Amey * Ein Roman aus der Zeitseele von Friede H. Kraze   C. F. Amelangs Verlag, Leipzig   * Versinkende Zeiten. Als Amey an jenem Märzmorgen auf die Terrasse heraustrat, wurde sie von einer Empfindung durchzuckt, die sie sich in keiner Weise erklären konnte. Sie sah sich erstaunt um, als erwarte sie jemand zu sehen, der ihr ein Wort zugerufen hatte. Dann hob sie langsam und in einer abwesenden Art ihre Hände in Augenhöhe. Es waren die schmalen, nervösen und eigentümlich weißen Hände der Hellbergs, die den van Dyckschen Stuarthänden so wunderbar glichen. An der Innenseite der linken Handfläche war vom Geäder ein zartliniges W geschrieben. Alle Glieder der Familie Hellberg hatten dieses W, einige stärker, andre feiner. Jetzt waren Amey und Onkel Rhaban die beiden einzigen, die noch dieses Zeichen trugen. Plötzlich lachte Amey, wie sie ihre Hände prüfend betrachtete. – Etwas wäre daran verändert? – – Aber als ihr Lachen dorthin lief, wo Krokus und Schneeglöckchen ihre kleinen Köpfe ungebärdig gegen die Erdscholle stießen, kam wieder dieses staunende Aufhorchen über sie. Rief etwas vom Walde her aus den Buchen, die noch braun und verhüllt standen? Oder waren es die Birken in ihrer weißen und seidigen Haut? – Amey fuhr zusammen. Eine Tür ging. Ariane trat aus dem Gartensaal. Sie trug noch ihr türkisches Umschlagetuch und die frisch getollte Haube. Sie kam aus der Stadt von der Frühmesse. Auf ihrem faltigen Gesicht war das Hosianna und die staunende Unschuld der Wiedergeborenen. Aber die alte Amme Ameys, die in ihren Kleidern die halbe Kirche eine Stunde weit getragen hatte, konnte sich keinen kleinsten Augenblick abmüßigen, um den Frühling zu genießen. Sie war wie jeden Morgen in Sorge um das geröstete Brot, den Tee, das Ei und den Honig für ihre Herrin, wiewohl ihre Besorgnis sich jedesmal als grundlos erwies. Darum konnte Amey in ihrem ganzen Leben kein Honigbrot zum Frühstück essen, ohne sogleich den Weihrauchduft zu spüren und die ganze eifersüchtige Ammenzärtlichkeit, in die man sich mit geschlossenen Augen hineinmuschelte wie in ein Daunenbett. Ariane schalt halblaut und mit ausdrucksvollen Handbewegungen Giacomo. Erstens konnte sie den kleinen Diener, den Onkel Rhaban aus Italien mitgebracht hatte, nicht leiden, und zweitens schalt sie überhaupt gern eine Kleinigkeit. Amey trat hinter den verschnittenen Taxusbusch. Sie lächelte leise. Hätte Ariane sie gesehn, sie würde auch ihr Teil abbekommen haben! So im März! Und ohne Jacke! Und in kleinen Schuhen und so! . . . Nein. Ariane hatte sicherlich kein unerklärliches Rufen gehört vom Walde her, in welchen der Park überging, und der ganz sanft den Wunschberg hinaufstieg. Ameys Augen wurden plötzlich groß und fragten: War dieser Frühling anders als andre? –Sie zog die Schultern zusammen, als ob ein kühler Luftzug ihren Nacken gestreift hätte. Warum sah sie doch mit einemmal die neunundzwanzig Lichter, die um ihren Geburtstagskuchen gebrannt hatten? – »Ich will auf den Wunschberg gehn!« sagte Amey. »Heut noch will ich hinauf!« – Ariane schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Ganz allein? Amey?« – Vor den Leuten hieß es natürlich das gnädige Fräulein. – Amey lachte. Sie kannte alle Lamentationen, die nun folgen würden. Ja, eben darum, weil Onkel Rhaban morgen wieder nach Hause kam! Die arme Ariane schlug aus der Ferne drei Kreuze über ihre Herrin, wie diese von Blanchefloor, dem silbergrauen Windspiel begleitet, im Walde untertauchte. Heut war kein guter Tag. War nicht das Brot mit großen Rissen aus dem Backofen gekommen? Und Blanchefloor – sie lag am Morgen in der Halle, den Kopf auf die große Außentür gerichtet und heulte, daß es einem durch Mark und Bein ging. Was solche Zeichen bedeuteten – nun, das wagte wohl niemand laut zusagen. – Amey ging mit weit ausholenden Schritten, Hände im Rücken verschlungen, Schultern nach hinten gezogen, während zugleich der schmale Oberkörper vorwärts strebte. Sie hatte den Kopf in den Nacken geworfen. Der Wind nahm eine Strähne ihres sehr weichen Haares und legte sie ihr ums Kinn. Dieses Kinn war fest und ungewöhnlich kurz. Als sei die geringe Animalität der unteren Gesichtshälfte bewußt zusammengerafft, um dem besonders stark ausgebauten Hinterkopf als Gegengewicht dienen zu können. Ameys Haare hatten dieselbe Farbe wie die Waldwege. Ihre Augen waren schwerer zu beschreiben. Aber man konnte sich nicht vorstellen, daß ein Mensch mit solchen Augen irgendwo anders zu Hause sein könne als hier. Es mußte vielleicht nicht nur dieser Wald sein. Aber diese Landschaft. Mit ihrer Wehmut und ihrer Süßigkeit. Mit diesem Verhüllten, in dem eine scheue Frage lag. Ein heimliches Suchen nach dem Aufstieg in unerhörte Schönheiten und Weiten. »Was ist geschehn?« dachte Amey, wie sie schritt. Es waren überall Stimmen. Man konnte sie noch nicht deutlich verstehen. Aber ein wunderbar Neues war über allem. Wie man Dinge, die zeitlebens dicht um einen herumstanden, erst plötzlich erkennt, wenn man sich ihnen gegenüberstellt. Amey war vor den purpurroten Gehängen eines Erlenbusches stehen geblieben. Sie waren nicht mehr feste Schnüre, sondern eine weiche Gelöstheit spielte in ihnen. Und dann kam wie ein Hornstoß, unter dem die Bäume aufjubelten, ein Wind. Der griff in die roten Gehänge, und eine goldne Wolke entstieg ihnen. »Der Regen der Danae«, sagte Amey sanft, wie sie der goldnen Wolke nachblickte. Aber als hätte ihr Wort ein Fremdes und bisher in ihr Schlafendes angerührt, quoll langsam ein feines Rot ihren Nacken herauf. Ihr Gesicht, dessen Haut immer an chinesisches Porzellan oder Akazienblüten erinnerte, wurde nicht von diesem Rot erreicht. In ihre Augen, die bisher seltsam unbewußt waren, trat ein neuer Ausdruck. – – – »Sieh, sieh!« Blanchefloor gab Laut. Ameys Blick bekam eine andere Richtung. Etwas in ihr spannte sich an. Sie griff Blanchefloor in das Halsband. »Ich muß es Onkel Rhaban sagen«, dachte sie. Das alte Blut sprang auf in ihren Adern. Es hatte Geschlechter hindurch die Tiere des Waldes getötet, um den Reiz des eignen Daseins tausendfältig verstärkt zu empfinden. Ein gewaltiger Auerhahn schiffte schwer zwischen den kahlen Ästen der Buchen. Etwas Gestilltes war in den Bewegungen der mächtigen Flügel. In der verhängten Frühe hatte er seiner Liebe gesungen. »Nein,« sagte Amey plötzlich. »Ich will es Onkel Rhaban nicht sagen.« – – Sie ging weiter. Irgendwo knarrte eine Schnepfe in tiefem Ton. Eine Haselmaus raschelte pfeifend im Fallaub. Der Geruch der Erde kam zu Amey herauf wie etwas Gegenständliches. Es war Verwesung und zugleich Kraft in dem Geruch. Vielmehr alle Kraft ging aus der Verwesung hervor. Tod und Leben griffen seltsam ineinander. Im nächsten Augenblick schrie Amey vor Freude. Zwischen den glänzend lackierten Blättern des Aaronstabes schwärmte es blau von Leberblümchen. Wie Amey sich bückte, prägten sich die knabenhaften Linien ihrer Gestalt, die alle Fremden im Zweifel über ihr Alter ließen, noch deutlicher aus als beim Schreiten. Sie trug die Blumen, die erst ganz kurze Stengel hatten, in der hohlen Hand, behutsam wie ein Lebendiges. – Der Wald nahm einen mit in die Höhe, ohne daß man viel darum gewahr wurde. Als Amey zwischen den letzten Stämmen heraustrat, grüßte sie wie immer zuerst die Berge. Sie lagen fern und blau und im Dunst. Man konnte nur ihre Silhouetten verfolgen. Dieses nur Angedeutete lockte. »Was liegt dahinter?« dachte Amey. Sie begriff nicht die Ebene oder die Städte, die Flüsse und Wälder unter dieser Frage. Der Berg, den sie erstiegen hatte, gehörte zum Besitz der Hellbergs. Der Name Wunschberg wurzelte im Dämmer der Zeiten. Wie viele Wünschende mochten ihn im Fluß der Jahrhunderte sehnsuchtsvoll beschritten haben! War die Luft nicht schwer von geheimen Sprüchen und den Schemen erträumter Zärtlichkeiten? Amey sah sich um. Diese fremde, leichte Erregung, die sie am Morgen befallen hatte, war wieder über ihr. Sie schritt auf das graue und feine, einstöckige Haus zu, an dem Stilarten verschiedener Epochen gebaut hatten. Sie störten einander nicht. Taktvoll wie Menschen von guter Erziehung hatten sie sich einander und den gegebenen Verhältnissen angepaßt. Vielleicht hing das seltsam Unwirkliche des Hauses mit dem Material zusammen, aus dem es errichtet war. Ein poröser Sandstein hatte nicht Kraft gehabt, Wettern und Zeiten standzuhalten. Alle Konturen erschienen verwischt. An den gekreuzten und mit grauen und gelben Flechten überwachsenen Fackeln waren die Flammen erloschen und die Früchte den Füllhörnern entglitten. Dieses Haus erschien wie aus Nebel erbaut. Über dem Portal, zu dem wenige Steinstufen hinaufführten, sprang ein Balkon aus seiner Schmiedearbeit schmal hervor. Er zeigte zwei verschlungene W und darüber das verblaßte Gold einer Freiherrnkrone. Eine kühle, helle Stille stand um das Haus. Der Förster, der einen Steinwurf davon seine Wohnung hatte, war im Walde. Seine Frau hatte einen Gang ins Städtchen unternommen. – Amey ging in den Garten, der in vier Terrassen die nicht bewaldete Seite des Berges herniederstieg. Im Sommer kochte die Sonne hier Trauben, kleinbeerig blaubereifte und goldbraun glasige. Unter ihnen zogen überschwänglich blühende Rosenbänder. Amey betrachtete die Götter, die wie das Haus aus Sandstein gebildet, in Taxusnischen standen. Wie lange war es her, daß sie ihre junge, stürmende und unschuldvolle Nacktheit der Sonne und den Winden preisgegeben hatten? Amey fröstelte. Aber plötzlich lächelte sie, geheimnisvoll: Warum sollte alles zu Ende sein, was schön war? . . . – Sie lief zum Hause und schloß auf. Alles war in Ordnung. Man brauchte nur ein Streichholz anzustecken. Wie sie dann vor dem Kamin hockte, haftete ihr Auge an dem wundervollen Relief des Mantels. Es war einer antiken Grabstele aus Cumä nachgebildet. »Wie sie leben will!« dachte Amey. Ihr Blasebalg peitschte die roten Bäche aus den Buchenkloben heraus, daß die tanzende Seele aus Alabaster durchflutet wurde. »Sie soll gehen, und sie hat noch nicht gelebt!« – Plötzlich sprang sie auf. »Yolanthe Hellberg will ich sehn!« sagte sie. Sie meinte die Frau im krokusblauen Mantel und mit dem Giocondalächeln. Ihr Bild hing in der schmalen Galerie des oberen Stockwerks. Jedesmal, wenn Amey davorstand, empfand sie ein seltsames Vertrautsein und Abwehr zugleich. Das Wappen in der Ecke ihres Bildes war zerschnitten. Aber Amey schien ihre Absicht, diese Urahne aufzusuchen, wieder zu vergessen. Dieses Zimmer mit der zartstreifigen seidnen Tapete und den goldnen Stuckornamenten der Decke hatte immer eine Note der Zärtlichkeit für sie. Von allen den Generationen Hellbergscher Frauen, die sich hierher geflüchtet hatten mit einer Seligkeit oder einer Verdammnis, war ein Möbelstück zurückgeblieben. Der Duft und der Reiz eines Schicksals lag über jedem. Diese geheime Schwesternschaft hatte eines dem andern nahe gerückt, und Zeit und Geschmacksgrenzen verwischt. Die Augen Ameys durchstreiften gedankenverloren das Zimmer. Ohne es zu wissen, hatte ihr Arm den Türknauf eines Wandschranks berührt. Etwas in ihrem Rücken rauschte auf. Amey schrak zusammen und sah sich um. Ein Anzug war heruntergefallen. Sie hob ihn auf und schaukelte ihn. Es war ein Pagenanzug aus silbergrauem Atlas. Ein Hellberg trug ihn am Hofe von Marie-Antoinette. Onkel Rhaban hatte Amey vor Jahren in diesem Pagenanzug malen lassen. Amey erblickte plötzlich ihr Gesicht in dem Venetianer Spiegel. »Als hätte ich mein Lebtag in einer Vitrine gestanden!« sagte sie unmutig. »Wie die Lady von Shalott!« Ja, war nicht ihr ganzes Leben wie im Spiegel an ihr vorübergegangen? Hatte sie nicht hinter jenen dunstigen blauen Bergen gelebt wie hinter einer verwunschenen Hecke? – Aber sie hatte dieses abseitige Leben geliebt. Vielleicht – wenn man alles mit Händen greifen konnte . . . Ihr Blick fiel plötzlich auf den Anzug. – Sollte sie es nicht mehr wagen dürfen? Kaum wissend, was sie tat, streifte sie ihre Kleider ab und legte die Pagentracht an. Nun überschritt dieses ganz feine Rot die Grenzlinie. Der Anzug paßte Amey noch ebensogut wie damals, als sie kaum fünfzehn war. Sie wußte nicht warum, das Hellbergsche »W« kam ihr plötzlich in Erinnerung. »Weib« hatte es für sehr viele von ihnen bedeutet. Einigen hieß es Weihrauch und Weisheit. Auch Wagemut, Weite und Welt und das Wesen der Dinge! Es gab viele klingende Worte für dieses W. Aber auch »Wehmut« war unter ihnen. »Wenn noch ein Wort wäre, das keiner bisher dachte!« sann Amey. Sie war die letzte ihres Geschlechts! – Mußte es sich nicht auf dem Wunschberg erfüllen? Wo alle Frauen der Hellbergs ihre Wünsche hintrugen? Welche aber unter ihnen begehrte das Wunder? Welche war kühn genug? Amey dachte an ihre Urgroßmutter, jene Frau aus dem Volke. Ein Hellberg hatte die wunderschöne, kluge und kraftvolle Müllerstochter der ganzen Familie zum Trotz auf die Burg gebracht. »Sie war keine Hellberg,« dachte Amey traurig. – – – Sie war an eines der mehrscheibigen und weißgerahmten Fenster getreten, deren Traulichkeit keine modische Verbesserung ersetzen kann. Auf den breiten Borten pflegte die Försterin Zyklamen für die Herrschaft. Ein Geruch tiefer und angstvoller Süßigkeit entstieg den Blütenmassen. Wie der Geruch modernder Seidenkleider, in denen verklärte und selige Frauen blühten. Die feinen Nasenflügel Ameys witterten. Ihre Augenbrauen rückten eng aneinander. Dies war der Geruch aller Dinge auf dem Wunschberg. – – »Mein Wunder!« sagten plötzlich heftig ihre Gedanken. Sie setzte sich vor die zierliche Schreibkommode, in deren Platte aus rötlichem, duftendem Holz ein W eingelegt war. Es war das Geschenk eines Mannes an Yolanthe Hellberg, dessen Namen sie niemals getragen hatte. Amey zog die Schiebladen heraus. »Es würde nicht helfen!« dachte sie plötzlich. »Ich muß für mich allein entscheiden!« – Sie stieß die Schieblade mit den aufgetürmten Briefen zurück. Von dem jähen Druck des gewölbten Haufens hob sich der Deckel der Schreibkommode. Er gab hinter einer Zierleiste ein langes, schmales Geschiebe frei. Ein einziger Brief lag darin. Amey erschrak. Sie ergriff den Brief, langsam und mit einer fremden Schwere in der Hand. »An Amey,« stand in Onkel Rhabans schwingender Künstlerschrift auf dem versiegelten Umschlag. »Zu öffnen nach meinem Tode, wenn sie sich einem Mann in Liebe schenken will.« – »Tod?« sagte Amey zögernd und ungläubig. Und sie empfand ein seltsames Bedrängtsein ihres Herzens. Sie wog den feinen Brief in ihrer Hand. Ihr Blick hatte etwas Gespanntes. »Lange wirst du mich peinigen!« Sie zürnte in Schmerzen. In diesem Augenblick erklangen Schritte auf dem Vorsaal. Amey schob hastig den Brief in das verborgene Fach. Als sie aufsprang, trat Onkel Rhaban in seiner ein wenig zeremoniösen Art in das Zimmer. Er trug seine Reisekleider in der nachlässigen Gewähltheit eines Mannes von Welt. Aber er erweckte wie immer den Eindruck, als käme er mit seidnen Kniestrümpfen, gesticktem Leibrock und im Nacken den leichtsinnigen, gepuderten Haarbeutel, wie er den Herzog von Orléans so unnachahmlich kleidete. Nur die Augen Onkel Rhabans gehörten in eine andere Epoche. Sie waren schwermutsvoll wie ein Wasser, an das die Wälder zu dicht herandrängen. Amey wußte, daß kein anderer als Onkel Rhaban, der eigentlich in Berlin war, hereintreten würde. In das Bedrängtsein ihres Herzens trat irgendeine neue und zärtliche Beunruhigung. Plötzlich bemerkte sie ein leichtes Rot auf dem Gesicht Onkel Rhabans. Sein Blick irrte von Amey zu den auf dem Boden liegenden abgestreiften Kleidern und hastig verließ er sie wieder, um an irgendeinem Punkt des Zimmers zu haften. Bis er dennoch zurückkam und still und zart an Amey haften blieb. Da erst wurde Amey sich bewußt, daß sie die Pagenkleider trug. Wieder fühlte sie diese fremde rote See vom Nacken her ihr Gesicht überfluten. Aber während sie befangen staunend und zugleich in einer kühnen und freien Art nach einem Wort suchte, hatte Onkel Rhaban, wieder ganz in Form, sich vor ihr verbeugt. »Verzeih, wenn ich störte«, sagte er sanft und zärtlich. »Ich kehrte früher zurück. In der Galerie erwarte ich dich. Wir bekommen Gäste, Amey.« Als Amey eine halbe Stunde später mit Onkel Rhaban durch den Wald zurückwanderte, berührte keines von ihnen das Thema der Pagenkleider. Amey hatte einen Scherz darüber machen wollen. Aber aus einem geheimen Zwang, über den sie sich keine Rechenschaft geben konnte, war dieses Scherzwort unterblieben. Der Brief stand dazwischen. Hatte sie schon jemals ein Geheimnis vor Onkel Rhaban gehabt? Aber während Amey noch grübelte, empfand sie zum erstenmal in ihrem Leben mit Bewußtsein, wie Onkel Rhaban sie führte – nicht, wie es üblich ist, daß ein Herr eine Dame führt, sondern wie er die Dame seines Herzens führt, – seinen Arm unter den ihren geschoben. In demselben Augenblick bückte sich Onkel Rhaban. Irgendein belangloses Ding nahm er vom Waldboden. Als er sich wieder aufrichtete, ergriff er Ameys Arm und leise und unauffällig legte er ihn auf den seinen. Wie es üblich ist, daß ein Herr eine Dame führt. – »Was hob er eben auf?« dachte Amey. »Was verändert sich?« Mit einem Ruck blieb sie stehen. Sie sah Onkel Rhaban in die Augen, wie sie ihm die Hände auf die Schultern legte. »Ich will es nicht«, sagte sie heftig. Onkel Rhaban fragte nicht, was Amey nicht wollte. Er stand wie aus Stein unter ihren Händen. Er wirkte plötzlich wie das Haus auf dem Wunschberg, das mit seinen jungen und nackten Göttern einmal jung und schön war, und dem die Zeiten, der ewige Fluß und der Wechsel die Schleier der Wehmut umgebreitet hatten. Nur die Augen Onkel Rhabans lebten. Wie ein dunkles Wasser lebten sie, an das die Wälder zu dicht herandrängten. – »Zerreißt mir nicht etwas mein Herz?« dachte Amey. – Hatte Onkel Rhaban immer diesen Blick? Wie außer sich und einem fremden Zwange gehorchend, warf sie plötzlich ihren Oberkörper gegen Onkel Rhaban und küßte ihn auf beide Augen. – Das war so seltsam: Amey hatte die Empfindung, als ob sie sich in einem tiefen Traum befände, den sie schon einmal geträumt hatte: Über ihnen hing eine Lerche. Die erste des Jahres. Sie verströmte sich in Ekstasen. Onkel Rhaban, der zuerst wie eine Bildsäule gestanden hatte und bei dem Kuß Ameys plötzlich zu taumeln schien, hatte wieder vollkommen seine Haltung. Nur die Augen hielt er noch geschlossen. Um den feingeschnittenen Mund, der dem Munde von Amey so seltsam glich, lag ein Lächeln. Kein Tag und kein Traum hatten noch je Onkel Rhaban so lächeln gesehen. »Wie das Lied dieser Lerche«, dachte Amey, während sie ihn ansah. Und als sie sich noch in Träume verwirrte, hoben sich diese ein wenig schweren Augenlider Onkel Rhabans. Wie ein einziger Blitz zuckte sein Blick über Amey hinweg und verlor sich in fernen Gründen. – Da ließ Amey in einer ihr unerklärlichen, leichten und zugleich süßen Verwirrung, und als ob das alles jemand anderes anginge, es geschehen, daß Onkel Rhaban ihre linke Hand aufhob. Er wandte sie mit der Fläche nach oben, diese weiße, nervöse und überschmale Stuarthand, in welcher das bläuliche W wie ein Schicksal lag. Er küßte das W. Im nächsten Augenblick war alles vorüber. »Zwei so gute Freunde wie wir!« sagte Onkel Rhaban unvermittelt, wie er den Arm von Amey leicht und ehrerbietig auf den seinen legte. »Wo gibt es noch zwei solche Freunde!« – Dann fing er plötzlich an, von seiner Reise zu erzählen. Aber Amey mußte immer lauschen, ob der Wald noch rief, und ob Onkel Rhaban es nicht auch hörte. Ihre Antworten wurden immer einsilbiger und zerstreuter, bis auch Onkel Rhaban schwieg. Bisher hatten sie immer nur in Einstimmigkeit geschwiegen. Zum erstenmal fühlten sie ihr Schweigen zwischen einander stehen wie ein Geheimnis. – – –   Für diesen Abend erwartete man Herrn von Walmoden, der zu Ostern nach Rom ging, und Philipp Marschall, einen Neffen Onkel Rhabans, auf der Burg. Übrigens bestand die Bezeichnung »Burg«, wie die Umgegend das Hellbergsche Schloß nannte, nicht mehr zu Recht. Die eigentliche Burg, der der Bauernkrieg und der Dreißigjährige Krieg nichts anzuhaben vermochten, war 1805 nach der Göhrdeschlacht einem Racheakt geschlagener, französischer Truppen zum Opfer gefallen. Von ungezählten Eulen und Krähen bewohnt, ragte ihre rauchgeschwärzte Ruine ein wenig westlicher zum Walde hin. Sie hatte ihre Geschichte und ihren Spuk. Efeu und Erinnerungen umklammerten sie geheimnisvoll und zärtlich. Derselbe Hellberg, der sich 1813 durch das Leipziger Westtor wie ein lodernder Erzengel in die Stadt hieb, und dem zwei Jahre darnach bei Belle Alliance der Pour le mérite die Herzwunde kühlte, hatte zwischen den Lustbarkeiten und dem ennui des Wiener Kongreß gerade noch Laune gehabt, mit ein paar Bleistiftstrichen den Plan des Hauses für seine Nachfahren festzulegen. Gedanken an Beschränktheiten des Raumes oder der Mittel hatten ihn dabei nicht zu beunruhigen brauchen. So war ein imposanter, leuchtend weißer Barockbau reinsten Stils innerhalb des alten Wallgrabens entstanden. Die einstöckige, gedehnte Fassade, der von Sanssouci sehr ähnlich, beherrschte von ihrer Terrasse aus einen Park im Geschmack von Le Nôtre. Auf der Rückseite umrahmten zwei riesige Flügel mit Pavillons einen weiten gepflasterten Edelhof. Dieser ganz in sich ruhenden und schweigenden Welt, an der die Kulturen von Jahrhunderten gebaut hatten, bedeutete die Ruine der Burg nur ein kostbares Glied letzter Zusammenhänge des Geschlechts. Aber die Bewohner jener abgelegenen und ackerbautreibenden Gegenden hatten sich in zäher Liebe mit einem Namen verklammert, wenngleich das Wesen entglitt. Das helle, weite Schloß im Barockstil blieb ihnen »Die Burg«. – – Als Amey um fünf Uhr durch den Gartensaal kam, hatte der kleine Giacomo das Silber und das Kristall bereits herausgenommen. Das kindhafte Gesicht, das die späteren klassischen Linien bereits andeutete, versonnte sich in einem hingegebenen Lächeln, als Amey im Vorüber flüchtig über die Wange strich. Zum erstenmal kam es Amey zum Bewußtsein, daß nur der Mund lächelte, nicht die Augen. – Zwei andere Augen fielen ihr ein. Und während sie sich in der Erinnerung an Onkel Rhaban wieder von dieser schmerzlichen und zärtlichen Erregtheit ergriffen fühlte, versetzte sich ihr plötzlich der Atem: Dieser kleine Sizilianer hatte in seinem Blick die Schwermut der Waldtiere, die Unerlöstheit der Kreatur. Er wartete noch auf den Zauber, der ihn entbannen würde. Onkel Rhaban hingegen . . . – – Da verließ Amey fliegenden Schrittes den Gartensaal. – Daß ausgerechnet zu diesem Abend sich Gäste angemeldet hatten! –Daß es Guntram Walmoden sein mußte! – Amey wußte nicht, warum sie diesem Besuch in besonderer Abwehr gegenüber stand. Als Amey ihre Zimmertür öffnete, war ihr Abendkleid schon ausgelegt. Aber die alte Ariane war nicht im Zimmer. »Dies und dies und all das« – Amey betupfte den kostbaren Toilettetisch aus Sèvres und den eingelegten Schrank, die Rubingläser und die Miniaturen auf Elfenbein mit den Fingerspitzen – »ich will es nicht! All dies, ich will es einmal nicht sehn!« Sie stampfte mit dem Fuß auf wie ein Kind, das sich aus großer Angst trotzig gebärdet. – Sie schlug die Türe zu und rannte den langen, hallenden Gang herunter. »Wie gut das bei dir ist! Ach, wie sehr gut!« sagte sie befreit und lachend, wie sie sich außer Atem in den tiefen, beblümten Ohrklappenstuhl Arianes hineinwarf. »Wie warme Kamillenkissen auf Zahnweh!« Und während die alte Ariane kummervoll zärtlich ihr Haar streichelte, sog Amey mit geschlossenen Augen und lächelnd die unaussprechliche Atmosphäre dieser Stube in sich ein. Diese unlösliche Mischung zwischen Kaffee, Fensterblumen, zugesperrten Schränken, Bratäpfeln, Perubalsam, Weihrauch, Mottenpulver und – oh – so viel Zärtlichkeit! Ariane schien sogleich zu wissen, worum es sich handelte. Sie klingelte nach der schwarzen Marie, die Kleid und Schuhe und alles was sonst noch dazu gehörte, herüberschleppte. Und wie Amey mit hochgezogenen Knien seitlich im Lehnstuhl hockte, während Ariane – su – su ihr Haar vom Scheitel bis zu den schimmernden Spitzen immer wieder herunterbürstete, sank dieses Aufgestörte, an dem der Märzwind schuld war, und der geheimnisvolle Brief wieder ganz tief. Wenn man die zahme, ein wenig vom Alter gerupfte Dohle Medardus auf dem Finger hielt und ein Stück Lebkuchen verspeiste, das aus Arianes Truhe völlig wie ein eingemotteter Wattenrock schmeckte und diesen erregten Frühjahrshimmel ganz sanft verblassen sah, mußte dann nicht diese süße und namenlose Not wie der Himmel sanft werden? – Man konnte vergessen, daß es so ein Ding, wie ein W in der Hand gab, oder ein Zimmer im Westflügel, in dem Gäste nur ungern schliefen. Oder einen Wunschberg, und eine Welt hinter der blauen Linie der Berge. Su su – die Bürste strich alles glatt. Man war wie ein Tierlein, das gestreichelt wurde. Man kniff die Augen zu und war ohne Gedanken und ohne Gut und Böse. – Als Amey in das Gobelinzimmer trat, wo man sich vor Tisch zu versammeln pflegte, stand Onkel Rhaban mit dem jungen Marschall vor dem Knabentorso, der so eigentümlich an den Adoranten aus Subiaco erinnerte. Der Neffe war ganz höfliche Aufmerksamkeit gegen Onkel Rhaban, der ihm jede feinste Nuance seines Fetisch zu erklären bemüht war. Aber seine Gedanken schienen indessen anderweitig in Anspruch genommen. »Du denkst an die hinreißenden Montpesats, die Onkel Rhaban erworben hat, Philipp«, sagte Amey. »Das Landolet mit der Herzogin. Himely ist der Stecher.« Amey machte unschuldige Augen. Aber wer sie kannte, wie Onkel Rhaban, hörte die Spottdrossel singen. – Bei Tante Marschall hing der Schutzengel von Plockhorst über dem Klavier. Und vorausgesetzt ein Pferd war auf dem Bild, nahm ihr Sohn den Stecher nicht so sehr wichtig. Amey legte die Hand leicht auf die Schulter ihres Vetters. Aber ein besonderer Blick in dem frischen Leutnantsgesicht ließ sie plötzlich leicht zusammenschrecken. – »Ach«, dachte Amey, »das ist ein Verhängnis! Hier mit Onkel Rhabans Kirchenbeleuchtung! Und wie er mich ausstaffiert!« – Sie zog hastig die Hand zurück. Philipp Marschall hatte sie einen Atemzug länger als nötig war mit den Lippen berührt. Und während er noch irgend etwas über die kolorierten Kupferstiche, an die er wirklich eben nicht gedacht hatte, stammelte, wandte sich Amey zu Guntram Walmoden. In seiner lässig gleichgültigen Art und zugleich ein wenig an die hypnotisierende Grazie eines gefangenen Leoparden erinnernd, wanderte er im Zimmer auf und nieder. »Sie versprachen in Rom, mir einmal Ihre Sphinx zu zeigen«, sagte ohne jede Einleitung Herr von Walmoden, ein Urenkel des Siegers in der Göhrdeschlacht. Onkel Rhaban schien ganz in seinen Torso versunken. In diesem Augenblick nur flatterte der Schatten, mit dem seine schlanken, langen Finger den zartgrauen Stein liniierten. Aber das mochte ebensowohl von der Beleuchtung kommen. Amey trat mit Guntram Walmoden hinaus in den Wintergarten. Sie hatte noch mit dem schüchternen und zugleich glühenden Bekenntnis in dem Blick ihres Vetters zu tun. Sie überhörte die besondere Note dieser Stimme, die sonst nicht so sehr viel im Leben ernsthaft zu nehmen schien. »Sie mögen entscheiden, ob wir diesem Fetisch genügend Ehrfurcht erweisen«, sagte Amey, wie sie auf die Sphinx hindeutete. Sie war, ebenso wie der Knabentorso, der Bucht von Amalfi entstiegen. Jetzt hatte die Rätselvolle in dem Palmengarten eines deutschen Herrenhauses eine Stätte gefunden. Auf ihrem Sockel aus behauenem Sandstein, mit der eingemeißelten Sonnenscheibe, stand das Wort Pindars: Σκια̃ς όναρ άνθρωποι, Eines Schattens Traum ist der Mensch. »Jawohl, Ägypten!« sagte Guntram Walmoden. Wie er es sagte, schienen irgendwo grelle primitive Instrumente in Tätigkeit. Sein Blick erstarrte. Er erblickte Amey plötzlich unter dieser helmartigen Haube aus blauen Perlen, den Oberkörper entblößt, Hände und Arme in einer dieser seltsam gebundenen und dennoch eindrucksvollen Stellungen, wie alte Vasenbilder sie festhielten. Er sah Amey als Isispriesterin. Aber es war ein Bild, das einer mystisch okkulten und zugleich ästhetischen Vorstellungswelt entstieg. Es hatte mit seinen Sinnen nichts zu schaffen. Durch ein Zufälliges – vielleicht dadurch, daß Amey die Hand hob und durch einen Hauch jenes ganz zarten eau de lavende , das sie in ihr Waschwasser zu nehmen pflegte, schien all dies Geheimnisvolle plötzlich körperlich mit ihr zu verschmelzen. Guntram Walmodens Augen belebten sich jäh. Die Pupillen in der gelben Iris wurden rund und dunkler. Der Ausdruck seines schmallippigen Mundes erinnerte an das Lächeln eines Wollüstlings. Aber es war nur der Schatten eines Lächelns. Amey war mit den Orchideen am Fuße der Palmen beschäftigt. »Sie tragen keine Blumen, Madonna«, sagte Guntram Walmoden. Er pflückte etliche der zarten, schweren, halberblühten Rosen, die in Massen vom Spalier des Glasdaches herunterhingen. Amey befestigte die Rosen am Halsausschnitt ihres Kleides. Onkel Rhaban sah sie am Abend gern mit Blumen. Ebenso wie er dann auf Kleidfarben Wert legte, die verflossene Epochen reich und glühend machten. »Ein wenig tiefer!« Der Blick Guntram Walmodens haftete an Amey. Sie stand jetzt unter dem schwebenden silbernen Herzen, in dessen Behältnis aus Rubinglas ein Licht schwamm. »Hörten Sie letzthin von unserem gemeinschaftlichen Freunde Bethun?« »Nein«, sagte Amey, »wieso?« Ihre Gegenfrage klang unbeteiligt. Sie mußte zum Gobelinzimmer hinhorchen. »Es ist eine neue Stimme hinzugekommen!« dachte Amey. Sie hatte plötzlich die Vorstellung von festen, runden, guten Brotlaiben. Sie mußte heimlich lachen. Onkel Rhaban würde dieser beruhigende Vergleich so viel Spaß machen. »Axel Bethun geht nach Indien«, sagte Guntram Walmoden. »Nach Indien?« Amey war noch immer bei den guten Broten. »Er will die buddhistischen Klöster besuchen.« »Mein Gott,« sagte Amey. »Wie überflüssig. Ist nicht Lolo lange genug mit den Kindern allein?« »Oh, Lolo!« sagte Guntram Walmoden. »Sie gehört zu den Menschen, bei denen das Vergnügen in Sackleinwand geht. Dafür machen sie aus der Tragik des Lebens Opfertänze!« »Sie sind frivol, Guntram!« »Man scheint so leicht, was man möchte!« »Aber ich kann die Idee mit den Klöstern nicht einsehen«, rief Amey. Dies alles schien ihr ganz unsinnig. »Bei Lolo kommen zuerst die ganz kleinen Kinder«, das Lächeln Guntram Walmodens entblößte die Spitzen seiner schmalen Oberzähne, »und dann die künstliche Glucke und dann die Schulkinder . . .« »Ja!« rief Amey beseligt. »Aber Sie dürfen die Molkereien mit den besonderen runden Käschen nicht auslassen und Barfußlaufen im Tau und die Jungfrauenabende! – Still!« bedrohte sie sich plötzlich außer Atem vor Lachen. »Still! Ich ersticke.« – Ja, vielleicht nach all diesem kam schließlich auch der arme Bethun. – »Aber!« sagte Amey mit strengen Augen: »Bedenken Sie, wenn alle Männer in seiner Lage Gautama Buddha nachahmten! Wohin gerieten wir zuletzt mit Erlösern?« Guntram Walmoden berührte eine safrangelbe Orchidee. »Wie ich Ihr Temperament liebe, Amey! Man sollte Temperamente kultivieren wie Orchideen!« »Lassen wir immerhin mein Temperament aus dem Spiel!« Amey hatte trotz allem eine Vorliebe für Lolo Bethun. »Lolo ist wie eine gute Buchweizengrütze mit Vollmilch!« Guntram Walmoden lachte. Seine Zähne unter der etwas kurzen, bartlosen Oberlippe waren von einem auffallenden bläulichen Weiß, wie man es nur bei Frauenzähnen findet. Sie waren sehr regelmäßig gebildet, aber merkwürdig spitz nach unten auslaufend. »Lolo ist so gänzlich ohne Geheimnisse«, sagte er. Amey antwortete nicht. »Ich muß hinein«, dachte sie. »Ich will zu Onkel Rhaban.« »Waren das nicht Ihre Worte, Amey? Damals in der Certosa von Pavia?« sagte Guntram Walmoden: »Nicht in den Dingen liegt der Reiz, sondern in ihrer Atmosphäre. Menschen, die keine Atmosphäre haben, sollten um Himmels willen unter sich bleiben.« Vor Amey stand plötzlich die zarte blaue Linie der Ferne. – Ja, sie mochte wohl etwas Ähnliches geredet haben. Es war schrecklich, wenn einem bei allem Vergleiche kamen. Mußte man auf jeden festgenagelt werden? »Vielleicht hätten Sie Neigung, Herrn von Bethun zu begleiten?« Sie wußte kaum, daß ihre Stimme plötzlich eine Schranke aufrichtete. Etwas im Grunde ihres Wesens flammte. »Ich nehme die Dinge zu wichtig«, dachte Amey. »Spielen, Sport! Mehr verlohnt den andern nicht. Jetzt eben haben sie es mit dem Buddhismus. Ein andermal sind es blaue Nelken oder Tango!« Amey hatte die safrangelbe Orchidee, die sich nicht fügen wollte, abgebrochen. Sie sah aus wie ein Insekt. Schlimm und wunderschön. »Ich habe mich noch nicht darüber unterrichtet, ob man am Ganges zuweilen die Wäsche wechseln darf.« Guntram Walmoden betrachtete nachdenklich die Spitzen seiner Lackstiefel. »Vorausgesetzt, man trägt dort welche überhaupt. – – – Amey! . . .« Amey nahm sich jäh einen Schritt von ihm zurück, und wie sie die Orchidee heftig in das Brünnchen warf, legte sie ihren Arm der Sphinx um den Hals. – Würde er nun wirklich gehen und alles verderben? Sie seufzte und zog die Stirn in Falten. Zugleich schob sich ihre Unterlippe ein wenig vor. Sie sah hilflos aus und hold und lächerlich jung. Von der Halle her kamen die Schläge des Gong in rhythmischem Wechsel, grell und dumpf, wie es Giacomos Art war. Draußen am bewegten Himmel kämpfte sich ein feiner silberner Kahn durch eine getürmte Wolkensee. Die Eulen, die im Gemäuer der Burg nisteten, wimmerten mit diesem langgezogenen Kleinkinderlaut. Amey fröstelte plötzlich. – Jetzt: – jetzt kam es wieder! Das, was man nicht beschreiben konnte! Ein sechster Sinn schien sich zu öffnen. Eine geheimnisvolle Pforte. Der Wunschberg stand vor ihr, das Bild der Yolanthe mit dem zerschnittenen Wappen. Und zugleich sah sie Onkel Rhabans Augen . . . Die Kühle des steinernen Tierleibes mit den Frauenbrüsten kroch zu ihr herüber. Da war es, als ob sie vor dem Gnadenlosen des starren Gottes in die Ritterlichkeit des Mannes und in den Schutz seiner Liebe flüchtete. »Sagen Sie nichts!« Amey stand dicht vor Guntram. Sie hob leicht die Hände. »Wenn Ihre Hände bitten!« . . . Jetzt mußte Amey das Neue in Guntram Walmodens Stimme wirklich hören. Sie erschrak. Aber wie sie in seine Augen sah, wurde sie ganz ruhig. »Ich bin es nicht«, dachte sie. »Ich bin ihm nichts als eine Impression. Vielleicht wird er Sonette darüber stilisieren. Ein Erlebnis kann er nicht mehr haben. Das ist seine Trauer!« Jäh und gleichsam außerhalb ihrer, hatte sich dieser letzte Gedanke formuliert. – Plötzlich schöpfte Amey tief Atem, wie von einem guten Ufer aus. Nein. Nicht sie. – Sie war anders! – Und als ob es nun an ihr sei zu helfen, lächelte sie zart, wie sie Guntrams Arm leicht berührte. »Mit alledem sind Sie doch längst fertig«, sagte sie innig überredend. »Phantasievolle Menschen haben Einfälle. Natürlich. Unten an der St. Kilianskirche ist ein Kopf. Zehn Finger halten ihm den Mund vonsammen. Dann hängt er die Zunge ellenlang. Ich kann Ihnen nicht sagen, was es mich kostet, jedesmal beim Vorüberkommen! Daß ich mich nicht auch versuche!« »Baronesse . . .« Aber Amey redete schon weiter. »Ja, und wenn nun jemand zum Beispiel Rindsfett heißt«, sie lachte hingegeben. »Oder Puttfarken, oder Fetemilch – muß man es sich nicht da bis ins Kleinste ausdenken, wenn man nun hinginge und heiratete ihn aus Heroismus?« »Amey! . . .« »Ach«, sagte Amey unendlich lieblich und ein wenig verlegen, »wirklich, – ich denke es mir nicht aus. Ich habe solche Namen gehört. – Ich meinte doch nur: man lebt sich in etwas hinein! Bis ins Kleinste malt man sich's aus. plötzlich ist es vorbei! Zerplatzt, wie eine blanke Perle im See. – Ich bin für Sie auch so eine blanke Perle. Unser rotes Herz hat Sie auf dem Gewissen. Und die Eulen und die Sphinx!« »Und die Art, wie Ihr Haar sich um die Schläfen legt«, sagte Guntram Walmoden langsam. »Und – wenn Sie erregt sind, da – das Zucken, dieser feine Nerv links unter der Oberlippe – und Ihre Boticelli . . .« »Ja«, sagte Amey fröhlich und streng, wie sie mit weiten Augen ihn anstarrte. »Und meine Augen lassen Sie nicht aus, bitte! Ich sage, sie sind grün und braun wie der Wald und die Erde, Onkel Rhaban aber will haben, sie seien wie Moosachat. Ach, Guntram, wollen Sie einen Steckbrief über mich ausschreiben?« »Sie sind wie Erde und Wald«, sagte Guntram Walmoden. »Nur die Sonnenfunken darf man nicht vergessen«, dachte er. »Und die schönen und argen Hexen, die zwischen den Farnkräutern spazieren gehen!« – Und als Amey plötzlich die Lider senkte und sich ein wenig zurücknahm – »ich erwähnte dieses gewisse Körperlose«, sagte er schnell, »es erlaubt, das Vibrieren der Seele zu beobachten. Darin liegt aller Reiz«. – »Wie eigentümlich dies ist,« dachte Amey, »ich fordere doch gewiß niemanden dazu heraus! Und zuletzt kommen sie alle auf denselben Punkt!« – »Also ich war ganz im Recht.« Ihre Stimme schien zu scherzen und war ein wenig hochfahrend: »Dies alles war ein Irrtum. Sie müssen zugeben: so leicht bekleidete Seelen taugen nicht zum heiraten.« Er sah sie an mit einem rätselhaften Ausdruck. Er wirkte wie ein Lächeln. »Gibt es etwas Besseres als das Innerliche eines Menschen zu lieben?« fragte Amey verwirrt. »Die Ferne ist gut dafür. Der Alltag verwischt die Klarheit des Konturs.« Ihre Stimme klang zärtlich. Sie hörte es aber nicht. Sie war vollkommen unbewußt darüber, welcher Art der Reiz war, den sie auf Männer ausübte. Vielmehr dachte sie zugleich: »Glaube ich, was ich soeben über die Ehe sagte und über die Entfernungen?« Sie vergaß für den Augenblick Guntram Walmoden. »Wir müssen jetzt zu den andern gehen!« kehrte Amey plötzlich zurück. Sie meinte mit den andern allein Onkel Rhaban. Aber sie wußte das ebensowenig, wie sie die Zärtlichkeit ihrer Stimme kannte. Um den Mund Guntram Walmodens spielte noch immer dieser rätselhafte Ausdruck. Er hob die Hand, die ihm Amey wie zu einem Abschied bot, ganz hoch. Es schien, als wolle er sie mit der Fläche nach oben kehren. Aber Amey gab ihrem Handgelenk eine leise Wendung. Als er ihr nun die Hand küßte, wie sie es verlangte, sah er Amey in die Augen. Dieser Blick kam wirklich aus dem letzten Grunde, in welchem alle Wurzeln tot waren. »Verzeihen Sie mir, Amey!« »Da ist nichts zu verzeihen«, sagte Amey. Wehmut überfiel sie bis zum Weinen. Sie glaubte, sie gelte dem Manne an ihrer Seite. Aber sie meinte Werte und Schönheiten, die sich überblühten und sterben mußten, und die dennoch unersetzlich erschienen. »Ich hätte dies alles Ihnen ersparen müssen. Schicksale sind nicht aufzuhalten. Man sollte sie bei Zeiten erkennen!« »Schicksale?« rief Amey heftig, wie sie, ihren Arm auf dem seinen, in das Gobelinzimmer trat. Ihre Augen flammten. »Gibt es Schicksale? – Wir sind Schicksal. Nur wir!« In diesem Augenblick trat Onkel Rhaban mit einem älteren Herrn aus der Bibliothek. Er trug auf festen, starken Schultern den Kopf St. Petri, wie er unten in der St. Kilianskirche stand. »Wie wunderbar!« dachte Amey. »So sehr jung sind seine Augen! Aber man kann in sie einfahren. Wie in einen Hafen voll stiller Wasser!« Sie hörte weniger auf seine Worte als auf den Klang seiner Stimme. Wirklich: feste, runde, gute Brote standen um einen her! Da sagte sie schnell mit diesem hinreißenden Lächeln und ebenso zärtlich, wie sie vorhin zu Guntram Walmoden gesprochen hatte. »Erkläre gar nichts, bitte, Onkel Rhaban. Dies ist Herr Pfarrer Bruns. – Ich habe Sie immer erwartet!« Nachher bei Tisch erinnerte man sich aller Einzelheiten. Pfarrer Bruns war vor drei Jahren mit in dem Boot gewesen, als Langustenfischer den Knabentorso aus seinem mehr als tausendjährigen Grabe entzauberten. Die heimliche Sehnsucht aller Kinder des Nordens hatte den alten Herrn zuletzt bezwungen. Mit fünfundsiebzig Jahren überschritt er die Alpen. Er war ein heimlicher Anbeter der Schönheit, wiewohl er durch eigene Anschauung in der Kunst über die Architektur seiner engeren Heimat kaum hinausgekommen war. So hatte er mit der rührenden Ahnungslosigkeit eines Naiven den Fischern 30 Lire für den Fund geboten. Er wollte den Torso in seinem Gärtchen an der Wesermündung aufstellen. Seine Urenkelin würde einmal ihre Freude daran haben. Bei St. Genaro! Die Fischer hatten höflich und gutartig gelächelt. Wenn ein solcher Segen nicht in das Museo Nazionale in Neapel wanderte . . . Man dachte doch wohl an die Casa Blanca! Hoch oben in Anacapri, am Fuße des Solaro! Die ein deutscher Baron seit Jahren für einige Wintermonate mit der jungen Padrona bewohnte. Onkel Rhaban hatte dann auch wirklich den Torso bekommen. Er hatte nicht einmal 30 Lire dafür bezahlt. Aber – weißt du, das kleine Haus an der Marina Grande? Antonio Bello, wie lange hatte er schon damit geliebäugelt . . . und Sebastiano, der so gern seine kleine Ninetta heiraten wollte! Per dio!  . . . Onkel Rhaban hatte von dem Bewunderer dieses, seines letzten Fetisch gehört. Bei der berühmt schrankenlosen Gastfreundschaft der Casa Blanca war Pfarrer Bruns bald täglich dort aus- und eingegangen. Daß Amey trotzdem ihn nie gesehen hatte, hing mit einem ihrer Fieberanfälle, denen sie von Kind auf unterworfen war, zusammen. Die Verbindung zwischen Onkel Rhaban und Pfarrer Bruns war immer aufrechterhalten worden. »Wie ich alles verstehe!« dachte Amey, während sie dem Pfarrer zur Rechten an dem großen Eßtisch saß. Waren diese einfachen Naturen nicht ausersehen, Labsal und Zuflucht der komplizierten zu sein! Sie hatte wohl recht mit den guten Broten. Wenn man sie aufbrach, spürte man noch die ganze Sommergüte! Amey sah zu Onkel Rhaban hinüber. Er schien immerfort nur darauf gewartet zu haben. Er empfing Ameys Blick, wie man mit ausgebreiteten Armen einen liebsten Menschen empfängt. Der Schleier der Wehmut verhüllte seine Augen nicht mehr. Sie waren ganz voll Glanz und zugleich von einer tiefen Beruhigung erfüllt. »Ist es der Pfarrer?« dachte Amey. Nein. Dieses Neue in seinen Augen konnte nicht von dem Pfarrer ausgehen. Was war es? Und woher kam es? Plötzlich erschrak sie so heftig, daß ihre Hand bebte. »Es ist Glück!« sagte schnell und deutlich etwas in ihr. Eine leidenschaftliche Freude bemächtigte sich Ameys wie ein feiner Rausch. Sie erhob dieses geschliffene alte Kelchglas mit Wein aus der Romagna gefüllt. Unter dem Kerzenlicht funkelte er ebenso rubinrot und verströmte sich wie das silberne Herz draußen im Wintergarten. Mit diesem Kelchglas grüßte Amey Onkel Rhaban, der nur auf sie gewartet zu haben schien. Als sie dann tranken, Auge in Auge, war ihr alles versunken, was sie umgab, und ebenso alles, was im Wintergarten sich soeben abgespielt und sie bedroht hatte. »Wie jung ich mich fühle!« dachte Amey. »Ist es möglich, mit meinen Jahren so jung zu sein?« Sie wußte, daß die Augen von vier Männern an ihr hingen, in demütiger Anbetung oder verhüllter Leidenschaft und in einer feinen, staunenden oder tiefen und süßen Zärtlichkeit. Aber sie wurde von diesen Blicken nicht verwirrt, sondern getragen. Ihr eigenes Lebensgefühl schien ins Ungemessene erhöht. Kein einziges Mal kam ihr dabei der Gedanke: alle diese werden heute Nacht keine Ruhe finden. Selbst der greise Apostel wird staunend wach liegen unter einem durch seine Jahre beruhigten und durch seine Reinheit geheiligten, aber dennoch in dieser Weise niemals zuvor erlebten Lustgefühl. – »Ich werde geliebt.« Das war einzig ihr Gedanke. Darum war sie jung. Darum war sie schön. Darum konnte sie beglücken. Wie köstlich war es, geliebt zu werden! – Irgendwie war das Gespräch auf indische Pferdenamen gekommen und von denen auf Rabindranath Takhur, den die Engländer Tagore nennen. Aber irgendeine geheime Übereinkunft schien zwischen Amey und Guntram Walmoden zu bestehen, daß Bethun und sein Plan nicht erwähnt wurden. – »Übrigens Don Lund« – Guntram Walmodens Stimme klang, wie man spricht, wenn man etwas sagen muß, was man nicht sagen will, »er ist auch letzten Winter in Indien gewesen.« »Don Lund?« fragten die anderen. – Sie erinnerten sich nicht, diesen Namen gehört zu haben. – Wirklich nicht? – Eine Zeitlang war er in jedermanns Munde. – Das machte – sie waren so lange nicht in Berlin. »Lund?« sagte Amey. »Lund? – Der Name klingt so wenig wie möglich spanisch.« Guntram Walmoden lächelte. »Was, der?« rief plötzlich Philipp Marschall. Er hatte noch immer Ameys Stimme im Ohr und war nicht ganz bei der Sache gewesen. »Dieser wunderliche Heilige! –Allerdings – Spanien . . .« Er lachte laut, hemmungslos. Man wurde an seine Kadettenzeit erinnert. »Wenn Phil ihn kennt,« rief Amey, »muß er irgend etwas mit Pferden zu tun haben. Ist er Herrenreiter?« »Zu Pferde saß er tadellos« – Philipp Marschall erstickte fast in dem Bemühen, wieder Haltung zu erlangen. Auch Guntram Walmodens Lächeln wurde wirklicher. »Die spanische Beziehung kam öfters vor. Die mit dem Herrenreiter ist neu. – Sie sind verantwortlich dafür, Herr von Marschall.« »Ein ganz toller Mensch«, sagte Philipp Marschall, der sich zu fassen versuchte. »Ganz toll!« Plötzlich sah er Amey an, wie von einer Eingebung betroffen. »Ich glaube, Kusinchen, er wäre dein Genre!« Beim letzten Wort schien er sich zu hören. Unter dem auf den Millimeter rasierten Haar, das eigentlich Neigung gehabt hätte, sich zu ringeln, konnte man seine ganze Kopfhaut flammen sehen. Wie ein großer, netter Junge sah er aus, der eine ungeheure Dummheit begangen hat. »Wieso?« Amey konnte nicht sprechen vor Lachen, so furchtbar komisch wirkte Phil in seiner Verlegenheit. »Laß' sehn, Phil, wie tief du Ameys Geschmack ergründet hast?« Onkel Rhaban, dem übrigens eine Erinnerung kam, nahm lächelnd und mit den Fingerspitzen eine Pistazie. »Ja,« stammelte Philipp Marschall verlegen, »er hatte etwas so Kühnes . . .« »Stolz lob ich mir den Spanier«, gab Amey gerne zu. »Ist er bei der Gesandtschaft?« Jetzt geriet der junge Marschall in seinem hohen Uniformkragen wirklich in Lebensgefahr. – »Gottlob, daß wir über den Fisch hinaus sind. Amey, in der Unschuld der Ahnungslosen hast Du unsern lieben Phil nächstens auf dem Gewissen.« Onkel Rhaban ersuchte Guntram Walmoden, sich der Sache anzunehmen. »Donatus Lund . . . –« »Ach« – »Alle, die ihn kannten, nannten ihn Don Lund.« – Die immer etwas sarkastische und zugleich spielerische Stimme Guntram Walmodens belebte sich leicht. – »Er ist der Sohn eines Halligpfarrers. – Er ist wirklich ein ganz besonderer Mensch. – Kühn – ich glaube, Herr von Marschall hat das durchaus passende Attribut für ihn gefunden . . .« Philipp Marschall schob schnell beglückt die blinde Henne mit ihrem Korn dazwischen. »Kühn, in der Fassung – daß er gerade so spricht, sich gibt, überhaupt sein ganzes Leben gestaltet, wie es seiner Natur entspricht. Persönliche Erfolge oder Nachteile sind nicht in Betracht kommend für ihn. Ich kenne niemanden, der sich so unabhängig von diesem gewissen ›on dit‹ gemacht hätte!« Amey sah Guntram Walmoden gespannt in die Augen. »So etwas gibt es heute in der Berliner Gesellschaft? Ihr Don erscheint fast wie ein kostbares Museumsstück.« Onkel Rhabans Mundwinkel zogen sich ein wenig und schmerzlich herunter. »Gab',« sagte Guntram Walmoden, »das Imperfektum ist notwendig trotz allem.« »Er hätte Minister werden können!« Philipp Marschall hatte sich endlich gefaßt. »Oder Legationsrat. – Er hat, glaub' ich, nicht mal Jura studiert.« Er sah um Bestätigung fragend, zu Guntram Walmoden hinüber. – »Daß ihr das alles gar nicht wißt? – Eben, weil ihr Winters immer in Italien wart. – Aber dorthin kommen doch auch Leute.« »Ja, aber, was tat er denn, eh' man ihm das Portefeuille anvertrauen wollte?« Amey zerpflückte ungeduldig die Schale ihrer Mandarine. »Er war Philologe. Das kommt hier gar nicht in Betracht.« Guntram Walmoden antwortete schnell den leicht und staunend gehobenen Augenbrauen Ameys. »Er war Erzieher des Prinzen Herbert. Der Fürst stand als Regimentskommandeur in Potsdam damals. Don Lund hatte die kleine Menage völlig in der Tasche und von da aus die ganze Gesellschaft.« »Ein Jammer und Schade.« Philipp Marschall erinnerte sich. »Ihr hättet sie zu Pferde sehen sollen, den Prinzen und den Don – . . .« »Wir trösten dich nachher über die Rennpokale, die sie verachteten, Phil. Ich sterbe vor Neugierde. Kommt jetzt der romantische Teil, Baron?« Guntram Walmodens Lächeln war bedeckt. »Man wird es nicht anders bezeichnen können, Baronesse«, sagte er. »Ich brauche Ihnen zu Gefallen nicht das geringste zu erfinden. – Er war übrigens selber Dichter, Don Lund, und ein ausgezeichneter Geigenspieler. – Es gab sehr wenig, was er nicht gekonnt hätte, wenn er es anfaßte. – Mit den Frauen fing es natürlich an. Aber er hatte überhaupt einen eigentümlichen Einfluß auf Menschen. Klärend, heilend, befeuernd vor allem. Vielleicht irgendeine magnetische Beziehung . . . Die Ärzte machen das ja alles mit Suggestion ab. Nun – lebendige Kräfte gingen von ihm aus!« – »Wir sind ganz eingenommen von ihrem Don Lund!« Onkel Rhaban sah stärker interessiert aus als sonst. »Ich redete ihn mal an auf das Magnetische«, sagte Guntram Walmoden. »Er lachte: Er wüßte gar nichts von einer solchen Begabung. Jeder Fischer bei ihnen auf der Hallig verstünde mehr davon. Aber es war irgend etwas um seine körperliche Nähe. Man spürte Meerwind, Freiheit. Man dachte – man hätte die Zügel in der Hand . . .« Guntram Walmodens Lächeln wurde fast schmerzhaft. Sein Blick streifte Amey. »War es ihm wirklich ernst vorhin?« Wie draußen im Wintergarten wollte unerträgliche Wehmut Amey überfallen. – Aber noch stärker als vorhin empfand sie dieses Sich-zur-Wehr-setzen, während irgendeine Spannung dazu trat. Ein fremdes, erregtes Erwarten. »Wir müssen Herrn Pfarrer Bruns nachher bitten«, sagte sie schnell. »Er muß uns erzählen. Er kommt ja auch daher, wo die Schäfer perfekte Doktoren sind. – . . . Wie war nun das Ende?« »Er wurde enorm gefeiert.« Philipp Marschall hatte den heimlichen und dringenden Wunsch, mit diesem zum Schluß zu kommen und zugleich gegen den nicht Anwesenden anständig zu handeln. »Er war direkt Mode. Wer etwas erreichen wollte bei den Herrschaften – kurz – und eines Tages . . .« Er verwirrte sich. – »Und eines Tages . . . .« Amey war des Glaubens, der Ton ihrer Stimme habe keinerlei Anspruch auf Ungeduld. »Natürlich – . . .« Der Baron Walmoden hatte seinen Ausdruck jetzt wieder völlig in der Gewalt. Seine Art zu sprechen, war auch wieder die tändelnd sarkastische. Man konnte wirklich die Dinge nicht so wichtig nehmen. Er kam dem jungen Leutnant bei dem heikeln Thema zu Hilfe. »Es war eine Angelegenheit mit einer Dame.« »Ach so.« Amey brach ab. Irgendwie hatte sie dieses erwartet. Und doch fühlte sie sich enttäuscht. Oder . . . verletzt? . . . Inwiefern? – »Und dann?« sagte sie gleichgültig. »Dann?« Guntram Walmodens Stimme war gewissermaßen ihm selber zum Trotz doch wieder ernst geworden. »Wenn Baronesse mir gestatten das zu sagen: in diesem Fall war der Mann ganz ohne Schuld. Dies war das Sonderbare überhaupt: Man hat ihm, soviel ich weiß, niemals etwas einer Frau gegenüber vorwerfen können. Aber sie ließen ihn einfach nicht in Ruh.« Er brach ab. Wie vorhin Philipp Marschall. Man konnte vor Amey gewisse Dinge nicht behandeln. »Es betraf eine Dame in sehr ausgesetzter Position.« Er konstatierte jetzt einfach. Seine Stimme war kühl und sachlich. »Ganz klar hat man niemals gesehen. Es wurde sehr viel geredet damals. Für Don Lund in seiner ungeheuern Anständigkeit war es, glaub ich, abscheulich. Soweit das möglich war, hat er die Sache einfach auf sich genommen.« »Und dann«, sagte Amey langsam. »Er ist auf und davon, ohne den geringsten Versuch, sich zu entlasten. Er mochte wohl einfach nicht mehr mitmachen. – Verzeihung. – Er hat Medizin studiert, irgendwo in Süddeutschland. Speziell Augensachen. Er soll da sofort wieder eine phänomenale Entdeckung gemacht haben. Irgendeine Heilmethode von Star, glaube ich, auf nicht operativem Wege. Und dann kam Eifersucht von den Herren Kollegen. Charlatanerie – hieß es. Und so weiter.« »Und das Ende?« fragte Amey. »Er soll als Schiffsarzt viel gereist sein. Er hat auch längere Zeit in Kleinasien sich aufgehalten, in Ägypten und in Indien.« »Sie stehen noch in Verbindung mit ihm?« »Ja – nein – wie man will. Nicht direkt. Man hat gemeinsame Bekannte . . .« Guntram Walmoden sprach schneller als vorher, seine matte Stirnhaut rötete sich sonderbar. Die Eile seiner Worte strafte die Gleichgültigkeit seiner Stimme Lügen. Er wußte nicht, was ihn veranlaßte, sein Zusammentreffen mit Don Lund vor gerade einer Woche in Berlin auf dem Leipziger Platz zu verschweigen und den Eindruck, den dieser in noch stärkerem Maße als in früheren Zeiten auf ihn gemacht hatte. Er sah es zum Greifen nah, dieses kühne Gesicht, von einem warmen und bronzenen Braun, wie das Fell eines freien und edlen Tieres. Er stand unter dem fremden Adel dieses hellen Blickes, der alles zu wissen schien, an dem gar nichts vorübergegangen war und dem eine tiefe Güte zugefallen war und ein feinstes Verstehen als Beute vieler dunkler und gefährlicher Fahrten. Er spürte den Meerwind und die Weite und die Sonne. – Es gab zwei Menschen im Leben Guntram Walmodens, die den Grund in ihm berührten, der verschüttet stand: einen Mann und eine Frau. – Die Frau hatte sich ihm heut versagt. Den Mann mied er schon lange, weil sein Übergewicht ihn erdrückte. Denn er hatte nicht mehr die Kraft, durch Freundschaft sich ihm anzugliedern. – »Ein interessanter Mensch«, sagte Onkel Rhaban. Er erinnerte sich jetzt deutlich. Isseradens erzählten von ihm in Rom. »Wir müßten ihn einmal auf der Burg haben. Amey, meinst du nicht?« Aber Amey schob die Unterlippe vor. Sie zog die schlanken Augenbrauen über der Nasenwurzel zusammen und wiegte ihr feines Köpfchen hin und her. »Ach, eigentlich sind wir doch immer enttäuscht worden, wenn die andern alle jemanden so unwiderstehlich fanden.« – Sie lachte, und sie errötete plötzlich. Und die schönen und argen Hexen in den Wäldern ihrer Augen spielten ein wenig. »Aber nun müssen wir endlich von Stavoren hören, wo die gottlosen Leute den guten Weizen ins Meer versenkten, und von den schrecklichen Meermenschen, die mit einem Pull Seetang als Kopf durch den Nebel gehen!« Sie sah Pfarrer Bruns an, zärtlich und leidenschaftlich bittend, als hinge ihr Leben an diesen Dingen. Als man dann von Spukgeschichten und dem zweiten Gesicht bei Swedenborg gelandet war, kam man auf Tolstoi, und niemand hätte später sagen können, wie man über den Kubismus hinweg, mit dem Paris soeben die Menschheit beunruhigte, in der Architektur, als dem Urschoß aller Künste, zum Frieden gelangte. Philipp Marschall verstand von alledem nicht sehr viel. Er hörte kaum zu. Alle seine Gedanken und Sinne umrankten Amey. Er war glücklich, daß er den fernen Nebenbuhler als landesverwiesen betrachten konnte. Auch Pfarrer Bruns hörte jetzt wieder mehr, als daß er selber sprach. Er ließ sich freudig umsprühen von den Paradoxen, die zwischen Onkel Rhaban, Amey und Guntram Walmoden hin und wieder sprangen, wie geschickt geschleuderte und ebenso geschickt parierte Tennisbälle. Das Wunder dieser Art von Unterhaltung lag für ihn nicht in dem Kulturwissen dieser Menschen, das Jahrtausende ebenso wie den ganzen Erdball umspannte. Vielmehr staunte er darüber, und es erfüllte ihn mit einem feinen und zugleich schmerzhaften Lustgefühl: daß diese Menschen selber eigentlich die äußerste Blüte aller Kultur darstellten. Einen letzten und durch nichts mehr zu überbietenden Gipfel. Eine Essenz gewissermaßen. »Für sie ist Jahrtausende lang gedacht, erfunden und gearbeitet worden,« mußte Pfarrer Bruns denken, »gesät und geerntet, gekämpft und gelitten. Alles Blut und aller Schweiß, alle Tugenden und Laster, – ja, Rausch und Erniedrigungen sind nur dazu da gewesen, ihnen zu dienen. Das alles mußte ihnen helfen, ihre Art und ihr Wesen recht vollkommen auszuwirken! – Es ist sehr wunderbar,« dachte Pfarrer Bruns, »sie sind nicht produktiv, sondern allein Ästheten.« Seine Gedanken kamen nicht ins Klare. Denn wie verstanden sie zu genießen! Waren sie selber dadurch nicht eine Art Kunstwerk geworden? – »Nur auf diese Weise erklärt es sich«, dachte der Pfarrer, der in seinem niedrigen Pfarrhaus, hinter den gekappten Linden, unweit der Wesermündung und zwischen den wie aus Eichenholz geschnittenen Fischergesichtern ein Lebenlang so freudig gearbeitet hatte und dennoch immer nach einer fremden und feineren Schönheit ein wenig gedarbt – »nur so erklärt es sich, daß sie einen Gegenstand mit so wenig Worten von so verschiedenen Seiten beleuchten können, daß gar nichts weiter darüber zu sagen bleibt. – Und mit dieser Anmut! – Wie ein Knecht steht man und sucht und sucht! – Sie aber – mit einem einzigen kleinen Satz haben sie indessen alles ausgedrückt. Das Bedeutende spielend und das Geringfügige reizvoll.« »Goldne Amey«, sagte Onkel Rhaban in diesem Augenblick. – Man war bereits in das Gobelinzimmer zurückgekehrt, und Amey kauerte, Hände um die Knie geschlungen, auf einem Schemel vor dem Kamin und zu Füßen Onkel Rhabans, wie sie jeden Abend zu tun pflegte. »Goldne Amey?« Amey fühlte die warme Blutwelle in ihrem Nacken. Dieses Zärtlichkeitswort, das ebenso wie ihr seltsamer Name aus der Geschichte der Ahnfrau von Brentano stammte, war eigentlich ein Familiengeheimnis. Ihre Mutter hatte sie so genannt. Als man ihr das winzige Geschöpfchen, dessen Leben sie mit ihrem eigenen erkaufte, zum ersten und letzten Mal an die Brust legte. – Ameys Vater hatte seine Tochter niemals so gerufen. Er kannte sie kaum. Seit dem Tode der abgöttisch geliebten Frau reiste er beständig. Aber Europa und alle Weltteile vermochten nicht, was im Sommer 1875, da die Bulgaren die Serben besiegten, einer kleinen Kugel bei Slivnitza gelang: diesem unruhvollen und heimwehkranken Herzen den Frieden zu geben. Onkel Rhaban hatte den Zärtlichkeitsnamen übernommen. Aber nur, wenn sie ganz unter sich waren, nannte er Amey auf diese Weise, und allein die alte Ariane kannte das Liebeswort und machte einen heimlichen Gebrauch davon. »Goldne Amey!« Onkel Rhaban nahm sich zurück. Seine Augen schienen sich plötzlich hinter einem feinen Nebel zu verbergen. Aber das Wort war ausgesprochen, und alle hatten es gehört. Nur das war sonderbar: niemand schien irgendwie befremdet, daß in die sprichwörtliche Zurückhaltung Herrn von Hellbergs damit eine Lücke gebrochen wurde. – Als Amey empfand, wie natürlich dieses Liebeswort den andern erschien, verebbte langsam das Blut in ihrem Nacken. Wie vorhin überkam sie dieses feine, rauschartige Lustgefühl: »Ich werde geliebt! Wie jung ich bin! Wie bin ich schön, weil ich geliebt werde!« Aber in diesem Erhöhtsein, und während sie Onkel Rhaban zulächelte, durchschoß sie jäh eine andere Empfindung: »Und das Letzte?« fragte etwas atemlos in ihr. »Das Geheimnis hinter den Bergen?« – Leises Staunen und gespannte Sehnsucht trat in ihre Augen. Ohne daß sie darum wußte, wendete sie sie fort von Onkel Rhaban. So behielt Onkel Rhaban nur diesen Blick des Erhöhtseins bei sich, als er an diesem Abend in sein Zimmer ging, und den einer berauschten Freude, die sich in ihm geborgen hatte. – – – – – – – – – – –   Am andern Morgen öffnete der alte Joseph, von einer unerklärlichen Unruhe getrieben, sehr leise und früher als gewöhnlich die Tür zum Ankleidezimmer seines Herrn. Seit vierzig Jahren bediente er ihn. Er war mit ihm verwachsen wie ein Glied. Und wie ein Glied spürte er, wenn im Körper etwas nicht völlig stimmte. Es war ihm sehr unlieb gewesen, daß der gnädige Herr am Abend seine Dienste abgelehnt hatte. »Etwas mit seinem Herzen ist nicht in Ordnung«, sagte der alte Getreue zu sich, wie er wehmütig und sorgenvoll den weißen Kopf schüttelte. »Sein Herz ist sehr aufgeregt heute Abend. Ich merke es an seinen Augen. So habe ich ihn nur einmal gesehen: als die selige gnädige Frau zum ersten Male auf die Burg kamen, und der verstorbene Herr Baron waren auf Reisen und hatten seine spätere gnädige Fräulein Braut noch niemals gesehen!« Nach diesen Betrachtungen hatte der alte Diener ein Glas mit Tropfen, die vom Arzt für außerordentliche Fälle vorgesehen waren, mit einem bedeutsam bittenden Blick vor seinen Herrn hingestellt. Onkel Rhaban saß schon vor dem Schreibtisch im Schlafzimmer. Amey hatte diesen profanen Namen mit »die schöne Abgeschiedenheit« übersetzt. Die Schränke, das Bad und Ankleidegegenstände befanden sich im Zimmer nebenan, und das fußlose Empirebett aus einem dunkelroten Holz mit feinen Bronzeverzierungen wirkte nur wie ein erlesenes Dokument der Ruhe in diesem Raum. Er war im Geschmack des Salin de Montfort ausgestattet, der seinerzeit die Umbildung eines Teiles der Würzburger Residenz aus dem Rokoko in den Empirestil übernahm. In einer Vitrine befanden sich jene so seltsam verinnerlichten Polychromköpfe ägyptischer Kunst des fünfzehnten und vierzehnten vorchristlichen Jahrhunderts. Es waren Originale oder Nachbildungen aus der Epoche des Aechnaton, der früher Amenophis IV. hieß, und die Götter des Niltals entthronte, um den großen Einen: Rah-Heramachis an ihre Stelle zu setzen. Dieser seltsamen Epoche der Vergeistigung auf Grund reifster sinnlicher Erkenntnis und erhöhter Gefühlserlebnisse, mit denen der Ausdruck künstlerischer Vollendung unmittelbar Hand in Hand ging – fühlte Onkel Rhaban sich seltsam verwandt. Die leise Note einer sich vorbereitenden Dekadenz, die jenem Zeitabschnitt und jenem Könige eignete, weckte in ihm die Bewußtheit wehmütig reizvoller Zusammenhänge. Zwei hohe Bücherborde waren mit den Schriften der Mystiker gefüllt. Ein lebensgroßer Christuskopf aus altem gelblichen Elfenbein mit einem seltsam kühnen Ausdruck der Leidverklärung schaute von der Wand über alles Erdgebundene dorthin, wo Gleichnisse und Symbole fremde Sonnen und Wirklichkeiten wurden. – Beim ersten Blick schien dieser Christuskopf der einzige Beherrscher der mild umwölkten Zimmerwände. Erst wenn man sich genauer umsah, erblickte man an einer Stelle, die vom Bett Onkel Rhabans wie von seinem Schreibtisch aus in gleich günstigem Sehfelde lag, ein Bild. Es war ein langes, schmales Gemälde in einem kostbaren Rahmen florentinischer Schnitzerei, über deren Gold ein Hauch von Asche gestäubt schien. Das Bild erschien in Farben und Formen seiner Umgebung unveränderlich gliedhaft eingefügt. Es stellte Amey dar, fünfzehnjährig, in dem silbergrauen Pagenanzug. Der alte Joseph hatte sich sonst keine Gedanken darüber gemacht, wenn sein Herr, nach Vollendung der Nachttoilette, sich noch einmal an den Schreibtisch setzte. Diesmal wollte er sich einen bescheidenen Einspruch erlauben, wie seine vierzigjährige Dienstzeit es ihm wohl gestattete. Aber gerade da hatten der Herr Baron ihm die Hand auf die Schulter gelegt und ihn angesehen. So etwas Fernes und Verklärtes hatten der Herr Baron im Auge gehabt, das ihm jedes Wort verschlug. Am Morgen, als er, ohne den Glockenruf abwarten zu können, wieder hereintrat, – saß sein Herr, wie er ihn abends verlassen hatte. Sein Gesicht trug noch denselben verklärten Ausdruck. Aber es erschien von dem gleichen elfenbeinernen Weiß, wie das Haupt des Gekreuzigten an der Wand.  – – – – – – – – – – –   Amey verlangte, daß man sie allein in Onkel Rhabans Zimmer ließe. – Die alte Ariane stand verstört und sich bekreuzigend vor ihrem Bett. Amey warf einen losen Überwurf über ihr Nachtkleid. Ihr Haar floß gelöst und weich und verschwenderisch. »Onkel Rhaban!« Sie schien mit diesem Namen zugleich nach etwas Unbegreiflichem zu fragen. Sie bückte sich über ihn, und sie wartete ein wenig. Sank nicht ihr Herz langsam und lautlos? »Onkel Rhaban!« Ihre Stimme war um noch einen Hauch leiser geworden. – Und wieder wartete sie und fühlte ihr Herz sinken. – Und plötzlich konnte es nicht tiefer mehr sinken. Und Amey hatte begriffen. – In einer fremden, forschenden Art sah sie die Augen an. Gestern hatten sie sich enthüllt. Heute waren sie verschlossen. Für immer. Von den Augen ging ihr Blick zu dem Mund, mit diesem rätselhaften, erhöhten Lächeln. Da bückte sich Amey, und noch immer mit dem Gefühl, daß ihr Herz ganz aus ihr herausgesunken war, küßte sie zum ersten Mal in ihrem Leben diesen feinen, edlen Mund, dessen Wehmut selbst durch dieses Lächeln nicht ausgelöscht werden konnte. – Wie sie dann, noch immer in sich hineinstaunend, das elfenbeinblasse, kühle Haupt in die Arme nahm und in den losen Haarmassen an der Wärme ihres bebenden Körpers barg, fielen ihre Augen auf ein Briefblatt. Die Schriftzüge waren klar und in der schwingenden zarten Künstlerschrift, die sie so sehr liebte. Zwei einzige Worte waren geschrieben worden in dieser Nacht. Sie hießen: »Goldne Amey!« – –   Wie wunderbar das war! Dieser Karsamstag, an dem sie Godehard Maria Rhabanus, Freiherrn von Hellberg-Arwinde, ehemalig Königlich Hannoverschen Kammerherrn, Erbherrn auf Arwinde, Bandeln, Söderheim, Gulgen, Manestedt und Osterten, Ritter des Kronenordens, des Schwarzen Adlerordens, des St. Georgs-Kreuzes und anderer hohen Orden, zur Ruhe bestatteten! Sein Leibpferd Grane, der sprühende Goldfuchs, schritt langsam und den schmalen Kopf tief gesenkt hinter dem Sarge. Zwölf junge Burschen aus zwölf Hellbergschen Dörfern trugen ihn auf ihren Schultern zu dem schlanksäuligen, griechischen Tempel. An der Stelle des Parks, wo die Hängeweiden ihre Zweige tief in den See hinabtauchen, stand der Tempel. Die Zypressen, die sich feierlich und dunkel wie Trauergefolge um ihn reihten, waren genau so alt wie er selber. Der Hellberg, der den Grundstein zu der Familiengruft legte, hatte auch die Zypressen gepflanzt. Damals war die stolze Burg noch keine Ruine. Von Kaiser Ludwig dem Frommen, hieß es, demselben, dem die Gottesmutter den Dombau zu Hildesheim auftrug, sei den Hellbergs die Herrschaft Arwinde verliehen worden. Mit dem Wunschberg und drei Nebengütern und vielen Vorwerken, Sägemühlen und Kornmühlen, Wäldern, Wiesen und Äckern. In den letzten hundertfünfzig Jahren hatten die Hellbergs fast nur noch unter sich geheiratet. Früher holten sie ihre Frauen von weither. Darum waren in der Galerie des Westflügels Wappenschilde und Bildnisse nicht nur des einheimischen Adels, der Stockhausen, Walmoden, Adelebsen, der Busche und Hacke vertreten. Ein kluges, durchgeistigtes Fuggergesicht hob sich ab von der derben, festen, ein wenig nüchternen Schrift märkischer Züge. Und der bizarre Reiz einer kleinen Potocka spottete der kühlen Augen und der hinreißenden Müdigkeit einer York. Unendliche Vergangenheiten versippter Geschlechter hatten sich mit denen der Hellbergs durchblutet. Viele Meilen im Umkreis waren Jahrhunderte lang mit ihrem Gut und Böse erfüllt worden. Aber alle mußten zuletzt mit einem schmalen Raum zufrieden sein, in einem kleinen, feinen griechischen Tempel. Alle standen sie in schmucklosen Metallsärgen nebeneinander und übereinander, in einem tiefen, modrigen Gewölbe. Schwarze Molche mit apfelsinengelben Flecken schlüpften durch vergitterte Fenster dicht über dem Erdboden aus und ein bei ihnen und breite Kröten mit Edelsteinaugen und den Rücken voller Warzen. Sie durften sich nicht in den warmen, dunklen Schoß einnisten, der sie hergegeben hatte vor Zeiten. – Nackt und frierend mußten sie stehen. Und einmal hatte ein gräßliches Geschick sich dort ereignet. Irgendeine lange vergessene Not hatte den Toten kein Metall, sondern nur armes Holz für ihre Särge gönnen mögen. Da hatte es nicht lange gedauert, daß jeden Abend ein abscheuliches grünes Licht im Grabgewölbe zu sehen war, bis niemand mehr sich in die Nähe getraute. Nun hieß Albanus von Hellberg Hexen suchen. Auf dem Marktplatz der Stadt sollte man sie an das Marterhölzlein binden. Es konnte nicht anders angehen, als daß sie die Gruft und die Hellbergs dem Bösen verzollt hatten. Es fanden sich auch schnell genug drei Hexen. Zwei davon waren arme alte dürre Weiblein, die nie ein Übles vollbracht hatten, die fügten sich bitterlich seufzend in ihr elendes Schicksal. Die dritte aber war böse und war jung und sehr schön, und sie wollte nicht sterben. Und da der Rauch und die Flammen über ihren schmalen, nackten und köstlichen Gliedern aufbäumten, verfluchte sie den frommen und harten Herrn Albanus: sein Weib solle ihr gleichen dereinst, und wenn er ihrer genösse, so solle es ihn sengen wie die Flammen ihren armen Leib jetzt sengten. Aber Herr Alban lachte ihres Fluches. – Er führte den Oberpfarrer von St. Aegidi in die Gruft. Um Mitternacht mußte er mit dem Kruzifix neben Herrn Alban stehen. Der hielt das Schwert. Das grüne Licht wuchs greulich und groß wie ein Mensch, und der geistliche Herr betete mit klappernden Zähnen. Als aber alle Turmuhren in der Stadt Mitternacht ausriefen, gab es einen furchtbaren Knall, und das grüne Licht lief in tausend Flammen und Flämmchen durch die Gruft. Der hochwürdige Herr hätte sich salvieren wollen, aber der Hellberg drückte ihm so ehern die Hand auf die Schulter, daß er in die Knie brach und im kalten Schrecken den Geist aufgab. Die Gruft war am Morgen dunkel. Die hölzernen Särge lagen in faulen Stücken, und Schädel und Gliedmaßen greulich verstreut. Der Hellberg hieß einen festen eisernen Kasten machen und sie alle hineinsammeln. Groß und Klein, Männlein und Weiblein. Sie mußten zusehen, wie sie am Gerichtstag ihr armes Gebein auseinanderfanden. Später vermählte er sich mit Yolanthe, von der die Leute in der Stadt sagten, sie gliche der jungen Hexe auf ein Haar, und deren Wappen zerschnitten wurde. – »Hier?« erschrak Amey plötzlich. »Hier hinein wollen sie Onkel Rhaban bringen?« Warum sollte er nicht auf dem grünen Friedhof liegen, unten im Dorf, wo diese kleine graue Kirche wie eine gute Henne über ihren Kindern hütete? Wo die Bienen im Sommer in den Kuppeln der Linden brausten, und wo alles weiß und rot sein würde von Narzissen und Zentifolien und den zarten gebrochenen Herzen mit der tropfenden Träne? Und plötzlich, wie sie eben rufen wollte: »Nein – nicht hier!« – sah sie wieder alle die nackten, armen Metallsärge da unten stehn und frieren und sich aneinanderdrängen. »Wir gehören zusammen«, sagte plötzlich etwas in Amey und wurde still und groß. »Wir müssen zusammenhalten im Höchsten wie im Tiefsten. Wir dürfen keine eigenen Wege suchen, voll Sonnenflecken und warmer kleiner Lieblichkeiten. Wir sind verklammert ineinander in Blut und Seele und Böse und Gut.« Da stand sie wieder unbeweglich. Wie eine wehmütig schmale, geheimnisvolle Kostbarkeit in ihren schwarzen, schleppenden Kleidern und Schleiern. Ellenhohe, mit schwarzem Flor umwundene Kerzen brannten zu beiden Seiten des Katafalks, der mit schwarzem Sammet verhängt war. Viele tausend Nadeln hatten vor Jahrhunderten mit silbernen Fäden springende Elche hineingenäht, das Wappen der Hellbergs. Der schmale Zinnsarg war überschüttet mit Maiblumen, die den laulich süßen und müden Duft der Warmhäuser in diese strenge, kühle Totenhalle hineintrugen. Aber vor dem Tempel brauste der Frühlingssturm, und ein wunderlich starker und aufreizender Geruch wie von jungen Menschenleibern war um den Tempel her. Der kam von dem grünen Bast der Weidenzweige. Pfarrer Bruns gab seinem Freunde die Geleitworte, da jener die geheimnisvolle Pforte durchschritt. »Wie gut, daß wir ihn hier haben, Onkel Rhaban,« redete etwas in Amey, »jemanden, der viel zu viel Ehrfurcht hat, um die letzten Geheimnisse mit menschlichen Begriffen zu betasten! Unser lieber, vorzüglicher Ackermann, er meint es so herzlich gut,« ein kleines mütterlich wissendes Lächeln ging um ihren Mund, – »aber er kennt sich im Jenseits soviel besser aus, als wir in unseren täglichen Zimmern. Heute wäre es nicht am Platze gewesen. Wirklich nicht.« Der Oberhofmarschall, der zur Beisetzung von weither gereist gekommen war, konnte sich nicht lange aufhalten. Er sagte: diensthalber. Der Grund war, daß er mit seiner Frau verflossenen Winter, bei Gelegenheit eines Besuches, Auseinandersetzungen über Amey gehabt hatte. Amey war vollkommen ahnungslos. Sie dankte dem Onkel Oberhofmarschall abwesend und dennoch mit einem Schein dieses Lächelns, das selbst der Schmerz um ihren Toten nicht völlig auszulöschen vermochte. »Alberta, die gute, hat nicht ganz unrecht,« dachte der Oberhofmarschall reuevoll, »selbst in Trauerkleidern . . . gewissermaßen . . .« Der Satz, der das »gewissermaßen« einleitete, schien sich zu einem grammatikalischen Monstrum ausbilden zu wollen. Der alte Herr, von dem beschleunigten Tempo des Blutumlaufs unter seiner Trauerweste eigentümlich bedrängt, hielt die Hand Ameys wie ein zerbrechliches Porzellan. Der Oberlandesjägermeister mußte durchaus noch an demselben Abend zurück. Der Auerhahn und die Schnepfe waren im Anzuge bei seinem Freunde Maltzahn. Und Rhaban – ja – es hieß nun doch wohl der »selige« Rhaban? Wenngleich bei diesen verrückten, um nicht zu sagen – gottlosen Ideen . . . Nun – er stand jetzt vor seinem Richter. Und Amey . . . Übrigens hatte Tante Alwine sich ja als Ehrendrache angeboten. Und natürlich hatten Hellbergs ihren Rechtsanwalt in der Stadt. Und Kammerherr Rieß, jawohl, Leopold Rieß lebte doch auch noch, und die alte Hacke mit ihren drei Töchtern und Asseburgs. Er hatte sie bei der Beerdigung alle gesehen. – Philipp Marschall und Herr von Walmoden baten, Amey die ersten Unbequemlichkeiten abnehmen zu dürfen. Amey hatte im Augenblick nicht begriffen, weshalb Tante Alwine mit den vielen haushohen Koffern und der gestickten Handtasche angetreten war. »Natürlich sind die jungen Männer ganz scharmant, liebe Amey« . . . Ja, so. – Amey hatte mit einem kleinen, blassen Lächeln der alten Dame höflich recht gegeben. Als von den jungen Männern dann wirklich alles getan war und Tante Alwine eines Tages die Absicht äußerte, den Wunschberg zu besuchen, nahm Amey ihren Vetter und Guntram Walmoden beiseite. »So vielen, vielen Dank für alles.« – Und jedes Wort dieser dunklen zärtlichen Stimme erschien den beiden wie ein unersetzliches Kleinod. Aber nachher sagte Amey doch, wie untröstlich sie wäre, gegen die Gastfreundschaft vorläufig sündigen zu müssen . . . Und außerdem ein Mittel müßte erfunden werden, gleichviel welcher Art, aber auch Tante Alwine . . . ein Trauerhaus biete doch wenig Unterhaltung . . . Die beiden küßten Amey die Hände und sahen sie an. Sie gelobten Amey alles, was sie verlangte. Und ehe Tante Alwine die Sachlage nur im entferntesten erahnt hätte, war sie von zwei überaus höflichen und rücksichtsvollen jungen Männern mit all ihren Koffern und der gestickten Handtasche bereits in den Berliner D-Zug gesetzt worden. – –   »Amey,« sagte die alte Ariane, wie sie an Stelle des türkischen Schals ihr schwarzes Abendmahlstuch umlegte, »du solltest nicht so viel grübeln. Ich wollte zum Hochamt gehen, soll ich auch lieber bei dir bleiben?« »Nein, Ariane.« Amey sah die alte Amme liebevoll an. »Du mußt gehen. Bring deiner schönen Heiligen diese Kerze von mir.« – Sie entnahm einer Schieblade, wo sie Geschenke für ihre Getreuen aufsammelte, eine herrliche Kerze, eine Elle lang und mit schmerzhaft durchbluteten Herzen aus rotem Wachs und Flammen und Rosen verziert. »Du sollst sie bitten, daß sie mir sagt, was ich tun muß.« »Ich will alles tun, goldne Amey.« Die alte Ariane sah ihre Herrin an wie den Reliquienschrein mit der wundertätigen Hand – »Alles, was du mich heißt, will ich tun. Und die Heiligen werden dich segnen.« – – – Amey schritt die königlich breite und leidenschaftlich geschwungene Stiege hinunter, die der Stiege Georg Raffael Donners im Salzburger Mirabel nachgebildet wurde. Schmale, herrische Gesichter mit Spitzbärten über spanischen Tellerkrausen befahlen aus prunkenden Goldrahmen, und grenzenlos hochmütige Frauen in starrendem Brokat hielten in den unwirklich schmalen weißen Stuarthänden das Geheimnis einer roten und verführerischen Rose. Gewaltige Geweihe und ausgestopfte mächtige Auerhähne, das Spiel stolz gebreitet, wußten von Wäldern, in denen der wilde Jäger mit seinem Gejaid in den heiligen zwölf Nächten die Kreuzwege überraste. Und sprühende Felle königlicher Tiere erzählten von den Fahrten der Hellbergs in Länder, wo die Steine bei Sonnenaufgang Stimme erhalten. Amey hatte nicht acht auf ihre Umgebung. Erst die Darwintulpen bemerkte sie, als sie die breiten Terrassen, zwischen der dunkeln, gehaltenen Vornehmheit der Taxushecken herunter geschritten war. Auf den geometrischen Figuren der Beete blühten sie. Die letzte Nuance der Mode jener Tage und zugleich mit unendlichen Vergangenheiten belastet. Auf hohen schlanken Stielen trugen sie kleine, stilisierte Köpfe, und ein wehmütiger Hauch von Asche schien über ihre Farben gestäubt. Um sie her schnörkelte Buchsbaum in schmalen und dennoch unüberschreitbaren Grenzen. Amey blieb stehen. Ein seltsam Gleichnishaftes und geheime Beziehungen wuchsen von diesem Beet zu ihr hinüber. Es war Mitleid in ihr und Schauder, als sie sich bückte und einen Strauß dieser so eigentümlich ineinander schattenden Blumen pflückte, zu deren Einsamkeit gar keine andere Blüte und kein Blatt sich fügen wollte. Amey hatte plötzlich die Vorstellung von Menschen einer untergehenden Welt, die hoch und fern und entblößt auf einem letzten, gesteilten Gipfel stehen. Unten brauste in Urschreien eine werdende Epoche, die sich selbst noch nicht kannte, und dennoch die gärenden Keime des Zukünftigen, das Recht behalten würde, in sich trug. Aber für die auf dem Gipfel gab es keine Brücke hinüber. – – – Oder gab es dennoch eine? Und sie wollten sie nur nicht sehen, weil sie sie nicht beschreiten wollten? – Amey schrak zusammen. Sie stand hastig auf und blickte sich um. Nur die hohen und gradlinigen, dunkelblauen Taxusmauern begegneten ihren Blicken und die flechtenvergilbten steinernen Götter. Sie erschienen plötzlich nebelhaft und fahl. Wie Verstorbene, die den Sargdeckel noch einmal aufhoben, der allzu geliebten Erde zum Lebewohl. Da warf Amey ihre Tulpen von sich, als ob sie sich an ihnen verwundet hätte. Mit der scheuen Anmut eines aufgejagten Waldtieres floh sie die gepflegten Parkwege hinunter. Aber auch die Schönheiten des Unbegrenzten schienen sie zu erschrecken, diese gedehnten Wiesenflächen, auf denen Millionen von Tausendschönchen ihre weißen Röckchen blähten. Jawohl, es gab Punkte, wo man sich anklammern konnte. »Ich könnte zu der Linde gehen. Sie ist wie Heimat!« dachte Amey. Aber als Amey unter der Linde sich ins Gras warf, wußte sie, daß sie dennoch ganz allein unter dieser brausenden Kuppel war. Nun – es gab doch Männer, die in die Einsamkeit gingen, und Frauen! – Amey sah plötzlich die Nonnen in der Klosterkirche der Dominikanerinnen, schneeweiß in der Christnacht das Jesulein wiegen. »Ich?« dachte sie. – »Ich?« . . . In diesem Augenblick schien irgendwo hoch oben eine goldene Blüte sich zu lösen. Sie flatterte nieder und blieb auf der Schulter Ameys haften. Es war ein Zitronenfalter. Amey empfand den warmen Reflex seiner Flügel. »Das Schwarz meines Kleides schreckte dich nicht«, sagte sie, und die Tränen saßen ihr dabei in der Kehle. Sie bewegte sich nicht, bis der Schmetterling ebenso geheimnisvoll, wie er gekommen war, sich wieder aufhob und an Amey vorüberflog. Wie eine Blume durchblühte er den Weihrauch des Frühlings. »Kamst du mich rufen?« fragte Amey. – Als sie wie gezogen hinter ihm dreinschritt, gewahrte sie jenseits einer kleinen grünen Pforte eine andere goldene Blüte. Aber gleich danach verlor sie beide aus den Augen. Amey trat in den Gärtnergarten. Dort stand das niedrige, unsäglich heimliche und ganz umgrünte Häuschen des Obergärtners. Die Gemüsekulturen waren dort, die Treibhäuser, die unendlichen Beete mit Schnittblume für die Herrschaftszimmer, und die Obstgärten fingen an. Amey ersah einen vorspringende Stein und schwang sich auf das Mäuerchen. Sie saß eingebettet in Frauenhaar und die violetten Samtkissen der Iris pumila. Hier schneiten die Holunderbüsche, von denen die alte Ariane so viele Zaubersprüche wußte. Der Goldregen schüttelte seine gelben geflochtenen Mähnen. Tausend winzige, feuchtrosa Knöspchen besternten den Rotdorn. Schneeballen, Mandel und Kirschlorbeer waren überschwänglich ineinander verschlungen. Und Arabis und Aubrietien schäumten in weit ausbuchtenden Bächen um die Rabatten. Die Bienen arbeiteten im Rausch. Eine hatte zu schwer geladen. Sie war bestäubt wie ein kleiner Mühlknappe und taumelte und überschlug sich unter ihrer Fracht. Amey half ihr auf die Beinchen. Die wilden Bienen fielen ihr ein. Als sie noch Kind war, hatten sie im Fenster ihres Schlafzimmers gebaut und sie in ihrem kleinen Bett besucht wie gute Freunde. Die alte Ariane rang entsetzt die Hände und wollte sie ausräuchern. Aber Amey schmeichelte und bat. Sie war nie von einer gestochen worden. Eine Beruhigung kam über sie, wie sie dort in der Stille saß. Ganz gebadet in Sonne und Honig und Blumengeruch und im Schutz dieser Sträucher. Auch die Mauer wirkte wie Schutz. Draußen stand die Unendlichkeit. Man konnte sich wohl an sie verschwenden, aber nicht mehr in ihr verlieren. Es war da ein Halt, irgendein armer kleiner Zusammenhang. In der Ferne klangen dumpfe Schläge. Der Gärtner schlug Obstpfähle ein. Dieses Geräusch der Pflicht tat gut. Es paßte zu der Gebundenheit dieser sorgfältig nach der Schnur gezogenen Beete, die dennoch in Freiheit überschäumten. Amey fing plötzlich an zu pflücken: hohe gelbe und scharlachrote Kaiserkronen, Akeleien, Iris in allen Farben, vom zartesten Perlmutter bis zum schweren bepurpurten Violett. Wie sie dann stand, die Arme ganz voll Blumen und Gerank, zuckte sie plötzlich zusammen. Ihre Augen weiteten sich: aus den blauen Schatten der Büsche schwamm es auf sie zu: Ein goldenes Segel über einem gefalteten goldenen Kahn. Und jetzt erkannte Amey: Der Schmetterling trug seine Freundin. Eben noch war er zu ihr aus dem Unbegrenzten in die Geschütztheit des Gartens geflohen. Sie hatten einander ersehnt und einander gesucht. Jetzt trug er sie. Nur wie ein Schauer des Glücks durchbebte es zuweilen diese zarten, ineinander blühenden Leiber, der Not des Einzelseins entbunden, ganz in sich geschlossen, eine letzte Vollkommenheit, für die es weder Grenzen noch Furcht mehr gab, zogen sie über die schützende Mauer der Enge ins Grenzenlose. – Amey sah ihnen nach, bis ihr Gold mit der Mittagskrone verflimmerte. Licht in Licht. Die zarte Röte quoll auf in Ameys Nacken; sie überschritt langsam die Grenzlinie und wurde zur roten See. Dieses also, also dieses! – Sie stand unbeweglich. – – »Als du allein warst, wagtest du es nicht«, dachte sie plötzlich. Ihre Knie zitterten. Es war, als ob sie sich an jemanden anlehnen wollte. Eine Schwarzamsel fing an. Dieser einzige Vogel, der alle Geheimnisse des Lebens und der Lust in seiner Kehle hat. »Oh«, sagte Amey. – »Oh . . .« In diesem Augenblick hörte man das Aufklatschen nackter Knabenfüße auf dem Sande des Gartenweges. Der Gärtnerbursche kam. »Die Zweige und Blumen können in das Haus gebracht werden.« Der junge Mensch grüßte respektvoll. »Nicht drücken«, fügte Amey sanft hinzu. Und mit einer weichen Gebärde und als ob sie ihm ein schlafendes Kind zureichte, legte sie ihm die blühenden Massen in die Arme. Dann ging sie langsam, und als sei der Saum ihrer Kleider schwerer geworden, aus dem sonnigen Garten. – – – – –   Eine Zeitlang wagte Amey sich nicht mehr über den Bereich der Terrassen mit den Taxuswänden, den gezirkelten Beeten und den Göttern, die jedes wie eine Wache um ihr Herz herstanden, das frei war wie eine Lerche, aber sich verzuckte in der Weite des Raumes. Und dann war das bebend Erwartungsvolle und die Unrast der ersten Frühlingstage vorübergegangen. Die ganze Luft war voll vom schweren Schweigen der Erfüllungen. Es gab Abende, an denen der Mond sonnengroß und dunkelgelb wie eine Honigwabe am Himmel hing. Die Burschen und Mädchen aus den verstreuten Höfen sammelten sich unter der Tanzlinde. Sie ragte gewaltig und uralt. Ihre gebreiteten Arme wurden von steinernen Säulen getragen. Eine Hellberg hatte sie gepflanzt. An ihrem Hochzeitstage schritt sie mit dem Erwählten ihres Herzens den Reigen um das zarte Stämmlein, und jede Hellbergsche Braut hatte nach ihr das gleiche getan. Die Tanzlinde gehörte den Burschen und Mädchen das ganze Jahr rund. Von der ersten Verheißung der lichtgrünen Herzen, bis zur Erfüllung, die auf knisternden, goldenen Schuhen zog. Nur in den Jahren, wo es eine Hellbergsche Braut gab, durfte nicht eher um den Baum getanzt werden, als bis die Neuvermählten in diesem, anderswo vergessenen, feierlich schönen Tanz ihn umschritten hatten. Daran dachte Amey, wie sie die Burschen und Mädchen von fern her singen hörte. Diese alten Lieder, die so überrinnend voll von Süßigkeit und Trauer sind. Zu andern Zeiten schickte das Bruch jenseits der Wälder Gäste herüber. Eine Kette Moorhühner zog über den Park paarweise. Sie beschrieben gezirkelte Kurven und Tanzlinien. Sie schienen erregt und flohen einander und waren dennoch mit unsichtbaren Fesseln aneinander geschmiedet. Die Schillebolden standen in der flimmernden Luft über dem Burggraben. Man sah deutlich das bebende Geäder ihrer Florflügel und die glasigen, herausgestellten Augen. Dann schmiegten sie sich wie Kleinode in das weiche und lose Haar der Reedbüschel. Mücken und Käfer taumelten in der Trunkenheit ihres kurzen und heißen Mittags. Der Wind lief auf flinken nackten Füßen über das Gras, das sich in der Demut der Hingabe vor ihm bückte. Und eines Tages klang das erste Dengeln der Sensen. Als ob eine Tür ginge. Wenn sie sich schloß, konnten keine Macht und keine Götter sie wieder öffnen. – Dann wurde die Luft herb überperlt vom Schnitt des Grases und von ungezählten Wunden. Die Kiefernstämme flammten in der Abendsonne wie die Säulen alter südlicher Tempel. Der Kolüt, der eine Zeit geschwiegen hatte, flötete wieder, als ob seine kleine Brust zerbrechen müßte. Die Opfergarben wurden ins Erntefeuer geworfen, und die Burschen und Mädchen sprangen jauchzend und lodernd von Sonne und Liebe über den getürmten Stoß. – –   Einmal dachte Amey: »Ich muß in die Stadt. Ich muß zu Menschen. Etwas in mir ist zu straff gespannt. Wenn es reißt, kann keine Macht es wieder ausheilen«. Sie hatte den ganzen Abend auf der Terrasse in Onkel Rhabans Tagebüchern gelesen. Es gab keine Seite, die nicht ihren Namen geliebkost hätte. Sie ließ die Schimmel vor das Phaeton spannen. Sie waren das letzte Geschenk Onkel Rhabans. Vor dem Asseburgschen Hause scheuten die Schimmel. Die drei Nachtigallen waren dort aufgereiht. Es waren alte Mädchen in karierten Umschlagetüchern, mit winzigen Tellerhütchen aus den siebziger Jahren. Sie hatten blutlose und eigentümlich gezogene Gesichter mit Hakennasen. Eine von ihnen spielte die Harfe, die andern sangen. Sie sangen sentimentale und neckische Lieder, die ihnen in ihrer Jugend wahrscheinlich vielen Beifall eingetragen hatten. Jetzt wirkten sie unsagbar peinvoll. Amey hatte wie Onkel Rhaban eine krankhafte Scheu, vor anderen Wohltaten auszuüben. Während sie aus dem Wagen stieg, gab sie dem kleinen Giacomo ein Zeichen. Er vertrat sowohl die Ehre der Hellbergs wie das mildtätige Herz Ameys. Als Amey durch das Flurfenster die alten Dinger sah, wie sie zu ihr hin groteske Verbeugungen machten, mußte sie an sich halten, nicht in Tränen auszubrechen. »Warum geben wir?« fragte etwas in ihr herrisch und unnachsichtig. »Um wohlzutun? Oder um ein Unbequemes los zu werden?« Sie staunte. Wie kam sie auf diese Frage. »Etwas eng wird es dort werden, aber doch erst richtig gemütlich«, sagte Fräulein Mimi, als Amey in das Zimmer trat. Lieb und schneeweiß thronte sie auf ihrem erhöhten Fensterplatz und legte die große Patience. Sie hatte mit dem »dort« den Gottesacker im Sinne, dem sie wie einem ersehnten, aber zugleich etwas feierlichen Fest entgegenlebte. Er hatte für sie ein wenig von der Steifheit der Empfänge, die sie nie im Leben geschätzt hatte, verloren, seit ihre Kindheitsfreundin, Luischen Hacke, sich in der Nähe der Asseburgschen Erbgruft häuslich eingerichtet hatte. Amey lächelte. Dabei wanderten ihre Augen zu dem Goethe, der aufgeschlagen neben dem Okkischälchen von Fräulein Claudine lag. Der Faust? Auf diesem Platze? Das befremdete. Fräulein Claudine folgte dem Blick. »Es ist wegen Rotraut«, sagte sie. »Wundere dich nicht, Amey.« Das alte, noch immer feine Gesicht mit dem zierlich gebogenen Näschen errötete und bekam zugleich etwas Ablehnendes. »Begreife das, wer mag«, fuhr die alte Dame fort. »Ich nicht. Sie hat doch die nette kleine Erbschaft von Tante Bäneburg. Stiftsstellen könnte sie zwei bekommen. Und dann . . . – sich grade als gefallenes Mädchen vor alle Leute hinzustellen! . .« Amey sah die alte Dame ratlos an. Plötzlich bückte sie sich nach irgend etwas, was nicht auf der Erde lag. Aber sie fühlte, wie sie sich verschluckte vor verhaltenem Lachen. Hatte sie denn ganz vergessen? Es gab einen kleinen Familienzwist nach der Mündigkeitserklärung Rotrauts. Eine Asseburg auf dem Theaterzettel! »Aber die Kunst steht doch über allem Persönlichen«, sagte Amey sanft. »Laß doch, Claudine«, wehrte Fräulein Mimi. »Da sitzt Gott drüber. Sei froh, daß sie nicht halbnackt vor den Photographen hinhockt.« Fräulein Claudine winkte ärgerlich ab. Mimi setzte ihre Worte manchmal so seltsam peinlich. Aber Amey hatte die Nummer der ›Woche‹, in der eine bekannte Tänzerin in den charakteristischen Stellungen altindischer und ägyptischer Tänze abgebildet war, gar nicht in die Hände bekommen. Es hieß, sie sei aus ostpreußischem Adel. Nachdem Fräulein Claudine festgestellt hatte, daß Ostpreußen immer schon von Asien abfärbte, und daß man sich über gar nichts, was dort passierte, groß wundern brauchte, wechselte sie das Gespräch auf ein Jäckchenmuster, noch aus ihrer Hofdamenzeit bei der geliebten seligen Herzogin. Dann kamen die reizenden kleinen Anekdoten aus ihrer Jugend aufs Tapet, in denen der ganze Adel der Umgegend sich Stelldichein gab. Vergangene Hoffestlichkeiten lebten auf, Missionspredigten, Siebzig, das Rote Kreuz, Familienspuk, Einmacherezepte, – und von dem ersten Hellberg wurde gesprochen, den Kaiser Ludwig zwischen das hoffärtige Stadtvolk und die übermütigen Bauern als Prellbock gesetzt hatte. »Was ist nur?« dachte Amey. »Ich werde verschüttet. Ich kann mich nicht mehr rühren. Liege ich im Grabe oder unter einem Federbett?« »Ich darf nicht länger stören.« Und zum Erstaunen von Fräulein Claudine, die nicht wußte, daß sie schon jemals ein Besuch gestört hätte, stand diese sonst so peinlich rücksichtsvolle Amey hastig auf und beteuerte, sie müsse durchaus noch einen notwendigen Weg machen. »Professor Eosander«, befahl Amey, als sie in den Wagen stieg. Aber alle ihre Befehle klangen wie zärtliche Bitten. Jahre hindurch war Professor Eosander zweimal in der Woche mit den Füchsen abgeholt worden und hatte Amey in Mathematik und Naturwissenschaften unterrichtet. Er war etwas zu gründlich gewesen vielleicht. Amey mußte plötzlich lachen. Die Stunde fiel ihr ein mit dem Zwölffingerdarm. Der Professor kam direkt von seinem Schlachter mit einem tüchtigen kleinen Handkoffer voll Beispiele. Aber er hatte sie nicht alle anbringen können. Die alte Ariane war nach Wasser und Riechsalz gestürzt. »Er ist schuld, der Gute,« dachte Amey, »daß mir fürs Leben der Genuß von Wurst und Preßkopf versagt blieb, wovon die anderen so viel Wesens machen!« Der Professor mußte Amey bitten lassen, etwas zu warten. Er habe ein anatomisches Präparat vor. Amey fühlte die Schauder kühl und glucksend wie Selterserwasser ihre Rückenhaut herunterhüpfen. Aber sie lachte sich aus. Sie folgte der Wirtschafterin in ein langes und schmales Zimmer. Durch das mit Weinlaub verhängte Fenster empfing es ein spärliches und grünlich geisterhaftes Licht. Amey hatte nicht acht auf ihre Umgebung, als sie sich auf einen der bußartig harten hohen Stühle setzte. Draußen surrten in eintönigem und zugleich leidenschaftlichem Diskant die Insekten. Ameys Gedanken wanderten. Plötzlich schreckte sie auf. Die Glocken fingen an, die Glocken dieser Stadt, die dunkel und voll Fanatismus und süß und ekstatisch und unzählig sind. Amey war aufgesprungen von ihrem Stuhl. Sie sah sich um in dem zellenartigen Raum. Ihr Gesicht bekam dieses zärtlich Hilflose, das allen Männern, die sie gekannt hatte, wie ein feiner Rausch zu Kopf stieg: ringsum an den Wänden, aufgereiht auf schmalen Borten, von der dunkeln Tapete sich grell abhebend, standen Schädel an Schädel. Etliche von ihnen grinsten mit nachgebliebenen langen Zähnen unter den grünlichen Lichtreflexen. Amey tat einen Schritt zur Tür hin. Aber als sie die Klinke und damit die Möglichkeit des Entwischens in der Hand hatte, kam ihr der Mut zurück. »Was eine Türklinke vermag!« Sie lachte leise und sich selbst verspottend. Kam vielleicht aller Mut aus der Hoffnung des Entwischenkönnens? Sogleich strafte sie sich. Die Hellbergs hatten doch wohl nicht gerade an Entwischen gedacht! Ihre schmalen Schultern drückten sich rückwärts. Sie schritt die Schädelreihe ab. In der Mehrzahl waren es Gipsnachgüsse berühmter Persönlichkeiten. Sorgfältig etikettiert. Wie Eingemachtes. »Pitt«, las Amey. »Cromwell«, »Fichte«, »Voltaire«. – Dann kam ein kleiner, wohlgebildeter Knochenschädel, die Stirn in der oberen Hälfte stark und schön ausgebildet, das Merkmal des produktiven Menschen und mit einem schmalen, unmateriellen Kinn: »Der Puppenfranz«, stand auf dem Pappschildchen darunter. Amey zuckte zusammen. Ein gespannter Blick trat in ihre Augen. – Die Glocken hatten sich beruhigt. Eine nach der andern. Nur die inbrünstige verlangte noch immer mit diesen bebenden Herzschlägen . . . Amey sah grüblerisch in den grünen Laubvorhang, der plötzlich ein flimmerndes Goldnetz wurde. »Der Puppenfranz!« Ihre Augen träumten. Mit spitzen Fingern und wie unter einem Zwang nahm sie den kleinen blanken Schädel von dem Bord. War es nicht ein matt und dunstig verhüllter Oktobermorgen? Die Nebel verrieten schon ein wenig von der Schärfe tausend feiner Brillantsplitter. Onkel Rhaban war mit Amey in den Kuhstall getreten. Nach der Kühle draußen wirkte er warm wie ein Alkoven. Aber Amey hatte nicht acht auf die Kühe, obwohl sie bekannt und herzlich, wie zu ihrem eigenen Fleisch und Blut, die Köpfe herumlegten und die dicken Zungen bereit machten für eine Liebkosung. Der Krüselkerl setzte Onkel Rhaban etwas auseinander, das aufregend und traurig war. Er fuhr mit den harten hornigen Fingern in der Luft umher und sagte allerlei von neumodischen Schändlichkeiten und von Josinens Tod und dem lüttjen Franz, der ihm auf den Händen blieb. Und wie die Elektrizität alte Leute um ihr rechtschaffenes Brot brächte. Sogar die Bauern wollten elektrisches Licht in ihre Ställe legen lassen. Dabei schwenkte er die Trankrüsel, die er nun seit vierzig Jahren in den Ställen von Arwinde und Söder und ringsum in Ordnung gehalten hatte. Ihr gelber Schein floß durch den warmen Dunst, der um die Tierleiber herstand, milde wie Honig. Er troff von den mahlenden schwarzen Kuhmäulern herunter und legte sich wie eine dicke goldene Wabe einem kleinen Jungen in den Haarschopf. Der Junge versteckte sich hinter dem Großvater, dem Krüselkerl. Er hieß Franz. Amey fühlte den warmen Kuhatem, der an Himbeeren erinnerte. – Dieser Morgen hatte viele köstliche Tage im Gefolge. Onkel Rhaban hatte natürlich dem Krüselkerl zu Gefallen neben dem neu gelegten elektrischen Licht in den Ställen auch die alte honiggelbe Trankrüsel beibehalten. Er hatte angewiesen, jede Reparatur daran von jetzt ab doppelt zu honorieren. Dem knurrenden Verwalter gegenüber begründete er es mit einer Verfügung, die irgendwo über Trankrüsel in Kraft getreten sei. Seinen Gutsnachbarn, denen es zu Ohren kam, stellte er die Sache als eine seiner Exzentrizitäten dar, die man dulden müsse. Man konnte nicht die letzte Romantik aus dieser bereits so peinlich hell gewordenen Welt herausnötigen. Amey hatte sich den Franz zum Spielen gewünscht. Wie andere Kinder sich einen Gummiball wünschen. Sie hatte ihn auch bekommen, soweit die Schule nicht anderer Meinung war. Jedem Sonnabend nachmittag hatte sie zwei Jahre hindurch in zitternder Ungeduld entgegengelebt. Der Puppenfranz war anders als alle andern Kinder. Er allein wußte ebenso wie Amey, daß die Holz und Porzellantiere, die wolligen Bären, die Drachen und Vögel und die Elefanten aus Ebenholz keine toten Dinge waren. Er kannte ihre Seele und ihre Leidenschaften. Und niemals hatte man ihn über den Prinzen, die Braut, den Chinesen und den General aufklären müssen. Aber bei weitem das Schönste war doch dieses: sobald der Franz da war, trat jedes Ding in Aktion und redete sogleich in Gedichten, wie sie in Büchern standen. Amey lächelte verloren und zärtlich. Hatte sie nicht damals selber oft genug in Reimen und Rhythmen gedacht? – In jener Zeit hatte ihr Onkel Rhaban das kleine Theater geschenkt. Wunderbare Stücke waren darauf in Szene gegangen. Mit Prinzen und Prinzessinnen, die ungeheuer edel und tapfer und tugendreich waren. Nur hier und dann, und das stand mit einemmal so deutlich vor Amey, daß es ihr vor unterdrücktem Lachen im Halse weh tat: die Prinzessin, die sie agierte, hatte zuweilen nicht gewußt, wen sie nun eigentlich liebte. Sie hatte es wirklich nicht gewußt. Sie gefielen ihr alle ausnehmend, ihre Bewerber. Der Puppenfranz geriet dann jedesmal außer sich. Denn natürlich vertrat er den einen der Helden ganz ausdrücklich. Einmal fuhr sein Zorn der Pappgesellschaft so schwer in die Drähte, daß sie sich rettungslos und quieksend verwirrten. »Liebst du mich nun, oder liebst du mich nicht?« Ja, da wußte Amey freilich wohl, daß die Prinzessin ihn allein liebte. Es war sehr aufregend. Eigentlich war es schön, aber doch wurde man etwas verlegen. Besonders, wenn der pappene Prinz und die Prinzessin in voller Person sich schräg gegeneinander lehnten. Welche steile Dreiecksstellung den Verlobungskuß ausdrückte. – Ja, in allen Spielen war Amey die Königin, und der Franz war ihr kühner Sänger, ihr herrischer Herr und demütiger Knecht. Aber dann – wie war doch das? – Dieser Frohnleichnamstag! Die ganze Stadt schwamm in Weihrauch und Laub. Der Puppenfranz war sehr krank gewesen. Sie durfte mit der alten Ariane in die Stadt fahren. Sie brachten ihm Himbeersaft und andere gute Dinge. Und ein ganzes Körbchen voll Rosen. Es waren dunkelrote, die, wie keine andere Sorte, ausgenommen die Zentifolien, den ganz eigentlichen Rosengeruch haben. Nun stand sie wieder in dem niedrigen, verräucherten Stübchen mit den zugesperrten Fenstern, in dem so wunderliche Dinge an den Wänden hingen, und wo es so scharf roch. Auf der rotgewürfelten Bettdecke fuhr eine magere spitzfingrige Jungenshand hin und her und griff plötzlich so fest Amey ums Handgelenk, daß ein roter Reif zurückblieb. Amey hatte in großer Hilflosigkeit eine dunkle Rose genommen. Sie merkte nicht, daß sie die Blätter auspflückte. Sie ließ sie tropfen. Eine Purpurdecke voll Wohlgeruch kühlte die fiebernden Jungensaugen. »Amey, das ist die Königin!« stammelte der Franz. »Sie schafft, daß ich sehr freudig bin. Vielleicht darf ich genesen, Nun sie bei mir gewesen!« – – Daß sie nie mehr an diese unbeholfenen und rührenden Kinderverse gedacht hatte! »Ich fordere frei die Welt heraus. Und gründe hoch mein goldenes Haus. Amey, das ist die Königin. Sie schafft, daß gar so kühn ich bin.« – – Der Franz war später nur noch wenige Male auf die Burg herausgekommen. Er sah so anders aus. Die Kleider schlotterten ihm. Die Handgelenke hingen lang und knochig aus den ausgewachsenen Jackenärmeln. Vielleicht war Amey schon zu groß, trotzdem wartete sie, daß die wundervollen Spiele wieder anfangen sollten. Aber es kam nicht mehr recht dazu. Der Franz schien das Reden verlernt zu haben. Auch war Onkel Rhaban immer irgendwo in der Nähe. Dann eines Tages war irgendeine Sache mit einem Brief. »Ein toller Brief.« Amey hatte im Vorbeigehen so ein Wort aufgefangen zwischen Onkel Rhaban und dem Professor. Warum hatte sie nicht gefragt? – Der Franz müsse jetzt sehr viel lernen, anderswo, hieß es eines Tages. Sie sah plötzlich Onkel Rhabans Blick auf sich gerichtet, diesen zärtlichen, und wie sie jetzt dachte, leicht beunruhigten Blick, als sie leidenschaftlich weinend nach ihrem Freunde verlangt hatte. Gleich danach waren sie für den Winter nach Capri gegangen. – – – Sie hielt den kleinen, elfenbeinglatten Schädel noch immer in der Wiege ihrer Hand. Sie sah ihn nicht. Sie schritt in den blühenden Gärten der Kindheit. Plötzlich aber, – – übertäubte sie nicht der Geruch von dunkelroten Rosen und Heu? Sie erblickte die Burschen, wie sie ellenhoch ihre Mädchen unter der Tanzlinde schwangen. »Im weißen Schnee, Im grünen Klee . . .« In diesem Augenblick, als Amey mit spitzen und bebenden Fingern den kleinen Schädel wieder an Ort und Stelle setzte, ließ der Professor bitten. Er hatte sich sorgfältig gewaschen und gebürstet, was nicht mehr ganz selbstverständlich zu seinen Gewohnheiten gehörte. Der Name Ameys hatte Perspektiven von Erinnerungen wachgerufen. Amey wollte so viel fragen, wie er in einem Anfluge alter Ritterlichkeit einen Arm voll Kosmosbände unter ihre Füße häufte. Aber sie war zerstreut. Kam von einem auf das andere. »Was mag aus dem Puppenfranz geworden sein?« Der alte Herr geriet sogleich in sein Fahrwasser. Natürlich, sie hatten doch zusammen gespielt, Baronesse Amey und dieser genial veranlagte Enkel vom Krüselkerl. Und jetzt – ob sie nicht drüben? . . . Er wollte ihr . . . Sogleich, sogleich. – Er bemerkte Ameys Abwehr gar nicht im hohen Stolz des Sammlers. Er hatte den Schädel schon geholt. Er setzte ihr alle Feinheiten dieses Staatsstücks auseinander: produktive Begabung, hoher Idealismus und mangelnder Wirklichkeitssinn. Es wäre ja dann auch so gekommen. Nach langem hoffnungslosem Krankenlager in der Tübinger Universitätsklinik und in einem grimmigen Humor hatte der Franz seinen Schädel der dortigen Anatomie vermacht, damit in diesem Jahrhundert der Technik und der Wissenschaft ein so nutzloses Objekt wie ein Dichterschädel doch wenigstens einen Sinn und eine Daseinsberechtigung gehabt habe. Der Professor wollte Amey gerade erzählen, durch welche seltsame Verkettung des Zufalls er in den Besitz dieses Schatzes gelangt war. Aber . . . »Ich fordre frei die Welt heraus . . .« »Wie meinen Baronesse?« Um Gotteswillen! Das war eine schöne Geschichte! Der alte Herr lief mit kleinen ängstlichen Schritten ans Fenster und riß es auf, dann hielt er Amey ein Glas mit Kognak, den er immer schnell und bequem zur Hand hatte, an die Lippen. Aber für Amey genügte bereits der Geruch dieser Flüssigkeit. Die Schauder liefen ihr über die Haut. Sie witterte mit den feinen Nasenflügeln, wendete den Kopf abwehrend zur Seite und kämpfte ein paar Augenblicke wie gegen eine unüberwindliche Schlaftrunkenheit. Plötzlich geriet der Kosmos unter ihren Füßen, den der Professor in alphabetischer Folge aufgebaut hatte, in peinliche Verwirrung. Und zum hohen Staunen des alten Herrn, der, ohne zu ahnen, daß und warum er den Kognak selbst genießerisch und in kleinen Schlucken austrank, stand Amey plötzlich mitten im Zimmer. Sie stand sehr gerade und verabschiedete sich lieb und gütig wie immer, aber in einer gewissen Hast. – Eigentlich hatte sie noch zu Busches fahren wollen. Aber dann erstaunte sie den alten Kersten nicht wenig, als sie ihn plötzlich halten ließ. Er solle vorauffahren und bei der Schildhornbrücke auf sie warten. – Sie ging durch die alten Straßen und über die Plätze der Stadt, unter einem rätselhaften Zwange, und als ob sie etwas Bestimmtes suchen müsse. – »Habe ich die Stadt jemals in dieser Weise gesehen?« dachte Amey, wie sie allein in dem weichen Verblassen des Tages unter den violetten Giebeln schritt. »Sie stand mir zu nah«, dachte sie plötzlich. »Alles, was immer um uns her ist, kennen wir nicht. Erst muß . . . das große Unbekannte muß« . . . Sie fühlte eine leichte Kühle im Nacken. »Vielleicht ist es auch das,« dachte sie, »wir haben ein unvollkommenes Bild von den Dingen, solange wir jedes für sich allein sehen. Wir müßten sie eingliedern können!« Sie sah gespannt die eng gewundene Straße herunter mit ihren Ausluchten und Erkern und steinernen Treppen vor kostbaren Portalen. Die Mauern der Häuser hatten jetzt etwas eigentümlich Durchscheinendes bekommen. Ihre Profile standen seltsam klar gegen den eingedunkelten Himmel. Es war Vollmond. Die übergoldete Domkuppel schwebte wie ein Stern. Grüne Gletscherwasser strömten von den Kupferplatten der Türme und Dächer über die versteinten Drachen und Heiligen. Hoch oben im steilen Giebel des Gasthofs »Zum Engel« standen zwei Fenster hell und weit geöffnet. Gesang schwoll heraus. Eine Männer- und eine Frauenstimme. Dazu eine Laute. »Im Rosengarten Will ich deiner warten. Im grünen Klee, Im weißen Schnee.« Amey stand und lauschte. Alle andern Häuser waren dunkel. Nur auf dem Halseisen am Turm spielte der Mond und auf dem Schwert des eisernen Roland. Kein Mensch war auf der Straße. Eine vergangene Welt stand um Amey. Eine untergegangene Epoche. Nur in den zwei glänzenden Fenstern dort, hoch oben im gesteilten Giebel träumte sie von ihrer frommen, süßen und bangen Seele. Amey verspürte eine leichte Schwäche. Ihr fiel ein, daß die alte Ariane dann zu sagen pflegte, sie habe gewiß nichts im Magen. Sie stieg langsam die Stufen hinauf zur Domschenke. Der Wirt stutzte. Das gnädige Fräulein von Arwinde . . . um diese Zeit . . . und allein? . . Unter vielen Verbeugungen rückte er ein Tischchen an die Wand der überschneiten Oleanderbüsche. »Aßmannshäuser vielleicht? – Wie gnädige Baronesse befehlen.« Er flog, soweit es sich mit seiner Wirtswürde vertrug, eine kleine gewählte Speisefolge zusammenzustellen. Amey trank ein paar Tropfen und nahm ein paar Bissen. Sie wußte nicht, was sie aß. Und sie hatte noch nie gefragt, was aus dem wurde, was übrig blieb. Die andern Tische waren schwach besetzt. Man musterte Amey von weitem und diskret. Wer sie nicht kannte vom Sehen, erfuhr durch den Wirt, was er wissen wollte. Niemandem wäre es nur entfernt in den Sinn gekommen, sich in ihre Nähe zu setzen. Amey lächelte plötzlich verloren und wehmütig wissend: die Isolierschicht! – »Arme Amey!« So sagte einmal Onkel Rhaban. Nichts weiter. Sie benötigten immer nur der Grundbegriffe für einander. Ja, es kam wohl durch Onkel Rhaban. »Die Menschheit liebte er glühend«, dachte Amey. »Aber es ist ein anderes, den einzelnen zu ertragen. Vielleicht mußte er die intimen Annäherungen vermeiden. Er wußte, er würde nicht halten können, was man von ihm erwartete. – Und ich?« – dachte sie dann. Etwas verwirrte sie. – Plötzlich wurde sie des leisen Rauschens gewahr unter ihren Füßen. Ein anderer hätte es schwerlich gehört. Ihr diente jeder Nerv. Die Domquelle! Unter tausendjährigem Kulturschutt. Einmal ragte dort Friggs Heiligtum. – Amey stand auf. Sie vergaß zu zahlen. Sie hatte noch nie in einem Gasthof selber bezahlt. Der Wirt der Domschenke verbeugte sich ebenso oft und tief wie vorhin. Wenn ihm alles im Leben so sicher war, wie dieses Geld! . . . Amey ging seltsame Wege. Wege, wie man sie träumt. Über kleine verwunschene Plätze, wo das Gras zwischen den Steinplatten in winzigen Speerspitzen herausstach und unter Lindwürmern und Scheusalen und frommen Heiligen. Sie kam an Kirchenportalen vorüber, vor denen die schöne und heimwehkranke Agnete stand, die den Wassermann geheiratet hatte. Einmal zögerte sie vor der dunkeln schlundartigen Öffnung zwischen zwei Häuserreihen. Wenn nichts weiter als diese Gasse zwei Herzen trennte . . . Aber plötzlich berührte ihre Hand etwas Kaltes, Metallisches. Sie fuhr zurück: es waren die Haspen am Eingang der Judengasse. Die Torflügel hingen einstmals darin, die sie nach Sonnenuntergang von der Welt des Lebens abschlossen. Amey lief, als ob sie flüchte. Sie stellte sich in den Schutz des eisernen Roland. Wer in dieser Stadt zu Hause war, gehörte ihm das Heut? War er nicht mit dem grauen Gestern verhaftet, wie sie mit den Hellbergs in den Zinnsärgen verhaftet war? – Sie fuhr zusammen und sah sich um. – Roch es nach schwelendem Holz? – Sie wußte nicht, wann und wo sie es gelesen hatte: »Der Marktplatz der Stadt aber glich einem kleinen Walde in jenem Sommer, von der Menge der Marterhölzlein.« Es mußte ein Sommer gewesen sein wie der heurige, der im Blute brannte, wie schwerflüssiger Südwein. Die armen jungen Hexen hatten nicht gewußt, warum ihr Blut so irr und selig und böse geworden war. – Hellebore steht im Walde tief. Sie weiß nur sich allein. So heiß wie Tag, so tief wie Nacht. Wer ist es, den sie trunken macht? Wem wird sie süße Gnade sein? Wer stirbt, wenn sie ihn rief? – – – Ja – nun mußte sie, so schnell sie nur konnte zur Schildhornbrücke. Wie gut würde das sein, sich in die Kissen des Wagens zu drücken und die Augen zuzumachen. Dann trabten, trabten die Schimmel. Aber als Amey wieder anfing durch Gassen und Gäßchen hin und her, stellte sich jäh vor die Mündung einer Straße eine Kirche. Ihr Turm wuchs in den Himmel. Er war aus Milchglas. Durch die Glockenfenster sank das Mondlicht. Wie Aqua marin. Amey zog sich zusammen. Hier. Gerade so, vor der Mündung der Straße wuchs der Turm. Damals. Sie wußte es nicht: Sie legte die Hand auf einen eisernen, aber kunstvoll gearbeiteten Türgriff. Es war ein armseliges Häuslein. Jetzt kam es geschritten. Amey stand noch. Vom Turm her kam es. Im Takt. Die Mondgasse entlang, die weiß wie getüncht aussah: drei Soldaten kamen. Untergefaßt. Sie waren blutjunge Burschen. Amey wich zurück in den Schatten der Haustür. »Im grünen Klee, Im weißen Schnee . . .« Gab es nur dieses eine Lied auf der Welt? »Mutter«, stammelte sie plötzlich. Niemals hatte sie ihr Gesicht in ihrer Mutter Schoß geborgen. Vielleicht dachte sie Onkel Rhaban. Aber irgendeine geheime Macht drängte sie an den letzten Rand und an die Wurzeln alles Seins. – Dann ging sie. Vom Hause des Puppenfranz dem Liede nach. Zu ihrem Wagen. Sie wußte nicht, daß die Tränen ihr Gesicht überströmten. – So war das Gebet der alten Ariane, das sie täglich der heiligen Agatha vortrug, zuletzt erhört worden: zum erstenmal, seitdem Onkel Rhaban gestorben war, hatte Amey geweint. – – – – – – – – – –   Natürlich war zu anderen Zeiten die Stadt lebendig und aufgeschlossen. Um die Mittagsstunde, wenn die Straßen schäumten von Schulkindern, Gewerbetreibenden, Ladenverkäufern und Beamten. Dann stürmten die elektrischen Bahnen gefährlich durch die Enge der überfüllten Gassen, und wenn ein Auto zwischen den spitzgiebligen Häuschen mit den Ausluchten und Erkern aufgellte, so sah es aus, als sei ein Rhinozeros in eine Spielzeugschachtel geraten. Aber eine lange Zeit wagte Amey sich nicht wieder hinein. – – – – Vielleicht, wenn man sich wieder in die alten Tagebücher Onkel Rhabans flüchtete! Aber Amey tat es nicht mehr mit der Freiheit der ersten Wochen. Zwischen all diesen feinen und reifen Gedanken über Bücher, Menschen und Leben und Kunst, zwischen mystischen Verbundenheiten und der Zärtlichkeit, die ein einziges Ziel kannte, suchte Amey immer noch ein Besonderes. »Der Puppenfranz hat meiner Amey einen glühenden Liebesbrief geschrieben.« – War es das, was sie erwartet hatte? Die feingezeichneten dunkeln Brauen, die in eine zarte altgoldene Spitze ausliefen, zogen sich zusammen. Aber dann wagte es Amey. Sie las weiter. Und sie empfand leise, gleitende und süße Schauder, als ob sie verbotene Früchte äße. – Draußen ging ein Unwetter nieder mit Hagel und Sturm. Warum hatte Onkel Rhaban niemals später davon zu ihr gesprochen? Er, die Güte in Person, sollte diesem heißen und genialen Jungen nicht in das richtige Fahrwasser geholfen haben? Es gab ja die Ferne. Wenn das notwendig gewesen wäre. Amey fühlte die Glut im Nacken. »Nein«, sagte sie heftig, und obwohl jener einzige Blick Onkel Rhabans damals im Walde vor ihr stand. »Nicht durch seine Schuld! Jemanden im Stich lassen, der ganz allein auf ihn angewiesen war? Onkel Rhaban? Niemals.« Und sie fing an mit einer andern Freiheit als vorher, und suchte fieberhaft. – Sie fand auch, was sie suchte. »Meine arme Amey« – stand ein paar Seiten weiterhin, »sie leidet heldenmütig. Als der Puppenfranz nach der Krankheit zu ihr kam, war er ihr ein Fremder geworden. Jetzt, da er ihr endgültig fern rückte, sieht sie nur den Freund der verflossenen Jahre. Wer soll mit mir die Stücke spielen? Sie grollte. Ich schlug vor, Kinder aus der Stadt einzuladen. Andere Kinder? Sie sah mich an. Weißt du nicht mehr Helenchen Hacke? Unser Knecht Ruprecht – oh – wenn der Puppenfranz ihn vor dem Jesuskind in die Welt schickte! Aber sie hat ihn aufgegessen, bis auf die Stöckchen in seinem Leibe. – Verächtlich zog sie die Mundwinkel herunter. – Und der Franz? – Der Franz? – Ein weiter Blick trat in ihre Augen. Wenn ich Andromeda war, tötete er den Drachen. Und er verzweifelte, wenn ich den Löwen des Zirkus vorgeworfen wurde. Wie kühn er war als St. Jürgen! – Sieh meinen silbernen Ring. Er schenkte ihn mir am Fest des heiligen Franz, der alle so sehr liebte, die Menschen und die Fische. Weil ich keinen eigenen Namenstag habe, schenkte er mir zu seinem den Ring! – – Amey stützte den Kopf in die Hand. Jawohl. Ein winzig schmaler silberner Reif lag auf dem Grunde ihres Erinnerungskastens. – Aber ihre Gedanken waren schon zu einem Tage gegangen, als sie sich bei Onkel Rhaban beklagte, warum sie nicht im Kalender stünde mit einem eigenen Fest. »Amey!« Hörte sie nicht den fernen zärtlichen Träumerton? – »Das ist dasselbe, wie Ameie, und ist amie und aimée : ›Die geliebt wird.‹ Du weißt wohl. Meine Ameie! Brauchst du denn ein besonderes Fest? Feierst du nicht jeden Tag im Jahr deinen Namen?« – Jeden Tag eines Menschen Ameie! . . . Ja – – konnte man denn leben, ohne so sehr geliebt zu werden? . . . Dann zwang sich Amey. »Wir denken soviel über Rasse«, las sie weiter. »Als ob wir allein sie gepachtet hätten. Nun kommt dieser tolle Junge und macht einen glatten Strich durch die Rechnung. Die Pension in Wolfenbüttel war ordentlich. Der Gymnasialdirektor mit seinen jungen, enthusiastischen Augen schien mir auch ganz der Mann. Er hätte für diesen aufkeimenden Menschen und das Geniale in ihm Verständnis gehabt. Gymnasium, Studium und etwas zu einer Italienreise hinterher – alles war geordnet und festgelegt. Jetzt schreibt mir der Franz höflich und bündig, er sei mir sehr dankbar, aber er wolle nicht von meinen Gnaden etwas werden, sondern von sich selber. Denn Amey« – – – Hier brach der Satz ab. Am Rande der Seite, mit anderer Tinte und neuer Schrift stand: »Meine Amey. – Sie wird noch manchem Ameie sein. Jeden Tag im Jahr!« – Es dunkelte draußen. Erdmann kam. Er drehte das Licht an und zog die Vorhänge zusammen. Das Fenster über dem Schreibtisch blieb unverhüllt. Es war dies immer der Brauch. Man sah von hier den Mond über der Libanonzeder heraufsteigen. Der Himmel erschien obsidianschwarz im Fensterrahmen. Das Thermometer war nach dem Hagelsturm tief gesunken. Die Sterne klirrten wie in Nächten nach Epiphanias. Amey zog fröstelnd die Schultern zusammen. Dann kehrte sie zu dem Tagebuch zurück. Es ließ sie nicht los. »Nun ist dieser törichte liebe Junge in die Welt gegangen. Meine Gedanken sind durch ihn in Bahnen gezogen, die sie sonst lieber vermeiden. Man soll nichts halb tun. Einen werdenden Menschen aus einer Kaste in eine andere hineinleben lassen, ohne ihn ganz zu verpflanzen, ist Schuld. Überhaupt das Soziale. Von dem Theoretischen halte ich nicht viel. Der Kernpunkt liegt anderswo. Sie wollen mit uns aufräumen, und damit alle Hemmungen für ihre eigene Entwicklung beseitigen. Aber das ist schließlich doch immer nur das Äußerliche. Mit den innerlichen Gebundenheiten rechnen sie nicht. Sie wollen die Welt in eine neue Form gießen. Aber nicht nach einem idealen, wie sie sich einreden, sondern, wie mir scheint, nach einem sehr platten Zweckprinzip. Sie sagen »Kultur« und haben doch nur Zivilisation im Sinne, und zwar den äußersten Zipfel davon, der schon ein wenig auf der Erde schleifte und durchaus nicht mehr sauber ist. Kultur macht man nicht. Sie kommt auch nicht über Nacht, wenn nur die äußeren Mittel dazu da sind. Aufgepfropftes wird niemals dasselbe wie wurzelecht. Dieses von Innenherauswachsen hätte ich dem Jungen erleichtern wollen. Aber wenn er es selber schafft – tant mieux . Und sollte vielleicht unsere ganze abendländische Kultur auf dem Aussterbeetat stehen? Ist es das, was die andern dunkel im Bewußtsein tragen? Darum wollen sie ganz und gar mit ihr aufräumen? Und von vorn anfangen auf ihre Weise? – Denn kann man noch von Kultur eines Volkes sprechen, wenn sie nur einer ganz geringen Zahl noch verständlich ist, und wenn das, was man so nennt, nicht mehr das zusammenschließende, sondern das trennende Moment bedeutet? Sollte vielleicht eine Zeit im Anzuge sein, in der wir lernen müssen, unsern Kulturglauben als den letzten Wahn eines unbewußten langsamen Sterbens anzusehen? – – Oder aber ist der Puppenfranz einer von einer neuen »Elite«, die sich aus allen Volksschichten rekrutieren und vielleicht einmal die neue Kultur bilden wird? Ich glaube nicht daran. Aber ich bin der letzte meines Geschlechts. Wer an den großen Müdigkeiten trägt . . . . Aus sich selber kann dieses Europa sich nicht mehr erlösen. Es sei denn, irgendeine Weltkatastrophe, ein ungeheures Muspili käme ihm zu Hilfe und schaffte das Ende der alten und die Urform für eine neue Erde, die jeder in der eigenen Brust trägt. Siehe – das Reich Gottes ist in euch.« – Amey legte die Hand auf das Geschriebene. – – Die neue Elite! – Die neue Erde! Sie sah sich im Zimmer um. Als erblickte sie alle Dinge zum erstenmal. – Warum hatte Onkel Rhaban ihr kaum je über diese Dinge gesprochen? Er konnte nicht glauben. Er war zu müde. Er wollte sie nicht anstecken mit der großen Verneinung! Ihr Herz schwoll über von banger Zärtlichkeit. Plötzlich sprang sie auf. Ihr Atem setzte aus. Ihre Hände wurden kalt: Der Puppenfranz war dennoch zugrunde gegangen!? Aber die neue Elite? Die neue Erde? – – – Sie geriet außer sich. – – – – – – – – – –   Der nächste Morgen war eine einzige verweinte und schmeichelnde Bitte um Vergebung für das Gestern. Amey trieb es ins Dorf. Sie nahm das Körbchen mit der homöopathischen Apotheke, Himbeersaft und vor allen Dingen von den kleinen süßen Biskuitkuchen. Die alte Ariane wunderte sich. »Wer ist denn krank, Amey? Ich weiß, die Heiligen seien gepriesen, von keinem einzigen.« Nein, niemand war krank. Aber es tat so gut, ein wenig unter den hohen Nußbäumen vor den Haustüren zu sitzen. Die getigerten Katzen legten sich einem auf die Füße wie ein Fell. Die alten Mütterchen und die Großväter brauchten nur eine Kleinigkeit zur Seite zu rücken. Sie erzählten, wie sie jung waren, und vom Kriege und von der Cholera und wie der feurige Reiter sich zum letzten Male gezeigt hatte. Aber auch ganz einfache tägliche Dinge wurden durchgenommen. Der Schafstall zum Beispiel, in den der Blitz eingeschlagen hatte. Oder was für ein übles Zeichen es wäre, daß die Störche dies Jahr nicht auf Butendieks Scheune gebaut hätten! Karl Hückedahl brauchte einen Abendmahlsrock und die krumme Miele . . . Aber ehe Großvater noch die Schnupftabaksdose aufgeklappt hatte, denn er dachte, ein Prieschen sollte ihm da hinaus helfen . . . dem gnädigen Fräulein Amey erzählte man doch wohl nicht geradezu, wenn ein Mädchen sich mit dem Mannsvolk eingelassen hatte, – gerade da erspähte ein Flachsköpfchen auf dem Anger Ameys langen, flatternden Schal. Amey wählte mit Vorliebe eine Zeit, wenn jede Arbeitshand, die sich regen konnte, noch draußen auf dem Felde war. Sie hatte so gern die Kinder ein bißchen für sich allein. Sie standen auch schnell genug mit offenen Mäulchen, an ihre Knie gedrückt. Und das gnädige Fräulein Amey hatte immer ein paar weiche, braungebrannte Kinderärmchen um sich her, wenn sie anfing: »Einmal aber sagte die Mutter zum Rotkäppchen . . .« Wenn es dann in der Ferne zwischen einer ratternden Staubwolke silbern aufblinkte und die bunten Kopftücher der Frauen und Mädchen feierlich wie Gebetsteppiche über dem Erntewagen schwebten, der das Brot des künftigen Jahres hereinbrachte, ja, wenn es so weit war, wechselte Amey ihre Geschichte wohl zu Genoveva oder zur kleinen Seejungfrau hinüber. Wie Scheherezade um ihr Leben spann sie einen Faden, der nicht abriß: Treue und Mord, Sage und Legende, die alten eisernen Ritter aus Sachsenland und die ewig, ewig süße Liebe. – Ab und zu trat jemand aus dem Kranz und ging, den Staub und Schweiß des Tages abzuspülen, oder nach dem Rechten zu sehen. Und es fing an, verheißungsvoll zu duften nach Holzfeuer und brodelndem Fett. Es dauerte auch gar nicht lange, bis jemand mit einem Teller voll dampfendem Krausgebackenem herauskam, goldig braun und splitternd wie Glas, wenn man hineinbiß. Und Amey, die alle ihre prachtvollen Ställe voll Kühe hatte, trank diese lauwarme, schaumige Milch mit einem so beglückten Ausdruck und in so kleinen, genießerischen Schlucken. daß jeder wissen mußte, etwas so Köstliches hatte sie schon lange nicht mehr geschmeckt. Und nachdem sie so vielmal gedankt hatte und für jeden ein besonderes Wort zum Abschied gehabt – und eines der Kleinsten durchaus nicht von ihrem Schoß heruntergewollt – »ja,« – dachte sie, wie sie sich auf den Heimweg begab, »hat nur eines von allen auch einmal nach mir gefragt?« Sie strich verloren eine Haarsträhne aus der Stirn. Dann schritt sie durch die lauschenden Wiesen und das Abendgold zurück in die hallende Leere ihres weißen und herrlichen Schlosses. – – – – – – – – – –   Hernach kamen Tage, da die Burschen die Opfergabe in die Erntefeuer warfen und mit ihren Mädchen darübersprangen. Und wieder sangen sie die Lieder, die so überrinnend süß und traurig sind. Von der Wohld her zogen die Rudel Hirsche über die gemähten Wiesen, während der Fuchs braute, und die abgeernteten Äcker lagen von einem ganz leichten Nebel bedeckt wie unendliche silberweiße Wasser unter einem kühlen, spukigen Mond. Die Haide wurde braun. Die Birken putzten sich mit lauter hellgelben Metallplättchen, und die heimlichen Wunder redeten jeden Tag vernehmlicher. In dieser Zeit kam ein Brief von Lolo Bethun: Ihr Mann und Guntram Walmoden waren auf Zeylon in ein Buddhistisches Kloster eingetreten. – – – Amey ging auf den Wunschberg. Es war Schnee gefallen über Nacht. Die Störche und Schwalben hatten recht behalten. Die Kraniche schwebten lange wie eine Eins über dem Walde, als ob sie sich diesmal wirklich nicht trennen könnten. Aber zuletzt waren sie doch über die Wiesen hinaus, und alles stand um einen Schein dunkler, als man sie nicht mehr erblicken konnte. Nun würden bald in einer Nacht die Wildgänse durch peitschende Wolkenseen schiffen und hart und aufgeregt gegeneinander schreien. Die Bäume, die noch ihr volles Laub hielten, brannten wie bengalische Flammen, und zwischen ihnen stand ergreifend und mädchenjung das Grün der Fliederbüsche. Aber alle waren sie wie Kronleuchter mit Glasprismen behängt. Die läuteten hoch und spitz und elfisch, wenn der Wind sie schaukelte. Als Amey auf den Wunschberg kam, fiel ihr Auge auf die großen Quittensträucher. Der Frost hatte ganze Büschel von schmalen blutroten Blättern zusammengesträhnt in das Herz von Kristalldrusen verkapselt. Diese versteinten Schmerzen, die Wildgänse, die Kraniche und das Land, darüber zu schnell der Winter gekommen war, erschütterten Amey. Wie im Taumel trat sie über die Schwelle. War es nicht, als ob ein Mensch, der noch nicht voll geblüht hatte und in Reife gestanden, plötzlich in den Sarg gelegt würde? Die Ewigkeit brauste über ihm, aber er dachte immer an die vielen Berge und Städte, die er noch nie gesehen hatte und an das große, goldne Geheimnis, das irgendwo zu lösen war. – – An diesem Tage öffnete Amey noch einmal das verborgene Geschiebe im Schreibtisch der Yolanthe. Sie nahm den Brief heraus, den Onkel Rhaban dort für sie verwahrte. »Wann werde ich dich öffnen?« dachte sie. »Werde ich dich jemals öffnen dürfen?« Sie wog den Brief in der Hand. Dann legte sie ihn einen Augenblick an ihre Wange. Aber Lolo Bethun! Mein Gott! Amey hörte plötzlich Guntram Walmodens verschleierte Stimme. Schließlich – er stand allein. Aber ein Mann wie Bethun! Fort von der Frau, die ihn liebte. Fort von Frau und Kind und Werk! – Amey geriet außer sich. – – Ihr Blick fiel auf den Venetianer Spiegel. Ja, wie die Lady von Shalott! Wie im Spiegel! Ihr Blick wurde fern. Ob es leichter wäre, einem nie gelebten Leben zu entsagen? Sie legte die Hand an die Wange. Wie laut war ihr Blut! Sie saß eine lange Weile unbeweglich. »Blut«, dachte sie dann. »Was braucht mich zu ängstigen? Ist es nicht das Herz, das es immer neu austreibt und ihm bereit steht zur Heimat? Das Herz hat das letzte Wort.« – Sie sann vor sich hin. Bei der Frau wenigstens. Bei der Frau sind Blut und Herz das untrennbar Eine! »Woher weiß ich es?« staunte sie. Vielleicht, wenn sie allein eine Hellberg gewesen wäre, so hätte sie sich an das Fenster gesetzt hier auf dem Wunschberg. Sie hätte über das Land geschaut und weiter gewartet, ob das Wunder einmal zu ihr treten würde. Aber der Tropfen Blut von der Urahne. Das Primitive! Wie Guntram Walmoden es einmal genannt hatte. Sie lächelte, träumerisch. Plötzlich ging es wie ein Ruck durch ihre Gestalt. Ihre Augen öffneten sich weit. Aber sie sah nichts von ihrer Umgebung. Jenen fernen Morgen mußte sie wieder leben. Als etwas so laut aus dem Walde rief und sie ihre neunundzwanzig Geburtstagskerzen vor sich erblickte. Wie ein feiner kühler Luftzug hatte es sie gestreift. Ein Gedanke. Nein, kein Gedanke. Irgendein geheimes Wissen des Blutes: Alles hat sein Auf und Nieder. – Es gibt einen Gipfel – und dann kommt der Abstieg. Einmal wird die Höhe überschritten. Auch im Leben der Frau! –   In den Tagen, als die scharfen Ostwinde den Bäumen ihre Lust und ihre Last abrissen und das Geschrei der Krähen und Dohlen in der Ruine sich kaum noch ertragen ließ, war die alte Ariane wie ein armer verwünschter Geist fortwährend unterwegs. Von ihrer kleinen traulichen Stube, in der Weihrauch, Bratäpfel, Mottenpulver und Fensterblumen um die Herrschaft stritten, mußte sie zu der Bibliothek, wo Amey saß und, den schmalen silbernen Kopf Blanchefloors auf den Knien, ins Feuer starrte. Damals kam Philipp Marschall. Er war noch scheuer, noch ritterlich demütiger und zugleich noch glühender als im Frühling. Er saß drei Abende Amey am Kaminfeuer gegenüber, als sei er der Sprache beraubt und harre des himmlischen Zaubers, der ihn entbannen könnte. Am dritten Abend erbarmte Amey sich seiner. Auf ein Wort von ihr brach er los. Er hatte seine Kamphausen in die Fremdenstuben hängen lassen, desgleichen die Werner und den Schutzengel von Plockhorst. Auch die Zeitungsmappen, die mit geschnitztem Lorbeer und Eichenlaub eine auf rotem Plüsch gestickte 1870/71 einrahmten. Und was sonst noch wäre, was Amey verletzen könnte, etwa der von Tante Adele über der Politur mit Öllandschaften geschmückte Gewehrschrank oder so – alles das sollte gleichfalls den erwähnten Fremdenstuben zu Schmuck und Zier dienen. Wenn Amey nur kommen wollte. Wenn sie nur diese gereinigten Räume seines Hauses mit ihm teilen wollte. Einen Augenblick zauderte Amey. War es das, wovon die Wildgänse geredet hatten? Was im Frühling aufgeblutet war? – Sie verträumte sich: Es war April. Wolkengewoge. Brausen in den Bäumen. Ging sie durch den Garten? Ein Kolüt flötete. Die gelb geblümte Wiese schwemmte bis an die Mauer. Einzelne Beete lagen schon zart gesternt. Aber die meisten standen noch braun und warteten. Demütig und heiß und aufgebrochen warteten sie. Ja, und dann streckte Amey die Hand aus. Sie liebte es so, diese Erde zu berühren, die ganz voll war von Keimen und Kraft und künftigem Blühen. »Mein guter Philipp« sagte Amey versonnen lächelnd. Sie merkte es nicht, daß sein Kopf unter der leichten und kostbaren Last ihrer Hand tiefer sank. Tief genug, bis er auf ihren Knien ruhte. Es waren immer noch Mittagswiesen und heiße, braune, keimende Beete um sie her – auch als zwei junge Arme Mut faßten. – Gerade da trat Ariane, die das Wandern nicht lassen konnte, und wie zu einem Fetisch zu ihrer blassen Herrin gezogen wurde, in die Bibliothek. Der Apriltag war zerstoben. Philipp Marschall sprang auf. Denn kein Wort von Amey klärte die Situation. – Einen Tag gingen sie miteinander, und wieder kam der Zauber der Verstummung über ihn. Er schien immer zu horchen und zu warten. Aber er war gläubig geworden. Seine blaue Dragoneruniform schwärmte wie Frühlingsfanfaren durch den November. – Amey schien zu vergessen, was sich in der Bibliothek zugetragen hatte. Flügel waren in den Wäldern ihrer Augen. Eine Frage in eine umwölkte Ferne hin. Zuletzt, als Philipp Marschall es nicht mehr aushielt, und, um nur etwas zu reden, er anfing, von Pastors zu erzählen, wurde das Lächeln um Ameys Mund mit einemmal bewußt. Es erschien zärtlicher als je, wie sie ihren Vetter ansah. »Ist das nicht der Pastor, der seine Konfirmanden lehrt, daß sie im Himmel mit Gesangbüchern sitzen würden?« sagte Amey. »Die weiblichen Wesen rechts, und die Männer auf der linken Seite?« Ihre Stimme klang unendlich mütterlich. Philipp errötete. Er wußte wieder einmal nicht: scherzte Amey? Er erinnerte sich nicht, daß er von seinem ausgezeichneten Pfarrer Schulz etwas dergleichen erzählt hatte. – Was geschah denn nur? Wie in einem Boot auf einem weiten Wasser sah er Amey. Sie handhabte lächelnd die Ruder. Er stand am Ufer. Und im heißen Drang, sie irgendwie festzuhalten, fing er aufs neue an. Auf das Geratewohl. Was ihm in den Sinn kam: Die Pfarre und das Schloß hätten Lichtbilderabende veranstaltet für das Dorf. Es gäbe kleine Theateraufführungen. Amey hörte plötzlich die alten Lieder, wenn die Burschen und Mädchen sich um die Tanzlinde schwangen. Es waren keine Reigen, die sie jemand gelehrt hatte. Sie lagen ihnen im Blut. Von immerher. »Philipp«, sagte sie zusammenhanglos, »glaubst du, daß wir richtig für unsere Leute sorgen?« Ihre Augenbrauen hoben sich leicht. Sie hatte sich noch nie darüber Gedanken gemacht. Aber welche Groteske: die Schäfertochter oder Mali Gutenbrink im Empirekittel und Schutenhut! Ober-Ammergau! Ja. – Die Spiele von Rothenburg! – Alles Gewachsene! – Aber dies? »Wieso?« sagte Philipp Marschall. »Natürlich sorgen wir für unsere Leute. Was meinst du damit? Wir sorgen doch auch für unsere Pferde!« Amey bog sich vor. Sie sah verwirrt aus. Was war geschehen? Ein Nebel schien sich zu verschieben, aus dem Nebel schlich fremde Landschaft. Wie für unsere Pferde? Vertieren oder vermenschen? – Was war es, was sie so peinigte? »Philipp« sagte sie aber nur. »Oh Philipp!« – Sie wußte, ein Wort von ihr hätte alles über ihn vermocht. Aber wie konnte sie das Wort sprechen, ohne daß man es sie selber gelehrt hätte? »Nein, mein armer Junge.« Er begriff dieses »Nein« für seine Person. Weltteile trennten ihn von dem, was es für Amey bedeutete. »Ich kann dir das jetzt nicht erklären«, ihre Hand strich leicht über das auf den Millimeter geschorene blonde Haar, das eigentlich Neigung gehabt hatte, sich zu ringeln, als Philipp Marschalls Kopf noch einmal auf ihren Knien lag. Dieser baumstarke Körper war nicht mehr umblaut von Frühlingsfanfaren. Er trug ganz einfach die kleidsame Uniform der Pasewalker Dragoner, die keinen Bürgerlichen in ihrem Regiment duldeten. Er bebte in einem unterdrückten Schluchzen. Wie ein großer, schamhafter und unglücklicher Junge schluchzt. Amey lächelte. Dann war nicht alles verloren. »Später einmal, Phil,« sagte sie. »Ich sehe ja selbst noch nicht deutlich. Aber dein Weg und mein Weg müssen nicht zusammengehen. Hör,« sagte sie, »hör jetzt genau zu: Du wirst sehr, sehr und sehr glücklich werden. Und zwar ganz bald. Mit der Richtigen – Jawohl!« Sie nahm ihn leicht bei den Ohren, als er in trotziger Abwehr den Kopf schüttelte. »Wenn Ihr den Schutzengel wieder über dem Klavier hängen habt, ladet ihr mich ein. Ich werde alles so sehr bezaubernd finden! Und bitte, gebt Fürst Pückler zum Nachtisch!« Aber das war die wunderbare Macht von Amey, daß Philipp Marschall nach diesem Gespräch nicht sofort abzureisen brauchte. Sondern selig, unselig, gemartert und getröstet in einem, diente er ihr alle die nächsten Tage, wie ihr Knecht und ihr Ritter. – – – – – – –   Der Rechtsanwalt mußte aus der Stadt kommen. Es erschien unglaublich, was seit Onkel Rhabans Tod alles über Amey herfiel, und was zu erledigen sie immer noch hinausgeschoben hatte. Stöße von Briefen lagen da mit Ankaufs- und Verkaufsangeboten, Empfehlungen von Bankhäusern, Hotels, Pensionen, Unternehmern, Antiquaren, Gesellschafterinnen, Automobilfabriken, Badedirektionen und Altertumshändlern. Ganz ungerechnet die Briefe, in denen ein Bechsteinflügel von ihr verlangt wurde oder eine Aussteuer, »weil das Mädchen sonst wirklich ehrlich wäre«. Der Gedanke, daß Besitz Verantwortung auferlegte, stellte sich zum erstenmal vor Amey. – – – – – –   Der Schnee lag in dichten Kissen, als Amey bereit war zu reisen. »Goldne Amey!« Die alte Ariane sah ihre Herrin verstört an. »Zu meinen Verwandten? – Wenn du mich nicht mitnehmen willst, wenn ich wirklich nicht bei dir bleiben darf, soll ich dann nicht hierbleiben? Wo doch überall ein Stückchen von dir ist. Wo könnt ich denn sonst beten für dich? – Und dann, Amey, wohin sollte ich gehen, Goldne? Ich kenne niemanden mehr von meinen Leuten. Keinen einzigen kenne ich!« Da schien es Amey, als ob die fremde Landschaft greller aus dem Nebel herausstünde. Sie streichelte das runzlige Gesicht mit den Augen, die an ihr hingen, wie an ihrem letzten Richter: »Alles geben sie für uns,« dachte Amey, »ihre Familie, ihre Heimat, alle ihre Gedanken. Ja, ihren Gott heften sie an uns. Und was geben wir ihnen zurück?« Sollte sie sie doch mitnehmen nach Berlin? Aber es ging nicht! Diesmal ging es nicht. Wer sich hinauswagen wollte, um das Letzte zu erfragen, der mußte allein gehen. – So sollte sie in der Burg bleiben, diese Getreueste. Sie sollte sich eine gute, warme Zeit machen. Und jede Woche würde sie einen Brief bekommen. Auch zur Köchin ging Amey und band ihr die alte Ariane auf die Seele mit allen Mahlzeiten und kleinen Liebhabereien. Nur zuletzt, als Amey im Zuge saß, hatte sie immer das verstörte Gesicht ihrer alten Kindermuhme vor sich und die tränenlosen, aber rotgeränderten Augen, die eindringlicher und ergreifender redeten, als es Tränenströme vermocht hätten. – Ja, es war eine Gnade, geliebt zu werden. Dieses letzte: »Die Heiligen mögen dich mir gnädig zurückbringen, goldene Amey«, war um sie her wie ein warmes Tuch. Nur das war das Wunderbare: es hielt die Schultern warm. Aber bis zu dem tiefsten Herzenspunkt drang diese Wärme, die von andern ausging, nicht. Wie seltsam war das doch, daß Geliebt werden das eigene Herz so unruhvoll ließ! Amey lehnte sich zurück in die weichen roten Polster. Draußen im Gang bewegte es sich hin und wieder. In ihrem Frauenabteil I. Klasse war sie allein wie an dem Tischchen vor den überblühten Oleandern in der Domschenke. Nachher, als die blaue Linie schon längst überschritten war, als die heimatlichen Wälder und Bergzüge ferner rückten, und vom Netz der Telegraphendrähte eingefangene, durcheinanderstürzende Dörfer, vergilbte Hecken, entblößte Alleen, Mühlen und Wasser und glitzernde Äcker vorüberflogen, erschien es Amey plötzlich, als stünden die Gesichter von Onkel Rhaban und vom Puppenfranz ihr gegenüber. Und während sie innerlich ihnen zuwinkte und lächelte und mit sehnsüchtigen Händen sie zu bannen versuchte, verschmolzen sie unmerklich zu einer neuen und fremden Kühnheit. – »Die neue Elite!« Amey sah sich um. Hatte jemand, während sie zum Fenster hinaussah, ihr Abteil betreten? – – Nein. Im Gang wanderte ruhelos immer derselbe Offizier. Ein junges Mädchen und ein ebenso junger Mann standen wie zusammengehörig am Fenster. Ein breiter Herr in kariertem Anzug überschüttete einen schmalen Fröstelnden wichtig und lebensgefährlich mit irgendeiner Patentsache. Da entsann sich Amey zum erstenmal wieder des Namens: Don Lund. Ihr Blick weitete sich. Sie empfand diese seltsame Spannung, obwohl ihre Unterlippe sich ein wenig vorschob und ihr seiner Kopf auf dem schlanken Hals sich leicht abwehrend hin und her bewegte. Sie verträumte sich. Sie bemerkte weder die asthmatische korpulente Dame, die einstieg, noch daß der kleine Kellner des Speisewagens zum Mittagessen eingeladen hatte. Als sie viel später wieder hinaussah, schien sich der Horizont verdunkelt zu haben. Die Schienenstränge vervielfachten sich. Sie verwirrten sich ineinander und glitten dennoch wie Adern und nach bestimmten Gesetzen in kunstvoller Regelung alle dem einen und noch verborgenen Ziel entgegen. Züge stürzten sich vorüber wie ausgestoßenes dunkles Blut, und andre versuchten den Zug Ameys zu überrasen, hingesaugt von dem gleichen unersättlichen Munde. Amey fühlte ein leises Frösteln. Zugleich zuckte ihr Puls. Sie stand auf. Und wie sie gegen einen wütenden Zugwind in der Fahrtrichtung aus dem Fenster sah, erblickte sie ein Ungeheures, wie es sich am befleckten Horizont auftürmte, wie eine Bedrohung und ein Locken zugleich: Berlin . – Der große Bruch Das Pensionat in einer der vornehmen und stillen Straßen von Berlin W., das Amey gewählt hatte, wich letzten Endes nur wenig von denen ab, die sie in Florenz, Rom, Paris oder München kannte. Ob ihr hier an der Mittagstafel die Offenbarungen kommen würden? Eine Exzellenz hatte Amey zu ihrer Rechten. Er war Minister in einem der mittleren Kleinstaaten. Außerdem gehörte seine Familie zu den Reichsunmittelbaren. Man hatte ihm seine Platzkarte für die erste Reihe rechts zur Hand Gottes gleich in seine 200 Jahre alte Barockwiege gelegt. Von der Hofsonne und seiner eigenen Aura geblendet, hatte er die Menschen immer nur in dem sanften Dunstblau der Niederungen erblickt. In ihrem nahen und natürlichen Zustand kannte er sie kaum. Die Wahrheit zu sagen, wäre ihm ihr natürlicher Zustand ebenso geschmacklos erschienen, als wenn er sich ohne Präpendenzkreuz und Ordensband zur Hoftafel begeben hätte. Fräulein Fink hatte ihm den Oberhofprediger gegenübergesetzt, den Herrn mit den kleinen, ausnehmend klugen Augen, den schönen gepflegten Händen und dem schmallippigen Mund ohne jede Schwingung in dem glattrasierten Diplomatengesicht. Vielleicht war Amey als Nachbarschaft nicht ganz so glücklich gewählt. »Wie werde ich diese beiden Gefestigten erschrecken,« dachte Amey, »mit meinem Primitiven! Wohl bin ich feige, aber was hilft das, wenn man mit Impulsen behaftet ist!« Und so kam es, daß gerade, als der Minister etwas vom Dreiklassenwahlrecht sagte, und wie der Himmel ganz augenscheinlich noch einmal die Sache der Konservativen gestützt habe, daß Amey von einem kleinen Teufel geritten wurde, der sie mit unschuldigen Augen und mit ihrem zärtlichen Lächeln fragen hieß, ob nicht der Gott der Konservativen mit dem der Sozialen sich des öfteren ein wenig in den Haaren läge. Der Minister hätte vom Gesichtspunkt der Barockwiege aus diesen Einwurf eigentlich als peinlich und befremdend durchaus ablehnen müssen. Aber von dieser Wiege unabhängig hatte er sich in aller Stille zu einer wenngleich exklusiven, so doch ganz fest umrissenen Persönlichkeit ausgebildet. »Ich glaube behaupten zu dürfen, daß Sozialismus und Atheismus wohl nur zwei Namen für die gleiche recht diesseitige Angelegenheit sind«, sagte er und stieß dabei ein wenig mit der Zunge an. Aber er hatte diesen Naturfehler so kunstvoll zu verwerten gelernt, daß er mehr wie ein Reiz wirkte. Er lächelte verbindlich. Nur seine Augen blieben schwermütig. »Wenn die Inkompetenz einmal ans Ruder kommt, werden alle, die der Masse jetzt das Wort reden, sich an die Köpfe fassen. Und die sogenannte Befreiung dürfte sehr deutlich an Helotentum erinnern. Wenn erst jeder Politik machen darf, wird er sehr bald für seine Tasche politisieren. Kanaille bleibt Kanaille.« – Es war keine Schwermut mehr in seinem Blick. – So hatte sein Vorfahr ausgesehen, wenn er für den frierenden Holzdieb seiner meilenweiten Wälder das Halseisen befahl. »Mit Politik sollte sich nur der Berufene beschäftigen dürfen. Leute mit Sinn für das historisch Gewordene und mit Verantwortungsgefühl. – Übrigens muß man so etwas im Blute haben. Überlegenheit läßt sich nicht züchten!« Als entsänne er sich, daß an dieser Tafel vielleicht nicht jeder sein Blut bis zu den Kreuzzügen hin rückwärts bestimmen konnte, gab er dem Oberhofprediger einen schnellen Blick. Aber die Generalin Wesenberg hatte jenen ausschließlich mit Beschlag belegt. Der Minister riß seinen ausnehmend langen und schmalen Oberkörper, der zum Zusammensinken neigte, energisch und befreit zusammen. Eine Formverletzung hätte er sich nicht vergeben. »Verzeihung, Baronesse!« Mit einem hinreißenden Lächeln wandte er sich zu Amey. »Ich verirrte mich in Ihnen allzufern liegende Gebiete . . . War es nicht eine kleine Blasphemie, mit der Sie mich vom Wege ablockten?« Amey fühlte die rote See im Nacken. Wenn ein Fehdehandschuh, gleichviel, ob es ein dänischer war, achtknöpfig, parfümiert und ganz der Abdruck einer feinen, verwöhnten und oft geküßten Frauenhand – immerhin aber doch ein Fehdehandschuh – wenn er nun mit einem solchen Lächeln aufgehoben und zurückgereicht wurde . . . War das am Ende nicht ein wenig zum genieren? Aber während der Minister etwas Entzückendes über die Burg sagte und über die weit bekannten Sammlungen Onkel Rhabans, mußte Amey immerfort denken: »Das historisch Gewordene – die Überlegenheit des Blutes – und . . . mein Gott!« Onkel Rhaban hatte sich in dieser Weise niemals geäußert. Daß er sich trotzdem stark damit beschäftigte, hatten seine Tagebücher verraten. Aber Amey hatte die Empfindung, daß der Minister sich eben hatte hinreißen lassen. Er faßte seine Beredsamkeit in diesem Punkt als Entgleisung auf. Sie durfte nicht Vorteil daraus ziehen und ihn weiter aus sich herauslocken. – Und ehe sie sich entschließen konnte, was sie durfte und was nicht, war der Minister bereits aufgestanden. Er verabschiedete sich von Amey in dieser besonderen Art, die ritterlich war und zart, wie von einem Kavalier der alten Schule und die eine feinste, Amey so wohlbekannte Huldigung ausdrückte. In einer Stunde reiste der Minister. – Die Generalin Wesenberg schien nur darauf gewartet zu haben, daß Ameys Aufmerksamkeit frei würde. Ihre weit aufgerissenen braunen Puppenaugen standen samt dem lächerlich kleinen Mund eigentlich ganz unbegründet in dem Gesicht mit den flächigen Wangen. Die Generalin sagte soeben etwas über Zigarettenarbeiterinnen. Es konnten auch Handschuhnäherinnen sein, sie wußte es selber nicht genau. Sie wollte ihnen heute abend einen Vortrag halten. Ameys Gedanken waren noch bei dem Minister. Dennoch staunte sie. Nicht so sehr deswegen, weil in ihrer Familie Frauenvorträge noch nie erörtert worden waren. Oder weil bei den Hellbergs bis dahin die Funktion der Frau eigentlich nur im Schönsein bestanden hatte. Sie mußte denken: »Die armen kleinen Mädchen! Um des Himmels willen, sie haben gewiß eine Menge zu tun gehabt tagsüber und würden nun gern mit ihresgleichen vergnügt sein. Statt dessen sollen sie dieser guten Generalin zuhören, Ein wenig wirkt sie immer wie Schlafpulver. Und nun – über den Einfluß der Familie auf Staat und Kirche!« Amey pries sich glücklich, daß sie nicht erwählt wurde, über die Bedeutung so großer Worte sich zu äußern. »Alles ist Gnade,« sagte in diesem Augenblick die Generalin und nahm eine Gabel voll Mayonnaise. »Ich hätte früher niemals gedacht, daß ich imstande sein würde, öffentlich auch nur einen Satz zu reden. Aber heutzutage gibt es doch kein Seitabstehen mehr für Frauen unserer Stellung und . . . ich muß wirklich sagen,« – sie sah sich glücklich im Kreise um – »wem der Herr ein Amt gibt, . . . Und wenn man dann fühlt, wieviel Gutes man wirken kann!« »Ich tue ihr Unrecht«, dachte Amey reuevoll. »Sie hat so viel religiöses Empfinden wie ein Walfisch. Aber sie ist wirklich überzeugt von ihrer Mission. Was kann man mehr verlangen? Ja . . .« sie seufzte. Gerade da entstand am unteren Ende des Tisches eine leichte Erregung. Das servierende Mädchen flüsterte mit der Pensionsinhaberin, die um Entschuldigung bat und mit ihren lautlosen Mäuschenbewegungen das Zimmer verließ. »Ihr Essen wird wieder kalt werden«, sagte Amey zu ihrem Nachbarn zur Linken. »Oder sie wird gar nichts bekommen.« Der Kammerherr sah sie entgeistert an. »Wie meinen, Baronesse?« Man hörte Stimmen draußen. Im Erker wurde behutsam eine Anzahl Gedecke gelegt. Als Fräulein Fink zurückkam, machte sie mit einer ihrer so überaus höflichen und zugleich ängstlich zusammengerafften Gesten die Speisenden damit bekannt, daß die Tafelrunde um eine Anzahl neuer Gäste vermehrt werden würde. »Wohnen denn nicht alle Leute, die bei Hofe ausgehen wollen, traditionell im Windsor?« fragte Amey den Kammerherrn. »Es gibt Ausnahmen, Gnädigste!« Der Kammerherr schien innerlich in Anspruch genommen. Man legte in seinen Kreisen Wert auf sein künstlerisches Urteil. Er hatte selber ein Bändchen Gedichte herausgegeben, bei einem jener Verläge, die sich vom Autor die Herstellungskosten, phantasievoll nach oben abgerundet, voraus bezahlen lassen. Außer in einigen Agrarzeitungen hatte die Kritik keine Notiz davon genommen. Der Kammerherr pflegte seit Jahren mit dem Büchlein in Goldschnitt kleinere Verpflichtungen auszugleichen. Aber jedes neue Talent, das eine seiner sechs Zeitungen feststellte, gab ihm ein kleines Gallenfieber. Nun – etwas ganz Tolles war passiert. Irgendein Bekannter hatte ihm das Bild eines jungen Künstlers zugeschickt, den er ein wenig lancieren möchte. Der Kammerherr, der außerhalb seiner literarischen Belastung ein feiner und gütiger Mensch war und nach dem Maß seiner bescheidenen Mittel half, wo er helfen konnte, wurde verfolgt von diesem Bilde. Auf Schritt und Tritt. Es war keine jener wilden Klexereien, die er verabscheute. Sondern sauber, fast peinlich ordentlich gemalt, stellte es eine Straße dar, trüb, mit himmelhohen Häusern, die schief und krumm alle durcheinander zu stürzen schienen. Dies Bild war gräßlich. Oder es war ganz und gar verrückt. Der Kammerherr beratschlagte soeben mit sich, ob er die Baronesse Hellberg, die, wie er schon herausgefunden hatte, künstlerisches Urteil und Geschmack besaß – wenn auch vielleicht ein wenig extrem – ob – er sie ins Geheimnis ziehen sollte. Amey ahnte nichts von des Kammerherrn ehrenvollen Absichten, sie betreffend. »Dies sind sicher lauter märkische Grundbesitzer« dachte Amey. »Sie sind so sehr fadengerade. Und an ihren Toiletten kann man es auch merken, daß sie alle auf ow endigen oder zu den Trebbins und Welgenthins und solchen gehören. – Wie hübsch muß es gewesen sein . . .« Amey verträumte sich – »als sie sich in ihren Raubnestern einmal gegen die faule Grete stemmten. Aus dieser Romantik sind jetzt ein wenig nüchterne Landhäuser geworden. Aber sie haben noch immer ihre alten Seen. Und dann sind sie doch die Essenz alles adligen Wesens und die Pfeiler von Kirche und Thron. Uns andere sehen sie doch ein bißchen als nicht ganz comme il faut an. Ob das gute Fräulein Fink nur plötzlich soviel mehr zu essen hat?« Ameys Augen gingen zum Oberhofprediger, der mit seiner Nachbarin in ein Gespräch über die sittliche Verwahrlosung auf dem Lande vertieft war. Wie ein Mann von Welt verstand er die unmöglichsten Dinge fein zu verwolken und gesprächsfähig zu machen. »Er ist klug«, dachte Amey. Pfarrer Bruns stand plötzlich vor ihr. Sie erblickte ihn in einem kleinen griechischen Grabtempel, der ganz voll war vom Geruch der Wachskerzen und Treibhausblumen, als dieser schmale zinnerne Sarg dort aufgebahrt stand. Ihre Lippen bebten. Sie hatte das qualvolle Verlangen, mit jemandem zu sprechen, der Onkel Rhaban gekannt hatte . . . Sie sah sich in diesem niedrigen Pfarrhaus hinter den gekappten Linden, die der Westwind nicht wachsen ließ. Draußen, in schöner Entfernung voneinander, wohnten Menschen, die Gesichter hatten wie aus Holz geschnitten, und die Zeit brauchten von einem Satze zum andern. Drinnen brodelte der Kessel auf einem messingenen Kohlenbecken, das schon ein paar hundert Jahre lang diesen Kessel zum Sieden gebracht hatte. Ein Mädchen, mit Scheiteln dunkelgelb wie reife Felder, ging auf und nieder mit großen und ruhigen Bewegungen . . . »Nein«, dachte Amey plötzlich. Sie mußte etwas herunterschlucken, was ihr hoch und schmerzhaft im Halse saß. »Es wäre Fahnenflucht.« »Kennen Sie Huysmanns ›Là-Bas‹?« Amey mußte sich erst sammeln. »Ich glaube, mein Onkel Rhaban schätzte den Roman.« Sie empfand irgendeine heimliche Abwehr gegen Gespräche mit Frau von Wickede, ohne daß sie einen Grund dafür hätte angeben können. Vielleicht war es das Gesicht. Es war archaistisch langgezogen mit fast weißen und auffallend hochgewölbten Brauen über eigentümlichen Augen. Man hätte sich einbilden können, man sähe durch den Kopf hindurch. Der Körper war scheinbar in lauter Schleier und Tücher sehr weichen Falles und raffinierter Farbenzusammenklänge hineingeschlungen. Frau von Wickede bat, ihr diesen Roman leihen zu dürfen. »Ich werde Ihnen sehr dankbar sein«, sagte Amey höflich und abwesend zugleich. Sie nickte liebevoll einem jungen Mädchen hinüber, das mit schwärmerischen Augen an ihr hing. Es war ein ausnehmend unschönes Fräulein von Gärtnern. Ihre Eltern behaupteten trotzdem, daß sie an Ninon von Lenclos erinnerte. »Groß ist die Macht des Suggestiven«, dachte Amey mit innerlichem Vergnügen. »Auch mich haben sie fast so weit. Ich kann mir die arme kleine Anita nur noch umglüht vorstellen, bis zu ihrem – ich glaube – vierundsiebzigsten Lebensjahr!« Und während Frau von Wickede mit ihren sonderbaren Augen Amey ansah und etwas von Paracelsus sagte, oder war es Swedenborg? Und der Kammerherr gerade zum Entschluß gekommen war, Amey in das Geheimnis des Bildes mit den schiefen Häusern einzuweihen – gerade da schien das Ereignis dieses Tages eintreten zu sollen. – Noch einmal wurde Fräulein Fink beunruhigt, und jetzt entstand am Tischende ein leises Aneinanderschieben der Gedecke. »Exzellenz Yukujama«, sagte Fräulein Fink wieder mit dieser bestimmten Armbewegung, die sich jetzt aber über ihre Ängstlichkeit hinausgeschwungen hatte und stolz und bedeutend war. Ein japanischer General war schließlich doch immerhin etwas. – Amey sah glücklich zu ihm hin. »Kokoro«, dachte sie. Aber als sie vom Tisch aufstanden, wußte Amey bereits, daß sie auch hier sich resignieren mußte. Der General kam nicht aus dem Japan der Samurai, des Schinto, der priesterlichen Geisha. Er entstammte der Epoche, die mit Mukden und Port Arthur beginnt. Er war einer jener, wie sie auf unsere Universitäten und technischen Hochschulen kommen, auf unsere Werften, in unsere Fabriken, zu Krupp und zu Zeiß, und in denen das alte Japan zur Legende wurde wie für uns das Deutschland vor 70 und 71. – – –   Als Amey an diesem Nachmittag mit sich beratschlagte, ob sie am Abend in ein Konzert gehen sollte, oder dieses Stück von Georg Kaiser ansehen, über dessen Lektüre der Kammerherr ganz erblichen war und das einen fremdartigen und geheimnisvollen Zauber auf sie selbst ausübte, gerade da wurde vom Zimmermädchen eine Karte bei ihr abgegeben: »Lydia Mendel.« Mein Gott, Lydia. Amey erschrak. Sie hatte wirklich vollkommen auf sie vergessen. Aber es war ihr von Kind auf eingeschärft worden, nur in den alleräußersten Notfällen ihres Lebens Gebrauch von einem Nein zu machen. Sie seufzte ein wenig. »Ich lasse bitten«, sagte sie. Und während sie auf ihren Besuch wartete, stand wieder diese eigenartig beklemmende Szene in der Pension Rosetti in Rom vor ihren Augen, wo sie Lydia Mendel kennenlernte. Amey hatte aus dem Speisesaal kommend das Stockwerk verwechselt. Als sie ihre vermeintliche Zimmertür öffnen wollte, schien es ihr, als hörte sie von drinnen einen klagenden Schrei. Sie entsetzte sich und begriff nicht. Aber im sichern Glauben an ihr eigenes Zimmer öffnete sie. Ein schwüler Geruch, wie er in den Kleidern von Haremsfrauen zu Hause ist, schlug ihr entgegen. Das war der Geruch, der immer um Lydia Mendel war. Lydia stand mitten im Zimmer. Ihre Augen funkelten böse und lustvoll. Sie hatte den Zeigefinger erhoben, der Amey durch einen riesigen Smaragdring verletzte. Auf dem rotsamtnen Taburet vor Lydia saß in bittender Stellung aufgerichtet ein winziges schneeweißes King Charleshündchen. Der kleine Leib und die seidenen Pfötchen bebten. Hatte Amey recht gesehen? War unter dem hängenden Ohr ein roter Fleck? In diesem Augenblick bückte sich Lydia. Sie griff das Hündchen, drückte es zusammen wie einen Ball, schleuderte es in einen seidegefütterten Korb und lachte. Als sie sich hastig umkehrte, sah Amey, daß ihre Füße nackt waren. Der große Zeh steckte in einem goldenen Futteral. – Während Amey in ihren Gedanken Lydia mit den nackten Füßen und den goldenen großen Zehen vor sich sah, trat die heutige Lydia in einer raffiniert eleganten Wintertoilette in ihr Zimmer. »Ach«, dachte Amey und sie fühlte, wie ihre Brauen sich schmerzlich in die Höhe zogen. Was war es doch nur mit diesem Körper! Warum machte er ihr soviel Unbehagen? Es war eigentlich ein zierlicher Kleinmädchenkörper. Nur Hüften und Brust waren reif. Aber dieser Körper hat eine unbeschreibliche Fähigkeit, sich dem andern ins Bewußtsein zu bringen. Ob Lydia Chiffon trug oder Seide oder diesen Mantel aus Seal: immer sah man nur ihren Körper. »Amey«, rief Lydia in diesem Augenblick. – Als die Bedeutung der kleinen blauen Halbmonde am Grunde der polierten Nägel Lydias Amey aufgegangen war, hatte Lydia ihr diesen Namen abgerungen. – »Um Gottes willen nicht rühren! Eine Viertelwendung nach links den Kopf, bitte.« Noch immer hatte Lydia diese hohe eigensinnige Kinderstimme. »So. – Gerade so standst du damals vor dem Adorante in den Thermen. Rechts Tizian, bis in die Wimpern. Aber links warst du braun wie ein Velasquez.« »Bitte«, sagte Amey. »Ja, aber siehst du denn nicht, wie unbegreiflich dies alles ist?« Lydia beachtete die verborgene Abwehr nicht, oder sie hatte sie gar nicht empfunden. »Du bist doch eigentlich Botticelli, oder Burn Jones? Dio mio, was bist du zuletzt?« Sie musterte Amey wie ein Ausstellungsstück. »Du mußt in mein Atelier kommen. Ich habe da allerlei zusammengetragen, Archaistisches, Gotik, Japan, den Orient. Und Sachen von heut . . . . Du bist der Stilbruch aus zwei bis drei Richtungen. Du bist nicht gestern, und du bist nicht heut. – Mein Gott, bist du morgen?« »Bitte.« Amey warf sich erschöpft auf den niedrigen Sessel. Lydia hockte sich neben Amey auf die Lehne. Sie schien nicht zu bemerken, daß Ameys schmale Gestalt sich immer enger in sich selbst zusammenzuraffen schien. – Nein, daß sie Amey ausgetüftelt hatte! Durch Eisenhardts über die Baronin Borgh. – Sie war halb krank gewesen vor Sehnsucht. »Trotzdem hast du zwei Jahre lang nichts von dir hören lassen.« Amey lächelte mühsam. Nach der Einleitung ihres Gesprächs wagte sie nichts mehr über Kunst zu sagen. Und dies war das einzig mögliche Thema zwischen ihr und Lydia. »Nach ihren Leuten kann man nicht fragen«, dachte Amey unglücklich. Der Großvater, dessen Heiratsakten nicht ganz einwandfrei schienen und mit dem Lydia damals in Italien reiste, war bald danach gestorben. Sie war auf St. Domingo geboren. Ihre Mutter hatte als schöne und ziemlich umfangreich gewordene Witwe in zweiter Ehe einen Berliner Zigarrengroßkaufmann geheiratet. Im Grunewald gehörte ihnen eine prachtvolle und stillose Villa. Aber Amey glaubte zu wissen, daß Lydia im Innern Berlins irgendwo ein Atelier besaß. »Ich habe eine Leidenschaft.« Lydia war aufgestanden. Ihre Brauen stellten sich schräg und scharf. Sie fing an, im Zimmer hin und herzugehen. »Das Sonderbare ist seine Jugend. Auch inwendig. Trotz aller Geisteskultur. Er weiß noch gar nicht, worum es sich handelt. Darin liegt der Reiz für mich.« Ihre Augen kniffen sich ein. Die Pupille verengte sich zu einem senkrechten Strich. Das Skrupellose ihres Gesichts, wie Onkel Rhaban es einmal genannt hatte, konzentrierte sich im Unterkiefer. Plötzlich hielt sie inne auf ihrem raubtierhaft eingekerkerten Hin und Her. »Du«, schrie sie plötzlich. Ihre Nüstern wurden saugend und unschön. »Du wirst mir helfen! Thomas Vernow muß wissen, daß du meine Freundin bist!« Sie überfiel Amey mit jäher Zärtlichkeit. »Freundin?« dachte Amey. »Ich werde kommen, ja.« Ihr Herz schlug wie ein Vogelherz. Sie hätte ebensowohl versprochen in diesem Augenblick, in einen glühenden Krater zu springen. Als Lydia fort war, öffnete Amey beide Fenster. »Den ganzen Orient hat sie mir hier gelassen.« Ihre zarten Nasenflügel bebten, wie sie die versehrte Großstadtluft in tiefen Zügen und als Befreier einatmete. »Freundin?« dachte sie noch einmal empört. Es gab Geschichten in Tausend und eine Nacht. Als Kind konnte man sie nicht verstehen. Verstand sie sie jetzt? Amey fühlte im Nacken die rote See. – Wie wunderbar war das. Es blieb immer das gleiche. Die Leute auf der Burg, die Dorfleute, und wen sie auch sonst gekannt hatte: bis zu einem Punkte kamen sie immer. Bis zu einem Punkte nahmen sie sie mit. Aber plötzlich verstummten sie und sahen sie an. Dann bekamen sie alle das gleiche und sonderbar behutsame Lächeln. »Nun, und hier?« dachte Amey. Die Generalin mit den Vorträgen erweckte geringe Hoffnungen. Wenn man sie zehn Jahre mit Handschuhnäherinnen zusammensperrte, sie würde doch immer nur von ihrer Mission reden und von den kleinen Mädchen keine Ahnung haben. Die mystische Frau von Wickede schien über allerlei Erfahrungen zu verfügen, aber ihre Wege dazu waren Amey unsympathisch. Der Herr Oberhofprediger müßte doch einiges wissen vom Leben. Erstlich sollte es sich so gehören für ihn. Und dann, wie er z.B. gestern so manches sagte, vielmehr nicht sagte . . . Aber fragen konnte man ihn doch nicht gut . . . An diesem Abend bei Tisch aber sollte Amey ein Fingerzeig kommen, und zwar aus einer Richtung, von der sie es sich niemals erträumt hätte. Der neu angelangte Oberhofjägermeister, einer der Märker auf ow, ließ ein Wort fallen, das augenscheinlich nicht für das Ohr der Damen bestimmt war. Frau von Wickede hatte ebenso wie Amey einen Satz aufgefangen. Als sie ihre spektralen Augen, von denen Amey neuerdings überzeugt war, daß sie sie künstlich umrandete, unschuldig und wissend zugleich auf den Oberbürgermeister heftete, gab dieser höflich und unwiderstehlich dem Gespräch eine andere Richtung. So viel aber hatte Amey begriffen: es handelte sich um eine Frau ihrer Kaste. In einem wogenden Hut und besonderer Toilette war sie zu einer besonderen und späten Stunde auf der Friedrichstraße gesehen worden.   Amey hatte für diesen Abend vor, eine viel besprochene Tänzerin zu sehen. Sie war bereits dafür angekleidet. Aber automatenhaft, und als gehorche sie einem fremden Befehl, entnahm sie jetzt ihrem Schrank einen Sammetmantel. Er war bronzebraun oder grün, wie die Wälder zur Zeit der großen Verwandlungen, und mit einer Seide von einem schweren, feuchten Rosa gefüttert. Sie nahm den großen weichen Sammethut von der Farbe des Mantels, in den sich zwei Chrysanthemen von diesem gleichen schweren, feuchten Rosenrot schmiegten. In dieser Toilette, die für den hohen Tag gedacht war, stieg Amey in die Droschke. – Tänze? Amey staunte. Sie hatte die Duncan tanzen gesehen, Ruth St. Denis, die Sent Mahesa, Rita Sachetto, alle, die als Stars in dieser Kunst genannt wurden. Aber wenngleich in höchster Vollendung, waren das immer nur Menschen gewesen, die tanzten. Dies? – Die Fischhaut kroch Amey über den Rücken. War eine arme, nackte Seele aus dem Sarge gestiegen? Eine Seele, die sich niemals ausgesagt hatte? Kam sie hierher, in ihre Grabtücher gewickelt, vom Diesseitigen gezwungen und das Jenseitige bereits im Auge? Oder – war das auch vielleicht ihre eigene Seele, die aus ihr hinausgegangen war und sich aussagte? Amey raffte den kostbaren, mit Silber gestickten Schal enger um die Schultern. Eine neue Nummer begann. Auch die Tänzerin trug jetzt ein reiches Kleid von dem Bronzegrün, wie der Wald zur Zeit seiner Verwandlungen. Wenn es sich beim Tanz in Falten und Kurven aufwarf, schmiegte das Unterkleid von demselben feuchten und schweren Rosa, wie Amey es trug, sich um die schlanken, rassigen und entblößten Beine. Allegro con brio. – Ja, – so – gerade so mußte es sein, wenn es über einen herfiel: – Stürmen und Demut, Rausch und Stille – hingeschmiegtes Verlorensein: Ein Bild stand plötzlich vor ihr. Eins von jenen, die mit einer neuen Sprache reden: Die Windsbraut von Kokoschka. Der Mann und die Frau, die in der Wolkenmuschel ruhten. Um sie brauste und brandete es in grünen und grauen Wolkenseen, von glühweißen Gischten zornig überzackt. Die Hölle war um sie her. Aber was vermochte die Hölle über sie! Was vermag der Sturm über den Herrn des Sturmes! Für ihn und seine Braut waren diese abgründig ultramarinblauen Himmelstiefen, zwischen dem Klaffen der grauen und grünen Seen. So ultramarinblau, so abgründig und selig war ihr Traum, den sie träumten in ihrer Hochzeitsnacht in der Wolkenmuschel, während die wilden Hunde um sie her bellten und tosten und auf den gesträubten wilden Mähnen ihrer Rücken ihres Herrn Schlummer trugen. Ihres Herrn und seiner Geliebten. Ameys Augen sahen weit. »Das Wunder?« dachte sie. »Wird jetzt das Wunder geschehen?« Aber wie sie so dachte und auf das Ungeheure wartete, das nun kommen mußte, den letzten Aufstrom und das ganz und gar Grenzenlose . . . Was geschah? Was für ein kühler, spitzer Luftzug? Welches feindliche weiße Licht? Etwas lächelte, mit heruntergezogenen Mundwinkeln. Was bedeutete das? Sah man sich vielleicht im Spiegel zu, wenn? . . . Mein Gott, wer registrierte denn da! Wer legte denn fest, in unanfechtbaren Sätzen? Amey starrte mit weit geöffneten Augen auf die Tänzerin. Lachte sie über sich selbst? Diese da? Die Seele? Lachte sie über ihre süßen Verlorenheiten? Wie sie plötzlich ging, mit kleinen, bewußten Schritten und aufgespreizten Fingern, die Augen kühl und überklug. »Ich wußte es«, dachte Amey. Sie zitterte an allen Gliedern. »So mußte es kommen. Der Baum der Erkenntnis! Der Zweifel! Und jetzt zerfleischt sie sich.« Das feuchte Rosa der Unterkleider wurde von Lichtwerfern bepurpurt. Wie blutige Fahnen zischte es um die entblößten Beine. Sie rasten und flüchteten. Aus der großen Not stürzten sie sich in die größere, bis das jähe Stehen kam: »Wie wichtig du dies alles nimmst. Wie wichtig du dich selber nimmst!« Dann hängte sich die große Ermüdung an den Schritt, das Schleppende und das Ziellose. Amey fröstelte. Sie sah sich um. Als ihre Augen suchten, trafen sie zwei andere in der Reihe hinter ihr. Eigentlich waren es blaue, geschliffene Augen, aber sie erschienen matt, wie Stahl unter dem Hauch eines Mundes. Riefen sie diese zwei Augen? Amey hatte nicht Zeit, darüber nachzudenken. Drüben an der Saalwand hielt ein Gesicht sie fest. Wie kam es in die Stadt, dieses kühne Gesicht von einem warmen, bronzenen Braun? Sie stand unter dem fremden Adel dieses hellen Blickes, an dem nichts vorübergegangen war, dem gar nichts erspart wurde und dem eine tiefe Güte und ein feinstes Verstehen zufiel als Beute vieler dunkler und gefährlicher Fahrten. – Kannte Amey dieses Gesicht? Sie konnte sich nicht entsinnen. Aber es erschien ihr tief vertraut. »Alles erste ist wahr, nicht das letzte«, dachte Amey. »Der Aufstrom, das Wunder und das Ungeheure!« – Sie kehrte sich ab. Beruhigung überkam sie. Glück ohnegleichen. Sie war auf dem Wunschberg. Die Rosen blühten. – – Die verbrauchte Luft, beschwert von dem Atem, den Ausdünstungen und den künstlichen Wohlgerüchen Tausender, wurde plötzlich bewegt durch geöffnete Türen und drängte sich widerlich ins Bewußtsein. Es war Schluß. Amey sah zu der Wand hin. Sie sah das Gesicht nicht mehr. Der grell erleuchtete Saal erschien ihr plötzlich dunkel. Ganz ohne Sinn war alles. Sie ging. Die Augen hinter ihr, die sie vorhin gerufen und nicht wieder losgelassen hatten, empfand sie nicht. Ohne Bewußtheit ihrer Umgebung ließ sie sich ihre Garderobe geben. – Sie stieg in eine Droschke. Über dem Tanz hatte sie vollständig vergessen, mit welchen Gedanken sie vorher gespielt hatte. Plötzlich erinnerte sie sich. Die rote See überflutete ihr Gesicht vom Nacken her. Ein Grübeln trat in ihre Augen, während der Kutscher noch wartete. Und während das Gesicht an der Saalwand plötzlich zum Greifen deutlich wieder vor ihr zu stehen schien, mit diesem strahlenden und wissenden Blick, den sie ewig schon gekannt hatte . . . »Bahnhof Friedrichstraße!« sagte Amey zu dem Kutscher. – – – – – – – – – – *           * * Seit Tagen drückte ein dumpfer Nebel über Berlin. In den Vorstädten war er milchig und grau, nach dem Innern der Stadt zu von einem schweren rauchigen Gelb. Wie eine Schanze türmte er sich zwischen dem Firmament und der Stadt. Jeder Atemzug, jede Ausdünstung, jede Träne und jede Gier, alles ballte sich zusammen unter dieser lastenden Decke. Die geheimnisvolle Atmosphäre der Weltstadt, voll ungezählter Leben und dennoch gespenstisch, die Großstadtnacht, die von Schlaf nichts weiß, stand auf den Straßen. Amey sah das flutende Drängen. Etwas in ihr zog sich zusammen und wich zurück. Etwas andres lockte und rief. Amey stieg aus. »Ich bin nicht mehr Amey von Hellberg«, dachte sie. Ob es allen so ging, die jetzt hier waren? Es schien noch stärker als am Tage, dieses Gefühl, das Berlin ihr immer einflößte: dieses Sich-vollkommen-verlieren. Sie hatte einen Moment gezögert, als die Pferde sich rührten. Etwas wie Ermattung war in ihren Knien. Aber als die Empfindung des Sichverlierens über sie kam, wurde sie plötzlich ganz ruhig. Als ob dies alles sie selber gar nicht mehr beträfe. Ihr Ausdruck entspannte sich. Sie schritt wie in ihren heimatlichen Wäldern, die den Hellbergs gehörten seit Hunderten von Jahren. Wie die Herrin ging sie, die mit allem verwurzelt ist und von allem ein Teil und dennoch ausgesondert und von einem Letzten geschieden. Ob Onkel Rhaban einmal hier war um diese Zeit? – Wahrscheinlich. Es schien so üblich. Sie hatte hin und wieder Andeutungen gehört und hatte manches gelesen in alten und neuen Büchern. Aber eins wußte sie gewiß: er war hier gegangen, wie sie ging. »Er suchte nicht. Vielleicht, daß er gewahrte?« Amey ging weiter. In ihr Herrengefühl, in ihre eigne Fremdheit und in das Lächeln einer Erinnerung verschlossen. Sie war den Männern ausgeliefert. Aber irgendwie konnten sie nicht an sie heran. Die Glaswand war um sie her. Nach und nach fing Amey an zu sehen. Die Auswärtigen erkannte sie. Wichtige und unbescholtene Leute in ihren kleinen Provinzstädten, Rechtsanwälte, Bauleute, Bankbeamte. Sie hatten nur eine Nacht, und sie machten hastige Überschläge, wie diese eine kostbare Nacht auszupressen wäre bis auf den letzten Tropfen. Sie erkannte jene, für die es keine Geheimnisse und keinen Schleier mehr gab und die andern, die noch fiebernd und voll heimlicher Schauder dem großen Rätsel und dem Unbekannten entgegen warteten. Sie wußte nicht, daß kaum einer, der mit seinen Blicken sie berührte, sich einer Erregtheit, eines Wunsches, einer Erschütterung oder einer Sucht erwehrte. Sie wußte nicht, daß viele, die ihr entgegengekommen waren, hinter ihr wieder umkehrten und auf der andern Seite der Straße oder dicht auf ihren Fersen, den Sammetmantel von der Farbe der Wälder zur Zeit ihrer Verwandlungen nicht aus den Augen ließen. »Was ist?« dachte Amey. »Was ist mit mir? Bin ich eine Frau wie andre Frauen? Ich glühe nicht, ich schaudre nicht. Ich warte nur. Immer noch warte ich. Nein,« sagte sie zu sich selber, »der Mann, dieser Mann hier, er kann mir nichts offenbaren.« Vor ihr ging einer. Er schien ohne Hals. Sein Kopf saß tief in gepolsterten Schultern. Die Rechte lag in einer rohen besitzenden Art auf dem Arm eines kleinen niedlichen Dinges von Mädchen. Die andere Hand trug er auf dem Rücken. Sie hatte Finger wie die Goldharken des Croupiers. Als das Gesicht, zu der Hand gehörig, sich zur Seite wandte, sah Amey die Säcke unter den Augen wie bei einem Truthahn und Wulstlippen. Aber das kleine blasse und hilflose Ding an seiner Seite, in dem billigen Mäntelchen und dem wahrscheinlich selbst aufgeputzten Hut? War da nicht Abwehr? Und dennoch irgendein geheimes und grausiges Gesetz? Amey verwirrte sich an den blitzenden Schauläden entlang. Ein paar Mädchen gingen vor ihr. Werfenden Schrittes. Sie hatten hochgeraffte Röcke und seidene, rauschende Unterkleider über stelzenhaften Stiefeletten mit unmäßigen Schnallen. Sie drückten die Brust heraus und wiegten sich in den Hüften. Unter ihren ungeheuren Blumenhüten flimmerten durch Atropin aufgerissene Pupillen. Der Stift hatte ihre mangelhaften Brauen vervollkommnet. Das untere Lid ihrer Augen war von der Natur gedoppelt, wie bei allen Priesterinnen der Aphrodite. Amey hörte sie lachen, dieses künstliche, metallose und auffordernde Lachen, das ein Ziel sucht und sich selber hört. Sie erschrak. Dann sah sie andere. Scheue, mit Augen, die noch von einer Scham gehütet wurden. Angstvoll Wartende, denen der Mann nicht Lust, sondern Brot bedeutete. Und die, welche nach Zärtlichkeit verlangten, oder nach Taumel und Brünsten und silbernen Peitschen. Sie sah die freiwillig gekommen waren, die ein Schicksal trieb und die ganz Schamlosen und ganz Verzweifelten. – Sie fühlte ihr Herz sinken. »Bin ich entartet?« dachte sie. »Sind es uralte Instinkte, die mich jenen nahebringen?« Ihre Füße wurden schwer. »Nein! Nein!« Und plötzlich schien es ihr, als ob ein feines Klirren durch die gläserne Wand ging, die sie von den letzten Dingen schied. In dem Augenblick, als sie hilflos wurde und nicht mehr geschützt war in ihrem Unberührten – wurde sie angeredet. Sie stand wie ersteint mitten im Menschenstrom. Entsetzen trat in ihre Augen. Das Gewühl um sie her fing an sich zu stauen. Sie sah etliche der verschminkten Gesichter mit aufdringlicher Neugierde sie anstarren, und sie empfand den Atem von Männern, die getrunken und geraucht hatten. Die Tränen traten ihr in die Augen. Dem Mann, der sie angeredet hatte, stieg plötzlich eine feine Röte in die Wangen. Es war ein junges, anziehendes Gesicht. Nächte hatten schon Schatten unter die tiefliegenden Augen gemalt. Aber nicht Nächte dieser Art. Seine Blicke sprangen hervor wie auf Beute. Im nächsten Augenblick aber schon hatten sie sich zurückgenommen. Sie erschraken, staunten demütig, wurden schamvoll und bedrängt. Amey empfand ihn plötzlich nicht mehr als Angreifer, sondern als Retter. »Ein Auto.« Er verneigte sich. Im nächsten Augenblick fühlte sie einen jungen starken Arm, der ihr Wanken stützte, wie sie einstieg. »Verzeihung, gnädige Frau«, sagte jemand neben ihr. Der Tonfall hatte etwas Dringliches und schmerzhaftes, trotz der schamvollen Kargheit der Worte. Sie nickte. Sie lächelte. Dieses zärtliche Lächeln, das jedem Mann den Sinn verwirrte, und von dem sie selber nichts wußte. »Gehen Sie heim«, flüsterte sie. »Wir verirrten uns.« Aber ehe sie noch vollendete, kam ein Blick zu ihr . . . »Darf ich nie wieder . . .?« Jemand stammelte, über ihre Hand gebeugt. In demselben Augenblick erklang die Hupe. Das Auto kurbelte an, und ehe Amey Antwort geben konnte, brauste es durch den Nebel, der gelb wie Bernstein und voller Geheimnisse war. Aber während um Ameys Lippen noch das zärtliche Lächeln träumte, sah sie noch einmal drüben auf der Straße das blasse, kleine hilflose Ding in dem billigen Mäntelchen. Die Finger wie Goldharken lagen brutal und besitzerisch auf dem kindlichen Arm. – »Wie feige ich bin«, klagte plötzlich Amey. Sie verschlang schmerzhaft ihre Hände und fühlte ihre Tränen stürzen. »Vielleicht hab' ich nicht viel Böses getan bisher. Aber – oh – wieviel Gutes zu tun habe ich unterlassen.« Am anderen Morgen war Ameys Kopfkissen naß. Diese Träume waren grausig gewesen. Ging es nicht um das kleine Mädchen in ihren Träumen? – Aber dann war da plötzlich ein Gesicht. Amey versonnte sich, als sie versuchte, es sich vorzustellen. Es gelang ihr nicht. Aber sie empfand es wie die Wärme ihres Blutes und wie das Herz ihres Herzens. Sie lag plötzlich weit wach. Der Mann, der sie angesprochen hatte? . . . O nein. – – »Im weißen Schnee . . . Im grünen Klee« . . . Sie sang beim Ankleiden? In einem fremden Hause? Sie errötete und lachte klingend und leise. Sie ging auf und nieder in ihrem Zimmer, wie in ungeduldiger Erwartung eines Glückes. Plötzlich blieb sie stehen. »Ihr Armen!« sagte sie. Ihre Stimme bebte in leidenschaftlicher Ergriffenheit. – »Ihr Ärmsten!« Aber immer blieb eine starke jubelvolle Hoffnung bei ihr. – Nachher klopfte es. Das Zimmermädchen brachte Amey ihre Post. »Oh!« Ein riesiges Kuvert, flammend rot, als hätte die Hölle eine Papiermanufaktur aufgemacht, mit der eigensinnigen Kinderschrift Lydias. Ameys Brauen zogen sich gequält und ergeben zusammen. Als sie gelesen hatte, tauchte sie ihre Fingerspitzen noch einmal in ihr Waschwasser. »Komm heut«, schrieb Lydia, » ich beschwöre Dich. Du mußt. Thomas Vernow kommt heut. « Lydia hatte ihr Atelier nicht in ihrer Wohnung, sondern in einem der belebtesten Teile der Königstadt. Es schien, als habe sie eine Lage gewählt, wo eines Menschen Tun und Treiben am wenigsten der Beobachtung ausgesetzt wäre. Es war eines jener alten Berliner Häuser unverwischbaren Zaubers, wie sie in der Nähe der französischen Kirche um anderthalb Jahrhundert rückwärts führen. Es war nur zwei Stockwerke hoch. Mit messingnem Türklopfer, weitem, hohem Flur mit stuckierter Decke und einer breit ausladenden, zurückhaltend gewundenen dunklen Eichentreppe. Um Lydias Dienerin war etwas Unheimliches. Ihr Blick war ergeben und stumpf wie der eines Tieres, vom Menschen unterjocht, aber um ihre Mundwinkel geisterte ein kleines, listiges Lächeln. Sie beantwortete die Frage Ameys mit einer Verneigung. Sie trug nicht die übliche schwarze Tracht der Hausmädchen. Ein raffiniert altmodisches Kostüm unterstrich grell ihre groteske Häßlichkeit. Sie wirkte wie eines jener unglücklichen Wesen, die frühere Jahrhunderte Herrschaftshöfen zuerteilten, zur Übung der Launen der Gebieterin. Übrigens hatte sich ihr Geist verwirrt, als der Mann, von dem sie sich geliebt glaubte, ihr eine Zeitung schickte, in der seine Heirat mit einer andern angezeigt war. Ein Zufall hatte sie mit Lydias Vorliebe für das Monströse und Unheimliche in Berührung gebracht. Die Stumme hielt sich für die Sklavin Lydias und diente ihr bis zur Entwürdigung. Wenn sie lichte Augenblicke hatte, rächte sie sich. Dann zerschnitt sie kostbare Kleider oder zerbrach Vasen. – – – Ein wunderliches Funkeln trat in Lydias gelbe Augen, während sie sorglos und mit kleinen amüsanten Zwischenbemerkungen dies alles vortrug. »Um Gottes willen!« dachte Amey. »Ob die Unglückliche nur auch taub ist?« Sie hatte fortwährend das kleine King-Charles-Hündchen vor Augen mit dem roten Fleck unter dem silbrigen Ohr. Als die Stumme die Tassen bot, fiel eine um. Knapp vor dem Knie Lydias floß der kochende Tee. »Infam!« Lydia machte eine jähe Bewegung. Aber ebenso jäh riß sie sich zurück. »Warte!« Sie stieß das Wort wie eine Nadel heraus. Dann lachte sie böse und grell. Amey sah sich ratlos um. Eine Übelkeit machte ihre Knie schwach. Zugleich hatte sie die Empfindung, daß viele Augen sie ansahen. – »Ich möchte Lydia eine Tortur zufügen!« dachte Amey. Der Atem versetzte sich ihr. Zugleich mußte sie der Stummen zusehen, die auf der Erde hockte und die Scherben zusammenlas. Ihre Hände hatten etwas Bläuliches und schlugen wie im Frost. – »Ich möchte neben ihr niederknien und ihr helfen.« Amey weinte fast. »Ich möchte ihr über dieses arme elende Gesicht streichen!« Wie Amey so dachte, hatte sie plötzlich eine sonderbare Vorstellung: wie mit Fischschuppen bespritzt, kam sie sich vor. Wie Dinge an sich, wie Fischschuppen hafteten die Blicke der Anwesenden an ihr. Auf ihrem Gesicht, ihrem Nacken, auf ihrer leicht erhobenen Hand. – Sie ließ die Hand sinken. – »Sie hat ihren bösen Tag.« Lydia lachte hoch und spitz und zornig. »Ich kann nicht mein ganzes Service aufs Spiel setzen. Herr von Thorius, bitte.« Ein blonder, dünner Herr von unbestimmbarem Alter, nach dem letzten Modejournal gekleidet, dessen grelles Parfüm seltsam mit seinen stilisierten Bewegungen kontrastierte, trat an den Teetisch. Als er Amey ihre Tasse reichte, stieß er fast zusammen mit einem Kuchenkorb. Ein Herr, von Lydia mit Xaver angeredet, bot ihn Amey. »Wie ist es möglich, daß ich hierher kam?« dachte Amey. »Wie ist es denkbar, daß zwischen diesen Menschen und mir auch nur die Möglichkeit eines Wortes besteht?« Sie nahm das ihr Dargebotene. Die Form war ihr so Natur, daß die Anmut ihres Dankes über ihre Empfindungen den Mantel deckte. »Vielleicht«, sagte sie mit ihrem verlornen, zärtlichen Lächeln. Sie sagte dieses »Vielleicht« zu Herrn von Thorius, der leise und eindringlich fragte, ob nicht eine Geste für kostbarer gelten könne als eine Erfüllung der Leidenschaft. »Vielleicht«, sagte Amey. »Ich kann nicht entscheiden« . . . Sie wußte kaum, was sie sagte. Sie sah wie hypnotisiert zu Lydia hinüber. Lydia trug ein Kleid aus einem porzellanblauen Stoff mit etwas grün und fleischfarben darüber Spiegelndem. Sie sah aus wie eine patinierte Schlange. »Doktor Vernow konnte nicht kommen«, sagte sie plötzlich. Ihre gelben Augen flackerten. »Darum Lydias Stimmung«, dachte Amey. »Also darum.« Nun – solange es die Höflichkeit verlangte, mußte man aushalten. Sie würde so etwas schwerlich zum zweitenmal erleben. Sie sah sich um. Die Männeraugen, die an ihr hingen, störten sie nicht als solche. Sie hätten es nicht gewagt, Amey zu entkleiden, wie sie es taten, wenn sie an Lydias Schlangenhaut hafteten, die den Körper so seltsam betonte. Ameys weicher, grauer Rembrandthut beschattete ihre Stirn und den oberen Teil der Wangen. In ihrem grauen Chiffon über silbergrauem Atlas und dem weichen bauschigen Haar wirkte sie wie eine jener Nebelfrauen, die in ihrer Heimat zu Hause sind. In ihrer zarten Unkörperlichkeit brachte sie eine wunderbar starke Note und einen Duft von Keuschheit und Morgenkühle in diesen überhitzten erotischen Raum. »Wie wunderbar«, dachte Amey. »Diese Menschen wirken wie Symbole oder vielmehr wie Karikaturen einer bestimmten Zeitrichtung! Einer erinnerte an einen Hecht. Grau, ganz schmal, mit rundem, geöffnetem Mund und einem spitzen, hohen Kopf. Er sah niemandem ins Gesicht. »Auf der Hirndecke jedes Menschen sieht er dessen Urtyp materialisiert«, sagte jemand. Amey hob unwillkürlich die Hand, als sie den Hecht auf ihren Hut starren sah. »Durch den Sammet hindurch?« dachte sie, »wie peinlich.« Sie zog nervös und wie frierend die Schultern in die Höhe. »Was mag er bei mir sehen?« Sie wendete den schlanken Hals hin und wieder, als wolle sie damit die Materialisation des Urtyps über dem Sammethut in Verwirrung bringen. »Kariert«, klagte in diesem Augenblick eine erschöpfte Stimme. »Ich konnte nicht lesen bei Wellhöfers. Eine der Anwesenden trug eine karierte Toilette. Es ist fast ebenso peinlich, wie wenn sich Damen durch andersfarbene Blusen in zwei feindliche Hälften zerlegen. Stimmung ist wie der Flaum auf Früchten . . . Außerdem müssen Sie bedenken, eine Psyche, die sich der vita contemplativa ergab. Nehmen Sie Stephan George . . .« »Wer erlaubt sich, diesen Namen hier zu mißbrauchen?« erzürnte sich Amey. Sie wendete sich um, aber sie fuhr hastig zurück. War sie in eine Schreckensschau geraten? Dicht hinter ihr auf einem Tisch, der wie ein Altar wirkte, stand eine Auslese von Scheueln und Greueln. Es waren Götzenbilder primitiver Völkerschaften. – »Was werde ich heute noch erleben?« dachte Amey staunend. Aber schon mußte sie wieder auf die erschöpfte Stimme hören. »Dergleichen wirkt auf mich, als müßte ich auf Schwamm beißen. – Abgestimmtes Violett . . . Wer nur einen Begriff von Lyrik hat . . .« – – – Die Stimme machte plötzlich drei Punkte und mehrere Gedankenstriche. »Grau, perlmutterndes Grau«, sagte sie dann bebend vor Ergriffenheit – »vernebelnde Baumsinfonien – verwolkte Aspekte . . .« Es folgte kein weiteres Bild nach den erneuten drei Punkten. Jemand seufzte. Von einer Lustempfindung über allen Ausdruck dahingebrochen. »Daß ich um Gotteswillen nicht lache«, dachte Amey. »Der violett Abgestimmte könnte einen Herzkollaps davontragen.« – Sie sah nicht, wie er mit befremdlicher Energie den Hecht beiseite schob und von seinem neuen, dazu besser geeigneten Standort Amey nicht aus den Augen ließ. Niemand hatte bemerkt, daß eine kleine sonderbare Dame eingetreten war und, ohne Lydia zu begrüßen, planmäßig nach einer bestimmten Ecke des Zimmers gesteuert. Die kleine Dame, gebrechlich und winzig wie ein Porzellanfigürchen, hatte Pagenlocken, eine lahme Hüfte und trug eine sonderbare Bluse aus dickem grünen Stoff mit roten Papageien. Es war etwas Hilfloses und zugleich Unbeirrbares um sie her. Die Stellung ihrer Mundwinkel konnte sogar eine ganz feine Geringschätzung bedeuten. Als man die kleine Bronklava später bemerkte, war niemand erstaunt. Jeder schien zu wissen: von Zeit zu Zeit mußte sie kommen, um Lydias Buddha zu betrachten. Amey sah sich um in dem Atelier. Diskret. Sowohl aus Schicklichkeit als aus Furcht, neuen Monstrositäten zu begegnen. Es war eine Mischung von westlichem Raffinement und orientalischer Phantastik, von echter Kunst, Barbarischem, Spitzfindigkeiten und Philiströsem. Es war das Abbild eines Charakters, der Kultur nicht im Blut mitgebracht hat. –Unter den Bildern fesselten einige in der Vollendung jenes Impressionismus, die scheinbar durch nichts mehr überboten werden kann. Eine letzte Möglichkeit der Kunstentwicklung nach dieser Richtung hin, die anbetungswürdig ist und übertaut von der großen Wehmut, die über allem liegt, das an seine Grenzlinie geriet. Dann waren da Zeichnungen: Köpfe. Wie bestäubt mit Rötel oder Kohle. Der Kontur heftig, hart. Amey trat erschreckt einen Schritt zurück. Ein Schwein? – Oder ein Mensch? – Sie kniff die Augenlider ein wenig zusammen. Sie sah angestrengt. – Dies war ein Schimpanse. Oh, welches uralte Trauergesicht! Dem Menschen so ähnlich, und doch nicht Mensch, und darum so qualvoll in seiner Unerlöstheit. – Und dies! Mein Gott! »Das bin ich«, sagte Lydia. Gerade als Amey selber diese schreckliche Entdeckung machte. Dieses Porträt erinnerte an kein bestimmtes Tier. Es war ähnlich zum Verblüffen und zugleich hatte es durch geringe Unterstreichung einzelner Partien etwas von einem archaistischen Götzenbild. Stirn und Kopf waren reptilienflach. Der Unterkiefer stark wie über Raubzähnen. In der stulpigen Nase hing ein Ring. Amey sah Lydia ratlos an. Lydia lachte. »Du staunst über den Ring«, sagte sie. »Er wollte nicht anders. Er soll nicht Schmuck sein. Dieses dünne, blanke Ding, mit dem man greulich weh tun kann, sei notwendig, behauptete er. – Es ist eine Ehre, von ihm gemalt zu werden.« »Er malt nur die Seele«, sagte ein Individuum, das immer die Zähne zeigte. Es hatte sich Amey als »der bewußte Kappel« vorgestellt, welche Bedeutsamkeit dennoch für sie wesenlos blieb. Dem bewußten Kappel hingen an fahrigen Armen seltsam brutale Hände. »Wenn mir nur nicht einmal diese Hände einfallen!« dachte Amey. »Im Dämmer. Bei der Ruine!« Aber sie war fast froh, von dem heimlichen Grauen, das ihr diese Bilder einflößten, durch ein Wirkliches erlöst zu werden. In diesem Augenblick sah sie die wunderliche Papageienbluse. Aber das Lächeln, mit dem Amey sie registrierte, wurde sehr schnell behutsam. Sie hatte die hohe Hüfte unter den Papageien entdeckt. »Was ist in dem Erker, vor dem sie in Adoration steht?« dachte Amey. »Sie müßten sich von ihm malen lassen, Gnädigste«, sagte der bewußte Kappel. Er wies auf die Bilder, denen Amey zu entrinnen strebte. »Ich werde mich hüten.« Ameys zärtliche Stimme hatte eine feine stählerne Hochmütigkeit, wie sie einen Schritt zurücktrat. Wie ein schmaler blauer Dolch, der seit vielen hundert Jahren in seiner ziselierten Scheide schlief, und der seine Herkunft aus Damaskus und die vielen Blutstropfen, die ihn beblühten, noch nicht vergaß. »Wir aus den alten Geschlechtern sind nicht so schlechtweg auf eine Formel zu bringen«, sagte Amey. »Ausgenommen er malte einfach den Elch, das Wappentier der Hellbergs. Vielleicht aber gibt er mir etwas von meinem Urahn, der die armen drei Hexen verbrennen ließ. Oder von dem Kardinal Karl Maria, der, wie es heißt, mit den Borgias gute Tage hatte. Nun – es gab auch eine Yolanthe Hellberg, deren Wappen zerschnitten wurde!« Sie sah den bewußten Kappel an. Mit leicht herabgezogenen Mundwinkeln schien sie von unendlicher Höhe auf ihn herunterzusehen. Dann kehrte sie sich um, als hätte sie zwischen sich und ihm eine Tür zugemacht. »Ich möchte sehen dürfen, was Sie so lange und so tief hingenommen hat?« Sie war schnell zu der Dame in der Papageienjacke getreten. Ihr war, als ob sie in diesem Raum, der ganz voll Aufgereiztheit, Nerven und Sinne war, eine stille Verborgenheit und eine reine Luft erspäht hätte. Die Bronklava sah Amey ins Gesicht. Wie ein Kind sah sie Amey an, groß, fragend, auf den Grund. Dann verinnigte sich ihr Ausdruck. Mit einer fast scheuen Geste deutete sie in den Erker. Auf einem Sockel aus grünem Malachit thronte ein Buddha. Die Bronklava schien Amey wieder zu vergessen. Sie kreuzte die Hände über der Brust wie bei einem Ritus. Ihr Kopf mit den Pagenlocken glich jetzt zum Verwechseln einem jener Botticellischen Köpfe, die etwas Geschlechtloses um sich haben, ob ihre Körper in Frauenkleidern die Flora begleiten, oder wie himmlische Pagen um die Königin und Gottesmutter herstehen. »Er ist nicht aus Indien«, dachte Amey. Die Greuel und Scheuel fielen ihr ein, die sie noch eben entsetzt hatten. – Ein Volk, das einmal so stark mit seinen Sinnen und übermäßigen Phantasien rang, konnte nicht eine Gestalt gebildet haben von so ergreifender Schlichtheit und Innigkeit des Gefühls. Zudem trug dieser schlafende Buddha japanische Züge. »Japan wurde für Indien die gestaltende Künstlerhand«, sagte in diesem Augenblick träumerisch die Bronklava. »Wer selbst ganz spirituell wurde, kann kein Kunstwerk mehr hervorbringen!« »Sie meinen, der Schaffende darf nicht an den Schleiern der Gottheit gerührt haben?« »Ja«, sagte die Bronklava. »Der Philosoph wird dem Künstler immer im Wege stehen. Alle Empfängnis vollzieht sich im Dämmern.« »Es wäre noch mancherlei zu sagen über all dieses.« Amey sah weit hin. »Aber nicht hier.« »Nein, nicht hier!« Die Bronklava schüttelte sanft lächelnd die Pagenfrisur. Als Amey sagte: »Ich muß jetzt fort«, verabschiedete sie sich gleichfalls, wie selbstverständlich. »Dennoch Indien!« sagte die Bronklava draußen. Amey hatte die Empfindung, als ob weite Perspektiven sich auftäten. Sie hörte das Klirren der Becken. Sie sah goldüberflutete Wasser, hohe Bobäume und Scharen von Jüngern zu Füßen des Erhabenen. »Sie kennen die vier heiligen Wahrheiten, die der Buddha seinen Jüngern einprägte?« »Nein.« Ameys Stimme zögerte. Sie dachte daran, daß Onkel Rhaban dieses Thema mit ihr immer vermieden hatte. »Die vier heiligen Wahrheiten vom Leiden beginnen mit dem Zartesten und Gewaltigsten, was der Mensch kennt«, sagte die Bronklava. »Mit der Liebe beginnen sie. Sie allein ist der Grund, daß das Leiden nicht enden kann. Solange Leben ist, solange Leiden!« Amey wollte etwas sagen. Aber schon war die Bronklava fortgefahren, eindringlich und dennoch so leise, als ob sie mit sich selber redete. »Alle Formen des Anhangens sind Leiden.« So verkündete der Buddha. »Durch Anhangen gelangen wir zu immer neuem Entstehen. Durch Entstehen zu unendlich neuen Formen des Erleidens.« »Die ewige Wiederkehr!« sagte Amey, als die Bronklava einen Augenblick wie versunken stand und schwieg. »Wie sie mich entzückt, die Lehre über immer neue Daseinsmöglichkeiten! Es gibt so unendlich viel, das zu vollenden bleibt. So viele Wege gingen im Zickzack und wenn nun plötzlich alles zu Ende ist, und das Ziel lag noch in so weiter Ferne?« Die Bronklava lächelte mild. »Das Ziel? Nebel und Wolken verbargen es ihm lange. Aber der Erlöste wird es plötzlich aufleuchten sehn, sobald er des Willens zum Leben enträt. Alles Werk ist gewirkt. Der Strom darf im großen Meer sich verlieren und zum Frieden kommen.« – Sie gingen die Straße hinunter. Die Laternen hingen im Dunst wie Schnüre gelber und rauchiger Augen. Das böse Tier, die große Stadt lag geduckt unter dem Abend und knurrte vor Gier und Lust. Ein Schauer überschlich Amey. Trotzdem war etwas in ihr jubelnd und wach. Sie wußte nicht, warum ein kühnes Gesicht plötzlich vor ihr vorüber ging. Sie wußte kaum, wo sie es gesehen hatte. »Wer den Werdedurst in sich verschüttete – heil ihm! – Nicht Mensch, noch Götter, selbst die Natur können ihm noch etwas anhaben!« Amey ertrug es nicht länger. »Werdedurst?« sagte sie. »Das ist es gewiß, was die Leute immer das Primitive an mir heißen. Gott weiß es, einen rechten Werdedurst habe ich mitgebracht in diese Inkarnation. Gar nicht genug bekommen kann ich vom Leben! Ich muß nicht gut getan haben in früheren Existenzen«, sagte sie. »Nein, ich weiß es gewiß: Ich war einmal etwas ganz Fürchterliches. Vielleicht eine ganz große Verführerin.« Sie stockte jäh. »Woher wüßte ich Dinge, – ich meine, ich kann sie verstehn, die ich doch eigentlich nicht wissen oder verstehen könnte?« Die Friedrichstraße stand vor ihr. Was wollen sie mehr als wir? dachte sie plötzlich. »Sie wollen ein wenig Glück!« – »Unendliches habe ich noch zu tun.« Ihre Stimme flog, als ob sie schon davoneilte. »Ich weiß noch nicht, was alles. Aber es schwillt um mich her! – Einmal werde ich alles wissen, was ich gutzumachen habe.« Erschreckt, wie ein Kind, das sich verraten hat, sah sie auf die kleine Gestalt der Bronklava herunter, die mit ihrer armen Hüfte nur schwer vorwärts konnte. Ameys Augen suchten. Dort war ein Droschkenstand. »Ich darf Sie erst nach Hause fahren«, bat Amey. Die Bronklava stieg ein, ohne besonderen Überschwang von Höflichkeiten. Sie nahm die Güte des Lebens ebenso selbstverständlich und gelassen wie seine Härten. »Mein Geschlecht ist alt.« Amey breitete die Droschkendecke um die kleine Dame. »Ich erzähle Ihnen wie einer Freundin«, bat sie mit ihrem zärtlichen Lächeln. »Ich darf doch? – Ein Hellberg zog mit nach Jerusalem und befreite das heilige Grab. – Aber es ist ein Tropfen junges, brausendes Blut in meine Adern geraten von einer Urahne her. Vielleicht habe ich dennoch zu viel Jugend in mir, um die Lehre, die Ihnen so wert ist, annehmen zu können.« Sie sann. – »Und dann – vielleicht –« sie flüsterte; »vielleicht würden Sie es nicht glauben – aber ich stehe selbst noch immer ein wenig draußen. Ich kann das in so kurzen Worten nicht erklären. Aber kann man denn eine Tür schließen, die man noch niemals geöffnet hat? – . . .« Sie schwieg. Die Bronklava legte mit einer Gebärde zarter Liebkosung ihre Hand Amey auf das Knie. »Und wenn . . .« – Staunen lag in Ameys Stimme. »Und wenn nun alle die Millionen sich noch weiter quälen müssen? Dürfte man dem eigenen Leiden fröhlich entronnen sein?« Müßte man nicht immer wieder . . . Bis endlich einmal . . .« Sie schwieg. Wie erschüttert von ungeheuren Perspektive. Unerhörten Beglückungen. »Kwan–on!« Mit so leidenschaftlicher Innigkeit sagte die Bronklava dieses Wort, daß es undenkbar schien, daß eben noch dieser Mund die Lehre vom Jenseits aller Empfindungen verkündet hatte. Amey hätte gern gefragt, was die Bronklava gemeint. Aber gerade da hielt der Wagen in einem fremden und unschönen Stadtteil Berlins. »Sie werden nicht mehr zu Lydia Mendel gehen«, bat die Bronklava. »Das ist nicht der Ort für Menschen Ihrer Art!« »Nein, o nein.« Amey mochte ihr die Freude nicht nehmen, sich durch sie bewahrt zu fühlen. Die Bronklava verabschiedete sich. Sie sah Amey an wie ein Kind den Christbaum. Amey hatte ihr versprochen, sie demnächst in ihrem Atelier zu besuchen. – – – – – – – – –   Für den folgenden Abend hatte Amey ein Konzertbillett. »Es ist gut,« dachte sie, »vielleicht wird die Musik mir einen guten Schlaf bringen!« Die verflossenen Nächte hatten einen zarten, bläulichen Pinselstrich unter ihre Augen gesetzt. Amey fröstelte ein wenig in der milden Temperatur ihres Zimmers. Sie konnte sich nicht zu einem Spaziergang entschließen. Sie saß, die Hände um die Knie geschlungen. Sie durchlebte noch einmal den gestrigen Nachmittag bei Lydia. Sie sah die unglückliche Stumme über die Scherben gebückt. – »Daß ich es Lydia nicht ins Gesicht sagte!« dachte Amey. – – »So bin ich. Nichts auf Erden liebe ich so abgöttisch wie die Ketzer, die einer ganzen Zeit den Handschuh hinwerfen. Und ich?« – Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Vielleicht war meine Jugend allzu sanft«, dachte Amey. »Zuviel Licht und Güte stand um mich her. Lauter Reinheit und Schönheit und gar kein Schatten, und kein Böses.« Aber wie sie sann, war es plötzlich nicht mehr die unglückliche Stumme. Sie sah ein anderes Gesicht. Das kleine Mädchen von der Friedrichstraße stand vor ihr. Sie stand auf und ging heftig im Zimmer hin und wieder. Sie sah nicht mehr die eine, die durch einen Zufall sich ihr besonders eingeprägt hatte – alle sah sie, die auf und ab geflutet waren, dort, in jener Nacht. »Mein Gott!« sagte Amey. »Wie ihre Tage wohl sind?– Aber meine Tage!« brach sie plötzlich aus. »Meine seligen Tage voll Keimen und jungem Grün! Voll brausender Ritte und klirrender Fahrten! Alle meine Tage voll Liebe und Glanz!« Sie rang die Hände ineinander. – Wie sollte sie sich zurechtfinden? Sie stand still. Ihre Augen ängstigten sich sehr. Plötzlich hoben sich ihre schlanken Brauen und wölbten sich. Über ihr Gesicht stürzte der Glanz, mit dem eine hohe Sonne in alten Kathedralen die großen Entrücktheiten vergoldet. Was war an ihr vorübergegangen, das ihre kleine, geängstigte Welle in den großen guten Strom hinüber erlöste, geheimnisvoll und wie im Sakrament? – – – Zuletzt kam der Abend dieses Tages. Eine Zeitlang konnte Amey sich nicht sammeln. »Welche Barbarei!« mußte sie denken. »Ein Innerlichstes soll zu Wort kommen unter so wilder Beleuchtung!« Ihre Augen wurden fortwährend auf zwei Mädchen gezwungen. Die eine trug die Haare tief ins Gesicht gekämmt, über ihrer stulpigen Nase, die an die Nase Lydias erinnerte, waren zwei Augen, schief zueinander gestellt. Diese Augen und der Mund bannten Amey. Das Mädchen schien fortwährend zu suchen. Man mußte wohl fortwährend suchen mit solchen Augen und einem solchen Mund! Amey wurde angesteckt von dieser Unruhe. Sie würde nichts von der Musik haben, gar nichts. Plötzlich fiel ihr Blick auf ihre Nachbarin. War es ein Kind? Ein kleiner, ärmlicher Unterkörper hielt mühsam einen ausgebauten, beherrschenden Rücken. Der Brustkasten war schmal. Der knochige Arm stach hart aus dem dünnen Ärmel, aber zwei feine, magere Händchen lagen still und wartend im Schoß. Ameys Phantasie fing an, um die kleine Nachbarin zu spielen. Schon wieder deutete ihr Weg zu einem Wesen, mit dem es sich die Natur leicht machte. »Werde ich es wieder nicht wagen?« dachte Amey. »Ist es möglich, daß wir so weit abgelenkt sind? Warum fürchten wir uns vor etwas, was vielleicht unser einzig Gutes ist?« Die Instrumente lebten sich ein. Wie ein weißer Vogel schwang sich's aus der Flötenecke, und an einer Oboe hing sekundenlang eine warme, blaue, verzauberte Quelle. Amey dachte an die Diskussion über das Konzert beim Mittagstisch. Konnte der Oberhofprediger recht haben? Ihm erschien die Musik auf einem Gipfelpunkt angelangt, von dem aus es keine Fortentwicklung mehr gab. – Das große »Weiter« war für ihn endgültig abgeschlossen. – Amey hatte sich leidenschaftlich ereifert. Jede Richtung und jede Epoche mochte ihr eigenes Endgültige haben. Aber konnte man dabei stehen bleiben? – Wurde nicht sogleich ein neuer Zielpunkt gesteckt? Ein neuer Stachel in die Seele gesenkt zu einer neuen Vollkommenheit? Mozart war ein Gipfelpunkt. Bach war eine Vollendung. Und dennoch – nach ihnen kam Beethoven. Begann er nicht wieder als der große Zwiespältige? Der das ewige Widereinander als Brand in die Paläste und in die Dome warf? Lag nicht in ihm ein Abgeschlossenes mit einem ganz Unbekannten, noch niemals Erhörten beständig im Streit? – Sie erschrak im Glück des Erkennens. War er, der so schmerzhaft seine zwei feindlichen Hälften zu einer Vollkommenheit verhämmerte – war er vielleicht der heimliche Erste von heut? – Ameys Gedanken verloren sich. Vielleicht gab es ein absolut Vollkommenes. Einmal. – – Aber hier? . . . – In diesem Augenblick setzte die Musik ein. – An Sinfonien alten und strengen Stils durfte man sich jetzt allerdings nicht mehr halten. Was sich einem an Gesetzen von Harmonie ins Blut geprägt hatte . . . Stoß ab dein Boot vom Ufer. – Ja – und dann fragte etwas in diesen Aufruhr hinein. – Denn nicht zwei befehdeten sich hier – sondern viele – alle. – Zaghaft, angstvoll fragte etwas. Amey fühlte, wie sie kalt wurde. Etwas stand auf dem Spiel. – Aber die Antwort wurde nicht gegeben. Niemand kümmerte sich um die Frage der Seele. Ah so – die Seele. Amey senkte plötzlich den Kopf. Ein Zittern überflog sie. Als bliebe auch sie eine Antwort schuldig, wenn die Musik keine wußte. – Die Musik aber kümmerte sich nicht im geringsten. Sie ging ihre eigenen Wege. Kühle, nadelscharfe, ferne, oder sehr nahe, breite und satte Wege. Sie schritt über Brücken, königlich geschwungen und mit Menschenschweiß verklebt. Sie reiste auf Flügeln, deren Adern aus dem Gold zerbrochener Altäre geschmiedet wurden. Über Ozeane hinweg verkündete sie ihre Laune, und sie wurde ihr gewährt, schnell, wie von dir zu mir. – Aber ob sie durch Triumphstraßen zog, oder durch Wege voll Schlamm und im Geruch brünstiger Blüten, ob durch Wolken oder durch Tunnel, die sich ans Herz der Erde hinanbohrten – nirgendwo, an keinem ihrer Wege stand das Wunder. Nirgendwo stand die Ehrfurcht und das Geheimnis. Nirgend stand die Liebe, die eine bange Seele an der Hand genommen hätte. – Amey wußte kaum, daß ihre Hand ein paar abgezehrte kleine Finger, die still und wartend in einem Schoß lagen, streichelte. – Würde nicht endlich? . . . Nein, die Musik der großen Kontraste kümmerte sich um gar nichts. Sie merkte nicht, daß die Seele verzweifelte, und wie sie dunkel wurde und hart und ein Wille und ein Schrei. – Und tausend andere Schreie wurden von ihm geweckt. Die gellten. Die Trompeten hatten die Führerschaft übernommen. Die Geigen erregten sich, das Cello, die Bratschen. – »Mein Gott, selbst die Oboen?« dachte Amey angstvoll. – Auch ihre warmen, blauen, verzauberten Quellen? Ja, auch sie stürmten und klagten an: die Oboen und Fagotte, diese ewig Milden und Gütigen. – Die Posaunen stießen zu. Die Pauken zerwirbelten sich. Schlug etwas mit Keulen? Ja, mit Keulen. Und nach Messern griffen sie und spien. Ein Bruder spie dem andern ins Gesicht. – »Ich verstehe es dennoch nicht«, dachte Amey. Sie fror, während ihr der Schweiß in kleinen Tropfen aus der Haut drang. Vieles mag falsch und schlecht sein. Aber alles? Und wie sie fror und sich zermarterte, erhob sich eine irre ekstatische Stimme: das Cembalo. Amey drückte schmerzlich die Augenlider zusammen. Gesicht und Gehör verwirrten sich ihr. – Mein Gott – wie sah sie doch plötzlich – nackte Mädchen? Sie, Amey von Hellberg? – . . . Die Kleider rissen sie sich vom Leibe. In ihrer Nacktheit tanzten sie und schrien verzweifelt und brünstig. Amey duckte sich. Als ob sie sich vor einer unzüchtigen Berührung schützen müßte. – Dies war das Ende. Jawohl. Jetzt gab es keine Erlösung mehr. – – – Und nun – als ob Menschen nicht genug wären zur Vernichtung, kam die Erde zu Hilfe und brach auf. Das, was viele tausend Jahre geschlafen hatte und sich nicht gerührt, das stieg herauf, taumelnd, mit aufgerissenen Augen. Und die Fieber brachen aus in zerspitzten Zungen. Sie verbrannten die Erde und kochten zum Himmel und rissen den befleckten in Stücke. Muspili war da. Die Reiter der Apokalypse. – Amey hatte die Empfindung, daß sie versank. Immer tiefer sank sie. Es gab keinen Halt mehr. Ihre trockenen Lippen rissen vonsammen. – – – »Ich verkünde das Wunder!« – Wie denn? Nein, diese Worte hatte gewißlich niemand gerufen. Aber Amey öffnete die Augen. Das Wunder? – Von dem blauen W in ihrer Hand schien eine Wärme zu ihrem Herzen zu quellen. Sie rückte sich zusammen. Die Umgebung wurde wirklich. Da bemerkte Amey, daß ihre Hand fortwährend diese abgezehrten Händchen streichelte, die in dem schmalen, verkümmerten Schoß lagen. Sie hörte plötzlich die Stimme der Bronklava: »Alle Empfängnis vollzieht sich im Dämmern.« – »Ja«, dachte Amey. »Das ist das tiefste aller Wunder: Gott will sich verleiblichen. « Sie wußte nicht, wie dieser Gedanke zu ihr kam, oder in welcher Beziehung er zu ihr stand. Aber sie wurde so glücklich, daß ihr die Tränen in die Augen traten. Jetzt gehörte auch nicht mehr Wagnis dazu. Sie sah in das Gesicht, das zu den Händen gehörte. Sehnsüchtige Kinderaugen hatten lange hinter Hecken und Zäunen gewartet. Und nun geschah es. Das, was kaum noch geglaubt werden konnte: Das Werk der Vernichtung war vollendet. Das Neue brach an. Das Wunder! Nein, diese Fagotte und die Oboen! Nicht genug tun konnten sie sich in Güte und Glück! Wie ausgebreitete Arme standen sie überall. Und die andern Instrumente! Hochauf sangen sie im Jubel der Verkündigung. Mußte nicht zuerst der große Angreifer kommen, dem großen Beginner den Weg zu bereiten? Der, welcher die Kelter tritt, denket des Weines und nicht der zertretenen Frucht! Wer der Ernte will froh werden, kann er der Pflugschar entraten? Wer die heilige Brüderschaft will alles ›Geschaffnen‹, was bedeuten ihm Mauern aus Mörtel und Stein? – »Viele sind zum Fest eingeladen«, sangen Chöre und Stimmen, »und nur wenige werden den Gott empfangen im Wein. Daß aber nur keiner der Türhüter länger jenen Armen verhöhnt und ihm wehre, der doch wollte werden ein Auserwählter. So sollen die Wächter fallen und die Tore zerbrochen werden. Und wer seinen Gott erlösen will, dem sei es gegeben! Auf daß der Gott triumphiere und das Gesetz der Freien. Und die Erde trächtig werde von Samen und Güte.« – Amey saß mit den weitoffnen Augen des Glücks. »Vielleicht verstehe ich nicht alle Stimmen«, dachte sie, »und alle Verkündigungen. Aber was tut es, wenn ich sie doch in mir spüre, als seien sie mein Blut und mein Herzschlag!« – Und wie sie frohlockte, schien es ihr wieder, als sei ein Gesicht bei ihr, daß sie einmal geträumt hatte. Wie die Wärme ihres Blutes und wie das Herz ihres Herzens war dieses braune, kühne Gesicht. Als Amey den Konzertsaal verließ, führte sie ein kleines schmächtiges Mädchen an ihrem Arm mit einem hohen gewölbtem Rücken. Sie wartete mit ihr an der Haltestelle der elektrischen Bahn. Die Kleine, nach deren Adresse Amey gefragt hatte, war Klavierlehrerin. – »Unverschämt«, sagte eine Frau mit hochgeschnürter, üppiger Büste und im eleganten Pelz. »Unverschämt, einem so etwas zu bieten! Macht er sich lustig über das Publikum, oder ist es Impotenz?« Jemand lachte: »Blöd! Ganz blöd!« Und jemand redete von Bach und von Bruckner. Und jemand von Beethoven und Wagner und Strauß. Und jemand von Dekadenz und vom sterbenden Europa. – – –   Amey ging den ganzen folgenden Tag im Glück. Sie wußte noch nichts. So gut wie gar nichts wußte sie. Vielmehr die Geheimnisse um sie her türmten immer höher. Aber sie wollte acht geben und lernen! dachte Amey demütig. – Nichts sollte ihr zu hoch sein oder zu gering. Wie ein Kind wollte sie das Alphabet vornehmen mit großem Fleiß. Einmal würde dann das ganze herrliche Buch offen vor ihr liegen! – – – Und wieviel Freunde sie bekam! Hier in der Pension das rührende Fräulein Fink! Mit den andern war sie wohl auch ein wenig unleidlich. Wenn man nun immer in den alten Raubnestern saß oder einem Thron zur Seite . . . »Ja – aber vor allem Fräulein Bronklava! Und meine kleine Konzertfreundin!« dachte Amey. Zu ihr mußte sie entschieden zuerst! Amey ging in den nächsten Blumenladen. Eigentlich war es nicht der nächste, aber es war der einzige, der hier in Betracht kam: nämlich es gab eine wirkliche Gärtnerei im Hintergrunde. Darin war Amey unerreichbar: im Auffinden von Gärtnereien. Mit allen Gärtnern war sie auf Du und Du. Man gab ihr ein Stück Bast in die Hand, sobald sie den Laden betrat. Dann führte man sie durch Warmhäuser, wo seine Tropfen die Glasdächer beperlten, wo es so köstlich nach Erde roch, und in irgendeiner Ecke ein Wässerchen tropfte. Die Blumen schienen wie lauter gute Freunde nur darauf gewartet zu haben, daß Amey endlich käme. Hyazinthen ließ sie abschneiden, helle in allen Farben und Tulpen, langstielige mit den weichen, dunklen Schattenflecken und dem zarten Duft. Weiße, schlanke Fliederzweige und kupfrige Azaleenbüschel. Ja, und nun noch Tazetten und Veilchen. – Während Amey Blumen zueinander band, hatte Elisabeth Ewald ihre letzte Schülerin entlassen. Nun saß sie und wartete. Jeden Tag um diese Zeit saß sie ein Weilchen in dem großen, grünbezogenen Lehnstuhl und wartete. Das alte Fräulein, eine Stiefschwester ihrer verstorbenen Mutter, mit der sie zusammen lebte, machte in der Dämmerung meist ein paar notwendige Wege. Das war gut so. Die kleine Klavierlehrerin schloß die Augen und lehnte den Rücken an die Stuhllehne. Wenn man so sechs Stunden mit dem Bleistift den Takt geklopft hat: eins und, zwei und . . . Sie schienen alle in ihre Lungen hineingeschlüpft zu sein, die aufgeregten Sechzehntel, die Achtel, die immer noch ein wenig Amphibium sind mit ihrem flatternden Schwänzchen, die schon beruhigten Viertel und Halben, und zuletzt die Ganzen, ältere Damen, korpulent geworden, ohne jeden Anhang und ihres Wertes sich voll bewußt. Überhaupt Musik! Welcher Unterschied! Elisabeth Ewald konnte dabei allerdings nicht an die Musik ihrer Schülerinnen denken. Wenn die letzte von ihnen die kleine Vorsaaltür hinter sich geschlossen hatte, war sie versunken für ihre Lehrerin. Es gab keine Beziehungen zwischen ihr und jungen Menschen. Aber jetzt hatte sie diese feine und heimliche Bitternis beiseite gelegt. In diesem Augenblick ging draußen die Türglocke. Jeder Mensch hat eine bestimmte Art zu läuten. War es dieses ganz neue und fremde Klingelzeichen, worauf Elisabeth Ewald schon immer gewartet hatte? Ein schwaches Rot stieg wie mühevoll in ihre flachen Wangen. Sie fühlte eine leichte Ermattung der Knie, wie sie aufstand. Kam es nun? »Oh, Sie selber!« Die kleine Verwachsene legte zwei Finger an die Schläfe, als ob sie plötzlich schmerzten. »Sie müssen sitzen, das war sicher Ihr Platz!« Amey drückte sie sanft in den Lehnstuhl. Nein, so träumte man doch nicht: Der alte Fenstersitz, von wo aus Elisabeth Ewald jeden Abend in die Wolken sah, ihr kleiner, marmorner Strickbecher auf der Nähtischdecke aus gelblichem Kongreßstoff mit einem Blumenmuster im Jugendstil bestickt, das Bücherbord, das schon lange ein bißchen ängstlich in seinen Schnüren hing, all dieses war doch zu wirklich. Aber das andere – das ganz Unwirkliche: Jemand, in grauer, silbriger Seide und Chiffon, ein wenig rosa und grün an Hals und Brust, warf achtlos einen kostbaren Pelz in irgendeine Ecke, und ein paar Handschuhe folgten ihm hinterdrein. Zwei Hände häuften einen blühenden Garten auf den armen, verkümmerten Schoß und zartfarbige Päckchen und verheißende Tütchen. Und dann streichelten dieselben Hände, und jemand bat und lachte. – »Ein paar Mütter von Schülerinnen haben mir einmal Haferkakao geschickt«, sagte Elisabeth Ewald. Ihr Gesicht bekam einen merkwürdig gezogenen Ausdruck, von dem man noch nicht wußte, was er bedeutete. »Und Malzextrakt, und Flanell zu einer Bluse. Es war so gut gemeint, so sehr gut.« Ihre Stimme fing an zu zittern. Das Gezogene in ihrem Gesicht gab schmerzhaft nach. »Mein Gott!« Amey erschrak. Noch niemand hatte diese armen, sehnsüchtigen Augen in die holden Gärten des Überflusses gerufen? Amey legte scheu ihre Arme um den Hals der kleinen Verwachsenen. »Es ist Glück«, murmelte Elisabeth Ewald weinend. »Nichts als Glück!« Amey saß neben ihr auf der Armlehne des alten, grünen Stuhles. Sie streichelte das blasse Gesicht. »Ein paar Blumen«, dachte Amey. »O Gott, nur ein paar Blumen!« Plötzlich, als ob sich ihr Tränenborn erschöpft habe, tat die kleine Klavierlehrerin einen letzten tiefen Seufzer. »Bitte, darf ich Sie sehen?« Amey glitt herunter von ihrer Stuhllehne. Sie stellte sich der kleinen Verwachsenen gegenüber wie ein Stück zur Besichtigung. »Das bin ich.« Sie lachte glücklich. Elisabeth Ewald hatte die mageren Händchen über ihren Blumen gefaltet. Sie sah auf zu Amey. Ihre Augen waren inbrünstig. »Immer um diese Zeit habe ich gewartet«, sagte sie. »Um diese Stunde, wenn die Wolken manchmal wie graue Seide aussehen mit rosenroten und grünlichen Scheinen wie die Brustfedern von einer Sorte Tauben. – Ja, es ist gut, wenn man so hoch wohnt, daß man die Wolken sehen kann«, unterbrach sie sich. »Wie schön ihre Stimme klingt!« dachte Amey. »Wie eine tiefe Glocke. Jedem Menschen gab die Natur ein Geschenk, womit sie für alles, worin sie versagte, entschädigte.« »Einmal würde es wohl geschehen,« sagte die kleine Verwachsene, »einmal um diese Stunde würde das Wunder wohl kommen.« – Ihr Gesicht verklärte sich. »Wie viele sind es, die auf ihr Wunder warten!« dachte Amey. »Ein Ahorn steht da drüben in einem Hof, bitte – ein wenig bücken, – so . . . Ja, dort über dem zweistöckigen Haus. Sie sehen ihn? Nicht wahr? Meinen Ahorn. Jetzt sind die Zweige noch schwarz und sperrig. Aber wieviel goldene und grüne Geheimnisse sie wissen! Sie können es sich nicht vorstellen.« »Nein,« dachte Amey, »nein. Ich kann es mir nicht vorstellen. Ich habe Gärten voll herrlicher Bäume, größer als diese große Stadt. Ich habe Wälder und Wiesen und Felder. Und ich glaube wohl, daß sie mich ganz als eine Schwester betrachten, alle meine grünen Brüder daheim. Aber dieser Ahornwipfel, der so inbrünstig seine Arme hebt, nur um dich zu beglücken, du armes Herz, die Geheimnisse dieser wenigen Zweige, nein – die kann ich mir gewiß nicht vorstellen!« »Es ist ein Amselnest in dem Ahorn«, die Augen der kleinen Verwachsenen wurden groß. Sie flüsterte, als ob ein lautes Wort eine brütende Vogelmutter verstören könnte. »Ganz mitten im Baum, wo der Schatten dunkelblau ist. Mitten in diesem Dunkelblauen ist das Nest.« »Sie haben es gesehen?« Auch Amey flüsterte. – Nein die kleine Verwachsene hatte das Nest nicht gesehen. Sie wußte nicht einmal, zu welchem Haus jener gesegnete Hof gehörte. Aber eines Abends – nie würde sie diesen Abend vergessen. – In tausend Jahren nicht. – Es war April, es hatte geregnet, die Luft war lau und voll Duft, vom Humboldthain mußte sie all diesen Duft haben. Oder, – ob sie ihn von fernen Feldern und Wiesen mitbrachte? – Der kleine verkümmerte Brustkasten hob und senkte sich in tiefen Atemzügen. Die durchsichtigen Nasenflügel blähten sich. Elisabeth Ewald hob den Strauß auf ihrem Schoß. Mit geschlossenen Augen und zurückgedrücktem Kopf roch sie daran. »All dieses Süße war in der Luft damals«, sagte sie. »Tausend ungeborene Blüten hatten sie mit ihrem Lebensverlangen beladen. – An diesem Abend hörte ich die Drossel zum erstenmal! – Ja!« fuhr sie dann leise fort, »und wie sie so lockte und betörte, und alles wußte und nichts verriet, da wurde der Himmel wie graue, silbrige Seide mit rosenroten und grünen Scheinen, und ich wußte, wenn einmal das Wunder zu mir treten sollte – wie der Himmel mußte es aussehen. Es mußte aussehen – wie Sie!« – Ihre Augen hingen an Amey, wie im Gebet. »Ich soll ihr Wunder sein!« dachte Amey. »Da die Liebe sich diesem armen Körper versagen muß, so soll die Freundschaft sein Wunder werden?« Sie trat einen Schritt näher zu dem grünen Stuhl hin, sie bückte sich ein wenig. Sie streichelte das blonde Haar, das in einem Kranz um den Kopf lag. »Ja, ich kam«, sagte sie. – »Wie jener Frühlingsabend sind Sie gekommen. Wie die Wolken und wie das Lied der Amsel. Oh, werden Sie auch wieder gehen, wie der Frühling vergeht?« – Amey schüttelte den Kopf. »Nein, nein!« Ihre Hand glitt zart über die Augen, in die ein angstvoller Blick getreten war. »Ich bleibe. Vielmehr, ich komme wieder. Und Sie kommen zu mir. Oh, wenn ich Sie erst auf dem Wunschberg haben werde!« – Sie erzählte vom Wunschberg. Von all den Hellbergschen Frauen erzählte sie, die dort ein Glück erwartet hatten, oder empfangen, oder verloren und beweint. Von den Terrassen, wo die schönen und schemenhaften Götter standen und ihre Nacktheit von Kaskaden von Rosen umspülen ließen wie von morgenglutigen Wassern. Man mochte wohl Pläne schmieden! Ferienpläne! Und dazwischen ging Amey ab und zu und lachte und sang und suchte. Eine große graue Steinkruke fand sich in der winzigen Küche, die zugleich Vorplatz war und durch einen kleinen roten Kattunvorhang ihre zwei Funktionen reinlich und schamhaft voneinander trennte. Es gab nicht Vasen genug, alle Blumen zu empfangen. Aber die Steinkruke war soeben ohne Dienst. Sie hatte gestern die letzte Senfgurke hergegeben. Wie herrlich wirkte dieses matte Grau! Sehen Sie doch, – besonders zu den gelblichen Hyazinthen und der zarten, rostroten Azalee. – Nein und der Wasserhahn! So nahe zur Hand! Beinah in der Stube! Nachher knotete man eine Tüte auf. Diese entzückende, aus lila Krepppapier mit silbernen Blumen und Fäden. Wußte man denn hier oben auch, daß die Hasen schon anfingen, sich wichtig zu tun? – Ja, und nun Konfekt mit Pistazien! Elisabeth Ewald bekam ein Jungmädchengesicht. Pistazien! Sie hatte das Wort noch nicht gehört. Man sah Menschen mit Haut wie gebrannte Kaffeebohnen in gelbe seidene Tücher gewickelt. Man sah blendende Küsten an ultramarinblauen Meeren und Palmen und Papageien. O süßer Überfluß des Lebens! O Schönheit ohne Nutzen und darum erst vollkommene Schönheit! Elisabeth Ewald legte ihre mageren Arme um die graue Steinkruke. Sie versteckte ihr Gesicht in Hyazinthen und Veilchen. – Einmal klingelte es. Wie schrecklich! Aber man mußte wohl nachsehen. Ob es auch Nelli war? – Amey lief hin und öffnete. Nein, es war ein kleiner Junge, der die Klavierstunde für morgen absagen kam. Ja, über Nelli würde man wohl diesmal nicht hören. Mit dem Drücker hatte sich die Tante von Elisabeth lautlos eingelassen. Nun stand sie plötzlich im Stübchen. Wie ein Knecht stand sie da. Riesengroß, ungefüge. Braun und fest gekleidet. Sie hatte einen sonderbaren Blick in ihren hellen Augen. Unbewegt. Wie ein Tierbändiger. »Ee, Kindchen!« – Ihre Stimme war tief wie die von Elisabeth, aber ohne deren samtige Wärme. »Ich roch es schon vor der Entreetür. Lieschen hat feinen Besuch, sagte ich zu mir!« Elisabeth errötete. Amey lachte, wiewohl sie sich etwas vor dem Blick ängstigte. »Wir kennen uns seit dem Konzert. Ich weiß nicht, hat Ihnen Elisabeth erzählt? . . . Nicht wahr, ich darf einmal wiederkommen?« Sie hob eilig die goldenen und silbernen Konfekthäutchen auf, die wie die Fußspuren einer Fee durch das Zimmer liefen. »Bitte, nehmen Sie doch. Bitte sehr!« Sie bot der Tante die geöffnete Tüte. »Ich bin so frei«, sagte Fräulein Grützner, die in Ostpreußen zu Hause war. »Lieschen, erbarm dich. Wie kommst du dir denn vor?« Zum erstenmal ging eine Spur von Bewegung über ihr Gesicht. Sie machte einen Preisüberschlag. Elisabeths Augen entschuldigten peinvoll. Aber Amey kannte Fräulein Grützner nicht. Sie wußte nicht, wodurch sie bewegt worden. Sie nahm den Umschwung einfach als zu ihren Gunsten. »Oh, Fräulein Grützner!« Amey legte dankbar und glücklich ihrer kleinen Freundin die Hand auf die Schulter: »Sie kennen mich noch gar nicht, und doch sind Sie so furchtbar lieb zu mir! Darf ich wiederkommen? Sonntag vielleicht? Wir machen ein Picknick. – Picknicks sind so entzückend!« »Wenn es Ihnen gut genug bei uns ist!« Fräulein Grützners Augen ruhten wieder hell, unbewegt und ein wenig beängstigend auf Amey. »Wir wissen die Ehre zu schätzen, Lieschen, nicht wahr?« Amey fühlte, wie die verkrümmte Schulter unter ihrer Hand zuckte. Ihre Stimme bat zärtlich: »Wenn es nicht gar zu unbescheiden ist – also, wirklich Sonntag um 5 Uhr?« Sie verabschiedete sich. In der Tür wandte sie sich noch einmal zurück zu ihrer kleinen Freundin. Sie sah sie an, als ob sie ein kostbares Geschenk mit fortnähme. – – – – – – – – –   In den folgenden Tagen kam der Winter noch einmal hart über die Welt. Schnee lag in der Luft, als Amey sich auf den Weg zu Fräulein Bronklava machte. Sie wollte mit der elektrischen Bahn fahren. Die Generalin, die in diesen Gegenden so sehr zu Hause war, hatte Amey mit dem Plan von Berlin in der Hand alles aufs genaueste beschrieben. Aber Amey, die sich in den meilenweiten Wäldern der Hellbergs noch niemals verirrt hatte, war hilflos in jeder Stadt. Natürlich stieg sie an der falschen Straßenecke aus. Der Himmel war farblos und grau. Wenn der Schnee fiel, würde es nicht jener Schnee sein, wie sie ihn von Hause her kannte, der sich wie die Güte und wie die Schönheit über die schlafenden Fluren deckte. Er würde sehr schnell eine widerlich glitschende Masse werden, die bei jedem Schritt hoch hinauf den Rocksaum beschmutzte, und die für niemanden eine Freude bedeutete als für unzählige Arbeitslose. Amey sah sich ratlos um. Diese fremden, unfrohen Straßen, hatte sie sie nicht schon einmal gesehen? Aber wann? Sie konnte sich nicht entsinnen. – Vielleicht mußte sie nach den Friedhöfen fragen. Fräulein Bronklava hatte dieser wie eines Glückes und als in der Nähe erwähnt. Ein junges, rothaariges Mädchen kam vorbei. Dürftig gekleidet, aber mit einer gewissen Zierlichkeit und dem Wunsch zu gefallen. »Die Kirchhöfe?« Ihre Augen, die flirrend waren und gerötet wie von wachen und erregenden Nächten, bekamen einen verlorenen Ausdruck. »Die Kirchhöfe?« Im nächsten Augenblick hatte sie den Mantel Ameys gemustert und den Sammethut. Ihre Hände, die unschön und frierend aus den zu kurzen Jackenärmeln hingen, machten eine hohnvolle Gebärde. »Die Kirchhöfe in der Ackerstraße meinen Sie ja wohl nicht. Dadrin sind wir Ihnen nu mal über! Nee. Da haben Sie nichts verloren, Fräulein!« Amey fühlte, wie ihr etwas die Kehle zudrückte. »Oh, bitte!« sagte sie angestrengt. »Bitte, nein!« Die Rothaarige, die sich schon abgewandt hatte, stand plötzlich noch einmal still. Sie sah Amey an. Eindringlich. »Weinen brauchen Sie dadrum auch nicht«, sagte sie plötzlich rauh. – Weinte Amey? Sie wußte das gar nicht. Sie fuhr hastig über die Augen. Sie lachte leicht verlegen. Sie war so voll Glück und Dank. Daß dieser fremde Mensch, vor dem sie sich noch eben entsetzt hatte, gut zu ihr sprach. Wie konnte man leben, wenn man nicht gut miteinander war? »Ich möchte so gern« . . . Sie wußte es augenscheinlich nicht deutlich, was sie so gern gemocht hätte. Ihre Augen eilten über die dürftige Kleidung, die doch gern zierlich gewesen wäre. Sie hafteten an den Händen, die frierend und verdammt aus den zu kurzen Jackenärmeln hingen. »Dies möchte ich, bitte«, sagte Amey leise und innig überredend. Zugleich hatte sie ihren kostbaren Muff aus Otternfell, der warm und weich war wie eine Liebkosung, der Rothaarigen in die Hände gedrückt. Wie erschreckt über ihre Kühnheit, und während das Mädchen mit einem fremden, verdutzten Lächeln ihr nachstarrte, hastete sie über den Fahrdamm zu einer verkommenen Droschke. »Chausseestraße 17. Schnell!« Als das elende Pferd sich schläfrig in Bewegung setzte, schien in die Rothaarige Leben zu kommen. »So haben wir nicht gewettet!« Sie rannte der Droschke hinterdrein. »Ein Müffchen auf Abschlag! Daß Euch Euer schlechtes Gewissen nicht plagt. Nee. Is nich. Ganz bezahlt soll werden!« Amey, die sich entsetzt in die Ecke ihrer Droschke drängte, sah einen dunkeln weichen Ball am Fenster vorüberfliegen. Wie bei einem Spiel flog er wieder und wieder und noch einmal. Mit ihm zugleich flogen Worte, die Amey noch niemals gehört hatte, und deren Sinn sie nicht begriff, und rohes Gelächter. »Bist du verrückt?« schrie plötzlich jemand. »Die rote Hedwig, da hat sie so 'n schönes Müffchen geschenkt gekriegt, und jetzt will sie's nicht behalten!« Und dann kam eine besänftigende Frauenstimme. – Die Aufregung schien sich zu glätten. Der Muff flog nicht mehr. Man hörte gutmütiges Lachen. Amey saß mit fest gefalteten Händen. Sie starrte vor sich hin wie jemand, dem der Boden unter den Füßen fortbröckelt. Was geschah? War es nicht wie neulich Abend, als die flackernden Trompeten in eine stille, warme und unbewußte Bläue hineinstießen? – Die Droschke hielt nach wenigen Minuten. Amey stieg aus. Sie zahlte. Ahnungslos, daß die Angelegenheit mit dem Muff dem Kutscher phantastische Ziele für seine Berechnungen eingegeben hatte. »Ich kann nicht«, dachte Amey plötzlich, als sie schon vor der Haustür stand. »Wie könnte ich jetzt zu Fräulein Bronklava hinauf!« Sie sah sich um. Sie fror. Aber nicht, weil ihr der Muff fehlte. Sie erkannte ja plötzlich alles: Jawohl! Dies war das Bild, das ihr der Kammerherr gezeigt hatte! Trotz aller Vorsicht waren die andern in der Pension dazu gekommen. Wie sie gelacht und gespottet hatten über die modernen Verrücktheiten. Und dennoch war dieses Bild wie ein heimliches Grauen immer mit Amey gegangen seither. Jetzt standen sie vor ihr: Diese fürchterlichen, schiefen Häuser, die hinauf züngelten, aus dem Grauen heraus und keinen Himmel über sich fanden, sondern nur ein undurchdringliches und düsteres Geheimnis, sodaß sie zurücktaumelten und sich ineinander krümmten, ohne Wurzel von unten, ohne Erlösung von oben. »Was ist?« sagte wieder dieses Neue in Amey. »Was bedeutet dieses alles?« Sie ging vor dem Hause, wie in einem Alptraum. »Sie leiden«, sagte in diesem Augenblick eine Stimme. »Darf ich Ihnen helfen?« Amey sah auf. Wie wunderbar. Hier im Halbdunkel dieser furchtbaren Straße erkannte jemand, daß sie litt. Ein Fremder, Vorübergehender. Und er sprach es aus, als ob er sie von Kind an getröstet hätte! – Ja, hatte sie diese Stimme nicht immer schon im Ohr gehabt? Wie gut das tat! Heimat stand um sie her, Glück und alle Beruhigungen. – Das Bild der Straße wurde plötzlich begreiflich und vertraulich. Man sah den kleinen Hökerladen mit den lustigen Zwiebelkränzen und der breithüftigen, gutartigen Frau. »Danke!« Amey staunte. »Mir ist wieder besser. Mir ist wirklich wieder ganz wohl.« »Da sind Sie ja!« Die Bronklava stand nun auch neben Amey. »Ich sorgte mich schon, daß Sie sich verlaufen hätten!« In diesem Augenblick bemerkte die kleine Dame, die wieder die Papageienjacke trug, den Begleiter Ameys. »Der Heidjer! Ich glaubte, Sie wären schon abgereist!« »Ich bin auf dem Wege zur Bahn!« sagte der mit Heidjer Bezeichnete. »Wie furchtbar schade.« Die Bronklava wiegte kummervoll den Kopf mit der Pagenfrisur. »Übrigens Sie kennen sich?« Sie sah fragend von einem zum andern. »Ja«, sagte Amey ohne Zögern. Sie lachte. Was hatte sie gesagt? Ihr war zumut, als stünde sie mitten in der Sonne. »Dieses Gesicht?« dachte sie fortwährend. »Woher kenne ich dieses Gesicht?« Der Heidjer lächelte, als Amey ohne Zögern »ja« sagte. Er verneigte sich leicht. »So lange und so gut kennen wir uns, daß ich meine Reise eigens um einen Tag verschob!« Er sah Amey an. Sie empfand einen feinen brennenden Punkt in ihrer Brust. Der war wie das Herz ihres Herzens. Die Bronklava sah immer mit strahlenden Augen von einem zum andern. »Aber ich verstehe nicht ganz« . . . »Und was verstünden wir denn? Nicht einmal die groben Linien können wir entziffern. Und nun das Geheimnis der ganz zarten und verborgnen!« – »Ja«, rief Amey schnell und glücklich. »Ja!« Als sei nun alles ganz klar und eine große und schmerzhafte Beunruhigung von ihr genommen. »Und nun gehen Sie wirklich nach Kleinasien?« Die kleine Malerin schien wieder bekümmert. »Ja, nun kann ich wirklich nach Kleinasien gehen!« Der Heidjer machte eine Bewegung des Abschieds. »Auf Wiedersehen!« Amey sagte dieses Wort sonderbar. Als ob ein nächster Mensch über die Straße ginge, um dort, an jenem Platz wieder bei ihr zu sein. – Sie streckte die Hand aus. Aber plötzlich und ohne daß sie sich Rechenschaft darüber gegeben hätte, nahm sie sie wieder zurück. Sie streifte hastig den Handschuh herunter, und so, unbekleidet und vertraut, legte sie die schmale, blasse Stuarthand mit dem blauen W in die feste, warme Hand des Fremden. Die Bronklava führte Amey. Wie eine Mutter oder wie eine alte Kindermuhme. »Er ist ein Freund von Ihnen, dieser Herr Heidjer?« Amey sagte es zögernd. Nur im Gefühl etwas über das eben Erlebte sagen zu müssen. »Herr?« fragte die Bronklava. Sie sah Amey nicht an dabei. »Wir hier ,« und sie betonte das hier, als ob Sie meine, daß anderswo es sicher anders gemacht würde, »wir nennen ihn einfach den ›Heidjer‹. – Ebenso wie man vom Herrn spricht oder vom König oder vom Retter. – Er ist für diesen Stadtteil ein Unersetzliches.« – »Und doch geht er so weit fort?« Hatte sie sich nicht längst verraten? Fräulein Bronklava konnte an eine längere Bekanntschaft im allgemeinen Sinn wirklich nicht glauben. Aber Amey machte sich keine Gedanken. »Er geht sonst weiter. Immer von Zeit zu Zeit ein paar Monate in tropische Länder«, sagte die Bronklava. »Das ist sein Geheimnis. Ein Viertel von seinem Leben gehört der Erde und der Sonne und den uralten, ewigen Dingen. Aber es kommt zuletzt nur immer uns zugut. Er ist nicht nur der Arzt, der heilt . Er klärt und befeuert zugleich. Lebendige Kräfte gehen von ihm aus.« – »Habe ich nicht gerade in dieser Weise von einem Menschen sprechen hören?« staunte Amey. »Von wem wurde so gesprochen?« »Übrigens – oben erwartet uns noch ein Freund aus den Ländern der Sonne.« Die Stimme der Bronklava war sehr sanft. Als wolle sie Amey schonend zu Wegen hinüberleiten, die ihr noch nicht erspart werden könnten. Amey hatte nicht bemerkt, daß sie vier Treppen hinaufstiegen. Treppen mit elenden Läufern, in denen ein Hacken sich leicht verfangen konnte. Immer nur staunte sie über dieses kühne, braune und gütige Gesicht, das eben an ihr vorübergegangen war wie in einem Traum, und das ihr doch so vertraut erschien, als sei es in zahllosen Existenzen schon bei ihr gewesen. – Wenn sich die schäbige kleine Vorsaaltür hinter einem schloß, war man bei der Bronklava wie in einem Reich des Friedens. In der einen Ecke des großen Atelierraums hatte sie sich ein trauliches Wohnzimmerchen eingerichtet mit den bescheidenen Kirschbaummöbeln aus ihrem Elternhause. Sie hatte sie bereits schön gefunden, als noch kein Händler auf ihren erneuten Liebhaberwert hin Spekulationen machte. Auf einem runden Tisch mit einer Decke aus spinnwebfeinem Garn in den kunstvollsten Mustern gestrickt, standen kleine blühende Primeln in allen Farben. Auf einem alten messingnen Kohlenwärmer brodelte der Kessel, und auf dem schlankbeinigen Tischchen daneben waren viele behaglich gerundete, goldgeränderte Tassen froh bereit. »Wie entzückend!« Amey klatschte in die Hände wie ein Kind. »Dies ist ein Napfkuchen, wie zu meinem Geburtstag! Meine alte Amme pflegte der Köchin zu assistieren bei dieser Feierlichkeit. Und Mullgardinen! Und dieser schöne Teppich aus irgendeinem Ort, wo die Frauen unter ihren Tonkrügen so feierlich schreiten!« Das Gesicht der Bronklava hatte heute gar nichts Ekstatisches, wie sie, mütterlich den Arm um die Hüfte Ameys gelegt, nach dem Teil des Zimmers, der das eigentliche Atelier bedeutete, hinübernickte. »Sieh, hatte ich nun recht oder nicht?« bedeutete das stolze und strahlende Nicken, – »da haben wir nun einmal einen Menschen!« Amey war viel zu sehr im Begrüßen mit all den toten Dingen, die so tief und reich und lebendig sind, um dem Blick der Bronklava gefolgt zu sein. »Ich hab' es immer gewußt«, sagte sie. »Nirgends geht es langweiliger zu als bei Leuten, die es ewig mit dem Stil haben. Bei uns auf dem Wunschberg ist es gerade wie hier. Jede Zeit und jedes Geschlecht hat eine Erinnerung zurückgelassen, und alle vertragen sich so sehr nett miteinander. Wenn wirklich einmal eine Meinungsverschiedenheit ausbricht,« sie glitt mit den Fingerspitzen über die Primelblüten, »dann gibt es Blumen dazwischen. Blumen sind immer dieselben.« »Ja, Blumen!« Amey sah sich schnell um . . . . Redete der rosa Nebel, dort in der Ateliergegend? »Mein Freund«, sagte die Bronklava. »Ich muß Sie mit meinem Freunde bekannt machen. – Wie schade!« Denn in diesem Augenblick klang die Türglocke zweimal und gebietend. »Es wird doch nicht Lydia Mendel sein?« Die Bronklava machte eine abwehrende Bewegung zu ihrem Freunde hin. »Meine liebe Freundin Emilie hatte mir von Ihnen erzählt. Wir hatten auf ein Plauderstündchen zu dreien gehofft.« Amey staunte über die Tracht eines gebildeten Mitteleuropäers. Gehörte nicht ein seidener Kimono wunderbarer Farbe mit Schmetterlingen und Kirschblüten zu diesem Gesicht? »Sie sind dennoch Japaner«, sagte sie. »Wenn Sie von meinem Namen – ich heiße nämlich Erich Gutenberg – absehen wollen und ebenso von der Stadt meiner Geburt, die Prenzlau ist, und dann vielleicht noch von meinen Studienjahren in Berlin und Leipzig und einer kleinen Misere hier und da, nur der Chronologie wegen, dann – ja vielleicht gehöre ich dann zu Japan. Aber bitte verwechseln Sie mich nicht mit dem Japan, das die Salutschüsse von Port Arthur einleiteten. Im modernen Japan bin ich fremder als fremd!« »Wie er lächelt«, dachte Amey, während sie auf die Stimmen draußen hörte, die lebhaft sich näherten. »Wie eine Legende ist sein Lächeln!« Dann ging die Tür auf und ein junger Mann folgte der Bronklava. Er war hochgewachsen. Man wußte nicht, ob der Blick an seinem Gesicht haften mußte oder an den Händen. Seine Finger waren schlank und vibrierend von Erwartung. Aber, als ob sie doch niemals fänden, was wert zu halten wäre, erschienen sie plötzlich locker, gelangweilt und abwesend. Im Gesicht war eine gleiche Zwiespältigkeit. »Sie kennen sich?« fragte die Bronklava. »Was ist?« dachte sie zugleich. »Ist dieses ein Unglück?« Amey wurde von einem Beben überflogen. »Doktor Vernow. Dies ist Doktor Vernow!« Die Bronklava schien ihrer Stimme nicht ganz trauen zu dürfen. Denn Thomas Vernow war auf seinem eiligen Gang mitten im Zimmer stehen geblieben, als habe ein Zauber ihn versteint. Die gelockerten Hände verschlossen sich in einem Ruck. Thomas Vernow? . . . Der junge Mensch – an jenem Abend auf der Friedrichstraße, der . . . er war Thomas Vernow? Er war der von Lydia Begehrte? Wie der Abschluß eines aufreizenden und schmerzhaften Kapitels, bei dem man das Buch nicht wieder öffnen würde, war diese neue Begegnung für Amey. Die rote See ebbte zurück. Das Beben verließ sie. Mit der selbstverständlichen, lässigen Anmut einer Dame von Welt streckte sie ihre Hand aus, die noch von vorhin den Handschuh abgestreift hatte. »Ja, wir sind uns schon einmal begegnet«, sagte sie mit diesem Lächeln, das alle betörte und über das sie selbst ahnungslos war. Ob Fräulein Bronklava übrigens nicht staunte, daß Amey alle Männer zu kennen schien? Aber an der Art, wie ihr Blick zurückgegeben wurde, merkte Amey, daß sie gar nichts zu erklären brauchte. Das Gefühl harmloser Unbefangenheit, als ob sie hier schon immer zu Hause und geliebt worden wäre, erfüllte sie wieder. »Jetzt weiß ich, an wen Sie mich erinnern!« sagte sie plötzlich. Ihr Blick grüßte den Japaner wie einen zurückgekehrten Freund. »Mein Onkel Rhaban besaß eine Statuette aus Bronze. Den Gott Jizo, der die kleinen Kinderseelen schützt in Sai No Kawara vor den schlimmen Onis. Ich liebte ihn, seit ich denken kann!« Sie verwirrte sich über ihren Worten. Zugleich war ihr eingefallen, daß es ein japanisches Sprichwort gab: Schön wie Jizo. »Es ist gewiß das Primitive in mir«, sagte sie schnell ablenkend. »Nie werde ich mich mit einer Religion abfinden, deren Endziel Nirwana ist!« Doktor Gutenberg lächelte. Er hatte alles über Jizo verstanden. Aber jetzt lächelte er, wie alle Männer zu lächele pflegten, wenn Amey wie eine schmale, hohe Flamme aus dem Duft von brennendem Weihrauch plötzlich heraufloderte. »Wir haben auch die Senschu Kwa-non«, sagte Doktor Gutenberg. »Sehen Sie!« Er nahm von einem Wandbrett ein feines Figürchen aus Elfenbein. Ein Mädchengesicht, das, obgleich von ausgesprochen japanischem Typus, an die Madonnen der Frühgotik erinnerte, neigte sich inbrünstig auf zwei über der Brust im Gebet verschränkte Hände. Ungezählte Arme streckten sich wie Flügel von den schmalen Schultern aufwärts und abwärts. Man wußte nicht, baten sie noch oder gewährten sie schon? »Senschu Kwa-non?« Amey errötete. War dieses Wort nicht schon einmal zu ihr gesagt worden? »Es ist die tausendarmige Göttin der Liebe.« Doktor Gutenberg reichte Amey die feine Figur. »Sie wollte die Beseligungen des Nirwana nicht schmecken. Sie wollte leben! Immer wieder leben und die Menschen erlösen aus Liebe!« »Immer wieder leben!« Amey fiel der Werdedurst ein, den sie neulich so leidenschaftlich verteidigt hatte. »Die Menschen erlösen?« dachte sie dann verloren und staunend. Gewiß die Menschen. – – Aber wenn jemand nun selbst nicht zuvor erlöst war? »Ich wußte es nicht«, sagte Amey. »Wie ist das schön, daß der Buddhismus nicht allein Gestalten des Verzichtens und der Entäußerung kennt! Daß er auch die Liebes tat verkörpert!« Dann verlor man sich in einem Gespräch über das alte Japan. Doktor Vernow hatte nach der Begrüßung durch Amey seine Haltung wiedergefunden. Die andern redeten. So wurde sein Schweigen nicht bemerkt. Seine Augen konnten Amey nicht verlassen. Die zarte Linie ihres Nackens verfolgten sie, das Spiel des gedämpften Lampenlichts auf ihrer Haut. Er saß wie ein träumender Knabe. Er war durch jedes Nein der Zeit gegangen, und vor dem brennenden Christbaum hatte er alles vergessen und war selig in Gläubigkeit. Man war schon beim Tee und dem Kuchen, dessen Inneres dem Äußeren nichts schuldig blieb, als es wieder und wieder klingelte. Amey begriff, daß das Heim der Bronklava, diese billige, vier Treppen hohe Wohnung in einer der übelsten Mietskasernen von Berlin N, der Sammelpunkt jener Künstler war, in denen die Zeit am heftigsten fieberte. Dieses Geschlecht der heimlich Verschworenen und Visionäre. Der Widersacher alles Augenfälligen. »Wir haben es uns nicht bequem ausgesucht«, sagte ein langer Mensch mit Brille, der etwas Transparentes an sich hatte. Allein sein kindliches Gesicht schwebte rund und greifbar über einer ungeheuren meeresblauen Krawatte. Die andern nannten ihn den Professor. »Wer wieder ganz Mittelpunkt werden will, darf nicht auf ruhige Tage spekulieren. Von der Peripherie unserer Zeit und aus unserer zerhackten Jugend her müssen wir uns zurückholen. Aus Fabrikdistrikten, Irrenhäusern und Konzertsälen. Aus dem Schmutz der Gosse und aus soviel Lauheit, Kälte und Furcht. Wir sind uns selber noch sehr fern, ja. Und wir kommen von weither. Etliche kommen aus dem nächsten Kaffeehaus, aber das ist nicht näher als Amerika. Und ein Bordell« . . . Er schwieg plötzlich. Er sah mit seinen kurzsichtigen, bebrillten Augen zu Amey hinüber. Das kindliche Lächeln wurde ergreifend. Er machte eine unbeholfene Handbewegung, die um eines Wortes willen, das ihm zum ersten Male als verwehrt erschien, um Entschuldigung bitten sollte. »Sie haben weite und schwere Wege«, sagte Amey sanft. »Ich glaube, ich verstehe. Es gilt eine Heimkehr zu einem lange und tief Verschütteten!« Der Professor sah sie an in dankbarem Staunen. Auf der anderen Seite des Tisches entstand eine Bewegung. Ein ganz junger rothaariger Mensch mit schweren, breiten Schritten und nach vorn gekrümmtem Rücken, als hätten seine Vorfahren Jahrhunderte hindurch unter Lasten gekeucht, hatte der Bronklava ein Bild mitgebracht. Es war noch feucht vom Firnis. Er trug es wie ein Präsentierbrett. Aber er trennte sich von ihm wie von einer Geliebten. Zwei Menschen waren auf dem Bilde dargestellt. Es sollte ihren höchsten Moment darstellen. Ihre letzte Steigerung. – Alle standen um das Bild. Amey war in den Vordergrund und in die Mitte geraten. »Es erscheint mir irgendein Bruch darin?« Sie fragte grübelnd und wie im Wunsch, eines Besseren belehrt zu werden. »Auf der einen Seite stehn sie ganz im Jenseitigen. Sie sind ganz Rausch und Ekstase. – Ja – und dann scheinen sie mir zugleich sehr tief gebunden. So ganz ohne süßes Spiel. – Sie sind Gott – – oder Tier . . . Ist das der Mensch?« Sie erschrak. »Du bist noch immer viel zu konkret, Peter«, sagte jemand mit hohen slawischen Backenknochen, der immerwährend seine Finger aus den Gelenken riß. »Du willst noch immer das Gegenständliche um dich ausdrücken. Das ergibt Mißverständnisse. Ich male nur noch Ungegenständliches.« »Wieso?« sagte Amey. »Ich verstehe nicht. Sie meinen nicht, Sie malen Begriffe?« »Erbarmen, Marsyas!« Die Bronklava lachte. Der mit den hohen Backenknochen schien mit seinen Fingergelenken zu sprechen. »Begriffe? Gott soll mich bewahren. Was gäbe es denn, was zu begreifen wäre? Empfindungsinhalte natürlich!« – »Aber wie kann man eine Empfindung darstellen, ohne einen Gegenstand? Sie muß doch irgendwie in Erscheinung treten?« Amey staunte. »Bitte erklären Sie mir. Ich habe Kubisten und Futuristen noch nicht begriffen, und jetzt sind Ihnen diese auch schon wieder zu deutlich?« »Es handelt sich nur noch um Linie und Farbe«, sagte der Marsyas Genannte ungeduldig und dennoch irgendwie bemüht, gefällig zu erscheinen. »Früher waren die beiden Knecht. – Nehmen Sie an: spitze, zackige Linien: sie sind das Satanische, das Boshafte! Oder dann dick geknetete, eingewürgte« – seine Hände, die eben mit gespreizten Fingern hin und her teufelten, fingen an zu kneten und zu würgen. »Das ist Brutalität des Lebens, Zerquetschtsein, Alptraum. – Und jetzt, sehen Sie: gerundete Linien, weich, verschlungen, Kreise« – er bildete aus seinen Händen ein Nest – »fühlen Sie das Geborgensein? Die ganze Wärme und Zärtlichkeit?« Er sah Amey an. Plötzlich errötete er und verwirrte sich. »Ja«, sagte Amey glücklich. »Dies kann ich verstehen.« Bei den gekneteten und eingewürgten Linien hatte sie die Fischhaut im Rücken gefühlt. Jetzt empfand sie sich geborgen in diesen großen Jungensfäusten. »Aber Sie wollen nicht sagen, daß Sie fortab nur noch Zacken und Kreise machen werden und Linien kneten?« Alle lachten. Es war sommerliche Atmosphäre in dem weiten, hohen Raum. Sommergutsein, Duft, Flötenlieder. Alle sahen auf Amey. Wie eine durchsichtige und heitere Lichtalbin, die einen geheimnisvollen Freudenborn in ihrer zarten Hand hielt, stand sie in dem rosenfarbenen Nebel der verhüllten Lampe. »Also voran«, sagte der Transparente, Bebrillte. »Also Farbe. Lila, zum Beispiel. Malerisches Lila – hm.« Er stotterte, im Eifer sich zu entfalten. »Denken Sie an alte Münster zum Beispiel. Vor Tag.« Amey nickte freudig. – »Diese Farbe dann vom Gegenstande gelöst, an sich im Raum! Zusammengebildhauert. Der Grund obsidianschwarz, bepurpurt. Und dann irgendwo ein verlassenes Aqua marin und matte Umrisse von tropfendem Silber. – Nun . . .?« Er rief auf wie zum Bekenntnis. Amey faltete die Hände und sah mit einem Blick angestrengten Nachdenkens in die kurzsichtigen Augen. Die Brille war beschlagen, der Professor mußte sie putzen. »Ein Rebus?« sagte sie. »Niemals in meinem Leben habe ich ein Rätsel erraten. Es ist eine besondere Veranlagung. Wie Mathematik. Ich sterbe vor Neugier. Üben Sie Gnade!« Ihre Stimme war unsicher und zugleich schmeichelte sie wie eines höflichen, geliebten und viel beschenkten Kindes Stimme. Wieder lachten alle gerade heraus. Auch der rote Peter. Amey sah sich im Kreise um. Sie fühlte sich getragen und beschützt, als ob sie in einen Ring seltsamer Fabelwesen geraten wäre, die zu entbannen sie dennoch das Wort wußte! »Preisrätsel!« Marsyas hatte sich alle zehn Finger aneinander zerschunden. Er zerkrümmte sich zu einem Horn auf seinem Stuhl. – »Wehmut!« schrie der Professor über das tosende Lachen. »Was kann es andres bedeuten?« – »Wehmut?« – Amey staunte. »Ja, da malen Sie also eine Philosophie?« – »Ist denn kein Schulbeispiel zur Hand?« – Marsyas wühlte in Mappen und Kästen und stürzte Staffeleien. »Im Wandschrank«, rief die Bronklava herzueilend. Aber Marsyas nahm die kleine Dame wie einen Ziergegenstand, der im Wege stand, und hob sie auf einen Tisch. »Heiliger Cézanne!« Er verzückte sich plötzlich. »Eine Jacke?« Er rieb sich die Augen, faßte mit zwei Fingern die Schulter der Bronklava und drehte sie behutsam wie ein kostbares Schaustück. »Ja, wieso denn?« Die kleine Malerin auf ihrem erhöhten Standort lachte und schalt. Zugleich staunte sie mit weltfremden Augen. Die Fingergelenke des Marsyas musizierten wie ein Xylophon. »Weil ich ihr mit dem Milchtopf die Tischdecke verschandelt hab', schick' ich ihr eine neue. Echt Indien, von Wertheim – und« . . . – wieder fing er an, die Bronklava zu drehen. »Oh, Emilie!« rief Doktor Gutenberg. »Sagte ich es nicht immer, etwas hierbei stimmte nicht?« – Er sah völlig aus wie Jizo. – »Alles stimmt.« Thomas Vernow verbeugte sich flüchtig in der Richtung auf Amey zu. »In einer Zeit, wo jedes Tapetenmuster zur Philosophie werden kann, warum sollte in einer Zeit, wo alle Grenzen sich verflüchtigen, eine Kaffeedecke nicht als Kleiderstoff gelten dürfen!« Seine Stimme war gereizt. Er wußte nicht, was ihn so quälte. »Oh, Emilie«, wieder rief Doktor Gutenberg. Er lachte hingegeben und dennoch höflich und gemäßigt. Wie man in Japan lacht. – »Man muß Sie gegen mich in Schutz nehmen! Es ist weit gekommen mit uns!« Zart gebaut wie er war, hatte er dennoch die Bronklava vom Tisch heruntergehoben, ehe Thomas Vernow dazu gelangte. Amey legte der Bronklava die Arme um den Hals wie einer vertrauten Freundin. »Es ist gar so lieb hier«, sagte sie glücklich. »Aber so rasend zurückgeblieben komme ich mir vor!« Ihre Augen warteten auf Marsyas und den roten Peter, die im Wandschrank wühlten. Thomas Vernow sah sie nicht. »Hier«, schrie Marsyas. Er zerrte eine Pappe ans Licht. Da er sehr oft die Wohnung wechselte, pflegte er seine Skizzen und Bilder bei der Bronklava zu beheimaten. Alle Gelb und Braun und Rot der Erde waren auf dem unteren Teil dieses Bildes. Schwerer Ocker und tigerhaft gebrannte Sienna. Versonntes Chrom und flackerndes Schwefelgelb. Rostrot wie heimliche Waldwege. Lichte Braune, wie erster Blätterfall, und tiefes, gesegnetes Braun, wie reife, gesegnete Erde. Amey sah voll Glück auf dieses Bild, das eigentlich kein Bild war, und das in der Sprache seiner Farben zu ihr redete wie in einer Sprache aus uralten Heimaten. Der graue Grund der oberen Hälfte war durch wenige Striche seiner Tonigkeit und Schwere entkleidet worden. Rosenrote Perlen verzückten sich, und goldene Aufströme gipfelten höher und höher. – »Nun?« Marsyas wartete atemlos. Amey hatte die Hände um ihre Knie geschlungen. Plötzlich hob sie den Finger glücklich wie ein Schulkind. »Verklärung,« rief sie . . . »Verklärung!« »Erbarmen!« Die Bronklava beschwor. Denn der Geschundene schonte weder Möbel, noch Bücher, noch Götter in seiner Raserei. Wie er herumstürzte, sich wand und schrie, konnte man wirklich annehmen, daß man ihn aus seiner Haut herauspeitschte. »Verklärung!« Er sprang über einen der kleinen Tische. »Oh, glühender Schmerzenspunkt unserer Erlebnisse! – Raserei der letzten Anspannung! Ich befehle die Herrschaft des Inwendigen. Wir sind . Das genügt. Der ewig Wandelbare hat dem Erstarrten den Krieg erklärt. Und der Sohn wird wider den Vater stehen! Und der Geist wider die Form! Es wird nur noch hüben geben und drüben. Und die Mitte, – ja – die zähe Unbewegte werden unsere Schuhe zerstampfen!« – Er riß ein Taschentuch heraus, umfangreich wie ein Tischtuch. Er warf es sich über den Kopf und rieb sich wütend wie ein Schwimmer. Als er es herunterzerrte, sah er sich mit staunenden Kinderaugen im Kreise um: »Ich habe den Herbst gemalt. Und sie sieht ihn bereits als Symbol!« Der Japaner lächelte sanft. »Wir auch,« sagte er, »auch wir im alten Nippon gaben das Geheimnis der Dinge. Aber wir verschmähten nicht die Subtilität konkreter Darstellung.« »Ja,« sagte Amey, schnell und kurz atmend, als müsse sie alte Heiligtümer gegen das klirrende Heranstampfen von Eroberern verteidigen. »Dies ist eine Art, Seelenvorgänge darzustellen. Aber warum soll man andre, die es anders zuwege brachten, darum schelten? Denken Sie an Grünewald. Der Henker z. B. – Alle Not seines Schicksals blutet in seinen Augen! Und die Maria vom Isenheimer Altar! Aber vielleicht kennen Sie am besten den gegeißelten Christus aus der Pinakothek. Wenn Sie einzig die Hände nehmen! Diese gespreizten Finger! Das Leiden ist schon Krone geworden. Die Seele feiert bereits.« »Ja, mein Gott, Grünewald! Wer spricht denn von Grünewald?« »Ich hätte auch die Mona Lisa anführen können!« sagte Amey. »Wie das betörende Geheimnis ihres Lächelns mit dem Geheimnis der mondblauen Landschaft verschmilzt!« Niemand antwortete ihr. Alle sahen sie an: »Und dein Lächeln? Und das betörende Geheimnis in dir?« Aber Amey konnte nicht achten auf ihre Gedanken. Hatte sie nicht einen Vorsprung gewonnen? »Oder die Einfachheit und die Größe der Antike hätte ich anführen können, – oder die Andacht und die demütige Liebe zu den kleinen Dingen, wie auf Bildern von Hans Memling. Oder Hände, wie sie Dürer malte, oder Rembrandtsches Licht!« »Wer verlangt denn so etwas?« Der rote Peter riß sich los vom Gesicht Ameys. Es sah aus, als wolle er sich auf jemanden stürzen. Was verlangt wurde, oder von wem, wußte er nicht. »Ja, aber wenn Sie all diese gelten lassen,« rief Amey staunend und halb schon beglückt, »wem wollen Sie dann eigentlich den Garaus machen? Denken Sie an meine seligen Lichttrunknen? – Gott! – Monet!« Sie ging wieder mit Onkel Rhaban durch Paris. Sie spürte den bebenden Atem dieser Stadt. Sie schritt am Quai d'Orsay und sah die Seine überspiegelt mit Wolken und Brücken, und über flimmernden Bäumen im Dunst die zarte verblauende Spitze von Sacre Coeur. Sie wanderte durch den Wald von Fontainebleau, und sie sah ihn mit Rousseaus Augen. Sie konnten doch wohl nicht Rousseau im Sinne haben, den großen Unschuldigen? Oder Cézanne und seinen Rhythmus streng wie ein Sonett? »Nein«, riefen die Verschwörer endlich. Alle riefen sie zugleich. »Nein!« – Jede Epoche habe einmal ihr Recht gehabt. Ja, dann betrachteten sie sich also nicht als das Endgültige? – Nichts anderes verlangten sie als das Recht der Entwicklung? Nichts andres verlangten sie. Sie sagten das alle, wiewohl es ihnen eigentlich jetzt eben erst als letzte Wahrheit ins Bewußtsein trat. Nichts als das Recht des ewigen Weiter. Und den ewigen Fluß und das Wandelbare. Amey schöpfte ihren Atem tief herauf. Sie spürte den heißen und neuen Lebensstrom. Aber zugleich empfand sie ihre Seele verankert im Gestern, das verklärt war durch die Wehmut des Todgeweihten. Aber die Verschwörer wußten nicht, wohin Amey gewandert war. Wer von ihnen hätte ihr zu folgen vermocht? So riefen sie und schworen bei Rousseau und Cézanne, daß Amey sich soeben als eine der Ihren dokumentiert habe. »Nein. O nein.« Amey lachte, und es war ein heimlicher Schmerz auf dem Grunde ihres Lachens. Gab es keinen Ausweg? Würde sie ihn nicht finden? Das Heute hatte recht. – Jawohl. Aber mußte man darum alle Brücken abbrechen zum Gestern? Amey erschrak. – »Nein«, sagte sie bang und wie im Traum. Sie sah weit hin, zum andern Ufer. Drüben stand das Neue. Es lockte und saugte sie zu sich hin. Mit heißen und jungen Munden. Ihr war, als schritte sie, gezogen vom Mond. An Lotrechten entlang. Am Tode entlang. Und mußte dennoch mit starren, aufgehobenen Armen dem Neuen zu – dem unbekannten König. Aber plötzlich schien sie sich zurückzureißen. – Eine Hellberg? Und allein sollte sie kommen? Und alles dahinten lassen, was ihrem Geschlecht als heilig gegolten? – Etwas in ihr schmerzte zum Weinen. – Wohlan. – So würde sie einmal im Leben den Mut der Ketzer haben. – Denn hier war das Alte das Ketzerische. – Nein: eine Hellberg ließ nicht im Stich. Die letzte ihres Geschlechts würde nicht die große Absage vollziehen. Und wenn sie sich mit eignem Hand den Scheiterhaufen schichten mußte. – »Welcher neue König dürfte Vasallen trauen, die zuvor den alten erschlugen?« Leise hatte sie die Worte gesagt. Zärtlich. Als tröste sie ein weinendes Kind. Niemand erwiderte ihr. Alle hingen an ihrem Gesicht. Alle spürten es irgendwo tief in einem brennenden Punkt: Sie selber war das weinende Kind. Sie spürten eine bange erschrockene Sehnsucht zu ihr hin . . . Amey sah sich um. Das Geheimnis ihres Wesens war ihr verborgen. Sie wußte nicht, daß sie mit dem warmen Atem ihrer Brust so lange die kleine Flöte blasen mußten bis alles um sie her in Blüten stand. Sie wußte nichts daß sie selber erblühte oder verging, wenn Liebe ihr nah stand oder fern. Aber wie sie in alle die Augen sah, die an ihr hingen, erschien ihr nicht der ferne, schwindelnde Glanz einer Brücke? »Ich habe eine Hoffnung!« rief sie außer sich. »O bitte!« Die Tränen kamen ihr vor Glück. »Haben Sie Geduld! Erst muß alles sich ein wenig beruhigen.« Ihr Blick ging zu Marsyas. »Sie sagten, die Mitte . . .« Sie verwirrte sich, sie lachte zart. – Alle lachten. Sie dämpften ihre Stimmen. Sie waren wie große zottige Hunde. Als das Herrenkind sich betrübte, waren sie betrübt geworden. Jetzt, da es scherzte, waren sie zum Scherzen ach – so bereit. »Ja,« rief Amey, »Sie wollten sie doch zerstampfen!« Sie stampfte lachend den schmalen Fuß auf den Teppich. »Aber ich komme nicht aus der Mitte. Ich komme von ganz weit drüben. Dort war alles schön und gut, und die leisen Dinge so voller Bedeutung. Und die große glückselige Einheit zwischen Wesen und Schein, der Rhythmus zwischen Leben und Kunst war bei uns da drüben!« Sie horchten auf. Zugleich erschienen sie erschreckt und beschämt. Jetzt sahen sie aus wie Kinder der Armut, die mit bestaubten Füßen vor fremden Sälen und Hallen stehen. Was wußten sie zu sagen über diese Art Rhythmus, der allein den Namen Kultur verdient? Was wußten sie über die Bedeutung der leisen Dinge? Der Japaner und die Bronklava lächelten sich zu. Etwas ergriff sie bis zu Tränen. Die andern hatten den Kopf gesenkt. Auch Thomas Vernow. Jeder sah sich selbst auf den Grund. Wo der große Bruch war und die Verzweiflung. »Ja«, sagte Thomas Vernow zuletzt. Seine Stimme hatte etwas Gezerrtes. »Sie kommen von drüben her. Wir aber stehen mitten drin in der Zeit!« – Er sprach, als stünde er im Morast bis zur Brust. – Amey erbleichte. »Wie wir's so herrlich weit gebracht!« sagte Thomas Vernow. Er schwieg hart. – Was für Sinn hatte es? Was für Worte gäbe es, ihr die Wunde begreiflich zu machen, an der sie alle verbluteten? War es nicht schamlos, Wunden zu entblößen? »Du«, dachte er, und seine blauen, geschliffenen Augen wurden matt wie Stahl unter dem Hauch eines Mundes. »Du Feine, du Fremde, du!! Wie sollte man dir die Tore aufschließen, daß du das Heute siehst, wie es vor uns steht! Diese stinkende Leiche in purpurne Binden gewickelt! Dies sollte man dir zeigen? – Und wir« – dachte Thomas Vernow. »Sähest du uns, wie Gott uns sieht, würdest du nicht taumeln vor Entsetzen, du Feine, du Fremde! Du!« – Seine schlanken, erregten Finger schlossen sich zu Fäusten. Er trieb die Nägel in die Handflächen bis zum Schmerz. – Ja, waren sie nicht alle genährt mit der giftigen Milch dieser Zeit, die sterben mußte und nicht sterben wollte? Und waren entsprungen aus ihrem Schoß und standen da wie Mörder und fühlten sich befleckt und wollten den neuen König auf den Thron heben und wußten, es konnte ihnen nicht erspart werden: sie mußten den alten zuvor erschlagen. Wo war der Mensch, der keinen alten König in seiner Brust erschlagen mußte? Der aus dem strengen, süßen Morgen emportauchen würde, unbefleckt und ganz, mit der Unschuld der Kinder Gottes? Amey sah Thomas Vernow an, als hätte sie seine Gedanken gelesen. Sie beugte sich ein wenig zu ihm hinüber. Sie hob die Hände: »Dennoch«, sagte sie leise. »Ich glaube dennoch an die Möglichkeit der Brücke. Wie könnte man in die Schlacht ziehen ohne Glauben an Sieg?« – Es waren plötzlich Fanfaren in ihrer Stimme. Fanfaren, denen die Hellbergs folgten, seit Jahrhunderten. – »Könnte ich Sie nur alle einmal bei uns haben! Oh« – ihre Augen wurden wie reife Weinbeeren unter der Sonne, wenn der Gott darin tanzt. Sie legte der Bronklava den Arm um die Schultern. Aber es schien, als ob sie mit dieser Zärtlichkeit alle zu sich nähme. – »Sie müssen einfach kommen« – rief sie. »Aber alle müssen Sie kommen! – Im Sommer! – Wenn es bei uns am schönsten ist!« Niemand antwortete ihr. Sie waren unterm Rausch ihrer Augen. »Wer bist du?« dachten sie alle. »Bist du eine Wirklichkeit? Träumen wir dich endlich einmal, da unser Verlangen so unaufhörlich und schmerzvoll nach dir gerufen hat? Bist du ein Bürger bereits jener neuen Welt? Schenkst du dich uns als Symbol unserer Sehnsüchte? Du Feine, du Fremde! Du Seele! Du Frau! Nicht mehr ein vereinzelter Aufstrom der Liebe – sondern die süße Liebe an sich. Bist du die Erlösung von allem Bösen?« »Ja,« sagte Amey eifrig und glückselig, »wenn Sie bei uns sind« – sie sprach für alle Hellbergs – »Sie werden alles begreifen. – Ich meine nicht nur das Spukzimmer oder die Pferdeköpfe auf den Ställen. Ich denke nicht an die Käuzchen in der Ruine oder den Ahnensaal und den kleinen griechischen Tempel unter den Zypressen am See, wo alle Hellbergs in den schmalen, zinnernen Särgen stehen.« – Ihre Stimme bebte. Sie spürte plötzlich den starken Geruch vieler Maiblumen, die aus Warmhäusern kamen. – »Nein, nicht dies allein. Oder was sonst meine Vorfahren bauten und gründeten, und worüber sie schalteten und Recht sprachen. Ich meine nicht dies allein, worin sie groß waren und gütig und herrlich, oder worin sie sündigten . . . – – Ach – – all das möchte ich Ihnen zeigen, was mit ihnen dort gewachsen ist und geblüht hat, in Wäldern und Fluren. Immer schon. – Alle die tausend heimlichen Stimmen sollten Sie hören, die wir Hellbergs im Blut haben.« Die schiefen Häuser standen plötzlich vor ihr, das steinerne Meer ohne Halm und Segen. Sie zog die schmalen Schultern zusammen, als ob sie fröre. »Oh, unsere Sonne!« sagte sie träumerisch. »Wenn die ganze Luft voll ist vom Geheimnis der letzten Erfüllung! Wenn man denkt: Morgen! – Morgen steht die Sonne auf dem Gipfelpunkt. – Und dann kommt plötzlich ein Ton, – durch die feine Melodie der Zikaden kommt ein Tom – Man glaubt ihm nicht. Pan – denkt man – Pan! – Die Akazien blühen ja doch und die Rosen! Aber der Ton kommt wieder – und jetzt muß man ihn annehmen. Er ruft – wie Aufgebot – und plötzlich scheint alles dunkel zu werden. – Man fühlt ein feines Ziehen und Schmerzen.« – Amey legte die Hände wie still gefaßt und übereinander auf ihr Herz. – »Das Dengeln der Sensen ging durch den Sommertag.« Amey sah in die Weite. Seufzte sie? Aber wie sie die Hände auf ihr Herz gedrückt hielt – war nicht an dieser Stelle einmal ein ganz feiner, glühender Punkt gewesen? Wie das Herz ihres Herzens? Eine große selige Zuversicht überkam sie. »Und unsere Mondnächte! – Wenn die Nebelfrauen geistern! Dann gehn die Pferde wie Gespenster über den moorigen Grund. Die Weidenbüsche haben Teufelsgesichter, und hinter den Erlen huschen blaue Flämmchen. Und alles ist voll von jenseitigen Dingen. Ganz voll von Schicksal und Schimmer und Grauen. – Ja – auch wir,« rief sie, »auch wir wissen von den großen Zusammenhängen. Nicht die Dinge an sich lieben wir, sondern die Seele der Dinge!« »Wie im Zauber bin ich«, dachte Thomas Vernow. »Eben noch war ich umhüllt von Sonne und Glück, und jetzt rieche ich den Moorrauch und fühle, wie jedes meiner kleinsten Haare sich aufrichtet. Was ist mit mir? Wie sie mich ansieht, ist mir's als erblicke sie mich so, wie Gott mich gedacht hat. Weiß sie alles von jenem Abend, und was mich trieb, und was mich erlöste?« Etwas in ihm war wie ein neues und fremdes Leben. Marsyas saß mit aufgestützten Armen und sah zu Amey hinüber. Seine Hände waren beruhigt. Seine Augen hatten ein seltsam Schwimmendes. Er war ein Knabe, der am Feiertag das weiße Chorhemd über seinem ärmlichen Linnen trug. Er schwenkte das Weihrauchfaß und sah durch das blaue, duftende Gewölk die Gesichter von St. Barbara und St. Veronika und die heilige Klara. Die Priester verbeugten sich, die Glocke ertönte, alle stürzten sich auf die Knie in der kleinen, bunten Kirche, und die Schauer vor dem Wunder der Verwandlung schüttelten ihn wie ein Frost. Er betete an. Er war aus sich hinausgehoben in Ekstasen. Er dachte Gott, er dachte seine Kunst. Aber er sah Amey. War sie nicht Gott und Kunst? Hielt sie nicht alles, was selig und heilig und gewaltig war in dieser kleinen, schmalen, weißen Hand, die einer fernen Epoche anzugehören schien in ihrer Unkörperlichkeit? Und in deren Fläche das blaue W sich abzeichnete wie ein Stigma? – »Wir haben eine Stütze bekommen, Erich.« Die Bronklava lächelte selig, stolz. »Jetzt wird der Kampf nicht mehr so ungleich sein.« »Ich will es nicht«, schrie in diesem Augenblick der rothaarige Peter, »gleich werden wir alle ihr aus der Hand fressen und dann . . . Sie wird schon viele verhext haben! Die!« Er stampfte mit dem Fuß auf die Erde. Amey sah entsetzt zu ihm hin. »Peter!« rief die Bronklava. »Peter!« riefen die andern. Marsyas hatte sich aufgereckt. Er streifte die Ärmel in die Höhe. Seine Haare sträubten sich. Er duckte den Kopf zwischen die Schultern. Er sah komisch aus und schrecklich zugleich. Thomas Vernow setzte die Zähne so fest aufeinander, daß seine Lippen vonsammen sprangen. Seine geballte Faust legte sich langsam und schwer auf die Lehne von Ameys Stuhl. »Was kümmert mich das alles!« schrie der rote Peter noch immer wild in seinem Schmerz. »Ich will es nicht, daß sie mich irre macht! Ich will nicht verführt werden! Ich kann sie nicht widerlegen. Ich bin nicht klug und nicht gelernt genug. Mein Vater war Packträger und meine Mutter Waschfrau.« Er schlug sich plötzlich auf den Mund. Es sah aus, als wolle er in Tränen ausbrechen. – »Alles, was von denen da drüben kommt, ist schlecht und verfault. Jawohl – Gott – oder Tier – und das ist der Mensch. Alles andere ist erstunken und erlogen.« Er röchelte. »Ihr sollt so sehen, wie ich's euch zeige«, befahl er. »Wenn unsere Seelen verzerrt geworden sind und krank, wenn wir Satanisches sehen, Unmögliches, so sollt ihr das jetzt als das Gegebene glauben. Wir sind nicht auf dem festen Boden der Tradition verankert. Wir haben keine Schlösser und Ahnengalerien. Wir sind nicht Fronvögte gewesen viele hundert Jahre. – Keiner von uns hat Pan erlebt, wie Ihr auf Euern Wiesen und Wäldern. Unser harter Gott ist der Stein. Kein Halm kann blühen auf seiner Hand.« Der Schweiß stand auf seiner Stirn. Sein Atem keuchte. »Wir haben unser Boot abgestoßen. Wir schiffen frei zwischen Leben und Tod. Das Ufer mit den Lichtern und mit den Menschen liegt weit. Alles, vor dem bis jetzt auf dem Bauch gelegen worden ist, bestreiten wir. Wir kennen die Bürger nicht mehr. Und Ihr« – er fuhr zu Amey herum. Es schien, als taumelte er. »Ihr habt jetzt lange genug an den Fettöpfen gesessen und Kultur gemacht. Solange bis sie sich selber wieder auswürgt. Nee. Is nich. – Alles das ist zu Ende. Ganz was andres muß anfangen. Jenseits« . . . Er sah aus wie mit Blut bedeckt. Entformt. Und zugleich wie hoch über ihn hinausgerissen, hinein in eine Welt anderer, fremder und werdender Gesetze. »Oh!« sagte Amey. Sie wollte aufstehen. Sie wußte gar nicht, daß er sie beschimpfte. Sie sah nur den unsäglich leidenden Menschen. Brachen nicht die Peitschenschläge, die er gegen sie geführt hatte, an seinem eigenen Leibe in dunkeln Wunden auf? – Wie war das alles geschehen? Warum? Sie sah sich um. Sie hatte keine Gewalt über ihre Glieder. – Ehe die Bronklava um den Tisch mit der feinen Decke herum zu dem jungen Menschen getreten war, der wie ein Fakir am Übermaß seiner Inbrunst zu ersticken schien, hatte der rote Peter sich bereits zusammengerissen. Er klirrte an der altmodischen Kommode, auf welcher die Senschu Kwa-non stand, vorüber. Im nächsten Augenblick hörte man ihn draußen auf dem Flur. Die Tür krachte. Er war fort ohne Lebewohl. – – – –   An diesem Abend war es Amey unmöglich, in der Pension zu Tisch zu sitzen. Das Fieber kam wieder. Wie an jenem Abend nach der Friedrichstraße. Sie konnte auch nicht zu Bett gehen. Sie hatte den seidnen, weichen Kimono übergeworfen und lag auf ihrer Couchette. Das warme Licht der kleinen, goldfarbenen Schirmlampe entkleidete den ursprünglich unpersönlichen Raum, der nach und nach im Duft und in tausend Kleinigkeiten einen zarten Abdruck von Amey empfangen hatte, jedes letzten Pensionsmäßigen. »Was ist geschehen?« dachte Amey. Die Bronklava hatte sie nicht fortlassen wollen nach dem grellen Schluß dieses Nachmittags. Aber irgend etwas trieb Amey: Angst, Unrast, ein Drang. Hatte sie diese Begleitung von Dr. Vernow gefürchtet oder gewünscht? Sie wußte es nicht. Alles war wirr und aufgerührt. Es war gut gewesen, daß der Professor und Marsyas gebeten hatten, sich anschließen zu dürfen. Der Japaner einzig blieb bei der Bronklava, wie er an jedem Montag zu tun pflegte. – Man war zuerst zu Fuß gegangen. Amey hatte gemeint, die Luft würde ihr gut tun. Durch diese aufgeschreckten Straßen waren sie gegangen, die selbst der Abend ihrer grellen Zerrissenheit und hoffnungslosen Trauer nicht zu entkleiden vermochte. Die schiefen Häuser standen plötzlich wieder vor Amey. Sie ertrug dieses alles nicht mehr. Man winkte einem Taxameter. Mit unbedeutenden Worten, die den Versuch machten, zu scherzen, und unter deren dünner Decke jeder seine Seele fragen und sein Blut brausen fühlte, fuhr man durch dieses Berlin. Am Ziel fragte Dr. Vernow, wann er kommen dürfte und die notwendigen Erklärungen bringen. Er fragte, als gälte es nur den Zeitpunkt für ein längst Besprochenes festzusetzen. Amey hatte ihm den folgenden Nachmittag erlaubt. Während Amey ruhte, empfand sie wieder den Blick dieser tiefgelagerten und geschliffenen Augen, aber daneben standen plötzlich zwei knochige, zornige Hände, als ob sie sie würgen wollten, und der ganze Haß und die Empörung des roten Peter fiel wieder über sie her. Und nun – oh – es waren garnicht seine Hände, sondern die armen, froststarren Finger des Mädchens . . . »Wie seltsam«, dachte Amey, – auch sie hatte rote Haare und dieses Anziehende und Abstoßende zugleich. Auch sie wollte mir weh tun bis ins Herz! Die Tränen stürzten Amey plötzlich aus den Augen. »Warum ist dies alles? Hab' ich Schuld?« Sie richtete sich jäh in die Höhe. Der Handspiegel in der kostbaren silbernen Fassung klirrte auf die Erde. Er lag in tausend Splittern. Amey sah den Splittern hinterdrein. »Aller Schönheit Ende«, sagte sie. – Aber dann wendete sie sich wie gleichgültig von ihm fort. Bilder drängten sich. Sie erschütterten sie. Sie sah tropfende Linien, zackige und zerrissene. Jemand sagte: »Schmerz und Raserei und Inbrunst und Gier.« Sie schauderte. Sie drückte die feinen geballten Hände in die Schläfen. Etwas kreiste um sie. Sie wurde fortgerissen ins Uferlose. »Sie leiden!« sagte plötzlich eine Stimme. Amey lächelte. Sie spürte diesen feinen, glühenden Punkt inwendig wie das Herz ihres Herzens. – Sie streckte die Knie aus, die sie hochgezogen hatte. Alles, was wie Ketten einschnitt, wurde weich und weit. Jetzt wagte sie den Sprung. Getragen von einer Kraft außer ihr, schwamm sie dahin in den rosigen Nebeln des Uferlosen und Entformten, wo allein das Wesen, die Kraft und die Liebe sich wußten. – – Am folgenden Tage frühzeitig kam die Bronklava. So dünn und gestaltlos sie war, kam sie dennoch wie ein weiches, warmes Federbett. Amey hatte die Augen geschlossen, während die kleine Dame in ihrer Papageienjacke um sie hantierte mit Kissen, Kakao, Kölnisch Wasser und einem riesenhaften zinnernen Bettwärmer, den sie in einem Koffer aus ihrer Wohnung mitgeschleppt hatte. Amey öffnete plötzlich die Augen. Sie schlang der Bronklava die Arme um den Hals. »Mütterchen«, sagte sie. – Im Gesicht der Malerin mit den markanten und zugleich hilflos kindlichen Zügen ging etwas vor. »Alle Formen des Anhangens sind Leiden!« sagte die Bronklava plötzlich mit starker Stimme. Sie schüttelte abwehrend ihre kurzen Pagenlocken, als ob sie sich vor einer wahren Teufelei beschwören müßte. Aber irgendein feiner Kitzel schien ihr in Augen und Nase geraten. Sie mußte niesen, derart erschütternd und wiederholt, daß der Kakao in fröhlich braunen Wolken auf und davon ging. – Amey bebte vor Lachen. Ihr seidner Kimono, ihr gelöstes Haar mit den Sonnenflecken, die feinen schaumigen Spitzen ihrer Wäsche, die überall hervordrängten, alles zitterte in diesem Lachen. Die Bronklava schneuzte sich in Trompetenstößen. Aber sie mußte sich beeilen. Denn Amey wollte durchaus noch einmal die Arme um ihren Hals schlingen. Da ergab sich die kleine Malerin und ließ sich liebkosen und ihre Tränen ruhig überfließen. Vielleicht war sie ihrem seligen Endziel, dem Erlöstsein von allem Anhangen durch dieses Abirren wieder um die Länge einer Existenzdauer ferner gedrückt. Wohlan – so mußte sie das auf sich nehmen. Die Ernte dieses Tages erschien durch die Mühsal einer neuen Inkarnation nicht zu teuer erkauft. Am Nachmittag kam Doktor Vernow. »Ich war zum erstenmal um diese Zeit dort, wo wir uns trafen.« Er hatte die Tür kaum geschlossen. Er schleuderte die Worte hin, wie jemand eine unerträgliche Last von sich wirft. »Haben Sie Dank!« Er hob die Hand Ameys zum Munde. Seine Augen trafen das blaue W. Er stutzte einen Moment. Es sah aus, als bitte er wortlos. Aber dann küßte er doch Ameys Hand, wie es üblich ist. »Was bedeutet dieses?« fragte er. Amey, die sich in einem heimlichen Nein verstanden und so demütig gehorsamt fühlte, ließ ihm die Hand. »Das Wunder«, sagte sie leise. – Sie lächelte zärtlich. »Das Wunder?« Thomas Vernow sah sie an. Sie hielt seinem Blick stand, und ihr Ausdruck veränderte sich nicht. »Das Wunder!« sagte er noch einmal versonnen und mit einem glücklichen Ausdruck. Dann legte er ihre Hand wie etwas, das für sich allein lebte und das ein Unersetzliches bedeutete, in ihren Schoß zurück. »Und nun sind Sie krank?« Seine Stimme wurde schwer. »Ich wußte es. Dieses alles ist schuld.« Er machte eine Armbewegung, als stände dieses alles draußen. »Wir hier, wir gehen zugrunde am Streit und Argwohn, und an der großen Not zwischen dem Morgen und Gestern.« Er strich über die Stirn. Seine geschliffenen Augen waren schon wieder erfüllt von den großen Müdigkeiten. »Aber nein«, rief Amey. Sie sprang von der Couchette so heftig, wie jemand ins Wasser springt, mit dem ein kostbares Leben kämpft. »Nein.« Sie bebte, wie sie vor Thomas stand. »Ich kann den Kampf nicht aufgeben. Dies alles verstehe ich nicht. Es ist über mich hergefallen wie ein fremder Feind. Ich muß ihn kennen!« . . . Es zuckte plötzlich um ihren Mund, wie das Weinen kleiner Kinder: »Ich bin immer geliebt worden«, sagte sie. Thomas Vernow ballte die Hände. Er sah plötzlich zuckende Kurven, verschlungene Knäuel – die Linien, von denen Marsyas gesprochen hatte. Er sah fieberndes Rot und dunkeln, brünstigen Purpur. – Ihm schwindelte. Aber zugleich knirschte etwas in ihm. Er mußte etwas erdrosseln. »Oh!« sagte Amey. »Sie leiden!« – Sie schwieg. Sie hörte ihren eigenen Worten nach. Hatte nicht jemand anders . . .? Ihr Gesicht wurde hell. Stand sie nicht in der Sonne? Sie hob leicht die Hand. Ja, so in der Sonne, überfließend von Segen, erhob sich leicht ihre Hand zu Thomas Vernow. – Er seufzte auf. Alles, was ihn eben noch gepeinigt hatte, war versunken. Alles war Blau und Gold, und der Raum schien erfüllt vom keuschen Geruch der Frühlingswälder. »Nichts«, stammelte Thomas Vernow. »Nein. – Erlöserin.« Er kniete vor Amey. Wie der Mann vor dem Weibe kniet in der Gruppe, die Sinding Adoration nannte. Ausgelöscht in seinem Sich-Wissen. Zusammengerafft in der Gnade der großen Leidenschaft. – Ein leises Beben ging durch die Gestalt Ameys. War dies das letzte Geheimnis? Sie konnte ihre Gedanken nicht erjagen. Ach – sie stand noch immer weit fort in der Sonne. Überfließend von Segen. Ihre Hand lag auf dem Haar von Thomas Vernow. Das blaue W ruhte auf seinem Haar. Und Thomas Vernow weinte an ihren Knien – ohne Reue und ohne Scham. – – – – – – –   Es war so schwer für Amey, in den folgenden Tagen die Gespräche der Tischgesellschaft über sich ergehen zu lassen. Trotzdem hatte sie nicht daran gedacht, die Pension zu verlassen. Bis vor kurzem hatte sie sie nicht anders als ein Zeltlager genommen, zu dem sie heimkehrte, wenn sie wie ein kühner Jäger die fremden, verwachsenen Wälder durchstreifte. Einmal würde sie dem verborgensten Wild auf der Spur sein. Aber letzthin waren ihr neue Gedanken über dieses Fremdenleben gekommen: Sollte sie hier vielleicht auch eine Waffe üben? Einen Speer schleudern oder einen Pfeil? Mußte sie nicht ein Ungeheuer nach dem andern aufsuchen? Vielleicht gerade hier? – Sie lächelte plötzlich. Sie, die gleich zusammenfiel wie eine Blume, wenn man sie zu gießen vergaß, zog aus mit Speer und Schild wie ihre Vorfahren? – Der Oberhofprediger hatte von seinem älteren Bruder Besuch, der irgendwo in den schlesischen Grenzbergen seine Diözese hatte. Man mußte immerfort vergleichen und staunen: Der Oberhofprediger in seiner Gepflegtheit, der verbindlichen, zu nichts verpflichtenden Geste des Weltmannes neben diesem Apostel einer mißdeuteten, verblaßten und verfälschten Lehre, die in ihm noch blühte und Früchte trug, süß und reif wie am ersten Tage. »Wie er mich an Pfarrer Bruns erinnert!« Ameys Blick tauchte in die blauen Kinderaugen von einem ergreifenden Ausdruck der Unschuld und der Erwartung unter dem schneeweißen Greisenhaar. »Wie steht es mit dem Glauben in Ihrem Gebiet?« fragte in diesem Augenblick die Generalin über den Tisch hinweg. »Es ist erschreckend, wie bei uns der Kirchenbesuch abnimmt!« »Ob sie nicht etwas verwechseln?« dachte Amey. »Sie sollten die Seele meinen und erwarten eine Statistik. Ein schwerer Klingelbeutel würde sie zufriedenstellen! – Wie komme ich darauf?« dachte sie. »Was reizt mich plötzlich, das Körnlein Wahrheit aus dem Hülsenhaufen der Konvention herauspicken zu wollen?« »Ich habe nicht zu klagen«, sagte der Apostel. »Unsere Parochie ist arm. Wir sind in ständigem Kampf mit Naturgewalten. Da kann man die große, helfende Hand nicht entbehren!« »Sollte es allein daran liegen?« Amey sah zu dem Superintendenten hinüber. Ihr ganzes Gesicht war Zärtlichkeit. »Vielleicht kommt mir auch dieses zu Hilfe«, der alte Herr hatte sich zu Amey gewendet, wiewohl die Generalin ihn fragte. »Ich bin sehr jung Witwer geworden, und meine Kinder konnte ich nicht bei mir behalten der Schulen wegen. So habe ich immer ein wenig als Zölibatär gelebt. Die katholische Kirche weiß wohl, weshalb sie allein Weib und Kind und alles für ihre Diener sein will. Wir müssen unser Herz verschenken. So verlangt es die menschliche Natur. Gibt es kein Nächstes, alsdann ein Nahes. – Meine Gemeinde mußte mein Nahes sein!« Amey hatte das Bedürfnis, über die liebe, welke Hand mit den braunen Altersflecken zu streichen. »Es ist gut!« dachte sie, »daß ich nicht neben ihm sitze. Es wäre mir passiert!« Und dann staunte sie plötzlich. Sie dachte an das Konzert und ihre kleine neue Freundin. War sie hier unter Ihresgleichen wieder gebunden, daß sie freie Regungen des Herzens als Entgleisungen ansah? – »Ich meinte eigentlich,« sagte die Generalin, »wie es mit dem sittlichen Zustand Ihrer Gemeinde beschaffen ist. Die freie Theologie hat so viel Schaden angerichtet, daß man sich wirklich nicht wundert, wenn die Verwilderung im Volk von Tag zu Tag zunimmt. Solange jeder in Büchern lesen kann, daß die sieben Schöpfungstage nichts als eine Allegorie sind, oder wenn die Sache vom Affen und von der Urzelle immer weiter ausgebaut wird, wo soll dann der Respekt bleiben?« »Jetzt werden sie wieder anfangen, das Unbegreifliche historisch verankern zu wollen«, dachte Amey unglücklich. »Und so zwischen Suppe und Entremets!« »Schauderhaft.« Der Kammerherr zog nervös die Schultern zusammen. Ihm war vor allem der Gedanke zuwider, daß sich die Verbindung zwischen Uraffen und Gottesgnadentum nur mangelhaft herstellen ließ. Und wenn etwas überhaupt einmal anders gewesen war und angefangen hatte . . . »Wie denken Sie darüber, Herr Oberhofprediger?« »Ich glaube, wir dürfen eine liberale Ansicht beibehalten«, sagte der Oberhofprediger. Seine Diplomatenstirn schien höher hinauszuwachsen. »Es gibt Wunder, die sich mit natürlichen Umständen sehr wohl erklären lassen. Der Wein auf der Hochzeit zu Kana ist gewiß nur Wasser geblieben, aber durch die beseligende Gegenwart des Heilands erschien es wie ein köstlicher Trunk.« »Auch wir,« dachte Amey, »auch wir erfaßten es so.« Sie sah Onkel Rhabans Gesicht. »Welches Wasser würde ich nicht als Wein schmecken mein Lebelang,« dachte sie, »wenn du mir den Becher darbrächtest?« Sie war von Sehnsucht zu Tränen ergriffen. Sie überhörte, daß die Generalin etwas vom Wunder der Geburt sagte. »Aber das Dogma?« dachte sie plötzlich. »Wie wird er das kunstvolle Gebäude aufrecht halten nach diesem? Wenn man einen Baustein herausnimmt, wird nicht alles ins Wanken geraten?« »Das Wunder der Geburt . . . Nun . . .« Die Stimme des Oberhofpredigers hatte eine gutturale Färbung angenommen. »Gott gibt dem einen in seiner Güte und Allmacht die Fähigkeit zu glauben, und dem andern versagt er sie!« »Vor der Geburt eines Menschen sollte über ihn bereits das Urteil gesprochen werden?« sagte Amey. Es widerstrebte ihr, zwischen gefüllter Poularde und Stangenspargel den heiligen Namen in den Mund zu nehmen. »Wieso Urteil?« Die runden Puppenaugen der Generalin wurden noch runder. »Hat Gott uns nicht den freien Willen gegeben?« Sie bemerkte gleichzeitig und unangenehm berührt, daß das Ei der Remouladensoße ein Kalkei war. »Wie ließe sich ein freier Wille mit dieser Lehre verbinden?« fragte Amey. Sie dämpfte ihre Stimme, die niemals laut war. Sie hatte den beunruhigten Blick des Superintendenten bemerkt. »Verzeihung«, sie wendete sich zu ihm, als hätte sie ihm weh getan. »Ich bin völlig unbewandert in theologischen Fragen.« Ohne seine Gegenwart hätte sie diese Angelegenheit wohl gern zu Ende gebracht gesehen. Der Pfeil aus dem Köcher ihrer Ahnen bebte ihr auf der Sehne. »Ich habe nie Gelegenheit gehabt, mich mit neueren Forschungen auseinanderzusetzen.« Der alte Herr schien um Entschuldigung zu bitten. »Auf unserm Dorf fehlten die Möglichkeiten. Wir leben weitab von den großen Bildungszentren. Es sind alles arme Gemeinden. Wir haben die großen Weberdistrikte. Die Dörfer liegen weit auseinander. Es gibt viel Elend bei uns. Krankheit, Kindersterben und Sorge um das tägliche Brot im buchstäblichen Sinne. Ich habe nicht Zeit gehabt, so gern ich's gewollt hätte, mich auf dem Laufenden zu erhalten. Es gab immer zu trösten, zu raten, zu bitten und zu beten, daß die Leute Kraft behielten und Mut.« – Er sprach nur zu Amey. Sie sah ihn mit dem mächtigen Stock und dem alten Überzieher durch den Schnee stapfen, vielleicht eine Flasche Wein, die er sich seit Jahren aufgespart hatte, unter dem Arm. In ein fernes Dorf wanderte er durch das Schweigen der blauen Wälder, unter dem Geheimnis der Sterne und mit jenem Wissen, an dem der Kopf keinen Teil hat, sondern allein das warme Blut des Herzens und die ewige Sehnsucht der Seele. »Ja,« sagte die Generalin, »alles ist schön und gut, aber trotzdem, die Leute auf dem Lande sind unzufrieden heute. Ich bin dahinter wie ein Scherge, daß die Mädchen sich nicht in die Stadt vermieten. Dann bringen sie neue Gedanken mit!« Ein Herr von Odebrecht betonte die Gefahr, die aus der Lektüre russischer Bücher erwüchse. Die Russen hätten wohl gewußt, warum Dostojewski bei Lebzeiten so gut wie keine Anhänger gehabt hätte. Aber jetzt bekäme er leider und auch in Deutschland täglich neue Leser. Diese abstoßenden Bücher voll Mörder und – verlorener Mädchen, voll Laster und Verführer und unmöglicher Heiligen, müßten in höchstem Maße unterminierend wirken. Um Ameys Mundwinkel zuckte es. Herr von Odebrecht hatte literarischen Ehrgeiz. Er las täglich sechs Zeitungen. Dies über Dostojewski stand gestern in der zu oberst liegenden. Im nächsten Augenblick wurde Amey ernst. »Wieviel haben wir überhaupt noch aus uns selbst«, mußte sie denken. »Ich hatte es ja so gut – ich hatte Onkel Rhaban, und so auf der Burg, und immer noch ein bißchen wie ein Fohlen, das in der Koppel geht . . . Aber sonst – wer hat nicht wenigstens eine Zeitung als täglichen Vorbeter?« In diesem Augenblick machte das Zimmermädchen Fräulein Fink eine Mitteilung. Am oberen Ende des Tisches wurde noch ein Gedeck eingeschoben. »Ich bitte um Entschuldigung«, sagte eine seltsam metalllose Stimme. Ein korpulenter Herr in tadellosem Cutaway war eingetreten. Er schien häufiger Gast bei Fräulein Fink. Er benahm sich selbstverständlich. Fast ein wenig wie Herr des Hauses. »Die Aufsichtsratssitzung wurde auf heute abend verlegt. Man berief mich telegraphisch. Ich hatte Speisewagen. Irgend etwas. Einerlei.« Er lächelte satt. Amey raffte sich zusammen. Es war fast unpassend, wie sie zu ihm hinsehen mußte. Wie eine Erscheinung aus einem quälenden Traum war er gekommen. Aber er war sehr wirklich. Diente Fräulein Fink ihm nicht demütig und hilfsbereit, mit diesem kleinen zuvorkommenden Lachen, das Amey jedesmal einen Stich gab? Woher kannte Amey diese verkniffenen Augen? Der Unterkiefer sprang brutal hervor. Seine Wulstlippen schlossen sich fest. Als ob er soeben nach irgendeinem preislosen Genuß geschmatzt hätte. Aber die Hände – o Gott –. Diese schrecklichen Hände konnten nicht zum zweitenmal auf der Welt sein. Herr von Odebrecht trug eine gewisse Beflissenheit dem Ankömmling gegenüber zur Schau, desgleichen die Generalin und eine seit kurzem anwesende Familie von Winzingerode. »Wie wunderbar!« dachte Amey. »Diese, bei denen der Mensch erst jenseits der neun Zacken anfängt, was beeindruckt sie bei diesem Mann?« Plötzlich fiel das Wort »Kurs«. Amey – ja, wirklich, es hätte ihr nicht allzu fern gelegen, eines Tages ihre Kreditbriefe mit den zerrissenen Kuverten zusammen in die Küche zum Verbrennen zu geben – sie wußte nicht, warum sie aufgeschreckt war. Im Grunde war nicht das Wort der Grund, sondern ein bestimmter Ausdruck der Gesichter, die an dem Kommerzienrat hafteten. Ohne sich zu bekümmern, daß er die Mahlzeit über Gebühr hinauszog, zerlegte er umständlich eine eingeweckte Taube, die Fräulein Fink immer bereit hatte. »Das Geld,« dachte Amey plötzlich, »das goldne Kalb!« Ein Gefühl von Übelkeit überkam sie. »Das ist meine Kaste,« dachte sie, »das ist der Adel von heute.« Sie sah den Tisch hinunter. »Nein, nicht alle, Gottlob.« Gärtnerns wollten in die Quitzows gehen, die Mutter der kleinen Ninon machte Fräulein Fink heimlich Zeichen, daß man den Nachtisch erwartete. Herr von Winzingerode schien höchstens mit einem Ohr die Wissenschaft aufzunehmen, die der Kommerzienrat gönnerhaft austeilte. Der Kammerherr zur Rechten Ameys aber redete lauter und betonter als sonst. Er hatte wie im Gegensatz zu dem Entwürdigenden des Gesprächs am oberen Tischende Courbet herangeholt, und als sei Naturalismus nicht der richtige Gegenpol, war er mit einem kühnen Sprung plötzlich in die Frühgotik getaucht. Amey mußte lächeln. Aber sie begriff und folgte willig. Denn sie hatte ihre Freude an dem kleinen zarten Unentwegten. Auch Frau von Wickede enttäuschte nicht. Die verschleierte Stimme war beschäftigt mit dem ewigen Om und der beseligenden Feier des Entwerdens. »Ist nicht die Selbstbetrachtung etwas, was die alten Inder erst ans Ziel ihres Lebens setzten?« sagte plötzlich Amey zu Frau von Wickede. Sie konnte sich nicht enthalten. Irgend etwas reizte sie immer wieder, eine Religion, die die Errungenschaften und die Vorrechte eines Greisen mitten ins Leben verpflanzen wollte, zu bekämpfen. »Sozialismus?« kam es in diesem Augenblick hart und klirrend vom Ende des Tisches her, wo der Kommerzienrat mit den Fingern wie Goldharken sich mit Eidamer Käse versorgte. »Was heißt Sozialismus? Der plutokratische Staat soll vernichtet werden. Und Sie, meine Herrschaften« – er verneigte sich leicht und in einer Manier, die, wie Amey dachte, etwas Geringschätziges an sich hatte, »Sie werden ihn verpflichten, wenn Sie Ihre verschiedenzackigen Kronen in die Schmelze bringen. Es mag ja noch immer Köpfe mit himmelblauen Illusionen geben, die wirklich an irgendein phantastisches drittes Reich glauben.« »Die Maurer streiken ja auch schon wieder«, sagte jemand. »Was wollen sie eigentlich?« »›Sprechen Sie doch mit Hornochsen französisch‹ – so hat sich Bebel einmal dafür entschuldigt!« Der Kommerzienrat lachte. Er nahm von den Trauben aus Cannes. Er schien sich für die Angelegenheit nicht weiter zu interessieren. Herr von Odebrecht ereiferte sich. »Alle Achtung, Bebel! Den im Reichstag unterzukriegen! Aber schließlich, die ich rief, die Geister . . . Wenn manche von den Führern auch ganz tüchtige Leute sein mögen – ihre Gefolgschaft ist ihnen über den Kopf gewachsen. Es handelt sich wirklich nicht mehr um die Ideen der Bildung, der Erziehung zum Menschentum usw. usw. Brot und Spiele. Es ist immer dasselbe! Und Macht!« – »Die Arbeiterfrage?« Herr von Gärtnern konnte sich nicht beruhigen. »Dies mit der Kultur, das ist ja Torheit. Das Ästhetische und die Bildung kommt nicht von heute auf morgen. Nur Besitz wäre nötig, um Kultur zu begründen? Das hat fast etwas Komisches. Wir gehen der Mechanisierung der Welt mit Riesenschritten entgegen. Wenn der vierte Stand zur Herrschaft kommt oder auch nur viel mit dreinzureden hat, können wir mit der Humanität einpacken. Seien Sie sicher: wenn er jemals die Idee des Mitleids und der Fürsorge von sich aus ausbaut – er wird sie ganz gewiß nur auf seine eigene Klasse hin angewendet wissen wollen.« »Wir müssen mehr Kirchen haben!« Der Oberhofprediger hob dankend sein Glas zu dem Kommerzienrat hin, der 20 000 Mark zu diesem Zweck gezeichnet hatte. »Berlin hat viel zu wenig Kirchen. Für mich ist die Frage des vierten Standes durchaus eine religiöse Frage. Das Schlimmste ist, wenn aus unserem eigenen Lager Helfer erstehen. Jeder Zweifel am geoffenbarten Glauben müßte mindestens in Rücksicht auf den gefährdeten Staat erstickt werden.« Er schwieg plötzlich. Es passierte ihm selten, daß ihm ein unbedachtes Wort entging. »Die Zeit der Ideale ist vorbei!« Herr von Odebrecht sah plötzlich zu Amey hinüber, als hätte sie ihn gestellt. »Wenn es nun vielleicht so wäre, daß nur die alten Ideale vor dem Bankerott stünden«, sagte Amey zögernd. Herr von Odebrecht schob die Schultern hin und her. »Neue Ideale! Baronesse haben durchaus recht. Es mag sein, daß die Arbeiterführer früher für Ideen lebten. Später kauften sie sich Villen in der Schweiz. Es ist wohl möglich, daß sie dort noch weiter über Ideale für andre Leute nachdenken.« »Wer jahrelang nur einen Gedanken hat, nämlich wie er seine Taschen füllen könnte, der geht nicht plötzlich in den Tasso oder hört Bach, wenn sie voll sind.« Der Kommerzienrat betonte. In seinen Augen, die etwas Dunstiges hatten, erschienen kleine rote Punkte. Er sah breit aufgeschlagen zu Amey hinüber. »Daß er es wagt«, dachte Amey. »Daß dieser es wagt!« Ihre Augen streiften die Finger, die auf dem Tischtuch harkten. »Hilft mir niemand?« dachte Amey. »Es geht wie mit dem Opiumrauchen«, fuhr der Kommerzienrat fort, immer noch den breit aufgeschlagenen Blick über Amey. »Das Anhäufen an sich macht zuviel Spaß. Wer es einmal probierte, läßt es nicht wieder!« Die andern schwiegen. »Wohlan!« dachte Amey. »Wohlan!« Irgendein alter Hellberg stand neben ihr und legte ihr den Pfeil auf den Bogen. »Ich kann das nicht beurteilen«, sagte Amey. Sie sah dem Kommerzienrat kühn und ruhig in die Augen, als sollte sie ihn mitten auf die Stirn treffen. »Unsern Familien fehlen solche Erfahrungen!« Sie wußte nicht, ob ihr Pfeil getroffen hatte. Nur daß sie gewagt hatte, ihn abzuschießen! Es kam Befreitsein über sie. Glaube. »Wenn nun aber ein armer Mensch wirklich einmal genug hätte?!« Ihre Stimme beschwor jetzt. Ihre Augen flogen den Tisch entlang. Sie durften sich ja nicht bei dem alten Superintendenten beruhigen. Ihre Kaste, ihre eigene Kaste mußte sie errufen! »Wenn sie nun überhaupt nicht mehr über Geld denken müßten! Kämen dann nicht die Ideale? – Vielleicht nicht Kultur in dem Sinne, wie wir . . .« Ihre Stimme flatterte. »Aber bei unsern Bauern, da ist doch auch Kultur: die schönen, alten handgearbeiteten Möbel, die Trachten, die Lieder, die Sagen, die Volksbräuche, die Spinnstuben, all das . . .« Sie sah sich um. Ihre Stimme brach. Sie war wie ein Kind, das sich zu weit auf die Straße wagte und sich plötzlich fremd sieht und sich entsetzt. Aber dessen hätte es doch nicht bedurft! Nein, dieses leichte Beben war doch wohl nicht notwendig gewesen? Man hatte sich ja nur fassen müssen . . . Die Schultern von Herrn von Odebrecht bewegten sich nicht mehr ziellos. Gerade wie ein Speer hielt sich der schmale Oberkörper. Und jeder konnte sehen, daß er sich neben Amey so aufgereckt hielt. Blut trat zu Blut. Man selber durfte ja vielleicht anderer Meinung sein. Aber . . . Das arme zitternde Fräulein Fink benutzte diesen Moment, die Tafel aufzuheben. Der Kammerherr ging gemessen und zugleich beschleunigt zu Amey. Als er sich vor ihr verneigte und ihre Hand küßte, sah es aus, als senke er einen Degen vor ihr. – Die andern kamen gleichfalls in einer betonten Form. »Vielleicht haben Baronesse eine zu günstige Auffassung der Sachlage,« Herr von Odebrecht lächelte verbindlich, »aber wer ließe sich nicht gern belehren, besonders . . .« Sein Blick allein redete weiter. Amey lächelte zärtlich. Sie sah durch seine Schleier. Sie ließ sich von Frau von Wickede umarmen. Die Generalin versprach ihr Statistiken über Trunkenbolde. Ninon von Lenclos drückte ihr eine Maréchal-Niel-Rose in die Hand. Amey streichelte das so sehr unschöne Gesicht. »Wie gut, daß sie diese Rose nicht länger tragen kann«, dachte sie dabei plötzlich. »Wie schrecklich aufreizend sie ist neben ihrem Haar!« Sie war voll Dank gegen alle. – Den Kommerzienrat, in dessen Augen die leichten roten Pünktchen schwer und dunkel geworden waren, konnte sie nicht sehen. Wie ein Kätzchen in der Sonne wärmte sie sich im Schutz dieser Menschen, an ihrer Liebe und ihren Huldigungen. Daß ihre Augen ein wenig lebendig und selig wurden, ahnte sie nicht. »Wie kann man leben, ohne geliebt zu werden!« dachte Amey. Aber plötzlich, wie sie das Eßzimmer verließen, fiel ihr Blick auf die leeren Stühle, die um den Tisch herumstanden. Alle diese gleichartigen physiognomielosen Eßstühle sah sie. Unvollkommene Nachbilder einer alten und einmal reich entfalteten Form, von der Maschine nach langem Schlaf in tausendfältiges gleichförmiges Leben zurückgezwungen. Und plötzlich überfiel es Amey: Niemand war auf ihr Bitten und Flehen eingegangen. Niemand hatte sich die Mühe genommen, ihren Gedankengängen zu folgen. Man hatte sie getröstet und geliebt wie ein verwöhntes und weinendes Kind. Niemand von ihren Leuten nahm sie ernst, sobald es sich um ihren eigenen tiefsten Ernst handelte. – – – – – –   Amey ging in ihr Zimmer. Sie fröstelte und zugleich jagte ihr Puls. Sie war plötzlich wieder auf der Friedrichstraße. Sie sah das kleine hilflose Ding diesen raffenden Händen preisgegeben. Sie hatte ihr nicht beigestanden in ihrer Not! Sie preßte die Hände vor das Gesicht. Sie weinte. – Als sie sich beruhigte, fiel ihr Auge auf einen Brief. Er zeigte die hohe spitze und eigensinnige Kinderschrift Lydias. Amey erschrak. Sie sah Thomas Vernow vor sich knien. Aber zugleich fühlte sie, wie sein Blut durch ihr Kleid sich zu ihren Knien brannte. – Ein Zittern überlief sie. War etwas geschehen? Aber plötzlich wurde ihr gespannter Ausdruck beruhigt. Stand sie nicht in der Sonne? Sie strömte über, von Sonne erfüllt: die Zerrissenheit seiner Seele hatte er in die Falten ihres Kleides geweint. Unter ihrer Hand war er zum Frieden gekommen. Was wäre geschehen, womit sie Lydias Vertrauen angetastet hätte? Eine Falte bildete sich schnell und senkrecht über ihrer Nasenwurzel: Doktor Vernow und Lydia? – Sie zog die Schultern zusammen. Sie saugte die Lippen ein, und ihre Mundwinkel zogen sich herunter, als hätte sie in eine schleimige und widerliche Frucht gebissen. – »Gleichviel«, dachte sie plötzlich entschlossen. »Mein Versprechen muß ich erfüllen. Die Entscheidung steht bei ihm!« – Sie lächelte zärtlich, als wäre keine Entscheidung zu befürchten. Der Gedanke, daß sie selbst damit zusammenhängen könne, kam ihr nicht. Sie nahm den Siebenten Ring von Stephan George vom Tische. Dante und das Zeitgedicht hatte sie aufgeschlagen: »Ich nahm aus meinem herd ein scheit und blies – So ward die hölle! doch des vollen feuers Bedurft ich zur bestrahlung höchster liebe Und zur verkündigung von sonn und stern.« Amey war in den strengen Rhythmus dieses Tempels eingegangen, der die Quelle umschloß, schön und gebändigt wie ein Geschmeide. Den Tag und die Zeit spülte Amey von ihren Gliedern in dieser belichteten Quelle, im Ring der Säulen, und über ihr wachten Sonne und Sterne und das letzte Ausmaß der Liebe. Amey wußte nicht, wie lange sie gelesen hatte. Als sie aufstand, hatte sie noch den Blick der Ferne in den Augen und die Gebundenheit der Glieder, wenn Träume uns segneten. Sie ging hin und wieder zwischen ihrem kleinen Salon und dem Schlafzimmer und fing an, sich zu entkleiden, ein wenig langsam. Zum erstenmal in ihrem Leben reiste sie ohne Zofe, half sich allein, lernte Dinge, die andern Natur wurden. Ihre Toilette machte ihr kaum noch Mühe. Nur das Haar. Dieses ungebändigte Haar von der Farbe der rostbraunen Waldwege. Diese weichen Massen, die gelöst wie ein Mantel ihre Hüften umschatteten. – Aber wie sie vor dem hohen Spiegel dieses Haar aus der Gefangenschaft befreite, schreckte sie plötzlich zusammen. Sie ließ Kämme und Nadeln fallen, sprang mit einem Satz zur Tür und verriegelte sie. Sie lauschte. Aber sie hörte nur das Sieden ihres Blutes. Auf dem Korridor rührte sich nichts. »Was war das?« dachte Amey. Eine Nacht fiel ihr ein. Jahre lagen zwischen ihr und heute. Im Westflügel der Burg sollten die Stofftapeten nachgesehen werden. Auch Ameys und Onkel Rhabans Schlafzimmer würde in Frage kommen. Sie hatte für die Zeit ihrer Entheimatung sich eines der Fremdenzimmer ausgesucht. Es hatte den Blick auf die Ruine. In den Fliederbüschen davor nisteten unzählige Nachtigallen, den Eulen und Krähen zum Trotz. Es hieß, ein unterirdischer Gang führe von der Ruine zu diesem Flügel des Schlosses. Ehe er erbaut wurde, hatte auf diesem Terrain eine Kapelle gestanden, die demselben Brande zum Opfer gefallen war wie die wirkliche alte Burg. Man sagte, daß der Gang unterhalb dieses Zimmers gemündet habe. Es war ein wenig schwer und pomphaft im Geschmack Louis XIV. ausgestattet. Gäste liebten es nicht. Onkel Rhaban hatte für diese Zeit sein Schlafzimmer daneben gelegt. Die Nacht – die einzige schwüle Nacht in diesem Zimmer, als die Frösche mit schmerzhafter Inbrunst konzertierten, stand vor Amey. Als sie aus bleischwerem Schlaf plötzlich in die Höhe fuhr, aus dem Bett sprang und sich in einem ungeheuren Entsetzen mit dem ganzen Körper gegen Onkel Rhabans Tür warf. Onkel Rhaban mußte Amey übrigens erwartet haben. Als sie, ohne zu rufen, sich zu seiner Tür warf, öffnete er bereits. Er stand da, vollkommen angekleidet. Kerzen brannten auf dem Tisch und an den Wänden. Früchte waren bereit in einem silbernen Korbe, Konfekt und alte Kristallgläser und dunkler roter Wein. Onkel Rhaban stand mit einem weiten krokusblauen Schal in den Händen, als habe er alle die Stunden nur darauf gewartet, Amey in diesen Schal hineinzuhüllen. Über diesem Empfangenwerden war es Amey gar nicht zum Bewußtsein gekommen, daß sie in der Nacht und kaum bekleidet in eines Mannes Schlafzimmer verweilte. Und wäre der Gedanke in ihr Bewußtsein gestiegen: Oh, – Onkel Rhaban! – Nur dieses war sonderbar: während sie plauderte und von den Früchten nahm und wie verdurstet von dem Wein trank, war immerfort der Name von Yolanthe Hellberg auf dem Grund ihrer Gedanken. Hing es mit dem krokusblauen Schal zusammen, der sie über ihrem dünnen Nachtkleid wärmte? Was hatte sie so entsetzt, daß sie darüber ihre Lippe zerbiß? Hatte jemand sie berührt, als sie schlief? – Als Amey ihr Blut in den Ohren sieden hörte und in ihrem Berliner Pensionszimmer den Riegel vor die Tür jagte, empfand sie wieder die Schwüle jener Nacht und die schmerzhafte Inbrunst der Frösche vom See her unter dem Totentempel der Hellbergs. Gab es dennoch eine unbekannte Pforte? Irgendeine kleine Lücke in der Mauer? Hinüber und zurück von jenem geheimnisvollen au delà ? – Aber während Amey noch wartete, hatte sie plötzlich die Empfindung: nicht gelebte Zeiten standen um sie her: Ein Diesseitiges berührte sie! – Sie drückte auf den Knopf der elektrischen Leitung und verlöschte das Licht. Mit derselben hastigen Gebärde raffte sie ihr Haar über der Brust zusammen. Der Mond drang durch den oberen Spalt ihrer Vorhänge. Er war eirund und seltsam schwer. »Habe ich jemals einen solchen Mond über der Burg gesehen?« dachte Amey. Ohne ihren Standort zu verlassen, griff sie nach dem Nachtkleid auf ihrem Bett. Nachher ging sie auf nackten Füßen, als dürfe niemand ihre Bewegungen spüren. Sie suchte. In der kleinen Schale, aus Lapislazuli, die ihr Onkel Rhaban geschenkt hatte, fand sie Nadeln. Sie stieg auf einen Stuhl, und ohne einen Blick auf die Straße zu tun, befestigte sie den krokusblauen Schal, der sie überallhin begleitete, hoch oben an den Vorhängen. Als sie mit Onkel Rhabans Schal diesen Mond ausgesperrt hatte, wurde ihr plötzlich leicht und frei. Sie hätte singen können. Sie mußte lachen, während sie sich unbesorgt in ihrem Nachtkleid in ihr Wohnzimmer setzte in das sanfte Dunkelgold der kleinen Schirmlampe und eine Mandarine abpellte. Ariane würde sagen: »Du mußt etwas genießen, Amey!« – Amey verzehrte ihren goldenen Apfel. Langsam. Genießerisch. Sie liebte diesen feinen und besonderen Geruch, der vor Jahrtausenden erfunden schien. Sie nahm auch ein paar Waffeln. Von der gefüllten Sorte, die ihr früher Onkel Rhaban immer mitbrachte. Fast wie in jener Nacht war es. Sehnsucht überstürzte sie. Aber dann, während sie sich zu Bett legte, kam eine neue Erinnerung: an einen Traum. Sie war fast noch ein Kind gewesen. Onkel Rhaban stand im Harnisch, Schwert aufgerichtet vor ihrem Bett. Sie dachte nicht darüber nach, wer ihr etwas antun wollte. Sie hatte nur die Empfindung: auch jetzt stand Onkel Rhaban mit gezogenem Schwert und wachte über ihr. – Als sie, die Hände unter ihrem Genick verschlungen, einschlief, wußte sie nicht, daß während dieses Abends und der halben Nacht der rote Peter vor ihren Fenstern hin und wieder taumelte. Unwillens war der rote Peter gekommen. Panisch gezwungen. Dem großen Urschrei folgend, der von keinen Hemmungen weiß. Wie ein Tier wild und gefährlich, wenn seine Zeit gekommen ist. Sein Blut fieberte und sein Atem keuchte. Aber es war Unschuld in ihm. Wie das Tier unschuldig ist und sich nicht weiß, wenn ein Gesetz über ihm steht. Der rote Peter wußte nicht viel von den großen Buhlerinnen der Erde. Hätte er sie gekannt – wie ebensoviel Blutsteine hätte er ihre Namen nach Amey geschleudert. Aber er war in seinem Kulturschatz nicht reicher als in seinem Beutel. »Hexe!« knirschte er. Er biß seine Zähne so fest zusammen, daß sein Zahnfleisch schmerzte. Aber er fühlte es nicht. Er mußte Amey beschimpfen. Wie an jenem Nachmittag bei der Bronklava. Stand sie – die Weiße – die Fremde nicht mitten auf dem Wege, den er gehen mußte? – Mußte. Und sei es durch Verbrechen. – Stand sie nicht auf diesem Wege wie das erste Weib der Welt mit der süßen und lockenden Frucht in der Hand? – Vielleicht bot sie nicht ihm die Frucht . . . Er lachte roh und gemartert . . . Solche feinen Damen suchten sich freilich wohl andere Liebhaber! – Er sah plötzlich das Gesicht Thomas Vernows neben Amey. Er stutzte. In seine Augen trat Blut. »Der etwa? Der Hochnäsige? Der gar nicht zu ihnen paßte?« Dann lachte er wieder in derselben Weise. – Gott bewahre. – Das mußte wohl doch noch ganz anders kommen! – Er vergaß Thomas wieder. Er sah nur Amey. Sie allein. Mitten auf seinem Wege. Mit der süßen, süßen Frucht! Wie sie ihn reizte. – Bis zum Wahnsinn. Bis zur Abtrünnigkeit. Ein Vorübergehender sah sich um. Aufgeschreckt. Dann beschleunigte er seinen Schritt. Dies mußte ein Betrunkener sein. Oder ein Verrückter. Aber wenn der rote Peter seine Beschimpfungen heraufgeschleudert hatte – wie Blutsteine – hoch herauf zu dem sanften und dunkeln Gold der zwei Fenster – ja – irrte es dann nicht wie eines ganz kleinen, armen und hilflosen Kindes Wimmern durch die Nacht? »Heilige!« stammelte er. Er spürte ihn wieder, diesen süßen und keuschen Geruch, der Amey umgab. Wie der Atem der Erde und der Wälder im Frühling. Den Staub unter ihren Füßen hätte er anbeten wollen, wenn sie nur die Hand erhöbe – diese schmale unwirkliche Hand, mit dem seltsamen blauen Zeichen auf der Innenfläche. – Oh – nur diese Hand hätte sie aufheben sollen und ihn reinsprechen von der Befleckung. Der rote Peter, der den Gott von ferne ahnte und das Tier kannte von nah – er wußte vom Menschen so gut wie nichts. Er wußte auch nicht, daß es Hexen gibt, die unschuldig sind, und über die Gott selber lächeln muß, da er sie schuf zu seines Herzens Freude. – Es war nur ein paar kurze Augenblicke später, als in dieser vornehmen und stillen Straße etwas Unerhörtes vor sich ging. Ein junger Mann kam langsam und in Gedanken von der Richtung des Wittenbergplatzes. Er sah nicht auf seinen Weg, und er bemerkte nicht, wie ein Menschenschatten mit dem Dunkel eines Portals verfloß. Er hatte nur das Haus gegenüber diesem Portal im Auge, und von diesem Haus zwei Fenster, warm und mild wie dunkler Bernstein. Er blieb stehen. Sekundenlang. Er straffte sich. Seine zusammengepreßten Lippen entließen wie ein Stöhnen einen Namen. – In diesem Augenblick geschah es. – »Sind Sie wahnsinnig, Peter Schindler?« Thomas Vernow spürte einen wilden Schlag auf den linken Arm. Die Hand hing ihm fremd und kraftlos herunter. Der rote Peter stand wie aus Stein gehauen. Seine Haare sträubten sich. Seine Augen traten heraus. Er sah Thomas Vernow nicht an. Er starrte auf das Straßenpflaster; kalkig vom Mondlicht. Etwas Dunkles sammelte sich und verbreiterte sich zusehends da unten um die Füße von Thomas Vernow. »Mann,« sagte Thomas Vernow zornig und mit unterdrückter Stimme, »was fällt Ihnen ein? Haben Sie mich mit Absicht in dieser Weise angefallen?« – Als er unwillkürlich heraufsah zu den zwei milden Fenstern, durchzuckte es ihn: . . . Eifersucht? . . . Seine Mundwinkel zogen sich herb herunter. – Eifersucht? Worauf? – Er sah den roten Peter wieder an. Der war komplett verrückt geworden. Er flog am ganzen Leibe. – Diese Künstlerbande! Und entsprechende Nerven! Thomas Vernow machte eine Gebärde des Widerwillens. Im nächsten Augenblick fuhr Amey jäh aus dem Schlaf. Hatte jemand ihren Namen gerufen? – Es war eine ganz andere Empfindung als vorhin. Sie fühlte sich nicht mehr bedroht. Angerufen war sie worden. Um Hilfe. Sie fühlte feine, kühle Schweißperlen auf ihrer Stirn. Sie lauschte. Aber niemand rief. Nur schwere Schuhe, Schuhe mit großen Nägeln beschlagen schienen die einsame Straße herunterzustürmen. – Diese schweren, stürmenden Füße ließen ein seltsames Grauen hinter sich. Amey glitt aus ihrem Bett. Sie ging zum Fenster. Sie bog einen Spalt zwischen den Vorhängen. Aber die Straße war leer und totenstill. Sie war wie mit Kalk übergossen vom Mondlicht. Vor dem gegenüberliegenden Hausportal mitten auf dem Bürgersteig lag es wie ein kleiner dunkler Zeugfetzen. – – – – – – – – –   Thomas Vernow hatte gebeten, ob er Amey am nächsten Morgen zu einem Spaziergang abholen dürfe. Nun kam statt seiner ein Briefchen. Er wäre unerwartet auf eine Vortragstour durch Norddeutschland berufen worden. Dürfe er kommen, sobald er zurück sei? – Ameys Empfinden war zwiespältig. Ihr war zumute, als habe sie Frist erhalten vor irgendeiner sehr wichtigen Entscheidung. Nach der erregten Nacht hatte sich ihrer eine seltsam unverantwortungsvolle Ferienstimmung bemächtigt. Auch ein Brief in einem flammend roten Kuvert mit der spitzen, eigensinnigen Kinderschrift Lydias konnte Amey nicht aus der Fassung bringen. Ja, ja, ja! Hier hatten sie der goldnen Amey ein hübsches Wirrknäulchen aufzuwickeln gegeben! Dann suchte Amey ein kleines Hütchen, wie für Streifzüge gedacht. Sie zog einen kurzen Rock an und hohe feste Stiefel aus Boxcalf, als ob sie durch Moorgrund waten wollte. Sie nahm aus dem Schubkasten ein winziges Päckchen, das schon seit einigen Tagen bereit lag und ihr großes Abenteuerportemonnaie. Und dann holte sie ein schlankes Stöckchen aus Pernambukholz mit einem silbernen Elchkopf als Griff. Sie wollte Ferien feiern. Die Feier sollte in einem Spaziergang bestehen und in einem Besuch. Und außerdem wollte sie sich die ganze Tischsitzerei einmal sparen und wollte statt dessen – wie himmlisch – in diesem Bergfex- und Durchreisekostüm sich zu Kranzler setzen, oder zu Bauer, oder zu beiden. Dort wollte sie das Menschengewühl sehen und Vanilleeis essen, und von den vielen verschiedenen Torten, die wahrscheinlich, wie es meist im Leben ging, ganz anders schmecken würden, als man nach ihren wunderbaren Namen erwarten dürfte. Nachher saß Amey wirklich im Café Bauer. Aber allein wie sie war, konnte sie es eigentlich nicht ganz so entzückend finden. Auch konnte sie nicht die Hälfte des Appetits aufbringen, der allen ihren Plänen genügt hätte. Sie hatte sich mehr Reisende mit Bergstöcken und in Nagelschuhen eingebildet. Aber es war nicht die Zeit der Rucksäcke. Nur einen einzigen gab es. Und dieser machte auch nur einen geringen Effekt. »Nun«, dachte Amey, »der Berliner ist an und für sich ein kleiner Halbgott. Wir brauchen gar nicht erst Leute, die so einen bezaubernden Rucksack aufschnallen!« – Sie sah an ihrem kurzen Röckchen herunter. In ihren Augen die Sonnenfunken begannen ihr Spiel: War es nicht wirklich etwas um solche Maskerade? Wenn es ihr nun plötzlich einfiele . . . Sie sah einem hochaufgeschossenen, blassen Jungen hinterdrein. Dies war das drittemal, daß er vorüberkam und sie mit diesen Augen anstarrte! Aber sie flößte ihm einen so ungeheuern Respekt ein! Oder vielleicht hatte er auch kein Geld für eine Tasse Kaffee. – Wenn sie nun einfach hinausginge und sagte: »Bitte – ich habe ganz genug für uns beide. Und jetzt will ich dir eine Stunde schenken. Toll und selig will ich dich machen eine Stunde lang!« Amey erschrak. Wie fließendes Feuer überströmte sie die rote Flut vom Nacken her. Wie kam sie auf so unsinnige Ideen? Sie fühlte sich plötzlich von anderen Männeraugen gestreift. Hastig. Wie auf verbotenen Wegen. »Das sind meine herrenlosen Gedanken«, strafte sie sich. »Meine ganz wild gewordenen Gedanken!« – Sie schob Kaffee und Gebäck beiseite und machte dem Kellner ein Zeichen. Als sie hinaustrat in das Gewühl der Straße, erspähte sie einen Taxameter mit einem kleinen Falben. Und plötzlich, als sie sich geborgen sah, tauchte noch einmal das sehnsuchtsvolle, feurige und zugleich demütige Jungensgesicht neben ihr auf. »Was kostet die Welt!« dachte Amey. Eine tolle Woge überspülte sie. Ein Wissen um die Glücksmöglichkeiten, beschlossen in ihrer Hand. »Schnell«, rief sie dem Kutscher zu. Ihre Stimme war sanft und befahl dennoch. Wie die Hellbergs befohlen hatten, seit Jahrhunderten. Sie nannte den Namen irgendeiner Straße weit draußen im Westen. »Schnell«, rief sie noch einmal. »Ich zahle das Doppelte.« Und als der Kutscher kopfschüttelnd auf das kleine Falbchen einhieb, riß Amey den Veilchenstrauß, der von der Wärme ihrer Brust duftete, als hätte er in der Sonne gestanden, diesen kleinen und kostbaren Strauß riß sie aus dem Knopfloch und warf ihn in hohem Bogen zum Wagen hinaus. Sie sah nicht das Schicksal des Straußes. Aber sie wußte, Auge und Hand gehorsamten ihr, wenn sie zielte. Sie hatte es im Blut. Wie das Befehlen. Sie kauerte sich in der Ecke ihres Wagens zusammen: jetzt hob er ihn auf. Jetzt fing er an Märchen zu spinnen über dem kleinen Strauß. Zu Hause würde er ihn in ein hohes Bierglas mit Wasser stellen. Ein anderes hatte er gewiß nicht. Wenn er dann Verse schrieb, stand es vor ihm. Er war Dichter. Entschieden. Und – oh, so arm. – »So gern hätte ich ihm ein paar blaue Scheinchen um den Strauß gewickelt«, dachte Amey. »Wie früher die Gärtner aus Staniol diese unausstehlichen festen Henkel machten. – »Aber« – sie versann sich – »was wolltest du nun lieber? Wolltest du all diese Träume über die verwunschene Prinzessin? Sie ging im kurzen Röckchen und Stiefeln aus Boxcalf. Aber du sahst ihr Krönlein und ihren Brokat und ihre goldnen gestickten Schuhe. Wolltest du wohl lieber alle die neuen wunderbaren Rhythmen nicht hören, die dieser kleine blaue Strauß dir vorduftet? Von weichen Frühlingstagen mit Bäumen, die in silbrigen Lichtern erbeben? Von hyazinthblauen Bergen und verklärten Fernen und von den ersten Übersteigerungen der Lerchen? Oder wenn er dir nun von deinem fernen Königreich erzählt, nach dem du alle die Jahre gingst mit staubigen Schuhen und zuckender Brust. Wie sie Triumph singen werden und Osanna, wenn du den brennenden Berg erstürmtest und die verwunschene Prinzessin befreitest, und du ziehst ein in dein Reich und hältst sie vor dir auf milchweißem Zelter!« Amey lächelte strahlend. »Dies alles solltest du vielleicht hergeben wollen für ein paar Beefsteaks und einen modernen Anzug?« Vielleicht beides! Vielleicht hätte er beides gern genommen! Die guten Träume und die guten Mahlzeiten? Amey sah sich um. Hatte jemand dieses gesagt? – Sie schüttelte heftig den Kopf. »Unmöglich,« dachte sie, »vollkommen unmöglich. Erstlich – hätte er mit den Scheinen in der Hand – furios wie alle Künstler sind – nicht sofort ein Auto herangeschrien? Und wenn wir nun eine kleine Wettfahrt hinter uns hatten . . .« Sie lächelte ein wenig. Ihre Augen waren bedeckt. »Oder auch,« sie richtete sich jäh in die Höhe, – »er würde mich beschimpfen.« – Eine Szene stand vor ihr. Sie zog die Schultern zusammen, als fröre sie. – » Dieser hätte ein Recht dazu«, dachte sie. »Wenn man sein Wunder mit Geld befleckte! . . .« Nachdem sie eine Weile in westlicher Richtung durch Berlin gerast war, gab Amey dem Kutscher den zweiten Schock, indem sie ihm mitteilte, er solle sie auf einem andern Wege in die Nähe des Brandenburger Tores zurückbringen. Aber das falbe Pferdchen müsse durchaus jetzt geschont werden. Und wie war es mit der Taxe? – Ja, die Taxe! Nun, wer vor dem Ziel seine Absicht änderte, mußte doch wohl für sein Wort aufkommen! So ging es zurück, in der Richtung Tiergarten. Amey sah in das kahle Gesperr der Äste, das heute an diesem Wintertage seltsam lebendig erschien. Wie erfüllt von ungebärdig kochendem Blut. Vor dem nebelhaft bronzebraunen, bronzegrünen und lilagrauen Getupf der Stämme schwammen in der Ferne drei wundervolle Farben: Schmal aufgereckt, in der Mitte ein vornehmes Bischofslila, links das selig verflatternde Gelb eines Zitronenfalters, rechts sanftestes Himbeerrosa. Ameys Augen öffneten sich weit und glücklich. Daß Marsyas nicht hier war! – Hier war der Farbenfleck an sich nicht das Absolute. – »Wie könnte ich es ausdrücken?« dachte Amey. Wie sie es empfand, war hier gar nichts herrschend und eigenlebig. Weder Ausdruck noch Farbe noch Form. Vielmehr – dies alles war ein Unlösbares. Ein ganz in sich Vollendetes. Es war Schönheit und Stil, Ahnung und Andacht zugleich. – Die drei Menschen verschmolzen mit den Bäumen und mit der Luft, die bereits flimmerte vom morgigen Regen. – »So müßte dies als Bild wirken«, dachte Amey. »Wie entschlüpfte und erste Sendlinge müßten sie erscheinen, millionenfachen Segnungen entsprossen, die der dunkle Erdleib bewahrte als Liebespfänder jener vergangenen und inbrünstigen Sommernächte!« – Ameys Augen träumten, selig und weit. »Wer dies vollbrächte!« . . . Ja – war sie dann nicht doch im Recht gewesen? Nur daß einer der Auserwählte war! Nicht allein der Berufene. Darauf kam alles an. – Dann brauchte nicht weiter viel nach der Richtung gefragt zu werden. – Amey lehnte sich zurück in ihre Wagenecke. Wie befreit von einem sehr langen und peinvollen Druck. – – – Der Wagen war in die Siegesallee eingebogen. Amey schloß die Augen, als müsse sie etwas vermeiden. Aber behutsam. Wie man gewisse kleine Blasphemien, die man wirklich nicht zurückhalten kann, lächelnd und mit behutsamer Stimme ausspricht. Warum nur hielt plötzlich der Wagen? Ach ja, sie wollte ja wohl im Tiergarten spazierengehen? – Als sie das Abenteurerportemonnaie herausnahm, wurde sie plötzlich andern Sinnes. Wenn nun er – der furiose Dichter, der Königsohn aus dem fernen, unsichtbaren Reich – wenn er nun seine Gefühlswallungen nicht vier Stockwerke hoch verstaut hätte? . . . Nein, – eine Begegnung war das Unmögliche. So wäre Amey dem netten dicken Mann auf dem Kutschbock, unter der russischen Bärenmütze fast verhängnisvoll geworden. Er war apoplektisch veranlagt. Und Amey verlangte jetzt mit ihrer sanftesten und zärtlichsten Stimme als drittes von ihm: er möchte sie in mittlerem Tempo in die Dalldorfer Straße bringen. I du meine Güte – wenn da einer nur zu seinem Gelde kam! Aber Russen-Emil, dessen Name nicht so sehr von seiner Mütze hergeleitet wurde als von den Alexandern, wo er sein Jahr abgedient hatte, durfte damals während seiner Burschenzeit bei seiner Gnädigen allerhand Erfahrungen sammeln. Und seine fernere Laufbahn auf der Höhe des Kutscherthrons hatte ihm einen weiten Überblick über die Frauensmenschen oberer, mittlerer und unterster Gattung vermittelt. Was die Kleine da hinter ihm in seinem Wagen war – na – so 'n kleinen Piepvogel hatten ja die meist. – Aber – das war eine ganz Aparte! Dadrauf hätte Russen-Emil gleich Gift genommen. Trotz dem Springröckchen. In jeder Hinsicht. Auch in bezug auf das Portemonnaie. Wodurch die Menschheit sich leicht und reinlich in zwei Gruppen scheiden läßt. Na – da mocht' sie denn schon . . . Amey ahnte nicht, daß sie für Russen-Emil der Ausgang zu einer ganzen Philosophie wurde. Als die Effekte der Siegesallee überwunden waren und das Brandenburger Tor aufragte, fielen die Erinnerungen über sie her: Onkel Rhaban! »Hier braucht man noch nicht die Augen niederzuschlagen.« Die müde Stimme klang auf. »Hier ist her Gang der Tradition noch nicht unterbrochen. Im Griechischen lag gar nichts Gewaltsames. Es war doch nicht nur die Akademie – die ganze Epoche hat mit Lessings und Winkelmanns Augen gesehen. Und vielleicht war Winkelmann griechischer als die ganze Renaissance. – Glaube mir«, sagte Onkel Rhaban – »es ist nicht mehr lange hin, bis es alle wissen werden: von der Königswache an bis zum Denkmal Friedrichs des Großen – hier ist unser letztes, echtes Gesicht!« – Amey sah an den Säulen empor, von der Quadriga gekrönt. »Arme Verbannte«, dachte sie. »Du warst es doch wohl nicht, die das viele Gold im Siegeswagen mitschleppte, wodurch wir so sehr roh wurden, so theatermäßig, so streberisch und so unwahr? – Es ist schlimm,« dachte sie, »wenn jeder, der gestern noch hinter einem Büfett stand, heute plötzlich von einem kleinen Architekten etwas in Rokoko verlangen darf.« Sie war viel gereist mit Onkel Rhaban. Wenn fünfzig Jahre hindurch ein Land mit Sintfluten von Monstrositäten überschwemmt wird, mußte man es sich schon ein bißchen sauer werden lassen um die Reste der alten Herrlichkeit. Versponnene Erker fielen ihr ein, hinter denen Rapunzel ihr Haar strählte, daß es zum Fenster hinaus der brennenden Liebe im Ziergärtlein in den Schoß hing. Zerrungene steinerne Gestalten auf grauen Brückchen über schaumgrünen Wassern, die verzückten Gesichter von der Abendglorie umbrandet. – Sie saß zwischen Flieder und Weinrosen auf sonnenlebendigen, uralten Stadtmauern, von Lazerten umhuscht. Gotische Kapellchen fielen ihr ein, zarte Heilige, hochgereckt, Taubenflüge um ihre Kreuze. Sie dachte an das Neckartal, an den Main, an Franken. – Ihr Atem ging tief und berauscht. Es war Mostgeruch in der Luft, und der Geruch von Lilien und Nelken. – Ja – sie kannte ihre Heimat! Ihre Hoheit und ihre Inbrunst, ihren Rausch und ihre Sünden, ihre Prächte und ihre Schauer. – Plötzlich zogen sich ihre Brauen zusammen. Durfte man an Tote rühren? Durfte man schauende und singende Seelen anrufen? Köln fiel ihr ein. Der steinerne Bergstock, der im Geheimnis verblaute. – Vielleicht – wo noch einmal eines ganzen Volkes Liebe entflammt wurde – zu einer Vollendung hin . . . Aber anderswo? Sie ging durch alte Remter, wo der Geruch von dunkelm Wein mit dem Geruch von dunkelm Blut sich vermengt hatte. – Sie schritt über bröckelnde Treppen und Verließe, wo weiße Frauen ihre Hände rangen, und durch Säle, wo es harfte . . . Sie bewegte den feinen Kopf auf dem schlanken Halse, als würde sie von einem Insekt belästigt. Sie hatte plötzlich eine groteske Idee: Wenn nun jemand die Aquädukte restauriert hätte! Oder das Kolosseum! »Aber bei uns darf jedes kleine Posemuckel sich seinen krebsroten, gotischen Bahnhof hinsetzen!« – Amey war zornig. Sie fuhren an einem Friseurladen vorüber. Das Zimmer fiel ihr ein, in dem gestern ihr Haar gewaschen worden war! Jemand war vor zwanzig Jahren modern geworden, hatte seine guten Kirschbaummöbel dem Trödler gegeben und sich altdeutsch eingerichtet. Durch eine frivole Laune des Schicksals wurden in dieser Umgebung, passend zu Buße und Geißel, jedes Jahr die neuesten Pariser Haartrachten nachgebildet. Hierauf bezahlte Amey aus dem Abenteurerportemonnaie den dreifachen Fahrpreis, wofür Russen-Emil vom Kutschthron herunterstieg, höchstselbst den Wagenschlag öffnete und, Hand an dem Bärentschako, stramm stand, bis die kleine Aparte mit holdseligem Nicken in den nächsten Blumenladen entschwebte. Diesmal war es leider einer ohne Gärtnerei. Aber Amey entdeckte sogleich einen kleinen, blühenden Mandelbaum, schön wie die Morgenröte. Mit diesem Mandelbaum klingelte sie ein paar Minuten später bei Elisabeth Ewald.   Elisabeth Ewald stand mitten in der Stube, Wangen gerötet, in einer feinen, weißen Battistbluse, die eigentlich in den Sommer gehörte. »Ist aus meinem blassen Schneeglöckchen ein Röschen geworden?« Amey legte den Arm der kleinen Verwachsenen um die Schultern. Da bemerkte sie, wie sie ihr Haar in einer neuen Art geordnet hatte. Es hing tief und schön geschlungen in ihren Nacken. Elisabeth Ewald errötete noch tiefer. Zum erstenmal, seit sie die Grenzlinie erkannt hatte, die unsichtbare Mauer, hinter der sie immer stehen würde, wenn die andern drüben lachten und küßten – zum erstenmal seitdem hatte sie sich geschmückt. Eine unbarmherzige Selbstkritik hatte ihr untersagt, einer Leidenschaft zu dienen, von der die meisten ihrer Schicksalsgenossen beherrscht wurden. Sie wußte, es gab Dinge, die sich nicht verheimlichen ließen. – Aber obwohl dem so war, obwohl . . . War nicht Amey jetzt ihre Freundin? War nicht Amey in der Welt? Übrigens, Amey hatte doch wohl eine Überraschung? Wer mit Onkel Rhaban gelebt hatte, sollte doch das köstliche Prickeln der Erwartung kennen? Wenn ein Band entknotet wurde? Ein Seidenpapier aufrauschte. Sieh da – nun war es so weit. Das winzige Päckchen gab ihn her, seinen Schatz. Einen weichen Schal, der wie ein sommerlicher Garten duftete, legte Amey ihrer kleinen Freundin um die Schultern. In sanften Falten ordnete sie ihn über der eingesunkenen Brust. »Jetzt?« – Die kleine Verwachsene zitterte heftiger. Würde sie? – – Nein – dies war nicht möglich. Man entblößte doch nicht . . . Sie selber konnte doch nicht . . . Sie blickte auf Amey und lächelte stumm. Wie seltsam dies Lächeln war. Wie vom Frost überfallen. »Mein Herz« . . . Auch Ameys Hände bebten, wie sie das Gesicht mit diesem erstarrten Lächeln streichelten. »Oh!« – Sie begriff plötzlich. – Aber was konnte sie tun? Was wurde von ihr verlangt? Mein Gott! – »Soll ich es für dich aussprechen?« sagte Amey leise. Sie bemerkte gar nicht, daß sie das Du eingeführt hatte. – »Sieh . . . Man bemerkt es kaum. – Vielleicht ist es ein wenig zu bemerken,« sagte sie schnell – »aber man sieht sogleich darüber hinweg. Man sieht immer nur deine Augen.« Sie schluchzte auf. Sie nahm die kleine Verwachsene in die Arme. »Du konntest es ertragen!« sagte Elisabeth Ewald. Ihre schöne dunkle Stimme klang wie ein gesprungenes Glas. – Auch sie gebrauchte das Du. Was hier geschah, war so hoch hinausgehoben über den Alltag und über die Verkehrssprache des Alltags. »Du Feine, du Behütete, du Schönste! All dies erträgst du, wovor ich selber mich entsetze . . .« »Ertragen?« rief Amey. Sie atmete tief. »Nein. Das ist etwas ganz anderes. Aber jeder Schmerz deines armen Körpers tut mir weh! Und darum muß ich dich lieb haben!« »Ich habe noch niemals darüber sprechen können«, sagte die Klavierlehrerin. – »Zu niemandem. – An so etwas erstickt man beinahe!« »Aber jetzt sollst du über alles sprechen!« Amey wiegte sie in ihrem Arm wie ein Kind. »Hast du nicht jetzt eine Freundin?« – Und nun weinte Elisabeth Ewald. Ihre Tränen strömten über ihr erfrorenes Lächeln. Da wurde es weich. Amey führte sie zu ihrem grünen Stuhl. Sie saßen Schulter an Schulter. Die Finger der kleinen Verwachsenen glitten über die Hände Ameys. Wie sie nur die Tasten geliebkost hatte bisher, wenn sie allein war. – Das Pathos der vom Leben Ausgeschiedenen, das in ihren Augen brannte, wurde sanft. – Die Tante mit dem seltsamen Tierbändigerblick, die trotz ihres knappen braunen Kleides immer an einen Knecht erinnerte, war wieder aus auf Besorgungen. Aber als Amey, um die Hochspannung der Stunde zu erleichtern, den Schal zum elftenmal in neue Falten legte, klingelte es. »Nelli«, sagte Elisabeth Ewald. »Diesmal ist es Nelli.« – »Um die du sorgtest?« Elisabeth nickte. – Amey flog zur Tür. Als sie öffnete, schreckte sie zusammen. Vielleicht narrte sie dieses Halbdunkel? Das junge Mädchen, das in Hast eintrat, sagte enttäuscht: »Oh – noch Stunde?« »Sie nimmt mich für eine Schülerin«, dachte Amey belustigt und erleichtert zugleich. Nein, nein. Elisabeth erwartete sie. Nelli – es war wirklich Nelli – stutzte. In der Mitte des Zimmers stand Elisabeth, wie eine kleine, blaßlila Frühlingswolke, lächelnd und errötend vor ihrem blühenden Mandelbaum! Nelli starrte sie an. Dann ging ihr Blick zu Amey. Er flog von den Stiefeln aus Boxcalf über dies Bergwandererkostüm herauf zu Ameys Gesicht. Plötzlich klatschte Nelli in die Hände. »Warum soll eine gute Fee nicht einmal sich verkleiden? – Oh – es gehen gute Geister um in diesen Tagen!« Ihre Augen sahen in die Ferne. »Lisbeth«, sie lachte und weinte – »wie schlecht ich war!« – Sie legte die Arme Elisabeth Ewald um den Hals. »Es heißt immer, Leid adelt den Menschen. Es muß verschieden sein, Lisbethchen, ich brauchte ein Glück.« Sie weinte in langen, beruhigten Tönen. Wie ein Kind, dem bang war im Dunkeln, und das ins Licht gebracht wurde. Amey stand und staunte. Es war nicht anders möglich: Sie mußte es sein! »Nicht wahr, ich darf alles erzählen?« Nelli trocknete ihre Augen. »Nun ich mich doch so sonderbar eingeführt habe?« Sie wandte sich zutraulich an Amey. »Verzeihen Sie. Ich kann Sie gar nicht als fremd betrachten.« – Sie errötete dunkel. – »An das Schönste, was es auf der Erde gibt, erinnern Sie mich!« – Amey strich über die glühenden Wangen. Behutsam, als könne man das Rot der Freude fortwischen wie Blütenstaub. »Vielleicht müßte ich es anders ausdrücken.« Nellis Worte suchten. – Daheim – in unserm Garten, die Bäume, ganz weiß überschäumt waren sie, wenn sie blühten – und dann! Wenn der Herbst kam – ach wieder die Pracht! Daran hab ich eben denken müssen!« »Was ist aus Nelli geworden!?« Elisabeth Ewald ließ sich zu ihrem Stuhl führen. »Wir zwei wollen niedersitzen wie gute Kinder«, sagte Amey, »und auf eine herrliche Geschichte warten, Fräulein Nelli ist so voll von Wundern. Es wird sie noch ein wenig umtreiben!« »Wie Sie alles verstehn!« Nelli kniete plötzlich nieder vor Amey, legte die Arme auf ihre Knie und sah zu ihr auf, als nähme sie von jedem ihrer Züge Besitz. »Eine äußere Ähnlichkeit ist es nicht«, sagte sie dann bestimmt. »Eine solche Freundin hast du bekommen, Lisbeth?« Ihr Blick grübelte. »Der liebe Gott wußte wohl, wie wenig ich dir war. – Ach – ich hatte ja nichts zu geben. Siehst du – das ist es: eine Sorte Menschen ist von Natur nicht sehr reich. Die werden immer ärmer und recht jämmerlich, wenn die Not über sie herfällt. Zu denen muß es wie Sonne kommen, daß sie ein bißchen leuchten lernen. Und andere,« – sie sah auf zu Amey – »die sind selber wie die Sonne. Die können immerfort verschenken. Und vom Schenken werden sie immer schöner!« Amey errötete. Sie bückte sich und küßte Nelli auf die Stirn. »Was müssen Sie erlebt haben!« sagte sie leise. »Sollen wir nicht jetzt die herrliche Geschichte bekommen?« Nelli sprang auf. Sie ging zum Klavier und ging wieder zum Fenster. Sie sah in den Himmel hinaus, der in blassen Streifen ein wenig von dem Gold und dem Purpur verriet, mit dem er draußen vor der Stadt sich schmückte. »Ich weiß nicht, ob Elisabeth Ihnen erzählt hat?« – Elisabeth sollte nichts von ihrer Freundin erzählt haben? Allerdings wußte Amey von der kleinen Beamtentochter, die vor zwei Jahren nach ihrem Lehrerinnenexamen 1a mit einem sehr kleinen Reiseköfferchen und Hoffnungen groß wie der Magnetberg nach Berlin gekommen war. »O Gott«, dachte Amey, wie sie im Fluge wieder diese Geschichte durchlebte: »Daß sie so lange tapfer blieb!« – Der kleinen Nelli traten Tränen der Scham in die Augen. Sie dachte an den ersten und einzigen Abend in der eleganten Wohnung, als der Hausherr sie rufen ließ. Er hatte ihr Wein und Kuchen vorgesetzt. Tausend Mark im Jahre bei freier Station sollte sie bekommen. Es war nur ein kleines, kränkliches Mädchen zu unterrichten. Die Mutter war meist in Sanatorien. – Und so entsetzt von dem, was von einer jungen Lehrerin erwartet werden konnte, hatte sich Nelli lange nicht mehr zu einer Hausstellung entschließen können. Sie gab Nachhilfestunden, die mit 50–75 Pfennig bezahlt wurden, und lebte solange von Brot und Kakao, bis ihr Geldtäschchen von einem letzten Zehnmarkstück allein in Anspruch genommen wurde. Dann mußte es doch geschehen. Die verwitwete Frau Rendant Müller in Lähn am Bober, die von früh bis abends geschafft und gespart hatte, um ihrer Tochter das teure Pensionsgeld und das Examen zu ermöglichen, und die am Sonntag so gern in ihrem gefärbten Seidnen von der Hochzeit her, im Kaffeekränzchen mit dieser Tochter ein bißchen prahlte – diese liebe Frau durfte doch nicht so furchtbar erschreckt werden. Und dann kam die Hausstellung am Anhalter Bahnhof. Nein – wozu jetzt daran denken? Dies war wirklich nicht mehr von Bedeutung. Diese Sklavenzeit war vergessen. Ja, es war wohl ein recht eisiger Wind gewesen an jenem Tage. Und wenn so vielerlei auf einem lag, außer den vier Rangen! – Die kleine Nelli hatte sich sehr hetzen müssen und hatte schwer getragen an ihren Besorgungen. Da fühlte sie die Stiche. Wenn sie sie auch bald in ein Krankenhaus geschafft hatten . . . Nun, so ein kleiner, überanstrengter Körper nahm die Lungenentzündung wahrscheinlich ernst. Da blieb denn eine Schwäche davon zurück. Und nun kamen wieder die Privatstunden. Und dann, – ja, dann ging es eben von Tag zu Tag weiter bergab. – »Ich war verzweifelt«, sagte Nelli leise. »Ich wußte, ich durfte nichts mehr von dir leihen, Lisbeth, und ich hatte gerade noch eine Mark im Portemonnaie. Da tat ich es!« Sie seufzte tief und schmerzhaft. Amey sprang auf. Sie legte ihr die Arme um den Hals. »Verzeihen Sie mir.« Ihre Augen standen voll Tränen. »Was denn?« Nelli staunte. »Ihnen? Verzeihen? –« Dann verklärte sich ihr Gesicht. »Und hätte mir selbst jemand das alles angetan und mich mit Händen dorthin gestoßen – ich müßte doch nur diese Hände küssen!« In ihrer Stimme war Größe und Demut zugleich. »Es war so.« Sie flüsterte eilig. Aber ein kleiner harter Husten unterbrach sie fortwährend. Sie erlebte sich wieder. Die andern erlebten sie mit. An jenem Abend – auf der Friedrichstraße . . . Plötzlich schlug sie die Hände vor das Gesicht. Der schmächtige Körper zuckte wie im Fieber. »Es ist vorbei«, sagte Amey. »Alles ist vorbei. Es war ein böser Traum. Jetzt ist es Tag, und die Sonne scheint!« Nelli richtete sich auf. »Es ist alles vorbei«, wiederholte sie sich eindringlich. »Ja. Ich habe gebetet. Mein Gott, mein Gott! Das konnte ich doch nicht auf mich nehmen.« Sie schauderte wieder zusammen. Dann lächelte sie demütig und ergreifend. »Der liebe Gott wußte es besser. Und dann – dann redete mich einer an.« Ihre Augen erstarrten. »Der Teufel war's!« schrie sie plötzlich. »Nicht offenkundig und mit dem Pferdefuß, aber viel schlimmer. Wie er mich ansah! – Wie er meinen Arm hielt!« – Sie röchelte. – »Ich darf nicht«, dachte Amey. »Ich darf nicht weinen. Ich muß fest bleiben, jetzt. Was nützen auch Tränen hinterher?« »Ja,« sagte Nelli, »und wie er mit mir redete – und immer spürte ich den Weindunst und irgend etwas Gräßliches um ihn her. – Und seine Finger immer in meinen Arm eingedrückt. Da bekam ich Kraft, und ich riß mich los. – Und dann stand ich mit einemmal am Wasser. Ich dachte – das soll so sein. Dahin bin ich gewiesen. Daherunter muß ich. Dann ist alles ausgestanden. Ich ging bis zur Brücke. In mir lag's wie ein Stein. Da ging ich die Stufen herunter.« – Sie schwieg. Sie faltete die Hände. Sie bückte den Kopf ein wenig, als lege sie ihn still auf den Richtblock. – Amey hatte Elisabeths Hand gefaßt. Sie fühlte, wie ihr Atem aussetzte. Sie wagte jetzt nicht, Nelli zu berühren. Eine große fremde und erhabene Kühle war um das kleine Mädchen. Sie wußte etwas, was den andern verborgen war: Das Jenseitige hatte neben ihr gestanden. Draußen raschelte es. Eine Maus in der Tapete. Der Ausguß in dem kleinen Küchenentree gluckste. »Wenn jetzt nur diese Tante nicht kommt!« Wie zum Schutz stellte Amey sich zwischen Nelli und die Tür. – »Käme sie jetzt dazwischen – noch einmal müßte sie so sterben, das arme gequälte Herz!« »Dieser Geruch!« wimmerte Nelli. Ihr Kopf auf dem magern Hälschen wendete sich in Abscheu. Ihre Nasenflügel zitterten in Grauen! Da rochen sie ihn auch, diesen faden Modergeruch, wie er von Wassern aufsteigt, die in ihrer Freiheit gehemmt, von der Großstadt vergewaltigt wurden. »So ganz dicht über dem Wasser. Alles ganz schwarz und stumpf. Kein Mondstrahl drin gespiegelt und kein Stern. – – Ich konnte nicht.« Nellis Stimme erstickte in Scham. Sie lächelte herzzerreißend. »Ich hatte doch noch gar nicht gelebt!« Amey fühlte, wie es sie überrieselte. Ein Tag stand vor ihr. Auf dem Wunschberg. – Sie verstand. Ach, sie verstand wohl. Ihre Hand streichelte dringlicher die spitzen zuckenden Schultern. »Du einzige – ja, du wirst es mich wohl noch lehren!« Elisabeth Ewalds Augen hingen inbrünstig an Amey. »Du durftest immer deiner Stimme folgen. Du brauchtest immer nur zu sein, wie du bist. Oh, wie bist du gesegnet!« »Und dann,« flüsterte Nelli am Halse Ameys, – »dann stieg ich die Treppe wieder herauf und ging und ging und ging. Ich weiß gar nicht, wo ich alles war. Ich dachte immer nur: leben! Und eine Mark im Portemonnaie? – Und dann kam ein Herr.« – – Sie schwieg. Aber im Schweigen veränderte sich ihr Gesicht. Das Grauen fiel ab davon. Es wurde ein weiches Kindergesicht. Nur die Augen waren selige Frauenaugen. – Sie richtete sich auf im Arm Ameys. »Er ging so frei und so kühn. Gar nicht, als ob es Berlin wäre. Wie über die Felder ist er gegangen.« Sie seufzte schmerzlich. »Den hab ich angesprochen.« – »Du brauchst dich meiner nicht zu schämen, Lisbeth«, fuhr sie dann fort. »Ich war die ganze Nacht bei einem fremden Mann. Ja. – Aber Gott wollte nicht, daß ich untergehen sollte. Ich war bei ihm – wie seine Schwester!« – Und nun veränderte sich plötzlich diese kleine, müde Stimme: »Sagen kann man das alles gar nicht. Ihr müßt es euch ausmalen. Es war wie das Himmelreich!« Sie war wieder in seiner Wohnung. Nicht in Berlin W. O nein! Am Krögel war sie, in einem alten, verwohnten Hause. Vier Treppen hoch. Aber in Lähn, selbst bei der Frau Bürgermeister, war es doch ganz anders. »Weißt du, Lisbeth, – seine Stube lebte!« – – Sie sahen sie doch wohl? Die Bilder! Die Tonkrüge mit Kiefernzweigen! Die schönen und wunderbaren fremden Dinge, von denen jedes eine Geschichte hatte oder ein Geheimnis. Der Husten kam wieder. Kurz und herrisch klopfte er. »Vielleicht dürfen Sie jetzt nicht mehr sprechen«, bat Amey. »Es tut Ihnen weh!« Aber Nelli bewegte die magere Hand. Sie wischte etwas fort, das ohne Belang war. »Er ist viel gereist«, sagte sie, sobald sie wieder Atem hatte. »All die schönen Sachen haben ihm Leute geschenkt, die er kuriert hat, ohne ihnen geholfen sonstwie. Gesagt hat er das natürlich nicht. Aber . . .« Ihre Augen träumten. Unschuldige und dennoch glühende Träume. Die aus der Sehnsucht ihre Bilder nahmen, nicht aus dem Wissen. Die andern schwiegen. Auch sie träumten jede ihren Traum. Das langsame Tropfen des Wasserhahns draußen war der einzige Laut des Lebens in der kleinen, abenddunkeln Stube. Plötzlich rief sich Nelli zurück. »Die Bücher!« rief sie. »Nein, das kann sich niemand vorstellen. Ganz große, uralte, in Schweinsleder gebunden. Und auf diesen ehrwürdigen Herren kletterte ganz keck ein kleiner Affe!« Sie lachte selig verloren. – »Nein,« sagte sie nach einer Weile – »von ihm selber kann ich doch nicht sprechen.« – Sie saß wieder in dem alten, tiefen Lederstuhl. Sie spürte seine festen und sorgsamen Hände. Der Kessel brodelte. Sie roch den Duft des Tees. Sie ließ sich von ihm füttern wie ein Kind. Sie weinte an seiner Schulter. Sie gab ihm ihre ganze Seele. – Später erzählte Nelli, daß ihr Freund Arzt war. In Friedenau hatte er ihr eine Stelle als Erzieherin verschafft. Bei guten Menschen. Ach, so fein und gut. Acht Tage hatte sie dort im Bett liegen müssen und war gepflegt worden wie eine Prinzessin. Aber jetzt sollte sie erst noch in ein Sanatorium. Reisen sollte sie! Nach Baden! Dem Frühling entgegen! Ihre Augen glänzten. Aber sie hustete wieder. »O Kind«, sagte Amey. »Wie ist das alles herrlich!« Elisabeth Ewald sah Nelli an. »Wie du recht hattest«, sagten ihre Augen. »Gott weiß die Zeit. Gott wußte die Zeit für uns beide!« »Wird Ihr Freund Sie selbst in das Sanatorium bringen?« fragte nach einer Weile Amey. Nein. Nelli würde übermorgen mit einer Patientin von ihm reisen. Ihr Freund war nicht mehr in Berlin. Seit vierzehn Tagen. »Ach«, sagte Nelli. »Ich begreife es nicht! Ich vergehe vor Sehnsucht. Und doch bin ich froh. Es ist, als ob ich in seiner Sonne stünde, immerfort. Über alle die tausend Meilen hin. Er ist nach Kleinasien gereist!« »Nach Kleinasien?« Etwas in Amey flatterte und dehnte sich. Auch sie stand in der Sonne. Im nächsten Augenblick sah sie wieder die Inbrunst, die dieses unbedeutende Kleinmädchengesicht seltsam erhöhte. – – Konnten nicht übrigens zwei Menschen aus Berlin gleichzeitig nach Kleinasien reisen? . . . Etwas in ihr sagte – nein. – – – »Einen so schönen Namen hat er.« Nelli lachte plötzlich stolz und glückselig: »Donatus Lund, Dr. Donatus Lund. Aber niemand nennt ihn so. Sie heißen ihn den Heidjer!« In diesem Augenblick trat lautlos wie ein Geist und trotzdem an einen Knecht erinnernd, in ihrem braunen, knappen Kleide und mit dem Tierbändigerblick die Tante ins Zimmer. »Liebling, bis auf nächste Woche!« sagte Amey zu Elisabeth Ewald. »Ich muß jetzt eilen! Und du mußt deine Freundin noch ein wenig genießen. Ich war im Begriff zu gehen.« Sie sagte noch ein paar freundliche Worte zu Fräulein Grützner. Dann stand sie vor Nelli, und wie Nelli vorhin mit ihr getan, nahm sie jetzt von jedem Zug dieses blassen Gesichtchens Besitz. Ja – hier war Sonne wohl nötig gewesen! Und sanft faßte Amey das Gesicht von Nelli zwischen die Hände und küßte es zum Abschied.   In den nächsten Wochen war eine leise Unrast über Amey. Sie ging in Theater und Museen und Ausstellungen. Sie nahm ein paar Einladungen von ihren Leuten an, die durch andre aus der Pension von ihrem Hiersein erfahren hatten. Sie hörte geduldig der Generalin zu und dachte: Sie ist eng wie ein Knopfloch. Aber vielleicht, daß zuviel Einsicht hinderlich ist an der schnurgeraden Richtung auf ein Ziel? . . . Sie las Malte Laurids Brigge, und etwas tat ihr weh dabei. Fortwährend mußte sie denken: »Onkel Rhaban!« – Sie besuchte Elisabeth Ewald ein paarmal, desgleichen ihre Freundin Bronklava. Sie fand dort den Kreis von neulich bis auf Doktor Vernow. »Er ist also in Ostpreußen?« fragte die Bronklava. »Ja«, sagte Amey. Er hatte ihr geschrieben. Irgend jemand – wahrscheinlich war es Marsyas, – behauptete, er habe Thomas Vernow gestern am Leipziger Platz, als er gerade abfuhr, aus der Stadtbahn steigen sehen. Er habe den Arm in einer Binde gehabt. Alle lachten und beschuldigten ihn der Geisterseherei. »Der rote Peter hätte wohl kommen dürfen?« fragte die Bronklava bittend. »Er ist sicherlich verzweifelt und traut sich nicht!« – »Natürlich!« Amey lächelte fern. Sie war immer beschäftigt mit irgend etwas, was sie eigentlich kaum nennen konnte. »Wo wohnt er denn jetzt?« fragte die Bronklava. »Ich will ihm schreiben, daß er kommt und sich den Kopf von mir waschen läßt.« Es wirkte unwiderstehlich komisch, wenn man sich vorstellte, daß die kleine Dame es mit dem widerwurzen roten Haarschopf aufnahm. »Zuletzt schlief er bei seinem Freunde Feldmann.« »Dem Literaten?« fragte der Japaner. »Ich dachte, der hatte kaum einen Stuhl zuviel in seiner Dachkammer.« »Hat er auch nicht.« Marsyas wußte Bescheid. »Der rote Peter schlief in einer Bilderkiste. Er fand es direkt feudal.« Sie lachten. Jemand erzählte, er lebe wieder streng nach Mazdazuan: zehn Verbeugungen oder eine Messerspitze gestoßene Eierschale als Frühstück. »Peterlein, Peterlein!« sagte die Bronklava. »Er muß wieder regelmäßig zweimal die Woche mit uns essen. Was sagen Sie, Erich?« – Ehe Erich sagen konnte, daß er wie immer der Meinung seiner lieben Freundin sei, – kam Amey aus ihren fernen und verhüllten Ländern zurück an den traulichen runden Teetisch, auf dem die rosa Primeln von neulich wieder einen frischen Napfkuchen umblühten. »In einer Kiste?« sagte sie träumerisch. »Es ist originell. Ob es sehr bequem ist?« Es war Schweigen. Plötzlich errötete Amey. Wie einen heißen Wind empfand sie es im Nacken. Sie sah ängstlich und beschämt in die schweigenden Gesichter rundum. Die Bronklava nahm sie liebreich in den Arm. »Oh!« sagte leise Amey. Sie brauchte kein weiteres Wort. Alle hatten verstanden. Sie sahen sie an wie damals. Wie treue, freundliche Tiere, unter die ein Märchenkind geriet. – – An diesem Abend kam Amey nicht zur Ruhe. Sie würde Fräulein Bronklava einmal vormittags aufsuchen, wenn sie sie allein traf. Wenn es Leute gab, die in Bilderkisten auf Holzwolle schliefen . . . . Ein paarmal kamen kurze Briefchen von Thomas in diesen Tagen. – Ihn gewissermaßen ausschaltend und dennoch in ihrer Nüchternheit seltsam vibrierend von einem Hinter-den-Zeilen. Amey sah den Poststempel an. Es war immer derselbe: Greifswald. – Sonderbar. Auch Lydia kam. »Ja, ja«, sagte Amey ängstlich. »Sogleich, wenn er zurück ist.« Sie erzählte von der Vortragstour. – So war Thomas Vernow also mit Amey gewesen? Lydia hatte ihn seit Wochen nicht gesehen. Lydia ging hin und her wie eine böse, gefangene Pantherkatze. Amey war glücklich, als Frau von Wickede klopfte, wiewohl sie sich aus diesem Besuch nicht gerade viel machte. Frau von Wickede empfahl ihr dringend, Swedenborg zu lesen. Ihre sonderbaren Augen, die etwas vom Spektrum hatten und durch die man scheinbar hindurchsehen konnte, bedrückten Amey noch stärker als sonst. – An diesem Abend kam der Minister wieder in die Pension. Amey war froh. Sie wußte kaum warum. In seiner feudalen Umgrenztheit hatte er dennoch etwas Imponierendes. Amey empfand ihn wie eine Schutzwehr gegen die Märker, die, außer daß sie die Stützen von Thron und Altar waren, noch so sehr viele Extras hatten. War die Gediegenheit nicht eines ihrer Privilegien? Was wollten Ameys Toiletten zum Beispiel besagen gegen ihre Kostüme aus erdfarbenem oder marineblauem Kammgarn, Herrenstoff, prima Ware, am Ende der Saison preiswert gekauft bei Engel in der Landsberger Straße? Amey wurde überhaupt mit schweigender Mißbilligung von ihnen betrachtet. Es war jammerschade. Diese allerliebste kleine Hellberg war wirklich reichlich apart. Man merkte doch immer, wenn der weibliche Einfluß bei der Erziehung fehlte. Und ihr Onkel, der Baron, mit dem der Name ausstarb, war auch schon recht eigentümlich gewesen. Für Männer schien sie ja eine besondere Attraktion zu haben. Wiewohl . . . nein – sie war vollkommen korrekt –. Der gute Minister war auch schon wieder beeindruckt, und tat, als ob er sich für ihre merkwürdigen Steckenpferde interessierte. »Denken Sie,« sagte Amey zu dem Minister mit ihrer zärtlichsten Stimme, »man erzählte mir, ein Künstler – schliefe in einer Bilderkiste. – Und wir – Daunendecken und Sprungfedern . . . stellen Sie sich ihn vor, den Apparat, den wir gebrauchen, ehe wir zur Ruhe kommen . . . Wenn jemand, der tüchtig ist und sich keine Pause gönnt und so rührend – denn er soll diese Lagerstatt als direkt feudal betrachten – und ein großes Talent dazu – und wir« – ihre Augen überflogen den reich besetzten Tisch – »es muß ein Fehler da irgendwo sein,« sagte sie mit unterdrückter Stimme, die dennoch vor Erregung zitterte – »ein System, wo eine kleine Partei auf Kosten« . . . »Baronesse«, sagte der Minister. – Er schien noch schmaler in der Taille geworden seit seinem letzten Berlin, und der kleine Kopf ragte noch höher. »Einseitigkeit ist das Wesen der Parteien. Nur auf diese Weise halten sie sich gegenseitig im Schach. Wenn einmal der Zeitpunkt eintreten sollte, daß ein Volk reif genug ist, daß es ohne die gegenseitige Korrektur der Parteien auskommt, dann sind alle Systeme überflüssig geworden, dann ist ein Leid das Leid aller, und jedes Glück ein gemeinsames Glück. Das heißt Leiden gibt es dann überhaupt nicht mehr in der Welt. Dann ist das Tausendjährige Reich angebrochen.« Sein ernstes Lächeln bekam einen Schimmer von Zartheit. Er reichte Amey den Salat wie einen Strauß Rosen. »Sie glauben nicht an das Tausendjährige Reich?« sagte Amey schmerzlich und zugleich irgendwie dankbar. »Nein. Verzeihen Sie. Jetzt, wo der Mantel der christlichen Liebe so unendlich ausgereckt wird – jetzt allerdings weniger als je. Es hilft nichts, wenn sie ihm einen neuen Namen geben. Er hat eben doch nur sein bestimmtes Format, und wenn er zu weit reichen soll, so reißt er, und niemand wird mehr warm darunter. – Eigentlich,« er dämpfte die Stimme – man hörte am unteren Ende des Tisches Miß Pembrocke nach Worcester-Sauce verlangen – »es liegt mir gar nicht sehr, den schwarzen Mann zu spielen – ich bin durchaus für eine Erziehung ohne körperliche Strafen, aber in Zeiten, wo alles auf den Kopf steht, gehört eine eiserne Hand an die Kandare, sonst rennt die Kutsche in den Abgrund. Sie wollten nicht, daß ich gegen meine Überzeugung spräche?« Seine weit auseinandergestellten und durch starke Brauen über der Nasenwurzel verknüpften Augen sahen Amey an. Besonders. »Nein«, sagte Amey schnell. »O nein!« Diese Angelegenheit quälte sie zum Weinen. Sie war wie in einer Sackgasse ohne Tor. Über den langen und besonderen Blick des Ministers gab sie sich nicht Rechenschaft. Am nächsten Tage kam wieder einer dieser feuerfarbenen Briefe. Amey konnte sich nicht entschließen, ihn zu öffnen. Den Inhalt kannte sie ja doch. Aber wo versteckte man ihn tief genug, daß er sich nicht fortwährend in die Erinnerung brachte. Zuletzt machte sie ihm ein kleines Begräbnis unter einer großen weißen Azalee, deren Topf in einem schönen alten Bronzekübel stand. Amey hatte den Kübel gestern bei einem Althändler entdeckt. »Du wirst dich nicht beunruhigen lassen, du Makellose?« Ameys Finger glitt liebkosend über die schneeigen Blütenkissen. Gerade da klopfte es. Das Zimmermädchen kam und brachte einen zweiten Brief. Doktor Vernow fragte an, ob er in einer Stunde Amey zu dem ihm vor vierzehn Tagen versprochenen Spaziergang abholen dürfe. – – Während Amey Thomas erwartete, bemächtigte sich ihrer eine leichte und schwingende Erregung. »Lydia«, dachte sie. – Sie holte den Höllenbrief aus seinem Begräbnis. Während sie las, überströmte die dunkle See vom Nacken her ihr Gesicht: So konnte eine Frau sich entblößen? – Sie schleuderte den Brief ins Feuer. Es gab einen Geruch wie in einer Fellachenhütte. Nach verbranntem Kamelmist und Sandelholz. Amey riß die Fenster auf, alle vier Flügel. Sie lief zum Waschtisch. – »Es muß heute abgemacht werden«, dachte Amey. Sie bürstete ihre Finger, als habe sie einen ganzen Tag mit Kohlen und andern dunklen Dingen hantiert. Aber während sie sich bestrebte, alle ihre Gedanken auf Lydia und Thomas zu richten, empfand sie immerfort das pochende Blut und das Glühen eines Gesichts an ihren Knien. Lydias Brief, dieser ganz schamlose, tierhaft und brünstige Schrei, der sie empörte und abstieß, hatte ihres eigenen Blutes Woge zu einem fremden Gipfel aufgesteilt. – Thomas der Zweifler Thomas Vernow war pünktlich auf die Minute. Er brachte für Amey einen Strauß Chrysanthemen, diese geheimnisvollen Blumen, denen die Essenz einer fremden Kultur anvertraut wurde. Sie ordnete die Blumen, ehe sie aufbrachen. »Eigentlich müssen Blumen auf Marmor stehen« – Amey rückte ungeduldig und nachsichtig zugleich an der roten Tuchdecke des Pensionstisches – »oder auf dunkel poliertem Holz. Nicht wahr? Sie brauchen die Spiegelung. Und dann – wenn die ersten Blätter tropfen. Oh – rote Rosenblätter auf Pernambuk . . .« »Weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz« . . . sagte Thomas Vernow. Amey sann verträumt. »Im weißen Schnee?« . . . Sie sah plötzlich Thomas Vernow mitten in die Augen. Aber etwas schien sie zu verwirren. »Sehen Sie doch – sahen Sie diese schon?« Sie hatte sich hastig abgewendet. Wie auf der Flucht klang ihre Stimme. Sie hob ein Stilglas, tigerrot gefleckt mit drei Orchideen vor seine Augen. »Sie sind so schlimm und so furchtbar lebendig. Eigentlich mag ich sie nicht. Aber ich mußte sie kaufen. Der Buddha unserer Freundin erinnerte mich so an eine Sphinx, in unserm Wintergarten. Ich bekam Heimweh!« Sie war fertig mit dem Ordnen der Chrysanthemen und streifte die Handschuh über. Sie sah aus wie ein Kind, das weinen möchte. Sie lächelte mit großen verschleierten Augen. Ihre Mundwinkel zuckten. Thomas Vernow machte eine Faust aus seiner rechten Hand. Die linke hing schlaff und nahm nicht teil. Wenn sie so aussah . . . Aber Amey mußte lachen, wie er steif wie ein Schüler stand. »Lydia!« rief sie plötzlich. »Lydia, Lydia!« Dreimal, als ob sie mit einem Zauber ihn entbannen wollte. Thomas Vernow bekam eine scharfe Falte über der Nasenwurzel. Seine tiefgelagerten Augen, die eben leuchteten wie geschliffener Stahl, wurden plötzlich müde und gelangweilt. »Lydia! Lydia! Lydia!« wiederholte er schnell. Wie er ihn aussprach, schien der Name seinen Inhalt auszuschütten. Er machte eine Handbewegung, als ob etwas nicht mehr vorhanden sei. »Warum erwähnen Sie diese Dame?« zürnte er plötzlich. »Ich hatte mich gefreut auf den heutigen Tag!« Amey erschrak. Sie gingen die Treppe herunter. »Wie töricht ich es anfing«, dachte sie. »Die kleinen roten Teufelinnen sind schuld!« In diesem Augenblick sah Thomas Vernow Amey ins Gesicht: »Die Orchideen! Ich weiß wohl! Ich habe aber nichts mit Lydia Mendel zu schaffen!« Seine hohe biegsame Gestalt warf sich zurück. »Wie er meine kleinen Künste durchschaut!« dachte Amey. Sie war glücklich und unruhig zugleich. Ach, dies war die heikelste Aufgabe ihres Lebens. – »Sie müssen sich nicht um eine verlorene Sache mühen.« Thomas Vernows Stimme beruhigte zart. »Sie brauchen auch nicht Ihr Gewissen Fräulein Mendels wegen zu kasteien. Sie selber war bereits sehr viel deutlicher gegen mich.« Seine Mundwinkel zogen sich herunter. »Was in Beziehung auf eine andere Dame zu erwähnen höchste Unritterlichkeit wäre, hat in diesem Falle ein ganz anderes Gesicht. Lydia Mendel . . .« Er setzte plötzlich die Zähne hart aufeinander. »Dies ist ein Thema außerhalb aller Diskussion. Wollen wir uns doch nicht den Nachmittag verderben?« Er bat wie ein Junge. Amey sah ihn an. Etwas Starkes, Klares war in der Luft. Der Schneefall der vergangenen Tage hatte sie von ihren Dünsten gereinigt. Selbst in Berlin bedrückte sie heute nicht. »Also nicht mehr Lydia«, sagte sie. »Verzeihen Sie.« Ihr war sehr leicht zumute. »Lydia müßte mir doch leid tun«, staunte sie. – Aber dennoch, – Amey war fröhlich, wie ein Kind, das unerwartet Ferien bekommen hat. Sie konnte es nicht hindern. »Wohin gehen wir eigentlich?« Die Heiterkeit, die von ihr ausging, ergriff sogleich Besitz von Thomas Vernow. Er gab sich nicht Rechenschaft. Er staunte nur, wie er ohne Rückhalt glücklich war. »Ich staune über diese restlose Freude«, dachte er im nächsten Augenblick. »Ich weiß, daß ich staune. Ist dieser schlimme Tropfen nicht gerade genug?« – »Was ist?« Amey schreckte auf, aber der Schein des Ferienglücks war noch immer über ihrem Gesicht. »Nichts mehr ist«, sagte Thomas Vernow heftig entschlossen. »Gar nichts mehr soll sein . . .« Er brach ab. »Wie schön. Wie wunderschön!« Ameys Gedanken gingen ihre eigenen Wege. Ihr war, als ob sie entwischt wäre. Aber wie sie ihre Worte hörte, bildete sich eine Falte zwischen ihren Augen: Die Tafelrunde stand plötzlich vor ihr, Nelli – – die Friedrichstraße, die schiefen Häuser, die Bilder, die Musik, die ganzen letzten Wochen: Die Sphinx, das Leben stand vor ihr. – »Ich kannte sie nur aus unserm Warmhaus«, sagte Amey verloren. »Auch da war Geheimnis um sie her. Aber es lockte nur, es schmerzte nicht!« »Wer«, sagte Thomas Vernow. »Was meinen Sie?« »Ach«, bat Amey. »Ich verwirre mich. Langustenfischer haben sie aus der Bucht von Cattaro aufgefischt. Wir haben eine Sphinx.« Als sie sah, wie sein Blick sich wieder verdüsterte: »Nein«, rief sie schnell. »Aber wir wollen nicht!« Und mit einer ihrer Bewegungen, die zart und unwiderstehlich waren, hatte sie für eines Augenblicks Dauer die Hand auf seinen Arm gelegt. Thomas Vernow fühlte sein Blut. Dieser leichte Schwindel überkam ihn wieder. »Wir wollen nicht. Heute ist Feiertag.« Sie nickten sich zu. Glücklich wie zwei Verschwörer, die das Zeichen kennen. »Und nun wohin?« Ohne daß sie es bemerkt hatten, waren sie in die Nähe des Potsdamer Platzes geraten. Eine Vision von reinen beschneiten Flächen stieg plötzlich auf vor den Augen Thomas Vernows. Warum konnte man nicht die Arme ausrecken und den Brustkasten dehnen? Dieses elfisch unwirkliche Geschöpf an seiner Seite, das sich zum Spaß mit einem taubengrauen Sammetmantel bekleidet hatte, mußte man doch in die Arme nehmen? Wie ein Toller mußte man mit ihr durch weite weiße Flächen rasen oder durch Wege, auf die stumme schneegebeugte Tannen ihre blauen, spitzen Schatten warfen. Mochte sie einem dann auch gleich die letzte Seele aussaugen. »Auf den Kreuzberg müßte man«, sagte Thomas Vernow. »Weit sehen über alles hin. Kennen Sie den Kreuzberg?« Seine Augen funkelten. Amey schüttelte den Kopf. Aber sie wollte ihn kennenlernen. Sogleich. Durchaus. Die süße Tollheit Thomas Vernows schäumte in sie über als feinster Rausch. Sie gingen. – Amey liebte Berlin plötzlich unendlich. Diese saubere, musterhaft ordentliche Stadt, in der der ungeheure Verkehr ruhig und mit einer gewissen Höflichkeit unter aller Hast sich vollzog. Diese Kette von elektrischen Bahnen, die Fülle von Droschken mit zum Teil gutgehaltenen Pferden. Die geschlossenen Geschäftswagen großer Firmen, die altfränkischen Omnibusse, die klingelnden Bollewagen mit den netten blauen Milchmädchen neben dem Kutscher – alles hatte etwas Freundliches und Anregendes unter dem blaßgelben Damast des Himmels. Selbst das zeitweilige Geschobenwerden zwischen den Fußgängern beängstigte und verletzte nicht wie sonst. Mit Thomas Vernow dicht neben ihr zog Amey wie der Tropfen in einem großen, flutenden Strom, der voll Leben war und voller Wunder, jeder Tropfen dem andern verbunden, von derselben Quelle her zum gleichen Ziel hin. Die große Trennung schien plötzlich aufgehoben. »Woher kommt es?« dachte Amey. – Ein Mensch hatte sie ganz in sich aufgenommen; dies schuf die Brücke zu allen andern. An einer Straßenkreuzung standen Frauen mit Blumen aus Italien und Südfrankreich. »Was begehrst du?« fragte Thomas Vernows Blick Amey. »Es gibt nichts, was du nicht begehren dürftest!« »Mimosen! – Bitte. – Keinen ganzen Wald!« Sie lachte über den Busch von der Größe eines Reisigbesens. Auch Thomas Vernow lachte glücklich und verlegen wie ein Junge. Amey wählte einen Zweig. Einen einzigen, wundervollen Zweig, dessen Urahn vereint mit silbergrauem Wermut den Kindern des Südens vielleicht die Idee des Filigrans übermittelte. Thomas Vernow zahlte für den Zweig den gleichen Preis, den das ganze Bündel kosten sollte. Er hätte das Einkommen eines Jahres hingegeben für dieses eine Morgenglück. Die Verkäuferin dankte mit einem breiten, gutartigen Lächeln. Sie war nicht von der Sorte der roten Hedwig. Sie musterte bewundernd Amey. Sie fand nichts Besonderes darin, tagaus, tagein in Hitze oder Kälte stundenlang mit den Blumen an dieser Straßenecke zu stehen. Vielleicht hätte sie mit Hausarbeit oder in einer Fabrik eine Kleinigkeit mehr verdient. Aber sie hatte eine leichtsinnige Ader. Wenn sie so immer die reichen geputzten Menschen sah, kam es ihr vor, als ob sie mit dazu gehörte. Sie hatte einen Hauptspaß von früh bis abends. Amey sah sie an. Dieses unschöne, von der Kälte gedunsene, verwahrloste Gesicht mit den gutmütig staunenden und bewundernden Augen. – Hob sie nicht wieder die breite Tatze, die Sphinx? Amey zog fröstelnd die Schultern zusammen. Sie stemmte sich inwendig, wie ein Kind sich starr macht, wenn man es fortnehmen will von einem guten Ort. Diese hier würde ihr nicht den Muff nachwerfen! »Stehen Sie immer hier?« fragte Amey zaghaft. »Jeden Tag an dieser Stelle. Jeden Tag in der Woche.« Das Mädchen ließ ihre Augen nicht von Amey. Etwas Weiches, Suchendes war in ihrem Blick. »Gut,« sagte Amey, »das ist gut. Auf Wiedersehen.« Sie nickte ihr zu, herzlich wie einer nahen Bekannten aus ihrer Gesellschaftsklasse. Sie trug den Mimosenzweig wie ein Lebendiges. Die Schaufenster, ja – mein Gott! Amey und Thomas konnten sich nicht enthalten. Wie Provinzler, die zum erstenmal nach Berlin kamen, mußten sie stehenbleiben. Allein die Elfenbeinschnitzereien! Von den Juwelierläden ging jene rätselhafte Anziehung aus, die vergangene Epochen bang und weise erkannten. »Wie ich sie verstehe«, sagte Amey, »die Geschichte vom rosenroten Diamanten, in der Palastkuppel, an dem Blühen und Untergang des Geschlechtes hing! – Oder, denken Sie, geschnittene Steine, die man den Toten mitgab als Lösegeld! Und der Ring mit dem Opal, – dieser Talisman! ›Vor Gott und Menschen angenehm zu machen‹ . . .Wir haben Familienringe« . . . Amey kehrte sich plötzlich zu Thomas Vernow. Schwüre und Glut und schwermütig süße Legenden schienen um sie her. Thomas Vernow fühlte ein feines Überrieseln. Er schlug die Augen nieder. Zu dieser unwirklich schmalen Hand in dem aschgrauen dänischen Handschuh, die auf seinem Arm ruhte, flüchtete sein Blick. Er begriff, Menschen konnten ausziehen, in all ihrer kleinen, armseligen Nacktheit konnten sie sich Ungeheuern vor den flammenden Rachen stellen, nur um das Beben einer solchen schmalen Hand zu verhüten. »Das ist Ihr Geheimnis«, sagte er. »Sie sind niemals Sie allein. Sie sind immer alle Hellbergs. Kein Hauch berührt sie, der nicht in irgendeiner Epoche, in irgendeinem ihrer Ahnen einmal eine Gewalt und ein Schicksal gewesen wäre.« »Ja«, sagte Amey. »Ja, ja. Wir alten Geschlechter!« – Sie grübelte. »Ich denke oft: gibt es eine Pforte da heraus?« Thomas Vernow blickte auf sie nieder. Er spürte einen feinen, bohrenden Schmerz. Als habe sie nach etwas gefragt, worauf er nicht Antwort wußte. Seine Empfindung schien sich Amey mitzuteilen. Das Durcheinander, das Drängen und Schieben um sie her quälte sie plötzlich. Der breite, heitere Strom von vorhin war er nicht vielmehr die fieberzuckende Ader? Alle diese Tropfen dunkeln schweren Blutes wurden eingesaugt und zurückgepreßt von einem verborgenen Unerbittlichen, um immer neu ausgestoßen zu werden zu niemals Vollendetem. Plötzlich wurden Amey und Thomas zusammengedrängt. Die Passanten stauten sich. Der Fahrdamm an dieser Stelle war aufgerissen. Eine neue Linie der Untergrundbahn sollte hier geschaffen werden. Amey hatte plötzlich die Äcker ihrer Heimat vor sich, die fetten, dampfenden Schollen, wenn das Morgenlicht sie in stahlblaue Blöcke verwandelte. Sie sah die Dämmerung ihre veilchenfarbenen Tücher darüber decken. Sie spürte den Duft der Erde, diesen starken und herben Geruch voller Keime und Hoffnungen. Ihre Nasenflügel vibrierten. – In demselben Augenblick zog sich ihre Stirnhaut schmerzlich zusammen. Der giftige und dumpfe Gasgeruch kam ihr zum Bewußtsein. Die ganze künstlich widerwärtige Atmosphäre, die der Erde entströmt, in welche die Großstadt sich eingewühlt hat. Nein, dies war allerdings nicht mehr Erde. Kulturschutt war hier durchsetzt von den giftigen Mikroben und Bakterien, die mit einer Kultur entstehen und wachsen. Aber wenn sie stirbt, nehmen sie von dem Leichnam doppeltes Leben. Bis die Zeit und der ewige Wechsel die Erde wieder zu sich selber erlösten. »Kultur«, sagte Amey plötzlich. »Gibt es irgendeine Kultur, die nicht hier mit allen andern eine Kreuzung eingegangen wäre?« Sie erschrak. »Ist dieses nicht etwas Grausiges, daß es gar keine Hemmungen mehr gibt?« »Wir wollten doch nicht!« Thomas Vernow hatte einem Taxameter ein Zeichen gemacht. Er spürte, wie Amey unter der Menschennähe zu leiden anfing. »Wir wollten doch alles dahinten lassen. Seine Augen waren traurig und voll leidenschaftlicher Zärtlichkeit. »Ja«, sagte Amey. Sie sah ihn nicht an. Aber sie hörte die Angst auf dem Grunde seiner Stimme. Sie legte die Hand auf die seine. War denn alles, was vorhin hell und fein und prächtig erschien, jetzt ausgelöscht? War es von bösen Dämonen verwandelt worden? Die Blumenverkäuferinnen mit den welken Sträußen und in ihrer elenden Zerrissenheit froren an den Straßenübergängen. Mitten auf dem Platz im Wind, der nach Nordwest umgesprungen war und wie Messer schnitt, stand ein Mann, der Schnürsenkel feilbot. Die Trugfarbe der Schwindsüchtigen blühte auf seinem elenden Gesicht. Amey hieß Thomas den Taxameter anhalten, als sie den Platz überquert hatten. Sollte ein Mensch zugrunde gehen, weil sie wieder nicht imstande war, ihre Scham zu überwinden? Ihr Atem flog. Sie drängte ihre kleine Börse Thomas in die Hand. Thomas sah an Amey vorüber. In seinem Blick war Ermattung und Zerrissenheit. Aber wie einem traurigen Kinde, das man mit einer kleinen Lüge gerne tröstet, so lächelte er für Amey. Sie sah das Lächeln und sah den Blick. Was half es? Was half es? Heute gab sie diesem und morgen einem andern. Konnte sie das Elend aus der Welt schaffen? Als Thomas zurückkehrte, schwiegen sie. Der Wagen fuhr weiter durch die belebten Straßen. Die Heiterkeit und Pracht der Auslagen, die sie noch eben entzückt hatten, schien jetzt wie lügenhafte Reklamen und fiebernde Anpreisungen einer letzten Lust, hinter welcher dennoch der Untergang und das Grausen lauerte. Jedes Gesicht dieser übertrieben oder auch nur geschmackvoll und kostbar gekleideten Menschen schien einem Verbrecher anzugehören, der nur durch sein Nichtwissen zum Verbrecher wurde. Das Brausen der elektrischen Bahnen, das Donnern der Vorortzüge, ihr grelles Pfeifen, dieses ganze unendlich suggestive Konzert der Großstadt, wirkte wie das Satanische an sich, als es sich jäh ins Bewußtsein drängte. »Ich kann es nicht länger ertragen.« Ameys Stimme zitterte. »Sagen Sie mir, daß ich im Irrtum bin. Ich bin krank. Sagen Sie, es ist ein Fieber. Ich litt von Kind auf an Fieber. Ich hatte grauenvollste Visionen. Ich muß immerfort denken, daß wir an einen Punkt gelangt sind, von dem es kein Weiter gibt. Als der Turm zu Babel in die Wolken griff, verwirrte nicht Gott damals auch die Sprachen seiner Erbauer? Wo wollen wir denn noch weiter hin?« Der Wagen hielt, ehe Thomas Vernow antworten konnte. Als er Amey heraushob, bemerkte sie zum erstenmal das Leblose und Unbeteiligte seines linken Armes. »Was ist dies? Sie hatten es früher nicht!« »Nein.« Thomas errötete bis unter die Haarspitzen. »Aber ich will es wissen!« rief Amey. Sie flüchtete sich aus dem Ungeheuern um sie her in eine kleine, warme und nahe Anteilnahme. Wie gütige Menschen einem Frostbebenden ihren Mantel umlegen, wenn bereits das Schiff untergeht. »Es ist nichts von Belang.« Thomas Vernow hatte sich bis ins Kleinste seine Antwort zurechtgedacht, wenn diese Frage einmal kommen würde. Aber unter dem Blick Ameys, tiefer und schmerzhafter gereift durch die letzte Stunde, verwirrte er sich. – »Es war ein Zufall. Es ist schon fast geheilt.« »Was für ein Zufall? Was mußte denn heilen?« Amey blieb stehen. – Das Grausige, was eben über sie hergefallen war, schien ferner gewichen. Hier breitete sich weißer Sammet, unbefleckt und von dem Gewirr zart verschlungener und herrisch einsamer blauer Schatten gemustert. Nur wenige Spaziergänger unterbrachen die Stille der Wege. Sie störten nicht. Auch sie schienen der Weite und der Einsamkeit bedürftig. Es war Menschenferne und ein wenig wie Erde und Schneegeruch in der Luft und Erlösung von dem bedrückenden Atem der Stadt. – »Eine unbedeutende Verwundung. Eine Ungeschicklichkeit . . .« Thomas Vernow verwirrte sich immer hoffnungsloser. Amey sah ihn prüfend an. Eine kleine, holde und mütterliche Strenge trat in ihren Blick. »Sie waren gar nicht auf einer Vortragstour«, sagte sie plötzlich bestimmt. Thomas Vernow lachte. Wieder überkam ihn der leichte, brausende und selige Schwindel. Einmal in seinem Leben hatte er Absinth getrunken. Es war eine ähnliche Empfindung. Alle Marter, alle Zweifel, ja auch die große Müdigkeit waren versunken, Bilder von süßer und unwiderstehlicher Lockung schlangen den Reigen. »Gut. Nein«, sagte er. »Da Sie es denn doch wissen. – Es ging nicht anders. Verzeihen Sie mir!« Er suchte in ihren Augen. Er war im Rausch, von allem gelöst. Er sah und empfand nur Amey. »Oh« – sagte Amey plötzlich – Marsyas fiel ihr ein, der Thomas mit dem Arm in einer Binde wollte gesehen haben. »Aber warum durfte ich es nicht wissen?« Thomas Vernow antwortete ihr nicht. Ein dunkles Blatt schiffte herüber von einem jener fremdländischen Ahorne und legte sich vor die Füße Ameys. Irgendwoher kam der schmerzhaft langgezogene Pfiff einer Lokomotive. Amey blieb wieder stehen. – Ihre Augen weiteten sich. Das geheimnisvolle Entsetzen einer vergangenen Nacht stand um sie her. Hörte sie nicht plötzlich das Flüchten schwer beschuhter Füße? »Sie wurden angefallen?« fragte sie leise. Thomas Vernow antwortete auch diesmal nicht. Und wieder schiffte, wie sie weitergingen, ein dunkles Blatt herüber von einem jener fremdländischen Ahorne und legte sich Amey vor die Füße. Es hatte einen kreisförmigen, purpurroten Fleck. – Amey bückte sich ein wenig und sah das Blatt an. »Wurde Blut vergossen?« fragte sie abwesend und zugleich gespannt. Sie sah dabei auf das Blatt, das vor ihren Füßen noch einmal aufwirbelte. »Es war nicht der Rede wert!« Thomas Vernows gesunde Hand schloß sich zusammen. »Von wem?« fragte Amey. »Es war ein Wahnsinniger. Er wußte nicht, was er tat.« Ameys Augen bekamen etwas Starres: »Es war der rote Peter.« Thomas Vernow antwortete nicht. Und nun schiffte ein drittes Blatt zu ihnen herüber von dem fremdländischen Ahorn. Es war rot wie fließendes Blut. Amey beugte ihren schlanken Körper, als ob es ihr Mühsal verursache. Sie hob das Blatt auf. – Sie kamen zur Höhe. Sie standen vor den edlen Formen des Denkmals Schinkels. Sie sahen herab auf Berlin. – »Und all dieses nun?« Ameys Hand beschrieb einen Kreis. Ihre Stimme schien Mühsal zu haben, wie vorhin ihr Körper. Der stählerne Glanz und der Rausch in Thomas Vernows Augen erlosch plötzlich. Wie wenn eine polierte Klinge überhaucht wird. »Was soll ich sagen?« fragte er. »Sie wissen ja doch. Wie kann ich trösten? Der Höhepunkt der Kurve wurde wieder einmal erreicht. Wir sind wieder an einem jener Meilensteine angelangt. Denken Sie Rom. Denken Sie Karthago. Oder Babylon. Nehmen Sie alle Kulturen, die waren und nicht mehr sind, und von denen allen wir eine Seligkeit und eine Erkenntnis und eine Glut und so viele Gifte in unsre eigene übernahmen. Was ist alles, was jemals gewesen ist und erreicht wurde, gegen heute? Der Gott wurde in die Maschine gespannt und ins Laboratorium. Jetzt rächt sich der gefesselte Gott. Er unterjocht die Menschen seiner entwürdigten Gestalt. Und der Himmel ist leer.« »Und dann?« sagte Amey. Das Brausen der Stadt drang herauf wie das Knurren großer, hungriger und zorniger Tiere. »Und dann? – Der erniedrigte Gott wird wahrscheinlich sein Gefängnis zerbrechen. Bald vielleicht. Was er zurückläßt, wird wohl das Chaos sein.« »Ja – aber hernach . . .« Ameys Stimme zitterte. »Es muß doch noch etwas kommen?« »Ich glaube an kein Hernach,« sagte Thomas Vernow. »Wenigstens nicht, was uns anlangt. Nicht für das alte Europa. Wir sind am Ende.« Sie gingen schweigend. Im Winde waren tausend Eisnadeln. Unten die Stadt in der blendenden Sonne lag wie eine geschmückte Leiche. »Ich will es nicht«, rief Amey plötzlich außer sich. »Ich kann es nicht ertragen. Es muß ein Weiter geben!« Sie stand vor Thomas Vernow. Ihre ganze feine Gestalt bebte. Sie hielt das blutrote Ahornblatt in die Höhe, wie ein Fanal. Sie verlangte von ihm, wie jemand in Todesangst nach einem Retter schreit. »Es gibt kein Weiter«, sagte Thomas Vernow. »Amey, süße. Die große Flut ist da, und der große Untergang. Es gibt«, seine Stimme bebte . . . Seine Augen ganz groß und wahrhaftig und im Glanz unendlicher Sehnsucht hafteten an Ameys Gesicht: »Es gibt eine Insel ganz fern, wo man alles vergißt, und wo das selig Neue anfängt. Nur zu zweit kann man diese Insel erreichen« . . . Seine Stimme war heiser. Er umfaßte mit der rechten gesunden Hand die linke tote. Er preßte sie, als wolle er ihr ein letztes Leben mitteilen. Amey stand und sah ihn an. War das ihr Wunder? Dieses hatte hinter der blauen Linie auf sie gewartet? Sie grübelte. Irgendwo . . . War nicht irgendwo ein kühnes Gesicht? . . . Spürte sie nicht einmal einen feinen, brennenden Punkt in ihrer Brust, wie das Herz ihres Herzens? . . . Amey strich mit der Hand über die Stirn. Dabei glitt das purpurrote Ahornblatt über ihre Augen. »Es ist Blut geflossen um meinetwillen«, sagte etwas in Amey. »Ich habe Menschen geschmerzt bis zum Verbrechen. – Wer hilft mir?« dachte Amey. »Sie sagen, ich gleiche Yolanthe Hellberg, deren Wappen zerschnitten wurde. Ist eine alte Verdammnis über mir? Kann ich nur Männer verwunden und keinen erlösen?« Sie zitterte. »Und in dieser Zeit! In dieser entsetzlichen Zeit!« Etwas schien sie fortzunehmen. Auf einer letzten Klippe stand sie, sie und ein Mann. Alles um sie her versank. Auf der Flut tanzte ein armes Boot. Der Mann sagte, es gäbe einen Weg zu einer fernen, seligen Insel. Er wollte Amey hinbringen in diesem Boot. Wenn sie nicht mit ihm ging, so stürzte er sich in den Strudel, und alles war zu Ende! – Amey fühlte fortwährend die leisen Schauder ihren Rücken überrieseln. »Darf ich Schuld haben an seinem Untergang?« dachte sie. »Leben!« dachte sie. »Leben!« – Im nächsten Augenblick schlug sie die Hände vor die Augen. Mit einem Laut, wie ein Hilferuf, gab sie sich den wartenden Armen ihres Bootsmannes. – – –   Es war so unendlich viel zu sagen. Was wußten Amey und Thomas Vernow voneinander? Sie waren nur auf steilen Wogen geschifft. Dann hatten sie sich auf der letzten Planke miteinander verschnürt. Nun, da sie an der Insel mit den blauen Grotten und den sonndurchflimmerten Hainen landeten, wollten sie wissen, wer der andere war. »Nicht in Berlin,« sagte Amey, »diese Stadt ertrage ich nicht mehr lange. Ich will bald nach Hause gehen. In den Wäldern bei uns blühen die Anemonen und Leberblümchen, und die Terrassen um den Wunschberg werden blau sein von Krokus. Erst muß ich daheim mich wiederfinden, Thomas!« Thomas kniete vor Amey, wie sie auf dem niedrigen Stuhl in ihrem Pensionszimmer saß. Seine stolze und spröde Mannheit hatte ihn verlassen. »Du darfst nicht sagen, Amey, daß du gehst. Was soll ich noch ohne dich? Ich bin so müde und satt aller Gedanken. Wann darf ich kommen. Amey?« Er nahm sie zu sich heran, demütig und doch wild von der Einsamkeit mit sich selber. »Thomas«, Amey sah aus, als ob sie weichen Wolken durstig entgegenstrebte. »Du darfst kommen. Aber nicht, ehe ich dich rufe. Du weißt doch: ich bin entwurzelt und herausgeworfen. Alle meine feinsten Fäserchen liegen bloß. Man muß mich erst wieder eingraben zu Hause, in Hellbergsches Land. Ich muß erst wieder mit meiner Erde verwachsen, daß ich unter meinem Himmel tanzen kann!« »Du wirst nicht lange dazu brauchen?« »Ich denke nein.« Amey strich leicht über seine sehnsüchtigen Augen. »Ich denke, bald kommt unsre Zeit! – Ist es dir nicht auch so?« Sie lachte plötzlich und glücklich. »Spürst du nicht auch, daß junge Jahre in dir wachsen? Jeden Frühling war mir's so. Aber es fing schon an in den Rauchnächten. Schon um Weihnachten!« Der Geruch von zarten, bräunlichen Knospen war im Zimmer. Blaue Nächte, tiefer, warmer Atem schlafender Tiere und das ungebärdige Pulsen der Säfte. – »Ariane entsetzte sich immer so sehr,« fuhr sie fort, »sobald die heiligen drei Könige mit dem Stern da waren, fing ich an von Sommersachen. Aber dann war ich gefeit. Wenn nicht vor Mariä Lichtmeß ein Fieber kam – nach diesem Tage konnte mir nichts mehr geschehen. Dann ist lauter junger und brausender Saft in mir. Ich werde toll wie die Bäume!« »Du wirst toll wie die Bäume.« Thomas sah Amey an, träumend und selig. »Ja, du,« sagte Amey, »kennst du das nicht? Bist du niemals gestorben im Herbst, wenn die Kraniche wie eine schräge Eins über die Wiesen ziehen? Und wenn alles so schwer werlkt?« Thomas sah sie an. Er schüttelte den Kopf. Er war auf fernem Strande allein. Ohne Brücke. »Ich bin ein Großstadtkind«, sagte er. Amey überfiel es. »Ihr Armen! Wie fern ihr allem seid, worauf es ankommt!« Sie schauderte plötzlich. »Die schiefen Häuser«, sagte sie. »Ja, und jetzt ist noch Winter! – Aber wenn erst die Luft so hell wird! Und alles blaßrosa. Ach, und die Frühlingsregen!« Sie schlug die Hände ineinander. »Nie im Leben habe ich daran gedacht, daß es Menschen gibt, die den ganzen Sommer in dieser Stadt leben müssen!« Sie bückte sich über Thomas. Aber während sie mit ihren Liebkosungen sein Herz überschüttete wie mit Wiesenblumen, stand das Mädchen, das ihren Muff zurückgewiesen hatte, plötzlich vor ihr . . . . »Welcher Dämon ist schuld,« dachte sie, »daß ein Teil der Menschheit all dieses Liebste und Holdeste entbehren muß? – Thomas,« – verlangte Amey – »du wirst mich lehren. Ich will deine Schülerin sein. Wir müssen es herausfinden. Es muß ein Mittel geben. Ach, dieses Grauenhafte! Wir müssen es überwinden!« . . . Ihre Augen wurden dunkel wie unter einem großen Schatten. »Du wolltest doch nicht«, sagte Thomas. Seine Stimme zitterte und war hart zugleich. Amey erschrak. »Ich wollte nicht«, sagte sie wie ein armes Kind. »Aber was nutzt es?« rief sie außer sich. »Was nutzt es, wenn wir auf unsere goldene Insel fahren, und das Entsetzliche bleibt doch in der Welt? Thomas, vergessen läßt es sich nicht!« »Eine andere Hilfe als Märchen und Vergessen weiß ich nicht!« Thomas Vernow stand auf. – Amey saß geduckt. Sie atmete die schwüle, matte und aufreizende Atmosphäre im Salon Lydias. Sie hörte, wie die Trompeten in das große Chaos hineingellten, sie sah die hohen, übereinanderstürzenden Häuser, die Leben und Glück unter sich begruben, und dann, wie sonderbar, wie sehr sonderbar! Sie hörte plötzlich die breite, gesättigte Stimme der Generalin: »Im Herbst wollte er sie nicht magnetisch behandeln.« Von irgendeinem Berliner Arzt war die Rede. »Er kann nur heilen, wenn das Jahr im Aufsteigen ist. Sie mußte warten bis nach Neujahr. Jetzt ist sie ganz gesund.« Mitten in dieser Steinwüste gab es einen Menschen, der so eng mit der Natur zusammenhing und mit den Quellen des Lebens? Amey staunte. Ein Mut überkam sie plötzlich. Eine neue Gläubigkeit. Sie hob die Augen zu Thomas. Er stand mit verschränkten Armen und sah auf sie herunter. Nur einen Schritt hatte er sich von ihr fortgenommen; aber sie hatten die Empfindung wie von Trennung und fremdem Lande. »Thomas«, rief Amey. Sie drängte sich an ihn. Er erbarmte sie. »Ich liebe dich, Thomas! Mein ungläubiger Thomas!« Er gab einen Laut wie ein Vogel. Er warf sich und seine Gedanken unter den Schutz ihres Mantels. Er wollte es nicht, aber zum erstenmal tat er ihr weh mit seinen Küssen. Sie nahm sie hin. Sie duldete lächelnd und mit beseligtem Ausdruck. Sie wußte nicht, daß sie duldete. Ihr Herz wurde so groß. Ach, daß alle Trauer und Fremdheit der Welt so in ihrem Herzen zur Ruhe käme! – – –     »Lydia«, dachte Amey, als sie in dem milden, bernsteinfarbnen Glanz der kleinen Schreibtischlampe träumte. Thomas hatte sie verlassen. Sie spürte den Sturm seines Blutes noch auf Hals und Haar und Gesicht. Aber sie empfand ihn nicht als Sturm. Im tiefen Hafen wurden alle Segel friedevoll. – »Lydia!« Ameys versonnene Augen öffneten sich in leichter Sorge. Mußte sie es nicht sogleich Lydia mitteilen? Sie schob die Unterlippe ein wenig vor. Sie zog die Augenbrauen in die Höhe. Ihr Blick bekam etwas Hilfloses und Ergebenes. Sie sah hold aus und lächerlich jung. Amey saß eine endlose Weile vor ihrem Briefpapier, bis sie begann. – Aber zuletzt riß sie drei Bogen, die sie mühselig halb gefüllt hatte, doch wieder in Stücke. – Als sie zum vierten griff, klopfte es an ihre Tür. – Ja, also bitte. – Jeder, der kam und diese Tortur unterbrach, mußte gefeiert werden. Nun, es war aber etwas Trauriges: Frau von Gärtnern stand verstört in der Tür. Ihre Tochter – Ninon von Lenclos war plötzlich auf rätselhafte Weise erkrankt. Sie fieberte stark, wand sich und verlangte nach Amey. »Ich wollte Sie nicht bemühen, Liebste.« Frau von Gärtnern streichelte ängstlich bittend Ameys Hand. Aber was soll man tun? Dr. Lund hat so wunderbare Heilerfolge bei solchen Sachen. Er braucht nur ins Zimmer zu treten. Aber er ist verreist. Wir haben eben bei einem Fremden antelephoniert!« »Doktor Lund?« dachte Amey. – Wie eigentümlich, daß sie immer wieder mit diesem Namen in Berührung gebracht wurde! Sie glaubte, ihre ganze Aufmerksamkeit gelte der Kranken. Aber in ihr dehnte sich etwas. Als ob sie in die Sonne käme, nach schwerem Winter. Die arme, kleine, so sehr unschöne Ninon zuckte und weinte. Als Amey sich neben ihr Bett setzte und ihre Hand auf die glühende Stirn legte, wurde sie ruhiger, bis sich der Körper lang und geduldig streckte. Er war schön. Mit einer ganz hoch gebauten Brust, wie sie der slawischen Rasse eignet, aber noch kindlich und zart. Alle Glieder waren im Ebenmaß. Amey sah die Linien durch die leichte Decke. »Man muß sie anders kleiden und frisieren«, dachte Amey liebreich. »Ich werde Vorschläge machen. Wer so wohl gewachsen ist, braucht nicht zu verzagen!« Sie strich leise von der Stirn über die Augen. Immer wieder. – »Ich möchte«, stammelte Ninon. – Ein Lächeln verklärte das zu flache Gesicht. »Zwei Menschen sind in der Welt. – Oh – zwei einzige Menschen.« Herr von Gärtnern mußte sein Taschentuch gebrauchen. Er hatte Siebzig und Einundsiebzig als blutjunger Leutnant Heldentaten verrichtet, und vor einem Monat erst war ein wütender Stier sozusagen von ihm allein gebändigt worden. Aber wenn seine kleine Tochter krank war oder rührende Dinge sagte, kamen ihm die Tränen. »Sie hängt so sehr an ihren Eltern!« entschuldigte er sich. »Dies ist ein Kind, das man nie aus dem Hause geben könnte!« In diesem Augenblick bückte Amey sich schnell über das fieberglühende Gesicht der Kranken: »Amey«, stammelte Anita von Gärtnern. »Donatus Lund«, stammelte sie. – Amey mußte lange streicheln, bis Träume kamen und ein schmerzhaft süßes unterdrücktes Verlangen in selige Reiche entführten. Ninon schlief fest und beruhigt, als der Arzt anlangte. Es war eine nervöse Störung. Wie junge Damen dieses Alters – zuweilen – durch seelische Erschütterungen . . . Vielleicht – es wäre gut, wenn man reiste. – Eine Veränderung der Umgebung – neue Eindrücke – Sonne . . . »Seelische Erschütterungen?« staunten Gärtnerns. »Unser Kind? Und wir wüßten nichts davon?« Immerhin, welch Glück, daß nichts Organisches vorlag. Sie wollten sogleich an die Riviera gehen. »Es ist hart, ein Herz nach Cannes zu schicken, wenn es von einer ganz andern Sonne träumt!« Amey ging traurig in ihr Zimmer, von den überschwänglichen Danksagungen der Eltern geleitet. – Am folgenden Morgen kam Thomas. Stürmisch, selig, demütig und ein liebes Kleinwenig als Herr und Gebieter. – Er sah sich um im Zimmer. Er erspähte plötzlich einen Frisiermantel, der wie eine weiße Schneewehe über einem Stuhl hing. Er machte eine schaumige Kugel daraus und drückte sein Gesicht hinein. »Erlaubst du?« sagte er spitzbübisch. »All solche ungeheuer freche Sachen erlaubst du mir jetzt?« – Amey lachte. Sie kamen nicht sogleich fort. »Komm«, bettelte Thomas immer neu. Die linke Hand – Amey bemerkte es plötzlich, wie sie immer noch schlaff hing. Sie nahm sie in beide Hände. Sie küßte sie. – »Oh – Amey!« – »Wie kam es?« flüsterte Amey. »Wie traf er dich?« Da erzählte Thomas von jener Nacht vor ihrem Fenster. Das Messer war durch die Rippen, dicht an der Lunge vorübergegangen und hatte einen Nerv zerschnitten. Der Arm würde unbeweglich bleiben. Und wieder hob Amey die unbewegliche Hand an ihre Lippen, als müsse sie sühnen. »Yolanthe Hellberg«, dachte sie, während Thomas sie auf dem Schoß hielt. Er küßte alles an ihr: Gesicht und Haar und Nacken und Hände, und das blaue W. Heute sagte ihm Amey die Bedeutung des Zeichens. Nachher gingen sie. Als sie schon halb draußen waren, fast an derselben Stelle wie neulich, rief Amey: »Lydia!« Aber sie rief es nicht mehr beschwörend, sondern erschreckt. »Ach laß«, sagte Thomas. »Wozu? Wir schicken ihr eine Verlobungsanzeige, wenn es soweit ist. – Jetzt laß uns noch ein wenig heimlich sein. Daß niemand den Duft fortnimmt!« Sie gingen. Wie schön war Berlin! Trotz allem! Eine blasse Sonne zersträhnte einen ganz feinen milchigen Hauch in siebenfarbige Prismen. Amey sah sich um mit glänzenden Augen. Plötzlich erschrak sie. Ja – aber war es so? – Wenn wir in Not sind, ist die ganze Welt dunkel. Und sind wir im Glück, ist sie hell! – Sie wendete sich zu Thomas. Aber sie schwieg, als sie die strengen Züge seines Gesichts gelöst sah. Thomas schob seinen Arm unter den Ameys. Wie der Herr die Dame seines Herzens führt. »Onkel Rhaban!« dachte plötzlich Amey. Der Brief!! – Jetzt würde sie ihn lesen dürfen! Etwas an ihrem Herzen flatterte. »Ich bin glücklich«, staunte sie. »Warum kann ich mich sehnen zugleich, daß es schmerzt?« Sie wußte nicht, warum ihr Lydia wieder einfiel. Mein Gott – wirklich? – Dort – quer durch das Gewühl des Leipziger Platzes – gerade auf sie zu . . . Es war Lydia. Mit der Kühnheit des kreolischen Blutes und der Geschmackssicherheit der Malerin trug Lydia ein Kostüm raffiniertester Farbenzusammenstellung. Aber unter diesen Karmoisin und Flaschengrün, Rauchgold und Schwarz brachte sich in seiner eigentümlichen Art der Körper fortwährend ins Bewußtsein. Alle Männeraugen hafteten an diesem Körper, in einer Art, vor der Amey errötete. Jetzt erblickte Lydia Thomas und Amey. Die reiche Farbe ihrer Haut bekam etwas Stumpfes. Ihre Pupillen vergrößerten sich jäh. Aber ebenso schnell zogen sie sich zusammen. Schmal und gefährlich standen sie in der flackernden gelben Iris. Man wünschte den Maler herzu, der den Ring in ihre Nase gab. »Man darf also wohl gratulieren?« Ein beängstigendes Lächeln ging um den Mund mit den flachen wundroten Lippen. »O Lydia!« Amey war ganz hilflos. Die gewohnte Haltung der Weltdame gab ihr gar keinen Schutz. Thomas wand sich innerlich vor Unbehagen. Dies Zusammentreffen! Hier auf der Straße! – Aber vielleicht war es am besten so. »Amey und ich wollten allernächstes um Ihre Glückwünsche bitten.« Seine Stimme war förmlich. Amey mußte immerfort Lydia ansehen. Das Porträt von ihr, das keinem einzelnen Tier glich . . . Lydia war jetzt vollkommen der Ausdruck dieses Bildes. »Wollen wir uns nicht setzen?« stammelte Amey. Sie wußte nicht, was sie sagte. Die Stumme stand vor ihr, die von dem Mann, den sie liebte, die Zeitung zugeschickt erhielt mit seiner rot angestrichenen Verlobungsanzeige. – Thomas konnte sich nicht enthalten. Sein Blick ruhte sekundenlang auf Amey in lächelnder und leidenschaftlicher Zärtlichkeit. Der Vorschlag, sich zu setzen, mitten im Getose des Leipziger Platzes hatte etwas rührend Groteskes. Lydia sah den Blick. »Nun – . . .« Sie schöpfte Atem in einer sonderbaren Weise. Sie lachte, ihr hohes Lachen, ganz ohne Rundung und Fülle. Oh nein – ein so junges Glück würde man doch nicht stören. Sie – gerade sie wüßte doch so etwas zu beurteilen! Sie lachte wieder. Sie schien verwirrt. Aber im nächsten Moment schon war sie kühl gefaßt. – Also, in den nächsten Tagen . . . Sie gedachte auch eine gewisse Anzeige auszuschicken . . . »O Lydia!« Etwas in Amey wurde leicht wie ein Vogel. Wäre es nicht hier auf der Straße gewesen, sie hätte sich überwinden können. Sie hätte Lydia küssen können. – Lydia sah Amey grübelnd an. Sie schien zu überlegen. Etwas in ihr schien zu schmelzen. Aber gerade da machte Thomas eine Bewegung. In seinem Gesicht, das versteint schien, zuckte etwas. Man war nicht klar, was es bedeutete. Er schien sich zusammenzureißen zu irgendeinem Wort. Er murmelte etwas von Freude und großer Auswahl, was augenscheinlich in geringem Zusammenhang stand. Aber Lydia schien einen solchen herauszufinden. Ihre Augen flackerten und veränderten sich wieder. Amey hatte Thomas nicht verstanden. Aber sie erschrak über Lydias Gesicht. In diesem Augenblick geschah wie in Träumen das Unzusammenhängende. Der Kommerzienrat von der Tafelrunde ging vorüber. Er überflog blitzschnell die Gruppe und grüßte. Amey fühlte, wie ihre Knie schwach wurden. Er blieb doch wohl nicht stehen? Aber, als ob dies alles weit draußen geschähe und sie persönlich gar nichts anginge, hing ihr Blick an ihm wie gebannt. Der Kommerzienrat blieb stehen in der Tat. Seine Wulstlippen schienen zu schmatzen. In diesem Augenblick löste sich Lydia von der Gruppe. Sie sah Thomas und Amey an, bedeutungsvoll und mysteriös lächelnd. »Also nochmals meine Gratulation. Ich wollte mich mit meinem Freunde treffen. – Herr Kommerzienrat Nethur!« – Während sie schon über die Straße und zu ihm hinüberging, automatenhaft und zugleich bewußt, machte sie eine vorstellende Handbewegung. – Im nächsten Augenblick waren Lydia und ihr Begleiter von dem Menschenmeer eingeschluckt. Thomas hatte ein leeres Auto erspäht. »Komm fort!« Er hob Amey hinein. – Ja, fort von all diesem, weit fort. Im Tiergarten in der Charlottenburger Gegend stiegen sie aus. Sie waren in einen menschenleeren Weg eingebogen. Das Gesperr der Äste war noch immer kahl. Dennoch schien heimliches Leben bereits darin zu zucken. Frühling war auf dem Wege. Amey atmete auf. Thomas bückte sich nah zu ihr hin. Seine Augen funkelten. Seine Liebe wurde Trunkenheit, wenn er sie versiegeln mußte. Amey errötete unter seinem Blick. »O Thomas« – rief sie plötzlich – »ich bin in deinen Augen!« Sie lachte hinein in die zwei stählernen Spiegel. »Lydia sahst du nicht nett an!« Ihre Stimme wurde vorwurfsvoll. »Verlangst du, daß in meinen Augen noch etwas Platz hat außer dir?« Seine Stimme war schwer und dunkel in Leidenschaft. »O nein!« Sie schaukelte sich an seinem Arm. Sie träumte laut vor sich hin. Sie summte die Worte wie kleine Lieder. »Ich hatte keine Ahnung, daß Lydia sich verloben wollte«, sagte sie plötzlich. »Glaube mir«, der Zug um den Mund von Thomas, der vorhin nicht ganz deutlich war, enthüllte sich jetzt fraglos, »glaube mir – vor einer Viertelstunde hatte sie selber noch keine Ahnung davon!« »Nein?« – Amey blieb stehen. Sie sah mit weit offenen, starren Augen Thomas an. »Aber – dann ist es schrecklich?« »Vielleicht ist es schrecklich. Was geht es uns an?« »Aber wieso geht es uns nichts an?« rief Amey. »Wir ganz allein auf unserer Glücksinsel und – autour de nous – le déluge?« Sie blieb jäh stehen. Das Brausen der Stadt, der keuchende Atem des wilden, gefesselten Tieres strich nah. »Nicht die vielen und nicht die wenigen sollen uns stören!« stieß Thomas heraus. »Niemand. Nicht ein einziger Dritter. Hörst du? Du und ich!« »Aber – kann man denn das Leben rundum ausschalten?« murmelte Amey verstört. »Und selbst wenn – könnte man selbst sein Herz derart taub machen – es hat doch Erinnerungen?« Thomas blieb stehen. »Ich teile mit niemand, Amey.« Er bewegte kaum die Lippen, wie er sprach. Amey sah ihn an. Ihr Herzschlag setzte aus. Sie fand sogleich keine Antwort. Das Gesicht von Thomas veränderte sich, wie er wartete. Seine tief gelagerten Augen schienen bis hinter die Schädeldecke zu sinken. – Also dies wäre notwendig? Gesichter jagten sich vor Amey. Viele Menschen hatten sie geliebt. – Ja – wenn es aber sein mußte? Konnte sie nicht einmal einen einzigen beglücken? Restlos? – Wohlan – wenn dazu Opfer nötig waren . . . Etwas in ihr, das geweint hatte, machte sich fest. Alles sollte ausgelöscht sein hinfort. Um Thomas willen. In einer fremden Kammer, wohin sie sich den Zutritt versagte, würde alles, was einmal hold war, eingesargt stehen. – Aber Thomas – sie sah ihn an, sekundenschnell, in bangem und zärtlichem Mitleid – beraubte er sich nicht eines Kostbaren, wenn er von all diesem sich selber ausschloß? – Thomas empfing den Blick Ameys. Er schmeckte die Zärtlichkeit. Er wußte nicht ihre Wurzel. Aber er seufzte entspannt. Sie gingen weiter. Thomas hielt Amey ganz nahe zu sich. Sie ging wie jemand, der einen weiten Weg vor sich weiß und entschlossen ist, nicht müde zu werden. Sie wurde fröhlich. Die Sonnenfunken in ihren Augen, grün wie sommerliche Wälder, fingen an zu spielen, und auch die schönen und schlimmen Hexen regten sich ein wenig. Sie war für Thomas wie ein Becher voll Maiwein. Aber während Thomas von ihr Rausch nahm um Rausch, dachte Amey plötzlich an den vorigen Frühling, wie es so laut aus dem Walde gerufen hatte. Sie ging auf den Wunschberg. Onkel Rhaban sagte: Goldne Amey. Sie sah seinen Blick, jenen einzigen kurzen Atemzug lang. – Onkel Rhaban mußte sie doch wohl nicht in die heimliche Kammer verweisen? Aber wie sie noch »Onkel Rhaban« dachte, schien sein Gesicht sich zu verändern. War es nicht ein Jungensgesicht? »Amey, das ist die Königin?« Mein Gott – sollte sie denn ganz allein auf der Welt sein mit all ihren Schätzen? – Aber wie sie ganz hilflos war, erblickte sie es plötzlich: dieses kühne Gesicht, das von Fernen und Weiten wußte. – Es wartete nicht, sondern es stand bereit. Der Schnee schmolz. Amey ging in der Sonne. Ihre Verlassenheit war durchsungen von tausend Frühlingsvögeln. Sie spürte in ihrer Brust einen kleinen, brennenden Punkt, wie das Herz ihres Herzens. Ja, und dann faßte Amey einen neuen, großen Mut. – –   Amey nahm Thomas Vernow mit zur Abendtafel. »Ein Freund von mir, Herr von Odebrecht.« Herr von Odebrecht tat ein paar höfliche Fragen. Man war bereits gewöhnt daran, daß die Baronesse Hellberg ihre Freunde nicht ausschließlich aus ihrer gemeinsamen Gesellschaftsklasse wählte. Gott ja, man sah sich ja so etwas einmal an. Er war früher auch mal in ein Atelier gegangen. Dort hatte man ihm die wunderbarsten Exemplare vorgeführt. Musiker, nun die waren ja schon eine ganze Zeitlang in der Gesellschaft. Ganz begreiflich. Herr von Odebrecht war nicht musikalisch. Aber es wirkte sehr gut. – Bruckner – er wird Bruckner spielen – wissen Sie. Die Herren Maler und Bildhauer – als Herr von Odebrecht jung war, trugen sie wehende Haare, Sammetjacketts und Schlipse groß wie Segel. Jetzt konnte man sie im Äußern manchmal nur schwer von einem Attaché unterscheiden. Die Zeiten hatten sich geändert. Herr von Odebrecht hatte zum Glück keine Ahnung von dem Atelier der Bronklava und den jungen Leuten, die dort aus und ein gingen. Dieser Freund der Baronesse Hellberg schien sich schriftstellerisch zu betätigen. Übrigens war äußerlich auch um ihn nichts Beunruhigendes. Die Art, wie er sein Haar trug, kurz rasiert an dem mächtigen Hinterkopf und nur das Scheitelhaar flach zu beiden Seiten gebürstet, die hohe, schmale Gestalt mit dem tadellosen zur Taille hin sich verengenden Gehrock, der Schnitt des Beinkleids, die Stiefel, die Hände, all dieses ließ nicht die geringste Besorgnis aufkommen. Und dennoch war um diesen jungen Mann etwas, was Herr von Odebrecht mißbilligen mußte. Selbst die gute Form, die weder durch ein Zuviel noch Zuwenig an irgendeiner Stelle verraten hätte, daß sie nicht aus der Kinderstube stammte, und die selbstverständlich war wie die des Herrn von Odebrecht – nicht einmal diese Form konnte völlig in Sicherheit wiegen. Also Philosophie war das besondere Feld des Herrn Doktor? – Ja – nein – wie man es nehmen wollte. Vielleicht stand augenblicklich Nationalökonomie im Vordergrunde des Interesses. – Sieh da – Nationalökonomie! Ein feines Rot stieg Herrn von Odebrecht unter die niemals üppig gewesenen Schläfenhaare. Er hatte eine heimliche Angriffsstelle. Darauf also war es abgesehen! Er musterte Thomas Vernow sekundenlang, unauffällig und scharf. Nein, wie kam er darauf, in diesem sympathischen jungen Mann einen Angreifer zu wittern? – Er fragte die Generalin, ob sie Erfolge bei ihren Vorträgen konstatieren könnte. Aber kaum hatte die Generalin ihre ausführlichen und beglückenden Angaben beendet – die Höflichkeit gegen sie gestattete es gerade eben, – als Herr von Odebrecht wie von einer verbotenen Frucht gelockt, sich schon wieder zu Thomas Vernow hingewendet hatte. Die Angelegenheit mit den zwei Büdnergrundstücken war schuld daran. Durch den Tod ihres Besitzers waren sie vor zwei Jahren frei geworden, und Herr von Odebrecht hatte sie erworben. Aber wie käme er dazu, diese Sache mit einem ihm völlig Fremden zu erörtern? Er schwieg. Es war nicht leicht für ihn. Er fühlte, wie sein Kragen anfing, ihn zu beengen. Seine alte Mutter pflegte diese Veranlagung den Zornesbraten zu nennen. – Herr von Odebrecht ging sie noch einmal durch, alle die Schreibereien und Fahrten und Verhandlungen. Mit dem Landrat – das mochte sein, man verkehrte freundschaftlich. Aber die Gemeinde war zum Regierungspräsidenten gegangen, und als das nichts half, zum Grundbuchamt und der pommerschen Landgesellschaft. So ein Tropfen prozeßgieriges Bauernblut hatte ihm ein paar Jahre verekelt. Nun – überall waren seine Angreifer abgewiesen worden. Seit ein paar Monaten hatte er Ruhe. Obwohl ihm die zweihundert Morgen Acker kaum noch Spaß machten. – Aber gestern, da er sich eben entschieden hatte, wie das Land bewirtschaftet werden sollte – ausgerechnet gestern war die Nachricht gekommen, daß die Gemeinde beim preußischen Landwirtschaftsministerium den letzten Einspruch erheben wollte! Der Zornesbraten schwoll fast sichtlich bei diesem Gedanken. Herr von Odebrecht stand vor einem Erstickungsanfall. »Damaschke«, fuhr er plötzlich heraus gegen Thomas Vernow. Es klang, als hätte er die Faust vor ihm auf den Tisch geschmettert. »Wie beliebt?« Thomas Vernow sah den Angreifer an. Kühl, befremdet. Herr von Odebrecht griff sich in die Kandare und riß sich herum. Das war ihm wahrhaftig auch noch nicht passiert! Vor einem ganz Fernstehenden derart Haltung zu verlieren! Vor dem Freund dieser schon reichlich aparten kleinen Hellberg. »Ich wüßte gern die Meinung eines Herrn von Fach über das Thema Damaschke.« Die Stimme klang durchaus verbindlich. »Verzeihung,« sagte Thomas Vernow, »Adolf Damaschke ist mein Lehrer. Er steht für mich außerhalb aller Diskussion.« »Gewiß hat er seine ausnehmenden Vorzüge. Darum ist es so vollkommen unbegreiflich, wie er überall den Großbetrieben den Krieg erklärt. Glauben Sie mir, mein Herr Doktor, wenn es zum Krieg kommt – und das ist ja doch nur eine Frage der Zeit, dann werden die Großbetriebe unser Volk ernähren!« Amey sah zu Thomas Vernow hin. Über Großbetriebe und Kleinbauern verstand sie nichts, und vor Krieg, ach Gott, schauderte ihr sicherlich. Aber jetzt saß sie auf dem Balkon mit dem Kranz in der Hand. Unten sollte das Turnier ausgefochten werden. Sie wußte, wem ihr Kranz die Helmzier schmücken wollte. »Was den Krieg anlangt,« – die Augen Thomas Vernows sprangen plötzlich aus ihren tiefen Lagern, »ich bin nicht Berufsmilitär und gestatte mir, meine Ansicht darüber zurückbehalten zu dürfen. Sollte dieses Furchtbarste, was es heute beim Fortschritt der Technik geben könnte – sollte der Krieg kommen, so muß er sich nach allen Konstellationen zuerst zum europäischen und danach zum Weltkrieg auswachsen. Einem solchen Kriege könnte Deutschland nicht standhalten. Es würde dann auch hinfällig werden, ob der Großgrundbesitz uns ernährt oder nicht. Das Ende würde doch dasselbe sein.« »Sie sind nicht Militär«, wiederholte Herr von Odebrecht milde. »Nicht Berufsmilitär.« Thomas Vernow betonte. »Einen Angriffskrieg würde ich immer für verbrecherisch halten!« »Und wenn wir uns verteidigen müßten?« Die Generalin warf sich dazwischen. »Wenn jemand meine Mutter beschimpfte,« Thomas Vernow sprach leise, als ob dieses Thema zwischen Braten und Fisch zu behandeln ihn schmerzte, er sah zu Amey hinüber, »wenn dies geschähe, so wird man allerdings nicht fragen, ob es zehn sind oder ein einziger. Man wird dem nächsten die Faust ins Gesicht schlagen und dann wieder dem nächsten und so fort. So lange bis man auf der Erde liegt.« – Eine starke Bewegung ging um den Tisch, wie Rauschen im Walde. Wie der Wald freudig aufrauscht, wenn in die Schwüle des Tages der Trompetenstoß des Windes fährt. Ehe der Wind Orkan wird und Herrschaft erhält über den Wald. »Und Sie sollten glauben können,« Herr von Odebrecht hatte das preußische Landwirtschaftsministerium vergessen – er lächelte wissend und ein wenig von oben herab, »Sie glauben, daß wir zuletzt auf der Erde liegen werden?« »Wie wäre es anders möglich? Wer die ganze Welt gegen sich hat?« »Die ganze Welt?« Die Generalin staunte entrüstet. »Das sagen Sie uns? Die ganze Welt ist unser Gast und unser Freund.« Sie sah den Tisch entlang. »Heute nicht. Es ist Zufall. Die drei Miß Pembrokes sind im Theater und unser guter Freund Ikujama aus Tokio hat sein Studium abgeschlossen. Er will zurück in seine Heimat. Wie war er entzückend.« »Unser guter Freund Ikujama«, Thomas Vernow lächelte höflich, wie Ikujama zu lächeln pflegte. »Verzeihung, gnädigste Frau, ich kenne ihn auch. Er war mein Schüler. Er wird jetzt genug wissen. Er und seine anderen Freunde, alle hier. Sie sind alle auf dem Wege nach Hause. Sie wollen jetzt die Nutzanwendung ziehen für sich aus unserer Freundschaft. Sie wollen alle zurechtkommen, wenn es sich um Kiautschou handeln wird.« »Um Gotteswillen,« der Kammerherr wurde nervös, »verzeihen Sie, Herr Doktor. Ich finde, diese Ansichten grenzen ans Frivole.« »Ich bitte um Entschuldigung!« Thomas Vernow verneigte sich leicht gegen den Kammerherrn, der seine Nadel mit dem Skarabäus zum drittenmal in der Krawatte zurechtrückte. »Nicht ich war es, der dieses Thema lancierte.« »Nein,« Herr von Odebrecht kam ritterlich zu Hilfe, »ich bin der Schuldige. Verzeihung, meine Herrschaften! – Sie meinen also,« fuhr er fort, zu Thomas Vernow gewendet, »Sie können nicht meinen, der Großgrundbesitz sei im Unrecht? Wer kann den Boden so erfolgreich ausnützen, wie der Großgrundbesitz, der die Mittel zu einer vollwertigen Nutzbarmachung des Bodens besitzt?« »Ich möchte in diesem Punkt nicht widersprechen«, sagte Thomas Vernow. »Obwohl durch Verstaatlichung ganz ähnliche Resultate erreicht werden können. Aber« – er stockte. Er wollte das Wort Bauernlegen nicht anwenden. »In bezug auf Brennereien und derartige Betriebe haben Sie gewiß recht.« Herr von Winzingerode, der nur selten und mit einer auffallend leisen und stockenden Stimme etwas sagte, sah Thomas aus klaren, sehr hellen und freundlichen Augen an. »Aber im übrigen dürfen Sie mir ein Wort aus Ihrem Wörterbuch nicht ausschalten, Herr Doktor, ich meine: Idealismus!« »Ich möchte es gewiß nicht, Exzellenz.« Thomas' Stimme war ehrerbietig. »Wollen Sie mich gütigst belehren?« Der alte Herr heftete die hellen Augen, die aussahen, als ob ihnen keine Sonne etwas antun könne, forschend, lange und väterlich liebevoll auf Amey, ehe sie sich wieder zu Thomas Vernow kehrten. »Der Großgrundbesitz muß jede Verstaatlichung des Bodens übertreffen, einfach, weil unsre ganze Seele an dem Lande hängt, das uns immer gehört hat. Um es unsern Kindern vererben zu können, darum bringen wir Opfer, wie kein verstaatlichter Betrieb sie bringen würde. Darum halten wir durch in schlechten Jahren. – Ich meine nicht nur in einzelnen schlechten Jahren – sondern in ganzen Epochen. In der Caprivischen zum Beispiel, als die Schutzzölle fielen.« Thomas' Gesicht entspannte sich. Dieser Gegner erschien ihm fast wie ein Verbündeter. »Aber kann man die Zeit zurückschrauben, Exzellenz?« fragte er mit derselben Stimme wie vorhin. »Konnte man die Entwicklung aus dem agrarischen in das Industrie-Deutschland vermeiden?« »Wahrscheinlich ließ es sich nicht vermeiden. Vielleicht läßt es sich nur beklagen!« Wieder ging der Blick Herrn von Winzingerodes erst zu Amey. »Ich wollte nur darauf aufmerksam machen: als alles vom Lande in die Städte und in die Fabriken zog, hat der Großgrundbesitz durchgehalten! In einer Zeit, als der Händler uns für den Zentner Kartoffeln eine Mark bezahlte. Der Bauer – hören Sie – sieben Bauern in einem Vierteljahr sind zu mir gekommen – ich sollte ihnen ihre Höfe abkaufen damals!« Bei den beiden ersten – Herr von Winzingerode gab es gerne zu – hatte er aus ganz persönlichen Gründen nicht gezögert. Die Grundstücke rundeten so schön den Besitz ab. Beim dritten und vierten hatte er überlegt. In derselben Woche noch hatte ein Industrieller zugegriffen und dort eine Kolonie schlechtgebauter und schauderhafter Villen hingesetzt. Das fünfte, sechste und siebente hatte Herr von Winzingerode dann wieder gekauft und sich mit Sorgen und Hypotheken und unerhörter Arbeit belastet. Aber wenigstens nicht diesen Spekulanten sollte das gute alte Land in die Hände fallen. »Ich bitte mich nicht mißzuverstehen«, sagte Thomas Vernow. »Dies erscheint mir alles als gerecht und selbstverständlich. Wenn freilich der vermögende Grundherr doch auch leichter durchhalten konnte als der Bauer und Büdner. Aber ich bin nicht gegen den Großgrundbesitz im allgemeinen. Bei Waldwirtschaft zum Beispiel kommt er neben dem Staat doch allein in Betracht. – Nur gegen ungesunde Verhältnisse geht unser Kampf. Wo mehr Grundbesitz in einer Hand ist, als bewältigt wird – ich denke an bestimmte schlesische Herrschaften – dreiundzwanzig Güter umfaßt eine, oder wo eine Landgemeinde zur Gesundung es verlangt, daß ihr Bauern- oder Büdnereigentum erhalten oder wieder hergestellt wird. Ich habe soeben einen Fall in bodenreformerischer Hinsicht ausgearbeitet.« Er sah Herrn von Odebrecht an, in einer besonderen Art, sekundenlang. »Für eine bestimmte Gemeinde im Stolzener Kreise sind Neusiedlungen zur Lebensfrage geworden. Zur Zeit des alten preußischen Bauernkönigs waren dort fünfzehn Vollbauern ansässig. Jetzt gibt es keinen einzigen mehr in der ganzen Gemeinde. Drei Kleinbauern und zwei Büdner verfügen über etwa zweihundert Morgen Land im ganzen. Alles andere ist an den Großgrundbesitz übergegangen.« Herr von Odebrecht stürzte ein Glas Sauerbrunnen hinunter. »Aber man verfährt nicht mehr wie früher in der Landwirtschaft. Die Zeiten haben sich geändert. Der Fruchtwechsel spielt eine zu große Rolle. Bei leichterem Boden, zum Beispiel Pommern, wir brauchen viel Hackfrucht, Kartoffeln. Wie soll der Bauer bei unsern großen Entfernungen die Kartoffelernte zur Bahn schaffen?« »Nun,« Thomas Vernow lächelte leicht, »wurden nicht zu diesem Zweck die Brennereien angelegt? Wenn schon Brennereien sein müssen, weshalb sollte nicht hier durch Verstaatlichung auch der Bauer beteiligt werden?« – »Aber die Leute wollen ja gar nicht mehr auf dem Lande bleiben«, sagte die Generalin. »Meine halbe Lebensarbeit besteht darin, sie von der Stadt zurückzuhalten.« Thomas Vernow drückte nervös sein Brot zwischen den Fingern. Herr von Winzingerode schien für heute nichts weiter sagen zu wollen. Ameys Blick, der ihn befragte und nur mit dem liebevoll väterlichen Lächeln beantwortet wurde, streifte die Generalin, die plötzlich aufgeschreckt, die Augen noch runder als sonst, Thomas Vernow anstarrte. Eine Vision von etwas Beängstigendem schien vor ihr aufzusteigen. »Worüber werden Sie heute abend sprechen? Wenn man so unbescheiden sein darf?« Amey sah unschuldig aus. »Über die Bedeutung der Taufe und des heiligen Abendmahls.« Die Generalin richtete sich auf und drückte den Kehlkopf heraus. Sie stand schon ihren Kontoristinnen gegenüber. Das aufgeschreckte Gesicht bekam plötzlich etwas von der Würde eines Konsistorialrats. »Ah,« sagte Amey, »über Symbole.« Die Generalin wurde unruhig. »Ich meine es allerdings mehr so zu fassen, daß diese Gnadenmittel ebenso wichtig sind wie der Katechismusunterricht in der Schule und im Gebrauch nicht vernachlässigt werden dürfen. Ich habe in meiner Gegend Wunderschönes erreicht. Es ist so ungeheuer wichtig, daß der Staat von der Landeskirche gestützt wird.« Die Generalin sah zu Thomas Vernow hinüber. »Er hat seinen vornehmsten Halt an ihr in diesen Zeiten der Auflösung.« »Diesen Standpunkt verstehe ich vollkommen.« Thomas verneigte sich. Die Generalin glänzte auf. »So sind wir doch derselben Meinung?« »Ich bitte widersprechen zu dürfen«, sagte Thomas Vernow. »Man kann den Standpunkt eines Menschen, von ihm aus gesehen, sehr wohl verstehen, ohne ihn deshalb zu seinem eigenen zu machen.« Der Kammerherr und Exzellenz von Winzingerode beurlaubten sich in diesem Augenblick. »Das Positive, das Positive«, schwirrte es zur Mitte des Tisches hinunter. Aber die Duse und die Sechsten Ulanen und eine Gavotte, die Fräulein von Odebrecht bei Hof tanzen sollte, stritten mit dem Positiven um sein Recht. Die Generalin allein fischte dieses Wort mit sicherer Hand aus dem Wirbel zu sich zurück. »Wenn jemand nur ein positiver Christ ist, Herr Doktor, darin liegt alles für mich!« »Es gibt so wenig Positives heutzutage, gnädigste Frau.« – »Wird sie mich jetzt zwingen, öffentlich Bekenntnis abzulegen?« dachte Thomas Vernow. »Ich glaube kaum, daß der Glaube, der unserm Volk verlorengegangen ist, sich durch äußere Hilfsmittel wieder festigen läßt. Unsere alten guten Kirchenlieder und Sprüche haben gewiß schon manchem in der Stunde der Not geholfen. Trotzdem halte ich es für unwahrscheinlich, wenn wir in der alten Art und Weise fortfahren, daß sich in bezug auf das Volk eine Hebung der Religion erwarten läßt!« »Ja, bitte.« Herr von Odebrecht hatte das Bewußtsein, daß Thomas Vernow vorhin seine allereigenste wunde Stelle im Sinne hatte, so weit herabgewürgt, um einigermaßen harmlos erscheinen zu können. »Es ist soviel von der Erziehung zur Persönlichkeit heutzutage die Rede. Aber wie denken Sie sich die Erziehung der Masse zu Persönlichkeiten ohne religiöse Grundlage?« »Persönlichkeit?« Die Stimme von Thomas Vernow bebte. »Dieses Wort in Verbindung mit dem Begriff Masse würde ich mir allerdings nicht gestatten anzuwenden. Mit der Pflege der Einzelseele sollte man jemand locken können, der gerade als Einzelseele weder Sinn noch Berechtigung hat? Nur als geballter Klumpen wird ihnen ja doch eine beängstigende Bedeutung zuerkannt.« Die Generalin hatte gerade nach der andern Seite hin eine Auskunft erteilt. Frau von Sellentien wollte gern mitgehen in den Vortrag. Ob sie sich dazu umkleiden müsse. Sie war nachmittags auf einem musikalischen Tee gewesen. – »Aber im Gegenteil, meine Liebe. Die jungen Mädchen freuen sich ungemein an Toiletten.« – »Aber welchen neuen Weg würden Sie vorschlagen?« Die Generalin mußte sich Thomas Vernow zuwenden. »Alle Einseitigkeit liegt mir fern. Im Gegenteil. Jede andere Meinung ist mir rasend interessant.« »Es geht nicht länger«, dachte Amey. »Ehe der Nachtisch kommt, muß ich meinen Ritter erlösen. Dies ist doch schon mehr Tortur bei kleinem Feuer.« Ihre Augen träumten von der tiefen Glückssehnsucht der Menschen, die aller Glaubenssysteme heimliche Wurzel war. Der Kreuzberg stand vor ihr. Der schmerzhafte Drang, erlöst zu werden aus der Unzulänglichkeit. Einzugehen in das letzte Wirkliche, was über allen Zeiten, über allen Kulturen ist und über allen Glaubenssystemen. Von der großen beseligenden Brüderschaft aller, vom Reiche Gottes auf Erden träumten ihre Augen. Thomas hatte noch der Generalin Rede zu stehen. Was für ein Spuk narrte ihn? Weshalb war er hier neben dieser unglaublichen Fragerin? Was wußte sie von der verzehrenden Sehnsucht jener, die aus dem Garten Eden, dem holden Garten ihrer Kindheit, der Güte und Schönheit und der Unschuld, ausgestoßen waren, nachdem sie vom Baume der Erkenntnis genossen hatten? Die in der entgotteten Welt auf dem Dornen- und Distelacker des Tages werkten vom Morgen zum Abend, damit sie ihre Seele nicht schreien hörten. Ach, um das verlorene Paradies klagte sie, in welchem Gott selber lustwandelte. – – – Die tiefe Sehnsucht, vor Amey zu knien, seinen Kopf auf ihren Schoß zu betten, seine Not und sein Verlangen hinzugeben in ihre Erlösung, überfiel Thomas. Er vergaß, wo er war, und wenn er antworten sollte. »Wir müssen leider gehen.« Amey berührte den Arm von Thomas. »Es ist höchste Zeit für unsere Verabredung.« Diese Berührung, mit der sie ihn von den andern aussonderte, sich zu ihm bekannte, war wie Balsam auf fließendes Blut. – Thomas Vernow nahm schnell Ameys Stuhl hinter ihr fort. »Verzeihung,« sagte er zu der Generalin, »ich muß dieses interessante Gespräch abbrechen.« Gerade als Thomas Vernow die Tür des Eßsaales hinter Amey und sich zumachte, kam der Generalin die Erleuchtung: »Mein Gott!« Sie hätte fast aufgeschrien. In welche Gesellschaft war da die süße, ein bißchen aparte kleine Hellberg geraten! Doktor Vernow! Jawohl, jetzt war sie ganz sicher. Er hatte eine glänzende Probepredigt gehalten und war einstimmig gewählt worden. Bötzows waren Patronatsherren. Sie waren ganz begeistert. Am nächsten Tage hatte er ihnen geschrieben, daß er die Stelle nicht antreten könne, weil er Gewissens halber aus der Landeskirche ausscheiden müsse. – – – Amey und Thomas gingen schweigend zu Ameys eigenem kleinen Salon. »Warum,« fragte etwas in ihnen beiden, »warum darf so etwas sein? Und niemand hat die Macht, diesem Fetischdienst das Echte entgegenzusetzen?« »Ich kenne wohl Menschen,« sagte Amey, »hier ist zum Beispiel ein altes Fräulein von Winkler, du glaubst nicht, wie goldig sie ist. Wo sie geht und steht, trägt sie fromme Blättchen mit sich und teilt sie aus an Straßenbahnkondukteure, an Kutscher, an Gemüsefrauen in den Markthallen. Sie sind oft grob und abscheulich gegen sie. Aber nichts kann sie hindern. Sie lächelt ihnen zu und bittet, nur bei Gelegenheit einmal einen Blick hineinzutun. Oh – ich finde das übermenschlich. Es ist Bekennertum alten Stils. Sie hat schon viele entwaffnet und zu einem Nachdenken über sich selbst gebracht durch ihre unendliche Güte.« – Und sie erzählte weiter von Tante Mimi Asseburg, die jedes Jahr die Bibel einmal durchlas und von jenem Pastor Wiesner, den sie einmal auf Reisen getroffen hatten. Diese Seele von einem Menschen. »Er glaubte an die sieben Schöpfungstage wortwörtlich. Das Rote Meer stand für ihn wie aus Backsteinen, und er hätte lobpreisend jeden Scheiterhaufen bestiegen!« Thomas Vernow lächelte, wie man einem geängsteten Kinde zulächelt, das sich mühsam beruhigen will. Seine Augen wußten nichts von diesem Lächeln. Sie hingen an Amey in schmerzhafter Inbrunst. Seine Hand liebkoste verloren ihr Haar. »Diese ergreifenden Kinder Gottes!« sagte Amey. »Haben sie nicht etwas Anthropomorphes? Wie Ursteine, die für sich allein im Felde liegen? – Meine alte Ariane ist ebenso, meine alte Kindermuhme. Du kannst zu ihr gehen mit einem großen Kummer. Sie schlägt drei Kreuze und ruft Sankt Agatha an, Sankt Vitalis und Sankt Ägidius. Sie bürstet dein Haar su su und sieht dich an hingegeben und zugleich fremd und verstört. Du legst dich hin und schläfst ein, wie sie dir die Bettdecke glatt streicht und unaufhörlich murmelt, und der Geruch von Weihrauch geht aus ihren Kleidern in deine Träume. Aber wenn du am Morgen aufwachst, ist sie wieder da, die heimliche Not und das heimliche Fragen. Thomas . . .« Ihren feinen bebenden Körper gab sie dicht in seinen Schutz. »Weißt du es nicht? Wird es nicht kommen? Einmal« . . . Die Stimme versagte ihr. Tränen traten in ihre Augen. Thomas sah auf sie herunter, auf diesen schmalen Hinterkopf mit dem Haar, braun wie das Laub auf dem Waldboden, das ganz weich war und ganz locker und ein wenig in großen Wellen lief, und aus dem dieser zarte Duft zu ihm aufstieg. »Amey,« sagte Thomas, »du mußt nicht.« Seine gesunde Hand schloß sich zur Faust. Er kühlte sein brennendes Gesicht in ihrem Haar – »Amey!« – Bilder jagten sich. Sein Blut sprang. Würde einmal? . . . Würde dann? . . . Seine Sehnsucht und sein Verlangen sagte: »Ja.« Aber ein anderes wurde unsicher. Etwas wußte sich und grübelte. »Kann ich nicht einmal nur empfinden?« stöhnte etwas in ihm. »Dieses Heiligste und Süßeste – muß ich es betasten und muß es zerfasern mit meinen Gedanken? Gibt es nichts Ganzes in mir? Gar nichts urhaft genug . . . Ist denn alles zerrissen und zerstückt? Nicht einmal dieses? Nicht einmal Amey? – Wie kann der Mensch, der seine Liebe weiß , wie kann er Gott erleben!« Er starrte an Amey vorüber in den warmen Bernstein der verhängten Lampe. »Wir sind es nicht,« dachte er trübe, »die mit jenen rechten sollten!« Das flächige Gesicht der Generalin stand vor ihm. Seine Augen sanken tiefer zurück. »Amey«, sagte er plötzlich sanft. »Das religiöse Talent ist genau so wie ein anderes. Nur man pflegte es bisher nicht so zu nennen. ›Gnade‹ hieß es die Bibel. Gott verstocket, welchen er will, und er läßt glauben, welchen er will. Die Reformierten wußten genau, was es mit der Prädestination auf sich hat. Nur das wußten sie nicht: Sie wußten nicht: der Talentlose, der, den Gott nicht begnadete, er geht schon unterm Fluche! Sie brauchten seine Strafe nicht erst in das Jenseitige zu verlegen!« Sein Atem mühte sich. Kleine Schweißtropfen bildeten sich auf seiner Stirn. »Verzeih mir, Amey! Süßeste, vergib mir. Aber du fragtest. Sieh, wie wir horchen und warten! Aber wer schlägt ihn tot, unsern Intellekt? Nur einmal, sekundenlang. Hinter jeden Schleier haben wir uns gedrängt. – Aber den inwendigen Glanz? Die inwendige Stimme?« Er senkte den Kopf. Und wieder kam der Duft von Ameys Haar zu ihm. Wie der Duft von etwas Keimendem und Werdendem und des Gewesenen zugleich, der Duft der Zukunft, die in tausendfältigen Vergangenheiten wurzelt. Etwas schien um ihn zu kreisen. Seine Knie wurden schwach. Wenn es kein Du mehr gab und kein Ich . . . Wenn die letzte Schranke fiel . . . »Einmal dennoch – Amey, Amey . . .« – – – – – – –   Amey saß auf dem kleinen niedrigen Sessel, auf dem sie zu sitzen pflegte, wenn Thomas bei ihr war und neben ihr kniete. Vor ihrer doppelten Zimmertür ging es hin und wieder auf dem friesbelegten Korridor: Behutsame Geräusche einer sorgfältig gepflegten Pension. Aber selbst wenn das Leben draußen auch zudringlicher gewesen wäre, hätte es Amey nicht ereilen können. Sie dachte an Thomas, zugleich war sie weit fort. Auf dem Wunschberg war sie. Sie spürte den Geruch dieser stoffbezogenen Zimmer mit den Möbeln so vieler Epochen. Sie spürte die Herzschläge der Hellbergschen Frauen, die aus den tiefen Fensternischen über die Wälder geschaut hatten bis zur blauen Linie und auf ihr Wunder gewartet. Ja – Amey hatte doch an Thomas gedacht? – Wie sonderbar, daß sie plötzlich ganz deutlich Nellis Stimme im Ohr hatte: »Er ist fort. Ich sterbe fast vor Sehnsucht. Aber mir ist doch, als ob ich immerfort in der Sonne stünde!« Amey lächelte wie in einem unbegreiflich schönen Traum. Es klopfte. »Herein!« Vier Sträuße? Amey faßte sich. »Aber von wem?« Der weiße Flieder war von Fräulein von Gärtnern. »Ach Gott, Ninon! – Das Herz, das bereits nach Süden schiffte wie eine vergessene und erfrorene Winterschwalbe! – Die dunkelroten Rosen, –natürlich von Thomas. Sie waren sein täglicher Gruß. Amey legte sie sanft an ihr Gesicht. – Aber dieser Frühling! – Maiglöckchen und rosa Kamelien mit köstlich grünen und glänzenden Blättern ganz in dunkle süße deutsche Warmhausveilchen gebettet? – Auch dieser Strauß war von Thomas. »So ist dein Duft,« – stand auf einem kleinen, abgerissenen Notizblatt, »Je me meurs de toi!« Amey erschrak. Erst als sie diese Blumen geordnet hatte, wunderlich abgewandt von ihnen, zusammengefaltet in sich, fiel ihr Auge auf den vierten Strauß. Es waren schlanke japanische Iris in diesen zarten perlmutternen Tönen mit einem kostbaren alten silbernen Bande gebunden. Eine Karte begleitete sie: Günther Bartholomé, Freiherr von Ebingerode-Wendenfurth. – – Ja – also der Minister? Er war gestern Abend abgereist. – Nun, es war doch wohl nicht neu für Amey, ein wenig verwöhnt zu werden! Amey roch an diesen Blumen, in denen die Natur scheinbar zum Wissen ihrer selbst gelangte und für ein Höchstmaß von Seele den vollkommnen Stil erfand. Plötzlich lachte Amey. Wie furchtbar nett und lieb waren zuletzt doch immer die Menschen! Es gab wirklich keinen einzigen auf der Welt, den man in Bausch und Bogen abtun konnte, zumal die Männer. An einer Stelle waren sie immer Spielkinder. – Vielleicht auch der Oberhofprediger? Amey staunte. Ja, was wußte sie zuletzt von ihm? Vielleicht wurde er in größter Freiheit geboren und war nur später gerade wie der Minister in eine überlebte Form eingeschmiedet. »Laß sehn, wenn wir ihn in die Wüste entführten?« dachte Amey. »Wenn er nur die bernsteinfarbnen Himmel um sich her hätte! Den Sphinx und die veilchenfarbne Silhouette der Pyramiden! Ja, und dann täglich ein Dutzend Datteln und ein ganz wenig Reis und kaltes Huhn! Und Achmet, dieser königliche Achmet, der sich für uns getötet hätte! Oh, wie wollte ich alle seine Ringe um ihn her zerplatzen hören wie beim eisernen Heinrich!« – Amey lachte glücklich. Sie spielte mit ihren Sträußen. – »Nein,« – sie errötete plötzlich – »nicht nur die Männer! Auch die Frauen. Vielleicht sogar die Generalin mit den Vorträgen in großer Toilette. Und die mystische Frau von Wickede . . . Nur daß sie es einem recht viel schwieriger machen. Sie sitzen viel gewundener in ihrem glatten Gehäuse. – Ich auch?« dachte Amey. »Wahrscheinlich auch ich. Nur ich weiß nichts davon. Gar nichts. Ich bin wirklich so sehr zufrieden, wenn sie mich in der Sonne sitzen lassen und Pfirsiche essen!« – Sie rollte sich zusammen wie ein Kätzchen. Ihre Gedanken gingen zu Nelli und über sie hinweg. Mein Gott – Elisabeth! Und sie wußte von gar nichts. Und Amey war fast eine Woche nicht bei ihr gewesen! Sie sprang auf die Füße. Vergaß sie? – Dies alles, die ganzen letzten schmerzhaften Wochen sollte sie vergessen können? Sie flog in ihre Sachen. – – – Ja, und wie hätte sie es jemals verwinden sollen, wenn sie an diesem Nachmittag nicht bei ihrer kleinen Freundin gewesen wäre? Dieses Mal öffnete die Tante mit dem Tierbändigerblick. – Lieschen? – Nein, im Bett lag sie nicht direkt. Der kleine dunkle Alkoven . . . – sie hatte immer gedacht . . . Fräulein Amey . . . Sie war das ja wohl anders gewohnt. – Aber nein – wie sich Lieschen jetzt freuen würde! Nur – Elisabeth Ewald hatte selbst zum Freuen keine Kraft. Wie schwer, wie schwer war solch ein Kopf! Ameys Hände zitterten, wie sie die Nadeln aus dem schön frisierten, tiefen Knoten herausnahm und das schmerzhaft dünne Hälschen sah, das diesen glühenden Kopf zu halten hatte. Nachdem sie geholfen hatte – nur ein wenig, denn sie spürte das schamhafte Entsetzen ihrer kleinen Freundin, sich vor ihr zu entblößen – war Amey fortgelaufen. Sie hatte zusammengekauft, worauf sie Hand hatte legen können in der Eile. Der Doktor mußte gleich mitkommen in ihrem Auto, das voll Flaschen, Paketen und Blumen war. Also Grippe. – Bei diesem zarten Körper mußte die Kranke sehr gepflegt und geschont werden. »Eine Pflegerin?« Der junge Doktor, der einen sonderbar großen Adamsapfel über einem Jägerkragen hatte, und ein Paar schöne südländische Augen, sah Amey grübelnd an, als sei sie ein Medikament, über das er entscheiden müßte. Das Resultat schien reichlich verwirrend. Aber durch irgendeine hilfreiche Gebärde Ameys kam Zutrauen in seine fernen, traurigen Augen. Eine Pflegerin? – Das war ja vielleicht nicht nötig. Aber das Bett! In diesem dunkeln, luftlosen Alkoven, den man Amey anzusehen nicht zumuten wollte – nein – hier durfte das Bett nicht bleiben! Amey faßte die eiserne Kopfstange. Ihre schmalen Hände spannten sich. Wie Elfenbein drückten die Knöchel aus der Haut. Sie sah den Doktor an. Im nächsten Augenblick schien es Elisabeth, als schwebe sie direkt in den Himmel hinüber. Für einen kräftigen Mann, der zu allem entschlossen war und die Tante in dem knappen braunen Kleide mit der Knechtsgestalt und den Knechtskräften bedeutete ein Bett mit solch einem kleinen, gebrechlichen Wesen doch wohl nichts Besonderes? – »Jeden Tag komme ich wieder, Liebling! Ja, jeden Tag!« Ameys Herz wog schwer. Am liebsten wäre sie geblieben. Aber sie dachte: Thomas. Trotz aller Eile kam sie eine Stunde später als ausgemacht war. Thomas hatte sämtliche Zeitungen, die herumlagen, in zentimeterschmale Streifchen gerissen. »Wir haben keine halbe Stunde mehr!« Seine Stimme zitterte. Ja, Amey wußte, daß er eine Gruppe junger Handwerker heute Abend unterrichtete! Sie sah plötzlich ein abgerissenes Notizblatt vor sich: »Je me meurs de toi!« Sie setzte sich auf seine Knie, ungerufen, zum erstenmal. Sie umschlang ihn. »Wir haben das Leben vor uns, Thomas. Denk, wieviel Jahre! Und heut – meine arme kleine Kranke! Morgen war es vielleicht zu spät – ich mußte doch? Mußte ich nicht?« – Sie fing an, ihm zu erzählen. – »Ich kann nicht mehr«, sagte Thomas plötzlich. Etwas Dickes war in seiner Kehle. Amey sah ihn an. Fassungslos. Er drückte ihren Kopf zurück. Ja – und dann erfuhr Amey zum erstenmal, wie ein Mann küßt, dem die Zügel ganz entglitten. – Als Amey aus dieser Raserei auftauchte, sprang sie herunter von Thomas' Knien wie jemand, der sich rettet. Sie bemerkte nicht ihr zerwühltes Haar und wußte nicht, daß ihre zarte Haut an Gesicht und Hals wie mit roten Malen besät war. Sie hatte eine seltsame Empfindung: Etwas war geschehen, das sich zwischen sie und ihr Gestern stellte. Etwas war genommen. Sie würde diese Liebe bewußt erleben hinfort. »Thomas!« Sie sah ihn an wie die Mutter ein armes, verirrtes Kind ansieht. »Vergib mir!« murmelte Thomas. – »Ich kann nicht teilen. Du weißt. Der kurze Augenblick – ich verlor die Besinnung. Ich muß jetzt fort.« – Er küßte die Hand Ameys, demütig, als habe er ihren Mund verscherzt. Plötzlich schien ihm etwas klar zu werden, was er vorhin gar nicht begriffen hatte: »Grippe? Du darfst nicht mehr hin!« Er stand mit der Uhr. »Ich bin Ihre einzige Freundin«, sagte Amey betont. »Du gehörst mir! Dein Leben. Alles!« »Es geht doch nicht gleich um das Leben!« Amey lachte. »Ein wenig Grippe! Onkel Rhaban bekam sie jedes Jahr. Und im Dorf – wir lebten doch auch nicht auf einem andern Planeten . . . Unser Arzt ist zwei Stunden weit, und die Bauern sind hart wie Holz und mißbilligen grundsätzlich Ärzte. Was wäre geworden ohne die Hausapotheke der goldnen Amey?« – – – »Goldne Amey!« . . . stammelte Thomas.   Als Thomas fort war, saß Amey noch immer und staunte: »So eng will er mich? – Ich aber dachte mit meiner Angelrute alle da drüben auf hoher Flut herzulocken zu unsrer goldnen Insel!« Der Gong wurde angeschlagen, ein paarmal, hastig, klanglos und blechern. »Wie für eine Herde zum Trog!« dachte Amey. »Und das arme abgehetzte Serviermädchen seufzt: Das ist endlich die letzte Fütterung!« – Giacomos Art, den Gong zu behandeln, fiel ihr ein. Diese lockende Rhythmik, die zu einem Fest einlud. Im Speisezimmer stürzte sich die Generalin auf Amey. Endlich mußte sie ihre furchtbare Kenntnis anbringen. »Kind, Liebste!« – War es nicht gefährlich, mit dem Feuer zu spielen? Wußte sie, daß er früher Geistlicher war, ihr Freund, Dr. Vernow? Ausgetreten aus der Kirche? Die Generalin hatte sie nicht überraschen können. Wie ein Schiffer kam Amey sich vor. Hier war ein runder, kleiner, glatter Hafen. Draußen überstürzten sich Seen auf Seen. Sie aber drückte den geteerten Südwester in den Nacken und sprang ins Verwegene. »Ich habe alle Ketzer immer abgöttisch geliebt«, sagte sie mit zärtlichem Lächeln. Und als der Oberhofprediger plötzlich zu ihr hinübersah, begannen die schönen und schlimmen Hexen in ihren Augen einen rätselhaften und wunderbaren Tanz. Die Generalin war vollkommen paralysiert. Amey verspürte eine unbezwingliche Lachlust. Zugleich tat ihr etwas leid. »Oh, ich muß zuweilen gottlose Dinge reden,« sagte sie entschuldigend, »oder begehen. – Denken Sie, als ich Kind war, erschreckte ich meinen Onkel Rhaban einmal zu Tode. Der gute Herr Pfarrer lobte gerade so sehr die fünf klugen Jungfrauen, die ordentlich für Öl gesorgt hatten, – und gerade da fliegt ein Zitronenfalter wie ein Goldplättchen am Herrschaftsstuhl vorbei. Ja, ich kletterte eben eiligst auf die Brüstung!« – Sie sah sich um. Wie ein Kind, das eine Liebkosung erwartete. Die Generalin gab Zeichen eines wiederkehrenden Lebens. Sie seufzte auf. Sie lächelte mitleidsvoll und nahm von der Mayonaise, die Fräulein Fink nach einem bayrischen Klosterrezept ausgezeichnet herstellte. »Das arme Kind«, dachte die Generalin. »Lieber Gott, bei solcher Erziehung!« »Onkel Rhaban?« Ein eben angelangter, älterer Herr, Militär, wandte sich an Amey. »Verzeihung! Handelt es sich um den Baron Rhaban Hellberg-Arwinde?« Amey blickte schnell auf. Sie sah in ein Paar klare, gute Augen in einem markanten Moltkegesicht. »Sie kannten meinen Onkel Rhaban?« Sie sprach leise. »Haben Sie niemals den Namen Fritz Neudeck gehört, Baronesse?« Ach Gott. – Erzählte nicht Onkel Rhaban aus seiner Jugendzeit? – Bei Großvater Pahlen, auf Ubelarde, hatten die Hellbergschen Brüder mit Fritz Neudeck zusammen manche Kadettenferien verlebt! »Meine Jugend war einfach«, sagte der Oberstleutnant. »Fast hart. Wie die der meisten Offizierskinder, wenn kein Vermögen vorhanden ist. Ich möchte es gar nicht anders gehabt haben. Der Wille zur Tat und zur Pflichterfüllung fährt nicht schlecht dabei. – Aber wenn dann die Ferien kamen! Bei Großvater Pahlen! – Sie kennen Ubelarde?« Ob Amey das Schloß mit den sieben Türmen nicht kannte? Wie mußte es einem kleinen Kadetten, dessen Schwestern das Lehrerinnenexamen machten, erschienen sein! »Man stieg in den Zug, ein gehorsamer Junge, und man verließ ihn als Prinz. Nie vergeß ich den Augenblick, wenn der Jagdwagen mit den Goldfüchsen in die Schloßallee einbog!« Ameys Gesicht versonnte sich. »Vetter Rhaban konnte so herrlich erklären«, fuhr Herr von Neudeck fort. »Ich sah zu ihm auf, obwohl er kaum älter war als ich. Es war mein Höchstes, wenn er mich grünen Dachs in Führung nahm. Aber wir Neudeck Jungens haben den Soldatenberuf im Blut. Er war Tradition in unserer Familie seit 200 Jahren. Außerdem war das Korps am wenigsten kostspielig. Unser Vater war als Hauptmann gestorben.« – Amey sah den Oberstleutnant an. Bei Onkel Rhaban hatte ein Höchstmaß von Kultur eine Art Zeitlosigkeit erzielt. Er war so jung und so alt, wie er vor zwanzig Jahren erschien. Herrn von Neudeck hatte eine harte Jugend, ein hartes, zusammengerafftes Leben eine Kraft, eine Frische verliehen, die mit seinem blühweißen Haar seltsam kontrastierte. Die Sicherheit und Geschlossenheit eines Menschen, der in der vergangenen Epoche, dem Staate Bismarcks, wurzelte, ging von ihm aus wie der gute Schatten einer Eiche, die zwischen wogenden und übergluteten Äckern ragt, die jedes Jahr neu beginnen müssen. »Wer es so gut hat!« dachte Amey. »Fernab vom Fieber der Tage und vom Streit des Menschen gegen den Menschen. Ganz geschlossen in einer einzigen Hingabe. Ob es Staatsgefühl heißt, oder Kaiser, oder Familie, oder Vaterland, oder Gott – alles das speist sich ihnen doch aus denselben Gründen und wächst in den gleichen Himmel. – »Ja,« dachte Amey – »das ist wie Heimatluft. Wie das verlorene Paradies!« Sie sah Thomas vor sich, den Spiegel seiner Augen ermüdet und vom Zweifel überhaucht. Ihr Blick streifte den Oberhofprediger. »Oh, diese armen Auguren!« dachte Amey. »Das Unbeweisbare sollen sie verkünden. Aber ihr kleinster Nerv hat tausend Augen und weiß sich. Ja, so wurde dann selig Unbewußtes und das Namenlose rubriziert.« Ihre schmale Gestalt reckte sich plötzlich wie ein Hellbergscher Speer: »Mein kühner Ketzer«, dachte Amey. »Mein armer, wahrhaftiger, ungläubiger Thomas!« An der andern Seite des Tisches verbreitete sich die Generalin über die Schöpfungsgeschichte und den Urbeginn des Lebens. Aber Ameys Augen streiften wieder den Oberhofprediger. Jemand fragte, ob der Student der Rechte in Tübingen gleichen Namens mit ihm, sein Sohn wäre. – »Mein zwölfter«, sagte der alte Herr. »Er ist mein Benjamin.« – Die kühlen kleinen Augen verschleierten sich plötzlich leicht. Das beherrschte Diplomatengesicht entspannte sich sekundenlang. »Er vergötterte seine Frau«, sagte jemand leise. »Sie starb bei diesem letzten Kinde. – Es zieht ihn immer wieder nach Berlin, wo er seine Frau hatte, und wo sie begraben liegt!« »Ach«, – Amey sah den Oberhofprediger an. Mit neuen Augen. »Was wissen wir von Kompromissen,« dachte sie, »die wir um gar nichts zu sorgen haben? Vielleicht kämpften sie blutschwer, als sie die zwei Kammern einrichteten und gut durch eine Doppelwand trennten: Die eine mit dem Intellekt und der Forschung und die andere mit der Offenbarung und dem Amt und der Familie!« – – »Später verloren wir uns aus den Augen, Rhaban und ich.« – Die große, kraftvolle Gestalt des Oberstleutnants beugte sich wieder zu Amey herunter. »Von Hannover aus kam ich ein paarmal zu Ihnen. Aber Sie waren immer auf Reisen!« »Hannover!« Herr von Odebrecht, den eben wieder ein Gedanke an seine aufgekauften Grundstücke erregte, blühte auf. Zwanzig Jahre versanken. Er war wieder der liebenswürdige Schwerenöter und Herzbezwinger. Er war dort auf Reitschule kommandiert. – »Charmante Leute. Gott – der Abschied! – Sieben Tage wurde gefeiert. Mit sämtlichen Lehrersfrauen habe ich mich geküßt!« Seine Augen blitzten kühn zu Amey hinüber. Es blies zur Attacke. Der alte Kavallerist witterte Abenteuer und Kampf. – Fräulein Fink hatte den Anfang des Gesprächs nicht aufgefangen. In ihrer unendlichen Bescheidenheit hatten selbst die langen Pensionsjahre sie nicht ganz frei gemacht. Sie hörte immer ihre eigene Stimme so peinvoll, wenn sie eine Äußerung tat. »Ach, dann kannten Herr Rittmeister vielleicht einen Professor Schneegans in Hannover?« Sie wagte einen kleinen Beitrag zur Unterhaltung. Herr von Odebrecht bedauerte. »Ich dachte nur, weil Sie so bekannt mit Lehrern schienen.« Die Mäuschenbewegungen wurden noch scheuer und spitzer, und das ganze kleine Gesicht der Pensionsinhaberin schien trostlos nach einem Versteck in ihrem eignen Speisezimmer auszuschauen. Herr von Odebrecht lachte dröhnend. »Nö, nö, nicht Schullehrer . . . Seit dem Maturum . . .« Amey fühlte die rote See im Nacken. »Mein Onkel Rhaban hatte allerlei Beziehungen zu hannöverschen Gelehrten«, sagte sie schnell. »Er schätzte sie ungemein. Mir ist – gerade der Name Schneegans – ich habe ihn öfter erwähnen hören.« – Sie hatte ihn niemals gehört. Aber diese Lüge würde ihr verziehen werden. Odebrecht rückte unruhig in seinem unmöglich hohen Halskragen. Jetzt verlangt sie, daß ich Peccavi mache, diese tolle kleine Hexe. »Kavalleristen sind Barbaren«, sagte er entschuldigend zu Fräulein Fink. »Wir haben leider Gottes immer mehr Interesse für unsere Pferde als für unsere Kinder.« Amey sah ihn an, zärtlich, dankbar. »Die Menschen sind nicht bösartig von Natur«, dachte sie, wie sie in ihr Zimmer ging. »Sie sind nur unbedacht wie die Kinder, die dem Rattenfänger nachliefen. – Ach – wenn ich die rechte Melodie wüßte! – Und dann den Weg! – Nicht in den Berg hinein, auf die Höhe!« – – – – – – –   Als am folgenden Morgen das Zimmermädchen Amey das heiße Wasser brachte, waren die Augen des blassen, kleinen Dinges rot und verschwollen. Amey empfand eine große Scheu, Erwachsene nach ihren Tränen zu fragen. Aber plötzlich sah sie das entsetzte Gesicht Nellis vor sich, und Elisabeth Ewald. – Da fragte Amey. Nachher trat sie ans Fenster. Sie stützte ihre Hände auf das Gesims. – Auch solche Dinge lagen jenseits der blauen Linie? – »Ich fahre hin.« Amey kehrte sich hastig um. »Sogleich fahre ich hin!« Ihre Stimme klang leise und eindringlich. Ihre Hand strich zart über die demütig gesenkte Schulter. Das kleine Stubenmädchen war aus Berlin gebürtig. Sie hatte noch keine Herrschaft gehabt, die Wert legte auf derartige Gepflogenheiten. Aber plötzlich ergriff sie die schmale weiße Hand, die von so vielen Männerlippen berührt worden war, und küßte sie. Nachher, während Amey im Auto saß, stand immerwährend das Bild vor ihr, dem sie entgegenfuhr: Die Schwester des kleinen Hausmädchens war an einen Arbeiter in einer Farbenfabrik verheiratet. Er hatte infolge von Bleiweißvergiftung monatelang im Krankenhaus gelegen. Bei seiner Entlassung waren die schwächliche Frau und die Kinder in bitterster Not. Da hatte er die erste Unregelmäßigkeit begangen. Es kam nicht sogleich ans Licht. Und da – . . . Es sollte jedesmal das letztemal sein, Gott im Himmel, ja. Auf irgendeine Weise wollte er es einholen und gutmachen. Aber beim drittenmal war es mißglückt. – Es stand alles ganz klar und deutlich vor Amey! Helle unbarmherzige Bilder. Der Moment, als es herausgekommen war. Als man ihn nach Moabit brachte. Drei Jahre Gefängnis! Amey verband keinerlei Vorstellung damit. Sie wußte, wie es in russischen Gefängnissen aussah, aus Tagebüchern und Romanen. Das war hier belanglos. Die Gewölbe mit den meterdicken Mauern, von der Newa umspült, diese übelriechenden, von Unrat versehrten und unmenschlichen Gelasse mit den eisernen Handhaben in der Wand für die Fußketten, sie kamen für das peinlich ordentliche, humane Deutschland wohl nicht in Betracht. – Wie wunderbar! Etwas Grelles und Barbarisches stand plötzlich vor Ameys Augen. Wie konnten ihr nur ein paar bunte, genähte Pantoffeln einfallen? Ausnehmend häßlich. Sie konnte das Bild nicht los werden. Sie grübelte. »Ariane!« Ah so! Ihre alte Ariane pflegte solche Bettschuhe zu tragen. Sie ließ sich nicht davon abbringen. Jedes Jahr kam ein Mann mit einer Kiepe, dem sie ein solches Paar Scheusäler abkaufte. Ja, und nun wußte Amey plötzlich: Diese Schuhe waren von Gefangenen gearbeitet worden! – Vielleicht, – es mochte nicht das Schlimmste sein, Schuhe machen, wenn sie auch sehr unschön waren. Aber drei Jahre lang? – Ob sie alle Schuhe machten? Wenn nun vielleicht . . . Es gab ja so vielerlei Berufe in der Welt! Maurer zum Beispiel, Briefträger, Gärtner, Nachtwächter. Es fielen ihr nur solche ein, bei denen die Leute im Freien waren. Lauter von Luft gebräunte Gesichter sah sich vor sich, harte muskulöse Arme und Beine, die einen ordentlichen Schritt nahmen. Sie saßen dann tagaus, tagein . . . Etwas Furchtbares stand plötzlich vor ihr. Sie erinnerte sich genau. In der Leutestube war davon die Rede. Sie hatte es aufgefangen, im Vorübergehen. Ein Lehrer in der Stadt, ein allgemein beliebter und tüchtiger Mann hatte jemanden erschlagen. Die Frau war schuld, hieß es. Er war zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt worden, weil er das Grausige im Affekt verübt hatte. – Wieder standen die bunten und unschönen Pantoffeln vor Ameys Augen. Dieser auch? Ein ganzes Leben lang . . . Irgend etwas schien herabzusinken. Etwas schüttete sie ein, langsam. Der Atem wurde ihr schwer. Sie vergaß fast, weshalb sie in das Auto gestiegen war. Plötzlich hielt es mit einem Ruck. Amey erschrak. »Ja, so.« – Also hier vor diesem Hause hatte er gestanden. Vorgestern abend. Amey fröstelte. Sie erinnerte sich deutlich. Sie war in ihren Pelz gewickelt mit Thomas aus dem Theater heimgefahren. Sie hatten in der Taubenstraße noch etwas gespeist. Es war so hell und festlich. Aber als sie fuhren, hatte sie gedacht: Wir sind doch nicht in London? Daß es in Berlin so einen dicken Nebel geben konnte! Wie ein zottiges, gelbes und kaltes Tier drängte er hinter ihnen drein in den Wagen. An diesem Abend war es. Amey fuhr zusammen. – Stand er dort und sah hinauf? Ganz deutlich hatte sie diese Hand mit der matten und ein wenig krankhaft gelblichen Haut gesehen, die er zum Schirm über die Augen deckte. »Wie sie noch in die Schule gingen, sind sie sich schon gut gewesen.« – Schluchzte nicht jemand? – »Wie die Engel im Himmel haben die beiden miteinander gelebt. Und es ging ja auch alles, bis so schnell nach der Käthchen die Zwillinge kamen!« »Die Käthchen«, hatte das kleine Hausmädchen gesagt. Es handelte sich um ein Kind, dem man in demütigem und hohem Glück entgegengelebt hatte. Feine kleine Liebesworte hatte man ihm gegeben. Amey fing an, auf und nieder zu gehen. Es erschien ihr unmöglich, sofort hinaufzusteigen. Wie lange mochte er hier unten gestanden haben, ehe er es wagte . . . – Dieses widerwärtige Haus! So völlig war es mit Plakaten bedeckt, daß man die Empfindung bekam, es sei aus Glas gebaut. Bis in den letzten Winkel mußte es seine Geheimnisse preisgeben. – Nun machte er die Tür auf. Nun stieg er hinauf. Stufe um Stufe. Wie ein fremder Mensch, der zum allererstenmal dieses Haus betritt. – Seine Frau hatte ihn abholen wollen in Moabit mit der Käthchen – die Zwillinge waren um Weihnachten gestorben, – aber sie war zu schwach. Ja, und dann hatte er sie vor sich, die kleine verhärmte Gestalt, die er zwei Jahre besessen, und von der er drei Jahre geträumt hatte. Der Hungertyphus stand in ihrem Gesicht geschrieben, und als er sie in den Armen hielt, war ihm, als zerginge sie, wie Schnee zergeht. – Amey fühlte eine leichte Kälte im Nacken. »Welche Größe,« mußte sie plötzlich denken, »welche Unschuld! Zu seinem Fabrikherrn ist er gegangen, der ihm das alles hat geschehen lassen. Und diesen Mann hat er gebeten! Um Vergebung hat er ihn gebeten. Um Arbeit. Und um einen Vorschuß auf diese Arbeit!« Ihre Mundwinkel zogen sich ein wenig herunter. – »Ja, er liebte die große Geste«, dachte sie, »dieser edle Mann und Wohltäter. Für eine Tuberkulosenheilstätte ein paar tausend Mark. Nun – die rechte Hand wußte wohl sehr genau, was die linke vorhatte!« – – Amey lief plötzlich die Treppe herauf, als liefe sie um ihr Leben. »Er ließ ihn gar nicht erst in seine hohe Gegenwart gelangen!« schien jemand ihr nachzurufen. Der Kommerzienrat sollte gerade gefeiert werden. Und der Rote Adlerorden! – Zwanzig Mark! Bedenken Sie diesen Edelmut! Volle zwanzig Mark ließ er ihm herausschicken durch einen Buchhalter. Von einer Anstellung könne natürlich nicht gut die Rede sein!« – – Er hatte ihm das Geld vor die Füße geworfen!! Ameys Augen flammten. Ihre Mundwinkel zogen sich noch ein wenig tiefer herab. Rasse hatte er, dieser bestrafte Bösewicht!– Aber dann – – Sie hatte den vierten Treppenabsatz erreicht. Etwas schlug ihr aufs Herz wie eine harte Hand: Dies hier war unwiederbringlich. Niemand auf Erden konnte dieses wieder ausheilen. – Einen Abend und eine Nacht hatten sich die zwei Ausgestoßenen noch gegönnt. Übrigens, sie hatte nicht darum gewußt. Ganz behutsam, ganz ahnungslos hatte er sie hinübergehoben. – – Eine Tür schlug. Schon die dritte Tür, solange Amey hier stand und sich nicht entschließen konnte. Eine rauhe Stimme unter ihr fing an, ein häßliches Lied. Ameys schmale Schultern zogen sich nach vorn. Aber plötzlich raffte sie sich zusammen. Sie schöpfte tief Atem. Jetzt schon wollte sie der Mut verlassen? – Indessen hatten sich Füße auf Filzsohlen der Tür genähert. Ein dickes, gutmütiges Gesicht sah durch den Spalt. Das Fräulein brachte wohl etwas zum Kunststopfen? Ja, dann würde sie ausgezeichnet bedient werden. Es gäbe Damen, die schon zehn Jahre wiederkämen. Seide, Wolle, Spitzen . . . Nicht? – Amey schüttelte den Kopf. Ach so, wegen Böhms. Gott ja, wer das doch wohl gedacht hätte! –Sie standen noch immer in der Entreetür. Nein, der konnte keiner was nachsagen. Sie war doch noch jung. Die hätte leicht einen gekriegt, so einen . . . Die gutmütigen Augen in dem umfängigen Gesicht zwinkerten. Aber alle die zwei Jahre, das war immer, als ob sie ihr Kränzchen aufhätte. »Und die Käthchen?« Nein, die war nicht mehr da. So recht gern hätte Fräulein Winkler sie selber behalten, aber – Kunststopfen – davon wurde keiner reich. So ein liebes Kind wie die Käthchen. – Ja. – Gartenplatz 17 – da wohnte das Fräulein von der Armenpflege. Die hatte die Käthchen heute früh abgeholt. – Fräulein Winkler hätte gern noch sehr viel erzählt. Aber es ging nicht. Heute ging es wirklich nicht. Verzeihung. Und vielen Dank indessen. Also Gartenplatz 17. – Aber als Amey dort anlangte, konnte sie vorerst nur eine eng beschriebene Karte in den Briefkasten stecken. Es war niemand zu Hause. – Als Amey am Abend und ermüdet wie nach dornenvoller Pilgerfahrt ihre Stubentür öffnete, witterten ihre feinen Nasenflügel. Etwas quälendes war in die Atmosphäre ihres Zimmers gedrungen. Sie ging ohne zu zögern auf den kleinen Tisch zu, auf dem ihre Post zu liegen pflegte. Ein einziger, riesenhafter, rotbrauner Brief lag da. Wie ein häßliches Seetier. Etwas Brutales war um diese stumpfe Blutfarbe. Mit gespreizten Fingern, als ob er abfärbte, zerriß Amey den Umschlag mit dem Geruch von Haremsfrauen. Eine gleichfarbene, gedruckte Karte fiel heraus: Lydia Mendel zeigte der Baronesse von Hellberg-Arwinde ihre Verlobung an. Ihr Verlobter war der Kommerzienrat Nethur. – – – – – – – – – –   Amey hatte eigentlich nicht zu Tisch gehen wollen an diesem Abend. Sie empfand Schwindel und Übelkeit. Nachher hatte sie sich gezwungen. Eine Weile hatte sie es ertragen. Hernach war das Gespräch auf den Mord an dem Kommerzienrat Gerber gekommen. Ein früherer Angestellter von ihm, der ihn mehrmals betrogen hatte, krönte seine Verschuldungen zuletzt damit, daß er, aus dem Gefängnis entlassen, seinen ehemaligen Brotherrn erschoß. – Amey wußte nicht, ob und was darüber von den andern oder von ihr gesagt worden war. Sie hatte den Tisch mit einem plötzlichen Unwohlsein verlassen müssen. Fräulein Fink erbot sich liebevollst, in Ameys Wohnzimmer zu schlafen . . . Oh, danke. Nein. Nein. – Dürfte die Frau Generalin denn kommen? Oder Frau von Wickede? Es tat doch allen so sehr leid. – Ach, bitte, nur allein lassen. Die Generalin wiegte bekümmert den Kopf auf dem kurzen fleischigen Halse. Dabei zog sie die Augenbrauen vielsagend und in hohen Bogen über die Puppenaugen. Ob da am Ende doch etwas gespielt hatte mit diesem zuerst so scharmanten jungen Doktor? – Die Generalin beglückwünschte sich herzlich: Besser bewahrt als beklagt! – Sie hatte Amey behütet. Aber das arme Kind! So ohne festen Halt aufgewachsen! Jedenfalls – sie ließ sich zwei Weingläser voll frischen Wassers bringen und tat aus winzigen Fläschchen ein paar Tropfen hinein . . . Die Baronesse möchte abwechselnd einen Schluck nehmen alle Stunden. Ohne eine kleine homöopathische Apotheke reiste die Generalin niemals. Frau von Wickede setzte sich auf einen niedrigen Stuhl, senkte den hellgelben kunstvoll frisierten Kopf, und mit ihren seltsamen Augen, die wie ein Spektrum wirkten, betrachtete sie angelegentlich die Mitte ihres hageren Leibes. Dieses Mittel der Konzentration hatte sie der Jahrtausende alten Erfahrung indischer Yoghis entlehnt. Sie wollte so lange und so intensiv an Amey denken, bis diese von ihrem Bette aufstand und wie eine ergebene Somnambule bei Frau von Wickede anklopfte, um durch sie von den Unruhen des Selbst erlöst und in aller letzten Weisheit kühle Urgründe eingeführt zu werden. Aber ob Frau von Wickede zu sehr in den Triumphmomenten einer solchen Bekehrung schwelgte, oder ob sie zu stark mit der Anordnung der dunkelgelb und violett gebatikten Kreppfalten über ihres Leibes Mitte beschäftigt war – genug – Amey wurde in keiner Weise von jenen konzentrierten Wünschen beeinflußt. Amey warf ihre seidene Daunendecke, die sie auf Reisen mitzunehmen pflegte, heftig herunter. Sie hatte die Empfindung, als ob ein Turm über ihr wuchte. War sie krank? Ihre Haut war trocken und heiß. »Es wird das Fieber sein«, dachte Amey. »Mein getreuer Freund. – Aber, was tut ein wenig Fieber?« Ihre Mundwinkel zogen sich geringschätzig herunter. Es gab wirklich anderes zu bedenken. Sie öffnete die Augen. Ein matter Lichtschein strähnte durch die Gardinen. Er legte sich wie eine geflochtene Matte auf den Teppich. Aber auf dieser feinen gelblichen Matte lagen schwer und dunkel zwei Kreuzbalken übereinander. Zu Häupten dieses Kreuzes stand er plötzlich. »Wie sonderbar!« Amey wunderte sich gar nicht, daß er dort an ihrem Schreibtisch stand und mit diesem kleinen, höhnenden Lächeln zu ihr hinsah. Sie dachte nur: »Die Frau war es doch und die Kinder? An diese habe ich zuletzt doch fortwährend gedacht. Und nun steht er dort an meinem Schreibtisch!« Aber während sie noch so staunte, war der Stubenmaler mit seinem kurzgeschnittenen Sträflingshaar, den Amey niemals im Leben erblickt hatte, bereits wieder verschwunden, und nun drang der Schweiß in kleinen und eiskalten Tropfen Amey aus der Nackenhaut. Denn wiewohl niemand mehr im Zimmer stand, sah sie noch immer dieses rätselhafte und leise höhnende Lächeln. »Wenn er mich beschimpft hätte«, dachte Amey plötzlich verzweifelt. Und wie ein böser Schemen, durchsichtig und zugleich zuckend von Leben war plötzlich der rote Peter im Zimmer, um ebenso schnell und rätselhaft wieder zu verschwinden. »Thomas!« schrie Amey. Aber Thomas Vernow kam ihr nicht zu Hilfe. Im nächsten Augenblick hatte sie ihn wie den roten Peter schon wieder vergessen. »Ich weiß nicht, warum er mich beschimpfen sollte«, dachte sie. »Aber ich glaube, ich hätte es leichter ertragen als dieses Lächeln!« Sie ballte ihre feinen schmalen Hände. Und wie sie sie in die Augen preßte: so sehr viele Stimmen redeten plötzlich durcheinander. War es Herr von Odebrecht oder der eben angekommene Präsident des Reichsgerichts, oder war es der Oberhofprediger? Alle beschäftigten sich mit dem unglücklichen Opfer. Und plötzlich empfand Amey unzählige Augen hart auf sich gerichtet. Amey fing an zu zittern. Sie sah ein erblichenes Frauengesicht. Sie sah zwei kleine Köpfchen mit geschlossenen Augen und bläulichen Lippen. – »Sie werden für ihn bitten«, sagte sie mit zitternder Stimme. »Liebe hat helle Augen.« – – Sie flammte. »Eine geringe Summe – der Kommerzienrat brauchte soviel an einem Abend, um sich zu unterhalten . . . Und wenn dann jemandes Frau und Kinder am Verhungern sind . . . Böhm hatte doch den Verstand verloren vor Verzweiflung! Er hat sie ehrlich wiedergeben wollen, die paar hundert Mark. Aber . . . es scheint länger zu dauern, kleine Summen zu erübrigen als große zu gewinnen. Bitte.« Amey saß kerzengerade auf in ihrem Bett. »Was sagen Sie? Hätte nicht dieser Fabrikherr nachforschen müssen, wie die Dinge liegen? Wie leicht wäre es ihm gewesen, hier alles ins Gleis zu bringen. Er hätte eine ganze Familie errettet. Nicht nur zum Leben, zum Guten und zum Glück hätte er sie errettet!« – Amey konnte nicht länger in ihrem bequemen Bett bleiben. Sie mußte all diesen Menschen, deren Stimmen und Gesichter um sie her waren, nachdrücklicher kommen. Auf dem weichen Teppich ihres Zimmers, in der milden Wärme, die Tag und Nacht durch die Zentralheizung die gleiche blieb, ging sie hastig auf und nieder in ihrem Nachtkleid aus Spinnweb, das wie eine feine Wolke hinter ihr herzog. »Nun aber, was geschieht«, rief sie außer sich. »All die Jahre hinter den hohen Mauern kommt diesem gefangenen Bösewicht nicht einmal nur der Gedanke: der andre hat Schuld!« »Der Kommerzienrat?« staunten die Stimmen. »Der Ermordete?« »Ach so«, sagte Amey. »Der Ermordete! – Allerdings.« – Sie schwieg. Aber in diesem Augenblick mußte sie sich an den Kleiderschrank klammern. Ihr ganzer Körper flog. »Natürlich sorgen wir für unsere Leute. Wir sorgen doch auch für unsere Pferde«, rief jemand dazwischen. – »Oh,« bat Amey, »oh!« Ihre Stimme war wie eine ganz kleine gepeinigte Kinderstimme. – Aber wie sie sich noch quälte, wer das gesagt haben konnte, sah sie auf einmal das Gesicht Onkel Rhabans. Es sah beunruhigt aus und ein wenig gezogen und unglücklich, als ob man verlange, daß er ein übles Medikament verschlucken sollte. – Das derbe, sichere, rotbraune Verwaltergesicht stand daneben, – und jemand in der Ferne, ein Fremder, ein Arbeiter? – Amey sah nur einen Rücken. Ein gekrümmter Rücken schob sich die Stallmauer entlang dem Hofausgang zu. »Vorbestraft, gnädiger Herr, um Gotteswillen . . .« »Onkel Rhaban wußte nicht, was das bedeutet«, sagte Amey leise. Ihre zitternde Stimme versuchte zu verteidigen. – »Auch ich – auch ich . . . Was wissen wir denn?« – Und nun waren plötzlich alle die jungen aufrührerischen Künstler, der Kreis der Bronklava um sie her. Wie gute, mitleidige Tiere sahen sie sie an, das fremde verirrte Königskind. Aber des roten Peters unbändiger Zorn überschäumte sie wie eine wilde Woge. »Ja«, sagte Amey leise. Sie kreuzte die Arme über der Brust, ihr Kopf duckte sich wie unter Schlägen. »Alles ist morsch«, wiederholte sie die Worte des roten Peter. Ihr Muff flog am Wagenfenster vorüber, und die schiefen Häuser wankten und verkrümmten sich wie Trunkene. – In diesem Augenblick tat es einen dumpfen Fall. Gleichzeitig öffnete sich die Tür Ameys. Jemand glitt herein. Eine kleine, dürftige Gestalt im schwarzen Kleid mit weißem Schürzchen und Häubchen. Sie überströmte die Hände Ameys mit ihren Tränen, und mit den harten, verarbeiteten Fingern, die beim Servieren weiße Baumwollhandschuhe trugen, rieb sie diese ganz schmalen, weißen, eiskalten Füße. Und auch über diesen Füßen, die wie fremde Kostbarkeiten aus Alabaster aussahen, weinte das kleine Hausmädchen in Schmerz und Liebe und Glück, und es fehlte nicht viel, sie hätte sie mit ihren Haaren getrocknet, wie andere Füße dereinst betränt und getrocknet worden waren. »Ach«, sagte dabei fortwährend die kleine Lina. »Ach, ach.« Wie eine russische Leibeigene hatte sie auf einem Fußteppich vor Ameys Zimmertür gelegen, seit das Haus schwieg und die Lampen verlöschten. War sie nicht bei der Käthchen gewesen? Die Baronesse, der alle Dienstboten fanatisch anhingen? Und davon wurde sie krank. Aber demutsvolle Dankbarkeit und hingebende Liebe schaffen Helden und Riesen. So mochte es auch diesem halben Kinde gelingen, das unterernährt war und bleichsüchtig wie alle Großstadtkinder ihrer Klasse: Zuletzt lag der leichte, reglose und kühle Körper Ameys auf dem Bett. Erst dann schlich die kleine Lina hinüber und weckte Fräulein Fink. – – – – – – – – – –   Amey ging immer und staunte, daß es so hier war. Nein, das hatte sie doch wirklich niemals gewußt. Als die alte Ariane am Morgen mit dem heißen Wasser in ihr Zimmer trat, schlug sie drei Kreuze. »Jesus Maria!« – Amey hatte bereits selber Fenster und Läden weit geöffnet. Sie stand – Ende März – in ihrem Nachtkleid aus Nebel und Spitzen vor dem offenen Fenster und bürstete ihr Haar. Dabei tat sie, als ob ein köstliches Naschwerk auf ihren Lippen zerginge. Und während ihre alte Kindermuhme ängstlich die dampfenden Zinnkrüge niedersetzte und auf ihren zitternden Beinen, so schnell sie konnte, dem Fenster zustrebte, warf Amey die kostbare Bürste aus Silber in die Höhe wie einen Gummiball: »Die Luft,« sagte sie, »oh, Ariane, diese Luft!« während sie mit beiden Händen zum Fenster hinausgriff. – »Goldne Amey – wo du doch in dem Berlin eben erst so sehr krank gewesen bist!« entsetzte sich Ariane. »Ach was, krank!« Amey zog die Augenbrauen zu kleinen, spitzen Winkeln. Sie stand nachdenklich und verwirrt, als versuchte sie, Stücke eines zerflatternden Traumes ineinanderzupassen. Aber plötzlich schüttelte sie ungeduldig und abweisend den Kopf. – Jedenfalls – sie lachte befreit und streichelte den schwarzen Tuchärmel der alten Getreuen – diese Luft war kostbar genug für Gesunde und Kranke. Alle Pferde mußten begrüßt und geliebt werden. Und die Hunde wurden toll. Aber vorläufig verlangte Amey weder auszufahren noch auszureiten. Und Blanchefloor, das schlanke, silbergraue Windspiel, das allein Amey überallhin begleiten durfte, erregte die tobende Eifersucht der Meute, die im Zwinger verschlossen blieb. Kaum gefrühstückt, war Amey hinausgelaufen. Jeden Tag machte sie es so. Giacomo hatte harte Arbeit mit dem Gong vor den Mahlzeiten. Amey konnte sich niemals draußen ersättigen. Ihr war, als erlebe sie diese Landschaft zum ersten Male. Aber jeden Abend, wenn die Lerche, die vor den himmlischen Heerscharen sich verströmt hatte, wieder für eine Nacht aus dem Himmel fiel, sank Amey in ihr Bett hinter den seidnen Baldachinen. Sie war doch noch matter, als sie wahrhaben wollte. Dies war so wunderbar: Amey war doch oft genug mit Onkel Rhaban lange von hier fort gewesen. Aber diesmal . . . Nicht daß der Winter schon vollkommen überwunden war. Auf dem Burggraben steckte das Schilf am Rande noch im Eise fest. Aber in der Mitte war das Wasser wie dunkler Bernstein, als ob es die Schneeschmelze schon Wochen hinter sich habe. Wenn man frühzeitig durch den Park ging, der Sonne entgegen, die hinter den hohen, kahlen und doch schon so seltsam lebendigen Baumkronen stand, so flocht sie aus dem Nebel breite, weiße, durchsichtige Strahlenbänder, wie sie von dem Stern ausgehen über der Krippe auf Weihnachtsbildern. Amey raffte plötzlich ihren Rock in die Höhe. Was würde Ariane sagen! Dabei bemerkte sie mit Genugtuung, wie ein blanker und schwärzlicher Belag wie lackiertes Leder sich um ihre braunen Stiefel gelegt hatte: Das Bruch trug nicht mehr. – Vor den Ellern und Birken am Rande stand ein Schnepfhahn stolz auf gespreizten und festen Ständern. Sein Halsgefieder sträubte sich kostbar wie eine spanische Tellerkrause über den gestreckten Flügeln. Man wußte nicht, spielte er mit der Sonne oder erwartete er eine Braut. Amey bückte sich. Brodelte es nicht im Grunde? Zwischen Porst und safrangelbem Milzkraut drängte der Aaronstab. Amey pflückte ein paar dieser kühlen, saftgefüllten Blätter und legte sie an ihre Wange. Verrieten sie ihr nicht die Geheimnisse des Moors? Alle diese Wunder von Wachsen und Werden und Vergehen und wieder Wachsen und Werden? Auf den Äckern hier und da lag der seine grüne Schimmer der Wintersaat. Es waren Herrschaftsäcker, weit und gedehnt. Das Bauernland drängte nach Süden in einer stumpfen Spitze in sie hinein. Die Leute waren auf dem Felde und pflügten. Es war Zuckerrübenboden. Die aufgerissenen Furchen dampften hinter dem Pfluge her. Die Schollen funkelten wie blaue und gelbe Metallblöcke. Scharen von Krähen stritten sich um Engerlinge und Regenwürmer. Plötzlich tauchte strahlend eine weiße, fremde Schar am Himmel auf. Zuerst glaubte man es nicht und rieb sich die Augen. Dann erkannte man: Möwen. – Das Meer schickte zuweilen auf Meilen hinaus solche geheime Sendboten. – Zuerst wütete der Brotneid der Krähen. Dann ergaben sie sich der Mehrheit. Wie schwarze und weiße Mönche zog es jetzt dem Pflug hinterdrein, den Zehnten einsammelnd von allem Gut. Dem Pflüger hing schief eine Pfeife im Munde. Die heimelnde Mischung von Weichselholz und Tabak kam bis zu Amey hinüber. Dieser Geruch brachte die süße Herbheit der Luft doppelt stark ins Bewußtsein. »Berlin«, dachte Amey plötzlich. Aber sie dachte es, wie man denkt: Babylon oder Karthago. – Es versank sogleich wieder. Es lag allzu fern. Amey fing an zu laufen. Sie winkte grüßend hin zum Bauern, der bedachtsam die Kappe vor ihr gerückt hatte und bedachtsam, ohne den Mund zu verziehen, nur in den klugen Augen ein freundliches Erkennen, hinter ihr drein sah. Sie mußte immer laufen jetzt. »Bin ich ein Vogel,« dachte sie, »oder bin ich ein Baum? Ich möchte fliegen, aber ich möchte auch wurzeln und Blätter treiben und Blüten.« »Erde,« sagte etwas in ihr, »Heimat!« – – »Leben!« rief sie laut und lief. Vor dem Dorf traf sie die Schafherde. Der alte Butendiek in seinem langen blauen Rock stand wie immer mit dem Strickstrumpf; der Spitz kläffte wie ein Rasender im Kreise und rief etwaige mit einem vagabundierenden Trieb Beschwerte wieder zu Regel und unabänderlichem Schafgesetz in die bestimmten Kreise. Die kleinen jungen Lämmer blökten, gruben sich frierend in den mütterlichen Pelz und zerrten als gierige Nimmersätter an den geduldigen und strotzenden mütterlichen Eutern. – Wieviel hundert Jahre war das nun schon so, daß so ein Butendiek hier gestanden hatte und gestrickt – und der Spitz wurde verrückt, und die kleinen nackten Lämmchen unternahmen ihren ersten Ausflug! – »Morgen auch! Schön Wetter, Butendiek. Wie geiht dat?« Ameys Dialektwörterschatz war eng umrandet. Sie empfand es plötzlich als Schande. »Dat geiht all god, bet op de Knaken, gnä Frölen, de sün morsch.« »Morgen bring ich Tabak«, rief Amey. – »Ja, ja.«– Sie hörte das kleine, greisenhafte und kichernde Lachen hinter sich drein. Seit sie in Wadstrümpfen ging, waren Butendieks Knaken morsch, und sie hatte ihm seinen Tabak gebracht und dieses kleine, kichernde und greisenhafte Lachen gehört. Hinter den kahlen Pappeln tauchten die ersten Dachfirste auf mit Wotans Pferdeköpfen, die samtig roten Backsteinhäuser mit den moosbewachsenen Reeddächern, die sie wie Schlafmützen bis an die Augen herunterzogen, und auf denen die Störche viel lieber nisteten als auf den herrischen und neumodischen Ziegeldächern. An den Häusern wurde hier und da ausgebessert, frisches Reed eingeflickt, Türen und Zäune neu gestrichen. Es roch nach Ölfarbe und nach verbranntem Kräutig. Der Winter wurde ausgeräuchert und gründlich. – Amey nickte den Häusern zu, wie liebsten Freunden. Aber sie konnte sich noch nicht entschließen, ins Dorf zu gehn. Alles war noch so wunderbar fern. – – – Und dann – als eines Tages lauter flammende Bänder durch den Garten sich schlangen! Das waren die kleinen feuerroten Duc van Tholl-Tulpen, die niemals die Zeit abwarten konnten. Und pflücken durfte man von allem, selber pflücken. So viel man wollte. Einmal, als Amey Narzissen trug, ging ein grübelnder Ausdruck über ihr Gesicht. Stand nicht ein Mädchen am Wege? In einer alten geflickten Jacke, mit einem breiten gutmütigen Gesicht? In den erfrorenen Händen hielt sie matte Blumen und Zweige, die irgendwo im Süden gewachsen waren, und an denen sie sich freute, ohne sie zu besitzen. – Amey war öfter zu ihr gegangen. Jede Woche hatte sie ihre armen Blumen gekauft. – Sie stand still. Der Geruch dieser frisch gepflückten Narzissen, die anders rochen als alle, die man kaufte, kam zu ihr herauf. »Elisabeth«, sagte sie plötzlich. »Für Elisabeth habe ich niemals Südblumen genommen!« Sie schien jemand zärtlich zuzunicken. Aber das Gesicht der kleinen Musiklehrerin, das sie so grüßte, war schon wieder versunken. Alles, was sie in Berlin gelebt hatte, schien durch die Krankheit wie durch einen Nebel von ihr getrennt. Sie lauschte. Oh! – Die Tränen stürzten ihr plötzlich aus den Augen vor Glück. Sie lauschte wieder. Jawohl, es waren Kraniche! Ihre Kette, wie eine langgezogene Eins, schwang sich über den Söder Forst nach Norden zu. Sie trompeteten, wie zu Königs Einzug. »Frühling«, sagte Amey glückselig. »Leben«, sagte sie. Sie bekam Augen wie die Toten auf alten Bildern, wenn ihnen unter Posaunen Engel zwischen den zertrümmerten Grabplatten heraushelfen. Amey lief in die Halle und ordnete ihre Zweige und Blumen in großen und kleinen Schalen aus Bronze und Ton und Kristall, wie jede Blume sie braucht. Dann lief sie wieder hinaus. Der erste Flor der Pfirsichbäume zog hinter ihr drein wie der Schleier der Liebesgöttin. Schwarz und goldene Bienen fielen wie Edelsteine aus den Baumkronen in die Tulpenbeete, und wo die Arabis schäumte und der Frühlingsphlox. »Wer ist da, wen sah ich?« Amey hielt jäh inne. Mitten im Garten unter dem eben erblühenden Kirschbaum stand doch jemand? Erkannte sie nicht die Gestalt und die jubelnden Augen? Aber niemand war zu sehen, als sie näher kam. Sie faltete die Hände vor der Brust. »Es war der Frühling,« dachte Amey, »der unter dem Kirschbaum stand!« »Aber dieses Gesicht?« Der Gärtnerbursche kniete vor einem Hyazinthenbeet. Sein kleiner grüner Hut saß ihm verwegen auf der linken Seite. Als er sich aufrichtete und den Korb mit all diesen zartgefärbten, porzellanartigen und durchsichtigen Blüten aufhob, fing er an zu singen: »Morgenrot, Morgenrot . . .« Ja, so war das hier: Wenn sie am glücklichsten waren, sangen sie die traurigsten Lieder. Amey bog in einen Seitenweg. Sie kam über die Wiese. Die Kiebitze! Nein! Sie stand still. Zwei Kiebitze führten ihre Liebestänze auf. Sie umkreisten sich, sie beschrieben seltsame Kurven und Linien, sie entflohen, um ereilt zu werden. »Dies?« dachte Amey, »dies?« Sie ging auf den Zehen, um sie nicht zu scheuchen. Der Tag fiel ihr ein, als sie über dieselbe Wiese zum Gärtnergarten gegangen war, dem Schmetterling hinterdrein. Sie errötete. Vom Nacken aus überquoll die rote See ihr ganzes Gesicht, nach der Krankheit und nach Berlin noch eindringlicher an das Weiß der Akazienblüten erinnernd. Hatte sie daran gedacht? Hatte sie solche Vorstellungen gehabt, wenn sie mit Thomas zusammen war? – Sie stand still. Dann schüttelte sie bestimmt und staunend den Kopf. Was war mit ihr? Wie war das seltsam! Ihr Hafen lag vor ihr, aber ihr Schiff zog noch auf hoher Flut! Sie ging weiter. Sie sah sich um, als erlebe sie die Landschaft zum erstenmal: diese dunkelvioletten, geheimnisvollen Schatten, dieses schwere und zugleich fließende Grün der Wiesen, alle diese tief gestillten Farben, die dennoch aus einem eigenen und innerlichen Feuer heraus glühten, die abgründig waren, und doch durchsichtig, als seien Lasuren über Lasuren gelegt, diese aus lauter Zartheiten zusammengeraffte, vom April überflimmerte und fortwährend veränderte Pracht, in der immer noch ein Verborgenes war und ein verhüllter und unerhörter Reichtum: – dieses war ihre Landschaft. – Hier wurzelte sie. Auch in ihrer eigenen Zartheit waren verborgene Feuer und Abgründigkeiten. Vielleicht wußte das niemand. Alle, die ihr von Liebe gesprochen hatten bisher, hatten sie nicht nur die eine Seite ihres Wesens geliebt, die licht war und durchsichtig? Thomas auch? – Ja, auch Thomas. Ein mütterliches Lächeln ging um ihren Mund. Auch er wollte sich erlösen in eine große Helligkeit hinein. Sie stand wieder und staunte. Wußte sie im vorigen Frühling, daß ein solches Geheimnisvollstes in ihr war? Sie schüttelte den Kopf. Nein. Dies wurde ihr erst gesagt! – So war sie dennoch der blauen Linie näher gekommen in diesem Berlin? Sie sah in die Weite. Der Kolüt flötete. Eine Wolke legte einen breiten dunklen Streifen hinter ihr nieder. Vor dieser Dunkelheit stand Amey wie auf Goldgrund gemalt. »Ich bin auf dem Wege.« Etwas in ihr regte sich, wie frohe Flügel. »Irgendwo wartet es auf mich!« Sie hatte dieses Berlin schon wieder vergessen, und ebenso, daß sie die Braut von Thomas Vernow war. – – Als sie am folgenden Morgen an der Mühle vorüber kam, stand die Müllerin mit ihrem sechs Wochen alten Kindchen im Arm an der Hoftür. Das kurze grüne Gras war mit lauter beweglichen und dottergelben Kugeln besät. »Das ist ein gutes Frühjahr«, sagte die Müllerin stolz und stützte das kleine zahnlose Köpfchen mit ihrer breiten mütterlichen Hand. »Das Fohlen ist schwarz mit einem Stern, und gestern hat die Kuh gekalbt.« Sie lachte mit großen, unversehrten, gelblichen Zähnen. »Und das Kleinchen?« sagte Amey. Irgendein Fremdes, Neues in ihr horchte auf. Sie streichelte verloren das kahle Köpfchen. »Das wird 'n Strammer!« sagte die Müllerin stolz. »Zwölf Pfund! Zuerst hat er gepiepelt, aber seit er draußen ist, das bekommt ihm zu schön.« »Sie nähren ihn selber«, fragte Amey. »Ich hab immer genug Milch für meine Kinder«, sagte die Müllerin. »Dasmal kam die böse Brust dazwischen, aber bloß acht Tage.« Amey stand noch eine Weile und ließ sich erzählen. »Früher haben sie mir nie von so etwas gesagt«, dachte sie. »Spürt sie ein Schwesterliches?« Aber wie Amey dann durch den Wald, den auf Meilen hin kein Fremder betrat, nach Hause ging – oh Gott – was wehte zwischen den Bäumen? – Nun, es war schon vorüber. Vorüber. – Aber Amey hatte ganz deutlich ein verlöschendes Frauengesicht gesehen, umdrängt von drei Kinderköpfchen – und dann – dieses seltsame Lächeln um einen Mund, den sie ebenfalls niemals erblickt hatte? Sie blieb stehn. Ihre Augen wurden starr. – Berlin! Berlin! Der Vorhang, den die Krankheit zwischen ihr Heute und Gestern gehängt hatte, zerriß plötzlich. »Thomas,« bat sie wie in jener Nacht, »Thomas!« Aber der Name hatte keine Macht. – Sie mußte sie über sich ergehen lassen, diese Züge von Bildern: das Mädchen, das ihren Muff zurückwarf, der rote Peter, der sie beschimpfte! Der Kreuzberg erhöhte sich unter ihr . . . – Und wie sie noch einmal mit stammelnden Lippen nach Thomas verlangte, – oh – wie wunderbar: Wieder sah sie die Gestalt, die vorhin unter dem blühenden Kirschbaum stand. Ihre beengte Brust atmete freier. Ihre Schultern drückten sich zurück. Sie sah der Gestalt entgegen, wie sie über die Wiesen auf sie zuschritt. Wie ein goldner Strom brauste es ihr entgegen, der spielend alle schweren Frachten trug. Ameys Augen, weit geöffnet und leuchtend, hingen an dem kühnen Gesicht, das sich ihr näherte. Da machte Amey eine wunderbare Handbewegung: als risse sie einen schweren Mantel, der sie zu Boden gezerrt hatte, von den Schultern. Sie schwang ihn in der Hand jubelnd wie ein Panier, das zum Siege führt, und das vom Atem Gottes erfaßt wird. In demselben Augenblick war die Gestalt verschwunden. Amey wußte es plötzlich: Es war nicht der Frühling gewesen, der ihr zu Hilfe kam – es war Don Lund! – Da überlief es Amey wie eine heiße selige Welle vom Nacken bis zur Fußspitze. Sie ging langsam und versonnen in die Burg zurück. Um ihren Mund war das Giocondalächeln. Aber sie wußte es nicht. – Sie glich der Frau im krokusblauen Mantel wie ein Zwilling. – – –   Thomas schrieb täglich: »Wann? Amey? – Wann? –« Ihr schien, als sänke er von ihr fort, während sein Verlangen nach ihr wuchs nach dem Gesetz der Fallzeiten. Hundert Briefe schrieb Amey. Jeder sollte die Verheißung werden. Aber sie hatte so viel andres zu sagen: vom Frühling, vom Blühen. Der Bogen war jedesmal gefüllt, ehe sie zu dem Wort gelangte, das allein er bringen sollte. »Erst muß ich alles fertig machen«, dachte Amey. »Wenn Thomas bei mir ist, wird er mich zu nichts kommen lassen.« Und sie fing an mit der alten Ariane und Mamsell und der kleinen schwarzen Marie. Alle Truhen wurden aufgesperrt, von der Art wie die böse Stiefmutter den Deckel auf das zarte Hälschen des Bruders vom Marleneken fallen ließ, und Schränke, gewaltig wie Burgen, mit den zwölf Aposteln, oder Judith, die das Haupt des Holofernes greulich am Schopf hielt, auf den Türen. Die weiten Gänge und Kammern rochen tagelang wie Rosengärten und Lavendelbüsche, wenn Amey die Leinenschätze von Hellbergschen Frauen und Mägden, aus Hellbergschem Flachs gesponnen und gewebt und seit Jahrzehnten sorgfältig übereinander gestapelt, ein wenig verwühlte. Von der feinen, weißen, kühlen Leinwand rieselten seine kühle Schauer in die Fingerspitzen, die sie berührten. »Im weißen Schnee, im grünen Klee . . .« »Willst du auch alles verschenken?« Die alte Ariane wiegte bedächtig den Kopf. »Denkst du nicht an deine eigene Hochzeit, Amey?« Da erschrak Amey. Das Lied der Sehnsucht hatte sie soeben gehört, aber an Thomas hatte sie nicht dabei gedacht. – Sie lachte. »Wieviel Schränke und Truhen haben wir noch voll Linnenzeug, Ariane! Sei ganz ruhig! Jeden Tag könnte ich Hochzeit halten, wenn mir das so in den Sinn käme.« »Hochzeit?« dachte sie erstaunt. Aber dann ließ sie sich von Mamsell das Schlüsselbund aushändigen, an dem man wahrhaftig schleppen konnte. Sie vergaß alles, was nicht mit diesem Schlüsselbund zusammenhing. Es ging her über die Schinken und Würste und schwarzen Pumpernickel, denen diese goldgelben Butterwecken, jeder einzelne mit dem Hellbergschen Elch vor allen andern Butterwecken ausgesondert, so entzückend kleideten! Und die riesigen Steintöpfe mit Honig und Eingemachtem, die Blechtonnen mit Quittenbrot und Ingwerkuchen und Glaskuchen und braunen Gewürzkuchen mochten wohl staunen, für welche verhungerten Horden ihre Schätze preisgegeben wurden! Allerdings das wurden dann auch Kisten und Körbe! Elisabeth Ewald, die Bronklava und ihre Schar, das Käthchen und seine Pflegemutter, Fräulein Winkler, das Blumenmädchen vom Leipziger Platz und Fräulein Fink waren bedacht worden. Jedem einzelnen aber hatte Amey in einer Schachtel zwischen feuchtem Moos und Seidenpapier einen Gruß aus dem Garten hinzugefügt. Und jedem die Verheißung: bald wird das große schmiedeeiserne Tor am Eingang der Schloßallee für einen lieben Gast seine Flügel wie gute Arme voneinanderbreiten. Wie Amey hier draußen alle gesund und glücklich lieben wollte! Sie hatte in ihrem Kalender ganz genau den Sommer eingeteilt, und die jungen Verschwörer bei der Bronklava waren wahrhaftig nicht vergessen. Arbeiten hatte sie sich ausgedacht für jeden von ihnen, wenn sie vielleicht . . . Sie errötete. Nun, sie wußte das doch jetzt. So war das Leben anderswo. Wenn man Bilderkisten als feudale Bettstätten bezeichnete und zehn Verbeugungen oder eine Messerspitze gestoßener Eierschale als Frühstück genoß . . . Vielleicht, wenn sie die obere Galerie neu ausmalen ließe – davon könnten ein paar Menschen gewiß mehr als einen Winter leben, und im Sommer wären sie hier draußen. Der rote Peter mit seinem ungebärdigen Haarschopf und den wilden, flackrigen Augen stand vor ihr. Würde nicht die große Stille und Weite und die Schönheit dieses Landes ihn einhüllen? Wie ein guter Mantel und eine reine sternenhelle Nacht den Wanderer einhüllen, der an heißen Tagen schwere Wege ging? Würden sie nicht hier draußen alle begreifen, daß jeder Aufschrei und alle Empörungen und alles Vernichten und Verneinen nur dann im Recht ist, wenn es die Vorstufe bildet zu den neuen Harmonien und höheren Bejahungen? Amey lächelte glücklich und ein wenig beschämt. Sie wußte, wenn sie sie erst hier hatte, würde ihr Sieg kein großes Verdienst mehr bedeuten. Zu viele Verbündete hatte sie hier. Übrigens der Dichter, bei dem der rote Peter in der Kiste logierte, mußte entschieden seinen Freund begleiten. Und plötzlich schlug es Amey aufs Herz: den roten Peter sah sie als ihren Gast, und seine Hand war es, die . . . »Thomas«, dachte Amey. »Was ist mit mir? Ich verstehe mich nicht. Vergib mir, mein armer Liebster!« An diesem Abend schrieb Amey den Brief, auf den Thomas Vernow seit einem Monat wartete. – – –   »Guten Morgen, Thomas. Guten Morgen!« – Thomas war auf der Burg. Er ging wie im Rausch und dennoch zugleich in einer seltsamen Gebundenheit. »Amey, Amey, Amey!« Sie zeigte ihm alles, womit sie verwachsen und verwebt war, das Lebendige und die toten Dinge, die hier so seltsam wesenhaft waren und lebendiger als das Leben. Die königlich breite und prachtvoll geschwungene Stiege schritten sie hinauf. Schmale, herrische Gesichter mit Spitzbärten über spanischen Tellerkrausen befahlen aus prunkenden Goldrahmen florentinischer Arbeit und grenzenlos hochmütige Frauen in starrendem Brokat hielten in den unwirklich schmalen, weißen Stuarthänden das Geheimnis einer roten und verführerischen Rose. Gewaltige Geweihe und ausgestopfte, mächtige Auerhähne, das Spiel stolz gebreitet, wußten von Wäldern, in denen der wilde Jäger mit seinem Gejaid in den heiligen zwölf Nächten die Kreuzwege überraste. Und sprühende Felle königlicher Tiere erzählten von den Fahrten der Hellbergs in Länder, wo die Steine bei Sonnenaufgang Stimme erhalten. Der Mond hing groß und kühl wie ein blausilberner Schild neben der Libanonzeder, als Thomas von Amey in die Säle und Kammern geführt wurde, in denen seit dem großen Brand nach der Göhrdeschlacht die jahrhundertealten und preislosen Schätze der Burg beheimatet waren: rostige Kürasse, Schilde mit kostbarer, erhabener Arbeit, Hellebarden und Morgensterne, funkelnde Schwerter, die Blutrinne von Edelrost zugeblüht, silberne Pokale mit goldnen Girlanden verziert, ellenhohe Leuchter aus Lapis Lazuli, Rosenquarz, Chrysoprasen oder Elfenbein, von züngelnden Drachen getragen. – Draußen von der Terrasse her kam ein zarter, elfischer Ton. Ameys Harfe war stehen geblieben. Jetzt war der Wind ihrer froh zum Abendlied. Die Frösche vom Burggraben übernahmen die Unterstimmen im Konzert und die Käuzchen von der Ruine lachten und wimmerten wie Kinder. –Thomas sah die Pracht. Ihm war wie im Traum und fern. Dies alles war wie in Legenden geschrieben, und Amey selber schien ihm zu entgleiten und sich in eines jener kostbaren Bücher hinein zu verzaubern, die in Leder gebunden unten in der Bibliothek standen, mit goldnen Majuskeln und Bildern, glühend, wie sie sehnsuchtskranken Mönchen vor hunderten von Jahren in ihren schweigenden Zellen erschienen. »Welcher Nachen vermöchte Amey in meine Welt herüberzutragen?« dachte Thomas. Er sah Amey wie von einem andern Ufer. Amey war warm und aufgeschlossen. Sie dachte: »Dies alles muß ihn erfreuen. Erst wenn Thomas dies alles kennt, kennt er auch mich. Ich selber bringe mich ihm mit diesen Dingen.« Sie öffnete Truhen voll seidener Kleider, die aus eigner Pracht standen. Sie legte sie an und lächelte, sie bewegte einen Fächer und nahm zwischen spitze Finger ein paar Falten, und Jahrhunderte versanken. – Zu andern Zeiten öffnete Amey kostbare Geschiebe und schmückte sich für Thomas mit mondblassen Perlen und Steinen, wie die Hellbergschen Frauen sie vor Kaisern und Königen getragen. »Verführerin! Bist du aus Perlmutter gemacht?« flüsterte Thomas. Aber während seine fiebernden Lippen sich an ihrer Haut kühlten, hafteten seine Augen plötzlich an dem Bilde, vor dem Amey stand: Auf einem roten, funkelnden Roß sprengte ein roter, funkelnder Ritter mit dem Zeichen der Kreuzfahrer und der Feldherrnbinde um den Arm. Reisigen Scharen sprengte er voran, das rote Pferd steilte und schnob Feuer. Aber der Ritter war gewaltiger. Seine Schenkel preßten wie Eisenklammern. Denn er sah den Sieg, und er sah die Kuppeln und die Halbmonde von Aleppo. Dieses war Godehard Rhabanus Ernst Ludwig Ehrenfried Hellberg, der Ahnherr Ameys, der um seiner Heldentaten willen bei der Befreiung des Heiligen Grabes von Kaiser Ludwig dem Frommen mit der Herrschaft Arwinde belehnt worden war. »Onkel Rhaban in all seiner Anmut und Feinheit, er glich dennoch diesem Urahn von uns aufs Haar«, sagte Amey. »Onkel Rhaban?« dachte Thomas Vernow. »Es gibt nicht viel Lebendes hier und nichts Totes, das nicht mit diesem Namen verhaftet wäre!« Sein Blick umwölkte sich. – »Aber sie selbst,« dachte er, – »aber Amey! Auch sie ist der Kaste der Krieger und Helden entsprossen. Wie ist es möglich, daß sie einem Mann der Feder, einem blassen Gelehrten und Bücherwurm ihr flammendes Herz zu schenken vermöchte?« Er sah Amey an, wie sie im Mondglanz ihrer Perlen auf und nieder ging und ein verschollenes Lied leise vor sich hin sang. Hatte er nicht den Fußboden gestampft in Verzweiflung und Zorn? Ach nein, nur die Zähne setzte er hart aufeinander. Aber wiewohl er sich mit keinem Laut und keiner Bewegung verriet, kam Amey dennoch zu ihm herüber wie gerufen. »Mein ungläubiger Thomas! Eben hattest du blaue Schwerter in deinen Augen, wie meine Ahnen sie schwangen. Jetzt sind sie stumpf und überhaucht. Rittersmann, Rittersmann, willst du keine Lindwürmer um mich erschlagen?« Da tat Thomas Vernow einen wunderlichen Laut. Er faßte Amey um die Taille, die biegsam war wie der Stengel einer Blume und hob sie auf einen jener schmalen, hohen und kühlen gotischen Stühle. »Herzogin,« sagte er, »Königin! Tausend Lindwürmer muß ich erschlagen um dich. Aber sie hausen alle in meiner Brust.« Er brach hin an ihren Knien. Da glitten Ameys Finger über die steile Stirn, die plötzlich wie mit Spinnweb überzogen erschien. Draußen sang sich die Harfe in Schlaf, aber an ihren Knien fühlte Amey hohe und heiße Blutwellen branden. »Wird es so bleiben?« dachte Amey. »Werden wir immer so schreiten jeder in seinem Rhythmus und auf einer andern und fremden Daseinsebene? Oder wird er vor mir knien, daß ich ihn erlöse? – Ach,« dachte sie, »hatte ich nicht einmal einen Traum? Liebe sollte mich auf goldene Flügel nehmen. So wollte ich hoch über diese Flügel emporwachsen!« Ihre Augen sahen zu dem blauen Mondschild, den eine Hand von der Libanonzeder fort, ein gut Stück westlicher an den Himmel gehängt hatte, so daß er sich im See spiegelte, der heimlich an dem Grabtempel der Hellbergs nagte. »Immer habe ich mich ein wenig vor dem Monde geängstigt«, dachte Amey. »Immer habe ich so unbändig die Sonne geliebt!« – – Am folgenden Tage staunte Amey: »Unsern Grabtempel habe ich Thomas noch nicht gezeigt, nicht das Zimmer im Westflügel und nicht die schöne Abgeschiedenheit.« Aber sie beruhigte sich. Auf dem Wunschberg waren sie ja auch noch nicht gewesen. Sie gingen durch den Park. Amey wollte Thomas in den Wald nehmen. Er kannte ihn erst von ein paar Fahrten her. Die alte Ariane sah Thomas und Amey hinterdrein, wie sie die Terrasse hinunterstiegen, vorbei an den steinernen Göttern und den glühenden Zierbeeten, von Buchsbaum umschnörkelt. Durch das Tor, in das düstre Leben der Taxuswand geschnitten, traten sie aus den strengen Gebundenheiten des Stils von Le Nôtre in die freie Weite des Parks. Die alte Ariane schlug drei Kreuze hinter ihnen. »Sein Gang gefällt mir nicht«, murmelte sie. »Die Heiligen mögen es mir nicht anrechnen, er geht nicht, wie wir hier gehen. Er geht nicht wie ein Mensch, dem Gottes Erde wie seine Mutter ist.« Sie schüttelte den Kopf und scheuchte mit der Hand zu der Ruine hinüber. Die Krähen waren wie wahnsinnig die letzten Tage. Der Gärtnerbursche kam vorüber an Thomas und Amey, mit Körben voll Nelkensetzlingen. »Dies ist unser Gartenwilhelm! Wir wüßten nicht aus noch ein, wenn wir ihn nicht hätten!« Der junge Mensch zeigte alle seine breiten, gesunden Zähne vor Vergnügen. »Das böse Blaurot ist nicht dazwischen?« Amey hatte die Nelken im Sinn. Eine freie Frohheit war um den Burschen, wie er über das böse Blaurot beruhigte. Seine Augen hingen an der Herrin. – Amey wußte längst Bescheid über alles. Aber sie zögerte das Gespräch hinaus, als erwarte sie etwas. Schließlich brach sie ab, mitten im Satz. In ihr war der Hauch einer Enttäuschung. Thomas hatte dem netten Jungen kein Wort gesagt. Die Kutscher fielen ihr ein, Giacomo und der Verwalter, wie sie den schweigenden, steilen und fremden Doktor mit einem fremden, kurzen und eindringlichen Seitenblick musterten. »Es wird alles noch kommen«, beruhigte sich Amey, wie sie sich Thomas in den Arm hängte. »Er versteht ihre Redeweise nicht und – immer hat er in seinen Büchern gelebt. Er muß erst hier einwurzeln. Wie ein fremdes Pflänzlein muß ich ihn eingraben und begießen.« Daß Thomas hier herauskam, erschien ihr selbstverständlich. Der Gedanke kam ihr nicht, daß sie in das Haus ihres Mannes übersiedeln würde. Der Wald nahm sie auf. Es war diese schönste Art von Wald: Laub- und Nadelholz durcheinander gemischt. Zwischen dem schweren dunklen Sammet der Tannen, die ihre Zweige mit zartem Maigrün verbrämt und wie schwere Renaissanceärmel herunterhängten, bebten junge durchsichtige Lindenherzen. Die Kirschbäume waren ganz umbrandet von überschwenglichem und schaumigem Weiß. Aber zwischen weichen seidnen Buchenblättern und den purpurnen Kleinoden der Lärchenzweige standen die Kastanienkerzen selig entzündet, und das goldne Glück der Bienen durchbrauste den Wald. Überall waren Lustbarkeiten, Hochzeitslieder oder Kinderstuben. Kleine Mausemütter, hurtig wie rotbraune Wollbälle, raschelten durch das Fallaub. Eichhörnchen verschwendeten Tannensamen. Das Kuckucksweibchen kicherte. Der Pirol versteckte sein Gold wie ein Geizhals, aber sein Lockruf war süß wie Honig. Wenn der Eichelhäher durch die Zweige schiffte, sah es aus, als verschüttete jemand einen Beutel voll Türkisen, und die rote Spechtshaube züngelte wie ein Flämmchen an den Stämmen hinauf. »Sieh,« rief Amey, »sieh! Hörst du nicht? – Höre doch!« Sie nahm das Gesicht von Thomas zwischen die Hände und bog es vor und zurück. Sie faßte seine Ohren an, die wohlgebildet und fest am Kopf anlagen, und zog sie ein wenig nach vorn. Ja, ihre Augen waren grün wie Moosachat! Oder glichen sie dennoch sommerlichen Wäldern, wenn tausend Sonnenfunken zwischen den Zweigen scherzen, und die schönen und schlimmen Hexen auf und nieder wandeln? »Ja, Amey, ja.« Zwischen Daumen und Zeigefinger und vorsichtig, als könne man eine Hand gar leicht abbrechen, umfaßte Thomas die Gelenke Ameys. Aber er sah nicht, was sie sah, und er hörte nicht, was sie hörte. Er tauchte auf den Grund ihrer Augen, und ihre Stimme war in seinem Ohr. Plötzlich ließ er die Handgelenke los und fing sie sich selber ein, die ganze Amey. Amey bog den Kopf ein wenig hintenüber. Sie ließ Thomas seinen Willen. Aber bald gab sie sich einen Ruck zur Seite. »Du paßt gar nicht auf, was ich dir zeige!« rief sie zürnend wie ein Lieblingskind. Sie lief zu der Kastanie hin und umarmte den Stamm und drängte sich ihm an. »Jetzt werde ich Baum,« rief sie, »jetzt weiß ich alle Geheimnisse. Alles, was die alte Erde seinen Wurzeln mitgibt, schmecke ich, und ich bin seine höchste Kerze. Sieh mich brennen!« Sie sah aus, als schmeckte sie uraltes Erdwissen, und wie eine selige Kerze loderte sie! Thomas' Augen verschatteten sich, wie sie an ihr hingen, obwohl sein Mund lächelte. Wie jemand lächelt, der einem Kinde zusieht, das noch in Gärten zu Hause ist, zu deren Türen die andern längst den Schlüssel verloren. Amey lief zu Thomas hinüber. »Du wirst auch noch das Harz kochen hören«, sagte sie zärtlich und tröstend. »Morgen wollen wir wilde Bienen sein und ein andermal Holztauben oder Hirsche!« Zugleich staunte etwas in ihr. Sie dachte: »Vorigen Frühling, als ich in dem violetten Baumschatten lag, ach, ich war doch auch allem so innig nah und dennoch ängstigte ich mich?« Wer hatte die Angst von ihr genommen? Hatte irgendein freundlicher Naturdämon ihr eine letzte Pforte aufgeschlossen? – »Ob wir blühen oder welken,« sagte sie plötzlich sanft, »sind wir nicht unsterblich in beidem?« Sie öffnete weit die Augen. Sie stand still und wie versteint von staunendem Glück. Sie empfand Thomas nicht anders als eine Blume vor ihrem Fuße oder das Lüftchen um ihre Wange. Sie näherten sich einer bestimmten Stelle am Waldrande, wo der Sonnenschein wie blanke Louisdore auf Laub und Moos verschüttet lag. Das Bruch breitete sich vor ihnen meilenweit, Ödland, den Hellbergs gehörig. Aber Ameys spitzer Finger wies nach oben. Hoch über den höchsten trunknen Blättern der Pappel stand unbeweglich ein winziger schwarzer Punkt. Ein anderer hätte ihn kaum erspäht. Auch Thomas erkannte ihn erst, als Ameys Finger ihn wies. Aber Ameys Ahnfrauen waren zu oft, den Falken mit der Haube auf dem Handschuh, zur Reiherbeize geritten. Amey sollte es wohl erspüren, wenn ein einziger, schwarzer Punkt hoch oben am hellen Himmel stand! – Jetzt – jetzt stürzte er jäh, der Punkt, wuchs zusehends, wurde groß wie ein Eindecker, verfing sich, stand wieder. »Oh,« rief Amey, »der Räuber! Er hat es im Blut. Er kann nicht los von den Jagdfiebern seiner Vorfahren!« In diesem Augenblick stieß der Falke jäh auf ein Häschen. »Er hat es im Blut«, wiederholte Thomas Vernow langsam. Er bog zart und herrisch zugleich den Kopf Ameys zu sich herum. »Laß sehen, deine Augen! Funkeln sie nicht? Auch deine Ahnen in den ewigen Jagdgründen waren Jäger und Krieger und Helden auf Erden.« Amey sah Thomas an. Die Dullerchen im Schilf piepsten wild erregt. Sie sahen ihren guten Bekannten, den kleinen Hasen, eine für ihn befremdliche hohe und ferne Reise antreten. »Denke an Onkel Rhaban!« Amey machte eine Handbewegung zum Schilf hin, als beschwichtige sie geängstigte Kinder. Über die blauen stählernen Augen von Thomas deckte es sich wie der Hauch eines Mundes. Aber im Grunde zuckte der Funke, der im Stahl schläft. Gab es keinen Weg und kein Gemach, kein Buch und kein Gespräch hier, mit dem dieser Name nicht verflochten war? »Wird es so bleiben?« dachte Thomas Vernow. Seine gesunde Hand schloß sich zusammen. Wird dieser stumme Gast uns niemals verlassen?« Etwas in ihm war Frevel. – Aber er riß sich zusammen. Er schmähte sich. Er hob die Hand Ameys an die Lippen. »Vergib mir!« – »Wieso? Vergib?« Amey war bei dem Falken. »Ich entsetze mich vor der Gewalt. Aber ich liebe die Helden!« Ihre Stimme und ihr Lächeln fragten und staunten. »Gibt es nicht Heldentum ohne Befleckung?« sagte sie plötzlich. Thomas sah in ihre Augen. »Nicht auf diesem Planeten.« Und während Amey suchte und von einer Kühnheit träumte, die dem Leben diente und nicht der Vernichtung des Lebens, sagte Thomas plötzlich: »Arme Amey!« »Wieso,« rief Amey, »was meinst du?« Dies war nicht, wie wenn Onkel Rhaban gesagt hätte: »Arme Amey!« Ihre biegsame Gestalt herrschte plötzlich wie ein schlank stählerner Lanzenschaft. »Was wäre an mir zu bemitleiden?« »Wer die Kaste der Krieger und Helden verläßt . . .« »Aber ich werde die Kaste der Helden nicht verlassen«, zornfunkelte Amey. »Habe ich mir nicht einen Ketzer erwählt? Wer das Blecken der Flamme mißachtet, sollte er kein Held sein?« Die Hand von Thomas glitt schwer und zart über das weiche bauschige Haar, das braun war wie Waldwege. »Du hast Savonarola im Sinn oder den Scheiterhaufen von Kostnitz. Unsere Zeiten wurden farblos, Amey. Wir tragen keine goldnen Halsketten und Tellerkrausen. Auch die große Gebärde ging uns verloren. Wir denken nicht mehr daran, um einer Idee willen zu sterben nötigenfalls. Auch das Ketzertum wurde ein wenig mesquin . Es bedeutet nicht so sehr viel.« – »Ich will es nicht haben, daß du mir meinen Glauben zerpflückst. Wie eine schöne Blume zerpflückst du ihn!« Ameys Augen funkelten von Tränen. Thomas antwortete nicht. Nur ihr Haar liebkoste er leise und verloren. – »Ja, wenn du den Vergleich mit dem Ketzer nicht willst, der Held ist,« flüsterte Amey, »nun – sind wir nicht über die Barbarei des Blutvergießens endlich hinausgewachsen? Sollten wir nicht endlich so weit gekommen sein in der Kultur, wo die Inder vor Tausenden von Jahren waren, als sie die Brahminen über die Kaste der Krieger erhöhten?« »Vielleicht sind wir noch nicht soweit,« dachte Thomas Vernow, »vielleicht sind wir sogar sehr viel weiter zurück.« Aber er konnte seine Gedanken nicht sagen. Vor Ameys Augen konnte er dieses nicht aussprechen. »So soll ein Weiser mein Liebster sein.« Amey legte Thomas die Hand um den Hals, wie sie weiterschritten. Und wie sie dem Bruch zu nahe kamen und das Leben des Moors unter den Füßen spürten: »Leben«, dachte Amey plötzlich. »Werden! Tat!« Jener Tag fiel ihr ein, als der Frühling unter dem blühenden Kirschbaum stand. »Sollten wir dennoch in der großen Spirale wieder einmal eine Drehung nach aufwärts machen wollen?« Wie der Falke stieß diese Erkenntnis jäh vor ihr nieder. »Sollten bei dem Helden von morgen Erkenntnis und Tat nicht mehr zu trennen sein? Die liebende Seele würde sie ineinander binden diese zwei, verschwiegen und unlöslich?« Ameys Gesicht verklärte sich. Sie gingen weiter. »Ödland!« rief Amey plötzlich wie jemand, der lange nach Fernen schaute, und zu seinen Füßen lacht selig und plötzlich das gelobte Land. Sie sah mit einemmal diese gedehnten Strecken, deren Decke wankte, wenn man sie ungewarnt beschritt, unter dem metallischen Gewoge von Ährenfeldern, die vor dem Winde in Wellen liefen. Rote niedrige Backsteinhäuser unter den hohen Hauben der Reeddächer erblickte sie, da wo die gekröpften Weiden den festeren Grund andeuteten. Den kurzen durstigen Blick von Augen, die von Verdammnis wußten und dunklen Pforten, sah sie, lange verlernte Gebärden der Zärtlichkeit und entblößte Häupter, die den Wind und die neue Sonne der Freiheit schmeckten. Sie hörte Kinderjubel, und sah die geschäftige Frohheit von Müttern. – – »Vorbestraft?« . . . War es das? Würde das kleine und höhnende Lächeln sich nicht zur Ruhe geben, vielleicht?.. »Thomas!« Amey blieb stehen. Sie warf Thomas die Arme um den Hals. Wäre das nicht denkbar? Könnte man nicht Eingaben machen? Könnte nicht in Vorträgen und Schriften darauf hingearbeitet werden? Hatte der Staat nicht auch Ödländereien? Könnte man nicht solche, denen vielleicht erst das Gefängnis Verbrecherblut einimpfte, könnte man sie nicht während ihrer Haftzeit draußen werken lassen? Abringen der Erde Saatland fußbreit um fußbreit? Und wenn sie dann ihre Zeit abgebüßt hatten, und sie waren erstarkt und gesundet, wie der Mensch gesund wird und stark, wenn er der Erde so nahe lebt. »Sieh, Thomas – dann käme an uns die Reihe. Wir alle, die wir Ödland besitzen, wenn wir davon hergäben?! Und gleich ein Stück Wald dazu für den Hausbau und Weideland. – Und dann kämen sie, und keiner wüßte, nur wir, woher sie kamen. Und sie glaubten, auch wir wüßten nicht! Ja, wenn sie dann, Thomas –« . . . ihr Atem flog, in ihren Augen blühte Zukunft und Glück. Sie fing an zu stottern, so überstürzten sich ihre Gedanken und Pläne. Thomas sah auf sie herunter, wie sie gingen. In seinen Augen war die matte und wehmütige Kühle der Entzauberten. Seine spanischen Schlösser hatten zu hoch geragt, unter ihrem Schutt konnte auch die kleinste Illusion nicht mehr keimen. »Du wirst die Enttäuschungen kaum überstehn, Amey«, sagte Thomas Vernow. »Diese Menschen, die du beglücken willst, werden zum Dank der Ruin dieser Gegend werden. Glaube mir! Ich kenne unser Volk.« »Aber mein Gott«, – Amey blieb stehen, »ich denke, das ist dein Ziel und dein Schaffen? Bin ich denn ganz von Sinnen?« – Sie drückte ihre Hände flach an die Schläfen. Ihre Haut wurde wie ein welkes Jasminblatt. Sie verstand nicht: Nationalökonomie, Bodenreform . . . Sie las doch Damaschke, und sie las täglich wie einen Katechismus das Buch vom Freiherrn von Stein. Thomas hatte ihr alles mitbringen müssen. Er schrieb doch selber an einem Buch und hielt Vorträge, die diese Dinge behandelten. Ja, wozu tat man dies alles, wenn es kein »Wozu« gab? Sie waren auf die Lichtung hinausgetreten vor der letzten Steigung zur Höhe des Wunschbergs. Wenn jemand auf dem schmiedeeisernen Balkon mit den verschlungenen W's stünde, so hätte man ihn von hier aus errufen können. Aber die Wipfel der Bäume hielten noch Wache vor dem Haus. »Ich könnte Thomas nicht hinaufbringen jetzt«, dachte Amey. »O Gott, nein! Auf den Wunschberg könnte ich ihn heute nicht bringen.« Ihre Schultern zogen sich leicht und frierend zusammen. Sie sah sich um. In ihren großen, geängstigten Augen spiegelte sich eine schwere Wolke. Das Land lag wie ein Fächer zu Füßen des sanften Hügels gebreitet: Äcker, Wälder, Viehtriften und die Unerlöstheit des Ödlandes, und wieder Äcker, Wiesen und Wälder, bis sie im Dunstblau der Ferne wie Wasser ineinanderwogten. »Dies ist alles Hellbergscher Besitz«, sagte Amey. Sie machte eine Armbewegung. Aber nur die Worte waren stolz. Die Stimme und die Bewegung waren beschwert. »Die halbe Provinz habt ihr eingezäunt!« Thomas lächelte. Aber Amey war nicht zu betrügen. Sie gab ihm einen schnellen Blick. »Ist er kleiner geworden?« dachte sie. »In Berlin, wie hoch er dort war!« »Du mußt es verstehen können, Amey.« Die Stimme von Thomas hatte etwas Bedecktes. »In Berlin, siehst du, – ich brauchte niemals zu sorgen. – Ich hatte nicht sehr viel, aber ich hatte genug zu leben. Es spielte kein Opfer und keine Existenzfrage hinein, als ich den Pfarrerberuf aufgab. Mit Vorträgen hier und da und meiner Journalistik . . . ich brauchte mir nicht Gedanken zu machen, ob ich eine Frau ernähren könnte. Aber dies hier, dies alles« – er machte dieselbe beschwerte Handbewegung wie eben Amey. Er schwieg. Sein Lächeln hatte etwas Künstliches und Trauriges. Amey hängte sich in seinen Arm. Sie nahm seine kalte, leblose Hand in ihre warme. Ihr Herz schwoll über von Mitleid. Zugleich dachte sie: »Mein Besitz bedrückt ihn. Er ist nicht stark genug für ein großes Geschenk. Er scheidet zwischen mein und dein. Er sieht keinen Weg, und er glaubt keinen, und er läßt mich allein suchen, wie all dies Eingezäunte um uns her sich in ein Glück und eine Erlösung verwandeln könnte.« Sie stiegen die Höhe herunter. Thomas wußte nicht, daß er nur einen Steinwurf weit vom Haus auf dem Wunschberg gestanden hatte, wo alle Hellbergschen Frauen ihr Glück ersehnt oder gefeiert hatten oder beweint. Sie nahmen den nächsten Weg, vorüber am Dorfanger. Lieder schwollen zu ihnen hin. Lieder, die so überrinnend voll von Süßigkeit und Trauer sind. Sie zogen auf dem Rausch der Lindenblüte. Uralte Gebetsarme reichte die Linde aus. Sie wurden gestützt wie die Arme Mose. Zweimal zwölf steinerne Säulen trugen sie auf den Häuptern. Denn die Linde war heilig. Sie wußte alles von der Liebe seit Hunderten von Jahren. Amey begriff noch nicht. Aber als sie aus dem Walde heraustraten, stand sie still. Etwas in ihrem Herzen flatterte. Ihre Augen wurden wieder ganz groß. Aber jetzt war der Himmel goldumwirkt, den sie spiegelten. »Sie tanzen um die Linde?« staunte Amey. »Wie dürfen sie um die Linde tanzen in dem Jahre, wo es eine Hellbergsche Braut gibt?« Sie stand noch immer mit Thomas und begriff nicht und sah zu ihnen hinüber. Ihr Gesicht bekam einen kindlichen Ausdruck, weich und sorglos und wundergläubig.   Alle Zimmer in der Burg hatte Thomas nun gesehen, bis auf zwei: Das Zimmer im Westflügel und das – andre. Amey hatte es einmal »die schöne Abgeschiedenheit« genannt. Amey ging mit Thomas durch den langen hallenden Gang. – »Diese Tür?« . . Amey zuckte leicht zusammen. »Oh« . . . Ihr Schritt wollte eilen. Im nächsten Augenblick hielt sie sich fest. Sie sah Thomas an. Ihre Augen waren dunkler als sonst. »Es ist Onkel Rhabans Schlafzimmer. Ich war nie mehr darin.« – Ging Thomas nicht weiter? Warum blieb er doch stehen? Etwas in Amey staunte und wartete und wurde seltsam kühl. – Ja, vielleicht . . . Vielleicht war es gar nicht seine Absicht. – Sie wußte nicht. Aber sie hatte die Tür schon aufgeschlossen. – Gewiß. Einmal mußte es doch sein, und Thomas mit ihr. – Es war wohl am besten so. Thomas trat langsam nach Amey in das verdunkelte Zimmer. Aber auch als Amey die schweren Vorhänge aus taubengrauer Seide von den Fenstern zurückzog, sah er noch nicht. Er hörte ihrer Stimme nach. – Ja – diesmal – wenn der Tod . . . Aber es war noch ein anderes. Die Nasenflügel von Thomas witterten leicht. Seine Brauen zogen sich zusammen. »Er will mir helfen«, dachte Amey, die ihn nicht ansah. »Er will mir helfen, die Erinnerung zu ertragen.« – »Hier Thomas!« Ihre Stimme bebte. Sie stand neben dem Schreibtisch. Sie fühlte wieder die fremde Kühle dieses elfenbeinblassen Gesichts an ihrer Brust. Sie sah diesen Ausdruck des Erhöhtseins. – Sie sah das Briefblatt . . . Sie brach in Tränen aus. »Amey!« – Thomas nahm sie in die Arme. Sein Mund war an ihrem Haar. Aber wie er diesen feinen, zarten Duft einsog, – wieder witterten seine Nasenflügel. In diesem Zimmer war ein anderer Geruch der Herr, zurückhaltend, vornehm, aber lebendig wie eine Gegenwart. »Nein!« Thomas Vernow biß die Zähne aufeinander. Etwas in ihm war rot und wund. Er hatte zu viele Nächte mit einem Schatten gerungen. Amey hielt den Kopf an seiner Brust. Sie weinte still. Sie war ganz untergetaucht im Strom der Vergangenheit. Thomas streichelte verloren ihr Haar. Seine Hände zitterten. Er ging wie in Sonnenbrand, verdurstet und verflucht. Er hätte hinbrechen mögen an den Knien Ameys. Aber während sein Blut nach Heiligung verlangte und einzumünden in den Hafen ihrer Wesenheit, wanderten seine Augen über die Dinge dieses Zimmers und nahmen seine Gedanken mit sich. Diese Elfenbeine, diese Bücher, die ägyptischen Polychromköpfe – dieses ästhetische und schmerzlich verfeinte Empfinden einer welkenden Epoche, die alle Reize dieses Welkens hier ausschöpfte . . . Thomas' Mundwinkel zogen sich herunter. Auch er, wohl, auch er war ein an den Rand Gedrängter, aber in anderer Weise. Hier in dieser Umgebung blieb er der Fremdling und der Barbar. Und während seine Gedanken noch an dem elfenbeinernen Christuskopf hafteten, mit diesem seltsam kühnen Ausdruck der Leidverklärung, wanderten seine Augen weiter. Etwas in ihm wurde eiskalt. Träumte er? – Dort an der Wand, in gleich günstigem Sehfelde vom Schreibtisch wie vom Bett –diesem fußlosen Empirebett aus einem kostbaren roten Holz mit Verzierungen aus Bronze und der üppigen Seidendecke . . . Gott im Himmel – Amey! Dies war Amey! In einem Anzug wie der schöne müde Stuartprinz . . . Amey schiffte immer noch auf fernen Strömen. Aber sie raffte sich zusammen. Sie wollte ganz wieder bei Thomas sein. Sie hob den Kopf. Sein Gesicht war abgewendet. Sie folgte der Richtung seines Blickes. Noch in Tränen errötete sie zart und lieblich. »Man sagte, es sei sehr ähnlich!« Der Gedanke, daß Thomas an diesem Bilde und an seinem Ort einen Anstoß nehmen könnte, kam ihr nicht. – Thomas sah Amey an. »Nein!« knirschte wieder etwas in ihm. »Nein!« – War er Sakramentsschänder? Und zugleich sah er sich wieder gehen, zwischen Häusern und Menschen, in Fremden und Einöden, ausgesondert, allein. Geschieden von der Erlösung durch einen Zweifel, den zu hegen er sich verdammte. Ein Bild – er hatte es vor Jahren auf einer Ausstellung gesehen – stand vor seinen Augen, während Amey die toten Dinge dieses Raumes für ihn lebendig machte. Er konnte dieses Bildes nicht Herr werden. »Werde ich dazu kommen,« dachte er, »wie Iwan der Schreckliche? Werde ich die Träume meines Weibes belauschen müssen dereinst?« – – – An diesem Abend fand Thomas unter den Briefschaften auf seinem Zimmer ein riesiges Kuvert von einem stumpfen, brandigen Rot und mit dem Geruch von Haremsfrauen. Die Adresse zeigte die spitze, eigensinnige Kinderschrift Lydias. Erst nachdem er Amey zu Gute Nacht geküßt hatte, öffnete Thomas den Umschlag. »Amey war die Geliebte ihres Onkels Rhaban«, stand in dem Brief. – – – – – – –   Der Morgen zögerte. Es war eine seltsame Nacht gewesen. Das Zimmer Ameys war voll von Lindenduft und vom Heu, das in Hocken stand und von roten Rosen. »Singen sie noch immer?« dachte Amey. Sie saß auf in ihrem Bett. Schwebten nicht immer die gleichen Melodien, weit, weit dahinten über den Chören der Frösche? Die Nacht war weiß wie Milch vom jungen Monde, und sie war lebendig von der Sonne, die nicht sterben kann in diesen lauen und süßen Nächten. Als die ersten Vogelstimmen sich regten, hielt es Amey nicht länger im Bett. Hatte nicht eben jemand zu ihr gesagt: »Onkel Rhabans Brief?« Sie stand auf und kleidete sich an. Wie ein Dieb schlich sie durch den langen, hallenden Gang. Als sie die kühn und leidenschaftlich geschwungene Stiege erreichte, die versteinte Gebärde einer kühnen und leidenschaftlich erregten Zeit, blieb sie plötzlich stehn. Sie warf die Arme auseinander wie lodernde Flügel. Sie mußte sich zurückhalten, daß sie diese berauschende Stiege nicht in Sprüngen nahm. »Ich werde mir einen Nachschlüssel zu meinem eignen Hause verschaffen müssen«, dachte Amey, als sie nachher vor der großen Pforte stand. Wie sollte sie heraus? Lagen nicht die Schlüssel jede Nacht zu Häupten des alten Joseph? Man hätte ihn im Schlaf ermorden müssen, um ihrer habhaft zu werden. Gottlob, Amey fiel die Terrasse ein, auf der die Harfe so manchen Abend sich in Schlaf gesungen. Die Terrassentür würde sie öffnen können. Als Amey draußen war, atmete sie auf, wie ein Deserteur, der den letzten Vorposten täuschte. Noch niemals war sie um diese Zeit im Park oder im Wald allein gewesen. – Das Haus auf dem Wunschberg stand wie ein Traum. Wie aus Nebel gebaut. Wie gelangte sie hinein in die tiefe Verwunschenheit? Im Jägerhäuschen war noch alles still. Dann dachte Amey an das kleine Treibhaus, wo die Cyklamen gezogen wurden. Vorausgesetzt, eine Blumentreppe war zur Hand, konnte man von der festen Mittelmauer aus das ovale Fenster der Galerie erklimmen. Es war fast niemals geschlossen. Nun wohl, die Blumentreppe war bereit. Geranien überflammten sie. Solchen Flammen gegenüber bedurfte es geringer Kühnheit. Und dann war Amey mit der Geschmeidigkeit eines Körpers, dem der silbergraue Pagenanzug noch immer paßte, durch das œil de bœuf hineingeglitten in die Galerie. Sie lachte leise. »Wie ein Einbrecher!« Als sie aufblickte und ihre Kleider glatt strich, zuckte sie zusammen. Die Frau im krokusblauen Mantel, beängstigend plastisch, stand in ihrem goldnen Rahmen wie im Geheimnis einer goldnen Tür. »Wie sie lächelt!« Amey wußte nicht, daß das gleiche Giocondalächeln ihren Mund mit Geheimnis und unsäglichem Reiz umspielte. »Ihr Wappen wurde zerschnitten«, sagte Amey plötzlich. Ihre Augen drückten sich ein wenig zusammen. Sie empfand wie immer vor diesem Bild Abwehr und Vertrautsein. Spukhaft und selbstverständlich zugleich. Ihr Blick wurde gespannt. Dann ging sie in das Zimmer, in welchem von allen Hellbergschen Frauen in irgendeinem Möbelstück ein Stück Seele zurückgeblieben war. Ekstasen von Wunsch und Erfüllungen waren noch immer lebendig in diesem Raum. Amey setzte sich vor den Schreibtisch. Sie öffnete das verborgene Geschiebe. »Du,« sagte Amey, »du!« Sie legte den Brief Onkel Rhabans auf ihre Handfläche. Auf dem blauen W ruhte er. Dann schmiegte sie ihn an ihre Wange. »Du!« sagte sie noch einmal. Unendliche Zärtlichkeit war in dem Wort. Sie lauschte. Ihre Augen wurden groß und strahlend. Täuschte sie sich nicht? Sie öffnete behutsam eines der Fenster. Nein, es war so: eine Nachtigall. Hatte sie im Frühling das letzte Ausmaß ihres Glücks nicht gefunden, daß sie so inbrünstig verlangte? Auf Strömen von Jasmingeruch zog ihre Stimme. »Jetzt muß ich es wagen«, dachte Amey. Sie hatte die Empfindung, als nähme sie das Tuch fort von einem verschwiegenen und zuckenden Herzen. »Goldne Amey!« Amey setzte sich mit dem Brief auf den niedrigen Empirestuhl. Sie stützte die Stirn in die Hand. Sie war ahnungslos, daß der Rhythmus dieser Linie Onkel Rhaban zuweilen bis zu Tränen entzückt hatte. »Ich bin auf Reisen, goldne Amey, wenn Du dieses liest. Ich reiste fern genug, daß Du es lesen darfst, und dennoch bin ich so nahe bei Dir, daß Du Dich nicht ängstigen mußt in der Einsamkeit dieser Stunde.« Ja, sie empfand ihn, diesen Teuersten. Fern genug, und dennoch wie nah! – »Was für Freunde wir doch waren, Amey! Wir erbrachten das Beispiel, daß Freundschaft zwischen den Geschlechtern kein Undenkbares ist. Allerdings, der springende Punkt darf nicht außer acht gelassen werden! Resignation auf der einen Seite ist der springende Punkt. Amey, heut darfst Du ja alles hören. Wer ein Leben lang schwieg, darf sich den Luxus des Wortes wohl einmal gestatten, wenn aller Worte Sinn ihm offenbar wurde. Aber denke nur nicht, daß ich litt, Amey! Trauerten wir jemals, wenn wir zu zweit im Herbst die goldne Gasse zwischen den Lärchen des Wunschbergs hinaufstiegen? So ein Schreiten zu zweit, durch goldne Gassen, den letzten Wünschen zu, die bereits Verklärungen wurden: dies war mein Leben, Amey. Und vergiß doch ja nicht, wieviel Drolerien uns über den Weg liefen. Denkst Du noch an den Fuchs, der sich geirrt hatte und sauersüß und wie ein Pharisäer uns vorüberließ? Und der Dammhirsch, Amey, der Herold und Held! Weißt Du noch, wenn die Hirsche bellten, und wenn die Schatten der reisigen Hellberge über den Kreuzweg stürmten? Und wie Du außer Dir geraten konntest, wenn im Dohnenstieg eine Drossel verzuckte! – Aber immer war Gold und Verklärung um diesen Weg. Und Du und ich, kein Wort konnte uns trennen und kein Schweigen. Amey, Deine Mutter habe ich geliebt, das ist das erste Geheimnis. – Aber vielleicht liebte ich in ihr mehr eine Vollendung. ›Les avertis‹, erinnerst Du Dich, als wir ›les avertis‹ von Maeterlinck zusammen lasen? So war Deine Mutter. Das Jenseitige hatte sein Stigma auf ihre Stirn gedrückt. Vielleicht war ich, der letzte Hellberg, dem au-delà bereits selber zu eng verschwistert. Die große Passion meines Lebens konnte nur eine Frau werden, die zugleich auch ganz diesseitig war. Als junger Mensch träumte ich zuweilen, ich wäre ein Künstler. – Nun – wer träumte nicht einmal über die Wirklichkeit hinaus! – Aber später habe ich gewußt: Du – die ich bildete, Du warst das Kunstwerk meines Lebens. Aber, ganz abgesehen davon, daß der Bruder Deines Vaters niemals um Deine Hand geworben hätte – es ist oft so, daß bei einem erschöpften Geschlecht in den letzten Frauen das Blut noch einmal aufblüht. Denn die Frau steht der Erde näher und den letzten Mysterien. Und Blut und Erde und Wachsen und Leben und Tat ist das gleiche. So kann Blut nur durch Blut erlöst werden zum Aufstrom und zur Vollendung hin. Ich aber, Amey, der große Ermüdete, war ohne Erlöserkraft. Vielleicht lag darin die Tapferkeit des letzten Hellberg: daß er schweigend seine Liebe ein Leben lang auf Händen trug. Nun, Amey, und wenn es einmal so weit ist, daran sollst Du denken: Ein verdorrter Brunnen tränkt keinen Durstenden, und die Gärten der Seele werden veröden ohne den brausenden Strom. Goldne Amey, die alte Welt ist morsch, aber die Ströme des Lebens rinnen fort und fort. Und weil ein Weg an sein Ende gelangte, so sind deswegen die Pforten zu neuen Wegen zum Ziel hin nicht verschlossen. Amey, die Art Wege, wie die Menschen zur Zeit sie gehen wollen, kann ich nicht mitgehn. Aber wenn sie auch vielleicht noch in die Irre führen: daß die Menschheit so schmerzhaft dem Ziel nachsucht , ist Beweis. Es werden noch viele Schlösser und Kathedralen zertrümmert werden, ehe die neue Burg und der neue Tempel ragen. Es wird noch dauern, bis die Führer kommen, die den Weg wissen und die Kraft haben, die Scharen zu sammeln zu diesem Wege hin. Und vielleicht wird der Himmel mit einem Ungeheuren, das aussieht wie ein Fluch, der Menschheit, die in die Irre geht, zu Hilfe kommen müssen. Vielleicht – wir wagen so kühne Träume kaum – vielleicht wird aus tausend Qualen einmal der neue Mensch geboren. Unbefleckt, frei und ganz müßte er emportauchen aus dem strengen, süßen morgen, mit der Unschuld der Kinder Gottes. – Aber bis dahin, Amey! Und Deine Liebe! Sieh – wir brauchen zuvor die Schöpfer des neuen Menschen. Die neue Elite brauchen wir. Der Mann, dem Du Dich schenkst – er darf kein Verneiner sein und kein Entsager, sondern ein Jasager. Er darf kein Zerstörer sein, sondern ein Erbauer. Ein Rufer muß er sein, ein Sieger und ein Herr. Aus Weisheit und Güte muß ihm lachender Wille wachsen. So tief verankert im Diesseitigen muß er sein, daß jeder Sturm seine Krone nur höher ins Jenseitige reckt. Blut und Wesen und Himmel und Erde müssen bei ihm das untrennbare Eine sein. Nur dieser Mann kann Dich erlösen, goldne Amey, zur Vollendung Deiner selbst hin. Diesem Mann allein wollte ich mein Kleinod in die Hände geben und frohlocken. Und Amey – Euer Kind, vielleicht wird Euer Kind der neuen Menschheit Anbeginn.« – Das Briefblatt mit der feinen, schwingenden Künstlerschrift, die am Ende der Zeilen in die Höhe lief wie bei allen Idealisten, knisterte, wie ein Lebendiges. Amey schlang die Hände um ihre Knie. Ihre Augen sahen Fernen und Weiten. Ihre feinen Nüstern blähten sich, als witterten sie Meerwind. »Die neue Elite«, sagte etwas in ihr. »Leben!« sagte etwas. »Werden! Tat!« Ein kühnes Gesicht stand vor ihr, braun, wie das Fell edler Tiere, zwei Augen, die als Beute fremder Fahrten und Wege ein tiefes Wissen mitgebracht hatten und eine große Kraft, und die geadelt waren von einer letzten und feinsten Güte. »Blutzauber«, sagte eine ferne Stimme. »Blutzauber und Blutopfer. Waren sie nicht heilig von Urbeginn? Das Erdhafte war das Mittel, aber die Seele war das Ziel. Das Menschliche und der Trieb war die Wurzel, aber die Vergöttlichung war der kühnste Wipfelsproß. »Du!« sagte Amey wieder. Sie hob das Briefblatt zu ihren Lippen. Sie küßte diesen geliebten Namenszug. »Du kanntest mich wohl! Hab Dank«, flüsterte sie. Sie verbarg den Brief in dem Kleid über ihrer Brust. Dann ging sie in einer seltsam gebundenen Weise, und als folge sie einem fremden Ruf, zu dem Bild der Yolanthe. »Du hast unser Geschlecht verlassen«, sagte sie träumerisch. »Dein Geheimnis war süß. Aber mein Geheimnis?« . . . Ihr Blick fragte. Noch einmal fing die Nachtigall an. »Ja«, sagte Amey leise. Sie faltete die Hände über ihrem Herzen. »Hier ist der Ausgang! Für die Frau ist dies zu allem der Anbeginn.« – Sie träumte hoch, und der erste Strahl der Morgensonne traf ihr aufgehobenes Gesicht. Aber wie sie hingegeben stand und alle Vergangenheiten dieses Hauses mit ihrer Zukunft ineinander verströmten, fielen ihr jäh die Arme herunter. Der blaue Stahlschild des Mondes stand vor ihren Augen, der neben der Libanonzeder gehangen hatte an jenem Abend. »Thomas!« stammelte Amey. Sie tastete nach der Wand, wie nach einer Stütze suchend, gegenüber der Frau im krokusblauen Mantel mit dem Giocondalächeln. Sie schloß die Augen. Wie sie den Kopf senkte, knisterte der Brief in den Falten über ihrer Brust. »Du wolltest das Schönste für mich«, flüsterte Amey. »Du träumtest allzu kühn. Aber hab Dank, daß du so kühn träumtest!« – Amey machte eine Bewegung, als nähme sie Abschied. In weite Ferne hin, wo die Sonne aufging, schickte sie diesen Gruß. Nachher ging sie in das Zimmer zurück. Draußen auf dem Kies knirschten Schritte. »Thomas.« Etwas in Amey wurde still und warm und abgründig voll von Barmherzigkeit. Sie trat an das Fenster und wartete. Der Weiser der alten Sonnenuhr, die mitten in blühendem Rund stand, geschützt vor Wettern und Zeiten, daß dieser lichte Frieden die Ewigkeit genannt wurde, zielte wie ein Pfeil Amey aufs Herz. Amey zuckte zusammen. – Nun hatte Thomas den Jäger gefunden. Sie redeten erregt und kamen zum Hause. »Wie zu meinem eignen Gespenst starrt er zu mir herauf.« Amey mußte fast lachen, als sie den Jäger ansah. – Aber was war mit Thomas geschehn? »Thomas!« – Sie rief ihn wie aus einem bösen Traum. Er kam ohne Gruß und Wort. Er legte das Briefblatt Lydias vor sie hin. Amey las. Sie begriff nicht. Plötzlich duckte sich ihre Gestalt zur Seite, als wiche sie einer Hand aus, die Schmutz gegen sie aufhob. – Aber im nächsten Augenblick schon war sie aufgeschnellt. Sie warf ihre schmalen Schultern zurück. Sie schlang ihre Arme vor der Brust ineinander. Sie setzte den Fuß auf das Briefblatt, das brutal wie ein Blutfleck auf dem weißen, gescheuerten Holz des Fußbodens lag. »Nun?« Amey sah Thomas an. »Was sagst du darauf?« Die Adern an Thomas Vernows Händen traten heraus. Seine Stimme war heiser. Kühler Hochmut stellte eine gläserne Helligkeit um Amey. »Du glaubst es, oder du glaubst es nicht. Eine Hellberg wird nicht Beweise für ihre Unschuld erbringen.« – »Eine Hellberg!« Die Stimme von Thomas Vernow höhnte. Aber sie meinte Verzweiflung. »Eine Hellberg steht über dem Gesetz.« – »Ja,« sagte Amey, »für den, der sie liebt. – So wie die Liebe über dem Gesetz des alten Bundes stand.« Amey schwieg. Sie wußte, ein Wort konnte diesen ganzen greulichen Spuk zerstreuen. Aber keine Tortur hätte es ihr entreißen können. »Die Art von Frauen, denen ich zugehöre, braucht Wundergläubige«, dachte Amey. »Wir wollen euch folgen aufs hohe Meer und bis in die letzte Vernichtung. Aber wenn ihr nicht glaubt, daß die weiße Taube als Wimpel eure Masten umflattert . . . Glaube nur!« dachte sie. »Welch ewige Weisheit!« Der Ausdruck ihres Mundes wurde betörend. Sie vergaß. Jahrtausende um sie her versanken. Sie war die erste Frau der Erde und die letzte. Sie tauchte hinab in die Urgründe ihres Geschlechts, wo die Liebe und die Reinheit und das Blut das gleiche sind. »Unter all diesen bist du aufgewachsen«, sagte Thomas Vernow. Er deutete hinaus auf die nebelhaften Götter, die ihre Nacktheit seit Jahrhunderten dem Regen und der Sonne dargeboten hatten. »Hier bist du aufgewachsen, zwischen all diesen Frivolen. Der Geist des Rokoko ist in dir. Wie diese übersteigerte Epoche bist du. Die Grazie, die hohl ist und die Verführung saßen an deiner Wiege!« Aber Amey schwieg noch immer. Der Ausdruck um ihren Mund wurde betörender und rätselhafter. Und dann – Thomas wußte nicht, was er tat – er sah Blut. Irgendein Urahn in ihm, der sich mit der Keule und mit den Zähnen auf seinen Nebenbuhler gestürzt hatte, fieberte auf. Er ballte die gesunde Hand zur Faust. Er hob die geballte Faust . . . Aber ehe das Unsühnbare geschehen konnte, hatte Amey sich zusammengerissen. Als stürze sie sich in das Wasser oder in das Feuer, um ein Kostbarstes zu retten, warf sie sich gegen Thomas. Sie riß seine erhobene Hand herunter. »Thomas, oh Thomas, wie wolltest du das jemals verwinden?« rief Amey. Ihre Stimme brach in Mitleid. Sie preßte seine Hand an ihr Herz. Thomas Vernow wurde fahl. Er stetigte mit Mühe seine Knie, die ihm den Dienst versagten. »Du weißt, was ich tun wollte?« Seine Stimme war ganz ohne Metall. Sie kam wie aus weiten und trostlosen Gegenden. »Ich weiß«, flüsterte Amey. »Ich glaube, ich weiß. Vergib mir, Thomas!« Thomas Vernow trat einen Schritt zurück. Was ging vor? Hatte er den Verstand verloren? »Dir?« fragte er. »Thomas,« sagte Amey, »sieh, ich bin schuld.« Seine Hand, die er ihr fortgenommen hatte, hastig mit scheuen Augen, wie man etwas Widerwärtiges entfernt, ergriff sie wieder. »Ich habe immer nur verlangt, geliebt zu werden ,« sagte Amey mit zitternder Stimme, »und nun weiß ich es: zu nichts als Liebe zu schenken sind wir Frauen in der Welt. Du hast recht, Thomas. Nicht, wie du es einen Augenblick glauben konntest« – die rote See überflutete langsam vom Nacken her, »aber doch bin ich schuldig, in einem viel tieferen Sinne.« Sie schloß die Augen, sekundenlang. Ihr Kopf krümmte sich rückwärts, ihre Lippen sprangen vonsammen ohne Laut. Wie wenn ein Schmerz über die Erlösung der Worte weit hinausgegangen ist. Sie sah ein Gesicht. Sie sah eine Kette von Gesichtern: den Puppenfranz, wie er auf seinem ärmlichen Bett nach ihr fieberte, Onkel Rhaban, der um sie ein Lebenlang allein blieb, Guntram Walmoden, der in ein Buddhistenkloster eintrat. – Alle die andern sah sie, die vielen, in deren Leben sie stand wie ein Merkstein. Aber Thomas Vernow wußte nicht, was sie erblickte. Er sah nur Amey. Er wußte, er hatte sie verloren. Und dann tat Thomas Vernow dieses: Er kniete auf die Erde. Nicht dicht vor Amey. Dieser Raum, den er zwischen sie und ihn legte, konnte nie wieder überschritten werden. Er beugte seinen Oberkörper mit nach rückwärts gespreizten Armen, als dürften auch diese Arme Amey nicht berühren. »Sendschu Kwanon!« murmelte er. Und so in der Stellung der Büßer vor dem Tabernakel, immer noch mit diesen nach rückwärts gespreizten Armen, küßte er Ameys Füße. Sie sah ihm zu, ohne Bewegung. Etwas war machtlos in ihr. Thomas Vernow stand langsam auf. Seine Augen waren zurückgesunken in ihre Höhlen. Sie standen wie zwei Becher voll Gram. »Es ist zu Ende, Amey«, sagte er still. – Und dann war es wie vorhin: Schritte knirschten draußen auf dem Kies. »Thomas,« dachte Amey, »Thomas!« Wieder fiel ihr Blick auf die Sonnenuhr, die in der Ewigkeit stand. Der Weiser zuckte nicht länger Amey aufs Herz. Aber sein Schatten war kaum eine Spannenbreite vorwärts gerückt. In dieser schmalen Spanne Zeit war zwischen Amey und Thomas Vernow alles entschieden worden. – – –   Die nächsten Tage waren eigentümlich. Sie waren licht und waren unendlich beschwert. Amey ging, als müsse sie ein Gewicht einen Berg hinauftragen. Aber jemand schien zu verheißen: Wenn sie oben angelangt war, würde gerade die Schwere der Last und die Not des Weges die Brücke zu dem Unerhörten bedeutet haben. »Thomas,« dachte Amey, »Armer, Ärmster. Ich habe gewollt, oh, wie sehr ich gewollt habe.« Die Tränen stürzten ihr aus den Augen. »Werde ich nicht wissen, wohin dein Weg dich führte?« Ihr Blut war still, aber etwas in ihr war wund und konnte sich nicht zur Ruhe geben. Daß sie Thomas Vernow nicht trösten sollte, als Schwester, darüber kam sie nicht hinweg. Sie war ruhelos und doch mochte sie nicht wandern in diesen Tagen. Es ging ihr nicht schnell genug. Aber Fallada, der schlanke Grauschimmel, den Amey früher geritten war, überkam die Not der Eifersucht. Nach Grane, dem Goldfuchs, der mit gesenktem Kopf Onkel Rhabans Sarg hinterdrein geführt wurde – nach Grane verlangte Amey. Grane war nervös wie sein einstiger Herr, und er hatte das Temperament seiner neuen Herrin. Amey aber pflegte den Reitknecht, der ihr in einiger Entfernung folgte, nach kurzer Zeit unter einem nichtigen Vorwand zurückzuschicken. Wenn sie dann allein war, so gab sie dem Fuchs, der auf die leiseste Schenkelhilfe reagierte, die Sporen. Dann ritt sie, wie jemand reitet, dem es gleichgültig ist, wie er sein Ziel erreicht. Aber Amey dachte nicht daran, daß sie ihr Leben gefährdete. In ihr war ein Zwang, über den sie sich nicht Rechenschaft gab. Ein Aufgestörtes brauchte das Wagnis und die halsbrecherische Tollheit, damit es sich selber nicht hörte und vergaß. Aber es wollte sich nicht geben, trotzdem. Da ließ Amey eines Morgens das freudig wiehernde und mutig bereite Pferd wieder in den Stall führen. Sie flog die Treppe hinauf, als käme sie zu spät für unwiederbringliche Dinge. Sie schleuderte die Peitsche in die Ecke. Den kleinen steifen Hut noch auf dem Kopf, setzte sie sich an Onkel Rhabans Schreibtisch, und als gelte es, Todesurteile zu verhindern, schrieb sie drei Briefe. Der erste war an die Bronklava, sie möchte aufpacken, so bald sie könne, samt ihren jungen Künstlern, so viel sie von denen zusammenbrächte. Der zweite bat Fräulein Winkler, daß sie ihr die Käthchen bringen möchte und sich selber dabei ein wenig erholen. Der dritte Brief ging an Elisabeth Ewald. Denn nun waren ja doch die Sommerferien in Aussicht, und die armen müden Lungen durften endlich einmal aufhören mit »eins und, zwei und«. Ja, jetzt durfte die kleine Klavierlehrerin noch etliche andere Vögel singen hören als die einzige ferne Amsel im Ahornbaum. Als diese drei Briefe geschrieben waren: »Nelli«, dachte Amey. Irgend etwas in ihr, ein feinster Punkt, fing an und schmerzte wie von einem Dolchstich. Aber zugleich wurde ein andres ganz warm und weit und voll tiefer Zärtlichkeit. »Nelli muß herauskommen!« dachte Amey. »Ich muß ihre arme Brust gesund pflegen hier draußen.« Da schrieb Amey mit fliegender Feder. Alle diese Briefe wurden mit einem reitenden Boten in die Stadt geschickt. Sie waren mit doppelten Marken beklebt und mit Eilig bezeichnet. Aber auch in dieser Nacht war Ameys Schlaf so kurz und so schreckhaft, daß ein tropfendes Rosenblatt sie aufstörte. – – –   »Dieser Brief hier,« sagte am andern Morgen Ariane, wie sie Amey den Tee zum Frühstück einschenkte, »dieser Brief, Amey, ist abgegeben worden. Jemand wartet auf Antwort.« »Was kann es sein?« – dachte Amey. Ein Zittern überfiel sie. Dann nahm sie das kleine silberne Messer mit dem Elchkopf. Als sie den Umschlag in einer langsamen und feierlichen Art aufgeschnitten hatte, riß sie den Brief heraus. »Warte, Ariane!« Sie sprang auf und lief von ihr fort, ein paar Schritte die Terrasse hinunter. »Ein Freund von Thomas Vernow bittet mit Ihnen sprechen zu dürfen«, stand auf dem Briefblatt. Unterzeichnet war: »Don Lund.« – – – Nachher standen sie sich gegenüber im Gartensaal. Eine Erinnerung kam Amey: Jener letzte Abend Onkel Rhabans, als sie hier gespeist hatten. Damals war Don Lunds Name zum erstenmal hier genannt worden. »Thomas Vernow grüßt Sie«, Don Lund sah Amey an. »Er ist tot«, sagte Amey. Sie deckte sekundenlang ihre Hand über die Augen. Sie fuhr wieder herauf aus einem Morgentraum mit einem Schrei. Irgendein dumpfer Ton war in ihrem Ohr. Fern am See schrie eine Rohrdommel. Plötzlich wimmerte Amey. »Durch die Schläfen?« – »Nein, durch das Herz.« – – – Kein fremder Laut hatte die Lust oder die Qual der Hellbergs jemals unterbrechen dürfen. Alles war still um Amey. Nur die Rohrdommel schrie. »Er litt?« »Nicht lange«, sagte Don Lund. »Nur, daß ihm Zeit bliebe für ein Wort: Senschu Kwa-non! – Thomas Vernow sagte, so sollte ich Sie grüßen.« Amey faltete die Hände um ihre Knie. Ihr Gesicht war aufgerichtet. Sie sah hinaus in die Sonne, in das Blühen und Wachsen und Werden. »Leben!« sagte irgend etwas in ihr. – »Tod! Der Gipfelpunkt und der Abgrund.« Aber welches war Gipfel und welches war Abgrund? Amey sprang auf. Sie tat ein paar Schritte auf die blühende Terrasse. »Liebe!« sagte etwas in ihr. Sie wußte nicht, daß sie ihre Arme in die Höhe hob. Vielleicht hatte der erste Bildner der Senschu Kwa-non eine Frau erblickt, in deren Brust Leben und Tod sich umstritten, und deren aufgehobene Gebetsarme wie lodernde Flammen sich vertausendfältigten. – Amey wendete sich plötzlich zurück. Sie ließ langsam die Arme sinken. Sie sah Don Lund an. Vom Nacken her überfloß ihr Gesicht eine feine rote Welle. Hatte sie ihn ganz vergessen? Oder war er ihr so unsäglich vertraut? Ein Abglanz jenes Giocondalächelns fing an, ihre Lippen zu umspielen. Aber gleich danach tat Don Lund einen Schritt zu ihr hin, und als ob Onkel Rhaban es wäre, so führte er sie zu einem niedrigen Stuhl. Er ließ sie sanft niedergleiten und legte seine Hand auf ihre Stirn. So stand er bei ihr und hielt ihren Blick fest mit seinen Augen. »Ich bleibe im Dorf für ein paar Tage«, sagte Don Lund. »Ich bin immer für Sie zu erreichen.« Aber dies alles geschah an Amey wie auf einem fernen und flimmernden Stern. »Thomas!« Wie ein Kind vor dem Einschlafen, lallte sie einen entgleitenden Namen. Sie schlief in der Sonne. Tief und traumlos. Als sie erwachte, weinte sie lange und hingegeben. – – – Das Wunder In den nächsten Tagen kam Amey kaum zu sich selber. Briefe jagten sich und Besucher folgten hinterdrein. In dem Ostflügel, wo die Mehrzahl der Fremdenzimmer lag, wurde es froh. Keller, Küche und Vorratsräume erregten sich. Obwohl Amey von eigentlicher Arbeit so viel wie nichts verstand, und Mamsell auch vollkommen genügte um anzuordnen, so war Amey doch hier und dort und überall. Sie war bewegt, aber nicht ruhelos wie in den verflossenen Wochen. Nur wenn sie an den Zimmern vorüberkam, die Thomas Vernow bewohnt hatte, schien ihr Fuß sekundenlang zu zögern. Aber dies war seltsam; wenn sie an Thomas dachte, so sah sie ihn, wie sie ihn in Berlin gekannt hatte. Weder in der Burg noch im Wald, noch auf dem Wunschberg lebte sich die Seele von Thomas Vernow zurück für Amey. Die Hellbergs, sie selbst, ach, ihre schöne, geliebte Heimat – sie alle hatten dieser armen, zerspaltenen Seele die Ruhe nicht geben können. Sie mußte sich zurückerlösen in das große Geheimnis! Dann stand Amey wohl still. Ihr Blick träumte und verschleierte sich. »Wir sollten den stummen Dingen viel tiefer glauben«, dachte sie. »Für die Menschen der großen Städte, die die Zusammenhänge verloren haben, mögen sie nichts bedeuten, aber uns, die wir hier draußen leben, sind sie wie Glieder des gleichen Leibes!« Hatte nicht Blanchefloor, das schöne, silbergraue Windspiel, Thomas Vernow abgelehnt vom ersten Sehn? Ebenso wie die alte Ariane? Waren die Burschen und Mädchen nicht um die Tanzlinde geschritten? Und ein kleiner Sarg fuhr vorüber, gerade als Thomas Vernow zum erstenmal in die Schloßallee einbog. Und dann: »Wir alten Geschlechter«, dachte Amey. Sie erschrak. Sie kam an dem Zimmer im Westflügel vorüber, in dem sie geschlafen hatte, – damals. Sie hatte mit Thomas Vernow vor diesem Zimmer gestanden, aber um keinen Preis hätte sie ihm das Geheimnis jener Nacht anvertrauen können. Mußte aber der, der hier Herr sein sollte, nicht alles übernehmen? Allen Hellbergschen Segen und Hellbergschen Fluch? Ja, einer, der Macht hatte, gehörte dazu. Dieses Geschlecht konnte nicht aufhören. Es mußte sich erlösen. – – –   Nun waren sie alle gekommen. Überall sah man vor Staffeleien sonnenüberglühte, berauschte junge Gesichter. In den Alleen, im Park, vor den steinernen Göttern und auf der Höhe des Wunschbergs. Vor dieser breitausladenden, köstlichen Stiege, vor den kühnen Herrengesichtern über den spanischen Tellerkrausen, vor den preislosen Schätzen in Hallen, Gemächern und Galerien. Ihre bebenden Künstlernerven verschmolzen mit verblaßten Jahrhunderten wie mit diesen blühenden Sommertagen von heute. Aber in allem erspürten sie die Herrin, die Seele dieser verzauberten Welt. Sie spürten sie bis in die letzte Fiber. – »Ach Gott,« sagte Amey zur Bronklava, wie sie mit ihr an den Pfirsichspalieren entlang ging, »nun hatte ich mich schon ganz damit abgefunden, daß sie mir aus lauter Dreiecken und Kreisen jeder seine Philosophie zwischen zwei Galeriefenster setzen würden. Aber man kennt sich doch niemals aus. Wenn ich nicht ganz verlassen bin, so behaupte ich, der Professor hat unsern Grabtempel vor, und es ist über alles Sagen, wie er die Schatten meiner Ahnen dort unter den Hängeweiden erwittert hat!« Die Bronklava lachte glücklich. Sie deutete auf Marsyas. Ja, Marsyas – vielleicht wußte er es selber nicht, aber Amey sah diesen Garten, diesen ganzen geliebten Garten in seinem heidnischen Pansrausch dort auf seiner Leinwand. – »Oh, ich dachte es immer,« sagte Amey, »diese neue Kunst ist in der Großstadt geboren. Der Fluch der steinernen Meere entfesselte diesen Notschrei: Er mußte wohl grell sein und gellend. Zu schwer hat der Mensch gegen den Menschen gesündigt! Aber der Mensch muß erlöst werden durch den Menschen!« Und der ganze selige Pansrausch blühte auf ihren Wangen und in ihren Augen. Zwischen den Erdbeerbeeten tollte die Käthchen und stürzte mit einem Jubelruf in Ameys Arme, sobald sie ihrer ansichtig wurde. Fräulein Winkler saß unter der blühenden Linde. Sie hatte nicht geruht, bis sie eine Spitze in die Hände bekam, von weißgekleideten Nonnen vor vielen hundert Jahren in einem Garten mit Lorbeer- und Orangenbäumen in Leinwand ausgenäht. Fräulein Winkler kam nicht aus der Bewunderung heraus über die einhundertunddrei verschiedenen Klosterstiche und versuchte mit aller Kunst und stopfte einige winzige Löchlein dieser Spitze. »Ja,« sagte sie strahlend, »wenn das der Käthchen ihre Mutter erlebt hätte! Die war auch so. Die hat Blumen immer so sehr gern gehabt. Was die am Sonntag für Buketts zu Hause gebracht hat!« Elisabeth Ewald konnte noch immer nicht recht an die Wirklichkeit glauben. Sie lag in ihrem Liegestuhl unter den Rosen, zwischen Burgen von Büchern und Obst und süßen und stärkenden Dingen. Aber das schönste war doch, wenn Amey selber sich neben sie setzte und mit der Hand leise dieses dünne Haar, mit dem der Sommerwind gespielt hatte, aus der großen bleichen Stirn strich. »Liebling«, sagte Amey. »Ist es so, wie du geträumt hast im Winter?« Nein! Es war tausendmal schöner als jeder Traum. Und als der Sommer auf dem Gipfelpunkt stand, kam eines Morgens der Brief. – – –   »Don Lund wird kommen«, dachte Amey. »Don Lund und Nelli.« Ihre Augen wurden groß und fragten. »Ich will Nelli gesund pflegen«, sagte sie plötzlich zu sich selber. »Zum Glück will ich sie pflegen!« Das Zimmer mit der rosengeblümten Tapete und den weiß und goldenen Empiremöbeln wurde zu Nellis Empfang bereitet. Es sah weithin über die blühenden Terrassen. In seinen lichten Farben war es wie eine Wiege des Glücks. Und Doktor Lund? Wo würde Doktor Lund wohnen? Amey ging den langen hallenden Korridor herunter. Sie überlegte. Kein Zimmer schien ihr das richtige. Plötzlich fuhr sie zusammen. Wie war sie in den Westflügel geraten? Und vor diese Tür? Warum sah sie plötzlich klar zum Greifen das Bild der Yolanthe Hellberg? – Sie gab sich einen Ruck. Sie hatte den großen Schlüsselbund. Sie lachte leise und wurde rot, als sie aufschloß. Wie sie in den Erker trat, riß sie plötzlich ihr Kleid eng um die Knöchel. Als müsse sie ihren Rocksaum vor irgend etwas Entsetzlichem bewahren. Die Schauder jener Nacht standen wieder um sie her. Aber wenn sie sich jetzt gegen jene Tür werfen wollte – kein Onkel Rhaban würde bereit stehn. Die Tränen brachen ihr aus den Augen. Aber wie sie noch wartete, ohne zu wissen worauf, kamen plötzlich starke, schnelle Schritte den Gang herunter. Amey riß die Tür auf. Sie erblickte Don Lund. Als ob sie sich retten müsse, flog sie Don Lund entgegen. Es sah aus, als wolle sie sich ihm an die Brust stürzen. Aber im letzten Augenblick begriff sich Amey. Sie warf sich zurück. Sie lachte erschrocken und glücklich. Sie hatte noch immer Tränen in den Augen, und sie strich mit der Hand über die Stirn, wie jemand, der entsetzlichen Träumen entging. »So bin ich wieder zur rechten Zeit gekommen?« Don Lund reichte Amey den Arm. Er führte sie zart wie Onkel Rhaban und dennoch in einer Art, daß Amey die Empfindung hatte, als ob die Tätigkeit des Gehens ihr abgenommen sei. »Einmal schon verschob ich meine Reise nach Kleinasien für Sie um einen Tag«, sagte Don Lund. Er sah Amey lächelnd an. »Wie köstlich es ist, wenn andre für uns wissen!« Amey war sich nicht bewußt, daß ihre Worte ungewöhnlich waren. Sie achtete auf diesen kleinen, brennenden Punkt in der Brust. Sie spürte ihn wie das Herz ihres Herzens. »Nelli?« fragte sie plötzlich. »Wie geht es unsrer armen, lieben Nelli?« – – »Es geht bergab mit ihr.« »Bricht mir mein Herz?« dachte Amey. »Mein Gott, hilf mir, mein Gott. Was ist mit mir? Ich verwirre mich. Kann ein Mensch so böse sein? Kann er so grausam sein, wie ich bin?« Sie schlug die Hände vor die Augen. »Nelli soll leben«, rief sie flehend. »Thomas – Onkel Rhaban – mein kleiner Kinderfreund – alle sind tot. – Mir ist – ich müßte den Verstand verlieren, wenn auch Nelli stürbe!« Amey wankte. Durch das Glasfenster einer Tür blickte man in ein grün durchkühltes Zimmer. Es war das Zimmer, in welchem Onkel Rhaban auf Amey gewartet hatte in jener Nacht. Don Lund wollte die Tür öffnen. Ein Riegel widersetzte sich. Aber was bedeutete ein kleiner, dünn gewordener Riegel! Im nächsten Augenblick hatte Don Lund Amey in die Arme gehoben. Er trug sie auf das Ruhebett, in die grüne Kühle, die dennoch von tausend Lichtfunken froh überstäubt war. Don Lund streckte Ameys Körper lang aus. Er bückte sich über sie und legte ihr die Hand auf die Stirn. »Auf die Länge der Zeit kommt es nicht an«, sagte er. Seine Stimme klang leise und eindringlich. »Die Länge der Zeit ist belanglos. Auf die Intensität kommt es an. Auf das höchste Ausmaß der Empfindung!« – Er strich mit der Hand dreimal leicht über die Stirn Ameys. Er hob seine Finger, deren einzelne Glieder schlank und lang und zueinander im gleichen Verhältnis standen, jedesmal behutsam in die Höhe, als nehme er einen Schleier fort. Als er zum drittenmal die Hand in dieser Weise von der Stirn Ameys entfernte, schlug Amey die Augen auf. »Wurde ich ohnmächtig?« fragte sie beschämt und ungläubig. Sie glitt schnell und leicht von der Couchette herunter. »Mir ist, als hätte ich mit köstlichsten Träumen geschlafen! Wie klug wir werden in unsern Träumen! Jetzt wollen wir zu unsrer lieben Nelli gehn.« Ameys Stimme staunte und war zugleich voll tiefer Zärtlichkeit. – Nelli lag auf der Terrasse zwischen den Orangenbäumen und den uralten Myrten in den gewaltigen Kübeln. Die ganze Luft war voll von dem schweren und leidenschaftlichen Atem jener Blüten, die von allen gesteigerten Stunden im Leben der Frau, denen ihre Schwestern von alters her die Krone flochten, angenommen haben. Nelli lag zwischen Kissen und Decken. Don Lund hatte alles angeordnet. Die alte Ariane und Elisabeth Ewald waren bei ihr gewesen. Nun hatte Nelli beide fortgeschickt. War sie auch bereits im himmlischen Jerusalem? Ihre Blicke wanderten von der langgestreckten Fassade dieses weißen, von der Sonne überglühten Schlosses die Terrasse herunter in verklärte Gärten, die dem Leben verwehrt sind und dem Alltag. Ja, nur solchen, die an das Leben kein Recht mehr haben, war der Zutritt erlaubt. Aber Nelli? Sie gehörte doch wohl nicht zu jenen? Sie fror ein wenig, sie war matt. Immer war da ein kleiner, scharfer Stich, wenn der Husten kam, und das Fieber vergaß sie an keinem Abend. Aber das alles war doch wohl nicht sehr schlimm? Oh, konnte denn noch ein einziger Mensch auf der Welt so glücklich sein wie sie? – Rosenrot flossen Erinnerungen über ihr abgezehrtes, kleines Gesicht. Sie waren so sehr gut zu ihr gewesen, seine Freunde in Friedenau. Aber doch, immer gegen Abend – etwas hockte ihr auf und ängstigte sie. Dann kam Don Lund mit der Geige. Dann entführte er sie in fremde Reiche, wo es keine Angst gab und keine Not. Das Frühlingslied von Mendelssohn zum Beispiel. Alle Vögel fingen an und alle Quellen. Die Knospen brachen auf, und der Wind, befrachtet mit den Geheimnissen aller Liebenden, tollte wie ein übermütiger Junge durch Felder und Wiesen. Ja, so war es: Don Lund spielte ein Nocturno von Chopin, und die dunklen Mäntel der Nacht sanken herab. Er spielte Bach – man stand im violetten Dämmer der Kathedralen, und hoch oben die Kreuze glühten vom Morgenrot. »Don Lund, mein Freund, mein Schönster, oh du mein Geliebter!« »Schläft sie?« flüsterte Amey, als sie mit Don Lund auf die Terrasse trat. Aber mit dem Tastsinn der Liebe, der auch durch geschlossene Lider die Nähe des Geliebten spürt, öffnete Nelli weit und glückselig die Augen. »Nelli, kleine Nelli!« Amey bückte sich über sie und streichelte das schmale, durchleuchtete Gesicht. Sie lachte und scherzte und versprach alle Königreiche. Sie dachte nicht einmal daran, oh, welcher Trost, daß es ihr nicht einmal in den Sinn kam, ob auch der Weg zu Nellis Wunder sie selber vielleicht an einem Unersetzlichen vorüberführen könnte. Amey ließ den Tee auf die Terrasse bringen. Helle zierliche Korbtische, altes Silber. Zwischen ängstlich zarten Täßchen, betupft mit China in rosa und grün und gold, zwischen Krausgebacknem und Splittergebacknem türmten Erdbeeren wie Korallenriffe. Amey und Don Lund reichten abwechselnd Nelli. Wie ein verwöhnter Kanarienvogel und als sei sie nie anders gewohnt gewesen, pickte und krümelte die kleine Kranke mit der silbernen Gabel an diesem und jenem. »Wenn mich nur niemand ruft«, sagte sie schelmisch von Zeit zu Zeit. »Wenn nur nicht gleich die Weckuhr schnarrt!« Und plötzlich setzte sie den Teller mit den Chinesen unter den zerbröckelten Kuchenstückchen auf ihre Knie, die sich ein wenig spitz unter der Decke abzeichneten. Ihre durchsichtigen Hände reichten nach rechts und nach links. »Erzählen«, sagte sie. »Bitte sprechen!« So erzählte Don Lund. – Als die andern zum Tee kamen, ging jeder behutsam, als dürfe ein Traum nicht gestört werden. – Sie sahen Nelli an. Ein Schein war dabei in ihren Augen. »Singen!« verlangte Nelli, als Don Lund schwieg. Da sangen alle! Jene Lieder der Burschen und Mädchen, wenn sie durch die Johannisfeuer springen, und die so überrinnend voll von Süßigkeit und Trauer sind. Aber während sie sangen, suchten Ameys Augen plötzlich in großer Bangigkeit Don Lund. Stand nicht etwas auf der Terrasse? Zwischen den überblühten Orangen? Es stand still, kühl und fremd und doch sehr nah. Und als Don Lunds Augen Amey antworteten, griff Amey aus den Massen von Rosen auf dem Tisch schnell eine einzige dunkelrote heraus. Sie legte sie Nelli auf die Brust. Amey und die alte Ariane hatten die Kranke zur Ruhe gebracht. »Gibt es hier nicht ein verwunschnes Zimmer?« fragte Don Lund, als er mit Amey die Terrasse hinunter in den französischen Garten schritt. »Gibt es nicht etwas Ungelöstes und Geheimnisvolles in der Geschichte der Hellbergs?« »Es ist wahrhaftig ein Ungelöstes in diesem Hause«, sagte Amey. »Ich war gerade in dem Zimmer, als Sie kamen.« Sie zog die Schultern nach vorn, als fröre sie. – »Ich muß in dem Zimmer schlafen. Bitte, ja. Kennen Sie nicht die Geschichte vom Hans, der das Gruseln lernen wollte?« Amey lachte. Wie Don Lund es sagte, stand das warme Leben um sie her. »Ich muß sein Bruder sein.« Auch Don Lund lachte. »Aber bei mir hat es noch eine andre Bewandtnis, daß ich immer vergeblich auf der Suche nach der Fischhaut war. Ich kenne die Geister zu gut. Ich stehe mit ihnen auf du und du.« »Ja«, rief Amey. »Stammen Sie nicht daher, wo die Leute das zweite Gesicht haben? Sie kommen vom Meer. Aber woher haben Sie den Beinamen der Heidjer?« Don Lunds Augen, die eben den kühnen Adlerblick alter Wickinge hatten, träumten. Der Duft der blühenden Heide schien um ihn, gilbende Birkenzweige. Eidechsen nahmen die Sonne schon wichtig. Bienen brausten. Und die alten Könige unter den Steinblöcken träumten von der Liebe ihrer Jugend. »Ich bin in der Heide geboren«, sagte Don Lund. »Jeden Herbst, wenn sie blüht, muß ich hin!« Amey sah ihn an wie einen heimlich Verschworenen. Allerdings. Auch sie war gerufen worden, diesen Winter! Nicht Ruh gegeben hatte ihre Landschaft. Blut und Erde. Wer würde dieses letzte Mysterium ergründen? Wie heimatlos sie waren, die Menschen der großen Städte! Ameys Blick umflorte sich leicht. »Aber kommen Sie nicht von einer Hallig? Jemand hat es mir gesagt. Ich glaube – Guntram Walmoden?« Ihre Stimme verriet Sorge. Zugleich war sie voll leiser Spannung. »Guntram Walmoden!« Don Lund wiederholte den Namen, wie man von einem hoffnungslos Kranken spricht. »Die Unruhe in dieser Uhr versagte.« »Ja, ja.« Amey betonte stark. »Die Ausnahmen bestätigen immer nur die Regel. Wenn ihre Zahl jetzt auch anschwillt wie Legion, und als ob sie selber das Unumstößliche wären.« Don Lund warf sich plötzlich mit dem Oberkörper zurück. Sie waren durch das Taxustor getreten. Die Landschaft lag fein gezeichnet und geheimnisvoll umblaut. Wie die Landschaft auf einem Bilde Lionardos. »Die Aktivität unsrer Rasse wird sich zuletzt immer dem Buddhismus widersetzen. Wir Westler bedürfen der Erlösung durch die Tat .« »Wie sehr ich um diese Anschauung gekämpft habe.« Amey atmete befreit. »Aber nun, wie war es mit der Hallig?« Don Lund lächelte. »Mein Vater war Halligprediger. Auf einem Fleck Erde, nicht so groß wie Ihr Park, Baronesse, hat sich meine Jugend abgespielt. Aber trotzdem . . .« Don Lund brach ab. Sein Brustkasten wölbte sich. »Das Meer?« Amey hatte plötzlich die Vorstellung einer außen getigerten und inwendig zartrosa gefärbten Muschel. Sie war ein kleines Mädchen und stand neben Onkel Rhabans Knie. Sie hielt die Muschel ans Ohr, sie hörte das Rauschen, und kleine geheimnisvolle Schauder liefen ihr kühl wie Wasserperlen den Nacken hinunter. »Ja, wer das Meer rund um sich brausen hat!« Don Lunds Nasenflügel witterten. Es schien, als schmecke er Salz. »Manche meiner Freunde nennen mich auch Sindbad, den Seefahrer. Wir Halligkinder haben alle Sindbadblut in den Adern. Stellen Sie sich vor, die Lockung: Jeder Gischttropfen, der die Insel übersprüht – und in diesem Augenblick springt sein Bruder über die Felsenriffe von Koromandel oder auf die Mole von Brooklin! – Und jeder gehorcht demselben Gesetz: wenn der Mond befiehlt, erhebt er sich, und wenn er anders befiehlt, streckt er sich nieder. Es gibt kein größeres Geheimnis als das Meer.« Er schwieg. Aber Amey sah es, als ob er mit der Hand darauf deutete: die fremden Frachten sah sie, an den Strand geworfen, und die fremden Toten. Aber ehe die Toten kamen, gellte es nicht: »Schiff in Not?« – Die Fedinge waren schon voll Salzwasser gelaufen, die Heuberge, wie Felsen vermauert, schwammen bereits. Die verkoppelten Schafe wurden losgerissen. Sind sie nicht höher als das Haus, die Wogen? Noch quält sich das Licht der Lampe durch die Ungeheuer mit den geschwollenen Bäuchen und den kochenden Mähnen auf zornig gespitzten Buckeln. »Wer auf der Hallig aufwuchs, keinem andern steht der ganze Erdkreis so nah. Und kein andrer ist so tödlich allein. Wer auf der Hallig leben will, der muß sich in Felsgrund verankern.« Don Lunds bartloses, kühnes Gesicht erschien wie aus Holz geschnitten. – »Die großen Städte überschreien alles.« Er sagte es bestimmt und schnell. Wie den Schluß einer Gedankenkette. »Der Kreuzberg!« dachte Amey. »Thomas! Der große Bruch!« Ihre Augen trauerten. – Hier gingen sie durch den gestillten Juniabend. Alle Blumengesichter waren entsiegelt. Das Licht starb nicht. Es ging nur, um anderswo Tier und Mensch und Blühen zu segnen. Die unzähligen Nachtigallen des Parks mußten schweigend warten, bis das Wunder neu über sie hereinbrechen würde. Aber in den uralten Baumkronen schwangen immerfort Melodien, als ob verborgene Hände harften. »Der Gott war nicht im Wetter und nicht im Erdbeben«, sagte Don Lund. »Im stillen, sanften Sausen war der Gott.« Seine Stimme hatte die Farbe der Stunde. Aber seine Augen waren voll kühner Bilder. Er hatte Amey nicht den Arm geboten. Aber wie sie neben ihm ging auf dem Rain zwischen betauten Wiesenflächen, dem frommen Veilchenblau abendlicher Berge entgegen, faßte ein Rhythmus ihr Schreiten ineinander wie der Bau einer ewigen, kostbaren Strophe. »Gehn wir nicht Hand in Hand?« Amey staunte. Losgelöstsein schwang in ihren Schritten, Befreiung vom Zufälligen, Zeitlosigkeit. – »Ich bin viel gereist«, sagte Don Lund. »Etwas fiel über mich her. Es hing mit der hygienischen Ausstellung zusammen, vor zehn Jahren. Alles in mir war erschüttert: Ich mußte fort und weiter sehen.« Er schwieg. »Bitte«, Ameys Stimme zitterte leicht. Sie war die Resonanz eines überwundenen Grauens. Aber schon im nächsten Augenblick tastete ihr Lächeln durch das blaue Licht des Abends. Sie warf den Oberkörper leicht rückwärts. – »Ich weiß es doch«, sagte sie. – »Alles klärte sich. Alles wurde zum Schluß ganz herrlich!« Sie standen Blick in Blick. Blut träumte hinüber in Blut, und Seele in Seele. Nur das stückweise Erdwissen um ihre gewesenen Tage und deren Ertrag blieb ihnen vorbehalten zu glückseligem Austausch. »Nun erzählen Sie, wie alles kam«, sagte Amey. Sie gingen wieder. Nicht näher, als daß eine Kerze zwischen ihren Schultern hätte brennen dürfen. »Daß scheinbar nichts Neues geleistet wurde!« sagte Don Lund – »das entsetzte mich. Daß man sich mit dem ewigen Kreislauf abfinden sollte! – Es gab Schädel auf der Ausstellung – aus Kent und Assyrien und aus Amerika. Sie hatten alle dasselbe kleine Bohrloch. Denken Sie: vor Jahrtausenden, in allen Erdteilen sind Trepanationen nicht anders gemacht worden, als wie wir sie seit fünfzig Jahren machen. Aber noch vor fünfzig Jahren waren unsre medizinischen Instrumente Folterwerkzeuge im Vergleich zu denen früherer Kulturen.« Don Lunds Stimme klang fern. Grenzlinien wurden weggeschwemmt. Zerstäubte Straßen standen ins Leben zurück, gigantisch, rheinentlang. Durchbraust vom Verkehr der Tagesposten. Paläste erragten, klare Tempel. Was bedeutete ein wenig Dampf? Oder Elektrizität gegen so hohe Festlichkeit der Gebärde! – Und übrigens – wer hatte die Geheimnisse jener Vergangenheiten ausgeschöpft? Gab es nicht Bauwerke, übertürmt vom Schutt spätrer und geringrer Kulturen, so kühn in der Konzeption, so maßlos in den Verhältnissen, so vollendet in der Ausführung – andre Kräfte als ins Joch gespannte Sklavenleiber hatten der Materialisation dieser Hochgedanken dienen müssen! »Zuerst ging ich nach Kreta«, sagte Don Lund. »Hippokrates zog mich. Das Wunder seiner Bäderanlage. Bedenken Sie: Steine, Meter im Geviert, ohne jede Bindung, nur durch das Gesetz der Schwere ineinandergefügt wie Glieder eines Leibes.« Er schwieg. Erschüttert von den Erinnerungen jener Eindrücke. »Wir haben ein paar Figürchen«, sagte Amey langsam. »Onkel Rhaban brachte sie mit. Sie müssen sie sehn. Damen der Gesellschaft aus jenem Kreta des Hippokrates. Sie haben Wespentaillen und tragen Perücken und Reifröcke wie die arme Maria Lezcynska und die Favoritinnen der letzten Bourbonen.« Amey schwieg. Etwas schien an ihren Wurzelfasern zu zerren. So wäre es immer das gleiche: Süßlicher Modergeruch und der große Barbarenansturm? – Es brauchten nicht immer die hellhäutigen großen Kinder zu sein aus dem gletscherkühlen Nordland. Irgendein Primitives. Irgendein seiner selbst Unbewußtes. Ein tierhaft Gut und Böse. Ein ganz Erdgebundnes. – Und Jahrhunderte saugten es frei zur Seele. Und es blühte und war schön und unschuldig und gläubig für eine Zeit. Und war das Ja der Welt . Bis die Süchte aufbrachen. Dann fing das große Kranken wieder an. Das Relative. Die lauen, erstickenden Wellen des Zweifels und die Ungeheuerlichkeiten des erschöpften Blutes. Amey wußte nicht, daß ihre Schulter der neben ihr ziehenden um eines Fingers Breite näher gerückt war. Wie eine ferne Legende erschien ihr das Leben, das sie gelebt hatte. Verblaßt, wie die Leben jener Gewesnen, für deren Ausmaß der Name einer Zahl noch nicht gefunden wurde. Zog sie nicht wie der Schemen ihrer selbst durch den verblauenden Abend? Wie die leichte, vergessene Gebärde einer ewig neu sich verschüttenden Hand? »Darf ich?« Don Lund legte den Arm Ameys auf den seinen. Wie ein Herr eine Dame führt. Aber dennoch, wie er ihren Arm erfaßte und trug, schien es Amey, als würden ihre Seele, die wie ein Falter zwischen dem Heut und der Ewigkeit taumelte, erfaßt und getragen. Wo war es gewesen? Goldner Kahn? Goldner Kahn? – – Aus der Enge eines umhegten Gartens trug ihn sein Segel in die Unendlichkeit des Raumes? Amey stand still, jäh. Zuckte ein Blitz hernieder? »Wie kennen Sie sich aus in diesem fremden Gelände!« sagte plötzlich Amey im Bemühen, sich zurückzurufen. Aber ihre Worte flatterten. »Ich bin die Herrin hier. Jede Wurzel und jeder Stein kannte schon meinen Kinderschuh! Aber Sie« – »Oh, ich bin Pfadfinder!« Don Lunds Stimme wollte sorglos sein. Beim letzten Wort brach sie vonsammen. Wie eine Frucht bricht von der Süßigkeit des Seims. Sie schwiegen. Sie bogen in die Allee ein. Ihre Linden waren über dreihundert Jahre alt. Man schritt wie in einem ungeheuren Tonnengewölbe. – Ein Kolüt flötete im Traum selig und bang. Ein weißes, wolkiges Ungeheuer tauchte auf. Es war der Schimmel des Milchwagens, der hinter seiner Laterne vorweltliche Dimensionen angenommen hatte. »Erzählen Sie«, bat Amey leise. Sie waren noch weit von der Burg. – »Ich ging nachher über den Peloponnes nach Indien.« Don Lunds Stimme hatte sich wieder in der Gewalt. »Ich habe mit den Hirten des Hymettos gelebt. Thymian und Menthe war unser Bett. Wir hatten Brot und Schafkäse. Aber oft genug war mein Mittagsmahl eine Handvoll grüner Oliven und ein Blick auf goldbraune, gestürzte Tempelsäulen. – Man mußte so lachen: Der Leipziger Platz mit Reklamen! Untergrundbahn! Sezession! Zeitung! Mein Gott – auf welchem Stern gibt es solchen Unfug?« Don Lund sah aus, als wolle er einen Stern so übler Sitte an den Ohren nehmen. Auch Amey lachte. Ihr Herz in ihr war groß und fremd und süß. »Ja, oder wenn man sich mit dem Hammer und dem Meißel in die Erdrinde einfrißt!« – Was an die dreitausend Jahre lang schlief . . . Stand er nicht plötzlich da? – Auch Amey mußte ihn erblicken: Hager, fremd, seine Blöße geborgen unter einem blutigen Fell: Jener früheste Mensch Europas. Auf dem unentfalteten Urgesicht die erste staunende Erschütterung des Bewußtseins seiner selbst. Eine leichte Kühle glitt über ihren Nacken. »Und dann« – Don Lunds Stimme stieg plötzlich – »dann wußte ich es. Mit einemmal war ich gewiß geworden: Nicht das ewige Rund. Wohl der Kreislauf – aber – in der Spirale. Und im Gipfelpunkt der Spirale – und in ihrem Herzen . . .« »Gott!« sagte Amey. – Erschütterte auch der Raum vom Schlag eines ungeheuren Herzens? Waren sie selber dieses Herzens Schlag? – Amey lehnte sich leicht an Don Lund. Sie wußte nicht, daß sie es tat. Eine Kerze zwischen ihren beiden Schultern hätte sie jetzt verschmolzen in einer Flamme. Aber in ihren Schritten stieg und fiel noch immer der Rhythmus jener uralten, köstlichen Strophe. »Erzählen Sie«, bat Amey. Sie waren noch immer fern von der Burg. »Ich kannte das Indien der Upanischads und das des Erhabnen, ehe ich Indien am Rande der Urwälder und in den Dschungeln erlebte!« Don Lund schwieg jäh. Sein Atem kam hörbar. Amey hob leicht die Handflächen. Ihr schlanker Hals streckte sich vorwärts. Ihre Nasenflügel witterten. Ihr schwingender Herrenschritt wurde behutsam, ohne an Sicherheit und Grazie zu verlieren. Sie hörte ein feines Knacken im Schilf. Die Nähe des Todes übersteigerte ihr Lebensgefühl zu panischem Rausch. Sie empfand die Blendung dieser metaphysisch grünen, blauen und roten Gestirne, die aufreizende Wildheit der Gerüche. Sie taumelte durch die süchtigen Nächte entschleierter Blüten. Zwischen trunkenen Verzückungen und phosphoreszierenden Agonien, zwischen Erdqualm, Moder, Ausgespienheit – und Katarakten von neuen Geburten. – Alle Menschengesetze entströmten wie Blut einer Wunde. Weltgrund brach auf, Krampf, Angst, kosmische Liebe: Geburt des Eros, welcher auch Thanatos heißt und bedeutet: letzte Vollendung. Sie redeten kaum noch. Amey empfing dies alles kaum in Worten. Es kam zu ihr geheimnisvoll. Wie Botschaft einer uralten, verlassenen Heimat, deren sie sich eben erst entsann. Plötzlich stand Don Lund still. »Ich war in der Wüste zuletzt«, sagte er sanft. »Vierzig Tage fastete ich am Fuße des Horeb.« – »Ja« – sagte Amey. Sie sagte es, als ob sie es längst gewußt habe. – »Ich las die Bergpredigt dort. – Es war das letzte, was mein alter Herr und ich zusammen lasen, als ich mit dreizehn Jahren die Hallig verließ!« – »Ja«, sagte Amey wie vorhin. Ein Ring schloß sich. Alle Höhen und alle Tiefen schloß er in wenigen Sätzen zusammen, einfach wie ein Kindergebet. »Selig sind, die reines Herzens sind . . .« In diesem Augenblick kam es von der Terrasse: Grell, dumpf – dumpf, grell – das Gong. Festlich, in rhythmischem Wechsel, wie es Giacomos Art war. »Wir kommen!« rief Amey. »Ich habe Konfessionen gemacht!« Don Lund staunte schamhaft ergriffen. Sie strebten voran zwischen den schwebenden Gerüchen des betauten Heliotrop. »Die Dunkelheit war schuld. Diese taumelnden Sterne. Man ist so körperlos. Die Seelen sind einmal so ganz aufrichtig miteinander!« »Und bei Tageslicht?« Auch Ameys Stimme bebte noch, wie sie zu scherzen versuchte. Aber schon ging sie wieder an diesem Arm ganz fest und sicher auf dem geliebten Boden der Heimat. Sie hatte die Empfindung, als ob sie ein paar große Cherubsflügel von den Schultern ablöste und bis auf weiteres in einer Truhe verschloß. »Oh, bei Tage . . .« – Don Lund lachte übermütig. »Man hat soviel zu tun. Man hat gar nicht Zeit.« – »Ist es dies?« dachte Amey. »Ist dies das einzige, worauf es ankommt: Gott leben! – Bei Tag! Wenn die Welt erst still wird, – oh – zum Lohn darf man dann ein wenig über seinen Geheimnissen träumen!« Das heftige Glück des Entdeckers färbte ihre Wangen, wie sie in den Bereich der erhellten Terrasse trat. – – – –   Man hatte sich zur Nacht getrennt. Don Lund schwang sich auf die Fensterbrüstung des Spukzimmers. Der französische Garten lag wesenlos und zugleich leidenschaftlich aneinandergedrängt unter der schmalen Sichel des jungen Mondes. Der Jasmingeruch lastete hier. Das Lusthaus am Ende des Rosenspaliers erschien unter der grünlichen Patina seines Kupfers wie überlaufen von Gletscherwassern. Die Frösche konzertierten. Ihre Chöre trugen eine einzige letzte und seltsam verschlossene Nachtigallenstimme. Don Lund sann: Die Frösche, die einzelne Nachtigall, der Jasmin? Ob auch hier die Aldobrandinische Hochzeit über dem Spinett und in verblaßten Farben an der Wand des kleinen Lusthauses gemalt war? Erinnerungen . . . Würde sie nicht sogleich hereintreten, im dunkeln Mantel? Don Lund glitt herunter von der Fensterbrüstung. Er stand steil. Seine Nägel gruben sich in das Holz der Fensterverkleidung. – Stand er nicht einmal schon grade so? – – Sein Atem stieß, als er sie wieder lebte, jene Nacht. – Das Gesicht war ihm längst bekannt gewesen. Konnte man nicht jede Woche fast das Porträt in irgendeinem illustrierten Blatt finden? Auf Rennplätzen, bei Kaisermanövern, auf Jagden, Skier an den Füßen, auf Indiendampfern, in Prunksälen? Immer mit dem gleichen, verächtlichen, firnkühlen Lächeln um die Lippen. Durch Zufall war Don Lund trotz der nahen Verwandtschaft seiner Herrschaften und dem regierenden Hause bisher niemals in persönliche Berührung mit der Herzogin Anna Sibylle gekommen. Jetzt war sie Gast auf Solitüde, einem kleinen, sommerlichen Barockschloß ihres Schwagers. – Man hatte Vollmond. Das Heu stand in Hocken. Man lebte ein wenig à la Trianon. Die petits bals champêtres waren an der Tagesordnung. Es gab auch ein Naturtheater, verschnittene Buchenhecken. Don Lunds Herrschaften waren nicht sehr wohlhabend, aber sie hatten Kultur und Geschmack. Es gab ein kleines, feines Melodrama auf dem Naturtheater. Der Verfasser wünschte nicht genannt zu werden. Aber die Herzogin Anna Sybille und Don Lund waren die Hauptdarsteller. – Einen Atemzug lang, während einer Probe hatte Don Lund das Gesicht seiner Gegenspielerin verändert gesehn. Er mußte sich getäuscht haben. Ein leises Schlagen der Wimpern – ein kurzer, flimmernder und hingegebener Blick. – Es war unmöglich, selbst im Affekt des Spiels. Am Haupttage waren sich auch alle Zuschauer einig, daß Anna Sibylle, so blendend sie aussah, durch ihre Unbewegtheit die Wirkung des Stückes ein wenig beeinträchtigt habe. An diesem Tag sah Don Lund zum erstenmal den regierenden Herzog neben seiner Gemahlin. – Die Ehe war kinderlos. – Die Rennen begannen. Der Herzog reiste schon am folgenden Tag. Die Herzogin wünschte noch zu bleiben. Die ländliche Ungezwungenheit war heilsam für ihre Nerven. Man lebte weiter im Freien. Es gab Picknicks, Jagden, Tennis, Ruderpartien. Man kam kaum noch ins Haus. Die Herzogin befahl Don Lund des öfteren zu ihrem Partner. Niemand fand es ungewöhnlich. Am wenigsten Don Lund selber. Seine Ausnahmestellung an dem kleinen Hofe war etwas, das nicht mehr erörtert wurde. Dann wurde ein Tag endgültig für die mehrfach verschobene Abreise der Herzogin festgesetzt. Der letzte Abend kam. Man hatte bis spät auf den Wiesen getanzt. Verschiedene eifersüchtige Herzen atmeten auf. – Es gab immer eifersüchtige Herzen in der Umgebung Don Lunds. – Anna Sibylle beachtete Don Lund wenig an diesem Abend. Als sie ihn verabschiedete, war sie ganz regierende Fürstin, ganz Etikette, das firnkühle, verächtliche Lächeln um die geschwungenen Lippen. Nein – morgen früh – sie wollte den Unterricht nicht unterbrechen – Don Lund und sein Zögling waren beurlaubt. Nach Mitternacht war es dann . . . Don Lund fühlte wieder dieses seltsam Ziehende in seinen Gliedern. Sein Atem kam mühsam. Er mußte immerfort an diesen kleinen Blutstropfen denken. Wie eine winzige rote Perle stand er auf der etwas vorgeschobenen Unterlippe dieses unbändig hochmütigen Gesichts gegen den Türpfosten seines Zimmers gelehnt. »Hoheit befehlen . . .« Don Lunds Stimme klang fern und metallos. Nein. Es kam kein Befehl. Anna Sybille stand steil. Plötzlich begann sie. Sie warf sie hin. Achtlos, wie man Dinge hinwirft, die einen nichts angehn: Die Geschichte ihrer Ehe. Sie verachtete ihren Mann. – – – Sie war jäh wieder verstummt. Sie sah Don Lund an. – Ja – kann man zum zweitenmal so vollkommen das gleiche sich einbilden? Bis auf das Schlagen der Wimper? Don Lund beugte den Kopf etwas vor. Seine Hände wurden eiskalt. Aber sie rührten sich nicht. Im nächsten Augenblick riß sich die Herzogin zurück wie zur Flucht. Aber von der Heftigkeit der Gebärde hatte sich der dunkle Mantel ein wenig verschoben. – Über der Brust. – Sie war ausgegangen, wie Monna Vanna ausging . . . – – – Don Lund fing an zu gehen. Hin und her. Mit schwingend hastigen Schritten. Warum heut? Warum trat dies heut zu ihm? War es nicht abgetan längst? Aber es wurde ihm wohl nicht gespart. Es gab geheime Boten, die Stunden aufriefen. »Amey!« Er sagte diesen Namen, wie er bisher gesagt hatte: »Gott!« Dann trat er noch einmal hinzu. Nahe. Wie damals. Als sich der dunkle Mantel verschob und die Gestalt darin taumelte. Er saugte den verwirrenden Duft eines reifen, köstlich gepflegten und entflammten Leibes. Er hörte seinen Atem keuchen. Der Schweiß trat in kleinen Tropfen aus seiner Stirn. »Erlöser« stammelte eine Stimme, die sich nicht mehr in der Gewalt hatte. – Eine zitternde Hand tastete an seinem Hals . . . . Da hatte Don Lund vergessen, daß die hochmütigste Frau des Landes zu ihm gekommen war. Wie mußte sie mißhandelt sein in ihrem Tiefsten und Süßesten! Die vielen standen vor ihm – die vor ihr kamen, bei Nacht und bei Tage, verhüllt oder entblößt. – Was war um ihn, daß man ihn unaufhörlich bedrängte? Sein Vater hatte ihm einfach und klar die Richtung gezeichnet. Zehn eherne Säulen türmten sich wegentlang. Warum machte man ihm den Weg so hart? – Oder ging es anderen ebenso? Würde dies die ewige tödliche Lockung bleiben zwischen Geschlecht und Geschlecht? Gab es keine andere Erlösung als durch das Blut? »Du sollst nicht ehebrechen«, befahl plötzlich Don Lund. – Er hatte keine andere Waffe gewußt. Er stieß die versucherische Hand zurück. Ein Lachen klirrte. Als er sich wieder umkehrte, war der Spuk zerronnen. Hatte er geträumt? – Aber am andern Morgen – Nun, man redete nicht laut über die Einzelheiten. »Die Herzogin war plötzlich verstört worden«, stand in den Blättern zu lesen – vom Fieber befallen. – Sie hatte wohl gemeint, ein Bad . . . Aber diese ganz von grünen Linsen und Algen überdeckten toten Teiche wie schamlose Verräter sie sind! Don Lund und sein Zögling machten oft zeitige Morgenspaziergänge. »Ein Schwan, Doktor Lund? Wie kommt ein Schwan auf den toten Teich!« Im nächsten Augenblick gellte eine junge Stimme. – – – Jeder wußte davon. Man wußte auch noch mehr. – – Aber von all diesem konnte natürlich nicht laut gesprochen werden. – – – Pfui! – Don Lund atmete hart. – Die Welt war schamlos unter der dünnen Oberschicht. Wie die trägen, toten, überwachsenen Teiche. – – – »Erlöser!« – Nun – wer die zehn ehernen Säulen wegentlang stehen weiß, mußte sich wohl nicht bei solch einem hingebrochenen Stolz aufhalten? Um eine Erlösung sich mühen jenseits des Blutes? – Etwas durchschütterte seinen ganzen Körper. Aber er riß sich sogleich zusammen. Er setzte seine Zähne fester aufeinander. Dies war unwiederdringlich. – Er stand lange bewegungslos. – Wer ging durch das Leben ohne eine heimliche Wunde? Er machte eine abweisende Handbewegung. Ein jeder mochte fremde und dunkle Kapitel haben im Buche seiner Zeitlichkeit. Don Lund sann. »Mein alter Herr!« sagte er plötzlich. »Mein lieber, alter Herr!« Seines Vaters Gesicht stand vor ihm. Bartlos, kühn, gebräunt wie das seine. Hart, wie aus dem Alten Testament. Dieses Gesicht entfaltete sich plötzlich, erlöste sich im Wunder letzter Hingabe. – Schuld? sagte etwas in Don Lund. – Etwas schien aufs neue ihn zu reißen, als wanke der Boden unter seinen Füßen. Aber – wie er noch stand, als ob er einen neuen Halt brauchte, eine tiefere Eingründung – etwas kam zu ihm – verschwebend über den lastenden Jasminen der Nacht, ein Duft süß und keusch. »Amey!« stammelte Don Lund. Wie er bisher allein gesagt hatte: Gott! – Da stürzte Don Lund in die Knie. – – – Er blieb lange in dieser Stellung. Das Gesicht in den Händen, inbrünstig, gestillt und vergeben. Wie der weite Pilger vor dem Schrein. – Nachher tastete seine Hand . . . Ein Schal lag auf der Truhe, neben der er kniete. Er war sanft und seidig und erdelos. Wie eine Wolke. Von ihm kam der Duft. Der schmale, junge Mond berührte ihn. Er war von krokusblauer Farbe. Don Lund warf sich auf das Ruhebett in seinen Kleidern. Er bettete sein überflammtes Gesicht in den Schal. »Der Hans, der das Gruseln kennen wollte«, sagte er, leise und selig lachend. Die Spannung seiner Glieder löste sich wie seine Seele. – – – Don Lund konnte nicht lange gelegen haben, als diese seltsame Kühle über sein Gesicht ging. Er sprang auf. Er warf sich gegen die Tür. Gegen dieselbe Tür . . . Scharf und tödlich gerichtet stand er. Wie im Harnisch. Auf der Stelle, von der es hieß, daß der unterirdische Gang von der Ruine dort münde, was wehte dort? Wie eine blaue Wolke. Eine gebückte Gestalt? Sie suchte, und suchte. »Wer ist es?« dachte Don Lund. »Was wird gesucht?« Eine weiße, sehr schmale Hand – kannte Don Lund nicht diese Hand? – nahm Scherben auf – Oder Tränen? Es war mühselige Arbeit. – Aber nun hatte sie wohl alle beisammen. – Ja, und nun sah Don Lund auch das Gesicht. Er erschrak. War es jene Frau aus der dunkelsten Nacht seines Lebens? – Hatte sie ihn angesehen mit diesem verführerischen Giocondalächeln? Aber ihre Hände bluteten. Das konnte Don Lund nicht ertragen. Er nahm behutsam die scharfen Splitter aus den armen Händen und von ihm berührt, fügten sie sich ineinander wie Kristalle mit zartem Klingen und formten ein Herz. Es erschien wie durchlodert. Als Don Lund das lodernde Herz zurückreichte, erkannte er das Gesicht. »Dein Herz, Amey,« sagte er, »Dein Herz?« Er sah zu, wie sie ihm den Panzer abnahm und ihr flammendes, seliges Herz in seine Brust setzte. Die Brunnen der Ewigkeit rauschten. – – – – – Der Himmel war zart rosa geworden und perlgrau und wie Emeranthen. Die Sonne sollte geboren werden. Don Lund saß auf dem Ruhebett, sein Gesicht in den Schal Ameys verborgen. Mit wachen Augen träumte er noch einmal den Traum der verflossenen Nacht. Da wußte er: Nicht den zehn ehernen Gesetzsäulen, die sein Vater am Wege seines unbewahrten Herzens errichtete – seinem eigenen Gesetz hatte er gehorchen müssen. Sein eigenes Gesetz aber befahl den Harnisch um den Leib; bis die eine Frau zu ihm trat, die das kristallne Herz mit der Flamme trug, und ihm in die Brust setzte. Er würde nicht wissen hinfort, ob es das ihre war oder das seine. – – – – – – – –   Es war ein Morgen wie am siebenten Schöpfungstage. Ameys Augen suchten Don Lund am Frühstückstisch. »Er kann es nicht länger ertragen«, sagte leise lachend die Bronklava, während Amey wieder diesen herrlich gestickten Kimono aus violetter Seide an ihr bewunderte. Eigentlich war er viel zu kostbar für die Gelegenheit und ein wenig phantastisch. Aber er war das einzige Stück, mit dem die kleine Malerin Staat machen konnte. Sie trug ihn dauernd, zu Ehren der Burg und Ameys. Die Bronklava deutete auf Marsyas, der nachlässig eine Mappe auf einem kleinen Nebentisch deponierte. Als Amey seine Not erkannte, legte sie sich sogleich aufs Bitten. Sie hatte ihre Gäste zu einem Wettbewerb aufgefordert. Auf einem Vorwerk sollte ein neues Inspektorhaus gebaut werden. »Oh, Marsyas!« sagte Amey, während der lange Mensch, entirdischt vor Erwartung, anfing, die kleinen braunen Perlhuhneier auf dem Tisch zu rollen. »O Marsyas! –Ja, wenn ich mir einmal ein Mausoleum bauen lasse!« – Amey hielt den Bogen mit dem mathematisch kühlen und kristallinisch zusammengeschossenen Tempelgebäude auf Armeslänge von sich entfernt! Der Professor riß an seiner meeresblauen Krawatte. Er war zu schüchtern, ohne Aufforderung sofort nach seinen Skizzen zu stürzen. Wenigstens zehn Hausmodelle hatte er fertig. Manche sahen aus wie Pilze und andre wie Drachen. Sie hätten jedes Märchenbuch zum Siegeszug geführt. »Wir brauchen rundum einen Zypressenhain.« Amey reichte das Blatt der Bronklava. Die schönen und schlimmen Hexen wurden lebendig in den dunkeln Wäldern ihrer Augen. »Aber bedachten Sie gar nicht die arme kleine Frau Inspektorin?« Sie fragte streng. »Wenn Sie nun einmal ihrem Mann einen Knopf annähen müßte! Oder sie hat Kaffeekränzchen mit Frau Kantor? – Ja, und wo soll sie wohl Grützwürste stopfen in so ungeheurer Feierlichkeit?« Marsyas sah erschreckt auf seinen Grabtempel. Seine Fingergelenke mußten alles entgelten. Aber er mußte mitlachen, als die andern lachten. »Jetzt sieht man, wie nötig es war, daß sich die Frauen endlich des Baufaches erbarmten!« Der kleine Hans Feldmann, der Dichter und Königssohn durch Ameys Veilchenstrauß hörte Hymnen, sobald Amey ihn nur ansah. »Ja, ihr denkt immer an die Feste und Weihestunden und an die Affekte«, sagte Amey. »Wie sich das übrige macht, das überlaßt ihr uns gern!« Zugleich suchten ihre Augen fortwährend. Don Lund – wo blieb Don Lund? Und sie dachte: »Das Leben! Ist es nicht Fest und Weihe von Sonnenaufgang bis Niedergang? – »Wir einigen uns noch, Marsyas!« Sie nahm ihn sanft und lachend bei der ungebärdigen Künstlerlocke. Nur müssen Sie nicht vorher Ihren letzten Finger geopfert haben! Lassen Sie uns arme Frauen ein wenig mit kalkulieren. Bei Inspektors gibt es nämlich leider Plüschmöbel in der besten Stube. Aber mein Patchen ist so süß! Und dann – wir sind nun doch in Niedersachsen, wo Widukind so zäh an den alten Göttern hing. Ohne Wotans Pferdeköpfe auf der Dachhaube kommt hierzulande wirklich kein Glück ins Haus!« Gerade in diesem Augenblick hörte man in der Ferne des Parks eine starke jubelnde Stimme: »Wie herrlich leuchtet mir die Natur . . .« Es war die d'Albertsche Vertonung, die von Leidenschaft schwingt. Amey strich Elisabeth Ewald übers Haar, wie sie ihr den Honig hinreichte. Die Tränen traten ihr in die Augen vor Glück. Nicht lange danach stand Don Lund am Fuß der Terrasse. »Es gibt viele Mäuse und viele Haselnüsse heuer«, rief Don Lund. »Das bedeutet harten Winter. Meine Freundin, die alte Ariane, versichert mir eben, es käme Krieg. Das Gejaid hat in den zwölf Nächten arg unter den Baumwipfeln gehaust.« Er schwieg sekundenlang. Sein Gesicht, das eben ganz hell und gelöst erschien, spannte und erhärtete sich. »Der Wald und die alte Ariane werden recht behalten zuletzt«, sagte er langsam. »Auf den Halligen geht eine Rede von alters her. Ole Aye, der Schäfer, hatte es von seinem Vater, und der wieder von seinem: In hundert Jahren sollte ein Krieg über die Welt kommen. Dann würden die Menschen auf der Erde, in der Luft, auf dem Wasser und unterm Wasser einander erschlagen. Und viel Land wird zur Wüste werden. Der Krieg wird beginnen, wenn die Sonne am schärfsten brennt. Und Städte und Dörfer werden untergehen. Und werden viele Orte sein, wo die Mädchen ohne Freier bleiben.« Es war, als habe Dornröschen zum zweitenmal sich an der goldnen Spindel gestochen. Marsyas ließ einen schönen Schinkenbissen auf der Gabel schweben, und die Teetasse in der Hand der Bronklava zitterte im Morgenlicht. Don Lunds Augen gingen von einem Gesicht zum andern. Sie prüften. Sie forderten. Dann hafteten sie an Amey. Er sah die fremde, tiefe Blässe ihrer Haut und zugleich den kühnen Glanz ihrer Augen. »O loderndes Herz!« sagte etwas in Don Lund. »O Herz aus Kristall mit der Flamme!« Er preßte sekundenlang die Hand auf die Brust. Er schlug die Lider über seine Augen, ehe sie ihn ganz verrieten. Dann kam er die Terrasse herauf. »Herrin, seid gegrüßt!« »Seine Nacht?!« dachte Amey. »Oh, unser gestriger Abend!« Aber zugleich mußte sie denken: Krieg! Und dann wieder schien dieses ungeheure, zerstörerische Wort noch eine andre Bedeutung zu bekommen. Irgendeine fremde, harte und zuletzt heiligende Schöpferkraft schien sich darin zu verbergen. Amey grübelte, während sie Don Lund mit Tee versorgte. »Wann werden die hundert Jahre um sein?« fragte sie plötzlich. »Mit kommendem Sommer!« Sie schwiegen alle. Sie sahen sich an. Das Ungeheure schien unter ihnen zu stehen. »Wir haben mancherlei Wissen auf den Inseln.« Don Lund hatte sich an den Frühstückstisch gesetzt. »Aber am liebsten nehme ich von meinem alten Freunde, dem Heideschullehrer. Er hat es aus Büchern und Sternen. Und von Tieren und Pflanzen. Erde und Sonne haben augenblicklich das weiteste Maß der Entfernung voneinander erreicht. Weltwinter steht vor der Tür. Das große Muspili. All dies – »wie wir's so herrlich weit gebracht« – es ist schon die große Entartung. Der Anfang vom Ende.« Don Lunds Augen stürmten. Sie hielten Gericht. Plötzlich rief er sich zurück. »Aber im Winter ist Weihnachten«, sagte er. Amey faltete ihre Hände im Schoß. Sie hatte die Empfindung, jemand – ein Teuerster – stürmte von ihr fort in Rauch und Blut und riß sein Pferd zurück – und war wieder bei ihr und sagte: Auf Wiedersehen! – Sie sah Christrosen blühen unterm Schnee. »Aber wenn der Fenriswolf die alte Erde verschlingt – wenn der Gott am Windbaum sich opfert« – rief Don Lund – »wir werden wieder vor die großen Entscheidungen gestellt werden. Es wird wieder Gut und Böse geben in der Welt. Wer nicht für mich ist – der ist wider mich. Wir müssen der neue Anfang sein. Helf uns Gott!« Es war Klirren in seiner Stimme. Alle Bereitschaft zum Letzten, damit ein Erstes leben könne. Der Professor sprang plötzlich von seinem Stuhl auf. Er verschüttete ein wenig Tee auf das blendende Tischtuch. – Aber es schadete nichts in diesem Augenblick. Seine kurzsichtigen Kinderaugen bohrten in die Zukunft. »Die neue Erde« –, stammelte er. »Gott helfe uns!« »Die Zukunft,« sagte Marsyas, wie er sich zu einem Horn zerbog, und seine sämtlichen Extremitäten um die Lehne und die Beine seines Gartenstuhls wickelte. »Die neue Liebe«, sagte Don Lund. – Er sah Amey an. »Aller Haß ist nur für die neue Liebe. Das Böse muß sein um des tausendfältigen Guten willen. Die neue Menschheit und der neue Gott!« Er dachte nicht geringschätzig von dem Zeitalter der Auflösung, der großen Fieber, der großen Schreie und der leidenschaftlichen Zerstörungen. – Er wußte, daß zwischen dem Jetzt und dem Aufstieg das Chaos brodelte. Und er empfand sie, die fahlen, nüchternen Übergangsstunden vor Sonnenaufgang. Aber Schöpferwille erkeuchte bereits im Glauben den Gipfel. Er vernichtete nicht mehr. – Er gründete bereits. Er sah sie schon ragen, die Tempel in die reine Herbheit des neuen Morgen. – Don Lund hob die Arme zu Amey hin. Leicht wie zum Spiel. Aber jeden Muskel gespannt. Er ließ sie wieder fallen. Sekundenschnell war die Gebärde. Aber Amey hatte die Empfindung, als hätte er sie über eine brennende Welt hinweggetragen. »Und nun«, wie ein Ferienjunge sah Don Lund aus. Seine Stimme schwang im Übermut. Etwas war zu entspannen. »Nun aber,« rief er, »meine Halligleute wissen viel und meine Heideleute wissen noch mehr, und die alte Ariane weiß am allermeistem Jetzt aber soll mir das Schloßfräulein sagen, was keiner von allen weiß: was bedeutet es, daß ich immer wieder neue Züge von Staren fliegen sehe über dieses gesegnete Land?« – »Es bedeutet, daß die Kirschen reif sind«, rief beseligt Amey. »Gar nichts anderes kann es bedeuten. Heute nachmittag setzen wir Nelli und Elisabeth in den kleinen Jagdwagen, und wir haben Pferde und Räder und den Landauer. Für jede Individualität sind Möglichkeiten zum Ausleben vorhanden. Am Söderhang wollen wir das Kirschfest feiern wie die Naumburger mit dem bösen Ziska. Oder war es Prokop? Ach, wahrscheinlich war es Prokop? Nur daß alles herrlich ausging, habe ich behalten!« – – – – – – –   »Ich muß übrigens Ihre Augen wieder besehen, Professor«, sagte Don Lund, wie sie am Nachmittag mit ihren Tellern um die Gebirge von Schwarzkirschen und Herzkirschen und Ammern und Knorpelkirschen auf dem warmen Grase des Söderhanges lagen. Nelli allein weich gestützt und gebettet zwischen Don Lund und Amey. »Meine Augen, wieso?« Der Professor riß die Lider voneinander, daß man es mit der Angst bekommen konnte. »Sie haben wieder eine gewisse Art, das Leben von der Seite zu nehmen.« »Daran ist der dicke Ede schuld.« Der Professor machte zwei tief resignierte Wangenfalten. Aber er nahm zugleich eine neue Handvoll von den kleinen Schwarzkirschen mit der süßen, klebrigen Seele. »Ich saß in der Quinta als Letzter auf einer Bank von zwölfen. Der Nutzen war gering, wenn man in meine Extemporale Einsicht nahm. – Ich verschimpfierte im allgemeinen bloß die Löschblätter mit Sezession. Aber der linksseitige Nachbar vom Ede, der schrieb die guten Diktate. So hatte ich beim Schreiben immer eine gepolsterte spanische Wand vor der Nase.« Der Professor lachte gutmütig. »Überhaupt!« »Ja, überhaupt«, sagte der kleine Feldmann. Wenn er Amey ansah, hörte er sogleich das himmlische Konzert mit großem Orchester. Aber wenn er heute nicht der Königssohn war, der auf bäumendem Roß die Prinzessin in sein Reich entführte . . . Hing es am Ende mit jenen Jahren zusammen, für die sein guter Vater sich so abgequält hatte? Schließlich mußte er ihm doch den Schmerz bereiten, daß er mit eingezogenem Schwänzchen neben der stattlichen Pforte des Abitur durch das niedrige Seitentürchen des Einjährigen herausschlich. Was aber galt in einer Familie, wo seit zweihundert Jahren Examina über allen Menschenwert entschieden hatten, jemand ohne Maturum? »Es gab allerlei Unglück. Allerdings.« – Don Lunds Gedanken waren eigene Wege gegangen indessen. Überwundene Wege. Die dennoch ihre Spuren der Seele eingekerbt hatten. Wie kam er doch plötzlich in den Teufelswald. Tief drin, bei der schwarzen Kuhle? Man nahm den Weg dorthin nicht gern. Aber er war mit dem Spürsinn des Jagdhundes gegangen. Organe, von der Zivilisation seit Jahrtausenden außer Übung gesetzt, funktionierten in ihm noch wie in unsern Urvätern. – Und dann sah er ihn vor sich stehen, abgemagert, die Spuren im Freien verbrachter Nächte und jammervoll geächteter Tage in den wilden Augen, den Strick in der Hand. Zum Tesching hatte es nicht gereicht. – Don Lund lächelte gütig. Aber in der Art, wie er seine Hand schloß, lag Unerbittlichkeit. Wenn der Name Mathes Elert auf dem Gebiete des Kunstgewerblichen heute einen bedeutsamen Klang hatte . . . Nun, mußte es erst dazu kommen, daß er aus dem Irrgarten von Wollen und Drang und Unvermögen keinen anderen Ausweg gesehen hatte als den Strick im Teufelswald? »Darum wurden Sie Erzieher?« fragte Amey sanft in sein Schweigen. – »Er wollte der Jugend zu Hilfe kommen«, dachte sie. – »Wie wenig weiß ich von all dem!« »Erzieher? Mein Gott, was bedeutet das nun wieder?« Die Bronklava schlug die langen, ein wenig kirschfleckigen Hände ineinander. »Der Heidjer spielt Geige, und wir haben voriges Jahr ein entzückendes Lustspiel von ihm aufführen sehen. Es hatte gerade so viel Satire, wie man Soya nimmt, um ein ganzes Reisgericht bedeutsam zu machen. – Die Rettungshäuser und die Gefängnisse kennen ihn. Und die Nervenärzte haben ihn, glaub' ich, etwas auf dem Strich. Es heißt, er pfuscht ihnen ins Handwerk, was gewiß nicht fair ist, für jemanden, der auf Augenarzt studiert hat. Aber Erzieher . . .« Sie schüttelte unglücklich und heftig die blassen Pagenlocken um das hagere Gesicht mit der starken Nase. »Aber ich verstehe nicht.« Don Lund lachte. »Ich weiß nicht, auf was für ein Monstrum von vollkommenster Langeweile Sie abzielen können, Fräulein Bronklava. Ich bin unschuldig wie ein neugeborenes Kind. Aber wenn Sie es mir nicht verübeln wollen, ich bin wirklich von Haus aus Philologe.« »Ja, aber Sie haben doch nicht richtig unterrichtet?« rief Marsyas, gnadenlos gegen alle zehn Finger. »Ich bin der Herr, dein Arzt«, sagte fern wie im Traum die kleine Nelli. Ihre Augen gingen zu Don Lund. Sie brachte sich ihm dar mit diesem Blick ohne Verhüllung. Wie eine jenseitige Seele. Don Lund strich ihr die Haare aus der durchsichtigen Stirn. Sein Blick ruhte warm und innig auf ihrem gezeichneten Gesicht. Wer einmal in seinem Leben sich unterfangen hatte zu richten nach dem alten Gesetz, konnte er je vergessen nach dem neuen zu lieben? – »Müßten wir unsre Kleine auch jetzt nach Hause fahren?« Aber Nelli wehrte ab. Ihr Kopf, wie ein müder Vogel, schwankte auf seinem Stänglein. Als Don Lunds Arm ihn stützen wollte, begegnete ihm auf dem Wege ein anderer Arm. Amey zögerte. »Beide«, rief Nelli, die das Zögern empfand. Ihre früher unentfaltete Stimme hatte die zärtlichen Biegungen und den anmutsvollen kleinen Eigensinn vom Glück verwöhnter Kinder. Sie erinnerte an die Stimme Ameys. Amey und Don Lund gehorsamten lachend. Als sich ihre Arme in Nellis Nacken verschlangen – »wie er sie ansah, die Kleine!« mußte Amey plötzlich denken. Der Boden unter ihren Füßen schien zu schwanken. Ein leichter Nebel entformte ihre Umgebung. – Aber diese Empfindung währte kaum sekundenlang. »Ich sollte sie nicht führen zu ihrem Glück?« dachte Amey in Schmerzen. »Diese armen, ermüdeten Füße!« Sie bückte sich schnell über Nellis Stirn und küßte sie. Als sie sich wieder aufrichtete, sah sie Don Lund an. Alle Fruchtgärten der Erde gehörten ihr zum Verschwenden. – Die Augen der anderen hafteten an der Gruppe dieser drei, die in eins verwachsen erschienen. Hafteten scheu. Etwas schmerzte und griff hinweg. Aber ein anderes wollte tiefer greifen und höher heben. Ein Namenloses, über allem Wandel und Tagspiel. »Ja – aber Augenarzt!« Der Professor atmete mit einem tiefen Ruck. »Zunächst einmal doch Augenarzt!« – Er nahm die Brille ab und starrte Don Lund an. Lächerlich ungläubig und ein wenig seitlich, wie er zur Zeit das Leben nahm. »Erzählte ich Ihnen nie davon?« Don Lund antwortete dem Professor. Aber er meinte Amey. »Mein alter Herr war die Ursache. Etwas für einen Halliger ganz Unerhörtes kam über ihn: Der graue Star. Das erschien mir unmöglich, daß mein Vater einmal nicht mehr sehen sollte.« »Ich habe schon von manchen Leuten gehört,« Ameys Stimme staunte und frohlockte, »die um das Augenlicht ihrer liebsten Menschen zitterten. Die gingen dann zu einem Spezialisten. Daß aber einer gleich selber die schwierige Wissenschaft erlernt hätte?« Don Lund lachte. »Deren bester Freund war eben nicht der Heideschäfer. Und auf der Hallig. Man ist wahrhaftig daran gewöhnt, eine Sache selber in die Hand zu nehmen. Wenn es nicht gleich etwas ganz Unmögliches ist!« »Oh, oh!« Amey lachte. Ihre kleine homöopatische Apotheke fiel ihr ein. Freilich, wenn nun der blanke Hans sich noch gegen den Doktor verschwor! »Ich hatte an einer uralten Näherin beobachtet, daß der graue Star wieder zurückging. Der Gedanke, daß man durch Kunst etwas bessern könnte, was die Natur von selber wieder gut macht, liegt schließlich nicht sehr fern. Nun, und dann macht man eben seine Versuche.« »Wie war das? Bitte!« »Ich weiß nicht.« Don Lund zögerte. Er sah Amey an. »Nein, ich darf doch«, sagte er schnell. »Sie gehören nicht zu den Menschen, die das Resultat wollen, aber den Weg dazu fürchten. Es ließ sich in diesem Fall ohne die Hilfe des lebenden Tieres nichts machen.« Ameys Augen weiteten sich sekundenlang. Sie legte ihre freie Hand wie zum Schutz auf den Kopf von Blanchefloor, der schmal und silbergrau und hingegeben auf ihren Knien lag. Ja, dies war es: der Mut zu der letzten Entscheidung war dieser Zeit abhanden gekommen. Sie wollten das eine und konnten das andere nicht auf sich nehmen. Als ihr Ahn den Halbmond von Aleppo herunterriß, konnte er nicht rechts sehen und nicht links, ob der Huf seines roten flammenden Rosses ein verzuckendes Glied schlug. Aber alle diese Hingemähten waren zuvor dem einen Fanal gefolgt, dem lodernden Kreuz. Amey wußte nicht, warum ihre Gedanken plötzlich so fern und hoch reisten. Hatte Thomas recht? Waren die Zeiten wirklich ganz und gar gestorben, wo die Menschen einen wahrhaftigen Haß kannten und eine wahrhaftige Liebe? Und wo sie bereit waren zu sterben für eine solche Liebe und einen solchen Haß? Sie sah in ihren Schoß. Etwas in ihr klagte. Aber plötzlich kehrten ihre Augen zurück zu Don Lund. »Gott verhüte,« dachte Amey, »Gott verhüte in Gnaden brennende Städte und Dörfer und Blut. Aber es gibt noch Helden in der Welt! Es gibt noch Führer, es gibt Ganzheit und Gläubigkeit und den Sprung zum Ziel über die müden, verbrauchten Zeiten.« Es war Jubel in ihr. Ihr Gesicht drückte sich leicht in den Nacken. Durchglüht wie vom Schein einer Flamme. »Antrieb Ihr,« dachte sie, »und Auftrieb für Eure Scharen!« Ja, wenn die höhere Daseinsebne aller erreicht war, würden nicht von ihr aus neue Gebirgsstöcke und neue Dome der Sonne näher türmen als die zerbrochenen? . . . Ihre Hand bewegte sich wie zu einer Liebkosung. Die Augen der andern hingen an dieser Hand. Die so schmal und unwirklich aus einer verflossenen Epoche herüberreichte und mit diesem seltsamen Mal gezeichnet war zu einer Verheißung hin. Wollten sie nicht alle den Gipfelweg erstürmen und am Ziel ihre gebrochenen Herzen ihr darbringen, wenn sie nur ihrem Aufstrom voranzog und ihren letzten Blick und Seufzer empfing in die Grenzenlosigkeit ihrer Frauenmilde? »Und nun«, sagte Amey. »Bitte, wie war es, was mußten Ihre Hände auf sich nehmen um des Großen und Letzten willen?« »Als es mir klar war,« Don Lund sah Amey an wie einen jungen Bruder, der ihn begleiten will zum ersten Waffengang, »als ich es erlebte, daß Trübungen im Glaskörper und in der Linse auf natürliche Weise wieder vergehen können, dachte ich, man müsse der Natur nachhelfen können. – Durch Naphthalineinspritzungen habe ich damals grauen Star bei Kaninchen hervorgebracht. Der war nicht wieder zu heilen. Aber aufgeben konnte ich die Sache nicht.« Dann lebten sie sie mit, die ungeheure Spannung der Wartezeit: Don Lund hatte durch Eindrücken der Linse am Kaninchen eine dem Altersstar vollkommen gleichende Umbildung erzeugt. Ja, und dann war es entschieden: sein alter Herr, der am lichten Mittag die fast zentimetergroßen Buchstaben seiner uralten Lutherbibel nicht mehr entziffern konnte, war imstande, sein neues griechisches Testament in kleinem Druck zu lesen. Er sah wieder die Lummen und Möwen in weiter Ferne den Sturm ankündigen, wenn Stadtleute, die ihn besuchten, keine kleinsten Punkte im Wolkengeschiebe des Horizonts erblickten. Tierischer Glaskörper in Salzlösung zerteilte Trübungen des Glaskörpers, und Linsensubstanz, in derselben Weise angewandt, beseitigte die Trübungen der Linse. – Don Lunds Ausdruck war seltsam erhöht. Daran, wie die medizinische Fachwissenschaft sich zu dieser Entdeckung gestellt hatte, dachte er entschieden nicht. Kein gutes Haar hatte man an dieser Kur gelassen, wiewohl die Heilerfolge auf der Hand lagen und sich mehrten von Tag zu Tag. Nein, für all dieses hatte Don Lund schon längst ein leichtes, verstehendes Lächeln. War es nicht allen so gegangen, die auf eigne Hand den Sprung wagten und das durch Jahrhunderte erprobte Geländer der Methode und der Tradition losließen? Nietzsche und die Philologen zum Beispiel, usw. usw. Nein, daran dachte Don Lund in diesem Augenblick wohl nicht. »Es ist noch ein Geheimnis mit alledem verbunden, eine tiefste Beziehung«, sagte der starke Glanz seiner Augen zu Amey. »Nicht jetzt; nicht hier. Wenn dieses einmal Worte findet von mir zu dir . . .« Er atmete tief. – – –   Später brachen sie auf. Nelli, Elisabeth Ewald, die Bronklava und das Käthchen fuhren im Landauer, sanft wie ein Bett. Fallada, die Isabellenstute, brauchte nicht, wie im Frühjahr Torturen der Eifersucht durchzumachen. Sie ging im Schritt neben Grane und trug die Herrin. Don Lund ritt den Goldfuchs Onkel Rhabans, den noch niemand seither geritten hatte, außer Amey in jenen erregten Tagen. Er saß wie auf diesem Pferde geboren. Marsyas, dessen Ehrgeiz nach Reiterherrlichkeit zu hoch gegriffen hatte, war von dem Temperament seines rumänischen Wallach so kühn vorausgejagt worden, daß die übrige Kavalkade, widerwillig befeuert, auf Rössern und Rädern ihm lachend hinterdrein mußte. Aber Grane und Fallada begriffen in ihren schmalen, edeln und klugen Köpfen, daß dieses Rennen für sie wohl nicht in Betracht kam. Sie hoben lässig die feinen Fesseln, wie sie die Schneise entlang, vom blauen Abenddunst umwallt, kaum hörbar über den weichen Waldboden schritten. Amey und Don Lund wußten nicht, wie das Gespräch von dieser gestillten Landschaft mit ihren Weiten und Versunkenheiten zu Schrebergärten hinübergeschweift war. Don Lund hatte einmal in der Tegler Gegend gewohnt. Jeden Abend waren die Leute an ihm vorübergegangen, ein wenig Ofenruß in den Eimern, ein wenig Seifenwasser von der Wäsche, nur damit diese kleinen Laubengärten eine Güte hätten. – Amey sah sie graben und pflanzen und ernten! Beruhigt, gelöst von den harten und heißen Fragen des Tages, entbunden von Partei und Programm, von Haß und Begehrlichkeit. Ganz hingegeben an das braune, spendende Herz der Erde, die ihren selbst zur Maschine entwürdigten Körpern und Seelen wieder die großen Zusammenhänge vermittelte, das Geheimnis von Gesundung und Glück und Kraft. Gewiß, dies alles konnte nicht von heute auf morgen geschehen. Zu viel war zu ändern, abzutragen und aufzubauen. Aber solange man noch nicht imstande war, in der Arbeit selbst den Urgedanken wieder auszudrücken: den Kult der Tat, den Gottesdienst im Werk-Schaffen, mußte man nicht vor allem dem Arbeitenden außerhalb seiner Arbeit seinen Anteil am Erbe der Erde vermitteln? Und wenn es schon so sein mußte, wenn man die Zeit nicht zurückschrauben konnte und ein Land, das nur von seiner Industrie leben konnte, zum Agrarstaat zurückwandeln – ja, mußte nicht diesem knirschenden, unablässig rotierenden Zeitalter der Stachel ausgebrochen werden, indem man das Werk erlöste zur Feier? Und den Menschen erlöste, wenn man ihn eingliederte in die Kette des großen Schaffenswillens? Wenn man ihn erlösen konnte zum Stolz seines zeugerischen Menschentums und zur Berührung mit der Erde und zum Glauben an das Unerforschliche. Die Dämmerung strich alle Konturen sanft. Was am Wege duckte, man wußte nicht, war es ein letztes Braun oder Grün oder Ultraviolett? Man wußte nicht, hockten dort Weidenstümpfe oder die unerlösten Geister dieser heimlich brodelnden Ödländer. Und in diesem zarten, fließenden Gewebe schien es Amey, als erragten Opferbecken auf hohen Pilastern. Sie hoben Glut und Seelen hinüber in die große Einheit, und der Mensch war wieder jung und stark und voll Würde und zukunftsgläubig. »Nicht heut,« sagte Amey leise, »nicht morgen, aber einmal! « »Ich habe es schon immer gewollt«, fuhr sie fort. »Ich wußte nur nicht wie!« Sie schmiegte ihr Lächeln in die Nacht. Ja, nun gab es wohl kein Ausbiegen mehr! Wann hatte ihr Damaskus begonnen? Wann stürzte es zum erstenmal über sie her? Sie nahm Fallada zurück. Auch Grane stand. »Ich weiß es nicht«, sagte Amey, als habe Don Lund alle ihre Gedanken gehört. »Oder weiß ich es doch? Nein, es überfiel mich nicht. Langsam nahm es mich, Schritt für Schritt. So gütig wurde ich geführt. Aber immer mußte ich noch warten. – Das Wunder!!« . . . Sie schwieg plötzlich. »Ich hatte auch meine Höllenfahrt«, sagte sie dann still. »Als Thomas ging, als ich wußte, ich konnte ihn nicht erlösen.« Sie schwieg wieder. Ein Zittern durchflog ihren Körper. Es teilte sich dem schlanken Pferdeleib mit. Es griff hinüber. Die unerlöste Kreatur und die Erde wurden Mittler. Don Lund sah nicht das leise Beben Ameys, aber es war in ihm. Es war in seinem Blut und in jeder kleinsten Faser seines Leibes. Sein Traum stand vor ihm: Das lodernde Herz! Das lodernde Herz! – Er saß wie aus Stein gehauen. Aber ihm war, als ob er auf sein Angesicht stürzte in der Demut der letzten Gnade. »Amey«, sagte Don Lund. Seine Stimme hielt sich fest. Noch zuckte eine liebende Seele in seinen Händen. Wenn sie aufschwebte, sollten ihre Flügel aus reinem Golde sein. Aber das durfte er: er streckte den Arm hinüber zu Amey und legte ihn um ihren bebenden Körper. »Es gibt nur eine Erlösung zwischen den Geschlechtern. Sie ist ein Hin und Wider. Und keiner weiß vom andern, wo er nimmt, und wo er empfängt. Aber ihr Ziel ist Entfaltung und das ewige Weiter zur Vollendung des Selbst.« Amey schwieg. Auch sie sah ein kleines, blasses Mädchengesicht. Es hing an Don Lund, wie eine befreite Seele an ihrem Heiland hängt. – Aber wenn Amey Psalter hörte und hohe Lieder, waren es ihre eignen Psalter und hohen Lieder. Und der aufgetane Himmel war ihr Himmel und ihre Herrlichkeit. »Ja«, sagte Amey leise. »Ja, ja!« Sie sprachen kein Wort mehr. Sie ritten im Schweigen durch das verblauende Land, Seite an Seite im gleichen Rhythmus. Wie eine ewige Strophe steigt und fällt. – – – – – – –   Der Vogt stand unschlüssig und drehte die Mütze zwischen den Händen. Wenn Herr Doktor Lund noch dagewesen wäre! Er hätte das am ehesten abwickeln und dem gnädigen Fräulein beibringen können, was nottat. Aber er hatte ja so plötzlich zu einem Kranken gemußt. Nun war es nicht zu umgehn. Und dann fing er an und schnürte an einem Päckchen. »Was gibt's?« sagte Amey. »Was ist das, Vollertsen? Ein Muff? Gott!« Eine Erinnerung fiel vor ihr nieder. Hatte sie nicht einmal so einen Bibermuff besessen? »Wir haben ihn schon ein paar Tage unter den Augen gehabt, Baronesse«, sagte der Alte. »Da stimmt was nicht«, sagte ich zu Tedenbringk. Wie der die Glasfenster auf die Melonen gedeckt hat, vorgestern Abend. ›Mit dem da ist das nicht richtig, und überhaupt so ein Rotkopp, die bringen allemal Unglück. Wie Butendieck seiner, der ist auch daneben geraten.‹ Und wie er sich da immer hinten am grünen Staket rummachte, wo der hohe blaue Rittersporn steht. Gnädige Baronesse haben gerade gestern noch selber davon geschnitten. Vollertsen, sagt Tedenbringk, das hat nicht seine Richtigkeit. Und mit solchen krallen Augen nach unsrer gnädigen Baronesse hin geschielt. Man hätte ihm ja am liebsten gleich . . .« – – Vollertsen machte eine nicht zu mißdeutende Handbewegung. Er stellte sich noch strammer als vorher, und das richterliche Vogtsgesicht rückte drohend über die freundlichen strohgelben Bartstoppeln bis in die Stirn hinauf. »Was denn nur? Wer denn?« Amey hatte die Empfindung, als ob sie im Kreise gewirbelt würde. Der Muff – es mußte ihr Muff sein. – Aber wie sonderbar, sie sah nicht das armselige Mädchengesicht mit den flirrenden Augen und die Hände, die frierend und verdammt aus den kurzen Jackenärmeln heraushingen, – ein Gesicht mit einem empörten roten Haarschopf stand vor ihr. Sie wurde überschwemmt von Worten, deren Sinn sie kaum begriff. Sie sah eine dunkle Straße und hörte schwerbeschuhte Füße auf eiliger Flucht. »Man hätte ja gleich zugegriffen ohne viel Federlesens«– sagte Vollertsen. »So ein Bürschlein.« Und der Hüne in der Bewußtheit seines riesenhaften Körpers stellte, ohne daß er es wußte, die Beine breit, wie wenn die Leibgardisten vor 200 Jahren vor dem Herrn, dem Soldatenkönig, stramm standen. Dieser Fall wirkte auf ihn wie der erste Krug Most. Vor Jahren, als er seine Tochter, die ins Kurhessische geheiratet hatte, einmal besuchte. »Er hat's schon in sich gehabt. Das Fieber. Wie dem die Hände geflogen sind, wenn er ein Streichholz anfaßte! Gerade wie der Schmied, der schmeißt auch alles hin, wenn's nicht daumendick ist.« Er hob seinen wohlgenährten und herrschgewohnten Daumen mit dem harten breiten Nagel als Illustration in die Höhe. »Und von was der gelebt hat? – Man müßte denken, Runkeln hat er sich welche ausgekratzt. Wie's liebe Vieh. Betteln hat ihn niemand gesehn. Und immer hierherum, ums Herrschaftliche. – Meine Mutter, die hat noch Swartenbeck gekannt. Da oben, die drei Windmühlen, gnädige Baronesse wissen doch, überm Schwedenberg. Und kein Mensch wußte, wer die drei Mühlen angezündet hat, wo damals die junge Frau mit dem Kindchen verbrannt ist. Aber dann fing das an mit Swartenbecken. Jeden Abend mußte er dahin. Und immer wieder dahin bei die Pappel, wo das ganze, brandige Fleck zu übersehen war. Und hat nicht können von lassen, bis der Schandarm kam. Und war denn auch so. Alles hat Swartenbeck bekannt. Aus Eifersucht hat er die Mühlen angezündet. Und mußte immer wieder dahin und von der Müllerin anfangen und von das kleine Kind.« »Ja, mein Gott«, Amey fühlte eine fremde Schwere in den Gliedern. »Jetzt ist doch aber nichts abgebrannt, hier, bei uns, und . . . wo ist er denn nur eigentlich?« Sie gab sich einen harten Ruck. »Eigentlich ist er im Loch, gnädigste Baronesse.« In die breitspurige Strammheit des Vogts kam irgendeine leichte Betretenheit. »Das heißt, eigentlich liegt er jetzt wieder in Großmutters Bett. – Großmutter ist doch all dod. Die Frau wollt's nicht anders haben. Heut früh, hinter der großen Kornmiete, wo der Weizen die Ecke zum Park hin macht, gleich wo die steinerne Bank unter der Linde steht, wo gnädigste Baronesse gestern noch gesessen haben und gelesen, da lag er doch. – Das Herumvagabundieren konnt doch nicht länger angehn. Und schon bloß aus Unvorsicht. Mit die Schwefelsticken. Geraucht hat er wie'n Schornstein. Und gerade jetzt, wo's Getreide so weit ist. – Na ja – und da hat's die Frau gesehn, wie ich ihn gebracht hab. Man kann da auch nicht so sanft bei bleiben, wie einer möchte, und wenn einer faucht wie 'ne wilde Katze. Und die Frau, – gnädige Baronesse wissen ja.« Amey nickte. Ja, ja, der Erbfolger wurde erwartet. Nach fünf Mädchen mußte doch endlich der Junge einziehn auf dem Vogtshof. Einer solchen Mutter gab man wohl etwas nach. Aber daß es nur daran gelegen hatte! Nur daran . . . »War der Doktor da?« fragte Amey. »Ich muß hin«, dachte sie immerfort. »Was reden wir noch?« »Nein, der Doktor war noch nicht dagewesen. Einen Wagen in die Stadt schicken für einen Landstreicher! . . . Aber die Schulzenfrau hatte geschrien wie gestochen. Dieser elende rothaarige Kerl, ihr Mann zerrte ihn über den Hof, der – wenn der vor Gericht kommt – der Junge, den sie zur Welt bringen soll – der wird auch rothaarig werden und ein Mordbrenner!! – Na also. So war ein zu Tode Erschöpfter nicht ins Kafittchen gekommen. Unter buntgewürfelten Federtürmen lag er. Und als man ihm den elenden Rock herunterzog – ja – das ergab gerade die größte Schwierigkeit. Denn wenn einer kein Dieb war, wie kam er denn zu dem Muff von der gnädigen Baronesse? – Die schwarze Marie und die alte Ariane waren sich mit der Vogtsfrau vollkommen einig über die Herkunft des Muffs. Aber damit war das Rätsel noch nicht gelöst. – »Ich komme«, murmelte Amey. »Gehen Sie voraus, Vollertsen. Ich will meine Apotheke nur mitnehmen.« Aber der Grund war, daß sie allein kommen wollte. Sie mußte ein paar Augenblicke des Schweigens und Alleinseins vor dieses Wiedersehn rücken. Während Amey ihre kleine Apotheke aus dem Schrank nahm, bemerkte sie, daß sie noch immer ihren Muff an sich gedrückt hielt. Er sah nicht viel anders aus wie an jenem Tage . . . Das weiße Seidenpapier, das ihn einhüllte, war zerknittert und vielleicht nicht ganz sauber. Aber der Muff schien behütet und gehegt. Wie Amey auf ihn heruntersah, kam noch ein verschwindender Hauch jenes Lavendelduftes, der allen ihren Dingen eine feine und geheimnisvolle Note gab, zu ihr herauf. Aber dieser Hauch eines Duftes hatte sich mit andern vermengt: Mit dem Geruch von Nachttau und sonnendurchbrannter Heuhocken und noch ein Letztes war dazwischen. Amey wußte nicht, was es war. Es war ihr fern, wie die Erde der Sonne ist, wenn sie im Frühling vor ihr kniet und nach ihrer Gnade schreit: Es war der Geruch eines jungen, wilden und noch unerlösten Knabenleibes. Amey hatte ihre Homöopathie zusammengefunden. Als sie die Terrasse hinunterging, pflückte sie wie im Traum ein paar von den jungen, feuchten Rosen, die zu Tausenden die Spaliere überwucherten. Ja, und dann? Tropfte die Zeit rückwärts? Amey war wieder das kleine Mädchen, das am Frohnleichnamstage mit der alten Ariane in die Stadt gefahren war. Aus dem überschwänglichen Blühen von draußen trat sie mit ihrem Körbchen in die sonderbare Stube. Auf der großgewürfelten Bettdecke fuhren abgezehrte Jungensfinger hin und wieder und spannten sich um ihr Handgelenk, daß ein roter Reif davon zurückblieb. Zwei Augen, von denen man nicht wußte, brannten sie oder standen sie in Tränen, sahen zu ihr auf. »Königin«, stammelten fieberzersprungene Lippen, und, kaum wissend, was sie tat, zerpflückte Amey die Rosen, bis die Blätter wie eine kühle, seidne Decke die fiebernden Augen verbargen. Der abgezehrte Körper des roten Peter hörte auf zu zucken, und das Gebet eines Namens, der aus diesem Munde dem Vogt zu Kopf gestiegen war wie junger Most, war erfüllt und schwieg. – »Ich hab's nicht verdient«, stammelte der rote Peter, »nein, das nicht. Manchmal dachte ich, bloß auf der untersten Leitersprosse sitzen und hoch oben, wo die Wolken die goldnen Ränder haben, da war eine Hand. Als kleiner Junge hat mir der Lehrer einmal ein Märchenbuch geborgt, da war ein Bild von der Prinzessin, die war krank. Aber der Doktor durfte sie nicht sehn. Sie war viel zu schön und zu vornehm. Durch einen Spalt im Vorhang kam die Hand. Ja, so hab ich immer gedacht: Ich hingekniet auf der untersten Sprosse, und ganz hoch oben aus den Wolken mit den goldnen Rändern die kleine weiße Hand mit dem blauen Zeichen. Viele Meilen hoch war sie weg. Aber ich hab sie doch auf der Stirn gespürt wie Schnee, und alles war gut, und alles war vergeben, und ich war kein Mörder. – Aber daß die Hand die goldne Tür sollt' aufschließen, und daß sie sollt' winken« – er warf den glühenden Kopf zurück in die zerwühlten Kissen. Sein Mund brach auf, durstig und demutsvoll wie für den heiligen Wein. Amey strich leise über die heiße Stirn. Das Gesicht unter ihrer Hand wurde sanft und knabenjung. Der rote Peter, Schuhe in der Hand, ging mit vorsichtigen Schritten über Wege mit Rosenquarz gepflastert. Die Milchstraße schäumte um ihn her. Auf hohen Stengeln aus grünem Glas schaukelten Blumen mit frommen Gesichtern, die Luft war voll Ambra, und am Ende des Weges, direkt aus dem Zelt, hinter dem die heilige Dreieinigkeit wohnte, kam die Mutter Maria geschritten, die trug über dem Haar, bauschig und von der Farbe der schimmernden Waldwege ein Krönlein von Perlen und wärmte die Hände in einem Muff aus Biberfell, mit lavendelfarbner Seide gefüttert. »Ach«, seufzte der rote Peter. »Ach! schönste Himmelsfrau, Königin, seligste Jungfrau!« Er streckte seine langen, abgezehrten Glieder und faltete die Hände auf der Brust wie ein kleiner Junge zum Beten. Er trug den goldgestickten Mantel seliger Büßer und war daheim in Abgründen von Gnade und Licht. – Amey hatte den Kranken auf die Burg schaffen lassen. Der Doktor mußte doch kommen. Diese Verantwortung durfte man der kleinen homöopathischen Apotheke nicht aufbürden. Das Fieber hatte es vielleicht nicht tödlich im Sinn; aber für Amey war es nicht leicht hinzunehmen, wenn der Kranke plötzlich ein junges, rothaariges Ding von Mädchen mit flirrenden Augen neben seinem Bett stehn sah. In den Händen, die aus den zu kurzen Jackenärmeln hingen, hielt sie einen Muff, der roch wie sommerliche Gärten. Sie mußte dem roten Peter Rede stehn, und er schwor, heimlich oder mit Gewalt, dieser Muff, wie seine Schwester auch zu ihm gekommen war, er gehörte sein, der Muff. Zu andern Zeiten sah der rote Peter Blut. Er schrie den Namen Thomas Vernow heraus und schrie nach Amey und kannte sie nicht, wie sie neben seinem Bett saß und stürmte auf schweren Schuhen durch nächtliche Straßen. Oder er bäumte plötzlich auf und versicherte lächelnd: von der Höhe dieser Linde seien es kaum drei Schritte bis in die Ewigkeit, und er kenne doch wirklich ganz andere Höhenverhältnisse. Ja, und dann dampften sie auf vor Amey: wie aus den Eingeweiden der Erde herausgequält: Großstadthäuser, eingebohrt in stickige, kahle Gevierte. Gezeichnete Menschen mit erloschnen Augen, grau und entstellt. Amey hörte das Klirren zerworfner Flaschen, und die Gottlosigkeit von Flüchen. Sie sah Frauen, die Mütter werden sollten, dumpf, mit gesenktem Scheitel ihres Lebens Zukunft mühselig tragend. Sie sah Kinder mit alten, verhärmten Gesichtern auf dem Grunde dieser Schächte in einem winzigen Lichtfleck zu einem Leierkasten gedunsene kleine Leiber drehn. Ja, all dies lebte Amey, wenn das Fieber den roten Peter in die schmale heiße Hölle seiner Kindheit verbannte! Und zuletzt eines schwersten Tages kam Don Lund. »Soviel fremde Schicksale sind in mich hinübergewachsen«, sagte Amey. »Oh, wieviel trostlos arme Leben habe ich mitgelebt in diesen Nächten.« Ihre Augenbrauen rückten aneinander. Eine Falte, fein und gerade wie ein Sommerfaden, spannte sich senkrecht ihre Stirn hinauf. »Ich ängstige mich etwas, wenn er wieder zum Bewußtsein kommt. Bis jetzt«, sie lachte in sanftem Erröten. – »Oh, viel schöne Namen hat er für mich erfunden. Aber wenn er Mutter sagt . . .« sie verwirrte sich. Sie brach plötzlich ab. Don Lund sah weit. Wölbten sich nicht Brücken? Was bedeuteten Jahrmillionen? Vor der Urmutter der Menschheit kniete er. Sein Haupt an ihrem gesegneten Schoß. Er legte seinen Arm um die Schultern Ameys. Sie bog ihren Kopf zurück. Sie lachte und weinte. Aber dies währte kaum sekundenlang. Wie Don Lund und Amey am Bett des roten Peter standen, ganz ineinandergefaltet und doch irgendwie zu ihm hinüberreichend, öffnete der Kranke die Augen. Sie gingen von Amey zu Don Lund und wieder zurück. Sie umwölkten sich und grübelten, während sich der Mund zu einem Lächeln mühte. »Peter«, rief Amey. »Peter! Jetzt wird alles gut!« Sie strich den ungebärdigen Haarschopf aus der ganz weißen, sommersprossigen Stirn. »Gleich werd' ich gehn!« Der rote Peter riß an sich grimmig und verzweifelt. Aber er war weich wie ein Blatt, das sich eben aus der braunen Knospe schält. »Gehen?« Amey stand entgeistert. Don Lund lachte. Sein gutes, ansteckendes Lachen. »Aber gewiß gehen wir. Nur nicht gerade heut. Mit so einem Bizeps,« – er faßte den schlaffen Arm des Kranken, »auf so einen elenden Gesellen ist nicht groß viel Verlaß in bezug auf Pinsel. Und Herrgott, Peter; Mensch, – wer helfen will seine Zeit einer Idee zugänglich zu machen . . .« Er legte ihm die Hand auf die Stirn. Sie rötete sich jäh. Wie unter der Gewalt quälender Vorstellungen. Was kümmerte den roten Peter eine Idee! Oder seine Pinsel! Oder die Zeit! Hatte er nicht die goldne Tür aufmachen dürfen? – Und jetzt . . . Er machte eine Bewegung, als wolle er sich aus dem Bett stürzen. Aber Don Lund hatte schon zugegriffen. »Na – also!« Die zwei nebensächlichen Worte hatten im Ton etwas Bedeutsames. Der rote Peter stöhnte auf und warf seinen Oberkörper an die Bettwand, daß es krachte. »Peter«, flehte Amey. »Lieber Junge!« Die Tränen saßen ihr im Halse. Sie nahm dieses Gesicht, das wild herumfuhr und seinen Schmerz und seine Scham in einem Winkel verbergen wollte, in die Hände. »Peter, was fällt Ihnen doch nur ein? – Sie haben doch Mutter gesagt, Peterlein!« – Sie lachte leise, in großer Angst. »Weiß Gott – ich bin Ihnen gut wie einem rechten Schmerzenskind!« Der rote Peter gab einen sehr sonderbaren Laut von sich. Er ballte die Hände und ruckte sich zusammen. In seinen Augen waren Feuer, wie er von Amey zu Don Lund sah: Beide, in eines gefaltet und doch irgendwie hinübergreifend zu ihm, ihn hinreißend, aufreißend in ihre Gemeinschaft, ihren Zielen zu. »Einmal hab ich Blut vergossen«, sagte Peter Schindler. – »Einmal!« – Er atmete tief. – »Ihm hatt' ich's nicht gegönnt?« Er knirschte. »Das Schönste, das Höchste. – Die Hände, die sich dazu erheben . . .« – Er streckte seine abgemagerten, gespreizten Hände von sich. Er schüttelte sie, als wäre jeder dieser matten weißen Finger befleckt. – »Peter«, Amey bat wieder. »Mein kleiner, armer Junge!« – »Kommen Sie, Peter,« – sagte Don Lund – »Sie sind ein Mann. Es gibt viel in der Welt zu tun. Heut mehr als je. Sie wissen es so gut wie ich. Wir stehn vor dem Absturz. Wer hinüber kommt, der hat alles gewonnen. Erst sind's ein paar, die mittun. Dann ziehn sie Tausende hinter sich her. Wir« – er deutete auf Amey – »wir zwei sind ganz entschlossen zu dem Sprung. – Wollen Sie nicht mit, Peter Schindler?« Etwas in Amey sang hoch auf. – Nicht die goldne Insel, so sehr arm und verlassen in ihrer Aussonderung! Sondern Tausende, die hinterher ziehen würden! Die neue Erde! Und der neue Gott!« – »Auf Freundschaft! – Zum Ziel!« Don Lund streckte dem roten Peter die Hand hin. Peter Schindler sah die beiden an. Er war ganz ruhig geworden. Hinter seiner Stirn ging etwas vor. »Ich bin noch nicht so weit«, sagte er. »Wenn das in Ordnung ist . . .« – Er zerrte grimmig an seiner schlaffen Haut – »dann fort – ich kann's noch nicht so mit ansehn – wie ich das muß. – – Aber – wenn alles vernarbt ist – einmal – ich schaff's schon – jetzt schaff ich's schon«, er ballte die Hände. – »Wenn ich dann wiederkommen darf. Wenn ich das dann wert bin . . .« – sein Kopf fiel herunter. Er schlug die Hände vor die Augen. Don Lund ging hinaus. Sein Blick grüßte Amey. Amey nahm den Kopf des roten Peter in die Arme. Er weinte seine alte Seele aus in ihren Armen. – – – Als Amey eine Stunde später umflorten Auges und dennoch verklärt und erhöht die Terrasse herunter schritt, wartete unten Don Lund. »Diesem durfte ich helfen,« sagte Amey, »und jenem und noch etlichen vielleicht, aber – die andern – alle die andern?« – Sie hob die Arme. Ihre Ärmel fielen zurück bei dieser Bewegung und entblößten den Schimmer der Haut. »Kwanon«, dachte Don Lund. »O Frau! O süße Leidenschaft des Sich-Verschwendens!« Sie standen still. Sein Blick umfaßte Amey. »Zwei Arme?« sagte Don Lund. »Was sind zween Fischlein unter so viele? Aber alle wurden selig und satt!« – Ameys Augen wurden klar. Wollte Gott einen neuen Bund machen? »Ich komme mir aber doch recht ärmlich vor.« Es wurzelte zu tief in ihr. »Ich habe vielerlei gelesen in diesem letzten Jahr. ›Die Welt der Sachlichkeiten‹ bleibt meiner Art irgendwie verschlossen. Ich habe keine Fähigkeit, objektiv zu wirken. Ins allgemein Menschliche. Immer muß es ein großer Schmerz sein oder ein kleiner, oder irgendeine Liebe, die mir ans Herz greift. Von dem einen Fünkchen aus, ja, vielleicht kann davon ein kleines Feuerchen aufbrennen, das wärmt . . . Aber wenn ich mir all die klugen, tapfern Frauen von heut vorstelle! Ohne ein Lächeln, das ihnen dankt, ohne Augen, die ihnen aufleuchten, ganz überpersönlich geben sie ihr Leben hin im Dienst einer Idee! – Und ich dagegen« Ameys Stimme flatterte. »Ich muß ihr meinen Traum erzählen«, dachte Don Lund. In diesem Augenblick erscholl ein Jubelschrei. Die Käthchen im Gärtnergarten hatte Ameys weißes Kleid erspäht. Warm und braun wie ein kleines weiches Tier warf sie sich Amey in die Arme. »Du kommst aus den Himbeeren, mein Schatz!« Amen herzte das Kind. »Du riechst süß wie ein junges Kälbchen, das getrunken hat!« Sie knüpfte die Haarschleife, von den Zweigen angegriffen, aufs neue zu stolzer Pracht. Dann ließen sie sich das Igelnest zeigen unterm Fliederbusch mit den quäkenden Jungen, ergreifend in der unschuldigen Weichheit ihrer Speere. Sie hörten die heroische Ballade vom Igelpapa, der, mit Frühpflaumen bespickt wie mit den Köpfen seiner Feinde, heimtrottete. – »Und jetzt bekomme ich einen frischen Schreibtischstrauß«, bat Amey. »In die hohe Vase. Das Kind darf schneiden! Mit Vater Thedenbrinks Schere! Und auf die Knospen achten.« Die Käthchen enteilte mit einem neuen Jubelschrei. »Man braucht ihr eigentlich gar nichts sagen.« Amey sah den straff gewordenen behenden Beinchen zärtlich hinterdrein. »Dieses winzige Persönchen ist der geborne Gärtner. Sie handhabt die Schere wie ein Alter. Sie wählt fast so lange wie ich. Und sie weinte herzbrechend, als neulich der Hagel anfing!« Man brauchte kaum Pläne zu machen mit Gartenbauschulen und einer Zukunft voll Sonne. Alles lag hier ganz klar auf der Hand. »Dies könnte ich vielleicht«, sagte Amey. »Früher waren es hauptsächlich die alten Mütterchen im Dorf, die so sehr gern erzählen, und die Kinder und die Kranken, und die jungen Mädchen, wenn sie sich verliebten und wußten es selber noch nicht, – ja – und jetzt ist's das Käthchen und der rote Peter!« – – – »Und Elisabeth Ewald,« sagte Don Lund und lächelte, – »und Nelli und die Künstler und Fräulein Bronklava, und . . .« »Ach«, Amey erglühte, wie sie lachte. – »Was sagen Sie nur. Überhaupt – man ist doch immer selber der Beschenkte! – Aber die Menschheit das ist ein sehr hoher und ferner Begriff.« Sie waren in die Lindenallee eingebogen. Vom Bruch her waren zwei Schillebolden herübergereist. Wie zarte Kunstwerke aus Stahl und Saphiren und schwarzem Flor standen sie mitten in die Luft genäht. Ein Rotkehlchen umhüpfte die Schritte von Don Lund und Amey. Mit der vertrauenden Sorglosigkeit jener Jahre, da es dem roten Gott Ziu geheiligt war. Ameys und Don Lunds Schritte verlangsamten sich. Der Tag war ganz voll Stille. Nur in den Baumkronen harfte der Wind im Vorübergehen. Auf den fernen Äckern stand noch das Korn auf dem Halm. Auf den nächsten war es bereits geschnitten. Diese braungoldnen Kornhocken mußte Amey fortwährend ansehen. Sie knieten. Ganz ineinandergerafft und in ihr Geheimnis. Wie Maria kniet auf alten Verkündigungsbildern. »Vielleicht gilt gar nicht so sehr, was wir tun« – Don Lunds Stimme schwang dunkel – »das Wie – die Leidenschaft des Herzens, die wie eine Flamme lodert. Das ist vielleicht das einzige, worauf es ankommt!« Er erzählte Amey seinen Traum. Amey preßte die Hand auf die Brust: »Yolanthe Hellberg«, dachte sie. »Wenn ich ihn zu Yolanthe Hellberg führen werde!« Zugleich aber fühlte sie diesen feinen brennenden Punkt. Wie er wuchs und wuchs. Wenn sie die Hand fortnahm – würde sie nicht ganz in Flammen stehn! Da dachte sie an den Morgen, als der Frühling unter dem blühenden Kirschbaum stand. Der Frühling mit dem kühnen Gesicht. »Leben,« dachte Amey, »Leben!« Ihr Schritt fing an zu federn. Sie hätte laufen wollen. Sie lief schon. Immer die Hand auf ihr Herz gepreßt. »Amey!« Don Lund lief hinter ihr drein. Die Allee herunter. Während Blanchefloor berauscht und hingegeben, den langen schmalen Körper zur Linie gestreckt, vor ihnen herjagte und wieder zurückkehrte, an ihnen in die Höhe sprang mit jenen herz- und nervenzerreißenden Tönen der Inbrunst, und wieder dahinflog zwischen der weißen Frau und dem dunklen Mann das leuchtend grausilberne Band. Und dann hatte Don Lund Amey eingefangen. Seine Hände spannten sich um ihre schmale Mitte. Er hob Amey von den Füßen, daß sie schwebte. Er trug sie vor sich her wie ein Fanal. Sie merkte es kaum. »Leben – Leben!« – sang es immerfort! »Und nun – das Nächste«, sagte Amey, als sie den Boden wieder unter den Füßen fühlte und staunend Atem schöpfte. Ihre berauschten Augen wurden plötzlich sanft und groß. »Nelli«, sagte sie. »Daß wir nur ja niemals Nelli vergessen!« Sie gingen still und Hand in Hand. – – – –   Nelli ruhte auf der Terrasse. Wie immer um diese Stunde. Sie wußte, gleich würde Don Lund zu ihr kommen. Sie faltete die Hände über der noch knospenden und schon eingesunkenen Brust. In diesem Augenblick stieg Don Lund mit Amey die Stufen herauf. Amey sah Nelli. »Ihr Wunder!« dachte sie. »Nellis Wunder!« Und als der schwere und leidenschaftliche Atem der Myrten und Orangen zu ihr kam, die von allen gesteigerten Stunden im Leben der Frau angenommen haben, trat Amey zu den Büschen. Sie brach zwei blühende Zweige und bog sie ineinander. Dieses Krönlein aus Myrte und Orangen setzte Amey auf die matte gelbliche Krankenstirn. Nelli erkannte die Blüten. Sie sah Amey. Sie sah Don Lund. Sie lächelte. Sie schien zu zerschmelzen in diesem Lächeln. »Ganz nah«, bat Nelli. Sie streckte die erkalteten durchsichtigen Hände nach ihnen aus. Sie faßten sie in ihre Wärme. Sie setzten sich dicht an den Liegestuhl. – Nelli fing an zu erzählen. Sie flüsterte. Ab und zu klopfte der harte Knöchel des Hustens dazwischen. Von jenem Abend flüsterte sie. Als sie ihn traf. »Weißt du noch? – Geliebter, du weißt?« – Jeden Blick lebte sie wieder. Jede Güte. Jeden Atemzug. »Muß ich nicht gehen?« dachte Amey. »Darf in dieses Geheimnis ein Drittes hineinsehen?« Aber Nelli verflocht ihre Hand fester in die Hand Ameys. Ihr Lächeln war wie vergoldet. Da begriff Amey: – Es gab keine zwei mehr und keine drei. Die tiefe, geweihte Wiege des Ureinen schaukelte diese Stunde. – »Küßt mich«, sagte die kleine Nelli. »Küsse mich, du mein Geliebter!« – Sie wendete ihr verklärtes Gesicht Don Lund entgegen. Er wollte, wie er gewohnt war, ihre Stirn berühren. Aber in diesen Augen war ein letzter Glaube. Da küßte Don Lund den blassen, sehnsüchtigen Mund. – Nelli schloß die Augen. Zwei Tränen drängten aus den bebenden Wimpern. Vielleicht empfand sie kaum noch den Kuß Ameys. Glück! Glück! – Die kleine Gestalt streckte sich. Sie lag wie entschwungen. Don Lund und Amey blieben wortlos nah. Plötzlich öffnete Nelli ihre Augen weit und strahlend. Sie stand schon erhöht. Sie schmeckte schon die Verheißung. Da dachte Amey an den Augenblick als – dieses – auf der Terrasse gestanden hatte – dieses Ferne, Verhüllte. Sie kniete nieder. Und wie beim Gehen derselbe Rhythmus Don Lund und Amey ineinander verschmiedete, so gehorchten sie auch jetzt dem gleichen Gesetz. Auch Don Lund beugte ein Knie an der anderen Seite des weißen Lagers. «Schönste Zwei! Liebste Zwei!« Nur wie ein Hauch kam es. Mit einer mühseligen Bewegung verflocht eine scheidende Hand zwei warme Hände des Lebens. Die kleine Nelli sah von Don Lund zu Amey. Opfer und Empfängnis wurden eins im Mysterium. Tod und Leben hielten seltsam hohe und süße Feier. Dies war die Vermählung der kleinen Nelli. Die Sonne sank. »Zeigt mir noch einmal die Sonne!« Don Lund und Amey richteten den vergehenden Leib in die Höhe und stützten ihn mit ihren Armen und ihren Schultern. So sah die kleine Nelli zum letztenmal die Sonne untergehen. Hinter einem wogenden Ährenfeld.   Wochen voll lastender Mittagsdünste, flammender Beete, Samenflüge und der süßen Herbheit des Schnittes standen zwischen der kleinen Nelli Himmelfahrt und dem goldnen Wandel der Herbsttage. Der rote Peter hatte die große Wanderschaft angetreten. Sein Herz war gekerbt wie mit einem glühend gemachten Nagel. Wenn erst die Kerbe vernarbt war – alsdann . . . Muff und Würste, sorgsam geschieden, trug er mit sich im Ränzel. Daß nur die Schwester vom roten Peter dieserhalb nicht zu kurz kam! Ameys Augen wurden weit und voll Glanz. War nicht auch die rote Hedwig ein Nächstes? Sie sah noch nicht deutlich in welcher Weise. Aber Fernen rückten nah. Räume schienen sich zu dehnen. Wände zu schmelzen. Oder war es auch ihr Herz, das wuchs und schmolz? Die Friedrichstraße stand vor Amey. Würden Zeiten kommen – dereinst – da auch diesen Schmerzen eine Heilung erfunden wurde? – »Schwestern«, sagte Amey still. Ihre Hände rundeten sich sanft wie zu einer Liebkosung. »Sie kennen nicht Sonne und Wind. Und kennen nicht Erde und Keim. Sie irren auf falschen Straßen. Aber was suchen sie anders als ein wenig Glück?« – In der Burg war es still geworden. Elisabeth Ewald – oh, – so verändert – ganz erfüllt und durchblutet mit Luft und Schein und hoher Zeit, rosig und fast ein klein wenig rund, vertraute sich dem Ahorn an in dem fernen Hofe, um die Stunde, wenn die Wolken wie die Brustfedern der Tauben perlmuttern werden mit grünen und rosenroten Scheinen. Was bedeutete ein Winter voll »eins und, zwei und«, wenn doch jedes Jahr ein Sommer über die Welt kam? Fräulein Bronklava hatte mit einem leichten Herzspann beim Abschiede feststellen müssen, daß sie der großen Endruhe um noch ein gut Stück ferner gerückt war. Aber sie ging fast ein wenig leichtfertig um mit diesem Gedanken. Doktor Gutenberg, ihr Freund, hatte nicht »die Burg« gekannt, als er nach Japan ging! Damals. Ehe Japan sich an den Fiebern des alten Europa ansteckte. Ein Unerwartetes hatte ihn wieder dorthin gerufen. Aber wenn er zurückkehrte, im nächsten Frühling – nun, es würde mancherlei Diskussionen geben über diese weiten Wälder, in denen das lieblich schlanke, geheiligte Eichhorn immer noch den Eschenstamm herunterglitt, Kunde bringend vom Urvater. Ja, hatte nicht Wotan, der sein eigenes Auge hingab um einen Becher Weisheit, hatte er nicht selber befohlen, hinfort dem weißen Christ Gefolgschaft zu leisten, weil aller Weisheit letzte Fülle die Liebe ist? Auch die jungen Künstler waren nach Berlin zurückgekehrt. Sie hielten die Ernte des Sommers gegen den zuckenden Atem der Zeit. Was war geschehen an ihrem Schaffen? Woher kam ihnen Erwittern der Dinge, die vorher ihr Hirn nicht erklügeln und erquälen gekonnt? Wissendes Wollen war ihnen entsunken. Wie Samen hatten sie sich eingedrängt nach Quell und Urmitte hin. – Wer so mit dem ersten Hahnenschrei – der die bösen Geister fortscheucht – aufsteht, Woche um Woche! Wer die hingeblauten Weiten erlebte, die aufglühenden Tage, den sanften Tau und die übersternten Nächte! Wer der großen Stille begegnete, wie sie in den Wäldern spazieren ging und über sich selber erschrak . . . Ja, und gab es auch noch ein anderes, das sie gelehrt hatte? – War es das zutrauliche Herrgottsvöglein, die Schwalbe? Deren Nest heilig war an Scheuer und Haus? Oder die klugen Häher und Spechte, die einen Wagen oder ein Pferd ansagten, lange, lange ehe das stumpfe Menschenohr darum gewahrte? Waren es die überstürmten Himmel, der dunkelgelbe Sommermond, die Pferdeköpfe an den Dachfirsten, oder die Lieder, die die Burschen und Mädchen sangen, wenn sie durch die Erntefeuer sprangen, und die so überrinnend voll von Süßigkeit und Trauer sind? Es mag dies alles gewesen sein. Aber vielleicht waren diese Lieder dennoch der tiefste Grund. – Sie hatten sie mitgesungen: Marsyas, der Professor, der kleine Feldmann, alle. Und hatten sich mitgeschwungen und waren vor ihres Blutes schwerem Brausen erschrocken. War nicht in ihr Leben das Ungeheure getreten? Der Rausch und die letzte Stille? War nicht die reine Frau in ihr Leben getreten? Und die süße, süße Liebe? Und die Schmerzen der Liebe und ihre Heiligung? Ja – so hatte sich in ihnen letztes Lösen und Wandlung vollzogen. Wie im Sakrament. Der nie zuvor erschrieene Gott hatte sich schweigend in ihnen verleibt. – – – Auf der Burg war es still geworden. Auf eine Zeit. Gegen Abend, wenn die Fenster anfingen von der Sonne zu leuchten und die Käthchen schon schlief in ihrem kleinen weißen Bett, öffnete Amey zuweilen den Flügel im Saal. Oder sie zog die vergoldete Harfe zwischen die Knie. Irgendeine alte Weise spielte sie: Ein Air, eine Sarabande. Aber wenn sie auch spielte, etwas schwieg immer in ihr und träumte fern und sehr selig. Wie hinter all diesen Melodien immer noch ein fernes, seliges Schweigen stand. »Vertrautes Gut!« dachte Amey, wenn sie, einen stillen Glanz in den Augen, die Stiege herauf schritt. Durch die hallenden Gänge und Zimmerfluchten voll preisloser Schätze. »Vertrautes Gut!« dachte sie, wenn sie auf Fallada und begleitet von Blanchefloor durch die Wälder ritt. Oder durch das Land, umglüht von mattem Gold. – In den Fichtenschonungen und an Gräben und Rainen spannten sich die Herbstfäden wie Netze. Ihr zartes Gewebe konnte am Morgen den starken Tau kaum tragen. Die Eichen standen noch voll im Laub. Aber in den Buchen war keine Schwere mehr, und von den Birken raubte jeder Wind einen Regen kleiner gelber Münzen. Hagebuttensträucher warteten korallengeschmückt am Wege. Der wilde Wein lief wie Feuer an Mauern und Toren in die Höhe. Und in den Gärten war das große Verschwenden angebrochen. – Ja, die Tage mit den ganz hohen Himmeln waren gekommen. Die Tage, die lodern und bereits verklärt sind. Don Lund war auf dem Wege zur Burg. Gestern abend noch war er in einem jener Kaffeehäuser, durchfiebert vom Puls dieser überholten Tage. Die Luft war schwer von Zigarettenqualm und von unendlichen, verschütteten Keimen, denen kein dunkler Erdschoß bereit stand. Sie war bitter von verächtlich heruntergezogenen Mundwinkeln, und süßlich von Wunden, die man anderswo verbarg, und die hier kostbar und öffentlich bluteten, wie Schmucksteine in das welke Gold der großen Müdigkeit eingelassen. Aber es war auch Klirren in dieser verbrauchten Luft. Anhebendes Brausen. Fanfaren. Denn nie und nirgend vielleicht schlugen Stirnen so hart an das erzene Tor, wie um diese Zeitwende. Umdrängte orphisches Stammeln von Rebellen und Gottsuchern kühner und brünstiger den Vorhang und den Rand der Schwelle. »Wie Jakob im Traum!« dachte Don Lund, als er einer duftverhängten Landschaft und einem Morgen wunderbaren Glanzes entgegenfuhr. »Wie zu Bethel, da er sich die Hüfte verrenkte um den Herrn!« Ja, manchem Pilgersmann würde er die Burg weisen als Rastziel auf dem Wege zur Ewigkeit! Er schloß die Augen sekundenlang. Wie der Bäume Blut war sein vergangenes Sein in die Frucht gestiegen. Jetzt wollte sie sich lösen vom Stamm. Etwas schloß ab. Ein Neues begann. Ein Höher hinauf. Ein geliebter Name war auf seinen verschlossenen Lippen. Streifte nicht eine Hand seine Stirn wie Fittich? Mancherlei Garn würde er ihr zu entwirren bringen! Er dachte an Zeiten, da Worte wieder erlöst wurden zu ihrer Wirklichkeit, und der Hader der Gedanken zur Ruhe kam. Denn worum ging es in all diesen Ekstasen und schrillen Visionen? Um die Erlösung aus der Haft der Hirne und den dumpfen Wellenschlägen irren Blutes. Um die neue Reinheit zerrangen sie sich. Um die neue Erde und den neuen Gott! – Don Lund sprang aus dem Zuge. Amey erwartete ihn erst morgen. Aber er hatte viele Nächte durchwacht und durcharbeitet um den Erwerb dieses einen Tages. – Don Lund ließ sein Gepäck auf der Bahn für den Milchwagen oder für einen Boten. Vielleicht war es gut, daß kein Wagen für ihn bereit stand. Er nahm sich nicht Zeit, einen zu mieten. Eine Strecke Weg zwischen den Beinen war gut. Der Rhythmus des Schreitens war gut, wenn das Blut brauste. Horizontweit dehnte sich diese geliebte Landschaft. Ferner Wald schmolz violett in den Himmel. Wie ein Flug weißer Tauben lag die Sonne auf einem herzlich gerundeten Kirchturm. Don Lund stand plötzlich still. Er preßte die Hände auf die Brust. Etwas in ihm wurde allzu groß: »Amey«, stammelte Don Lund. – – – – – – – –   Zuerst besuchten sie Nellis Grab. Bereits gesunken und ganz überdeckt von Spätrosen und weißen und blauen Astern. »Sie war glücklich!« Ameys Hand glitt abschiednehmend über die Blumen wie über einen Kinderscheitel. »Wie könnte ich anders in das Tor dieser Stunde treten?« dachte sie. – Denn Don Lund hatte seinen Arm unter den ihren geschoben. Wie der Herr die Dame seines Herzens führt. Sie kamen am Gärtnergarten vorüber. Die Donnerschläge in die Blüte hatten recht behalten. Die Luft war süß von der Reife der Frucht. Gartenwilhelm kam durch den Mittelweg, auf steifen Armen eine Strohtrage, bereits ausgelegt für den Herrschaftstisch: lederbraune Birnen, samtene Pfirsiche und Nektarinen, große gelbrote Eierpflaumen, Reineclauden und Trauben. Er hatte Weinlaub, Büschel rahmweißer Japananemonen und Herbstveilchen auf die Trage gelegt. Bienen umsurrten sie. Don Lund und Amey nickten hinüber. Ein Apfel löste sich irgendwo. Fiel ihnen zu Füßen. Er zersprang in zwei Hälften. Sie bückten sich gleichzeitig. Jeder gab dem andern seine Hälfte. Sie war wie aus Wachs mit rötlichen Flammen. Im Herzen die Kerne waren dunkel und reif. Sie sammelten sorgfältig die Kerne, wie sie den Apfel aßen. Sie sahen sich in die Augen. Leuchtend. »Von einer Reife zur andern!« – Auf den Kartoffeläckern gingen die roten und weißen Kopftücher der Frauen wie große Vögel die Furchen entlang. Hier und da wuchs ein Rauchwölkchen in den Himmel. Kerzengrade und schlank. Wie vom Opfer Abels. Die Dreschmaschine brummte. Wie ein altes, gutmütiges Riesentier, dem Menschen zum Dienst. Auf andern Äckern gingen bereits Pferde und Pflug. Neues schmerzhaftes Aufreißen, neuer Same, neue Hoffnung – Kampf – Sieg – immer neuer Kampf – zu immer neuen Siegen! – Don Lund und Amey kamen an der Tanzlinde vorüber. Die Kuppel drückte nicht mehr dunkelsamten auf den Wald der steinernen Säulen. Goldne Gelöstheit spielte zwischen den Zweigen. Blaue Quellen. – Heute war Sankt Gereon. Dies war der Tag, an dem sie zum letztenmal im Jahre um die Linde tanzen durften! Amey sah sich um. Hatte ihr jemand gewinkt? Die letzte der Hellbergschen Frauen? – Oder die erste? Die die Linde pflanzte? – »Amey, darf ich eine Geschichte erzählen?« sagte Don Lund in diesem Augenblick. Amey nickte. Sie waren in den Wald gebogen. Es war derselbe Wald, durch den Amey mit Thomas gegangen war. Aber die Beunruhigung der Frühlingstage hatte ihn verlassen und das schwere Schweigen des Sommers. Nur der Geruch des Terpentins, den der Sommer aus den Fichten und Tannen kochte, zog wie ein Strom durch den herbstlichen Duft der feuchten und gilbenden Blätter, der Gräser und Moose. »Ein Mann lebte auf einer Hallig«, sagte Don Lund. »Er war Prediger. Außer dem seinen war dort nur noch ein einziges Haus. – Er hatte allerdings zwei weitere Inseln zu betreuen. Aber das Meer schließt dort oben den Leuten den Mund. Ihre Seelen sind sehr tief versteckt. – Der Pfarrer hatte einen starken, lebendigen Geist, gesunde Sinne und ein glühendes Herz. Seine Frau hatte ihm ein sieches Kind geboren, und von der großen Einsamkeit rundum verwirrte sich ihr Verstand. Der Pfarrer lebte zehn Jahre lang mit der verworrenen Frau und dem Kind, das nicht sprechen konnte und sich nicht bewegen lernte. Dann starb das Kind. Die Frau fing an, mit Puppen zu spielen. Flut und Ebbe waren die einzigen, die kamen und gingen um die Hallig.« – Amey zog die Schultern zusammen. Sie sah nicht das rote Gold, das von einem wilden Kirschbaum tropfte, und die zarte schwefelgelbe Flamme eines Feldahorns zwischen die bräunlichen Buchen verirrt. Sie hörte nicht das Knistern ihrer Schritte die goldne Gasse entlang von violetten Schatten überspielt. In ihren Ohren war das Donnern der Flut. Sie sah gläserne Wasserberge kommen und gehen. Sie sah das Watt aufgedeckt liegen, schlammig, grauschwarz. Schafe rupften das harte Gras. Lummen und Möwen schrien. Aber auch die unsäglich rührende Schönheit der blühenden Hallig griff ihr ans Herz. Dazwischen war der einsame Mann mit der kindischen Frau und dem kleinen grünen Hügel auf der Warft. – Amey drängte sich näher an Don Lund. Er hatte den Kopf zurückgeworfen. Er witterte Meerwind. Sein Atem stieß. »Sie kam aus dem Osten.« Don Lunds Stimme war plötzlich ganz zart. Er bückte sich zu Amey. Er führte sie, als ob er sie trüge. »Sie war eines deutschen Geistlichen Tochter. Aber sie war in Rußland geboren. Die Ebene hatte sie großgesäugt. Die Weite der Natur, und die fromme Einfalt von Menschen, wie Tolstoi sie schildert. Sie kam in das Haus auf der Hallig als Krankenpflegerin.« Don Lund blieb stehen. Er sah Amey an. Ohne daß sie darum gewahr wurden, hatte der Wald sie hinaufgenommen. Sie waren auf der Höhe des Wunschbergs. Vor ihnen lag das graue, einstöckige Haus mit dem gebrochenen Dach. Wie aus Nebel gebaut. »Bin ich nicht schon einmal so hier gestanden und jemand hat mich so angesehen, und ich habe mein Herz gehört?« dachte Amey flüchtig. »Irgendwann. Irgendwann?« . . . Und wieder, als sie Don Lunds Blick zurückgab, dachte sie: »Wir kannten uns. Immer schon. Wie das Allernächste.« – Dann wartete sie. »Ehe wir hineingehn.« – Don Lund ergriff Ameys Hände am Gelenk. Zart umfaßte er sie. »Dort oben sind die Hellbergs.« Seine Worte tropften schwer. »Alles ist dort festgefügt und Tradition und Gebundenheit. Das, was ich zu sagen habe, ist jenseit aller Umgrenzungen. Der Mensch siehet, was vor Augen ist. – Nur die ganz wenigen können Himmel und Erde voneinander sondern. Und dies war ganz Himmel. Amey – die Ehe mit der schwachsinnigen Frau, an der ein Mensch zugrunde ging, konnte nicht geschieden werden. Amey, – eine Frau – ganz Frömmigkeit, ganz keusch und ganz Liebe wagte den Sprung. Sie dachte nicht einmal an sich selber. Sie opferte lächelnd und selig, alles was ihr Leben gestützt und geführt hatte.« Don Lunds Stimme brach. – »Was geschieht?« dachte Amey. War es nicht wie damals, als sie zu zweit durch die abendliche Allee gingen? Als ihr war, als zuckte ein Blitz vor ihr nieder? – Spät war ihre Stunde gekommen. – Sie wollte sprechen. Ein Wort. Das eine Wort . Aber Don Lund bat: »Sogleich.« – Er riß sich zusammen. »Das letzte, Amey.« Seine Stimme wurde stark. »Ich bin der Sohn dieser Frau. In der Heide bin ich geboren. Meine Mutter gab ihr Leben für das meine. Ich hatte vor dem Gesetz keinen Vatersnamen bei meiner Geburt.« – Don Lund schwieg. Er gab Ameys Hände frei. Seine Augen brannten von jenseitigen Feuern. »Was geht zu sterben?« dachte Amey. Oh – aber es war süß. Wie die reife Frucht dieses verklärten Herbstes löste sie sich von ihrer Vergangenheit auf der andern Seite der blauen Linie. Die letzte Hellberg starb. – Was sagte doch jemand? Die neue Elite? Und Blut erlöst Blut? Stand nicht der Frühling unter dem blühenden Kirschbaum? Aber all dies währte nur sekundenlang. »Das Wunder!« sagte Amey. Ihre Stimme taumelte. Wo zog sie hin? Goldner Kahn – goldner Kahn? . . – Zerschmolz ihre Seele, wie ihr Blut erglomm? Zerschmolz ins All? – Sie hob die Hände. Sie hob ihr Gesicht zu dem Gesicht Don Lunds. Sie sah aus wie aus Licht gemacht. – Im nächsten Augenblick sank sie ohne Laut vornüber. – Als Amey wieder zu sich kam, saß sie auf dem Empirestuhl mit den schnäbelnden Tauben. Aber um sie her war die leidenschaftliche Zärtlichkeit zweier lebendiger Arme. In ihrer linken Hand, die ihr im Schoße lag wie eine Schale aus Perlmutter, ruhte ein Mund. Er ruhte auf dem blauen W dieser Hand. Amey fühlte den feurigen Strom, der sie durchrieselte von diesem Munde her, und ihres eigenen Blutes Wellen weckte und trug. – Sie saßen versunken. – Nachher hob Don Lund seinen Kopf von den Händen Ameys. Er küßte ihr Herz. »Die Flamme deines Herzens«, sagte Don Lund. – »Wir brennen ineinander. Aber nichts sengt. Nur wie es leuchtet! Oh, wie wir leuchten und wärmen wollen!« Er richtete sich auf zu ihrem Munde. »Mein Du!« »Wann küßten wir uns zum letztenmal?« flüsterte er. »War es, als wir vor den wandernden Gletschern zogen? Von den Fjorden südwärts?« »Es wird damals gewesen sein.« Amey lachte wie ein Vogel im Mai. »Eigentlich wollten wir gleich hier bleiben. Die Landschaft lockte uns so sehr. Aber erst mußte noch Rom erobert werden! Weißt du, wie du vorauf rittest, das Elchfell um die Schultern? Sie hingen alle an deinem Mund und an deinem Auge.« – »Aber wenn wir rasteten, dann gehörte mein Mund und mein Auge einer einzigen süßen Frau!« – »Ja«, sagte Amey. Ihre Hand glitt träumerisch Don Lund übers Haar. »Es kann auch auf einer goldnen Trauminsel gewesen sein. Wir lebten von Früchten, und alle Tiere waren uns Gespiel, und unsre Liebe war Frühling und Sommer in einem. Aber sah ich dich nicht einmal am Strande stehn, und du schautest in die Weite? – Was liegt dahinter?« fragte ich dich. »Wirst du auch dort bei mir sein, wenn dieser Traum ausgeträumt ist, und wenn ich dort Werk schaffe? Habe ich dir nicht solche Antwort gegeben?« fragte Don Lund. »Damals? Komm, deine Küsse schmecken süßer, jedesmal wenn wir einander begegnen. – Aber erinnerst du dich auch noch an das Meer?« fuhr er fort. »Als wir zwei winzige silberne Fischlein waren? Und an die Blume, schön wie ein blauer Stern, und wir schliefen Gold an Gold in ihrem schimmernden Schoß? Wer ist Ich, wer ist Du? Wer wird es jemals ermessen? Weißt du noch, als wir das Ureine waren? Das süße Ungeschiedene?« »Sind wir nicht wieder das Ureine?« flüsterte Amey an seinem Halse. »Wo ist noch Scheidung und Gegenüber?« Aber dann dachte sie – irgendein Glied fehlt uns in der Kette. Irgend etwas, was noch zu suchen bleibt!« – Aber es war keine Angst damit verbunden. Nur eine geheime Spannung. »Yolanthe Hellberg«, rief Amey plötzlich. »Sie sagen, ich gliche ihr.« – Sie gingen zu dem Bilde, und wie jedesmal, wenn Amey davor stand, empfand sie Vertrautsein und Abwehr. Ihr Blick suchte. »Dein Mantel ist krokusblau wie der Schal Ameys. Und dein Mund ist verführerisch wie Ameys Mund.« – Don Lund verglich. »Aber Ameys Herz?« »Vielleicht.« . . . Ameys Augen weiteten sich. Irgend etwas zog herauf – wollte sie berühren, – wie damals. In jener Nacht. Ein Ungeheuerliches. – Amey warf sich gegen Don Lund, wie sie sich damals gegen die Tür geworfen hatte. Er umfing sie. »Goldne! Was war!« – Es war nichts mehr. Amey lachte befreit. Zugleich suchte sie in seinen Augen. Hatte er nichts gespürt? »Es war ihr Abschied«, sagte Amey schnell. Sie schauderte leicht, dann atmete sie tief und glücklich. – »Ich glaube, jetzt hat sie Ruh – ich habe Ruh. Wir!« Sie schmiegte sich ganz hinein in Don Lund. »Dies ist das Glied, das noch fehlte!« sagte etwas in ihr. – »Erinnerst du dich nicht mehr daran?« Sie flüsterte: »Hieß ich nicht auch einmal Yolanthe Hellberg?« »Du spürst tiefer«, sagte Don Lund. »Deine Sinne sind seiner. Wie es auch war, ich war immer mit dir! « Er streichelte ihr Haar und herzte sie. Die Sonne stand zwischen den zwei gelb flammenden Ahornen. Als ihr gebrochenes Licht über das Gesicht von Yolanthe Hellberg hintastete, schien es zu schmelzen. – Amey hob den Kopf von seiner Brust. »Einmal stand Schuld zwischen uns?« »Wer will es sagen? Vielleicht mußte einmal Schuld zwischen uns sein.« Er küßte ihr aufgehobenes Gesicht. »Alles sind Stufen.« »Eros«, murmelte Amey. – »Thanatos! Und er bedeutet Vollendung!« Ihre Augen schwammen. »Vielleicht kommt mir aus fernen, gelebten Zeiten solches Erfühlen«, dachte sie. Die Friedrichstraße stand vor ihr. Wie sie sie geschmerzt hatte! »Wie ich sühnen will!« rief sie. »Immer nur schenken Gar nichts mehr begehren! – Aber du? Aber dich?« – Sie richtete sich schnell in die Höhe. Ihre Hände nahmen Don Lunds Gesicht. »Gehöre ich nicht dir? Was solltest du begehren, was dir gehört hat von Anfang an? Durch Unschuld und Schuld? Wenn es so wäre. – Sieh, jetzt ist die Zeit unserer zweiten Unschuld. Sie ist kostbarer als die erste«, flüsterte er. Der träge, tote Teich stand plötzlich vor ihm. Jene Nacht. Vielleicht mußte er so fest umschmiedet vom Harnisch gehen, weil er ihn in einer früheren Gestalt abgelegt hatte, ohne Dürfen. Vielleicht mußte das eine sein und das andere, wenn ein Mensch die ganz hohe Schau antreten sollte, und das Verborgene sehen, klar wie das Aufgedeckte. Daß er das Dürfen aus Gott von dem ungezähmten Trieb zu scheiden lerne, und daß er erlösen lernte ohne Schuld, aus der tiefen Güte eines wissenden Herzens. – »Nelli!« dachte Don Lund! – »Mutter!« dachte er plötzlich. »Vater!« Er stand wieder vor ihm. Der ihm der Höchste war in der Welt, der Untadeligste bekannte sich schuldig vor seinem Sohn. Er sah diese türmende Gestalt ein wenig gebückt. Die luftgebräunten Hände ineinander verschmiedet, daß die Adern wie Baumwurzeln herausdrängten. Er sah die Lippen wie für ewig verschlossen nach dem letzten Wort, und die lichtlosen Augen. Die Erschütterung von damals stieg ihm in die Kehle wie ein Würgen. »Wann werden wir zu deinem Vater reisen?« fragte in dem Augenblick Amey. »Und zu deiner holden Mutter Grab?« Da schluchzte Don Lund. – – – »Es weint sich süß in deinem Schoß«, flüsterte Don Lund hernach. »Ich weiß nicht, daß ich je in meinem Leben geweint hätte. Außer – damals.« Seine Augen waren noch naß, aber ihr Leuchten war stark. »Fast hinter seinem Rücken mußte ich meinen lieben, alten Herrn kurieren.« Er lächelte zart. »Er wollte keinen Arzt fragen. Er nahm seine Erblindung von Gott. Er war in bezug auf sich ganz alttestamentarisch. Schuld verlangte Strafe.« »Darum mußtest du Augenarzt werden!« jubelte Amey. »Oh du! Damit der neue Bund über den alten triumphierte!« Sie sahen sich an, verklärt. – Nachher gingen sie zurück zu dem Schreibtisch aus rötlichem Holz, mit dem verborgenen Geschiebe. Amey entnahm ihm Onkel Rhabans Brief. »Er gehört dir. Wenn wir ihn zusammen lesen, wird er ganz nah bei uns sein! – Er liebte dich im voraus, und er erahnte dich für mich.« Wie sie standen, aneinandergelegt, klangen Schritte auf dem Vorplatz. Don Lund trat zurück von Amey. Es klopfte. Als Amey »herein« rief, verbreitete sich sogleich ein neuer köstlicher Geruch im Zimmer. Die junge, allerliebste Frau Försterin stand in der Tür und knixte. Fast zum Unheil eines Tabletts in ihren Händen. Kaffee – sie verwahrte immer eine besondere Büchse mit Herrschaftskaffee – duftete so überaus köstlich und anheimelnd. Und frisch gebackner Zwetschenkuchen. Und Rosen! – Aber die Tassen der Kaiserin? – Die rote See überflutete vom Nacken her ganz und gar das Gesicht Ameys. Die zarten Täßchen, Alt-Wien, seine Girlanden um Namenszug und Krone, waren ein Hochzeitsgeschenk von Maria Theresia an eine Ahnfrau Ameys, die mit Marie-Antoinette gespielt hatte. Sie standen in einer Vitrine auf dem Wunschberg. Immer nur hatten Hellbergsche Brautleute daraus getrunken, wenn sie zum erstenmal den Wunschberg besuchten. Ahnte die kleine Frau etwas? – Vielleicht war es auch nur der Wunsch zu erfreuen. Sie war ganz jung verheiratet. Vielleicht kannte sie die Bedeutung der Tassen noch gar nicht. Wie dem auch sein mochte. – »So sehr vielen Dank!« Amey und Don Lund tranken Kaffee aus den Brauttassen. War es nicht, als seien sie schon für immer zusammen? So sehr hold war dieses erste festliche Mahl mit dem Wissen um ihr Glück. Amey schenkte den Rahm, dick wie geschlagen, aus einem alten silbernen Kännchen, das schon den Fuggern gedient hatte. Aber nach dem Zucker. Sonst gab es einen streitsüchtigen Mann in dieser Ehe! Der Zucker, großkörnige Kristallwürfel, war Hellbergsches Gewächs. Don Lund sah den Zucker an und die silberne Renaissanceschale, in der er lag. Er sah die Brauttassen Alt-Wien mit der kaiserlichen Krone, und alle die Dinge ringsum. »Weißt du auch,« sagte Don Lund, »wen der Teufel zu Fall bringen will, dem gibt er einen Schatz!« »Es gibt auch dumme Teufel!« Amey legte mit leisem Lachen einen frischen duftenden Zwetschenstreif auf Don Lunds Teller. »Und kluge Liebsten! Gib!« Und er meinte die Hand selber. »Als die guten Haushalter der mancherlei Gabe Gottes!« Don Lunds Stimme klang stark und voll Jubel. »Vertrautes Gut!« sagte Amey. Sie sah sich um und ließ ihre Hand im Kreise wandern. Sie lachte und weinte in einem. Nachher traten sie heraus auf die Terrasse. Herbstblumen brannten in hellen und dunkeln Feuern die Rabatten entlang: Calendula, wie Sonne und Mond, purpurbraune und flammende gelbe Helianten, letzter Phlox, weinrot und violett, glühende Dahlien, Astern aller Größen und Farben und Töne, Anemonen von Caen und die schlanken, gesternten Speere der Gladiolen. Wellen von Resedageruch und Herbstveilchen überfluteten die Terrassen. Das Laub des edlen Weines war dunkel durchblutet, und die steinernen Götter standen wie im Rausch. Die Sonne zwischen den flammenden Ahornen liebte sie zurück in Jugend und Schönheit und Unschuld. »Deine Augen sind wie Weinbeeren«, sagte Don Lund. »Der Gott spielt in Beere und Auge!« Er pflückte Amey von den Trauben, und ihre Augen küßte er. »So küß ich Gott!« sagte er stark. »Der sich wiederum der Frau schenkt. Und von ihr geboren wird: Die neue Liebe!« – – – Sie gingen hin und wieder. Der Herbstgeruch, die Feuer der Blumen und Bäume, die tiefe Stille rundum, der verklärte Himmel, die Sonne und ihre Herzen, alles schien das eine und das gleiche. »Vielleicht steht noch ein Ungeheueres dazwischen«, sagte Don Lund. »Denkst du an die Weissagung von der Hallig? Und an die alte Ariane und die vielen Haselnüsse?« Er lächelte, als er Amey näher zu sich nahm. »Es sind auch noch andere Zeichen dafür. Und das Maß der Zeit ist voll.« – Er spürte ihr bebendes Herz. Aber er sah auch den Blick ihrer Augen. Sie hing an seinem Leuchten. Wie an einem Banner. »Amey,« sagte Don Lund, »was auch kommen mag – die Menschheit drängt über den Rand. Neuer Höhe entgegen. Neue Erde will grünen. Wir sind ihr Anfang. Alle Liebenden sind neuer Anfang und Urbeginn!« Sie standen auf dem Podest unter dem schmalen Balkon. Sie standen verschmiedet wie die zwei W über ihnen. Sie standen im Gold des Abends und des Herbstes wie in einem Rahmen aus Feuer. Dann schritten sie die Stufen hinunter. Neuen Frühlingen zu. Und neuen Reifen. Auf der neuen Erde. –   Ende