Egbert Carlssen Ein Stadtjunker in Braunschweig Erstes Buch. Die beiden Bürgermeister. Erstes Kapitel Im Gewitter Die Sonne neigte sich dem Untergange zu, der kurze Herbsttag ging zu Ende, Aber es war kein Herbsttag gewesen, wie sie sonst der September bringt, voll sonnigen Glanzes, doch auch voll köstlich erfrischender Luft; man hätte sich im Juli wähnen können, eine solch' drückende Schwüle herrschte. Im Westen stand eine düstere Wolkenwand, welcher die Sonne entgegensank, glühende Pfeile versendend, wie bestrebt, die kurze Zeit ihrer Herrschaft noch recht auszunützen. Und als hätten diese glühenden Pfeile gezündet, so strahlten in feurigem Glanze die Turmkreuze der Stadt Braunschweig und auch wohl hie und da ein Fenster in den Türmen, welche in gleichmäßigen Abständen die Stadtmauer krönten. Am östlichen Horizont aber erschienen in wunderbarer Klarheit die Hügelketten des Elme-Waldes in sanften Wellenlinien, so nahe dem Auge gerückt, daß man glauben mochte, in einer halben Stunde sie zu erreichen. Zwischen den Stoppelfeldern schritt langsam der Stadt zu ein jugendliches Paar, er im enganliegenden hellblauen Scheckenrock, am lose über die Lenden herabhängenden Gürtel den kurzen Dolch, auf der Schulter die Armbrust – sie im braunroten, den Oberkörper nicht minder eng umschließenden Gewande, einen leichten Mantel mit roter Gugel über den Arm tragend. Sie hielt den Kopf etwas vornübergeneigt, während er eifrig auf sie hineinsprach, um ihren Mund lag ein stilles Lächeln, und als sie ihn jetzt ansah und mit einem freundlichen, ja herzlichen Blick bestätigend sagte: »Gewiß waren es schöne Zeiten« – da war ihr Antlitz rosig überglänzt, als wie vom Widerschein der alten schönen Zeiten. »Und dann, Ilse«, fuhr er lebhaft fort, »wißt Ihr wohl noch, als Ihr auf dem Birnbaume saßet, auf dem großen, hinten im Garten? Ihr waret immer höher und immer höher hinauf geklettert, eine Birne hoch oben lockte Euch gar so sehr – und als Ihr sie gepflückt und verzehrt hattet, nun, da wußtet Ihr nicht, wie wieder herunter kommen, denn hinaufsteigen ist schon leichter, als herunterklettern; da fingt Ihr an zu schreien –« »Zu schreien, Rolef? Geschrieen habe ich nicht.« »Nun, nun, sagen wir also rufen. Ihr rieft: Rolef –« »Ich fragte nur: wie komme ich wohl wieder herunter?« Das rosige Antlitz senkte sich tief herab, war die Rosenfarbe doch zu glühendem Purpur geworden. »Nun also, Ihr fragtet«, wiederholte Rolef, »wie komme ich wohl wieder herunter. Und zur Antwort kletterte ich Euch nach und brachte Euch glücklich auf festen Grund und Boden.« Ilse erwiderte nichts; erst nachdem sie eine Zeit lang schweigend neben ihm gegangen, hob sie den Kopf und ihn ruhig ansehend sagte sie: »Das geht allen Leuten so, daß sie sich gern ihrer Kinderjahre erinnern.« Es lag etwas Abweisendes in den Worten, aber Rolef bemerkte das nicht oder wollte es nicht bemerken, denn er erwiderte: »Nur dann, wenn sie sich auch gern derjenigen erinnern, mit denen sie diese verlebt haben.« Aber die Bemerkung hatte Jungfrau Ilse nun eben gar nicht hören wollen. Das Glück ihrer Kinderjahre sollte nichts Besonderes sein, weil Rolef teil daran gehabt. Und nun stellte er seinen Anteil daran gar als dasjenige hin, um dessentwillen sie gern an jene Zeit zurückdachte. Die Anmaßung mußte bestraft werden. »Weiß nicht, ob Ihr recht habt, Rolef Doring«, sagte sie mit kühlem Achselzucken und hochmütigem Lächeln, »aber ich meine, dann könnte Euch die Erinnerung eben nicht angenehm sein. Oder denkt Ihr gern zurück an meinen Vetter, den Junker Vörsfelde? Wißt Ihr noch, wie oft Ihr seine schwere Hand habt fühlen müssen?« Rolef biß sich auf die Lippen. Der Junker Vörsfelde war freilich keine angenehme Erinnerung. Um einige Jahre älter als Rolef und daher demselben an körperlichen Kräften überlegen, aber beschränkten Geistes, streitsüchtig und übelwollend, hatte der Junker den jüngeren Spielgenossen oft genug seine schwere Hand fühlen lassen. Und wäre es die schwere Hand noch allein gewesen! Aber wie viel höhnische Bemerkungen, wie viel Spott und Stichelreden hatte Rolef in Ilses Gegenwart von dem Übermütigen hinnehmen müssen. Und Ilse hatte ihn dann nicht einmal bedauert, sondern wohl gar noch dazu gelacht. Nein, der Junker Vörsfelde war keine angenehme Erinnerung. Und eben dessen Gestalt jetzt herauf zu beschwören! Aber so ging es immer, wenn er mit Ilse zusammen war. Erst war sie freundlich, ja herzlich, aber ging er dann darauf ein und schlug auch einen vertraulicheren Ton an, so ward sie plötzlich eine andere und aus der Jugendfreundin ward die stolze Bürgermeisterstochter. Warum er nur immer von neuem so mit sich spielen ließ? Er warf einen prüfenden Blick auf die schlanke Gestalt, welche an seiner Seite dahin schritt. Wie sie so anmutig den Kopf trug! Und wie anmutig war dieser Kopf selbst, war die ganze holde Erscheinung. Ach, er wußte wohl, warum er des Spiels nicht überdrüssig wurde! Die Sonne sank tiefer, und höher stieg die schwarze Wolkenwand. Ein Luftzug erhob sich und schwoll allmählich zu einem starken Winde an. Aber derselbe hatte nichts Erfrischendes, er war heiß wie die übrige Luft und wühlte am Wege Staubwolken auf. Doch unser Paar verschmähte es, seine Schritte zu beschleunigen, vor ihnen lag noch glänzender Sonnenschein, die verderbendrohenden Wolken waren in ihrem Rücken. »Wollten der Junker Vörsfelde und ich uns jetzt mit einander messen«, erwiderte Rolef auf Ilses letzte Worte, »so möchte der Ausgang vielleicht ein anderer sein als damals, wo er den Vorteil älterer Jahre für sich hatte.« »Er sich mit Euch messen«, meinte Ilse achselzuckend, »er ist zum Schilde geboren.« »Oho und wir Dorings nicht? Wir sind freie Leute von Alters her, so gut als die Vörsfeldes. Wir sitzen auf freiem Eigen seit Menschengedenken, ehe noch die Herzoge hier ihre Burg bauten. Die Vörsfeldes aber sind Dienstmannen geworden und haben ihr Eigen den Herzogen zu Lehen aufgetragen.« Ilse lächelte überlegen, »Aber beim Turnier in Göttingen«, spottete sie, »seid Ihr Stadtjunker doch nicht zugelassen.« Das Blut stieg Rolef zu Kopf. »Weil sie uns fürchten«, rief er, »und weil sie uns hassen. Ja zuckt nur hochmütig mit den Schultern. Sie fürchten die Städte und hassen sie deshalb. Uns Stadtjunker, wie Ihr höhnend sagt, aber am meisten, weil sie uns beneiden, die wir frei geblieben und reich geworden sind, während sie im Gefolge eines Herrn reiten oder als Wegelagerer auf der Straße liegen müssen.« »Warum sprecht Ihr so laut?« fragte Ilse gelassen. »Meinetwegen braucht Ihr die Stimme nicht zu erheben, ich höre ganz gut.« Immer stärker war der Wind geworden und immer größere Staubwolken hatte er aufgewirbelt. Nun schwand auch der Sonnenschein vor ihnen; denn die schwarzen Wolken hatten die Sonne erreicht und mit ihrem trüben Schleier verhüllt. Ein Tropfen fiel auf Ilses Hand. »Was ist das?« rief sie, sich umwendend. »Regen?« Auch Rolef wandte sich. »Nun, das kann gut werden«, meinte er, die gewaltigen Wolken betrachtend, welche sich heranwälzten. Der Wind fuhr heulend über das Feld und jagte ihnen Staubmassen untermischt mit einzelnen Regentropfen ins Gesicht. Aller Spott war von Ilses Antlitz verschwunden. »O weh«, klagte sie, schnell ihren Weg fortsetzend, »wir haben noch wenigstens eine Stunde; wie werde ich nach Hause kommen?« »Naß«, meinte Rolef lakonisch. »Das ist Euch freilich gleichgiltig. Aber so beeilt Euch doch. Warum bleibt Ihr denn stehen?« »Ich sehe mir den Wagen drüben an.« »Dazu ist's jetzt die Zeit.« »Wenn Ihr darin säßet, könntet Ihr trocken nach Hause kommen.« »Ihr verspottet mich, das ist nicht ritterlich.« Rolef war an einer Biegung des Weges stehen geblieben, zu welcher derselbe durch eine sumpfige Wiese gezwungen wurde, die sich zur Oker hinabsenkte. Jenseit des Flusses stand der Wagen, dem Rolef seine Aufmerksamkeit widmete, ein hoher, vierräderiger Karren, mit einem leinenen Plan überspannt. Er stand in der That noch, der Fuhrmann mochte wohl im Schatten der hohen Buchen, welche drüben emporragten, und nahe dem kühlenden Wasser eine Rast gehalten haben. Jetzt durch das nahende Unwetter aufgeschreckt, spannte er seine Gäule wieder ein. »Ich denke nicht an Spott«, versetzte der junge Mann. »Wenn Ihr den Wagen erreichtet, wäre Euch in der That am besten geholfen.« »Das können wir auch im Gehen besprechen.« »Doch nicht. Wenn wir diesen Weg weiter verfolgen, ist es unmöglich, den Wagen zu erreichen. Ihr müßt hier hinüber.« Ein Blick genügte, um die Richtigkeit von Rolefs Behauptung zu erkennen. Jenseit des Flusses, wo der Karren hielt, führte die alte Landstraße von Goslar her, die Oker abwärts, auf Braunschweig zu. Der Weg aber, auf dem sich unser Paar befand, lief den Fluß aufwärts, um erst eine ziemliche Strecke weiter oberhalb auf einem Steg die Oker zu überschreiten und sich mit der Landstraße zu verbinden. Bis man auf diesem Umweg die Stelle erreichte, wo sich jetzt der Wagen befand, war derselbe ohne Zweifel längst fortgefahren. Dies sah auch Ilse ein. Sie hemmte ihren Schritt und fragte: »Wie soll ich hier hinüber kommen? Kann ich fliegen?« »Ich will Euch tragen.« »Durch den Fluß?« »Er ist hier nicht tief und wird mir kaum über die Kniee gehen. Auf Ehre und Gewissen bringe ich Euch gut hinüber.« Immer dichter fielen die schweren Regentropfen, Blitze zuckten durch das Gewölk und der Donner rollte lang hin über den Himmel. Anno Domini 1373, in welchem unsere Erzählung beginnt, sagt man, seien Frauen und Mädchen weniger zart gewesen als heutzutage und weniger empfindlich gegen des Wetters Unbill. Mag sein, aber sonderlich erbaut wird auch keine gewesen sein von der Aussicht, noch fast eine Stunde wandern zu müssen unter strömendem Regen, bei Donner und Blitz. Daher war Ilse auch schnell entschlossen. »Kommt«, sagte sie kurz und schritt unverzagt in die sumpfige Wiese hinein, rüstig vorwärts, ob ihr auch Wasser und Schlamm manchmal bis über den Knöchel gingen. Am Ufer der Oker angekommen hob Rolef die schlanke Gestalt leicht empor und hielt sie fest in seinen kräftigen Armen. Dann stieg er hinein in den Fluß, welcher bald durchwatet war, in der That ging ihm das Wasser nicht weit über die Kniee. Als sie drüben angelangt waren, hatte der Fuhrmann das Anschirren seiner Pferde beendet und war im Begriff auf den Wagen zu klettern. »Nach Braunschweig?« fragte ihn Rolef, welcher Ilse sanft hatte zur Erde gleiten lassen. Der Fuhrmann nickte und faßte nach Zügel und Peitsche. »Nehmt die Jungfrau mit, damit sie dem Unwetter entgeht.« Der Fuhrmann ließ prüfend seine Blicke über Ilses Gestalt gleiten. Auch noch ein anderes Gesicht schaute bei dem Klang der fremden Stimme unter dem Plan hervor, ein rotbärtiges Gesicht mit zwei funkelnden graublauen Augen. »Mein Vater wird's Euch Dank wissen«, sagte Ilse vortretend, »er ist der Altstadt Bürgermeister.« »Für einen Menschen ist noch Platz«, meinte das bärtige Gesicht mit den funkelnden Augen. Der Fuhrmann rückte zur Seite und Rolef half Ilse auf den Wagen. Ein Händedruck und ein freundlicher Blick belohnte ihn für seine Dienste. Dann zogen die Pferde an, der Fuhrmann schnalzte mit der Zunge und knallte mit der Peitsche, die Gäule fielen in einen schwerfälligen Trab und langsam entschwand das Gefährt Rolefs Blicken. Es war nicht nur Zufall gewesen, daß Rolef Doring heute Ilse vam Damme begegnet war. Rolef, welcher Ilses Thun und Treiben immer sehr viel Aufmerksamkeit schenkte, hatte in Erfahrung gebracht, daß dieselbe im Laufe des Nachmittages zu dem Meierhofe ihres Vaters hinausgehen würde. Da hatte es ihn auch aus den Mauern der Stadt getrieben, er hatte die Armbrust genommen und war über die Stoppelfelder gestreift. Doch wurde er dem Wilde heute nicht gefährlich, seine Aufmerksamkeit blieb lediglich durch die Beobachtung des Weges in Anspruch genommen, auf welchem Ilse vom Hofe zurückkommen mußte. Erst als er sie auf demselben erblickte, legte er einen Pfeil auf die Armbrust und sandte ihn aufs Geratewohl dem Himmel zu, um sich doch den Anschein zu geben, als sei er ganz vertieft ins edle Weidwerk. Dann trat er wie von ungefähr auf die Jungfrau zu, klagte über das Mißgeschick, welches ihn auf seiner heutigen Jagd verfolge, und den Faden der Unterhaltung weiterspinnend, schloß er sich ihr an, ohne daß irgend etwas Auffallendes dabei gewesen wäre. Das hatte sich alles ganz natürlich gemacht. Rolef lächelte still vor sich hin, daß ihm dies so gut gelungen. Aber dann wurde er wieder ernst. Wie lange sollte das noch so fortgehen mit ihnen Beiden? Er konnte sich kein Leben denken ohne Ilse, wie sie ja auch dagewesen war und seine Sorge um sie und seine Liebe zu ihr, so weit seine Erinnerung reichte. Die vam Dammes und die Dorings gehörten beide zu den ältesten Geschlechtern der Stadt, zu jenen uralten Freien, deren Höfe neben und vor dem herrschaftlichen Dorfe Brunswick bestanden hatten und mit ihm zur Stadt Braunschweig zusammengeschmolzen waren, als, begünstigt durch die Kreuzung der großen Handelswege von Süd nach Nord, von Magdeburg nach Bardewik, und von West nach Ost, vom Rhein zur Elbe, Handel und Wandel dem bäuerlichen Leben ein Ende machten. Aber inmitten des wachsenden Handelgetriebes und des steigenden Reichtums bewahrten sie sich ihre Eigenart als Freisassen, sie saßen auf eigenem Erbe, nicht auf herrschaftlichem Boden, wie die Umwohnenden, und niemals war von ihnen Zins oder Bede gezahlt. Ohne die Vorteile zu verschmähen, welche der Handel ihnen bot, ja mit Geschick und Umsicht durch ihn die ererbte Wohlhabenheit zum Reichtum steigernd, blieben sie daneben Landwirte, und als ritterbürtig geachtet, nahmen sie als etwas Selbstverständliches das Regiment der Stadt in Anspruch. Nicht viele solcher Familien gab es noch in Braunschweig, wie die Dorings und vam Dammes. Häufig im Laufe der Zeiten mit einander verschwägert, hatten sie fest zusammengestanden gegen oben und unten, sowohl gegen Eingriffe des Landesherrn, wie gegen die begehrlichen Gelüste der Gilden und gemeinen Leute, welche schon seit langem Teil am Regiment zu gewinnen trachteten. Als Bürgermeister der Altstadt hielten die zeitigen Häupter beider Familien die Zügel der Herrschaft in Händen – auch Rolefs Vater war Bürgermeister; wie wir wissen, waren die Kinder mit einander groß geworden und viele Augen in Braunschweig betrachteten sie schon als ein Paar. Wer hätte dem freudiger zugestimmt, als Rolef, aber niemand wußte auch besser als er, wie weit er noch von diesem Ziele entfernt war. Nicht nur das machte ihm Sorge, daß die frühere Einigkeit zwischen den Vätern in den letzten Jahren bedeutend abgenommen hatte, ja fast ins Gegenteil umgeschlagen war, das hätte seine Gedanken weniger in Anspruch genommen, wäre er nur Ilses sicher gewesen. Aber er hatte ja heute wieder erleben müssen, wie Ilse unvermutet den vertraulichen Ton mit einem hochmütig abweisenden wechselte, als erschrecke sie wie vor einem plötzlich auftauchenden Gespenst vor dem Gedanken, daß er ihr mehr sei oder jemals mehr werden könne, als ein anderer, ein Fremder. Oder war das nun einmal so ihre Art; war sie so kraus und launisch wie das wilde Harzwasser, die Prinzessin Ilse, welche schäumend und brausend ihren Weg sucht, vom Brocken hinab, hinunter zur Oker? – Das Gewitter war jetzt ganz zum Ausbruch gekommen, in Strömen rauschte der Regen hernieder, Blitz und Donner folgten sich fast unmittelbar. Aber eben dies war geeignet, Rolef heiterer zu stimmen. Je ärger das Unwetter tobte, desto mehr freute er sich, daß er Ilse seiner Unbill noch rechtzeitig entzogen. Jetzt mußte der Wagen schon vor dem vam Dammeschen Hause halten, ja Ilse mußte schon ausgestiegen sein und konnte sich im schützenden Zimmer Glück wünschen zu ihrer schnellen Heimkehr. Da durchzuckte Rolef plötzlich ein Gedanke, welcher ihn unwillkürlich einen Augenblick still stehen lieh. Der Fuhrmann würde doch auch Ilse richtig vor ihrem elterlichen Hause absetzen? Die Männer im Wagen waren Fremde gewesen, Rolef hatte ihre Gesichter nie vorher gesehen. Sie hatten angegeben, sie führen nach Braunschweig, aber es war eine unsichere Zeit, viel Gesindel war unterwegs, Ilse war in ihrer Gewalt, wer stand ihm dafür, daß sie nicht am Stadtthore vorbei fuhren und einer der vielen Raubburgen in der Umgegend zueilten oder einem Schlupfwinkel diebischen Gesindels? Die Jungfrau vam Damme war ein guter Fang, Ilse selbst hatte sich als Tochter des Bürgermeisters zu erkennen gegeben, also mochten die Schnapphähne hohes Lösegeld zu erpressen hoffen. Rolef wurde es siedend heiß bei dem Gedanken und dann lief es ihm wieder eiskalt über den Rücken. Er ging nicht mehr, er lief so schnell ihn seine Beine tragen mochten. Am Thore mußte er Gewißheit erhalten, ob der Wagen wenigstens in die Stadt eingebogen sei. Die Dunkelheit der Nacht brach schon herein, als er dasselbe erreichte, doch war die über den Stadtgraben führende Zugbrücke noch nicht aufgezogen. Auch die Thorflügel waren noch weit geöffnet und in der quer unter dem Walle sich durchziehenden Thorwölbung herrschte ungewöhnliches Leben. Da brannten rotglühende Pechfackeln, da glänzten blinkende Waffen, ja Rolef gewahrte sogar die stattliche Gestalt seines Vaters und daneben die kurze, dicke Figur des alten vam Damme, umgeben von Ratmannen, alle in festlichen Gewändern und geschmückt mit ihren goldenen Ketten. Die beiden Bürgermeister waren augenblicklich diejenigen, denen der Jüngling am wenigsten zu begegnen wünschte. Er hielt sich daher möglichst verborgen und spähte nach dem Thorwärter. Endlich ward er desselben habhaft. Aber als er ihm den fraglichen Wagen beschrieb und fragte, ob ein solcher hier durchs Thor gefahren sei, zuckte der Mann mit den Achseln und meinte, er könne sich dessen nicht erinnern. Als Ilse das Gefährt bestiegen hatte, war ihr der hinterste Teil des Wagens angewiesen worden, wo sie vor dem Regen am geschütztesten sei. Den beiden Männern schenkte sie nach einer kurzen Musterung wenig Beachtung, dieselben saßen auf der vorderen Bank, der Jungfrau den Rücken zuwendend, sprachen leise mit einander und lachten auch wohl dazwischen. Monoton rauschte der Regen hernieder, tiefe Dämmerung herrschte unter dem dichten Plan des Wagens, es war ein Platz wie gemacht zum Denken und Träumen. Dem überließ sich denn auch Ilse und wir wollen nicht verschweigen, daß in diesen Träumen Rolef Doring eine große Rolle spielte, ja auch das wollen wir hinzusetzen, daß von den fürsprechenden und abweisenden Gedanken, welche in Ilse für und gegen den Jüngling stritten, die ersteren heute entschieden das Übergewicht hatten, so sehr, daß sie leise vor sich hinflüsterte: »Er ist doch ein herzensguter Mensch.« Und dabei errötete sie, trotzdem niemand die Worte gehört hatte. Die Feuchtigkeit, welche allmählich auch durch die dichte Leinwand des Plans drang, störte Ilse aus ihrem Sinnen auf und ließ sie den Wunsch empfinden, bald aus ihrer immerhin noch recht unbehaglichen Lage befreit und unter dem schützenden Dache des elterlichen Hauses zu sein. »Sind wir noch nicht am Thor?« fragte sie die Männer, aber sie erhielt keine Antwort. Noch einmal fragte sie – lauter – wieder keine Antwort! Da beugte sie sich vor und berührte mit der Hand die Schulter des Rotbärtigen, indem sie zum dritten Male wiederholte: »Sind wir noch nicht am Thor?« Der Mann drehte sich um: »An welchem Thor?« fragte er. »Nun, am Ludgeri-Thor , das ist das nächste.« »Durch das fahren wir nicht.« »So laßt mich dort aussteigen, wenn wir vorbei kommen.« »Das geht nicht an, wir sind schon daran vorbei.« »Schon daran vorbei?« wiederholte Ilse fragend und sah dabei forschend in das Gesicht des Rotbärtigen. Da durchzuckte sie ebenso plötzlich wie Rolef der Gedanke, daß die Männer falsches Spiel mit ihr spielten. Hastig warf sie sich zurück und riß am hinteren Ende des Plans. Das Leinen gab nach und ehe noch einer der Männer sie daran hindern konnte, war sie vom Wagen gesprungen. Zwar stürzte sie zu Boden, doch schnell wieder auf den Füßen, floh sie davon. Sie hörte, wie einer der Männer, der ebenfalls vom Wagen gesprungen, ihr etwas nachrief. Aber sie achtete nicht darauf, nur die Schritte des nacheilenden Verfolgers klangen ihr in die Ohren. Es war eine wilde Jagd, Ilses Vorsprung nur gering, ihre Kräfte denen des Rotbärtigen nicht gewachsen. Aber als sie nahe daran war zu verzweifeln, erreichten noch andere Töne Ilses Ohr und zwar von der entgegengesetzten Seite, Pferdegetrappel, Waffenklirren, Menschenstimmen, Da setzte sie die letzten Kräfte daran, und einen scheuen Blick zurückwerfend, gewahrte sie, daß ihr Verfolger stehen geblieben war, drohend die Hand nach ihr ausstreckte, dann Kehrt machte und hastigen Schrittes seinem Wagen zueilte. Sobald er denselben erreicht hatte, hieb der Fuhrmann auf die Pferde und das Gefährt verschwand in der Dämmerung des hereinbrechenden Abends. Ilse blieb stehen und schöpfte tief Athem. Dann suchte sie sich zu orientieren. Das war nicht leicht bei den dunkelnden Abendschatten. Aber sie fand sich doch zurecht. Der Wagen war in der That, ohne daß Ilse es bemerkt, am Ludgeri-Thor vorbeigefahren, indem er, statt links in die Stadt einzulenken, zunächst die Straße nach Magdeburg eingeschlagen hatte, dann aber rechts von derselben auf einen Feldweg abgebogen war. Auf diesem befand sich Ilse jetzt, jedoch nur in geringer Entfernung von der Landstraße. Die Jungfrau eilte mit rüstigen Schritten derselben zu. Auf ihr mochte sie trotz des hereinbrechenden Abends immerhin noch das Stadtthor erreichen, ehe dasselbe geschlossen und die Zugbrücke aufgezogen wurde. Aber kaum war sie am Kreuzweg angelangt, da wurde sie durch einen neuen Anblick aufgehalten. Um eine vorspringende Waldecke kam auf der Landstraße ein Trupp gewappneter Ritter in langsamem Schritt. Es waren dieselben, welche sich schon von Weitem durch den Hufschlag ihrer Pferde und das Klirren ihrer Waffen verraten hatten. Zwar hatten sie eben dadurch Ilses Rettung bewirkt, aber trotzdem waren sie für die Jungfrau eine neue Gefahr. Sie eilte deshalb, sich hinter einem an der Landstraße stehenden Busche zu verbergen, bis die Reiter vorüber seien. Langsam kamen dieselben näher, jetzt ritt die Spitze des Zuges an ihr vorüber. Aber sei es nun, daß der Jungfrau, Kleid durch die Büsche schimmerte, sei es, daß sie bemerkt war, ehe sie sich hatte verbergen können, unbeachtet blieb sie nicht. Einer der Reiter lenkte vom Zuge ab, auf den Busch zu und schaute neugierig über denselben hinüber in Ilses angsterfülltes Antlitz. Es war ein dickes rotes Gesicht, was unter dem offenen Eisenhelm hervorsah. Auf dem Helm spreizte sich ein silberner Greif, das Wappentier der Vörsfeldes. Für Ilse hätte es des Zeichens nicht bedurft, um in dem Neugierigen ihren Vetter, den Junker Vörsfelde zu erkennen. »Um, des Himmels willen, Vetter, verratet mich nicht«, flüsterte sie mit bebenden Lippen. »Vetter?« lachte der Geharnischte. »Ich weiß nur Eine in Braunschweig, die mich so nennen darf. Und die wird nicht abends – und doch – bei Sankt Magnus! – Ihr seid es, Base!« Es kamen noch andere Reiter auf die Gruppe zu, Ilse blieb nichts übrig, als hinter dem Busch hervorzutreten, indem sie zu dem Junker sagte: »Ich vertraue auf Euren ritterlichen Schutz, Vetter.« Auch der Reiter an der Spitze des Zuges hielt jetzt sein Pferd an und sah zu ihnen hinüber. »Den sichersten Schutz findet Ihr beim Herzog«, lachte Vörsfelde, und indem er sie bei der Hand faßte, führte er die halb Widerstrebende auf den vorderen Reiter zu. »Meine Base, des Bürgermeisters vam Damme Tochter«, sagte er, vor demselben anhaltend. Ilse hatte in die Erde sinken mögen vor Scham, wie sie so dastand, den gaffenden Blicken der Ritter ausgesetzt, durchnäßt, mit Kot bespritzt. Aus der Schar der Gewappneten wurde manch spöttisches Wort laut, aber der, den Vörsfelde als den Herzog bezeichnet hatte, sah mit einem ernsten Blick im Kreise umher und sagte: »Der Bürgermeister vam Damme ist mir ein lieber Freund.« Da schwiegen die Spötter. »Das Unwetter hat mich überrascht auf dem Rückwege von unserm Hofe«, stammelte Ilse. »Wollt Ihr unser Geleit annehmen, Jungfrau«, sagte der Herzog, »so soll es mich freuen, Euch Eurem Vater zuzuführen.« Und auf einen Wink des hohen Herrn stieg der Junker Vörsfelde von seinem Gaul und hob die zitternde Ilse hinauf. »Es ist der Herzog Ernst von Braunschweig«, raunte er ihr dabei zu. Der Herzog ließ Ilses Pferd neben dem seinen führen. Er mochte wohl die Art seines Gefolges kennen und meinen, daß die Jungfrau vor spöttischen Reden am sichersten sei an seiner Seite. Und mit Wohlgefallen Ilses liebliches Antlitz betrachtend, sagte er: »Wir wollen Eure Stadt besuchen und vor allem Euren Vater. Unseres Bruders Liebden, Herzog Magni fürstliche Gnaden, haben, wie Euch wohl nicht unbekannt, nach des Himmels Ratschluß den Tod gefunden auf dem Felde der Ehre. Und es sind manche unterwegs, welche mir rauben möchten, was mir von seinem Erbe gebühret von Gott und Rechts wegen. Da will ich mein Recht wahren, so weit meine Kräfte vermögen.« Und der Herzog sprach noch mancherlei von seinem Recht und welche Hilfe er von ihrem Vater erhoffe und wo er ihn zuletzt gesehen und wie er vor langen Jahren bei ihm gewohnt in dem stattlichen Hause mit den sieben Türmen gegenüber dem Schuhhofe am Altstadt-Markte. So näherten sie sich dem Stadtthor. Da faßte sich Ilse ein Herz und sagte: »Fürstliche Gnaden, so mein Vater Euer Freund ist, so solltet Ihr ihn nicht dadurch erschrecken, daß er mich plötzlich an Eurer Seite erblicke, und zwar in diesem Aufzuge. Seht, dort beginnen schon der Stadt Außenhäuser. Laßt mich hier absteigen, daß ich mich in einem derselben verberge, bis man Euch feierlich eingeholt hat; hinterher mag es mir dann gelingen, unbemerkt durchs Thor zu schlüpfen und meines Vaters Haus zu erreichen.« Der Herzog lachte: »Wohl hätten wir Euch gern selbst Eurem Vater übergeben, aber Ihr habt recht, er möchte sich erschrecken und man hat uns gesagt, er sei stark beleibt geworden. Für beleibte Leute taugt aber der Schrecken nichts, er treibt ihnen das Blut zu Kopf. Thut deshalb, wie es Euch beliebt.« Da dankte Ilse dem hohen Herrn mit freundlichen Worten und glitt schnell vom Pferde. Ihrem Vetter nickte sie nur flüchtig zu, dann verschwand sie in einem der niedrigen Häuser, welche zur Seite der Landstraße außerhalb des Thores standen. Dort mochte sie um so eher Unterkommen zu finden hoffen, als dasselbe einer früheren Magd des vam Dammeschen Hauses gehörte. Zweites Kapitel Der Schuster von Lübeck Voll Ungeduld hatten indessen Bürgermeister und Ratmannen in der Thorwölbung der Ankunft des Herzogs geharrt. Doch was war diese Ungeduld gegen die peinigende Unruhe, welche Rolef Doring quälte? Was sollte er thun, was beginnen? Wo sollte er anfangen zu suchen, wenn der Wagen mit Ilse wirklich nicht in die Stadt hineingefahren war? Aber der Thorwärter konnte ihn übersehen haben, zumal in der Unruhe, welche die Vorbereitungen zum Empfange des Herzogs verursacht hatten. An die Hoffnung klammerte er sich an und es war ein Glück für ihn, daß es ihm unmöglich wurde, durch die Menge, welche das Thor füllte, sich hindurch zu drängen und das vam Dammesche Haus aufzusuchen. Denn hätte er dort erfahren, daß Ilse immer noch nicht zurückgekehrt, so wäre auch diese letzte Hoffnung, an welche er sich so ängstlich klammerte, zerstört worden. Das Unwetter war vorübergezogen, nun trug man auch Pechpfannen auf die Zugbrücke hinaus und zündete sie an, daß ihre rote Glut sich in dem ruhigen Wasser des Grabens spiegelte. Ja, es schritten noch Fackelträger über die Brücke hinaus und stellten sich vor derselben in weitem Umkreise auf. Und da klangen, als ob das Licht der Fackeln sie hervorgerufen, helle Trompetentöne aus der Dämmerung des Herbstabends heraus und ihnen antworteten vom Thore her die Stadtzinkenisten mit Zinken, Schalmeien, Posaunen und Zimbeln, wählend alle Glocken der Stadt in prachtvollem Chore zu läuten begannen. Von denen im Thore aber löste sich eine Gruppe ab, voran die beiden Bürgermeister der Altstadt, Tile vam Damme und Kort Doring, dann die Bürgermeister der anderen städtischen Gemeinden, der Altewik, des Hagens, des Sacks und der Neustadt, auch manche Ratsmannen und Ratsverwandte. Als dieselben die Brücke überschritten hatten, ritt ihnen gegenüber der Herzog mit seinem Gefolge in den von den Fackeln erhellten Lichtkreis. Voran vier Trompeter, von deren Instrumenten Wimpeln herabhingen mit den Leoparden des Herzogs, dem Lüneburger Löwen und dem silbernen sächsischen Pferde, hinter ihnen der Herzog, und ihm zur Linken, aber etwas zurück, sein Bannerträger, der graubärtige Ritter van Walmede, dann das übrige Gefolge, Ritter und Knappen. An der Brücke aber schwenkten die Trompeter ab und der Herzog gab seinem Pferde die Sporen und sprengte auf die Gruppe der Bürgermeister und des Rats zu, während sein Gefolge sich zurückhielt. Da ergriff Tile vam Damme das Wort – war er doch nach seinem Amte derjenige, ›der des rades wort sprikt‹ – und begrüßte den Herzog in wohlgesetzter Rede. Der Letztere aber dankte leutselig, zog den Panzerhandschuh von der Rechten und reichte dem Bürgermeister die Hand. Auch den anderen, die da mit Tile vam Damme standen, nickte er freundlich zu und dann ritt er über die Brücke in das Thor hinein. Ihm folgten unmittelbar Bürgermeister und Ratmannen, dann erst Trompeter und Gefolge des Herzogs. Jenseit des Thores aber waren in den mit Fackeln erleuchteten Straßen die Gilden in unabsehbaren Reihen aufgestellt mit ihren Fahnenschwenkern. Und jedesmal, wenn der hohe Herr an einer Fahne vorbei kam, that der Fahnenschwenker sein Möglichstes, das ihm anvertraute schwere Banner hin und her zu schwingen, wie es die Regeln seiner Kunst erheischten. Und jedesmal bliesen dazu die Trompeter des Herzogs ein lustiges Stücklein. So kam man auf den Altstadtmarkt, wo das Wohnhaus der vam Dammes, »das Haus mit den sieben Türmen« stand. Denn Herzog Ernst hatte das Anerbieten des Bürgermeisters angenommen, bei ihm zu wohnen. Konnte auch im alten Schlosse Heinrichs des Löwen nicht wohl prächtiger und bequemer untergebracht sein, als in diesem stolzen Gebäude. Hieß es doch nicht bloß »zu den sieben Türmen«, sondern es ragten in der That sieben Türme über dasselbe empor und dazwischen prangten hohe Giebel. Wie eine Burg stand es da inmitten der Stadt, und von der Pracht seiner inneren Einrichtung erzählten sich die Bürger Braunschweigs wundersame Dinge. Wir lassen Tile vam Damme seinen erlauchten Gast in sein Haus geleiten und wenden uns zu einem anderen unweit stehenden Gebäude. Dasselbe konnte sich zwar an Pracht nicht mit dem Palaste des Bürgermeisters messen, doch konnte man es auch neben diesem nicht übersehen, man sah ihm an, daß es ein Haus von Bedeutung war. Und das war es auch in der That, der sogenannte »Schuhhof«, wo zwei der bedeutendsten Gilden Braunschweigs, die Schuster und die Gerber, ihren Mittelpunkt hatten. Hier wurden die sogenannten ›Morgensprachen‹ derselben gehalten, Versammlungen, in denen die inneren und äußeren Angelegenheiten der Gilden verhandelt wurden, hier kehrten die fremden Gewerksgenossen ein, hier war der Stapelplatz für fremde und einheimische Erzeugnisse des Handwerks, und in der geräumigen Schenkstube fand sich bei jeder Gelegenheit zusammen, was sich zum Verband der beiden Gilden rechnen durfte. Darum waren auch heute Abend, nach dem Einzuge des Herzogs, die Gerber und Schuster mit ihren Fahnen hierher gezogen und Meister Jürgens, der Wirt, hatte alle Hände voll zu thun, um genug des vaterstädtischen Getränkes, der süßen dickflüssigen Mumme oder auch eines dünneren, bitteren Bieres herbei zu schaffen, wie man es nach der Einbecker Art braute. Es war ein lebhaftes Hin- und Herreden in der Schenkstube, denn die Gemüter waren erregt ob der plötzlichen Ankunft Herzogs Ernst. Und war auch jeder dessen gewiß, daß dieselbe etwas zu bedeuten habe, so gingen doch die Meinungen darüber weit aus einander, was dem Besuche des Herzogs zu Grunde liege. »Ich bleibe dabei«, rief ein breitschulteriger Gerber, »der Bürgermeister hat ihn eingeladen.« »Ihr irrt Euch, Meister Kamla«, erwiderte ein anderer, ein bedächtig dreinschauender Schuster, »denn wißt Ihr, ich war im Hause wegen der Wildledernen Seiner Gestrengen, da kam erst die Botschaft, der Knappe Isenbüttel brachte sie, ich kannte ihn wohl wieder, denn er war mit dabei, wißt Ihr, als wir nach Einbeck zogen, mit Geleit vom Göttinger Herzog; aber der Herzog steckte mit den Schnapphähnen unter einer Decke und als sie uns angriffen, ritt unser Geleit davon, doch wir wehrten uns unserer Haut –« »Es ist richtig«, warf ein Dritter ein, dem die Einleitung zu der Geschichte Meister Pechdrahts zu lang wurde, »es ist richtig, der Rat hat nichts davon gewußt. Hals über Kopf kamen sie zusammen und berieten, wie sie den Herzog empfangen sollten. »Und dann wurde fortgeschickt zu den Gildemeistern.« Der Gerber schüttelte ingrimmig den Kopf, indem er den zinnernen Bierkrug heftig auf den Tisch stieß. »Natürlich«, sagte er höhnend, » dann wurde zu den Gildemeistern geschickt, als der Beschluß über den Empfang des Herzogs bereits feststand; da waren wir gut genug, in den Straßen herumzustehen zu Ehren des Herzogs, zwei Stunden, drei Stunden; hätte man uns darum gefragt, so wäre keiner gekommen. Hat ein Meister denn nichts Besseres zu thun?« »Das meine ich auch«, stimmten Andere bei. »Wir sind nicht dazu da, zum Schaugepränge zu dienen!« »Und wär's noch das allein«, rief ein Vierter dazwischen, »aber einen ›Willkommen‹ werden sie dem Herzoge auch geben wollen, und wer wird den anders bezahlen müssen als wir?« »Es ist geschehen, was Rechtens ist«, meinte der Schuster. »Das sagt Ihr, weil Ihr die Schuhe Seiner Gestrengen besohlt.« »Es ist immer dasselbe«, schrie der Gerber Kamla, »der Rat schaltet mit uns, wie es ihm beliebt, mit unserer Zeit, mit unserem Gut und Blut!« Dem Gildemeister am oberen Ende der langen Tafel wurde die Unterhaltung bedenklich. Er suchte ihr eine andere Richtung zu geben. »Es heißt«, sagte er mit wichtiger Miene, »der Herzog sei gekommen, um sich huldigen zu lassen.« Die Männer horchten auf. »Ist er der Erbe?« klang es vom unteren Tischende her. Die Augen wandten sich dem Fragenden zu. Er war ein untersetzter, rotbärtiger Mann, mit grauen, funkelnden Augen. Niemand in der Gesellschaft kannte ihn. Der Gildemeister hielt Jürgens, den Wirt, zurück, welcher soeben den Zinnkrug frisch gefüllt vor ihn hingestellt hatte, und fragte leise: »Wer ist der Mann?« »Ein Schuster aus Lübeck.« »Hat er das Handwerk gegrüßt?« »Wie's der Brauch ist.« Die Frage des Fremden fand keine Beachtung, aber derselbe ließ sich nicht irre machen. »Hat Herzog Magnus keine Söhne hinterlassen?« fragte er zum zweiten Male. »Wohl hat er Söhne hinterlassen«, erwiderte der Gildemeister jetzt. »Sie stehen aber unter der Vormundschaft des Göttinger Herzogs.« »Des Quaden«, Herzog Otto von Göttingen fühlte in der That den Beinamen »der Quade«, das heißt »der Schlechte«. setzte Asche Kamla hinzu. »Er wird's Euch bald vertreiben, ihn so zu nennen«, lachte der Rotbärtige. »Meint Ihr? Wir wollen nichts von ihm, der Rat nicht und wir auch nicht. Er ist noch ärger als der verstorbene Magnus.« »Und der war arg genug«, sagte der Leibschuster Seiner Gestrengen. »Wißt Ihr, warum er stets die silberne Kette trug, daher sie ihn Torquatus nannten? Weil er's in seiner Jugend so arg getrieben, daß ihn sein Vater hängen lassen wollte. Da lachte er und hing sich eine silberne Kette um, daran möge ihn hängen, wer ihn fangen könne.« »Uns war er stets ein guter Herr«, warf der Gildemeister ein. »Aber zuletzt hat ihn doch der Teufel geholt!« schrie Asche Kamla. »Waret Ihr dabei?« fragte der Rotbärtige. »Seid Ihr gekommen, um Händel zu suchen?« rief Asche Kamla. »Was denkt Ihr?« erwiderte der Rotbärtige ruhig. »Ich frage nur, weil ich den Hergang weiß von Einem, der dabei war.« »Als ihn der Teufel holte?« »Nein, aber als Herzog Magnus der Andere seinen Tod fand. Bei Leveste war's, am Deister. Herzog Magnus war gegen den Grafen v. Schaumburg gezogen, denn er zürnte ihm, weil der Graf, da er doch seines Bruders, Herzog Ludwigs, Witwe geheiratet, dennoch in der lüneburgischen Fehde es mit den Widersachern der Welfen, den Sachsen, gehalten. Und als Magnus mit dem Gegner zusammentraf, gelobte er mit einem Eid, daß er die Nacht im schaumburgischen Lande zubringen wolle. Im Kampfgewühle aber spähte er nach dem Grafen, legte, als er ihn endlich erkannte, die Lanze auf ihn ein, hob ihn aus dem Sattel, sprang dann vom Roß, um sich seiner zu bemächtigen. Beugte sich auch über ihn, um auf das Atmen zu horchen und zu erkunden, ob der Graf noch lebe. Da sprang ein schaumburger Ritter hinzu und durchstach den Herzog hinterrücks mit dem Schwerte, daß er tot zusammenstürzte. Der Graf aber erhob sich unverletzt, und die führerlos gewordenen herzoglichen Scharen vollends zu zersprengen, ward ihm nicht schwer. Als man ihm jedoch von dem Eide des Herzogs erzählte, sprach er: ›So soll mein Schwager darum nicht meineidig werden!‹ ließ die Leiche in sein Land führen und behielt sie dort eine Nacht, ehe er sie zurücksandte.« Der Bericht ward mit Aufmerksamkeit angehört und hatte dem Erzähler die allgemeine Beachtung zugewandt. Auch wußte sich derselbe diese Aufmerksamkeit noch ferner zu bewahren. Er war ein weit gereister Mann, hatte viel gesehen und viel gehört. Zumal nachdem der Gildemeister gegangen, wurde er zum Mittelpunkt der Gesellschaft. War er doch auch über braunschweigsche Verhältnisse für einen Fremden gut unterrichtet, besonders darüber, wie die stolzen Geschlechter die niederen Leute drückten und wie unrecht es sei, daß die Gilden nicht auch im Rat vertreten wären. Das hörten die Meister gern, und es war spät in der Nacht, als man endlich aufbrach. Aber wie spät es auch war, das Haus mit den sieben Türmen glänzte noch immer in voller Lichterpracht. Das sah der Fremde, als er von Meister Jürgens, dem Wirt, in sein Gemach geleitet, ans Fenster trat. Er drohte mit der Faust hinüber. »Eure Herrschaft soll ein Ende mit Schrecken nehmen«, murmelte er. »Euer Gestrengen Haus gefällt mir gar wohl, und es wird eine Zeit kommen, wo ich darin Feste geben werde.«   Wir haben Rolef Doring verlassen, als er voll banger Sorge um Ilses Schicksal inmitten der festlichen Versammlung im Thore stand, die der Ankunft des Herzogs Ernst harrte. Endlos deuchte es ihm, bis die Empfangsfeierlichkeiten vorüber und das Thor wieder frei geworden war. Dann eilte er durch dasselbe hindurch und auf Umwegen dem Festzuge voran nach dem Hause mit den sieben Türmen. Er betrat dasselbe durch eine Nebenthür und der Zufall führte ihm Ilses Zofe in den Weg. »Deine Herrin wird sich rüsten zum Empfange des hohen Gastes«, redete er dieselbe an. »Ach, sie ist nirgends zu finden«, antwortete das Mädchen. »Seine Gestrengen sind außer sich, das Gewitter muß sie auf dem Meierhofe zurückgehalten haben.« Rolef wußte nur zu gut, daß dies nicht der Fall war. Aber was nun? Zunächst zurück zum Thore, vielleicht war der bewußte Wagen inzwischen zur Stadt hineingefahren. Wurde auch diese Hoffnung getäuscht, blieb ihm nichts anderes übrig, als – so schwer ihm das auch werden mußte – Ilses Vater zu benachrichtigen, damit derselbe sofort alle Mittel, welche ihm persönlich und kraft seines Amtes zu Gebote standen, zur Rettung der Tochter aufbieten konnte. Unter diesen Gedanken erreichte er das Thor. Im Begriff, dasselbe zu betreten, sah er ein weibliches Wesen an sich vorbeihuschen, welche die Gugel tief ins Gesicht gezogen hatte. Trotzdem erkannte er Ilse, ein Alp fiel ihm vom Herzen und unwillkürlich rief er laut und freudig: »Ilse!« Sie eilte weiter, ohne sich umzusehen, aber er war mit wenigen Schritten neben ihr. »Gott sei gelobt, daß ich Euch wiederfinde«, sagte er, »ich habe namenlose Sorge um Euch ausgestanden.« »Bitte, haltet mich nicht auf«, erwiderte Ilse kurz, »ich muß eilen, nach Hause zu kommen.« »Aber Ihr werdet mir erlauben, Euch zu begleiten.« »Ich will Euch nicht bemühen.« Wie kalt das klang, wie abweisend! Aber Rolef ließ sich nicht irre machen. »Wie mögt Ihr nur von Mühe reden«, sagte er, »es macht mir ja die größte Freude.« »Aber mir nicht. Euch verdanke ich die qualvollste Stunde meines Lebens. Und wäre nicht mein Vetter Vörsfelde dazwischen gekommen, würde ich wohl überhaupt nicht mehr leben.« »Ilse«, flehte Rolef, aber sie zog statt aller Antwort die Gugel noch tiefer ins Gesicht und beschleunigte ihren Schritt noch mehr. Da blieb er zurück. Was konnte es nützen, jetzt auf sie einzusprechen? Augenblicklich war doch keine Verständigung möglich und ein Wortwechsel konnte die Kluft zwischen ihnen nur erweitern. Das war eine böse Nacht für Rolef Doring. Hätte er sich nur selbst von aller Schuld frei sprechen können! Aber seine Unbesonnenheit, Ilse fremden Leuten anzuvertrauen, war ja an allem Unglück schuld. Und nun hatte auch noch Junker Vörsfelde ihr Retter sein müssen. Das war gar ein unerträglicher Gedanke. Ohne Schlaf gefunden zu haben, erhob sich Rolef am anderen Morgen von seinem Lager. Sein Vater, mehr und mehr durch die Geschäfte des Amtes in Anspruch genommen, hatte ihm allmählich die ausschließliche Verwaltung des großen Grundbesitzes übertragen, welchen die Familie in der Braunschweiger Feldmark inne hatte. Rolef ließ satteln und ritt zur Stadt hinaus, um sich durch die Besichtigung der Arbeiten auf den verschiedenen Meierhöfen zu zerstreuen. Aber so eingehend er auch alles musterte, seine Gedanken kehrten immer wieder zu den Vorfällen des gestrigen Abends zurück. Erst als die tiefen Glocken von St. Michaelis Mittag läuteten, kehrte er heim, körperlich ermüdet, aber voll innerer Unruhe. Im Begriff, sein Pferd dem Diener zu übergeben, sah er einen Mann in einem weiten grünen Kittel, unter dem eine rote Jacke hervorleuchtete, und eng anliegenden roten Beinkleidern aus dem Hause treten. Das Gesicht fiel ihm auf, wo hatte er es doch schon gesehen? Diese funkelnden, grauen Augen? Und dieser struppige rote Bart? War das nicht einer der Fremden, denen er Ilse anvertraut? Gewiß, ohne Zweifel! Er wollte ihm nachstürmen, da trat sein Vater in die Thüre und rief ihn an. Rolef kehrte sich kurz um. »Verzeihung, Vater, ich bin gleich zurück. Ich habe jetzt keine Zeit.« Die Augen des Alten blitzten. »Keine Zeit? Welch' eine Antwort!« Mißmutig trat Rolef dem Vater einen Schritt näher. »Ein sehr gefährlicher Mensch«, sagte er leise, »hat soeben unser Haus verlassen. Ich muß ihm nach, ihn zur Rede stellen –« »Du wirst hier bleiben«, unterbrach ihn der Vater. »Eben wegen dieses Mannes habe ich mit Dir zu sprechen. Komm herein.« Rolef mußte gehorchen. Er kannte seinen Vater genug, um zu wissen, daß derselbe in solchen Augenblicken keinen Widerspruch duldete. Das Haus der Dorings am Steinmarkte war älter als das Haus mit den sieben Türmen, auch nicht so prächtig anzuschauen als wie dies. Über einem gemauerten Erdgeschoß stieg es bis zu dem steilen Dach im Fachwerk empor; man erkannte das deutlich an den farbig ausgezeichneten und kunstreich sich kreuzenden Balken der oberen Stockwerke, welche Stock für Stock weiter in die Straße hineinragten, mit einer umgekehrten Treppe zu vergleichen. Niedrige Fenster mit kleinen, in Blei gefaßten Scheiben waren die Augen dieses Hauses, aber so ungleich verteilt, auch so verschiedener Größe, daß man wohl sah, wie nicht Rücksicht auf den äußeren Anblick, sondern nur auf die innere Bequemlichkeit, den Erbauer bei ihrer Anordnung bestimmt hatte. Der Bürgermeister schritt über die geräumige Hausflur, die knarrende Stiege hinauf in sein Wohngemach. Das war ein großes, wenn auch niederes Eckzimmer mit einem weit in die Straße vorspringenden Erker. In diesen setzte sich der Bürgermeister, seinem Sohne aber winkte er, ihm gegenüber Platz zu nehmen. »Wo warst Du gestern Abend, als Herzog Ernst in die Stadt einritt?« fragte er. »Am Ludgeri-Thore.« »Ich habe Dich nicht unter Deinen Genossen bemerkt.« »Unbekannt mit des Herzogs Ankunft, kam ich erst spät vom Felde zurück und traf bereits alle im Thore versammelt. Da war keine Zeit mehr, ein Festgewand anzulegen.« »Mir war es lieb, daß Du nicht unter denen warst, die den Herzog begrüßten. Ich mußte dabei sein, mein Amt zwang mich dazu, nachdem Tile vam Damme mit seinem Anhange einmal den festlichen Empfang durchgesetzt hatte. Sie überraschten uns, so mochte es ihnen gelingen.« Rolef sah seinen Vater mit großen Augen an. »Du wunderst Dich«, fuhr dieser fort, »daß ich also vom Herzog Ernst spreche, der uns doch früher ein gnädiger Herr war. Aber seine jetzige Anwesenheit bedeutet nichts Gutes. Vam Damme will ihn für seine Pläne benutzen – Du weißt ja, welche hohen Ideeen er im Kopfe hat. Die hofft er mit des Herzogs Hilfe auszuführen und unterstützt deshalb dessen Ansprüche. Ich aber mag davon nichts wissen. Daher halte Dich fern von dem Hause mit den sieben Türmen und vom Herzog und seinem Gefolge. Doch jenem Manne, der vorhin unser Haus verließ, begegne, wo Du ihn findest, mit Ehrfurcht, und spricht er Dich an, sei ihm zu Diensten und handle nach seinen Wünschen. Er ist mehr, als er scheint.« »Schilt mich nicht, Vater«, sagte Rolef bescheiden, aber bestimmt, »wenn ich Dir nicht gehorche. Ich habe von jenem Manne Rechenschaft zu fordern. Ihm vertraute ich gestern Abend Ilse vam Damme an, damit er sie in seinem Wagen vor dem Unwetter in die Stadt flüchte. Er aber ist der Jungfrau nahe getreten und nur die Dazwischenkunft des Junkers Vörsfelde hat sie vor dem Schlimmsten bewahrt.« Da flog ein Lächeln über Kort Dorings strenges Antlitz. »Ich weiß schon davon«, sagte er, »und kann Dir an seiner Statt Rechenschaft geben. Jener, von dem ich sprach, will unerkannt bleiben in Braunschweig und wollte daher ohne Aufsehen zur Stadt hineinfahren. Das war gestern Abend am Ludgeri-Thor nicht möglich, darum fuhr er daran vorbei, doch als Jungfrau Ilse dies gewahr wurde, schöpfte sie Verdacht, sprang unversehens vom Wagen und eilte davon. Er ihr nach, um sie aufzuklären. Aber so schnell war die hurtige Ilse, daß er sie nicht einzuholen vermochte, zumal da er des Herzogs Reisige heranreiten hörte, welche er guten Grund hat, zu vermeiden. So überließ er sie ihrem Schicksale und fuhr davon. Die Gefahr also, von der Jungfrau Ilse Dir erzählt zu haben scheint, hat nur in ihrer Einbildung bestanden, und magst Du schwerlich einen darob zur Rechenschaft ziehen.« Nachdenklich sah Rolef zu Boden. War diese Darstellung des Vorfalles die richtige? Offenbar war die Quelle, aus welcher sein Vater schöpfte, der Rotbärtige selbst. Das beeinträchtigte die Glaubwürdigkeit. Aber was konnte er dagegen sagen? Hatte Ilse ihn denn überhaupt gewürdigt, ihm die Gefahr näher zu bezeichnen, in der sie geschwebt? Und war es nicht vielleicht Scham gewesen ob ihrer Übereilung, welche sie bestimmt, so schroff ihn abzuweisen, wie sie gestern Abend gethan? Der Bürgermeister betrachtete ihn aufmerksam, dann sagte er sanfter, als ihm sonst eigen war: »Ich habe wohl manchmal in früheren Jahren gedacht – und auch Deine verstorbene Mutter sprach gern davon – Ihr solltet ein Paar werden, Ilse vam Damme und Du. Hab' Dich deshalb auch gehen lassen, wenn Du dem Mädchen nachliefst und minniglich um sie warbst. Aber jetzt frage ich Dich und erwarte von meinem Sohne eine offene und bestimmte Antwort: Wie stehst Du mit der Jungfrau?« Rolef zögerte mit der Antwort und eine hohe Röte färbte sein Antlitz. Es war das erste Mal, daß sein Vater mit ihm über seine Liebe sprach. Er rang nach Worten, aber er konnte keine finden. Aber sein Vater schien nicht geneigt, zu warten. »Nun?« fragte Kort Doring, und seine Stimme klang schon minder weich, »nun, seid Ihr einig?« »Nein«, klang es zaghaft zurück. »Oder kannst Du der Hoffnung leben, Dir in Bälde die Jungfrau zu gewinnen?« »Nein.« Das Wort wollte kaum über Rolefs Lippen. Der Bürgermeister erhob sich. »Gott sei gedankt«, sprach er, und man hörte es den Worten an, wie sie aus tiefster Brust kamen. »Hast Du Dich der Jungfrau vam Damme nicht versprochen und kannst sie mit gutem Gewissen verlassen, so mag sie sich anderswo einen Freier suchen, nur nicht im Hause Doring. Fort mit den Grillen, mein Sohn! Sei ein Mann und härme Dich nicht ob eines Mägdleins, das nichts wissen will von Deiner Liebe.« »Vater«, begann Rolef, gleichfalls aufstehend, aber der Bürgermeister ließ ihn nicht weiter sprechen. »Kann mir schon denken, was Du für Einreden hast!« rief er, »doch ich mag nichts davon hören. Denk' daran, daß ein Doring zu gut dazu ist, lange einer vam Damme nachzulaufen. Sind Jungfrau'n genug in der Stadt, denen das Herz klopft, wenn sie Dich schmucken Burschen sehen. Die vam Dammes aber sind ein falsches und hochmütiges Geschlecht, des sei versichert. Meide also das Haus mit den sieben Türmen und vergiß nicht, was ich Dir wegen des Fremden gesagt. Er ist mehr, als er scheint . Aber ich habe es nur Dir gesagt, das merke wohl, und hüte Dich, daß Du nicht ihn verrätst und uns.« Drittes Kapitel. Freund oder Feind? Es war am anderen Tage um dieselbe Stunde, da ließ ein im Hause Doring gar seltener Gast den Thürklopfer an der eichenen Hausthüre dröhnend niederfallen. Das war aber niemand anders als der erste Bürgermeister der Altstadt, Tile vam Damme, in eigener Person. Seine Gestrengen hatte sich schon eine Stunde vorher ansagen lassen, und so wurde ihm die gewichtige Hausthüre beim ersten Ton geöffnet und er von zwei Dienern über die Stiege in das obere Erkergemach geführt, das gestern die Besprechung zwischen Sohn und Vater gehört hatte. In der Thür stand Kort Doring, die lange sehnige Gestalt hoch aufgerichtet, und nötigte Seine Gestrengen herein mit kalter Höflichkeit, welche nicht die geringste Freude blicken ließ über den seltenen Besuch des Jugendfreundes. Sie standen sich gegenüber, die beiden Ersten der Stadt, und schauten sich prüfend in die Augen. Hatten ein gar verschiedenes Aussehen. Kort Dorings lange, magere Gestalt umschloß ein enganliegendes Gewand von gleichmäßiger rotbrauner Farbe, die sich selbst auf die Schuhe erstreckte, welche von gleichem Stoff wie die Beinkleider mit denselben in eins geschnitten waren. Um die Lenden trug er einen weiten, herabhängenden, silbernen Gürtel von viereckigen, beweglich an einander gefügten Gliedern und an diesem, in schwarzer Lederscheide, einen kleinen Dolch mit silbernem Griff. Dies knappe, einfache Gewand ließ ihn noch größer erscheinen, als er war, und fast jugendlich nahm sich darin der Sechzigjährige aus. Einen anderen Anblick gewährte Tile vam Damme. Von mittelgroßer Figur, war er stark beleibt, und während Kort Dorings scharf geschnittenes Antlitz mit der vorspringenden Nase und den blitzenden, braunen Augen etwas Adlerartiges an sich hatte, zeigte sein Gesicht verschwommene Züge; man mußte förmlich erst nach den beiden wasserblauen Äuglein suchen, welche zu beiden Seiten der flachen Nase schimmerten. Auch er trug den kurzen und engen Scheckenrock, aber von hellblauer Farbe, mit goldenen Knöpfen, der Gürtel war von blankem Stahl mit Gold eingelegt, und die knapp anliegenden Beinkleider hochrot. Darüber hing ihm der »Trappert«, der schimmerte violett und die herabhängenden Ärmel zeigten blaugraues Futter. Vorn am Halse aber hing ihm die gleich den Beinkleidern rote Gugel, welche er beim Eintritt ins Haus vom Haupt gezogen hatte. Wie gesagt, die Männer hatten sich einen Moment prüfend in die Augen geschaut, dann veranlaßte Kort Doring seinen Gast, an einem in der Mitte des Gemaches stehenden Tische Platz zu nehmen, auf welchem eine prächtige silberne Kanne mit zwei Bechern von demselben Metall und gleich edler Arbeit stand. Darauf setzte er sich ihm gegenüber, füllte aus der Kanne die Becher mit süßem Malvasier und brachte seinem Gast den Willkomm. »Möge es Deinem Hause wohlgehn«, erwiderte Tile vam Damme und leerte den Becher, während Kort Doring nur an seinem genippt. »Die Worte sind lange nicht über Euer Gestrengen Lippen gegangen«, meinte Kort Doring. »Habe ich deshalb weniger an Dein Haus gedacht, Kort? Gewiß nicht.« »Auch als ich mit unserer Stadt Reisigen zu Felde lag mit Herzog Magnus in der lüneburgischen Fehde und Bodo van Saldern von der Bienenburg aus über meinen Hof zu Halchter herfiel, ihn niederbrannte und fünfhundert Schafe forttrieb? Wüßte nicht, daß sich damals einer von Euch, meinen Freunden, geregt hätte, dem Schnapphahn das geraubte Gut abzujagen.« Tile vam Damme schüttelte mißmutig mit dem Kopfe, während Doring fortfuhr: »Und als die Sternbrüder vor Goslar meine Wagen überfielen, die Knechte niederwarfen und die Waren plünderten, fand ich damals Hilfe bei denen, so sich meine Freunde nannten?« Der fette Mann atmete tief auf, ehe er erwiderte: »Laß die Vergangenheit ruhen, Kort, ich bitte Dich darum, und laß uns ohne Bitterkeit ob der Zukunft verhandeln. Ich bin auch nicht gekommen, von uns zu reden, sondern von der Stadt, deren Regiment uns anvertraut ist. Wir sind an einem Kreuzwege angelangt und mögen wohl bedenken, welchen Weg wir jetzo die Stadt führen sollen.« »Du überraschest mich«, entgegnete Doring fast spöttisch. »Ich bin es wenig gewohnt, daß Du nach meiner Ansicht fragst, ehe Du der Stadt Wege bestimmst. Wenn Du anderen gestattest, ihre Meinung kund zu geben, pflegt Deine Hand schon alles geordnet zu haben, so daß nur ein Weg offen bleibt und das ist eben der, von dem Du wünschest, daß wir ihn gehen.« Tile vam Damme richtete sich halb in die Höhe. »Wann ist das geschehen?« fragte er heftig. »Nun, zum Beispiel erst vorgestern Abend, bei der Ankunft Deines hohen Gastes. Hättest Du früher den Rat zusammengerufen, als wie im letzten Augenblick, wäre wohl schwerlich beschlossen, Herzog Ernst gleich dem Landesherrn zu empfangen.« Vam Damme hatte sich schon wieder in den Stuhl zurücksinken lassen. Und so schnell und heftig er vorhin die Frage herausgestoßen, so langsam und bedächtig sagte er jetzt: »Ich konnte den Rat nicht eher zusammenrufen, ehe ich nicht selbst des Herzogs bevorstehende Ankunft erfahren. Sobald mir der Junker Isenbüttel des Herzogs Nahen verkündet, ließ ich die Wohlweisen fordern.« »Was Du sagst«, lächelte Doring. »Wer hätte das geglaubt. Auch Du überrascht durch des Herzogs Ankunft?« »Wenigstens dadurch, daß er so bald gekommen. Freilich ist er ein Herr von schnellem Entschluß. Darum müssen auch wir jetzt zum Schluß kommen. Welchen Weg soll die Stadt gehen?« »Du kennst meine Ansicht.« »Beim Alten zu beharren?« »Braunschweig ist groß geworden unter dem Schutz seiner Herzoge.« »Es wäre größer geworden ohne sie, jedenfalls kann es jetzt ihres Schutzes entbehren. Braucht Lübeck eines Schirmherrn oder Hamburg?« »Die Hamburger streiten noch mit den Holsteiner Grafen ob ihrer Selbständigkeit. Und Lübeck wird schon in den alten Registern der Kaiser allein mit Rom und Pisa, Venedig und Florenz als freie Stadt und Herrschaft genannt. Wir sind nicht Lübeck.« »Aber wir können werden wie Lübeck. Und welch' ein Schutz ist es denn, unter den Du uns stellen willst. Können unmündige Kinder Schutz gewähren?« »Aus den Unmündigen werden Erwachsene. Und die Stadt müßte die Unhuld der Erwachsenen tragen.« »Was brauchen wir dann noch danach zu fragen. Wisse, wozu Herzog Ernst sich erboten hat. Unterstützen wir seine Ansprüche – vom ganzen Erbe Herzog Magni verlangt er nichts als Schloß und Amt Wolfenbüttel, welches ja ein Pfandbesitz unserer Stadt ist – so will er bei Kaiser Carolo, dessen Gunst ihm in hohem Grade zugewandt, ein Wort für uns einlegen, daß Kaiserliche Majestät Braunschweig zur freien unmittelbaren Reichsstadt erklären.« »Immer derselbe Gedanke! In Deinem Haupte hat nichts Anderes Raum.« »Ist der Gedanke nicht wert, daß man ihn festhält Tag und Nacht?« Kort Doring antwortete mit einer anderen Frage. »Wie kann Kaiserliche Majestät verschenken, was nicht sein ist? Braunschweig gehört den Nachkommen Heinrich des Löwen, wie mag er die Stadt ihnen nehmen und sich selbst geben?« Da zog ein verschmitztes Lächeln über das breite Gesicht vam Dammes und die kleinen wasserblauen Äuglein leuchteten hell auf. »Glaubst Du, daran hätt' ich nicht gedacht? Hältst Du mich für so unerfahren in Staatsgeschäften? Wohl kann der Kaiser keinem Fürsten eine Stadt nehmen und sie zur Reichsstadt machen, es sei denn, dieser habe sie verwirkt durch Felonie. Wie aber, wenn ein Fürst selbst für seine Stadt solches vom Kaiser erbittet?« »Was? Die Söhne Herzog Magni wollten ihre Rechte auf Braunschweig aufgeben und ihm reichsstädtische Freiheiten erwirken? Da müßte nicht der ›Quade‹ ihr Vormund sein.« »Wer spricht von den Söhnen Herzog Magni und vom Quaden? Auch Herzog Ernst erhebt Ansprüche an unsere Stadt.« »Die Söhne sind die nächsten Erben.« »Die Erbverhältnisse sind verworren, wer mag entscheiden, wessen Recht das beste. Die Stadt wählt sich den Herrn, welcher ihr am meisten bietet. Und das ist Herzog Ernst. Wenn wir ihm huldigen, so geschieht das nur, damit er beim Kaiser für seine Stadt Braunschweig reichsstädtische Freiheiten erwirken kann.« Jetzt lächelte auch Kort Doring, aber es war ein bitteres Lächeln. »Fürwahr«, sagte er, »Du bist ein gewiegter Staatsmann, das muß ich loben. Nur eins hast Du vergessen, daß die beste Staatskunst immer die redlichste ist. Redlich aber ist es nicht, wenn Du Herzog Magni unmündigen Söhnen ihr Recht verkümmerst. Und darum kann ich Dich nicht auf dem Wege begleiten, den Du gehen willst.« Tile vam Damme schüttelte mißmutig den Kopf. »Wer hat uns bestellt, über die Rechte der jungen Herzoge zu wachen? Aber ich mag nicht länger streiten. Kann ich Dich nicht bereden, mit mir zu gehen, so versprich wenigstens, mir keine Steine in den Weg zu werfen.« »Wie kann ich das versprechen? Ist es nicht meine Pflicht, wie die Deine, über das Wohl der Stadt zu wachen? Thust Du nun etwas, so der Stadt Wohl beeinträchtigt, muß ich Dich daran hindern und werde Dich daran hindern, so viel in meinen Kräften steht.« Vam Damme erhob sich aus seinem Sessel. »Das klingt, als sagtest Du mir die Fehde an.« »Es klingt, wie ich's gesprochen habe«, erwiderte Doring ebenfalls aufstehend. »Ist das Dein letztes Wort?« »Hast Du je gehört, daß mein letztes Wort ein anderes war, als mein erstes?« Da stampfte der fette Mann heftig mit dem Fuße auf den Boden und sein Antlitz ward rot vor Zorn. »Das eben ist das Unglück«, rief er; »daß Du eigensinnig bei einem Worte stehen bleibst. Dich zu überzeugen, ist unmöglich. Wohlan, so gehe denn Deinen Weg, ich werde den meinen gehen nach wie vor. Der Hindernisse aber, die Du mir zu bereiten gedenkst, werde ich mich zu erwehren wissen.« Viertes Kapitel Allerhand Feste und allerhand Gäste »Darnach das große Sterben, die Geißel- und die Römerfahrt und die Judenschlacht ein Ende hatte, da hub die Welt wieder an zu leben und fröhlich zu sein«, so schrieb um 1370 der ehrsame Stadtschreiber Tillmann zu Limburg an der Lahn in seine lesenswerte Chronik, die fasti Limpurgenses . »Zu leben und fröhlich zu sein« – schien es doch, als herrschte der Gedanke auch zu Braunschweig im Winter 1373. Seit Herzog Ernst in den Mauern weilte, folgte Fest auf Fest. War ein gar lebenslustiger Herr, der Herzog, der am Kaiserhofe zu Prag und Tangermünde gelernt hatte, was es heißt, das Leben genießen, er und sein Gefolge, in welchem neben manchen wolfenbüttel'schen Rittern, wie dem Junker Vörsfelde und dem Bannerherrn Diederick van Walmede, auch einzelne Fremde von Adel ritten, Böhmen und höfisch redende Sachsen. Die Geschlechter aber von Braunschweig freuten sich, zeigen zu können, was es mit den Stadtjunkern auf sich habe und daß nicht allein Reichtum und Wohlleben bei ihnen zu Hause sei, sondern auch ritterlich Wesen und adelige Sitte. Den Mittelpunkt dieses ganzen Treibens bildete selbstverständlich das »Haus mit den sieben Türmen.« Frau Margarete vam Damme, des Bürgermeisters Ehefrau, seufzte manchmal im Stillen und schüttelte bedenklich mit dem Kopfe. Das war nicht bloß, weil in diesen Wochen mehr darauf ging, als sonst in ganzen Jahren. Darüber machte sie sich zwar auch Gedanken, denn sie war eine sparsame Hausfrau trotz ihres Reichtums. Vor allem war sie aber eine sorgsame Mutter, und als solche hatte sie ein wachsames Auge auf ihre Tochter Ilse. Da sah sie nun mancherlei, was ihr nicht gefiel und was sie doch nicht ändern konnte. Denn was konnte sie dagegen thun, daß der Herzog ihre Tochter bei jeder Gelegenheit auszeichnete, daß er, der doch selbst kein Jüngling mehr war, den Kreis der älteren Männer verließ und an würdigen Matronen nichtachtend vorbeiging, um Ilse beim Tanze zuzuschauen oder wohl selbst mit ihr zum Reigen anzutreten? Er war nicht allein der Herzog, sondern auch ihr Gast. Und war er voll gütiger Freundlichkeit gegen die Tochter seines Wirtes, wer mochte es ihm wehren? Und dies war nicht einmal ihre einzige Sorge, auch nicht ihre größte. Ihre größte Sorge war Ilse selbst. Wie sie unter allen Jungfrauen diejenige war, welche von den Fremden am meisten gefeiert wurde, so war sie auch diejenige, welche sich am ausgelassensten dem lustigen Treiben hingab. Frau Margarete erkannte ihre Tochter oft gar nicht wieder. Eine Kopfhängerin zwar war Ilse nie gewesen, sondern stets gern froh unter den Frohen; aber so rückhaltlos sich dem Vergnügen hinzugeben, so alles andere ob eitler Weltlust zu vergessen, das war sonst auch ihre Art nicht. Nicht einmal des Jugendgespielen gedachte sie, Rolef Dorings, der ihr doch sonst wert gewesen; sie schien es kaum zu bemerken, daß er nicht allein das Haus mit den sieben Türmen mied, sondern auch, wie sein Vater, unsichtbar blieb auf all' den Festen, die man dem Herzog zu Ehren veranstaltete. Das gab Frau Margarete zu denken. Freilich war es ihr unbekannt geblieben, was sich an jenem September-Nachmittage zwischen Ilse und Rolef zugetragen. Ilse hatte niemals davon gesprochen und der Herzog hatte seinen Rittern auf das strengste anbefohlen, mit keinem Worte zu verraten, wo man die Jungfrau getroffen und wie sie mit ihnen geritten. Heute war es stiller in dem Hause mit den sieben Türmen als gewöhnlich. Die Herren waren hinausgeritten zur Jagd und Frau vam Damme saß allein mit ihrer Tochter im Frauengemache. Dies war ein gar heimlicher, halbrunder Raum, denn er lag in einem der Türme. Die Wände bis zur halben Höhe mit Holz getäfelt und darüber mit einem hellgrauen Anstrich versehen. Die beiden, nach verschiedenen Seiten hinausgehenden Fenster hatten tiefe Nischen, in welchen hölzerne, mit kostbaren Polstern belegte Bänke befestigt waren, davor aber waren sauber bemalte, zum Aufklappen eingerichtete Tischplatten angebracht. Frau Margarete rüstete ein Festgewand für Ilse, während vor dieser die Platte in die Höhe geschlagen war, da sie am Rocken spann, den sie im Gürtel trug, während sie die Spindel vor sich auf der Erde tanzen ließ. Zwischendurch ruhten der Mutter Augen forschend auf der Tochter. Schön war sie, das durfte sich Frau Margarete stolz gestehen, ja, sie war noch schöner geworden in der letzten Zeit, aber leugnen ließ sich auch nicht, daß ihr Antlitz einen recht müden Ausdruck zeigen konnte, zumal zu Zeiten, wie augenblicklich, wo die äußere Anregung lauten Festjubels fehlte. Schweigend saßen die beiden Frauen neben einander, es mochte eine halbe Stunde vergangen sein, seit sie das letzte Wort gesprochen. Da that die Mutter eine Frage, welche ihr schon lange auf dem Herzen gelegen: »Weißt Du, warum Rolef Doring unser Haus meidet?« Wie aus einem Traum geweckt, fuhr Ilse erschrocken in die Höhe und purpurn färbte sich ihr liebliches Antlitz. »Rolef Doring?« widerholte sie. »Wie kommt Ihr auf den?« »Nun, es fiel mir nur ein, daß ich ihn so lange nicht gesehen habe. Er läßt sich ja auch fast nirgends blicken. Ist er krank?« »Was weiß ich?« »Nun, nun, warum solltest Du nicht wissen, ob er krank oder gesund? Ihr seid doch alte Freunde.« »Wir? Freunde? Daß ich nicht wüßte!« »Ilse, willst Du leugnen, was meine eigenen Augen gesehen?« »Ich weiß nicht, was Eure Augen gesehen, das weiß ich aber, daß Rolef Doring nicht mein Freund ist.« »Hat es etwas zwischen Euch gegeben, Ilse?« Ilse beugte sich herab und machte sich am Rocken zu schaffen, indem sie erwiderte: »Nein.« Die Mutter schwieg; der Rocken war in Ordnung und die Spindel tanzte schnell, so schnell, daß Ilsen mehrere Male der Faden riß. Auch wich der Purpur nicht von der Jungfrau Wangen, ja es wollte Frau Margarete scheinen, als ob es feucht in den Augen ihrer Tochter glänze. Wieder hatten die Frauen eine Zeit lang stumm bei einander gesessen, da erhob sich Frau Margarete leise, ging auf die Tochter zu, nahm Ilses Kopf in beide Hände und ihr fest in die Augen sehend, sagte sie: »Mein liebes Kind, Du verbirgst mir etwas; was ist es, wodurch Dein Wesen so verändert in letzter Zeit?« Ilse schlug die Augen nieder vor dem ernsten Blick der Mutter, aber sie antwortete nichts. Da fragte Frau Margarete weiter: »Warum schenkst Du mir kein Vertrauen, mein Kind?« Und nun schmolz das Eis und löste sich in milde Thränen. Und nachdem Ilse ihre Thränen getrocknet, erzählte sie der Mutter alles, was an jenem Septembernachmittage zwischen ihr und Rolef vorgefallen war, in welche Gefahr er sie gebracht und wer sie daraus errettet, und wie sie ihm nachher begegnet und ihm eine Rüge ob seiner Unvorsichtigkeit nicht erspart habe. Seitdem halte er sich fern von ihr und von allen Lustbarkeiten. »Mag sein«, schloß sie, »daß er mir zürnt ob meiner unwilligen Worte. Aber wer ist nicht unwillig, der solches Mißgeschick erduldet? Was ich ihm gesagt, hat er wohl verdient. Mag er mich darum meiden, ich kann seiner entbehren. Führe ich denn jetzt nicht das vergnügteste Leben von der Welt?« Da hatte Frau Margarete ihre Tochter, wo sie sie haben wollte. Und nun begann sie gar ernst, aber auch liebreich zu reden von diesem vergnügten Leben und daß Ilse darüber nicht sich selbst und auch nicht den Freund ihrer Kindheit vergessen dürfe. Je älter man werde, desto mehr sähe man ein, wie selten echte, wahre Freunde seien. Rolef Doring aber sei ein treues Gemüt und dabei ein ganzer Mann, den dürfe man nicht einer Kleinigkeit wegen von sich stoßen. Ilse hatte die Mutter schweigend angehört. »Was kann ich thun?« fragte sie jetzt, »da er sich fern hält von mir und von uns allen?« »Es wird sich schon eine Gelegenheit finden, bei der Du ihm zeigen kannst, daß Du ihm nicht länger zürnst. Zunächst schaffe nur einmal Klarheit in Dir selbst und versuche nicht, die Stimme Deines Herzens durch den lauten Festjubel zu übertönen. Oder ist es nicht so? Hast Du nicht oft etwas in Dir gefühlt wie Sehnsucht nach Rolef und wie Reue, daß Du ihn so hart angelassen? Und hast Du Dich dann nicht erst recht dem Vergnügen hingegeben, um des Gedankens ledig zu werden?« »O Mutter, Mutter«, flüsterte Ilse. Von neuem wurden ihre Augen feucht und weinend barg sie ihr Antlitz an der Brust der Mutter. Es war nicht allein Frau Margarete vam Damme, welche den lauten Festjubel, der in Braunschweig herrschte, manchmal mit Kopfschütteln betrachtete. Auch im Schuhhofe und in den anderen Trinkstuben der Gilden wurde oft bedenklich der Kopf geschüttelt ob des tollen Treibens. Man hatte meinen können, den Gilden hätte es ganz recht sein müssen, daß sich bei den Geschlechtern so ein Fest an das andere schloß. Denn unleugbar gab es dadurch viel Verdienst in der Stadt. Hatten nicht die Schneider und Schuhmacher alle Hände voll zu thun und auch die Goldarbeiter und Waffenschmiede, gar nicht einmal zu reden von den ehrsamen Zünften der Bäcker und der Knochenhauer. Und dennoch sahen die Gildegenossen mit scheelen Augen dem lustigen Treiben der Geschlechter und ihrer Gäste zu. Der Grund aber war Mißtrauen gegen den Rat. Wer den Verdacht zuerst ausgesprochen, wußte man nicht, im Schuhhof sei zuerst davon geredet, sagte man. Und was war es, was man sich zuraunte? Nichts weniger, als daß der ganze Jubel auf Kosten gemeinen Wesens gehe und alle die schönen Feste nicht nur von denen bezahlt würden, die dabei schmausen, zechen und tanzen durften, sondern auch von denen, welche nichts davon hatten, als abends zu den erleuchteten Fenstern hinauf zu gaffen oder nachts durch den Lärm der Heimziehenden im Schlafe gestört zu werden. In einer stürmischen Novembernacht war es, daß ein solcher Zug Heimkehrender mit lautem Lachen und Jauchzen, der Stadt Zinkenisten voran und Fackelträger zur Seite, von Jan Kerkhovens, des Kämmerers, Haus bei St. Magni auf den Altstadt-Markt gezogen kam. Wohl mancher ehrsame Bürger fuhr unwillig im Bett in die Höhe und legte sich dann brummend auf die andere Seite, wenn die Übermütigen bei seinem Hause vorbeikamen. Auch in den Schuhhof drang der laute Jubel, wo in der Schenkstube noch einige späte Gäste saßen. Schienen auch noch nicht ans Gehen zu denken, denn Meister Jürgens, der Wirt, hatte soeben auf den eisernen Leuchter eine neue Unschlittkerze stecken und die Zinnkrüge frisch mit Braunbier füllen müssen. Er gähnte, wie er die Krüge auf den Tisch setzte, aber dabei schien er guter Dinge zu sein. Denn seit auf Veranlassung des rotbärtigen Schusters aus Lübeck die Gaste so oft bis spät in die Nacht sitzen blieben, ward seine Lade um manchen Groschen reicher. »Ich versichere Euch, in keiner Stadt treiben sie's so arg, als in Braunschweig«, sagte der rotbärtige Schuster aus Lübeck, den Zinnkrug zum Munde führend, »hört nur den Lärm, Ihr müßt's bezahlen!« »Ein Schuft, wer sich's noch länger gefallen läßt«, schrie Asche Kamla, der Gerber, mit der geballten Faust auf den Tisch schlagend. »Es ist wahr, niemand weiß, was sie mit unserem Gelde anfangen«, sagte ein Dritter, ein großer, ernst aussehender Mann. »Wer ist's denn, dem die Kämmerer Rechnung ablegen und wer sind die Kämmerer selbst? Die einen sind aus den Geschlechtern und die anderen auch, da heißt's, eine Krähe hackt der anderen die Augen nicht aus.« »Wohl aber füttern sie sich gegenseitig und mästen die hungrigen Bäuche«, nickte der Rotbärtige, »rühmen sich auch dessen mit frecher Stirn. Hab's mit eigenen Ohren gehört, Meister Holtnicker, wie sich ein Braunschweiger Stadtjunker zu Lübeck rühmte, was den Ratskumpanen und ihrer Freundschaft aus dem Stadtsäckel gereicht werde, nehme den dritten Teil von den Einnahmen der Stadt in Anspruch.« Meister Holtnicker, der große ernste Mann, schüttelte mißbilligend den Kopf und am ganzen Tische wurden Ausrufe der Entrüstung laut. »Darum verlumpen wir, daß die Burgensen prassen können!« schrie Asche Kamla. »Und herrscht solche Ungerechtigkeit bei den Ausgaben, so nicht minder beim Eintreiben des Geldes«, sagte Holtnicker. »Den armen Leuten treiben sie die letzte Kuh aus dem Stalle, pfänden ihnen Tisch und Stuhl, ja sogar das Bett und Handwerksgerät. Will aber einer der reichen Kaufherren das Wenige nicht zahlen, was er zahlen muß, so wird's ihm gestundet und wieder gestundet, bis keiner mehr weiß, daß er je etwas zu zahlen hatte.« Der große, ernste Mann sprach langsam und nicht sonderlich laut, aber man hörte mit Aufmerksamkeit auf das, was er sagte. Auch der Rotbärtige. Dieser nickte ihm jetzt zu. »Ich kann's bestätigen, Meister Holtnicker; war neulich beim reichen Jobs Blekede auf der breiten Straße, hatte mich herbestellt, um mir ein Schreiben mitzugeben an meinen Vetter in Lübeck. Der reiche Mann ließ mich vor der Thüre warten, aber die Thüre war nur angelehnt. Da hörte ich, wie drinnen Jan Kerkhoven ihn wegen des Zolls mahnte, den er der Kämmerei schulde. Jobs Blekede aber lachte und rief: ›Habt Ihr's so lange gestundet, könnt Ihr's auch noch länger stunden, müßte Euch ja sonst das Geld kündigen, was ich auf Eurem Hause habe.‹ Da lachte Jan Kerkhoven auch und meinte, die Stadt sei ja reich genug, um noch länger zu stunden.« Von neuem lief ein Gemurmel des Unwillens um den Tisch und Holtnicker sagte: »Hört, liebe Mitbürger, wie es mir ergangen. Mein Vater saß noch als freier Mann auf eigenem Erbe am Elme-Wald. Aber die Schwichelde und die vam Steinberge ließen ihm keine Ruhe, trieben sein Vieh fort, warfen seine Knechte nieder, ja, brannten ihm den Hof ab, zweimal, dreimal. Da kehrte er seinem freien Eigen den Rücken und kam nach Braunschweig und gewann die Bürgerschaft. War fleißig und Gottes Segen war mit ihm. Ich suchte in seine Fußtapfen zu treten und auch mir fehlte es nicht an Gewinn. Da kam die Lüneburger Fehde. Zwei Söhne von mir zogen mit aus unter Kort Doring, einer blieb auf der Heide, den andern fingen die Sachsen und ich mußte ihn lösen mit schwerem Gelde. Ging damals zu Tile vam Damme, der lieh mir, was ich brauchte, ich aber verpfändete ihm mein Haus. War stolz gewesen auf mein Eigen, aber jetzt gehörte es nicht mehr mir allein. Doch hoffte ich es wieder zu gewinnen, aber das Glück kehrte mir den Rücken. Auf dem Heimwege von Einbeck, wo ich eine Menge Leders verkauft, überfielen mich die Reisigen des Quaden und nahmen mir, was ich hatte. Da wandte ich mich an den Rat, er solle mir zu dem Meinen helfen, aber man schob's auf die lange Bank, ich war ja nur ein armer Gerber. Doch Tile vam Damme war barmherzig und lieh mir wieder Geld auf mein Haus, daß ich von neuem Felle kaufen konnte, aber so hohen Zins mußt' ich ihm zahlen, daß ich trotz allen Fleißes immer mehr zurückkam. So nahte Martini, wo wir auf dem Rathaus unsern Schoß zahlen müssen.« »Sechs Schillinge auf den Kopf und sechs Pfennige von jedem Markwert Habe!« rief der Rotbärtige dazwischen. »Es schreit zum Himmel, wir in Lübeck zahlen nicht die Hälfte!« Mancher Seufzer und mancher Fluch der Umsitzenden bestätigte, wie schwer die Steuer drückte. Holtnicker fuhr fort: »Auch ich kam aufs Rathaus, aber mit leeren Händen; ich hatte das Geld nicht schaffen können und bat um Stundung. Doch vergeblich! Statt dessen schickte mir der Kämmerer die Stadtknechte, und die nahmen, was sie fanden an fertigem Leder, was ich zur Weihnachtsmesse verkaufen wollte, und da ihnen das nicht reichte, was ihnen sonst im Hause wertvoll dünkte. Und wenn ich zu Lichtmeß Tile vam Damme seinen Zins nicht zahle, wird er mir auch das Haus selbst nehmen. Dann haben sie mich von meinem Eigen getrieben, wie die Schwichelde und vam Steinberge meinen Vater von dem seinen.« »Und das, nachdem Ihr Gut und Blut für die Stadt eingesetzt habt«, rief der Rotbärtige. »Wahrlich, die Ritter draußen können ihre Hörigen nicht so schlimm halten, als wie die Herren vom Rat die Braunschweiger Bürger.« »Warum lassen wir's uns gefallen?« schrie Asche Kamla. Holtnicker war aufgestanden und hatte die Gugel über den Kopf gezogen. »Warum?« fragte er zurück. »Weil sie zusammen halten wie Pech und Schwefel, wir aber uneins sind. Darum können sie uns drücken, wie es ihnen gefällt.« Damit ging er. Der Rotbärtige aber meinte: »Wenn es 'mal losgeht und Ihr den Burgensen zeigen wollt, wo ihrer Macht Grenze ist, so nehmt Euch den da zum Anführer.« Fünftes Kapitel Die Erbhuldigung Auch das waren noch nicht alle, die zu den fortwährenden Lustbarkeiten den Kopf schüttelten. Selbst unter denen, die im Rat saßen und sich zu den besten der Geschlechter rechneten, waren solche, die mit bedenklichen Mienen auf das lustige Treiben schauten. Nach wie vor hielt sich Kort Doring von allen Festen fern und mit ihm noch manche andere Ratsmannen. Denn seine Partei war nicht klein im Rat und zu ihr zählten die Streitbarsten. Das kam daher, weil Kort Doring bei der Stadt mancherlei Fehden stets mit draußen gewesen war, und unter seiner Führung der Stadt wehrbare Mannschaft manchen Strauß bestanden hatte, glücklich und unglücklich, wie es das launische Kriegsglück wollte. Tile vam Damme aber liebte es, inzwischen zu Hause zu bleiben, der Stadt Regiment zu führen und auch seinen eigenen Vorteil nicht dabei zu vergessen. Nur in Einem stand Kort Doring allein, darin stimmte ihm niemand bei, das war in der Frage nach dem Verhältnisse zwischen Rat und Gilden. Denn welche Stimmung unter den letzteren und unter den »gemeinen Leuten« herrschte, das war ihm und seinen Freunden nicht unbekannt. Darum sprach er wohl manchmal davon, man müsse den Gilden entgegenkommen; zwar wollte er ihnen keinen Teil am Regiment verstatten, aber Einblick gönnen in den Haushalt der Stadt. Doch davon wollten die anderen nichts wissen. Mißstimmung gegen den Rat hatte schon oft bestanden, ja es war auch schon weiter gegangen, zu offenem Aufruhr, zuletzt vor etwa fünfzehn Jahren. Aber stets war es den Geschlechtern gelungen, die Empörer niederzuschlagen, so würde es auch diesmal gehen, meinten Dorings Freunde. Der rotbärtige Schuster aus Lübeck aber, welcher zuweilen in der Abenddämmerung das Haus Dorings besuchte, wußte dem Bürgermeister immer so mancherlei lächerliche und abgeschmackte Dinge von den Gildegenossen zu erzählen, daß Kort bald wieder von seinen sorgenvollen Gedanken zurückkam. Mit großem Erfolg aber wirkte er Tile vam Damme entgegen in der Frage, ob man dem Herzog Ernst huldigen solle. Der verstorbene Magnus der Andere (d. h. Zweite) war in der That der Stadt Braunschweig ein gütiger Herr gewesen, trotz seines zornigen, wilden Gemütes. Denn in dem langwierigen Kampfe mit den Wettinern, welche vom Kaiser Karl IV. mit dem Lüneburger Lande, nach Herzog Wilhelms Tode, belehnt waren, so doch das Gesamthaus der Welfen die nächsten Ansprüche an dies alte Stammland zu haben glaubte – in diesem Kriege, welcher Magnus' kurze Regierung vollständig ausfüllte, hatte er der Stadt Hilfe mit Gut und Blut so oft und dringend bedurft, daß er nicht nur ihre alten Rechte geachtet, sondern auch noch neue hinzu geschenkt hatte. Dabei war er zwar ein wilder, doch gutmütiger Mann, und die mit ihm zu Felde gelegen, bewahrten sein Andenken in Ehren. Übertrugen auch die meisten von ihnen dies Gefühl der Anhänglichkeit auf seine unmündigen Söhne und wollten nicht mithelfen, sie ihres Erbes zu berauben. So kam der Tag heran, an welchem Tile vam Damme die Frage wegen der Erbhuldigung im Rat zur Besprechung angesetzt hatte. Es war an einem Mittwoch, demjenigen Wochentage, an welchem die sonst getrennten Ratsversammlungen der fünf städtischen Weichbilde zur »Umsprache« zusammen zu treten pflegten, um gemeinsame Angelegenheiten zu verhandeln. Zahlreich hatten sich die Ratmannen auf dem Rathause der Altstadt eingefunden, selbst Kranke hatten sich zu dieser Umsprache hertragen lassen, welche über Wohl und Wehe der Stadt auf lange Zeit hinaus entscheiden sollte. Und eifrig ward hin und her geredet und ward gerechnet, wie wohl die Entscheidung ausfallen möge, bis Tile vom Damme erschien und kraft seines Amtes als erster Bürgermeister der Altstadt die »Umsprache« eröffnete. Mit geschickten Worten legte er seine Ansicht dar, wie wir sie aus dem Gespräche mit Kort Doring kennen, und diejenigen, welche dachten wie er, zollten ihm reichlichen Beifall, Doch auch Kort Doring begegneten zustimmende Rufe, als er von dem Recht der unmündigen Herzoge redete, und von der Dankbarkeit, so man dem verstorbenen Magnus schulde. Sprach dann auch manch anderer Ratsmann, ja man begann durch einander zu reden, die Köpfe wurden heißer und heftiger die Worte. Zumal die vom Anhange vam Dammes ließen es nicht an spitzen Reden und zornigen Rufen fehlen, denn sie merkten mehr und mehr, daß sie nicht mit ihrer Ansicht durchdringen würden. Da winkte der erste Bürgermeister die beiden Ratmannen heran, welche von Amtswegen die Schlüssel zur ›Brevekiste‹ verwahrten, jener eisernen Truhe, welche die Urkunden der Stadt barg, und flüsterte mit ihnen. Die verschwanden sodann, um bald mit einem Pergamentband zurückzukehren, den sie vor dem ersten Schreiber des Rats niederlegten. In dem lauten Hin- und Herreden achteten die wenigsten darauf, Tile vam Damme aber rief mit hoher durchdringender Stimme in den Tumult hinein: »Liebe Freunde, ihr wißt, Herzog Magni Söhne sind unmündig, ihr Vormund aber ist Herzog Otto von Göttingen. Dessen Regiment haben wir zu dulden, wenn wir den jungen Prinzen huldigen. Hört nun, wie dieser Herzog Otto an unserer Stadt gehandelt hat!« Alle sahen sich überrascht an, und ehe noch jemand ein Wort der Erwiderung finden konnte, schlug der Ratsschreiber den Pergamentband auf und begann zu lesen: »Dux Otto, Otto, Otto. Dit sint de sculde.« »Herzog Otto, Otto, Otto, Dies sind die Beschuldigungen.« So lautet die Überschrift eines noch erhaltenen Berichtes jener Zeit über die Unbilden, welche Otto der Quade Braunschweig zugefügt. Vergleiche die Chroniken der Stadt Braunschweig, ediert von Ludw, Hänselmann (6. Band der Chroniken der deutschen Städte, Leipzig 1868) Und nun begann ein langes Sündenverzeichnis, wie der Herzog die Stadt geschädigt; wie seine Ritter ihre Warenzüge überfallen und ihre weit ins Land hinein liegenden Meierhöfe ausgeplündert und niedergebrannt hatten. Denn in keines Fürsten Dienst war ein Ritter sicherer, Abenteuer, reiche Beute und Schutz vor drohendem Gericht zu finden, als wie in dem des Quaden, welchen Raublust und Rechtsverachtung fort und fort in den Bahnen des zügellosen Adels einherrissen. Und je weiter der Schreiber las, desto stiller würde es in der Versammlung. Wohl versuchte Kort Doring die Vorlesung zu unterbrechen, aber er ward zur Ruhe verwiesen. Und als endlich der Schreiber geendet, da sprach Tile vam Damme: »So ist der Mann, welchem Ihr unsere Vaterstadt unterstellen wollt! Soll der unser Schirmherr sein?« »Nein, nein, fort mit dem Quaden!« klang es auf Tiles Frage fast einstimmig zurück, denn auch die, welche auf Kort Dorings Seite standen, waren überrascht, hingenommen von dem, was sie soeben über Herzog Ottos Sünden gegen die Stadt Braunschweig gehört. Als aber Doring selbst das Wort ergreifen wollte, da schrie man ihm zu, es sei genug geredet, man müsse zum Schlüsse kommen. Unmöglich wurde es ihm, sich Gehör zu verschaffen. Da rief er mit Thränen in den Augen: »Es wird über Euch kommen und über unsere Stadt das Unrecht, dessen Ihr Euch heute schuldig macht!« und verließ das Rathaus. Tile vam Damme aber lächelte verschmitzt. Seine Geschicklichkeit hatte den Sieg davon getragen. Auch schmiedete er das Eisen, so lange es warm war. Sofort ließ er darüber abstimmen, ob man sich der Herrschaft des Göttinger Herzogs dadurch unterwerfen dürfe, daß man seinen Mündeln, den Söhnen des verstorbenen Magnus, huldige? »Nein!« lautete die Entscheidung. Und weiter fragte er: »Ob die Stadt sich in Herzog Ernst einen anderen Schirmherrn suchen solle?« Da hieß es: »Ja.« Indessen saß Herzog Ernst in banger Sorge in einem der Prachtgemächer des Hauses mit den sieben Türmen. Denn der Bürgermeister hatte ihm nicht verhehlen können, daß der Anhänger der jungen Herzoge nicht wenige seien im Rat. Siegte er dennoch, rechnete Tile vam Damme, so würde sein Ruhm desto größer sein und desto größere Gunst würde ihm der Herzog zuwenden. Voll innerer Unruhe harrte daher der hohe Herr einer Nachricht, welche Entscheidung der Rat getroffen habe. Zwar auf seinem Antlitz war nichts davon zu lesen. Das verbot die höfische Sitte. Frau vam Damme leistete ihm Gesellschaft mit ihrer Tochter, die Ritter seines Gefolges saßen im Trinkgemach des Hauses bei Bechern und Würfeln. Wie es der Herzog liebte, scherzte er mit Ilse, doch diese antwortete kaum so viel, als es die Artigkeit erforderte. Seit dem neulichen Gespräch mit der Mutter hatte sie das ausgelassene Wesen abgelegt, in dem sie sich sonst mit den Fremden gefallen, und die Haltung wiedergewonnen, welche ihr früher so wohl angestanden hatte. Länger und länger blieb die Nachricht aus, welche der Herzog so sehnsüchtig erwartete. Er öffnete eine der kleinen runden, in dickes Blei gefaßten Scheiben, um auf den Markt hinunter zu sehen. Denn das Glas, welches man anno 1373 verfertigte, genügte wohl, um das Tageslicht in das Innere der Wohnungen dringen zu lassen, aber dem menschlichen Auge gestattete es keinen Durchblick. Darum war in jedem Fenster die eine oder die andere Scheibe zum Öffnen eingerichtet. »Ist das nicht Kort Doring«, rief der Herzog, »der Altstadt zweiter Bürgermeister? Aber wer ist der Jüngling neben ihm, auf dessen Arm er sich stützt?« Auch Ilse schaute hinaus. »Das ist sein Sohn Rolef«, erwiderte sie, ohne ein leichtes Erröten verbergen zu können. »Ein schmucker Bursch«, fuhr der Herzog fort. »Schade, daß ihn der Alte so ins Haus einschließt. Treibt er das stets so oder hält er den Sohn nur fern aus Haß gegen mich?« »Warum sollten die Dorings Eure Fürstlichen Gnaden hassen?« mischte sich Frau Margarete ein. »Muß ich's nicht glauben«, rief der Herzog, indem er sich zu einem Lachen zwang, ohne verhindern zu können, daß sich seine Stirne in Falten zog. »Muß ich's nicht glauben? Meiden sie mich nicht offenkundig und widerstreitet nicht der Alte meinem Recht, so viel er vermag?« Der Herzog ging mit großen Schritten im Gemach auf und nieder. Nur mit Mühe verbarg er seine Ungeduld. Da riß der Junker Vörsfelde hastig die Thüre auf und rief, ehe er sie noch wieder geschlossen: »Gewonnen, Fürstliche Gnaden! Euch huldigt der Rat.« Heller Sonnenschein legte sich über das Gesicht des Herzogs. »Fürwahr eine treffliche Botschaft«, sagte er, indem er erleichtert aufatmete. »Hab' Dank, mein Junker, nicht nur mit Worten, dem Überbringer solcher Botschaft will ich mit der That lohnen. Was ist es, womit ich Dich erfreuen mag?« Da beugte Junker Vörsfelde das Knie vor seinem Herrn und sagte: »Das wäre mir der größte Lohn, wenn Fürstliche Gnaden mein Fürsprech sein wollten bei Jungfrau Ilse vam Damme und ihrem Vater, dem Bürgermeister, daß ich die Jungfrau heimführen möchte als mein ehelich Gemahl.« »Wo hast Du gelernt, so bescheiden zu sein?« lachte der Herzog. »Aber mir gefällt Deine Keckheit. Ein rechter Reitersmann muß die Gunst des Augenblicks zu benutzen wissen.« Und auf Ilse zutretend, fuhr er fort: »Wohlan, Jungfrau, Ihr habt gehört, um was ich Euch bitten soll im Namen des Junkers von Vörsfelde. Wie lautet Eure Antwort?« Ilse war leichenblaß geworden, alles Blut war ihr zum Herzen zurückgetreten, ihre blitzenden Augen redeten deutlich von der Entrüstung über ihres Vetters Keckheit, aber ihr Mund blieb geschlossen, vergeblich rang sie nach Worten. Da trat ihre Mutter zwischen sie und den Herzog, und mit ruhiger Würde sprach Frau Margarete: »Unsere Tochter, Fürstliche Gnaden, wird den zum Gemahl küren, den ihre Eltern ihr bestimmen. Uns Eltern aber wollt in Güte gestatten, erst nach reiflicher Überlegung zu entscheiden, wem wir unser einziges Kind zur Ehe geben.« »O weh!« lachte der Herzog überlaut, aber dabei zog sich, wie beim Anblick der Dorings, seine Stirne in unmutige Falten, »O weh, das sind schlechte Aussichten, mein lieber Vörsfelde. Jedenfalls mußt Du warten lernen, aber Geduld ist auch eine schöne Tugend.« Glücklicher Weise machte das Leben, welches sich im Hause erhob, dem peinlichen Auftritt ein Ende. »Sie kommen, sie kommen!« rief eintretend der greise Diderik van Walmede, des Herzogs Bannerträger. Auch die anderen Ritter vom Gefolge hatten sich aus der Trinkstube losgerissen und drängten in den Saal. Der Herzog trat unter sie, ohne der Frauen weiter zu achten, die sich hastig entfernten. Die Ritter aber bildeten einen Halbkreis um ihren Herrn, in dessen Mitte stehend Herzog Ernst des Rats Abgesandte empfing, welche jetzt zur Thüre hereintraten. Denn so hatte es Tile vam Damme durchgesetzt. In unmittelbarem Anschluß an die Umsprache sollte die Huldigung stattfinden; er wollte dem Rat gar keine Zeit lassen, zur Besinnung zu kommen, das hatte er schon vorher bei sich beschlossen und alles mit Hilfe seines Anhanges dazu vorbereitet. Sobald nur in der Umsprache die Entscheidung gefallen war, wurden Boten entsandt, die Gemeine auf den Altstädter Markt zusammenzurufen. Und wen die Botschaft nicht erreichte, den riefen die tiefen Glocken von St. Michaelis, denen sich bald die der anderen Kirchen in vollstimmigem Chor anschlössen. Und während ihre Klänge die Luft durchzitterten, gingen die Abgesandten des Rats zu dem Haus mit den sieben Türmen, und Tile vam Damme verkündete dem Herzoge, daß die fünf Weichbilde Braunschweigs bereit seien, ihm als ihrem Landesherrn zu huldigen, wenn er versprechen wolle, alle von seinen Vorfahren und Brüdern erteilten Privilegien fest und stät zu halten, auch gewillt sei, allen von ihm zu Lehen gehenden Bürgern die Belehnung zu erteilen. Das versprach der Herzog. Darauf gingen des Rats Abgesandte zurück zum Rathaus, um dort den hohen Herrn zum feierlichen Huldigungsakt zu erwarten. Indessen hatte sich der Altstadt-Markt dicht mit Menschen gefüllt. Bis in die anstoßenden Straßen hinein standen sie und lauter Zuruf begrüßte Herzog Ernst, als er sein prächtig geschirrtes Roß bestieg. Dasselbe war mit lang herabreichenden Decken von blauer Seide behangen, auf denen in Gold gestickt die beiden Leoparden prangten, daneben auch der Löwe von Lüneburg und das silberne Pferd von Niedersachsen. Der Herzog trug einen eng anliegenden dunkelblauen Scheckenrock und blau und gelb gestreifte Beinkleider, darüber den roten Herzogsmantel mit breitem Hermelinkragen, auf dem Haupte den Herzogshut. Sein Pferd wurde von zwei Pagen geführt, voran aber schritten ihm zwei Herolde. Auch das Gefolge des Herzogs schimmerte in Festgewändern, nur der greise Diderik van Walmede war in voller Rüstung. Aber auf all' die Pracht fiel der Schnee in dichten Flocken hernieder, kein Sonnenblick glänzte zu der Feier. So erreichte man das Altstädter Rathaus. Vor demselben stand der Stadthauptmann und die »Uthrider«, die reitenden Diener der Stadt, Ratmannen aber empfingen den Herzog am Eingang und geleiteten ihn zum großen Beratungssaal hinauf. Der Syndikus las den Eid vor, »Herzog Ernst treu und hold zu sein, wie Bürger ihrem Herrn von Recht sollen, so lange er sie bei Gnaden, bei Recht und bei Freiheit lasse.« Da erhob der gesamte Rat der fünf Weichbilde die Schwurfinger und leistete den Eid. Alsdann aber schritt der Herzog mit seinem Gefolge vom Saal aus hinaus in die Laube, von wo man auf die unten versammelte Menge herabschaute und mit ihm Tile vam Damme und die anderen vom Rat. Und mit lauter Stimme sprach der erste Bürgermeister der Gemeine, wie sie da unten stand, den Huldigungseid vor, und forderte sie auf, mit lautem »Ja« sich zu demselben zu bekennen. Weithin schallender Zuruf antwortete, man mochte es wohl als Ja deuten. Nachdem sich dann Herzog und Rat wieder in den Saal zurückgezogen hatten, nahte dem ersteren Jan Kerkhoven, der Stadt Braunschweig erster Kämmerer. Derselbe trug den »Schauwer«, einen prächtigen, mit zwanzig Goldgulden gefüllten Pokal, wie er dem neuen Landesherrn von Stadt wegen verehrt zu werden pflegte. Mit Dank nahm Herzog Ernst die Gabe an, und nachdem damit die feierliche Handlung beendet, ging der Zug in derselben Ordnung wieder zum Haus mit den sieben Türmen zurück, wie er hergekommen war. Also huldigte die Stadt Braunschweig dem Herzog Ernst im Jahre des Herrn Eintausend dreihundert dreiundsiebenzig. Im Erkergemach seines Hauses am Steinmarkt aber saß Kort Doring einsam und verlassen. Auch seinen Sohn hatte er fortgewiesen. Nur ein einziger Mann war bei ihm, mit dem aber redete er gar eifrig. Das war der rotbärtige Schuster von Lübeck. Sechstes Kapitel. Der Pickelhering. Dasselbe Rathaus der Altstadt, welches die Huldigung der Stadt geschaut, sah am Abend eines der nächsten Tage ein prächtiges Fest, welches Herzog Ernst den Geschlechtern Braunschweigs gab. Zu gleicher Zeit floß aber auch in den Trinkstuben der Gilden auf fürstliche Kosten Bier und Wein in Strömen, und selbst für die gemeinen Leute waren in den Ratskellern der fünf Weichbilde Fässer aufgelegt, deren schäumender Inhalt zu manchem Trinkspruch auf den neuen Landesherrn begeisterte. Gar prächtig war der große Saal auf dem Rathause anzuschauen. Von dem tiefdunkeln Grün der Tannenzweige, mit denen die Wände bis oben hin bekleidet waren, hoben sich glänzend die bunten Wappen ab, abwechselnd das des Fürsten und das der Stadt an einander gereiht, darüber aber sah man in leuchtendem Kranze die kleineren Schilde der einzelnen Geschlechter sich hinziehen. Nur eines Geschlechtes Wappen fehlte, und das Geschlecht war doch eines der ältesten in Braunschweig. Aber den rot und gelb quadrierten Schild der Dorings hatte der Herzog ausdrücklich fortzulassen befohlen. Hunderte von Wachskerzen waren an den Wänden verteilt und ebenso waren die mächtigen Kronleuchter von blinkendem Messing dicht mit Kerzen besteckt. Wie die Wände waren auch die Pfeiler, welche die Decke trugen, mit Tannenreisern geschmückt, und außerdem prangten an ihnen flatternde Fahnen, stets eine mit den Farben des Herzogs und eine mit den Farben der Stadt quer über einander gelegt. So hatte es der Fürst bestimmt. Im Hintergrunde des Saales aber saßen auf einer Gallerie, welche zwischen hohen, bis an die Decke des Saales reichenden Tannenbäumen hing, die Spielleute, fast verdeckt durch das dichte Gezweig, und wie Vogelsang aus den Kronen der Bäume klangen die lustigen Töne der Fiedeln und Rauschpfeifen herab, der Harfen und Quinternen , dazwischen aber brummten die Rybeben und rasselte das Tämmerlin . Nach ihren Klängen führte man in schleifendem Schritt Saal aufwärts, Saal abwärts den Reigen. Alles strahlte in bunten Gewändern und alle Gesichter leuchteten in heller Fröhlichkeit. Die Frauen und Jungfrauen trugen eng den Oberkörper umschließende Gewänder, welche erst unterhalb des weit und lose herabhängenden Gürtels sich in Falten erweiterten und an Hals und Nacken einen viereckigen Ausschnitt zeigten. Darüber legte sich ein anderfarbiges, aber ebenso knappes Überkleid, das hinabreichte bis zum Gürtel und dessen Ärmel vom Ellenbogen ab weit und faltig herunter hingen. Vom Halsausschnitt aber lief bis hinab zum Gürtel ein reichverzierter Streifen. Das Haar trugen sie teils lose oder in Locken, teils auch, wie es erst kürzlich Sitte geworden, zu beiden Seiten dicht geflochten und die Flechten um das Ohr aufgebunden. Darüber sah man bei den Frauen große, jedoch nicht unförmliche weiße Hauben, während im Haar der Jungfrauen ein Kranz schimmerte. Wenn aber unter den langen Gewändern hervor ein Füßchen sichtbar wurde, so bemerkte man an demselben, daß die Spitze des Schuhes etwas nach aufwärts gebogen war, gleich dem Schnabel eines Schiffes. Weit mehr noch war das bei der Fußbekleidung des männlichen Geschlechtes der Fall. Zumal die Sachsen und Böhmen im herzoglichen Gefolge, welche das Neueste vom Kaiserhofe in Prag mitbrachten, gefielen sich in hoch aufstrebenden Schnabelschuhen, deren vorderste Spitze wohl, um sie aufrecht zu erhalten, durch ein goldenes Kettchen mit dem Bein verbunden war; ja bei einigen tönten sogar Schellen an den Spitzen dieser Schuhe. Auch an dem eng anliegenden Scheckenrock oder an dem lose über die Lenden herabhängenden Gürtel klangen hie und da Schellen, doch war das noch keineswegs allgemein. Eigentlich waren es nur die Fremden, die das trugen, und der eine oder andere Stadtjunker, dem es keine Ruhe gelassen, bis es auch an seinem Rock lustig klimperte. Jedoch auch der Nachahmungssüchtigste unter den Stadtjunkern hatte eine andere Mode nicht nachzuahmen vermocht, welche die Fremden ebenfalls mitgebracht, nämlich die der Schnurrbarte, eine Sitte, welche die deutschen Ritter erst von den czechischen angenommen hatten, nachdem die Luxemburger in Prag neben der Königskrone von Böhmen auch die deutsche Kaiserkrone trugen. Wir sagten vorhin, alle Gesichter hätten geleuchtet in heller Fröhlichkeit. Doch war das eigentlich nicht ganz richtig. Zumal ein Gesicht zeigte nichts von Heiterkeit, sondern herben Ernst, und das war eines der schönsten. Ilse vam Damme ging mit ihrem Vetter, dem Junker Vörsfelde, im Reigen. Sein Antlitz strahlte und er redete gar eifrig auf Ilse ein, aber er bekam nur kurze Antworten. Dennoch mochte er die Augen nicht von ihr abwenden, selbst wenn er ihre Hand losließ, um an der anderen Seite des Saales, wie der Tanz es wollte, die Reihe entlang zu schleifen, verschlang er sie förmlich mit seinen Blicken. War es doch auch ein wahrer Augentrost, sie anzuschauen. Um ihre hoch aufgerichtete Gestalt floß ein Unterkleid von schwerster weißer, mit Silberfäden durchzogener Seide, das knappe Obergewand aber war von tiefrotem Sammet, der Streifen vom Halsausschnitt bis zum Gürtel hinab, wie auch dieser letztere selbst glänzte von Gold und Edelsteinen. In den dichten Flechten des goldblonden Haares jedoch trug sie ein Kränzlein, dessen Blätter waren von eitel Golde und statt der Blumen schimmerten darin Rubinen und Smaragden. Das war ein Geschenk des Herzogs. Er selbst hatte es ihr heute Abend aufgesetzt und dabei geflüstert, auch dies Kränzlein solle werben für seinen lieben Getreuen, den Junker Vörsfelde. Ilse aber trug es mit einer Miene, als seien die Rubinen feurige Kohlen und die zierlichen Goldblätter glühendes Eisen. Sie gönnte ihrem Tänzer nur kurze Antworten und ansehen that sie ihn schon gar nicht. Und doch war er gar nicht so übel anzuschauen. Selbst sein dickes, rotes Gesicht hatte durch den Schnurrbart etwas mehr Ausdruck bekommen, und der dunkelgrüne Scheckenrock mit goldenen Ketten und lederfarbenem Gürtel, sowie die knappen grün und gelb gestreiften Beinkleider standen seiner kräftigen, wenn auch nicht großen Gestalt wohl an. Auch wußte er beim Reigen gar zierlich mit dem Fuße zu schleifen, und dann klangen hell die Schellen an seinen Schnabelschuhen. »Ist es nicht ein fürtrefflicher Gedanke, sich also mit klingenden Schellen zu zieren?« fragte er. »Ihr kommt mir damit vor wie ein Schlittenpferd«, erwiderte sie kopfschüttelnd. Der Junker lachte. »Vergleicht mich nur immerhin damit«, schmunzelte er, »will 's Euch nicht wehren. Bin ja gern bereit, mich von Euch am Zügel leiten zu lassen, wie ein Pferd, und zu ziehen an dem Schlitten, der da heißt: das Glück Eures Lebens.« Schmetternde Fanfaren klangen in den Saal, zwischen hinein in die Tanzmusik. Das waren die Trompeter des Herzogs, die riefen zur Tafel. Ilse ließ schnell die Hand des Junkers los und wollte ihn mit einem kurzen Kopfnicken stehen lassen. Aber das war nicht nach seinem Geschmack. Er blieb an ihrer Seite, indem er flüsterte: »Mein gnädigster Herr hat mich Euch zum Tischnachbarn bestimmt, schöne Base. Laßt Euch darum mein Geleit gefallen.« Ilse atmete tief auf, ihre Augen spähten Hilfe suchend nach der Mutter, aber diese schritt bereits an der Seite des Herzogs zum Saale hinaus in die anstoßenden Gemächer, wo die Tafel bereitet war. Auch die anderen Alten ordneten sich zum Zuge, da legte Ilse von neuem ihre Hand in diejenige ihres Vetters, ohne jedoch verhindern zu können, daß sich dabei ein leiser Seufzer über ihre Lippen stahl. Sie hatte freilich wohl Grund zu seufzen. Der Herzog hatte es nicht bei der ersten Werbung für seinen Junker bewenden lassen. Nicht nur aus Zuneigung zu diesem, ihm selbst war der Gedanke lieb, die schöne Ilse an seinen Hof zu ziehen. Und von Frau Margarete mehr oder weniger abgewiesen, hatte er sich an den Bürgermeister gewandt. Der aber schien gar nicht so abgeneigt, als seine Frau vielleicht gehofft. Junker Vörsfelde war ein Kind seiner Base, auch einer vam Damme; heiratete er Ilse, so blieb, rechnete Tile, das Geld doch immerhin in der Familie. Zwar waren die Vörsfeldes Dienstmannen und ihr Besitz gering. Aber Herzog Ernst hatte seine Bereitwilligkeit durchblicken lassen, nicht nur nach des Bürgermeisters Tode den Junker mit dem heimfallenden vam Damme'schen Lehen zu belehnen, sondern demselben sogar einen Burgmannssitz auf Schloß Wolfenbüttel einzuräumen. Dies alles machte Vörsfelde für den Bürgermeister zu einem gar nicht zu verachtenden Schwiegersohne. Darum ließ er dessen Werbung um seine Tochter – wenigstens einstweilen – nicht ungern zu. Was aber Ilse bei dieser ganzen Angelegenheit, welche doch über das Glück ihres Lebens entschied, fühlte – das war ihm völlig gleichgiltig. Er dachte gar nicht einmal daran, darnach zu fragen. Und Ilse erwartete auch nicht, gefragt zu werden. Ebenso fern lag ihr der Gedanke, Widerspruch zu erheben, wenn ihr Vater ihr den Vetter Vörsfelde zum Gatten bestimmen sollte. Und dennoch vermochte sie nur mit innerem Grauen an diese Verbindung zu denken. Kein Wunder daher, daß sie still und ernst vor sich niederblickte, während alles um sie her scherzte und lachte. Wie vorhin beim Tanze, so erhielt auch jetzt ihr Nachbar nur kurze Antworten, und es gelang ihm nicht, auf ihrem Antlitz ein auch noch so flüchtiges Lächeln hervorzulocken, so viel Mühe er sich auch gab. Und Zeit genug dazu hatte er. Zehnmal hinter einander wurden die Schüsseln gewechselt und jedesmal erschienen nicht weniger als drei Gerichte. Auch war die Tafel aufs prächtigste geschmückt. Da sah man unter anderem als Schauessen goldene Häuser und Türme, in denen lebendige Vögel umherflatterten. Was freilich ein Gast von heute zuerst gesucht hätte, würde er nicht gefunden haben, Gabeln und Teller. Beides kannte man noch nicht. Je zwei Personen aßen aus einer Schüssel mit den Händen und mit Beihilfe der Messer, deren jeder Gast – selbst die Damen – eines bei sich führte. Dagegen wiesen die Gerichte selbst die allerkunstvollsten Formen auf. Speisen erschienen in der Gestalt von gewappneten Männern, Pfauen und Schwäne, Hühner, Enten und Tauben saßen mit Federn in ihrer natürlichen Gestalt in den Schüsseln, nicht als Schaugerichte, sondern gekocht und zum Essen. Ferner ward ein Gebüsch aufgetragen, in welchem sich gebackene Vögel schnäbelten, und darunter ein krystallhelles Wasser, in welchem gebackene Fische schwammen. Auch einen Pelikan konnte man sehen, aus Kuchenteig geformt und auf seinen Flügeln mit dem Wappen des Herzogs und dem der Stadt geschmückt, der öffnete sich mit seinem Schnabel die Brust, daraus quoll statt des Blutes dunkelroter Wein, die Jungen aber, welche darnach die Köpfe erhoben, waren gebratene Tauben. Allgemein lobte man die Erfindungsgabe des Küchenmeisters, und als, wie es Sitte war, zu seinen Gunsten ein Schaugericht herumging, aus Brotteig bereitet, bemalt und vergoldet, in welches jeder der Gäste eine Münze zu legen pflegte, da kargten die Gäste nicht und der Küchenmeister erntete einen ansehnlichen baren Dank. Die Beschreibung eines Gastmahls im 14. Jahrhundert findet sich in Buntings Braunschweig-Lüneburger Chronik, herausgegeben von Meybaum 1620. Vergl. auch die Beschreibung der Hochzeit Dieterik v. Quitzows in Klödens: »Die Mark Brandenburg unter Karl IV., Berlin 1846. Auch an Weinen mancherlei Art war Überfluß. Zu gleicher Zeit wurden von den Schenken mehrere Sorten herumgereicht. Zwar verlangte die gute Sitte, sich nötigen zu lassen, doch waren dazu auch besondere Personen bestellt, die sogenannten »Umbitter«, welche fortwährend um die Tafeln gingen, nach dem Rechten sahen und jeden, der eine Pause machte, nötigten, herzhaft zuzulangen. Auch wurden Gesundheiten ausgebracht und von den Fanfaren der herzoglichen Trompeter begleitet. Man trank einander fleißig zu, immer höher stieg der Jubel und immer lauter ward die Festesfreude. Endlich kam die letzte Gesundheit, das war die des Herzogs auf seine liebe und getreue, auch allezeit werte und lang blühende Stadt Braunschweig. Ilse atmete auf, der reichlich genossene Wein hatte ihren Vetter kühn und immer kühner gemacht, seiner Liebesbeteuerungen konnte sie sich kaum noch erwehren. Und dabei mußte sie von rechts und links Anspielungen hören und kaum versteckte Glückwünsche hinnehmen, von denen sie doch jeder wie ein Dolchstoß ins Herz traf. Mit Freuden ergriff sie die erste Gelegenheit, welche sich bei der Rückkehr in den Tanzsaal darbot, von ihrem Vetter frei zu kommen. Der gehobenen Stimmung der Gäste zu entsprechen, hatte der Herzog »Pickelheringe« bestellt, das waren »gelernte Narren«, wie sie deren in jeder Stadt wohnten, Leute, die ein Gewerbe daraus machten, mit ihren Spaßen die Gaste zu ergötzen. Mit einem gemeinsamen Gesänge, der von den drolligsten Gebärden und seltsamsten Gesichtsverziehungen begleitet war, empfingen sie die Gesellschaft, als dieselbe in den Tanzsaal zurückkehrte. Das gab ein allgemeines Gelächter; ein Drängen entstand, denn jeder wollte die Pickelheringe so nahe wie möglich sehen. Da ward es Ilse nicht schwer, sich von dem Junker Vörsfelde loszumachen. Auch Frau Margarete hatte sich zurückgehalten, wie alles vorwärts drängte; so trafen Mutter und Tochter zusammen. »O Mutter, muß ich denn den Vetter heiraten?« fragte Ilse. »Mir graut bei dem Gedanken!« »Der Herzog wünscht es, erst eben hat er noch zu mir davon gesprochen; und der Vater scheint nicht abgeneigt, den fürstlichen Wünschen entgegen zu kommen. Aber es ist noch nichts Bestimmtes abgeschlossen. Immerhin mußt Du Dich mit dem Gedanken daran vertraut machen.« »O Mutter, sprecht Ihr mit dem Vater«, flehte Ilse, Thränen in den Augen. Frau vam Damme drückte ihrer Tochter fest die Hand. »Ich will 's versuchen. Aber ob ich was erreichen werde? – Hoffe nicht zu viel.« Es war unmöglich, länger vertraut mit einander zu reden. Die Pickelheringe hatten ihr Lied beendet, zerstreuten sich unter die Menge, trieben allerhand Possen, sprangen im Saale hin und wieder, lagen auch wohl unversehens der Länge nach auf der Nase, zum größten Gelächter der Zuschauer, welche auf und ab wogten. Einer der Pickelheringe hatte sich an Ilse gemacht, sie schenkte den tollen Redensarten, welche er an sie verschwendete, anfangs wenig Beachtung. Plötzlich aber fragte er mit gedämpfter Stimme und auf den Wappenkranz an der Wand zeigend: »Warum fehlt dort der Schild der Dorings?« Verwundert schaute Ilse in das Gesicht des Narren, aber vergebens spähte sie unter der dick aufgetragenen Schminke nach bekannten Zügen. »Seit wann ist es Sitte, mit seiner Feinde Wappen die Wand zu schmücken?« fragte sie zurück. »Und sind nicht die Dorings des Herzogs Feinde?« »Ist auch in Eurem Herzen Schild und Name der Dorings ausgelöscht?« fragte der Narr weiter. »Wer mag so keck sein, danach zu fragen?« flüsterte Ilse, in eine Fensternische tretend. Der Narr folgte ihr. »Einer, dem es keine Ruhe läßt«, sagte er, »seit es heißt, Ihr würdet Frau von Vörsfelde.« »Lieb und wert wird mir auch dann noch Schild und Name der Dorings bleiben«, erwiderte Ilse, tief errötend. »O Ilse, so ist Eure Verbindung gewiß mit dem Vetter!« rief der Narr mit einem Ausdruck, der schlecht zu seinem Anzug paßte. Ilse war nicht länger ungewiß darüber, wen sie vor sich hatte. »Warum habt Ihr so lange Zeit verstreichen lassen, ohne Euch um mich zu bekümmern?« flüsterte sie. »Habt Ihr mich nicht fortgewiesen?« »Es war nicht so bös gemeint.« Der Narr faßte ihre Hand. »Wirklich nicht, Ilse? O wie glücklich mich das macht! Und, Ilse, wenn es wahr ist, daß Euch der Schild der Dorings nicht unlieb geworden, so gebt mir Gelegenheit, Euch in Ruhe sprechen zu können.« Sie entzog ihm ihre Hand, doch hatte sie vorher den Druck der seinigen leise erwidert. »Gelegenheit gab es genug in den letzten Wochen. Warum bliebt Ihr fern überall, wo Ihr mich treffen konntet?« »Ich durfte meinem Vater nicht ungehorsam werden. Es war sein Gebot, mich von allen Festen zu Ehren des Herzogs fern zu halten. Sonst würdet Ihr mich heute Abend nicht in dieser Maske sehen. Aber ich konnte es nicht mehr aushalten, Euch nicht sprechen zu dürfen, darum schlich ich mich als Pickelhering hier ein. Doch alles zu sagen, was ich auf dem Herzen habe, ist mir unmöglich. Darum gewährt mir eine Zusammenkunft, ich beschwöre Euch, Ilse!« Er hatte wiederum ihre Hand gefaßt, sie atmete tief und hastig, die Tanzmusik forderte zu neuem Reigen auf, Ilse mußte sich entscheiden. »Ich bin morgen Nachmittag bei der Base Gustede, von dort nehme ich den Rückweg am Wall entlang«, flüsterte sie kaum hörbar. Und mit einem Händedruck trat sie aus der Fensternische in den Saal zurück. Junker Vörsfelde hatte indessen weidlich mit über die Pickelheringe gelacht – er war in der fröhlichsten Stimmung und dazu trug nicht wenig bei, daß auch er allerlei Anspielungen auf seine bevorstehende Verbindung mit Ilse hörte, ja viele Bekannte ihn unumwunden zur Eroberung der schönen und reichen Base vam Damme beglückwünschten. Nichts Lieberes konnte er hören. Und als nun die Musik wieder begann, suchten seine Augen sofort nach Ilse, um sie zum Reigen zu führen. Aber sie war nirgends zu finden. Doch dort, am anderen Ende des Saales. Er eilte auf sie zu, da trat ihm ein Pickelhering in den Weg und redete ihn an. Barsch wies er ihn ab, aber damit war es diesen Gesellen gegenüber nicht gethan, die ließen sich nicht so leicht abschütteln. Auf jedes Wort Vörsfeldes hatte der Narr eine Antwort, schnell bildete sich ein Kreis von Zuhörern um die beiden, welche jedes Wort des Narren mit lautem Lachen belohnten. War es doch die Zeit der Narrenfreiheit, von der wir erzählen. Endlich riß sich Vörsfelde los, aber nun war es zu spät, schon schritt Jungfrau Ilse am Arm eines anderen Tänzers dahin. Grollend zog sich der Junker in eine Ecke des Saales zurück, hier traf ihn der Herzog. »Was heißt das«, rief ihn dieser an, »warum führst nicht Du die Jungfrau vam Damme im Reigen?« »Ein anderer ist mir zuvorgekommen«, murmelte Vörsfelde verdrießlich. »Schau einer den langsamen Gesellen«, lachte der Herzog. »Auf die Weise wirst Du Jungfrau Ilse nicht zum Ehegemahl erringen,« Damit ließ er den Junker stehen. Dieser verwandte kein Auge von Ilse, und sobald der Reigen geendet, eilte er auf die Jungfrau zu, um beim Anfang des nächsten Tanzes zur Stelle zu sein. Aber da war schon wieder der verwünschte Pickelhering! Und als der Junker, ohne seine Anrede zu beachten, weiter hastete, lief der Narr sprechend und Grimassen schneidend neben ihm her, ja zuletzt warf er sich plötzlich nach Narrenart platt auf den Boden, Vörsfelde quer vor die Füße, so daß dieser über ihn hinstolperte. Das erregte lauten Jubel unter den Gästen. Wütend sprang der Junker wieder auf, aber da stand auch der Pickelhering schon wieder vor ihm und erkundigte sich mit ehrfurchtsvoller Verbeugung nach seinem Wohlbefinden. Jetzt konnte sich Vörsfelde nicht länger halten, er holte mit der Hand aus, doch der Narr lief ihm fort, der Junker, dem Zorn und der reichlich genossene Wein alle Besinnung geraubt, hinter ihm drein, eine tolle Jagd, welche das Gelächter der ganzen Gesellschaft erregte. Und dasselbe erreichte seinen Gipfelpunkt, als der Pickelhering, fast von Vörsfelde ergriffen, mit großer Gewandtheit eine der zur Saaldecke hinauf reichenden Tannen erkletterte, welche die Musikgallerie trugen, oben die wunderlichsten Gliederverrenkungen ausführte und seinen Verfolger mit den lächerlichsten Grimassen beehrte. Auch auf den Baum hinauf wollte ihm dieser folgen, aber auf einen Wink des Fürsten hielten ihn einige Ritter zurück und brachten ihn in ein Nebengemach. »Es ist genug, mein lieber Getreuer«, rief ihm der Herzog lachend zu, »Du hast mich außerordentlich erheitert!« Als man später nach dem Pickelhering forschte, der Vörsfelde den Possen gespielt, war derselbe nirgends zu finden. Keiner von den Narren wollte es gewesen sein und keinen konnte man mit Bestimmtheit als Thäter bezeichnen. Jungfrau Ilse aber war für den Rest des Festes davon befreit, mit ihrem Vetter Vörsfelde tanzen zu müssen.   Zu jener Zeit, von der wir erzählen, waren die fünf Weichbilde Braunschweigs nicht allein nach außen von einer gemeinsamen Mauer umschlossen, sondern auch noch unter einander durch Wall und Graben abgeschieden. Während aber die äußere Stadtmauer Tag und Nacht gegen plötzlichen Überfall wohl bewacht war, waren diese inneren Wälle nicht mit Wachen versehen und die an ihnen entlang führenden Wege gehörten zu den einsamsten in der ganzen Stadt. Es war am Tage nach jenem üppigen Feste, mit dem Herzog Ernst die Geschlechter Braunschweigs erfreut hatte. Schon brach der Abend herein, der Schnee fiel in dichten Flocken herab. In eine Ecke der Mauer gedrückt, welche die Altstadt vom Hagen trennte, stand Rolef Doring, den Mantel fest um die Schultern gezogen; ein über den Wall vorspringendes Wachthaus schützte ihn vor dem Schnee. Den Blick hielt er unverwandt auf ein hohes Giebelhaus gerichtet, von dessen Rückseite der Wall nur durch den dazu gehörigen Garten getrennt war. Das war das Haus der Gustede, darin weilte jetzt Ilse – und wenn sie dasselbe verließ, kam sie zu ihm. Wie ihm bei dem Gedanken das Herz klopfte! Winter und Schnee war um ihn her, aber in ihm war lachender Frühling. Nun erschienen ihm wie ein Traum alle die einsamen Wochen, in denen er Ilse höchstens von fern hatte sehen dürfen, wie ein Traum auch nur die letzten qualvollen Tage, in denen ihm das immer bestimmter auftretende Gerücht von der Geliebten Verlobung mit dem Junker Vörsfelde keine Ruhe mehr gelassen hatte. Er durfte wieder hoffen – hoffen, daß in Ilses Herz doch noch etwas für ihn spräche; und war dies nur der Fall, ward er nur mit ihr einig, so getraute er sich alle äußeren Schwierigkeiten leicht zu besiegen. Dichter fiel der Schnee und tiefer wurden die Schatten des Abends. Im Hause der Gustede wurde ein Fenster hell und dann noch eines. Ob das Licht hinter jenen Fenstern wohl Ilses liebliches Antlitz überstrahlte? Nun verschwand das Licht, kam dann an einer anderen Stelle wieder zum Vorschein und verschwand darauf ganz. Klang das nicht auch durch die Stille des Abends, als werde eine schwere Hausthüre knarrend geöffnet und dann wieder geschlossen? Rolef trat aus seinem Versteck hervor und spähte den Weg am Walle entlang bis zu der Ecke hinab, wo man vom Gustede'schen Hause herumbiegen mußte. Sein Herz klopfte stärker, er sah eine weibliche Gestalt um diese Ecke biegen – aber o weh! – was war das? – eine zweite folgte ihr – nein, das konnte Ilse nicht sein. Langsam kamen die Frauen naher, der hohe Schnee hinderte ein schnelles Gehen. Bei der Ungewissen Dämmerung des Winterabends vermochte Rolef noch nichts Genaues zu erkennen. Jetzt blieb die erste der beiden stehen und schaute sich spähend um. Offenbar suchte sie nach jemandem, der sie hier erwarten sollte. So war es doch Ilse? Schnell trat Rolef aus dem Schatten der Mauer heraus und schritt auf die Harrende zu. Ja, sie war's, das erkannte er genau, als auch sie jetzt, ihn gewahrend, ihren Weg fortsetzte und auf ihn zukam. Nun standen sie sich gegenüber. »Ilse«, rief er, ihr beide Hände entgegenstreckend. Sie zog ihren Mantel fester um sich, ohne die dargebotenen Hände zu beachten. »Wie still es hier ist und wie kalt«, flüsterte sie. Sie zitterte in der That, aber wer mochte sagen, ob vor Kälte oder vor innerer Aufregung. Auch die andere Frauengestalt war jetzt näher gekommen, Rolef sah fragend zu ihr hinüber. »Kennt Ihr die alte Sybille nicht«, fragte Ilse, »meine Amme? Ich konnte doch nicht allein diesen weiten einsamen Weg gehen.« Etwas von der winterlichen Kälte um ihn her zog in Rolefs Herz. Das war ganz die alte Ilse in ihrer spröden, abweisenden Art. Aber er ließ diesen kalten Hauch nicht die Wärme seines Herzens ertöten. »Kommt mit an die Mauer«, bat er, »dort haben mir Schutz vor dem Schnee. Sybille mag hier warten und Achtung geben, daß uns niemand überrascht.« »Nein, sie soll mitkommen.«. »Aber Ilse –« »Ich will es so.« Sie gab Sybille einen Wink und schritt, von derselben gefolgt, auf die Mauer zu. Rolef ging hinter ihnen her und wiederum fühlte er den kalten Hauch von vorhin um sein warmes Herz wehen. »Haben Euch die Späße des Pickelherings gestern Abend gefallen?« fragte er, als sie an der Mauer standen. »Ich bin dem Pickelhering dankbar für seine Hilfe«, entgegnete Ilse und zum ersten Mal traf ihn aus den lieben, blauen Augen ein voller, warmer Strahl, »um so dankbarer, als ich von der Seite Hilfe am wenigsten erwarten konnte.« »Weil Ihr nicht wißt, wie innig dies Herz für Euch fühlt –« »O ja, ich weiß es«, unterbrach ihn Ilse mit einem Blick auf die Amme, »und weil ich es weiß und auch fest daran glaube, wollen wir davon nicht weiter reden, sondern lieber vom Pickelhering und seinen gestrigen Späßen.« Rolef verstand sie und nun war wieder voller Frühling in seinem Herzen. »Darf denn der arme Pickelhering ein wenig Hoffnung hegen?« fragte er. Fröstelnd zog sie den Mantel noch enger um sich und schlug die Augen nieder. »Ich gäbe ihm am liebsten«, sagte sie mit bebender Stimme, »statt der Hoffnung volle Gewißheit, aber –« »Ilse!« jubelte Rolef laut auf. Da warf sie ihm einen vorwurfsvollen Blick zu und stampfte mit dem kleinen Fuß den Schnee, aber um die vollen Lippen spielte ein wunderbar lieblicher Zug. »Nicht unterbrechen!« rief sie, »laßt mich erst aussprechen. Hohe Herren sind dem Pickelhering nicht gewogen, sie zürnen ihm sogar und geben seinem Nebenbuhler den Vorzug, Ihr wißt schon wem. Aber gegen den letzteren hat mir der Pickelhering selbst gestern Abend eine Waffe in die Hand gegeben und er kann versichert sein, daß ich sie redlich gebrauchen werde. Doch wie lange sie vorhalten wird? Jedenfalls für einige Zeit und bis dahin –« »Werden sich andere Waffen finden«, fiel Rolef glückselig ein. »Wenn nur wir beide –« Wir beide sind entschlossen«, unterbrach ihn Ilse, das Wort »beide« stark betonend und Rolef voll mit den strahlenden Augen ansehend, »wir beide sind entschlossen, dem armen Pickelhering zu helfen und was in unsern Kräften steht, zu thun, damit er glücklich werde.« Und eine der kleinen Hände stahl sich bei diesen Worten unter dem Mantel hervor und legte sich in die Rolefs. O, nichts in der Welt hätte diesen abgehalten, das teure Wesen an sich zu ziehen und das liebe Gesicht mit Küssen zu bedecken, nur das eine, der innige, vertrauensvoll, aber auch rührend bittende Blick ihrer holden Augen. Darum erwiderte er nur herzhaft den leisen Druck der kleinen Hand. »Wollt Ihr noch mehr von des Pickelherings Schicksal hören«, fuhr Ilse mit schelmischem Lächeln fort, »so kommt morgen zum Ratsmann van Sunnenberge in der Neustadt. Der ist ja Eures Vaters Freund, darum wird's Euch nicht verwehrt sein, dessen Haus zu betreten, um so weniger, da morgen der Frau van Sunnenberge Namenstag ist und Ihr doch auch dazu Eurer alten Freundin Glück wünschen müßt. Ich wenigstens werde das morgen um diese Zeit thun.« »Und wie sollte ich das versäumen«, lachte Rolef; »war mir die Frau van Sunnenberge doch immer wie eine Mutter.« Ilse zog ihre Hand zurück und schickte sich an zu gehen. »Lebt wohl«, nickte sie Rolef zu, so kurz und hochmütig wie nur je. Der hatte auch nichts als einen steifen Abschiedsgruß. So schieden sie. »Nun Amme«, fragte Ilse, als die beiden Frauen durch den Schnee weiter schritten, »habe ich nicht recht gehabt, als ich Dich versicherte, daß mich nur das Schicksal eines armen Pickelherings zwinge, Rolef Doring aufzusuchen, daß aber von all' dem dummen Zeug, wovon Du sprachst, gar nicht die Rede sei?« »Ihr habt mich überzeugt, Jungfrau Ilse«, meinte die Alte kopfschüttelnd. »Aber vorher habe ich es nicht geglaubt und verstehen thue ich es auch jetzt noch nicht. Als ich jung war, wußte ich mit so schmucken Burschen, wie Junker Doring einer ist, von anderen Dingen zu sprechen, als von armen Leuten.« »Die Dorings und vam Dammes sind Feinde geworden«, sagte Ilse kurz. Da verstummte die Alte.   Der arme »Pickelhering« schritt indessen nach der entgegengesetzten Seite. Wohin? Das wußte er selbst nicht. Daran dachte er auch gar nicht. Achtlos stampfte er durch den Schnee, wo ihn der Wind am dichtesten zusammengeweht; achtlos rannte er auch wohl gegen den einen oder anderen der wenigen Wanderer an, welche sich bei dem dichten Schneegestöber und im Dunkel des November-Abends auf die Straße hinaus gewagt hatten. Und als er sich endlich Rechenschaft darüber gab, wohin er geraten war, wo fand er sich da? Nirgends anders, als auf dem Altstadt-Markte, dem Hause mit den sieben Türmen gegenüber, aus dessen weit geöffnetem Thor das rotgelbe Licht der Pechfackeln weit auf den Schnee hinaus glänzte. Wie viel goldene Zukunftsträume da vor ihm aufstiegen, wie viel Pläne in seinem Kopfe sich kreuzten, auf welche Weise am schnellsten diese goldene Zukunft herbei zu zaubern sei – wer konnte das sagen? Aber wohl das darf man sagen, daß von dem allen, was die Zukunft bringen mochte, nur weniges an das Glück reichte, was jetzt seine Seele fühlte. So voll Sonnenschein ist der Augenblick, in welchem sich zwei Menschenherzen finden. Da tönten plötzlich lautes Geschrei, Waffenklirren und stampfende Schritte an Rolefs Ohr. Erstaunt aufblickend, sah er in dem Schein der aus dem vam Dammeschen Hause herausleuchtenden Fackeln einen Mann in der Tracht der niederen Stände an sich vorbeistürzen. Einen weiten, grünen Kittel gewahrte Rolef, aus dem die Ärmel einer roten Jacke hervorleuchteten, eine rote Gugel verhüllte den Kopf und das Untergesicht war von einem struppigen, roten Barte bedeckt. Nur wenige Schritte hinter dem Flüchtling lief ein zweiter Mann an Rolef vorüber, im Scheckenrock, mit klingenden Schellen, das blanke Schwert in der Faust. Den vermochte Rolef nicht zu erkennen, recht gut aber hatte er den ersten erkannt, war es doch niemand anders, als der geheimnisvolle Schuster aus Lübeck, dem zu Diensten zu sein ihm sein Vater ausdrücklich befohlen hatte. Ohne sich zu besinnen, stürzte daher der Jüngling dem Flüchtling und seinem Verfolger nach und erreichte beide am Eingang einer der auf den Markt einmündenden Straßen. Der Schuster war hier über die Staffel einer vorspringenden Haustreppe gestürzt, welche unter einer Schneewehe verborgen gewesen. Bittend hielt er die Hände gegen seinen Verfolger ausgestreckt, der das Schwert gegen ihn zückte. In diesem Augenblick kam Rolef hinzu. Mit dem Ausdruck: »Wer mordet Wehrlose?« faßte er den Verfolger am Arm und schleuderte ihn einige Schritte fort. »Unverschämter!« schrie der Überraschte und stürzte sich mit geschwungener Waffe auf Rolef. Doch dieser hatte auch die Wehr von der Seite gerissen und fing den ihm zugedachten Hieb kunstgerecht auf. Jetzt erkannte er, wen er vor sich hatte, es war der Junker Vörsfelde. Der lachte ingrimmig auf, als er nun ebenfalls gewahr wurde, wer der neue Gegner sei. »Oho, Rolef Doring!« schrie er, »hast Du vergessen, wie Vörsfeldsche Hiebe schmecken?« Und dabei drang er von neuem ungestüm auf den Jüngling ein. Rolef wehrte ihn gewandt ab; des Junkers Hohn trieb ihm das Blut zu Kopf, aber keinen Augenblick verlor er die Besonnenheit. »Laßt ab, Junker«, rief er Vörsfelde zu, »Ihr seid ein Gast dieser Stadt, das macht unsre Waffen ungleich!« Der aber glaubte, Mutlosigkeit spräche aus Rolef. »Du bittest um Gnade«, schrie er, »Gnade giebt es nicht! Warum störtest Du mich, einen Unverschämten zu bestrafen!« Damit erneuerte er seine wütenden Angriffe. Nun riß auch Rolef die Geduld. Er fühlte eine gewaltige Kraft in seinem Arm, es war ihm, als kämpfe er nicht nur für sich, sondern auch für die Geliebte. Auch er ging jetzt von der Verteidigung zum Angriff über. Die Schwerter blitzten und die wuchtigen Hiebe folgten sich unmittelbar. Aber immer noch hatte Rolef den Vorteil größerer Ruhe, während Vörsfelde wie ein Berserker wild darauf losschlug. Keine Bewegung des Gegners entging Rolef, da erspähte er eine Blöße, mit schneidiger Schärfe sauste sein Schwert herab, streifte Vörsfeldes Haupt und drang tief in dessen rechte Schulter. Der Junker taumelte und brach fluchend zusammen. Aber in demselben Augenblick fühlte sich Rolef ergriffen. »Mord! Mord!« klang es um ihn her, rotgelbes Licht umstrahlte ihn, man riß ihm das Schwert aus der Hand und um sich blickend gewahrte der Jüngling im Scheine von Pechfackeln Stadtknechte, Ritter vom Gefolge des Herzogs, ja diesen selbst und an seiner Seite die dicke Gestalt des ersten Bürgermeisters. Der Rotbärtige im grünen Kittel aber war verschwunden. »Fürwahr, Braunschweigs Bürger haben seltsame Begriffe vom Gastrecht«, mit diesen ungnädigen Worten wandte sich der Fürst an Seine Gestrengen. Da trat Rolef hastig vor und sprach: »Nicht also, Fürstliche Gnaden. Nicht ich habe das Gastrecht verletzt, sondern der da, welcher mich angriff mit blanker Waffe.« Den kühnen Sprecher maß Herzog ernst mit einem stolzen Blick und wandte sich dann stumm ab, vam Damme jedoch meinte mit höhnischem Lächeln: »Spart Eure Worte, junger Mann, bis Ihr gefragt werdet. Das aber wird bald genug geschehen.« Und sich zu den Stadtknechten wendend, setzte er hinzu: »Führt den Gefangenen in den Turm. »In den Turm«, schrie Rolef, »ich, der ich nur handelte in gerechter Notwehr!« Aber unbeachtet verhallten seine Worte; die allgemeine Aufmerksamkeit wandte sich dem Verwundeten zu, während die Stadtknechte Rolef trotz seines Sträubens fesselten und von dannen führten.   Rolef Doring verbrachte eine verhältnismäßig ruhige Nacht. Nachdem sich seine erste Aufregung gelegt hatte und er begann, kühleren Blutes über sein Schicksal nachzudenken, stellte sich ihm dasselbe als keineswegs hoffnungslos dar. Selbst wenn man nicht berücksichtigen sollte, daß er in gerechter Notwehr gehandelt, konnte ihn nur eine Geldbuße treffen, weil er einen freien Mann verwundet hatte, und die mochte sein Vater auch dann leicht erlegen, wenn diese Sühne wegen der Eigenschaft des Verwundeten, als Gast der Stadt, außergewöhnlich hoch bemessen werden sollte. So unbehaglich daher auch Rolefs Aufenthaltsort – ein unter der Gerichtsstube befindlicher Kerker, in welchen die Gefangenen mittelst einer Fallthür an Seilen herabgelassen wurden, und in welchen Luft und Licht nur durch schmale Mauerspalten hereindringen konnten – zumal jetzt zur Winterszeit war, wo eisige Kälte innerhalb der Gefängnismauern herrschte, der Jüngling tröstete sich mit dem Gedanken, daß diese Mauern ihn nur kurze Zeit beherbergen könnten und er bald wieder als freier Mann in Braunschweigs Straßen umhergehen würde. Der Morgen brach an, ein später Wintermorgen, um so später für den Gefangenen, als es lange dauerte, bis sein mattes, verdrossenes Licht den Weg durch die schmalen Mauerspalten des Kerkers gefunden hatte. Dann öffnete sich oben die Fallthür und an einem Seil kamen ein Krug Wasser und ein Laib Brot herab. Und wieder vergingen lange Stunden und wiederum öffnete sich die Fallthür und ein Seil wurde mit der Weisung für Rolef herabgelassen, sich daran zu befestigen, da er zum Verhör heraufgezogen werden solle. Der Gefangene kam der Weisung nach und befand sich gleich darauf in der Gerichtsstube. Auch das war ein kahler und kalter Raum, welcher sich vom Kerker nur dadurch unterschied, daß durch ein kleines Fenster mit grünen, in dickes Blei gefaßten Scheiben das liebe Tageslicht reichlicher eindringen konnte, als durch die Mauerritzen des unterirdischen Kerkers. In einer Nische befand sich eine steinerne Bank, das war der Platz für den zur Abhörung des Gefangenen abgeordneten Ratsmann, daneben sah man eine halbgeöffnete Thür, aus welcher der gelbe Schein von Fackellicht herausglänzte. Rolef war nicht angenehm überrascht, als er die Züge des Ratsmannes erkannte, der ihn abhören sollte. Eggeling van Strobecke war's, ein Feind seines Vaters und der Dorings überhaupt. Aber noch größer war seine Verwunderung, als nun das Verhör begann. Denn von dem, wegen dessen Rolef geglaubt allenfalls bestraft zu werden, von seinem Zweikampfe mit dem Junker Vörsfelde und von des letzteren Verwundung – von dem war gar nicht, oder nur nebenbei die Rede. Der Hauptgegenstand aller an ihn gerichteten Fragen war der Mann, welchen er Vörsfeldes Rache entzogen. Denn dieser, so erfuhr er jetzt, habe gegen Herzog Ernst und die Ratsverwandten Schmähungen ausgestoßen in Gegenwart einiger Ritter vom Gefolge des Herzogs. Diese, allen voran der Junker Vörsfelde, hatten ihn darob bestrafen wollen, der Fremde habe die Flucht ergriffen und sei von Vörsfelde verfolgt worden. Da sei nun Rolef hindernd dazwischen getreten. Woher er den Mann kenne? Wer derselbe sei? Rolef möge freiwillig bekennen, der Rat wisse mehr als er vielleicht glaube, man sei einer Verschwörung unter den Gilden auf der Spur, an deren Spitze jener geheimnisvolle Fremde stehe, auch Rolef habe sich der Teilnahme an derselben durch die Hilfe, welche er dem letzteren gewährt, verdächtig gemacht. Wenn er aber jetzt offen gestehen wolle, was ihm davon bekannt, sei der Rat geneigt, Gnade für Recht ergehen zu lassen und ihm keine andere Strafe zuzuerkennen, als ewige Verbannung aus den Mauern der Stadt. So überrascht Rolef auch war, verlor er doch nicht die Mahnung seines Vaters hinsichtlich des Fremden aus den Augen: »Hüte Dich, daß Du nicht ihn verrätst und uns!« Er antwortete auf die Frage des Ratsmannes, den Fremden habe er gestern Abend zum ersten Male gesehen und sei ihm nur deshalb zu Hilfe geeilt, weil derselbe wehrlos, sein Bedränger aber mit einem Schwert bewaffnet gewesen sei. Auch wiederholte er nochmals, das eigene Schwert habe er nur aus Notwehr gezogen. Da lächelte Eggeling van Strobecke höhnisch und auf seinen Wink wurde die Thüre neben ihm ganz geöffnet. Darin erblickte Rolef beim Schein der Fackeln mehrere kräftige Gesellen und allerlei wundersames Gerät. »Das ist die Folterkammer, Junker«, sagte der Ratsmann, »Geht einmal hinein und laßt euch drinnen die Werkzeuge zeigen, mit denen man verstockte Verbrecher zum Geständnis bringt. Vielleicht werdet Ihr bei deren Anblick anderen Sinnes. Denn ich kann Euch versichern, an Eurem Leibe werdet Ihr die Überredungskraft solcher Werkzeuge erproben, so Ihr bei Eurem Leugnen beharrt.« Ohne den Ratsmann einer Antwort zu würdigen, trat Rolef in die Marterkammer. Da empfing ihn der Scharfrichter mit seinen Knechten und erklärte ihm grinsend die verschiedenen Mittel, mit denen man verstockte Gewissen weich macht und willig, durch ein offenes Bekenntnis sich drückender Schuld zu entlasten. Rolef verzog keine Miene, wenn es ihm auch manchmal kalt über den Rücken rieselte. Und als er Eggeling van Strobecke gegenüber stand, entgegnete er auf dessen Fragen, nichts anderes könne er bekennen, als er wisse. Von dem Fremden aber wisse er nichts und ebenso wenig von einer Verschwörung, welche unter den Gilden gegen den Rat gesponnen werde. »Nun wohl«, rief der Ratsmann, »so bereitet Euch auf die peinliche Frage vor. Wenn der Mond aufgegangen, werdet Ihr sie zu bestehen haben. So lange möget Ihr in der Einsamkeit des Kerkers nachdenken über das, was Eurer wartet.« Die Fallthüre öffnete sich und Rolef wurde wieder in sein Gefängnis hinabgelassen. Seine Richter waren wohl erfahren in der Kunst, Geständnisse zu erpressen, und wußten, was sie thaten, wenn sie ihr Opfer nicht gleich auf die Folterbank legten. Nichts ist für einen mutigen Entschluß gefährlicher, als wenn seine Ausführung hinausgeschoben werden muß. Neue Bedenklichkeiten tauchen in der Zwischenzeit auf, die Spannkraft der Seele läßt nach und die Gefahr, welche wir sofort zu bestehen entschlossen waren, wächst während der langen Zeit unthätigen Wartens so riesengroß, daß es unmöglich scheint, ihr entgegen zu treten. Auch dieser Probe wollten die Feinde der Dorings Rolef unterwerfen; denn ohne Zweifel mußte ein freiwilliges, vor der Folter abgelegtes Bekenntnis desselben ihnen weit wertvoller dünken, als ein solches, das durch die grauenvollen Martern der peinlichen Frage erpreßt worden war. Entsetzlich langsam verstrichen die Stunden dem Gefangenen. Die feuchte kalte Moderluft des Kerkers durchfröstelte ihn bis ins tiefste Mark, keine andere Nahrung wurde ihm gereicht, als der Laib Brot und der Krug Wasser, welches man ihm am Morgen heruntergelassen hatte. Blasser und blasser ward das Licht, welches durch die Spalten der Mauer schimmerte, jetzt mochte wohl draußen Nacht die Gefilde bedecken. Gestern um diese Zeit hatte er in Ilses liebe Augen geschaut, hatte er hören dürfen, daß ihr Herz ihm gehöre, hatte sie ihm versprochen, ihn heute bei Frau van Sunnenberge zu treffen. O, dieses Heute! Wie anders war es geworden, als er sich gestern geträumt! Und als das Bitterste empfand er, daß Ilses Vater derjenige war, welcher dieses Heute so qualvoll für ihn gestaltet hatte. Denn kein anderer konnte es sein. Tile vam Damme kühlte am Sohne den Haß, welchen er gegen den Vater hegte. »Sie sind ein falsches und hochmütiges Geschlecht«, hatte Kort Doring gesagt – jetzt konnte es Rolef aus eigener Erfahrung bestätigen. Aber Ilse? Nein, Ilse war anders – stolz war sie auch, vielleicht konnte man es selbst hochmütig nennen, aber falsch war sie nicht, diese blauen Augen konnten nicht lügen! Aber ach, wann würden diese Sterne wieder auf ihn niederblicken? Würde er sie überhaupt noch einmal wiederschauen, diese Augen voll Liebe und voll Treue? Diese Frage beschäftigte den Gefangenen mehr als der Gedanke an die bevorstehenden Folterqualen. Und immer dunkler ward es in seiner Seele, Ilse war für ihn verloren, die einzige Antwort gab es nur auf jene Frage. Aber auch ingrimmiger Haß zog mit dieser Antwort in sein Herz, Haß gegen Tile vam Damme und dessen Anhang. Und mit dem Haß erhob sich sein Stolz, und als nun oben die Fallthüre geöffnet ward, roter Fackelglanz herabstrahlte und in dessen Schein das bekannte Seil herunter kam, um den Gefangenen heraufzuziehen, da hob sich Rolefs Herz in freudigem Mute, nur ein Gedanke lebte in ihm, dem Gezüchte zu zeigen, was ein Doring sei. Hastig befestigte er sich das Seil unter den Armen und schnell war er oben. Aber überrascht schaute er auf, als sich die Fallthüre hinter ihm geschlossen. Dann durchzuckte ihn jähes Entsetzen und mit dem lauten Aufschrei: »Mein Vater!« sank er einer hoch aufgerichteten sehnigen Greisengestalt in die Arme. »Auch Ihr!« stöhnte er. »Auch Ihr in den Händen dieser Ruchlosen!« Kort Doring drückte Rolef einen Augenblick fest an sein Herz, dann schob er ihn von sich. »Noch haben sie mich nicht«, lachte er ingrimmig, »und Dich haben sie auch die längste Zeit gesehen. Komm mit!« Jetzt erst bemerkte Rolef, daß sein Vater allein war, jetzt erst verstand er, daß ihm derselbe die Freiheit brachte. Der Bürgermeister ergriff eine Fackel, welche er neben der Richterbank befestigt hatte und schritt in die Folterkammer voran. Sein Sohn folgte ihm. »Eines hat Tile vam Damme vergessen, als er Dich hier einsperren ließ«, sagte Kort Doring. »Die Thüre in die Oker. Das war deine Rettung.« Er deutete bei den Worten auf eine offene Fallthüre. In der scharfen Zugluft, welche durch dieselbe emporströmte, flackerte das Licht der Fackel unruhig hin und her und rief ein gespenstiges Leben auf den Marterwerkzeugen wach, welche wohlgeordnet an den Wänden hingen. »Obgleich ich zwischen gestern und heute Abend mein Haus nicht verlassen, war ich doch wohl unterrichtet von Allem, was Dir bevorstand«, fuhr Kort Doring fort. »Sunnenberge hat sich als Freund bewiesen, das werde ich ihm niemals vergessen. Er hat auch einen Gesellen des Scharfrichters bestochen, daß derselbe unvermerkt heute Morgen den Riegel dieser Thüre zurückschob. So mochte es mir vorhin gelingen, sie von unten zu offnen. Jetzt steig herab, ich werde folgen.« Der Bürgermeister leuchtete in die Tiefe hinunter. Als Rolef hinabblickte, gewahrte er, wie das Licht von einem Wasserspiegel zurückgeworfen wurde, welcher in einer Tiefe von kaum zwanzig Fuß unter ihnen lag. Ein Seil hing von der Thüre zum Wasser hinab. Rolef wollte seinem Vater den Vortritt auf dem Wege zur Freiheit lassen, aber der Alte weigerte sich entschieden, er müsse der Letzte sein, um die Thüre zu schließen. »Bist du unten, so rufe Libertas!« setzte Kort hinzu. Da zauderte Rolef nicht länger, ergriff das Seil, schwang sich hinab und war in wenigen Augenblicken unten. »Libertas!« rief er vernehmlich. Ein Kahn schoß aus der Dunkelheit hervor und nahm ihn auf. Sobald der Bürgermeister das von oben bemerkte, löschte er die Fackel, schwang sich hinab, und mit jugendlicher Kraft sich mit der Linken haltend, zog er mit der Rechten die Fallthüre über seinem Kopfe zu. Eine halbe Minute später war er im Boot. Rolef hatte indessen den Lenker des Bootes erkannt. Der Ratsmann van Sunnenberge war es, seines Vaters treuer Freund. »Ihr werdet wohl die ersten Lebendigen sein, die diesen Weg gemacht haben«, lachte derselbe und trieb mit einem kräftigen Ruderschlage den Kahn in den Fluß hinaus. »Wozu dient die Thür sonst?« fragte Rolef. »Nicht alle, die gerichtet werden«, erwiderte sein Vater, »richtet man auf offenem Markte. Die Leichname derer aber, welche in jenem Turme durch Henkersschwert sterben, verschwinden durch die Thüre, welche wir soeben benutzt.« Ein Schauder lief über Rolefs Körper, an dem Seil, welches ihm zur Flucht verholfen, klebte das Blut der Gerichteten. Lautlos glitt das Boot im Schatten der Stadtmauer dahin, welche hier von der Oker bespült wurde. An der langen Brücke bei Unserer Lieben Frauen angekommen, ergriff auch der Bürgermeister ein paar Ruder und hieß seinen Sohn ein Gleiches thun. Geräuschlos wurden dieselben eingesetzt und fielen dann auf Sunnenbergs Wink zu gleicher Zeit ins Wasser. Pfeilschnell glitt so getrieben das Boot mit dem Strom dahin. Es war der gefährlichste Augenblick der Fahrt, wo der Kahn, nicht mehr durch den Schatten der Mauer, gedeckt, sich doch noch in Sehweite von derselben befand. Aber der gefährliche Augenblick ging glücklich vorüber, keine Wache rief vom Wall aus das Schiff an und nun fuhr man schon zwischen einsamen, schneeblinkenden Feldern. »Wir hätten nicht später daran sein dürfen«, sagte Sunnenberge, auf den Mond deutend, welcher jetzt langsam wie eine große, rote Feuerkugel über den Horizont herauf stieg. »Sechs Uhr«, nickte Kort Doring, »in einer Stunde wird der hochweise Eggeling van Strobecke zum Turme schreiten und eine wohlverwahrte Thüre nach der anderen öffnen lassen, um doch zuletzt das Nest leer zu finden. In dem Augenblicke nicht sein Schafsgesicht sehen zu können ist wahrlich zu bedauern. Er wird es Hexerei nennen, an die Leichenthüre wird er nicht denken, und denkt er daran, so hat unser Freund schon längst den Riegel vorgeschoben. Ha, ha, ha!« Ingrimmig lachte der Alte und sein Sohn stimmte mit Sunnenberge ein. »Wenn sie Rolefs Flucht bemerken, werden sie natürlich zuerst zu mir kommen. Bis dahin muß ich also wieder zu Hause sein und im Bette liegen«, fuhr der Bürgermeister fort. »Aber da ist ja auch schon die Eiche und Heinz Kyphod hat Wort gehalten.« Sunnenberge steuerte das Boot dem Ufer zu und als das Kiel auf dem Sande knirschte, hielt er es mit eingestemmtem Ruder fest, so daß Rolef ans Land springen konnte. Neben einer nahe dem Flusse stehenden Eiche hielt, in einen weiten, dunklen Mantel gehüllt, ein Mann mit zwei Pferden. »Das ist der Mann, welchem Du das Leben gerettet«, sagte Kort Doring zu seinem Sohne. »Du wirst mit ihm nach Wolfenbüttel reiten, denn er ist kein Lübecker Schuster, sondern Herzog Ottos Amtmann, Heinz Kyphod. In Wolfenbüttel wirst Du den Herzog finden, heute Morgen hat er sich der Veste bemächtigt und damit des Schlüssels zum ganzen Lande. Kannst guter Aufnahme versichert sein, Kyphod hält große Stücke auf Dich; er will Dein Fürsprach sein beim Quaden, in dessen Gefolge Du reiten sollst, bis Deine Vaterstadt Dich zurückruft. Lebe wohl und halte Dich brav!« Ein kräftiger Händedruck begleitete die Worte. Rolefs Brust durchwogten die verschiedensten Empfindungen, Schmerz des Abschiedes und Freude an der wieder gewonnenen Freiheit, Trauer um die verlorene Geliebte und fröhliches Hoffen auf ein lustiges Reiterleben. Aber ein Gefühl beherrschte augenblicklich alle anderen, das war das des bewundernden Dankes für feinen Vater. »Wie soll ich Dir danken«, stammelte er, vor tiefer Rührung kaum der Worte mächtig, aber sein Vater unterbrach ihn. »Mach', daß Du aufs Pferd kommst«, sagte er fast rauh, »Heinz Kyphod ist kein Freund vom Warten.« Noch einmal drückte Rolef seinem Vater die Hand, auch mit dem treuen Sunnenberge wechselte er einen kräftigen Händedruck. Dann stieß das Boot vom Ufer ab und wurde von den kräftigen Ruderschlägen der Männer wieder stromaufwärts getrieben. Rolef mußte dem Boote nachschauen, wie es im Mondenscheine dahin glitt über die silberne Flut, er konnte sich nicht so schnell losreißen von dem Anblick. »Hollaho«, klang es von der Eiche herüber, »Euer Pferd wird ungeduldig!« Da wandte er sich und schritt dem Baume zu. Siebentes Kapitel. Die Sternbrüder. Hell schien der Mond und die Sterne glitzerten, wie sie nur in einer kalten Winternacht zu funkeln pflegen. Blinkend, fast blendend dehnten sich weithin beschneite Felder, und wo sich auf ihnen ein einzelner Baum erhob, warf derselbe einen tief dunklen Schatten. Schnell trabten die Reiter dahin, sie konnten darauf gefaßt sein, daß die »Uthrider« zu ihrer Verfolgung ausgesandt würden, sobald man Rolefs Flucht bemerkt, da war es wünschenswert, vorher die Feldmark der Stadt im Rücken zu haben. »Ist das die Landwehr?« fragte Kyphod, plötzlich sein Pferd anhaltend und auf ein einzelnes Haus deutend, welches in geringer Entfernung vor ihnen lag. Rolef bejahte. »Es ist besser, man bemerkt uns dort nicht, zu leicht fänden sonst die Uthrider unsere Fährte«, fuhr Kyphod fort. »Wir müssen in einem Bogen das Haus umreiten.« »Aber dann wird der Schnee unsere Spur verraten«, wandte Rolef ein. »So aufmerksam sind die Uthrider nicht«, lachte Kyphod, »Und überdies seht: an jenem Rain, die hohe Hecke entlang, hat sich der Schnee nicht sammeln können. Dort hinterlassen die Pferdehufe auch keine Spuren.« Ein niederer Wall zog sich zwischen zwei Feldern hin, gekrönt von einer breiten und dichten Dornhecke, An der gegen den Wind geschützten Seite führte ein schmaler Streifen entlang, welcher mehr oder weniger von Schnee frei geblieben war. Und da der Boden hart gefroren war, konnte allerdings ein Pferdehuf hier keine Spur zurücklassen. »Reitet Ihr voran«, fuhr Kyphod fort, »Ihr kennt die Gegend und müßt den Weg angeben.« Rolef folgte der Weisung und führte seinen Begleiter zunächst die Hecke entlang und dann in einem weiten Bogen um die Landwehr herum. Als sie die Straße wieder erreicht hatten, setzten sie sich von neuem in Trab, und ließen die Pferde erst wieder in Schritt fallen, als die Straße in einen Wald einbog, wo sie durch die schützenden Bäume den Blicken etwaiger Verfolger entzogen waren. Jetzt erst gewann Rolef Zeit, das Äußere seines Begleiters zu mustern. War es die andere Tracht oder eine veränderte Haltung, weit größer schien ihm der Fremde als bisher. Unter dem Mantel trug Kyphod statt des weiten grünen Kittels einen engen, aus in Öl hartgesottenem Leder gefertigten Lendner , mit Eisenringen unterlegt und mit eben solchen Buckeln beschlagen, den »Dupfing«, einen lose und weit über die Lenden herabhängenden Gürtel aus viereckigen, beweglich an einander gefügten Gliedern und an demselben eine große braune Ledertasche; Schwert und Dolch aber hingen ihm an Ketten von der Brust herab. Die Beine staken noch in denselben eng anliegenden roten Hosen, das Haupt bedeckte ein einfacher offener Eisenhelm ohne jegliches Abzeichen. Auch seiner eigenen Ausrüstung konnte Rolef jetzt mehr Aufmerksamkeit zuwenden. Vorn am Sattel hingen Helm und Schwert, an der anderen Seite ein mittelgroßer Schild mit dem rot und gelb quadrierten Wappen der Doring. Ein zusammengerollter Mantel war hinten am Sattel festgeschnallt. Rolef löste die Riemen, denn in seinem kurzen Scheckenrock begann ihm die Kälte der Winternacht empfindlich zu werden, zumal jetzt, wo die Pferde in Schritt gingen und seine innere Aufregung anfing sich zu legen. Nachdem er den Mantel auseinander gefaltet, fand er darin eine eben solche lederne Tasche verborgen, wie sie Heinz Kyphod am Gürtel trug, und als er dieselbe öffnete, glänzte ihm rotes Gold daraus entgegen. »Das ist für Eure Ausrüstung«, sagte Kyphod des Jünglings Verwunderung bemerkend. »Euer Vater hätte Euch gerne selbst ausgestattet, aber dazu fehlte es an Zeit, darum giebt er Euch das Gold mit, übergenug, um Euch in Wolfenbüttel zum schmucksten Ritter zu machen.« Rolef befestigte die Tasche an seinem Gürtel und gedachte mit innigem Danke des Vaters liebevoller Sorgfalt. Den Mantel warf er um die Schultern, löste sodann den Helm vom Sattel und bedeckte sich damit das Haupt. Das Schwert aber lockerte er in der Scheide und drehte es so, daß ihm der Griff jederzeit handgerecht war. Es ist etwas Wunderbares um eine Winternacht im Walde bei klarem Mondenschein und funkelndem Sternenlicht. Nichts von jenem berückenden Zauber einer monddurchglänzten Maiennacht, nichts von jenem geheimnisvollen Flüstern und Treiben, wenn der Nachtwind leise durch den Wald zieht, in sanftem Rauschen sich die Blätter zu einander neigen, lauter die Quellen murmeln und an ihren Ufern wie träumend der Blumen geschlossene Blütenkelche schwankend nicken, wenn der Leuchtkäfer im feuchten Moose blinkt und weithin tönt der Nachtigallen sehnsüchtiger Wechselgesang. Nichts von alledem, ringsumher ernstes Schweigen, blendender Glanz, kalte Majestät. Dazwischen tiefe, unheimliche Schatten, die sich scharf auf dem weißen Schnee abzeichnen, nichts entdeckend dem spähenden Auge, wohl aber es irre führend durch äffende Formen. Nur selten unterbricht ein Ton die nächtliche Stille, und dann ist es statt Nachtigallengesang das Bellen hungriger Füchse oder auch wohl der klagende Schrei der Wildkatze, welche von den Harzbergen auf Raub ausgegangen ist. Ermüdend wirkt dies stets gleichmäßig blendende Flimmern, einschläfernd die Kälte, das fast lautlose Schweigen der schlummernden Natur. Auch Rolef empfand diese einschläfernde Kraft und die stetige Bewegung des in ruhigem Schritt einherschreitenden Pferdes wirkte auf ihn wie das Schaukeln einer Wiege. Es war so wohltuend, die Augenlider zu schließen, statt immer dasselbe grelle Licht zu schauen, welches die Schneemassen zurückwarfen. Träume umfingen ihn, bald fester Schlaf. Aus diesem weckte ihn der laute Anruf seines Gefährten. Hastig fuhr er empor, so daß er bei der raschen Bewegung fast das Gleichgewicht im Sattel verloren hätte. Und unwillkürlich streckte er die Hand nach dem Griff seines Schwertes aus. »Lasst stecken«, beruhigte Kyphod, die Hand auf seinen Arm legend, »das macht unnötigen Lärm. Seht dorthin! Was erblickt Ihr da im Schatten der großen Buche?« Rolef wandte den Blick nach der angegebenen Richtung, indem er wie Kyphod sein Pferd anhielt. »Ich sehe nichts«, meinte er, »und doch – eben blinkte etwas – bei Sankt Autor! – hinter der Buche steht ein Mann.« »Dann steht er dort auch nicht umsonst und steht nicht allein«, sagte Kyphod. »Ich fürchte, wir sind in einen Hinterhalt geraten.« Rolef spähte rings umher, und den Kopf rückwärts wendend, entfuhr ihm ein halb unterdrückter Schrei der Überraschung. Einige hundert Schritte hinter ihnen hielt mitten auf der Straße im hellen Mondenlicht ein Reiter in voller Rüstung, Haupt und Gesicht durch den Stechhelm geschützt, die Lanze zum Stoß eingelegt. »Vorwärts!« rief Rolef seinem Begleiter zu und gab seinem Pferde die Sporen. Zugleich riß er das Schwert aus der Scheide, den Schild vom Sattelknopf zu lösen, fand er keine Zeit mehr. Einen grellen Pfiff ließ der Reiter hinter ihnen bei Rolefs Bewegung erklingen und rings um sie her ward es im Wald lebendig. Waffenklirren und laute Zurufe ertönten, Rolef entgegen aber, um eine Biegung der Straße trabten vier Reiter, wie derjenige hinter ihnen, in voller Rüstung mit eingelegten Lanzen. Aber ehe der Jüngling noch dieselben erreichte, war Kyphod neben ihm und fiel ihm in die Zügel. »Keine Übereilung«, rief ihm der Amtmann zu, »die Übermacht ist zu groß, wir müssen sehen, in Güte uns abzufinden.« Nun waren die Gewappneten neben ihnen, auch der in ihrem Rücken war herangekommen. »Lasst mich mit ihnen reden«, sagte Kyphod, und einen musternden Blick auf die Reiter werfend, fragte er: »Seid ihr vom Sternerbund?« »Was geht es Euch an?« tönte es zurück. »Ich bin des Herzogs von Göttingen Amtmann, Heinz Kyphod.« Einer der Reiter ließ das Kettengeflecht herunter, was er über dem Gesichte trug. »Höllisches Elend!« schrie er, indem er einen prüfenden Blick auf Kyphod warf, »das ist wahrhaftig unser Heinz.« »Kein Zweifel, Edler v. Dorstadt«, lachte der Amtmann, »kein Zweifel, daß ich's bin. Und somit bitte ich Euch, uns in Frieden ziehen zu lassen, mich und meinen Begleiter.« »Wer ist Euer Begleiter?« »Des Bürgermeisters von Braunschweig Sohn, Rolef Doring.« »Ein Braunschweiger! Dann können wir ihn nicht durchlassen.« »Er hat mir das Leben gerettet, darum muß er seine Vaterstadt meiden.« »Wo wollt Ihr hin?« mischte sich ein anderer Reiter ein, und dumpf klang die Stimme unter dem Stechhelm hervor. »Nach Wolfenbüttel zum Herzog.« Die Ritter sprachen leise mit einander, Heinz Kyphod trieb sein Pferd dicht an sie heran und unterhandelte flüsternd mit ihnen. Indessen musterte Rolef ihre Erscheinungen. Sie trugen sämtlich wie Heinz Kyphod den Lendner mit metallenen Buckeln beschlagen und an Schulter- und Ellenbogengelenken durch Eisenplatten geschützt, darunter jedoch ein Kettenhemd, welches auch Hals und Kopf umschloß. Den letzteren bedeckte entweder ein offener Eisenhelm oder der sogenannte Stechhelm, an Gestalt nicht unähnlich einem umgestürzten Topfe, mit schlitzartigen Öffnungen für Augen und Mund. Wer den Stechhelm nicht trug, hatte zum Schutz des Gesichtes das Kettengeflecht des Halses über dasselbe hinaufgezogen. Auch die Beine staken in eng anliegenden Lederhosen, mit Metallschienen beschlagen und vor allem am Knie mit Eisenplatten versehen. Die lange Ritterlanze bildete mit Schwert und Dolch, welche durch Ketten an der Brust befestigt waren, die Ausrüstung; an Helm und Schild sah man kein Wappenabzeichen, sondern nur einen einfachen silbernen Stern. Jetzt kam Heinz Kyphod zu Rolef zurück. »Sie trauen nicht«, raunte er ihm zu, »wir müssen uns in Geduld fassen. Geschehen wird uns nichts, des Herzogs wegen, doch unsere Reise dürfen wir nicht fortsetzen, ehe sie nicht ihr Unternehmen beendet haben. Ob wir einige Stunden später nach Wolfenbüttel kommen, kann uns am Ende auch einerlei sein. Im Namen Eures Vaters bitte ich Euch, fügt Euch willig ihren Anordnungen.« Rolef blieb kaum etwas anderes übrig, als dieser Bitte nachzukommen. Der Reiter, den Kyphod »Edler v. Dorstadt« angeredet hatte, kam auf Rolef zu. »Ihr Burgensen«, sagte er, »dünkt euch zum Schilde geboren und der Amtmann hat uns gesagt, Ihr wäret ein tapferer Bursch, der Dienst suche beim Göttinger Herzog. Darum wollen wir Euch als Rittersmann behandeln. Folgt dem Knechte dort, der wird Euch nach Burg Dorstadt Die im 17. Jahrhundert ausgestorbene Familie der Edlen von Dorstadt hatte ihren gleichnamigen Stammsitz am linken Ufer der Oker bei Heiningen. Vgl. Havemann, Geschichte der Lande Braunschweig: 1. Bd. 2. Abschn. 6. Kap. führen, von wo Ihr morgen weiter reiten könnt. Vorher aber gebt Euer Wort, keinen Fluchtversuch zu machen und nichts von dem zu verraten, was Ihr gesehen habt.« Rolef schlug in die dargebotene Hand. »Ich will es Euch versprechen«, sagte er. »Nun denn, auf Wiedersehen in Wolfenbüttel«, nickte Dorstadt. Ein Knecht faßte die Zügel von Rolefs Pferd und führte dasselbe vorsichtig in den Wald hinein, ein anderer folgte mit Heinz Kyphod. Sie gewannen bald einen schmalen Pfad, eben breit genug, daß neben dem Pferd noch ein Mann gehen konnte. Die Tiere traten unsicher auf, der Schnee setzte sich in Ballen unter ihre Hufe, herabhängende Äste streiften die Reiter und schüttelten ihren Schnee auf sie aus. Heinz Kyphod zog es vor, abzusteigen und hinter den Pferden herzugehen, Rolef folgte seinem Beispiel. »Was haben die Ritter vor?« fragte er, nachdem er eine Zeitlang schweigend neben dem Amtmann hergegangen war. »Einen Überfall.« »Wer mag mitten in der Nacht durch den Wald ziehen, wenn ihn nicht die äußerste Not zwingt, wie uns?« »Erst nach Sonnenaufgang kommen die, auf welche sie warten. Aber die Ritter sind früher zur Stelle, um die Straße zu bewachen, damit niemand den Erwarteten entgegen reite und sie warne.« »Darum hat man auch uns nicht durchgelassen?« »Ihr sagt es.« »Konnten wir nicht unser Wort geben, niemanden zu warnen?« Kyphod zuckte die Achseln, Rolef blieb stehen. »Es sind Braunschweiger Bürger, denen sie auflauern«, rief er, »darum getrauten sie sich nicht, mich auf mein Wort vorbei zu lassen.« »Das kann ich Euch nicht sagen«, meinte Kyphod, wiederholt die Achseln zuckend, »Eins aber weiß ich, wir können uns freuen, so davon gekommen zu sein.« Mißmutig ging Rolef weiter. Eine Gewalttat gegen seine Mitbürger, das war das erste, was er von denen erlebte, deren Genosse er werden wollte. »Was wäre uns geschehen, wenn Ihr nicht die Ritter gekannt hättet?« fragte er nach einer Pause. »Man hätte uns ausgeplündert und nach Braunschweig zurückgeschickt.« »Ist das ritterlich?« »Fragt so nicht zum zweiten Male, junger Freund. In der Welt, die Euch jetzt aufnimmt, gilt nur ein Recht, das Recht des Stärkeren. Was der Starke tut, ist gut, ist ritterlich – wer unterliegt, mag seine Taten büßen.« »Denken alle so vom Sternerbund?« »Die meisten, und alle hassen die Städte. Mancher liegt auf der Landstraße nicht aus Not, um seine leeren Kammern und Keller neu zu füllen, sondern nur aus Haß.« »Und es sind ihrer viele?« fragte Rolef weiter. »Vom Rheinstrom bis nach Thüringen und von der Wetterau bis zur Leine und Oker reicht der Bund. An die zweitausend zum Schilde Geborene mag er zählen, und darunter hohe Herren, die Grafen von der Mark, v. Katzenellenbogen und Nassau-Dillenburg; ja selbst ein Bischof gehört zu ihnen, der Paderborner Prälat Spiegel zum Desemberge. Herzog Otto von Göttingen aber steht an der Spitze und neben ihm sein Schwager Gottfried v. Ziegenhain.« Indessen hatte der Pfad allmählich bergaufwärts geführt und mündete jetzt auf eine Waldlichtung. Nachdem man dieselbe überschritten, sah man sich vor einer künstlich vertieften Kluft, jenseit welcher sich ein mächtiger Brückenturm erhob. Einer der Knechte ließ einen lauten Ruf ertönen, welchen er gleich darauf noch zweimal wiederholte. Da löste sich vom Turm eine Fallbrücke und legte sich über die Kluft. Kaum hatten sie dieselbe überschritten, schnellte sie hinter ihnen wieder in die Höhe und schloß so die Torhalle, in welche sie eingetreten waren. Aus der Halle an der anderen Seite herausgetreten, sahen sie sich vor einer zweiten Kluft, hinter welcher erst die eigentliche Burg aufstieg. Dieselbe bestand aus einem im spitzen Winkel vorspringenden Mittelbau, welchen zwei starke Türme flankierten, von denen der eine den anderen um ein geringes überragte. Das so gebildete Dreieck ward auf der den Ankömmlingen zugewandten Seite durch eine hohe Mauer mit einem festen Tor abgeschlossen, die Spitze des Dreiecks ragte in das jenseit sanft abfallende Waldtal hinaus. Der Knecht wiederholte seinen Ruf, wieder legte sich eine Zugbrücke über die Kluft, wieder schritten die Ankömmlinge durch eine Torhalle und betraten nun den Burghof. Hier erwartete sie, eine Fackel in der Hand, ein älterer Mann im bequemen Hausgewande, während ein jüngerer Knecht damit beschäftigt war, die Zugbrücke wieder aufzuziehen. Diejenigen, welche Kyphod und Rolef hergleitet hatten, wechselten flüsternd einige Worte mit dem Alten. Dieser begrüßte die beiden mit mürrischer Höflichkeit und nötigte sie, eine hölzerne Außentreppe hinaufzusteigen, welche rechter Hand in das Innere des Bergfrieds führte, während die Knechte die Pferde in die links liegenden Ställe brachten. In das Innere des Turmes getreten, schlug ihnen eine warme, aber dumpfe Luft entgegen. Ein kahler gewölbter Raum empfing sie, an dessen einer Seite eine Wendeltreppe in die höheren Stockwerke führte, während sich gegenüber ein Herd mit mächtigem Rauchfang befand. In der Mitte stand ein handfester, roh aus Eichenholz gefertigter Tisch und um ihn herum mehrere ebenso schmucklose Stühle. Der Alte befestigte die Fackel in einem Eisenringe neben dem Herd und stieg nach einem ernsten: »Gehabt euch wohl!« die knarrende Wendeltreppe hinauf. Kyphod lachte laut auf, als er Rolefs verdutztes Gesicht gewahrte. »Wundert Ihr Euch, daß man uns hier in der Küche läßt?« rief er. »Immer noch besser als im Burgverließ, mein' ich. Freut Euch der Wärme und macht es Euch so bequem als möglich.« Er ging bei diesen Worten mit gutem Beispiel voran, indem er Helm und Schwert ablegte, auch sich des schweren Lendners entledigte, dann zwei Stühle an den Herd zog und es sich auf denselben bequem machte. Rolef folgte schweigend der Mahnung. »Träumt von Jungfrau Ilse«, sagte Kyphod, die Augen schließend. »Wie kommt Ihr auf die?« fuhr Rolef auf. »Nun, nun, es fiel mir nur eben ein, wie Ihr sie mir damals in den Wagen hobt und wie mir die allzu furchtsame Jungfrau dann trotz Regen und Sturm wieder davon sprang. Jetzt wird sie ja wohl ihren Vetter Vörsfelde heiraten.« »Man sagt so«, erwiderte Rolef. »Gute Nacht!« Wie ein guter Schlaftrunk wirkten Kyphods letzte Worte gerade nicht auf Rolef. Jungfrau Ilse und Vetter Vörsfelde – die beiden Namen verscheuchten den Schlummer noch von seinen Augen, als die knarrend sägenden Töne, welche der Amtmann von sich gab, schon lange dessen festen Schlaf bekundeten. Aber auch bei Rolef siegte endlich die körperliche Ermüdung und er versank in einen tiefen traumlosen Schlaf. Hornsignale, Waffenklirren, laute Rufe weckten ihn daraus empor. Er fuhr in die Höhe und sah erstaunt um sich. Doch schnell hatte er sich gesammelt. Die Fackel am Herd war fast ganz herunter gebrannt, durch die runden grünen Scheiben der kleinen Fenster fielen gebrochen die schrägen Strahlen der Wintersonne. Sein Gefährte hatte sich schon erhoben und schaute durch eine geöffnete Scheibe auf den Hof hinab, von wo die lärmenden Töne herausdrangen. Rolef trat zu ihm. »Der Edle v. Dorstadt ist zurückgekommen«, lachte der Amtmann; »aber ich fürchte, die Ritter haben schlechte Geschäfte gemacht. Wenigstens sehe ich nichts von erbeuteten Waren, wohl aber blutige Köpfe.« Der Edle v. Dorstadt wandte sich jetzt dem Bergfried zu und stieg die an demselben emporführende hölzerne Außentreppe hinauf, Kyphod schloß das Guckfenster und ging dem Eintretenden entgegen. »Nun, wie steht's?« fragte er, ihm die Hand reichend. »Wie's steht? Schlecht steht's«, lautete die Antwort. »Sie waren uns zu stark. Den Knappen von Rostorf haben sie gefangen, Schonenberg, Kurt v. Wigenhorst und ich haben uns mit Mühe durchgeschlagen, aber einen Knecht haben sie mir auch niedergeworfen. Höllisches Elend! Ich werd's ihnen vergelten!« Er gewahrte Rolef und warf demselben einen just nicht freundlichen Blick zu. »Ihr hättet auch einen andern Weg zu Eurer Flucht wählen können«, sagte er. »Die Uthrider, welche der Rat zu Eurer Verfolgung ausgeschickt, kamen dazu, als wir uns mit der Bedeckung der Wagen herumschlugen. Dadurch gewannen sie die Übermacht.« Das Obsiegen seiner Mitbürger versetzte Rolef in zu gute Laune, um auf des Ritters unwillige Worte zornig zu erwidern. »An meine Sohlen heftet sich das Unglück«, meinte er mit leichtem Spott. »Wie sehr bedaure ich, daß meine Dazwischenkunft Euer ritterlich Beginnen vereitelt hat.« Der Edle v. Dorstadt hörte den Spott nicht aus Rolefs Worten heraus oder wollte ihn nicht heraushören. Er wandte sich zu Kyphod: »Kommt mit herauf in den Palas . Ehe Ihr fortreitet, soll man einen Imbiß rüsten. Auch wird einem ein Trunk auf den Ärger gut tun.« Der Ritter stieg voran die zu den höheren Stockwerken führende Treppe hinauf. Kyphod und Rolef folgten. Eine Stunde später ritten sie über die äußere Zugbrücke. Burg Dorstadt lag hinter ihnen.   Herzog Otto von Göttingen verstand es, seine Zeit zu benutzen. Während sich sein Vetter Ernst zu Braunschweig in üppigen Festen gefiel, hatte er mit kühnem Überfall das vom verstorbenen Magnus der Stadt verpfändete Wolfenbüttel genommen. Von hier aus ließ er Ausschreiben an die Stände des Herzogtums ergehen, in welchen dieselben aufgefordert wurden, ihm als Vormund der erbberechtigten Söhne Herzog Magni des Anderen zu huldigen. Der »Quade« saß vor dem großen buntglasierten Kachelofen eines Gemaches im Fürstenhause zu Wolfenbüttel. Auf dem Sims des Ofens stand ein mächtiger silberner Humpen, aus dem der Herzog dann und wann einen kräftigen Zug tat. Zu seinen Füßen lagen zwei schöne schwarze Doggen, ohne ein anderfarbiges Haar bis auf einen kleinen weißen Fleck, welcher bei beiden gleichmäßig die Stirne schmückte. Darum hielt sie der Fürst besonders wert. »Ist es nicht, als gehörten sie zu uns«, pflegte er wohl zu sagen, »seht, auch sie tragen den silbernen Stern.« Vor dem Herzog stand sein Amtmann Heinz Kyphod. Es war wiederum eine Veränderung mit ihm vorgegangen. Die Kriegsrüstung war verschwunden, von Kopf bis zu den Füßen war er in schwarzen Sammet gekleidet, von dem sich der silberne Dupfing leuchtend abhob, und ebenso eine schwere goldene Kette, welche er um den Hals trug. Mit dieser hatte Herzog Otto vor einiger Zeit seines Amtmannes Dienste gelohnt. Verschwunden war auch der rote Bart, statt dessen sah man ein glatt rasiertes Untergesicht; was aber geblieben, waren die funkelnden grauen Augen. »Ich kann Dich nicht tadeln und mag Dich nicht loben«, sagte der Fürst. »Zu lang ausschauend sind Deine Pläne.« Kyphod lächelte. »Im ersten Anfang war mir das Glück günstiger. Ein Zufall brachte Tile vam Dammes Tochter in meine Hand. Damit hätten wir auch über Seine Gestrengen Gewalt erlangt, daß er Euch unterstützt, Fürstliche Gnaden, und nicht Herzog Ernst. Aber die Jungfrau entsprang mir zu früh, daß ich meinen Plan, kaum gefaßt, wieder aufgeben mußte.« »Was nützt das jetzt?« meinte der Quade achselzuckend. »Warum hast Du sie nicht fester gehalten?« »Immerhin glaube ich manches erreicht zu haben«, fuhr Kyphod fort. »Die Stimmung gegen den Rat ist in Braunschweig so giftig wie noch nie.« »Das ist was Rechtes«, unterbrach ihn der Herzog. »Sie schimpfen, aber sie schlagen nicht los.« »Der Unverstand der Burgensen bürgt dafür, daß das Volk diesmal losschlägt. Zu stramm zieht der Rat jetzt die Zügel an. Und die Uneinigkeit im Rat verspricht den Gilden Erfolg.« »Der alte Doring brummt, weil sie seinen Sohn haben foltern wollen?« »Nicht allein deshalb. Er ist gegen vam Damme aufs tiefste erbittert. Ich habe auch das Meinige dazu getan, diesen Haß zu schüren.« »Und er würde mir Beistand leisten gegen seiner Stadt Regiment?« »Als dem Vormund der rechten Erben.« Über des Quaden Gesicht zog ein höhnisches Lächeln. »Seinen Sohn hast Du mit hergebracht?« Kyphod nickte: »Er mag uns als Geisel für des Alten Willfährigkeit dienen.« »Ich kann die Stadtjunker nicht leiden«, brummte Herzog Otto. »Nun muß man den Burschen noch gut behandeln, sonst wird der Alte vor der Zeit aufsässig.« »Lasst ihn in Eurem Gefolge mit reiten, Fürstliche Gnaden, er ist ein schmucker Bursche.« »So ein Milchgesicht! Lieber schicke ich ihn nach Göttingen zur Herzogin.« »Für die Verbindung mit Braunschweig kann er uns hier sehr nützlich werden.« »Wartet er draußen?« »Jawohl, Fürstliche Gnaden.« »So ruft den Burschen herein. Ich will ihn mir 'mal ansehen.« Kyphod kam dem Befehl nach und Rolef stand vor dem Fürsten. Der Quade musterte ihn von oben bis unten und dann wieder von unten bis oben. Auch die beiden Doggen waren aufgestanden und schnupperten an Rolef herum. Dann legte sich die eine wieder vor dem Ofen zurecht, während die andere sich neben ihren Herrn setzte und den schönen Kopf auf dessen Bein legte. Der Fürst streichelte seinen Liebling. »Kannst Du reiten?« fragte er Rolef. »Jawohl, Fürstliche Gnaden.« »Auch eine Lanze regieren?« »Auch das.« »Bist Du schon in einer Fehde mitgeritten?« Rolef nickte, »Gegen den Hildesheimer Bischof.« »Was treibst Du bei Deinem Vater?« fragte der Fürst weiter. »Ich sehe auf unseren Meierhöfen zum Rechten.« »Also ein Bauer. Immerhin besser als ein Krämer.« Der Herzog ließ nochmals seine Blicke prüfend über Rolefs Gestalt gleiten. Der Stadtjunker gefiel ihm besser, als er selbst geglaubt. Oder war es, weil seine Hunde Rolef nicht angeknurrt? Er streichelte den Kopf der Dogge, welche neben ihm saß, und das Tier klopfte dazu mit dem Schwanz auf den Boden. »Gefällt Dir der neue Kumpan?« fragte der Fürst, und der Hund klopfte zur Antwort noch stärker als bisher. »Ihr Dörings achtet euch als ritterbürtig?« wandte sich Herzog Otto wieder an Rolef. »Wir sind freie Leute auf freiem Erbe und reiten seit Alters in der Herzoge Gefolge, gleich denen zum Schilde Geborenen.« »Nun wohl, so magst auch Du als Knappe in dem meinigen mitreiten. Siehe zu, daß Du Dir bald die goldenen Sporen verdienst.« Rolef war entlassen. Im Vorzimmer wartete er auf Kyphod, welcher ihm bald nachkam. »Ihr habt Glück, junger Freund«, lächelte der Amtmann. »Warum?« fragte Rolef. »Nun, weil Ihr unter die Mannen eines der tapfersten Fürsten aufgenommen seid.« »Des Quaden? Das war ja von Anfang an in Aussicht genommen.« »Allerdings«, bestätigte Kyphod. »Aber«, fuhr er lächelnd fort und seine grauen Augen funkelten den Jüngling seltsam an, »vom Quaden sprecht hier nicht zu laut. An seinem Hofe wird Herzog Otto bellicosus genannt, das ist verdeutscht ›der Streitbare‹.« Achtes Kapitel. Am Fürstenhofe. Eintönig vergingen für Rolef die nächsten Wochen. Gelegenheit, die goldenen Sporen zu erwerben, gab es vor der Hand nicht, wohl aber fand der Knappe Doring genug Gelegenheit, als gewandter Fechter sich hervorzuthun. Und seines Schwertes Schärfe errang ihm eine Stellung, welche die Mannen des Quaden dem Stadtjunker sonst gar zu gern verweigert hätten. Man lernte ihn achten, aber allein stand Rolef trotzdem; der Spott, welchen man ihm nicht mehr wie anfangs ins Gesicht zu schleudern wagte, machte sich hinter seinem Rücken desto breiter. Den zum Schilde Geborenen war und blieb er der Stadtjunker. Den Gegensatz zwischen ihm und seinen neuen Genossen empfand Rolef selbst am schärfsten. Aufgewachsen in einem gesetzlich geordneten Gemeinwesen, konnte er das Gebahren dieser in schrankenloser Ungebundenheit sich gefallenden Ritter nicht verstehen, und gewohnt an eine gleichmäßige, erfolgreiche Beschäftigung, vermochte er kein Behagen an einem Leben zu finden, in welchem es nichts gab als Zweikämpfe, Zechgelage und Jagden. Die Jagden! Gott sei Dank, die gab es noch. Eifrig lag das herzogliche Gefolge, voran der Fürst selbst, dem Weidwerk ob, zumal wie es die Jahreszeit der älteren Jagdsitte nach mit sich brachte, den Sauhetzen; aber auch der Wildkatze stellte man fleißig nach und aus den verschneiten Harzschluchten trieb der strenge Winter dann und wann ein Rudel Wölfe ins Okerthal hinunter. Streifte Rolef aber nicht im Walde umher, dann war er meist mit Heinz Kyphod zusammen. Da er des Schreibens und Lesens nicht unkundig war, vermochte er ihm bei den zahlreichen Geschäften zur Hand zu gehen, welche demselben als Amtmann des Herzogs oblagen, und die sich während Kyphods langer Abwesenheit in Braunschweig erst recht aufgehäuft hatten. Eine erquickliche Tätigkeit war das freilich nicht. Dazu fehlte ihr der rechte Zusammenhang. Denn Heinz Kyphod war ängstlich zu verhindern bemüht, daß Rolef einen Einblick in die Verhältnisse des Herzogs, vor allem in seine Pläne gegen Braunschweig gewinne. »Nun, von morgen an werden wir ein anderes Leben führen«, meinte der Amtmann eines Tages, als er mit Rolef die Schreibstube verließ. »Wird es eine Fehde geben?« fragte Rolef erfreut. Kyphod schüttelte den Kopf. »Nicht das. Wir werden schönen Besuch bekommen. Der Herzog richtet sich mehr und mehr in Wolfenbüttel häuslich ein. Vor kurzem hat er auch befohlen, daß seine Gemahlin von Göttingen hierher übersiedele. Vorgestern ist sie abgereist, diese Nacht ist sie bei dem Ritter v. Schwichelde auf der Liebenburg. Morgen holen wir sie ein.« Das erhöhte Leben, welches im Schlosse herrschte, bestätigte des Amtmanns Worte. Wolfenbüttel war lange nicht fürstliche Residenz gewesen. Herzog Otto und seine Mannen hatten mit dem vorlieb nehmen müssen, was sie vorgefunden, als sie sich in den Besitz der Feste setzten, doch wurde auf des Fürsten Befehl sofort begonnen, die verödeten und verwahrlosten Räume des Schlosses zu neuem Glanze aufzufrischen. Jetzt mußte die letzte Hand ans Werk gelegt werden. Noch beim Scheine von Fackeln bemerkte Rolef im Vorübergehen, wurde an der »Kemnate«, dem zur Wohnung der Herzogin bestimmten rechten Flügel des Fürstenhauses, gearbeitet, um alles zum Empfang der hohen Frau würdig vorzubereiten. Nicht weniger herrschte im Ritterhaus, der Wohnung der Dienstmannen, wo auch Rolef untergebracht war, noch regeres Leben als gewöhnlich, und ebenso in dem daneben befindlichen Marstall. Rolef betrat den letzteren, um den Knecht aufzusuchen, welchen ihm Herzog Otto zugeteilt hatte. Denselben fand er mit dem Putzen der Pferde beschäftigt. Er erteilte ihm noch mehrere Befehle für morgen, wegen Zäumung der Rosse und Rüstung der Festgewänder. Dann begab er sich in die Trinkstube des Ritter-Hauses. Da ging es hoch her. Die Kunde von der bevorstehenden Ankunft der Frauen hatte allgemeinen Jubel erregt. Denn Herzog Otto liebte ein prächtiges Hoflager, und um seine Gemahlin, Frau Margaretha, des Herzogs Wilhelm von Jülich und Berg Tochter, sammelten sich viele schöne und adelige Frauen, »valde, valde, valde pulchrae« nennt sie der Chronist, »sehr, sehr, sehr schön«, und weiter erzählt er von ihnen, sie seien geschmückt gewesen mit purpurnen Gewändern und Gürteln, deren silberne Schellen bei jeder Bewegung klangen: Schur, schur, schur, kling, kling, kling.« Et fuerunt hic mulieres, valde, valde, valde pulchrae, purpureis indutae vestibus et cingalis procinctae sonantibus: schur, schur, kling, kling, kling. Siehe Zeit- und Geschichtsbeschreibung von Göttingen und Havemanns Geschichte der Lande Braunschweig, I., 3. Abschnitt, 3. Kap. War auch keiner von den wilden Gesellen des Quaden, welcher unter diesen Schönen nicht eine »Herrin« verehrte, um die er warb in holder Minne, und das einzige, was ihren trotzigen Übermut, welcher sogar dem Gebot des Lehnsherrn nicht immer gehorchte, zu beugen vermochte, war ein Blick aus den schönen Augen der Herrin. Um die Frauen drehte sich daher ausschließlich das laute Gespräch in der Trinkstube und auf ihr Wohl wurden die vollen Zinnkrüge wieder und wieder geleert. Aber dies fröhliche Treiben konnte Rolef nur trüb stimmen. Die Herrin, welcher er diente, weilte daheim in Braunschweig, er gedachte ihrer täglich, ja stündlich – aber ob sie »dem armen Pickelhering« treu geblieben, ob sich ihr Herz nicht von ihm abgewendet, nachdem er ihren Vetter verwundet, vielleicht getötet? Gehässig genug – davon war Rolef überzeugt – würde man ihr den Vorgang dargestellt haben! »Auch Du mußt Dir jetzt eine Herrin suchen!« rief ihm Heino Ritzerowe zu, einer seiner Mitknappen. »Dann wird er nicht mehr so ein sauertöpfisches Gesicht machen«, setzte der Ritter Pusteke hinzu. »Laßt mir mein Gesicht«, fuhr Rolef auf, »was geht es Euch an?« »Nicht so hitzig«, begütigte Ritzerowe, »Du siehst wahrhaftig aus als wie sieben Wochen Regenwetter.« »Und wenn es nun die Sehnsucht wäre nach meiner trauten Herrin«, entgegnete Rolef ruhiger, »was mein Herz schwer macht und mein Antlitz trübe?« »Aha, an eine Braunschweiger Jungfrau hat er sein Herz verloren«, spottete der Ritter Pusteke. »An eine Jungfrau«, rief Rolef erregt, »welche so schön und adelig als nur eine an unseres Fürsten Hof!« Die Worte erregten einen allgemeinen Tumult. Doch eben jetzt trat der Herzog ein, welcher es liebte, seine Abende im Kreise seiner Mannen, bei Becher und Würfeln zu verbringen. Da legte sich der Lärm. Als man sich aber spät in der Nacht trennte, zog Pusteke Rolef bei Seite und raunte ihm zu: »Beim nächsten Turnier werden wir eine Lanze darum brechen, Knappe Doring, welche die schönere ist, meine Herrin oder die Eure.« Ein eisiger Wind wehte von den Harzbergen herüber, als der nächste Morgen anbrach. Aber das kränkte keinen der Ritter, denn die Sonne schien hell, und blendend ergoß sich ihr Schimmer über die Schneeflächen. Gegen Mittag setzte sich von Schloß Wolfenbüttel der Zug in Bewegung, welcher die Frauen einholte. Voran der Herzog selbst auf einem Rappen, dessen Zaumzeug von blankem Silber glänzte. Er war in purpurfarbenen Sammet gekleidet, der reich mit Hermelin verbrämt war. Silberne Schellen klangen an seinem Gürtel und auch an Zügel und Sattel des Pferdes. Ein glänzendes Gefolge ritt hinter ihm drein, an die zwanzig zum Schilde Geborene, unter ihnen auch Rolef Doring und Heinz Kyphod. Und jeder der Mannen hatte sein Bestes angetan, sich zu Ehren der erwarteten Schönen zu schmücken. Von manches Schulter wehte wohl auch ein farbiges Band oder es leuchtete eine helle Schleife an seinem Pelzbarett als Gruß und Erkennungszeichen für die holde Herrin, welcher man entgegenzog. Oker aufwärts, entgegen den Harzbergen ging der fröhliche Ritt. Schon sah man von weitem Börsums Türme glänzen, da ging eine Bewegung durch die Reihen. »Sie kommen, sie kommen!« rief einer dem anderen zu, die scharfen Sporen preßten sich an die Weichen der Pferde, und was die Tiere laufen mochten, ging es den Nahenden entgegen. Die bildeten auch einen stattlichen Zug. Voran ein Trupp Gewappneter, vor denen der Marschall des Landes Oberwald ritt, Berthold v. Oldershausen, dann eine lange Reihe prächtig geschmückter Schlitten, welche dennoch keinen schöneren Schmuck aufweisen mochten, als die holden Frauen, deren rosige Gesichter aus dem schützenden Pelzwerk herausglänzten. Diesen leichten Schlitten folgte eine Anzahl schwererer, welche nur durch doppelte Bespannung mit den ersteren Schritt zu halten vermochten. Die führten das Gepäck und die Dienerschaft. Den Schluß aber bildete wiederum ein Trupp Geharnischter. Als der Marschall v. Oldershausen den Herzog mit den Seinen bemerkte, ließ er halten. Der Fürst grüßte vorbeisprengend die ihm zujauchzenden Ritter nur mit einer Handbewegung und parierte sein Pferd erst vor einem reich vergoldeten Schlitten, welcher die Gestalt eines Löwen zeigte und bespannt war mit vier unter kostbaren Decken fast verborgenen Schimmeln. Neben dem Schlitten hielt auf einem Fuchsen ein Jüngling von kaum zwanzig Jahren, dessen schmächtige Gestalt wenig zum Stahlhelm und dem eisenbeschienten Lendner paßte. Im Schlitten aber stand hoch aufgerichtet eine schöne stolze Frau, um deren Schultern sich weich und warm der mit Hermelin verbrämte Purpurmantel legte. Ihr Antlitz leuchtete, die Kälte hatte die sonst blassen Wangen rosig gefärbt, die Züge waren regelmäßig, aber nicht ohne herbe Strenge. Auch das Lächeln war spröde, welches um ihren Mund spielte, als sie jetzt die kleine Hand zum Willkomm in die des herzoglichen Gemahls legte, und dieser sich herabbeugend einen Kuß auf den weichen wildledernen Handschuh drückte. Dann wandte sich der Fürst lachend zu dem jugendlichen Reiter: »Sieh da, als Kriegsmann kommt Ihr heute, Vetter? Ist Euch der Helm nicht zu schwer?« Und ohne die Antwort des beschämt errötenden Jünglings zu beachten, ritt er zum nächsten Schlitten, aus welchem seine beiden jungen Söhne Wilhelm und Otto ihm jubelnd die kleinen Hände entgegen streckten. Mit denen scherzte und lachte er, für die nur wenig älteren Insassen des nächstfolgenden Schlittens aber hatte er nur ein flüchtiges Kopfnicken. Und es waren doch, wie auch der jugendliche Reiter, seine Mündel, die Söhne Herzogs Magni. Das fürstliche Gefolge hatte sich verteilt, hielt oder ritt die lange Schlittenreihe auf und nieder. Das war hin und her ein Grüßen und Neigen, ein Augenwinken und Händeschütteln. Was mit Worten gesagt wurde, war nicht das meiste, auch nicht das süßeste. Das Aufleuchten eines strahlenden Augenpaares, das hold vertraute Lächeln, welches sich um einen Mund legte, solche Zeichen sprachen mehr als alle Worte. Nur Einem leuchteten keine Augen, lächelte kein Mund. Das war Rolef. Mächtig überkam ihm das Gefühl der Einsamkeit, unwillkürlich hefteten sich seine Blicke auf den jugendlichen Reiter neben dem Schlitten der Herzogin. Der hielt auch inmitten des fröhlichen Jubels so verlassen wie Rolef, still und ernst auf seinem Roß, ja seine Augen blitzten zornig – nur wenige der Ritter hatten ihn begrüßt und er war doch der Erbe, ihr zukünftiger Herr. Eine Hand legte sich auf Rolefs Schulter und als der Jüngling umschaute, sah er in das Gesicht Kyphods. »Kommt mit«, sagte der Amtmann, »meine Tochter Irmgarde soll den Lebensretter ihres Vaters kennen lernen.« Rolef nickte und ritt schweigend neben Heinz Kyphod her. Derselbe hielt vor einem der letzten Schlitten. »Rolef Doring«, sagte er mit einer Handbewegung, »von dem ich Dir erzählt habe.« Die Insassin des Schlittens reichte Rolef die Hand. »Euch danke ich es, daß ich heute meinen Vater wiedersehen darf.« Voll und weich klang ihre Stimme bei diesen Worten, ein kleiner roter Mund lächelte den Jüngling an und unter hoch geschwungenen Brauen leuchteten ihm zwei feurige schwarze Augen entgegen. Verwirrt stammelte Rolef einige ablehnende Worte, aber sie hielt seine Hand fest. »Nicht so«, sagte sie, »wer Dank verdient, soll sich auch gern danken lassen. Und danken will ich Euch jetzt aus vollem warmen Herzen. Mein Vater ist die Sonne meines Lebens. Ohne Euch wäre diese Sonne für immer untergegangen.« Sie entließ Rolefs Rechte mit einem herzlichen Druck und fuhr sich dann mit der Hand leicht über die Augen. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Dem Beispiel des Herzogs folgend, welcher sich an der Seite seiner Gemahlin hielt, trabten auch die Ritter seines Gefolges neben den Schlitten her, jeder dort, wohin ihn am meisten sein Herz zog. So brauchte auch die Unterhaltung zwischen Rolef und Jungfrau Irmgarde nicht abgebrochen zu werden. »Unsertwegen habt Ihr viel zurücklassen müssen, was Euch teuer ist«, sagte die letztere, sich in dem Schlitten zurücklehnend, »das bekümmert mich. Ungewohnt wird Euch alles sein, was am Hofe unseres Herzogs Brauch. Aber freilich, wer so des Schwertes mächtig, wie Ihr, dem wird am wohlsten sein, wenn die Waffen klirrend zusammenschlagen. Und Waffenlärm genug giebt es am Hofe Ottos des Streitbaren.« »Gäbe es nur bald eine Fehde!« seufzte Rolef. »Dies unthätige Stillleben macht mich ganz ungeduldig.« »Mein Vater hat mir gesagt, Ihr vertriebt Euch wohl die Zeit damit, ihm zu helfen. Das freut mich, dann sind wir Genossen, denn auch meine ungeschickte Hand muß manchmal in seine dicken Pergamentbände dies und jenes eintragen.« »Um wie viel lieber wird mir nun die Schreibstube werden!« »Ein Knappe und eine Schreibstube, es ist zum Lachen!« brummte eine tiefe Stimme. Erstaunt sah Rolef auf. Jetzt erst bemerkte er, daß an der anderen Seite des Schlittens der Ritter Pusteke ritt. »Ich hoffe Euch bald beweisen zu können, Herr Ritter«, erwiderte Rolef auf dessen Worte, »daß eine Hand durch Führung der Feder nicht verlernt eine Lanze zu regieren.« Nun sah Irmgarde fragend von einem zum andern. »Wir wollen beim nächsten Turnier eine Lanze darum brechen, wessen Herrin die schönere sei«, sagte Pusteke, die Jungfrau bedeutungsvoll ansehend. Der kleine rote Mund lächelte und die feurigen schwarzen Augen erwiderten den Blick des Ritters. Und sich wider zu Rolef wendend, fragte Irmgarde: »Wird Eure Herrin zuschauen, wenn Ihr eine Lanze für sie brecht?« »Sie weilt in Braunschweig«, erwiderte Rolef. »O weh! Dann haben auch von ihr wir Euch getrennt, denn unseretwegen habt Ihr doch von Braunschweig weichen müssen. Um so tiefer sind wir Euch verpflichtet. Wie sollen wir nun unsere Schuld bezahlen?« Jetzt war es Rolef, dem ein freundliches Lächeln und ein feuriger Blick zu teil wurden. »Wenn Ihr zuweilen freundlich mit einem Heimatlosen sprecht, so ist das Lohnes genug«, meinte der Knappe. »Heimatlos, das dürft Ihr nicht sagen, das sollt Ihr nicht sein. Wenn wir Euch die Heimat geraubt, müssen wir Euch eine andere schaffen. Einen Vater und eine Geliebte habt Ihr verlassen, nun wohl, einen Vater sollt Ihr bei uns wiederfinden und eine Schwester.« Es lag fast mehr wie Schwesterliches in dem Blick, welchen die schwarzen Augen bei diesen Worten entsandten. Auch Ritter Pusteke schien der »Schwester« nicht ganz zu trauen. »Eine Heimat«, brummte er, »was ist so eine Stadt für eine Heimat? Eine Burg hoch oben wie ein Adlerhorst, das ist eine Heimat! Aber eine Stadt? Pah! Der Knappe sollte sich freuen, mal aus den dumpfen Mauern herausgekommen zu sein!« Irmgarde bemerkte die helle Zornesröte, welche in Rolefs Antlitz aufflammte, sie kam ihm mit der Antwort zuvor: »Liegt Pusthausen hoch oben auf einem Berge?« fragte sie den Ritter so harmlos als möglich. »Das nicht, es ist ein Weiherhaus«, entgegnete der Ritter, sich nicht ohne Verlegenheit auf den Hals seines Pferdes niederbeugend, als ordne er etwas am Zaumzeuge. »Ein Weiherhaus! Ah! das ist schön, ganz von Wasser umflossen. Aber seht, das ist Braunschweig auch. Mir ist die Stadt immer vorgekommen wie eine große Burg, welche mitten in einem See liegt.« »Was nützt mir das, wenn ich nicht in der Burg allein bin«, brummte Pusteke. »Seid Ihr denn in Pusthausen allein?« fragte Irmgards, ohne sich irre machen zu lassen. »Ich glaubte, Ihr säßet zu sieben Pustekes auf dem Haus.« »Wie genau Ihr das wißt«, brummte der Ritter. Er begriff zu spät, auf welch gefährlichen Kampf er sich eingelassen. Pusthausen war seine schwache Seite. Er teilte in der That das kleine Gut im Magdeburgischen mit sechs Brüdern, und war daher gezwungen, in der Fremde zu dienen. Doch liebte er es, sich das Ansehen eines wohlhabenden Edelmannes zu geben, was ihm auch fern von Pusthausen nicht eben schwer wurde. »Wie genau ich das weiß«, lachte Irmgard«, »ja seht, das sind die Vorteile der Schreibstube, da lernt man mancherlei, von dem andere nie etwas erfahren.« Heller Trompetenton schmetterte ihnen entgegen, das Thor von Schloß Wolfenbüttel war erreicht. Die Schlitten mit ihrem schönen Inhalt und ihrer ritterlichen Begleitung jagten über die Zugbrücken, vorbei am Bergfriet, auf den festlich geschmückten Burghof. Und nun war es hübsch anzusehen, wie die Ritter von den Pferden sprangen und die Schönen aus den Pelzen der Schlitten befreiten. Wie dann der Fürst seine Gemahlin die Treppe zur Kemnate hinauf führte und die Frauen und Ritter sich in buntem Zuge anschlössen, ein lachendes, farbenprächtiges Bild, die heiteren, von der Winterkälte rosig gefärbten Gesichter, die in allen Farben leuchtenden Gewänder, die scharrenden Rosse und dazu der blinkende Schnee und der strahlende Sonnenschein. Spät in der Nacht war es, als heute das Leben auf Schloß Wolfenbüttel erstarb. »Auf Wiedersehen«, hatte Irmgarde mit einem herzlichen Händedruck zu Rolef gesagt, als er ihr »Gute Nacht« gewünscht. Der Ritter Pusteke aber hatte ihn bei Seite gezogen und ihm ins Ohr geflüstert: »Was meint Ihr, Knappe Doring, nach dem Lanzenbrechen zu einem Kampfe mit scharfen Schwertern?« worauf Rolef bescheiden erwiderte: »Muß es nicht einem Knappen zur Ehre gereichen, wenn ihn ein Ritter eines Zweikampfes würdigt?« Neuntes Kapitel Thränen am Christfeste Das war kein fröhliches Weihnachtsfest anno 1373 in der Stadt Braunschweig. Wohl sah man wie sonst in den Kirchen das Jesuskind in der Krippe liegen, von den Altären die Kerzen leuchten und dampfenden Weihrauch zu den Wölbungen aufsteigen. Auch ertönte mit brausendem Orgelklang das »Gloria Deo in excelsis!« – aber es war, als ob der zweite Teil der köstlichen Weihnachtsbotschaft ungehört verhalle. »Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen« – davon war in der Stadt Braunschweig wenig zu spüren. Zwietracht im Rat, Zwietracht zwischen Rat und Gilden, Zwietracht zwischen dem Rat und Herzog Ernst. Und dadurch Zwietracht zwischen Familien, welche sonst in treuer Freundschaft Freud und Leid mit einander getragen, ja Zwietracht in den Familien selbst. Nun sah gar mancher ein, daß er sich in der Huldigungssache von Tile vam Damme hatte überrumpeln lassen. Der Quade saß in drohender Nähe in Wolfenbüttel, seine Aufforderung zur Huldigung hatte man abgelehnt, nun mochte man sich seines starken Armes erwehren. Herzog Ernst schalt, daß die Stadt sich das Schloß hatte nehmen lassen, war doch eben das wolfenbüttelsche Gebiet der Teil der Erbschaft gewesen, den er für sich hatte erwerben wollen. Nun verlangte er, daß die Stadt ausziehen solle und den Quaden daraus vertreiben, aber die Kraft und Schnelligkeit, mit welcher dieser gehandelt hatte, und die ansehnliche Macht, welche er in Wolfenbüttel zusammenzog, ließen gegen diesen Wunsch des Herzogs stets neue Bedenken im Rat laut werden. Ein ferneres Bedenken in betreff der gegenwärtigen Lage wagte nicht einmal in der Stadt Braunschweig laut zu werden, das flüsterte man sich nur scheu und heimlich ins Ohr. Aber desto gewichtiger fiel es in die Wagschale. Das war die Stimmung unter den Gilden und gemeinen Leuten. Die Verschwörung freilich, von welcher der Ratsmann Eggeling van Strobecke gesprochen, an deren Spitze der rotbärtige Schuster aus Lübeck stehen sollte und an welcher man Rolef Doring beschuldigt, teil zu haben, diese Verschwörung war nur ein Erzeugnis der Rachsucht vam Dammes gewesen, als Vorwand hatte sie dienen sollen, die Dorings aufs tiefste zu kränken. Doch hinterbrachten immerhin die Gildemeister gar bedenkliche Äußerungen dem Rat, welche auf den »Morgensprachen« und sonst an den Gildetafeln laut wurden. Man fuhr scharf dazwischen, man setzte einzelne in den Turm, ja Eggeling van Strobecke wandte sogar sein Lieblingsmittel an, die peinliche Frage, aber man erfuhr nichts Bestimmtes. Auch wurde es wieder still unter den Gilden, die verdächtigen Reden verstummten und dennoch fehlte es nicht an Anzeichen, daß das Feuer nicht gelöscht sei, sondern unter der Asche weiter und weiter um sich fresse. Wie mochte man da an eine Fehde denken, welche doch nur mit Hilfe der Gilden zu führen war? Kort Doring stand nicht mehr allein im Rat wie am Tage der Huldigung, im Gegenteil mehrten sich an jedem Tage diejenigen, welche unter seiner Führung Tile vam Dammes Regiment Widerstand entgegensetzten. Aber einsam war er in seinem Hause; so still war es darin geworden. Allein saß er am Christabend in dem großen Erkerzimmer seines Hauses am Steinmarkt, von den Türmen riefen die Glocken in vollem Chor die Gläubigen zur Andacht; er saß unbeweglich vor dem mächtigen Kachelofen und starrte düster in die prasselnde Glut, welche hell durch die kunstvoll geschmiedete, mannigfach durchbrochene Thüre glänzte. Kein anderes Licht als die flackernden Flammen, in welchen sich die mächtigen Buchenscheite verzehrten, erleuchtete den großen Raum, unheimliche Schatten lagerten in den Ecken, um so unheimlicher, als das wechselnde Licht des jetzt hoch auflodernden, jetzt nieder-züngelnden Feuers seltsam an den Wänden hin und her spielte und daran ein gespenstisches Leben wachrief. – Und was waren es für Bilder, welche aus den Flammen hervorstiegen und vor das seelische Auge des Alten hintraten? War es die Gestalt derjenigen, welche ihm lange, lange Jahre hindurch eine treue Hausfrau gewesen und deren helles Antlitz so manchen Weihnachtsabend verklärt, bis man sie hinausgetragen aus dem Hause zur stillen Ruhestätte bei der Kapelle Sankt Autor. Oder gedachte er des Abends, an welchem sein Sohn zum ersten Mal die kleinen Ärmchen jubelnd dem hellen Lichterglanz entgegen gestreckt, welcher vom Christbaum ausging? Nichts von alledem! Nur eine Gestalt sah Kort Doring vor sich, einen kurzen dicken Mann mit hellblauem Scheckenrock und roten Beinkleidern, in dessen fettem Gesicht man erst lange suchen mußte, bis man die kleinen wasserblauen Äuglein fand. Und so lebhaft sah er diese Gestalt jetzt vor sich, daß er aufsprang und mit vorgehaltenen Händen auf die Stelle starrte, wo der kurze dicke Mann zuletzt gestanden. »Gehe Du Deinen Weg, ich werde den meinen gehen. Der Hindernisse aber, die Du mir zu bereiten gedenkst, werde ich mich zu erwehren wissen.« Diese Worte klangen ihm gellend ins Ohr, »Jetzt verstehe ich Dich«, murmelte der vereinsamte Alte, »Du kämpfst mit vergifteten Waffen. Aber auch meine Waffen sind scharf, daß ich Dich treffen werde, zum Tode treffen.« Und wie sah es an diesem Weihnachtsabend im Hause mit den sieben Türmen aus, im Hause desjenigen, welchem Kort Doring Haß geschworen, tödlichen Haß? Weit geöffnet waren die Thore und das rotgelbe Licht der Pechfackeln erleuchtete wie jeden Abend die reichgeschmückte Einfahrt. Wachsfackeln, welche in breiten Messingringen hingen, brannten auf den breiten Treppen und in den langen Korridoren. Im großen Festsaal des Hauses aber leuchtete hell der Glanz der Weihnachtsbäume, die verziert waren mit vergoldeten Äpfeln und Nüssen, mit geschnittenen bunten Netzen und farbigen Bändern. Davor stand die Krippe, in welcher das Jesuskind schön geputzt lag, daneben Ochs und Esel und vor ihm knieeten Maria und Joseph, alle in halber Lebensgröße, bunt bemalt und beklebt mit Silber und Goldschaum. An der einen Langseite des großen Raumes waren auf langen Tafeln die Geschenke ausgebreitet, welche die Dienstleute des Hauses zu beanspruchen hatten an Kuchen und Leinwand, Tuch und Schuhwerk. Auf ähnlichen Tafeln an der Langseite sah man die Gaben, welche, nicht weniger fest bedungen, der Herzog seinem Gefolge zu schenken verpflichtet war. An der Querseite des Saales aber hatte Frau vam Damme die mannigfachen Geschenke schmuck und zierlich geordnet, mit welchen, sich die Familienglieder unter einander zu erfreuen gedachten. Noch niemals hatte sie das mit so schwerem Herzen gethan, als wie an diesem Weihnachtsabend. Nicht nur der anspruchsvollen fremden Gäste wegen, obgleich ihr deren Anwesenheit mit jedem Tage unerträglicher geworden. Aber deren Gegenwart ging ja nun auch zu Ende; noch vor Beginn des neuen Jahres gedachte Herzog Ernst mit seinen Rittern in die alte Herzogsburg Heinrichs des Löwen überzusiedeln, welche er mit Hilfe des Rates wohnlich hatte herrichten lassen. Etwas anderes bedrückte Frau Margaretens Herz. Und das lag so schwer auf ihr, daß selbst jetzt, wo die strahlenden Weihnachtsbäume ihr helles Licht auf so viele heitere Gesichter glänzen ließen, ihr Antlitz ernst und traurig blieb. Sie hatte es nicht abwenden können, so viel Mühe sie sich auch gegeben. Umsonst waren alle Vorstellungen, alle Bitten gewesen, ihr Gatte war taub geblieben. Wenn sie sein eines Ohr bestürmt hatte, so sprach zu dem anderen Herzog Ernst hinein, und die fürstlichen Worte wogen bei Tile vam Damme schwerer als das Flehen der Gattin und Tochter. Denn als Ilse es zum Äußersten kommen sah, hatte sie des Vaters Kniee umklammert und unter heißen Thränen gefleht, sie nicht durch die Verbindung mit dem Junker Vörsfelde für ihr Leben elend zu machen. Vergeblich! Tile vam Dammes Entschluß war wie im Feuer gehärtet. Ahnte er, daß es Rolef war, seines Todfeindes Sohn, dessen Bild zwischen seiner Tochter und dem ihr von ihm bestimmten Gatten stand? Er ahnte es nicht nur, er wußte es; aus Herzog Ernsts eigenem Munde hatte er es hören müssen. Das war am Morgen nach Rolefs rätselhaftem Entweichen gewesen. In hellem Zorn hatte da der Fürst Seiner Gestrengen vorgeworfen, er habe Rolef Doring entspringen lassen, um sich den Schwiegersohn zu erhalten. Denn von der alten Freundschaft der Familien Doring und vam Damme wisse ja jedes Kind in Braunschweig und ebenso, daß Ilse dem jungen Doring zum Weibe bestimmt gewesen. »Ein schmählich abgefeimtes Spiel« – hatte Herzog Ernst hinzugesetzt – »sei mit ihm gespielt; aber er sei nicht der Mann, sich solches bieten zu lassen. Eine Stadt, in welcher man seine Dienstmannen ungestraft überfallen und niederschlagen dürfe, könne nicht länger seine Stätte sein, heute noch wolle er Braunschweig verlassen, dann aber werde es die Stadt empfinden, was der Zorn des Herzogs Ernst von Braunschweig bedeute.« Nichts war imstande gewesen, den fürstlichen Unwillen zu besänftigen. Auf alle Vorstellungen erwiderte der Herzog, man habe den Gefangenen absichtlich entschlüpfen lassen, sonst hätte er nicht entkommen können. Schon wurden die Pferde gesattelt, schon vertauschten des Herzogs Mannen den bequemen Scheckenrock mit dem schweren Lendner und riefen nach Helm und Schild, selbst der schwerverwundete Vörsfelde sollte in einer Sänfte fortgeschafft werden. Da sprach Tile vam Damme, der in diesem Augenblicke alle seine stolzen Pläne zu Wasser werden sah: »Was Ihr auch zum Beweise verlangt, Fürstliche Gnaden, daß ich die Dorings mehr hasse, als Ihr selbst, und daß ich unschuldig bin an des Gefangenen Flucht, ich will es thun.« Und mit höhnischem Lachen antwortete der Herzog: »Wohlan, so gebt Eure Tochter Ilse meinem Junker Vörsfelde zum Weibe. Dann will ich glauben, daß nicht der verwünschte Doring Euer Schwiegersohn werden soll.« Seiner Gestrengen Erwiderung aber war eine tiefe Verbeugung, wozu er sprach: »Es soll geschehen, wie Fürstliche Gnaden es befohlen.« Und die Pferde wurden wieder abgesattelt, die Ritter zogen den schweren Lendner wieder aus und ließen Helm und Schild an der Wand hängen, Vörsfeldes Wunde konnte in aller Gemächlichkeit heilen, und heilte noch einmal so schnell in der Aussicht auf den Besitz der reichen und schönen Base. Herzog Ernsts Gnadensonne aber leuchtete nach wie vor über dem Hause mit den sieben Türmen und der Stadt Braunschweig. Den Weihnachtsabend hatte der Fürst zur festlichen Feier der förmlichen Verlobung angesetzt. Als daher jetzt die Verteilung der Geschenke vorüber war, nahmen der Bürgermeister und seine Gattin Ilse in ihre Mitte, zu beiden Seiten des Junkers aber traten der Herzog und sein Bannerträger Dieterick van Walmede, so führte man sie einander entgegen. Der Junker Vörsfelde sah noch blaß aus, auch war sein dickes Gesicht schmäler geworden, hatte er doch zum ersten Male heute sein Krankenlager verlassen, auf das ihn Rolefs Schwert geworfen. Aber noch bleicher war Jungfrau Ilse, den Kopf trug sie vornübergeneigt, die großen blauen Augen waren fast ganz von den Lidern bedeckt, die Lippen fest zusammengepreßt, als müßten sie den Schmerzensschrei zurückhalten, der aus dem Innersten ihres gequälten Herzens aufstieg. So blieb sie, als sie dem Junker gegenüber stand, kein Blick grüßte den Verlobten, kein Wort kam über ihre Lippen, als ihr der Herzog den Brautring an den Finger steckte, und als Vörsfelde ihre Hände faßte, waren sie kalt wie Eis. Aber als er den Arm um sie schlingen wollte, da riß sie sich heftig los. »Noch nicht«, stammelte sie, und zum ersten Male begegneten ihm ihre Augen, aber nicht voll bräutlichen Glückes, sondern voll glühenden Hasses. Ihre Mutter kam ihr zu Hilfe. »Seht Ihr nicht, daß sie krank ist«, fragte Frau Margarete. »Verlangt nichts Übermenschliches!« Nach diesen Worten umfaßte sie die Wankende und führte sie zum Saal hinaus. Der Junker Vörsfelde aber machte ein Gesicht, welches bedenklich dem des Ratsmannes Eggeling van Strobecke ähnelte, als derselbe Rolefs Kerker leer fand. Zehntes Kapitel Ein Frühlingstag Es geht durch den alten Harzerwald Ein wundersam Singen und Klingen; Und das bedeutet: Der Frühling kommt bald, Bald werden Waldvöglein singen. Waldvöglein singen mit süßem Klang, Doch mir ist ums Herz so weh und bang. Mein Liebchen ist fern, mein Liebchen ist weit, Das ist im Frühling mein Herzeleid. Weihnachten war vorüber gegangen, in Wolfenbüttel mit mehr Jubel und Festesfreude gefeiert, als in der Stadt Braunschweig. Auch das Turnier war vorüber, bei welchem Rolef sich mit dem Ritter Pusteke gemessen. Dreimal waren sie gegen einander gerannt, ohne daß der eine den andern aus dem Sattel gehoben hätte. Wohl waren die Lanzenschäfte zersplittert, wohl hatten die Reiter bedenklich auf den Pferden geschwankt, aber dennoch hatte sich jeder droben gehalten. Auch bei dem Kampfe mit den Schwertern wollte sich zuerst keine Entscheidung einstellen. Freilich gelang es gleich im Anfange dem Ritter Pusteke, Rolef im Gesichte zu verwunden, doch hinderte diese Wunde denselben nicht, den Kampf fortzusetzen. Aber gereizt durch diesen üblen Anfang verlor er seine gewohnte Ruhe, welche sonst seine beste Bundesgenossin war. Mit ingrimmiger Heftigkeit bedrängte er den Gegner, so mochte es diesem zum zweiten Male gelingen, eine Blöße, welche sich der Unvorsichtige gab, zu benutzen und ihm eine neue Wunde beizubringen. Auch jetzt erklärte sich Rolef noch nicht für besiegt und die Kampfrichter stimmten ihm bei. So begann denn der Waffengang zum dritten Male und diesmal war es der Knappe, welcher, vorsichtiger und vertrauter geworden mit Ritter Pustekes Kampfesweise, dessen ihm zugedachten Hieb auffing und, ehe derselbe noch in eine gedeckte Lage zurückkehren konnte, mit wuchtigem Schlag des Gegners rechte Schulter traf. Hoch aufspritzend folgte das Blut dem zurückgezogenen Schwerte, Pustekes Rechte sank kraftlos herab, er war außer Kampf gesetzt und die Richter erkannten daher Rolef den Preis zu. Auch seitdem waren schon wieder Wochen vergangen, beider Kämpfer Wunden geheilt, und die ersten Vorboten des Frühlings ins Land gekommen. Es war an einem jener Tage, wie sie der Februar wohl zu bringen pflegt, an denen die warme Lenzessonne vom wolkenlosen Himmel herablächelt und die Menschenherzen aufatmen in seliger Frühlingshoffnung. Ach, ein solcher Tag ist nur wie ein kurzer Traum, nur gar zu bald tritt der strenge Winter sein Regiment wieder an, um es noch Wochen lang fortzuführen. Aus langer und kurzer Erfahrung wissen das die Menschen und dennoch denkt kaum einer von all' denen daran, die überhaupt Augen haben zu sehen und Ohren zu hören für das, was in Gottes freier Natur vorgeht; so gewaltig, unbestimmbar und dennoch unwiderstehlich ist die Macht, mit welcher ein erster Frühlingstag das Menschenherz ergreift, trotzdem der Wald noch stumm, die Wiesen noch grau und der Berge ernste Häupter noch in Schnee gehüllt sind. »Mein Liebchen ist fern, mein Liebchen ist weit, Das ist im Frühling mein Heizeleid!« wiederholte Rolef noch einmal. Er saß auf einem Mauervorsprung neben dem Ritterhause, ließ das eine Bein über die Mauer herabhängen, über das Knie des anderen hatte er die Hände zusammengelegt und den Rücken lehnte er an eine Blyde, welche die Auffahrt zum Thore beherrschte. Es war ein sonnigwarmes Plätzchen und heller Sonnenschein lag auch über dem breiten Okerthal, auf welches Rolef hinabschaute. Hell leuchteten in silbernem Glanze die Wellen des Flusses, weithin konnte sie der Knappe verfolgen und unverwandt hingen seine Blicke dort, wo die Wasserfluten am Horizont im Waldesdunkel verschwanden. Aber noch weiter folgte ihnen sein inneres Auge, bis zu der langen Brücke Unserer lieben Frauen, bis zum Stadtthor von Braunschweig und von da wanderten seine Gedanken zum Altstadtmarkte und dem Hause mit den sieben Türmen. »Mein Liebchen ist sein, mein Liebchen ist weit, Das ist im Frühling mein Heizeleid!« »Ist es so weit von hier bis zur Kemnate?« fragte eine helle Stimme neben ihm. Erstaunt sah Rolef auf und sprang gleich darauf in die Höhe. Vor ihm stand ein schmächtiger Jüngling, welcher die Zwanzig wohl noch nicht überschritten, mit klugen und freundlichen Augen. »Bleibt sitzen« sagte derselbe lächelnd, als er Rolefs Erstaunen bemerkte,, »ich setze mich zu Euch, vorausgesetzt, daß Ihr noch Platz für mich über habt.« Mit den Worten ließ er sich am Mauerrande nieder, während Rolef ehrfurchtsvoll stehen blieb. »Macht nicht so viel Umstände, lieber Doring«, fuhr der Jüngling mit einem Lächeln fort, welches nicht frei von Bitterkeit war, »ich bin das gar nicht gewohnt. Bitte, setzt Euch wieder, Ihr zwingt mich sonst fortzugehen.« »Wenn es der Wunsch Eurer Fürstlichen Gnaden ist«, antwortete Rolef mit einer Verbeugung und nahm seinen Platz wieder ein. »Seht«, lächelte der Jüngling, »so findet sich wirklich jemand in Wolfenbüttel, der mir einen Wunsch erfüllt. Aber sagt, warum findet Ihr es so weit von hier zur Kemnate?« »Ich finde es nicht weiter als andere.« »Dann ist Euer Liebchen auch nicht fern.« Rolef errötete. »Ich weiß nicht, von wem Ihr sprecht, Fürstliche Gnaden«, sagte er verlegen. »Nun, ich spreche nur weiter, was ich von anderen gehört. Ist es denn nicht die schöne Irmgarde, welcher Ihr Euer Herz geschenkt habt?« »Irmgarde Kyphod?« rief Rolef erschrocken. »Eben die nennt das ganze Schloß als die Herrin, um welche Ihr werbt in holder Minne. Aber verzeiht mir, wenn ich unbedacht gesprochen, ich wollte Euch nicht verletzen.« »In nichts habt Ihr das gethan, mein hoher Herr. Nur überrascht habt Ihr mich.« Und den Kopf schüttelnd widerholte Rolef nochmals zweifelnd: »Irmgarde Kyphod?« Nun aber brach Herzog Friedrich in ein helles Lachen aus. »O weh!« rief er, »wenn die Jungfrau jetzt Euer sorgenvolles Antlitz schaute, wahrlich sie würde es sich nicht zur Ehre rechnen. Denn meines Erachtens zweifelt sie so wenig als sonst jemand im Schlosse daran, daß Ihr um ihrer schönen Augen willen mit dem Ritter Pusteke gekämpft habt und so ausdauernd ihres Vaters langweilige Urkunden auf dickes Pergament malt.« »Um ihretwillen? O nein, das glaubt sie auch nicht.« »Nicht? Nun, warum hat sie Euch denn so sorglich gepflegt, wahrend der arme Pusteke allein zusehen mochte, wie sein halb abgehauener Arm wieder anwuchs. Ein gütiger Blick ihrer schwarzen Augen wäre Balsam für seine Wunde gewesen und für einen zweiten hätte er sich auch noch den linken Arm abhauen lassen, aber es kam nicht einmal zum ersten. Euch dagegen grüßte täglich der Holden Antlitz mit gütigem Lächeln und ihre weißen Hände wurden nicht müde, Euern Verband zu erneuern.« »Ich sei der Lebensretter ihres Vaters, sagte sie, als ich es ihr wehren wollte.« »Sollte sie etwa sagen: Pustekes Besitzung ist ein elendes Weiherhaus, den Bürgermeister Doring aber rechnet man zu den Reichsten in Braunschweig und Ihr seid sein einziger Sohn?« »Fürstliche Gnaden!« Der Herzog nickte und seine Augenbrauen zogen sich finster zusammen. »Ich kenne sie«, murmelte er, »sie und ihren Vater. Hold lächelt ihr roter Mund und ihre schwarzen Augen fangen, wen sie wollen. Aber ihr Herz ist falsch, seid dessen versichert.« »Haben auch Euch diese schwarzen Augen belogen?« Diese Frage lag Rolef auf der Zunge, aber sie kam nicht über seine Lippen. Im Herzen beantwortete er sie mit einem rückhaltlosen »Ja« und unwillkürlich spielte dabei ein leises Lächeln um seinen Mund. Das entging dem Fürsten nicht. »Ihr haltet mich für einen unreifen Knaben ohne Erfahrung und Urteil«, sagte er, nicht zornig, aber mit einem Zuge herben Ernstes um den Mund. »Oder glaubt Ihr vielleicht, es gehe mir, wie dem Ritter Pusteke, daß ich mich vor Sehnsucht verzehre nach der wonnereichen Herrin Gunst? Vielleicht war es einmal so, doch das ist vorbei.« Er schaute träumend in das Land hinaus, seiner Väter altes Erbe. Dann fuhr er fort: »Ihr Dorings rühmt Euch, seit Menschengedenken als freie Leute auf Eurem Eigen zu sitzen, ja länger, ehe mein großer Ahn, der Löwe Heinrich, in dies Land kam. Hofft auch, nach Eures Vaters Heimgang Euer Erbe anzutreten und es selbst wieder einem Sohne zu hinterlassen. Nun denkt aber, es käme ein anderer, mächtigerer als Ihr, triebe Euch von Eurem Eigen und sagte: das gehört nun mir. – So ergeht es dem, der hier neben Euch sitzt.« »O nein, Fürstliche Gnaden«, rief Rolef, »das kann nicht sein! So viele treue Herzen schlagen in Braunschweig, in Stadt und Land, für Euch, den Sohn Herzog Magni, den echten Erben –« »Euer Herz ist treu«, nickte Herzog Friedrich, »Ihr seid ja Eures Vaters Sohn. Von dem aber habe ich meines hingegangenen Vaters Liebden oft rühmen hören, daß er ein Mann sei, echt und treu. Doch nur wenige denken wie er und wie Ihr. Es ist so, wie ich Euch sagte, man will mir mein Erbe nehmen, und wenn es gelingt, so weiß ich auch, wem ich es zu danken habe: Heinz Kyphod.« Er war bei den letzten Worten aufgestanden, nickte Rolef kurz zu und ging mit großen Schritten von dannen. Indessen saß Jungfrau Irmgarde in einem Sessel zurückgelehnt in dem Gemach ihres Vaters. Die schönen schwarzen Augen, deren strahlendes Feuer schon so manches Männerherz schneller hatte schlagen machen und in so manche Männerfaust das blanke Schwert gedrückt, waren fast ganz verborgen unter dem Vorhange der lang bewimperten Lider, der kluge, rote Mund war geschlossen und die weißen Hände lagen gefaltet im Schoß. Dichte schwarze Flechten, um die Ohren aufgesteckt, umrahmten die breite, nicht hohe Stirn und ließen so deren blendende Weiße erst recht hervortreten. Ein eng anliegendes Gewand von feinem, blauem Tuche, für dessen Anfertigung Göttingen von jeher berühmt war, umschloß, vorn über die Brust bis zum Gürtel hinab geschnürt, den Oberkörper, in anmutigen Umrissen Irmgardes herrlichen Wuchs andeutend. Unter demselben fiel vom Gürtel abwärts ein Untergewand von demselben Stoff, aber von weißer Farbe, in schweren Falten herab. Irmgarde gegenüber saß ihr Vater, welcher aus einzelnen Papierrollen Einträge in einen dicken Pergamentband machte. Das hinderte Heinz Kyphod aber nicht, zwischendurch mit seiner Tochter eine ziemlich lebhafte Unterhaltung zu führen. »Du fragst, warum ich dies nicht von Doring habe besorgen lassen«, sagte er. »Nun, weil ich ihn fortgeschickt habe.« »Schien er Euch nicht anstellig zu der Arbeit?« »O doch. Er ist ein gewandter Bursch. Sein Vater hat ihn gut angelernt und er kann mehr, als ein Dutzend unserer Hofjunker. Nur deshalb habe ich ihn fortgeschickt, weil ich mir dachte, daß Du um diese Zeit kommen würdest und ich mit Dir allein sprechen wollte.« »Ah!« – Die Überraschung mußte nicht sehr groß sein für Jungfrau Irmgarde, denn sie erhob auch nicht um ein kleines die lang bewimperten Augenlider. »Erinnerst Du Dich, was ich Dir sagte, als ich im September Göttingen verließ, um nach Braunschweig zu gehen?« »Gewiß mein Vater. Ihr befahlt mir, dem Herzog Friedrich mit Aufmerksamkeit, freundlich, ja herzlich zu begegnen. So wie ihr befahlt, ist es geschehen.« »Und welche Wirkung hatte Dein Benehmen auf den Herzog?« »Nun, er näherte sich mir, er schloß sich mir an, er erwiderte meine Aufmerksamkeit mit Vertrauen.« »Nichts mehr?« »Mehr?« Irmgarde öffnete weit die schönen Augen und warf ihrem Vater einen erstaunten Blick zu. »Nun ja – mehr! Sprach er nicht, wie es die Ritter sonst im Verkehr mit schönen Frauen zu thun pflegen, sprach er nicht von Minne und daß er Dich zu seiner Herrin küren wolle?« Irmgarde ließ die Lider wieder über die strahlenden Augen herabsinken und die Oberlippe hob sich ein wenig spöttisch, indem sie sagte: »Der Knabe!« »Wenn Du ihn als Knaben behandelst, so hast Du meine Weisungen nicht recht verstanden.« »Ich habe ihn nicht als Knaben behandelt, aber ich konnte nicht hindern, daß es in meiner Gegenwart geschah.« »Und Du stimmtest in den Spott mit ein?« »Nein, aber –« »Aber?« »Ich wollte ihm zu Hilfe kommen, da lachten die Ritter noch mehr und fragten, ob ich seine Wärterin sei.« »Wann war das?« »Kurz ehe wir Göttingen verließen.« »Und seitdem hält sich Herzog Friedrich von Dir fern?« »Thut er das? Wartet einmal. Ich glaube fast, es ist so; ja in der That, seitdem hat er mich keines traulichen Gesprächs mehr gewürdigt.« »Viel Aufmerksamkeit scheinst Du ihm nicht geschenkt zu haben, da Dir das jetzt erst klar wird.« »Ich bin nie unfreundlich gegen ihn gewesen.« »Gleichgiltigkeit schmerzt ein liebendes Herz mehr, als unfreundliches Begegnen.« »Kann ich es ändern?« »Ja.« »Aber wozu? Ist es so, wie Ihr meint, mein Vater, daß Herzog Friedrich mich mit anderen Augen ansieht, als andere Jungfrauen, dann ist es meine Pflicht, ihm zu zeigen, daß sein Beginnen hoffnungslos. Was sollte denn aus uns werden, wenn ich ihn in seinen thörichten Gedanken noch unterstützte?« »Mann und Weib.« »Vater!« Diesmal war Irmgarde wirklich überrascht; sie hatte sich im Sessel aufgerichtet und ihre großen schwarzen Augen schauten ihren Vater erstaunt an. Kyphod war aufgestanden und hielt Irmgardes Kopf mit beiden Händen, So schaute er sie an und über sein kluges, ja listiges Gesicht legte sich ein verklärender Schein innigster Vaterliebe: »Wie ähnlich Du Deiner Mutter bist. Nur Deine Haut ist weißer, das ist ein deutsches Erbteil«, sagte er. »So sah sie aus, als ich sie zuerst erblickte im Lande Italia. Ein armer wandernder Schüler kam ich von Bologna, wo ich zu Accursii Füßen gesessen. Heim wollte ich, zurück über die Alpen ins deutsche Land, aber ihr Anblick bannte mich fest. Du weißt, wie lange ich um sie geworben, die eines Fürsten Tochter war, bis es mir endlich gelang, ihr Herz zu gewinnen, daß sie mit mir aus ihres Vaters Hause floh. Glücklich kamen wir über die Alpen, aber die Anstrengungen der Reise waren für ihren zarten Körper zu groß. In Augsburg hatten wir Halt gemacht, denn ihre schwere Stunde war nahe. Dort schenkte sie Dich mir, aber sie selbst mußte uns für immer verlassen. Da knieete ich zwischen ihrem Totenbett und Deiner Wiege und meine Seele wand sich in Schmerzen und mein Gewissen folterte mich, denn meine Liebe hatte sie ja aus der Heimat gerissen und ihr den frühen Tod gebracht. An Dir, an unserem Kinde, so schwor ich mir, wollte ich wieder gut machen, was ich an ihr gefehlt. Und ich habe mein Wort gehalten, kein rauher Wind hat Dich berührt, Sonnenschein ist Dein Leben gewesen für und für. Aber mein Ehrgeiz will noch mehr. Ein fürstlich Diadem trug Deine Mutter, als ich sie zum ersten Male sah, auch durch Deine schwarzen Flechten soll sich ein solches winden.« Er ließ ihren Kopf los und ging mit großen Schritten im Gemach auf und nieder, während sie ihn noch immer voll Erstaunen mit ihren großen schwarzen Augen ansah. »Noch nie sprach ich so mit Dir, mein Kind«, begann er wieder, »wozu Deine unbefangene Freude am Augenblick stören? Aber jetzt reift mein Plan seiner Erfüllung entgegen, jetzt ist es Zeit zu reden. Dein Vater hat das menschliche Leben kennen gelernt und nur Eines darin echt befunden, um deswillen es sich lohnt, zu leben. Dies aber heißt: Herrschen! Die Thatsache der Herrschaft habe ich errungen – denn ich bin es, der regiert zu Wolfenbüttel und Göttingen, wenn auch der Quade den Namen dazu hergiebt und den Glanz der Herrschaft für sich behält. Dir aber soll beides zu teil werden, nicht nur im stillen sollst Du das Scepter führen. Vor allem Volke sollst Du die Herzogskrone tragen. So will ich es haben, dann kann ich meine Augen schließen.« Noch immer fand Irmgarde keine Worte; sie glich einem Kinde, welches, aus dem Schlaf geweckt, plötzlich blendende Helle um sich schaut und sich nicht besinnen kann, ob es wacht oder träumt, Kyphod blieb vor ihr stehen und fuhr fort: »Auch Rolef Doring bat ich Dich freundlich zu begegnen. Aber verschenke Dein Herz nicht an ihn, nur Mittel zum Zweck soll er Dir sein. Nichts facht eines Mannes Leidenschaft zu hellerer Flamme an, als Eifersucht. Begünstige ihn deshalb, aber nicht mehr, als wegen des Herzogs nötig ist. Du verstehst mich. Und nun denke nach über das, was ich Dir gesagt, ich muß zum Quaden. Er will morgen jagen bei Heiningen, Herzog Friedrich wird auch dabei sein wollen. Du könntest zu derselben Zeit auf Burg Dorstadt Deine Freundin Maria besuchen, die Fürsten kommen jedenfalls hinauf. Doch davon noch später. Lebe wohl und sei mein kluges Kind.« Er küßte sie leicht auf die Stirn und verließ das Gemach. Irmgarde lehnte sich wieder in den Sessel zurück und mit halb geschlossenen Augen saß sie eine Zeit lang unbeweglich da. Dann erhob sie sich und stieg langsam die Wendeltreppe hinauf, welche aus dem Arbeitszimmer ihres Vaters in ihr darüber liegendes Schlafgemach fühlte. Dort öffnete sie ein reich verziertes Kästchen, aus dem es ihr wundersam entgegen blitzte in roten und goldigen, grünen und blauen Lichtern. Dies alles waren Geschenke ihres Vaters, mit all diesen Spangen und Ketten und Ohrgehängen hatte seine Liebe sie geschmückt. Sie nahm eine goldene Spange heraus, welche reich mit Perlen besetzt war und mit Hilfe eines Handspiegels von blank geschliffenem Stahl befestigte sie die Spange in ihren schwarzen Flechten. Befriedigt lächelte sie, als ihr so geschmückt aus dem Spiegel ihr Antlitz entgegenglänzte. »Es ist wahr«, nickte sie, »es giebt noch etwas anderes, als sich schmücken, als tanzen und Schmeichelworten lauschen. Herrschen! Der Vater hat recht. Bisher habe ich nur geträumt, erst jetzt wache ich auf.« Plötzlich ließ sie die Hände mit dem Spiegel sinken. »Und wenn auch dies nur wieder ein Traum ist, aus dem man erwacht, verwundert um sich schaut und sich allein findet, ganz allein, keine feste Hand, die uns hält, kein treues Herz, das uns versteht. – Ich könnte mir denken, daß ich mich dann danach sehnen könnte, zu dienen , statt zu herrschen, zu dienen um der Liebe willen.« Sie schauerte leicht zusammen, dann legte sie den Spiegel fort und zog die diademartige Spange aus dem Haar. »Ich träumte so schön«, flüsterte sie, »so süß. O, warum mußte mein Vater mich erwecken! Jetzt heißt es: herrschen oder dienen?« Sinnend stand sie mit niedergeschlagenen Augen und gefalteten Händen. Dann richtete sie sich plötzlich stolz empor. »Ich bin einer Fürstin Tochter«, sagte sie, »und nicht zum Dienen geboren. Ich will herrschen! «   Nachdem Heinz Kyphod seine Tochter verlassen, ging er zum Fürstenhaus hinüber. Sein Gesicht zeigte längst wieder die gewohnte, listige Miene, welcher sich jedoch, je näher er dem Fürstenhause kam, der Ausdruck großer Niedergeschlagenheit beimischte. So betrat er die Zimmer seines Fürsten. »Was bringst Du, Heinz«, rief ihm dieser entgegen. »Dein Antlitz kündet nicht viel Gutes.« »Meine Nachrichten lauten auch nicht günstig, Fürstliche Gnaden.« »Nun – und? –« »Die Antworten auf das die Huldigung verlangende Ausschreiben sind eingelaufen. Nicht alle sind befriedigend.« »Natürlich, Braunschweig wird sich sperren!« »Die Stadt hat es bis jetzt nicht einmal der Mühe wert gehalten, etwas zu erwidern.« »Die Unverschämten!« »Dagegen hat Helmstedt geantwortet: Rat und Bürgerschaft sind willig, den Söhnen Herzog Magni zu huldigen und Eurer Fürstlichen Gnaden Gehorsam zu geloben, so lange Ihr nach dem Recht des Erbvergleichs derselben Vormund seid.« Der Quade ließ sich in einen Sessel fallen. »Wie gescheit die Leute sind?« rief er mit bitterem Lachen. Ähnlich lauten die Antworten der anderen Städte: Gandersheim, Seesen –« »Natürlich! Die Schurken haben sich vorher mit einander besprochen.« »Die Einwohner von Schöningen sind zur Huldigung bereit, wenn Fürstliche Gnaden ihre städtischen Gerechtsame ausdrücklich zu bestätigen gewillt seien.« »Aha, ein Handelsgeschäft! Die Krämer! Aber die Ritterschaft, die Ritterschaft! Macht auch die Weitläufigkeiten?« »Fürstliche Gnaden wissen, wie ergeben die Genossen vom Sternenbund sind.« »Aber die anderen vom Adel?« »Unbedingt sind ihre Antworten nicht immer.« »Höllisches Elend!« Der Fürst stieß in seinem Zorn die Dogge, welche sich in diesem schlecht gewählten Augenblick ihm nahte, um seine Hand zu lecken, mit dem Fuße zurück, daß dieselbe heulend in einen Winkel kroch. »Gestatten Fürstliche Gnaden, daß ich meine Ansicht unumwunden ausspreche?« »Habe ich Dir je befohlen, sie zu verheimlichen?« »Auf einem anderen Wege, als dem bisher eingeschlagenen, würden wir weit schneller vorwärts kommen. Was wir brauchen, ist ein Verzicht des Herzogs Friedrich auf die Erbfolge.« »Du bist außerordentlich weise!« »Diesen Verzicht zu erlangen, halte ich gar nicht für unmöglich, nicht einmal für außerordentlich schwer.« »Ich könnte ihn einsperren, bis er unterzeichnete. Aber sobald er los wäre, würde er alles widerrufen.« »Ich möchte im Gegenteil raten, ihm möglichst viel Freiheit zu lassen.« »Unsinn! Schicke ich ihn in die Fremde, wird er an den Fürstenhöfen bekannt, erwirbt sich Gönner, vielleicht die Gunst des Kaisers, und alle meine Mühe ist umsonst gewesen.« »So hatte ich es nicht gemeint. Der Prinz sehnt sich nach Selbständigkeit – wohlan, stellt ihm eine eigene Hofhaltung in Aussicht, vielleicht auf der Harzburg, und laßt ihn eine Gattin wählen nach dem Wunsche seines Herzens, aber nicht aus fürstlichem Geblüt. Um den Preis ließe sich von ihm – ich zweifle nicht daran – ein Verzicht auf die Erbfolge erlangen.« »Ist er verliebt?« »Ich vermute es.« »Aber seine Brüder?« »Über die steht Eurer Fürstlichen Gnaden noch auf Jahre hinaus die Vormundschaft zu, Zeit genug, um sich zum unbestrittenen Gebieter des Landes zu machen.« »Achtzehn Jahre ist der Bursch«, sagte der Herzog überlegend, »das richtige Alter, um für die Erfüllung eines Herzenswunsches eine Krone zu verschenken. Und eine eigene Hofhaltung! Schlecht genug behandeln ihn meine Ritter, um sich das zu wünschen. Bei der heiligen Jungfrau, Dein Plan ist nicht schlecht, Heinz!« Der Amtmann dankte mit einer Verbeugung. »Aber wer ist die Schöne«, fuhr der Fürst fort, »welche meines Vetters Herz gewählt hat?« »Bis jetzt habe ich nur Vermutungen, Fürstliche Gnaden«, erwiderte Kyphod ausweichend, »und gern gestehe ich, daß meine Vermutungen irrig sein können. Darum ersuche ich, schweigen zu dürfen, bis ich meiner Sache gewiß bin.« »Meinetwegen! Die zukünftige Base mag jetzt noch Wolle zupfen oder Gänse hüten – wenn sie mir zum Land Wolfenbüttel hilft, soll sie mir recht sein.« »Also habe ich die Erlaubnis Eurer Fürstlichen Gnaden, in der angedeuteten Richtung meinen Plan verfolgen zu dürfen?« »Die will ich Dir nicht vorenthalten. Hast Du sonst noch etwas?« »Nachrichten aus Braunschweig.« »Und was beginnen die Leineweber?« »Der Rat rüstet mit aller Macht. Wir können uns auf einen Überfall gefaßt machen, denn Wolfenbüttel soll das Ziel des Auszugs sein. Endlich haben sie sich dazu entschlossen, trotz des Widerstands Dorings und seiner Freunde, trotz des Mißtrauens gegen die Gilden. Sie rechnen – und nicht ohne Grund – darauf, daß die Gilden, trotz alles Hasses gegen den Rat, doch noch lieber gegen Eure Fürstliche Gnaden zu Felde ziehen. Und die Gilden selbst nehmen nicht ungern die Waffen in dem Gedanken zur Hand, daß es ja bei ihnen steht, wann sie sie wieder niederlegen und gegen wen sie dieselben später kehren wollen.« Herzog Otto hatte seinen Amtmann ruhig aussprechen lassen, jetzt lachte er laut auf. »Oho, Freund Heinz«, rief er, »diesmal bin ich besser unterrichtet als Du. Die Braunschweiger werden nicht gegen Wolfenbüttel ziehen, des sei versichert. Hast wohl recht, wenn Du sagst, daß sie mir alle mit einander etwas am Zeuge flicken möchten, so uneins sie auch unter einander sind. Aber diesmal werden sie keine Zeit haben, an mich zu denken. Du weißt; daß die van Wenden schon seit lange durch ihre Raubzüge ins Magdeburgische dem Erzbischof Peter Anlaß zur Klage gegeben. Doch hat der wohlweise Rat zu Braunschweig es nicht der Mühe wert gefunden, den van Wendens das Handwerk zu legen, ja sogar dazu still geschwiegen, daß dieselben auf dem städtischen Pfandschloß Jerxheim aus dem Erzstift geflüchtete Räuber und Wegelagerer aufgenommen und beherbergt haben. Wie mir nun vorhin Pusteke erzählte, so ist dem Erzbischof die Geduld gerissen, er hat seinen Hauptmann Busse Dus mit dem Befehl an die Grenze geschickt, ins städtische Gebiet einzufallen, Dörfer und Höfe auszupechen, Ausdruck jener Zeit für das Niederbrennen der schutzlosen Dörfer und einzelnen Höfe, womit fast regelmäßig die Fehden zu beginnen pflegten. kurz, ebenso zu Hausen, wie die van Wendens bei ihm. Unter solchen Umständen werden die Braunschweiger genug zu thun haben, sich des Busse Dus zu erwehren, mich aber fein in Ruhe lassen.« »Desto besser! Ich fürchtete schon, Fürstliche Gnaden würden auf das Jagdvergnügen bei Heiningen verzichten müssen.« »Denke nicht daran! Vor einer Stunde habe ich einen Reitenden zum Edlen v. Dorstadt geschickt, daß er mich morgen erwarte. Mein kleiner Vetter besteht auch darauf, mit zu jagen. Da wird er wieder viel Spott leiden müssen.« »Das unterstützt unsere Absichten.« »So denke ich auch. Drum wehr ich's meinen Mannen nicht.« Heinz Kyphod war entlassen. Als er aus dem Fürstenhause trat, sah er seine Tochter mit Herzog Friedrich auf dem Altan der Kemnate, im warmen Schein der Frühlingssonne, auf und ab gehen. Er lächelte stillvergnügt. Dann wandte er sich, von dem Paare unbemerkt, nach der anderen Seite, dem Ritterhause zu. Er suchte Rolef Doring. Derselbe saß noch auf dem Mauervorsprung, wo wir ihn verlassen haben. Gar eigene Gedanken zogen durch seinen Kopf. Herzog Friedrichs Eröffnungen hatten blitzartig grelle Streiflichter auf seine Umgebung fallen lassen. Aber durfte er ihnen trauen? Ein noch nicht zwanzigjähriger Jüngling war es, dem er sie verdankte, unerfahren, verbittert, weil er sich zurückgesetzt glaubte, und mehr noch, weil er sich über seine Jahre hinaus fertig und selbständig fühlte, andere jedoch dies nicht gelten lassen mochten. Irmgarde aber hatte es ihm offenbar angethan mit ihren schönen Augen und nun war er zornig auf sie, weil sie ihn noch nicht für voll anerkannte. Und der Amtmann selbst? Auch für Rolef lag etwas Rätselhaftes in dem Manne. Sich demselben je ganz anzuvertrauen – davon hielt ihn ein nicht unbegründetes Mißtrauen zurück. Da tönte es plötzlich hinter ihm: »Habt Ihr Lust, Euren Vater einmal wiederzusehen?« Rolef fuhr erschrocken auf, denn es war die Stimme des Mannes, mit dem sich seine Gedanken eben beschäftigten, welche hinter ihm erklang: »In der That, nichts konnte mich so erfreuen, als das«, sagte er, sich schnell fassend. Heinz Kyphod setzte sich neben ihn. »Euer Vater erwartet heute Abend um 10 Uhr einen Boten von mir bei dem Baume, an welchem wir uns bei Eurer Flucht trafen. Wollt Ihr dieser Bote sein?« »O wie gern!« »Nun wohl; auch ich mag niemandem lieber als Euch die Nachrichten anvertrauen, welche ich Eurem Vater schicken muß.« Und nun begann er eifrig auf den Knappen einzusprechen, welcher ihm aufmerksam zuhörte. »Habt Ihr alles wohl gemerkt?« fragte er zum Schluß. »Ich glaube nichts überhört zu haben.« »Bitte, dann wiederholt mir die Botschaft zu unserer beider Beruhigung.« Rolef kam dem Wunsche nach. Kyphod nickte. »So ist es recht«, sagte er, indem er aufstand. Auch Rolef erhob sich. »Ich will gleich in den Marstall gehen«, meinte er, »um meinem Knecht die nötigen Weisungen zu geben«, und schritt neben dem Amtmann her. Als sie um die Ecke des Hauses bogen, sahen sie Irmgarde noch mit dem jungen Herzog auf dem Altan hin und her wandeln. »Ich habe noch eine Bitte an Euch, mein junger Freund«, sagte Heinz Kyphod. »Meine Tochter wünscht Ihre Freundin Maria v. Vorstadt zu besuchen. Ihr kennt Burg Dorstadt, wo wir damals nicht ganz freiwillig übernachteten. Vielleicht wäre es Euch nicht zu unbequem, den Umweg zu machen und Irmgarde dorthin zu geleiten.« »Unbequem, was denkt Ihr? Der Auftrag ist für mich zugleich eine Freude und eine Ehre.« »So kommt. Ich sehe meine Tochter dort, wir wollen ihr unsern Plan mitteilen.« »Das ist recht«, rief Irmgarde fröhlich, als sie die Kunde vernommen, »heute ist ein Tag wie gemacht dazu, nach dem lieben Dorstadt zu reiten.« Ihre strahlenden schwarzen Augen lachten Rolef an und eifrig besprach sie mit ihm, welchen Weg man nehmen und wann man aufbrechen müsse. Mit zusammengezogenen Brauen betrachtete Herzog Friedrich das Paar. Aber ebenso aufmerksam hingen Kyphods Blicke an dem Gesichte des jungen Fürsten, und je ernster dieses wurde, desto fröhlicher lachte das Antlitz des Amtmannes. Vor der Kemnate stand ein Zelter, isabellenfarbig mit schwarzer, lang herabhängender Mähne und schwarzem, mit bunten Bändern durchflochtenem Schweif. Er trug einen stuhlartigen Sattel und darunter eine lange Decke. Rolef Doring stand neben ihm und streichelte den Nacken des Tieres, welches mit dem Vorderhufe den Boden schlug, ein Knecht aber aus dem herzoglichen Marstall hielt die Zügel des Pferdes. Jetzt stieg Jungfrau Irmgarde die Treppe vom Altan hinunter. Sie trug ein langes grünes Reitkleid, reich mit Pelz besetzt und ein gleichfarbiges Barett. Mit der Linken hielt sie die Schleppe des Kleides, mit der Rechten eine schlanke Gerte. Heinz Kyphod, welcher sie hinaus begleitet hatte, blieb oben auf dem Altan stehen und nickte ihr lachend zu, wie sie ihm mit der Hand hinauf winkte, nachdem Rolef sie in den Sattel gehoben. Der Knappe eilte, den feurigen Dunkelfuchs zu besteigen, welchen sein Knecht unweit des Marstalls hielt. Da flogen blitzschnell Irmgardes Augen zu einem Erker am Fürstenhause empor. Hinter einem halb geöffneten Fenster schaute verstohlen ein junges, männliches Antlitz hervor, mit zusammengezogenen Brauen und einem unmutigen Zucken um die Mundwinkel. Die Jungfrau fing seinen Blick auf und neigte ein wenig das schöne Haupt. Zugleich senkte sie wie grüßend die Gerte. Da nickte der Jüngling gar eifrig mit dem Kopfe, alles Mißbehagen war von seinem Gesichte verschwunden und statt dessen lag darauf eitel Sonnenschein. Das alles war nur ein Augenblick gewesen. Nun sprengte Irmgarde an Rolefs Seite dahin und flog neben ihm über die Zugbrücken. Sie schwiegen beide, auch als sie jetzt die Landstraße entlang selbander ritten. Mochten wohl an das denken, was sie heute Morgen gehört, von verschiedenen Seiten und doch einer über den andern. »Wie es mich freut, daß Ihr heute Euren Vater wiedersehen dürft!« begann endlich Irmgarde und ihre schwarzen Augen lachten ihn dabei so hold an, daß Rolef an die Worte des Prinzen dachte: ›Sie fangen, wen sie wollen.‹ – »Aber nicht mich«, setzte er in Gedanken hinzu, »denn Ilses Augen sind es doch nicht.« »Da habe ich vielleicht Euch das Glück dieses Wiedersehens zu verdanken?« fragte er zurück. »Nicht das. Mit seinen Botschaften nach Braunschweig thut mein Vater immer außerordentlich geheimnisvoll. Selten erfahre ich davon etwas. Und hätte ich es erfahren, wer weiß, ob ich ihm geraten hätte, Euch zu schicken.« »Aber warum nicht?« »Nun der Gefahr wegen.« »Darf ein Knappe, der sich bemüht, ein tüchtiger Ritter zu werden, die Gefahr scheuen?« »Ihr scheut sie nicht, das weiß Gott! Aber deshalb dürfen doch andere für Euch sorgen und müssen vielleicht desto mehr für Euch sorgen. »Ihr nehmt stets so freundlichen Anteil an meinem Ergehen.« »Ist das nicht Pflicht der Dankbarkeit?« fragte Irmgarde und streichelte, sich ein wenig vorneigend, den Kopf ihres Pferdes. »Ist es nur das?« wollte Rolef fragen, aber er dachte an Ilse und schwieg, um erst nach einer kleinen Pause zu entgegnen: »Längst bin ich es, der in Eurer Schuld ist. Ich kann Euch versichern, die ersten Wochen in Wolfenbüttel waren entsetzlich langweilig. Erst seitdem Ihr dort seid, lacht mir das Leben wieder freundlich!« Irmgarde sah Rolef auf seine mit berechneter Galanterie gesprochenen Worte mit einem strahlenden Blicke an: »Ist das mehr als Schmeichelei?« »Wie sollte es etwas anderes sein, als redliche Wahrheit, die von Herzen kommt? Denkt doch, nur selbst, wie manche trauliche Stunde wir mit einander verlebt –« »Bei des Vaters alten Pergamenten«, schaltete sie ein.« »Mir werden diese Stunden unvergeßlich bleiben.« »Aber meinetwegen habt Ihr Euch den Kopf zerschlagen lassen«, lachte sie. »Und war glücklich, ihn mir von Euch verbinden zu lassen«, entgegnete er. Sie sah sinnend vor sich nieder, dann hob sie plötzlich das Haupt und sagte, ihm fest in die Augen blickend: »Ich habe immer gehört, fern seiner Herrin gäbe es für einen getreuen Ritter nur traurige Stunden.« Rolef vermochte ein leichtes Erröten nicht zu verbergen, aber er hielt ihren Blick ruhig aus, indem er entgegnete: »Wohl ist fern der geliebten Herrin unser Herz krank; aber darf es deshalb undankbar sein gegen den Balsam, mit dem Freundeshand die Wunde kühlt?« War es der Rabe, welcher plötzlich vor ihnen im Wege aufflog, war es eine unvorsichtige Bewegung Irmgardes mit der Gerte, daß der Isabellen-Zelter einen Seitensprung that und dann in weiten Sätzen davon flog? Rolef fürchtete, die Jungfrau möchte die Herrschaft über das Tier verlieren und sprengte hinterdrein. Aber ehe er sie noch erreichte, hatte sie das Pferd schon wieder beruhigt. »Was war das?« fragte er. »Der Zelter ist sonst so fromm.« »Er wird sich erschrocken haben«, entgegnete Irmgarde, ohne ihn anzusehen. Am anderen Ufer der Oker wurde ein einzelnes Gebäude sichtbar, zu welchem eine Brücke hinüber führte. Das war das herzogliche Jagdhaus Heiningen. Etwas weiter vom Flusse entfernt lagen die Hütten des gleichnamigen Dorfes; von dem dahinter aufsteigenden Hügelrücken aber grüßten die ernsten Türme von Burg Dorstadt herunter. »Da ist mein Ziel schon«, sagte Irmgarde, mit der Gerte hinauf deutend. Und an der Brücke angekommen, setzte sie hinzu: »Habt besten Dank für Euer Geleit, Knappe Doring. Drüben ist fürstlicher und Dorstadtscher Wald, da bin ich ganz sicher geborgen.« »Ihr werdet mir doch gestatten, Euch bis ans Burgthor zu begleiten?« »Warum wollt Ihr den großen Umweg machen? Schon müßt Ihr scharf zureiten, wollt Ihr rechtzeitig zur Stelle sein. »Das laßt meine Sorge sein. Eurem Vater versprach ich, Euch nach Dorstadt zu bringen. Dorstadt liegt dort oben und nicht hier unten.« Rolef lachte zwar bei den Worten, aber es klang dennoch eine ruhige Bestimmtheit heraus. Irmgarde mochte das fühlen. »Wie Ihr wollt«, sagte sie kurz, indem sie den Zelter auf die Brücke lenkte. Ihre Lippen preßten sich trotzig zusammen. Der Weg, welcher von dieser, der Flußseite, zu der von der Burg gekrönten niedrigen Anhöhe hinauf führte, war breiter, als derjenige, auf welchem Rolef und Heinz Kyphod in jener Winternacht hinauf gebracht waren. Sie konnten daher bequem neben einander reiten und indem der Knappe sein Pferd an Irmgardes Seite trieb, fragte er: »Wollt Ihr lange droben bleiben?« »Ich weiß es noch nicht.« »Morgen beginnen Fürstliche Gnaden hier zu jagen. Dann sehe ich Euch vielleicht oben.« »Ich melde mich selbst an, kann daher nicht vorher wissen, ob ich gelegen komme und mein längeres Verweilen erwünscht ist.« »Hat Euch Euer Vater von der Nacht erzählt, welche er mit mir einmal droben verbracht hat?« »Nein.« Das Nein klang sehr kurz und verriet durchaus keine Neugierde nach dem Abenteuer jener Nacht. Aber Rolef ließ sich nicht irre machen; er begann trotzdem davon zu erzählen und wußte seinem Bericht eine so heitere Färbung zu geben, daß Irmgardes roter Mund nicht umhin konnte, dann und wann zu lächeln. Das aber machte dies Lächeln erst recht reizend, daß es wider Willen der Jungfrau sich um ihre Lippen legte. Jetzt waren sie vor dem ersten Graben angelangt, hinter dem sich der Wartturm erhob. Man mußte sie wohl von der Burg aus bemerkt haben, denn ohne daß Rolef ein Zeichen gegeben hätte, kam die Zugbrücke herab und legte sich über die gähnende Kluft. Irmgarde wandte sich zu Rolef: »Nun habt nochmals Dank für Eure Begleitung«, sagte sie und Stimme wie Miene hatten ganz den gewohnten freundlichen Ausdruck. »Wir sehen uns wohl bald wieder, entweder hier oder in Wolfenbüttel. Lebt wohl!« Sie reichte ihm die Rechte; der Knappe wollte sie an seine Lippen führen, aber ehe er es vermochte, war ihm die kleine Hand entschlüpft. Dröhnend hallten die Hufe des Zelters auf der Zugbrücke, dann hob sich dieselbe hinter der Reiterin und das schöne Bild war Rolefs Blicken entschwunden. Sinnend sah er kurze Zeit vor sich nieder, dann drückte er dem Dunkelfuchs die Sporen in die Weichen, daß er weit ausgreifend über die Waldwiese dahin flog. Länger streckten sich die Schatten, in welchen die Frühlingssonne das Geäst der Bäume auf den Moosteppich des Waldes zeichnete, dann färbte sich rosig der sonnige Schimmer, welcher so warm die Stämme überglänzte, glitt ganz langsam an denselben empor, lag noch kurze Zeit auf den Spitzen des Gezweiges – und dann waren dieselben grau, während das Firmament noch voll leuchtenden Glanzes war, in dem wie hingehaucht goldige Flocken schwammen. Blässer ward deren Schein und tiefer das Blau der Himmelswölbung. Aus dem Gold ward Rosa und ehe noch aus dem Rosa Weiß geworden, hatten sich die Wölkchen in sich selbst verzehrt. Der Abendstern blitzte auf und bald folgten seinem Beispiel andere Genossen. Ein rauher Wind strich durch den Wald und erinnerte die Menschen nach dem warmen, sonnigen Tage daran, wie früh es noch in der Jahreszeit sei. Aus der Abenddämmerung ward Nacht, stille, tiefdunkle Nacht. Gedeckt von ihrem Schatten löste sich Rolef vom Saume des Waldes los, in welchem er den Einbruch der Dunkelheit abgewartet hatte. Er umritt, wie in der Nacht seiner Flucht, die Landwehr und war nun auf dem Boden der Braunschweiger Feldmark, auf heimischem Boden. Nur heimlich, als ein Verbannter, durfte er ihn wieder betreten und dennoch durchströmte das Heimatsgefühl warm seine Brust. Aber noch mehr erwartete ihn, die Sehnsucht zog ihn vorwärts, ungeduldig trieb er sein Pferd durch den weichen Ackerboden, denn schon hatte er die Straße verlassen und sah, quer über das Feld reitend, den bewußten Baum vor sich. Jetzt erkannte er auch neben dem Baumstamm etwas anderes, eine menschliche Gestalt, da hielt es ihn nicht länger, er drückte dem Dunkelfuchs die Sporen in die Seiten, und wenn auch hie und da stolpernd über die losen Ackerschollen, brachte ihn das Tier doch glücklich ohne Sturz in kurzen, schnellen Sätzen an sein Ziel. Mit einem Sprung war Rolef aus dem Sattel. »Mein Vater!« rief er und hing an Kort Dorings Halse. »Nicht so stürmisch«, wehrte ihn der Bürgermeister ab, drückte ihn aber dabei fest an seine Brust. »Nicht so stürmisch und nicht so laut. Dein Waffenklirren könnte unbefugte Ohren herbeiziehen.« Dann zog er des Sohnes Arm durch den seinen und begann langsam mit ihm auf und ab zu gehen. In seinem ganzen Wesen lag weniger väterliche Strenge als früher – er gab sich fast wie ein älterer Bruder dem Sohne gegenüber. »Und nun zuerst Deinen Auftrag, mein Lieber«, sagte er. »Was schickt mir Heinz Kyphod durch Dich?« Rolef berichtete, wie ihm aufgetragen, von dem Einbruch, den der Erzbischof von Magdeburg ins braunschweigsche Gebiet beabsichtige. Der Bürgermeister solle sich daher den Rüstungen des Rates nicht langer widersetzen, da dieselben für Otto den Streitbaren, wie Rolef seinen Herzog jetzt auch nannte, keine Gefahr mehr hätten. Kort Doring nickte nur dazu, brummte auch wohl »Hm, hm«, murmelte auch allerlei vor sich hin, aber weniger als halblaut, so daß es Rolef unverständlich blieb. Dann sprach Rolef aber auch von dem, was ihm heute Morgen Herzog Friedrich anvertraut. Da lachte der Alte ingrimmig und meinte: »Nicht unmöglich, daß das Prinzlein recht hat; man nennt seinen Vormund nicht umsonst den ›Quaden‹ Aber wenn wir erst einmal so weit sind, wird sich auch zeigen, daß Kort Doring zwei helle Augen im Kopfe hat.« »Und Heinz Kyphod?« fragte Rolef. »Ich bin alt und grau geworden«, entgegnete sein Vater, »und habe keinen Mann kennen gelernt, der so klug und so welterfahren. Falsch hat ihn Herzog Friedrich genannt? Das ist er nicht, wenigstens nicht mehr, als es der Vorteil seines Herrn verlangt. List gilt auch im Kriege, aber freilich, was der Freund erlaubte List nennt, erscheint dem Feinde als tückischer Verrat. Herzog Friedrich mag sich nicht täuschen, wenn er in Kyphod seinen Feind ahnt, uns aber ist er ein treuer Freund, und kann er es als Diener seines Herrn nicht mehr sein, wird er uns ehrlich und offen den Streit ansagen.« Ob Kort Doring wohl ebenso zuversichtlich gesprochen hätte, wenn er gewußt, daß zu eben dieser Stunde Meister Holtnicker und Asche Kamla mit noch einigen anderen der Unzufriedenen unter den Gilden in Wolfenbüttel bei Heinz Kyphod saßen und mit demselben in eifrige Beratung vertieft waren? – Noch mancherlei ward zwischen Vater und Sohn gesprochen, endlich mahnte der Bürgermeister zur Rückkehr. Rolef saß schon im Sattel, da rang sich eine Frage von seinem Herzen los, die den ganzen Abend schwer darauf gelastet hatte. »Wie geht es Ilse vam Damme, Vater?« »Oho«, lachte der Alte, »die ist guter Dinge und des Junkers Vörsfelde glückselige Braut!« »Unmöglich!« Es war ein Aufschrei mehr als ein Wort, in dem Rolefs Qual sich Luft machte. »Armer Bursch«, sagte sein Vater, »hast Du ihr Bild so treu bewahrt? Nun erfährst Du selbst, wie die vam Dammes Treue lohnen. In Ilses Adern fließt das Blut ihres Vaters, der Dich foltern lassen wollte. Das hättest Du nicht vergessen sollen.« »Lebt wohl, Vater.« Rolefs Stimme klang trotz aller Anstrengung nicht fest bei den Worten. Der Alte schüttelte ihm kräftig die Rechte. »Reite nicht so toll darauf los, als wie Du angejagt kamst. Spar' den Trab für die Landstraße. Heinz Kyphod meinen Gruß! Du aber bewahr' mir den rotgelben Schild rein wie bisher. Dann werden auch die goldenen Sporen nicht ausbleiben. Auf Wiedersehen, mein Sohn.« Sie trennten sich. Langsam ritt Rolef über das Feld, dem Befehle des Vaters gehorchend. Aber auch auf der Landstraße wollte der Trab nicht glücken. Nicht bloß weil der Dunkelfuchs müde war! Schwerer als er an seinem Reiter trug dieser selbst an einer drückenden Last. Gebrochene Treue! Verratene Liebe! Elftes Kapitel Der Auszug aus dem Vaterhause und der Auszug nach dem Elmewalde Vor einem jener niederen Häuser, welche mit der Rückseite auf den sogenannten »Umflutgraben« zu Braunschweig hinaussahen und meistens von Gerbern bewohnt wurden, hatte sich an einem der nächsten Tage eine Menge Menschen versammelt. Den Mittelpunkt der Gruppe bildete ein großer, starkknochiger Mann in ärmlicher Kleidung, mit mächtigen Fäusten, welche von angestrengter Arbeit erzählten, und einem faltenreichen, verwitterten Gesicht, auf dessen Zügen wohl seit langer Zeit kein Lächeln mehr geglänzt haben mochte. Die Arme hatte er über einander geschlagen, den rechten Fuß vorgesetzt, so stand er, den Kopf ein wenig vornübergeneigt, da, seine Lippen waren fest zusammengepreßt und unter den ergrauenden, buschigen Augenbrauen glühten ein Paar fast fieberhaft funkelnde Augen unverwandt auf denselben Punkt. Dieser Punkt aber war die Hausthüre seines, des Meisters Holtnickers, Hauses, welche soeben von einigen Männern wohl verschlossen und verriegelt wurde. Und zum Überfluß hefteten die Männer dann noch mit einem schmalen Pergamentstreifen des Rates Insiegel, gar deutlich in rotem Wachs ausgedrückt, an diese Thür. Denn niemand anders waren die Männer, als der Ratsschreiber und die Stadtknechte, welche Tile vam Damme geschickt hatte, den Meister Holtnicker aus seinem Hause zu weisen und dieses selbst für Seine Gestrengen in Pfandbesitz zu nehmen, da es der Meister trotz öfterer Mahnung verabsäumt hatte, den um Lichtmeß fälligen Zins zu entrichten. Nun waren die Männer mit ihrem Werk fertig und der Ratsschreiber sprach im Vorbeigehen zu Holtnicker: »Vergeßt nicht, Meister, was ich Euch gesagt, Achtung vor des Rates Insiegel. Wer es löst, verfällt der Pön und wandert in den Turm.« Kein Wort kam über Holtnickers Lippen, sein Mund preßte sich noch fester zusammen, er nickte stumm, aber unwillkürlich ballten sich seine Fäuste. Auch aus der Menge ward keine Stimme laut, in ernstem Schweigen machten die Leute Platz, um den Ratsschreiber mit den Stadtknechten durchzulassen. Erst als dieselben fast die Ecke der Straße erreicht hatten, entstand eine Bewegung unter dem Haufen. Ein junger Mensch drängte sich hindurch, zwar nicht so verwettert war sein Gesicht, als das des alten Holtnickers, trotzdem war die Ähnlichkeit zwischen Vater und Sohn unverkennbar. Der schwang hoch in der Hand einen ledernen Beutel, aus dem es vielverheißend herausklang. »Halt, halt!« rief er mit weithin tönender Stimme, »hier ist Geld. Haltet ein, Schreiber, haltet ein! Ich will des Vaters Schuld bezahlen!« Mißmutig drehte sich der Schreiber um. »Warum kommt Ihr nicht früher?« fragte er brummend. »Stets hat man mit Euch Leuten doppelte Mühe.« Aber nichtsdestoweniger wandte er sich und schritt wiederum der versiegelten Hausthüre zu. Indessen hatte der junge Holtnicker, ohne des Schreibers Brummen zu beachten, seinen Beutel freudestrahlend in des Vaters Hände gelegt. Prüfend wog ihn dieser in der Hand und fragte, ohne daß sich eine Miene in dem faltenreichen Gesicht verzogen hätte: »Woher hast Du das Geld?« »Von Kort Doring, dem Bürgermeister.« Da war es, als ob der Beutel noch einmal so schwer in Meister Holtnickers Hand würde, er zog dieselbe förmlich herab. Der ihm Nächststehende aber, es war Asche Kamla, der Gerber, beugte sich zu ihm und flüsterte ihm ins Ohr: »Bedenkt, was Kyphod sagte, keinem der Burgensen sollten wir trauen, auch nicht dem Doring.« Und die Finger, welche den Beutel umschlossen hielten, lösten sich, daß derselbe klirrend zur Erde fiel. »Es ist ein Irrtum«, sprach Meister Holtnicker in seiner einfachen, bestimmten Weise, »macht Euch keine unnötige Mühe, Schreiber, und laßt das Siegel sitzen.« »Zum Teufel mit Euch!« schrie der Beamte, »wollt Ihr mich zum Narren haben?« Dabei stampfte er mit dem Fuße auf den Boden, aber das machte auf den Meister wenig Eindruck. »Es ist ein Irrtum«, wiederholte er ruhig, »es thut mir leid, daß man Euch nochmals bemüht hat.« Der Ratsschreiber hatte wohl noch viel auf der Zunge und auf dem Herzen, aber er hielt es für besser, mit einigen kräftigen Flüchen abzuziehen. War es doch in der letzten Zeit vorgekommen, daß bei derartigen Pfändungen das erbitterte Volk sich trotz der bewaffneten Stadtknechte an ihm thätlich vergriffen hatte, und dann hatte er nicht nur die Fäuste der Unzufriedenen zu fühlen bekommen, sondern hinterher auch noch die Vorwürfe Seiner Gestrengen hinnehmen müssen ob seiner Ungeschicklichkeit, die solche Vorgänge verschuldet. Nicht so leicht aber beruhigte sich der junge Holtnicker. »Vater!« rief er, »was thut Ihr? Wie mögt Ihr des Bürgermeisters Hand zurückstoßen, die einzige, welche uns vom Verderben retten will und kann!« »Von einem Bürgermeister zum anderen, von einem Blutsauger zum anderen«, zischte der Alte zwischen den Zähnen hervor. »Aber unser Erbe, unser väterliches Erbe!« klagte der Sohn. »Ich will es Dir über ein Kurzes zurückerstatten mit Zins und Zinseszinsen, des sei versichert. Das Geld aber nimm und trag es hin, woher Du es bekommen hast. Sag, Du seiest zu spät damit gekommen, sag, was Du willst, ich will kein Teil an dem Geld haben.« Und als der Sohn zögerte und noch weitere Einwendungen machen wollte, fragte der Meister, aber bei den Worten klang es durch seine gemessene Ruhe wie ferner Donner: »Hast Du verlernt, Deinem Vater zu gehorchen? Ohne Widerspruch thue, was ich Dir befohlen.« Wartete auch die Entgegnung des Sohnes nicht ab, sondern wandte sich kurz und schritt in Begleitung von Asche Kamla die Gasse hinunter. »Greisenhafter Eigensinn!« murmelte der Sohn, indem er sich bückte und den verschmähten Beutel aufhob. Als er sich aber zum Gehen anschickte und sein Blick die versiegelte Thüre des Vaterhauses traf, seufzte er tief auf und eine Thräne zerdrückte er im Auge.   Holtnicker und Asche Kamla schritten der Wohnung des letzteren zu, denn dieser hatte dem gepfändeten Gildegenossen bei sich Unterkunft gewährt. Dabei mußten sie den Altstadtmarkt kreuzen. Hier herrschte ein buntes Treiben. Ein starker Trupp gewappneter und reisiger Knechte, welcher sich noch mit jedem Augenblick durch Zuzug aus den Seitenstraßen vergrößerte, hielt an der einen Seite vor dem Schuhhof; in seiner Mitte wehte die Stadtfahne, in weißem Felde der rote Löwe, und vor ihm ritt musternd und ordnend der Stadthauptmann auf und nieder. Gegenüber aber, vor dem Hause mit den sieben Türmen, ging es nicht minder lebhaft zu. Da standen wohl an die sechzig geschirrter Streitrosse, teils schon von ihren Reitern bestiegen, teils noch von den Knechten am Zügel gehalten. Dazwischen drängten sich mit lautem Rufen Ritter und Knappen hin und her, prüften das Zaumzeug oder stülpten den von den Knechten bereit gehaltenen schweren Helm über den Kopf. Ritt auch mancher von ihnen zu dem Trupp auf der anderen Seite des Platzes herüber und dann gab es ein lautes Begrüßen und kräftiges Händeschütteln. Auch zu den Fenstern der stattlichen Giebelhäuser, aus denen manch schöner Frauenkopf neugierig herabschaute, flogen fröhliche Zurufe empor und wurden leutselig erwidert. Die freien Seiten des Marktes aber waren dicht besetzt von einer auf und ab wogenden Menge gaffenden Volkes. Es war unmöglich, den Platz jetzt zu überschreiten, so machten auch Holtnicker und Asche Kamla Halt und mischten sich unter die Zuschauer. »Also allein wollen die Burgensen jetzt losziehen«, meinte der letztere. »Sie sind froh«, erwiderte Holtnicker, »wenn sie die Gilden nicht aufzubieten brauchen. Gegen wen sich deren Waffen zuletzt kehren würden, davon mögen selbst die Burgensen in ihrem Hochmut eine dunkle Ahnung haben.« »Ist es wahr«, fragte ein hinzutretender Meister, dessen rußiges Äußere den Schmied verkündete, »ist es wahr, daß die Magdeburgischen ins städtische Gebiet brennend und raubend eingefallen sind und daß die Burgensen sie jetzt daraus vertreiben wollen?« »Ob's wahr ist, Meister Eckermann? Was geht's uns an?« meinte Asche Kamla höhnisch. »Sie brauchen uns ja nicht zur Abwehr. Und wenn sie uns auch brauchten, sagten sie uns doch nicht die Wahrheit.« »Ich kann sie Euch sagen«, mischte sich Holtnicker in seiner ruhigen Weise ein. »Kennt Ihr die van Wendens? Nun wohl, zwei von ihnen sitzen auf dem Pfandschloß Jerxheim, zwei raublustige Gesellen, welche dem Stiftsgebiet viel Schaden zugefügt. Hat sich drob der Erzbischof bei unserem Rat beschwert, aber der würdigte ihn keiner Antwort, gehörten doch die van Wendens zu den Burgensen. Darum hat jetzt der Prälat zur Selbsthilfe greifen müssen; der Wendens Vettern im Rat aber schreien Zeter darob, und der Rat, welcher taube Ohren hat, wenn wir Gildegenossen draußen nackt ausgeplündert werden, beschließt, so ein paar Schnapphähne mit Heeresmacht vor der gerechten Strafe zu bewahren, weil sie zu den Seinen gehören. – So wird zu Braunschweig der Stadt Regiment geführt.« – »Darum lassen sie uns Gilden zu Hause«, meinte der Schmied. »Natürlich, zu so einer ritterlichen Fehde taugen wir nicht«, spottete Asche Kamla. »Aber das Geld dazu müssen wir doch hergeben.« »Und wenn's an unser letztes geht«, seufzte Holtnicker. Der Schmied drückte ihm die Hand. »Hab's gehört, Meister. Ja, ja, es sind harte Zeiten!« Alle Augen wandten sich jetzt dem Hause mit den sieben Türmen zu, aus dessen reich geschmücktem Portal soeben Herzog Ernst heraustrat. Er war zwar kein Gast mehr Seiner Gestrengen, seit Anfang des Jahres hauste er in der alten Burg Heinrichs des Löwen; aber er hatte es nicht versäumen wollen, sich selbst von Frau Margareta zu verabschieden, ehe er zur Fehde auszog, und daher auch den Platz vor dem vam Dammeschen Hause zum Sammelpunkt für seine Mannen bestimmt. Frau Margareta aber hatte ihm den Abschiedstrunk kredenzt, wie Ilse ihrem Verlobten, dem Junker Vörsfelde. Der hatte sich den Trunk versüßen wollen durch einen Kuß von Ilses Lippen und die Jungfrau mochte es ihm nicht wehren, es war ja sein Recht. Aber eiseskalt hatte der Junker die Lippen seiner schönen Braut gefunden, so daß er auf der Treppe murmelte: »Das muß noch anders werden, höllisches Elend! Und es soll anders werden, ist sie nur erst mein Weib.« Rasch war der Herzog im Sattel und sprengte zu dem Trupp vor dem Schuhhof hinüber. Die Stadtjunker empfingen ihn mit lautem Jubel und schwenkten hoch die blanken Schwerter. Herzog Ernst drückte dem Stadthauptmann die Hand und redete eifrig mit ihm. Diderick van Walmede aber ordnete indessen die herzoglichen Mannen. Und nun schmetterten die Trompeten und der Zug setzte sich in Bewegung, Voran der Herzog mit den Seinen, sodann die unter der Stadt Fahne ritten. Tile vam Damme stand unter der Hausthüre und winkte ihnen nach und grüßte mit der Hand, bis die letzten den Markt verlassen hatten. Auch aus den Fenstern wurde den Fortziehenden noch mancher Abschiedsgruß zu teil, so weit sie durch die Straßen ritten, wo ein Patrizierhaus stand. Aber das Volk blieb teilnahmlos. Was kümmerte es sich um diesen Streit seiner Herren? Als der Zug außerhalb des Stadtthores war und die Straße nach Magdeburg entlang ritt, lief ihnen ein Hase über den Weg. »O weh«, dachte der alte Diderick van Walmede, »das ist ein böses Vorzeichen!« Aber er hütete sich, die Worte über seine Lippen kommen zu lassen. Zwölftes Kapitel Jagdgeschichten Mit offenen Armen war Irmgarde Kyphod auf Burg Dorstadt aufgenommen worden. Ihre Freundin Maria v. Dorstadt hing an ihr mit fast leidenschaftlicher Zärtlichkeit, und auch deren Mutter, die Edelfrau, hielt große Stücke von der schönen, klugen und freundlichen Tochter des Amtmannes, von der sie wohl zu sagen pflegte, sie verbinde mit der holdseligsten Jugendfrische die bedächtige Sorgsamkeit des Alters. Keine angenehmere Unterbrechung des langweiligen Landlebens, gegen dessen Eintönigkeit die Monotonie des heutigen noch unterhaltend genannt werden müßte, konnten sich daher Mutter und Tochter denken, als dieser überraschende Besuch Irmgardes. Von einem kurzen Besuch durfte gar keine Rede sein, so bald lasse man den lieben Gast nicht wieder fort, hieß es; das kleine Gemach, welches Maria bewohnte, mußte groß genug sein, auch noch Irmgarde aufzunehmen. Und als diese vorschützte, nicht auf einen längeren Besuch eingerichtet zu sein, sprengte der Burgherr selbst einen Reitenden nach Wolfenbüttel, um das Erforderliche nachzuholen. Am nächsten Tage kam auch der Quade nach seinem Jagdhaus Heiningen. Er brachte nur ein kleines Gefolge mit, unter den wenigen war aber Herzog Friedrich. Kein geringerer Grund hatte den Quaden zu diesem Jagdausfluge bestimmt, als die Botschaft seines Heininger Försters, im dortigen Forst sei ein Bär »bestätigt«. Das war eine doppelt willkommene Kunde zu einer Jahreszeit, wo die Schongesetze die Pürsch auf Edel- und Schwarzwild verboten und neben Fuchshetzen und Reiherbeizen nur Raubwild dem eifrigen Weidmann zur Befriedigung seiner Leidenschaft dienen konnte. Doch wurde die Erwartung der Jäger, wenigstens zunächst, getäuscht. Der Bär, durch die warmen Frühlingstage aus seinem Winterschlafe geweckt, hatte schon wieder nach einem anderen Revier gewechselt, aber man mochte der guten Äsung wegen auf seine baldige Rückkehr hoffen. Um dann unverzüglich zur Stelle zu sein, beschloß der Fürst einstweilen in Heiningen zu bleiben. Am Abend des ersten Tages aber ritt er zu seinem Freunde und Genossen im Sternbunde, dem Edlen v. Dorstadt, hinauf. Da klangen laut im Palas die schweren Humpen, während darüber in der Kemnate Herzog Friedrich bei den Frauen saß und sein Herz an Irmgardes schwarzen Augen erquickte, welche ihn so ermunternd anstrahlten, und an dem holden Lächeln, das ihren roten Mund bei seinen Schmeichelworten umspielte. Indessen war Rolef Doring nach Wolfenbüttel zurückgekehrt, nicht so leichten Herzens, wie er ausgeritten. Am Morgen nach seiner Rückkehr suchte er den Amtmann auf und stattete ihm Bericht über die Ausführung seines Auftrages ab. Der empfing ihn mit gewohnter Freundlichkeit. »Es ist still hier«, meinte er, »der Herzog jagt in Heiningen. Ihr solltet ihm nach.« »Ich bin nicht aufgefordert, mit zu jagen«, erwiderte Rolef bescheiden. »Das ist wahr, aber – wißt Ihr was – ich gebe Euch morgen eine Botschaft an Fürstliche Gnaden. Seid Ihr einmal dort, wird Euch der Herzog schon da behalten; er schätzt Euch als tüchtigen Jäger.« Es geschah so, wie der Amtmann vorgeschlagen und in der That lud Herzog Otto Rolef ein, die Jagd auf Meister Petz mitzumachen. Indessen vergingen noch einige Tage, bis es diesem Biedermann gefiel, sich wieder einzustellen. Doch gab es bis dahin Unterhaltung genug für die Ritter! Fuchshetzen und Reiherbeizen füllten den Tag aus und abends wurde gebechert und gewürfelt, entweder in der großen Trinkstube des Jagdhauses oder oben im Palas der Burg Dorstadt. An den Reiherbeizen nahm auch das Edelfräulein v. Dorstadt mit ihrer Freundin Irmgarde gern teil. Dann waren sie meistens die ersten mit den beiden Fürsten, Respekt und Galanterie ließen die Ritter des Gefolges sich zurückhalten. Herzog Friedrich wich kaum von Irmgardes Seite und doch geschah es ihm manchmal in der Hitze der Jagd, daß er von ihr abkam. Suchte er nach ihr, fand er sie meistens weiter rückwärts, inmitten des Gefolges. »Sie sei keine schneidige Reiterin«, scherzte Irmgarde dann, »um mit den hohen Herren gleichen Schritt halten zu können.« Seltsamer Weise bemerkte der junge Herzog aber fast immer in größerer oder geringerer Nähe der Jungfrau den Knappen Doring; ja, mehr als einmal überraschte er sie im eifrigsten Gespräch. Dann zogen sich seine Augenbrauen finster zusammen und es dauerte geraume Zeit, bis Irmgardes munteres Lachen ihn wieder in gute Laune versetzte. Und nicht nur dann mußte er in ihrer Nähe Rolef begegnen. Auch wenn im Palas der Burg die Becher lustig zusammen klangen und Herzog Friedrich sich fortstahl, um zur Kemnate hinauf zu steigen, stieß er dort auf den Knappen. Zuerst war ihm das nicht so unrecht gewesen. Er fand, daß er viel ungestörter mit Irmgarde plaudern konnte, wenn Rolef indessen Mutter und Tochter Dorstadt unterhielt. Aber schon das nächste Mal bemerkte er plötzlich sich selbst in der eifrigsten Unterhaltung mit Frau und Maria v. Dorstadt, während Irmgardes holde Augen den Knappen so vertraulich anlachten, daß es ihm fast das Herz abdrückte. O, diese Hexe! Und dennoch hing an dieser Hexe sein Herz mit aller Innigkeit, mit aller Leidenschaft einer ersten Liebe. So kam der Abend heran, an welchem endlich Herzog Otto die ersehnte Meldung von der Rückkehr des Bären erhielt. Sofort erging der Befehl, alles zur Jagd auf den nächsten Morgen vorzubereiten. Schon vorher hatte man die Richtung bestimmt, in welcher der Bär gejagt werden sollte, hatte der Fürst einen freien Platz ausgewählt, wo er das Tier mit den ausgesuchten Hunden seiner Leibhatz erwarten und, wenn diese Meister Petz niedergezogen, ihn »stechen«, das heißt mit dem Eberspieß fällen wollte. Nun wurden noch in der Dämmerung des Abends die Garne gerichtet, welche um den Platz des Herzogs das Entkommen des Tieres zu verhindern hatten, eine Vorkehrung, die ebenso viel Umsicht als Erfahrung erforderte. Auch wurden an beiden Seiten entlang des Weges, welchen man den Bär zu treiben beabsichtigte, geeignete Stellen, entsprechend den bekannten Wechseln des Wildes, bestimmt, an welchen, durch Gebüsch verdeckt, je ein Trupp Jäger mit den erforderlichen Hatzhunden aufgestellt werden sollte, um das Ausbrechen des Wildes zu verhüten. Schon früh am nächsten. Morgen war alles auf seinem Posten. Der Heininger Förster sprengte mit seinen Knechten den Bären auf. Die Jagdhunde, denen zum Stellen und Niederziehen schwere Hatzhunde beigegeben waren, wurden auf die Fährte gesetzt und mit lautem Gekläff trieb die Meute den verdrossen vorwärts trollenden Gesellen zu immer schnellerem Lauf. Gleichzeitig begann die Treibwehr langsam vorzurücken. Aber Meister Petz hatte keine Lust, das Schauspiel nach dem von den Jägern entworfenen Plane durchzuführen. Er versuchte auszubrechen, und als ihn die dort aufgestellte Hatz daran hindern wollte, nahm er die Hunde an und begrüßte die auf ihn einstürmenden mit wuchtigen Schlägen seiner gewaltigen Tatzen, Unter solchen Umständen blieb nichts übrig, als den Herzog herbei zu holen, damit derselbe an Ort und Stelle das Werk vollende. Schnell war der Fürst zur Stelle und wütend stürzten sich die Hunde seiner Leibhatz, voran die prächtigen schwarzen Doggen mit dem weißen Stern, auf den zottigen Petz, Aber dieser, ein kräftiges Tier, erwehrte sich auch der neuen Angreifer, ein Tatzenschlag traf die eine Dogge in die Weichen und riß ihr den Bauch auf, daß das Tier heulend zu seinem Herrn zurückkroch, um zu dessen Füßen zu verenden. Da ergrimmte der Quade. Den Eberspieß in der nervigen Faust schritt er auf den Bären zu, welcher, den würdigeren Feind gewahrend, die Hunde abschüttelte, sich auf die Hinterbeine stellte und mit zornigem Gebrumm dem Fürsten entgegen lief. Aber die Meute ließ nicht ab von ihm, die großen Hatzrüden sprangen hoch an ihm hinauf, verbissen sich in sein zottiges Fell und zogen ihn von neuem nieder. Da versetzte ihm der Quade mit dem Spieß den Todesstoß. Indessen hatte sich eine andere Scene auf dem ursprünglichen Standpunkte des Fürsten abgespielt, wo auch Herzog Friedrich seinen Platz angewiesen erhalten hatte. Durch das Hetzen des zottelpelzigen braunen Fremdlings war auch das andere Wild im Forst rege gemacht, hauptsächlich die Sauen, an denen das Revier reich war. Aber ungestört ließen die Jäger die Tiere, als zur Zeit nicht jagdbar, sich wieder in der Dickung verbergen. Nur Herzog Friedrich, hingerissen von der Jagdlust und dem jugendlichen Eifer, sich hervorzuthun, konnte der Versuchung nicht widerstehen, ein dicht neben ihm durch das Gestrüpp brechendes »hauendes Schwein« anlaufen zu lassen. Er stellte sich ihm mit dem Eberspieß entgegen, aber ohne genügende Erfahrung in der Führung der Waffe verfehlte er die richtige Stelle und verwundete das Tier nur leicht am Kopfe. Dadurch zur äußersten Wut gereizt, griff jetzt der Eber den Prinzen an, der in der Verwirrung nicht einmal Zeit fand, das Schwert zu ziehen, der Spieß war ihm schon beim ersten Anprall durch die Wucht des anstürmenden Tieres aus der Hand geglitten. Glücklicher Weise bemerkte Rolef seine Notlage und stürzte sich zwischen ihn und das wütende Tier. Was dem Prinzen mißlungen, glückte ihm, das Schwein jagdgerecht anlaufen zu lassen. Aber Dank erntete er nicht dafür. »Zum Teufel!« rief der junge Herzog, welcher endlich sein Schwert aus der Scheide bekommen hatte und mit der blanken Klinge in der Luft herumfuchtelte, »was fällt Euch ein, Knappe Doring? Wie könnt Ihr es wagen, Euch hier einzumischen!« Erstaunt sah Rolef auf, dann trat er bescheiden zurück. »Entschuldigt, Fürstliche Gnaden«, sagte er, »ich fürchtete –« »Was fürchtetet Ihr?« unterbrach ihn der Herzog heftig. »Fürchtetet Ihr, ich könnte mit dem Schweine nicht allein fertig werden? Höchst unnütze Furcht! Ja, naseweise Besorgnis! Bleibt mir ein anderesmal mit Eurer ungebetenen Einmischung vom Halse!« Die laute Stimme des jungen Fürsten, welcher in seinem Zorn immer gellender sprach, lockte die anderen Jäger herbei. Unter ihnen trat auch der Quade heran. »Wer hat das Schwein gestochen?« fragte er mit gerunzelter Stirne. »Ich, Fürstliche Gnaden«, sagte Rolef vortretend. »Wißt ihr Stadtjunker so wenig, was Brauch auf der Jagd?« schalt der Herzog. »Besser als gewisse Fürsten«, brummte der Edle v. Dorstadt halblaut, welcher den Vorgang mit angesehen hatte. Herzog Friedrich wurde dunkelrot, der Quade aber sah erstaunt auf seinen Freund. »Was soll die dunkle Rede?« rief er, heftig mit dem Fuß aufstampfend. »Höllisches Elend! Heraus mit der Sprache!« Da trat Herzog Friedrich vor. »Ich ließ das Schwein zuerst anlaufen«, sagte er. »Das mißlang aber«, vollendete der Edle v. Dorstadt, sich den Bart streichend, »und das gereizte Tier würde den Herzog häßlich zugerichtet haben, hätte sich nicht der Knappe Doring dazwischen geworfen.« Ein kaum unterdrücktes Lachen ging durch die Reihen der Jäger. »Ei, ei, Vetter«, knurrte der Quade und er konnte nicht verhindern, daß auch um seinen Mund ein verstecktes Lachen spielte, »ei, ei, Vetter, seid Ihr so erpicht auf Jagdruhm, daß Ihr mir zur Schonzeit meine Sauen totstechen wollt?« »Es sind meine Sauen«, brauste der Herzog auf. »Ich bin der Landesherr!« Da funkelte es wie Wetterleuchten in den Augen des Quaden. Er drehte sich kurz um und über die Schulter sagte er zu seinem jugendlichen Vetter: »Wer Land und Leute regieren will, mag zuerst einmal lernen, einen Jagdspieß regieren.« – Doppelt fröhlich war heute die Tischgesellschaft auf Burg Dorstadt, wo der Quade zum Abschiede tafelte, denn morgen wollte er mit seinen Rittern nach Wolfenbüttel zurückkehren. Die gelungene Jagd hatte alle in die beste Laune versetzt, nur Herzog Friedrich konnte seines Mißmutes nicht Herr werden, trotzdem er neben Irmgarde saß, welche ihr munterstes Lachen an ihn verschwendete. Erst als sie, des vergeblichen Mühens überdrüssig, sich von ihm abwandte, wurde er gesprächiger, und nun war es wieder Irmgarde, die ihm kurze Antworten gab und ihre Blicke oft nach dem unteren Ende der Tafel wandern ließ, wo Rolef seinen Platz hatte. Als aber die Humpen immer häufiger geleert und die Reden der Ritter immer lauter wurden, erhob sich Frau v. Dorstadt und zog sich mit Maria und Irmgarde zurück. Bald nach ihnen verschwand auch Herzog Friedrich. Da tönte plötzlich lauter Hörnerklang vor der Burg und bald darauf hörte man auf der zum Palas führenden Treppe die hastigen und schweren Schritte eines Gewappneten. Die Thüre ward aufgerissen und in ihrer Öffnung der Ritter Pusteke sichtbar. Er schritt hastig auf Herzog Otto zu, beugte leicht das Knie vor ihm und sagte: »Ich bringe das Neueste aus Magdeburg, Fürstliche Gnaden!« »Heraus damit, was giebt's?« »Die Stiftischen haben einen großen Sieg am Elmewald erfochten. Busse Dus hat die Braunschweiger Stadtjunker heillos geklopft.« »Mög es ihm Gott vergelten! Weißt Du Genaueres?« »Die Braunschweiger hatten sich geteilt. Herzog Ernst mit seinen Mannen und einem Teil der Städtischen erwartete die Magdeburger auf offenem Felde, der Rest der Städtischen war in den Hinterhalt gelegt und sollte erst hervorbrechen, wenn der erste Haufe den weichenden Feind an ihnen vorbei triebe. Busse Dus dachte aber nicht daran, zu weichen, sondern haute im Gegenteil den Herzog mit seinen Mannen, daß die Funken davon stoben. Endlich wurde denen im Hinterhalte die Zeit lang. Sie kamen heran. Aber nachdem Busse Dus mit dem ersten Teile fertig geworden, warf er sich jetzt auf sie und prügelte sie auch noch. Über hundert Gefangene sind nach Magdeburg gebracht, unter ihnen auch der Herzog. Der Rest wird in Jerxheim eng umschlossen gehalten.« »Mein armer Vetter Ernst«, höhnte der Quade. »Aber warum haben sich Seine Liebden mit den Stadtjunkern eingelassen!« Keiner war an der Tafel, welcher nicht über die Niederlage der Braunschweiger in hellen Jubel ausgebrochen wäre. Rolef hatte sich still hinaus geschlichen. Wohl hatten ihm die, welche da geschlagen waren, übel mitgespielt und ihrem aufgeblasenen Hochmut gönnte er den blutigen Lohn. Aber es waren doch seine Mitbürger und die Fahne, welche dort in den Staub gesunken, der stolze, rote Löwe in weißem Felde, das Zeichen der geliebten Vaterstadt. Darüber war der Schmerz mächtiger in ihm, als die Freude über die Niederlage seiner persönlichen Feinde. Bis spät in die Nacht hinein dauerte im Palas der Lärm des Zechgelages. Schon lange vorher hatten sich die Frauen zur Ruhe begeben. Auch Maria und Irmgarde, wenigstens die erstere. Irmgarde war leise wieder aufgestanden, nachdem die Freundin eingeschlafen, hatte das kleine Fenster geöffnet und schaute in die Mondnacht hinaus. Das that sie an manchem Abend, es ließ sich dann so gut, so ungestört träumen. Da klang eine Stimme zu ihr hinauf, die sang: »Wenn nächt'ge Schatten dunkeln, Wenn Mißmut mich umzieht, Vor Deiner Augen Funkeln Er schnell von dannen flieht!« Hastig schloß Irmgarde das Fenster. Es war Herzog Friedrichs Stimme; die mochte sie nicht hören, wenn sie » träumte .« Dreizehntes Kapitel Grollende Donner Es ist nicht weit von Braunschweig zum Elmer Walde und dennoch ging eine Zeit darüber hin, bis man in der Stadt Gewißheit darüber hatte, wie dort das Kriegsglück entschieden. Unbestimmte Gerüchte freilich kamen genug, aber sie lauteten widersprechend und man glaubte weit lieber denen, welche einen Sieg der Braunschweiger meldeten, als solchen, die von einer Niederlage der Städtischen sprachen. Aber mit so ungläubigem Kopfschütteln man es auch aufnahm, dennoch trat von Tag zu Tag das Gerücht von einem vollständigen Sieg der Stiftischen am Elmer Walde bestimmter auf. Die Bauern brachten es mit ihren Früchten zu Markt und die Kaufleute führten es mit ihren Waren zum Thore hinein. Länger und länger wurden die Gesichter der Burgensen und an den Gildetafeln fiel manch höhnisches Wort. Den übermütigen Stadtjunkern wurden die Schläge dort mehr gegönnt, als wie den Feinden Braunschweigs, den Stiftischen. Und endlich kam auch die förmliche Bestätigung. An einem Dienstag war es, in der Woche vor Palmarum, da erschienen zwei Boten bei Seiner Gestrengen, dem ersten Bürgermeister der Altstadt. Der eine kam zu Fuß, schlich sich unbemerkt zum Stadtthore hinein und zu dem Hause mit den sieben Türmen. Verlangte auch vam Damme heimlich zu sprechen und wollte doch nicht sagen, von wem er käme. Erst als er Seiner Gestrengen gegenüberstand, gab er sich als ein Bote des in Jerxheim eingeschlossenen Bannerträgers van Walmede zu erkennen, dem es endlich geglückt war, der Stiftischen Wachen zu umschleichen. Und da die Botschaft, welche er brachte, böse genug war, hatte ihm Walmede befohlen, nur unter vier Augen sie dem Bürgermeister mitzuteilen. Aber die Vorsicht half nicht viel. Denn kaum hatte er seinen geheimen Bericht beendet, da kam der zweite Bote. Der schlich sich nicht vorsichtig zum Thore hinein, sondern meldete sich mit klingenden Trompeten an. War auch niemand anders, als ein Herold des magdeburgischen Erzbischofs. Der überbrachte einen Bericht, welchen der gefangene Herzog Ernst über die Schlappe, so er erlitten, hatte in Magdeburg aufsetzen lassen und zur Beglaubigung sein herzoglich Insiegel daran gehängt. Ferner meldete er darin, wer auf der Wahlstatt geblieben, wer verwundet und wer in Feindes Hand gefallen sei. Auch wie viel Lösegeld der Erzbischof für die Stadtjunker verlange und wie viel für den Fürsten selbst und seine Mannen. Dies letztere sei aber die Stadt auch zu zahlen verpflichtet, da Herzog Ernst nur für ihren Vorteil zur Fehde ausgeritten sei. Keine geringe Summe aber war es, welche da zusammen kam, runde viertausend Mark Silbers. Eine feine Mark = 16 Lot Silber fein = 14 Thaler Preußisch Cour. Nach dem jetzigen Wert des Geldes kann man aber annehmen, daß eine Mark damals vier- bis fünfmal so viel wert war als heute. Die obige Summe würde daher dem Wert von 250+000 Thalern entsprechen, oder in Reichsmünze 750+000 Mark. Waren doch allein an die sechzig fürstliche Mannen gefangen worden, die sollten nun alle mit städtischem Gelde ausgelöst werden. Vam Dammes Eigenschaft war es sonst nicht, die Sachen schwer zu nehmen. Dazu hatte er zu viel Glück in seinem Leben gehabt. Selbst wenn sein Himmel düster umzogen gewesen, hatten doch immer wieder die Strahlen der Glückssonne siegreich die drohenden Wolken durchbrochen. Auch hatte er – und nicht mit Unrecht – eine große Meinung von seiner Geschicklichkeit, sein Schifflein selbst bei stürmischer See und zwischen gefährlichen Klippen hindurch zu steuern. Doch diesmal verlor er Zuversicht und Selbstvertrauen. So schlimm hatte er sich den Stand der Dinge nicht vorgestellt, wenn er auch langst vermutet, daß ein Unglück geschehen sei. Der kleine fette Mann fiel wie vom Schlage getroffen in einen Sessel, er rang nach Atem, seine Augen quollen aus den Höhlen, kalter Schweiß feuchtete seine Haut und angstvoll griffen seine Hände an den Stuhllehnen auf und nieder. Doch der Anfall ging vorüber und Seine Gestrengen fanden in so weit ihre Fassung wieder, um sich ruhiger Überlegung widmen zu können. Das Resultat dieser Überlegung war ein Entschluß, der des Bürgermeisters sonstigem Wesen nicht entsprach, nämlich den Stier bei den Hörnern zu fassen. Morgen war Mittwoch, der Tag, an welchem der Rat der fünf Weichbilde zur gemeinsamen Umsprache zusammentrat, und bei dieser Gelegenheit wollte vam Damme den Ratsgenossen das Unglück mitteilen und eine Besprechung dessen einleiten, was jetzt zu thun sei. Denn nachdem einmal die ganze Stadt wußte, daß vom Erzbischof von Magdeburg ein Herold eingetroffen sei, mußte es auch bald bekannt werden, welche Nachricht er gebracht, da blieb keine Zeit, erst den einen oder den andern bei Seite zu nehmen, wie der Bürgermeister es sonst liebte, und durch vertrauliches Flüstern den Ansichten der Wohlweisen diejenige Richtung zu geben, welche in der Umsprache den Absichten Seiner Gestrengen am genehmsten war. Brachte er nicht selbst die Sache morgen zur Sprache, so würde es von Seiten der Gegner geschehen, dies aber dünkte ihm mit Recht als das Schlimmste. Nachdem er seinen Entschluß gefaßt, ging er zu Frau Margarete und Ilse hinüber. Hatte er ihnen doch nicht nur das Unglück mitzuteilen, so gemeines Wesen betroffen, sondern auch ein solches, welches sie im besondern heimgesucht. Junker Vörsfelde war schwer verwundet in Feindeshand gefallen. Mit dem Pferde gestürzt, hatte er sich nicht schnell genug wieder aufraffen können, zweimal war die Flut des Angriffs und der Flucht über ihn weggegangen und bös hatten ihn die Hufe der schweren Rosse zugerichtet. Nun lag er in Magdeburg, so berichtete Herzog Ernst, aber wenig Hoffnung sei, ihn am Leben zu erhalten. Wie Ilse das aufnahm? Tile vam Damme achtete wenig darauf. Er erzählte es in einer Art und Weise, als ob nicht sein zukünftiger Schwiegersohn, sondern irgend ein entfernter Bekannter des Hauses schwer krank darnieder läge. Viel zu sehr war sein Geist von anderem in Anspruch genommen. Auch ging er bald wieder. Es lag ihm noch viel heute Abend zu thun ob. »Ich fürchte, wir gehen einer schweren Zeit entgegen«, sagte Frau Margarete ahnungsvoll, als sie mit Ilse allein war. »Schwer?« wiederholte diese erstaunt. »Der Vater sah sorgenvoll aus.« »Um Vetter Vörsfelde schien er sich nicht viel Sorge zu machen.« »Und Du?« »Ich denke, daß seinem Übermut dies Wundlager ein heilsamer Dämpfer sein wird. Vielleicht hilft es ihm auch erkennen, wie wenig wohlgethan es ist, einer Jungfrau Hand anzunehmen, welche sich nur gezwungen in die seinige legt.« Frau Margarete schüttelte das Haupt, und ihr Antlitz, welches trüb genug ausgeschaut in der letzten Zeit, nahm einen noch sorgenvolleren Ausdruck an. Ein scharfer, eisig kalter Wind wehte am Abend des Karfreitags durch Braunschweigs Straßen, ein Abschiedsgruß des scheidenden Winters. Vor der Zeit ließen schwarzgraue Wolken die Nacht hereinbrechen, klatschend und sprühend schlugen die großen Regentropfen, untermischt mit vereinzelten Schneeflocken, gegen die erbebenden Fenster. Kreischend flogen die Wetterfahnen und knarrend die Hausschilde hin und her. Auf den hohen Giebeldächern wankten die Schornsteine und nicht alle vermochten der tobenden Windsbraut zu widerstehen, welche manchen gebrechlichen umwarf und die Steine mit losgelösten Schindeln auf die Straße niederschmetterte. Heulend suchte der Wind, in einem Hofe oder einer Mauerecke gefangen, seinen Ausweg, zu den weitgeöffneten Thüren der Kirchen stürmte er hinein, stieg zu den dunkeln Wölbungen empor, ließ die mattbrennenden Kerzen auf den florumhüllten Altären hin und her flackern und die wenigen Gläubigen, welche trotz des Unwetters die Abendmesse besucht, in der scharfen Zugluft fröstelnd zusammenschauern. Noch leerer als in den Kirchen war es auf den Straßen. Wie ausgestorben war die Stadt, nicht einmal ein freundliches Licht blinkte einladend durch die runden, bleigefaßten Scheiben; denn Vorsicht und Aberglauben gebot bei solchem Unwetter an dem Trauertage der Christenheit, mit Ausnahme der Kirchen, das Licht zu löschen. Düster gähnte die sich quer unter dem Wall durch erstreckende Thorwölbung von St. Ludgeri; mit gedehntem Geheul stießen sich die Windwellen durch die dunkle Halle und wirbelten am Ausgang hinaus aufs freie Feld, in tollem Tanze die kahlen Äste der Bäume schüttelnd und mit dem Schnee und dem Regen abgerissene Zweige jauchzend mit sich hinweg führend. Wahrlich man hätte glauben sollen, bei solchem Unwetter wäre der wilde Geselle, der Sturm, keinem lebenden Wesen begegnet. Hielt sich doch ein jedes Tier wohlgeborgen in seiner Höhle, in seinem Schlupfwinkel. Und die Menschen, saßen die nicht dicht zusammengedrängt um den Ofen, dessen dicke Kachelwände noch belebende Wärme ausstrahlten, wenn auch das Feuer im Innern ausgebrannt oder gelöscht war, und erzählten sich beim Klatschen des Regens und Heulen des Windes gruselnd von Hexen und Kobolden, oder verglichen das heutige Unwetter mit dem, von welchem bei der Todesstunde des Weltheilandes die Priester zu reden wußten? Gewiß, das hätte man denken sollen, und dennoch fand der Sturm auf seinem Wege zwei rüstig fortschreitende Männer, welche es wagten, sich seiner Wut auszusetzen. Und dieselben strebten nicht einmal den schützenden Mauern der Stadt zu, sondern entfernten sich mit jedem Schritt weiter von denselben. Sogar die Außenhäuser, jene gebrechlichen Hütten, welche außerhalb des Thores die Landstraße noch eine kurze Strecke besäumten, ließen sie hinter sich, und bald darauf bogen sie auch von dieser selbst ab und wandten sich rechts aufs freie Feld, wo sie nach etwa hundert Schritten vor einer erbärmlichen Lehmhütte Halt machten, deren halb verfaultes Strohdach nur wenige Fuß über dem Erdboden hervorragte. »Nun weißt Du, warum ich Dorings Geld nicht nehmen wollte«, sagte der ältere der beiden Männer, als sie vor der Lehmhütte ihre nächtliche Wanderung beendeten, zu seinem Gefährten, und trotz seiner bedächtigen Weise, zu sprechen, waren die Worte schwer zu verstehen. Denn kaum aus dem Munde gekommen, riß sie der Sturm fort und verwehte sie in alle Winde. »Nun weißt Du auch, wie ich Dir wieder zu dem Deinen verhelfen will«, fuhr er fort und stieß mit seinem Stabe zweimal schnell hinter einander gegen ein morsches Brett, welches wohl die Thür dieser elenden Hütte vorstellen sollte. »Bald aber auch wirst Du hören, daß der Tag der Vergeltung nicht mehr weit ist. Doch sorge, daß Dein Herz dann nicht schwach sei, sondern gehärtet in Haß, und daß Dein Arm nicht vor der Zeit müde werde zur Rache!« Die primitive Thür öffnete sich, die beiden Männer stiegen einige Stufen hinunter und befanden sich dann vor einer zweiten, welche ein weit weniger morsches Aussehen hatte, vielmehr aus festen Eichenplanken gefertigt war. Das war zwar augenblicklich nicht zu sehen, denn es herrschte eine solche Finsternis, daß für den Unkundigen überhaupt nichts von einer Thür zu bemerken war. Nur der Wissende mochte die Stelle finden. Nachdem Meister Holtnicker wiederum zweimal schnell hinter einander dagegen gestoßen, klang ihnen eine Stimme aus der Dunkelheit entgegen, welche fragte: »Wer seid Ihr?« Holtnicker nannte seinen und seines Sohnes Namen, worauf man das Zurückschieben von Riegeln hörte und auch diese zweite Thür sich öffnete. Hinter derselben hing ein dichter Teppich bis zum Boden herab, welcher verhindert hatte, daß ein Strahl das im Innern brennende Feuer durch die Ritzen der Eichenthür verriet. Um das Feuer saßen acht Männer, alle bis auf einen in der Tracht der niederen Stände, meistens in reiferen Jahren, Zwei etwa im Alter des jungen Holtnickers. »Ihr kommt spät, wir warten schon lange«, empfing Asche Kamla, der Gerber, die Eintretenden. »Der Bote aus Wolfenbüttel ließ mich so lange warten«, entgegnete Vater Holtnicker. »Was hat er gebracht?« riefen mehrere Stimmen zugleich. »Davon nachher«, sagte derjenige von der Gesellschaft, welcher durch reichere Kleidung hervorstach. Und sich dann zu Meister Holtnicker wendend, fuhr er fort: »Hat Euer Sohn geschworen?« »Er hat in meine Hände den Eid geleistet.« »Gut! Dann soll er uns willkommen sein. Wollt Euch setzen, Meister, und auch Ihr, junger Bursch. Und nun sagt der Ordnung nach, was der Amtmann Kyphod Euch aus Wolfenbüttel zu wissen thut.« In der Weise des Sprechers lag etwas, was eben so sehr von der ruhigen Bestimmtheit Holtnickers, als von Asche Kamlas ungeschlachtem Benehmen abstach. Etwas Vornehmes oder vielmehr etwas, das vornehm sein sollte, aber auffallend an das Gebahren des Truthahns erinnerte, welcher sich einbildet, der Beherrscher des Hühnerhofes zu sein. Der Mann war ein reich gewordener Wollenweber von der Breitenstraße. »Den reichen Klaus« nannte man ihn für gewöhnlich, sein eigentlicher Name aber war Klaus Lodewiges. Meister Holtnicker kam seiner Aufforderung nach und berichtete, Kyphod habe ihm bedeuten lassen, nicht mehr lange mit Ausführung ihres Vorhabens zu zögern. Jetzt sei die beste Zeit. Die Burgensen seien geschwächt, die Blüte ihrer Jugend liege auf der Walstatt am Elmewalde, oder sei mit in Jerxheim eingeschlossen, oder schmachte in den Magdeburger Verließen. Auch Herzog Ernst mit seinen Mannen sei die Stadt jetzt glücklich los, an dem die Burgensen sonst einen kräftigen Rückhalt gehabt hätten. Darum solle man die Gunst des Augenblicks benutzen und losschlagen. »Ich meine, des Amtmanns Rat sei weise und wohlbedacht«, sagte Klaus Lodewiges würdevoll. »Er kann gut raten«, brummte ein anderer, »er braucht seine Haut nicht zu Markte zu tragen.« »Ist Euch Eure Haut zu lieb, Meister Schiefelbein«, schrie Asche Kamla, »so bleibt zu Hause!« »An einem fehlt es uns noch«, fuhr Holtnicker bedächtig fort, »und sobald sich das findet, sage auch ich: Schlagt los! Wir hier Versammelten sind ja wohl entschlossen, mit Gewalt unsere Ketten zu brechen. Viele andere fühlen auch wie wir das erdrückende Gewicht dieser Ketten, aber dennoch fehlt ihnen der Entschluß, sie abzuschütteln. Um sie nun zu diesem Entschluß zu bringen, um die Masse mit uns fortzureißen, dazu bedürfen wir etwas, das auch den Ruhigsten unter ihnen sein Bedenken vergessen läßt, ein Ereignis, vielleicht eine Gewaltthat der Burgensen, welche jedes Herz entflammt und auch des Trägsten Blut kochen macht. Sonst bleiben wir doch im Augenblick der That allein, ja, die uns unterstützen sollten, wenden sich vielleicht noch gegen uns.« »Ich meine«, sagte der würdevolle Klaus Lodewiges und setzte in langer Rede seine Meinung aus einander. War aber genau das Nämliche, was Meister Holtnicker gesagt, nur mit etwas anderen Worten. Denn darin war der »reiche Klaus« stark, anderer Leute Gedanken sich anzueignen und mit gewichtigen Redensarten aufgeputzt als seine eigenen auszukramen. Während seiner langen Auseinandersetzung rutschte einer der Versammelten unruhig hin und her. Das war Hans Eckermann, jener Schmied, welcher mit Holtnicker und Asche Kamla dem Auszuge der Stadtjunker nach dem Elmewalde zugesehen hatte. Machte auch wohl hie und da einen Versuch, den »reichen Klaus« zu unterbrechen, aber dies hatte nur zur Folge, daß der ihn würdevoll anschaute und dann den soeben gesprochenen Satz noch einmal mit gehobener Stimme wiederholte. Als nun endlich Lodewiges Rede zu Ende war, brach Hans Eckermann los: »Ich weiß was, um das ganze Volk gegen die Burgensen in Aufruhr zu bringen.« Aller Augen wandten sich verwundert dem Schmied zu, welcher fortfuhr, indem er dabei mit der geballten Faust auf sein Knie schlug, als bearbeite er auf dem Amboß ein Stück glühendes Eisen: »Ihr wißt, Kort Doring, der Bürgermeister, ist nicht ohne Kunde davon, wie es unter den Gilden gährt, und daß allerhand geplant wird, den Burgensen zum Schaden. Wißt auch, daß er es nicht mit scheelen Augen ansieht, sondern sich freuen würde, wenn wir dem Tile vam Damme und seinem Anhange etwas am Zeuge flickten. Heute nun, auf dem Heimwege von der Frühmesse, holte er mich ein und ging eine Strecke neben mir her. Sprach von allerlei, fragte nach dem Handwerk und so weiter. Und als ich über die schlechten Zeiten klagte, meinte er: ›Ja, ja, das Brot wird nächstens noch teurer werden, als es jetzt schon ist.‹ Ich schaute ihn verwundert an, da sprach er weiter: ›Es soll ein neuer Scheffelpfennig aufgelegt werden.‹ – ›Ums Himmels willen‹ rief ich, ›das trifft uns geringe Leute am härtesten!‹ – ›Mag wohlsein‹, erwiderte er, ›aber seht, von den Geschlechtern sind viele am Elme gefangen und ebenso der Herzog Ernst mit an die sechzig seiner Mannen. Für alle die verlangt der Erzbischof jetzt hohes Lösegeld. Das muß die Stadt aufbringen und daher ist vom Rat ein neuer Scheffelpfennig beschlossen.‹ – ›Bei der Barmherzigkeit Gottes‹, wandte ich ein, ›sind denn die Geschlechter nicht reich genug, selbst die Ihrigen auszulösen?' – ,Hab's auch gemeint', sagte der Bürgermeister, ,muß aber doch wohl nicht so sein. Der reiche vam Damme wenigstens behauptet, nicht einmal seinen eigenen Schwiegersohn lösen zu können –'« Der Schluß der Erzählung verhallte in dem sich erhebenden Tumult. Welche Wirkung die Verkündigung des neuen Scheffelpfennigs auf die Masse haben würde, konnte man jetzt schon an der Erregung der wenigen sehen. Nur mit Mühe vermochte sich Holtnicker endlich Gehör zu verschaffen. »Habt Ihr schon anderen von dem erzählt, was der Bürgermeister gesprochen?« fragte er den Schmied. »Nein, Gevatter«, erwiderte dieser. »Dann haltet auch ferner reinen Mund. Überraschend muß diese Kunde wirken, wenn sie zünden soll. Dann aber wird sie auch wie ein Blitz einschlagen. Und damit die Flamme schnell und unaufhaltsam um sich fresse, laßt uns jetzt überlegen, was wir dazu vorbereiten müssen.« Sie rückten noch enger um das Feuer zusammen und eifrig gingen die Worte hin und her. Und wie die Rede gleich einem Weberschiff hin und her fuhr, wob sich ein Netz, dicht genug, um selbst den gewandten Tile vam Damme zu fangen und so kräftig gewirkt, daß auch die alterprobte Kraft braunschweigischer Geschlechter es nicht wird zerreißen können. Und wie sich so Masche an Masche fügte, sank mehr und mehr das Feuer in der Mitte der Beratenden zusammen und mit seiner erwärmenden Flamme erlosch in der Brust der Männer der letzte Funke erbarmenden Mitleids mit denen, so ihrer Rache verfallen waren. Das Netz war fertig, der Plan vollendet, da sagte Klaus Lodewiges: »Eins haben wir noch vergessen, liebe Freunde; notwendig wird es sein, daß einer von uns der Anführer ist, dessen Befehle die anderen befolgen. Wollt den jetzt bestimmen.« »Da ist keine lange Wahl nötig!« rief Asche Kamla. »Schon vor Monaten hat uns Amtmann Kyphod einen Anführer bezeichnet, nämlich den Meister Holtnicker.« Der reiche Klaus wurde rot wie ein kollernder Truthahn. »Wollen Braunschweiger Bürger fremdem Befehl bei solcher That gehorchen?« fragte er mit mühsam verhaltenem Ärger. »Nicht einem Befehl, sondern einem guten Rat folgen wir«, erwiderte der Schmied Eckermann, »Holtnicker ist der richtige Mann zum Anführer.« »Ja, das ist er!« – »Holtnicker wollen wir folgen!« – »Er soll unser Führer sein!« so tönte es bunt durch einander. Sie drängten sich um den Erwählten und schüttelten ihm kräftig die Hand. Klaus Lodewiges erhob sich indessen und zog den Mantel wie fröstelnd um die Schultern. »Es ist schon spät«, sagte er, »man erwartet mich zu Haus, Gehabt euch wohl!« Damit verschwand er hinter dem Teppich. Man hörte, wie er den Riegel von der Eichenthür zurückschob, dieselbe hinter sich zuzog und dann die äußere Thür aufstieß. »Glaubt der Geldsack, ihn würden wir zum Haupt küren?« fragte Asche Kamla. »Es scheint so«, meinte Holtnicker mit bedenklichem Kopfschütteln. »Er ist beleidigt. Hoffentlich wird er nicht darob unserer Sache untreu.« »Keine Furcht!« lachte der Schmied. – »Wißt Ihr nicht, daß er den alten Doring bis aufs Blut haßt?« »Warum?« »Schon vor Jahren wollte er in den Rat, und da er Geld hat, war er nicht ohne Aussichten. Aber Kort Doring hintertrieb's. ›Eine Hand, die Wolle gekratzt‹, hat damals der hochmütige Junker gesagt, ›könne man nicht auf dem Rathaus brauchen.‹ Das wurde dem reichen Klaus wieder erzählt und seitdem hat er einen tödlichen Haß auf den Bürgermeister geworfen.«   »Ah, da bist Du! Das ist mir lieb. Ich hatte Dich auf später bestellt, wenn ich von meinem Ritt zurück wäre; da Du mir jetzt in den Weg läufst, können wir es gleich abmachen.« Der Quade kam die Treppe vom Fürstenhause herunter; am Fuße derselben traf er mit Heinz Kyphod zusammen, an welchen die obigen Worte gerichtet waren. Kyphod machte eine zustimmende Verbeugung und ging neben dem Fürsten her, welcher sich dem Marstall zuwandte. »Was befehlen Fürstliche Gnaden?« »Hast Du Nachrichten aus Braunschweig?« fragte Herzog Otto, indem er in der offenen Thür des Stalles stehen blieb. »Soeben ist ein Bote gekommen. Es ist beschlossen, nächste Woche loszuschlagen.« »Ah, das ist gut.« »Am Montag muß der Rat das Lösegeld für die Gefangenen von den Gemeinen fordern, volle viertausend Mark, denn die Versuche seiner Abgesandten, dem Erzbischof etwas von dem Geforderten abzudingen, sind erfolglos geblieben.« »Daran bin ich nicht unschuldig«, lachte der Quade. »Ein neuer Scheffelpfennig soll die Summe aufbringen. Das wird natürlich böses Blut geben bei den Gilden und gemeinen Leuten, und diese Gelegenheit wollen die Verschworenen benutzen. Sie hoffen, das Ansinnen des Rates werde die Lammesgeduld der Masse endlich zerreißen.« »Das wäre also übermorgen?« Kyphod bejahte. »Und die Männer werden reine Bahn machen?« »Ich glaube dazu die Rechten ausgewählt zu haben.« »Nur kein überflüssiges Mitleid! Unausfüllbar muß die Kluft zwischen Stadtjunkern und Gilden werden. Sonst vereinigen sie sich doch wieder gegen mich, statt zu meinen Füßen zu kriechen und gegen einander um Hilfe zu flehen.« »Fürstliche Gnaden können dessen versichert sein.« »Den Knappen Doring hast Du fortgeschickt?« Er ist mit einem Auftrage zum Ritter Schwichelde nach der Liebenburg, von wo er schwerlich vor Montag zurückkehren wird. Ich fürchtete, hier könne er vor der Zeit etwas merken. Ist es doch manchmal, als ob so etwas in der Luft läge. Und eine Warnung an seinen Vater könnte das ganze Spiel verderben.« »Das wäre verflucht! Mag der alte Griesgram selbst sehen, wie er mit heiler Haut davon kommt.« Der Fürst sah einen Moment stumm vor sich nieder, dann hob er plötzlich den Kopf und sagte, Heinz Kyphod fest in die Augen sehend: »Ich weiß jetzt auch, an wen mein Vetter sein Herz verloren hat!« Der Amtmann antwortete nur mit einer stummen Verbeugung. »Die Herzogin hat mir's gesagt. Frauen haben in solchen Dingen verdammt scharfe Augen. Und meine eigenen Beobachtungen haben es bestätigt. Höllisches Elend! Du willst hoch hinaus, Heinz!« »Nur zum Vorteil Eurer Fürstlichen Gnaden.« »Mit dem sich der Deinige wunderbar vermischt«, lachte der Quade. »Längst würde ich der Sache ein Ende gemacht haben, hätte ich nicht gehofft, sie zu Gunsten meines gnädigsten Herrn ausbeuten zu können.« »Seit wann spielt die Geschichte?« »Bald nachdem im Gefolge Ihrer Gnaden, der Frau Herzogin, meine Tochter hieher gekommen war, hielt sie es für ihre Pflicht, mir mitzuteilen, daß Herzog Friedrich in auffallender Weise ihr Aufmerksamkeiten erzeige. Sie wünschte dieselben abgeschnitten, da sie nicht einsehe, wozu die Sache führen solle –« »Höchst sittsam und vernünftig«, warf der Fürst ein. »Ich befahl ihr jedoch«, fuhr Kyphod fort, »nachdem ich die Erlaubnis Eurer Fürstlichen Gnaden, auf diesem Wege einen Erbverzicht vom Herzog Friedrich zu erlangen, erhalten hatte –« »Von Deiner Tochter war damals keine Rede«, unterbrach Herzog Otto. »Ich wollte mir erst mit eigenen Augen Gewißheit verschaffen, ob Irmgarde sich auch nicht geirrt; und Ihr erlaubtet mir, gnädigster Herr, den Namen der Betreffenden bis dahin –« »Ja, ja, ich weiß, ich weiß! Nun, Jungfrau Irmgarde hat sich nicht geirrt, das kann jetzt alle Welt sehen. Hat übrigens keinen schlechten Geschmack, mein Vetter. Deine Tochter ist ein schönes Mädchen geworden. Aber das sag' ich Dir, Heinz, ehe nicht der Verzicht in meiner Hand ist, klar und deutlich, daß der junge Herzog alle seine Rechte auf die Erbfolge im wolfenbüttelschen Lande mir überträgt, gebe ich meine Einwilligung nicht. Ich fürchte, er wird hart daran gehen. Erinnerst Du Dich, wie er neulich in Heiningen als Landesherr gegen mich auftrat? Nun, wozu hat Jungfrau Irmgarde ihre hübschen Augen? Mag sie sehen, wie weit sie ihn damit bringt.« Der herzogliche Rappe wurde vorgeführt. Der Fürst schwang sich in den Sattel, nickte Kyphod zum Abschied zu und sprengte, von einem Diener gefolgt, davon. Er lachte laut auf, als er über die Zugbrücke hinaus war. »Habe ich nur erst den Verzicht«, murmelte er, »mag Jungfrau Irmgarde zusehen, wie sie zu ihrem Prinzen kommt.« Auch der Amtmann wandte sich seiner Wohnung zu; er rieb sich behaglich die Hände und schlug auch wohl mit den inneren Handflächen gegen einander, als klatsche er sich selbst Beifall. »Einen Verzicht sollst Du haben, mein lieber Quade«, murmelte er dabei, vergnügt schmunzelnd, »einen runden, netten Verzicht, o, einen ganz wunderbaren Verzicht. Wird aber doch nur ein Stückchen Pergament sein, dieser Verzicht, ha, ha, ein Stückchen Pergament, an das sich niemand lehren wird, niemand! Meinst Du denn, mein lieber Quade, ha, ha, meinst Du, ich hätte Lust, der Schwiegervater eines länderlosen Fürsten zu werden!« Einige Minuten waren vergangen, der Amtmann im Hause verschwunden. Nichts regte sich auf dem Burghof. Da trat aus der noch weit geöffneten Thür des Marstalls ein kaum zwanzigjähriger Jüngling und bog mit schnellen Schritten um die Ecke des Ritterhauses. Dort war ein stilles, heimliches Plätzchen, von der Sonne beschienen, wir haben einmal Rolef Doring dort getroffen. Auch der Jüngling ließ sich dort nieder und starrte lange vor sich hin mit düster zusammengezogenen Augenbrauen. Was in seiner Seele vorging? – Oft drängt das Schicksal an erziehender und den Menschen zu geistiger Reife bringender Gewalt in einen Augenblick zusammen, was es bei anderen und zu anderen Zeiten auf lange Jahre verteilt. So war es jetzt beim jungen Herzog Friedrich. Hinter der Marstallthür verborgen, war ihm kein Wort von dem entgangen, was der Quade und Heinz Kyphod mit einander verhandelt hatten. Und jedes Wort war wie ein Hammerschlag auf sein weiches Herz gefallen. Aber eine stählende Kraft hatten diese Worte gehabt. Ein liebeskranker Jüngling, fast noch Knabe zu nennen, hatte er zu horchen begonnen, ein gereifter Mann saß er jetzt da, auf dessen düster gefalteter Stirn ein fester Entschluß geschrieben stand. Und dennoch seufzte er nun tief auf: »O Irmgarde, Irmgarde! Das ist der Schlüssel zu Deinem rätselhaften Wesen. Nur wenn Du Dich Deiner Aufgabe erinnertest, mich um Land und Leute zu bringen, strahlten Deine Augen mich an, sonst lachten sie einem anderen. Aber das ist vorbei, nun für immer vorbei. Besser ein scharfer, schmerzhafter Schnitt, als durch ein krankes Glied den ganzen Leib verfaulen lassen.« Er richtete sich hoch auf. »Ich werde Eure Pläne zu kreuzen wissen, mein teurer Vetter und Vormund«, fuhr er in seinem Selbstgespräch fort. »Euer Haß und Eure Gier sollen sich stumpf an meiner Geduld beißen. Unverdrossen werde ich ausharren, bis der rechte Augenblick zum Handeln kommt. Bis dahin aber will ich Euch zu schaden suchen, wo und wie ich kann, im stillen, im kleinen und im großen. Hätte ich nur einen Boten nach Braunschweig zu schicken, um den Rat zu warnen. Rolef Doring! Ich habe ihn mir zum Feinde gemacht um Irmgardes willen, aber es handelt sich um das Leben seines Vaters, damit kann ich ihn mir wieder zum Freunde machen. ›Die Dörings sind ein treues Blut‹, pflegte mein Vater zu sagen; wohlan, mag er alles wissen, was ich gehört. Offenheit erwirbt Vertrauen und ich brauche einen, nur einen, dem ich vertrauen kann. Laß sehen. – Reite ich die Nacht durch, kann ich morgen Vormittag auf der Liebenburg sein und Doring dann übermorgen früh in Braunschweig. So wird es gehen. Frisch ans Werk! O, es ist eine Wohlthat, jetzt, gerade jetzt nicht die Hände in den Schoß legen zu müssen, sondern handeln zu können!« Als der Quade am anderen Tage nach seinem Vetter fragte, hieß es, er sei in den Börsumer Forst. »Herzog Friedrich will gehört haben, daß dort ein Bär bestätigt sei«, setzte Heinz Kyphod hinzu, »und nach den neulichen Vorgängen bei Heiningen laßt es ihm keine Ruhe, bis er sich auch einen Bärenpelz erbeutet hat.« Da lachte der Quade und die ganze Tafelrunde lachte mit ihm. Vierzehntes Kapitel. Zündende Blitze. Als Seine Gestrengen, der erste Bürgermeister der Altstadt, Herr Tile vam Damme, am Morgen des Montags nach Misericordias Domini anno 1374 sich erhoben hatten und die Läden aufstießen, lachte ihnen ein köstlicher, Heller Frühlingstag entgegen. Unwillkürlich blieb der Bürgermeister am offenen Fenster stehen und atmete in tiefen Zügen die erfrischende Luft ein, welche ihn anwehte. Der Marktplatz zu seinen Füßen lag noch still und einsam da, einige Mägde kehrten vor den Hausthüren oder standen auch wohl, den Besen in der Hand, in eifriger Unterhaltung bei einander. Über das hohe Giebeldach des gegenüber liegenden Schuhhofs blitzten die Strahlen der Morgensonne herüber und zeichneten die Umrisse des stattlichen Gebäudes in gigantischen Schatten auf das Pflaster; ein Hausknecht öffnete das große Eingangsthor und ein anderer führte ein gesatteltes Pferd heraus. Nicht lange dauerte es, so folgte, von Meister Jürgens, dem Wirt, geleitet, ein zeitiger Reisender und schwang sich in den Sattel, Meister Jürgens gewahrte Seine Gestrengen am Fenster und zog grüßend die Zipfelmütze, das bemerkend verneigte sich auch der Fremde gegen das Haus mit den sieben Türmen. Tile vam Damme aber dankte mit einer würdevollen Handbewegung und sah dem Reiter nach, wie er langsam quer über den Platz ritt. »Kommt der nach Hause«, dachte er dabei im stillen, »und erzählt von Braunschweig, wird er auch von dessen erstem Bürgermeister berichten und von dem Palast, in welchem dieser wohnt, und von dem Ansehen, in welchem er beim Braunschweiger Volk steht. So dringt in immer weitere Kreise die Kunde von meinem Reichtum und meiner Stellung.« Acht Uhr! Welches Leben herrscht jetzt schon auf dem vorhin noch so stillen Marktplatz! Im Schuhhof strömt es aus und ein, fremde und einheimische Gildegenossen kommen und gehen, kaufen und verkaufen. Bauernweiber sitzen in langen Reihen, vor sich in hohen Kiepen Eier, Butter, Käse und Geflügel, und feilschend und plaudernd, lachend und scheltend drängen sich durch die Reihen Hausfrauen und Mägde. An den Häusern entlang bieten Handelsleute auf breiten Tischen ihre Waren aus; hier bunte Tücher und schillernde Seide, dort blendendes Leinen und dort wiederum schwere, dunkelfarbige Wollstoffe. Das reich geschmückte Portal des Hauses mit den sieben Türmen ist weit geöffnet und in der Thorwölbung steht eine bunt bemalte und vergoldete Sänfte. Die ist bestimmt, Seine Gestrengen zum Rathaus zu tragen, denn das Gehen wird dem Bürgermeister immer beschwerlicher, das Zipperlein hat ihm im vorigen Winter arg zugesetzt. Auf dem Rathause erwarteten ihn einige seiner Freunde, unter ihnen Eggeling van Strobecke und Brun van Gustede. Die waren vom Rat bestimmt, Rücksprache mit den Gildemeistern wegen der neuen Steuer zu nehmen. Denn wenn es auch keiner dem andern eingestand, ein gutes Gewissen hatte niemand bei diesem Kornzins und ebenso wenig den Mut, dem Volke den Scheffelpfennig anzusagen. Deshalb war man auf den Gedanken gekommen, sich der Gildemeister als Mittelspersonen zu bedienen, die mochten den ersten Sturm des Unwillens aushalten. Als Tile vam Damme nun eingetreten war und sich mit seinen Anhängern begrüßt und genügend die Hände geschüttelt, als er sich dann, nicht ohne einiges Stöhnen und Seufzen, in seinen hochlehnigen Sessel niedergelassen hatte, auch die Erkundigungen nach dem gegenseitigen Wohlbefinden und dem Ergehen der werten Familien pflichtgemäß erledigt und einige Tagesneuigkeiten ausgetauscht waren, ließ man die Gildemeister hereinführen. Tile vam Damme räusperte sich und begann von der Lage der Stadt zu erzählen. Er klagte über die schlechten Zeiten und wie unregelmäßig und weit unter dem Voranschlage Zölle und Steuern eingingen. Trotz der größten Sorgfalt des Rates sei es demselben nicht gelungen, für unvorhergesehene Fälle etwas zurückzuhalten, kaum habe man die laufenden Ausgaben bestreiten können. Jetzt aber sei ein Fall eingetreten, welchen niemand habe berechnen können, die Gildemeister würden wohl wissen, was er meine: das Unglück am Elme. Dieser außerordentliche Fall verlange auch außerordentliche Mittel. Viertausend Mark, nicht mehr und nicht weniger, erheische der Erzbischof von Magdeburg als Lösegeld für die Gefangenen. Nur der geringste Teil davon könne aus den vorhandenen Mitteln gedeckt werden, die Hauptsumme müsse eine neue Steuer aufbringen. Doch habe der Rat eine Steuer ersonnen, deren Druck die Bürgerschaft kaum empfinden werde, nämlich einen Pfennig von jedem eingeführten Scheffel Korn. Wer werde das zahlen müssen? Die zufahrenden Ritter mit ihren Knechten, die Pfaffen, die fremden Kaufleute und andere fremde Gäste, die Bauern, vor allem aber die Geschlechter selbst, deren Hauptbesitz Landgüter, Zehnten und Korngülten seien, unberührt aber würde der eingesessene Bürger davon bleiben. Doch sei immerhin diese Steuer etwas Außergewöhnliches, darum möchten es die Meister an ihre Gilden und Ämter bringen und fragen, ob diese dem Rate darin behilflich sein wollten. »Weiß aber jemand etwas Besseres, so mag er sich vernehmen lassen«, schloß Tile vam Damme, »gern wird sich dann der Rat nach dem Wunsch der Gilden halten.« Etwas Besseres zu wissen, als der wohlweise Rat von Braunschweig mit Tile vam Damme an der Spitze – das war nun wohl nicht gut möglich. War auch eigentlich nicht so gemeint von Seiner Gestrengen, sondern waren solche gnädigen Schlußworte bestimmt, zur Entlassung auf die Gildemeister einen guten Eindruck zu machen. Aber wunderbarer Weise wußten die Gildemeister in der That heute mancherlei. So zum Beispiel wußten sie, daß den neuen Kornzins alle ohne Ausnahme trügen, welche Brot äßen, und daß nicht die Reichen einen Aufschlag der Brotpreise am härtesten empfinden würden. Auch wußten sie, daß die Gefangenen durch eigene und Schuld des Rates in Magdeburg säßen, welcher ohne Grund mit dem Erzbischof die Fehde begonnen, nun möchten die Ratsverwandten auch sehen, wie sie die ihrigen aus der Haft lösten. Die Gemeine habe nichts damit zu schaffen und ein hoher Rat selbst würde sich auch wenig darum kümmern, wenn die Gefangenen arme Gildegenossen wären. Das alles wußten sie und sagten es gerade heraus, durchaus nicht verblümt, nein, sogar mit groben und heftigen Worten. Zumal der reiche Klaus Lodewiges von der Breitenstraße, welcher die mächtige Gilde der Tuchwirker oder Wollenweber vertrat, bewegte sich in Ausdrücken, welche außerordentlich wenig Achtung vor dem Bürgermeister und den Ratsherren verrieten. Dazu schlug er mit der geballten Faust auf den Tisch, so daß der gewaltthätige Eggeling van Strobecke aufsprang, ihn am Arm faßte und ihm zurief, ob er nicht wisse, wo er sich befinde. Da riß sich Lodewiges los, sprang zum Fenster, öffnete es und rief hinaus: »Gewalt, Gewalt! Mord, Totschlag!« Schwer atmend erhob sich Tile vam Damme. »Großer Gott, was beginnt Ihr, Meister!« rief er. »Niemand will Euch hier etwas zu Leide thun, Ihr aber bringt ja die ganze Stadt in Aufruhr.« Heller Hohn zuckte über das Gesicht des Gildemeisters. Aber in Worten fand er keinen Ausdruck. Mit halb geschlossenen Lippen knurrte der reiche Klaus: »Muß ich nicht an Gewaltthat glauben, wenn mich der Ratsmann angreift!« »Nur Übereilung war es«, sagte Tile vam Damme, indem er Eggeling van Strobecke einen mißbilligenden Blick zuwarf, »der Ratsmann ist zornigen Gemüts. Seht, er ist bereit, Euch dessen zu versichern, keine Gewaltthat und keine Beleidigung lag ihm im Sinn.« Er winkte Strobecke heftig zu, so daß dieser nicht zu widersprechen wagte, ja sich zu einer Zustimmung herbeiließ. Damit erklärte sich der reiche Klaus für befriedigt und man nahm die Beratung wieder auf. Doch auch jetzt ohne Erfolg! Alle Beredsamkeit Seiner Gestrengen, alles Zureden der Ratsmannen vermochte nicht, die halsstarrigen Gildemeister zu überzeugen. Auch das half nichts, daß vam Damme, wie er es so gut verstand, ihnen einzeln um den Bart ging, sie eins über das andere »bester Freund« und »lieber Gevatter« nannte, auch ihnen zu schmeicheln suchte, indem er ihre Einsicht und das Ansehen, das sie bei den Gilden genössen, in den Himmel erhob. Unentwegt hielten die Meister die beiden Sätze aufrecht: »Die Gefangenen sollten sich aus eigenen Mitteln befreien«, und: »Von allen Steuern sei der Scheffelpfennig für das Volk die drückendste Steuer.« Da riß endlich Eggeling van Strobecke zum zweiten Mal die Geduld. Heftig rief er, es sei nun genug geredet, jetzt möchten sich die Meister erklären, ob sie des Rates Antrag an die Gemeine übernehmen wollten oder nicht. Und wiederum leuchtete der helle Hohn aus dem Gesicht des reichen Klaus, indem er antwortete: »Das wollen wir freilich thun, wenn es ein hoher Rat für angemessen hält.« Vam Dammes Augen hingen fest an seinem Antlitz und dessen höhnischer Ausdruck entging ihnen nicht. Der machte den Bürgermeister stutzig. Führten die Gilden etwas im Schilde? Vielleicht war es doch besser, jetzt kein Geld von ihnen zu verlangen. Aber dann hätte ja Kort Doring Recht behalten, welcher dem Kornzins aufs eifrigste widersprochen. Überlegend sah vam Damme vor sich nieder, ehe er das letzte, das entscheidende Wort sprach. Und indessen stürmte ein Reiter auf der Straße von der Liebenburg nach Braunschweig dahin. Sein Pferd war bespritzt mit dem Kot der Landstraße und mit weißem Schaum, kein Haar an dem Tier war trocken und dennoch stachelten es die Sporen des Reiters zu immer schnellerem Lauf. Die äußerste Angst lag auf dessen Gesicht, jeder seiner Züge drückte ein und dieselbe Frage aus: »Komm ich noch zur rechten Zeit?« – Vam Damme hatte seinen Entschluß gefaßt. »Des Rates Wunsch habt Ihr erfahren«, sprach er, »geht nun hin und verkündet ihn an den Gildetafeln. Jeder ruhige Bürger wird einsehen, daß die neue Steuer notwendig und zweckdienlich ist.« Damit waren die Gildemeister entlassen. »Halsstarriges Volk!« schalt Eggeling van Strobecke und »beschränkte Köpfe!« murmelte Brun van Gustede, Seine Gestrengen aber sagten gar nichts. Mit nachdenklicher, fast sorgenvoller Miene verabschiedete der Bürgermeister sich von seinen Freunden, bestieg seine Sänfte und ließ sich nach Hause tragen. Elf Uhr! Der Marktplatz bot jetzt wieder ein anderes Bild. Aus den Schornsteinen der hohen Giebelhäuser stieg der Rauch sich kräuselnd zum blauen Frühlingshimmel empor und aus allen Thüren drangen verlockende Gerüche, welche einen knurrenden Magen zur Verzweiflung hätten treiben können. Verschwunden waren die Bauernweiber, auch die Handelsleute packten ihre Waren ein, denn die tiefen Glocken von Sankt Michaelis holten aus und läuteten Mittag. Weithin rauschten die Tonwellen über die Stadt hinaus ins freie Feld, aber der atemlose Reiter war noch nicht in ihren Klangbereich gelangt. Auch im Innern des Schuhhofs waren sie kaum vernehmbar und nicht wie sonst riefen sie die Meister nach Hause, wo die dampfende Suppe schon auf dem Tisch stand. Die Gerber und Schuster hielten heute Morgensprache und statt des Gildemeisters, welcher auf dem Rathause war, saß derselben Asche Kamta vor. Der leitete bald die Verhandlungen von den inneren Angelegenheiten der Gilden auf die allgemeinen Verhältnisse der Stadt, brachte einzelne Übergriffe von Ratsmannen zur Sprache und forderte die Gildegenossen auf, in Erwägung zu ziehen, ob und wie die augenblickliche unleidliche Lage zu ändern sei. Da war es, als ob ein Wehr aufgezogen würde, ein solcher Schwall von Klagen, von Vorschlägen und Drohungen ergoß sich über die Tafel, Einer steigerte den anderen, immer hitziger wurden die Reden, immer röter wurden die Köpfe, immer häufiger mußte Meister Jürgens, der Wirt, die Zinnkrüge füllen und ihr oft geleerter Inhalt schwemmte Besonnenheit und Überlegung mit sich fort. Kein Wunder daher, daß in dem Tumult die Mittagsglocke ungehört verhallte. Längst waren es nicht mehr die Meister allein, welche an der Gildetafel saßen, eine Menge Männer des gemeinen Volkes hatten sich eingedrängt, selbst fremdes Gesindel, wilde Gesellen mit durstigen Kehlen und von verzweifeltem Aussehen. Mitten in diese erhitzte Menge, erhitzt durch Zorn, Schreien und berauschende Getränke, rief plötzlich eine Stimme: »Gewalt, Gewalt! Den Gildemeistern geschieht Gewalt!« Es war Eckermann, der Kleinschmied aus dem Hagen, der hatte im Vorbeigehen Lodewiges Hilferuf gehört und war schnell zur nächsten Gildetafel geeilt. Alles sprang auf, rannte durch einander, schrie nach Waffen. Wo die Waffen herkamen, wer wußte es, wer dachte daran? Aber sie waren da, Schwerter, Streitkolben, Hellebarden, Morgensterne blitzten fast in jeder Faust; und wer nicht damit bewehrt war, hatte doch wenigstens ein Messer, ein Beil, einen Knüppel, manche griffen auch nach den Schemeln der Wirtsstube. Alles aber drängte mit wildem Geschrei dem Ausgange zu: »Nieder mit dem Rat! Den Gildemeistern zu Hilfe!« Die Menge stopfte sich im Ausgange, das war ein Drängen, Quetschen, Stoßen und Schimpfen. Einige, die voran gelaufen waren, kamen zurück. »Es sei falsches Geschrei«, hieß es, »auf dem Rathaus sei alles ruhig.« Holtnicker warf Asche Kamla einen Blick zu, der stürzte sich in das Gedränge und rief mit gellender Stimme: »Ordnung, Ordnung, Freunde! Keine Übereilung! Laßt uns warten, bis der Gildemeister zurückkommt und uns des Rates Verlangen zu wissen thut!« »Was wird der Rat verlangen«, schrie einer aus der Menge. »Geld, Geld und wieder Geld! Wir wollen hin zum Rathaus und sie bezahlen, aber mit selbstgeprägter Münze!« Der Sprecher schwang bei den Worten seinen Streitkolben hoch in der Luft und die Menge brüllte ihm lauten Beifall zu. Aber andere, noch nicht aller Besonnenheit ledig, drängten von der Thür zurück, unter ihnen Holtnicker und Asche Kamla mit ihren Vertrauten. Wer die Oberhand behalten würde, schien fraglich, da hieß es plötzlich: »Der Gildemeister, der Gildemeister!« Man wollte ihm Platz machen, aber in dem Hin- und Herdrängen war das kaum möglich. Da hoben ihn zwei handfeste Bursche auf ihre Schultern, überlieferten ihn zwei anderen, die wiederum anderen, so gelangte der Mann willenlos über die Köpfe der Menge weg, auf seinen Platz am oberen Ende der Tafel. »Auf den Tisch! Auf den Tisch!« brüllte das Volk. Der Gildemeister mußte gehorchen, es wäre für ihn sonst unmöglich gewesen, sich Gehör zu verschaffen. Auch so drangen nur einzelne seiner Worte in die Ohren der Menge, aber was jeder hörte, war das verhängnisvolle: »Eine neue Steuer!« »Das Brot soll teurer werden, damit die Burgensen von Magdeburg zurück können«, klang Holtnickers klare, ruhige Stimme. »Wollen wir uns das gefallen lassen?« Er war neben den Gildemeister auf den Tisch gesprungen, jeder Buchstabe seiner Worte war in dem Getümmel vernehmlich. »Nein, nein!« brüllte die Menge und hob drohend die Waffen. »Ist Tile vam Damme nicht reich genug, selbst seinen Schwiegersohn auszulösen?« schrie Asche Kamla. Holtnicker hob die Hand und wies aus dem geöffneten Fenster auf den freien Platz: »Dort steht das Haus mit den sieben Türmen. Seht zu, ob seine Truhen leer sind!« »Beim Blut Christi! Was beginnt Ihr?« rief der Gildemeister, Holtnickers ausgestreckte Hand herabziehend. Aber seine Worte verhallten im jauchzenden Toben des Volkes; ja manche glaubten, er drücke dem Sprecher im Einverständnis die Hand. Man hob beide auf die Schultern und trug sie voran zum Schuhhof hinaus. »Nach dem Hause mit den sieben Türmen!« tobte, johlte, brüllte die Menge, hinterher drängend. Ein Ziel war ihrer sinnlosen Wut gezeigt, und ein Ziel in nächster Nähe. Kein Weg war zurückzulegen, keine Entfernung war zu durchmessen, welche Besonnenheit und Überlegung hätte zurückkehren lassen.   Zu derselben Zeit, in welcher das Volk aus dem Schuhhof auf den Altstädter Markt hervordrängte, brach ein anderer Haufe aus einer der auf den Platz mündenden Gassen. Das war die Bäckergilde, wie die Schuster und Gerber untermischt mit gemeinen Leuten, mit fremdem und einheimischem Gesindel. In keiner Gilde herrschte eine so tief eingewurzelte Erbitterung gegen den Rat, als bei den Bäckern; schon vor fünfzehn Jahren, anno 1359, hatten sie sich gegen das Regiment der Geschlechter erhoben und wurden damals blutig unterdrückt. Seitdem hatten sie rachsüchtigen Herzens auf die Gelegenheit zu einem zweiten Versuch gewartet. Etwa in der Mitte des Marktes vereinigten sich beide Haufen, jubelten einander zu und stürzten sich dann ohne Aufenthalt gegen das Haus mit den sieben Türmen. So plötzlich kamen dessen Bewohnern der Anprall dieser rasenden Menge, daß sie nicht einmal das große Thor des Hauptportals zu schließen Zeit fanden. Noch vor wenigen Minuten war der Platz leer gewesen, ja man hätte hinzusetzen können: still, wenn nicht aus dem Innern des Schuhhofs ein wüster Lärm herausgedrungen wäre. Jetzt war er plötzlich bedeckt mit einer brüllenden und tobenden Flut bewaffneter Menschen – und wieder um ein Kleines später hatte sich diese Flut in das prächtige Gebäude ergossen, rauschte über alle Treppen hinauf, hinab, lärmte durch alle Säle, drang in alle Zimmer bis in die geheimsten Schlupfwinkel. Und welche Zerstörung ließ sie hinter sich! Auf die kostbarsten Geräte sausten die Beile und Morgensterne nieder, die Fenster wurden eingeschlagen und ihre Flügel auf den Platz hinabgestürzt und hinterher flog durch die weiten Öffnungen, was in die Hände der Wilden fiel, Hausgeräte aller Art, Sessel und Tische, zerfetzte Betten und geschlitzte Gemälde. Schränke und Truhen wurden aufgesprengt, ihr Inhalt von gierigen Händen durchwühlt, umhergestreut, zum Fenster hinaus geschleudert, die Prachtgewänder der Frauen, Gold, Juwelen, das reiche Silbergeschirr, alles siel in die Hände der Empörer und nicht weniger die reichen Vorräte von Küche und Keller. Vom prasselnden Feuer wurden die saftigen Braten gerissen, in den Kellern schlug man den Fässern die Böden aus und schöpfte mit Eimern den Malvasier oder den dunkelroten Wein aus dem Lande Frankreich und das feurige, goldfarbene Naß vom Rhein. Der eine riß die Gefäße dem, andern vom Munde fort, einzelne hatten sich unter die aufgedrehten Faßhahnen gelegt und ließen sich die berauschende Flüssigkeit in den Mund laufen, bis sie fortgedrängt wurden, um anderen Gierigen Platz zu machen. Der Boden war überschwemmt mit dem köstlichen Naß und es gab solche, die noch vom Boden auf mit großen Schöpfkellen, mit Löffeln und irdenem Küchengeschirr die Flut ausschöpften und den Hals hinuntergossen. Und niemand steuerte diesem tollen Gebahren? Die überraschte Dienerschaft hatte sich beim ersten Anprall zerstreut und die wenigen Mutigen, welche es gewagt, sich der Menge entgegen zu stemmen, waren niedergehauen, unter die Füße getreten, ihre toten Leiber zu unkenntlichen Massen von Fleisch und zersplitterten Knochen geworden. Aber der Bürgermeister selbst? Er hatte schon mit Frau und Tochter bei Tische gesessen, da ward von einem hereinstürzenden Diener gerufen: »Sie kommen, sie kommen hierher!« »Wer?« Tile vam Damme erhob sich halb bei der Frage, unnötig ward jede Antwort durch das grausige Toben, das von unten herauf drang. Da sank der fette Mann in seinen Stuhl zurück, unartikulierte Laute kamen über seine Lippen, die aus dem Kopf quellenden Augen starrten in entsetzlicher Angst nach der offengebliebenen Thür, während Frau Margarete in ratlosem Jammer die Hände rang. Nicht so Ilse! Nicht unbekannt mit des Vaters Unfällen, goß sie den nächsten Becher Wassers über ihn aus, riß ihm die Halskrause auf und ihn selbst aus dem Sessel empor, »Fort, Vater, schnell, noch ist Rettung möglich!« rief sie ihm zu und zog ihn mit sich fort. Er folgte, erst halb willenlos und keuchend, nach Atem ringend. Dann aber, wieder Herr seiner selbst werdend, eilt er hier voran, einem versteckten Turmgemache zu. Aber schon waren sie bemerkt worden. »Da sind sie, da sind sie!« klang es hinter ihnen her und durch die prächtigen Säle stürmte eine wilde Rotte ihnen nach. Ilse schlug die Thür des Turmzimmers hinter ihrem Vater zu und stellte sich selbst davor, keine andere Waffe in der Hand, als einen schweren, eisernen Leuchter, welchen sie im Vorbeieilen ergriffen hatte, aber dennoch entschlossen, die Thür, so lang ihre Kraft aushielt, zu verteidigen. Sie schauerte zusammen, als sie die Verfolger gegen sich heranstürzen sah, diese von Leidenschaft verzerrten Gesichter mit den glühenden Augen, aus denen die Wut wie in feurigen Funken hervorsprühte. Krampfhaft umklammerten ihre Hände den Leuchter. »Fort, Dirne!« klang es ihr entgegen, ein heißer Atem wehte sie an, ein nerviger Arm suchte sie zu umschlingen, fortzuziehen; da schmetterte sie den Leuchter auf den Kopf des Angreifers, nieder, daß derselbe blutend zurücktaumelte. Ein Wutgeschrei folgte der schnellen That. Zwanzig Arme erhoben sich gegen Ilse, entrissen ihr den Leuchter, zerrten sie, trotz allen Widerstrebens, von der Thür, schleuderten sie den Nachstürmenden entgegen. Fußtritte donnerten gegen die verschlossene Thür, Axthiebe schlugen die Füllungen heraus, endlich gab dem vereinten Andrang auch das Schloß nach und die Thür war aufgesprengt. Die Menschenwoge stürmte durch die gewonnene Öffnung, in einer unglaublich kurzen Frist war das Zimmer gedrängt voll, alle Ecken wurden durchsucht, alle Winkel durchstöbert, alle Schränke aufgerissen, aber der Gesuchte war nirgends zu finden. Die Enttäuschung stachelte die Wut der Rasenden bis zum äußersten, sie machte sich Luft in einem tobenden Geheul, dann spähte sie nach einem anderen Opfer. Dasselbe war bald gefunden. Die Tochter des Verhaßten, welche sie aufgehalten und seine Flucht ermöglicht, Ilse war ja in ihrer Gewalt. Gegen die Unglückliche kehrte sich jetzt die ganze Wucht der entsetzlichen Flut. Und erhob sich keine Hand zu ihrer Rettung? Blitzschnell war die Kunde von dem Sturme auf das Haus mit den sieben Türmen durch die Stadt gelaufen. Einzelne Männer, welche »Nieder mit den Burgensen!« riefen, stürmten durch alle Weichbilde, durch alle Straßen. Aus den einzelnen wurden Haufen und diese Haufen wuchsen mit jeder Minute. Aus allen Gildestuben, aus allen Schenken stürmten die Aufrührer herbei und aus den verrufensten Winkeln nicht am wenigsten. Von St. Michaelis, vom Dom, von St. Autor klangen gellend die Sturmglocken, angstvoll schlossen die bedrohten Geschlechter ihre Häuser, lähmend wirkte das überraschende Entsetzen auf die Thatkraft, dazu das Bewußtsein, daß die Niederlage am Elme sie ihrer tüchtigsten Kräfte beraubt – jeder dachte nur an sich und niemand an gemeinsamen Widerstand. Ja, wäre nur ein Mittelpunkt dagewesen, um den sie sich hätten scharen können, ein Anführer, der die wenigen Beherzten zusammengerafft und durch seine Zuversicht die Mutlosen mit sich fortgerissen hätte. Aber das Haupt der Stadt war durch eigene Gefährde am schwersten bedroht, und der an seine Stelle hätte treten sollen, weigerte sich dessen. Gleich die erste Kunde des Aufruhrs hatte Kort Doring erhalten. Vom Fronboten war sie ihm überbracht, aber der Bürgermeister hatte sie mit kühlem Achselzucken angehört. Wie teilnahmlos saß er im Erker seines Hauses am Steinmarkt, und als der Bote um Aufträge in ihn drang, ob er nicht den Rat zusammenrufen, die Utridere, die Stadtknechte entbieten solle, herrschte Kort ihn an, er solle schweigen und sich nicht in Sachen mischen, die er nicht verstehe. Die Utridere kamen von selbst, nicht minder kamen die Stadtknechte und Büttel gelaufen, voller Mut und bereit, ihre Pflicht zu thun; auch einige Ratsmannen stellten sich ein und selbst einzelne der vermögenden Bürger in Eisenhaube und Lendner. Alle drängten in Doring, zu handeln, mit gesamten Kräften dem Aufruhr zu steuern – vergebens! Seine einzige Antwort war: »Was geht es mich an?« Unbeweglich saß er in seinem Erker, dessen Fenster er weit geöffnet hatte, und horchte auf das Toben und Brüllen, das vom Altstädtermarkt herüber drang. Das dünkte ihm eine köstliche Musik. Auch für ihn war der Tag der Rache gekommen! Und die sich versammelt hatten, zu helfen, genug vielleicht, um jetzt noch dem Aufruhr zu steuern – denn was ihnen an Zahl abging, mochten Mut und Entschlossenheit ersetzen – standen jetzt ratlos, ohne Haupt, sprachen hin und her, ohne sich über das Nächste einigen zu können. Und einer nach dem andern schlich sich davon, die eigene Haut zu retten, das eigene Dach zu schützen, überlassen blieb die unglückliche Stadt den wilden Mächten der Empörung, dem Verderben geweiht das Haus mit den sieben Türmen.   Wir haben Ilse in dem Augenblick verlassen, als sich die Wut der enttäuschten Aufrührer gegen sie wandte. Zu entkommen war ihr nicht möglich gewesen, der kräftigste Mann hätte nicht den Strom der Eindringenden durchbrechen können, geschweige denn ein schwaches Mädchen. So blieb ihr selbst da, als die Wütenden mit dem Sprengen der Thür und dem Suchen nach dem Bürgermeister beschäftigt waren, sie daher nicht beachteten, nichts übrig, als sich in eine Ecke zu drücken und eine günstige Wendung abzuwarten. Aber statt einer solchen trat das Allerungünstigste für sie ein. »Statt des Vaters die Tochter!«– »Wo ist sie?« – »Her mit der Dirne!« klang es gellend durch einander. Fünfzig, sechzig Augen suchten nach Ilse und nur zu bald war sie gefunden. Man riß sie aus dem Winkel, in welchem sie sich verborgen, schleuderte sie einander zu, freche Worte schlugen an ihr Ohr, heiße Lippen suchten sich auf die ihrigen zu drücken, wohin sie sah, wilde, feindliche Blicke, teuflisches Grinsen. Ihre Kleidung war zerrissen, die sonst so zierlich gesteckten blonden Zöpfe hingen ihr tief auf den Rücken herab. Ein Mensch mit blutüberströmtem Antlitz drängte sich an sie heran. »Mir gehört sie«, schrie er mit heiserer Stimme, »mit meinem Blut habe ich sie bezahlt! Komm, mein süßes Täubchen!« Er umschlang sie; aus seinem bluttriefenden Haar tropfte es warm und feucht auf sie herab, einen letzten verzweifelnden Blick warf sie um sich. Da gewahrte sie im Gürtel des Zudringlichen ein blankes, langes und breites Messer. Mit einem Griff war dasselbe in ihrer Hand. »Zurück, los«, gellte sie, die spitze Waffe zum Stoß zückend und in der That gab der Überraschte sie frei. Auch die Nächststehenden prallten einen Schritt zurück vor der blanken Waffe und den in wilder Entschlossenheit blitzenden Augen der Jungfrau. Das benutzte Ilse, mit einem gellenden Schrei stürzte sie sich in den Haufen, es bildete sich eine augenblickliche Gasse und im nächsten Moment stand sie hoch aufgerichtet in einer der hohen Fensterwölbungen, deren Kreuzstock man längst auf den Platz hinabgeschmettert hatte. Da stand sie, die Erbtochter dieses stolzen Hauses, dessen heitere Pracht noch heute Morgen die Strahlen der aufgehenden Sonne rosig überglänzt hatten und das nun in der Mittagssonne dalag, ein Bild grausiger Zerstörung. Da stand sie, die Tochter des uralten, freien Sachsengeschlechtes, mit ungebeugtem Stolz den Tod ins Antlitz sehend, wie einst die sächsischen Jungfrauen von ihrer Wagenburg dein Ansturm römischer und fränkischer Feindesscharen entgegengeschaut hatten. Von allem Reichtum, von allem Schmuck des Lebens, von aller Schönheit war ihr nichts geblieben, als nur das eine, der Weg zur Freiheit, zur Freiheit des Todes. Sie atmete hoch auf und warf einen Blick hinab in die gähnende Tiefe, auf das Pflaster des Marktes, auf dem in kurzer Zeit ihre zerschmetterten Gebeine liegen sollten. Ein Blick nur, und dennoch – wie viel umfaßte dieser eine Blick! Der ganze Platz war angefüllt mit Menschen, mit rasenden, brüllenden und jauchzenden Menschen, bedeckt mit den Trümmern dessen, was einst dies Haus stolz und prächtig gemacht hatte. Dazwischen schmausende und zechende Gruppen und andere, welche in hellen Streit um die wertvolle Beute geraten waren. Sie sah grinsende und keifende Weiber über den unermeßlichen, rings zerstreuten Leinenvorrat herfallen und andere, die im Begriffe waren, ihre armseligen Lumpen mit den Festkleidern der vam Dammeschen Frauen zu vertauschen. Ja, sie erkannte sogar deutlich, wie sich eine freche Dirne in dem weißseidenen Gewande brüstete, welches sie – Ilse – auf dem Feste Herzog Ernsts im Rathause getragen hatte. Das alles sah sie mit einem Blicke, zu einem zweiten ließen die Verfolger ihr keine Zeit. Dieselben waren nicht gewillt, ihre schöne Beute sich entgehen zu lassen. Sobald sie sich von ihrer Überraschung erholt, stürzten sie sich mit Wutgeheul auf die Fensternische, in welche sich Ilse geflüchtet. Die Jungfrau schloß die Augen und hob sich zum Sprunge in die grausige Tiefe. Und mit Blitzesschnelle zog in diesem Moment noch einmal ihr ganzes vergangenes Leben an ihr vorüber. Hastig verdrängte ein Bild das andere und in jedem Bilde wiederholte sich eine Gestalt, »Rolef«, flüsterte sie mit bebenden Lippen. »Ilse!« War es das geisterhafte Echo ihrer Gedanken, war es Wirklichkeit, dieser Ton, der an ihr Ohr schlug? Sie öffnete die Augen und – keine Täuschung! Sie sah dort unten auf dem Platze mitten in der Menge einen Reiter. Vor den hauenden Hufen seines Rosses, vor dem drohenden Blitzen seines breiten Schwertes wich das Gesindel scheu aus einander. Wonniges Entzücken durchbebte sie, und zugleich ein grenzenloser Schmerz. Er war gekommen sie zu retten, aber – er war zu spät gekommen. Bis er, der Einzelne, sich zu ihr durchgeschlagen hatte, war sie längst der Wut dieser Ruchlosen zum Opfer gefallen oder lag zerschmettert unten auf dem Pflaster. Da tönte ein zweites Wort an ihr Ohr, dem ein gellendes Angstgeschrei folgte, welches selbst das Brüllen der Menge übertönte und die Köpfe ihrer Verfolger nach rückwärts wandte. »Feuer! Feuer!« gellte es von unten herauf. »Das Haus brennt, rette sich wer kann!« Es war gekommen, wie es kommen mußte. Nicht zufrieden in ihrer sinnlosen Wut, alles zu zerschlagen und zum Fenster hinaus zu, werfen, hatten die Rasenden Feuer angelegt, das ihrer Zerstörungssucht schnellere Dienste leisten sollte. Die ersten waren Asche Kamla und Holtnicker gewesen. In die Hände des letzteren waren mit den Rentenbriefen, Schuldscheinen und Rechnungsbüchern des Bürgermeisters auch seine beiden Verschreibungen gefallen, denen er den Niedergang seines Glückes zurechnete. Ihr Anblick hatte die unter der äußeren Ruhe kochende Leidenschaft wie einen nichtsachtenden Lavastrom durchbrechen lassen. Mit Asche Kamlas nur zu bereitwilliger Hilfe hatte er zusammengerafft, was Brennbares in der Nähe war, den schnell gebildeten Scheiterhaufen entzündet und jene verhaßten Schriften mit einer Menge ähnlicher Urkunden hineingeworfen. Es war ein Vermögen, das da in Feuer und Rauch aufging, das Vermögen, welches Tile vam Damme in langen Jahren rastloser Thätigkeit, nicht zufrieden mit dem altererbten Reichtum seines Hauses, zu demselben hinzu erworben hatte; ein Vermögen, an welchem der Schweiß der Armen und die Thränen der Witwen und Waisen klebten. Jetzt verzehrten es die lodernden Flammen in reißender Schnelligkeit, und als Holtnicker das helle Feuer so rüstig an der Arbeit sah, wandte er sich lachend ab, anderswo für seinen Zerstörungssinn ein Feld suchend und unbekümmert, was die Flammen noch weiter verzehren würden. Aber das eine Feuer hatte zur Nachahmung angespornt, auch in anderen Gemächern loderte es bald eben so hoch auf, weiter und weiter griffen die Flammen um sich, umjubelt und geschürt von den Brandstiftern, ohne einen Gedanken an die Hunderte der Ihrigen in den oberen Geschossen und in den Kellern, wo in sinnloser Betäubung die Berauschten bei den aufgeschlagenen Fässern lagen. Erst als die Flammen aus den Fenstern herausschlugen, als erstickender Rauch das Treppenhaus erfüllte und das trockene, mit Ölfarben getränkte Holz der Stiegen selbst in der Hitze knarrend aufsprang und zu qualmen begann, dachten sie an den Rückzug, dachten sie daran, auch ihren Genossen eine Warnung zukommen zu lassen. Ein kreischender Angstschrei war die Antwort auf diese Warnung, Ilses Bedränger, deren Gesichter soeben noch von Wut gerötet waren und aus deren Augen Rachgier und Bosheit geblitzt, wurden bleich, und ängstlich suchten ihre Blicke den rettenden Ausgang. Alle stürzten demselben zu; die Vordersten, welche beim Anblick des raucherfüllten Treppenhauses einen Moment stutzten, wurden von den Nachdrängenden vorgeschoben, zu Boden gestürzt, mit Füßen getreten, die Schwächeren von den Stärkeren zur Seite geschoben und gegen das reich geschnitzte Treppengeländer gepreßt. Dasselbe wankte, krachte in allen Fugen, wich und brach und mit ihm stürzten Dutzende in die von untenherauf züngelnden Flammen. Entsetzlich grauenvoll für Augen und Ohren war dieser mit Rauch und Feuer, angstverzerrten Gesichtern, zerquetschten Leibern, Flüchen und Jammergeheul angefüllte Raum, eine wahre Hölle auf Erden! Unbeweglich blieb Ilse auf ihrem Standpunkt. Unerträglich wurden Hitze und Rauch der aus den unteren Fensterhöhlen herausschlagenden Flammen, sie wankte nicht. Unverwandt hing ihr Blick an dem Reiter, welcher sich durch die dichtgedrängte Menge näher und näher an das brennende Haus heran arbeitete. Sie winkte ihm zu mit der Rechten; ein Abschiedsgruß sollte es sein, keine Aufforderung, sie zu retten. Denn unrettbar blieb sie verloren. Unmöglich war es für sie, für ihn, die dichtgekeilte Masse rasender Menschen zu durchbrechen, welche einander quetschend und in den Flammenpfuhl hinabstoßend über die rauchende Treppe zu entkommen trachteten. Hochauf züngelten die Flammen und der Wind trieb ihr den aufsteigenden Rauch so voll ins Gesicht, daß sie zu ersticken meinte. Als sich die Rauchwolke wieder verzogen hatte, war auch der Reiter unten auf dem Platz verschwunden. Ilse fühlte ihre Kräfte weichen, sie stieg zurück ins Gemach, kniete nieder, faltete die Hände auf der Fensterbrüstung und stützte das Antlitz darauf, »Lebe wohl, Rolef«, flüsterten ihre bebenden Lippen, die Sinne vergingen ihr. Noch zuckten wie magische Blitze einige wirre Vorstellungen durch ihr Gehirn, eine Idee von der unsäglichen Wohlhat kühlenden Wassers, eines frischen Luftzuges, vor ihren Augen flimmerte es in allen Farben, vor ihren Ohren erklang ein Brausen wie ferne Meeresbrandung, dann ward dies alles verdrängt durch tiefschwarze stille Nacht – und dann? Mit dem äußersten Aufgebot starker Willenskraft riß sie sich noch einmal empor. Ihre fliegenden Lungen sogen nur heißen Rauch ein. Aus dem brennenden Treppenhaus drang kein Laut mehr herauf, aber um so deutlicher hörte sie das verdächtige Knistern, das Stöhnen des sich biegenden Holzes der Dielen, auf denen sie stand, und deren Hitze ihre Füße kaum noch ertragen konnten. Selbst die breiten massiven Außenmauern begannen so heiß zu werden, daß sie ihr keinen Stützpunkt mehr zu bieten vermochten, die inneren Zwischenwände, aus Fachwerk errichtet, glühten und dampften und auch in ihnen knisterten und stöhnten die Balken, Drei Schritte von ihr stürzte ein großes Stück vom Kalkanwurf der Zimmerdecke auf den Boden, erschrocken sah sie hinauf, jedoch entsetzt flohen ihre Augen den Anblick, eine gierige Flamme leckte am freigewordenen Gebälk. Aber durch all diese Schrecknisse, durch all diese grausigen Töne, doppelt beängstigend durch das, was sie verkündeten, durch das Entsetzliche, was mit jeder Minute näher rückte, drang ein anderer Ton, der Klang einer menschlichen Stimme: »Ilse, Ilse!« Sie preßte die fiebernden Schläfen mit beiden Händen, war sie schon wirr oder war es noch Wirklichkeit? »Ilse«, klang es wieder, näher, deutlicher – und nochmals »Ilse!« Das war kein Traum! Sie nahm die letzte Kraft ihrer Lungen zusammen und antwortete so laut sie konnte: »Rolef!« Ein betäubender Krach folgte ihrem Ruf, ein sinnverwirrendes Prasseln, donnerndes Aufschlagen schwerer Holz- und Steinmassen. Das Treppenhaus war in sich zusammengestürzt. Ilse glaubte die Mauern um sich her wanken, den Boden brechen, die Decke bersten zu sehen, neue, dichte Rauchmassen wälzten sich heran, sie fühlte, im nächsten Moment mußte ihr Herz stille stehen, Ihre Kniee brachen, sie sank zusammen, da fühlte sie sich von zwei starken Händen ergriffen, krampfhaft schlossen sich ihre Arme um den Hals ihres Retters, dann verlor sie das Bewußtsein. Ihres Retters? War denn noch eine Rettung möglich aus dieser rauch- und flammenerfüllten Ruine? Mußte dieselbe nicht zum Grab für beide werden? Rolef hatte vorhin in schnellem Überblick erkannt, daß es unmöglich sei, über die Haupttreppe zu Ilse zu gelangen und sich daher zu einem Seiteneingange durchgedrängt, welcher ihm von früheren Jahren her wohl bekannt, aber von der Menge nicht beachtet war. Von hier führte in einem der Türme eine Wendeltreppe aufwärts, unmittelbar in den zweiten Stock. Die wenigen Aufrührer, welche diese Treppe gefunden, stürzten auf ihrer Flucht vor dem Feuer achtlos an dem Jünglinge vorüber, welcher, das blanke Schwert in der Faust, die Stufen hinanstürmte. So gelangte Rolef ungehindert in den zweiten Stock, dessen Gemächer bereits mit dichtem Rauch erfüllt waren. Aber wo nun Ilse finden? Nur das wußte er, daß sie in einem der nach dem Marktplätze hinausgehenden Zimmer gewesen. Er stürmte durch die lange Flucht derselben, er rief wiederholt ihren Namen, keine Antwort! Doch da – endlich – nur schwach – aber doch deutlich vernehmbar klang es: »Rolef!« Unbekümmert um das Krachen des zusammenbrechenden Treppenhauses, unbekümmert um Rauch und Flammen stürzte Rolef dahin, woher der Ton gekommen. Er fand die teure Gestalt halb bewußtlos auf dem Boden knieend, hob sie empor und trat nun, mit der Last auf den Armen, den Rückweg an. Die Hitze versengte beiden die Kleider, die Haare, selbst die Augenbrauen, – hinter ihnen schlugen die Flammen zusammen, krachten funkensprühend die schwersten Balken hernieder – nur weiter, weiter! Mehr springend als laufend, trotz der Last, welche er trug, erreichte Rolef endlich den Turm wieder, in welchem er heraufgestiegen war. Hier ruhte er einen Augenblick. Es herrschte hier eine reinere Luft, da die Gewölbe des Turmes, auch nach dem Innern des Hauses zu, durch dicke Mauern und schwere Thüren abgeschieden waren, von welchen letzteren die Aufrührer nur wenige zu sprengen vermocht hatten. Aber lange durfte er auch hier nicht verweilen. So wenige der Öffnungen waren, so drang durch sie doch auch hierher schon der Rauch in dichten schweren Wolken, schon glühten auch hier die Mauern, ließ sich auch hier das beängstigende Knistern und Stöhnen der Holzteile vernehmen, begann die Treppe zu dampfen und klaffende Risse zu zeigen. In wenigen Sätzen sprang sie Rolef hinab, langsamer den zweiten, massiv aus Stein errichteten Absatz. So gewann er das Freie. Die noch immer bewußtlose Ilse auf den Armen drängte er durch die Menge, niemand hielt ihn auf. Es waren so viele, welche betäubte, erstickte, verbrannte, zerquetschte und zerschmetterte Körper Anverwandter davon trugen, daß keiner sonderlich des Paares achtete. Und wer hätte in der von Rauch geschwärzten Gestalt in zerfetzter Kleidung die schöne und stolze Ilse vam Damme wieder erkannt? Auch den Dunkelfuchs fand Rolef noch am Brunnen, inmitten des Marktes, wo er ihn am Gitter festgebunden. Neben dem Pferde lehnte er Ilse gegen das Gitter und schöpfte mit der Hand Wasser aus dem Brunnen, womit er ihr Antlitz netzte. Das ließ sie ins Bewußtsein zurückkehren. Sie schlug die Augen auf und sah ihn erstaunt an. »Ich lebe noch und Du bist bei mir«, flüsterte sie. Dann fiel ihr Blick auf das Haus mit den sieben Türmen, aus welchem die Flammen hoch zum Himmel emporschlugen. Schaudernd zuckte sie zusammen und verbarg das Gesicht in beiden Händen. »Mut, Ilse«, flüsterte Rolef ihr zu, »in kurzem seid Ihr bei Eurer Mutter.« »Wo ist sie?« fragte Ilse aufsehend. »In der Altewik. Dorthin hat sie sich gerettet, im Glauben, daß Ihr Euch mit dem Vater geborgen. Kommt, ich hebe Euch auf mein Pferd, so mögen auch wir die Altewik erreichen.« Noch ehe er ausgesprochen, saß sie schon mit seiner Hilfe im Sattel, Er löste die Zügel vom Brunnengitter und führte das Pferd durch die Menge. Auch jetzt hielt man sie nicht auf. Noch war die ganze Aufmerksamkeit dem Feuer zugewendet, und Rolefs gewappnete Gestalt, mit dem blanken Schwert in der Faust, mit der ruhigen Entschlossenheit in Blick und Haltung scheuchte auch diejenigen zurück, welche sich etwa neugierig herandrängen mochten. Ilse sah stumm und unverwandt vor sich nieder. In ihren Augen standen Thränen. Machte sich in ihnen jetzt, da die äußerste Spannung vorüber war, das gepreßte Herz Luft, oder fühlte sie aus Rolefs Benehmen, trotz aller Aufopferung, aller Besorgnis, etwas Förmliches, etwas Fremdes heraus? Auch Rolef ging stumm neben dem Pferde her. Das, woran er nicht gedacht, so lange es sich um Ilses Rettung gehandelt, das überkam ihn jetzt plötzlich mit unabweisbarer Mahnung, der Gedanke, daß er eines anderen Braut gerettet. Da klang leise und bebend Ilses Stimme neben ihm: »O Rolef, wie soll ich Euch danken?« »Laßt das«, erwiderte er fast rauh und ohne sich umzusehen, »ich habe nur meine Pflicht gethan.« Und weiter sprach die leise, bebende Stimme neben ihm: »Rolef verhärtet Euer Herz nicht gegen mich, weil ich Vörsfeldes Braut geworden bin. Nur der äußerste Zwang hat mich dazu getrieben, des seid versichert; ich war so einsam und allein.« Er sah sich um und in ihre thränenerfüllten Augen. »So gehört Dein Herz noch mir, Ilse?« fragte er gerührt. Sie nickte, während sich eine Thräne von ihren Wimpern löste. »Nie hat es einem anderen gehört und nie wird es einem anderen gehören. Als mich vorhin die Schatten des Todes umfingen, warst Du mein letzter Gedanke.« Er konnte ihr nur die Hand drücken, nur mit, einem innigen Blick der treuen Augen danken, er mußte seine Aufmerksamkeit anderem widmen. Angekommen bei der Brücke bei Unsern Lieben Frauen, welche die Altewik mit den anderen Weichbildern verband, sah er, wie die Altewiker Bürger beschäftigt waren, dieselbe abzubrechen. Denn dieser Stadtteil war der einzige, welcher sich nicht der Empörung angeschlossen hatte. Hier wurde der Rat meist von den Lakenmachern gestellt, welche unter Ackerbürgern und geringeren Handwerkern den größten und angesehensten Teil der Altewiker Gemeinde bildeten. Diesen Rat trennte von seinen Bürgern kein Gegensatz wesentlicher Interessen, mehr ihre natürlichen Vertreter als ihre Herren konnten diese in ihm sehen. Als daher der Auflauf begann, standen hier die Bürger, denen die abgetrennte Lage ihres Weichbildes jenseit der Okerbrücken und der alten Ringmauer zu statten kam, zu ihrem Rate. Vgl. »Die Chroniken der Stadt Braunschweig«, ed. von Hänselmann. 1. Band; der »Chroniken der deutschen Städte vom 14. bis ins 16. Jahrhundert« sechster Band. Es war nur natürlich, daß unter diesen Umständen die Altewik der Zufluchtsort aller derjenigen aus den Geschlechtern wurde, denen es noch gelungen war, sich vor der entfesselten Volkswut zu retten. Über eben dies machte es auch notwendig, das Weichbild, gegen einen Überfall aus den anderen Stadtteilen zu schützen. Man schloß daher das Friesenthor und ebenso die beiden äußeren Stadtthore, warf die Stobenbrücke ab und war so eben beschäftigt, ein Gleiches mit der Brücke bei Unsern Lieben Frauen zu thun, als Rolef und Ilse davor anlangten. Nur mit Mühe vermochte der Knappe noch seine Schutzbefohlene hinüber zu bringen. Drüben wurden sie von einer gaffenden Menge empfangen, aber aus den Neugierigen hervor drängte sich Frau Margareta. Da glitt Ilse vom Pferde und barg das Haupt an der Brust der Mutter. Die Flammen waren im Begriff, ihre Arbeit zu vollenden, das Haus mit den sieben Türmen war bald nur noch ein rauchender Trümmerhaufen, aus dem die massiven Außenmauern kahl und schwarz zum blauen Frühlingshimmel emporragten. Aber damit war die Wut der Aufrührer noch nicht gesättigt. Bald stiegen auch an anderen Orten der Stadt rote Feuersäulen auf, noch sieben Häuser, so wird berichtet, brannten an diesem Tage vollständig nieder. Es gab kein Schrecknis, welches der unglücklichen Stadt erspart geblieben wäre. Die Gefängnisse waren von den Aufrührern geöffnet und das befreite Gesindel tobte raubend und sengend durch die Straßen. Und welche Feder mag die entsetzlichen Bilder malen, welche sich nun darstellten. Wie man Väter und Gatten von den Ihrigen riß, um sie beschimpft und mißhandelt in die Kerker zu schleppen, welche sich mit Bürgermeistern und Ratsgenossen anfüllten. Wie die unglücklichen Frauen, ihrer natürlichen Beschützer beraubt, der Wut der Volkshefe preisgegeben waren, nachdem sie vorher hatten mit ansehen müssen, wie man die trauliche Stätte ihrer häuslichen Wirksamkeit und ihrer stillen Freuden verheert, geplündert, den Flammen überliefert. Wie die rasende Menge alles, was ihr an Schriften in die Hände fiel, zusammenschichtete und verbrannte, dabei vornehmlich auf die Rentenbriefe der Ratverwandten fahndend, wie sie in die Häuser der Ratsherren eindrang, dort Truhen und Kisten aufsprengte, unschätzbare Dokumente zerriß, auf die Straßen streute, verbrannte. Wie die Haufen auch hier in die Weinkeller einbrachen, die Fässer einschlugen, um zu trinken, bis sie endlich in sinnlosem Rausche davor liegen blieben oder durch das feurige Naß zu noch größerer Wut aufgestachelt, wiederum auf die Straße hinausstürzten, neuen Schandthaten entgegen. Wie endlich die Elenden über die Teilung der Beute unter sich selbst in Streit gerieten, denn – so schreibt die Chronik – »wer meist zugriff, meist hatte.« Herren der Stadt sperrten die Aufrührer die Stadtthore, und da auch die Altemik sich jetzt abgeschlossen hatte, war ihrer Rache verfallen, was sich bisher nicht zu retten vermocht. Aber wo war derjenige, welchem der größte Haß galt? Wo war Tile vam Damme? Nachdem seine mutige Tochter ihm die Zeit dazu verschafft hatte, war es ihm gelungen, aus dem von uns erwähnten Turmgemach durch eine geheime, im Getäfel der Wand verborgene Thür auf einen kaum mannesbreiten, in der dicken Außenmauer fortgeführten Gang hinauszutreten, welcher nur durch einige schmale, von außen fast nicht zu bemerkende Mauerspalten Luft und Licht empfing. Derselbe stieg, in spiralförmigen Windungen der Turmmauer folgend, langsam bergab, und endete in einem versteckten Winkel des Hofes, hinter einer Nische, welche samt einer darin angebrachten Steinfigur auf einer Drehscheibe stand. Eine geheime Feder ließ diese Nische eine halbe Wendung machen, wodurch eine Öffnung entstand, groß genug, um einen Menschen durchschlüpfen zu lassen. Von hier hätte Tile vam Damme immerhin noch entrinnen können, wenn er sofort diesen Ausweg gesucht hätte, so lange die Aufrührer noch lediglich das Haus durchstöberten und ehe sich noch die Empörung durch die ganze Stadt verbreitet hatte. Aber in der Besorgnis, einem der aufständischen Haufen zu begegnen, und in der Hoffnung, daß bald von anderer Seite der Bewegung ein Ende gemacht werden würde, wagte er sich nicht aus seinem Versteck heraus, wo er ja allerdings für den Augenblick am sichersten aufgehoben war. Aber wie bereute er diesen Entschluß in den Stunden, welche nun folgten, als das Gebrüll und Geheul der Pöbelmasse, statt abzunehmen, mehr und mehr anwuchs und ihm so anzeigte, wie unbegründet seine Hoffnung auf eine baldige Dämpfung des Aufstandes gewesen! Er schob sich langsam den Gang hinunter – anders konnte man es nicht nennen bei der Enge des Raumes und der Korpulenz seiner Gestalt – bis zu der vorhin beschriebenen Nische, welche durch eine Spalte ihrer hölzernen Rückwand ihm gestattete, einen Blick auf den Hof zu werfen. Entsetzt fuhr er wieder zurück. Den ganzen Hof sah er angefüllt mit einer von Wein und Leidenschaft trunkenen Menge, welche brüllend und jauchzend die aus den oberen Fenstern herabstürzenden Gegenstände begrüßte, kaum ausweichend, wenn die gewichtigsten Geräte herniederfuhren, und unbekümmert darum, ob dem einen oder anderen unter ihnen durch dieselben die gräßlichsten Verstümmelungen zugefügt wurden. Sachen, deren Wert niemand besser zu schätzen wußte, als er, sah er der Wut des Volkes preisgegeben, welches an ihnen und an seinem ganzen Hause seine Rachsucht und Zerstörungswut ungehindert befriedigen konnte. Zähneknirschend sah er diesem Schauspiele zu, von welchem er den Blick trotz der Pein, die es ihm bereitete, nicht abwenden konnte. Aber er sollte noch mehr sehen! War das nicht Rauch, was dort aus dem gegenüberliegenden Fenster herausdrang? Gewiß, er wurde starker und stärker, jetzt quoll er auch zu einem anderen Fenster heraus und nun folgte ihm eine helle Flamme mit gierigem Lecken. »Feuer! Feuer!« schrie van Damme im ersten Schrecken, ohne zu bedenken, daß der Ruf sein Versteck verraten konnte. Aber seine Stimme verhallte ungehört in dem schaurigen Geheul, welches das Gesindel beim Anblick des hellen Feuers erhob. Unter Jauchzen türmten sie dicht vor der Nische, welche vam Damme verbarg, zusammen, was an Brennbarem im Hofe umher lag, zündeten den Scheiterhaufen an, schürten ihn unverdrossen zu neuer Glut, fortwährend von allen Seiten frische Nahrung herbei schleppend. Der Bürgermeister zog sich schaudernd von seinem Aufsichtsposten zurück. Hätte ihn jetzt Kort Doring gesehen, sein Gelüste nach Rache wäre befriedigt gewesen! Wie der fette Mann dastand, zwischen die engen Mauern geklemmt, den kalten Angstschweiß auf der Stirne und mit Zähneklappern dem Augenblicke entgegensehend, wo der immer stärker durch die Mauerritzen und Thürspalten hereindringende Rauch ihn erstickt haben oder die Bretterwand, welche ihn jetzt noch vom Feuer schied, auch in Flammen aufgegangen sein würde. Und was nicht zu sehen war, die innere Seelenpein, das war das Ärgste! »Es ist Dein eigenes Werk!« schrie ihm sein Gewissen unablässig zu und diese Stimme übertönte das Prasseln und Knistern der Flammen, das Krachen der herabstürzenden Balken und Steine, das jammervolle Kreischen der Unglücklichen, welche keinen Ausweg mehr aus dem brennenden Gebäude hatten finden können oder unter den Trümmern des zusammengebrochenen Treppenhauses begraben waren, und das zu diesem Jammer in entsetzlichem Gegensatze stehende Jubelgeheul der Menge, welche den Palast ihres verhaßten Tyrannen in Feuer und Rauch aufgehen sah. Ja, es war, als ob diese Laute für ihn in dem einen, jede Folterqual überbietenden Rufe zusammenhallten: »Das ist Dein Werk!« Glühender war diese Seelenpein als die sich von Minute zu Minute mehr erhitzenden Mauern, zwischen denen er eingeklemmt war, beängstigender als die Atemnot, welche in dem raucherfüllten Gange mit jedem Augenblicke unerträglicher wurde. Und so litt unter den vielen, welche in dieser grausigen Stunde ein jammervolles Ende fanden, dennoch nicht einer solche Qualen, als wie Tile vam Damme. »Ich kann es nicht mehr ertragen! Hinaus aus dieser Hölle, damit sie mich totschlagen«, stöhnte er und schob sich zwischen den glühenden Mauern durch, wieder der Nische zu. Jetzt hatte er die hölzerne Hinterwand erreicht, er suchte nach der Feder, aber seine Hand fuhr zurück, als sie das heiße Eisen berührte. Mit den Knieen drückte er dagegen, vergebens, die Nische drehte sich nicht. Das Holz mußte in den langen Jahren, in welchen die Maschine nicht benutzt ward, verquollen sein oder die jetzige Glut hatte eine Veränderung in den Metallteilen hervorgebracht. Da nahm er alle Kraft zusammen und drängte, jede Fiber anspannend, gegen die durch die Hitze auseinanderklaffenden Bretter. Aber eine andere Gewalt war noch stärker als die seine, die Macht des Feuers. Schon leckten durch die Spalten züngelnde Flammen und versengten seine Haare, daß er entsetzt zurückfuhr. Dann raffte er sich zu einem zweiten Stoße auf und nun gab das schon teilweise verkohlte Holz nach. Es wich aus den Fugen und mit ihm stürzte der Bürgermeister durch die Flammen ins Freie. Noch immer waren einige der Aufrührer beschäftigt, den Scheiterhaufen auf dem Hofe zu schüren. Als sie nun plötzlich mitten hervor aus der Mauer diese runde Gestalt stürzen sahen, einer Feuerkugel vergleichbar, denn schon hatten die Flammen vam Dammes Kleider ergriffen, da fuhren sie zuerst erschrocken zurück und dann stürzten sie sich auf ihn und löschten sein brennendes Gewand. Und als sie ihn jetzt aufhoben, erkannten sie in dem rauchgeschwärzten, blutenden, halb verbrannten Manne, dem die Kleider wie Zunder vom Leibe fielen, denjenigen noch nicht wieder, unter dessen Regiment sie so lange gestanden hatten. Da rief plötzlich einer: »Es ist vam Damme!« Nun brüllten es alle nach und eine kreischende Weiberstimme setzte hinzu: »Zurück mit ihm in die Flammen, auf den Scheiterhaufen!« Schon streckten sich zehn, zwanzig Arme nach ihm aus, schon ergriffen sie ihn und hoben ihn empor, um ihn in das Feuer zu schleudern, da rief eine tiefe Stimme: »Halt, halt, er gehört mir!« Sie ließen ihr Opfer zur Erde fallen und sahen sich erstaunt um. Es war Holtnicker, der vor ihnen stand. »Keinen hat er so elend gemacht als mich«, sagte der Gerber in seiner gewöhnlichen, ruhigen Weise, »darum muß auch ich seine Strafe bestimmen. Nicht so schnell soll die vorübergehen, als Ihr meint. Er soll länger leiden.« Das Gesindel jauchzte Beifall und band ihm auf Holtnickers Geheiß die Hände auf dem Rücken zusammen. So führten sie ihn, halb nackt und kaum noch kenntlich unter Ruß, Blut und Brandmalen nach dem Hause des Schmied Eckermann im Hagen. Da schlossen sie ihn mit Ketten an die Wand »und wachten« – wie der Chronist erzählt – »um ihn in Harnischen.«   »Mein Gott, ist es denn möglich? Wahrhaftig Junker, Ihr seid es! O, warum seid Ihr nicht früher gekommen?« Mit diesen Worten wurde Rolef im Doringschen Hause am Steinmarkt von der alten Beschließerin empfangen. Gefoltert von quälender Sorge um seinen Vater war er hierher geeilt, sobald er Ilse in Sicherheit wußte. Niemand hatte ihn aufgehalten, das Kettengeflecht des Panzerhemdes hatte er vor das Gesicht gezogen, und keiner der Empörer dachte daran, daß sich dahinter der Bürgermeistersohn Rolef Doring verberge. Aber in welchem Zustande mußte er das Vaterhaus finden! Die Hausthür war aufgesprengt, die Fenster eingeschlagen; zerschmetterte Geräte, zerfetzte Bilder, erbrochene Truhen boten sich überall dem Auge. Dabei waren alle Räume öde, leer, totenstill! Vergebens rief Rolef mit lauter Stimme seines Vaters Namen – keine Antwort! Vergebens rief er nach den Dienstleuten des Hauses – da endlich wagte sich die alte Beschließerin hervor. Zwar prallte sie wieder erschrocken zurück, als sie sich einem gerüsteten Kriegsmanne gegenüber sah; wie aber Rolef das Kettengeflecht vom Gesichte zog, begrüßte sie ihn mit desto größerer Freude. »O mein lieber, goldener Junker, warum seid Ihr nicht früher gekommen«, wiederholte sie nochmals. »Wo ist mein Vater?« fragte Rolef zurück. »Ach, weiß ich's, Junker! Fort ist er, fort! Und als er fort war, kamen diese Unmenschen gleich wilden Tieren –« »Beim Blute Christi, Gertrud, besinne Dich! Hast Du keine Ahnung, wohin sich mein Vater gewandt hat?« »Ach, wie soll ich eine Ahnung haben? Hat er denn seit Monaten überhaupt ein Wort mit mir gesprochen? Ach, seit Ihr aus dem Hause seid, Junker – Aber so hört doch, und rennt nicht gleich wieder fort. Der Ratsmann van Sunnenberge war da und drängte den Bürgermeister mit ihm zu gehen –« »Wohin, wohin?« »Dem Aufruhr wollten sie steuern, glaube ich, denn Herr van Sunnenberge erzählte, das Volk habe die Thore geschlossen. ›So wollen wir sie wieder öffnen‹, sagte der Bürgermeister. Und dann gingen sie fort.« »Nach welchem Thore? Beste, liebste Gertrud, besinne Dich! Haben sie nicht gesagt, zu welchem Thore sie hinaus wollten?« »Ach, ich habe nicht so genau zugehört, auch war von verschiedenen Thoren die Rede, vom Fallersleber Thor, meine ich, dann aber auch vom Michaelis-Thor.« »Gut, gut, das ist wenigstens ein Anhaltepunkt. Lebe wohl, Gertrud!« »O, mein goldener Junker, bleibt lieber hier. Es geht auf den Straßen schaurig zu. Wenn sie Euch erkennen, schlagen sie Euch tot.« Rolef hörte die gut gemeinte Warnung nicht mehr. Mit wenigen Sätzen war er die Treppe hinab, zum Hause hinaus, und eilte dem Michaelis-Thore zu. Nicht einmal daran dachte er, sein Gesicht wieder hinter dem Kettengeflechte zu verbergen.   Wir müssen nun um etwa zwei Stunden zurückgreifen. Als Kort Doring von seinem Erker aus die Flammen in der Gegend des Altstädter Marktes aufsteigen sah und das Geschrei Vorübereilender ihm verkündete, das Haus mit den sieben Türmen sei in Brand geraten – da schob er das breite Fenster in die Höhe und legte sich weit hinaus. Unverwandt hingen seine Augen an der rotgefärbten Rauchwolke, er atmete tief und heftig, und so oft der Wind den Rauch dem Steinmarkte zutrieb, blähten sich seine Nüstern und er sog den brandigen Geruch mit Wonne ein, als sei es der köstlichste Blumenduft. So traf ihn sein Freund, der Ratsmann van Sunnenberge. »Wie wohl das thut!« rief ihm Kort mit seinem ingrimmigen Lachen zu. »Du bist von Sinnen«, entgegnete der Ratsmann entsetzt, »Deine Rachgier hat uns, hat die ganze Stadt ins Verderben gestürzt.« »Nur diejenigen, so es verdient«, sagte der Bürgermeister achselzuckend. »Rechnest Du auch mich zu denen?« »Wie sollte ich das?« »Aber diejenigen thun es, deren Wut Du entfesselt. Kaum habe ich Weib und Kind noch nach der Altewik gerettet, Haus und Hof ist von den Rasenden verwüstet. In Bälde werden sie auch bei Dir anklopfen, darum rette Dich, ehe es zu spät ist.« Doring strich sich den Bart. »Der Unschuldige muß mit dem Schuldigen leiden«, sagte er nicht ohne Bewegung. »Daß es auch Dich getroffen, schmerzt mich tief.« Er schüttelte Sunnenberge die Hand. Dieser versuchte ihn mit sich fortzuziehen. »Komm mit, auch Dir droht Gefahr«, drängte der treue Freund, »Denk an Deinen Sohn, dem Du Dich erhalten mußt, an die Stadt, deren Oberhaupt Du bist.« »Wer soll mir Gefahr bringen, ich habe keinem von ihnen Unrecht gethan!« »Fragen sie nach Recht oder Unrecht? Komm mit, ich beschwöre Dich. Schon geberden sie sich als Herren der Stadt, haben die Thore geschlossen –« »Die Thore geschlossen?« unterbrach ihn Doring verwundert. »Damit niemand ihrer Rache entkommen kann.« »Oho, die Thore geschlossen? Herren der Stadt? Sie sollen die Thore wieder öffnen, so wahr ich Kort Doring heiße!« Er drehte sich noch einmal zum Fenster um und deutete auf die Rauchwolke. »Dem da ist sein Recht geschehen«, sagte er feierlich, »jetzt aber wird es Zeit, Einhalt zu thun.« Seine hohe, sehnige Figur streckte sich. Er nahm Helm und Schwert von der Wand. »Zum Michaelis-Thor!« rief er Sunnenberge zu und schritt voran. »Was wird aus uns, wenn Ihr uns verlaßt?« klagte die alte Beschließerin, welche vorhin den Ratsmann hereingeführt und unbemerkt, aber mit Aufmerksamkeit dem Gespräche der Männer gefolgt war. »Dir thun sie nichts, Alte«, lachte Kort. »Und Schätze, wie bei Tile vam Damme, finden sie hier nicht im Hause. Das Wenige, was darin ist, mag ihnen preisgegeben sein.« Unbehindert erreichten Doring und Sunnenberge das Michaelis-Thor. Unterwegs hatten sich ihnen noch einige aus den Geschlechtern angeschlossen; aber es war doch weit mehr das Ansehen des alten Doring, als ihre Anzahl, welches die Aufrührer bewog, das Thor wieder zu räumen. Dasselbe war mit einem hohen und starken Turm versehen, leicht zu verteidigen und in Verbindung mit dem offenen Felde. So bot es einen vortrefflichen Stützpunkt, dessen schnelle Wahl Dorings Scharfblick kennzeichnete. Aber auch die stärkste Festung ist nichts ohne Verteidiger, und an denen fehlte es. Der Bürgermeister hatte gehofft, hier die Wehrbaren aus den Geschlechtern sammeln zu können, jedoch wir haben schon oben erzählt, daß diese an dem heutigen Unglückstage einer versprengten Herde glichen und es daher den Aufrührern leicht ward, sie einzeln zu überwältigen, niederzuschlagen oder in den Kerker zu schleppen. Mit Entsetzen sah Doring von der Höhe des Turmes, wie ein Feuer nach dem anderen in der Stadt aufloderte, sah wie in den benachbarten Straßen die Empörer ihr grausiges Wesen trieben. Da wünschte er wohl, sich nicht so weit von seinem Hasse gegen vam Damme und dessen Anhang haben fortreißen zu lassen und eher gegen den Aufruhr eingeschritten zu sein. Denn konnte er sich verhehlen, daß die Verantwortung für das, was da geschah, auch ihn mit traf? Dichter und größer wuchs die Volksmenge vor dem Thore, drohende Rufe drangen zu den wenigen Verteidigern empor, untermischt mit Aufforderungen, sich zu übergeben. Hätten die Empörer gewußt, wie wenige ihrer waren, die das Thor hielten, langst hätten sie einen Sturm versucht. Da drängte sich ein einzelner Mann durch die Schreier. Sunnenberge faßte Dorings Arm. »Ist das nicht Rolef?« fragte er überrascht. »Bei Sankt Autor, er ist's!« rief der Bürgermeister. »Wo kommt der Bursche her?« »Laßt mich mit ihnen sprechen, Freunde«, rief Rolef der Menge zu; »ich will zum Turm hinauf und ihnen vorstellen, wie unnütz längerer Widerstand sei.« Damit hatte er sich in die vordersten Reihen geschoben und ehe das Volk sich ihn recht angesehen, war er schon von Doring und Sunnenberge zu einer schmalen Nebenthüre in den Turm hineingezogen, welche sich sofort wieder hinter ihm schloß. »Der holt die Kerls auch nicht herunter!« »Wer war's denn?« »Ich glaube, es war einer von den verfluchten Burgensen selbst!« tönte es durcheinander. Und noch lauter als vorher begann das Volk zu lärmen und zu schimpfen. Mit fliegendem Atem erzählte indessen Rolef, was ihn hergeführt, wie Herzog Friedrich die Unterredung zwischen dem Quaden und Kyphod belauscht, und daß der letztere den Aufruhr habe schüren helfen. »Betrogen, betrogen!« stöhnte Kort. »O, warum konnte ich den Wolf im Schafspelz nicht erkennen!« Er stampfte mit dem Fuße auf. »Vorbei, vorbei! Klagen ist unmännlich. Jetzt heißt es wieder gut machen!« Darauf wandte er sich zu dem kleinen Häuflein, welches mit ihm im Turme war. Er stellte den Männern vor, daß nur noch von außen Hilfe kommen könne und das Wichtigste jetzt sei, möglichst schnell diese Hilfe herbeizuholen. Sie sei nicht weit, Herzog Albrecht von Grubenhagen sei auf dem Wege nach Tangermünde zu Kaiser Karl und raste diese Nacht in Gifhorn. Der Herzog kenne Rolef persönlich, daher sei es das Rätlichste, diesen sofort mit der Nachricht von dem, was geschehen, und der dringenden Bitte um schleunige Unterstützung zu ihm zu schicken. Bis dahin aber müßten sie dieses Thor halten, damit der Herzog ungehindert zur Stadt hinein könne. Alle erkannten in diesem Vorschlage das einzige Mittel, den Empörern die Herrschaft über die Stadt wieder zu entreißen und diejenigen der Ihrigen zu retten, welche dem Volke in die Hände gefallen waren. Die Zugbrücke wurde herunter gelassen und über sie eilte Rolef nach kurzem Abschiede ins Freie hinaus. Sein nächstes Ziel war einer der Doringschen Meierhöfe. Hier machte er sich beritten und sprengte dann mit verhängten Zügeln Gifhorn zu. Indessen lärmte die Menge vor dem Thore fort, aber in Unkenntnis der geringen Anzahl der Verteidiger wagte sie immer noch keinen eigentlichen Sturm auf das feste Bollwerk. Manche verliefen sich auch wieder, denen die Sache langweilig wurde, und welche an anderen Orten mehr Unterhaltung und mehr Beute hofften. Dafür kamen andere, und unter diesen erkannte Doring zu seiner Freude mehrere ihm wohlbekannte ruhige Bürger, ehrbare und wohlhabende Leute, welche von altersher in guten Beziehungen zum Hause Doring standen. Die Gelegenheit, dieselben für sich zu gewinnen, wollte er nicht unbenutzt vorübergehen lassen. Er trat deshalb mit Sunnenberge zu der kleinen Pforte heraus, zu welcher sie vorhin Rolef hineingezogen hatten. Der Pöbel empfing sie mit Gebrüll, aber als die Bessergesinnten Doring und seinen Freund erkannten, bildeten sie einen Kreis um die beiden und hörten aufmerksam des Bürgermeisters Rede zu. Der beschwor sie, zusammenzustehen, bald werde die Reihe auch an sie kommen und der rasende Pöbel auch nach ihrer Habe, nach ihrem Leben schreien. Niemand könne wissen, wohin man treibe, wenn jetzt nicht Einhalt geschehe. Dazu müßten sich jetzt alle vereinigen, Geschlechter und Bürger, wer dem Unwesen länger unthätig zusehe, mache sich zum Mitschuldigen. Die Übelstände, welche den Aufruhr hervorgerufen, verspreche der Rat abzustellen, zunächst aber müsse die Stadt beruhigt werden. Deshalb sollten sie sich jetzt verteilen, Gleichgesinnte zu werben suchen und sich dann hier vor dem Michaelisthore wieder bewaffnet sammeln. Dann würden sie, vereint mit denen im Turme, stark genug sein, Recht und Gesetz wieder zu Ehren zu bringen! Manch zustimmendes Wort begleitete die Rede des Bürgermeisters und manch' verständiges Kopfnicken. Zum Schluß streckte ihnen Doring die Hände entgegen, die ergriffen viele und schüttelten sie und versprachen nach des Bürgermeisters Worten zu thun. Aber da trat ein Zwischenfall ein, welcher eine neue Wendung herbeiführte. Entweder durch einen Vertrauten herangeholt oder vom Zufall hergeführt, erschienen in eben diesem Augenblicke Asche Kamla und Klaus Lodewiges mit einem Haufen ihrer Anhänger. Asche Kamlas rohe Natur war durch alles das, was er gesehen und selbst gethan hatte, vollständig tierisch geworden. Von dem fortwährenden Brüllen und Schreien war er so heiser, daß er kaum noch sprechen konnte, aber seine rollenden Augen und seine mit Ruß und Blut besudelten Hände redeten eine Sprache von grauenhafter Deutlichkeit. Männer ähnlichen Schlages und gleicher Wildheit begleiteten ihn. Klaus Lodewiges verleugnete zwar auch jetzt nicht den Mann, der etwas auf sich hielt, aber sein Auge blitzte in dämonischem Hasse auf, als er Doring erkannte. Die Neuangekommenen drängten sich sofort zwischen das Thor und den Bürgermeister, so daß diesem mit Sunnenberge der Rückzug abgeschnitten war. Im nächsten Augenblicke sah sich Doring Asche Kamlas wutentstelltem Gesicht und Lodewiges höhnischem Grinsen gegenüber, fühlte er sich von zehn, zwanzig Fäusten gepackt und zu Boden geworfen. Er war so überrascht worden, daß er nicht mehr zum Schwert greifen konnte. Während ihn die einen festhielten, banden ihm die anderen Arme und Beine. Nicht anders erging es Sunnenberge. Und diejenigen, welche eben noch Kort Doring gelobt hatten, ihm beizustehen, stoben jetzt erschrocken auseinander, als sie die entmenschten Gesichter und drohenden Waffen von Asche Kamlas Genossen gewahrten. Noch weniger dachten die im Turme daran, den Ihrigen Hilfe zu bringen. Nur die eigene Rettung hatten sie vor Augen, als sie sahen, was Doring und Sunnenberge geschah. Sie ließen die Zugbrücke herunter und flohen aufs freie Feld. So ward es dem Pöbel leicht, auch das letzte Bollwerk zu gewinnen, von dem auch das alte Regiment die Herrschaft der Stadt hätte zurückerobern können. Asche Kamla ließ hinter den Flüchtigen die Zugbrücke aufziehen und lagerte sich selbst mit seinem Haufen zur Bewahrung des wichtigen Punktes. Klaus Lodewiges aber schleppte im Triumphe die beiden Gefangenen nach dem Hagen. Im Hause dessen van Urde, am Graben zur Linken, wenn man nach dem Fallersleber Thore ging, schloß man sie an die Säulen fest. Das war das Ende dieses grauenvollen Tages, Der 17. April 1374, Montag nach Misericordias Domini! Noch nach Jahrhunderten wußten die Braunschweiger von ihm zu erzählen. Fünfzehntes Kapitel. Richtet nicht, auf daß Ihr nicht gerichtet werdet! Es war tief in der Nacht, als Rolef Gifhorn erreichte. Erst nach langem, vergeblichem Mühen gelang es ihm, den Marschall des Herzogs aufzufinden und auch dann gab es noch viel Hin- und Herreden, bis sich dieser bestimmen ließ, seinen Fürsten zu wecken. Der »Herzog zum Salze«, wie ihn die Zeitgenossen nach seiner Residenz Salzderhelden nannten, Herzog Albrecht von Grubenhagen, ein Vetter des Quaden und Schwiegersohn des verstorbenen Magnus Torquatus, war höchst betroffen durch Rolefs Botschaft. Wie der Quade war er kein Freund der Städte, aber die braunschweigschen Geschlechter hatte er in der lüneburgschen Fehde achten lernen, wo sie sich ebenso treu als tapfer für seinen Schwiegervater geschlagen hatten. Und vor allem schätzte er Kort Doring ob seines mannhaften Wesens und ritterlicher Sitte. Er war daher sogleich bereit, zu helfen, wem noch zu helfen war, und befahl den sofortigen Aufbruch. Die ersten Strahlen der Frühlingssonne blitzten über den Horizont, als der Reitertrupp vor dem Michaelisthor zu Braunschweig anlangte. Aber vergebens gab Rolef zwei-, dreimal das verabredete Zeichen. Die Zugbrücke kam nicht herunter, wohl aber schauten bärtige Gesichter über die Mauerzinnen und Asche Kamla fragte nach des reisigen Haufens Begehr. Da ritt der Herzog zum Salze vor und verlangte Kort Doring zu sprechen. »Der liegt in Banden«, war die Antwort, »und wartet seines Urteils.« »Er ist der Stadt Bürgermeister. Wer mag da anders über ihn urteilen, als seine Fürsten?« »Was geht's Euch an?« lachte Asche Kamla. »Frecher Gesell«, rief des Herzogs Marschall, »wißt Ihr nicht, »wen Ihr vor Euch habt? Es ist der Herzog zum Salze.« »Ich verlange Einlaß in die Stadt«, setzte der Fürst hinzu. »Gehet hin und meldet das denen, so jetzt in der Stadt befehlen.« Danach ritt Herzog Albrecht mit seinen Begleitern eine Strecke zurück, um der Antwort der neuen Gewalthaber zu harren. Er sprach freundliche, tröstende Worte zu Rolef, wie man es nicht wagen werde, seinem Vater ein Haar zu krümmen. Aber der Trost fand keinen Eingang in des Jünglings Herz. Nach demjenigen, was er gestern von den Aufrührern mit eigenen Augen gesehen hatte, wußte er nur zu gut, daß diese Menschen auch vor dem Äußersten nicht zurückschrecken würden. Es dauerte lange, bis Antwort aus der Stadt kam. Holtnicker und Klaus Lodewiges waren die Boten, welche man herausschickte. Der Herzog erinnerte die Männer daran, daß auch ihm die Stadt mit Huldigungseiden verbunden sei. Er bat, seinen Rat und seine Bürger nicht zu morden, er erbot sich, über die Gefangenen nach Gebühr richten zu helfen: »Wenn einer ans Leben gebrochen, daß er's mit dem Leben büße, wenn ans Gut, mit dem Gute, daß aber der Unschuldige unschuldig bleibe.« Die Boten hörten seine Vorstellungen schweigend an. Und nichts weiter erwiderten sie, als daß sie seine Worte getreulich in der Stadt berichten wollten und daß dem Herzoge am anderen Tage Antwort werden solle. Alles Fluchen, Schelten, Bitten blieb fruchtlos. Mit Gewalt aber konnte der Fürst nicht den Eingang in die Stadt erzwingen, dazu waren seiner Mannen zu wenige. So blieb ihm nichts übrig, als nach Gifhorn zurückzureiten und dort der Stadt Antwort zu erwarten. Nicht so Rolef. Er nahm Abschied vom Herzog und ritt um die Stadt herum, bis er eines der Altenwicker Stadtthore erreichte. Hier hoffte er Einlaß zu finden, wußte er doch von gestern, daß dies Weichbild sich dem Aufstand nicht angeschlossen hatte. Aber auch hier hatten sich die Verhältnisse schon geändert. Die ganze Nacht waren Boten zwischen der Altewick und der anderen Stadt hin und her gegangen. Die neuen Gewalthaber der Stadt verlangten die Auslieferung der Burgensen, welche sich in die Altewick geflüchtet hatten. Das wollte deren Rat nicht zugestehen. Da drohten die Aufrührer, Gewalt zu brauchen und das ganze Weichbild niederzubrennen. Der Altewicker Rat aber bedachte, daß er sich allein nicht der vereinten Macht der vier anderen Stadtteile widersetzen könne, zumal er nicht sicher sei, wie weit und wie lange seine Bürgerschaft mit ihm gehen würde. So kam es zu einem Vergleiche. Die geflüchteten Burgensen blieben ungekränkt, doch mußten sie noch in der Nacht die Altewick verlassen und geloben, vor Sonnenaufgang die Grenze der Braunschweiger Stadtmark im Rücken zu haben. Auch ward von den Aufrührern Rat und Bürgerschaft der Altewick nicht allein Leben und Eigentum, sondern auch alle ihre besonderen Rechte zugesichert. Dagegen versprachen diese, daß der Aufrührer Feinde auch ihre Feinde sein sollten, daß sie keine derselben in ihr Weichbild einlassen und nötigenfalls mit den neuen Gewalthabern zu Felde liegen wollten. Dies alles erfuhr Rolef von dem Ratsmann, welcher am Thore die Wache hatte und der ihm von früheren Zeiten wohl bekannt war. Er fragte nach seinem Vater. Derselbe sei wohlbehalten, ward ihm zur Antwort, wenn auch in Banden. Daß ihm die Aufrührer ans Leben wollten, meinte der Ratsmann, sei nicht anzunehmen. Auch nach den Frauen vam Damme fragte Rolef. Sie seien mit den anderen Burgensen fort, hieß es. Wohin? – das wußte der Ratsmann nicht zu sagen. So ritt Rolef unverrichteter Sache und schweren Herzens dem Herzog zum Salze nach, zurück nach Gifhorn. Innerhalb der Stadtmauern von Braunschweig kochte und brodelte es indessen wie in einem Hexenkessel. Noch rauchten die Trümmer der niedergebrannten Häuser, noch lagen vor den Wohnungen der Burgensen die Straßen voll zertrümmerten Geräts, noch lungerte das Gesindel nach Beute spähend umher und dazwischen lagen Betrunkene, welche ihren Rausch von gestern ausschliefen, lärmten andere, welche bereits neue Begeisterung aus dem Fasse geholt hatten. Noch war die Gewalt in den Händen jener zum Äußersten entschlossenen Männer, wie Asche Kamla, Holtnicker und Lodewiges, und diese waren auch durchaus nicht gewillt, sich der kaum errungenen Herrschaft so bald zu entäußern. Im Gegenteil veranlaßte sie die Einmischung des Herzogs zum Salze, das begonnene Werk nur desto schneller zu Ende zu führen. Nicht länger als wie diesen einen Tag noch ward den Häuptern der gefangenen Burgensen zu leben vergönnt. Für Tile vam Damme war der Tod keine Strafe, sondern eine Erlösung. Nicht wegen der körperlichen Qualen, welche ihm seine Brandwunden bereiteten. Der Sturz, welcher den herrschsüchtigen und habsüchtigen Mann betroffen hatte, dieser Sturz von stolzer Höhe ins tiefste Elend hatte ihm alles genommen, woran sein Herz hing. Gleichgiltig hörte er, was ihm bevorstand, gleichgiltig ließ er sich mit großem Gepränge, wie die Chronik berichtet, nach dem Hagenmarkt führen und fast stumpfsinnig schaute er zu, wie das Haupt seines Freundes, Hans van Himstede, unter dem Richtschwerte fiel. Weiße braunschweigische Laken hatte man ausgebreitet, die sollte das Blut der Gerichteten rot färben. Auf ihnen stellte man den Sessel auf, in welchem vam Damme bei den Umsprachen auf dem Rathause zu sitzen pflegte und von dem aus er noch vorgestern die verhängnisvolle Verhandlung mit den Gildemeistern geleitet hatte. Und in eben diesem Sessel empfing er jetzt den Todesstreich. Aber diese beiden Häupter waren noch nicht Opfer genug, es sollte noch mehr Blut fließen. Vom Hagen zogen die Aufrührer nach der Neustadt; hier, vor dem Weinkeller wurden Hermann van Gustede und Hennig Luseken enthauptet. Dann teilten sie sich, ein Haufen schleppte Hans van Gottinge vor sein Haus auf der Schuhstraße und schlug ihn angesichts desselben mit Äxten und Schwertern tot; dasselbe Schicksal erlitt Brun van Gustede vor seinem Hause auf dem Kohlmarkt. Jetzt erst dünkte ihnen der Strom Blutes breit genug, welcher ihre Anhänger für immer von den Geschlechtern und deren fürstlichen Beschützern trennte, jetzt erst würdigten sie den Herzog zum Salze in Gifhorn einer Antwort. Dieselbe bestand einfach in einer Anzeige von den geschehenen Hinrichtungen. Mit fieberhafter Spannung hing Rolef an des Boten Lippen, welcher die Häupter aufzählte, so gefallen waren. Und wie atmete er auf, als endlich der Bote schloß und in der blutigen Liste seines Vaters Name nicht genannt wurde. »So lebt mein Vater noch!« rief er laut und ehe noch der Herzog gesprochen hatte, so daß dieser ihn verwundert, wenn auch nicht unwillig anschaute. Der Bote nickte, der Fürst aber schalt und klagte laut ob des vergossenen Blutes und bat und drohte, daß man das Leben der anderen Gefangenen schonen solle. Dann saß er auf »und ritt« – erzählt die Chronik – »mit großem Jammer und Unmut von dannen.« Rolef jedoch verließ Gifhorn leichteren Herzens, als er gekommen war. Jetzt glaubte er mit Grund hoffen zu dürfen, daß seines Vaters Leben erhalten bliebe. Er trennte sich von Herzog Albrecht und schlug den Weg nach Schloß Wolfenbüttel ein. Vom Hause des Klaus van Urde beim Fallersleber Thor war Kort Doring am Dienstag Morgen nach einem festen Gemach im Rathaus am Hagenmarkt gebracht. Hier suchte ihn an dem blutigen Mittwoch, von dem wir soeben berichtet, Klaus Lodewiges auf. »Kennt Ihr mich noch?« fragte er im Eintreten den Gefangenen. »Wie sollte ich nicht.« »Seht Euch mal diese Hände an«, prahlte der reiche Klaus, »Ihr meintet früher, sie paßten nicht aufs Rathaus, weil sie Wolle gekratzt. Und nun sind sie doch hinauf gekommen!« »Schlimm genug für die Stadt Braunschweig.« »Ah, meint Ihr? Ihr scheint mir in der That unverbesserlich. Haben Euch auch die letzten Tage noch nicht überzeugt, daß unsere, der Gildegenossen, Köpfe ebenso gut zum Rat und unsere Hände ebenso wacker zur That sind, als die der Burgensen?« »Ich will Euch sagen, wozu sie gut sind, zu Raub und Brandstiftung«, entgegnete Doring ruhig. Und als Klaus Lodewiges heftig auffuhr, sprach er mit erhobener Stimme weiter: »Ihr dünkt Euch jetzt Herren zu sein in Braunschweig, aber Eure Zuversicht wird Euch trügen. Namenloses Elend habt Ihr über unsere Stadt gebracht und noch größeres werdet Ihr über sie bringen. Denn ausgeschlossen wird sie durch Euch aus der Gemeinschaft aller Ehrlichen werden und unehrlich geachtet von jedwedem. Keine Stadt wird mit Euch verkehren wollen, der Hansabund wird Euch ausstoßen; bei unseren Fürsten werden diejenigen, welche Ihr beraubt und vertrieben, Schutz finden und deren Waffen werden die Verbannten zurückführen. Dann wird von neuem Mord und Totschlag durch die Straßen toben, dann wird auch für Euch die Stunde der Vergeltung kommen; aber mit ihr für ganz Braunschweig noch entsetzlichere Tage, als die beiden letzten!« »Wißt Ihr das so genau?« lachte der reiche Klaus. »Nun, da Ihr mir meine Zukunft prophezeit, will ich Euch auch das Schicksal zeigen, das Euch bevorsteht. Seht hierher!« Mit den Worten stieß er das Fenster auf und deutete durch die Gitterstäbe auf den Markt hinab. Kort trat näher und warf einen Blick hinaus. Dann fuhr er entsetzt zurück. Inmitten einer zahllosen Menge sah er weiße Tücher ausgebreitet und auf diesen in einem Sessel einen kurzen, fetten Mann sitzen, er sah ein blitzendes Schwert, einen hochaufschießenden Blutstrahl. Da verbarg er das Gesicht in beiden Händen und laut aufstöhnend brach er zusammen. Noch einen triumphierenden Blick warf der reiche Klaus auf den gedemütigten Feind – dann ließ er ihn allein. Er hatte keine Ahnung von dem, was in Kort Doring vorging. Er glaubte von der Angst vor dem Tode ihn darnieder geworfen und in diesem Augenblicke lag Kort nichts ferner, als die Furcht, sein Leben enden zu müssen. Gewissensangst, unerträglich qualvolle Gewissensangst hatte ihn überwältigt. Und diese Qual blieb bei ihm, als Lodewiges ihn schon längst verlassen, ja sie wuchs mit jeder der langsam dahinschleichenden Stunden. Vergebens sagte er sich, daß er ja nicht dies gewollt, daß er vam Damme nur habe demütigen wollen und ihn herabstürzen von der stolzen Höhe, auf welcher er sich in unerträglichem Hochmut spreizte; ja, daß er selbst dann, wenn er in seiner Rachgier den Verhaßten hätte niederstoßen können, doch davor zurückgebebt sein würde, ihn, der Stadt Oberhaupt , von diesen Mordgesellen auf offenem Markte hinschlachten zu lassen. Vergebens stellte er sich vor, wie vam Damme ihn geschädigt, gedrückt, bei Seite geschoben und sein Teuerstes, seinen Rolef, der Folterbank hatte überliefern wollen – vergebens, wie ja vam Damme selbst und seine Anhänger in ihrer unbegreiflichen Blindheit den Scheiterhaufen zusammengetürmt, welcher jetzt ihr und der Stadt Glück verzehrt hatte – vergebens, wie er zuletzt wenigstens noch bemüht gewesen war, dem Unglück zu steuern und wie nur die Arglist der Aufrührer gehindert, daß ihm dieser Versuch nicht gelungen – vergebens! Die Stimme des Gewissens schwieg nicht. Erst dann kam er zur Ruhe, als er nicht mehr dagegen ankämpfte, als er sich reumütig zu seiner Sünde bekannte und bei Dem Gnade suchte, welcher aller Gnaden Quell ist. Und aus diesem Quell schöpfte er die Kraft, seine Schuld zu tragen und dem Tode mit einer Freudigkeit ins Antlitz zu schauen, deren Andenken der Chronist noch nach hundertundvierzig Jahren lebendig fand. Gern hätten ihn manche geschont, denn so viele Tile vam Damme gehaßt, so viele ehrten und liebten ihn. Aber die Energie der Mordbegierigen, zumal die Rachlust des reichen Klaus, überwogen. Zwar am Donnerstag feierten die Blutgerichte. Ein Schreiben Kaiser Karls aus Tangermünde war eingetroffen, welches von Mord und Ungericht abmahnte und gebot, die Zwietracht zum Austrage der Fürsten und Städte zu verstellen. Dieser Brief rief unter den Machthabern mancherlei Beratungen hervor, aber das Ergebnis derselben war, nicht mit dem Morden einzuhalten, sondern nur, wenn bei den voraufgegangenen Hinrichtungen ein rechtliches Verfahren unterblieben, jetzt wenigstens den Schein eines solchen zu wahren. Am Freitag Morgen wurde Kort Doring auf den Hagenmarkt hinausgeführt. Auch auf diesem Gange begleitete ihn der treue Brosius van Sunnenberge. Beide wurden zusammen vor ein aus den Wortführern des Aufstandes gebildetes Gericht gestellt und angeklagt, schädliche Neuerungen gestiftet zu haben. »Das Urteil war gefunden, bevor es gefragt wurde: im voraus schon hatte man auf dem Markte den Sandhaufen anfahren lassen, welchen beide Angeklagte nach kurzem Verfahren besteigen mußten.« Vgl. das schon häufiger angeführte Werk von Hänselmann. Der erste war Sunnenberge. Thränenden Auges nahm Doring von dem treuen Freunde Abschied, und als dessen Haupt gefallen, trat Kort vor – so erzählt der Chronist, dessen Bericht in seiner rührenden Einfachheit wohl schwer an ergreifender Wirkung zu überbieten sein möchte – »und sprach zum Volke mit freimütigem Herzen und lehrte sie so säuberlich mit klugen Worten.« Vor allem zur Eintracht mahnte er und beschwor diejenigen, welche noch ihrem Hasse nachtrachten möchten, denselben nunmehr beizulegen: des Hasses sei genug geschehen und an ihm gerochen mehr als zu viel. Allen legte er ans Herz, von Stund an einen Rat wieder zu küren, dessen die Stadt auf keine Weise entbehren könne, auf der Hut zu sein vor den Fürsten und vor dem Adel, denn bei denen sei keine Treu und kein Glaube. Und dann bat er nochmals – und die ganze Not seiner Seele sprach aus dieser Bitte – daß sie niemanden mehr töten möchten: nur zu viel Blutes sei schon geflossen, mehr als die Stadt fürs erste verwinden könne. Zuletzt fragte er die umstehenden Wortführer, was sie ihm Schuld gäben, oder was sie ihm wüßten, darum er sterben sollte? Die übelthätigen Schälke schwiegen stille dazu und sprachen nicht ein Wort. Da wandte er sich von ihnen ab zum gemeinen Volk und bat demütig: wenn er jemanden erzürnt hätte bei Tornei, Stechspiel, Schauteufel, Tanz oder wo es sonst wäre, daß es ihm vergeben sei um Gottes willen, er wolle ja gerne sterben. Es standen da wohl tausend Menschen, Männer, Weiber und Kinder, und alle weinten. Mißgünstig, oder um den Ausgang besorgt, riefen die Gewalthaber dem Scharfrichter zu: »Hau ab, hau ab!« Kort Doring aber sprach zu ihm: »Thue, was Dir befohlen ist«, knieete nieder und ließ sich den Kopf abschlagen. Und als der Todesstreich gefallen war, schrie das Volk laut auf und viele waren darunter, welche ihn gern um eine Tonne Goldes wieder ungeschehen gemacht hätten! Zweites Buch. Der Kampf ums Erbe. Erstes Kapitel Walpurgisnacht Wallende Nebelschleier umzogen die Granitstirne des Brockens; über den breiten Sumpfflächen und torfreichen Mooren, welche seine höchste Kuppe umgeben, lagerten dichtgeballte Wolken. Aber nur um ein Geringes vermochte ihr feuchter Odem die schneidende Schärfe der Luft zu mildern; an den Spitzen des hohen Riedgrases und des grauen wolligen Mooses schimmerte weißer Reif, nicht minder an den Nadeln der Tannen, deren knorrige, weit ausgreifende Wurzel nur eine verkrüppelte, kaum einige Fuß über den Erdboden sich erhebende Spitze zu treiben vermocht, und an den Flächen und Ecken der in weiten Zwischenräumen zerstreuten, aus dem Ried aufragenden Granitblöcke. Unermüdlich tränkten die Wolken die langgestreckten Sumpfflächen, unermüdlich rieselte und rann es aus den Mooren thalwärts in schmalen, oft kaum merklichen Rinnsalen. Hier zwischen moosigem Gestein verschwindend, finden sich dort zwei dieser Wässerchen zusammen, ein drittes gesellt sich zu ihnen, ein viertes – und vereinigt plätschern sie, die Moor- und Sumpfregion der Brockenkuppe verlassend, in stetigem Wachsen zwischen den Granitklippen dahin, um dann aufs neue in die Erde zu verschwinden und sich durch die Höhlungen hindurch zwischen den Felstrümmern und dem festen Untergrund ihre unterirdische Bahn zu suchen. Nur ein dumpfes Brausen verkündet hie und da den Weg des Gewässers, seltener zeigt es sich dem Blick durch eine Spalte des zerklüfteten Gesteins. Aber nicht lange mehr verträgt es das nächtliche Dunkel, es will hinaus ans Tageslicht, und das sumpf- und nebelgeborene Kind des Brockens hüpft lächelnd und strahlend als Prinzeß Ilse hervor, begrüßt vom funkelnden Sonnenschein, der hier unten im Thale das Regiment führt, wenn auch dort oben auf der Felsenkuppe noch drohende Wolken thronen. Wie sie dahin tanzt in heiterer jugendlicher Lust unter schattigem Laubdach, wie ihre klaren Fluten hier üppigen Farrenkräutern und langhin rankenden Bärlappen zum Spiegel dienen, um dort brausend und schäumend über die Granitblöcke hinabzustürzen, welche sich ihrem Lauf entgegenstemmen. Aber nur kurze Zeit ist es ihr vergönnt, so in kecker Ausgelassenheit dahin zu tänzeln, schnell ist das felsige Waldthal durchmessen, die Berge bleiben zurück, die Ebene nimmt sie auf. Von Wiesen und Feldern begrenzt, in größerer Entfernung von niedrigen bewaldeten Höhenzügen begleitet, windet sie sich jetzt in weitem Bogen der Oker zu. Manch' freundliches Dorf spiegelt sich dort in ihren Fluten, manches Wehr hält sie in ihrem immer noch schnellen Laufe auf und über manches Mühlenrad müssen ihre Wellen sprudelnd und rauschend hinüber. Erst dort, wo sie den nordwärts gerichteten Lauf dem Westen zuwendet, tritt eine Hügelkette wieder dicht an ihr Bett heran und zieht sich neben demselben entlang bis zur Vereinigung von Ilse und Oker. Zwischen Berg und Bach führt die Landstraße, im Jahre des Herrn 1381 wohl bewacht von der Veste Hornburg. Unweit Hornburg liegt das Dorf Achim und wieder in einiger Entfernung vom Dorfe eine einsame Mühle. Laut tönte das Klappern der Räder in den knospenden Wald hinüber, die Landstraße hinauf und hinab. Die Strahlen der Abendsonne fielen schräg auf die Wellen des Baches, wie sie in eiligem Lauf aus dem Mühlgraben herausgeschossen kamen. Seinen Fluten entgegen schritt ein junges, schlankes Mädchen in einfachem schwarzem Gewande von grobem Stoff. Das schmale blasse Gesicht war von dichten blonden Flechten umrahmt, die jedoch größtenteils von einem unter dem Kinn durchgeschlungenen ebenfalls schwarzen Tuche verhüllt waren. Der Blick der großen dunkelblauen Augen war zu Boden gesenkt, die Lippen des feingeschnittenen Mundes fest aufeinander gepreßt. So ging sie mit gefalteten Händen langsam ihres Weges. In der Thüre der Mühle stand eine ältere, starkknochige Frau, welche, die Augen mit der Hand gegen die blendenden Strahlen der Sonne schützend, die Straße hinuntersah, der einsamen Wanderin entgegen. In den groben Zügen ihres Gesichtes, dem es jedoch an Wohlwollen nicht fehlte, lag ungeduldiges Erwarten, und dasselbe steigerte sich mehr und mehr, als ihre Augen die Nahende so langsam, selbstvergessen herankommen sahen. Ja zuletzt bezwang sie die Ungeduld nicht länger, sie öffnete den Mund und rief laut: »Jungfer Agnes!« Die Angerufene schrak förmlich bei dem Klang des Namens zusammen, sie erhob den Kopf und die Frau in der Thür gewahrend, nickte sie derselben zur Antwort eifrig zu, indem sie zugleich ihren Schritt beschleunigte. Nun hatte sie die Mühle erreicht und streckte der Frau die Hand entgegen. »Ich bin lange ausgeblieben, Grete«, sagte sie, »Du hast doch nicht mit der Abendsuppe gewartet?« Frau Grete schüttelte den Kopf, indem sie in ihrer schwieligen, starkknochigen Hand die schmalen, feinen Finger gutmütig drückte, welche sich hineingelegt hatten. »So spät ist es noch nicht«, sagte sie, »aber ich wurde so ungeduldig –« »Du weißt, es ist heute der Tag«, unterbrach sie das junge Mädchen. »Gewiß weiß ich es«, fuhr die Frau fort, »glaubt Ihr, ich würde je den Todestag Eurer Mutter vergessen? Aber während Ihr drüben in Achim auf dem Gottesacker waret, habe ich so mancherlei erfahren, was Euch angeht – doch kommt mit herein, wir wollen es drinnen besprechen.« Das junge Mädchen folgte ihr ins Haus, als aber Frau Grete eine Thür rechter Hand öffnete, sagte Jungfer Agnes: »Laßt uns hinaufgehen, droben bei mir sind wir am ungestörtesten.« Damit stieg sie voran, eine schmale, steile Treppe hinauf. Oben empfing sie ein niedriges, enges Gemach, in welches, als nach Osten gelegen, schon die Schatten des Abends hineindunkelten. Doch war es noch hell genug, um die ärmliche Ausstattung desselben erkennen zu können. Kahle, weißgetünchte Wände, eine graue Balkendecke, ein einfaches Lager, über welchem, roh in Holz geschnitzt und mit grellen Farben bemalt, das Bild des Gekreuzigten hing, und eine schmale, niedrige Truhe, über die eine alte Decke gebreitet war. Das kleine Fenster war in die Höhe geschoben und mit dem Klappern der Mühlräder drang eine köstlich erfrischende, mit feinstem Wasserstaub untermischte Luft herein. Jungfer Agnes sank, nachdem sie eingetreten, erschöpft auf das Lager. Sie wies auf die Truhe, die Frau zum Sitzen einladend, und fragte: »Nun, liebe Grete, was ist es, was Du gehört hast?« »Jochen ist noch immer nicht zurück«, erwiderte die Frau. »Hast Du ihn fortgeschickt?« »Ich? Kein Gedanke. Nach dem Mittagessen ist er auf und davon, ohne jemandem ein Wort zu sagen.« »Nun, das ist noch nicht so lange, da wird er schon wieder kommen.« »Das ist noch nicht lange? Aus der Arbeit zu laufen, mir nichts, dir nichts. Und zumal, wo Kort mit dem Esel nach Hornburg war? Der kommt nicht wieder, Jungfer, des seid versichert.« »So mußt Du einen anderen und besseren Knecht nehmen.« »Um das ist es mir nicht bange. So einen, wie den, kriege ich bald wieder. Aber die Sache macht mir aus einem anderen Grunde Sorge. Auch in Hornburg hat Kort allerlei gehört.« »Nun, so sprich doch! Was ist es?« »'S ist wieder Krieg im Lande, Jungfer.« »Daß Gott erbarm!« »Ja freilich, daß Gott erbarm. Die Städtischen sind von Burg Hessen ins Halberstädter Stift gefallen – so haben sie Kort in Hornburg erzählt und haben des Bischofs Leute ausgepocht. Ergrimmt darüber, ist der Bischof wider sie ausgezogen und hat auch einen Haufen gegen Hornburg entsandt. Die in Hornburg rüsten sich auf alles, aber ehe die Stiftischen dorthin kommen, kommen sie zu uns. Wer weiß, was dann aus uns wird.« »Wir müssen es machen wie bei der letzten Fehde«, sagte das junge Mädchen gelassen, »mit dem Vieh und der fahrenden Habe in den Wald. An der Mühle können sie nicht viel zerstören, und was verdorben wird, müssen nachher die droben auf der Burg wieder machen lassen. Die Mühle gehört zur Burg.« »Ach, bei der letzten Fehde lebte mein Mann noch. Und dann der Bursch, der Jochen! Der macht mir die meiste Sorge.« »Was hat nur Jochen mit der Geschichte zu thun?« »Und danach fragt Ihr, Jungfer?« »Du meinst – ah – jetzt versteh ich Dich – meinetwegen könnte er uns einen Possen spielen wollen?« »Das ist es«, sagte die Frau und nickte zur Bekräftigung mit dem Kopfe dazu. »Ich fürchtete vorhin schon, als Ihr so lange ausbliebt, er habe Euch aufgelauert, denn der Bursche ist wie toll und rachsüchtigen Gemüts. Nun – den Heiligen sei Dank – das ist nicht geschehen – aber wie, wenn er jetzt dem reisigen Haufen entgegen ist, welcher gen Hornburg zieht, und den Gesellen von Euch und uns erzählt, daß sie hier einfallen –« Das junge Mädchen unterbrach sie kopfschüttelnd: »Ist es Raubgesindel, so kommen sie auch ohne Jochen, und sind es ehrliche Reiter –« »Sie plündern alle«, klagte die Frau. »Dann müssen wir eben wieder in den Wald hinauf.« »Auch dort kennt Jochen Weg und Steg.« »Aber ob ihm auch dahin die Reiter folgen werden? So bequem liegt es ihnen wenigstens nicht, als die Mühle hier unten an der Straße.« Das war ein schlechter Trost und auch Frau Grete ließ es nicht als solchen gelten. »Wenn er ihnen goldene Berge verspricht«, meinte sie, »werden sie ihm schon folgen. Und dann Ihr, Jungfer?« Ein halb unterdrückter Seufzer beantwortete die letzten Worte. An einer anderen Erwiderung, welche ihr auf der Zunge lag, wurde die Jungfer durch ein leises Klopfen an der Thür gehindert. Frau Grete erhob sich hastig und öffnete; draußen stand eine Magd und berichtete, Schwester Albina sei unten und bitte, die Nacht in der Mühle zubringen zu dürfen. Der Name wirkte fast zauberhaft auf das junge Mädchen. »Schwester Albina«, wiederholte sie freudig, und dann war sie auch schon emporgesprungen und an Frau Grete vorüber die steile Treppe hinunter geeilt. Draußen vor der Thür der Mühle hielt ein aus wenigen Personen bestehender Zug. Den Mittelpunkt desselben bildete eine weibliche Gestalt im weißen Gewande mit dem schwarzen Mantel und Schleier der Dominikanerinnen darüber, welche in einem stuhlartigen Sattel auf einem Maulesel saß, neben ihr hielt ebenfalls auf einem Maulesel eine zweite Frau in der Tracht der dienenden Schwestern. Drei reisige Knechte umgaben die Gruppe, welche von dem sich hinausdrängenden Gesinde der Mühle mit teils neugierigen, teils ehrfurchtsvollen Blicken betrachtet wurde. Den meisten unter ihnen war sie keine fremde Erscheinung, die Schwester Albina aus dem wenige Meilen entfernten und durch seine strenge Zucht ausgezeichneten Kloster Drübeck. Albina hieß sie nach der sagenhaften Gründerin ihres Klosters, deren sächsischer Name Adelbrin von den christlichen Missionaren in Albina umgeformt war. Auch sie führte diesen Namen erst seit ihrem Eintritt in den Orden, ehemals nannte man die dem ritterbürtigen Geschlechte der Dithmars Entsprossene Gertrud. Nun aber war sie schon lange in weitem Umkreise als Schwester Albina bekannt und geliebt. Ja sogar an manchen Fürstenhöfen nannte man ihren Namen mit Hochachtung. Denn der Ruf tadelloser Ordnung, dessen sich Kloster Drübeck erfreute, bewog nicht wenige der umwohnenden Dynasten und Fürsten, demselben ihre Töchter zur Erziehung anzuvertrauen. Sogar Thüringens Landgrafen verschmähten diese Stätte frommer Zucht nicht und ebensowenig die Herzoge des vielverzweigten welfischen Hauses. Welche aber von den Fürstentöchtern eine Zeit lang in der Hut der frommen Frauen von Drübeck gewesen war, die wußte auch von Schwester Albina zu erzählen und ihrem milden Ernst und liebevoller Sorgfalt. Als die Nonne jetzt Jungfer Agnes aus der Thür der Mühle treten sah, ließ sie sich vom Esel gleiten und die sich ehrfurchtsvoll Verneigende zog sie an sich und küßte sie auf die Stirn. »Da bin ich einmal wieder, liebes Kind«, sagte sie einfach. »Auf der Hornburg wollten sie mich über Nacht behalten, dann aber hätte ich morgen so eilig hier vorbei gemußt. Da entschloß ich mich lieber, in der Obermühle um ein Nachtlager anzuklopfen.« »O, Ihr seid ein Engel, Schwester Albina«, flüsterte das junge Mädchen, »und wie die Engel heißt man Euch überall seligen Herzens willkommen.« Die Nonne schüttelte verweisend das Haupt, aber die Müllerin, welche jetzt auch hinzutrat, fiel ein: »Ja, wie eine Abgesandte des Himmels erscheint Ihr uns heute. Denn Ihr trefft uns in großer Angst und Sorge.« »Möchten die Heiligen mich würdigen, sie von Euch zu nehmen. Und was ist es, was Euch quält?« Die letzte Frage war schon in der großen Wohnstube der Mühle rechts vom Hausgange gethan, in welche die Nonne mit ihrer Begleitung getreten war. Und als die Müllerin ihr Leid geklagt, fuhr Schwester Albina nicht ohne gutmütigen Spott fort: »Da glaube ich fast, daß meine reisigen Begleiter Dir noch mehr wie himmlische Boten erscheinen, Grete Ursleve, als ich selbst. Doch danke ich jetzt dem Himmel, daß der Herzog zum Schutze sie mir aufgedrungen hat. Nun können sie wenigstens für diese Nacht der Obermühle Schutz gewähren, vorausgesetzt, daß deren Besitzerin uns nicht wieder von dannen weist.« Nicht nur mit Worten beteuerte Grete Ursleve ihre Bereitwilligkeit, die so außerordentlich erwünschten Gäste da zu behalten, auch durch die That bewies sie, von welchem Wert ihr deren Ankunft war. Was die Mühle zu bieten vermochte, wurde für dieselben herbeigeholt. Um Schwester Albinas bescheidene Bedürfnisse zu befriedigen, wäre das freilich nicht nötig gewesen, aber die Nonne hatte nicht unrecht, wenn sie der Müllerin zutraute, daß deren Freude über ihr Erscheinen heute geringer sei, als über das der drei gewappneten Männer. Und diese ließen denn auch dem guten Willen der Frau Grete volle Gerechtigkeit widerfahren. Wahrend dieselben in der Mühle noch rüstig zulangten und mit dem Gesinde derselben Freundschaft schlossen, die Müllerin aber sich von der dienenden Schwester erzählen ließ, wie die Nonnen die dem Kloster vor kurzem entwachsene Prinzessin Bertha v. Grubenhagen zu ihrem Vater nach Salzderhelden geleitet hätten, welche Ehren man Schwester Albina am herzoglichen Hoflager erwiesen und wie diese sich dennoch immer gleich bleibe in demütiger Einfachheit, wandelte die also Gerühmte mit Jungfer Agnes draußen in eifrigem Gespräche auf und ab. Jungfer Agnes? So nannte sie das junge Mädchen nun freilich nicht, da sie so vertraut mit ihr redete, wohl aber oft »meine liebe Elisabeth« oder auch wohl kurzweg »Ilse«. Denn die wir hier in der einsamen Mühle bei Achim wiederfinden, war in der That niemand anders als Ilse vam Damme, die Tochter Seiner Gestrengen des weiland ersten Bürgermeisters der Altstadt Braunschweig. Wie sie dahin gekommen war? Ach, manche von denen, welche die Wut des Volkes in den entsetzensreichen Apriltagen des Jahres 1374 aus Braunschweig vertrieben, hätten sich glücklich geschätzt, eine solche Zufluchtsstätte gefunden zu haben. Zunächst freilich waren die Vertriebenen überall freundlich aufgenommen. Zumal in den Städten der Hansa, mit deren Geschlechtern die Braunschweiger »Burgensen« seit lange verwandt und verschwägert. Und die sich dorthin gewandt, denen ward es auch in der Zukunft am wohlsten, die Städte kündigten ihnen die Gastfreundschaft nicht; mußten sie auch das harte Brot der Verbannung essen, freundliche Fürsorge suchte es ihnen schmackhafter zu machen. Ein härteres Schicksal traf die, welche bei den benachbarten Fürsten Schutz gesucht hatten. Denn diese ließen sich bald bereit finden, mit dem neuen, aus den Empörern hervorgegangenen Rat zu Braunschweig in Unterhandlungen zu treten, und einzelne Fetzen Landes, welche sie vom städtischen Gebiet erhielten, ja auch bare Geldsummen machten sie willig, den vertriebenen Burgensen ihren Schutz zu entziehen. Auch hier ging der »Quade« mit schlechtem Beispiel voran. »Sie« – nämlich die Empörer – »gaben Herzog Otto eine Summe Geldes, damit er den Vertriebenen und Entleibten ihre Güter nahm«, berichtet der Chronist, und überdies bestätigte der neue Rat dem Herzog den Besitz des wichtigen Wolfenbüttels. Dafür vermittelte der »Quade« aber auch ähnliche Geschäfte zwischen demselben und anderen Fürsten. So mit dem Halberstädter Bischof. Derselbe wurde mit dem Schloß Hornburg gelockt. Er hatte es Tile vam Damme vor langen Jahren verpfändet für achtzehnhundert Mark Silbers, und daher hatte sich auch hierher Frau Margareta mit Ilse gewandt, nachdem das Schicksal ihres Gatten entschieden war. Jetzt aber bot es der neue Rat, behauptend, nicht der Bürgermeister, sondern die Stadt Braunschweig sei Pfandbesitzerin, dem Bischof als Preis eines Bündnisses an, und der hochwürdige Herr ließ sich leicht vom »Quaden« bestimmen, zuzugreifen. Eines schönen Tages erschienen seine Mannen auf dem Schloß, die Frauen vam Damme wurden ausgewiesen und sie würden, wie so manche Schicksalsgenossen, keine Stätte gehabt haben, ihr Haupt hinzulegen, wenn sich ihrer nicht in dieser Bedrängnis ein treuer Vasall angenommen hätte. Dieser Vasall aber war der Obermüller von Achim. Die Obermühle gehörte seit alten Zeiten zu der Hornburg und war mit derselben in den Pfandbesitz der vam Dammes übergegangen. Nun sollte der Müller wieder dem Bischofe zinsen, das konnte er nicht wehren, aber ihn erbarmten die ihres Eigentums beraubten Frauen. Durch die vam Dammes war Hans Ursleve auf die Mühle gekommen, insbesondere durch Vermittlung der Frau Margareta, und zwar unter Bedingungen, welche milder waren, als sie sonst Seine Gestrengen zu bewilligen pflegte. Aber des Müllers Frau, die Grete, war von der Bürgermeisterin aus der Taufe gehoben, und daher war Frau vam Damme ihr ein warmer Fürsprech. Damals dachte sie nicht, wie sehr sich das einst lohnen würde, jetzt in ihrer hilflosen Verlassenheit durfte sie es erfahren. Freilich lange genoß sie die Gastfreundschaft der Obermühle nicht. Seit den Schreckenstagen des Aufruhrs siechte sie dahin, und nach drei Jahren begrub man sie auf dem Gottesacker zu Achim. Wen der einfache Sarg barg, welchen man dort in die Erde senkte, wußte außer Ilse und den Müllersleuten nur noch Schwester Albina. In so großer Zurückgezogenheit und Verborgenheit hatten die vam Dammeschen Frauen auf der Mühle gelebt, selbst ihre Namen hatten sie verändert. Sie wußten, daß der Haß der neuen Machthaber zu Braunschweig gegen ihr Haus mit dem Blute ihres Gatten und Vaters noch nicht gestillt sei, daß dieselben sich vielmehr jeder Gelegenheit freuen würden, auch an den Hinterbliebenen des Gerichteten ihr Mütchen kühlen zu können. Gebot den Frauen dies Bewußtsein Zurückhaltung, so nicht minder der Wunsch ihr Unglück in der Stille zu tragen, nicht unter den neugierigen und schadenfrohen Blicken der Welt und unbehelligt von nichtssagenden Trostesworten und überflüssigen guten Ratschlägen. So dachte Frau Margareta und ebenso dachte Ilse. Nur der Schwester Albina hatte sich die erstere entdeckt oder vielmehr: Schwester Albina hatte Frau Margareta entdeckt. Denn beide waren Jugendfreundinnen aus einer Zeit, in welcher die Nonne noch Gertrud von Dithmars hieß. Und daher hatte sie leicht bei einer Rast in der Mühle die alte Freundin wieder erkannt, welche ohne Ahnung, wen das Nonnenhabit berge, sich vor der Dominikanerin nicht so ängstlich zurückhielt als vor anderen Gästen, die hie und da in der Mühle herbergten. Schwester Albinas treuem Herzen hatte Frau Margareta auch sterbend die Obhut ihrer Tochter anvertraut, und schwerlich ward je ein solches Vermächtnis gleich gewissenhaft erfüllt, als wie dieses von der Dominikanerin. Das that aber vor allem Not, als nach dem Abscheiden ihres Hans Grete Ursleve allein der Mühle vorstehen mußte und Ilses Lage dadurch in mehr als einer Hinsicht noch schutzloser wurde als vorher. – Der Mond war heraufgekommen und durchglänzte die frische Frühlingsnacht. Über die schnell dahinjagenden Fluten des Mühlgrabens spannen seine Strahlen ein breites silbernes Band und silbern erglänzten die feuchten Schaufeln der Räder und funkelten die einzelnen Tropfen, welche von denselben herabrieselten. Denn Grete Ursleve hatte der Mühle für die Nacht Stillstand geboten, Kort, der zweite und nach Jochens Entweichen einzige Mühlknecht, sollte mit den Reisigen der Nonne die Mühle vor feindlichem Überfall schützen. Daher schossen die Wellen ungehindert unter den Radschaufeln dahin. »Also was ist es mit diesem Jochen?« fragte die Nonne. »Grete meinte schon vor einiger Zeit«, erwiderte Ilse, »er sehe mich immer mit so eigenen Blicken an. Und neulich paßte er mir auf und hielt mich fest und sprach allerlei wildes Zeug an mich hin. Ich wies ihn in Ruhe zurecht und seitdem hielt er sich auch still und fern von mir, aber auch von allen anderen Menschen. Nun, das fiel nicht weiter auf, denn etwas Verschlossenes und Menschenscheues hat er immer gehabt. Wir meinten, die Sache sei vorbei und vielleicht ist sie es auch und es ist unnötige Sorge, mit der wir uns plagen.« Die Nonne schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht«, sagte sie bestimmt. »Ich fürchte, Gretens Angst ist nur zu gegründet. Aber vielleicht haben es die Heiligen so gefügt, um uns die Augen zu öffnen. Schon lange beunruhigt mich Deine Lage, liebes Kind. Und dieser Vorfall mit Jochen zeigt mir aufs neue, wie wenig Sicherheit Dir dieselbe bietet. Jedes Knechtes frechen Gelüsten setzt sie Dich aus. Das kann nicht länger so weiter gehen.« »Aber wie es ändern? Wohin soll ich mich wenden, wenn ich die Obermühle verlasse?« »In der Welt hast Du Angst, darum suche Schutz bei Dem, der die Welt überwunden hat. Leg von Dir, was weltlich und eitel, und gelobe Dich Dem, dessen Macht unerschütterlich und dessen Liebe unveränderlich ist.« Die Nonne war bei den feierlich gesprochenen Worten stehen geblieben und beide Hände ihrer Begleiterin fassend, sah sie derselben voll und tief in die Augen. Aber diese senkte den Blick zur Erde und ihre blassen Wangen wurden noch blässer. Mit leiser, bebender Stimme entgegnete sie: »Nicht vergessen habe ich, was Ihr neulich gesagt, nein, hin und her getragen habe ich es im Herzen und hin und her gewälzt in meinen Gedanken. Auch als ich heute auf meiner Mutter Grab betete, flehte ich zu den Heiligen und zur Jungfrau, mir einen Entschluß ins Herz zu geben, den rechten Entschluß. Aber ich kann ihn nicht fassen.« Schwester Albina zog Ilses Arm durch den ihren und so setzten sie ihre Wanderung fort. »Ich kenne Dich lange genug, Ilse«, sagte sie mit sanfter Überredung, »um zu wissen, daß nicht der Gedanke, es könne Dir doch noch einmal aus eitler Weltlust Glück erblühen, Dein Herz vor dem rechten Entschluß zurückbeben läßt. Aber was ist es dann? Wo bietet sich Dir eine gleiche Zuflucht, als bei uns in Drübeck, wo Dir das Kloster eine zweite Heimat werden wird. Und wie kann Dein armes Herz seligeren Frieden finden, als im Dienste Deines Gottes, in Gehorsam, Armut und Keuschheit und nicht in fauler Unthätigkeit, sondern in einer Arbeit, welche gerade Dir ebenso viel Befriedigung gewähren wird, als ich daraus geschöpft? Ich will es dir nur gestehen, Du bist die erste, welche ich aufgefordert, der ich zugeredet habe, den Schleier zu nehmen. Denn schwer ist die Verantwortung, welche ein solcher Rat, ein solcher Zuspruch in sich birgt. Aber so viel ich darüber nachdenke und so oft ich im Gebet Gott und die Jungfrau um wahre Erleuchtung bitte, immer klarer wird es mir, daß ich das Vermächtnis Deiner Mutter nicht besser erfüllen kann, als durch diesen Rat. Und darum vertraue mir, Ilse, und laß es mich wissen, warum kannst Du nicht zum Entschluß kommen?« Über Ilses blasse Wangen zog eine fliegende Röte. »Gott verlangt ein ganzes Herz«, flüsterte sie kaum hörbar, »und ich kann ihm nur ein halbes geben. Wie ich gekämpft habe, Gott weiß es, aber ich kann des Gefühls nicht Meister werden.« »Ist kürzlich etwas vorgefallen, was dies Gefühl neu in Dir belebt hat?« fragte die Nonne. »Nein, durchaus nicht, es lebt seit Jahren in derselben Wärme und Innigkeit in mir fort. Seit jenen Schreckenstagen habe ich den nicht wieder gesehen, welchem es gilt. Aber dennoch ist er mir gleich teuer und mein Herz hängt mit derselben Glut an ihm wie einst.« »War nicht einst der Junker Vörsfelde Dein Verlobter?« »Er war es. Mein Vater hatte mich zu seiner Braut gemacht, aber niemals hat ihm mein Herz gehört. Auch hat er sich längst von mir abgewandt, die reiche Erbtochter paßte ihm zur Frau, nicht die arme Vertriebene.« »Deine Mutter erzählte mir einst von einem Jugendfreund, welcher Dich aus den Flammen des brennenden Hauses gerettet. Ist's der?« Ilse nickte zur Antwort stumm mit dem Kopfe. »Weiß er von Deiner Liebe?« fragte die Nonne weiter. »Und erwidert er dieselbe?« »Unter Schnee und Eis haben wir's einander gestanden und nicht minder in der Glut züngelnder Flammen.« »Und in all den langen Jahren hast Du nichts wieder von ihm gesehen oder gehört?« Ilse verneinte mit stummem Kopfschütteln. »Sollte da nicht auch seine Liebe erloschen sein, nachdem aus der reichen Erbtochter eine arme Vertriebene geworden ist?« »O nein«, erwiderte Ilse lebhaft und ihre vorhin so zitternde Stimme gewann einen festen, sicheren Klang. » Der ist treu. Ich habe wohl manchmal gedacht, er würde kommen und mich finden. Aber wie sollte er gerade hier mich suchen? Wissen sie doch nicht einmal auf der Hornburg, wohin Mutter und ich uns damals gewendet. Und dann ist er ein Kriegsmann. Er reitet im Gefolge des ›Quaden‹, der ja schon seit Jahren mit den Wettinern in Lüneburg wieder in Fehde liegt und – Gott weiß! – mit wem sonst noch. Da mag ihm wohl in all dem wüsten Getümmel die Zeit fehlen, mich zu suchen.« »Und warum hast Du ihn nicht aufgesucht, wenn Du doch weißt, daß Du ihn im Gefolge des Quaden findest?« »So lange die Mutter lebte – das wißt Ihr ja selbst – war daran nicht zu denken. Und später? Sollte ich mein Unglück hinter ihm hertragen?« »Wenn er Dich so treu und wahr liebt, wie Du glaubst, so bringst Du ihm kein Unglück.« »Wohl, und in dem Gedanken hätte ich auch damals, gleich nachdem jenes Entsetzliche in Braunschweig geschehen war, ihn aufsuchen und ihm sagen können: Da bin ich, jetzt bleibe ich bei Dir, Du mußt jetzt mein Schutz, Du mußt mir Vater und Mutter sein. Aber nach drei Jahren so noch zu ihm kommen? Und weiß ich, ob er noch beim Quaden ist? Und weiß ich, ob ihn nicht vielleicht schon eine feindliche Lanze getroffen hat oder des Schwertes Schärfe?« »Oder ob er nicht Kinder auf den Knieen schaukelt und eine andere ihm eine Heimat geschaffen hat?« Die Worte waren nur halblaut gesprochen, nicht wie an Ilse gerichtet, sondern wie im Selbstgespräch. Aber dem jungen Mädchen entgingen sie nicht. »Und wenn auch das wäre«, sagte Ilse mit Wärme, »schelten könnte ich ihn darum nicht. Denn dann hätte er es nur gethan, weil er verzweifelt, mich wiederzufinden. Und auch dann hat er mein Bild nicht aus seinem Herzen gerissen, sondern es treu und in Ehren bewahrt. Aber freilich, dann würde ich ihm ein rechtes Unglück ins Haus bringen und mich selbst noch elender machen, als ich schon bin. Nein – ihn aufsuchen, das kann ich, das darf ich nicht. Aber wenn er mich doch noch einmal fände und wäre noch frei, dann, o dann –« »Und diese nebelhaften Träume, liebes Kind«, fiel die Nonne ein, »machen Dich blind, den Weg zu sehen, welchen Gott Dich führen will. Das sieht meiner klugen und klaren Ilse sonst gar nicht ähnlich. Darum kann ich Dich auch nicht loslassen, jetzt erst recht nicht, wo ich weiß, daß nur ein Schattengebilde zwischen Dir und dem Kloster steht. Die Einsamkeit begünstigt das Träumen, darum komm mit mir, dann werden die Traumgestalten verschwinden.« »O, wenn ich könnte, wie gern! Aber mit halbem Herzen? Das geht nicht!« »Mit halbem Herzen?« wiederholte die Nonne mit mildem Lächeln. »Gieb Gott nur erst einmal die Hälfte Deines Herzens, die andere Hälfte wird er schon nachziehen, wenn Du Dich ziehen läßt und nicht eigenwillig widerstrebst. Eben dafür kennt ja unsere Klosterregel das Noviziat. Hast Du ein Jahr bei uns gelebt und denkst doch noch wie heute, so steht es Dir frei, wieder von dannen zu gehen und niemand wird Dich darum schelten, ich am wenigsten. Willst Du denn auch den Versuch nicht wagen?« Ilse atmete schnell und tief, ihre Finger preßten sich ineinander und im Zucken des feingeschnittenen Mundes, wie im Blick der blauen Augen spiegelte sich der Seelenkampf, der ihr Inneres durchbebte. »Nur bis morgen laßt mir Zeit«, bat sie flüsternd. Schwester Albina hauchte einen Kuß auf ihre Stirne. »Es ist eine schlimme Nacht«, sagte sie, »Walpurgis, die Hexen reiten zum Blocksberg und bösen Geistern gehört die Luft, gehören Wald und Feld. Aber vielleicht hat Gott gerade diese Nacht gewählt, Dein Herz zu rühren. Seinem Schutze sei empfohlen und dem der Heiligen. Läßt Du sie mit teilnehmen an der Beratung Deiner Gedanken, so wirst Du auch den rechten Weg erkennen.« Desselben Mondes Strahlen, der die Obermühle bei Achim überglänzte, suchten und fanden ihren Weg durch die knospenden Zweige der Bäume und versilberten den feinen Dunst, welcher aus der Waldwiese emporstieg. Wer zuerst die Lichtung im Mondenscheine durch die Stämme schimmern sah, mochte glauben, einer Wasserfläche sich zu nahen und nicht einer Wiese. Aber kam er näher, so mußte ihn die rotgelbe Glut eines inmitten der Wiese brennenden Feuers davon überzeugen, daß er festes Land und nicht des Wassers beweglich Element vor sich habe. Um das Feuer war ein Trupp geharnischter Männer gelagert, deren Pferde in einiger Entfernung zusammengekoppelt standen. Neben diesen lagerten mehrere Knechte, während andere vom Rande der Wiese Ausguck in den Wald hielten. Die Ritter aber – daß es solche waren, sah man an den Helmzierden und bunten Abzeichen der Schilde, wie an den goldenen Sporen – ließen am Feuer den Humpen eifrig herumgehen, welcher dann und wann aus einem ziegenledernen Schlauche mit dunkelrotem Wein neu gefüllt wurde. Die schweren Stechhelme hatten sie neben sich liegen, im übrigen aber waren sie vollständig gerüstet. »Wahrhaftig, Vörsfelde, es war ein guter Gedanke von Dir«, sagte einer der Ritter, indem er nach einem tüchtigen Zuge den Humpen weiter gab, »dem Bruder Kellermeister in Ilsenburg diesen Schlauch zu entführen. Sein Inhalt schmeckt, als ob er aus dem Lande sei, in dem mein Vetter Otto der Tatentiner, Otto Tarentinus, Enkel von Herzog Heinrich dem Wunderlichen von Grubenhagen, Sohn des Herzogs Heinrich de Graecia und rechter Vetter des bereits früher erwähnten Herzogs Albrecht II. von Grubenhagen, des Herzogs zum Salze, war mit der durch Geist und zügellose Sitte gleich bekannten Königin Johanna von Neapel vermählt. Unter dem Titel eines Fürsten von Tarent regierte er deren Reich und spielte in den damaligen italienischen Wirren eine bedeutende Rolle. der verdammte Glückspilz, den König spielt.« Junker Vörsfelde verzog geschmeichelt sein dickes, rotes Gesicht zu einem grinsenden Lächeln, während ein anderer Ritter meinte: »Fürstliche Gnaden haben recht, der Wein schmeckt nicht, als ob er von den Mönchen selbst gezogen sei. Er könnte schon aus dem Lande Italia stammen.« »Jedenfalls wäre der Aufenthalt hier verdammt langweilig«, brummte ein alter Graubart, »wenn wir den Wein nicht hätten.« »Nur schade«, rief Vörsfelde, »daß nicht auch der zweite Teil meines Vorschlages angenommen ist, nämlich anstatt thalabwärts zu reiten, mit dem Wein zum Brocken hinauf zu ziehen. Es ist ja heute Walpurgis.« »Gott soll mich bewahren.«, bekreuzte sich der Graubart. »Niemand wird von Diderik van Walmede sagen können, daß er Furcht habe, wenn die Lanzen splittern und Schwerter klirren, aber Walpurgis zum Blocksberg hinauf, das macht einen schaudern.« »Und doch hättest Du beinahe mitgemußt«, lachte Herzog Ernst von Braunschweig, denn dieser war es, welchen man vorhin mit »Fürstlichen Gnaden« angeredet. »Hätte ich nicht mit dem Stiftshauptmann abgeredet gehabt, ihn hier zu erwarten, würde ich der Lust schwer widerstanden haben, Vörsfeldes Vorschlag zu folgen.« – Herzog Ernst war älter geworden, seit er damals so frohen Herzens aus Braunschweigs Thoren gegen die Magdeburger gezogen war, weit älter, als die wenigen, seitdem verstrichenen Jahre es rechtfertigten. Aber freilich hatten diese Jahre ihm auch viel Ungemach und Enttäuschung gebracht. Nachdem es ihm endlich gelungen, sich aus seiner Magdeburger Haft, in welche ihn die Niederlage am Elme verstrickt, auszulösen, hatte er wiederum in Braunschweig einreiten wollen, doch die neuen Gewalthaber, welche sich indessen mit dem Quaden verständigt, schlossen ihm die Thore, behauptend, die Huldigung, welche die Stadt dem Herzog im Jahre 1373 geleistet, sei dazumal vom alten Rat durch falsche Vorspiegelungen erwirkt worden. Der Herzog, dem es an der Macht fehlte, sein Recht durchzusetzen, konnte nichts thun, als fluchend abziehen und sein kleines ererbtes Gebiet aufsuchen, die Herrschaft Blankenau südlich von Höxter. Dort hauste er einige Zeit mit seinen Mannen, bald aber trieben ihn Langeweile, Not und der Wunsch, die Stadt für ihren Abfall zu züchtigen, wieder ins Feld. Doch genügten dreihundert Mark Silbers, welche ihm Braunschweig zahlte, um ihn diesmal zu beschwichtigen. Dreihundert Mark Silbers! Wahrlich, es mußte schon schlecht mit einem Fürsten und Nachkommen Heinrichs des Löwen stehen, wenn ihm eine solche Summe als Preis eines Fehderitts genügte. Nun, länger als ein Jahr hatten die Braunschweiger für diese dreihundert Mark auch nicht Ruhe vor ihm; als das Geld aufgezehrt war, hatte der Herzog auch vergessen, was er dafür gelobt: Frieden mit der Stadt zu halten; er verbündete sich mit dem raublustigen Geschlecht der Weverlinge, auf dem festen Haus Bansleben, und zog mit diesen von neuem gegen Braunschweig zu Felde. Aber die Stadt fand auch einen Bundesgenossen im Quaden, welcher Ernsts Umtriebe im Lande mit Besorgnis verfolgte. Im Angesicht von Bansleben kam es zu einem blutigen Zusammentreffen und einer vollständigen Niederlage des Herzogs und der Weverlinge. Von neuem mußte der erstere sich nach Blankenau zurückziehen, wohin ihm nur noch wenige seiner Mannen folgten. Denn es gab dort jetzt nur noch verzweifelt wenig zu beißen und zu brechen. Mit Recht konnte daher Herzog Ernst seinen Grubenhagener Vetter, den Tarentiner, beneiden, welcher als Haupt der guelphischen Partei in Italien hochgeehrt, eines der schönsten Reiche der Welt beherrschte. So in mißmutigem Ärger und gezwungener Thatenlosigkeit sich verzehrend, traf ihn die Nachricht, daß der Halberstädter Prälat die Städtischen für ihre Einfälle in sein Gebiet zu züchtigen gedenke. Schnell entschlossen bot er sich dem Bischof zum Bundesgenossen an. Viel war es zwar nicht, was er bieten konnte, sein einst so glänzendes Gefolge war, wie erwähnt, gewaltig zusammengeschmolzen, außer dem alten, getreuen Diderik van Walmede und dem Junker Vörsfelde ritten nur noch vier zum Schilde Geborene und etwa ein Dutzend Knechte mit ihm. Aber auch diese geringe Hilfe nahm der geistliche Herr mit Dank an, schon der Name des Herzogs, hoffte er, würde die Städtischen schrecken. Sogar zu einer baren Summe Geldes verstand er sich, um den Welfen in seiner Ausrüstung zu unterstützen. Denn in und an Blankenau war bereits alles verpfändet, was zu verpfänden war. Daher mußte Herzog Ernst sich schon von seinem Bundesgenossen das nötige Geld schenken lassen, um ins Feld ziehen zu können. Die Halberstädter wurden vom Stiftshauptmann, dem Ritter v. Barby, geführt, und Herzog Ernst war mit demselben übereingekommen, am Ersten des Wonnemonats gegen Abend an dem Orte zusammen zu treffen, wo wir die Ritter fanden. Von dort wollte man vereint gen Hornburg ziehen und einen Handstreich auf das feste Schloß versuchen. Denn die Burg, welche ja die neuen Gewalthaber von Braunschweig dem Bischof von Halberstadt ohne Rückzahlung des Pfandschillings eingeräumt hatten, um ihn auf ihre Seite hinüber zu ziehen, hatte dieser Prälat trotz ihrer wichtigen Lage sich gezwungen gesehen, indessen schon wieder der Stadt für neue achtzehnhundert Mark zu verpfänden. Nun dachte er die Gelegenheit zu benutzen, sich zum zweiten Male ohne Bezahlung des Pfandschillings in den Besitz des verpfändeten Hauses zu setzen. – Der alte Diderik van Walmede hatte auf die letzte Bemerkung des Herzogs sich den Bart gestrichen und unmutig das ergraute Haupt geschüttelt, während der Herzog fortfuhr: »Jetzt reut es mich aber fast, so pünktlich gewesen zu sein. Es muß auf Mitternacht gehen, und noch immer läßt sich von den Stiftischen nichts sehen und hören.« Vörsfelde horchte auf und erhob sich halb aus seiner liegenden Stellung. »Da ist was los«, sagte er, »wie es scheint, ein Bote, Höllisches Element! Wenn die Stiftischen uns sagen ließen, sie kämen erst morgen, und wir vergebens die Walpurgisnacht auf dieser verdammten Wiese zugebracht hätten!« »Wenn der Gelbschnabel nur nicht so viel von Walpurgis schwatzte«, brummte Walmede. »Sein Übermut zieht uns noch die ganze wilde Jagd auf den Hals.« Er ertränkte seinen Unwillen in einem tiefen Schluck des dunkelroten Weines der Ilsenburger Mönche, während Vörsfelde aufstand und zwei Knechten entgegenging, die einen Mann zwischen sich führten, dessen weißglänzendes Gewand unzweifelhaft den Müller verriet. »Seid Ihr von Halberstadt?« fragte der Fremde den Junker. »Was will der Bursche?« Mit den Worten trat jetzt auch Herzog Ernst auf die Gruppe zu. »Er sucht Halberstädter Mannen«, berichtete einer der Knechte, »denen er wichtige Mitteilungen machen könnte.« »Wir sind Bundesgenossen der Stiftischen«, sagte Herzog Ernst, »also nur heraus mit Deiner Botschaft oder was Du sonst weißt, es ist so gut, als wenn Du es den Halberstädtern selbst sagtest. Der Müller drehte verlegen seine weiße Kappe zwischen den Händen, dann blies er darüber hin, als störe ihn der Mehlstaub darauf, und sagte endlich zögernd: »Wenn ich sprechen soll, so muß ich erst wissen, wer Ihr seid. Verbündete der Stiftischen – hm, hm – das klingt ganz gut, aber –« »Ich glaube, der Bursche meint, wir belügen ihn«, wandte sich der Fürst lachend zu Vörsfelde. »Meinetwegen, dann kann er seine Nachricht für sich behalten. Ehe er sich aber wieder von dannen macht, soll man ihm fünfundzwanzig aufzählen, damit er lernt mit einem Herzog von Braunschweig zu verkehren.« Die Aussicht auf die Fünfundzwanzig oder die Erwähnung des Herzogstitels oder beides zusammen, machten den Müller anderen Sinnes. »Ich wußte nur nicht«, – stotterte er – »und Vorsicht ist immer geraten. Wenn Ihr ein so hoher Herr seid, will ich's gern glauben und Euch meine Nachricht mitteilen.« Er blies wieder den Staub von der Mütze und es bedurfte eines aufmunternden »Also heraus mit der Sprache!« des Junkers Vörsfelde, ehe er fortfuhr: »Ihr wollt gen Hornburg ziehen?« »Was geht das Dich an, Du Schuft?« »Nichts, ich frage nur, weil Euch Unheil auf dem Wege droht.« »Ein Hinterhalt?« rief der Herzog. »So ist es, hoher Herr«, entgegnete der Müller, und nachdem er nochmals vergeblich versucht, den fatalen Mehlstaub von der Mütze zu blasen, fuhr er fort: »An der Ilse, auf dem Wege nach Hornburg, unweit von Achim, liegt eine Mühle, die Obermühle heißt sie –« »Dort haben sich die Städtischen verborgen?« »Noch sind sie nicht da, aber ihr Plan war es. Sie wollten sich in der Mühle verstecken, bis Ihr vorbei wäre, und dann die Straße sperren, denn wer die Mühle hat, hat auch die Straße.« »Wem gehört die Mühle?« »Sie gehört zur Hornburg.« »Wie heißt der Müller?« »Der ist tot, seine Witwe sitzt drauf. Sie heißt Grete Ursleve.« »Weiß das Weib vom Vorhaben der Städtischen?« »Freilich. Ich habe sie belauscht, wie sie mit den städtischen Reitern darüber sprach. Da ich aber ein Halberstädter Kind bin und zum Bischof halte, schlich ich davon, um ihren Plan aufzudecken.« »Und Du sagst, noch seien die Städtischen nicht da?« »Als ich fortging, waren sie noch nicht da, und es hieß, sie würden erst morgen früh kommen.« »Da müssen wir das Nest vorher niederbrennen,« meinte Junker Vörsfelde. »Das soll geschehen«, nickte Herzog Ernst, »und der Müllerin wird man's austreiben, sich in unsere Händel zu mischen.« »Sie wollte auch eigentlich nicht daran«, erwiderte der Müller, indem er eifrig seine Mütze betrachtete, welche im vollen Mondeslichte weiß schimmerte, und zwischen jedem Satze darüber hinblies, »aber da ist noch eine andere – wer es eigentlich ist, weiß niemand – Jungfer Agnes heißt man sie – aber das ist nicht ihr wahrer Name – die hat den Plan ausgeheckt – sie kann die Stiftischen nicht leiden – keiner dürfe davon kommen diesmal, hat sie gesagt – alle müßten hin werden.« Dunkle Wolken zogen über den Mond und der Frühlingswind brauste durch den knospenden Wald. Diderik van Walmede sah nach den Sternen und schüttelte bedenklich den Kopf. »'S ist um Mitternacht«, murmelte er, »Jetzt geht's los.« »Was?« fragte der Herzog. »Walpurgis«, meinte Walmede achselzuckend, »die wilde Jagd.« »Walpurgis«, wiederholte der Fürst, »ich will ihnen eine Walpurgisnacht auf der Obermühle machen, oder wie das Ding heißt, daß sie meinen sollen, der Gottseibeiuns wäre leibhaftig gekommen, um sie auf den Blocksberg zu holen. Diese geheimnisvolle Jungfer Agnes muß ja die richtige Hexe sein! Keiner von den Stiftischen solle davon kommen? Höllisches Elend! Von ihnen soll keine davon kommen. – Nimm Dir sechs von den Knechten, Vörsfelde«, wandte er sich zum Junker, »auch kann Dich Schirstede und Heinz Weverlinge begleiten. Der Abrede mit Barby wegen werde ich hier mit den anderen zurückbleiben, doch kommen wir Euch nach, sobald die Stiftischen da sind. Die Mühle umstellst Du, holst die Weiber heraus und was Du sonst Brauchbares findest und brennst das Nest nieder. Wir müssen das abmachen, ehe die Halberstädter kommen – warum sollen wir die Beute mit ihnen teilen? Die Jungfer Agnes aber bringst Du mir her, unversehrt, hörst Du wohl? Kein Haar soll ihr gekrümmt werden, mit der Hexe will ich selbst verfahren, daß sie ihr Lebtag daran gedenken soll.« Schwärzere Wolken überzogen den Himmel und verhüllten immer häufiger des Mondes silberne Scheibe. Stärker brauste der Frühlingswind durch den Wald und schüttelte grimmig die ächzenden Zweige. Diderik van Walmede bekreuzte sich. »Wenn Ihr die Hexen nur in der Mühle findet«, brummte er, »ich möchte zehn gegen eins wetten, daß sie auf dem Blocksberg tanzen.« »Ich denke, dann wird der Feuerschein ihrer Mühle sie schon wieder zurückrufen«, lachte Vörsfelde. »Wenn Ihr sie durch die Luft seht anreiten kommen –« der Graubart faßte den Junker unter dem Arm und zog ihn einige Schritte mit sich fort, um ihm für diesen Fall gute Ratschläge zu geben. Indessen koppelten die Knechte die Pferde los und stülpten Schirstede und Heinz Weverlinge, die beiden Ritter, welche Vörsfelde begleiten sollten, die Stechhelme auf. Der letztere that ein Gleiches, nachdem der alte Walmede seinen Unterricht beendet, und schwang sich in den Sattel. Dann wurden auf einen Wink von ihm dem Müller, ehe er sich dessen noch recht erwehren konnte, beide Hände auf dem Rücken zusammengeschnürt und das Ende des betreffenden Strickes Vörsfelde in die Hand gegeben. »Siehst Du, Bursche«, sagte derselbe, auf eine Streitaxt deutend, welche an seinem Sattel hing, wobei seine Stimme hohl unter dem Stechhelm hervorklang, »siehst Du, Bursche, wenn Du uns angelogen hast, oder wenn ich merke, daß Du falsches Spiel mit uns spielst, so zerschmettert Dir die Axt den Kopf, ehe Du bis Drei zählst. Der Müllerknecht hätte sich wahrscheinlich hinter den Ohren gekratzt, wenn seine Hände nicht gefesselt gewesen wären. So nickte er nur stumm, zum Zeichen, daß er Vörsfeldes Worte begriffen. »Also unversehrt schaffst Du mir das Mädchen«, wiederholte der Herzog zum Abschied. Die Ritter neigten grüßend die Lanzen gegen den Fürsten, dann setzte sich der Zug in Bewegung. – Brausend, klagend, warnend fuhr der Wind um die einsame Mühle am Ilsebach, aber niemand hörte seine Stimme, am wenigsten der zur Wache berufene Müllerknecht Kort. Derselbe saß auf den Stufen vor der Hausthür, eine Hellebarde lehnte neben ihm, sein Haupt hatte er auf die emporgezogenen Kniee gestützt und die knarrend-sägenden Töne, welche er von sich gab, bewiesen seinen festen Schlaf. Nicht minder ruhig schlummerten die drei Reisigen innerhalb der Mühle. Das Los hatte ihnen die späteren Wachen zugeteilt. – Ob sie sich rechtzeitig ermuntern werden? –   Der Himmel begann sich im Osten zu röten, als Junker Vörsfelde mit seiner Begleitung die Nähe der Obermühle erreichte. Zunächst mußte er darüber Gewißheit zu erlangen suchen, ob die Mühle von den Städtischen schon besetzt sei oder noch nicht. Er schlich sich, von einem Knecht begleitet und Schirstede und Heinz Weverlinge mit den anderen und dem Müller im Walde zurücklassend, dicht an das Haus heran. Dasselbe lag still und friedlich da; bis auf den schlafenden Müllerknecht vor der Thür ließ sich lein lebendes Wesen erblicken. Das deutete nicht auf eine Besatzung von Kriegsleuten. Seinen Knecht schickte Vörsfelde noch weiter vor, um auch die anderen Seiten des Hauses in Augenschein zu nehmen. Derselbe kam mit der Botschaft zurück, daß auch dort nichts Verdächtiges zu bemerken sei. Vorsichtig, wie sie gekommen, traten sie den Rückweg an. Ihr Unternehmen schien Erfolg und keinerlei Gefahr zu versprechen. Vörsfelde führte jetzt seine ganze Mannschaft heran, nachdem man den Müller, der sie geführt, vorher von seinen Stricken befreit und ihm die Wahl gelassen hatte, ob er sich davon machen oder beim Überfall mitwirken wolle. Er wählte das letztere und erhielt von einem der Knechte eine Streitaxt. Ungehindert umstellte der Junker mit seinen Leuten die Mühle von allen Seiten. Dann ging er, von den beiden anderen Rittern begleitet und einigen Knechten gefolgt, auf die Hausthür zu. In demselben Augenblick öffnete sich dieselbe von innen und ein Reisiger trat heraus. Wessen Erstaunen in diesem Moment größer war, ist schwer zu sagen. Ob das Vörsfeldes und seiner Begleiter, welche die Mühle nun doch besetzt fanden, ob das des Reisigen, der sich so plötzlich fremden gewappneten Männern gegenüber sah, die vermutlich nichts Gutes im Schilde führten, oder ob endlich das des schläfrigen Kort, der jetzt vom Waffenklirren erwachte und sich erstaunt die Augen rieb. Aber Junker Vörsfelde war dadurch im Vorteil, daß er wußte, weshalb er da war. Auch das wußte er, daß er durch Überraschung am leichtesten den Eintritt ins Haus erzwingen konnte, und daß es die höchste Zeit war, wenn er noch von diesem Vorteil Gebrauch machen wollte. »Auf sie!« rief er seinen Begleitern zu und stürzte sich mit geschwungenem Schwert gegen die Thür. Die anderen folgten, aber so schnell das alles ging, der Reisige fand dennoch indessen Zeit, Kort hereinzuziehen, die Thür zuzuschlagen und von innen zu verriegeln. Der Junker donnerte gegen die Thür, die Knechte schlugen mit Streitäxten dagegen – und bald war dieselbe gesprengt. Andere erbrachen die Läden vor den Fenstern des Erdgeschosses und gelangten durch diese in die Mühle. Die Eindringenden wieder hinauszutreiben – daran konnten die Reisigen in der Minderzahl, wie sie waren, nicht denken, sie sorgten nur noch, das Leben der ihnen anvertrauten Nonne zu schützen, zu welchem Zwecke sie sich vor der Thür aufstellten, hinter der Schwester Albina schlief. Während so Vörsfelde mit den Seinen von vorn eindrang, hatte der Müllerknecht Jochen einen anderen Weg gewählt. Mit der Örtlichkeit genau vertraut, hatte er sich um das Haus herum geschlichen und war mit Hilfe des festgestellten Mühlrades zum Fenster von Ilses Gemach empor geklettert. Durch zwei mit der Axt dagegen geführte wuchtige Hiebe war dasselbe zerschmettert und im nächsten Augenblick stand Jochen in dem kleinen ärmlichen Raum. Aber »Jungfer Agnes«, durch den Waffenlärm schon vom Lager aufgeschreckt, hatte Zeit gefunden, ihr Gewand überzuwerfen, und während Jochen sich durch das enge Fenster zwängte, riß sie die Thür auf und flog die Treppe hinab. Auf halbem Wege hielt sie an, am Fuß der Treppe fremde Bewaffnete gewahrend. Aber die Furcht vor dem ihr folgenden Jochen war größer als die vor den Fremden. Nach einem Augenblick des Zauderns eilte sie daher die Treppe ganz hinunter. – Junker Vörsfelde sollte heute aus den Überraschungen nicht herauskommen. Ins Haus eingedrungen, bemerkte er zu seinem Erstaunen, daß die Reisigen, welche ihm gegenüberstanden, keine Städtische waren, sondern das Feldzeichen des Herzogs zum Salze trugen. »Ihr seid Grubenhagener«, rief er ihnen zu, seine Begleiter zurückhaltend, welche sich auf sie stürzen wollten. »Was habt Ihr hier zu suchen?« »Die Frage können wir zurückgeben«, erwiderte der Älteste der Reisigen ruhig. »Die Art Eures Besuches ist wahrlich seltsam genug.« Der Junker Vörsfelde schluckte eine zornige Antwort auf die Äußerung des Reisigen hinunter und sagte nur: »Die Müllerin hier ist im Einverständnis mit den Städtischen auf der Hornburg. Darum wollen wir das Nest auspochen, damit sie uns darin nicht einen Hinterhalt legen.« »Und wir«, meinte der Reisige, »begleiten die Schwester Albina aus Drübeck zu ihrem Kloster zurück. Habt Achtung vor der frommen Frau, Herr Ritter, und vor dem Zeichen unseres Herzogs.« Vörsfelde lachte. »Macht, daß Ihr mit Eurer Nonne –« begann er, aber plötzlich hielt er inne, Ilse gewahrend, welche die Treppe herabflog. »Bei allen Heiligen«, rief er verwundert, »ist denn das nicht meine schöne Base?« Das junge Mädchen hörte den Ruf in ihrer Aufregung nicht, auch verbarg der Stechhelm das Antlitz des Junkers. »Wenn Ihr ein Ritter seid«, eilte sie auf ihn zu, »so schützt eine wehrlose Jungfrau!« »Wie kommt denn Ihr hierher, Base?« fragte er statt der Antwort. Ilse schaute ihn erstaunt an, da gewahrte sie den silbernen Greif, welcher sich auf seinem Helm spreizte. »Vörsfelde!« – mit dem Ausruf trat sie einen Schritt von ihm zurück. »Das ist die Jungfer Agnes«, schrie Jochen, »von welcher ich Euch gesagt.« Er drängte sich bei den Worten zwischen Vörsfelde und Ilse. »Warum faßt Ihr sie nicht, wie es der Herzog geboten hat? Soll sie Euch erst noch entkommen?« Vörsfelde hob die Hand mit dem schweren Panzerhandschuh gegen den Unverschämten, aber dieser entzog sich dem drohenden Schlage durch eiligen Rückzug. »Nichts für ungut, Herr Ritter«, grollte er über den Nacken eines der Knechte hinweg. »Ich sage Euch, sie ist eine Hexe. Wenn Ihr nicht dazu thut, entkommt sie Euch doch noch.« Hätte nicht der Stechhelm das Antlitz des Junkers verdeckt, man hätte darin lesen können, welche verschiedenen Empfindungen seine Seele aufwühlten. »Führt Ihr hier den Namen Agnes, Base?« fragte er. Ilse bejahte mit einem stummen Kopfnicken. »Dann müßt Ihr mir folgen«, fuhr Vörsfelde fort, »um Euch von einer Anklage zu reinigen, die jener Mann gegen Euch erhebt. Es ist der Befehl meines Herzogs.« »Welches Herzogs?« – Die von einer hellen weiblichen Stimme gestellte Frage veranlaßte den Junker, sich umzusehen. In der Thür ihres Gemaches stand Schwester Albina in stolzer, Ehrfurcht erweckender Haltung, mit ruhigem Blick die Eindringlinge musternd. »Des Herzogs Ernst von Braunschweig, fromme Frau, wenn Ihr nichts dagegen habt«, sagte Vörsfelde mit leichtem Spott. »Übrigens mache ich Euch darauf aufmerksam, daß Ihr gut daran thut, möglichst bald mit Eurer Begleitung dies Haus zu verlassen.« »Und wenn ich es nicht thue?« »Dürft Ihr es mir nicht zum Vorwurf machen, wenn Ihr darin verbrennt.« »Das heißt?« fuhr die Nonne auf. »Das heißt, daß die Mühle in kurzem an allen vier Ecken angezündet wird«, erwiderte Vörsfelde gelassen. »Mordbrenner!« schalt Schwester Albina, aber ihre Stimme verhallte ungehört. »Bindet die Jungfer«, gebot Vörsfelde, »und dann hinaus mit ihr, daß wir fertig werden. Wo ist die andere Hexe, die Müllerin? Daß sie uns nicht entkommt! Und dann angezündet. Schnell, schnell!« Rohe Hände streckten sich nach Ilse aus, aber mit wenigen Schritten war Schwester Albina neben ihr. Vor keinem Fürsten wären die Kriegsknechte so ehrerbietig zurückgewichen, als wie vor ihr. »Rührt sie nicht an!« gebot die Dominikanerin und neigte sich flüsternd zu Ilse herab. »Ja«, hauchte das junge Mädchen auf die leise Frage der Nonne. Da richtete sich Albina, hoch auf, »Wehe dem, der ihr ein Leids thut!« rief sie, »er vergreift sich an einer Braut Gottes und die schwersten Kirchenstrafen harren seiner. Jungfrau Ilse vam Damme gehört dem Kloster Drübeck an.« Noch weiter wichen die Knechte von den beiden Frauen zurück, ihre rohen Gewissen zitterten, ein Sakrilegium zu begehen. Nicht so der Junker Vörsfelde. »Das ist elender Betrug«, schrie er, indem er auf Ilse losstürzte und sie von der Nonne fortriß, »Verdammte Gaukelei! Glaubt Ihr, dadurch ließ ich mich irre machen?« Ein Gemurmel des Unwillens lief durch die Reihen der Knechte, aber von außen herein klang noch lauteres Getöse. »Der Herzog, der Herzog!« rief Heinz Weverlinge, welcher an der Hausthür stand, und ein anderer setzte hinzu: »Die Stiftischen sind bei ihm, ich sehe den goldenen Bären von Halberstadt.« Vörsfelde zog die sich sträubende Ilse zur Thür hinaus und zum Herzog hin. »Da ist die Jungfer Agnes, wie Ihr befohlen!« rief er. »Seht selbst, wer sich unter der Maske verbirgt.« Aber schon war auch Albina neben ihm. »Auf Eure Seele kommt es, Fürstliche Gnaden, wenn Ihr Euch an Nonnen von Drübeck vergreift.« »Was sehe ich, Schwester Albina?« Mit diesen Worten drängte der Halberstädter Stiftshauptmann sein Pferd heran. Das Kloster Drübeck gehörte zum Sprengel seines bischöflichen Herrn und mehr als einmal hatte er mit anderen Nonnen desselben Albina in Halberstadt gesehen. »Ich bitte um Euren Segen, fromme Schwester«, setzte er hinzu, indem er sich ehrerbietig vor ihr verneigte. Die Nonne begrüßte ihn mit dem Zeichen des Kreuzes. »Wir stellen uns unter Euren Schutz, Ritter von Barby«, sagte sie ruhig. »Der wird kaum nötig sein«, meinte der Hauptmann, »Fürstliche Gnaden denken nicht daran, Nonnen zu nahe zu treten.« »Was, Nonnen? Ich sehe nur eine Nonne«, brauste Herzog Ernst auf. »Auch Ilse vam Damme hat sich dem Altar gelobt«, erwiderte Schwester Albina bestimmt. »Betrügerisches Gaukelspiel, uns zu äffen«, schrie Vörsfelde dazwischen, »nichts weiter ist es!« »Darüber zu entscheiden, junger Mann«, entgegnete Barby, »seid nicht Ihr berufen, sondern die Frau Äbtissin von Drübeck und nächst ihr mein hochwürdiger Herr, der Bischof. Ich wiederhole es, die Nonnen stehen unter meinem Schutze.« Das Recht des Stiftshauptmanns, den Schutz der Nonnen aus einem Kloster zu beanspruchen, welches zum Sprengel seines bischöflichen Gebieters gehörte, war so klar, und, was noch mehr sagen wollte, die Macht, dieses Recht zur Geltung zu bringen, zeigte sich bei einem einzigen Blick auf die stattliche Schar der Stiftsmannen, die hinter dem Hauptmann ritt, so gewichtig, daß Herzog Ernst und sein getreuer Vörsfelde sich gern oder ungern beugen mußten, »Mit der Kirche ist bös Streit anfangen«, sagte der Fürst mit einem Lachen, aus welchem der verhaltene Groll deutlich herausklang. »Darum gieb Dich zufrieden, Vörsfelde. 'S giebt noch genug Mädchen, welche einen schmucken Junker dem Nonnenschleier vorziehen.« Und dann lenkte er, ohne Barby und die Frauen weiter zu beachten, sein Pferd näher dem Hause zu, indem er fragte: »Wo hast Du denn die andere Hexe, die Alte?« »Sie ist nirgends zu finden«, antwortete ein Knecht für den Junker. »So steckt das Nest an. Die Flammen werden sie schon heraustreiben«, befahl der Fürst. Die Knechte wollten der Weisung nachkommen, aber der Stiftshauptmann, welcher einige leise Worte mit Schwester Albina gewechselt hatte, ritt auf Herzog Ernst zu. »Es ist nicht nötig, sie heraus zu räuchern, Fürstliche Gnaden«, sagte er. »Das Haus ist leer. Wie die fromme Schwester dort sagt, haben sich die Bewohner in den Wald geflüchtet.« »Dann wird es ihnen zur Strafe niedergebrannt«, grollte Herzog Ernst, die Augenbrauen finster zusammenziehend. »Gestattet, daß ich dem widerspreche«, meinte Barby gelassen. »Dies ist Grund und Boden Seiner bischöflichen Gnaden, wenn auch zur Zeit der Stadt Braunschweig verpfändet. Auf Halberstädter Gebiet zu sengen und zu plündern würde uns aber schlecht anstehen.« »Ich bin es nicht gewohnt, meine Befehle zurückzunehmen«, knirschte der Fürst. »Zündet an!« »Und ich beharre auf meinem Widerspruch. Es wird nicht angezündet!« »Meint Ihr, ich würde von Euch Weisungen annehmen?« »Nicht anders haben Seine bischöflichen Gnaden geglaubt«, erwiderte Barby in seiner unerschütterlichen Ruhe auf die zornige Frage des Herzogs, »nicht anders haben Seine bischöflichen Gnaden geglaubt beim Abschluß unseres Bündnisses, als daß die Oberleitung des Zuges unbedingt in meinen Händen liegen würde.« »Dann mögen Eure bischöflichen Gnaden –« Der Rest des Satzes verhallte in dem lauten Klirren der Rüstung, als der Fürst jetzt zornig sein Pferd herumwarf. Aber deutlich waren dann wieder die Worte vernehmbar, welche er über die Schulter hinüber Barby zurief: »Unter solchen Umständen verzichte ich darauf, länger gegen die Städtischen mitzureiten.« »Aufgesessen!« rief er seinem Gefolge zu, drückte seinem Gaul die Sporen in die Weichen und sprengte ohne Gruß davon, seine Mannen hinter ihm drein, so schnell und bald ein jeder von ihnen aufs Pferd kommen konnte. »Gott sei Dank, daß wir den fürstlichen Schnapphahn los sind«, sagte der Stiftshauptmann, den Davonreitenden nachsehend. »Hätte ich eher von dem Bündnis gewußt, würde sich der Bischof niemals mit ihm eingelassen haben. Aber sobald ich davon erfuhr, nahm ich mir vor, die erste Gelegenheit zum Bruch zu nutzen.« »Beim Zusammenstoß mit den Braunschweigern hätten sie uns doch recht von Nutzen sein können«, meinte einer der Stiftsmannen kopfschüttelnd. »Wahrscheinlich kommt es zu gar keinem Zusammenstoß«, entgegnete Barby. »Beide Teile haben die Vermittlung des jungen Herzogs Friedrich angenommen.« »Aber was wird der Bischof dazu sagen, daß Ihr Herzog Ernst so habt ablaufen lassen?« fragte ein anderer bedenklicher Ritter. »Mag er mich drob schelten«, lachte der Stiftshauptmann, »Im übrigen« – und bei den Worten richtete er sich hoch im Sattel auf – »ist es nicht der Ritter v. Barby, welcher den Bischof braucht, sondern der Bischof, welcher den Ritter v. Barby braucht.« – Zweites Kapitel. Ersehnte Spuren. »Nun wirst auch Du irre an mir? Keinem habe ich so meine innersten Gedanken erschlossen, als wie Dir. Und dennoch magst Du an mir zweifeln, gleich den anderen?« »Fürstliche Gnaden sind den Mördern meines Vaters ein Freund geworden. Darum muß ich glauben, daß es mit der Freundschaft zu Ende ist, deren Fürstliche Gnaden mich einst würdigten.« »Das mußt Du, das kannst Du glauben, Rolef? Und darum überschüttest Du mich mit ›Fürstlichen Gnaden‹, da ich Dich doch gebeten; mich unter uns nie anders zu nennen als Du und Friedrich?« »Ihr habt recht, beides entspringt derselben Quelle.« »Das heißt also, Ihr kündet mir die Freundschaft, Ritter Doring?« Es war am Tage nach den im Vorhergehenden erzählten Begebenheiten. Die Sprechenden ritten auf der Straße, welche zwischen Bach und Wald von der Hornburg über Achim zur Obermühle führte. Sie waren in voller Rüstung, nur daß statt des schweren Stechhelms ein leichterer, offener Helm ihr Haupt bedeckte. Wie der Ritter v. Barby gesagt, hatten der Bischof und die Stadt die Vermittlung des jungen Herzogs Friedrich angenommen und dieser begab sich jetzt in der Begleitung Rolef Dorings und einiger Abgeordneten des Braunschweiger Rats nach der Obermühle, um dort zu teidingen . Auf die letzte, nicht ohne Heftigkeit gestellte Frage blieb Rolef die Antwort schuldig. Mit zusammengepreßten Lippen sah er stumm vor sich nieder. Es war der Fürst, welcher von neuem und jetzt wieder ganz ohne Bitterkeit begann: »Ich durfte wohl glauben, daß jemand, welcher so genau das Ziel meines Strebens kennt und mit dem ich so oft die Art und Weise besprochen habe, auf welche dies Ziel allein erreicht werden kann, wie Du, nicht gleich das erste Mal den Glauben an mich verliert, da ich ohne sein Vorwissen gehandelt und ohne daß mein Handeln seine Billigung findet.« »Weil Euer Handeln darin besteht«, entgegnete Rolef noch immer in hörbarer Aufregung, »daß Ihr diesen ›Jemand‹ ohne sein Vorwissen mit den Mördern seines Vaters zusammengebracht habt und ihn zwingt, in ihrer Nähe zu sein, ohne sie die Schärfe seines Schwertes fühlen lassen zu können.« Über das blasse und trotz seiner jungen Jahre schwermütig ernste Gesicht des Fürsten zog ein leises Lächeln, indem er fragte: »Wärest Du mitgekommen, wenn Du vorher gewußt hättest, wen Du auf der Hornburg treffen würdest?« »Wozu die Frage, da doch Fürstliche Gnaden die Antwort wissen?« »Das heißt also: Du wärest nicht mitgekommen. Allerdings wußte ich das vorher, darum mußte ich Dich durch List mit den Städtischen zusammenbringen. Denn wir dürfen nicht länger dessen gedenken, was hinter uns liegt, sondern müssen unsere Augen auf das richten, was vor uns liegt. Liebst Du Deine Vaterstadt?« »Gott weiß, wie ich sie liebe, aber trotzdem hasse ich die, so jetzt in ihr gebieten.« »Und denkst Du dabei der Worte, welche Dein Vater in seiner letzten Stunde gesprochen hat?« Rolef blieb die Antwort schuldig, daher fuhr der Fürst in Erwiderung seiner eigenen Frage fort: »Vor allem mahnte er zur Eintracht und beschwor diejenigen, welche ihrem Hasse nachtrachten möchten, denselben nunmehr beizulegen. ›Des Hasses ist genug geschehen und an ihm gerochen mehr als zuviel!‹ So waren seine eigenen Worte. Darum trachte Du, sein Sohn, jetzt auch nicht mehr dem Hasse nach gegen die, welche sich durch blutige That an seine Stelle gesetzt, sondern laß Dich von der Liebe zu Deiner Vaterstadt leiten und arbeite mit den neuen Machthabern am Wohle Braunschweigs.« Wiederum schwieg Rolef still und sah starr vor sich nieder. Erst nach geraumer Zeit entgegnete er: »Mein Vater hat seinen Mördern vergeben, wohl – o hättet Ihr ihn gekannt und wüßtet Ihr, wie ich, wie er so ganz der Spiegel war christlicher Rittertugenden, Ihr wundertet Euch darob nicht, daß der Edle auch seinen Mördern verzeihen konnte. Aber deshalb darf der Sohn doch keine Gemeinschaft mit diesen haben. Nicht zum Schaden der geliebten Vaterstadt will ich meine Rache an ihnen üben, aber ein Rächer will ich ihnen dennoch werden. Ich wäre kein Doring, ich wäre nicht meines Vaters Sohn, dächte ich anders. Und darum bitte ich Fürstliche Gnaden: laßt mich von dannen. Bei Sankt Autor, es könnte sonst geschehen, daß mein Schwert von selbst aus der Scheide führe und jenem hochnäsigen Wollenweber dort hinter uns den Dickkopf vom Rumpfe trennte, so tief er ihm auch in den Schultern sitzt.« Herzog Friedrichs Augenbrauen zogen sich finster zusammen. »Dann ist es freilich besser, Ritter Doring«, sagte er kühl, »wenn ich Euch ziehen lasse. Denn so wert Ihr mir gewesen seid, meine Pläne kann ich Eurenthalben nicht aufgeben. Nur um eins bitte ich Euch, reitet wenigstens mit bis zur Mühle, wo wir die Halberstädter treffen sollen. Sie nennen mich jetzt schon den ›Herzog mit den drei Pferden‹, weil ich bei dem wenigen, was der Quade mir von dem Meinigen zukommen läßt, nicht mehr als drei Mannen in meinem Gefolge reiten lassen kann. Nun gar mit zwei Rittern dort anzukommen – Ihr werdet einsehen – –« »O Fürstliche Gnaden«, fiel ihm Rolef ins Wort, »sprecht nicht so, ich bitte Euch. Zweifelt Ihr denn, daß dieser Arm stets bereit sein wird, für Euch zu fechten? Es ist ja nur das Eine, was ich nicht kann, nur dieses Eine, mit den Mördern meines Vaters Gemeinschaft zu halten. Nur das erlaßt mir, in allem anderen will ich Euch dienen, wie nur ein Ritter seinem Herrn dienen kann.« »Dort liegt die Mühle schon!« – Sie waren um eine Ecke gebogen und aus dem Gefolge, welches hinter ihnen ritt, rief es eine Stimme herüber. Der Fürst reichte Doring die Hand. »Wir scheiden als Freunde, Rolef«, sagte er mit einem ernsten Blick, »und wir scheiden nicht für immer. Ich werde Dich einst an meine Seite zurückrufen, laß mich dann keine tauben Ohren finden.« Er gab seinem Pferde die Sporen, daß es weit ausgreifend der Mühle zuflog. Rolef und die beiden anderen Mannen des Herzogs folgten seinem Beispiel. Klirrend und rasselnd trabten die Städtischen hinterdrein.   Da sowohl bei den Braunschweigern wie bei den Halberstädtern der gute Wille, sich zu vertragen, vorhanden war, machte die Teidung zwischen ihnen nicht allzu viel Mühe. Die Städtischen ließen sich bereit finden, den Bischof für den Schaden, welche die Ihrigen von der Burg Hessen aus dem Stiftsgebiet zugefügt hatten, mit klingender Münze zu entschädigen, und der Ritter v. Barby durfte wohl annehmen, daß diese Art der Entschädigung seinem stets geldbedürftigen Herrn die angenehmste sein würde. So kam man bald zu einem befriedigenden Abschluß. Als man sich darob die Hände geschüttelt hatte, meinte der Stiftshauptmann lachend: »Wir würden wohl noch nicht so weit sein, wenn der Bundesgenosse noch da wäre, den mir mein hochwürdiger Herr aufgedrungen.« – Und auf Herzog Friedrichs fragenden Blick fuhr er fort: »Niemand anders war es, als der Ohm Eurer Fürstlichen Gnaden, der Blankenauer Herr, Herzog Ernst.« »Treibt der sein Unwesen wieder?« seufzte einer der anwesenden Braunschweiger, der ehemalige Gerber Holtnicker, jetzt Bürgermeister des Hagens. »Hat er die Prügel schon vergessen, die er sich vor Bansleben geholt?« spottete der reiche Klaus Lodewiges von der breiten Straße, welcher als Altstädter Ratmann auch der Teidung anwohnte. »Die Prügel müssen nicht sehr ausgiebig gewesen sein, welche er sich von Euch geholt haben soll«, erwiderte der Ritter v. Barby nicht ohne Schärfe auf den Spott des reichen Klaus. »Wenigstens ist er wieder so fröhlich im Felde als nur je. Und wären wir nicht über zwei Nonnen in Streit gekommen, an denen er ein besonderes Wohlgefallen zu finden schien, und hätte ich ihn nicht gehindert, diese Mühle ohne jeden Zweck niederzubrennen, könntet Ihr ihn mit Euren eigenen Augen hier sehen. Aber wie gesagt, mit der Teidung wären wir dann nicht so schnell fertig geworden.« »Was waren das für Nonnen?« fragte Herzog Friedrich. »Dominikanerinnen vom Kloster Drübeck, das zum Halberstädter Sprengel gehört. Daher hatte ich die Pflicht, sie zu schützen. Die eine war die Schwester Albina, die andere kannte ich nicht, wohl aber war mir der Name ihrer Familie nicht fremd und Euch« – damit wandte er sich an die Braunschweiger – »wird er erst recht bekannt sein, wenn Ihr es auch nicht liebt, ihn zu hören. Es gab einst einen Bürgermeister in Braunschweig, der diesen Namen führte und dessen Tochter ist sie, eine vam Damme.« »Die ist Nonne zu Drübeck?« Mit diesen Worten sprang Rolef, welcher bisher in einiger Entfernung und ohne an der Unterhaltung teilzunehmen, dagesessen hatte, empor und trat auf den Stiftshauptmann zu. Dieser wiegte, ohne der Aufregung des jungen Mannes zu achten, lächelnd das Haupt. »Weiß ich's?« entgegnete er. »Sie sagte so und Schwester Albina sagte es auch. Die Müllerin aber, welche ich nachher ins Verhör nahm, gestand mir, bis gestern Abend sei die Jungfrau keine Nonne gewesen. Seit Jahren habe sie, erst mit ihrer Mutter, dann nach deren Tode allein, bei ihr in stiller Zurückgezogenheit gewohnt, aber nie etwas von einer Absicht verlauten lassen, den Schleier zu nehmen. Wenn sie sich dem Altar gelobt, so müsse es erst diese Nacht oder vielleicht auch erst heute Morgen in der Stunde der äußersten Gefahr gewesen sein. Auch Herzog Ernst und seine Mannen wollten ihr Nonnentum nicht gelten lassen, ich aber sagte ihnen, die Entscheidung darüber –« Die weiteren Worte entgingen Rolef. Mit wenigen großen Schritten war er zur Thür hinaus und suchte draußen Grete Ursleve, die Müllerin. Als er dieselbe gefunden, erhielt er von ihr alles bestätigt, was der Ritter v. Barby erzählt hatte. Noch im Laufe des gestrigen Tages, setzte Grete hinzu, sei Schwester Albina mit der Jungfrau vam Damme wieder aufgebrochen. Sie würden jetzt wohl schon Kloster Drübeck erreicht haben. Rolef ließ sich den Weg nach dem Kloster beschreiben. Dann ließ er sein Pferd vorführen und schwang sich in den Sattel. Nicht einmal Abschied zu nehmen, gestattete er sich die Zeit. Von seinem Fürsten hatte er ja schon Urlaub genommen, um die anderen kümmerte er sich nicht. Im Kloster sollte er die wiederfinden, welche er Jahre lang gesucht, der Gedanke nahm ihn ganz in Anspruch. Im Kloster sollte er sie wiederfinden, nachdem sie sich in dieser Einsamkeit die ganze lange Zeit vor ihm verborgen gehalten. Hier hatte er sie allerdings nicht suchen können, auf Schloß Hornburg war er damals gewesen, das Gerücht und die eigene Berechnung hatten ihn dorthin geführt, weil ja die Burg im vam Dammeschen Pfandbesitz. Aber als er dorthin kam, waren die Frauen schon fort und niemand wußte, wohin sie gegangen. Er wandte sich nach den befreundeten Hansestädten, wo ihm nur Verbindungen zu Gebot standen, aber von so viel Vertriebenen man zu berichten mußte, von den vam Dammes wußte man nichts. An den welsischen, dem lauenburgischen, den thüringischen Höfen, an den Prälatensitzen zu Hildesheim und Halberstadt, zu Verden und Magdeburg fragte Herzog Friedrich für seinen Freund Doring an, keine Kunde! Frau und Tochter Tile vam Dammes waren und blieben verschollen, niemand konnte auch nur die geringste Nachricht von ihnen geben, im wahren Sinne des Wortes schien sie der Erdboden verschlungen zu haben. Und trotzdem ermüdete Rolef in seinen Nachforschungen nicht. Wohin ihn nur seine Kriegszüge führten, überall forschte er nach den Verlorenen. Aus dem vorangegangenen Gespräch mit Herzog Friedrich wissen wir, daß er aus dem Dienst des »Quaden« in den dieses jungen Fürsten übergetreten war, eine Veränderung, welche sich äußerlich wenig bemerkbar machte; denn nach wie vor saß Friedrich neben seinem ränkesüchtigen Vetter in Wolfenbüttel und stritt an dessen Seite in den neu ausgebrochenen Kämpfen um das lüneburgische Erbe gegen den Wettiner. Diese Fehden brachten Rolef manche Gelegenheit, sich auszuzeichnen und damit die goldenen Sporen, der »Quade« selbst schlug den Knappen Doring zum Ritter, aber soviel Aufregung, soviel Anstrengung, soviel Ehren sie ihm auch boten, niemals verlor er dabei den Zweck aus den Augen, Ilse wiederzufinden. Und während er so suchte und suchte, immer vergeblich und doch nie ermüdend, verbarg sie sich hier in diesem stillen Winkel der Erde, ohne auch nur durch das geringste Zeichen ihn ahnen zu lassen, wo er sie finden könne! Und mehr noch! Jetzt wollte sie sogar eine Scheidewand zwischen sich und ihm aufrichten und hatte sie vielleicht schon aufgerichtet, welche keine Macht der Erde wieder niederreißen konnte. War das ihre Liebe, war das ihre Treue? Er konnte, er durfte es nicht glauben, ehe er es nicht aus ihrem eigenen Munde gehört. Und daher spornte er sein Roß zu immer schnellerem Lauf, er konnte es nicht erwarten, bis er an die Klosterthür von Drübeck, bis er mit bewegten Worten an Ilsens Herzensthür klopfen konnte. Erst nach Mitternacht erreichte er das Kloster und lange, bange Stunden vergingen noch, bis der Morgen tagte und er den schweren Hammer an der Klosterpforte heben und dröhnend niederfallen lassen durfte. Der Schalter in der Thür öffnete sich, Rolef fragte nach Schwester Albina und ihrer Begleiterin. »Man wisse nichts von ihnen«, entgegnete die Schwester Pförtnerin, »und sei in banger Sorge um ihr langes Ausbleiben.« – Damit schloß sich der Schalter wieder. Vor Rolefs Augen flimmerte es, er mußte nach dem Thürklopfer greifen, um sich aufrecht zu erhalten. Drittes Kapitel. Irmgarde. »Wie lange soll das noch so fortgehen, Irmgarde?« Irmgarde erhob ein wenig das schöne Haupt und warf unter den langen Augenwimpern hervor der Fragenden einen freundlichen Blick zu, indem sie in ruhigem, ja gleichgiltigem Tone erwiderte: »Ich weiß es selbst nicht, meine Liebe.« Maria v. Dorstadt – oder vielmehr wie sie jetzt hieß, Maria v. Schwichelde, denn schon seit drei Jahren war sie des jüngeren Ritters v. Schwichelde Frau, welchem der »Quade« einen Burgmannssitz auf Wolfenbüttel eingeräumt hatte – also Maria v. Schwichelde zuckte heftig am Faden des Spinnrockens, so daß derselbe riß und auch ihre Stimme klang heftig, als sie wiederholte: »Du weißt es selbst nicht? Das ist es ja eben. Du weißt nicht, was Du willst. Wie wäre es sonst möglich, Jahre hindurch ein so unbestimmtes Verhältnis fortzuspinnen? Aber das kannst Du mir glauben, viele giebt es, welche dadurch irre an Dir werden. Sogar die Mutter! Und welche Stücke hat die früher auf Dich gehalten. Niemand war in ihren Augen so schön, so klug, so gewandt und so tugendsam als Du. Jetzt aber –« »Nun jetzt?« »Spricht sie ganz anders über Dich, dessen kann ich Dich versichern.« »Also nicht mehr schön?« lächelte Irmgarde. »Nicht mehr klug? Nicht mehr gewandt? Und – o weh! – nicht mehr tugendsam?« »Du solltest einer Frau nicht spotten, welche es so gut mit Dir meint, wie meine Mutter.« Irmgarde stand auf und indem sie den Kopf der Freundin zwischen beide Hände nahm, drückte sie einen Kuß auf deren Mund, als müsse sie den unwilligen Zug fortküssen, welcher denselben umspielte. »Ich Deiner Mutter spotten, Liebe? Wie kannst Du das denken? Nichts liegt mir ferner als das. Und wenig würde mich mehr schmerzen, als wenn sie wirklich ihr gütiges Urteil über mich geändert hätte. Aber das mag ich auch nicht glauben. Denn was kann man mir denn eigentlich zum Vorwurf machen?« »Zunächst, sagt sie, sei es nicht klug von Dir, dem Herzog Friedrich fort und fort zu gestatten, Dir zu huldigen, oder, wie die anderen sagen, Dir nachzulaufen, ohne ihn doch zu einem entscheidenden Schritte bestimmen zu können. Denn viele, die ernste Absichten auf Deine Hand hatten, sind dadurch abgeschreckt worden.« »So? Wer zum Beispiel?« »Wozu soll ich Dir die Namen nennen? Du wirst sie schon wissen. An Ritzerove will ich Dich nur erinnern, an Heiso v. Frestorf, an Günther v. Bobente. Könnte noch viele aufzählen aus dem Land Oberwald und nicht minder aus dem Wolfenbüttelschen. Das ist ja auch nicht zu verwundern. Dein Vater gilt für reich, und ist er auch nur ein Schreiber und kein Kriegsmann, so seid ihr Kyphods doch ein ritterbürtig Geschlecht, wie nur eins im Herzogtum. Du selbst aber –« »Bin nicht mehr schön«, fiel Irmgarde ein, »nicht mehr klug –« »Willst Du aufhören!« Frau v. Schwichelde preßte halb lachend, halb unwillig ihre Hand auf den Mund der Freundin und schmollend setzte sie hinzu: »Kannst Du denn gar nicht einsehen, wie wichtig das ist, was ich Dir gern sagen möchte?« Irmgarde faßte die Hand, welche ihr den Mund verschlossen, und küßte sie. »Gewiß sehe ich es ein, mein treues, sorgliches Herz. Gern würde ich auch ändern, was Du und Deine Mutter und – ich weiß es wohl – noch manche andere an mir auszusetzen finden. Aber wie soll ich es ändern. Den Herzog zwingen, sich auszusprechen, kann ich nicht.« »Dann wende ihm den Rücken.« »Weißt denn Du, wie oft das schon geschehen ist? Aber kommt er dann wieder, er, der keinen Freund, keinen Vertrauten hat – « »Außer dem Stadtjunker, dem Doring.« Über Irmgardes Gesicht flog bei dem Namen eine leichte Röte, welche aber Frau v. Schwichelde entging. Auch klang der Jungfrau Stimme nicht minder ruhig als vorher, indem sie erwiderte: »Dem Doring? Wahr ist's, der hält sich noch allein zu ihm. Aber er versteht den Herzog auch nicht. Und siehst Du, das ist es, was es mir unmöglich macht, den armen einsamen Fürsten auf die Dauer zurückzuweisen. Wende auch ich mich von ihm, dann steht er ganz allein. Den Schmerz ihm zuzufügen, dazu habe ich zu viel Mitleid mit ihm.« »Und deshalb opferst Du Dich für ihn auf. Das darfst Du aber Deiner selbst wegen nicht. Kann Herzog Friedrich wirklich nicht ohne Dich leben, mag er Dich zu seinem Weibe küren. Viel Glück freilich wird auch dann nicht dabei herauskommen, denn Schwichelde sagt –« »Was sagt Schwichelde?« fragte Irmgarde, indem sie ihren Platz wieder einnahm. »Abgesehen von allem anderen sei er auch noch viel zu jung für Dich.« »Da hat Dein Gatte recht. Es taugt nicht, wenn die Frau älter ist als der Mann.« »Und wäre er noch ein rechter Mann«, fuhr Frau Maria eifrig fort, »aber sag nur einmal selbst, giebt es im ganzen Lande einen unselbständigeren, wankelmütigeren Schwächling, als diesen Fürsten? Darum ist ihm auch kein Ritter hold und alle wünschen, Otto der Streitbare möchte für immer ihr Herr bleiben.« »So sagt auch mein Vater«, nickte Irmgarde, »und dennoch kann ich Euch nicht Recht geben. Wankelmütig nennst Du Herzog Friedrich? Wann hat er sich mir gegenüber so gezeigt?« Frau v. Schwichelde lachte laut auf. »Darin hast Du recht. Unentwegt läuft er Dir nach. Aber was er auch Dir gegenüber zeigt, ist die vollständige Unfähigkeit, einen kühnen Entschluß zu fassen. Doch genug davon! Ich sehe schon, Dein Herz erlaubt Deinem Kopfe, der sonst so klar denkt, nicht, auch hierin klar zu denken. Mir aber wirf später nicht vor, daß ich mir nicht alle Mühe gegeben, Dir die Augen zu öffnen.« Bei diesen Worten war sie aufgestanden und hatte begonnen, im Zimmer auf und ab zu gehen, während Irmgarde ihre bequeme, im Sessel zurückgelehnte Lage in nichts veränderte. Wie sie es liebte, hatte sie die Hände im Schoß gefaltet, den Kopf gegen die Polster gestützt und über die schönen großen Augen die langbewimperten Lider fast ganz herabsinken lassen. Aber der kurze Atem, der schnell und heftig sich hebende und senkende Busen und eine leichte gleichmäßige Röte, welche sich über ihrem Antlitz gelagert, bewiesen, daß das Gespräch sie mehr erregt, als die Ruhe der äußeren Haltung verraten mochte. »Mein Herz soll meinem Kopf nicht gestatten, klar zu denken?« fragte sie nach einer nicht kurzen Pause und ihr Mund zwang sich bei den Worten zu einem Lächeln. »Meine weise Freundin, das ist ein großer Irrtum. Wenn Herzog Friedrich heute am Tage sich eine ebenbürtige Gemahlin wählte, würde mein Herz ebenso ruhig schlagen, wie augenblicklich, ja, ich kann noch mehr sagen, es würde eine aufrichtige, reine Freude empfinden. So wenig hat mit dem Herzog in dem Sinne, wie Du meinst, mein Herz zu thun. –« Maria v. Schwichelde blieb stehen und stampfte mit dem kleinen Fuße auf den Boden. »Was ist denn aber der Grund«, unterbrach sie die Freundin heftig, »was kann denn der Grund Deines ebenso auffallenden als rätselhaften Benehmens sein, wenn es nicht Dein Herz ist?« »Ich habe es vorhin ja schon gesagt«, erwiderte Irmgarde mit ihrem ruhigen Lächeln, »das Mitleid. Der einzige Mensch, zu dem der Herzog noch Vertrauen hat, die Einzige, welche ihn versteht, bin ich. Darum kann ich ihn nicht fortstoßen, das hieße ihn ganz unglücklich machen.« Frau Maria trat achselzuckend zum Fenster. »Diese feine Unterscheidung der Empfindungen nachzufühlen«, sagte sie, »geht über mein Vermögen. Du setzest Dich dem Gerede der Leute aus, Du opferst Deine Zukunft, um den Fürsten nicht unglücklich zu machen – und dennoch soll er Dir gleichgiltig sein. Das verstehe ich nicht und ebenso wenig verstehen es andere, die klüger sind als ich. Aber thu, was Du willst. Wer nicht hören will, muß fühlen, pflegt Schwichelde zu sagen, wenn er seine Jagdhunde abrichtet und ihr Ungehorsam ihn zur Peitsche greifen läßt.« »Der Vergleich ist sehr schmeichelhaft für mich«, unterbrach sie Irmgarde lachend. »Schmeichelhaft oder nicht«, fuhr Maria fort, ohne sich irre machen zu lassen, »jedenfalls paßt er genau. Auch Du wirst die Peitsche fühlen, die Peitsche übler Nachrede und scheuen Zurückweichens. Ja zurückziehen werden sich die Menschen von Dir, das wirst Du schon merken, wenn Du es noch länger so forttreibst, sie werden Dich meiden und dann wirst Du zu spät beklagen, nicht auf mich gehört zu haben.« Das alles hatte Frau v. Schwichelde halb über die Schulter weg zu ihrer Freundin gesagt, welche es mit niedergeschlagenen Augen angehört und jetzt, nachdem die Strafpredigt zu Ende war, kein Wort der Entgegnung laut werden ließ. Da seufzte Frau Maria mit einem verzweiflungsvollen Blick gen Himmel tief auf und dann schob sie mit einer hastigen Bewegung das Fenster in die Höhe und lehnte sich, ohne Irmgarde zu beachten, hinaus. »Wie kann man nur so thöricht, so unzugänglich sein!« – Ob auch unausgesprochen, deutlicher konnte dieser Gedanke nicht ausgedrückt werden. Noch immer schwieg Irmgarde und auch ihre bequeme Lage im Sessel veränderte sie in nichts. Und indessen schaute Maria auf den öden Burghof hinaus und beobachtete mit der größten Aufmerksamkeit jede Katze, die an den Mauern entlang schlich und jeden Sperling, der vor der Thür des Marstalls nach einem Körnchen suchte. Aber schon machte ihr gutes Herz ihr Vorwürfe über ihr schroffes Auftreten. Als daher jetzt ein Ritter langsamen Schrittes über die Zugbrücke auf den Burghof geritten kam und sie in demselben Rolef Doring erkannte, benutzte sie mit Freuden diese Gelegenheit, wieder anzuknüpfen. »War nicht der Ritter Doring mit Herzog Friedrich fortgeritten?« fragte sie, indem sie sich aufrichtete und einen Schritt vom Fenster zurück auf Irmgarde zutrat. Die Frage mußte wohl seltsam mit dem Gedankengange zusammentreffen, welchem sich Irmgarde hingegeben hatte, denn die schönen Augen weit öffnend, richtete sie sich halb erschrocken in die Höhe. »Der Ritter Doring? Wie kommst Du darauf? Was ist mit ihm?« fragte sie hastig. »Nun – er reitet nur eben zum Thore herein. Aber wie Du aufschrickst und es ist doch nur des Herzogs Bote!« Irmgarde hatte sich schon wieder bequem zurückgelehnt. »Ja, nur sein Bote«, lächelte sie träumerisch und die langbewimperten Lider sanken wieder über die strahlenden Augensterne herab. Viertes Kapitel. Die Schnapphähne. Bald war Rolef des ersten Schreckens, welcher ihn an der Klosterpforte von Drübeck überwältigt, Herr geworden. Von neuem hatte er den Thürklopfer dröhnend niederfallen lassen, und als darauf zum zweiten Male das Gesicht der Schwester Pförtnerin zum Schalter herausschaute, bat er, die Frau Äbtissin sprechen zu dürfen, da er einigen Aufschluß über die Vermißten geben könne. In Gewährung dieser Bitte erschien denn nach einiger Zeit das Antlitz jener Würdenträgerin am Schalter. Die Unterredung, welche Rolef mit ihr hatte, war nur von kurzer Dauer, aber sie gewährte ihm über zwei wichtige Punkte vollkommenen Aufschluß. Der eine dieser Punkte war, daß die Äbtissin nicht die geringste Kunde davon hatte, daß überhaupt eine Jungfrau Ilse vam Damme auf der Welt sei, geschweige denn, daß dieselbe dem ihrer Leitung untergebenen Kloster angehöre. Daraus folgte aber für Rolef, daß Ilse die Gelübde jedenfalls noch nicht in feierlich bindender Form abgelegt hatte, ja die Hoffnung wurde in ihm rege, daß Schwester Albina nur zum Schein und um Ilses Rettung zu ermöglichen, dieselbe für eine Nonne ihres Klosters ausgegeben. Aber auf der anderen Seite stellte sich zum zweiten auch heraus, daß diese Rettung trotzdem nicht gelungen war. Es konnte kein Zweifel darüber bestehen, daß Schwester Albina mit ihrer Begleiterin längst Kloster Drübeck hätte erreicht haben müssen, wenn ihr nicht unterwegs ein neuer Unfall zugestoßen wäre. Noch in Beratung mit der Äbtissin darüber, wie die Nachforschungen nach den Vermißten einzuleiten seien, bemerkte Rolef einen Mann, welcher langsam auf die Klosterpforte zu hinkte. Derselbe war barhaupt und stützte sich auf einen Baumast, welchen er erst vor kurzem im Walde gebrochen haben konnte. Er trug einen Lendner und Beinschienen, war aber ohne Waffen, in das beschmutzte Gesicht hing das Haar in wirren, von Blut zusammengeklebten Strähnen hinein, unter denen es in langsamen Tropfen über die linke Wange blutig herabquoll. Die ganze Erscheinung rief sofort in Rolef den Gedanken wach, daß der Mann mit der Gewaltthat in Verbindung stehen müßte, welche gegen die Reisenden verübt war. Mit wenigen Schritten stand er dem Hinkenden gegenüber und fragte ohne Umschweif: »Was wißt Ihr von Schwester Albina?« Der Mann blieb stehen und stützte sich erschöpft auf seinen Knüppel. »Bei allen Heiligen«, sagte er langsam und keuchend, »ich kann nichts dazu.« Rolef bemerkte jetzt, daß der Mann am linken Bein und am Kopfe schwer verletzt war. Schnell vervollständigte er im Geiste den Thatbestand. »Ihr seid überfallen«, sagte er, »und habt Euch tapfer gewehrt. Das sieht man. Ihr sollt gleich Stärkung haben und verbunden werden. Setzt Euch einstweilen auf jenen Baumstamm und erzählt mir, wie es gewesen ist.« Er unterstützte den Verwundeten, welcher sich mit seiner und des Knüppels Hilfe nach dem bezeichneten Baumstamme hinschleppte. Die Äbtissin, welche den Vorgang vom Schalter aus beobachtet hatte, öffnete die Pforte und schritt auf die Gruppe zu. Nach kurzer Zeit folgte ihr eine dienende Schwester mit Brot und einem Krug Wein. Indem der Verwundete diesen Stärkungen eifrig zusprach, die Äbtissin aber die dienende Schwester ins Kloster zurückschickte, um Verbandzeug und Wundbalsam zu holen, begann der Mann seinen Bericht. Mit den zwei anderen Reisigen des Herzogs zum Salze habe er Schwester Albina und eine andere Jungfrau hierher nach Drübeck leiten sollen. Gestern Abend hatten sie gerechnet, hier einzutreffen, und solche Rechnung würde sie auch nicht getrogen haben, wenn sie nicht kurz vor Sonnenuntergang von einer großen Schar Gewappneter überfallen worden wären. Sie hätten sich zur Wehre gesetzt, aber der Übermacht gegenüber sei das nutzlos gewesen. Einer seiner Genossen sei getötet, den anderen hätten die Schnapphähne verwundet mit sich geschleppt, ihn selbst aber für tot auf dem Platze gelassen. Die Frauen, auf deren Entführung es abgesehen gewesen, hätten sie auch von dannen geführt, trotzdem Schwester Albina mit gewaltigen Worten die Rache des Himmels ihnen angedroht. Die Nacht über müsse er bewußtlos dagelegen haben, aber die Morgenfrische habe ihn wieder zu sich gebracht. Da habe er sich aufgerafft und hierher geschleppt, um die Unthat zu melden, damit man den Räubern nachsetzen könne. Wer die Räuber waren, darüber war Rolef nach dem, was er in der Obermühle gehört, keinen Augenblick im Zweifel. Er fragte daher auch nicht viel nach ihrem Aussehen, sondern nur, wohin sie sich gewandt. Doch wußte der Reisige darüber schlechterdings keine Auskunft zu geben. »So müssen wir suchen«, murmelte Rolef, »suchen und hoffen.« Und so wenig Hoffnung erweckend auch des Reisigen Bericht war, dennoch schlug Rolefs Herz hoffnungsvoller als vorher. Warum? Er sah sich wieder einer Macht gegenüber, welcher ein frischer Mut, unermüdliche Geduld, ein starker Arm und ein scharfes Schwert die Geliebte abringen konnten, nicht der geheimnisvollen Macht der Kirche, deren Waffen, einer anderen Welt entnommen, für den tapfersten Rittersmann unbesiegbar blieben. In einem zum Kloster gehörigen, aber außerhalb der Klausur liegenden Gebäude ließ die Äbtissin den Verwundeten unterbringen. Die sorgsamste Pflege desselben dünkte ihr desto mehr Pflicht, als sein Blut zum Schutze einer Nonne Drübecks geflossen war. Auch für sein Pferd fand Rolef dort Unterkunft, er selbst aber machte sich nach einem flüchtigen Imbiß sogleich nach der Stätte des Überfalls auf und zwar in Begleitung einiger Dienstleute des Klosters, welche die Leiche des gefallenen Reisigen holen wollten, um dieselbe in geweihter Erde zu bestatten. Doch hatte der Ritter vorher die schwere Rüstung abgelegt; in leichter Kleidung, nur das getreue Schwert unter dem Arm, schritt er den Dienstleuten voran. Nach der genauen Beschreibung des Verwundeten war es nicht schwer, den Platz aufzufinden. Wäre Rolef gestern nicht bereits im Dunkel der Nacht an der Stelle vorbei gekommen, so hätte ihm gleich auffallen müssen, daß hier etwas Außerordentliches geschehen war. Aber umdüstert von nächtlichen Schatten, hatte er freilich weder den zerstampften Boden, noch die zerstreut umherliegenden zerbrochenen Waffen, noch die Leiche des Erschlagenen bemerken können, welche dicht am Wege ins Gesträuch gestürzt war. Auch die Spur der Räuber konnte man jetzt beim hellen Tageslicht unschwer erkennen. Und während die Klosterleute mit dem Leichnam sich nach Drübeck zurückwandten, folgte Rolef ohne Aufenthalt der gefundenen Fährte. Dieselbe führte ihn quer durch den Wald mehrere Stunden lang fort, bis sie auf der großen Straße einmündete, welche von Hildesheim über Halberstadt nach Magdeburg lief. Hier in dem Wirrsal einander sich kreuzender Fahrgeleise und Hufspuren verlor sie sich aber auch und es blieb Rolefs Berechnung überlassen, die Richtung herauszufinden, nach welcher sich die Schnapphähne gewandt, ob Magdeburg zu oder nach Nordwesten ins Hildesheimische. Er entschloß sich für das letztere, und zwar aus dem Grunde, weil das Bestreben der Räuber vor allem dahin gerichtet sein mußte, möglichst schnell das Halberstädter Stiftsgebiet zu verlassen, und sie in der Richtung nach Magdeburg zu noch Tage lang dasselbe durchziehen mußten. Daher setzte er nach der Hildesheimer Seite hin seinen Weg auf der Straße fort. Es war so recht ein Tag von den ersten des Mai's. Eine weißliche Dunstschicht war über den Himmel ausgebreitet, welche sich hie und da zu größeren Wolken verdichtete, dort auch wohl einem Stück blauen Himmels den Durchblick gönnte, im ganzen aber den Azur nur matt durch ihre wallenden Schleier durchleuchten ließ. Leise, kaum merkbar strich der Wind über die Felder, die niedrigen grünen Halme des Korns in steter schwankender Bewegung erhaltend. Die Büsche und Sträuche, welche streckenweise am Straßensaum fortliefen oder auch wohl vereinzelt zwischen den Äckern standen, hier einen Grenzstein beschattend, dort eine sumpfige Bodensenkung bezeichnend, prangten bereits im zarten Grün junger, kaum entfalteter Blätter, aber über die Alten des Waldes war erst ein sammetartiger Flaum ausgebreitet, der eher in einem leisen bräunlichen als grünlichen Farbenhauche schimmerte. Die Strahlen der im Zenith stehenden Sonne suchten ihren Weg durch die dunstige Atmosphäre, aber trotzdem oder vielmehr weil sie diese weißliche Dunstschicht erst durchbrechen mußten, trafen sie, wenn sie trafen, mit doppelt starker Glut. Unweit der Straße bemerkte Rolef einen Bauernhof, Er beschloß, sich hier zum Mittagsbrot einzuladen, in der Hoffnung, bei dieser Gelegenheit zu erfahren, ob ein den Räubern ähnlicher Trupp Reiter vorüber gezogen. Als er eingetreten und den vorderen Teil des langgestreckten Raumes durchschritten hatte, in welchem sich zu beiden Seiten die Streu für das jetzt ausgetriebene Rindvieh hinzog, fand er hinten beim Feuer, dessen Rauch sich nach Belieben einen Ausweg durch die Öffnungen des Daches suchte, und in dessen Flammen ein großer schwarzer Kessel an langer Kette herabhing, eine einzelne, schon hochbejahrte Frau. Er mußte seine Bitte zweimal wiederholen, ehe sie ihn verstand. Dann erhielt er auch nur ein nichts weniger als freundliches und aufmunterndes Kopfschütteln zur Antwort, und als er die Alte anschrie: »Warum nicht?« antwortete sie kurz: »Der Bauer hat's verboten.« »Warum hat er's verboten?« fragte Rolef mit erhobener Stimme weiter. Aber die Alte schien ihn trotzdem nicht zu verstehen, denn sie antwortete mit einem Blick auf das Schwert, welches Rolef unter dem Arm trug: »Ihr könnt mich totschlagen, ich kann mich nicht wehren, aber ich darf Euch nichts geben, mein Sohn will es nicht.« Wiederum schrie Rolef die Alte an: »Warum will er es nicht?« Aber er erhielt auch diesmal keine Antwort. »Sie sind alle hinaus«, spann die Alte ihren Faden weiter, um die Herde wieder zusammen zu treiben, welche Eure Freunde auseinander gejagt und in den Wald gesprengt haben. Aber bald kommen sie wieder, hütet Euch, dann kann es Euch schlecht gehen.« Rolef horchte auf. Gieb mir nur einen Schluck Milch«, bat er, »die Zunge klebt mir am Gaumen, dann will ich auch weiter, meinen Genossen nach.« Das Wort »Milch« mußte die Frau verstanden haben. Sie wiederholte es mehrere Male und schüttelte stets dabei den Kopf. Dann begann sie von neuem: »Schlagt mich tot! Ich darf es nicht und ich will es auch nicht. Den schönsten Farren haben die Euren aus unserer Herde genommen, Ihr kriegt keine Milch.« »Es waren Frauen dabei«, warf Rolef ein, »die bedurften kräftiger Speise, sonst hielten sie es nicht aus.« »Frauen?« grinste die Alte, wieder an dem einen Worte haften bleibend. »Frauen?« Daß Gott erbarm! Mögen saubere Frauen sein, die mit solchem Gesindel nach Twieflingen ziehen, nach dem verrufenen Räubernest.« »Woher weißt Du«, rief Rolef wie erschrocken, »daß wir aus Twieflingen sind?« Er erhielt keine Antwort und mußte seine Frage noch einmal und noch lauter wiederholen, bis die Alte entgegnete: »Wir sind nicht so dumm, wir Bauersleute, als ihr Schnapphähne denkt. Wir haben auch Ohren, und Siverd, der Kuhjunge, hat auch Ohren. Hat's wohl gehört, wenn sie ihn auch banden, als sie in seine Herde fielen und liegen ließen wie einen Klotz Holz. Hat's wohl gehört, daß die Euren von Twieflingen sprachen, und seiner Bande wußte er nachher auch wieder ledig zu werden. Jawohl, wir sind nicht so dumm –« »Gehab Dich wohl«, unterbrach sie Rolef und schritt dem Ausgang zu. »Möge die Jungfrau Euch bessern«, schrie ihm die Alte nach, »daß Ihr wieder ein ehrlicher Mensch werdet.« Sie schlug ein Kreuz und bückte sich und schob ein frisches Scheit Holz unter den Kessel. »Gott und die Heiligen wollen uns vor den Schnapphähnen bewahren!« murmelte sie dabei. Fünftes Kapitel. Am Fürstenhofe. Vierundzwanzig Stunden später finden wir Rolef wieder in Wolfenbüttel. Er hatte genug erfahren, um seine Versuche beginnen zu können, Ilse aus der Gewalt der Schnapphähne zu befreien. Twieflingen! Vor dem Wort war die Dunkelheit geflohen wie vor der aufgehenden Sonne. Haus Twieflingen, an der Straße zwischen Braunschweig und Magdeburg gelegen, war ursprünglich eine lüneburgische Enklave im Wolfenbütteler Gebiet, aber bei der Entfernung des Landesherrn war es längst zu einem Zufluchtsort ritterlichen Raubgesindels geworden, welches auf der belebten Handelsstraße fette Weide fand. Die Burg war berüchtigt weit und breit, nur bei Tag, und dann auch nur unter doppelter Bedeckung wagten die Warenzüge an ihrem Fuße vorüber zu ziehen. In ihren Verließen schmachtete mancher Gefangene, der Auslösung durch klingende Münze harrend. Nach den Äußerungen der alten Bäuerin erschien es Rolef daher höchst glaubwürdig, daß die Räuber Ilses und der Schwester Albina Twieflingen als ihr Reiseziel bezeichnet hatten, und keinen Augenblick zögerte er, als Grund seiner Pläne die Annahme zu betrachten, daß die geraubten Frauen eben dorthin gebracht seien. Aber so wertvoll es für ihn war, durch diese Entdeckung einen festen Anhaltspunkt gewonnen zu haben, so konnte er sich doch nicht verhehlen, daß durch den Rückzug der Räuber nach jener Burg die Rettung Ilses außerordentlich erschwert wurde. Die Genossenschaft, welche dort hauste, war zahlreich, durch Eid und Ritterwort einander zu gegenseitigem Schutze verbunden, für einen einzelnen geradezu unbesiegbar, selbst für eine größere Macht hinter den festen Mauern des Schlosses schwer zu bewältigen. Aber waren es ihrer viele, so zählten sie auch viele Feinde. Es gab wenige Bürger in Braunschweig und Magdeburg, welche nicht bei dem Namen Twieflingen ergrimmt mit geballter Faust auf den Tisch schlugen und fluchend versicherten, nicht eher wollten sie ruhen, als bis die Twieflinger Schnapphähne mit des Seilers Tochter Hochzeit gehalten. Und ebenso dachten manche Fürsten, welche nur mit Kummer den ihrem Gebiete durch das Raubunwesen zugefügten Schaden ansahen. Der »Quade« freilich gehörte nicht zu diesen; ob er auch in Wolfenbüttel zunächst saß, hatte er doch eher sein Wohlgefallen an den Bedrängnissen der Städter, als daß er seine ritterlichen Freunde darob gescholten hätte. Anderer Meinung aber war der Erzbischof von Magdeburg und ebenso der eigentliche Herr von Twieflingen, Herzog Albrecht, der Wettiner, welcher in Celle Hof hielt. Der letztere verfolgte die Schnapphähne mit eiserner Strenge, und seitdem er jüngst wieder Frieden mit dem »Quaden« und Herzog Friedrich geschlossen, ließ er ihre Bestrafung sein Hauptaugenmerk sein. Darauf gründete Rolef Doring seine Hoffnungen. Es war am Morgen nach dem Abende, an welchem Maria von Schwichelde und Irmgarde Kyphod ihn in den Schloßhof von Wolfenbüttel hatten einreiten sehen, als Rolef seinen jugendlichen Gebieter aufsuchte, welcher schon in den Frühstunden ebenfalls dorthin zurückgekehrt war. Gewohnt, stets ohne Säumen Zulaß zu diesem zu finden, welcher sich weit häufiger seinen Freund als seinen Herrn zu nennen liebte, vernahm der Ritter mit Staunen, daß der Fürst weder für ihn, noch für sonst irgend jemanden zu sprechen sei. »Fürstliche Gnaden werden sich von dem frühen Morgenritt erholen wollen«, äußerte Rolef zu dem vor dem Gemache des Herzogs Wache haltenden Diener, und fragend setzte er hinzu: »Ist nicht bestimmt, wann der Herzog wieder sichtbar sein wird?« »Mir ist nichts bekannt«, entgegnete der Diener und zuckte die Achseln. Es lag in dem Wesen desselben, eines alten Graubartes, welcher noch aus den Zeiten Herzog Magni stammte, etwas so bestimmt Abweisendes, daß sich Rolef kurz umwandte und ging. »Es scheint«, murmelte er, »ich soll für meinen Ungehorsam bestraft werden, den ich bei der Hornburg gezeigt.« Auf dem Altan vor dem Fürstenhause traf er Irmgarde. »Wartet auch die auf das Erwachen des Herzogs?« fragte sich Rolef. Sie wandte ihm den Rücken, als er aus der Thür trat, und überhörte auch wohl seinen Schritt, als er sich ihr näherte. Denn als sie sich nun kurz vor der steinernen Balustrade umwandte und ihn plötzlich vor sich stehen sah, schrak sie leicht zusammen. »Ah, Ritter Doring«, sagte sie, mit den schönen Augen ihn freundlich begrüßend. »Überall anders wähnte ich Euch, nur nicht hier in Wolfenbüttel. Seid Ihr von Eurem geheimnisvollen Ritt mit Herzog Friedrich schon zurückgekehrt?« »Schon seit gestern Abend, schöne Jungfrau«, entgegnete Rolef, sich Irmgarde anschließend, »und seit heute Morgen weilt auch Herzog Friedrich wieder im Schloß.« »In der That? Das zerstört viele, sehr viele und sehr weitgehende Vermutungen. Was sage ich, Vermutungen? Als solche traten dieselben gar nicht einmal auf. Die klugen Leute, welche sie aussprachen, waren viel zu klug, um nur zu vermuten, sie wußten es vielmehr ganz genau, so genau, daß ein Irrtum unter keiner Bedingung möglich war.« »Und was wußten sie so genau, Jungfrau Kyphod?« »Nun, den Zweck Eures geheimnisvollen Rittes.« »Natürlich, aber ich meine, was bezeichneten sie mit solcher Sicherheit als diesen Zweck?« »Das hätte ich Lust, Euch raten zu lassen.« »Versuchen wir es. Eine Jagd? Das wäre viel zu gewöhnlich, läge viel zu nahe, zumal kein Einhorn, kein Drachen mehr in unseren Wäldern hausen, deren Erlegen die schönste Jungfrau des Landes mit ihrer Hand belohnen würde.« Diese Worte waren mit einer verbindlichen Verbeugung gegen Irmgarde begleitet. »Eine Fehde? Aber mit wem? Gegen wen hätte der Herzog mit so kleinem Gefolge ausziehen können? Es sei denn zu einem Überfall friedlicher Kaufleute, aber ich glaube, man weiß in Wolfenbüttel, daß Herzog Friedrich dieser Leidenschaft nicht fröhnt. Jedoch was bleibt dann noch? Allenfalls ein Besuch auf einer benachbarten Burg –« »Oder an einem befreundeten Hofe«, fiel Irmgarde ein. »Oder an einem befreundeten Hofe«, wiederholte Rolef. »Jedoch zu welchem Zwecke? Vielleicht um Bündnisse zu schließen –« »Vielleicht um ein sehr festes Bündnis zu schließen«, unterbrach ihn Irmgarde, indem sie die schwarzen Augen zu ihm erhob und ihr roter Mund ihn neckisch anlächelte. »Ein sehr festes Bündnis?« fragte Rolef nicht ohne Erstaunen. »Ein sehr inniges Bündnis«, fuhr Irmgarde fort, und es war reizend anzusehen, wie ihr anmutiges Antlitz von Mutwillen strahlte. »Ich hab's«, rief Rolef, »von einem Brautritte schwatzten die Leute.« Im stillen aber setzte er hinzu: »Also deshalb ist Jungfrau Irmgarde hier schon auf dem Altan« Und in diesem Gedanken fuhr er fort: »Darüber kann ich Euch aber vollständig beruhigen, Herzog Friedrich denkt nicht an eine Brautschau.« »Mich beruhigen?« Der Ton, in welchem Irmgarde die Worte sprach, und der tiefe Blick, mit dem ihre schönen Augen denselben begleiten, mußten wohl Rolef zwingen, ihr größere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Er sah sie erstaunt an, aber ihre Augen hielten seinen Blick aus, nicht stolz und vorwurfsvoll, wohl aber fragend, mit einer unaussprechlichen Angst fragend und voll innigen Flehens, ihre Sprache zu verstehen und es dem Munde zu erlassen, Dolmetsch des Herzens werden zu müssen. Rolef las diese Angst und diese Bitte in ihrem Blick – und dennoch verstand er beides falsch. »Euch beruhigen?« fuhr er fort, indem er seinen Mund zu einem Lächeln zwang. »Nun ja, auch Euch und Euch nicht mehr als jeden anderen Insassen Wolfenbüttels. Denn ganz Wolfenbüttel würde doch in nicht geringe Aufregung geraten, wenn Herzog Friedlich wirklich zur Brautschau auszöge.« Über die schwarzen Augen sanken die langen Wimpern wie in müder Schwere herab. Stürmisch hob sich Irmgardens Brust, aber fest preßte sich ihr roter Mund zusammen. Ein leises Beben zitterte durch ihre Stimme, als die Lippen sich nach einer kurzen Pause wieder öffneten und auf Rolefs letzte Worte entgegneten: »Wohl würde ganz Wolfenbüttel in Aufregung geraten, aber damit entkommt Ihr mir nicht, Ritter Doring. Könnt Ihr es leugnen, daß Ihr soeben die Verpflichtung fühltet, mich, eben mich ganz besonders beruhigen zu wollen? Ah, Ihr schlagt die Augen zu Boden, Ihr besinnt Euch auf eine neue Ausrede? Gebt Euch keine vergebliche Mühe! Ich lese zu deutlich in Euren Zügen, daß auch Ihr glaubt, wovon ganz Wolfenbüttel schwätzt, aber daß auch Ihr glauben könnt –« Rolef unterbrach sie. »Verzeiht, Irmgarde«, sagte er, ihre Hand ergreifend, »ich konnte nicht ahnen, daß Euch mein Wort verletzen würde. Was hat sich denn geändert, seit wir uns zuletzt sahen?« Ihr Auge traf ihn mit einem flammenden Blick, in dem die ganze südliche Leidenschaft ihres mütterlichen Blutes durchbrach, aber sie entzog ihm schnell ihre Hand und die feine Oberlippe schürzend, daß die weißen Zähne hell hervorblitzten, sagte sie: »Verändert? O, es hat sich gar nichts verändert, es ist alles noch so, wie es schon seit Jahren ist. Eis bleibt Eis und Blinde sind blind!« Wie ein Blitz zuckte es vor Rolef in grellem Lichte auf, »Irmgarde«, flehte er, nach ihrer Hand haschend, »laßt es klar werden zwischen uns.« Ihre Hand ließ sich fangen, ihr Auge senkte sich scheu zu Boden und dann hob es sich wieder und voller Erwartung und glühenden Verlangens begegnete es seinem Blick – da klang die Stimme Herzog Friedrichs aus der Thür des Fürstenhauses. »Guten Morgen, schone Jungfrau, guten Morgen, edler Ritter. Welch ein erfreulicher Anblick, meine beiden treuesten Freunde hier meiner wartend zu finden.« Er schritt gemächlich auf die beiden zu, während Rolef schnell von Irmgarde zurücktrat. Die letztere erwiderte den Gruß des Fürsten nur mit einer stummen Verneigung, und als er ihr jetzt gegenüberstand und fortfuhr: »Das bedeutet Glück für den ganzen Tag, Jungfrau, so früh am Morgen schon sich Eures Anblicks freuen zu dürfen« – da entgegnete sie mit niedergeschlagenen Augen und lächelndem Munde: »So denkt mein Vater auch, darum hat er mich in die Schreibstube bestellt, um ihm bei seinen Pergamenten zu helfen. Möge in der That dieser Tag ein glücklicher für Euch sein, Fürstliche Gnaden.« Und nach einer zweiten kurzen Verneigung wandte sie sich die Stufen hinab, ging eiligen Schrittes über den Burghof und verschwand in der Thür, welche zum Arbeitsgemach ihres Vaters führte. Nicht ohne Verwunderung sah ihr Herzog Friedrich nach. »Was bedeutet das?« sagte er halb zu sich selbst, halb zu Rolef. »Will sie mich eifersüchtig machen mit Dir? Oder ist sie des Spieles auch müde geworden, wie ich seiner schon längst müde bin, o, so müde! Nun, dem heiligen Georg sei Dank, es naht sich dem Ende. Komm mit, Doring, ich habe Besuch bekommen, sehr überraschenden Besuch und sehr erfreulichen! Der Himmel rötet sich im Osten. Möge endlich die Nacht ein Ende nehmen und die Sonne meines Glückes nicht mehr zu lange auf sich warten lassen.«   Um dieselbe Stunde stand Heinz Kyphod vor seinem Gebieter, dem »Quaden«. »Zum Henker mit Deiner langen Einleitung, Heinz«, rief der letztere, »heraus mit der Sprache! Wo hat der Bursche gesteckt?« »Auf der Hornburg oder bei der Hornburg vielmehr hat Herzog Friedrich geteidingt zwischen den Braunschweigern und Halberstädtern.« »Du machst mich lachen, Heinz. Der Bursche und teidingen! Der, welcher kein halb Dutzend Worte ohne Anstoß sprechen kann und trotz seiner sechsundzwanzig Jahre rot wird, wenn man ihn ansieht. Der wäre ein Friedensstifter? Geh zum Henker mit solchen Vermutungen, wenn ich ernsthaft mit Dir sprechen will. Dergleichen Scherze sind gut, wenn man nach der Mahlzeit beim Wein –« »Ich ersuche Eure Fürstlichen Gnaden auf das dringendste, die Sache nicht als Scherz aufzufassen. Es ist mir durchaus Ernst mit dem, was ich gesagt.« »Dann bist Du falsch berichtet. Glaubst Du denn, daß es Leute giebt, welche diesen Gelbschnabel, diesen Jammerprinzen, der nicht einmal zwischen zwei raufenden Hunden Frieden stiften kann, geschweige denn zwischen gerüsteten Heeren, zum Schiedsrichter zwischen sich anrufen?« »Angerufen hat man ihn darum nicht, aber er hat sich dazu angeboten. Zunächst in Braunschweig, da ist der Rat in seiner Not darauf eingegangen. Dann in Halberstadt, Ihr wißt, Bischof Albrecht ist froh, wenn er Ruhe hat, und sein Hauptmann, der Ritter von Barby, ist ein alter Kampfgenosse Herzog Magni und hat auch geraten, die Vermittelung anzunehmen –« »Der verfluchte Graubart!« rief der »Quade« dazwischen. »Er war von Anfang an nicht für die Fehde, trotzdem es seines Amtes ist, zu Felde zu liegen.« »Kurz und gut«, fuhr Kyphod fort, »die Teidung kam zustande und ihr Erfolg war ein vollständiger. Im Frieden und Eintracht sind Städtische und Stiftische von einander geschieden.« »Während ich mir die größte Mühe gegeben, sie gegen einander zu hetzen!« Die Zornesader auf der niedrigen Stirne des »Quaden« schwoll dick an, er sprang auf, lief im Gemach auf und ab und dann plötzlich vor Kyphod stehen bleibend; sagte er: »Ich glaube es doch noch nicht, ich kann es nicht glauben. Wer ist Dein Gewährsmann?« »Ein Braunschweiger, der mit bei der Teidung war, einer von jenen, die damals in den Rat gekommen sind, Klaus Lodewiges.« »Der Mann ist zuverlässig?« »Ein aufgeblasener Geck, aber auf die Treue seiner Berichte kann ich mich verlassen!« »Höllisches Elend! Dann soll mir mein Vetter büßen. Glaubt er mich betrügen und meine Wege kreuzen zu können, wie es ihm beliebt?« Zornig stampfte bei den Worten der Fürst mit dem Fuß auf den Boden, dann durchmaß er wieder mit hastigen Schritten das Gemach, indem er wilde Flüche murmelte und dazwischen zusammenhanglose Wortes hervorstieß. »Du bist daran schuld!« rief er plötzlich, dicht vor Kyphod Halt machend. »Ich?« fragte dieser verwundert, indem er unwillkürlich einen Schritt zurücktrat. »Ja Du, Du und nochmals Du!« wiederholte der Fürst, jedesmal kräftig dazu auf den Boden stampfend. »Du hast mich davon abgehalten, längst diesem Narrenspiel ein Ende zu machen. Hätte ich, wie ich es schon vor Jahren wollte, die Ritterschaft zusammentreten und mich zum Herrn des Wolfenbütteler Landes ausrufen lassen, dann wäre ich diesen heimtückischen Burschen los gewesen, während ich jetzt fürchten muß, daß er mir doch noch einmal ein Bein stellt. Aber ich weiß auch, warum Du das thatest. Nicht an mich dachtest Du dabei, nicht an den Vorteil Deines Fürsten und Lehensherrn, sondern an Deinen eigenen und den des Milchgesichts, Deiner Tochter. Verflucht der Augenblick, in dem ich auf Deinen Plan einging, durch sie von Friedrich einen Verzicht zu bekommen!« Immer röter war das Antlitz des Sprechenden bei dieser heftigen Rede geworden, immer lauter und kreischender seine Stimme, aber in gleichem Maße wich aus Kyphods Gesicht die Farbe, leichenblaß war dasselbe anzuschauen. Als nun der »Quade« seine Wanderung oder vielmehr seinen Dauerlauf im Zimmer wieder aufnahm, entgegnete der Amtmann in ehrerbietigem Tone und mit leiser, aber fester Stimme: »Euer sonst so fürtreffliches Gedächtnis täuscht Euch, Fürstliche Gnaden. Wollt nicht vergessen, daß ich gegen Euern Plan damals einwandte, nicht allein die Ritterschaft, auch die Städte müßten in der Huldigungsfrage gehört werden, und daß das Votum der Städte dahin ausfiel, nur als Vormund Herzog Friedrichs Eurer Fürstlichen Gnaden huldigen zu können. Wollt Euch ferner erinnern, daß dieser Vorbehalt wiederkehrte, wenn Ihr den Heeresbann des Herzogtums aufbotet, sei es gegen Lüneburg, sei es gegen andere Feinde, daß sogar die Stadt Braunschweig, die Euch doch nach dem Aufruhr mehr zu Willen sein mußte, als irgend eine andere, nicht ohne denselben Eurem Rufe Folge leistete, ja daß selbst ein Teil der Ritterschaft sich bei der Heeresfolge dieses Vorbehalts nicht enthielt. Diese Gründe gestattete ich mir damals gegen den Plan Eurer Fürstlichen Gnaden anzuführen, diese Gründe waren die einzigen, welche mich bestimmten, von demselben abzuraten und darauf hinzuweisen, daß vielleicht eine Möglichkeit vorliege, auf anderem Wege zum Ziele zu kommen. Persönlicher Eigennutz oder Rücksicht auf das Glück meiner Tochter haben mich dabei nicht geleitet, und ich bin überzeugt, daß auch Ihr, Fürstliche Gnaden, Euch dieser Einsicht nicht verschließen werdet, wenn Ihr das, was vorgegangen ist, in Euer Gedächtnis zurückruft.« Keineswegs ohne Unterbrechung hatte der Amtmann diese lange Rede vollendet. Wildes Lachen, Flüche, höhnische Bemerkungen hatte der »Quade« genug dazwischen geworfen, aber Kyphod kannte seinen Herrn zu gut, um sich dadurch irre machen zu lassen. Als er jetzt geendet, warf sich Herzog Otto fluchend in seinen Sessel. »Ja, ja, Du warst immer außerordentlich weise«, rief er, »und jetzt ernten wir die Früchte Deiner Weisheit. Höllisches Elend! Warum machst Du ein Gesicht wie ein Schulmeister? Ihr Schreiber seid Euch alle gleich, einen Sparren im Kopf habt Ihr alle und dabei wißt Ihr vor Hochmut nicht zu bleiben. Geh! Wenn ich Dich brauche, werde ich Dich rufen lassen. Geh! Ich will jetzt allein sein, um darüber nachdenken zu können, wie ich aus der Patsche wieder herauskomme, in die Du mich hineingeritten hast.« Auch diese ungnädige Entlassung nahm Kyphod mit derselben unbeirrten Ruhe hin, mit welcher er seine Rechtfertigungsrede gehalten hatte. Er wußte, daß die Stunde bald genug schlagen würde, in welcher ihn der Fürst wieder zu sich rief, und überdies brauchte er den »Quaden« gerade so gut, wie der »Quade« ihn. Eine Lösung ihres Verhältnisses mußte auch seine Pläne stören, und daher ließ er sich die fürstlichen Scheltworte gefallen und ging, ohne eine Silbe weiter darauf zu entgegnen. Heiter freilich war sein Antlitz nicht, als er das Gemach des Herzogs verließ. Und auch als er auf den Burghof in die Maiensonne hinaustrat, blieben die Wolken auf seiner Stirn lagern. Er ging quer über den Hof nach seiner Wohnung und als er in seine Schreibstube getreten war, schlug er die Thür kräftig hinter sich zu und ließ sich mit einem Fluch auf einen Stuhl fallen. »Guten Morgen, Vater. Ist Dir etwas Unangenehmes begegnet?« Irmgarde war es, welche so frug. Sie saß an dem mit Folianten und Pergamentrollen bedeckten Tische Kyphods, das Haupt hatte sie auf die Rechte gestützt und schaute unter der vorgehaltenen Hand nach ihrem Vater hinüber. Derselbe antwortete ihr mit einer anderen Frage: »Wie stehst Du mit Herzog Friedrich?« Irmgarde lehnte sich in den Sessel zurück und indem sie einen prüfenden Blick auf ihre schlanken, weißen Finger warf, erwiderte sie: »Nicht anders als vor einem Monat, als vor einem Jahr.« »Wie gleichgiltig Du das sagst! Mir aber ist das nicht gleichgiltig. Unerträglich wird mir dies endlose Hinziehen.« Die schlanken weißen Finger falteten sich ineinander, während die langen Wimpern fast ganz die schwarzen Augen bedeckten. Ebenso ruhig wie vorher sagte Irmgarde: »Ich kann es nicht ändern, Vater.« »Höllisches Elend! Du mußt, Du wirst es ändern. Ich, Dein Vater, befehle es Dir!« Kyphod war bei den Worten zornig aufgesprungen und dicht vor seine Tochter hingetreten. Langsam hob sich der Vorhang der Augenlider und indem Irmgarde ihren Vater mit einem vollen Blick ansah, sagte sie gelassen: »Befiehl, was ich thun soll, ich werde gehorchen.« Der Amtmann wandte sich unwillig ab. »Thörichtes Kind, sagt Dir das nicht Dein eigener Verstand? Wozu verlieh Euch Weibern Natur die Gabe, Männerherzen zu fesseln, wozu Dir insbesondere Schönheit, Anmut und Klugheit? Und Du fragst mich alten Graukopf, was Du thun sollst, um einen Jüngling von sechsundzwanzig Jahren zu Deinem Sklaven zu machen.« »Weil ich es schon so lange vergeblich versucht habe«, erwiderte Irmgarde, aber ihre Stimme klang nicht mehr so ruhig wie vorher, die innere Aufregung tönte hörbar hindurch. »Vergeblich?« spottete Kyphod. »Warum vergeblich? Weil Du es als eine kindische Spielerei betrieben hast und nicht als eine Angelegenheit, von welcher Deine ganze Zukunft abhängt –« »Meine Zukunft? Ja«, fiel Irmgarde mit bitterem Lachen ein, »meine Zukunft ist allerdings besiegelt durch diese Jahre, in denen ich auf Deinen Befehl nur für den Herzog Augen haben durfte. Längst könnte ich die Gattin eines edlen Ritters sein, könnte auf eigener Burg als Herrin schalten und walten, hätte ich einem der vielen Freier Gehör schenken dürfen, welche mich umwarben.« »Ah, da habe ich Dich, wo ich wollte«, sagte Kyphod, seine Tochter mit einem eigentümlichen Blicke ansehend. »Die anderen Freier, welche Dich umwarben, da liegt es. Anderen gehörte Deine Neigung, anderen schenktest Du Dein Herz, da blieb Dir freilich nicht genug Muße, Dir die Hand eines Herzogs zu erobern.« »Und das machst Du mir zum Vorwurf? Nicht allein, daß Du mich gezwungen hast, der Stimme meines Herzens nicht folgen zu dürfen, auch dazu willst Du mich zwingen, daß mein Herz einen lieben soll, den es nicht lieben kann. O Vater, das geht über die Kraft eines Menschen hinaus.« »Weder zum einen noch zum andern habe ich Dich gezwungen«, sagte der Amtmann kühl. »Ich hielt Dich für ein starkes Weib, wie Deine Mutter eines war, und deshalb wollte ich auf Deinem Haupte das fürstliche Diadem wieder leuchten sehen, was sie meinetwegen abgelegt. Dasselbe zu erlangen zeigte ich Dir den Weg und Du sagtest: ›Ich will diesen Weg gehen.‹ Ist das Zwang? Und bist Du in all' diesen Jahren einmal zu mir gekommen und hast mir gesagt: ›Ein würdiger Ritter wirbt um meine Hand und mein ganzes Herz gehört ihm. Laß mich sein Weib werden und entsage dem stolzen Fürstentraum‹ – sprich hast Du einmal mich so gebeten? Nein! Und nun will ich Dir sagen, was der Grund Deines Handelns war. Du bist halb. Zu ehrgeizig bist Du, um der Herzogskrone zu entsagen, welche ich Dir als Lohn gezeigt, und doch bist Du auch wieder zu weich, um auf das Glück zu verzichten, welches jede Bauerndirne genießt, wenn sie ihrem Schatz um den Hals fällt. Darum hast Du keines von beiden erlangt. Jetzt aber muß es aus sein mit der Halbheit. Du selbst hast es ausgesprochen: Deine Zukunft ist besiegelt. Zurück kannst Du nicht mehr. Entweder bist Du in kurzem des Herzogs erklärte Braut oder es öffnet sich Dir als einzige Zuflucht das Kloster. Darum laß es klar werden, sei ganz und mache ein Ende.« Ein wunderbares Bild bot Irmgarde während dieser Worte, schnell und kurz ging ihr Atem, ihre Augen sprühten, ihre Lippen zuckten und fieberisch bewegten sich die schlanken weißen Finger auf und nieder. Ja einmal fuhr sie halb aus dem Sessel empor, als wolle sie ihren Vater unterbrechen, doch dann ließ sie sich wieder mit einem tiefen Seufzer zurücksinken, die Augenlider fielen herab und die Hände preßte sie fest ineinander, so daß die weißen Fingerspitzen in dunklem Rosa glühten. Jetzt erhob sie sich: »Es soll klar werden, mein Vater«, sagte sie trocken und gezwungen. Sie beugte sich herab, um seine Hand zu küssen, er aber zog sie in die Höhe und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. Da lief ein Zittern durch ihren Körper und unter den langen Wimpern brach ein Thränenstrom hervor. »Zum Henker, Mädchen, laß das Weinen«, knurrte der Amtmann, »geh hinauf und denk nach über das, was ich Dir gesagt.« Sie nickte stumm und stieg langsam die Wendeltreppe empor, welche in ihr oberes Gemach führte. Ihr Vater aber setzte sich zu seinen Folianten und Pergamenten, indem er murmelte: »So sind die Weiber! Faßt man sie einmal hart an und sagt ihnen die Wahrheit, dann fließen gleich die Wasserbäche.«   »O, warum konnte ich eben nicht sprechen«, seufzte Irmgarde, als sie allein oben in ihrem Gemach saß, »auch daran ist der Herzog schuld. Stets kommt der Ungeschickte zur unrechten Zeit. Endlich hatte mich Rolef verstanden, ich sah, wie es in seinem Auge plötzlich aufleuchtete, ich wußte, was er sagen würde, als er meine Hand faßte, als er begann: »Irmgarde, laß es klar werden zwischen uns« – mein Herz jubelte auf, da kommt dieser fürstliche Tölpel mit seinen langweiligen Redensarten, mit seinem faden Lächeln und schließt dem Geliebten den Mund – o! – es ist zum Verzweifeln, Doch der Abend soll nachholen, was der Morgen versäumt, nicht ohne Erfüllung soll dieser Tag zu Ende gehen. Dann mag der Vater zürnen und toben, schelten mag er mich, daß ich anfangs auf seinen Plan eingegangen und ihn jetzt doch nicht ausführen wolle – was wußte ich eitles, thörichtes Mädchen denn damals von der Macht der Liebe? Und ist es wahr, was mein Vater sagt, daß es der Zweck all seines Thuns sei, das Glück meines Lebens zu gründen – nun – dann wird er auch nachgeben. Ich muß doch wissen, worin mein Lebensglück liegt, ich allein kann es wissen. Und giebt er nicht nach, dann mag er erfahren, daß ich nicht halb bin, nicht weich, sondern stark, wie meine Mutter. Wodurch war meine Mutter stark? Durch ihre Liebe! Sie gab ihr die Kraft, Vater und Mutter zu verlassen, das Diadem der Fürstentochter von sich zu werfen und Italias lachende Gefilde zu fliehen, um mit dem Geliebten über schneebedeckte Berge zu wandern ins fremde rauhe, nordische Land. Die Liebe! Alles lehrt sie uns, auch das Schwerste: Geduld. Ruhig eines freundlichen Blickes harren, Tage lang sich eines gütigen Wortes freuen, hingeworfen wie ein Almosen, aber aufgenommen mit jubelndem Herzen, gierig, wie der verschmachtende Pilger die wenigen Tropfen schlürft, welche sich in der Höhlung eines Steines erhalten haben – jeden Morgen erwachen mit dem Gedanken: Der heutige Tag wird es Dir bringen, und jeden Abend sich niederlegen mit dem Trost: Heute nicht, aber morgen – o, das alles habe ich ja auch durch die Liebe gelernt. Doch – der Jungfrau sei Dank! – es ist vorüber. ›Klar soll es werden zwischen uns‹ – so sagte der Geliebte – klar wird unser Himmel werden und bis zum Lebensabend wird daran leuchten die Sonne unserer Liebe!«   »Kennst Du den noch?« fragte Herzog Friedrich den Ritter Doring, indem er die Thür eines Nebengemachs öffnete und einen jungen Mann heraustreten ließ, der nur um wenige Jahre jünger sein mochte, als der Fürst selbst. Der Fremde trug das härene Gewand eines Pilgers, welches er über den Hüften mit einem Stricke gegürtet hatte, im Rücken hing ihm der Muschelhut, die Hände hielt er in den weiten Ärmeln seines Rockes verborgen. »Fürwahr«, rief Rolef, nachdem er die Erscheinung aufmerksam gemustert, »fürwahr, wenn das Pilgerkleid nicht wäre und wenn nicht jede Wahrscheinlichkeit dagegen spräche – und doch, je länger ich Euch betrachte – ja, ja, Ihr seid es, Fürstliche Gnaden, Herzog Bernt.« »Freilich ist er's«, lachte Friedrich, indem er den Fremden in seine Arme schloß, »freilich ist's mein vielgeliebter Bruder. Er ist nicht leicht zu erkennen, wie? Und Du hättest ihn erst einmal sehen sollen, wie ihm noch der große Bart vom Kinn auf die Brust herabhing, da konnte kein Mensch in dem ehrbaren Pilgersmann meinen lustigen Bernt vermuten.« »Kommen denn Fürstliche Gnaden aus dem gelobten Lande?« fragte Rolef erstaunt. »Hier hat man doch nichts von einer solchen Pilgerfahrt vernommen.« »Das wäre auch wohl unmöglich gewesen«, lachte Bernt, »denn –« »Wir wollen erst aufbrechen zum gelobten Lande«, fiel Friedrich ein, »Mein Bruder ist gekommen, mich abzuholen.« »Wie, eben jetzt in dieser entscheidungsreichen Zeit?« »Eben jetzt wollen wir nach dem gelobten Lande pilgern.« Der Herzog lachte laut auf, als er Rolefs verblüfftes Gesicht gewahrte, und fuhr fort: »Aber nicht nach dem gelobten Lande, an das Du denkst, alter Freund, nicht nach Palästina. Das gelobte Land, von dem ich spreche, ist das einer glücklichen Ehe und segensreichen Herrschaft, und dies gelobte Land wollen Bernt und ich jetzt gemeinsam zu erreichen suchen.« Bernt nickte und reichte Rolef die Hand: »Ich komme geraden Wegs von Celle und bringe Antwort auf die Vorschläge, welche Bruder Friedrich, wie Euch ja nicht unbekannt, dorthin gerichtet hat. Nun werdet Ihr auch verstehen, warum ich mich in dies Gewand gehüllt. Der ›Quade‹ braucht nichts davon zu wissen, daß wir Brüder uns wiedergefunden haben, ganz abgesehen davon, daß er mich, der ihm vor Jahren davongelaufen, um in Lüneburg Schutz zu suchen, eben nicht mit ausgesuchter Freundlichkeit wieder in Wolfenbüttel begrüßen würde.« »Das ist richtig«, lachte Rolef, »dazu haben seine Mannen zu oft die Schärfe Eures Schwertes erproben müssen, als Ihr in der Lüneburger Fehde an der Seite des Wettiners, Eures Stiefvaters, gegen uns strittet. Aber daß Ihr jetzt selbst kommt, dünkt mich ein Zeichen, daß Eure Antwort eine uns günstige sei.« »Und so ist es auch«, fiel Friedrich ein. »Endlich hat man in Celle eingesehen, daß ich recht gethan, als ich mich damals nicht mit Bernt zu ihnen flüchtete, sondern das schwerere Teil erwählte, hier zu bleiben, verachtet zwar und verspottet, aber dennoch durch meine einfache Gegenwart stets allen Vasallen eine Mahnung, daß der jetzige Machthaber im Lande nicht der wahre Erbe, daß seine Herrschaft eine vorübergehende sei und eine Zeit kommen werde, in welcher sie über ihr Verhalten wahrend dieser Übergangszeit Rechenschaft abzulegen haben würden. Und nicht nur das, auch ein Wächter, bin ich dem ›Quaden‹ gewesen; stets in seiner Nähe, meistens ihm zur Seite, sind mir wenige seiner Pläne verborgen geblieben. Dabei wiegte ich ihn in trügerische Sicherheit, denn wer seinen Feind unterschätzt, ist schon halb besiegt, und dafür habe ich gesorgt, daß unser Vetter mich gründlich unterschätzt. Das schwerere Teil freilich habe ich dadurch auf mich genommen, das wissen die Heiligen! Leichter wäre es gewesen, damals Gewalt zu brauchen, wie ihr in Celle wolltet, aber sicherer war mein Weg, Denn kraft Willens unseres verstorbenen Vaters führte Herzog Otto die Vormundschaft über uns, durch Eid und Pflicht waren die Vasallen ihm als Vormund der Erben zur Lehensfolge verbunden; wer mit uns gegen ihn gegangen wäre, hätte die Lehenspflicht gebrochen, deshalb mußte die Zeit seiner Vormundschaft erst abgelaufen sein, ehe wir handeln konnten. Jetzt ist sie abgelaufen, jetzt ist die Zeit zum Handeln da, und ich danke Dir, Bruder, ich danke der Mutter und dem Herzog, unserem Stiefvater, daß ich jetzt vereint mit Euch handeln kann.« Bernt erwiderte kräftig den Händedruck seines Bruders, dann fuhr der letztere fort: »Freilich so ganz trauen sie mir in Celle immer noch nicht. Denk Dir nur, Rolef, als Beweis, daß ich es ehrlich meine, verlangen sie von mir, daß ich heiraten, wie ich schon vorhin sagte, in das gelobte Land der Ehe einziehen soll.« »Nicht so mußt Du den Wunsch der Mutter darstellen«, wandte Bernt ein, aber Friedrich ließ ihn nicht ausreden. »Wertgeschätzter«, rief er, »so ist es und nicht anders. Auch in Celle hat man vernommen, daß ich Irmgarde Kyphod als minnigliche Herrin verehre. Aber das hat man dort nicht wissen können, daß ich das Spiel nur trieb, weil ich die Falle, welche mir die Holde auf Befehl ihres Vaters gestellt, erkannt und statt hineinzugehen, vorzog, stets darum herum zu schleichen, um so die Aufmerksamkeit der Jäger zu fesseln. Das hat man in Celle nicht wissen können, selbst meine kluge Mutter ist nicht auf den Gedanken gekommen, sondern lebt immer noch der Besorgnis, Irmgardens schöne Augen könnten mich für immer unter die Hand des ,Quaden' zwingen. Nun ist Dir wohl erinnerlich, Rolef, daß zu jener Zeit, als unsere Mutter, noch im Witwenschleier, aber in der Hoffnung, dadurch die blutige Fehde um das Lüneburger Land zu beenden, dem Wettiner Albrecht zu einer zweiten Ehe die Hand reichte, dieser bereits aus einer früheren Ehe zwei Töchter besaß. Seit dieselben herangewachsen, war es der Lieblingsgedanke der Mutter, daß jeder von uns Brüdern eine derselben heimführen solle. Bernt ist bereits Bräutigam der Jüngeren und er nimmt meine Werbung um die Hand der Älteren mit nach Celle zurück.   »Laßt mich Euer erster Vasall sein, Fürstliche Gnaden«, rief Rolef, indem er das Knie beugte, »welcher zu dieser segensreichen Verbindung Euch Glück wünscht.« »Nicht so, nicht so, mein alter, lieber, treuer Freund«, lächelte Friedrich, den Ritter in die Höhe ziehend und an seine Brust drückend. Und dabei flüsterte er ihm zu: »Als Vasall magst Du dem Fürsten und dem Lande Glück wünschen, aber nicht als Freund dem Freunde. Auch eine solche Werbung, von der das Herz nichts weiß, ist eine Fürstenpflicht.« Dann fuhr er laut fort: »Aber Verschwiegenheit, alter Freund, Verschwiegenheit! Tiefes Geheimnis muß diese Verbindung noch bleiben. Und nun zu den anderen Nachrichten, welche Bruder Bernt uns aus Celle mitgebracht hat.« Das waren allerdings Nachrichten von großer Bedeutung und nicht allein für Herzog Friedrich, sondern insbesondere auch für Rolef. Eine starke Macht hatte Herzog Albrecht von Lüneburg, der Wettiner, zusammengezogen, welche in Bälde noch durch Magdeburger Scharen verstärkt werden sollte. Als Zweck dieser Rüstungen gab er an, dem Raubunwesen steuern zu wollen, und in der That beabsichtigte er, wie Rolef gehofft, sich mit Hilfe der Magdeburger zunächst des berüchtigten Twieflingens zu bemächtigen und die Schnapphähne von dieser seiner Burg für immer zu vertreiben. Jedoch dabei blieben seine Pläne nicht stehen. Wie schon früher bemerkt, bildete Twieflingen eine lüneburgische Enklave im Wolfenbütteler Gebiet, das feste Haus mußte somit dem Wettiner, bezüglich seinen beiden Stiefsöhnen Friedrich und Bernt, ein zuverlässiger Stützpunkt werden, wenn es mit dem »Quaden« zum offenen Streite kam, für den es so recht ein Pfahl im Fleische war. Und ferner gedachte der Wettiner seinen Einfluß in der Stadt Braunschweig durch die Vernichtung der dem städtischen Handel so lästigen Twieflinger Schnapphähne zu vergrößern und dadurch den Einfluß des »Quaden« in ähnlicher Weise zu verringern, wie Herzog Friedrich das durch seine mit Erfolg gekrönte Vermittelung zwischen der Stadt und dem Halberstädter Bischof versucht hatte. Jedoch für diese weitergehenden Pläne hatte Rolef kein Ohr mehr. Ganz hingenommen war er von dem Gedanken, daß sich so bald schon seine Hoffnung erfüllen sollte, Herzog Albrecht und die Magdeburger Twieflingen belagern zu sehen. Nun hatte er ja, was er so sehnlich gewünscht, einen starken Bundesgenossen in seinem Bemühen, Ilse zu befreien. Sobald daher Bernt geendet, begann Rolef seine Erzählung von dem Unfalle, welcher Schwester Albina und der Jungfrau vam Damme zugestoßen und wie er sicheren Grund habe zu glauben, daß die Schnapphähne sie nach Haus Twieflingen gebracht. Auch verschwieg er nicht, wie teuer Ilse vam Damme seinem Herzen sei, und bat endlich seinen Fürsten um die Erlaubnis, sich dem Unternehmen gegen Twieflingen anschließen zu dürfen. »O weh«, rief Herzog Friedrich, »stehen die Sachen so? Dann muß ich Dich ja wohl ziehen lassen. Aber nur ungern, höchst ungern thue ich das. Ich hatte gehofft, Du solltest mir die Auseinandersetzung mit Irmgarde erleichtern. Stets war sie Dir gut und von niemanden hätte sie sich lieber für das Mißlingen ihres feinen Planes entschädigen lassen, als wie vom Ritter Doring.« »Das weiß ich seit heute Morgen auch«, bestätigte Rolef, jedoch ohne in das Lachen des Fürsten einzustimmen, sondern mit großem Ernste. »Und auch deshalb ist es gut, wenn ich sobald als möglich Wolfenbüttel wieder verlasse. Besser als Worte, welche mir zu sprechen ebenso schwer werden würde, als wie Irmgarde zu hören, kann sie dieser schnelle Aufbruch ohne Erklärung, ohne Abschied belehren, daß nichts in meinem Herzen für sie spricht.« »So reitet mit mir«, warf Herzog Bernt ein, »ich schleiche mich jetzt wieder als Pilgrim aus der Burg, hinunter nach Heiningen. Dort erwartet mich mein Knecht mit ritterlichem Gewände und den Pferden, Bis Mittag will ich Eurer dort harren, dann können wir zusammen nach Celle ziehen.« »Seid Ihr damit einverstanden, Fürstliche Gnaden?« wandte sich Rolef an Friedrich. »Was sollte ich dagegen haben, wenn ich Dich doch einmal von mir lassen muß?« »Dann bitte ich, mich in Heiningen um die Mittagsstunde zu erwarten.« Beim Mittagessen am heutigen Tage gab der »Quade« die deutlichsten Beweise seiner üblen Laune, besonders ließ er seinen jungen Vetter, welcher neben ihm saß, dieselbe auf das rücksichtsloseste empfinden. Nicht müde ward er, ihn mit halb versteckten Anspielungen zu reizen, welche sogar mitunter das verhüllende Gewand ganz abwarfen und sich frech als nackte Schmähungen zeigten. Jedoch nichts war imstande, den unverwüstlichen Gleichmut Friedrichs zu stören. Offenbar erbitterte das den »Quaden« mehr und mehr und riß ihn zu immer roheren Ausbrüchen hin. Dabei goß er aus seinem schweren silbernen Humpen den Wein in Strömen hinab, so daß das Blut, welches Wut und Ärger schon schnell genug durch seine Adern trieben, durch die Macht des feurigen Getränkes zu noch schnellerem Laufe angespornt wurde. Plötzlich stieß er den silbernen Humpen mit solcher Gewalt auf den Tisch, daß die ganze Tafel erbebte. Flammenden Auges sprang er empor und mit lauter, rauher Stimme rief er: »Edle und getreue Mannen! Wir alle lieben es, wenn um uns her die Lanzen splittern und die Schwerter blitzen, das Schlachtgewühl ist uns eine Lust, uns allen, nur nicht Seiner Liebden, unserem werten Vetter Friedrich. Der liebt den Frieden, ha, ha, ha, den Frieden, den holden Frieden. Er kann den, Krieg nicht leiden, und wenn er sieht, daß zwei mit einander in Fehde geraten, so läuft er hin, sie wieder zu versöhnen. Nur kein Blutvergießen, das kann er nicht ansehen. Den Frieden liebt er über alles, darum heißt er auch Friedrich. Trinkt auf des friedlichen Friedrichs Wohl, Ihr Mannen, dem gewaltigen Friedensstifter bringen wir's, Heil und Segen ihm, ha, ha, ha, dem friedlichen Friedrich!« Der »Quade« goß den Inhalt seines Humpens hinunter, aber nur wenige der Ritter folgten seinem Beispiel und stimmten in sein wildes Gelächter ein. Die meisten blickten verlegen vor sich nieder und eine ängstliche Stille lagerte über der Tafelrunde, bis Herzog Friedrich sich erhob und mit einem blöden Lächeln und stotternder Stimme begann: »Werter Vetter, Fürstliche Gnaden! Zu hoch, wirklich zu hoch schätzen Eure Liebden mein Verdienst, es ist nicht der Mühe wert, es so laut vor allen zu rühmen. Wie ich dazu gekommen bin, weiß ich eigentlich selbst nicht, oder das wollte ich eigentlich nicht sagen, ich wollte sagen, ich wüßte es wohl, daß ich nicht von selbst darauf gekommen, nein, wirklich nicht, von selbst fällt mir so 'was nicht ein, dem Ritter v. Barby ist es eingefallen, der ist ein Freund meines Vaters und ein sehr würdiger Mann, der schickte zu mir und ließ mir sagen, ich sollte teidingen, das würde mein Ansehen erhöhen und da bin ich hingegangen und ein Friedensstifter geworden. Daß Ihr aber mich drob so laut rühmt und Euch so über das Ansehen freut, das ich dadurch gewonnen, das ist sehr schön von Eurer Liebden und ich danke Euch dafür. Schwer ist das Teidingen aber nicht; wenn die Städtischen und Stiftischen übereingekommen waren, so sollte es sein, dann sagte ich auch: ›Ja, so soll es sein‹ – weiter hatte ich nichts zu thun. Und nun trinke ich auf das Wohl Eurer Liebden, und daß Gott Euch noch lange dem Wolfenbütteler Lande erhalten möge!« Sprühenden Blickes, die geballte Faust auf den Tisch gestemmt und die Oberlippe zwischen die Zähne gepreßt, hatte der »Quade« seinen Vetter angesehen, als derselbe sich zum Sprechen erhob, dann war er plötzlich in ein schallendes Gelächter ausgebrochen und auch die, welche vorhin nicht gelacht, folgten jetzt seinem Beispiel – der stotternde Redner mit seinem verlegenen Lächeln und offenen Selbstbekenntnissen wirkte überwältigend komisch. Herzog Friedrich focht das weiter nicht an, er leerte nach dem Schluß seiner Rede ruhig seinen Humpen und setzte sich dann ebenso unbeholfen nieder, wie er aufgestanden war. Nachdem der »Quade« aber endlich seines Lachens Herr geworden, stand er auf und taumelte mehr als er ging zu Heinz Kyphod hin. Er drückte den Amtmann, welcher sich erheben wollte, auf den Stuhl zurück und flüsterte ihm ins Ohr: »Der Ärger und die Sorge von heute Morgen waren unnütz. Der friedliche Friedrich – ha, ha, ha – wird uns nicht gefährlich trotz seines erhöhten Ansehens, ha, ha, das Teidingen ist ja nicht schwer, durchaus nicht schwer, o, der Bursche ist Gold wert.« Heinz Kyphod widersprach nicht, aber er lachte auch nicht mit den übrigen. Er hatte genau so viel getrunken als Herzog Friedrich, nämlich einen Humpen Wein mit Wasser vermischt. Schon lange vorher hatte die Gemahlin des »Quaden«, Herzogin Margareta, die Tafel verlassen und mit ihr die anderen Frauen, unter ihnen auch Irmgarde Kyphod. Vergebens hatten der Jungfrau Blicke Rolef an der Tafel gesucht, vorsichtig wagte sie hie und da eine Frage, warum der Ritter nicht erschienen? aber niemand vermochte ihr Auskunft zu geben. Als sie nun allein in ihrem Gemache war, malte sie auf einen Pergamentstreifen die Worte: »Wer Klarheit wünscht, sei bei Sonnenuntergang vor dem Burgthore.« Damit schickte sie ihre vertraute Zofe ins Ritterhaus, um es Rolef zu übergeben. Es dauerte nicht lange, daß die Zofe zurückkam, aber auch der Zettel kam mit ihr zurück und die Nachricht: Ritter Doring sei schon vor Mittag aufgebrochen und mit seinem Knecht fortgeritten; wohin wisse niemand, aber er scheine es auf eine längere Abwesenheit abgesehen zu haben. »So ist er schon fort«, sagte Irmgarde ruhig, »nun, dann schadet es auch nichts.« Damit entließ sie die Zofe, aber als sie allein war, sank sie wie betäubt in einen Sessel. »Was ist das?« murmelte sie. »Was ist das?« Dann glättete sie ihre Stirn und ein Lächeln spielte um ihren Mund. »Die Eifersucht des Herzogs ist es«, antwortete sie sich selbst auf ihre Frage. »Der Herzog hat heute Morgen Verdacht geschöpft und ihn fortgeschickt, um unser Zusammensein zu hindern. Als ob zwei liebende Herzen sich dadurch von einander reißen ließen. Nur Geduld, meine Seele – dies eine Mal noch Geduld!« Sechstes Kapitel Klaus Lodewiges Der Gang unserer Erzählung erfordert, daß wir den Leser in die Mauern der Stadt Braunschweig zurückführen. Der Wunsch Klaus Lodewiges' war erfüllt. Die Hände, welche Wolle gekratzt, waren auf das Rathaus gekommen, gerötet von dem Blute desjenigen, welcher sie dieser Ehre für unwürdig erklärt hatte. Zufrieden war der reiche Klaus deshalb aber doch nicht. War er Ratsmann geworden, konnte er auch Bürgermeister werden – so rechnete er. War denn Meister Holtnicker nicht auch Bürgermeister im Hagen geworden und hoch angesehen bei alt und jung in Braunschweig? Und wer war Holtnicker? Ein armseliger, verganteter Gerber; er Klaus Lodewiges aber war reich und die Schreckenstage des Jahres 1374 hatten ihn noch reicher gemacht. Wie viel Sachen waren damals nicht um einen Spottpreis feil gewesen, wer Geld hatte, konnte die schönsten Häuser und die einträglichsten Meierhöfe für ein Geringes kaufen, gar nicht einmal zu reden von den wohlgefüllten Warenlagern der getöteten und vertriebenen »Burgensen«, welche der Pöbel geplündert hatte, dann aber seinen Raub um jeden Preis zu Geld zu machen suchte. Auch Belehnungen waren zu kaufen. Die Lehengüter der Vertriebenen waren ja vom »Quaden« eingezogen, um dann an den Meistbietenden von neuem verliehen zu werden. Wer aber konnte so viel bieten, als Klaus Lodewiges? Und dennoch war es für dasjenige, was er dafür erhielt, nur sehr wenig. Da war es kein Wunder, daß das Vermögen des reichen Klaus sich seit 1374 um das Dreifache vermehrt hatte. Aber auch das war kein Wunder, daß der reiche Mann trotzdem noch nicht zufrieden war, daß der Ehrgeiz ihn nicht ruhen ließ, bis er von dem glücklich eroberten Sitz an der Seite der Ratstafel auf den Sitz oben vor der Ratstafel gelangt sein werde, auf den Sessel des ersten Bürgermeisters, »der des Rades Wort sprikt.« Er konnte es nicht ertragen, weniger zu sein als ein armseliger Gerber, welcher als Bürgermeister stets dem Ratsmann vorantrat. Der Neid fraß an seinem Herzen und es fehlte auch nicht an jemandem, welcher den Neidteufel stets von neuem reizte, wenn er je anfing lässig zu werden. Dieser jemand aber war Heinz Kyphod, der Amtmann. Denn Klaus Lodewiges war das Haupt der Göttinger Partei, so genannt, weil sie zur Fahne Otto des Quaden von Göttingen geschworen hatte, und deshalb wünschte Kyphod den reichen Klaus auch zum Haupt der Stadt zu machen. Eben jetzt war die Möglichkeit dazu vorhanden. Derjenige, welchen man zunächst auf den Stuhl Tile vam Dammes gesetzt hatte, Hans v. Northeym, ein unbedeutender Mann und deshalb allen Parteien genehm, weil er keiner gefährlich werden konnte, war gestorben. Wer an seine Stelle treten sollte, die Frage bewegte alle Gemüter in den Mauern der Stadt. Die Zeiten waren ernst; eine feste Hand war am Steuer von nöten, um das Schiff Braunschweigs trotz der von allen Seiten aufsteigenden Stürme, trotz drohender Klippen und Sandbänke flott zu erhalten und endlich wieder in den Hafen sicherer gesetzlicher Ordnung zu steuern. Denn das sah jetzt jeder Bürger ein, daß es ihm mit nichten besser erging als vor dem Aufstande des Jahres 1374. Ausgeschlossen von dem Bunde der Hansa und ihres mächtigen Schutzes beraubt, mußte jetzt dem Kaufmann um seine Warenzüge schwerer bangen als je vorher. Die Folge dieser Unsicherheit war, daß es mit Handel und Wandel bergab ging und daß die ihres Absatzes beraubten Gewerbe zu feiern gezwungen waren. Dabei steigerte das Gemeinwesen seine Ansprüche an den einzelnen mehr und mehr. Nur ein Jahr lang war es dem neugewählten Rate gelungen, ohne die Schoßerhöhung auszukommen, welche der alte Rat geplant. Dann mußte auch er zu diesem Mittel greifen. Und wie der Geldbeutel, so wurde auch die Wehrkraft des Bürgers höher als je angestrengt. Um das Wohlwollen des »Quaden« sich zu erhalten, leistete die Stadt ihm Heeresfolge, so oft und wohin er nur wollte, zumal während der Lüneburger Fehde eine schwere Last. Weder Tag noch Nacht konnte der Bürger sicher sein, daß er nicht »zu der Stadt Not und Behuf« aufziehen mußte, und dennoch klagt der Chronist: »Niemand war, der die von Braunschweig draußen leiden wollte, also daß ihnen von den Landwehren Hände und Füße abgehauen wurden.« Das aber galt als Strafe des Aufruhrs und Meineids, deren sich die Braunschweiger gegen ihr altes Regiment schuldig gemacht, und solche Strafe vollzog jetzt draußen an dem einzelnen wer nur immer Macht dazu hatte und Lust dazu verspürte. Nein, es war kein gutes Wohnen in Braunschweig. Geschädigt durch die »Verhansung« der Stadt, durch die schweren vom »Quaden« verlangten Herrendienste und durch die versteckte und offene Feindschaft der Umwohnenden, mit drückenden Auflagen belastet, in ihrer bürgerlichen Nahrung gehindert und von einem Neulingsregimente mit mißtrauischer Strenge überwacht, sehnten alle eine Änderung dieses kaum noch erträglichen Zustandes herbei. Aber wie eine solche erreichen? Hell und verführerisch klang des »Quaden« Lockpfeife, und Klaus Lodewiges ward nicht müde, auf ihr zu spielen. Wollte ihn doch der »Quade« zum ersten Bürgermeister machen, darum dachte er, wes Brot ich eß, des Lied ich singe. Aber es fehlte auch nicht an Leuten, welche ebenso unermüdlich darauf hinwiesen, wie wenig Nutzen bisher die Stadt von der Freundschaft des Göttinger Herzogs gehabt. Denn in der That hatte Otto, so weit seine Ansprüche an die Leistungsfähigkeit der Stadt gingen, wenn er sie brauchte, dennoch stets taube Ohren, wenn die Bürger mit Klagen über die Unthaten seiner Mannen zu ihm kamen und Ersatz für ihre geplünderten Warenzüge und ausgepreßten Meierhöfe verlangten. Mit Recht fragten darum besonnene Männer, ob das die Pflichten eines Schutzherrn erfüllen heiße, mit Recht schauten sie sich nach einem Mittel um, sich dieses Oberherrn zu entledigen und einen anderen Beschützer zu gewinnen. In diese Erwägungen hinein traf das Anerbieten des jungen Friedrich, eine Vermittlung zwischen der Stadt und dem Halberstädter Bischof herbeiführen zu wollen. Selten kam ein Anerbieten gelegener; denn diese Fehde gegen Halberstadt, welche Braunschweig durch die Übergriffe ihrer raublustigen und unbotmäßigen Besatzung auf Burg Hessen aufgezwungen war, verwünschte jedermann innerhalb des Weichbildes. Und die schnelle und glückliche Erledigung der Teidung, sowie das freundliche, bescheidene und dennoch so recht fürstliche Auftreten des Herzogs Friedrich ließ in der Brust der meisten Bürger, welche derselben anwohnten, neue Hoffnungen emporkeimen. Auch Klaus Lodewiges gewahrte den günstigen Eindruck, welchen der junge Fürst auf seine Mitbürger machte. Aber nicht angenehm berührte ihn diese Wahrnehmung, vielmehr berichtete er sogleich an Heinz Kyphod darüber und verfehlte nicht, auf die bösen Folgen hinzuweisen, die aus dem Vorgehen Friedrichs für Herzog Otto erwachsen könnten. Und nun traf die Göttinger Partei noch ein zweites Unglück. Das war die Nachricht von dem Unternehmen, welches Herzog Albrecht von Lüneburg gegen das feste und gefährliche Twieflingen plante. Wie schädigend dies Raubnest auch für Braunschweigs Handel war, ist von uns schon früher erwähnt, nun war es wiederum nicht der »Quade«, sondern ein anderer der benachbarten Fürsten, welcher die Stadt von diesem fressenden Übel zu befreien auszog. Herzog Albrecht versäumte auch nicht, durch geheime Sendboten den Städtern versichern zu lassen, wie ihn zu diesem Unternehmen hauptsächlich die Teilnahme für Braunschweig bewogen, dessen Gedeihen ihm wegen der eigentlichen Herren der Stadt, seiner Stiefsöhne Friedrich und Bernt, warm am Herzen liege – und die Folge solcher Versicherung war, daß die Anzahl der Bürger immer größer wurde, welche sich vom »Quaden« abwandten und ihre Hoffnungen auf die jugendlichen Söhne Herzog Magni und den Fürsten aus dem Stamme der Wettiner in Celle setzten. Klaus Lodewiges fühlte, wie ihm der Boden unter den Füßen schwankte, und er beschloß, etwas zu thun, was sein Ansehen neu zu festigen geeignet war. Was aber das sein sollte, darob sann er vergeblich nach. Und da ihm trotz alles Nachdenkens dennoch nichts Vernünftiges einfallen wollte, schickte er in seiner Not wiederum einen Boten an seinen Freund Kyphod und ließ den um einen guten Rat bitten. Der aber ließ antworten, er werde selbst kommen. Und so geschah es auch. Heinz Kyphod brauchte sich jetzt nicht mehr durch einen roten Bart und das geringe Gewand eines Schusters unkenntlich zu machen, wenn er nach Braunschweig hinein wollte. Im schwarzsammtenen Scheckenrock mit silbernem Dupfing und helltönenden Schellen ritt er, von zwei reisigen Dienern gefolgt und von Klaus Lodewiges und einigen seiner Freunde begleitet, welche ihn schon an der Landwehr empfangen hatten, durchs Stadtthor. Kehrte auch nicht im Schuhhof ein, sondern in dem Hause an der Breitenstraße, welches der reiche Klaus mit jedem Jahre durch eine neue Verschönerung bereicherte. Vor dessen Thor gab es denn bald ein Laufen und Drängen von Ratsmannen und Gildemeistern und anderen angesehenen Bürgern, welche alle kamen, den ersten Beamten und Vertrauten Herzog Ottos zu begrüßen und ihrer Treue zu versichern. Das dauerte bis zum hereinbrechenden Abend, und als es zu Ende war, da fragte Kyphod seinen Wirt mit gerunzelter Stirn: »Waren das alle?« Klaus Lodewiges zuckte die Achseln. »Alle unsere Anhänger eben nicht«, entgegnete er, »aber wohl alle diejenigen, welche etwas zu bedeuten haben.« »Dann müßt Ihr sehr thöricht vorgegangen sein. Ich habe manches Gesicht vermißt, auf dessen Anblick ich sicher gerechnet hatte.« Der reiche Klaus wurde bei dem Vorwurf rot wie ein kollernder Truthahn. Aber er schluckte seinen Ärger hinunter. »Es mag sein, daß wir nicht immer das Richtige gewählt haben«, sagte er mit erheuchelter Bescheidenheit, »aber allein trifft uns auch nicht die Schuld.« »Nicht? Wen denn sonst noch?« »Nichts hat so die Reihen unserer Anhänger gelichtet, als wie der Schaden, welchen die Mannen Eures Herzogs fort und fort den Braunschweiger Bürgern zufügen.« Jetzt war es Heinz Kyphod, welcher die Achseln zuckte. »Immer das alte Lied«, sagte er verdrießlich. »Herzog Otto will nicht Häscher und Henker seiner Freunde und Kampfgenossen werden. Das hat er ein für allemal erklärt.« »Andere Fürsten denken anders, Herzog Albrecht von Lüneburg –« »Ist ein Fremder im Lande, ein Wettiner, ohne Zusammenhang mit der eingesessenen Ritterschaft. Ja geradezu feindlich steht er derselben gegenüber, denn nachdem die Städte längst vom Welfenstamme abgefallen und zu ihm übergetreten waren, blieb der Adel noch immer sein Gegner. Für diesen Trotz will der Fürst ihn jetzt züchtigen, darum bricht er seine Burgen, aber nicht den Städten zu Gefallen.« »Mag sein«, entgegnete Lodewiges, »aber uns Städtern läßt er sagen, es geschehe uns zu Gefallen, und genug von uns glauben es ihm. Dadurch aber gewinnt er an Ansehen und verliert Herzog Otto einen Anhänger nach dem anderen.« »Höllisches Elend!« fuhr Kyphod auf, »so helft Euch doch selbst. Es giebt, denke ich, außer Twieflingen noch genug Raubburgen, welche Ihr brechen könnt. Nehmt einmal an, es gelänge Euch, Klaus Lodewiges, auf eigene Faust eine solche Burg zu erobern – könnte es denn noch eine bessere Empfehlung geben, um Euch zum ersten Bürgermeister zu machen?« Der reiche Klaus kratzte sich bedenklich hinter dem Ohr. »Dazu gehört zuverlässige Mannschaft, dazu gehört Belagerungsgerät –« »Nun ja«, fiel Kyphod ein, »es gehört freilich mancherlei dazu, vor allem ein mutiger Entschluß.« Und dann fuhr er mit verschmitztem Lächeln fort: »Könnte Euch auch mit manchem aushelfen, alter Freund, was Ihr braucht. Kann Otto der Streitbare auch nicht mit offenem Visier gegen die Schnapphähne ausziehen, so kann er es doch auch nicht wehren, daß der eine oder andere seiner Knechte sich an einem solchen Zuge beteiligt. Ihr werdet mich schon verstehen.« Lodewiges verstand den Amtmann allerdings. Da aber jetzt gemeldet wurde, das Nachtmahl sei aufgetragen, ließ man den Gegenstand fallen. Am anderen Tage kehrte Heinz Kyphod nach Wolfenbüttel zurück. Und trotz allem verließ er Braunschweig nicht unzufrieden. Daß eine Mißstimmung gegen seinen Herrn vorhanden war, ließ sich freilich nicht verkennen, aber er glaubte ein Mittel gefunden zu haben, derselben zu steuern. Daß aber an die Stelle des früheren Wohlstandes Elend und Armut getreten, focht ihn weiter nicht an. Im Gegenteil, er war ganz wohl damit zufrieden. Wohlstand verleiht Selbstbewußtsein, ja verleitet sogar zu trotzigem Übermut, wie ihn die Städter nur gar zu gern gegen Fürsten und Ritter herauszukehren pflegten. Das war nicht die Stimmung, welche Herzog Otto brauchte, um seinen Einzug in die Burg Heinrichs des Löwen zu halten. Armut dagegen erzeugt Demut, daher sollten Demut und Gehorsam die Braunschweiger vor allem lernen, um würdig Otto den Streitbaren bei sich aufnehmen zu können. In der Seele des reichen Klaus trieb indessen das Samenkorn, welches Kyphod hineingelegt hatte, und dieser keimende Trieb reifte zu dem Entschluß, eine mutige, glänzende That auszuführen, welche die Augen aller Braunschweiger auf den kühnen Urheber richten sollten. Klaus Lodewiges sann und sann, und das Ergebnis seines Nachdenkens war ein Plan, bei dem allerdings die Schlauheit eine größere Rolle als die Kühnheit spielte, und Gold schwerer in die Wagschale fiel als Gewalt der Waffen. Nächst dem Raubneste Twieflingen war es die Asseburg, von welcher Braunschweig am meisten Schaden zugefügt wurde. Dort saßen die van Velthems, ihnen hatte der alte Rat schon vor Jahrzehnten das ursprünglich städtische Schloß für die Stadt »zu treuer Hand zu bewahren eingethan«. Aber seit dem Aufruhr des Jahres 1374 kümmerte die Velthems nicht mehr die ihnen anvertraute Burghut; statt ein Schutz der Stadt zu sein, ward durch sie das Haus ein Zufluchtsort für Raubgesindel der schlimmsten Art, solcher, die »das Land kreuzweis schinden« und das den Städtern abgenommene Raubgut hierher in Sicherheit brachten. Darum gedachte der reiche und ehrgeizige Klaus Lodewiges nunmehr die Asseburg zum Gegenstand seines Unternehmens zu machen. Eben jetzt schien sich ihm dazu eine günstige Gelegenheit zu bieten. Wie gesagt, sollten List und Gold die Mittel sein, ihm die Wege zu ebnen. Bei einem jener Scharmützel nämlich, wie sie so häufig zwischen der Bedeckung der städtischen Warenzüge und den Schnapphähnen vorfielen, war ein entfernter Verwandter der Velthems, mit Namen Hinrik v. Berkowe, in die Hand der Braunschweiger gefallen. Er war ein berüchtigter Gesell, wilden Mutes und voller Haß gegen die Städtischen, zumal gegen die neuen Machthaber des Jahres 1374. Grausam und roh, dünkte ihm kein Mittel zu schlecht, diesen Haß zu befriedigen, und keine Marter empfindlich genug, Braunschweiger Bürger zu quälen. Sein Schicksal schien daher besiegelt, als man ihn gefangen zum Stadtthor hineinführte, und vielleicht würde er schon auf dem Richtplatze eines sinnvollen Todes gestorben sein, wenn man sich im Rat darüber hatte einigen können, welche Todesart für ihn die qualvollste sein möchte. Die Obhut des Gefangenen, welcher in demselben unterirdischen Kerker saß, in welchen der Haß Tile vam Dammes einst Rolef Doring geworfen hatte, wechselte von Woche zu Woche unter den Ratmannen des Altstädter Rates, und der Zufall wollte, daß in dieser Woche Klaus Lodewiges die Aufsicht über den Kerker führte. Daraus wollte er Nutzen ziehen. Er begab sich eines Abends in den Turm, und zwar in jenes Gemach, in welchem wir einst dem Verhör angewohnt haben, welches Eggeling van Strobocke mit Rolef Doring anstellte. Der Kerkermeister mußte ihm den Gefangenen aus seinem unterirdischen Verließ heraufziehen, dann aber den Ratsmann mit dem Schnapphahn allein lassen. Vorher jedoch hatte sich Klaus Lodewiges überzeugt, daß Hinrik v. Berkowe fest genug mit Ketten und Banden verstrickt war, um nicht etwa über seinen Inquisitor herfallen zu können. Der reiche Klaus begann damit, den Gefangenen mit einem außerordentlich würdevollen Gesicht zu betrachten, indem er die Stirn runzelte, die Augenbrauen in die Höhe und die Mundwinkel herabzog. Berkowe antwortete darauf mit einer scheußlichen Grimasse. Denn die Richter verspotten, noch auf der Folterbank, ja selbst auf der Richtstätte sie verhöhnen und beschimpfen, war in jener Zeit für einen in die Hände der verhaßten Städter gefallenen Ritter nicht minder ein Zeichen mannhaften Mutes und wahren Rittersinnes, als mit eingelegter Lanze in den dichtesten Schwarm der Feinde zu sprengen. »Wißt Ihr, was Eurer harrt?« fragte Lodewiges. Der Gefangene antwortete mit einer Wiederholung seiner Grimasse. »Ihr glaubt, man werde Euch aufhängen, darin irrt Ihr Euch. Ihr sollt gerädert werden.« »Euer Rad ist nicht mehr zu brauchen«, höhnte Berkowe, »seine Kanten sind stumpf geworden, als Ihr meineidigen Empörer Eure Herren damit tot schlugt.« »Es ist ein gutes, scharfkantiges Rad aus schwerem Eichenholz mit Eisen beschlagen«, erwiderte Lodewiges. »Ihr lügt«, lachte Berkowe, »mit Meineid ist es beschlagen und von weichem Holz wie Eure Muttersöhnchen. Meine Knochen sind härter, verlaßt Euch darauf.« »Vorher sollt Ihr gefoltert werden«, fuhr der reiche Klaus fort. »Man hat mir die Herrlichkeiten dort schon gezeigt«, meinte der Gefangene, mit dem Kopf nach der Thür der Folterkammer deutend. »Es ist jämmerliches Machwerk.« »Ihr kommt auf die Streckleiter, die Arme in die Höhe gebunden. Dann werden Euch Fackeln unter die Achselhöhlen gehalten.« »Das wird einen guten Geruch geben.« Lodewiges zog die Augenbrauen noch höher und die Mundwinkel noch tiefer. Mit dem Burschen war schwer zum Ziel zu kommen. »Habt Ihr schon einen Menschen in heißem Öl sieden sehen?« fragte er nach einigem Besinnen. »Mit Siverd Dalum haben wir es so auf der Asseburg gemacht«, grinste Verkowe. Das war nun zwar eine Lüge, Siverd Dalum, ein Braunschweiger Kaufmann, lebte noch und harrte in einem Verließ der Asseburg seiner Auslösung. Aber der Richter mußte auf alle Fälle übertrumpft werden. »Das wird Eure Strafe erhöhen«, meinte Lodewiges. »Wenn Ihr die Unseren so martert, muß man für Euch noch größere Qualen ersinnen. Wie gefällt Euch der Hungertod?« »Schlecht«, antwortete der Ritter trocken, »doch würde ich mir am dritten Tage den Kopf an der Mauer einrennen.« Auf diese Weise ging es nicht, das sah der reiche Klaus ein, Tod und Marter machten auf den Gefangenen keinen Eindruck. Die Furcht fand keinen Eingang in sein Herz, aber vielleicht die Habsucht. »Ihr nehmt es verteufelt leicht, Ritter Berkowe, dem Leben Valet zu sagen«, begann er, den würdevollen Ernst aus seinem Antlitz verbannend und seine Züge zu einem vertraulichen Lächeln zwingend. »Gewiß ist das würdig eines so wohl erprobten und ruhmvollen Kriegers. – Aber trotzdem solltet Ihr das Leben nicht unnütz fortwerfen, zumal jetzt nicht, da es nur von Eurem Willen abhängt, alle Genüsse desselben ohne Rückhalt kosten zu können.« Hier machte der Ratsmann eine Pause; da sich aber Berkowe zu keiner Antwort herbeiließ, fuhr er fort: »Ich kann mir denken, daß Euch das Leben, wie Ihr es so die letzte Zeit geführt, nicht mehr sonderlich reizt. Stets im Sattel, um armen Bürgern ihre paar Heller abzujagen, und wenn Ihr zu Haus kommt, ein dürftiges Obdach, kärgliche Nahrung, sauren Wein – ist das denn alles der Mühe wert zu leben? Aber wenn Ihr jetzt frei wäret, so könntet Ihr mit dem Landgrafen von Thüringen gen Süden ziehen, er bereitet eine Pilgerfahrt zum Grabe des heiligen Petrus in Rom vor. Das wäre ein anderes Leben! So in prächtigem Waffenschmuck und mit dem Zeichen des Kreuzes geziert durch die Lande reiten, in jeder Stadt und auf jedem Fürstensitz willkommen geheißen und köstlich bewirtet – dann jenseit der Alpen Italiens lachende Gefilde schauen, seine feurigen Weine trinken und schöne Frauen küssen dürfen, endlich am Ziel der Wanderung Vergebung aller Sünden zu finden – ah, das verlohnt sich schon, zu leben. Waret Ihr einmal in Welschland? Nein? Nun, ich war da und ich kann Euch sagen, nur wer Italien gesehen hat, weiß, wie schön es auf dieser Welt ist.« Das Lied von Italiens Herrlichkeit – wie verlockend klang es durch das ganze Mittelalter jedem Ritter ins Ohr. Das wußte Klaus Lodewiges wohl, als er es dem gefangenen Manne vorsang, der bis jetzt nur einen Weg aus diesem Kerker für möglich gehalten, den Weg zu einem qualvollen Tode. Mit größter Aufmerksamkeit hing dabei sein Auge an Berkowes Zügen, und mit Wohlgefallen bemerkte er, daß der verbissene Trotz in denselben einer gewissen Unruhe und Spannung Platz machte. Darum fragte er: »Nun, hättet Ihr nicht Lust, mit dem Landgrafen nach Rom zu pilgern?« Aber auf des Gefangenen Antlitz war schon wieder der alte Trotz zu lesen und er beantwortete die Frage des Ratsmannes nur mit seiner früheren Grimasse. »Ihr glaubt, ich wollte Euch verspotten«, fuhr Lodewiges fort, ohne sich irre machen zu lassen, »aber das ist – beim heiligen Evangelium sei's geschworen! –nicht der Fall. Ich meine es gut mit Euch.« »Dann würdet Ihr mir nicht den Mund nach Früchten wässern machen«, brummte Berkowe, »welche ich niemals erreichen kann.« »Warum nicht? Nur zwei Dinge fehlen Euch dazu. Freiheit und Gold. Ich gebe Euch beides.« »Der Preis?« »Die Asseburg.« Im Gesichte des Gefangenen zuckte es wild. Er lachte höhnisch und dann zog er wieder grübelnd die Brauen zusammen. Lodewiges wandte sich ab, um ihm Zeit zur Überlegung zu lassen. Plötzlich fragte der Gefangene mit rauher, gepreßter Stimme: »Wann wollt Ihr eine Antwort auf Euer Anerbieten?« »Morgen um dieselbe Stunde.« »Kommt, um sie zu holen.« Lodewiges atmete auf. Er hatte so viel erreicht, wie er fürs erste hoffen konnte. Er rief den Kerkermeister, welcher den Gefangenen wieder in sein unterirdisches Verließ herablassen mußte. Dann schritt der reiche Klaus guten Mutes seinem Hause zu. Am nächsten Abende saß er wieder mit Ritter Berkowe im Turme zusammen. »Nun, habt Ihr Euch entschlossen?« fragte er den Gefangenen. »Ja, ich will es thun«, lautete die Antwort, »wenn Ihr auf meine Bedingungen eingeht.« »Wie lauten dieselben?« »Außer uns darf kein Mensch etwas von unserem Übereinkommen erfahren.« »Die Bedingung wollte auch ich Euch stellen.« »Den Velthems darf kein Haar gekrümmt werden.« Lodewiges sah bedenklich vor sich nieder, doch dann sagte er: »Meinetwegen.« »Heute Abend noch müßt Ihr mich aus diesem verdammten Nest befreien.« »Je eher, je lieber, aber immerhin kann es darüber Mitternacht werden. Seid Ihr fertig?« »Die Hauptsache kommt noch. Wie viel wollt Ihr mir zahlen?« »Fünfhundert Mark Silbers.« »So billig verkauft sich Hinrik v. Verkowe nicht. Das Vierfache würde gerade meiner Absicht entsprechen.« »Zweitausend Mark? Seid Ihr von Sinnen?« »So viel brauche ich zum mindesten, wenn ich mit dem Landgrafen gen Rom ziehen will.« »Nicht die Hälfte braucht Ihr! Doch will ich Euch die allenfalls geben. Aber nicht einen Heller mehr. Kommt, wir wollen uns auf tausend Mark vereinigen.« Aber Hinrik v. Berkowe zeigte nicht die geringste Lust, sich mit tausend Mark zu begnügen. Endlich kam man überein, daß der Judaslohn zwölfhundert Nach heutigem Geldeswert ungefähr 200,000 Mark Reichsmünze. Mark betragen solle. Klaus Lodewiges wiederholte die Summe mehrere Male halblaut und jedesmal ward dieselbe von einem Kopfschütteln begleitet und jedesmal folgte ein Seufzer hinterdrein. Aber er sagte sich, daß er hätte darauf gefaßt sein müssen, den Ritter Hinrik v. Verkowe nicht billiger zu kaufen. Und so ergab er sich denn – wenn auch brummend und knurrend – in diesen Aderlaß seines Geldbeutels. Der Aderlaß sollte übrigens – so ward verabredet – nicht auf einmal die ganze Summe zu Tage fördern. Vorläufig bekam Berkowe zweihundert Mark auf Abschlag, der Rest sollte ihm ausbezahlt werden, wenn das Unternehmen gelungen sei. Sodann ging man auf eine Beratung ein, was zu thun sei, um das Unternehmen gelingen zu machen. Die erste Wirkung dieser Beratung war, daß der Kerkermeister am nächsten Morgen das Gefängnis des Ritters v. Berkowe leer fand. Selbstverständlich war er darüber außerordentlich erstaunt, obgleich niemand so gut wie er hätte Auskunft über den Weg geben können, auf welchem der Ritter den Turm verlassen hatte, denn Klaus Lodewiges hatte kein besseres Mittel gewußt, Berkowe zu befreien, als wie mit dem goldenen Schlüssel das Gewissen des Kerkermeisters zu und die Thür des Gefängnisses aufzuschließen. Eine zweite Folge der erwähnten Beratung war, daß der reiche Klaus an einem der nächsten Tage – es war ein prächtiger sonnenheller Junimorgen – mit einem stattlichen Gefolge von zwanzig gewappneten Knechten aus Braunschweigs Thoren ritt. Für Geld kann man viel haben und vor allem war es in jener kampfesfreudigen Zeit nicht schwer, binnen kurzem in einer Stadt wie Braunschweig ein reisiges Gefolge zu dingen. Stets harrten dort fahrende Kriegsleute, um sich zu den Fehden der Stadt anwerben zu lassen, oder auch von einzelnen Kaufherren, um ihre Warenzüge gegen die Schnapphähne zu beschützen. Weniger leicht ward es dagegen Lodewiges, seine Mannschaft im Geheimen zu dingen, und doch hatte er es sich in den Kopf gesetzt, daß die Einnahme der Asseburg durch seine Hand eine Überraschung für Braunschweig sein sollte. Ja, auch für seinen Freund und Gönner Kyphod sollte es eine Überraschung sein! Denn hatte es sich der reiche Klaus auch nicht merken lassen, so hatte er es denn doch bitter empfunden, wie wegwerfend ihn der Amtmann im Grunde behandelte. Darum mochte er auch von dessen Unterstützung nichts wissen. Allein wollte er es vollbringen und es gelang ihm auch in der That, bis zuletzt sein Unternehmen in den Schleier des Geheimnisses zu hüllen. Ja, damit er nicht noch zum Schluß mit überflüssigen Fragen belästigt werde, setzte er die Stunde des Aufbruches so früh an, daß ihm kein Neugieriger auf den Straßen begegnen konnte. Mit Ausnahme einer kurzen Mittagsruhe ritten die Männer den ganzen Tag und gelangten gegen Abend in den Wald, welcher damals den Fuß der Asseburg umzog. Hier erwartete sie an verabredeter Stelle Hinrik v. Berkowe. »Es läßt sich gut an«, begrüßte er Lodewiges, »die Velthems sind mit starkem Gefolge gen Twieflingen gezogen, ihren Vettern van Utze zu Hilfe. Nur eine geringe Besatzung ist auf der Burg zurückgeblieben. Wie viel Mannschaft habt Ihr mitgebracht?« Bei den Worten überflog er mit den Augen die Begleiter Lodewiges. »Zwölf, sechzehn, zwanzig Mann – o, das ist mehr als genug! Vier Mann können hier zurückbleiben, die Pferde zu bewachen, denn wir müssen zu Fuß hinauf, der Weg ist zu steil. Also munter – abgesessen und mir gefolgt!« Man kam seinen Anordnungen nach und ließ sich von ihm durch das Waldesdickicht bergan führen. Unterwegs fragte der Ritter den reichen Klaus: »Habt Ihr das Geld?« Lodewiges nickte und klopfte auf die Tasche seines Scheckenrockes, daß sie einen vielversprechenden metallenen Klang von sich gab. »In schönen neugeprägten Goldgülden«, antwortete er. »Sobald die Burg mein ist, zahle ich's Euch aus.« Die Grenze des Waldes war erreicht und jenseit eines schmalen Wiesenstreifens sah man den Burgwall emporsteigen. Hier ließ Berkowe wiederum einige Reisige zurück, damit dieselben schlimmsten Falles die Bewachung der Pferde zur Hilfe herbeirufen könnten, und kroch dann auf allen Vieren, von Lodewiges und seinen Leuten gefolgt, durch das üppige, hohe Gras über die Lichtung. Ohne Unfall erreichte man den Burggraben. »Es kann uns niemand bemerkt haben«, lachte der Ritter, sich in den trockenen Graben hinunterlassend, »ich weiß bestimmt, daß an dieser Seite keine Wache steht, und überdies mußte im Zwielicht des Abends das hohe Gras unsere Annäherung verbergen.« Sie folgten ihm in den Graben, wobei er ihnen anempfahl, möglichst alles Geräusch zu vermeiden. Trotzdem konnte sich einer der Reisigen, welche der reiche Klaus mitgebracht, nicht des Lachens enthalten. Unwirsch, wenn auch mit halber Stimme – wies ihn Lodewiges zurecht. »Ich mußte an die verblüfften Gesichter der Besatzung denken«, entschuldigte sich der Knecht, »wenn man uns plötzlich inmitten der Burg gewahren wird.« Nachdem man den Graben durchschritten und einige Fuß an der anderen Seite emporgeklettert war, öffnete Berkowe mit einem verrosteten Schlüssel eine schwere eisenbeschlagene Thür, hinter welcher eine schmale innerhalb der Mauer emporführende Stiege sichtbar wurde. Auch hier mußten zwei Reisige zurückbleiben, »denn«, sagte der Ritter, »sich den Rückzug zu decken ist eine alte Kriegsregel.« Lodewiges nickte dazu, doch gebrauchte auch er seinerseits eine Vorsichtsmaßregel, nämlich dem die Treppe voransteigenden Berkowe nicht unmittelbar zu folgen, sondern zunächst einen vertrauten Knecht hinter ihm drein gehen zu lassen, welcher die Hand am Dolch und die Weisung hatte, beim geringsten Zeichen eines Verrates den Ritter niederzustechen. Doch ohne daß eine solche Maßregel nötig geworden wäre, legte man die Stiege zurück und befand sich nun schon auf der Höhe der Mauer in dem bedeckten Wallgange. Die Dämmerung brach stark herein, jedoch fiel immer noch Licht genug durch die Ausschauluken, um erkennen zu lassen, daß der Wallgang an dieser Seite in seiner ganzen Ausdehnung unbesetzt war. Mit angehaltenem Atem, jedes Klirren der Waffen vermeidend und auf das behutsamste auftretend, schlichen sie den Gang entlang. Plötzlich blieb Berkowe stehen. »Tretet hierher«, wandte er sich an Lodewiges, »durch den Bretterspalt könnt Ihr in den Hof hinabsehen und beurteilen, wie schwach die Besatzung ist.« – Der reiche Klaus folgte der Aufforderung, jedoch kaum war er auf die bezeichnete Stelle getreten, so gab der Boden unter seinen Füßen nach und er verschwand mit einem Schrei in der Tiefe. In demselben Augenblicke brach der vertraute Knecht des Ratsmannes unter einem Dolchstoß Berkowes zusammen, die anderen Reisigen aber setzten sich weder zur Wehr, noch ergriffen sie die Flucht, sondern schüttelten sich lachend ob des gelungenen Verrats die Hände. Von Berkowe abgesandt, hatten sie sich in Braunschweig eingeschlichen, um sich mit anderen Kriegsleuten von Lodewiges dingen zu lassen, und diesen Zweck erreichten sie um so leichter, als der reiche Klaus es in seiner Geheimniskrämerei unterließ, vor ihrer Anwerbung Erkundigungen über sie einzuziehen. Heute Abend aber hatte es Berkowe so einzurichten gewußt, daß diejenigen vom Gefolge des reichen Klaus, welche nicht mit dem Ritter im Einverständnis, draußen an den verschiedenen Punkten zurückgeblieben waren, so daß der Ratsmann im entscheidenden Augenblicke bis auf den einen Vertrauten, der leicht unschädlich zu machen war, nur Feinde um sich hatte. Wohl an dreißig Fuß mochte Lodewiges hinuntergestürzt sein, er versuchte sich aufzuraffen, aber ein schneidender Schmerz im rechten Beine hinderte ihn daran. Ohne Zweifel war dasselbe gebrochen. Da ergriffen ihn derbe Fäuste und schleiften ihn trotz seines Geschreies aus dem dunklen Winkel, in welchen er gestürzt war, hinaus in die Mitte des Burghofes. Dort saßen die Gebrüder van Velthem – es waren ihrer viere – mit ihren Genossen, und zu ihnen trat nun auch Hinrik von Berkowe mit seinen Reisigen, welche jetzt alle das Velthemsche Feldzeichen trugen. Zu spät, erkannte Lodewiges, in welche Falle er gegangen war. Aber er gab die Hoffnung noch nicht auf, wenigstens sein Leben zu retten. »Ihr habt mich überlistet«, redete er Berkowe an, »und Euch das Geld zur Pilgerfahrt nach Rom verschafft, ohne mir die Asseburg zu überliefern. Hier ist das Geld, nehmt es, zählt es nach, Ihr werdet die Summe richtig finden. Ich will Euch Urfehde schwören, nie wieder etwas gegen die Asseburg zu unternehmen oder auf Rache gegen Euch zu sinnen. Aber dann laßt mich frei – o mein Bein, mein Bein!« Ohne ein Wort der Erwiderung nahm ihm Berkowe das Geld ab und zählte im Scheine der Pechfackeln, welche man angezündet, die schönen vollwichtigen Goldgülden nach. Gert van Velthem aber, der älteste der Brüder, fragte: »Mit welchen Martern drohte Dir dieser Mann, Hinrik, um Dich zum Verrat an uns, Deinen Vettern und Eidgenossen, zu bestimmen?« »Hundertsiebenundzwanzig, hundertachtundzwanzig«, zählte Berkowe, »ich sollte auf die Streckleiter und mit Fackeln gebrannt werden – hundertneunundzwanzig – dann sollte der Henker mir mit dem Rade die Beine zerschlagen – hundertunddreißig – und mit siedendem Öl wollte man mir den Rest geben.« »War es so?« fragte Velthem den zitternden und stöhnenden Lodewiges. In diesem stieg ein entsetzlicher Gedanke empor. »Bei der Barmherzigkeit Gottes«, flehte er, »sagt mir, wie viel ich zahlen soll, um frei zu kommen, ich bin reich, sehr reich, wollt Ihr noch einmal soviel, wie ich dem Ritter dort gezahlt, Ihr sollt es haben, jeder von Euch soll so viel haben, nur laßt mich frei.« »Weißt Du, was Du verdienst?« fuhr ihn Gert van Velthem an. »Dasselbe, was Du dem Ritter gedroht, sollst Du an Deinem eigenen Leibe erdulden.« »Barmherzigkeit, Barmherzigkeit«, stöhnte Lodewiges. Berkowe trat auf ihn zu und schüttelte den Beutel mit den Goldgülden vor seinen Ohren. »Die Summe ist richtig«, lachte er, »das ist Dein Glück, ich sehe, Du bist ein genauer Geschäftsmann. Darum will auch ich für Dich um Gnade bitten. Laß es bei der Strafe des Meineids bewenden, Gert.« »O, ich bin schon genug gestraft«, rief der reiche Klaus, auf sein gebrochenes Bein deutend, »laßt mich im Übrigen mit Gold büßen, edle Herren. Verlangt, was Ihr wollt, nur laßt mich frei.« Gert van Velthem schüttelte den Kopf. »Da Ritter Berkowe für Dich gebeten, mag es bei der Strafe des Meineids sein Bewenden haben. Die aber mußt Du erdulden. Denn Du hast Dich gegen Deine rechtmäßige Obrigkeit aufgelehnt und Deine Dir von Gott gesetzten Herren vom Leben zum Tode gebracht. Bringt ihn fort und thut mit ihm, was Rechtens.« »Wer giebt Euch ein Recht, mich zu richten?« schrie Lodewiges, aber niemand hörte auf ihn. Sie schleppten den verzweifelt um sich Schlagenden in den äußeren Burghof, wo seiner Beil und Richtblock warteten. Als die Sonne des nächsten Tages emporstieg, war Klaus Lodewiges nur noch ein blutüberströmter, verstümmelter Leichnam. So büßte er die Blutschuld, welche er durch die Hinrichtung Kort Dorings auf sich genommen hatte. Hinrik v. Berkowe aber ritt mit den schönen, vollwichtigen Goldgülden nach Thüringen, um sich dem Landgrafen zur Pilgerfahrt nach Rom anzuschließen. Wie für seine anderen Sünden hoffte er dort auch für den am reichen Klaus begangenen Verrat Ablaß zu finden. Siebentes Kapitel Vor und in Twieflingen Die Schnapphähne in Twieflingen hatten von dem ihnen drohenden Ungemach früh genug Kunde erhalten, um Vorkehrungen gegen dasselbe treffen zu können. Sie zogen Verstärkungen an sich, brandschatzten die umliegenden Dörfer, um sich mit einem genügenden Vorrat von Lebensmitteln zu versehen, und schauten dann getrosten Mutes der Belagerung entgegen. Um so sicherer fühlten sie sich, als sie eine geheime Zusage des Quaden in Händen hatten, in welcher dieser den Raubrittern versprach, durch einen Einfall ins Lüneburger Gebiet ihnen Luft zu machen, wenn Herzog Albrecht sie zu arg bedrängen sollte. Als daher der Lüneburger Fürst mit den ihm verbündeten Magdeburgern vor der Veste anlangte und dieselbe zur Übergabe auffordern ließ, ward ihm eine höhnisch ablehnende Antwort zu Teil. So mußte man zu einer förmlichen Belagerung schreiten. Die Burg ward eng eingeschlossen und mit glühenden Pfeilen beschossen, allein die Belagerten wußten ihr Zünden zu verhindern. Der Herzog versuchte sie zu einem Ausfall zu verlocken, aber die Schnapphähne waren zu kriegsgeübt, um in die Falle zu gehen, und hielten sich innerhalb der Umwallung. Da erbat und erhielt Rolef Doring, welcher vor Begierde brannte, Ilse zu befreien, die Erlaubnis zu einem Handstreich. Der jugendliche Herzog Bernt schloß sich ihm an, und dessen Beispiel verlockte auch noch andere Ritter und Knappen, an dem Wagnis teilzunehmen. Im nächtlichen Dunkel schlichen sie sich unter Rolefs Führung bis an den Burggraben zu einer Stelle, an welcher die jenseit aufsteigende Mauer, wie Doring vorher erkundet hatte, Sprünge und Risse zeigte und daher leichter zu erklettern war. Auch in den Graben unbemerkt hinunter zu steigen gelang ihnen, jedoch der Wasserstand in demselben machte es notwendig, erst aus Sandsäcken und Schanzkörben eine Art Damm zu errichten. Man war auf diesen Fall vorbereitet, Knechte hatten den Rittern die Werkzeuge nachgetragen, aber die Arbeit verursachte doch so viel Geräusch, um die Belagerten aufmerksam zu machen. Ein Pfeilregen rauschte auf die kühnen Männer im Graben nieder, trotzdem vollendeten dieselben ihr Werk, drangen über den Graben, legten Sturmleitern an und begannen darauf emporzuklettem. Doch nun war die ganze Burg lebendig geworden, Balken, Steine, brennende und kochende Stoffe stürzten und ergossen sich auf die Stürmenden und diese mußten sich davon überzeugen, daß bei ihrer geringen Anzahl der Sturm nicht gelingen könne. Schweren Herzens gab Rolef den Befehl zum Rückzuge. Rolef selbst wurde bei dieser Gelegenheit verwundet. Ein Pfeil war ihm in den Fuß gedrungen und darin abgebrochen, es hielt schwer die mit Widerhaken versehene Spitze zu entfernen, und dauerte lange, bis der Verwundete den verletzten Fuß gebrauchen konnte. Rolef schien diese Zeit unendlich, niemals sah man einen ungeduldigeren Kranken. Und sobald er wieder auftreten konnte, eilte er zum Herzog, um denselben zu einem neuen Sturmversuch zu drängen. Der aber wies ihn lachend ab. Der Ritter Doring möge sich nur gedulden, er der Fürst, habe eine Überraschung vorbereitet, den Seinigen zur Freude, den Feinden aber zu großem Leide. Nur noch kurze Zeit, dann würden die Mauern von Twieflingen sich vor ihm neigen. Diejenige, welcher Rolefs brennende Ungeduld galt, saß indessen in einem wohlverwahrten Gemach im Twieflinger Bergfriet. Bei ihr war Schwester Albina; die Frauen wurden auf das sorgfältigste bewacht und täglich besuchte sie der Junker Vörsfelde. Im übrigen geschah den Frauen kein Leides. Nicht Leidenschaft für seine schöne Base war es gewesen, welche den Junker angespornt hatte, sie zu rauben, sondern die Hoffnung auf ein hohes Lösegeld, welches das reiche Kloster Drübeck für die beiden Nonnen zahlen würde. Die Einschließung Twieflingens hatte ihn gehindert darauf bezügliche Verhandlungen anzuknüpfen, aber er verlor dies Ziel nicht aus den Augen und wußte auch gegen seine wilden Genossen die Gefangenen mit dem Hinweis zu schützen, daß dieselben ihnen im äußersten Notfalle Bürgen für Leben und Freiheit werden könnten. So mochte denn in die Herzen der Frauen nach den ersten Tagen grausigen Entsetzens und qualvoller Angst wieder größere Ruhe einziehen, Vörsfelde hatte ihnen gesagt, er würde sie frei lassen, sobald ihr Kloster das Lösegeld gezahlt, zunächst aber müßten sie mit ihm in der umschlossenen Veste aushalten. Auch versorgte er sie reichlich mit Speise und Trank, selbst eine Magd hatte er ihnen zur Bedienung zugewiesen. Nur gegen ihre Bitten, einmal ihre Zelle verlassen und frische Luft atmen zu dürfen, blieb er taub. Das enge Gemach im Bergfriet umschloß sie Tag und Nacht. »Eine Klosterzelle ist auch nicht größer« – mit dem Gedanken tröstete sich Ilse, und der Anblick der heiteren, sanftmütigen Geduld, mit welcher Schwester Albina ihr Schicksal trug, ließ auch ihr Herz geduldig werden. Ob es ebenso ruhig geschlagen hätte, wenn sie gewußt, wie nahe ihr der Geliebte war und wie eifrig bestrebt, sie aus Vörsfeldes Händen zu befreien? Es war an einem sonnenhellen Junitage, dessen glühende Hitze in den dicken Mauern des Bergfriets jedoch wenig fühlbar wurde, als beide Frauen an dem kleinen engvergitterten Fenster ihrer Zelle standen und durch die geöffneten Scheiben hinaus ins Freie schauten. Sie konnten von hierab einen Blick in das herzogliche Lager thun, und das, was sie dort sahen, nahm ihre Aufmerksamkeit in hohem Grade in Anspruch. Das ganze Lager war in Bewegung, Ritter, Knappen und Knechte eilten hin und her oder umstanden in buntem Gemisch eine Stelle, auf welcher Handwerksleute beschäftigt waren, eine wunderbare Maschine aufzurichten. Große metallene Röhren, welche in der Sonne funkelten, wurden mit gewaltiger Anstrengung herbeigerollt und mit noch größerer Mühe auf bereitstehende, roh zugehauene Holzblöcke gehoben. Dahinter baute man von Holzblöcken ein großes Viereck und in dieses schaffte man eine Anzahl kleiner schwarzer Fässer, Zimmerleute aber schnitten Bretter zu, welche offenbar über die Fässer gelegt werden sollten, um dieselben gegen etwa einfallenden Regen zu schützen. Und wiederum andere Männer waren beschäftigt, weiße kugelförmige Steine von unfern stehenden Leiterwagen abzuladen und zu hohen Pyramiden aufzuschichten. Kopfschüttelnd betrachteten die Frauen diesen ihnen unverständlichen Vorgang. Auch von der Plattform des Bergfriets beobachtete man denselben mit größter Aufmerksamkeit und auch dort schüttelte man ob desselben den Kopf. Dies Kopfschütteln aber war von vielen Seufzern und sehr bedenklichen Mienen begleitet. Und ebenso sorgenvolle Mienen zeigten die Gesichter der Mannen, welche dichtgedrängt die Ringmauer besetzt hielten und in das Lager hinab schauten. »Es ist kein Zweifel mehr«, seufzte Diderik v. Utze, welcher auf Twieflingen den Befehl führte, nachdem er eine Zeit lang die Vorbereitungen der Belagerer beobachtet hatte, »es ist kein Zweifel mehr, es sind Donnerbüchsen, welche der Herzog aufstellen läßt. Nun gnade uns Gott! Ihren Geschossen widersteht keine Mauer, und wäre sie noch so fest. Wir können uns unter den Trümmern von Twieflingen begraben lassen.« »Oder unterhandeln«, setzte Vörsfelde hinzu. »Jetzt können uns Eure schönen Gefangenen von Nutzen werden«, warf ein Dritter ein. »Lieber wollen wir einen nächtlichen Ausfall machen und das Teufelswerk zerstören«, meinte ein Vierter. »Das zerstört sich nicht so leicht«, brummte Vörsfelde. »Der tapferste Ritter vermag nichts gegen das höllische Zeug.« »So ist es«, bestätigte der graubärtige Utze. »Wer nicht besprochen ist, darf es nicht anrühren, sonst holt ihn der Teufel und fliegt mit ihm durch die Luft davon.« Jetzt schien die Aufstellung der Geschütze beendet zu sein. Der Herzog mit einem großen Gefolge von Rittern und Edelleuten, alle in glänzendem Waffenschmuck, umging den Platz und unterwarf jede Einzelheit einer genauen Besichtigung. Dann schritt er eine Anhöhe hinan, welche sich in einer mäßigen Entfernung von den Geschützen erhob. Von hier ab wollte er die erste Beschießung beobachten. Bis zum Fuß des Hügels mußte auch die Menge der übrigen Zuschauer zurückweichen, Reiter und Fußgänger bunt durcheinander, wie sie sich aus dem Lager herbeigedrängt hatten. Nun ging der Büchsenmeister mit seinen Knechten an die Arbeit. Eines der geheimnisvollen schwarzen Fäßchen in dem viereckigen von den Holzblöcken gebildeten Pferch wurde aufgeschlagen und ihm das nötige »Kraut« entnommen. Kunstmäßig brachte man dasselbe in die Büchse und setzte die Steinkugel darauf. Dann richtete der Büchsenmeister sorgfältig das Rohr und ein Knecht trat mit brennender Lunte daneben. Die Lunte senkte sich – ein Blitz, ein dumpfer Knall – und schleunig duckten sich alle die neugierigen Köpfe, welche über die Brustwehr der Burgmauer geschaut hatten. Doch hatte diesmal der Büchsenmeister die Entfernung noch nicht richtig bemessen, die hoch emporgeschleuderte Steinkugel fiel unschädlich zu Füßen der Burgmauer nieder. Das Schauspiel wiederholte sich, jetzt wurde die zweite Büchse geladen, der Meister visierte lange, endlich trat er zurück und nickte befriedigt. Auf seinen Wink senkte der Knecht die brennende Lunte auf das Zündloch, Feuer und Rauch erhob sich in einer alles verdunkelnden Menge; gleich darauf hörte man einen starken Knall und einen zweiten, von dem die Erde erbebte, den Mannen die Helme teilweise vom Kopfe gerissen wurden, die Pferde scheu in die Höhe sprangen, um dann wild mit ihren halbbetäubten Reitern davon zu rennen. In die zum Anblick des Schauspiels an und auf dem Hügel zusammengedrängte Masse regneten Balken, Steine und brennende Holzstücke nieder. Und als sich Rauch und Dampf von dem Geschützplatze verzogen hatten, war alles, was auf demselben gestanden, verschwunden. Ein markdurchdringender Schrei des Jammers stieg aus der Menge am Hügel zum Himmel empor. »Barmherziger Himmel«, rief Herzog Albrecht, »wie ist das möglich? Alles auf einen Schlag zerstört! Wo sind die Donnerbüchsen geblieben?« »Hat mich mein gutes Auge nicht getäuscht«, entgegnete der neben ihm stehende Bernt, »so hat beim Abfeuern das emporflammende Kraut die Lunte zerrissen und das brennende Ende derselben in die Höhe geschleudert. Wahrscheinlich hat der Büchsenmeister vergessen gehabt, das Fäßchen wieder zu schließen, aus dem er das Kraut entnommen, und ein böser Geist hat das brennende Luntenende eben in dies offene Fäßchen niederfallen lassen.« Ein solcher Vorgang wird bei der Belagerung Milows durch die Brandenburger unter Lippold v. Bredow im Jahre 1391 erwähnt. Vgl. Klödens »Die Mark Brandenburg unter Karl IV. u.s.w.« Berlin 1846. Von der Burg her drang helles Trompetengeschmetter und lautes Freudengeschrei. Die Besatzung hatte freilich wohl Grund zum Jubel. Ihr Anführer, Diderik v. Utze, aber meinte: »Unter der Bedienung der Büchsen sind solche gewesen, die nicht besprochen waren. Und ich sagte es Euch ja vorher: wer mit dem Zeug zu thun hat und nicht vorher fest gemacht ist, den holt der Teufel. Nun hat der Teufel die ganze Geschichte geholt.« Daß der Teufel die Hand im Spiel gehabt, davon waren auch die meisten im Heere der Belagerer überzeugt. Es folgten daher auch nur wenige Ritter dem Herzog, als er die Unglücksstätte besichtigte. Von dem Pferch, in welchem man die Pulverfässer aufgeschichtet hatte, war nichts mehr zu sehen. Die Donnerbüchsen waren von ihren Unterlagen emporgehoben und eine Strecke weit fortgeschleudert, auch einzelne Glieder der Verunglückten fand man zerrissen und verbrannt in weiter Entfernung umhergestreut. Ein Teil der Steinkugeln lag an alter Stelle, aber vom »Kraut« war auch nicht ein Korn gerettet. Bestürzung, Niedergeschlagenheit, ja mehr noch, ein unbesiegbares Grausen vor dem Überraschenden und Unerklärlichen des Unglücks, in welchem die meisten das direkte Eingreifen höllischer Mächte erblickten, bemächtigte sich des Belagerungsheeres. Den Seinen zur Freude, den Feinden zum Leide hatten die Donnerbüchsen des Herzogs dienen sollen – nun jubelten die Feinde und der Fürst hatte genug zu thun, bei den Seinigen die äußerste Mutlosigkeit zu bekämpfen und ihnen neue Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang einzuflößen.   Einer war jedoch im lüneburgischen Heere, welcher die Vernichtung der Donnerbüchsen zwar nicht mit Freude begrüßte, wohl aber durch das Mißlingen der Beschießung von einer großen Sorge befreit wurde. Das war Rolef Doring. Als er erkannt, worin die von Herzog Albrecht angedeutete Überraschung bestand, hatte sich eine quälende Unruhe seiner bemächtigt. Denn dieselben Kugeln, welche die Twieflinger Mauern niederwerfen und den Trotz der Schnapphähne brechen sollten, konnten auch ein Leben zerstören, welches ihm teurer war als sein eigenes. Daher atmete er auf, als der Fürst jetzt wieder auf den Plan zurückkam, die Veste mit Sturm zu nehmen. Im Vertrauen auf den Beistand des Himmels und sein gutes Schwert hoffte Rolef früh genug in die Burg einzudringen, um Ilse zu befreien und vor allen Fährnissen zu schützen, welche eine Eroberung mit gewaffneter Hand etwa mit sich bringen konnte. Auf den Tag Johannis des Täufers hatte der Herzog den Sturm angesetzt. Bis dahin – hoffte er – werde auch der Zuzug aus der Stadt Braunschweig eingetroffen sein, welchen diese unter Führung des Bürgermeisters Holtnicker schicken wollte, eine Hoffnung, welche wiederum von Rolef nicht geteilt wurde, welcher vielmehr brennend wünschte, vor Ankunft der Städtischen das Unternehmen beendigt zu sehen. Es schien, als ob sein Wunsch in Erfüllung gehen sollte. Der Johannistag brach an und die Braunschweiger waren noch nicht da. Weil aber alle Anstalten getroffen, die Sturmwerkzeuge verteilt waren und alle Haufen wohl gerüstet und zum Sturm geordnet um die Burg lagerten, gab Herzog Albrecht gegen Mittag den Befehl zum Angriff. Es war ein schöner kriegerischer Anblick, als sich jetzt die im Sonnenlicht funkelnden Reihen der gewappneten Streiter mit wehenden Fahnen, mit lautem Feldgeschrei, unter Trompetengeschmetter und dem dumpfdröhnenden Klang der großen Heerpauken in Bewegung setzten. Voran gingen Knechte mit Faschinen und Wollsäcken, mit Spaten, Hacken und Äxten, und zwischen ihnen schritten die Träger der Sturmleitern. Dann kam das Fußvolk, die Mannschaft der Städte Magdeburg und Lüneburg, Hannover und Celle in Eisenhelm und Lendner, bewaffnet mit Morgensternen und Hellebarden. Es folgten die herzoglichen Armbrustschützen, die Waffe kunstgerecht zur Hand, mit gespannter Sehne und aufgelegtem Bolzen. Den Schluß bildete die Ritterschaft, welche zum Teil abgesessen war, um zu Fuß mit dem Schwert zu kämpfen, während der Rest hoch zu Roß unter Führung des Herzogs Bernt das Thor der Burg scharf im Auge hielt, um auf die Belagerten einzusprengen, falls sie es wagen sollten, auszubrechen. Selbstverständlich hatte im Anblick dieser umfassenden Vorkehrungen auch die Besatzung der Burg nichts verabsäumt, dem Angriff zu begegnen. Große Kübel mit heißem Wasser, Öl und siedendem Brei standen auf den Wällen bereit, den Angreifern auf die Köpfe gestürzt zu werden, zu demselben Zwecke lagen dort große Feldsteine und lange runde Balken. Die Mannschaft stand wohlgedeckt und gleichmäßig verteilt hinter den Brustwehren und den schmalen Fenstern der Türme, zusprechend und ermunternd schritten die Anführer hinter den Reihen auf und nieder. Nun gab Diderik van Utze das Zeichen und ein Hagel von Pfeilen sauste den anrückenden Scharen entgegen. Die herzoglichen gelernten Armbrustschützen erwiderten die Schüsse mit großer Kaltblütigkeit und nicht ohne Erfolg; ihre Bolzen setzten manchen der Belagerten trotz deren gedeckter Stellung außer Gefecht. Indessen eilte die andere Mannschaft möglichst schnell dem Graben zu. Bald war dieser erreicht, von einem mitgeführten Sturmwagen ließ man eine Fallbrücke über denselben nieder, an einer anderen Stelle ward mit Faschinen und Säcken ein Damm gebaut. So konnte man in zwei Haufen den Graben überschreiten. Nun aber begann der zweite und gefahrvollere Teil der Aufgabe. Die Sturmleitern wurden angesetzt und die Mutigsten begannen an ihnen emporzuklettern. Jedoch nur wenigen gelang es weiter zu kommen. Ströme siedenden Wassers verbrühten die Kühnen, die herabsausenden Feldsteine zerschmetterten ihre Glieder, große runde Bäume drückten im Herabrollen alles nieder, was sich auf den Leitern befand. Nur wenig Schutz gewährten den Stürmenden die übergehaltenen Schilder, kaum bis zur Mitte der Leitern vermochten sie empor zu steigen, dann stürzten sie tot und verwundet herab oder sprangen, an einem Erfolg verzweifelnd, herunter. Es blieb nichts übrig, als immer mit frischen Kräften wieder von neuem anzufangen. Diese unermüdliche Ausdauer aber erschöpfte die Mittel der Verteidiger. Und als jetzt die Ritterschaft herankam, hatten ihnen die Städter schon so tapfer vorgearbeitet, daß es den besser durch ihre umfassende Rüstung geschützten Edlen gelang, höher und höher an der Mauer emporzuklimmen. Einer der Vordersten unter ihnen war Rolef Doring. Den Dolch zwischen den Zähnen, hielt er mit der Linken den Schild schützend empor, während die Rechte nach den Sprossen der Leiter griff und das Schwert ihm an einer kurzen Kette vom Brustharnisch herabhing – so stieg er trotzigen Mutes hinauf. Schon stand er auf der obersten Sprosse der Leiter, ein gewaltiger Schlag traf seinen Schild und glitt an demselben schadlos ab, zwei wutsprühende Augen funkelten Rolef an, seine Dolchklinge blitzte und fand den Weg zwischen Halsberge und Harnisch des Gegners hindurch – im nächsten Moment hatte er sich über die Brüstung geschwungen und erwehrte sich mit dem Schwert der andringenden Feinde. Andere folgten ihm, die Verteidiger der Mauer wichen langsam zurück und auf dem Fuße folgte ihnen die schnell wachsende Zahl der Ritter und Städter. Da wurden plötzlich die Blicke der Streitenden, der angreifenden wie der abwehrenden, hinunter in die Ebene gelenkt, aus welcher ein Getöse heraufdrang, das selbst den Lärm des Kampfes auf der Mauer übertönte. Herzog Bernt hatte mit seinen Reitern dem ihm erteilten Auftrage gemäß seine ganze Aufmerksamkeit dem Burgthor zugewandt, um einem etwaigen Ausfall der Belagerten zu begegnen. So hatte es geschehen können, daß ein feindlicher Trupp – es waren die van Velthems von der Asseburg, welche im Bunde mit anderen Schnapphähnen und heimlich unterstützt vom Quaden ihren Freunden in Twieflingen zu Hilfe gezogen waren – daß also dieser Trupp sich durch eine Waldecke geschützt bis dicht in den Rücken der Reiter hatte schleichen können. Von hier brachen sie plötzlich mit eingelegten Lanzen hervor, und ehe noch die Mannen Herzog Bernts ihre schweren Streitrosse herumwerfen konnten, waren viele von ihnen heruntergestochen, ihre Reihen durchbrochen, der jugendliche Führer trotz tapferer Gegenwehr gefangen. Der Rest jagte fliehend über die Ebene, unverfolgt von den Velthems und deren Genossen, welche, schnell von neuem geordnet, auf das herzogliche Fußvolk am Graben einsprengten, um dasselbe in das Wasser zu drängen und den Stürmenden an und auf der Mauer den Rückzug abzuschneiden. Ein Jubelgeschrei der Belagerten begrüßte die unerwartete Hilfe, ihre schon erlahmende Verteidigung gewann neue Kraft, ja sie wurden jetzt zu Angreifern, welche die Herzoglichen auf der Mauer in schwere Bedrängnis brachten. Da verloren viele der letzteren den Mut, sie stürzten die so mühsam erklommenen Leitern wieder hinab, drängten über die Fallbrücke und den Damm, ja manche versuchten in ihrer Verzweiflung, durch den Graben zu schwimmen und versanken entweder im Wasser oder wurden, glücklich hinübergelangt, vom Feinde wieder in das gefährliche Element zurückgestoßen. Nur noch wenige Tapfere hielten, um Rolef Doring geschart, oben aus. Bis zur Brustwehr waren auch sie zurückgedrängt, aber weiter vermochte die Wut der Feinde sie nicht zu treiben. Den Rücken durch die Brustwehr gedeckt, hielten sie jedem Angriff Stand. Wohl lichtete sich die kleine Schar immer mehr, aber ans Weichen dachte keiner. Der Tod schien ihnen gewiß, dort unten, wie hier oben – da wollten sie lieber als tapfere Männer auf ihrem Posten sterben. – Und diese Ausdauer ward belohnt. Denn ebenso schnell, wie sich vorhin dort unten in der Ebene die Lage zu Ungunsten der Herzoglichen gestaltet, ebenso schnell wandte sich jetzt das Blatt wieder zu ihren Gunsten. Die Ursache aber davon war die Braunschweiger Stadtfahne, der rote Löwe im weißen Felde, welcher jetzt endlich auf dem Plane erschien. Das Fußvolk in der Mitte, die Reiter auf beiden Flügeln, so rückten die Braunschweiger in unerschütterlicher Ordnung vor. Herzog Albrecht folgte ihnen mit dem, was er von den Seinen wieder gesammelt hatte, im zweiten Treffen, und jeder, welchem noch nicht ganz Besinnung und Mut abhanden gekommen war, schloß sich dem Angriff an. Noch einmal schmetterten die Trompeten, noch einmal erklangen die dröhnenden Heerpauken. Die Velthemschen stutzten, aber auch sie waren tapfere Männer. Eine kurze Strecke wichen sie zurück bis dahin, wo ihnen die Waldecke eine Anlehnung für ihren linken Flügel bot. Dort schlossen sie ihre Reihen und erwarteten – wenn auch in der Minderzahl – mutig den Angriff. Doch bald war der ungleiche Kampf entschieden. Von den herzoglichen Armbrustschützen mit Pfeilen überschüttet, von dem Fußvolk der Braunschweiger Gilden in der Front mit Hellebarden und Morgensternen angegriffen, in der rechten Flanke und im Rücken von den städtischen Reitern umfaßt, erlagen die Velthemschen trotz tapferen Widerstandes. Was nicht auf der Wahlstatt blieb, rettete sich in eiliger Flucht; dem vorhin von ihnen gefangenen Herzog Bernt gelang es in dem wilden Getümmel, sich wieder zu den Seinigen durchzuschlagen. Die nächste Folge dieses Wechsels hier unten in der Ebene war, daß sich auch auf der Mauer wieder das Blatt wendete. Von Scham ergriffen, setzten die geflohenen Magdeburger und Lüneburger, jetzt im Rücken gesichert, von neuem die Leitern an und kamen Rolef und seinen wenigen treuen Genossen zu Hilfe. Die Belagerten aber verloren beim Anblick der Niederlage ihrer Freunde in der Ebene den Mut. Ihr Widerstand erlahmte mehr und mehr, Diderik van Utze, ihr Anführer, fiel tödlich getroffen, da erschien auf der Spitze des Bergfriets als Zeichen der Ergebung eine weiße Fahne, und zugleich öffnete sich das Hauptthor der Burg, die Zugbrücke kam langsam herab und legte sich über den Graben. Auf beiden Seiten geboten die Trompeten Stillstand. Die Burgbesatzung zog sich bis zum Bergfriet zurück und bildete um denselben einen schützenden Kreis. Kaum zehn Schritte von ihnen entfernt lagerten sich in einem zweiten umfassenden Kreise die Stürmenden zwischen stöhnenden Verwundeten und blutenden Leichen. Oben auf der Plattform des Bergfriets aber zeigte sich jetzt ein seltsames Bild. Alle Gefangenen, welche bis jetzt in den Verließen und Türmen der Veste, ihrer Auslösung harrend, geschmachtet hatten, waren von den Schnapphähnen dort oben hinauf gebracht. Das war auf Vörsfeldes Vorschlag geschehen. Durch ihren Anblick und die Drohung, sie dem Tode zu überliefern, hoffte er den menschenfreundlichen Herzog Albrecht zu milden Kapitulationsbedingungen zu bestimmen. Er selbst unterhandelte darüber mit dem Fürsten an der Zugbrücke, während die herzoglichen Mannen mit neugierigen Blicken die seltsame Versammlung auf der Plattform des Bergfriets betrachteten. Die Wenigsten von ihnen wußten, was dieselbe zu bedeuten habe, auch Rolef nicht, bis Herzog Bernt zu ihm trat und ihn darüber aufklärte. Da riß der Ritter den Stechhelm vom Haupte, welcher sein Antlitz verdeckte, und indem seine Augen prüfend die Schar dort oben musterten, rief er mit gellender Stimme: »Ilse vam Damme!« Unbeantwortet blieb der Ruf, aber jetzt teilte sich oben die Menge und zwei schwarzgekleidete Frauengestalten beugten sich spähend über die Brüstung herab. Jubelnd erkannte Rolef die Gesuchte – »Ilse, Ilse,« rief er aufjauchzend ihr zu, riß die Feldbinde von der Schulter und schwenkte sie hoch in der Luft. Da gewahrte auch sie ihn und winkte ihm mit der Hand und er sah, wie ihre Lippen Worte bildeten, aber was sie sagte, blieb ihm bei der Höhe des Turmes und dem ringsum herrschenden Getöse unverständlich. Jedoch nicht auf lange. Schon war eine Verständigung zwischen Herzog Albrecht und Junker Vörsfelde zustande gekommen. Die Schnapphähne übergaben die Burg mit allem, was darin war, besonders den Gefangenen, schworen Urfehde und gelobten, die Lande Braunschweig und Lüneburg bei Todesstrafe zu meiden. Dafür schenkte ihnen der Fürst Leben und Freiheit, auch durften sie mitnehmen, was sie am Leibe trugen. Sobald diese Bedingungen vereinbart und mit Handschlag bekräftigt waren, ritt Junker Vörsfelde vom Fleck weg in schlankem Trabe in die Ebene hinein. Er wußte nur zu gut, daß die Burg in ihrem Innern Dinge berge, bei deren Anblick der Fürst leicht anderen Sinnes werden und sich geneigt fühlen möchte, sein Gnadenwort zurückzunehmen. Auch wollte der Junker gern in Sicherheit bringen, was er am Leibe trug. Denn in der allgemeinen Verwirrung des Sturmes hatte er den Fall des alten Diderik van Utze wohl zu benutzen verstanden. Er trug den Sterbenden aus dem Getümmel und drückte ihm die Augen zu, aber nicht aus christlicher Liebe, sondern um sich seiner Schlüssel zu bemächtigen. Mit Hilfe derselben setzte er sich in den Besitz des Goldes und der Juwelen, welche der Alte in seiner langen räuberischen Thätigkeit angesammelt hatte, und verbarg dieselben unter seiner Rüstung. Daher drängte es ihn jetzt, mit seinem Raube das Weite zu suchen. Unbekümmert um die zahlreichen Verwundeten sprengte er über das Schlachtfeld, sonder Achtung, ob die schweren Hufe seines Pferdes die Glieder dieser Hilflosen zermalmten. »Vorsicht, Vorsicht«, rief ihm ein Mann in der Tracht der herzoglichen Armbrustschützen zu, welcher den rasenden Reiter gerade auf sich zukommen sah und auf den Körper eines Sterbenden deutete, dessen Haupt in seinem Schoße ruhte. »Vorsicht, Ihr überreitet meinen Bruder.« Doch Vörsfelde kümmerte die Warnung nicht, achtlos ritt er so dicht an der Gruppe vorüber, daß der rechte Hinterhuf seines Pferdes den Fuß des Verwundeten zerschmetterte. Ein schmerzvolles Zucken lief durch des Sterbenden Körper, ein gurgelndes Stöhnen rang sich aus seiner Brust herauf und er sank tot zurück. Sanft ließ ihn sein Bruder zur Erde gleiten, dann griff er mit grimmigem Entschluß nach der Armbrust, zielte und drückte ab. Und der Pfeil verfehlte sein Ziel nicht. Der wilde Reiter, dem er gegolten, schwankte im Sattel, dann glitt er herab und das herrenlose Pferd jagte allein in wildem Lauf über die Ebene dahin. Auch Herzog Albrecht hatte sein Pferd von der Brücke gelenkt, aber nicht hinab in die Ebene, sondern hinauf in die Burg. Er ließ die Schnapphähne und ihre Knechte die Waffen niederlegen und sie darauf in sein Lager hinunterführen. Von dort sollten sie entlassen werden, sobald sie Urfehde geschworen. Dann aber stieg der Fürst zu den Gefangenen auf den Bergfriet empor. An seiner Seite hielt sich Rolef Doring und gleich nach dem Herzog betrat er die Plattform. Da stand Ilse vor ihm, in ihrem ärmlichen, schwarzen Gewande, blaß und schmal, aber strahlend vor Glück. Und einen Augenblick darauf hing sie an seinem Halse und er bedeckte ihr Antlitz mit Küssen. Und dann trug mehr als führte er sie die Treppe hinab, und unten am Turme fanden sie in einer Ecke ein stilles Plätzchen. Dort setzten sie sich, sie lehnte ihren Kopf an seine Brust und während er ihre blauen Augen küßte, flüsterte sie: »O Du Geliebter, habe ich Dich endlich, endlich wieder?« »Warum konnte ich Dich, warum ließest Du Dich nicht eher finden, Du böses Lieb?« fragte er sanft. »Was hatte der arme Rolef verschuldet, daß Du Dich so lange vor ihm in jener Abgeschlossenheit verborgen hieltest?« »Sie lächelte und küßte ihn auf den Mund. »Nichts hatte er verschuldet«, sagte sie, »stets war er mein bester, mein liebster Rolef. Aber dennoch mußte er mich suchen, ich konnte nicht zu ihm kommen, ich mußte warten, bis er mich fand. Und nun hat er mich ja gefunden, o mein Geliebter, wie bin ich so glücklich!« Er preßte sie fest an sich, sie umschlang seinen Hals und er fühlte, wie ihr Herz an dem seinen klopfte. Da fiel ein dunkler Schatten über sie, es war die Nonne, welche hinzutrat. Bei ihrem Anblick wand sich Ilse errötend aus den Armen des Geliebten. Sie erhob sich und trat einen Schritt auf Schwester Albina zu. »Das ist er«, sagte sie, »das ist Rolef Doring. So oft hatte ich ihn erwartet, so oft war es mir, als könne der Tag nicht zu Ende gehen, ohne ihn mir zu bringen. Und nun ist er ganz unerwartet gekommen, so überraschend, als habe ihn ein Engel vom Himmel zu uns geführt.« »Es war auch ein Engel vom Himmel«, sagte Rolef ernst. »Die treueste Liebe war es, welche mich in Herzog Albrechts Heer führte, als ich hörte, daß es Twieflingen belagern wolle.« »So wußtet Ihr, daß man uns hierhergebracht?« fragte die Nonne. »Ich hatte guten Grund, es zu vermuten«, entgegnete Rolef. »Und Ihr verließet Euren früheren Herrn und nahmt beim Herzog von Lüneburg Dienst, nur um Ilse zu befreien?« »Nur dieser Wunsch hat mich hierher geführt«, bestätigte der Ritter und erzählte, wie er in der Obermühle bei Achim Ilses Spur gefunden und weiter – vorbei an der Klosterpforte von Drübeck – nach Twieflingen verfolgt habe. »Vorbei an der Klosterpforte von Drübeck«, wiederholte Schwester Albina mit gewichtiger Betonung. Sinnend sah sie vor sich nieder, dann faßte sie Ilses Rechte und sagte: »Möge die Hand, welche Dich vorbei am Kloster geführt, auch auf dem Wege Dich glücklich machen, welchen Du jetzt gehen willst. Gottes Segen sei mit Dir, mein Kind.« Sie hauchte einen Kuß auf ihre Stirn und segnete Rolef mit dem Zeichen des Kreuzes. Dieser hatte jetzt kein Verständnis für den weihevollen Ernst, welcher aus dem Wesen der Nonne sprach. Auch glaubte er zu bemerken, daß durch die Erscheinung derselben Ilses rückhaltloser Freude ein nachdenklicher Zug beigemischt wurde. Er zog Ilses Arm durch den seinen und sagte: »Kommt, jetzt wollen wir zum Herzog gehen. Ich will Euch ihm vorstellen und bitten, daß er Euch im Lager ein Zelt anweist.« Aber Schwester Albina widersprach. »Nicht ist an so wilder Stätte ein Platz für ehrsame Frauen«, entgegnete sie, »es sei denn, daß wir das Elend der Jammervollen lindern können, deren Wehegeschrei die Luft erfüllt. Darum wollen wir Euren Herrn bitten, uns das zu gestatten, die Kranken zu pflegen und die Sterbenden zu trösten.« »Ja, das laßt uns thun«, stimmte Ilse bei. »O, wie eigensüchtig macht doch das Glück das menschliche Herz, daß ich all das Elend um mich her vergessen konnte, um nur an mich selbst zu denken.« Rolef fügte sich schweigend. Seine Brauen zogen sich finster zusammen und mit einem unwilligen Blick betrachtete er die Nonne, welche dem Paar voranschritt. Dann schaute er auf Ilse, welche mit sinnend zu Boden gesenktem Blick neben ihm herging. Er drückte ihre Hand, da sah sie ihn mit holdem Lächeln an, aber dennoch war es ihm, als ob ihr Blick nicht mehr so jubelnd, nicht mehr so gewiß innigsten, tiefsten Glückes dem seinigen begegne als wie noch kurz vorher. Der Herzog nahm die Frauen freundlich auf und noch freundlicher ward er, als er ihre Bitte hörte. Gelegenheit, dieselbe zu erfüllen, gab es nur allzuviel. Er rief nach seinem Arzt und ließ sie von diesem nach der Stätte geleiten, wohin man im Begriff war, die Verwundeten zusammen zu tragen. Dann zog der Fürst Rolef bei Seite. »Ein Sterbender wünscht mit Euch zu reden, Ritter Doring. Ich selbst will Euch zu ihm führen.« »Wer ist es?« rief Rolef erschrocken. Er dachte an den jungen Bernt, welchen er während ihres Zusammenseins immer lieber gewonnen hatte. »Ein tapferer Mann ist es, der an der Spitze der Seinigen die Todeswunde empfing. Ein Landsmann von Euch, Ritter, ein Braunschweiger.« »Der Name?« »Er heißt Holtnicker.« »Fürstliche Gnaden!« Rolef blieb stehen, seine Hände ballten sich zusammen und seine Zähne bohrten sich tief in die Unterlippe. »Ich führe Euch zu einem Sterbenden, Doring«, sagte der Fürst ernst. »Wie spricht der Herr? Mein ist die Rache, ich will vergelten!« Herzog Albrecht hob bei den Worten einen Vorhang und trat in die hintere Abteilung des Zeltes. In Mitte derselben lag auf dem eigenen Ruhebette des Fürsten, mit Polstern gestützt und mit Decken halb verhüllt, ein schwer atmender Mann, auf dessen Zügen es deutlich geschrieben stand, daß der Todesengel seine Hand über ihn ausgebreitet hielt. An seiner Seite kniete ein Jüngling, dessen schmerzlich bewegtes Antlitz eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Verwundeten zeigte. Beim Anblick des Herzogs wollte sich der Jüngling erheben, aber Albrecht winkte ihm, sich nicht zu rühren. »Schläft er?« fragte der Fürst, mit behutsamen Schritten näher tretend. Der Verwundete öffnete die Augen. »Noch schlafe ich nicht«, antwortete er selbst, »aber bald werde ich fest genug schlafen. O, würde nur diese Last von meiner Seele genommen, die Gewissensangst will mich nicht sterben lassen.« Albrecht schaute zu Doring hinüber, welcher noch immer im Eingang stand. Die geballten Hände des Ritters hatten sich gelöst, aber seine Brauen blieben zornig zusammengezogen. Er machte einen Schritt vorwärts, um dem Lager näher zu treten, dann blieb er wieder zaudernd stehen. »Habt Ihr den Ritter gefunden, Fürstliche Gnaden?« fragte der Verwundete, welcher Rolef von seinem Lager aus nicht sehen konnte. »Er ist hier«, erwiderte der Fürst. »Will mir der Ritter vergeben?« stöhnte Holtnicker, als der Fürst ihm Rolefs Anwesenheit verriet; er wollte sich mit einer schnellen Bewegung emporrichten, sank aber kraftlos zurück. Und mit dem flehenden Blick den nähertretenden Rolef suchend, setzte er hinzu: »O, Ihr wäret nicht gekommen, wenn Ihr mir nicht vergeben wolltet.« »Eine andere Hand hat das Blut vergossen, auf welches ich ein Recht zu haben glaubte«, sagte Rolef herbe. »Gott hat es so gefügt, nicht durch mich hat er Euch richten wollen.« »So laßt auch Euren Zorn nicht zwischen mir und seiner Gnade stehen«, bat der Verwundete mit bebender Stimme. »Ein vergebendes Wort laßt mich von Euren Lippen hören – gebt mir damit ein Unterpfand der göttlichen Barmherzigkeit.« Deutlich las man auf Dorings Antlitz den Kampf, welcher in seinem Inneren tobte. Da trat der junge Holtnicker zu ihm und sagte leise, so daß es dem Sterbenden unhörbar blieb: »Nehmt mein Blut für das Eures Vaters, nur laßt ihn dort zum Frieden kommen.« Rolef sah mit einem tiefen Blick in die dunkeln, thränenumflorten Augen des jungen Mannes, dann that er einen schnellen Schritt vorwärts, und indem er die Hand des Sterbenden faßte, sagte er mit kräftiger, fester Stimme: »Ich vergebe Euch, so wahr ich hoffe, daß Gott mir vergeben möge, so wahr mein Vater Euch vergeben hat, ehe ihn der Todesstreich traf.« Holtnickers zuckende Finger umspannten krampfhaft Dorings Rechte. »Dank, Dank«, flüsterte er. Die Spannung wich aus seinem Antlitz, sein Atem ward ruhiger, aber auch mit jedem Zuge schwächer. Doch konnte Rolef noch deutlich die Worte verstehen, welche seine Lippen bildeten. »Nun entzieht auch Eurer Vaterstadt nicht länger Euren starken Arm«, fuhr der Sterbende leise und in kurzen Absätzen fort. »Aller Augen sind dort auf Euch gerichtet und hoffen von Euch eine Versöhnung mit den vertriebenen und beleidigten Geschlechtern. Zu jeder Sühne sind sie bereit. Mein Sohn weiß von allem und wird es Euch sagen. Kein Trotz wohnt mehr in Braunschweig, die Not hat ihn gebrochen. Und die noch in der Stadt leben, waren nur Verführte, nur geringe Schuld trifft sie an der blutigen Unthat.« Des Ritters Brauen zogen sich wieder zusammen. »Klaus Lodewiges!« Der Name klang Unheil verkündend von seinen Lippen. »Auch Lodewiges ist tot. Die Velthems haben ihn auf der Asseburg erschlagen.« Man mußte die Worte mehr von den Lippen des Sterbenden lesen, als daß man sie hören konnte. Überrascht sah Rolef auf, aber Herzog Albrecht trat jetzt an die andere Seite des Lagers und sagte ernst: »Zweifelt Ihr noch, Ritter Doring, daß Gott sich die Rache vorbehalten hat? Braunschweigs stolze Geschlechter hat er gedemütigt durch die Hand dieser niederen Männer, und da auch diese sich in wilder Blutgier vergaßen, hat er ihre Sünden an ihrem Leibe heimgesucht. Und nun rufe ich Euch nochmals ins Gedächtnis zurück, wie Euer Vater im Angesicht seines Todes zur Einsicht mahnte und flehte, des Hasses zu vergessen. Thut wie er geboten, seid sein echter Sohn und ein getreuer Sohn Eurer Vaterstadt.« Der Ritter fühlte, wie Holtnickers Finger seine Hand noch fester umspannten, als wollten sie aussprechen, was die Lippen zu sagen zu schwach wurden. Eine gewaltige Überredungskraft lag in diesem stummen Händedruck. Das spürte auch Rolef. »Aller Haß sei begraben«, sagte er mit fester Stimme, »dem Wohl der Vaterstadt soll meine ganze Kraft gewidmet sein!« Da legte der Fürst auch seine Hand zu denjenigen der beiden Versöhnten und auch den jungen Holtnicker winkte er heran, dessen Rechte er als vierte hinzufügte. »So wollen wir geloben, Fürst, Ritter und Bürger, ich aber nicht allein für mich, sondern auch für meine Stiefsöhne Friedrich und Bernt, dieses Landes echte Erben, Frieden zu stiften in Stadt und Land Braunschweig, den Gerechten zur Freude, den Ungerechten zum Leide.« »Wir geloben es«, wiederholten die Männer. Die Finger des Sterbenden lösten sich, seine Hand fiel in müder Schwere herab, über sein Antlitz lief ein Zucken, sein Haupt sank zurück, er war tot. Schluchzend warf sich der junge Holtnicker über die Leiche seines Vaters. In stillem Gebet knieeten Herzog Albrecht und Ritter Doring am Lager nieder. Achtes Kapitel Herz und Gewissen Unweit des Wolfenbütteler Fürstenschlosses liegt die Pfarrkirche zu St. Longinus. Um sie scharten sich zu jener Zeit, von welcher wir erzählen, die wenigen niederen Häuser der Stadt Wolfenbüttel. Eines der stattlichsten derselben war das Kloster der Dominikanerinnen, ein Tochterhaus des reichen und angesehenen Klosters zu Drübeck. Hier hatte Ilse vam Damme durch Vermittlung der Schwester Albina Aufnahme gefunden. Nicht als einer Novize, sondern als einer Obdachlosen hatte sich ihr das Asyl zum einstweiligen Aufenthalt geöffnet. Der Ritter Doring zwar durfte dasselbe nicht betreten, doch war es ihm unbenommen, das anstoßende Haus des Klostermeiers zu besuchen, welcher die Grundstücke des Klosters in Pacht hatte. Durch die langen Jahre seines Wolfenbütteler Aufenthalts war er demselben wohl bekannt geworden. Und wie Schwester Albina Ilse unter den Schutz der frommen Nonnen gestellt, so empfahl Rolef sie der Obhut der Frau des Klostermeiers, welcher würdevollen Matrone er rückhaltlos sein Verhältnis zu der Jungfrau offenbarte. Und diese sorgte mit dem Interesse, das die meisten Frauen an derartigen Verhältnissen nehmen, dafür, daß die Liebenden sich oft genug unter ihrem Dache sprechen konnten. Rolef bemerkte bei diesen Zusammenkünften ebensowenig wie auf der Reise, welche er vom Lager vor Twieflingen nach Wolfenbüttel gemeinsam mit den Frauen zurückgelegt hatte, jemals wieder den Schatten, welcher sein erstes Wiedersehen mit Ilse zum Schluß verdunkelt hatte. Dagegen wollte es ihm manchmal erscheinen, als ob in dem Verhältnis zwischen Ilse und Schwester Albina ein etwas gezwungener Ton herrsche. Doch war ihm dies Verhältnis selbst viel zu gleichgiltig, um über seine Entdeckung und ihren etwaigen Grund nachzudenken oder gar Ilse darüber zu befragen. In der That hatte er sich nicht getäuscht. Es war zwischen Ilse und Schwester Albina eine Entfremdung eingetreten. Nicht als ob auch nur ein minder gutes Wort zwischen ihnen gewechselt wäre! Und dennoch fühlten sie beide, daß zwischen ihnen eine Kluft bestand, welche sich täglich vergrößerte. Wodurch aber ward diese Kluft gebildet? Schwester Albina erwartete, daß Ilse eine Frage an sie richten werde. Ilse wußte das, aber sie konnte sich nicht entschließen, diese Frage zu stellen. Allerdings mußte eine ungünstige Beantwortung derselben ihr kaum wiedergewonnenes Glück vernichten. Darum stellte sich Ilse nicht einmal selbst diese Frage, sie drängte sie zurück in ihr tiefstes Innere, soweit zurück, daß sie sich kecken Mutes vorsprach, diese Frage sei überhaupt nicht vorhanden. Und dann war doch wahrhaftig kein Grund, eine solche Frage an eine andere zu richten, und sei die andere auch die beste Freundin und die Weiseste und Wohlwollendste unter allen Menschen. »Hast Du mir nichts zu sagen?« Schwester Albina sprach die Worte nicht aus, aber deutlich waren sie in dem tiefen Blick ihrer großen, seelenvollen Augen zu lesen, am deutlichsten, als sie von Ilse Abschied nahm, um nach Drübeck zu gehen. Aber auch da hatte ihr Ilse nichts zu sagen! Sie war eine glückselige Braut, nichts anderes wollte sie sein, keinen anderen Gedanken wollte sie haben, als an ihr Glück, nur Sonnenschein sollte um sie sein, auch nicht ein Schatten von dem, was vergangen, sollte diesen Sonnenschein trüben. Darum sah auch Rolef den Schatten nicht wieder auftauchen, den er einmal bemerkt hatte. Wird er für immer fern bleiben? Oder hätte Ilse besser gethan, mit der Vergangenheit ganz, ehrlich und klar abzuschließen, ehe sie sich so rückhaltlos ihrem gegenwärtigen Glücke hingab? Rolef wenigstens hatte das gethan. Der erste Mensch, welcher auf Schloß Wolfenbüttel von dem Glück erfuhr, welches ihm die letzten Tage gebracht hatten, war Herzog Friedrich, der zweite – Irmgarde Kyphod! Als er sie am ersten Tage nach seiner Rückkehr aufsuchte, trat sie ihm mit strahlendem Antlitz entgegen, und als er, an ihr letztes Gespräch anknüpfend, damit begann, daß jetzt vollständige Klarheit zwischen ihnen herrschen müsse, lachten ihre schwarzen Augen ihn so froh und siegesgewiß an wie noch nie. Nachdem er aber seinen Bericht beendet, da lachte ihr Mund auch noch und lächelnd wünschte ihm ihr Mund alles Gute und Schöne zu seiner Vermählung, ihre Augen aber blickten dabei so starr, daß es Rolef fröstelte. Er dankte für ihre Teilnahme, indem er ihre Hand an seine Lippen führte, dieselbe war kalt wie Eis. Noch einmal suchte er ihre Augen, aber sie hatten sich hinter den Vorhang der langbewimperten Augenlider verborgen, nur um den Mund lag noch, wie von einem Zauberer festgebannt, dasselbe artige Lächeln. Und wie vor einem Zauber graute Rolef vor diesem Lächeln, er atmete auf, als die Thür zwischen ihnen lag. Am andern Morgen begegnete er ihr auf dem Schloßhof. Wäre es noch möglich gewesen, ihr auszuweichen, so hätte er es gethan, aber sie hatte ihn schon bemerkt und kam geraden Weges auf ihn zu. »Ist es nicht zu unbescheiden«, fragte sie vollständig unbefangen, »wenn ich Euch bitte, Ritter Doring, mich zu Eurer Braut zu führen?« Rolef sah sie nicht ohne Erstaunen an, aber in ihrem schönen Antlitz war auch nichts zu entdecken, was auf einen Kampf hätte schließen lassen, den sie in ihrem Innern durchgekämpft. Dasselbe war so glatt, so ruhig wie ein Spiegel, nicht wie der Spiegel eines Sees, welchen der leiseste Luftzug zu kräuseln vermag, sondern wie der unbewegliche Metallspiegel, in dessen blanker Fläche Irmgarde so gerne ihre Schönheit bewunderte und mit dessen Hilfe sie es gelernt, in ihrem Mienenspiel nichts von dem zu verraten, was ihre Seele bewegte. Das Erstaunen des Ritters entging ihr nicht. »Ich möchte gern die Braut desjenigen kennen lernen«, fuhr sie fort, ihm die Hand reichend, »welchen ich schon so lange als meinen brüderlichen Freund betrachte.« Rolef wußte, daß sie ihn eine Zeitlang nicht nur als brüderlichen Freund betrachtet, sondern gern ihm einen weit innigeren Namen gegeben hätte. Desto höher schätzte er ihre Rücksicht, daß sie ihm jetzt versicherte, nie etwas anderes in ihm erblickt zu haben. Gern ging er daher auf Irmgardens Gedanken ein und schlug ihr vor, ihn gleich jetzt zu Ilse zu begleiten. Seitdem sah man die Jungfrau Kyphod oft bei den Dominikanerinnen und im Hause des Klosteramtmanns. Zumal nachdem Schwester Albina Wolfenbüttel verlassen hatte, ward sie dort ein fast täglicher Gast. Ilse kam der neuen Freundin, welche ja Rolef ihr zugeführt hatte, mit rückhaltlosem Vertrauen entgegen. Und der Zauber, welcher von Irmgardens eigenartiger Schönheit, ihrer Anmut und bestrickenden Liebenswürdigkeit ausging, umfing bald auch sie. Niemand aber sah das freudiger als Rolef. Das Gelübde, welches er am Lager des sterbenden Holtnicker abgelegt, mahnte an seine Erfüllung, Herzog Friedrichs Pläne reiften ihrer Vollendung entgegen, heimliche Boten kamen und gingen zwischen Wolfenbüttel und Braunschweig, nicht minder zwischen dem jungen Fürsten und seinem Stiefvater in Celle. Da war auch für den Ritter Doring nur noch wenig Zeit, holder Minne zu leben. Wochenlang mußte er von Wolfenbüttel abwesend sein, meistens – nur den Eingeweihten sichtbar – in Braunschweig, nicht allein um die städtischen Rüstungen gegen den »Quaden« zu betreiben, sondern auch um zwischen den grollenden Parteien zu vermitteln, die Rückkehr der vertriebenen Burgensen einzuleiten, die Sühnbedingungen festzustellen, unter denen der Stadt Wiederaufnahme in den Hansabund gewährt werden sollte, und endlich Sorge zu tragen, daß alle einflußreichen Posten mit solchen Männern besetzt wurden, deren Abneigung gegen den »Quaden« ebenso gewiß war, als ihre Zuverlässigkeit und Treue gegen die Söhne Herzog Magni. Aber nicht allein in die Vaterstadt rief ihn die Pflicht. Auch das lag ihm ob, der Stadt Vorschläge den verbannten Geschlechtern zu übermitteln, die Häupter derselben aufzusuchen, sei es in Magdeburg und Goslar, sei es an den Bischofssitzen von Halberstadt und Hildesheim, um sie zu überreden, daß jetzt die Liebe zur teuren Heimat ihnen mehr gelten müsse als der Groll ob des erlittenen Unrechts, auch das lag ihm ob, die Gestrengen und Wohlweisen der Hansastädte Braunschweig günstig zu stimmen und sie zu vergewissern, daß künftig in der Stadt Heinrichs des Löwen wieder Recht und Gesetz gelten sollten und die zum Regiment Berufenen wie früher, wenn auch durch das Geschehene gewitzigt und nicht mehr in hochmütiger Abgeschlossenheit, sondern im Einverständnis mit Gilden und Volk, die Herrschaft üben würden. Alles das mußte jetzt erledigt werden und zwar in so kurzer Zeit, daß nur nie ermüdender Eifer dieser Aufgabe gerecht werden konnte. Darum war es für Rolef eine Beruhigung, daß eben jetzt, wo er Ilse so wenig sein konnte, die Geliebte an Irmgarde eine Freundin fand, deren Heiterkeit und Anmut ihr am besten die bitteren Stunden der Trennung versüßen konnten. So war der Heumonat dahingegangen und der Erntemond ins Land gekommen, als man eines Tages die Jungfrau Kyphod vom Schloß zu dem Hause bei Sankt Longini schreiten sah. Und zwar befließ sie sich größter Eile. Die Erklärung stand auf ihrem Antlitz geschrieben, dasselbe drückte die äußerste Besorgnis aus. Ohne erst, wie es sonst ihre Gewohnheit war, bei den Dominikanerinnen anzuläuten und nach Jungfrau Ilse zu fragen, schritt sie geraden Wegs zum Haus des Klostermeiers. Wie sie es gehofft, traf sie dort Rolef Doring mit Ilse im Gemach der Hausfrau. »Ihr müßt fort«, rief sie ihm zu, die Thür noch in der Hand, »gleich müßt Ihr fort, ohne Aufenthalt, der ›Quade‹ will Euch festsetzen lassen, er ist außer sich vor Wut, noch nie habe ich ihn so gesehen!« »Aber was ist denn geschehen? Heilige Jungfrau! Was hast Du gethan, Rolef?« Ilse rief es in höchster Angst, indem sie sich an seine Brust schmiegte. »Genug habe ich gethan, Geliebte«, lachte Rolef, »um den ›Quaden‹ zu erzürnen, und denke noch ein Erkleckliches mehr zu thun.« Und sich zu Irmgarde wendend, fuhr er fort: »Hat er gehört, daß mich die Braunschweiger zu ihrem Stadthauptmann gekürt?« »Das hat er erfahren und ich weiß nicht, was sonst noch alles. Bitte, haltet Euch nicht auf, er hat befohlen, die Thore zu schließen und das ganze Schloß, die ganze Stadt nach Euch zu durchsuchen.« »Aber mit welchem Recht?« rief Ilse. »Du bist nicht sein Dienstmann. Herzog Friedrich ist Dein Herr.« »Glaubst Du, der schütze seine Mannen gegen die Wut des ›Quaden‹?« fragte Irmgarde spöttisch. »Er denkt nicht daran. Weißt Du, was er gesagt hat? Ein Ritter, der sich von meineidigen Krämern zum Hauptmann küren lasse, könne nicht länger sein Dienstmann sein.« »O, dieser Wankelmütige«, schluchzte Ilse. »Hat er Dich nicht sonst seinen besten Freund genannt?« »Ja, ja, er ist wankelmütig«, stimmte Rolef zu und bei diesen Worten wechselten in seinen Zügen Ernst und Spott wundersam mit einander. »Er ist schwach und unbeständig. Auf seinen Schutz kann ich mich nicht verlassen. Mir bleibt nichts als die Flucht.« »Und zwar die eiligste Flucht«, drängte Irmgarde. »Ich beschwöre Dich, Ilse, halte ihn nicht länger auf. Jeder Augenblick Verzögerung kann ihm den Tod bringen.« Noch einen Kuß drückte Rolef auf Ilses Mund, dann setzte er den Helm auf, welchen Irmgarde schon bereit hielt. Ilse folgte ihrem Beispiel und reichte ihm das Schwert. »Geh, geh, eile Dich«, flüsterte sie dabei, indem eine Thräne nach der anderen sich von den Wimpern löste und über die schmalen Wangen herabrieselte. Jetzt war das Schwert umgürtet, noch ein Händedruck, noch ein Lebewohl, das dumpf unter dem Stechhelm hervorklang – dann war er fort. Irmgarde schloß die weinende Ilse in ihre Arme. »Er wird wiederkommen«, tröstete sie, »und dann wird er Dich mit sich nach Braunschweig führen, in sein väterliches Haus. Daran mußt Du jetzt denken, wie schön das Wiedersehen sein wird und wie herrlich es werden wird, wenn ihr erst zusammen in Deinem geliebten Braunschweig Haus haltet.« Sie führte bei den Worten die Freundin zu einem Sessel am Fenster und drückte sie sanft auf denselben nieder. Sie selbst aber setzte sich auf einen Schemel zu Ilses Füßen, legte die Hände auf deren Kniee und stützte den Kopf darauf. »Ach, wenn ich nur wüßte, ob er glücklich fort gekommen ist?« seufzte Ilse, »Wenn die Thore nun schon geschlossen sind und des ›Quaden‹ Reisige ihn fangen, ihn auf die Burg schleppen –« »Nicht doch«, unterbrach Irmgarde sie lächelnd. »Darüber brauchst Du Dich nicht zu sorgen. Noch wird er den Händen der Häscher entgehen. Nicht umsonst haben mich meine Füße so schnell von der Burg hierhertragen müssen, nicht umsonst bat ich so drängend, Euren Abschied zu kürzen. Jetzt noch kann er entkommen; in kurzem freilich wäre die Flucht unmöglich gewesen.« »Ja, ja. Du hast ihn gerettet«, rief Ilse stürmisch, »und ich habe Dir noch nicht einmal gedankt. Du beste, liebste Freundin, o wie bin ich Dir zu Dank verpflichtet!« Sie beugte sich herab und streichelte Irmgardens Antlitz und küßte sie auf die schönen Augen. »Jede hätte das gethan«, wehrte Irmgarde ab, »jede, die Euch lieb hat und hörte, was ich hören mußte. Aber es war ein Glück, daß ich es hörte, daß der ›Quade‹ mit der Nachricht in meines Vaters Schreibstube stürmte und in seiner Wut nicht daran dachte, daß möglicherweise in dem Zimmer über ihm zwei sehr wachsame Ohren sein möchten und zwei sehr hörsame Ohren. Das war ein Glück, ebenso wie damals der gute Einfall der Schwester Albina in der Obermühle, Dich für eine Nonne des Klosters Drübeck auszugeben.« Ilse fuhr sich leicht mit der Hand über die Stirn. »Das nützte nur damals nicht viel«, meinte sie gleichgiltig, »wir gerieten nachher ja dennoch in die Gewalt der Schnapphähne.« »Allerdings«, lächelte Irmgarde, »aber dennoch war Eure Lage dann eine andere. Als Nonne des reichen Drübecker Stifts hielten Euch die Räuber, auf ein hohes Lösegeld hoffend, in Ehren, wenn auch in strenger Haft; ob sie dieselbe Rücksicht auf eine arme Verlassene genommen hätten, die noch dazu des Verrats bezichtigt war –« »Bitte, Irmgarde, laß uns davon nicht sprechen«, unterbrach sie Ilse, »das war eine trübe Zeit, an die ich ungern zurückdenke.« Oft hatte Ilse schon so gebeten, es war eigentümlich, an ihre Rettung durch Schwester Albina mochte sie nicht erinnert sein. Und ebenso eigentümlich war es, daß Irmgarde dennoch immer wieder das Gespräch auf diesen Punkt hinzulenken strebte. Für sie mußte der Vorfall einen ganz besonderen Reiz haben, daß sie trotz Ilses Abneigung nicht müde ward, stets darauf zurückzukommen. Neugierde konnte das nicht sein, sie kannte ja den Hergang genau. Oder gab es doch vielleicht etwas darin, was sie noch nicht wußte und was Ilse sie auch nicht wissen lassen wollte? Und war es vielleicht eben das Schweigen Ilses über diesen einen Punkt, was Irmgarde wünschen ließ, auch in diesem einen Punkte klar zu sehen? Wie dem auch sein mochte, bisher hatte sie immer den Gegenstand fallen lassen, wenn Ilse so bestimmt bat, nicht davon zu sprechen. Auch heute schien sie das thun zu wollen, erheischte doch gerade heute Ilses erregtes Gemüt doppelte Rücksicht, Zwar sind die Menschen, wenn sie gemütlich erregt sind, auch am wenigsten imstande, ihre Gefühle zu verbergen, selbst solche, welche für andere ein Geheimnis bleiben sollen. Doch daran dachte Irmgarde wohl nicht, oder wenn sie daran dachte, so wies sie es weit von sich, diesen Umstand zu benutzen, um Ilse ein Geheimnis abzuringen. Sie stützte den Kopf auf die Fläche der rechten Hand und schlug mit einem wunderbar innigen Ausdruck die schönen Augen zu der Freundin auf. »Wie kannst Du glauben, daß ich Dich quälen will«, sagte sie mit einem reizenden Lächeln, »daß ich Erinnerungen in Dir wach rufen will, welche Dir peinigend sind? Wir wollen von etwas anderem sprechen. Weißt Du wohl, welcher Gedanke mir so manchmal durch den Kopf zieht?« »Wie soll ich das wissen?« »Ich denke manchmal« – Irmgarde schaute bei diesen Worten an der Freundin vorbei und betrachtete nachdenklich einen Rosenstock, welcher auf dem Fenstersims stand, als ob auf dessen Blütenblättern die Gedanken geschrieben wären, welche sie Ilse mitteilen wollte – »ich denke manchmal, wenn ich Dein und Rolefs Schicksal an mir vorüberziehen lasse, daß Ihr der größten Gefahr, welche Euch drohte, entronnen seid, ohne sie einmal recht zu ermessen. Denn alles das, was Euch widerfahren ist, bedeutet wenig gegen das, was ich meine. Wie nahe lag es Dir in der Einsamkeit der Obermühle und in dem vertrauten Verkehr mit der frommen Schwester Albina, dem Beispiele derselben zu folgen und auch den Schleier zu nehmen. Ja, noch mehr! Wie nahe hätte es gelegen, daß Du in jenem Augenblick der äußersten Gefahr Dich nicht nur von der Schwester für eine Nonne ausgeben ließest, sondern ihr in der That gelobtest, eine Nonne zu werden. Und ein solches Gelübde, zwar dem Gesetze nach nicht bindend, da ja sogar die Novize nach dem Prüfungsjahr ihr erstes Gelübde wieder zurücknehmen kann, hätte dennoch durch die Umstände, unter welchen Du es abgelegt, eine solche Kraft gewonnen, daß es Dich für immer von Rolef hätte scheiden müssen. Denn das Opfer, welches Du Gott darbrachtest, damit er Dich aus drohender Gefahr retten sollte, konntest Du nicht mehr zurücknehmen, nachdem er Dich aus dieser Gefahr gerettet. Seine wunderbare Hilfe war das sicherste Zeichen, daß er sein Ohr Deinem Flehen geöffnet und Dein Opfer in Gnaden angenommen hatte. Wolltest Du es jetzt wieder zurückfordern, seinen äußersten Zorn würdest Du auf Dich lenken, auf Dich und den Geliebten.« Nun war Irmgarde ja doch wieder – wenn auch auf einem Umwege – bei dem Einen Punkt angelangt. Und jetzt war er ihr kein Geheimnis mehr. Ohne Ilse anzusehen, wußte sie, welchen Eindruck ihre Worte auf die Freundin gemacht hatten. Ilses Kniee zitterten, ihre ganze Gestalt bebte. Ohne die Augen von dem Rosenstock zu verwenden – doch leuchteten diese schönen Augen jetzt in triumphierendem Glanze – fuhr Irmgarde fort: »Sieh, liebe Freundin, alles das ging mir so durch den Kopf, und dann dankte ich dem Herrn so recht von Herzen für Euch, daß er Euch an dieser größten aller Gefahren gnädig vorübergeführt hat. Jetzt magst Du Dir die Zukunft mit den rosigsten Bildern schmücken. Wie aber müßte sich diese Zukunft gestalten, wenn Du jenes Gelübde in der That abgelegt hättest? Könntest Du denn nur einen ruhigen Augenblick in dem Gedanken haben, daß Dein größtes Glück, der Besitz Deines Rolef, ein Raub an Deinem Gotte sei?« Ein ächzendes Stöhnen rang sich aus Ilses Brust. Jetzt erst wandte Irmgarde den Blick ihr wieder zu. »Was ist Dir?« fragte sie erstaunt. »Komm, wir wollen das Fenster öffnen – es ist so heiß hier – der Schrecken, die Aufregung des Abschieds – Du bist erregt – da ist diese dumpfe Schwüle Gift – frische Luft wird Dir wohl thun.« Bei den Worten hatte sie schon das Fenster in die Höhe geschoben. Nun lehnte sie Ilses Kopf an ihre Brust. »Du siehst ordentlich blaß aus«, fuhr sie fort, »warum hast Du nur nicht eher etwas gesagt? Wird Dir jetzt nicht besser? Wie erquickend die Luft aus dem Klostergarten hereinströmt! Jetzt können wir auch ganz sicher sein, daß Rolefs Flucht gelungen ist. Hätten sie ihn ergriffen, so würden wir das Getümmel gehört haben.« Ilse machte sie mit sanfter Gewalt los. »Ich bin wieder ganz wohl«, sagte sie leise. »Es war nur eine vorübergehende Schwäche. Offenbar infolge der Gemütsbewegung und der dumpfen Luft.« »So kann ich Dich mit gutem Gewissen allein lassen, mein teures Herz?« »Gewiß. Horch, schon läuten sie im Kloster zur Abendmesse. Ich muß hinüber.« »Auf Wiedersehen morgen.« »Auf Wiedersehen! Und nochmals tausend Dank!« Ilse war allein. Sie sank am offenen Fenster in die Kniee und rückhaltlos brachen jetzt die heißen Thränen hervor. Nun war die Frage gestellt, welcher sie so lange scheu ausgewichen, gestellt und beantwortet! War sie noch eine glückliche Braut? Konnte sie es noch sein? So oft Irmgarde Kyphod auch in den folgenden Tagen Ilse vam Damme sah, niemals berührte sie wieder den Vorgang in der Obermühle bei Achim. Dagegen wußte sie Ilse sonst gar mancherlei zu erzählen. Offener Krieg – so berichtete sie – zwischen Herzog Otto und der Stadt Braunschweig stehe vor der Thür. Der Fürst sei über Dorings Entkommen in die größte Wut geraten und auf seinen Befehl habe Herzog Friedrich dessen Auslieferung als seines Dienstmannes vom Rat verlangen müssen. Da sich der Rat derselben geweigert, wolle der »Quade« sie mit Gewalt erzwingen. Viele tapfere Ritter würden mit ihm ziehen, außer den Mannen seines Gefolges: Kort van dem Steinberge und Herr Hans van Schwichelde der Ältere, beide Vasallen des Bischofs von Hildesheim, auch mit den Velthems auf der Asseburg sei ein Bündnis geschlossen und ebenso mit den Weverlingens von Bansleben. Zwar habe Rolef Doring gesagt, als er solches erfahren: »Viel Feind, viel Ehr!« – Aber diesmal könne es den Braunschweigern schlecht gehen, alle seien gegen sie und niemand wolle ihnen helfen. Und wiederum ein anderesmal erzählte sie, heute seien die Fürsten – Herzog Otto und Herzog Friedrich – wirklich zu Felde geritten gen Braunschweig. Und schon am nächsten Tage wußte sie zu berichten, durch Hunger wolle man die Städtischen zwingen, aus ihren Mauern hervorzukommen und sich mit den Rittern im freien Felde zu messen, schon sei ihnen alle Zufuhr abgeschnitten, ihre Meierhöfe aller Vorräte beraubt, die Bauern der umliegenden Dörfer hätten schwören müssen, künftig ihren Kram nach Wolfenbüttel statt nach Braunschweig zu Markt zu führen – und wer sich dessen geweigert, dem sei Haus und Hof niedergebrannt. Sechs Dörfer habe man so in Flammen aufgehen lassen. Nur wie im Traume hörte Ilse alle diese Nachrichten. Und dennoch betrafen sie alle Rolef, den Geliebten. Aber in ihrem Innern tobte ein Kampf, gegen welchen derjenige um die Mauern Braunschweigs ihr gering deuchte. Wie sehnte sie sich jetzt nach Schwester Albina, wie bereute sie es jetzt, sich nicht der erfahrenen, mütterlichen Freundin entdeckt, nicht ihr die Frage vorgelegt zu haben, ob wirklich das Gelübde an jenem Morgen in der Obermühle sie für immer von Rolef trennen müsse. Nun mußte sie selbst und mußte allein sie suchen, eine Antwort zu finden. O dieses entsetzlich qualvolle Grübeln! An und für sich war ihr Gelübde nicht bindend, o nein gewiß nicht, jeden Augenblick konnte sie es zurücknehmen, ausdrücklich oder stillschweigend, die Ordensregel gebot ja sogar ein ganzes Jahr der Prüfung. Aber war es schon Sünde, einem Menschen dasjenige, was wir ihm, um seine Hilfe zu gewinnen, in der Stunde der Not gelobt, zu verweigern, wenn er uns die erbetene Hilfe geleistet, wie viel mehr mußte es Sünde sein, dem ewigen Gott gegenüber so zu handeln. Wahrlich Irmgarde hatte wohl recht, wenn sie behauptete, daß eine solche Sünde Gottes schwerste Strafen herabziehen müßte. Ach und dennoch war es so unendlich schwer, dem Geliebten zu entsagen und mit ihm all dem Glück, welches sie sich an seiner Seite geträumt. Namenlos schwer war es, jetzt, wo ihr das holdeste, das reinste Liebesglück winkte, sich abzuwenden und in der Enge einer dumpfen Klosterzelle alle Hoffnungen des Lebens zu begraben. Nein, das konnte sie nicht vollbringen, das ging über ihre Kräfte. Und daher begann sie stets von neuem wieder zu grübeln, ob es denn wirklich keinen andern Ausgang gäbe, ob sie denn in der That verzichten müsse. Wie Irmgarde darüber dachte, das wußte sie. Und wie sie würden andere Menschen denken, davon war sie überzeugt, wie sie vor allem würde Schwester Albina denken. Alle werden sie verurteilen. Auch Rolef? Wird auch er sich abwenden, wenn er hört, daß der Schwur, mit dem sie sich ihm zum Weibe gelobt, eine Sünde war, weil sie sich vorher schon einem Anderen, Höheren versprochen? »Auch ihm wird grauen vor Dir«, sagte ihr eine Stimme in ihrem Herzen, »und so wie er Dich einst geliebt, wird er Dich dann verabscheuen lernen.« Qualvolle Tage, qualvolle Nächte! Immer denselben Gedanken denken zu müssen; Eins würde diese Qual enden, das wußte sie. Ein mutiger Entschluß! Aber sie konnte ihn nicht fassen. Auf halbem Wege erlahmten ihre Kräfte. Wenn sie sich zu dem Vorsatz durchgekämpft hatte, Wolfenbüttel zu verlassen und nach Drübeck zur Erfüllung ihres Gelübdes zu pilgern – mit dem Vorsatz war sie schon zu Ende. Ihn auszuführen vermochte sie nicht. So bedeutungsvoll daher auch die Nachrichten waren, welche Irmgarde Kyphod ihr täglich zutrug, so nahe die Entscheidung rückte, wer Sieger bleiben würde, Braunschweig unter der Führung ihres teuren Rolef oder der »Quade« mit seinem Anhang – alles trat zurück gegen dieses entsetzliche, peinvolle Grübeln! Erst die Kunde, daß vor Braunschweig die Entscheidung gefallen war, brachte auch ihr die Entscheidung. Wiederum war es Irmgarde, durch welche sie diese Kunde erhielt. Ein Sieg des »Quaden« – ein großer, glänzender Sieg! Am Lindenberge bei Thiede war es gewesen – so erzählte des Amtmanns Tochter. Von Not und Hunger getrieben waren die Braunschweiger ausgefallen und den Streichen des Ritterheeres erlegen. Viele von ihnen waren geblieben, viele waren gefangen. Mit den letzteren würde Otto der Streitbare heute noch in Wolfenbüttel einziehen, denn hier in Wolfenbüttel wollte er sie richten. Nur Eines hörte Ilse aus alledem heraus – daß Rolef in Gefahr gewesen. Krampfhaft faßte sie der Freundin Arm. »Lebt er noch?« fragte sie mit halb erstickter Stimme, »Ist er in Freiheit?« »Wir wollen es hoffen«, entgegnete Irmgarde zögernd. »Noch kennt man nicht die Namen der Gefallenen, auch nicht derjenigen, so gefangen. Es heißt, die Häupter der Stadt seien unter den letzteren. Aber ich vertraue auf Rolefs gutes Schwert, daß er sich durchgeschlagen hat.« Da klang heller Trompetenton in die Stille der Klostermauern. Irmgarde zog die schwach widerstrebende Ilse mit sich, »Das sind die Fürsten«, rief sie, »komm, wir wollen sie einreiten sehen.« Vom Garten des Klostermeiers aus konnte man, selbst geschützt durch das dichte Gesträuch, die Straße überblicken, welche zur Burg hinaufführte. Von hier aus sahen auch die Jungfrauen den Zug herankommen. – »Achte auf die Gefangenen«, hatte Irmgarde zu Ilse gesagt. Das Wort bannte Ilse fest, welche sonst dem Anblicke gern ausgewichen wäre. Nun kamen sie näher, nun zogen sie vorbei. Voran die Trompeter des »Quaden«, dann dieser selbst, zu seiner Seite Herzog Friedrich, hinter ihm die Ritter seines Gefolges. Deren waren es nicht viele, denn seine. Vasallen hatte der Fürst schon auf der Wahlstatt entlassen und ebendaselbst hatten sich auch die Bundesgenossen von ihm getrennt. Desto größer war der Zug der gefangenen Braunschweiger, der nun folgte. Fast unabsehbar erschien er. Feste Bande schnürten die Glieder der Gefangenen zusammen, sonst wäre es ihnen ein Leichtes gewesen, die wenigen Lanzenknechte zu bewältigen, welche ihnen zur Seite schritten. Aber wer kam da, allen voran, in bestaubter, zerfetzter Kleidung, barhaupt, die Arme auf den Rücken gebunden, das Antlitz voll Scham und Kummer zu Boden gesenkt? Er war es – Rolef! »Das ist mein Werk«, stöhnte Ilse, mit starren, thränenleeren Augen dem Zuge nachschauend, »Das ist die Strafe für meine Sünde. Ich habe ihn in die Hände seiner Feinde geliefert!« – Triumphierend schaute Irmgarde Kyphod auf sie nieder. Die Nebenbuhlerin ist nicht mehr gefährlich! Die Zukunft aber gehört derjenigen, welche Rolef Doring Leben und Freiheit zurückbringt. Und Irmgarde weiß, wer die sein wird. Neuntes Kapitel Des Kampfes Ende Es dauerte spät in die Nacht, bis der Jubel über den erfochtenen Sieg auf Schloß Wolfenbüttel erstarb, bis der »Quade« glaubte, oft genug den silbernen Humpen zur Feier seines Erfolges geleert zu haben. Am anderen Morgen ging er mit großem Gepränge in Begleitung seines Vetters, des Herzogs Friedrich, vom Schloß nach Sankt Longinus, wo auf seinen Befehl ein Hochamt celebriert wurde. Nach seiner Rückkehr ins Schloß gedachte er das Gericht über die Gefangenen zu beginnen, zunächst über den Ritter Doring. Er gedachte also zu thun – aber er sollte das Schloß nicht wieder betreten. Unter der Messe ward Herzog Friedrich plötzlich unwohl, ein heftiges Nasenbluten zwang ihn die Kirche zu verlassen. Dann sah man ihn schnellen Schrittes den Weg zum Schloß einschlagen. Seltsamer Weise ward hinter ihm die Brücke aufgezogen und das Burgthor geschlossen. Und noch seltsamer erschien es, daß sich bald darauf die gefangenen Städtischen auf den Wällen zeigten und zwar nicht in Ketten, sondern in voller Rüstung. Denn sobald Herzog Friedrich das Schloß erreicht hatte, eilte er den Gefangenen ihre Kerker zu öffnen und ihnen Waffen anzuweisen. Zu gleicher Zeit ließ er einen Wappenhandschuh aufstecken. Das war aber das Zeichen für den von der Stadt Braunschweig aufgestellten Späher. Als der diesen Handschuh erblickte, eilte er nach Braunschweig und von Stund an wurden dort die Glocken geläutet und die Bürger zogen aus den Thoren gen Wolfenbüttel. »Da merkte« – so schreibt der Chronist – »und hörte wohl dieser Herzog Otto, daß es ein gemachter Reigen war, und ließ sich in einem Schiffe über die Oker setzen und dankte Gott, daß er hinwegkam,« – Ein gemachter Reigen! Auch der große Sieg des »Quaden« am Lindenberge nur »ein gemachter Reigen!« Das Zurückweichen, die Flucht der Städtischen war nur Schein gewesen – Schein nur, daß sich Rolef Doring, der Stadthauptmann, mit der auserlesensten Mannschaft der Stadt dem Herzog Friedrich ergeben hatte. Der schnell und mühelos erfochtene Sieg bewog das Ritterheer auseinander zu gehen und Herzog Otto seine Vasallen zu entlassen. So stand ihm niemand zur Seite, als die Braunschweiger, welche er selbst triumphierend auf seine Burg geführt, plötzlich aus Gefangenen zu Herren derselben wurden. Er mußte fliehen, er, der stolze, kriegerische Mann fliehen vor seinem verachteten Vetter »und Gott danken, daß er hinwegkam!« Der Kampf ums Erbe war zu Ende! Der rechtmäßige Erbe hatte gesiegt, gesiegt mit Hilfe treuer Freunde, mit Hilfe der Stadt Braunschweig, des mächtigen Wettiners, Herzog Albrecht von Lüneburg, welcher mit fünfzig Gewappneten in Braunschweig die Kunde vom Gelingen des kühnen Handstreichs abwartete, aber gesiegt vor allem durch seine Selbstbeherrschung, durch seine Geduld, durch seine Klugheit. Stolz konnte er das endliche Gelingen als sein Werk bezeichnen. Und freudiger Stolz lag auf seinem Antlitz, als er jetzt, seinen bewährten Freund Doring zur Seite, im fürstlichen Schmuck aus dem Schloßhof ritt, als er vor dem Hause des Klostermeiers hielt, als er unter das niedrige Dach trat und nun Ilse gegenüber stand. In feierlichen Worten warb er nochmals um ihre Hand für den Ritter Doring und bat sie, sich zu rüsten, denn noch der heutige Tag – das sei sein inniger Wunsch – solle ihre endliche Vereinigung schauen. So viel Glanz hatte das enge Gemach wohl noch nie gesehen als heute. Wie hell die Harnische der Ritter blinkten! Wie prangend ihre wallenden Helmbüsche leuchteten! Und heller als beides lachte aus ihren Gesichtern die Freude, die stolze Freude, am Ziel zu sein. Zwischen all dem Glanz nur eine ernste, dunkle Gestalt, zwischen all den freudestrahlenden Gesichtern nur ein stilles, kummervolles Antlitz mit starren, thränenleeren Augen – Ilse! »Inniger Dank gebührt Euch für Eure Huld, Fürstliche Gnaden, aber zürnt mir nicht, wenn ich Euch sage, daß der Ritter Doring niemals mein Gemahl werden kann.« Hätte vor ihnen die Flamme aus dem Boden geschlagen und wäre der Fürst der Unterwelt in gleißendem Scheine vor ihren Augen emporgestiegen, die Ritter hätten nicht erschrockener dreinschauen können, als bei diesen Worten Ilses. »Du redest irre, Ilse. Bei der heiligen Jungfrau, Du bist krank« –mit den Worten breitete Rolef die Arme nach ihr aus. Aber Ilse trat abwehrend einen Schritt zurück. »Ich bin nicht krank, Ritter Doring«, sagte sie ruhig, »ich war krank, jetzt bin ich genesen. Ich war krank, als ich vergessen konnte, daß ein Höherer vor Euch ein Recht auf mich hatte, dem ich mich gelobt in der Stunde der Gefahr, ein Höherer, welcher mich aus dieser Gefahr errettet und dem daher mein Leben in dankbarer Hingebung geweiht sein soll von Stund an!« »Gott segne Dich für dieses Wort, mein teures Kind!« Eine hohe Frauengestalt im ernsten, ascetischen Gewände der Dominikanerinnen rief es aus. Mit strahlenden Augen und ausgebreiteten Armen stand sie in der Thür, und einen Moment später barg Ilse ihr Haupt an der Brust der Schwester Albina. »Wie habe ich mich gesehnt, dieses Wort von Deinen Lippen zu hören«, sagte die Nonne mit mütterlicher Milde, »und wie habe ich um Dich gebangt, daß Dein Herz die Pflicht der Dankbarkeit vergessen konnte. Es ist nicht geschehen, die Jungfrau sei gepriesen!« Und mit Ilse den sie erstaunt betrachtenden Rittern näher tretend, fuhr sie fort: »Als Ilse vam Damme von frechen Räubern in der Obermühle bei Achim schwer bedrängt ward, gelobte sie in meine Hand, am Altar von Drübeck den Schleier zu nehmen. Aber als Ihr, Ritter Doring, uns aus Twieflingen befreitet, da schien sie im Glück irdischer Liebe ihres Versprechens zu vergessen. Betrübten Herzens verließ ich sie, um meiner Oberin in Drübeck zu berichten, was geschehen war und um ihre Entscheidung zu bitten, was ich jetzt thun solle, ›Nicht sei es an uns‹, bestimmte die hohe Frau, ›Ilse vam Damme zur Erfüllung eines Gelübdes zu zwingen, welches zu widerrufen die Ordensregel ihr ein Jahr lang Zeit lasse, noch würde es uns ziemen, sie von der Seite eines Mannes zu reißen, dessen echte Liebe und Treue durch schwere Prüfungen erprobt sei. Dennoch aber würde Gottes Züchtigung nicht ausbleiben, wenn Ilse jetzt im Sonnenschein des Glückes vergessen wolle, wer sie aus ärgster Not errettet. In diesem Sinne solle ich zu ihr reden.‹ Das ist nun nicht mehr nötig. Von sich selbst aus hat es Ilse bekannt, wem sie ihr Leben hindurch in treuer Dankbarkeit dienen will. Darum wird auch ihrer Ehe der Segen des Himmels nicht fehlen!« »So brauche ich nicht zu entsagen?« fragte Ilse aufschauend. »Auch als Deines Gatten ehrsame Hausfrau kannst Du Gott dienen«, entgegnete Schwester Albina. »Und er hatte den Geliebten Deines Herzens nicht nach so langen Jahren in Deine Arme zurückgeführt, wenn er nicht so Dein Gelübde erfüllt wissen wollte.« – Mit diesen Worten legte sie Ilses Rechte in diejenige Rolefs. Da füllten sich Ilses starre Augen mit Thränen, aber es waren Thränen seligster Freude. Und wie es Herzog Friedrich gewünscht, feierte man heute noch im Schloß zu Wolfenbüttel des Ritters Doring Hochzeit mit der Jungfrau vam Damme. Ausgesöhnt mit den vertriebenen Burgensen, wieder aufgenommen in den Hansabund, beschirmt von den welfischen Herzögen, hob sich das Ansehen der Stadt Braunschweig langsam, aber stetig wieder zur alten Höhe. An ihrer Spitze stand lange Jahre hindurch als erster Bürgermeister der Altstadt Rolef Doring. Im alten Hause der Dorings aber am Steinmarkt waltete Ilse als ehrsame Hausfrau und die so lang verstummten Gemächer hallten bald wieder von jubelnden Kinderstimmen. –   Heinz Kyphod überlebte nur um wenige Jahre das Mißlingen seiner Wolfenbütteler Pläne, Ein Göttinger Bürger schlug ihn in Wahrung seines Hausrechts mit blanker Axt nieder. Jungfrau Irmgarde aber wird unter den Nonnen des Klosters Wiebrechtshausen genannt, welches die verwitwete Herzogin Margareta nach dem Tode ihres 1394 verstorbenen Gemahls stiftete zur Sühne des Kirchenbanns, mit dem beladen Otto der Quade aus dieser Welt gegangen war.