so, darum bleibt es dabei: du nimmst die Güter und heiratest – –« »Solch wichtige Sache bricht man nicht übers Knie,« fiel ihr Johannes ins Wort. »Bedenkt wohl, was Ihr tut, Mutter; ist's einmal geschehen, kommt die Reue zu spät.« »Deine Mutter und ich haben's uns hin und her überlegt, es bleibt dabei, du nimmst die Güter und – –« »Pate,« unterbrach ihn Johannes, »nichts für ungut, aber ich meine, darüber hätte ich bloß mit der Mutter zu verhandeln, nicht mit Euch!« »Laß mich ausreden, so wirst du hören, daß mich die Sache auch angeht,« sagte der Bauer und riß die Weste auf, als drohe ihm Erstickung. »Du bist schon lange um meine Auguste herumgegangen, jetzt wird sich zeigen, ob du ein ehrlicher Bursch bist. – Deine Mutter will dir die Güter übergeben, daß du, merk' auf, daß du Auguste freien kannst. Unter der Bedingung, daß du die Schreinerssachen übernimmst, habe ich auch meine Einwilligung gegeben. – Nu? – – Johannes! – – Himmelheiden – was ist das?« Auguste stand bleich in der Kammertür und blickte mit weitgeöffneten Augen auf Johannes, der, ohne sie zu bemerken, sich erhob und tiefernst begann: »Ich 179 wollte verhüten, daß Auguste in die Sache gemischt würde – nun ist's doch geschehen, Gott sei's geklagt. Pat' – Mutter – es ist nicht Trotz, nicht sträflicher Ungehorsam; – ich habe mir die Sache auch lange hin und her überlegt, und Gott weiß, der Entschluß ist mir schwer genug geworden; – jetzt aber ist es entschieden – ich kann die Güter nicht nehmen! Seht mich nicht so wild an, Pat', ich verdiene Euren Zorn nicht, ich will Euch sagen, warum ich Euch nicht zu Willen sein kann. – Was dem Vater geschehen ist, darüber steht mir keine Entscheidung zu; aber wie ich mich zu ihm stelle, das ist meine Sache, und in der Bibel steht, ›du sollst Vater und Mutter ehren!‹ – Im Unfrieden sollen die Eltern nicht sterben, ihren Haß sollen sie nicht vor Gottes Thron schleppen, wenn ich's verhindern kann; – heute habe ich mir gelobt, ich will nicht ruhen und nicht rasten, bis die Eltern versöhnt sind. Darum muß ich mir die Hände rein halten, muß frei zwischen den Eltern stehen, darf weder von Vater noch Mutter oder andern abhängen, damit ich frisch vom Herzen weg zum Frieden reden kann, da und dort! – Auguste,« fuhr er weich fort, als er sie jetzt erblickte, »armes Mädle, wie gern hätte ich dir das Leid erspart! Glaub' mir, ich habe dich nicht vergessen. Dein Kummer, den ich voraussah, lag mir schwer auf dem Herzen, und die Angst, du könntest an mir irre werden, mich vielleicht gar verachten, hätte mich beinahe umgewendet. Dir besonders will ich noch eins sagen, warum ich nicht kann: mir graut vor dem Zorn und Haß, der auf Haus und 180 Gütern drüben liegt. Dahinein einen neuen Haushalt gründen, wäre sündhafter Frevelmut und könnte zu keinem guten Ende führen. Auguste, weißt du noch, was ich dir versprochen habe? Glaubst du auch jetzt noch daran?« »Johannes, mein lieber, lieber Johannes,« schluchzte das Mädchen an seinem Hals. »Wie kannst du so fragen? Ich habe es vorher gewußt, daß es so kommen würde – es ist auch gewiß recht so. Bleib' dabei, ich selber hätte jetzt nicht in das Haus ziehen können.« »Ist das dein Ernst, ist's wirklich dein Ernst?« rief Johannes erleichtert, und zwei dicke Tropfen rollten über seine Backen. »Auguste, du weißt nicht, was du mir tust – nun ist's ja gut, o, nun ist alles, alles gut! – Was noch kommt – ich laß nicht von dir, und: brav und treu, weil ich lebe.« »Glaube auch an mich, brav und treu jetzt und immerdar,« weinte das Mädchen und eilte hinaus. Tief aufatmend blickte Johannes dem Mädchen nach, alle Sorgen waren von ihm genommen, die freudige Zustimmung der Geliebten, ihre Versicherung unwandelbarer Treue schwellten ihm das Herz, und in seiner Versunkenheit hörte er weder das Zanken und Schelten des Bergbauern, noch das Weinen und Klagen der Annelies. Erst als sie ihre Stimmen zu immer größerer Heftigkeit steigerten, ward er wieder aufmerksam. Auf die maßlosen Schmähungen des Bergbauern, der mit der Faust auf den Tisch schlagend ihn beschuldigte, er übertreffe noch seinen Vater an Tücke und Hinterlist, begnügte er sich, leise mit dem Kopf zu schütteln, der Mutter jedoch, die ihm mit 181 Fluch und Enterbung drohte, wenn er nicht von seinem Starrsinn lasse, erklärte er: »Es ist schlimm, daß Ihr solche Worte in den Mund nehmen könnt, da Ihr das Unrecht Eures Vaters selber noch nicht verwunden habt. Übrigens geht das Enterben nicht so leicht, und vor einem ungerechten Fluch fürchte ich mich nicht.« »Habt Ihr's gehört, Bauer, wie er mir antwortet?« weinte Annelies. »Und das wagt er gegen seine leibliche Mutter! – Du meinst wohl, ich führe es nicht durch, was ich sage? – Warte nur! Enterben? – Das ist noch viel zu wenig, aus dem Haus jag' ich dich in Schimpf und Schande, wenn du nicht auf der Stelle umkehrst! – Denkst, ich tu's nicht, weil ich dann allein wäre? – Dafür wird Rat! – Die Auguste nehm' ich zu mir, die muß mich pflegen, dafür vermache ich ihr all mein Gut.« »Nun höre aber auf, Annelies, das ist ja ein sinnloses Geschwätz und ein sündhaftes obendrein,« rief die Bergbäuerin, die bisher mit Mühe an sich gehalten hatte, und stellte sich dicht vor die Schreinerin. »Schämst du dich nicht, so gegen dein Kind aufzutreten? – Das sage ich dir, meine Auguste lasse aus dem Spiel, da haben ich und sie auch ein Wort mit drein zu reden. – Gott im Himmel behüte uns vor Geschichten, wie du sie im Kopf hast! Und du bist mir ganz still, Jörg, jetzt will ich meine Meinung sagen. Wenn du auch gänzlich zum Narren worden bist, Gott sei Dank, ich habe meine fünf Sinne noch beisammen; und es bleibt dabei, Johannes weiß wohl, was er tut, ich laß nichts auf ihn kommen. 182 Ich leid's auch nicht, daß du dich noch weiter in die Sache hängst, Johannes ist alt genug und braucht keinen Vormund mehr.« »Das geht ja wie geschmiert, wußte gar nicht, daß du solch ein Advokatenmaul hast,« zankte der Bauer. »Aber so mir nichts, dir nichts wirfst du mich nicht über den Haufen. Zum letztenmal, Johannes: willst du die Güter nehmen? – Bedenk', was du tust! – Himmelmillion, soll ich erleben, daß du das Mädle ausschlägst?« »Von Auguste ist vorläufig gar nicht die Rede, Pat',« entgegnete Johannes, der sich hoch aufgerichtet hatte. »Es handelt sich bloß um die Güter, und da ist ein Wort so gut wie tausend; ich kann sie jetzt nicht nehmen. Im übrigen bin ich ein ehrlicher Bursch und Auguste bleibe ich treu, solang ich lebe, nehme ich keine andre. Warum stellt Ihr Euch so ungebärdig? Sind wir nicht beide jung und können noch warten? – Muß Euch nicht auch daran liegen, daß ich meine Schuldigkeit gegen die Eltern tue in jeder Weise?« »'s ist gut, 's ist gut,« fiel ihm der Bauer giftig ins Wort. »Herrgott, wer mir das heut' morgen gesagt hätte! Aber tu' in Teufelsnamen, was du magst, nur die Gedanken auf Auguste laß dir vergehen; ich sage dir, ehe ich darein willige, daß du sie einmal freist, eh soll mich –« »Verredet's nicht, Pat'!« »Verreden – dummes Zeug! Man kann nichts verreden als das Nasenabbeißen, und das nur bei 183 der eignen!« rief die Bäuerin. »Und jetzt bist du still, Jörg, ich leid's nicht, daß du den Johannes so schändlich behandelst, er verdient's nicht und ist obendrein unser Pat'.« »Was Pat' – ich bin sein Pat nimmer,« fuhr der Bauer auf. »Merk's, bei mir hast du's aus, ich kenn' dich nicht, für mich bist du nicht mehr auf der Welt. Marsch, jetzt aus dem Haus, du hast hier nichts mehr zu suchen, und erwisch' ich dich, daß du nur mit einem Blick nach dem Mädle guckst, dann sei dir Gott gnädig. – Was stehst du da? – Soll ich noch deutlicher reden? – Hinaus – marsch – du bist übrig!« »Eure harten Worte rechne ich Euch nicht an, ich will hoffen, daß Euch die Zeit auf andre Gedanken bringt,« entgegnete Johannes. »Euch, Patin, dank' ich für Euren Beistand, Eure Worte sind mir ein rechtschaffener Trost, und ich werde sie immer im Herzen behalten.« »Nimmt das Geplapper kein Ende?« schalt der Bauer; die Bäuerin jedoch, ohne darauf zu achten, drückte seine Hand und sagte weinend. »Geh, Johannes, der Bauer weiß nicht mehr, was er tut; geh ihm aus dem Weg. Vertrau' auf den Herrgott, der wird alles zum besten lenken; ich laß mich nicht gegen dich aufbringen, darauf verlaß dich – und jetzt geh!« Auf dem Hausflur blieb Johannes stehen, ließ den Kopf auf die Brust sinken und seufzte: »So wär's überstanden; – aber – Auguste – ach, du armes, armes Mädle!« 184 »Ich bin nicht arm!« flüsterte es neben ihm, und weiche Arme schlangen sich um seinen Hals. »Ich habe viel geweint, und es wird noch manches Augenwasser geben, aber innerlich ist mir doch leichter, da ich nun weiß, woran ich bin. Du hast recht getan, Johannes, ich sag' dir's noch einmal, und ich bin stolz auf dich, daß du das gekonnt hast. Nun wollen wir auch aushalten und feststehen; geh jetzt nicht mehr so betrübt und verstört herum wie bisher, Johannes, ich bitte dich herzlich darum; denk' nur, wie soll ich das Leid ertragen, wenn ich dich schwach sehe?« »Habe keine Angst, Auguste, ich habe selber eingesehen, das trübselige Wesen muß ein Ende nehmen, von jetzt an will ich beweisen, daß ich ein Mann bin. Aber wirst du dich auch nicht abspenstig machen lassen? – Bleibst du mir auch treu?« »Immer und ewig! – Wie könnt' ich anders?« »So härme dich nicht. Wir haben beide ein reines Gewissen. Und dabei soll's bleiben. Will es Gott, ist's ihm ein Leichtes, uns zusammenzubringen– darauf wollen wir hoffen. Mein herzlieber Schatz – ade!« Daheim legte er die halboffene Rosenknospe, die heute morgen Augustens Brust geschmückt, zu der Rose vom vorigen Jahr und seufzte, als Annelies drunten laut aufheulte. »Ich kann ihr nicht helfen, ich bezahl's ja doch am teuersten. – Und Gott sei Dank, das Schwerste ist nun überwunden!« 185     Stille Jahre. Wenn eine unerwartete Wendung des Schicksals eine Entscheidung fordert, die das ganze künftige Leben, Glück oder Unglück, Lust oder Leid bestimmen soll, wie pocht dann das Herz so ängstlich und verzagt in der Brust, wie stemmt es sich gegen das herbe »Muß«, wie plagt und quält es sich, einen Mittelweg zu finden, das harte Entweder–Oder zu umgehen! Im Gefühl seiner Schwachheit sehnt es sich nach Hilfe und Beistand; sich selbst mißtrauend horcht es hierhin und dahin, und je mehr Verwirrung das unklare, widerspruchsvolle Urteil der von eignen Interessen hin und her geworfenen Menge in ihm anrichtet, desto größer wird seine ängstliche, ratlose Verzagtheit. Und doch bleibt ihm zuletzt nur übrig, selbst zu wählen, allein auf sich gestellt, die bittere Entscheidung zu treffen, alle Verantwortung samt dem Urteil der Welt allein auf sich zu nehmen – und zu tragen. Ist aber der Entschluß gefaßt, als fester Wille in die Seele eingewurzelt, der erste Zusammenstoß mit 186 den gefürchteten gegensätzlichen Meinungen überstanden, dann erfolgt oft ein bedeutsamer Umschwung im Gemüt. An Stelle der Verzagtheit tritt ein sicheres Vertrauen; die Opfer, welche die Entscheidung kostete und noch zu fordern droht, werden minder schmerzlich empfunden; ein Gefühl innerlicher Befreiung hebt über die Sorgen und Nöte der Gegenwart hinweg, und nicht mehr gänzlich hoffnungslos richten sich die Blicke in die Zukunft; die Empfindung innerlicher Erstarkung, die sich stets dem Bewußtsein treuer Pflichterfüllung zugesellt, läßt das Schwerste leicht, das Größte nicht unerreichbar erscheinen, das erhöhte Lebensgefühl sieht bereits den Kampf entschieden, das Ziel erreicht. – Und doch ist kaum ein Anfang zu nennen, der rechte, ernste, strenge Kampf steht noch bevor. Jetzt gilt es, bei den inneren und äußeren Anfechtungen, die auf das geängstete Herz einstürmen und grausam stets den wundesten Punkt zu treffen wissen – beharren; jetzt gilt es, mag auch die frühere Begeisterung sich in dumpfe, hoffnungslose Gleichgültigkeit verkehrt haben – jetzt gilt es: feststehen, sich bewähren – und die Bewährung, sie ist schwer. Das erfuhr auch Johannes. Nur allzu bald ward er inne, wie das ein Irrtum war, als er nach dem Streit mit dem Paten meinte, nun sei das Schwerste überwunden – jetzt erst begann der Kampf. Seine Weigerung, die Güter zu übernehmen, erregte in Bergheim ein gewaltiges Aufsehen; so was war ja seit Menschengedenken nicht vorgekommen, und je unverständlicher, unbegreiflicher den Nachbarn die 187 Handlungsweise des Jünglings war, je weniger sie seine Gründe verstehen konnten oder wollten, desto härter und liebloser waren ihre Urteile. Sein Tun war wochenlang das alleinige Dorfgespräch, man hätte meinen können, die Bergheimer wären für ihn mit verantwortlich, so eifrig, so einmütig verdammten sie den Jüngling; mit einer Beharrlichkeit, als hinge das eigne Wohl und Wehe von seinen Entschließungen ab, suchten sie ihm das Verkehrte seines Handelns klar zu machen und ihn zur Umkehr zu bewegen. So scheute die Schneiderslies einen weiten Umweg nicht, als sie, von Schottendorf heimkehrend, Johannes in der Rotleite ackern sah. Nachdem sie ihn genötigt, den Pflug anzuhalten, schalt sie auf ihn ein: »Johannes, fürchtest du dich nicht der Sünde, deine Mutter vor den Kopf zu stoßen? Du treibst es ja wahrhaftig noch schlimmer als dein Vater! Willst du mit Gewalt deine Mutter ins Grab bringen? Kehr' um, kehr' um beizeiten! – Denke daran, es müßte ja kein Gott im Himmel sein, wenn dir das ungestraft hinginge!« Wenige Tage danach rief ihm im Wirtshaus der Türkenhenner höhnisch entgegen: »Solch sündlich dummen Menschen, wie du bist, muß es auf der Gotteswelt keinen mehr geben! So das Glück mit Füßen von sich zu stoßen, es ist rein unerhört! – Und warum? – Das sieht doch ein Blinder, daß der Frieder und die Annelies nicht wieder zusammenzubringen sind.« – »Ja, und bei aller Dummheit steckt auch noch ein arger Hochmut dahinter,« fiel der 188 Paulesnickel ein. »Das ist doch nicht anders, als dem Herrgott vorgegriffen; wollte der deine Eltern wieder zusammenbringen, würde er wohl selber Mittel und Wege gefunden haben.« – Ein andermal sagte der Ungersbauer, den Johannes als streng rechtlichen Mann achtete: »War es dir in deiner Haut zu wohl, daß du dich mit Gewalt zum Sündenbock für deinen Vater aufwirfst?« – Und als er sich am Sonntagabend zu den Burschen und Mädchen gesellen wollte, rief des Dorfmüllers Bärble schnippisch: »Johannes, du bist ein Feiner! Jahrelang läufst du der Auguste nach, und jetzt, wo du sie heiraten sollst, ist sie dir auf einmal nicht mehr gut genug? – Schäme dich! Auf was willst du warten? – eine Gräfin kriegst du doch nicht!« – Und der Schneidermarkus setzte hämisch hinzu: »Er fängt gerad' an, wie sein Vater, der hat seinerzeit auch das Fritzenmargtle wegen der reichen Annelies sitzen lassen. Aber wer weiß, vielleicht erleben wir es noch, daß er es gerade so weit bringt wie der Frieder!« Anfangs hatte Johannes dazu nur den Kopf geschüttelt und war stille seines Weges gegangen, wohl einsehend, daß Widerspruch seine Gegner nur noch mehr reizen würde; er hoffte zugleich, so die Leute am ehesten zum Schweigen zu bringen. Als aber im Gegenteil die Aufregung zu wachsen schien, fast das ganze Dorf, den Herrnbauer und Beckenjörg allein ausgenommen, einhellig gegen ihn stand, da begannen die Reden der Bergheimer allmählich in seiner Seele Wurzel zu schlagen. Die unablässigen Anfechtungen 189 erregten peinigende Zweifel in ihm, es kamen schwere Stunden, da er fast an sich selbst irre ward. Der Schulbauer hatte ja freilich vorausgesagt, daß es so kommen würde, Johannes glaubte sich auch genügend darauf vorbereitet zu haben, allein so schlimm hatte er es doch nicht erwartet, und als der Vater, der in Sülzdorf mit der Bärbel in wilder Ehe zusammen lebte, jede Annäherung schroff abwies, als auch daheim die Tage sich stets trostloser gestalteten, drohte ihm fast sein Ziel aus den Augen zu schwinden, und der Kummer über ein verfehltes Leben steigerte sich trotz seines mannhaften Ringens dagegen zu einem finstern Trübsinn. Weder Annelies noch der Bergbauer hatten ihren Plan fallen lassen. »Das müßte ja mit dem Teufel zugehen, wenn wir den Buben nicht endlich zur Vernunft brächten!« tröstete der Bergbauer, und kein Mittel blieb unversucht, Johannes für ihre Absichten zu gewinnen. Besonders Annelies setzte ihm hart zu mit Liebe und Haß, wie es kam; freilich überwog der Zorn die Milde weit – und dennoch bereitete gerade diese Johannes die größte Not. Als das nicht zum Ziele führte, suchten Annelies und der Bergbauer durch Auguste auf den Jüngling zu wirken. Allein Auguste, von der Mutter unterstützt, widerstand ihren Bemühungen, selbst der Zorn des Vaters erschreckte sie nicht. »Johannes hat recht!« das war und blieb ihre Antwort. »Ich helfe nicht dazu, ihm das Leben noch schwerer zu machen.« – – Und doch geschah dies, wenn auch ohne ihre Schuld. 190 Der Unmut des Vaters wendete sich jetzt gegen sie, allen Ärger, der sich in seinem Herzen angesammelt, ließ er bitter an dem Mädchen aus, selbst die Bäuerin mußte harte Worte hören, wollte sie die Tochter in Schutz nehmen. Johannes konnte das nicht verborgen bleiben; das Leid, das Auguste seinetwillen traf, nagte Tag und Nacht an seinem Herzen, und der Schulbauer, der ahnte, was in seiner Seele vorging, rief ihm warnend zu: »Johannes, sei auf deiner Hut! Halte dich tapfer, du stehst in großer Gefahr!« Traurig schüttelte darauf Johannes den Kopf und sagte: »Nein, nein, Bauer, ich fall' nicht ab, ich bin kein Strohhalm; aber wenn es lange so fortgeht, wird mir alle Freude am Leben aus dem Herzen genommen.« Da begegnete ihm Auguste, legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte mit in Tränen schwimmenden Augen: »Johannes, hast du vergessen, was du mir an jenem Sonntag versprachst? – Warum gehst du umher wie verstört?« »Ist's zu verwundern?« entgegnete Johannes traurig. »Ich wollte ja alles ertragen, alles; aber daß du so schwer leiden mußt, das ist zu viel.« »Aber wohin soll es führen, wenn du dich so abhärmst? Johannes – denkst du am Ende gar an Umkehr?« »Das habe ich nicht verdient, Auguste, das nicht; was ich einmal gesagt habe, dabei bleibt's. Ich habe mich herzhaft gegen den Kummer gestemmt, ich wollte ihn wenigstens nicht an den Tag kommen lassen, 191 aber ich bin eben auch nur ein Mensch; heiter aussehen, wenn mir das Herz weh tut, kann ich nicht. – Bin ich nicht schuld an deinem Elend?« »Nein, nein, Johannes, das bist du nicht; überhaupt darf ich von Elend gar nicht reden; – der Vater ist wohl schlimm, dafür ist die Mutter desto liebreicher, und zuletzt trifft mich sein Ärger unschuldig. Johannes, laß dich nicht niederschlagen, du kannst sonst auf die Länge nicht bestehen. Und merke doch wenn ich dich traurig sehen muß, das ist für mich das schwerste Leid, und das ertrage ich nicht.« »Du bist gut, Auguste! – Ich bitte dich, sorge dich nicht um mich, es wird gewiß mit der Zeit besser werden; aber jetzt reißt und zerrt eben alles an mir herum, ich weiß oft nicht, wo mir der Kopf steht. Habe Geduld, mit Gottes Hilfe wird ja endlich auch wieder Ruhe werden.« Allein die Zeit ging hin, ein Jahr war schon lange vorüber – und die gehofften, besseren Zustände wollten nicht eintreten. Sorgenvoll beobachtete der Schulbauer seinen jungen Freund, der freudlos umherging, als seien ihm alle Hoffnungen auf die Zukunft entschwunden. Wohl wissend, daß mit gewöhnlichen Trostgründen hier nichts auszurichten sei, schlug der Schulbauer bei Johannes einen andern Weg ein. Um ihn der Schwermut zu entreißen, die ihm das Gemüt verdüsterte, suchte er seinen Blick von den eigenen, engen Verhältnissen ab auf das Allgemeine zu lenken, seine Teilnahme für höhere Zwecke, weitere Ziele zu erwecken – und sein Streben war nicht vergebens. Johannes ging eine 192 neue, wunderbare Welt auf; er lernte sich als Teil eines größeren, wichtigeren Ganzen erkennen; lernte einsehen, wie die Bedeutung des einzelnen nur in seinem Verhältnis zum Ganzen bestehe, und wie sich allmählich vor seinen Blicken der Kreis seiner Pflichten erweiterte, wie er auch seine geringe Arbeit als notwendig zum Heil des Ganzen erkannte, fühlte er sich innerlich mächtig erhoben. Leise nickte er, wenn der Schulbauer über die Beschränktheit und Teilnahmlosigkeit der Bauern klagte, deren Gedanken kaum über die täglichen Bedürfnisse hinausgingen, und die darum mit verdumpften Sinnen sklavisch am Hergebrachten hingen, hatte er das doch schmerzlich genug in seinem eignen Leben erfahren müssen. »Sieh nur,« rief der Schulbauer oft, »mit welcher Blödigkeit und Unbeholfenheit der Bauer der Außenwelt, die für ihn dicht hinter den Grenzsteinen seines Flurbezirks beginnt, gegenübersteht; wie stumpf und gleichgültig er den Ereignissen der Zeit zusieht, solange sie ihn nicht unmittelbar berühren, und wie er, wenn sie ihn doch einmal vom warmen Platz am Ofen aufschrecken, nichts zu tun weiß, als ratlos in kindisches Jammern, Klagen und Schelten auszubrechen. Ja, solange der Bauer alles, was über seine tägliche Arbeit und sein allernächstes Denken hinausgeht, Gott und den Herren von der Regierung überläßt, solange er von oben her immer geleitet und geführt sein will – solange wird es nicht besser. Mir tut es in der Seele weh, wenn ich sehen muß, welche herrlichen Kräfte im Bauernstand ungenützt vermodern, und ich möchte 193 so gern den Bann von ihren Gemütern nehmen, ihre Seelen aus dem dumpfen Schlaf erwecken – habe aber einsehen gelernt, daß sich dagegen von außen her nicht ankämpfen läßt. Die wahre Hilfe kann nur aus dem Bauernstande selbst kommen. Es müssen Männer auftreten, die es wagen, auf Grund eigner Erkenntnis zu stehen, die selbständigen Geistes es unternehmen, die engen Schranken der versteinerten Sitten und Gewohnheiten zu durchbrechen und ihren Nachbarn das Beispiel eines freien, sittlichen Handelns vor Augen zu führen. – Du bist einer von den Berufenen, Johannes, darum mußt du beharren; was du tust, geschieht nicht mehr für dich und die Deinen allein, es ist eine Tat für das Allgemeine, wenn es in dieser Bedeutung auch nur ich und du verstehen.« Johannes lehnte das Lob, das in diesen Worten lag, bescheiden ab, bestritt auch die Bedeutsamkeit seines Tuns, dagegen hob er das Wirken des Schulbauern rühmend hervor. Allein ihren Zweck erreichten jene Reden doch, sie wurden dem Jüngling ein mächtiger Sporn zu ernsterem Vorwärtsstreben. In der Stille, sich selbst unbewußt, reifte er zum klaren, willensstarken Charakter; wenn auch das Leid über sein häusliches Unglück, über die Hartnäckigkeit der Eltern, über die steigende Verbitterung des Bergbauern wie ein Schleier auf seiner Seele lag und den frischen Pulsschlag seines Lebens abdämpfte – der Trübsinn war für immer überwunden, klaren Blicks schaute er in die Zukunft, in ruhiger Entschiedenheit ging er seinen einsamen Weg. 194 Zwei Jahre waren vergangen seit jenem Sonntag, da sich sein Schicksal entschied, als ein Umschwung in der öffentlichen Meinung Bergheims bemerkbar ward. Johannes' Rechtschaffenheit und Tüchtigkeit, die sich bei jeder Gelegenheit aufs Neue bewährte, zwang gleichsam den Nachbarn die Frage auf: hatte er am Ende nicht auch damals recht, als er sich weigerte, die Güter zu nehmen? – Zwar blieb den meisten solche Handlungsweise auch jetzt noch unverständlich, aber sie hüteten sich wenigstens, sie zu verurteilen, begnügten sich, im stillen die Köpfe zu schütteln, und gestanden gern ein: gut gemeint hat er es gewiß. Besonderen Eindruck machte sein Umgang mit den angesehensten Männern, dem Beckenjörg, der in diesen Tagen Schultheiß geworden war, dem Herrnbauer und besonders dem Sülzdorfer Schulbauer; bald gingen einige seiner hitzigsten Gegner mit Sack und Pack zu ihm über, allen voran die Schneiderslies, die jetzt oft versicherte: »Der Johannes ist einmal einer, dem sieht man gar nicht an, was in ihm steckt! Ich hab's ja gleich gesagt, das ist der bravste Bursch weit und breit.« Von da an wuchs sein Ansehen, und so stieg er in der öffentlichen Achtung, daß ihm bei der Wahl der Gemeindedeputierten der Ungersbauer und Paulesnikel versicherten: »Es ist schade, daß du keinen eignen Haushalt hast, du zuerst gehörtest in den Gemeindevorstand.« Der Türkenhenner konnte freilich auch hier seine Tücke nicht lassen und entgegnete spitz: »Gewiß, dumm genug wär' er zu dem Amt, er hat es ja bewiesen selbigsmal;« – allein der Herrnbauer fertigte ihn derb ab. 195 Auch mit Annelies ging eine große Veränderung vor; ihr Mutterherz regte sich bei dem Lob, das Johannes von allen Seiten gespendet ward, die allgemeine Teilnahme und Achtung zwangen ihr Respekt vor dem Sohn ab, dem sich ein heimlicher Stolz bald zugesellte. Gern ließ sie es geschehen, daß das Hausregiment allgemach auf ihn überging, die Ruhe, die sie sich jetzt gönnen konnte, tat ihr wohl, und nun erkannte sie erst, welche Liebe in dem Herzen des Sohnes lebendig war. Oft kam ihr das Wasser in die Augen, wenn sie sah, wie sich Johannes um sie bemühte, wie er sich selbst nicht genug tun konnte, ihr das Leben behaglich und angenehm zu machen; – dann dankte sie ihm mit warmem Händedruck und sagte: »Gott wird dich segnen, daß du so gut gegen mich bist.« Dennoch konnte sie auch jetzt nicht vergessen, daß Johannes um Frieders willen die Güter ausgeschlagen hatte; der Haß glühte unvermindert in ihr fort, und den Namen des Vaters durfte Johannes nie vor ihr nennen. War aber bei Annelies an eine Versöhnung mit Frieder weniger denn je zu denken, so standen die Sachen im Bergbauernhaus noch viel schlimmer. Sonderbarerweise wuchs mit der öffentlichen Teilnahme der Groll des Bergbauern gegen Johannes; er verbot der Bäuerin und Auguste jeglichen Umgang mit den Schreinersleuten, und es kam darüber, da sich die Bäuerin gegen dieses Verbot auflehnte, zu bösen Auftritten. Das Fehlschlagen aller seiner Pläne, der Starrsinn seiner Weiber, wie er ihre Festigkeit 196 nannte, erbitterten ihn; – im Zorn begann er das Wirtshaus aufzusuchen, und mit Schrecken mußte die Bäuerin sehen, wie er von Tag zu Tag mehr in ein liederliches Wesen verfiel. Auguste litt viel, und wäre ihr nicht der Gedanke an die Liebe und Treue ihres Johannes ein Trost geworden, sie hätte verzagen müssen. * * * Frieder lebte, seitdem er Bergheim verlassen, mit der Bärbel in wilder Ehe gedankenlos in den Tag hinein. Zwar hatten zuerst die ernsten Männer Sülzdorfs, am lautesten natürlich der Schulbauer, gegen diese Unsittlichkeit geeifert; besonders letzterer drang darauf: entweder solle Frieder die Bärbel heiraten oder das Dorf verlassen; – allein das Geld ist in Sülzdorf so gut eine Macht, als in Berlin oder Paris – und Frieder hatte Geld. Darum fehlte es ihm nicht an Freunden im Gemeindevorstand; als über ihn verhandelt wurde, entschied der Schultheiß: »Was geht es uns an, was Frieder in seinem Hause treibt? – Die Bärbel ist seine Magd, das Vermögen, das er ins Dorf bringt, beißt uns nicht, und damit basta!« Der Schulbauer war freilich andrer Meinung, allein er ward überstimmt, wie so oft schon, und mußte schweigen. Er wendete sich mit einer Klage an den Kirchenvorstand – mit nicht besserem Erfolg. Sülzdorf ist nämlich trotz seiner Kleinheit eines von den oberfränkischen Dörfern, die noch heute unter dem Fluch der mittelalterlichen Länderteilungen seufzen. Früher mit Bergheim, zu dessen Pfarrsprengel es zählt, 197 einem Staat angehörend, ward es bei einer späteren Teilung nebst Schottendorf dem Nachbarländchen zugewiesen. Den Herren von der Regierung war es nun äußerst störend, daß die neuen Sülzdorfer Untertanen mit dem Ausland noch in kirchlicher Verbindung standen; diesem Übelstand abzuhelfen, suchten sie Sülzdorf aus dem Bergheimer Kirchenverband zu lösen und es nach Schottendorf einzupfarren. Dagegen wehrten sich jedoch die Sülzdorfer so mannhaft, daß die Regierung ihren Plan fallen lassen mußte. Um nun wenigstens etwas zu erreichen, bestimmte sie, daß die Bewohner aller in Zukunft zu erbauenden Häuser zur Schottendorfer Pfarrgemeinde gehören sollten. Dabei blieb es denn auch bis auf den heutigen Tag. Wenn nun der ältere Teil des Dorfes, wozu auch der Schulhof gehörte, am Freitag nach dem ersten Advent mit Bergheim seinen Buß- und Bettag feiert, klappern in den Scheunen des neuen Dorfes lustig die Flegel; dagegen, wenn am Freitag nach der Fastnacht die nach Schottendorf eingepfarrten Sülzdorfer ihren Bußtag in festtäglicher Stille begehen, ist die andere Hälfte des Dorfes eifrig dabei, den Mist auf Wiesen und Felder zu führen, vor den Schlitten klingen die Schellen, und munter knallen die Peitschen. Das Haus, welches Frieder bewohnte, gehörte zur Schottendorfer Pfarrerei, im dortigen Kirchenvorstand saß der Sülzdorfer Schultheiß, Frieders Freund, und so war vorauszusehen, daß die Beschwerde des Schulbauern auch hier wirkungslos bleiben würde. Nachdem Frieder zwei Jahre mit der Bärbel in 198 Saus und Braus gelebt hatte, ging die Herrlichkeit zu Ende; auf das Wohlleben folgte bitterer Mangel, Frieder und Bärbel gerieten in Unfrieden, und nun regte sich auch die öffentliche Meinung, die so lange geschwiegen. Vielleicht war es Folge der harten Urteile, die er jetzt täglich hören mußte, daß Frieder so auffällig verfiel. Aus dem Mangel ward bittere Not: eines Tages sagte der Schulbauer zu Johannes: »Hilf deinem Vater, er bedarf's, und ich denke, er wird dich nicht wieder abweisen.« Johannes ließ sich das nicht zweimal sagen, und der Schulbauer hatte recht, Frieder wies die Gaben nicht zurück; trotzdem blieb er nach wie vor fremd und kalt gegen den Sohn, auf die herzlichsten Worte hatte er keine Antwort. Erst am letzten Weihnachtsabend, da ihn Johannes auf dem Schottendorfer Christmarkt besonders reich beschenkte und ihm beim Abschied noch ein Röckchen, Schuhe und Strümpfe, goldne Nüsse und Äpfel, Zuckerwerk, sogar eine Puppe für seine kleine Line daheim für sie aufnötigte, schoß ihm das Wasser in die Augen, heftig drückte er dem Sohne die Hand und wendete sich rasch ab. Damit war wenigstens eine Eisrinde seines Herzens gebrochen, von Stund an war er herzlicher gegen Johannes – aber an dem Verhältnis sowohl zur Bärbel als zur Annelies durfte Johannes auch jetzt noch nicht rühren. Bei Annelies wollte fast der alte Unmut wieder erwachen, als sich Johannes rückhaltslos dem Vater anschloß. Allein sie war merklich schwächer geworden, dazu wagte sie auch nicht mehr in früherer Weise gegen den Sohn aufzutreten, eine ihr selbst unerklärliche 199 Scheu hielt ihre Zunge gefesselt und, wenn auch im stillen seufzend und murrend – sie ließ ihn gewähren. Zuletzt gewöhnte sie sich an die regelmäßigen Gänge des Sohnes nach Sülzdorf – nur sie selbst wollte von Aussöhnung nichts hören. Der Bergbauer fluchte und tobte, schimpfte und lärmte im Wirtshaus über Frieder und Johannes, von denen er behauptete, es sei einer so schlecht wie der andere; dem Johannes besonders habe er nie getraut und er danke Gott, daß er ihm damals seine Auguste nicht gegeben. Daheim plagte er seine Weiber, und Johannes wie Auguste würden arg erschrocken sein, hätten sie ahnen können, mit welchen Plänen er sich trug. So kam auch der dritte Frühling heran, und noch immer stand es in der Hauptsache beim alten. Es war Sonntag nachmittag. Johannes saß allein in der Stube und arbeitete emsig an einer Zeichnung, von der er nur dann und wann den Kopf erhob, um dem Vogelgezwitscher draußen zu lauschen und in tiefen Zügen den Duft der Jelängerjelieberblüten vor dem offenen Fenster einzuatmen, da öffnete sich die Tür, und der Sülzdorfer Schneidersheiner trat mit den Worten ein. »Guten Abend, Johannes! So fleißig?« »Hat keine Not! – Sei willkommen und such' dir einen Sitz.« »Die Müdigkeit ist nicht groß; hab' auch nicht lang' Zeit.« »Setz' dich nur; wirst doch die Ruh' nicht aus dem Haus tragen wollen?« 200 »Aber nur auf einen Augenblick,« sagte der Schneider und zog sich einen Stuhl an den Tisch. »Wo ist deine Mutter?« »Sie schläft im Kafenetle, 's ist ihr just wieder einmal nicht recht.« »So erschrick nicht. Einen Gruß von deinem Vater, du sollst zu ihm, er ist krank.« »Was du sagst! – Ist's gefährlich?« »Glaub's nicht, aber recht schlecht sieht er aus; er ist in letzter Zeit überhaupt arg zusammengegangen.« »Hab' Dank fürs Ausrichten; ich will mich gleich auf den Weg machen.« »Wird das beste sein. Einen Dank braucht's nicht, ist gerne geschehen. Adjes.« Ein tiefer Seufzer in der Kammer sagte Johannes, daß die Mutter das Gespräch gehört hatte. Zuerst war er fast erschrocken, dann aber dachte er, es ist vielleicht eine Fügung Gottes. Getrost ging er zu der weinenden Kranken und sagte: »Mutter, Ihr habt gehört, was mir der Schneidersheiner ausrichtete – ist's Euch recht, wenn ich zu ihm gehe?« »Geh, Johannes, halte dich nicht auf; ist's not, bleib' drüben, um mich brauchst du dich nicht zu kümmern.« »Ich will die Kathrin rufen, auf die Nacht kann sie noch die Bergbäuerin bestellen.« »Laß nur, ich will allein sein. Geh, und wenn du denkst, daß es ihm an etwas fehlt –, geh jetzt.« »Ich dank' Euch! – Darf ich ihm das sagen?« »Geh!« 201 Johannes trug der Mutter frisches Wasser zu, stellte ihre Tropfen hin, für den Fall, daß ihr eine Ohnmacht zustoßen sollte, dann verließ er durch die Hintertür das Haus. Ein milder Frühlingsabend senkte sich auf die Erde, von den blühenden Obstbäumen wallten berauschende Wohlgerüche nieder, aus den Hecken schallte munterer Vogelsang, ein wundersames Leben sproßte und webte allüberall. Auch die Menschengemüter waren erwacht, scherzend zogen Burschen und Mädchen durch die Flur, schmückten sich mit den holden Kindern des Frühlings und sangen unter den Birken droben im Steinschrot von der Freude, dem Glück des Lebens. Sinnend schritt Johannes durch saftgrüne Saatfelder und schüttelte leise den Kopf, als er die Gesänge vernahm; in den letzten drei Jahren waren ihm Glück und Freude unbekannte Dinge geworden. Seine Gedanken gingen zurück in die Vergangenheit, Bild auf Bild glitt an seinem Geist vorüber; beim Königsbühel bog er vom Weg ab, wie vor drei Jahren stieg er den Hügel hinan und blickte sinnend hinaus in die Welt. Eben versank die Sonne hinter den Tannen des Wachtberges, die in einem Feuermeer schwammen; in den Blütenbüscheln des Baumes surrten die Maikäfer, einzelne Schwalben sausten pfeilschnell durch die Luft, vom Steinschrot klang fröhliches Lachen und Jauchzen herab, und von Bergheim wie von dem ferneren Schottendorf tönte leise das Abendgeläute herüber. Johannes ließ den Kopf auf die Brust sinken und 202 seufzte: »Wie herrlich, o wie herrlich! – Ja, die Welt wird niemals alt; mag auch der Winter noch so hart und streng auf ihr liegen – der Frühling muß wiederkehren, die Welt muß wieder aufwachen zu lauter Jubel und Freude. Wie arm sind die Menschen dagegen; der Haß ist überall größer als die Liebe, und das Glück ist sogar vergänglich. Wie viel Menschen wohl wahrhaft glücklich sind?! – Was habe ich noch vom Leben gehabt? – Aber nein, so darf ich nicht denken; bin ich nicht heute ein ganz andrer Mensch als vor drei Jahren? – Nein, ich will nicht klagen; der Mensch kann gut und brav sein, das ist mehr als alle Herrlichkeit der Welt. – Und die Liebe besteht auch, ist mir nicht Auguste treu? – – – Und die Mutter war heute auch so ganz anders, sollte vielleicht eine neue Zeit kommen? – Sollte die Krankheit des Vaters eine Wendung zum Besseren mit sich bringen? – O mein Gott! Wie du es auch schicken wirst, ich will fest und treu bleiben, die trüben Jahre sollen nicht vergebens über mich gekommen sein.« War es ein Schimmer des Abendrotes, das glühend über den Bergen stand, oder ein Abglanz des Feuers, das in seiner Seele aufglühte, was von dem Antlitz des Jünglings leuchtete – wer kann es sagen? – Noch eine Weile stand er in stiller Versunkenheit auf dem Hügel, dann eilte er mit weiten Schritten Sülzdorf zu. 203     Ein Erwachen. Weit, weit draußen am äußersten Ende des Dorfes, dicht neben den Erlen, unter deren Zweigen die Wertha hinmurmelte, halbversteckt von den sparrigen, dicht belaubten Ästen eines uralten Apfelbaumes, lag das Häuschen, das Frieder seit drei Jahren bewohnte. Eben breiteten sich die Schatten des Wachtberges darüber hin; ein leichter Nebel, vom Fluß und dem Wiesental emporquellend, hüllte es halb in seinen weißen Mantel, als Johannes raschen Schrittes näher kam. Eine ihm selbst unerklärliche Bangigkeit lag ihm auf der Brust; das Haus und die Umgebung kam ihm so verlassen und öde vor; trotz des kühlen Abends stieg kein Rauch aus dem Schlot, und die sperrangelweit offen stehende Haustür, auf deren Schwelle ein weinendes Kind saß, gähnte ihm unheimlich entgegen. Hastig eilte er herbei, drückte das Kind, das ihm die Ärmchen entgegenstreckte, an seine Brust und fragte: »Was ist dir, Line? – Warum bist du nicht beim Vater?« »Ich Hunger hab',« schluchzte die Kleine an seinem Hals. »Mutter fort, Vater krank – gib Brot!« 204 »Gerechter Gott, was bedeutet das?« seufzte Johannes. Als er aber in die Stube trat, erschrak er so heftig, daß er die kleine Line fast hätte aus den Armen gleiten lassen. Auf einem elenden Lager, das kaum den Namen eines Bettes verdiente, lag sein Vater, entstellt, verfallen, fast unkenntlich; die mageren Hände hielt er auf der Brust gefaltet, mit zuckenden Lippen murmelte er: »Das Gericht kommt, der Herr ist ausgezogen, mich heimzusuchen, mir zu vergelten nach meiner Missetat. – – Das Kind – o, das Kind!« Johannes eilte an das Bett und rief angstvoll: »Vater, Vater – was ist geschehen?« Hastig richtete sich der Kranke empor; mit großen Augen starrte er dem Sohn ins Gesicht und, als traue er seinem Blick nicht, tastete er ihm mit der heißen Hand über das Gesicht. Matt sank er endlich in die Kissen zurück, und Tränen rollten über seine eingefallenen Wangen bei den leisen Worten: »Bist du's, Johannes? – Bist du's wirklich? – Ich glaubte nicht, daß du noch kommen würdest, ich meinte, du hättest mich auch verlassen.« »Wie konntet Ihr das denken? – Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht! – Was ist vorgegangen? – Wo ist die Bärbel?« »Fort ist sie,« ächzte der Kranke. »Fort mit allem, was mir noch übriggeblieben war!« »Unmöglich! – –« »Sieh dich um! – Was sie mir gelassen – du hast es auf dem Arm! – Sie muß schon länger 205 mit dem Gedanken umgegangen sein und sich darauf vorbereitet haben; heute nacht, wie sie merken mochte, daß ich sie nicht hindern konnte, ist sie auf und davon.« »Und das erfahre ich erst jetzt?« »Ach, Johannes, den langen, langen Tag war ich mit dem Kind allein – keine Seele hat nach uns geguckt. Ich wollte Line ins Dorf schicken, aber die Bärbel hat ihr verboten, vom Haus wegzugehen; Gott weiß, womit sie das Kind bedroht haben mag, ich bracht' es nicht über die Schwelle. Meine einzige Hoffnung warst du; – der Schneidersheiner hatte mir gestern versprochen, er wolle dich zu mir bestellen – aber wie Stunde auf Stunde verging, und auch du ausbliebst – da bin ich fast verzweifelt.« »Schrecklich! – Und zu mir kam der Schneider erst vor einer Stunde! – Den ganzen Tag waret Ihr allein und hattet weder zu essen noch zu trinken?« Leise schüttelte der Kranke den Kopf und flüsterte: »Das Kind wimmert vor Hunger – ich ertrage es auch nicht länger; – sieh zu, ob du nicht etwas findest; – wenn nur die Ziege gemolken wäre!« »Ich schaffe Rat, habt nur ein wenig Geduld,« entgegnete Johannes und begann, da ihn Line nicht verlassen wollte, mit dem Kind auf dem Arm nach Lebensmitteln zu suchen. Aber das Haus war vollständig ausgeleert, nicht einmal eine Brotrinde konnte er auftreiben. Zuletzt war er froh, als er noch einen brauchbaren Topf fand, konnte er doch wenigstens versuchen, die Ziege zu melken. Das war freilich ein schwer Stück Arbeit, allein zuletzt gelang es ihm 206 doch, und hoch erfreut teilte er die Labung zwischen Vater und Kind. »Ich danke dir,« flüsterte Frieder, nachdem er sich erquickt hatte. »Aber jetzt spür' ich erst, wie krank ich bin! – Was soll aus dem Wurm werden, wenn es mit mir zu Ende ginge?« »Macht Euch darüber keine Sorgen,« entgegnete Johannes freundlich und half dem Vater zu einer bequemeren Lage. »So gefährlich steht es noch nicht mit Euch, und im schlimmsten Fall – da habt Ihr meine Hand – im schlimmsten Fall sorg' ich für Line. – Weinet doch nicht, Vater, das versteht sich doch ganz von selbst, daß ich das tue; seid ruhig und macht Euch nicht kränker. – Komm, Line, du bleibst jetzt beim Vater, ich muß einmal ins Dorf und sehen, daß ich Hilfe auftreibe.« »Verlaß mich nicht, Johannes; bleib', ich – ich habe viel mit dir zu reden.« »Nur auf einen Augenblick laßt mich, ich bin gleich wieder da. Macht Euch keine Gedanken – es wird für alles Rat werden.« Leise schloß Johannes die Tür und eilte ins Dorf; unterwegs konnte er nicht anders, er mußte dankend zum Himmel aufblicken, daß ihm Kraft geworden zum Beharren; – was hätte werden sollen, wenn er jetzt nicht mehr frei war, nicht helfen durfte? – Bei seinem Eintritt ins Schulbauernhaus drückte die Bäuerin, eine schöne, schlanke Frau, den Säugling, der auf ihrem Schoß strampelte, erschrocken an sich und rief: »Ums Himmels willen, Johannes, wie siehst du aus?« 207 Auch der Bauer sagte betroffen: »Was ist dir begegnet? Wo kommst du her?« »Vom Vater,« entgegnete Johannes und drückte ihm die Hand. »Ist das ein Elend!« »So rede doch, mir wird ganz ängstlich,« sagte die Bäuerin. »Johannes – ist am Ende gar die Bärbel fort?« »Ihr habt es erraten – nur lange nicht alles. Die Bärbel ist fort mit allem, was nicht niet- und nagelfest war; der Vater liegt auf den Tod danieder, und den ganzen langen Tag war niemand um ihn, als das Kind, die Line.« »Daß sich Gott erbarm,« rief die Bäuerin, die eifrig damit beschäftigt war, den Säugling in ein Kissen zu wickeln, und dem Mädchen befahl, Milch, Butter und Brot in einen Henkelkorb zu packen. »Ja,« fuhr Johannes seufzend fort, »und beide hatten nicht einen Mundbissen zu essen, nicht einen Tropfen Wasser im Haus. Den ärgsten Hunger habe ich mit Milch gestillt; – was soll aber nun werden, wer wird das Kind versorgen?« »Siehst du nicht, was meine Anna vorhat?« lächelte der Bauer und gab dem Säugling, der vom Arm der Mutter mit hellen Augen um sich blickte, einen Kuß. »Beim ersten Wort von dir wußt' ich, daß sie das Kind zu sich nehmen würde.« »Ach, Fritz, habe Dank,« sagte die Bäuerin mit herzlichem Händedruck. »Ja, Johannes, wenn dir's recht ist, soll Line bei uns gut aufgehoben sein.« 208 »Wär's möglich?« rief Johannes bewegt. »Ist's Euer Ernst?« »Meine Anna hat das Herz auf dem rechten Fleck,« entgegnete der Bauer mit einem Blick innigster Liebe auf Weib und Kind. »Geh jetzt, Anna, du wirst draußen im Schreinershäusle nötig sein. – – Und was fehlt deinem Vater?« »Wie kann ich das sagen?« erwiderte Johannes, der mit feuchtem Auge der Bäuerin nachsah. »Er ist recht krank! – Möchtest du nicht deinen Knecht mit den Pferden nach Schottendorf schicken und den Doktor holen lassen?« »Von den Knechten ist keiner daheim; – komm, schirr' die Pferde mit ein, ich fahr' selber. Treff' ich den Doktor daheim, bin ich in einer Stunde mit ihm zurück.« Die Pferde schüttelten freilich verdrießlich die Köpfe, als sie noch so spät ins Geschirr mußten, aber das half nichts, nach kaum zehn Minuten saß der Schulfritz auf dem Bauernwagen, gab Johannes die Hand mit den Worten: »Halte den Kopf oben, nun wird es besser!« – Dann knallte er mit der Peitsche, und das Gefährt rollte aus dem Hof. Das ist Hilfe, dachte Johannes auf dem Weg zum Vater. Es geschieht, als ob es sich von selbst verstände und gar nicht anders sein könnte. – Ist es doch ein Glück, mit solchen Menschen befreundet zu sein. Beim Vater merkte man, daß eine Frauenhand im Haus gewaltet; das Bett des Kranken war geordnet, Stube und Kammer zusammengeräumt, und 209 auf dem Fußboden, von Kissen umbaut, saß der strampelnde Säugling, um den sich Line eifrig bemühte. Eben trat die Bäuerin aus der Küche in die Stube und sagte: »Es ist gut, daß du kommst! – Da, leg' deinem Vater den Überschlag auf die Seite, wo er Stechen hat, und laß ihn nicht gleich wegtun, wenn es auch brennt. Mein Fritz ist doch zum Doktor?« Als Johannes nickte, fuhr sie fort: »Die Bärbel ist ein Unflat! Sogar die Wäsche deines Vaters hat sie mitgenommen! – Sei nur still, will schon machen, daß er an nichts Mangel leidet. Derweil ich die Kinder heimbringe, besorge mir den Überschlag gut – bin gleich wieder da.« Sie hielt Wort; zugleich mit dem Arzt, den der Schulbauer zum Glück daheim angetroffen, trat sie in das Stübchen. Nachdem der Arzt den Kranken untersucht, klopfte er ihr lächelnd auf die Schulter mit den Worten: »Ich sage ja immer, Sie sind ein halber Doktor!« Auf Johannes' Frage, wie es um den Vater stehe, zuckte er die Achseln, gab einige Verhaltungsmaßregeln, versprach Arznei zu senden und morgen wiederzukommen; damit entfernte er sich. Johannes preßte die Stirne an die Fensterscheiben und lauschte dem verhallenden Rollen des Wagens – im Herzen ward es ihm unsäglich weh; sollte der Vater unversöhnt sterben – sterben, ehe er ihm seine Liebe recht beweisen konnte? Eine weiche Hand legte sich auf seine Schulter, die Schulbäuerin sagte herzlich: »Komm, Johannes, 210 laß das Sinnen, es nützt nichts und macht dich nur leidmütiger.« »Ihr habt wohl recht! – Aber es wäre doch hart, wenn mit dem Vater was passieren sollte.« »Freilich wäre es traurig, aber immer eine Fügung von unserm Herrgott; an dir liegt's gewiß nicht, wenn deine Eltern in Unfrieden die Welt verlassen müßten.« »Das ist's auch nicht allein, was mich drückt!« »Komm, setze dich zu mir, es redet sich besser als im Stehen. Ich verstehe dich gar wohl; dich drückt die Liebe, du härmst dich, daß du deinem Vater noch so wenig Guttat hast erzeigen können. – Aber vergiß nicht, selbst wenn deinem Vater was Menschliches begegnen sollte, hast du Line – an dem Kind kannst du viel tun!« »Ihr wißt immer zu trösten und aufzurichten,« entgegnete Johannes nach einer Pause. »Was habe ich Euch und dem Schulbauer schon zu verdanken!« »Geh, so darfst du nicht reden, was wir dir tun können, hast du lange reichlich vergolten. Du weißt nicht, wie mein Fritz an dir hängt, was er für Stücke auf dich hält, und mir ist es ein rechtschaffener Trost, daß er an dir endlich einen aufrichtigen Freund und Menschen gefunden hat, der ihn versteht. Ich gebe mir zwar Mühe, ihm nachzukommen und in seinem Sinn zu schaffen, aber, lieber Gott, ich bin eben doch nur eine Frau, und was über den Haushalt hinausliegt, dafür geht mir das Verständnis doch ab. – Gelt, Johannes, du hältst aus bei meinem Fritz? – 211 Ach, er meint es mit allen Menschen so gut, möchte allen so gerne von Grund aus helfen – und das wird ihm oft so übel ausgelegt und so schlecht gedankt!« Johannes konnte ihr nur die Hand drücken, denn Frieder erwachte, und die Bäuerin eilte mit einer Erfrischung zu ihm; freudig machte sie Johannes darauf aufmerksam, daß der kalte Schweiß auf der Stirn des Kranken verschwunden sei, und rühmte das als gutes Zeichen. Eben trat der Schulbauer ein, brachte Arznei und berichtete, der Arzt habe gesagt, wenn der Schlaf ruhiger werde und der Kranke in sanften Schweiß komme, sei die Gefahr vorüber. Sein Weib schloß er herzlich in seine Arme und sagte. »So geh nun heim! Du bedarfst der Ruhe, und der Bub hat auch schon nach dir verlangt. Die Line schläft sanft und süß; mir ist ganz wunderlich geworden, wie ich die Kindergesichter im Schlaf betrachtete.« Anna hüllte sich in ihr Tuch und schlüpfte aus dem Zimmer; Johannes sagte leise zum Bauer, der ihr nachsah: »Ist das eine Frau! Fritz – du bist ein glücklicher Mann!« »Ja, ich bin glücklich! – Danke Gott, Johannes, deine Auguste wird meiner Anna nicht nachstehen, und ein braves Weib ist die Krone des Lebens.« »Ach, Fritz – an Auguste darf ich noch nicht denken.« »Ja, es wird noch manchen Kampf kosten, ehe Ihr zum Ziel kommt, aber ich ahne, das Eis ist gebrochen.« 212 »Meinst du? – Aber was reden wir davon? Ist's nicht Sünde, an künftiges Glück zu denken, während der Vater am Tode liegt?« »Warum? – Auf alle Fälle gibt es jetzt große Veränderungen, und wir dürfen wohl überlegen, was zu tun ist. Ich meine, die Krankheit deines Vaters, noch mehr die Schlechtigkeit der Bärbel wird einen tiefen Eindruck auf ihn machen, und ich glaube, er wird selber den Weg der Versöhnung suchen. Wie steht es mit deiner Mutter?« »Was soll ich sagen? – So ist sie nimmer, wie früher, heute hieß sie mich selber zum Vater gehen.« »Ei, sieh! – Das ist doch ein Anfang.« »Vielleicht; – ich fürchte aber, sie sagte es nur im ersten Schreck, als sie hörte, der Vater sei krank. Sie ist wohl stiller geworden und auch sanfter – aber das mag von ihrer Schwäche kommen, gegen den Vater hat sie ihren Starrsinn noch nicht gebrochen.« »'s ist traurig, recht traurig! – Da hilft nun nichts, wenn dein Vater umkehrt, wie ich bestimmt hoffe, mußt du ein ernstliches Wort mit deiner Mutter reden.« »Ich? – Und jetzt, wo sie kränkelt?« »Eben darum! Wenn sie nicht einmal Krankheit milder stimmt, dann bleibt nichts andres übrig; – so kann es nicht länger bleiben, du und Auguste würdet zugrunde gehen.« »Fritz – ich getraue mir's nicht. Wäre es nicht besser, wenn es ein andrer täte – vielleicht du?« »Nein, nein, das darf kein Fremder! Mit der rechten Sanftmut und Lindigkeit kannst nur du reden.« 213 »Daß Gott erbarm! – Das sind Aussichten! Möchte nur wissen, wo es endlich hinaus will.« »Vergebliche Sorgen,« lächelte der Schulbauer und drückte dem Freunde die Hand. »Jedes Wässerle findet seinen Weg und kommt an seinen Ort – sollte nicht auch dein Geschick endlich einen fröhlichen Ausgang gewinnen?« Noch lange redeten die Freunde von der Zukunft; allmählich wurden ihre Herzen leichter und die Geister freier; – zwei edle Menschen können auf die Dauer nicht in Trübsinn und Zagen befangen bleiben. Dazu nahm auch die Krankheit Frieders eine tröstliche Wendung; nach Mitternacht ward sein Schlaf ruhiger, der Atem regelmäßig, und an Stelle der trockenen Hitze trat ein milder Schweiß. Stunde auf Stunde ging dahin, die Freunde merkten es kaum; schon verkündete ein heller Streifen am östlichen Himmel den herannahenden Morgen, da rief der Kranke mit matter, aber vernehmlicher Stimme: »Johannes!« Mit hellen Augen blickte er den Männern, die an sein Bett traten, entgegen und fragte: »Wo ist Line?« »Gut aufgehoben, Frieder, beruhigt Euch,« sagte der Schulbauer. »Sie ist bei uns und wird gut gehalten wie unser eigen Kind.« »Womit habe ich so viel Liebe verdient?« seufzte der Kranke, dem das Wasser in die Augen kam. »Jetzt seh' ich, was ich für ein schlechter Mensch bin.« »Nicht doch, Frieder, das liegt hinter Euch, damit dürft Ihr Euch nicht quälen; macht, daß Ihr gesund werdet, dann ist's gut.« 214 »Ihr glaubt selber nicht an Euren Trost. – Nein, was ich getan, ist nicht wieder gut zu machen.« »Wißt, ich will Euch gleich geradeweg meine Meinung sagen, es ist vielleicht das Beste. Was geschehen ist, ist geschehen, daran ist nichts zu ändern; – aber deswegen braucht Ihr den Mut nicht zu verlieren. Ihr habt der Welt ein groß Ärgernis bereitet, habt göttliche und menschliche Ordnung zerstört – und wenn Euer Beispiel Nachahmer fände, denkt, wohin das führen müßte. Um das zu verhindern und um der Gerechtigkeit, ohne die einmal die Welt nicht bestehen kann, genug zu tun, müßt Ihr selbst die Ordnung und das Gesetz wieder herstellen, indem Ihr freiwillig Euer Unrecht anerkennt und merken laßt, wie herzlich leid es Euch darum ist.« Frieder hatte mit tiefer Bewegung zugehört; als der Schulbauer nicht gleich weiterredete, sagte er: »Fahret fort! – Eure Worte sind scharf, aber sie tun gut.« »Davon, wie Ihr Euch mit dem Herrgott abzufinden habt, rede ich nicht, das ist Herzenssache, und Ihr werdet da den rechten Weg selber am besten finden. Ich rede nur von dem, was Ihr der Welt und den Menschen schuldig seid – vor allen Dingen müßt Ihr bei der Annelies Verzeihung suchen.« »Ich verstehe Euch, so ungefähr waren auch meine Gedanken. Allein – Annelies wird mir nie, niemals verzeihen – und – ich selber kann es ihr nicht verübeln.« 215 »So seid Ihr auf dem rechten Weg,« sagte der Bauer herzlich und drückte seine Hand. »Bleibt nur dabei und hoffet, es wird sich bald machen.« »Aber wenn sie es auch tut,« begann Frieder nach einer Pause, »die Leute vergessen doch nie, was geschehen ist; ich kann keinem Menschen mehr aufrichtig ins Gesicht sehen.« »Ja, mit Hochmut und Stolz muß es freilich bei Euch vorbei sein; was Ihr waret, werdet Ihr nie wieder. – Nehmt mir es nicht übel – der alte Schreinersfried war auch gar nichts wert, trotz seines Ansehens. Wenn Ihr umkehrt, brav und rechtschaffen bleibt, dürft Ihr Eure Augen frei erheben, und wer Euch kränken wollte, hätte es mit mir zu tun.« »Ich dank' Euch, dank' Euch von Herzen,« flüsterte Frieder, der Johannes' und des Schulbauern Hand ergriffen hatte und beide näher an sich zog. »Das ist ein gutes Wort, Bauer, das will ich festhalten, und es soll mich aufrichten, wenn wieder Kleinmut über mich kommen will. Ich will umkehren, ernstlich – und jetzt gleich will ich den Anfang machen. Kommt, setzt euch zu mir, ich will erzählen, wie es mir ergangen ist, was mich ins Unglück führte und zur Erkenntnis brachte!« »Ihr solltet's nicht tun, jetzt nicht, Ihr macht Euch am Ende wieder kränker,« sagte der Schulbauer bedenklich. Allein Frieder ließ sich nicht abweisen. »Jetzt gerade ist die rechte Zeit,« sagte er; »holt euch Stühle und hört mich an; das Reden macht mir das Herz leichter, und das ist die beste Arznei.« 216 »Wie Ihr wollt,« entgegnete der Bauer. »Aber das sage ich Euch vorher, für schlecht habe ich Euch nie gehalten, ich wußte, es müsse ein schweres Geschick auf Euch liegen. Erzählt – vertrauen dürft Ihr mir.« Johannes, der tief bewegt Zeuge dieser Unterredung war, drückte dem Bauer dankbar die Hand, und Frieder begann seine Erzählung, berichtete einfach, wie er um sein Glück gebracht wurde, und wie er darauf Schritt für Schritt ins Verderben geriet. »Ach, Johannes,« fuhr er fort, »hätte ich dich damals erkannt, wie ich dich jetzt kenne, vielleicht wäre es nicht so weit gekommen. Aber seitdem du Auguste vor mir verleugnetest und heimlich Stunden in Schottendorf nahmst, war mein Vertrauen gänzlich zerstört.« »Verzeiht, Vater!« rief Johannes, »ich habe die Heimlichkeiten selbst schon bitter bereut, allein mit Auguste ward ich erst am Abend danach eins.« »So hat mich die Bärbel auch darin betrogen! – Es mußte eben alles zusammenkommen, mich gänzlich zu verderben. – So höret weiter. Nachdem ich mein Haus verlassen hatte, führte ich, um mich zu übertäuben, mit der Bärbel ein wildes Leben; erst nach zwei Jahren, als mein Geld zu Ende ging, begann mein Elend. Damals gingen mir die Augen auf über meine Schande; ich wollte Bärbel heiraten, auch um des Kindes willen. – Allein sie lachte mir ins Gesicht; sie denke gar nicht daran, sich für das ganze Leben an mich zu binden; jetzt stehe ihr die ganze Welt offen. Das war ein harter Schlag. 217 Wußte ich gleich lange, daß sie falsch gegen mich war – solche Hartherzigkeit hatte ich ihr doch nicht zugetraut; ach, ich sollte ihr wahres Wesen bald noch besser erkennen. Wie sie mich behandelte, davon will ich nicht reden, hatte ich es doch nicht besser verdient; als sie aber auch an dem unschuldigen Kind ihren Unwillen auszulassen begann, als sie es quälte und plagte, da übermannte mich der Zorn; mit dem Zollstock schrieb ich ihr eine derbe Lehre auf den Rücken – aber was half's? – Liebe konnte ich ihr doch nicht einprügeln. Aus der Armut ward bittere Not! – Ich war alt, und mit der Arbeit wollte es nicht mehr gehen, Bärbel verliederlichte den Haushalt – und so sah ich mit Schrecken den Tag kommen, da ich Line würde betteln schicken müssen! – Deine Gaben, Johannes, waren Hilfe vom Himmel; was ohne dich aus uns geworden wäre, daran darf ich nicht denken. Und dennoch war ich damals so verbittert; ein solcher Trotz gegen die ganze Welt und dich insbesondere hatte sich in mir eingefressen, daß ich dir deine Wohltaten nicht dankte. Erst als du mir Weihnachten die Geschenke für Line aufnötigtest, da trafst du mich ins Herz.« »Bis dahin hatte ich, wenn sich ja einmal mein Gewissen regen wollte, mich damit getröstet, ich sei ein guter Sohn gewesen, um des Vaters willen ins Elend gegangen; meinte ich doch, das sei noch nie vorgekommen und werde auch so bald nicht wieder geschehen. Ja, in meiner Verblendung redete ich mir ein, der Herrgott selber stehe darum in meiner Schuld 218 und dürfe mir meine Sünden nicht anrechnen. Deine Liebe und Treue öffneten mir jetzt die Augen! Ich hatte nicht glauben wollen, daß du meinetwegen die Güter und Auguste ausgeschlagen habest, jetzt konnte ich nicht mehr daran zweifeln, ich mußte mir gestehen, du hattest mehr getan und mehr verloren als ich. Und dennoch kam kein hartes Wort gegen mich über deine Lippen; deine Freundlichkeit ward nicht geringer, ja du erbarmtest dich des armen Wesens, das hundert andere an deiner Stelle bis in den Tod gehaßt haben würden. – Und ich? – Ich hatte zum Vater gesagt, ich bin Euer Sohn nicht mehr! – Ach, Johannes, da ging mir auf, wie ich gar nicht mehr aus Liebe zum Vater gehandelt, wie mich Schrecken und Furcht vor seinen Drohungen dazu getrieben hatten – wie die Hast, mit der ich mich dem Hofhannes in die Hände lieferte, im Grunde doch nur dem Hochmut, der Liebe zum Reichtum in mir entsprang. Wäre ich damals oder später aufrichtig gegen mich gewesen, hätte ich mir das selber eingestanden, so hätte noch alles gut werden können; statt dessen war ich unehrlich gegen mich und andere und kam immer tiefer hinein in Selbstbetrug; weil ich mir selbst nicht traute, mißtraute ich auch andern Menschen, fühlte mich einsam und verlassen – bis ich zuletzt der Bärbel in die Hände fiel. Was noch in mir vorging damals, kann ich nicht sagen – als elender, erschlagener Mann kehrte ich heim.« »Armer Mensch,« sagte der Schulbauer leise. »Und doch beharrtet Ihr im alten Wesen?« 219 »Es war eben noch viel Trotz in mir, die Krankheit und die Schlechtigkeit der Bärbel mußte dazu kommen, um ihn gänzlich zu brechen. Als ich gestern den langen, langen Tag so mutterseelen allein lag, da hat der Herrgott in mir aufgeräumt. All das Unglück, das ich angerichtet, hat sich wie ein Berg auf meine Brust gelegt; die Angst, ich könnte unversöhnt sterben, brachte mich fast von Gedanken. Johannes, ich weiß, du trägst mir das Leid, das ich dir angetan, nicht nach, und für deine Treue wird dich Gott segnen!– Du hast viel an mir getan, tue auch noch das letzte und hilf mir zur Aussöhnung mit deiner Mutter. Ich weiß es wird schwer halten, aber, wenn du willst, du kannst sie zum Nachgeben bringen. – Johannes tu's!« »Verlaßt Euch darauf, es geschieht,« sagte der Schulbauer, während Johannes dem Vater die Hand drückte. »Frieder, Ihr seid rechtschaffen umgekehrt, Ihr habt das Herz, das Kind beim rechten Namen zu nennen; daraus erkenne ich, daß es Euch Ernst ist mit einem neuen Lebenswandel; – drum habe ich Respekt vor Euch!« »Das tut wohl gut,« entgegnete Frieder mit einem Seufzer, »allein das Lob verdiene ich nicht; mein Johannes hat mir zurecht geholfen.« »Vater,« rief Johannes; doch der Schulbauer fiel ihm ins Wort, »brav, daß Ihr auch das anerkennt! – Nun laßt es genug sein, macht Ernst aus Euren Worten und seid still davon. – Habt ihr auch schon an Eure Zukunft gedacht? – Was soll werden, wenn Ihr gesund seid?« 220 »Zuerst Aussöhnung mit Annelies, das andre wird sich finden!« »Gewiß, aber wir dürfen die Hände nicht in den Schoß legen. Was meinst du, Johannes?« »Was du fragst! – Der Vater zieht wieder zu uns ins Schreinershaus.« Der Schulbauer schüttelte nachdenklich den Kopf, Frieder aber ergriff die Hand des Sohnes und sagte: »Johannes, höre mich gelassen an. In das Schreinershaus zurück kann ich nicht; der Zwiespalt zwischen mir und der Mutter war zu groß, als daß wir wieder zusammen leben könnten. Ich würde niemals in dem Haus eingewohnen; von Line kann ich mich nicht trennen, und deine Mutter vermöchte den Anblick des Kindes auf die Länge nicht zu ertragen. Schulbauer, redet – habe ich nicht recht?« »Diesmal gewiß; nein, Johannes, es ist auch meine Meinung, bei Lebzeiten der Annelies kann er nicht zurück.« »Aber was soll dann werden?« rief Johannes ängstlich. »Einen eignen Haushalt aufzurichten ist der Vater zu alt – und vor allen Dingen, was soll aus der Line werden?« »Ich habe mit meiner Anna darüber geredet und sie ist eines Sinnes mit mir. In unserm Haus steht manche Kammer leer, in der Frieder sein Bett aufschlagen kann, und ob an unserm Tisch ein Mann mehr oder weniger ißt, darauf kommt es auch nicht an. Wollt Ihr zu uns ziehen, Frieder, seid Ihr von Herzen willkommen. – Die Line lassen wir ohnedies 221 nicht wieder von uns. Es paßt sich auch gerad' gut, daß mein alter Schafstall leer steht, den könnt Ihr Euch zur Werkstatt einrichten. – Wie ist's – wollt Ihr? – Gut, gut, abgemacht,« fuhr er fort, als Vater und Sohn sein Hände zerdrücken und in Dankesworte ausbrechen wollten. »Tut mir jetzt den Gefallen und macht nicht solch Aufhebens von einer Sache, die sich ganz von selber versteht. – Still, still doch – was ist Großes dabei? – Du, Johannes, würdest an meiner Stelle nicht anders gehandelt haben – darum kein Wort mehr.« »Ja, das sage ich auch,« rief die Bäuerin, die unbemerkt eingetreten war. »Sind das Gespräche für einen Kranken? – O, ihr Männer, daß ihr doch nie Geduld haben könnt!« »Schilt nicht, Anna,« lächelte der Bauer. »Allem Ansehen nach ist Frieder außer Gefahr, und was wir redeten, wird ihm gut tun. Die Hauptkrankheit lag im Gemüt, dort tat Hilfe not, und ich denke, sie ist ihm zuteil geworden. Freue dich, Anna, er will sich mit Annelies versöhnen.« »Ist's möglich? – O, Gott sei Lob und Preis! – Und wie ging das so schnell?« »Schnell ging's nun wohl nicht, es hat lange genug in ihm gearbeitet, dafür ist aber auch die Umkehr gründlich! Anna, sage ihm ein gutes Wort, er verdient es; sage ihm, daß du ihn freundlich aufnehmen wirst, wenn er zu uns zieht.« »Gott gebe Euch seinen besten Segen, Frieder, und willkommen seid Ihr mir, von Herzen willkommen. 222 Ach, wie gern hätte ich Euch so lange schon ein gutes Wort gesagt, wie oft tat mir das Herz weh, wenn ich Euch so gebeugt herumgehen sah. – Frieder, weinet nicht, es ist ja nicht seit gestern und heute, daß wir Anteil an Euch nehmen – wie lange schon hätten wir Euch gerne zurecht geholfen! – Und jetzt gehört Ihr zu uns; macht, daß Ihr bald gesund werdet, damit ich im eignen Haus besser für Euch sorgen kann. – 's ist gut, Johannes,« lächelte sie, als ihr der Jüngling die Hand drückte, »geh' jetzt, und auch du, Fritz, mußt heim, Frieder braucht Ruhe, und solange ihr hier bleibt, kommt er doch nicht dazu. Habe keine Sorge um den Vater; so oft ich kann, sehe ich selbst nach ihm, sonst habe ich unsere alte Annedorl zu seiner Wärterin bestellt. Auf den Abend kannst du wieder herüberkommen, früher ist's nicht nötig – und jetzt, marsch fort, ich leide euch nicht länger.« Dabei blieb sie auch, duldete nicht einmal einen langen Abschied, und als Johannes noch immer reden wollte, stellte sie sich zwischen ihn und den Vater und schob ihn aus der Tür. »Ich wußte gar nicht, daß deine Anna so streng sein könne,« meinte er unterwegs und der Bauer lachte: »Ja, so geht's in der Ehe, auch der festeste Mann hat nur einen halben Willen. – Johannes, nun mache ein Ende, rede gleich heute mit deiner Mutter!« »Das ist eine schwere Aufgabe.« »Hilft nichts! Weiß sie es, wie der Hofhannes mit deinem Vater umging?« 223 »Glaube nicht!« »Desto besser! Erzähle ihr's, es kann nicht ohne Eindruck bleiben. – Das und die Krankheit, die Not Frieders muß ihren starren Sinn brechen.« Johannes schüttelte zwar noch immer zweifelnd den Kopf, doch sagte er nichts; nach herzlichem Händedruck trennten sich die Männer, und Johannes schritt durch den taufrischen, sonnenglänzenden Morgen Bergheim zu. Welche Veränderung zwischen gestern und heute! Wohl war noch nicht alles Zagen aus seiner Seele gewichen, gar manches Dunkel war ja noch aufzuhellen, mancher Abgrund auszufüllen – aber doch war er nicht ängstlich, eine fröhliche Zuversicht regte sich ahnend in seinem Gemüt, und als eine Lerche aus dem Saatfeld jubelnd in die Lüfte stieg, erwachte in ihm die alte Sangeslust, leise stimmte er an: »Wach auf, mein Herz, und singe!« 224     Ein Fund. Die Tür fiel ins Schloß, Johannes hatte das Haus verlassen, Annelies war allein. Vor dem offenen Kammerfenster bewegten sich leise die Blütenbüschel des Pflaumenbaumes, rote Sonnenlichter spielten zitternd an der Wand; dann und wann gingen draußen ein paar Nachbarn vorüber, und ihre Stimmen klangen gedämpft herein; im ganzen Haus regte sich kein Laut, das gleichförmige Ticktack der alten Schwarzwälder Uhr ausgenommen – die tiefe sonntägliche Ruhe war so recht geeignet zu stillem Sinnen und Brüten. – In Gedanken folgte Annelies dem Sohn. »Jetzt ist er da,« sann sie; »nun geht er schon den Königsbühel hinab. – Wie er ihn antreffen wird? Ob er wohl schwer krank ist? – Wie ihn Bärbel pflegt? Ob er sterben wird?« – Sie erschrak selbst vor dem letzten Gedanken, aber so viel Mühe sie sich auch gab, ihn zu vergessen, fort und fort klang es in ihr, ob er wohl sterben wird? Eine Wehmut kam über sie, eine Weichheit, die ihr selbst unbegreiflich war; sie ward fast böse über sich und ihre Gedanken, die 225 ruhelos um das kleine Häuschen in Sülzdorf flatterten. Die Unruhe, das Herzklopfen komme gewiß vom Liegen, und die Hitze im Gesicht vom Geruch der Baumblüten, der heute ganz unerträglich stark sei, meinte Annelies und stand mühsam auf. Aber auch in der Stube ward es nicht besser. Die blanke Kommode, früher Frieders Stolz, kam ihr wunderlich vor, fast als sagte sie, weißt du, daß er sterben wird? Und noch manches andre schmucke Geräte erinnerte an den Mann, der jetzt krank darniederlag, ohne daß sie ihn pflegen durfte, der vielleicht starb, ohne daß sie ihn noch einmal gesehen. Ehe sie sich's versah, stand ihr das Wasser in den Augen; es war eigen, so große Mühe sie sich auch gab, durch Erinnerung an das Leid, welches ihr Frieder zugefügt, ihren Zorn zu erregen, es gelang ihr nicht; das Gedächtnis versagte den Dienst, ganz andre Bilder, als die gewollten, erwachten in ihr. »Er habe freilich schwer gefehlt; aber alle Schuld an dem Unglück sei ihm nicht beizumessen; der Johannes, die Bärbel, sie selber hätte viel dazu beigetragen, und er sei hart für sein Vergehen gestraft – sagt Johannes stets – und wenn er recht hätte?« sann Annelies. »Stirbt Frieder, dann kann ich ihm kein gutes Wort mehr sagen, wenn ich auch wollte. Und wenn Johannes recht hätte? – Wenn ich auch mit schuld wäre – wie wollte ich vor Gott bestehen?« – Sie rang die Hände, als ihr der Bibelspruch, den ihr Johannes aufgeschlagen hatte, ins Gedächtnis kam; 226 unwillkürlich sprach sie leise: »Und vergib uns unsre Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern.« In der Stube ward es ihr enge, die Wände bedrückten sie; trotzdem alle Fenster offen standen, kam es ihr schwül vor zum Ersticken; langsam schleppte sie sich durchs Haus – ihre Angst ging überall mit. Zuletzt warf sie sich in der guten Stube aufs Kanapee und weinte. Die Stille im Haus war ihr schrecklich, sie sehnte sich nach Menschen, nach tröstlicher Zusprache, und doch wußte sie, daß sie es jetzt bei niemandem aushalten könne. – »Und vergib uns unsre Schuld«, klang es in ihren Ohren. – Wenn sie sterben sollte, wie konnte sie auf Vergebung hoffen, da sie selbst nicht vergeben hatte? – Jahrelang hatte sie den Zorn mit sich herumgetragen, zürnte Johannes, der zur Versöhnung drängte – und hatte sie denn auch ein Recht, so strenge zu richten? – – Hier an diesem Orte hatte Johannes so dringend gebeten, doch den Vater nicht zur Verzweiflung zu bringen – und was war die Folge? Seinen Bitten zum Trotz hatte sie das Unrecht des Vaters vollendet und Frieder sein Erbe genommen – wie wollte sie in Zukunft beten. vergib uns unsre Schuld? – Sie gedachte des Zerfalls in den Haushaltungen der älteren Brüder, gedachte, wie über kurz oder lang Kaspar den Tiefenorter Hof, wo schon lange die Juden aus und ein gingen, als Bettler verlassen würde, und das Gerede der Leute, die öffentlich aussprachen: »das sei Sündenschuld, an den Kindern werde das Unrecht des 227 Vaters heimgesucht«, kam ihr vor wie ein Gottesgericht. – Hatte dies Wort bei ihr nicht eine besondere, schreckliche Bedeutung? Hilfe und Trost suchend, irrten ihre Blicke umher und hafteten endlich auf der alten Nürnberger Bilderbibel, einem Erbstück vom Schreinerspaule, die seit dessen Tod nicht geöffnet, dick verstaubt unter alten Büchern und Papieren auf dem Schrank lag. Mit einem Seufzer der Erleichterung holte sie das Buch herab. Sie wollte beten, im Gebet hoffte sie gewiß Beruhigung zu finden. Als sie den Staub entfernt, öffnete sie das Buch – vorn waren etliche Bogen grobes, graues Schreibpapier eingeheftet, auf denen die Vorfahren ihres Schwiegervaters die wichtigsten Familienereignisse, Geburten und Sterbefälle, Hochzeiten und Taufen eingetragen hatten. Auch der Schreinerspaule hatte das so gehalten; sie fand den Geburtstag ihres Mannes und seiner Geschwister, die jedoch in früher Jugend verstorben waren, wie die Kreuze und Daten hinter ihren Namen bezeugten. Eine eigne Rührung durchzitterte Annelies, als sie las: »Anno 18.., den 22. Oktober ist mein Frieder in der allhiesigen Kirche als ehrsamer Junggeselle kopuliert mit der ehrsamen Jungfer Annelies Röschlerin von Tiefenort. Und ward die Traurede gehalten über den Text Röm. 12, 9. Gebe der allmächtige Herr Gott seinen Segen.« – Ja, Segen! – Wo war der geblieben? – Feuchten Auges wendete sie das Blatt um – aber was war das? – Mit zitternder Hand geschrieben, oft, besonders gegen den Schluß fast unleserlich, war 228 ein längerer Bericht eingefügt, dessen Entzifferung ihr Mühe machte. Schon bei den ersten Worten fuhr sie erschrocken zusammen, je weiter sie las, desto größer ward ihre Erregung; kalte Schweißtropfen perlten ihr an der Stirn, ihre Hände bebten, daß die messingenen Beschläge der Einbanddecken auf dem Tisch klirrten. Das Schriftstück aber lautete: »Sintemalen ich mein Ende nahe fühle und wohl bald werde dahin fahren müssen, will ich kund tun, was mein Gewissen allbisher arg bedrücket. Und weiß ich wohl, daß ich ein grausam Unrecht auf mir liegen habe, sintemalen ich meinen Frieder in arges Unglück und große Not leichtfertig gebracht. Hab' ihm auch gestanden, und bekenne an mit vor Gott, daß er mir nicht hat entgelten lassen, sondern mich gehalten, wie einem rechtschaffenen Kinde zukommt, wofür ihn Gott segne. Amen. Habe ich aber durch schlecht Wirtschaften meinen Haushalt allezeit hinter sich gebracht, also daß das Vermögen hat abgenommen statt zu, und habe ich zuletzt, vom Teufel verblendet, noch allsoviel verspielet, daß ich dem Hannes Röschler von Tiefenort, als welcher mir schon vorher gegen hohe Zinsen hat etliche Kapitalien vorgestrecket, bin schuldig geworden viertausend Gulden rheinisch, worüber ich ihm eine Obligation habe ausstellen müssen. Ist aber dabei, Gott sei's geklagt, nicht sauber noch ehrlich zugegangen; würde mir auch solch himmelschreiend Unrecht niemalen haben gefallen lassen, so ich Beweise gegen den 229 Hannes in Händen gehabt. Habe es derowegen bis heute verheimlicht und nicht einmal Frieder zu wissen getan, um mich nicht in allzugroße Schmach und Unehren zu bringen. Hat es sich aber in Wahrheit also zugetragen. Und hat mich der Hannes Röschler nach Tiefenort bestellet, die Geldsachen in Ordnung zu bringen, hat mich auch, dieweil ihm böse Dinge zu Sinn standen, aufs beste aufgenommen, mit Bier und Schnaps traktieret, also daß ich allerlei starkes Getränk habe durcheinander trinken müssen, davon mir der Kopf alsbald wüst geworden. Habe aber, trotzdem mir vor den Augen flimmerte, die Obligation heimlich überlesen, ehebevor ich meinen Namen darunter gesetzet, und weiß ich gewiß, daß ich eine rechtschaffene Obligation über 4000 Gulden und nichts dahinter noch davor unterschrieben. Danach kommt der Hannes und zeigt ein Schriftstück auf mit meiner Unterschrift versehen, darinnen ich mein Haus und Hof und all mein beweglich Hab und Gut verpfändet und eingewilliget, wenn ich bis zum 10. September 182. die 4000 Gulden nicht bei Heller und Pfennig zurückbezahlet, soll er berechtigt sein, mein gesamtes Eigentum an sich zu ziehen. Vermeinete zu Anfang, der Hannes wollte spaßen, hernach, als ich den bittern Ernst sah, kam ich vor Schrecken schier von Gedanken, überhäufte den Hannes mit Vorwürfen, beschuldigte ihn, er habe mir im Rausch betrügerisch ein falsch Papier zur Unterschrift untergeschoben. Hat mich darauf der Hannes verhöhnt 230 und verlacht und ging mit den Worten davon: Verklag' mich doch, wenn du's beweisen kannst. Im übrigen soll dein Frieder die Güter behalten, wenn er einwilligt, meine Annelies zu freien; tut er das nicht, greif' ich morgen nach Euren Sachen. Und war richtig der nächste Tag der 10. September, also daß ich nicht anderswo konnte die 4000 Gulden auftreiben, den Pfandbrief einzulösen. Gott verzeih mir die Sünde, den Betrug des Hofhannes verschwieg ich meinem Sohn, sintemalen ich mich vor ihm gefürchtet; sonst gestand ich ihm meine Umstände, bat ihn vor Gott und um Gott, von dem Fritzenmargtle zu lassen und die Annelies zu freien. Habe ihm auch gedrohet, mich aufzuhängen, so er's nicht täte, und mit meinem Fluch erschrecket. – – Darauf hat auch Frieder die Annelies genommen, ob es ihm gleich sauer ankam; aber der Hannes hat ihm die Güter doch nicht gelassen, sondern Frieder mußte eine Urkunde unterschreiben, daß er die Güter nur zum Schein besitze – Gott wolle es dem Hannes nicht allzuhoch anrechnen, wie er mit uns umgesprungen. Und ist mein Frieder nicht glücklich geworden, sintemalen Annelies, sein Eheweib, nicht sachten Gemüts ist und ihm hart nachträgt, daß er nicht also liebreich, wie sie gehoffet; hat auch Frieder die Urkunde nicht können verschmerzen. Und ich mein Ende nahe fühle, liegt mir das Unglück meines Sohnes, so ich durch argen Leichtsinn über ihn gebracht, schwer auf dem Gewissen, und will mir eine große Angst schier oft das Herz abdrücken. 231 Und schreibe das nieder, so vielleicht nach meinem Tod das Blatt in jemands Hände fallen sollte. Bekenne hiermit, daß mich Reue sehr geplaget, und ich oft in der Nacht mein Bett mit Tränen befeuchtet. Und bitte Frieder, daß er mir verzeihe; ich flehe zu Gott, er wolle ihm seine Treue vergelten, so er stets an mir bewiesen, mir aber gnädig sein im letzten Stündlein. Und dies die Wahrheit in allen Stücken, wie ich bezeuge auf mein Gewissen, da ich bald in die Ewigkeit werde abgerufen werden. Bergheim, den – – – 18.. Johann Paulus Scheler.«       Als Annelies zu Ende gelesen, siel sie mit einem Schrei auf das Kanapee zurück, eine tiefe Ohnmacht umfing ihre Sinne. Als sie wieder zu sich kam, vermochte sie nur mühsam ihre Gedanken zu sammeln. Trockenen Auges starrte sie auf das Schriftstück; es war die Handschrift ihres Schwiegervaters, das Datum ging auf vier Tage vor seinem Tod zurück – an der Echtheit konnte sie nicht zweifeln! Schrecklich war das Dunkel, das bis heute auf ihrer Vergangenheit lag, erhellt; wenn auch ihre Gedanken ordnungslos durcheinander stürmten, wenn sie auch nicht zur vollen, klaren Erkenntnis aller Verhältnisse gelangen konnte – eines stand fest: der Betrug des Vaters hatte Frieder und sie selbst ins Unglück getrieben! – Ihr Schmerz darüber war groß – allein das Bewußtsein, einen Teil seiner Schuld auch auf sich 232 geladen zu haben durch liebloses Wesen und hartherzige Strenge, bereitete ihr die bittersten Qualen. Wohl suchte sie sich zu entschuldigen; aber dann sah sie Johannes vor sich, wie er dringend zur Milde und Nachsicht geraten, und seine traurigen, vorwurfsvollen Blicke riefen ihr wieder die schrecklichen Worte ins Gedächtnis: Vergib uns unsre Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern. Annelies lag von Fieberschauern geschüttelt auf dem Kanapee; mit letzter Kraft riß sie das Blatt aus der Bibel, zerpflückte es in kleine Stücke, die sie in ihrer Tasche verbarg, dann verließ sie zum zweitenmal die Besinnung. Als sie die Augen aufschlug, fand sie sich in ihrem Bett; die Bergbäuerin, die ihre Hände umschlungen hielt, beugte sich über sie und sagte: »Gott sei ewig, ewig Dank, daß du endlich die Augen auftust. Annelies, was ist dir begegnet?« »Ist Frieder gestorben?« ächzte die Kranke, deren fieberglänzende Augen ruhelos umherirrten. »Ist er tot?« »Wie kommst du auf den Gedanken? – Kathrin, sie redet irr; ach, daß Gott erbarm! Und kein Mensch im Haus! – Geh, treib einen Boten auf, der den Johannes heimholt und zum Doktor läuft – sie stirbt uns unter den Händen!« Einen Augenblick horchte Annelies, als müsse sie sich besinnen, dann rief sie heftig: »Nein, nein, ich will keinen Doktor, mir kann keiner helfen, und Johannes laßt ihr beim Vater. ich bin's nicht wert, daß er um mich ist.« 233 »Annelies, so tu' mir nur den einzigen Gefallen und komm zu dir, ich vergeh' vor Angst. – Geh nur, Kathrin, und 's ist das beste, du läufst gleich zum Herrnbauer, daß er anspannen läßt und nach Schottendorf fährt.« »Und ich will's nicht! Wenn Johannes erfährt. daß ich krank bin, kommt er heim, und er soll beim Vater bleiben. Mir ist jetzt wohl, ganz wohl, ich brauch nichts als Ruhe. – Du bleibst da, Kathrin, ihr bringt mich um, wenn ihr mir nicht folgt.« »So wollen wir wenigstens die Schneiderslies bestellen, das ist eine gescheite Frau und versteht mehr, wie mancher g'studierter Doktor.« »Willst du mich zu Tod quälen?« unterbrach sie Annelies und richtete sich halb auf. »Ich will niemand. Du bist schon zu viel, aber dich ertrag' ich noch am ersten; setz' dich und sei still, höre nicht auf meine Reden, ich habe so arge Träume gehabt, sonst ist's nichts.« »So sei nur gut, du sollst ja deinen Willen haben. Da nimm die Tropfen und sieh, daß du einschläfst. Ich bleibe bei dir; nach Mitternacht schicke ich die Auguste – wenn dir's recht ist, natürlich. Ich blieb wohl selber gern bei dir, aber wir haben daheim eine kranke Kuh, und mein Jörg kommt ja Tag und Nacht nicht mehr aus dem Wirtshaus. – Leg' dich auf die rechte Seite, Annelies, daß die Träume nicht wiederkommen; sei ruhig, wir tun ja alles, was du haben willst.« »Schick' nur die Auguste, sie ist mir recht; sie hat 234 auch zu meinem Johannes gehalten.« Tief seufzend drehte Annelies den Kopf nach der Wand. Kopfschüttelnd sahen sich die Bäuerin und Kathrin an, wagten aber kein Wort zu sagen, da Annelies eingeschlafen schien. Ängstlich lauschten sie auf die unverständlichen Worte, welche die Kranke vor sich hin murmelte; als sie endlich gegen Mitternacht ruhiger war, ging die Bäuerin sorgenvoll heim, und Auguste löste Kathrin von ihrem Platz am Krankenbett ab. Es mochte gegen drei Uhr morgens sein, im Osten glühte eben ein feuriger Streifen auf, als Annelies fragte: »Auguste – bist du da? – Sind wir allein?« »Wie geht's Euch, Pate, habt Ihr gut geschlafen?« fragte Auguste teilnehmend dagegen und reichte der Kranken frisches Wasser. »Die Kathrin ist in der Stube eingenickt, soll ich sie aufwecken?« »Nein, nein ich habe mit dir allein zu reden. Weißt schon? – Er ist krank.« »Die Kathrin hat's droben gesagt.« »Kind – möchtest du mir einen Gefallen, einen großen, großen Gefallen tun? – Darfst aber zu keinem Menschen darüber reden, auch zu Johannes nicht. – Willst du? – Was Unrechtes ist nicht dabei. – Geh, nimm die Papierstückel aus meiner Tasche, wirf sie in den Ofen und verbrenn' sie. Aber nichts darüber reden! – Willst du?« Auguste nickte und tat, wie ihr geheißen war; als sie zurückkam, streichelte die Kranke ihre Hand und sagte seufzend: »Habe Dank, Auguste, du hast mir eine große Last vom Herzen genommen. Komm, 235 setze dich zu mir, recht nahe, so! – Kind, Kind, ist das ein Glück, daß der Johannes damals die Güter nicht genommen hat. – Mein Johannes ist ein braver Mensch.« »Ja, Gott weiß es, das ist er!« »Ach, Kind, was habe ich heute erfahren müssen. Mein Herz erzittert, wenn ich daran denke! Schreckliche Dinge sind geschehen, und mich trifft viel Schuld dabei. – – Vorhin brachte mich die Angst fast von Gedanken, Frieder könne sterben, ehe ich ihn um Verzeihung gebeten hätte.« »Pate, ist's denn möglich?« rief das Mädchen und drückte ihre Hand an die Brust. »Pate, denkt Ihr im Ernst an Aussöhnung?« »Und meinst du, daß er mir verzeihen wird?« »Ach, wenn das Johannes gehört hätte! – Gewiß, Pate, verlaßt Euch darauf, Johannes wird sorgen, daß er's tut!« »Du gutes Kind! Ja, das ist auch mein Trost; Johannes wird's tun,« flüsterte die Kranke und strich dem Mädchen über die dicken Flechten. »Vorhin war ich außer mir; ich meinte, Frieder müsse gestorben sein. Danach im Traum kam mir Johannes vor, gab mir die Hand und sagte: Mutter, seid nur ruhig, es wird noch alles gut! – Seitdem ist die Angst von mir gewichen. – Ich weiß, ich werde vor Frieder sterben, aber nicht eher, als bis ich mit ihm ausgesöhnt bin. – Weine nicht, Kind, ich sterbe gern, darfst mir glauben. Auf der Welt bin ich nicht mehr daheim, und nach dem, was ich heute erfahren, 236 könnte ich das Leben nimmer ertragen. Und es ist mir ein großer Trost, daß ich dir es jetzt schon sagen darf, wie mir ums Herz ist; du hast ja auch treulich geholfen, daß der Unfriede noch ein Ende nehmen kann. Jetzt weine doch nicht, machst mir das Herz wieder schwer, und 's ist mir so leicht, wie lange nicht. – Ja, was ich noch sagen wollte, habe keine Angst, auch eure Not wird bald ein Ende haben, wenn sich auch dein Vater noch eine Weile trotzig stellt. Und, Auguste, halte Johannes gut, er verdient's. Merke dir, auch mit der Liebe kann man sich versündigen. Ich habe Frieder gern gehabt, ach, so herzlich gern! – Aber wie er tat, als wär ich nicht auf der Welt, bin ich trotzig geworden, habe die Liebe in mich verschluckt, bis sie im Herzen erstickt ist. Mache es nicht wie ich; die Liebe im Herzen ist nichts, sie muß heraus, muß aus allem Tun und Reden hervorleuchten, und wenn es nicht beachtet wird, dann erst recht. – So, nun ist's genug geredet; bleibe bei mir, ich will jetzt schlafen – ach, schlafen! – Wie mir so leicht und so wohl ist! – Gute Nacht, Auguste, gute Nacht!« Mit gefalteten Händen saß das Mädchen am Bett und lauschte den leisen Atemzügen der Kranken, die wirklich eingeschlummert war. Ihr seltsam verändertes, erweichtes Wesen hatte sie tief ergriffen, der Odem eines fremden, höheren Lebens, der ihr aus den Worten der Annelies entgegenwehte, durchschauerte ihr Gemüt mit schmerzlicher Ahnung, und sie ward fast unwillig, daß sich daneben doch auch eine 237 hoffnungsvolle Erwartung leise in ihrem Herzen regte. Treu behütete sie den Schlummer der Kranken; manches fromme Lied, mancher tröstliche Bibelspruch ward in ihrem Herzen lebendig, während draußen das Morgenrot höher und höher am Himmel emporstieg und die Erde aus ihrer nächtlichen Ruhe erwachte. Als der Spatz, der noch sein winterliches Nachtquartier im Zugloch der Kammer beibehalten hatte, auf den Pflaumenbäumen hüpfte, sein Gefieder in Ordnung schüttelte und dann seinen Morgengruß mit heller Stimme in die tauduftige Welt hinausschrie – erhob sich Auguste, blickte wehmütig in das bleiche Gesicht der Pate und schlüpfte leise aus der Kammer, um ihr ein stärkendes Frühmahl zu bereiten. Rasch näher kommende Männerschritte scheuchten sie aus der Stube; mit geröteten Wangen eilte sie Johannes entgegen und schlang ihre Arme um seinen Hals. »Wie steht's mit dem Vater?« flüsterte sie leise. »Gut, recht gut, er ist außer Gefahr. Und denke dir das Glück, die Bärbel ist fort, und der Vater will sich mit der Mutter aussöhnen!« Auguste hing sich fester an den Jüngling, vor Schluchzen konnte sie nicht reden. »Auguste, was ist dir?« rief Johannes erschrocken, »Freust du dich nicht? – Oder – Herrgott, wie konnte ich nicht gleich daran denken, ist die Mutter kränker geworden?« »Erschrick nicht, sie ist recht schwach! Geh zu ihr! Ach, Johannes, mir zittert das Herz, deine Mutter ist auch umgekehrt! – Geh zu ihr, sie wird sich nach dir sehnen! – 238 »Ja,« erzählte Johannes, der neben dem Bett saß und bekümmert die welke Hand der Mutter betrachtete, »es war ein trostloser Zustand, und wären die Schulbauers nicht gewesen, ich weiß nicht, was hätte werden sollen. Jetzt ist der Vater versorgt, und das Kind im Schulbauernhaus gut untergebracht. – Aber wie ist es Euch, Mutter? – Soll ich nicht den Doktor holen?« »Erzähle! – Ach, wenn du mir eines sagen könntest, das wäre die beste Arznei!« »Ich kann's, Mutter,« entgegnete Johannes und beugte den Kopf tief nieder. »Der Vater ist zur Einsicht gekommen, sobald er kann, wird er Euch selber um Verzeihung bitten.« Annelies seufzte tief, faltete die Hände und blickte dankend zum Himmel. Eine Weile war es still; Johannes wollte die Mutter nicht stören und trat ans Fenster – vielleicht auch, um die eigne Rührung zu verbergen. »Johannes, komm zu mir,« flüsterte sie und zog ihn dicht an sich. »Gott wird dich segnen, daß du beharrtest und uns zur Versöhnung verhalfst – ach, hätte ich früher auf dich gehört, wieviel Leid wäre uns allen erspart worden! Du hast in allen Stücken recht behalten, Johannes. – Frage mich nicht, wie ich zur Einsicht gekommen bin, merke nur das, mein Vater und ich haben schwere Schuld auf uns liegen. Sie ist mir allzu schwer, ich werde sie nicht lange tragen. – Bitte den Vater, er soll mir und deinem Herle vergeben – er versteht schon, was ich meine, wenn er auch nicht alles weiß; – wenn's 239 ihm möglich ist, soll er mir das selber sagen, damit ich ruhiger sterben kann.« »Redet doch nicht so, Mutter! Ihr seid krank – ich will den Doktor holen!« »Mir hilft kein Doktor, aber geh nur, du tust es doch nicht anders. Aber gelt, Johannes, du denkst einmal in Liebe meiner?« »Mutter, ich meine, Ihr solltet mich nunmehr kennen,« entgegnete Johannes, der nur mit Mühe seine Fassung behauptete. »Soweit ist's ja noch lange nicht; haltet Euch ruhig, ich bin bald zurück!« Matt legte sich Annelies in die Kissen zurück und sagte zu Kathrin, die sich weinend an ihr Bett setzte. »Was weinst du? – Freue dich, der Herr hat alles wohlgemacht!« 240     Versöhnt. Durch die sternhelle Sommernacht schritten hastig zwei Männer an dem schmalen Sülzdorfer Kirchsteig Bergheim zu; keiner sprach ein Wort, nur dann und wann holten sie tief Atem, daß es fast wie Seufzen klang. Bei der Steigung des Weges am Königsbühel sagte der vorderste: »Wir wollen langsamer gehen, Vater, es greift Euch zu sehr an, die Krankheit liegt doch noch in Euch.« »Nein, Johannes,« entgegnete der Schreinersfrieder, »ich bin stark, wir wollen eilen; vergiß nicht, die Mutter wartet auf uns.« Und so war es! – »Wird jetzt der Vater den Weg nach Bergheim wohl aushalten?« hatte Annelies abends vorher gefragt und, als Johannes bestätigend nickte, hinzugesetzt: »So mache dich auf und hole ihn zu mir, aber säume dich nicht, mit mir geht's rasch zu Ende.« Als Vater und Sohn in das Krankenzimmer traten, erwachte Annelies und bat die Bergbäuerin, die mit Auguste neben ihrem Bette saß, hinauszugehen! Die 241 Frauen halfen der Kranken zu einer aufrechten Stellung, gaben ihr zu trinken, zogen den Docht aus dem Lämpchen und schlossen leise hinter sich die Kammertür. Eine Weile blickten sich die so lange getrennten Ehegatten mit großen Augen an, dann warf sich Frieder vor dem Bett nieder, drückte das Gesicht auf die Hände seines Weibes und schluchzte: »Annelies!« – Annelies konnte nicht reden, stille ließ sie Frieder gewähren, die hellen Tränen rollten ihr über die Wangen; endlich begann sie mit leiser Stimme: »Herr, mein Gott, ich danke dir, daß ich das erlebt habe! – Frieder, höre auf mich, und auch du, Johannes, gib acht – mir liegt eine schwere, schwere Last auf dem Herzen.« »Rede nicht so viel, Annelies; sag' nur das eine: kannst du mir vergeben?« Ein leises Rot glitt über ihre Wangen, als sie erwiderte: »Habe Dank, Frieder, das tut wohl, wenn ich's gleich nicht verdiene. – Aber laß mich nur, meine Kräfte nehmen ab. – Frieder, ich weiß jetzt, was vor unsrer Freierei geschehen ist, weiß, wie du an mich gezwungen worden bist – und – noch viel, viel mehr! – Ach, Frieder, daß ich das sagen muß – mein Vater hat damals – den Schreinerspaule – arg betrogen! – Gott sei Lob und Preis, daß das von meinem Herzen herunter ist! – Ja, Frieder, das tat er; aber gelt, du dringst nicht in mich, wie das geschehen ist, wie ich es erfahren habe, – und – und – du bringst es nicht unter die Leute?« 242 »Ich verstehe dich freilich nicht ganz, aber ich habe eine Ahnung, wie es wohl geschehen sein könnte. Meine Hand darauf, das ist vorbei, vergeben und vergessen, für immer tot und begraben. – Aber Annelies, nun sag' auch mir ein tröstlich Wort.« »Ich habe dich lieb gehabt, Frieder!« entgegnete sie und zog ihn näher an sich; »jetzt darf ich dir's gestehen, von Herzen lieb. Danach ist es freilich anders gekommen; ich ward oft recht zornig, aber im Grund war es doch auch nur aus Liebe, und vergessen konnte ich dich nie. Wirst du mir auch wirklich nicht nachtragen, daß ich dir so oft wehe getan? Wirst du manchmal im Guten an mich denken?« – Als Frieder nicht antworten konnte und nur ihre Hand fester drückte, winkte sie den Sohn zu sich und fuhr fort: »Johannes, halte deinen Vater in Ehren, er verdient es, mache gut, was ich und der Herle an ihm gesündigt haben. Verlaß auch das Kind nicht, gib mir die Hand, daß du ihm in allen Stücken ein Bruder sein willst!« Matt legte sie sich zurück, aber aus ihren Augen strahlte ein wunderbarer Glanz. »Ruft mir Auguste herein,« begann sie nach einer Pause, und als das Mädchen Hand in Hand mit Johannes vor ihrem Bett stand, richtete sie sich auf und sagte: »Gott segne euch, ihr Kinder, und behüte euch vor unserm Schicksal! – Johannes, halte Auguste in Ehren, du weißt nicht, wie es einer Frau ans Leben greift, wenn sie der Mann verachtet. Du aber, Auguste, sei liebreich und herzlich allezeit; laß dich nicht erzürnen und verbittern, wenn Johannes einmal nicht ist, wie er 243 sein sollte. – Und noch eins: sorgt für die Hirtenkathrin! Sie hat mir treu beigestanden in schweren Tagen; drum verlaßt sie nicht im Alter.« Zuletzt gab sie noch der Bergbäuerin die Hand. »Hab auch du Dank für deine Treue und denke manchmal an mich; deinem Alten aber sage, er solle doch seinen Groll fahren lassen und bedenken: des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist! – So – nun geht in die Stube, aber bleibt beisammen; ich bin müde, sehr müde und will schlafen!« Stille saßen die fünf Personen – auch Kathrin hatte sich zu ihnen gesetzt – in der Stube; kein Wort ward gesprochen, nur dann und wann brach verhaltenes Weinen plötzlich hervor, sie wußten ja, der Engel des Todes schwebte durchs Haus. Geräuschlos ging die Bäuerin bei der Kranken ab und zu, nach Mitternacht verweilte sie länger in der Kammer; – als sie zurückkehrte, sagte sie weinend: »Zünde Licht an, Johannes, deine Mutter ist eingeschlafen.« * * * Es war Abend, wenige Tage nach dem Begräbnis der Annelies; glühend leuchtete das Rot des Himmels durch das Laub der Obstbäume in den Schreinersgarten und lag als milder Glanz auf Johannes' Angesicht, der mit gekreuzten Armen am Stamm des alten Apfelbaumes lehnte und erwartungsvoll durch die Bäume lugte. Manchmal freilich ließ er auch den Kopf sinken, trübe Schatten legten sich auf seine Stirn, es waren gar traurige Erinnerungen, die durch 244 seine Seele zogen. Allein das war ja vorüber; das Leid zum Segen geworden; das Köstlichste, was einem Kinde beschieden sein kann, war ihm gelungen – er hatte die Eltern versöhnt – und heute noch wollte man den Vater zurückführen in seine Heimat! – Er hob den Kopf und stieß einen Freudenruf aus – ein Mädchen kam auf ihn los und umschlang jubelnd seine Knie. »Bist du endlich da, Line?« rief er und nahm das Kind auf den Arm, »habe lange auf dich gewartet! Komm jetzt, wir wollen dem Vater entgegen!« »Unnötig, ist schon da,« entgegnete eine muntere Stimme, und als er sich hastig umdrehte, standen wirklich der Vater und der Schulbauer, die ihn schon eine Weile beobachtet haben mochten, vor ihm. Tief bewegt drückte Johannes die Hand des Vaters und sagte herzlich: »Willkommen, Vater, tausend, tausendmal willkommen daheim! – Der Herr segne Euren Eingang und schenke Euch Gesundheit und langes Leben, daß wir noch viele, viele Jahre zusammen haushalten in Friede und Eintracht! – Seid herzlich willkommen in Eurem Haus!« »'s ist brav, daß du uns nicht erst in das Haus gelassen hast,« nahm der Schulbauer das Wort, da Frieder nicht reden konnte, »so was macht sich in der schönen Gotteswelt viel leichter ab, als in der dunklen Stube. So, nun nehmt Euch zusammen, Frieder, und seid ein Mann; seht Euch doch Eure Bäume an, wie gut sie gehalten sind – lacht Euch denn nicht das Herz im Leib? – Und du, Johannes, ich 245 glaube, du hast noch gar nicht bemerkt, wie meine Anna dein Schwesterchen herausgeputzt hat – ja, gelt, es ist ein herziges Ding? – Darfst mir glauben, wir lassen das Kind ungern genug von uns! – Und höre, meine Anna hat mir auf die Seele gebunden, du sollst doch ja das Kind gut halten; sie kommt selber, um nachzusehen, und Gott sei dir gnädig, ist dann nicht alles in Ordnung. – Jetzt aber kommt, wir wollen in das Haus; mein Hals ist wie vertrocknet, und einen rechtschaffnen Hunger habe ich auch.« Lächelnd drückte Johannes dem Freunde die Hand und schritt den Männern voran ins Haus. Kathrin hätte beinahe laut aufgeschrien vor Freude, als Frieder in die Stube trat; die Line mußte Johannes in Schutz nehmen vor ihren allzu stürmischen Zärtlichkeiten. Nach dem Essen, als die Pfeifen brannten, begann der Schulbauer: »Und was nun weiter? – So kann dein Haushalt nicht bestehen, auch dem Kind bist du es schuldig – du mußt heiraten. Wie steht's im Bergbauernhaus?« »Schlimmer denn je!« »Wieso!« »Seit der Aussöhnung der Eltern ist der Bergbauer völlig wild über mich geworden, und daß ich den Vater ins Haus nehme, brachte das Häfele vollends zum Überlaufen.« »Narrheit,« brummte der Schulbauer. »Dummer Unsinn!« »Dazu kommt,« fuhr Johannes fort, »daß sich 246 jetzt der reiche Ottensludwig von Simmershausen stark um die Auguste bewirbt, und der Bergbauer sich in den Kopf gesetzt hat, der müsse nun sein Schwiegersohn werden. Auguste hält sich tapfer – aber wie lange wird sie bestehen können?« »Wie steht's mit der Bäuerin? – Ist sie noch für dich?« »Von ganzem Herzen; aber was hilft das?« »Hm, da verzage ich noch nicht; sie ist eine kluge Frau, steckt ihren Alten zehnmal in den Sack, und er merkt es gar nicht. Geduld wirst du freilich noch haben müssen; aber verliere nur den Mut nicht, gegen zwei Weiber richtet selbst ein Bergbauernkopf nichts aus.« Frieder saß unterdes still auf der Ofenbank; er kam sich fremd und verlassen vor, auch das Gespräch vermehrte seine Unruhe. Gedrückt begann er: »Johannes, ich weiß, du meinst es von Herzen gut mit mir – aber nimm es nicht übel – mein Platz ist nicht in diesem Haus, ich kann nicht bei dir bleiben. Ich habe Leid genug über dich gebracht; von jetzt ab will ich deinem Glück nicht mehr im Weg sein – drum geh ich wieder. Bleibe nur ruhig meinetwegen, Johannes, werde schon irgendwo ein Unterkommen finden, und willst du mir dann und wann unter die Arme greifen, nehme ich's mit Dank an.« »Holla, Frieder,« rief der Schulbauer, »was soll das bedeuten?« »Laßt mich ausreden! – Es ist nicht bloß darum, daß sich meinetwegen die Freierei mit der Auguste 247 zerschlägt – ich habe noch andere Gründe. Bei jedem Blick, der nicht ganz freundlich wäre, müßte ich denken, das ist ein Vorwurf, und das ertrüg' ich nicht. Darum muß ich fort, weit fort unter Menschen, die mich nicht kennen. Dazu – ich rede ganz, wie mir's ums Herz ist – würde Johannes über kurz oder lang doch bereuen, daß er mich und das Kind zu sich genommen hat, wir würden ihm zur Überlast – und das soll nicht sein. Zwischen uns soll keine Verdrießlichkeit mehr aufkommen, darum geh' ich. Redet mir nicht ein, ich habe mir die Sache überlegt, jedes Wort dagegen ist vergeblich.« »Frieder,« meinte der Schulbauer kopfschüttelnd, »Ihr seid wieder einmal auf einen garstigen Holzweg geraten.« »Ich hätte das gleich sagen sollen, das ist jetzt auch noch Zeit,« begann Johannes, der aufgestanden war und ein Papier aus dem Schränkchen genommen hatte. »Ihr dürft nicht denken, daß ich Euch aus Gnaden und Barmherzigkeit aufnehme. Die Erbschaft der Mutter trete ich freilich ohne Umstände an – wozu sollten wir uns erst Weitläufigkeiten und Kosten machen? – Ich nehme aber die Sache so, als hättet Ihr mir das Vermögen gegen einen Auszug, den ich für Euch habe aufsetzen lassen, freiwillig übergeben, wie's Sitte und Brauch ist. Vorläufig lebt Ihr bei mir, könnt Ihr Euch aber mit mir und meiner Frau nicht vertragen, so ist das Erkerstüble für Euch eingerichtet, und Ihr bekommt jährlich Euer Gewisses an Geld und Naturalien. – Da seht 248 Euch den Aufsatz an, ich denke, Ihr werdet zufrieden sein. Weiter sind Euch bei der Teilung des erworbenen Vermögens fünfzehnhundert Gulden zuviel abgenommen worden – es geschah ohne mein Wissen! – Damals gelobte ich mir, das Geld bleibt Euer, bei erster Gelegenheit stelle ich es Euch zurück. In den letzten drei Jahren hatten wir Glück; was wir erübrigten, reichte mit den schon vorhandenen Kapitalien gerade hin, die fünfzehnhundert Gulden voll zu machen. – Ich habe sie für die Line in die Sparkasse gelegt, alljährlich sollen die Zinsen zum Stock geschlagen werden – so hat das Kind auch ein Erbgut. – Seid Ihr damit zufrieden?« »Johannes, Johannes,« rief Frieder. »Nein, das kann, das darf ich nicht zugeben, du beraubst dich allzu sehr.« »Hätte ich Weib und Kind, dann dürfte ich vielleicht nicht,« sagte Johannes und legte dem Vater die Hand auf die Schulter. »Drum eben ist's gut, daß ich damals die Güter nicht nahm. Merkt Euch noch dies: zur Überlast werdet Ihr und das Kind mir einmal nicht, ich habe mich lange genug nach Euch beiden gesehnt; wie es mit Auguste wird, steht in Gottes Hand – Ihr bleibt bei mir. Sonst könnt Ihr Euch in Haus und Werkstatt nützlich machen, solange es geht, das ist Euch unverwehrt – seht Euch nur um, ob auch noch alles im rechten Stand ist.« »Sagt' ich's nicht, Ihr seid auf dem Holzweg! – Ich will Euch allein lassen, hier hat ein dritter nichts zu tun. Johannes – mit Männern zu leben wie du, 249 das ist eine Freude!« Damit nahm der Schulbauer seine Mütze und ging. Johannes hatte nicht zuviel gesagt, im Bergbauernhaus stand es in Wahrheit recht schlimm. Mit dem ruhigen, besonnenen Bergbauer war eine merkwürdige Veränderung vorgegangen; ohne es zu ahnen, war er auf eine abschüssige, gefährliche Bahn geraten. Zuerst war es freilich bloß sein gekränktes Gefühl für Recht und Wahrheit, was ihn gegen Frieder erzürnte; bald gesellten sich jedoch eigensüchtige Absichten hinzu, die, wenn er sie auch sich selbst nicht gestehen wollte, ihn härter und liebloser machten, als sonst seine Art war. Als ihm dann Johannes im Augenblick, da er sich am Ziel glaubte, seinen Lieblingsplan zerstörte, setzte sich eine tiefe Verbitterung auch gegen ihn in seiner Seele fest, und die fast einstimmige Verurteilung des Jünglings von seiten der Bergheimer goß Öl ins Feuer. Die unwandelbare Anhänglichkeit der Seinigen an Johannes, ihre offene Billigung seines Tuns brachte ihn in einen eigentümlichen Zustand. Im tiefsten Innern konnte er ihnen nicht unrecht geben; aber das gerade ärgerte ihn, er wollte es nicht eingestehen, und um sein Gewissen zum Schweigen zu bringen, verwickelte er sich tiefer und tiefer in falsche Urteile und Gründe. Als dann die öffentliche Meinung zugunsten Johannes umschlug, empfand er das fast wie eine persönliche Beleidigung, glaubte es seiner Ehre schuldig zu sein, nun erst recht auf seiner Meinung zu beharren und sie wo möglich noch schroffer hervorzukehren. Das brachte ihn in Verdruß mit 250 fast allen Nachbarn; er ward mißmutig über sich und die ganze Welt und begann im Wirtshaus Vergessenheit seines Ärgers zu suchen. Im Zorn hatte er sich mit den Simmershäuser Ottensleuten eingelassen, die schon in der ganzen Gegend vergeblich nach einer Frau für ihren Ludwig gesucht hatten, und setzte nun Himmel und Erde in Bewegung, die Heirat zwischen Auguste und dem Ludwig fertig zu bringen. »Ich sage dir zum letztenmal, morgen ist Freierei mit dem Ottensludwig; wenn du mir mit einer Miene widersprichst, sollst du sehen, was es gibt,« wetterte er in der Stube herum und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Katze erschrocken unter den Ofen flüchtete, während Auguste und die Bäuerin laut weinten. »Hat dich der Umgang mit dem erbärmlichen Menschen drunten so gänzlich verdorben, daß du meinst, du brauchst nach deinen Eltern nichts mehr zu fragen? – Freilich, was sag' ich? – Eltern! – Deine Alte steckt ja mit dir unter einer Decke, bestärkt dich in deinem Unverstand und hilft zu deinen Schlechtigkeiten. Mich wundert nur, daß du nicht schon lange in Schimpf und Schande gefallen bist. Aber ich will dir und deiner Mutter einen Riegel vorschieben – morgen ist Freierei und in vier Wochen Hochzeit, punktum! – Und jetzt nicht gemuckt, sonst setzt's was!« »Ich seh', Ihr achtet mich nimmer als Euer Kind, so kann kein Vater reden,« sagte Auguste und ließ die Schürze von ihren Augen sinken. »Noch bin ich nicht schlecht, aber ich merke, ich werd's, wenn Ihr's 251 noch lange so forttreibt. Drum geh' ich; ich will machen, daß ich Euch aus den Augen komme, vielleicht wird dann Ruhe im Haus. Von Johannes lasse ich nicht, nie und nimmermehr; darf ich ihn nicht nehmen, bleibe ich ledig – weiter reicht Euer Zwang nicht. Ich geh' und suche mir einen Dienst; auch unter fremden Leuten bleibe ich brav, Ihr sollt keine Schande an mir erleben.« Ganz verdutzt blickte der Bauer dem Mädchen nach, das zwar weinend, doch mit erhobenem Kopf aus der Stube ging. Die Bäuerin, die bisher still geweint, begann nach einer Weile: »Das Kind hat recht, du bist kein Vater mehr! Wer Weib und Kind so beschimpfen kann, wie du eben getan, verdient den Namen nicht mehr. Kannst du es über die Zunge bringen, ich hätte der Auguste zu Schlechtigkeiten verholfen? – Aber was rede ich davon? – Sag' mir, was soll werden, wenn das Mädle wirklich einen Dienst annimmt? – Bisher haben ich, die Kinder und Dienstboten den Haushalt mit Not zusammengehalten, haben deinen Anteil mitgearbeitet; wenn aber Auguste fort ist, dann zwingen wir's nicht mehr, es geht jetzt schon oft über unsre Kräfte, und die Dienstboten werden verdrießlich – sag', was soll werden?« »Du tust, als wär' ich für gar nichts auf der Welt,« fuhr der Bauer auf. »Greif' ich nicht überall mit an, wo's fehlt?« »Ja, wenn du einmal in den Schuß kommst, dann denkt man, du allein machst alle Berge eben; 252 sieht man aber genauer zu, hast du mehr geschadet als genützt. – Tu' nicht so wild, mich jagst du nicht in Furcht! Seitdem du Tag und Nacht im Wirtshaus liegst, wochenlang weder in den Stall noch auf die Felder guckst, und wenn du doch einmal dazu kommst, nichts kannst als schimpfen und fluchen – bin ich auf alles gefaßt, auch auf das Schlimmste! – Ach Jörg, Jörg, wenn du nicht anders wirst, ist uns in kurzem der Bettelsack gewiß.« »Herrgott,« unterbrach sie der Bauer, »mach's nicht so arg – so arg – so weit ist's noch lang' nicht!« »Denk' dran, Jörg, gerade so sagte der Schreinersfrieder – und was ist draus geworden?« »Alte,« entgegnete der Bauer, den es siedend heiß überlief, »höre auf zu heulen. Du weißt, da könnte ich gleich aus der Haut fahren. Sei gut, ich will anders werden!« »Ja, wie lange denn? Bis zum Abend? – Wenn du nicht gleich hinter dem Bierglas sitzest, ist's ja doch nicht anders, als ging die Welt zugrund'. Geh', das sind Redensarten – ich wollt', ich wär' gestorben!« »Marie, ich bitte dich, sag' doch das nicht! Sei ordentlich, ich seh' ein, du hast recht. Verlaß dich drauf, es wird anders.« »Und wenn auch, es ist zu spät. – Unser Kind hast du doch aus dem Haus getrieben.« »Sie wird doch kein dummes Zeug machen!« »Dummes Zeug? – Hätte bald was gesagt! Was bleibt ihr übrig, wenn sie dem Ottensludwig 253 entgehen will? – Jörg, Jörg, wo hast du nur deine Sinne? Merkst du nicht, daß es mit den Simmershäusern einen Haken hat? – Im Steinachgrund gibt's reiche Mädle genug – was haben die bei uns zu suchen?« »Holla – darauf ist's abgesehen? – Oha – du jagst mich nicht ins Bockshorn; darin gebe ich nicht fingerbreit nach!« »Das weiß ich lang, und es nützt ja auch nichts; wie ich Auguste kenne, ist sie morgen schon über alle Berge.« »Sie wird doch nicht?« rief der Bauer und ging unruhig auf und ab. »Wenn das Mädle fortlief – die Schande vor allen Leuten! – Marie – rede ein vernünftiges Wort mit ihr – sie soll mir doch das nicht antun!« »So! – Aber ihr Jammer rührt dich nicht? – Nein, das sei ferne, daß ich mein Kind ins Unglück stürzen helfe!« Der Bauer trommelte hastig auf den Tisch, man sah ihm an, wie in es ihm stürmte. Plötzlich brach er los: »So sollt ihr in Teufels Namen euren Willen haben! – Geh, sag' ihr, ich geb' nach – nur soll sie im Haus bleiben!« »Gott verzeih' dir deine lästerlichen Reden,« entgegnete die Bäuerin, die aufgestanden war. »Darauf sage ich: nun soll sie erst recht in Gottes Namen einen Dienst suchen; wenn es so mit dir steht, ist sie bei fremden Leuten besser aufgehoben, als bei uns.« »Marie! – So bleib' doch – hör' mich nur erst, es war gar nicht so schlimm gemeint,« rief der 254 Bauer und kraute sich in voller Verlegenheit die Haare, als die Bäuerin die Stube verlassen wollte. »Himmelschwenselens, mit dir ist heut auch gar nichts anzufangen! – Hm, hm – ist ein verdammter Kram mit den Ottensleuten – wenn nur die Freierei nicht auf morgen bestellt wäre! – So hab' doch nur ein Linsele Geduld – du bist doch rein zum Häusle 'naus! – Ich will ja zurück – Herr meines Lebens, wenn ich nur wüßte – wie!« »Ich dächt', das wär' einfach genug. Ist dir's ernst, so schicke den Knecht nach Simmershausen und laß den Ottensleuten sagen, du hättest dich anders besonnen, mit der Freierei wär's nichts.« – »Aber der Lärm, Alte, der Lärm – daß dich der Hund beißt! – Ich darf mich nirgends mehr sehen lassen!« »Was machst du auch solche Streiche! – Und ist das nicht immer besser, als wenn du dein Kind ins Unglück stürzest?« »Freilich, freilich, du hast ja recht, sei nur wieder gut! Der Hansjörg kann sich gleich nach Simmershausen auf die Beine machen und ausrichten, mit der Freierei wär's vorbei, die Ottensleut' sollten morgen daheim bleiben. – Hm, hm, hm! – der Lärm wird ja auch vorübergehen – 's ist nun einmal nicht zu ändern! – Aber – so geh doch und rede mit der Auguste!« »Ich? – Warum nicht du selber?« »Herrgott, Alte – wo hast du nur deine Gedanken? Ich kann doch nicht selber dem Mädle nachlaufen! Wo bliebe der Respekt?« 255 »Du – ja du darfst was von Respekt sagen,« entgegnete die Bäuerin, als Auguste zum Fortgehen gerüstet in die Stube trat und weinend fragte: »Vater, besteht Ihr darauf, daß ich den Ottensludwig freien soll?« »Davon ist ja gar keine Rede, du Donnersmädle,« rief der Bauer, dem ein Stein vom Herzen fiel. »Mußt nicht gleich alles so ernsthaft nehmen; ich war vorhin eben ein bißle in der Hitz; rede deiner Mutter zu, daß sie vernünftig wird, ich krieg' sonst in acht Tagen kein gutes Wort von ihr. Da hast du meine Hand, du sollst zu nichts gezwungen werden, und was ich dir zuviel – –« »'s ist gut, Vater, ich dank' Euch von Herzen,« fiel ihm das Mädchen ins Wort. »Ach, es wäre mir schwer genug geworden, Euch zu verlassen.« Still blickte der Bauer seiner Tochter nach, wischte sich verstohlen die Augen, dann gab er der Bäuerin die Hand und sagte: »Gib dich zufrieden, Marie, du sollst dich nicht über mich zu beklagen haben. Der Auguste aber vergeß ich all mein Lebtag nicht, daß sie mir das schwere Wort erspart hat.« Hastig wendete er sich ab; im Stall gab er Hansjörg Auftrag nach Simmershausen, schirrte dann selber die Ochsen ein und fuhr mit dem Pflug ins Feld. In der Tonneller gesellte sich der Beckenjörg, der»neue Schulz«, wie er jetzt in Bergheim genannt wurde, zu ihm und sagte im Weiterschreiten: »Heut' abend kommt der Gemeindevorstand zusammen, und 256 bei Strafe darf kein Deputierter ausbleiben. Kommt mir aber nicht in dem Zustand wie das vorige Mal; es sollte mir leid sein, müßte ich Euch die Schande antun und Euch aus der Gemeindestube weisen. – Seht nicht so wild drein, ich mein's gut mit Euch und fürchte mich nicht. Nehmt Vernunft an, es gibt sonst noch böse Geschichten; da und dort habe ich munkeln hören, Ihr taugtet gar nicht mehr zum Deputierten.« »Wer sagt das?« »Das gehört nicht hierher, ich wollt' Euch bloß warnen. Und laßt auch das unsinnige Schimpfen im Wirtshaus über den Schreinerjohannes; es paßt für einen Deputierten allzu schlecht, wenn er einen Menschen nicht verächtlich genug machen kann, von dessen Lob das ganze Dorf voll ist.« »Bläst der Wind daher?« fuhr der Bauer zornig auf. »Aber damit ist's nichts – ich laß mir nichts einreden – der Johannes soll mir vom Leibe bleiben.« »Das könnt Ihr halten wie Ihr wollt, nur so unsinnig lästern und schimpfen sollt Ihr nimmer. Und noch eins! – Seht Euch vor! – Mit dem Ottensludwig soll es gar nicht sauber sein. Der Malmerzer Axmüller sagte mir gestern in Schottendorf, er könne sich nicht genug wundern, daß Ihr Euer Mädle an solch einen Lumpen wegwürfet. Um seine Kleine habe er auch gefreit, aber er habe ihn abgefertigt, daß er gewiß nicht wiederkomme. Der Ludwig sei ein gar wüster; im Steinachgrund gucke ihn kein ehrliches Mädle an. Wenn Ihr mehr wissen 257 wolltet, solltet Ihr nur zu ihm kommen. – Überlegt Euch das und seht Euch vor!« Der Bergbauer ließ den Kopf sinken und schien nicht zu bemerken, wie der Schulz in einen Seitenweg abbog. Auf der Feuerleite ackerte er erst drauf los, als müsse er noch heute die Bergheimer Flur umstürzen; aber bald überließ er die Ochsen ihrer natürlichen Langsamkeit, und als ihm trotzdem ein heftiger Schweiß ausbrach, hielt er gar still, setzte sich auf die Pflugsterzen und stützte den Kopf in die Hände. Es war ihm hart mitgespielt, fast zu plötzlich und schonungslos die Binde von den Augen gerissen worden; der doppelte Angriff hatte sein ganzes Wesen in Aufruhr gebracht. Schon der Vergleich mit Frieder war ihm wie Feuer in die Seele gefallen, die Worte des Schulzen hatten ihn vollends wie vernichtende Schläge getroffen! »Was bin ich für ein Mensch! – Die Schande, o die Schande.« flüsterte er und rang die Hände; in wachsender Angst sprang er auf und begann aufs neue zu ackern, aber die Gedanken ruhten nicht, sie räumten auf in seiner Seele, und je mehr sein altes, ehrliches Wesen zum Vorschein kam, desto größer war sein Schrecken über sich selbst. Als er endlich am Abend mit dem Pflug heimkehrte, hatte er noch keine Ruhe gefunden. Von da an war er wie umgewandelt. Ernst, aber freundlich schaffte er mit den Seinen, kein unholdes Wort kam über seine Lippen, dafür ging er nachdenklich herum, schüttelte oft heimlich den Kopf, und die Bäuerin hörte ihn manchmal leise mit sich 258 selbst reden. Sie machte Auguste darauf aufmerksam und meinte: »Bei deinem Vater ist's grad', als wollte der alte, gute Jörg wieder hervor und könne noch nicht recht heraus. Ich möchte ihm gern helfen, wenn ich sehe, wie er sich härmt und plagt – aber es ist nicht zu trauen, ein unbedachtes Wort könnte alles verderben.« – Dazu nickte Auguste und sagte lächelnd: »Laßt ihn nur. Wenn man was allein machen kann, ist's ärgerlich, stellt sich ein ungebetener Helfer ein; – so ist's auch beim Vater. Laßt ihn nur, er wird schon selbst fertig werden.« An einem stillen Sommernachmittag kurz vor der Ernte saß der Bergbauer im Schatten der Scheune neben einem Haufen schlanker Birkenschößlinge, und während er die Ruten von den überflüssigen Ästen befreite und zu biegsamen Wieden , zusammendrehte, gingen seine Gedanken weit um. Manch' schmerzliche Erkenntnis war ihm in diesen Tagen aufgegangen; er hatte eingesehen, wie schwer er sich versündigt, da er sich zum Richter über das Tun und Lassen andrer aufgeworfen; er hatte erkannt, welches Unheil er angerichtet durch seine Parteinahme für Annelies, durch seine gewaltsame Einmischung in fremde Familienverhältnisse. Mit Schrecken hatte er sich gefragt: was wäre aus mir geworden, hätte ein Fremder Weib und Kind gegen mich aufgestachelt, wie ich dort getan? – Bei solchen Gedanken und Erwägungen konnte auch die Reue nicht ausbleiben. – 259 Von Herzen gut, wie er war, hatte in der Stille auch in ihm die Liebe den Haß überdauert, und nun einmal die Eisdecke der Verbitterung und Verblendung geborsten war, strömte sie, wie ein Quell im Frühling, voll und rein aus der Tiefe des Herzens empor; – eine herzliche Sehnsucht nach Wiedervereinigung mit dem Jugendfreund ward in ihm lebendig. Lange hatte er sich gesträubt, die Tüchtigkeit des Johannes anzuerkennen, hatte mit Gewalt das Gefühl für den Jüngling, das sich schon lange in seinem Herzen regte, unterdrückt – jetzt brach auch dieses um so machtvoller hervor. Er mußte zugestehen, daß sich Johannes bewährt in schweren Prüfungen, daß er klüger und besser war als er selber – und wie ihn auch dies Geständnis beschämte – es vermehrte nur seine Liebe zu dem Jüngling, seine Sehnsucht nach Aussöhnung mit den Schreinersleuten. Bekümmert legte er den Kopf auf die Arme, um nur das Schreinershaus nicht mehr zu sehen, das gar so stattlich heraufleuchtete. Wie so ganz anders konnte es sein, wenn er nicht durch Eigensinn und Trotz unübersteigliche Scheidewände zwischen hier und dort aufgetürmt hätte! – Dann waltete wohl Auguste als glückliche Frau in dem stattlichen Anwesen, er selber war durch Bande des Blutes fester denn je mit Frieder verbunden, und den bravsten, tüchtigsten Mann im Dorfe durfte er stolz seinen Sohn nennen! – »Und soll es immer so bleiben?« fragte er sich seufzend; »gibt es gar keinen Ausweg?« – Wohl gab es einen – aber er war dornig; sein Stolz 260 sträubte sich, ihn zu betreten, und der alte Irrgeist in ihm raunte: »Wozu dich demütigen? Es nützt ja doch nichts – sie werden, sie können gar nicht verzeihen!« Aber der Trotz war gebrochen, bedrückt sagte er: »Und wenn auch, probieren muß ich's doch! Den Zustand ertrag' ich nicht, es geschieht ja auch meines Kindes wegen! Ach, ich wollt' ja alles über mich ergehen lassen, wenn ich nur wüßte, wie ich's anpacken sollte – ich kann doch nicht mit der Tür ins Haus fallen? – Herr meines Lebens – der Anfang, der Anfang!« Bekümmert, ratlos blickte er auf und sah auf den Wieden ein kleines Mädchen, das mit einem Strauß Kornblumen und feuerroter » Glitschen « spielte, jetzt aber die Blumen in den Schoß sinken ließ und ihn aus großen Augen kindlich-klug ansah. »Bist bös?« fragte sie und lehnte sich zwischen seine Knie. »Warum? – Da hast meine Blümle: – Aber nimmer bös, gelt? – Johannes auch nimmer bös, wenn ich ihm Blümle bring' – Johannes gar gut ist!« – Der Bauer war zuerst zusammengefahren, als er die kleine Schreinersline erkannte, aber plötzlich hellten sich seine Züge auf, und mit freundlichem Zuspruch hob er das Kind auf seine Knie. »He, Alte,« rief er nach einer Weile mit lauter Stimme ins Haus, »geh geschwind heraus, wir haben Besuch gekriegt!« Voller Verwunderung schlug die Bäuerin die Hände zusammen, als sie den Bauer so vertraut mit dem 261 Mädchen umgehen sah; fast wäre sie mit den Schürzenzipfel nach den Augen gefahren, besann sich jedoch zu rechter Zeit, daß ihr Alter das Weinen nicht leiden konnte und überhaupt sehr eigen behandelt sein wollte. »Nun,« fuhr sie der Bauer an, dem ihr Schweigen zu lange währte, »freust du dich nicht, daß das Linele zu uns kommt?« »Lieber Gott, wenn's weiter nichts ist,« sagte die Bäuerin schrecklich gleichgültig, »die Kinder sind eine wahre Plage, den ganzen Tag wird man sie nicht los.« »Ich dächte, bei der Line wär's doch etwas anders!« »Möchte auch wissen warum!« »Alte, mach' mich nicht falsch,« war die heftige Entgegnung. »Aber geh du her, Linele, wenn die Bäuerin nichts von dir wissen will, kommst du zu mir, wir wollen doch sehen, wer Herr im Haus ist!« Damit nahm er das Kind auf den Arm und ging in die Stube. Schlau lächelnd folgte die Bäuerin ihrem Alten; sie konnte sich nicht genug verwundern, wie ihr »alter, steifer Jörg« so freundlich mit dem Kind umging. Alles mögliche trug er ihm zu, dabei sah man ihm an, wie leid es ihm war, daß er nicht noch mehr tun konnte. Als die Kleine endlich heim begehrte, stopfte er ihr die Tasche voll Hutzeln und Schnitze , und die Bäuerin mußte ihr noch ein Stück Honigbrot als Wegzehrung mitgeben. Halb den Berg hinab 262 gab der Bauer dem Kind das Geleit, blickte ihm nach, bis es im Schreinershaus verschwunden war, dann setzte er sich auf die Schnitzbank, stopfte sich eine Pfeife und nahm seine Arbeit mit dem Seufzer wieder auf: »Wenn doch das Kind zum Friedensboten würde!« Und so geschah es! Schon am nächsten Tage kam Line wieder; Auguste drückte sie heftig an ihr klopfendes Herz, und Hans nahm sie unter seinen besonderen Schutz, ließ sich auch nicht abhalten, sie im Schreinershaus abzuholen, als sie später einmal über die gewöhnliche Zeit ausblieb. Kann der Hans herunter zu uns, darf ich auch wohl einmal hinauf ins Bauernhaus! dachte Kathrin, und am nächsten Sonntag machte sie sich, wenn auch mit einigem Herzklopfen, auf den Weg. Der Empfang übertraf alle Erwartungen; der Bauer selber kam ihr entgegen und sagte: »Sei willkommen! 's ist doch eine wahre Freude, daß sich wieder ein Gesicht aus dem Schreinershaus bei uns blicken läßt!« Beim Kaffee mußte Kathrin von Frieder und Johannes erzählen, und je mehr sie beide lobte, desto mehr nickte der Bauer. Kathrin blickte auf dem Heimweg stolz um sich, ob es auch jemand gesehen, daß der Bauer und die Bäuerin sie bis vor die Haustür geleitet hatten. Daheim konnte sie die Bergbauers nicht genug rühmen und ermahnte Johannes, nun nicht länger zu warten. Der Stern des Friedens war aufgegangen und leuchtete über den beiden feindlichen Häusern. Als der Bergbauer eines Abends ins Wirtshaus ging, hörte er Johannes und Auguste über den Gartenzaun 263 hinweg reden. Leise schlich er näher, legte Johannes die Hand auf die Schulter und sagte herzlich: »Brauchst nicht zu erschrecken, bin ich nicht dein Pat'? – Droben im Hof liegt ein schönes Nußbaum bloch ; geh, sieh dir's an, und kannst du es brauchen, fahre ich dir's morgen gleich in die Schneidmühle.« – Ohne sich umzublicken, eilte er mit weiten Schritten davon; die Gäste im Wirtshaus zerbrachen sich die Köpfe, warum der Bergbauer heute so vergnügt dreinschaue. Johannes eilte zwar sogleich hinauf in den Hof, aber das Bloch sah er nicht an; Hand in Hand trat er mit Auguste in die Stube zur Bäuerin und sagte: »Pate, Gott sei Lob und Preis, der Bauer selber hat mich angeredet und herein geheißen!« 264     Ende. Die Nachmittagssonne brütete heiß in den Baumwipfeln, deren Blätter auch nicht der leiseste Wind bewegte, die Vögel wiegten sich träumend auf den Ästen, die Menschen ruhten aus von den Arbeiten der Woche oder hörten in der Kirche die Nachmittagspredigt – kein Geräusch störte die tiefe Stille ringsum. Das Zirpen der Grillen, das von den Feldern eintönig hereinklang, paßte zu der zitternden Glut draußen im Sonnenschein. So meinte wenigstens der Bergbauer, der hemdärmelig unter dem alten Nußbaum im duftigen Grase saß, sich der Schattenkühle erfreute und blaue Dampfwölkchen aus seiner kurzen Pfeife behaglich in das grüne, schimmernde Gewölbe hinaufblies. Ein zufriedenes Lächeln lag auf seinem Gesicht, war doch Ordnung und Ruhe im Haus hergestellt. Eben überlegte er: »Der Johannes wird noch die Ernte abwarten – und dann, o herrje die Freud' – dann wird er Freierei machen« – als der Schreinersfrieder durch die Lücke der Hecke kroch und sich neben ihn setzte. Dem Bergbauer ward es ganz 265 wunderlich; ehe er jedoch zu Worte kam, begann Frieder: »Hör', Jörg, eigentlich verdiene ich nicht, da neben dir zu sitzen, aber wir waren gut zusammen von Jugend auf, ich kann oft vor Sehnsucht kaum bleiben, drum – willst du mich leiden?« »Geschwätz,« entgegnete der Bauer und drückte seine Hand. »Sei willkommen! Konnt' auch nimmer bleiben, wärst du nicht gekommen, hätte ich dich aufgesucht!« »Weißt was?« begann Frieder, nachdem er eine Weile sinnend vor sich hingeblickt hatte, »es ist das beste, wir machen gleich jetzt die Vergangenheit ab – ich habe dir viel zu sagen.« »Ich dir auch – aber ich denke, wir lassen die Geschichten ruhen, das Reden nützt doch nichts!« »'s ist schon wahr, aber ich muß doch erzählen, ich trage damit gleich eine alte Schuld gegen dich ab.« Der Bauer widersprach, allein Frieder schüttelte den Kopf und berichtete getreu seine Schicksale vom Tag vor seiner Freierei bis heute und schloß, »nun kennst du meinen Lebenslauf durch und durch – kannst du mir noch ein Linsele vertrauen?« Dem Bauer war schon lange die Pfeife erloschen, ohne daß er es beachtete, den Kopf hielt er tief gesenkt, fast als wollte er sein Gesicht dem Gefährten verbergen; jetzt hob er seine Blicke langsam zu dem Freund und sagte leise: »Frieder, du hast mir scharf in die Seele gegriffen! Ich könnte auch viel erzählen, aber ich will's kurz machen. Merke: ich war auf demselben Weg wie du, und was aus mir geworden 266 wäre, hätte ich in deinen Schuhen gestanden, daran darf ich nicht denken. – Komm wir wollen uns nicht mehr um das Vergangene grämen, sondern uns einträchtig zurechthelfen, wenn wieder eine Schwachheit über uns kommen will.« Ein herzhafter Händedruck besiegelte den neugeschlossenen Freundschaftsbund, dann war es eine Weile still unter dem Nußbaum. »'s ist ein wunderlich Ding um das Menschenleben,« begann Frieder endlich. »Wäre ich immer ehrlich und aufrichtig gewesen, so tief hätte ich nicht in Schande fallen können, und heute noch säß' ich im Elend, stand mein Johannes nicht fest in Wahrhaftigkeit und Rechtschaffenheit.« »Ja, du nicht allein, wir alle haben dem Johannes viel zu danken; im Grund genommen war er es auch, der mir auf den rechten Weg zurückverhalf. Meine Weiber haben sich wohl rechtschaffen gehalten, das ist nicht zu leugnen, aber das Beste hat der Johannes doch getan, wenn er gleich selbst nichts darum weiß. Frieder, wir wollen Gott danken, daß er uns mit solchen Kindern segnete; Johannes und Auguste sind – natürlich ganz unter uns gesagt – wahrhaftig tausendmal besser als wir selber! – Horch – eben ist die Kirche aus! – Hör', Frieder – wie wär's, wenn wir gleich heut Freierei machten? – Kuchen ist freilich nicht gebacken, aber was schadet's? – Ich meine, dem Glück tut's keinen Abbruch!« »Glaub's selber,« lächelte Frieder und wischte sich heimlich die Augen, als ihn der Bauer ins Haus zog. Die Bäuerin schrie vor Freude laut auf, da sie 267 die Männer Hand in Hand daherkommen sah, und diesmal scheute sie sich nicht, von dem Schürzenzipfel Gebrauch zu machen. Sie erschrak wohl, als sie hörte, es solle heute noch Freierei sein, doch verlor sie den Kopf nicht; Hans ward ins Schreinershaus nach Johannes und Line geschickt, der Hansjörg mußte sich gleich nach Sülzdorf zu den Schulbauersleuten auf den Weg machen, und als Kathrin, die meinte, wenn alles ins Bauernhaus laufe, dürfe sie allein nicht daheim bleiben, in die Küche schlich, stand schon eine mächtige Pfanne mit Butter über dem prasselnden Herdfeuer, und die Bäuerin bereitete den süßen Krapfenteig. Kathrin kam gerade recht, denn eben ward die Bäuerin in die Stube gerufen. Bei ihrem Eintritt zog Johannes das erglühende Mädchen an sich und sagte: »Ist's denn möglich? – Auguste bist du wirklich meine Braut? – Mir vergehen fast die Sinne, ich kann das Glück nicht glauben!« »Johannes, herzlieber Johannes,« flüsterte das Mädchen unter Tränen und versteckte ihr Gesicht an seiner Brust. »Ja. Ja, es ist schon so polterte der Bergbauer dazwischen, um seine Rührung zu bemeistern; »das Mädle ist jetzt dein für immer! – Hör', Johannes, es war doch gut, daß du damals auf deinem Kopf bestandest und die Güter nicht nahmst – heut ist's eine andre Freierei, wie's damals geworden wäre. – Nu, nu, zerdrück' mir die Hand nicht, Johannes – verdien's nicht, wahrhaftig nicht, hab' euch nichts wie Jammer und Leid gemacht! – Aber habt Dank, 268 daß ihr mir nichts nachtragt; gewiß und wahrhaftig, das vergeß ich euch all mein Lebtag nicht. So – seid glücklich, und der Herrgott gebe euch seinen Segen! – Aber zum –! Alte – Frieder – was steht ihr da? – Könnt ihr nicht auch ein Wort dreinreden? Muß ich's allein abmachen?« »Johannes, halte Auguste gut, sie hat es um dich verdient,« weinte die Bäuerin. »Und Jörg, wir wollen auch zusammenstehen, wie sich's gebührt, 's ist um des Beispiels willen! – Gelt, du versprichst mir's?« »Meine Hand drauf, Alte, das versteht sich! – Komm, Frieder, stell' dich nicht in die Ecke, du gehörst zu uns! – Und heule nicht so sehr, sonst fang ich auch noch an,« rief der Bauer, dem schon ein paar große Tropfen über die Backen rollten. »Komm, die Annelies muß sich im Himmel freuen, daß sich's so schön fügt. Und nun ist's gut, punktum – Himmelschwensel –! Ja so! – Alte, nimm mir das doch ja nicht übel! – Johannes, so rede doch auch was, hast du kein Maul?« »Ich hab' meiner Auguste versprochen, ich bleib' brav und treu,« sagte Johannes und drückte die Hände des Mädchens an seine Brust. »Was Besseres weiß ich uns heute nicht. Auguste, brav und treu zu allen Zeiten, in Lust und Leid, in guten und bösen Tagen – brav und treu bis ins Grab!« »Bis ins Grab brav und treu,« flüsterte die Jungfrau und zog Frieder, der verlegen seitwärts stand, in ihre Umarmung, indessen der Bauer an den 269 Fensterscheiben trommelte und die Bäuerin die schüchtern dreinblickende Line an ihr Herz zog. »Hab' Wunder gedacht, was das für eine Herrlichkeit sein müßt', wenn's endlich zur Freierei käm' – und nun heult alles,« meinte Hans und brannte seine Pfeife an, die er bei dieser Gelegenheit in die Öffentlichkeit einzuschwärzen gedachte. »Wenn das Freien so 'ne schwermütige Sache ist, dank' ich davor!« »O du,« rief die Bäuerin. »Aber um alles in der Welt, wo kommst du mit dem Stummel her? – Willst du ihn gleich weg tun! – Das fehlte grad', zwei Jahre konfirmiert und schon eine Pfeife! – Willst du sie wegtun!« »Mutter, ich bin ein Bursch und kein Kind mehr,« entgegnete Hans weinerlich. »Und wenn Auguste ihren Johannes kriegt, dürft Ihr mir doch die Pfeife gönnen!« Alle lachten; da das Brautpaar für ihn bat, sagte endlich der Bauer: »So laß ihn, Marie; heimlich raucht er doch, und das ist schlimmer, als wenn es unter unsern Augen geschieht. Merk's, Hans – die Sonntage ist dir's erlaubt! Erwisch ich dich aber sonst und gar bei der Arbeit mit dem Stummel, dann versalze ich dir die Freude!« Damit war Hans einverstanden, und als eben der Schulbauer vorfuhr, eilte er hinaus, beim Abschirren der Pferde zu helfen. War das ein Verwundern und Fragen! Der Bergbauer ward ordentlich stolz, als ihm der Schulfritz 270 die Hand drückte und versicherte, das habe er einmal klug gemacht. Die Schulbäuerin zog Auguste an sich und sagte: »Gott sei Dank, daß endlich das Leid ein Ende hat! Aber ich bin auch meinetwegen froh, daß ihr zusammenkommt, nun stehe ich auch nicht mehr so freundlos in der Welt. Auguste, wir wollen uns an den Männern ein Beispiel nehmen und auch treu zusammenhalten in Lust und Leid!« Fröhlich saßen die Freunde zusammen; auf der Heimfahrt sagte der Schulbauer: »Anna, das war ein glücklicher Abend! Nun soll mir einer kommen und sagen, es geschehen keine Wunder mehr! – Herrlich hat es sich aufs neue bewiesen, die Liebe ist doch stärker als der Haß, und wahre Treue findet ihren Lohn!« Am nächsten Sonntag kam der Bergbauer ins Schreinerhaus und sagte. »Frieder, mache dich zurecht, wir wollen zusammen ins Wirtshaus. Ich habe dich dort oft verlästert, jetzt will ich zeigen, wie unrecht das war.« Frieder wollte nicht; als ihm jedoch auch Johannes zuredete, folgte er seufzend dem Bergbauer. Unterwegs hob er die Augen nicht vom Boden; desto trotziger blickte der Bauer um sich, fast als wollte er sagen, wer etwas dawider hat, daß ich mit Frieder gehe, der soll nur 'ran! Aber die Aufnahme im Wirtshaus verscheuchte seine heimlichen Sorgen. Der Schulz, der Herrnbauer, der Ungersbauer, selbst der Paulesnickel und Türkenhenner begrüßten die Freunde herzlich, machten ihnen an ihrem Tische Platz, und 271 ihre freundliche Zusprache erheiterte bald Frieders Stirn. Von der Vergangenheit ward nicht gesprochen; erst als der Holsteiner, der seitwärts der Tür gesessen hatte, still das Zimmer verließ, sagte der Schulz: »Frieder, danket Gott, daß er Euch gnädiglich zurechtgeholfen. Denkt, der Holsteiner ist auch zahm geworden, seit seine Frau vor Kummer über sein liederliches Treiben gestorben ist, und der Saufpaule hat ein schreckliches Ende gefunden. Vorigen Winter betrank er sich auf einem Bettelgang in Mühldorf, blieb unterwegs liegen und ist erfroren.« »Dem Geuß ist auch das Handwerk gelegt,« fiel der Herrnbauer ein. »Im Rausch tat er einen bösen Fall – seit der Zeit hat er das Gehör, die Sprache verloren und führt ein elendes Leben.« Als Frieder den Kopf hängen ließ, klopfte ihm der Schulz auf die Schulter: »Nicht traurig, Frieder, wir Nachbarn sind alle von Herzen froh, daß Ihr wieder unter uns seid als der alte, brave Schreinersfrieder. Haltet nur daran fest!« Diese Worte fanden allgemeinen Beifall; auf dem Heimweg sagte der Schreiner: »Ich dank' dir, Jörg, nun bin ich in Wahrheit wieder daheim in Bergheim.« Frieder lebte neu auf; rüstig schaffte er in der Werkstatt oder auf dem Feld, wo es gerade nötig war; die Ängstlichkeit seines Wesens verschwand; er mied nicht mehr absichtlich die Menschen und ging öfter mit dem Bergbauer ins Wirtshaus. Am liebsten war er aber doch daheim und las jetzt viel in dem 272 Starkenbuch der Annelies, das er sich vom Johannes hatte schenken lassen. Nur noch ein großer Schrecken stand ihm bevor. Es war ein milder Sommerabend, Johannes dengelte auf dem Treppenaltan die Sicheln und Sensen, Frieder lehnte an der Brüstung und blies den Tabaksrauch in die linde Abendluft, und Line spielte zu seinen Füßen mit dem alten Spitz – als ein zerlumptes Weib die Treppe heraufkam und auf das Kind losstürzte. Johannes, der Bärbel erkannte, sprang auf, riß das Kind an sich und rief. »Zurück da, was willst du?« »Mein Kind,« schrie Bärbel, »mein Kind!« »Dein Kind? – Geh, du hast kein Kind mehr; denke, es wäre verhungert damals, als du es so schändlich verlassen hast!« Ein heftiges Schluchzen erstickte Bärbels Stimme, endlich stöhnte sie: »Du bist hart, Johannes! – Ach, ich habe schwer dafür gebüßt! – Jetzt gib mir mein Kind, mein Kind! – Ich muß es haben!« »Und was soll aus dem Kinde werden? – Willst du es unglücklich machen, willst du es hineinziehen in dein elendes Leben? – Laß ab, Bärbel, wenn du nur ein Fünkchen Liebe zu dem Mädle im Herzen hast, laß ab! – Ich versprech' dir, ich halte das Kind wie meine rechte Schwester, ich will's großziehn und versorgen. Drum laß ab, du hast überdies kein Recht mehr an Line!« »Ich bin seine Mutter, sie gehört zu mir, und ich will, ich muß sie haben. – Line, kennst du mich 273 nimmer? – Komm zu mir, du bist ja mein Herzblättle! – Komm, du sollst's gut haben, ich geb dir alles, was du nur willst!« »Das Kind selber mag nichts von dir wissen,« sagte Johannes leise, als das Mädchen ängstlich den Kopf an seinen Hals verbarg; »laß doch ab, Bärbel, jedes Wort ist vergeblich!« »Und ich brauche Gewalt, wenn du nicht gutwillig nachgibst,« rief Bärbel und griff nach dem Mädchen, das sich schreiend an Johannes klammerte. Doch dieser streckte abwehrend seine Hand aus und sagte: »Zurück, rühr' Line nicht an! – Siehst du nicht, wie sich das Mädle vor dir fürchtet? – Zurück, sag' ich, du hast an diesem Ort nichts mehr zu suchen! Geh, jetzt gleich – beim Schulzen erwarte mich, ich habe noch mehr mit dir abzumachen.« Das Schreien des Mädchens hatte Bärbel erschreckt; mit beiden Händen bedeckte sie das Gesicht, dann schlich sie langsam die Treppe hinab. Johannes hatte unterdes Line ins Haus getragen und der Kathrin übergeben; auf den Altan zurückkehrend, drückte er dem tief erschütterten Vater die Hand und sagte herzlich: »Beruhigt Euch, ich wußte, daß sie noch einmal kommen würde, und bin froh, daß es überstanden ist. Gebt euch zufrieden; ich sorge, daß Ihr fürderhin Ruhe vor ihr habt, und daß sie auch nicht in Verzweiflung von hinnen geht!« Nach einer langen Unterredung beim Schulzen mit Johannes war Bärbel wie umgewandelt; heftig drückte sie beim Abschied die Hand des Jünglings 274 und verließ weinend das Dorf. Kein Mensch erfuhr, was die beiden zusammen verhandelt; wenn später Frieder oder die Nachbaren in den Schulzen drangen, er solle doch erzählen, entgegnete er stets: »Ich darf nicht reden, ich sage nur so viel. vor dem Johannes müssen wir alle den Hut heruntertun!« Später schrieb der Sülzdorfer Lichtengottlieb aus Amerika, er habe die Bärbel in Bremen getroffen und sei mit ihr übers Wasser. Sie habe ganz ordentlich ausgesehen, sei aber wie umgewandelt gewesen, immer still und traurig, sei auch mit niemand umgegangen. Das war die letzte Nachricht, die von ihr nach Bergheim kam. Von da an ward der Friede im Schreinershaus nicht wieder gestört. Acht Wochen nach der Freierei war Hochzeit. Sie sollte zwar ganz in der Stille gefeiert werden, allein die Musikanten ließen es sich nicht nehmen, dem Sohn ihres Kameraden eine »Ehre anzutun«; sie geleiteten das Brautpaar mit Musik in die zum Erdrücken gefüllte Kirche. Diesmal war es nicht Neugierde, sondern wahre, herzliche Teilnahme, was die Bergheimer in die Kirche trieb, und als der Pfarrer Gottes reichsten Segen auf die beiden herabflehte, blieb in den weiten Räumen kein Auge trocken. Beim Austritt aus der Kirche begrüßte das Brautpaar ein munterer Marsch; aus allen Ecken krachten und knallten Ehrenschüsse, und das halbe Dorf begleitete die Neuvermählten bis ans Bergbauernhaus. Mit einem Kranz trat ihnen die festlich geschmückte Line entgegen und stotterte ein Verslein, das sie Hans gelehrt, allein sie brachte es nicht zu Ende, plötzlich 275 streckte sie die Ärmchen aus und rief: »Ich euch gut bin!« Da hob Johannes das Kind auf den Arm, Auguste gab ihm einen Kuß, und in dem Blick, den dabei die jungen Ehegatten tauschten; lag das stille Gelöbnis, treulich Elternstelle an dem Kind zu vertreten. Sonst war es wirklich eine kleine, stille Hochzeit; außer dem Pfarrer und Lehrer waren nur der Schulbauer, der Schulz und der Herrnbauer mit ihren Weibern zugegen. Die Armen kamen jedoch nicht zu kurz dabei; der Braut stand es gar wohl an, wie sie mit herzgewinnender Freundlichkeit die Gaben verteilte und jede Spende mit einem guten Wort zu begleiten wußte. In traulicher Unterhaltung saßen am Abend die Freunde zusammen; als sich jedoch das Gespräch der Vergangenheit zuwendete und manches Auge trübe wurde, sagte der Schulbauer: »Lasset die Vergangenheit ruhen! Die Frage, ob alles so hat kommen müssen, ist mir gar nicht recht! Bedenkt doch, wäre der Haß nicht gewesen, wie hätten wir erfahren, was wahre Liebe vermag? Ich meine, gerade solche Taten müssen geschehen, damit die Welt erfährt, was es auch im Bauernstand für tüchtige Menschen gibt, und – das ist am Ende die Hauptsache – wie auch ein einfacher Mann das Rechte finden und vollenden kann, wenn es ihm nur ernst darum zu tun ist! – Johannes, du hast hart kämpfen müssen, dafür steht auch dein Glück auf sicherem Grund, und du hast selbst gelernt, feststehen und beharren; – was dir 276 auch noch im Leben begegnen mag, du wirst dich nicht niederzwingen lassen. Und so wollen wir anstoßen und trinken auf dein und Augustens Wohl, auf langes, gesegnetes Leben und Wirken!« Manches Jahr ist seitdem dahingegangen, die Worte des Schulbauern haben sich erfüllt, Johannes ward ein fester Mann. Auguste ist die glücklichste Frau, nur vielleicht ein wenig zu stolz auf ihren Mann, doch leisten ihr hierin der Schreinersfrieder und die eignen Eltern treulich Gesellschaft. Der Schulbauer und seine Anna sind im Schreinershaus wie daheim, Johannes sitzt längst im Gemeindevorstand, und der Schulz wie auch der Herrnbauer halten große Stücke auf ihn. Erkundigt sich in Schottendorf, Hildburghausen oder sonstwo ein Fremder nach dem Schreinersjohannes, so kann er darauf rechnen, daß ihm die Bergheimer antworten: »Ja, der Schreinersjohannes, das ist ein glücklicher Mann, aber er verdient's auch!« – Und will sich der geneigte Leser persönlich von der Wahrheit dieses Wortes überzeugen, so mag er nur am Sonntagnachmittag einen Blick in den Schreinershof werfen, er wird dann gewiß nicht mehr zweifeln.