Im Hirtenhaus. Eine oberfränkische Dorfgeschichte von Heinrich Schaumberger.     Wolfenbüttel. Druck und Verlag von Julius Zwißler. 1877.     Vorwort. Im »Hirtenhaus« eines oberfränkischen Dorfes spielt die nachfolgende einfache Geschichte. Wer nun auch nicht weiß, daß in Oberfranken die Hirtenhäuser, seitdem durch Einführung der Stallfütterung der Hirte mit Hund, Horn, Peitsche und Mantel zu einer sagenhaften Erscheinung der Vorwelt geworden ist, die nur noch im Gedächtniß weniger Alten dunkel fortlebt, zum Armenhaus der Gemeinde umgewandelt worden, der kann im Voraus vermuthen, daß er von dem Erzähler nicht in vornehme, feine Gesellschaft eingeführt werden wird. Nicht einmal eine romantische Liebesgeschichte darf der Leser erwarten, denn seit das alte Hirtenhäuschen zum Armenhaus wurde, ist alle Poesie aus seinem Umkreis geschwunden. Die Noth, das Elend, Kummer und Sorge mit ihrem unheimlichen Gefolge haben da Wohnung genommen und herrschen unumschränkt in den freudlosen Räumen. Wenn es nun trotzdem der Erzähler wagt, den Leser dort einzuführen, so dürfte es wohl nöthig sein, ein rechtfertigendes Wort vorauszuschicken. Nur der Oberflächliche, Gedankenlose läßt sich am Duft, an der Farbenpracht der Blume allein genügen, sieht im Rosenstrauch eben nichts anderes als den Träger der Rose, die wiederum nur blüht, um eine kurze Weile seine Sinne zu erfreuen. Der Empfindende, sinnig Betrachtende wird dabei nicht stehen bleiben. Mit inniger Theilnahme geht er den verschiedenen, sich wechselsweise ergänzenden und bedingenden Daseinsstufen, den geheimnißvoll wirkenden, gestaltenden Kräften nach, deren lieblichste Erscheinungsform freilich die Rose, keineswegs jedoch deren höchster, letzter und einziger Zweck ist. Auch untergeordnete, unscheinbare Gestaltungen gewinnen für ihn Bedeutung, selbst Mißbildungen, Entstellungen der reinen Form werden ihm Gegenstand theilnehmender Betrachtung. Und je mehr er in den Verzerrungen dieselben Gesetze und Kräfte wirksam, dasselbe Streben nach höchster, vollkommenster Ausgestaltung, nur gehindert, vom graden Wege abgelenkt durch innere oder äußere Störungen, erkennt – desto mehr schwindet das anfängliche Mißbehagen, ja es verwandelt sich in die innigste Theilnahme, wenn sich ihm nun das Verständniß erschließt, wie der verwundete und erkrankte Organismus so machtvoll ringt und arbeitet, die Zerstörung zu überwinden, über alle Hemmnisse hinweg zur vollkommnen, reinen Form zurückzukehren. Nun erst vermag er sich mit reinster Lust der vollkommenen, vollendet schönen Bildung zu erfreuen. Aehnlich verhält es sich mit der Betrachtung des Menschenlebens. Wer das Leben ganz fassen und verstehen will, darf sich nicht blos an seinen Lichtseiten, an vollendeten Bildungen erfreuen wollen, er muß auch das Herz haben, die Verkrüppelungen, Verzerrungen der ewig herrlichen Normalgestalt, das Laster und das Elend in seiner wahren Gestalt kennen zu lernen. Nur wer der Sünde, der Noth in das unverhüllte Antlitz blickt, theilnehmend in den entstellten Zügen nach dem ursprünglichen reinen Gottesgedanken forscht, liebevoll den Ursachen nachgeht, die zuerst die Entwickelung der Seele störten, vielleicht hemmten, die sie, da ja das Leben und die Weiterbildung nicht stillstehen kann, gewaltsam in Formen preßten, die der ursprünglichen Idee entgegengesetzt scheinen, nur wer sorgsam die inneren, geheimen Regungen solcher verkrüppelten Seelen belauscht, auf den geheimsten Pulsschlag solches entstellten, beraubten Lebens horcht und sich nicht in eigensüchtiger Selbstüberhebung den verwandten Tönen verschließt – nur der kann zu einer richtigen Schätzung des Werthes und der Würde des Menschen gelangen. Darum wage ich getrost in den nachfolgenden Blättern den Schleier von einer Nachtseite unsres Volkslebens zu heben, ich wage den Leser an eine Stätte zu führen, wo die Sünde, das Laster und das Elend herrscht. Er wird Bekanntschaft mit gefallenen Menschen machen, sich ihre Gesellschaft gefallen lassen, ihre Art ertragen müssen. Für zarte Naturen, die nur durch einen verhüllenden Schleier die Welt zu betrachten wagen, für empfindsame Herzen, die verlangen, daß das Elend nur in Glacéhandschuhen in ihre Nähe komme, für fein besaitete Seelen, die vor einem kräftigen Wort, vor einer derben Natürlichkeit in Ohnmacht sinken – für solche ist das Büchlein nicht geschrieben, sie mögen es ungelesen aus der Hand legen. Wer aber ein Herz hat für die Armuth und ihre Leiden, wer auch noch in dem gesunkenen und gefallenen Menschen den Bruder liebt, wer aus der Dissonanz seines zerrissenen Innenlebens noch verwandte menschliche Töne hervorklingen hört, wer den geheimen Schmerz versteht über ein verlorenes Leben, den die wildesten Leidenschaften nicht gänzlich zu übertäuben vermögen, der so oft unerwartet, gewaltsam hervorbricht, wem vor allem das Ringen der Seele nach Freiheit, nach Licht, nach harmonischer Ausgestaltung auch im Verkommensten mit Theilnahme erfüllt – der wage getrost den kurzen Gang. Wohl ist der Erzähler der Wirklichkeit nicht ängstlich aus dem Wege gegangen, doch hofft er nirgends das Gefühl zu beleidigen, und auch an freundlichen Oasen in der Wüste des Elendes, wo er sich an murmelnder Quelle auf schwellendem duftigen Rasen, im Schatten rauschender Bäume freundlich ausruht, soll es nicht gänzlich fehlen. Solche zerrüttete Dorfverhältnisse, wie die geschilderten, Schultheißen wie der Türkenhenner, Menschen wie der Kirchbauer mag es zum Glück selten geben, wer aber das Volksleben nur einigermaßen kennt, wird sich ähnlicher Gestalten gewiß erinnern, zugleich aber auch seufzend eingestehen, daß Männer wie der Bergbauer und der Schreinerslorenz bis heute auf dem Lande mit Laternen gesucht werden müssen. Aber kein Dorf im lieben deutschen Vaterland ist so klein und so gering – ein Armenhaus mit all seinem Jammer und Elend findet sich gewiß – und dürfte das Bild des Bergheimer Hirtenhauses vor seiner Instandsetzung auch heute noch leider, leider! nur auf allzu viele passen. Darum ward nachfolgende Erzählung geschrieben, und wenn sie nur in einer einzigen Gemeinde die Aufmerksamkeit auf das Armenwesen lenkte, würde sich der Erzähler reich belohnt sehen.   1. Ins Hirtenhaus. Hirtenhaus! – Wie unschuldig, ja fast anheimelnd das Wörtchen klingt! Unwillkürlich denkt man dabei an ein malerisches, altes Häuschen, ein wenig verfallen und altersgrau zwar, aber doch nett, wohnlich, heimlich. Vor dem Häuschen umschließt eine lebendige Hecke von Hagebutten und Kreuzdorn ein sauberes Gärtchen; in der Gartenecke auf dem knorrigen, weißblühenden Hollunderbaum nistet die Grasmücke, unter dem weitvorspringenden Dach hat sich die Schwalbe angesiedelt und hält gute Nachbarschaft mit dem Rothschwänzchen, nur die Spatzen, die sich in den Löchern der baufälligen Giebelwand festgesetzt, stören dann und wann den Hausfrieden. Daneben streckt ein alter Nußbaum seine sparrigen Aeste hoch in die Luft und breitet sie über das Häuschen, als wollte er es beschützen vor Unbill des Wetters und Windes. Auf dem Bänkchen vor der Hausthür sonnt sich ein Alter, aus dessen runzelvollem Gesicht ein paar helle Augen klug und zutraulich in die Welt blicken; oft nickt er wohl auch dem Hund zu, der seinen Kopf auf des Herrn Knie legt, und streichelt ihm das 2 zottige Fell. Lugt dann noch ein blühendes Mädchengesicht verstohlen durch die halboffene Hausthür, dann ist das Bild ländlicher Stille, befriedeten Glückes vollendet. Aber wie wenig entspricht dem die Wirklichkeit, wie verschwinden all die heiteren Bilder, sobald man weiß: Das Hirtenhaus ist das Armenhaus des Dorfes, der Sammelplatz alles Elendes, der Aufenthalt der Verkommenen, auch der Verworfenen. »Ins Hirtenhaus!« – begreifst Du nun die Bedeutung der kleinen Wörtchen? verstehst Du, was sie für den, dem sie gelten, besagen? – – * * * Der Kuckuck in der Schwarzwälderuhr rief eben die dritte Morgenstunde an. Ein tiefer Seufzer in der dunkeln, kalten Kammer übertönte das Rasseln und Rauschen des Schlagwerks, und eine unterdrückte Männerstimme flüsterte: »Margelies! Margelies!« Eine Weile erfolgte keine Antwort, als aber der Name ängstlicher wiederholt ward, klagte eine Frau: »Laß mich, den Alp, der mich drückt, vertreibt kein Anruf. – – – Schon drei! – Großer Gott im Himmel, und heute noch in's Hirtenhaus!« Heftiges Weinen brach die Stimme. In der andern Ecke ward es ebenfalls lebendig, ein Kinderstimmchen wisperte! »Marie, Mariele! – Hast den Kuckuck gehört?« »Mehr wie Du!« war die wichtigthuende Entgegnung. »Schon um zehn, elf, zwölf, eins, zwei und jetzt wieder. 3 Siehst Du, ich hab ihn nun einen ganzen Tag vorausgehört. – Ach unser armer Kuckuck!« »Warum geht er nicht mit?« »Bist dumm! Weißt nicht? er wird ja verkauft?« »Ach unser armer, armer Kuckuck!« jammerte das Kind. »Gelt, Mariele, das ist gar nicht wahr? gelt unser Kuckuck wird nicht verkauft?« »So sei doch still!« suchte Marie zu beschwichtigen. »Ach Gott, wenn's mit dem Kuckuck allein abging! Sei still, heul' nicht, die Eltern haben so Kummer genug. Gieb Acht! – Wenn unser Kuckuck fortgetragen wird, passen wir auf, wo er hinkommt, nachher stellen wir uns vor's Haus, da hören wir ihn alle Tage.« »Aachele – wir hören unsern Kuckuck alle Tag'!« Die Mutter jammerte, der Vater schluchzte, und die erschrockenen Kinder stimmten laut in das Weinen ein. »Lorz, Lorz, so rede was!« klagte die Frau. »Du bist der Mann, hast Du keinen Trost?« »Ja, ja, Margelies,« war die Antwort, gleich, gleich doch!« Leise verließ der Vater das Bett, tastete sich zu den Kindern – auch ein drittes war erwacht – und redete ihnen freundlich zu: »Seid still, Kinderle, schlaft ruhig! Wird der alte Kuckuck verkauft, was thut's? Dafür schaff' ich euch einen neuen, viel, viel schönern!« Die beiden Kleinen beruhigten sich, das Wasser stand ihnen noch in den Augen und schon patschten sie vor Freude in die Händchen, schliefen auch richtig bald ein. Nicht so Marie. Heftig schlang sie ihre Arme um den Hals des 4 Vaters und flüsterte ihm in's Ohr: »Wenn ich aus der Schule bin, dien' ich und verdiene viel, viel Geld. Und alles geb ich Euch – aber gelt, eines thut Ihr – Ihr kauft den alten, guten Kuckuck wieder? – Gelt, den alten?« »Ja, ja, freilich!« flüsterte Lorenz, den diese Worte fast wieder außer Fassung gebracht hätten. »Du bist ein brav's Mädle! Aber schlaf! – Um acht geht die Schul' an, und Du weißt, jetzt mußt Du doppelt auf dem Zeug sein.« Die Mutter saß noch aufrecht im Bett, hatte das Gesicht in die Hände gelegt und die Thränen tröpfelten ihr durch die Finger. Lorz versuchte vergeblich ihre Hände wegzuziehen, was er auch sagte, sie wollte sich nicht trösten lassen, blieb fest dabei: »Und wenn zehnmal unschuldig, darnach fragen die Leute nicht!« »So brauchst Du Dich auch nichts um sie zu kümmern. Kommt keine Krankheit und Schwäche über mich, will ich sorgen, daß wir nicht lange im Hirtenhaus bleiben.« »Drin waren wir doch,« rief Margelies und rang die Hände, »wenn auch nur einen Tag, eine Stunde; kein Mensch kann das wieder von uns weg bringen. Mir ist's nicht um mich, könnt' ich's allein auf mich nehmen, kein Wort käme über meine Lippen – mich jammern nur unsere Kinder! Auch die, und sie besonders sind verschimpft für's ganze Leben, werden verspottet, wo sie sich sehen lassen, verachtet, gemieden von Jedem. Dazu müssen sie sich hudeln und herumstoßen lassen, sollen ausfressen, was Andere einbrocken, da ist überhaupt nichts zu schlecht, nichts zu schändlich – ihnen wird's zugemuthet, sie sind ja aus dem 5 Hirtenhaus! Bis heut' war es meine Lust, die Kinder in Ehrbarkeit und Rechtschaffenheit großzuziehen, nun ist alle Mühe umsonst, im Hirtenhaus werden sie bald an Leib und Seel verderben. Ach und wenn die Kinder umschlügen! – eh' ich das erleb', eh' wollt ich, ich wär gestorben!« Lorenz hatte seine Margelies gewähren lassen, was sollte er auch erwidern? Nur ihr letztes Wort war ihm zuviel. Er ließ ihre Hände los und sagte streng: »So, das ist deine ganze Weisheit? Meinst Du nun wirklich, damit sei etwas gebessert und besonders den Kindern geholfen? – Margelies, Du dauerst mich, daß Du im Jammer Alles vergißt und nur allein an Dich denkst. Von mir nicht zu reden, was soll aus den Kindern werden, ging dein Wort in Erfüllung?« »So war das gar nicht gemeint!« weinte Margelies. »Drum eben ist's doppelt Unrecht! Mir sind die Kinder so fest an's Herz gewachsen als Dir, ich weiß auch, was ihnen im Hirtenhaus droht – aber mit Klagen und jämmerlichen Reden ist da nichts geholfen. Nimm Dich zusammen Margelies, daß wir nicht gänzlich zu Schanden werden. Je mehr Schlechtes die Kinder im Hirtenhaus hören und sehen, desto eifriger müssen wir ihnen ein gutes Beispiel vor Augen führen, müssen die Kinder behüten wie Augäpfel. – Margelies, das ist ein Großes, aber wenn wir's zwingen, und mit Geduld und Standhaftigkeit müssen wir's zwingen, – auch im Hirtenhaus sollen die Kinder gedeihen – dann können wir einmal getrost die Augen zuthun. – Du glaubst mir nicht? – Ja den Kopf müssen wir freilich oben behalten, sonst geht das nicht. Merk Dir 6 doch: Ein unverschuldet Unglück ist kein rechtes Unglück, wenn wir's nicht dazu machen, und wer treu seine Schuldigkeit thut, kann nicht gänzlich zu Schanden werden!« Margelies schluchzte, tastete aber doch nach ihres Mannes Hand und sagte: »Hab' Geduld mit mir Lorenz! Es war schlecht von mir, so zu reden – es soll nicht wieder geschehen. Ich will beten, Lorenz, daß mich der Herrgott gesund und bei Kräften erhält! – Es ist ja wahr, so lange wir frisch und gesund zusammen sind, dürfen wir nicht klagen!« »So höre ich Dich gern – halt aber auch daran fest! Dein Herz wird Dir noch manchmal schwer, arg schwer werden – wein' Dich dann aus in der Nacht oder geh' abseits, am Tag zeig' ein fröhliches Gesicht, ich thu's auch, so sauer mir's ankommt. Merk's, damit verderben wir unsern Feinden die Freud', sie müssen erkennen, daß wir uns nicht niederwerfen lassen. Nimm Dich zusammen auch der Kinder willen! Das ewige Flennen macht sie verstört, die armen Würmer wissen nimmer, wem sie angehören.« »Ich dank Dir, Lorenz! – Hilf mir nur zurecht, Du bist der Mann, und habe Geduld!« »Ja, Geduld haben wir beide von Nöthen! Halte daran fest: Was zu ermachen ist, wird ermacht! Sollte es aber doch länger dauern, ehe wir aus dem Hirtenhaus herauskommen, laß keinen Verdruß zwischen uns aufkommen, sonst ist's gefehlt. Gieb mir die Hand; Bergheim soll erfahren: Hirtenhaus oder Bauernhof, Herrenschloß oder Bettlerhäusle macht in Wahrheit keinen Unterschied, auf die Leute kommt's an, die drin wohnen! – Jetzt sei still, die 7 Kinder regen sich wieder, wir selber brauchen Ruhe, es steht uns ein schwerer Tag bevor.« Es war schon lange stille in der Kammer, als der Kuckuck vier Uhr ankündigte. Die jüngern Kinder verschliefen diesmal den Ruf, Marie saß jedoch aufrecht zwischen Bruder und Schwester und weinte. Kein Wort des Gesprächs war ihr entgangen, faßte sie auch nicht Alles, soviel hatte sie verstanden: Die Eltern sorgten und härmten sich auch ihretwillen. Im schmerzlichen Gefühl ihrer Hülflosigkeit und Schwachheit rang sie die kleinen Hände; da sie die Eltern nicht trösten konnte, gelobte sie mit heißen Thränen, Vater und Mutter zur Freude zu leben, das kindische Wesen abzuthun, der Mutter beizustehen. »Die Geschwister behalt' ich im Aug' und leide nicht, daß sie ausarten. Gras trag' ich bei für die Ziegen und im Winter spinn' und strick ich mit der Mutter um die Wette. Ach du lieber Gott, mach' mich recht geschickt und fleißig und brav, es ist ja wegen der Eltern!« Mit einem Gebet auf den Lippen schlief sie endlich ein. Lorenz lag still und athmete ruhig, aber seine Augen standen weit offen, und unter der Decke rang er die Hände. Der langsame Pendelschlag der Uhr war ihm unerträglich, jedes Tick-Tack traf ihn wie ein Schlag auf den Kopf. Er war daran aufzustehen, die Uhr zu stellen – aber was hätte er Margelies antworten sollen? Mit Mühe hatte er ihr den Sturm in seiner Brust verborgen, um sie aufzurichten, sich stärker gestellt, als er war; jetzt kam die Angst doppelt über ihn. Er marterte sich ab, einen Ausweg zu finden, seine Gedanken verwirrten sich bei der Frage: mußte es so kommen? 8   2. Rückblicke. An der Wiege war es ihm nicht gesungen worden, daß er einstmals der Barmherzigkeit der Bergheimer anheimfallen würde. In dem schmucken Häuschen links an der Lindengasse, an dessen Wand der Weinstock sich emporzog und mit seinen Ranken einen dichtgefüllten Bienenstand umschlang, vor dessen Fenstern die Zweige fruchtbarer Obstbäume im Winde schwankten und rauschten, erblickte er das Licht der Welt. Der Vater war ein wohlbehaltener Mann; nicht nur Haus und Garten, auch manchen wohlgelegenen Acker, manches fruchtbare Wiesengrundstück besaß er schuldenfrei, dazu verstand er sein Handwerk aus dem Fundament und war weitum berühmt als geschickter Schneider. Sonst wußten die Nachbarn wenig Löbliches von ihm zu berichten, ernste Männer schüttelten bedenklich die Köpfe, so oft sie am Schneiderhaus vorübergingen. Ueber der Hausthür streckte ein gemalter Ziegenbock die Hörner vor, daneben stand geschrieben: Hier wohnt der Schneider Friedericus Heider , Der sich nicht mit Kummer plagt, Die Sorgen all zum Teufel jagt! Seht an das edle Schneidersthier, Das guckt aus meiner Thür herfür, Das spricht wie ich: meck, meck, Ihr Sorgen geht mir weg! – Und kommt sie mir doch in's Haus, Reit' ich auf'm Bock zum Dach hinaus! Wie zur Erklärung der letzten Zeilen knarrte auf dem First eine große Wetterfahne: ein springender Ziegenbock, 9 der einen Schneider mit riesiger Scheere trug. Spruch und Fahne kennzeichnen den »Gaisenschneider«, wie er allgemein genannt ward. Eine lustige Seele, immer zu Scherz und Possen aufgelegt, dabei ein offener Kopf, der sich nicht leicht hinter das Licht führen ließ, hätte er es gewiß zu was Rechtem bringen können; aber sein unruhiger Geist, der Mangel an »Sitzfleisch«, wie die Bauern sagten, waren sein Unglück. Es war freilich viel schöner, in der grünen Welt herumfahren, als in der dumpfigen Stube schwitzen; unterhaltender, im Wirthshaus lustigen Seelen Schnurren vormachen und Bären aufbinden, als sich daheim mit den langweiligen Kirchenröcken und Lederhosen plagen – aber dabei ging sein Handwerk zu Grund. Die Bauern murrten und zankten, wenn ihre Kleiderstoffe drei und mehr Wochen unberührt im Schneidershaus liegen blieben; als das nichts half, gingen sie zu andern Meistern. Der Gaisenschneider ließ sich das allerdings nicht anfechten. »Die Bauern meinen,« zankte er im Wirthshaus, »wir Handswerksleute müßten ihre Lastesel und Pudelhunde sein – pros't die Mahlzeit! Bei Anderen mag's gelten, auf den Gaisenschneider paßt das nicht! Ich pfeif' auf die Schneiderei, mit dem verdammten Sticheln und Fädeln verdient man das Salz in der Suppe nicht. Was brauch ich mich für Andere zu plagen? meine Feldgüter nähren allein ihren Mann!« Uebertrieben war das wohl nicht, aber es war doch ein Fehler in seiner Rechnung, der ihm den Hals brach. Je weniger er arbeitete, desto länger saß er im Wirthshaus; je geringer sein Verdienst, um so größer waren seine Ausgaben. Bald kam ihm vor, der Ziegenbock sehe nicht mehr 10 so lustig drein; als gar die Kinder hinter ihm: » Gaisenreuter! « riefen, fuhr es ihm wie ein Stich ins Herz – das kam davon, er hatte Schulden machen müssen. Um wieder Oberwasser zu bekommen, verfiel unser Friedericus auf Mancherlei. Zuerst richtete er mit seinen Kühen ein Botenfuhrwerk ein, das ihm nichts trug als Kosten und ein paar ruinirte Kühe. Darnach, als die Hauptstraße durch den Werthagrund gebaut ward, kaufte er einen lebensmüden Gaul, der sollte durch Steine und Erdenfuhren die verlorenen Kühe wie das verlorene Geld ersetzen helfen. Vielleicht wäre es gegangen, aber noch vor dem rechten Beginn der Arbeit stürzte der Gaul und stand nicht wieder auf. Die Bergheimer spotteten: »Der Gaisenschneider hat sich vom Bock auf den Gaul gesetzt, um ja recht bald gänzlich auf den Hund zu kommen!« Zuletzt errichtete er, wie alle heruntergekommenen Hauswirthe gern thun, einen Schnapsschank, damit schnürte er sich vollends die Kehle zu. Höhnend sagten die Nachbarn: »Darfst den Spruch vor der Thür auskratzen, denn gingst Du darnach, hättest Du lang zum Dach hinausreiten müssen!« Den Gefallen that ihnen jedoch der Alte nicht, legte sich vielmehr hin und starb. Am andern Tag war Spruch und Fahne verschwunden, auch der Schnapsschank geschlossen. Sein Tod kam zu rechter Zeit, er bewahrte die Schneidersfamilie vor gänzlicher Verarmung. Freilich mußten die besten Grundstücke verkauft werden, und der Kirchbauer hatte noch ein bedeutendes Kapital auf dem Uebrigbleibenden stehen – aber die Schneiderin hoffte trotzdem vorwärts zu kommen. Im Anfang schien es auch wirklich, als sollten 11 für die schwergeprüfte Familie bessere Zeiten kommen, aber nicht lange und neue Wetterwolken zogen sich zusammen. Eben als der jüngste Sohn, unser Lorenz, zu einem Schottendorfer Schreiner in die Lehre kam – mit Mühe und Noth hatte die Schneiderin das Lehrgeld zusammengebracht – erkrankte ihre einzige Tochter. Die Schneidersmargareth, ein wundersam schönes Mädchen, hatte sich heimlich mit dem Pfarrfritz in einen Liebeshandel eingelassen. Schon sein Abgang zur Universität griff das zarte Mädchen hart an; als er darauf wegen »demagogischer Umtriebe,« wie das Urtheil lautete zu fünf Jahren Festung verurtheilt ward, brach sie zusammen. Die Krankheit war schwer und langwierig; kaum erholte sich Margareth, so begann die Schneiderin an den Augen zu leiden und die Aerzte befürchteten Erblindung. Um dem Drängen des Kirchbauern, der grade jetzt in dieser ärgsten Noth mit Kündigung seines Kapitals drohte, ein Ziel zu setzen, rief die Wittwe ihren ältesten Sohn Johann, der in der Hauptstadt bei einem Schneider in Arbeit stand, heim; er sollte Haus und Güter übernehmen, heirathen und die Mutter verpflegen. Johann war das wohl zufrieden; sein Schatz, das Unterweißbacher Ritzenbärble, nicht minder. Bald ward eine fröhliche Freierei gefeiert; Johann besonders war voller Zuversicht und berechnete, da die Mitgabe seiner Braut die Schuld des Kirchbauern fast deckte, in wie viel Jahren spätestens er die elterlichen Grundstücke wieder beisammen haben wolle. Ganz Bergheim nahm aufrichtig Antheil am Glück der Schneidersleute, nur einer ging grimmig herum, der Kirchbauer. Zwischen ihm und dem Gaisenschneider bestand 12 eine alte Feindschaft, deren Grund Niemand kannte; als es mit dem Schneider abwärts ging, söhnte sich zu allgemeiner Ueberraschung der Kirchbauer mit seinem Gegner aus, ja er ward dessen vertrautester Freund. Die Bergheimer wunderten sich, der alte Herrenbauer aber sagte: »Nun ist's vollends um den Gaisenschneider geschehen; gebt Acht, sein neuer Spezial saugt ihm das Mark aus den Knochen!« Wie Recht er hatte, zeigte sich nach dem Tod des Schneiders. Mit dem damaligen Gewinn jedoch noch nicht zufrieden, war des Kirchbauern ganzes Dichten und Trachten darauf gerichtet, auch den letzten Rest der Schreinersgüter billig an sich zu bringen. Diesmal vielleicht weniger aus Haß und Habsucht, sondern weil er Geld brauchte, viel Geld! Noch galt er als dicker Bauer – und doch war er arm, ärmer vielleicht als sein Taglöhner. Bis jetzt hatte er die hohen Summen, die er im Färbeln verspielt, öffentlichen, ihm anvertrauten Kassen entnommen; wurden ihm die Kassen abgefordert, war er verloren. Darum sein Schrecken, als ihm die Freierei des Schneidersjohann die letzte Aussicht auf Rettung zu zerstören drohte. Aber noch gab er sein Spiel nicht auf, und die Schreinersleute sollten bald spüren, daß ein mächtiger Gegner an ihrem Untergang arbeitete. Als Johann für seine Braut Aufnahme in Bergheim verlangte, lachte der Schulz höhnisch und sagte: »Oha, Johann, so geschwind geht das einmal nicht. Der Ausschuß hat über die Sach' Sitzung gehalten und ist einig worden: das Ritzenbärble kriegt ein für allemal keine Aufnahme. 13 Wir haben arme Leut genug im Dorf, die der Gemeinde zur Last fallen, wir wollen uns nicht auch noch fremde Brut in den Pelz setzen, denn das ist allemal die schlimmste. Muß es durchaus geheirathet sein, halte Dich an Deinesgleichen im Dorf, da wird Dir nichts in den Weg gelegt, eine Fremde kommt aber einmal für allemal nicht in's Dorf!« Johann war ganz erstarrt, bat, begehrte auf, umsonst, der Türkenhenner lachte ihn nur aus; auch eine Klage half nicht, der Schulz und Gemeindeausschuß blieben im Recht. Freilich, hätte er auch die Aufnahme erzwungen, es war doch zu spät. Der Ritzenmathes war über den Schimpf, den ihm die Bergheimer Gemeinde angethan, so erbittert, daß er den Verspruch mit dem Schneidersjohann rückgängig machte und seine Tochter bald darauf nach Lengsfeld verheirathete. Soweit im Vortheil säumte der Kirchbauer auch nicht, sein Werk zu vollenden. Schlag auf Schlag folgte Kündigung, gerichtliche Klage und Abpfändung; ehe die Schneidersleute nur recht zur Besinnung kamen, hatten sie die letzten Grundstücke, Haus und Hof verloren. Der Kirchbauer lachte in's Fäustchen, der Profit von den abgepfändeten Grundstücken reichte beinahe hin, die Löcher in den Kassen zu füllen, jetzt war er wieder ein großer Bauer, mochten ihn die Leute auch einen Seelenverkäufer und Blutsauger nennen, deswegen ließ er sich kein graues Haar wachsen. Beweisen konnten sie ja doch nichts, und sonst sollten sie ihm nur kommen. Um diese Zeit ward der Pfarrfritz begnadigt, kehrte nach Bergheim zurück, verlobte sich mit der Schneidersmargareth und rüstete zur Reise nach Amerika. Johann 14 schloß sich seinem Schwager eng an; beide waren erbittert über die heimischen Zustände, beiden waren die liebsten Hoffnungen durch Bosheit und Niedertracht zertrümmert worden – Zorn und Haß auf das Vaterland war der Kitt ihrer Freundschaft. Der Jammer der alten, halbblinden Mutter rührte ihn nicht, trotzig rüstete auch er zur Abreise nach Amerika. Zuletzt nach den Feldgütern ließ der Kirchbauer auch das Schneidershaus öffentlich versteigern; als es eine liederliche, blutarme Familie aus Uhlstedt um unbegreiflich hohen Preis erstanden, schlug Johann mit der Faust auf den Tisch und schrie: »O ihr verdammten Hallunken und Spitzbuben! Die eigene Brut tretet ihr mit Füßen und stoßt sie in's Elend, damit der fremden Brut Platz wird. Gottes Fluch über euch, Schulz und Kirchbauer! Ihr aber, ihr einundzwanzig Herren, In Bergheim besaßen das Gemeindevermögen einundzwanzig Berechtigte; die übrigen Bergheimer wurden Hintersitzer genannt. ihr Krautspöpel und Nickmännle, die ihr die ärgsten Schelme und Heimtücker über euch setzet, euch gönn ich's, daß ihr ausfressen müsset, was sie einbrocken. Denket an mich, der Kirchbauer hat euch mit den Uhlstedtern ein Ungeziefer in den Pelz gesetzt, das euch garstig beißen wird!« Begehrten da der Schulz und Kirchbauer auf! – Aber nicht lange, denn diesmal hatte der Schneidersjohann nur das Eis gebrochen, den Widersachern des Schulzen und Kirchbauern unter den einundzwanzig Gemeindeberechtigten die Zunge gelöst. Die zwei Gewaltigen mußten 15 bittere Pillen verschlucken, besonders der junge Bergbauer führte so stachlige Reden, daß der Schulz ganz außer sich heimkehrte und sein ganzes Haus in Aufruhr brachte. Aber geholfen war den Schreinersleuten damit nicht. Um die Mutter zu pflegen, mußte Lorenz, der seit einem Jahr auf der Wanderschaft war, heimkehren, Meister werden und ein eigenes Geschäft beginnen. Lorenz hätte freilich gerne erst die Welt gesehen, ehe er den eigenen Hausstand gründete und sich für immer an einen Ort fesselte; allein er war ein guter Bruder und Sohn, ohne Murren fügte er sich in die Wendung seines Geschickes. Seine Ersparnisse reichten hin, Handwerkszeug und einen kleinen Vorrath an Brettern anzuschaffen, mit fröhlichem Herzen führte er bald darauf seine Mutter und ein nettes sauberes Weib in das Hinterstübchen beim Ottensmärt – diesmal hatten die Einundzwanzig der Fremden, obgleich sie ganz arm war, die Aufnahme nicht verweigert. Aber der Kirchbauer ruhte noch nicht; unter allerlei Ausflüchten wußte er die Auszahlung des Wenigen, was den Schneiderskindern von ihrem Erbe geblieben war, zu verzögern, und da der Pfarrfritz und Johann das Geld nicht entbehren konnten, schlug sich Lorenz in's Mittel. Unter der Bedingung, daß der Kirchbauer Bruder und Schwager sofort bezahle, willigte er ein, sein Erbe auf dem Schneiderhaus stehen zu lassen, ja, er begnügte sich zur Sicherstellung desselben sogar mit einer zweiten Hypothek. Der Kirchbauer lachte in's Fäustchen, sah er doch die Zeit nicht allzufern, da ihm das Schneiderhaus abermals zu einer Goldgrube werden mußte. 16 Lorenz hatte einen schweren Anfang; er war nicht der einzige Schreiner im Ort, und sein Handwerksgenosse, der Schreinersfrieder war reich und ein tüchtiger Geschäftsmann – zwei Vortheile, gegen die schwer aufkommen ist. Doch schlug sich Lorenz durch; er würde sich auch emporgearbeitet haben, hätte sich nicht das Unglück an seine Fersen geheftet. Nach einigen Jahren erblindete die Mutter, dazu lähmte ein Schlaganfall ihre linke Seite und beraubte sie der Sprache – die Unglückliche mußte verpflegt werden, wie ein hülfloses Kind. Den Geschwistern in Amerika glückte es ebenfalls nicht; zwar kam dann und wann ein Brief mit Versprechungen, allein die Hülfe blieb aus. Als endlich der Tod die Aermste erlöste, athmete Lorenz auf; aber nun folgten schwere Geburten, Kinderkrankheiten, zuletzt warf ein hitziges Fieber Lorenz selber nieder. Als er wieder zu Kräften kam, mußte er seinem Hausherrn, dem Ottensmärt, der ihm zweihundert Gulden geliehen hatte, sein gesammtes Hausgeräth und Handwerkszeug verpfänden. Lorenz unterschrieb unbedenklich das gefährliche Papier, auf seinem Vaterhaus hatte er ja noch zweihundertundfünfzig Gulden stehen, damit konnte er den Ottensmärt befriedigen. Als er jedoch den Uhlstedtern sein Kapital kündigte, lachten sie ihm in's Gesicht: »Der Kirchbauer hat seine erste Hypothek eingeklagt, in vier Wochen wird das Häusle verstrichen, sieh selber zu, wie Du zu Deinem Geld kommst!« Und richtig, beim Verstrich reichte der Erlös grade hin, die erste Hypothek zu löschen und die Gerichtskosten zu bezahlen – Lorenz hatte sein Erbtheil sammt vieljährigen Zinsen verloren. Erst später kam an's Licht, daß der Kirchbauer selber das Schneidershaus um 17 einen Spottpreis erstanden und mit großem Gewinn an den Untermerzbacher Uhrmacherle verhandelt hatte. Darüber kam es im Wirthshaus zu großem Lärm, aber der Kirchbauer lachte die Bergheimer aus; an den Schreinerslorenz, der doch am schlimmsten gefahren war, dachte Niemand. Der saß daheim, wußte vor Angst und Verzweiflung nicht wo ein noch aus; soeben hatte ihm der Ottensmärt – wie er selber gestand, auf den Rath seines Schwagers, des Kirchbauern – die zweihundert Gulden gekündigt und gedroht: »Kannst Du in einem Vierteljahr das Geld nicht schaffen, greif ich nach Deinen Sachen!« Vergeblich waren alle Bitten und Vorstellungen, der Ottensmärt blieb auf seinem Sinn; vergebens war auch alle Mühe, das Geld an einem andern Ort aufzutreiben, nirgends fand Lorenz Hülfe. So ging das Vierteljahr herum – heute sollte ihm all sein Hab und Gut abgepfändet werden, mit Weib und Kind sollte er als Bettler in's Hirtenhaus wandern!   3. Ein trüber Morgen. Das war es, soweit es ihm bekannt sein konnte, was jetzt leise an Lorenzens Geist vorüberzog. Böse, gefährliche Erinnerungen weckten zum Kummer auch noch Haß und Zorn! War es nicht allein der Leichtsinn, die Bosheit seiner Nebenmenschen was ihn so tief in's Elend stürzte? Der Spruch über der Thür des Vaterhauses war ihm noch nie so verächtlich vorgekommen als heute. Freilich plagte sich der Vater nicht mit Kummer, aber statt die Sorgen zum Teufel hatte er 18 seine Kinder in's Elend gejagt. Und nun gar die Falschheit und Niedertracht des Kirchbauern! Unwillkürlich ballten sich seine Fäuste; fast blutig biß er sich die Lippen, den Fluch, der sich gegen den Kirchbauer, den Ottensmärt, die Einundzwanzig, gegen alle Reichen auf seine Zunge drängte nicht laut hinauszuschreien. Aber wozu auch? – Er wäre ja doch ungehört verhallt, machtlos zerflattert. Was focht ein Fluch die Reichen, Glücklichen an? – Die schliefen ruhig, sicher; erfreuten sich vielleicht im Traum des sichern Glückes im Kasten – was kümmerte sie der verzweifelnde Arme? – Und warum war er so arm und so unglücklich? – Hätte sich sein Geschick nicht anders fügen können? – Wie Messerstiche bohrten sich diese Gedanken in sein Hirn; heftig fuhr er zusammen, als ihm eine Hand sanft über die Stirn strich, und eine Stimme neben ihm flüsterte: »Ich habe groß Unrecht gethan, so schlecht zu reden. Muß Dir das sagen, eh' werd' ich nicht ruhig. Du könntest ja meinen, ich wollte Dir einen Vorwurf machen, daß es so weit mit uns kommen ist. Denk das ja nicht, Lorz, ich bitt' Dich! Ach, ich weiß ja gut genug, Du brauchtest nur die Hand auszustrecken, und an jedem Finger hattest Du ein reiches Mädle. Und jetzt wärest Du geborgen, könntest am Ende den Schreinersfrieder selber auslachen. Aber, Lorenz, ich kann ja auch nicht für meine Armuth; Du hast vorher gewußt, wie's um mich steht, laß mich's jetzt nicht entgelten. – Ich will nimmer murren, will arbeiten, was ich vermag, über die Kinder wachen Tag und Nacht – mehr kann ich nicht, Lorz; wirst Du damit zufrieden sein?« Lorenz erbebte, hatte die Frau seine verborgensten 19 Gedanken errathen? Er wollte sie unterbrechen, sein Unrecht eingestehen; doch hielt ihn der Gedanke zurück: Alles müsse auseinanderfallen, wenn er jetzt seine Schwachheit zeige. Nach Athem ringend begann er: »Hör' auf, Margelies, laß mich das nimmer hören, ich sag's ernstlich. Wir gehören zusammen und müssen erleiden, was über uns kommt, das ist die Ordnung. Du bist eine brave Frau und mir lieb und werth, damit ist's abgethan, jetzt und immer. Gieb mir Deine Hand, was wir uns gelobt, wir halten es!« Margelies drückte ihm die Hand und stand geräuschlos auf, es war schon sechs Uhr geworden. Lorenz blieb noch liegen und schloß in stillem Sinnen die Augen, wunderlich wogte es in ihm auf und ab. Er war seiner Margelies im Herzen dankbar, daß sie seinen bösen Gedanken so rasch Stillstand geboten; wohin hätte es ihn führen müssen, wenn sie erst Raum in seiner Seele gewannen? Daneben quälte ihn doch auch die Sorge, ob nicht am Ende eine Absichtlichkeit in ihren Worten gelegen, ob sie ihn durchschaut und besser kannte, als er sich selbst, ob sie ihn nun nicht verachten müsse? Zuletzt aber schüttelte er alle Bedenklichkeiten ab, er hatte eine brave Frau und er wollte ein rechtschaffener Ehemann bleiben – was bedurfte es weiter? »So, Kind, nun geh' in die Schule und laß Dich's nicht anfechten, wenn Dich Deine Kameraden hänseln,« sagte die Mutter, nachdem das Frühstück still verzehrt war. » Flenn nicht, Du wirst nur mehr ausgelacht. Gieb Dich zufrieden, Du hast ja noch Deine Eltern und der Herrgott 20 lebt auch noch. Geh' jetzt und sei lustig, Du siehst, ich und der Vater sind auch zufrieden.« Damit trocknete sie Marie die Thränen ab und schob sie aus der Thür. Lorenz legte den Löffel nieder und starrte hinaus in das wilde Schneegestöber. Der alte Jammer quoll in ihm auf; warum konnte er das Leid nicht allein tragen, warum mußten auch die unschuldigen Kinder darunter leiden? Er nahm einen Hobel, legte ihn aber gleich wieder nieder, nicht einmal der Trost der Arbeit war ihm geblieben. Als seine Blicke über das blanke Handwerkszeug glitten, zerdrückte er heimlich den Tropfen, der ihm im Auge zusammenlief. Die Griffe waren glatt und glänzend, wie polirt vom Gebrauch, da und dort hatte seine Hand dem harten Holz Spuren eingedrückt. Wer wird in Zukunft mit den Geräthen schaffen, werden sie wieder in treue, ehrliche Hände kommen? – Der Wind wirbelte den Schnee von den Dächern und verfing sich heulend im engen Hofraum; die Spatzen verkrochen sich unter den Dächern, kläglich piepend; die Hühner standen mit gesträubten Federn auf dem Miste vor dem Fenster, gaben jedoch bald das Scharren auf und setzten sich in langer Reihe auf die Wagenleitern im Holzschuppen. Drüben in der Scheune lehnten sich die Drescher auf die Flegel und schauten durch das halboffene Thor vergnüglich in das Gestöber. Erröthend trat Lorenz vom Fenster zurück, er schämte sich von fleißigen Menschen müssig gesehen zu werden. Herb empfand er seine Heimathlosigkeit. Den Spatzen gönnt man die Löcher, die Hühner finden einen Unterschlupf, – ihn trieb man auf die Gasse, oder, was noch schlimmer war, in's Hirtenhaus! Er beneidete die 21 Drescher! Sie hatten Arbeit, Nahrung; was sollte aus ihm und den Seinen werden? Er empfand seine Hülflosigkeit wie körperliche Mattigkeit, setzte sich auf den Hackeklotz und stützte den Kopf in die Hände. – Und dennoch war ja die Noth nicht einmal das Schlimmste! Bis heute durfte er stolz auf seinen ehrlichen Namen sein, morgen war auch das vorbei. Seine Habseligkeiten reichten nicht zur Hälfte hin, die Forderung des Ottensmärt zu decken, und konnte er jemals daran denken, seinen Verpflichtungen nachzukommen, wenn ihm Handwerkszeug und Alles genommen ward? »Mein guter, ehrlicher Name!« seufzte er. »Mit mir ist's aus für alle Zeiten! – Bankrotter Schuldner und Hirtenhäusler! – – O mein Gott!« Margelies hatte die letzten Worte gehört; schoß ihr gleich das Wasser in die Augen, bezwang sie sich doch, legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte leise: »Was Gott thut, das ist wohlgethan, dabei will ich verbleiben; es mag mich auf die rauhe Bahn Noth, Tod und Elend treiben: so wird Gott mich ganz väterlich in seinen Armen halten, drum laß ich ihn nur walten! – Hast Du das vergessen?« »Zu verwundern wär's kaum; aber sei still, ich werde nimmer seufzen!« Er wartete, bis die Drescher drüben einen neuen Umgang begannen, dann drückte er sich scheu an der Wand hin in das Vorderhaus. Der Ottensmärt saß mit rothem Gesicht am Tisch; als Lorenz eintrat, verschluckte er eine heftige Rede. Dafür fuhr die Bäuerin zwischen Stube und Küche hin und her; ohne dem Hausmann einen Sitz zu bieten, brach sie los: »Das hat man von seiner 22 Gutherzigkeit! Jetzt kommen wir ums Geld und in Verruf obenein! Daß wir Dir aus der Noth geholfen und so lange Geduld gehabt, davon redet kein Mensch, Alles schreit nur über unsere Garstigkeit. Ich hab' es meinem Märt gleich gesagt, er sollte sich mit Dir nicht zu tief einlassen, der erste Verdruß sei alleweil besser als der letzte, aber der läßt sich ja nichts einreden. – Und jetzt komme nur nicht und bettele, 's ist jedes Wort vergebens, wir können einmal nicht anders und müssen auf unsere Kinder sehen. Ehe wir alles einbüßen, nehmen wir was zu haben ist. Du thust mir auch leid, und Deine Kinder erbarmen mich gar sehr, aber heut zutag darf man eben nicht blind und so in den Tag hineinfreien, man muß auch an die Zukunft denken!« Lorenz stand still an der Thür und zerknitterte seine Mütze; als endlich die Bäuerin schwieg und der Bauer verlegen mit dem Fuß scharrte, begann er kleinlaut: »Es ist nur leid, daß ich so ungelegen ankomme. Betteln wollt ich nicht, nur anfragen, ob mir der Bauer nicht gegen eine Entschädigung wenigstens das allernöthigste Handwerkszeug auf einige Wochen überlassen wollte?« »Ha, ha!« lachte die Bäuerin giftig. »Das ist noch das Wahre! Weißt Du nicht, daß man Brod und Seife nicht verborgt? – Ja freilich, das wär' Dir ein gemachtes Fressen, mit fremdem Gut wirthschaften – dann ist das Lumpenleben leicht, hätt' selber beinahe Lust anzufangen. Aber Du bist nicht der einzige Gescheidte in der Welt! Ist Dir die Arbeit nicht zu gering, giebt es mancherlei zu schaffen. Du wirst Dich freilich tappet genug anstellen, 23 aber ich will doch ein Uebriges thun und nichts dawider haben, wenn Du mit Dreschen und Holzmachen Deine übrige Schuld abarbeitest.« »Kreuzmillionhagel, nimmt's gar kein End'?« schrie der Bauer dazwischen und stampfte mit dem Fuß. »Gelt ich gar nichts im eigenen Haus? Das Wetter schlag' 'nein was mit dem Lorz abzumachen ist, besorg ich selber und Du hältst das Maul!« Lorenz wartete das Ende dieser Rede nicht ab, langsam schlich er heim. »Hätte Dir voraussagen wollen, so wird's gehen,« tröstete Margelies. »Der Bauer ist wohl nicht so schlimm, aber seine Alte und der Kirchbauer machen mit ihm, was sie mögen. Willst nicht zum Pfarrer?« »Wozu? – Was kann er ausrichten? – Ich will's noch einmal mit dem Gemeindevorstand versuchen, vielleicht hat der ein Einsehen!« Margelies entgegnete nichts, ein tiefer Seufzer sagte genugsam, was sie erwartete. Das Essen stand schon geraume Zeit auf dem Tisch, die Schreinersfamilie war in der Stube versammelt, nur Marie fehlte noch, trotzdem die Schule längst geschlossen sein mußte. Margelies, die oft durchs Fenster sah, ging endlich hinaus und fand das Mädchen bitterlich weinend hinter dem Schleifstein im Hausflur kauern. »Um Gotteswillen, Mädle, was ist passirt?« rief sie erschrocken und zog das Kind aus seinem Versteck. »Warum gehst nicht 'rein? – So red' doch! – Ist Dir was zugestoßen?« Das Mädchen verbarg ihr Gesicht in der Schürze und weinte nur heftiger; erst auf vieles Drängen klagte sie: 24 »Ach Mutter, Mutter! ich geh nimmer in die Schul', und vor keinem Menschen laß ich mich mehr blicken!« »So red' doch,« mahnte Margelies, der sich alles Blut nach dem Herzen drängte. »Ist Dir ein Leid geschehen?« »Denkt, wie ich in die Schul' komm', schreit die Wasserchristel: Guckt das ist jetzt die Bettelmarie und ihr Vater der Bettelschreiner! Alle Kinder deuten darauf mit Fingern auf mich und schimpfen: Bettelmarie, etsch, Bettelmarie! Wie ich mich auf meinen Platz setzen will, rücken die Steinmüllersdorthen und die Eckenkarline weg; mit einem Bettelding setzten sie sich nicht zusammen, haben sie geschrieen und mich geknufft, ich sollt' hinunterrücken. Darauf hab' ich gedroht, ich wollt's dem Herrn Schulmeister sagen – ach Mutter, nun sind sie alle über mich hergefallen, haben mich so lange geknufft und geschlagen, bis ich versprochen hab', ich wollt nichts anzeigen. Und am ärgsten hat's doch der Kirchbauerssepp' trieben – da guck, so hat er mich gezwickt und geplagt!« Margelies drückte die blauen Flecke an ihre Lippen und überströmte die Arme des gequälten Kindes mit ihren Thränen. Leise fuhr Marie fort: »Ach, Mutter, und das war noch nichts! In der Freiviertelstund' erzählt der Kirchbauerssepp: Wir gehörten eigentlich gar nicht in's Hirtenhaus, es würd' auch nicht lang dauern, so säß der Vater und Du auf dem Hügele im Zuchthaus, ich und die Kleinen aber würden an die Zigeuner verkauft, sein Vater habe es gesagt – und alle Kinder heißen mich jetzt die Zigeunersmarie. Darauf giebt mir die Wasserchristel einen Puff in's Gesicht und schreit: »Und wir lassen euch gar 25 nicht in's Hirtenhaus; Dir kratz ich die Augen aus und Deine Kleinen schlag ich windelweich!« Darüber giebts ein arges Lachen; auf einmal ist der Herr Schulmeister mitten in der Schul' – Keines hat ihn kommen sehen – und ich muß ihm erzählen, wie mir's gegangen ist. Die Andern haben nun freilich ihre Strafe 'kriegt, aber was hilft's? – Ach Gott, Mutter, das wird mir doch hundertfach heimgezahlt! – Mutter, Mutter – wir wollen nicht in's Hirtenhaus, lieber fort, recht weit fort – nur nicht in's Hirtenhaus!« »Geht jetzt 'rein!« sagte Lorenz leise, als Margelies laut jammernd ihr Kind an das Herz drückte. »Kommt – Margelies sei vernünftig, und Du Marie, gieb Dich zufrieden, ich sorg' dafür, das Dir kein Haar gekrümmt wird und auch das Geschwätz ein End' hat. Kommt 'rein – Sollen die armen Würmer drinnen auch noch Hunger leiden?« Die Mutterliebe war stärker als das Leid; still schluchzend wischte sie Marie die Thränen ab, dann vertheilte sie mit zitternder Hand die Suppe. So stark sich Lorenz auch stellte, er mußte doch den Löffel niederlegen, als das Gemeindeglöckchen zu bimmeln begann. Langsam strich er sich über Stirn und Augen, ein Zittern ging durch seine Glieder, als er aufstand. Unter der Thür gab ihm Margelies die Hand, legte ihr Gesicht auf seine Schulter und flüsterte: »Befiehl dem Herrn Deine Wege und hoffe auf ihn, er wird's wohl machen! Du gehst einen schweren 26 Gang, aber es soll nun einmal so sein, drum verzage nicht – wir werden auch das überwinden! Und laß Dich nicht in die Hitze bringen, Du richtest damit doch nichts aus!   4. Im Gemeinderath. Lorenz ging still hinaus; die schrillen Klänge des Gemeindeglöckchens, oft vom Wind hinweggerissen, dann plötzlich wieder in die Gasse niedergeworfen, gellten ihm schneidend in die Seele. »Mein Armensünderglöckchen!« knirschte er; fast kam es über ihn wie eine Lust, einzustimmen in das Heulen des Sturmes. Vielleicht vor seinen finstern Blicken erschreckend, flohen die Kinder, die sich mit ihren Rennschlitten des ersten Schnee's erfreuten, scheu zwischen die Häuser und Scheunen. Lorenz deutete dies anders; seine Fäuste ballten sich, grimmig zischte er zwischen den Zähnen: »Bin ich schon ein Kinderspott? Ha ha! Hab ich nicht meiner Marie versprochen, ich wollt ihr Ruh' verschaffen, und kann ich mich selber des Spottes erwehren? Und warum bin ich so ausgestoßen, so verachtet? Was habe ich verbrochen?« Er sann nicht weiter; die halb theilnehmenden halb neugierigen Blicke der Drescher, die die Köpfe aus den Scheunenthoren steckten, die Gesichter, die da und dort an die Fenster fuhren, verwirrten seine Gedanken, vor den Augen flimmerte ihm, und sein Gang war ein unsicheres Tappen. War er denn noch der Schreinerslorenz, oder ist er über Nacht wirklich ein Lump, ein Hallunke geworden? – Im dunkeln Hausflur beim Türkenhenner, der vor wenig Jahren zum dritten Mal, und damit auf Lebenszeit, zum 27 Schultheiß erwählt worden war, mußte er still stehen und Athem schöpfen, wie ein Alp lag es ihm auf der Brust. Da hörte er in der Stube den Kirchbauern sagen: »Bin neugierig, was der Lorenz vorgiebt; aber laßt Euch nicht breitschlagen. Das Gesindel nimmt im Dorf immer mehr überhand und wird täglich dreister – heut zeigen wir, was ihnen bevorsteht, sind sie uns Gemeindeherren nicht zu Willen. Zum Teufel auch, wir sind Meister, wir sind die Gemeinde, und was wir wollen, muß den Lumpen recht sein. So – endlich hab ich die Schreinersgesellschaft, wo ich sie lang hingewünscht! Und euch trifft's so gut als mich; endlich zahlen wir der Schreinersart heim, was der Johann damals beim Verstrich vom Schneiderhäusle an uns ausgeübt. Wir zeigen's, wie wir uns überlästige Brut und Ungeziefer aus dem Pelz schaffen!« Lautes Lachen folgte diesen Worten – wohl schnitt es Lorenz durch die Seele, aber es gab ihm Ruhe und Besonnenheit zurück. Heftig klinkte er die Thür auf und trat ein. Das Lachen des Türkenhenner, Kirchbauern, Beckenphilpert und Ottensmärt verstummte plötzlich; der Bergjörg schien etwas sagen zu wollen, ließ es aber ebenfalls sein. Eine sichtbare Verlegenheit war über den Gemeindeausschuß gekommen, wie um das zu verbergen, rauchten die Männer heftig. Endlich brach der Schulz das peinliche Schweigen, schwätzte ein Langes und Breites: Lorz werde ja wissen, warum er vorgeladen sei. Es thue ihnen Leid, daß es so weit mit ihm gekommen, aber zu ändern sei da nun mal nichts. »Und willigst Du ein, in das Hirtenhaus zu ziehen?« schloß er endlich. 28 »Das ist auch eine Frage!« entgegnete Lorenz bitter. »Wißt Ihr doch gut genug, daß mir nichts Anderes übrig bleibt, wenn Niemand ein Einsehen hat mit meiner Noth.« »Holla, da habt Ihr die Unverschämtheit der Armuth!« fuhr der Kirchbauer auf. »Das ist unser Dank, wenn wir den Lumpen unter die Arme greifen und ihnen mit unserm Eigenthum auf die Strümpfe helfen. Das Donnerwetter schlag auch 'nein! 's thut fast Noth, man bittet die Hungerleider noch, daß sie die Gutthat nur annehmen!« »Ja, 's ist ein Elend,« kollerte der Beckenphilpert. »Und tagtäglich wächst die Armuthei, das Gesindel frißt einem fast die Haar' vom Kopf, Herr seiner Sachen ist man schon lang nimmer. Hat man sich das Jahr über geschunden und geplagt und ein paar Batzen erübrigt, muß man sie dem Gesindel in's Maul schieben und darf nur noch Gott danken, wenn's nicht an den Stock geht. Dabei wird das Volk stets widerhaariger und protziger, geberdet sich, als dürften wir Gott danken, daß sie uns Bauern nur noch im Dorf leiden. Ich bin ein alter Mann, aber solche Zeiten habe ich noch nicht erlebt; sterb ich nicht bald, will ich sehen, wo das hinaus soll!« Der Türkenhenner hatte schon öfter giftig ausgespuckt, jetzt fiel er dem Beckenphilpert in die Rede: »Das Wort habt Ihr mir aus dem Maul genommen! Aber man weiß ja, wo das herrische Wesen der Geringen herkommt. Recht und Gerechtigkeit ist lange schon nirgends mehr zu finden. Die Herren von der Regierung selber stützen das Bettelvolk 29 und setzen ihm mit ihrem mitleidigen Wesen einen Floh in's Ohr, daß es nun wirklich meint, es geschäh' ihm tagtäglich grausam Unrecht von den Reichen, und es dürft nur verlangen, so müßten ihm die Bauern aufwarten. Ja, wenn's zum Steuerzahlen kommt, da ist der Bauer recht und gut, da wird er nicht geschont, von Jahr zu Jahr werden ihm ärgere Lasten auferlegt, 's ist schier nicht mehr zu erleiden. Wenn er aber Hülfe braucht, regt sich kein Finger für ihn; der Bauer ist nun einmal der Staatsesel und wird's bleiben, so lang die Welt besteht. 's ist sündlich, wie uns von oben her mitgespielt wird – sollen wir uns auch noch von unten ausbeuteln lassen und nicht einmal mucken? Potz Christoph von Nordheim! da wollen wir doch auch noch ein Wort dreinreden, wenn's aus unserm Beutel geht. Wer muß die Kleinen, die Handwerksleute, Kühbäuerle und Taglöhner ernähren? – wir! ganz allein die Bauern! Die Felder wimmeln den lieben langen Sommer von dem Pack; von unsern Feldern und Wiesen erhalten sie jahraus jahrein ihre Kühe, Ziegen, Hühner und Gänse und wenn sie sich noch begnügten mit dem, was ihnen erlaubt ist – aber das reicht ja nicht, drum geht's an's Mausen! Mir schießt allemal die Galle in's Blut, wenn ich beim Mähen und Schneiden auf die leeren Mausnester stoße! hat man darnach das Volk den Sommer hindurchgefüttert, so wird im Winter erst recht das Haus nicht leer von ihnen; es thät fast noth, man stände vom Tisch auf und machte ihnen Platz, bei jedem Schritt ist man in Gefahr, ein paar hungrige Kinder zu ertreten. Und was ist das End' vom Lied? Mögen die faulen Racker nimmer 30 arbeiten, stellen sie sich krank und elend, winseln dem Pfarrer die Ohren voll, bis er ihnen ein Berichtle an's Amt aufsetzt, nachher halten sie die Ohren steif, denn da heißt's: Gemeind' versorg' mich, 's Amt hat's befohlen!« »Das ist ja, um die Kränk zu kriegen!« zankte der Ottensmärt, um doch auch etwas vorzubringen. »Aber so ist's, auf's Haar so, und so machen sie's! 's ist kein erlogen Wort dabei!« »Ha, was ist das, was soll das bedeuten? Bin ich in die Gemeindestube gefordert, Euch auf die Armuth schimpfen und lästern zu hören?« fiel ihm Lorenz in's Wort, der noch immer an der Thür stand und vor Zorn an allen Gliedern zitterte. »Schweig Du!« begehrte der Schulz auf. »Du antwortest, wenn Du gefragt bist!« »Oha, Schulz!« entgegnete Lorenz und trat an den Tisch. »So laß ich mir nicht kommen! Wenn gleich arm, bin ich ein Mann so gut wie ihr und keinem Menschen unterthänig! – Nichts da, vor der Obrigkeit hab ich allen Respekt, aber ein Unrecht erleid ich nicht. Warum lästert Ihr vor mir die Armuth? Kann ich dafür, daß es geringe Leute gibt, daß sie wohl da und dort den Reichen zur Last fallen? Soll ich's verantworten, wenn sie krumme Wege gehen? – Oder habt Ihr auf den Sack geschlagen und den Esel gemeint – zielen Eure Reden auf mich? – – Mag's nun sein so oder so, in's Gesicht erwidere ich Euch: Ihr habt schändlich gelogen! – Ja lärmt nur, Kirchbauer, schändliche Lügen sind's! Von mir rede ich nicht; Ihr seid mir viel zu gering, als daß ich mich 31 vor Euch verantworte, aber sonst muß ich doch ein Wort dreingeben! – Wahr ist's, die Armen sind keine Engel, aber sind die Reichen pure Tugendmuster? Hört man Euch, meint man, die geringen Leute machten Euch arm! Nennt mir doch ein Beispiel, wo das wirklich geschehen ist! Pfui Teufel! Ist das löblich, die Leute lästern, die ihr doch nicht entbehren könnt, und ohne die Euer Herrenleben bald ein trauriges Ende hätte? Und sündlich ist, daß Ihr alles in einen Sack werft! Gibt's keinen Unterschied unter den Armen? sind die kleinen Leute durch die Bank Bettler, Lumpen, Tagdiebe und Hallunken?« »Ho ho!« schrie der Kirchbauer. »Nimm nur das Maul recht voll! 's ist herrlich, daß sich einer wie Du zum Anwalt der Geringen aufwirft – einen besseren Beisteher hätten wir uns nicht wünschen können. – Du! – ja Du! – Du darfst was sagen! Bekräftigst Du nicht selber alle unsere Reden? War nicht die ganze Gaisenschneidersippschaft von jeher keine drei Batzen werth? Darfst nur an Deinen Vater denken, ich mein, dann verging Dir der Uebermuth! Hat uns der liederliche Schneider nicht doppelt und dreifältige Last aufgehalst, dran wir schier ersticken?« »Kirchbauer, Ihr seid bei Gott noch schlechter, als wofür ich Euch bis heute angesehen!« rief Lorenz, dessen Augen glühten. »Habt Ihr denn wirklich das Herz, in der Gemeindestube, vor diesen Männern daran zu rühren?« – Lorenz athmete keuchend, seine Hände öffneten und schlossen sich. »Kniet Ihr mir auf's Leder, für was soll ich Euch schonen? Und so sag ich: mein Vater mag gewesen sein, was er will, ein Kirchbauer war er wenigstens nicht!« 32 »Was? – was soll das heißen?« fuhr der Kirchbauer auf, es war gut, daß der breite Tisch ihn von Lorenz trennte. »Wer – was bin ich? – Ihr da, Zeugen seid Ihr, dem Hallunken will ich zeigen, mit wem er's zu thun hat!« »Den Hallunken gebe ich Euch in's Gesicht zurück. – Wagt's nur und kommt an mich! Ihr wollt über die Armuth lärmen, als bringe sie Euch ums Vermögen? – Und woher kommt denn Euer Vermögen? Antwortet ehrlich und wahrhaftig! – – Eure Blicke erschrecken mich nicht, über mich habt Ihr keine Macht! Frei öffentlich vor diesen Männern sag ich: Ihr seid ein Blutsauger und armer Leute Verderber! Uns brachtet Ihr um Haus und Hof, die Uhlstedter um Hab und Gut, und mit dem Uhrmacherle spielt Ihr auch schon wie die Katze mit der Maus! Und Ihr wollt lärmen, die Armuthei nähm' über Hand? Ihr wollt lamentiren, es gäb keine Gerechtigkeit mehr in der Welt? O über euch Heuchler und Pharisäer! Was wolltet Ihr denn anfangen, wohin verkröcht ihr Euch, wäre noch Gerechtigkeit zu finden? Ich sag's noch einmal: die Armuthei im Dorf ist Euer Werk; fallen ihr geringe Leute zur Last, bei Euch muß sich die Gemeinde bedanken, denn Ihr bringt die Armen in's Elend! »Und Du meinst, das laß ich mir gefallen, das steck' ich so ruhig ein?« brüllte der Kirchbauer. Aber Lorenz sagte gelassen: »Könnt's damit halten, wie's Euch beliebt, aber nehmt Euch in Acht! Was ich gesagt, ich vertret's! – Wer weiß, vielleicht bricht Euch das Gaisenschneiderhäusle doch noch den Hals! Verklagen wollt Ihr? – Mir Recht! 33 Aber denkt dran, daß ihr vorhin selber sagtet: endlich hab' ich die Schreinersgesellschaft, wo ich sie lang hingewünscht!« Der Kirchbauer wollte hinter dem Tisch hervor auf Lorenz los, aber der Bergjörg warf ihn ziemlich unsanft in die Ecke zurück. »Sitzen bleibt Ihr!« rief er und seine Augen blitzten. »Ist das ein Gemeindevorstand. Fürwahr, man muß sich schämen, dem Ausschuß anzugehören! Nur still jetzt! Was der Lorenz sagt, ist die blanke Wahrheit, ich unterschreib' jedes Wort – auch im Amt, verlaßt Euch drauf. Ueberhaupt, Schulz und Kirchbauer, die Zeit, wo Ihr allein Herr im Dorfe wart, ist vorbei; die Gemeinde soll nicht länger das Mäntele für Eure Streiche sein; was Ihr thun wollt, verantwortet's und tragt auch die Folgen. Und weil wir grad dabei sind: wie steht's eigentlich mit den Gemeinderechnungen und der Rechnung über den Brückenbau vor vier Jahren? – Macht Ordnung, Ihr zwei, und das bald, oder ich zünd Euch mit Euren alten Spähnen ein Feuer an, daß Ihr vor Angst nicht zu bleiben wißt!« Der Kirchbauer verblaßte sich, der Schulz ließ den Kopf hängen, und ehe der Ottensmärt nur recht zur Besinnung kam, was das eigentlich bedeutete, hatte der Beckerphilpert schon seine Pudelkappe von den Ofenstangen über dem Ofen genommen und sagte unter der Thür: »Daß Ihr's wißt, ich war zum letzten Mal im Gemeindevorstand! 's ist keine Zucht und Scham mehr unter den Leuten! Die Armen sind Herr über die Bauern, und junge Lecker fahren den Alten über's Maul – daß sich Gott erbarm! Ich tret' aus dem Ausschuß, mag mit der Gemeind nichts mehr zu schaffen haben, Adjes!« 34 »Philpert, Ihr waret von jeher ein Fuchs,« rief ihm der Bergjörg lachend nach. »Aber diesmal lob' ich Euch, daß Ihr Euren Pelz in Sicherheit bringt, eh' der letzte Nothgang abgegraben ist!« »Und ich mach es grad so!« rief der Schulz und fuhr entrüstet auf. »Der Teufel mag heutigen Tages Schulz sein – ich leg mein Amt nieder!« »Das möget Ihr halten wir Ihr wollt; ein Unglück für's Dorf ist es nicht, gebt Ihr das Schulzenamt auf!« lachte der unverbesserliche Bergbauer. »Aber jetzt seid Ihr eben noch Schulz, drum thut, was Eures Amtes ist. – Wie wird's mit dem Lorenz?« »Wie wird's werden? – In's Hirtenhaus muß er, damit Punktum!« »Das ist leicht gesagt, aber damit ist nichts geordnet.« »Will er was wissen, kann er selber reden, hat er doch ein Maul, wie ein Advokatenschreiber!« »So macht Euer Anbringens, Lorenz,« wendete sich der Bergbauer freundlich an diesen. Redet, wenn Ihr was auf dem Herzen habt!« »Ich habe daran gedacht, ich wollte den Ausschuß bitten, daß er beim Märt ein gutes Wort für mich einlegte, aber wie die Sachen stehen, laß ich's sein. Ich zieh' in's Hirtenhaus! – Auch mein ganzes Hab und Gut bleibt dem Märt, nur unsre Kleider, Wäsche, die Ziege und das allernothwendigste Hausgeräthe nehm' ich mit! »Oha!« schrie der Kirchbauer! darum handelt sich's eben! Nichts bleibt Euch, gar nichts! Nur was Ihr auf den Leibern tragt, schenken wir Euch! 35 »Märt – seit wann stehst Du unter Vormundschaft? schämst Du Dich nicht, Dir so übers Maul fahren zu lassen? wendete sich der Bauer an den verblüfft Dreinstarrenden. »Aber ich sehe schon, das ist wieder eine abgekartete Geschichte. Oha, Kirchbauer, was der Lorenz genannt hat, bleibt ihm, dafür stehe ich ein! Die Schande laß ich mir nicht anthun, daß es weit und breit heißt: der Bergheimer Gemeindevorstand steckt seine Armen nackt und bloß in's Hirtenhaus!« »Deiner Reden lach' ich!« knirschte der Kirchbauer. »Warum ist er ein Narr und verpfändet Alles, was er hat?« »Und wenn zehnmal verpfändet – was er nicht entbehren kann, bleibt ihm! Wer was dagegen sagt, hat's mit mir, dem Bergbauer, zu thun! Ist Jammers genug, daß Ihr dem Mann sein Handwerkszeug nehmt; ich an Lorenzens Stelle wollte Euch anders aufgeigen! »Das sieht man, was Du für einer bist!« zischte der Schulz und spuckte heftig. »Bist Du so vernarrt in den Lorenz, hilf ihm doch selber. 's ist eine Kleinigkeit, handelt sich ja blos um zweihundert Gulden!« »Könnt ich, wär's lang geschehen, dem Lorenz vertrau' ich mehr an, als Euch zusammen! Aber Lorenz, redet doch, habt Ihr gar nichts mehr auf dem Herzen?« »Ja ja doch! In der Schule haben heut' die Kinder – besonders natürlich der Kirchbauernsepp! – mein Mariele arg geplagt und gequält mit Schimpfreden und Schlägen. Ich verlang', daß das abgestellt wird. Geschieht noch einmal dergleichen, geh ich weiter!« »So ist's recht, Lorenz, bleibt dabei!« rief der 36 Bergbauer. »Herr mein Gott, mit unserm Dorf ist's weit kommen! Aber das muß ein End' haben, heut' noch red' ich darüber mit dem Pfarrer und Schullehrer, verlaßt Euch drauf! – Euer Sepp, Kirchbauer, soll mir überhaupt aus dem Weg gehen, sagt's ihm; läuft er mir in die Hände, kriegt er eine Tracht aus dem Salz – er soll meine Tauben in Ruhe lassen!« »Riskirt's und vergreift Euch an ihm!« »Das riskir' ich auch, verlaßt Euch drauf!« »Aber wie wird's weiter?« fiel Lorenz ungeduldig ein. »Ist für uns im Hirtenhaus Platz geschafft?« »Meinst, Dir wird extra ein Herrenstüble hergerichtet?« höhnte der Schulz. »Oha! – Sieh zu, wie Du zurechtkommst.« »Ich mache keine unbilligen Forderungen, ich und meine Margelies wollen uns einrichten, wie's geht; aber einen Platz zum Schlafen für uns allein, der muß geschafft werden, davon geh' ich nicht ab!« »Ist nichts, das Haus ist voll!« »So schafft Raum; darin geb ich nicht nach!« »Recht so, Lorenz, und es geht auch, das Hirtenhaus ist geräumig!« »So macht's doch, macht's doch!« knirschte der Schulz »Schafft selber Platz, wenn Ihr so überklug seid!« »Das ist Eure Sache!« war die gleichmüthige Entgegnung. »Kommt Lorenz, bei denen ist jedes gute Wort verloren. Rüstet Euch zum Einzug; ist bis zum Abend nicht ein verschließbarer Raum für Euch bereit, kommt zu mir, ich mache dann dem Schulzen Beine.« 37 Noch immer heulte der Sturm durch die Gassen und zerzauste Lorenzens Haar. Er selber merkte nichts von Wind und Kälte, in ihm brannte ein heißer Schmerz. Vor seiner Thür rang er die Hände und stöhnte: »So ist's entschieden! Gott, mein Gott, kein Ausweg, nirgends Hülfe! – In's Hirtenhaus – heute noch in's Hirtenhaus!«   5. Das Hirtenhaus und seine Bewohner. Kommt man vom Werthagrund die Hauptstraße Bergheims herauf, so erblickt man am obern Ende des Dorfes auf einem felsigen, brombeerumbuschten Felsenhang, der jäh zum Lindenbrunnen und Lindenbach abstürzt, ein niedriges, langgestrecktes Gebäude, dessen verwahrlostes Dach und kleine, schartenähnliche Fenster ihm ein ruinenhaftes Ansehen geben. Wirklich bedrohlich für den harmlosen Wanderer hängt die südliche Giebelseite mit ihren halberblindeten, theilweise scheibenlosen Fenstern über die Mergelgasse herein, und die lose unter der Schwelle hervorquellenden Steine der Grundmauer scheinen nur auf passende Gelegenheit zu warten, dem Haus voran in die Gasse hinabzustürzen. Kam man dagegen von Westen her die Mergelgasse herab, so glich das Hirtenhaus, das war das Gebäude, auf ein Haar einem verlassenen Schafstall oder invaliden Streuschuppen. Von hier aus führt ein schmaler Weg zwischen kleinen, durch Flechtwerk aus Tannenästen geschiedenen Miststätten zur roh zusammengenagelten, nur mit Holzklinke und Kettenschloß verschließbaren Hausthür. – Achtung! der Eingang ist nicht 38 ohne Gefahr! Hinter der hohen Schwelle gähnt ein tiefer Abgrund, und schon manch Unachtsamer that einen bösen Fall hinab in den dunkeln Hausflur. Zum Glück besteht der Boden nur aus festgetretener Erde, ein Fall ist darum wenigstens nicht grade lebensgefährlich. – Hat sich das Auge an das Halbdunkel gewöhnt, so entdeckt der Besucher rechts eine löcherige Lehmwand, links scheint sich die Finsterniß in's Unendliche fortzusetzen; Kettenrasseln und dumpfes Ziegenmeckern deuten jedoch an, daß sich dort hinten wohl ein Stall befinden könne. Gerade der Thür gegenüber gähnt das Ofenloch dem Eintretenden entgegen, und da es niemals verschlossen ist, erhellt das Tageslicht das Innere eines ungeheuren Kachelofens, der schon mehr einem Backofen ähnelt. Daneben führen drei wackliche Steinstufen zu der vielfach mit Papier verklebten Stubenthür empor. Betritt ein Fremder das Hirtenhaus, so bleibt er gewöhnlich, erschrocken über den Dunst und das vielgestaltige Leben im Zimmer, unter der Thür stehen. Statt des Grußes ruft dann eine knarrende, ärgerliche Stimme aus der Ecke rechts: »Ha, so geht doch weg! der Perpendikel kommt!« – Gewöhnlich ist diese Warnung vergeblich, noch vor dem Schluß der Anrede erhält der Fremde einen empfindlichen Stoß in's Gesicht, an der Wand über ihm thut es einen Ruck, und die Stimme knurrt noch verdrießlicher. »Sua!« Der Endvokal des Sua (so) ist einer der unbeschreiblichen Laute, an denen die oberfränkische Mundart so reich ist. Das a in sua hat den gleichen Klang wie das e in der Verkleinerungssilbe le – beide Laute sind ein ganz helles, kurz abgestoßenes a . – Hab's gedacht, so wird's gehn, nun steht sie schon wieder!« 39 Gleich darauf schlürft ein gebeugtes Männlein, dessen zahnloser Mund kaum noch den Pfeifenstummel zu halten vermag, und um dessen dünne Beine kurze Lederhosen von unbeschreiblich glanziger Farbe schlottern, durch den Nebel auf die Thüre los und bringt eine Schwarzwälderuhr in Gang, die so an den Thürpfosten befestigt ist, daß der Perpendikel halb über die Thüröffnung hinausschwingt. Dem Männlein mit seinem runzelvollen, vertrockneten Gesicht, mit den seit Verlust der Zähne tief zurückfallenden Lippen, sieht man gar nicht an, daß sich in seiner Person der vornehmste Bewohner des Hirtenhauses darstellt. Hansnikel ist fast so alt und nicht minder baufällig als das Hirtenhaus, in dem er das Licht der Welt erblickte und auch noch vor seinem Einsturz zu sterben gedenkt. Er und seine Familie allein wohnen mit Ehren hier, denn lange Jahre, bis zur Einführung der Stallfütterung, war Hansnikel der Hirt des Dorfes. Darnach als das Viehhüten aufhörte, ernannte die Gemeinde den treuen Diener zum Todtengräber und Balgtreter; als besonderes Zeichen ihrer Dankbarkeit gewährte sie ihm zugleich auf Lebenszeit freie Wohnung im Hirtenhaus. Zuerst konnte sich Hansnikel gar nicht in die Veränderung finden, er kam sich vor wie verlassen und verloren; hörte er eine Peitsche knallen, schrak er zusammen, oft betrachtete er Hirtentasche, Hut und Horn mit Thränen in den Augen. Wie sich aber die Beschwerden des Alters merklicher bei ihm einstellten, söhnte er sich mit seinen neuen, minder anstrengenden Aemtern aus, ja sie wurden bald sein Stolz und seine Freude. Trotzdem er nun sein gutes, gesichertes Auskommen hatte, trotz seines 40 zufriedenen, fröhlichen Sinnes, empfand auch er die Unvollkommenheit alles Irdischen; mancher Kummer drückte ihn, und lachte auch die Welt über seine Trübsale, die in ihren Augen keine waren, er empfand sie als volles, schweres Leid. Zunächst schnitt ihm der Verfall des Hirtenhauses, für dessen Erhaltung auch nicht das Geringste geschah, in's Herz; sodann füllten sich allmählich die Räume, in denen er lange Jahre allein, glücklich, unbeengt gehaust, mit allerlei Volk, dem ehrliche Menschen am liebsten weit aus dem Weg gingen, das ihn nur ärgerte und plagte und ihn sogar von seinem Lieblingsplatz, dem Hellstein hinter dem Ofen, vertrieb. Hansnikel pflegte zu sagen: »Mir und meiner Uhr geht's Einem wie dem Andern: in die schlechtesten Ecken werden wir gesteckt und stoßen doch überall an!« Und das war wörtliche Wahrheit! Da Hansnikel die Uhr hütete wie ein Drache, wollte sie keine Partei in ihrer Nähe dulden; da er sie in der eigenen Ecke rechts von der Thür nicht unterbringen konnte, blieb ihm für das alte Gehäuse kein andrer Platz, als der Pfosten zwischen der Stuben und Kammerthür – für eine Uhr mit langem Perpendikel eine gefährliche Stelle. Die Uhr ward denn auch zum Stein des Anstoßes für alle Hausgenossen, viele Streitigkeiten, unzählige Feindschaften entstanden ihretwegen. Zwar hatte es Hansnikel nach schweren Kämpfen durchgesetzt, daß jeder Aus- oder Eingehende in der Thür warten mußte, bis der Pendel nach der andern Seite hinausschwang, um dann mit raschem Sprung den günstigen Augenblick zu benutzen – wer konnte aber für ein Versehen? Täglich kamen Unglücksfälle vor, und der Zank nahm kein Ende! Passirte es nun, daß Hansnikel 41 selber das Gesetz vergaß und die Uhr zum Stehen brachte, dann war großer Jubel unter den geplagten Hausgenossen. – Auch die neuen Aemter brachten ihm viel Verdruß. Die Gottesdienste, die hauptsächlichsten kirchlichen Verrichtungen konnten ohne den Hansnikel gar nicht vollbracht werden; aber trotzdem sie seine Wichtigkeit, ja Unentbehrlichkeit recht wohl kannten, wollten ihn weder Pfarrer noch Schulmeister für ein » Stück Geistlichkeit « gelten lassen; so oft er auch in Güte oder Zorn seine Berechtigung zu dieser»Ehre« nachwies, lachten sie ihn aus, ja der Schulmeister schalt ihn einen Narren! Dafür zankte Hansnikel im Wirthshaus. »Was bedeutet der Schulmeister in der Kirch', wenn ich keinen Wind mach'? – Nichts ist er und nichts kann er!« – Sodann war Hansnikel in seinem Gewissen überzeugt, die Früchte von den Obstbäumen im Gottesacker kämen einzig und allein dem Todtengräber zu; sein Rechtsgefühl empörte sich, daß sie der Schulmeister allein erntete. Als billig denkender Mann wünschte er in Güte mit dem Lehrer auseinanderzukommen, darum machte er ihm einstmals in aller Freundschaft den Vorschlag: »Das Obst gehört zwar von Rechtswegen dem Todtengräber allein, aber die Geistlichkeit muß doch zusammenhalten, drum wollen wir hinfür das Obst mit einander theilen!« Statt nun mit Freuden auf diesen Vorschlag einzugehen, wie Hansnikel erwartet hatte, lachte ihn der Lehrer aus und warf ihn, als er grob werden wollte, gar vor die Thür. Darüber ward Hansnikel dem Lehrer spinnefeind, spuckte aus, so oft die Rede auf ihn kam und nannte ihn verächtlich einen groben Kerl! An seinem vermeintlichen Recht hielt er trotzig fest, selbst 42 da, als ihn der Pfarrer, an den er sich hülfesuchend wendete, barsch abwies. Oft genug hatte er den Satz gehört: Recht muß doch Recht bleiben! jetzt legte er sich das in seiner Weise zurecht: »Drum! Hilft mir Niemand, helf' ich mir selber!« Und ohne die geringsten Gewissensbisse mauste er jahraus jahrein im Gottesacker Obst, soviel er nur erlangen konnte. Trotzdem war es ihm eine rechte Herzensfreude, konnte er die Gräber so nahe an die Bäume bringen, daß sie absterben mußten. Geduldig hieb er die dicksten Wurzeln durch, bei jedem Streich murrend: »Sua – Du grober Kerl – wieder einer weniger – jetzt sind wir bald quitt – Du hast nichts und ich hab' nichts, sua!!« – Auch mit der Gemeinde lag Hansnikel im Hader. Bei seiner Anstellung als Todtengräber waren ihm als Inventarstücke Rotthaue, Schaufel und Beil übergeben worden. Im Lauf der Zeit nützten sich diese Geräthe natürlich ab, und Hansnikel verlangte, der Schultheiß solle sie frisch verstählen lassen. Mit dieser Forderung kam er übel an; der Schultheiß knurrte ärgerlich: »Weiter wißt Ihr nichts?– Unsinn! Der Gemeinde eine neue Last aufbürden – das fehlte grade noch! Nichts da! Habt Ihr die Geräthe für Euch gebraucht und abgenützt, könnt Ihr sie auch wieder herstellen lassen.« »Sua?« entgegnete Hansnikel schwer gekränkt. »Für mich gebraucht? – Hab' ich die Gräber für mich gemacht?« Trotz dieses triftigen Grundes blieb der Schulz auf seiner Meinung, das erweckte auch Hansnikels Eigensinn. Schaufel, Rotthaue und Beil wurden immer kleiner und nichtsnutziger, aber Hansnikel behalf sich; wurden ihm, 43 besonders im Winter bei gefrorener Erde, die Arbeiten blutsauer, tröstete ihn der Gedanke, für sein gutes Recht zu leiden. Stieg er schweißtriefend aus dem vollendeten Grab, betrachtete er wohlgefällig schmunzelnd sein Werk und brummte in den Bart: »Sua – wieder eins fertig ohne den Schulzen! – Schulz, Schulz! da guckt her – hab ich das für mich gemacht?« Von seinen vielen Kindern – er war schon lang Wittwer – waren ihm nur zwei Mädchen geblieben, die zusammen den kleinen Haushalt führten und dabei sich und dem Vater das Leben blutsauer machten. Die Aelteste, eine kurze, runde, kinderlose Person, obgleich schon lange über die Jugendblüthe hinaus, doch noch immer » das Mädle « genannt, fand als Todtenfrau (»Anziehere« sagen sie in Bergheim!) reichlichen Verdienst, war gewissermaßen die Collegin des Vaters und darum sein Liebling. Darüber bekümmerte sich mit Recht die jüngere Schwester, Hirtenlang genannt, deren – vaterlose! – Tochter in Einzelberg diente; konnte sie doch in Wahrheit von sich sagen, daß sie ihre Kindespflichten treuer erfülle als die bevorzugte Schwester. Daneben beneidete sie das Mädle um ihr Amt, um das gute Essen in den Leichenhäusern, um den schönen Verdienst beim Leichenanziehen und Leichenladen. Wer die Leiche zum Friedhof geleiten soll, muß in Bergheim besonders geladen werden, selbst die Kinder der Verstorbenen, wenn sie nicht mehr im Haus wohnen. Dieses Einladen der Leichenleute ist ein sehr einträgliches Geschäft, da die Todtenfrau außer ihrem Lohn im Trauerhause auch noch von jedem Geladenen ein großes Stück Brod mit auf den Weg bekommt. 44 Besonders nach Leichentrünken, von denen das Mädle stets seelenvergnügt heimkehrte, war die Hirtenlang übel gelaunt, fuhr knurrend im Haus herum, und Hansnikel hatte Mühe, die feindlichen Schwestern auseinander zu halten. – Das Mädle nun steckte, grade wie ihr Vater, voller Aberglauben, wollte schauderhafte Dinge erlebt und gesehen haben und erzählte, wurde sie in Trauerhäuser gerufen, zur Erhebung der Leidtragenden so schreckliche Geschichten, daß den Zuhörern die Haare zu Berge stiegen. In Folge dessen ward sie im Dorf mit einer gewissen Scheu angesehen, Niemand mochte mit ihr umgehen, dennoch hütete man sich ängstlich, es mit ihr zu verderben; ging doch das Gerede, das Mädle könne mehr als Brod essen, und es sei nicht gerathen, mit ihr in Verdruß zu kommen. Sie selbst ahnte von solchen Gerüchten nichts; die Hirtenlang wußte darum, hütete sich aber wohl, den Leuten die dummen Gedanken auszureden, die auch ihr gar manchen Nutzen brachten. Auch gegen die Schwester schwieg sie; nur wenn sie in Zank geriethen, machte sie Gebrauch von ihrem Wissen, dann schalt sie das Mädle: »Du alte Hex!« Sonst war die Hirtenlang in allen Dingen streng rechtschaffen, dabei weichen Gemüthes; ihre einzige Lust und Freude war ihr Kind, ihr Mariebärble. Allabendlich schloß sie das Mädchen in ihr Gebet ein; mit thränenden Augen seufzte sie oft: »Mach' sie brav, mein Herrgott, mach' sie brav und rechtschaffen und bewahr' sie vor meiner Sünde!« Hansnikel mit seinen beiden Töchtern hatte sich in der Südwestecke der Hirtenstube festgesetzt und diesen Platz behauptete er standhaft gegen alle Angriffe. Nur in der 45 Schlafkammer, deren Thür, wie schon gesagt, ebenfalls vom Uhrpendel bestrichen ward, mußte er einen Eindringling dulden. Er wollte lange nichts davon hören, zuletzt gab er doch den Bitten der Hirtenlang nach und räumte dem » Achdulieb'sgottle! « eine Ecke in der Kammer ein. Das Achdulieb'sgottle war eine uralte Frau, die ganz allein in der Welt stand, sich seit langen Jahren durch Bettel ernährte und nach ihrem stehenden Seufzer: »Ach Du lieb's Gottle!« genannt wurde. Das gebeugte Mütterchen trübte kein Wässerchen und steckte den Kindern der Hausgenossen heimlich die besten erbettelten Bissen zu. Zwischen den beiden Südfenstern stand ein anderes, kleines, arg verstaubtes, sonst gewöhnlich ratzenkahles Tischchen daneben ein einzelner, lebensmüder Holzstuhl. Beides gehörte dem Hasenherle , schimpfweise auch Heppelehepp genannt. Letzterer Name brachte seinen Inhaber stets in arge Wuth, weshalb er nur bei Spöttereien oder im Zank angewendet wurde; nur große Leute durften sich herausnehmen, auch im gewöhnlichen Gespräch Heppelehepp zu brauchen, mußten dafür aber ein Glas Schnaps spendiren, durch welche Salbe das verwundete Ehrgefühl des Hasenherle sofort geheilt ward. »Hasenherle« war eigentlich mehr ein Titel als ein Name, bezeichnete unsern Mann nach Stand und Beruf. Da er es so meisterlich verstand, sein Gesicht in rührende Runzeln zu legen, mit den Augen zu zwinkern, die Lippen einzukneifen und, wenn es darauf ankam, mit Händen, Ellbogen und Knie'n zu zittern, (»schlottern« heißt es in Bergheim) ward er Herle, d. i. Großvater, genannt. Da er durch einen Handel mit Hasen und anderem 46 Wild, wie auch dessen Fellen, sein unstetes Herumstreunen beschönigte, fügte man seinem Namen noch eine genauere Bestimmung an, die man seinem Beruf entnahm, und so entstand: Hasenherle! Ob ihm der Name gefiel, ist schwer zu sagen, da er sich nie darüber aussprach; dulden mußte er ihn gern oder ungern, denn die meisten seiner Kunden kannten ihn eben nur als Hasenherle. Leute, die in Geschäftsverbindung mit ihm standen, behaupteten, er sei ein alter Fuchs und habe es faustdick hinter den Ohren, verstehe es meisterlich, den Leuten nach dem Maul zu schwätzen, ihre schwachen Seiten herauszufinden und zu benutzen, dabei sei er um so gefährlicher, je unschuldiger und dümmer er sich stellte. Wie gesagt, was er auf seinen Gängen, die sich über das ganze Land ausdehnten, trieb und vollbrachte, wußte so recht Niemand, nur als vielbegehrter Freiersmann war er weithin bekannt, und unter den großen Bauernfamilien kam selten eine Verheirathung zu Stande ohne den Hasenherle. Dieser Umstand verschaffte ihm großen Einfluß in allen Häusern, wo ledige Söhne und Töchter auf Versorgung warteten; so wenig man den alten Schleicher im Grund leiden mochte, so sehr hütete man sich, es mit ihm zu verderben, war doch mehr als ein Beispiel da, daß er Familien, die ihn gereizt, in große Nachtheile und Unannehmlichkeiten gebracht hatte. Nur bei jungen Eheleuten die er zusammengeführt, soll es öfter vorgekommen sein, daß sie ihn mit Schimpf und Schande aus dem Hause jagten und ihm nachriefen: er solle sich zum Teufel scheeren, er allein sei an ihrem Unglück Schuld. Gewöhnlich kommt er nur Sonnabends in das Bergheimer Hirtenhaus, um schon 47 am Tag darauf seine Wanderung wieder aufzunehmen, am eigenen Tisch sitzt er auch dann selten, warum? – wird sich gleich zeigen. Neben dem Hasenherle in der Südostecke hatte sich die Wassermaus , ein lediges Frauenzimmer von vierzig und einigen Jahren, eingenistet und saß dort hinter ihrem Tisch, giftig wie eine Kröte und bissig wie ein Kettenhund. Es ging ein wenig eng her in dieser Ecke, denn die Wassermaus mußte den Platz mit ihren drei Kindern theilen. Der älteste Sohn, ein hochaufgeschossener, bleicher Geselle, verdient wohl etwas genauer betrachtet zu werden, denn trotz seiner großen Jugend – vergangene Kirmis feierte er seinen zwanzigsten Geburtstag – und trotzdem er gar nichts gelernt als Trinken, Rauchen, Kegelschieben und Kartenspielen, brachte er vor langen Jahren schon ein Heldenstück fast fertig, das in solcher Jugend sonst selten gewagt wird und das ihm einen bösen Namen eintrug. Nach seiner Confirmation sollte nämlich unser Wasserchristian , wie es bei Buben seines Standes so Brauch ist, zu einem Herrn in Diensten kommen. Christian gerieth deswegen jedoch in solche Verzweiflung, daß er den Strick vom Graskorb seiner Mutter löste, in die Baumgärten rannte und sich an den ersten, besten, handlichen Ast hing. In der Eile wahrscheinlich versah er sich indeß; statt um den Hals, legte er die Schlinge über die rechte Schulter und unter dem linken Arm hindurch; und als er nun hülflos zwischen Himmel und Erde schwebte, nicht leben und nicht sterben konnte, erhob er ein mörderliches Geschrei. Das hörte der Ungerskasper; mit großem Erstaunen mag er wohl diese seltsame, brüllende und strampelnde Frucht 48 betrachtet haben! Kurz entschlossen schnitt er aber den Strick durch, drehte ihn dreifach zusammen – und Christian versicherte hernachmals: »Da will ich mich doch lieber zehnmal hängen, als dem Ungerskasper einmal in die Hände fallen!« Von da an hieß der Wasserchristian in Bergheim und Umgegend: der Henker! Die Wassermaus erschrak heftig, als sie hörte, was ihr Christian vorgehabt; weinend schrie sie: »Ach Du lieber Gott, Christianle, Christianle, was machst Du mir für Streich'! Wenn Du Dich halt durchaus zu keinem Herrn getraust, warum sagst Du's nicht lieber, eh' Du mir das anthust? – 's ist ja Alles recht, Du sollst bei mir bleiben, so lang Dir's gefällt – nur thu' mir das nicht wieder!« Das rührte den Christian; langsam wischte er sich das Wasser aus den Augen und dachte, um den Preis seien der Schrecken und die Schläge am Ende zu ertragen. Er blieb nun richtig im Hirtenhaus, stahl dem Herrgott die Tage ab, ließ sich von der Mutter füttern, und es war eigentlich ein Wunder, daß er bei solchem Lumpenleben nicht auf schlimme Dinge gerieth. Christian befand sich außerordentlich wohl, er war der zufriedenste Mensch unter der Sonne und hatte nur den einzigen Wunsch, daß es doch immer so bliebe! Aber auf der Erde ist nun einmal nichts beständig. Zu seinem unendlichen Erstaunen war plötzlich ein Schwesterchen da und kaum nach Jahresfrist auch ein zweites. Damit hatten seine guten Tage ein Ende, und zum erstenmal in seinem Leben schämte sich Christian: es war doch gar zu ärgerlich, als Kindswärterin im Dorf herumzulaufen. Die Wassermaus ward es nun auch überdrüssig, ihren faulen Schlingel zu füttern; er bekam nicht 49 nur schmalere Bissen, sie waren überdieß mit bösen Worten gewürzt – Christian dachte manchmal ernstlich daran, nun doch noch einen Dienst zu suchen – bis heute konnte er sich jedoch noch nicht dazu entschließen, verschob vielmehr die Ausführung von einem Tag zum andern. Die Wassermaus ging im Sommer auf den Tagelohn, im Winter verdiente sie ihren Unterhalt durch einen Hausirhandel mit getrocknetem Obst, Mehl, Gries \&c. nach den nahen Walddörfern. Böse Zungen sagten ihr nach, der Handel sei das Mäntele, mit dem sie ihr Betteln und Mausen verdecke. Thatsache ist: sie besuchte selten einen Ort zweimal und mit der Polizei kam sie häufig in Zwiespalt. Auf Dieberei ertappt ward sie nur einmal. Als sie im Herrnhof dem Hühnerstall einen stillen Besuch abstattete, kam der Herrnbauer dazu; auf der Flucht hatte sie das Unglück, sammt den Eiern in den Lindenbach zu stürzen. Trotz seines Aergers mußte der Herrenbauer lachen, ließ sie laufen und rief ihr blos nach: »Das ist mir doch eine verfluchte Wassermaus!« Daher ihr Name. Obgleich schon dreimal angeführt, hat sie die Heirathsgedanken noch keineswegs aufgegeben; in letzter Zeit richtete sie ihre Hoffnung auf den Hasenherle, und das Bestreben, ihn an sich zu ziehen, verbitterte dem armen Christian nicht nur vollends das Leben, es verwickelte sie auch mit ihrer Nachbarin in die verdrießlichsten Händel. In der nordöstlichen Ecke der Stube, fast vom Ofen versteckt, steht das Tischchen der Schwarzen und läßt nur einen schmalen Gang in die hintern Kammern frei. Zu verwundern ist, wie die Schwarze mit ihren zwei Kindern in 50 dem engen, dunkeln Raum auskommen kann; freilich behauptet die Wassermaus, das Eckchen sei ganz besonders für die Schwarze geschaffen, im Dunkeln sei gut munkeln. Eine Lichtfreundin ist allerdings die Schwarze nicht zu nennen, das Laster scheut ja überall das Licht – mit einem Worte: Die bleiche verfallene Person, deren Gesicht noch jetzt Spuren früherer Schönheit zeigt, ist eine Unglückliche, die Sünde ist ihr Gewerbe, ganz Bergheim kennt den Zweck ihrer Gänge in die Hauptstadt. Ansehnliche Häuser im Dorf darf sie nicht betreten, weit gehen ihr die Menschen aus dem Wege, und die Kinder deuten mit Fingern auf sie. Sie selber hat viel mit Doctoren und Apotheken zu thun, schleicht stets matt und müde herum, besonders wenn ihr eine Arbeit zu nahe kommt, rettet sie sich schleunigst in ihr Bett. Wunderlicher Weise denkt auch sie in neuerer Zeit ans Heirathen, und da sie mit ihren Absichten der Wassermaus in's Gehege tritt, gibt es dort hinter dem Ofen viel Zank, Lärm und Streit. So zerbrochen und hülflos auch die Schwarze in gewöhnlichen Zeiten herumschleicht, so herzhaft und kraftvoll wehrt sie sich gegen die Angriffe der Wassermaus; in solchen Zeitpunkten ist sie nicht wieder zu erkennen, besonders die Kraft ihrer Lungen setzt in Erstaunen, und die Wassermaus muß ihre Siege oft theuer bezahlen. Und hatte wirklich die Wassermaus Grund zur Eifersucht gegen die Schwarze? – Gewiß, nur allzuviel! – War der Geldbeutel der Schwarzen gefüllt – und sie brachte ihn selten ganz leer aus der Hauptstadt heim – dann ließ sie es sich sammt ihren Kindern wohl sein; nun hatte aber der Hasenherle von je eine Schwachheit für gute »Bißle«, 51 bereitwillig folgte er darum den Lockungen der Schwarzen und ließ sich geduldig füttern. Deswegen verachtet er jedoch die Wassermaus keineswegs; weiß er bei ihr ein gutes »Bißle« im Vorrath, kehrt er mit der unschuldigsten Miene zu ihr zurück. Gegenwärtig hat ihn einmal die Wassermaus wieder »gänzlich eingenommen«, wie das Mädle verdrießlich brummt.   6. Hirtenhausleben und eine Dorfmajestät. Trotz des wilden Schneegestöbers draußen war es heute – Sonnabend Nachmittag – in der Hirtenstube heller als gewöhnlich. Der frischgefallene Schnee erleuchtete die dunkeln, seit Jahren nicht ausgeweißten Wände, die »schwitzenden« Thüren, den mit Lehm verschmierten Kachelofen und die geschwärzte Bohlendecke. Der nie ganz verschwindende Dunst im Zimmer überkleidete die Decke mit einer glänzenden Feuchtigkeit; da und dort fielen auch große, dunkelbraune Tropfen auf die Köpfe der Bewohner, auf Tische und Spinnräder herab, ohne daß Jemand darauf achtete. Auch an's Scheuern dachte keine Seele, vielleicht weil man es von vornherein für ein vergebliches Beginnen ansah, dieses Schmutzes Herr zu werden. Ausnahmsweise waren alle Bewohner versammelt. Die drei Männer rauchten, das Mädle und die Wassermaus spannen, die Hirtenlang weifte eine Spindel Garn ab, die Schwarze rührte einen Kuchenteig ein, und das Achdulieb'sgottle saß auf dem warmen Hellstein. Die auffallend bleichen 52 Kinder der Schwarzen räkelten sich auf der Ofenbank, die Wasserchristel und Wassermine balgten sich unter den Tischen. Die Erwachsenen waren in großer Erregung, da das Gerücht auch in's Hirtenhaus gedrungen war: es sei nun bestimmt, der Schreinerslorenz müsse heute noch in das Hirtenhaus ziehen. In übelster Lage befand sich der Hasenherle. Die Wassermaus hatte ihm eine köstliche Faltenwurst gezeigt, der Kuchen der Schwarzen versprach aber auch einen Genuß – was nun thun, zur Wurst oder zum Kuchen halten? – Verdrießlich kraute er die Haare und stimmte in das Belfern der Hirtenlang ein: »Ja, 's ist eine verkehrte Welt, man weiß nimmer, wem man angehört und wie man sich stellen soll«. »'s gibt solche Narren, die ihr Lebtag nicht gescheit werden!« zankte die Wassermaus. »Ich aber weiß ganz genau wie ich mich zu stellen hab'. Bei mir heißt's: entweder ganz zu mir, oder ganz vom Leib geblieben!« Der Hasenherle ließ vor Schrecken seine Pfeife ausgehen, Hansnikel spuckte zornig und sagte: »Sua, ganz mein Wort! Und vornweg sag ich's: Die Schreinerssippschaft hat im Hirtenhaus nichts zu thun, mir sollen sie auch nicht zu nah' kommen, ich sag's vorweg.« »Verrücken sie nur einen Stuhl, sollen sie sehen, was es gibt'« keifte die sonst so gelassene Hirtenlang und merkte gar nicht, wie sie einen ungeheuren Bock weifte. »Meinetwegen sollen sie sich einrichten, wie sie mögen, nur uns sollen sie vom Leib bleiben!« »'s ist schändlich von der Gemeinde,« schalt die Schwarze und schüttete eine ziemliche Düte Zucker in ihren Kuchenteig, 53 »uns noch solch einen Haufen Menschen aufzuhalsen, wo wir uns jetzt schon beinah' ertreten.« »Und wir leiden's nicht – und wir leiden's nicht – und wir brauchen's nicht zu leiden!« fuhr das Mädle auf. »Und dem Schulzen sag' ich's in's Gesicht – und wir beschweren uns!« »Sua, Mädle, beim Schulzen willst Du Dich beschweren?« sagte Hansnikel und spuckte verächtlich aus. »Und was wird's helfen? Läßt er vielleicht meine Schaufel, mein Beil und meine Rotthaue anstählen? – I Gott bewahr' mich, nicht rühran!« »Ja, und wäre was zum Schulzen, dürften andere Leute auch nicht im Hirtenhaus sein!« fiel die Wassermaus ein. »'s ist Sünd und Unrecht! Wer alle Wochen Kuchen bäckt und ganze Düten voll Zucker hineinwirft, kann auch ein eignes Quartier bezahlen!« »Wen's doch was angeht, was andere Leute treiben!« zürnte die Schwarze. »Dagegen sag' ich: wer das Zeug maust, hat gut damit handeln und gehört ganz wo anders hin, aber nicht in's Hirtenhaus und nicht in ein eigen Quartier!« »Darüber lach' ich!« zankte die Wassermaus. »Meinst, man wüßte nicht, wo Dein Geld herkommt? – Pfui Teufel! – Dürftest Dir was auf den Leib schaffen dafür, brauchst es nicht liederlichen Mannsbildern anzuhängen.« »Zupf' Dich zuerst an Deiner Nasen!« fuhr die Schwarze auf. »Ich locke Niemand mit gestohlenen Würsten und Eiern an mich!« 54 »Und er mag Dich nicht einmal!« schrie die Wassermaus. »Und Du kriegst ihn gar nicht!« die Schwarze. Der Kuchennapf stand schon lange auf dem Ofen in Sicherheit, jetzt flog das Spinnrad in eine Ecke, und Hansnikel spuckte mächtig bei den Worten: »Sua! nu' ist's wieder fertig!« Unterdeß machte das größere Mädchen der Schwarzen auf die Wasserchristel »schabe schabe Rübchen« und sagte: »Etsch! wir haben morgen Kuchen und Ihr habt nichts – etsch!« Die Wasserchristel kroch unter dem Tisch hervor, schüttelte die wirren Haare aus dem Gesicht und schrie: »Und wir haben Wurst und Ihr habt keine!« »Unner (unsre) Mutter bringt uns Weckle mit!«höhnte es von der Ofenbank. »Und wir kriegen Hutzel und Schnitz! « rühmte die Wasserchristel. »Ja, aber das sind gemauste!« sagte die kleine Schwarze verächtlich. »Etsch – Ihr kriegt gemauste Hutzel und Schnitz, etsch!« »Unner Mutter ist doch eine andere Mutter wie Eure Mutter!«heulte die Wasserchristel und stürmte auf die schreienden Kinder der Schwarzen los. Während sich die Mütter mit geschwungenen Fäusten gegenüber standen, wälzten sich die Kinder am Boden; Hansnikel spuckte zornig, der Hasenherle kratzte sich hinter den Ohren, und das Achdulieb'sgottle jammerte vom Ofen herab: »Ihr Kinderle, ach du lieb's Gottle, ihr Kinderle, was macht ihr für Sachen!« 55 Eben griff die Wassermaus nach den Haaren der Schwarzen, als die Thüre aufgerissen ward und der Schulz eintrat. – »Geht weg, Schulz, der Perpendikel!« rief Hansnikel. Zu spät, in der Uhr that es einen Ruck, dann stand sie still. Der Schulz fuhr sich mit der Hand in das Gesicht, schleuderte mit den Füßen die heulenden Kinder aus dem Weg und schrie: »Potz Christoph von Nordheim, ist das eine Wirthschaft! Hören und Sehen vergeht einem und seines Lebens ist man nicht sicher! Ruhig Ihr Racker da unten! – Hansnikel, den verdammten Kasten da oben schlag ich noch zusammen, thust Du ihn nicht weg! – Wollt Ihr still sein, Ihr verrückten Weibsbilder? Blitz und Donner! Ruhe! sag' ich, oder ich fahr' dazwischen! – Was gibt's? – Ist's wieder wegen dem miserabeln Heppelehepp los 'gangen? Wartet, ich bring Euch noch zur Vernunft! – In's Teufels Namen, ruhig sag ich! Gebt Ihr nicht Frieden, laß ich Euch mit'nander in's Spritzenhäusle sperren, verstanden?« Die Kinder hatten sich unter Tische und Bänke verkrochen und lugten scheu zu dem Gewaltigen empor; die Wassermaus ließ endlich von der Schwarzen – aber still ward es noch nicht. Im Eifer hatte es der Schulz mit allen Parteien zugleich verdorben. Hansnikel kränkte die Beschimpfung seiner Uhr, dazu kam ihm sein unverstähltes Beil in den Sinn; Hasenherle knurrte: er heiße Jeremias Nothnagel, wäre auch der Schulz ein großer Hans, schimpfen dürfe er doch nicht; die Wassermaus und die Schwarze betheuerten ihre Unschuld und schrieen nach Gerechtigkeit; die Hirtenlang verlangte Entschädigung für die Böcke an ihrer Weife; das Mädle zankte: »Und der Schreinerslorz darf nicht rein – 56 und er darf nicht rein – und er darf nicht rein!« und das Bettel fräle endlich jammerte hinter dem Ofen: »Ach Du lieb's Gottle! ach Du lieb's Gottle!« – es war ein Heidenlärm! Der Schultheiß schob die Pelzmütze hin und her, zündete die Pfeife, die ihm im Eifer erloschen war, wieder an, dann schrie er, mit dem Fuße stampfend: »Wird bald Ruhe? Dumm und toll wird's einem von dem Lärm! Wassermaus und Schwarze – auseinander! Ihr setzt Euch und haltet das Maul, von Euch ist eine so viel werth als die andere, keine einen Schuß Pulver! Nehmt Euch in Acht, Ihr habt ohnedies allerlei Werk am Rocken! – Nicht leiden willst Du, daß ich Dich Heppelehepp heiß'? Ha, ha! und was willst Du machen, wenn ich's doch thu'? – Verklagen? – Du mich? – sei nicht dumm, Heppelehepp! Denk dran, der erste Tritt in's Amt gegen mich ist dein Untergang; mit Kerlen von Deiner Sorte wird kein Federlesens gemacht, mit denen ist man gleich fertig. – Ihr, Hansnikel, seid mir gleich still mit Eurem einfältigen Beil; Ihr kennt darüber meine Meinung, davon geh' ich kein Tippele ab, punktum! Bringt lieber Eure Weiberleut' zur Ruhe, die schwätzen einen noch taub! – – Na, also heut Abend zieht der Schreinerslorz ein, rückt zusammen, daß Platz wird, er bringt ja einen ganzen Haufen Kinder mit.« Ein neuer Lärm, ärger noch als der erste, brach los. »Sua, sua!« knurrte Hansnikel. »Zusammenrücken – Platz machen! – Sua! – Ist leicht gesagt! Aber wie denn, wo denn? – Herr meines Lebens ist das 'ne betrogene 57 Welt! Schämt Euch, Henner, als Schulz so was anzuordnen. Zusammenrücken? Sua! Wohin denn? – Auf den Ofen? – Nichts ist's, da ist kein Platz mehr, wir sind so schon zusammengepreßt wie Häringe im Faß. Nichts ist's, das sag ich, der Hansnikel, Todtengräber und Calicant von Bergheim. Ich bin ein Mann von Amt und Würden, so gut als Ihr!« »Und wir leidens nicht!« belferte das Mädle. »Und er darf nicht 'rein! Und wir beschweren uns!« »Und eine Sünd' ist's, wie's in der Bergheimer Gemeind' zugeht!« schrie die Hirtenlang. »Recht und Gerechtigkeit wird mit Füßen getreten; wenn's gilt, die Armuth zu unterdrücken, da ist allemal der Schulz vorndran!« »In die Zeitung gehört's, wie mit uns umgegangen wird!« fiel der Hasenherle ein. Bisher hatte der Schulz noch gelacht, jetzt stieg ihm das Blut in's Gesicht. Unter allen Dingen, welche einem Schulzen das Leben verbittern können – und es giebt deren eine schöne Anzahl! – waren ihm die Zeitungen und das Zeitungsschreiben die verhaßtesten. Passirte sonst im Amt ein Unschick oder kam ein Versehen vor, so ließ sich das vertuschen. Jetzt aber? Kaum ist etwas geschehen, gleich steht ein »Sätzle« in der Zeitung, alle Welt liest es, man ist blamirt, wird verlacht und verspottet, obendrein haben die Herren vom Amt eine erwünschte Gelegenheit, Verweise und Strafen zu ertheilen, und es ist noch ein Glück, wenn sie sich damit begnügen, nicht an Ort und Stelle die Sache untersuchen und dabei allerlei alte, lange vergessene Geschichten aufrühren. Dann muß man noch 58 gute Miene zum bösen Spiel machen, darf nicht mucken, will man die Sache nicht verschlimmern, und dem guten Freund kann man den Liebesdienst auch nicht heimzahlen, denn neunundneunzigmal in hundert Fällen kommt es gar nicht heraus, wer das »Sätzle« einrücken ließ. – Mit Schlimmerem konnte man dem Türkenhenner nicht drohen, als mit der Zeitung, und daß es hier gar ein so »Geringer«, wie der Hasenherle, wagte, machte ihn vollends wild. Sackgrob fertigte er den Hasenherle ab, verbot den Uebrigen fluchend das Maul und befahl, Kammern und Böden zu öffnen. Die Hirtenhäusler waren erschrocken und gehorchten, wenn auch murrend. Hansnikels Kammer ward zuerst besichtigt, zeigte sich in leidlicher Ordnung, aber Platz war da allerdings keiner mehr. Als dann der Schulz in die hintern Kammern blickte, prallte er zurück und erklärte, das seien Schweineställe! Nun ging es unter das Dach. Nach kurzer Umschau bestimmte er: »Der Boden nach der Mittagseite hinaus über der Wohnstube wird ausgeräumt, darin mögen sich die Schreiners einrichten. Aber vorwärts, bis zum Abend muß der Boden leer sein!« Hansnikel, der bis heute diesen Raum, den einzigen verschließbaren im Haus, inne hatte, zitterte vor Aerger, spuckte fort und fort, und seine »Sua« glichen dem Knurren eines Hundes, der sich zum Angriff auf menschliche Waden rüstet. Seine Töchter unterwarfen sich auch nicht unbedingt dem Befehl; mit großer Zungenfertigkeit vertheidigten sie ihr Recht auf diesen Boden, darnach suchten sie den Schulzen durch Bitten und Thränen zu rühren, und als auch das 59 nicht half, zankten und schimpften sie auf alle Welt und den Schulzen insbesondere. Der Schulz war dergleichen Scenen schon gewohnt; ohne die Scheltenden zu beachten, sah er sich in einigen Ecken um und erklärte dann: »Nun ist's genug getobt: Wahrhaftig, eine Heerde Gänse macht nicht so viel Lärm, als Ihr zwei! Seid jetzt still und räumt aus, bis zum Abend muß Alles in Ordnung sein.« »Sua!« fiel Hansnikel ergrimmt ein. »Sua, bis zum Abend muß Alles in Ordnung sein! – Und das nennt Ihr Ordnung, wenn ein Mann von Amt und Würden in seinen Rechten gekränkt wird? – 's ist eine Schande für die ganze Pfarrgemeinde, wie Ihr mit der Geistlichkeit umgeht!« »Laßt Euch nicht auslachen, Hansnikel,« rief der Schulz, »Ihr seid mir ein rares Stück Geistlichkeit!« Hansnikel zitterte vor Zorn, mühsam stieß er hervor: »Sua, sua! – Schulz – nichts für ungut: – Wie der Herr, so das G'schirr – und wie der Meister – so der Kleister! – Sua! – Nichts für ungut Schulz! – Thaten beweisen's! – Ist's Euch nicht recht, verklagt! – Ich sag: Wenn Ihr mich ein rares Stück Geistlichkeit heißt – was seid Ihr denn für ein Stück Schulzenamt? – He? – Ich frag, ich, der Hansnikel, Todtengräber und Calicant von Bergheim! – Und ist's Euch nicht recht, verklagt! – Sua!!« Der Schultheiß wußte nicht recht, ob er lachen oder sich erzürnen solle. Endlich meinte er: »Hansnikel, mit Euch ist nichts anzufangen, als grober Kerl seid Ihr auch bekannt, drum ist's das Beste, man läßt sich gar nicht mit 60 Euch ein. Meint'wegen schimpft, soviel Ihr wollt, ist aber zum Abend der Boden nicht geräumt, red' ich anders mit Euch!« Damit stieg er die Treppe hinab. Hansnikel schaute ihm verblüfft nach; allem Anschein nach hatte das Mädle nicht übel Lust, ihren Zorn am Vater auszulassen, als ein neuer Lärm im Hausflur die Hirtenfamilie ebenfalls hinablockte. Der Hasenherle, die Wassermaus und Schwarze hatten schon lange auf den Schulzen gepaßt, jetzt, als er herabkam, überflutheten sie ihn mit stürmischen Fragen, wie es in Zukunft mit dem Feuern gehalten werden solle, wo die Schreiners in der Stube untergebracht würden! Das war den Hirtenmädchen Wasser auf ihre Mühle, am lautesten unter Allen schrieen sie: »Keinen Zoll rücken wir zu, und wenn sich ganz Bergheim auf den Kopf stellt, wir lassen unser Recht nicht antasten. Unsertwegen kann die Gemeind' mit den Schreiners machen, was sie will, aus unsrer Ecke lassen wir uns nicht drängen, ein für allemal nicht!« »Verrücktes Weibervolk!« schrie der Schulz dazwischen, als besonders die Wassermaus und die Schwarze gar kein Ende finden konnten. »Verrücktes Weibervolk, im Narrenhaus kann's nicht toller hergehen – so laßt einen doch auch ein Wort dreinreden. – Recht habt Ihr freilich, das seh ich gut genug, und ich wollt Euch auch gern helfen, aber mir sind die Händ' gebunden, ich kann so wenig machen wie Ihr. Euer Nachbar, der Bergjörg drüben, der ist jetzt gänzlich Herr in der Gemeind', was der will, muß ja geschehen, und er war von jeher mit dem Schreinerslorz gut Freund. Bei dem bedankt Euch, der ganz allein hat Euch 61 die Last aufgehalst, ich und der Kirchbauer haben uns beinah' die Zunge aus dem Hals geredet für Euch, aber was richtet man gegen den aus? – Jetzt merkt, was ich Euch sage! Aufnehmen müßt Ihr die Schreiners und ihnen zurücken in Stube, Ofen, Keller und Stall, da hilft nun einmal nichts! Aber was Ihr ihnen für Eckele geben wollt und wie groß, das ist Eure Sach', dahinein häng' ich mich nicht. Und vergeßt nicht: Plagt die Schreiners, daß sie die Angst kriegen; je ärger, desto lieber soll mir's sein. Aber setzt Euch fest, daß er nicht an Euch kann; zahlt er's Euch heim, denkt nicht, daß Ihr bei mir Schutz findet!« Nach dieser weisen Anordnung stieg er über die Schwelle und ging rasch davon. Tiefe Stille folgte diesen Worten, mit großen Augen sahen die Hirtenhäusler dem Gewaltigen des Dorfes nach. Was bedeutete das? Hatten sie ihn auch recht verstanden? Billigte er wirklich ihren Widerstand gegen die Aufnahme der Schreinersleute? Erst allmählich konnten sie sich in diese unerwartete Wendung der Dinge finden, die Freude war dann auch desto größer. Der Schulz selber hatte ihren Haß gegen die Schreinersfamilie gerechtfertigt und anerkannt; quälten und plagten sie den Lorenz, thaten sie sich nicht nur selbst Genüge, sie erfüllten zugleich die Absichten eines Großen, der sich gewiß dankbar zu bezeigen wußte – sollte man da nicht fröhlich sein? Selbst Hansnikel und die Hirtenlang stimmten in das Lob des Schulzen ein, das von allen Lippen ertönte, und redeten sich dabei in immer größeren Zorn gegen den Schreiner hinein! Armer Lorenz, wie wird es Dir ergehen, erfüllen die zornigen Hirtenhäusler nur 62 die Hälfte der Drohungen, die sie gegen Dich ausstoßen! Nur der zehnte Theil braucht zur That zu werden, und ihre Absicht ist erreicht, das Leben wird Dir im Hirtenhaus zur Hölle! Wieder waren sämmtliche Hausbewohner in der Stube vereinigt; hatte sich auch endlich der Lärm gelegt, friedfertige Stimmung bekundete die Ruhe keineswegs. Die Hirtenlang weifte heimlich schimpfend rückwärts, um die Böcke aus dem Gewinde zu entfernen, die Schwarze hantirte an ihrem Kuchen, die übrigen Weiber spannen. Dabei knarrten aber die Knechte an den Rädern, als wollten sie protestiren gegen das unvernünftige Treten, beim Netzen der Finger klirrten die Netzbecher und das Wasser spritzte weithin. Hasenherle spannte Kaninchenfelle aus und schlug auf die Nägel, als wollte er an ihnen seine Kraft erproben; Hansnikel spuckte und knurrte fort und fort: »Sua!« – Ja, man hielt den Zorn gegen den Eindringling sorgfältig zusammen, um ihm einen möglichst heißen Empfang zu bereiten. Horch! – wurden nicht Stimmen laut, stolperten nicht Schritte in der Hausflur? – Das war er! – Unwillkürlich rückten die Stubengenossen zusammen, um sich auch äußerlich in Positur zu setzen! – So – nun mag er kommen, jetzt kann's losgehen! Aber er kam nicht! Im Boden über ihren Köpfen knarrte und rumpelte es, Schritte kamen und gingen – zuletzt ward es tief still. Noch gaben die Hirtenhäusler ihr Spiel nicht verloren, er mußte ja kommen. Aber die Nacht brach herein, man mußte Licht anzünden, an das Kochen denken – der Schreinerslorz ließ sich weder hören noch 63 sehen. Ein Topf Wasser erträgt dauernde Erhitzung nicht, entweder das Wasser kocht ein oder läuft über. So auch mit dem Zorn im Herzen; fehlt der Gegenstand, verschwindet entweder die künstliche Steigerung, oder die Galle macht sich nach anderen Seiten Luft. Hansnikel verknurrte seinen Aerger in unzählbare! »Sua!« Das ohnedies menschenfreundliche Gemüth der Hirtenlang erheiterte sich im gleichen Maße, als die Böcke aus ihrem Gewind schwanden, das Mädle tröstete sich, daß die Gerechten nun einmal viel leiden müßten, und Hasenherle erquickte sich an der Faltenwurst der Wassermaus, ohne sich um die neidischen, zornigen Blicke des Wasserchristian zu kümmern. Anders bei der Wassermaus und der Schwarzen; ihr Zorn wuchs durch die Zurückhaltung, die sie sich auferlegen mußten. Als nun der Hasenherle so vertraut bei der Wassermaus saß, überwand der Haß gegen die Nebenbuhlerin jede andere Regung im Gemüth der Schwarzen, vergessen war der Zorn gegen den Schreinerslorenz, ihrer selbst kaum mehr mächtig erhob sie die Hand gegen die Bevorzugte. Die Wassermaus wehrte sich, und soweit war Alles in Ordnung; nun aber trat eine Wendung ein, die dem Kampf eine unerwartete Ausdehnung gab. Hasenherle hatte wohl bemerkt, wie köstlich der Kuchen der Schwarzen gerathen war, und da er für den Augenblick von der Wassermaus nichts mehr zu hoffen hatte, nahm er die Gelegenheit wahr, sich den Rücken frei zu machen und einen Ausgleich mit der Schwarzen anzubahnen. Statt, wie sie mit Recht erwartete, sich kräftigst der beleidigten Wassermaus anzunehmen, hielt er sich vollständig unparteiisch; ja, als die Schwarze zu unterliegen drohte, sprach 64 er beruhigende Worte zu ihren Gunsten. Das war mehr, als die Wassermaus ertragen konnte; außer sich über diese Undankbarkeit, rief sie ihren Christian zu Hülfe, der denn auch nicht säumte, dem Hasenherle die Faltenwurst zu »schmälzen«, wie er sich ausdrückte. Das Getümmel ward so groß, daß sich das Achduliebs'gottle auf dem Hellstein nicht mehr sicher fühlte und ächzend in ihre Kammer schlüpfte. Bis tief in die Nacht währte der Lärm; die Parteien kamen erst auseinander, als Hansnikel im Ernst Anstalten machte, den Schulzen herbeizuholen. »Ach Herr mein Gott, ist das eine Heidenwirthschaft!« seufzte Hansnikel vor dem Einschlafen. »Soll ich's denn nicht erleben, daß wieder Ordnung im Haus wird? – Und nun gar noch die Schreinersgesellschaft dazu, was wird's nun erst? – Ich sag's ja, 's ist 'ne betrogene Welt! Sua! – Gute Nacht!«   7. Ein Ein- und ein Auszug. Draußen heulte der Decembersturm, wirbelte die Flocken durcheinander, wehte den Schnee in dichten Wolken von den Dächern, zerzauste die Aeste der Obstbäume im Garten und thürmte an windgeschützten Orten lange Schneewälle auf. Darauf achtete jedoch die einsame Frau im halbdunkeln Kämmerlein nicht; mit zitternden Händen zog sie Kasten und Schubfächer auf, erschloß Schrank und Kommode – nicht um sich behaglich des Besitzes zu erfreuen, es galt Abschied zu nehmen von all den liebgewordenen Geräthen, 65 stillen Zeugen glücklicher Stunden wie auch herben Leides. Aber die Körbe neben ihr, zur Aufnahme der Wäsche und Kleider bestimmt, blieben leer; Margelies konnte die Thränen nicht mehr zurückhalten, vor der buntbemalten Lade, einem Erbstück ihrer Mutter selig, kniete sie nieder und legte das Gesicht auf ihre Arme. Draußen pfiff der Wind und rüttelte an Fenster und Laden, aus der Stube tönte fröhliches Lachen und Kindergeplauder herein. – Wie bald werden die Kinder verstummen, wenn die Noth ihre Wangen bleicht, der Hunger ihnen bittre Thränen auspreßt und sie hinaustreibt in Wind und Wetter, die Barmherzigkeit der Menschen anzurufen! Oder bleibt ihnen auch das erspart, wie lange werden sie noch so unschuldig, herzensfröhlich spielen, lachen und beten? – Margelies drückte den Kopf fester auf die Arme, ein Frostschauer lief über ihren Körper, und in ihrem Herzen quoll die beängstigende Frage auf: Mußte es wirklich so weit mit uns kommen? »Der Herrgott wird Euch vergelten was Ihr an mir gethan habt, er wird Euch segnen für Eure große Liebe und Treue!« hatte ihr die blinde Schwiegermutter auf dem Todbett in's Ohr geflüstert, noch kurz vor dem Verscheiden rief sie: »Der Eltern Segen baut den Kindern Häuser! Ich segne Euch, Dich Margelies besonders! Du warst mir in Wahrheit eine rechte Tochter, darum wirst Du Freude an Deinen Kindern erleben und Segen die Fülle haben im Alter!« – Wo blieb der Segen? War das Elend die Erfüllung jener Verheißung? Eine unsägliche Bitterkeit kam 66 über Margelies bei der Frage: »Womit haben wir solches Unglück verschuldet?« Der Kuckuck in der Stube, der die zweite Nachmittagsstunde anrief, riß sie aus ihrem finsteren Brüten. Was half alles Sinnen? Damit war nichts gebessert, und die Umzugsarbeiten machten sich nicht von selbst. Langsam stand sie auf, die Thränen waren versiegt, mit brennenden Augen blickte sie um sich, ihre Wangen glühten und in den Schläfen hämmerte und pochte es. Mechanisch begann sie die Wäsche in die bereitstehenden Körbe zu packen, mechanisch griff sie auch nach Bibel und Gesangbuch, die in ein weißes Tuch eingeschlagen auf dem Kommodensims lagen. Heftig drückte sie beide Bücher an's Herz, aber plötzlich schrak sie zusammen. Wie oft hatte sie aus beiden Büchern gebetet, von Herzen andächtig gebetet – und was hatte es genützt? Trost und Beruhigung, ja, das hatte sie wohl immer gefunden – aber wo blieb die verheiß'ne Hülfe? In der Bibel stand geschrieben: Rufe mich an in der Noth, so will ich Dich erretten und Du sollst mich preisen! – und war es nicht trotz ihres Rufens und Flehens tagtäglich abwärts mit ihnen gegangen, bis – bis zum Hirtenhaus? – – Margelies zitterte, ihre Gedanken verwirrten sich, die Hände ringend warf sie sich über ihr Bett. Draußen brauste der Sturm, in der Stube flüsterten die Kinder – Margelies hörte von Allem nichts. Erst nach geraumer Zeit ward sie aufmerksam, richtete sich im Bett auf und vernahm, wie Marie die Geschwister ermahnte: »Ja, den Kuckuck dürfen wir freilich nicht mit 67 in's Hirtenhaus nehmen, das ist nun einmal nicht anders, d'rum müßt ihr auch nicht heulen. Was liegt auch an dem Kuckuck? Das ist ja doch nur ein altes, schlechtes Ding, und der Vater hat uns versprochen, wenn wir recht brav sind, kauft er uns einen neuen. So! – flennt nimmer; komm Emil, ich wisch Dir die Aeugle aus, so! nun sind sie wieder hell und lustig – gelt? – Und das dumme Wasser darf nimmer 'rein, das leiden wir einmal nicht! – Guckt, Emil und Tine, Ihr dürft nicht mehr heulen, das thut den Eltern gar so weh, sie bekümmern sich d'rüber, d'rum müßt Ihr recht lustig sein und singen und lachen. – Ja, ja, so ist's recht, Tine, so bist Du ein brav's Mädle, und an braven Kindern hat auch der Herrgott droben im schönen Himmel seine Freude und sagt zu den guten Engelein mit den goldigen Flügeln: Guckt nur einmal an, was das für gute Kinderle sind! Wart, die sollen vom Christkindle was recht Schönes kriegen!« »Aber Zucker, Nüß' und Aepfel auch?« fragte Emil. »Hör', ich weiß, was das Christkindle bringt,« fiel ihm Tine in's Wort. »Einen neuen Kuckuck und – –« »Aachele – aachele!« unterbrach sie Emil. »Ja, der Herrgott und das lieb' Christkindle werden wohl wissen, was es wird, und bis dahin müßt Ihr eben Geduld haben. Wenn's aber keinen Kuckuck bringt, ist's auch gut, es kommt nur drauf an, daß ihr recht fromm und brav seid, alle Tage betet, –« »Ich kann mein Sprüchle!« fiel ihr Emil in's Wort, legte die Händchen zusammen und stammelte: 68 »Wie fröhlich bin ich aufgewacht, Wie sanft hab' ich geschlafen die Nacht! Hab' Dank Du Vater im Himmel mein, Daß Du hast wollen bei mir sein. Behüte mich auch diesen Tag, Daß ich nichts Böses lernen mag! Amen!« »So ist's recht, Emil!« lobte Marie. »Besonders das vergiß nicht: Behüte mich auch diesen Tag, daß ich nichts Böses lernen mag! – Guckt, droben im Hirtenhaus sind gar arg böse Kinder, die beten nicht und folgen den Eltern nicht, denkt nur an! Und sie heulen und schrei'n, schimpfen und schlagen! – Gelt, so macht Ihr's nicht auch? Denk't nur die Schand', wenn's hieß': Das ist die Schreitine und das der Heulemil! – Und der Vater und die Mutter bekümmerten sich und weinten wegen Euch!« »Wollen gut sein!« gelobte Emil. »Aber schimpfen und schlagen laß ich mich nicht und Dich nicht und die Tine auch nicht!« »Das braucht's auch nicht, dafür ist der Vater da, der wird schon sorgen, daß uns nichts geschieht. Aber Ihr dürft auch nimmer so herumhutschen und so arg viel zerreißen. Die Eltern sind jetzt gar arm, es wird ihnen sauer, daß sie genug Geld verdienen, d'rum müßt Ihr Eure Sachen in Acht nehmen. Herrje, Emil, ist das schon wieder ein Schlitz in Deinen Hosen! wenn das die Mutter wüßt'! – Nu nu, heul' nicht, ich stopf' Dir das Loch zu! Und passirt sonst einmal was mit den Kleidern, dann sagt mir's, ich richte sie wieder her – die 69 Mutter hat so genug zu thun. Ja, wir müssen jetzt recht gut und fleißig sein, damit die Eltern nicht noch mehr Sorgen haben!« Margelies waren schon lange die Augen übergegangen, tief bewegt flüsterte sie jetzt: »Ja – aus dem Munde der Säuglinge und jungen Kinder hast Du Dir eine Macht zugerichtet! Herr mein Gott, verzeihe mir die argen Gedanken. Ach, ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und Treue, die Du an mir gethan hast! – Meine Kinder, ach, meine Kinder! – Und ich will jammern und klagen? – Und mein Lorenz! – Gibt's einen braveren, rechtschaffenern Mann? – Ja, jetzt versteh ich's: Ein unverschuldet Unglück ist gar kein rechtes Unglück, wir dürfen's nur nicht dazu machen! – Was ist's doch ein Glück um einen rechten Mann! Zuerst wollten mir seine Worte freilich nicht eingehen, und jetzt helfen sie mir doch zurecht! – Ja, unser Elend ist groß, aber wir werden's überwinden, nach dieser kommen auch andere Zeiten, Bergheim ist nicht die Welt, und zuletzt lebt auch der alte gute, treue Herrgott noch! Und ich will mich zusammennehmen, nicht mehr kleinmüthig thun, meinen Kindern eine treue Mutter sein und meinem Lorenz das Leid tragen helfen, so viel ich kann – das helfe mir Gott!« Noch eine Weile bewegten sich ihre Lippen, ein eigener Glanz lag auf ihrem Gesicht, als sie sich endlich erhob. In der Stube zog sie ihre Kinder heftig an die Brust und schluchzte. »Ach meine Kinder, meine Kinderle! Gott erhalte Euch gesund und frisch an Leib und Seel', dann 70 komme, was mag, ich will vor nichts erschrecken!« Der verwundert dreinblickenden Marie gab sie einen herzlichen Kuß und sagte: »Du bist mein Herzensmädle! Jetzt aber hilf einpacken, der Vater soll uns nicht müssig antreffen, er soll sehen, daß er sich auf uns verlassen kann!« Lorenz traf auch richtig Mutter und Tochter in aller Arbeit, sogar die Kleinen wollten sich nützlich machen. Dankbar drückte er Margelies die Hand; ihr gefaßtes, zuversichtliches Wesen, mehr noch ihre durch die That bewiesene Ergebung in das Unvermeidliche war ihm ein Trost, erschien ihm fast wie eine Verheißung besserer Tage. Wer so, durch Arbeit, das Leid überwindet, kann nicht zu Grunde gehen. Lorenz hatte nicht Zeit, diesen Gedanken auszusprechen, vor der Thür erhob sich heftiger Zank, gleich darauf trat der Kirchbauer, die Ottensbäuerin und der Ottensmärt ein. Besonders Letzterer sah sehr erregt und erzürnt drein. Scheltend wollte die Bäuerin einen Korb voll Weißzeug an sich reißen; doch furchtlos trat ihr Margelies in den Weg und sagte: »Rührt den Korb nicht an! was Euch gehört, soll Euch werden, daran habt Ihr nichts zu suchen!« »Dacht ich doch, so wird's kommen!« entgegnete der Kirchbauer mit einem höhnischen Blick auf seinen Schwager. »Oha! Hand von der Butter, Margelies, was Euch bleibt, haben wir zu bestimmen!« »Kirchbauer, Ihr nehmt Euch viel heraus!« sagte Lorenz ruhig. »Läßt sich's der Märt gefallen, daß Ihr ihm im eigenen Haus schandbar über's Maul fahrt – das geht 71 mich nichts an, aber ich habe mit Euch nichts zu schaffen und lasse Euch nicht in meinen Kram reden.« »Ho ho, nur nicht patzig gethan!« fuhr der Kirchbauer auf. »Wirst bald klein beigeben, wenn Du siehst, wir machen Ernst!« »Das seh' ich lang'!« lachte Lorenz verächtlich. »Jetzt will ich Euch zeigen, daß ich auch Ernst machen kann. Noch bin ich Herr in der Stube, und wer mir nicht gefällt, dem weis' ich die Thür. Merkt Euch das; so Ihr noch ein Wort in meine Sachen redet, setz' ich Euch an die Luft.« Der Kirchbauer schlug ein Gelächter auf, die Bäurin schimpfte, und Märt ballte die Fäuste. Ohne sich um den Lärm zu kümmern, wendete sich Lorenz an den Hausherrn: »Märt, mein Hab und Gut hab' ich Dir verpfändet, von dem Zugebrachten meiner Margelies steht nichts im Pfandbrief, das bleibt uns! Ferner muß ich Tisch und Stühle haben, meine Ziegen, mein Futter, meine Erdäpfel kann ich nicht entbehren. Gott soll mich bewahren, daß ich Dich um einen Heller verkürze – d'rum laß von gerechten Männern die Sachen abschätzen und habe mit der Bezahlung Geduld, bis für mich bessere Zeiten kommen. Bei Gott gelob' ich Dir, bleib' ich am Leben, will ich nicht ruhen, bis ich Dir auch den letzten Heller zurück erstattet habe.« »Hört nur den heuchlerischen Spitzbuben, wie er sich windet, uns noch in letzter Stunde eine Nase zu drehen!« lärmte der Kirchbauer. »Aha! Es ist jetzt genug geschwätzt! Was da ist, gehört und bleibt uns, punktum!« 72 »Habt Euer Punktum zu früh gesetzt! Merkt's, noch ein Wort und ich mach' Euch selber zum Punktum im Schnee draußen!« »Ha, nun hör ein Mensch!« schrie die Bäuerin. »Das ist doch ganz unerhört! Sollen wir uns von dem Bettelgesindel im eignen Haus das Maul verbieten lassen?« »Jetzt bist Du gleich still, Du altes Zankeisen, jetzt will ich reden!« rief der Hausherr dazwischen, setzte seine Ehehälfte ziemlich unsanft auf einen Stuhl und fuhr dann, der Verblüfften mit der Faust drohend, fort: »Ja, guck nur! Es ist so, jetzt will ich reden und Deine Maulherrschaft hat ein Ende! Nur nicht gemuckst, mit meiner Geduld ist's gänzlich vorbei! Und jetzt, Kirchbauer, gib Acht, was ich Dir sage!« wendete er sich an diesen. »Du hast seit Jahren den Meister in meinem Haus gespielt, Dich zum Herrn über mich und meine Sachen aufgeworfen, meine Alte gegen mich angestiftet und mit ihr über mein Gut geschaltet, als wär's Dein eigen. Das hat mich oft gegrimmt, oft hat mir's in der Faust gejuckt, dem ungebetenen Vormund zu weisen, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat. Aber um des Friedens willen und wegen der Kinder hab ich mich unterdrücken lassen und geduldig diese Heidenwirthschaft ertragen. Jetzt aber, da ich merke, wie ich durch Dich in Unehr' 'kommen bin, jetzt, da Du mich im Gemeindevorstand zum Spott und Gelächter gemacht hast, da ich sehe, wie Du mich als dummen Buben behandelst, mich Deine Keile verklopfen und die Kastanien für Dich aus dem Feuer holen läßt – 73 jetzt ist's aus! Heut sind mir überhaupt über Dich die Augen aufgegangen; was ich lang' nicht glauben wollte – das ist mir gewiß 'worden: Du bist kein ehrlicher Mann! Ja – dreh' nur die Augen, ich sag's noch einmal: An Deinen Fingern hängt Unrath! Was sind das für Geschichten, die heute der Bergjörg in der Sitzung anführte? Warum habt Ihr Euch, Du und der Schulz, so arg verfärbt? warum habt Ihr keine Antwort 'geben? warum ist der Beckenphilpert so Knall und Fall abgesprungen? – Kirchbauer, habt Ihr, Du und der Schulz, mich in Sachen des Gemeindevermögens und der Brückenrechnung hintergangen, ist nicht Alles im Amt geordnet und festgestellt wie Ihr mir vorredet, – dann nehmt Euch in Acht! Unehr' laß ich auf meinen Namen nicht bringen; bist Du zehnmal mein Schwager, ich schone Dich nicht, hast Du zu weit gegriffen. Heut' noch tret ich aus dem Gemeindevorstand und sorg' dafür, daß es alle Leute erfahren. Meine Finger sind rein! – Ich seh', ich war lang' Dein Narr, aber die Geschichte mit dem Lorenz ist der letzte Fall, daß ich mich von Dir in's Feuer treiben lasse – von heute an bin ich selber Herr meines Thuns! Dort ist die Thür, Kirchbauer, geh' gutwillig, mache den Leuten die Freude nicht, daß ich Dich an die Luft setze! – Ich achte Dich nimmer als meinen Schwager und will keinerlei Umgang mehr mit Dir haben – hast mich verstanden, oder soll ich noch deutlicher reden?« Der Kirchbauer war sehr bleich geworden; jetzt verzerrten sich seine Züge, seine Augen blitzten vor Wuth, 74 als er schrie. »Gottes Donner! bist Du verrückt? Weißt Du, was Du redest? – Ha – Märt, das gedenk' ich Dir!« »Darauf bin ich gefaßt! Aber jetzt weißt Du, Du bist übrig – wird's?« Heulend fuhr die Bäurin, die bisher sammt den Schreinersleuten ganz bestürzt Zeuge dieser wunderlichen Unterredung gewesen war, drein. Doch der Bauer ließ sie nicht zu Worte kommen, drückte sie auf den Stuhl nieder und sagte drohend. »Sei still, gleich ganz still, sonst gehst Du, eh' Du's denkst, denselben Weg wie Dein Bruder!« Als der Kirchbauer knirschend und doch unentschlossen, was er beginnen sollte, seinen Platz behauptete, sagte Lorenz, der nun auch nicht mehr an sich halten konnte: »Ich meine, Ihr müßtet nun wissen, daß Ihr allerseits übrig seid – soll ich Euch vielleicht auf den Weg helfen?« »Gut, ich geh schon!« knirschte der Kirchbauer. »Heute räum' ich Euch das Feld, aber wir kommen wieder zusammen, und dann will ich verdammt sein, wenn Ihr nicht anders pfeift! Dich, Märt, hab ich von jeher für nichts geachtet, nicht einmal zum Krautspöpel warst Du zu gebrauchen, Du wirst's bald spüren, wie weit Du kommst ohne mich!« »Gott sei Dank!« rief Märt erregt, »tiefer in Unehren gewiß nicht! Uebrigens ist das ganz allein meine Sache!« »Du bist und bleibst ein dummer Narr!« zürnte der Kirchbauer. »Mit Dir, Lorenz, hab ich aber nach dem, 75 was heut geschehen ist, noch eine besondere Abrechnung. Du sagst heut: Vielleicht bricht mir noch das Schneidershäusle den Hals? – Ha, ha! warts ab! Vielleicht aber brech' ich vorher Dir vollends das Genick, wie ich's Deinem Vater und Bruder gebrochen hab'! Warst Du demüthig, hätte ich vielleicht in Zukunft von Dir gelassen – nun aber will ich nicht ruhen und nicht rasten, bis ich Dich und Deine Brut völlig unter die Füße getreten habe. – Wer mir einmal in den Weg tritt, der muß nieder, und sollt ich darüber selbst zu Grunde gehen – der Kirchbauer vergißt nichts und vergibt nichts! Dein Vater war Schuld, daß damals der Verspruch zwischen mir und der reichen Leinebauersannemargth von Menselbach zurückging; er hat mich bei dem alten Leinebauer verhetzt und verschwätzt, bis mir der die Thür wies! Ich hab's Deinem Alten vergolten, und so gewiß ich ihn gänzlich ruinirt hätte, wär' er nicht vor der Zeit gestorben, so gewiß zahl' ich Dir heim, was Du mir heut' angethan hast!« »Ich dank Euch für die Auskunft!« sagte Lorenz, der mehrmals die Farbe gewechselt hatte. »Weiß ich doch jetzt, daß uns Heidersleuten Euer Haß keine Schande macht, und daß mein Vater rechtschaffen an den Leinebauers handelte. Eure lächerlichen Drohungen erschrecken mich nicht, mein Gewissen ist rein, und Ihr seid auch nur ein Mensch. Jetzt aber geht, Euer Anblick regt mein Geblüt auf; wenn Ihr nicht macht, daß Ihr mir aus den Augen kommt, weiß ich nicht, was ich thue!« »Ja, geh!« schrie auch der Ottensmärt. »Einen 76 Menschen, der sich noch seiner Schlechtigkeit berühmt, leide ich nicht unter meinem Dach. – Hinaus!« »Brüllt nur, weiter vermöget Ihr doch nichts!« höhnte der Kirchbauer, während doch das Zittern und Beben seiner Glieder schlecht zu dem Spott stimmte. »Ich geh, heute geh ich, aber ich laß nicht von Euch, ich wills noch erleben, daß Ihr allesammt diesen Tag bereut!« Mit tönenden Schritten ging er hinaus. Abermal fuhr die Bäurin auf, aber auch diesmal ließ sich Märt nicht erschrecken. Er preßte ihren Arm, daß sie vor Schmerz aufschrie und auf den Stuhl zurücksank, dann sagte er: »Nimm Vernunft an, Alte, Deine Zeit ist vorbei. Nur ein Wort und ich jag Dich aus dem Haus! – Was wolltest Du sagen, Lorenz?« Lorenz blickte verlegen zu Boden, rieb sich mehrmals die Hände und begann endlich: »Ich weiß nicht – es ist am Ende doch auch vergeblich. – Aber – nun ja, ich kann's ja auch sagen! – Ich meine, Ihr redetet eben so mannhaft, es hat das Ansehen, als wolltet Ihr wirklich Ordnung im Haus schaffen – drum habe ich gedacht, Ihr solltet Euch auch meine Sache nochmals überlegen. – Ach Gott, Märt, wenn Ihr die Schande und das Unglück von mir nähmet – ich wüßte nicht, wie ich es Euch danken sollte!« Lorenz konnte nicht weiter reden, das Wasser stand ihm in den Augen; auch Margelies blickte mit gefalteten Händen zu dem Hausherrn auf. »So – also dazu ward die ganze Komödie aufgeführt? deswegen mußte mein Bruder aus dem Haus, um dem Bettelpack Luft zu schaffen?« schrie die Bäurin und 77 stemmte die Arme in die Seite. »Probir's einmal, und laß mir die Gesellschaft noch eine Nacht im Haus! Ich hab' ertragen, mehr als zu ertragen war – dabei will ich aber sehen, wer Recht behält! – Ja, droh' nur! Und wenn Du mich auf der Stelle erschlägst, ich bin nicht still und ich will einmal nicht und ich geb' nicht nach, bis die da aus dem Haus sind!« Der Bauer kraute sich verlegen die kurzen Haare. »Lorenz – Du siehst selber, wie die Sachen stehen. – Käm's auf mich allein an, wahrhaftig, Du säßest gut in meinem Haus – aber wie die Sachen liegen, geht's nicht, wahrhaftig nicht. Ging ich zurück – der Drach' da würf' mein ganzes Hauswesen über den Haufen, oder er käm' von Verstand. Um meiner Kinder willen darf ich ihr jetzt nicht Ursache gegen mich geben – wir sind sonst geschlagen auf alle Zeit!« »Ja, wenn's so steht, dann geht's nicht!« sagte Lorenz bitter, »Ihr seid eben doch ein Hasenfuß und tragt auch das Herz im Hosensack! – Da wär's auch vergeblich, wollt ich Euch nochmal um das nöthigste Handwerkszeug bitten. Aber Tisch und Stühl' muß ich haben und sonst noch dies und das – ruft ehrliche Männer her und laßt's abschätzen – ich habe nun nicht mehr lange Zeit!« »Du thust mir Unrecht, schwer Unrecht, Lorenz, Du weißt nicht, was ich für ein Hauskreuz auf mir liegen habe. Vom Abschätzen ist keine Rede, wirst selber wissen, was die Sachen werth sind und mich nicht verkürzen. Nimm nur, was Du brauchst, das will ich noch verantworten. Und geh nicht im Zorn von mir, Du thust mir wahrhaftig in 78 der Seele weh; kein Mensch kann Dir's mehr vergönnen, wenn es Dir endlich besser glückt, als ich!« »Mit Worten ist's freilich leicht, mitleidig und gutherzig sein – aber ich dank Euch auch dafür! Ihr waret stets aufrichtig gegen mich, das will ich nicht vergessen; und zuletzt bitt' ich Euch, Märt, haltet meine Sachen in Ehren, verschleudert sie nicht in alle Welt. Steht mir der Herrgott bei, lös' ich sie selber wieder ein, und wenn ich's vermag, sollt Ihr auch nicht einmal einen Pfennig an den Zinsen verlieren!« Märt nahm seine gestrickte Strumpfkappe ab und wischte sich damit um die Augen, herzhaft drückte er Lorenzens Hand und sagte blos: »Es gilt!« Ehe die Bäurin abermals dreinfallen konnte, riß er sie vom Stuhl auf. »Sei nur gleich ganz still und sage mir kein Wort! Jetzt' red' ich noch im Guten mit Dir, hilft das nicht, zieh' ich andere Saiten auf. Auf jetzt und in den Stall, 's ist lang schon Fütternszeit!« Damit zog er die Bäurin aus der Thür. »Für uns gibt es keine Hülfe!« schluchzte Margelies am Hals ihres Mannes. »Ach Gott, mit wie Wenigem wäre uns geholfen – dem Ottensmärt kostete es gar nichts, nur ein Wort, ein wenig Vertrauen und Geduld – und die Schande, das Elend wär' uns erspart! Aber ich will nicht klagen, Lorenz, will Dir das Herz nicht schwer machen! Wer weiß, vielleicht ist's auch grade so am besten. Auf den Märt ist kein Verlaß; gäb' er heut nach, reute es ihn vielleicht morgen wieder, und dann wären wir erst 79 recht übel daran. Und zuletzt – überwinden wir dieses Unglück, können wir doppelt froh darüber sein; was wir dann sind, haben wir nach dem Herrgott nur uns selber zu danken!« »Ich dank' Dir, Margelies, dafür dank ich Dir vom Grund meines Herzens! Margelies – ist denn wirklich daß Elend so groß? Denk' doch, würden wir wohl mit dem Kirchbauer, mit den Ottensleuten tauschen? – Ja, es ist traurig, daß bei allem Leid noch obendrein ein erbitterter Feind auf unser Unglück sinnt, aber den Kirchbauer fürchte ich nicht, weiß selber nicht, wie das ist, ich kann mich nicht vor ihm fürchten! – Und was den Ottensmärt betrifft, der ist wirklich zu bedauern; wir dürfen es ihm wahrlich nicht allzusehr verübeln, daß er nicht das Herz hat, uns zu helfen; seine Alte ist auch gar zu schlimm. – Da – hör' nur – jetzt geht's drüben schon wieder los!« Richtig erhob sich eben im Vorderhaus ein arger Zank: Märt machte diesmal wirklich kurzen Prozeß, Lorenz und Margelies hörten die Hausthür heftig öffnen und zuwerfen, sahen die Bäurin heulend aus dem Hof laufen und vernahmen auch, wie ihr Märt nachrief: »Lauf' zum Kuckuck alter Drach'! – Mit dem Kirchbauer bleib' mir vom Hals, und daß Du's weißt, ich laß Dich nicht eher über meine Schwelle, bis Du zahm und demüthig geworden bist!« »Der arme Märt, da kann er auch lange warten!« lächelte Margelies unter Thränen. »Aber nun müssen 80 wir eilen, es dämmert schon, wie wollen wir heute noch fertig werden?« »Kurze Haare sind bald gebürstet!« lächelte Lorenz wehmüthig. »Unser Umzug und die Einrichtung droben wird uns nicht lange aufhalten, und die Nacht ist dabei unser größter Freund. Koche nur unser Essen, derweil schaffe ich unser Geräthe in's Hirtenhaus und richte die Betten in unserm Bodenraum, dann ziehen wir mit den Kindern in aller Stille ein – heute wollen wir noch nicht mit dem Hirtenhäuslern zusammenkommen!« So geschah es auch! Lorenz belud einen Handschlitten mit dem Hausgeräth und nahm die Hülfe dankbar an, als der Knecht des Bergbauern einen Gruß von seinem Herrn ausrichtete und seine Dienste anbot. So war die Arbeit bald vollbracht, das Essen nahm auch nicht viel Zeit in Anspruch, und als eben die Bauern sich zum Gang in's Wirthshaus rüsteten, da und dort eine mitleidige Frauenseele im Stillen dachte: Wie mag es den Schreinersleuten im Hirtenhaus ergangen sein? – wandelten Lorenz und Margelies, je ein Kind auf dem Arm, Marie zwischen sich, die steile Mergelgasse hinauf und überschritten seufzend die Schwelle des Hirtenhauses. Wildes Zanken und Schreien tönte ihnen aus der Stube entgegen; Lorenz drückte die Hand der zitternden Margelies und sagte leise: »Der Herr segne unsern Eingang und verhelfe uns zu einem baldigen, fröhlichen Ausgang! Laß Dich den Lärm nicht anfechten, uns kommt er gelegen, keine Seele bemerkt uns!« Margelies schauerte zusammen, als sie den dunkeln, 81 kalten Boden betraten, der fortan ihre Heimath sein sollte. Der Wind heulte um das Haus, pfiff durch die Ziegeln und wehte lange Schneestreifen durch die Ritzen der Bretterwand herein. Das Licht, welches Lorenz entzündete, flackerte hin und her, ein plötzlicher Windstoß verlöschte es – die weinenden Kinder mußten im Dunkel zu Bett gebracht werden. Marie beruhigte die jammernden Kleinen, und als sie endlich mit den Geschwistern fest eingeschlafen war, legte Margelies das Gesicht auf Lorenzens Hände und weinte bitterlich. – »Ja, ja, wein' Dich nur aus, 's ist recht so, 's drückt Dir sonst das Herz ab!« sagte Lorenz und strich sanft über ihr weiches Haar. »Mir geht's nicht besser als Dir, möchte am liebsten selber mitmachen! Aber vergiß nicht: Der alte Gott lebt noch, und ist die Noth am größten, ist seine Hülfe am nächsten! Das Schwerste ist nun überstanden, ich ahn's, es wird nun besser! Der Boden sieht freilich noch wüst aus, aber laß Dich's nicht kümmern, die Ritzen vernagle ich, die Lücken in den Ziegeln verstopfen wir mit Stroh – Du wirst sehen, wir wohnen gar nicht so schlecht – und die Hauptsache ist: wir sind allein! – Komm, bete jetzt das Vaterunser, dann wollen wir auch schlafen!«   8. Neue Ordnung und erster Sturm. Aber der Sturm tobte heulend um den hochgelegenen Giebel, draußen im Garten knarrten und ächzten die Grillenpflaumenbäume, die morschen Bretter des Daches 82 rasselten, Thüren klapperten, ja ein Brett riß der Wind halb los und warf es klappend auf und nieder – da war es kein Wunder, daß der Schlaf die müden Augen floh, zumal ja auch die Sorge, der Kummer im Herzen nicht weichen wollte. Lorenz und Margelies waren dem Sturm fast dankbar, der ihre Seufzer übertönte und willkommene Ursache bot, die innere Unruhe zu verbergen. Endlos, endlos dehnte sich die Nacht; als endlich summende Glockenschläge vom Kirchthurm drunten die fünfte Morgenstunde verkündeten, stand Lorz leise auf und kleidete sich im Dunkeln geräuschlos an. »Was willst?« fragte Margelies. »'s ist ja noch viel zu früh zum Aufstehen!« »Laß nur,« war die Antwort. »Will in der Stille eine Einrichtung treffen und den ersten Sturm allein überstehen. Bleib bei den Kindern, ist's Zeit, ruf ich Dich!« Vorsichtig entzündete er das Oellämpchen, schützte das flackernde Flämmchen durch vorgehaltene Hand gegen den Wind und schritt vorsichtig hinab. »Hörst nichts?« murmelte draußen in der Stubenkammer die Hirtenlang schlaftrunken und stieß die Schwester an. »'s muß was in der Stube sein. Sieh doch einmal nach!« »Dumm's Ding!« entgegnete das Mädle völlig munter. »Weißt nicht, was das ist? – Hab' das Erdhühnle Mit dem Namen »Erdhühnle« bezeichnen die Bergheimer ein eigenartiges huschendes Geräusch im Zimmer, ähnlich, als wenn ein Vogel einen Ausgang sucht. Verkündet einen nahen Sterbefall. 83 schon den ganzen Morgen flättschern hören. – Vater – 's Erdhühnle regt sich in der Stube, 's gibt 'ne Leich'!« »Sua?« meinte Hansnikel zufrieden und dehnte sich behaglich. »Sua! – Nu, Zeit wär's auch, 's ist lang genug nichts vorgekommen!« »Ach Du lieb's Gottle!« ächzte das Bettelfräle zitternd. »Das bedeutet mich, 's ist nicht anders, jetzt muß ich dran, vergeblich war mir's nicht die Tage her so wunderlich!« Eine Weile ward es still in der Kammer; mit sehr gemischten Empfindungen lauschte die Schlafgesellschaft dem fortdauernden Geräusch in der Stube. Plötzlich rief die Hirtenlang, die sich über die glücklichen Aussichten der Schwester ärgerte. »Ist mir ein schönes Erdhühnle, das tappt ja wie ein Gaul! – Nichts ist mit einer Leich', Du alte Hex'!« Richtig ward soeben ein Tisch ziemlich laut an eine Wand gestoßen, was sich weder für das Erdhühnle noch den Erdschmied geschickt haben würde. »Ach Du lieb's Gottle!« seufzte das Bettelfräle erleichtert, Hansnikel aber murrte: »Sua – da habt ihr's! Ich sag's ja, 's ist 'ne betrogene Welt, nicht einmal auf Zeichen und Ahnungen ist heutzutage ein Verlaß!« Die Schwestern standen nun doch auf, das Mädle brummend, die Hirtenlang innerlich erfreut; ganz erstaunt 84 und verblüfft über das, was sie in der Stube erblickten, blieben sie in der Thüre stehen. Lorenz hatte nämlich den Tisch der Wassermaus in die Mitte der Ostwand näher nach der Schwarzen hin, Hasenherle's Tischchen und Stuhl dagegen in die Südostecke gerückt und stellte eben seinen eignen Tisch an Hasenherles Platz. »Ha, um tausend Gottes willen! – Schreiner – seid Ihr verrückt?« rief die Hirtenlang und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Was macht Ihr für Streich'?« Das Mädle, die jetzt den Schreiner dafür verantwortlich machte, daß es nichts mit dem Erdhühnle war, schrie zornig: »Das ist mir eine schöne Bescherung! – Das leiden wir nicht – und das leiden wir einmal nicht – und ein für allemal, das leiden wir eben nicht!« Lorz mußte lachen, rückte noch einige Spinnräder und anderes Gerümpel aus dem Weg, setzte sich dann fest auf einen Stuhl am eignen Tisch und sagte: »Guten Morgen zusammen! – So, nun wär's geschehen! Und wenn Ihr noch so arg lärmt – ich will den sehen, der mich von dem Platz wegbringt!« Der Streit erweckte auch die Insassen der hinteren Kammern; verwundert drängten sie in die Stube und starrten mit großen Augen bald den Schreinerslorenz, bald die Hirtenmädchen an. Kaum hatten sie begriffen, um was es sich handelte, als ihre Augen vor Zorn zu funkeln begannen; besonders die Wassermaus und der Hasenherle waren außer sich, da sie bemerkten, daß die Veränderung in der Stube allein auf ihre Kosten 85 ausgeführt sei. Nothdürftig bekleidet drängten sie vollends in die Stube, schon öffnete die Wassermaus den Mund zur Vertheidigung ihres Rechtes, als ihr Lorenz zuvor kam und sagte: »Guten Morgen zusammen! – Und seh' ich Euch gleich an, daß mir Niemand danken wird, ich sage nochmals von Herzen: Guten Morgen und Gott grüß Euch allzusammen! – Ich weiß wohl, Ihr sehet mich ungern, und das kann ich Euch im Grund nicht verübeln; aber ihr haltet mich auch für einen Eindringling, und darin habt ihr Unrecht. Gott sei Dank, ich kann in Wahrheit sagen: es ist nicht meine Schuld, daß ich Euch den Raum verengere! Ich lebe auch der Hoffnung, daß ich Euch nicht allzulange zur Last fallen werde, ich will ja schaffen, was ich vermag, um baldmöglichst wieder frei zu werden. Drum ertragt, was einmal nicht zu ändern ist – 's ist mir und meiner Margelies auch nicht leicht geworden, in's Hirtenhaus zu ziehen. Wir wollen gute Hausgenossenschaft halten, in Frieden zusammenleben, uns helfen und beistehen und einander nicht vergeblich das Leben verbittern. Ist's recht? – Kommt, wir wollen uns darauf die Hand geben!« »Ja, alle fünf Finger geb' ich Euch hinter die Ohren!« schrie Hasenherle. »Ich pfeif' auf Eure Redensarten! Ist das Verträglichkeit und Nachbarlichkeit, so mir nichts, dir nichts! die Ordnung in der Stube umzustürzen und sich auf Kosten der Hausleute den schönsten Platz auszusuchen? – Nichts da, Schreiner, weg von dem Ort, der gehört mir! – Weg, sag' ich, oder ich brauch' Gewalt!« »Wenn man's so betrachtet, habt Ihr nicht ganz Unrecht!« entgegnete Lorenz gelassen. »Aber hört mich erst 86 an, wir wollen im Guten auseinanderkommen. Meine Margelies will für die Leute stricken und flicken, dazu braucht sie Licht; Ihr aber seid die ganze Woche nicht daheim, überdies arbeitet Ihr nichts an Eurem Tisch, drum könnt Ihr mit der Ecke wohl zufrieden sein. Die Wassermaus ist auch nicht schlecht gefahren bei dem Tausch, hat ein Fenster ganz allein für sich – drum seid vernünftig und macht kein Geschrei. Kann ich Euch sonst gefällig sein, soll's nicht an mir fehlen!« »Hol' Euch der Geier!« platzte die Wassermaus heraus. »Wollt Ihr schon den Herrn spielen? Nichts da! Gleich macht Ihr Platz – thut Ihr's nicht gutwillig, helf' ich mir!« »Seid nicht so hitzig, Wassermaus, Euch kann's doch wahrhaftig gleich sein, ob Ihr da oder dort sitzt! Thut mir den Gefallen und erhebt keinen Lärm – wir wollen uns in Güte auseinandersetzen. »Und wir leiden's nicht – und wir leiden's nicht – und wir brauchens nicht zu leiden!« schrie das Mädle. »Bist Du still?« fuhr sie Hansnikel an. »Verrücktes Weiberleut'! sei froh, daß wir den Heppelehepp los sind! Sua, sua! – der Lorenz ist nicht von gestern!« »Guckt doch an, was sich der Lorz 'rausnimmt!« lärmte die Schwarze. »Man könnt' Wunder denken, was er für ein großer Hans wär!« »Denkst, Du kannst hier den Herrn spielen?« sagte der Hasenherle drohend. »Oha, Schreinerle! Deine Mucken vertreiben wir Dir! Bei mir kommst Du an den Unrechten, ich zeig Dir den Meister!« 87 »Beim Schulzen beschweren wir uns,« fiel die Schwarze ein; »der wird Euch sagen, was Ihr seid!« »Platz da!« schrie die Wassermaus, der die Verhandlung zu lang währte. »Aus dem Weg, gleich im Augenblick, oder ich gerath' Euch in die Haare!« »Oha, nicht so hitzig!« erwiderte Lorenz. »Damit richtet Ihr bei mir nichts aus, ich fürchte Euch miteinander nicht. Jetzt sagt: Wollt Ihr Euch in die Ordnung fügen?« »Fügen? Ha, ha, ha!« lachte die Wassermaus. »Was bildet Ihr Euch ein? Alles bleibt beim Alten, das ist die Ordnung und Ihr möget sehen, wie Ihr unterkommt. Wir sind für uns, treiben, was wir mögen, habt Ihr's gehört, Schreiner, treiben, was wir mögen. Wem's nicht gefällt, ei, dort hat der Zimmermann ein Loch gelassen – draußen ist sein! Wenn's Euch nicht recht ist, befragt Euch weiter – der Schulz hat uns das selber gesagt!« »Euer Ungestüm und Eure Unart zeigen, daß ich recht that, als ich in der Stille ausräumte, der Lärm wäre sonst nur noch größer geworden!« entgegnete Lorenz. »Da mit guten Worten bei Euch nichts auszurichten ist, so will ich anders mit Euch reden. Warum ich selber nicht zwischen die Wassermaus und die Schwarze einrückte, ist leicht einzusehen, ich will sie mir und meinen Kindern, so weit es geht, vom Leib halten. – Ihr, Hasenherle, braucht deswegen nicht zu meinen, es wäre mir absonderlich viel an Eurer Nachbarschaft gelegen. – Beim Schulzen habe ich keine Hülfe, das weiß ich lang – drum eben helf ich mir selber. Daraus könnt ihr ersehen, daß ich mich vor dem Schulzen nicht im Geringsten fürchte – er ist kein 88 Herrgott und vermag auch nicht Alles. – Ihr Wassermaus, habt in der Hitze neben das Brett gebohrt. Wir sind nicht für uns, sondern auf einander angewiesen, darum darf nicht Jedes thun und treiben, was ihm grade einfällt, es muß auch darauf Bedacht nehmen, daß es den Hausgenossen nicht in die Quere kommt. Darum muß eine feste Ordnung bestehen, und nach der muß sich Jedermann richten. Verstanden? – Und somit sage ich Euch: ich verlange Ruhe im Haus; Zank und Streit, am Ende gar Prügeleien leide ich nicht; unfläthige Redensarten, schlechte Späße sind von heute an abgethan; die Kinder müssen in Zucht und Ordnung gehalten werden, damit ist aber nicht gesagt, daß nun Jedermann an ihnen herumstoßen und herumknuffen darf. Hat ein Kind was Dummes angerichtet, steht's allein den Eltern zu, das Kind zurechtzuweisen. Was meine Kinder im Besonderen betrifft, sage ich voraus: Merke ich einmal, daß Ihr sie zu schlechten Dingen anleitet, sei es in Worten oder Werken, dann sei Euch Gott gnädig, dann ist mir's wahrlich nicht zuviel, ich schlage Euch miteinander windelweich! – So, das ist ungefähr die Ordnung, die von heute an im Haus gilt! Wer dagegen ist, komme an mich – anders bin ich nicht zu zwingen! – – 's kommt Niemand?« fuhr Lorenz fort und stand auf. »'s ist gut, so bleibt's dabei, wie ich gesagt habe. Von heute an muß Ordnung im Haus sein!« »Sua!! – Sua!!!! – Sua!!!!!!« schrie Hansnikel und drückte Lorenz herzhaft die Hand. »Ganz mein Wort! – Sua! – Sua!! – Ordnung muß sein, das sag' ich, sua! – Eine verfluchte Heidenwirthschaft im Haus, Zank 89 und Streit alle Tag, dabei nichts nach mir gefragt, grob über's Maul gefahren, von einer Eck' in die andere gesteckt, zuletzt gar an den Thürpfosten, mein Beil nicht angestählt, kein Obst kriegt man, zur Geistlichkeit wird man nicht gezählt – das Donner schlag auch 'nein! Aber aus ist's mit der Wirthschaft, Ordnung muß sein, das sag' ich, der Hansnikel, Todtengräber und Calicant in Bergheim, sua! – Und nun nicht gezückt, sonst setzt's was! Ordnung muß im Haus sein – sua, sua!!« »Ich danke Euch, Hansnikel!« sagte Lorenz herzlich, wenn er auch ein leises Lächeln nicht unterdrücken konnte. »Ich danke Euch! – Steht Ihr mir bei, soll es im Hirtenhaus bald anders aussehen!« Ganz verblüfft blickten der Hasenherle, die Wassermaus und die Schwarze drein; hatten sie sich auch sonst nicht viel um den alten Hansnikel gekümmert, heute empfanden sie doch, daß sein Uebertritt zu Lorenz den Streit zu Gunsten des Letzteren entschied. Der Schulz hatte ja freilich gesagt: Plagt ihn, daß er die Angst kriegt! aber zweideutig genug auch hinzugesetzt: Zahlt er Euch heim, denkt nicht, daß Ihr bei mir Schutz findet! Wenn nun jetzt gar Hansnikel für den Schreiner zeugte, was konnten ihnen dann Klagen und Beschwerden helfen? Murrend und heimlich scheltend gingen sie endlich daran, sich nach der neuen Ordnung einzurichten, und während der Hasenherle eine Partie Hasenfelle zusammenschnürte, knurrte er: »Ist ein alter Frack Bergheimer Redensart für: es ist eine alte Geschichte. : Gewalt geht vor Recht!« 90 Lorenz holte nun auch Weib und Kinder herab; Margelies zitterte, als Niemand ihren Gruß erwiederte, als sie überall finsteren, feindseligen Blicken begegnete. Desto wohler that es ihr, als ihr die Hirtenlang mit herzlichem: »Willkomm!« entgegentrat, Hansnikel gute Nachbarschaft versprach, und das Bettelfräle ihre Hand fast zerdrückte. Das Mädle hielt sich mürrisch ferne, das Erdhühnle kam ihr noch immer nicht aus dem Sinn, und dann konnte sie es Lorenz nicht verzeihen, daß er den Hasenherle aus ihrer unmittelbaren Nähe vertrieben.   9. Neuer Sturm und ein Kirchgang. Dabei war es allmählig Tag geworden, und Hansnikel begehrte sein Frühstück. Die Hirtenlang ging hinaus, Feuer anzumachen, kehrte aber sogleich zurück und klagte, die Wassermaus habe sich im Ofen eingenistet und lasse sie nicht herzu. Hansnikel rieb sich den Wirbel, sah den Schreiner betrübt und verlegen an, nickte mächtig und sagte: »Sua, nun haben wir's! – Das ist 'ne schöne Geschicht'! – Was fangen wir jetzt an?« »Wie ist denn die Einrichtung,« fragte Lorenz, »das Schüren geht doch herum?« »Ja freilich – das ist's ja eben!« »Wie so?« »Nu,« erklärte die Hirtenlang mit großer Zungenfertigkeit, »also zuerst schüren und kochen wir, sind wir fertig, thun wir die Asche heraus, nachher kommt die Wassermaus. 91 Die macht's grade so. Nachher kommt die Schwarze, zuletzt das Bettelfräle, wenn sie was hat, und zu allerletzt der Hasenherle, ist er daheim.« »Und so treibt ihr's bei jeder Mahlzeit,« fragte Margelies ganz erstaunt, »dreimal des Tages kocht und feuert jede Partei für sich?« »Ja wie denn sonst?« entgegnete die Hirtenlang. »Und bis heute hat kein Mensch an der Ordnung gerührt – was wird's aber nun?« »Das sag ich!« fiel nun Hansnikel erregt ein: »Nun wird Jedes zuerst feuern wollen, und wegen dem Ofen gibt's wieder Mord und Todtschlag.« »Solch eine Verrücktheit ist mir noch nicht vorgekommen!« rief Lorenz laut lachend. »Habt nur Geduld Hansnikel, das wollen wir bald abstellen! Laßt jetzt die Wassermaus gewähren, hernach aber kommen wir, das heißt natürlich, wenn es Euch recht ist, daß meine Margelies und Eure Mädle zusammen kochen. Auf die Art ersparen wir Zeit und brauchen nur das halbe Holz.« Besonders das Letztere leuchtete den Hirtenleuten ein, und der Vorschlag ward angenommen. Lorenz jagte darnach, als die Wassermaus ihr Feuer gelöscht hatte, die Schwarze und ihren Beistand, den Hasenherle, vom Ofenloch und sorgte, daß Margelies und die Hirtenmädchen ungestört das Frühstück bereiten konnten. Margelies hatte Mitleid mit dem Bettelfräle und versprach ihr, in Zukunft wolle sie ihr bischen Essen mitbereiten. Diese unerwartete Theilnahme, vielleicht noch mehr die herzliche Güte, die aus jedem Wort und Blick der schönen, jetzt so traurigen Frau hervorleuchtete, rührte die Alte zu 92 Thränen, schluchzend drückte sie Margelies die Hand und kroch dann auf den Hellstein. Auch für die Schwarze bat Margelies, und Lorenz erlaubte ihr, trotz der Einsprache des Mädle, das Feuer mit zu benützen. »Ein andermal kocht ihr dafür am Feuer der Schwarzen!« tröstete er. »Ja, die Schwarze wird Euch was husten und das zugeben!« entgegnete die Hirtenlang ungläubig. Während sich die Hirtenleute den Kaffee schmecken ließen, holte Margelies das Gesangbuch und legte es mit bittendem Blick vor Lorenz. Dieser nickte, blätterte in dem Buch, wollte eben mit Vorlesen beginnen, als er häßlich gestört wurde. Die Schwarze hatte in ihrer Ecke den Kaffe gerüstet, auch den Kuchen aufgetragen und winkte jetzt den Hasenherle zu sich. Glückselig lächelnd wollte der alte Fuchs sich an der Wassermaus vorbeidrücken, aber auf einen Wink der Mutter stellte ihm der Wasserchristian ein Bein, und der Herle stürzte, so lang er war, in die Ecke, warf die Mädchen der Schwarzen von den Stühlen und hätte um ein Haar den Tisch auch umgestoßen. Aufspringend gab er dem Henker eine schallende Ohrfeige, die dieser nicht säumte, mit Zinsen zurückzugeben. Plötzlich fuhr ein Arm zwischen die beiden Erzürnten, eine nervige Faust packte Christian und beförderte ihn mit Blitzesschnelle aus der Thüre; ehe sich der Herle von seinem Staunen erholte, stand Lorz schon wieder mit flammrothem Gesicht vor ihm, packte ihn bei den Schultern und setzte ihn so wuchtig auf die Ofenbank, daß es krachte. »Vermaledeite Gesellschaft!« rief Lorenz sodann und blickte mit 93 funkelndenAugen um sich. »Könnt Ihr nicht einmal am lieben Sonntag von Eurer Unart lassen? Seid Ihr Hottentotten? Und habt Ihr schon vergessen, was ich vorhin sagte? Hütet Euch, ich mache keine Umstände! Heute bin ich noch glimpflich mit Euch verfahren, das nächste Mal kommt's besser. Ruhe und Ordnung im Haus zu allen Zeiten, besonders aber beim Gebet – schreibt Euch das hinter die Ohren! – Bei Gott, ich mache ganz und gar keine Umstände mit Euch! Und Euch, Hasenherle, sag' ich noch besonders: Nehmt Euch in Acht! s' ist eine Schande, wie Ihr Euch betragt! Habt Ihr sonst kein Ehrgefühl mehr, solltet Ihr Euch wenigstens vor den Kindern schämen. Und um der Kinder willen muß Euer Umgang mit den liederlichen Weibsleuten ein Ende haben – merkt Euch das! – Ganz still dort in der Ecke, gegen mich richtet Ihr zusammen nichts aus – drum nur gleich still und nicht gemuckt, oder ich säubere die Stube! – Ordnung muß im Haus sein!!« »Ich dank Euch, Lorenz!« sagte Hansnikel und wischte sich mit der Strumpfkappe die Augen. »Das hat einmal gut gethan bis in die kleine Fußzehe 'nein! So ist's recht, sagt's nur dem Gesindel und räumt aus – 's war fast nimmer auszuhalten mit der Gesellschaft. Und der Schulz – daß sich Gott erbarm! – der stützt ja noch die losen Leute! Und auf Euer Gebet, ja, darauf freu' ich mich noch besonders, in der Heidenwirthschaft ist es einem ganz aus der Gewohnheit 'kommen. Sua – Lorenz, ich dank Euch, und gebt nur nicht nach – sua!« »Verlaßt Euch drauf, ich räume aus!« entgegnete Lorenz zornig. »Hülfe von draußen haben wir nicht zu erwarten, 94 drum helfen wir uns selber. – Es soll bald anders bei uns aussehen!« Das mochten auch die Gedanken der übrigen Hirtenhäusler sein, denn sie blickten scheu und betreten zu Boden; so sehr auch der Zorn in ihnen wühlte, sie wagten keine Entgegnung, nicht einmal die Wassermaus. Am niedergeschlagensten war wohl Hasenherle; bedächtig rieb er einen gewissen Körpertheil, und die lang herabhängende Unterlippe schien zu klagen: Mit den guten Bißlen im Hirtenhaus ist's Matthäi am letzten! Aber auch Hansnikel hatte bald Gelegenheit, die Erfahrung zu machen, daß der neuerungssüchtige Geist ihm selber unbequem werden könne. Als Lorenz nach dem Frühstück, auf die verdorbene Luft in der Stube schimpfend, ein Fenster öffnete, brummte Hansnikel sehr verdrießlich: »Sua sua, hm – ei, ei! Ich sag's ja, 's ist 'ne betrogne Welt! – Hm, hm! – der Lorenz hat doch auch seine Mucken!« Margelies hatte unterdeß in aller Stille einen großen Waschzuber gerüstet; als sie damit in die Stube zurückkehren wollte, fragte sie der Wasserchristian, der vor Frost bebend neben dem Ofenloch lehnte: »Darf ich wieder 'nein?« »Ach lieber Gott, Du bist ja ganz durchfroren!« rief Margelies erschrocken. »Gleich geh' in die Stube und wärm' Dich, Du kannst Dir ja eine Krankheit holen.« »Ja – aber – aber Euer Lorenz! – Ich – ich hab' das Herz nicht!« »Geh' nur 'nein, er wird Dich nicht fressen, Deine Albernheiten mußt Du freilich lassen, da versteht er keinen Spaß, und besonders Dir läßt er gewiß nichts durchgehen. – 95 Sag mir nur, Christian,« fuhr sie herzlich fort, als er die Augen niederschlug, »wie kannst Du solch ein Lumpenleben ertragen? Bist so jung, gesund und kräftig, die ganze Welt steht Dir offen, wie Du da stehst, könntest Du ein Bursch' sein, alle Welt müßte Respekt vor Dir haben. Statt dessen stiehlst Du dem Herrgott die Tage ab, läßt Dich füttern, machst Dich zum Spott und Gelächter! Christian, siehst Du denn nicht ein, welch' elendes, erbärmliches Leben Du führst? Denkst Du gar nicht daran, wo das noch hinführen soll? – Kehr um Christian, eh's zu spät ist! Hast's nicht in der Schule gelernt: Müssiggang ist aller Laster Anfang? – Aber jetzt geh' hinein und wärme Dich – und denk' drüber nach, was ich Dir gesagt habe!« Christian sah Margelies groß an – so hatte noch Niemand zu ihm geredet, die milden treuherzigen Worte drangen ihm tief in die Seele und trieben eine hohe Röthe in seine Wangen. Er schien etwas sagen zu wollen, verschluckte es aber, strich sich mit dem Handrücken über die Augen; in der Stube setzte er sich still in einen Winkel und hing seinen Gedanken nach. »Sua sua, – hm, hm! – Na, was zu arg ist, ist zu arg – das Scheuern, das hat nun grad noch gefehlt!« knurrte Hansnikel, als Margelies, von Marie unterstützt, den Fußboden aufzuwaschen begann. Auch die übrigen Hirtenhäusler wollten Einsprache erheben, aber ein drohendes: »Was soll's?« des Lorenz, brachte sie rasch zur Ruhe; ja, die Hirtenlang ward von dem Eifer angesteckt und griff wacker mit an. Da Hansnikel über Frost klagte, erbot sich Lorenz für ihn 96 die Bälge zu treten, was mit Dank angenommen ward. – Noch ehe die Glocken zu läuten begannen, kletterte Lorenz zum Kirchboden empor; es war ihm ein Trost, allein zu sein, er fürchtete den ersten Kirchgang als Hirtenhäusler. Mächtiges Balkenwerk flocht sich sonderbar durcheinander, so fest aber auch die Sparren und Säulen standen, so schwer auch das ungeheure Dach darauf lastete, sie schütterten und bebten doch, so gewaltig war die Schwungkraft der Glocken im anstoßenden Thurm. Brausend quollen die Klänge durch eine Mauerluke herein und erfüllten den geschlossenen Bodenraum mit gewaltigem erschütterndem Summen, Klingen und Dröhnen. Lorenz kam sich vor wie verloren in diesem Tonmeer; langsam schritt er an das kleine Dachfensterchen und zuckte zusammen, als er das Hirtenhaus auf seinem Bergvorsprung erblickte. Von allen Seiten eilten jetzt geputzte Menschen dem Gotteshaus zu, Zufriedenheit lag auf ihren Gesichtern, die heiteren Grüße, die sie tauschten, zeugten von innerer Fröhlichkeit – und er stand einsam und verlassen am Dachfensterchen im Kirchenboden, Niemand nickte ihm zu, Niemand gedachte seiner – wer kümmerte sich um den Hirtenhäusler? Lorenzens Gedanken wurden immer trüber, er war selber froh, als ihn die Klingel des Schullehrers aus seinem Sinnen riß. Knarrend hob sich der schwere Blasebalg; kaum hatte Lorenz den Fuß von dem Trittbalken gezogen, so mischte sich ein ernster, tiefer Ton in das Klingen und Brausen vom Thurm. Gewaltsam wurden die Glocken im Schwunge gehemmt, noch einige heftige Schläge der Klöppel – dann ward es drüben still. Dafür quollen aus dem Boden empor 97 gar wundersame Klänge, und je kräftiger die Orgelakkorde anschwollen, desto rascher sanken die Bälge zusammen. – Lorenz mußte sich zusammennehmen, daß es drunten nicht an Wind gebrach. Als nun der Gemeindegesang begann, ward die Orgel schwächer, und Lorenz summte die Melodie leise vor sich hin – aber die fromme Weise konnte seine Sorgen nicht bannen. Die Orgel schwieg, nun begann die Predigt. Lorenz hätte jetzt auch in die Kirche hinabsteigen dürfen, aber die Angst seiner Seele war zu groß, als daß er andächtig auf die Predigt hätte hören können. Seufzend lehnte er die Stirn wiederum an das Dachfensterchen, starrte hinein in die Wolken, die in krausen Formen am Himmel dahinjagten, hinab in die stattlichen Bauernhöfe. Welche Reichthümer bargen die gewaltigen Scheuern, welcher Ueberfluß war in den Häusern und Böden aufgespeichert! – Eine Kleinigkeit – ein unmerkbarer Theil von diesem Ueberfluß – und ihm war geholfen. – Drunten saßen die Nachbarn im Gotteshaus, behaglich verhüllt in stattliche Gewänder lauschten sie der Predigt, erfreuten sich dabei im Stillen ihres Glückes, ihres gesicherten Wohlstandes daheim. – Daß aber dieses eine Gabe Gottes sei, ihnen beschert nicht allein zu eignem Nutzen und Vergnügen, sondern auch daß sie der Liebe Raum gäben in ihrem Herzen, mit dem Gottessegen Arme, geängstete Seelen erfreuten – daran dachten sie nicht. Was kümmerte sie die Noth der Armen? Saßen sie selbst doch sicher und warm! Was sollte nun aus ihm und den Seinen werden? Woher Nahrung und Kleidung nehmen? – Sein Handwerkszeug 98 hatte ihm der Märt abgepfändet, der Schreinersfrieder hatte ihm schon früher einen Gesellenplatz in seiner Werkstatt verweigert, auswärts als Geselle eintreten ging um Frau und Kinder willen nicht – wie hätte er sie jetzt im Hirtenhaus allein lassen können? – so blieb ihm nichts als Dreschen und Holzmachen! Würde er aber auch diese schweren, ungewohnten Arbeiten auf die Dauer ertragen? – »Das ist keine Frage, es müßte wohl gehen,« seufzte er, »aber wird mich auch ein Bauer dazulassen?« – Und gab es sonst gar keine Aussicht auf Verdienst? – hatte er nicht so mancherlei gelernt? – Ja freilich, dies und das versprach lohnende Beschäftigung, aber dazu gehörte Werkzeug, Material, und das eben fehlte ihm. Er biß die Zähne zusammen über die Herzlosigkeit seiner Nachbarn, die ihm im Wasser Hände und Füße banden und doch verlangten: schwimm! – Aber müssen sich nicht auch andere arme Leute, so hülflos wie er, durchschlagen? – wie fassen's die an? – Ja, die einen schnitzten Löffel und Quirle, die andern machten Besen aus Birkenreisern – aber jene mausten das Holz und diese die Reiser, und dennoch verdienten sie das Salz in der Suppe nicht. – Und stehlen? – Lorenz schauerte zusammen! – »O Gott im Himmel,« betete er, »lege mir auf, soviel ich tragen kann, nur steh mir bei, daß ich nicht Schaden am Gewissen nehme, nur davor behüte und bewahre mich!« Wieder riß ihn die Klingel des Organisten aus seinen Gedanken, aber die sanften Akkorde, die jetzt heraustönten, legten sich weich in seine Seele. Drunten sang die Gemeinde: »Befiehl Du Deine Wege, und was Dein Herze 99 kränkt, der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt!« – Lorenz war tief ergriffen, und als er sich erinnerte, daß er einstmals gelesen, in welch großer Noth der fromme Paul Gerhardt dieses Lied dichtete, sprach er leise vor sich hin: »Ei, ist der fromme Herr in seinem Elend, das gewiß nicht kleiner war, als das meinige, nicht verzagt, warum sollte ich so arg kleinmüthig thun? Wacht nicht derselbe Gott, der ihn nicht zu Schanden werden ließ, auch über mich und mein Weib und meine Kinder? Ja ja, ich sage auch: Befiehl dem Herrn Deine Wege und hoffe auf ihn, er wird Alles wohl machen!« Ein paar Tropfen rollten über seine Wangen, als er auf dem stillen Kirchenboden kräftig in den Gesang drunten einstimmte: Auf, auf! gib Deinem Schmerze Und Sorgen gute Nacht! Laß fahren, was Dein Herze Betrübt und traurig macht! Bist Du doch nicht Regente, Der Alles führen soll; Gott sitzt im Regimente Und führet Alles wohl! Langsam stieg er das knarrende Trepplein hinab in die leere Kirche. Zwar schauerte es ihn wieder durch und durch, als er des Hirtenhauses gedachte, allein er ließ den Kleinmuth nicht wieder aufkommen. »Wir werden auch das überstehen!«flüsterte er. »Gott fehlt es ja nicht an Mitteln und an Wegen, er wird auch für uns einen Ausweg finden. Auf dem Heimweg wartete der Bergbauer auf ihn. »Ihr werdet Arbeit suchen,« redete er ihn an, »und mir fehlt grade ein Drescher – wollt Ihr mitthun? – Und 100 noch was! In meinem Bergacker liegen die schönsten Märmelsteine In der Umgegend von Bergheim wird eine Art Kalkstein, der sich glatt spalten läßt, in Würfel von verschiedener Größe geschlagen, diese werden dann auf besonderen Mühlen zu Kugeln vermahlen, die sauber in bunte Farben polirt, weithin verführt und » Märmel « genannt werden. – holt Euch Platten herunter, eh' der Boden fest zufriert. Das Märmelsteinschlagen ist wohl eine saure Arbeit, habt Ihr aber erst den Vortheil weg, lohnt sich's. Und sagt Eurer Margelies, sie soll' heut Nachmittag zu meiner Alten, ich denke, sie hat ihr auch eine Arbeit zurechtgelegt.« Lorenz drückte dem Bergbauer bewegt die Hand und erzählte seine Erlebnisse im Hirtenhaus. »So ist's recht!« sagte Jörg beim Abschied. »Fahrt nur durch und schafft Ordnung; braucht Ihr Hülfe, soll's an mir nicht fehlen!« Seine Freude erhielt einen argen Stoß, als er sah, daß ihn Margelies erwartete. Weinend zog sie ihn bei Seite und klagte: »Lorenz, ach ist das ein Elend! Kaum warst Du aus dem Haus, geriethen die Wassermaus und die Schwarze wieder übereinander, dabei stießen sie Reden aus, eiskalt ist mir's den Rücken hinab gelaufen. Und die Kinder treiben es schier ärger, als die Alten. Lorz – da bleibe ich nicht! Ehe ich zusehe, daß meine Kinder verdorben werden, eh' will ich Alles ertragen, meinetwegen betteln, wenn's nicht anders sein kann – nur fort aus dem Haus!« Lorenz war heftig erschrocken und stampfte zornig mit dem Fuß. »Unverbesserliches Gesindel! Aber wartet, ich 101 bring Euch doch noch zur Ordnung. Und Du, Margelies, sei vernünftig, mach das Unglück nicht größer, als es ist. Wo wollen wir hin mitten im Winter? Bedenk' was Du Deinen Kindern auflegen willst. Danke Gott für das Obdach und habe Geduld, nach und nach wird sich Alles machen. Wo sind die Kinder?« »Wo sollt ich mit ihnen hin – in die Betten habe ich sie gesteckt!« »Die armen Würmer! – Komm, wir holen sie!« Vor der Bodenthüre blieben sie stehen. Drinnen klagte eine weinerliche Stimme: »Ich aufstehen will, ich nimmer im Bett bleib', hab' Hunger, ich will 'raus, und ich muß 'raus!« »So hab' doch noch ein Linsele Geduld,« bat Marie, »wenn der Vater von der Kirch' kommt, holt uns ja die Mutter.« »Ja, die Wasserchristel muß auch nicht in's Bett!« zankte Tine. »Ich bleib auch nimmer liegen!« »So, Tine, auf die Wasserchristel berufst Du Dich?« entgegnete Marie. »Schämst Du Dich nicht? hast nicht gehört, wie ungezogen sie vorhin war, was sie für garstige Reden führte? Pfui, schäm Dich Tine! willst wohl auch so ein garstiges Mädle werden? Wenn das die Mutter gehört hätte! Und ja, der liebe Gott hat's gewiß gehört, und nun wird er zu den lieben Engelein sagen: Ach, das sind keine guten Kinder, die folgen ihrer Mutter nicht und wollen nicht in den Betten bleiben – da darf ihnen halt auch das Christkindle nichts bringen, aber den Herrscheklos 102 will ich schicken mit einer langen, langen Ruthen! – Ja, ja, seht Ihr, so sagt er gewiß! – Und nun heult nicht, folgt nur schön, dann ist's ja gut! Und wenn Ihr brav seid, geh ich mit Euch in's Dorf und zeig Euch unsern Kuckuck – und jetzt spielen wir Versteckeles. So – steckele, steckele such! – Tine – Emil, wo bin ich jetzt?« »Margelies,« sagte Lorenz bewegt, als fröhliches Lachen heraustönte, »ist's recht, immer zu klagen? Sollen wir Gott nicht danken, daß er uns mit solchen Kindern gesegnet? – Hab' keine Sorg', die verderben nicht so bald! Aber ich versprech' Dir, es soll auch besser werden unten. Heute noch geh ich zum Schulzen, hilft das nichts, klopfe ich im Amt an. – Jetzt hol' die Kinder, Du hörst, sie haben Hunger, und ich auch!«   10. Ränke und ihre Folgen. Nachmittag ging Margelies mit den Kindern in's Bergbauernhaus, Lorenz zum Schusterferdinand, dort einen Dreschflegel zusammenzustellen. Hasenherle benützte die Gelegenheit, setzte sich zum Hansnikel, behauptete, überall gehörten die Todtengräber zur Geistlichkeit, das Obst auf dem Gottesacker käme ihnen ganz allein zu, er wolle ihm Beweise von andern Orten mitbringen, und es gäbe keine Gerechtigkeit mehr in der Welt, wenn die Gemeinde nicht baldigst Beil, Rotthaue und Schaufel verstählen lassen müsse. Das klang dem Hansnikel wie Musik, dem Hasenherle schenkte er plötzlich unbedingtes Vertrauen, und es ward dem alten Fuchs leicht, 103 Hansnikel vollständig umzustimmen. Bald meinte Hansnikel selber, das Auftreten des Schreiners sei allzu gewaltsam, er nehme sich gar zu viel heraus und habe nicht einmal vor einem Mann in Amt und Würden Respekt. Das habe er klärlich bewiesen, als er so mir nichts Dir nichts die Fenster aufriß, was doch gar nicht erhört sei. Nun fiel auch das Mädle dazwischen: »Und was sich erst die Margelies deucht, das ist gar drüber 'naus! Erst wischt sie die Decke ab, nachher macht sie eine Nässigkeit in die Stube, daß Alles schwimmt, darauf steckt sie ihre Kinder in's Bett, 's gleichen als wären wir ihr nicht gut genug, und zuletzt hat sie gar noch über die Uhr gebrummt. Solche Hoffahrt ist nicht zu ertragen, das brauchen wir nicht zu leiden, und das brauchen wir nicht, und das brauchen wir einmal nicht!« Kein Zweifel, das kaum gewonnene Ansehen des Schreiners stand in großer Gefahr. Nun kam aber die schwierigste Aufgabe für Hasenherle – auch die Wassermaus und die Schwarze für seine Pläne zu gewinnen. Denn einträchtig mußten sie gegen den Schreiner losgehen, sonst war's nichts. Kaum hatte er jedoch ein Wort an die Wassermaus gerichtet, so erwachte die Eifersucht der Schwarzen, und mit gekrümmten Fingern zog sie auf Hasenherle los. Diesen Angriff verstand die Wassermaus falsch, stellte sich der Schwarzen in den Weg – das Weitere versteht sich von selbst. Hasenherle erschrak heftig über diesen Ausgang; ebensogut wie ihn hier ein Mißverständniß rettete, konnte ihm ein anderes desto gefährlicher werden, den wilden Frauenzimmern war ja alles zuzutrauen. Da ihn auch der 104 Wasserchristian mit zweifelhaften Blicken ansah, ward es ihm vollends unheimlich; mit einem tiefen Seufzer, in dem das Bekenntniß lag: Im Hirtenhaus habe ich meine Rolle ausgespielt! – hockte er seinen Korb auf und brummte unter der Thür: »Da wird mir's zu heiß! Wollen lieber abwarten, wie es in acht Tagen wieder aussieht!« »Sua!!! – – Mädle, Mädle!!!« jammerte Hansnikel, als der Lärm immer größer wurde, die Stube für die beiden Kämpferinnen kaum ausreichte. »Sua, sua!! Da hast Du's – Ach du lieber Gott, wenn nur der Schreiner käm!« Endlich konnte die Schwarze nicht mehr, und auch die Wassermaus rang nach Athem; aber trotzdem sie auch hart mitgenommen war, blickte sie doch triumphirend um sich, und wie ein Hahn dem überwundenen Gegner höhnend nachkräht, bedrohte sie die Schwarze: »Wofern Du Dir beikommen läßt, nur noch mit einem einzigen Blick nach dem Herle zu gucken, bist Du ein verlorenes Wesen.« Die Schwarze entgegnete gar nichts, ächzend und seufzend las sie ihr Haar zusammen, das büschelweise den Boden bedeckte, verbarg es in ihrer Schürze und eilte mit blutigem Gesicht, heulend und schreiend, hinab zum Schultheißen. Doch mußte sie dort nicht zum Besten angekommen sein, denn nach überaus kurzer Zeit wankte sie stöhnend den Berg herauf, band ihr ausgerissenes Haar auf einen Bündel, verhüllte Kopf und Gesicht und legte sich, ohne vorher das Blut abzuwaschen, wimmernd in's Bett. »Um tausend Gottes willen, Schreiner! das war wieder ein Zustand!« begrüßte der gründlich bekehrte Hansnikel 105 den heimkehrenden Lorenz. »'s ist Alles drunter und drüber 'gangen! Gar nicht auszusagen ist's, was das für widerwärtige Weiberleute sind!« »Was hat's schon wieder gegeben?« fragte Lorenz und setzte erschrocken hinzu: »Wer winselt so? ist Jemand krank geworden?« »Krank? hätt' bald was gesagt!« lachte die Wassermaus giftig. »Nichts wie Verstellung, die blanke Heuchelei, keine Ader thut ihr weh! Und Ihr, Hansnikel, braucht was von widerwärtigen Weiberleuten zu sagen – Ihr! Zupft Euch an der eigenen Nasen! Ihr und Eure Mädle seid auch keine Christkindle!« Damit fuhr sie hinaus und schmetterte die Thür zu. »Sua!« nickte Hansnikel dem Lorenz betrübt zu. »Da habt Ihr's! – so geht mir's immer. Ist's erlaubt, so mit der Geistlichkeit zu reden?« »Aber was ist denn eigentlich los?« »Nu – was wird's sein? – Geprügelt haben sie sich wieder, die und selle! « Dabei zeigte er mit der Pfeifenspitze über die linke Schulter nach den hintern Kammern, mit dem weitzurückgebogenen rechten Daumen nach der Stubenthür. »Das ist doch arg! – Und warum?« »Ei so fragt! – Wegen dem Heppelehepp! – weswegen sonst?« »Aber da liegen Haare – dort ist wahrhaftig Blut – die Wassermaus wird doch kein Unglück angerichtet haben? – Hört nur wie die Schwarze jammert, einen 106 Stein könnt's erbarmen!« – Das Stöhnen ward jetzt wirklich herzzerreißend. »Garstig waren sie an einander!« entgegnete Hansnikel gleichmüthig und drückte den Taback in seiner Pfeife nieder. »Was das Wimmern betrifft, das sind wir schon gewohnt, die Schwarz' macht's nicht anders! So lang sie winselt, hat's nichts zu bedeuten.« – Die Klage verstummte plötzlich, dafür brummte und knurrte es in der Kammer. – »Seht Ihr?« nickte Hansnikel. »Das Racker hat jedes Wort verstanden!« Lorenz war ganz empört und sagte: »Da ist's Zeit, daß ernsthaft durchgegriffen wird, das Hirtenhaus ist ja eine wahre Mördergrube. Vorhin war ich beim Schulzen und hab' verlangt, daß der Hasenherle und der Wasserchristian aus der einen hintern Kammer entfernt würden, damit Raum für die Kinder der Wassermaus und Schwarzen wird – kam aber gut an, Herr meines Lebens, hat mich der Türkenhenner angefahren! Aber wenn er meint, er jagt mich damit in's Bockshorn, hat er sich garstig verrechnet. Die Mannsleute müssen aus der Kammer, überhaupt: Ordnung muß im Haus werden! Noch in der Woche geh' ich in die Stadt und beschwer' mich im Amt, ich will doch sehen, ob das nicht anders wird!« »Sua, sua!« meinte Hansnikel nachdenklich. »Lorenz Ihr seid ein ganzer Kerl, aber nehmt Euch in Acht, verbrennt Euch die Finger nicht, die Großen halten alle zusammen.« »'s muß sein, Hansnikel! Beim Schulzen finden wir keinen Beistand und allein zwingen wir die Bande nicht!« »Sua, ganz mein Wort, Lorenz, das ist's, das ist's! 107 Nichts nach einem gefragt, grob über's Maul gefahren, von einer Eck' in die andere gesteckt, zuletzt gar an den Thürpfosten – da – nu guck ein Mensch an – da – da – Himmelschwenselens! ha seht Ihr denn nicht, wie die widerwärtigen Weiberleut meine Uhr zugerichtet haben? – Ach, ach, meine gute alte Uhr! – Das Donner soll die nichtsnutzigen Weiberleut regieren – meine Uhr, meine Uhr! – 's ist, um sich alle Haare einzeln auszureißen! – Der Perpendikel rein verbogen! – Lorenz, Lorenz, was ist zu machen?« »Ja, Hansnikel, der Thürpfosten ist doch aber auch kein Platz für eine Uhr? – Habt Ihr ein paar alte Bretter?« Als Hansnikel gespannt nickte, fuhr Lorenz fort: »So geht zum Schreinersfrieder und holt einen Hobel und eine Säge; bis Ihr wieder kommt, bringe ich die Uhr in Ordnung, darnach mache ich Euch einen Uhrkasten in Eure Ecke; an der Thür muß ja das Werk zu Grund gehen!« Hansnikel konnte vor Rührung nicht reden, heimlich wischte er sich mit der Beutelmütze die Augen. Draußen vor dem Ofenloch drohte er seiner Aeltesten mit der Faust und sagte: »Mädle, redest Du noch ein Wort gegen die Schreiners, hast Du's aus bei mir, merk's!« Da die Schwarze nicht aufstand, sich auch nicht um ihre Kinder kümmerte, erbarmte sich Margelies der Verlassenen und ließ sie an ihrem Tisch mitessen. Weinend wollte sie zanken, als sie darnach Emil knufften und Tine schimpften, aber Lorenz hielt ihr den Mund zu und lachte: »Sei barmherzig, das ist recht; thu' es aber nicht um des Dankes Willen, dann brauchst Du Dich über Undank 108 nicht zu erzürnen. Sag, was würde aus der Welt, wollte es der Herrgott machen wie Du eben?« Nachts gingen die Wassermaus und das Mädle in ihre Lichtstube, der Wasserchristian in's Wirthshaus, das Bettelfräle lag schon lange im Bett – so war die Schreinersfamilie mit dem Hansnikel und der Hirtenlang allein gar traulich zusammen. Hansnikel saß glückselig neben dem Kasten, in dem seine Uhr tickte, und klopfte der Tine und dem Emil Haselnüsse auf. Lorenz schnitzte Lichtspähne, Schleißen genannt, Margelies nähte, und Marie strickte mit der Langen um die Wette. »Ja, der Kirchbauer muß kein reines Gewissen haben!« berichtete die Hirtenlang. »Die Kirchbäurin hat mir erzählt, die ganze Nacht habe er geächzt und gestöhnt, und heute morgen habe er so verwirrt dreingesehen, es sei ihr ganz angst geworden.« »Ja, ja,« fiel Hansnikel drein, »im Kirchbauer seiner Haut möchte ich nicht stecken, das ist kein Guter!« »Ja, und das Wunderlichste ist,« fuhr die Hirtenlang fort: »Der Kirchbauer hat seiner Schwester selber gerathen, sie solle sich mit dem Märt vertragen, er könne ihr nicht helfen. Da steckt was dahinter – sonst hätte das der Kirchbauer gewiß nicht gethan!« »Und wie steht's mit den Ottensleuten?« fragte Margelies. »Nu, der Märt wollte lang nicht hören, zuletzt hat er doch nachgegeben. Verdient hat die Ottensbäurin die Schande reichlich! Das ganze Vermögen kommt doch vom Märt her, man weiß ja; was ihr der Kirchbauer als Erbtheil hinauszahlte, hat ihr kein Loch in den Hosensack 109 gerissen! Dazu hat sie der Märt immer gut behandelt – und doch mußt er unterducken! Aber das ist nun vorbei! Hätte der Herr Pfarrer nicht gar so eindringlich geredet, ich glaube, die Bäurin wäre in drei Tagen nicht wieder ins Haus gekommen. Sie mußt' dem Märt auch die Hand darauf geben, daß sie den Kirchbauerhof nicht mehr betrete und sich betrage, wie es einer ordentlichen Frau zukommt!« »So ist's recht,« sagte Lorenz, »wenn er nur darauf bestehen bleibt!«   11. Ein Erwachen. »Kann ich helfen?« »Wer erst fragt, ist der rechte Helfer!« lachte Lorenz, der gespaltene Kalksteinplatten von seinem Handschlitten in den Hausflur trug. »Uebrigens darfst Du zuerst an Dich selber denken, Du bedarfst der Hülfe am allermeisten!« »Wie meint Ihr das?« »O Du – –! ich hätte bald was gesagt! – Gib mir einmal aufrichtige Antwort. Was bist Du denn eigentlich? – he? – Siehst Du, Christian, da liegt der Hund begraben! – Nichts bist Du – ein Garnichts! höchstens – wenn's durchaus was sein muß – ein Tagdieb und Lotterbube! – Verstehst Du jetzt, daß Dir viel fehlt und Dir Hülfe noth thut?« Der Wasserchristian ließ den Kopf hängen; nach einer Weile brummte er: »Kann ich dafür, daß nichts aus mir geworden ist? Warum hat mich die Mutter zu nichts 110 angehalten, warum hat sie mich nichts lernen lassen und mein Faullenzen so gelitten?« »So? – Bis heute habe ich Dich blos für einen arbeitsscheuen Ofenhocker gehalten, jetzt seh ich, Du bist ein rechter Nichtsnutz und ganzer Lump dazu. Deiner Mutter willst Du Vorwürfe machen, Du? Hast Du sie nicht gezwungen damals durch Dein Stückle im Ungersbaumgarten, daß sie Deine Lumperei geduldig ertragen mußte? Wie konnte sie Dich zur Arbeit anhalten, da sie befürchten mußte, Du könntest den ersten besten Baum, an dem Dich der Weg vorbeiführte, zum Galgen erniedrigen? – Und das ist jetzt Dein Dank für ihre Geduld, für ihre Nachsicht? so belohnst Du Deine Mutter dafür, daß sie Dich lange Jahre gänzlich erhalten hat? – Geh mir aus den Augen – mir wird's übel, wenn ich Dich ansehe!« Damit legte sich Lorenz den Zugriemen über die Schulter und fuhr eilfertig die Mergelgasse hinaus. Christian lehnte an der Hauswand und sah ihm verblüfft, bestürzt nach; allmählig brannten zwei dunkelrothe Flecke auf seinen Wangen aus. Lorenz hatte den verhüllenden Schleier von seinem Innern gezogen, an dem selber zu rühren er bis heute aus Faulheit und Feigheit nicht gewagt hatte. In ihrer ganzen Erbärmlichkeit und Schändlichkeit stand die erste und einzige selbstständige That seines Lebens vor ihm; alle Entschuldigungen, womit er sein Gewissen beschwichtigt, sein zweckloses Dahinleben beschönigt hatte, erwiesen sich als falsch, ja im Handumkehren wurden sie zu neuen Anklagen. Christian hatte die Empfindung, einen erbärmlicheren Menschen wie ihn müsse es auf der 111 Welt nicht geben, und er sei eigentlich nicht werth, daß ihn die Sonne warm anscheine. Während er so grübelte und sich selber mehr und mehr verachtete, ging drinnen die Stubenthür, und er hörte im Hausflur die Hirtenlang sagen: »So – geh nur, Mariebärble, daß Deine Herrenleute nicht auf Dich warten. – Drei Viertel Weizenmehl wollen auch nach Einzelberg getragen sein!« »Mutter, ich muß Euch noch was sagen – drinnen mocht ich nicht wegen dem Herle!« entgegnete eine frische Mädchenstimme. »Guckt, es liegt mir schon lang auf, daß es immer heißt: Der ihre Mutter ist auch im Hirtenhaus. Ihr solltet ausziehen, ich wollt' ja gern den Hauszins für Euch bezahlen!« »Mädle, bist Du bei Trost, was fällt Dir ein?« rief die Hirtenlang ganz erschrocken. »Ich aus dem Hirtenhaus? – Wo denkst Du hin? – Sind wir nicht mit Ehren da? Laß Du die Leute reden, die verstehen das nicht!« »Ja, Mutter, nehmt's nicht ungut, eine Ehre ist's halt doch nicht, und – und – und ich hab drunter zu leiden. Thut's meinetwegen und zieht aus!« »Mädle, Du erschreckst mich! – Was kann's Dir schaden, daß ich im Hirtenhaus bin?« »Das sag ich Euch ein andermal, glaubt mir nur, es ist so!« »Ach, Kind Gottes, ja, das ist freilich was anders, da muß ich mir's doch überlegen. – Ja, aber gleich ist's 112 nichts, vom Vater darf ich nicht fort, das Mädle ist oft gar wunderlich und geht nicht gut mit ihm um!« »Freilich, den Herle dürft Ihr nicht verlassen. Aber ich ruh' doch nicht, im Hirtenhaus sollt Ihr einmal nicht sterben.« »Bist ein wunderlichs Mädle – nu, wir werden ja sehen! Halte Dich nur sauber und brav! – Ach, Mariebärble, mach's nicht wie Deine Mutter – gelt das versprichst Du mir?« »Seid außer Sorgen, Mutter, die Schand' thu' ich Euch und mir nicht an!« entgegnete das Mädchen leise. »Nehmt mir's nicht übel, Mutter, ich muß es hart genug empfinden, was es heißt, keinen Vater haben – Gott bewahr Jedes vor dem Schicksal! Adjes, Mutter, und überlegt's Euch mit dem Auszug!« Christian schauerte und glühte abwechselnd – war das nicht wie auf ihn geredet? Er bedeckte das Gesicht mit beiden Händen. Dort ein Mädchen wollte nicht haben, daß die Mutter im Hirtenhaus bleibe – und er, ein junger, kräftiger Bursche, lag jahrelang darin? – Durfte er sich noch vor einem Menschen sehen lassen? »So, das saubere Früchtle ist auch noch im Hirtenhaus?« sagte plötzlich Mariebärble neben ihm, und als er erschrocken nach ihr blickte, fuhr sie, die frischen Lippen aufwerfend, fort: »Wird Dir's Faullenzen sauer, Du Tagdieb? – Herrgott, ich mein', Du müßtest Dir selber zur Last werden, müßtest Dich vor Dir selber schämen, wenn Du andere Leute arbeiten siehst!« »Ich wollt auch arbeiten,« entgegnete er leise, »aber 113 wo ich mich zur Arbeit anbiet', werde ich ausgelacht; alle Leute treiben nur ihren Spott mit mir!« »Sie sollen wohl noch recht Mitleid mit Dir haben? – O Du Jammerlappen! – Und das magst Du sagen, daß Du zu keiner Arbeit taugst? – Siehst Du, wär ich in Deiner Lage, eh' ich das gestände, eh' biß ich die Zung ab – aber Tag und Nacht wäre ich dran, die Schande von mir zu bringen!« »Ja, wie soll ich das anfangen! – Ich kann halt einmal dies Arbeiten nicht!« »So lerne es! – Pfui, lehnt der lange Strick an der Wand, als müsse er das Häusle vor dem Einfallen behüten! Durch's Faullenzen und Maulaufsperren lernt man freilich das Schaffen nicht! Wenn Du sonst nichts zu thun weißt, kannst Du nicht, gleich dem Schreiner, Märmelsteine holen, daß Du mit Steinschlagen wenigstens was verdienst?« »Ha, Schwenselenz auch 'nein! thu nur nicht so gräulich, kannst Du's einem nicht vernünftig sagen? Und der Schreiner hätt' auch das Maul aufthun dürfen, hab' ihn erst gefragt, ob ich ihm nicht helfen könnte!« »Ja, wer immer erst fragt, der ist der Rechte!« sagte Mariebärble, hockte den Korb mit dem schweren Mehlsack auf und ging davon. Christian sah ihr mit leuchtenden Augen nach, einen Stein hatten ihre Worte von seinem Herzen genommen, und mit einer Behendigkeit, die er sich selbst nie zugetraut hätte, brachte er den Holzschlitten seiner Mutter in Ordnung, band ihre Rotthaue darauf und eilte dem Mädchen 114 nach. Als er sie erreichte, fragte er: »Hör, war das Dein Ernst mit dem Hirtenhaus?« »Hast auch noch gelauscht?« entgegnete sie. »Freilich ist's mein Ernst. Aber jetzt sei still, mit drei Vierteln Mehl auf dem Rücken vergeht einem das Schwätzen, zumal bergauf!« Christian leuchtete das ein; behaglich an seiner Pfeife saugend, schritt er hinter dem Mädchen drein. Bald aber bemerkte er, wie das Mädchen unter ihrer Last keuchte, und das Knarren ihres Korbes mahnte ihn: Ist's erlaubt ledig neben her zu laufen? hilf doch! – Aber Christian wollte nicht recht dran, der Sack war gar zu rund und lang; endlich konnte er das Knarren doch nicht mehr mit anhören und sagte: »Hör', kannst den Mehlsack auf den Schlitten legen, zum Tragen ist er allzuschwer!« Erstaunt wendete sie sich nach ihm um. »Das sagst Du, der Henk – der Wasserchristian? Hat sich die Welt gedreht?« »Mach nur nicht so arg Aufhebens – was ist weiter dabei?« »Ja, um Alles in der Welt, was hast Du vor, wo willst Du mit dem Schlitten hin?« »Wo werd' ich hin wollen? – Märmelsteine will ich holen! – Leg den Sack auf!« Ein zufriedenes, schalkhaftes Lächeln glitt über das Gesicht des Mädchens. Zweifelnd meinte sie dann: »Christian – er ist schwer, 's könnte Dich reuen!« »Was Du kannst, vermag ich auch!« entgegnete Christian mit Selbstgefühl und nöthigte ihr wirklich den Sack 115 ab. Als er dann den Schlitten anzog, lachte er verächtlich: »Das Säckle? das fahr' ich nach Bautzen und Dich dazu und spür's gar nicht!« »Wart's ab!« warnte Mariebärble, und das schelmische Lachen zuckte wieder um ihre Lippen, als sie jetzt aufathmend den Schweiß von der Stirn trocknete. Christian konnte kein Auge von dem sauberen Mädchen verwenden, er ließ sogar seine Pfeife erlöschen und merkte es nicht, so stolz war er auf sich und seinen gescheiten Einfall; seine listig zugekniffenen, leuchtenden Augen lachten: »Ja, der Wasserchristian, das ist einmal einer! Man sieht's ihm gar nicht an, was er in sich hat!« Von ihrer Last befreit, kam das Mädchen von selbst in's Plaudern, klagte über die schlechte Behandlung der Mägde, denen in großen Höfen von den Herrensöhnen gar so schändliche Dinge zugemuthet würden, besonders wenn sich kein Vater ihrer annehme, darnach schalt sie Christian derb aus, daß er sich in seinen besten Jahren in's Hirtenhaus lege, den Geschwistern das Brod verkürze und dabei verlottere und verlumpe. Zuerst hatte Christian eifrig mitgeredet, bald ward er einsilbig und verstummte zuletzt ganz. Das Mariebärble gefiel ihm von Minute zu Minute besser, desto mehr bissen und brannten ihre Worte; dazu ward auch der Sack von Schritt zu Schritt schwerer. Christian seufzte unter der doppelten Last, die er sich aufgebürdet, seine Wangen glühten vor Scham und Anstrengung. Heimlich blickte er oft auf das Mädchen, ob sie noch immer nicht Anstalten treffe, ihn zu erlösen; mit einem aufrichtigen Seufzer begrüßte 116 er den Feldbirnbaum auf der Höhe, wo sich ihre Wege trennten. »Ich meine, Bautzen wäre doch ein bisle weit gewesen, nicht?« lachte Mariebärble, als sie sich den Sack wieder auflud. »Aber laß Dich's nur nicht gereuen, der Schweiß ist gesund, der treibt die Mucken aus. Merk's, was ich Dir sagte, und thu' darnach, es ist Zeit, daß Du ein Mensch wirst. – So, hab Dank – wenn ich kann, will ich's gleich machen!« Christian setzte sich auf seinen Schlitten, blickte ihr schnaufend nach und murrte: »Hol' der Geier die Mehlsäck' und die Mädle! – Aber schön ist sie und brav, und Recht hat sie auch, und die Arbeit wär' 'ne schöne Sach', wenn nur –.« Er vollendete den Satz nicht, schlüpfte in den Zugriemen und fuhr eilfertig nach der Steingrube. »Alle Tausend! bist Du's selber oder ist's Dein Geist?« rief der Schreiner verwundert. »Was führt Dich daher?« »Steine will ich holen, wenn's erlaubt ist!« entgegnete Christian verdrossen. »Guckt doch nicht, als wär ich ein Wunderthier, sagt mir lieber, wo ich anpacken soll!« »Hast's ja auf einmal arg eilig, wie lang wird's aber dauern?« meinte Lorenz. »Nun – ein Anfang ist immer ein Anfang – geh nur her, an Anweisung soll es nicht fehlen!« »So, Schreiner, das wäre gethan!« sagte Christian selbstzufrieden, als die beladenen Schlitten bereit standen. »Nun wollen wir auf dem Heimweg die Pfeifen anzünden!« »Bist ein Mordkerl, Du! Hast Du denn heute auch 117 schon eine Pfeife Tabak verdient? – Sieh, meine Pfeife ist mir auch das halbe Leben, aber so lange ich im Hirtenhaus bin, schlüge ich mir eher das Maul auf einem Stein auf, eh' ich einen Zug thät'!« Christian sah Lorenz groß an, schob seine Pfeife langsam in die Tasche zurück und fuhr in tiefen Gedanken hinter dem Schreiner drein. Als sie sich dem Dorfe näherten, tönte ihnen wilder Lärm aus dem Hirtenhaus entgegen; die Weiber heulten und schrieen, dazwischen hörten sie auch den Schultheißen wettern und schelten. Lorenz beschleunigte seine Schritte, überließ Christian allein das Abladen der Steine, und als er die Schwelle überschritt, sagte er heimlich lächelnd: »Der Schulz ist ja ganz aus Rand und Band! – Hm, hm! – Wie's scheint, war mein Gang in's Amt nicht vergeblich!«   14. Eine Haussuchung. Bei seinem Eintritt stellte sich das Mädle breit vor ihre Kammerthür, streckte die Hände abwehrend gegen den Schulzen, Kirchbauer und Grundmüller aus und schrie: »Und wir leidens nicht! – und wir leidens nicht! – und wir brauchens nicht zu leiden!« »Wir sind ehrliche Leute, Schulz!« fiel die Hirtenlang ein. »Kein Mensch kann uns was Unrechtes nachsagen, und jetzt auf unsre alten Tage sollen wir uns eine Haussuchung gefallen lassen? – Daraus wird nichts, Schulz!« 118 »Sua! – 's ist sündlich, wie gering die Geistlichkeit geachtet wird!« zankte Hansnikel. »Da mag ja der Kuckuck Todtengräber und Calicant sein! – 's ist 'ne betrogene Welt!« »Weg von der Thür!« schrie der Schulz. »Werden keine Präambeln gemacht! – weg sag ich!« »Und ich leid's nicht!« wehrte sich das Mädle. »Gib ihr eine auf's Maul!« hetzte der Kirchbauer. »Willst Du Dir von dem Gesindel auf der Nase tanzen lassen?« »Weg, sag ich! – Die Thüre auf oder ich tret sie ein!« schrie der Schulz außer sich vor Wuth, riß das Mädle weg und rüttelte an dem Schloß, bis die Thüre aufsprang. »Potz Christoph von Nordheim! Werden vielleicht im Amt mit Einem Umstände gemacht? Wird man nicht um des Gesindels willen vom Amtmann angeschnauzt, daß kein Hund mehr ein Stückle Brod von Einem nimmt? – Donner und Hagel! 's dreht sich Alles in mir, denk ich dran wie mich heute der Amtmann behandelte! Aber ich will nicht Henner heißen, wenn ich's nicht dem Lumpenpack heimzahle hundertfach! – Platz da oder ich vergreif mich an Dir!« »Sua sua! Schulz!« sagte Hansnikel vor Zorn zitternd. »Gesindel – Lumpenpack! – 's dritte Wort aus Eurem Maul ist ein Schimpfname gegen uns! – Bin ich darum in Ehren alt und stumpf geworden, daß ich mich so behandeln lassen muß? – Ich sag Euch, Henner, wär' ich um zwanzig Jahr jünger, Ihr solltet das »Gesindel« und »Lumpenpack« fressen, und wenn Ihr dran erwürgtet! – 119 Aber Ihr seid noch jung, vielleicht erfahrt Ihr auch noch, wie's ist, wenn weiße Haare beschimpft werden! Ich bin ein armer Mann, ich kann mich nicht an Euch rächen – aber das sag ich, Hansnikel, Todtengräber und Calicant in Bergheim: Ich möcht nicht mit Euch tauschen, trotz Eures Reichthumes; ich schämte mich zu Tod, sollte ich in Euren Schuhen stehen! Sua, sua! – Gesindel und Lumpenpack gibt's überall, nicht blos unter den Armen, und dürfte man Alles sagen, was man weiß, manchen großen Hans in Amt und Würden möchten die Leute nicht einmal anspucken, sua!!« Verächtlich wendete er sich von dem Schulzen ab und spuckte mächtig. »Ihr seid ein grober Narr!« fertigte ihn der Schulz kurz ab und begann in der vorderen Kammer die Haussuchung. Als er und der Kirchbauer die Betten durchwühlten, Kleider und Wäsche rücksichtslos aus den Laden auf den Boden warfen, jammerte die Hirtenlang: »Daß sich Gott im Himmel erbarm! sind wir denn gar nichts geachtet? – Sind wir nicht auch Menschen, so gut wie die Reichen? – Ach meine Betten, meine Kleider! Schulz, Schulz, sind's auch nur arme Lumpen, so ist Alles ehrlich erworben und mit meinem sauern Schweiß bezahlt!« »Daß Dich der Hund beißt!« brummte der dicke Grundmüller, der die Haussuchung veranlaßt hatte, und kraute sich die Haare, »das ist ja eine gräuliche Wirthschaft! Ist denn der Schulz toll? – Nach ein paar Kloben Flachs gäb ich drum, könnte ich die Haussuchung ungeschehen machen!« »Da ist kein Flachs, Müller!« schnaufte der Schulz 120 und trat in die Stube zurück. »Wo ist die Schreinere? Im Augenblick soll sie bei und ihren Boden aufmachen. Dasmal wird das Hirtenhaus gründlich umgestülpt – ich will's dem Pack anstreichen, daß ich seinetwegen Ungelegenheiten gehabt habe!« »So?« sagte Lorenz ruhig. »Ei, das ist mir eine schöne Ursache! Nun erst öffne ich meinen Boden nicht eher, bis die Reihe an ihn kommt! Ist eine neue Art, die Haussuchung bei unbescholtenen Leuten anzufangen!« »Freilich, freilich!« stimmte ihm der Grundmüller bei. »Der Schulz ist rein zum Häusle hinaus. Hundertmal sagt ich schon, er sollt nur bei der Wassermaus haussuchen, ist ihr doch mein Knecht begegnet, wie sie mit zwei Kloben Flachs aus dem Hof kam! – Schulz – hört doch! – Und ich will's nicht haben, daß Ihr die Leute belästigt. Sucht bei der Wassermaus, findet Ihr da nichts – auch recht!« »Millionentausend Donner! – wollt Ihr mir auch noch Vorschriften machen?« fuhr der Schulz den Grundmüller an. »Und Du, Schreinerle, bist auch da? – Ei, das ist ja herrlich! – Und Du willst Männle machen, Dich gegen mich stellen? – So so! – hm! – Im Augenblick mach' Deine Stube auf!« »Nach dem, was der Grundmüller erklärt hat, habt Ihr gar nichts drin zu suchen!« »So – Grundmüller, da habt Ihr die Bescherung! – Aber noch bin ich Schulz, und was ich will, führ' ich durch! – Also Du öffnest die Thüre nicht gutwillig? – 121 Kirchbauer und Grundmüller, Ihr seid meine Zeugen! – Hansnikel, fix, schaff' ein Beil!« »Sua, sua! – Da ist's und betracht's! – Ist das ein Beil für eine Pfarrgemeind'? – An Eurer Statt schämte ich mich in die Seel' 'nein! – Ja guckt nur, das Beil ist Euer Werk, ganz allein Euer Werk! – Wäret Ihr nur halb ein richtiger Schulz, hättet Ihr's nicht so weit 'runterführen lassen!« »Schulz, bedenkt, was Ihr thut!« sagte Lorenz drohend. »Ein einziger Hieb mit dem Beil – Ihr werdet nicht denken, wie theuer Euch der zu stehen kommt!« »So, Du willst auch noch drohen?« schrie der Schulz und stampfte mit dem Beilsholm auf den Boden. »Potz Christoph von Nordheim, das kommt ja immer besser! Aber ich weiß wohl, was Dir den Nacken steift! Du meinst, weil der neue Amtmann jeden Lumpen anhört, schön mit ihm thut und verspricht was weiß ich? – nun wär's mit uns Bauern aus und vorbei, und dem Schulzen brauchte man nur zu pfeifen, so müsse er tanzen nach Eurem Belieben? – Oha! – Und noch einmal: oha! Der neue Amtmann ist auch nicht von Eisen und Stahl, und thut er auch jetzt, als wolle er alle Ställe ausmisten – wir Schulzen wissen, was darauf zu geben ist, ha, ha! Ist nicht der erste, den wir mürb und zahm gemacht haben! Zuerst thun allemal die Herren, als wollten sie die Welt auf den Kopf stellen, nehmen sich der Geringen an und hudeln ihre Schulzen, 's ist 'ne Sünde! Aber wie gräulich sie sich auch stellen, gefressen haben sie noch keinen Schulzen, und sehen sie erst, was sie mit ihrer Gutthat 122 anrichten, wird der Zulauf gar zu arg, gehn ihnen die Geschichten bis an den Hals, dann werden sie gescheit, lassen Gottes Wasser über Gottes Land laufen, und die Schulzen mögen selber sehen, wie sie mit ihrem Gesindel zu Rand kommen! – So gehts! – hab's schon mehr als einmal erlebt! Das sag ich Dir, Du Großmaul und Leutsplager! Ist Dir's auch gelungen, den neuen Amtmann gegen mich aufzubringen, denk nicht, Du hast's nun schon bei vier Zipfeln. Der Wind dreht sich, eh Du Dich's versiehst – und dann – dann, Lorzle, Gott sei Dir gnädig! – dann kommt meine Zeit! – Aufgemacht jetzt!« »Nichts da, jedes Wort ist vergeblich! – Und was soll Euer tolles Geschwätz von den Amtleuten? – was kümmerts mich, ob sie Euch Freund oder Feind sind? Den Amtmann hätte ich gegen Euch aufgebracht? – Das lügt Ihr in Euren Hals! Ich habe ihm nur ein Licht aufgesteckt, wie es im Bergheimer Hirtenhaus aussieht – schlimm für Euch, wenn Ihr die Wahrheit nicht ertragen könnt. Und wer ist Schuld, daß ich in's Amt lief? – Hättet Ihr Ordnung geschafft, war Alles gut; denkt ja, den Gang habe ich ungern genug unternommen. Uebrigens fürchte ich mich vor dem Amtmann so wenig als vor Euch; ich verlange nichts für mich, nur Recht und Ordnung will ich um mich haben, um der Kinder im Haus willen muß dem gräulichen Unfug ein Ende gemacht werden. Und davon geh ich nicht ab, Schulz, und wenn Ihr und der Kirchbauer Euch auf die Köpfe stellt – ich schaffe Ordnung im Hirtenhaus!« »Hört nur – hört doch! Man könnte Wunder 123 denken, was das für ein Thier wäre, wenn man den Lumpen nicht allzugut kennte! – Was? die Ordnung ist Dir nicht recht im Hirtenhaus? Ha – warum triffst Du nicht das Loch? Draußen ist ja Platz genug für Dich und Dein Pack! Ha, ha! Ordnung im Hirtenhaus! das macht mich lachen! – Der Herr an den Tisch, der Hund unter den Tisch – das ist die Folge! – Wer in's Hirtenhaus muß, ist ein Lump, er soll's auch spüren, darum wird er darnach behandelt. Grad 'raus sag ich's: Je toller es im Hirtenhaus zugeht, desto besser; wo wollten wir zuletzt die Liederlichen unterbringen, wenn sie wüßten, im Hirtenhaus kann man umsonst ein Herrenleben führen? Oha! – Plagt Euch nur, und je wilder es zugeht, desto besser, desto eher werdet Ihr wieder aus dem Hirtenhaus heraus wollen. Das sag ich Dir und Deinem Amtmann zum Trotz. Obendrein ist Dir's gemerkt, daß Du mich verklagt hast! Die Straf' und die Gäng' – darüber lach ich, das muß mir doch die Gemeinde ersetzen, – aber die Grobheit, die mir der Amtmann angethan, die zahl ich Dir heim! Denk nur nicht, daß Du Schutz bei Deinem Amtmann suchst; da müßt ich nicht zwanzig Jahre Schulz gewesen sein, wenn ich nicht meinen Kopf durchsetz', allen Amtleuten zum Trotz! – Jetzt habt Ihr noch den Himmel im Haus, kommen aber erst die Uhrmacherles 'rein, dann werden Euch, Dir Schreiner besonders, Moses und die Propheten ausgelegt, dafür sorg ich! – Jetzt Thür auf – oder ich spreng sie!« »Halt da! Daß Dich der Hund beißt! bei dem Schreiner wird nicht hausgesucht, das sag ich!« rief der 124 Grundmüller und hielt den Schulzen am Arm zurück. »Der hat meinen Flachs nicht! Hat er den dummen Streich gemacht und Euch verklagt, mag er sehen, wie er mit Euch zurecht kommt, aber ich will die Ursache nicht sein, daß Ihr Euer Müthle an ihm kühlen könnt! – Den Schreiner laßt Ihr im Frieden, bei dem wird nicht hausgesucht!« »Schulz, der Hund unter dem Tisch hat Zähne, und er beißt, wird er allzusehr getreten!« sagte Lorenz, der mit Gewalt an sich hielt. »Merkt einstweilen Eure Reden, es könnte sein, daß Ihr einmal daran erinnert werdet. Ihr, Grundmüller, seid mein Zeuge! Muß mich wundern, daß Ihr so gleichmüthig dabei steht und Euch nicht rührt, wenn der Schulz mit klaren Worten sagt, wie er die Gemeinde für sich ausnützen will! Was gehen Euch Einundzwanzig die Strafgelder des Schulzen an? braucht Ihr für seine Gäng aufzukommen, wenn er wegen schlechter Amtsführung vorgefordert wird? Und daß er gar damit umgeht, die Uhrmacherles in's Hirtenhaus zu bringen, ich dächte, das wäre für die Gemeindeberechtigten eine Sache, wegen der sie wohl ein Wort mit dem Schulzen reden dürften!« »Ha – daß Dich der Hund beißt! – Schulz, was sind das für Geschichten? – Hört, nehmt Euch in Acht, das lasset sein, Ihr möchtet sonst ein garstiges Wespennest aufstören!« Der Schulz war bei diesen Worten des Grundmüllers bleich geworden und blickte verlegen auf den Kirchbauer. Nach einer Weile polterte er. »So ist's recht, Grundmüller, nun laßt Euch auch noch zum Narren haben! Das wird ein Gaudium unter der Gesellschaft geben, daß Ihr 125 Euch gegen uns aufbringen laßt! Aber in's Teufelsnamen, was streite ich mich Euretwegen herum? Was kümmert's mich, ob wir Euer Eigenthum finden oder nicht? Aber kommt mir hinfüro nicht und verlangt, ich soll für Euch beim Schreinerslorz haussuchen, nicht um die Welt thu' ich das, merkt's Euch! – Und jetzt – aufgemacht, Wassermaus! – Nur nicht gesperrt, Dich kennen wir!« Die Wassermaus starrte zitternd vor sich nieder, blickte auch nicht auf, als der Schulz nach wenigen Augenblicken mit zwei Kloben Flachs, den der Grundmüller als den seinigen erkannte, zurückkehrte. Niemand achtete auf die Betheuerung ihrer Unschuld, vergeblich bat und flehte sie heulend um Barmherzigkeit; der Schulz, offenbar erfreut, daß er endlich eine Ursache gefunden, mit guter Art seine Galle loszuwerden, fuhr auf sie ein. »Ja, heul nur, schrei nur, diesmal kriegst Du Deinen Lohn! Sei mir nur gleich still und rühr' Dich nicht! Du schlechtes Weibsbild! weißt, was Du angerichtet? Von Eurer letzten Prügelei her liegt die Schwarze im Spital, ist auf den Tod krank und spuckt alle Tage Blut, so hast Du sie zugerichtet! Und wer muß nun die Kurkosten bezahlen und die Kinder versorgen? Die Gemeind', natürlich, auf die Gemeind' kommt ja Alles 'naus! Und wie mußt ich mich noch obenein vom Amtmann behandeln lassen – die Galle schießt mir in's Blut, denk ich dran! Das Donner und Wetter schlag' auch 'nein! mit dürren Worten mußt ich mir sagen lassen, ich wäre an der ganzen Geschichte Schuld, und käme noch einmal so was vor, würd ich beim Kopf genommen! Aber wart nur, Dich und den Heppelehepp krieg ich, Euch will 126 ich kuranzen, daß Euch die Welt zu eng wird! Pack Deine Sachen und versorg Deine Kinder, ein Vierteljahr zum Wenigsten mußt Du brummen, da gibt's kein Erbarmen.« Voller Staunen hörten die Hirtenhäusler diese Strafpredigt des Schulzen, besonders der Hasenherle, der eben eintrat, blieb ganz verdonnert in der Thürschwelle stehen. Sein Schrecken ward aber noch größer, als sich jetzt der Schulz an ihn wendete: »Das trifft sich ja herrlich, daß Du jetzt grade angeschlichen kommst! Hast's gehört? Die Schwarz' liegt im Spital, so hat sie die Wassermaus zugerichtet, und an dem ganzen Unheil bist Du Schuld, Du ganz allein! Aber die Possen werden Dir ausgetrieben; läßt Du Dich noch einmal mit den Weiberleuten ein, bist Du am längsten im Hirtenhaus gewesen. Heut noch räumst Du und der Henker Eure hintere Kammer, und macht den Kindern Platz; seht zu, wie Ihr Euch auf dem Boden einrichtet! – Verstanden?« »Sua, sua!« brummte Hansnikel nachdenklich. »Das ist ja auf einmal eine ganz andere Einrichtung! Die müssen droben den Schulzen garstig in der Mache gehabt haben – so ist er noch keinmal aufgetreten! – Der Heppelehepp und der Henker aus ihrer Kammer – sua, sua! – 's ist doch ein verfluchter Kerl, der Schreiner!« »Daß sich Gott im hohen Himmel erbarm!« jammerte unterdeß Hasenherle und schlotterte an allen Gliedmaßen. »Ich weiß nicht, was Ihr nur wollt, bin so unschuldig wie die Engel im Himmel, kein arger Gedanke ist an mir zu finden – warum fahrt Ihr mich so lästerlich an? Und aus der Kammer soll ich? Schulz, fürchtet Ihr Euch nicht 127 der Sünde, mich alten, gebrechlichen Menschen mitten im Winter auf den Boden zu weisen? Das halt ich nicht aus, das ist mein Untergang!« »Was da – mir bleib mit Deinen Faxen vom Hals, Dich kenn ich in- und auswendig,« schrie der Schulz zornig. »Heut noch räumst Du die Kammer, damit punktum; Und halt Dich von den Weiberleuten fern, ich rath' Dir Gutes! – Du, Henker, hast Acht auf Deine Geschwister, so lang Deine Mutter ihre Strafe verbüßt, und Ihr, Fräle, übernehmt die Kinder der Schwarzen, die sind das Betteln auch gewohnt, d'rum könnt Ihr sie auf Euren Gängen mitnehmen – so ist Euch und der Gemeind und den Kindern geholfen!« »Halt, Schulz!« rief Lorenz. »Ich hab mir vorgenommen, nichts mehr in Euren Kram zu reden, nachdem ich in der Hauptsach meinen Willen durchgesetzt – aber dazu kann ich nicht stillschweigen, es handelt sich um Kinder! Schulz, das könnt Ihr nicht und dürft Ihr nicht, das hieße die Kinder mit Absicht zu Grunde richten. Vom Betteln ganz abgesehen: Das Fräle ist alt und gebrechlich, kann sich selber nimmer helfen – und die soll noch zwei kleine Kinder versorgen? Nein, Schulz, daraus wird nichts, das gebe ich nicht zu!« »Millionentausend Donner, willst Du mich meistern?« brüllte der Schulz ganz außer sich. »Wer ist der Herr im Dorf, Du oder ich? – Und nun erst recht bleibts bei meinen Worten. Punktum! Ist Dir's nicht recht, nimm Du doch die Kinder; Du Großmaul!« »Das thu' ich auch!« rief Lorenz dem Schulzen und 128 Kirchbauer nach. »Habe ich in diesen acht Tagen die Würmer versorgt und bin nicht verhungert, werden sich auch weiter Mittel und Wege finden. Uebrigens verhandeln wir darüber noch einmal an einem andern Ort!« »Daß Dich der Hund beißt – das geht ja zu, wie in Polen!« sagte der Grundmüller. »Der Schulz wirthschaftet ja, 's ist ein Graus! – Lorenz, vor Euch hab ich Respekt, Ihr seid ein richtiger Mann. Sagt Eurer Margelies, sie sollt' sich in der Mühle Mehl holen – allein sollen Euch die Kinder nicht zur Last fallen! – Wahrhaftig, der Schulz kann's vor Gott nicht verantworten, wie er mit der Armuth umspringt. – Hansnikel, Ihr sollt auch ein Viertel Brodmehl haben für den Aerger, den Ihr meinetwegen ausgestanden. Glaubt mir, es war nicht mein Wille, daß Ihr so gekränkt worden seid! – – Ihr wollt Märmelsteine schlagen, Lorenz? – Das ist ein sauer Brod! Wißt Ihr was? – Kommt in die Mühle, Handwerkszeug ist da, und bis zum Frühjahr habe ich reichlich Arbeit für Euch. Ist's recht? – Abgemacht! fangt nur gleich uebermorgen an!« Lorenz war sprachlos, er konnte dem Müller nur dankend die Hand drücken.   13. Folgen. Ein verhängnißvoller Sonnabend Nachmittag! – Das empfanden nicht blos die Hirtenhäusler. Auf dem Heimweg erhob sich ein großer Zank zwischen den beiden Gewaltigen des Dorfes. Der Kirchbauer machte dem 129 Schulzen heftige Vorwürfe, daß er über seinem Geschwätz das Handeln vergessen habe. »Mit all Deinem Lärmen und Toben, was hast Du erreicht? rief er zornig. »Nichts, gar nichts! Nur trotziger und wilder hast Du die Gesellschaft gemacht, die stehen jetzt gegen uns wie ein Mann. Und wie willst Du sie jetzt zwingen? Hast Du Dir heut schon das Heft aus der Hand winden lassen, wo noch Niemand wußte, wie es um uns stand – wie willst Du später gegen sie aufkommen? Ich sag's ja, Du bist und bleibst ein Narr, ein dummer Polterhans! Mäuse jagt man mit Klappern in den Sack, aber merkst Du nicht, daß der Lorenz ein geriebener Fuchs ist? Ich könnte mich selber ohrfeigen, wenn ich denk', wie er sich in's Fäustchen lacht und darauf sinnt, uns eine neue Schelle anzuhängen! Der Teufel heißt Dich auch die heutige Geschichte beim Amtmann breitschlagen? was plapperst Du heraus, was wir mit dem Uhrmacherle vorhaben? – Geh weg, ich seh's kommen, daß uns unsre Widersacher aufspielen, daß uns die Ohren gellen!« So sprach er noch lange fort, bis es dem Schulzen endlich auch zuviel ward; aber auf eine grobe Rede antwortete der Kirchbauer noch gröber – und in hellem Zorn gingen die Männer auseinander. Während Margelies droben in ihrem stillen Boden auf den Knieen lag und mit heißen Thränen Gott für diese unerwartete Wendung ihres Geschickes zum Besseren dankte, während Lorenz herumging wie im Traum und sein Glück nicht fassen konnte – sollte er doch wieder als Schreiner arbeiten, war ihm doch jetzt ein sicherer Verdienst gewiß! – bewegten die übrigen Hirtenhäusler die 130 verschiedensten Empfindungen. Hansnikel zunächst war im Ganzen mit dem Gang der Dinge vollständig zufrieden; zwar ärgerte ihn die gewaltsame Haussuchung und die dadurch an den Tag gelegte Nichtachtung der Geistlichkeit noch etwas, aber das Viertel Brodmehl war doch auch nicht zu verachten, damit beruhigte sich sein Ehrgefühl. Fast behaglich klangen seine »Sua«, als nun der Hasenherle und Wasserchristian ihren Auszug aus der hinteren Kammer begannen. Sehr gemischt waren die Gefühle seiner Aeltesten. So sehr sie der Wassermaus die Schande und Demüthigung gönnte, so sehr sie sich darüber freute, daß der Hasenherle vor den Nachstellungen der beiden Weiber in Sicherheit gebracht war, eben so sehr jammerte sie sein Mißgeschick; der Gedanke, daß ihm vielleicht auf dem kalten Boden ein Unglück zustoßen könne, machte sie ganz trübsinnig. Niedergeschlagen schlich Hasenherle herum; die guten Bißle, die ihm nun entgingen, erbarmten ihn so sehr, daß er manchmal ganz unwillkürlich die Augen verdrehte und zu »schlottern« begann – worüber er sich dann, wenn er es merkte, nicht wenig ärgerte. Die Trostworte, die das Mädle an ihn verschwendete, richteten ihn auf, er begann zu hoffen: Noch ist Polen nicht verloren! Viel ernster und tiefer war die Erregung der Hirtenlang. Schon die Worte ihres Mariebärble hatten sie beunruhigt und wollten ihr nicht aus dem Sinn kommen, fort und fort grübelte sie, ob es denn wirklich auch für sie eine Schande sei, im Hirtenhaus zu wohnen. Sie sträubte sich dagegen, berief sich auf das Amt des Vaters, auf die Verwilligung der Gemeinde – vergebens, die Worte ihrer 131 Tochter ward sie nicht los. Fast kamen ihr die Thränen in die Augen, jetzt erst merkte sie, wie lieb ihr das Hirtenhaus geworden, wie ihr Leben damit verwachsen war. Sollte sie auf ihre alten Tage die Heimat verlassen? –»Nein,« seufzte sie, »das kann ich nicht!« Da kam die Haussuchung, und die Rohheit des Schulzen öffnete ihr plötzlich die Augen. Das war ja der thatsächliche Beweis, daß sie den übrigen Hirtenhäuslern vollständig gleichgestellt und gleichgeachtet wurde – also auch die Schande mit ihnen theilte! Ein Frösteln überlief die Hirtenlang – dem armen Weib ging zum erstenmal in ihrem Leben eine dunkle Ahnung auf von der Würde des Menschen; ein heißer Schmerz brannte in ihrem Herzen, sie fühlte sich in ihrem Heiligsten verletzt. – Machte ihr der Gedanke auch noch immer Pein, unwiderruflich stand der Entschluß in ihr fest: »Nach dem Tode des Vaters verlaß ich das Haus, ich will auch noch ein eigner, freier Mensch werden!« – Ganz ähnlich waren die Empfindungen des Wasserchristian, aber Selbstanklagen und bitt're Reue brachten ihn in eine tiefe Zerknirschung. Auf welchem Weg war er gewesen! – Was würden wohl das Mariebärble, der Schreinerslorz sagen, wenn sie wüßten, daß auch seine Hände nicht mehr ganz rein von fremdem Gut waren? Zwar waren es bis jetzt nur Kleinigkeiten, die er veruntreute: Da und dort ein halbes Päckchen Taback, eine Cigarre, manchmal hatte er auch vergessen, gefundene Kartkreuzer zurückzugeben – aber gestohlen war es doch. Zwar wußte kein Mensch darum, desto gewaltiger sprach die Stimme seines Gewissens in ihm: »Du bist ein elender, erbärmlicher Dieb! Noch 132 tausendmal schlechter als Deine Mutter, die nun ihr Vergehen büßt, während Du straflos ausgehst, täglich die Menschen betrügst, die Deinem ehrlichen Gesicht vertrauen und nicht ahnen, daß sich dahinter ein Dieb versteckt!« Eine unsägliche Angst kam über ihn, in dicken Tropfen stand ihm der Schweiß auf der Stirn. Langsam schlich er auf den Boden, lehnte sich an eine Säule, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und schluchzte. So traf ihn Lorenz. Erschrocken zog er dem Burschen die Hände vom Gesicht – als er aber auf alle Fragen, was ihm fehle, keine Antwort bekam, als die Bestürzung, das verstörte Wesen noch zunahm, zog er Christian in seinen Boden, schloß die Thüre, setzte sich neben den Fassungslosen und sagte ernst aber mild: »Christian, Dir liegt was Schweres auf dem Gewissen, ich merk's. – Hör' mich an! Du hast mich lang gedauert, daß Du mit sichtlichen Augen in Dein Unglück rennst und merkst es gar nicht! Ich habe mir auch vorgenommen, Dich zu warnen, Dir zu helfen, wenn's ging – wußt aber die Sache nicht recht anzupacken; ich wollt es gern dahin bringen, Du solltest selber an mich kommen! – Nun hast Du mich heut – weiß selber nicht wie's kommt – so gut verstanden, hast grade das gethan, was ich haben wollte – ich war schon voller Freude, weil ich denke, nun ist das Eis gebrochen! – Sieh, Christian, ich mein's von Herzen gut mit Dir, drum rede ich auch ohne Umschweife. Du hast was auf dem Gewissen! – Willst Du nun umkehren, schaffe zuerst das fort, es drückt Dir sonst die Seele wund und ist ein Hemmschuh bei allem Thun! Eine heimliche 133 Schuld auf dem Herzen, das ist ein Feind im Rücken, der einen nicht zur Ruhe kommen läßt, keinen Augenblick ist man vor seinem Angriff sicher. Eine heimliche Schuld auf dem Herzen ist ein Gespenst hinter Dir! Das zwingt Dich, Du mußt fort und fort zurückblicken, ob es noch nicht zum Sprung auf Deinen Rücken ansetzt – und dabei stolperst Du über einen Maulwurfshügel im Weg! – Christian, vertraue mir, sage mir ehrlich, was Dich quält, Du wirst sehen, es wird Dir leicht um's Herz! Was hast Du begangen?« Christian kämpfte einen schweren Kampf; endlich aber legte er den Kopf müde an des Schreiners Brust und ein aufrichtiges Geständniß kam über seine zitternden Lippen. Lorenz drückte Christian die Hand, sonst war er still, er wollte dem Armen Zeit lassen, sich zu sammeln. Endlich sagte er: »Christian, ich danke Dir um Deinetwillen. Es ist ja freilich schlimm, arg schlimm, daß Du schon so weit gegangen bist, aber zu verzweifeln brauchst Du nicht, noch ist nichts verloren – freilich, hohe Zeit zur Umkehr ist's auch. Christian, denk ich wär Dein Vater – willst Du?« »Ach Gott, Schreiner, wär's Euer Ernst?« »Umsonst ist der Tod!« lächelte Lorenz. »Ich thu's auch nicht umsonst. Wenn Du mich als Deinen Vater ansehen willst, mußt Du mir in allen Stücken Gehorsam leisten. Willst Du?« »Ich gelob's Euch!« »Ich bin streng, Christian!« »Je strenger, desto besser! Schreiner, mir ist als wär ich jetzt schon ein neuer Mensch – verlaßt mich nicht!« 134 Lorenz drückte seine Hand. Nach einer Pause begann er: »Eigentlich müßtest Du nun auch den Bestohlenen Dein Thun gestehen und sie um Verzeihung bitten – aber das sind rohe Kerle, Du wärest verschimpft, wie Du Dich auch fürder stellst. Willst Du es ihnen bei Heller und Pfennig ersetzen?« »Doppelt und dreifach! Ich gelob's Euch.« »Mag's dabei gut sein! Und nun, was ich weiter von Dir verlange. Gib mir Deine Tabackspfeife und versprich mir, daß Du keinen Zug thust, bis ich Dir's erlaube!« »Da! – Ich – ich versprech's!« »Fällt Dir's schwer? – Hilft nichts! Das war eines, zum Andern darfst Du keine Karte, keine Kegelkugel mehr anrühren, auch keinen Tropfen Bier trinken, den Du nicht ehrlich bezahlt hast! – Verstanden?« »Ihr redet deutlich!« »Zum Dritten endlich mußt Du überhaupt Wirthshäuser und liederliche Gesellschaft meiden und tüchtig arbeiten. Die Arbeit, Christian, das ist die Hauptsache. Und jeden Sonntag lies ein Capitel im neuen Testament! – So, das wäre ungefähr, was ich jetzt weiß – nach und nach wird noch mehr kommen. – Ja, daß ich's nicht vergeß: Aus dem Hirtenhaus mußt Du, je eher, desto besser. Sieh Dich nach einem Dienst um; auf großen Lohn darfst Du freilich noch nicht rechnen, das weißt Du selber, darauf kommt es auch für die erste Zeit nicht an, sieh zu, daß Du eine rechtschaffene Herrschaft findest, das ist die Hauptsache. Damit Du aber bis dahin nicht müssig gehst, kannst Du die Märmelsteine aufarbeiten. So – jetzt hebe 135 den Kopf auf, denn mit Jammern und Seufzen lockt man keinen Hund vom Ofen; freilich darfst Du auch nicht denken, mit einem ordentlichen Anfang sei schon Alles gut. Anfangen kann Jeder, aber aushalten, Christian, aushalten – da liegt's! – Geh jetzt hinunter und der Herrgott stehe Dir bei!«   14. Neue Störung, ein Gensdarm tritt auf. Der Nachmittag verlief außerordentlich still; Hansnikel flickte ein paar alte Schuhe, und Lorenz gab dem Christian Anweisung, aus den Kalksteinplatten schöne scharfkantige Würfel zu schlagen. Auf Befehl des Schreiners, dem Niemand mehr zu widersprechen wagte, scheuerte die Wassermaus die hinteren, das Mädle die vordere Kammer, die Hirtenlang, der die Schreinersmarie und die Wasserchristel an die Hand gingen, die Wohnstube. Als beim Abendessen die ganze Bewohnerschaft versammelt war, erklärte Lorenz: »Das unsinnige Feuern hat von heute an ein Ende! Der Ofen ist groß genug, Ihr könnt alle zugleich kochen! Inskünftige hat jede Kochpartei eine Woche die Feuerung zu besorgen. Von Morgen an macht meine Margelies den Anfang, darnach kommen die Hirtenleute, zuletzt die Wassermaus und die Schwarze. Das Fräle geht frei durch, aber der Hasenherle muß Entschädigung geben, will er kochen!« Auch jetzt erfolgte keine Einwendung, nur Hansnikel sagte: »Sua – das wär' keine unebene Einrichtung, 136 da ist Sinn und Verstand drin! Wozu aber das infame Gewasch und Gescheuer und gar das niederträchtige Fensteraufreißen nützen sollen, das mag der Geier wissen!« Nachts saß Lorenz im ernsten Gespräch beim Bergbauer. »Ja,« erzählte er, »der neue Amtmann, das scheint mir ein richtiger Mann zu sein. Hat er mich doch mit seiner Brille angefeuert, als wollte er mir durch und durch gucken. 's ist ein scharfer Herr, und grausam vornehm ist er auch, aber man kann mit ihm reden, nur muß man seine Sache richtig vorbringen.« Nachdem er dann die Vorgänge im Hirtenhaus berichtet hatte, fuhr er fort: »Ich meine, es wäre Zeit, daß Ihr Einundzwanzig auch einmal nach dem Rechten sähet! Es ist ein Spott und eine Schande vor aller Welt, wie der Schulz und der Kirchbauer wirthschaften; sie thun nicht blos als wären sie's, sie sind wirklich Herren des Dorfes, und was sie wollen, das führen sie durch! Ist es nicht weit gekommen, wenn der Schulz öffentlich sagen darf: Meine Strafgelder und Strafgänge muß mir die Gemeinde ersetzen? Was ist das für ein Gemeindehaushalt, wo solche Dinge vorkommen? Und wenn der Schulz, die höchste Obrigkeit im Dorf, der dazu bestellt ist, Recht und Ordnung aufrecht zu erhalten, wenn der selber die Unordnung mehrt, wie er selber sagt, die Leute unterdrückt und in's Unglück treibt – was soll dann aus dem Dorf werden? Ich sag's noch einmal, es ist hohe Zeit, daß Ihr Einundzwanzig nach dem Rechten seht! Jetzt geht's freilich noch über die Armuth allein her, aber wartet's nur ab – die Folgen kommen auch über Euch!« »Schreiner – Schreiner! – – Um Gotteswillen, 137 so hört doch!« unterbrach ihn eine ängstliche Stimme draußen vor dem Fenster. »Ja, ja! – was ist los?« rief er und sprang erschrocken auf. »Geht heim, aber gleich! Sind drei Handwerksbuschen da, knüppeldick betrunken. Haben sie uns vom Wirthshaus zugewiesen. Macht voran, wir können uns ihrer nimmer erwehren, 's geht drunter und drüber!« »Das ist auch eine von den herrlichen Bergheimer Einrichtungen!« knirschte Lorenz. »So lange die Lumpen ein paar Pfennige zu versaufen haben, sind sie dem Wirth recht und angenehm; sind aber die Taschen leer, dagegen die Köpfe voll und toll, dann heißt's: Solchen Unflath kann ich nicht unter meinen Gästen leiden, marsch in's Hirtenhaus!« »Ist wahr! Gesetz sollte sein: Macht der Wirth die Kerle betrunken, soll er sie auch für die Nacht unterbringen. Soll ich mit?« »Kann nichts schaden – aber vorwärts! Hört nur, wie sie brüllen!« Margelies rief um Hülfe, als Lorenz eintrat! Ein Faustschlag warf den Zudringlichsten nieder, den Zweiten schüttelte der Bergbauer, daß ihm fast der Athem ausging, der Dritte ließ von selbst ab und rettete sich hinter den Ofen. So war die Ordnung rasch hergestellt und als dann die drei Burschen, denen die Hirtenlang eine Streu auf dem Fußboden zurechtmachte, demüthig und vollständig ernüchtert auf der Ofenbank saßen, stellte sich heraus, daß sie im Wirthshaus von zwei Männern heimlich Geld zu 138 Schnaps bekommen hatten, mit der Bedingung, daß sie darnach die Hirtenhäusler recht plagten. Lorenz warf dem Bergbauer einen vielsagenden Blick zu, worauf dieser zornig die Fäuste ballte! Nicht ohne Besorgniß vor den wilden Gesellen suchte man im Hirtenhaus die Betten auf; doch die Nacht verlief ruhig, und als am Morgen Lorenz herabkam, für seine Margelies Feuer anzumachen, waren die Fremden verschwunden!« Das war denn freilich ein andrer Sonntagmorgen, als der vor acht Tagen! Wer heute hereinkam, hätte gewiß das Hirtenhaus nicht wieder erkannt. Nicht nur war der Boden gefegt und mit weißem Sand bestreut, der Ofen frisch geschwärzt, auch die Fensterscheiben blickten hell, und sogar die Decke war abgewaschen und getrocknet. Erfreulicher noch war die sonntägliche Stille im Haus, die Eintracht und Freundlichkeit der Bewohner untereinander. Die Wassermaus allein saß grollend am Ofen, doch kümmerte sich Niemand darum, selbst ihre Kinder freuten sich offenbar darauf, auf einige Zeit von ihrer Mutter erlöst zu werden. Nach dem Morgengebet saßen die frischen Schreinerskinder fröhlich bei den bleichen Mädchen der Schwarzen, die mit großen Augen ihre reinlichen Anzüge betrachteten und oft verwundert mit den Händen über ihr glattgezöpftes Haar strichen. Marie war eifrig bemüht, den größeren Schwarzen die Anfangsgründe der Strickkunst beizubringen; mit unendlicher Geduld wiederholte das liebe Mädchen ihre Anweisungen, ermüdete nicht, die ungeschickten, widerspenstigen Finger ihrer Schülerin in die rechten Stellungen zu 139 bringen. Dabei ließ sie auch die Kleinen nicht aus den Augen, hatte für Jedes ein freundliches Wort, wußte sie stets zu beschäftigen und bei guter Laune zu erhalten. Als dann das Fräle aus der Kammer hervorächzte, stellte ihr Marie einen Stuhl bereit und trug ihr emsig das Frühstück herbei. »Ach Du lieb's Gottle!« seufzte die Alte dankbar. »Kind, Kind! Du bist allzugut, allzugut! – Wie soll ich's wieder gleich machen?« Kaum waren die Glocken, die den Beginn des Gottesdienstes verkündeten, verklungen, als Lorenz von einem Ausgang zurückkam und zu Margelies sagte: »Es ist so: Eitel Jammer und Herzeleid bei den Uhrmacherles! Der Kirchbauer hat richtig seinen Consens gekündigt und auch schon eingeklagt! Laß nur – rede nicht ab, 's nützt nichts, ich weiß wohl, was ich thue! hoffentlich ist das auch mein letzter Gang in's Amt!« Damit rüstete sich Lorenz und verließ zugleich mit Christian, der einen Herrn suchen ging, das Haus. Nachmittag entstand ein großes Halloh im Dorf; vom Schulzenhof führte ein Gensdarm die Schwarze nach dem Hirtenhaus herauf, ein dichter Menschenhaufe, jung und alt bunt durcheinander gemischt, umdrängte die Beiden; aus dem Lachen und Schreien vernahm man dann und wann den Ausruf: »Schwammschwarze! Schwammschwarze!« Margelies blickte bedauernd auf den reinen Fußboden, als der Schwarm dem Gensdarm und der Schwarzen nach in die Stube drängte. Das Fräle ächzte beim Anblick der Uniform eilig in ihr Bett, die Wassermaus heulte und schimpfte, Hansnikel aber ward sich seiner Würde als 140 Hausherr bewußt, und mit der heiteren Ruhe eines guten Gewissens – ein rascher Blick auf den Ofen hatte ihn überzeugt, daß Socken und Schleißen von dem feuergefährlichen Ort entfernt waren – trat er dem gefürchteten lebendigen Arm der Gerechtigkeit entgegen, nahm seine Beutelmütze ab und sagte. »Sua, sua! Ist ja ein seltsamer Zuspruch! – Nu, nehm der Herr Platz, und was hat das eigentlich zu bedeuten mit der Schwarzen, wenn's erlaubt ist, darnach zu fragen?« Der Gensdarm sah sich erst verwundert im Zimmer um, stellte dann sein Gewehr klirrend in eine Ecke, setzte sich auf den Stuhl, den ihm Hansnikel eifrig nachtrug, wischte sich, um seine Wichtigkeit zu vermehren, nicht vorhandenen Schweiß von der Stirn, dann rief er: »Wo ist die ledige Margareth Schellhorn, auch Wassermaus genannt? – Sie hat sofort ihren Bündel zu schnüren und mir in's Schulzenhaus zu folgen – stante pede – verstanden?« – Die Wassermaus ging heulend in ihre Kammer und Hansnikel sagte: »Sua, sua!« – Der Gensdarm schien von der Wirkung seiner Worte befriedigt, und als er eine ganze Reihe neugieriger Augen erwartungsvoll auf sich gerichtet sah, nahm er geräuschvoll eine Prise, zeigte seinem Publikum ein großes, rothgewürfeltes Taschentuch von allen Seiten, steckte es vorne in seine Uniform, rückte an der Säbelkuppel, zwirbelte den Schnurrbart und begann: »Was demnach die ledige Katharine Dressel, vulgo Schwarze, vulgo vulgo Schwammschwarz genannt, betrifft, so kam bemeldetes Weibsbild vergangnen Montag verwirrt und blutig, ganz sans façon zum Herrn 141 Amtmann und schrie und heulte ihm die Ohren voll von einer Prügelei mit der Wassermaus im Hirtenhaus, und wie sie die Wassermaus dabei übel zugerichtet habe. Da aber der Herr Amtmann aus ihrem Geschrei nicht klug werden konnte, sie auch nicht ordre parirte, sondern fortfuhr zu schreien, ließ sie der Herr Amtmann vom Gensdarm Hagebüchner aus dem Local führen. Mein Herr Collega kannte aber das Weibsbild schon von früheren rencontres her, machte drum keine Umstände und warf sie die Treppe hinab. – bon! – Führt drauf der Teuf – wollt ich sagen. Kommt drauf der Herr Amtmann selber die Treppe herunter, findet das Weibsbild ohnmächtig neben ihrem Korb liegen mit Blut am Mund. Schwerenoth, gab das einen Alarm! Mein Herr Collega Hagebüchner erhält zwei Tage scharfen Arrest, das Weibsbild wird in's Spital transportirt, wo sie den Doctoren zum Possen – sie sagen, sie fänden keine Krankheit an ihr – tagtäglich Blut spuckt! Nun muß Euer Schulz in's Amt, kriegt einen scharfen Verweis, weil er nicht besser auf seine Armen sieht und solche Geschichten im Hirtenhaus vorkommen läßt, zuletzt wird er auch noch um fünf Gulden gestraft – bon – wollt ich sagen –.« »Noch viel zu wenig!« übertönte eine Stimme das Gelächter. »Wenn's wenigstens fünfzig gewesen wären!« » Très bon, mir auch recht! – Derweil aber spuckt die bemeldete vulgo Schwarze toujours Blut, und die Doctoren wollen aus der Haut fahren, da sie trotz aller Recherchen nicht 'rauskriegen, wo das Blut eigentlich herkommt. Zuletzt verfallen sie darauf, das ausgehustete 142 Blut mit dem Mikroskop zu recognosciren, und kriegen 'raus – na rathet einmal was? – He? – Allez! – Ja, das glaub ich, daß ihr darauf nicht kommt! – Also kriegen 'raus! Das ist nichts anders, als das helle Ochsenblut! – très bon! « »Sua, sua!!« sagte Hansnikel, die übrige Gesellschaft aber schrie und lachte: »Hurrah, die Schwarze spuckt Ochsenblut! Hat man so was erhört!« »Aber Herr – Herr – Vettermann! sagte Hansnikel, der sich »Gensdarm« nicht zu sagen getraute, da er das für einen Schimpfnamen hielt. »Um tausend Gotteswillen, wo hat denn das Weiberleut Ochsenblut hergenommen? – wenn's erlaubt ist, darnach zu fragen!« »Werde sogleich weiter expliciren! Also bekommt der Krankenwärter Befehl, die vulgo Schwarze scharf zu regardiren und richtig attrapirt er sie auch, wie sie aus einem Schwamm Blut saugt und wieder ausspuckt – bon! « »Daß Dich alle Teufel!« rief Hansnikel. »Ihr Leut, Ihr Leut, solche Einfäll'!« » Parbleu! macht der Herr Amtmann ein paar Augen, wie er das erfährt, und mein Herr College Hagebüchner stellt sich vor den Herrn Amtmann hin und sagt – und sagt – und sagt: » Bon! Herr Amtmann!« sagt er, und wischt seinen Schnauzbart hüben und drüben in die Höhe und dreht ein paar Augen rrrrraus! – – 's ist ein verfluchter Kerl der Hagebüchner, – standen zusammen in einer Kompagnie – ja – bon! – Drauf muß natürlich die vulgo Schwarze in's Loch bei Wasser 143 und Brod, und heut krieg ich ordre , sie in ihre Heimath abzuliefern. – Das ist die Geschichte, très bon! – Aber Sakra! wo bleibt die ledige Margarethe Schellhorn, vulgo Wassermaus? – Vorwärts, altes Thierchen, 's Heulen kommt zu spät! Ja, ja! vorgethan und lange Finger gemacht, hat Manchen schon in's Loch gebracht, ha, ha, ha! bon! – Vorwärts marsch! – au revoir meine Herren!« Und seinen Schnurrbart zwirbelnd schritt er hinter der Wassermaus aus der Stube. Lachend, jubelnd und »Schwammschwarz!« schreiend drängten die Zuhörer nach. Hansnikel stulpte die Beutelmütze wieder auf, brannte die erloschene Pfeife an, schüttelte den Kopf und rief: »Sua, sua! Ihr Leut, Ihr Leut solche Einfäll'! – Ein verfluchtes Weibsbild, die Schwarze! Aber hab' ich's nicht immer gesagt: Die Schwarze, hab' ich gesagt, ist so voll schlechter Streiche, wie ein Hund voll Flöh'? – Sua, sua! – Nu sag' mir ein Mensch, ob das nicht 'ne betrogne Welt ist! – Hm, hm! Schwamm – Ochsenblut! – gar noch Ochsenblut! – Die Welt wird alle Tag verderbter! Sua!! – – Aber der Dingrich mit seiner Flinten, der Gensdarm – das ist Euch ein gewichster Kerl! – Was der für grausame Wörter kann – eiskalt ist mir's den Buckel 'neingelaufen – 's war gewiß ebräisch! Und wenn der schon so wälscht, nachher möcht ich erst den Amtmann hören! – Sua, sua! – nu, die Schwammschwarz wird an die Blutsaugerei denken! – Sua!!« Die Schwarze selber hatte ganz verwundert ihre Kinder angestarrt, drückte sie still an's Herz und schlich 144 hinaus in ihre Kammer. Als ihr später Margelies folgte, um nachzusehen, ob ihr nichts zugestoßen sei, legte sie ihr Gesicht auf ihre Hand und weinte. Lorenz erstaunte bei seiner Heimkunft nicht wenig über die wunderlichen Geschichten, die ihm Hansnikel mittheilte. – Der Alte war so aufgeregt, daß er die Thatsachen bunt und kraus durcheinander mischte und fast nicht über Schwamm – Ochsenblut – Dingrich und ebräisch – hinauskam. Als Lorenz zuletzt von Margelies aufgeklärt wurde, lachte er auch und meinte: »Ja, solche Streiche bringt freilich blos die Schwarze fertig!« Nachts sagte er zu Margelies: »Gib Dich zufrieden, 's ist Alles in Ordnung! – Jetzt wird's besser, verlaß Dich drauf!«   15. Ein Dorfregiment; wie die Unruhen zum Ausbruch kamen. Bergheim war an diesem Sonntag in eigenthümlicher Bewegung. Da und dort standen Männer im heimlichen Gespräch zusammen, und im Bergbauernhaus ging es aus und ein wie in einem Taubenschlag. Die einundzwanzig Gemeindeberechtigten waren eigentlich schon lang mit dem Dorfregiment unzufrieden. Nun findet man diese Unzufriedenheit zwar immer und überall, aber die Bergheimer hatten doch ihre besonderen Ursachen. Zunächst hatten sie den Türkenhenner und den Kirchbauer – er war Gemeinderechnungsführer – in Verdacht, ihre Verwaltung des Gemeindeguts sei nicht sauber. Der Verdacht stützte sich darauf, daß seit Jahren keine 145 ordentliche Rechnung abgelegt worden war. Allerdings kam alljährlich die Gemeinde zur Abhörung der Rechnung zusammen; dabei gab es jedoch einen freien Trunk, und das gute Bier, für das der Schulz stets treulich sorgte, nahm ihre Aufmerksamkeit so sehr in Anspruch, daß die Gemeindeberechtigten, so zornig sie auch gekommen sein mochten, dem Schulzen Alles aufs Wort glaubten, was er vorlas, nach Beweisen und Belegstücken gar nicht fragten und, wenn sie nicht einschliefen, froh aufathmeten, war endlich der »langweilige Kram« vorüber! Am andern Morgen wußten sie dann so viel als zuvor – nur das war ihnen vielleicht dunkel in Erinnerung geblieben, daß eben wieder einmal die Einnahmen Null vor Null ausgegangen waren. Verlangte später ein Nachbar Aufschluß über dies oder das, lachte ihm der Schulz in's Gesicht: »Das hat Euch Alles vorgelegen bei der Abhörung, da hättet Ihr die Augen aufthun sollen, jetzt habe ich keine Zeit, in den Papieren zu kramen. Wozu auch? 's ist, wie's ist, und Ihr habt es selber mit genehmigt!« Natürlich ward durch solche Vorkommnisse das Mißtrauen nicht verringert. Es kamen auch noch andere, gerechte Klagen dazu. Der Schulz und sein Herzensfreund, der Kirchbauer, wurden mit der Zeit herrschsüchtig, eigensinnig – gewaltthätig. Dann und wann führten sie allem Widerspruch zum Trotz Maßregeln durch, deren üble Folgen auch dem gedankenlosesten Leichtsinn die Augen öffnen mußten über das mangelhafte Regiment. Ja – und das war das Schlimmste! – sie mißbrauchten ihre amtliche Gewalt 146 ungescheut zu eignem Vortheil. So ruinirte der Kirchbauer mit Hülfe des Schulzen die Heiderschneidersleute, brachte das Häuschen mehrmals zum Verstrich und lud dadurch der Gemeinde zwei mittellose Familien auf, die voraussichtlich bald der Armenverwaltung zur Last fallen würden. Das reizte auch die Geduldigsten – das Heidershäuschen ward zum Stein des Anstoßes für's ganze Dorf. – Dennoch blieben der Schulz und Kirchbauer unbelästigt in Amt und Würden. Bei dem großen Brückenbau über den äußeren Arm der Wertha verkauften der Schulz und Kirchbauer an unterfränkische Holzhändler ein bedeutendes Stück Hochwald aus dem Gemeindegut zur Deckung der Baukosten. Als es dann bei der Abhörung der Gemeinderechnung auch nur so im Allgemeinen hieß: Das ist für den Brückenbau eingekommen, und das hat der Bau gekostet – selbstverständlich blieb wieder nichts übrig! – da sagte Niemand ein Wort, nur wer seine fünf Sinne noch beisammen hatte, ballte vielleicht im Hosensack die Faust! Dagegen erhob sich hinter den Rücken der Dorfregenten ein arger Rumor, große Dinge wurden geplant. Der Kirchbauer und Schulz sollten zur Rechenschaft gezogen werden; man wollte sie zwingen, ihre Aemter niederzulegen, der Gemeinde allen Schaden zu ersetzen; obendrein sollten sie noch erbarmungslos bestraft werden. Das alles beschloß man durchzuführen »bei erster Gelegenheit!« Wie man wünschte, geschah – die Gelegenheit blieb aus. Wenigstens entschuldigten sich die Bergheimer Verschwörer damit vor ihrem eignen Gewissen und unter sich 147 – um Alles in der Welt hätten sie nicht gestanden, daß sie sich vor dieser Gelegenheit fürchteten und Augen und Ohren zuhielten, sobald sie etwas merkten, was der erwarteten Gelegenheit nur von Weitem ähnlich sah. So blieben der Schulz und der Kirchbauer ungestört, über das Schimpfen und Drohen im Wirthshaus, das bei gewissen Gelegenheiten, z. B. der Kirmes, der Schafwäsche, beim Kinderfest, bei großen Leichentrunken regelmäßig wiederkehrte und nicht selten mit einer Prügelei endete, lachten sie. Natürlich hätten die Beiden dem allgemeinen Unwillen nicht auf die Dauer widerstehen können, hätten sie nicht da und dort Beistand, ja sogar Bundesgenossen gefunden. Letztere freilich oft unfreiwillig genug. Es kamen bei diesem Kampf eben auch gar viele persönliche Interessen und Meinungen in's Spiel, ist ja auch kein Regiment so schlecht, es hat doch seine Anhänger. Wenn sie auch im Ganzen trotzig und gewaltsam ihren Sinn durchführten, so schloß das nicht aus, daß sie auch wieder klug ihren Vortheil wahrzunehmen verstanden. Beide wußten sich dem und jenem gefällig zu erweisen, wo anders wirkten sie durch rechtzeitig angebrachte Drohungen. Der Schulz – ein reicher Mann! – half besonders bereitwillig seinen hitzigsten Gegnern aus Verlegenheiten und stopfte ihnen so den Mund. Ihr Hauptkunststück bestand aber darin, daß sie stets solche Leute in den Ausschuß brachten, die sich entweder mit ihren Interessen verknüpfen ließen – wie der Beckenphilpert! – oder zu dumm oder zu gutmüthig waren, ihnen ernstlich Verlegenheiten zu bereiten – ein solches Muster war 148 der Ottensmärt. Nur einmal ließen sie sich überlisten, und wie sie auch tobten – der junge Bergbauer kam in den Ausschuß. Schon in der ersten Sitzung erkannten die Dorfregenten, daß ein gefährlicher Gegner in ihr Heiligthum eingedrungen war. Und sie hatten sich nicht getäuscht! Der Bergbauer hatte sich in der Absicht wählen lassen, eine Wendung der Dinge herbeizuführen – bald fand er die schwachen Seiten seiner Gegner heraus, und als die Geschichte mit dem Schreinerslorz ihre maßlose Willkür und Ungerechtigkeit so recht scharf an den Tag legte, beschloß er ernstlich vorzugehen. Ganz unerwartet kam ihm der Beistand des Ottensmärt, desto entschiedener nahm er die Sache in Angriff. Aber als er die Nachbarn aufforderte, endlich einmal zusammenzustehen und ernsthaft durchzugreifen, schoben sie die Pelzkappen hin und her, krauten sich hinter den Ohren und meinten: Das sei halt eine gar arg böse Sache! Der Schulz und der Kirchbauer hätten nun einmal die Gewalt, wolle man sie antasten, könne man sich allzuleicht die Finger verbrennen, und überdieß sei es ein ungewiß Ding, was im besten Fall herauskomme. Der Schulz führe freilich ein schlechtes Regiment, und der Kirchbauer werde nicht mager vom Gemeindegut – aber im Ganzen sei die Wirthschaft noch zu ertragen; was den Kirchbauer betreffe, so greife er keinem Nachbar in die eigne Tasche, und das Gemeindegut sei ja groß! Dazu habe man sich an den Schulzen gewöhnt, ein neuer bringe neue Plage. Und der Lärm – der Lärm! Er – der Bergbauer – würde 149 sich gar nicht einbilden, was das für einen Lärm in die Welt gäbe! – Das alte Lied, die alten Entschuldigungen, der »Gelegenheit« aus dem Wege zu gehen. Nur der Herrnbauer und der Ungersbauer standen fest zum Bergjörg – aber was konnten vier Männer allein ausrichten? Wahrscheinlich wäre auch diesmal noch Alles ruhig geblieben, hätte nicht der Schulz selber bei der Haussuchung seinen Gegnern neue Waffen in die Hand gegeben. Der Bergbauer säumte natürlich nicht, die Drohungen des Schulzen, die er vom Schreinerslorenz erfahren, überall auszubreiten. Das war nun selbst für die Geduld der Bergheimer zu viel! Was, schrieen Alle einstimmig, nicht genug, daß er durch seine Lässigkeit die Gemeinde in Schaden und Kosten bringt, sollen wir auch noch seine Mankos ausputzen und tragen? Der Teufel soll ihm und dem Kirchbauern das Licht halten! Zwei arme Familien von außen haben sie uns schon aufgeladen, nicht zu gedenken der Einheimischen, die sie ruinirten, soll auch noch eine dritte in's Dorf kommen? Oha! Das Schneidershäusle hat dem Kirchbauer genug gewuchert – eh's noch einmal zum Verstrich kommt, reden wir auch ein Wort drein! Das hatte der Bergbauer blos hören wollen; er hielt die Nachbarn beim Wort und brachte den Beschluß durch, gleich am Montag solle eine Deputation in's Amt und dort die Klagen der Gemeinde anbringen. Nun ist es aber in Bergheim Sitte, wenn zwei Männer einen Span zusammen auszugleichen haben, machen sie sich gegenseitig hinter dem Rücken schlecht, schimpfen und lästern zum Erbarmen, in's Gesicht aber reden sie freundlich 150 zusammen und es ist eine Herrlichkeit; man meint, treuere und bessere Freunde habe die Welt noch nicht gesehen. Sitzen sie jedoch im Wirthshaus die langen Nächte zusammen, haben faule Witze und überreichlich genossenes Bier das Blut in Wallung gebracht, dann bricht der lange geheim gehaltene Groll hervor, und auf der Bierbank, vor allen Gästen, waschen sie ihre schmutzige Wäsche! Still und friedlich geht natürlich der Zank nicht ab; Tische, Stühle und Gläser wissen am andern Morgen ein Lied davon zu singen. Heute, am Sonntag Abend, war die Wirthsstube gedrückt voll Menschen, an fünf großen Tischen saßen die Nachbarn rauchend und trinkend zusammen. Aber die Unterhaltung wollte nicht in Fluß kommen, eine gewisse Spannung lag auf den Gesichtern, je weniger man redete, desto schneller wurden die Gläser leer – kein Zweifel, es zog sich ein Gewitter zusammen. Besonders mißmuthig saß der Eckenhanfrieder in seinem Winkel. Bei der Theilung der Hinterlassenschaft seines Schwiegervaters in Dammsbrück hatte er, um ein möglichst großes Erbstück herauszuschlagen, seinen Schwager, der das Gut übernehmen sollte, unvernünftig in die Höhe gesteigert, weil er meinte, dieser würde das väterliche Gut nicht aus den Händen lassen. Dieser aber, der auswärts eine billige Gelegenheit kannte, drehte plötzlich den Spieß um und erklärte mit Zustimmung sämmtlicher Geschwister: Um den Preis solle der Eckenhanfrieder das Gut selber behalten. Dabei blieben auch die Geschwister stehen, und dem Hanfrieder, dem schon auf seinen Bergheimer Grundstücken die Schulden bis an den Hals gingen, ward das Dammsbrücker Gut zugeschrieben. Jetzt eben 151 rechnete und rechnete er, wie er sich aus der Schlinge ziehen wollte, ohne ein Bettler zu werden, dabei ward er auf sich und alle Welt fuchsfalsch. Sticht den Schulz der Hafer, und da es in der Stube gar so still ist, meint er, das sei eine Gelegenheit, den Eckenhanfrieder ein wenig zu hänseln. Thut also einen mächtigen Zug, drückt den Tabak in seiner Pfeife nieder, macht ein schlaues Gesicht und sagt: »Nu, Hanfrieder, sitz'st ja meiner Seel' da wie ein Forstgehülfle, der ein Reh statt einen Bock g'schossen hat und sich nicht zum Förster getraut! Wo fehlt's denn? – Drückt Dich öpper (vielleicht) Dein Dammsbrücker Gütle?« »'s hat jeder Mensch sein Bündel auf'm Buckel!« war die gereizte Antwort. »Wer weiß, was Euch drückt!« »Hast wahrscheinlich eine Goldgrube drüben,« fuhr der Schulz fort zu sticheln, »weil Du so tapfer darauf los Schulden machst?« »Das braucht man gar nimmer heutzutag!« entgegnete Hanfrieder bedächtig. »Ich bau' auf meine Güter Schneidershäusle und laß sie drei-, viermal verstreichen! – He, Kirchbauer, das ist noch mehr wie eine Goldgrube!« Der Stich saß! – Lautes Gelächter übertönte die Antwort des Kirchbauern, der Schulz biß einen Ringel seiner Pfeifenspitze ab. Nach einer Weile begann er: »Bist ein Hauptkerl! 's ist schade, daß Dich Bergheim einbüßt!« »Ja, ich geh' auch eigentlich nicht gern, aber in Bergheim gibt's so schon Hauptspitzbuben genug, da ist nichts mehr zu machen. Drüben werd' ich Schulz und Gemeinderechnungsführer, nachher sitz ich warm! Die Dammsbrücker 152 warten auch schon mit Schmerzen auf mich, so begierig sind sie auf die Bergheimer Herrlichkeit!« »Potz Donnerschlag!« schrie jetzt der Schulz und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Was soll das heißen? Ist das auf mich gemünzt? Hanfrieder, dasmal hast Du dem Kalb in's Aug' geschlagen, das Wort kommt Dich theuer zu stehen!« »Nu, nu, stoßt nur nicht gleich dem Faß den Boden aus, ich lauf' Euch ja nicht davon!« entgegnete der Eckenbauer heuchlerisch demüthig. »Wenn Ihr mich verklagen wollt, wartet wenigstens, bis ich Schulz bin, nachher muß mir doch wenigstens die Gemeinde die Kosten, Straf' und Gäng' ersetzen!« Das Gelächter seiner Nachbarn öffnete dem Schulz die Augen! Was hätte er darum gegeben, konnte er seine unüberlegten Reden ungeschehen machen! Das war kein Scherz mehr, das waren auch nicht zufällige Einfälle des Eckenhanfrieder, dahinter steckte mehr, eine Verabredung, eine Vereinbarung. Und als jetzt seine Blicke über die Versammlung glitten – da wußte er, diesmal stand die ganze Gemeinde einmüthig gegen ihn. Was nun thun? – Schweigen durfte er nicht, sonst war seine Sache schon heute verloren! – Halt, ein Scherz zu rechter Zeit hat schon über Vieles hinweggeholfen! Trotzdem er fühlte, daß sein Gesicht weiß sein mußte wie die Wand, zwang er sich doch zum Lachen und sagte: »Hast Deine Sache nicht schlecht gemacht; ein andermal geht's anders, dann hab' ich die Lacher auf meiner Seite. Hast mich gut heimgezahlt! – 's ist wahr, man sollt' sich eher die Zunge abbeißen, 153 eh' man ihr im Zorn den Lauf läßt! Da ist mir gestern in der Hitz' gegen den Schreinerslorz so ein dumm Wort 'rausgefahren, – nun muß ich mir damit auch schon auf's Maul schlagen lassen. Macht mir nur keine Geschichten; es weiß doch Jeder, was auf solche Reden, die einem in der Jast 'rausfahren, zu geben ist!« »Daß Dich der Hund beißt, Schulz, da muß ich auch dreinfallen!« sagte der Grundmüller. »Wie Ihr gestern im Hirtenhaus aufgetreten seid, das war nicht blos Hitz' und Jast! Ihr habt gut genug gewußt, was Ihr sagtet, und ich wollt' einen Eid drauf ablegen, 's war Euer Ernst!« »Die Uhrmacherles müßten in's Hirtenhaus, hat er gedroht!« schrie der Mäurerslang. »Er soll's einmal leugnen, daß die Hypothek auf ihrem Häusle schon wieder eingeklagt ist, der Heuchler!« Vergebens bat der Bergbauer die Nachbarn, ruhig zu sein, das Wirthshaus sei nicht der Ort, wo man solche Sachen zum Austrag bringe, sie sollten sich nur gedulden, es würde sich Alles finden! – seine Stimme ging ungehört in dem Tumult, in dem Schimpfen der Aufgeregten unter. Schon begann der Wirth vorsorglich Biergläser und Stühle aus dem Handbereich der Wildesten zu entfernen, als der Ottensmärt Alle überschrie. »Lang' genug hat mich der Kirchbauer am Narrenseil geführt, morgen mach' ich's wett! Ich war lang' im Ausschuß, mein Wort hat Gewicht – und morgen geh' ich mit der Deputation in's Amt und verlang', daß eine Kommission 'raus kommt und die Rechnungen prüft! Und wenn die andern Alle zurückwollen – dann geh' ich allein, so wahr ich Märt heiß'!« 154 Tiefe Stille folgte diesen Worten – alle Augen blickten erstaunt, erschrocken auf den Kirchbauer und Schulzen. Der Kirchbauer war jach aufgefahren und starrte verstört um sich, der Schulz dagegen sank wie zerbrochen in seinen Stuhl zurück. Langsam strich er sich über's Gesicht, stand auf und ging still hinter dem Kirchbauer, der wankte wie ein Betrunkener, aus der Stube. »– – und wie willst Du Dich nun 'rausreden?« fragte der Schulz tonlos. »Was soll das heißen? Wie kannst Du mir so kommen?« stieß der Kirchbauer mühsam hervor. »Hast Du nicht Deine Finger in allen Sachen gehabt? Nichts da, Schulz! – Mitgegangen, mitgehangen!« »Hast Du Beweise? – Und Dein Zeugniß gilt nichts! – Ich komm' denen zuvor! Morgen geh' ich in's Amt, sag', ich wär jetzt erst hinter Deine Schliche 'kommen. Hast Du den Ausschuß betrogen, warum nicht auch mich? – Du kannst mir nichts nachweisen, ich brenn mich rein und leg' das Schulzenamt nieder – wie Du Dir hilfst, sieh selber zu. Geht's an Hals und Kragen, ist sich Jeder selber der Nächste!« Wortlos starrte der Kirchbauer dem Davoneilenden nach, dann schwankte er heim. 155   16. Revolution. »Daß sich Gott erbarm'! mit meinem Alten ist's nicht richtig!« weinte die Kirchbäurin am Morgen im Eckenhaus. »Ich kann das Elend daheim nicht mehr ertragen! – Gestern Nachts, wie mein Alter heimkommt, fällt er mitten in der Stube längslang hin. Als ich ihn aufheb', ächzt er: »Geh, Alte, Du hältst mich nicht, das ist das Schneidershäusle! Ja – das Schneidershäusle! – vielleicht bricht mir's doch noch den Hals!« – D'rauf macht er Licht und schließt sich in die obere Stube, die ganze Nacht geht er auf und ab und hört auf kein Klopfen und Rufen. Nur manchmal lacht er: Das Schneidershäusle bricht mir den Hals! Dann flucht er auf sich, den Schulzen, auf alle Welt – manchmal hör' ich ihn auch weinen! Ach, um Gotteswillen, Hanfrieder, was ist los, was hat das zu bedeuten?« Es mochte gegen zehn Uhr Morgens sein, da trat der Kirchbauer mit einem Trinkglas aus der Hausthür. Eben bog um die Hausecke eine Kutsche, auf dem Bock neben dem Kutscher der Amtsdiener. Der Kirchbauer griff mit der Hand nach der Stirn und stürzte schwer die acht eisigen Steinstufen hinab. Blutend und röchelnd fand ihn die Bäurin, als sie vom Eckenhaus heimkehrte. Heftig bewegte der Gestürzte den linken Arm, unruhig gingen seine Augen hin und her, er schien etwas sagen zu wollen, aber nur unverständliche Laute brachte er hervor. Jammernd rief die Bäurin den Knecht und die Kinder; als der Bader an 156 das Krankenbett trat, sagte er: »Faßt Euch, Bäurin, den Bauer hat der Schlag getroffen! Seine rechte Seite ist gelähmt und die Sprache verfallen! – Er wird nicht lange zu leiden haben!« Am Wirthshaus stieg der Amtmann aus, fragte nach dem Hirtenhaus, ging auch sogleich die Dorfgasse hinauf, während der Amtsdiener nach dem Schulzen lief. Im ersten Schrecken dachte der Türkenhenner daran, sich krank melden zu lassen; allein dadurch hätte er seine Sache nur verschlimmert. So fuhr er seufzend in seine Sonntagsjacke und kam gerade noch recht, den Amtmann am Arm festzuhalten, der eben daran war, in das Hirtenhaus zu fallen. Die Hirtenhäusler erstaunten nicht wenig, als der vornehme Herr, der mit seiner Brille so scharf dreinschaute, »als wolle er durch neun Paar lederne Hosen durchgucken!« wie sich Hansnikel ausdrückte, sich so genau nach allen Bewohnern und ihren Verhältnissen erkundigte und dabei gar nicht so ungeschickt fragte, wie es sonst dergleichen Herrn in der Art haben. Als er gar dem Schreinerslorenz freundlich auf die Achsel klopfte, Margelies die Hand drückte und ihr herzlich dankte, daß sie sich der verlassnen Kinder angenommen, kam Hansnikel fast eine Rührung an; schon hatte er seine Beutelmütze in der Hand und wollte eine Klage wegen des Beiles und Obstes anbringen, aber ein wüthender Blick des Schulzen schreckte ihn ab. Noch hatte der Amtmann den Schulzen nicht angeredet, auch auf dem Heimweg würdigte er ihn keines Wortes, nur dann und 157 wann streifte er ihn mit einem finstern Seitenblick – dem Henner ward es grün und gelb vor den Augen. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von der Ankunft des Amtmanns durch's Dorf und erweckte verschiedenartige Empfindungen, angenehme wohl kaum; als darnach das Gemeindeglöckchen bimmelte, fuhr mancher Nachbar heftig zusammen, und der Gang in's Wirthshaus ward so schwer und lang, er schien gar kein Ende nehmen zu wollen. Die obere Stube im Wirthshaus war gedrängt voll, und all die Männer blickten erwartungsvoll auf den Amtmann, der eifrig seinem Schreiber dictirte. Endlich befahl er die Thüre zu schließen, die Brillengläser funkelten über die Versammlung, dann erhob sich der Amtmann und hielt eine lange Rede, wie sie die Bergheimer wohl selten gehört hatten. Schon die gewaltige Stimme allein drang in die Seele, mehr noch erschütterten die Worte, die bei allem Ernst, aller Strenge doch ein so edles Herz, ein so liebevolles Gemüth bekundeten. Der Amtmann trug nicht erst die Kirche um das Dorf herum, er ging auf den Kern der Sache ein, berichtete, wie er erst gestern genauere Kunde von den heillosen Zuständen erhalten habe und schilderte dann in grellen Farben, was er im Hirtenhaus gefunden. Zuletzt rief er: »Siebzehn Menschen – ich sage: Siebzehn Menschen sind auf den Raum einer mittelgroßen Wohnstube beschränkt, Männer, Weiber und Kinder durcheinander. – Und noch nicht genug des Jammers! Es wurde die Klage laut, zu den Bewohnern, siebzehn an der Zahl, solle noch eine Familie von sechs Köpfen kommen! – Ist dem so?« 158 Schweigend saßen die Männer dem glühenden Mann gegenüber, der Schulz hatte den Kopf tief auf die Brust sinken lassen. Mit Verachtung im Ton und Blick fuhr der Amtmann fort: »Also auch das bestätigt sich! – Und das geschieht in einem deutschen Dorf im neunzehnten Jahrhundert! – Ich will vorläufig nicht untersuchen, auf welche Art die Familien dahin gebracht wurden und werden, daß sie zuletzt das Hirtenhaus als letztes und einziges Rettungsmittel ansehen müssen, ich enthalte mich eines Urtheils über die Ortsobrigkeit, die so ihre Pflicht vergessen konnte – hierüber behalte ich mir weitere Schritte vor. Aber meine tiefste Verachtung muß ich aussprechen über eine Gemeinde, in der solches geschehen kann! Verachtung, Schande den Männern, die das geschehen lassen! Ich bin sonst kein Freund vom Befehlen, ich freue mich, wenn die Männer die Ordnung der Gemeindeangelegenheiten selbst in die Hand nehmen, wenn sie auf eignen Füßen stehen. Aber Ihr verdient solche Freiheit nicht; wie widerspenstige Pferde müßt Ihr in scharfe Zucht genommen werden; Nachsicht wäre Sünde gegen Euch und Eure Armen! Und so befehle ich, daß der Verwilderung im Hirtenhause durch scharfe Ueberwachung der Zuchtlosen ein Ende gemacht wird, daß die Kinder in Familien untergebracht werden, und, sollte sich für die überzähligen Bewohner keine andere Herberge finden lassen, im Frühjahr unverzüglich der Bau eines neuen Armenhauses in Angriff genommen wird!« Die Bergheimer ließen die Köpfe hängen, manche ballten die Faust in der Tasche, zu entgegnen wagten sie nichts. Nur der Bergbauer stand auf und seine Augen glänzten, 159 als er begann: »Herr, nichts für ungut, Sie gehen zu weit und thun uns Nachbarn schwer Unrecht. Wieder einmal muß der Gaul büßen, was der Fuhrmann versehen hat! Sie beschimpfen uns, weil wir nicht hinderten, daß der Schulz den Karren in den Dreck schob! – Konnten wir's hindern? Sie sind noch nicht lang im Amt, vor Ihnen war ein Anderer da, der dachte gerade umgekehrt wie Sie: Der Amtmann müsse Herrgottle für die Bauern spielen, vorschreiben, wie sie die Schwefelhölzle anpacken müßten, daß sie sich die Finger nicht verbrennen. Als Handlanger brauchte er die Schulzen, und wie sich jeder Schulz ein Herrgott im Kleinen däuchte und auf den Amtmann schwor, schlug der wieder hinten und vorn aus wie ein kitzliches Pferd, rührte man an einen Schulzen. Kam eine Klage ein über schlechtes Dorfregiment, fühlt' er sich selber gekränkt, und statt durchzugreifen und das Uebel abzustellen, tückt' er sammt dem Schulzen den Kläger auf alle Weise. Ist's da zuletzt den Bauern zu verdenken, wenn sie auch stöckisch werden und weder Hand noch Fuß regen, so lange ihnen das Wasser nicht an die Gurgel reicht? – Und noch einmal sag' ich, Sie thuen uns schwer Unrecht! Wie Sie vom Gemeinderegiment denken, konnten wir nicht wissen, und Proben haben Sie auch noch keine gegeben, und doch waren wir Männer einmüthig gesinnt, heute eine Deputation an Sie zu schicken, daß endlich eine andre Ordnung aufkäm'.« Der Bergbauer wischte sich den Schweiß ab; er war auf eine heftige Entgegnung gefaßt, als aber der Amtmann schwieg, fuhr er fort: »Unser Armenwesen ist traurig 160 bestellt, sell ist nicht zu leugnen; aber meinen Sie wirklich, daß mit dem Bau eines neuen Armenhauses geholfen wäre? – Und wenn das dritte Haus im Dorf ein Armenhaus wird, stehen wir auf dem alten Fleck, und das Elend ist so groß wie zuvor. Ich meine, da muß ganz anders eingegriffen werden! Je schöner die Armenhäuser werden, desto verlockender ist's für die Armen, 'nein zu kommen! Gar kein Armenhaus mehr, das wär' das Rechte – höchstens noch einen Zufluchtsort für Alte und Gebrechliche. Ich meine, den Armen ist am besten geholfen, wenn man sie nicht erst verlumpen läßt. – Zu rechter Zeit dem Bedürftigen auf eine freundliche Weise unter die Arme gegriffen, die ärgsten Steine aus dem Weg geräumt, daß sie wieder Muth kriegen, sich selber zu helfen – da liegt's nach meiner Meinung!« »Fahren Sie fort!« rief der Amtmann, als der Bergbauer stirnrunzelnd schwieg. »Ja, 's muß auch 'raus – hat mich lange genug gewürgt! Daß unser Armenwesen so im Argen liegt, hat zum guten Theil die Regierung selber verschuldet. Wir sind so lange und so oft von oben herunter gezwungen worden, schlechte Leute, die ganz was anderes verdient hätten, zu unterstützen, daß wir alle Lust am Geben verloren haben. Soll man sich nicht erzürnen, wenn man helfen muß und weiß doch voraus, die Gabe ist weggeworfen, stützt Faulheit oder gar Schlechtigkeit, wird Bedürftigeren entzogen? – – 's ist löblich, daß sich die Regierung der 161 Armuth annimmt, aber allzuviel Regierung ist vom Uebel auch in der Sach'! Zwingt uns nicht mehr jeden Lumpen, der nicht arbeiten mag oder Alles durch die Gurgel jagt, auf den Hals; laßt uns in der Armenversorgung auch ein Wort dreinreden. – Die rechtschaffne Armuth wird's Euch danken! Ich meine nicht, die Liederlichen dürfe man im Elend umkommen lassen, Mensch bleibt Mensch! Aber wenn die Nachbarn mit ihrem Gut, mit ihrem sauern Schweiß andern Menschen beispringen sollen, dürfen sie wohl verlangen, daß die auch ihre Kräfte gebrauchen, nicht dem Herrgott die Tage abstehlen oder die Almosen in den Wirthshäusern verthuen. Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen! sagt schon das Sprüchwort! – Also meine ich: den unverschuldet Verarmten zu rechter Zeit liebreich unter die Arme gegriffen und gleich ordentlich, daß sie wieder Muth und Freudigkeit kriegen; den Lässigen und Schlechten aber nur dann geholfen, wenn sie sich der Aufsicht und Zucht der Gemeinde unterwerfen! – Noch ist die Armuthei nicht so gefährlich in Bergheim, wie es den Anschein hat – wir bedürfen keines neuen Armenhauses, eine bessere Ordnung und Einrichtung, die fehlt!« Der Amtmann spielte nachdenklich mit einem Bleistift. Plötzlich sah er dem Bergbauer voll in's Gesicht: »Ordnungen, Gesetze sind todte Formen, der Geist muß sie erst beleben. – Wer bürgt, daß solche Einrichtungen auch in Ihrem Sinn geübt werden? Wer bürgt, daß die Gemeinden ihre Freiheit nicht mißbrauchen und nun erst die verschämten Armen verkommen lassen, die Unverschämten in unerträgliches Joch spannen?« 162 »Sie wollen sagen: Der Bauer ist aus hartem Holz geschnitzt, ist zäh, er thut nur, was er muß! – 's ist was Wahres dran! Wir sind hart wie unser Boden, dem wir die Ernten abzwingen müssen; wir sind streng, wie's unser Boden gegen uns ist – der verträgt auch keine liederliche Arbeit, und Sudelei straft er unbarmherzig durch Mißwachs. Und thun wir freiwillig nichts mehr – ei, wer hat's zu verantworten als die, so uns Bauern behandeln wie unmündige Kinder, uns mit Gesetzen und Verordnungen einschnüren, daß wir uns nicht regen noch bewegen können? – Und trotzdem ist's nicht so schlimm; wir Bauern haben auch ein Herz, so gut als die Reichen und Vornehmen, nur unsre Art ist anders! – – – Daß die neuen Ordnungen recht geübt werden – ei dafür eben dächte ich, wäre die Obrigkeit da. Beruft nur die richtigen Leute in die Armenverwaltung und haltet die Augen offen, ich meine, dann kann's nicht fehlen!« Der Amtmann entgegnete, wie das nicht so leicht gehe; für solche neue Ordnungen müsse erst ein Boden geschaffen werden. »Ei ja freilich!« fiel ihm da der Bauer in's Wort, »so macht einen Anfang, Boden ist schon da, nur an der Bearbeitung fehlts. Ich mein's auch nicht so, als müsse mit einem Schlag eine neue Welt dastehen – aber eben der Anfang! – Probiren Sie's einmal, stehen Sie ab vom neuen Armenhaus und helfen Sie uns eine andere Einrichtung mit den Armen treffen – 's wird schon gehen! Und ja, was ich eigentlich sagen wollte. Das Armenwesen ist nicht der einzige Schaden in unsrer Gemeinde, nicht einmal der größte! Der Schulz und der 163 Kirchbauer waren bis heute Herren im Dorf, nach ihrer Pfeife mußte Alles tanzen, und mit dem Gemeindegut haben sie geschaltet nach Belieben. Seit Jahren ist keine ordentliche Rechnung gelegt worden, und wo die Gelder für den Eichenschlag damals beim Brückenbau hingekommen sind, weiß bis heute kein Mensch. Räumen Sie da auf, Herr Amtmann, schaffen Sie da Ordnung, und es wird gar Manches von selber anders im Dorf!« Lautloses Schweigen lag auf der Versammlung, die meisten Augen senkten sich vor dem durchdringenden Blick des Amtmanns, der Schulz war ganz in sich zusammengesunken. Der Amtmann befahl, den Kirchbauer herbeizurufen, aber der war menschlicher Gerechtigkeit entrückt. Den Schulzen enthob er seines Amtes, nahm ihm die Papiere und das Gemeindesiegel ab und übertrug dem Bergbauer einstweilen das Dorfregiment. Als er dann in Begleitung des Bergbauern und Herrnbauern in die Stube des Kirchbauern trat, ging ein Zittern durch den Körper des Kranken, noch ein tiefer Seufzer – und der Kirchbauer war verschieden.   17. Am Dorfteich. Neue Zeit! – Der Frühling war gekommen, wie alle Jahre mit goldigem, warmem Sonnenschein, Vogelsang, Blüthenduft und Saatengrün! Zwar konnte auch der abziehende Winter seine Tücke noch nicht lassen, sendete manchen eisigen Sturmwind hinein in die erwachende Welt, 164 streute dem Frühling Schnee und Eis in die maigrünen Gewänder – aber die Sonne war stärker als der Sturm, und dem mürrischen Gesellen, dem Winter, zum Trotz verwandelte sie die Schnee- und Eiskrystalle aus Grashalmen und springenden Knospen in blitzende Thauperlen. Und als die ersten Störche über Bergheim wegzogen, neben den Lerchen auch das Rothkehlchen seinen lieblichen Gesang anstimmte und die Hecken belebte, unter denen schon die Veilchen dufteten, da öffneten sich Thüren und Fenster, die Menschen verließen das enge Haus, sogen die erquickende Luft in tiefen Zügen ein und erfreuten sich an Licht und Sonnenwärme. Besonders in der tiefen Schlucht, die sich der Lindenbach auf seinem kurzen Gang zum Thal ausgewaschen und die ihm nun selber zu Zeiten zum Gefängniß wird, indem der Dorfmüller durch mächtigen, von Pappeln und Weiden umrauschten Damm die Schlucht sperrt und den rauschenden Waldsohn zum Stillstand zwingt, regt sich munteres Leben. Heiß legt sich die Sonne in den Kessel, der dem rauhen Nord- und Ostwind unerreichbar ist, und zuerst in der ganzen Flur springen hier die Knospen der Pappeln und Weiden, duften die Veilchen, zuerst hüllt sich hier der Herrgottsbeerstrauch (Stachelbeerstrauch) in sein grünes Röcklein, spiegeln die Märzenbecher, die Butter- und Dotterblumen ihre gelben Kronen im klaren Wasser des Lindenteiches. Wie die Hühner, die sich in den lockern Sand eingraben, das Gefieder aufsträuben, um es so recht von der Sonne durchglühen zu lassen, kennen und lieben auch die jungen Menschenblumen den traulichen Ort, auch sie 165 ziehen dem Licht und der Wärme nach und vollenden durch ihr fröhliches Treiben das Bild machtvoll erwachenden, in sich selbst genügsam beschlossenen, wonnevollen Lebens. An den steilen, graslosen Hängen der Schlucht, unter der überhängenden Hecke von Hasel, wilden Rosen und Schlehdornsträuchern, von deren Wurzeln die Schafe den lockeren Erdboden weggetreten, in weichem, warmen, langsam rieselnden Sand lagen die Kinder des Dorfes, dehnten behaglich die kleinen Glieder in der brütenden Sonnenwärme, blickten mit halbgeschlossenen Augen hinaus in das tiefe unendliche Himmelblau und verfolgten träumerisch mit ihren Blicken den blühenden, nickenden Schlehdornzweig, bis er sich in einen herrlichen, lichtstrahlenden Engel verwandelte, der langsam am Himmel auf- und abschwebte, ihnen auch im Traum noch lächelnd zunickte, als sich die müden Augen im süßen Schlummer geschlossen, als wolle er ihren Schlaf behüten. Andere saßen vertraut zusammen, ließen den warmen Sand durch die Händchen laufen und sangen: Müller, Müller, Mahler, Die Buben kosten ein' Thaler, Die Mädle gibt man um Batzen her, Und ist dabei noch kein Begehr! Darauf antworteten die Mädchen: Müller, Müller, Mahler – Die Mädle kosten ein' Thaler, Sie kommen in ein' Seidenbett Die Buben in die Dörnenheck! Die älteren Geschwister saßen auf dem Teichdamm, baumelten die nackten Füßchen über den spiegelnden 166 Wellen, und während sie mit feierlichem Ernst die Weidenzweige beklopften, die Rinde vom Holz zu lösen, summten sie eintönig vor sich hin: Brumm, Brumm, Pfeifemann, Steig einmal den Berg hinan; Bis Du kommst in's Dorf herein Müssen die Pfeifen gerathen sein! Oft brachen sie auch mitten in ihrer unschuldigen Beschwörungsformel ab, warfen sich auf den Rücken, strampelten mit Händen und Füßen und jubelten hell hinein in den Sonnenschein, als quelle aus der Erde neue, wonnevolle Lebenskraft empor. Etwas abseits stille für sich saß das Schreinersmariechen, lauschte dem Gesang des Rothkehlchens droben in der Hecke, dem Rauschen des Wassers in der Tiefe, dem Summen der Bienchen im Herrgottsbeerstrauch, dem Lachen und Singen der Kinder und ließ sich auch den Lärm mit den Weidenpfeifen wohl gefallen – stimmte doch Alles so gut zusammen. Und das Klingen und Brausen in den Lüften, das Blitzen der Wellen im Teich, das Schimmern der feuchtglänzenden, eben sich öffnenden Knospen und jungen Blätter – das Alles senkte sich tief in ihr Gemüth, sie empfand es wie unbeschreibliche, unsägliche Frühlingswonne und Lebenslust! Dabei regten ihre fleißigen Finger ununterbrochen die Stricknadeln, und ihre Augen hüteten die Geschwister sammt der Jüngsten der Schwarzen. Geduldig litt sie auch, daß ihr Tine mit allerlei frühen Blättern und Blumen Kopf und Hals schmückte, geduldig machte sie Emil die Pfeife zurecht, die der kleine Wildfang alle Augenblicke 167 in Unordnung brachte, pfiff selber darauf, daß es schallte und lachte mit den Kleinen um die Wette. Die kleine Schwarze sah wohl noch ein Bischen wild und verstört drein, aber die wahrhafte Liebe bezwang auch das verwilderte Gemüth, leise kam sie heran, schmiegte sich an Marie und flüsterte ihr in's Ohr: Ich bin Dir gut! Ja, eine neue Zeit war für die Kinder des Hirtenhauses gekommen, ein neues, besseres Leben ihnen aufgegangen. Die Kleinen ahnten davon nichts, ihnen war noch der Augenblick Alles, aber Marie empfand das Glück der Gegenwart tiefer, als man dies bei ihrer Jugend hätte erwarten sollen. Sie war nicht mehr das alte Wesen; der Kummer, das Leid des Winters hatten der klaren Stirn eine kleine Falte zwischen den Augenbraunen eingegraben, dem kleinen Mund einen selbstbewußten, fast trotzigen Zug aufgeprägt. Aber die finstere Vergangenheit war überwunden, ohne Schaden vorübergegangen; das leuchtete aus den großen, sprechenden Augen, sprach aus dem oft sich zeigenden Grübchen der Wangen, die eben die kindliche Rundung verloren. Und wie das süße Mädchen, halb Kind, halb Jungfrau, von Blumen fast verdeckt, von lachenden Kindern umspielt, von Licht und Glanz umflossen, halbversteckt im lichtgrünen Herrgottsbeerstrauch saß, da glich sie einem lebendig gewordenen Märchen. Eben keuchte das Bettelfräle zu ihr empor und sagte nach Athem ringend: »Ach Du lieb's Gottle! Kind, Kind! – siehst Du nicht aus wie das leibhaftige Glück? Dir geht's noch einmal gut in der Welt, merk' Dir's, das alte Bettelfräle hat's gesagt. Ja lach' nur, lach' nur, 's ist 168 doch so! – Woher ich's weiß? – O Du Närrle, wenn man alt wird wie ich, so viel unter den Leuten herumkommt, da lernt und versteht man gar viel, was andern Menschen verschlossen ist. Und ich sag', Du hast Wunderaugen, die ziehen das Glück an, 's muß kommen; ja, ja, Glücksaugen hast Du. – Ach Du lieb's Gottle, und Du verdienst es auch, daß Dir's gut geht, allein an mir hast Du mehr als Gottessegen verdient! Weiß nicht, Mädle, wie das ist, seit Deine Leute im Hirtenhaus sind, hab' ich gar keine Freude an meinen Gängen mehr! – Das ist schlimm, arg schlimm – gib Acht, ach Du lieb's Gottle. Ja, ja, gib nur Acht, ich sterb' bald!« »Ach, Fräle, redet doch nicht so!« rief Marie und hing sich an den Hals der Alten. »Ihr dürft nicht sterben! Wer sollt' uns sonst die schönen Lieder und Reimgebetle lehren? Ach, Fräle, gelt, Ihr sterbt nicht, noch lang' nicht?« »Ach, Du lieb's Gottle, Du Närrle! – so arg geschwind wird's ja öpper doch nicht gehen!« sagte die Alte selber ganz erschrocken und trocknete dem Mädchen die Thränen ab. »Sei nur vernünftig; guck, bin kommen, Dir die Kinder ein Linsele abzunehmen, hab's vom Hirtenhäusle gesehen, wie sie Dich plagen. Strick Du jetzt, ich paß' schon auf! – Ja, ja, ach Du lieb's Gottle! ja, mit dem Sterben, siehst Du, Dir darf ich's ja sagen – das ist so ein Ding! Ich stürb' eigentlich gern, aber auf der Welt ist's halt auch schön – ach, die Sonn' und die Wärm' – aachele – die thuen meinen alten Gliedern gar so wohl! Und zumal jetzt, da eine neue Zeit für's Dorf und 169 Hirtenhaus 'kommen ist, möcht ich schon sehen, wie's Bestand hat! – Ach Du lieb's Gottle! ja, ich bet nicht um langes Leben, aber wenn mir's der Herrgott verleiht, nehm ich's mit Dank an! – So, strick Du jetzt!«   18. Neue Zeit für Dorf und Hirtenhaus. Ja, auch für Bergheim und besonders für das Hirtenhaus war eine neue Zeit im Anzug, man spürte ihr Wehen überall, wenn auch bis jetzt zumeist an den Stürmen und Frostschauern, die sie begleiteten. Der Bergbauer war nun wirklich erwählter Schultheiß von Bergheim, ein neuer, in den Hauptsachen ihm gleichgesinnter Ausschuß stand ihm zur Seite, und auch der Amtmann, noch von ihrem ersten Zusammentreffen her sein Freund, half ihm, so viel er konnte, eine neue Ordnung der Dinge in Bergheim heraufführen. Aber das war ein schweres Werk, ging nur langsam vorwärts, und der Bergjörg wollte oft daran verzweifeln, ob es ihm je gelingen werde, Friede und Ordnung in der Gemeinde herzustellen. Der Tod des Kirchbauern – zu so rechter Zeit er für ihn selber eintrat – für die Gemeinde war er ein schweres Unglück. Die Papiere fanden sich in gränzenloser Unordnung und Unvollständigkeit; war es schon fast unmöglich, die verschiedenen Kassen und die ihnen zukommenden Beträge nach den noch vorhandenen Beständen auseinanderzuscheiden, so mußte man es ganz aufgeben, den wahren Stand der Dinge festzustellen, da der Türkenhenner 170 und der Beckenphilpert jede Auskunft beharrlich verweigerten, der Ottensmärt in der That nichts wußte. Soviel war freilich bald klar: Es fehlten bedeutende Summen; aber ihre wirkliche Höhe war ebenso wenig zu bestimmen als ihr Verbleib, mit Gewißheit konnte man nicht einmal sagen, wer die Unterschleife begangen haben mochte, da gewisse Anzeichen dafür sprachen, daß der Kirchbauer wenigstens nicht der alleinige Thäter gewesen. Zuerst gingen der Türkenhenner und der Beckenphilpert tiefsinnig herum, fuhren zu dem und jenem Advokaten, kehrten aber stets niedergeschlagen zurück. Gegen die Nachbarn waren sie auffallend herzlich und demüthig, redeten auch kein Wort in die Gemeindeangelegenheiten. Kaum erkundeten sie jedoch den Stand der Dinge, kaum fühlten sie sich sicher, als sie die Köpfe erhoben, gekränkte Unschuld spielten, laut auf gründliche Untersuchungen drangen und überall lärmten: Den Kirchbauers dürfe nicht ein Heller von den veruntreuten Geldern geschenkt werden! Dazu näherte sich der Türkenhenner den alten Freunden wieder, die schon über das ungewohnte, straffe Dorfregiment klagten, schürte ihre Unzufriedenheit und machte viel böses Blut durch die heimlich ausgestreute Bemerkung: Dem Schulz und Amtmann sei nicht zu trauen, sie seien in der Geldgeschichte nicht eifrig genug; wäre er noch Schulz, dann sollte es ganz anders stehen! So zogen sich neue Wolken über Bergheim zusammen, ehe noch die alten Ungewitter verschwunden waren. Der Schulz und der Amtmann erfuhren natürlich alle Reden des Türkenhenner, ließen ihn aber ruhig gewähren und 171 stellten sich, als hätten sie keine Ahnung von seinen Umtrieben. Wieder einmal rief das Gemeindeglöckchen die Einundzwanzig zusammen, und als die Nachbarn alle versammelt waren, begann der Bergjörg: »Ihr Nachbarn, da habe ich eine Zuschrift vom Amt, worin der Gemeinde gerathen wird, da sich was Bestimmtes gegen den Kirchbauer nicht nachweisen läßt, soll sie nicht allzuhart gegen die Wittwe und die Kinder auftreten, die ohnedem geschlagen genug sind. Wir sollen einen Vergleich eingehen; die Wittwe ist bereit, fünfhundert Gulden herauszuzahlen. Seid Ihr damit zufrieden, soll die ganze Geschichte niedergeschlagen werden? Jetzt sagt Eure Meinung!« Der Türkenhenner und sein Anhang murrten und steckten mit ihrer Unzufriedenheit auch die übrigen Nachbarn an; der Beckenphilpert brummte allerlei in den Bart, und da sich der Bergjörg einmal ganz still verhielt, diese und jene grobe Bemerkung mit Absicht zu überhören schien, schwoll dem Türkenhenner der Kamm, plötzlich platzte er heraus: »Die Nachbarn werden keine Narren sein und sich hinter's Licht führen lassen! Fünfhundert Gulden – das ist ja zum Lachen – fünfzehnhundert langen noch nicht hin! Die Nachbarn wissen auch gut genug, woran's fehlt; ging's in der Sach' mit rechten Dingen zu, würde es ganz anders klingen!« »So, Henner, das wollt' ich von Euch nur hören!« sagte der Bergbauer und riß seine Weste auf. »Gottes Wetter auch 'nein! und Ihr habt das Herz, so was zu sagen? Daß Ihr's wißt, ich und der Amtmann kennen 172 schon lang' Eure Schliche – aber wir wollen Euch gern ganz beim Krips haben. – So – die Gemeinde ist Zeuge gegen Euch!« Der Türkenhenner war wie vom Donner gerührt, er mußte sich setzen, die Stube begann sich um ihn zu drehen. Nach einer Weile fuhr der Schulz fort: »Und nun, Henner und Ihr Nachbarn, hört, was ich sage. Der Henner kann mir nicht genug Steine in den Weg werfen, sogar meinen guten Namen tastet er an – und Ihr – Ihr seid wie immer seine Narren! Es liegt mir nichts dran, einen Menschen in's Unglück zu bringen, aber auf die Art habe ich's auch satt, Schulz zu sein. – Henner, Ihr macht Euch voreilig patzig! Die Sachen haben sich gedreht, ein paar Zettel sind aufgefunden, deren Schrift Eurer Hand auf's Haar gleicht; auch sonst sind faule Dinge an den Tag gekommen: Seid auf der Hut! – Nimmt jetzt die Gemeinde den Vergleich nicht an, leg ich auf der Stelle mein Amt nieder – dann will der Amtmann gründlich aufräumen. Dann, Henner, werdet Ihr beim Wickel genommen, Ihr ganz allein – nachher wird's freilich bald anders klingen, wer weiß, ob es bei funfzehnhundert Gulden bleibt, die Ihr der Gemeinde ersetzen müßt. Denn Ihr waret des Kirchbauern Vorgesetzter und Ihr habt für das Gemeindegut zu haften, nicht der Rechnungsführer! – So, das habe ich Euch sagen wollen; jetzt, Ihr Nachbarn, ich rede nicht zu und nicht ab, thut, was Euch gut dünkt!« Das gab abermals großes Erstaunen unter den Bergheimern; das Ansehen des Schulzen stieg bedeutend, während der Türkenhenner von seinem eignen Anhang bedroht und verlacht wurde. Der Eckenhanfrieder schrie laut: »Den 173 Vergleich nehmen wir nicht an, um keinen Preis, denn zum Ersten sind tausend Gulden keine Sache, die man mit den Füßen wegstößt; zum andern aber, und das ist der Hauptpunkt, wird bei der Gelegenheit dem Henner auch sein Recht! Legst Du Dein Amt nieder, Schulz, wählen wir Dich auf's Neue, und so ist uns Allen geholfen!« »Weiß nicht, was für ein Teufel in Bergheim sein Wesen treibt!« rief der Herrnbauer, als die Nachbarn laut ihre Zustimmung aussprachen. »Haben wir nicht Schande und Unglück genug im Dorf? soll die Feindschaft und der Haß in Ewigkeit fortgehen? – 's ist freilich wahr, dem Henner wäre ein Denkzettel ganz gesund, und wenn er so gar genau weiß, daß die Gemeinde um mehr denn fünfzehnhundert Gulden gekommen ist, hätten wir wohl das Recht, ihn selber beim Kragen zu nehmen. – Aber wohin soll das zuletzt führen? 's halbe Dorf bringen wir damit in's Unglück – da, seht Euch um, die bleichen Gesichter reden deutlich genug! Laßt's jetzt genug sein, ihr Nachbarn! Der Henner hat sich heut selber ein Denkmal aufgerichtet, dran er genug hat sein Lebtag. Er wird jetzt ruhig sein – fängt er aber doch wieder an zu hetzen, wissen wir, wo wir ihn zu packen haben, seine Geschichten werden nicht in den Rauch geschrieben! – Nicht gebrummt, nicht besonnen, der Vergleich wird angenommen, die Geschichte ist aus und vorbei, abgemacht!« Wenn auch widerstrebend, die Nachbarn fügten sich doch; die Kirchbäurin überließ der Gemeinde das Kapital, das sie auf dem Schneidershaus stehen hatte, dadurch fiel die gerichtliche Klage gegen die Uhrmacherles von selbst 174 weg, die armen Leute waren für diesmal – hoffen wir für immer – gerettet. Der Türkenhenner war schwer gedemüthigt, wieder eine Zeitlang verhielt er sich ganz ruhig; aber er war nun einmal eine Maulwurfsnatur, die sich nur im Dunkeln wohl fühlt und das Wühlen nicht lassen kann. Da und dort bohrte er doch wieder an, alle unlauteren Elemente sammelten sich um ihn. Offen wagte er dem Schulzen nicht mehr zu widerstehen, seine geheimen Bosheiten und Tücke ließ sich dieser nicht anfechten, ruhig und bestimmt ging er auf sein Ziel los. Seine nächste Sorge wendete sich dem Hirtenhaus zu. Bald hing die Grundmauer und der westliche Giebel nicht mehr drohend über die Mergelgasse herein, helle Fenster leuchteten in's Dorf hinab, der Südboden war in ein wohnliches Zimmer verwandelt, und auch für den Hasenherle ein Kämmerchen hergestellt. Stube und Kammern leuchteten im reinen Kalkverputz, ein praktischer, netter Ofen ließ die Wohnstube fast noch einmal so groß erscheinen, neue, genau schließende Thüren hielten ohne Papierverkleisterung die Zugluft ab. Ein breiter, festgestampfter Weg führte zur neuen Hausthür, die Hausflur war erhöht und mit Backsteinen gepflastert, neben dem Ofenloch erhob sich ein bequemer Kochheerd. Links neben der Hausthür war eine Kammer eingerichtet, bestimmt zum Nachtlager für arme Handwerksburschen und anderes fahrendes Volk, wie auch zur Todtenkammer für Verunglückte und Selbstmörder. Besonders letztere Einrichtung fand Hansnikels ungetheilten Beifall, wie überhaupt der Alte mit der 175 Erneuerung des Hirtenhauses sich wahrhaft verjüngte. Zufrieden drückte er dem Schulzen die Hand und sagte: »Sua, Schulz, das ist mir einmal eine Einrichtung, da ist Sinn und Verstand drin! Ihr seid mein Mann! Ich hab's ja gleich gesagt, Mädle, hab' ich gesagt, paß' auf, der Bergjörg, das wird einmal ein richtiger Schulz! – – Sua, Schulz! Das Hirtenhaus wär nun in Ordnung! Habt Ihr für ein Todtenkämmerle gesorgt, macht aber auch das Werk fertig – laßt mein Beil anstählen – 's ist, weiß Gott! 'ne Schand für die ganze Pfarrgemeinde, wie's aussieht. Laßt's anstählen, daß Ruh' wird! – Und helft mir zu meinem Recht, Ihr wißt schon, von wegen der Geistlichkeit und dem Obst – thut's Schulz!« »Hansnikel, werdet Ihr denn nicht einmal vernünftig?« lachte der Schulz. »Was das Beil betrifft, laßt mich in Frieden! Das Inventar bringt die Gemeinde nur in Nachtheil! Seht's als Euer Eigenthum an und laßt's verstählen oder kauft Euch ein neues, wie Ihr wollt!« »Sua!! Sua, sua!!!« entgegnete Hansnikel und spuckte heftig. »Sua – da läuft der Has!! – – Sua! – – Aber hab' ich's nicht gleich gesagt? – Mädle, hab' ich gesagt, ich trau' dem Bergjörg nicht, paß' auf, der ist kein Haar besser wie der Türkenhenner! – – Sua! – 's ist 'ne betrogne Welt, keine Treu' und kein Glauben mehr unter den Leuten! – Nichts für ungut, Schulz, – Schulz ist Schulz! – Verklagt mich, ist's Euch nicht recht, nach Schulzen frag ich nicht soviel!« Damit spuckte er aus und ging davon. Aber nicht blos für das Haus sorgte der Bergbauer, er nahm sich auch der Bewohner an. Christian war nicht mehr hier, er war Knecht in Dammsbrück und hielt sich brav – grade zu rechter Zeit fand er dies Unterkommen, wenige Tage später wäre er auf Antrag des Schulzen ausgewiesen worden. Auch so gab es noch genug aufzuräumen. Auf das Drängen des Bergbauern trat die Wasserchristel nach ihrer Confirmation in den Dienst des Grundmüllers, der zu ihrem Vormund ernannt wurde. Das jüngste Mädchen nahm sein Pathe, der Herrenbauer, zu sich, bei dem es gut aufgehoben war. Die Wassermaus ließ ihre Kinder ungerührt von sich; von Dankbarkeit wußte ihr Herz nichts, ihr Gemüth war voll Zorn gegen den Schulzen und Schreinerslorz. Der Schwarzen – ihr ältestes Mädchen hatte der Schulz selber, das jüngste der Schreinerslorenz zu sich genommen – bestellte die Gemeinde den Lorenz zum Vormund. Die Unglückliche kränkelte seit ihrer Rückkunft aus dem Spital, war auch sonst nicht mehr das alte Wesen – der milde Ernst des Schreiners, die Freundlichkeit, Sanftmuth und Geduld der Margelies, die sie treulich verpflegte, ihrem Kind eine rechte Mutter ward, vollendeten die innere Umkehr der Aermsten. Zu einem neuen Leben erwachte sie freilich nicht mehr, dafür war es zu spät, aber ein milder Lichtstrahl erhellte und erwärmte ihren Lebensabend. Es traten auch Umwälzungen ein, auf welche sich der Einfluß des Schulzen gar nicht oder nur mittelbar erstreckte. Margelies lächelte oft, wenn das alte Mädle an Sonnabenden ihr Haar sorgfältig glättete und auf dem Wirbel zu einem dicken Knoten zusammendrehte, die 177 altmodischen, lange sorgfältig geschonten Kleider hervorsuchte und sich in dem Bruchstück einer Spiegelscheibe sorgfältig beäugelte. Was sie bezweckte, war unschwer zu errathen, ihre zärtlichen Blicke auf den Hasenherle, ihr zuthunliches, glückstrahlendes Wesen, so lange sich der alte Pfiffikus im Haus herumtrieb, sprachen deutlich genug. Und der Hasenherle war nicht blind! Aber diesmal ging er behutsam vor, beschäftigte sich vor den Augen der Hausgenossen vorzugsweise mit dem Hansnikel und wußte sich bald fest in dessen Gunst einzuschmeicheln. Lorenz wunderte sich im Stillen oft darüber, konnte auch bei allem Sinnen keinen Grund dafür auffinden, warum Hansnikel in neuester Zeit so einsilbig gegen ihn wurde, ja ihm geflissentlich aus dem Wege ging. Und doch war das so einfach und natürlich. Lorenz. der ernste, wahrhaftige Mann, empfand Mitleid mit Hansnikel, der sich wegen seiner eingebildeten Rechte immer mehr mit der Welt entzweite, sich ganz vergeblich abhärmte und das Leben verbitterte. Zwar freundlich, aber doch mit dem ihm eignen Ernst, suchte er Hansnikel das Thörichte seiner Meinungen und Forderungen, die – Beil und Schaufel vielleicht ausgenommen! – keinen vernünftigen Grund für sich hatten, nachzuweisen. Aber diese Ansichten waren schon längst zu festen Gebilden in Hansnikels Seele erstarrt, waren zu innig mit seinem ganzen Leben und Denken verwachsen, als daß er jetzt noch ihre Unhaltbarkeit hätte einsehen, sich von ihnen hätte befreien können. Sobald er auf dieses Gebiet kam, hörte sein vernünftiges Denken auf, starr und trotzig behauptete er seinen Sinn und hielt den für seinen Feind, der ihn von seiner Plage 178 befreien wollte. So auch Lorenz; seit der Schulz rundweg erklärt hatte, auch er lasse das Beil nicht anstählen, ward der Verdacht in ihm rege, ob nicht am Ende gar der Schreiner den Schulzen gegen ihn gestimmt haben könne? – Er theilte Hasenherle seine Befürchtung mit, und dieser machte sich kein Gewissen daraus, die Meinung des Alten zu bestätigen – schlug er doch damit zwei Fliegen auf einen Streich: reizte Hansnikel gegen seinen alten Widerpart und setzte sich selber in seinem Vertrauen fest. Seitdem krochen Hansnikel und der Herle viel in einsamen Winkeln herum, hielten lange Gespräche zusammen, die den wunderlichen Alten sichtlich erregten. Oft hörte man ihn murren: »Sua? – Bin ich nicht ein andrer Kerl als der Schreinersdingrich? Was? – Ich? – Und ich führ's durch, dem Schreiner zum Aerger; was der kann, vermag ich auch!« Fest und aufrichtig schloß sich dagegen die Hirtenlang an Margelies an. Aber wenn auch sonst in allen Stücken ein Herz und eine Seele – über einen Punkt konnten sich die beiden Frauen nicht einigen. Die Hirtenlang haßte den Hasenherle und ließ sich auch von der Margelies nicht abhalten, ihm alles erdenkliche Böse nachzureden und anzuthun. Die Heirathsgedanken der Schwester empörten sie, darüber gab es viel Zank; als jedoch alle Vorstellungen das Mädle nicht zur Vernunft brachten, klagte sie der Schreinerin: »Die alte Hexe schnappt gewiß noch über!« 179   19. Der Eisenbahnschrecken. War auch der Vergleich mit der Kirchbäurin angenommen, äußerlich die Ruhe hergestellt – in der Stille gährte es doch noch in vielen Köpfen. Die Hetzereien des Türkenhenner trugen ihre schlimmen Früchte, die heimliche Unzufriedenheit der Nachbarn, die nicht vergessen konnten, daß der Henner von fünfzehnhundert Gulden gesprochen, statt deren sie nur den dritten Theil erlangten, brachte noch viel Rumor und Zank im Wirthshaus. Da kam von außen her abermals eine neue Zeit – und bei ihrem Wehen war das Alte bald vergessen. Schon öfter war die Rede gegangen, durch den Rottensteiner Grund solle eine Eisenbahn gebaut werden, und so oft das Gerücht auftauchte, gerieth Bergheim in Aufregung. Warum? ist schwer zu sagen. Ein wunderliches Gemisch von abergläubischer Furcht vor der unverständlichen und darum grauenhaften Erfindung der Feuerwagen, die man naturgemäß mit dem Teufel in Verbindung brachte, und einer tief eingewurzelten Scheu vor jeder Neuerung, die die bequemen alten Gewohnheiten stören, den liebgewordenen Schlendrian unterbrechen könnte, kam dabei zu Tage. Und als nun wirklich die Ingenieure mit Stangen und Fähnlein den Rottensteiner Grund durchzogen, ihre Meßketten über Saatfelder, Wiesen und Gärten hinwegschleppten und den künftigen Bahnkörper absteckten, saßen die Bergheimer Nachbarn in voller Bestürzung beisammen. »Wißt ihr's schon?« berichtete der Mäurerslang, der von der Hauptstadt heimkehrend sogleich in's Wirthshaus eilte. »'s ist gewiß, ganz gewiß mit der Eisenbahn!« 180 »Daß sich Gott im Himmel erbarm!« jammerte die Wirthin, der vor Schrecken fast die eben gefüllten Biergläser aus den Händen gefallen wären. Große Aufregung unter den Gästen folgte diesen Worten; als sich die erste Bestürzung etwas gelegt, begann der alte Schäferspeter: »Ich muß dumm fragen – wie ist's eigentlich mit den Eisenbahnen?« »Narr, verstehst denn das Wort nicht?« belehrte ihn der Michelsschneider. »Von Eisen wird eine Schlittenbahn gebaut, wer weiß wie weit, die ist spiegelglatt Sommer und Winter, drauf sausen die Schlitten den einen Berg 'runter und gleich den andern 'nauf. So geht's immerfort!« »Dummheit!« brummte der Nickelspaule, der im Winter viele Bücher las und sich auch eine Zeitung hielt. »Mit der eisernen Schlittenbahn, sell (das) hat Grund. Aber drauf fahren richtige Wägen mit Rädern, und vorndran ist eine Rauchchaise, die plustert den Rauch mit arger Gewalt 'raus, und bei jedem Plusterer gibt der Rauch den Wägen 'nen Stoß – und fort geht's, wie tausend Million!« »Gott behüt' und bewahr' uns in Gnaden!« seufzte Peter. »Das geht über die Natur! – Ein Wagen, der plustert, und Rauch, der stößt! – Hat man je so was erlebt?« »'s wird halt ein Rauch darnach sein!« meinte der Schneider. »Ihr versteht mit 'nander nichts!« rief Paule, selber ganz erstaunt über seine Weisheit. »Was gibt denn der 181 Flinten die Gewalt – he? – Nichts anders als der Rauch vom Pulver!« »Daß Dich der Hund beißt!« sagte der Grundmüller ganz erstaunt. »Jetzt glaub' ich, daß der Rauch stößt! Hab' ich einmal meine Flinten überladen, krieg' ich auch Ohrfeigen beim Schuß, daß mir's Feuer vor den Augen kugelt!« »Holla, nichts ist's!« schrie eine vorlaute Stimme. »Da ging ja die ganze Geschichte hinter sich! Wenn ich meinem Alten seine Flinte losschießen muß, lieg ich alsfort auf'm Buckel!« »Narr, halte die Flinte hinter Dich und schieß' rückwärts, nachher liegst Du gleich auf der Nasen!« entgegnete Paule überlegen. »Drum eben wird die Rauchchaise verkehrt vorgespannt. Auf allen Bildern sieht man auch, wie der Rauch zurückfährt, drum muß ja die Chaise vorwärts!« »Geht weg, das ist Teufelswerk!« sagte der Schäferspeter und stand auf. »Ich dank' meinem Herrgott, daß ich so alt bin, ein gutes Ende nimmt das einmal nicht. Wünsch' eine geruhsame Nacht!« »Der Peter hat Recht, wenngleich das mit dem Teufelswerk dummer Aberglaube ist!« meinte der Schneider, den die Nachbarn einen Krickler (Krittler, nachdenkenden Menschen!) nannten. »Was geht allein für Eisen auf bei solchem Bahnbau – möcht' wahrhaftig wissen, wo zuletzt das ewige Eisen herkommen soll!« »Schmied, daß Du Dir noch einen richtigen Vorrath Eisen einlegst!« schrie der Eckenhanfrieder. »Um tausend 182 Gotteswillen, ihr Nachbarn, was soll d'raus werden? womit wollen wir inskünftig unser Geräth beschlagen?« »Und was erst solch ein verfluchter Feuerwagen für Holz fressen mag!« klagte der Wagnerspaule. »Mir wird's grün und blau bei der Geschichte! Unsre paar Hölzle (Wäldchen) werden bald weggeputzt sein!« »Und's Vieh und's Getreid' führt uns die Eisenbahn vor der Nas' fort – wir können zusehen, wo wir Nahrung finden,« sagte der Schneider. »Gerste auch?« fragte der dicke Dorfmüller. »Die erst recht!« »Der Geier hol' die Eisenbahn!« schimpfte der Dicke und leerte ein Seidel auf einen Zug. »Nun wird's Bier auch noch aufschlagen und ist so schon fast nimmer zu bezahlen!« »Und der Tabak!« knurrte der Mäurerslang. »Und erst gar der Schnaps!« seufzte der Steinmüller aus der vorderen Ecke. »Und denkt an,« fuhr der Michelsschneider fort, »was für ein grausam's Geld solch' eine Eisenbahn kosten muß. – Alles Geld wird aus dem Land gezogen, alle Kapitalien werden gekündigt, und – –« »Schneider, bist Du nicht gleich still, setzt's was!« unterbrach ihn der Eckenhanfrieder in hellem Schrecken. »Herrgott von Bentheim! Ihr Nachbarn, das wird doch nicht wahr sein?« »Ja, wenn's nur das wäre!« sagte Paule gewichtig. »Aber das Elend liegt noch ganz wo anders! – Nehmt an, was für Eisen bei der Bahn zusammenkommt, 183 hunderttausend Millionen Centner, das ist noch gar nichts! Nun ist aber das Eisen magnetig, und die Magnetigkeit zieht's Wetter an – denkt an die Blitzableiter! Hat aber schon ein dünnes Dräthle solche Gewalt über's Wetter, wie soll's erst bei solchen himmelargen Eisenhaufen werden? Ihr Nachbarn, paßt auf, alles Wetter legt sich in unsern Grund, Hagelschläge und Wolkenbrüche nehmen kein End', und die Gewitter machen's Unglück voll!« »Paule, hört auf, 's wird einem ganz schlecht!« jammerte die Wirthin und schlug die Hände zusammen. »Ist nur die Hälfte wahr, sind wir ruinirt auf ewige Zeiten!« Aber dieser ließ sich nicht stören. »Und gar erst der Feuerwagen! Rechnet's aus, was der den Tag über für einen Qualm in die Luft plustert: – Und wo soll der Rauch zuletzt hin? – Ich frag' Euch: wohin?« Da es die Nachbarn natürlich nicht wußten, fuhr er selbstbewußt fort: »Nirgendshin! – Da bleibt er! – Ja, ja, 's ist nicht anders, oben an den Himmel legt er sich, daß nicht Sonne, nicht Mond durchkann, und die zweite ägyptische Finsterniß ist fertig!« »Hoho Paule, Ihr schneidet auf!« schrie die vorwitzige Stimme von vorhin. »Der Schulmeister hat gesagt, in Engelland gebe es seit zwanzig Jahren nichts als Eisenbahnen, und es stehe noch auf dem alten Fleck!« »Bist fertig, Du Grünschnabel?« erwiderte Paule verächtlich und holte ein Zeitungsblatt aus der Tasche. »Da – lest's selber! – Da steht's schwarz auf weiß: Verwichen war wieder ein Nebel in London, so dick und schwarz, am 184 Tag mußten sie die Laternen anzünden! Nu – was sagt ihr jetzt – he?« »Daß sich Gott erbarm!« jammerte die Wirthin. »Und die Eisenbahn wird nicht gebaut, das sag' ich, der Eckenhanfrieder!« schrie dieser plötzlich und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Die Bahnkerle können mir nicht ausweichen, sie müssen über meine Dammsbrücker Grundstücke bauen – daran steupert sich die ganze Geschichte! – Nicht zollbreit von meinem Boden geb ich her, und wenn sie ihn mit Gold zudecken! – Hans will ich heißen mein Lebtag, kommt der Bau zu Stand'!« Erstaunt blickten die Nachbarn auf den Hanfrieder, und sein Ansehen stieg gewaltig. Man drängte sich um ihn, drückte seine Hand, lobte seine Klugheit und mahnte zur Standhaftigkeit. Getröstet ging für heute die Gesellschaft auseinander. Und am Hanfrieder lag's nicht, daß der Bahnbau dennoch zu Stande kam. Aber die Bahnbeamten lachten ihm in's Gesicht, als er sich weigerte, den abgesteckten Baugrund abzutreten, und drohten mit Expropriation. Spornstreichs lief er zum Advokaten, allein als er zurückkam – die ganze Gemeinde erwartete ihn im Wirthshaus – warf er seine Mütze auf die Erde und schrie zornig: »Nun ist's aus, rein aus! Die Eisenbahn? – Spaß! Der Teufelsschwanz kommt hintennach, Exprobation heißt er, und die Exprobation, wenn die über Hand nimmt, – ich sag' nichts, ihr werdet's erleben, was draus entsteht!« Die Nachbarn waren ganz erstaunt, es dauerte auch lange, ehe sie aus den verwirrten Reden Hanfrieders klug 185 werden konnten. Unterdeß hatten sie sich die Sache mit der Eisenbahn überlegt und waren zu dem Schluß gekommen, so schlimm könne es doch nicht damit sein, sonst wäre sie gewiß längst verboten, und kein Mensch gäbe das Geld zum Bau her. Auch der Lehrer hatte sich alle Mühe gegeben, die Bergheimer aufzuklären und zu beruhigen. Als nun in einer Ecke eine bekannte vorwitzige Stimme schrie: »Hoho! Hans wollte er heißen, würde die Bahn gebaut – nun wird gar ein Exprobationshans draus!« brach ein allgemeines Gelächter los, und: Exprobationshans, Exprobationshans!« schrieen und jubelten die Nachbarn, bis der Hanfrieder zornmüthig heimging. Als ihm aber darnach die Bauverwaltung sein ganzes Dammsbrücker Gut abkaufte – der Bahnkörper mußte grade über den Hof weggeführt werden, und die Grundstücke wurden zu Entschädigungen für weitere Expropriationen verwendet – und ihn so gut bezahlte, daß er auch seine Bergheimer Grundstücke schuldenfrei machen konnte, söhnte er sich mit der Eisenbahn, der Expropriation, ja selbst mit seinem Namen aus – Exprobationshans heißt er heute noch!   20. Eisenbahnnoth und Eisenbahnsegen. Beim Beginn des Frühlings ward drüben im Rottensteiner Grund der Bahnbau mit Macht in Angriff genommen, und nun schien es allerdings, als sollten die Befürchtungen der Bergheimer, wenn auch in anderer Weise, zur Wahrheit werden. Die ganze Gegend ward von Arbeitern 186 überschwemmt; rohes, zuchtloses Gesindel legte sich in die Dörfer, wildes, gesetzloses Treiben lockerte Ordnung, Zucht und Sitte. Die Ortsobrigkeit war vollkommen machtlos den meisterlosen Gesellen gegenüber, denen die Ortsnachbarn heimlich die Stange hielten oder sich wenigstens durch ihre wilden Drohungen von Brand und Mord einschüchtern ließen. Den heimathlosen Banden war ja auch Alles zuzutrauen, und die sonst so wachsame Polizei war nirgends mehr zu finden; die Gensdarmen, denen da und dort übel mitgespielt wurde, machten sich unsichtbar, so weit sie konnten. Besonders die Sonntage wurden zu Qualtagen; die Kirche stand leer, desto voller war das Wirthshaus vom frühesten Morgen bis wieder zum Morgen. Da waren die Bahner , wie die Arbeiter genannt wurden, unbeschränkte Herren, Niemand wagte sie in ihrem lästerlichen Treiben zu stören, und des Nachts erschreckten sie die Bewohner durch wildes Toben. Geld hatten sie im Ueberfluß und warfen damit um sich. Das lockte auch die Eingesessenen, Dienstboten entliefen ihren Herrschaften, Taglöhner kündigten ihren Herren den Gehorsam, selbst liederliche Bauern verließen den Pflug. Die Eisenbahn war der große Magnet, der Alles anzog. Ein wahrer Taumel kam über die Bevölkerung. Die Eisenbahn schien eine neue, goldene Zeit für die Besitzlosen heraufzuführen. Wer nicht selbst auf der Bahn arbeiten konnte, nahm für schweres Geld Bahner in Kost und Quartier. Das leicht erworbene Geld – 's fällt einem ja nur so zu, hieß es – lockte zum Genuß – wenden wir uns ab von dem trostlosen Bild. 187 Die Wassermaus, die durch die Befreiung von ihren Kindern womöglich noch liederlicher geworden war, hielt dafür, nun sei die Zeit gekommen, sich für den Verlust des Hasenherle zu entschädigen. Eines Tages brachte sie einen verwilderten Gesellen in's Haus und erklärte: das sei ihr Kostgänger und Hausgenosse. Diesmal wußte sich Hansnikel zu helfen, schnurstracks lief er zum Schulzen; als dieser jedoch den Bahner zur Thüre hinauswerfen wollte, erklärte sie: »Andere ledige Weiberleute haben auch ihre Kostgänger – und Euch zum Trotz behalt' ich den da bei mir!« »'s ist Jammers genug,« war die Entgegnung, »daß ich der Heidenwirthschaft so zusehen muß, aber im Hirtenhaus leid' ich dies ein für allemal nicht. Entweder schickt den Kerl fort oder räumt noch heute das Hirtenhaus?« »Weiter wißt Ihr nichts?« lachte sie ihm in's Gesicht. »Nach Euch und der ganzen Gemeind' frag' ich keinen Pfifferling! Grad' recht ist mir's, daß ich aus der Hundshütte da komm', nun erst recht thu' ich, was ich mag!« Noch am selben Nachmittag zog sie mit Sack und Pack zum Körbstricker. Zufrieden sah ihr Hansnikel nach und sagte: »Sua! – Der Schulz hat's freilich hinter den Ohren, aber ganz zu verwerfen ist er nicht! Sua! Das widerwärtige Weiberleut wären wir los – die Eisenbahn ist doch auch für was gut!« »Freut Euch nicht zu früh!« meinte Lorenz. »Die kommt wieder, verlaßt Euch drauf!« »Sua? – Wißt Ihr das auch schon wieder? – 188 Nichts für ungut, Schreiner, aber Ihr habt die Gescheitigkeit auch nicht allein gefressen!« Mit dieser groben Antwort ging er den Hasenherle suchen. Ja freilich, der Bahnbau war auch für etwas gut, Niemand empfand dies dankbarer als Lorenz. Der Verdienst in der Grundmühle hatte zur Noth hingereicht, die Seinen zu erhalten, weiter nicht, mit dem Bahnbau eröffneten sich ihm bessere Aussichten. Auch Lorenz nahm den Erdpickel in die Hand, legte das Karrentragband über die Schulter, um sich in das Heer der Arbeiter einzureihen, die drüben im Rottensteiner Grund den Erdboden durchwühlten, Berge abtrugen und Thäler ausfüllten. Es war harte Arbeit für ihn! Im Anfang war ihm oft, als müsse er zusammenbrechen unter dem schweren Erdkarren, Pickel und Haue brannten ihm schmerzende Blasen in die Hände. Und dennoch durfte er nicht eine Minute feiern, durfte nicht aus der Reihe treten, den schmerzenden Rücken zu strecken, die brennenden Hände zu kühlen. Aushalten galt hier, aushalten im Sonnenbrand und Regenschauer, ausharren – oder die Bahn verlassen. Oft meinte er, nun müsse er zusammensinken, aber der Gedanke an daheim riß ihn empor; wenn ihm die Schmerzen, die Müdigkeit schier unerträglich dünkten, sprach er die Namen seines Weibes, seiner Kinder in sich hinein, und neues Leben strömte vom Herzen durch alle Glieder. Und die Liebe gab ihm Kraft, daheim ein fröhlich Gesicht zu zeigen, seine Schmerzen, seine Seufzer hinter einem Lächeln zu verbergen. Nur in der Einsamkeit, oft, wenn er Abends zum Tod ermattet heimwankte, setzte er sich seufzend auf einen Stein am Weg 189 und überdachte sein schweres Loos. Was ihn drückte war nicht allein die kaum zu bewältigende, ungewohnte Arbeit. Zum Bergbauer sagte er einstmals: »Bahnbau ist Zuchthausarbeit – meinem ärgsten Feind möchte ich sie nicht anwünschen! Die schweren Anstrengungen sind's nicht, daran gewöhnt sich der Körper mit der Zeit. Aber der tägliche Umgang mit den schlechtesten, verdorbensten Kerlen, das ist eine Strafe, wie's härter keine gibt. Da muß man neben Kerlen stehen, denen jeder Athemzug zur Lästerung wird; da ist man mit Strolchen zusammengespannt, die Reden führen, daß man vor Scham in den Erdboden versinken möchte. Und doch darf man nicht mit Fäusten dreinschlagen, muß mitlachen, will man's mit der wüsten Bande nicht verderben – denn Gott gnade einem, hat man die wilden Kerle gegen sich aufgebracht, je eher man dann von der Bahn bleibt, desto besser!« – Ein Trost war ihm der Erfolg seiner Arbeit! Der Lohn war gut, außerordentlich gut, und da sich Lorenz vom Wirthshaus gänzlich fern hielt, wuchs das Häuflein Papierthaler in seiner Lade von Woche zu Woche. Schon nach einem Vierteljahr hieß er eines Sonntags Margelies ihm folgen und ging hinab zum Ottensmärt. In keinem Hause wurden wohl die Folgen der gewaltsamen Revolution wohlthätiger empfunden als beim Ottensmärt. Die bereits nachdenkliche Bäurin ward durch den jähen Tod des Bruders tief erschüttert, die Schmach, die auf seinem Namen lastete, brach vollends ihren starren Sinn, gebeugt unterwarf sie sich dem Willen ihres Mannes. Als sie Lorenz und Margelies so freudig erregt auf's 190 Haus zukommen sah, ward sie blaß, nahm ihr Strickzeug und ging still hinaus in die Küche. Auch Märt sah sehr verlegen drein, scharrte oft mit den Füßen, nestelte an seiner Pfeife, die um Alles in der Welt keine Luft bekommen wollte, und hatte nicht das Herz Margelies oder Lorenz anzublicken, als dieser eine Reihe Papierthaler nach der andern auf den Tisch zählte. Nachdem er die Summe für richtig befunden, schob er die Zinsen bedächtig zurück und meinte: »Die nehm' ich nicht, ich schenk' sie Euren Kindern für den Schreck und Kummer damals. – Weißt was, Lorenz? Ich hab' meinen Hausleuten gekündigt, laß Deine Sachen gleich stehen, in vier Wochen ziehst Du wieder in Dein altes Quartier!« »Nein, Märt!« entgegnete Lorenz ruhig. »Das Stüble erinnert mich an gar zu großes Leid, und das soll vergessen sein!« »Ist's Dein Ernst Lorenz?« fragte Märt weich. »Beschönigen will ich nichts, nur das sollst Du wissen: Es hat mir schwer auf dem Herzen gelegen allezeit, ich hab' mich über nichts mehr recht freuen können. Dein Wort ist mir werther als das Geld da. – An Deine Sachen – sie sind gut erhalten – kehrst Du Dich nichts, mein Knecht wird sie gleich bringen. – Das ist ja wohl am Sonntag erlaubt, zumal Du auch morgen in der Frühe an die Arbeit mußt. Ich dank' Dir und werde Dir Dein gutes Wort nicht vergessen!« Im Hausflur zog die Bäurin Margelies in die Küche und sagte: »Ich bin's nicht werth, daß Du mich anredest – da – nimm ein paar Strümpfle für Deinen Emil, und 191 da ein Häfele Honig für die Kinder. – Ich kann Dir weiter nichts geben. Red' nichts, aber nimm's an – thu's Margelies, daß ich auch zur Ruh' komm'. – So – ich dank' Dir, Margelies, jetzt weiß ich, Du trägst mir nichts mehr nach, – ich dank' Dir!« Der Wagen mit Lorenzens Hausgeräth erregte nicht wenig Aufsehen; wer je an des Schreiners Redlichkeit gezweifelt, schlug beschämt die Augen zu Boden, die Wenigen jedoch, die sich nicht vom Urtheil der Menge hatten beirren lassen, hielten scharfes Gericht über seine Widersacher. Besonders der Schulz sprach so laut und verständlich, daß der Türkenhenner heimlich die Wirthsstube verließ und auch der Beckenphilpert still nach seiner Mütze griff!   21. Neues Leben. In ihrem Stübchen kniete vor der Kommode Margelies und räumte, von Mariechen unterstützt, mit überfließenden Augen und zitternden Händen ihr Weißzeug in das Gefache. »Ja, ja, Mariele,« sagte sie, und ihre Stimme bebte, »es ist wohl nur altes, schlechtes Gerümpel, aber halte es werth Kind, darin steckt unsre Ehre und unser guter Name. Sieh, nachdem der Ottensmärt unser Hab' und Gut an sich zog, waren wir ihm von Rechtswegen nichts mehr schuldig – und für das Geld, das wir ihm heut' hinuntergetragen haben, hätten wir uns freilich gar viel schönere Sachen anschaffen können. Aber, Kind, der Ottensmärt hatte uns doch auch mit gutem Geld aus der 192 Noth geholfen, drum meinte Dein Vater, es sei billig, ihn auch mit gutem Geld zu bezahlen. Besser, sagte er, geringes Geräthe und ein fröhlich Gemüth, als Pracht um sich und ein Loch im Gewissen! – Ach, Marie, Dein Vater ist so brav, so gut! – Halte ihn in Ehren, hörst Du, er hat's verdient!« Drunten in der Wohnstube – sie war ausnahmsweise ganz leer, nur die Hirtenlang saß nähend am Fenster – war Lorenz beschäftigt, seine Werkbank aufzustellen und sein Handwerkszeug zu ordnen. Tine und Emil blickten voller Glückseligkeit auf die Kuckucksuhr, die an der Wand tickte, und als es im Gehäuse schnarrte und rasselte, der Kuckuck aus seinem Häuschen hervorkam, mit tiefen Verbeugungen die Stunde anrief, da klatschten sie in die Händchen, hüpften von einem Bein auf's andere, und Tine schrie: »Aachele, der Kuckuck ist da, der Kuckuck ist da! – Nun ist Alles gut!« Lorenz lehnte an seiner Werkbank, und fast ward es ihm feucht im Auge bei dem Jubel der Kinder. Stille nahm er ein Stück Werkzeug nach dem andern vom Gestell, leise strich er daran auf und ab, als wolle er wegwischen, was sich in der Zwischenzeit angesetzt; ein leises Lächeln umspielte seine Lippen, als sein Lieblingshobel in seinen Händen erwarmte. War das ein gutes Vorzeichen? Da trat Margelies mit gerötheten Wangen und Augen, durch deren Thauperlen um so reiner und heller die Liebe strahlte, rasch auf ihn zu, verbarg ihr Gesicht an seiner Schulter, drückte ihm die gefüllte und schon angerauchte Tabakspfeife in die Hand und schluchzte: »Lorenz, Du treuer, guter Lorenz! Ich kann Dir nichts thun, nichts 193 geben – nimm wenigstens Deine Pfeife! Ich kann es nimmer ersehen, daß Du Dir das versagst! Nimm sie, mir zur Freude, und laß Dir's schmecken! Du darfst's jetzt mit Ehren!« Fest drückte der Mann sein treues Weib an sich, dann nahm er die Pfeife, und die Kinder jubelten noch lauter als vorhin, wie sich die blauen Wölkchen zur Decke emporkräuselten. Die Hirtenlang wischte sich verstohlen die Augen bei dem Gedanken: Wäre doch meinem Mariebärble auch so ein Mann beschert, als die Thür aufging, und Mariebärble, hinter ihr der Wasserchristian, in die Stube trat. Groß war das Staunen der Hirtenlang; ihre Freude über das unverhoffte Wiedersehen ihres Kindes ward jedoch ein wenig gedämpft, als sie bemerkte, daß Mariebärble und Christian wohl nicht blos durch Zufall zusammen hergeführt wurden. Sie hatte Christian nie leiden können, und auch jetzt traute sie ihm noch nicht, wenngleich der Schreiner, der öfter mit ihm in Dammsbrück zusammentraf, stets seines Lobes voll war. Sie erschrak um so mehr, da Mariebärble und Christian jetzt in einem Haus zusammen dienten. Mariebärble, die ahnte, was in ihrer Mutter vorging, seufzte leise; Christian, den eben der Schreiner fragte, ob er nicht auch die Eisenbahnzeit benutzen wolle, schneller ein Stück Geld zu ersparen, machte ihrer Verlegenheit durch seine Antwort ein Ende. »Ja, ich habe auch schon daran gedacht,« sagte er, »aber seht, Schreiner, mein Herr hat mich angenommen, wie ich nichts bedeutete, jetzt sitzt er in Noth, beinahe alle Dienstleute sind ihm davon gelaufen, da kann ich's nicht über's Herz bringen, von ihm zu gehen. Zum andern ist 194 freilich auf der Eisenbahn ein leichter Verdienst, aber ledigen Burschen läuft auch das Geld wieder wie Wasser durch die Finger. Zum dritten – ja das ist die Hauptsach' – 's Mariebärble will's nicht haben! – – Ja,« wendete er sich voller Verlegenheit an die Hirtenlang, während das Mädchen nicht wußte, wie sie ihr glühendes Gesicht verbergen sollte, »ja, ich und Euer Mariebärble haben uns gern und wollen uns heirathen, wenn unser Herr uns sein Hausmannshäusle in ein paar Jahren einräumt. – Und Euch nehmen wir zu uns und wollen Euch auf den Händen tragen, und Ihr sollt's gut haben auf Eure alten Tage. – Braucht keine Angst zu haben, Schwieger; ich fall' nicht in mein altes Wesen zurück, und auch darum seid außer Sorgen, wir halten uns brav. – Ihr kennt Euer Mariebärble nicht, solch' ein Mädle gibt's auf der Gotteswelt nicht wieder. Und Ihr müßt wissen, nächst dem Herrgott und dem Schreiner hab' ich ihr's zu danken, daß ich ein Mensch 'worden bin, und das vergeß' ich ihr nicht, weil ich lebe. Drum macht ein freundlich Gesicht, daß unser Glück voll wird!« Die Hirtenlang wußte vor Ueberraschung sich nicht zu helfen und brach in lautes Weinen aus. Der Schreiner lehnte sinnend an der Werkbank und betrachtete seine Pfeife. Endlich begann er: »Du hast Dich bis heute brav gehalten, und wenn Dir das, was Du da gesagt hast, aus dem Herzen kommt, bedarfst Du meines Beistandes nimmer. Margelies, geh, hol' ihm seine Pfeife!« Christians Augen leuchteten, begierig griff er nach dem geliebten Rohr. Plötzlich legte er die Pfeife auf den 195 Tisch, kraute sich die Haare und sagte: »Schreiner, Ihr bringt mich da in grausame Versuchung – um ein Haar hätt' ich einen erzdummen Streich gemacht. Allen Respekt vor Euch, aber ich bin nimmer mein eigner Herr, und – und – kurz und gut, ich nehm' die Pfeifen nicht eher, bis sie mir das Mariebärble gibt. Nichts für ungut!« Lorenzens Augen leuchteten, herzhaft schüttelte er Christian die Hand. »So, das war rechtschaffen, das wollt' ich hören. Jetzt trau' ich Dir! – Lange, laßt das Heulen, ich bürg' für den Christian, das wird ein rechter Ehemann! Jetzt kommt, wir wollen zusammen einen Kaffee trinken, der Tag ist's werth!« Glückliche Menschen saßen im Hirtenhaus zusammen, und Abends im stillen Stübchen drückte Lorenz seine Margelies nochmals an's Herz und sagte: »Ja, es beginnt eine neue, bessere Zeit!« Von da an ging Lorenz freier, aufrechter; eine innere Befriedigung leuchtete aus seinem Gesicht, und bei aller Freundlichkeit gegen Jedermann war doch sein Wesen ernster, gemessener, sogar seine Sprache kürzer und bestimmter. Das Bewußtsein eines geprüften und bewährten Charakters sprach sich darin aus. Bei seiner Arbeit hielt Lorenz wacker aus, bald sammelte sich abermals ein Häuflein Papierthaler in der Kommode, es wuchs um so rascher, da Margelies und Marie, zwei geschickte Näherinnen, wacker verdienen halfen. Fast noch mehr als früher schloß sich Lorenz ab. Was sollte er in Gesellschaft, im Wirthshaus? Seine Familie war seine Welt, nur in dem Kreis seiner Lieben fühlte er sich ganz glücklich. Das Leid hatte die 196 Gatten noch fester vereint, ihre Liebe vertieft, veredelt, die gegenseitige Achtung erhöht. Beiden schien, als hätten sie sich jetzt erst kennen gelernt, und in der That hatte ihnen erst das Unglück die Tiefen ihres beiderseitigen Wesens erschlossen und sie da Schätze finden lassen, von denen sie früher keine Ahnung hatten. Am Werth des einen entflammte sich das Streben des andern, seiner Neigung immer würdiger zu werden, und so fühlte sich eines im andern gebessert, erhoben. Noch im Alter öffneten sich ihnen still im Gemüth Blüthen, die sonst nur unter dem heiteren Himmel der Jugend zu gedeihen pflegen. Schon die größere Achtung nöthigte zu rücksichtsvollerem Wesen auch im gewöhnlichen Verkehr; das in ihnen lebendige Dankgefühl äußerte sich in tausend Aufmerksamkeiten. Waren die Gatten zusammen, glänzten nicht allein die Augen, unwillkürlich ward die Sprache milder, wählte man herzlichere Worte; auch durch das Aeußere, nette Kleidung, sanftere Bewegungen, suchte man zu erfreuen; an den Augen sah man sich die Wünsche ab, und kleine Bedürfnisse waren befriedigt, ehe sie nur recht zum Bewußtsein kamen. Kerngesund in ihrer innersten Natur, mit feinem Gefühl für das Schickliche und Wohlanständige begabt, lag ihnen Alles fern, was geziertem, weichlichem Wesen ähnlich sah, darum konnten sie sich auch dieser neuen Art von Herzen erfreuen. Und die schöne zarte Weise im Umgang verjüngte ihre Herzen, wirkte veredelnd auf Geist und Gemüth; es lag eine Wahrheit darin, wenn die Bergheimer halb im Spott, halb im Zorn behaupteten, die Schreiners hätten etwas Vornehmes an sich. Natürlich kam diese innere 197 Umänderung und Erhebung besonders den Kindern zu gut, die sich geistig und körperlich herrlich entwickelten. Mariechen, die Ostern confirmirt worden war, konnte jetzt schon Niemand ohne herzliche Theilnahme und Rührung ansehen, und das Bettelfräle sagte oft: »Mädle, Mädle, Deine Augen, Deine Blitzaugen! Wo hast Du die nur her? – Gott sei dem Burschen gnädig, der einmal zu tief da 'nein guckt! – Ach Du lieb's Gottle, Mädle, Du wirst noch manches Herzweh anstellen auf dieser Welt!« Es war aber nicht blos der Glanz der Schönheit, der ihr alle Herzen zuführte. Eine glückliche Mischung von Milde und Kraft, liebevollster, selbstlosester Hingabe und wieder fast trotzigem Selbstbewußtsein war der geheimnißvolle Zauber, dem Niemand widerstehen konnte. War es nun Lorenz zu verübeln, wenn er sich bei Weib und Kind am wohlsten fühlte, wenn er nächst einem gemeinschaftlichen Kirchgang kein größeres Glück kannte, als an stillen Abenden mit den Seinen durch die grüne Gotteswelt zu wandern? oder daheim sich an ihrer Liebe, an ihrer Heiterkeit zu erfreuen? O, wer einmal den Segen eines rechten Familienlebens kennen gelernt, den locken nicht mehr die eitlen Vergnügungen der Welt draußen! Und der Segen eines rechten Familienlebens ward auch noch von anderen Hirtenhausbewohnern dankbar empfunden. Die Schwarze war nicht mehr zu erkennen, so still und ergeben trug sie ihr schweres Leiden; das Bettelfräle hatte seine Gänge nun ganz aufgegeben, aß am Tisch der Schreinersleute und hütete die Kinder, wenn Mutter und Tochter arbeiteten, und die Hirtenlang erklärte täglich, 198 man sei jetzt wie im Himmel, und wenn das Mädle zur Vernunft käme, wolle sie sich ein besseres Leben gar nicht wünschen!   22. Neue Stürme und ein großer Entschluß. Wuchs so das Glück der Schreinersleute fast täglich, so gab es im Dorf viel Leid und Noth, und es war wieder die Eisenbahn, die manchem Bergheimer den Seufzer auspreßte, das Leben sei im Grund ein erbärmlich Ding! Anfangs hatten die Bahner Kost und Miethgeld pünktlich bezahlt – wir wissen, wie das leicht erworbene Geld verwendet wurde. Bald änderte sich das! Die Bahner mußten sich Kleider schaffen, mußten Geld nach Hause schicken, so sagten sie wenigstens, und beschwätzten ihre Wirthe, daß sie ihnen das aufgelaufene Wochengeld gut schrieben. Aber die Geldverlegenheiten der Bahner nahmen kein Ende, geschickt wußten sie ihre Hausherren hinzuhalten; war ein hübsches Sümmchen zusammengepumpt, dann verschwanden die Bahner spurlos. Wendeten sich ihre Wirthe hülfesuchend an die den Bau leitenden Schichtmeister oder Ingenieure, so wurden die Betrogenen ausgelacht oder grob angefahren. Wer konnte sich um die Bahner, dieses heimathlose Gesindel, dieses verachtete Kanonenfutter der Arbeit – kümmern? Unsrer alten Bekannten, der Wassermaus, ging es absonderlich traurig, und es war ein schlechter Trost, daß Leidensgefährtinnen genug ihr Schicksal theilten. Den 199 letzten Heller setzte sie daran, ihrem künftigen Eheherrn – als solchen betrachtete sie ihren Kostgänger vom ersten Augenblick an – durch einen neuen Anzug ein menschliches Aussehen zu geben; dazu versorgte sie ihn monatelang, ohne auch nur einen Pfennig von ihm zu erhalten, ja, sie half ihm sogar noch da und dort mit Taschengeld aus. Sie rechnete schlau. Auf diese Art bleibt sein ganzer Verdienst beisammen, und habe ich ihn nur erst, wo ich ihn haben will, dann pfeift's aus einem andern Ton! Aber menschliche Anschläge sind eitel! Eines schönen Morgens war Herr Wassermaus in spe verschwunden und kam nicht wieder, ja er hatte auch die ganze Baarschaft seiner Wirthin und sonst dies und das, was ihm des Mitnehmens werth geschienen, mitgehen heißen. Die Wassermaus raste und wüthete fast sinnlos – doch brachte dies den Ungetreuen nicht zurück. Als nun der Körbstricker sah, daß unter solchen Verhältnissen wenig Aussicht vorhanden war, von der Wassermaus jemals Hauszins zu erhalten, benützte er die Gelegenheit und setzte sie an die Luft. – Noch einmal fand sie ein Unterkommen, die Schäfersleute waren gutmüthig genug, sie aufzunehmen, auch ein Kostgänger stellte sich bald wieder ein – diese Zeiten waren jedoch vorbei. Schon lange waren dem Ausschuß die Augen nicht blos auf -, sondern auch, und ganz gehörig, über gegangen. Mit Schaudern sahen sie die Folgen ihrer Lässigkeit, und da auch die Furcht vor den Bahnern, als man sie erst genauer kannte, bald geschwunden war, so schritt man mit 200 Ernst gegen ihr zuchtloses Treiben ein. Für die Wassermaus kam die Hülfe zu spät. Und nun hätte man meinen sollen, das selbst verschuldete Unglück, die Noth, das Elend, dem sie entgegen ging, hätten ihren starren Sinn brechen, sie mild und demüthig machen müssen – aber nichts von alledem, die Wassermaus blieb, was sie war, eher wurde sie noch wilder und zuchtloser. Die Schäfersleute, die ihr so viel Gutes erzeigten, plagte und quälte sie bis auf's Blut; ward es den beiden Alten zu viel, und drohten sie mit Kündigung, lachte sie ihnen in's Gesicht: »Mir recht, kündigt nur, mir grade recht, was kümmert's mich? Behaltet Ihr mich nimmer, steht mir das Hirtenhaus offen, und die Gemeinde muß mich erhalten!« Es dauerte nicht lange, so konnten die armen alten Schäfersleute die Wildheit der Wassermaus nicht mehr ertragen; da diese trotz mehrfacher Kündigung fortfuhr, den Herrn im Haus zu spielen, riefen die Gequälten polizeiliche Hülfe an – und richtig mußte der Schulz die Wassermaus wieder in's Hirtenhaus aufnehmen, da kein Mensch sie in seiner Nähe dulden wollte. In einem Punkt hatte sich die Wassermaus aber doch verrechnet. Wenn sie meinte, das alte Leben könne sie überall fortführen, so mußte sie bald einsehen, daß das ein großer Irrthum war. Der Schulz nahm sie jetzt unter seine spezielle Aufsicht, sorgte gewissenhaft, daß sie an nichts Mangel litt, sonst war ihr aber alle Freiheit genommen. Ihre Handelsgänge in's Gebirge mußte sie aufgeben, Beschäftigung wies ihr der Schulz zu und sah streng darauf, daß sie nie müßig ging. Ihren Lohn sammelte er ihr für die Zeit, da sie Hülfe brauchte. 201 Wie ein wildes Roß gegen Zügel und Reiter, so kämpfte die Wassermaus gegen diesen Zwang an – zu ihrem eignen Glück vergeblich! Der Schulz war ein fester Mann, was er einmal wollte, von dem war er nicht so leicht abzubringen, überdies standen diesmal der Ausschuß und der Amtmann auf seiner Seite. Diese neue Ordnung im Hirtenhaus war allen Bewohnern erfreulich, nur dem Hasenherle machte sie großen Kummer, mit Zittern sah er den Augenblick kommen, da auch sein freies Leben ein Ende haben würde. Hansnikel und das Mädle hatten sich von den Schreiners ganz zurückgezogen, der Hasenherle war ihr alleiniger Freund und Vertrauter. Wie sich die Hirtenlang auch dagegen ereiferte, das Mädle übernahm die Sorge für den Herle in allen häuslichen Dingen, ja sie setzte sogar durch, daß er an ihrem Tisch mit essen durfte. Hansnikel brummte zwar über diese »Unart«, aber da er den Herle, der ihm in allen Dingen unbedingt Recht gab, nicht mehr entbehren konnte, ließ er es geschehen. Nur wenn das Mädle ihrem Liebling einmal gar zu auffällig die besten »Bißle« zusteckte, brummte er zornig: »Sua, sua!! – Ich sag's ja, 's ist eine betrogne Welt!« Ausnahmsweise kam Hasenherle auch einmal mitten in der Woche heim. So sehr sich Hansnikel zu anderen Zeiten darüber erzürnt haben würde, so erfreut war er diesmal. Kaum ließ er seinem Freunde Zeit, den Korb auszupacken, dann nahm er ihn schweigend beim Jackenflügel, zog ihn in den Ziegenstall, schloß alle Thüren sorgfältig, und als er sich mit einem Blick durch's Fensterchen überzeugt 202 hatte, daß auch draußen Niemand lausche, begann er: »Sua, sua! – Sicher wären wir, 's hört uns keine Seel'! – – Red', was ist zu thun? – 's kann nimmer bleiben so, das sag' ich. Soll ich mich auf meine alten Tage zum Vocativus machen lassen – denk' was das besagt, zum Vocativus!! – – Sua! – – Hol' ich mir gestern in aller Früh' meine Sommeräpfel im Gottesacker, wer kommt dazu? – nu' freilich, wer sonst, der grobe Kerl – sua! – Heißt mich 'nen Spitzbuben auf und ab, 'nen alten Schleicher, und – denk' Dir an – 'nen Vocativus, 'nen Vocativus! Sag', ist Dir im Leben schon solch' ein niederträchtiges Wort vor'kommen? und das soll ich, der Hansnikel, Todtengräber und Calicant von Bergheim, einstecken?« Dabei schüttelte er den Hasenherle so eindringlich am Jackenflügel, daß diesem fast der Athem ausging. »Nicht um die Welt, schon meine Aemter und Würden leiden das nicht. Sag' selber, wenn man's im Grund betracht't, bin ich nicht mehr als der Schulmeister, der grobe Kerl? – Aber um wieder auf's Wort zu kommen, – heißt mich also 'nen Vocativus – denk nur an, 'nen Vocativus!! – – Sua, sag' ich drauf, also ein Vocativus bin ich? sua! – Gut, sag' ich, so will ich ein Vocativus sein, sag' ich. Wenn Ihr aber denkt, 's ist mir was an Euren Aepfeln gelegen, sag' ich, seid Ihr auf'm Holzweg. Ich pfeif' auf Eure Lumpenäpfel, sag' ich, daaaa – macht Euch fett an Eurem Quark, hab' ich g'sagt – und schütt' ihm die Aepfel vor die Füße, hab' ich ges – – ja so, sua!! – – Drauf wird Dir aber der grobe Kerl falsch, guckt mich durch seine Brill'n an, mir ist's 203 auf einmal spottschlecht geworden, dann droht er mit Verklagen und geht davon! – Nu red'! – Verklagt mich der, heißt's ich hätt' gestohlen, ich bleib' ein Vocativus, und mein Recht ist verfallen für ewige Zeiten. – Herle – ich führ's durch!« »Uebrig habt Ihr da nichts mehr!« beeilte sich Hasenherle zu sagen, um einer Wiederholung des Schüttelns vorzubeugen. »Aber thut mir nur den einzigen Gefallen und geht gleich an die rechte Schmiede!« »Klein fang' ich nicht an, das mußt Du von mir wissen. Was der Schreiner vermag, kann ich auch! Was? – bin ich nicht ein Stück Geistlichkeit? hab' ich nicht 'ne Ausred', zum Pfarrer hätt's gelangt? – Ich thu's, geh' 'nein in die Stadt, und so wahr ich der Hansnikel bin, ich red' mit dem Generalsupertent selber!« »Daß Dich alle Teufel! ist's Euer Ernst?« rief der Herle und riß in wahrhafter Verwunderung seine wässerigen Augen weit auf. »Zum Generalsupertent? – Ha, sagt mir nur, wo nehmt Ihr die Kurasche her?« »Sua? – Gehör' ich nicht zur Geistlichkeit?« entgegnete Hansnikel geschmeichelt. »Weißt's nicht? wir Geistlichkeit haben immer Kurasche, wir fürchten uns vor dem Teufel nicht! – Ja, also zum Generalsupertent geh' ich, der muß mir schriftlich geben: Erstens gehört der Hansnikel Völker von Bergheim zur Geistlichkeit; zum andern gehört ihm das Obst im Gottesacker ganz allein, der Schulmeister aber ist selber der Vocativus und ein grober Kerl dazu; zum dritten und letzten muß der Schulz alsfort Beil, Rotthaue und Schaufel frisch verstählen lassen. Sua – das wär's!« 204 »Hm – ist nicht bitter! – Aber hört, wenn Ihr einmal mit dem Supertent redet, wüßt' ich noch eins! Acht Batzen für ein Grab ist doch ein Plautzengeld, laßt Euch noch zwei zulegen. Dem Supertent sind zwei Batzen ein Geringes, aber für Euch macht's das Jahr über was aus!« »Hast Recht! – Also zum vierten, der Hansnikel kriegt inskünftige für jedes Grab zehn Batzen. Sua! Punktum!« »Aber, Hansnikel, wird auch der Schulz was auf die G'schrift vom Generalsupertent geben? Der Bergjörg ist ein arger Dickkopf!« »Sua? – Ha, da soll doch gleich! – Aber das verstehst Du nicht, Herle! – Auf'n Supertent geb' ich so arg viel selber nicht, aber der General, Herle, der General! – Da liegt's!« »Seid ein verfluchter Kerl!« Hansnikel spuckte geschmeichelt aus; nach einigem Sinnen kraute er sich hinter den Ohren und meinte: »Herle – ein Aber ist doch noch dabei! – Also beim Generalsupertent klopf' ich an, geh' in die Stube, mach' meinen Diener – etwa so – und – –« »Macht lieber gleich zwei oder drei und vergeßt nicht, die Pelzkappe 'runter zu thun!« »Daß Dich! – hätt's beinah' vergessen! – Also: Ich klopfe an, geh' 'nein, mach' drei Diener – etwa so – thu' die Pelzkappe 'runter, und – –« »Nichts! – Die Pelzkappe muß erst 'runter!« »Jetzt sei mir aber nur gleich still mit Deiner infamen 205 Pelzkapp'! – Also ich klopfe an, geh' 'nein, thu' die Pelzkapp' 'runter, mach' drei Diener – etwa so – geb' ihm die Hand und sag' – ja, da liegt der Hund begraben! – So'n großer Herr will seine Ehr' haben! – was sag' ich jetzt?« Hasenherle wußte auch keinen Rath, und Hansnikel begann wieder. »Mit dem Supertent wollt' ich schon fertig werden, aber beim General, da steht der Ochs am Berg! – – Den Pfarrer redet man »Hochehrwürden« an, d'rum ist der Supertent der allerhochehrwürdigste.« »Das geht!« nickte Hasenherle. »Nun ist aber der Supertent Herr über alle Pfarrer im Land, und das will was heißen! – Drum muß man zum wenigsten noch allergroßmächtigster sagen!« »Das hat Grund!« bestätigte Hasenherle. »Nun wäre noch der General! – Das Wetter schlag' 'nein, was fängt man mit dem General an?« »Hört,« begann Hasenherle erfreut, »den alten General in der Stadt, dem ich Hasen und Rebhühner liefere, redet der Bediente und die Köchin »Excellenz« an! – Das wär' was!« »Sua? – Ja, aber ein Generalsupertent ist doch mehr wie so ein lumpiger, blanker General?« »Drum macht noch was 'nan, sagt mein'twegen excellenzigster!« »Daß Dich der Geier – wo hast Du die Gelehrsamkeit her? Nu wär' nur noch eins: Womit mach' ich den Anfang?« »Nu, weil der General vorn dran ist, kommt zuerst 206 die Excellenzigkeit, darnach die Mächtigkeit, und ganz zuletzt die Würdigkeit! – 's ist überall so in der Welt!« »Du bist einmal nicht dumm!« lobte Hansnikel und drückte seinem Vertrauten die Hand. »Sua!! – Also angeklopft – 'nein – Pelzkapp' 'runter – drei Diener (etwa so!) – Hand gedrückt – dann sag' ich: Willkumm' excellenzigster, allergroßmächtigster, ingleichen auch allerhochehrwürdigster Herr Generalsupertent! – Ihr werdet schon von mir gehört haben, ich bin nämlich, mit Verlaub zu reden, der Hansnikel Völker, Todtengräber und Calicant von Bergheim. Und der Pfarrer und der grobe Kerl, der Schulmeister, wollen mich nicht zur Geistlichkeit rechnen und so weiter. Das Uebrige findet sich von selber. – Sua!!! – 's macht sich, Herle, 's macht sich!! In denen Worten liegt was drin, und wenn die dem Herrn Generalsupertent nicht zu Herzen gehen – nachher ist's aus mit der Welt! – Sua!!« »Aber schiebt's nicht 'naus!« mahnte Hasenherle. »Noch in der Woch' führ' ich's durch!« betheuerte Hansnikel und öffnete die Stallthür. Ganz so tapfer, als sich Hansnikel dem Hasenherle zeigte, war er in der That doch nicht, es kamen Stunden, wo ihn sein Muth gänzlich verließ, und er das Gespräch mit dem Hasenherle verwünschte. Ja, hätte er sich nicht vor dem Hasenherle geschämt, in dieser Woche wenigstens hätte er seine Sache gewiß noch nicht »durchgeführt«, so aber war er durch sein Wort gebunden. Je näher der Sonnabend herankam, desto nachdenklicher ging er herum, desto länger und eindringlicher wurden seine unverständlichen 207 Selbstgespräche. Am Freitag sah die Schwarze zur ungewöhnlichen Stunde nach ihrer kranken Ziege, bleich und verstört kam sie in die Stube zurück, sank ächzend auf die Ofenbank und stöhnte: »Gott im Himmel steh' uns bei! Margelies – entweder ist der Hansnikel übergeschnappt, oder er treibt unrechte Dinge! Hinten im Stall dienert er vor den Gaisen 'rum, macht allerlei Fixfaxerei mit den Händen und der Pelzkapp' und stößt Reden aus – die Haar' sind mir zu Berg' gestiegen! – Margelies, ob der alte Racker nicht am Ende gar meine Gais verhext?« Am Sonnabend in der Frühe, kaum graute der Tag, nahm Hansnikel den Dornstock von den Ofenstangen, drückte den Tabak in seiner Ulmerpfeife nieder und schritt im langen Kirchenrock, den hohen Cylinderhut auf dem Kopf, zum Dorf hinaus. Die Marktgänger verwunderten sich nicht wenig, daß Hansnikel fast ohne Gruß an ihnen vorüberstiefelte, oft den Stock zornig aufstieß und murrte: »Was, ich führ's nicht durch, ich geh' nicht 'nein? – Wer sagt das? – Bin ich nicht selber ein Stück Geistlichkeit? hab' ich nicht 'ne Ausred' wie ein halber Pfarrer? – und erst meine Red' und die Wörter!! – wer thut mir's gleich? – Und grad' führ' ich's durch – nun erst recht führ' ich's durch! – Der Supertent hat noch Niemand g'fressen – sind wir nicht obendrein Leut' und gehören zusammen? – Sua! wer noch einmal sagt, ich führ's nicht durch, hat's mit dem Hansnikel, Todtengräber und Calicant von Bergheim, zu thun! – Punktum! sua!!« 208   23. In der Schlucht. Auch Lorenz verließ heute in eigenthümlich bedrückter Stimmung das Haus. Schwere Träume hatten ihn gequält, fast müder, als er sich niederlegte, war er wieder aufgestanden. Fast erschrak er, als Margelies sagte: »Bleib' heut' daheim, mir liegt's so schwer auf dem Herzen, mir ist, als sollt' ich Dich nicht fortlassen. Du warst auch so unruhig diese Nacht und siehst so bleich aus – bleib' daheim!« Lorenz war ärgerlich über sich selber, daß er so schwach gewesen, tröstete lächelnd Margelies, in der frischen Morgenluft und bei der Arbeit werde ihm bald besser sein – und ging mit scherzendem Gruß davon. Aber es ward ihm nicht besser. Die Sonne ging roth und glanzlos auf, kein Lüftchen regte sich, eine drückende Schwüle lag auf der Erde. Schwerathmend stieg er den Kulm hinan; vergebens wusch er sich in den Quellen des Lindenbaches Kopf und Brust, das kalte Bad erquickte ihn nicht, fort und fort ängsteten ihn die Traumbilder dieser Nacht, die sich am Tage fortsetzten und ergänzten. Bald sah er einen Berg in Bewegung und auf sich hereinstürzen, und es war kein Ausweg, oder er konnte nicht fliehen; bald hörte er die Stimmen seiner Kameraden dumpf und hohl, als kämen sie tief, tief aus der Erde hervor, jammervoll um Hülfe bitten, und er konnte ihnen nicht helfen. – Vergebens strich er über Stirn und Augen – die Bilder verschwanden nicht, und mit jedem Schritt legte sich eine Last mehr auf seine Brust. Seine Besorgnisse waren freilich nur zu sehr begründet und die quälenden Bilder und Träume nur Kinder 209 seiner Unruhe und Angst. Er arbeitete jetzt in dem großen Durchstich zwischen Dammsbrück und Rottenstein, an dessen nördlichem Ausgang, dicht über dem Dörfchen Rottenstein, ein nicht minder gewaltiges Werk ausgeführt ward, die Ueberbrückung des Rottenthales. Der Durchstich, den sich die Ingenieure wohl als leichter ausführbar mochten vorgestellt haben, war etwas spät in Angriff genommen worden, und da nun die Arbeit nicht nach Wunsch fortschritt, verdoppelte man die Arbeitskräfte, machte gewaltsame Anstrengungen, das Versäumte nachzuholen. Hunderte von Arbeitern wimmelten sowohl im Durchschnitt als unten im Thal durcheinander, hackten und schaufelten, gruben sich immer tiefer hinein in den Berg. Erst leise, bald lauter ward unter den alten, erfahrenen Arbeitern die Besorgniß laut, grade an dieser wichtigen und gefährlichen Stelle werde leichtfertig fortgearbeitet, man denke nur an baldmöglichste Fertigstellung und vergesse darüber alle Vorsicht. Die Böschungswinkel seien für den lockern, losen Sandboden viel zu steil, zwar sei er mit Sandsteinschichten durchsetzt, aber die bröcklichen, unzusammenhängenden Steinmassen könnten unmöglich die darauf lastenden Erdschichten tragen, wenn man fortfahre, ihnen von unten den nöthigen Halt zu entziehen. Die Aufsichtsbeamten, selbst die Ingenieure lachten über solche Befürchtungen, höchstens zuckten sie die Achseln, beriefen sich auf die Berechnungen ihrer Vorgesetzten und trieben zur Weiterführung der Arbeiten. Selbst hie und da vorkommende kleine Senkungen des Gesteins blieben unbeachtet, erst als aus allen Klüften Sandbäche hervorrieselten, im höher liegenden Waldboden 210 klaffende Spalten aufrissen, wurden die Ingenieure bedenklich, ließen in aller Eile Holzstützwerke errichten, den Bergrutsch aufzuhalten. Da Lorenz mit Beil und Säge umzugehen wußte, ward er den Zimmerleuten zugetheilt und half einen besonders drohend hereinhängenden Felsen stützen! Deutlich zeigte sich jetzt, wie sich der Felsen mählig senkte, das und ein dumpfes Getöse im Berg öffnete den Ingenieuren vollends die Augen; alle verfügbaren Arbeiter wurden an den gefährlichsten Punkten vereinigt, alle Kräfte auf's Höchste angespannt, das drohende Ereigniß abzuwenden. Wenn aber zu spät? – Dann war nicht nur die Arbeit vieler Wochen zerstört, waren ungeheure Summen vernichtet – hunderte von Menschenleben schwebten in gräßlicher Gefahr! Das lag Lorenz so schwer auf der Brust. Unwillkürlich falteten sich seine Hände, ehe er in den Durchstich hinabstieg. In der Nacht hatte sich nichts Bedrohliches ereignet, die Gerüste standen, eine weitere Senkung war nicht eingetreten. Die Ingenieure thaten zuversichtlich und sprachen beruhigende Worte, trotzdem lastete ein banges Vorgefühl auf den Arbeitern, bleich und still schafften sie mit einem Eifer, der deutlich zeigte, alle wußten, man arbeitete zur Sicherung des eignen Lebens. Die Mittagsrast war vorüber. All die forschenden Blicke, die an den Büschen droben auf den Rändern der Böschungen hingen, hatten keine verdächtige Bewegung bemerkt; die Ingenieure, mit dem Fortgang der Sicherungsarbeiten zufrieden, lachten über die Zaghaften. So ging es abermals hinein in den sonnendurchglühten Schlund, 211 den bald ein betäubendes Getöse erfüllte. Das Gerüst, an dem Lorenz arbeitete, war nahezu vollendet, nur noch einige Keile mußten eingetrieben werden. Diese Aufgabe fiel Lorenz zu, seine Kameraden wurden an andere Arbeitsplätze gesendet – Lorenz war allein. Von hier an begann die scharfe Biegung, Lorenz konnte etwa noch dreißig Schritte in den Durchstich, nach Rottenstein zu, hineinsehen. Hinter ihm waren die Gerüste vollendet, die Bahn leer, vor ihm, eben nach Rottenstein zu, an der tiefsten Stelle des Durchschnittes, wußte er mehr denn hundert Menschen in voller Arbeit, aber nur die Hintermänner waren für ihn sichtbar, dagegen lag die östliche – eben die bedrohte – Böschung bis zur Spitze vor seinen Augen. Wieder kam das eigenthümliche Bangen von heute Morgen über ihn, der Schweiß rann von seiner Stirn, dabei überrieselten ihn Frostschauer. Er wußte selbst nicht was ihn zwang, immer zu den Büschen am Rand der Böschung aufzublicken. Mit fieberhafter Hast trieb er die Keile ein; plötzlich zuckte er zusammen, der Keil zog nicht mehr, noch ein Schlag, – der Keil sprang weit zurück! Jetzt knisterte und knackte es im Gerüst, die Balken und Verschalungen bogen und verschoben sich, Sandbäche rauschten ihm entgegen. – Richtig – dort über den Arbeitern zitterten die Büsche – und die Aermsten merkten nichts, rastlos arbeiteten sie fort. Das Klirren der Sägen und Beile ging ihm durch Mark und Bein, das Klingen der Steinschlägel tönte wie Todtengeläute in sein Ohr – in wenig Minuten war der Durchstich ein großes Grab. 212 Das Knacken und Knattern im Gerüst nahm zu, aber noch widerstand es dem ungeheuren Druck – hielt es nur wenige Sekunden noch aus, war er gerettet. Schon hob er den Fuß zur Flucht, da streiften seine Blicke die Kameraden, die ahnungslos fortarbeiteten – durfte er sie ungewarnt ihrem Schicksal überlassen? – – Aber wie warnen? – seine Stimme mußte in dem Lärm ungehört verhallen, ehe er zu ihnen kam, war Alles vorbei. – Seine Blicke hingen an den zitternden Büschen auf der Höhe, er sah die Felsen sich senken – und jetzt bemerkte er, die größte Wucht des Erdsturzes lag auf seinem Gerüst, brach dieses, ging hier die Hauptmasse nieder, die Kameraden waren gewarnt, fanden vielleicht Zeit zur Flucht. Knirschend rieben die Felsen an den Balken, da und dort knickten Säulen, nur noch die Hauptstützen, wenngleich verschoben, standen fest. Ein Zittern ging durch die Glieder des einsamen Mannes, hundert Menschenleben lagen in seiner Hand – ein Schlag auf die gelockerte Verkeilung, und das Gerüst brach zusammen. Wie ein Stich zuckte der Gedanke an Weib und Kinder durch sein Hirn, in seinen Schläfen hämmerte und pochte es. Durfte er sich für andere Menschen opfern und Weib und Kinder ins Elend bringen? Was sollte aus ihnen werden, fand er hier sein Grab? – Aber dort waren vielleicht hundert Gatten und Väter, was sollte aus ihren Wittwen und Waisen werden? – »Der Herr wird Euch nicht verlassen,« stöhnte er, »in Gottes Namen!« – Ein wilder, gellender Schrei, ein gewaltiger Schlag – dann 213 Knattern und Prasseln, Rollen und Brausen, der Berg war in Bewegung. Vom dunkeln Drang der Selbsterhaltung getrieben, kletterte Lorenz in wahnsinniger Hast an der entgegengesetzten Böschung empor. Sand und Steine rollten ihm unter den Füßen hinweg. Erde überschüttete ihn, aber seine Füße gruben sich in die Wand, seine Finger krallten sich in die Felsspalten – vorwärts! – Ein vielstimmiger, jammervoller Schreckensruf gellte erschütternd aus der Tiefe, Erdmassen, Steinbrocken wirbelten durch die Luft, Sandmassen quollen zu ihm empor, umschlossen seine Füße wie eherne Zangen – los – vorwärts! – Ein Donner, Krachen und Prasseln hinter ihm, als habe sich die Erde gespalten, dicke Staubmassen benehmen ihm den Athem, seine Kräfte lassen nach, die zitternden Hände, Füße und Kniee finden keinen Halt mehr – noch einmal: vorwärts! – Da streift ein stachlicher Zweig sein Gesicht, die tastende Hand umschließt den Stamm eines Busches, mit letzter Kraft ein Schwung – Erde und Steine prasselten in die Tiefe – der Rand der Böschung ist erreicht! Lorenz sank auf die Kniee und hob die Hände zum Himmel, dann raffte er sich auf und floh in wilden Sprüngen von dem Ort des Schreckens. In seinem Hirn rollte und brauste es, gespenstisch huschten die Büsche an ihm vorbei, blendendes Licht wechselte mit tiefer Dämmerung, wie im Traum sah er bestürzte, bleiche Gesichter, hörte er menschliche Stimmen – nichts konnte ihn halten, nur ein Gedanke war in ihm: fort, fort! – Endlich sah er vor sich ein Haus, die offene Thür schien ihm gastlich zu 214 winken – Thränen traten in seine Augen, mit dem Seufzer: »Gerettet – Herr mein Gott sei gelobt!« brach er auf der Schwelle bewußtlos zusammen.   24. Finden und Scheiden. Lorenz blickte durch das Fenster im Schulzenhaus sinnend hinaus in den dicken, schweren Novembernebel, der undurchdringlich und unbeweglich auf der stillen Erde lag. Leise sagte er, fast wie zu sich selbst redend: »Ja, unser Hansnikel wird den Kuckuck wohl nimmer schreien hören – ich fürchte, mit ihm ist's aus, eh' wir's denken.« »Ist er wirklich so krank?« entgegnete der Schulz theilnehmend. »Krank – er liegt manchmal einen Tag, dann ist er wieder frisch und wohl auf. – Schulz, der Hansnikel stirbt an einer innerlichen Krankheit, seit er beim Generalsupertent so schlecht an'kommen, ist er wie zerbrochen.« »'s war aber auch ein verrückter Einfall! – Möcht' nur wissen, wer ihn auf den dummen Gedanken 'bracht hätt'.« »Wer kann das sagen? – Wahrscheinlich Niemand, so aufzutreten sieht wenigstens dem Hansnikel ganz gleich. Höchstens hat ihn vielleicht der Hasenherle noch in seiner Meinung bestärkt. Uebrigens, wißt Ihr's schon? – Der Hasenherle hat sich mit dem Mädle versprochen. – Könnt Euch denken, was die Wassermaus für Gesichter schneidet!« »Da kommen die Rechten zusammen! Geht mir mit 215 dem Hasenherle, ich kann den alten Schleicher nicht ersehen. Nächstens red' ich auch ein Wörtle mit ihm, der hat nichts im Hirtenhaus zu thun. – Aber der Hansnikel will mir nicht aus dem Sinn. Hätt' ich denken können, daß der seine Dummheiten so ernsthaft nähm', daß es ihm so nah' gehen könnte, ich hätt' ihm ja wahrhaftig sein Beil aus meiner Tasche anstählen lassen!« »'s ist wunderlich, die meisten Menschen sind von Herzen gut, helfen gern und thuen Niemand gern weh' – und doch kränken sie ihre Nebenmenschen so oft und gehen vorbei, wo Hülfe Noth thut. Und daran ist blos die leidige Bequemlichkeit Schuld! – Man will ja gern beistehen, aber das hat morgen auch noch Zeit; und weil man weiß, man will Niemand Unrecht thun, geht man gleichgültig auch da vorbei, wo man mit einer Kleinigkeit was gut machen oder verhüten könnte. Ist's zu spät – dann möcht' man wohl' – s' ist aber eben zu spät! – So ist's auch mit dem Hansnikel! Mich dauert er von Herzensgrund! Er ist freilich ein wunderlicher, grober Kauz, aber rechtschaffen durch und durch, und die beste, aufrichtigste Seele von der Welt, kein falscher Blutstropfen ist in ihm. Ich habe wahrhaft Respekt vor ihm, seit ich weiß, daß es ihm im Grund um nichts anderes zu thun ist, als um sein Recht; ist das gleich eine verkehrte, eingebildete Sache, 's zeigt, was an dem Menschen ist. Und ich kann's nimmer mit ansehen, daß der Mensch sich verhärmt, weil er sich rechtlos glaubt; was ich schon lang' hätte thun müssen, wär' ich nicht blind gewesen, ich will's nicht länger aufschieben. Ich will seine Geräthe verstählen lassen, und 216 Ihr, Schulz, thut mir wohl den Gefallen, und sagt ihm, die Gemeinde habe es machen lassen – die Nothlüge ist ja wohl keine Sünde!« Der Schulz stand eine Weile stille vor dem Fenster, dann gab er Lorenz die Hand und sagte: »Lorenz, von Euch muß man immer nur lernen. Gönnt mir die Freude, und überlaßt das Anstählen mir – 's ist ja dann nicht einmal mehr eine Lüge, wenn ich sage: Ich hätte sein Recht eingesehen. – Gilt's? – ich dank Euch! – – Und wie ist mir denn? – war nicht Hansnikel am selben Tag beim Generalsupertent, als im Rottensteiner Durchstich der Erdbruch niederging? – Ei freilich! – Und so ist's nun in der Welt! Derselbe Tag, der für Hansnikel so schlimm auslief, machte Euer Glück!« »Glück? – Nun ja, ich darf nicht klagen – aber Schulz, solchen Tag möcht ich um alles Glück der Welt nicht wieder erleben!« »Nu, wer weiß? Bist Du nicht seit der Zeit ein gerühmter, angesehener Mann 'worden? Sogar in die Zeitungen ist's kommen, daß Du durch Deine Herzhaftigkeit mehr denn hundert Menschen und einen großmächtigen Brückenbau vor dem Verschütten bewahrt hast, dazu bist Du gleich Schichtmeister, darnach gar Abtheilungsschichtmeister geworden – der Tausend, Lorenz, um solchen Preis, mein' ich, wäre das Bisle Angst und Gefahr wohl zu ertragen.« Lorenz lachte. »Das Bisle! – Ja, ja, hinter dem Ofen ist gut davon reden – aber steckt nur drin! 's ist nicht nur so, daß man sein Leben in die Schanze schlägt, 217 wenn man Weib und Kinder zu ernähren hat! – Ja, die Ingenieure sagen, mein Schlag, der das Gerüst niederwarf, hätte dem Bergrutsch eine andere Richtung gegeben, ohne das wäre die ganze Masse über die Brücke gekommen. Kann sein, ich weiß es nicht, ist mir auch einerlei, an die Brücke habe ich nicht gedacht, und für die hätte ich auch keinen Finger geregt. Blos meine Kameraden zu retten, setzte ich mich der Gefahr aus, und ich danke meinem Gott, daß ich das in Wahrheit sagen kann, wär's anders, wie wollt' ich meiner Margelies, meinen Kindern in die Augen sehen? – – Ja, ja, Schulz, das war eine schwere Wahl – ausreißen oder dableiben! Ich rühm' mich dessen nicht, was geschehen ist, aber zufrieden bin ich, daß ich erst nach dem Schlag davonlief! – Und zum Glück ist mir's ja auch ausgeschlagen, 's wäre Sünde, wollt ich das leugnen. Und Ihr wißt noch gar nicht, daß auch auf den Winter für Arbeit gesorgt ist. Im Rottensteiner Bahnmeistershaus ist eine große Schreinerswerkstätte eingerichtet worden, es sollen dort die Fußböden, Fenster und Thüren für die Bahnwärtershäusle hergerichtet werden – und denkt, die Bahnverwaltung hat mich zum Werkführer bestellt!« »Alle Tausend! – Na, ich wünsch' Euch von Herzen Glück!« rief der Bergbauer mit aufrichtiger Theilnahme und drückte Lorenz die Hand. Nachdenklich setzte er nach einer Pause hinzu: »Aber nun seh' ich kommen, was ich schon lang' befürchtete.« »Ich dank' Euch! – ja, ich gedenke noch in der Woche nach Rottenstein zu ziehen!« Eine Weile war es still, Lorenz blickte aufmerksam in 218 den Nebel draußen, der Schulz stützte nachdenklich den Kopf in die linke und trommelte mit der rechten Hand nachdrücklich auf der Tischplatte. »So ist's,« sagte er endlich, »die Guten, die man festhalten möchte, ziehen fort, die Schlechten allein wird man nie los. – Lorenz,« fuhr er fort und legte ihm die Hand auf die Schulter, »Lorenz, ich habe Euch achten gelernt, Ihr seid ein richtiger Mann – thut's nicht, bleibt bei uns!« »Früher hätte ich's auch nicht für möglich gehalten, daß ich jemals Bergheim verlassen könnte – jetzt ist's anders, ich gehe mit Freuden. Nach dem, was mir in Bergheim widerfahren, bin ich da nicht mehr heimisch.« Der Schulz nickte und ging, wie über etwas nachsinnend, langsam in der Stube auf und ab. »Ich kann Euch darin nicht ablegen, und doch solltet Ihr die Gemeinde nicht entgelten lassen, was Einzelne verschuldeten. Lieber Gott, es waren das überhaupt traurige Zeiten für's Dorf, und es mußten alle Nachbarn darunter leiden. – Jetzt soll's aber besser werden, von Grund aus besser – und dazu habe ich gar sehr auf Euren Beistand gerechnet.« »Ich? – wie meint Ihr das? – Habt Ihr vergessen, daß ich nur ein Hintersitzer bin? Die Einundzwanzig würden mich schön heimschicken, wollte ich mir 'rausnehmen, ein Wort in ihre Sachen dreinzureden! – – Nein, nein! – ich vergeß' nicht, was dem Hintersitzer und – Hirtenhäusler! – zukommt!« »Vom Hirtenhaus seid still, der Aufenthalt da schändet Euch nicht. Und auch sonst wird es anders. Lorenz! – denkt dran, ich hab's gesagt: Die Herrlichkeit der 219 Einundzwanzig geht zu Ende! 's ist eine neue Zeit im Anzug, alte Einrichtungen und Ordnungen reichen nicht mehr aus, 's ist ein ganz anderes Leben jetzt, das verlangt seine eigne Art und Ordnung. In Ottenberg, Uhlstedt, in Lindenthal drüben, selbst in Rattenstein, wo sich doch die Berechtigten so arg gegen die Hintersitzer stemmten, mußten sie sich mit denen vergleichen – uns steht das Gleiche bevor. – Ich gesteh's Euch aufrichtig, 's ist nicht leicht, solch ein wichtiges, und was noch mehr besagen will, ehrenvolles Recht aufzugeben, auf das unsre Vorfahren stolz waren, und das, richtig gebraucht, so viel Gelegenheit gibt, Gutes zu thun, nicht blos für heut und morgen, sondern solches, das bleibt und auch noch den Nachkommen wohlthut. Auf der andern Seite ist freilich wieder die Gefahr allzugroß, daß, wer die Macht hat, sie blos zum eignen Vortheil benützt und die Schwachen unterdrückt – wie wir's ja erlebt haben. – Drum sag' ich selber, es ist in der Ordnung, daß das Dorfregiment Allen in gleicher Weise zukommt, den Armen und Geringen so gut als den Bauern. Besonders wegen der Armuth bin ich ganz dafür! Bis jetzt hatten wir Einundzwanzig alle Lasten allein zu tragen, so auch die Armen allein zu erhalten. Wird das nun anders, hat auch der Geringe zur Unterstützung der Heruntergekommenen beizutragen, – ich meine, das wäre ein Sporn für sie, selber darauf zu achten, daß die Armuthei nicht allzusehr über Hand nimmt. – – Das sind freilich nur Gedanken; aber mag sie nun zum Guten oder Schlimmen ausfallen, die Veränderung kommt, und das bald! Da wird's nun viel Feuer und Rauch geben, sowohl bei den 220 Berechtigten, wie bei den Hintersitzern. Diesen wässert schon lang das Maul nach dem Gemeindegut, sie werden das Ganze in Anspruch nehmen; jene wieder geben schon die Herrschaft im Dorf nicht gern auf, sie werden Zeter schreien, sollen sie obendrein auch nur einen Theil ihres Gutes fahren lassen. – Da thuen dem Dorf verständige, redliche Männer Noth – und Ihr, Lorenz, wäret ganz der Mann, die Hintersitzer zu vertreten und sie auf den rechten Weg, der ja auch da in der Mitte liegt, zu leiten. – Lorenz bedenkt das und bleibt! – Ist dann Ordnung, steht Ihr uns Bauern in Allem gleich – ein Sitz im Ausschuß kann Euch nicht fehlen. Ihr waret selber arm, müßt darum am besten wissen, wie der Armuth wahrhaft zu helfen ist – bedenkt, was Ihr da Gutes schaffen könnt. – Kommt, gebt mir die Hand, Ihr bleibt ein Bergheimer!« Lorenz war mächtig bewegt. Nach einigem Sinnen begann er: »Was Ihr da sagt, kann einem zu schaffen machen. Zunächst dank' ich Euch für das gute Zutrauen, das Ihr auf mich setzt; ich brauch' Euch wohl nicht zu sagen, daß es für mich kein größeres Glück gibt, als meinen Nebenmenschen beizuspringen, und daß, wo mich auch der Herrgott hinstellen wird, ich meine Schuldigkeit zu thun beflissen sein werde. Was aber meinen Auszug anbelangt muß ich doch auf meinem Sinn bleiben. Ihr sagt, ich hätte ein Ansehen im Dorf – für den Augenblick mag das vielleicht wahr sein. – Aber das kommt nicht daher, weil mich die Nachbarn als rechtschaffnen Mann achten, weil sie wirklich Respekt vor mir haben, sondern weil mir 221 das Glück ganz gegen ihre Berechnung in letzter Zeit günstig war. Nicht daß ich mich wegen meiner Kameraden in so grausame Gefahr begab, ist's, was sie loben, sondern daß mir die Sache gelungen ist und mir Vortheil – den sie obendrein wahrscheinlich himmelhoch überschätzen! – gebracht hat, das ist's, was sie preisen und rühmen. Laßt mir ein andermal auch nur eine Kleinigkeit mißrathen, laßt sie nur erfahren, daß mich der Glücksfall noch nicht reich gemacht hat – und wie sie mich jetzt nicht genug zu rühmen wissen, werden sie mir dann desto größere Verachtung bezeigen. Nein – meines Bleibens ist nicht in Bergheim! Ich will mir nicht bei jeder Gelegenheit von dem ersten besten Lumpen in's Gesicht werfen lassen: Was willst denn Du, Du Hirtenhäusler! Eine Zeit lang könnte ich vielleicht darüber lachen, zuletzt würde es mich doch unglücklich machen. Ein Reicher kann ruhig seinen Posten behaupten, wenn auch ein Makel auf seinem Namen liegt – Geld und Gut deckt Alles zu. Anders bei uns Armen! Das rechtschaffenste Leben löscht eine Schande nicht wieder aus, auch wenn sie unschuldig erlitten wurde; sie ist ein Graben, der nicht zu überspringen ist. Ich aber will jedem Menschen frei in's Gesicht sehen, frei heraus meine Meinung sagen dürfen, ich will die Achtung, die ich verdiene für mich, Frau und Kinder, ich will für das angesehen sein, was ich bin: Für einen ehrlichen, rechtschaffnen Mann!« »Habt Ihr Euch das nicht in Bergheim erzwungen? Und, Lorenz, kann nicht das Gerücht von – von – von Eurem Unglück auch in die neue Heimath nachfolgen?« »Daß es geschieht, dafür werden meine Feinde 222 sorgen!« sagte Lorenz mit gerunzelter Stirn. »Denkt nicht, daß ich das vergessen hätte. Aber dort ist doch Niemand, der mich in der Schande gesehen, dort habe ich selber den Ort meines Elends nicht täglich vor Augen, ich habe Hoffnung, die ganze trübe Zeit vergessen zu machen. – Redet mir nicht zu, es nützt doch nichts! – Man hat mich gezwungen, mein Leben wieder von vorn anzufangen – es soll nun auch ein ganz neues Leben daraus werden, darum muß ich fort.« »Der Kirchbauer und Türkenhenner haben ein Elend über das Dorf gebracht, es ist nicht auszusagen!« rief der Schulz nach einer langen Pause. »Ihr möget Recht haben, verübeln wenigstens kann ich's Euch nicht, wenn Ihr Euch von Bergheim wegsehnt. Aber was anderes laß ich mir nicht abschlagen: Wir wollen Du zusammen sagen und Freunde sein für alle Zeit!« Beiden Männern ward es feucht in den Augen, als sie sich die Hände schüttelten mit den Worten: »Auf Du und Du, so lang' wir leben!« Als darnach der Bauer seiner Magd befahl, Bier zu holen, sagte Lorenz: »Laß' das sein, das Trinken auf unsre Brüderschaft besorgen wir ein andermal, jetzt will ich heim, weiß nicht warum, der Hansnikel kommt mir nicht aus den Gedanken!« »Noch eins, Lorenz, muß ich Dir sagen. Ueberleg Dir den Auszug aus dem Hirtenhaus noch einmal. – Ich meine, in Rottenstein wirst Du nicht für immer bleiben wollen – drum spar' Dir einen Umzug und bleib' im Hirtenhaus, bis Du bestimmt weißt, wohin.« 223 »Ich muß mich wundern, daß Du mir so was ansinnst! – Nein, aus dem Hirtenhaus je eher, je lieber!« »Das weiß ich! hab' auch nicht zuerst Deinetwegen gebeten: Bleib da!« lächelte der Schulz. »Sieh, bist Du fort, geht die alte Teufelswirthschaft drüben wieder los, und all' unsre Müh' war vergeblich. – Du weißt, ich kann noch immer nicht durchfahren, wie ich wohl möchte. Aber bis zum Frühjahr hoff' ich, soll sich manches ändern, drum bleib noch so lange hier – dann halte ich Dich selber nicht mehr auf!« »Das ist was anders, wenn der Gemeind' und den Hirtenhäuslern ein Dienst damit geschieht, ist der Vorschlag der Ueberlegung werth. – Aber meine Margelies hat sich so sehr auf den Auszug gefreut! – – Hm, hm! – Nu, ich will mit ihr reden. Jetzt aber muß ich heim, mir ist, als könnte mit dem Hansnikel was passiren, und die Freude mit dem Beil möchte ich ihm doch noch machen. – Adje für diesmal!« Seine Besorgniß war begründet; traurig kam ihm Margelies entgegen und sagte: »Eben wollt' ich Dich holen! – Beim Hansnikel steht's schlecht, geh' zu ihm, er hat nach Dir verlangt.« In der Stube saßen die Kinder still beisammen, die Schwarze und das Bettelfräle weinten, nur die Wassermaus saß theilnahmlos, verdrossen in der Ecke. Eben kam der Hasenherle aus der Kammer des Kranken und sagte ärgerlich: »'s ist ein wunderlicher Heiliger, mein Alter, thut Euch auf einmal, als möcht' er gar nichts mehr von mir wissen. – Geh't 'nein, er fragt alle Augenblicke nach Euch!« 224 Als Lorenz die Thür öffnete, sagte Hansnikel: »Sua, Mädle, mit mir ist's aus – aus ist's, sua! – Ich hab's ja gewußt! – Guck, wie ich bei der letzten Leich' aus dem Grab steig, zerbricht mein Leiterle und ich fall' zurück – das ist eins! – Hernacher, wie ich in's Bahrhäusle geh', regt sich die Bahr' und kommt ganz für sich selber auf mich zu. Sua, sag ich, sieht's darnach aus? – Sua, sua, nu' fehlt noch eins, nachher ist's ganz gewiß! – – Ja, ja, heul nur – und 's kam auch! Wie ich das Bahrtuch in die Leichenladen leg', schlägt mir der Ladendeckel aus der Hand, und meinst, ich bring' ihn wieder auf? – nicht rühran! – Sua, sua, sag ich, nu weiß ich, was's bedeut't! Mein letztes Grab hab' ich gegraben, nu' ist die Reihe an mir, sag' ich, sua! – – Mädle, heul nicht, einmal muß's sein, und ich sterb' gern! 's ist eine betrogne Welt heutzutag', keine Treu' und kein Glauben mehr unter den Leuten, Recht und Gerechtigkeit ist nirgends mehr zu finden, und die Großen hängen zusammen wie Pech, vom Schulmeister bis zum Supertent, – 's ist 'ne betrogne Welt, das sag' ich – sua! – Und der Supertent, der Supertent! – Mädle, Du weißt's auch, ich und der Supertent sind Leut' und gehören zusammen – und fein hab' ich mein' Sach' fürbracht – und wollt doch nichts wie mein gutes Recht – – aber wie mich der behandelt hat – 's war weder löblich noch fein! – Mädle, der Supertent ist ein Nagel zu meinem Sarg, sua! – – Ja, die Menschheit tügt (taugt) heutiges Tages durch die Bank nichts, nur den Schreiner zieh ich mir aus – das ist einmal ein Mann, so einer steht nicht wieder auf, das sag ich, sua! 225 – Und wo er nur bleibt, der Schreiner? – Dem hab' ich Unrecht gethan, der hat's wahrhaftig gut mit mir gemeint – ach, wenn ich ihm nur noch einmal in die Augen gucken könnte. – Mädle, das ist ein andrer Kerl als Dein Hasenherle! – Ja, hätt' ich mich dem anvertraut, hätt' ich mich an den gehalten, ich wär heut' nicht der elende, rechtlose Mensch!« »Ach, Hansnikel,« sagte Lorenz gerührt, »quält Euch doch nicht mit solchen trüben Gedanken.« »Seid Ihr's, Schreiner?« unterbrach ihn der Kranke und haschte nach seiner Hand. »Seid Ihr wirklich da, Lorenz? – geht näher 'ran, daß ich Euch in's Gesicht sehen kann – sua! – Ja, ja, Schreiner, mit mir ist's aus – aus ist's; drum verlaßt mich nicht, 's wird nimmer lang mit mir dauern. – Und ich sterb' gern, Schreiner – 's ist nichts mehr auf der Welt! – Und ich dank' meinem Herrgott, daß er meinen letzten Wunsch erfüllt und Euch zu mir führt – ich mein', 's müßt sich leichter sterben, weiß ich Euch in der Näh' – sua! – Ja, was ich sagen wollt': Ich hab' Euch grausam Unrecht gethan, Schreiner, hab' Euch auch für falsch und schlecht gehalten wie alle Leut' und bin Euch aus dem Weg 'gangen und hab' dem Hasenherle mehr vertraut als Euch – wollt Ihr mir's nicht nachtragen? – Sua, sua – 's ist schon gut – und ich dank Euch auch, sua! – – Und ich weiß jetzt, Ihr allein waret zu allen Zeiten aufrichtig gegen mich, habt meiner Uhr zu einem rechtschaffenen Ort verholfen, habt mir immer und in allen Stücken meine Ehr' gegeben – wenn Ihr auch mein Recht nicht einsehen konntet 226 – das dank' Euch der liebe Herrgott und vergelts Euch! – – Ja, Schreiner, 's ist 'ne falsche, betrogne Welt, und was Ihr thut: Werdet nicht Todtengräber und nicht Calicant! – 's weiß der liebe Gott, Euch wollt' ich ja die Aemtle von Herzen gönnen, Euch vor jedem Andern – aber nehmt sie nicht, Ihr habt nichts wie Aerger und Trübsal davon! Kein Mensch rechnet Euch zur Geistlichkeit – und was bedeutet die Geistlichkeit ohne Todtengräber und Calicant? – 's Obst auf'm Gottesacker kriegt Ihr nicht – und wer hat am meisten auf'm Gottesacker zu thun? – Und was gar Schaufel, Rotthaue und Beil betrifft, so läßt sich der Schulz und die ganze Gemeinde lieber 'nen Finger abschneiden, als daß sie Euch Recht gibt!« »Gebt Euch zufrieden, Hansnikel, und denkt doch nicht an's Sterben!« sagte Lorenz herzlich. »Ganz so schlecht ist die Welt doch nicht, der Schulz ist zur Einsicht 'kommen, morgen gleich werden Eure Geräthe verstählt!« »Lorenz – Schreiner! – – Ich bin ein armer Mensch – wollt auch Ihr Euren Spott mit mir treiben?« »Habt Ihr nicht eben gesagt, ich sei stets aufrichtig gegen Euch gewesen? – Seid nur ruhig, 's ist die lautere Wahrheit, ich bürg Euch dafür, morgen wird Euer Geräth in Stand gesetzt!« Hansnikel starrte Lorenz eine Weile in's Gesicht, dann legte er sich langsam zurück, faltete die Hände, und während ein paar große Tropfen seine Wangen herabrollten, flüsterte er: »Sua – sua!! – Mein Herrgott im Himmel droben, hab' Dank, daß Du mich noch das hast erleben lassen! – Nun muß ich doch nicht als rechtloser, 227 verspotteter Mensch sterben! – sua! – sua sua!!« Seine Augen schlossen sich, er schien zu schlafen; allmählich verklärte ein glückseliges Lächeln sein welkes, runzliches Gesicht und von Zeit zu Zeit kam wie ein Seufzer ein leises. »Sua!« über seine Lippen – immer schwächer und schwächer. Wohl nach einer Stunde schlug er plötzlich die Augen auf und sagte: »Sua, sua! – Das hat wohlgethan! – Schreiner, das ist Euer Werk – das vergeß' ich Euch all' mein Lebtag nicht – sua! – – Das Geräth wär' in Ordnung – und mag mich der Supertent tausendmal 'nen verrückten Narren schimpfen, ich bin der Hansnikel Völker, Todtengräber und Calicant von Bergheim, und ich sag: Der Todtengräber gehört doch zur Geistlichkeit, und das Obst kommt ihm allein zu, punktum! – sua!!« Lorenz beugte sich über den Kranken – sein Athem stand still. Sanft drückte er dem Entschlafnen die Augen zu, nach einem langen Blick in das stille Gesicht ging er hinaus.   25. Veränderungen. Hansnikel war zur Erde bestattet; der Hasenherle, der damit zugleich seine Bewerbung um die Aemter des Verstorbenen anmeldete, hatte ihm sein Kämmerlein gegraben, alle Hirtenhäusler, Mariebärble, der Wasserchristian, der Schulz und noch viele Bergheimer waren seinem Sarg gefolgt – jetzt saßen die Hirtenhausbewohner, zu denen wir auch Lorenz und Margelies rechnen müssen, da sie wirklich eingewilligt, bis zum Frühjahr auszuharren, stille und 228 nachdenklich beisammen. Die Schwarze, die schrecklich bleich aussah und nur noch herumwankte, verhüllte das Gesicht mit der Schürze und schluchzte: »So ist der Anfang mit dem Auszug gemacht! – Hansnikel war der erste, ich werde ihm bald nachfolgen! – Wie Gott will! – Meine Kinderle sind in guten Händen, und ich bin auf der Welt nichts mehr nütz'!« Margelies redete ihr leise Trost ein, aber vom Hellstein jammerte eine zitternde Stimme: »Ach Du lieb's Gottle, wenn doch solch' junges Weiberleut nicht so kleinmüthig thun wollte – was soll nachher ich erst machen? – Ach Du lieb's Gottle, ihr Leut, ihr Leut, was fang ich an? – Bis heut' war der Hansnikel mein Trost – ist er doch grade vierzehn Tage älter wie ich – und nun ist er todt – ach Du lieb's Gottle, nu steht's an mir, nichts ist gewisser!« Auch die Hirtenlang schluchzte heftig. Sie kam sich so verlassen vor seit dem Tod des Vaters, da sich auch das Mädle gänzlich von ihr abgewendet hatte, ihr kaum mehr auf einen Gruß dankte und sie mit bösen Blicken verfolgte. Da zog Mariebärble der heftig Weinenden die Hand von den Augen und sagte: »Bekümmert Euch nicht zu sehr, Mutter. Die Bas wird ihre Garstigkeit bald bereuen. Beruhigt Euch, der Herle ist gut aufgehoben, und sonst habt Ihr ja mich, ich verlaß' Euch nicht!« »Habt nur noch ein paar Jährle Geduld,« tröstete auch Christian, »dann zieht Ihr zu uns, Ihr sollt's einmal gut haben im Alter!« »Ei guckt doch an!« schrie die Wassermaus. »Fremde 229 Leute will der Racker versorgen, an seine Mutter denkt er nicht!« »Ihr wißt selbst am besten, was von Euren Worten zu halten ist!« entgegnete Christian ruhig. »Ich verlaß' Euch nicht, was ich thun kann, soll immer geschehen, nur in meinem Haus kann ich Euch nicht brauchen – Ihr wißt selber gut genug, warum!« »Ei so hört doch den gottlosen Buben!« ereiferte sich Hasenherle, um die Hirtenlang zu ärgern. »Fürchtest Du Dich nicht der Sünde, eines Mädles willen Deine leibliche Mutter im Elend sitzen zu lassen?« »Holla, Herle, rappelt's Euch im Kopf?« rief Christian ganz verwundert. »Ihr seid mir fürwahr der rechte Anwalt meiner Mutter! – Schämt Euch, Ihr alter Heuchler; dürft vor der eignen Thür kehren, eh' Ihr andern Leuten gute Lehren gebt! – Laßt mich so was ja nicht wieder hören, sonst red' ich noch ganz anders mit Euch – ich hab's noch nicht vergessen, wie Ihr meine Mutter zum Narren hattet, merkt das!« »Ja, Herle, Ihr seid in Wahrheit ein Kerl, 's wird Einem übel und weh, wenn man Euch nur anguckt!« sagte Lorenz ärgerlich. »Schämt Euch bis in's Herz 'nein und laßt andere Leute in Frieden. – Nur still, sonst sag' ich Euch noch mehr. Ist das eine Art, wie Ihr jetzt schon die Hirtenlang behandelt? Habt Ihr nicht mehr Achtung vor dem Todten, dessen Tochter sie so gut ist wie Euer verrücktes Mädle? – Nehmt Euch in Acht, Herle, Ihr seid nicht allein in der Welt, Eure Schlich' kennt man schon lang'!« 230 Hasenherle wollte aufbegehren, aber seine Braut gab ihm einen derben Stoß in die Seite und zankte: »Gleich bist Du still! – Mit der Wassermaus hast Du nichts mehr zu reden – ich leid's nicht – und ich leid's nicht – und ich brauch's nicht zu leiden!« So ward es still in der Stube, und Christian sammt dem Mariebärble nahmen bald Abschied von der weinenden Hirtenlang. Die Tage gingen hin, auf den Nebel folgte helles, klares Frostwetter; die Wege wurden pickelhart wie im höchsten Sommer, und die Dorfjugend vergnügte sich auf dem Eis des Schloßteiches. Darnach legten sich wieder Wolken vor die Sonne, und als der kleine Schreinersemil eines Sonntagmorgens erwachte, kletterte er jubelnd in das Bett des Vaters – Lorenz war jetzt die ganze Woche in Rottenstein und kam erst am Sonnabend spät Abends zu den Seinen – klatschte in die Händchen und schrie: »Es schneit, Vater, guck doch 'naus – es schneit, es schneit!« Von all' dem Wechsel draußen merkte die Schwarze nichts, schon seit der Leiche des alten Hansnikel hütete sie das Bett. Treulich hatten sie Margelies und die Hirtenlang verpflegt, als sich aber ihr Leiden in die Länge zog, setzte es der Schulz bei dem widerstrebenden Ausschuß durch, daß die Kranke im Spital der Hauptstadt – natürlich auf Kosten der Gemeinde – untergebracht werden sollte. Beim Abschied sagte die Schwarze weinend: »Ich wußt es ja, daß ich dem Hansnikel bald nachfolgen würde! – Gott vergelt's Euch, Lorenz und Margelies, was Ihr an mir gethan habt! – Ich sag' nicht: Sorgt für meine 231 Kinder! – Ihr und die Schulzenleute seid meinen Würmern rechte Eltern! Aber eins bitt' ich: Wenn's möglich ist, bringt's dahin, daß meine Kinder einmal ohne Zorn an mich denken.« Heftiges Schluchzen brach ihre Stimme, und der Wagen rollte davon. Margelies ging mit dem Mädchen der Schwarzen still um's Haus in den Baumgarten, wo man weit die Dorfgasse hinabsehen konnte. Heftig drückte sie das Kind an sich und sagte mit überfließenden Augen: »Du armes, armes Herzle Du! – dort fährt Deine Mutter hin – 's ist das Letzte, was Du von ihr erblickst! – Armes, armes Würmle! – Aber nein, Du sollst wenigstens nichts von Deiner Armuth spüren, vor Gott gelobe ich's, so lang ich das Leben habe, sollst Du Deine Mutter nicht vermissen, und mein Lorenz wird Dir auch ein rechter Vater sein!« »Amen, dabei soll's bleiben!« schloß Lorenz, der unbemerkt näher gekommen war und ein dickes Tuch um Frau und Kind legte. »Komm' aber jetzt in's Haus, 's ist so scharfe Ostluft, und in Dammsbrück räumt die Bräune arg unter den Kindern auf – komm 'rein!« Sechs Wochen nach Hansnikels Begräbniß sollte seine Hinterlassenschaft unter die beiden Schwestern getheilt werden. Nichts Gutes ahnend rief die Hirtenlang den Schreinerslorenz zu ihrem Beistand auf, worüber der Hasenherle und das Mädle einen argen Lärm aufschlugen. »Potz Kuckuck! wollt Ihr gleich das Maul halten?« rief aber Lorenz. »Geht Ihr mit rechten Dingen um, was habt Ihr von mir zu befürchten? Der Lärm zeigt, was Euch im 232 Sinn liegt! – Still jetzt und an die Arbeit! Ehrlich Spiel, Herle, sonst steig' ich Euch auf den Giebel!« Das war nun wieder einmal deutlich geredet und Hasenherle ballte in den Hosentaschen die Fäuste. Brauchte er's zu leiden, daß ihm der Schreiner stets so sündlich über's Maul fuhr, zur Schande vor den Kindern? brauchte er's zu leiden, daß der in allen Stücken den Herrn spielte im Hirtenhaus? – Mohrenkuckuck! war nicht der Hansnikel sein Schwäher? war nicht dessen Ansehen und Macht auf ihn übergegangen, war nicht jetzt er der Erste im Hirtenhaus? – Das sollte der einfältige Schreiner auch gleich spüren! Hasenherle reckte sich in die Höhe, guckte mit kühnen Blicken das Mädle an und machte einen Versuch, die Fäuste an das Tageslicht zu befördern, als der Schreiner ärgerlich fragte: »Nu' – wird's bald?« Hasenherle fuhr zusammen, die Fäuste kamen als friedliche Hände verschämt zum Vorschein, und verlegen stotterte der Erschrockene: »Ja, ja, gleich – gleich doch! – Seht Ihr nicht, daß wir im Begriff sind, anzufangen?« Bald kam es zu ernstlichen Mißhelligkeiten. Hasenherle verfiel nämlich immer wieder in den Wahn, als Schwiegersohn des Verstorbenen komme ihm ebenfalls ein voller Kindesantheil am Erbe zu, und das Mädle sagte wenigstens nichts dagegen. Ohne den Schreinerslorenz wäre der Hirtenlang wahrscheinlich übel mitgespielt worden. Eine Zeit lang ertrug das Brautpaar die Einsprüche des Schreiners, bald aber riß dem Mädle der Geduldsfaden, zornig schrie sie: »Was habt Ihr Euch in unsre Sachen zu hängen? – Ich leid's nicht – und ich leid's nicht – 233 und ich brauch's einmal nicht zu leiden!« Das machte dem Hasenherle Muth, er trat noch viel ernsthafter auf und sagte: »Schreiner, dankt Gott, daß ich so sanftmüthiger Natur bin, Ihr hättet, meiner Seel! schon lang was davon getragen. Aber der Mensch ist auch nicht immer Herr seiner selber, drum thut mir den Gefallen und geht gutwillig aus der Kammer, wenn ich einmal anfang', schon ich nicht, und was müßten Eure Kinder von Euch halten, wenn ich Euch jetzt hinauswürfe? Drum thut mir den Gefallen und geht gutwillig, wir werden schon allein mit der Langen fertig – geht 'naus, Schreiner!« »Das nenn' ich doch unverschämt!« rief Lorenz. »Komm, Du alter Pappelhans – 's wird sonst im ewigen Leben kein End'! – komm, wir wollen zusammen 'naus, die Schwestern werden schon miteinander fertig werden. – Marsch 'naus – und ganz still – Mariele, ruf' doch einmal den Schulzen 'rein!« »Ich gehör' zu meiner Braut, und ich will zu meiner Braut!« tobte der Herle, als ihn Lorenz vor sich her in die Stube schubte. »Laßt mich los, Schreiner, oder ich stürm' das Haus, ich mach' Lärm, Schreiner – ich schrei: Feuer!!« »Holla – nur stet! – Wo brennt's einmal wieder?« sagte der Schulz, und nachdem ihm Lorenz auseinandergesetzt, warum er ihn hatte rufen lassen, fuhr er fort: »Jetzt setzt Ihr Euch in die Ecke und seid mäuslestill, Herle, – so! – Lorenz, Du bist so gut, und schreibst die Sach' gleich auf, nicht? – So – jetzt fangt noch einmal an, 234 Ihr da draußen, aber ordentlich, ich hab' keine Lust, mich Eurer Narrheit halber den ganzen Tag herzusetzen!« Der Hasenherle zitterte vor Grimm, aber an den Schulzen getraute er sich doch nicht, wegen der Aemter, um die er sich bewarb. So schwur er seinen Gegnern heimliche Rache und schimpfte auf die betrogne Welt, welchen Ausspruch er von Hansnikel entlehnt hatte. – Herle, Herle, das ist erst der Beginn, Du wirst den Betrug der Welt noch ganz anders spüren! Drei Wochen später ward er mit dem Mädle getraut. Ein wunderliches Paar! Nach allem Möglichen sah es aus, nur nicht nach Glück und Liebe. Viel Gelächter erregten die Namen der Brautleute: Herle und Mädle! – Doch änderte sich das noch am selben Tag. Als sie vom Altar zurückkamen, sagte der Herle lachend: »So, das wär' nun auch überstanden – nu' hat der Herle endlich sein Fräle g'funden!« Diese Rede fand viel Beifall, das Mädle aber nannten die Bergheimer von Stund an das Hasenfräle; erst viel später kamen für das alte Ehepaar die Namen auf: Todtenherle und Todtenfräle! Wenige Tage nach seiner Hochzeit ward der Herle vor den Ausschuß beschieden; dort theilte ihm der Schulz mit: Die Gemeinde wolle ihm die Aemter seines Schwähers übertragen, jedoch nur unter der Bedingung, daß er für die nöthigen Geräthe selber sorge und aus dem Hirtenhaus ziehe. »Was? – was soll ich?« schrie Herle und riß die Augen weit auf. »Wie ich schon sagte: aus dem Hirtenhaus!« 235 »Holla, holla, Schulz! Das ist wieder ein Stückle – sieht Euch ganz gleich! Himmelschwenselens! Aus dem Hirtenhaus? – und grade jetzt? – Wofür hätt' ich nachher das Mädle g'freit? – Nichts – meine Alte gehört zum Hirtenhaus – für den Todtengräber und Calicanten ist's Dienstwohnung – nichts da! Der Teufel soll mich holen, geh' ich aus dem Hirtenhaus!« »Dann habt Ihr nimmer lang zu leben!« lachte der Schulz. »Ueberlegt's – nehmt Ihr die Bedingung nicht gleich an, wird der Körbstricker Todtengräber und Balgtreter, Ihr aber, – merkt das wohl! – müßt dennoch aus dem Hirtenhaus!« »Hol' Euch der Geier! – was habt Ihr vor? wo will das 'naus? Geht Ihr darauf aus, Eure Armen mit Gewalt in's Elend zu treiben?« »Umgekehrt, Herle, wir möchten ihnen gern' helfen! – Laßt mich ausreden! – Das Hirtenhaus war lange genug Sündenherberge und Faulheitspolster – jetzt soll es werden, was es sein muß, ein rechtes Armenhaus, ein Zufluchtsort für Unglückliche, Gebrechliche und Alte! – Ich weiß, es ist ein schweres Beginnen, was wir da unternommen haben, und ob wir unser Ziel erreichen werden, fragt sich. Aber eine Probe muß gemacht werden, und dazu gehört ein Anfang. – Euch mag es hart ankommen, das glaub' ich gern, aber es hilft nun einmal nichts, und habt Ihr den Uebergang überwunden, dankt Ihr's uns vielleicht, daß wir Euch auf die eigenen Füße stellten. – – Ich kann und darf Euch nicht verhehlen, Herle, 's ist Sünde und Schande, daß Ihr in Euren besten Jahren der 236 Allgemeinheit zur Last fallt; Schande für Euch, Sünde und Unrecht aber an den wirklich Armen und Elenden! Denn nicht nur, daß Ihr ihnen eine Hülfe wegschnappt, die Ihr entbehren könntet – Ihr bringt dadurch, daß Ihr unverdienter Weise Unterstützung in Anspruch nehmt, die Wohlhabenden gegen die gesammte Armuth auf, bringt es dahin, daß die Reichen nur noch zwangsweise geben! – Und wer muß darunter leiden? – Ihr nicht, aber die wirklich Bedürftigen! – Nehmt Euch zusammen, Jeremias! probirt's auf eignen Füßen zu stehen, es wird gehen und Euch gefallen – wollt Ihr?« »Halt, Schulz – mir kommt nicht mit Euren Pfiffen! Meint Ihr's wirklich so, wie Ihr sagt: Was hat der Schreiner im Hirtenhaus zu thun? warum macht Ihr nicht bei dem den Anfang? – Und wie wird's mit der Hirtenlang und der Wassermaus? – Mich werft Ihr nicht! – entweder Alle oder Keiner!« »Ich könnte Euch anders antworten, aber Euer Unverstand dauert mich. Was habt Ihr Euch an Weibsleute zu halten? – Und wäret Ihr nicht ganz hirnlos, hättet Ihr längst merken müssen, daß der Schreiner nur auf unser Bitten noch im Hirtenhaus aushält. – Ja, reißt nur die Augen auf! – blos weil wir ihn drum gebeten haben, ist er noch da. Und wißt Ihr warum? – Damit er auf Ordnung im Hirtenhaus sieht! – Und nun kurz: Wollt Ihr oder nicht?« »Will mir's überlegen – mit meiner Alten reden!« »Nichts da, braucht's kein Ueberlegen, rund und klar: Ja oder nein?« 237 »Hol' der Geier die ganze Welt! – Hätt' ich das gewußt! – Tausend Donner! konntet Ihr's nicht vor meiner Freierei sagen? – In's Kuckucksnamen! – meinetwegen: ja! Was bleibt mir übrig? – – Herrgott, und meine Alte! Das wird eine schöne Geschichte!« Wie er heimkam, wußte der Herle selber nicht, aber der Lärm seiner Alten brachte ihn bald zur Besinnung. Noch manchen Tag stand ihr Ehestandsbarometer auf Sturm, aber damit war nichts geändert und nichts gebessert. Zum Unglück fiel der Hasenherle auch noch dem Türkenhenner in die Hände, auf dessen Anstiften lief er in's Amt und verklagte den Schultheißen. Damit kam er jedoch so schlecht an, daß er im Unmuth herausplatzte: »Halten zu Gnaden, Herr Amtmann, ich hätt' ja kein Wort dagegen gesagt, aber der Türkenhenner ließ nicht locker, bis ich endlich in's Amt lief.« Drauf ward Hasenherle entlassen, dafür mußte der Türkenhenner in's Amt trollen – seit dieser Zeit regte er sich nicht wieder und der Hasenherle zog ganz still in's Hinterstübchen beim Ottensmärt. Keines von den Hausgenossen beweinte den Weggang der Herlesleute, ja die Hirtenlang meinte nach einigen Tagen: »Wenn die Wassermaus nicht wär', könnt's einem jetzt wohl im Hirtenhaus gefallen!« »Ist auch wieder für was gut,« lächelte Lorenz. »Ihr könntet sonst am Ende vergessen, was Ihr Eurem Mariebärble versprochen habt.« Die Hirtenlang erröthete und versicherte, sie denke nicht daran, im Hirtenhaus zu bleiben, so bald sich ein Plätzchen für sie finde, ziehe sie unfehlbar aus. 238   26. Hoffen und Harren. Lorenz und Margelies waren glücklich, sie selbst gestanden sich dies mit dankbarer Freude; lag ja noch ein Schatten auf ihrem Leben, so war es ein gewisses Bangen vor der ungewissen Zukunft. Vor lauter Arbeit waren sie noch nicht dazu gekommen, einen bestimmten Plan in's Auge zu fassen. Lorenz hatte allerdings daran gedacht, ob es nicht das Beste sein würde, wenn er sich gleich in einer größeren Stadt festsetzte? Die feineren Arbeiten waren von jeher seine Lust, was ihm noch am Können fehlte, mußte eben nachgeholt werden – gewiß, dort war er am rechten Platz. Vor allen Dingen kamen aber dort seinen Kindern die Schulen zu gut, sie konnten was Tüchtiges lernen, auch die Mädchen vermochten wohl einmal auf eigenen Füßen zu stehen, fanden sie keine Freier. – Lorenz war eigentlich schon fest entschlossen, fürchtete aber, Margelies würde dagegen sein, würde, selbst wenn sie in seinen Plan willige, sich nicht an das Stadtleben gewöhnen können und dort nicht glücklich sein. So quälte sich Lorenz und verschob die Unterredung mit seiner Frau von einem Tag auf den andern, – es pressirt ja nicht! tröstete er sich. Mit Margelies war eine große Veränderung vorgegangen. Ihrer Rechtschaffenheit hatte früher doch viel äußerliches Wesen angehangen, oft hatte sie den Schein höher gehalten als die Sache und besonders dem Urtheil der Leute allzugroßes Gewicht beigelegt. Das war jetzt überwunden! Sie achtete die Meinung ihrer Nebenmenschen auch jetzt nicht gering, aber sie gestattete ihr keinen bestimmenden Einfluß auf das eigne Denken und Handeln 239 mehr. Sie hatte gelernt, den Dingen, Begebenheiten und Meinungen auf den Grund gehen, und wie sie fand, daß gar Manches, was die Leute laut lobten, bei einer ernsten Prüfung nicht bestand, dagegen viel Gutes und Rechtes, was in der Stille geschah, bemäkelt und gelästert wurde, dennoch durch seine Folgen für sich zeugend – da ward sie zuerst traurig, bald aber kam eine desto größere Freudigkeit über sie. Jetzt erst erkannte und verstand sie ihren Lorenz völlig. Nicht mehr an Aeußerlichkeiten hing ihr Herz, jetzt suchte sie ihr Glück ganz wo anders; freilich, je freier und unabhängiger der Welt gegenüber sie sich fühlte, desto ernster und strenger ward sie gegen sich selbst. Schon lange bemerkte sie, wie es in Lorenz arbeitete, mit dem zarten Gefühl des liebenden Weibes ahnte sie, was ihn bewegte, warum er nicht mit der Farbe herausging. Eines Abends, da er wieder sinnend in's Licht starrte, legte sie ihr Strickzeug in den Schooß, strich ihm sanft die Haare aus der Stirn und sagte: »Lorenz, warum quälst Du Dich allein mit Deinen Gedanken? warum sagst Du nicht, was Du vorhast?« »Margelies – was soll das heißen?« »Ach, Lorenz,« lächelte sie und ergriff seine Hand, »meinst, ich merke nicht, was Dich drückt? – Gesteh's nur, Du sorgst Dich um die Zukunft, möchtest weit fort, vielleicht in eine Stadt – ist's nicht so?« »Margelies! – – Wie kommst Du darauf?« »Weiß ich's? – mir ist eben, es müsse so sein! – Warum bist Du nicht offenherzig? Meinst, ich könne erschrecken, ungern fortgehn? – Früher – ja, da hätte es 240 wohl sein können, jetzt sind andere Zeiten! – Wo Du bist, da ist meine Heimath; weiß ich Dich zufrieden, bin ich glücklich! – Du hast Proben Deiner Liebe und Treue gegeben, Lorenz, hast's bewiesen, daß Dir Weib und Kinder über Alles gehen – sollt ich nun undankbar sein, Dich hindern wollen, da ich doch weiß, daß Du bei Allem, was Du thust, nur unser Bestes im Auge hast? Nein, Lorenz, so klein bin ich doch nicht mehr. – Sag's herzhaft, was Du denkst, an mir sollst Du kein Hinderniß finden!« Diesmal verbarg Lorenz sein Gesicht an der Schulter seines Weibes, und es dauerte lange, bis er endlich zu Worte kommen konnte. Margelies hörte ihn aufmerksam an, gab ihm die Hand, sah ihm voll in die Augen und sagte: »Was Du willst, ist mir All' recht! Ich bin ja freilich nicht für die Stadt aufgezogen, im Anfang wird mir's dort auch ungewohnt genug vorkommen, aber das gibt sich! Wenn nur wir zusammenbleiben und unsre Kinder um uns haben – was liegt dran, ob wir da oder dort wohnen? Unser Herrgott ist überall zu finden, die Rechtschaffenheit ist auch nicht an besondere Oerter gebunden – triff in Gottes Namen Deine Einrichtungen. – Nur, Lorenz, versprich mir: Was Du thust, thu's mit Freuden!« Damit war die Sache abgethan. Lorenz nahm sich vor, gleich am nächsten Sonntag in die Hauptstadt des Landes zu gehen, sich nach einer Gelegenheit umzusehen und Erkundigungen einzuziehen. Aber er kam nicht dazu! Am Sonnabend fuhr ein Wagen vor das künftige Bahnmeistershaus, dicht am nördlichen Ausgang des Rottensteiner Durchstichs gelegen, das diesen Winter als 241 Schreinerswerkstätte gedient hatte, und mehrere höhere Bahnbeamte stiegen aus. Nach genauer Prüfung der Arbeiten und Bücher, die zur vollsten Befriedigung der Herren ausfiel, trat der Aelteste von ihnen, ein lebhafter kleiner Herr mit schneeweißem Haar und goldner Brille, zu Lorenz, schüttelte ihm kräftig die Hand und sagte: »Freue mich außerordentlich, den Mann kennen zu lernen, dem die Bahn so viel Dank schuldet; freue mich um so mehr, da ich mich durch den Augenschein überzeugte, daß Sie Ihren Ruf in der That noch übertreffen. – Leider geht nun Ihr Contrakt mit der Bahnverwaltung zu Ende – darf ich fragen, ob Sie schon einen Plan für die Zukunft gefaßt haben?« Lorenz sah betroffen dem alten Herrn in die freundlichen Augen, dann berichtete er kurz sein Vorhaben. »Hm – nicht übel!« entgegnete der Herr. »Noch eine Frage: Haben Sie nie daran gedacht, für immer in den Dienst der Bahn zu treten?« »In Wahrheit ist mir der Gedanke noch nicht gekommen!« »So überlegen Sie! – Die Bahn ist Ihnen Dank schuldig, es ist ihr eignes Interesse, Männer von Ihrer erprobten Treue und Gewissenhaftigkeit in ihren Diensten zu haben – mit einem Wort, Herr Heider, die Bahn möchte Sie festhalten, und ich habe den Auftrag, Ihnen dies mitzutheilen. – Unter welchen Bedingungen wären Sie wohl geneigt, eine dauernde Anstellung anzunehmen? – haben Sie nicht irgend einen Wunsch?« »Ich weiß nicht – es kommt so unerwartet,« stotterte Lorenz und blickte verlegen zu Boden. »Hm – ja, der 242 Vorschlag ist der Ueberlegung werth – und auf alle Fälle bin ich der Verwaltung für ihr Zutrauen dankbar! – Hm! – ich bin einfacher Schreiner und verstehe eben nichts als mein Handwerk, was könnte ich für ein Amt übernehmen? – Bahnwärter? – Nichts für ungut, Herr, das ist nichts für mich, da ist mir mein Handwerk lieber. – Nochmals meinen Dank für die gute Meinung, aber es wird nichts sein!« »Nichts übereilen, nichts übereilen!« mahnte der lächelnde Herr. »Die Verwaltung braucht Leute von gar verschiedener Begabung und mancherlei Kenntnissen – bei uns ist keine Kraft verloren. – Ueberlegen Sie – haben Sie wirklich gar keinen Wunsch, durch den uns und Ihnen geholfen wäre? – Sprechen Sie frei!« Lorenz sah sinnend vor sich nieder, ein Gedanke schoß ihm durch den Kopf. »Ja – wenn ich als Bahnmeister in dem Haus da wohnen könnte!« sagte er, setzte aber gleich hinzu: »Ach, das war dumm! Nichts für ungut, Herr, ich seh' ja selber ein, das geht nicht!« »Nun, nun, wer weiß?« lächelte der Herr und drückte Lorenz zum Abschied die Hand. »Bestimmte Zusicherung kann ich Ihnen jetzt natürlich nicht geben, aber entscheiden Sie nicht über Ihre Zukunft, bis Sie mich gesprochen haben – ich komme nochmals zu Ihnen! – Geduld, Herr Heider, und – Hoffnung!« Klopfenden Herzens sah Lorenz dem Wagen nach – sollte es möglich sein, daß sich sein Leben noch so erfreulich gestaltete? – Bahnmeister! – und wohnen in diesem Häuschen! – Das Blut klopfte ihm in den Schläfen! – – Aber das war ja doch nicht möglich, die Herren werden 243 ihn bald vergessen haben – darum ruhig! Auch ohne diese Stelle durfte er unverzagt der Zukunft entgegen gehen. Bald hatte er seinen Gleichmuth wieder gefunden; Margelies sagte er nichts von der Unterredung, wegen der Stadt beschwichtigte er sie, die Sache wolle überlegt sein. Und als nun Woche um Woche verging, der alte Herr nichts von sich sehen noch hören ließ, da gab Lorenz jede Hoffnung auf. Nicht ohne manchen Seufzer; das Haus war gar so nett und freundlich hergerichtet, wie würde Margelies aufgelebt sein in diesen heiteren Räumen, wie würden sich seine Kinder des Gartens vor dem Haus, des nahen Waldes erfreut haben – aber es sollte eben nicht sein, darum fort mit den unnützen Gedanken. Lorenz war von Herzen froh, daß er nicht auch bei Weib und Kindern eitle Hoffnung erregt hatte. Da – am letzten Tag – rollte die bekannte Kutsche vor das Haus, und der freundliche alte Herr stieg aus, diesmal allein. Lorenz lächelte über sein anfängliches Herzklopfen, als er mit dem Herrn die letzten Geschäfte ordnete und ihm die Bücher übergab. Zuletzt nahm der Greis seine Brille ab, putzte sie lange und sorgfältig, nahm Lorenzens beide Hände und sagte mit bewegter Stimme. »Und nun, mein lieber, lieber Herr Heider, meine herzlichsten Glückwünsche! – Von heute an sind Sie Bahnmeister und werden unverzüglich Ihren Dienst antreten! – Verzeihen Sie mir, daß ich Sie so lange in Ungewißheit gelassen – ich wollte mir die Freude nicht entgehen lassen, Ihnen selbst Ihre Anstellung mitzutheilen. Nochmals meine herzlichsten Glückwünsche! – Wir werden oft zusammenkommen 244 im Dienst, noch öfter hoffe ich Sie zu treffen außer Dienst. Ich kenne Ihren bewegten Lebensgang, meine Schicksale haben manche Aehnlichkeit mit den Ihrigen, auch ich weiß, was es heißt: Beharren im Unglück, den Kopf oben behalten, wenn man vor der Welt in Schmach und Schande steht bis an den Hals – ich weiß Sie zu schätzen! – Wir müssen uns genauer kennen lernen – ich hoffe, wir werden Freunde sein! – Glück auf im neuen Leben, Herr Bahnmeister, und damit Gott befohlen!« Wie ein Träumender schritt Lorenz heimwärts. War denn das noch die alte Welt, oder war er auf einmal ein neuer Mensch geworden? So blau war der Himmel, so glänzend die Sonne noch nie gewesen, und selbst das Brausen des Frühlingssturmes in den blattlosen Baumwipfeln, die eilends am Himmel dahinziehenden Wolken mutheten ihn an wie heitere Grüße, beglückende Vorzeichen. Eine verzehrende Ungeduld brannte in ihm, er beneidete den Wind um seine Flügel, mit den Wolken um die Wette hätte er davon fliegen mögen, heim zu Weib und Kindern. Schneller und schneller wurden seine Schritte, und als Bergheims Thurmspitze zu seinen Füßen auftauchte, nahm er seine Mütze ab und faltete die Hände. Im Weiterschreiten seufzte er: »Ach Margelies, ach meine Kinderle! – jetzt kann ich Euch fröhlich in die Augen schauen, ihr braucht Euch des Vaters nimmer zu schämen!« Margelies kam ihm entgegen, hastig entdeckte er ihr sein Glück, dann lagen sich die Gatten stumm in den Armen, nur dann und wann flüsterte Margelies: »Lorenz, mein lieber, lieber Lorenz!« 245 »Der Schreinerslorenz ist Rottensteiner Bahnmeister 'worden!« ging es von Haus zu Haus, und große Bewegung entstand ob dieser unerwarteten Kunde. Wohl die meisten Nachbarn erfreuten sich dieser Wendung der Dinge, gönnten den Schreinersleuten von Herzen das Glück, ja einige waren sogar nicht wenig stolz darauf, daß ein Bergheimer Bahnmeister ward. Zu diesen gehörte der Ottensmärt, der nachträglich seiner Alten noch eine kleine Strafpredigt hielt. »Siehst Du,« sagte er, »wärst Du selligsmal nicht so ein geiziges Zankeisen gewesen, jetzt hätten wir die Ehr', daß der Rottensteiner Bahnmeister aus unserm Haus käm, obendrein brauchten wir uns nicht mit dem nichtsnutzigen Hasenherle 'rumzuärgern.« – Andere Nachbarn waren auch voller Neid und Mißgunst und redeten, wie es ihnen eben der Bosheitsteufel einblies. Diesmal konnte auch der Türkenhenner nicht schweigen; giftig lachend sagte er Nachts im Wirthshaus. »Auf der Eisenbahn mag ein schönes Volk zusammen kommen, daß sich Gott erbarm'! Wenn sie ihre Bahnmeister aus den Hirtenhäusern zusammenlesen, wo mögen erst die andern her sein?« »Darauf geb' ich nicht viel,« entgegnete der Schulz gelassen, »wo die Leut' eigentlich hin gehören, das ist die Sach', Henner! Mir wenigstens ist ein rechtschaffner Hirtenhäusler tausendmal lieber, als ein großmäuliger Hans, der mit knapper Noth am Zuchthaus vorbei 'kommen ist!« – Drauf ging der Henner ganz still heim. 246   27. Aus dem Hirtenhaus. Die Wassermaus konnte das Glück der Schreinersleute nicht mit ansehen, sie verließ ohne Abschied das Haus und ließ sich nicht wieder blicken, als Lorenz zum Auszug rüstete. Die Hirtenlang dagegen ging weinend herum, das Bettelfräle gar setzte sich auf den Hellstein und schrie schluchzend: »Ach Du lieb's Gottle, Du lieb's, lieb's Gottle! Nu geht Alles fort, Alles! Die Margelies und die Kinderle – Alles, Alles! – Ach Du lieb's Gottle, erbarm Dich mein, nimm mich zu Dir! – was soll aus dem Bettelfräle werden?« Margelies sah gar nicht so glücklich aus, als man hätte erwarten sollen, und als das Bettelfräle so jämmerlich heulte und die Hände rang, verhüllte sie ihr Gesicht in die Schürze und weinte mit ihren Kindern, die bestürzt am Ofen standen und bald zur Mutter, bald zum Hochsitz des Fräle, von dem man nur die Füße sehen konnte, aufblickten. Da legte sich eine Hand auf ihre Schulter und Lorenz sagte innig: »Margelies, warum quälst Du Dich allein mit Deinen Gedanken? warum sagst Du nicht, was Du vorhast? – Meinst, ich merke nicht, daß Du das Fräle mitnehmen möchtest?« – – Schluchzend warf sich Margelies an seine Brust und flüsterte: »Lorenz, das vergeß ich Dir nie – niemals!« Lorenz aber rief: »Heda, Fräle, fix vom Ofen 'runter! Euer bisle Hab und Gut ist schon draußen auf dem Wagen, laßt Euch von der Margelies ein wenig in Ordnung bringen, dann setzt Euch mit ihr und den Kindern auf. So lang uns der Herrgott Brod beschert, sollt auch Ihr keine Noth leiden, Ihr bleibt bei 247 uns, bis Euch der Herr selber heimruft. – Vorwärts – wir warten auf Euch!« Damit ging er schnell hinaus. Während nun das Fräle wunderbar schnell hinter dem Ofen hervorkam und vor Freude nichts hervorbringen konnte als: »Achachachachaachele! – ist's denn wahr?« und Marie ihre Haare und Kleider ordnete, lärmten die Kleinen: »Aachele! – Der Kuckuck geht mit, und's Fräle geht mit, nu ist Alles beisammen – aachele!« Unter der Thür umarmte die Hirtenlang noch einmal die Margelies und flüsterte ihr in's Ohr: »Gottes Segen kann Euch nicht fehlen! – geht's Euch wohl, vergeßt mich nicht! – Und sag' meinem Mariebärble, in vier Wochen zieh' ich auch aus, ich will ein eigner, freier Mensch sein!« Der Wagen mit den beiden Frauen und den jubelnden Kindern fuhr voraus, Lorenz schritt mit dem Schulzen, der ihm das Geleite gab, in ernsten Gesprächen hinterdrein. Auf der Einzelberger Höhe beim Feldbirnbaum gab der Schulz dem Freund die Hand und sagte: »So leb' wohl – hier wollen wir scheiden! Traurige Zeiten haben wir zusammen überstanden, aber sie hatten auch ihr Gutes, wer weiß, ob wir ohne das Freunde geworden wären!« »Einmal! – Zum andern hab' ich aber auch gelernt, worauf's ankommt im Leben, im Hirtenhaus bin ich erst ein Mann geworden, und ja, auch das rechte Eheglück haben ich und Margelies dort gefunden! – Es war ein harter, gefährlicher Durchgang, nicht Jedem möchte solche Prüfung zum Heil ausschlagen – uns ist das Leid zum Segen geworden – Gott sei's gelobt!« 248 »Ich freue mich Deiner Reden! – Ja, trag' Bergheim das Leid nicht nach, vergiß es nicht, es bleibt ja doch Deine wahre Heimath!« »Heimath? – Jörg, meine Heimath ist nicht mehr ein einzelnes Dorf. – Da bin ich daheim, wo ich mit meinen Kräften und Gaben der Welt nützen, durch meine Arbeit Weib und Kinder versorgen kann. – Bergheim bleibt mir immer werth als der Ort, von dem ich ausflog, aber meine Heimath ist's nicht mehr!« »Das faß' ich nicht; aufrichtig, solche Reden thuen mir wehe! Wenn Du so denkst, wirst Du auch Deine Freunde bald vergessen haben!« »Umgekehrt, Jörg! Je weniger ich an einem Fleck Erdboden hänge, desto fester halte ich meine Freunde. Ach, Jörg, die Menschen vergessen's gar so leicht: Das Leben wird erst lebenswerth durch die Menschen!« »Freilich, freilich! Hergegen machen sie einem auch oft das Leben zur Last, besonders, wenn man Schulz ist!« »Ist Dir wieder was in die Quer' 'kommen?« »Nichts Besonderes – 's gibt so Plage genug, und ist Dein Wegzug nichts? – Ich kann Dir nicht sagen, wie weh' mir um's Herz ist. – Lorenz, es war mein aufrichtiger Wille, den Armen gründlich zu helfen – ich geb's auf, 's ist doch nicht möglich, sie wollen sich selber nicht helfen lassen!« »Ich erwartete so was! Merke: Du mußt nicht alles Elend bessern wollen, sonst wächst Dir's über den Kopf, es wird Dir angst, und Du legst die Hände ganz in den Schooß. Du hast das Elend nicht geschaffen, drum hast 249 Du's auch nicht zu verantworten. – 's ist auch nicht jedes Unglück in Wahrheit so groß, wie's aussieht! Hilf, wo Du kannst mit der That, ohne Reden, damit laß Dir genügen. – Zum andern heben Du und ich und alle Gutgesinnten und alle Mächte der Welt die Armuth und ihre Folgen nicht auf. Beruhte sie allein auf äußerlichen Dingen, dann ließe sich dagegen ankämpfen, aber die Armuth erwächst gar oft – ich sage meistens! – aus dem innersten Wesen der Menschen selbst, darum ist alle Mühe dagegen verloren!« »Wofür arbeiten wir dann noch?« »So meine ich nicht! Keine Arbeit ist vergeblich, nur nichts Unmögliches mußt Du wollen, dann wird Dir auch die Freude an Deiner Arbeit nicht fehlen. Springe den Unglücklichen bei, hilf der Noth ab, suche die Armuth zu vermindern, wo Du kannst, das Uebrige überlasse Gott! – Solche Arbeit ist recht, löblich, auch nicht umsonst, auch wenn Du's nicht gleich siehst. – Ist Deine Klage nicht auch ein Murren wider Gott, der nun einmal die Menschen so geschaffen, daß jeder seine eignen Wege gehen will? – Sie sind nun einmal so; jeder schleppt sein Unglück auf die eigne Art und meint, so wär's am leichtesten, und wenn Du ihm hundertmal sagst: So ist's besser und leichter – er sieht die Sache eben immer mit seinen , nicht mit Deinen Augen an. Es ist richtig, dieser Eigensinn bringt viel Leiden über die Welt – aber ich meine, wär's anders, wär's noch schlimmer, die Verwirrung, das Elend wäre gar nicht zu übersehen! – Wenn mir auch einmal die Verkehrtheit der Welt zu Kopf steigen und mich 250 unmuthig machen will, da kommt mir unser Herr Christus vor, hebt warnend den Finger auf und sagt: Selig sind die Friedfertigen. Darnach werde ich im Herzen still und fröhlich. Ich denke, mit den Friedfertigen hat der Herr Christus eben die gemeint, die sich der Welt als der Schöpfung Gottes erfreuen, die Unvollkommenheiten still ertragen und sich damit trösten, daß ein Größerer und Weiserer als sie wohl wissen werde, warum das eben so und nicht anders ist. Dann getröste ich mich auch der Mangelhaftigkeit des menschlichen Wesens, denke daran, daß auch ein vom rechten Weg abgekommener Mensch ein Kind Gottes ist, so gut wie ich, trotz seiner Fehler von seinem Schöpfer eben so geliebt wird, wie ich. – Siehst Du, dann wird mir's gar still im Herzen, dann kann ich alle Menschen lieben, und nichts wird mir zu schwer für sie. Ich thue, was ich kann – damit laß ich mir genügen; was ich erreiche, darum kümmere ich mich nicht!« »Ja, wenn alle Menschen wären wie Du! – Ich danke Dir, ich will nicht mehr klagen und auch thun, was ich kann!« »So meine ich! Du beschämst mich mit Deinem Lob, ich bin ja auch noch lang nicht, was ich sein sollte. – – Der Wagen ist weit voraus, ich muß nach. – Du in Bergheim, ich in Rottenstein oder sonst wo, wir wollen schaffen, so lange wir können und Beide nicht vergessen: Der einzige Weg, auf dem wir den Armen wahrhaft beistehen können, das ist das Handeln und Feststehen in der Wahrheit und in der Liebe! – Lebe wohl!« 251   28. Schluß. Fünf Jahre sind verflossen. An einem sonnigen Sonntagnachmittag im Juli schritt ein Mann auf wenig betretenem, mit den braunen, vorjährigen Nadelleichen dicht bestreuten Waldpfad langsam unter den schlanken Fichten dahin, deren Zweige sich erst hoch oben ausbreiteten, ineinanderflochten und ein dichtes Gewölbe bildeten, in dessen grüner Dämmerung es sich gar angenehm wanderte. Kein Lüftchen kühlte die Hitze, tiefes, erhabenes Schweigen lag auf dem regungslosen Wald; nur dann und wann schallte das Klopfen des Spechtes weithin durch den Forst, manchmal erhob sich auch mit schwerem Flügelschlag ein Rabe und zog krächzend tiefer hinein in den Wald. Eben hatte der einsame Wanderer die Höhe des sanft ansteigenden Hügels erreicht, der Hochwald verschwand, steil stürzte der Berg in's Rottenthal hinab, und der kniehohe, kräftig aufsprossende Fichtenstand, der den Hang deckte, gestattete eine weite Umschau. Vom jenseitigen Berghang zogen sich die schimmernden Schienenstränge der Eisenbahn im sanft geschwungenen Bogen über das Thal, das eine Brücke in kühnen Bogen übersprang, und verschwanden zu den Füßen des Bergheimer Schulzen in einer tiefen Felsschlucht. Dicht vor dem Eingang der Schlucht leuchtete aus den Zweigen gewaltiger Eichen und Buchen, die es halb versteckten, das schmucke Rottensteiner Bahnmeistershaus hervor, davor, zwischen Haus und Schienen, fesselte ein wundernetter Blumengarten die Blicke des Beschauers. Aber nicht die Farbenpracht der Spiegel, nicht die dunkelglühenden Blüthensträuße 252 hochstämmiger Rosenbäume, nicht die Guirlanden der Kletterrosen, die sich wie Blumenketten von einem Bäumchen zum andern zogen, lockten das glückliche Lächeln auf das Gesicht des Bergjörg. Drunten auf der Brücke stand ein schlankes Mädchen und winkte ihm mit ihrem weißen Tuch; als Antwort schwenkte der Schulz seine Mütze und eilte den Berg hinab. Kaum ist das Schreinersmariechen wieder zu erkennen, so herrlich ist sie aufgeblüht; selbst den Schulzen kam eine Rührung an, als ihm die Jungfrau am Ausgang des Waldes die Hand reichte. »Potz Kuckuck! bist Du ein Mädle 'worden!« sagte er. »Und so vornehm! – Darf man denn noch Du sagen?« »Ach geht, Schulz, Ihr seid ein Spötter! – Gelt, das ist nicht Euer Ernst? – Kommt, die Mutter und das Fräle erwarten Euch, die Hochzeit kann auch nicht lange mehr ausbleiben.« »So laß Dich nur erst recht ansehen, Du Blitzmädle – Seit wann bist wieder aus der Stadt heim?« »Seit vierzehn Tagen!« »Ich dacht', Du bliebest gleich drinnen! – Aber was sag' ich, 's ist ja ebenso! – Na, Mariele, ich wünsch Dir von Herzen Glück, Du bist's werth! – Aber wo ist Dein Wilhelm? – und wann ist Hochzeit? Hättet's heute in Einem weg machen sollen!« »Ach, wo denkt Ihr hin? wir sind noch viel zu jung! Mein Wilhelm ist da, ist beim Kirchgang, heut' noch reist er aber ab, er soll noch ein paar Jahre sich draußen versuchen, die Welt sehen und noch lernen. Ich bleibe so 253 lange bei seinen Eltern und kommt er brav zurück – dann – dann ist Hochzeit!« »Und hast Du das Herz, Deinen Schatz von Dir zu lassen, Mariele? Jungen Herren, besonders wenn sie so reich und vornehm sind, ist nicht gar viel zu trauen!« »Leicht wird mir's auch nicht,« sagte das Mädchen und ihre Augen füllten sich mit Thränen, »aber nicht deswegen. Kann er mich vergessen, wird er mir untreu, dann habe ich nichts an ihm verloren, dann ist's besser, ich trag das Leid allein für mich, als wenn wir zusammen ein elendes Leben führen müßten!« »Ich sag's ja,« entgegnete der Schulz, »Du bist der andere Schreinerslorz, der Herrgott geb' Dir seinen besten Segen!« »Aber, Mariele, ist das auch eine Art, so werthen Zuspruch unter den Bäumen aufzuhalten?« rief eine muntere Stimme vom Haus her, und Margelies, wo möglich noch stattlicher und frischer denn früher, eilte auf den Freund los. Hinter ihr keuchte das Bettelfräle drein, freilich noch mehr zusammengebückt, aber aus ihrem runzlichen Gesicht leuchtete das helle Glück, und ihr: »Ach Du lieb's Gottle!« klang gar zufrieden. Kaum hatten sich jedoch die alten Bekannten begrüßt, so entstand in den Felsen der Schlucht ein Heidenlärm, in den Büschen krachte und rauschte es, drei Kinder, zwei Mädchen von zwölf und acht Jahren und ein Bube im gleichen Alter, stürzten in den Garten, aus vollem Hals schreiend: »Sie kommen, sie kommen!« Kaum waren die Wildfänge zu bewegen, dem Schulzen die Hand zu geben, 254 dann nahm Tine, das ältere Mädchen, das Fräle unter dem Arm, die kleine Schwarze zog Margelies am Rock, Emil hängte sich an den Bergjörg, und alle drängten und baten so eindringlich, wer konnte ihnen widerstehen? – lachend zog der Schwarm dem Hochzeitszug entgegen. Durch die Rebenspaliere, die die Südfenster mit ihrem dichten Grün fast verdeckten, fielen einzelne Sonnenstreifen in's geräumige Zimmer, leuchteten wie Goldfunken vom dunkel lackirten Fußboden und blitzten auf dem funkelnden Geschirr der blüthenweiß gedeckten Tafel. Die Einrichtung des Zimmers war einfach, aber das Sopha, das Pianoforte, der wohlgefüllte Bücherschrank, die Stutzuhr auf der polirten Komode waren nicht nur Zeugen eines behaglichen Wohlstandes des Bewohners, sie bekundeten auch im Verein mit den weißen Vorhängen und den wohlgepflegten Blumen im Fenster seinen Sinn für das Angenehme und Schöne. Daß aber der Bahnmeister auch seine Vergangenheit nicht vergessen hat, verkündet eben der Kuckucksruf aus seinem Arbeitszimmer, und werfen wir einen Blick hinein, so sehen wir wirklich die alte Kuckucksuhr über dem großen, vielbenützten Schreibtisch ticken; daneben aber hat auch die alte, unscheinbare Werkbank mit sämmtlichem Werkzeug Platz gefunden, und ist so das Zimmer so recht ein Bild alter und neuer Zeit! Unterdessen ist es lebendig im Haus geworden, der erwartete Hochzeitszug ist eingetroffen, und die Gäste haben auch schon Platz genommen. Der Ehrenplatz gebührt natürlich dem Brautpaar, und dort finden wir in der kleidsamen Uniform der Bahnwärter den Wasserchristian 255 und neben ihm das glückstrahlende Mariebärble . Beide blicken manchmal fast ein wenig stolz um sich, und sie haben ein Recht dazu, Mariebärble schmückt der jungfräuliche Ehrenkranz, und auch Christian trägt am linken Arm ein kleines Kränzchen. Neben ihnen sitzt ein anderes Brautpaar, viel schöner noch und nicht minder glücklich: Marie und ihr Wilhelm. Beide essen wenig, sie drücken sich nur immer die Hand und blicken sich in die Augen – die Scheidestunde rückt ja immer näher. Neben dem stattlichen Bräutigam, er ist trotz seiner Jugend schon Oberingenieur bei der Bahn, sitzt die Hirtenlang, eifrig bemüht, ihn zu trösten und zu erheitern. Der Margelies, der auch das Wasser in die Augen kommt, so oft sich ihre Blicke auf das junge Ehepaar und das Brautpaar neben ihnen richten, macht die Wassermaus viel zu schaffen, die gar zu gern durch ihre scharfe Zunge die Freude gestört hätte; es wurmte sie doch, daß die Hirtenlang bei ihrem Christian versorgt werden sollte, während sie im Hirtenhaus zu Bergheim bleiben mußte. Aber daran war nun einmal nichts zu ändern, Lorenz selber hatte den jungen Leuten den Rath gegeben: »Laßt Euch mit der Wassermaus gar nicht erst ein, gut thut sie doch nicht bei Euch, und Ihr habt nichts als Verdruß und Aerger. Ihr könnt ihr ja sonst dann und wann unter die Arme greifen, ihr ist das jedenfalls auch das Liebste!« Als sie heute aber gar nicht zur Ruhe kommen wollte, drohte der Bergjörg: »Wenn Ihr nicht gleich das Maul haltet, müßt Ihr bei Gott aus dem Hirtenhaus!« Das half, denn die Wassermaus will nun einmal im Hirtenhaus sterben. Ganz glückselig blickt das 256 Bettelfräle drein und versichert dem stattlichen Bahnmeister, der die Tafelrunde beschließt, alle Augenblicke: »Ach Du lieb's Gottle! 's ist zu herrlich, allzu herrlich! Und ein Jammer ist's, daß man alle Tage älter wird! Ach Du lieb's Gottle, ich bet' ja nicht um langes Leben, aber die Hochzeit von unserm Mariele, wenn ich die noch erleb' – nachher will ich gern sterben!« Die heitere Unterhaltung – der Schultheiß hatte eben berichtet, der Hasenherle komme ganz auf Hansnikels Sprünge, rechne sich zur Geistlichkeit und mache Ansprüche auf das Obst im Gottesacker, werde aber vom Hasenfräle gar kurz gehalten – unterbrach das Geläute auf dem Telegraphenthürmchen, welches das Nahen eines Zuges verkündete. Der Schreiner erhob sein Glas: »Die neue Zeit ist strenger in ihren Forderungen als die alte; wie ihre Maschinen nach der Uhr arbeiten, verlangt sie's auch von den Menschen. Fordert sie aber strengen Dienst, so lohnt sie ihn auch wieder, bricht die Scheidewände nieder, die den Menschen einengen und am vollen Gebrauch seiner Kräfte hindern. – Wie wir versammelt sind, haben wir Alle der Neuzeit viel zu danken, besonders aber ich und das junge Ehepaar dort – ob wir ohne die Eisenbahn wohl so glücklich beisammen säßen? – Darum ein Hoch der freien neuen Zeit! und nun leert die Gläser auf das Wohl der beiden Brautpaare; deren Vergangenheit und Zukunft so eng mit der Eisenbahn verknüpft ist!« Christian mußte nun in den Dienst, hatte Bahnübergänge zu sperren, und die ganze Gesellschaft begleitete ihn in's Freie. Als der Zug vorüber war, sagte Christian: 257 »Herr Oberingenieur, 's ist wunderlich, aber Sie dürfen mir glauben, die Arbeit ist doch das Schönste an meinem Ehrentag!« »Ich verstehe!« lächelte dieser. »Es ist das die Freude der Selbstüberwindung, der wahren Pflichttreue; erst durch die Unterordnung unter das Allgemeine, dem jedes persönliche Interesse nachstehen muß, verdienen wir wahrhaft die Freuden des Lebens!« »Ja, ja, so wird's sein!« meinte Christian mit einem Seitenblick, der zu sagen schien: »Donnerwetter, das ist mir zu hoch! Das Mariele hat sich einen grausam gelehrten Schatz 'rausgesucht – aber gut ist er, und kein Linsele stolz, man muß ihn gern haben!« Nun kam eine große Trennung über die Gesellschaft; nach herzlichem Abschied vom Ingenieur, Margelies drückte ihn weinend an sich, gingen die Weiber und Kinder, auch der Bergjörg, mit dem Brautpaar hinab in ihre Wohnung, wohin auch Lorenz und Marie nachzukommen versprachen, wenn sie Wilhelm zur nächsten Bahnstation geleitet. Eine Weile schritten die Drei still neben einander auf der Bahn dahin. In der Mitte des Durchstichs blieb Lorenz plötzlich stehen und sagte: »Hier an dieser Stelle habe ich den schrecklichsten Augenblick meines Lebens durchlebt, ich gehe nie vorüber, ohne die Hände zu falten und still zu beten – hier muß ich Dir eins sagen. Ich und Dein Vater sind seit dem Tag, da er mir die Anstellung als Bahnmeister überbrachte, Herzensfreunde geworden; Deine Eltern haben darnach Marie zu sich genommen und 258 gehalten wie ihr Kind – Du weißt, wie Du bei uns angesehen warst! – Daß Du und Marie jemals ein Paar werden könntet, habe ich nie erwartet, aber als Deine Eltern selbst für Dich um meine Marie anhielten, – da, Wilhelm, habe ich gemeint, das sei des Glückes fast zu viel! – Und doch drückt mich je länger je mehr eine große, große Sorge! – Wilhelm, Du bist – laß mich reden! – Du bist ein Mensch, von Gott besonders begabt, bist reich, vornehm, unter den reichsten und vornehmsten Fräulein hättest Du wählen können – Wilhelm, unter Gottes freiem Himmel, hier vor Deiner Braut frage ich: Dünkst Du Dich nicht doch im Stillen etwas Besseres als das arme Bahnmeistersmädle? ist es nicht ein augenblickliches Wohlgefallen, was Dich zu ihr zieht, ist Dir noch nie, nur ganz, ganz leise der Gedanke kommen: Das wird wenigstens einmal eine bequeme Frau?« »Kennst Du mich so wenig? – Eigentlich sollten mich solche Zweifel kränken – aber ich weiß ja, ich bin doch Dein Wilhelm! Und nun nur 'runter mit, was Dir noch auf dem Herzen liegt, ich weiß ja doch, wozu das nur die Einleitung war. Du wolltest mir doch nur sagen, daß Du nach meinem Reichthum, nach meinem vornehmen Stand gar nichts fragst, daß Dein Mariele für den Besten noch viel, viel zu gut ist, und daß Du lieber tausendmal in's bitterste Elend zögst, eh' Du Dein Kind verachtet und verunehrt sehen möchtest – –« »Wilhelm, ich habe mich nicht in Dir geirrt – ja das wollte ich Dir sagen!« unterbrach ihn Lorenz und zog ihn an sein Herz. »Ja, Wilhelm, ich bin auch stolz, 259 und ehe ich mein Kind um äußere Dinge wegwerfe –:nein, Du bist brav, in Deinen Händen ist mein Mariele gut aufgehoben. Merke Dir, Wilhelm, was Du auch Deiner Braut zu bieten hast, Reichthum und ein angenehmes Leben, das ist in ihren und meinen Augen Spreu, Wind; was uns stolz macht, bist nur Du allein, Du und Dein gutes, braves Gemüth. Das läßt Dir auch meine Margelies sagen: Du bist uns wie ein eigen Kind, aber nur Du, und auch Du nur, wie Du jetzt bist! – Hier wollen wir scheiden! Ich sage nicht, halte Dich wacker, Du mußt wissen, was Dir der Preis gilt, der nur einem braven, rechten Mann aufbewahrt wird. – Macht Euch jetzt das Herz nicht zu schwer – Eure Zukunft liegt ja in Euren Händen! – Gott segne Euch! – Ich traue Euch, ich weiß, Ihr werdet glücklich sein! – Und Du, Wilhelm, wirst es nie bereuen, ein Weib zu haben, die ein schweres Jahr im Hirtenhaus verlebte! –«