Georges Eekhoud Escal-Vigor Titel der Originalausgabe: Escal-Vigor (Paris: Mercure de France 1899). Die deutsche Übersetzung erschien 1903 im Verlag Max Spohr (Leipzig). Erster Teil Der Deichgraf I. Am ersten Juni bewirtete Heinrich von Kehlmark, der junge »Deichgraf« und Schloßherr von Escal-Vigor, eine zahlreiche Gesellschaft, bei der, wer kam, willkommen war, um seine Rückkehr zur Wiege seiner Ahnen, nach Smaragdis, zu feiern. Smaragdis, oder die Smaragd-Insel, war das reichste und ausgedehnteste Eiland in einem jener klaren und gewaltigen Meere des Nordens, dessen Buchten und Fjorde in tausend eigenwilligen Formen in das Land einschneiden und die zerklüfteten Ufer mit ganzen Scharen von größeren und kleineren Inseln umlagern. Smaragdis gehörte zu dem halb germanischen, halb keltischen Königreich Kerlingaland. Als der Handel des Westens sich entwickelte, setzte sich eine Kolonie hanseatischer Kaufleute dort fest. Die Kehlmarks behaupteten, von alten Seekönigen oder dänischen Wikingern abzustammen. Sie verstanden sich Schätze, Macht und Ansehen zu erwerben, wobei sie auch den Ruf gelegentlicher Piraterie nicht scheuten. Es waren kluge und thatkräftige Männer. Sie folgten Friedrich Barbarossa auf seinen Zügen nach Italien und zeichneten sich durch eine unerschütterliche Hingebung an das Haus der Hohenstaufen aus, durch jene Treue, wie sie der Than für seinen König empfindet. Ein Kehlmark war sogar der Liebling Friedrichs II. gewesen, jenes üppigen Kaisers, des »Sultans von Lucera«, des künstlerisch begabtesten aus dem romantischen Hause der schwäbischen Kaiser, der die unergründlichen Träume seiner nordischen Mannesseele in dem lichtdurchfluteten Vaterland der Sonne zur That werden ließ. Dieser Kehlmark fiel bei Benevent mit Manfred, dem Sohne seines kaiserlichen Freundes. Heute noch stellte ein großes Wandgemälde im Billardsaal von Escal-Vigor Konradin, den letzten Hohenstaufen dar, wie er Friedrich von Baden umarmt, bevor er mit ihm zusammen das Schaffott bestieg. Im fünfzehnten Jahrhundert blühte ein Kehlmark in Antwerpen als Geldgeber und Gläubiger von Königen, ähnlich wie die Fugger und Salviati, und prunkte unter den stolzen Hanseaten, die sich unter Vorantritt von Flöten- und Geigenspielern zum Gottesdienst – oder zur Börse begaben. Das Schloß Escal-Vigor, ein geschichtlich merkwürdiger, fast legendärer Wohnsitz, das gleicherweise an eine altdeutsche Burg wie an einen italienischen Palast erinnerte, lag im äußersten Westen der Insel am Schnittpunkt der beiden riesigen Uferdeiche, von wo es weithin die Lande beherrschte. Seit undenklichen Zeiten waren die Kehlmarks als Herren und Beschützer von Smaragdis angesehen worden. Die Bewachung und Erhaltung der gewaltigen Deiche lag ihnen seit Jahrhunderten ob. Man schrieb selbst einem Vorfahren Heinrichs die Errichtung dieser ungeheuren Bollwerke zu, die das Land für alle Zeiten vor Überschwemmungen bewahrt hatten, abgesehen von den gänzlichen Überflutungen, in denen mehrere Schwesterinseln ihren Untergang gefunden hatten. Ein einziges Mal, gegen das Jahr 1400, hatte das Meer in einer Springflutnacht es fertig gebracht, einen Teil dieser Kette künstlicher Aufschüttungen zu durchbrechen und seine rasenden Fluten bis ins Herz der Insel zu wälzen, und die Überlieferung erzählt, daß Schloß Escal-Vigor geräumig genug und hinreichend mit Vorräten versehen war, um die ganze flüchtige Bevölkerung aufzunehmen und zu unterhalten. So lange die Gewässer das Land bedeckten, beherbergte der Deichgraf sein Volk, und als sie sich wieder verlaufen hatten, stellte er nicht nur den Deich auf seine Kosten wieder her, sondern baute auch die Hütten seiner Unterthanen wieder auf. Im Laufe der Zeit hatten die Deiche, die nun bereits an fünf Jahrhunderte bestanden, das Ansehen natürlicher Hügel angenommen; ihr Kamm war bepflanzt mit einer dichten Wand von Bäumen, die durch den Westwind etwas schief landeinwärts gebogen worden waren. Der Gipfelpunkt war dort, wo die beiden Züge der Hügel sich vereinigten, um eine Art Plateau oder richtiger Vorgebirge zu bilden, das wie ein Sporn oder ein Schiffsschnabel ins Meer hinaus vorsprang. Diesem Kap kehrte sich das Schloß genau zu. Mit der Front nach dem Ozean, während der Deich zu beiden Seiten jäh abfiel, bildete es ein granitenes Bollwerk und erinnerte an jene majestätischen Felsenkegel am Rhein, aus denen die Burg, die sie krönt, selbst ausgehauen zu sein scheint. Bei Hochflut brachen sich die Wogen am Fuß dieser Feste, die gegen ihre Wut errichtet war. Nach den beiden Landseiten zu fielen die Deiche in sanfter Neigung ab, und ihre beiden Zweige bildeten in allmählicher Verbreiterung ein sich immer weiter ausdehnendes Thal, das einen wundervollen Park mit Wäldern, Seen und Weiden darstellte. Niemals beschnittene Bäume boten ihre breiten Kronen den Seewinden dar, die sie unter Äolsharfenklängen durchrauschten. Flüchtiges Dammwild schoß wie ein fahler Blitz durch das dichte Laubwerk, oder kräftig gebautes Rindvieh weidete das feuchte, saftige Gras von einem leuchtenden, fast flüssigen Grün ab, das dem Eiland den Namen Smaragdis, die Smaragd-Insel, verschafft hatte. Trotz der Beliebtheit, deren sich die Kehlmarks bei der Bevölkerung des Landes zu erfreuen hatten, war ihr Schloß in den letzten zwanzig Jahren unbewohnt geblieben. Die Eltern des gegenwärtigen Grafen, zwei junge, blühendschöne Menschenkinder, hatten sich derartig geliebt, daß sie einander nicht zu überleben vermochten. Heinrich war wenige Monate vor ihrem Tode zur Welt gekommen. Seine Großmutter väterlicherseits nahm ihn bei sich auf, doch mochte sie ihren Fuß nicht wieder in ein Land setzen, dessen verhängnisvollem Klima sie den vorzeitigen Tod ihrer Kinder zuschrieb. Der junge Kehlmark wurde also auf dem Festlande erzogen, in der Hauptstadt des Königreichs Kerlingaland; später hatte man ihn auf den Rat der Ärzte nach einem internationalen Pensionat in der Schweiz geschickt, wo er seine Studien vollenden sollte. Dort unten in Schloß Bodemberg, wo seine Jugendzeit verfloß, erschien Heinrich lange als ein schmächtiger blonder Knabe, beständig bedroht von Bleichsucht und Auszehrung; seine Gesichtszüge hatten etwas Nachdenkliches und in sich Gekehrtes; die Stirn war breit und gewölbt. Die Farbe seiner Wangen erinnerte an hinwelkende Rosen, während ein frühreifes Feuer in seinen Augen loderte, die in einem tiefen amethystenen Violettblau wie die Wogen und Wolken beim Sonnenuntergang leuchteten; der allzu stark entwickelte Kopf erdrückte schier mit seiner Last die abfallenden Schultern; die Glieder waren schwächlich, die Brust unterentwickelt. Seine zarte Körperbeschaffenheit schien den kleinen Deichgrafen zur Zielscheibe der Neckereien seiner Mitschüler machen zu sollen; doch wußte er denselben zu entgehen durch das Ansehen, das seine Intelligenz ihnen einflößte; ja selbst seinen Lehrern imponierten seine Geistesgaben. Jedermann achtete sein Bedürfnis nach Einsamkeit, seinen Hang, die Vergnügungen der Genossen zu fliehen, ganz allein in den entlegensten Tiefen des Parkes sich zu ergehen, wohin ihn höchstens ein Lieblingsbuch begleitete, meist jedoch nur seine einsamen Gedanken und Träume. Sein kränklicher Zustand vermehrte noch seine Anfälligkeit. Häufig fesselten nervöse Kopfschmerzen oder Fieberanfälle ihn ans Bett und schlossen ihn für mehrere Tage von seiner Umgebung ab. Einmal, wie er gerade sein fünfzehntes Jahr erreicht hatte, war er nahe daran, zu ertrinken, als gelegentlich einer Wasserfahrt einer seiner Kameraden das Boot zum Umschlagen gebracht hatte. Wochenlang schwebte er in Lebensgefahr, bis es sich herausstellte, daß der Unfall, der beinahe seinen Tod herbeigeführt hatte, vermöge einer seltsamen Laune des menschlichen Organismus die heilsame Krisis, den Umschlag brachte, den seine besorgte Großmutter, deren einzige Freude und Hoffnung er war, so lange herbeigesehnt hatte. Im Verein mit den Vormündern des jungen Grafen hatte sie selbst dieses so entfernt gelegene Pensionat ausgewählt, das nicht nur eine Musteranstalt, sondern gleichzeitig eine vortreffliche Heilstätte in einer der gesündesten Gegenden der Schweiz war. Bevor es in ein kosmopolitisches Gymnasium für junge Patrizier aus aller Herren Ländern umgewandelt wurde, war Schloß Bodemberg eine vornehme Heilanstalt gewesen, wo sich die eleganten Kranken aus der Schweiz und Süddeutschland zusammenfanden. Die Großmutter Heinrichs hatte auf das heilsame Klima des Aarthales und die vorzüglichen hygienischen Einrichtungen dieser Erziehungsanstalt gerechnet, um den einzigen Sprößling einer edlen Rasse dem Leben wiederzugeben und in Gesundheit und Kraft neu erblühen zu lassen. War dieser vergötterte Enkelsohn doch das einzige Kind ihrer Kinder, die vor allzu großer Liebe kurz hintereinander gestorben waren. Der junge Kehlmark erhielt nicht nur seine Gesundheit völlig wieder, sondern sah sich auch mit einer ganz neuen Körperkonstitution beschenkt; nicht nur, daß ihm seine rapide Genesung die alten Kräfte wiedergab, zu seiner eigenen Überraschung wurde er größer und kräftiger als zuvor, bekam Fleisch und Blut, gewann an Muskel- und Brustumfang. Mit dem Wiedergewinn seiner Jugendkraft war über den jungen Deichgrafen eine köstliche naive Frische gekommen, von deren Zauber seine verträumte und vergrübelte Seele bisher nichts geahnt hatte. Er, der früher von allen athletischen Übungen nichts hatte wissen wollen, stürzte sich jetzt mit wahrem Feuereifer darauf und brachte es bald darin zu einer außerordentlichen Meisterschaft. Weit entfernt, sich wie ehemals allen anstrengenden Wettübungen zu entziehen, zeichnete er sich jetzt vielmehr durch Unerschrockenheit und Tollkühnheit aus; und er, der, um den Mühen einer Bergbesteigung im Jura zu entgehen, sich oft in den Kellern und Zellen des ehemaligen Badehauses verkrochen hatte, gewann nun den Ruhm, einer der unerschrockensten Bergsteiger zu sein. Trotz seiner jetzigen Vorliebe für körperliche Kraftproben und Sportspiele blieb er doch gleichzeitig ein eifriger Jünger der Wissenschaft; er erinnerte in dieser Hinsicht an die harmonischen Vollmenschen der Renaissance. Nach dem Tode seiner Großmutter, die er hoch verehrt hatte, war er nun gekommen, um sich auf dem Sitze seiner Ahnen niederzulassen, dem er als echter Sohn des Landes stets ein treues Gedenken bewahrt hatte, zumal dessen einfache, thatkräftige Bewohner mit seiner freimütigen, überschäumenden Seele so trefflich harmonierten. Die Ureinwohner von Smaragdis gehörten jener keltischen Rasse an, aus der die Bretonen und die Irländer hervorgegangen waren. Im sechzehnten Jahrhundert wiederholten sich die Kreuzungen mit spanischen Elementen immer häufiger und verstärkten dadurch noch das Überwiegen des brünetten Schlages über den blonden Typus. Kehlmark wußte, daß seine Insulaner, die ihre dunkelhäutige, heißblütige Beschaffenheit in Gegensatz brachte zu der zarteren, blonden und rosigen umwohnenden Bevölkerung, auch eine Sonderstellung gegen die übrigen Bewohner des Königreichs einnahmen durch ihren dumpfen Widerstand gegen die christliche, und besonders die protestantische Moral. Als die Bekehrung dieser Landstriche zum Christentum vor sich ging, nahmen die Barbaren von Smaragdis die Taufe erst an nach einem Vernichtungskriege, den die Christen gegen sie führten, um den Blutzeugentod des heiligen Olfgar zu rächen, der von den erfinderischen Kannibalen auf die grausamste Weise zu Tode gemartert worden war. In der Pfarrkirche von Zoutbertingen waren diese Gräuelszenen zum Schmuck der Kirchenwände mit abstoßender Genauigkeit auf Fresken dargestellt durch einen Schüler von Thierry Bouts, der mit Vorliebe solche blutrünstigen Schindereien malte. Die Legende berichtet, daß die Weiber von Smaragdis sich bei dieser Metzelei besonders hervorgethan hätten, wobei sie ihrer Mordgier noch unzüchtige Scheußlichkeiten hinzufügten, indem sie mit dem heiligen Olfgar ähnlich verfuhren, wie weiland die Mänaden mit Orpheus. Oftmals im Verlauf der Jahrhunderte hatten allerhand wollüstige und umstürzlerische Ketzereien ihren Ursprung genommen in diesem Lande voll glühender Sinnlichkeit, das ein unausrottbares Selbständigkeitsgefühl beseelte. Im Königreich Kerlingaland, das zum Protestantismus übergetreten war, wo das Luthertum als Staatsreligion ein strenges, fast grausames Regiment führte, war die latente, bisweilen in wilden Eruptionen losbrechende Gottlosigkeit der Bevölkerung von Smaragdis eine beständige Sorge der obersten Kirchenbehörden. Soeben erst hatten dieselben einen kampfesfreudigen Pfarrer hingesandt, einen engherzigen, galligen Fanatiker, Namens Balthus Bomberg, der darauf brannte, sich hervorzuthun, und nach Smaragdis gezogen kam wie in einen Kreuzzug gegen neue Albigenser. Dieser hoffte für seine Katechisation ein reiches Feld der Thätigkeit zu finden. Trotz des orthodoxen Druckes bewahrte das Eiland einen angestammten Schatz religiöser Freiheiten und Spuren von Heidentum. Die Ketzereien der Antwerpener Tanchelin und Peter l'Ardoisier, die im Verlauf von fünf Jahrhunderten die benachbarten Länder Flandern und Brabant beunruhigten, hatten bei den Einwohnern von Smaragdis stark Wurzel gefaßt und ihren ursprünglichen, freiheitstrotzigen Charakter noch gekräftigt. Alle Arten von Überlieferungen und Gewohnheiten, die anderen Provinzen ein Gräuel waren, hier setzten sie sich fest trotz aller Ermahnungen und Bannflüche. Die Kirmeß artete aus in die tollsten geschlechtlichen Orgien, noch wilder und wüster als die in Friesland und Seeland, die doch schon durch die Zügellosigkeit ihrer Kirchweihfeste berüchtigt waren, und es schien, als ob gerade die Frauen jedes Jahr zu dieser bestimmten Zeit von jener blutgierigen Hysterie oder Männertollheit befallen würden, die ehemals die Schlächterinnen des Bischofs Olfgar zu wilden Bestien werden ließ. Vermöge des bizarren Gesetzes der Kontraste, wonach die Extreme sich berühren, blieben diese Insulaner, die heute noch ohne eine bestimmte Religion waren, abergläubisch und fanatisch, wie die meisten Eingeborenen auch anderer Länder, wo blitzende Irrlichter gespenstische Nebel durchzucken. Ihr Wunderglaube stammte aus entlegenen Götterfabeln, aus den düstern und fatalistischen Kulten Odins und Thors; aber je nach Gutdünken mengten sie ihre eigenen fantastischen Einbildungen hinein, und diese machten sie in ihrer Liebe wie in ihrem Haß nur um so heftiger und schlimmer. II. Heinrich, kühn und leidenschaftlich von Natur, hatte sich nicht ohne Grund gesagt, daß er sich in dieser halb barbarischen, ungekünstelten Umgebung vermöge seiner inneren Verwandtschaft mit ihr heimisch fühlen würde. Er weihte selbst seinen Amtsantritt als Deichgraf mit einer Neuerung ein, gegen die der Pfarrer Balthus Bomberg hoch von der Kanzel herab unfehlbar seinen Bannstrahl schleudern mußte. Um den Gefühlen seiner eingeborenen Unterthanen zu schmeicheln, hatte Heinrich nicht nur einige Standespersonen und Großgrundbesitzer zu Tische gebeten, – außer zwei oder drei Künstlern aus der Zahl seiner Freunde aus der Stadt – sondern er hatte auch scharenweise einfache Pächter, kleine Rheder, untergeordnete Schaluppen- und Seglerführer eingeladen, den Leuchtturmwächter, den Schleusenmeister, die Deichaufseher, ja bis herab zu einfachen Arbeitern, die mitsamt ihren Frauen und Kindern zu diesem Einweihungsschmaus kommen durften. Auf seinen besonderen Wunsch waren alle in ihrer heimischen Tracht oder in Uniform erschienen. Die Männer kleideten sich in Jacken von braunem oder leuchtend rotem Sammet, die sich über der Brust öffneten und auf ihrem gestrickten Unterzeug die eingestickten Kennzeichen ihres Gewerbes sehen ließen: gekreuzte Anker, Ackergeräte, Stierköpfe, die Werkzeuge der Dammarbeiter, Sonnenblumen, Seevögel und Fische, deren bunte, fast orientalische Muster sich geschmackvoll von dem dunkelblauen Untergrunde abhoben, wie Wappenbilder von ihrem Schild. Ihre breiten Gürtel waren reich verziert mit alten silbernen Knöpfen von einer unbeholfenen, kindlichen Arbeit, die einen beinahe rührenden Eindruck machte; andere ließen den eichengeschnitzten Stiel ihrer breiten Messer sehen. Die Seeleute prangten in riesigen geteerten Stiefeln; dünne Ringe von Edelmetall schmückten ihre vom Sonnenbrand hochrot angelaufenen Ohren. Die Erdarbeiter hatten Rücken- und Seitenteile ihrer Jacken in die Hosen gesteckt, die von demselben Sammet waren, wie die Jacken selbst, und diese Hosen, die oben eng anschlossen, verbreiterten sich von den Waden ab bis zu den Füßen herunter. Ihr kleines Filzkäppchen erinnerte an dasjenige, das die Mitglieder der Bazoche zu den Zeiten Ludwigs XI. getragen hatten. Die Weiber trugen Spitzenhäubchen unter spitz zulaufenden Hüten mit breiten Bändern, reich bestickte Mieder mit noch fantastischeren Mustern, als sie auf den Westen der Männer zu finden waren, bauschige Röcke von demselben Sammet und derselben roten oder braunen Farbe, wie die Jacken und Hosen ihrer Ehehälften, Halstücher, die sich dreimal um ihren Hals schlangen, Ohrgehänge von altertümlicher, quasi-byzantinischer Machart, und Ringe mit Steinen, so groß und dick, wie die Hirtenringe der kirchlichen Würdenträger. Es waren meistens kräftige Vertreter des braunen Typus, Musterbilder der feurigen Rasse der Kelten, dunkelfarbig und nervig, mit krausen, widerspenstigen Haaren. Die sonnverbrannten Seeleute und Bauern, die zu Beginn des Festmahles wohl etwas verlegen gewesen waren, hatten bald ihre Sicherheit wiedergewonnen. Mit schwerfälligen, aber niemals gezwungenen Bewegungen, oft selbst mit einer gewissen Anmut, handhabten sie Messer und Gabel. Je weiter das Mahl vorschritt, um so mehr lösten sich die Zungen; Gelächter, mitunter auch ein Fluch, ein derbes Wort in ihren abgehackten Kehllauten wurde hörbar, die Gesichter röteten sich, ja es kam zu Zärtlichkeiten und unvermuteten Liebkosungen. Logisch in seiner Abweichung von der Etikette, jeglichen Rang außer Acht lassend, hatte ihr Gastgeber den guten Einfall gehabt, jedesmal neben einen seiner obersten Pairs eine Pächterin, eine Schifferfrau oder ein Fischweib zu platzieren, während hinwiederum zur Seite einer Nachbarin des Schlosses ein junger Pferdehüter oder ein Schiffsführer mit strotzender Muskulatur seinen Sitz erhalten hatte. Kehlmarks Freunde stellten fest, daß fast alle Festgenossen in der Blüte oder in der reifen Vollkraft ihres Lebens standen. Man hätte eine Auswahl prächtiger Frauengestalten und gutgewachsener, wohlgeformter Burschen zusammenstellen können. Unter den Geladenen befand sich einer der vornehmsten Landwirte der Gegend, Michael Govaertz mit Namen, der Besitzer des Pilgerhofs; er war Witwer und Vater zweier Kinder, Guido und Klaudia. * Nächst dem Schloßherren von Escal-Vigor war der Pilgerhofbauer der einflußreichste Mann von Zoutbertingen; so hieß der Flecken, auf dessen Gebiet auch das Schloß der Kehlmarks lag. Während der Minderjährigkeit und der Abwesenheit des jungen Grafen stand Govaertz an der Spitze des »Waterrings«, des Rates zur Unterhaltung und zum Schutze der Schwemmländereien, der sogenannten Polder, während sonst der jeweilige Deichgraf diesem Rate präsidierte. Nicht ohne eine gewisse Kränkung seiner Eigenliebe sah sich der Pilgerhofbauer durch die Rückkehr Kehlmarks zum einfachen Mitglied der fraglichen Genossenschaft herabgedrückt. Indessen hatte die Leutseligkeit des jungen Grafen Govaertz bald diese kleine Verminderung seiner Autorität verwinden lassen. Saß er doch vorher als Vertreter des Deichgrafen im Waterring, während er als Vorstandsmitglied das Antragsrecht und eine beratende Stimme im Ausschuß hatte. Überdies, war er nicht kürzlich erst zum Bürgermeister des Sprengels gewählt worden? Ein behäbiger Bauer, ein Vierziger von stattlicher Erscheinung, nicht bösartig, aber eitel und ohne festen Charakter, hatte er sich außerordentlich geschmeichelt gefühlt, auf das Schloß eingeladen zu werden und dort mit seiner Tochter den Ehrenplatz an der Spitze der Tafel einnehmen zu dürfen. Gestützt auf seine Gevatterschaft, besonders bearbeitet und angestachelt von seiner Tochter, der nicht weniger ehrgeizigen, aber intelligenteren Klaudia, verkörperte er die Vorrechte und Freiheiten des Bürgerstandes und frondierte gegen den Pfarrer Bomberg. Einen Augenblick hatte er gefürchtet, daß Graf Kehlmark seinen Einfluß benützen würde, um sich zum Oberhaupt des Fleckens ernennen zu lassen. Aber Heinrich verabscheute die Politik, er haßte die Wahlmanöver, all die Niedrigkeiten und Kabbalen, die diese im Gefolge haben, die Kompromisse und Selbstbeschränkungen, welche die Politik ihren Klienten auferlegt. Von dieser Seite hatte Govaertz also nichts zu fürchten. Auch beschloß er sich den hohen Herrn zum Freunde und Verbündeten zu machen, um den Pfarrer zur Ohnmacht zu verurteilen. Diesen Rat hatte ihm Klaudia erteilt, gleich als man von der Rückkehr des Schloßherrn von Escal-Vigor Kunde erhielt. Um den Bürgermeister zu ehren, hatte der Graf Klaudia Govaertz zu seiner Rechten Platz nehmen lassen. Klaudia, das geistige Oberhaupt der Familie, war ein großes, stattliches Mädchen, unbändig wie eine Amazone, mit üppigem Busen, muskulösen Armen, von kräftigem und doch biegsamem Wuchs, mit gewaltigen Hüften, durchdringender, gebieterischer Stimme, der Typus einer Walküre, eines Mannweibes. Reiches, goldbraunes Haar krönte ihren willensstarken Kopf und flutete in Ringeln über die kurze Stirn, beinahe bis über die kühnen und trotzigen Augen hinab, die braun wie flüssige Bronce schimmerten, während eine grade Nase mit stark vibrierenden Flügeln, ein gierig aufgeworfener Mund mit Raubtierzähnen den Eindruck der Herausfordernden und der Wildheit noch verstärkten. Ein Bedürfnis nach Herrschaft und Macht, ein unbändiger Ehrgeiz hatten allein ihre sinnlichen Lüste und Triebe zu zügeln vermocht und sie bis jetzt noch trotz ihres feurigen Temperamentes keusch und unberührt erhalten. Keine Spur von Empfindung und Zartgefühl, dagegen ein eiserner Wille ohne alle Skrupel, um ihre Ziele zu erreichen. Seit dem Tode ihrer Mutter, das heißt seit ihrem siebzehnten Jahre – heute zählt sie zweiundzwanzig – beherrschte sie den Hof, die Wirtschaft und bis zu einem gewissen Grade auch den Sprengel. Selbst der Pfarrer mußte mit ihr rechnen. Ihr Bruder Guido, ein Jüngling von achtzehn Jahren, und selbst ihr Vater, der Bürgermeister, zitterten, wenn sie die Stimme erhob. Sie war eine der besten Partien der Insel; sie war sehr begehrt gewesen, aber sie hatte die wohlhabendsten Bewerber abgewiesen, denn sie träumte von einer Heirat, die sie weit über alle anderen Frauen des Landes erheben sollte. Das war auch der eigentliche Grund ihrer Tugend. Ein üppiges, wollustzitterndes Stück Fleisch, ebenso leicht verführt als sie verführte, wies sie alle ernst gemeinten Annäherungsversuche der Männer zurück, obwohl es sie mit allen Fibern trieb, sich ihnen hinzugeben, in ihren Armen vor Wonne zu vergehen und sich ganz ohne Hintergedanken ihren wilden Trieben zu überlassen, ja, wer weiß, vielleicht selbst sie aufzureizen und nötigenfalls sie mit Gewalt zu erobern. Um die Aufstachelungen ihrer Sinnlichkeit zu übertäuben, scharwerkte Klaudia die ganze Woche hindurch wie die niedrigste Dienstmagd und unterzog sich den anstrengendsten und ermüdendsten Beschäftigungen; auf den Kirmessen gab sie sich dem Vergnügen des Tanzes in rasendster Zügellosigkeit hin, provozierte Angriffe auf sich und hetzte ihre Anbeter zu Streit und Raufereien; aber den Sieger hielt sie zum besten, ja sie überbot ihn noch an Brutalität und ging sogar soweit, ihn zu schlagen und ihn so zu behandeln, wie er vorher mit seinen Rivalen verfahren war; dann entzog sie sich ihm unberührt. Oder sie ließ sich soweit gehen, ihm eine verstohlene Liebkosung zukommen zu lassen oder ihm eine unverbindliche Vertraulichkeit zu erlauben; im entscheidenden Augenblick jedoch zog sie sich zurück, indem ihr Traum einer glorreichen Zukunft ihr ihre Selbstbeherrschung wiedergab. Sobald sie Heinrich von Kehlmark zum ersten Mal gesehen, schwor sie sich zu, dereinst Schloßherrin von Escal-Vigor zu werden. Heinrich war ein schöner, junger Kavalier, unverheiratet, fabelhaft reich, wie man sich erzählte, und von ebenso vornehmer Herkunft, als der König selbst. Koste es, was es wolle, er sollte die stolze Dorfschöne zu seiner Frau machen. Nichts leichter, als ihn zur Liebe zu entflammen. Hatte sie nicht allen jungen Dörflern den Kopf verdreht? Waren sie nicht zu den tollsten Extravaganzen bereit, nur um sie zu erringen? Den Mann wollte sie sehen, der sie zurückwiese, wenn sie einwilligte, sich ihm hinzugeben. Klaudia wußte wohl, daß der Graf von einem jungen Weibe begleitet war, das seine Haushälterin, oder vielmehr seine Geliebte war; sie hatte sie zuweilen im Park oder am Meeresufer gesehen. Dieses intime Verhältnis hatte die heilige Indignation des Pfarrers Bomberg auf die Spitze getrieben. Aber Klaudia beunruhigte sich nicht sonderlich über die Anwesenheit dieser Person. Kehlmark legte jedenfalls nicht allzu großen Wert auf sie. Der beste Beweis dafür war, daß sie bei Tische nicht erschienen war. Klaudia schmeichelte sich, dieselbe bald heimzuschicken und nötigenfalls zu ersetzen, indem sie auf die Hochzeit wartete; sie würde sich Kehlmark hingeben und ihn sodann zwingen, sie zu heiraten. Diese üppige Rubenssche Frauengestalt hielt das kleine, schmächtige, bleichsüchtige Persönchen für herzlich unbedeutend, da sie der robusten Reize entbehrte, welche die derben Landleute allein hoch schätzen. Nein, der Deichgraf würde nicht lange schwanken zwischen diesem Jammergestell und der herrlichen Klaudia, der blendendsten Erscheinung auf Smaragdis, ja in ganz Kerlingaland. Während des Mahles maß sie den jungen Mann mit brünstigen Blicken und geblähten Nüstern wie eine Bacchantin; zu gleicher Zeit aber schätzte sie das Mobiliar, das Tafelzeug und Geschirr mit den Augen eines Gerichtsvollziehers oder eines vereidigten Taxators ab. Was den Wert seines Grundbesitzes anlangte, so war ihr der seit langem bekannt, ebenso wie den anderen Dorfbewohnern. Diese weite dreieckige Thalmulde, von beiden Seiten durch die Deiche und an der dritten durch ein Gewirr von breiten Gräben begrenzt, stellte mit den dazu gehörigen Wäldern und Kulturen etwa den zehnten Teil des Wertes der ganzen Insel dar. Und das Gerücht legte überdies den Kehlmarks große Besitzungen in den Niederlanden bei, sowie in Deutschland und Italien. Man erzählte sich außerdem, daß seine verwitwete Großmutter ihm drei Millionen Gulden Rente hinterlassen habe. Doch bedurfte es nicht erst der Bestätigung dieses Gerüchtes, um den jungen Kehlmark für Klaudia als eine höchst begehrenswerte Partie erscheinen zu lassen. Vielleicht wenn er nicht seinen Titel und diese kolossalen Reichtümer besessen hätte, würde sie einen vollblütigeren, kraftstrotzenderen Freier vorgezogen haben. Dennoch konnte sie nicht umhin, seine Eleganz, seine feinen aristokratischen Züge zu bewundern, sowie seine wohlgepflegten, frauenhaften Hände, seine schönen, tiefblauen Augen, sein feines Schnurrbärtchen und seinen sorgfältig gestutzten Kinnbart. Wenn sich der Deichgraf ein wenig scheu und zurückhaltend, ja bisweilen fast schmachtend und melancholisch zeigte, so konnte das dieser Kraftnatur nicht mißfallen. Für sie gab es keinerlei Empfindsamkeit; nein im Gegenteil, ihr Charakter war vielmehr ausnehmend materiell; aber in diesen Augenblicken der Träumerei schien sich ihr bei Kehlmark eine schwache Natur, ein passiver Charakter zu enthüllen. Sie würde nur um so leichter über seine Person und sein Vermögen herrschen können. Ja, dieses vornehme Herrchen würde recht schön nachgiebig und lenkbar sein. Wie hätte er sonst so lange das Joch dieses Geschöpfes, dieses »Fräuleins« ertragen, welche die kampfbereite Klaudia fast schon als einen Eindringling betrachtete. Die Erwägungen, denen sich das Frauenzimmer hingab, schienen der Folgerichtigkeit nicht zu entbehren: wenn er sich von diesem Zierbesen einwickeln und unterkriegen ließ, um wie viel eher mußte er sich nicht von einem ordentlichen kräftigen Weibe unterjochen lassen. Und das Benehmen Heinrichs war nicht dazu angethan, sie zu enttäuschen. Er war die ganze Zeit über von einer geradezu fieberhaften Lustigkeit, wie wenn ein von seinen Gedanken Verfolgter diese zu übertäuben sucht; er scherzte und neckte sich mit seiner Nachbarin mit einer Beharrlichkeit, daß diese sich schon am Ziel ihrer Wünsche angelangt glaubte. Die Ausgelassenheit Kehlmarks erregte bei einigen Krautjunkern, die man zu diesem tollen Liebesmahle eingeladen, schließlich Ärgernis, aber sie ließen sich nichts merken, sondern entrüsteten sich nur innerlich über diese abgeschmackte Gesellschaft, bei der sie nur aus Rücksicht auf den Rang und die Stellung des Deichgrafen ihr Erscheinen zugesagt hatten; in seiner Gegenwart thaten sie so, als ob sie die Idee dieses Einweihungsschmauses riesig famos fänden, und überboten sich vor lauter Anerkennung. Man kann sich denken, in welchen Ausdrücken sie von der unziemlichen Maskerade dem Pfarrer und seiner Frau Bericht erstatteten, dessen ganze Gemeinde diese hochgeborenen Pedanten nebst zwei oder drei alten Betschwestern bildeten. Einer nach dem andern verlangten sie ihren Wagen und zogen sich verstohlen mit ihren zimperlichen Gattinnen und Töchtern zurück. Nun, man amüsierte sich nur um so besser nach ihrem Weggange. Der Graf, der wie ein Künstler von Beruf zeichnete und malte, hatte sich den Spaß gemacht, beim Kaffee eine reizende Skizze von Klaudia zu entwerfen, die er ihr anbot, nachdem sie bei Tische die Runde gemacht zur Verwunderung dieser Naturkinder, die über die vollkommene Durchbildung ihres jungen Deichgrafen immer mehr und mehr in Erstaunen und Entzücken gerieten. Michael Govaertz besonders, der sich durch die Liebenswürdigkeit des Grafen gegen sein Lieblingskind geschmeichelt fühlte, war im siebenten Himmel. Die ganze Zeit über hatte Heinrich ihr zugetrunken und machte ihr unaufhörlich Komplimente über ihr Kostüm. »Es steht ihnen ganz entzückend«, sagte er. »Wie viel natürlicher sehen Sie aus mit ihrer einfachen Tracht, als jene Dame dort unten, die sich ihre Kleider aus Paris kommen läßt.« Und er bezeichnete ihr mit den Augen eine sehr aufgetakelte Baronin am anderen Ende der Tafel, die zwischen zwei tollpatschige Seebären gesetzt schon von Anfang an ein schiefes Gesicht gezogen und ein hochmütiges Stillschweigen bewahrt hatte. »Pah!« hatte Klaudia geantwortet, »Sie spotten, Herr Graf! Aber Sie haben ja diese ländliche Tracht zu befehlen geruht, sonst würde ich mich auch wie die Damen von Upperzyde gekleidet haben.« »Ich beschwöre Sie«, antwortete der Graf, »lassen Sie diesen Firlefanz. Das wäre ein Verrat an Ihrer Schönheit!« Und sofort stürzte er sich in einen Lobhymnus auf die Volkstracht, die sich den Eigentümlichkeiten des Landes, der Verschiedenheit der Völker unwillkürlich so prächtig anpaßte. »Das Kostüm«, erklärte er, »vervollständigt den menschlichen Typus. Bleiben wir bei unserer besonderen Kleidung, wie wir unsere eigentümliche Flora und Fauna haben.« In seiner Begeisterung schien er die schönen menschlichen Formen in harmonischer Bekleidung zu malen und zu modellieren. Im Fortgang seiner ethnologischen Auseinandersetzung bemerkte er plötzlich, daß die junge Dorfschöne seinen enthusiastischen Worten zuhörte, ohne etwas davon zu begreifen. Um sie zu zerstreuen, schickte er sich pflichtschuldigst an, ihr verschiedenerlei im Schlosse zu zeigen, das jetzt teilweise neu hergerichtet und mit allerhand Andenken und Reliquien vollgepfropft war. Klaudia nahm des Grafen Arm und indem sie sich an die Spitze stellte, forderte sie die anderen Dörfler auf, sich paarweise anzuschließen. Mit glühenden Augen verschlang Klaudia das Gold der reichen Bilderrahmen, der Wandverzierungen und Lichthalter, die feudalen Gobelins und Tapeten, die Trophäen von seltenen Waffen, während sie die eigentlichen Kunstwerke und die geschmackvolle Einrichtung, denen dieses luxuriöse Beiwerk zur Folie diente, kalt ließen. Bei den herrlichen gemeißelten oder gemalten nackten Figuren, unter anderem Kopien der jugendlichen Gestalten Buonarottis von dem Plafond der Sixtinischen Kapelle, machte nur, daß sie in naturalibus dargestellt waren, Eindruck auf sie; sie brach in ein verlegenes albernes Lachen aus und bedeckte sich das Gesicht mit der Hand, indem sie sich als die Erschreckte und Verschämte aufspielte, und Kehlmark fühlte die zuckenden Bewegungen ihres Körpers an seiner Seite. Michael Govaertz folgte dicht hinter ihnen mit der staunenden und ulkenden Bande. Die Spaßvögel machten über die Gemälde der Meister ihre Bemerkungen und Witze, feuerten sich gegenseitig zu immer tolleren Zoten an und trafen vor den mythologischen Nacktheiten durch Augenzwinkern oder selbst hinweisende Handbewegungen ihre Wahl. Als sie immer ausgelassener wurden, ermahnte sie der Bürgermeister, sich größerer Zurückhaltung zu befleißigen. Aber seine Ermahnungen fruchteten wenig, so daß er schließlich davon abließ. Er näherte sich wieder dem Grafen und sagte: »Einer dürfte nicht einverstanden sein, Sie unter uns zu sehen, Herr Graf: unser Pfarrer, Ehrwürden Balthus Bomberg.« »A bah;« machte der Deichgraf, »was schiert mich der! Ich bin zwar kein Geistlicher von Beruf, aber ich glaube doch eben so viel von Religion zu verstehen, wie er, und bin sicher, daß die ewige Gerechtigkeit sich ebenso meiner erbarmen wird, wie aller guten Menschen sämtlicher Religionen. Ehrwürden Balthus hat in der That meine Einladung zu heute abgelehnt, indem er mir zu verstehen gab, ein solches Durcheinander von Hoch und Niedrig widerstrebe seinem Charakter... Das ist nun ein Diener des Evangeliums... Es ist sehr nett von ihm gegenüber seinen Pfarrkindern...« »Wissen Sie, daß er schon gegen Sie gepredigt hat?« fragte Klaudia. »Wahrhaftig? Allzuviel Ehre!« »Er hat Sie nicht direkt angegriffen und sich wohl gehütet, Sie zu nennen«, nahm der Bürgermeister das Wort, »aber die Anwesenden haben ganz von selbst gemerkt, daß es sich um Euer Gnaden handelte, als er auf die schönen Schloßherren hinwies, die aus der Hauptstadt kämen und nun unter ihm Untergebenen die Ideen des Unglaubens verbreiteten, die ohne ihre Verpflichtungen zu erfüllen, den geringeren Pfarrkindern ein böses Beispiel gäben, indem sie durch ihre lockeren Sitten das allerheiligste Sakrament der Ehe verspotteten! Und so weiter! Lirum, larum! Es scheint, daß er sich eine ganze Viertelstunde dabei aufgehalten hat, wenigstens nach dem, was mir verschiedene alte Betschwestern erzählt haben; denn weder ich noch die Meinigen setzen einen Fuß in seine Kirche.« Als der Graf diese Anspielung auf sein häusliches Leben hörte, hatte er leicht die Farbe gewechselt und seine nervös vibrierenden Nasenflügel verrieten den in ihm aufsteigenden Zorn, was Klaudia nicht entging. »Werden wir nicht die Ehre haben, die gnädige Frau,... oder sage ich besser das Fräulein?... zu begrüßen?« stammelte sie in gemachter Verwirrung. Ein neuer Ausdruck von Unangenehmberührtsein flog über die Züge Kehlmarks. Diese Wolke entging der lauernden Dorfkokette gleichfalls nicht. »Um so besser«, sagte sie sich, »der Jammerlappen scheint schon ausgespielt zu haben.« »– Ach, Sie meinen Fräulein Blandine, meine Wirtschafterin«, erwiderte Kehlmark mit belustigtem Gesichtsausdruck. »Entschuldigen Sie sie. Sie ist sehr beschäftigt und überdies außerordentlich scheu... Ihr größtes Vergnügen besteht darin, ganz im stillen, sozusagen hinter den Kulissen, für meine Gäste zu sorgen und alles zu dirigieren... Sie ist gewissermaßen mein Zeremonienmeister, der Generalregisseur von Escal-Vigor...« Er lachte, aber Klaudia fand dies Lachen ein wenig gekünstelt und gekniffen. Der Deichgraf jedoch fuhr mit warmer, fast gerührter Stimme fort: »Sie ist mir beinahe wie eine Schwester... Wir beide haben meiner Großmutter die Augen zugedrückt.« Klaudia schwieg. »Sie werden uns doch einmal auf dem Pilgerhof besuchen kommen, Herr Graf?« fragte sie nach einer kurzen Pause; sie war ein wenig beunruhigt durch die letzten in beinahe inbrünstigem Tone gesprochenen Worte Heinrichs, da ihre Heiratspläne dadurch einen Stoß zu bekommen schienen. »Ja, Herr Graf, Sie würden uns durch Ihren werten Besuch eine große Ehre erweisen«, drängte nun auch der Bürgermeister. »Ohne uns rühmen zu wollen, der Pilgerhof hat nicht seines Gleichen im ganzen Königreich. Wir besitzen auserlesenes Vieh, erstklassige Tiere, Kühe und Pferde sowohl, wie Schweine und Schafe.« »Rechnen Sie auf mich!« sagte der junge Mann. »Ohne Zweifel kennen der Herr Graf das ganze Land?« fragte Klaudia. »Oder doch beinahe. Sein Anblick ist verschiedenartig genug. Zum Beispiel Upperzyde hat mir den Eindruck eines reizenden Städtchens hinterlassen, mit hübschen Denkmälern und einem ganz merkwürdigen Museum... Ich entdeckte dort einen allerliebsten Franz Hals... Ach, einen entzückenden pausbäckigen Schalmeibläser; das wunderbarste Zusammenstimmen von Hautfarbe, Kleidung und Atmosphäre, das dieser überströmende und männlich empfindende Künstler jemals auf die Leinwand gezaubert... Für diesen süßen kleinen Schelm würde ich sämtliche Venusse hingeben, selbst die von Rubens... Ich muß nach Upperzyde zurück.« Er unterbrach sich, indem er bedachte, daß er für diese braven Leute griechisch redete. »Man hat mir auch von den Haiden und Dünen von Klaarwatsch erzählt... Richtig. Giebt es da nicht ganz sonderbare Käuze?« »Ach, diese Wilden!« machte der Bürgermeister mit Protektormiene von oben herab. »Eine Bande von Prahlhänsen! Die einzigen Vagabunden und Armen im Lande! Unser Guido, mein Sohn, treibt sich bei ihnen herum! Traurig genug, es sagen zu müssen: er könnte einer von ihnen sein.« »Ich möchte Ihren Sohn bitten, mich eines Tages einmal dorthin zu führen, Bürgermeister!« sagte Kehlmark, indem er seine Gäste in ein anderes Zimmer geleitete. Sein Blick hatte sich erhellt, als er an den kleinen Schalmeibläser dachte. Jetzt umflorte er sich wieder und seine Stimme begann zu zittern; eine unsägliche Melancholie kam plötzlich über ihn; er unterdrückte ein Schluchzen, das in ihm aufstieg, damit keiner es merken sollte. Klaudia fuhr fort, sich rechts und links umzuschauen, indem sie die Nippsachen und Raritäten ringsum auf ihren Kaufpreis abschätzte. Im Billardsaal, wohin sie nun gelangt waren, wurde die eine ganze Wand eingenommen von dem Kolossalgemälde »Konradin und Friedrich von Baden«, das Kehlmark selbst nach einem in Deutschland sehr beliebten Stich gemalt hatte. Der letzte Kuß der beiden jungen Fürstensöhne, der Opfer Karls von Anjou, gab ihrem Gesicht einen Ausdruck hingebendster, beinahe sakramentaler Liebe, der von Heinrich vorzüglich getroffen war. »– Das?... Zwei junge Prinzen, denen einer meiner Urahnen diente... Sie sollen enthauptet werden«, erklärte er in seltsam spöttisch klingendem Tone. Klaudia verschlang das Gemälde mit den Augen, da derartige Exekutionen sie erregten. »Die armen Kleinen!« bemerkte das kolossale Mädchen. »Sie umarmen sich wie zwei Liebende.« »Ja, sie liebten sich auch!« murmelte Kehlmark, als ob er Amen gesagt hätte. Und er schleppte seine Gesellschaft weiter. Als sie in naiver Weise auf die große Zahl der Gypsabgüsse und männlichen Akte unter den Gemälden und Marmorstatuen hinwies, antwortete er: »Ach ja, das sind Modellfiguren, wie man sie in Upperzyde und in anderen Museen findet!... Das dient zur Dekoration! Und da ich hier keine lebenden Modelle habe, arbeite ich darnach.« Er sagte das alles diesmal in einem leichtfertigen, gefühllosen Tone, indem er die profane Sprechweise derjenigen, die er führte, nachahmte. Machte er sich lustig über seine Gäste – oder nahm er sich zusammen? Nach ländlichem Brauche war man um zwölf Uhr Mittags zu Tische gegangen. Jetzt war es neun Uhr und der Abend sank herab. Plötzlich hörte man ein schmetterndes Getöse wie von Blechmusik. Fackeln näherten sich unter den Rhythmen eines Jahrmarktsmarsches und warfen in das Halbdunkel der Säle einen rötlichen Nordlichtschein. III. »Was giebt's da? Verrat und Überfall?« rief Kehlmark, indem er leicht die Stirne runzelte. »Unsere jungen Leute von der Gilde der heiligen Caecilie, unsere ›Philharmonie‹, welche kommt, um Sie willkommen zu heißen, Herr Graf!« meldete zeremoniell der Bürgermeister. Die Augen Kehlmarks leuchteten in einem versteckten Feuer. »Ein ander Mal will ich Ihnen mein Atelier zeigen. Jetzt wollen wir die Philharmoniker empfangen!« sagte er, indem er kurz Kehrt machte und eilends die große Treppe hinabschritt, glücklich, wie es schien, über diese Unterbrechung, über welche die ränkesüchtige Klaudia innerlich fluchte. Die Govaertz und die übrigen Gäste folgten ihm nach unten in die geräumige Orangerie, deren breite Glasthüren man auf Befehl der immer unsichtbar bleibenden Blandine geöffnet hatte. Die Musiker von der Gilde der heiligen Caecilie hatten sich im Halbkreis am Fuß der Freitreppe aufgestellt. Sie bliesen aus vollen Backen auf ihren Trompeten und Tuben und hämmerten dementsprechend auf das Kalbfell ihrer Trommeln. Alle trugen bis auf einige kleine Abweichungen das Kostüm der Söhne des Landes. Bei vielen machte die abgenutzte, mitunter auch geflickte Kleidung einen viel echteren und ursprünglicheren Eindruck, als der allzu neue Aufputz der Festteilnehmer. Manche hatten ganz einfach ihre Oberkleider ausgezogen und gingen ohne Jacke in Hemdsärmeln; ihre offenen Matrosenkittel ließen ihren kräftigen Hals bis herunter zum Ansatz der Brust sehen. Es waren fast alles hochgewachsene und stramme Burschen, schön gebaute, schlanke, gebräunte Leute aus allen Bevölkerungsschichten der Insel, aus den Großbauerhöfen von Zoudbertingen ebenso wie aus den Kathen von Klaarwatsch. Die Gilde, in der ein sehr demokratischer Geist herrschte, vereinigte die Söhne der Notabeln mit der männlichen Nachkommenschaft der Gelegenheitsarbeiter und Strandläufer. Die jüngsten Enkel dieser gescheiterten Existenzen, Gassenjungen mit wildem, zerzaustem Haar, mit blitzenden, aber scheuen Augen, mit braunem Gesicht wie die Engel Guido Renis, mit schon kräftig entwickeltem Gliederbau, die Hosen gehalten von Hanfstricken, die sie wie Hosenträger benutzten, und unten am Knie ausgefranzt und mit Dornen und abgefallenen Blättern aufgeputzt, hatten gegen ein paar Heller Trinkgeld das Amt der Fackelträger übernommen. Und unter dem Vorwande, das Licht heller brennen zu machen, in Wahrheit aber, um ihr Vergnügen zu haben, schwangen sie jeden Augenblick ihre Brände und bespritzten den Boden mit Feuerflocken von flammendem Harz, die sie dann ohne Furcht, sich zu verbrennen, mit ihren nackten Füßen austraten, deren Sohlen hart wie Horn geworden waren. – Zu Ehren des Deichgrafen spielte die Gilde der heiligen Caecilie die alten Volksweisen des Landes, die in dem lauen, duftgetränkten Abenddunkel einen unsagbaren altertümlichen Reiz erhielten. Eine besonders bezauberte und entzückte Heinrich durch ihre klagende Musik, indem sie ihn an das Rauschen des Meeres und das Sausen des Windes in der Haide denken ließ; sie ahmte das stoßweise Ächzen der Deicharbeiter nach, welche die Pfähle einrammen. Die Tagelöhner, oder vielmehr ihre Vorarbeiter, stimmen diese Töne an, um ihre Leute zur Arbeit anzufeuern. Zu gleicher Zeit heben drei oder vier die wuchtigen Rammblöcke und lassen sie im Tempo wieder zurückfallen: die Arme straffen sich, der Rumpf streckt sich, und beim Niederfallen des Blockes biegt sich der Rücken nach vorn. Man hört diese Töne auch an Bord der Fischerschaluppen. Die Seeleute gehen an die Arbeit mit ihnen, und durch ihre einfachen Weisen täuschen sie sich über die öfters trüben Stunden der Windstille auf offener See hinweg, indem sie ihr Sehnen und Klagen dem seufzenden Rhythmus der Wogen anpassen. Einer der Burschen, ein Zögling der Musikschule von Upperzyde, hatte diesen Sang für Blechmusik übertragen. Die kleine Klapptrompete stieß diese auf- und absteigende und etwas rauhe Melodie hervor, während die Begleitung der Posaunen und Tuben das tiefe, dumpfe Brausen des Meeres markierte. Kehlmark betrachtete den jungen Trompetenbläser, einen Jüngling, höher aufgeschossen und schlanker gebaut als seine gleichaltrigen Gefährten, mit zierlich geschwungenen Hüften, einem ambradunklen Teint, sammetweichen Augen unter langen dunklen Wimpern, einem schwellenden, dunkelroten Munde, mit weit geöffneten Nüstern, als ob er geheimnisvolle Düfte einathmete, mit schwarzem, dicht gewachsenem Haar, abenteuerlich anzuschauen in seinem elenden Kostüm, das ihm um alle Glieder schlotterte. Der anmutig gebaute Körper schien sich den Wogen der Musik anzuschmiegen und führte auf seinem Platze eine Art langsamen Tanzes aus, ähnlich wie die Zweige der Espe in Sommernächten sich rauschend hin- und wiederwiegen und beim Wehen des Windes zu atmen scheinen. Der Bau des jungen Dörflers vereinigte mit der kräftig ausgeprägten Muskulatur, wie sie seinesgleichen sonst eigen ist, eine gewisse Zartheit der Linienführung, die Kehlmark auffallend an den jungen Schalmeispieler von Franz Hals erinnerte. Dieser Ephebe war für ihn ein wundersames lebendes Bild nach dem Gemälde im Museum von Upperzyde. Sein Herz klopfte zum Zerspringen, der Atem verging ihm, eine glühende Hitze überlief seinen Körper... Michael Govaertz hatte die Aufmerksamkeit wahrgenommen, die der Deichgraf dem jungen Solisten gewidmet hatte; er benutzte die soeben eingetretene Pause, um näher zu treten und seinen Sprößling in brutaler Weise am Ohre vor Kehlmark zu zerren. Nichts könnte den kläglichen, erschreckten und doch gleichzeitig entzückten Gesichtsausdruck des kleinen Trompeters wiedergeben, der so brüsk dem Deichgrafen gegenübergestellt wurde. In seinen Augen, auf seinen Lippen spiegelte sich die ganze erhabene Herzensangst eines Märtyrers wider. »Hier, Herr Graf, mein Sohn Guido, der Taugenichts, von dem ich mit Ihnen vorhin sprach«, grinste der Brummbär, indem er den armen Jungen sich um sich selbst drehen ließ; »der Genosse der Lumpe von Klaarwatsch, ein träger Schlingel, ein fauler Kopf, der vielleicht alle Eigenschaften einer Lerche und eines Finken in seiner Kehle vereinigt, aber keine der Gaben besitzt, die ich bei einem Jungen von meinem Fleisch und Blut zu finden hoffte. Ja, sich auf den Rücken legen, ins Blaue hinein dösen, den Möven zuschauen, Luftschlösser bauen, sich in der Sonne herumwälzen, wie die Seehunde auf einer Sandbank, das paßt ihm!... Denken Sie sich, daß er uns seit seiner Geburt noch nicht von dem geringsten Nutzen gewesen ist. Als er in der Wirtschaft zu nichts taugte, dachte ich daran, einen Seemann aus ihm zu machen, und brachte ihn als Schiffsjungen auf einem Fischerboote unter... Ja, prost Mahlzeit! Nach drei Tagen brachte ihn ein Boot, das in den Hafen einlief, uns wieder... Mitten in der Arbeit setzte er plötzlich aus, um die Wellen und Wolken anzustarren... Seine Nachlässigkeit und sein Leichtsinn haben ihm schon mehrere harte Züchtigungen zugezogen, aber Schläge und Prügel machten ebensowenig Eindruck auf diesen Bengel, als Vorstellungen und Ermahnungen. Des ewigen Kampfes müde nahm ich ihn endlich wieder zu mir und gab ihm eine Beschäftigung, wie sie für eine Schlafmütze paßt: er hütet die Kühe und Schafe auf den Haiden von Klaarwatsch mit den kleinen Strolchen, die heute Abend der Gilde die Fackeln tragen. Kräftig gebaut, wie Sie sehen, Herr Graf, ist das nicht eine Schande? Und dabei so ein Heulmeier! Das brüllt und wird unwohl, wenn man zur Kirmeß ein Schwein absticht, oder wenn der Fleischer mit roter Kreide auf dem Rücken eines Hammels die einzelnen Stücke markiert!... Guido ist ein verpfuschtes Mädchen... Mein wahrer Junge, das ist unsere Klaudia... Die schafft in der Wirtschaft für Drei!« »Schade!« bemerkte der Deichgraf möglichst gleichgültig, »er sieht doch ganz intelligent aus. Er spielt ganz vortrefflich die Klapptrompete. Vielleicht steckt ein Musiker in ihm!« »Ach jawohl! Sie spotten, Herr Graf! Der Schlingel ist zu nichts Nützlichem tauglich. Auf mein Wort, um ihn loszuwerden, wollte ich ihn schon unter die Seiltänzer stecken; vielleicht wäre noch ein guter Artist aus ihm geworden. Aber nichts als Ärger und Schaden hat man von ihm. Da hat er mir neulich die frisch geweißten Mauern des Hofes mit Kohle vollgeschmiert, unter dem Vorwand, unser Vieh abzukonterfeien!« »Sollte er Anlage zur Malerei besitzen?« äußerte mit gelangweilter Miene Kehlmark, der sich stellte, als ob er ein Gähnen unterdrückte. Die Kameraden Guidos standen um die Govaertz und Kehlmark im Kreise herum und belustigten sich über die Verwirrung des armen Schelms, der so von seinem eigenen Vater blamiert wurde. Die Spaßvögel schüttelten sich vor Lachen, stießen einer den anderen in die Seiten und begleiteten mit ihrem Gelächter und ihren Bemerkungen die peinliche Situation, die der Bürgermeister seinem Sohne bereitete. Ebenso wie Guido fühlte sich Heinrich unangenehm berührt durch all diese Spöttereien. Klaudias Augen weilten auf ihrem Bruder mit einem harten, bösen Ausdruck. Heinrich ahnte, daß der Bürgermeister seinen Sohn nur so erniedrigte und herabsetzte, um Klaudia, seinem Lieblingskinde, zu schmeicheln. Zwischen diesem robusten, beinahe männlich gearteten Mädchen und dem kleinen, zartbesaiteten Jungen war die Unähnlichkeit äußerst in die Augen fallend. Heinrich stellte sich die heftigen Streitigkeiten in der Familie Govaertz vor, und sein Herz krampfte sich zusammen. Und besonders schien ihm Klaudia sichtlich erbittert durch die Aufmerksamkeit, die der Deichgraf diesem ausgestoßenen, von seiner Familie in den Bann gethanen Kinde bezeugt hatte. »Hören Sie, Bürgermeister, wir sprechen noch davon«, begann Kehlmark wieder. »Vielleicht kann man doch noch etwas aus diesem kleinen Phantasten machen!« Das waren Worte, die nichts besagten und zu nichts verpflichteten; aber als Heinrich sie aussprach, konnte er nicht umhin, einen Moment seine Augen auf dem jungen Hirten ruhen zu lassen, und in diesem Blick las jener – oder glaubte dies wenigstens zu thun – eine viel ernstere Zusage, als die flüchtigen Phrasen enthalten hatten. Der arme Tropf empfand eine Freude voll von Hoffnung auf ein beseligendes Glück. Niemals noch hatte ihn jemand so angesehen und noch niemals hatte er soviel Herzensgüte in den Zügen eines Menschen gelesen. Aber der junge Trotzkopf täuschte sich ohne Zweifel. Der Graf wäre ja verrückt gewesen, sich für einen Burschen zu interessieren, der ihm so kläglich von dem Pilgerhofbauern empfohlen war. Wer sollte wohl daran denken, sich für diesen Wildfang, diesen Galgenstrick ins Zeug zu legen? »Wenn nur Klaudia ihm nicht zu viel Schlechtes über mich sagt!« dachte der kleine Hirt, als er den Deichgrafen leider ganz von seiner schrecklichen Schwester in Beschlag genommen sah. Aber Kehlmark verschwand, um Blandinen Befehle zu erteilen. Man brachte den Musikern zu trinken. Als der Graf zurückkam, um mit ihnen anzustoßen, wie kam es, daß er es unterließ, mit seinem Glase das eine zu berühren, das sich ihm – ach so demütig – entgegenstreckte, das des Sohnes des Bürgermeisters Govaertz? Guido empfand im ersten Augenblick eine herzzerreißende Traurigkeit, aber bald rief er sich den freundlichen, beinahe liebkosenden Blick ins Gedächtnis zurück, der ihn vorhin getroffen. Er trennte sich von den Trinkenden, um auf eigene Faust durch die Säle des Schlosses zu streifen und die Gemälde zu bewundern. Heinrich, obwohl anscheinend eifrig beschäftigt, der üppigen Klaudia den Hof zu machen, beobachtete doch insgeheim den jungen Hornbläser der Gilde. Er fing den gleichzeitig träumerischen und begeisterten Blick auf, mit dem der Kleine das Gemälde von Konradin und Friedrich von Baden betrachtete, bei dem seine Schwester nur eine flüchtige Sensation empfunden hatte, wie man sie wohl beim Lesen von Schauergeschichten und Morithaten empfindet. Mit vollem Glase hatte der Deichgraf den Mitgliedern der Kapelle Bescheid gethan. Er schien ihnen selbst ein ganz klein wenig angeheitert, was sie aber nicht weiter kümmerte, sie, die Eingeborenen von Smaragdis, die wie alle Nordländer tüchtige Trinker waren. Die Bande zerstreute sich, um sich Bewegung zu machen, in den Gärten und am Meeresufer, woher bald dumpfes Getöse und lustiger Lärm schallte. Das Getümmel störte ein Seemövenpärchen in den Bäumen des Deiches auf, und Kehlmark, der mit Klaudia auf der Terrasse an der Seeseite des Schlosses promenierte, sah eine Zeitlang die kleinen Tierchen unter kläglichem Geschrei um die Laterne des Leuchtturms flattern und sandte ihnen einen Gruß voll poetischen Mitleids hinauf, während seine Gefährtin nicht einen Augenblick an derlei Sentimentalitäten dachte. Bestanden irgend welche Beziehungen zwischen dem Verstörtsein der Vögel da oben und seiner eigenen Herzensbeklemmung? – Doch bald wandten sich seine Gedanken wieder der Erde zu und er scherzte wieder mit der Tochter des Bürgermeisters an seiner Seite. Unterdessen suchten die Mitglieder der Gilde ihren kleinen Klapphornbläser, und als sie ihn in den Sälen vor den Gemälden entdeckten, von denen er sich immer noch nicht trennen konnte, schleppten sie ihn mit Gewalt in die Tiefe des Parkes. Heinrich stellte sich ohne Zweifel ihre täppischen Anstalten hinsichtlich des jungen Govaertz übertrieben vor, denn von einer seltsamen Unruhe gejagt begab er sich mit Klaudia in die Nähe ihrer tobenden Scharen. Seine Annäherung schüchterte sie etwas ein und ließ sie einhalten mit den Neckereien, die sie gerade an ihrem kleinen Sündenbock auslassen wollten. Jedesmal hinderte eine Art Schamgefühl oder eine unbestimmte Scheu vor dem Urteil der anderen Kehlmark, direkt zu Gunsten seines Schützlings einzuschreiten, und er enthielt sich sogar, an ihn das Wort zu richten; aber während er mit Klaudia schäkerte, erhob er die Stimme, und Guido bildete sich naiv genug ein, daß er von ihm gehört zu werden wünschte ... Endlich entschlossen sich die Musiker, nach ihrem Dorfe zurückzukehren. Die kleinen Nacktbeine von Klaarwatsch kamen eilends durch das hohe Gras herbeigelaufen, um ihre Fackeln wieder anzuzünden. Der Graf gab ihnen das Geleit bis an das große Gitter des Schlosses und sah sie dann unter den Rhythmen ihres Lieblingsmarsches in den alten Ulmengruppen zwischen dem Schloß und dem Dorf verschwinden. Klaudia, am Arme ihres Vaters dahintänzelnd, erzählte diesem tausenderlei Schönes von dem Deichgrafen, oder vielmehr seinem Reichtum und den Schätzen des Schlosses, ohne aber den großen Plan zu verraten, den sie gefaßt hatte. Der kleine Guido spielte seinen Part mit ungewohnter Bravour. Seine Klapptrompete schien die Sterne herauszufordern. Und immerzu mußte er an den Schloßherren von Escal-Vigor denken! In den Echos seiner Fanfaren glaubte er die seelenvolle Stimme des Deichgrafen wiederzufinden, und sein liebkosender Blick leuchtete ihm aus den Tiefen der dichten Finsternis entgegen. Seltsamer Widerspruch: trotz dieses Enthusiasmus fühlte er, wie ihm das Herz schwoll, wie sich ihm die Kehle zuschnürte, wie sich seine Augen mit Thränen füllten – und es waren wohl Schreie der Herzensangst, Rufe um Hilfe, die sein Instrument an den entfernten Schützer richtete, der sie, nicht minder von Sympathie ergriffen, noch immer zu hören vermeinte, obwohl sie in dem feierlichen Schweigen der alten Rüstern erstickten. IV. Blandine, das junge Mädchen, das der ehrgeizigen Klaudia zur Folie diente, die der Graf nicht ohne eine gewisse Ironie den Ökonomen, den General-Regisseur von Escal-Vigor genannt hatte, näherte sich dem dreißigsten Jahre. Zart und blaß, von zurückhaltendem Wesen, von durchaus vornehmem, edlem Charakter, mit melancholischem und stolzem Gesichtsausdruck, hätte sie niemals ihre niedrige Herkunft ahnen lassen. Sie war die älteste Tochter kleiner Bauersleute, die Milchwirtschaft und Gemüsebau betrieben, und stammte aus jenen noch wenig kultivieren vlämischen Gegenden, in die sich Frankreich, Holland und Belgien geteilt haben. Als sie fünfzehn Jahre zählte, hätte sie sich vielleicht an stattlichem Wuchs und üppigen Formen mit der jungen Bauerntochter vom Pilgerhof messen können. Ihr Vater verheiratete sich zum zweiten Male, und um das Unglück der Ärmsten, die das einzige Kind erster Ehe geblieben war, voll zu machen, starb er, nachdem er ihr eine Anzahl von Brüdern und Schwestern gegeben. Die Stiefmutter überhäufte Blandine mit Arbeit und Schlägen. Diese ertrug alles mit stoischem Gleichmut und bildete sich zu einem wahren Arbeitstier heraus; nicht allein, daß sie ihrer zweiten Mutter in der Wirtschaft half und sich damit plagte, ihre jüngeren Stiefgeschwister zu überwachen und in Ordnung zu halten, nein, sie machte sich auch in der Küche und am Herde zu schaffen, besorgte die Kühe und marschierte jede Woche zu Fuß nach der Stadt, beladen mit Milchkannen und Gemüsekörben. Oft noch in Stunden der Einsamkeit, wenn sie über eine Näharbeit gebückt dasaß, mußte Blandine an ihre Heimat und besonders ihre väterliche Strohhütte denken. Dieselbe war dicht bewachsen mit Moos und Dachwurz; die morschen Mauern versteckten ihre Ritzen hinter Gaisblatt und wildem Wein. Auf dem Hofe tummeln sich die Schweine nahe bei dem Mist herum und scheuchen die Hühner, die gackernd davonlaufen, und die Tauben, die mit dem ihrem Fluge eigentümlichen klagenden Rauschen auf das Dach fliegen; ein schwarzer, kurzhaariger Hund von der Rasse der Spitze, zugleich ein aufmerksamer Wächter und ein kräftiges Zugtier, liegt schläfrig in seiner Hütte, und durch ein offenes Loch der Stallthür sieht man zwei Kühe behaglich den jungen Klee wiederkäuen. Vor Blandinens Innerem stehen auch die Umgebungen des väterlichen Hofes noch lebendig da. Die Nethe fließt nicht weit davon in tausend umbuschten Windungen; einer ihrer toten Nebenarme verliert sich hinter dem kleinen Hausgarten in sumpfige Triften. Grüne Laubgänge von struppigen Erlen und knorrigen Weiden, im Sommer von duftendem Jelänger-Jelieber durchsponnen, begleiten wie eifersüchtige Tugendwächter den Silberlauf des Flüßchens, das unten an den Grenzen des Dorfes eine Mühle treibt, zur großen Freude der Dorfjugend, die munter in dem Wasser herumplätschert. Hinter den Triften und dem Ackerland breitet sich eine triste Haide aus; in ihrer Mitte steigt ein kleiner runder Hügel auf, wo schwarze, seltsam gestaltete Wachholdersträucher wie eine Versammlung von Haidekobolden oder Wichtelmännchen kauern; dazwischen ragt einsam eine Buche in die Luft, ein Baum, der so selten in dieser Gegend ist, daß wohl nur ein Wandervogel seinen Samen dorthin tragen konnte. Dieser Wunderbaum schrie ordentlich nach einem jener kleinen Marienbildchen unter Glas und Rahmen auf einem Miniaturaltar, welche die einfachen Landbewohner sonst mit erstaunlichem Instinkt an den romantischsten Fleckchen ihres Sprengels anzubringen wissen. Man konnte sich versetzt wähnen nach jenem Zauberbaum, unter dem Jeanne d'Arc ihre überirdischen Stimmen vernahm ... Die kleine Blandine war von ihrem zartesten Alter ab ein seltsames Mixtum-Compositum von Intelligenz und Exaltation, von Vernunft und Empfindung. Sie war im katholischen Glauben erzogen worden, aber schon von ihren Bibelstunden an kämpfte sie gegen den starren Buchstaben, um sich an den Geist zu halten, der allein lebendig macht. Je älter sie wurde, um so mehr flossen bei ihr die Begriffe Gott und Gewissen in eins zusammen. So lange sie glaubte, hatte ihre Religion nichts von Frömmelei und Heuchelei an sich, sondern war ganz Hochherzigkeit und Nächstenliebe. Die poetischen Anlagen Blandinens, ihre Phantasie, vereinigten sich mit einem tüchtigen und umfassenden Sinn für das praktische Leben. Tapfer und gewandt, wie sie war, besaß sie nicht sowohl die Erfindungsgabe einer guten Fee, sondern auch deren geschickte und fleißige Hände. Jetzt die Leiterin eines großen Herrschaftssitzes, sah sie sich im Geiste als ganz junges Mädchen, als kleine Kuhhirtin, im Schatten der Buche, welche das weite Haidefeld beherrschte. In Gedanken hört Blandine die Frösche in den Pfützen quaken und ergötzt sich an dem unvergleichlichen Arom der Haidebrände, das der Wind meilenweit herüberträgt. Die Lagerstätten der Hirten künden sich in der Dämmerung durch die Rauchspiralen ihrer Feuer und in der Nacht durch deren bleiche Flammen an. O Seele der endlosen Ebene, du wilder Haideduft, der du lange schon vorher dein Land ahnen lässest, nie wird deiner vergessen, wer dich jemals eingeatmet! Diese ein wenig einsame und traurige Poesie, die aber das Herz stärkt und die Kräfte entwickelt, die zu treuer Pflichterfüllung, ja zu Opfern selbst begeistert und heroische Thaten hervorbringt, die niemand erfährt, sie hatte auch die Seele Blandinens erfüllt, die damals noch eine kleine, rastlos thätige Bauerndirne war; aber immer fand sie noch ein Weilchen Zeit, ihren Träumen und Gedanken nachzuhängen, trotz der harten und ununterbrochenen Arbeiten, zu denen ihre Stiefmutter sie anhielt. Einen Zeitpunkt gab es jedoch, bei dessen Annäherung die Pseudo-Schloßherrin von Escal-Vigor einen stechenden Schmerz sie überkommen fühlte: wenn der 29. Juni herankam, der Peter-Paulstag, an dem die Kontrakte zwischen Herren und Knechten ablaufen. Dieser Gesindeziehtag bot jedes Jahr den Vorwand zu einem Fest, dessen sich Blandine mit einer zugleich wollüstigen und niederschlagenden Melancholie erinnert. In Smaragdis genügt ihr der Duft der Fliederblüten, um sich den Rahmen und die Darsteller bei diesem ländlichen Schauspiel zu vergegenwärtigen. Strahlender Sonnenschein liegt über allen Hecken und Büschen, die berauschende Düfte in die blaue Sommerluft hinaufsenden. Die Wachtel schlägt, in das Getreide geduckt. Niemand arbeitet auf dem Felde. In ihrem Eifer, sich ins Vergnügen zu stürzen, haben die Leute hie und da Sichel und Sense, Egge und Hacke stehen lassen. Sind die Felder also verlassen, so sieht man dagegen auf den anstoßenden Wegen einen langen Zug von weiß gedeckten Planwagen, die nicht wie am Freitag mit Gemüsekörben und Milchkannen vollgepfropft, sondern neu angemalt und mit Blumen und Bändern reich geschmückt sind; gelenkt werden sie von Bauernburschen in ihrem Sonntagsstaat, während im Innern sich die Dirnen im höchsten Putz in heller Festesfreude durcheinander drängen. Die Knechte kommen am frühen Morgen, um dem Brauche gemäß die Mägde aus ihren früheren Stellungen fortzuholen und sie ihren neuen Herren zuzuführen, und da die Burschen dieses ihr Amt erst am Abend niederlegen dürfen, so haben sie an dem langen Sommertage Zeit genug, sich mit ihren zukünftigen Gefährtinnen beim Säen und Ernten näher bekannt zu machen. Öfters leihen die Tagelöhner desselben Sprengels oder die Angestellten der kleinen Bauern von einem Großbauern einen Heuwagen und schießen zusammen, um Pferde zu mieten. Vertreter jeder Art von Landarbeit, Schnitter, Drescher, Worfler, Kuhhirtinnen, Mähderinnen, nehmen Platz auf dem Wagen, der in einen wandelnden Garten verwandelt ist, wo die geröteten und pausbäckigen Gesichter wie rotwangige Äpfel durch die grünen Zweige leuchten. Ein Fliegennetz schützt die starken Pferde, denn die Bremsen stechen wie toll in den Laubwäldern; aber die Maschen des Netzwerks verschwinden unter Margeriten, Goldknöpfchen und Rosenknospen. Ganze Züge formieren sich; die Wagen aus denselben Dörfern oder mit demselben Ziel schließen sich hintereinander an und bringen die neuen Mägde an ihren Bestimmungsort. Wahrlich, ein farbenberauschender und freudejauchzender Festaufzug, eine Apotheose der Landarbeit durch ihre Vertreter. Wo sie hinkommen, zittert die Luft von Duft, Licht und Musik! Ochsentreiber und Pferdejungen, den blauen Kittel mit feuerrotem Band aufgeputzt, die Mütze mit einem Blütenzweig oder einem grünen Buschen besteckt, reiten dem Zuge wie Postillone vorauf oder tummeln nebenher ihre Pferde; die einen mit sehr kurz geschnallten Steigbügeln halten ihre Beine weit auseinander, wenn ihre Tiere einen breiten Rücken haben; die anderen sitzen seitwärts auf dem Sattel und lassen beide Beine nach links herunterhängen, wie man sie in der Dämmerung nach vollbrachtem Tagewerk oft heimwärts reiten sieht. Ihre durchdringenden Stimmen hört man von einem Dorfe zum anderen. »Da kommt noch ein ›Rosenland‹!« rufen die Buben erregt, wenn ein Wagen sich nähert; man hat diese festlich geschmückten Wagen »Rosenland« genannt auf Grund einer alten Ballade, welche die Festgenossen nur an diesem Tage zu singen pflegen: »Ziehn wir nach dem Rosenlande, Nach dem Rosenland einmal, Mähn wie Heu wir Rosenblüten Und bekränzen unsern Schleifstein Mit den Rosen hoch und duftig, Daß der Mond ein Auge schließen Und die Sonne niesen muß!« Man beginnt vor den Thüren der Krüge zu tanzen. Die »Rosenländer« – der Name ist von den Wagen auf deren Insassen übergegangen – stürmen den Platz mit einem Höllenlärm. Bei jedem Ruhepunkt füllt man einen enormen Krug mit Bier und Zucker und läßt ihn von Paar zu Paar in der Runde gehen. Das Mädchen, von ihrem Führer bedient, nippt zuerst von dem Tranke; dann mit einer kühnen Bewegung ihres nackten, beinahe männlich kräftigen Armes ergreift sie den Henkel des originellen Trinkgeschirrs, schwingt und hebt es hoch bis zu ihrem Kopfe empor und neigt es schließlich gegen ihren Kavalier. Ein Knie zur Erde gebeugt setzt derselbe seine Lippen an derselben Stelle an und trinkt in vollen Zügen mit einem so seligen Gesichtsausdruck, daß ihn die kleine Blandine fast wider Willen verglich mit der Ekstase eines Firmlings, der seinen Gott an einem hohen Feiertage zum ersten Mal empfängt. Die einzelnen Gesellschaften lassen sich oft von einem Geiger oder einem Leierkastenspieler begleiten; aber unbekümmert um Melodie oder Rhythmus, die jene fiedeln oder orgeln, tanzt diese Bande immer nur den einen Tanz und plärren ihre gröhlenden Stimmen immer nur die eine Weise: »Ziehn wir nach dem Rosenlande ...« Die Knechte sind heute hier die Herren und die Armen hier die Reichen. Der Lohn eines ganzen Jahres klimpert gegen ihr Knie in ihren Taschen, die tief sind wie ein Säetuch. O Tag der Kirmeß, Tag der Lust, der die Priester aufbringt, die auf alle Freuden der Erde Verzicht predigen! Auf den heißen Morgen, der so manche idyllischen Bilder zeitigt, folgt der schwüle Abend, der die Fleischeslust entfesselt. Nicht ohne guten Grund überwachen die Gendarmen in der Entfernung die »Rosenländer«. Sie sind jetzt blaß und drehen nervös ihren Schnurrbart: am Abend, wenn die Reaktion eintritt, machen diese wilden, eifersüchtigen Burschen ihnen zu schaffen und bringen sie in Hitze, so daß ihre Gesichter feuerrot werden. Diese gutmütigen Kerle, die sich so eifrig zutranken, sind dann imstande, sich um ein Nichts die Krüge an den Kopf zu werfen und sich wie die Hähne zu zerzausen. Und manch liebevoller Gevatter hat seinen Nachbar dann schon so zärtlich an die Brust gedrückt, daß er ihm alle Knochen im Leibe zerquetschte und ihn beinahe zu Tode brachte. Nicht alle Festteilnehmer amüsieren sich, aber alle suchen sich zu betäuben. Sie ertränken ihre Sorgen im Bier und ersticken sie im Lärm. Sie trinken: die einen, um zu vergessen, vielleicht um den Kummer zu lindern, daß sie das gewohnte Dach und die vertrauten Gesichter nun verlassen mußten, die anderen im Gegentheil, um die Befreiung von ihrem alten Joch zu feiern und hoffnungs- und vertrauensvoll die neue Heimat zu grüßen. Die meisten stehen bald mit ihren künftigen Kameraden auf Du und Du und erklären sich eben so rasch den Mägden, die an derselben Stelle arbeiten sollen. Und diese Augenblicksmenschen, die das Denken anstrengen würde, sie geben sich ohne Vorsicht und Mäßigung bis zur Bewußtlosigkeit dem mächtigen Zauber jener kurzen Freiheit hin, wo sie einmal Herren über ihre Worte, ihre Thaten – und ihre Lüste sind. Sie sind toll wie Hunde, die von der Kette losgelassen werden; ein Taumel ergreift sie, wie im Käfig geborene Vögel, die zum ersten Mal sich in den blauen Äther schwingen; das Unendliche ihres Glückes packt sie ebenso wie das herbste Leid. Man weiß im Augenblick nicht, ob sie weinen oder unter Thränen lachen, ob sie vor Wonne zittern oder sich vor Schmerzen winden. Da die Reise noch weit ist und der Tag noch lang, so hält man vor dem größten Wirtshaus des Dorfes und spannt aus. Die Blusenmänner lassen sich auf den Bänken des großen Saales vor den dampfenden Schüsseln nieder. Aber trotz ihres Heißhungers und ihres Freiheitsrausches, der sich den ganzen Tag über in wüsten, wilden Herausforderungen an Gott, die Jungfrau und die Heiligen äußert, machen sie doch immer erst das Zeichen des Kreuzes, ehe sie zulangen. Sodann giebt sich Blandine eingehende und genaue Rechenschaft über alle Empfindungen und Eindrücke, die sie an einem dieser denkwürdigen Peter-Paulstage empfangen. Obwohl sie zu jener Zeit erst dreizehn Jahre alt war, wurde sie bei den Ihrigen mehr überanstrengt, als die niedrigste Sklavin. Ihre Stiefmutter, die vielleicht einmal ein menschliches Rühren gefühlt hatte, oder wohl eher sie herabwürdigen wollte, indem sie sie mit Lohnknechten und Dienstmägden zusammensteckte, gab ihr die Erlaubnis, ein großes »Rosenland« zu besteigen, wozu auch sie beigesteuert. Die Kleine, rosig und pausbäckig, mit leuchtenden Augen, die bald wie der blaue Himmel, bald wie das grünliche Meer schimmerten, nahm dankerfüllt teil an diesen Belustigungen des Gesindes; der gute Humor, der von diesen armen Teufeln ausstrahlte, machte sie selbst fröhlich; sie fand ein naives Vergnügen darin, auf diesem buntgeputzten und lärmerfüllten Karren zu thronen und gezuckertes Bier zu trinken, wenn der Wagen eine Haltestation erreicht hatte. Die Burschen bezahlten das Bier, die Mädchen hatten für den Zucker zu sorgen; auch Blandine lieferte ihren Anteil an der Zeche in Puderzucker. Sie lachte, sang und sprang mit ihren Gefährten und Gefährtinnen. Sie dachte an nichts Böses; die Freiheiten, die man sich rings umher nahm, erschreckten sie nicht mehr als das Flattern der Vögel in den Zweigen oder der Tanz der Insekten im Sonnenlicht. Zur Mittagszeit teilte sie die Siesta der anderen »Rosenländer«; auch nachher blieb sie an ihrer Seite und ließ sich mit in den Strudel der Festfreude und allgemeinen Zärtlichkeit reißen, indem sie sich als ihre kleine Freundin betrachtete und sich nicht entschließen konnte, sie zu verlassen. Indes gegen Abend ergriff sie ein schmachtendes Sehnen, eine süße Verwirrung. Die Küsse und Liebkosungen ringsum kamen ihr vor wie ein toller Traum. Nichts erschreckte sie. Sie befand sich in einer Gemütsverfassung, die alles verzieh. Die Nacht ist herabgesunken. Niemand kümmert sich mehr um Blandine. Jede Dienstmagd ist versorgt. Blandine wird jedoch noch drei Sommer mindestens zu warten haben, bis ein ehrlicher Bursche sich mit ihr abgiebt. Auch ihre Zeit wird kommen. Die ihr das wie eine vorweggenommene Huldigung sagen, streifen sie mit feuchten oder blitzenden Blicken oder streicheln sie mit zuckenden, verwegen tastenden Händen. Das Kind sieht in ihren Blicken und ihren lüsternen Berührungen nur eine etwas täppische Bekundung von Wohlwollen, weiter nichts! Rings um sie scheint die laue Luft die erhitzte Haut zu prickeln und zu kitzeln. Seit Stunden aufgestachelt erhitzen sich die Gelüste immer mehr. Bald wird Blandine sich nicht mehr an die letzten Trink- und Tanzszenen, an denen sie teilnahm, erinnern können. Aber was sie berauscht, ist weniger der Duft der Rosen und des gezuckerten Bieres, als die Ausdünstungen der kräftigen Jugend rings um sie her. Wie im Traum, beinahe vergehend vor Wonne und Seligkeit, steigt sie auf das »Rosenland« und steigt wieder herab mit den anderen; und der unaufhörlich wiederholte Singsang kommt ihrem halbwachen Zustand zu Hülfe und schläfert sie immer mehr ein. Unterdessen rollen die weißüberspannten und blumengeschmückten Wagen langsamer durch das Land. Den Knechten und Mägden saust und summt es vor den Ohren und sie fühlen es über ihren Nacken gehen wie ein erschlaffendes Sommernachtslüftchen. Das ist der heiße Odem der Paare auf den Bänken hinter ihnen. Sie atmen schwer und tief; es klingt fast wie Seufzen ... Die Kleine schläft endlich ein, ganz benommen von dieser Atmosphäre, die mehr zu Kopfe steigt als der starke Duft der Heuernte. Da niemand sich erbietet, sie zurückzugeleiten, so wäre es für sie Zeit gewesen, sich auf die Beine zu machen und heim zu wandern; denn die anderen denken noch nicht an Rückkehr, und das »Rosenland« ist noch weit entfernt von der letzten Station seiner Pilgerfahrt. Für die ausgelassene Bande fängt das wahre Vergnügen erst an. Endlich entschließt man sich, »das Kücken« zu wecken. Einer soll sie auf den richtigen Weg bringen und an der nächsten Haltestelle wieder zu seinem »Rosenland« stoßen. Aber die Kleine dankt dem Burschen. Er braucht sich nicht zu bemühen. Sie wird sich ganz alleine nach der väterlichen Hütte zurückfinden. Manchmal, an den Markttagen, kommt sie noch viel später nach Hause auf den schlechten Wegen! Ihr freundlicher Begleiter beschränkt sich also darauf, ihr den Weg zu beschreiben. »Höre, Kleine, du mußt die Haide von rechts nach links schräg durchqueren; du kommst dann an einem Tannicht vorbei, das du rechts liegen lassen mußt ...« Blandine hört schon nichts mehr; die Stimme des Erklärers dringt bereits nicht mehr bis zu ihr: sie ist leichtfüßig auf und davon gegangen. »Gute Nacht allerseits!« hatte sie noch gerufen, aber die Antwort der anderen verliert sich in dem Peitschenknallen und Räderknarren der weiterfahrenden »Rosenländer«. Blandine hatte niemals Furcht gehabt. Und dann ist an diesem Abend nicht das ganze Land eitel Freude und Lust? Wer sollte da daran denken, einem Kinde etwas Böses zu thun? Allerdings hatte man bei Tische vorher gräuliche Geschichten und schreckliche Abenteuer erzählt. Und jemand war erstaunt gewesen, daß ein gewisser Ariaan, genannt der »Worflerkönig«, der lange Zeit im Dienste eines Pächters des Sprengels gestanden hatte, nicht mit von der Partie gewesen war. Einer der Kameraden des Abwesenden teilte der Gesellschaft mit, daß der lockere Vogel seit ihrem letzten Fest wenig gut gethan habe, daß sein Herr ihn nicht einmal bis zum nächsten Peter-Paulstage oder einem anderen Ziehtermin habe behalten wollen. Trotz seiner Talente sei der »Worflerkönig« Knall und Fall entlassen worden, weil er den Mardern, Wieseln, Iltissen und anderen Hühnerliebhabern ins Handwerk gepfuscht habe. Da er niemand gefunden, der ihn habe mieten wollen, habe er zweifellos jetzt in einer Herberge Obdach gefunden, oder in einem der Asyle, die die Hochherzigkeit des Staates den Landstreichern zur Verfügung stelle. Nicht ohne zu gähnen oder sich zu recken, hatte die Tischgesellschaft zugehört und zum Schein ihr Bedauern geäußert über das Mißgeschick eines alten Gefährten, der immer ein fideler Fähnchenführer gewesen sei, eine famose Klinge geschlagen habe u.s.w. Aber als einer der Burschen die Bemerkung machte, daß es jetzt nicht an der Zeit sei, Trübsal zu blasen, hatte man ihm zugestimmt und sich eiligst anderen Gesprächsstoffen zugewendet. Wie kam es nur, daß die kleine Blandine, während sie die weite Haide durchquerte, immer an das Mißgeschick des »Worflerkönigs« denken mußte? Obwohl Ariaan ihr nicht gänzlich unbekannt war, so fesselte sie doch nichts weiter an ihn. Er hatte einen Sommer nicht weit von ihr gewohnt. Durch die Scheunenthür hatte Blandine ihn bisweilen flüchtig im Halbschatten gesehen, wie er nackt bis zum Gürtel, gerötet und schwitzend seine Arbeit verrichtete. Die Getreideschwinge schlug im Takt auf sein Knie, das davon schon ganz schwielig geworden war, und machte schließlich ein Loch in seine Drillichhose, die immer an derselben Stelle wieder geflickt werden mußte. Blandine hörte plötzlich während des Gehens auf, das Rosenlandlied zu trällern, um die Weise des Worflers anzustimmen: »Schwing! Schwinge! Hin und her! Spreu! Fliege! Rings umher!« Wenn ihr Herz ein wenig schneller schlägt, während ihr Fuß eiliger vorwärts strebt, so geschieht es nicht aus Angst um sich: sie denkt an den armen Verirrten, und ihr Herz fühlt Mitleid mit ihm. Die weiche, warme Nacht kommt ihren schweifenden Gedanken zu Hülfe. Die durchsichtige Dunkelheit erinnert sie an dunkelleuchtende Edelsteine. Die Finsternis umsprüht sie, als ob die durchdringenden Düfte, womit sie durchtränkt ist, plötzlich Feuer gefangen hätten. Mit dem Zirpen der Grillen mischt sich das Aufblitzen der Glühwürmchen ... Plötzlich fühlt Blandine sich gepackt, umschlungen, auf einen Erdhügel niedergeworfen von einer menschlichen Gestalt, die hinter einem Ginstergebüsch hervorgestürzt ist. Der Angreifer reißt ihr die Kleider in die Höhe, wühlt in ihren sproßenden Haaren, drückt sie unter Ächzen und Seufzen heftig, aber ohne Brutalität an sich und überwältigt sie schließlich. »Ariaan!« Der Name, den sie rufen wollte, als sie den »Worflerkönig« erkannte, blieb ihr vor Schreck in der Kehle stecken. Sie spürt einen kurzen Schmerz, wie einen Einriß an ihrem Leibe, dann aber gleich darauf ein Gefühl ungeahnter Seligkeit. Hat sich ihr Sein verdoppelt? Durchdrungen von einem nie empfundenen Lustgefühl streckt und dehnt sie sich außer sich, um in einer unendlichen Wonne zu vergehen ... Während er sie unter sich fest hält, fühlt sie sich ganz gebannt durch den beschwörenden Blick des Worflers und in ihrer Erinnerung fließt die flehende Bitte dieser Augen in eins zusammen mit dem Zirpen der Grillen und den Tönen des Rosenlandliedes und dem Rhythmus der alten Weise Ariaans: »Schwing! Schwinge! Hin und her!« Der Landstreicher erhob sich noch keuchend und half auch ihr auf die Füße; er schloß sie einige Sekunden in die Arme und sah ihr in die Augen mit einer zärtlichen, mit Reue gemischten Dankbarkeit; dann entfernte er sich, indem er seinen Anzug in Ordnung brachte, mit schlotternden Knien und unsicheren Schritten. Niemals vergaß sie sein gebräuntes Gesicht und die zitternden Zickzacklinien, die seine Silhouette an dem unbewegten Himmel abzeichnete, bis sie sich schließlich im Dunkel verlor ... Blandine schleppte sich, mehr betrübt als empört, nach ihrer Hütte, und während sie sich niederlegte, schwor sie sich zu, niemals jemandem etwas von dem zu verraten, was ihr widerfahren war. Mehr ein Gefühl der Solidarität mit dem Unglücklichen als eine Empfindung von Scham trieb sie dazu. Sie brachte es nicht über sich, ihm zu zürnen, der zuerst so brutal und herrisch, nachher aber so verlegen, fast beschämt gewesen war; sie war selbst überzeugt, daß er sie um Verzeihung gebeten haben würde, aber Zärtlichkeit und eine gewisse Dankbarkeit machten ihn nachher ebenso blöde und zaghaft, als ihn vorher sein Verlangen wild und zügellos gemacht hatte. Einige Tage später erfuhr Blandine, daß man den langen Ariaan festgenommen hätte; die Gendarmen hätten ihn abgefaßt, wie er die Nethe durchschwamm. Ihr bemitleideter Überwältiger war also nun ein rückfälliger Verbrecher geworden. Mehr als jemals schwor sie sich zu, zu schweigen, um ihm neue Unannehmlichkeiten zu ersparen und nicht zur Verschärfung seiner Strafe beizutragen. Aber die Ärmste hatte nicht mit dem Verrat durch die Natur selbst gerechnet: sie wurde schwanger. Ihre Stiefmutter, die Tugendheuchlerin, stieß ein lautes Zetergeschrei aus, raufte sich die Haare und spielte die Verzweifelte; aber im Grunde war sie hocherfreut über diese gute Gelegenheit, gegen ihr Opfer zu wüten und ihrer entmenschten Natur freien Lauf lassen zu können. Vielleicht hatte sie selbst dies Kind auf ein »Rosenland« geschickt in der stillen Hoffnung, daß man sie dort entehren würde! »Tag des Gerichts und der Verdammnis«, heulte die Megäre. »Ewige Schande und unauslöschlicher Skandal! Um unsern guten Namen ist's geschehn! Liederliches Mensch! Schamlose Dirne! Welch ein Beispiel für deine Brüder und Schwestern! Ein Glück für dich, daß dein ehrenhafter Vater nicht mehr am Leben ist! Er würde dich totgetreten haben, wie eine läufische Hündin, die du bist!« Sie forderte Blandine auf, genaueres zu erzählen: »Sein Name? Wirst du mir seinen Namen sagen?« »Niemals! Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen nicht gehorche, Mutter.« »Sein Name? Wirst du reden? Los!« Eine Ohrfeige, dann eine Sekunde Pause. »Sein Name?« »Nein, Mutter!« »Ah, du weigerst dich ... Nun, wir werden ja sehen ... Sein Name! ... Denn er muß dich heiraten.« »Sie würden ihn nicht zum Schwiegersohn haben wollen, Mutter!« »Du Aas! Du gestehst also selbst seine Unwürdigkeit ein! ... Er ist also so niedrig, dein Liebhaber, daß solches Lausepack wie wir noch zu hoch für ihn steht! ... Aber er muß dich doch heiraten, der Lump, der dich gebraucht hat! Sonst muß er ins Gefängnis wandern, denn du bist noch minderjährig, wenn du auch frühreif und entwickelt bist wie eine Dachkatze. Ohne Zweifel ist es einer von den »Rosenländern«, irgend ein besoffener Schweinehirt, der dich untergekriegt hat, indem er an seine Lieblingssau dachte ... Hoffe nicht, ihn zu retten, denn die Richter werden ihn schon zum Geständnis bringen oder einer seiner Kameraden wird ihn schließlich doch verraten.« Diesmal antwortete sie eifrig, von Mitleid getrieben: »Nein, es ist keiner von den »Rosenländern«! Es ist ein armer Landstreicher, elender als der niedrigste von ihnen; ich habe ihn nie zuvor gesehen und er ist auch nicht von hier ... Einer von denen, welchen man gern Almosen spendet ... Ich würde ihm nichts verweigert haben, und ich wußte selbst nicht vor diesen letzten Tagen, was ich ihm nicht zugestanden hätte ... »Elende Heuchlerin, du lügst!« Die Furie stürzte sich von neuem auf das arme Mädchen und versetzte ihr Ohrfeigen, indem sie sie jedesmal aufforderte, zu gestehen; dann, als Blandine hartnäckig blieb, schlug sie mit Händen und Füßen auf sie ein. Um sich Mut zu machen, erinnerte sich Blandine, ein Lächeln auf den Lippen, während die Schläge hageldicht auf sie niederfielen, an den großen Burschen mit dem broncebraunen Gesicht und den traurig flehenden Augen; es schien ihr verdienstlich, für diesen gehetzten und verfemten Menschen zu leiden. Die Stiefmutter schleifte sie an den Haaren auf der Erde hin, aufs äußerste gebracht durch diese Heiterkeit ihres Opfers. Da begann Blandine, unempfindlich gegen den Schmerz, verhärtet durch ihre Aufopferung, das Ave Maris Stella zu singen, einen Gesang für den Monat Mai. Und bei den Schlägen, die faustdick auf sie herabregneten, bildete das Kind sich ein, das Geräusch der gegen das Knie Adriaans schlagenden Getreideschwinge zu vernehmen. Halb ohnmächtig, aber von unbesiegbarer moralischer Widerstandskraft, brachte sie die beiden Weisen durcheinander, die religiöse Hymne und das Arbeiterliedchen; und wie sie die Augen schloß, floßen in ihrem Innern die Wolken des Weihrauchs und der Staub, der beim Getreideworfeln sich erhebt, der Duft der Kirche und der Schweißdunst des Landarbeiters zusammen, und sie sang: »Schwing! Schwinge! Hin und her! Spreu! Fliege! Ringsumher! Schwinge! Ave! Maris Stella!« Als sie ganz mit Blut überströmt war, schleppte die Rasende sie nach dem Schweinekofen, sperrte sie dort ein und ließ ihr durch eins der Kinder einen Krug Wasser und ein Stück trockenes Brot bringen. Am folgenden Tage gedachte die Stiefmutter sie wieder vorzunehmen, aber sie hätte eher selbst nicht mehr weiter gekonnt, ehe sie von Blandine herausgekriegt haben würde, was sie wissen wollte. Des Kampfes müde ließ die tugendsame Bäuerin den Pfarrer ihre Stieftochter ins Gebet nehmen. Dieser sprach väterlich freundlich und schmeichlerisch schlau auf sie ein: »Was soll das heißen, kleine Blandine? Soll ich glauben, was deine würdige Mutter mir erzählt? ... Man spielt die Unartige! ... Man widersetzt sich? Nachdem man gesündigt, weigert man sich, seinen Mitschuldigen zu nennen? ... O, das ist böse, sehr böse ist das!« »Ehrwürden, ich habe meinen Fehltritt meiner Mutter gestanden und ich bin bereit, ihn Ihnen zu beichten, aber die Angeberei widerstrebt mir ...« »Sehr schön, meine Tochter, höchst erhaben gedacht; aber wenn ich, dein Seelsorger, es für nötig erachtete, daß du uns den Namen des Übelthäters mitteiltest ...« »Ich würde ihn trotzdem verweigern, Herr Pfarrer.« Und als der Priester, verdutzt über diese Auflehnung, ihr einen harten Blick zuwarf, brach Blandine in Schluchzen aus. »Ja, ich würde ihn verweigern, Herr Pfarrer, diesen Namen, den ich selbst dem lieben Gott nicht sagen würde, wenn seine Allwissenheit ihn nicht kennen sollte. Dieser Mensch ist schon unglücklich genug. Ihn angeben hieße ihm eine neue Verurteilung zuziehen. Man soll ihn nicht länger im Gefängnis behalten um meinetwillen! ...« Das gute Kind hatte in den letzten Tagen vieles bezüglich der menschlichen Gesetze gelernt und viel über die Begriffe von Recht und Unrecht nachgedacht. »Aber«, warf der Priester ein, »du liebst doch diesen Elenden!« »Ich weiß nicht, ob ich ihn liebe, aber ich hasse ihn nicht.« – »Er hat dir aber doch Böses zugefügt, mein Kind!« »Vielleicht ... Ich will es selbst glauben, da Sie es mir versichern; aber, Herr Pfarrer, heißt es nicht in der heiligen Schrift, wir sollen unsern Feinden vergeben, diejenigen lieben, die uns hassen, denjenigen Gutes thun, die uns beleidigt haben ...« Der Priester fluchte innerlich, aber er drang nicht weiter in sie. Die neugierige Bäuerin änderte ihre Taktik und wollte wenigstens wissen, ob man Blandine gewaltsam überwältigt habe. Diese jedoch, um die Spione der Justiz irrezuleiten und den Fehltritt des armen Kerls zu verdecken, behauptete keinen Versuch gemacht zu haben, um sich seinem Angriff zu widersetzen. Allein die Stiefmutter blieb bei ihrem Verdacht, daß der eine oder der andere von den »Rosenländern« der Attentäter gewesen sei; die arme Blandine fühlte sich dadurch den schmerzlichsten Zweifeln preisgegeben. Wenn sie sich weigerte, den wirklichen Schuldigen anzugeben, setzte sie nicht diese braven Burschen allerhand Ungelegenheiten aus? Glücklicherweise wurde es ihnen allen leicht, ihre vollkommene Unschuld zu beweisen. Diese guten Jungen waren ganz außerordentlich betrübt über den ihr zugestoßenen Unfall; besonders derjenige, der sich erboten hatte, Blandine heimzugeleiten, machte sich jetzt die herbsten Vorwürfe, daß er nicht selbst gegen ihren Willen seine Absicht ausgeführt habe. Manchmal auch ergriff dieses hochherzige Kind das Verlangen, den aufzusuchen, der sie entehrt hatte, und der jetzt nicht wagen würde, seinen Fehltritt wieder gut zu machen, nicht nur weil er in den Augen der Menschen ein Verbrechen begangen, sondern auch weil in den Augen der Menge die Lage eines Jungfernkindes und einer unverheirateten Mutter noch erträglicher sei, als die eines legitimen Sohnes und einer rechtmäßigen Gattin eines Diebes und Vagabunden. Blandine in ihrer immer höher steigenden Exaltation wähnte sich imstande, sich über alle Konvention religiöser oder sozialer Art hinwegzusetzen. Seit jenem verhängnisvollen Peter-Paulstage fühlte sie eine himmlische Berufung zur Selbstverleugnung und Aufopferung tief in ihrem Herzen brennen. Sie war jetzt entschlossen, sich in das Gefängnis zu begeben. Sie wollte Ariaan sehen, um ihm ihre Vergebung anzukündigen; ja sie wollte selbst durch eine hochherzige Unwahrheit ihn entlasten und sich anklagen, daß sie sich ihm freiwillig hingegeben und ihm ihr Alter verheimlicht habe. Kräftig entwickelt, wie sie war, hätte Ariaan allen Ernstes glauben können, ein großjähriges Mädchen verführt zu haben. Sie wollte sich selbst darein finden, die Frau des Diebes, des abgestraften Verbrechers zu werden. Allein welch geheimnisvolles Vorgefühl hemmte die begeisterte Nächstenliebe des jungen Mädchens und ließ sie empfinden, daß ihre Stunde noch nicht gekommen sei, daß ein anderes Wesen, ebenso unglücklich und verfemt als dieser gutherzige Hühnerdieb, auf sie Anspruch machte? Zwischen Zweifeln und Bangen, zwischen dumpfen Schmerzen und Kämpfen ihres Inneren schwankte sie hin und her, bis ein Ereignis plötzlich jedes Opfer überflüssig machte: Blandine kam mit einem toten Kinde nieder. Diese Lösung befreite mit einem Male das arme Opfer und brach allem Skandal die Spitze ab. Das Verbrechen war auf diese Weise gesühnt; selbst die Stiefmutter behandelte die Ärmste jetzt weniger barbarisch. Ihre Brüder und Schwestern beleidigten Blandine nicht mehr und wichen ihr nicht mehr wie einem stinkenden Tiere aus. Man nahm wieder ihre Dienste an und war so gütig, ihr zu gestatten, daß sie sich wieder für das Wohl der Familie abschinden dürfe. – Einige Zeit später starb ihre Mutter. Blandine, damals fünfzehn Jahre alt, bewies einen heldenhaften Mut, obwohl sie nicht viel Wesens davon machte. Sie leitete den Haushalt, erledigte die vielfachen Geschäfte, bekümmerte sich um alles, nahm sich der Kinder an und sorgte für sie, bis sie dieselben günstig untergebracht hatte, die einen in der Lehre, die anderen in Stellungen. Die wackre kleine Mutter schaffte so tüchtig, daß man sie für mehr als rehabilitiert ansah. Der Pfarrer vor allem kam nie mehr auf die Vergangenheit zurück; seiner Bewunderung mischte sich eine Art Staunen bei. Die Tapferkeit und Charakterstärke dieser Kleinen verwirrten und beschämten ihn. V. Gerade zu dieser Zeit hatte die alte verwitwete Gräfin von Kehlmark auf ihren anspruchsvollen Haushalt und ihre zahlreiche Dienerschar verzichtet, um sich in eine zierliche Villa einer der vornehmen Vorstädte der Hauptstadt zurückzuziehen; sie suchte nun nach einer Vertrauensperson, die die Mitte hielte zwischen Gesellschaftsdame und Kammermädchen. Eine ihrer alten Freundinnen, die den Sommer über in dem Heimatsdorfe Blandinens zu wohnen pflegte, schlug ihr auf die Empfehlung des Pfarrers hin dieses tapfere kleine Mädchen vor, ohne das Abenteuer zu verschweigen, dessen Opfer sie gewesen war. Jedoch diese Besonderheit des Berichts, anstatt die alte Dame abzuschrecken, gewann der armen Blandine vielmehr die Sympathie der Großmutter Heinrichs, die sie sofort, als sie sich ihr vorstellte, in Dienst nahm. Aber welch niedliches und allerliebstes Dorfmädchen war sie nicht auch! Sie verkörperte die Gesundheit und Rechtschaffenheit. Ein reizender Kopf wie der einer griechischen Statue, aber belebt durch rosig angehauchte Wangen; klare, vertrauenerweckende Augen von leuchtendsten Saphirblau; ein anmutig geschwungener Mund von etwas melancholischem Ausdruck; hellblonde, ein wenig wellige Haare, die sich über einer Stirn wie von reinstem Elfenbein in zwei Scheitel teilten. Sie war zwar nur mittelgroß, aber tadellos gewachsen; in ihrem ländlichen Kostüm sah sie aus wie ein junges Mädchen aus bester Familie, das sich als Bäuerin verkleidet hat. Ihrerseits fühlte sich Blandine hingezogen zu dieser siebzigjährigen vornehmen Dame, die so ganz ohne Dünkel und geziertes Gethue war und doch durch ihren reichen Geist eine Zierde des Zeitalters Diderots und der Enzyklopädisten gewesen wäre. Wenn sie trotz ihrer sonstigen Vorurteilslosigkeit eine gewisse Voreingenommenheit für den Geburtsadel beibehielt, so kam das daher, daß sie, wenn sie sich mit den zahlreichen Emporkömmlingen ihrer Umgebung verglich, eine gewisse Überlegenheit der Empfindung des feinen Tones und der Erziehung bei einer Kaste sich nicht verhehlen konnte, die mehr und mehr zusammenschmolz und beinahe auf dem Aussterbeetat stand, nicht sowohl durch die Guillotine und die Septembermorde, als durch Mißheiraten mit der Finanzwelt. Aber andererseits betrachtete sie als spezielles Erbteil der Aristokratie diese hohen Eigenschaften des Herzens und des Geistes, die man in jeder Gesellschaftsklasse antrifft; doch wer sie besaß, galt für sie ebensoviel wie der Inhaber des ältesten Stammbaumes. Malwina von Kehlmark, geborene von Taxandrie, war ehemals, etwa um das Jahr 1830, eine Schönheit, welche die Musenalmanachs der damaligen Zeit für »ossianisch« erklärten; sie hatte lebhafte, graublaue Augen mit dem Regenbogenschiller der echten Perle, eine feingebogene Nase, einen geistvoll geschnittenen Mund; das Haar trug sie in Seitenpuffen nach englischer Mode. Sie war groß, sehnig und trocken, mit der Haltung einer Königin; diese imponierende Erscheinung hob sie noch durch schwarze Sammet- oder Seidenschleppkleider mit weiten Spitzenärmeln und durch Häubchen à la Maria Stuart; zu der reichen und vornehmen Toilette paßten die Edelsteine ihrer Ringe und ihrer Brosche; letztere war ein aus Onyx geschnittener Sphinxkopf mit einer ägyptischen Doppelkrone von Brillanten und Rubinen. Diese vornehme alte Dame besaß nichts steifes, kleinliches; Prüderie war ihr ebenso fremd wie ordinäres, unfeines Wesen; gütig ohne Leichtsinn, aber mit einer gewissen Schroffheit und Schalkhaftigkeit, liebenswürdig, freimütig, dabei von einer unendlichen Feinfühligkeit; jede Heuchelei war ihr verhaßt, ebenso wie sie Hinterlist, Doppelzüngigkeit und Niedrigkeit der Seele verabscheute. Diese Atheistin von reinster Herzensgüte mußte mit der stark dissidentisch angehauchten Christin vorzüglich auskommen. Die alte Gräfin mokierte sich ohne Bosheit über das, was sie Blandinens alten Trödelkram nannte, aber sie legte der Ausübung ihrer ohnehin sehr eingeschränkten religiösen Pflichten nichts in den Weg. Durch ihren heiteren Humor, der stets alles von der besten Seite nahm, durch ihren freimütigen Widerspruchsgeist kontrastierte die Gräfin von Kehlmark lebhaft mit dem überlegten stillen Wesen und dem frühzeitig gestählten Charakter des jungen Mädchens, das sie ihre kleine Minerva, ihre Pallas Athene nannte. Es machte der alten Dame Spaß, Blandine zu unterrichten; sie lehrte sie lesen und schreiben, so daß sie ihr bald als Vorleserin und Sekretär dienen konnte. Aber besonders flößte sie ihr eine große Verehrung für ihren Enkel ein, ihren Heinrich, der damals noch auf Schloß Bodemberg seinen Studien oblag; Frau von Kehlmark bezeichnete ihn naiver Weise Blandinen gegenüber als ihre einzige Schwärmerei, ihren Kultus, ihr Idol. Unaufhörlich erzählte sie ihrem Gesellschaftsfräulein von diesem kleinen Wunder, diesem so früh entwickelten, kompliziert gearteten Wesen. Seine Briefe aus der Erziehungsanstalt las sie und ließ sie sich immer wieder vorlesen, und Blandine mußte diese Briefe Heinrichs nach dem Diktat seiner Großmutter beantworten; aber sehr oft fand sie zuerst das zärtliche Wort oder die ganze Redewendung, nach der die alte Dame suchte. Und schließlich schrieb sie selbst den ganzen Brief, zu dem ihre Herrin ihr im großen ganzen die Anhaltspunkte gegeben; und jene fand, daß der Stil Blandinens noch mütterlicher klang, als der ihrige. Die verwitwete Gräfin zeigte ihr auch Bilder ihres Enkels; und die beiden Frauen wurden nicht müde, stundenlang die Photographien ihres Lieblings anzusehen: von einem Daguerreotyp, das ihn als kleines Kind mit einem bloßgestrampelten Beinchen auf dem Schoße seiner Mutter vorstellte, bis zu der letzten Aufnahme, die einen schmächtigen jungen Konfirmanden mit großen, fast starren Augen zeigte. Im Anfang hatte Blandine nur so gethan, als ob sie sich für alles, was den jungen Kehlmark betraf, interessierte, und sie brachte selbst das Gespräch auf ihn, um der guten alten Dame eine Freude zu machen und sie in ihrer rührenden Einsamkeit zu trösten; aber unmerklich gelangte sie dazu, diese Verehrung für den Abwesenden zu teilen. Sie liebte ihn von ganzem Herzen, ohne ihn jemals gesehen zu haben. Lag nicht vielleicht in dieser Zuneigung mehr ein Einfluß der Vorsehung als eine einfache Erscheinung von Autosuggestion? Die Zukunft wird es darthun. »Wie groß er jetzt sein muß! Und wie stark! Und wie schön!« überlegten die beiden Frauen. Sie stellten ihn sich vor und beschrieben ihn sich gegenseitig, indem die eine das Bild, das die andere von ihm entwarf, noch mit schmeichelhaften Verbesserungen versah. Wie es Blandine drängte, ihn persönlich kennen zu lernen! Sie sehnte sich ordentlich nach ihm! Da kam eine betrübende Nachricht aus der Schweiz, gerade als er zu den Ferien seine Großmutter besuchen sollte: Heinrich war krank geworden. Niemals hatte Blandine solche Angst kennen gelernt. Sie wäre am liebsten an das Krankenlager des jungen Mannes geeilt, wenn sie nicht an das Bett seiner Großmutter gefesselt gewesen wäre, die selbst zwischen Tod und Leben schwebte, bis ihr Großsohn außer Gefahr war. Dann aber welcher Jubel, als Blandine die Genesung des jungen Grafen erfuhr! Die Aussicht auf die Heimkehr dieses verhätschelten Kindes versetzte Blandine beinahe noch mehr in Aufregung als seine Großmutter. Sie zählte die Stunden bis zu seiner Ankunft und strich wie die kleinen Kinder die Tage im Kalender aus, bis der heißersehnte junge Student eintreffen sollte. Als Heinrich am Gitter der Villa schellte, öffnete ihm Blandine. Sie glaubte einen Gott vor sich zu sehen. Alles Blut strömte ihr zum Herzen zurück. Sie betete ihn an, voll Ehrfurcht, ohne eigensüchtige Hoffnungen und Wünsche, ganz um seiner selbst willen, und sie wurde sich klar, daß wenn sie nur immer mit dem jungen Kehlmark hätte zusammen leben dürfen, all ihr Verlangen, ihre heißesten Wünsche erfüllt sein würden. Später gab sie sich genau Rechenschaft von dem, was in ihr vorging, seit dieser ersten, aber entscheidenden Begegnung. Auch konnte dieser etwas verwickelte Eindruck, den sie zuerst empfing, sich erst später in einzelne bestimmte Empfindungen zerlegen. Kurz, Heinrich wirkte mit seltsamer, geheimnisvoller Macht auf Blandinens Gemüt. Zu diesem ersten blitzartigen Eindruck, der durch eine lange und anhaltende Ansammlung von Sympathie vorbereitet war, gesellte sich mit der Zeit ein wenig Furcht, Sorge und Bewunderung, vielleicht sogar etwas von dem geheimen Mitleid, das wir seltenen, abweichenden und nicht in das gewöhnliche Leben passenden Dingen entgegenbringen. »Ah, ohne Zweifel Fräulein Blandine! Die kleine Fee, von der mir Großmama schon so viel Schönes und Rühmliches mitgeteilt hat!« sagte der junge Mann, indem er dem Kammerfräulein die Hand hinstreckte. »Ich bin Ihnen sehr, sehr dankbar für Ihre Sorgfalt um sie!« setzte er ein wenig schüchtern hinzu. Die beiden jungen Leute stellten sich bald auf den Fuß vertraulicher Kameradschaft mit einander. Blandine verbarg unter ihrem munteren Benehmen die tiefe und innerliche Liebe, die sie beseelte. Verzichtete sie darum auf alle die Kunstgriffe, durch die sonst die Frauen einen Liebhaber anlocken, weil sie sich schon für Zeit ihres Lebens gebunden fühlte? Dieses Fehlen jeglicher Koketterie paßte diesem scheuen und launenhaften Jüngling, der zu aller Art von Galanterie ungeeignet war. Es gab Tage, wo er sich sehr bemüht um sie zeigte; an anderen aber sah er sie mit sonderbaren Blicken an und schien sie zu meiden, ja fast sie zu fliehen. * Drei Jahre sind verflossen. Jetzt ist es Mai und die Nacht bricht herein. Die alte Gräfin von Kehlmark speist allein bei ihrer langjährigen Freundin, Frau von Gasterle, wie sie es seit Monaten gewohnt war. Blandine soll sie dort Punkt zehn Uhr abholen. Heinrich hat sich in sein Zimmer zurückgezogen, wo er arbeitet – oder vielmehr so thut, als ob er arbeite, denn Zeit und Stunde regen zu entnervenden Gedankengängen der Phantasie an. Durch das offene Fenster hört der junge Graf die Musik der Drehorgeln im Arbeiterviertel, von dem die Villa seiner Großmutter durch einige Hektare von Lustgärten und blühenden Hecken geschieden wird. Seit einigen Abenden trägt der Wind klagende Trompetentöne, die zum Schlafengehen rufen, aus einer Artilleriekaserne am Ende der Vorstadt herüber, zugleich mit den Duftgrüßen der Fliederdolden, die unter seinem Fenster hin und her schwanken. Man baut auch in der Nachbarschaft; das Haus ist schon soweit fertig, daß morgen das Richtfest stattfinden soll, und jeden Tag hat der junge Patrizier den hellen Klang der Maurerkellen gehört, die an die Ziegelsteine schlagen. Mehrmals hat er sich aus dem Fenster gelehnt und den Handwerkern zugesehen; es waren schmucke Jungen vom Lande, welche, den Mörtelkübel oder das Wasserschaff auf der Schulter, sicher und schwindelfrei auf den schmalen Laufstegen dahinschritten. Mitunter verbarg das Laubwerk sie ihm; dann tauchten sie wieder plötzlich aus dem Grünen auf und ihre kräftige Hautfarbe hob sich wirksam ab von dem zarten Blau des Himmels ... Warum schwillt sein Herz in unsäglicher Pein, wenn er sie nach Sonnenuntergang in ihrem blauen Arbeitskittel und den kalkbespritzten Sachen vorbeigehen sieht? – Das wird noch schlimmer werden, wenn sie übermorgen fertig sind; ihre ineinandergreifende harmonische Thätigkeit war ihm zur Gewohnheit geworden, die seinen Augen wohlthat, und er sieht voraus, daß sie ihm fehlen werden, diese Schlingel; einer besonders, ein fixer blonder Kerl, weniger vierschrötig als die übrigen, sondern schlanker und ebenmäßiger gebaut, hätte durch seine vollendet geformten Lenden, Kniee und Schultern jeden Bildhauer entzücken können. »Später wird die Kaserne auch ihn seinem ›dekorativen‹ Beruf entreißen!« dachte Kehlmark, indem er den Appell des Signalhornes durch das Rauschen der Blätter und eine Woge von Duft zu sich herüberdringen hörte. Arbeiter, Bauern, die ihren Dörfern entzogen sind, kasernierte Soldaten, weite, leere Dörfer, Kirchtürme, die mit ihrem Geläute bei einem öffentlichen Unglück einem das Herz zerreißen: diese Verbindung flüchtiger Ideen verwandelte sich bei Kehlmark zu einer berauschenden Vorstellung des flachen Landes, von dem sich plötzlich wie dessen Symbol Blandine abhob, nicht die jetzige Blandine, sondern das kleine Bauernmädchen von ehemals, wie sie ihm vor dem retrospektiven inneren Blicke stand, ihm, dem begeisterten Verehrer der Kraft und der unverfälschten Natur. »Sie ist oben bei der Toilette!« sagte er sich, denn die Zeit war nahe, wo sie seine Großmama abholen sollte. Noch ganz von seiner Vision umfangen, die Augen noch trunken von ländlichen Bildern und berauschenden Liebesscenen, stürzt er zur Kammer der Kleinen hinauf. Obwohl sie im Hemde war, überkam Blandine doch nur ein leichter Schauer, als er bei ihr eindrang. Es war, als ob sie ihn erwartet hätte. Sie war im Begriff, ihr reiches schönes Haar zu lösen, das wie ein goldiger Strom über ihre Schultern floß, und duftend nach Lavendel und den aromatischen Kräutern ihres Landes wandte sie sich nach ihm um und lächelte ihm vertrauensvoll entgegen. Er ergriff sie bei den Händen, aber beinahe ohne sie anzusehen, während seine Augen in weiten Fernen zu suchen schienen, ja, er schloß selbst die Augen, um die flüchtigen Bilder festzuhalten, und so stieß er die Widerstandslose ohne ein Wort nach dem frisch gemachten Bett. Sie vor Entzücken erschauernd fuhr fort zu lächeln und ergab sich ihm wie einem neuen Vagabunden. Warum dachte er bei seinem Rausche an die Drehorgeltöne, die in der Dämmerung durch den blühenden Flieder zu ihm drangen, und die jungen Dörfler, die den blauen Kittel über ihr Arbeitshabit gezogen? Etwa, weil diese jungen Bauernburschen aus dem Lande der Geliebten hätten sein können? Nein, er vereinigte sich mit dem ganzen Menschentum des flachen Landes, wenn er sie umarmte; es war die Kraft und der Duft des Landes, die derbe sinnliche Geberde, das Fleisch der Scholle, der Extrakt des Lebens in der freien Natur, was er in Blandine an diesem hochzeitlichen Abend liebte. Dies Mal und die übrigen, die folgten, besaß er sie, indem er sich in Gedanken das Verlangen der robusten Landarbeiter vorstellte, das sie in ihnen angestachelt haben würde; er stellte sich vor, wie sie mit ihr verkehrten auf einem fahlgrünen, duftigen Heuhaufen unter dem Sinnenkitzel der Kirmeßzeit ... Einen Augenblick hatte Blandine den Blick dieser weit aufgerissenen Augen aufgefangen. Welch ein Abgrund öffnete sich ihr da? Der Abgrund zieht an und die Liebe ist eine Art Taumel. Ohne die ganze Fülle der Wonne zu empfinden, die sie erhofft hatte, ohne vor Lust zu vergehen, wie auf der Haide in den Armen des Worflerkönigs, fühlte sie vom Gehirn bis in ihr innerstes Mark eine seltsame tragische Zärtlichkeit für den jungen Grafen; sie sah in Heinrichs Augen eine unendliche Herzensangst, seine Umarmung schien ihr wie die krampfhafte Umklammerung eines Ertrinkenden, sein Kuß wie der Hülfeschrei eines, der ermordet wird. Sie hatte sich ihm hingegeben wegen der Überlegenheit seines Geistes; sie mischte immer Hochachtung und Ehrfurcht in ihre Beziehungen zu ihm. Ariaan, der gesund sinnliche Mensch – davon war Blandine jetzt überzeugt – war niemals von solchen erotischen Schreckensbildern verfolgt worden, wie sie die Sinnlichkeit und Einbildungskraft dieses jungen Patriziers durchloderten, der zu sehr von den Vorstellungen seines Gehirns beherrscht wurde. Obwohl sie ihn geradezu anbetete, so konnte sie doch jedesmal bei seiner Annäherung einen leichten Schauer nicht überwinden, wie er den Schwimmer bei der ersten Berührung des Wassers überläuft. Sie fand ihn sonderbar, phantastisch, beinahe furchterregend. In einzelnen Augenblicken zeigte er das traurige Aussehen eines verwunschenen Landes; er sah trübe und fahl aus, wie ein von Schutt und Schlick verunreinigter Kanal. Die Dämmerung, die in Unterbrechungen seinen Sinn befiel, ging vorüber wie eine wolkige Trübung seiner schönen blauen Augen. Auf heftige Ausbrüche von Güte und Zärtlichkeit folgten Rückschläge, ein frostiges, plötzliches Sichzurückziehen. Fortwährende Reaktionen zerrissen sein Gemüt. Seit sie Kehlmark zum ersten Mal gesehen, hatte sie gleich das Gefühl gehabt, einem geheimnisvollen Wesen gegenüber zu stehen, das mit einer Stimme zu ihr sprach, die sie nicht verstand, die ihr ewig fremd bleiben und ihr immer Herzbeklemmung verursachen würde; sie hatte sich ihm angelobt, ohne Hoffnung auf Heil, wie einem Gotte, der sie doch auf ewig seinem Paradiese fernhalten würde. Wenn sie ihn betrachtete, so fand sie in seinen Augen den Ausdruck jener Märtyrer, die vergebens mit fieberheißem Blick die Wolken zu durchdringen suchen, ob sie nicht endlich die leuchtenden Fittiche der Engel erspähen, die noch immer zögern, zu ihrer Erlösung herbeizueilen. Und dabei kannte sie eigentlich noch gar nichts von den Riten und den harten Proben jener seltsamen Religion der Liebe, der sie sich geweiht hatte. VI. Ihr intimes Zusammenleben dauerte nicht lange. Als die physischen Bande zwischen ihnen sich lockerten und später ganz lösten, betrübte dies Blandine weiter nicht und überraschte sie kaum. Dennoch liebte sie ihn inniger als je und bewahrte ihm eine abgöttische Erkenntlichkeit für die Ehre, die er ihr hatte zu teil werden lassen; sie war glücklich und stolz auf seine Annäherung. Die alte Gräfin hatte wohl ihr Einvernehmen geargwohnt, aber sie blieb immer in Unkenntnis darüber, wie weit ihre Liebe gegangen war. Sie lächelte über diese Neigung, denn sie gewöhnte sich mehr und mehr daran, Blandine wie ihre Enkeltochter zu betrachten, wie die Schwester, wenn nicht die Gattin Heinrichs. Frau von Kehlmark bewunderte auch ihrerseits ihren Enkel, aber ihre Sorge um ihn machte sie hellsichtig, so daß sie in ihm eine Ausnahmenatur, ja fast ein anomales Wesen ahnte; eine innere Stimme sagte ihr, daß der junge Graf einst unglücklich werden würde, – wenn er es nicht schon war. Sie beunruhigte sich über diese Schnelligkeit, oder vielmehr Unstätheit seines Geistes. Er arbeitete ruckweise, schloß sich in sein Zimmer ein, blieb wochenlang dort, ohne herunterzukommen, indem er las, dichtete, komponierte, sich an der Musik Beethovens, Schumanns, Wagners berauschte, die Leinewand vollpinselte oder in alten Scharteken herumkramte; auf diese Zeiten gänzlicher Abgeschlossenheit folgten Perioden, wo ein wildes Bedürfnis nach Betäubung über ihn kam; dann gefiel er sich darin, in den gemeinsten Spelunken sich einzunisten, in die Kneipen der Matrosen und Schiffer zu laufen, sich einem zügellosen Nachtleben zu überlassen; er verschwand tagelang und feierte seinen geheimen Karneval, ohne sein Bett zu berühren. Wenn er dann zusammenbrach, wie ein auf den Strand geschleudertes Wrack oder ein gehetztes und verwundetes Wild, das sich sterbensmüde in seinen Schlupfwinkel schleppt, ging er mehrere Tage nicht aus, um zu schlafen, zu schlafen, immer nur zu schlafen. Man kann sich denken, wie seine Extravaganzen die beiden Frauen bekümmerten. Meist wußten sie gar nicht, was aus ihm geworden war. Bevor er loszog, sagte er niemals, wo er hin wollte, und wenn er zurückkam, so schwieg er sich aus über die Verwendung seiner Zeit und die Art seines Verkehrs. Wie waren diese Ausschweifungen in Einklang zu bringen mit der zärtlichen kindlichen Liebe, die er seiner Großmutter entgegenbrachte? Wenn er von seinen Streifzügen zurückkehrte, weinte er wie ein Kind und bat die gute alte Dame herzbrechend um Verzeihung; aber das wäre stärker als er, es überwältige ihn, sagte er; er brauchte diese Veränderung, diese lärmende Zerstreuung; er mußte sich betäuben, sich in diesen tollen Strudel stürzen, um weiß der Teufel welche quälenden Gedanken zu verjagen; doch darüber verweigerte er sich näher auszulassen. Oder er schützte Kopfweh und Nervenschmerzen vor, die von seiner schweren Krankheit damals in der Pension zurückgeblieben seien. So ließ er sich eines Tages, als ihm die alte Gräfin mit ihren Klagen den Kopf heiß gemacht hatte, dazu hinreißen, Blandine in ein ganz verrufenes Tanzlokal zu führen. Gegen Morgen schleppte er sie unter dem Vorwand der Maskenfreiheit in Kneipen niedersten Ranges, brachte sie in Berührung mit liederlichem Gesindel, ließ sie teilnehmen an gemeinen Belustigungen in einer Umgebung, die ihn berauschte wie schlechter Alkohol, die ihr aber kein Vergnügen, nicht einmal eine Illusion von Vergnügen verschaffte. Man bemerkte es mißliebig in der Stadt, daß er nicht mit Leuten seines Standes umging, sondern Verkehr suchte mit Artisten, armen Litteraten, ja mit allerhand ganz verkommenen Subjekten. Sein Geschmack und seine Neigungen wiesen seltsame Widersprüche auf. So war er ein Sammler von seltenen Drucken und ein Liebhaber von wertvollen Einbänden; dabei stapelte er aber auch die abgelegten Kleider und das Handwerkszeug von armen Leuten auf, Matrosenmesser und schmutzige Einlaßkarten zu Vorstadtbällen. Oft, nachdem er sich allen Seelenregungen offen gezeigt, gefiel er sich in einer starren Unzugänglichkeit. Sein Frohsinn selbst schien gekünstelt, und eine rauhe Färbung seiner Stimme enthüllte zuweilen die eigentliche düstere Stimmung seines Inneren, so daß Blandine lange Zeit im Zweifel gewesen war, ob er überhaupt so recht von Herzen fröhlich sein könne. Er schnitt Grimassen, wenn er sich vergnügte; er grinste, statt zu lachen. Er sah aus, als ob er jenen beißenden Rauch in sich herumtrüge, von dem Dante spricht: portando dentro accidioso fummo. Er schien ein schreckliches Geheimnis in sich ersticken, irgend welchen Gewissensbissen Schweigen gebieten zu wollen. In seinen großen tiefblauen Augen lag zwar oft etwas Herausforderndes und Angriffsbereites; aber wenn er aufhörte, sich ein Gesicht zurecht zu machen, nahmen seine Augen jenen unbeschreiblich herzzerreißenden Ausdruck an, der Blandine überrascht und fürs ganze Leben ihm zu eigen gemacht hatte, jenen herzzerreißenden Ausdruck wie ein in die Enge getriebenes Tier, wie ein zum Tode Verurteilter, der das Schaffott besteigt, oder vielmehr jenen tiefunglücklichen und doch erhabenen Blick eines Prometheus, der das verbotene Feuer des Himmels geraubt hat. Freigiebig bis zur Verschwendung, leidenschaftlich für alles Recht und Gerechtigkeit entflammt, empört über alle Niedrigkeit des großen Haufens, reizbar bis zum äußersten konnte er schließlich keinen Widerspruch mehr vertragen und wurde ausfallend gegen jeden, der ihm entgegentrat. So wollte Blandine einst ein reizendes Kind armer Leute von ihm wegholen, die bei der alten Gräfin vorgesprochen hatten; Heinrich hatte für den Jungen eine zärtliche Neigung gefaßt, und als Blandine ihn ihm entreißen wollte, vergaß er sich soweit, seine Freundin mit einem Dolch in der Hand zu verfolgen und sie an der Schulter zu verwunden ... Sogleich war sein Zorn verflogen und voll rasender Verzweiflung, außer sich über sich selbst, drohte er, die Waffe auf seine eigene Brust zu richten, die er gegen Blandine gezückt hatte. Beunruhigt durch diesen Vorfall ließ die verwitwete Gräfin – ohne daß er es merkte, um ihn nicht aufzuregen – einen berühmten Arzt kommen, der sich zu Heinrich begab, unter dem Vorwande, sich bei ihm Auskunft über eine bibliographische Frage zu holen. Der alte Praktiker studierte den jungen Mann lange und eingehend, während er mit ihm ein wissenschaftliches Gespräch über Litteratur führte. Als er wieder mit der alten Dame allein war, stellte der Doktor seine Diagnose auf eine nervöse Reizbarkeit, deren Ursache zu entdecken sich beide vergeblich bemühten. Auf jeden Fall verordnete er eine Kaltwasserkur, Reiten, Fechten, Schwimmen, Schlittschuhlaufen; eine organische Verletzung, einen krankhaften Defekt hätte er nicht konstatieren können, im Gegenteil, niemals habe er eine so geschmeidige Intelligenz, ein so sicheres Urteil, einen so umfassenden Blick gefunden bei einem so lebhaften Geiste; er beglückwünschte schließlich Heinrichs Großmutter zu ihrem Enkel, indem er mit der etwas ungeschlachten Biederkeit eines gewiegten Kenners sagte: »Gnädige Frau, entweder bin ich ein vollkommenes Rindsvieh, oder dieser hochbegabte junge Mann wird ihrem Namen noch Ehre machen. Er ist ein Genie, ihr Großsohn; er ist aus dem Stoff, aus dem die Zukunft sich ihre Künstler, Apostel und Eroberer schnitzen wird!« »Wenn er doch lieber das Zeug hätte, glücklich zu werden!« seufzte die alte Gräfin, die zwar nicht sehr ehrgeizig war, auf die indessen die Prophezeiungen einer ruhmreichen Zukunft ihres Enkels doch nicht ganz ohne Eindruck geblieben waren. VII. In der Erwartung, daß sich dieses vorzügliche Prognostikon bewahrheiten werde, nahm Kehlmark seine gymnastischen Übungen wieder auf, in denen er auf der Schule so Ausgezeichnetes geleistet. Unglücklicherweise betrieb er auch den Sport in der fieberhaften, übertriebenen Weise, die seine Worte und Handlungen charakterisierte. Er gefiel sich in halsbrechenden Bravourstückchen; es machte ihm Spaß, die breitesten Flüsse zu durchschwimmen, bei stürmischem Wetter zu segeln und störrische, mit allen Untugenden behaftete Pferde zu reiten. Eines Tages ging sein Reitpferd durch, galoppierte neben dem Schienenstrang mit einem Expreßzug um die Wette, bis es sich endlich überschlug und seinen Reiter unter sich begrub. Kehlmark kam mit einer Verstauchung davon. Ein anderes Mal hatte er dasselbe Pferd, das außerordentlich nervös war, von einen Dogcart spannen lassen; das Tier scheute vor einem Maurerkarren, der mitten auf der Straße stehen geblieben war, machte einen erschreckten Seitensprung und raste dann die Straßen entlang, bis es auf einem mit Bäumen bepflanzten Platz mitsamt dem Wagen gegen einen Laternenpfahl rannte. Kehlmark und sein Groom wurden kopfüber herabgeschleudert, ohne jedoch Schaden zu nehmen. Auch das Pferd ging unverletzt aus dem Zusammenstoß hervor. Dagegen war der Wagen verbogen und beschädigt; einer der herumlungernden Kerle erklärte sich bereit, ihn gegen ein gutes Trinkgeld zu einem Wagenbauer zu schaffen. Ein Großhändler des Viertels erbot sich alsbald, dem Grafen sein Pferd und seinen Wagen zur Verfügung zu stellen. Es fing schon an, dunkel zu werden, und die alte Gräfin erwartete Heinrich zum Diner, und er war noch weit von der Wohnung entfernt. Der Groom machte seinen Herrn auf die große Erregung des Pferdes aufmerksam, das die Ohren spitzte und schnaubend und zitternd danebenstand, und riet ihm, das Anerbieten des Großkaufmanns anzunehmen. Aber der Graf ließ sich nur bereit finden, den Wagen zu leihen. Das hitzige Tier wurde also vor den Wagen des Bürgers gespannt. Kehlmark ergriff die Zügel, der Groom stieg hinten auf seinen Sitz, nicht ohne ein schiefes Gesicht zu ziehen. Gegen ihre Erwartung schien das Tier jetzt beruhigt und trabte wie gewöhnlich los. Als sie aber in einen Weg einbogen, der unter einem Viadukt in der Nähe des Bahnhofs hindurchführte, bemerkten sie, daß unten an der Rampe eine aufgeregte Menschenmenge vor einem in Brand geratenen Petroleumzug stand, aus dem haushohe Flammengarben emporloderten. Achtung, Herr Graf, das wird ihn wieder scheu machen. Bleiben Sie sitzen, ich werde umwenden! schlug Landrillon, der Reitknecht, vor. Und er schickte sich an, abzusteigen. Aber Heinrich hinderte ihn daran, indem er dem Pferd einen Peitschenhieb versetzte und ihm dann die Zügel ließ, so daß das erstreckte Thier auf die Menge zurannte. »In Gottes Namen!« hatte der Graf mit einem geringschätzigen Lächeln auf den Lippen gesagt. Entgegen den Befürchtungen des Kammerdieners durchschritt das Tier, das sonst ein Stückchen Papier, ein welches Blatt in Furcht versetzte, die Menge und trabte, ohne den geringsten Schrecken zu zeigen, mitten durch das Sprühen der Flammen, das Zischen des Wassers aus den Dampffeuerspritzen, das Schreien und Lärmen der Zuschauer hindurch. »Da sind wir fein durchgekommen, Herr Graf!« sagte Landrillon, als sie die kritische Strecke passiert hatten. Aber zwischen den Zähnen brummte er: »Bei solchen Stückchen wird er eines Tages seine Haut lassen! Das ist allerdings seine Sache, aber mit welchem Recht setzt er die meinige aufs Spiel?« Man hätte thatsächlich sagen können, daß der Graf jede Gelegenheit aufsuchte, um sich in Gefahr zu stürzen. Von welcher innerlichen Pein mußte er bedrückt werden, um so sein Leben zu mißachten, das zwei liebende Frauen ihm so sorgenfrei und angenehm wie möglich zu machen suchten? Jetzt standen die Gräfin und Blandine noch mehr Todesangst um ihn aus als früher. Die arme Großmutter hoffte ihn ans Leben zu fesseln, indem sie seinen kostspieligsten Launen freien Lauf ließ; aber wenn er so weiterlebte, wie er es jetzt that, würde er Hab und Gut, Seele und Körper bald zu Grunde richten. »Was wird aus ihm werden, wenn ich einmal nicht mehr bin?« fragte sich die würdige alte Dame. »Er braucht eine liebende und kluge Gefährtin, eine Frau, die ihn zu leiten versteht, einen Schutzengel, der ihm voll und ganz ergeben ist!« Infolge eines Restes von Vorurteil ging die Gräfin Kehlmark nicht so weit, denen, die sie ihre beiden Kinder nannte, zur Heirat zu raten; aber sie würde sich einer solchen auch nicht widersetzt haben. Wenn sie mit Blandine allein war, so gestand sie ihr ihre Befürchtungen hinsichtlich der Zukunft des jungen Grafen. »Er brauchte«, sagte sie, »eine wahre Heilige, einen Schutzgeist, der dieses thörichte große Kind sicher durchs Leben führen könnte, jemand, der ohne seine Hirngespinste brutal zu zerreißen, ihn mit sanfter Hand auf die Wege der Wirklichkeit leiten würde!« Blandine versprach aus tiefster Seele ihrer Wohlthäterin, immer über dem jungen Grafen zu wachen und ihn nie zu verlassen, bis er sie davonjagen würde. Die alte Gräfin hätte wohl gern ihre Vereinigung unlöslich gestaltet, aber sie wagte nicht, mit Heinrich über diesen heiklen Gegenstand zu reden und ihm ihren Lieblingswunsch mitzuteilen. Infolge der vielen Aufregungen begann ihre kräftige Gesundheit zu wanken und ihr Zustand verschlimmerte sich von Tag zu Tag. Sie sah ihr Ende herannahen mit jener stolzen Resignation, die sie aus den Schriften ihrer Lieblingsphilosophen geschöpft; sie sehnte den Tod herbei mit jener Freude, mit der der Arbeiter nach den Mühen und Lasten einer anstrengenden Woche sich die Ruhe am Sonntag ausmalt; nur das Schicksal ihres geliebten Enkels erfüllte sie mit Herzensangst. Heinrich und Blandine saßen an ihrem Bett, und irregeleitet durch die Ruhe der Sterbenden, vermochten sie nicht zu glauben, daß das Ende so nahe bevorstände. Es scheint, daß die Nähe des Todes den Sterbenden die Gabe des zweiten Gesichts und der Prophetie verleiht. Sah die alte Gräfin von Kehlmark die trübe Zukunft ihres Großsohnes voraus? Fürchtete sie, Blandine zu bitten, ihr Geschick unauflöslich mit dem Heinrichs zu verknüpfen? Immerhin ließ sie ihren höchsten und letzten Wunsch nicht laut werden. Mit einem unaussprechlichen Lächeln begnügte sie sich, beider Hände in einander zu legen und zärtlich zu drücken; dann schlummerte sie, traurig, nicht, daß sie sterben sollte, sondern, daß sie ihre Kinder verlassen mußte, hinüber. In ihrem Testament hatte sie Blandine eine beträchtliche Summe ausgesetzt, die hingereicht hätte, der treuen Dienerin die Unabhängigkeit und Selbständigkeit für zeitlebens zu sichern. Aber hatte diese nicht der hochverehrten Toten versprochen, ihr Leben lang bei Heinrich von Kehlmark zu bleiben? Als einige Monate nach dem Tode seiner Großmutter der Graf, der sich immer mehr von der langweiligen und einförmigen Gesellschaft in der Stadt angeekelt fühlte, Blandine seinen Plan kundgab, sich in Escal-Vigor häuslich niederzulassen, fern von der Hauptstadt, auf diesem üppigen, barbarischen Eiland, antwortete sie ihm einfach: »Damit bin ich durchaus einverstanden, Herr Heinrich!« Trotz des vertrauten Fußes, auf dem sie standen, geschah es selten, daß sie dem Namen des jungen Mannes nicht diese respektvolle Bezeichnung vorhergehen ließ. Kehlmark hatte die vollkommene Hingebung, die sie ihm weihte, noch nicht erkannt; er hatte geglaubt, daß sie die Freigiebigkeit der Verstorbenen benutzen würde, um in ihre Heimat zurückzukehren und sich dort nach einem passenden Gatten umzusehen. »Was willst du damit sagen?« fragte er, eingeschüchtert durch den Ausdruck schmerzlicher Überraschung, den er auf dem Antlitz des jungen Weibes wahrnahm. »Mit Ihrer gütigen Erlaubnis, Herr Heinrich, werde ich Ihnen überall hin folgen, wo Sie es für gut befinden, Ihr Heim aufzuschlagen, – wofern meine Anwesenheit Ihnen nicht ungelegen ist ...« Und vorwurfsvolle Thränen zitterten in ihren Augen, obwohl sie sich Mühe gab, wie immer zu lächeln. »Verzeihen Sie, Blandine!« stammelte der Ungeschickte; »Sie wissen wohl, daß keine Gesellschaft, die Gegenwart keines anderen Menschen mir so angenehm ist, wie die Ihrige ... Aber ich möchte Ihre Entsagung nicht allzusehr mißbrauchen ... Nachdem Sie mehrere der schönsten Jahre Ihrer Jugend geopfert, um meine würdige Großmutter zu pflegen, kann ich mich nicht damit einverstanden erklären, daß Sie sich da unten in einer Wüste mit mir lebendig vergraben, zumal sie sich dort in einer zweideutigen Lage befinden würden und den üblen Nachreden böswilliger Landleute ausgesetzt wären; ich kann es umso weniger jetzt, wo Sie Ihr eigener Herr sind, nachdem die teuere Verblichene sich bemüht hat, sich für Ihre treuen Dienste erkenntlich zu erweisen, indem sie Sie in den Stand gesetzt hat, ganz unabhängig zu leben ... Sie könnten sich also wohl gut selbständig einrichten ...« Er wollte noch hinzufügen: »und einen Mann finden«; aber die Augen Blandinens, die sich immer mehr mit Thränen füllten, ließen ihn merken, daß ihr ein solches Wort schrecklich sein würde. »Ja«, fuhr er fort, indem er ihre Hände ergriff und sie mit diesen rätselhaften Augen ansah, in welchen Melancholie und Exaltation zu gleicher Zeit schlummerten, »Sie verdienten glücklich zu werden, sehr glücklich, meine gute Blandine! ... Denn Sie waren so hingebungsvoll, viel besser als ich, ihr Großsohn, gegen die geliebte Tote ... Ach! Ich habe ihr wohl viel Sorgen gemacht – Sie wissen es wohl, denn Sie waren ja ihre Vertraute – ich habe ihr manchen Schmerz verursacht, gegen meinen Willen zwar, aber grausam war es doch ... Und vielleicht habe ich durch meinen ungleichmäßigen Charakter und meine zahllosen Tollheiten ihr Ende beschleunigt ... Aber glaube mir, Blandine, es war nicht meine Schuld; nein, nein niemals habe ich es absichtlich gethan ... Es war etwas anderes, etwas, das kein Mensch, selbst ich nicht begreifen und sich vorstellen kann; mein Schicksal, etwas Unbeschreibliches spielte da hinein ...« Hier umschleierten sich seine Augen noch mehr; er wischte sich mit dem Handrücken der Linken den Schweiß von der Stirn; er konnte sich gerade jetzt zweifellos nicht frei machen von einem Bilde, einer Vorstellung, die ihn verfolgte. »– Während du, Blandine«, fuhr er fort, »sie mit Licht und Duft, Lächeln und Liebkosung umgeben hast ... Ach, lasse mich, mein armes Kind! Wir müssen uns jetzt trennen ... Dies wird besser sein für uns beide, wenn nicht für mich ...« Er wandte sich ganz erschüttert ab, selbst den Thränen nahe und entfernte sich von ihr, indem er mit der Hand eine Bewegung machte, als ob er sie zurückstoße; aber sie ergriff diese Hand, welche sie wegweisen wollte, und umklammerte sie krampfhaft: »Das werden Sie mir nicht anthun wollen, Heinrich!« rief sie mit flehender Stimme, die dem jungen Grafen tief ins Herz schnitt. »Wohin sollte ich gehen? Nachdem ich Ihre angebetete Großmutter verloren, habe ich nur noch Sie. Sie sind mein Lebenszweck. Und vor allem sprechen Sie mir nicht von Opfer. Die Jahre, die ich das Glück hatte bei Ihrer hochverehrten Großmutter zubringen zu dürfen, hätten niemals schöner sein können! ... Alles verdanke ich der teuren Entschlafenen! ... O lassen Sie mich in Demut die Schuld an Ihnen abtragen, die ich gegen sie hatte ... Sie brauchen einen Intendanten, einen Administrator, der sich mit Ihren Angelegenheiten beschäftigt, der Ihr Vermögen verwaltet, der Ihrem Hauswesen vorsteht ... Sie haben den Kopf zu sehr voll hochfliegender Ideen, um sich mit all diesen prosaischen und materiellen Details zu befassen. Zählen, rechnen ist Ihre Sache nicht. Das ist aber etwas für mich, darauf verstehe ich mich! Nein, mein Herr Künstler« – und sie sah ihn mit einem bezaubernden Lächeln an – »schicken Sie mich dies Mal nicht fort; lassen Sie mich die Stelle einnehmen, die ich bei der Frau Gräfin ausfüllte ... Wenn sie noch hier wäre, so würde sie selbst für mich eintreten ... Oder gedenken Sie zu heiraten?« »Heiraten!« schrie er auf. »Ich, heiraten?« Es war unmöglich, die Betonung dieser Worte mißzuverstehn. Der Graf von Kehlmark mußte ein abgesagter Feind jeder ehelichen Verbindung sein. Blandine konnte ihre Freude kaum verbergen; sie lächelte durch ihre Thränen. »Nun gut, Heinrich! Dann will ich Sie nie verlassen. Wer soll Ihr großes Schloß dort unten in Ordnung halten? Wer für Sie sorgen? Kennt jemand Ihre Wünsche so genau wie ich? Und wer sollte sich so bemühen, ihnen zu entsprechen? Nein, Heinrich, wir können uns nicht trennen ... Sie können nicht mehr ohne mich auskommen, wie ich nicht mehr ohne Sie leben könnte ... Sehen Sie, selbst wenn Sie verheiratet wären, würde ich Ihnen in Ihr Heim folgen, im Dunkel, ungesehen, unterwürfig, als Ihre ergebene Dienerin ... Ja, wenn Sie es wünschen, will ich nicht mehr sein, als Ihr treues Faktotum ... Ach, Herr Heinrich, nehmen Sie mich mit; Sie sollen sehen, ich werde Sie durchaus nicht stören, ich werde Ihnen mit meiner Person nicht lästig fallen, ich werde nur thun, was Sie wollen ... Außerdem, ich darf es Ihnen wohl sagen, Heinrich, war es der Wunsch Ihrer Großmutter; behalten Sie mich aus Rücksicht auf die teure Dahingeschiedene ...« Und tief bewegt brach Blandine aufs neue in Schluchzen aus; auch Kehlmark fühlte sich erschüttert bis in die Tiefen seiner Seele. Er zog das junge Mädchen sanft an seine Brust und küßte sie brüderlich auf die Stirn. »Nun gut, geschehe es nach deinem Begehr«, murmelte er, »mögest du es niemals bereuen, mir niemals Vorwürfe machen, daß ich dir nachgegeben.« Bei diesen letzten Worten zitterte seine Stimme; dumpf klang es aus ihr wie die Drohung einer unabwendbaren Katastrophe. VIII. Außer Blandine hatte der Graf von Kehlmark noch seinen einzigen Bedienten nach Escal-Vigor mitgenommen, denselben, der ihn bei dem Unfall mit dem Wagen begleitet hatte. Thibaut Landrillon, der Sohn eines ardennischen Waldhüters, war ein untersetzter, stämmiger und kräftiger Bursche. Da er lange in der Kaserne gelebt hatte, so hatte er sich das Aussehen und die Manieren des »Marodeurs« bewahrt, des schneidigen Kerls, der »den Trotz der Männer und die Herzen der Weiber knickt«, wie er sich in seinem Soldatenkauderwelsch ausdrückte. Er hatte ein rundes Gesicht, braune, listig blitzende Augen, eine kleine schnuppernde Stuppsnase und dicke, leuchtendrote Lippen, ein Zeichen von Sinnlichkeit und Grausamkeit zugleich, unter denen ein kleines Bärtchen saß, eine sogenannte Fliege; seine Wangen waren von einer beinahe kupferigen Röte; er hatte kleine, haarige, verkrumpelte Ohren wie ein Satyr, dichtes, struppiges Haar, abfallende Hüften und runde Beine. Unter einem gewandten Benehmen und einer biederen Gesprächigkeit verbarg er eine gierige, hinterlistige, heimtückische Seele. Seine drollige Art und Weise, seine pöbelhaften, gepfefferten Ausfälle hatten indessen die Gabe, zu erheitern und den immer geistig beschäftigten, gespannt nachdenkenden, grübelnden Schloßherrn von Escal-Vigor seinen trüben Gedanken zu entreißen, wie die Hofnarren ehemals den Tyrannen des Mittelalters über ihre schlechte Laune und ihre heimlichen Gewissensbisse durch ihre Späße hinweghalfen. In jedem Pfuhl der Ausschweifung hatte er sich schon herumgewälzt; wie seine Stalljacke und seine Stiefel, so war auch seine Moral mit Schmutz und Mist durchtränkt. Die Mütze schief auf einem Ohr, die Hände in den Hosentaschen, den Stummel in einem Mundwinkel, oder das Priemchen aus einer Backe in die andere schiebend schlenderte er umher, als ob er noch immer die Stallwache zu spielen hätte, indem er alles ringsumher vollspuckte oder mit erstickendem Tabaksqualm erfüllte. Keine Wohlthat hätte ihn gerührt oder ergriffen. Gegen seinen Herren, der ihn sozusagen aus dem Rinnstein aufgelesen, der ihn trotz seines Strafabschiedes und der schlechtesten Referenzen zu sich genommen hatte, empfand er nur den Neid, das Übelwollen, die Rachsucht des Bettlers gegen den Reichen, des Niedrigstehenden gegen den Hochgeborenen, einen wilden Haß, den er unter der Maske treuherziger Biederkeit versteckte. Sein scheinbar kühles, durch nichts in Wallung zu bringendes Wesen verbarg eine zügellose Gier nach ordinären Vergnügungen, nach Luxus und Reichtum, und seine sinnlichen Gelüste hatten ausschließlich die physischen Sensationen, die mannigfachen Arten der Ausschweifung zum Gegenstand, welche sich die Reichen mit ihrem Gelde erkaufen können. Die geistigen Vergnügungen, an denen Kehlmark Gefallen fand, hielt er für albernen Trödel. Der Graf zeigte gegen diesen Possenreißer eine große Nachsicht. Er lächelte ihm freundlich zu, wenn jener seine Hintertreppengeschichten auskramte. Eine besondere Force besaß Landrillon in allerhand Ausfällen gegen die Weiber; er überbot sich in herabwürdigenden Tiraden und gemeinen Paradoxen gegen ein Geschlecht, das ihm, wenn man ihm glauben durfte, nur allzuviel Entgegenkommen bewiesen hatte. So lange sie in der Stadt lebten, wohnte Landrillon nicht im Hause der verwitweten Gräfin, – dieselbe konnte sich niemals an die »Grimassen dieses Affen« gewöhnen – sondern in einem besonders gemieteten Stallgebäude in einiger Entfernung von der Villa. Jetzt fühlte sich der Bursche ganz im richtigen Fahrwasser, und wenn er auch sein Spiel noch nicht zeigte, so hatte er doch seinen Plan schon fertig. Das sollte ihm fehlen, sein ganzes Leben lang mit den ergatterten Trinkgeldern auszukommen! O nein, er hatte auch seine Projekte! Hatte die dicke Klaudia den Ehrgeiz, Gräfin von Kehlmark zu werden, so hatte er sich vorgenommen, die Leiterin des Schlosses zu heiraten. Ob er den intimen Verkehr zwischen Blandine und Heinrich gleich gemerkt hatte, ist schwer zu sagen; indessen würde er sich daran nicht gestoßen haben und mit dem zufrieden gewesen sein, was ihm sein Herr übrig gelassen hatte. Die Schloßverwalterin von Escal-Vigor war in seinen Augen an und für sich ein ganz leckerer Bissen, aber er würde sie besonders wegen des »schönen Groschens« heiraten, den sie verstanden hatte der Alten abzuluchsen. Er seinerseits, der schneidige Kerl, hatte doch auch gar kein so schlechtes Los in der Lebenslotterie gezogen; er besaß seine gewissen äußeren und inneren Vorzüge, die doch auch ein ganz nettes kleines Vermögen repräsentierten. Immerhin konnte er mit diesen Vorzügen, die vielleicht auf eine Spülmagd Eindruck machen mochten, der zurückhaltenden und vornehm empfindenden Blandine wenig imponieren. Sie glich wahrhaftig einer feinen Dame, diese elegante Mamsell! Fürwahr, sie würde ihm keine Schande machen, wenn sie hinter dem Schenktisch einer fashionablen Sportbar paradierte, wo sich die Buchmacher und die kleinen Börsenjobber zusammenfinden würden. Aber jetzt vorwärts, mein Junge! Mache dich angenehm bei der Rentiere! Bis dahin hatte Blandine die Aversion der verstorbenen Gräfin geteilt und ihm wenig Sympathie entgegengebracht; aber Thibaut Herzensbrecher war nicht der Mann, sich abweisen zu lassen. Im übrigen drängte ihn ja nichts, er konnte warten! Wiegte sie sich vielleicht in dem schönen Gedanken, daß Kehlmark sie heiraten würde? Thibaut war nicht wenig erstaunt, daß sie jetzt, wo sie Geld genug hatte, um frei und unabhängig zu leben, Kehlmark nach Smaragdis begleitete. Gerade das aber bestimmte ihn, mit ihnen zu gehen. »Wie dumm!« sagte er sich; »sie bleibt nur bei dem Gimpel, weil sie sich schmeichelt, ihn einzufangen. Fehlgeschossen, mein Herzchen! Der scheint die Nase voll zu haben! Faule Fische, der und dich heiraten!« – »Na, ich bin auch noch da!« simulierte er eines anderen Tages, indem er sich an der Nase zog, was bei ihm immer ein Zeichen innerer Befriedigung war; »die Spitzbübin glaubt sich in die Wolle zu setzen, wenn sie die Zügel des Haushaltes an sich nimmt: Prost Mahlzeit! Das kann uns nur zu Gute kommen!« ... Der Halunke beurteilte eben jeden Charakter nach dem Maßstabe des seinigen. Seine Schlauheit ließ ihn vollständig im Stich, wenn es sich darum handelte, edle Beweggründe zu entdecken. In Escal-Vigor beschloß er, gerade auf sein Ziel loszugehen. Von der Langenweile geplagt, dem Deichgrafen vernachlässigt, würde die gnädige Intendantin den Bewerbungen des galanten Kutschers vielleicht geneigteres Gehör schenken. Und sollte das Zierpüppchen sich noch fernerhin hinter ihr vornehmes Gethue verschanzen und sich hinter ihre Tugend zurückziehen wollen, so schmeichelte sich der »verfluchte Kerl«, auf andere Weise zum Ziele zu kommen. Wenn Geduld und Überredung nichts nützten, würde er sie mit Überraschung und Gewalt überwältigen. Was würde da Schlimmes daran sein? Den Teufel auch! Sie konnte noch an eine kühlere Mannesperson kommen. In gewisser Hinsicht glaubte sich der Stallknecht seinem Herren mindestens gleich! Die Schöne würde also bei dem Tausch nichts verlieren ... Kehlmark fuhr fort, sich dem Ton und Benehmen dieses lustigen Spaßvogels anzubequemen, von dessen wahrem Charakter er keine Ahnung hatte. Der Graf selbst fühlte sich versucht, zu glauben, daß dies Sichgehenlassen und dieser Cynismus aus einem unbändigen Freiheitsdrange herstammten, einem beinahe philosophischen Scharfblick, der seinem eigenen Auffassungsvermögen ähnlich wäre. Heinrich war ordentlich gerührt von der Bereitwilligkeit, mit der sein Diener sich einverstanden erklärte, die Hauptstadt zu verlassen und ihm nach Smaragdis zu folgen. »Du willst dich also auch mit mir in dieses Mövennest zurückziehen, mein armer Thibaut? Das ist wirklich nett von dir!« Er ahnte nicht im entferntesten die Pläne dieses Schurken, ja er war verblendet genug, seine Treue und Ergebenheit auf eine Stufe mit der der hochherzigen Blandine zu setzen. Er hätte vielleicht eher die aufrichtige Zärtlichkeit des jungen Weibes entbehren mögen, als die Gegenwart dieses anmaßenden und verschlagenen Schlingels. In der Folge wird man besser verstehen, warum der Spott, der Sarkasmus und die Blasphemien dieser elenden Bedientenseele dem verbitterten Gemüt des Deichgrafen wohlthaten. Man wird darüber klar werden, wie diese feingeartete, liebebedürftige und leidenschaftliche Natur so lange die Gesellschaft dieses gemeinen Schmutzfinken ertragen konnte, der unfähig war, eine Zuneigung, wie sie auch immer war, sich anders als im Verein mit niederen Ausschweifungen und unflätigen Intimitäten vorzustellen. Zweiter Teil Blandinens Opfer I. Am zweiten Tage nach dem Einweihungsfest begab sich der Deichgraf nach dem Pilgerhofe. Er kam zu Pferde an mit zwei Gordonsetters, die bellend im Straßenstaube vor ihm her sprangen. Der Großbauer, der gerade auf einem benachbarten Felde ein Stück Land umgrub, warf seinen Spaten weg und hatte gerade nur noch Zeit, seinen Rock über sein rotes Flanellhemd zu ziehen; seine Tochter indes gab sich gar nicht erst Mühe, ihre Ärmel über ihre dicken roten Arme herabzustreifen. Alle beide kamen atemlos angerannt, und nachdem sie den Ankömmling willkommen geheißen, luden sie ihn ein, näher zu treten. Michael Govaertz hatte nicht zu viel gesagt. Die ganze Besitzung vom Wohnhaus bis zum kleinsten Nebengebäude, die Vieh- und Pferdeställe, die Kellerräume, die Scheunen, der Wirtschaftshof, alles war in peinlichster Ordnung gehalten und reich mit allem Komfort ausgestattet. Heinrich zeigte sich wieder sehr um Klaudia beschäftigt; er ließ sich von der jungen Bäuerin Auskunft über die Bewirtschaftung des Gutes erteilen, hörte aufmerksam zu und zeigte nicht die geringste Langeweile bei Besichtigung der Vorräte von Kartoffeln, Rüben, Bohnen und Zerealien, die man ihm auf luftigen Speichern oder in feuchten und dunklen Verschlägen zeigte. Mehr als einmal blieb er stehen, um den Arbeiten auf dem Hofe zuzuschauen, so zum Beispiel bei zwei Knechten, die Klee abluden; der eine stand auf dem gefüllten Wagen, der andere am Eingang der Scheune, indem er mit der Heugabel die Bündel rotblühenden Klees auffing, die sein Kamerad ihm zuwarf. Ihr Teint war sonnengebräunt, ihre Augen blau wie Fayence; ein kindlich unschuldiges Lächeln auf ihren üppigen Lippen ließ ihr gesundes Gebiß sehen. Sie arbeiteten mit Feuereifer, und als Klaudia mit ihrer tiefen, rauhen Stimme sie antrieb, verdoppelten sie ihre Anstrengungen, die durch ihre Plastik die Seele des Grafen gefangen nahmen; das große dicke Mädchen spornte sie an, wie man etwa kräftigen Lasttieren zuredet. Kehlmark erkundigte sich auch nach dem jungen Guido, jedoch ganz obenhin und wie aus einfacher Höflichkeit für die Familie. Der Taugenichts steckte da unten irgendwo, nach Klaarwatsch zu; Klaudia wies nach dem Horizont am anderen Ende der Insel mit einer lässigen Handbewegung, indem sie die Schultern zuckte; dann gab sie dem Gespräch schnell eine andere Wendung. Klaudia beschäftigte den Besucher vollkommen, und er schien nur für sie Aufmerksamkeit zu haben, beziehungsweise für das, was sie ihm zeigte. Er streichelte ermutigt durch ihr Beispiel den glänzenden Nacken der Kühe; er mußte von der schäumenden Milch kosten, mit der stramme Kuhmägde irdene Näpfe füllten. In einem benachbarten Raum butterten andere Kraftgestalten. Der fade, säuerliche Geruch machte Heinrich übel und er zog es vor, den kräftigen Heuduft in der Scheune einzuatmen, wo sein Reitpferd inmitten der robusten Arbeitsgäule des Gutes sich an dem frischen Klee gütlich that. Im Garten pflückte Klaudia ihm ein Sträußchen von Flieder und Nelken und steckte es ihm, nicht ohne ihn dabei mit ihren Armen zu streifen, in den Ausschnitt seiner Weste. »Sie müssen einmal wiederkommen, wenn die Erdbeeren reif sind!« sagte sie, indem sie sich bückte, angeblich um ihm die ansetzenden Beeren zu zeigen, in Wahrheit jedoch, um ihn durch ihren üppigen Wuchs und die aufregenden Konturen ihres Fleisches zu reizen. »Schon Mittag!« rief Kehlmark, indem er seine Uhr zog, als es vom Kirchturm von Zoutbertingen zwölf schlug. Der Bauer lud ihn lachend ein, ihr ländliches Mahl zu teilen; doch wagte er nicht zu hoffen, daß der Graf annehmen würde. »Gern!« sagte dieser, »doch unter der Bedingung, daß ich an dem großen Tisch der Leute mitesse und dieselben Gerichte wie sie bekomme!« »Welcher Einfall!« rief Klaudia; dennoch fühlte sie sich geschmeichelt, daß er so gar keine Umstände machte. Diese Herablassung schien ihr sehr dazu angethan, den Abstand zwischen dem feinen Stadtherren und der einfachen Tochter des Landes zu verringern. »Alles strotzt von Gesundheit!« bemerkte Kehlmark, indem er seinen Blick über die Tafel schweifen ließ. »Sie sind ebenso lecker als das, was sie sich so brav schmecken lassen, und ihr appetitliches Aussehen unterstützt den gaumenreizenden Duft, der von den Schüsseln aufsteigt.« Nach dem auf dem Lande dort üblichen Brauch bedienten die Frauen die Männer bei Tische und aßen erst nach jenen. Sie brachten eine Art Suppe mit Speck und Gemüsen, in die Heinrich als der erste seinen Zinnlöffel tauchte. Seine Nachbarn, die beiden Knechte, die den Klee eingefahren hatten, folgten schleunigst seinem Beispiel. »Kommt Ihr Sohn nicht zum Essen nach Hause?« fragte Kehlmark den Bürgermeister. »Ach, der!« antwortete Klaudia; »der holt sich jeden Morgen sein Brot und sein Fleisch!« Nach dem Mittagessen brach Heinrich auf. Klaudia, überzeugt, daß sich ihr jetzt eine günstige Gelegenheit ihn zu fangen biete, begleitete ihn noch über die Ländereien ihres Vaters. So konnte sie ihn ihren Reichtum sehen lassen. Ihre Felder gingen bis da unten hin, viel weiter als die Windmühle dort. »Sehen Sie dort, wo Sie die weiße Birke sehen!« Sie gab dem Deichgrafen zu verstehen, daß sie sehr reich seien, schon jetzt ohne das, was sie noch erhofften. Die beiden Schwestern ihres Vaters, zwei alte Frömmlerinnen, die etwas gespannt mit dem Bürgermeister waren, hatten gleichwohl versprochen, seinen Kindern all' ihr Hab und Gut zu vermachen. Kehlmark trödelte derartig, daß der Abend schon herabzusinken begann, als er sich endlich daran machte, sein Pferd zu besteigen. Der Graf hatte noch immer gehofft, den kleinen Klapphornspieler wiederzusehen, und als er endlich einsah, daß er darauf verzichten müsse, ihn zu treffen, erkundigte er sich noch einmal nach ihm. »Oft kommt er erst des Nachts nach Hause!« sagte Klaudia, indem sie bei der bloßen Erwähnung des verstoßenen Jungen die Stirne runzelte. »Ja manchmal schläft er sogar draußen. Seine Herumstrolcherei bekümmert uns schon gar nicht mehr, Vater und mich. Wir werden durch nichts mehr von seiner Seite überrascht.« Des Grafen Herz krampfte sich zusammen, wenn er sich den kleinen Burschen vorstellte, wie ihn in der unsicheren Einöde die Nacht überraschte. »Ach ja, Bürgermeister« sagte er, als ihm der Großbauer sein Reitpferd vorführte, »ich will mich in Ihren Musikverein aufnehmen lassen.« »Oder besser, Herr Graf, werden Sie unser Vorsitzender, unser Protektor!« »Gut! Angenommen.« In seinem Gedenken an Guido erinnerte sich der Graf auch der Serenade an jenem Abend und er sagte sich, daß es ihm eine innige Freude bereiten würde, öfter die melancholische, herzige Melodie zu hören, die der kleine Hirt so allerliebst blies. Als er schon einen Fuß im Steigbügel hatte, hielt er noch einmal an; er hatte noch etwas auf dem Herzen. Sollte er sich wieder entfernen, ohne sich über den wahren Zweck seines Besuches ausgesprochen zu haben? »Es wäre doch möglich«, sagte er schließlich fast scheu zu dem Großbauern, »daß Ihr Sohn wirklich Begabung für die Musik und die Malerei hätte. Schicken Sie ihn mir doch einmal ... Vielleicht kann man doch noch etwas aus ihm machen. Ich möchte versuchen, diesen kleinen Wildfang zu zähmen.« »Der Herr Graf sind sehr gütig!« stammelte Govaertz, »aber offen gestanden, ich glaube, das ist verlorene Mühe. Der Taugenichts wird Ihnen keine Ehre machen!« »Im Gegenteil, Herr Graf«, übertrumpfte die Schwester des Jungen ihren Vater, »er wird Ihnen nichts wie Schande bereiten. Auf ihn macht nichts und niemand Eindruck, er hat ganz absonderliche Neigungen und Triebe; was die anständigen Leute für schwarz ansehen, hält er für weiß.« »Thut nichts, ich will doch einmal den Versuch machen!« beharrte Kehlmark, indem er sich mit seiner Reitpeitsche den Staub von seinen Stiefeln schlug und seiner Stimme einen möglichst gleichgültigen Klang zu geben sich bemühte. »Ich muß Ihnen offen gestehen, ich liebe diese schwierigen Experimente, die einige Ausdauer und selbst einigen Mut erfordern. Ich gestehe auch, – nicht um mich zu rühmen – mitunter hat es schon genügt, daß ich mich an einen Versuch heranwagte, um mich mit Leib und Seele dann dafür zu interessieren. Der Widerstand reizt mich und die Gefahr lockt mich. Es ist das für mich wie eine Wette gegen mich selbst. Wenn Sie mir diesen Brausekopf, diesen Unband anvertrauen wollten, würden Sie mich verpflichten, wahrhaftig ... Doch halt«, fügte er hinzu, »möglicherweise kriege ich das Kerlchen an der Küste von Klaarwatsch selbst zu packen. Ich will dann mit ihm reden und hören, was er dazu sagt ...« »Wie Sie wollen, Herr Graf!« sagte Klaudia. »Jedenfalls erweisen Sie uns eine große Ehre. Wir werden Ihnen in seinem Namen dankbar sein. Aber seien Sie uns nicht böse, wenn der Schlingel sich Ihre guten Ratschläge und Ihre Sorgfalt nicht zu nutze macht.« * Am nächsten Tage dehnte der Deichgraf seinen Streifzug bis in die Haiden von Klaarwatsch aus. Er hatte den kleinen Burschen bald in einer Schaar zerlumpter Bengel entdeckt, die um ein Feuer von trockenem Laubwerk hockten, wo sie sich Kartoffeln brieten. Bei der Annäherung des Grafen rannten alle mit Ausnahme Guidos eiligst davon, um sich hinter Sträucher und Buschwerk zu verstecken. Nur der junge Govaertz blieb sitzen, hielt sich die Hand über die Augen und sah dem Grafen von Kehlmark tapfer ins Gesicht. »Ach, du bist es, Kleiner!« redete ihn Kehlmark an. »Komm mal her, willst du, und halte mir mal einen Augenblick mein Pferd, während ich die Steigbügel in Ordnung bringe! ...« Der junge Mensch kam zutraulich näher und ergriff die Zügel. Während Heinrich die Riemen kürzer schnallte, eine Operation, die ihm nur zum Vorwand diente, um sich Haltung zu geben, betrachtete er mit einem Seitenblick den Burschen, während er nicht recht wußte, wie er das Gespräch anfangen sollte; dieser seinerseits fühlte sich seltsam beunruhigt, indem er zwischen Furcht und Sehnsucht abwartete, was sich jetzt zwischen ihnen abspielen würde ... Ihre Augen trafen sich und schienen sich eine dringende Frage vorzulegen. Da trat Kehlmark, um der Situation ein Ende zu machen, nahe an ihn heran und schaute ihm tief in die Augen; dann erzählte er ihm, nicht ohne Verwirrung und Stottern, von dem Vorschlag, den er am Abend vorher seinen Angehörigen gemacht. »Du verstehst doch ... Du sollst alle Tage zu mir aufs Schloß kommen. Ich selbst werde dich lesen und schreiben lehren, zeichnen, malen, solche großen Bilder herstellen, wie du sie neulich Abend so bewundert hast. Und wir werden auch musizieren, viel musizieren. Du wirst schon sehen, wir werden uns gar nicht langweilen!« Der Junge hörte ihm zu, ohne ein Wort zu sagen, so verdutzt, daß er ganz verstört aussah; mit offenem Munde, mit weit aufgerissenen Augen starrte er den Grafen an. Dieser erschrak; er glaubte einen falschen Weg eingeschlagen zu haben, doch sah auch er den Knaben unverwandt an. Plötzlich wechselte Guido die Farbe, sein Gesicht zog sich krampfhaft zusammen, er brach in ein nervöses Lachen aus. Zu gleicher Zeit wich er zurück und versuchte seine Hand aus der des tief erregten Grafen zu reißen; man hätte meinen können, daß er sich sträubte, auf die Worte Kehlmarks einzugehen, daß es ihn verlangte, sich mit seinen kleinen Kameraden wieder zu vereinigen, die von ferne neugierig dem Auftritt zuschauten. Der Graf gab ihn endlich entmutigt frei. Der kleine Wildfang rannte stürmisch auf die anderen Hirtenjungen zu; doch plötzlich machte er Halt, hörte auf zu lachen, schlug sich beide Hände vors Gesicht und ließ sich jäh ins Gras fallen, während seinen Körper ein Schluchzen erschütterte, seine Zähne in das Haidegras bissen und er mit den nackten Füßen krampfhaft um sich stieß. Der Graf, mehr und mehr bestürzt, eilte herbei, um ihm aufzuhelfen. »Um Himmelswillen, so beruhige dich doch, Kleiner! Du hast mich wohl nicht ordentlich verstanden. Du brauchst dich gar nicht so aufzuregen. Ich könnte es mir niemals verzeihen, dir Kummer verursacht zu haben. Im Gegenteil, ich wollte ja nur dein Bestes. Ich schmeichelte mir, dein Vertrauen zu erringen, dein älterer Freund zu werden. Und jetzt gerätst du so ganz außer Fassung! Nimm also an, ich hätte nichts gesagt! Sei nur ganz ruhig ... Ich will dich ja nicht wider deinen Willen zu mir nehmen. Lebe wohl ...« Und der Graf schickte sich an, wieder auf sein Pferd zu steigen. Doch da richtete sich der junge Govaertz halb auf, schleppte sich auf seinen Knieen zu ihm hin, umklammerte ihn, netzte ihn mit heißen Thränen und brach in eine Flut abgerissener Worte aus, als ob er, nachdem ihm lange Zeit die Kehle wie zugeschnürt gewesen, sich nun endlich habe Luft schaffen und sein Herz erleichtern können. »O, Herr Graf, Verzeihung, ich bin außer mir, ich weiß nicht, was mich überkommt, was in mir vorgeht; ich sehe wohl traurig aus, aber ich bin überglücklich; ich glaubte vor Seligkeit sterben zu müssen, als Sie so zu mir sprachen. Ich weine nur, weil Sie so gut sind ... Und erst habe ich es nicht glauben wollen ... Sie treiben aber wirklich keinen Spaß mit mir? Es ist also wahr, daß Sie mich zu sich nehmen wollen?« Der Deichgraf war durch diesen Gefühlsausbruch des kleinen Bauernburschen ganz gerührt; er hatte gar nicht geglaubt, in ihm eine so liebebedürftige und hingebende Natur zu finden. Er redete ihm sanft und freundlich zu, so daß jener sich allmählich an den Gedanken seines großen Glückes zu gewöhnen begann; dann verließ er ihn endlich, entzückt, freudestrahlend, nachdem er ihn für den nächsten Tag nach Escal-Vigor bestellt hatte. II. Ihrer Vereinbarung gemäß kam Guido jeden Tag nach dem Schlosse. Kehlmark schloß sich stundenlang mit ihm in sein Atelier ein. Der junge Bauernbursche brachte zu diesen Unterrichtsstunden den glühenden Eifer des Neophyten mit, würdig eines Creato oder Jüngers der Meister der italienischen Renaissance. Es gab für sie keine größere Erholung, als zusammen zu arbeiten und zu studieren. Guido war zugleich das Modell, der Gehülfe und der Schüler Kehlmarks. Wenn sie vom Lesen, Schreiben oder Zeichnen müde waren, nahm Guido seine Klapptrompete zur Hand oder er sang mit seiner sonoren, metallreichen Stimme die alten einfachen und heroischen Lieder, die er von den Fischern von Klaarwatsch gelernt. Kehlmark konnte ohne seinen Schüler gar nicht mehr auskommen und ließ ihn holen, wenn er sich einmal verspätet hatte. Man sah sie niemals den einen ohne den anderen. Sie waren unzertrennlich geworden. Guido speiste gewöhnlich auf Escal-Vigor, so daß er nur um zu schlafen sich nach dem Pilgerhofe begab. Je mehr sich Guido vervollkommnete und sich seine hervorragenden Talente entfalteten, um so intensiver wurde die Zuneigung Kehlmarks zu ihm; er gönnte ihn keinem, ja er wachte mit Mißtrauen, fast Eigennutz über ihm. Er wollte für sich allein das Vorrecht haben, diesen Charakter zu bilden, diese bewundernswerte Natur zu modeln, so daß sie sein herrlichstes Werk würde. Er behielt sich vor, den köstlichen Duft dieser taufrischen Seele einzuatmen, ja er hütete ihn mit förmlicher Eifersucht, wie ein Blumennarr eine seltene Pflanze, zu der er niemand den Zutritt verstattet, so daß er den Zudringlichen oder Konkurrenten, der verwegen genug wäre, in seinen Garten einzudringen, eher totschlagen würde. Es bildete sich zwischen ihnen eine reizvolle Intimität; sie genügten einander vollständig. Ruhmsucht und Streben nach Lob mischte sich nicht in ihre künstlerische Thätigkeit. Kehlmark hatte genug von der Welt gesehen, um die Schattenseiten des sogenannten Künstlertums kennen zu lernen. Er kannte die Unzuverläßlichkeit eines berühmten Namens, die Ungleichheit des Erfolges, den zweifelhaften Wert der Kritik, die wilde Rivalität zwischen den Nebenbuhlern, die dort noch abscheulicher ist wie unter Krämern und Schankwirten. Blandine, die zuerst ein wenig mißtrauisch gewesen war, hatte dann doch den neuen Gast des Schlosses herzlich willkommen geheißen. Hocherfreut über die Glückseligkeit, welche der junge Govaertz Heinrich bereitete, war sie freundlich zu ihm, ohne ihm indessen näher zu treten. Eigentlich hätte sie sich bis ins innerste Herz getroffen fühlen dürfen, und trotz ihrer Seelengröße, trotz ihrer gesunden Vernunft empfand sie auch häufig einen instinktiven Widerwillen gegen diese intime geistige Gemeinschaft, dieses enge Sichaneinanderschließen, dieses vollkommene Einvernehmen, das die beiden jungen Leute verband. Sie ward selbst eifersüchtig auf die Talente und Anlagen des jungen Künstlers, diese Geistesgaben, die ihn der Seele Kehlmarks näher brachten, als ihre innige Liebe sie, die einfache Frau, die über sein Glück wachte. Allein das brave Geschöpf ließ nichts von diesen ihren Seelenregungen merken, die doch so natürlich und menschlich erklärlich waren, und zeigte nichts von der Schwäche, die ihr Verstand ihrem Instinkt zum Vorwurf machte. Klaudia nahm dagegen weder anfangs noch selbst lange Zeit später Anstoß an dieser großen Gunst, die der Deichgraf dem jungen Govaertz zu teil werden ließ. Sie sah darin nur eine Form, indirekt der Schwester den Hof zu machen, indem man den Bruder an sich zog. Ohne Zweifel würde Kehlmark den jungen Hirten als Vertrauten seiner Liebe für die junge Bäuerin benutzen. »Er ist zu schüchtern, um sich mir direkt zu erklären«, sagte sie sich; »er wird sich zuerst dem Kleinen eröffnen und von diesem die Natur meiner Gefühle für ihn zu erforschen suchen. Er hat sich da nicht gerade den besten Vermittler ausgesucht, aber er hatte wohl keine Wahl. Gleichwohl gilt die Sorgfalt, die der Graf diesem armseligen Landstreicher bezeugt, vielmehr mir!« Und in ihrer Selbstgefälligkeit freute sich das derbe Landmädchen über diesen vertrauten Verkehr zwischen dem Deichgrafen und dem kleinen Taugenichts, der von den Seinigen so lange vernachlässigt, beinahe verstoßen worden war. Sie ließ selbst ab von ihrem schroffen und zänkischen Wesen gegen ihren jungen Bruder. Sie behandelte ihn jetzt freundlich und rücksichtsvoll, sorgte für seine Kleidung, hielt seine Wäsche in Ordnung, alles Dinge, um die sie sich früher nie gekümmert hatte. Um diese Umwandlung vor ihrem Vater zu erklären, hatte sie diesen in ihr großes Heiratsprojekt eingeweiht. Der Bürgermeister, der nicht weniger ehrgeizig war als seine Tochter, beglückwünschte sie zu diesen hochfliegenden Plänen und zweifelte keinen Augenblick an deren Erfolg. Er folgte dem Beispiel seines Lieblingskindes und begann nun auch seinerseits, seinen Sohn besser und liebevoller zu behandeln. Als nach einigen Monaten der sogenannten Probezeit der Deichgraf dem Bürgermeister erklärte, daß er endgültig die Ausbildung des vermeintlichen Nichtsnutzes auf sich nehmen wolle, bestimmte Klaudia ihren Vater dazu, diesen Vorschlag Kehlmarks anzunehmen. Der Bürgermeister, der sehr stolz war, hatte zuerst ein wenig gezögert, weil nach seiner Meinung die Lage Guidos die eines Untergebenen sein würde, eines Dieners, der wohl etwas über Landrillon stehen, gleichwohl aber ein Diener bleiben würde. Früher hatte er zwar unter seinem eigenen Dache lange Zeit seinen Sohn erniedrigt, indem er ihn unter die Schar seiner geringsten Arbeiter steckte und ihn zu den niedrigsten Besorgungen in der Wirtschaft verwendete; doch hätte seine väterliche Eitelkeit stets unter dem Gedanken gelitten, daß sein Sohn von einer anderen Autorität als der seinigen abhängig sein sollte. Kehlmark hatte indessen, um seine Einmischung zu rechtfertigen, ihnen Zeichnungen des jungen Lehrlings unterbreitet, die von seinem Talent und Eifer das beste Zeugnis ablegten; allein nicht mehr als die Tochter war der Vater imstande, das Vielversprechende dieser ersten Versuche zu würdigen. »Nehmen wir immerhin die Anerbietungen des Deichgrafen an!« drängte Klaudia, indem sie den Einwürfen ihres Vaters entgegentrat. »Erstens befreit es uns aus einer großen Verlegenheit, indem wir die ewige Sorge um den Taugenichts loswerden. Sodann, sei versichert, ladet sich der Graf den Schlingel nur auf den Hals, um sich uns angenehm zu machen, um mir seine Ergebenheit zu beweisen. Glaube mir, wir würden ihn nur vor den Kopf stoßen, wenn wir seine guten Absichten hinsichtlich des Kleinen durchkreuzten. Es handelt sich für ihn nur um eine Form, mir die Pforten von Escal-Vigor zu erschließen. Unter uns gesagt, er macht sich sicherlich nicht das geringste aus diesem Farbenkleckser und Papierverschmierer, oder wenigstens übertreibt er seine geringen Talente über Gebühr ...« In den ersten Zeiten fragte, wenn Guido des Abends vom Schlosse zurückkehrte, seine Schwester ihn, was er den Tag über gethan und wie es in Escal-Vigor gewesen sei; sie horchte ihn aus über das Benehmen und die Worte des Deichgrafen. »Hat der Graf sich nach mir erkundigt? Was hat er gesagt? Er interessiert sich wohl sehr für uns, nicht wahr? Sprich, rede, verhehle mir nichts! Sicherlich hat er dir doch eine gewisse Neigung für deine Schwester gestanden?« Guido antwortete ausweichend, doch so, daß er sich keinen Unannehmlichkeiten aussetzte. Thatsächlich hatte sich der Graf nach ihr erkundigt, wie nach dem Vater, ja selbst nach den Leuten und dem Vieh auf dem Gute. Aber ohne großes Interesse. In Wirklichkeit kam Klaudia sehr wenig in den Gesprächen zwischen Lehrer und Schüler vor, die sich fast ausschließlich mit ihren Studien und Arbeiten beschäftigten. Guido wurde von Tag zu Tage vorsichtiger und verschwiegener. Von der ersten Begegnung an hatte er seinem Beschützer Treue gelobt, die eben so vollständig und ausdauernd sein sollte, als die Blandinens. Zu seiner fanatischen Zuneigung gesellte sich eine lichtvolle Scharfsichtigkeit, wie sie die Intelligenz und die Entwickelung des Verstandes dem Gefühlsleben beigesellt. Guido, dieser sogenannte Dummkopf, dieser einfache, schlichte Bauernjunge, bewies einen hohen inneren moralischen Wert in einem Körper, der ein wahres Musterbild war und sich täglich kräftiger und herrlicher entwickelte. Mit dem Feingefühl, dem Scharfblick, dem Instinkt des Liebenden hatte er bald heraus, daß seine Schwester in den Deichgrafen vernarrt war; aber er verhehlte sich auch nicht, daß dieser die Gefühle Klaudias niemals erwidern würde. Guido kannte seine Schwester nur zu gut und bemerkte mehr als eine unüberbrückbare Kluft, welche ihre niedrige Gesinnung und die Unvereinbarkeit ihrer Charaktere zwischen ihnen entstehen ließ. Der Schüler hatte selbst erkannt, daß sein Lehrer ihn sogar der »Intendantin«, der hochherzigen Blandine, vorzog. Es war offenbar, daß der Graf sich mehr mit ihm als mit seiner Geliebten beschäftigte. Guido war zwar innerlich stolz darauf, daß er ihr vorgezogen wurde, doch trieb ihn sein gutes Herz, durch die größte Zuvorkommenheit gegen das junge Weib sie gleichsam um Verzeihung dafür zu bitten, daß er in dem Leben seines Meisters eine so überwiegende Rolle spielte. Guido empfand und ahnte ganz recht: Heinrich würde sich nur seinem Schüler ganz enthüllen und nur ihm seine eigenste und innerste Natur zeigen. Den anderen gegenüber blieb er zurückhaltend, und seine liebenswürdigen Worte schlossen nichts Weiches, Liebkosendes und Vertrauensvolles in sich, wie er es allein seinem Schützling zukommen ließ. Niemals hatte ihn Blandine so strahlend und heiter gesehen, als seitdem er die Erziehung und das Los dieses jungen Barfußläufers für seine Sorge erklärt hatte. Der stille Vorwurf, die liebevolle Demut im Blicke Blandinens vermochten die Freude nicht zu dämpfen, die Guido darüber empfand, daß er der einzige und beständige Gegenstand der Sorgfalt des Schloßherrn von Escal-Vigor geworden war. Es war keine Bosheit von ihm, nein, er freute sich naiv wie ein Kind darüber, er war selbst von einer gewissen Zärtlichkeit gegen das vernachlässigte Weib, ja in seinem egoistischen Stolz, der Erwählte, der Liebling Kehlmarks zu sein, bemerkte er das schweigsame und zurückhaltende Wesen Blandinens gar nicht, wenn der Graf ihn zum Mittagessen dabehielt, oder die sonderbaren Blicke, die sie dem einen und dem andern zuwarf, wenn sie sich bei ihrer Unterhaltung erhitzten und gleichzeitig in höheren Schwung gerieten, ohne auf die Anwesenheit dieser Zeugin Rücksicht zu nehmen. Die Bewohner von Zoutbertingen nahmen auch die besondere Zuneigung, mit der der Deichgraf den jungen Govaertz beehrte, nicht übel auf. Zwar an die Talente und hervorragenden Gaben des Kleinen glaubten sie ebensowenig wie der Bürgermeister und seine Tochter. »Es ist ein gutes Werk, ein Almosen!« sagten sie unter einander. »Sein Vater hätte aus diesem kleinen störrischen und unlenksamen Bummelanten nichts machen können, der die Arbeit ebenso gering achtet, wie die Zerstreuungen der jungen Burschen seines Alters.« Die guten Leute waren selbst erstaunt darüber, daß der Graf es scheinbar fertig gebracht hatte, diesen Jungen, der bisher nur seine Klapptrompete recht nett zu spielen verstanden, zu irgend welchen Dienstleistungen zu vermögen. Je mehr sich übrigens Lehrer und Schüler liebgewannen, um so mehr zeigte sich Kehlmark gastlich, freigiebig, ja verschwenderisch; er bewies sich gegen die Einwohner außerordentlich nobel und veranstaltete immer häufiger Volksfeste und gymnastische Wettspiele. Er hielt Segelregatten um die Insel ab, wobei er mit Guido eine Yacht benutzte, die reichen Flaggenschmuck in seinen Farben trug und oft den tüchtigsten Matrosen des Landes beinahe den Sieg entriß. Er ließ für die Gilde der heiligen Caecilie auf seine Kosten neue Instrumente anfertigen; er wohnte beständig den »Proben«, den Ausflügen und Veranstaltungen dieser Gemeinschaft junger Burschen bei; ja mehr als einmal kam es vor, daß er in schönen Sommernächten, wo Dämmerung und Morgengrauen in eins zusammenzufließen scheinen, nach einer Abendgesellschaft, die sich durch athletische Vorführungen und possenhafte Zwischenspiele übermäßig in die Länge zog, die ganze Bande quer durch die Insel schleppte und die lustigen Teilnehmer erst am andern Abend zu ihren Eltern und Gattinnen entließ, nachdem er mit seiner malerischen Karawane Orgien und Trinkgelage abgehalten, sowie allerhand Possen und Tollheiten teils in den Scheunen, teils unter freiem Himmel vollführt. Kehlmark gab Geld aus, ohne zu rechnen. Es schien beinahe, als ob er sich durch oft übertriebene Freigiebigkeit und ungezählte gute Werke sein Recht auf ein geheimnisvolles und großes Glück erkaufen wolle, daß er gewissermaßen für eine gefährliche und gebrechliche Seligkeit ein Lösegeld bezahlen wolle. Seine wahnsinnigen Ausgaben vermehrten zweifellos die Sorgen Blandinens; gleichwohl wagte sie keinen Widerspruch, sondern sann immer nur auf Mittel, diesen übermäßigen Aufwand bestreiten zu können. Natürlich spielte bei der Volkstümlichkeit des Deichgrafen ein gut Teil Schmeichelei und Gewinnsucht mit; indessen liebten ihn die meisten Landbewohner doch außerordentlich, wenigstens auf ihre Weise. Die armen Teufel von Klaarwatsch hätten sich für ihren jungen Herrn in Stücke hacken lassen. Eine ausgesprochene Feindschaft dagegen hegten gegen den Grafen nur der Pfarrer Balthus Bomberg und einige alte zimperliche Betschwestern. Jeden Sonntag donnerte der Gottesmann gegen die Ruchlosigkeit und Zügellosigkeit des Deichgrafen und drohte die greulichsten Höllenstrafen allen denen seiner Schäflein an, die sich diesem Wüstling, diesem reißenden Wolf anschließen würden; er jammerte besonders über jene Vermessenen, die so häufig Escal-Vigor besuchten, dieses Teufelsschloß, das mit skandalösen Nacktheiten vollgepfropft sei. Ungeachtet seines Zerwürfnisses mit dem Bürgermeister entschloß sich dieses gallige Männchen, dieser fanatische Hitzkopf, sich nach dem Pilgerhofe zu begeben, um dem Vater vorzustellen, welche Gefahr er liefe, wenn er die Erziehung des jungen Guido diesem reichen Bösewicht überließe, der der ganzen Gemeinde durch sein unkeusches und ruchloses Leben Ärgernis gebe. Wie alle eingewurzelten Kalvinisten war Balthus auch noch ein eifriger Bilderstürmer. Wenn er nicht die Wuth der Bauern gefürchtet hätte, welche an den alten Religionen hingen, die sie an den Widerstand ihrer Vorfahren gegen die Einführung des Christentums erinnerten, so hätte er gar zu gern die Fresken, die das Martyrium des heiligen Olfgar darstellten, abkratzen oder übertünchen lassen. Kehlmark war ihm doppelt verhaßt, als Eingeborener des Landes und als Verehrer der Kunst. Um den Bürgermeister einzuschüchtern, mahnte Balthus ihn eindringlichst, seinen Sohn den Klauen des Verführers zu entreißen, sonst würden die beiden hochehrbaren Tanten Klaudia und Guido enterben. Aber der Bürgermeister und Klaudia, die immer mehr von ihrem Deichgrafen eingenommen waren, schickten den Lästigen unter Spott und Hohngelächter nach seiner Kirche zurück. Guido, dem er sich eines Tages in der Umgebung des Parkes von Escal-Vigor näherte, lieh seinen Mahnungen auch kein Ohr; er drehte ihm achselzuckend und mit einer unziemlichen, aber deutlichen Geste den Rücken. Indessen schien es Klaudia mit ihrer Heiratsangelegenheit nicht sichtbarlich vorwärts zu gehen. »Sage mal, du erzählst mir ja gar nichts, du Schlafmütze!« sagte sie zu ihrem Bruder, zwischen dem und Kehlmark ihrer Einbildung nach sie das einzige Band bildete. »Hat dir der Graf nichts für mich aufgetragen? Läßt er mir gar nichts besonderes sagen?« Guido erfand dann irgend eine Notlüge, oder wenn sie ihn unversehens ankriegte, verwickelte er sich auch in Widersprüche oder verstummte gänzlich. Das grobe Frauenzimmer ärgerte sich dann über die vermeintliche Dämlichkeit ihres Vermittlers und begann ihn wieder schlecht und brutal wie ehemals zu behandeln. Aus taktischen Gründen besuchte der Deichgraf immer noch weiter den Pilgerhof und spielte gegenüber dem jungen Weibe den liebenswürdigen Schwerenöter. Sie hätte ihn etwas kühner gewünscht. Er brauchte wahrlich viel Zeit, um zum Entschluß zu kommen und seinen Antrag vorzubringen. Kaum daß er sich getraute, ihre Fingerspitzen zu berühren, und niemals hatte er ihr einen Kuß geraubt. Sobald sie den Trab seines Pferdes und das Keuchen seiner beiden Gordonsetters vernahm, kam sie eilends herbeigelaufen, indem sie sich beinahe ein Vergnügen daraus machte, ihre Liebe ganz öffentlich zu zeigen. So sicher war sie ihres Erfolges. In den Spinnstuben begann man schon über diese häufigen Besuche des Deichgrafen auf dem Pilgerhofe zu munkeln. Obwohl der Deichgraf sich beinahe ausschließlich mit dem kleinen Guido beschäftigte, so gab er sich doch Mühe, das Wohlwollen aller zu erwerben. Er trieb seine Großherzigkeit so weit, daß es fast wie ein Haschen nach Gunst aussehen konnte. Als Antwort auf die Schmähungen und Bannflüche des giftgeschwollenen Pfaffen gab er Almosen und spendete in überreichem Maße für die Armen, die direkt von der Pfarre unterhalten wurden, Kleidungsstücke und Lebensmittel. Der Pfarrer verteilte das Geld und die anderen Almosen, wurde aber dadurch nicht milder gestimmt. Mehr als einmal erboten sich Heinrichs Freunde, die Krabbenfischer und Strandläufer von Klaarwatsch, den Pfarrer zur Raison zu bringen, namentlich fünf unter ihnen, die beständig im Schlosse Dienste leisteten und eine Art von Leibwache für den Schloßherren von Escal-Vigor bildeten. Es waren Enkel von Schiffbrüchigen, Gelegenheitsarbeitern, ja Strandräubern, die der junge Maler oft als Modelle benutzte; ihre Ring- und Messerkämpfe machten ihm Spaß; oder er ließ sie erzählen und ergötzte sich mit Guido an ihrer urwüchsigen Ausdrucksweise, sowie an der drolligen Art, wie sie ihre Heldenthaten berichteten. Diese unverbesserlichen Schlingel, die ziellos umherstreiften, nirgends zu Hause waren und überall fortgejagt wurden, diese famosen menschlichen Schößlinge, die ersten Meister und Lehrer Guidos, schwuren auf Heinrich von Kehlmark und Escal-Vigor. »Sprechen Sie nur ein Wort!« schlug bald der eine, bald der andere Kehlmark vor; »sollen wir uns den Priester mal vornehmen und ihn ordentlich durcheinander schütteln? sollen wir diesen Psalmenplärrer mit den Beinen zu oberst aufhängen? oder sollen wir ihm lieber die Haut abziehen, wie es die von Smaragdis ehemals mit dem Apostel Olfgar machten, diesem anderen Freudenstörer?« Es hätte nur einer Handbewegung, eines Nickens ihres Meisters bedurft, so hätten sie ihren Worten die That folgen lassen, und mit ihnen hätten sich alle mit Wonne des unbeliebten Predigers entledigt. Mehrmals brachten ihm die Musiker der Gilde der heiligen Caecilie vor seinem Hause eine Katzenmusik. Nach einem feuchtfröhlichen Abend ging man gar so weit, ihm die Fenster einzuwerfen. Am Sylvesterabend lehnte man gegen die Thür des Pfarrers eine greuliche Gliederpuppe aus Stroh mit einem Kopfe von geknetetem Schwarzbrot, die seine verdammte Seele vorstellen sollte; und als der Pfarrer sich infolge dieser Beschimpfung in neuen Bannflüchen gegen den Deichgrafen und Blandine erging, beschmierten die Klaarwatscher Schlingel die frischgeweißte Vorderwand des Pfarrhauses mit Kot. Gelb und grün vor Gift und Galle schien der Pastor allein seine ganze Parochie, ja die ganze Insel gegen sich zu haben. »Wie soll ich es anfangen«, überlegte sich Balthus Bomberg, »diesen stolzen Kehlmark zu demütigen? Wie sein Ansehen schädigen, diese irregeleiteten und verblendeten Bestien von ihm losreißen, sie gegen ihren Abgott aufhetzen, sie dazu bringen, daß sie verbrennen, was sie jetzt anbeten?« Anstatt ihm zuzuhören, mied man seine Kirche. Er predigte schließlich vor leeren Bänken. Ein Dutzend alte beschränkte Frömmlerinnen, darunter seine Frau und die beiden Schwestern des Bürgermeisters, waren die einzigen, die zu ihm hielten. In die abgöttische Verehrung, die der junge Deichgraf sich zu erringen gewußt, mischte sich ein wenig von dem exaltierten Kultus, den das Volk von Rom seinem Kaiser Nero entgegenbrachte, der ihm so reichlich panem et circenses , Brot und Schauspiele verschaffte. III. Während Kehlmark seiner Umgebung und der Gemeinde diese Aufmerksamkeiten erwies, verdoppelte er seine Freundlichkeit gegen Landrillon. Er war zu ihm liebenswürdiger als je und stellte sich, als ob er ein besonderes Vergnügen an seinen rohen Soldatenspäßen empfände. Aber der Schlaukopf ließ sich durch dieses ostentativ zur Schau getragene Wohlwollen nicht fangen. Obwohl er sich nichts merken ließ, hatte er doch allmählich Verdacht geschöpft, als er den Einfluß des kleinen Guido Govaertz auf Heinrich von Kehlmark stetig wachsen sah, und vielleicht ging ihm eine Ahnung auf – nichts macht ja scharfsichtiger als der Neid – von der Ausdehnung der Zuneigung, die diese beiden Wesen für einander hegten. Man stelle sich das Gefühl niedrigen Neides und gemeiner Nebenbuhlerschaft eines Possenreißers vor, der seine Zugkraft und seine Beliebtheit beim Publikum auf einen tüchtigeren und gehaltvolleren Komiker übergehen sieht, so wird man sich das dumpfe Übelwollen und den inneren Grimm ausmalen können, der in dem Kutscher gegen den kleinen Bauernjungen aufstieg. Kehlmark nahm beinahe täglich Guido bei seinen Ausfahrten mit und Landrillon mußte sie fahren. Nach einem Ausflug nach Upperzyde, um die dortigen Kunstsammlungen zu besuchen und jenes Gemälde von Franz Hals wiederzusehen, verschwand der junge Govaertz in den Gemächern des Schloßherren, während Landrillon in seine Dachkammer kriechen mußte. Und dann war er noch gezwungen, bei Tisch diesen barfüßigen Schlingel zu bedienen, der ehemals der Gegenstand des Spottes und das Stichblatt der Witze für die Arbeiter von Smaragdis gewesen und jetzt der einflußreiche Günstling, der verhätschelte Liebling und der unzertrennliche Gefährte des Schloßherren geworden war. Daß der Gnädige sich nicht trennen zu können schien von diesem elenden Bengel, der ihm sein gutes Papier, seine kostbare Leinewand und seine teuren Farben verschmierte! Wenn der Lakai nicht geträumt hätte, der Gatte Blandinens zu werden, würde er vielleicht noch mehr Abneigung gegen diesen verdammten Hirtenjungen empfunden haben. So aber war er bis zu einem gewissen Grade gar nicht sehr böse über den ausschließlichen Einfluß, den der junge Govaertz auf das Leben des Grafen ausübte. Landrillon glaubte im geeigneten Augenblick diese Intimität der beiden benützen zu können, um Blandine ihrem Herren abwendig zu machen. Vernachlässigt, ja gänzlich verlassen von Kehlmark würde das arme Weib sich nur um so geneigter zeigen, den neuen Bewerber zu erhören. Landrillon benutzte eines Tages einen Moment, als Blandine nach der Küche gegangen war, um dort irgend ein wirtschaftliches Geschäft zu erledigen, und wagte es, sich ihr zu erklären. »Ich habe mir ein paar Groschen erspart«, schlug er ihr vor, »und wenn es wahr ist, daß die Alte Ihnen einen Teil ihrer Schätze hinterlassen hat, so wären wir ein ganz passendes Paar; sagen Sie, was meinen Sie dazu, Mamsell Blandine? ... Denn wenn Sie hübsch zum Anbeißen sind, so bin ich doch auch gar kein übler Kerl; das werden Sie zugeben müssen. Wenigstens hat manches lose Ding von Ihrem Geschlecht sich alle Mühe gegeben, mich dies glauben zu machen!« fügte der Verführer hinzu, während er sein Bärtchen kräuselte. Blandine fühlte sich gelangweilt und mißgestimmt durch diese Liebeserklärung und lehnte die Ehre, die der Kutscher ihr zu erweisen gedachte, kühl und gemessen ab, indem sie es nicht einmal für nötig erachtete, ihm den geringsten Beweggrund für ihre abschlägige Antwort anzugeben. »Nanu, Mamsell Blandine! Das ist doch sicher nicht Ihr letztes Wort! Sie werden sich die Sache erst mal ordentlich überlegen. Ohne mich rühmen zu wollen, Freier meines Schlages und Liebhaber mit ernsthaften Absichten finden sich nicht alle Tage!« »Bestehen Sie nicht darauf, Herr Landrillon! Ich habe nur eine Antwort!« »Also haben Sie Aussichten auf einen anderen?« »Nein! Ich werde mich niemals verheiraten.« »Wenigstens lieben Sie dann einen anderen?« »Das ist mein Geheimnis und das habe ich nur mit meinem Gewissen abzumachen.« Angeheitert, wie er war, – denn er hatte sich durch mehrere Schnäpschen Mut angetrunken – versuchte er, sie um die Taille zu fassen und sogar ihr einen Kuß zu rauben. Aber sie stieß ihn zurück, und als er noch nicht abließ, gab sie ihm ein paar Maulschellen und drohte, sich beim Grafen über ihn zu beschweren. Für den Augenblick ließ er's sich gesagt sein und bedrängte sie nicht weiter. Diese Scene spielte sich in den ersten Tagen ihres Aufenthalts auf Escal-Vigor ab. Allein Landrillon gab sich nicht geschlagen. Er kam immer wieder auf die Sache zurück, indem er sich die Augenblicke zu Nutze machte, wo er sich mit ihr allein befand, um sie mit allerhand Anspielungen und Vertraulichkeiten zu verfolgen. Jedesmal wenn er getrunken hatte, lief sie besonders Gefahr. Während der Graf mit Guido in seinem Atelier war oder beide spazieren gingen, benutzte Landrillon die Zeit, um dem jungen Weibe zuzusetzen. Er verfolgte sie von einem Zimmer ins andere, und um seiner Unternehmungslust zu entgehen, mußte sie sich schließlich in ihre Kammer einschließen. Sogar da drohte er ihr die Thür einzuschlagen. Wie in der Stadt, als die alte Gräfin noch lebte, hatte Heinrich zu seiner Bedienung niemand anders als Blandine und Landrillon. Die fünf Burschen aus Klaarwatsch, die seine Leibgarde bildeten, schliefen nicht im Schloß, so daß sich die arme Schloßverwalterin oft gänzlich der Gnade dieses Halunken anheimgegeben sah. Dieses Leben wurde dem jungen Weibe mit der Zeit unerträglich. Wenn sie davon Abstand nahm, sich Kehlmark gegenüber zu beklagen, so that sie es nur aus Rücksicht darauf, daß dieser platte Spaßmacher, dieser niedrige Possenreißer für das Amüsement Heinrichs unerläßlich schien. Die Ergebenheit des hochherzigen Geschöpfes gegen den Deichgrafen ging so weit, daß sie sich ein Gewissen daraus machte, ihn des geringsten zu berauben, das ihn hätte zerstreuen und aus seiner Niedergeschlagenheit und seiner Melancholie hätte reißen können. So sah sie mit wahrem Stoizismus und stillem Verzicht den Einfluß des kleinen Govaertz auf seinen Meister täglich wachsen und sie bemühte sich sogar zu lächeln und dem Günstling ihres Geliebten gefällig zu sein. Sie ertrug selbst die Zudringlichkeiten und Neckereien dieses Satyrs von Kutscher, indem sie sich darauf beschränkte, sich seinen ungestümen Angriffen zu entziehen. Der Widerstand und die Verachtung Blandinens entfachten das Verlangen des rohen Burschen nur um so heftiger. Eines Tages war sie nahe daran, seiner widerwärtigen Leidenschaft zum Opfer zu fallen: da ergriff sie schnell ein Küchenmesser, das auf dem Tische liegen geblieben war, und drohte, es ihm in den Leib zu stoßen. Wie er erschreckt zurückwich, stürzte sie weinend nach der Treppe, fest entschlossen, zum Zimmer des Grafen hinauf zu steigen und ihm das nichtswürdige Betragen dieses Elenden zu melden. »Ganz nach Belieben!« hohnlachte Landrillon, bleich vor Wut und Lüsternheit, entschlossen auch seinerseits bis zum äußersten zu gehen. »Aber ich an deiner Stelle würde es nicht thun. Ich glaube nicht, daß du da oben sehr willkommen bist. Er wird dir im Gegenteil böse sein, daß du ihn gestört hast. Denn wenn du auch immer noch zu ihm hältst, er macht sich über dich lustig, dein alter Liebhaber!« »Was wollen Sie damit sagen?« verwahrte sich das junge Weib, indem sie auf der untersten Stufe stehen blieb. »Du brauchst nicht die Scheinheilige zu spielen ... Man weiß, was man weiß, meiner Treu! ... Du bist seine Maitresse gewesen, verteidige dich nur gar nicht!« »Landrillon!« »Ei, das ist das Stadtgespräch von ganz Zoutbertingen, ja von ganz Smaragdis. Ehrwürden Balthus Bomberg donnert unaufhörlich gegen die Metze des Deichgrafen.« Blandine gab es auf, die Treppe zu erklimmen; sie wankte rückwärts und ließ sich fast ohnmächtig auf einen Sessel fallen, halb tot vor Schmerz und Scham. Das Vorspiel eines Klaviers unterbrach die Stille, die beide beobachteten. Guido stimmte oben mit seiner ungeübten, nach dem Stimmbruch noch etwas ungefestigten, aber anziehenden und wohllautenden Stimme ein Strandräuberlied an, das Kehlmark auf dem Piano begleitete. Der Körper Blandinens erbebte vor Schluchzen; sie schien mit den Ausbrüchen ihres Jammers im Takt die Ballade Guidos zu begleiten. Man hätte meinen können, daß die Stimme des jungen Burschen ihren Schmerz auf den Gipfel trieb. Als Landrillon den kleinen Bauernjungen hörte, erschien auf seinen Lippen ein zweideutiges Lächeln und er ließ seinen nicht minder ironischen Blick auf Blandine ruhen. »Ach!« sagte er mit schmeichlerischem Tonfall, indem er ihre Schulter berührte, »wir wollen uns nicht weiter aufregen, Schönste! Hören Sie lieber auf mich. Ich meine es gut mit Ihnen, weiß der Teufel! Es wäre sehr unrecht von Ihnen, noch immer diesen vergeßlichen und hochfahrenden Aristokraten zu lieben. Welche Thorheit! Sehen Sie denn nicht, daß er Sie nicht mehr mag? ...« Und als sie den Kopf erhob, machte er ihr ein Zeichen, indem er den Finger auf den Mund legte, dem seltsam leidenschaftlichen Gesang zu lauschen, den der Schüler seinem Lehrer vortrug, und nach einem kleinen Stillschweigen, während dessen beide zuhörten, fuhr er mit gedämpfter Stimme fort: »Sehen Sie, er beschäftigt sich mehr mit diesem kleinen Strolch, wie mit Ihnen und mir, unser gnädiger Herr. Ich an Ihrer Stelle würde ihn sich selbst überlassen, damit er nach Gefallen seiner Liebenswürdigkeit für diesen Schlingel und die anderen Bauernlümmel fröhnen kann ... Sie verzehren sich hier vor Ärger, Blandine, und verkommen vor Gram. Ihre Schönheit wird vergehen, ohne daß es dem geringsten Geschöpfe des lieben Gottes etwas nützt! ... Wenn Sie mir vertrauen wollten, so würden wir alle beide nach der Stadt zurückkehren. Ich habe genug von diesem Landaufenthalt in Smaragdis. Man sollte es kaum glauben, aber seitdem dieser junge Schleicher sich im Schlosse eingenistet hat, existiert nur er noch für den Grafen. Sie und ich sind ganz in den Hintergrund gedrängt. Und wie schnell er sich hat den Kopf verdrehen lassen! Zwei Finger derselben Hand sind nicht unzertrennlicher, wie jetzt der Graf und dieser Bengel!« »Nun, und was haben Sie an dieser Zuneigung auszusetzen?« fragte Blandine, die noch einmal über ihre Voreingenommenheit Herr zu werden versuchte. »Dieser Guido Govaertz ist ein netter Junge, der von den Seinigen ganz verkannt wird; er überragt die große Masse dieser rohen Insulaner an Vorzügen des Verstandes und Gemütes, wie sich jetzt herausgestellt hat ... Der Graf thut ganz recht, sich des armen Kindes anzunehmen, das sich übrigens seiner Wohlthaten mehr und mehr würdig erweist ...« »Ja, gewiß! Aber der Herr übertreibt sein Gönnertum. Er beobachtet die sozialen Abstände nicht genügend; er bringt dieser Rotznase wahrhaftig doch zu viel Zärtlichkeit entgegen. Ein Graf von Kehlmark zum Teufel macht sich nicht vor aller Welt gemein mit einem ehemaligen Kuh- und Schweinehüter?« »Noch einmal, was wollen Sie eigentlich damit sagen?« Anstatt jeder Antwort steckte Landrillon die Hände in die Hosentaschen, starrte in die leere Luft und begann zu pfeifen; es klang wie eine Parodie auf das Lied des kleinen Hirten. Dann schritt er zum Zimmer hinaus; er war der Ansicht, daß er für diesmal genug gesagt. Blandine, die allein zurückblieb, fing wieder an zu weinen. Ohne an etwas Böses zu denken, obwohl sie sich bemühte, Klarheit zu gewinnen, betrübte sie sich über das fortwährende Zusammensein des Grafen und seines Schützlings. Sie hatte gut reden. Sie wollte sich wohl gern über die Umwandlung Kehlmarks freuen, über seinen Thätigkeitsdrang, über seine Lebensfreude, wenn nur diese moralische Heilung ihr Werk gewesen wäre und nicht ein Wunder, das dieser kleine Eindringling zustande gebracht. »Na, das ist ja recht nett mit unserm Herrn, Fräulein Blandine! ...« sagte Landrillon einige Tage später zu dem jungen Weibe. »Sie verstehen sich jeden Tag besser! ... Gestern haben sie sich geschnäbelt wie ein paar Turteltauben, Herz, was willst du mehr!« ... »Du redest dummes Zeug, Landrillon!« erwiderte Blandine, indem sie sich zum Lachen zwang. »Noch einmal, der Graf empfindet für diesen kleinen Bauernjungen eine gewisse Zuneigung, weil er seinem Unterricht Ehre macht ... Was ist da Böses dabei? ... Ich habe dir bereits gesagt, er mag den jungen Govaertz gern wie einen jüngeren Bruder, wie einen intelligenten Schüler, dessen Geistesgaben er entdeckt und entwickelt hat ...« »Tirili!« trällerte Landrillon, indem er eine gemeine Fratze schnitt und verständnisinnig lächelte; sein Gesichtsausdruck sollte Blandine zeigen, was er über das Verhältnis des Grafen zu Guido Govaertz dachte. Er war verderbt bis auf die Knochen, da er sich in den scheußlichsten Lüsten und Lastern herumgewälzt; er hatte davon etwas von einem Kuppler behalten, der sich in allen geschlechtlichen Geheimnissen auskennt, von einem Prostituierten und Preller, der sich die Veranlagung seiner Opfer zu nutze macht. Unfähig, das Herrliche und Tiefe der gewöhnlichen Liebe zu würdigen, war er noch viel weniger imstande, die geistige Erhabenheit einer großen Liebe zwischen Mann und Mann zu begreifen und anzuerkennen. Als Blandine schwieg, die von seinen gemeinen Andeutungen nichts verstand, fuhr der Halunke fort: »Man macht sich so seine Gedanken, Mamsell Blandine. Mich dünkt, daß er den Schürzen nicht mehr viel Aufmerksamkeit schenkt, unser Herr, wenn er sich überhaupt jemals damit abgegeben hat ... Sie dürften doch darüber etwas wissen, sagen Sie mal ... Oder sollte er schon fertig sein? Er, ein noch so junger Mann?« »Landrillon!« protestierte Blandine; »bitte enthalten Sie sich aller derartigen Betrachtungen. Das schickt sich nicht für Sie. Sie haben über den Herrn Grafen nicht zu Gericht zu sitzen. Was er thut, ist wohlgethan, verstehen Sie?« »Verzeihen Sie, mein Fräulein, ich werde schweigen, ich werde ganz stille sein ... Indessen ist er doch sehr geheimnisvoll, unser Herr! Er führt ein seltsames Leben! ... Immer nur mit diesem Bauern zusammen, und besonders mit diesem kleinen Teufelskerl, der ihn ganz behext hat ... Wir gelten nicht mehr in seinen Augen, als sein Pferd und seine Hunde ... Fürwahr, ich bewundere Ihre Nachsicht gegen seine Tollheiten! ... Sie wissen besser als ich, daß er Sie jetzt gänzlich fallen gelassen hat! Wenn er Veränderung braucht – verdammt noch mal! man mag auch nicht alle Tage dasselbe essen – so brauchte er sich bloß umzuschauen und – zu wollen. Die schönsten Mädchen von Smaragdis, von Zoutbertingen bis Klaarwatsch, würden zu seiner Verfügung stehen. Ich kenne eine«, – und er sprach diese Worte nicht ohne Nebenabsicht aus, denn er hatte seinerseits schon das Terrain, wo er sich festsetzen wollte, ausgekundschaftet – »die darauf brennt, ihn bei sich zu sehen – nun, wie soll ich mich ausdrücken? – in ihrem Kämmerlein ... Sehen Sie, das ist die große Klaudia, die Schwester eben dieses Jüngelchens ... Obwohl er sich mehrmals in der Woche nach dem Pilgerhofe begiebt, so wird man mir doch niemals ausreden, daß auf den galanten Herren die Hosen dieses kleinen Lumpen einen ernsthafteren Eindruck machen, als die Röcke seiner Schwester.« »Noch einmal, schweigen Sie!« rief Blandine, deren Herz sich zusammenkrampfte bei dem Gedanken an die Liebe, die das Mannweib für Kehlmark empfand, und die sich von dem dicken Frauenzimmer so verachtet wußte, daß jene sie nicht einmal grüßte, wenn sie sich irgendwo auf den öffentlichen Wegen begegneten. Hinsichtlich der Zuneigung Kehlmarks zu Guido Govaertz blieb sie dabei, obwohl sie wider Willen auch darunter litt, darin nichts Anormales und Unerlaubtes zu sehen. »Die Zukunft wird es lehren, Mamsell Blandine! Die Gelegenheit wird bald kommen, wo Sie sich unterrichten können über die Färbung der Verbindung dieser beiden Farbenmischer.« Und Landrillon lachte laut auf, entzückt von seinem köstlichen Wortspiel. »Genug! kein Wort weiter!« rief Blandine ... »Ich weiß nicht, was mich abhält, auf der Stelle dem Herrn Grafen von Ihren nichtswürdigen Verläumdungen Mitteilung zu machen ... oder vielmehr ich weiß es nur zu gut: ich würde vor Scham vergehen, wenn ich ihm die Gemeinheiten wiederholen sollte, die Sie mir soeben gesagt!« IV. Eines Abends saßen Heinrich von Kehlmark und Guido Govaertz auf einer Bank auf dem Deich, von wo man weithin das Land überschauen konnte. Ihre Hände ruhten in einander; sie setzten eines ihrer unbeschreiblichen Gespräche fort, wo das Schweigen ebenso beredt und glühend war, wie ihre Worte ... Es war jene bezaubernde Übergangszeit zwischen Sommer und Herbst, so recht geeignet, sich alter Mären zu erinnern; die Haide blühte und am Himmel zogen die Wolken hin. In der Ferne, nach Klaarwatsch zu, jenseits der Wipfel des Parkes, übersahen unsere Freunde eine unermeßliche dunkelrötliche Fläche, auf der die Sonnenstrahlen spielten, und die sie mit noch leuchtenderen Farben verklärten. Verlorene Haidefeuer glühten hie und da; ein brenzlicher Duft durchflutete die feuchte Atmosphäre. Es war außerordentlich mild, fast schwül, und der Abend hauchte ein süßes Schmachten aus; ein leichter Luftzug wie das Seufzen eines tiefaufatmenden Arbeiters oder eines Liebenden, der sein Verlangen unterdrückt, strich über die sehnsuchtsbange Erde. Beim Anblick einer rötlichen Wolke von phantastischer Gestalt mußten die Freunde des »feurigen Hirten« gedenken einer Legende, die in allen Ebenen des Nordens verbreitet und bekannt war. Kehlmark saß still und in sich versunken da; er schien einem trüben Gedanken nachzuhängen, der mit diesen schauerlichen Mythen in Zusammenhang stand. Seit der junge Govaertz ihn kannte, hatte er noch niemals ein solches gramverzerrtes Aussehen an ihm wahrgenommen. »Sie leiden, teurer Meister?« fragte er. »Nein, lieber ... ein Nichts, ein trüber Gedanke; es wird vorüber gehen. Vielleicht ist es auch dieser Abend, der einem so zu Kopfe steigt ... Findest du nicht? ... Kennst du die wirkliche Geschichte von dem »feurigen Hirten«, von dem du eben sprachst? ... Ich habe allen Grund anzunehmen, daß man sie nicht richtig erzählt ... Ich ahne und bilde mir eine Lesart ein, die mir der Wahrheit mehr zu entsprechen scheint ... Ich habe an Abenden wie diesem solchen verwunschenen Gegenden die Beichte abgenommen, mit Vorliebe diesen Haidestrecken, wo die Trauer einem noch tiefer das Herz zerreißt, als anderswo, wo die unermeßliche Fläche und der unabsehbare Horizont die dumpfe Melancholie und die düstre Schlummermüdigkeit verstärken. Gewisse Einzelheiten der Landschaft nehmen dann – das wirst du auch bemerkt haben, wenn du deine Herde hütetest, – einen eigentümlich beängstigenden, beinahe unheilverkündenden Charakter an. Die Natur scheint an Gewissensbeklemmungen zu leiden. Die Wolken stehen still und ballen sich zu Trauerzügen zusammen über einem Pfuhl, der bestimmt erscheint, Leichen in sich aufzunehmen, ein Schauplatz für Verbrechen oder Selbstmord zu werden ... Mein lieber Kleiner, daß doch alle guten Vorsätze in solcher Stimmung verfliegen! ... Dann beschwört es die eigene Gefahr, an die Tragödien vergangener Zeiten zu denken ... Ich bin jetzt endlich dahin gelangt, mit dem Lose jenes verdammten Bruders von Kain Mitleid zu fühlen. Ich beklage ihn, und nicht seine Opfer. Ich finde ihn stolz und herrlich, anziehend, wenn er gleich unselig ist ... Aber ich erzähle dir da lauter dummes, unverständliches Zeug und flöße dir Grauen ein mit meinen Geschichten, wie die alten Weiber in den Spinnstuben ...« »Nein, nein, bitte fahren Sie fort! Sie erzählen so wunderbar und können alles so in Worte kleiden, was man sonst nur nebelhaft im Innern empfindet; oft, wenn Sie so sprechen, möchte ich blutige Thränen weinen.« »Sei es denn. Die Stunde ist günstig ... Und da wir hier so schön beisammen sitzen, drängt es mich, dir zu sagen, wie sehr ich an dem schrecklichen Geschick des ›feurigen Hirten‹ Anteil nehme. Seit langer Zeit spukt er durch mein Gehirn, von ihm besessen ist die purpurdunkle Haide meiner Seele ... Es ist mir oft, als schreite ich an seiner Seite, unter der Schaar seiner höllischen Gefolgschaft; er schwingt den Hirtenstab in seiner Hand, den die Gluten Gehennas dunkelrot beleuchten. Auf meinen Fersen fühl' ich seinen Hund, halb rot, halb schwarz, wie ein halbverkohlter Feuerbrand aus der ewig lodernden Esse; der Hund, er teilt das Schicksal seines Herrn; halb flammt sein Körper auf in Feuergluten, während die andre Hälfte ein schemenhaftes Leben gewinnt ... Nun sollst du hören, was mir die Phantome anvertraut. Es war vor langer, langer Zeit. Gerhard war Hirt bei einem alten, geizigen Bauernpaar, allein in einem weltverlornen Landstrich von Brabant, aus Haiden und aus Steppen nur bestehend, wie jene dorten unten in Klaarwatsch. Woher er stammte, hat kein Mensch erfahren. Als man zum ersten Male ihn bemerkte, da mochte er so gegen fünfzehn Jahre zählen. Nur ein paar Lumpen schlangen sich um seinen Körper; ein junger Wilder schien er fast zu sein. Und lesen mußte man ihn lehren wie ein Kind. Aufs Geratewohl hin gab man ihm die Taufe. Die geizigen Alten nahmen ihn in ihren Dienst; er mußte ihre Hammelherden hüten. Das bißchen dürft'ger Lebensunterhalt war alles, was er ihnen kostete; sie glaubten noch, ein christlich Werk gethan zu haben, da sie den Armen bei sich aufgenommen. Doch mütterlich schien die Natur ob ihrem freigeborenen Sproß zu wachen. Von unbekannten Geschöpfen der Wildnis selbst erzeugt, verstoßen von den Menschen, die ihn flohen, schien er zu altern nicht und ward doch immer mehr von Tag zu Tage stark und schön. Er ward ein großer Bursch mit üppig langen Haaren, und wilde, dunkle Locken fielen ihm beständig in die Stirn und deckten fast die gotterhellten Augen, wo Ewigkeit mit der Unendlichkeit sich zu vermählen schien. Auf Kirchenprunk und unsre engen Riten gab er gar wenig nur. Natur allein ward ihm zur Richtschnur und Beraterin. Nur der Instinkt, der innere Trieb war's, dem er folgte. Da plötzlich, spät erst, wurde seiner Herrschaft, die schon bei Jahren war, ein Kind geboren, ein schwächlich Knäblein, das sie Stephan nannten. Da seine Mutter schon zu hochbetagt, um ihren Sprößling selbst zu nähren, so nahm sich Gerhard denn des Kleinen an. Er wählte ihm aus seiner Herde zwei seiner Lieblingsschafe aus, die ihre Milch dem Kinde spendeten. Steffen erholte sich, ward dick und stark, ein reizend Kind mit Rosenwangen wie ein kleiner Cherub. Gerhard versorgte ihn auch ferner mit der besten Milch von seinen Schafen, mit Früchten, reif und aromatisch duftend, mit Eiern von der wilden Taube, dem Fasan. Er betete das Kind an, wie noch nie ein menschlich Wesen je ein anderes; war's doch zum ersten Male, daß sein armes Wildlingsherz die reichen Liebesschätze, die sein Inn'res barg, austeilen durfte. Und Steffen zwitscherte und plapperte den ganzen lieben langen Tag als wie ein Vögelchen; war jener braun, so war er goldig blond; und was das Kleinchen wollte, that mit Lust der große, wilde Bursche. Die Alten, eigensüchtig, wie sie waren, sie störten nicht der beiden fröhlich Treiben. Als sie zusammen badeten, bewunderte Gerhard diesen jungen Leib, der so geschmeidig und so zierlich war; und es gab für ihn kein größeres Vergnügen, als diesen biegsamen und wonnig warmen Körper zu umschlingen und ihn auf seinen Armen fortzutragen, gar lange und gar weit, bis in des Waldes tiefsten Dämmerschatten, wo sie in Farrenkraut und Moos sich wälzten. Und Gerhard kitzelte den kleinen Steffen, indem er seine Lippen auf der Rosenhaut des Kindes umherwandern ließ. Dann lachte der kleine Schelm, suchte sich loszumachen, strampelte mit den Füßchen und gab dem Großen manchen Klapps auf seine kräftigen Lenden, der für jenen die wonnigste Liebkosung war ... Doch allzulange sollte dies Idyll nicht dauern. Eines schönen Tages erhielten die Eltern Steffens den Besuch eines Vetternpaares, die ein kleines Mädchen bei sich hatten, ein allerliebstes blondes Ding in Steffens Alter mit Namen Wanna, heiter und reizvoll wie ein taufrischer Morgen, appetitlich wie eine Walderdbeere. Die Alten kamen beiderseits überein, die Kinder später zu vermählen, zumal sie an einander vom ersten Augenblick an Gefallen gefunden hatten. Seit der Ankunft der kleinen Wanna ging der große Gerhard ganz traurig umher, da er die Zuneigung bemerkte, die sein kleiner Steffen dem reizenden Bäschen entgegenbrachte. Steffen, der verzogene Liebling, liebte Gerhard nicht anders, als wie er einen treuen und gelehrigen Hund geliebt haben würde, einen gefälligen Partner an all seinen Spielen, der bereit war, auch all seine Launen geduldig zu ertragen. Gerhard sah Wanna mit finstren Augen, mit totbringenden Blicken an; aber das blonde Geschöpfchen spottete über den jungen Wilden und schalkhaft und mutwillig, wie sie war, entführte sie, um ihn zu ärgern, ihm oftmals den geliebten Steffen oder versteckte sich, daß dieser sie wiederholen solle, ganz weit weg von dem Eifersüchtigen. Gerhard, dessen Geduld erschöpft war, beschwor seinen Freund, von Wanna zu lassen und sich niemals zu verheiraten. Aber Steffen lachte ihm ins Gesicht. ›Bist du toll, mein großer Schatz? So will es die Natur! Siehe die Tiere auf unserem Gute, siehe das Wild des Waldes! ...‹ ›Oh! habe Mitleid mit mir! Ich weiß nicht, was mir ist; aber ich möchte dich für mich ganz allein, ohne dich mit jemandem zu teilen ... Warum es den Tieren nachmachen, warum wie die anderen thun? Genügen wir einander nicht ganz? Wird dich jemals einer so lieben wie dein Gerhard? Wozu brauchen wir der kindererzeugenden Menge zu folgen? Giebt es nicht schon genug Geschöpfe auf der Welt? Laß uns für uns beide leben, für uns beide allein! Steffen, erbarme dich! Dich will ich haben, ganz für mich, dich ganz allein! Mich kümmert es nicht, ob du ein Mensch bist, wie die anderen; für mich bist du einzig und unvergleichlich ... Oh! was hatte sie nötig, zwischen uns zu treten? Nein, ich drücke mich wohl schlecht aus ... Deine erstaunten Augen, sie töten mich ... Ach, alles thut mir weh, wenn ich dich mit ihr zusammen sehe. Eine sengende Hitze fiebert durch mein Blut. Eure vereinigten Hände, sie bohren sich leise, ganz leise in meine Brust, um mir das Herz mit ihren Nägeln zu zerfleischen. O mein Steffen, ich sterbe bei dem Gedanken, daß sie dich umarmen, sie ihre Lippen auf die deinen pressen wird, daß sie dich weit von hier wegführen wird und ich dich lassen muß, ihr, die mein Leben, mein ganzes Glück mir raubt ...‹ Steffen lächelte; zwar fühlte er sich ein wenig gerührt über die große Liebe Gerhards, doch versuchte er ihn zur Vernunft zu bringen. ›Du großer Kindskopf! Meine Gefühle für dich werden sich nicht ändern. Siehe, bin ich nicht immer derselbe? Wir werden uns nahe bleiben wie früher. Du wirst mir folgen mit ihr ...‹ Aber der arme Hirt wurde nicht wieder vernünftig. Je mehr der verhängnisvolle Tag sich näherte, um so mehr schwand Gerhard dahin, verlor den Appetit, machte sich aus nichts etwas, das er früher gern hatte, vernachlässigte seine Herde, ja sein Benehmen ward so beängstigend, daß seine Herrschaft ihn zum Pfarrer schickte. Vielleicht hatte man ihm etwas angethan. Die Hirten verstehen sich alle etwas auf Hexerei, und ihresgleichen ist nicht minder ihren üblen Künsten ausgesetzt. Der treuherzige Gerhard erzählte schlicht und offen seine tiefe Pein dem Priester. Beim ersten Worte, das der heilige Mann vernahm, da fuhr er auf und rief ihm grollend zu: ›Weiche, Verruchter! Deine Gegenwart bringt Pest und Unheil. Ich weiß nicht, was mich abhält, dich dem Profoß des gnädigen Herrn Herzogs von Brabant zu übergeben ... damit du brennest auf dem Großen Markt, wie man es allen deinesgleichen thut ... Entferne dich sofort aus dieser Gegend ... denn deine Missethat hat dich getrennt von der Gemeinde der Gläubigen. Niemand kann los dich sprechen, als der Papst in Rom. Wirf dich zu seinen Füßen. Bisher nur hast du in Gedanken erst gesündigt. Das ist's auch nur, weshalb ich auf dein verruchtes Fleisch die Flammen des reinigenden Scheiterhaufens nicht herniederrufe!‹ Gerhard kehrte zu seiner Herrschaft zurück, ohne Gewissensbisse, doch verzweifelter denn je. Er hütete sich wohl, genau zu erzählen, was zwischen dem Diener Gottes und ihm sich abgespielt, und er beschränkte sich darauf, zu erklären, daß er entschlossen sei, eine weite Pilgerfahrt zu unternehmen, um eine Todsünde zu sühnen ... Als letzte Gunst begehrte er von Steffen, daß er ihn eine Strecke Weges noch geleite. Wanna wollte ihren Verlobten zurückhalten, indessen Steffen hatte Mitleid mit dem Treuen, und vor der Trennung, die womöglich ewig währen sollte, gedachte er ihrer langen, unbeschränkten Freundschaft, die sie in alter Zeit verbunden hatte. ›O Bruder, sage mir, was ist die schwere Missethat, die dich von hinnen treibt?‹ so fragte Steffen oftmals auf dem Wege den Vertrauten. Doch dieser senkte still das Haupt und schwieg; bisweilen nur sah er mit langem, heißem Blick ihn an. So schritten immer weiter sie fürbaß, beklommnen Herzens, ohne ein Wort zu wechseln; doch als sie sich dem Kreuzweg näherten, wo sie zum letzten Male sich umarmen sollten, da drehte plötzlich Gerhard jäh sich um und zeigte Steffen einen roten Schein am Horizonte in der Richtung, von wo sie hergekommen waren. Dann rief er aus mit grellem, wildem Lachen: ›Sieh dort! Das ist das Haus der Alten, das du flammen siehst, und Wanna, deine Wanna, sie verbrennt mit ihnen! ... Jetzt bist zu mein, ganz mein für alle Zeit!‹ Und er umschlang mit tollem Jauchzen seinen Freund, der sich vergeblich der Umarmung wehrte. ›Gerhard! Du machst mir Angst! Zu Hilfe! Helft mir! Er erdrosselt mich ...‹ ›Ganz mein! Ich war's, der dich dem Leben gab. Ich bin dir mehr als eine Mutter, hörst du! Und mehr als irgend je ein ander Weib! Du wolltest wissen, was mich insgeheim von hinnen trieb ... Wohlan, du sollst es jetzt erfahren. Euer Priester – hat mich verflucht! Dem ewigen Feuer hat er mich geweiht! Wohlan, ich will vorzeitig mich in dieses Feuer stürzen. Erst aber will ich kosten jenen Taumelkelch, der aus den Quellen deines Lebens sprudelt, erst will ich pflücken mir von deinen Lippen die saftige Frucht, nach der ich fast verging und die mich ewig laben wird, wenn ich im Höllenfeuer schmachte! ... Zu mir, zu mir!‹ Ein plötzlicher Gewittersturm brach los, als so der Unselige des Himmels Rache herausforderte. ›Ha!‹ jauchzte er in wildem Toben, ›Feuer der Rache, sei ein Freudenfeuer mir! Natur, gewaltige, verbrenne mich, vernichte mich! Ob du von Gott kommst, wie sie sagen, ob du vom Teufel stammst, was gilt es mir? Komm, laß im Tode uns vereinigt sein! ... Erhebe dich, Sturm der Befreiung, der Erlösung! Ich bin am Ende! Deine Feuerflut, wie kühl erquickend Rieselwasser wird sie mein Fleisch umströmen, verglichen mit der Liebesglut, die mich verzehrt und mich so elend machte! ... O komm!‹ ... Und der Verfluchte preßte Steffen an sein Herz, daß er ihn fast erstickte; und seine Lippen grub er in die des Jünglings und trank, und trank, in langen, durstigen Zügen, und ließ nicht eher ab, als bis des Himmels Feuer alle beide rings umhüllte ...« Bei dieser Stelle seiner pathetischen Improvisation sank die Stimme Kehlmarks zu einem Murmeln herab, das beinahe wie ein Röcheln klang. »O mein holder Knabe«, seufzte er, indem er zu den Füßen des kleinen Hirten niederglitt, »ich liebe dich wie ein Verlorener, ich liebe dich, wie Gerhard seinen Steffen liebte.« »Und ich, ich liebe Sie auch, teurer Meister, aus aller Kraft meiner Seele!« antwortete Guido, indem er seine Arme um Heinrichs Nacken schlang. »Ich gehöre Ihnen, Ihnen ganz und ungeteilt. Machen Sie mit mir, was Sie wollen! ... Doch sagen Sie mir, wissen Sie das erst seit jetzt?« »Ich brauchte dich nur zu sehen«, seufzte Kehlmark, »um mit deiner verkannten, und doch so stolzen und jungfräulichen Schönheit Mitleid zu empfinden. Meine Liebe entstand aus jenem Mitgefühl.« »Und ich, mein teurer Meister«, stammelte der junge Govaertz, »ich brauchte Sie bloß zu erblicken, um zu ahnen, daß Sie traurig sein und mir gefährlich werden würden, und meine Verehrung erwuchs aus meiner Herzbeklemmung.« »Das vermeintliche Schlechte, das dein Vater mir von dir erzählte, entschied über meine Sympathie, und die verächtliche Miene deiner Schwester, das Übelwollende ihres Blicks umgaben dich seitdem in meinen Augen mit einer Gloriole der Verklärung! ... Doch wagte ich nicht, mich zu erklären, bevor ich dich wiedergesehen hatte, und ich heuchelte Gleichgiltigkeit, um die Deinigen und deine allzu gewaltthätigen Kameraden irrezuleiten, die ich am selben Abend hinderte, indem ich nur mich ihrem ausgelassenen Schwarme näherte, an dir ihr Mütchen zu kühlen, du mein geliebtes Kind, Erwählter meines Lebens!« ... Kein Blitzstrahl traf sie, doch sie hörten einen dumpfen Schrei, ein Aufschluchzen, ein Rauschen in den Büschen hinter sich. Zwei unbestimmte Schatten verschwanden in der Finsternis. »Man hat uns belauscht!« rief Kehlmark, der aufgesprungen war und das dichte Dunkel zu durchdringen suchte. »Was thut es! Ich gehöre ganz dir!« stammelte Guido, indem er ihn an sich zog und sich erschauernd an seine Brust schmiegte. »Du bist mein Alles, und ich glaube nicht an das Feuer des Himmels! Vor dir hat niemand nur ein einziges gütiges Wort zu mir gesprochen ... Ich kannte nichts als Schimpfworte und böse, harte Reden ... Du bist mein Herr und Meister, meine Liebe, mein Idol! Jetzt mache mit mir, was du willst ... Komm! Deine Lippen! ...« V. Einige Tage nach dieser Scene im Garten kam Blandine zu Kehlmark, der sich allein in seinem Atelier befand und im Begriff war, zu schreiben. Sie hatte lange geschwankt, bevor sie sich zu einem Schritt entschloß, den sie für unerläßlich hielt, dessen Gefährlichkeit sie sich indessen nicht verhehlte. Obwohl sie tausend Tode litt, so dachte sie doch nur daran, Kehlmark zu warnen, ihn zu schützen vor den Folgen seines allzu intimen Einvernehmens mit diesem kleinen Vagabunden. Sie wollte selbst ihren Ohren nicht glauben, die ihr den Überschwang dieser Leidenschaft verraten hatten; sie blieb dabei, darin nur eine etwas unüberlegte Laune zu sehen, besonders da sie die Überspanntheit des Deichgrafen kannte, seine Sucht nach Neuem, sein Ungestüm, mit dem er an alle seine Unternehmungen, an seine geringsten Handlungen herantrat, er, der nur seinem inneren Drange zu folgen gewohnt war. Als sie eintrat, überraschten ihre Blässe und ihr verändertes Aussehen den Deichgrafen. Sobald er sie gebeten, Platz zu nehmen und sich nach dem Zweck ihres Besuches erkundigt hatte, begann sie entschlossen und ohne Umschweife, aber mit erstickter Stimme: »Ich hielt es für meine Pflicht, den Herrn Grafen davon in Kenntnis zu setzen, daß man schon rings im Lande anfängt, sich mit der beständigen Anwesenheit des jungen Govaertz hier in Escal-Vigor zu beschäftigen. Abgesehen davon, daß er ins Schloß kommt, aber ich fürchte, Heinrich, daß Sie wirklich eine übertriebene Vorliebe für diesen elenden kleinen Bauernjungen vor seinen Kameraden an den Tag legen, außerdem ...« »Blandine!« rief Kehlmark; er stieß seine Briefschaften zurück, warf seine Feder hin und erhob sich hastig; die Kühnheit dieser Einleitung verblüffte ihn. »O, verzeihen Sie mir, Herr Heinrich«, begann sie wieder, »ich weiß wohl, daß Sie auf jene hinsichtlich Ihrer Handlungen keine Rücksicht nehmen. Aber immerhin, die Leute sind hier so beschränkt! Sie sehen jeden Tag diesen jungen Bauern in Ihrer unmittelbaren Nähe, und da beginnt ihre Einbildungskraft und ihre Verläumdungssucht zu arbeiten ...« »Allerdings ein Grund, mich zu beunruhigen!« rief der Graf mit erzwungenem Lachen. »Was soll mir das wohl thun? In der That, Blandine, ich staune, daß Sie sich mit den Klatschereien des Pöbels befassen ... Das heißt doch wahrhaftig, diesen erbärmlichen Neidhammeln zu viel Rücksicht bezeigen ...« »Indessen, Herr Heinrich«, fuhr sie schon ein wenig unsicherer fort, »ich möchte Ihnen doch ganz ergebenst bemerken, daß ich die Verwunderung der Dörfler nicht ganz für unbegründet halte. Offen gestanden, trotz seiner guten Eigenschaften ist dieser Guido Govaertz keine Gesellschaft für Sie ... Das müssen Sie doch zugeben! ... Sie sehen nur mehr ihn, oder Sie treiben sich mit diesen Strolchen aus Klaarwatsch umher, sogar bis ans andere Ende der Insel ... Von Ihren früheren Freunden wird niemand mehr nach Escal-Vigor eingeladen ... Alles das ist nicht naturgemäß und ruft bloß unnötiges Geschwätz hervor ... Auch andere als böswillige Lästerzungen und tadelsüchtige Splitterrichter hätten recht, sich darüber aufzuhalten ...« »Blandine!« unterbrach sie der Deichgraf in einem eisigen und hochfahrenden Ton, »seit wann erdreisten Sie sich, meine Handlungen zu überwachen und mir bezüglich der Leute, die ich bei mir sehen will, Vorschriften zu machen?« »O seien Sie mir nicht böse, Herr Heinrich!« hauchte sie, ganz niedergeschmettert durch seinen harten Ton und seinen grimmigen Blick; »ich bin nur Ihre unwürdige Dienerin, ich weiß es, aber ich liebe Sie noch immer«, fuhr sie unter Thränen fort, »ich bin Ihnen ganz ergeben. Ich möchte Ihnen ja in nichts entgegentreten ... aber Ihr Ruf, Ihr erlauchter Name sind mir noch teurer und heiliger, als mein Gefühl für Sie ... Nur meine große Liebe läßt mich so sprechen. Ach, Heinrich, wenn Sie wüßten! ...« Und Schluchzen überwältigte sie, so daß sie nicht weiterreden konnte. »Blandine!« sagte der Deichgraf etwas milder – denn dieser heftige Schmerz besänftigte ihn –, »was ficht Sie an? Noch einmal, ich verstehe Sie gar nicht. Erklären Sie sich endlich deutlicher ...« »Wohlan denn, Herr Graf, nicht nur, daß die Leute im Dorfe sich über Ihre seltsame Zuneigung zu dem kleinen Hirtenjungen mokieren, einige gehen sogar so weit, zu behaupten, daß Sie ihn von seinen Pflichten gegen die Seinigen abwendig machten ... Und was erfindet man nicht sonst noch alles! ... Kurz, alle Welt sieht scheel darauf, daß Sie diesen kleinen Kuhhüter so verhätscheln ...« »Und doch haben Sie selbst auch einst die Kühe gehütet! Wie stolz Sie jetzt geworden sind!« sagte der Deichgraf mit Grausamkeit. »Ich bin nur stolz darauf, Ihnen anzugehören, Herr Graf! außerdem hat die gnädige Gräfin ...« Blandine zögerte. »Meine Großmutter?« forschte der Graf. »Ihre verehrungswürdige Großmutter, meine gütige Beschützerin, hat mich zu Ihnen erhoben; aber sie hat mich hauptsächlich gelehrt, Sie zu lieben!« fügte sie in rührendem Tonfall hinzu, so daß das Herz Kehlmarks sich zusammenkrampfte. »Ja gewiß, ich weiß das wohl, meine arme Blandine! Ich habe dich auch lieb und vertraue dir vollständig! ... Doch gerade deshalb bin ich erstaunt, dich mit diesen Mißgünstigen und Klatschsüchtigen im Einverständnis zu sehen ... Ich habe mir nichts vorzuwerfen, das magst du wissen. Die Protektion, die meine Großmutter dir zu teil werden ließ, ich lasse sie jetzt diesem jungen Bauernburschen angedeihen, und nun kommst du, und willst mir das Gute, das ich für dieses verkannte und verstoßene Kind thue, als Verbrechen auslegen? ... Ach, Blandine, ich verstehe dich nicht mehr ... Guido ist ein selten begabter Junge, eine Ausnahme-Natur ... Er interessierte mich von dem Tage an, seit ich ihn zum ersten Male sah ...« »Dieser verwünschte Serenaden-Abend!« Der Graf that, als habe er diesen herben Ausruf Blandinens nicht gehört, und fuhr fort: »Es gefiel mir, ihn zu mir zu erheben, ihn zu lehren und zu bilden, aus ihm das Kind meines Geistes zu machen, all mein Wissen mit ihm zu teilen. Was ist da Tadelnswertes daran? Ich liebe ihn ...« »Sie lieben ihn zu sehr!« »Ich liebe ihn, so wie es mir gefällt zu lieben ...« »O Heinrich! Zwillingsbrüder hängen nicht mehr an einander, wie Sie diesen obskuren kleinen Hirtenjungen zu lieben scheinen ... Nein, hören Sie, seien Sie nicht böse über das, was ich Ihnen sagen will, aber ich glaube, Sie haben niemals eine Frau so geliebt, wie diesen elenden Strolch ... Warten Sie, Sie sollen alles wissen ... Gestern Abend hatte ich mich in den Büschen hinter der Bank versteckt, wo Sie alle beide saßen. Ich hörte die glühenden Worte und die schrecklichen Dinge, die Sie ihm zuraunten mit einer Stimme ... ach, mit einer Stimme, die mir das Innerste zerriß! ... Ich war noch da, als Sie ihn umarmten, als Sie einen langen Kuß auf seine Lippen drückten und als er, nachdem Sie zu seinen Füßen gesunken, sich erschauernd an Ihren Busen schmiegte.« »Ah!« machte Kehlmark zornig, »soweit haben Sie sich erniedrigt, Blandine?! ... Sie haben spioniert! Meine besten Glückwünsche!« Da er fürchtete, daß ihn der Zorn übermannen könnte, so warf er ihr nur noch einen feindseligen Blick zu und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen. Aber sie klammerte sich an seine Kniee und ergriff seine Hände. »Verzeihen Sie mir, Heinrich; aber ich konnte nicht mehr! – Ich wollte Gewißheit haben!... Zuerst weigerte ich mich, meinen eigenen Augen und Ohren zu glauben ... O Gnade!... Gnade um Ihretwillen, Herr Graf! Sie wissen nicht, Sie haben Feinde. Der Pfarrer Bomberg paßt Ihnen auf und brennt darauf, Sie zu verderben! Geben Sie ihm nicht durch eine Unvorsichtigkeit selbst Waffen in die Hand! Kompromittieren Sie sich nicht weiter! Andere als ich hätten Ihnen gestern Abend auflauern können. Lassen Sie dieses Unglückskind von sich. Schicken Sie ihn wieder zu seinen Herden zurück! Noch ist es Zeit ... Fürchten Sie den Skandal. Trennen Sie sich von diesem Burschen, bevor man sich laut erzählt, was man sich jetzt ohne Zweifel im stillen denkt und sich leise zuflüstert ...« »Niemals!« schrie Kehlmark auf mit einer beinahe wilden Entschiedenheit. »Niemals! Hören Sie! Noch einmal, ich habe nichts Böses gethan, im Gegenteil, ich will nur das Beste dieses Kindes! Nichts wird mich von ihm losreißen!« »Nun gut! Dann werde ich gehen!« sagte sie, indem sie sich erhob. »Wenn dieser unheilbringende kleine Hirtenjunge noch einmal den Fuß nach Escal-Vigor setzt, so verlasse ich Sie!« »Ganz nach Belieben! Ich halte Sie nicht!« »O Heinrich!« flehte sie jammernd, »ist es möglich! All Ihre Güte, Ihre Nachsicht für mich ist also dahin! Er jagt mich fort! O mein Gott!« »Nein, ich jage Sie nicht fort, aber ich werde es niemals dulden, daß man mir vorschreibt, was ich zu thun und zu lassen habe. Wenn diejenigen, die vorgeben, mich zu lieben, sich nicht vertragen können und unter einander eifersüchtig sind, so trenne ich mich von dem Teil, der Drohungen ausstößt und neidisch ist und Ränke spinnt gegen ein anderes Wesen, das mir teuer ist. Dies ist alles. Jetzt und in Zukunft will ich frei leben, ungehindert in meinen Sympathien und meinen Neigungen. Ferner«, fuhr er fort, indem er sie bei der Hand ergriff und sie mit einem unsagbaren Ausdruck von Stolz und Herausforderung ansah, »erinnern Sie sich, was ich Ihnen sagte, bevor ich mich hier vergrub. Ich wollte mich von Ihnen trennen. Haben Sie Ihr Versprechen vergessen: ›Ich will nichts weiter sein als Ihre treue Wirtschafterin und Ihnen in nichts beschwerlich fallen!‹? Ich gab Ihren flehenden Bitten nach, doch ahnte ich damals schon, daß Sie es eines Tages bereuen würden, mich nicht meinem Schicksal überlassen zu haben ... Die jetzige Stunde giebt mir recht. Diese Erfahrung genügt, denke ich ... Trennen wir uns ohne Groll, Blandine, denn jetzt ist der Augenblick da, wo wir für immer scheiden müssen ...« Welch herbes Los, welche entscheidende Wendung las sie in dem Blick des Deichgrafen! »Nein, nein!« schrie sie auf. »Ich will nicht! Ich erneuere mein Versprechen von damals. Du wirst es sehen, Heinrich! Ich halte Wort ... O, man kann mich nicht so plötzlich von deinem Herzen reißen!« »Sei es denn!« willigte Kehlmark ein; »versuchen wir es noch einmal. Aber du wirst dich mit Guido Govaertz vertragen. Er ist das Wesen, das ich auf der ganzen Welt am meisten liebe; er ist mir unentbehrlich wie die Luft, die ich atme; er allein fesselt mich an das Leben ... Und besonders niemals eine Anspielung in seiner Gegenwart über das, was sich soeben zwischen uns abgespielt hat. Hüte dich, die mindeste Rachsucht zu zeigen, diesem Kinde den geringsten Vorwurf zu machen. Wenn ihm ein Unglück zustieße, wenn ich ihn verlöre, wenn er mir auf die eine oder die andere Weise entrissen würde, so würde das mein Tod sein. Hast du mich verstanden?« Sie neigte ihr Haupt zum Zeichen der Unterwerfung, entschlossen, die härtesten Qualen zu ertragen, wenn es nur von seinen Händen und unter seinen Augen geschähe. VI. Scheinbar erlitt das Leben auf Escal-Vigor, sowie die Beziehungen zwischen Kehlmark, Blandine, dem jungen Govaertz und Landrillon keinerlei Veränderung. Der Diener, der von der Auseinandersetzung, die Blandine mit dem Grafen gehabt hatte, nichts wußte, glaubte sie ganz für seine Pläne gewonnen und zögerte nicht, ihr an einem trüben Tage die Beziehungen zwischen dem Deichgrafen und seinem Schützling ausführlich darzulegen. Sie sah sich gezwungen, seine abscheulichen Späße anzuhören, und mußte die Heuchelei so weit treiben, mit dem Elenden in ein Horn zu stoßen. Außerdem drängte Landrillon sie, sich ihm hinzugeben. Als Blandine ihn zurückwies, sagte er ungeduldig: »Komm, sei nett zu mir, und ich verpflichte mich, sein Idyll mit dem jungen Govaertz in keiner Weise zu stören; sonst stehe ich für nichts!« Blandine bemühte sich krampfhaft, ihn bei guter Laune zu erhalten, um Zeit zu gewinnen. Sie ging sogar so weit, ihm die Ehe zu versprechen, unter der Bedingung, daß er seinen Mund halte. »Ich nehme den Wechsel«, stimmte er bei, »doch mußt du ihn nach Sicht honorieren.« »Bah!« wendete Blandine ein, »nichts drängt uns; bleiben wir noch einige Zeit hier, um unsern Besitz abzurunden.« Dieses Weib, die verkörperte Ehrenhaftigkeit, spielte also die geriebene Spitzbübin vor den Augen des Halunken, der sie jetzt erst recht bewunderte, da er nie zuvor auf ähnliche Heuchelei und Verstellungskunst gestoßen war. Diese Doppelzüngigkeit entzückte ihn, erschreckte ihn aber doch auch ein wenig. War die Schelmin nicht am Ende ihm an Gerissenheit überlegen? Zum Unglück für Blandine geriet er von Tag zu Tage mehr in sinnliche Glut für sie. Er hätte gar zu gerne ein wenig vor der Mahlzeit genascht! sagte er. Blandine verteidigte sich nur schwach; wohl wäre sie gern noch der Vollendung des Opfers ausgewichen, doch lange konnte sie sich ihm nicht mehr entziehen. Landrillon verdoppelte seine Zudringlichkeiten. In Wahrheit hatte Blandine Heinrich von Kehlmark nie zuvor so geliebt wie jetzt. Man stelle sich nun ihr Martyrium vor: auf der einen Seite ausgesetzt den Zudringlichkeiten eines Menschen, den sie verabscheute, gezwungen, seiner Rachsucht gegen den Deichgrafen zu schmeicheln; auf der andern Seite verpflichtet, dem vertraulichen Verkehr, der engen Gemeinschaft Kehlmarks mit dem jungen Govaertz beständig beizuwohnen. Welch grausames Doppelfeuer! An gewissen Tagen gewannen Natur und Instinkt ihre Rechte wieder. Oft war sie nahe daran, den Diener bei seinem Herrn anzuzeigen, doch sagte sie sich dann wieder, daß Landrillon, wenn man ihn fortgejagt hätte, sich an Kehlmark gerächt haben würde, indem er enthüllte, was er die Schändlichkeiten des Deichgrafen nannte. Zu anderen Malen war Blandine, die sich mit ihrer Kraft am Ende fühlte, da sie sich vor die schreckliche Alternative gestellt sah; entweder sich Landrillon hingeben zu müssen, oder Kehlmark zu verlieren, fest entschlossen, zu fliehen, alles in Stich zu lassen; sie wünschte sich sogar den Tod und dachte schon daran, sich ins Meer zu stürzen; aber ihre Liebe für den Grafen hinderte sie immer wieder, ihren Vorsatz zur Ausführung zu bringen. Sie durfte ihn ja nicht den Nachstellungen seiner Feinde preisgeben; sie hielt daran fest, daß sie über ihm wachen, ja daß sie ihm gegen sein eigenes Ich als Schutzwehr dienen mußte. Obwohl sie sich Gewalt anthun mußte, um dem jungen Govaertz nicht zu viel Kälte zu zeigen, so vermied sie doch, mit ihm zusammenzutreffen und enthielt sich soviel wie möglich der Teilnahme an den gemeinsamen Mahlzeiten. Sie entschuldigte dieses Fernbleiben mit heftigen Kopfschmerzen. »Was hat Fräulein Blandine nur?« fragte der kleine Govaertz seinen Freund. »Ich finde sie so sonderbar aussehend ...« »Eine leichte Unpäßlichkeit, ein Nichts. Es wird vorübergehen. Beunruhige dich deshalb nicht.« Oft raste das arme Weib durch das Haus wie von Furien gepeitscht; sie warf die Thüren und schob die Möbel mit großem Lärm durcheinander; es drängte sie, irgend etwas kurz und klein zu schlagen; am liebsten hätte sie ihr unerträgliches Weh laut hinausgeschrien. Aber wenn sie dann auf Kehlmark stieß, so bändigte dieser sie mit einem einzigen Blick. Eines Tages, als Landrillon ihr ganz besonders zugesetzt hatte, indem er drohte, Kehlmark nicht länger zu schonen, wenn sie sich ihm nicht hingäbe, verlor sie ganz den Kopf, da sie noch vor diesem verhaßten Äußersten zurückschauderte und sich ihm gern entziehen wollte; in ihrer Aufregung drang sie ungestüm in das Atelier ein, wo der Graf mit seinem Schüler sich befand. Es war stärker als sie, es überwältigte sie. Sie konnte sich nicht enthalten, dem kleinen Bauernburschen einen vorwurfsvollen Blick zuzuwerfen. Die beiden Freunde lasen gerade. Niemand von den dreien sprach ein Wort. Aber wohl niemals mochte ein Stillschweigen unheildrohender gewesen sein. Sie ging sofort wieder hinaus aus Angst vor den Folgen ihres unüberlegten Schrittes. * »Blandine, Sie vergessen unsere Abmachungen!« sagte Kehlmark zu ihr, als er sich das erste Mal darnach mit ihr allein befand. »Verzeihen Sie mir, Heinrich, ich kann nicht mehr! Ich habe meine Kräfte überschätzt; ich habe mir zuviel zugemutet. Sie lieben nur noch ihn. Die übrige Welt hat aufgehört, für Sie zu existieren. Kaum, daß Sie mich noch eines Blickes, eines Wortes würdigen ...« »Nun wohl, ja!« sagte er entschlossen, mit einer gewissen Feierlichkeit, zugleich mit dem Mut und der Unerschütterlichkeit des Stoikers, der seine Hand ins Feuer legt, »ja, ich liebe ihn über alles. Außer ihm finde ich kein Heil für mich auf der ganzen Welt ...« »Liebe ein anderes Weib; ja, wenn du meiner überdrüssig bist, nimm diese Klaudia, die mit allen Fibern ihres Körpers nach dir verlangt, allein ...« »Wenn ich dir doch schwöre, daß dieses Kind mir genügt ...« »O, es ist nicht möglich!« »Ich liebe ihn, ich werde niemals jemand anders lieben!« Kehlmark wußte, daß er seiner Gefährtin einen grausamen Streich versetzte, aber er war seiner selbst nicht mächtig; die Waffe, mit der er sie traf, sie ging in sein eigenes Herz; man muß bedenken, daß er solche Qualen gelitten hatte, daß er wie ein Verdammter fühlte, der nur noch begehrt, seine Leiden geteilt zu sehen. »Ach!« fing er wieder an, »du möchtest mich von diesem Kinde trennen! Um so schlimmer für dich! Nun wohlan, jetzt sollst du sehen, wie ich mich von ihm losreißen werde. Hier zum Beginn meine Antwort auf deine Mahnungen und Vorwürfe: von jetzt ab wird Guido mich überhaupt nicht mehr verlassen. Er wird im Schlosse wohnen ...« »Nehmen Sie sich in acht! ... Ich leide derart, daß ich Ihnen weh thun könnte, ohne es zu wollen. Es giebt Augenblicke, wo ich fühle, daß ich toll werde; ich kann nicht mehr für mich stehen!« »Und ich erst!« lachte wild und höhnisch der Deichgraf. »Ich bin zu Ende mit meiner Geduld. Du hast es gewollt, du hast mich zum äußersten gebracht. Ich schonte dich, ich beschränkte mich darauf, allein zu leiden. Um dich nicht zu betrüben, verbarg ich dir meine Pein, mein Geheimnis. Unglückliche Blandine, ja, ich schonte dich, weil ich überzeugt war, daß du selbst mich nicht würdest verstehen wollen, daß du dich von mir lossagen würdest, wenn du alles wüßtest ... Du hast alles wissen wollen, wohlan, jetzt sollst du es erfahren. Sei ganz ruhig, ich werde dir nichts verbergen, nichts verheimlichen. Von nun an brauchst du mir nicht mehr nachzuspionieren. Deine Eifersucht hat dich nicht getäuscht; ja, es ist Liebe, es ist die glühendste Liebe, die ich für diesen kleinen Guido empfinde ... Ich bete ihn an!« Sie stieß einen Schrei des Schreckens aus. Die Liebende und die Christin fühlte sich gleichzeitig in ihr getroffen. »O Heinrich, Erbarmen! Du lügst, du konntest dich nicht so erniedrigen ...« »Mich erniedrigen? Im Gegenteil, ich bin stolz darauf!« Es kam zwischen ihnen zu immer heftigeren Scenen. Aber stets gab Blandine nach, sie unterwarf sich, von Schrecken und unendlichem Mitleid hin- und hergerissen; beides vereinigt bildet eine der aufreibendsten Formen der Liebe. Von jetzt ab schlief Guido im Schloß. Blandine wich ihm aus, aber sie konnte es nicht vermeiden, ab und zu Kehlmark zu begegnen und der Ausdruck ihres Gesichtes war derart, daß der Graf in heftige Vorwürfe ausbrach. »Nehmen Sie sich in acht, Blandine!« sagte er ein ander Mal zu ihr. »Sie spielen ein gefährliches Spiel. Ohne Sie aus wirklicher Liebe zu lieben, habe ich Ihnen eine Art Kultus geweiht, der auf tiefer Erkenntlichkeit beruhte. Ich verehrte Sie, wie ich nach meiner Großmutter kein Weib auf Erden je verehrt habe. Aber ich werde Sie schließlich verabscheuen. Indem Sie sich immer wie ein Hemmnis meinen Herzensbedürfnissen entgegenstellen, werden Sie mir endlich so verhaßt werden, wie ein Henker, der mir Schlaf und Nahrung entziehen will! Ach jawohl, Sie üben da ein herrliches, ein echt christliches Werk, Sie spielen die Heilige, die Anbetungswürdige, die Engelgleiche! Mit deinen stummen, vorwurfsvollen Mienen, deinem Aussehen wie die heilige Gottesmutter mit den sieben Schmerzen wirst du dich bald rühmen können, wenn ich im Wahnsinn zu Grunde gehe, daß du es hauptsächlich gewesen bist, die meine Vernunft untergraben hat ... Seit einem Jahre belauerst du mich, umlagerst du mich, trittst mir entgegen, wo du weißt und kannst, und zerfleischest mein Herz mit Nadelstichen, alles unter dem Vorwande, mich zu lieben ...« »Warum haben Sie mich denn verführt?« fragte sie. »Dich verführen? Ach, du warst ja nicht mehr Jungfrau!« hatte er die Schlechtigkeit, ihr zu entgegnen. »Pfui, Herr Graf! Wenn Sie so zu mir sprechen, sind Sie noch brutaler, als der arme Schelm, der mich vergewaltigt hat. Sie sind schuldiger als er, denn Sie haben mich ohne Freude und ohne Liebe besessen! Oh, warum?« »Ich wollte mich verändern, mich besiegen, die in mir schlummernden Widersprüche zur Vernunft bringen ... Du warst übrigens das einzige Weib, das ich besessen, das einzige, das beinahe zu meinen Sinnen gesprochen.« VII. Nach derartigen Auftritten war Kehlmark oft gegen sich selbst aufgebracht. »Niemals wird man mich so von ganzem Herzen lieben, wie dieses Weib es thut!« sagte er, wenn er sich zur Vernunft zu bringen versuchte. Er erinnerte sich ihres ersten intimen Zusammenseins bei der Großmutter. Immer war er ihr Orakel, ihr Abgott gewesen. Sie bediente ihn bei der alten Gräfin, trat für ihn beschwichtigend ein, wenn seine Streiche sie aufregten, besorgte ihm Geld, wenn er solches nötig hatte. Wo sollte er je gleiche Treue und Ergebenheit wiederfinden? Ging sie nicht sogar jetzt so weit, seine Leidenschaft für den jungen Govaertz zu tolerieren? Dann aber trat ein Umschlag ein und warf alle seine guten Vorsätze über den Haufen. Ein Wort, ein Klang ihrer Stimme, ein Blick, in dem er einen stillen Vorwurf zu lesen glaubte, ein ernster, strenger Zug in ihrem Gesicht ließen ihn wieder an Blandine zweifeln, ja sie verabscheuen; er sah dann in ihrer Ergebenheit nichts als üble Neugierde und kriechende Spioniererei, nichts als ausgeklügelte Rache und schlecht verhehlte Verachtung. Sie studierte ordentlich und grübelte darüber nach, meinte er, wie sie ihn demütigen und ihm ihre Abneigung recht fühlbar machen könnte. Dieser Engel war ihm dann nur ein recht raffinierter Folterknecht. Und bei der ersten besten Gelegenheit überschüttete der Unglückselige sie dann mit immer heftiger werdenden Schmähungen. Zu dieser Zeit spiegelte die Schönheit Blandinens das fast übermenschliche Märtyrertum ihrer Seele wieder; diese Schönheit hatte selbst etwas von der Majestät des Todes. Eine eisige Ruhe, eine Totenstille, die freilich ganz anders war, als die des Grabes, legte sich allmählich über ihr Herz. Ewig gequält von Landrillon hatte sie sich endlich ihm hingegeben. Sie hatte ihren armen Leib zum Sühnopfer gebracht, um die Seele dessen zu retten, den sie gottvergessen und verbrecherisch wähnte; als fromme Christin betete sie für ihn, um ihn der ewigen Verdammnis zu entreißen; ihr ganzes Herz bäumte sich gegen den Undankbaren auf selbst in dem Augenblick, wo sie sich hingab und den Armen des verhaßten Erpressers überlieferte. Dies Opfer wiederholte sich nach jeder Drohung, die der Halunke ausstieß. Blandine war dann beruhigt: Landrillon würde nichts gegen den guten Ruf des Grafen unternehmen. Sie rechnete auf ein Wunder. Kehlmark würde von seiner Verirrung zurückkommen. Der Himmel würde die Fürbitte der Heiligen erhören. * Wochen verflossen. »Recht lange schon genießen wir des Vergnügens, mein Schätzchen«, sagte Landrillon eines schönen Tages, »aber es handelt sich nicht nur um solche Kleinigkeiten. Wir müssen nunmehr an ernste Dinge denken. Und um einen guten Anfang zu machen, wollen wir uns heiraten!« »Bah! Ist das notwendig?« machte Blandine unter erkünsteltem Lachen. »Welche Frage! Ob es notwendig ist? Du bist meine Geliebte und weigerst dich, meine Frau zu werden!?« »Zu welchem Zweck? Da du mich doch besessen hast ...« »Wie, zu welchem Zweck? Ich bestehe darauf, dein Gatte zu werden! Oder erhoffst du etwa hier noch was?« »Nichts!« »Na, also! Ziehen wir weiter! Wir haben uns genug geschunden. Jetzt ist es endlich Zeit, daß wir uns und unsere Ersparnisse zusammenthun, erst vor dem Notar und dann vor dem Pfarrer. Und dann adieu, Herr Graf von Kehlmark!« »Niemals!« stieß Blandine mit wilder Energie hervor; sie dachte an die beiden anderen, die dann hier zurückbleiben würden, und ihr Blick ward starr und schaute verloren ins Weite. »Holla! Was ficht dich an? Und unser Pakt? Willst du ihn nicht halten? Ich will dich zur legitimen Gattin haben. Du hast ein paar Groschen. Ich brauche sie. Oder willst du lieber, daß ich Ehrwürden Balthus Bomberg und Klaudia Govaertz die keuschen Mysterien von Escal-Vigor enthülle?« »Das wirst du nicht thun, Landrillon!« »Das werden wir ja sehen.« »Ein Vorschlag!« sagte sie. »Ich will dir Geld geben. Ich will dir alles geben, was ich habe, nur laß mich hier und suche dir eine andere Frau.« »So liebst du ihn also noch, diesen Wüstling?« schrie der Halunke. »Um so schlimmer. Du mußt dich darein finden, ihn zu verlassen und Frau Landrillon zu werden. Jetzt keine Dummheiten weiter. Ich gebe dir zwei Monate Bedenkzeit, und dann los!« Escal-Vigor verlassen! Kehlmark nicht mehr sehen! Das Unglück wollte es, um ihren Jammer voll zu machen, daß sie Heinrich von Kehlmark begegnete, und daß dieser, gereizt von ihrem verstörten Aussehen, sie von neuem anfuhr. »Herrlich! Prächtig! Noch immer diese Leichenbittermiene! Jetzt ist's am Tag! Ich bin das größte Scheusal unter den Menschen. Aber dann, Blandine, bist du dann nicht ein noch größeres Scheusal, daß du dich so an ein Wesen kettest, wie ich bin? Und wer weiß«, lachte der Unglückliche mit dem krassen Humor eines zum Tode Verurteilten, »ob es nicht mein Ausnahmezustand, meine vermeintliche Anomalie ist, die deine verderbte Einbildungskraft kitzelt? Wer steht mir dafür, daß deine demutsvolle Unterwürfigkeit nicht auch eine Art von angeborener Perversion ist, wie die Hochgelahrten sagen; etwas von dieser Wollust des Leidens, das man mit dem schönen Namen Masochismus bezeichnet! In diesem Falle würde deine famose ›Aufopferung‹ nur Wahnsinn oder Krankheit für die Einen bedeuten, und Verbrechen und Schändlichkeit für die Anderen! O Reinheit! O Heiligkeit! Wohin seid ihr geschwunden?!« Noch niemals war er ihr mit einer solchen wilden Erbitterung zu Leibe gegangen. »Ach«, dachte sie, »mir sagen zu müssen, daß ich es bin, die ihn so zur Verzweiflung bringt. Ich, die ich ihm alles opfern möchte, die ich nicht weiß, was ich ihm noch geben sollte; ich, die ich mich entschlossen, um seine Ruhe zu erkaufen, zu leben, und welch ein Leben, o mein Gott!« »Heinrich, mein Heinrich«, flehte sie, »schweige, um des Himmels willen schweige! Sage mir, was ich thun soll. Ich bin ja nur deine Dienerin, deine Sklavin. Was hast du mir denn noch vorzuwerfen?« »Dein Verächtlichthun, dein Fratzenschneiden, dein scheinheiliges Gebaren. Verlasse mich. Trenne dich von diesem Verpesteten. Ich mag dein beleidigendes Mitleid nicht mehr hören! Immer stehst du vor mir, wie ein Fleisch und Bein gewordenes Gewissen, wie ein lebendiger Vorwurf. Was du auch thust, mir ist es wie ein Spiegel, in dem ich mich beständig an den Schandpfahl gekettet sehe, unter dem glühenden Eisen des Henkers ...« Und er packte sie in wildem Grimm mit seinen Fäusten, als ob er sie umbringen wollte; dann schrie er ihr ins Gesicht: »O du Normale, Tadellose, Musterhafte! Ich hasse dich, hörst du, ich hasse dich! Geh, ich kann dich nicht mehr sehen. Lieber alles Äußerste, als diese Hölle. Geh, liefre mich ans Messer, du weiblicher Judas! Hetze unsre tugendsamen Nachbarn, ja die ganze Insel hetze gegen mich. Lauf hin zum Pfarrer, sag' ihm, wie ich bin. Ha! Mir ist das alles jetzt ganz gleich ... Dieses ewige Lügen, dieses fortwährende Heucheln, es erstickt mich, es drückt mich zu Boden. Alles ist dieser Höllenqual vorzuziehen. Wenn du nicht sprichst, so werde ich sprechen! Ich werde ihnen alles sagen! ... Ach, wie verworfen werde ich dir dann erscheinen, Blandine! ... Aber du, du bist noch verworfener als ich, da du so lange auf Kosten dessen gelebt, den du verachtest, dich hast ernähren, aushalten lassen von diesem Verruchten, so lange zu seinen Lastern beide Augen zugedrückt hast, da er dich reichlich bezahlte! ...« »Heinrich, mein Heißgeliebter! Wahrhaftig, das glaubst du!? Wie würdest du dir zürnen, wie würdest du dich selbst verabscheuen, wenn du die Wahrheit kenntest!« * In der That, er war ungerecht. Die Ungerechtigkeit, deren Opfer er sich selber wähnte, sie machte ihn toll und blind, grausam wie das Verhängnis. Er rechnete sie zu der großen Menge, dem bösgesinnten, niedrig denkenden Haufen, sie, diese Bewundernswerte, diese hochherzige Liebende; wohl ward sie manchmal schwach und brach beinahe zusammen, indem sie ihre fast heroischen Kräfte überschätzte, an deren Ende sie angelangt war; aber dann schöpfte sie aus ihrer Liebe immer wieder neue Stärke, sich aufzurichten, höher und höher, obwohl die Liebe sie ewig von ihren höchsten Wonnen, ihren seligen Gefilden ausschloß. »Ja, wahrhaftig, ich glaube das!« beharrte der Unglückliche, der ganz außer sich war. »Du schonst mich nur, weil du hier ein behagliches Leben als Schloßherrin führst und weil du dich für unentbehrlich hältst, denn dieser tolle Verschwender hatte ja nie gelernt, zu rechnen. Du bildest dir ein, daß ich nicht ohne dich auskommen könnte. Du drängst dich mir darum auf. Aber geh jetzt! Laß mich Körper und Seele und Ehre zu Grunde richten. Du bist reich genug. Befreie mich von deiner Gegenwart! ... Ich will dir noch Geld zugeben, soviel du willst! Aber, um Himmelswillen, entferne dich so schnell als möglich. Wir können nicht mehr zusammen leben. Was zwischen uns geschehen, läßt sich nie wieder gut machen. Wir sind uns fernerhin nur gegenseitig zum Ekel.« »O mein Heinrich!« schluchzte das arme Weib ... Sie wollte sprechen, aber sie würde ihn beschämt, gedemütigt haben; und so zog sie sich zurück, um nicht in Versuchung zu kommen, ihm die Wahrheit zu sagen. VIII. Als Kehlmark allein war, kam ihm zum ersten Male der Gedanke, seine Rechnungsbücher durchzugehen und sich selbst über den Stand seines Vermögens zu informieren. Er hatte Blandine Vollmacht erteilt, sie verwaltete sein Vermögen. Er wußte, wo die diesbezüglichen Dokumente sieh befanden. Der Schlüssel steckte nicht, darum sprengte er ohne Bedenken das Schloß. Und nun stöberte er alles durch und wühlte in den Papieren; er durchlief die Zahlenreihen, die notariellen Akte ... Noch bevor er mit seiner Orientierungsarbeit zu Ende war, sah er, daß er fast ruiniert war. Escal-Vigor war beinahe die einzige seiner Besitzungen, die noch nicht belastet war. Aber wo kam das Geld her, womit man seine riesigen Ausgaben, seinen fürstlichen Lebensunterhalt bestritt? Welcher freigiebige Bankier streckte ihm so beträchtliche Summen ohne jede Sicherheit vor, ohne die geringste Aussicht, sein Geld jemals wiederzuerhalten? Plötzlich begriff er. Blandine! Blandine, die er eben noch so gröblich beschimpft hatte. Die Rollen waren vertauscht. Er also war der Ausgehaltene. In der Gemütsverfassung, in der er sich befand, brachte ihn diese Entdeckung, anstatt ihn zu beruhigen, nur noch mehr außer sich. In seiner Begriffsverwirrung glaubte er, daß nichts der Ungerechtigkeit gleichkommen könne, über die er sich beklagen zu müssen wähnte. Er fuhr das junge Weib an: »Das wird ja immer schöner!« rief er. »Ich weiß alles. Du hältst mich aus, du kaufst mich aus, ich besitze keinen Pfennig mehr. Escal-Vigor müßte dir gehören; es repräsentiert ja kaum den Wert der Summen, die du mir gegeben. Aber, meine Liebe, du hast dich doch verrechnet, wenn du hofftest, mich auf diese Weise an dich zu fesseln, mich dir unterthan zu machen ... Nein, nein, ich lasse mich nicht kaufen. Ich werde gehen. Ich lasse dir Escal-Vigor. Ich will nichts von dir ...« »Indessen«, fuhr er mit grausamer Ironie fort, als sie verstummte, »nachdem, was ich dir schon gestanden, würdest du an meiner Person eine recht erbärmliche Akquisition gemacht haben! Hahaha! Unsere gegenseitige Lage ist noch verrückter, als ich dachte ... Du bist wahrhaftig anspruchslos! Aber, du kleine Thörin, mit dem Gelde, das dir meine Großmutter hinterließ, hättest du dir einen echten Mann anschaffen können, einen kräftigen Frauenliebhaber. Holla! ich denke, du hättest nicht weit zu suchen brauchen ... Dieser Landrillon ...« * Unglücklicher Kehlmark! In seiner Sucht nach Auflehnung gegen Blandinens Bevormundung und nach Vergeltung für das ihm angeblich angethane Unrecht hatte er der Ärmsten die härteste Wunde geschlagen. O der Elende! In seiner Verblendung ahnte er nicht, welch ein Opfer sie ihm gebracht. Der Verlust ihres Vermögens war nichts gegen die Hingabe ihres Leibes an den verhaßten, verabscheuten Erpresser. Welcher Dämon hieß die wutbebenden Lippen des Deichgrafen gerade diesen Namen aussprechen, den letzten, den er hätte nennen dürfen! Niemals ward es Kehlmark kund, wie abscheulich er sich jetzt benommen; doch kaum war der Name Landrillons seinen Lippen entflohen, so vollzog sich, halb unbewußt, ein Umschlag in ihm: das leichenblaße Antlitz Blandinens, ihre angstvoll flehenden Augen gaben ihm den Schlag teilweise zurück, den er ihr soeben versetzt hatte. Er fing die Zusammenbrechende in seinen Armen auf: »Verzeihe mir, Geliebte! Es ist nicht mein eigenes Ich, das jetzt aus mir sprach. Ein unsäglicher Schmerz, ein heimlich bohrender, ewig quälender Vorwurf haben mich so weit gebracht: mein überreiztes Gehirn rächt sich.« Und um ihre Verzeihung zu erhalten, legte er ihr eine Generalbeichte ab, entwarf er ihr ein vollständiges Gemälde von seinem Seelenleben. Dann fielen ihm wieder die traurigen Stunden ein, die er durchlebt hatte, und von neuem überkam ihn das Verlangen, brutal und grausam gegen sie zu sein; doch bald begann er wieder sie zu liebkosen, und endlich brach sein Paroxysmus in Augenblicken geistiger Verwirrung in erschütternde Klagen aus: »O Blandine, Blandine! Was habe ich glitten und was leide ich noch; nie hat ein Mensch noch gleich schreckliche Qualen durchgemacht. Armes Lieb, du hast geglaubt, daß ich dir zürnte, daß ich Vergnügen daran fände, dich zu quälen. Komm, sei vernünftig! Du siehst jemanden auf dem Scheiterhaufen festgebunden bei langsamem Feuer langsam, qualvoll verbrennen; und du machst ihm noch zum Vorwurf, daß das grause Schauspiel empfindsame Seelen martert! ... Ach, ein Schauspiel, das er dir sehr wider Willen bereitet! Und dieses gemarterte Opfer, diesen gepeinigten Dulder, dessen ganzes Leben nichts als eine fortwährende Qual, ein einziger stechender Schmerz ist, diesen bei lebendigem Leibe Verbrennenden beschuldigst du, dein Henker zu sein. Von nun an, o meine Schwester, verschone ihn mit deinen mißbilligenden Mienen, mit dem stummen Vorwurf deiner Tugend. Ah, ich habe genug davon, übergenug! Wenn ich dir unbewußt Böses gethan, dir, der besten der Frauen, warum sollte ich auf die Empfindungen der Menge Rücksicht nehmen? ... Statt mich zu erniedrigen, hebe ich mich hoch empor ... Wirst du mich beurteilen, wirst du mich verdammen, wie die anderen? Nun, wie du willst. Aber ich bestreite dir selbst das Recht, mich frei zu sprechen! Ihr habt kein Urteilsmaß für unsereinen. Ich bin weder ein Kranker, noch ein Verbrecher. Ich fühle ein Herz in mir, größer und reicher, als eure gepriesensten Apostel. Sieh mich nicht pharisäisch an, du Fehlerlose! Und mit diesen beleidigenden und beschimpfenden Worten, da spreche ich dir nun von meiner Liebe, von der einzigen Liebe, die mir möglich ist! – Diese Worte, teurer Engel, sie könnten dich wohl auf einen Augenblick die ganze Wohlthätigkeit verlieren lassen, die sonst dein Wesen ausströmt, das ganz Güte und verständnisvolle Verzeihung ist ... Doch genug davon, weg mit dieser hingebungsvollen Demut, die mich wie rotglühendes Eisen brennt! ...« »O Heinrich!« seufzte das arme Weib, »lassen wir das Vergangene ruhen; reiße mir das Herz aus der Brust, nur sprich nicht länger so ... Laß es gut sein. Weit entfernt, dich zu tadeln, entschuldige ich dich vielmehr; ich heiße alles gut, was du auch thust. Begehrst du das von mir? Wohlan, ich verdamme, was du verdammst, ich sage mich los von Taufe und Christentum, vom Evangelium und von Jesus!« Da strömte sein Inneres über, alle Schleusen seines Herzens öffneten sich weit. Blandine hatte ihn sanft zu einem Sessel geleitet. Sie schien ganz verklärt. Ihre Arme schlang sie um seinen Hals, und Wange an Wange geschmiegt ließen sie vereinigt ihre Thränen fließen. Sie hatte jetzt erkannt, daß die Verzweiflung Kehlmarks weit ihre Leiden überwöge, und sie beschloß in ihrem Herzen, nur mehr wie eine Mutter ihm zu sein. »Sage mir, Blandine«, fuhr er fort, »wem habe ich unrecht gethan? Dir? Doch ohne es zu wollen. Ich war nicht der, den du erträumtest, oder wenigstens nicht so, wie du ihn gewollt hättest. Ich kann nichts dafür! – Du weinst, Blandine, während du mir zuhörst. Du hast recht, wenn du Thränen vergießest, indem du meinen langen Leidensweg betrachtest ... Dein Mitleid ist mir wert und thut mir wohl. Doch wenn es nur aus Scham ist, daß du um mich weinst, Geliebte, wenn du das Vorurteil des Abendlandes und der protestantischen Welt teilst, ... ah dann, dann gieb mich auf, verlaß mich, trockne deine Thränen: dein schamgeborenes Mitleid mag ich nicht! Von heute ab will ich auf Menschen keine Rücksicht mehr nehmen, und feiges Schamgefühl soll mich nicht hindern. Ein Augenblick wird kommen, wo ich, wie ich empfinde und wie ich geschaffen bin, der ganzen Welt ins Antlitz schleudern werde ... Jetzt ist es an der Zeit! Zu lange schon hat meine Höllenqual gedauert. Sie begann bereits, als ich zum Manne heranreifte. Als ich in der Erziehungsanstalt war, nahmen meine Jugendfreundschaften die ganze Lebhaftigkeit und süße Schwärmerei an, wie sie sonst nur der zärtlichsten Liebe eigen ist. Beim Baden erfüllte der Anblick der nackten Körper mich mit verwirrenden Wonneschauern. Wenn ich nach Mustern der Antike zeichnete, so suchte ich mir nur edel gewachsene männliche Gestalten aus; da ich ganz wie ein Grieche fühlte, so fand ich kein Verdienst darin, mit schlecht sitzender verhüllender Gewandung die harmonischen Formen eines Athleten, eines jugendlichen Heroen, eines jungen Gottes zu umkleiden; meine Seele jauchzte in wollüstiger Ekstase der göttlich schönen, unverhüllten Nacktheit zu. Gleichzeitig fand ich Hähne und Fasanen prächtiger als ihre Hennen, Tiger und Löwen herrlicher als ihre Weibchen! Aber ich schwieg still und verbarg tief in meinem Innern meine Vorliebe für das männliche Geschlecht. Ich versuchte selbst meine Augen und meine anderen Sinne anders empfindend zu machen; ich peinigte mein Herz und mein Fleisch, um sie zu überzeugen, daß ihre Sympathien fehl gingen, sich verirrten. Vergebliches Bemühen. So liebte ich im Pensionat einen jungen englischen Lord, William Percy, derselbe, durch dessen Schuld ich bald ertrunken wäre; doch niemals wagte ich ihm anders als durch eine warme brüderliche Zuneigung die Glut zu zeigen, die mich für ihn verzehrte. Als ich Schloß Bodemberg verließ, als ich dich traf, Blandine, da hoffte ich, kraft meiner Liebe zu dir in die gewöhnliche Ordnung der Dinge zurückzukehren. Allein zum Unglück für uns beide ward dies Zusammentreffen nur eine Episode in meinem geschlechtlichen Leben. Trotz meines aufrichtigen, heldenhaften Bemühens, trotz meiner krampfhaften Willensanstrengung, mich an die beste und begehrenswerteste der Frauen festzuklammern, wandten mich doch meine sinnlichen Bedürfnisse bald gänzlich von dir ab und ich liebte dich nur noch seelisch, o Blandine! In dieser Zeit ließen die Reste christlicher, oder richtiger gesagt, biblischer Skrupel mich vor mir selbst einen Abscheu bekommen. Es graute mir vor mir selber und ich wähnte mich verflucht, von bösen Geistern besessen. Dann, als mir die Ungerechtigkeit meines Schicksals, für das ich doch nichts konnte, zum Bewußtsein kam, versöhnte ich mich allmählich mit mir selbst. Ich gelangte dazu, nur die Stimme meines eigenen Gewissens als Richter über mein Innenleben anzuerkennen. Gestützt auf meine absolute Ehrlichkeit, auf die Übereinstimmung zwischen meiner Natur und meinen Empfindungen, die meine innere Stimme als gerechtfertigt anerkannte, empörte ich mich dagegen, daß die Ansicht der großen Menge die Richtschnur für mein Liebesleben abgeben sollte. Die Lektüre verschiedener Schriften klärte mich vollends auf, daß ich das Recht zu leben und zu denken hatte, wie es mir meine Natur vorschrieb. Künstler, Gelehrte, Helden, Könige, Päpste, sogar Götter, sie rechtfertigten, ja verherrlichten durch ihr Beispiel den Kultus der männlichen Schönheit. Wenn ich wieder dem Zweifel und den Gewissensbissen anheimzufallen drohte, so las ich, um mich in meinem sexuellen Glauben, meiner sexuellen Religion zu festigen, wieder und wieder die liebeglühenden Sonette Shakespeares an William Herbert Grafen von Pembroke, die nicht minder abgöttischen Michel Angelos an Tommaso de' Cavalieri; ich stärkte mich, indem ich die betreffenden Stellen bei Montaigne, Tennyson, Wagner, Walt Whitman und Carpenter wieder vornahm; ich rief die Teilnehmer des Gastmahls Platons, die Liebenden der heiligen Schar der Thebaner zu Hülfe, Achilleus und Patroklos, Orest und Pylades, Dämon und Phintias, Hadrian und Antinous, Chariton und Melanippus; ich lebte in all diesen herrlichen Liebesbündnissen des Altertums und der Renaissance, die man uns in der Schule als Blütezeit der Menschheit rühmt, wobei man aber den erhabenen Erotismus jener Zeiten, der zur reinsten Kunst, zu heroischen Thaten, zu den höchsten Bürgertugenden begeistert, philiströser Weise verschweigt. Indessen blieb mein äußeres Leben auch weiterhin ein ewiger Zwang, eine fortwährende Heuchelei. Ich beugte mich einer ruchlosen Disziplin zu Liebe vor der Herrschaft der Lüge. Aber meine gerade und ehrliche Natur lehnte sich unablässig gegen diese Verstellung auf. Stelle dir vor, meine arme Freundin, den grausamen Widerstreit zwischen meinem offenen und mitteilsamen Charakter und dieser Maske, die meine natürlichen Triebe und Beziehungen entstellte und herabzog! Ach, ich kann es dir jetzt wohl sagen, mehr als einmal drohte meine fleischliche Unempfindlichkeit gegen das Weib in wahren Haß umzuschlagen. Und du selbst, Blandine, du brachtest mich vollends auf gegen dein Geschlecht, du, die beste der Frauen! An dem Tage, da du dir schmeicheltest, Guido Govaertz von mir zu trennen, da fühlte ich meine beinahe verwandtschaftliche Zuneigung für dich sich in einen vollständigen Abscheu verwandeln. In dieser Lage, überall zurückgestoßen, unverstanden, vereinsamt, so gut wie verflucht, war ich oft nahe daran, – du wirst das jetzt verstehen –, den Verstand zu verlieren. Mehr als einmal geriet ich auf Abwege. Da man mich nun doch einmal für ein Scheusal ansieht, sagte ich mir, da ich ein Verlorener, sozial Geächteter bin, so will ich wenigstens die Wohlthat meiner Schande genießen. Die sadistischen Frevelthaten eines Gilles de Retz ließen mich nicht schlafen. Erinnerst du dich noch des Kindes, das du eines Tages meinen Armen entrissest? In meiner Wut stach ich nach dir mit einem Messer, und doch hattest du nicht verstanden, was da in meiner Seele vorging! Ein andermal, als wir noch in der Stadt wohnten, machte ich mich an einen kleinen Straßenjungen, der sich beim Hafen herumtrieb, zerlumpt und abgerissen wie die kleinen Strandläufer von Klaarwatsch. Gestachelt von einem Anfall einer abscheulichen Perversion wollte ich ihn hinter einen Haufen von Warenballen tragen. Ich nahm den Knirps auf meinen Arm: das Bübchen lächelte mir freundlich zu und hatte gar keine Angst, obwohl mein Gesicht in diesem Augenblick die verzerrten Züge eines Strangulierten haben mußte. Der feine Herr, so dachte es wohl, wollte bloß mit ihm spielen und würde ihm nachher etwas schenken. Die Wangen des Kleinen waren rund wie ein Pfirsich und braun wie seine zerlumpten Sammethöschen, seine dunkelleuchtenden Augen blitzten mich voll schalkhafter Liebkosung an. Während ich mit fiebernden Schläfen und trockener Kehle immer schneller vorwärts eilte, zupfte mich der kleine Schelm am Bart. Der Schleier, der wie aus Pech und Schwefel gewoben sich über meine Augen gelegt hatte, zerriß plötzlich. Ich dachte an meine Kindheit, meine Großmutter, dich, Blandine, meinen guten Engel! Nein, Nein! Ich legte den Kleinen auf den Boden nieder und entfloh. Seitdem überwand ich diese unseligen Vorstellungen und Gelüste mit äußerster Kraftanstrengung. Nein, zerstöre nicht die Blüte unschuldiger Jugend oder schone wenigstens die Schwachen und Wehrlosen, sagte ich mir. Atme nur den Duft der Kelche ein, die sich dir zuwenden, sich dir freiwillig darbieten. Mißbrauche nicht die Kindheit, die von sich selbst noch nichts weiß, oder die aufkeimende Mannheit, die über sich noch nicht klar ist. Kurze Zeit darauf starb meine Großmutter. Ich beschloß nun nach dem Wesen zu suchen, das ich meiner Natur zufolge lieben könnte; deshalb verbannte ich mich nach dieser Insel; ich hatte eine heimliche Ahnung in mir, daß ich hier den Erwählten meines Lebens finden würde. Ich brauchte Guido bloß zu sehen, als ihm meine Seele entgegenflog. Ich erkannte bei ihm außer seiner Begabung für die Kunst, die ich liebe, einen edlen Stolz, der ihn vor der großen Masse der charakterlosen Bedientenseelen auszeichnete. Wie hätte ich ferner unempfindlich bleiben können gegen das stumme und doch so beredte Flehen seiner Augen? Er hatte mich geahnt, wie ich ihn vorausgefühlt hatte. Er allein, er stillte zum ersten Male den heißen Drang, der mein ganzes Sein erfüllte. Wenn unser Fleisch gesündigt hat, so hat doch höchste moralische Glut die That geheiligt. Unser Begehren stimmte überein mit unserm Empfinden ... Doch nein, die Natur verwirft und verdammt nichts, was uns beseligt. Nur die Bibelreligiösen behaupten, daß Allmutter Erde uns zur Entsagung und zum Schmerz geboren. Abscheuliche Verleumdung! Verabscheuungswürdig wäre der Schöpfer, der an der Marter seiner Geschöpfe Lust empfände! Dann wäre der schlimmste Sadismus der des sogenannten Gottes der Liebe! Unsere Qual wäre seine Wollust! ... Nein, nimmermehr! Pfaffentrug ist das Ganze! ... Du kannst jetzt mein Leben verstehen und wirst begreifen, weshalb ich trotz deiner seelischen Erhabenheit doch meinerseits so stolz spreche, o Blandine! Du kanntest ja einstmals einige Freunde von mir aus meinem Stande, vortreffliche, fähige Leute, mit Nachsicht und Verständnis für alles, Freidenker, aufgeklärte Geister, die keine noch so kühne und gewagte Idee zu erschrecken schien. Du erinnerst dich gewiß noch, wie sie mich zu sich heranzuziehen suchten. Und auch daran wirst du dich erinnern, wie mich in ihrer doch so liebenswürdigen Gesellschaft oft eine plötzliche Traurigkeit überfiel, wie ich mit einem Mal verstummte und längere Zeit wie geistesabwesend war. Was war der Grund davon? Mitten in einer angeregten Unterhaltung, während wir uns unsere Herzensgeheimnisse anvertrauten, fiel mir plötzlich ein, was meine Freunde wohl zu mir sagen würden, wenn sie in meiner Seele lesen könnten, wenn sie meine abweichende Veranlagung ahnen würden. Und bei diesem Gedanken empörte ich mich innerlich gegen die Schande, mit der sie mich unfehlbar überschüttet haben würden, so geistig frei und überlegen sie sich auch vorkamen. Die Großmütigsten hätten sich vielleicht jedes Vorwurfs enthalten, aber sie hätten mich gemieden, wie einen Aussätzigen. Wie oft, wenn ich mich unter weniger Gebildeten befand und ich diese durch niedrige Bewegungen und Schimpfnamen die Liebenden meiner Art brandmarken hörte, wie oft war ich da nicht drauf und dran, loszubrechen, meine Gemeinschaft mit den vermeintlichen Gesetzesübertretern zu erklären und all diesen unbarmherzigen und unversöhnlichen hochehrbaren Leuten ins Gesicht zu speien. Und was litt ich innerlich, wenn man das Gespräch auf die Frauen und die Erfolge bei ihnen brachte! Ich mußte mitscherzen und mitlachen, ich mußte mich beteiligen, wenn sie sich in saftigen Geschichtchen überboten, ja ich mußte sogar meinerseits ein ausgelassenes Zötchen oder Abenteuer zum besten geben; hinterher schämte ich mich dann freilich vor mir selber: mein ganzes Innere empörte sich dagegen und ich warf mir dann selbst meine feige Nachgiebigkeit vor. Der »feurige Hirt«, von dem du mich unlängst die Legende erzählen hörtest, weigerte sich, nach Rom zu pilgern, um sich dem Papst zu Füßen zu werfen und seine Gnade anzuflehen. Dieser Sünder lehnte jeden Schiedsrichter zwischen der Stimme seines Gewissens und der der großen Menge ab. Ich dachte nicht so stolz. Eines Tages schrieb ich an einen hervorragenden Revolutionär, eine jener Leuchten des Sozialismus, die als an der Spitze ihres Jahrhunderts stehend gelten und von einer Welt von Brüderlichkeit, Glück und Nächstenliebe träumen. Ich konsultierte ihn über meinen Zustand, als ob es sich um einen meiner Freunde handelte. Dieser Mann, von dem ich ein Wort des Trostes, ein Zeichen des Verständnisses erwartete, er antwortete mir mit einem Brief voll Ächtung und Verdammung. Er schrie ›Racha‹ über den Abtrünnigen der landläufigen Liebesmoral, indem er sich ebenso unversöhnlich gegen die Ausnahmenaturen bewies, wie der Papst in der Legende gegen den Tannhäuser. Ach ja! Der Papst der Revolution weihte mich dem Leben im Venusberg, oder vielmehr im Uraniaberg! Diese gänzliche Exkommunkation, die mich völlig niederschmettern sollte, gab mir das Gefühl meiner persönlichen Würde, meiner Pflichten gegen die Natur wieder. Ich fand endlich die Kraft in mir, in Übereinstimmung mit meinem Gewissen, meinen körperlichen Bedürfnissen zu leben, trotz der Ungerechtigkeit, mit der mich die Humanität meiner Mitmenschen verfolgte; aber allein und verlassen, wie ich war, schwankte ich immer zwischen den Extremen äußerster Entmutigung und wildester Auflehnung hin und her; du wirst jetzt, mein armes Lieb, meinen Seelenzustand verstehen können, ebenso wie meine seltsamen Launen, meine Verschwendungssucht, meine Ausschweifungen, meine halsbrecherischen Heldenstückchen. Ach ja! Ich trachtete immer nach Vergessenheit, und mehr als einmal suchte ich den Tod!« »Du hast mehr gelitten als ich«, sagte Blandine, als er erleichtert inne hielt mit einer Art heiteren Ausdrucks im Gesicht, mit leuchtenden Augen, mit freimütigen, offenen Mienen – »aber jetzt sollst du wenigstens durch meine Schuld nicht mehr leiden! – Ich bekehre mich zu deiner Religion der Liebe, ich sage mich los von meinen letzten Vorurteilen. Ich entschuldige dich nicht nur, da ich dich jetzt verstehe, ich preise dich, ich verehre dich! ... Ich bin mit allem einverstanden, was du thust ... Sei ganz ruhig, Heinrich, von mir sollst du nie mehr eine Klage, geschweige denn einen Vorwurf hören ... Guido, den du mit Leib und Seele liebst, wird mein Freund sein. Ich werde seine Schwester sein. Wir verlassen dieses Land, wenn du willst, Heinrich, wir wollen alle drei wo anders leben, bescheiden, aber in Frieden und Eintracht ...« Überwältigt von so viel Aufopferung rief der Deichgraf aus: »O, daß ich dich nur wie eine Mutter lieben kann, eine Mutter, die zärtlicher ist als die beste der Mütter, meine anbetungswürdige Blandine, aber leider doch nur wie eine Mutter! ...« Sie hielt ihm den Mund zu und rief: »Ha! Jetzt weiß ich auch, warum eine innere Gewalt mich damals abhielt, zu jenem anderen ins Gefängnis zu gehen!« Es lag wie Jubel, wie Triumph in der Verzweiflung Blandinens. Das war der erhabene Wahnsinn höchster Aufopferung. Das Weib hatte sich zum Engel erhoben. Doch sie sollte sich noch höher erheben und alle, alle irdische Schwachheit und Eifersucht ablegen. Mit einer verheißungsvollen Handbewegung bat sie Kehlmark, Guido herbeizurufen, und als der Jüngling erschien, ergriff sie seine Hände und legte sie in die seines Meisters; dann drückte sie einen keuschen Kuß, der wie das Grab Hilfe in letzter Not verhieß, auf die errötende Stirn des Schülers. Dritter Teil Die St. Olfgar-Kirmeß I. Nach dieser entscheidenden Unterredung setzte der Deichgraf, dem Blandine einen Teil der Machenschaften Landrillons enthüllt hatte, allerdings nur diejenigen, deren Opfer sie nicht selbst gewesen war, den Bedienten vor die Thür. Der Graf wollte sich lieber den schlimmsten Folgen dieser Verabschiedung aussetzen, als noch länger mit jenem Schurken dieselbe Luft atmen, und Blandine, die sich ganz zu den Ansichten ihres Herren bekehrt hatte, machte sich jetzt nichts mehr aus dem Skandal, mit dem der Halunke beständig gedroht hatte. Landrillon war sprachlos über seine unerwartete Entlassung. Er glaubte, dem Ziele ganz nahe zu sein, Blandine und den Grafen völlig in seiner Hand zu haben. Und nun unterstanden sie sich, ihn fortzujagen! In der That, er konnte sich nicht genug darüber wundern. Allein obwohl er im ersten Augenblick bestürzt war, als Kehlmark, der ihn hatte rufen lassen, ihm seine sofortige Entlassung ankündigte, so gewann doch seine natürliche Unverschämtheit bald wieder die Oberhand: »Holla, Herr Graf«, höhnte er, »Sie scheinen zu glauben, daß unsere Beziehungen damit zu Ende sind! Ach nein! So schnell werden Sie mich nicht los. Man weiß mancherlei, denn man hat seine Augen und Ohren offen gehalten!« »Elender!« rief Kehlmark, indem er dem Schuft fest und unerschrocken in die Augen sah, so daß jener, der sich schmeichelte, ihn in Angst zu versetzen, verwirrt den Blick zu Boden senkte. »Hinaus! Ich verachte Ihre Ränke. Doch merken Sie sich, daß bei der geringsten üblen Nachrede, die Sie gegen mich oder die Wesen, die mir teuer sind, ausstreuen, ich Sie zur Rechenschaft ziehen und den Gerichten übergeben werde ...« Und als der Bursche den Mund öffnete, um dem Grafen eine unflätige Redensart zuzurufen, wies Kehlmark mit so hoheitsvoller gebieterischer Handbewegung ihm die Thür, daß der Elende gesenkten Hauptes hinausschlich und ihm das Schimpfwort in der Kehle stecken blieb. * Als Landrillon seine Sachen gepackt hatte, suchte er bleich vor Wut und rachetrunken Blandine auf, da er glaubte, diese für zwei einschüchtern zu können. »Es wird also ernsthaft? Man erklärt mir den Krieg? Seht euch vor!« sagte er zu ihr. »Thun Sie, was Sie nicht lassen können!« erwiderte Blandine, die jetzt ebenso ruhig und kaltblütig wie Kehlmark war. »Wir sind von Ihrer Seite auf alles gefaßt!« »Wir? Man ist also wieder ein Herz und eine Seele mit dem ... Päderasten? Doch an sowas stößt sich die Kleine ja nicht. Sehr genügsam, in der That! Teilen wir also mit seinem ... Buben. Immer hübsch höflich und zuvorkommend, das ist recht. Ein dreieckiges Verhältnis! Meine aufrichtigsten Glückwünsche! ...« Seine Anschuldigungen entlockten ihr nicht einmal ein Achselzucken. Sie sah ihn nur verachtungsvoll an. Diese Unempfindlichkeit Blandinens brachte die Überraschung des Stallknechts auf den Gipfel. Die Spitzbübin entwischte ihm womöglich noch. Hatte er gar keinen Einfluß mehr auf sie? Um sich darüber zu vergewissern, hub er wieder an: »Es handelt sich auch gar nicht um alles das! Genug der Possen! Du hast mit mir einen Pakt geschlossen. Man jagt mich fort: du wirst mir folgen!« »Niemals!« »Was soll das heißen? Du gehörst mir ... Hast du deinem Schweinegrafen schon erzählt, daß du dich mit mir eingelassen hast? Oder soll ich ihn darüber aufklären?« »Er weiß alles!« sagte sie. Sie log absichtlich, um jedem Angriff Landrillons von vornherein die Spitze abzubrechen. Wenn er redete, so würde der Graf ihm doch nicht glauben. Das hochherzige Weib wollte, daß Kehlmark immer darüber im Ungewissen bliebe, wie weit ihr Opfer für seine Ruhe gegangen war; sie fürchtete, ihn zu demütigen oder vielmehr ihm einen fortwährenden Kummer zu verursachen, wenn sie ihn erkennen ließ, wie sehr sie ihn geliebt hatte. »Und trotzdem nimmt er dich noch wieder!« rief Landrillon. »Pfui Deibel! Na, ihr seid einer des andern würdig ... Also liebst du ihn noch, diesen schäbigen, verlebten Jammerlappen? ...« »Du hast's gesagt. Und womöglich noch mehr als je ...« »Mir gehörst du. Ich will dich haben, sofort ... Es war doch nicht das letzte Mal? ...« »Niemals wieder! Ich bin frei und lache über deine Angriffe und Projekte!« * Landrillon war so verdutzt über diese Wendung und so verblüfft über die augenscheinliche verzweifelte Entschlossenheit der Bewohner von Escal-Vigor, daß er vorläufig noch nicht wagte, etwas zu unternehmen und das zu verbreiten, was er gesehen, oder wenigstens von dem zu sprechen, was er mutmaßte. Im Dorfe gab er vor, Escal-Vigor auf eigenen Wunsch verlassen zu haben, um sich selbständig zu machen, und da man von seiten des Schlosses dieser Version nicht entgegentrat, so gab dort das unerwartete Ereignis nicht allzuviel Anlaß zu müßigem Gerede. Da Landrillon nicht offen gegen seinen ehemaligen Herren aufzutreten wagte, so versuchte er, dessen Beliebtheit und Ansehen heimlich zu untergraben. Er machte Klaudia eifrig den Hof, die sich das gern gefallen ließ, weil sie an den schlüpfrigen Späßen des Possenreißers immer Gefallen gefunden hatte. Außerdem schmeichelte er der Eigenliebe des Pilgerhofbauern. Da Blandine ihn abgewiesen, so hatte er sein Auge auf die reiche Erbin des Pilgerhofes geworfen; aber diese neue Laune wollte er nur in den Dienst des unauslöschlichen Hasses stellen, den er jetzt gegen die Geliebte des Deichgrafen hegte, ein Haß, wie er so häufig aus verschmähter Liebe hervorgeht. Es hatte ihn jetzt ein wahnsinniges Verlangen nach diesem Weibe überkommen, die ihm entschlüpfte, die mit ihm gespielt hatte. Jawohl, sie betrog ihn, sie bestahl ihn, sie beraubte ihn. Landrillon erschien jetzt auch im Gottesdienst und der Predigt des Pfarrers Balthus Bomberg. Er schmeichelte sich ein in die Gunst der Pastorsgattin und der beiden alten Tanten, der Schwestern des Pilgerhofbauern. Der ehemalige Diener wagte noch nicht offen hervorzutreten, aber er wollte einen schrecklichen Sturm gegen Kehlmark, seine Beischläferin und seinen Lustknaben entfesseln. Ihren Stolz, ihre Kühnheit konnte er nicht begreifen. »Sie thun sich wahrhaftig noch groß und wichtig damit! Wie kann man solche Sitten mit Würde und Ehre in Einklang bringen wollen! Sie brauchten nur noch ihre Schande mit dem Nimbus des Ruhmes zu umkleiden!« Der Taugenichts wähnte sich völlig bewandert in dieser Sache. Er glaubte sich berechtigt, seinen ehemaligen Herren aus tiefster Seele zu verachten. Die tausend Gemeinheiten, zu denen der mit Körper und Seele verkaufte Soldat sich wie ein Prostituierter während der Zeit seines Militärdienstes hingab, sie stellten in seinen Augen nur unschuldige Kleinigkeiten vor, die keinerlei Folgerungen zu ziehen gestatteten. Zu jeder Zeit hat das Laster die wahre Liebe verurteilt und verdammt, und die Kehlmark sind die Ehrenrettung der Landrillon. Die große Menge wird Jesu stets einen Barrabas vorziehen. Landrillon begann seine Wühlarbeit, indem er sich an Michael Govaertz heranmachte und ihn gegen den Schloßherrn von Escal-Vigor einzunehmen versuchte; er bemühte sich, die Begeisterung von Vater und Tochter abzukühlen, das Mannweib zur Rache gegen Blandine aufzustacheln, dann ganz leise die Beziehungen zwischen Guido und Kehlmark zu verdächtigen. »An Ihrer Stelle«, sagte er eines Tages aufs Geratewohl zu Michael und Klaudia, »würde ich den jungen Guido nicht im Schlosse lassen. Die unsaubre Wirtschaft des Grafen und seiner Kebse ist ein böses Beispiel für einen jungen Mann!« Als beide ihn erstaunt auslachten, sah er ein, daß er einen falschen Weg eingeschlagen, und brach ab. Landrillon hätte den Beweis für die nichtswürdigen Beschuldigungen kaum zu erbringen vermocht, die er so brennend gerne gegen den Herren von Escal-Vigor ausgesprochen hätte. Und der Schurke hatte sich noch geschmeichelt, daß er Blandine gegen ihn würde vorführen können! Der Graf, gewarnt und aufmerksam gemacht, würde sich jetzt zusammennehmen und sich hüten, sich eine Blöße zu geben oder in eine Schlinge zu geraten. Er kannte zu gut, was ihm sonst bevorstand. Die Anwesenheit Guidos im Schlosse ließ sich in jeder Hinsicht rechtfertigen. Weit entfernt, sich von ihm zu trennen, hatte ihn der Graf nunmehr als seinen Sekretär an sich gefesselt. Einen Augenblick dachte Landrillon daran, die Tagelöhner aus Klaarwatsch anzustiften und zu falschen Aussagen zu verleiten, jene fünf Prachtgestalten, die der Graf im Schlosse angestellt hatte und die ihm in seinem Atelier Modell standen. Aber diese einfachen, ungeschlachten Burschen waren ganz vernarrt in ihren Herrn und hätten ihn beim ersten Wort, das seinen Plan andeutete, wie einen Todfeind abgemurkst. Er mußte es von hinten herum versuchen, sie übertölpeln, sie auf eine geeignete Weise herumkriegen, ohne die Sache zu übereilen. Er beschränkte sich also vorläufig darauf, die jungen Leute von Klaarwatsch, die nicht im Schloß arbeiteten, zu umgarnen, jene kraftstrotzenden Seeleute, welche den athletischen Spielen und den Turnieren zum Schmuck dienten, welche das Material zu den »Masken« und lebenden Bildern stellten, die der Deichgraf arrangierte. Landrillon hetzte sie systematisch auf gegen die fünf Bevorzugten und besonders gegen den kleinen Günstling, die die großen Rollen bei diesen Maskeraden, wie der Diener sie nannte, innehätten, während doch dieser letztere gerade wegen der dort vorkommenden Roheiten von der Teilnahme an diesen Wettspielen streng ausgeschlossen blieb. Die Statisten waren schließlich durch Landrillons Einwirkung ganz überzeugt, daß der Einfluß Guidos, der kleinen bartlosen Rotznase, auf den Deichgrafen schon allzusehr gestiegen sei. Dieser Macchiavell in der Stalljacke kalkulierte nämlich, daß wenn sie erst gegen den Pagen aufgebracht seien, sie auch bald den Schloßherren weniger freundlich ansehen würden. Andrerseits lenkte der entlassene Reitknecht die mißgünstige Aufmerksamkeit der Dorfhonoratioren von Zoutbertingen auf das allzu eifrige Interesse, das Heinrich den kleinen Strolchen aus Klaarwatsch am andern Ende der Smaragdinsel bewies. Landrillon sah auch Balthus Bomberg jetzt recht häufig. Er beschränkte sich darauf, ihn von der unsauberen Wirtschaft Blandinens und des Grafen zu unterhalten, ohne ihm bisher noch von jener anderen anstößigen und schrecklichen moralischen Unregelmäßigkeit zu erzählen. Der Pfarrer, der sich den Kopf zerbrach, um den Deichgrafen zu stürzen und zu vernichten, hatte niemals, selbst in seinen kühnsten Träumen nicht, an eine so giftige Waffe gedacht, wie die, deren sich Landrillon einst zu bedienen hoffte. Das würde einen Hauptspaß geben, wenn die Bombe mal platzte! Wenn diese Mine eines schönen Tages losginge, würden die ärgsten Strauchdiebe gegen diesen unwürdigen Günstling rein dastehen! Nicht ein ehrlicher Kerl auf der ganzen Insel würde dem Ausgestoßenen die Hand reichen. – »Was soll man anfangen, mein lieber Herr Landrillon«, fragte der Priester erwartungsvoll seinen neuen Verbündeten, »um diese Fanatiker zur Umkehr zu bewegen, um sie diesem Hexenmeister, diesem Verderber abspenstig zu machen! ...« »Ja, ja, Verderber ist nicht übertrieben!« unterbrach ihn Landrillon mit einem Lachen, aus dem ein anderer als dieser allzu strenge, aber beschränkte Pfaffe noch mancherlei hätte heraushören können. »Bemerken Sie«, protestierte dieser, »daß ich diesem vornehmen Wüstling nicht zürne, sondern einzig mein Eifer für die Religion, die guten Sitten und die Sache des Heils reißt mich dahin! ...« »Um letzterer zu dienen, hochwürdiger Herr«, begann Landrillon mit seinem Gaunergesicht wieder, »müßte man etwas bei dem Grafen von Kehlmark ausfindig machen, eine Ausschreitung, die ein feststehendes Vorurteil über den Haufen stieße, etwas, das in unserer sozialen und christlichen Weltordnung unumstößlich begründet wäre; Sie begreifen, was ich meine, eine Abscheulichkeit, die nicht nur die Rache des Himmels herausfordern müßte, sondern auch selbst die weniger empfindlichen Sündergemüter ...« »Ganz recht, aber wer wird uns den Beweis eines derartigen Frevels liefern!« seufzte Bomberg. »Geduld, mein hochwürdiger Herr, Geduld!« näselte die elende Bedientenseele. * Balthus Bomberg hielt seine kirchlichen Vorgesetzten auf dem Laufenden über die günstige Wendung der Dinge auf Escal-Vigor. Unterdessen begann Klaudia, der von Landrillon beständig zugesetzt wurde, über die Langsamkeit und das ewige Zögern des Grafen Kehlmark ungeduldig zu werden. Es trug nicht zu ihrer Beruhigung bei, daß die abgewiesenen Bewerber ringsumher sich nicht scheuten, sie öffentlich aufzuziehen und in den Kneipen Spottlieder auf sie zu singen. Landrillon ließ sie glauben, daß Blandine noch immer zu dem Deichgrafen halte. So wurde das dicke Frauenzimmer immer wütender auf die Schloßverwalterin, diese Zimperliese. Landrillon hütete sich wohlweislich, ebenso wie er Bomberg gegenüber an sich gehalten, die leicht erregbare Bauerndirne auf die richtige Fährte zu bringen. »Donnerwetter, das wird eine nette Geschichte werden, wenn die dicke Klaudia mal die Wahrheit erfährt! Das wird einen schönen Krach geben!« dachte der Tückebold, indem er sich die Hände rieb und sich ins Fäustchen lachte. Er triumphierte schon im voraus; er kostete den Vorgeschmack seiner Rache, während er voll heimtückischer Wollust das Messer schärfte, mit dem er nicht eher zustoßen wollte, als bis er seines Zieles sicher und selbst in Sicherheit war. Klaudia dagegen verzichtete noch keineswegs auf ihren Plan. Sie würde schon über ihre mondscheinblasse Rivalin den Sieg davon tragen und Kehlmark für sich erobern. Als Landrillon, den sein Haß hellsichtig machte, bemerkte, daß sie noch immer so auf den Deichgrafen versessen war, begann er, ihr die heikle pekuniäre Lage des Grafen zu enthüllen; dann sagte er ihr den Ruin des hohen Herren und sogar seine demnächstige Abreise voraus. Klaudia war zuerst allerdings sehr überrascht über die Enthüllungen des Kammerdieners, doch faßte sie sich bald, ja sie fand, daß das in ihren Plan vortrefflich paßte. Sie freute sich sogar über den finanziellen Zusammenbruch des Grafen, da sie sich schmeichelte, ihn, wenn nicht durch Liebe, so doch dann durch ihr Geld zu gewinnen. Von diesem Augenblick an hätschelte sie ein Plänchen, das, wie sie sich einbildete, unfehlbar zum Ziele führen mußte, von dem sie aber noch gegen niemand ein Wort verlauten ließ. War Kehlmark ruiniert, oder doch beinahe ruiniert, so hatte Klaudia genug für zwei. Sie gewann dann immer noch den Titel Gräfin und das Ansehen, das sich an den legitimen Besitz von Escal-Vigor knüpfte! Die Govaertz hielten sich für reich genug, um imstande zu sein, das Wappen der Kehlmarks neu zu vergolden. Unterdessen schloß sich Klaudia offenkundig der Bewegung an, die Landrillon gegen den Deichgrafen angefacht hatte und immer heftiger schürte, und schien selbst absichtlich die Bemühungen des Schurken zu ermutigen. In der Parochie genierten sich die Spaßvögel gar nicht, zu sagen, sie wolle sich aus Ärger darüber, daß sie die Grafenkrone nicht ergattern könne, an der Bedientenlivree mit den Wappenknöpfen schadlos halten. Es paßte in den Schlachtplan Klaudias, den Deichgrafen vollständig zu isolieren und ganz Smaragdis von ihm abwendig zu machen; dann, wenn er ganz und gar von allem abgeschnitten sein würde, wollte sie ihm wie ein rettender Engel erscheinen. Sie gedachte Kehlmark sogar mit dem Bürgermeister zu entzweien und ihm den jungen Guido wieder wegzunehmen. Kehlmark hatte bereits seine Würde als Deichgraf niedergelegt; er verzichtete auch auf den Vorsitz in den Vereinen und Vergnügungsgesellschaften; er zog sich ganz vom öffentlichen Leben zurück. Er veranstaltete jetzt keine üppigen Feste mehr. Es brauchte nicht mehr, um ihn auch noch die letzten zwei Drittel seiner Popularität verlieren zu lassen. Klaudia hatte sich auch mit den beiden Schwestern ihres Vaters ausgesöhnt, ohne Vorwissen des letzteren. Ermächtigt und aufgereizt von ihrer Nichte zwangen sie ihren Bruder, klein beizugeben, indem sie ihm nur die Wahl ließen: »Entweder du brichst mit dem Schloßherrn von Escal-Vigor, oder du zwingst uns dazu, deine geliebte Klaudia zu enterben!« Govaertz würde sich vielleicht, wenn es sich nur um ihn gehandelt hätte, widersetzt haben, aber er hatte doch nicht das Recht, die Zukunft seiner Kinder zu gefährden. Klaudia kam ihm zu Hülfe und erklärte ihm, daß sie nicht mehr Gräfin werden wolle. Außerdem packte sie ihren Vater bei der Eitelkeit: seitdem der Graf ins Land gekommen, zähle Michael Govaertz für gar nichts mehr; er sei nur noch dem Namen nach Bürgermeister. Govaertz warf sich endlich ganz dem Pfarrer in die Arme. Es war ein Ereignis, als Vater und Tochter eines schönen Tages wieder in der Kirche erschienen. Der Pastor donnerte mit mehr Gift und Galle als je gegen den Schloßherren und seine Konkubine. Während des Gottesdienstes betrachtete Klaudia mit einer Art lüsterner Neugier die Fresken, die das Martyrium des heiligen Olfgar vorstellten. Wenn der Bürgermeister sich wieder mit Bomberg anfreundete, dann mußte er sich unfehlbar mit Kehlmark entzweien. Govaertz, der sich immer von seiner Tochter beraten ließ, machte diesen Bruch offenkundig, indem er den jungen Guido nach Hause forderte. Aber mittlerweile hatte dieser seine Großjährigkeit erlangt und er bereitete seinem Vater einen Empfang, wie dieser seiner Zeit dem Pfarrer bei seinem Annäherungsversuch. Diese Widersetzlichkeit des jungen Burschen überraschte Klaudia, doch dachte sie nicht weiter darüber nach. Auf Escal-Vigor sah man gar keine Gäste mehr; sie lebten nur für einander. Seit der Entlassung Landrillons hatte Kehlmark seine Besuche auf dem Pilgerhofe eingestellt. Das hauptsächlich hatte Klaudia bewogen, ihm offen den Krieg zu erklären. Kehlmark war jetzt ein ganz anderer geworden und hatte seinen Mut und seine Lebensphilosophie wiedergefunden. Während der Periode der peinlichen Enthüllungen hatten ihn oft noch trübe Stimmungen überwältigt; aber seitdem er Blandine sein Herz ausgeschüttet, fühlte er sich wie neugeboren; er warf jetzt die letzten Fesseln des Christentums weit von sich; er hielt sich für mehr als einen Empörer, für einen Apostel neuer freierer Anschauungen; er wollte jetzt die Offensive ergreifen und über seine Richter zu Gericht sitzen. Während er eine günstige Gelegenheit abwartete, um die Arena zu betreten, schmiedete er sich Waffen aus Schriften und Büchern, durchstöberte, durchforschte und verglich allerhand Urkunden und trug aus Geschichte und Litteratur die Beispiele berühmter Männer zusammen, die geeignet waren, seine Ansichten zu bekräftigen und zu stützen. Wahrlich, der berühmte Arzt, den die alte Gräfin Kehlmark einst bezüglich ihres Enkels konsultiert hatte, ahnte gewißlich nicht, welcher Art Aposteltum sich derjenige widmen würde, dessen Genie und außerordentliche Bestimmung er vorhergesehen hatte ... * Wann mochte wohl Landrillon auf den Gedanken gekommen sein, Bomberg, und zwar nur diesem allein, heimlich jene schwerwiegenderen Mutmaßungen gegen die Lebensführung des Grafen mitzuteilen? Wahrscheinlich an dem Tage, als Klaudia ihm zu verstehen gab, daß sie noch so sehr von Kehlmark eingenommen sei. Beim ersten Wort, das der Pfarrer von der geschlechtlichen Verirrung seines Feindes vernahm, heuchelte er einen Schmerz, der nicht von Entrüstung frei war, und ein Mitleid, wie es seinem geistlichen Beruf wohl anstand. Innerlich aber frohlockte er. Doch wie sollte man diesen vortrefflich geeigneten Vorwurf gegen den Grafen erhärten? Es gab keine bestimmten Beweise. Und selbst wenn man solche erlangen konnte, durfte man so weit gehen, auch den jungen Govaertz der Schande preiszugeben? Die beiden edlen Kampfgenossen kamen nach reiflicher Überlegung überein, noch zu warten, bis eine günstige Gelegenheit sich fände. Wer weiß; vielleicht gelang es, eines schönen Tages, den kleinen Mißleiteten gegen seinen nichtswürdigen Verführer aufzuwiegeln. Unterdessen sank die Beliebtheit des Deichgrafen immer mehr. Landrillon begann wieder mit einiger Hoffnung auf Erfolg jene Herumstreicher aus Klaarwatsch zu ›bearbeiten‹, mit denen sich der Graf solange mit Vorliebe umgeben und wovon die ungeschlachtesten noch in seinem Dienst geblieben waren. * »Warum habe ich das nicht alles schon früher gemerkt?« dachte Bomberg, als der Angeber gegangen war. »Dreifaches Rindvieh, das ich bin. Alles hätte mich doch darauf hinweisen sollen, mich diese Scheußlichkeiten ahnen lassen sollen! Hatten sich die Eltern dieses Wüstlings nicht in einem Übermaß geliebt, das um Rache zum Himmel schrie? Lebten sie nicht nur für einander, beide ganz für sich allein? Wollten sie nicht die ewigen Gesetze Gottes über den Lebensgang des Universums hinsichtlich ihrer auf eine körperliche und moralische Zweiheit beschränken, indem sie in ihrem sträflichen Egoismus sich weigerten, Kinder zu haben, nur weil sie fürchteten, dadurch einer vom andern abgezogen zu werden?« Der Pfarrer war über diese Besonderheit im Leben der Eltern Heinrichs von seinem Vorgänger unterrichtet worden. Das Kind war nur infolge eines unglückseligen Zufalls, eines Versehens, erzeugt worden, nachdem diese unnatürliche Ehe bereits mehrere Jahre bestanden hatte. Später, in jener entfernten Periode seines Lebens, als sich Heinrich von Kehlmark Gewissensbisse über sein Andersgeartetsein machte, hatte er von seiner Großmutter erfahren, bis zu welchem Übermaß sich seine Eltern geliebt hatten, und er schrieb seine Anomalie der lästerlichen Betrübnis zu, die seine Eltern über seine Empfängnis empfinden mußten. Ohne Zweifel waren sie erzürnt darüber, ein Wesen in die Welt gesetzt zu haben, das sich als drittes zwischen ihre Zärtlichkeit drängen sollte. Der junge Graf bildete sich lange Zeit fest ein, unter dem Obwalten dieses mütterlichen Grolles hervorgebracht worden zu sein. Diese Empfindung von Abneigung hatte zwar bei seiner liebevollen Mutter nicht angedauert; Heinrich hatte Beweise dafür. Indessen blieb er doch bis zum Tage seiner vollständigen moralischen Befreiung überzeugt, daß ein Kind, das unter dem Einfluß einer Antipathie gezeugt würde, verhängnisvoll in seinen Beziehungen verkehrt sein müsse, und notwendigerweise dem Weibe im allgemeinen ebenso einen Widerwillen entgegenbringen werde, wie ihn eine Zeitlang seine Mutter ihm bewiesen. Dies war auch die Überzeugung Bombergs. Doch jetzt hatte sich Heinrich zum Gefühl seiner Würde, seiner Selbständigkeit und seiner Gewissensfreiheit durchgerungen. Im Verein mit Guido und Blandine fühlte er sich stark genug, eine Religion absoluter Liebe, sei es heterosexueller, sei es homosexueller, zu schaffen. Er war fröhlich wie ein ›Bekenner‹ am Abend vor seinem Aufbruch zu einer gefährlichen, aber unabweislichen Mission. II. In einigen Tagen wollten Kehlmark, Blandine und Guido Escal-Vigor verlassen, ohne daran zu denken, jemals dorthin zurückzukehren. Blandine, von Vorahnungen beunruhigt, beschleunigte die Vorbereitungen zur Abreise. Sie hatte Eile, wieder in die große Stadt zu kommen und die Villa zu beziehen, wo die alte Gräfin von Kehlmark gestorben war. Landrillon sah seine Leute sich aus den Händen schlüpfen. Er schmeichelte sich, Klaudia zu erringen, allein vielleicht wäre ihm die Rache an den Schloßbewohnern beinahe lieber gewesen. Er beschloß daher, in beiden Richtungen die Ereignisse gewaltsam zu Ende zu bringen. Es war am Vorabend der ausgelassenen Kirmeß von Smaragdis, des von Alters her bestimmten Tages der Verlöbnisse. Landrillon begab sich nach dem Pilgerhofe und drängte Klaudia, zwischen ihm und dem Grafen sich endgültig zu entscheiden. Die Bauerndirne verlangte einige Stunden Frist. Sie hatte sich vorgenommen, am nächsten Morgen einen letzten Ansturm auf den Grafen zu wagen. »Donnerwetter, wie sie doch alle auf diesen Kerl versessen sind!« rief Landrillon. »Nein, nein, Klaudia, ich sage dir, es hat gar keinen Zweck, sich auf den zu versteifen. Wende dich lieber mir zu. Der ist jetzt ruiniert, ich bin in jeder Beziehung mehr wert als er. Willige ein ...« »Nicht bevor ich ein letztes Mal mit ihm gesprochen habe.« »Verlorene Liebesmüh'! Ebenso gut könntest du einen Erfrorenen aufwärmen wollen, als den in einen Mann umzuschaffen, diesen ...« Landrillon hielt an sich und sprach das abscheuliche Wort noch nicht aus, das ihm auf den Lippen schwebte. »Man muß ihn nur zu erobern verstehen!« beharrte Klaudia. »O, reizvollere als du würden sich da vergebens bemühen. Es liegt dir also soviel daran, Gräfin zu werden?« »In der That.« »Aber wenn ich dir sage, er hat keinen roten Heller mehr. Blandine hält ihn vollständig aus. In einigen Tagen werden sie das Land verlassen haben und das Schloß wird verkauft werden. Wenn du wolltest, Klaudia, könnten wir uns heiraten, wir könnten dann Escal-Vigor kaufen ...« »Nein, Kehlmark wird mein Gatte werden. Es bedarf einer Gräfin in einem Schlosse. Übrigens liebt er diese Blandine nicht mehr ...« »Aber dich liebt er erst recht nicht ...« »Er wird mich lieben ...« »Niemals ...« »Warum niemals?« »Du wirst's ja sehen!« »Höre«, sagte sie, du kennst den Brauch auf dieser Insel. Morgen ist der große Verlobungstag, die St. Olfgar-Kirmeß ... Allen katholischen oder protestantischen Bischöfen zum Trotz haben, seitdem die Weiber von Smaragdis den Apostel zerrissen, der sich ihrem Wahnsinn widersetzte, an jedem Jahrestag des Märtyrers die jungen Mädchen die Gewohnheit beizubehalten, sich den schüchternen oder widerspenstigen Burschen zu erklären, die sie zum Gatten begehren. Ich will von diesem Recht Gebrauch machen. Morgen früh begebe ich mich nach Escal-Vigor und ich mache mich anheischig, mit dem Eheversprechen des Schloßherren das Schloß zu verlassen.« »Lirum, larum!« »Wie, du glaubst das nicht? Nun, ich bin dessen so sicher, daß ich mich verpflichte, wenn er mich ausschlägt, mich dir hinzugeben, Landrillon. Ich werde dir angehören und morgen Abend, nach dem Tanz, werde ich baar bezahlen!« Durch dieses wüste Versprechen glaubte die Stolze sich zu nichts zu verpflichten. »In diesem Falle eile ich, unser Aufgebot zu veranlassen!« frohlockte Landrillon, der besser als das dicke Frauenzimmer die unwandelbaren Anschauungen seines ehemaligen Herren hinsichtlich der Ehe kannte. »St. Olfgar stehe dir bei!« fügte er hohnlachend hinzu, als sie von dannen schritt, ihres Erfolges sicher. * Der Deichgraf empfing Klaudia mit Würde und herablassender Freundlichkeit. Der Ausdruck heiterer Melancholie schüchterte die Besucherin ein wenig ein. Doch bald faßte sie wieder Mut und ging nun ohne weitere Einleitung gerade auf ihr Ziel los. Kehlmark fuhr sie weder barsch an noch wies er sie geradezu zurück. Er unterbrach sie mit einer verbindlichen Handbewegung und dankte ihr mit einem Lächeln, das der großen Bauerndirne wie Spott und Herausforderung vorkam, da sie unfähig war, darin den großen tragischen Verzicht auf das Lebensglück der gewöhnlichen Menschen herauszufinden. »Sie lachen«, protestierte sie voll Wut, »aber bedenken Sie doch, Herr Graf, daß, obwohl Sie Graf sind, ich Ihnen ziemlich gleich stehe ... Die Govaertz, die ebenso lange in Smaragdis wohnen, als die Kehlmark, sind beinahe ebenso alter Abstammung, als ihre Herren.« Aber plötzlich fing sie an, zu schmeicheln und zu bitten. »Hören Sie, Herr Graf«, begann sie wieder, bereit sich ihm hinzugeben, wenn er sie nur durch das mindeste Zeichen ermutigt hätte, »ich liebe Sie, ja, ich liebe Sie ... Ich habe mir selbst lange eingebildet, daß Sie mich liebten«, fuhr sie lauter fort, aufgebracht durch seine heitere Miene, in der sie nicht einen verharschten Schmerz, eine Narbe von einer lange Zeit unheilbaren Wunde sah. »Ehemals bewiesen Sie mir einige Höflichkeit ... Ich schien Ihnen nicht gänzlich zu mißfallen – es sind jetzt drei Jahre her, – als Sie sich hier niederließen. Wozu dieses Spiel? Ich habe geglaubt und davon geträumt, Ihre Frau zu werden. Gestützt auf diese Überzeugung habe ich die reichsten Freier des Landes ausgeschlagen, selbst die vornehmsten Leute aus der Stadt ...« Als er kein Wort erwiderte, beschloß sie nach einem kleinen Stillschweigen den entscheidenden Schlag zu führen: »Hören Sie«, begann sie wieder, »man sagt, daß es mit Ihren Verhältnissen nicht allzu gut stehe; mit Verlaub, wenn Sie wollen, könnte man vielleicht ...« Diesmal erbleichte er; aber dann sagte er in bestimmtem, fast väterlichem Tone: »Mein liebes Kind, die Kehlmarks verkaufen sich nicht ... Sie werden leicht einen annehmbaren Freier unter Ihresgleichen finden. Jedenfalls seien Sie überzeugt, daß es nicht Hochmut ist, wenn ich Ihren Antrag ablehne ... Ich, ich kann Sie nicht lieben, hören Sie? Ich kann nicht ... Folgen Sie meinem Rat ... Nehmen Sie einen braven Burschen zum Gatten. Es fehlt ja glücklicherweise nicht daran auf dieser gesegneten Insel. Ich bin kein Mann, der für Sie paßt.« Je weiter er sprach, ruhig, klar und überzeugend, um so lebhafter und leidenschaftlicher wurde Klaudia. Sie fühlte sich versucht, sein Verhalten als eine Mystifikation anzusehen, ihn selbst für einen hochmütigen Gecken, der sich über sie lustig gemacht hatte. »Sie sagten soeben, daß ein Kehlmark sich nicht verkaufe«, sagte sie wutschnaubend. »Vielleicht habe ich nicht hoch genug geboten! Von Mamsell Blandine haben Sie, wie man sich erzählt, doch ohne weiteres so manches angenommen!« »Ah, Klaudia!« rief er in einem herzzerreißenden Ton, der sie gleichwohl nicht entwaffnete: »Jetzt ist es genug! Brechen wir diese Unterhaltung ab, mein Kind. Sie werden ausfallend ... doch ich bin Ihnen nicht böse! ... Leben Sie wohl!« Sein starrer, eiskalter Blick, der eine seltsame Keuschheit wiederspiegelte, in dem sich ein fester Entschluß, fast eine Art Glaubensbekenntnis konzentrierte, wies sie wirksamer ab, als jede Bewegung es vermocht hätte. Außer sich schritt sie hinaus und warf die Thür hinter sich zu. – »Nun?« fragte Landrillon, der sie am Ausgang des Parkes abpaßte, »was habe ich gesagt? Er liebt dich nicht, er wird dich niemals lieben!« »Aber was ist denn das mit diesem Menschen? Bin ich nicht schön, die schönste von allen? ... Warum weist er mich mit so viel Kälte ab?« »Potztausend, das ist wahrhaftig leicht genug zu erklären ... Man braucht nicht allzuweit zu suchen ... Er ist, wie soll ich sagen, selbst so eine Art heiliger Olfgar ... Doch nein, ich thue dem großen Heiligen unrecht.« »Was willst du damit sagen?« »Nun, um deutlicher zu sprechen, dieses schöne Herrchen hat den schlechten Geschmack, dir deinen Bruder vorzuziehen ...« Sie brach in ein tolles Gelächter aus, gerade ihm ins Gesicht. Trotz ihrer Wut mußte sie lachen. Nein, was war dieser Landrillon doch für ein Spaßvogel! »Da giebt's nichts zu lachen; es ist, wie ich dir sage ...« »Du lügst, du bist von Sinnen. Wie kannst du mir mit solchen Flausen kommen ...« »Es kommt noch besser: Guido erwidert seine Gefühle.« »Unmöglich!« »Stelle doch den Bengel auf die Probe... Das ist ganz einfach ... Er ist über einundzwanzig Jahre, obgleich er kaum so aussieht. Du wolltest soeben einen der Bräuche des Landes zu Hülfe nehmen. Thue es auch hier. Eine andere mag sich an deinen Bruder machen. Diesen Abend sind alle Burschen seines Alters verbunden, zum Tanz zu kommen und sich eine Gefährtin zu wählen, vorläufig oder auch endgültig ... Was wetten wir, daß dieses Jüngelchen sich ebenso kalt irgend einer beliebigen Schürze gegenüber zeigen wird, als sein Beschützer soeben zu Ihnen gewesen ist.« »Geh doch!« stieß Klaudia mit einer dumpf grollenden und zugleich wutzischenden Stimme hervor. »Oh, diese Heuchler, diese Elenden! Aber wehe ihnen!« »Gottlob! Na, endlich siehst du klar! Indem er den Galanten bei dir spielte, glaubte der saubere Herr euch von seiner wirklichen Liebe ablenken, euch dieselbe verheimlichen zu können ...« Er erzählte ihr alles, was er beobachtet hatte; mit eigenen Zusätzen und Übertreibungen, dort wo er selbst nichts hatte beobachten können. Klaudia knirschte innerlich vor Wut, aber äußerlich zeigte sie nur einen tugendsamen Abscheu vor solcher Verirrung. »Höre!« sagte sie zu Landrillon. »Ich werde mich dir hingeben, diesen Abend noch. Ich hab's geschworen und ich werde meinen Eid nicht brechen. Aber erst mußt du mich rächen an allen, vor allem an meinem Bruder, diesem Gleißner, diesem Miststück, den ich verabscheue.« Mit dem Scharfblick des Hasses war sie zu dem Entschluß gekommen, Guido eins zu versetzen, um Kehlmark desto sicherer zu treffen. »Aber keinen Skandal!« sagte Landrillon. »Sei ganz ruhig. Der Augenblick ist uns günstig. Die Kirmeß entschuldigt manche Extravaganz!« murmelte sie mit einem scheußlichen Lächeln. Um den Namen Govaertz zu schonen, wollte sie nichts von dem verlauten lassen, was sie von der Stellung ihres Bruders zu dem Deichgrafen wußte. Sie würde sich begnügen, Guido in eine peinliche und demütigende Lage zu bringen. Sie wollte einige derbe ausgelassene Frauenzimmer gegen ihn hetzen, die sie vorher durch Bier und Branntwein für einen solchen Angriff genügend in Stimmung bringen würde. Aber, wie die Folge lehrte, hatte sie zu sehr auf ihre Kaltblütigkeit vertraut und die Glut und den Taumel der Rache nicht in Rechnung gezogen. III. Am Nachmittag des St. Olfgar-Tages lustwandeln die Weiber von Smaragdis in Scharen, von Bude zu Bude, von Schenke zu Schenke, lärmend, schreiend, herausfordernd, und ziehen dann auf allen Wegen dahin vom Abend bis tief in die Nacht hinein. Auch die jungen Burschen streifen Arm in Arm bandenweise umher. Sie reiben sich an den Weibern, wo sie mit ihnen zusammentreffen, aber letztere zeigen sich noch angriffslustiger. Zu Anfang des Treffens handelt es sich nur um leichte Scharmützel, um ein einfaches Geplänkel lüsterner Redensarten, um Ausfall und Abwehr. Von beiden Seiten neckt man sich; man ereifert sich, man wird wärmer. Es fallen tausend Sticheleien hüben und drüben. Man fordert sich mit Worten und selbst mit Bewegungen heraus. Heimliche Umarmungen, verstohlene Püffe, flüchtige Berührungen, tausend Schliche und Kniffe: man lockt mit Schmeicheleien, man ködert mit Bitten, man stellt sich schwerhörig, man antwortet ausweichend. Die beiden Lager, die beiden Geschlechter, sie gleichen Feinden, welche auf dem Posten sind, welche vom Platz aus plänkeln, welche ihre Stellungen wahren. Man betrachtet sich, man ruft sich an, man feilscht, man streicht die Ware heraus, man sucht die Preise zu drücken. Vor Abend dürfen die Liebeskämpfer nicht aneinander. In den Kneipen tanzen und drehen sich die Männer untereinander; die Weiber desgleichen. Wilde, tolle, unzüchtige Sprünge; plumpe, wüste, lüsterne Springer ... Wenn während des Tages eine Bande von Weibern auf eine Schar Burschen stößt, giebt es ein Kreuzfeuer, eine Kanonade von obscönen, ungeheuerlichen Redensarten. Körper streckt sich nach Körper aus, hier raubt man, da läßt man ein Küßchen sich rauben, man pufft sich, man kneift sich, alles Kleinigkeiten zur Einleitung vor dem eigentlichen Ausbruch des Kampfes. Blusen und Mieder, Hosen und Röcke reiben und scheuern sich beim Aneinanderstreifen. Wenn die Nacht herabsinkt und die Sonne untergegangen ist, dann tönt es wie eine rasende Fanfare über die ganze Insel hin, dann beginnt die Zeit des ernsthafteren Handgemenges. Die Liebenden vereinigen sich mit ihren Freundinnen, und sobald sich die Paare gebildet haben, die sich entweder nur für die eine Nacht oder für immer zusammengefunden, gelten sie den herumjagenden Horden für heilig, die jauchzend und heulend durch die sie begünstigende Finsternis weiterstürmen. Bei jedem Zusammentreffen fallen auf beiden Seiten einige ab; diese Abtrünnigen schließen sich zu Paaren zusammen. Die Weiber, ebenso kühn wie die Männer, sie versorgen sich ... Die Züge lichten sich allmählich infolge dieser wiederholten Ausscheidungen. Das dauert, bis alle, oder doch beinahe alle, sich ihre Tänzer und Liebhaber für den übrigen Teil des Festes erobert haben. Die letzten sind natürlich die tollsten. Oft besteht die Schelmerei der Burschen darin, sich suchen zu lassen, ja ordentliche Hetz- und Treibjagden von den rasenden Weibern auf sich anstellen zu lassen. Sie thun, als ob sie das Spiel aufgäben, verstecken sich und scheinen sich dem galanten Frohndienst entziehen zu wollen. Aufgeregt durch das Trinken, das Tanzen, das Umhersuchen und die lüsternen Berührungen irren die Weiber mit heiserer Stimme und schäumendem Munde wie läufische Wölfinnen von Winkel zu Winkel umher, oder sie lauern geduckt im Gebüsch mit verhaltenem Atem, bereit, sich auf die Beute zu stürzen. Spottlieder antworten auf das brünstige Geschrei, das sie bisweilen ausstoßen. Ihr Wild verhöhnt sie; es hat seine Freude daran, sie auf Abwege zu locken, sie auf falsche Fährte zu führen, diese beutegierigen Jägerinnen. Wehe dem Einsamen, dem Verirrten, dem Nachzügler, den sie zu packen kriegen: der muß für die anderen büßen. Wehe auch dem Uneingeweihten, dem Fremden, der in ihre Hände fällt; er wird aufgefordert, seine Wahl zu treffen oder zu folgen, um derjenigen zu dienen, der das Los ihn zuteilt. Die Bänkelsänger wissen davon manche Schauergeschichte zu berichten, und der heilige Olfgar blieb nicht das einzige Opfer, das der Liebeswut der üppigen Dirnen von Smaragdis anheimfiel. Heinrich von Kehlmark kannte diese wilden Gebräuche sehr wohl. So lüstern er auch sonst nach außergewöhnlicher Kurzweil war, an diesem Kirmeßnachmittage hatte er doch immer vermieden auszugehen. Es war dies die einzige öffentliche Lustbarkeit, das einzige ortsgebräuchliche Fest, an dem er nicht teilnahm. Man hatte ihm bisher dieses Fernbleiben in Rücksicht auf das Maßlose und Ungeheuerliche dieser Saturnalien weiter nicht übel genommen. Eine so hoch stehende Persönlichkeit konnte sich anständiger Weise mit diesen liebestollen Weibern nicht einlassen. Hielten sich doch auch die sittsamen Mädchen an diesem Tage zu Hause eingeschlossen, ebenso wie auch die jungen Gatten und Bräutigams sich diesen wüsten Orgien fernhielten. * Der Besuch Klaudias hatte Kehlmark in einen Zustand von Niedergeschlagenheit versetzt, wie er ihn in diesen letzten Tagen nicht mehr gekannt hatte. Der Haß dieses Mannweibes war ihm peinlich und betrübend zugleich. Er machte sich sogar Vorwürfe, daß er ihr nicht die Wahrheit gestanden. Aber hätte das nicht soviel gehießen, wie Guido verraten, ihn preisgeben, vielleicht zu Grunde richten? Nein, was er einer Heiligen, wie es Blandine war, gestehen konnte, durfte er nicht einem grobgearteten Geschöpf wie Klaudia eröffnen. Richtiger gesagt bereute er auch eigentlich mehr die Liebeskomödie, die er ihr so lange vorgespielt hatte. Guido, trübe gestimmt durch die üble Laune seines Freundes, der ihm den Antrag Klaudias verschweigen zu müssen glaubte, hatte die Absicht geäußert, auszugehen und sich den Kirmeßtrubel anzusehen; er hoffte, daß die frische Luft ihm gut thun würde. Heinrich bemühte sich, ihn zurückzuhalten, ihm die Sache auszureden. Aber es war, als ob den jungen Govaertz etwas gebieterisch nach unten, nach dem Dorfe zöge. Geheimnisvolle Kräfte, dunkelwaltende, unheilwirkende Mächte schienen ihn zu beherrschen. »Nein, lasse mich!« sagte er endlich zu Kehlmark. »Zu zweien würden wir nur dieses Frösteln und Fieberschauern bei uns gegenseitig verstärken, das, wie man wohl annehmen muß, bei der jährlichen Wiederkehr dieses Tages in der Luft liegt. Wir würden uns schließlich noch streiten, oder uns doch weniger gut verstehen, als sonst. Noch niemals habe ich mich so reizbar, so kribbelig, so seltsam empfindlich gefühlt. Man könnte an ein moralisches Nesselfieber denken. Diese Miasmen bestialischer Tollheit dringen bis in unser stilles Retiro. Es dünkt mich besser, ihnen in frischer, freier Luft entgegenzutreten. Auch wird dies, da wir morgen abreisen, mein letzter Spaziergang auf Smaragdis sein, mein Lebewohl an die heimatliche Insel, wo ich soviel gelitten, doch dann auch so unendlich glücklich wurde, indem ich dich lieben lernte, mich wiederfand in dir! ...« Vergebens gab sich Kehlmark alle Mühe, ihn von diesem Ausflug abzubringen; Guido schien wie besessen und beherrscht von einer geheimnisvollen Macht, die ihn gebieterisch nach draußen rief. * Ohne an etwas Böses zu denken, hatte der junge Govaertz sich auf dem Kirmeßplatz in müßigem Geplauder mit seinen ehemaligen Kameraden verspätet; der Gedanke, daß er sie morgen für immer verlassen sollte, lieh ihnen neue Anziehungskraft. Er schoß mit ihnen mit Bogen, Armbrust und Büchse, er spielte mit ihnen Kugel- und Scheibenwerfen, er lief mit den Jungen aus Klaarwatsch nackt bis zum Gürtel um die Wette; er erfreute sich an den freundschaftlichen, fast herzlichen Umarmungen, an dem engen Aneinanderschmiegen der lebenswarmen Körper beim Ringen, er wurde einigemal ›geworfen‹, er warf dann auch andere, indem er sich freute an seiner Kraft, seiner schmiegsamen und geschmeidigen Grazie und in diesem Moment ganz die tieferen Genüsse geistiger Arbeit und künstlerischer Bethätigung vergaß. Guido dachte gar nicht an das, worauf es an diesem Tage besonders ankam, nämlich daß er mittlerweile großjährig geworden und nach den Bräuchen der Insel gehalten war, unter den Töchtern des Landes eine Wahl zu treffen. Dies auf Smaragdis herrschende Gesetz war ihm ganz aus dem Sinn gekommen. Seine Träume schweiften schon weit, weit darüber hinaus. IV. Der Festtumult nahm immer größere Dimensionen an, die Ausgelassenheit stieg immer höher. Der Abend sank herab, ein warmer Septemberabend. Aus den am Strande zerstreuten Baracken stieg ein Duft von gekochten Seemuscheln auf, welcher sich mit dem Geruch des Tanges und Fischlaichs vermischte, der auf den Wellenbrechern faulte. Die Lichter entzündeten sich auf den Gestellen und in den Verkaufsbuden. Es herrschte ein wirres Getöse von Trommeln und Becken; die ›Rommelpots‹ luden ein in die grell bemalten Gauklerbuden. Aus den Kneipen ertönte das stoßweise Schluchzen der Akkordeons, gleichsam verhöhnt von dem schrillen Gelächter der Pfeifen und Pickelflöten. Die Abendvorstellungen in den Schaubuden der Tierbändiger begannen, und das Gebrüll der Tiere bildete ein Echo zu dem dumpfen Rauschen und Grollen der Meereswogen; über dem ganzen lag ein zitterndes Gewirr von heulenden Menschenstimmen, aus dem die fleischliche Aufregung, die brünstige wilde Sinnenlust herausklang. Niemals hatte das Meer so phosphorisch geleuchtet. Auf den Masten der Yachten und den reich bewimpelten Barken huschten unter einem tintenschwarzen Himmel St. Elmsfeuer hin und her. Beim letzten Strahl des Tages leuchtete Escal-Vigor noch einmal grell auf wie ein Feenschloß aus Smaragd, dann schien es sich wie ein Schleier von Blut auf seine Seeseite zu legen ... Ströme von Männern von der einen Seite, von Weibern von der anderen trafen sich seitwärts der Dörfer. Diese bezeugten ihre Lüsternheit durch wildes Geheul, jene ihre Brunst durch unzüchtige Geberden. Guido hatte sich endlich von seinen Kameraden, besonders denen aus dem elenden Flecken Klaarwatsch verabschiedet. Er wollte sich beeilen, der tobenden Menge zu entgehen, die ihn schon zu umringen begann, und Escal-Vigor wieder zu gewinnen. Der Gedanke an seinen Freund erfüllte ihn mit mildem Vorwurf und trieb ihn an, möglichst rasch in seine Arme zurückzueilen. Die Blicke der Vorübergehenden beunruhigten den Abtrünnigen. Man machte sich mit Augenblinzeln, mit Gezischel und Geflüster auf ihn aufmerksam. Er hielt eben ein wenig an, um Atem zu schöpfen, fern von dem Getümmel der großen Menge, als aus einer Seitenallee eine Schar hervorbrach, um sich in das Dickicht eines uralten Ulmenwäldchens zu stürzen, das in den Park von Escal-Vigor führte. Im Nu war er umringt und wurde mit Fragen und Ausrufen überschüttet. »Seht doch den großen Schlingel, den man da allein auf den Wegen antrifft!« »Ach, der allerliebste Ausreißer!« »Pfui doch! Am Kirmeßtage!« »Beim heiligen Olfgar! Der hat schon Flaum auf den Lippen und noch nie ein Mädchen berührt. Fragt nur seine eigene Schwester!« Sie umdrängten ihn, sie schrien auf ihn ein, sie hielten ihm wahre Brandreden mit ungeheurer Zungenfertigkeit. Sie drohten ihn zu visitieren; sie rieben sich an ihm, sie drängten eine die andere weg, indem ihr Leib sich ihm darbot und ihr Mund sich ihm erschloß, wie bei einer Blütendolde immer neue aufbrechende Knospen einander verdrängen. »Sie haben recht, Brüderchen!« mischte sich Klaudia ein, die mit grausam funkelnden Augen und freundlich schlauer Fuchsmiene sich näherte. »Du bist jetzt schon lange Mann. Erfülle deine Ritterpflicht. Triff deine Wahl. Warum zögerst du, dich zu entscheiden? Sieh hier zehn meiner üppigsten Gefährtinnen, die nur auf dich gewartet haben. Es sind die schönsten Mädchen des Landes. Es fehlt ihnen keineswegs an Liebhabern. Hast du nicht gehört, wie sie mit brünstigem Geschrei den ganzen Tag das Land durchzogen? Auf meinen Wunsch, auf meine Empfehlung haben sie eingewilligt, dir den Vorzug zu lassen. Keine wird einen anderen wählen, bevor du dich entschieden hast ... Und dabei finden sie, ich wiederhole es, auf allen Wegen eine Unzahl tüchtiger, feuriger Hähne, die nach diesen leckeren Hühnchen schmachten, und die sich an denen gütlich thun werden, die du verschmähst! ... Vorwärts, entscheide dich! Zu welcher treibt dich deine junge Mannheit? Wem willst du die Erstlingsopfer deiner Kraft darbringen?« Der junge Mann ahnte einen grimmigen Hohn hinter diesen katzenfreundlichen Worten, den ersten, die seine Schwester seit langer Zeit an ihn richtete; anstatt ihr zu antworten, schmeichelte er sich, die zehn anderen Weiber herumzukriegen, stramme Dirnen in der Art Klaudias, mit kräftigem Hals und biegsamem Kreuz. »Es thut mir leid, ihr reizenden Schönen; ich habe Eile; ich komme sofort zurück; man erwartet mich auf dem Schlosse!« »Auf dem Schlosse!« schrien sie. »Auf dem Schlosse! Heute braucht man dich da nicht.« »Der Deichgraf kann sich auch einmal ohne deine Dienste behelfen.« »Heute ist Kirmeß und jeder hat frei!« »Heute feiert Herr und Knecht.« »Das Vergnügen geht dem Frohndienste vor!« »Die Liebe hat den Vorrang vor der Pflicht!« »Er hat ja seine Blandine, mit der er sich beschäftigen kann, dein Deichgraf!« sagte Klaudia in einem Tone, der Guido die schlimmsten Aussichten eröffnete. »Aber wenn ich euch versichere, meine leckeren Hühnchen, daß meine Gegenwart dort oben unumgänglich notwendig ist! Ich habe mich schon zu lange aufgehalten.« Und er wollte eilends weiter. »Ach dummes Zeug! Du kommst jetzt mit uns ins Dorf; du wirst uns zum Tanz führen; und dann, wenn du uns zurückbegleitest, wirst du dir eine aussuchen, mit der du es halten wirst, wie es bei allen braven Leuten von Smaragdis Gesetz und Sitte ist! ... Zeige, daß du ein würdiger Govaertz bist!« Er fuhr fort, sie abzuweisen, aber sie drangen auf ihn ein, während Klaudia sie aufhetzte: »Ja, ja, er muß 'ran! Er muß seinen Tribut bezahlen, wie jeder andere! Jedem seine Pflicht, jeder ihre Schuldigkeit. Los auf den Widerspenstigen. Dein Herr wird warten können. Auf eine Stunde mehr oder weniger kommt es nicht an! ...« Er wurde ungeduldig und ärgerlich und widersetzte sich energisch: aber sie waren kräftig und handfest und wurden immer hitziger. »Vorwärts, Mädchen! Drauf und dran! Sollte es keiner gelingen, diesen Stoffel zum Tanzen zu bringen?« Bei dieser Balgerei witterten sie die jugendlich strotzende Kraft des jungen Mannes und sein heftig gehender Atem machte ihn für sie nur noch anziehender und lusterregender. Sie liebkosten ihn wie zum Spaß; sie befaßten und befühlten ihn, wo es gerade hintraf, die einen am Arm, die anderen am Bein; die eine schlang ihren Arm um seinen Hals, die andere um seinen Leib; aber er verteidigte sich standhaft und wehrte sich tüchtig und schließlich wäre er ihnen trotz ihrer Hartnäckigkeit doch beinahe entschlüpft. Das aber hätte Klaudia noch weniger in den Kram gepaßt als den tollen Weibsbildern. Der Widerstand des Jünglings bestätigte ihr vollständig alles, was Landrillon ihr hinsichtlich seiner Kälte und Unempfindlichkeit gegen das weibliche Geschlecht erzählt hatte: er hatte nichts erfunden. Die schreckliche Eifersucht, die sie durchtobte, gab sich äußerlich als tugendsame Verachtung kund. »Er wird sich geben! Er muß sich geben!« heulte sie. »Wenn er nicht einer von euch gehören will, soll er allen gehören.« »Zu Hülfe, Landrillon!« rief sie; denn in der Voraussicht, daß der Kampf trotz der Übermacht der Weiber doch für sie ungünstig auslaufen könnte, hatte sie ihren Helfershelfer im Gebüsch unweit des Chausseegrabens postiert. »Einen Faustschlag, Landrillon!« Es war die höchste Zeit: Guido hatte sich von seinen Verfolgerinnen losgerissen, indem er seine Jacke und selbst einen Teil seiner Bluse und seiner Hosen in ihren Händen ließ. »Halt da, Joseph!« höhnte Landrillon, indem er ihm ein Bein stellte und ihn so hinterrücks zu Fall brachte. Der Diener hielt ihn auf der Erde fest und packte ihn an der Kehle, während Guido sich verteidigte, so gut er konnte, und mit Händen und Füßen um sich schlug, ja sogar zu beißen versuchte. »Einen Strick!« rief Landrillon. »Der kleine Schuft schlägt wie der Teufel um sich. Wir wollen ihm Hände und Füße festbinden!« »Ja, ja!« Da kein Strick zur Hand war, zerrissen die Frauenzimmer ihre Halstücher. Mit offener Brust, mit bloßem Halse, mit fliegenden Haaren, schmutzig und blutbefleckt, in der trüben und fahlen Beleuchtung am Rande des Waldes sahen sie wie Mänaden aus. »Laßt los! Hülfe! Zu Hülfe!« schrie der Gepeinigte. Zweimal sprengte er seine Fesseln. Von seinen Handgelenken und Knöcheln rann Blut. Klaudia, wilder als die anderen, aber doch schlauer und vorsichtiger, stieß einen Schrei des Triumphes aus. »Halt! Den Lederriemen, der seine Hosen hält!« »In der That! Sie können jetzt fallen!« hohnlachte der Bediente. Und sie selbst knüpfte die Fessel auf, womit Landrillon die Beine des Opfers zusammengeschnürt hatte. Guido lag auf dem Rücken, wehrlos und beinahe nackt, denn die Furien hatten ihm nicht nur die Beinkleider vom Leibe gezerrt, sie hatten auch seine übrige Kleidung in tausend Fetzen gerissen. Dann gruben sich auf Klaudias Antrieb die Nägel dieser Harpyien der Reihe nach in das erschauernde, zuckende Fleisch des Unglücklichen. Guido war schließlich still geworden; er weinte und versuchte noch immer, Widerstand zu leisten; sein Drehen und Winden war zu krampfhaften Zuckungen geworden, er schlug nur noch halb bewußtlos um sich; sein Schluchzen war in Todesröcheln übergegangen und statt seines Lebenssaftes kam nur noch Blut. Doch das kümmerte die Megären wenig. Sie begannen von neuem. Sie schwuren, seine Kraft vollends zu erschöpfen, aber ermattet von ihrem Treiben ließen sie endlich von ihren Scheußlichkeiten ab. Unterdessen waren auf das Geschrei des Opfers und seiner Verfolgerinnen andere Weiber und Dorfbewohner aus den Schänken und Garküchen herbeigeeilt. Aufgeregt und trunken, wie sie waren, klatschten sie Beifall, als man ihnen den Sachverhalt mitteilte, schrien und jubelten laut und fanden den Spaß köstlich. Man drängte sich heran, man stellte sich im Kreise herum; man stieß sich beiseite und reckte sich auf die Zehenspitzen, um besser sehen zu können. Die Paare, die sich zurückgezogen hatten, unterbrachen ihren zärtlichen Zeitvertreib, um auch ihrerseits an dieser erotischen Persiflage teilzunehmen. Die jugendliche Straßenjungenschar aus Klaarwatsch, die Fackelträger bei den Serenaden, beleuchteten mit offenem Munde gaffend das grauenhafte Mysterium. Einige ahmten mit schamlosen Geberden das entsetzliche Schauspiel nach, während andere mit blutgierigen Augen wie losgelassene Hunde sich gegenseitig aufforderten, sich das Jägerrecht nicht nehmen zu lassen. In das Getöse der Blechmusik, das noch immer von den Jahrmarktsbuden herüberdröhnte, mischte sich das wahrhaft teuflische Geheul und Gelächter dieser entmenschten Bestien. Die jungen Männer, die sich um Klaudia bemüht hatten, glaubten sich dieser durch allerhand täppische und unzüchtige Bewegungen angenehm zu machen, während diese selbst durch Wort und Gesten immer noch ihre Korybantenschar aufzustacheln suchte. Wollten sie ihn etwa unzerstückelt mit dem Leben davonkommen lassen! Sollte er nicht zerfleischt unter ihren Nägeln verrecken? Entlegene Jahrhunderte hatten wahrscheinlich gesehen, wie die Ahnen dieser mordgierigen Hyänen sich auf die armen Schiffbrüchigen stürzten und die Haufen von Strandgut in wilden Sprüngen umtanzten; und in grauer Vorzeit hatten in ähnlicher Weise bluttriefende Kannibalenmäuler dem Todeskampfe des heiligen Olfgar höhnisch zugenickt. Landrillon, der sich unheilbar kompromittiert hatte und nun keine Rücksicht mehr kannte, flog von einem zum andern, erzählte auf seine Weise die Mysterien von Escal-Vigor, enthüllte jedem, der es hören wollte, den intimen Verkehr des Deichgrafen und seines Lieblings, und mischte so die Religion und die guten Sitten in das Spiel: so wurde aus der scheußlichen Verruchtheit ein Volksgericht, aus dem Verbrechen ein Akt heilsamer Sühne der öffentlichen Sittlichkeit. Es reichte hin, daß der Elende ein einziges Wort einer solchen Anklage aussprach, und die ganze Insel ward wie trunken und kannte sich selbst nicht mehr. Da war keiner, der nicht den Lenden des Schuldigen einen Fußtritt versetzt hätte. Einige hielten sich die Seiten, sie konnten nicht mehr. Andere fanden, daß er eigentlich noch nicht genug hätte. »Wenn ihr mit ihm fertig seid«, sagte Landrillon zu den Weibern, »wollen wir ihn ins Meer werfen!« »Ja, ins Meer, ins Meer mit dem Scheusal!« Und sie hoben ihn auf, um ihn quer durch den Meßplatz nach dem Strande zu schleppen, als sie plötzlich durch eine unerwartete Erscheinung gestört wurden. V. Nach dem Weggang seines Freundes hatte der Graf von Kehlmark keine Ruhe mehr gehabt. Es litt ihn nicht auf einem Platze. Seine Unruhe wuchs, je mehr sich der Kirmeßtrubel seinem Gipfelpunkt näherte. Er fühlte Atembeklemmungen wie vor dem Ausbruch eines dräuenden Unwetters. »Welche wilde, gewaltsame Lust!« sagte er zu Blandine, die mild und mütterlich wie immer sich Mühe gab, seine Besorgnis zu zerstreuen. »Niemals haben sie einen solchen Hexensabbat gefeiert! Nach ihrem Geschrei zu urteilen, vergnügen sie sich damit, sich die Hälse abzuschneiden!« In früheren Jahren hatte das abscheuliche Tongewirr, der Jahrmarktslärm, das Knallen der Schüsse, das Gellen der Pfeifen, das Schmettern der Pistons, das Dröhnen der Orgeln nur in einzelnen charakteristischen Stößen zu ihm zu dringen vermocht. Heute jedoch war diese elektrische Atmosphäre noch geladen mit allerhand Düften, es roch nach verschiedenen Speisen und Getränken, nach Schweiß und nach Brunst. Das wurde noch immer schlimmer, als die Sonne sank und das erotische Halali der Trompeten von einem Ende von Smaragdis bis zum anderen widerhallte; es war, als ob ein kupfriger metallischer Nebel das blutige Rot des sterbenden Himmels verstärken wollte. Und menschliche Stimmen, noch schneidender und greller, nahmen das rasende Signal der Fanfaren auf und schwellten es immer wilder und toller an, als wollten sie die Finsternis zu hellen Flammen entzünden ... Da hielt es Kehlmark nicht länger. Er benutzte einen Augenblick, wo Blandine draußen mit den Vorbereitungen zum Abendessen beschäftigt war, und stürzte in den Park. Plötzlich übertönte ein gellender, herzzerreißender Laut, ein Schrei, der noch durchdringender war, als der Appell der Klapptrompete Guidos am Abend ihrer ersten Begegnung, das Getöse der Instrumente. Kehlmark erkannte sofort die Stimme seines Freundes. »Er ist es! Man bringt ihn um!« Vorwärts getrieben durch diese schreckliche Gewißheit eilte er außer sich durch die Nacht nach der Richtung hin, wo das Geschrei und die Klagerufe her klangen. Als er den Rand des Parkes erreichte, bereit sich dorthin zu stürzen, wo das Verbrechen vor sich ging, hörte er einen neuen Ausbruch von Gebrüll und Hohngelächter, und er vernahm den Namen des Heißgeliebten in diesem Zeter-Mordiogeschrei. Einen Augenblick später durchbrach er die Menge; seine Kräfte verzehnfachten sich; er stieß die hindernden Gaffer bei Seite, während er die Kannibalen verjagte und zu Boden schlug. Mit dem Schrei einer gereizten Löwin stürzte er sich auf den Körper seines Lieblings und befreite ihn; bewußtlos, zerfetzt und blutüberströmt, unzuchtbefleckt und geschändet lag Guido auf der Erde; Heinrich beugte sich über ihn und küßte ihn, dann hob er ihn in seinen Armen hoch empor. Seine Gestalt erschien riesengroß. Mit seinem Rohrstock ließ er fürchterliche Hiebe durch die Luft sausen. Um ihn erweiterte sich der Kreis, und langsam, das Antlitz den Gebändigten und den rasenden Weibern zugekehrt, schritt er nach dem Park zurück. Aber Klaudia und Landrillon, obwohl auch vorübergehend durch dieses majestätische Einschreiten erschreckt und bestürzt, wollten ihr Spiel nicht so leicht verloren geben. Von neuem hetzten sie die Menge zum Kampf. Diese drang wiederum zum Angriff vor. Die allgemeine Stimme der Verurteilung, die Wut des Volkes kehrte sich von dem jungen Govaertz ab, um den Deichgrafen zu zerschmettern. Keiner stellte sich auf seine Seite. Seine getreusten Anhänger, die jungen Strolche aus Klaarwatsch, welche die Anklage vernommen hatten, die auf ihm lastete, standen stumm und teilnahmslos mit Armensündermienen bei Seite und wagten nicht, Partei zu ergreifen. Da warf Landrillon den ersten Stein. Man schleuderte auf den Deichgrafen, was man gerade in die Hände bekam. Schützen, die gekommen waren, um den Preis im Bogen- und Armbrustschießen zu erringen, nahmen sonder Scheu den einst so gefeierten König ihrer Gilde aufs Korn. Ein Pfeil streifte ihn an der Schulter, ein anderer durchbohrte die Kehle Guidos und ließ das Blut in hohem Bogen auf das Antlitz Heinrichs spritzen. Kehlmark, seiner eigenen Wunde nicht achtend, sog die teuren Züge des totwunden Freundes in sich ein und liebkoste unaufhörlich mit einem unbeschreiblichen Ausdruck rührendster Zärtlichkeit dessen geschändeten Körper. Da traf ihn ein zweiter Pfeil dicht am Herzen, und zusammenbrechend unter seiner kostbaren Last stürzte er zu Boden. Als sie vorstürmten, um ihm den Rest zu geben, stürzte eine weiß gekleidete Frauengestalt vor sie, breitete weit die Arme in Kreuzesform aus und bot ihre Brust den Streichen dar. Und die Majestät ihres Schmerzes war derart, derart die heroische Ruhe und erhabene Gottergebenheit auf ihrem Antlitz, daß alle scheu zurückwichen. Klaudia stieß mit einem wilden Schrei Landrillon weit von sich, der auf sie eindrang, um den verheißenen Lohn zu fordern, um sich dann – unheilbarem Wahnsinn verfallen – ihrem Vater in die Arme zu stürzen, von wo sie dem schmutzigen Bomberg laut und gellend ins Gesicht lachte ... Blandine sprach kein Wort, ihr entschlüpfte kein Schrei, keine Thräne stahl sich aus ihren Augen. Aber ihre Gegenwart stählte die besseren Elemente: die fünf armen Burschen, die Kehlmark besonders ausgezeichnet hatte, besiegten ihren feigen Gehorsam gegen die öffentliche Stimme; sie hoben Kehlmark und Guido, die in gemeinsamer Agonie sich umschlungen hielten, auf ihre Schultern. Die rohen Menschen weinten; jetzt endlich waren sie bekehrt ... Blandine schritt ihnen zum Schlosse voran. Um die Verwundeten nicht ins obere Stockwerk tragen zu müssen, bettete man sie auf das Billard. Die Freunde erwachten beinahe gleichzeitig aus der Ohnmacht. Als sie die Augen aufschlugen, ließen sie sie auf Konradin und Friedrich von Baden haften; dann sahen sie sich an, lächelten sich zu, erinnerten sich der Mordscene, drückten sich aneinander in inniger Umarmung und ihre Lippen aufeinander pressend erwarteten sie den Augenblick ihres letzten Seufzers. »Und ich?« murmelte Blandine. »Sagst du mir nicht ein Wort des Lebewohls, Heinrich? Denke, wie sehr ich dich geliebt habe!« Kehlmark wandte sich nach ihr um. »O!« flüsterte er, »daß ich dich in der Ewigkeit so lieben könnte, wie du verdientest, schon hier auf Erden geliebt zu werden, du Edle, Reine!« »Aber« fügte er hinzu, indem er wieder Guidos Hand ergriff, »ich möchte dich lieben, meine Blandine, ohne aufzuhören, auch diesen zu lieben, diesen herrlichen, wonnigen Jungen! ... Ja, ich möchte ich selber bleiben, Blandine! ... Nicht mehr schwanken ... Treu bleiben bis zum Ende meinem Selbst, meiner eigentlichen Natur! Wenn ich wieder aufleben könnte, würde ich wieder so lieben wollen, müßte ich auch wieder ebenso leiden, oder vielleicht noch mehr, als ich gelitten; ja, Blandine, meine Schwester, meine einzige Freundin, müßte ich auch dich ebenso leiden machen, wie ich dich leiden ließ! ... Ein Segen ist deshalb unser Tod für uns alle drei: denn wir gehen dir nur kurze Zeit voran, indem wir diese Welt verlassen; ein Segen auch unser Martyrium, weil es dazu beitragen wird, jede Art von Liebe endlich zu befreien, zu erlösen und zu erhöhen!« Und seine Lippen hatten die Lippen seines jungen Freundes wiedergefunden, die sich den seinen hingebend entgegen streckten; dann hauchten Guido und Heinrich in einem letzten Kusse gemeinsam ihre Seele aus. Blandine schloß ihnen allen beiden die Augen; dann betete sie, jetzt Heidin und Heilige zugleich, zu einer neuen Offenbarung, die da kommen sollte, um die Welt mit dem Lichte der Wahrheit zu erleuchten. Sie hatte kein Gefühl mehr für etwas, das auf Erden um sie vorging; nur eine unendliche Leere empfand sie in ihrem Herzen, eine Leere, die kein menschliches Bild jemals auszufüllen imstande war! Würde Gott sie bald eingehen lassen in sein himmlisches Reich?