Im Zauberlande Die Neuesten Märchen für die liebe Jugend von Ernst Constantin. Das warme Polarland. I. Kapitel. Am nördlichen Polarmeere. »Es ist doch eigentümlich dass wir heuer keine Walfische fangen können. So oft ich schon mit herauf fuhr, hatten wir während der Zeit doch 6-8 große Tiere gefangen wenn wir Kap Nassau erreichten. Der Kapitän will es jetzt im Norden von Nowaja Semlja versuchen, denn fast leer heim fahren, wäre doch gar zu ungeschickt. Aber die Zeit ist schon weit vorgestrichen, heute schreiben wir den 4. September und wenn die Sache nicht schnell abgemacht wird, kann es uns gehen wie dem Tegethoff, wir müssen dann galant sein und dem Kaiser Franz Joseph Land eine Visite abstatten. Donner und Doria, es wäre eine fatale Geschichte, wie die Eisbären hier einzufrieren.« Dies vor sich hin brummend und eine kurze Stummelpfeife rauchend, stand der Steuermann Wonström an den Hauptmast des schwedischen Walfischfahrers Isbjörn (Eisberg) gelehnt und schaute auf die mit einzelnen Eisschollen bedeckte Wasserfläche. Es war heuer ein gutes Jahr inbezug auf die Eisverhältnisse. Man hatte die ganze Barendzsee fast eisfrei gefunden und dadurch ermutigt, hatte der Kapitän den Isbjörn so spät noch in diese hohen Breiten geführt. Doch war dies eine gefährliche Sache, denn das bis dahin heitere Wetter konnte plötzlich umschlagen und den Isbjörn in eisige Fesseln schlagen. Vor zwei Tagen hatte man Kap Nassau passiert, doch alle Fische die sich sehen ließen, verschwanden wieder, ohne daß man einen fangen konnte. Das ganze Ergebnis war ein Walfisch und einige Walrosse, deren Speck wohlverwahrt in Fässern auf dem Schiffsboden lag. Beim Eis-Kap wollte der Kapitän umkehren, auch wenn keine Wale gefangen würden; denn das Leben der Mannschaften und seinen Isbjörn wollte er nicht länger aufs Spiel setzen. Zu der Mannschaft gehörte auch ein junger Deutscher von 17 Jahren. Er war aus Hamburg und die Sehnsucht nach Abenteuern hatte ihn veranlaßt, so halb und halb durchzubrennen. Eduard Spiller besuchte das Gymnasium in Hamburg und er, der sehr kluge und gut beanlagte junge Mann war sitzengeblieben. Und warum? Er hatte sich in den Kopf gesetzt, Abenteuer aufzusuchen, ganz gleich welche. Durch das schlechte Zeugniß und seine Unfähigkeit, in die Prima aufsteigen zu können, war sein Vater, der seinen Lebensunterhalt sauer mit Abschreibereien verdienen mußte, sehr böse geworden und hatte ihm erklärt, dass er selber für sich sorgen sollte, indem er kein Geld für einen Faulenzer besitze. Eduard ließ sich dies nicht zweimal sagen. Er machte sich eine Schiffsgelegenheit nach Bergen in Norwegen aus, packte seine sieben Sachen zusammen, schrieb einen Brief an seinen Vater und dampfte dem nordischen Wunderlande zu. In Bergen angekommen, traf er in einer Matrosenschenke mit dem 36-jährigen Steuermann Wonström zusammen. Dieser erzählte ihm, daß er in den nächsten Tagen mit dem Isbjörn nach Norden segeln würde, um in der Gegend von Nowaja Semlja den Walfischfang zu betreiben. Das war etwas für unsern Eduard, und schnell bot er sich an, die Fahrt mitzumachen, er wolle sich jeder Arbeit unterziehen. Wonström versprach ihm, mit dem Kapitän darüber zu sprechen und am anderen Tage brachte ersterer die Nachricht mit, dass Eduard aufgenommen sei; der Kapitän habe gemeint, zum Scheuern und Teeren werde er wohl taugen. Auf das Scheuern und Teeren freute sich unser Eduard nun gerade nicht, jedoch der Gedanke, die nordischen Wunder, die Eisberge, die Nordlichter und den Walfischfang zu sehen, ließ ihn das Unangenehme der Schiffsjungenarbeit vergessen. So war er denn bis zum 78. Grad nördlicher Breite gesegelt, das heißt, bis zu einer Gegend, wo die dauernden Wohnsitze der Menschen längst aufgehört haben; doch hatte er noch nicht viel bemerkt, daß er in einer solcher Gegend sich befinde. Von Eisbergen hatte er noch nicht viel zu sehen bekommen und in den nördlichen Sulmanjen-Bai, wo sie gelandet hatten, sah er neben kahlen Bergwänden auch grüne Wiesen mit Blumen, gerade wie zu Hause. Allerdings hatte er auch die schneebedeckten Häupter der Berggipfel bemerkt, und Wälder waren ihm auch noch nicht zu Gesicht gekommen, aber die Polargegend hatte er sich doch nicht so gemütlich vorgestellt. Doch er sollte die Schrecknisse bald kennen lernen. Nachdem der Isbjörn einige Zeit im Norden von Nowaja Semlja gekreuzt hatte, ohne etwas fangen zu können, gab der Kapitän am 15. September, als das Baren-Kap in Sicht kam, ärgerlich den Befehl zur Rückfahrt. Was den Kapitän noch bestimmte, umzukehren, war der Umschwung des Wetters. Das Thermometer war bis auf -6° R. gesunken und ein frischer Nordostwind brachte viel Treibeis mit; dazwischen fiel oft dichter Nebel, der ein sehr vorsichtiges Fahren bedingte. II. Kapitel. Eingefroren. Am 17. September sank das Thermometer plötzlich bis auf -14° R. Der Wind hatte sich vollständig gelegt, und der Isbjörn kam nur sehr langsam südwärts. Es bildete sich Jungeis und der Kapitän wurde sehr besorgt. Die Nacht vom 17. zum 18. September war bitterkalt und am anderen Morgen sahen sie eine große Eisfläche rings herum. Das Treibeis hatte sich durch die Kälte verbunden und der Isbjörn war eingefroren. »Verwünschtes Mißgeschick,« brummte der Kapitän. »Dem Anschein nach kommen wir in diesem Jahre nimmer heim und müssen Thran fressen.« Jetzt wurde Eduard anderer Ansicht; seine Meinung daß es ganz gemütlich hier im Norden sei, hatte sich sehr geändert. Er fror trotz der warmen Winterkleider; die Taue, welche hart und steif gefroren waren, ließen sich nur schwer regieren und die Segel glichen mehr Bretter als Leinewand. Der Isbjörn war mit Proviant für den Winter nicht versehen und daraus erklärten sich die Worte des Kapitäns, wir müssen Thran fressen; er meinte damit den Thran und Speck des erlegten Walfisches und der Walrosse. Da die Kälte anhielt, so hatte das Eis bald eine ansehnliche Stärke erreicht und weil das Schiff durch den Druck des Eises in Gefahr kommen konnte, zerdrückt zu werden, so ließ der Kapitän ca. 100 Schritte vom Isbjörn ein Haus aus quadratisch geschnittenden Eisstücken erbauen für den Fall, daß das Schiff dem gewaltigen Druck nicht wiederstehen könnte. Dieses Eishaus wurde mit Wasser übergossen, das sogleich fror und dieses bildete einen sehr festen Kitt. In das Eishaus wurden vom Schiff gebracht Speck und Proviant, Flinten und Munition, Decken und Kleider, Möbeln u. s. w.; von allem die Hälfte und die Mannschaft selbst siedelte in das Eishaus über, in welchem sie wärmer wohnten als im Schiffe. Auf dem Isbjörn wurde stets eine Wache von zwei Mann gelassen, die wechselweise vom Mastkorb, Krähennest genannt, das Eis und seine Veränderungen beobachten mußten. Es war am 21. Oktober, die lange Winternacht hatte ihren Anfang genommen, als der Steuermann Wonström und Eduard die Wache auf dem Isbjörn hatten. Eduard saß im Krähenneste und es deuchte ihn, als wenn die große Oberfläche des Eises schwankte. Er teilte dies Wonström mit, der es auch schon bemerkt hatte und einen Schneesturm voraussagte. Eduard mußte nun nach dem Eishause gehen und dem Kapitän die Bemerkung mitteilen. Dieser befahl ihm, wieder nach dem Schiffe zurückzugehen und mit Wonström so lange dort zu bleiben, bis der Schneesturm losbräche. Dieser ließ auch nicht lange auf sich warten; er kam mit einer solchen Schnelligkeit und Wut, daß es Wonström und Eduard unmöglich wurde, zum Eishause zurück zu gelangen. Von Zeit zu Zeit hörte man ein Krachen und Prasseln, als ob das Eis zerspränge. »Was tun?« frug Eduard. »Abwarten,« erwiderte Wonström. »Der Kapitän mit seinem vernagelten Eigensinn! Es ist nicht unmöglich, daß das Eis zwischen dem Schiffe und dem Eishause gesprungen ist und wir auseinander treiben und dann gute Nacht Welt. Hier in der Nähe ist die Strömung nach dem Norden zu, die seiner Zeit schon den Tegethoff, der gerade wie wir eingefroren war, mitgenommen hat und bis Franz Josephsland zutrieb. Franz Josephsland ist schauerlich, da ist Nowaja Semlja noch ein Paradies dagegen. Wenn wir dort nicht erfrieren, dann verhungern wir. Gott sei Dank, wir haben eine Menge Proviant und Walfischspeck auf dem Isbjörn, das würde uns schon eine Weile hinhalten, aber der Isbjörn selber kann jede Stunde wie eine Fischblase zusammengedrückt werden und dann ist's aus. Aber wir wollen es nur erst abwarten, vielleicht ist das Eishaus gar nicht von uns getrennt und wir –« da, ein entsetzlicher Stoß, der das Schiff in allen seinen Fugen erschütterte. Jetzt ächzte und stöhnte der Isbjörn, und die Rippen bogen sich mit Knistern und Prasseln. »Das sind die schrecklichen Eispressungen, ja ich merke es, wir treiben auf einer Scholle und andere rennen dagegen.« Da, wieder ein gräßlicher Stoß, ein fürchterliches Krachen und das Schiff war am Bug eingedrückt. Zugleich drang das Wasser zwischen den Wänden durch und der Vorderteil des Isbjörn sank. »Heiliger Gott, wir sind verloren,« schrie Wonström, »das Schiff ist zerdrückt, bete Eduard, bete, daß du nicht in Sünden stirbst,« und mit diesen Worten warf er sich auf die Knie und fing zu beten an, was ihm gerade in den Sinn kam. Eduard tat mechanich, was Wonström ihm zurief, er war vor Schreck seiner Sinne kaum mehr mächtig; er fiel auch auf die Knie und betete, aber was, das wußte er selbst nicht. Doch wenn die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten. Plötzlich bekam das Schiff einen neuen fürchterlichen Stoß; es hob sich und legte sich gleich darauf auf die Seite. Eine mächtige Eisscholle hatte sich unter das Schiff geschoben und dieses emporgehoben, so daß es ganz außerhalb des Wassers sich befand und auf der Seite auf der Eisscholle lag. Wonström und Eduard, die auf Deck knieend beteten, kugelten plötzlich auf dem Verdeck herum und hatten Mühe, sich anzuhalten, um nicht herunter gefegt zu werden. Nachdem legte sich der Sturm, die Eisbewegung hörte auf und das Schiff erhielt keinen neuen Stoß mehr. Wonström hatte die Lage schnell erfaßt; während Eduard glaubte, das letzte Stündlein habe geschlagen, rief Wonström »gerettet! Habe tausend Dank, lieber Gott, du wolltest uns jetzt noch nicht umkommen lassen.« Er sprang auf Eduard zu, so gut es auf dem schiefen Verdeck gehen wollte, schloß ihn in die Arme und rief: »Mein Junge, sei wieder lustig, noch brauchen wir kein Seewasser zu schlucken, die nächste Gefahr ist nun vorüber. Was siehst du mich so groß an? Hast du etwa den Verstand verloren?« Eduard war wirklich sinnesabwesend, die Todesfurcht war noch nicht ganz von ihm gewichen, er strich sich die Haare aus dem Gesichte und schaute in Wonström's vergnügtes Gesicht. »Soll ich dir etwa einen Kübel Salzwasser übergießen, damit du wieder aufwachst? Ich glaube gar der Kerl hat geschlafen während der Teufel sein Spiel trieb. Ha, wache auf, Junker Grünschnabel.« Diese liebreichen Worte brachten denn unsern Eduard wieder zu sich. Er fragte, ob die Gefahr vorüber sei und wie alles so schnell gekommen, ihm sei ganz dunkel vor Augen geworden als das Wasser durch die zerbrochenen Planken drang. »Ja, jetzt ist sie vorüber, so lange diese Scholle hält, worauf wir uns befinden, brauchen wir wenigstens nicht Seewasser zu schlucken. Eduard, ich sage dir, das schmeckt abscheulich.« III. Kapitel. Allein im Eise. Das Wetter hellte sich allmälich auf und ließ eine Rundschau zu. Da gewahrten sie denn, daß das Eis in viele große und kleine Schollen zerborsten sei und auf einer der größten lag der Isbjörn. Von dem Eishause war nichts zu sehen. Vielleicht war es mit seinen Bewohnern zu Grunde gegangen, vielleicht nur fortgetrieben, wer weiß! Es machte einen bangen Eindruck auf das Gemüt der beiden Schiffbrüchigen, so ganz allein mitten in der gräßlichen Einöde den furchtbaren Elementargewalten ausgesetzt zu sein. Doch der liebe Gott, der soeben in der größten schrecklichsten Not geholfen hat, er wird auch weiter helfen. Sie sagten sich, daß hier alle menschliche Macht zu Ende sei und sie es ihrem Herrgott allein anheimstellen müßten, sie zu erhalten oder zu verderben. »Aber verflucht kalt ist es hier oben,« begann Wonström, »wir wollen einmal in die Kajüte gehen und sehen, was dort noch ganz ist.« Beide stiegen die Schiffstreppe hinab, was man für ein Kunststück ansehen konnte, da dieselbe infolge der schiefen Lage des Schiffes ganz verschoben war. In der Kajüte war alles bunt durcheinander geworfen, die Fenster waren meistens zerbrochen und der eiserne Ofen eingestürzt. »Schöne Geschichten. Feuer kann man so keins machen; zu wohnen ist hier auch nicht möglich; hier ist's für den Winter zu kalt; es bleibt uns nichts anderes übrig, als ebenfalls ein Eishaus zu bauen, die Ofenruinen wieder zusammen zu leimen und in das Eishaus zu setzen. Erst wollen wir aber etwas essen; denn ein leerer Magen verträgt die Kälte nicht gut, obgleich er mit dicken Röcken und Hosen behangen ist.« Nachdem sie sich gesättigt hatten, stiegen sie vom Schiff auf die Eisscholle und suchten auf dem höckerigen Eise einen Platz, wo das Eishaus stehen sollte. Nachdem sie einen solchen gefunden hatten, gingen sie auch zugleich an's Werk. Mit Sägen und Säbeln arbeiteten sie sich die Eisstücke zurecht und setzten sie, wie die besten Baumeister aufeinander. Von Zeit zu Zeit gossen sie dann Wasser darüber, welches sie aus einem Loche holten, das sie ins Eis gehackt hatten. Das Eisschneiden und das Bauen war eine gar kalte Arbeit, und häufig mußten sie sich bei dem Feuer wärmen, das sie angezündet hatten, um sich Thee zu kochen. »Das ist kälter, als wenn wir früher Festungen aus Schnee bauten,« sagte Eduard; dabei stampfte er auf dem Eise herum, als ob er durchbrechen wollte. »Ich will froh sein, wenn das Eishaus fertig ist.« »Nur Geduld,« erwiderte Wonström, »alles hat eine Ende mit Ausnahme der Wurst, die hat zwei; morgen abend können wir Richtschmaus halten und am anderen Tage einziehen, so lange müssen wir noch in die Kajüte kriechen und in die Betten schlüpfen, dann aber ziehen wir in unseren Krystallpalast ein und wollen wie die Fürsten leben.« IV. Kapitel. Die beiden Freunde. Wonström war von Natur leichtlebig angelegt und wie wir sahen, ist er, obwohl er eben in Todesgefahr gestanden und sich noch immer in mißlichster Lage befindet, doch voller Humor. Es ist auch das beste unter solchen Umständen, und ein solcher Charakter übersieht manches Leid und reißt unwillkürlich auch seine Leidensgefährten mit sich fort. Wonström, ein geborener Schwede, war früher viel auf deutchen Kauffahrern bedienstet gewesen und hatte sich dadurch die deutche Sprache angeeignet. Als Sohn eines Ostseefischers hatte er den Seemansberuf als Schiffsjunge begonnen. Durch seinen Fleiß und klaren Verstand hatte er es vom Matrosen zum Untersteuermann gebracht und war schließlich, nachden er fast alle Weltmeere befahren hatte, von dem Kapitän des Isbjörn als Steuermann gemietet worden. Mit diesem Fahrzeug hatte er schon zwei Reisen in das Polarmeer gemacht und bei dem Walfischfang großen Mut und viel Umsicht gezeigt. Dies war seine dritte Polarreise, welche so unglücklich ausfiel, während er von den zwei ersten auf dem reich mit Speck beladenen Schiffe ohne Unfall wieder heimgekehrt war. Der Kapitän des Isbjörn war sonst ein sehr vorsichtiger Mann, doch das Mißgeschick, gar keine Wale fangen zu können, hatte ihn seine gewohnte Vorsicht vergessen lassen, und so war es gekommen, daß er trotz der Vorstellungen Wonströms darauf bestanden hatte, in so später Jahreszeit noch in solch' hohen Breiten zu kreuzen. Wonström war groß und stark gebaut und dadurch, daß er nach Seemansart ziemlich breit ging, hatte seine Gestalt etwas Vierschrötiges an sich. Aus seinem klugen Gesichte blitzten ein paar muntere blaue Augen, die sein humoristisches Wesen verrieten. Seine flachsblonden Haare waren mit einer Pelzmütze aus Seeotter bedeckt, und sein Oberkörper steckte in einer dicken, wollenen, von Thran durchdrungenen Teerjacke. An den Füßen hatte er mächtige Pelzstiefeln, in welchen die dicken, wollenen Beinkleider, die ebenso schmierig waren wie die Teerjacke, steckten. Eduard Spiller war, wie wir schon vernommen haben, seinen Eltern durchgebrannt. Sein Vater hatte es nicht so ernst gemeint, seinen Sohn im Stich zu lassen, weil er durch jugendlichen Leichtsinn das Zeugnis zum Aufsteigen sich verscherzt hatte. Aber den Zorn seines Vaters hatte er sich zu Nutze gemacht und war unter dem Schein des Rechts von Hause fortgegangen. Eduard was für sein Alter groß und stark. Er hatte einen mehr ruhigen und schwärmerischen Character als einen lustigen und glaubte fest, ein berühmter Mann zu werden. In seinen blauen Augen leuchtete Stolz und ein Selbstbewußtsein, was ihm von Zeit zu Zeit einen sehr geistreichen Ausdruck verlieh. Die Welt vergleicht den Character der Menschen mit den Magnetpolen. Nord und Süd zieht sich an, während zwei Nordpole sich abstoßen, desgleichen zwei Südpole. Wonström und Eduard hatten zwei ganz verschiedene Charactere, und dieses mag wohl der Grund gewesen sein, daß sie so feste Freundschaft auf dem Schiff geschlossen hatten. Nun hatte sie noch das Schicksal aneinander gekettet und es ist ja bekannt, daß gemeinsames Leid die Menschen eng verbindet. Also die beiden Leidensgefährten paßten so gut zusammen, wie kaum zwei andere. Der Unterschied der Jahre und die reiche Erfahrung Wonströms gegenüber den jungen phantastischen Spiller tat der Freundschaft keinen Eintrag, zumal jetzt, da ihnen jeder andere Umgang abgeschnitten war. Eduard war so ähnlich wie Wonström gekleided und durch seine Beschäftigung auf dem Schiffe, Scheuern und Teeren, war seine Kleidung mindestens ebenso schmierig und schwarz als die seines Freundes. Uebrigens sind die Walfischjäger alle, vom Kapitän bis auf den Schiffsjungen herab, gleich schmutzig. Das Speckschneiden und -verpacken ist ein gar fettiges Geschäft. »Eduard, komm' her, meiner ausgezeichneten Kochkunst ist es gelungen, ein Getränk zu brauen, das würdig wäre, die Tafel eines Königs zu zieren,« mit diesen Worten schöpfte Wonström aus einem rußigen, kupfernen Kessel mit einem blechernen Topfe eine braune, dampfende Flüssigkeit und stieß ein behagliches »Ah« aus. »Der feinste Geruch von der Welt; komm laß deine Metzelei unter den Eisstücken sein und labe dich an dieser feurigen Himmelsgabe.« Eduard ließ sich dies nicht zweimal sagen, er legte seinen Säbel hin, den er tapfer geschwungen hatte, um den Eisstücken die rechte Form zu geben, und holte sich mit einem Blechtopfe ebenfalls Thee aus dem Kessel. Er fuhr damit zum Munde, doch sofort setzte er wieder ab, indem er brummte: »Dein Königstrank ist verteufelt heiß, aber ich will mir erst die Hände daran wärmen,« und er umklammerte den Topf mit seinen erstarrten Fingern. »Ist er dir zu heiß, mein Sohn, so lege einen kleinen Eisberg hinein, der wird schon für die nötige Kälte sorgen, Auswahl hast du ja genug.« V. Kapitel. Eine wissenschaftliche Unterhaltung »Höre 'mal Wonström, erzähle mir doch ein wenig, was wir von der Zukunft zu erwarten haben; denn wir können doch nicht immerfort auf der Scholle sitzen bleiben.« »Bin ich ein Prophet? Kann ich die Zukunft ergründen?« sprach Wonström mit gehobener Brust; »da mußt du unsern Herrgott fragen, der weiß es jedenfalls am besten. Doch willst du hören, was ich von der Zukunft denke, so öffne Mund und Ohren! Den Winter über müssen wir wenigstens auf dieser Eisscholle bleiben, während der Zeit wird sie vielleicht irgendwo angetrieben, wahrscheinlich am Franz Josephsland. Von Franz Josephsland müssen wir uns im Frühjahr dann nach Nowaja Semlja über's Eis zu retten suchen, wo uns schon irgend ein Robbenschläger oder Waler aufnehmen wird. So das war Numero eins und zwar die günstigste Nummer, nun kommt Numero zwei. Wir treiben so lange herum, bis unsere Eisscholle zerbricht und sind gezwungen, wenn wir unser Leben retten wollen, das Eismeer auszutrinken, oder wir treiben so lange herum ohne an's Land zu kommen, bis wir verhungern. Es dauert zwar eine Weile, bis so ein Walfisch verzehrt ist, aber wie gesagt, alles hat ein Ende mit Ausnahme der Wurst, die hat zwei. Jetzt Numero drei. Wir kommen oder sind schon in der großen Meeresströmung, die nach Norden treibt. Jetzt nimm an, wir treiben immer weiter, an Franz Josephsland vorbei, durch die um dieses gelagerte Eisschranke bis an das offene Polarmeer hinein; das Polarmeer wird ebenfalls durchschifft, bis wir an dem warmen Polarlande vor Anker gehen und dort Ackerbau treiben.« »Was für dummes Zeug schwatzest du da von einem warmen Polarlande? Es ist nicht recht von dir, Wonström, in so ernster Lage solche Scherze mit mir zu treiben.« Da lachte Wonström Eduard gerade ins Gesicht. »Nicht wahr, davon hast du noch nichts gehört; aber spare deine Jammermiene für eine passendere Zeit auf. Wenn man an einem warmen Theekessel sitzt und Zwieback ißt, muß man sich mit dem Schicksal aussöhnen. Uebrigens sage ich die reine Wahrheit. Hinter diesen Schranken von ewigen Eis soll ein gelobtes Land liegen. Zwar hat es noch niemand gesehen, oder die hinkamen, sind nicht wieder gekommen, aber es sind so viele Anzeichen vorhanden, daß ein solches existiert, daß ein Zweifel fast ausgeschlossen ist.« Diese Mitteilung interessirte Eduard ganz ungeheuer, und er wähnte sich schon als Entdecker diese Wunderlandes. »Wonström,« rief er, »das habe ich noch nicht gewußt; überhaupt glaube ich, bist du der erste, der mit Bestimmtheit so etwas voraussetzt. Zwar habe ich auch schon davon gehört, doch wurde dann immer hinzugestzt, daß es ein alter Seemannsaberglaube sei.« »Nein, nein! der alte Seemannsaberglaube hat sich nach den neuesten Forschungen als Wahrheit herausgestellt. Die Anzeichen und Voraussetzungen sind untrüglich. Ich will dir dieselben mitteilen, worauf aus dem ungläubigen Thomas ein gläubiger werden wird. Der größte warme Meerstrom, der den vielen kalten, von Norden herkommenden entgegentritt, ist der Golfstrom. Sein größter Arm geht an der Küste von Norwegen entlang, wo er sich teilt und dann die Westküste von Spitzbergen und Nowaja Semlja bespült. Die Folge davon ist, daß diese Küsten im Sommer fast stets eisfrei sind, während die meisten anderen Länder in diesen Breiten fast immer vom ewigen Eise umlagert werden. Ein sicherer Beweis von dem Vorhandensein des Golfstroms in diesen Breiten liefern die Kastanien- oder Golfstrominseln östlich von Cap Nassau. Man fand auf diesen angeschwemmt die kastanienartigen Früchte des westindischen Schotengewächses 'Entada gigalobium'. Wo kommen diese her? Sie hat der Golfstrom, der im Busen von Mexiko seinen Ursprung hat, mitgebracht. Weiter nördlich verliert sich der Golfstrom an der Oberfläche und die kalten Strömungen gehen darüber weg. So eine mächtige Naturerscheinung kann aber nicht so mir nichts dir nichts verschwinden. Durch Temperaturmessungen in der Tiefe ist bewiesen worden, daß der Golfstrom sich unterseeisch weiter nach Norden fortsetzt. Jetzt ist die Frage, wo geht er hin? Irgend wo muß er wieder an die Meeresoberfläche treten und zuverlässig wird er dies dort thun, wo sich ihm ein Hindernis, also Land entgegenstellt und dieses von einer warmen Strömung bespültes Land muß ein mildes Klima haben. Durch das milde Klima wird eine reiche und hohe Vegetation bedingt und wo eine reiche und hohe Vegetation sich vorfindet, da muß großer Wildreichtum sein und dort können auch Menschen leben. Der Beweis, daß im hohen Norden sich Land befindet, ist ebensfalls da. Von der Nordküste Spitzbergens aus sind oft ganze Schwärme von Enten, Gänsen, Möven, überhaupt von solchen Vögeln, welche die polare Zone bevölkern, beobachtet worden, wie sie nach Norden ziehen und von Norden kommen. Diese Tiere müssen aber auf dem Lande leben, können also unmöglich auf ewigem Eise oder auf blanken Wasser existieren. Der Instinkt dieser Vögel zieht sie nun nach anderen Ländern hin, niemals aber nach Eis- oder Wasseröden. Daß es nach dem äußersten Norden zu nicht kälter, sondern wärmer wird, geht daraus hervor, daß das Wasser unter dem 82. Grad nördlicher Breite 4-6 Grad warm gefunden wurde. Uebereinstimmend mit dieser Temperatur fand man in diesen Breiten Gras und eine große Anzahl pflanzenfressender Tiere und unbekannte Vögel. Dieselben waren ohne alle Furcht, weil sie ihren größten Feind, den Menschen, noch nicht kennen gelernt hatten. Bisamochsen, Renntiere, Hasen, Lemminge, Wasservögel u.s.w. leben in viel größerer Menge im Norden der Melvilleinsel, an den Küsten des nördlichen Teils des Wellington Kanals, in Nordgrönland und Grinnelland, als weiter südlich von diesen Strichen. Nach genau darüber angestellten Untersuchungen steht überhaupt fest, daß der Reichtum an Pflanzen und Tieren im höchsten Norden im Winter nicht nach Süden wandernd gefunden worden sind. Dadurch wird offenbar bewiesen, daß die Kälte gegen den Pol nicht stetig zunimmt. Der Kältepol ist ebensowenig wie der südliche Magnetpol bei der nördlichen Erdaxe zu suchen. Ersterer mußte nach wissenschaftlichen Ergebnissen nach dem Norden Amerika's verlegt werden, bei den Parry-Inseln etwa unter dem 78.° nördlicher Breite und bei dem großen Fischfluß auf dem amerikanischen Kontinent unter dem 67.° nördlicher Breite. Diesem gegenüber liegt der asiatische Kältepol in der Umgegend von Werchojansk in Sibirien. Der Magnetpol wurde im Jahre 1833 von James Roß ebenfalls im Norden von Amerika auf der Halbinsel Boothia Felix unter dem 70° 5' 17" nördlicher Breite gefunden. Daher die Abweichung oder Deklination der Magnetnadel.« Eduard hatte aufmerksam zugehört, nicht das kleinste Wörtchen war ihm entgangen. Voll Begeisterung rief er aus: »O wenn es doch uns beschert wäre, dieses warme Polarland zu entdecken, wir würden die berühmtesten Männer von der Welt!« »Wenn wir dann Gelegenheit hätten, jemand unsere großartige Entdeckung zu erzählen,« fiel Wonström ein, »bedenke wohl, das Wiederkommen von dem Lande ist nicht minder schwierig als das Hinkommen. Aber jetzt wollen wir wieder die Baumeister spielen und unseren Palast seiner Vollendung näher führen; wenn wir später drinnen sitzen und uns langweilen, ist es noch Zeit genug zum Schwatzen.« VI. Kapitel. Der Polarwinter Beide machten sich wieder an die Arbeit; Eduard schlug mit seinem Säbel auf die Eisstücke mit wahrer Berserkerwut ein und träumte dabei, er habe die Eisschranke vor sich, welche ihn von dem warmen Polarlande trennte. Wonström erfaßte die zerschlagenen Eisstücke mit seinen in dicken Pelzhandschuhen steckenden Händen und fügte sie aufeinander. So ging der Tag dahin. Am anderen Tage abends war der äußere Bau vollendet. Aus dem Dache ragte eine regelrechte Esse, für die Fenster waren Löcher gelassen worden und die Thüre sollte in einen gewölbten Gang verlaufen, der noch zu bauen war. Wie Wonström voraus gesagt hatte, konnte noch am Abend Richtschmaus gehalten werden. Er bestand in Schiffszwieback und einem Glase dampfenden Grogs. Am anderen Tage kam die Einrichtung dran. Die noch ganzen Kajütenfenster wurden ausgehoben und in die Löcher des Eishauses gefügt, sodann ein zehn Meter langer Gang an die Thüröffnung gebaut, durch den man in gebückter Stellung in das Eishaus gelangte. Das Innere wurde mit dicken wollenen Decken ringsum ausgekleidet und der eingestürzte eiserne Kajütenofen, der glücklicherweise nicht zerbrochen war, hinein gesetzt. Am Abend war man so weit, daß man Feuer machen und probieren konnte, wie sich das Eishaus bewähren würde und siehe da, es war ausgezeichnet hergestellt. Bald war eine behagliche Wärme in dem kleinen Raume. Die wollenen Decken, welche bekanntlich schlechte Wärmeleiter sind, ließen die Wärme nicht bis auf das Eis dringen, so das dieses nicht schmelzen konnte. »So,« sagte Wonström und legte ein neues Scheit in den Ofen, »jetzt kann der Winter kommen, wir sind gerüstet; je mehr er draußen wütet, desto mehr werden wir heizen und wenn wir den ganzen Isbjörn verfeuern müssen.« Nämlich als Heizmaterial sollten die zertrümmerten Planken des Isbjörn dienen, da der geringe Kohlenvorrat doch bald verbrannt sein würde. Der Isbjörn war, wie fast alle Walfischfahrer, ein Segelschiff, infolgedessen der kleine Kohlenvorrat nur für die Heizung der Wohnräume des Schiffes dienen sollte. Ein großer Teil war schon auf hoher See verbraucht worden und so kam es, daß die Kohlen rar waren. Nachden das Wohnhaus fertig war, wurde beschlossen, eine Art Schuppen oder Vorratskammer daneben anzubauen, worin sie die täglichen Bedürfnisse, also Proviant, Speck, Feuerungsmaterial, Munition, u.s.w aufbewahren wollten. Man schrieb bereits den 6. November; somit hatte der finstere arktische Winter begonnen. Es war die höchste Zeit, daß das Eishaus fertig wurde, denn das Thermometer fiel bis auf -32° R. Am Nordpol gibt es im Jahre nur einen Tag und eine Nacht, allerdings lange Tage und Nächte; denn der Tag beginnt am 21. März und endet am 21. September. Der Tag ist am Nordpol gleichbedeutend mit dem Sommer, und die Nacht, welche am 21. September beginnt und am 21. März aufhört, ist der Winter. Unter der langen Winternacht am Nordpol muß man sich nicht eine dauernde Finsternis vorstellen; im Gegenteil. Stockfinster ist es dort fast nie; denn es scheint, als ob in der Polargegend die Sterne heller leuchten als bei uns, wozu der weiße Schein des Schnee's viel mit beitragen mag. Der reinste Mondenschein verwandelt zu Zeiten die Nacht zum Tage und die sich häufig einstellenden Polarlichter erhellen ebenfalls die Landschaft mit ihrem Glanz. Die schrägen Strahlen der verschwindenden Sonne verursachen bis tief in den November hinein eine allerdings immer mehr zunehmende Dämmerung, die im Dezember und Jannuar ganz verschwindet. Anfang Februar aber beginnt diese Dämmerung wieder, welche die sich wieder nähernde Sonne mitbringt. Am Südpol ist es gerade umgekehrt. Dort ist vom 21. September bis 21. März Sommer und vom 21. März bis 21. September Winter. Der Kapitän des Isbjörn hatte eine kleine Bibliothek mit an Bord, was unseren Eingefrorenen sehr gelegen kam. Wenn draußen der Sturm heulte und das Eis krachte und knisterte, dann saßen Wonström und Eduard in dem gut erwärmten und wohl eingerichteten Eishause bei ihrer Thranlampe und lasen. Bei ruhigen Wetter machten sie täglich kurze Spaziergänge auf dem Eise und als es im Februar und März immer heller wurde, nahmen sie die Gewehre und übten sich im Schießen. Schon längst hatte Eduard gewünscht, mit Eisbären und Seehunden zusammen zu kommen. Bis jetzt hatte er noch keine Gelegenheit gehabt, einen oder den anderen zu schießen; denn im Winter so weit ab vom Lande zeigen sie sich nicht. Vögel hatte er schon verschiedene geschossen, denn diese waren nicht selten und umkreisten öfters ihren Wohnort. Den Winter durch waren sie verschieden hin- und her getrieben worden, was Wonström von Zeit zu Zeit durch astronomische Messungen bestimmt hatte. Eduard, dem dies etwas neues war, hatte es Wonström bald abgelernt und bald verstand er mit dem Sextanten und dem künstlichen Horizont wie der beste Seemann zu arbeiten. Die Zeit verging, die Sonne kehrte wieder, ohne daß etws besonders Erwähnenwertes vorgekommen wäre; so kam der 5. Juli heran. Dies war wieder ein Schreckenstag, denn das Eis brach. Es waren ähnliche bange Stunden, wie die, welche sie im vorigen Jahre von ihren Gefährten trennte. Doch wurden sie wieder glücklich von diesen Schrecknissen gerettet. Sie trieben auf einer Eisscholle, die einige Meilen Flächeninhalt hatte, dem Norden zu. Am 12. Juli erblickten sie fern am Horizont Land; es war die kleine Insel Lücke, zu Franz Josephsland gehörig. Wonström war nicht sehr erbaut davon und sagte: »Gerade wie ich es vorausgesagt habe, wir sind nach Franz Josephsland getrieben und können nicht wieder fort, was wollte ich nicht darum geben, wenn das ferne Land dort Cap Petermann auf Nowaja Semlja wäre. Ja Eduard, dort,« und dabei wies er auf das vor ihnen liegende Land, »können wir auch den ganzen Sommer hindurch Eishäuser bauen.« Eduard hatte ganz andere Gedanken als Wonström. Sein Herz jubelte bei dem Anblick des nördlichsten bekannten Landes. Nur wenige lebende Menschen konnten sich rühmen, es gesehen oder betreten zu haben und wenn er jemals wieder nach Hause kommen würde, so glaubte er ein Recht dazu zu haben, sich über seine Mitmenschen erhaben zu dünken. Denn der Gedanke an das warme Polarland ließ ihm keinen Augenblick Ruhe, er sehnte sich mit allen seinen Fibern danch und war entschlossen, es, wenn nötig, mit Aufopferung seines Lebens zu erreichen. Je weiter sie nach Norden getrieben wurden, je näher mußten sie diesem Zauberlande kommen, also beherrschte nur Freude das Herz unseres Eduard's beim Anblick des Kaiser Franz Josephlandes. VII. Kapitel. Auf der treibenden Eisscholle Seit langer Zeit hatten sich schon öfters Seehunde gezeigt und es war beiden gelungen, einige davon zu erlegen. Jetzt kamen ihnen ihre Schießübungen recht gelegen; denn ein auf der Scholle liegender Seehund, der nicht gleich so getroffen wird; daß er schnell verendet, sucht trotz einer schweren Verwundung das Wasser noch zu erreichen, und ist ihm dies gelungen, dann ist er für den Schützen verloren. Merkwürdiger Weise fanden sie, daß die Küsten des Franz Josephlandes nicht von Eis umlagert waren, sondern daß sie von offenem Wasser umspült wurden, auf dem allerdings einige Eisberge und viel Treibeis schwamm. So trieb die Eisscholle immer weiter nach Norden bei Kap Frankfurt vorbei in den Austria-Sund hinein. Eines Tages ging Eduard mit seinem Gewehr am Rande der Eisscholle, die sich immer mehr verkleinerte, dahin, als plötzlich ein mächtiger Eisbär aus dem Wasser stieg und auf Eduard zuging. Der Eisbär schien keine Eile zu haben, denn er lief bedächtig und im Zickzack; Jedenfalls war ihm ein Mensch ein absonderliches Wesen, da er vermutlich noch keinen gesehen hatte. Eduard hatte keine Angst, denn er konnte sich auf sein Gewehr und seine Schießkunst verlassen. Als der Bär auf 40 Schritte heran gekommen war, blieb er stehen und schien zu überlegen, was er thun sollte. Dies benutzte Eduard, schnell hob er die Büchse, zielte bedächtig und drückte ab. Im Moment stürzte der Bär zusammen, die Kugel war ihm durch's Auge ins Gehirn gedrungen. Als Wonström den Schuß in weiter Ferne hörte, nahm er ein Fernrohr und sah nach der Richtung hin, woher der Schall kam und mit Staunen bemerkte er, daß Eduard einen Eisbären erlegt hatte. Schnell nahm er den Handschlitten, mit welchem sie die geschossenen Seehunde zu transportieren pflegten und fuhr auf die Stelle zu, wo Eduard den mächtigen Eisbären untersuchte. Als er nach einer halben Stunde dort angekommen war, rief er Eduard zu: »Du kannst von Glück sagen daß du den Kerl so gut getroffen hast, hättest du ihn bloß verwundet, so hätte er dich zum Frühstück verzehrt.« Eduard aber, in dem Gefühl des Siegers, erwiderte stolz: »Wie kannst du glauben, daß ich unvorsichtig geschossen hätte, ich wußte ganz genau, was mir blühte, wenn meine Kugel nicht richtig gesessen hätte, doch dank unsern Schießübungen kann mir das nicht passieren.« »Ei Herr Jäger, ihr seid ja gewaltig stolz, als ob nicht manche Robbe, die ihr wohl getroffen meintet, wieder ins Wasser gerutscht wäre, doch einerlei, der Schuß war gut und ich kann nur gratulieren. Heute Abend gibt's Bärenschinken, darum frisch angepackt und diesen Eiskönig heimgeschafft, er soll uns wacker schmecken.« Mit einigen Schwierigkeiten wurde der ungefähr vier Zentner schwere Bär auf den Schlitten gebunden und mit Ach und Krach kam man glücklich beim Eishause an. Sie wischten sich den Schweiß von der Stirne und begannen den Bären aus der Haut zu schlagen. Dann wurde ein Stück von der Keule in eine Bratpfanne gelegt, Speck und das nötige Salz daran gethan und zum Feuer gesetzt. Das Fleisch des Eisbären ist sehr wohlschmeckend und gewährte unseren Abenteurern einmal eine Abwechslung in der ewigen Speck- und Thrankost, nur die Leber soll schädliche, ja giftige Eigenschaften haben und sind durch den Genuß schon ganze Schiffsmannschaften erkrankt wie z. B. der holländische Nordpolfahrer Barendz mit seinen Gefährten im Nordosten von Nowaja Semlja. Die Fahrt durch den Austria-Sund ging sehr rasch von statten, da die Strömung immer stärker wurde und das Eis keine Schwierigkeiten entgegensetzte. Auf der rechten Seite lag Wilczek Land, auf der linken Zichy Land; bald näherten sie sich dem einen, bald dem anderen Lande und erstaunten über die verhältnismäßig üppige Vegetation. Das Tierreich war sehr zahlreich vertreten und sie erlegten viele Seehunde, Walrosse und Polarvögel; auch einige Eisbären wurden ihre Beute. Einst kam eine Eisbärin mit einem Jungen auf sie zu; die Bärin war bald totgeschossen, das Junge aber, das vielleicht die Größe eines Pudels hatte, nahmen sie mit heim. Hier wurde es an eine lange Kette gelegt und mit Robbenspeck und Fleisch gefüttert. Später, als es vollständig zahm und vertraut schien, wurde es freigelassen und ihm der Name 'Hans' beigelegt. Mit dem Fernrohre konnten sie auf der Landstrecke Renntierheerden beobachten, doch schienen die Moschusochsen zu fehlen. An's Land selbst getrauten sie sich nicht, da sie fürchteten, von ihrem schwimmenden Wohnort getrennt zu werden und sich lieber dem Zufall überlassen wollten, als vielleicht auf Franz Josephsland umzukommen, da sie doch nicht wie die Eskimos der Kälte und dem Mangel an zivilisirter Nahrung auf die Dauer trotzen konnten. In der Ferne glänzten die mit ewigen Schnee bedeckten Berggipfel, während die Thäler und tiefen Abhänge mit einem saftigen Grün bekleidet waren. Die österreichische Nordpol-Expedition unter Payer und Weyprecht fand fast nur Eis und Schnee und erzählte von dem rauhen und unwirtlichen Klima, selbst anderen Polarländern entgegen, doch muß man bedenken, daß die Expedition das Land nur im März, April und Anfang Mai gesehen hat, also zu einer Zeit, wo in solchen Breiten noch der lange Winter herrscht. Unsere Freunde fanden es durchaus nicht rauher und unfruchtbarer, im Gegenteil schien ihnen die Vegetation eine höhere und der Tierreichtum ein größerer zu sein als auf Nowaja Semlja. Weiter und weiter trieb sie der Strom an dem Karl-Alexander-Land und Kronprinz-Rudolf-Land vorüber und in der Ferne konnten sie links das König-Oscar-Land und rechts das Petermanns-Land erkennen. Wie Payer und Weyprecht berichteten, war hier schweres Packeis vorgelagert, wie war dies aber jetzt? Ungehindert trieb die Scholle weiter. Unterwegs nahmen Wonström und Eduard die Grenzen der Länder auf, die von den Österreichern nur gesehen, aber nicht gemessen werden konnten. Es zeigte sich, daß Petermanns Land ein großer zusammenhängender Land-Komplex sei, König-Oscar-Land dagegen aus vielen Inseln besteht; obgleich letzteres nicht genau festgestellt werden konnte. Es war nicht zu sehen, ob man Meeresstraßen oder Fjorde vor sich habe. VIII. Kapitel. Neue Länder Wonström und Eduard waren jetzt wirkliche Entdecker und erfüllten ihre Aufgabe als solche auch sehr gut. Alle Gradbestimmungen, Temperatur- und Tiefenmessungen führten sie mit einer Genauigkeit aus, die unter solchen Verhältnissen nichts zu wünschen übrig ließ. Durch die warme Witterung und das öftere Anrennen an andere Schollen war die ihrige bedeutend kleiner geworden, auch machte die warme Witterung das Eis mürbe und Wonström, der ein vollständiges Zertrümmern über kurz oder lang voraussah, beeilte sich, sämtliche Boote, die einst zum Walfischfang gedient hatten, instand zu setzen; denn der Isbjörn würde sicher durch den furchtbaren Leck sofort gesunken sein. Es gab vier große und zwei kleine Boote auf dem Isbjörn. Diese wurden auf das Eis gesetzt und mit vereinten Kräften bis an den Rand der Scholle geschoben, hierauf mit eingesalzenem Robbenfleisch und -speck, mit Munition, Leinwand, Kleidungsstücken, Werkzeugen, Waffen, Instrumenten, Kochgeschirren u. s. w. gefüllt und mit wasserdichtem Segeltuch überspannt. Die Eiskante lag etwa 4 / 5 Meter über dem Wasserspiegel und da sich schwimmendes Eis naturgemäß ca. ⅛ über und ⅞ unter dem Wasser befindet, so schätzten sie die Stärke ihrer Scholle auf ca. 6½ Meter. Wie nun aber die Boote ins Wasser bringen, ohne sie umzuwerfen? Auch da wußte Wonström Rat. Mit Äxten und Brecheisen brachen sie an der Eiskante eine Art Rutschbahn bis an jedes Boot aus dem Eise heraus, welche sich im Wasser verlief, so daß es mit Hebeln nicht gar zu schwierig war, die Boote vom Stapel laufen zu lassen; auch beschlossen sie, so bald als möglich die Scholle zu verlassen, um der unausbleiblichen Zertrümmerung der Eisscholle auszuweichen. Unterdessen hatte sie der Strom immer weiter und weiter geführt. So gut als möglich hatten sie die zu erblickenden Küsten auf die Karte eingezeichnet und andere Beobachtungen zu Papier gebracht. Das rechts gelegende Petermannsland zog sich scheinbar zusammenhängend nach Norden, an der linken Seite aber passierten sie mehrere Inseln. Da Wonström und Eduard als die Entdecker dieser Länder das Recht hatten, dieselben zu benennen, so thaten sie es auch. Die erste Insel vom König Oscar Land nannten sie 'Hamburg', die zweite 'Kalmar'. Dies waren die Heimatsorte unserer Abenteurer. Die dritte Insel, welche schon mit ihrem nördlichen Teile über den 83. Breitengrad hinaus ging, wurde nach dem deutschen Kronprinzen Friedrich-Wilhelms-Land genannt. Die erste Landspitze, die sie von der Insel Hamburg sahen, nannten sie 'Kap Eduard', die von der Insel Kalmar 'Bloch-Kap' weil Bloch der Vorname von Wonström war. Von Friedrich-Wilhelms-Land benannten sie die drei äußersten Landvorsprünge 'Schweden-Kap, Preußen-Kap und Kap Nerdrun.' Nerdrun war der Name des armen Kapitäns vom Isbjörn, der jedenfalls mit der ganzen Mannschaft den Tod im Eismeere gefunden hatte. Weiter trieben sie an einem Lande oder einer größeren Insel vorbei, die 'Blumeninsel' genannt wurde, weil die grünen Wiesen, die sie in der Ferne sahen, reich mit Blumen geschmückt waren. Die vorspringenden Landzungen wurden 'Renntier-Kap, Bären-Kap und Enten-Kap' getauft, weil sie viel solche Tiere am Lande mittels ihres Fernrohrs erkannten. Dem Petermannsland waren sie meist sehr entfernt und deshalb gaben sie blos einer tiefen Bucht den Namen 'Felsen-Bucht' und der Spitze einer weit nach Westen vorgestreckten kleinen Halbinsel den Namen 'West-Kap'. Der Blumeninsel gegenüber lag mitten in der Meeresstraße, die sie 'Wonström-Kanal' tauften, eine Insel. In der Nähe dieser beschlossen sie, die Scholle zu verlassen, zumal die Schnelligkeit der Strömung bedeutend nachgelassen hatte. Sie nahmen Abschied von dem alten Isbjörn, der bald ein Opfer des Polarmeeres werden sollte und begaben sich zu den wohl bepackten Booten. Hans, der junge Eisbär, der sehr folgsam und anhänglich geworden war, hatte die Größe eines starken Neufundländers erreicht. Auf ihren Spaziergängen hatte er sie begleitet wie ein Hund und auf die angeschossenen Seehunde, die wieder ins Wasser rutschen wollten, sprang er zu, biß sie tot oder hielt sie wenigstens solange fest; bis die Jäger heran kamen und sie vollends töten konnte. So machte ihnen Hans viel Freude und war zugleich sehr nützlich, denn er ersetzte ihnen den Jagdhund. Die Insel im Wonström-Kanal lag nur noch 3 Seemeilen von der Eisscholle entfernt, deren Eis durch die milde Witterung +14° R. sehr mürbe und bröckelig geworden war; es war insofern große Gefahr vorhanden, als dieselbe durch irgend ein geringfügiges Ereignis in tausend Stücke zertrümmert werden konnte. Mit langen Hebeln machten sie sich an's Werk, die Boote ins Wasser gleiten zu lassen, das gerade sehr ruhig war. Am hinteren Teile hatten sie ein langes Schiffstau befestigt, mit dem sie das Fortschwimmen eines jeden Bootes verhindern wollten. Jetzt setzten sie die Hebel an; es ging schwer, sehr schwer diese bepackten Kolosse zu bewegen, aber endlich rutschte das erste Boot auf der abschüssigen Bahn ins Wasser, dessen Schaun hoch über die Plane von Teerleinwand spritzte; rasch hatten sie das Tau ergriffen und das erste Boot war flott. Nach diesem so gelungenden Stapellauf stießen beide ein kräftiges Hurrah aus. Das Tau des schwimmenden Bootes befestigten sie an eine eiserne Brechstange, die sie tief in das Eis gestoßen hatten und machten sich an die Arbeit, die übrigen fünf Boote auf ähnliche Weise ins Wasser zu bringen. Nach dreistündiger schwerer Arbeit hatten sie die Freude, auch die übrigen fünf Boote mit ihrem Reichtum im Wasser schaukeln zu sehen. IX. Kapitel. An der Hasen-Bai. Der Wind war günstig; denn ein sanfter Süd-Ost blies auf die Insel zu. Die sechs Boote wurden mit den Tauen aneinander gebunden und in dem vordersten größten die Segel gespannt. Noch einmal grüßten sie nach dem Isbjörn und dem Eishause hinüber, während ein Hauch von Wehmut über ihre Seele flog. Es war ihnen, als verließen sie liebe Freunde, mit denen sie Angst und Sorge, aber auch manche Freude geteilt hatten. Dann stiegen sie beide mit Hans, der diese Vorbereitungen mit Bewunderung angesehen hatte, in das vorderste Boot und mit einem frommen Gebete stießen sie von der alten Eisscholle, die so lange ihre Heimat gewesen, ab. Das Wasser war wenig bewegt und der Wind sanft; so gelangten sie nach vier Stunden mit allen ihren sechs Booten glücklich in eine Bucht der Insel, in welcher sie ankerten. Die Bucht, in der sie eingelaufen waren, nannten sie 'Hasen-Bai', weil sie verschiedene Hasen an dem Lande antrafen. Die Insel selbst erhielt den Namen 'Freies Land'. Hier wollten sie eine kurze Zeit bleiben, um einen Entschluß zu fassen, was sie in Zukunft beginnen wollten. Wonström schlug vor, zu allererst ein Zelt aufzustellen, das sie vor etwaiger Witterungsunbill schützen könne; dann in zweiter Linie einen Hasen zu braten, der allerdings erst geschossen werden mußte. Edward war natürlich mit allem einverstanden und bat sich aus, den Braten schießen zu dürfen. Dies wurde ihm gewährt und nachdem er mit Wonström ein Zelt aus dem einen Boote geholt und aufgestellt hatte, nahm er seine Büchsflinte, die er am liebsten führte und begab sich auf die Jagd. Büchsflinten nennt man diejenigen zweiläufigen Gewehre, deren rechter Lauf zum Kugel- und deren linker zum Schrotschießen eingerichtet ist, je nachdem man großes oder kleines Wild zu erlegen hat. Winström, der bei der Menge von Hasen, die es hier zu geben schien, mit Recht hoffen durfte, Eduard als glücklichen Jäger bald heimkommen zu sehen, richtete einen Feuerherd vor, der aus einer runden Schüssel bestand. In diese wurde Fischthran gegossen und um den Rand Leinwand- und Tuchflecken gelegt. Diese sogen sich voll Thran und wurden dann angezündet. So ähnlich wie Wonström seinen Kochherd herrichtete, bauen die Eskimos ihre Lampen und Kochapparate, nur daß der Behälter des Thrans ein ausgehöhlter Stein und das um den Rand gelegte Zeug getrocknetes und zusammengedrehtes Moos ist. Diese Thranlampen der Eskimos erwärmen und erleuchten im Winter zugleich ihre Erd- oder Eishütten, sie sind also sehr vielseitig. Eduard wanderte mittlerweile, das gespannte Gewehr in der Hand, auf noch nie betretenem Lande. Er hatte Hans mitgenommen, der den Jagdhund abgeben sollte. Die Hasen-Bai lag am Fuße eines Bergkegels mit stumpfer Spitze. Der Berg selbst bestand aus viel zerklüfteten Felsen, die zum Teil mit Gras, Moos und Zwergbirken bewachsen waren. Diesen Berg kletterte Eduard hinauf, um zugleich ihren jetzigen Wohnort aus der Vogelperspektive mit betrachten zu können. Als er ziemlich den Gipfel erreicht hatte, sprang plötzlich ein Hase auf. Eduard schoß ihn mit Schrot nieder, doch hatte der Hase noch so viel Kraft, sich wieder aufzuraffen und in einer Felsenschlucht zu verschwinden. Hans natürlich, der an das Jagdvergnügen schon gewöhnt war, sprang hinterher und verschwand ebenfalls in der Felsenschlucht. Eduard, der Hans nachspringen sah, fürchtete, daß dieser den Hasen vor seinem Hinzukommen verschlingen möchte; deshalb beeilte er sich, so schnell als möglich nachzukommen. Als er in die Schlucht trat, strömte ihm eine warme Luft engegen und fünfzig Schritte weiter sah er, wie Hans den Hasen herumwürgte, der sich vergebens bemühte zu entkommen. Als Eduard hinzukam, wollte Hans sich eben anschicken, den Braten zu verzehren, doch Eduard verbot sich diese eigenmächtige Handlung und nahm ihm den Hasen aus dem Rachen. Hans, der sich stets einer strengen Disziplin unterwarf, hatte auch nichts dagegen und ließ sich seine Beute willig nehmen. Jetzt fiel Eduard die außerordentliche Wärme der Schlucht auf und er überlegte, was wohl der Grund dazu sein könne. Er ging weiter und sah in einiger Entfernung weiße Dämpfe aufsteigen, die sich oben in der Luft verloren. Als er dort hinkam, wo die Dämpfe aufstiegen, bemerkte er, daß sie aus einem weiten Felsenkessel strömten, dessen eine Hälfte von diesen Dampfmassen angefüllt war, während die andere Hälfte frei zu sein schien. Der Dampf kam stoß- oder ruckweise empor und in einer schauerlichen Tiefe bemerkte er eine verworrene Felsmasse. Eduard wußte nicht, wie er sich das Naturspiel erklären sollte und beschloß, Wonström davon zu unterrichten, unter Umständen die Sache mit ihm zu untersuchen. Er nahm seinen Hasen und machte sich mit Hans auf den Heimweg. X. Kapitel. Im Krater des feuerspeienden Berges. Beim Zelte angekommen, machte Eduard dem Freunde Mitteilung von seiner Entdeckung. Dieser klärte ihn sogleich auf und sagte: »Du bist ein wahres Entdeckungsgenie, und es wird dir sicher nicht fehlen, auch das warme Polarland zu finden. Durch die Schlucht bist du jedenfalls ins Innere von dem Krater eines feuerspeienden Berges gelangt, der, wie der Dampf oder Rauch zeigt, sich noch in Thätigkeit befindet, Ich werde mit dir, wenn es irgend möglich ist, in den Krater steigen, wo wir Vulkan in die Werkstatt sehen können. Doch jetzt erst den Hasen in einen Braten umgewandelt und ein paar Stunden ausgeruht, bevor wir wie – na wie heißt es denn gleich – in die Unterwelt fahren.« »Orpheus«, ergänzte Eduard. Die Kunde, den Krater eines feuerspeienden Berges gefunden zu haben, überraschte Eduard gerade nicht so sehr; denn es war eine leise Ahnung durch sein Geist gezogen, die ihm sagte: »Hier bist du dem flüssigen Erdinnern hahe gekommen.« Alles, was Eduard von der Natur und deren Wunder kannte, war Büchergelehrsamkeit und oft stellt man sich die Wirklichkeit ganz anders vor, als sie in Wahrheit ist. So kam es auch, daß Eduard den Felsenkessel nicht gleich als Krater erkannte. Nachdem sich beide durch Essen und Schlafen gestärkt hatten, nahmen sie ihre Flinten, ohne die sie überhaupt nie ausgingen, beluden sich mit zwei langen Strickleitern, zwei Stricken und zwei Brecheisen und kletterten den Berghang des feuerspeienden Berges hinan. Hans, der natürlich bei solchen Touren höchst überflüssig war, wurde an seine Kette gelegt, von wo aus er trübselig den beiden nachschaute. Durch die Schlucht, die sich als eine Spalte des weiten Kraters ausgewiesen hatte, gelangten sie an die Krateröffnung. Sie befanden sich vielleicht vierzig Meter unter dem oberen Rand, von dem steil und abschüssig die Wände abfielen. Wie schon Eduard berichtet hatte, stieg aus der Tiefe dichter weißer Qualm auf, der ungefähr die eine Hälfte des Schlundes ausfüllte. Die Spalte, wo die beiden Freunde hinab schauten, befand sich an der dampffreien Seite, so daß der schädliche Einfluß dieser Dämpfe sie nicht erreichte. Schon als sie durch die Spalte gingen, hatte sich ein stechender Geruch von schwefliger Säure bemerkbar gemacht, ein Zeichen, daß hier große Vorsicht zu beobachten sei. Es galt jetzt hinab zu steigen, um womöglich den Boden des Kraters zu erreichen. Zu diesem Zwecke wurde eine Strickleiter an einen Felsen befestigt und hinabgelassen; dann banden sich beide einen Strick um die Hüfte, der sie aneinander kettete. Die Länge des Strickes zwischen beiden betrug ungefähr zwanzig Meter, gewährte also Spielraum und Selbstständigkeit genug. Wonström stieg voran, dann folgte Eduard. Die zweite Strickleiter hatte Wonström mitgenommen und Eduard einen langen Strick. Diese Strickleitern waren die längsten, die sie auf dem Schiffe vorgefunden hatten; jede war vierzig Meter lang. Als Wonström an das Ende der Strickleiter kam, stieg er auf eine vorstehende Felsplatte und band die mitgenommene an die erste. Zu seinem Kummer bemerkte er, daß auch diese den Boden des Kraters noch nicht ganz erreichte, doch mutig stieg er weiter und Eduard ebenso tapfer hinterher. Am Ende dieser zweiten Strickleiter angekommen, befand sich Wonström noch circa sechs Meter über dem Grunde des Kraters, doch war es nicht schwer, das kleine Stück vollends hinabzuklettern, da die Wand nach unten weniger steil geworden war. Zu aller Vorsicht band Wonström den Strick, den Eduard mitgenommen hatte, an das untere Ende der zweiten Strickleiter und kam auf diese Weise auf den Grund; ebenso Eduard. Je tiefer sie gestiegen waren, desto wärmer war es geworden und auf dem Grunde des Kraters mochte die Temperatur wohl 35 Grad R. betragen. Unten angekommen, schauten beide die steilen Kraterwände hinauf und staunten über die furchtbare Höhe derselben. Nach ihrer Schätzung war der Krater 130 Meter tief und etwa 300 Meter weit. Auf dem Boden lagen bunt durcheinander schwarze Schlacken, Basalt- und Lava-Stücke, und Asche, Bimstein und vulkanisches Glas füllten die Zwischenräume aus. Jetzt galt es zu untersuchen, wo der Dampf herauskam und vorsichtig stiegen sie über die vulkanischen Erzeugnisse direkt darauf zu. Unterwegs hatten sie mehrere kleine Spalten zu überschreiten, aus denen von Zeit zu Zeit kleine Wölkchen weißen Dampfes herausdrangen; übrigens wurden die Dampfwolken stoßweise herausgetrieben mit größeren oder kleineren Pausen. Als sie näher kamen, bemerkten sie einen kleinen, kegelförmigen Berg, aus dessen Spitze der dicke Dampf herausquoll. »Das ist der Eruptionskegel,« sagte Eduard, dem seine Wissenschaft jetzt wieder einfiel, »genau so wie uns das Innere der feuerspeiende Berge auf dem Gymnasium beschrieben wurde; auch haben schon manche Naturforscher in solche natürliche Schornsteine hineingeguckt, aber es ist ein gefährliches Ding, weil man bei einem solchen Versuch durch die ausströmenden Gase leicht ersticken kann, wie es z. B. Plinius dem Älteren – ein großer Gelehrter in Rom; gest. i. J. 79 nach Christ – erging, als er in den Krater des Vesuvs schauen wollte.« »Na – versucht muß es werden, übrigens sind wie ja zu zwei, so daß einer den andern helfen kann,« antwortete Wonström; »du bleibst hier und ich klettere da hinauf und will versuchen, in den Portionskegel oder wie du ihn nennst, hinein zu gucken, sollte ich etwa den Gestank aus der Teufelsküche nicht vertragen können und zu schnappen anfangen wie der Fisch auf dem Trockenen, so ziehst du mich an dem Strick wieder herunter.« »Nein, ich will hinaufklettern, ich muß selbst sehen, was da drinnen vorgeht; meine Sehnsucht ist ungeheuer, diese gewaltigen Elemente in ihrer Großartigkeit zu sehen.« Dabei fing Eduard an hinauf zu klettern und Wonström, als guter Kamerad, fügte sich auch seinem Wunsche. Der Eruptionskegel war ungefähr 12 Meter hoch und der Durchmesser der Krateröffnung darin mochte vielleicht 10 Meter betragen. Es dauerte nicht lange, so war Eduard oben. Nachdem eine weiße Dampfwolke in die Höhe gestoßen war, schaute er in die Öffnung, aus der eine immense Glut strömte und ihn beim Hineinsehen fast verbrannte, doch standhaft blickte er hinein und sah eine hellrote glühende flüssige Masse, die Lava darin wallen. Sie stieg langsam in die Höhe, als aus der Mitte der Lava der weiße Qualm mit einem Ruck herausdrang und dadurch die Lava wieder auf ihr altes, tiefes Niveau zurücksank, jedes Dampfausstoßen führte eine Menge erstickender Gase mit sich, weshalb Eduard nur mit der größten Selbstbeherrschung seinen Standpunkt behaupten konnte. Das Auf- und Niedersteigen der weißglühenden, flüssigen Lava mußte ungeheuer interessant sein; denn Eduard, obgleich seine Lage durchaus nicht angenehm war, konnte sich von dem Anblick nicht trennen. Da bemerkte er, wie die Lava ungewöhnlich hoch stieg; deutlich konnte er das Wallen sehen, als plötzlich aus der Mitte eine ungeheure Dampfwolke ausgestoßen wurde. Sie schlug Eduard ins Gesicht und ohnmächtig sank er hinten über. Schnell zog ihn Wonström an dem Strick, der sie beide aneinander band, herab zu sich, nahm ihn auf die Arme und lief so schnell als möglich mit seiner Last dem dampffreien Raum zu, denn auch ihm hatten die Gase, die um ihn herum aus den verschiedenen Erdspalten drangen, große Beschwerden gemacht und einige Male mußte er Schwindelanfälle mit ganzer Kraft bekämpfen. Wenn er nicht die Stärke gehabt hätte, in die mehr gasfreie Seite des Kraters zu kommen, so wäre es um beide Freunde geschehen gewesen, und sie wären in einem unbekannten Lande ein Opfer der Wissenschaft geworden. XI. Kapitel. Ein Kampf um's Leben. Als Wonström mit seiner Bürde in bessere Luft kam, atmete er hoch auf. Sein Blut, das in fieberhafte Wallung gekommen war und heftig zum Kopf drängte, beruhigte sich; das beängstigende Gefühl, das sich seiner infolge der giftigen Gase bemächtigt hatte, schwand, und er fühlte, daß er einer schrecklichen Gefahr eben entronnen war. Aber Eduard, das einzige ihm gleichgestellte Wesen in dieser schrecklichen Einöde, er lag da ohne Atem, mit verbrannten Gesicht, die Augenbrauen und Haare waren versengt, das Gesicht rot und blau aufgedunsen. Mit Schrecken dachte er daran, daß Eduard verloren sei und er ganz allein. Eine Todesangst ergriff ihn, er rief Eduard's Namen, blies ihm seinen Atem ein, rüttelte und schüttelte ihn. Es vergingen bange Minuten; endlich ein tiefer Atemzug, dann noch einer und schließlich schlug Eduard die Augen auf. Wonström wußte sich vor Freude kaum zu fassen; er herzte und küßte Eduard auf das verbrannte Gesicht und war überglücklich, daß die Augen seines Freundes gesund und heil waren. Wonström hatte unterdessen bemerkt, daß aus dem Eruptionskegel die Dampfstöße immer schneller aufeinander folgten und stärker wurden, er sah, daß etwas vorging, was ihnen bei längeren Verweilen in dem Krater Verderben bringen mußte. Eduard fühlte sich sehr schwach und sein Gesicht glühte wie höllisches Feuer; nichtsdestoweniger trieb Wonström, den Krater so schnell als möglich zu verlassen. Er stellte Eduard vor, daß jede Minute Verzug ihnen den Tod bringen könne und beschwor ihn, seinen ganzen Mannesmut zusammen zu nehmen, um aus dem Krater zu steigen; zugleich machte Wonström sich auf, an dem Strick hinauf bis an die Strickleiter zu klettern; jetzt stand er auf der ersten Sprosse und zog den Strick an, mit dem er an Eduard gebunden war. Dieser mußte wohl oder übel sich bequemen, den Marsch ebenfalls anzutreten, obgleich er zum Sterben müde war und gräßliche Schmerzen in seinem Gesicht empfand. Von Wonström halb gezogen, ging es denn langsam aufwärts und glücklich war die erste Strickleiter erstiegen, also über die Hälfte. Ein Blick in die Tiefe belehrte sie, daß der Krater jetzt fast ganz mit Dampf angefüllt war, dabei hörten sie ein prasselndes Geräusch und mit Schrecken bemerkte Wonström, daß die Lava übergelaufen war und sich auf dem Boden des Krater verbreitete. Eine fürchterliche Hitze strömte zu ihnen herauf und sie merkten auch, daß die Gase bis zu ihnen drangen. »Eduard komm, wir sind sonst verloren,« schrie Wonström vor Angst, denn er bemerkte, daß Eduard stecken blieb und nicht weiter konnte. »Um Gotteswillen, ermanne dich, steig zu, wir sind sonst verloren.« Eduard aber, den die Gase einzunehmen schienen, war stumpf gegen alles Reden; er lallte nur »ich kann nicht mehr, rette dich, schneide den Strick durch. O das Feuer, das Feuer!« – Da taumelte er zurück, seine Hände griffen statt in die nächste Sprosse in die Luft und er stürzte rücklings in den Abgrund. Wonström, der mit Entsetzen Eduard's Schwäche bemerkt hatte, standen vor Todesangst die Haare zu Berge und dicke Schweißtropfen fielen ihm von der Stirne. Da stürzte Eduard in die Tiefe – krampfhaft hielt er sich an die schwache Strickleiter fest – es gab ihm einen fürchterlichen Ruck, Eduard hing an dem Stick, den Wonström um seine Hüfte geschlungen hatte. Durch den schrecklichen Ruck hatte Wonström die Leiter nicht losgelassen, der Strick war nicht gerissen, ebenso hat die Strickleiter nicht nachgegeben. Eduard war unten an einer vorstehenden Felskante aufgeschlagen, dies brachte ihn wieder zur Besinnung; er faßte nach der Strickleiter und hielt sich daran fest. Jetzt faßte Wonström einen anderen Plan. Er schrie hinunter »halte dich fest, ich komme zu dir und werde uns beide retten.« Instinktiv, halb geistesabwesend, hielt sich Eduard fest und Wonström stieg zu ihm hinab. Es war die Stelle, wo die beiden Strickleitern aneinander befestigt waren und erinnern wir uns noch der Felsplatte, auf der Wonström stand, als er die beiden Strickleitern zusammenband. Er stieg auf die Felsplatte, veranlaßte Eduard mit seiner Hilfe ein Gleiches zu thun und band ihn dann sich auf den Rücken. Mittlerweile waren die Gase aber immer intensiver geworden, Eduard war wieder in Ohnmacht gefallen und hing wie ein Mehlsack auf Wonströms Rücken. Diesem wurde das Atmen auch recht beschwerlich, und häufig mußte er husten. Jetzt galt es kurze Entschlossenheit. Wonström, ein starker Mann mit großer Energie und Willenskraft, griff in die Leitersprossen und langsam, aber sicher trug er seine teuere Last immer höher und höher. Wohl drohten ihn oft die Kräfte zu verlassen, aber seine eiserne Willenskraft überwand solche Schwächen. Nach unsäglicher Anstrengung erreichte er das Ende der Strickleiter und stieg gerettet mit dem ohnmächtigen Eduard in die Schlucht. Dort hielt er sich nicht lange auf. Er nahm die beiden Flinten, die sie in der Schlucht zurück gelassen hatten, und trat sofort die Wanderung nach Hause an; denn diese Gegend schien ihm unheimlich und die ausgestandenen Schrecken schwebten noch immer vor seinem geistigen Auge. Unterwegs, als er den Berg herabstieg, kam Eduard wieder zu sich, jedoch war er nicht fähig zu gehen; deshalb trug ihn Wonström bis an das Zelt bei der Hasen-Bai. XII. Kapitel. Weiter nach Norden. Die Schmerzen, die Eduard in den nächsten Tagen ausstehen mußte, waren sehr groß. Wonström hatte ihm das Gesicht mit Thran eingerieben und dadurch eine ziemlich schnelle Heilung erzielt. Die Haut löste sich ab und wurde durch eine neue ersetzt. Die Augen waren nicht beschädigt worden, denn instinktiv hatte Eduard dieselben schnell geschlossen. So war er aus der gefährlichen Lage verhältnißmäßig glücklich weggekommen, aber die Angst, die sie beide ausgestanden hatten, war mehr als Todesangst gewesen. Als der Isbjörn vom Eise zerdrückt wurde, schwebte ihr Leben ebenso in Gefahr als in dem Krater, doch war die Angst nicht mit den Folterqualen zu vergleichen, die sie vor kurzen ausgestanden hatten. Und Eduard, wie dankte er dem guten Wonström, der sein eigenes Leben eingesetzt hatte, um das seinige zu retten. Doch Wonström wies alle Dankesworte zurück, indem er sagte: »Lieber Freund, du machts zu viel Aufhebens von deiner Rettung; allerdings habe ich dich gerettet, auch habe ich mein Leben eingesetzt, jedoch habe ich das alles zu meinem Eigennutz gethan; denn was sollte ich beginnen, wenn ich allein dastände ohne Gehilfen, ohne Freund, ohne vernünftiges Wesen? Über kurz oder lang wäre auch ich gestorben und verdorben. In solchen Gegenden kann ein Mensch allein nicht leben; er muß zugrunde gehen, wenn die gegenseitige Unterstützung fehlt.« Eduard war wieder gesund geworden. Wonström hatte ihn gepflegt wie eine Mutter; etwas besonderes war in den acht Tagen danach auch nicht passiert. Ein Ausbruch des Vulkans, den die Freunde erwarteten, war ausgeblieben und sie dachten an die Weiterreise nach Norden, nach dem warmen Polarlande. Bevor sie aufbrachen, unternahmen sie erst eine Reise um die kleine Insel, die sie, wie schon erwähnt 'freies Land' getauft hatten. Sie nahmen die Insel auf, machten sich genaue Notizen über Klima, Vegetation und Tierwelt. Auf der Insel wurden ihnen eine große Mückenart besonders lästig, deren Stich sehr empfindlich schmerzte und starke Geschwulst hinterließ. Von der Ostküste aus sahen sie ziemlich nahe das Petermannsland sich nach Norden ziehen und zeichneten sie auch dieses so gut und so weit als möglich in ihre Karte ein. An der Nord-Westküste der Insel sahen sie sich einem anderen Lande ziemlich nahe, und dieses wollten sie mit ihrer Boot-Flottille zu erreichen suchen, um an dessen Küste soweit als möglich nach Norden zu dringen. Als sie von ihrer Tour heim kamen, stärkten sie sich erst durch einen gesunden Schlaf, dann wurde das Zelt abgebrochen, das Boot, dem alles entnommen war, wieder bepackt und sämtliche Boote im Schlepptau nach dem neuen Lande gesteuert. Es war der 15. August, als sie aufbrachen. Das Wetter war schön, und ein sanfter Nord-West war ihrer Bootsfahrt sehr günstig. Nach einer vierzehnstündiger Fahrt hatten sie wohlbehalten das neue Land erreicht. Das Kap wo sie landeten nannten sie das 'Hoffnungskap' und das Land 'Spiller-Land'. Hier ankerten sie ihre Boote fest und begaben sich an's Land. Zwei Herden Renntiere kamen neugierig heran, um zu sehen, was für merkwürdige Geschöpfe da wohl an's Land stiegen. Doch bald belehrte sie ein Schuß aus Eduards Büchse, der ein starkes Renntier zu Boden streckte, daß sie es mit gefährlichen Wesen zu thun hatten, die den Donner und Blitz mit sich führten. Hans, der selbstverständlich auf den Schuß sofort das getroffene Renntier vollends erwürgte, jagte durch sein Beginnen die übrigen in die Flucht. Als sich alle drei an dem Renntier gesättigt und ein wenig ausgeruht hatten, brachen sie wieder auf. Sie steuerten ihre Boote längs der Küste nach Norden und nahmen dabei so gut wie möglich die Grenzen dieses neuen Landes auf. So überschritten sie am 20. August den 85. Grad nördlicher Breite. An den Ufern der passierten Länder hatten sie verschiedene Tiere sehen können, so daß sie bezeugen konnten, daß der Tierreichtum gegen Norden zu wieder wachse. Ebenso kam ihnen das Gras und das Moos größer und üppiger vor. Eis umlagerte die Küste nur in kleinen Schollen, und das Meer war, soweit ihr Auge reichte, eisfrei. »Ganz entschieden,« sprach Wonström, »kommen wir in milderes Klima, je weiter wir nach dem Norden vordringen, und ich glaube ganz bestimmt, daß wir bald das gepriesene Land erreichen werden. In dem sogenannten eisfreien Polarbecken sind wir schon und nach dem Nordpol haben wir nur noch 5 Grad, das ist eine Strecke wie ungefähr von Hamburg nach Fredrikshald.« Wenn Wonström so und ähnlich sprach, da glänzten die blauen Augen Eduard's vor Stolz und Freude, und in Gedanken zählte er sich dann zu den größten Männern seiner Zeit. Ohne großen Aufenthalt an der Küste segelten sie weiter. Als sie den 86. Grad nördlicher Breite überschritten hatten, bog das Land nach Nord-Westen um. Das Petermannsland hatten sie schon vom 85. Grad aus nicht mehr gesehen und nahmen an, daß es von da an nach Osten laufe. XIII. Kapitel. Hinter der Eisschranke. Als sie 86° 15' nördlicher Breite und 50° östlicher Länge gekommen waren, bemerkten sie eine sehr einladende Bucht und sie beschlossen, einige Tage auf dem Lande zuzubringen. Die sechs Boote wurden in die Bucht hineingesteuert und festgeankert, dann das in üppigem Grün prangende Land betreten. Hier zeigte fast nichts mehr die Polarwelt an. Das Gras, welches dunkelgrün und vollsaftig den Strand einfaßte, war fußhoch und das Moos, das die feuchten Stellen bedeckte, war dicht und hoch; es glich einem schwellenden Polster. Aus dem Grase ragte ab und zu ein hoher Stengel, der große Ähnlichkeit mit dem Mais hatte; in der Mitte der Blätterkrone hing eine Traube, deren Beeren die Größe von Kirschen und die Gestalt einer abwärts gerichteten Pyramide hatten. Auf verschiedenen nassen Stellen schossen Farrenkräuter von sehr verschiedener Form hervor und manche dieser Farrenkräuter erreichten eine Höhe, daß man sie besser mit Farrenbäumen bezeichnen konnte. Die größten mochten eine Höhe von drei Meter haben. Sie glichen kleinen Palmenbäumen und trugen Früchte, die kleinen Kokosnüssen von außen ähnlich waren. Zwischen dem Grase schlüpften bunte Eidechsen umher, welche bisweilen die ansehnliche Größe von einem Meter erreichten. Auf dem Boden hatten sie Fährten von Renntieren, Füchsen und Hasen getroffen, von denen die Tritte der Renntierfährten sehr merkwürdig waren. »Wenn es so fort geht,« sagte Eduard, »so wird das warme Polarland nicht mehr weit sein oder hier ist schon der Anfang davon; gleichen doch diese Farren und Gräser schon den Pflanzen, die in den Tropengegenden wachsen. Wenn ihnen auch die gigantische Größe fehlt, so ist doch die Gestalt und Form eine ganz ähnliche.« »Ohne Zwifel ist hier die Grenze der warmen und kalten Zone der Polarwelt,« ließ sich Wonström vernehmen, »und wir können jetzt ohne Furcht in die Zukunft blicken; denn ein Klima, wo solche Pflanzen gedeihen, wird auch für Menschen passend sein. Aber man darf nicht ungestraft unter Palmen wandeln; denn sieh' hier diese langschwänzige Kreatur, wie sie uns anglotzt, als ob sie uns fragen wollte: wie kommt ihr in mein Reich?« Mit diesen Worten zeigte Wonström auf eine große Eidechse, die neugierig mit ihren goldschimmernden Augen die Fremdlinge anstarrte. Als aber Eduard auf sie zuschritt, um sie näher zu betrachten, huschte sie gewandt durch Gräser und Farren. Hans, der Eisbär, der an Eduard's Seite schritt, hatte sie ebenfalls bemerkt. Mit einigen Sprüngen erreichte er sie und biß sie todt. Dies geschah so schnell, daß Eduard, der fürchtete, die Eidechse könne giftig sein, Hans nicht von seinem Vorhaben abhalten konnte. Als er hinkam lag der tote noch zuckende Körper am Boden. Hans wollte ihn natürlich gleich verschlingen, doch wehrte ihm dies Eduard, da er diese Rieseneidechse erst untersuchen wollte. Als er das breite Maul aufmachte, bemerkte er, daß die Kiefern nicht mit Zähnen besetzt waren. Die Zunge war an der Spitze gespalten gleich jener der Schlangen. »Das scheinen mir sehr harmlose Tiere zu sein, die sich gleich dem Leguans Westindiens von Beeren und Insekten nähren, obgleich letzteres den Rachen voll Zähne hat, wir wollen es doch aufschneiden und seinen Mageninhalt untersuchen.« Mit diesen Worten zog Wonström sein Messer, legte die Eidechse, die bedeutend zerbissen war, auf den Rücken und schnitt ihr den Leib auf. Der Mageninhalt zeigte, wie Wonström ganz richtig vermutete, Planzen- und Insektenteile, namentlich war eine große Sorte Ameisen stark vertreten. »Du siehst, ich habe Recht gehabt, diese Eidechse hat die Ernährungsweise mit dem Leguan von Westindien gemein; vielleicht ist sie auch eßbar wie diese.« »Was, essen!« rief Eduard, »Eidechsen essen! Nein, auf keinen Fall mag ich solche Kost haben – brrr –« und er schüttelte sich, »lieber altes Stiefelleder als dieses Amphibium.« »Nun, nun,« wehrte Wonström ab, »es steht ja bei uns zu thun und zu lassen was wir wollen, aber so gar schrecklich könnte ich den Eidechsenbraten doch nicht finden. Was wird bei euch in Hamburg nicht alles gegessen; Krebse, Austern, Schnecken, Vogelnester, Froschschenkel, alles das ist doch im Grunde genommen noch viel ekelhafter als Eidechsen oder Schildkröten. Ich kann mich besinnen, daß mir ein Leguan, welches mir bei einer Reise nach Westindien auf der Insel Cuba aufgetischt wurde, ganz ausgezeichnet geschmeckt hat; übrigens ist es noch eine große Frage, ob dieses Viehzeug überhaupt genießbar ist. Wir wollen doch sehen, was Hans damit anfängt.« Er warf Hans den Kadaver der Eidechse zu und jener, nachdem er ein wenig daran geschnüffelt hatte, fing an, den Leichnam zu verzehren. Nach und nach schien er Geschmack daran zu gewinnen und in kurzer Zeit war die Eidechse bis auf den Kopf, der mit Schilden bedeckt war, und die Krallen aufgezehrt. »Wohl bekomms,« wünschte Eduard, »für Hans scheint es ein Leckerbissen zu sein; nun ich beneide ihn nicht um seinen Schmaus.« »Hier scheint ein kleiner Aufenthalt ganz angebracht zu sein, da ich glaube, wir können hier ganz interessante Studien machen. Wenn wir doch gutes Trinkwasser fänden; komm, wir wollen sehen, ob nicht eine Quelle zu finden ist.« Damit winkte Wonströn seinen jungen Freund und ging mit ihm, um Wasser zu suchen. So lange die Abenteurer schon unterwegs waren, hatten sie noch kein gutes frisches Trinkwasser genossen. Ihr Getränk bestand meistens aus Thee, den sie mit solchem Wasser kochten, das sie aus geschmolzenen Eisstücken gewonnen hatten. Das Meerwasser hat bekanntlich einen bittersalzigen Beigeschmack, ist also in gewöhnlichen Zustand zum Genuß für den Menschen nicht brauchbar, wenn ihm nicht diese schlechtschmeckenden Bestandteile durch Destillation entzogen werden. Das Eis dagegen ist mehr oder weniger frei von diesem widerlichen Geschmack, namentlich das sogenannte Süßwassereis. Das Süßwassereis sieht im Gegensatz zum Seewassereis im Wasser schwimmend, schwarz aus, außerhalb des Wassers ist es dagegen hell und durchsichtig. Oft ist das Süßwassereis auch mit unzähligen kleinen Luftbläschen gefüllt, wodurch es mehr oder weniger grauweiß und undurchsichtig wird. Wenn das Meerwasser gefriert, so sondern sich das reine Wasser von den anderen Bestandteilen ab, d. h. das Salz gefriert nicht mit, sondern nur das reine Wasser. Dadurch, daß das Meerwasser fremde nicht frierende Bestandteile mit sich führt, friert es auch erst bei 1½ Grad R., während Süßwasser bekanntlich bei 0 Grad zu Eis erstarrt. Meerwassereis, das man eine Zeitlang in die Luft hängt, fängt an zu tropfen; nachdem es lange genug gehangen hat, wird man finden, daß es gänzlich frei von Salz geworden ist, dieses ist herausgetropft. XIV. Kapitel. Merkwürdige Rehe. Als Wonström und Eduard gingen, um frisches Trinkwasser zu suchen, trollte Hans, sich den Bart leckend, hinterher. Um eine größere Rundschau zu haben, stiegen sie auf einen nahen Hügel, von dem aus sie in nicht zu großer Ferne einen Teich glänzen sehen. Sie gingen darauf zu, doch schwand ihnen die Hoffnung, das Ufer des Teiches zu erreichen; denn um ihn herum war ein großer Sumpf, in dem sie sicher versunken wären, wenn sie gewagt hätten vorzudringen. Da gewahrten sie an der nördlichen Seite des Teiches eine Heerde renntierähnlicher Tiere ohne Geweih, welche dicht am Rande des Teiches das saftige Grün abästen. Wonström folgerte richtig, daß auf der Seite des Teiches kein Sumpf sein müsse, da sonst die Tiere versunken wären, bevor sie das Teichufer erreicht hätten. Sogleich suchten sie von der nördlichen Seite an das Ufer des Teiches zu gelangen, um wenn möglich sich einen frischen Braten zu verschaffen. Im weiten Kreise, zum Teil über Felsen, zum Teil durch die Ausläufer des Sumpfes watend, kamen sie in die Nähe der Tiere. Dort war, wie Wonström vermutet hatte, fester Grund und Boden bis an das Teichufer; denn die Tiere, welche die Größe von Rehen hatten, besaßen wie diese Zweihufer zierliche Läufe, die nicht geeignet waren, solche Sümpfe zu durchschreiten. Vorsichtig, wie es Jäger bei scheuem Wilde zu thun pflegen, pürschten sie sich heran, teils durch das hohe Gras, teils durch Felsen gedeckt. Als sie vierzig Meter noch von der aus ca. fünfzehn Stück bestehende Heerde entfernt waren, suchte sich jeder ein starkes Stück heraus und fast gleichzeitig knallten die Schüsse. Beide waren wohl getroffen und stürzten verendet zusammen; die anderen aber liefen ratlos umher, bis zwei weitere Schüsse sie belehrten, daß es besser sei zu flüchten. Anmutig und elegant, wie Gazellen, setzten sie über Felsen und Grasflächen, nur ein Stück blieb hinten nach und setzte sich schließlich hinter einem Felsblock ins Gras. Es war offenbar angeschossen und konnte nicht mehr fort; auch von der übrigen Heerde sonderte sich noch ein Stück ab und lief allein einem mit besonders üppigen Graswuchs bestandenen Flecken zu, in dem es verschwand. Das war für Hans wieder ein Fest. Die zwei zuerst gestürzten Tiere schlugen noch auf der Erde herum und Hans würgte sie mit größtem Vergnügen noch völlig ab. »Das ist besser als Eidechsen-Braten,« meinte Eduard, »auch besser als Seehund, der stets sehr thranig schmeckte, das wollen wir uns nobel herrichten.« »Ja ich freue mich auch einmal auf andere Kost; aber merkwürdig ist es doch, hier im hohen Norden solche Tiere anzutreffen. Noch nie habe ich gehört, daß hier solche Tiere gesehen worden wären. Wenn wir im Tropenlande wären, würde meine Bewunderung nicht so groß sein; denn dort ist der Tierreichtum so groß, daß noch immer neue, bis jetzt unbekannte Arten gefunden werden, Aber hier im Norden, wo nichts als reine Pflanzenfresser wie Moschusochsen, Renntiere, Hasen und Lemminge bekannt sind, ist es wohl etwas merkwürdiges, eine neue Spezies zu finden.« »Ja, und diese eigentümliche Gestalt, kleiner als das Renntier, der Kopf wie der eines Pferdes gebildet, der Hals wie ein Kamel oder eine Giraffe, die Läufe wie ein Reh. Übrigens besteht unsere Beute in drei Tieren; denn dort hinter jenem Felsen muß noch eines liegen.« »Ich glaube sogar,« sagte Womström, »daß wir ein viertes noch bekommen werden; denn ich bemerkte, daß sich später noch ein Tier absonderte und in jenem hohen Graswuchs verschwand.« »Hans, hierher,« rief Eduard, »du zerraufst ja unsere Rehe vollständig.« Hans konnte sich schwer von seiner angenehmen Beschäftigung trennen, dennoch folgte er seinem Herrn. Wonström war mittlerweile nach dem Felsblock gegangen und fand, wie er vermutete, ein verendetes Tier im Grase liegen. Er faßte es an den Hinterläufen und schleppte es zu dem Platze, wo Eduard die beiden anderen untersuchte. »So!« sagte er, »Fleisch wäre da, helles, süßes Wasser ebenfalls; nun fehlt blos noch, daß wir mit diesem bei unseren Booten wären.« Schneller Entschluß, guter Entschluß. Damit zog er sein Messer aus der Scheide und brach die Tiere auf, d. h. er nahm den Magen und die Gedärme heraus, worauf sie bedeutend leichter wurden. Dann warf er sich ein Tier über die Schulter, desgleichen Eduard und beide wanderten mit Hans, der sehr betrübt auf das zurückbleibende dritte Stück blickte, den Booten zu. Nach einer halben Stunde kamen sie dort im Schweiß gebadet an, denn eine solche Last so weit zu tragen, namentlich wenn es die Sonne mit ihren schrägen Strahlen so gut meint wie heute, eignet sich schon dazu, einen warm zu machen. XV. Kapitel. Eine Wolfsjagd. Jetzt hieß es noch einmal wandern und Wasser holen. Mit einem Fasse versehen, das an zwei Ruder gebunden war, welche auf ihren Schultern lagen, zogen sie noch einmal aus. Am Teiche angekommen, bemerkten sie in dem klaren Wasser einen großen Fischreichtum und es gelüstete sie nach einem gesottenen Fisch. Aber wie einen solchen bekommen? Angeln und Netze hatten sie nicht, mit den Händen ließen sie sich nicht greifen, wie also einen packen? »Wir haben schon alles Mögliche geschossen, warum soll es uns nicht gelingen, auch einmal einen Fisch zu schießen,« meinte Wonström, damit nahm er sein Gewehr und zielte auf einen armlangen, nahe am Ufer schwimmenden Fisch. Er hielt dicht darunter und schoß. Auf den Schuß spritzte das Wasser hoch auf und nachdem es sich beruhigt hatte, sahen sie den Fisch auf dem Rücken liegend untersinken. In dem klaren Wasser konnte man ihn deutlich auf dem Boden liegen sehen und es galt jetzt denselben heraus zu holen. Auch da wußte Wonström Rat; er band beide Ruder zusammen und mit Hilfe Eduards brachte er ihn glücklich an's Land. Es war eine Art Knorpelfisch, zum größten Teil bepanzert; nichtsdestoweniger aber sehr einladend zum Essen. Hans hatte sich einstweilen über die Gazelle hergemacht und sie ziemlich aufgefressen; denn es war ihm gestattet worden. Nun wurde das gefüllte Faß aufgehoben und wie seiner Zeit Josua und Kaleb die große Weintraube aus dem gelobten Lande, so trugen Wonström und Eduard heute ihr Wasserfaß mit dem Fische heim. Mittlerweile hatte sich ein bedeutener Hunger bei beiden eingestellt, weshalb sie so schnell als möglich ihre Delikatessen herrichteten. Der Fisch wurde in Stücke geschnitten und mit Salz, dem einzigen Gewürz das sie hatten, in einem Topfe blau gesotten. Von der einen Gazelle hatten sie eine Keule genommen und diese mit etwas Seehundsspeck und Salz in einer Bratpfanne zum Feuer gesetzt. Der Fisch war zuert fertig, er schmeckte ausgezeichnet und Wonström meinte, solche Sorte wäre besser als Lachs und Forelle, zumal er gar keine Gräten habe, welche die äußeren Knorpel ersetzen. Nach dem Fisch kam die andere neue Speise; auch diese erntete das allgemeine Lob; denn weicher, saftiger und schmackhafter konnte nach Ansicht unserer Freunde kein Spießböcklein aus der Königsküche kommen. Hans lag da und schlief, er träumte wahrscheinlich von Seehunden, Eidechsen und Gazellen; denn hin und wieder stieß er ein behagliches Brummen aus. Hansens Ruhe übte nach der Mahlzeit auf Wonström und Eduard einen eigentümlichen Reiz aus, und bald folgten sie seinem Beispiele. Sie mochten vielleicht einige Stunden geschlafen haben, als sie ein Brummen, Heulen und Knurren aufweckte und mit Staunen sahen sie Hans im Kampfe mit einer Herde Tiere, die wie Wölfe oder Füchse aussahen. Wahrscheinlich hatte der Duft des gebratenen Fleisches die kleinen Wölfe angelockt und diese hatten sich über das noch daliegende Fleisch hergemacht; Hans aber erwachte durch den Lärm und trat als Verteidiger auf. Wie jetzt die Situation war, so schlug Hans rechts und links die bissige Gesellschaft auf die Seite und zwei davon vergaßen das Aufstehen. Dennoch wäre er schließlich unterlegen, wenn er nicht Hilfe bekommen hätte. Rasch nahmen Wonström und Eduard ihre Gewehre und feuerten in die Wölfe, was diese stutzig machte, da ein paar gestürzt waren. Sie schienen große Lust zu haben, ihre neuen Feinde anzugreifen. Aber wieder knallten vier Schüsse und einige neue Kameraden stürzten tot zusammen, während verschiedene angeschossene laut aufheulten. Das war ihnen doch zu bunt und noch nicht vorgekommen, deshalb zogen sie vor, sich zurückzuziehen und als noch vier Schüsse knallten, wurde die Flucht allgemein. Die angeschossenen Wölfe konnten natürlich nicht so schnell mit fort und hinkten hinterher, wo sie dem sie verfolgenden Hans zum Opfer fielen. Einem nach dem anderen jagte er nach und die Erwischten waren im Augenblick getötet, indem Hans nach Eisbärenart ihnen den Kopf zerbiß. Als unsere Freunde das Schlachtfeld besahen, lagen acht Wölfe auf dem Kampfplatze und fünf Verwundete waren von Hans auf der Flucht getötet worden. »Hier wird's interessant,« lachte Eduard, »aber Mut kann diesen giftigen Kerlchen nicht abgesprochen werden; fast hätten sie Lust gehabt, uns anzufallen. Und Hans, der brave Hans, wie tapfer er war, komm her guter Kerl, hast dich so brav gehalten, ohne dich hätten sie uns den ganzen Braten weggefressen.« Und Hans kam, denn er war nicht unempfindlich gegen Lob. Er rieb seine blutige Schnauze an Eduard und brummte vergnügt vor sich hin. An vielen Stellen hatten die Wölfe ihm Pelzflocken herausgerissen, aber so eigentlich verwundet war er nicht, nur etwas struppig war sein Aussehen, wie sich wohl nach einem Kampfe jeder Sieger zeigen wird. »Jawohl,« fiel Wonström ein, »Hans kämpfte so mutig wie seiner Zeit die Flibustier, als sie die Spanier aufhängen wollten. Aber es ist doch merkwürdig, daß wir hier lauter fremde Tiere finden; sieh' nur, das sind weder Füchse noch Wölfe; am ähnlichsten sind sie noch den Schakalen der heißen Zone. Ich möchte fast sagen, das warme Polarland hätten wir schon entdeckt, denn hier ist sicher der Anfang.« Bei Wonströms Worten hob sich die Brust Eduards vor Stolz und Freude, wobei er der Heimkehr und seines Triumphes im Vaterlande gedachte. »Jetzt die Messer heraus und die Wölfe oder Schakale gestreift, das gibt gute Winterpelze.« Beide machten sich denn auch an die Arbeit des Hautabziehens, und in Zeit von einigen Stunden lagen dreizehn gelblich-graue mit dichten groben Haaren bedeckte Felle vor ihnen. Diese wurden aufgespannt, damit sie die Sonne austrockne, um sie nachher so gut als möglich gerben zu können. XVI. Kapitel. Ankunft im warmen Polarlande. Da der Aufenthalt hier nicht lange währen sollte, denn man schrieb schon den 28. August, so wurde beschlossen, die Flora des Landes dem Herbarium einzuverleiben, das wichtigste der Tierwelt zu sammeln und zu beschreiben und die Bucht genauer zu vermessen. Als sie die Graskappe in der Nähe des Teiches untersuchten, fanden sie die vierte erlegte Gazelle von großen roten Ameisen fast vollständig skelettiert. Das war ein Fund! Sie ließen den Kadaver noch eine Zeitlang liegen, um ein reines Skelett zu erhalten; dann nahmen sie den Schädel, der eine eigentümliche Zahnbildung zeigte, nebst einigen Hals- und Rückenwirbeln und einen Vorder- und Hinterlauf mit, um ihr Naturalienkabinett damit zu bereichern. Eine kleinere Eidechse von derselben Gattung wurde in Spiritus gesetzt, desgleichen alle Insektenarten, die zu finden waren. Von den Wölfen wurden zwei Köpfe mitgenommen, die bei Gelegenheit noch skelettiert werden sollten. Von allen Grasarten und Farren wurden Exemplare getrocknet, in die Herbarien geheftet und mit Etiketten versehen. Von den Felsblöcken wurden Stücke zur späteren Bestimmung abgeschlagen und am Teiche viele Muscheln und Schneckenhäuser gesammelt, dir dort in riesiger Menge vorhanden waren. Alles Gesammelte wurde so gut als möglich in den beschränkten Raum, der ihnen dazu in ihren Booten zur Verfügung stand, verpackt und am 1. September segelten sie mit ihrer Bootflottille im Schlepptau in der Nähe der Küste, die sich von hier nach Nord-West wendete, aus der 'Eidechsenbucht', wie sie getauft worden war. Das Wetter war schön und ein leichter Wind blähte das Segel, welches das erste Boot schmückte. Hans schwamm im Wasser öfters nebenher, denn er fühlte sich nicht so recht wohl in dem warmen Klima. Er machte den Beiden viel Spaß als geborener Schwimmkünstler und erstaunlich war es, wie lange er unter Wasser bleiben konnte. Von Zeit zu Zeit brachte er einen Fisch mit herauf, den er auch sogleich im Wasser verschlang. War er dann ermüdet, so stieg er wieder in das Boot, was freilich ein sehr beschwerliches und nasses Geschäft war. Die Küste, welche sich erst nach Nordwest gewandt hatte, lief jetzt direkt nach Westen, was die beiden Abenteurer nicht besonders freute, da ihr Trieb nach Norden war. Sehnsüchtig schauten sie aus nach nördlich liegendem Lande; denn auf's Geratewohl ins offene Meer konnten sie sich doch nicht mit den Booten wagen. Eben hatten sie eine, sich weit ins Meer streckende Landzunge umfahren, als sie in nicht zu weiter Entfernung nach Norden zu Land entdeckten. Ohne zu zögern steuerten sie nach Norden, da das Wetter schön war und nichts fürchten ließ. Wohlbehalten landete unsere Gesellschaft am 4. September in einer kleinen Bucht, die den Namen 'Waldbucht' erhielt, weil sich ein dichter Wald von Eichen, Buchen, Fichten und Föhren bis an das Ufer erstreckte. Erstaunt blickten sie die üppige Vegetation an, welche an diejenige Deutschlands erinnerte. Mit einem lauten »Hurrah« sprang Eduard an's Land, schwang seinen Hut und rief: »Ich bin es, der das wirklich warme Polarland zum ersten Mal betreten hat; den Ruhm kann mir niemand streitig machen, nicht einmal du, Wonström; denn du sitzest noch im Boote.« Wonström lächelte über die Ruhmsucht Eduard's und wollte ihm die Ehre, das warme Polarland zum ersten Mal betreten zu haben, durchaus nicht abstreiten. Zuerst befestigten sie ihre Boote am Ufer, damit nicht etwa ein Sturm ihren Schatz entführte und vernichte; dann warfen sie sich auf die Knie und beteten ein Vaterunser als Dankgebet, daß sie der liebe Gott so gnädig bis jetzt vor allen Gefahren, die sie umgaben, behütet, und als erste Menschen so glücklich in das warme Polarland geführt habe. Dann baten sie auch um seinen ferneren Schutz und schlossen mit einem kräftigen Amen – Ja Ja es soll also geschehen. Infolge der dreitägigen Bootfahrt waren beiden die Glieder halbsteif geworden, deshalb steckten sie etwas Proviant ein und unternahmen eine kleine Wanderung nach dem Inneren. Wonström, als kluger Hausvater, steckte vor allen viel Patronen zu sich und hieß Eduard ein Gleiches zu thun; »denn,« sagte er, »wir wissen nicht, was es hier für reißende Tiere gibt.« Hans ging natürlich auch mit, doch war er durchaus nicht lustig und fidel; denn das milde, warme Klima bekam ihm nicht, jedenfalls sehnte er sich nach seinen Eisbergen zurück und hatte Heimweh. Dieses Land zeigte eine reiche, üppige Vegetation. Mächtige Eichen streckten ihre knorrigen Äste 'gen Himmel, glatte Buchen waren ihre Nachbarn; nicht weit davon grenzte der Nadelwald. Tannen, Fichten und Föhren rangen um die Herrschaft und bald hatte eine Tanne, bald eine Fichte, bald eine Föhre auf ihrem Terrain den Sieg davongetragen, und ihre Kronen ragten über die Besiegten und Zurückgebliebenen weit hinaus. Natürlich war ein solcher Urwald, wo auf den durch Altersschwäche gestürzten Riesen sich immer wieder neues gewaltiges Leben erhob, fast undurchdringlich. Deshalb gingen Wonström und Eduard, bevor sie in die Wildnis drangen, am Waldsaume hin, um vielleicht einen etwas weniger dicht bestandenen Waldteil zu finden. Doch sollte ihnen die Freude nicht werden; nur eine Art breiten Fußsteig fanden sie, der von wilden Tieren, die hier zur Tränke kommen, gebildet war. Diesem zu folgen, war die einzige Möglichkeit, in den Urwald zu dringen, und so gingen sie darauf ins Innere und Hans hinterher. XVII. Kapitel. Der Kampf mit dem Wildschweinen und Hansens Tod. Sie mochten vielleicht seit einer viertel Stunde den Fußsteig betreten haben, als ihnen eine Herde kleiner gestreifter Schweine ohne Hauer entgegen kamen. Beim Anblick der merkwürdigen Kreaturen, die wir Menschen nennen, stutzten sie und blieben stehen. Eduard, ohne sich lange zu besinnen, riß seine Büchse von der Schulter und schoß das Vorderste nieder. Hans trat jetzt natürlich in Thätigkeit. Er sprang vor und würgte das erschossene Schwein, wie er stets mit erlegtem Wilde zu thun pflegte. Diesmal kam er aber schlecht an; denn plötzlich stürzte sich die ganze Schweineherde auf ihn, und rechts und links flogen die Flocken seines weißen Pelzes umher. Es war ein ähnlicher Kampf, wie ihn Hans vor einiger Zeit mit den Wölfen bestanden hatte. Hans wehrte sich tapfer, aber so oft er auch die Angreifer zurückschlug, immer waren neue da. Wonström und Eduard, welche die Berserkerwut der kleinen Tiere sahen, und für ihren Hans fürchteten, eröffneten eine Kanonade, die viele Schweine zu Boden streckte. Aber diese blind vor Wut und viel mutiger als seiner Zeit die Wölfe, fielen über die zwei Abenteurer her und schlitzten ihnen die Kleider auf, soweit sie hinaufreichen konnten. Kein Abwehren half mit ihren Hirschfängern und schon strömte das Blut von ihren Beinen herunter. Da warf Wonström seine Büchse über die Schulter und sprang zu einer starken Eiche hin, die wegen ihrer tiefen Äste leicht zu erklettern war und rief Eduard zu, ein Gleiches zu thun, da er sonst verloren wäre. Dieser hatte auch nichts eiligeres zu thun, als das Gewehr umzuhängen und ebenfalls die Eiche zu erklettern. »Das sind ja Teufelsviecher,« stieß er heraus, »mir haben sie die ganzen Beine zerrissen. Ja, es war die höchste Zeit, daß wir unsere Haut in Sicherheit brachten, diese Bestien haben den Teufel im Leibe; sieh' nur, wie sie heraufglotzen und den Boden aufwühlen; es ist nur gut, daß sie nicht klettern können, sonst währen wir verloren. Unser armer Hans wird wohl daran glauben müssen; wie tapfer er kämpft und sich doch nicht der rasenden Angriffe erwehren kann.« Sie sahen, wie Hans mit seinen mächtigen Pratzen die herrlichsten Ohrfeigen austeilte und die Empfänger flogen wie die Spielbälle auf die Seite; seine starken Zähne gruben sich in manches Schwein, aber er selbst war mit Blut über und über bedeckt und der Bauch ihm aufgerissen. Ein langes, wehes Brummen ließ er ertönen, und vergebens schaute er sich nach Hilfe um. Eduard, selbst erst der schrecklichen Gefahr entronnen, von wilden Schweinen zerrissen zu werden, schrie laut auf vor Schmerz. »Hans, Hans, komm hierher, mein guter Hans.« Und Hans schaute nach der lieben Stimme. Er sah die beiden Freunde auf den unteren Ästen einer starken Eiche sitzen und mit dem Aufgebot seiner letzten Kräfte schlug er die rasenden Tiere von sich und lief auf den Baum zu. Hier stieg er mit den Vorderpranken Hilfe suchend, an dem Stamm in die Höhe und ließ ein schmerzliches Brummen hören, als ob er sagen wollte, rettet mich, hebt mich hinauf zu euch. Wohl knallten die Schüsse aus beiden Gewehren so schnell als nur zu laden war, es half nichts; das wütende Heer achtete nicht auf ihre Toten. Der arme Hans wurde heruntergezogen und in Fetzen zerrissen. Es mochten etwa sechzig Stück im Ganzen sei, von denen zweiunddreißig schon getödtet waren, die übrigen sprangen um die Eiche herum und wühlten den Boden mit ihren Rüsseln am Fuße der Eiche auf, sodaß die Wurzeln bloßgelegt wurden. Doch Schuss auf Schuss knallte vom Baum herunter und tötete alle diese wütenden Bestien, die bis auf die letzte die Eiche zu unterwühlen suchten. Nachden die Metzelei vollbracht war, stiegen die beiden von der Eiche herunter. Ihre Beine schmerzten sehr, denn die Schweine hatten außer den Hosen ihnen auch an vielen Stellen die Haut von den Beinen gerissen. »Ein andermal sei nicht so vorwitzig und schieße auf alles, was lebt,« zürnte Wonström. »Mit Mühe und Noth haben wir unser Leben davongebracht, aber unsern guten Hans haben wir verloren.« »Ach Wonström, du hast Recht; mir thut nur der arme Hans leid. Sieh' nur, vollständig zerrissen ist er, nicht einmal die Haut können wir ihm abziehen, so zerfetzt ist sie. Schlagen wir denn den Kopf ab, damit dieser uns später noch an den treuen Freund erinnert.« »Na beruhige dich nur, haben wir auch einen schmerzlichen Verlust erlitten, Sieger sind wir doch. Schau nur das Schlachtfeld an. Schweine sind's, doch gefochten haben sie wie die Löwen. Aber ich glaube, wir gehen zu unseren Booten zurück und balsamieren unsere Beine ein.« Wonström nahm ein Schwein und Eduard Hansens Kopf mit, so kamen sie hinkend bei ihrer Flottille an. Zuerst nahmen sie breite Segeltuchstreifen, bestrichen diese mit Thran und wickelten sie um ihre Beine. Dann schlugen sie ein Zelt auf und brateten sich ein Stück Schweinefleisch. XVIII. Kapitel. Die Ansiedelung. Am Feuer hatten die beiden Freunde nun Zeit, ihre Lage zu besprechen. Der phantastische Eduard schlug die Bedenken Wonströms, ob sie jemals Europa wieder sehen würden, in den Wind und meinte: »Wenn wir hier bleiben müssen, ist unsere Lage auch nicht besonders schlimm, wir führen dann ein Robinsonleben, was ich in einer solchen Gegend wie hier nicht so entsetzlich finde.« »Zum Vergnügen einige Zeit Robinson spielen, wäre so übel nicht, aber für die Dauer – brrr – da wird mir unheimlich, wenn ich daran denke. Die Gegend scheint zwar ganz gemütlich hier zu sein und wenn ich's nicht genau wüßte, daß wir ziemlich beim Nordpol wären, würde ich glauben, in der Gegend von Seeland zu sein. Jedenfalls müssen wir aber jetzt Halt machen, den Winter hier verbringen, also uns hier ansiedeln.« So wurde denn beschlossen, einen passenden Ort zu suchen, wo sie ihr Heim einrichten könnten. Als ihre Beine notdürftig wieder geheilt waren, setzten sie ihren armen, im Kampfe gefallenen Hans ein Denkmal. Sie trugen Steine zusammen und setzten diese zu einer Pyramide auf. Aus der Mitte ragte eine Stange, auf deren Spitze Hansens Schädel prangte. Dann machten sie sich über die kleinen Schweine, denen sie die Haut abzogen. Als ihre Beine wieder leistungsfähig waren, brachen sie wohlgerüstet auf, einen Ort zum Übersiedeln zu suchen. Sie wanderten den Wildsteig weiter, auf welchem sie den Kampf mit den Schweinen bestanden hatten. Nach einer einstündigen Wanderung hatten sie den Wald durchschritten, und vor ihnen breiteten sich bunte Wiesen aus mit schon etwas gelb werdendem Grase. Im Hintergrunde stieg eine hohe Bergkette auf, die sich nach rechts und links so weit dehnte als das Auge reichte. Sie schritten durch das Gras und bemerkten, daß auch dieses mit Wildsteigen vielfach durchzogen war, was auf einen großen Wildreichtum schließen ließ. Weiter und weiter ging ihre Wanderung und jeder Schritt führte sie dem Nordpol näher. Als sie am Fuße des Gebirges angekommen waren, machten sie Halt. Die Wanderung und die schrägen Strahlen der Sonne hatten beide warm gemacht; sie zogen gebratenes Schweinefleisch heraus und lagerten sich an einem kleinen munteren Bache. Die Gebirgshänge waren wieder mit dichten Wald bewachsen und es schien, als ob ihre Wanderung in der Hauptsache beendet wäre. »Hier wäre die Gegend zur Ansiedelung eigentlich ganz praktisch,« nahm Wonström das Wort. »Fische, klares Trinkwasser, Feuerholz in Menge, hier freie Aussicht, da das Gebirge mit dem Urwalde, die vielen Wildfährten; ich glaube, wir siedeln uns hier an. Vielleicht finden wir auch irgend wo Lehm, daß wir Ziegeln brennen können, woraus wir uns ein festes Haus bauen werden. Menschen haben wir hier nicht zu fürchten, wie es aber mit den wilden Tieren aussieht, diese Frage ist noch nicht beantwortet.« Wie Wonström es vorschlug, so wurde es auch. In den nächsten Tagen herrschte in der Waldbucht ein reges Leben. Beide waren beschäftigt, einen Wagen zu bauen, auf dem sie ihren Reichtum nach dem Ansiedelungsplatz überführen wollten. Zu diesem Zwecke hatten sie eine Fichte gefällt und aus dem Stammende vier Scheiben geschnitten, die als Räder dienen sollten. Ein Boot zertrümmerten sie, aus dessen Brettern sie das Gestell bauten. Nach einigen mißlungenen Versuchen glückte es ihnen, einen dauerhaften, festen, wenn auch plumpen Karren herzustellen. Beim Ansiedelungsplatz hatten sie eine lehmartige Erde gefunden, die sich zum Ziegelbrennen sehr gut eignete, weshalb sie sich auch nicht lange bedachten, sondern zur Ausführung schritten. Als der Wagen fertig war, wurde er mit Proviant, Werkzeugen aller Art und sonstigen unentbehrlichen Sachen beladen. Die Boote wurden doppelt fest angebunden, damit sie ein etwaiger Sturm nicht losreißen könne und dann der Marsch angetreten. Es war eine beschwerliche Geschichte, dieser Transport. Es ging langsam, sehr langsam über die Wurzeln des Wildsteiges. Öfters wurde der Weg so eng, daß er mit Äxten und Sägen weiter gemacht werden mußte; doch unsere Abenteurer hatten die Geduld gelernt. Endlich kamen sie doch an's Ziel. Zuerst wurde ein kleines Zelt aufgeschlagen, dann ging es an's Ziegelmachen. Wonström nagelte kleine Bretter zu Ziegelformen zusammen und Eduard grub mit einem Spaten den Lehm heraus. Da letzterer noch etwas hart war, so wurde er mit Wasser vermengt, bis er eine zähe, bindende Masse abgab. Lustig platschten sie den Lehm in die Formen und bald waren sie so gewandt in dieser Arbeit, wie die besten Ziegelarbeiter Europa's. Die fertigen weichen Ziegel setzten sie in Pyramiden auf, die in der Mitte hohl waren. Sodann holten sie vom nahen Walde dürres Holz, stopften das Innere der Pyramiden damit voll, umgaben das Äußere ebenfalls damit und zündeten dasselbe mittels Pulver an. Diese feurigen Meiler nährten sie so lange mit dürrem Holz, bis sie die Ziegel richtig durchgebrannt glaubten. Als die Ziegel erkaltet waren, hatten sie zu ihrer großen Freude das schönste harte Baumaterial. Jetzt galt es, die Balken anzufertigen. Das war freilich eine beschwerliche Arbeit; dennoch wie unendlich leichter ging es mit ihren scharfen eisernen Äxten gegenüber denen des Robinson Crusoe, der mit seinem steinernen Beile dieselbe Arbeit verrichten mußte. An Nahrung fehlte es ihnen nicht. Einige Male hatten sich Tiere gezeigt, die einige Aehnlichkeit mit Eseln hatten. Es war eine Vereinigung der Vielhufer mit den Wiederkäuern. Die Eckzähne erinnerten an jene der Nashörner und Kamele; die Schwänze waren wohl über einen Meter lang und in der äußeren Gestalt näherten sie sich den Eseln, hatten auch ungefähr diese Größe, die Hufe waren gespalten. Von diesen ihnen ebenfalls unbekannten Tieren hatte Eduard einige erlegt, welche ein gutes und kräftiges Nahrungsmittel gaben. Als sie eine genügende Anzahl Balken vorgerichtet hatten, begannen sie den Grundbau. Kalk hatten sie freilich nicht, doch dünner breiiger Lehm vertrat seine Stelle. Am 15. Oktober war das Haus fertig. Die kleinen Kajütenfenster vom Isbjörn, die sie wohlweislich mitgenommen hatten, gaben dem Ganzen ein recht freundliches Aussehen. Jetzt galt es, den Inhalt der Boote selbst herzuschaffen. Das kostete abermals große Mühe, doch nach Verlauf von vierzehn Tagen war alles in das neue Heim übergeführt worden. XIX. Kapitel. Ein Jagdausflug. Jetzt, am Anfang November, machte der Winter sich sehr stark bemerkbar. Das Laub fiel von den Bäumen oder wurde gelb; es war eine ziemliche Dämmerung eingetreten und die Luft wurde rauh und kalt, obgleich noch kein Schnee gefallen war. Das Klima war überhaupt wie das der gemäßigten Zone. Nun galt es, sich für den Winter einzurichten. Zuerst wurden die fünf leeren Boote in der Waldbucht gut verwahrt; dann ließ man Seewasser in großen Kesseln abdampfen, um das rückständige Salz zum Einpökeln der Wintervorräte zu verwenden. Der Mangel an Salz, der über kurz oder lang eintreten würde, hatte die beiden Robinsone schon öfters erschreckt; denn ohne Salz würde Krankheit nicht ausbleiben. Ein mäßiger Ersatz war das Seesalz, das aber viele Nebenbestandteile enthielt und daher schlecht schmeckte. Eines schönen Tages rüsteten sie sich zur Jagd, um sich für den Winter mit Vorräten zu versehen. Wonström nahm einen Kompaß mit, um einer etwaigen Verirrung vorzubeugen. Es wurde beschlossen, immer nach Westen am Saume des Waldes zu marschieren, dann war der Ansiedelungsplatz sicher leicht wieder zu finden. Als sie einige Stunden gewandert waren, und nur kleinere Tiere angetroffen hatten, wie Hasen und krähenartige Vögel, die sie unbehelligt ließen, weil sie ihr Pulver und Blei sparen und nur größere wertvollere Tiere erlegen wollten, sahen sie in der Ferne eine Herde riesiger, straußartiger Vögel am Waldrande herumsteigen. Das war Wild, wie sie es wünschten und vorsichtig schlichen sie bis auf Schußnähe heran. Als sie sich dem nächsten Riesenvogel bis auf 80 Meter genähert hatten, beschlossen sie beide zu gleicher Zeit ihe Kugeln auf ihn abzuschießen, damit, wenn je ein Schuß fehlginge, doch der andere träfe. Wonström kommandierte. – Eins, zwei, drei – da krachten die Schüsse, und der Strauß sprang hoch auf und schlug mit seinen kurzen Flügeln, während seine Kameraden nur verwundert um sich schauten, aber nicht fortliefen. »Der ist getroffen,« sagte Eduard, und sprang auf, aber Wonström drückte ihn wieder in das hohe Gras und raunte ihm zu: »Schnell wieder laden, vielleicht können wir noch einen erlegen.« Doch zu spät. Die Strauße hatten Eduard's vorzeitiges Aufstehen bemerkt und liefen mit Windeseile davon. Der Geschossene versuchte den anderen ebenfalls zu folgen, doch stürzte er von Zeit zu Zeit zusammen, und als er merkte, daß er allein zurück blieb, verschwand er rechts im Walde. »Schnell nach,« schrie Eduard, »sonst entkommt er uns,« und damit wollte er mit der Flinte in der Hand dem kranken Strauße nachlaufen; doch Wonström hielt ihn und sagte: »Eile mit Weile. Dein unüberlegtes Gebahren hat uns schon öfters Ungelegenheiten gebracht, wenn du dich jetzt nicht ruhig verhältst, entgeht uns der Strauß und wie haben das Nachsehen.« Eduard konnte nicht begreifen, daß Wonström ihn noch jetzt von der Verfolgung abhielt, und aufgeregt sprach er: »Je länger wir zögern, desto weiter läuft doch der angeschossene Vogel, diesmal kann ich wirklich nicht begreifen, daß du eine schnelle Verfolgung unüberlegt nennst.« »Lieber Freund! Du wirst noch manches nicht begreifen, was ich thue; aber verlasse dich darauf, mir liegt ebensoviel daran, den Strauß zu bekommen, als dir; doch wenn wir jetzt gleich nachgingen, wäre ich sicher, daß wir ihn nicht bekämen. Setze dich nur ruhig mit hierher, ich will dir gleich erklären, warum, und es mag für dich in Zukunft von Nutzen sein, wenn du wieder, vielleicht allein, in ähnliche Lage kämst. Übrigens, die Wanderung hat mich hungrig gemacht, und dich jedenfalls auch; wir haben ganz schön Zeit, jetzt zu frühstücken, während ich dir meine Handlungsweise erkläre.« Eduard folgte seinem Freunde kopfschüttelnd, doch mußte er unwillkürlich, wie sonst, auch diesmal Wonström's Überlegenheit und Verstand anerkennen. Als sie ihren Eselsbraten kauten, fing Wonström an: »Was ich dir jetzt erklären will, weiß eigentlich jeder Jäger und auch dir wird die Richtigkeit meines Verfahrens sofort einleuchten. Jedes größere Geschöpf, das nicht gerade mit der Kugel in den Kopf, die Wirbelsäule oder die große Lungenschlagader geschossen wird, lebt noch eine zeitlang und ist fähig, seine Glieder nach Verhältnis zu gebrauchen. Wenn das geschossene Tier den Schmerz fühlt und den Feind sieht, so ist es doch stets darauf bedacht, sich der Gefahr durch die Flucht zu entziehen. Verfolgst du ein krank geschossenes Tier sofort, so strengt es alle Kraft an, sich der Verfolgung zu entziehen, verfolgst du es aber nicht, sondern lässet es unbehellig laufen, so flieht es nur so lange, bis es glaubt, einen sicheren Ort gefunden zu haben, wo es sich dann niederlegt, weil die Verwundung doch stets mehr oder weniger schmerzhaft ist. Hat es nun eine zeitlang ruhig gelegen, so fängt die Wunde an zu schmerzen; namentlich bei jeder Bewegung. Die angegriffenen Sehnen und Flechsen werden steif, unter Umständen tritt innere Verblutung ein und wohl gar der Brand, letzteres namentlich bei Weidwundschüssen, (Schüsse in den Magen und die Gedärme) und meistens findet man das Wild, wenn man es eine Weile liegen gelassen hat, in der Jägersprache: krank hat werden lassen, tot oder unfähig, noch mit Erfolg zu fliehen. Gehst du dem kranken Stück aber gleich nach, so flieht es so lang und so schnell es seine Beine tragen und nur dann wirst du es bekommen, wenn es einen absolut tödlichen, rasch wirkenden Schuß hat wie z. B. Lungen-, Leber- und Herzschuß. Auch der Herzschuß tödet die großen Tiere nicht sofort. Wenn wir nach drei bis vier Stunden unseren Strauß suchen, so finden wir ihn sicher verendet im Gebüsch oder so krank, daß er uns nicht mehr entfliehen kann.« Wonström's ruhige, überzeugende Worte machten auf Eduard auch den gewünschten Eindruck. Er gab ihm die Hand und sagte: »Du bist doch in jeder Beziehung mein Herr und Meister und es ist fast unmöglich, dir zu widersprechen. Aber sage mal, wo hast du dir als Seemann solche Kenntnisse erwerben können?« »Als ob man so einseitig sein müsse. Ha, ha, ha, du glaubst wohl ich sei eine Wasserratte, die sich nicht getraue, an's Land zu gehen? In Deutschland habe ich manchen Hirsch geschossen, am La Plata manches Wasserschwein und in Natal Gazellen und Gnu's. Ich habe genug Praxis gehabt, um mich zum weidgerechten Jäger auszubilden.« XX. Kapitel. Ein Riesenvogel. Beide waren jetzt fertig mit ihrem einfachen Frühstück. Sie standen auf, hingen ihre Gewehre um und gingen dorthin, wo die Strauße in dem Boden herumgestochert hatten. Hier bemerkte Eduard an den tiefen Abdrücken in dem aufgekratzten lehmigen Boden, daß die Strauße drei Zehen hatten, während der Afrikanische Strauß nur zwei besitzt. »Hier ist aber die ganze Tierwelt merkwürdig,« bemerkte Wonström. »Aber was haben sie nur hier gemacht? die ganze Erde ist bloßgelegt und zerstochen. Die Riesenvögel scheinen Erde gefressen zu haben.« Er nahm etwas Erde in den Mund und gleich darauf rief er freudig: »Salz!« Das war ein glücklicher Fund. Es war ein sehr salzhaltiger Thon, den sie gefunden hatten und es bedurfte nur sehr einfacher Manipulationen, um das Kochsalz rein ohne jeden Nebengeschmack daraus zu gewinnen. »Von dieser Erde wollen wir mitnehmen, soviel als wir tragen können, komm Eduard, hilf mir einen Teil dieser zähen Masse herauskratzen. Das ist wahrlich ein Fund, der uns das Leben erhalten wird; denn das Seewassersalz hätte uns sicher über kurz oder lang krank gemacht.« So war eine geraume Zeit verstrichen, seit sie den Strauß erlegt hatten, als Wonström sagte: »Nun können wir uns auf die Nachsuche begeben.« An der Stelle des Anschusses fanden sie etliche abgeschossene borstenartige Federn, ein weiterer Beweis, daß ihre Kugeln getroffen hatten. Eine kurze Strecke weiter bemerkten sie auch die ersten Blutspuren; das Wild schweißte. Es war nicht schwer, der Fährte zu folgen; teils zeigte sie der verlorene Schweiß, teils das zertretene Gras an. Als sie an die Stelle kamen, wo der Strauß in den Wald geflüchtet war, wurde die Nachsuche etwas schwieriger, doch Wonström fand jede Perle Blut, und jedes herausgerissene Flöckchen Moos zeigte ihm den Weg, den der Strauß genommen hatte. Hier war der Wald etwas lichter und das Eindringen nicht schwer, weshalb ihr Wild verhältnißmäßig weit in den Wald gelaufen war. Als sie vielleicht 10 Minuten der Fährte im Walde gefolgt waren, stand plötzlich ganz dicht vor ihnen der verwundete Strauß auf, fiel aber sofort wieder nieder. Eduard war natürlich gleich wieder bei der Hand. Mit dem Hirschfänger in der Faust stürzte er sich auf den Riesenvogel um ihm denselben in den Leib zu rennen, aber »Eile mit Weile und erst wäg's, dann wag's,« sagt Wonström; ehe er dazu kam, gab ihm der verwundete Vogel so einen gewaltigen Tritt mit dem einen Fuße, daß er sechs Schritte weit an einen Eichenstamm geschleudert wurde, wo er besinnungslos liegen blieb. Wonström aber hatte seine Büchse ergriffen und schoß auf ganz kurze Entfernung dem Strauß eine Kugel durch den Kopf, die diesen auch sofort tot zu Boden streckte. Als Wonström seinen regungslosen Freund aufrichtete, sah er, daß ihm das Blut aus einer breiten Stirnwunde herausquoll, die ihm die scharfe rissige Eichenrinde gerissen hatte. Wonström kratzte sich hinter den Ohren und brummte etwas von grenzenlosem Leichtsinn, während er das Blut mit Wassermoos zu stillen suchte. Glücklicherweise war die Wunde nicht tief, sondern mehr breit, was ihm seine Besorgnis nahm. Bald darauf schlug auch Eduard die Augen wieder auf. Er glaubte alle Rippen gebrochen zu haben, so gewaltig war er gegen den Eichenstamm geflogen; doch ein Versuch zum Gehen überzeugte ihn, daß der gewaltige Fußtritt schlimmer hätte ausfallen können. Außer der Stirnwunde und verschiedenen blauen Flecken, hatte er keinen Schaden erlitten. Als Wonström sah, daß die ganze Sache nicht weiter gefährlich war, konnte er nicht umhin, eine Moralpredigt zu halten. »Denkst du denn,« sprach er, »das nennt man Mut, wenn man ohne zu denken vorwärts stürmt? Weit gefehlt. Warum hast du es mir nicht überlassen, den Vogel zu töten? Es ist der Neid und die Ruhmsucht, die in dir steckt. Wenn du nicht vorsichtiger wirst und deinen Verstand besser zur Hilfe nimmst, wirst du eines Tages gewiß das Opfer deiner Unklugheit werden.« Eduard mußte Wonström abermals Recht geben, aber dennoch war er ungehalten, daß er abermals so gehofmeistert wurde; am grimmigsten ärgerte er sich, daß er nichts entgegnen konnte und Wonström immer und stets der Kluge und Verständige war. Nachdem Eduard verbunden war, betrachteten sie den Vogel. Stehend mochte er wohl über drei Meter hoch sein und seine Beine waren ziemlich so stark wie ein Mannesschenkel. Fast die Hälfte des Vogels nahm der lange Hals in Anspruch, auf dem ein verhältnismäßig kleiner Kopf saß. Die Federn waren zum Teil faden-, zum Teil borstenartig. Der Schwanz fehlte ganz. Dieses zweibeinige Ungetüm mochte zwei bis drei Zentner schwer sein, und es war nun die Frage, wie es zur Ansiedlung schaffen. Nach einigem Hin- und Herreden wurde bestimmt, daß Edward bei ihrer Beute warten solle, während Wonström zu der 2½ Stunden entfernten Ansiedlung zurück ging, um ihren Transportwagen zu holen. XXI. Kapitel. Vorsintflutliche Vögel. Als Eduard so allein da saß und auf Wonström und den Wagen wartete, schossen ihm verschiedene Gedanken durch den Kopf. So dachte er, wenn dieser Riesenvogel lebte, so könnte er zum Reiten benützt werden, vorausgesetzt, daß er nicht zu wild und unbändig wäre. Der afrikanische Strauß ist zu schwach, um einen erwachsenen Menschen tragen zu können und höchstens Kinder sind im Stande, auf ihm zu reiten. Dieser dagegen hat die Beine stärker als ein Pferd und noch einmal so lang. Seine Schnelligkeit müßte also die eines Pferdes bei weitem noch übertreffen. Aber wie merkwürdig, daß hier lauter fremde, in der Naturgeschichte noch unbekannte Tiere angetroffen wurden. Diese riesenhafte Größe erinnert fast an den schon längst ausgestorbenen Riesenmoa von Neuseeland. Riesenmoa? Was war das für ein Gedanke! Der Riesenmoa gehörte zu den vorsintflutlichen Tieren; er hat in der Diluvialzeit gelebt und war Zeitgenosse der Mammute, der Riesenhirsche oder Breithörner, der Höhlenbären, Höhlenlöwen und Höhlenhyänen. Welcher Gedanke! Sollte dieses vollständig abgeschlossene Stück Erde noch Teile der Urzeit repräsentieren? Er dachte an die merkwürdigen Wölfe, die eigentümlichen Rehe, die fremden Esel, die kleinen Schweine und an den Knorpelfisch im Teiche bei der Eidechsenbucht. Unter den Büchern der Schiffsbibliothek glaubte er ein Buch gefunden zu haben, welches die frühere untergegangene Welt behandelt, welche unter den Namen Urzeit bekannt ist, dieses wird sicher Aufschluß geben, ob diese Tiere der längst vergangenen Zeit angehören oder nicht. Wenn nur Wonström bald mit dem Wagen käme. Das Buch lag ihm im Sinn. Sein Forscher- und Entdeckertrieb ließ ihm jetzt keine Ruhe mehr. Wie er so da saß neben dem Moa und in der Diluvialzeit im Geiste herumwanderte, sah er plötzlich einen langschwänzigen Vogel mit raschem Flügelschlag dahergeflogen kommen. Eduard, der in diesem einen neuen Vertreter der Urzeit zu erblicken glaubte, hob rasch sein Gewehr auf, zielte und schoß ihn mit dem linken Lauf, der mit Schrot geladen war, herunter. Der Vogel mochte ungefähr die Größe einer Krähe haben. Sein Gefieder, das merkwürdig hart und grob war, hatte eine graue Farbe. Als Eduard das Exemplar eine zeitlang mit Kennerblick betrachtet hatte, rief er aus: »Wahrhaftig, das ist ein Archäopteryx oder Altvogel, der älteste Vogel der Welt. Hier ist der lange, zweireihig gefiederte Schwanz, die mit Krallen besetzten Flügel und der mit schmalen, spitzigen Zähnen besetzte Schnabel; die Gestalt ist die einer Eidechse. Jetzt bin ich sicher, in der Urwelt zu leben. Aber der Archäopteryx, wenigstens die zwei im Solenhofener Gestein gefundenen Exemplare, gehören doch der Jurazeit an. Wie soll ich mir das zusammenreimen, einen Archäopterix in der Diluvialzeit? Mir bleibt der Verstand steh'n. Jetzt soll mich's nicht mehr Wunder nehmen, wenn wir Pterodaktylen, Ichthyosauren und Plesiosauren auch antreffen.« Er saß da wie geistesabwesend und starrte vor sich hin; jedenfalls konnte er das alles nicht so schnell fassen. Endlich kam Wonström. Eduard konnte diesem nicht genug erzählen und beschreiben von seiner neuen Entdeckung. Wonström war allerdings ebenfalls sehr verwundert über diese Offenbarung, aber keineswegs so aus dem Häuschen wie sein junger Freund, deshalb sagte er auch: »Was du mir da sagst, ist zwar alles recht merkwürdig, fast möchte ich sagen unglaubhaft, aber jetzt müssen wir die Gelehrsamkeit ein wenig in den Hintergrund drängen. Komm, fasse mit an, daß wir deinen Riesen-Moa auf den Wagen laden; zu Hause wollen wir weiter darüber sprechen.« Eduard war höchst erstaunt über Wonström's ruhiges, gleichgiltiges Wesen, aber er gehorchte sofort und ihren vereinten Kräften gelang es, den Moa auf den Transportwagen zu befestigen. Der Archäopteryx wurde natürlich ebenfalls mitgenommen; desgleichen ein großes Quantum von dem salzigen Thon. Mit Ächzen setzte sich das schwere Gefährt in Bewegung. Im Schweiß gebadet, kamen sie bei der Ansiedelung an. Bevor Eduard sich aber seinen urweltlichen Studien widmen konnte, mußte er erst Feuer machen. Da aber Wonström bemerkte, wie aufgeregt Eduard war, besorgte er das Essen allein und ließ seinen Freund in den Büchern herum kramen. Endlich hatte dieser gefunden, was er suchte. Er hielt 'Zimmermann's Urzustand unseres Weltkörpers' in der Hand. XXII. Kapitel. Eine gelehrte Mahlzeit. Wonström betrachtete mit Wohlgefallen diese Gelehrten-Natur; denn wenn er auch zuerst für das Nächstliegende sorgte, so war seine Interesse für die ganze Sache doch ebenfalls sehr groß. Ein Stück Schenkel von dem Riesen-Moa war fertig gebraten und beide ließen sich das etwas derbe Fleisch sehr wohl schmecken. Unterdessen erzählte Eduard, was Zimmermann über die Riesenvögel geschrieben hatte. Die Überreste jener Riesenvögel fand der berühmte Reisende Hochstätter in den Höhlen des Aorerethals auf Neuseeland in einer Lage, aus der zu schließen war, daß sie in die Fundorte nicht etwa hingeschwemmt waren, sondern daß sie dort ihre Wohnungen hatten. Die Moas bevölkerten alle Ebenen und Waldungen Neuseelands. Die Eingeborenen besitzen noch poetische Ueberlieferungen, in welchem die Jagdzüge und Schmausereien beschrieben werden, welche nach Moajagden veranstaltet wurden. Ganze Knochenhügel, Überreste solcher Mahlzeiten, sind aufgefunden worden. Ihre Ahnen sollen mit diesem Dinornis (schrecklicher Vogel) gar hartnäckige Kämpfe gehabt haben. Aus dem geht hervor, daß diese Vögel noch mit dem Menschen zusammen gelebt haben. Während der afrikanische Strauß nur zwei Zehen hat, hatte der Moa drei, wie der australische Emu und der amerikanische Nandu. Wonström, mit den Zähnen noch in voller Thätigkeit, sagte: »Jetzt glaube ich auch, daß wir einen solchen Riesen-Moa vor uns haben, aber merkwürdig ist es doch, daß deren Gebeine nur in Neuseeland gefunden werden. Wir befinden uns jetzt auf der entgegengesetzten Halbkugel; wie sollte von Neuseeland ein solcher Vogel zu uns kommen?« »Auch auf der nördlichen Halbkugel sind Spuren solcher Riesenvögel gefunden worden. Unter den nordamerikanischen Vogelfährten, 'Ornithichnites' genannt, vom griechischem 'Ornix' Vogel, und 'Ichnos', Fußtritt, befanden sich Füße von 19-20 Zoll Länge und die Schrittweite betrug 7-10 Fuß. Es ist dies etwas Ungeheueres und deutet auf einen Riesenvogel, von welchem wir gar keinen Begriff haben. Vielleicht waren diese Vögel die Stammväter des wunderbaren Vogels 'Rock', der in den Sagen der Orientalen eine so große Rolle spielt. Diese 'Ornithichnites giganteus' wurden in roten Sandstein gefunden, also müssen die Vögel schon in der Jurazeit gelebt haben.« »Ja, dann kann es ja möglich sein, daß wir in einer viel älteren Zeit leben als in der Diluvialzeit, vielleicht existiert hier noch die Jurazeit,« fiel Wonström ein. Eduard schüttelte den Kopf und erwiederte: »Nein, in der Jurazeit gab es noch keine Eichen, Buchen und Ahorne, sondern Cycaden, Fichten, welche den Araukarien in Chili nicht unähnlich sehen, gewaltige Farne, Schachtelhalme, Moose und Pilze. Schlanke Pandanus erhoben ihre stelzenartigen Stämme auf Luftwurzeln und waren geziert mit langen, schraubenförmig gestellten Blättern, zwischen denen große Nüsse hingen. Buschige Cypressen bedeckten die feuchten Niederungen. Die ältesten Eichen, Nußbäume und myrtenartigen Pflanzen fand man in der Kreidezeit, die aber viel jünger als die Juraformation ist. Solchen Pflanzenreichtum wie er hier ist, findet man in der Secundär-Formation überhaupt noch nicht, sondern erst in der Tertiär-Formation. Wir können höchstens in der Eocän- oder Miocänzeit leben, und da war der Archäopteryx schon längst ausgestorben; aber es ist unzweifelhaft, daß dies hier einer ist, aber wo er herkommt, ist mir unerklärlich.« »Vielleicht klärt sich später alles noch auf, wenn wir unsere neue Heimat in der Hauptsache durchforscht haben, vielleicht finden wir, daß sich die Gelehrten geirrt haben,« meinte Wonström. »O, das ist ganz unmöglich, daß sich die Gelehrten geirrt hätten. Das, woraus sie den Bau der Erde, d. i. die Schöpfungsgeschichte, zusammensetzen, liegt so klar vor ihnen wie ein deutlich geschriebenes Buch. Die Gegenden um die beiden Erdpole herum sind mit ewigem Eis und Schnee bedeckt. Beim Äquator, der sich um die ganze Erde gleich weit von beiden Polen zieht, ist die heiße Zone. In alter Zeit aber war es in den polaren Gegenden ebenfalls wärmer, wovon wir untrügliche Beweise haben. So hat man in Grönland hauptsächlich im Norden Graphit- und Kohlenlager gefunden. Spitzbergen ist ebenfalls reich an Kohlenlagern. Kohle entstand weit vor der Jurazeit, als die Temperatur auf der ganzen Erdoberfläche noch ziemlich gleich war. Sie entstand aus den damaligen Pflanzen, von denen noch einige Gattungen in userer Zeit leben; Schachtelhalme, Farne, Lycopodien, Sigilarien, Lepidodendren bilden den Urstoff der Steinkohle. Da nun auch in der kalten Zone große Steinkohlenlager gefunden werden, dort, wo jetzt nur niedrige Moose und Flechten vegetieren können, so muß es unumstößlich wahr sein, daß vor geraumen Zeiten die Erde bei den Polen auch warm war, sonst hätten solche große Pflanzen nicht wachsen können. In Grönland und auf dem südlichen Polarlande 'Kerguelen' wurden ganze versteinerte Wälder aufgefunden. Die früheren Baumstämme sind von einer mineralischen Masse durchdrungen worden, und diese ist an die Stelle der organischen Teile getreten. Solche mineralische Substanzen sind z. B. kohlensaurer Kalk, Kiesel, Schwerspat, Flußspat, Eisenstein u. s. w. Diese Versteinerungen und Kohlenlager sind also der sichere Beweis, daß die Erde früher in der Gegend der Pole wärmer war und die Erde von den Polen nach dem Äquator zu sich immer mehr vereist.« »Ja, das leuchtet mir allerdings auch ein,« ließ sich Wonström vernehmen, »und man kann daraus den Schluß fassen, daß die Erde einst ganz vereisen wird.« »Jawohl, das wird zuverlässig geschehen,« entgegnete Eduard, »denn wir können ja die verschiedenen Zustände an den übrigen Himmelskörpern beobachten. Die Erde ist bekanntlich ebenfalls ein sogenannter Stern im Weltenraum und zwar einer von den kleinsten. Dadurch, daß wir annahmen, die Erde vereist sich immer mehr und mehr, können wir folgern, daß sie einst viel heißer war als jetzt, ja wir können getrost behaupten, daß sie einst glühend war. Diesen Zustand beobachten wir noch an unserer Sonne, die indeß auch schon anfängt, sich abzukühlen, da in diesem feurigen Körper viele dunkle Flecken bemerkt worden sind, also Masse, die nicht mehr glühend ist. In unserem Mond sehen wir einen an der Oberfläche schon vollständig abgekühlten Weltkörper. Die vielen Vulkane und Mondkrater sind alle erloschen; keine Pflanze und kein Tier lebt auf dem Monde; alles ist kalt und tot. Ja, es wird sogar bezweifelt, daß der Mond von einer Lufthülle umgeben ist. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß der Mond auch einst wie unsere Erde belebt war, als er die Wärme unserer Erde hatte.« »Das klingt alles recht glaubhaft,« warf Wonström ein, »aber wie kommt es denn, daß der eine Weltkörper zum größten Teil noch glühend ist, während der andere nur noch warm und wieder ein anderer schon vollständig kalt ist; meiner Ansicht nach müßten sie doch dann gleich warm sein.« »Das kommt von ihrer verschiedenen Größe her. Wenn gleiche Körper zu gleicher Zeit gleich glühend gemacht werden, so kühlt der kleinere zuerst ab, dann der nächst größere und so fort. Hier stehen die Größenverhältnisse nach den Bessel'schen Berechnungen sogar in Zahlen. Inhalt der Sonne: 351,215,941,727,000,000 Kilometer. Inhalt der Erde: 1,082,841,315,400 Kilometer. Inhalt des Mondes: 13,368,500,000 Kilometer. Sonach wäre die Erde 81 mal größer als der Mond und die Sonne 324,410 mal größer als die Erde.« Lächelnd überzeugte sich Wonström, daß es so schwarz auf weiß im Buche stand und meinte: »Die Herren haben die Sache aber genau gemessen.« »Was die Genauigkeit dieser Zahlen betrifft,« fuhr Eduard fort, »so stimmen die Gelehrten freilich nicht alle überein, aber was kommt es auf ein paar Millionen und bei der Sonne auf ein paar Billionen an? Eine Billion ist für uns eine ebenso unfaßbare Zahl als eine Trillion. Seit Christi Geburt sind erst eine sechzehntel Billion Sekunden verflossen.« »Ja, ja, das gebe ich schon zu,« sagte Wonström, »aber ich muß noch einmal auf das Vereisen der Erde zurückkommen. Wie ich mich erinnere, soll die Erde früher schon einmal vereist gewesen sein.« »Allerdings ist nach der Tertiärzeit, also vor verhältnismäßig kurzer Zeit, wo der Mensch schon in Europa an einzelnen Stellen existierte, eine Kälteperiode eingetreten, welche die ganze nördliche Erdhälfte umfaßte, Die meisten Spuren, welche man früher einer allgemeinen Sintflut zugeschrieben hatte, rührte von dieser Eiszeit her. Über die Ursachen dieser Kälteperiode ist man noch nicht ganz im klaren; man hat dieselben einesteils aus allgemeinen astronomischen Verhältnissen, andernteils aus Veränderungen der geographischen Bildung zu erklären gesucht. Im großen und ganzen ändert diese kurze Eiszeit aber nichts an den vorhergegangenen Ausführungen. Die Kälte dringt von der Umgegend der Pole nach dem Äquator zu bis es auf der Erde nur noch einen schmalen, bewohnbaren Gürtel gibt.« »Wie soll ich mir aber da das warme Polarland erklären,« rief Wonström. »Da kann ich dir jetzt wahrhaftig keine Antwort geben, wenn der Golfstrom, den du doch selbst als Ursache angegeben hast, dir nicht genügt, doch ich werde bei gelegener Zeit sehen, ob ich aus meinem Buche nicht die Antwort ziehen kann.« XXIII. Kapitel. Wonström allein auf der Jagd. »Das war eine lange Sitzung,« sagte Wonström im Aufstehen, »wobei wir mit der ganzen Unterhaltung von der ersten Frage abgewichen sind, nämlich ob die Gelehrten mit ihrer Jurazeit, Miocänzeit, und wie die Zeiten alle heißen, nicht irren. Jetzt ist freilich keine Zeit mehr dazu, aber ich ersuche dich darum, mich später zu überzeugen, daß ein Irrtum von Seiten der Gelehrten unmöglich ist.« »Mit dem größten Vergnügen will ich das versuchen, doch bin ich auch nicht mehr recht taktfest in der Naturwissenschaft. Ich werde, wenn irgend Zeit vorhanden ist, meine Kentnisse wieder auffrischen und bereichern; denn ich werde doch den Gelehrten hier spielen müssen.« Jetzt galt es, den Riesenvogel zu zerkleinern und einzupökeln. Dazu war Salz nötig. An diesem unentbehrlichen Gewürz fehlte es nun nicht mehr. Kochsalz von der besten Sorte konnten sie aus dem salzhaltigen Thon gewinnen. Sie füllten einige Fässer mit frischem Wasser aus dem Bache und lösten den Thon darin auf. Dann ließen sie dieses trübe Wasser eine zeitlang stehen, worauf sich die erdigen Bestandteile zu Boden setzten, das Salz aber hatte sich mit dem Wasser verbunden. Nun schöpften sie das helle, salzhaltige Wasser in Kessel, welche über Feuer gestellt wurden. Das Wasser dampfte ab und der weiße Rückstand war gutes, reines Kochsalz. Zu dieser Salzgewinnung war aber Zeit nötig. Eduard hatte doch etwas Wundfieber bekommen und es war besser, wenn er sich eine zeitlang schonte. Deshalb wurde beschlossen, daß er zu Hause bleiben und das Salz aus dem mitgebrachten Thon ziehen sollte, während Wonström auf die Jagd ging, um Wintervorräte einzubringen. Es war schon der 4. November und die Dämmerung wurde immer kürzer. Die Sonne war ganz geschwunden und nur in den Mittagsstunden sah man im Süden einen hellen Schein, der die Anwesenheit der Sonne unter dem Horizonte verriet. Eduard saß mit verbundenem Kopfe vor seinen Kochtöpfen und Kesseln und ließ Wasser abdampfen. Von Zeit zu Zeit schürte er die Feuer wieder zur hellen Glut, welche mit dürren Holz aus den nahen Waldungen gespeist wurde. Jetzt hatter er Muße, in seiner Schöpfungsgeschichte zu studieren. Er untersuchte die Wolfsschädel und die Knochen der fremden Rehe und kam zu dem Schluß, daß dies ebenfalls Tiere der Eocänzeit waren, desgleichen die Esel und kleinen Schweine. Tinte, Feder und Papier stand ihm reichlich zur Verfügung. Er hatte nicht versäumt, sich mit diesen unentbehrlichen Geräten der gebildeten Welt zu versehen. Auch dies hatten sie von dem alten Isbjörn, der nun schon lange verschollen war, geerbt. Er legte sich ein Buch an, welchem er den Namen 'Naturschatz' gab. In dieses Buch schrieb er alle seine Entdeckungen und Erfahrungen dieser merkwürdigen Reise. Wonström war währenddessen auf der Jagd. Er hatte sich einen großen Sack von Segeltuch mitgenommen, in welchem er einen Teil seines erlegten Wildes mitbringen wollte. Zuerst ging er wieder nach der Stelle zu, wo sie den salzhaltigen Thon gefunden hatten. Er hatte den leeren Wagen mitgenommen, um beim Rückwege eine Portion Thon mitzunehmen. Als er hinkam, bemerkte er, daß die Riesenstrauße wieder dagewesen waren und salzige Erde verzehrt hatten. Zuerst versteckte er den Wagen im Gebüsch, worauf er einen Strick aus seinem Jagdsack zog und eine Schlinge legte. Er hoffte, einen Riesenstrauß zu fangen, um einen Versuch zu machen, ihn als Haustier zu halten, wie es die Afrikaner nicht selten mit ihren Straußen thun. Die Schlinge hatte er nahe an den Boden gelegt und das Ende des Strickes an einem Baum befestigt. Um nun die Schlinge so viel als möglich unschuldig scheinen zu lassen, bedeckte er sie zum Teil mit Humus und dürrem Laub. Als er fertig war, nahm er seine Flinte, um sein Glück weiter zu versuchen; er bog rechts ab und ging direkt in den ziemlich lichten Wald. Nach einem Marsch von einer Stunde hob sich der ebene Boden, und Wonström schloß, daß er am Fuße des Gebirges angekommen sei. Der Weg wurde auch jetzt beschwerlicher, nicht etwa weil der Wald dichter wurde, sonder weil der Boden hier vielfach zerklüftet war, und mächtige Felsbildungen sich ihm entgegenstellten. Als Wonström im Schweiße seines Angesichts diese veränderte, ziemlich waldfreie Landschaft mit dem Fernrohr überschaute, ob nicht ein Stück jagdbares Wild sich seinen Blicken bot, gewahrte er ein Rudel solcher langschwänziger Esel, von denen Eduard schon einige geschossen hatte. Sofort begann er sich anzupürschen. Das Rudel war ziemlich vertraut, und Wonström schlich sich bis vierzig Meter heran. Unter dem Rudel machte sich ein besonders starkes Stück bemerkbar. Dieses nahm er auf's Korn und drückte ab. Der Esel war gut auf's Blatt getroffen, er machte einen wilden Luftsprung und sprang hinter dem Rudel, das donnernd dahin jagte, her. Wonström schaute seinem Opfer nach, dem die Kräfte zusehends schwanden; es blieb weit zurück. Er sah, wie es mit dem Aufgebot seiner letzten Kräfte der geahnten Gefahr zu entfliehen trachtete. Da plötzlich blieb der Esel stehen; er begann zu zittern und zu wanken und plötzlich stürzte er verendet den etwas schrägen Felsen hinab. Als Wonström auf dem Felsen stand, auf dem er den Esel hatte stürzen sehen, schaute er in eine nicht sehr tiefe, breite Schlucht, in welcher er seine Beute zwischen zwei Felsen liegen sah. Er stieg ziemlich leicht hinab, da die Felsen treppenartig übereinander lagen. Unten angekommen, setzte er sich neben den verendeten Esel und zog aus seinem Jagdsack ein gebratenes Stück Riesenmoa, das er sich nach der Anstrengung wohlschmecken ließ. Als er gesättigt war, zog er sein Messer und löste dem Esel die beiden Keulen und die Blätter ab. Mit diesen füllte er seinen Jagdsack, der so eine ganz bedeutende Last bildete. XXIV. Kapitel. Ein nächtliches Abenteuer. Jetzt war der Jagdzug eigentlich beendet, und Wonström hätte an das Heimgehen denken sollen, doch wir haben ganz vergessen, daß die um die Mittagzeit zwar noch bemerkbare Winterdämmerung jetzt schon ziemlich weit vorgeschritten war. Der Weg, den Wonström zurückzulegen hatte, war erstens nicht ganz ungefährlich, zweitens hatte es seine Schwierigkeit, den richtigen Weg in der Dunkelheit zu finden. Aus diesen Gründen entschloß er sich, in der Schlucht zu übernachten. Nicht weit von dem zerstückelten Kadaver des Esels stand eine starke Eiche, die ihre mächtigen Wurzeln in die Steinspalten und Fugen gezwängt hatte. Diese Eiche mit ihrem starken, vielfach gegabelten und gewundenen Ästen schien Wonström sehr passend als Nachtquartier zu sein. Einen sicheren Ort mußte er sich wählen, denn er kannte die Gegend noch nicht, um ruhig sagen zu können: hier bist du sicher vor wilden Tieren. Er kletterte die Eiche hinauf und zog seinen schweren Jagdsack an einem Stricke ebenfalls empor. Diesen band er an einen Ast, so daß er frei in der Luft hing. Nun suchte und fand er einen sehr passenden Ruhepunkt für sich. Es waren drei starke Äste, die an einer Stelle ineinander gingen und an dem Vereinigungspunkte eine breite Fläche bildeten. Dahinein setzte sich Wonström und band sich mit einem Stricke fest, damit er im Schlafe nicht etwa herunterfalle. Sein Gewehr hing er am Riemen im Bereiche seiner Hand auf. Es wurde dunkler und Wonström versank bald in einen gesunden Schlaf. Nachdem er einige Stunden geschlafen hatte, weckte ihn ein kratzendes, schnaufendes Geräusch. Es war ziemlich kalt, obgleich es noch nicht fror, und der Frost schüttelte seine steif gewordenen Glieder; denn es ist bequemer gesagt, auf einem Baum zu übernachten, als gethan. Über ihm war der klare Himmel mit den sehr hell funkelnden Sternen besäet, und der Polarstern glänzte fast gerade über ihm. Der Mond hatte ebenfalls seine Wanderung angetreten und beleuchtete mit seinem Schimmer die mächtigen Felsen der Schlucht. Da, wieder das Kratzen und Schnaufen, und zugleich fühlte Wonström ein Zittern der Eiche. Er schaute hinab und gewahrte mit Schrecken ein kolossales Tier, welches sich am Stamm der Eiche aufgerichtet hatte. Es mochte wohl so groß sein als ein Elephant, doch war es keiner, denn es fehlte der Rüssel. Wonström schaute mit gesträubtem Haar, wie dieses Ungetüm sich bemühte, seine Eiche zu erklettern. Mit seinen mächtigen Krallen die so groß wie Sicheln waren, hatte es einen der niederen Äste umklammert, an welchen es sich emporzuziehen suchte, während der starke Schwanz, kräftig auf den Boden gestützt, nachhalf. Was jetzt thun? Wonström nahm seine im Handbereich hängende Flinte und richtete die Mündung auf den Kopf des Ungeheuers. Der Schuß krachte – die Kugel traf mitten auf die Stirn, aber der dicke Schädel blieb ganz. Den Koloß rührte es kaum. Da traf der zweite Schuß. Der grobe Schrot hatte ein Auge zerstört. Von Schmerz überwältigt, kugelte das Ungetüm auf dem Boden herum, mit den langen Krallen das verwundete Auge zerkratzend, ohne einen Laut von sich zu geben. Wonström hatte wieder geladen und weil er den guten Erfolg des Schrotschusses sah, wartete er eine günstige Stellung des Ungeheuers ab, um mit einem zweiten Schrotschuß auch das andere Auge zu zerstören. Der Koloß war ruhiger geworden. Es war ein schrecklicher Anblick, als er dasaß, das herausgekratzte Auge aus der blutigen Höhle hängend, das gesunde starr auf den Schützen gerichtet. Diesen Moment benutzte Wonström; ein zweiter Schrotschuß vernichtete auch das andere Auge. Wild mit den gewaltigen Krallen auch das zweite Auge zerreißend, bot dieses ohnmächtige, wenn auch lautlose Wüten ein schreckliches Bild. Jetzt war jede Gefahr vorüber und Wonström kletterte vom Baume, nachdem er seinen gefüllten Jagdsack herabgelassen hatte, Das Ungetüm war ruhig geworden. Mit Ergebung in sein Schicksal saß es da, hilfloser als der elendeste Wurm. Dieses Bild des Mitleids rührte Wonström. Er hätte ungehindert von dannen gehen können, zumal es nötig war, Pulver und Blei zu schonen, aber sein gutes Herz ließ das nicht zu. Aus nächster Nähe feuerte er drei Kugeln auf den Koloß ab und zwar dorthin, wo er das Herz vermutete. Jetzt begann ein schrecklicher Todeskampf, der einige Stunden dauerte. Nach und nach wurden die Bewegungen schwächer, noch ein Strecken der gewaltigen Glieder und der Koloß war verendet. XXV. Kapitel. Ein vorsintflutlicher Hausgenosse. Mittlerweile war Mond- und Sternschein bleicher geworden, die Dämmerung kam wieder, was der helle Schein im Osten anzeigte. Wonström schlug mit seinem Hirschfänger dem getöteten Tiere eine von den riesigen Krallen ab, hing seinen Jagdsack auf den Rücken und kletterte aus der Schlucht. Mit einem guten Ortssinn begabt und mit Hilfe seines Kompasses kam er nach Verlauf von zwei Stunden in die Gegend, wo er seinen Wagen zurückgelassen und die Schlinge auf Riesenstrauße gelegt hatte. Als er die Stelle ziemlich erreicht hatte, wo die Schlinge lag, legte er seinen Jagdsack ab und schlich vorsichtig weiter. Ein Pfeifen und Fauchen verriet, daß die Strauße wieder da waren und unter ihnen eine merkwürdige Aufregung herrschte. Als er so weit war, daß er die Stelle, wo er die Schlinge gelegt hatte, sehen konnte, bemerkte er mit Freude, daß ein Strauß oder Moa mit dem Kopfe durch die Schlinge gefahren war, welche sich zugezogen hatte und ihn halb erdrosselte. Der gefangene Strauß lag auf dem Boden und kratzte mit seinen starken Füßen den Boden auf, daß die Erde weit umherflog. Seine Kameraden sprangen um ihn herum, indem sie mit den Flügeln schlugen und ein seltsames Pfeifen und Fauchen hören ließen. Vorsichtig schlich er noch etwas näher, was jetzt gar nicht schwierig war, da die Aufmerksamkeit der Riesenmoa auf ihren gefangenen Gefährten gerichtet war. Da krachte ein Schuß und ein hüpfender Moa stürzte mit zerschmetterndem Kopfe zusammen. Im Nu stob die übrige Gesellschaft auseinander und Wonström trat mit der noch rauchenden Büchse hervor. Der gefangene Strauß machte nur noch schwache Bewegungen, weshalb Wonström fürchtete, er könne in der Schlinge verenden, wodurch dann der Zweck des Schlingenlegens, einen Riesenmoa lebendig zu bekommen, verloren gehen würde. Rasch traf Wonström seine Vorbereitungen. Er nahm einen Strick, machte eine Schlinge und fing den einen Fuß des Riesenmoa, hierauf den andern und schnürte beide fest zusammen, wobei er sich vor etwaigen Tritten hütete; denn der Tritt, den Eduard vor kurzen bekommen hatte, lag noch frisch in seiner Erinnerung. Dann zog er seinen Rock aus und wickelte damit den Kopf des Moa ein, damit er nicht sehen, aber auch nicht ersticken konnte. Hierauf löste er die würgende Schlinge und rüstete sich zur Heimkehr. Auf den Transportwagen legte er seinen Jagdsack und einige Klumpen salzhaltigen Thon, worauf er sich als Zugtier davor spannte und heimwärts zog. Als er bei der Ansiedelung ankam, lief ihm Eduard entgegen, sprach von der Angst, die er um ihn gehabt hätte und daß er auch ein kleines Abenteuer gehabt habe. Er erzählte, daß er ruhig bei seinem Feuer saß und in den Büchern studierte, als auf einmal ein riesiges, wie eine Schildkröte gepanzertes Tier auf ihn zulief und kurz vor ihm stehen blieb. Er, dieser neuen Erscheinung vollständig fremd, nahm sein Gewehr und schoß aus unmittelbarer Nähe eine Kugel diesem Tiere in das Auge, da ihm sonst nicht weiter beizukommen war, weil sein Körper über und über mit sechseckigen Panzerplatten bedeckt war. Jetzt liegt es zusammengerollt als eine Kugel bei dem Hause, über die ein Mensch nicht hinwegsehen könnte. Wonström sah schon von weitem diesen neuen Vertreter der vorsintflutlichen Welt und rief als er näher kam: »Das ist ja ein Gürteltier, wie wir solche an der Ostseite von Südamerika angetroffen haben, wo uns die Indianer in Buenos Aires solche zum Kauf anboten, aber natürlich in kleinerem Maßstabe.« Wonström hatte recht; es war das vorweltliche 'Chlamydothorium gigas Lund', das von Lund beschriebene vorsintflutliche Gürteltier, von welchem man die Überreste, bestehend in sechsseitigen Tafeln im Gürtel geordnet in Südamerika häufig findet. »Ja wohl, du hast recht, ich habe sofort nachgeschlagen und darüber gelesen; ich werde dir bei gelegener Zeit einen Vortrag halten über vorsintflutliche und noch lebende Gürteltiere.« »Das soll mir sehr angenehm sein,« lächelte Wonström, »aber augenblicklich verzichte ich auf deine Gelehrsamkeit. Auch ich habe manches erlebt.« Eduard war natürlich sehr neugierig und so zählte denn Wonström auf: »Erstens habe ich einen langschwänzigen Esel geschossen; zweitens habe ich auch einen vorsintflutlichen Koloß erlegt, von dem ich hier eine kleine Probe mitgebracht habe.« Damit zog er die abgeschlagene Kralle aus dem Jagdsack und gab sie Eduard, der mit Staunen das große sichelförmige Horn betrachtete. »Und drittens habe ich einen Riesenmoa totgeschossen und einen zweiten lebendig gefangen.« »Nein, wie ist das nur möglich, einen Riesenmoa lebendig zu fangen; – o warum konnte ich nicht dabei sein! Aber wo hast du ihn?« »Ich versuchte ihn mit Zuckerbrot und Schmeichelworten zu locken, damit er mir nachliefe, aber er war halsstarrig und mochte nicht und so mußte ich das Vögelchen lassen.« »Laß doch jetzt deine Späße. Siehst du denn nicht, daß ich wie auf Kohlen sitze? Wo hast du ihn?« »Na wo wird er sein,« lachte Wonström. »Ich habe ihn gefesselt und auf dem Fangplatz liegen lassen.« Eduard hatte seine Kopfwunde vergessen. Es war Zeit, noch einmal in die Gegend der salzhaltigen Erde zu fahren und frisch und munter zogen sie mit dem Karren fort. Nach zwei guten Stunden kamen sie mit ihrem leeren Gefährt an Ort und Stelle. Schon von ferne hörten sie ein Knurren und Heulen und als sie näher kamen, sprangen 5 - 6 Schakale um die beiden Riesenvögel herum, wie sie erstere in der Eidechsenbucht angetroffen hatten. Der gefesselte Moa bewegte sich krampfhaft auf dem Boden, indem er mit seinen gebundenen Füßen sich wie ein Gummiball heftig hin- und herschnellte. Die Schakale schienen erst kurz vorher gekommen zu sein, denn die Bewegungen des gefesselten Riesenmoa hatten sie bis jetzt noch abgehalten, über den lebendigen, sowie auch über den toten Vogel herzufallen. Die Ankunft der beiden Freunde zerstreute sie. Wie aber jetzt den Kadaver und den gefangenen Vogel heimschaffen? Zu gleicher Zeit konnte man sie nicht auf den Wagen laden und ließe man den einen oder anderen zurück, so wäre er sicher verloren; denn die Schakale waren nur in den Wald gehuscht, um so bald als möglich wieder zu kommen und ihren Anteil an der Beute in Empfang zu nehmen. Wonström wußte Rat. Er zerlegte mit seinem Messer den toten Riesenvogel und hing die einzelnen Stücke an die Äste eines Baumes. Hier waren sie wenigstens vor den Schakalen oder kleinen Wölfen sicher. Der gefesselte Vogel, welcher die Jacke, die Wonström ihm um den Kopf gewickelt, von sich geschleudert hatte, machte riesige Anstrengungen, seine Füße zu befreien. Unter vieler Mühe war er endlich auf dem Wagen festgeschnürt worden und als die Dämmerung schon vollständig geschwunden war und die Nacht über der Ansiedelung lag, kam man zu Hause an. XXVI. Kapitel. Der zweite Winter am Nordpol. Wie nun den Riesenvogel unterbringen? Robinson hatte, als er einen Ort für seine Lama's herrichtete, junge Bäume ausgegraben und diese in dichten Reihen um den passenden Platz gepflanzt. Das war allerdings sehr praktisch und auch in diesem Falle hätten sie es thun können, wenn es nicht so viel Zeit in Anspruch genommen hätte; deshalb beschlossen sie, einen dichten, hohen Zaun aus jungen Fichtenstämmen herzustellen, was jedenfalls schneller ging. Vier Tage mußte der unglückliche Vogel mit gefesselten Beinen daliegen, während welcher Zeit er keine Nahrung zu sich nahm. Am Abend des vierten Tages war eine provisorische Einzäunung fertig und dem Gefangenen wurde der freie Gebrauch der Glieder wiedergegeben. Dieser Vogelkäfig war kreisrund und bestand aus jungen Fichtenstangen, die in kleinen Zwischenräumen nebeneinander in den Boden eingegraben waren. Allerdings war dieser Raum für die Dauer etwas zu klein, doch einstweilen genügte er. Während dieser Zeit hatten sie auch die am Baume hängenden Überreste des von Wonström geschossenen Riesenmoa geholt und eingesalzen; desgleichen das Fleisch von einer der seltsamen Antilopen, von denen Wonström ein Stück hat schießen können. Auch hier kamen welche vor, aber nicht so häufig, als solche langschwänzige Esel. Ihr neuer Hausfreund Hans, wie sie ihn zum Andenken an den armen Eisbärenhans nannten, legte bald seine Scheu ab. Er wurde zutraulich und fraß Beeren, Früchte, sowie trockenes Grünzeug aus der Hand. Nach einiger Zeit bekam er auch eine größere Behausung, in welcher er herumspazieren konnte. Bei einer Jagdgelegenheit hatten beide auch den Leichnam des Riesentieres, das Wonström in der Schlucht getötete hatte, aufgesucht, und Eduard hatte in diesem Koloß ein Riesenfaultier, 'Megatherium Cuvieri', erkannt. Die mächtigen Krallen schlugen sie sämmtlich ab und befestigten sie später im Innerin ihres Hauses, wo sie dieselben zum Aufhängen von Kleidungsstücken verwendeten. Das Gürteltier, das Eduard mit einer Kugel in den Kopf geschossen hatte, war in seiner zusammengerollten Stellung verendet. Nach einigen Tagen, als die Todesstarre gewichen war, fiel es von selbst auseinander. Das Fleisch, welches sehr schmackhaft war, wurde eingesalzen und der Panzer als Salzwasserschale verwendet. Es war den beiden Abenteurern auch geglückt, noch verschiedenes Wild zu erlegen. Da es ihnen nun aber an Aufbewahrungsgefäßen mangelte, so gruben sie Löcher in die Erde, legten diese mit Steinen aus und schichteten das gut mit Salz eingeriebene Fleisch von den erlegten Tieren hinein und deckten Erde darüber. Am 14. November fiel der erste Schnee, welcher aber wieder wegging. Am 26. November fiel hoher Schnee, der auch den ganzen Winter liegen blieb. Für Hans hatten sie genug Nahrungsvorräte gesammelt und in einer Ecke seiner Behausung eine Portion salzhaltigen Thon gelegt; desgleichen ein Quantum glatt gewaschener Bachsteine, denn Steine müssen fast alle Vögel zu sich nehmen, da sie diese zu ihrer Verdauung nötig haben. Um Hans möglichst vor dem Unwetter zu schützen, war ein Teil seiner Behausung überdeckt und mit Heu ausgefüllt. Dahinein verkroch er sich sehr häufig, denn obgleich er an den Winter gewöhnt war, anders, wie seine jetzt nur noch in den warmen Gegenden von Afrika, Amerika und Australien lebenden Verwandten, so suchte er sich doch auch soviel als möglich von der Kälte zu schützen. Den langweiligen finsteren Winter verlebten die beiden Freunde meist in ihrem Ziegelsteinhause und wenn es draußen stürmte und wetterte, dann saßen sie bei der Thranlampe und unterhielten sich von der Welt und ihren Wundern. Eduard hatte in seinen 'Naturschatz' alles hier Gefundene und Erlebte sorgfältigst niedergeschrieben. Der 'Naturschatz' sollte einst in der gebildeten Welt eine der ersten Stellen unter den Büchern einnehmen. Eduard verfehlte nicht, Wonström das und jenes zu erklären und dieser brachte den Vorträgen seines Freundes viel Interesse entgegen. Wollen wir einem dieser Vorträge lauschen, die auf streng wissenschaftlicher Basis ruhten; denn Eduard suchte eine Ehre darin, alles streng wissenschaftlich, ohne Übertreibung zu behandeln. »Siehst du Wonström,« begann er eines Tages, »hier hast du die unumstößlichen Beweise, daß wir wirklich in einer Epoche der Urzeit leben. Von allen den Tieren, die wir hier erlegt haben, sind Überreste in den betreffenden Erdschichten gefunden worden und aus diesen haben die Gelehrten mit großer Sicherheit die einstigen Gestalten gebildet. Hier hast du eine getreue Abbildung von unseren Rehen oder Gazellen, es ist der in der Eocänzeit lebende Degenzahn oder 'Xiphodon gracile'. Hier ein Zeitgenosse von ihm, das 'Anaplotherium commune'. Es ist unser langschwänziger Esel. In dieser Abbildung erkennst du ein Exemplar von unsern Schweinen, welchen Cuvier den Namen 'Choeropotamus' gegeben hat. Die Wölfe oder Schakale mögen wohl mit dem Höhlenwolf oder 'Canis spelacus' gleich sein, von welchen hier ein Schädel abgebildet ist. Die Überreste aller dieser Tiere sind in den Erdschichten der Tertiärperiode gefunden worden, also leben wir jetzt in dieser alten Zeit, wenn auch die Eocän- oder Miocänzeit etwas ineinander geht, so ist das nicht auffällig, weil es gerade die Übergangsperiode sein kann.« »Ja, das ist möglich,« warf Wonström ein, »in der Übergangsperiode müssen die Tiere von beiden Zeiten nebeneinander gelebt haben, denn mit einem Messerschnitt lassen sich die Erdperioden nicht trennen. Aber wie steht es denn mit dem Eidechsenvogel, der, wie du sagst, nur in der Jurazeit gelebt hat?« »Das kann ich auch noch nicht erklären und müssen wir die Antwort der Zeit anheimstellen, vielleicht gibt diese später Aufschluß.« »Du wolltest mir ja einmal beweisen, daß die Gelehrten bezüglich der Feststellung der Urzeiten nicht irren können; jetzt hätten wir Zeit dazu, dies zu besprechen.« »Jawohl,« ließ sich Eduard hören, »den ganzen Beweis kann ich in einige Worte fassen. Stets wurde die Tertiärformation unter der Diluvialschicht gefunden. Nach der Pliocänschicht kam man auf die Miocänschicht; unter dieser lag wieder die Eocänschicht, dann noch tiefer stieß man auf die Kreideformation und unter dieser wieder auf die Juraperiode und so fort. Niemals fand man z. B. die Juraformation über der Kreide und diese wieder über der Tertiärformation. Es ist doch sehr einleuchtend, daß die tieferliegenden Schichten älter sind, als die sich darüber befindenden und so konnten die Gelehrten mit Recht behaupten, daß die Tiere der Eocänzeit jünger waren als die der Kreide-, und die der Miocänzeit jünger als die der Eocänzeit.« »Allerdings ist das sehr selbstverständilich,« nickte Wonström, »aber wenn du von dem Übergangsstadium sprichst, daß die Tiere zweier Epochen zusammen gelebt haben können, so wäre es ja gar nicht weiter merkwürdig, daß wir hier Altvögel getroffen haben.« »O das ist sehr merkwürdig, weil zwischen der Eocän- und Juraperiode die Kreidezeit war.« »Hm, ja, kannst recht haben, aber liegen dann die genannten Erdschichten alle so richtig übereinander?« »Nein, überall nicht. Es kommt sogar sehr häufig vor, daß die oder jene Erdschicht ausgelassen ist, ja sogar, daß z. B. die Kreidezeit ganz obenauf liegt, wie in Frankreich in der Champagne, zwischen Rouen und Havre; und in Südengland, wo sich die Kreidefelsen zu Gebirgen erhoben haben und deren hohe weiße Küste ihm den Namen Albion gegeben hat.« Wenn Eduard so recht erklären und belehren konnte, dann war er glücklich, und Wonström, dessen wissenschaftliche Bildung nach einer anderen Richtung hin geführt worden war, hörte mit großem Interesse Eduard's Weisheit zu. XXVII. Kapitel. Ein urweltliches Reittier. Vorsintflutliche Menschen. Die lange Winternacht war natürlich äußerst langweilig und die beiden Freunde mußten sich die Zeit so gut als möglich vertreiben. Ihre gesammelten Naturalien ordneten sie so schön und sorgfältig, daß jedes Museum stolz auf diese Bereicherung hätte sein können. Der 'Naturschatz', Eduard's angelegtes, wissenschaftliches Tagebuch, wurde mit der größten Gewissenhaftigkeit geführt, denn Eduard sagte sich sehr richtig, diese Reise hat nur den einen allgemeinen Wert, wenn etwas nützliches dabei herausspringt, und der Nutzen konnte hier nur in der Bereicherung der Wissenschaft bestehen. Zu schönen, hellen Zeiten, wenn der Vollmond die Schneeflächen beleuchtete, gingen sie auch öfter auf die Jagd, und es gelang ihnen, manchen frischen Braten zu erlegen. Der Bach lieferte ihnen Fische, die sich in den weiteren und tieferen Stellen massenhaft aufhielten. Der Gesundheitszustand war ein ausgezeichneter, und ihr Ziegelsteinhaus bewährte sich vollständig nach Wunsch. Die Kälte war im allgemeinen nicht bedeutend und das Klima auch im Winter mit dem Deutschlands zu vergleichen. Ihr Hans war ganz zahm geworden, er schien vergessen zu haben, daß er ein Gefangener sei. Besonders gegen Eduard war er sehr zutraulich. Wenn dieser in seinen Wohnraum kam, so kroch er rasch aus seinem Heulager heraus und fraß ihm etwaiges Mitgebrachtes aus der Hand und rieb seinen Kopf an ihm. Eduard hatte schon oft daran gedacht, ihn als Reittier zu benützen und entschloß sich, es zu versuchen. Zuerst fertigte er einen Zaum, den er ihm nach einigem Sträuben anlegte. Als Hans sich etwas daran gewöhnt hatte, schwang er sich mit Wonströms Hilfe auf seinen Rücken. Der starke Vogel war merkwürdigerweise gar nicht so aufgebracht darüber, wohl hüpfte er etwas rechts und links und schlug mit seinen kurzen Flügeln, aber durch Zureden und Schmeicheln wurde er ruhig und Wonström führte ihn mit seinem Reiter langsam im Kreise herum. Dies wiederholten sie sehr oft und nach und nach gewöhnte sich Hans an diese Art Arbeitsleistung. Jetzt wurde in der Dressur etwas weiter gegangen, Wonström führte den Vogel nicht mehr, sondern Eduard führte allein den Zügel. Nach einigen Übungen ließ sich Hans so leicht lenken, wie ein gutes Reitpferd. Was fehlte jetzt noch, um ihn als Reittier für die Dauer zu benutzen? Mit diesen Beschäftigungen verging die finstere Zeit und mitte Februar kündigte ein heller Schein zu mittag im Osten die bevorstehende Ankunft der Sonne an. Die beiden Freunde hatten schon öfters über ihre Heimreise gesprochen, wie diese wohl am besten auszuführen sei. Durch den Austria-Sund zurückkehren war nicht gut möglich, weil darin die Strömung nach Norden ging. Sie mußten einen Weg wählen, der eine Möglichkeit zuließ, und das konnte nur bei einer südlichen Strömung der Fall sein. Der Rückweg, den Wonström vorschlug, ging durch die Lincoln-See, den Robeson- und Kennedy-Kanal, den Smiths-Sund, dann durch den Smiths-Kanal in die Bassins-Bai, wo sie sicher darauf rechnen konnten, Walfischfahrer zu treffen, um von diesen aufgenommen zu werden. »Das wird eine schlimme Reise werden,« meinte Wonström. »Wer weiß ob wir nicht bei dem Versuch, in das von Menschen bewohnte Land zurückzureisen, zugrunde gehen.« »Nur nicht verzagen,« entgegnete Eduard, »der liebe Gott hat uns so Außerordentliches leisten lassen, daß wie unrecht thun, wenn wir eine glückliche Rückreise in Frage stellen. Ich bin fest überzeugt, daß wir wieder heimkommen werden.« »Nun, ich bin der letzte, der verzagt,« sprach Wonström, »wenn ich so recht darüber nachdenke, so kommt mir die Rückreise nicht gar so schwierig vor. Wenn wir die Küste von Grönland oder Grant Land erreicht haben, dann ist gewonnen; durch den Smiths Sund werden wir schon kommen. Unter dem 79. Grad nördlicher Breite haben die Nordpolfahrer, zuerst der Amerikaner Kane, das Land bewohnt gefunden. Zwischen dem 78. und 79. Grad nördlicher Breite lag das Eskimodorf Eta, mit dessen Bewohnern Kane und seine Begleiter im lebhaftesten Verkehr standen. Bis dahin ist die Entfernung nicht besonders groß, wenn nur nicht die großartigen Hindernisse wären. Eigentlich ist es eigentümlich, daß in diesen unwirtlichen, kaum bewohnten Gegenden noch Menschen ihr kümmerliches Dasein fristen, während hier in dem fruchtbaren, wildreichen Lande keine Spur eines menschlichen Wesens sich vorfindet.« »Lieber Freund, du bedenkst nicht, daß hier die Tertiärzeit noch herrscht. Da haben noch keine Menschen gelebt und wir sind sicher die ersten, welche dieses Urland betreten haben.« »Jawohl, die ersten,« nickte Wonström, »und die ersten sind gleich mit guten Hinterladern, Fernrohren und Taschenuhren gekommen. Wann hat man denn die ältesten Überbleibsel von Menschen gefunden?« »Die ältesten Spuren von Menschen, 'homo sapiens' reichen nicht weit. Das erste Auftreten des Menschen fällt aller Wahrscheinlichkeit nach in die Schlußzeit der Eisepoche oder auch in die schon angeführte Zwischenzeit derselben. Überreste hat man in Höhlen gefunden, denn wie die alten Schriftsteller ausdrücklich berichten, lebten die ersten Menschen in Höhlen. Es waren Höhlenbewohner oder Troglodyten. Woher weiß man dies? Aus den gefundenen Überresten natürlich. Sehr wohl lassen sich nämlich die Spuren der auf irgend eine Weise später hineingekommenen Menschen von den Urmenschen unterscheiden. Ihre Knochen befinden sich ganz in demselben Zustande und unter denselben Verhältnissen, wie die Knochen von den Tieren der Diluvialzeit; sie sind in denselben Lehmboden der Höhlen eingehüllt, der durchaus kein Zeichen der Veränderung oder Umwühlung trägt; sie liegen unter der wohlerhaltenen Tropfsteindecke, die nirgends eine Spur von Beschädigung zeigt, und sind mit ihnen zu einer Gesteinsmasse verkittet. Eocän-, Miocän- und Pliocänperiode bilden die Tertiärzeit und in diesen Schichten hat man noch keine Überreste von Menschen gefunden; nur im den Schichten der Quartärformation, also im Diluvium und Alluvium findet man versteinerte Knochen meist vermengt mit denen von Mammut, dem Höhlenlöwen, Höhlenbären, der Höhlenhyäne, von Nashorn, Pferd etc., aber nur in beschränkter Anzahl. Schon vor vielen Jahren sind an verschiedenen Orten versteinerte Menschenknochen gefunden worden, unter Verhältnissen, die darauf hindeuten, daß diese Knochen aus der Diluvialzeit stammen. So zu Köstriz bei Gera, wo man zehn Meter unter der Erdoberfläche in Spalten des Zechsteingipses Menschenknochen zsammen mit solchen von Mammut und Hyäne fand. Allein, in diesen wie in ähnlichen Fällen war die Deutung des Alters ungemein schwierig und der große Cuvier konnte deshalb den Ausspruch thun: 'Es gibt keine fossilen Menschenknochen!' Das Verdienst des ersten Auffindens von Menschenknochen aus der Diluvialzeit gebührt dem Dr. Schmerling in Lüttich. Anfangs der dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts fand er in der Höhle von Engis in einer Tiefe von eineinhalb Meter den ersten Menschenschädel in Gesellschaft der Überreste von Nashorn, Pferd, Hyäne, Bär und Wiederkäuern. Aus den übrigen Knochen: Schlüsselbein, Vorderarm, Rückenwirbel, Finger, Handwurzel, Fuß ergab sich, daß er die Reste dreier verschiedener Individuen vor sich hatte. Mehrere Steinäxte fehlten auch nicht. Die Menschenknochen charakerisierten sich durch denselben Grad der Zersetzung, ganz wie die ausgestorbener Tierreste; die Farbe wechselte von dem gelblichweißen bis zum schwarzen, ihre Höhlungen waren mit Kalk ausgefüllt. In der Tertiärformation sind aber noch nie Überreste von Menschen gefunden worden. Im Jahre 1726 wurde in den Steinbrüchen von Önigen die versteinerten Überreste eines vorweltlichen Geschöpfes gefunden. Der Naturforscher Schneuzer, welcher sie beschrieb, kam zu dem Resultat, daß dies Teile eines menschlichen Skeletts seien. Aber Schneuzer hatte sich geirrt. Später, als die Wissenschaft der Urweltkunde sich mehr vervollkommnet hatte, wurde duch Cuvier festgestellt, daß das aufgefundene Skelett einem urweltlichen Riesensalamander aus der Miocänzeit angehöre.« XXVIII. Kapitel. Aufbruch nach dem Nordpol. Es wurde heller und heller, sodaß man sagen konnte, die Nacht sei größtenteils verschwunden, wenn auch der Winter noch das Regiment führte. – Eduard ritt auf seinem zweibeinigen Reittiere so gut als auf dem besten englichen Rennpferde. Er hatte sich eine Art Sattel mit Steigbügel gemacht, der genau über den beiden Füßen des Riesenvogels lag, was die Bwegungen dem Tiere sehr erleichterte; denn beim Reiten ohne Sattel rutschte Eduard leicht vor auf den Hals seines Reitvogels. Wiederholt hatten die beiden Freunde Jagd auf Riesenmoas gemacht und es war ihnen auch gelungen, noch einige zu erlegen, aber lebendig konnten sie keinen mehr erwischen. Die Riesenvögel waren sehr scheu geworden und schließlich hatten sie den Platz ganz verlassen und weit und breit konnten sie keine Spur mehr von ihnen finden. – Es war Ende März, als die beiden Freunde sich zu einer Entdeckungsreise rüsteten, deren Endziel der Nordpol sein sollte. Die Ansiedlung lag 87° 25' nördlicher Breite und 28° 32' östlicher Länge von Greenwich, also war nur eine Strecke von 2° 35' zu durchreisen, oder 233 Kilometer, was ungefähr 22 deutsche Meilen sind. Würde von der Ansiedlung bis zum Nordpol eine gut gebaute Landstraße führen, so könnte man zu Fuß den Nordpol in drei Tagen erreichen, so aber mußte man sich für eine vierwöchentliche Reise einrichten; denn man kannte ja die Hindernisse nicht, die sich ihnen entgegenstellen würden. Beide fertigten sich aus grobem Segeltuch auf dem Rücken zu tragende Jagdsäcke. Diese füllten sie vor allen Dingen mit Proviant, dann mit verschiedenen Instrumenten und Werkzeugen. Sie nahmen eine Säge, ein Beil, Nägel, Stricke und eine Rolle Segeltuch mit, letzteres im Falle sie in die Lage kommen sollten, ein Fahrzeug bauen zu müssen. Jeder nahm seine Flinte mit genügenden Patronen mit, welch' letztere in wasserdichten Blechbüchsen mitgeführt wurden. Dann ein säbelartiges Werkzeug, das früher zum Abspecken der Walfische benutzt worden war. Es war am besten mit einem alten Türkensäbel zu vergleichen, der an seinem äußeren Ende bedeutendes Übergewicht hatte. So bepackt, traten sie am 26. März ihre denkwürdige Reise nach dem Nordpol an, nachdem sie Hans, den Riesenvogel für sechs Wochen mit Nahrung versehen, und seine Einzäunung stark befestigt hatten. An Gepäck hatte Wonström als der stärkere vierundsechzig Pfund, und Eduard, welcher die Instrumente mit sich führte, dreiundfünfzig Pfund zu tragen. Bei derartiger Wanderung war dies allerdings ein sehr bedeutendes Gewicht, doch durften sie von allen eingepackten Sachen nichts zurücklassen. Natürlich ist die kürzeste Entfernung zwischen zwei Punkten eine gerade Linie. Da sie keine Ahnung hatten, wo sich ihnen die wenigsten Hindernisse bieten würden, war es ja gleich, wie sie ihren Weg nahmen. Mit langen Gebirgsstöcken versehen, schritten sie rüstig auf einem breitgetretenen Wildsteige durch den Wald, der, je näher sie dem Gebirge kamen, immer lichter wurde. Nach zwei Stunden sahen sie vor ihren Blicken einen großen, von Wald eingezäunten See, dessen Ufer in einen weiten Sumpf auslief. Der See war zum Teil mit dürrem Schilf bedeckt und zeigte außer einem kleinen Bache, der daraus entsprang keinen Ab- und Zufluß. »Gewiß ist das der Bach, der bei unserer Ansiedelung vorbeiläuft,« bemerkte Wonström. Eduard betrachtete mit einem langen Fernrohr aufmerksam die Schilfränder, und als er absetzte, gab er Wonström das Fernrohr und sagte: »Sieh' doch einmal in der Richtung hin, was das ist, ich kann es nicht wegbekommen.« Wonström sah in der angegebenen Richtung eine zeitlang hin, als er plötzlich rief: »Das scheinen ja Elephanten zu sein!« Eduard nahm wieder das Glas zur Hand, und nachden er abermals eine Weile beobachtet hatte, sagte er: »Da haben wir wiederum einige vorsintflutliche Tiere. Wenn ich mich nicht täusche, so waten dort Mastodons herum, die Stammväter unserer Elephanten.« Eduard wollte versuchen, näher zu kommen, um sich diese Dickhäuter in der Nähe zu betrachten, aber Wonström war anderer Ansicht. Er bewies ganz logisch, daß es gefährlich sei, in den Sumpf einzudringen, und so interessant es auch sei, diese neu entdeckten Urtiere in der Nähe zu beobachten, müsse er sich doch streng nach ihrem Programm richten, welches heißt: den Nordpol sobald als möglich zu erreichen. Eduard, dem jeder vernünftige Gedanke zugänglich war, steckte sein Fernrohr in die Tasche und notierte sich genau diesen Fall. Dann nahmen beide ihren Wanderstab und wandten sich westwärts. Nach Westen zu wußten sie, daß der See sich nicht weit ausdehnen konnte, weil Wonström zwei Stunden westlich schon an den Fuß des Gebirges gekommen war, ohne eine Spur von einem See oder Sumpf zu finden, dagegen wußte man nicht, wie weit er sich nach Osten hinzieht. XXIX. Kapitel. Kampf mit dem Dinotherium oder Schreckenstier. Als sie eine gute Stunde westlich gewandert waren, erhob sich das Land, und See und Sumpf hatten ein Ende. Jetzt ging's wieder nach Norden, rechts den See mit den Ausläufern des Sumpfes liegen lassend. Als sie so dahin schritten, mitunter aufgehalten von umgefallenen Bäumen, zuweilen auch noch Sumpflachen durchwatend, hörten sie plötzlich ein lautes Schnaufen und Brechen. Sie blieben erwartungsvoll stehen und blickten mit der geladenen Flinte in der Hand in die Richtung, von der das Geräusch kam, das nur von einem Tiere abstammen konnte. Da kam im kurzen Trabe ein elephantenartiges Tier mit abwärts gebogenen Stoßzähnen durch den Wald, welches offenbar das Ufer des See's zu erreichen suchte. Krachend brachen die dürren Äste unter seinen schweren Tritten und der Schlamm spritzte weit umher. Atemlos standen sie da, in Angst vor diesem Riesentier, das trotz seiner Größe und scheinbaren Plumpheit so flüchtig dahin trabte. »Ein Dinotherium!« flüsterte Eduard. Das Riesentier lief vorüber, es hatte die beiden nicht gesehen. Da konnte sich Eduard nicht halten, ehe Wonström es verhindern konnte, hatte er sein Gewehr erhoben und ein Schuß donnerte hinterher. Auf den Schuß drehte sich der Koloß um und zog krampfhaft das eine Hinterbein in die Höhe; es war offenbar getroffen. Da bemerkte es die beiden Übelthäter und schnell wie ein Gedanke stürzte es auf sie los. Jetzt war Holland in Not. Eins, zwei drei, hatten die beiden Freunde ihre Reisesäcke abgeworfen und sprangen, von Todesangst getrieben, durch den lichten Wald. Das Dinotherium war in einem Nu bei den gefüllten Säcken. Es ergriff den einen, trat wütend darauf herum und bohrte wiederholt seine Stoßzähne hinein. Dies ging so schnell, daß die beiden Flüchtlinge keinen so bedeutenden Vorsprung gewinnen konnten. Schon kam mit Donner und Wutgeheul das schreckliche Tier hinter ihnen her. »Auf den Baum, auf den Baum!« schrie Wonström und wie zwei Luftgymnastiker voltigierten sie ein Ahorn hinauf. Wutschnaubend stand ihr wütender Feind am Fuße des Baumes und stieß einen trompetenartigen, weit dahinschallenden Ton aus, als er bemerkte, daß seine Feinde momentan in Sicherheit waren. Mit einer ungeheueren Geschäftigkeit begann es nun die Wurzeln bloß zu wühlen, unbekümmert um die Schüsse, die vom Baume herunter fielen. Wonström und Eduard eröffneten ein wahres Schnellfeuer, doch der Erfolg schien äußerst gering zu sein. Mit schrecklicher Wut unterwühlte das Dinotherium oder Schreckenstier den Ahorn! Es riß die Wurzeln mit fürchterlicher Gewalt aus der Erde, indem es seine Hauer wie Hebel gebrauchte. Jetzt schien das Tier genug vorgearbeitet zu haben, es lehnte sich an den Stamm und drückte mit voller Kraft den Baum auf die Seite. Das waren Schreckensminuten. Der Baum schwankte heftig hin und her und bei jeder Schwankung nach außen hörte man das Reißen der Wurzelfasern aus dem Boden. Wonström und Eduard hatten sich in ihr Schicksal schon ergeben. Mit Aufbietung aller Kräfte hielten sie sich an den hin- und hergeschleuderten Ästen an, bis bei einer letzten mächtigen Schwankung ihr Sitzpunkt nicht wieder zurückschnellte, sondern sich weiter und weiter neigte und zuletzt mit fürchterlichem Geprassel und Brechen der Äste umstürzte. Sofort nach dem Umfallen des Ahorns stürzte sich das wütende Tier in das Astgewirr, um seine Rache zu kühlen. Doch wenn die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten. Das Dinotherium klemmte sich in seiner blinden Wut zwischen zwei starke Äste fest und konnte bei aller Anstrengung nicht wieder loskommen. Jedenfalls wirkten jetzt auch die Flintenkugeln, von denen es ein großes Quantum im Leibe haben mochte. Wonström, dem der Sturz nichts geschadet hatte, war sofort wieder auf den Beinen. Er dachte schnell an sein Abenteuer mit dem Riesenfaultier. Die ohnmächtige Lage des Schreckenstieres benutzend, schob er rasch eine Scrot-Patrone in den Lauf und schoß aus nächster Nähe dem Dinotherium den vollen Schuß ins rechte Auge. Nach dem Schuß machte es ungeheure Anstrengungen, aus den Gabelästen heraus zu kommen und stieß dabei ein entsetzliches Schmerzgeheul aus. Fast schien es, als sollten seine Anstrengungen belohnt werden; denn dort, wo die Äste zusammenliefen, spaltete sich das Holz. Da krachte der zweite Schrotschuß, und dem Riesentier waren beide Augen zerstört. Mittlerweile hatte sich auch Eduard aus den Ästen herausgearbeitet, aber wie schon öfter bei gefährlichen Jagdabenteuern, war er auch diesmal nicht ohne Verletzung davongekommen. Ein Astsplitter hatte sich in seine linke Schulter gebohrt und verursachte ihm große Schmerzen. Wonström sparte einstweilen seine Moralpredigt und half dem armen Lazarus, der sich diese bittere Suppe abermals selbst eingebrockt hatte, den Splitter aus dem Fleische ziehen und die Wunde verbinden. »Verzeihe mir, Wonström, meine abermalige Unbesonnenheit. Du hast sehr recht, mich auszuzanken, hätte uns dieser vermaledeite Schuß doch bald das Leben gekostet.« »Ich werde diesmal nicht zanken,« erwiderte Wonström, »sondern nur den Kopf schütteln; was würde es nützen, da dir, wie es scheint, der Verstand fehlt, es zu begreifen. Das beste wird sein, ich behandle dich wie ein kleines Kind, dem man solche gefährliche Werkzeuge wie Flinten nicht in die Hand geben darf. Du wirst dein Gewehr von nun an ungeladen bei dir führen.« »Du bist hart, Wonström, sehr hart, aber ich verdiene es nicht anders. Ich bin wirklich ein Kind, dem man die Flinte wegnehmen muß, da ich nur Unglück damit anrichte. Ich passe nicht zum Entdeckungsreisenden, sonder nur zu einem Lastträger.« Wonström sagte nichts darauf, sondern ging zu den Reisesäcken, von denen der eine von dem wütenden Dinotherium zerstampft und zerstoßen war. Glücklicherweise war dies Wonström's Sack, in welchem nur Proviant und einige Werkzeuge und der Segeltuchballen steckten. Eduard's Sack, in welchem sich die Instrumente befanden, war verschont geblieben. Das gesalzene und getrocknete Fleisch in Wonström's Sack war nicht mehr zu gebrauchen, da es vollständig mit Schmutz und Sand besudelt war. Die Werkzeuge, Axt, Säge, Nägel etc. waren unbeschädigt, der Leinwandballen dagegen mehrfach durchlöchert. Eduard's Wunde schmerzte sehr, sodaß es ihm nicht möglich war, seinen Sack weiter zu tragen. Deshalb nahm Wonström diesen auf den Rücken, und Eduard nahm den, welchen Wonström früher getragen hatte, der mit seinen jetzigen, geringen Inhalt kaum noch 15 Kilo schwer war. XXX. Kapitel. Über die Kreideberge. Schweigend gingen sie nebeneinander her. Wonström hatte dem geblendeten Dinotherium eine Kugel in das Gehirn geschossen, um seine Qual möglichst abzukürzen. Eduard hatte nicht gewagt, dem sich in Todeskampfe windenden Schreckenstier einen Stoßzahn abzuschlagen, aus Furcht, Wonström's Unwillen noch mehr hervorzurufen. So zogen beide gegen Norden, d. h. die Berge aufwärts. Eduard's Wunde entzündete sich etwas, was den Schmerz noch mehr vergrößerte, aber er war standhaft; er biß die Zähne zusammen, und kein Klagelaut kam über seine Lippen. Je höher sie kamen, desto einförmiger wurde die Gegend. Der Wald verschwand und vor ihren Augen breiteten siche weite, grüne Wiesen aus, die von zahlreichen Bächen und Gräben durchzogen waren. Nach einer vierstündigen Wanderung bergauf machte Wonström Halt. Erschöpft setzten sie sich in's Gras, und Wonström langte etwas trockenes Fleisch aus seinem Sack und einen Trinkbecher. Zu ihren Füßen floß ein wildrauschendes Gebirgsbächlein, das sie mit Trank versorgte. Als beide gesättigt waren, untersuchte Wonström Eduard's Wunde und machte Umschläge mit kaltem Wasser, was die Hitze nahm. Eduard dankte seinem Freunde für seine Bemühung und dieser sagte lächelnd: »Wollen es jetzt gut sein lassen und nicht mehr an deine Unvorsichtigkeit denken, den Schaden hast doch du. Lasse dir dieses nur zur Warnung dienen, werde vorsichtig und überlege erst alles, was du thust.« Jetzt war Zeit, das Abenteuer mit dem Dinotherium in den Naturschatz einzutragen. Außerdem holte Eduard den Barometer aus dem Sack welcher anzeigte, daß sie sich jetzt cira 650 Meter über dem Meeresspiegel befanden, da er bis auf 26 Zoll gefallen war. Die Aussicht war herrlich, das Polarmeer lag in seiner wilden Größe vor ihnen und das Land zeigte seine Ränder so scharf wie auf einer Landkarte. Nach einem stärkenden Schlaf, welchem sie sich abwechselnd hingaben, da einer immer Wache halten mußte, griffen sie wieder zum Wanderstabe und stiegen bergauf. Auf den grünen Abhängen konnten sie Herden von Xipsodons und Anaplotheriums beobachten, welche das fette Gras abweideten. Eduard hatte an verschiedenen, aus dem Boden schauenden Felsen seine Geologenhammer probiert und gefunden, daß das ganze Gebirge aus Kreide bestand. Unter Kreide verstehen wir gewöhnlich die weiche, weiße Masse, welche wir zum Schreiben und Zeichnen brauchen, doch haben wir den Begriff Kreide weiter auszudehnen, wenn wir von der Epoche der Kreidezeit sprechen. Kreide in dem Sinne ist jede kohlensaure Kalkbildung, deren Hauptbestandteile weiter nichts als die Panzer der Diatomen (einzellige, mikroskopische Wesen) und die Schalen der Foraminiferen (mikroskopische, der Klasse der Wurzelfüßer angehörigen Tiere, welche sich durch den Besitz einer einfach oder mehrfach gekammerten Kalkschale auszeichnen) sind. »Diesen Bergen haben wir noch keinen Namen gegeben,« hub Eduard an. »Ich schlage den Namen 'Kreideberge' vor, weil sie ja aus lauter Kreide bestehen.« »Gut,« sagte Wonström, »nennen wir sie die Kreideberge. Ich dagegen gestatte mir zu bemerken, daß der See, den wir unten haben liegen lassen, ebenfalls noch ungetauft ist. Ich möchte vorschlagen, ihn 'Dickhäutersee' zu nennen.« Eduard, der eine Karte von dem warmen Polarlande in seinen Naturschatz eingezeichnet hatte, schrieb die eben angegebenen Namen dazu. Jetzt wurde der Weg schon steiler. Vor sich himmelanstrebend erblickten sie die Häupter der Bergriesen mit Eis und Schnee bedeckt, teilweise auch in Nebel gehüllt. Nach einer achtstündigen beschwerlichen Steigung waren sie bis zu einer Höhe von 2000 Meter gekommen. Hier mochte es sein, wo die pflanzenarme Gegend begann. Es wurde Halt gemacht und gegessen. Hierauf untersuchte Wonström Eduard's Wunde und da dieselbe immer noch etwas entzündet war, legte er wieder kalte Umschläge auf. Nachdem sie geruht und geschlafen hatten, nahm Eduard seinen Naturschatz zur Hand. Von ihrem Standpunkte aus hatten sie die herrlichste Aussicht. Sie konnten weit hinaus in das Eismeer sehen und die Ufer des warmen Polarlandes lagen mit scharfen genauen Zügen wie in einem Atlas vor ihnen. Eduard zeichnete, so gut es gehen mochte, sämtliche sichtbaren Landgrenzen ein, ebenso die verschiedenen vorgelagerten Inseln. Der Gebirgszug war gut zu übersehen, und die Gipfel und Bergspitzen wurden ebenfalls der Karte einverleibt. Nach ihrer jetzigen Höhe von 2000 Meter, welche ihr Barometer anzeigte, konnten sie auch die jetzt gerade nebelfreien Berge auf ihre Gesammthöhe schätzen. Vor ihnen lag ein solcher Bergriese mit drei Gipfeln, sie schätzten sie auf 6500 Meter und gaben ihm den Namen 'Bismarckskopf'. Nicht weit davon, links, ragte ein sehr spitziger Kegel in die Lüfte, den sie auf 6000 Meter schätzten; er wurde Nebelspitze genannt, weil seine äußerste Spitze in dichten Nebel gehüllt war. Rechts zog sich ein breiter Bergrücken hin, der über 6000 Meter hoch sein mochte, ihn nannte man Kreidebogen. Zwischen dem Bismarckskopf und der Nebelspitze befand sich ein Paß, über diesen beschlossen sie das Gebirge zu überschreiten. Mit frisch gesammelten Kräften stemmten sie ihre Wanderstäbe ein und stiegen weiter, etwas links nach dem Paß zu. Als sie 800 Meter höher gestiegen waren, zeigte das Thermometer + 1 Grad R. Hier war die Grenze des ewigen Schnee's. Zwar lag der Schnee hier dicht und hoch und hatten sie schon auf ihrer ganzen Wanderung durch die pflanzenarme Gegend einzelne Stellen mit Schnee bedeckt gefunden, doch muß man bedenken, daß jetzt, anfangs April, der Schnee noch nicht so vollständig weggegangen war, als z. B. im Juli. Die Wanderung wurde jetzt schwierig. Die Gletscher, welche die mächtigen Bergsenkungen ausfüllten, zeigten vielfach Spalten, welche grundlos schienen. Der tiefe Schnee hemmte jede schnellere Bewegung und oft hatten sie Mühe, sich wieder aus ihm herauszuarbeiten. Oft schwebten sie in größter Lebensgefahr; doch überwanden sie mit vereinten Kräften alle diese mächtigen Hindernisse. Endlich hatten sie den Paß überschritten, welcher 'Eis-Paß' getauft worden war, und vor ihnen lag die Welt direkt um den Nordpol. Aber sie konnten sie nicht sehen, ein dichter Nebel lagerte darüber. XXXI. Kapitel. In der Jurazeit. Der Abstieg war anfangs dem Aufstieg ähnlich. Es ging über Gletscher, welche denen auf der südlichen Seite nicht viel nachgaben. Je tiefer sie hinunter kamen, desto nebeliger und wärmer wurde es. Von Pflanzen fanden sie Moose und Gräser. Als sie noch tiefer kamen, trafen sie hohe Farnkräuter und Schachtelhalme. Von den Bergen herab liefen überall Wasserbäche, die sich unten zu einem Flusse vereinigten. Das Wasser war lehmig und schmutzig und hatte eine ziemlich hohe Temperatur. Als sie unten am Fuße des Gebirges angekommen waren, trafen sie seltsame Wälder. Es schienen lauter Palmen zu sein, die in der feuchtwarmen, dunstigen Atmosphäre riesig wucherten. Stellenweise trafen sie mächtige Pilze, unter denen sie wandern konnten, wie unter Säulenhallen. Außerdem war alles totenstill. Kein Vogelgesang ließ sich vernehmen; dieses Land schien ausgestorben, kein lebendes Wesen regte sich. Halt, nicht doch, eben flog ein Vogel vorüber, den der warme Nebel gespenstig vergrößerte. Da, wieder einer. Wonström nahm seine Flinte und schoß, als wieder einer vorüberflog, denselben herunter. Sofort erkannten sie in ihm einen Archäopterix oder Altvogel. Ihr Mundvorrat war bedenklich geschwunden; auch hatten sie lange eine frische Fleischnahrung entbehren müssen, deshalb warteten beide mit ihren gespannten Flinten, um noch einige Altvögel zu schießen. Kurze Zeit darauf kam wieder ein Vogel dicht bei ihnen vorbeigeflogen. Dieser hatte einen anderen Flug als die Altvögel, er glich dem der Fledermäuse mehr. Auf Eduard's Schuß stürzte er herab; wie erstaunte aber dieser, als er einen Vogel ohne Federn vor sich sah. Eine Fledermaus war es ebenfalls nicht, denn es hatte kein Fell. Um dieses merkwürdige Wesen, welches die Größe einer Ente hatte, genauer zu betrachten, ergriff es Eduard. Kaum aber hatte er zugegriffen, als das Tier ihn empfindlich in die Hand biß, daß er mit einem Schmerzensschrei dieselbe zurückzog. Es war nicht tot, sonder nur angeschossen, und da es sich so streitbar zeigte, mußte es totgeschlagen werden. Eduard's Aufregung war groß, als er in dem nackten Flugtier einen Pterodaktylus (Flügelfinger) erkannte. »Mich durchschleicht eine Ahnung,« meinte er, »als ob wir uns hier hinter den Bergen in einer noch viel älteren Zeit befinden. Ich glaube, hier herrscht noch die Jurazeit, denn dieser Pterodaktylus ist ein ausgesprochener Vertreter derselben. Sieh' nur, diese palmenartigen Bäume sind keine Palmen, sonder riesige Farrne und Schachtelhalme. Diese kolossalen Pilze, diese dicken Nebel, die warme, feuchte Luft, alles das trägt den Charakter der Jurazeit. Wenn wir hier weiter reisen, müssen wir die größte Vorsicht gebrauchen; denn wenn auch keine Löwen und Tiger zu fürchten sind, so können uns hier schreckliche blutgierige Rieseneidechsen oder Saurier gefährlich werden.« »Wenn das so ist,« entgegnete Wonström, »so muß ich dich vor allen Dingen ersuchen, nicht wieder so leichtsinnig mit deinem Gewehr umzugehen, sonst könnte es uns passieren, daß wir einst als Zeitgenossen dieser Saurier in versteinerter Form von einer späteren Nachwelt ausgegraben würden.« Nachdem sie noch einen Altvogel erlegt hatten, machten sie ein Feuer und brateten sich dieselben. Währenddessen betrachteten sie den Pterodaktylus. Es war weder Vogel noch Fledermaus, sondern eine geflügelte Eidechse. Die häutigen Flügel befanden sich ähnlich wie bei den Fledermäusen, zwischen den Vorder- und Hinterbeinen. Seine Flügelweite betrug dreimal mehr als seine Körperlänge. Der verhältnismäßig sehr große Kopf war mit langen, scharfen Zähnen besetzt. Nachdem sie sich gesättigt und ausgeruht hatten, nahmen sie ihre Säcke wieder auf den Rücken, die Stäbe in die Hand, und zogen wieder dem Norden zu. Sie gingen einen Fluß entlang, der auf dem Gebirge entsprang und große Wassermengen mit sich führte. Je weiter sie kamen, desto größer wurde er, sodaß er bald den Namen Strohm verdiente. An seinen Ufern wuchsen große Schilfgattungen, aus denen palmenartige Farrnkräuter und Cycadeen schossen. Hohe Pandanus mit ihren seltsamen Wurzeln ragten hier und da in Gruppen empor und die Wälder waren hauptsächlich von araukarienartigen Nadelhölzer gebildet. Die Wanderung war sehr beschwerlich, da fast alles Sumpf war. Sie mußten die aus dem Sumpf ragenden Felsen zum Gehen benützen und oft traf es sich, daß die Felsen plötzlich aufhörten und sie gezwungen waren, große Strecken wieder zurückzugehen, um eine andere Passage zu suchen. Schließlich aber konnten sie, ohne Gefahr zu laufen, in diesem Sumpf zu versinken, nicht mehr weiter nach Norden vordringen und so nahe am Ziele, schien ihr Plan, den Nordpol zu erreichen, nicht in Erfüllung zu gehen. Nach ihren Berechnungen waren sie jetzt bis 88° 55' nördl. Breite und 30° östl. Länge gekommen, infolgedessen nur noch wenig über einen Grad zurückzulegen war. Wonström stand da und kratzte sich hinter den Ohren, während Eduard ganz untröstlich zu sein schien. Endlich rief Wonström: »Können wir den Nordpol nicht zu Lande erreichen, so müssen wir versuchen, zu Wasser hinzukommen. An Baumaterial fehlt es hier nicht, und dieser Fluß scheint direkt nach Norden zu gehen.« »Gut denn, zu Wasser!« sagte Eduard, »fangen wir sofort an, ein Schiff zu bauen.« Dicht am Ufer dehnte sich ein kleiner Fichtenwald aus. Dorthinein gingen sie und suchten sich sogenannte stammdürre Stämme aus, weil diese bei großem Volumen eine geringe Schwere haben, und sägten die passenden ab. Stamm für Stamm trugen sie an das Flußufer und begannen, als sie genügendes Material hatten, ein großes Floß zu bauen. XXXII. Kapitel. Rieseneidechsen. Eine urweltliche Wasserfahrt. Beim Absägen der Bäume waren sie auf ein mausartiges Tier gestoßen, das Eduard als eine Beutelratte, das älteste Säugetier der Erde 'Phascolomys Wombat' bestimmte. Sehr viele kleine Insekten, namentlich Käfer, umschwirrten sie. Termitenameisen bewohnten von ihnen selbst ausgehöhlte Baumstämme und am Flusse wiegten sich Scharen bunter Libellen. Beide Freunde waren beschäftigt, ihr Floß zu bauen. Mit langen Nägeln und festen Stricken reihten sie Stamm an Stamm, und schon hätte es genügt, im ruhigen Fahrwasser damit zu fahren, aber es wurde größer, tragfähiger, und infolgedessen widerstandsfähiger gebaut; denn man konnte ja nicht wissen, was für wilde Gewässer zu durchschiffen sie gezwungen wären. Als sie in der besten Arbeit waren, hörten sie plötzlich ein brechendes Geräusch. Der Nebel verschleierte die Aussicht, sodaß sie nicht sehen konnten, wer das Geräusch hervorbrachte. Vorsichtig gingen sie den Tönen nach und erschraken nicht wenig, als sie eine kolossale Eidechse entdeckten, welche sich an einem Pandanus aufgerichtet hatte und die Blätter und Früchte abfraß. Der Baum, welcher, trotzdem es erst April war, seinen vollen Blätterschmuck hatte, bog sich unter der Last des Riesentieres. Einschalten muß ich noch, daß man hier nirgends eine Spur von einem kurz verflossenen Winter bemerkte und man konnte annehmen, was Eduard sagte, daß in der Jurazeit die Temperatur das ganze Jahr hindurch ziemlich gleich sei. Als sie dem Treiben dieses neuen Vertreters der Jurazeit eine Weile zugeschaut hatten, sahen sie, wie ein zweites Ungeheuer herangelaufen kam. Kaum erblickte dieses das erstere, als es sich kampfbereit machte und ohne eine Zögerung griffen sie einander an. Die Abenteurer hörten das Knirschen der Zähne und Zerbeißen der Knochen. Eine zeitlang hatten sich die Saurier fest ineinander verbissen und als sie endlich wieder los ließen, suchten sie nur eine neue Stelle sich packen zu können. Dieser merkwürdige Kampf schien durchaus nicht hitzig zu sein. Alle Bewegungen waren abgemessen und langsam und wenn die fürchterlichen Zähne nicht so gearbeitet hätten, hätte man glauben können, das Ganze sei nur ein Spiel. Dieses fürchterliche Spiel dauerte lange und war zu langsam, um für die Zuschauer auf die Dauer interessant zu sein. Mittlerweile erklärte Eduard, daß das erste große Tier, welches sich an dem Baum aufgerichtet hatte, seiner Ansicht nach ein Iguanodon sei, während sein etwas kleinerer Gegner ein Hylätosaurus oder eine Waldeidechse sein müsse. Beide hatten ein Horn auf der Nase und der Iguanodon einen sägenartigen Kamm auf dem Rücken. Da löste sich der Knäuel, und mit schweren Wunden bedeckt, krochen beide fort. »Hier gibt es ja liebenswürdige Tierchen,« sagte Wonström, »angenehme Nachbarschaft; wir wollen nur eilen, daß wir unser Fahrzeug fertig bringen; mir fängt es an, unheimlich zu werden.« Endlich war das Floß aus den urweltlichen Stämmen fertig. Es war groß und breit; in der Mitte ragte ein Mast empor, der mit einem Segel geschmückt war, welches verschiedene Löcher hatte. Es war aus dem Segeltuchballen gefertigt worden, welchen das Dinotherium mit seinen Stoßzähnen bearbeitet hatte. Ein Steuer hatten sie nicht anbringen können, aber einige lange Ruder, die dessen Stelle vollständig vertreten konnten. Um den Rand hatten sie einen meterhohen Zaun geführt, sodaß das ganze Fahrzeug einen flachen, viereckigen Kasten glich. Und wie herrlich schwamm es! Die beiden Freunde zögerten weiter nicht, vom Lande abzustoßen. Sie tauchten die Ruder ein und dahin fuhren sie auf dem trüben, schlammigen Gewässer. Das Floß segelte prächtig, ein mäßiger Wind blähte das durchlöcherte Segel und stolz fuhr es den sehr ruhig fließenden Strom hinab. Je weiter sie kamen, desto breiter wurde der Fluß; zuletzt wurde er so breit, daß der Nebel den in der Mitte dahin Fahrenden die Ufer verbarg. Es war ein eigentümliches Gefühl, in einem solchen Dunstkreis dahin zu fahren, sie wußten schließlich nicht mehr, ob sie sich noch auf dem Fluß oder in einem Meere befanden. Als Nahrung kamen ihnen die zahlreichen Fische, die sie sich mit kleinen Fleischstücken als Köder angelten, sehr gelegen. Es waren ebenfalls urweltliche Arten, sogenannte Ganoiden, die ihren Namen von den glänzenden, eckigen Schuppen erhielten. Spiralförmig gewundene Muscheln, die oft die Größe von Wagenrädern hatten, segelten neben ihnen her, indem sie zu eindrittel oder einviertel aus dem Wasser ragten. Eduard war sehr erfreut darüber, es schienen alte Bekannte von ihm aus dem Gymnasium zu sein. Es waren Ammoniten oder Ammonshörner, die massenhaft in den Secundär- und Kreideschichten gefunden werden. Andere Tiere, die Belemniten, interessierten ihn ebenfalls ungeheuer. Diese trieben in zahllosen Mengen ihr Wesen im Wasser. Es waren tintenfischartige Weichtiere, deren Körper in einer kalkigen Schale steckten. Der hintere Teil dieses Gehäuses war spannlang und hatte die Form eines Fingers oder einer Lanzenspitze. Während das ganze Gehäuse zart und leicht zerbrechlich, war der hintere fingerartige Teil fest und wenig hohl. Von diesen Belemniten werden jetzt meist nur die lanzenförmigen Hinterteile gefunden, aber stellenweise in großer Menge. Das deutsche Volk kennt sie unter den Namen 'Teufelsfinger' und 'Donnerkeile' und schreibt ihnen allerlei heilsame Wirkung zu. XXXIII. Kapitel. Kampf mit einem Plesiosaurus. Das Wasser war wenig bewegt, sie hatten schon geraume Zeit keine Ufer mehr gesehen und segelten mit Hilfe eines Kompasses nach Norden. Da plötzlich tauchte auf ihrer rechten Seite ein krokodilartiges Tier von riesiger Größe auf. Aus seinen Nasenlöchern schossen zwei Wasserstrahlen drei Meter hoch empor. Die Augen waren tellergroß und die Füße sahen den Vorderflossen der Seehunde ähnlich. An Länge gab das Tier einem Walfisch nichts nach, aber der kolossale Rachen war mit einer Unzahl von scharfen, langen Zähnen bedeckt. Langsam, wie spielend trieb das Ungeheuer bei ihnen vorbei und verschwand im Nebel. Eduard hatte dieses Riesentier genau mit einem Opernglase betrachtet, folglich seine Beschaffenheit und die Einzelheiten ganz deutlich gesehen. »Das war ein Ichthyosaurus oder eine Fischeidechse. Es ist das größte und schrecklichste Tier der Urzeit. Gott sei Dank, daß es uns nicht bemerkt hat,« rief Eduard. Stumm schauten beide in den Nebel, der ihnen keine weite Aussicht gestattete. Es war ihnen, als müßten ihnen noch mehr solche Ungeheuer begegnen, aber es blieb ruhig und nur Ammoniten und Belemniten schossen vorüber. Da zerriß der Nebel vor ihnen, und in nicht zu weiter Ferne sahen sie Land vor sich. Auf diesem Lande muß der Nordpol liegen, der Drehpunkt der Erde. Trotz der sie umgebenden Gefahren jubelten sie auf, aber die laute Freude inmitten der gespensterhaften, nebligen Stille wäre ihnen beinahe schlecht bekommen. Sofort nach dem Aufjubeln sahen sie, wie aus dem Nebelmeere ein schwanartiges, kolossales Ungeheuer mit gelbleuchtenden Augen auftauchte und auf sie zusegelte. Der schlangengleiche Hals wand sich hin und her, während aus dem mit großen spitzigen Zähnen besetzten Rachen die gespaltete Zunge hervorstach. »Großer Gott, ein Plesiosaurus,« hauchte Eduard. Das Ungeheuer bewegte sich mit vier ruderartigen Füßen vorwärts, und schrecklich war es anzusehen, wie die drohende Gestalt näher und näher kam, das Floß mit den unglücklichen Menschenseelen scharf im Auge habend. In ihrer Angst wußten die beiden Abenteurer nicht, was zu beginnen. Wonström hielt die geladene Flinte in den bebenden Händen und Eduard zog mechanisch den schweren Säbel. Was waren aber diese armseligen Waffen gegen ein solches riesiges Untier? Wonström zielte mit seinem Gewehr nach den Kopfe des Ungeheuers, doch war es ihm unmöglich, das Ziel richtig zu fassen, deshalb, es war die höchste Zeit, schoß er seine beiden Läufe gegen die breite Brust ab. Aber wie zu erwarten war, kümmerte sich dieses Riesentier nicht darum. Es ruderte heran und hob sich aus dem Wasser empor, indem es die Vorderflossen auf den Rand des Flosses aufsetzte. Dieses durch die Last auf der einen Seite niedergedrückt, legte sich schräg, während die beiden Freunde auf der höheren Seite hinter den Mast sich zu retten suchten. Da öffnete der Plesiosaurus seinen Rachen und bog den Hals zurück, gerade wie eine Schlange, die sich auf ihre Beute stürzen will. Schrecken erfaßte die beiden bei diesem greulichen Anblick und mit starren, weit geöffneten Augen blickten sie auf das schreckliche Schauspiel. Da schoß das Ungeheuer vor und packte den Mastbaum ziemlich weit unten; die starken Zähne gruben sich bis an ihre Wurzeln in das Holz, welches krachte und splitterte und durchgebissen zu werden drohte. Da, in der entsetzlichsten größten Not wurde Eduard von einem Wahnsinn gepackt, den nur die Verteidigung und Erhaltung des Lebens hervorbringen kann. Er, der durch sein vorschnelles, leichtsinniges Gebahren sich und Wonström schon öfter in die größte Lebensgefahr gebracht hatte, sollte diesmal der Retter sein. Er stürzte mit dem schweren Säbel in der Faust auf den Plesiosaurus, der sich in den Mast festgebissen hatte, los und und schlug ihm mit einem mächtigen Hiebe den Hals durch. Der Hieb war so glücklich geführt worden und mit einer solchen Kraft, die nur die Verzweiflung verleiht, daß der Kopf vollständig vom Rumpf getrennt wurde. Der schwere Körper fiel zurück in's Wasser, welches er in krampfhaften Zuckungen und Schlägen bis tief hinein aufwühlte, während der abgeschlagene Kopf mit dem Halsstumpf auf dem Floß hin- und herschnellte und die greulichen Kiefern auf- und zuklappten. Nach einiger Zeit hörte die Bewegung des Kopfes auf, noch ein letztes, weites Gähnen und der Tod war eingetreten. »O Eduard, diesmal hast du alles wieder gut gemacht; deine Entschlossenheit hat uns das Leben gerettet. Aber ich glaube, wir verzichten auf die Weiterreise; denn solchen Gefahren sind wir nicht gewachsen.« »Umkehren? Jetzt so nahe am Ziele?« rief Eduard. »Ach Wonström, es würde mir das Herz brechen, wenn ich das Ziel, wonach mein ganzes Sinnen und Trachten steht, nicht erreichen würde.« »Aber in anbetracht solcher Schrecknisse können wir ja nichts anderes thun. Weiter nach Norden vorzudringen, hieße dem sicheren Tode entgegengehen. Übrigens hat sich auch der Wind gedreht; wir haben Nordwind, müßten also, um nordwärts zu kommen, uns der Ruder bedienen und das Geräusch, das nicht zu umgehen ist, würde uns bald mehr solche Scheusale auf den Hals locken.« XXXIV. Kapitel. Zwischen Leben und Tod. Der Nebel hatte sich wieder geschlossen, so daß nichts weiter als Wasser und Nebel zu sehen war. Der Kopf des Plesiosaurus lag mit starr geöffneten glasigen Augen auf dem Floß. Wonström hatte ihn untersucht und gefunden, daß der Säbel Eduard's genau zwischen zwei Halswirbel durchgefahren war, im anderen Falle wäre es ihm auch kaum gelungen, den Kopf mit einem Hiebe vom Rumpfe zu trennen. Eduard lehnte trübselig am Maste und starrte in den Nebel hinaus, während ein leichter Nordwind das Floß wieder südwärts trieb. Er stand da wie gebrochen und wischte verstohlen eine dicke Thräne aus dem Auge. Wonström sah den Schmerz seines Freundes und es krampfte ihm das Herz zusammen, Eduard so stumm leiden zu sehen. Er trat auf ihn zu und sagte: »Einen Versuch wollen wir noch machen, nach Norden vorzudringen, aber wenn du einsiehst, daß es überhaupt unmöglich ist, den Nordpol zu erreichen, wirst du dich dann zufrieden geben?« »Du guter Freund,« sagte Eduard, »du willst dein Leben mit auf's Spiel setzen, nur um eine Laune von mir zu befriedigen.« »Nein, nein, nicht um eine Laune von dir zu befriedigen, sondern weil es dich so angreift, ohne einen weiteren Versuch gemacht zu haben, den Plan, den Nordpol zu erreichen, aufgeben zu müssen.« Wonström hatte währenddessen das Segel gerefft, damit der Wind keine Wirkung auf das Floß mehr hatte. Dann ergriff er ein Ruder, tauchte es in die Flut und hieß Eduard ein Gleiches zu thun. Er ermahnte ihn, das Ruder ja recht leise zu handhaben, damit nicht etwa wieder so ein Ungeheuer über sie herfiele. Fast lautlos glitt das Fahrzeug wieder dem Norden zu. Nachdem sie eine lange Zeit gerudert hatten, trat ein Land aus dem Nebel heraus. Als sie näher kamen, bemerkten sie einen Fluß, der sich in's Meer ergoß, in dessen Mündung lenkten sie ein. In die Flußmündung ragte eine schmale Landzunge hinein, diese beschlossen sie zu betreten. Als sie am Ufer anlegten, bemerkten sie den Kopf eines riesigen Krokodil's, doch da dieses Tier sich nicht rührte, so betraten sie das Land. Es war die Zeit der Ebbe. Zur Zeit der Flut war die Halbinsel vom Wasser bedeckt. Als sie ihren Fuß auf das Land setzten, knisterte es unter ihren Tritten und sie fanden, daß sie auf Schalen von Ammoniten, Belemniten, Seeigeln, Krebsen und Krabben, auf Knochenschildern von Schildkröten, Ganoiden und anderen Knorpelfischen und auf Knochen von Ichtyosauren, Plesiosauren, Teleosauren und anderen Wasserungeheuern herumtraten. Da zerriß der Nebel plötzlich und sie konnten nach Norden zu ein weites, flaches Land sehen, das sparsam mit Jurapflanzen bedeckt war. Eduard benützte diesen Lichtblick. Er holte seine Instrumente und bestimmte, daß sie sich jetzt 89° 42' nördl. Breite befanden, also noch ungefähr 2½ deutsche Meilen bis zum Nordpol hatten. Aber die Ruhe dieser Gegend sollte sich bald ändern. Das Krokodil, das sie vorhin bemerkt hatten, war an das Floß herangekrochen und probierte seine Zähne an den Stämmen. Eduard hatte in diesem Reptil ein Teleosaurus erkannt und zwar an den sehr eng zusammenstehenden Augen und dem gepanzerten Bauch. (Unsere jetzigen Krokodile sind nur auf dem Rücken gepanzert.) Beim Beißen in das Floß sahen sie in einem zwei Meter langen Rachen, der leicht im Stande gewesen wäre einen Menschen ganz zu verschlucken. Dieses Beißen an dem Balken war aber durchaus keine harmlose Arbeit; denn die Freunde bemerkten, daß sich der eine Stamm ablöste. Der Teleosaurus hatte den Strick durchbissen. Kaum sahen sie das, als sie auch auf das Floß sprangen und mit ihren Säbeln auf die Nase des Zerstörers einhieben. Das Krokodil ließ nun zwar ab von seinem Beginnen, machte aber einen solchen Höllenlärm, indem es mit seinem Schwanze das Wasser peitschte, daß die Wellen über das ganze Floß schlugen und es zu zertrümmern drohten. Auf diesen Lärm hin tauchten plötzlich wie auf Zauberschlag überall Köpfe solcher Riesenkrokodile auf, auch einzelne Ichtyosauren schossen durch das Wasser und das Floß begann auf der bewegten Flut heftig zu schwanken. Wonström ließ schnell das Segel herunter und der Wind, der glücklicher Weise nach Süden blies, blähte es auf und langsam setzte sich das Fahrzeug in Bewegung. Die Menge der greulichen Reptilien vermehrte sich aber von Minute zu Minute und das ganze Wasser war, soweit der Blick reichte, schließlich mit Köpfen von Krokodilen und Ichtyosauren bedeckt, aus welchen hie und da die Schwanenhälse von Plesiosauren ragten. Todesschrecken ergriff die beiden Abenteurer und mit den Rudern suchten sie die Fahrt des Flosses zu beschleunigen, doch nicht lange hatten sie gearbeitet, als auch schon die Ruder von den Zähnen der Amphibien zertrümmert waren. Nur schlimmer hatten sie es dadurch gemacht; denn jetzt wurde die schaurige Gesellschaft auf sie aufmerksam. Von allen Seiten tauchten die schrecklichen Köpfe aus dem Wasser über dem Rand des Flosses auf und nagten an den Stämmen herum oder schnappten nach ihren Beinen. Beide Freunde suchten mit den Säbeln in der Faust ihr Leben so teuer als möglich zu verkaufen und hieben auf die warzigen Schnauzen der Saurier ein. Doch war dies ein gefährliches Geschäft; denn auf dem nassen, schlüpfrigen Boden rutschten sie öfters aus und es war in einem solchen Falle leicht möglich, daß sie von einem schnappenden Rachen ergriffen werden konnten. Da sahen sie, wie ein mächtiger Ichthyosaurus auf sie zuschwamm. Im nu hatte er das Floß mit seinen fingerlangen Zähnen erfaßt und drei bis vier Stämme losgerissen. Das Floß wurde dabei fast umgestülpt, und nur mit Mühe konnten sich die Abenteurer vor dem Sturz ins Wasser bewahren, indem sie sich an den Mastbaum anklammerten. Doch jetzt rettete sie die Kampfeslust und Wut der schrecklichen Feinde. Zwischen der Gattung Ichthyosaurus und Teleosaurus mochte ein alter angeborener Haß bestehen, ähnlich wie zwischen Hund und Katze. Der Ichthyosaurus war noch damit beschäftigt, das Floß auseinander zu reißen, als er plötzlich von den Riesenkrokodilen angefallen wurde, sodaß er seine Aufmerksamkeit diesen neuen Feinden zuwenden mußte. Der Ichthyosaurus verteidigte sich tapfer und mancher Teleosaurus wurde von seinen gewaltigen Zähnen zermalmt; doch viele Hunde sind des Hasen Tod. Die Riesenkrokodile griffen trotz ihrer Toten immer wieder an und rissen dem Ichthyosaurus ganze Stücke Fleisch aus dem Leibe. Doch vereinigte sich der Kampf nicht allein auf die Stelle, wo der Ichthyosaurus das Floß angegriffen hatte, sonder überall waren unter den Krokodilen Ichtyosauren und Plesiosauren aufgetaucht und der Kampf wütete an allen Orten. So gräßlich auch dieses Schauspiel war, zumal wenn man sich mitten unter den Bestien befindet, so zeigte es den beiden Abenteurern doch ein getreues Bild von den sich oft wiederholenden Massenkämpfen der vorsintflutlichen Ungeheuer, deren Existenz in nichts weiter gipfelte als in gegenseitiger Vernichtung. Das Schlachtfeld nahm immer größere Dimensionen an und ein Glück war es für die beiden Freunde, daß sich die Amphibien nicht mehr um das Floß und dessen Leiter kümmerten. Dieses, von einem günstigen Winde nach Süden getrieben, segelte mitten unter die Panzertiere, bis es endlich wieder im freien Meere, fern von jeder augenblicklichen Gefahr war. XXXV. Kapitel. Die Rückreise. Mit aufgehobenen Händen danken sie dem lieben Gott für die Errettung und begannen dann ihr zerrissenes Floß wieder notdürftig auszubessern, indem sie die halb abgerissenen Stämme mit Stricken wieder festbanden. Mittels des einen ihnen noch übrig gebliebenen Ruders lenkten sie ihr Fahrzeug direkt nach Süden und kamen auch glücklich wieder in die Mündung des Flusses, den sie Jurafluß getauft hatten. Währenddessen frug Wonström mit ironischem Lächeln: »Nun Eduard, wollen wir noch einen kleinen Versuch machen, den Nordpol zu erreichen?« »Nein, nein, ich danke für weiteres Vergnügen; habe ich doch jetzt die Ueberzeugung gewonnen, daß kein Sterblicher lebendig an den Drehpunkt der Erde gelangen kann. Gegen das Unmögliche können Menschen nicht ankämpfen.« Das Land wurde 'Land der Rieseneidechsen' genannt und die Flußmündung 'Todeswasser'; das Meer bekam den Namen 'Nebelmeer'. Jetzt bemerkten sie auch, daß sie ihre Instrumente bei der schnellen Flucht auf dem nördlichsten Land stehen gelassen hatten. Dies wäre für sie ein schrecklicher Verlust gewesen, mit dem sie sich unter Umständen gar nicht wieder nach dem gebildeten Süden gefunden hätten, doch in der Ansiedelung hatten sie ja Ersatz. Den Kopf des Plesiosaurus hätten sie gern als Andenken gehabt, aber er war bei dem Angriff des Ichtyosauren über Bord gefallen. Der Wind trieb das Floß langsam aber sicher der geringen Strömung des Flusses entgegen. Endlich kamen sie an der Gegend vorbei, wo sie ihr Fahrzeug gebaut hatten. Um sich die Rückreise soviel als möglich zu erleichtern, fuhren sie den Fluß weiter hinauf, bis die Strömung so stark wurde, daß sie nicht mehr vorwärts konnten. Nun landeten sie, nahmen ihre Säcke auf den Rücken, hingen ihre Flinten um und wanderten dem Eispaß zu. Der Nebel hatte sich gesenkt und vor sich sahen sie den dreigipfeligen Bismarckskopf und die steile Nebelspitze. Ohne ein weiteres erwähnenswertes Vorkommnis stiegen sie über den Eispaß und gelangten nach einer dreiwöchentlichen Abwesenheit wieder bei der Ansiedelung an. Hans, der Riesenvogel hatte eine unbändige Freude. Er hatte während seiner Gefangenschaft in der größten Gefahr geschwebt; denn die Höhlenwölfe hatten wiederholt versucht, in seine Behausung zu dringen, doch hatte die Befestigung ihren Zähnen widerstanden, deren Spuren man allenthalben sehen konnte. Es war am 24. April, als sie wieder bei der Ansiedelung ankamen. Wollte man in diesem Jahre noch die große Rückreise bewerkstelligen, so durfte man nicht zögern, aufzubrechen. Ein paar Tage gönnten sie sich der Ruhe, dann aber wurden die Sachen in die ganz gut erhaltenen Boote gepackt und der Naturschatz in einen wasserdichten Sack gesteckt, damit dieser ohne weiteren Schaden nach Europa käme. Auf der Reise nach Norden war er von den Wasserfluten ganz durchweicht worden und Eduard hatte sich die größte Mühe gegeben, die einzelnen Blätter wieder an der Sonne zu trocknen. Es war ihm auch gelungen, alles Geschriebene leserlich zu erhalten, aber noch einmal durfte es nicht passieren. Am 1. Mai standen sie in der Waldbucht und nahmen Abschied von dem merkwürdigen Lande, welches sie so lange bewohnt hatten. Wonström saß in dem größten Boote, an welches die fünf anderen gekettet waren und lenkte die schlangenartige Flotte genau wie sie es bei der Reise nach dem warmen Polarlande gemacht hatten. Eduard dagegen ging am Rande des Meeres dahin, seinen Hans am Zaume führend und das Gewehr auf dem Rücken. So zogen Beide westlich, der eine zu Wasser, der andere zu Lande, bis zum 50. Grad westlicher Länge. Von hier aus wollten sie zu Wasser nach Süden ziehen, um den Norden Grönlands zu betreten. Die Reise ging ganz gut von Statten, denn es war freundliches Wetter und kein Sturm nötigte Wonström, mit seinen Booten Schutz in einem Hafen zu suchen, was jedenfalls eine ziemliche Spanne Zeit in Anspruch genommen hätte. Bis zum 40. Grad westl. Länge waren sie ungefähr gekommen, als sich die Landgrenze, welche sich bis jetzt immer zwischen dem 87. und 88. Breitengrad hingezogen hatte, nach Süden wandte. Eduard und Wonström, welche immer Fühlung miteinander hatten, obgleich der eine zu Wasser, der andere zu Lande reiste, nahmen sorgfältigst die neuen Landgrenzen auf und gaben gewissen hervorragenden Punkten und größeren Inseln Namen. Das sich nach Süden erstreckende Land erkannten sie bald als eine große Halbinsel, was ihnen der sich im Westen ausdehnende Wasserhimmel anzeigte. Auf dieser Reise hatten sie zwei Landvorsprünge 'Kap der Heimfahrt' und 'Sommerkap' benannt und eine große vorgelagerte Insel 'Robbeninsel', weil sie auf derselben viele Seehunde bemerkt hatten. Die Meeresstraße zwischen dem Festlande und der Robbeninsel, welche Wonström passiert hatte, nannten sie 'Durchfahrt der sechs Boote'. Je weiter sie nach Süden kamen, desto spärlicher wurde die Vegetation, und als sie die südliche Spitze der Halbinsel erreicht hatten, welche 85° 35' nördl. Breite und 50° östl. Länge lag, hatte der Baumwuchs aufgehört und nur einige verkrüppelte Exemplare ragten hie und da aus dem Grase hervor. Hier war es auch, wo sie das erste schwimmende Eis antrafen, weshalb sie das Kap 'Eiskap' nannten. XXXVI. Kapitel. Wieder im Eismeere. Wie aber jetzt weiter? Zu Fuß konnte Eduard mit Hans nicht mehr vorwärts; denn vor ihnen, wo ihr Weg hinführte, lag das weite Polarmeer. Mit den Booten ins offene Meer hineinsegeln war äußerst gefährlich, da der erste beste Sturm sie in die Fluten begraben konnte. Wohl mancher wäre zurückgebebt von dem Unternehmen, das Eismeer mit Booten zu durchschiffen und wäre wieder auf den Ansiedelungsplatz zurückgekehrt; nicht so aber die beiden Freunde, welche die größten Gefahren schon bestanden hatten. Sie schreckten vor nichts mehr zurück. Hans sollte um jeden Preis mitgenommen werden. Zu diesem Zwecke wurde soviel als möglich Gras gesammelt, dann in einem Boote Platz gemacht, daß Hans darin liegen konnte, natürlich mit zusammengebundenen Beinen. An Proviant fehlte es ihnen nicht; denn die ganze Küste, an der sie hingezogen waren, war belebt von Seehunden, Walrossen und Wasservögeln. Sie hatten davon so viele erlegt, als sie mit fortbringen konnten und glaubten genügend damit versehen zu sein. Am 16. Mai, nachdem sie in einem frommen Gebete den lieben Gott um seinen Schutz gebeten hatten, segelten sie hinaus ins weite Meer, direkt nach Süden. Anfangs ging es gut. Die kleinen Eisschollen waren so vereinzelt, daß sie ihnen nicht gefährlich werden konnten; der Nordwind war nicht zu stark, sondern gerade für sie passend, sodaß sie ohne Unfall den 85. Grad nördlicher Breite passierten. Hier vermehrte sich aber das Treibeis und vereinzelt bemerkten sie auch Eisberge, was ihnen als Beweis dienen konnte, daß sie in nicht zu weiter Ferne Land vor sich hatten. Am 25. Mai zogen sich Wolken am Horizonte zusammen, und der Wind drehte sich; er kam von Westen. Da bemerkte Wonström in der Ferne einen bläulichen Streifen und laut rief er: »Dort winkt die Rettung! Land, Land!« Um der Gewalt des Sturmes nicht zu erliegen, hatten sie sich an eine große Eisscholle festgeankert, welche direkt auf das Land zutrieb. Der Sturm wurde ärger und ärger und schleuderte die hinteren Boote herum wie den Schwanz eines Papierdrachen. Da wurde das eine Boot vom Eise zerdrückt und ein großer Teil ihres wissenschaftlichen Schatzes sank in die Tiefe. Eduard war es, als wurde ihm ein Stück von seinem Herzen gerissen, doch gegen solche Elementargewalten konnte er nicht ankämpfen. Wonström machte den Vorschlag, die Eisscholle zu besteigen, da möglicherweise ihre sämmtlichen Boote zertrümmert werden könnten. Sogleich gingen sie auch an's Werk. Eduard versicherte sich vor allen Dingen seines Naturschatzes, den er mit einem Lederriemen um seinen Hals hing. Dann wurde der arme gefesselte Hans mit vieler Mühe auf das Eis gezogen und seine Fesseln durchschnitten. Durch das tagelange Liegen in dem kleinen Boote war er ganz steif geworden, sodaß er nicht stehen und gehen konnte. Das nächst Nötige waren ihre Waffen und ein Kistchen Patronen, das letzte von dem früher so großen Vorrat. Dann der vorhandene Proviant und das Gras für Hans. Hierauf wurden so rasch als möglich die naturwissenschaftlichen Präparate auf das Eis geschafft. Als sie noch im festen Arbeiten waren, kam plötzlich ein mächtiger Windstoß, welcher die Anker aus dem Eise riß und die aneinandergehenkten Boote in das aufgeregte Meer hinausschleuderte. O wie that es weh, der Vernichtung ihrer wissenschaftlichen Schätze zuzusehen. Die Eisscholle, auf der sie sich befanden, trieb indessen langsam aber direkt dem Lande zu. Um wenigstens das Notdürftigste zu retten, wenn nochmals eine Katastrophe eintreten sollte, füllten sie ihre Jagdsäcke mit dem Wichtigsten, was sie noch hatten, und für Hans, der sich jetzt erholt hatte und trotz seiner geschwollenen Beine ganz munter wieder herumlief, fertigten sie eine Art Quersack an, den sie mit Proviant und Futtergras füllten. Endlich stand die Scholle still, sie hatte den Rand des im Norden der Insel vorgelagerten Eises erreicht. Jetzt galt es, an das Land zu kommen; denn wenn sie der Schneesturm, der in Aussicht war, auf dem Eise überraschte, dann wäre ihr Untergang sicher gewesen. Eduard und Wonström nahmen ihre Säcke auf den Rücken, Hans bekam seinen schweren Quersack übergehenkt und ein großes Stück Segeltuch, um ein Zelt aufschlagen zu können. Das Zurückbleibende wollten sie später holen, wenn es noch zu haben war. Der Marsch über das Eis war beschwerlich, doch nach einer guten Stunde hatten sie das Land erreicht. Es war auch die höchste Zeit; denn das dumpfe Rollen im Westen zeigte die Ankunft eines Schneesturmes an. Am Lande war ein Felsen, in welchen auf der Ostseite eine Art Grotte eingesprengt war. Ein besseres Unterkommen hätten sie nicht finden können. In dieser Grotte, die sehr geräumig war, richteten sie sich gemütlich ein und Hans, der alles über sich ergehen ließ, wie ein geduldiges Schaf, legte sich in einer Ecke nieder, nachden ihm seine Last abgenommen worden war. Vor den Eingang spannten sie das Segeltuch und fühlten sich so vor dem tückischen Wetter sicher. Der Schneesturm wütete draußen fürchterlich, und mit Betrübnis gedachten sie des Restes ihrer Präparate, der dem Sturm preisgegeben war. Eduard's ganze Mühe sollte vergeblich sein! Trotzdem, daß sie den Eingang der Grotte durch das Segeltuch geschützt hatten, drang doch der feine Schnee durch die Poren der Leinwand und bildete bald einen ansehnlichen Haufen im Innern der Höhle. Im Innern war es aber verhältnismäßig ganz gemütlich, wenn die Kälte abgerechnet wurde und bei ihrer Thranlampe unterhielten sich die beiden Freunde von der Vergangenheit und der Zukunft. So kamen sie auch darauf zu sprechen, daß das Land, wo die Tertiärzeit geherrscht hat, von dem, wo sie die Jurazeit vorfanden, jedenfalls ringförmig von den hohen Kreidebergen abgeschlossen wurde. Es war ihnen jetzt auch sehr erklärlich, daß sie in dem Lande der Tertiärzeit den Altvogel oder Archäopterix antrafen. Es waren die einzigen Tiere, welche aus dem Juralande über die Kreideberge gelangen konnten, und die einmal darüber waren, sehnten sich nicht wieder nach dem dunstigen, nebligen Lande. Jetzt warf Wonström die Frage auf: »Wie ist es möglich, daß es auf der Erde noch Orte gibt, wo Erdepochen herrschen, von denen man glaubt, daß sie nur vor tausend und abertausend Jahren existiert haben?« Eduard hatte sich diese Frage schon so oft vorgelegt und auch eine Antwort darauf gefunden, die wohl die richtige sein konnte. Die Abplattung der Erde an den Polen. »Wie du weißt,« erklärte er, »ist die Erde nicht vollständig kugelförmig, sondern an ihren Drehpunkten abgeplattet, mithin ein elliptisches Rotationssphäroid. Sie dreht sich von West nach Ost um ihre Axe, deren Ende der Nord- und Südpol ist, wodurch auch die sphäroidische Gestalt erklärbar wird. Wie wir wissen, ist die Erde in ihrem Innern noch heiß und glühend, was wir sehr deutlich merken, wenn wir dem Erdinnern näher sind, wie z. B. in den tiefen Kohlenbergwerken. Dort ist es so heiß, daß die Arbeiter fast vollständig entkleidet arbeiten. Im Gegensatz zu dem wird es immer kälter, je weiter wie uns von dem Mittelpunkt der Erde entfernen. Wenn wir z. B. einen hohen Berg besteigen, so wird es, je höher wir kommen, immer kälter, bis zuletzt die Erdwärme gar nicht mehr wirkt und alles zu Eis und Schnee erstarrt. Denken wir uns ein Steinkohlenbergwerk von eintausend Meter Tiefe. In diesem sind alle Arbeiter während der Arbeit in Schweiß gebadet. Der Erddurchmesser am Äquator beträgt 12754794 Meter und die Länge der Erdaxe 12712158 Meter; folglich ist hier eine Differenz von 42636 Meter. Bei einem Pol beträgt die Abplattung nun 21318 Meter; man ist also am Nord- oder Südpol dem Erdinnern mehr als zwanzigmal näher als auf dem Grunde des eintausend Meter tiefen Steinkohlenbergwerks. Es ist nun sehr erklärlich, daß es in der nächsten Nähe des Nordpols so heiß und dunstig war, weil das innere Erdfeuer viel stärker in dieser Gegend wirkte. Jetzt muß man annehmen, daß früher in der Jurazeit, als die Erde sich noch nicht so wie jetzt abgekühlt hatte, eine ähnliche Temperatur herrschte. Je mehr sich die Erde abkühlte, desto weiter zogen sich diese Tiere nach den Gegenden hin, die ihnen ihr Lebens-Element, das warme Wasser und die dunstige Atmosphäre noch boten; und so ist es gekommen, daß die Tiere noch am Nordpol erhalten blieben.« »Ja wie konnten aber die Tiere über die Kreideberge gelangen?« warf Wonström ein. »Damals existierten die Kreideberge ja noch nicht, die sind erst nach der Jurazeit entstanden und jedenfalls erst später durch eruptive Gewalten in diese Höhen hinaufgetrieben worden.« XXXVII. Kapitel. Über das Polareis. Der Schneesturm hatte vier Tage angehalten, als wieder ruhiges Wetter eintrat. Um aus ihrer Höhle herauszukommen, mußten sie sich durch den festgewehten Schnee vor dem Eingange herausarbeiten, was sehr beschwerlich war. Endlich standen sie im Freien. Sie sahen vor sich ein ödes Land, zum Teil reich mit Schnee bedeckt, zum Teil blosgeweht. Als sie nach ihren Booten suchten, war nichts mehr davon zu finden; ebensowenig von den auf das Eis geschafften Gegenständen. Es war ein schwerer Verlust; denn nun würden sie im günstigsten Falle nur mit dem nackten Leben in das gebildete Land gelangen. Alle ihre Mühe war umsonst gewesen. Besonders Eduard schien untröstlich über den Verlust; doch später beruhigte ihn das bekannte deutsche Sprichword: 'Glücklich ist, wer vergißt, was nicht mehr zu ändern ist'. Eduard suchte zu vergessen. Sein Naturschatz war ihm jetzt um so wertvoller geworden; er trug ihn an einem Riemen, den er um seine Schultern legte, beständig in wasserdichter Umhüllung an seiner Seite. Die Wanderung ging verhältnismäßig rasch nach Süden und Hans bewährte sich als Lastträger sehr gut. Er nährte sich von der spärlichen arktischen Pflanzenwelt, die er sehr gern nahm. Die Reise ging gut von statten und am 31. Mai waren sie am Südrande der Insel angelangt, welche sie 'Rettungsinsel' nannten. Ein Glück war es, daß das Meer mit Eis bedeckt war, so konnten sie zu Fuß Grönland erreichen. Vor ihnen lag das paläokrystische Meer, oder das Meer des alten Eises, das der Engländer Markham 1876 von Grant Land aus zum Teil mit Schlitten durchzogen hatte. Mit Proviant waren sie gut versehen; denn es war ihnen gelungen, einige Eisfüchse zu erlegen. Für Hans hatten sie so viel als möglich von den Polarpflanzen gesammelt, die ihm am besten schmeckten. Unter diesen hatten sie auch eine Pflanze gefunden, die Wonström als ein vortreffliches Heil- und Vorbeugungsmittel gegen den Skorbut oder Scharbock, jener heimtückischen Krankheit, die nicht selten den Polarreisenden befällt und ihn auch öfters zum Tode führt. Sie nahmen davon einen guten Teil mit, um dasselbe täglich zu kauen. Das Eis, über das sie wanderten, war nicht glatt und eben, sondern es war sogenanntes Packeis, das sich zu Blöcken von allen Größen bis zu zehn Meter Höhe aufgeschoben hatte. Mit Schlitten wären sie schwerlich darüber hinweggekommen, zu Fuß dagegen ging es ganz gut, und Hans mit seinen langen Beinen stieg unverdrossen weiter. Die Kälte plagte sie nicht, sondern mehr die Sonne, die mit ihren schrägen Strahlen über das glitzernde Eis strahlte. Die Augen suchten vergebens einen dunklen Ruhepunkt, nirgends aber fanden sie einen solchen. Die Sehnerven schmerzten ihnen und zuletzt stellte sich die bekannte Schneeblindheit bei beiden ein. Sie währte zwei Tage. Jetzt fertigten sie sich Schneebrillen nach Art der Eskimos an, welche aus einem Stück Leder bestehen, in welchen vor den Augen ein dünner Schnitt gemacht ist. Diese bewährten sich sehr gut; denn die eigentümliche Krankheit kehrte nicht wieder. Am 16. Juni betraten sie zum ersten Mal wieder bekanntes Land. Es war die Beaumont-Insel zwischen dem 82. und 83. Grad nördl. Breite gelegen. Da die Jahreszeit schon so weit vorgeschritten war, reisten sie sofort weiter. Sie wanderten teils an der Küste von Grönland hin, wo es Futter für Hans zur Genüge gab. Wenn ihnen Gletscher oder Meeresbusen dazwischen kamen, wanderten sie über das Eis, welches noch nicht gebrochen war. Für sie gab es auch Nahrung genug und bei Kap Bryant hatten sie das Glück, einen Moschusochsen zu erlegen. Weiter und weiter zogen sie südwestlich, bis sie an den von Dr. Kane entdeckten großen Humboltgletscher kamen. Das Land war hier an der ganzen Küste scharf abgekantet und stieg zum Teil in geraden Felswänden bis 300 Meter senkrecht empor. Hier hatten sie wieder einen fürchterlichen Schneesturm auszuhalten, bei welchem das Eis brach und sich nach der Baffin-Bai in Bewegung setzte. Jetzt hörte die Fußwanderung auf, indem sie sich auf eine treibende Eisscholle mit ihrem treuen, langbeinigen Begleiter begaben, die mit ihren anderen Genossen nach Süden trieb. Sie durchsegelten das Kane-Bassin und den Smith-Kanal, weiter bei Kap Alexander vorbei, ohne daß irgend eine Stockung eingetreten wäre. Diese Fahrt war sehr langsam und der Vorrat von Kräutern für Hans geschwunden, ehe sie an dem Walfisch-Sund vorüber waren. An's Land konnten sie nicht, weil es ihnen an ein Fahrzeug zum Übersetzen fehlte, und so mußte denn der arme Hans hungern. Auch den beiden Freunden fehlte es oft an den nötigen Nahrungsmitteln, und es herrschte stets große Freude, wenn eine Robbe geschossen wurde. Hans war schon acht Tage lang ohne Nahrung gewesen und fast zum Skelett abgemagert, als es Eduard gelang, einen kleinen Seehund zu schießen. Beim Zerteilen warf er dem Riesenstrauß den Aufbruch hin und sieh', er verschlang ihn. – Mit solchen geringen Portionen wurde sein Leben hingefristet; denn es hätte doch möglich sein können, daß sie bald einen Walfischfahrer in der Melville-Bai antreffen würden, der sie und ihren Hans aufnehmen würde. Es war der 6. August, als sie aus dem Smithsund in die Baffin-Bai trieben. Die Nahrungsnot war auf's Höchste gestiegen; denn die beiden Freunde benagten aus Hunger die Jagdsäcke und das Lederzeug. Hans lag auf dem Eise matt und kraftlos und vermochte sich nicht mehr zu erheben; denn es war den beiden schon lange nicht mehr gelungen, irgend ein lebendes Wesen zu erlegen. Fortwährend schauten sie auf dem Horizont mit dem Fernrohr herum, ob sich nicht die Mastspitze eines Schiffes zeigen wollte, doch vergeblich, sie sahen nichts als Himmel, Wasser und Eis. Endlich, als die Not den Gipfel erreicht hatte, beschloß man, den treuen Hans zu töten. Wohl klingt es schrecklich, wenn man vom Töten eines Tieres spricht, das so treu und ergeben gedient hat, wie Hans, ja, dem man es allein zu verdanken hatte, daß man über das Meer des alten Eises gekommen war; doch haben sich Menschen unter ähnlichen Umständen nicht schon selbst unter einander getötet, um sich dann aufzuessen, damit sie nicht des Hungertodes sterben? Die Verzweiflung hatte sie gepackt und angesichts des Todes kennt das menschliche Herz keine Schranken mehr. Wir werden es auch Eduard und Wonström verzeihen, wenn sie ihren Hans, der ja schon so dem Tode nahe war, töteten und ihr eigenes Leben mit seinem wenigen Fleisch zu erhalten suchten. Über fünf Wochen, bis zum 11. September, trieben sie in der Baffin-Bai herum und hatten schrecklich mit dem Hunger zu kämpfen, als sie eines Mittag's ein Segel unter dem 72. Grad nördlicher Breite auf sich zukommen sahen. Ein schwacher Ruf der Freude entrang sich ihren entkräfteten Kehlen und sofort wurde ein Stück Segeltuch als Flagge an eine Flinte gebunden. Mit der anderen schossen sie wiederholt in die Luft, obgleich nicht daran zu denken war, daß die Luft den Knall bis zum Schiffe tragen konnte. Aber es war vom lieben Gott beschlossen, daß sie gerettet werden sollten. Der Mann im Krähenneste an der Spitze des Mastkorbes hatte sie erblickt, als das Schiff näherkam, und bald hatten sie die Freude, zu sehen, daß ein Boot ausgesetzt wurde, welches die beiden Irrfahrer auch bald an Bord brachte. Sie waren gerettet. Es war die 'Fanny', ein englicher Walfischfahrer von Quebec, welcher eben im Begriffe stand, die Baffin-Bai zu verlassen. Die beiden Geretteten waren von den ausgestandenen Leiden so entkräftet, daß sie in eine achttägige Krankheit verfielen, aus der sie wie zu einem neuen Leben wieder erwachten. Als sie soweit wieder hergestellt waren, daß sie ihre Erlebnisse während der zwei Jahre erzählen konnten, glaubten die biederen Seeleute, die ausgestandenen Leiden hätten die beiden Freunde im Kopfe verwirrt, doch hatten diese einige Beweise für die Richtigkeit ihrer Erzählung. Mit ängstlicher Sorgfalt hatte Eduard den Kopf mit einem Stück Hals, an welchem sich noch die borstenartigen Federn befanden, und einen Fuß von ihrem treuen Hans aufbewahrt; ebenso hatte er eine Kralle von dem von Wonström erlegten Megatherium, das teilweise zerbrochene Skelett eines Archäopterix und ein gleiches von einem Pterodactylus in seinem Jagdsack geborgen. Allerdings verstanden die braven Seebären nichts von Secundär- und Tertiärzeit, doch die Größe der Kralle von dem Riesenfaultier und Kopf und Bein des Riesenmoa imponierte ihnen. Am 13. Oktober trafen sie in Quebec ein und begaben sich sofort zum deutschen Konsul. Dieser gab ihnen das nötige Geld, mit welchem sie sich wieder mit zivilisierter Kleidung versahen, und da am 15. Oktober ein Schiff die Anker lichtete, welches Liverpool zum Ziel hatte, so sehen wir unsere Freunde zwei Tage darauf an Bord der Elisabeth dem alten Europa zudampfen. Während der Fahrt schrieb Eduard einen Brief an den berühmten Geographen, Professor Dr. Petermann in Gotha, von dem er wußte, daß er sich ganz besonders für Nordpolfahrten interessierte. In diesem Brief teilte er ihm den Untergang des Isbjörn im Norden von Nowaja Semlja mit, ihre wunderbare Fahrt nach Norden und bat um Auskunft, wohin er und Wonström sich wenden sollte, um ihre Erlebnisse und Erfahrungen zu verwerten. Dann nannte Eduard ein Hotel in Hamburg, wohin er bat, die Antwort zu richten. In Liverpool trafen die beiden Freunde ein Schiff, mit dem sie, ohne großen Aufenthalt zu haben, nach Hamburg fuhren. Sie mochten ungefähr fünf Tage in Hamburg sein, als ein Kellner eine Karte brachte mit der Aufschrift Prof. Dr. August Petermann, Gotha. Im nächsten Augenblick trat der verdienstvolle Gelehrte selbst in ihr Zimmer. Er begrüßte sie wie ein paar alte Bekannte und kam dann gleich auf den Zweck seiner Reise zu sprechen. Als er den Brief empfing, hatte er erst geglaubt, ein Spaßvogel mache sich einen schlechten Witz, oder ein Irrsinniger habe ihn geschrieben; doch die genauen Umstände, die bezüglich des Isbjörn angegeben waren, veranlaßten ihn, den Inhalt des Briefes genauer zu nehmen. Schließlich bestimmte ihn der klare Sinn des Briefes und die Beteuerung der Wahrheit, an die Echtheit des fast Unmöglichen zu glauben. Kurz, er habe sich entschlossen, die Sache persönlich zu untersuchen. Von der Mannschaft des Isbjörn war nichts wieder gehört worden, jedenfalls ist sie bei jenem schrecklichen Sturme zugrunde gegangen. Als Dr. Petermann Einsicht von dem Naturschatz und der Karte mit den neu entdeckten Ländern genommen und das Skelett des Archäopteryx, des Pterodaktylus u. s. w. gesehen hatte, war er von der Wahrheit der merkwürdigen Angaben überzeugt. Er bat um einstweilige Überlassung des 'Naturschatzes' und der Präparate, weil er diese den wissenschaftlichen Gesellschaften vorlegen wollte. Dann versprach er weiter für Wonström und Eduard zu sorgen, die, wie er meinte, von der gesamten Welt belohnt werden würden, wenn erst ihre Erfolge und ihre Namen bekannt werden. Die Geschichte bricht nun hier ab, weil die beiden Freunde erst vor ganz kurzer Zeit von ihrer merkwürdigen Reise zurückkehrten, und weitere Berichte noch nicht bekannt sind. Wie sie ihr Glück machen, wird uns jedenfalls ein späteres Buch erzählen, und daß sie durch diese Reise ihr Glück machen werden, dafür garantiert der große Gelehrte, Professor Dr. August Petermann in Gotha.