Das Urwaldschiff Ein Buch vom Amazonenstrom von Richard A. Bermann     1927 Volksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G.m.b.H. Berlin     Erster Teil Doktor Schwarz aus Leitmeritz »E quanto a dir qual era, è cosa dura, Questa selva selvaggia ed aspra e forte, Che nel pensier rinnuova la paura. Tanto è amara, che poco è più morte.« »Wie schwer ist's doch, von diesem Wald zu sagen, Wie wild, rauh, dicht er war, voll Angst und Not; Schon der Gedanke dran erneut mein Zagen, Nur wenig bitterer ist selbst der Tod.« Dante, Inferno I.         Zueignung an Curupira Nun, da ich von dem großen Geheimnis des amazonischen Waldes sprechen soll, von dem ungeheuren Reich des grünen Zwielichts, von den dumpfen Schatten und den brennheißen Sonnenpfeilen; von den Rätseln der zahllosen Waldflüsse, der Wirrsal der verwachsenen Pfade, da ich von diesem überquellenden Leben sprechen soll, diesem Rauschen, Huschen, Fliegen, Schwirren unter den dunkelgrünen Zweigen – zu dir, o Curupira, Geist des großen Urwalds, strecke ich meine Hände empor! Verwirre mein Wort nicht, großer Irrgeist der Baumwildnis, lasse mich meinen Pfad sehen zwischen den Stämmen, den Schlingpflanzen, die sie mordend umfangen, nicht auf den verwachsenen Wasserwegen lasse mich den Pfad verlieren, zwischen den ungeheuren Blüten der Viktorialilien! Meinem Irren und Taumeln sei gnädig, da ich von deiner Welt sprechen will, Curupira, Curupira! Die Götter Griechenlands, schön, klar und lächelnd, sie wären verloren im Urwaldgestrüpp am Amazonas. Er selbst, der Waldläufer der nordischen Insel, der Elfe Puck, er könnte in diesen heißen und wilden Wäldern nicht bestehen. Elfentanz auf nächtlichen Waldwiesen? Der Indianer Amazoniens weiß, daß keine Elfen auf Waldwiesen tanzen können, der Jaguar würde sie fressen und der schwarze Puma, der grausam die Halsader des Opfers sucht – – Die Elfen des Amazonenstromes tanzen mitten im Wasser, auf der großen, runden, schwimmenden Tellerfläche der Victoria Regia, und die Riesenschlange Anakonda windet sich im Kreis darum, den Tanz vor bösen 8 Dämonen zu schützen, vor dem schrecklichen Nachtgespenst Jurupary und vor dem entsetzlichen lahmen Zwerg Maty-Taperé, vor ihm, der im Dunkel wie ein heiserer Vogel schreit – – Die blonden Elfen des Nordens sind zu zart für diesen großen, großen Wald. Aber er ist doch voll von geheimer Göttlichkeit; die Indios wissen es, die noch frei an den Flüssen wohnen, mit Bogen und Speer; und selbst die in den großen Uferstädten, halbindianische Mamelucos und halb vernegerte Cafuzos, auch sie erzählen ihren gelben und schwärzlichen Kindern am Abend vor der Hütte, daß der Strom der Wassermutter gehorcht und der Wald dem Curupira. Das Wasser, dieses endlos strömende und stehende Wasser, das durch den amazonischen Urwald sickert, flutet hier breit wie ein Meer und bronzegelb, hier reißend und tief und blauschwarz, hier grün, hier vielfarbig, mit unvermischten Farben; zwischen den Mangrovewurzeln, den Palmgestrüppen, quer durch das Gewirr der Inseln, das Wasser des einen großen Süßwassermeeres und der sechs Rheine und der fünfzig Elben, der hundert Themsen, der fünfhundert Inne, die da durch den dicken schwarzen Wald gelaufen kommen, voll von Fischen, von Kaimanen, Schildkröten, Schlangen – dieses Wasser, das Leben ist und Gefahr, Mutter und Tod, der amazonische Indianer personifiziert es in der Göttergestalt der Mae d'Agua, der großen Wassermutter. Sie ist die Lorelei, die Melusine, die Nixe des Amazonenstroms; in der Nacht dringt ihr zauberischer Gesang aus dem Pflanzendickicht, das die Igarapés umgibt, die schmalen Bootpfade im Waldgestrüpp. Und wer dieses Singen hört, der wird toll vor Sehnsucht und stürzt sich mit einem wilden Lachen in den Fluß – – Vom Ufer kommt das kichernde Murmeln der Yaras, der Flußsirenen, die der Wassermutter dienen. Dem Curupira gehört der Wald. Dieser amazonische Rübezahl ist 9 halb ein Indianer, halb ein Baumaffe oder Jaguar, ein kletterndes Gespenst. Wenn er sich in seiner wirklichen Gestalt zeigt, sieht man, daß seine Füße verkehrt an den Beinen sitzen, mit den Zehen nach hinten, oder auch, daß er einen Fuß wie ein Mensch hat und den anderen wie ein riesiger Jaguar. Er hat nur eine Augenbraue in der Mitte der Stirn, seine Zähne sind blau. Aber gewöhnlich erscheint er dem Waldwanderer in verzauberter Gestalt; der Mann glaubt, ein schönes Weib zu sehen, das Weib einen schönen, starken Krieger; Necken und Verwirren ist die höchste Lust des Curupira. Vielleicht war dieser sonderbare, schweigende, große, bronzebraune Mensch, dem ich im Walde begegnete, damals, Curupira. Ich sprach ihn an, und er lächelte und war gleich wieder weg, und nun geschah jenes peinlich lächerliche Malheur mit den höllisch beißenden Feuerameisen. Und als ich auf dem Baumstamm saß, ganz betäubt von dem Farbenglanz der flatternden Schmetterlinge und der leuchtenden Vögel – jenes tiefe Pochen im Wald, das war kein Specht, das war Curupira, der herumgeht und mit einer ungeheuren Axt aus Schildkrot die alten Bäume beklopft, ob sie dem nächsten Sturm noch widerstehen werden – – Er ist gut und böse, komisch oder furchtbar, Freund oder Feind, freigebig oder grausam, dankbar und ein großer Rächer, er ist wie dieser Wald selbst, der neckt und verwirrt, Schätze gibt, Nahrung und tausendfach den Tod – – Vielleicht ist der Curupira einfach, verzeih mir, Curupira, ein großer Affe, einer, den die Naturforscher bisher nicht katalogisiert haben. Was wissen die Naturforscher vom amazonischen Wald! Sie kennen den zehnten Teil nicht. Sie behaupten, daß in diesem ungeheuren Treibhaus das Leben noch nicht bis zu den höchsten Stufen der Entwicklung 10 gediehen ist; dieses überreiche, phantastisch reiche Tierleben des Waldes soll es nur bis zu den kleineren Kletteraffen gebracht haben; die großen Menschenaffen fehlen, und der Mensch selbst scheint hier ein Fremder zu sein, ein Gast aus anderen Erdteilen, aus Polynesien, Ozeanien, bevor er Zuzug aus Europa und Afrika bekam. Ist nicht vielleicht der Curupira, von dem alle Indianer Brasiliens wissen, der große aufrechte Affe, von dem die Naturforscher nichts wissen, der mögliche Ahn des künftigen, wirklich amerikanischen Menschen? Die Sage läßt den Curupira neugierig sein wie einen Affen. Der Kautschuksammler, der im Wald den Weg zu verlieren fürchtet, setzt sich rasch nieder und flicht ein sonderbares Geflecht aus den Stengeln bestimmter Pflanzen und läßt es liegen. Der Curupira, zwischen den schlanken Assai-Palmen hervorlugend, sieht das Spiel und wird sogleich das Gewinde aufzuflechten beginnen; während der Neugierige so beschäftigt ist, weicht sein Zauber von dem verfolgten Menschen, sein verwirrter Blick wird wieder klar, er erkennt die Pfade des Waldes – – Oh, hätte ich die Pflanzen gewußt und das Geflecht gewoben, als mir der Curupira ungnädig war und mein Lebenspfad verwirrt im amazonischen Walde, in den seltsamen Tagen der amazonischen Operettenrevolution! Curupira, das ist die unsägliche Wirrnis des Dickichts, das böse Peitschen der Zweige, Stechen der Baumwespen und Ameisen, Fallen über Wurzeln, aber auch die sanftere Neckerei der davonflatternden feuerroten und grünen Libelle, jenes in der Sonne durchsichtig und rubinrot gewordenen Blattes, dem ich atemlos durch das Bambusgebüsch zustolperte, weil ich es für irgendeinen Märchenschatz hielt, Karfunkel oder Rubin – Curupira, das ist das Huschen in den 11 Zweigen, das Rauschen hinter der Mauer des Astgewirrs, das Rascheln der großen Eidechsen im Laub, die duftende Hitze in dem unsäglichen, unendlichen amazonischen Urwald, den ich zuviel gesehen habe und nicht genug für meine Glückseligkeit, dieser geheime, zwielichthelle, zwielichtdunkle, schwirrende, raunende, grüne, dunkle, fürchterliche, neckische, herrliche, gespenstische Zauber, Zauber, Zauber – – 13 Erstes Kapitel Der Königliche Postdampfer »Hildebrand« der Booth Line, Liverpool, fuhr am Vormittag des 30. Juli 1924 in die Mündung des ungeheuren Stromes ein; an diesem Vormittag spielten selbst die harmlosesten jungen Passagiere keine Partie Deckgolf. Es gab Leute an Bord, die in der letzten Nacht vor freudiger Erwartung nicht hatten schlafen können und die mit dem allerersten Morgengrauen im Schlafanzug auf Deck gekommen waren, um den Piloten der Station Salinas an Bord kommen zu sehen; das fremdartig romantische Segel seines Bootes, tiefrot, dreieckig und an der Hypotenuse halbmondförmig gehöhlt, hatte sie aufgeregt und beglückt. Ein älterer Deutscher aus der Tschechoslowakei, Dr. Schwarz, war einer von diesen Frühaufstehern oder Nichtschläfern gewesen, dann der englische Arzt Carson, der französische Gymnasiast René und sonderbarerweise auch Lord Athill, der frühere britische Minister; Lord Athill mußte durch die plötzlich verstärkte Hitze oder durch einen Anfall seines Leidens am Schlaf gehindert worden sein, denn niemand mutete seinem matten Wesen jene Kraft der Sehnsucht zu, die die anderen an diesem Morgen der Ankunft und Erfüllung nicht hatte ruhen lassen. Jetzt freilich waren auch die Stumpfen und Blasierten unter den Passagieren auf Deck, mit gewichtigen Feldstechern oder langen Guckrohren bewehrt; es gab viel und Herrliches zu sehen. Und wenn es nichts gewesen wäre als das Wasser allein: ein Wasser wie aus mattem Gold oder aus einer sehr hellen Messingbronze, aber mit blauen und perlmutterfarbenen Reflexen des lichten Himmels, 14 märchenhaft zart hineingemischt. – Erst war es noch wie ein goldfarbenes Meer, mit einem silbernen Streifen von Ufersand irgendwo am Horizont und mit einer unbestimmten grünschwarzen Linie darüber, bis man sah, daß das Baumwipfel waren, eine Mauerkrone von Baumwipfeln, nichts anderes als der Rand des endlosen amazonischen Urwalds – und nun sah man, daß man auf einem Fluß war, zwischen lauter bewaldeten Inseln, und dann begann diese unglaubliche Invasion, der erste große Ansturm der überquellenden tropischen Natur: auf einmal wurden alle Verdecke des »Hildebrand«, ja auch der Rauchsalon, selbst die Kabinen durchflattert von leuchtenden Schmetterlingen, man konnte toll werden vom Hinschauen; es gab große Schmetterlinge, deren Flügel emaillierten Fächern glichen, und ganz kleine Motten, lebendige Smaragde und Saphire; manche waren grelle einheitliche Farbenflecke, andere wieder vielfarbig und fein gezeichnet; es war ein tolles geflügeltes Kaleidoskop, eine Episode aus einem Traum ohne die Schwere der Wirklichkeit; und so war alles an diesem goldenen Morgen. Nicht wirklicher als die Schmetterlinge erschienen auf dem Wasser die phantastischen Boote, viele, viele. Ihre Segel waren himmelblau oder brennend rot; braune und dunkelhäutige Männer standen in ihnen aufrecht, manche ganz nackt, nur mit riesigen Hüten, und senkten Netze ins Wasser oder stachen mit Speeren hinein; und man sah, wie sie fortwährend, mit den Netzen, mit den Speeren, glitzernde Fische aus dem Wasser holten, ganz kleine oder ungeheuerlich große. Diese buntbeschwingten Boote, den Schmetterlingen gleich, waren überall, weithin; sie kamen aus den kleinen Uferbuchten, an denen man sonderbare Hütten oder Schuppen sah, aus ein paar Palmenstämmen und Palmblattmatten aufgebaut. Oder die Boote schossen mit anmutiger Bewegung aus dem dunklen Schatten eines Kanals zwischen zwei 15 tiefgrünen Inselchen. Es sah aus, als kämen sie geradeswegs aus dem tiefen Wald, denn außer dem sonnenbeglänzten und goldfarbenen Wasser, in dem die blauen Reflexe immer wieder zauberhaft aufschienen, gab es nur Wald, Wald, Wald: er war schwarz, grün und bläulich zugleich, umschwebt von einem undefinierbaren dunkelflaumigen Hauch, der die Farben und Formen magisch ränderte; erst sah man nur die geschlossene Einheit, die bedrohlich dichte Masse der Vegetation, eine Mauer ohne Ende noch Lücke; dann zeigte das Glas die verrückte Vielheit des einzelnen, das Gezacke der Kronen, Gewirr der Stämme; einzelne Baumungeheuer tauchten auf, hier, dort, gigantisch über die Umgebung erhoben; ein großer Baum irgendwo schien eine rosarote Flamme, man sah kein Blatt, nur Blüten; es gab riesige Fächer, Schirme, gespreizte Hände, grüne, zum Himmel emporschießende Raketen, all das aber war nur Umriß, Außenlinie, der Blick drang auf keine Weise ein ins Innere des Waldes. Das winzigste Inselchen schien ganz verschlossen, geheimnisvoll; gleich hinter dieser undurchdringlichen Wand am besonnten Ufer mußte ein schweres Dunkel beginnen, voll von Rätseln, Schrecken, vielleicht Schätzen, sicher Gefahren – dieses ganze Bild war in der unglaublichsten Weise in ein zauberisches Fluidum getaucht, es sah nicht aus wie eine irdische Landschaft – – Die Passagiere des »Hildebrand«, alle auf Deck, in ganz frischen Tropenanzügen die Männer, die Damen licht und festlich, hatten ihre Bordstühle nahe an die Reling geschoben, um besser zu sehen, oder promenierten auf und ab, lautlos auf den Gummisohlen ihrer niederen Leinenschuhe; es tat nach der langen Überfahrt wohl, kein Schaukeln mehr zu spüren, auf einem Strom zu fahren, der Ufer gewiß. In vielen verstärkte dieses Ankommen, dieses Erlangen die Sehnsucht bis zur zappligen Ungeduld; andere und stumpfere fühlten schon jetzt, bevor sie das verheißene Land noch betreten hatten, die erste Vorahnung 16 der Sättigung: sie äußerte sich in Klagen über die feuchte Hitze, die freilich nicht gering war, obwohl auf dem schattigen Promenadendeck zu ertragen, im Liegestuhl, während die Stewards kleine Portionen von süßem Eis in Papiernäpfchen umhertrugen und im Rauchsalon geeistes Ginger-Ale und Lemon Squash in den Gläsern schienen. Dennoch gab es schon eine Gruppe von Blasierten, die von der ganzen tropischen Herrlichkeit nur noch die Temperatur bemerkten. Man sah Lord Athill in dem großen, goldgelben und kompliziert geflochtenen Lehnstuhl liegen, den der alte Staatsmann sich auf Madeira gekauft hatte, mit Fußstütze und Armstützen. Er allein von allen Reisenden war auch heute dunkel gekleidet, obwohl sein bequemer Anzug aus dem leichtesten aller schwarzen Lüsterstoffe war. Er lag da, ein müder, alter, weißhaariger Herr, mit einem durch Leiden sehr fein gewordenen Gesicht; den Augen gab die Stahlbrille etwas Scharfes; am besten war die Hand, mit einem großen, feierlichen Wappenring. Neben seinem Stuhl stand ein anderer, ebenso luxuriöser Madeirastuhl, mit Lady Athills Arbeitskorb davor. Der Arbeitskorb war so groß wie ein Papierkorb in einem Bureau und hatte einen Henkel wie ein Eimer. Lady Athill saß nicht in dem Stuhl, sondern ging mit Mrs. Craig spazieren, vierundzwanzigmal um das Promenadendeck herum, das war eine englische Meile und mußte mehrmals am Tag zurückgelegt werden. Edith Lady Athill war sehr groß, sehr gerade und in ihrem kalten Alter noch sehr schön und steif, was sie sehr beglückte; sie trug ein luftdurchlässiges, aber hochgeschlossenes Kleid, hatte als die einzige von den Damen einen Hut auf dem Kopf und einen violetten Schleier vor dem Gesicht, wegen des Teints; sie trug Handschuhe und erschreckend hohe Absätze. Da er sie anderswo wußte, hatte sich Dr. Carson neben den Lord gesetzt, er ertrug die Lady schlecht wegen ihres herzlichen, aber wiehernden Lachens. Dr. Carson las immer Bücher über 17 die sächsische und dänische Urzeit in England; Athill interessierte ihn unter anderem, weil seine uralte Familie wahrscheinlich von Eduard dem Bekenner abstammte. »Aber wenn ich Ihre Ladyship lachen höre,« hatte der Doktor einmal zu dem Weltbummler Hilary gesagt, »dann zweifle ich nicht daran, daß sie direkt von den alten angelsächsischen Häuptlingen Hengist und Horsa abstammt, und von allem, was ein Roß im Wappen führt.« Dr. Carson selbst hätte ganz gut einen alten dänischen Jarl vorstellen können, er hatte nichts Keltisches an sich, nur germanische Geradheit, Langsamkeit, nordisch gekühlt: ein alter Junggeselle, Landarzt irgendwo in Cornwall, jetzt zum erstenmal seit dem Krieg auf einer Urlaubsreise. Die beiden alten Herren lagen lang ausgestreckt; von ihren Stühlen aus konnten sie das Wasser erblicken und die indianischen Fischerboote und die phantastischen Ufer. Sie rauchten, Carson seine Pfeife, Athill eine von den dünnen, langen, orientalischen Zigaretten, die eigens für ihn angefertigt wurden. Sie sprachen kaum miteinander, wenn aber, dann leise und intensiv. Der Lord war noch matter als sonst, vielleicht, weil ihn der Gedanke an die Landung in Parà erst ein wenig erregt hatte. Der Doktor, ein normaler Urlaubsreisender mit behaglichen Feriengefühlen, genoß mit erheblichem Phlegma eine angenehme Situation. Es war erfreulich, in diesem Stuhl zu liegen und die lateinischen Segel zu sehen. Es war erfreulich, noch heute an Land zu kommen, ein interessantes, exotisches Land, und morgen die große Rundfahrt Parà zu machen, laut Reiseprogramm, und zwei Tage später wieder weiterzudampfen, »1000 miles up the Amazon River« ,wie Dr. Carson immer wieder auf der zweiten Annoncenseite der »Times« gelesen hatte, bis sich ihm die Lockung ins Hirn fraß und er beschloß, in diesem Sommer nicht in Schottland zu fischen, sondern den Amazonenstrom zu 18 befahren, tausend Meilen weit, bis zu der Stadt Manaos, und wieder zurück über Madeira, Lissabon und Leixões nach Liverpool, für hundert Pfund Sterling, alles inbegriffen. – Das erste Drittel seiner hundert Pfund und seiner sechs Wochen Ferien hatte Dr. Carson abgereist, zu seiner Zufriedenheit; der gegenwärtige Augenblick erschien ihm very comfortable, indeed ; und er machte Lord Athill mit einer kleinen, trocken vergnügten Geste auf den ekstatischen Schwärmer aufmerksam, der in ihrer Nähe seinen hageren Leib krampfhaft gegen die Messingstangen des Geländers drückte, mit überhängenden Armen, die förmlich nach dem endlich erreichten Land einer großen Sehnsucht langten, Schwarz, Bernhard Schwarz, Dr. Schwarz aus Leitmeritz in Böhmen, emeritierter Realschullehrer – der einzige männliche Deutsche auf dem Schiff, obwohl Hilary, der Weltbummler, in dem vagen Verdacht stand, dieser noch einigermaßen verfemten Nation anzugehören. Übrigens sprachen beide ein reineres Englisch als viele der mitreisenden Engländer, Hilary selbstverständlich, es gehörte zu ihm, niemand zweifelte, daß er nötigenfalls ein reines Polynesisch produzieren würde; das Englisch des Dr. Schwarz war ein wenig langsam und gehemmt, an Schulen erlernt und nachher an Schulen gelehrt, jedermann an Bord wußte, daß dies die erste größere Reise des alternden Mannes war; er redete von nichts als von dieser ihn aufregenden Tatsache: andere mochten auf diesem Dampfer ihre Ferien verbringen oder sich erholen oder sich nach Brasilien begeben, Bernhard Schwarz lebte hier sein Leben, endlich, das eigentliche; mit achtundfünfzig Jahren endlich. Da war er, lang, knochig, hart am Ergrauen und Altwerden, aber noch nicht grau und noch nicht endgültig alt, gleichsam in der Schwebe; solange er die große Sache nicht vollendet hatte, konnte er ja doch nichts Definitives unternehmen; die große Sache aber war eben dies, 19 diese unglaubliche, traumhafte Reise auf dem Amazonenstrom – einst in der frühen Jugend geplant, nach der Lektüre eines Buches von Jules Verne; ein Wunsch der Jugend, später zum Wachtraum geworden, zur überwertigen Vorstellung, zum Lebensinhalt. Alles Frühere, fünfunddreißig Dienstjahre, das war die Vorbereitung auf diese Reise gewesen, die Zwischenzeit, die verstreichen mußte – – Jetzt stand dieser Mensch da, lang, knochig, ungeschickt. Er trug einen Tropenanzug, aber nicht, wie die Deckgolf spielenden englischen Jünglinge an Bord, irgendein gutgeschnittenes und gutgebügeltes Stück Rohseide oder Leinen – nichts dergleichen, sondern ein romantisches Khakikostüm für den dichtesten Urwald, Ledergamaschen gegen Schlangen, Taschen für Kompasse, Taschen für Revolver, den einzigen Tropenhelm, der an Bord war – Es war lächerlich, wenn man das Programm der Vergnügungsfahrt des »Hildebrand« kannte: Gefrorenes im Café des Grande Hotel in Parà, Fruchtsäfte mit Soda im Café zu Flores bei Manaos und eine Fahrt in einem Flußboot zur Besichtigung der Victoria-Regia-Wasserlilien . . . Dieser Dr. Schwarz, wie er dastand, den khakibraunen Tropenhelm schief auf dem gerade noch schwarzen Haar und den vorspringenden Schläfenknochen, sah grotesk-komisch aus, wenn man die Augen nicht bemerkte, die Augen waren zu ernsthaft. – Diese Augen, die von ihrem Traum Besitz ergriffen, heißhungrig und gefräßig, glücklich und voll von jener großen Angst der Glücklichen, die um ihr Glück bangen; diese Augen, und diese langen, gelben Hände, die über die Reling griffen, gleichsam um zuzupacken, festzuhalten, waren rührend und pathetisch; der Rest tragikomisch: ein alter Schulmeister von der dürren Sorte als Urwaldforscher verkleidet. – Wer weiß, ob Dr. Carson, der in diesem Augenblick den alten Lord Athill auf den Mann aufmerksam machte, den tragischen Zug der 20 Erscheinung bemerkte oder nur die komische Geste haltlosen Verzücktseins, den gekrümmten Rücken, den unmäßig breiten Riemen des Feldstecherfutterals, der über diesen Rücken lief wie ein romantischer Schwertgurt, und den großen, blauschillernden Schmetterling, der sich neckisch auf die etwas schiefe Schulter gesetzt hatte. Aber Lord Athill, mit feineren Nerven als der Arzt und mit der instinktiven Menschenkenntnis eines großen Politikers, schien zu verstehen. Er lächelte nur ein wenig und sagte mit seiner sanften, müden Stimme: »Er freut sich so. Ich bin froh, daß er sich freut. Gestern abend hat er mir so nett gesagt, was das für ihn bedeutet – –« Er seufzte unhörbar. Es gab nichts auf der Welt, was für Lord Athill sehr viel bedeutete. Er machte diese Reise, weil ihm der Arzt Seeluft empfohlen hatte, Ruhe und Wärme. Jetzt kehrte der Realschullehrer in Khaki, Bernhard Schwarz, sich hastig um, verlegen und ein wenig ärgerlich; eine junge Dame war auf ihn zugetreten und hatte ihn angesprochen, auf deutsch: Fräulein Pedersen aus Lübeck. Sie war blond und wässerig; sie sprach das hanseatische Deutsch, sehr s–pitz. Sie gehörte nicht zu der Gruppe der Rundreisenden, der »Cruisers«, wie man sie im Bordjargon nannte, die zu ihrem Vergnügen die Kreuzfahrt mitmachen wollten, den Amazonas hinauf und wieder herunter, 1000 miles up the Amazon , sechs Wochen für 100 Pfund. Oh, nicht zu ihrem Vergnügen. Ernste Angelegenheit. Wahre Liebe und so. Sie fuhr nach San Cristobal in Bolivien, einen deutschen Kaufmann heiraten, der dort auf sie wartete. Das heißt, wenn sie lebend hinkam. Es war durchaus unwahrscheinlich. Wenn sie mit dem »Hildebrand« die sechzehnhundert Kilometer bis Manaos zurückgelegt haben würde, fing die Reise für sie eigentlich erst an. Es kam dann, auf einem vagen und unheimlichen südamerikanischen Flußdampfer, erst noch eine lange, lange Fahrt durch den 21 dicksten Urwald, den ganzen Rio Madeira hinauf; dann würde sie plötzlich an einer Eisenbahn sein, die unerklärlicherweise mitten im Wald begann und mitten im Wald aufhörte, am Ufer des Rio Mamoré, dann mußte sie noch einen Dampfer besteigen und wochenlang weiterfahren, wer weiß durch welche Schrecknisse – – Ihr war schon der brave »Hildebrand« mit seinen elektrischen Ventilatoren und englischen Beefsteaks unerhört romantisch vorgekommen und ein wenig verdächtig; verdächtig war alles, was nicht so war wie in Lübeck. Die Gute sprach keinen Ton einer anderen Sprache als ihr s–pitzes Hanseatisch, sie weinte stundenlang vor Heimweh, wahrscheinlich nachts in ihrer Kabine und sicherlich tagsüber, wenn teilnehmende Leute in der Nähe waren: Mrs. Barnes, die ein wenig Deutsch verstand, die Schwedin Frau Berglund, die mit ihrem kleinen Mädchen in Dalarne gewesen war und jetzt zu ihrem Mann nach Parà zurückfuhr, und besonders Dr. Schwarz. Dr. Schwarz hatte, auf englisch, dem halben Schiff seinen Abscheu vor diesem weinerlichen Geschöpf anvertraut; was half es ihm? Sie hatte den Landsmann zu ihrem väterlichen Freund ernannt und schüttete ihm ihr Herz aus, stundenlang. Sie konnte das nicht verstehen, wie Leute freiwillig in ein so scheußliches Land fahren konnten, »so heiß, nich?, und die farbigen Dienstboten gewiß nich ordentlich, und überhaupt Zus–tände!« Der arme Realschullehrer, der sein ganzes Leben dazu verwendet hatte, sich nach eben diesem Land zu sehnen, mußte das geduldig anhören, stundenlang, mit der verlegenen und steifen Galanterie eines alten Herrn, der gegen eine vertrauensvolle junge Dame einfach wehrlos war. Daß sie ihn auch jetzt nicht in Ruhe ließ, in diesem höchsten ersten Augenblick des Ankommens und der Erfüllung, das war eigentlich zu arg. – 22 Er brachte tatsächlich den Mut auf, sich nach einigen Minuten von ihrem Gejammer loszumachen (jetzt fing diese schreckliche Hitze an, nich, und ob in Parà eine Depesche von ihrem Bräutigam dasein würde?); er murmelte rasch etwas von dem Schiffsarzt, den er fragen müsse, ob – und stelzte mit großen Schritten zu dem offenen Verandacafé am Heck des Dampfers, wo dieser Schiffsarzt saß, ein dickes und rosiges Riesenbaby in einer weißen Tropenuniform mit goldenen Knöpfen, und mit vier Goldborten auf den Achselklappen, und einer weißen Marinemütze; er saß da und tötete in einer großen Giftflasche die Schmetterlinge, die ihm die ältere Miß Macpherson eifrig brachte; die ältere Miß Macpherson, ein empfindsames und neckisches Wesen, rannte schon seit dem frühen Morgen mit einem violetten Schmetterlingsnetz herum und fing Schmetterlinge, meistens solche, die sich auf die Kleider männlicher Mitpassagiere gesetzt hatten: »Oh, please , halten Sie nur einen Augenblick still – ich hasse es, dem lieben armen Ding weh zu tun, aber ich muß es haben, es ist so eine Schönheit – da, geben Sie es in Ihre gräßliche Flasche, wie können Sie nur so grausam sein!« In den Zwischenpausen, während die ältere Miß Macpherson auf der Jagd war, erklärte der dicke Schiffsdoktor einem ganzen Kranz von Passagieren den Amazonenstrom – er war die höchste Autorität für den Amazonenstrom, dies war seine dreiundzwanzigste Reise, immer bis Manaos hinauf, vor dem Krieg bis Iquitos; er kannte jede Sandbank und jeden Alligator persönlich und sprach die portugiesischen Namen der Uferorte noch immer falsch aus. Als der Mann mit der großen Sehnsucht nach dem Amazonenstrom, Bernhard Schwarz, an den Tisch herantrat, blickte der Schiffsdoktor mit seinen etwas vorstehenden Augen durch das Glas der Flasche, in der ein kleiner, perlmutterfarbener Schmetterling seine letzten 23 Zuckungen ausführte, und sagte: »Am zweiten Tag unseres Aufenthalts in Manaos besteigen die Teilnehmer an der Rundfahrt einen eigens gecharterten flachen Flußdampfer; ein kalter Lunch wird mitgenommen – man fährt ein paar Meilen den Rio Negro hinauf, dann einen kleinen Nebenfluß, bis der Dampfer zwischen den Urwaldbäumen nicht mehr weiter kann. Man steigt in Boote – nein, es ist nicht gefährlich, Mrs. Barnes, und dann kommt die Fahrt, die Sie auf Seite 24 des illustrierten Prospekts angekündigt gesehen haben, durch den überschwemmten Dschungel, mitten durch den großen Zwielichtwald. An einer Stelle steigt man aus, indianische Führer stehen bereit, unter zuverlässiger europäischer Oberleitung, natürlich. Dann kommt das eigentliche, das wirkliche Ding, wissen Sie. – Sie werden mitten in den dichtesten Urwald eindringen, oh, bequem, eine halbe Stunde oder so. Durch die wundervolle Wildnis kommen wir endlich zu dem brausenden Taruma-Fall – –« Der Schiffsdoktor machte eine eindrucksvolle Pause, endlich: »Der Taruma-Fall ist auf keiner Landkarte verzeichnet!« Er sagte es leise, andächtig. Bernhard Schwarz blickte sich rasch um, ob Fräulein Pedersen ihn beobachtete; da sie es nicht tat, blieb er bei dem Schiffsdoktor nicht stehen, dessen gesprochener Ausflugsprospekt ihm entsetzlich war, sondern ging weiter, die Schmalseite des Schiffes entlang. Einen Augenblick blieb er stehen, sah hinunter auf das tieferliegende Zwischendeck. Man sah nicht viel davon, weil große Sonnensegel es überdachten, aber man konnte durch die Ritzen bemerken, daß das bunte Volk der portugiesischen Auswanderer sich zum Landen rüstete, große Bündel packte und Käfige mit Kanarienvögeln bereitstellte. Schwarz sah den gebräunten Menschen ein wenig zu, dann setzte er seinen Rundgang fort, auf die Steuerbordseite des Promenadendecks. Sie war sonniger als die andere Seite und deswegen verhältnismäßig menschenleer; nur 24 die brasilianischen Familien, die sich gern von den übrigen Reisenden zurückzogen und die ein wenig Hitze nicht scheuten, hatten sich hier angesiedelt: schöne lässige Frauen, in Kleidern, die sie aus Paris brachten, mit pariserisch frisierten Bubiköpfen, die Wangen mit Pariser Rouge bemalt, darunter aber die goldene Haut ihrer gemischten Rasse, das durch keine Schminke entstellbare bunte Blut; sie waren sehr reizvoll, sehr träge und ein wenig dumm; sie hockten beisammen wie Papageien auf einer Stange; viele gutgekleidete und gesunde Kinder spielten in ihrer Nähe, halbwilde Mädchen mit den scheuen Bewegungen kleiner Indianerinnen; zwei schwarze Bonnen gaben auf sie acht. Die Männer dieser Gruppe waren übertrieben elegant. Sie fanden die weißen Leinenanzüge der mitreisenden Gringos offenbar unziemlich und waren, Hitze her, Hitze hin, eher dunkel gekleidet, mit steifer Wäsche und spitzen Lackschuhen. Sie trugen zuviel goldenen Schmuck. Eine Anzahl dieser Cabalheros stand auf einem Haufen um den Dr. Chéron herum, der ihnen etwas offenbar Interessantes aus einem Zeitungsblatt vorgelesen hatte. Ein einziger Nicht-Brasilianer stand bei ihnen, aber der gehörte zu jeder Nation und zu keiner: Herr Hilary, der Mann, den jedermann an Bord den Weltbummler nannte. Ein Mann über vierzig, groß, vierschrötig, mit einer Neigung zu karierten Stoffen; sogar der seidene Tropenanzug, den er jetzt trug, war ganz diskret kariert. Kein Mensch auf dem Schiffe wußte, wer oder was dieser Hilary eigentlich war; man nahm der Bequemlichkeit wegen an: ein reisender Schriftsteller, aber die Hypothese war durch nichts bewiesen. Er war, dies stand fest, der Weltbummler. Diese Reise zum Amazonenstrom, für Dr. Schwarz das große Ereignis eines langen Lebens, und noch für die jüngere Miß Macpherson, die Rekord-Shimmy-Tänzerin, immerhin etwas Romantisches zum Renommieren, für den Weltbummler war sie gar 25 nichts: wieder einmal in dieser Gegend nachsehen, in Manaos alte Bekannte besuchen und in dem bewußten indianischen Café einen Guaranà mit Soda trinken! Kein Mensch wußte, wozu er wirklich reiste; er sagte es auch nicht, sprach zwar viel von seinen vielen Fahrten. aber immer nur beiläufig und um Entschuldigung bittend. Es war nicht zu vermeiden, daß ihm beim Anzünden einer Pfeife Siam einfiel, oder Abessinien, wenn er Bridge spielte; er erwähnte diese Länder wie ein anderer seinen Schnupfen, es war vielleicht nicht sehr geschmackvoll, davon zu sprechen – Er ärgerte die Mitpassagiere ein wenig, man konnte sich in seiner Gegenwart schwer romantisch vorkommen; selbst der Schiffsdoktor hatte eine Scheu, vor ihm vom Amazonenstrom zu reden. Jetzt stand er da, fest und völlig unblasiert, aber völlig selbstverständlich, einer, der fortwährend in die Mündungen tropischer Riesenströme einfährt, und der weiß, daß in Brasilien saphirblaue Schmetterlinge herumfliegen; man konnte diesem höflichen und verschlossenen Menschen nicht ansehen, ob ihm die Schmetterlinge im Grunde egal waren, oder ob er nur ihretwegen hergekommen war, die Tatsache bestand, daß er sich mitten in dem beweglichen Haufen der Brasilianer aufhielt, mit ihnen und in ihrem speziellen Portugiesisch ein Zeitungsblatt kommentierend, das – Dr. Bernhard Schwarz, der an der Gruppe vorbeilief, ruhelos, von dem Drang getrieben, auf beiden Seiten des Decks zugleich zu sein und beide Ufer des Stroms zugleich zu sehen, Bernhard Schwarz hätte einen großen, ihm drohenden Schlag wohl leichter ertragen, wäre ihm jetzt rechtzeitig der Gedanke gekommen, daß dieses Zeitungsblatt nicht die alte Zeitung war, die sich seit Madeira im Rauchsalon herumtrieb und in den Händen der portugiesisch sprechenden Reisegefährten, sondern eine Zeitung von heute, »O Estado de Parà«, die der Pilot an Bord gebracht hatte. – Hätte er nur gefragt, in seinem aus 26 Büchern erlernten halben Portugiesisch, was es denn Neues gebe in Parà –! Er fragte nicht und ging an der Gruppe vorbei und fühlte nicht einmal den intensiven Blick auf seinem Rücken brennen, den der Weltbummler ihm aus einem ernsten Gesicht nachsandte, einen Blick, der sagen mochte, auf deutsch: »Richtig, dieser arme Kerl –«.   Der Realschullehrer mit der Sehnsucht lief wie auf glühenden Sohlen um das Schiff herum, hastig an Lady Athill vorbei, die ihm mit der dicken Mrs. Craig am Bug begegnete, groß, schlank, sieghaft steif, durch einen violetten Schleier hindurch huldvoll und auf ihre hygienischen Runden bedacht, vierundzwanzigmal herum eine englische Meile – lief an dem Kapitän vorbei, der etwas mürrisch von seiner Brücke kam (so eine verdammte Hitze!), kreuzte wieder hinüber zur Schattenseite des Schiffs, immer längs der gedeckten Promenade, an den Fenstern des Damensalons vorbei, in dem jetzt die Zehn-Uhr-Musik spielte, weiter, zu der dichten Gruppe der Liegestühle, Lord Athill, Dr. Carson, die Leute mit den Feldstechern – er selbst blieb gar nicht mehr stehen und sah sich diesen Amazonenstrom an, den er nun hatte; er empfand, daß ja doch etwas Wunderbares sich ereignen würde, etwas ganz anderes; er weigerte sich, an dem Schiffsdoktor vorbeischießend (der jetzt mit einem meterlangen Fernrohr dastand, etwa in der Pose Nelsons bei Trafalgar), sich von ihm die Insel Mosqueiro zeigen zu lassen (mit dem Seebad Chapeu Virado, das wir besuchen werden, meine Herrschaften!), er entwischte dem Fräulein Pedersen, das ihm tränenfeucht entgegenlehnte, mit knapper Not, indem er sich hastig durch die Tür des Rauchsalons stürzte – im Rauchsalon gingen alle Ventilatoren, und es war kühler als im Freien; aber es war niemand im Rauchsalon als der alte Mister Smith, der Achtzigjährige, der so unglaublich jugendfrisch war, daß er noch in 27 jedem Sommer eine große Seereise machte, teils zu seinem Vergnügen und teils, um in genau berechneten Abständen eine Flasche Bier zu trinken, seine zärtlich geliebte »Bottle of Baß« – es war zehn Uhr, folglich saß Smith an dem Ecktisch und trank seine Bottle, und sie schmeckte ihm, Gott sei Dank, Amazonenstrom oder nicht! Dr. Schwarz setzte sich nicht zu ihm; er bestellte bei dem Steward eine Limonade – sie geben viel Eis in den Lemon Squash, und man kann dann nachher noch Wasser zugießen, aus der Flasche – und blieb dann etwas atemlos vor dem Radiobrett stehen; aber es hingen noch die Funktelegramme von gestern daran; seitdem das Schiff in den brasilianischen Gewässern war, durfte es nach irgendeinem Reglement keine Nachrichten mehr auffangen; die von gestern hatte der Realschullehrer schon zehnmal gelesen: drei Bogen Bericht über ein maßlos uninteressantes Baseballmatch irgendwo in Virginien und die letzte Nachricht von der Revolution im Staate São Paolo: die loyalen Truppen entscheidend siegreich (so wie gestern, vorgestern und die ganze Woche); die Rebellen haben fürchterliche Verluste erlitten; der Dreadnought »Minas Geraes« – – Bernhard Schwarz schickte, schon gewohnheitsmäßig, einen raschen Blick zu der großen Landkarte, die über dem Radiobrett hing, versicherte sich zum tausendstenmal der tröstlichen Tatsache, daß São Paolo ungeheuer weit vom Amazonenstrom war, gleichsam in einem anderen Weltteil, Brasilien ist so groß! – und blieb dann, ganz verzückt, vor der Karte stehen, den roten Strich bewundernd, der den Kurs des »Hildebrand« anzeigte. Von Parà an der Rieseninsel Marajò vorbei in die berühmte Flußenge; durch das phantastische Gewirr der tausend bewaldeten Inselchen weiter bis zum Scheitelpunkt des großen Flußdeltas, dann immer westwärts, westwärts, so ziemlich den Äquator entlang, weiter, weiter, immer durch 28 den dichtesten Urwald, herrlicher, großer Strom, liebes, schönes Urwaldschiff! Mit Ehrfurcht las er die Namen der Siedelungen am Ufer: Gurupà, Oteiras, Prainha, Santarem, Obidos, Parintins, Itacoatiara; dann ging sein Blick von der Flußlinie fort, nach Südosten und Nordwesten, wo auf der Karte das ganz große, köstliche Wunder war, je ein weißer Fleck mit der Legende: »UNEXPLORED!« Diese unerforschten weißen Stellen auf der Landkarte machten ihn glücklich, von ihnen ging so ein Schimmer auf sein ganzes verflossenes Leben aus; sein Blick trennte sich ungern von den weißen Flecken und den herrlichen Buchstaben, U, N, E, X – aber dann nahm er, es mußte sein, die reguläre Flußreise wieder auf, von Itacoatiara noch 120 Meilen bis Manaos, genau in der Mitte des ungeheuren südamerikanischen Kontinents. Bis dorthin, es war unwahrscheinlich und wahr, würde der Dampfer »Hildebrand« ihn bringen, unglaubliche, traumhafte tausend Meilen durch den brasilianischen Urwald, auf diesem goldgelben Strom, den er auch grün sehen würde, und schwarzblau, und voll von dunklen Inseln, und dann wieder zurück, den ganzen herrlichen Weg zurück – – Hier verlor sich der Blick des Dr. Schwarz aus Leitmeritz in vage Träume, denn dieses Zurück klar zu erfassen, verbot ihm ein herrisches Widerstreben in seiner unterbewußten Seele; bis dahin mußte sich wohl etwas ereignet haben, das Unvermeidliche, Wunderbare – dieser kindliche alte Träumer blickte wieder zu dem weißen Fleck auf der Landkarte: Unerforscht! Er empfand, daß der Weg dorthin führte, nicht nach Leitmeritz. Er war vollkommen außerstande, sich so zu sehen, wie er dastand: ein nicht allzu gesunder, älterer Herr in einem schlotternden Wildwestkostüm, Don Quichotte aus Leitmeritz, in dem Rauchsalon eines ganz gewöhnlichen, mittelgroßen Dampfers, der 29 viermal jährlich von Liverpool nach Parà und Manaos fuhr, um Kautschuk zu befördern, und der nebenbei auch Salonpassagiere mitnahm, zu einer ermäßigten Rundfahrt, »1000 miles up the Amazon« , in sechs Wochen hastig hin und zurück, für nur hundert Pfund – – Er sah sich nicht auf dem braven, komfortablen Dampfer der Booth Line, Liverpool, sondern jung und keck auf der romantischen Jangada des Jules Verne, mit Joam Dacosta, Yaquita und der Mulattin Lina – welche Erlebnisse seiner Kindheit mochten dieses Buch für ihn so wichtig gemacht haben, so zentral, schicksalgebend? Das Floß auf dem Amazonenstrom, die Jangada seiner Träume sah vielleicht anders aus, er gestand es sich nicht, als der Dampfer »Hildebrand« der Booth Line, Liverpool, und vielleicht sah der Strom anders aus, den die Jangada befuhr, aber so weit war Bernhard Schwarz noch nicht, daß er das bemerkt hätte, er war noch in dem ersten glückseligen Taumel des Erlangens und Ankommens. Die ganze bisherige Reise war ihm nichts gewesen, ein unvermeidlicher Zeitverlust, eine Wochen verschlingende Belästigung – trotzdem er den Douro bei Porto gesehen hatte, und Lissabon, und die Gärten von Cintra, und Madeira, weinrot und palmengrün im schimmernden Blau – und die fliegenden Fische, und den einen Sonnenuntergang, phantastisch, voll von goldenen Inseln – nichts, nichts, das war alles nichts, ein lästiger Kuchenberg, durch den man sich durchfressen muß: Kuchen, ja, aber er verstellt einem den Weg ins Schlaraffenland. – Der alte Mister Smith, von der Bottle of Baß aufblickend, sah den deutschen Reisegefährten vor der Karte stehen und schmunzelte in einen etwas grünlichen weißen Bart hinein; Mister Smith war ganz klein, stämmig, sah aus wie eine englische Version des Kasperl Larifari: vergnügt, weise, alkoholisch. Achtzig schon, und doch nach je zwei 30 Stunden eine Bottle of Baß! Auf dem Amazonenstrom! Im glücklichen Gefühl eines restlos erreichten Lebenszieles war Mister Smith geeignet, mit dem Mann vor der Landkarte zu sympathisieren; so rief er ihm plötzlich von hinten zu: »Was wollen Sie haben, Mister Swart?« Es war die sakrale Formel, bedeutete, äußerlich: Soll ich für Sie eine Bottle of Baß bestellen? Oder nein, eine Bottle of Lager, da Sie doch einmal ein German sind? – Es bedeutete innerlich: Kamerad, setz' dich her, sei mit mir stumpfsinnig, ich mag dich leiden! Es war, als hätte Mister Smith dem Mister Swart auf seinen hageren, leicht gekrümmten Rücken geklopft. Der fuhr auch herum, wie von einem Schlag aufgeschreckt; es dauerte ein wenig, ehe er die Tatsache Mister Smith begriffen und in seine Träume eingeordnet hatte; dann sagte er freudig ja zu der Bottle of Lager und setzte sich zu dem alten Kumpan. Von allen hundert Kajütenpassagieren des »Hildebrand« waren in diesem Augenblick nur diese beiden in dem Rauchsalon, von dem aus man die Gegend nicht sah: Mister Smith, den der Amazonenstrom überhaupt nicht interessierte, und sein Freund Mister Swart, durch dessen Leben er so übermächtig floß. Mister Smith trank seine Bottle of Baß, das hieß für ihn: Ich bin über achtzig, he, und noch ein fröhlicher alter Brite, wie? Das starke Ale der Firma Guinnes vertrage ich noch alleweil, ja. Amazonenstrom? Ich bin schon über achtzig, aber auch auf dem Amazonenstrom schmeckt mir noch eine Bottle of Baß! – Er war sehr glücklich. Unter der straffgespannten goldenen Uhrkette saß ihm die Seele, aber es war eine vergnügte und schlichte Seele. Mister Swart wieder, vor der deutschen Bottle of Lager, konnte darauf verzichten, draußen auf dem Promenadendeck zu sein und den Amazonenstrom anzusehen, weil der eigentliche Amazonenstrom mit ihm in dem Rauchsalon war, er floß 31 durch die Karte, zwischen den beiden herrlichen weißen Flecken unexplored . Mister Swart hatte sich schon wohlweislich so gesetzt, daß er die Karte im Auge behielt; so sah er, statt draußen an der Reling die Insel Mosqueiro zu sehen, den ganzen Strom, das ganze ungeheure und geheimnisvolle Urwaldland. Die Insel Mosqueiro war zuwenig! Eine zu geringe Angelegenheit! Nur eine Insel im goldgelben Strom, von einem Streifen silberweißen Sandes umgeben. Die Leute draußen auf dem Promenadendeck, denen in diesem Augenblick der Schiffsdoktor die Insel Mosqueiro erklärte (unvorgreiflich der dahin zu unternehmenden Badeexkursion), was sahen sie denn? Eine große grüne Wand und einen leuchtend gelben Fleck darin; die grüne Wand bestand aus Bäumen, und der gelbe Fleck war auch ein Baum, der blühte ganz gelb. Man sah eine lange Landungsbrücke und zwei halbnackte Jungen darauf, die hatten eben einen Fisch gefangen, eine Art Wels, er war länger als der kleinere von den Jungen; sie hielten ihn zwischen sich aufrecht und zeigten ihn stolz den Leuten auf dem großen Dampfer. Auch sah man die kleinen Landhäuser und Badehütten der wohlhabenden Bourgeoisie von Parà. Es ist wahr, daß außerdem über den Wipfeln der hohen Mangobäume ein ganz wunderbares Zittern der belichteten heißen Luft spielte; daß neben der Landungsbrücke auf dem Sand ein Schwarm großer, schwarzer Vögel sich niedergelassen hatte, und daß das Treiben der Libellen, der Schmetterlinge über dem Wasserspiegel phantastisch schön war; dennoch war diese schöne Insel Mosqueiro, die Bernhard Schwarz jetzt hätte sehen können und nicht sah, kaum zu vergleichen mit den tausend anderen Urwaldinseln, die er jetzt nicht sehen konnte und doch sah, auf der großen Landkarte im Rauchsalon. Irgend etwas hielt ihn hier fest – vielleicht eine Art Furcht vor der 32 Wirklichkeit, vor der endlichen Erfüllung seines lebenslangen Traumes. Er war, trotz seiner großen Fähigkeit zum Träumen, schließlich doch ein alter Schulmeister, und die bedruckte Karte war ihm sehr heilig: während schon sein Schiff auf dem Amazonenstrom schwamm, über Delphine hinweg, oder Manati-Seekühe, oder Piranha-Teufelsfische; während er vom Promenadendeck aus leicht eine riesige Schildkröte hätte erblicken können, die eben zum Strand der Insel Mosqueiro paddelte – währenddessen faszinierte ihn dieser gedruckte Amazonenstrom auf der Landkarte in der seltsamsten Weise, in seiner Seele klang ein Päan, und er konnte nicht umhin, ihn dem alten Mister Smith vorzutragen, nicht sehr dithyrambisch, ein wenig verlegen eher und stockend, mit Lagerbier-Schluckpausen. Der alte Mister Smith hörte gesammelt zu, er hatte es gern, wenn jemand viel redete, während er eine Bottle of Baß trank, es war so nett und gesellig. – »Mister Swart« hätte es gar nicht nötig gehabt, sich so ungeschickt verlegen zu entschuldigen, daß er da einen Vortrag hielt: »Eigentlich, wenn man bedenkt, dieser Amazonenstrom – –« Eigentlich, wenn man bedenkt, dieser Amazonenstrom, welche Herrlichkeit, welche Größe, irdische Majestät! Strom? Viel eher ein langgezogenes Meer, das Süßwasser-Mittelmeer Südamerikas! Nicht der längste Stromlauf der Welt, aber bei weitem der gewaltigste! Zweihundert große Nebenflüsse, die aus dem dichten Wald geronnen kommen, und einige, die so groß sind wie der Rhein und die Donau, lernen die Kinder in den europäischen Schulen kaum! Eine Viertelmillion Kubikmeter Wasser gießt der Amazonenstrom jede Stunde ins Meer, seit Jahrtausenden und Jahrtausenden; Kolumbus, bevor er das südamerikanische Land gesehen, sah den Ozean sich verfärben, der große Strom macht das Meer gelb, Tagereisen weit! Ein Strom, der zu groß ist, als daß er nur einen Namen haben könnte, denn er hat viele, 33 Maranon, Solimões, Amazonas – – ein Strom, der quer durch einen ganzen Erdteil fließt, denn er entspringt nicht weit vom Stillen Ozean und mündet in den Atlantischen; ein anderer, nicht viel kleinerer, der Orinoko, hängt mit ihm zusammen, man kann in einem Boot vom Orinoko in den Amazonas gelangen und von den Zuflüssen des Amazonas in die Nebenflüsse des La Plata. – »Wissen Sie, wie viele Kilometer des amazonischen Stromsystems schiffbar sind?« fragte Bernhard Schwarz und sah triumphierend zu der Karte auf. – Mister Smith wußte es nicht, und es war ihm egal, aber er verriet das nicht. »Sechzigtausend!« schrie Bernhard Schwarz. »Sechzigtausend Kilometer, die man mit Flußdampfern befahren kann; mit großen seetüchtigen Schiffen kann man fünftausend Kilometer Wasserstraße befahren!« Die Tatsache schien den Mann irgendwie glücklich zu machen. Freilich machte es ihn glücklich, daß man den Amazonenstrom von Liverpool her befahren konnte, weit, weit, und daß es schließlich nur zweitausend Rentenmark kostete, und daß er sie aufgebracht hatte, aus dem Krieg und der Inflation gerettet, und jetzt war der Amazonenstrom so lang, und man konnte ihn befahren, Bernhard Schwarz, Dr. phil., aus Leitmeritz in Böhmen, konnte ihn befahren, würde ihn befahren, hatte bezahlt, war schon da, befuhr schon, nichts stand im Wege, ein Leben war gelungen. – Lord Athill kam in den Rauchsalon. Er war eigens von seinem Liegestuhl aufgestanden, um Dr. Schwarz zu suchen: er wollte ihn ankommen sehen. Vielleicht war der alte Lord der einzige Mensch an Bord, der diesen Sonderling begriff, höchstens daß Carson auf seine phlegmatische Art noch eine Ahnung von der siedenden Hitze in dieser Seele hatte. Die beiden hatten, seitdem Schwarz zum letztenmal an ihnen vorbeigeschossen war, von ihm gesprochen, ein klein wenig 34 ironisch und sehr freundlich. Lord Athill, der viel zu müde geworden war für jede Sehnsucht, liebte die Sehnsucht der anderen. »Kommen Sie, Schwarz«, sagte er, als er in den Rauchsalon trat. Mister Smith lachte ihn freundlich an, bereit, dem Lord auch eine Bottle of Baß zu bestellen, erstens aus allgemeiner Gastfreundlichkeit und zweitens, weil ein Lord bekanntlich ein Lord ist. »Kommen Sie, Mr. Schwarz, das dürfen Sie nicht versäumen, man sieht schon seit einigen Augenblicken Parà!« Man sah schon Parà. Man sah in der Ferne, am linken Ufer, eine Menge weißer Häuser zwischen dunklen Baumgruppen, sah einige gräßliche Fabrikschornsteine und allerlei unangenehm Technisches an einem besonnten Kai; näher hatte man vorläufig eine romantische Ufervorstadt, Hütten und Häuser in Schilf und Schlamm und irgendeinen obskuren Nebenfluß, der aus dem dicken Wald hervorbrach und mitten durch diese Vorstadt floß; er sah nach Krokodilen und Riesenschildkröten aus, und aus seiner grünverwachsenen sumpfigen Mündung kam ein wildes Einbaumboot, mit ganz nackten, kupferbraunen Kindern darin. Aber einige Minuten später sah man vom Schiff aus, wie ein Wagen einer elektrischen Straßenbahn das Ufer entlang eben auf diese Vorstadt zufuhr. Der Strom, durch Inseln eingeengt, so daß man zwei Ufer zu sehen glaubte (aber man sah nur eins, das, an dem die Stadt lag), der Strom war hier nicht mehr der besonnte Tummelplatz der Fischerbarken, der lateinischen Segel: große, flache Raddampfer fuhren auf und ab, jeder mit der gelben und grünen Flagge, auf der die Himmelskugel aufgemalt ist und das Motto: »ORDEM E PROGRESSO« . Viel Fortschritt schien in diesem Lande Brasilien zu herrschen und besonders viel Ordnung. Warum alle diese Flußdampfer so unruhig hin und her dampften, 35 und die vielen lärmenden Motorbarkassen, Tender, Boote, Ordem e Progresso flußauf, Ordem e Progresso flußab, war zunächst nicht leicht zu begreifen; auch hätte auffallen können, daß einige dieser Dampfer am Heck ein kleines Geschütz trugen oder ein Maschinengewehr; genaue Beobachter hätten auch den Kai zu starr und still gefunden, hätten den normalen Arbeitsbetrieb eines großen Handelshafens vermißt, das Schweben der Krane, Krachen der Ballen, Kreischen der Winden – davon zu schweigen, daß hinter dem großen Zollschuppen aus Säcken eine Art Schanze gebaut war, rings um eine große Kanone mit einem blankgeputzten und funkelnden Stahlschild. Wenn jemand auf dem »Hildebrand« diese seltsamen Anzeichen bemerkte, schwieg dieser Jemand jedenfalls, nichts störte die Picknickstimmung der Passagiere, die, bevor das Schiff noch am Kai anlegte, mit ihren Panamahüten auf den Köpfen aus den Kabinen kamen, mit Spazierstöcken, Sonnenschirmen, Handtaschen; das Reiseprogramm der »Cruisers« sah nämlich vor, daß sie, wenn es ihnen so beliebte, in Parà für zweieinhalb Tage an Land gehen konnten und im Grande Hotel wohnen, auf Kosten der Schiffahrtslinie; nach zweieinhalb Tagen würde der »Hildebrand« dann Parà wieder verlassen und seine Fahrt fortsetzen, die berühmten tausend Meilen den Amazonenstrom hinauf, immer durch den Urwald. Den heutigen Tag hatte man frei, die strenge Folge der offiziellen Besichtigungen begann erst am nächsten Tag: Kathedrale, Gouverneurspalast, Zoologischer Garten und alles – Rundfahrt in einem Sonderwagen der elektrischen Straßenbahn, Besichtigung eines Waiseninstituts und einer Kautschukfabrik – – Die meisten Teilnehmer an der Rundfahrt hatten beschlossen, die drei Nächte im Hotel zu schlafen, in den Kabinen würde es wohl zu heiß und dumpf werden; so schaffte denn jeder sein kleines Gepäck auf Deck, während die brasilianischen Familien, die aus Europa 36 herübergekommen waren und in Parà ausstiegen, alle Gänge und Verdecke des Schiffs mit lautem Getümmel füllten und mit abenteuerlichen Bergen großer Koffer – mit bunten Pariser Hoteletiketten darauf und Hoteletiketten von der Riviera; die vielen Kinder mit goldfarbener Haut turnten auf den Koffern herum, die Negerbonnen liefen den Kindern nach; die Mütter, seltsam exotisch in ihren Pariser Kleidern, sammelten sich in der Nähe des Fallreeps wie ein bunter Vogelschwarm vor der großen Wanderung; die eleganten Männer wieder standen in einer Gruppe beisammen und flüsterten; sie hatten offenbar was zum Flüstern, sie hatten die Kanonen bemerkt und wußten, was sie bedeuten mochten. Unterdessen hatte man die Sonnensegel gelüftet, die während der ganzen Reise das tiefergelegene Deck der dritten Klasse fast unsichtbar gedacht hatten, und erst jetzt sahen die vornehmeren Passagiere ihre Reisegefährten vom Zwischendeck: ein Gewimmel von dunklen portugiesischen Proletariern aus Porto und Lissabon, ein paar Bauern mit schwarzen Zipfelmützen dazwischen, eine Anzahl Halbneger aus Madeira und eine unerklärlich große Menge chinesischer Kulis, deren Anwesenheit auf dem Schiff bisher niemand geahnt hatte; und Weiber, Kinder; und das wildeste Gewirr von Kisten, Bündeln, Holzkoffern, geflochtenen Madeirakörben, Kanarienvögeln und Papageien in Käfigen; alle diese Leute, die Auswanderer im Zwischendeck und die reichen Brasilianer in der ersten Klasse und die englischen Cruisers waren zum Aussteigen angezogen und gerüstet und hielten sich schon in der Nähe der Treppen auf, und trugen Gegenstände in ihren Händen und lästige Mäntel auf ihren Armen, als sollten sie in der nächsten Minute an Land gehen. Aber davon war noch gar keine Rede, das Schiff hatte eben erst die gelbe Quarantäneflagge gehißt und wartete mit abgestoppten 37 Maschinen auf das Boot des Hafenarztes, der erst die ärztliche Visitation vornehmen mußte. Als er das Boot kommen sah, ging der Schiffsdoktor, in einer ganz neuen weißen Uniform mit viel Gold an den Achseln, sehr feierlich zum Fallreep, den Kollegen zu begrüßen. Der brasilianische Arzt war ein Mulatte; er stieg die Treppe herauf, verschwand mit dem Schiffsdoktor in das Bordspital; nach einiger Zeit sahen die Passagiere, wie die gelbe Quarantäneflagge vom Mast sank. Jetzt kamen zwei Motorboote herangesaust, das eine mit der grüngelben brasilianischen Flagge, »Ordem e Progresso« , ganz voll von bewaffneten Hafenpolizisten und Zollbeamten, farbigen Menschen in phantastischen Uniformen; das zweite Motorboot trug am Heck die weiße Flagge mit dem roten Andreaskreuz, die Kompanieflagge der Booth Line, und es brachte den Agenten der Gesellschaft an Bord. Als er auf dem Schiff war, schüttelte er hastig dem Kapitän die Hand und sagte ihm sehr aufgeregt ein paar Worte; die beiden stiegen auf die Kommandobrücke und gingen dort auf und ab, immer auf und ab; der Kapitän wischte sich den Schweiß aus seinem roten Gesicht. In der Nähe des Fallreeps stand Dr. Bernhard Schwarz; er war wie die anderen Passagiere zum Aussteigen gerüstet: zum Aussteigen? Zu einem sofortigen Abenteuerleben im dichtesten Urwald, Ringkampf mit einer Anakonda, Übernachten in einem Palmgipfel! Sein leinener Khakianzug war mit allerlei Gürteln und Querriemen martialisch beladen, die großen aufgesteppten Taschen wölbten sich mächtig vor, wer weiß, was für romantisches Gerät darin steckte, Kompasse, Klappmesser, elektrische Laternen und Feuerzeuge – alles, was man so im Grande Hotel vermutlich brauchen würde und während der Rundfahrt auf der Elektrischen; er trug einen großen Gummimantel auf dem linken Arm oder vielleicht war es ein Zeltblatt, es sah eher so aus; auf dem Kopf hatte er seinen khakibraunen Tropenhelm, es war ein 38 Militärhelm aus Indien, den er sich in Liverpool hatte aufschwätzen lassen, und viel zu schwer; kein anderer Passagier hatte einen Tropenhelm – man braucht sie am Amazonenstrom nicht, wo seltsamerweise nie ein Sonnenstich vorkommt. Über seiner goldgefaßten Brille trug Dr. Schwarz eine zweite mit dunklen Gläsern; es war eine Leitmeritzer Ausgabe des Tartarin, sehr komisch und ein wenig pathetisch anzusehen. Der Mann war die Ungeduld selbst; er verstellte, als die Hafenpolizei auf Deck kam, den Ausgang der Falltreppe, und ein junger Schiffsoffizier mußte ihn bitten, wegzugehen; er machte einen neurasthenischen Versuch, in das Boot des Agenten einzusteigen, und ein Neger von der Zollwache ließ ihn nicht; er wußte gar nicht, was er vor Ungeduld anfangen sollte. In dieser Pein geschah ihm, was er am allerwenigsten ertragen konnte: das deutsche Fräulein Pedersen (in einem Lübecker Sonntagskleid) hängte sich frenetisch an ihn: ob schon die Post an Bord gebracht worden wäre, ob nicht eine Depesche ihres Verlobten aus Bolivien da sei, er möchte doch, bitte, bitte, mal den Obers–teward danach fragen oder den Kapitän oder den Negerpolizisten oder wen – – Bernhard Schwarz ergriff mit beiden Händen den Vorwand, ging den Obersteward fragen, entwischte durch die nächste Tür, es war diejenige, die in den Vorraum des Damensalons führte und zu der mittleren Treppe; aber er ging, sobald er allein war, die Treppe nicht hinab, auf der er zum Bureau des Oberstewards gekommen wäre, sondern setzte sich in dem Vorzimmer des Damensalons erschöpft in einen der tiefen Korbstühle, nahm den Tropenhelm ab, der ihn drückte, und starrte vor sich hin; dieser Platz war einer seiner beliebten Schlupfwinkel, weil an der Wand dieses Vorraums wieder eine Landkarte angeschlagen war, die Karte, auf der jeden Tag der Kurs des Schiffes 39 und die zurückgelegte Distanz eingetragen wurden. Immer zu Mittag kam der Decksteward und schrieb die Meilenzahl auf die Karte: es war während der Überfahrt der aufregende Moment des Tages, denn eine Stunde vorher wurde auf dem Promenadendeck mit Kreide eine Wettabelle gezeichnet, und man stellte eine Blechbüchse auf, und die Passagiere kamen herbei und sagten dem Decksteward, wie viele Seemeilen das Schiff ihrer Meinung nach zurückgelegt haben würde, und sie zahlten einen Schilling in die Büchse, und der Decksteward schrieb mit Kreide die letzte Ziffer der genannten Zahl in die Tabelle; es wetteten etwa elf Passagiere, daß die letzte Ziffer der Meilenzahl 8 sein würde, sieben Passagiere waren mehr für 3; wenn dann Punkt zwölf Uhr die genaue Zahl bekannt wurde, teilte man das eingelaufene Geld unter denjenigen auf, die die richtige Ziffer erraten hatten, mit zehn Prozent Abzug für die Witwen verunglückter Seeleute – es war eine teils humanitäre, teils geistvolle, teils aufregende Angelegenheit, die tagsüber den englischen Reisenden endlosen Gesprächsstoff lieferte. Die Seekarte nun, auf die jene schicksalsbestimmende Zahl geschrieben wurde, hing in diesem Vorraum zum Damensalon an der Wand, unter einer Kollektion von gerahmten Ansichtskarten, die man beim Decksteward kaufen konnte (der Königliche Postdampfer »Hildebrand« in den Hafen von Leixões einlaufend, und Sonnenuntergang auf dem Amazonas, und Victoria-Regia-Pflanzen in Blüte); diese Ansichtskarten hingen über der langgestreckten Seekarte, und darunter war das Schwarze Brett des Schiffes, auf dem immer alle für die Passagiere bestimmten Mitteilungen angeschlagen wurden: eine emaillierte Brosche, ein Kleeblatt darstellend, am gestrigen Tanzabend auf Deck verloren, und: der Schiffsdoktor hält heute einen Vortrag über den Amazonenstrom, mit vielen Lichtbildern – Bernhard Schwarz sah nicht auf das Schwarze Brett, er sah auf 40 die Landkarte, mechanisch, gewohnheitsgemäß. Auch auf dieser Karte sah man, wenn auch nicht in so großem Maßstabe, den Amazonenstrom; Bernhard Schwarz liebkoste ihn ein wenig mit dem Blick, wie ein Geiziger einen Schatz. Er ahnte nicht, daß er in dieser Minute den Amazonenstrom, nämlich seinen Amazonenstrom, zum allerletztenmal sah, den unwirklichen, den geträumten, das sonderbare Phantom seines sonderbaren Lebens. Er saß nun da und ruhte ein wenig von seiner Ungeduld aus, und von Fräulein Pedersen; aber noch in diesem Moment des Atemschnappens und Schweißabwischens war in ihm das große Glücksgefühl so lebendig; er dachte später, wie glücklich er da noch gewesen war – In diesem gleichen Augenblick gingen draußen auf dem Promenadendeck Dr. Carson und der Weltbummler vorbei. Nur eine dünne Wand trennte sie von der Stelle, an der Schwarz saß, sie wußten es nicht, und er wußte nicht, daß sie vorbeigingen, und hörte ihre befreundeten Stimmen nicht. Sie sprachen von ihm. »Für ihn ist es hart«, sagte der Arzt. »Ich weiß nicht, wie er es tragen wird. Er hat sich so unglaublich auf dieses Ankommen gefreut!« »Er wäre niemals angekommen«, sagte Hilary. »Verstehen Sie denn nicht, daß er nicht ankommen kann? Kommen Sie ans Ziel, wenn Ihr Ziel die Fata Morgana ist! Ich weiß gar nicht, ob ihm dieser Zwischenfall nicht eine andere und größere Enttäuschung erspart. Glauben Sie mir, ich verstehe etwas vom Reisen: man kommt niemals an; der Ort, an den man kommt, ist nie der Ort, an den man zu kommen vermeinte. Gar diese Monomanen des Wandertriebs, er und einigermaßen ich – das heißt, ich weiß schon immer beim Wegfahren, daß man nicht ankommt, mir geht es schlechter als ihm –« »Das ist Philosophie«, sagte Dr. Carson, »und nicht mein Fach. Aber ich habe den Mann beobachtet als Arzt. Er hätte nie eine 41 Tropenreise unternehmen dürfen, der Amtsarzt, der ihm ein Gesundheitszeugnis ausgestellt hat, war ein Verbrecher oder er hat vielleicht zuviel Mitleid gehabt. Jetzt eine große seelische Depression, das ist zuviel. Ich befürchte Schlimmes. Ich bitte Sie, kommen Sie mit zu Lord Athill, man muß die Sache besprechen, vielleicht läßt sich der erste Anprall des Geschicks dämpfen, ich meine, wenn Athill in seiner stillen Art ihn auf die unangenehme Überraschung vorbereitet – –« Sie gingen weiter. In diesem Augenblick kam der Obersteward Taylor von seinem Bureau her die Treppe herauf, die zum Damensalon führte; er trug einen weißen Bogen Papier in der Hand. Der Obersteward des »Hildenbrand«war ein untersetzter Mann mit einem kleinen schwarzen Knebelbart und einer kühlen Amtsmiene; er trug die Uniform eines Schiffsoffiziers, doch ohne Gradabzeichen; er war nicht eigentlich ein Offizier, aber in mancher Beziehung mächtiger als der Kapitän. Er kam jetzt, ein Herold des Schicksals, die Treppe herauf, mit einer verkniffenen und eisigen Amtsmiene in seinem Gesicht, die aufgeregte Passagiere in Schranken halten sollte; der Obersteward hatte jahraus, jahrein durch aufgeregte Passagiere manches zu leiden. Der Gentleman, der gerade dem Schwarzen Brett gegenübersaß, gehörte in eminenter Weise zu der Kategorie der aufgeregten Passagiere; der Obersteward sah ihn auf alle Fälle mit höflicher Strenge an, grüßte nicht ohne Feierlichkeit und machte sich dann daran, mittels eines Reißnagels den Bogen Papier an das Schwarze Brett zu heften, genau unter die Karte, auf der des Passagiers geträumter Amazonenstrom floß, unwiderruflich zum allerletztenmal. Die sehr gut manikürten Hände des Oberstewards entfalteten geschickt den Bogen, machten den Reißnagel mit jeder wünschenswerten sachlichen Energie fest. Auf dem weißen Bogen stand etwas geschrieben, mit Blaustift, in englischer und in portugiesischer Sprache: 42 Infolge der politischen Ereignisse im Staate Amazonas bleibt der kgl. Postdampfer »Hildebrand« bis auf Weiteres in Parà. Weiterreise ungewiss. Bernhard Schwarz stand aus seinem Korbsessel auf, las, was auf dem Bogen Papier stand. Der Obersteward machte ein präventiv abweisendes Gesicht, diesem aufgeregten Passagier war nur mit korrekter Festigkeit zu begegnen. Aber der Gentleman sagte kein Wort, als er die Nachricht vom Scheitern der Kreuzfahrt gelesen hatte; er las sie nur noch einmal, sorgfältiger, nahm dann seinen lächerlichen Tropenhelm vom Stuhl und den komischen Regenmantel, oder war es ein Zeltblatt, und ging langsam hinaus auf das von einer grellen Mittagssonne bestrahlte Promenadendeck. 43 Zweites Kapitel Am nächsten Morgen saß Dr. Carson als ein gewohnheitsmäßiger Frühaufsteher sehr bald nach Sonnenaufgang vor der Türe des Grande Hotel, an einem der kleinen Eisentische unter den Mangobäumen des Largo da Polvora. Der breite Boulevard war noch fast menschenleer, nur daß eine Menge kleiner Schuhputzerjungen herumlief, Negerlein oder Halbindianer. Dr. Carson ließ sich seine Schuhe putzen, die im Hotel nicht gereinigt worden waren, eben weil draußen ja doch die Schuhputzer herumliefen; er hielt auf seinem eisernen Gartenstuhl geduldig still, während der kleine zerlumpte Mulatte seine Schuhe bearbeitete, er zahlte dann, oder vielmehr er hielt dem Jungen eine Handvoll schmutziger Milreisscheine hin, ohne eine Ahnung zu haben, wieviel sie in englischem Geld wert waren; offenbar hatte er den Jungen reich gemacht, denn sofort wollten alle anderen Schuhputzer von Parà des Doktors Schuhe ebenfalls salben und bürsten, sogleich und alle auf einmal. Ein paar portugiesische Worte von der Hoteltüre her verschafften dem bedrängten Doktor Ruhe. Sein Befreier war der »Weltbummler«, der in einem weißen, aber diskret karierten Anzug herauskam, mit einem ganzen Paket Zeitungen unter dem Arm. Er setzte sich zu Carson und zündete eine große schwarze Zigarre an. – »Endlich wieder eine Legitimos!« sagte er inbrünstig. Die beiden saßen eine ganze Zeitlang schweigend da. Carson mit dem Hut auf seinen Knien; seine Haare waren in der Morgensonne vollkommen silbern, aber der Kopf darunter war jugendlich, nur durch 44 einen Kneifer etwas entstellt und verkleidet; Hilary neben ihm, von einem großen flachen Panama beschattet, sah massiv aus, kariert; wenn der Doktor etwas von der Zartheit eines Windspiels an sich hatte, glich der Weltbummler eher einer Bulldogge. So saßen sie nebeneinander und erlebten den tropischen Morgen: die unsägliche Reinheit des ersten Lichts über den Wipfeln des Urwalds, die man auch von diesem pariserischen Boulevard aus sah; die bunten Farben des gegenüberliegenden Parks, beim Opernhaus; ein paar phantastische Vögel, die über diese Großstadtstraße flogen, als gehörte sie zum Dschungel, und die bereits durchsonnte, aber noch wunderbar frische Luft, die in wenigen Minuten von der Hitze durchsetzt werden würde, jetzt aber noch köstlich war, nach der Tropennacht duftend und nach unbekannten Blüten. Man konnte förmlich sehen, wie der Weltbummler diese Luft zusammen mit dem Rauch seiner schwarzen Zigarre einsog, die auch mit dazugehörte. Zugleich mit diesem glückhaften Aufatmen kam aber eine kuriose Reaktion: eine schamhafte Angst davor, beim Empfinden beobachtet zu werden; der Weltbummler entfaltete hastig eine Zeitung, »O Estado de Parà«, und begann darin zu lesen, als interessierte ihn nichts anderes: dann fing er an, dem Doktor die Nachrichten zu übersetzen. Es stand nicht sehr viel in der Zeitung, man erriet hinter den Notizen den ehernen Terror der militärischen Zensur. Soviel war klar, daß die Meuterei des 26. Jägerbataillons in Parà von den Polizeitruppen und einem Marinedetachement blutig niedergeworfen worden war; das hatte sich vorgestern ereignet, am Tag und in der Nacht vor dem Eintreffen des »Hildebrand« in Parà. Der Weltbummler konnte die dürftigen Zeitungsmeldungen durch die Mitteilungen eines brasilianischen Bekannten ergänzen, den er am letzten Abend in der Stadt aufgesucht hatte. Es schien, daß man einen Teil des 45 26. Jägerbataillons auf einen Dampfer hatte bringen wollen, um es gegen die Rebellen im fernen São Paolo kämpfen zu lassen; diejenigen Soldaten und besonders Offiziere, die sich höherer Gunst erfreuten, hätten in der Garnison bleiben sollen. Die Truppen, die an die Front sollten, begannen zu meutern; die Bewegung mußte wohlvorbereitet gewesen sein, denn zugleich kamen auch Depeschen aus dem Nachbarstaate Amazonas, wo gleichfalls die Revolution ausgebrochen war. Dort siegten die Aufständischen fast ohne Kampf und setzten eine revolutionäre Regierung ein, bestehend aus vierzehn jungen Oberleutnants. In Parà (hatte Hilarys Bekannter flüsternd erzählt) hatte sich das Bundesmilitär mit den anderen Waffen, der Provinzialpolizei und den Marinesoldaten die längste Zeit schlecht vertragen. Diese Rivalität zwischen den einzelnen Truppenteilen hatte den praktischen Effekt, daß das 26. Jägerbataillon nur von einigen Freischärlern aus dem Volk unterstützt wurde und Polizei und Marine, ja auch die Bundeskavallerie gegen sich hatte; man kämpfte einen Tag und eine Nacht in den Straßen, dann wurden die Rebellen in ihrer Kaserne belagert und mußten sich ergeben, während zersprengte Banden sich noch hier oder dort am Rande der Stadt behaupteten oder in die Umgebung zu fliehen begannen. Vergebens hatte Hilary nach dem praktischen oder sozialen Sinn des Aufstandes gefragt; er schien nichts als eine zwecklose Meuterei der Soldateska gewesen zu sein, geleitet von dem unklaren Ehrgeiz einiger ganz junger Offiziere. »Eins ist gewiß,« sagte Hilary, »es beginnt jetzt zunächst einmal ein kleiner Bürgerkrieg zwischen den Staaten Parà und Amazonas. In der ›Folha do Norte‹ steht, daß der Gouverneur von Parà das Ausfahren von Schiffen aus dem Hafen bis auf weiteres verboten hat. Natürlich, jeder Dampfer, der den Revoltosos von Amazonas in die Hände fiele, würde von ihnen sogleich als Kriegsschiff benützt werden. Keine Rede 46 davon, daß man dem ›Hildebrand‹ gestatten wird, seine Reise fortzusetzen. Mir ist es ziemlich gleichgültig, ich habe keine besondere Eile und kein festes Ziel – Ich bin nicht wie dieser Dr. Schwarz, der geglaubt hat, daß eine Reise an ein Ziel führt und daß man an dem Ziel aus irgendeinem geheimnisvollen Grund glücklich werden muß –« »Er erträgt es besser, als wir gefürchtet hatten«, sagte Dr. Carson. »Sie haben gestern abend nicht hier im Hotel gegessen, sonst hätten Sie gesehen, daß er sogar ganz gesprächig und aufgeräumt war. – Vielleicht hat er ein bißchen auffällig viel Collareswein getrunken, das war alles. Ich denke, er glaubt, daß unser Schiff doch nach ein paar Tagen weiter kann. Es scheint, daß wenigstens in Parà selbst die Ruhe wiederhergestellt ist; es wird sogar unsere Tramwayrundfahrt programmgemäß abgehalten, um acht Uhr kommen die Sonderwagen hier vorbei. Fahren Sie mit? Ach wo, Sie kennen Parà, natürlich. – Unsere Mitpassagiere sind gestern meistens an Bord geblieben; die Damen haben sich gefürchtet, wegen der Revolution. Auch Athill hat das Schiff noch nicht verlassen; Sie kennen die Lady. Gut, also nur ein paar Herren hier im Hotel gestern abend; der alte Smith zum Beispiel; aber er geht heute früh wieder aufs Schiff zurück, das Bier im Hotel schmeckt ihm nicht – sie haben nur ein hier gebrautes Pilsner und kein englisches Ale, der alte Mann hat sich seine Bottle of Baß zu sehr angewöhnt, es kann auch schlecht enden. Unser Schwarz, wie gesagt, war am Abend sehr gefaßt, ein bißchen blaß nur, vielleicht ist er gar kein so verdammter Narr, wie Athill und ich geglaubt haben; oder es wird eben noch alles gut, die Revolution kann auch wieder aufhören. Was mich betrifft, ich verbringe meinen Urlaub, und ob ich ihn in Parà oder in Manaos verbringe, ist mir ziemlich gleich, wenn ich nur rechtzeitig zurückkomme, damit mein Vertreter auch auf Urlaub gehen kann. Meinen Sie, daß ich das Spital aufsuchen sollte, mich ein 47 bißchen um die Verwundeten umsehen? Wenn ich doch kein Wort von dem Lingo verstehe! –« »Und Sie sind doch auf Urlaub«, sagte der Weltbummler mit einem ganz leichten Lächeln. – Er rauchte ein paar Züge, begann dann weiter von Schwarz zu reden: »Doch ein bißchen auf den Mann aufpassen! Unzweifelhaft ein manisches Wesen; diese merkwürdig gute Miene zum bösen Spiel – – hallo! sehen Sie her!« Ein Lastauto raste die Straße herab, dem Hafen zu. Vorn war ein Maschinengewehr aufmontiert, und das Lastauto war überfüllt von einer Menge bewaffneter Männer, kaum ein Weißer unter ihnen; einige trugen eine Khakiuniform, andere blaue baumwollene Kittel, alle hatten Patronengürtel um und sahen martialisch aus; alle hatten Zigaretten im Mund, auch drei gefesselte Gefangene, die in der Mitte des Wagens saßen. Vorn neben dem Chauffeur stand ein Soldat mit einem ellenlangen Fernrohr, das setzte er fortwährend an und spähte die lange Straße hinunter, auf der es nichts zu sehen gab als eine alte Negerin in einem roten Kattunkleid. Das Auto fuhr in wildem Tempo vorbei, Carson sah ihm bedenklich nach. »Nehmen Sie südamerikanische Revolutionen nicht tragisch,« sagte Hilary, »es bedeutet nichts, und es geschieht nichts, diese Leute im Auto haben irgendwen verhaftet und bringen die Gefangenen an Bord eines Dampfers – ›Santarem‹ heißt der Dampfer, er liegt am Kai neben dem ›Hildebrand‹.« »Und?« fragte Dr. Carson. Der Weltbummler zuckte die Achseln. »Heute nacht füsilieren oder morgen früh zu Generalen machen, was weiß ich. Es wird heiß, versuchen Sie ein Glas Guaranà! – Moço!« Dies zu einem sonderbaren rotbraunen Kellner mit spitzigen Faunsohren. 48 Der Kellner kam, bekam einen Auftrag auf portugiesisch, brachte eine Flasche und zwei Gläser, goß ein moussierendes Getränk ein. Carson kostete mißtrauisch, es war eine bräunliche Limonade von einem speziellen Geschmack, so etwas wie säuerliche Schokolade mit geeistem Mineralwasser. »Guaranà ist ein Grund, warum ich Brasilien wiedersehen wollte«, sagte der Weltbummler. »Ein Nervengift aus dem Urwald, irgendeine Palmfrucht, die viel Theobromin enthält, es wird zu einer Leidenschaft, wie der Kaffee und die Zigarette. Ein Glas Guaranà und eine von den schwarzen Legitimozigarren, darin ist das ganze dunkle und giftige und beglückende Aroma dieses ungeheuren Landes.« Es war auf einmal sehr warm geworden; die Blätter der großen Mangobäume malten dunkelviolette Schattenfiguren auf die besonnte Straße. Der Platz, vorher fast leer, wimmelte jetzt auf einmal von Menschen; nachdem das große Militärauto vorbeigerast war, waren sie plötzlich vorhanden, zu sorgfältig gekleidete dunkelhäutige Flaneure und zerlumpte Indianermenschen und eine respektable und ein wenig groteske Negerbourgeoisie; weißgekleidete Chauffeure, die irgendwie affenhaft am Volant hockten, fuhren mit lärmenden Autos auf und ab, es waren immer dieselben Chauffeure und dieselben Autos, und in der Mitte der Fahrbahn, am Opernhaus vorbei, verschob sich eine fast ununterbrochene Reihe von Straßenbahnwagen – es war auf einmal ein Pariser Boulevard vorhanden, sehr klein, ein wenig schäbig, penetrant hochsommerlich – und seltsam beherrscht von der wahnwitzig kardinalroten Farbe einer ungeheuren Blütenwand von Bougainvilleas, drüben in dem Park um die Freiheitsstatue. Die Freiheitsstatue, eine richtige Marianne auf einer Säule, mit Krummütze, Schwert und Lorbeer, das war wieder Paris. Ein großer, ganz flammend roter Vogel flatterte an der Freiheitsstatue vorbei. Parà, von dieser 49 Kaffeehausterrasse gesehen, war ein kurioses Parà-Paris; wenn man vom Kaffeehaustisch aufstand, sah man die Wipfel des nahen Urwalds. Ein Junge schrie den »Estado de Parà« aus. In weiter Ferne knallte etwas, ein Autopneumatik oder ein Schuß, man konnte es nicht wissen. Punkt neun Uhr kamen vom Hafen her zwei Sonderwagen der Straßenbahngesellschaft, The Parà Electric Railways and Lighting Co. Ltd. , die Cruisers des »Hildebrand« enthaltend. Revolution oder nicht, die Sehenswürdigkeiten von Parà mußten besichtigt werden. Die beiden Wagen hielten vor dem Hotel. Dr. Carson stand auf, um sich den Schiffsgefährten anzuschließen. In diesem Augenblick erschien Bernhard Schwarz in der Hoteltüre – nicht in seinem Tartarinkostum aus Khakileinen, nicht mit seinem Regenmantel, der vielleicht ein Zeltblatt war, nicht mit seinem Tropenhelm, sondern in einem für das Klima zu dicken grauen Sommeranzug mit langen Schößen und mit einem kleinen steifen graulackierten Strohhut auf dem Kopf, einem grobgeflochtenen, in der Mitte peinlich eingebogenen Hutungeheuer aus der hintersten Provinz – man begriff sofort, daß das die wirkliche Kleidung des Mannes sein mußte, sein unromantisches Zivil – Statt des Zeltblatt-Regenmantels trug er einen schlecht gerollten Regenschirm; das Gesicht war feucht von Schweiß, aber ganz blaß, eine dunkle Sonnenbrille verbarg die Augen, um den Mund lag eine Art Lächeln, leblos und unveränderlich. Hilary, der aufgestanden war, um dem Dr. Carson adieu zu sagen, sah dem Deutschen nach, wie er ungeschickt in den Tramwaywagen kletterte. »Passen Sie ein bißchen auf ihn auf, Doktor – –«   An diesem selben Tag war in Parà die Hölle los: eine Revolution war mißglückt, siegreiche Gewalt durfte Gewalttätigkeit Ordnung 50 nennen, den Ausnahmezustand Legalität, das Standrecht Justiz, die Repressalie Maßnahme. Man füsilierte hinter Hecken und warf Leichen ins Wasser. Die große bunte Stadt zitterte und flüsterte; die barfüßigen Schuhputzerjungen, die gestern Barrikaden gebaut hatten, verrieten die letzten versprengten Revoltosos der Polizei; die Kaufmannschaft beschloß einen großen Demonstrationszug zu Ehren Seiner Excelencia, des siegreichen Gouverneurs. Seine Excelencia dankte für die Gesinnung, verbot den Umzug und ließ für jeden Fall noch ein Maschinengewehr auf das Dach des Gouvernementspalastes stellen. In den Gärten der Vorstadt Nazareth steckten noch ein paar verzweifelte Rebellen mit Flinten; die Regierungstruppen näherten sich ihren Schlupfwinkeln mit weiser Vorsicht. Überall auf den Straßen sah man bewaffnete Patrouillen, militärische Autos, marschierende Abteilungen. Der Gouverneur hatte die Dienstpflichtigen einberufen; bourgeoise Familienväter verwandelten sich in säbelrasselnde Leutnants, während die mobilisierten Hafenarbeiter einfach die Patronengürtel um ihre blaue Kattunbluse schnallten. Die improvisierten Kanonenboote dampften den Fluß herauf, dampften den Fluß herab, mit der grünen und gelben Kriegsflagge: Ordem e Progresso . Ein Extrablatt der »Folha do Norte«, wohlzensuriert, meldete, aus Rio seien schon richtige Kriegsschiffe unterwegs, die berühmten modernen Destroyers unserer glorreichen Marine. Hinter sehr fest verschlossenen Türen berechneten murmelnde Bürger: Mindestens vierzehn Tage, ehe die Torpedozerstörer da sein können – wenn sie abgefahren sind; in drei Tagen können die Revoltosos aus dem Staat Amazonas da sein! Es war klar, daß jedermann loyal zu sein hatte, mindestens noch drei Tage lang – – Auf dem goldgelben Strom lag ein großer Flußdampfer, der »Santarem«; er war ganz voll von Gefangenen und ihren Wächtern. Man 51 konnte die Gefangenen und die Wächter zusammen aus hölzernen Gefäßen Farinha essen sehen; sie hockten alle beisammen, farbige Tropenmenschen, phlegmatisch nach einer großen vulkanischen Temperamentsexplosion; sie konnten einander weiter morden oder sich weiter brüderlich vertragen – – An diesem Tag schien die Sonne auf die äquatoriale Stadt; und plötzlich ballten sich schwarze Wolken zusammen, und es begann zu regnen, daß die Straßen Wildbächen glichen, und drei Minuten später waren sie trocken und heiß. An diesem Tag fuhren zwei Sonderwagen der Parà Electric Railways durch Parà mit den Cruisers des »Hildebrand«; es war der Revolution nicht gelungen, das Besichtigungsprogramm zunichte zu machen. Eine Reisegesellschaft von Sardinen, die Sehenswürdigkeiten eines aufgescheuchten Ameisenhaufens besichtigend, hätte nicht kühler durch die allgemeine Aufregung spazieren können. Der Palast des Staatsgouverneurs von Parà ist berühmt wegen der schönen Fußböden aus kostbaren Brasilhölzern. Also halten die beiden Sonderwagen der Parà Electric vor dem Gouverneurspalast. Vor dem Gouverneurspalast ist aus Sandsäcken eine Schanze gebaut, schußbereite Negersoldaten liegen dahinter auf dem Bauch, aus dem verrammelten Tor lugt ein schlankes Geschützrohr, ein Leutnant in einer durch nichts gerechtfertigten heroischen Pose lehnt daneben, mit gekreuzten Armen, die Revoltosos, die nicht da sind, werden seine eherne Standhaftigkeit nicht erschüttern – – eine große schwarze Locke fällt über seine bleiche Stirn, unter der Khakimütze hervorquellend. Der Fremdenführer, der die Cruisers von dem englischen Schiff herumführt, spricht mit dem Leutnant, unterdessen steigen die Touristen aus, Herren mit Panamahüten, Damen mit neckischen Sonnenschirmen stehen, eine bewegliche Herde, vor dem verrammelten Tor, vor 52 dem heroischen Leutnant, einigermaßen mißmutig, ungeduldig: die Ausflugsleitung soll doch den Unfug gefälligst abstellen! Die Ausflugsleitung hat, in der Tat, irgendeinen ganz mysteriösen Einfluß auf die Regierung des Staates Parà: wenigstens sieht man den Leutnant alsbald im Torweg verschwinden, er geht direkt zum Senhor Gobernador. Der Senhor Gobernador, Seine Excelencia, der Senhor Doutor Antonino Emiliano de Souza Castro, sitzt in dem Saal mit dem berühmten eingelegten Fußboden; der eingelegte Fußboden ist ungeheuer breit und lang, es ist ein riesiger Saal, und in der Ecke steht ein winziger koketter Schreibtisch, und auf dem Schreibtisch, vor dem Senhor Gobernador, liegen ein paar Akten, es werden doch wohl Todesurteile sein, nicht? Der Senhor gobernador setzt die Feder eben an, mit tragischer Entschlossenheit, er hat von dem Präsidenten der Republik eben eine sehr entschiedene Depesche bekommen, der Herr Präsident hat mit den Revoltosos im Süden genug zu tun, im Norden muß Ordnung sein, Ordem e Progresso – – Der Senhor Gobernador setzt die Feder an, zu Ordnung und Fortschritt entschlossen, da erscheint der Leutnant: die englischen Touristen möchten den berühmten eingelegten Fußboden sehen. Der Senhor Gobernador unterbricht, dem Fortschritt zuliebe, ein wenig die Ordnung und zieht sich mit seinen Akten würdevoll in ein nicht eingelegtes Nebenzimmer zurück; hinter ihm drein klingt schon die Stimme des Fremdenführers: »Ladies und Gentlemen, dieser Fußboden besteht aus den seltensten und edelsten Hölzern, die in den Urwäldern des Staates Parà gefunden werden: dies hier ist Sandelholz, dieses Rosenholz, dieses Satinholz und dieses Elfenbeinholz, die roten Streifen dazwischen das feuerfarbene Brasilholz, nach dem Brasilien seinen Namen bekommen hat – – Das große Gemälde an der Wand stellt 53 den Gründer von Parà, Castello Branco, vor, mit den Indianerkaziken an der Mündung des Rio Parà den ersten Vertrag schließend –« Die Cruisers trampeln hinter dem Fremdenführer drein über den berühmten eingelegten Fußboden. Sie gehen wieder aus dem Tor des Gouverneurspalastes, der so höfliche wie heroische Leutnant hat unterdessen die Kanone ein wenig beiseiteschieben lassen. Als letzter der Cruisers passiert Bernhard Schwarz, er ist heute immer der letzte, ein paar Schritte hinter den anderen. Dr. Carson sieht sich manchmal verstohlen nach ihm um. Die Cruisers fahren in ihren beiden Sonderwagen zur Kathedrale; die Kathedrale ist dreihundert Jahre alt und schön und barock; und hoch oben auf dem einen der beiden Türme wächst auf einmal eine Palme, und wie die Trambahnwagen mit den Touristen sich der Kathedrale nähern, müssen die beiden Motorführer auf einmal klingeln und klingeln, bis die Schienen frei werden – es ist ein großer, düsterer Leichenzug im Wege: tausend Männer und Frauen, meist Farbige aus dem geringen Volk, barfüßig, in Kitteln aus Baumwolle, gehen hinter einer Bahre her, die in eine große brasilianische Fahne eingehüllt ist: Ordem e Progresso! liest man an der Stelle, wo das Gesicht des Toten verborgen sein muß. Der Tote ist der junge Kapitän Assis Vasconcellos, der Mann, der die Revolutionäre geführt hat und an ihrer Spitze gefallen ist. Man trägt den Sarg des Rebellenführers rasch von den Tramwayschienen weg, damit die Wagen mit den englischen Touristen durchfahren können.   Die Schienen der Parà Electric führen kreuz und quer durch die große, heiße Stadt Parà, durch die Straßen, in denen Paris sich mischt mit Timbuktu. Kulturstadt, Negerdorf, der Wigwam drei 54 Schritte vom Boulevard – – An dieser Straßenecke ist das Geschäft von Madame Hélène, Robes et Modes ; Robes et Modes , wirklich aus Paris, Madame Hélène ist schokoladebraun. Jetzt, an dieser Ecke, biegt der Wagen in eine Seitenstraße ein, in der auf einem Aas ein ganzer Schwarm von Urubù-Geiern sitzt, wie große schwarze Truthähne anzusehen, und nackte Kinder wühlen neben ihnen im Schlamm. Hier fährt der Wagen wieder eine Kurve, der olivengrüne Motorführer klingelt, und die Urubù-Geier fliegen auf, und der Wagen mit den Cruisers kommt ganz unmittelbar in die Rua João Alfredo, die die Geschäftsstraße ist, voll von den Schätzen der Zivilisation. Hätte man Zeit und müßte man nicht ein Programm absolvieren, in den Läden an dieser Straße könnte man große Diamanten betasten, noch nicht geschliffene, eben aus dem Inneren gebracht, und von holländischen Schleifern geschliffene, von Pariser Juwelieren gefaßt, und Klumpen von Golderz, indianische Giftpfeile, Schildkrot; und es gibt die feinsten Londoner Hemden in halboffenen Buden. Eine elegante Kokotte kann sich in Parà ein Kleid aus der Rue de la Paix kaufen; und ein kannibalischer Häuptling, irgendwo aus dem amazonischen Dschungel, findet Federkrone, Armring, Schurz und Bogen. Diese Stadt ist sehr wild und sehr zivilisiert, und es liegt noch über den Banalitäten ihrer Alltage ein entzückender, fremder Duft aus dem ungeheuren Wald, dessen dunkle Wipfel man fast überall sieht, hinter den Häusern, den Hütten. Die Cruisers, auf den schmalen kleinen Bänken des Tramwaywagens brav hintereinandergereiht, fahren durch die Rua João Alfredo, ohne auszusteigen. In dem gedruckten und illustrierten Prospekt, den an Bord des »Hildebrand« jedermann studiert hat, kommt die Rua João Alfredo gar nicht vor, dafür aber verzeichnet der Prospekt am sogenannten Ver-o-Peso-Dock und in der ihm benachbarten 55 großen Markthalle ein buntes und originelles Leben und Treiben. Die Cruisers (schon ein wenig steifgesessen) verlassen zu dem Zweck den Wagen der Parà Electric, um fünf Minuten lang dies Leben zu besichtigen und fünf Minuten lang das Treiben. Am Ver-o-Peso nämlich, dem Hafen der kleinen Boote, liegen die Kanus mit grellbunten Segeln, eben aus der Wildnis gekommen, mit Ballen des Kautschuks, den der bronzebraune Waldläufer gestern aus den Bäumen rinnen ließ, und den er mit dem Rauch brennender Palmnüsse räucherte. Der Indianer, aus einem einsamen Wasserarm in den Strom rudernd, bringt eine Bootslast von Schildkröteneiern oder vegetabilischem Elfenbein oder einen frisch erlegten Tapir; und diese da, in dem Boot mit dem blauen, dem purpurnen Segeldreieck, halbnackte Fischer, sie bringen den Riesenfisch Piraracù; mit Bogen und Pfeilen haben sie ihn geschossen, oder, auf dem schmalen Floß balancierend, speerten sie das manngroße Ungeheuer; oder sie fingen mit Netzen die tausend und aber tausend Fischarten, da wimmeln sie im Boot, unfaßbar, vielgestaltig; und in einem Kanu, wer weiß aus welchem seltenen Riesenbaum des Waldes mit Axt und Brand gehöhlt, heute nacht wurde es über den Strom gepaddelt, von der Insel Marajò her, liegt ein gefangenes Krokodil, das ein schwarzer Knabe lebend auf den Markt bringt, der Himmel weiß, wozu. Oh, buntes Gewirr des Ver-o-Peso, die Segel, Stangen, Fetzen, Flaggen, seltsamen Dinge; und die Menschen, bunter als alle Dinge, Mischlinge irgendwo vom Stromufer, die Curibocas, von Weißen und Indianern gezeugt, und die Mamelucos, mit mehr weißem Blut, fahl im Gesicht, kreolisch träge, und die Cafuzos von dunklem Angesicht, negerisch und indianisch zugleich, und die Caboclos, die wirkliche Indianer sind, doch gezähmt, gebändigt, in die Hosen der Zivilisation gesteckt, und Negervolk jeder Gattung, Milchschokolade bis Pech, Fülle der Rassen, Typen, Gesichter unter großen Strohhüten; und die Weiber fröhlich farbig in gedrucktem Kattun, und Körbe und Lasten – – Fünf Minuten hatten die Cruisers für den Ver-o-Peso, fünf für den Markt, dem man ein Leben hätte widmen sollen. In der großen eisernen Pfeilerhalle, welche Mannigfaltigkeit, welche Schätze! Da ist der ganze Reichtum des ungeheuren heißen Waldes. Der eine hat Schildkröten auf den Markt gebracht, die großen Tiere, und die saftigen kleinen, und die Eier, aus denen sie ein Öl pressen: am Flußufer fand er im Sand die Spur der Mutterschildkröten, und er grub nach, und da fand er die Eier, Hunderte, Hunderte. – Der bringt Tabak, den unglaublich guten Tabak, in gewaltigen, gewundenen Kränzen; der Früchte, wilde aus dem Wald und andere aus dem Garten vor der Hütte: die dicken und kurzen Bananen Amazoniens, die ein wenig säuerlich schmecken, und die weiße Ananas, die gleichfalls ein wenig von dieser köstlichen Säure hat, und die gelbe Ananas, die völlig süß ist, und Orangen, groß, smaragdgrün und innen ein wenig holzig, und die Sapotilhas, die aussehen wie graugrüne Vogeleier und schmecken wie ein Teig aus Honig und Mehl, und die großen Baummelonen, Mamões hier geheißen, deren Geschmack wie eine Vorahnung des Paradieses ist, und die purpurnen Abacates, aus denen dicker Saft rinnt, und die Mangopflaumen, in denen ein ungeheurer Kern ist, wie ein Knochen, und Palmnüsse, tausend Arten, solche, die Milchsaft enthalten, und solche, aus denen man wohlriechende Öle preßt und seifige Fette, und solche, die man anzündet, daß sie wie Kerzen brennen; und die Nüsse der Elfenbeinpalme, deren Saft zu einem köstlichen Elfenbein erstarrt, und die Miritynüsse, aus denen man Knöpfe macht, und das gelbe Pulver, gesammelt von den Blättern des Carnaubabaumes, das man mit Wasser zu einem Wachs zerkochen kann – – Und ein bronzebrauner echter Indio aus dem großen Wald, von 57 einem Stamm, der noch frei lebt, hat mit einem großen Blasrohr bunte Vögel geschossen, mit vergifteten Pfeilen; eine Bootsladung seidenweicher, seidig glänzender Federn brachte er auf den Markt nach Parà, um dafür eiserne Machetemesser zu erstehen, mit denen man sich seinen Weg durch das Dickicht hacken kann, schneeweiße Reiherbüsche und Vogelfedern wie farbiges Edelgestein, von den tausend Farben eines tropischen Blumengartens und des frischen Taus, in dem die Sonne funkelt. Und Orchideen gibt es auf diesem Markt und Schildkrot und die Schalen von Kürbissen, schwarz lackiert und barbarisch bemalt, sie trinken daraus, und seltsame poröse Tongefäße, die das Wasser kühl halten, und Tabak, Tabak, daß ein Raucher trunken wird nur vom Ansehen, und indianische Pfeifen, mit grellbunt verzierten Rohren, und kleine lebende Affen, Papageien und Jaguarfelle, die Haut von Schlangen, Alligatoren, alles – alles. Die Cruisers sahen all das, in fünf Minuten.   Die beiden Wagen der Parà Electric hielten vor dem Tor eines Parks. Das Tor war verschlossen; im Schatten eines Baumes lungerten ein paar Soldaten. Der Fremdenführer, der ohne weiteres den Gouverneur aus seinem eingelegten Zimmer hatte vertreiben können, hier hatte er kein Glück. Man sah ihn mit einem negro-indianischen Unteroffizier verhandeln, dann bestürzt zurückkommen: »Meine Herrschaften, der Bosque Rodrigues Alves ist behördlich gesperrt, steigen Sie, bitte, rasch wieder ein, wir fahren in den Zoologischen Garten – –« Unter den Cruisers entstand ein Gemurmel. Der Bosque Rodrigues Alves, der berühmte Stadtpark von Parà, stand als besondere Glanznummer im illustrierten Prospekt: Urwaldreservation mitten in der Stadt! In einem Teich eine lebende Manatti-Seekuh, ganz zahm, läßt 58 sich von den Touristen füttern! Eine Tuffsteingrotte, in der tausende Fledermäuse herumschwirren! An Bord des »Hildebrand« hatte man Ansichtskarten verkauft: Die Seekuh, wie sie eben von Touristen gefüttert wird, und die Grotte der Fledermäuse (von außen). Es war hart, nicht einmal den Stadtpark von Parà sehen zu dürfen – – In diesem Stadtpark, in dem hohen Bambusgebüsch, von dem der Prospekt des »Hildebrand« ebenfalls zu rühmen wußte, lag um diese Stunde die Leiche eines jungen Rebellen und wurde von Ameisen angefressen – – Bevor die Wagen sich wieder in Bewegung setzten, erklärte der Fremdenführer rasch die Gegend: die Trambahnlinie fährt noch bis zu einer letzten Haltestelle, beim Wasserturm. Hinter dem Wasserturm fängt der Urwald an. Der Urwald kann heute vormittag nicht besichtigt werden, wir haben den Zoologischen Garten zu absolvieren – Der Zoologische Garten interessierte nur den Dr. Carson. Seine Reisegefährten hatten bald genug von Jaguaren, Tapiren und Papageivolieren und saßen kühl und behaglich in dem Freiluftrestaurant unter schattigen Bäumen. Es gab einen herrlichen kleinen Imbiß, geeiste Getränke und einen phantastischen Fruchtsalat, Papayas, Alligatorbirnen, weiße Ananas und eine Art Bananen, die sonderbar dick waren und säuerlich schmeckten. – Carson stand unterdessen allein vor einem niederen Drahtkäfig, in dem eine ungeheure Sucurujùschlange eingesperrt war, eine furchtbare Wasserboa: man hatte ein kleines schwarzes Huhn in ihren Käfig getan als Futter. Die Schlange schien vollgefressen und träge, sie tat dem Huhn nichts, und das Huhn schien sich nicht im mindesten vor ihr zu fürchten; es pickte kleine Insekten auf. Das ist etwas für den Schwarz, dachte Dr. Carson, das will ich ihm zeigen. – Er ging rasch zu der Gesellschaft zurück. 59 Bernhard Schwarz war nicht bei der Gesellschaft. Carson ging durch den ganzen Garten und fand ihn nicht. Er ging in das Museum, das mitten in dem Garten steht: es gab dort eine Schmetterlingssammlung, Mineralien, Schlangen in Weingeist und eine große Sammlung indianischer Topfscherben von der Insel Marajò. Auch in dem Museum war Dr. Schwarz nicht. Jetzt bemerkten auch andere von den Cruisers, daß er fehlte: die ältere Miß Macpherson glaubte sich zu erinnern, daß er seit dem Aufenthalt beim Stadtpark nicht mehr im Wagen gewesen war. 60 Drittes Kapitel Vor dem verschlossenen Eingang des Stadtparks hatte ganz plötzlich die Verzweiflung Bernhard Schwarz überwältigt. Den ganzen Vormittag war er stumpf und still mit den Cruisers mitgezottelt, in der unklaren Absicht, von seiner fieberhaft erträumten Reise zu retten, was noch zu retten war. Das zauberhaft bunte Abenteuer, nach dem er sich sein ganzes Leben lang gesehnt gehabt hatte, zerfloß ihm in der deprimierenden Hitze dieses tropischen Tages, bis nichts davon übrig war als dieser groteske Herdenspaziergang durch die fremde Stadt, oder eher an ihr vorbei, an ihrem wirklichen Wesen, an dem fieberhaften Erlebnis, das soeben an ihr rüttelte. Dieser Mensch, den ein unheilbarer Hang zur Romantik an den Amazonenstrom getrieben hatte, war jetzt völlig außerstande zu begreifen, wie romantisch das im Grunde alles war, die Revolution, die gebändigte Leidenschaft in dieser sonderbaren, vielfarbigen Stadt – er empfand diese ganze brasilianische Romantik, da er sie nun wirklich hatte, ausschließlich als eine unleidliche und widerwärtige Störung seiner Träumereien, den Leichenzug des heroischen Rebellenführers als ein Verkehrshindernis auf seinem Weg zum Urwald – – Diesen Weg zum Urwald, dennoch, trotz allem, bedeutete ihm die lächerliche Tramwayfahrt mit den Cruisers. Daß der Urwald, den sie besichtigen sollten, ein Stadtpark war, mit einem Musikpavillon und einem zementierten Bassin (für eine städtische Seekuh), den Gedanken dachte Bernhard Schwarz nicht aus; der Lärm der Gesellschaft, der geschäftige Betrieb des Fremdenführers, der ganze Rummel, das Gehen 61 und Fahren in einer großen Gruppe hatten ihn, o Wohltat, an der rechten Besinnung gehindert; er ging herum wie ein Arbeiter, der mit der Hand in ein Maschinenrad gegriffen hat und die Maschine hat die Hand amputiert; der Arbeiter empfindet ein dumpfes Unbehagen, aber er weiß noch gar nicht, was geschehen ist, er hat seine verstümmelte Hand noch nicht erblickt; erst wenn er sie sehen wird, wird ihn plötzlich der große Schmerz anspringen und die Ohnmacht und die Verzweiflung des Krüppels. Dieser jähe Augenblick des schmerzlichen Vollbewußtseins nun kam für Schwarz, als die Gesellschaft nicht in den Stadtpark gehen durfte; sein Unterbewußtsein mußte irgendwie noch gehofft haben, daß dieser Stadtpark von Parà mehr sein würde als das jämmerlichste Surrogat für die große Urwaldnatur, die er nicht sehen sollte; oder es brachte ihm diese an sich ganz kleine neue Enttäuschung die große und eigentliche auf einmal klar vor die Augen. Was immer der Grund war, erst vor dem verschlossenen Tor des Bosque Rodrigues Alves brach die seelische Starrheit, die seit gestern wohltätig genug diesen gescheiterten Träumer am Schreien, Toben, Tollwerden verhindert hatte. Die ältere Miß Macpherson, die letzte von den Cruisers, die Bernhard Schwarz vor dem Tor des Stadtparks sah, mußte schon eine schlechte Menschenkennerin sein, daß sie die fassungslose Verzweiflung des Mannes nicht erkannte. Wenn er nicht noch vor allen diesen Leuten etwas Verrücktes tat, sich auf den Boden warf, aufschrie oder weinte, dann bewahrte ihn davor nur der leidenschaftliche Wille, sich rasch, rasch diesen Fremden und Gleichgültigen zu entziehen; er hatte ihre Gegenwart nur so lange ertragen können, als sie ein Mittel zum alles beherrschenden Zweck gewesen war; jetzt war es ein übermächtiger Imperativ in seiner Seele, der ihn zwang, sofort zu verschwinden, keine Sekunde länger eine sinnlos gewordene Gemeinschaft zu ertragen. Ein scharfes Auge 62 hätte ihn, solange die beiden Tramwaywagen noch da waren, hinter der Bretterbude des am Parkeingang etablierten Obstverkäufers versteckt gesehen; von dort aus hörte er auch, was der Fremdenführer vom Urwald sagte: daß sein äußerster Rand ganz nahe wäre; hinter der nächsten Station der Trambahn, bei dem hohen Wasserturm, den man zwischen den ersten Wipfeln aufragen sah – – Dorthin wandte sich Bernhard Schwarz, sobald seine Reisegefährten fortgefahren waren; die Soldaten am Tor des Stadtparks grinsten dem bebrillten Gringo nach, der wie irrsinnig durch die Mittagshitze lief, nicht am schattigen Rand der Straße, sondern keuchend und stolpernd längs der besonnten sandigen Rinne in der Mitte. Da rannte er, mit einem schlecht gerollten Regenschirm vor sich herfuchtelnd; und seine Rockschöße schlappten hinter ihm drein. Er war schon atemlos und erschöpft, als er beim Wasserturm ankam, einem hohen Eisengerüst, das dazu diente, das Wasser eines Waldbaches in die Höhe zu pumpen und in die Wasserleitung der Stadt zu überführen. Hier hörte die Fahrstraße plötzlich auf, die bis zu diesem Punkt immer noch städtisch und zivilisiert gewesen war; es begann unvermittelt ein schmaler Sandweg zwischen primitiven Hütten aus Palmgeflecht, ein paar kleinen Gärten mit Brotfruchtbäumen, Bananenstauden, Maniokpflanzungen. Hier schon drängte sich in das fleischig fette Grün der Nutzpflanzen das härtere und dunklere des wilden Gestrüpps; die Gärten, von dem kleinen Weg durch Zäune getrennt, verloren sich hinten ins Unbestimmte und Unendliche. Eine große und offensive Hitze lag über dem Weg, es war eben Mittag, Mittag auf dem Äquator, die Sonne stand genau im Zenit, und die Bäume gaben keinen Schatten. Ein paar schwärzliche Kinder, vor den Palmhütten hockend, glotzten dem vorbeirennenden Fremden 63 nach; endlich zwang ihn physische Erschöpfung, seine Schritte zu verlangsamen. Er hatte jetzt den Weg zwischen den Gärten zurückgelegt und war zu einem großen Hause gelangt, das auf einem von hohem Gras bedeckten freien Platz stand: dahinter ragte schon die dunkelgrüne Mauer auf, der Wall des ungeheuren Waldes. Das Haus war das Haus der Wasserwerke von Parà, dazu bestimmt, einen der hunderttausend Urwaldbäche in Filter einzusaugen, durch Maschinenwerk zu leiten, durch Röhren in die große hybride Stadt am Urwald. Hinter diesem technischen Haus, in dem elektrische Lampen glühten, Räder sich drehten, Chemiker den Filter prüften – dahinter, von der ersten Assaipalme hinter dem Haus, quer durch den ganzen südamerikanischen Kontinent, war die grandiose Öde des grünen Waldes, die Welt des Jaguars und des Alligators; die menschliche Zivilisation repräsentiert durch ein paar halbwilde Kautschukzapfer, und hinter ihnen, neben ihnen in den Büschen nur noch die Stämme nackter Jäger, Menschen, die das Metall nicht kennen, die mit den vergifteten Pfeilen des Blasrohrs die Beute töten oder den Feind – – In dem Gestrüpp hinter dem Wasserwerk von Parà begann, plötzlich, ohne Übergang, diese ungeheure und rätselhafte Urwelt; in diesem kaum recht erforschten Dschungel staken alle Geheimnisse, alle Abenteuer, alle Schätze, alle Gefahren: man konnte in den Wagen der Parà Electric Railways bis zu diesem Rand fahren, es kostete vierhundert Reis vom Grande Hotel, von dem Modesalon der Madame Hélène, von den Geschäften, wo man die letzten Pariser Parfüms zu kaufen bekam; ein weißgekleideter Schaffner knipste den Fahrschein; dann stieg man aus, und es begann ganz plötzlich der große Dschungel; man hätte sich kaum wundern dürfen, hätte man gleich im nächsten Tümpel einen Ichthyosaurus schwimmen gesehen – – Hier nun, an diesem äußersten Rand der bürgerlichen und bewohnten 64 Welt, stand auf einmal Bernhard Schwarz aus Leitmeritz, er, der soeben noch verzweifelt gewesen war, weil man ihn nicht in einen tropischen Stadtpark mit einem Musikpavillon und gekiesten Wegen gelassen hatte – so verblüffend einfach war das ganze Problem: diesen Urwald seiner Träume, da hatte er ihn, da war er, unverkennbar, körperlich, eine reale und mit Händen greifbare Sache – Dieser Mann hatte sein ganzes Leben lang von eben diesem Urwald geträumt. Vor einer halben Stunde war er verzweifelt gewesen, weil man ihn nicht in einen Park gelassen hatte. Jetzt stand er am Rand des Urwaldes und – – Bernhard Schwarz war an Bord des »Hildebrand« in einem Khakianzug herumgegangen, mit Ledergamaschen an den Beinen, wegen der Giftschlangen, und mit einem Kompaß in der Tasche. Er hatte diese Dinge gebraucht, für seinen Traum – – Wenn man einmal im Urwald ist, nicht, wenn auch nur als Vergnügungsreisender hinter einem Fremdenführer drein – vielleicht bleibt man dann irgendwie im Urwald, nicht? Man unternimmt auf eigene Faust eine Expedition, es gibt weiße Flecke auf der Landkarte – – Jetzt, im Begriff, führerlos in den großen Wald einzudringen, hatte Bernhard Schwarz einen Rock mit langen Schößen an und nicht einmal ein Messer in seiner Tasche. Er kam nicht aus seinem lebenslangen Traum, nicht aus der Illusion von vorgestern, sondern aus der grenzenlosen Enttäuschung von gestern, aus der niederträchtigen Realität – und im Kostüm dieser seiner Realität; so nun stürzte er sich auf einmal mit beiden Füßen leichtfertig in das große Abenteuer, er begann in den grenzenlosen amazonischen Wald einzudringen, allein, führerlos, in der Kleidung eines nordischen Realschullehrers, ohne Proviant, ohne Chinin und ohne Waffen. Denn der alternde Mann, der da hinter dem Wasserwerk von Parà stand, mit glühenden Augen und gesträubten 65 Bartstoppeln, an der großen grünen Grenzlinie des Waldkontinents stand, unter dem erbarmungslosen amazonischen Mittag, mit diesen beiden zuckenden bloßen Händen griff er heroisch nach dem Unfaßbaren, dem Unendlichen! Ein armseliger Realschullehrer, der sein Leben lang für eine Reise gespart hatte, möglich! Ein Narr, der einer Schimäre nachrannte, wahrscheinlich! Ein Kind, das sein Spielzeug haben mußte, allenfalls! Aber es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß dieser pensionierte Realschullehrer aus Leitmeritz in diesem Augenblick gewillt, bereit und im Begriffe war, die Hyläa des amazonischen Beckens zu Fuß zu durchqueren, immer geradeaus, durch die Gebiete, die auf den Landkarten durch weiße Flecke angedeutet sind, an Jaguaren, Anakondas und indianischen Kopfjägern vorbei, durch die Alligatorentümpel und die Fiebersümpfe. Wie er da stand, seinen etwas ermüdeten Rücken der ganzen Zivilisation zugewendet, nicht nur dem städtischen Wasserwerk von Parà und dem Grande Hotel, wo in eben diesem Augenblick die Mit-Cruisers, aller Sehenswürdigkeiten müde, sich zu dem interessantesten aller exotischen Lunche setzten, Schildkrötensteaks mit Maniok, den Rücken zugewendet nicht nur der Haltestelle der Parà Electric Railways und der ganzen Stadt Parà, sondern zugewendet auch der fernen Stadt Leitmeritz und einem ganzen langen bürgerlichen Leben – wie er da stand, den ersten Urwaldbaum anblickend, eine zart gefiederte Assaipalme mit weißlichem Stamm, wie er da stand, mit Schoßrock, Regenschirm und einem komischen brettsteifen Strohhut aus der hintersten Provinz, war er, wenn ein wenig lächerlich, so doch vor allem sehr heldenhaft – ein Mensch, der wahrhaftig den Mut zu seinem Traum hatte, der, durch irgendeinen miserablen Stadtpark enttäuscht, die große Urwaldcourage in seiner Seele gefunden hatte; ein heroischer Deserteur aus der Bürgerlichkeit, einer, der sich da vor den ersten Urwaldbaum stellte, 66 nötigenfalls bereit, auf ihn zu klettern und oben zu bleiben, ein sehnsüchtiger Heimkehrer, ein romantischer Konquistador. So stand er da und hatte vor sich vielleicht das märchenhafte Goldland El Dorado, und vielleicht den seltsamen Staat der Amazonen, und vielleicht eine irgendwo im Sumpf verborgene geheime Welt, von Dinosauriern bevölkert, und vielleicht ungeheure Diamantklumpen, Höhlen voll von Smaragden – alles war möglich in dieser geheimnisvollen grünen Unendlichkeit – eines aber war sicher, er stieg in dieses Märchen wie ein Märchenheld, ohne Arg noch Angst, getrieben von Impulsen aus seiner fernen Jugend, von jenem Jules-Verne-Buch, das er als Knabe gelesen hatte: wie Lina der großen Liane nachgeht, immer weiter, immer weiter – – Ein alter Mann, der sich benimmt wie ein Knabe, lebt das einzig richtige Leben!   Bernhard Schwarz war offenbar bereit, gleich hinter der ersten Assaipalme einen Jaguar mit seinen nackten Fäusten zu würgen, aber das Abenteuer, das auf ihn wartete, sah ganz anders aus. Hinter der ersten Assaipalme kam vorläufig einmal noch ein freier und bequemer Weg. Es floß an dieser Stelle ein seichter Bach aus dem Wald, auf dem Wege zu dem nicht fernen großen Strom; es war eben der Bach, den sie in diesem letzten Haus filtrierten und in die großen Röhren leiteten. Das Ufer dieses Baches nun hatte man ein hübsches Stück waldeinwärts mit Steinplatten eingefaßt: sie dienten zwei indianischen Arbeitern der Wasserwerke als Pfad, auf dem sie mehrmals täglich das Bachufer abpatrouillieren konnten, jeder mit einem Netz an einer langen Bambusstange. Mit diesen Netzen fischten sie aus dem Bachwasser, das die Stadt Parà in ihre Wasserleitung bekommen sollte, die schwimmenden Pflanzenreste und kleinen Tierkadaver, alles, 67 was aus dem Urwalddickicht geschwommen kam. Wo die Steinplatten aufhörten, war das Bachufer gleich so verwachsen, daß es einem Menschen ohne ein Machetemesser nicht möglich gewesen wäre, einzudringen, bis dahin aber konnte auch ein Realschullehrer in einem Schoßrock bequem genug gelangen, und doch schon durch den wirklichen und unverfälschten Wald. Dieses Stück Weges nun legte Bernhard Schwarz ganz langsam und mit leisen Schritten zurück, mit der andächtigen Behutsamkeit eines Kindes, das ins Weihnachtszimmer eintritt; er ging wie in einem feierlichen Rausch. Es war um ihn alles schöner und erhabener als selbst sein alter Traum vom Urwald; er ging wie in einem beschatteten und doch hell erleuchteten großen Laubengang, den klaren Bach entlang, in dem seltsame Fische spielten; rechts und links war die unwahrscheinlich tiefgrüne Waldkulisse, eine grandiose, geschlossene, einige Masse und doch von einer kaleidoskopischen Vielfältigkeit sondergleichen: Wände aus Speeren geformt, Fächern, Platten, Seilen, groteskem Gitterwerk, in tausend grünen und grauen und silbernen Nuancen. Das europäische Auge brauchte Zeit, bis es etwas von diesem Wald begriff: er war kein Wald, sondern eine Schlacht, nicht lyrisch zu genießen, wie die blonden Wälder der Heimat, sondern als ein krauses und grausames Epos, ein ungeheueres vegetabilisches Drama: Diese hohe Mauritiuspalme, die sich da mächtig aus dem Unterholz ans Sonnenlicht rang, hatte blutig gesiegt, war der schwächer Mitstrebenden Herr geworden, hatte sich durch das Schlachtgewühl des Dickichts mit harter Gewalt den Platz erkämpft – und nun stand sie da, eine Siegerin, prunkhaft umwunden von einer gewaltigen Girlande, der Schlingpflanze, die den nackten Palmstamm kleidete wie ein Festgewand – und die doch nichts war als ein heimtückischer Feind dieser Palme, der letzte und entscheidende, die Pflanzenschlange, die die Palme 68 langsam und gewiß erwürgen würde. Es war, verstand man es richtig, ein Bild von Leben, Kampf und Tod; dies aber war in hunderttausendfacher Wiederholung ringsum zu ahnen: Tumult der Schöpfung, Gedeihen und Verderben in einem grünen Wirrwarr, der ganze Sinn der lebenden und sterbenden Schöpfung in einem unfaßbar ungeheuren grünen Ornament symbolisiert. Außer dieser verwirrend barocken Architektur der Laubwände und des Daches über dem kleinen Bache, und dem Gekringel der scharfen Lichtflecke, der schwarzen Schatten, sah das mit dieser mystischen Welt nicht vertraute Auge nichts. Bernhard Schwarz, der Eindringling in diesem Vorraum des Urwalds, zeigte durch sein Benehmen, daß seine große Sehnsucht nach diesen Dingen doch nicht pure Narretei gewesen sein konnte: er, der hier hereingestürmt war wie ein Tobsüchtiger, wurde nach den ersten Schritten immer ruhiger, stiller, behutsamer, bis er, leise, leise ans äußerste Ende des steinernen Pfades kam; hier gab es einen breiten Baumstumpf, auf den man sich setzen konnte – und Curupira, der unberechenbare Neckgeist der amazonischen Wildnis, hatte gerade diesen einen Baumstumpf ausgenommen, daß er von menschenmarternden Insekten frei sein sollte. Diese eine Stunde restlosen Glücks wollte der Urwaldgeist dem Sehnsüchtigen geben, so konnte er sich mit seinen langen Rockschößen auf diesen Baumstumpf setzen wie auf eine Bank, und sodann gänzlich erstarren, eins werden mit dem Baumstumpf; seine Seele sandte Luftwurzeln aus, und sie krallten sich fest in diesem langersehnten Boden. Da er nun so ruhig saß, und allmählich auch sein Atem ganz, ganz still wurde, der Schlag seines armen alten Herzens friedlich und sein Blick sanft und gut, fing er an, ringsum mehr zu sehen als bloß eine in Licht und Schatten gebadete Baumkulisse zu beiden Seiten eines glitzernden Baches. Erst kamen Libellen über das Wasser gehuscht; sie 69 sahen aus wie kleine Flugzeuge, aber glitzernd, smaragdgrün und scharlachrot. Dann, auf einmal, begann das Treiben der Schmetterlinge, ein phantastisches Luftballett: es war, als materialisierten sich Sonnenstrahlen, ballten sich die Farben des Prismas zu fliegenden Flächen – bis dann ein wahres und wirkliches Wunder geschah: irgendwoher war plötzlich ein beschwingter Saphir geflogen gekommen, ein leuchtender blauer Morphus-Schmetterling mit brillantenen Reflexen auf seinen beiden Flügeln, die groß wie eine Handfläche waren und von einem ganz unwirklichen Schmelz der Farbe. Dieser Schmetterling nun, über den besonnten Urwaldbach kommend, flatterte, hier auf einem Palmblatt rastend, dort auf einer Liane, langsam und stetig näher, bis zu dem Baumstumpf, auf dem der Dr. Bernhard Schwarz aus Leitmeritz saß, und ließ sich mit der sanftesten Selbstverständlichkeit auf der Hand des Menschen nieder, so glückselig war der und befriedet, so ganz ohne jede Unruhe, reif geworden für jedes Wunder, für jedes Märchen. Der zauberhafte Schmetterling saß auf der stillen Hand, und es war, als ob durch diese entzückende Berührung auf einmal alles anders geworden wäre, der Mann im Urwald sah, wo bisher nur die Starre der Pflanzen gewesen war und der Tanz der Lichtkringel zwischen den scharfen Schatten, auf einmal lauter bewußtes Leben: er hatte unversehens den Baum mit den Webervögeln entdeckt. Es war ein unsympathischer, weißlicher Baum und wie kahlgezupft, lauter Geäst; und in den Ästen hingen die langen Nester, gurkenförmig, aber jedes viel größer als die größte Gurke. Diese Riesengurke (aber es war ein Geflecht aus Pflanzenstoff, braun verwelkt, das Zeug sah aus wie das Material eines groben Strohhuts) hatte mehrere Löcher, die ins Innere führten. Von diesen Nestern trug der große, kahle Baum viele Dutzende, es war eine ganze Vogelstadt, und wie Bernhard Schwarz inniger 70 hinblickte, sah er die märchenhaft bunten Vögel um die Nester fliegen oder auf den Zweigen hüpfen, phantastisch gefärbte Vögel von der Art der Finken, aber manchmal fast taubengroß, ein rotes, grünes, gelbes Sperlingsvolk, unruhig, rastlos mit dem Nest beschäftigt und untereinander in Liebe oder Zank. Hatte der Blick hier nun einmal huschende Vögel sehen gelernt, so fand er überall in den Wipfeln ein reizvolles Huschen, Schweben, fand ein Aufblitzen phantastischer Farben. Es gab große Vögel, und es gab ganz kleine, die von den großen Schmetterlingen kaum zu unterscheiden waren; sie blitzten in der Sonne wie geflügelte Edelsteine. Auf einer großen Urucury-Palme, die von Nüssen schwer war, hatte sich ein ganzes Volk von Papageien angesiedelt, von hier kam ein mißtönender Lärm. Überhaupt war, erst jetzt, da der hier eingedrungene Mensch stille saß, die Luft voll von Tönen; ein hinter einem Stamm verborgener Specht klopfte rhythmisch, und irgendwoher schwebte ein unbekannter und ein wenig unheimlicher Klang, dem scharfen Dengeln einer geheimnisvollen Sense ähnlich. Dies hörte man aus der allgemeinen Symphonie der Geräusche heraus, und noch vereinzelte Noten eines schrillen Gesanges in einem nahen Wipfel; sonst aber verflochten sich vage und undefinierbare Töne aus Gras und Gebüsch mit seltsamen und fernen Lauten zu einem Tongefüge, das immer stärker anzuschwellen schien; dieser Wald, der erst so einsam und erstarrt geschienen hatte, war voll von Lauten und voll von Bewegung; es war in den Büschen, im Unterholz ein immerwährendes Rascheln, ein fauliger Wassertümpel, den man durch das dichte Astwerk schimmern sah, kam nicht zur Ruhe vor Plätschern und Plumpsen, fortwährend zogen sich bedeutungsvolle Kreise über das schillernde Wasser. Neben seiner rechten Fußspitze sah Bernhard Schwarz plötzlich etwas 71 Seltsames und Aufregendes: zwei große graugrüne Eidechsen, wie verkleinerte Urweltdrachen anzusehen, hatten sich ineinander verbissen und kämpften fast geräuschlos und mit tödlicher Erbitterung. So groß war die mörderische Wut der Tiere, daß sie die Nähe des Menschenungetüms nicht beachteten; der Mensch aber erschrak vor diesem tragischen Konflikt zu seinen Füßen und tat die verhängnisvolle Bewegung, die ihn das beglückende Vertrauen des schönen großen Falters kostete: der flog von der Hand auf, die so plötzlich zu zucken begonnen hatte; wie zwei große Sternsaphire leuchteten die großen Schwingen des Schmetterlings noch einmal zwischen den Fächerstäben eines Palmblattes, dann war dieses liebe Wunder verschwunden und mit ihm die kostbare Stunde der Ruhe: von diesem Augenblick war der Urwald wie verhext, unfreundlich und drohend, sei es, weil sich eine kohlschwarze Wolkenschicht über die Sonne zu schieben begann, sei es aus viel geheimerem Grunde. Genug, wenn bisher alles in dem Wald nach fröhlichen Idyllen ausgesehen, der wüste Kampf dieser dämonischen kleinen Drachenwesen schien den trügerischen Frieden zerstört zu haben: aus dem großen unbestimmten Geräusch des Dickichts kamen drohende Töne, oder schien es dem Lauscher so; und er empfand, in seinem Innersten erschreckend, was er gewußt hatte, aber nicht wahrgehabt, daß er hier nicht in einem reizenden Gartenparadies war, sondern in der größten und fürchterlichsten Mörderhöhle der Natur, einer gigantischen Organisation des allgemeinen Fressens von Pflanze und Tier: jeder dieser Bäume war groß geworden durch Mord, und so wie er rücksichtslos anderes Pflanzenleben erstickt hatte, würgten ihn die Schlingpflanzen, fraßen Schmarotzer an ihm und die Pilze der feuchten Fäulnis. Noch reckte er seine Krone ins rettende Licht empor; er trug, das Geschäft seiner Fortpflanzung betreibend, Blüten, hatte Früchte und Samen. All dies aber 72 war Nahrung für mächtigere Lebewesen, von der Blattwanze und der Laus angefangen bis zur Ameise, die ihretwegen den Stamm emporlief, der Biene, die den Pollen suchte, dem Käfer, der an der Rinde fraß. Die Ameise oder den Käfer zu holen, kam der kleine Vogel, ja, dieser entzückend bunte, beschwingte Edelstein, und der große Vogel stellte dem kleinen Vogel nach, und der Fisch im Bach wartete auf das Insekt, das aus den Zweigen ins Wasser fiel, und der größere Fisch wartete auf den kleinen Fisch, und wenn der größere Fisch in den größeren Wasserlauf kam, dort wartete der Kaiman auf ihn – so wie im Geäst und auf dem Boden letzten Endes der Jaguar auf alles wartete, was nicht unter Wasser schwamm, auf die Schildkröte sowohl wie auf den Affen mit den fast menschlichen Zügen; der Bauch des Jaguars und der Bauch des Krokodils zogen die schließliche Bilanz alles Lebens im Urwald. Der Mensch nur, geheimnisvoll diesen Starken des Waldes entronnen, wußte gegen sie zu kämpfen und sie zu besiegen: ein nackter Indianer mit einem Blasrohr und ein paar vergifteten Pfeilen war der Herr des Urwaldes und konnte alles fressen, was freßbar war; so war denn in ihm der glorreiche Gipfel der Entwicklung erreicht, der schließliche große Triumph errungen – – Dem auf seinem Baumstamm sitzenden Realschullehrer aus Leitmeritz mochten diese Gedankengänge eine Tatsache ins Bewußtsein bringen, die er bisher etwas geflissentlich vernachlässigt hatte: daß er zwar einen Regenschirm in den Urwald mitgebracht hatte, aber weder ein Blasrohr noch vergiftete Pfeile, daß er, in die Rockschöße der Zivilisation gekleidet, einem nackten Indianer hier nicht ganz gleichwertig sein mochte. Weit entfernt, den ganzen Urwald fressen zu können, war er eher dem Gefressenwerden ausgesetzt, wenn auch nicht gerade hier, ein paar Schritte hinter dem städtischen Wasserwerk. Jetzt schon war, in einem von der edelsten Sehnsucht erfüllten Innern, die bittere 73 Tatsache nicht zu verkennen, daß in ihm, eben in diesem romantischen Innern des Realschullehrers Bernhard Schwarz, immerhin ein Mittagessen fehlte, das die übrigen Cruisers um diese Zeit im Grande Hotel schon genossen hatten und als vortrefflich beurteilt; dem europäischen Menschen, der da am äußersten Rand der großen Wildnis saß, hingen weder saftige Früchte appetitlich vor der Nase, noch kam ein Reh zu ihm und bot sich als Braten an. Es mochte sein, daß dieser Urwald voll von Schätzen war, von der köstlichsten Nahrung. Der Baum, neben dem Bernhard Schwarz saß, war vielleicht der berühmte Kuhbaum; hätte er sein Taschenmesser nicht mit dem übrigen Gerät in der Tasche seines martialischen Khakianzuges im Hotel gelassen, und wäre der Baum wirklich der Kuhbaum gewesen, und er hätte es verstanden, den richtigen Einschnitt in die Rinde zu machen, oh, es wäre zweifellos ein herrlicher, fetter Milchsaft aus diesem Baum geflossen, so süß und nahrhaft wie die beste Sahne – wenn es nämlich nicht irgendein Giftsaft gewesen wäre, der ähnlich aussieht, oder der milchige Kautschuksaft, der im Magen zu Gummi gerinnt – So wie es war, bedeutete ein ganzer Urwald voll von Kuhbäumen für den Dr. Bernhard Schwarz, der sie nicht melken konnte, genau so wenig wie ein Forst der Eisenbäume, deren Holz hart ist, und der Piquibäume, deren Holz gelb ist, und der Massarandubabäume, deren Holz rot ist, und der Satinholzbäume, und der Rosenholzbäume, und der Palme, deren Saft zu Elfenbein erstarrt, und des Carnaubabaums, der Wachs liefert, und des Otterbaums, und selbst des Brasilnußbaums, denn Palmnüsse waren, solange sie noch hoch oben auf einer Palme im Winde schwankten, für ihn ohne Wichtigkeit; er war, mit einem Wort, in diesem ganzen gefräßigen Urwald so ziemlich das einzige Wesen, das gar nichts fressen konnte, so hoch hatte ihn eine ausgezeichnete städtische Zivilisation über diese bloßen Instinktwesen, den 74 Kletteraffen und den nackten Indianer, erhoben. Die ungeheure Sehnsucht, die gerade ihn in die verlorene Waldheimat zurückgetrieben hatte, stattete ihn weder mit einem Greifschwanz aus, noch mit der Gabe, Pfeile aus einem großen Blasrohr zu pusten und, nota bene , etwas zu treffen – Seht ihn von seinem Baumstumpf sich erheben, aus der großen und trügerischen Stunde des Glücks heraus, die ihm Curupira geschenkt hat, der Neckgeist dieses gewaltigen Gestrüpps – noch ist der tolle Heroisums von vorhin nicht ganz abgeebbt, nicht der Wille zur Konquista: da ist also der Urwald, der viel erträumte, nun muß man ihn an sich nehmen, es hat etwas zu geschehen, aber was? In einem Menschenherzen, das, ach, allzu nahe neben einem Magen liegt, kämpft noch immer die herrlichste Unvernunft mit der wachsenden Ahnung, daß ein Traum ein Traum ist und ein gesicherter Lunch ein Lunch; da sucht das arme Herz nach Kompromissen, nicht? Diesen ganzen übermäßigen Urwald erobern, mag mühsam sein, aber vielleicht ein bequemes Stückchen, irgendein Symbol? Bernhard Schwarz verläßt jetzt den gepflasterten Pfad, ja, das tut er, und drückt seinen langen alternden Körper entschlossen gegen die Büsche, dringt machtvoll in sie ein, vielleicht, um doch noch den weißen Fleck der Weltkarte zu erreichen, das herrliche Land Unexplored , und vielleicht doch nur, um zu der wunderbaren goldroten Blume zu gelangen, die er im Dickicht leuchten sah, nur wenige Meter weiter, hoch oben in dem federfeinen Laub des unbekannten Baums, der sich über das Wasser beugt. Diese eine rote und goldene Orchidee, Vanda oder Cattleya, die da oben auf dem Ast schmarotzt, glorreich hervorgewachsen aus dem wirren und häßlichen Geklump ihres Wurzelwerks, dieser einzige triumphierende Farbenfleck in all dem tausendfältigen Grün, das hat den Blick eines Unentschlossenen angezogen, so wie die blitzende 75 Metallkugel des Hypnotiseurs müde Blicke einfängt: diese Orchidee zu pflücken, sie in Händen zu halten, ach, wozu? scheint in dieser Sekunde der wichtigste, der einzige Sinn eines ablaufenden Lebens. Glaube keiner leichtfertig, das Geheimste im Menschen zu kennen; es ist in diesem Augenblick noch alles möglich, alles; wenn Bernhard Schwarz diese brennende Blume berührt, dieses märchenhafte kristallisierte Stück Urwald, wer weiß, wie der böse Zauber einer Orchidee wirkt, es sind die Blumen der großen Verführung! Vielleicht geht er, wenn er diese Blume hat, wirklich weiter in den Wald hinein, immer weiter, und eine Kabine auf dem »Hildebrand« wird leer, eine von den billigen. Schon der bloße Anblick, dieses orangerote und feuerrote und goldene Aufleuchten zwischen den grün lackierten Blättern, das seltsame Gezack dieser Blütenform und der wächserne Schimmer aus ihrem Innern wecken wieder alle närrischen Instinkte in diesem Menschen auf; er schmeißt sich gegen das Dickicht, das nicht nachgeben will, bleibt mit einem Rockschoß hängen, reißt sich grimmig los, bekommt von einem Zweig einen Peitschenschlag auf die Brillengläser, schert sich um nichts, drängelt sich wuchtig durch, energisch und in seinem kräftigen Wollen sogar geschickt, und hält jetzt, doch ein wenig schweißtriefend und atemlos, unter dem überhängenden Ast, aus dessen Gabel die Wunderblume wächst. Dieser letzte glückliche Moment des Innehaltens und Aufatmens wird noch lange nachempfunden werden als etwas tröstlich Süßes: in der feuchtheißen Luft sind schwere Düfte, es riecht nach Vanille, oder vielleicht ist es schon der Duft dieser großen Orchidee, welche Magie könnte nicht in ihm stecken, welche Lockung, welche Tollheit – – Jetzt, gerade jetzt steht Bernhard Schwarz vielleicht in der Sekunde der großen Wahl, es ist immer noch denkbar und möglich, daß er alles beiseitewirft, seinen unmöglichen Strohhut aus der hintersten Provinz, 76 und seinen dummen Schoßrock und seine Realschullehrerbrille, und vor allem diesen grotesken baumwollenen Regenschirm mit dem krummen Griff, und daß er ganz einfach auf diesen Urwaldbaum klettert, hinauf zu dieser Orchidee – und dann oben bleibt, definitiv verrückt geworden und definitiv glücklich, heimgekehrt in dieses Geäst, nach dem wir uns im Grunde alle sehnen, obwohl wir es nicht immer ganz klar wissen mögen. Irgendwo im Gestrüpp des amazonischen Waldes reckt in diesem Augenblick der Waldgeist Curupira seine spitzen Faunsohren hoch, sie zittern vor Erwartung. Wer weiß, welche Glückseligkeit der Launische einem Menschen zu geben wüßte, der sich jetzt rückhaltlos seinen alten Instinkten auslieferte; die große leuchtende Urwaldblume würde Curupira dem aufatmenden Überläufer schenken, den großen Rausch ihres Duftes, und dann – – Ach du mein bürgerlicher Gott! Läuft er denn über, der Dr. Bernhard Schwarz? Er klettert nicht auf diesen Baum, auf dem vielleicht das große Glück auf ihn lauern könnte und vielleicht eine große Anakondaschlange; er liefert sich nicht aus, sein bißchen Vernunft verhindert ihn an diesem Überschnappen, das so vernünftig sein könnte, mit Curupira will er Kompromisse schließen! Mit seinem Regenschirm will er die symbolische Blume der Verlockung aus dem Geäst holen! Da steht er, mit dem krummen Griff wild in der Luft herumangelnd, auf den Spitzen seiner abgenützten Schuhe – so will er die goldene Feuerorchidee erringen? Da grinst, hinter einem Stamm verborgen, der hämische Curupira und gewährt diesem braven Manne, was er will; es geschieht das ganz Unwahrscheinliche, der Griff des Regenschirms hakt sich an der richtigen Stelle in die Gabelung des richtigen Astes, der Realschullehrer hängt frohlockend sein ganzes Gewicht an den Schirm und zieht und zieht, bis der Ast auf einmal wieder in die Höhe schnellt, den Regenschirm mitnehmend, wer weiß, wohin – – 77 Aber der Schirmgriff hat vorher den Wurzelklumpen der Schmarotzerblume losgerissen, herunter kommt sie, durch das Blattwerk, mit einem prasselnden Geräusch, direkt herunter, in die beiden erschrockenen Hände, denen der Regenschirm entfahren ist – lautlos lacht im Dickicht Curupira auf, da hat dieser Mensch die leuchtende Wunderblume des Urwaldes, die lang begehrte, da hat er sie, hält sie in seinen hohlen Händen – – – – und läßt mit einem jähen Schrei die Blume fallen, daß unten der Bach aufplätschert – die große Orchidee schwimmt im Wasser davon, herrlich anzusehen, und Bernhard Schwarz, der große Sehnsüchtige, schreit wie ein geprügeltes Kind und hockt am Ufer dieses Bachs und steckt frenetisch seine beiden Hände ins Wasser, nicht um die für immer entschwimmende Wunderblume seines Traums nochmals zu haschen, o nein, nicht dies, weit, weit davon entfernt – steckt seine armen Hände ins kühle Wasser, weil sie grauenhaft schmerzen, weil sie wie von heißen Stichflammen gepeinigt sind, weil auf jede dieser Hände mit der großen goldenen Orchidee ein paar kleine Ameisen gefallen sind, von der schrecklichen tiefroten Sorte, die man die Feuerameisen nennt, eben weil ihr Biß nicht wie ein Biß ist, sondern wie eine höllische Flamme. Da liegt er auf dem Boden, der Konquistador, genau elf Schritte vom gebahnten und gepflasterten Weg der städtischen Wasserwerke – liegt da und hält die Pein seiner Hände in dieses Bachwasser, das gleich gefiltert werden wird und nach Parà geleitet, ins Grande Hotel, wo die Cruisers jetzt ihren Mittagsschlaf halten – – aber das Wasser, wird es nicht heiß von diesem flammenden Schmerz? Ein paar Tränen fallen in den Bach; dieser alte Mensch heult, heult; und vielleicht nicht nur wegen der Ameisenbisse. Wie er da so liegt, am Ufer des Urwaldbaches, und einer großen goldenen Orchidee nachblickt, die langsam 78 davonschwimmt, dem Rechen der Filteranlage entgegen, und auch ein paar winzigen roten Ameisen, nach denen soeben die Fische schnappen, wohl bekomm' es den Fischen – wie er da liegt und weint und die Hände ins Wasser hält, schwimmt ihm der rotgoldene Sinn seines ganzen Lebens davon, und aller Duft, der ihn ins Phantastische gelockt hat, und alles Glück der Narretei; es bleibt ein pensionierter Pädagoge zurück, der sich eine Vergnügungsreise weit über seine Verhältnisse geleistet hat, und so sieht das Vergnügen aus, und im Staate Amazonas ist irgendeine blödsinnige Revolution siegreich, und es ist schon fast sicher, daß der »Hildebrand« seine Fahrt nicht fortsetzen kann, und die Schiffahrtslinie ist nicht verpflichtet, das Geld zurückzuerstatten. Und der Regenschirm hängt unerreichbar oben auf dem Baum, und der Tropenregen beginnt, unwiderstehlich, furchtbar, alles andere hinwegschwemmend.   Ein sonderbarer schlottriger, naßgewordener Gringo macht an diesem Nachmittag den gelben, olivengrünen und schokoladebraunen Kindern der äußersten Hüttenstraßen vielen Spaß, obwohl sie nur leise hinter seinem Rücken kichern, wenn er vorbeigestapft ist, durch den zähen Schlamm und Schmutz des Weges. Der Regen ist wieder vorbei, auf dem blaugrünen Laub der Brotfruchtbäume in den kleinen Gärten hängen große Tropfen, die Maniokfelder sind herrlich naß, die Erde strahlt heiße Dämpfe aus, der Himmel ist wie abgebrüht, rein und erbarmungslos. Bernhard Schwarz aus Leitmeritz rennt vor sich hin, und hinter ihm beginnen die von all der Farinha aufgetriebenen nackten Bäuche der Kinder lustig zu wackeln; eine grauhaarige alte Hexe mit einem grauschwarzen Gesicht krabbelt aus der Hängematte und kommt zum Türloch der Palmblatthütte, mit einer Maiskolbenpfeife in ihrem 79 gräßlichen Mund, die schreit dem Vorbeistürmenden Worte nach, nicht auf portugiesisch, auf Tupi-Gnaranì. Er sieht sie nicht, geht weiter, triefend und grotesk, in Schuhen, in denen das Wasser schlappt. Irgendwie kommt er dann doch zur Markthalle, zu der komischen kleinen Eisenbahnstation, zu den Villen der Rua de Nazareth, endlich, irgendwie, zum Hotel. 80 Viertes Kapitel Am nächsten Tag verließ der »Hildebrand« seinen Ankerplatz am Kai und fuhr ein großes Stück stromabwärts, bis zu einer kleinen runden, waldverwachsenen Insel. Dort warf er von neuem seine Anker aus, und ein großer flacher Flußdampfer ankerte neben ihm; den ganzen Tag knarrten die Krane, die die Ladung des großen Schiffs auf das Deck des kleineren hinabließen. Der liebenswürdige Schiffsdoktor erzählte den Passagieren, dies seien eben die für Parà bestimmten Güter, aber der Obersteward hatte verraten, daß auch die Ballen ausgeladen wurden, die der »Hildebrand« stromaufwärts nach Manaos hätte bringen sollen: daß die Reise mißglückt war und hier ihr Ende finden würde, konnte man vernünftigerweise kaum mehr bezweifeln. Es gab noch Optimisten an Bord, die dennoch weiterzukommen hofften; konnte diese unleidliche Revolution im Staate Amazonas nicht ganz plötzlich zusammenbrechen? Unterdessen schien es, als dehnte sie sich aus, ja, als stünde ein Angriff der Rebellen auf Staat und Stadt Parà unmittelbar bevor. Eben wegen dieser Möglichkeit hatte man den »Hildebrand« in diesen stillen Winkel gebracht, näher an die Flußmündung und das offene Meer. Einmal oder zweimal täglich fuhr ein kleiner Tender mit dem schrägen roten Kreuz der Booth Line auf seiner Flagge zwischen der Stadt und dem »Hildebrand« hin und her, und es stand den Passagieren frei, einige Stunden an Land zu verbringen. Die wenigsten machten von dieser Möglichkeit Gebrauch, man konnte keineswegs wissen, ob man, fuhr man in die Stadt, den 81 »Hildebrand« nachher noch hier vorfinden würde. Die wenigen Wagemutigen, die dennoch einen Nachmittag in Parà verlebten, kamen, als halbe Helden bestaunt, mit Reiseandenken zurück, die sie in Eile zusammengekauft hatten, große polierte Schildkrötenschalen, die Haut einer Boa, Jaguarfelle, Schächtelchen und Zigarettenkassetten aus edlem brasilianischen Buntholz, weiße Reiherbüsche, indianischen Kopfschmuck aus farbigen Tukanfedern und bemalte Indianerpfeile, mit denen kein Indianer hätte schießen können. Außerdem brachten diese ausgeschwärmten Sendboten Zeitungsblätter zur Arche zurück, aus denen keinerlei wirkliche Nachricht zu entnehmen war, und Gerüchte, die man ihnen im Grande Hotel und in den Geschäften zugeflüstert hatte: die Flotte der Revoltosos, eine mysteriöse und sehr gewaltige Flotte, hatte längst das Sperrfort von Obidos passiert, nein, sie lag schon in der Flußenge, zwischen den vielen Inseln, nein, sie hatte auf irgendeine geheimnisvolle Art sich schon unmittelbar vor die Stadt geschlichen und sich versteckt, eine ungeheure Armee würde landen, nein, war gelandet, heute nacht begann das große Massaker – Nein, die Panzerschiffe der Bundesregierung waren unterwegs, bei Salinas hatten Fischer sie in den Strom einfahren gesehen – – Daß die Behörden in Parà fieberhaft rüsteten, Reservisten einberiefen, im Hafen Geschütze aufstellten, aus den lahmsten Flußdampfern Kanonenboote machten, durfte als eine Tatsache gelten. Die Mehrzahl der Passagiere des »Hildebrand« brachte den heißen Tag lethargisch zu, in den Deckstühlen. Einige besonders Energische britischer Nation hatten trotz der Hitze eine neue Deckgolf-Konkurrenz gestartet, mit schönen Preisen; eine groteske Idee des Schiffsdoktors: nämlich, da man schon vom Amazonenstrom so gut wie nichts zu sehen bekommen sollte, zum Trost wenigstens einen Vortrag über ihn zu halten, im Speisesaal, mit Lichtbildern – fand merkwürdigerweise 82 viel Anklang; es tröstete sich überhaupt jeder auf seine Weise, die ältere Miß Macpherson, indem sie den ganzen lieben Tag Schmetterlinge spießte, und Mister Smith, dem das Pilsener im Grande Hotel ohnehin nicht geschmeckt hatte, mit einer Bottle of Baß, öfter appliziert – – Den weniger Geduldigen oder weniger Stumpfen blieb (außer in Anwesenheit von Damen) das Fluchen unbenommen, das wütende Auf- und Ablaufen auf dem Promenadendeck, und Lady Athill rannte, durch nichts aus ihrer lächelnden Ruhe gebracht, ihre vorschriftsmäßigen Meilen ab, während der Lord still und müde in seinem großen Sessel aus weißem Madeirageflecht saß, neben dem weißhaarigen Dr. Carson, der unerschütterlich weiter seinen Urlaub verbrachte; es gesellte sich zu diesen beiden jetzt öfter Hilary und ließ sich rechts vom Lord auf den Sessel der Lady nieder; die drei sprachen leise und angelegentlich von Bernhard Schwarz. Der saß fast den ganzen Tag stumm und stumpf im Rauchsalon, meist neben dem Mister Smith und seiner Bottle of Baß, und ließ das Geschwätz des Alten an sich herabrieseln; nochmals an Land zu gehen hatte er nicht unternommen. Manchmal konnte man ihn auf der von allen Passagieren gemiedenen Sonnenseite des Schiffs stehen sehen und zu der kleinen Urwaldinsel hinüberstarren, der man nahe gegenüberlag, oder weiter hinaus zu dem schillernden Wasserstreifen, der sich zwischen den anderen Inseln verlor – der Einfahrt in die berühmte Flußenge, die im illustrierten Prospekt so poetisch geschildert worden war, der schmalen Straße, in der das behutsam gesteuerte Schiff fast an die Urwaldbäume hätte anstreifen sollen. Zu der Tageszeit, da diese Seite im Schatten lag, sahen auch die anderen Reisegefährten viel in diese Richtung, der geheimnisvollen Flotte der Revoltosos wegen: mehr als einer hatte plötzlich ihre Rauchfahnen zum Himmel steigen gesehen, ja, die Waffen 83 ihrer Bemannung blitzen, abgesehen davon, daß der Kanonendonner fortwährend zu hören war – wenn man allein war und niemand dabei. Am Abend sah man in den Wäldern geheimnisvolle Feuer auflohen. Vielleicht lagerten Insurgenten auf einer Lichtung, vielleicht räucherte ein Mestize den Saft des Gummibaums. Während dieser Zeit saß Bernhard Schwarz tagsüber in dem Rauchsalon aus mechanischer Gewohnheit der großen Landkarte gegenüber, die ihn nichts mehr anging. Oder er lag in seiner Kabine auf dem schmalen Lager. Er hätte immer dort liegen mögen, allein und im Halbdunkel, aber durch die mit einem Moskitonetz verschlossene Luke kam zuwenig Luft in die Kabine. Bernhard Schwarz war müde, schwach, man sah ihn älter werden. Er führte sich gar nicht mehr närrisch auf, ging wie ein normaler älterer Herr gekleidet, war respektabel wie ein Engländer. Dem Mister Smith gefiel er so viel besser. Sie tranken öfters zusammen eine Flasche Ale. Nach einem dieser leeren Tage ging die Sonne endlich unter, das goldbraune Wasser des Stromes wurde kupferrot, blutrot, violett; im Westen, in der Glorie des sinkenden Sonnenballs, sah man phantastische Umrisse ferner Dinge, goldene Inseln, die man nicht geahnt hatte. Eine Gruppe von Passagieren, am Bug vereinigt, entdeckte mit einem herrlichen Gruseln wieder den Rauch der Rebellenflotte, diesmal war sie es aber ganz gewiß. An diesem Abend würde der Angriff erfolgen. Auch hatte man für diesen Abend eine kleine Tanzerei auf Deck verabredet. Was konnte man denn sonst tun? Lord Athill lag in seinem Sessel aus weißem Geflecht; über seinem feinen Kopf war in die Lehne des Sessels eine geschmacklose Inschrift eingeflochten: Madeira 1924. Athill lag da, matt wie immer, in einem dunkelgrauen Lüsteranzug und einem seidenen Hemd, sein schmales, runzliges Gesicht war bleich. Neben ihm lag der Dr. Carson, mit viel 84 weißerem Haar, aber ganz voll Kraft und Blut, mit abgeklärter Weisheit und guten Beefsteaks in seinem Innern. Er trug eine dunkle Brille und sah in die sinkende Sonne. Lord Athill sah auch in die Sonne, mit trüben, alten Augen, die keine dunkle Brille brauchten. »Gut,« sagte Dr. Carson, »ich gehe und spreche mit ihm!« Er stand auf, mit einem leisen Seufzer der überwundenen Faulheit, aber mit gut funktionierenden Gelenken, elastischen Muskeln. Er machte dem Lord das Viertel einer Verbeugung, weil er eben doch ein Lord war, und nickte ihm zu als einem geschätzten Freund, der sich eben jetzt Anspruch auf menschlichen Respekt verschafft hatte: es war eine ziemlich bemerkenswerte Mission, die Dr. Carson da für Lord Athill anzutreten im Begriffe war. » All right, ich gehe«, sagte der Doktor. » All right «, sagte der Lord, müde. Er sah nur noch die traumhaft schönen Farben des Sonnenuntergangs. Welch ein herrliches Erlöschen! Welches Licht bis an den äußersten Rand der Dunkelheit! Nicht jeder Sonnenuntergang war so schön, so farbig. – Eric Lord Athill hatte im Krieg seinen einzigen Sohn verloren. Es war seither von ihm nicht mehr viel übrig als ein gequältes Hirn, matte Nerven und ein bißchen matte und tolerante Menschengüte. Er nahm mehr als der Arzt Carson Anteil am Schicksal dieses Deutschen, des Mister Schwarz. Lord Athill wußte, wie das ist, wenn einer plötzlich finden muß, daß sein Leben keinen Sinn mehr hat.   Dr. Carson fand Schwarz nicht auf Deck: er hatte den Sonnenuntergang nicht ertragen können, die fernen Urwaldinseln umstrahlt von Gold und Purpur, das war zuviel, er verkroch sich vor dieser Glorie in seine Kabine. Er bewohnte so ziemlich die kleinste und schlechteste Kabine auf dem 85 Dampfer, mit einer Luke, die auf das Vorderschiff hinaussah und hinaushörte: in der Nacht drangen alle Geräusche des seemännischen Dienstes zu ihm herein, das Pfeifen des Bootsmanns, das Trampeln der Matrosen. Seitdem hier im Hafen auch bei Nacht Kohlen geladen wurden, war diese Kabine ein kleines Inferno. Der winzige Raum, dumpf und heiß jetzt, so wie er unterwegs in kälteren Meeren zugig gewesen war, schien noch kleiner, so voll war er mit den romantischen Zeltblättern und Ledergamaschen des Urwaldträumers, der natürlich keine großen Hängekoffer im Gepäckraum stehen hatte. Gerade daß auf dem schmalen Bett Platz für ihn war; da lag er, in Hemdsärmeln, und starrte zu der weißen Kabinendecke empor, die eine Eisenleiste in zwei Teile zerschnitt; auf der Kante dieses eisernen Balkens saß eine Unmenge von Schmetterlingen, großen grauen Nachtfaltern und kleinen Motten; es war rätselhaft, wie sie in die Kabine gekommen waren, deren Fensterluke der Moskitos wegen ein enges Drahtgitter verschloß, so wie an Stelle der in diesem Klima entfernten Türfüllung ein zweites solches Drahtnetz angebracht war. Es gab auch wirklich keine Mücken in der Kabine, aber die Schmetterlinge fanden auf eine ganz mysteriöse Art ihren Weg in jeden Raum des Schiffes. Dr. Carson kam durch den schmalen Gang zu der Kabinentür und sah durch das Drahtnetz ins Innere. Irgend etwas in den Zügen des auf dem Bett liegenden Mannes bewog ihn dazu, weder anzuklopfen noch sonstwie seine Anwesenheit mitzuteilen, sondern einfach die Tür aufzuklinken, die nicht verriegelt war. Er trat ein, ohne ein Wort zu sagen, und machte sich zunächst mit ein paar energischen Bewegungen auf dem einzigen vorhandenen Sitz Platz, dem Polsterbänkchen unter der runden Fensterluke; den Kram, mit dem die Bank vollgeräumt war, legte Carson ruhig und sachlich auf einen Koffer, und zuoberst legte er seinen weißen Leinenrock, den er gleich ausgezogen hatte: die Hitze 86 in der Kabine war kaum erträglich. Dann setzte er sich nieder und sah den Mann auf dem Bett aufmerksam einige Zeit an. Carsons schmaler angelsächsischer Kopf, von der Form einer vorn scharf werdenden Axt, sah in diesem Augenblick gut und vertrauenerweckend aus; die Stirn unter den ganz weißen Haaren strahlte rosig vor Jugendlichkeit und Seife, die Augen unter dem von zuviel Golddraht eingefaßten Kneifer waren vielleicht etwas kühl, aber sie blickten nicht unfreundlich, der Mund sah, von keinerlei Bart gehemmt, ganz fein und zart aus, die derbe Energie residierte im Kinn. Er kam da herein, nicht wie ein Besucher in ein fremdes Zimmer, sondern wie ein Arzt in eine Krankenstube, und der Patient verstand das sofort, er benahm sich wie ein im Fieber schlecht gelaunter Kranker, wälzte sich ein wenig im Bett herum und sah den Doktor an, sagte aber kein Wort, machte auch keinerlei Versuch, aufzustehen oder die Honneurs seiner Wohnung zu machen, nichts dergleichen. Nur einen Freund oder einen Arzt konnte man so empfangen. In seinem Blick war auch etwas von der kindischen Klage, mit der wir einen Arzt anblicken: Hilf mir, du kannst mir ja doch nicht helfen! Dr. Carson sagte: » Well , Mister Schwarz – –« Er saß auf der unbequemen schmalen Bank mit auseinandergespreizten Knien, wie eine Statue der Selbstsicherheit anzusehen; im Grunde war er schüchtern und eben ein wenig verlegen. Er hielt, nachdem er » well « gesagt hatte, inne, räusperte sich, es klang unwahrscheinlich, und sagte noch einmal: » Well , Mister Schwarz – –« Dann, mit einem kraftvollen Ruck: »Sehen Sie her, es hat keinen Sinn, daß Sie die Sache so schwer nehmen. Es gibt auch andere Leute auf dem Schiff, die den Amazonenstrom gern etwas besser kennengelernt hätten – Lord Athill zum Beispiel – –« (Jetzt kam, was Athill vorhin mit Carson besprochen hatte, er 87 brachte es rasch und in etwas steifen Worten vor, die leicht und plausibel klingen sollten.) »Sehen Sie, Athill ist nicht gesund, das Klima tut ihm nicht gut, es war nicht sehr klug von ihm, die Reise zu unternehmen, er wird es kein zweites Mal tun. Aber es ist sehr leicht möglich, daß ich selbst im nächsten Jahr meinen Urlaub wieder hier verbringe. Wollen Sie die Reise nicht auch im nächsten Sommer wiederholen? Oder schon im Frühjahr?« – Schwarz verzog sein Gesicht zu einer abscheulichen Grimasse, es floß ihm Speichel in den Bart, er murmelte etwas Abwehrendes. Dr. Carson achtete nicht darauf, redete weiter: »Ich denke, da Ihnen gar so viel an dieser Reise liegt, könnte man es möglich machen – Lord Athill hat ein Interesse daran, ich meine, er möchte, daß Sie ihm nachher berichten, wie Sie die weitere Strecke gefunden haben; nämlich ich als Arzt – –« Er verhaspelte sich kläglich, lächelte kurz, brach sich dann entschlossen einen Weg durch das Gestrüpp seiner frommen Lügen. »Mit einem Wort, Schwarz, Lord Athill mag Sie leiden, das haben Sie wohl bemerkt, er ist ein reicher Mann – well , gerade heraus, wenn Sie im nächsten Jahr Geld brauchen, um die Reise zu wiederholen, Lord Athill macht sich ein Vergnügen daraus, es Ihnen vorzustrecken – Er hätte es Ihnen selber gesagt, aber ich dachte, es ist besser, wenn ich –« Er hielt inne, wartete auf eine Antwort. Bernhard Schwarz hatte, seitdem Dr. Carson in die Kabine getreten war, noch kein verständliches Wort gesprochen; jetzt setzte er sich langsam in seinem Bett auf, unter dem offenen Hemd sah man die schmale und haarige Brust schwer atmen, über sein Gesicht hatte er jede Kontrolle verloren, es verzerrte sich seltsam, zuckte, schien Tränen zu lächeln und Gelächter zu weinen. 88 »Lassen Sie das,« sagte er mit einer Stimme, die dennoch vollkommen ruhig klang, nur unnatürlich tief, »lassen Sie das! Ich weiß, daß der Lord es gut meint, und Sie auch, und Herr Hilary – – aber Sie verstehen das nicht – – es ist keine Geldfrage, jetzt nicht mehr!« Er saß am Rande des Betts. Man sah immer deutlicher, daß Carsons Worte, daß Athills gütiges Angebot ihn tief erfreuten, trösteten, er verlor diesen kindisch kläglichen Ausdruck von vorhin, es geschah in seinem Gesicht ein förmliches Schmelzen, ein Eisgang der Gefühle. Er würgte und schluckte ein bißchen, bevor er sprechen konnte, dann kam es, ein noch von Schollen gehemmter Strom, aber immer rascher, immer freier. Das Sonderlingtum, das an ihm gehaftet hatte, war wie weggeschwemmt, hier saß nur ein trauriger Mensch, ein sehr männlicher alter Mann, der herzlich zu einem Freunde sprach. »Doktor Carson, die Sache ist – – Wissen Sie eigentlich, daß ich verheiratet bin? Haben Sie mich für einen alten Junggesellen gehalten, wie? Also nein, ich habe eine Frau, erwachsene Kinder – – Ob Sie das Ganze begreifen können, weiß ich nicht, aber ich glaube, Sie werden verstehen – – Also ein Mensch wird in einer bürgerlichen Existenz alt, in einer langweiligen kleinen Stadt, in einem Beruf, der . . . Nicht ganz die richtige Frau geheiratet, auch noch, aber nein, es hat keinen Sinn, sich über sie zu beklagen, sie kann nicht das mindeste dafür, leidet selbst genug darunter – – Das Beste, was der Mensch unter solchen Umständen tun kann, ist vielleicht: sich ergeben, alt werden und schließlich sterben, es liegt nicht soviel daran. Man hätte vielleicht noch nebenbei Briefmarken sammeln sollen, an etwas muß der Mensch sein privatestes Herz hängen, an ein Spiel, wenn nicht an einen Menschen oder eine Idee – – Also nein, in mir ist das so sonderbar gewachsen, der Gedanke dieser bestimmten Reise, 89 ich weiß gar nicht, heute kommt es mir selbst sonderbar vor, daß es gerade der Amazonenstrom war, ich habe als Knabe ein Buch darüber gelesen und mich seither immer danach gesehnt, nach dieser Ferne, Weite, Freiheit – Dann später, verstehen Sie, Dr. Carson, wenn Sie das Gefühl haben, Sie möchten entrinnen, sich verstecken, nicht mehr zurücksehen können, verstehen Sie, daß man gerade von dem dichtesten Urwald zu träumen beginnt? In den geheimen Stunden, in denen man sich mit sich selbst befassen kann? Ich hätte Briefmarken sammeln sollen, es wäre gescheiter gewesen, aber ich habe illustrierte Prospekte von Reisebureaus gesammelt, jahrzehntelang – Sie müssen sich das richtig vorstellen: ein ganz normaler Realschullehrer, Ehemann, Familienvater, vielleicht ein bißchen scheu und im Grunde einsam. Nicht einmal Sorgen haben wir gehabt, es wäre vielleicht ganz gut gewesen . . . Nein, ich habe immer ein bißchen privates Geld gehabt, nicht viel; wenn ich es Ihnen in englische Pfunde übersetzte, würden Sie nur lächeln. Aber es hat mir sogar ermöglicht, vorzeitig in Pension zu gehen, nach dem Umsturz, als die Tschechen unsere deutsche Realschule auflösten. Ich habe mich nicht anderswohin versetzen lassen, es war mir wie ein Wink des Schicksals. Wissen Sie, daß ich Leitmeritz fast zwanzig Jahre nicht verlassen habe, höchstens um einmal nach Prag zu fahren, zum Landesschulrat? Meine Frau hat mir immer vorgeworfen, daß ich so gar keine Reiselust habe, sie ist ideal veranlagt und schwärmt für schöne Gegenden, besonders das Riesengebirge! Mein ältester Junge hat nach der Maturitätsprüfung eine Reise nach Venedig gemacht und ist zurückgekommen und hat was von verknöcherten Philistern gesagt, die immer hinter dem Ofen hocken. Und die ganze Zeit plante ich eine Reise nach dem Amazonenstrom! Wenn ich in meinem Zimmer saß und meine Frau glaubte, daß ich Hefte korrigierte, berechnete ich Fahrpreise und Reiserouten – –« 90 Bernhard Schwarz hielt inne, suchte umständlich ein Taschentuch, wischte sich den Schweiß, sah zu dem Engländer hinüber, der mit auseinandergespreizten Knien unbequem auf der kleinen Polsterbank saß und ernst und aufmerksam war. »Ich bitte Sie,« sagte Bernhard Schwarz, »soviel haben meine Leute die ganze Zeit lang von mir gewußt – Nicht ein einziges Mal habe ich meiner Frau von dem großen Plan erzählt. Einmal wollte ich, in einer Nacht, als meine Tochter krank war – Man kam sich irgendwie näher – Nein, ich habe auch damals nichts gesagt, ich war aber nahe daran. Verstehen Sie? Ich konnte ihr nicht sagen, wie sehr ich mich wegträumte. Dann auch wegen des Geldes. Die Summe, die ich für die Reise brauchte, mußte ich ersparen, ohne daß meine Frau es wußte, oder ich mußte sie sonstwie aufbringen, es hatte keinen Sinn, vorher von der Sache zu reden, es wäre die reine Hölle gewesen. Zuerst natürlich für das Normale sorgen, die Familie, ich war weder leichtsinnig noch verrückt. Wer weiß übrigens. Ich habe während der ganzen Jahre spekuliert. Nicht sehr waghalsig, aber fortwährend. Als der Krieg ausbrach, hatte ich schon das nötige Geld beisammen, reichlich, viel mehr als ich brauchte, ich dachte nicht mehr an eine kurze Reise in den Sommerferien, sondern an eine ganze Expedition, unter einem wissenschaftlichen Vorwand, ein Jahr Urlaub zur Erforschung der dialektischen Eigentümlichkeiten des Portugiesischen in Brasilien; Sie wissen, daß ich von Fach ein romanischer Philolog bin. In den ersten Kriegsjahren schien das Geld noch zu wachsen, ins Phantastische. Ich glaube nicht, daß ein einziger Mensch in Mitteleuropa das Aufhören des Krieges sosehr herbeigesehnt hat wie ich. Ich mußte nicht einrücken, ich war nicht mehr sehr jung und nicht sehr stark. Die Jahre waren schrecklich: ich hätte das nötige Geld gehabt, um zu reisen, aber wir waren doch im blockierten Mitteleuropa eingesperrt, nicht einmal 91 die geliebten Prospekte der Reisebureaus habe ich mir mehr verschaffen können, ich glaube, gerade dadurch ist die Traumspielerei zur wirklichen Leidenschaft geworden. – Dann auf einmal entdeckte ich, daß meine österreichisch-ungarischen Kronen mehr wurden, mein Vermögen aber kleiner. Ich erspare Ihnen die finanziellen Einzelheiten. Ich glaube nicht, daß ein Mitteleuropäer einem Engländer das jemals ganz klarmachen kann, wie das wirklich war, die Jahre des Hungers und der Not, dies Auf und Ab des Geldes. Es hat auch mit – mit meinem Fall nicht ganz so viel zu tun, wie Sie glauben, wie Lord Athill glaubt. Ich weiß nicht, ob in mir eine Begabung für Geldgeschäfte steckt, es wäre sonderbar genug, oder ob es nur der Gleichgewichtssinn eines Schlafwandlers gewesen ist, die Tatsache besteht, daß ich in diesen wilden Jahren der Geldkrise eigentlich auf die Dauer nicht zu Schaden gekommen bin, obwohl ich ein Mittelschullehrer in einem kleinen deutschböhmischen Provinznest war und mit einem so winzigen Kapital. Trotzdem glaubte ich mehr als einmal, definitiv alles verloren zu haben. Wissen Sie, daß es wie eine Erleichterung gewesen ist? Im Grunde hatte ich vor dem Augenblick Angst, in dem ich meiner Frau von meiner Reise sprechen mußte – –« Dr. Carson nickte ernsthaft mit dem Kopf: »Man hat Angst davor, von seinen Träumen beim Wort genommen zu werden!« Schwarz sah ihn sehr neugierig an: »Woher wissen Sie das? – Das ist die Geschichte meiner letzten Jahre! Als ob irgendein grinsender Dämon sich heimlich mit mir verbündet hätte, um mir diese ersehnte Reise möglich zu machen – ich sah immer schon durch das Gelingen hindurch die schadenfroh grinsende Teufelsfratze, wissen Sie! Das Geld, das ich beim Sturz der alten Krone schon verloren glaubte, wieder gerettet und mehr als das. Nach dem Umsturz löst die neue tschechoslowakische Behörde die deutsche Realschule auf, an der ich tätig 92 bin, und pensioniert mich vorzeitig; ich habe nichts mehr zu tun. Meine Frau ist eine Leitmeritzerin und in dem Verkehr und Klatsch der kleinen Stadt unlösbar verwurzelt, sie drängt also nicht darauf, daß ich eine Lehrstelle an der Realschule irgendeines entlegenen Ortes anstrebe, vielleicht in der Slowakei oder wo. Es bleiben die Kinder zu bedenken. Aber der Bub gerät nach der Matura mitten in den Strudel der aufgeregten Spekulationsjahre, weigert sich, weiterzustudieren, geht nach Prag zu einer Bank. Dann besorgt meine Frau einen Mann für unsere Tochter. Diese Tochter habe ich – sie ist – war – also man hat doch mindestens eines seiner Kinder immer gern, man kann machen, was man will. Für meine Tochter nun, wozu Einzelheiten?, findet meine Frau eine Partie, nicht weit von Leitmeritz, in Böhmisch-Leipa, irgendein Kaufmann, ein Typus, den ich hasse und den meine Tochter nicht lieben kann: ein besserer Ladenschwengel mit Shimmymanieren und Geld und Jahren. Pomadescheitel, wissen Sie, und Ringe unter den Augen. Wozu erzähle ich das? Ja. Wenn meine Tochter sich zur Wehr gesetzt hätte, wäre alles gut gewesen. Ein schwerer Kampf mit meiner Frau, wahrscheinlich, man hätte sich endlich einmal ausgesprochen, und vielleicht – – Dann meine Tochter: es war nie eine Probe, die sie zu bestehen hatte. Jetzt kann man doch sehen, ob sie zu mir gehört oder ob ich ganz allein bin – –« Schwarz machte eine Pause, griff sich nervös in seinen trockenen Bart. »Mit einem Wort,« sagte er, »ich war allein. Keine Kraft in dem Mädel, im Grunde irgendein Provinzfräulein, gerade gut genug für den Herrn in Leipa. – Gleich hat sie ihn genommen. Um gerecht zu sein, ich glaube, sie hat nicht das angenehmste Elternhaus gehabt. Aber ich meinte immer – – Genug!« »Es hat keinen Streit mit meiner Frau gegeben«, sagte Dr. Schwarz, der auf einmal einen ganz roten Kopf bekommen hatte und aussah, als 93 wollte er jetzt zu streiten anfangen – »Einvernehmen, Friede, Hochzeit. – In der Nacht nach der Hochzeit meiner Tochter habe ich meiner Frau zum erstenmal gesagt, daß ich an den Amazonenstrom reisen wolle. Sie hat sofort begriffen, warum. Aber sie hat so getan, als hielte sie mich für wahnsinnig. Ihr Engländer, die ihr alle Brüder oder Vettern in Afrika oder Neuseeland habt, könnt euch das überhaupt nicht vorstellen, was das für eine tolle Sache ist, daß auf einmal ein pensionierter Realschullehrer zu Leitmeritz den Amazonenstrom hinauffahren will. Man kann einen Menschen wegen einer geringeren Exzentrizität ins Irrenhaus bringen! Am meisten hat es meine Frau geärgert, daß ich das Geld hatte. Nicht mehr als gerade die nötige Summe, aber die hatte ich, trotz der Aussteuer, die wir der Tochter gegeben hatten. Lord Athills Vermutung ist natürlich richtig, ich könnte die Reise aus eigenen Mitteln nicht noch einmal machen. Aber darum handelt es sich gar nicht, begreifen Sie das? Sollte es denn eine Reise sein? Es sollte eine Flucht sein! Nein, nicht vor meiner armen, belanglosen, alternden Frau! Vor – vor allem; ich weiß nicht, wie ich Ihnen das klarmachen soll. Die Wahrheit ist, ich hatte eine geheime Plantage in diesem amazonischen Urwald und wollte sie endlich suchen gehen. Ich habe immer nur so den Realschullehrer, Ehegatten, Familienvater, Leitmeritzer gespielt, mein wirkliches Leben hatte ich in den großen Wald gepflanzt, heimlich, in die nächste Nähe der großen, verborgenen, romantischen Stadt El Dorado. Ich glaube, es kommt so ziemlich bei jedem Menschen, bevor er definitiv alt wird, der Augenblick, wo er noch einmal ausziehen muß, das Dorado zu suchen, die Jugend, die er in das wirre Gestrüpp seiner Träume gepflanzt hat, oh, wir alle dürsten nach den Früchten dieses unseres geheimen Baums! Man findet ihn oder findet ihn nicht, man wird ihn wohl eher nicht finden, aber verstehen Sie doch, Doktor Carson, daß man ihn nur ein einziges Mal 94 suchen gehen kann, auch wenn ein großer Lord liebenswürdig ist und einem armen Teufel eine zweite Reise zahlen will. – Ich kann Seiner Lordschaft auch nicht behilflich sein, wenn er seinen Jungbrunnen suchen geht, die Reise muß jeder allein machen und ohne Hilfe.« – Dr. Carson sah den Leitmeritzer sonderbar an, über dem Bügel seines Zwickers saß eine tiefe Stirnfalte. »Mister Schwarz,« sagte er, »Sie haben vollkommen recht, auf die eine oder andere Weise unternimmt jeder Mensch diese letzte Reise hinter dem Irrlicht drein, und wahrscheinlich jeder nur einmal, ein paar ganz glückliche unheilbare Narren ausgenommen, die es immer wieder versuchen – aber Sie sind, entschuldigen Sie, daß ich es überhaupt sage, kein Narr, Sie sind mir sogar zu klug, Sie wissen zuviel von sich. Weswegen dann Ihr ganzes Benehmen in diesen letzten Tagen? Wissen Sie, daß wir Angst um Sie gehabt haben, Athill, Hilary, ich?« »Lassen Sie dem armen Tier das bißchen Toben,« sagte Schwarz, »wenn es die Käfigstäbe spürt!« »Und jetzt?« fragte Carson. »Und jetzt,« sagte Schwarz ganz ruhig, »heimkehren, alt werden, sterben, vielleicht legt man sich doch vorher noch eine Briefmarkensammlung an, irgendeine private Leidenschaft muß der Mensch haben. Glauben Sie, daß man noch einmal ans Land kann? Ich möchte meiner Frau ein Jaguarfell mitbringen – als Bettvorleger.« Er sagte es fast heiter. Der Arzt, der ihn die ganze Zeit studiert hatte, dachte: allzuviel Zeit hat der nicht mehr für eine Briefmarkensammlung.   An diesem Abend wurde auf dem »Hildebrand« getanzt, trotz der Hitze, man hatte das Promenadendeck mit Flaggen dekoriert, das kleine 95 Piano aus dem Damensalon ins Freie gestellt, die Pulte der drei Schiffsmusikanten daneben, sie spielten Shimmies und Blues. Draußen lag die amazonische Nacht, dickschwarz und stickig, bis eines von den lautlosen Gewittern herunterging, donnerlose lange Blitze und ein Regen jenseits aller europäischen Vorstellungskraft: man mußte das Promenadendeck, trotzdem es überdacht war, hastig räumen, und die zur Dekoration ausgehängten Flaggen wurden sehr naß und sahen unansehnlich aus, als nachher die Tänzer wiederkamen, denn das Unwetter dauerte nicht lange, und dann wurde die Nacht sternenklar und verhältnismäßig frisch. Als die Musik wieder anfing, saßen über ihr und dem festlichen Promenadendeck ein paar ältere Herren, die vor dem Rummel desertiert waren, auf dem hohen Bootsdeck unter den tropischen Sternen. Das Bootsdeck war für die Matrosen zum Arbeiten da, aber man hatte durch Eisenstangen für die Passagiere der ersten Klasse ein großes Viereck abgesteckt, eine Art höchster Warte, mit ein paar Bänken versehen. Hier saßen gegen zehn Uhr an diesem Abend Athill, Carson, Hilary und Schwarz, vier dunkle Silhouetten mit ausgesparten weißen Hemdbrüsten; sie rauchten, und vor ihnen stand ein Kübel Eis mit Sodawasser und einer Whiskyflasche. Sie hatten sich ohne Verabredung hier zusammengefunden oder es hatte sie ein gemeinsames unausgesprochenes Gefühl zusammengeführt, aber jetzt redeten sie kaum miteinander. Sie waren nicht die Leute, die Bemerkungen über die Schönheit der Nacht ausgetauscht hätten. Die Nacht war wunderbar. Nicht heiß, keine Moskitos. Wenn man aufstand und an den Rand des Verdecks trat, sah man auf der einen Seite ganz in der Ferne einige wenige von den Hafenlichtern von Parà. und darüber jenen unbestimmten Glanz, der nachts über großen Städten schwebt. Zur linken Hand, wo das waldige Ufer sein mußte, brannten 96 große und phantastische Flammen. Einige von den Passagieren, die diesen Brand schon während des Abendessens bemerkt hatten, hatten ihn angstvoll für Lagerfeuer der heranrückenden Revolutionäre gehalten, aber es war ganz einfach ein Waldbrand, absichtlich angelegt, um an einer Stelle das Dickicht zu lichten, und so stark, daß er sogar den furchtbaren Regen von vorhin überdauert hatte und jetzt wieder heller zu lohen anfing, schön und geheimnisvoll. Auf der anderen Bordseite sah man den düsteren Schattenriß eines Inselchens, und dahinter ahnte man die zahllosen anderen Flußinseln. Auf dieser Seite war die erste Ahnung des Mondes zu empfinden, der noch nicht aufgegangen war. Hier lag die enge Wasserstraße, die durch das Inselgewirr zu dem Hauptarm des Stroms führte und weiter ins Innere des ungeheuren Waldlandes; irgendwo in dieser Richtung lagen jetzt wohl die Kanonenboote der Revoltosos mit abgeblendeten Lichtern in irgendeiner Uferbucht und warteten. Lord Athill, der jetzt ein wenig aufgestanden war, mit einer seiner dünnen Zigaretten im Mund, und hier an der Reling stand, glaubte einen Augenblick lang, ganz in der äußersten Ferne einen dumpfen Schlag zu hören, noch einen, dann das Ticken eines Maschinengewehrs, aber es drangen aus dieser Richtung unklare Geräusche genug herüber, dort war der nächtliche Urwald, der nicht still ist, sondern schreit und heult. Ob es nun eine Sinnestäuschung gewesen war oder nicht, was er gehört hatte, gab Lord Athill einen Anlaß oder vielleicht auch Vorwand, mit einem kurzen halblauten Anruf Hilary zu sich herüberzubitten. Der Weltbummler, mit einem breitkrempigen dunklen Filzhut auf dem Kopf und einer kräftig gebauten Holzpfeife im Munde, kam langsam von der Bank zu der Stelle, an der der Lord stand, wurde ersucht, auf den Kanonendonner aufzupassen und hörte 97 absolut nichts. Die beiden schwiegen einen Augenblick, dann sagte Athill leise: »Ich möchte Sie bitten, diese Sache zu erzählen – Carson sagt, dem Mann fehlt nichts mehr, als Beruhigung und weiteres Nachdenken. Es wäre, denke ich, so etwas wie eine psychoanalytische Nachkur für unseren deutschen Freund – Carson sagt, man darf ihn nicht viel allein nachgrübeln lassen, lieber selbst mit ihm über die Dinge reden, wenn wir nicht wollen, daß er plötzlich krank wird. – Das, was Sie mir früher gesagt haben, scheint doch ganz das Richtige. Sie sind doch der berühmte Weltbummler, sprechen Sie mit ihm über das Reisen, so im allgemeinen, erzählen Sie Ihre große Geschichte, die Nacht ist lang, und morgen kommt wieder ein Tag, an dem wir an Bord gefangen sind und voll Trägheit. Sie haben mir vorhin gesagt: ich weiß für diesen Schwärmer eine Geschichte wie ein Brompulver, die Geschichte, die den Reisewahn ad absurdum führt – Erzählen Sie also ihm, erzählen Sie uns diese Geschichte gegen das Reisen!« »Es ist keine Geschichte gegen das Reisen«, sagte der Weltbummler. »Es ist eine Geschichte gegen das Ankommen. Solange eine Reise nicht ans Ziel führt, ist alles gut. Reisen muß man Navigare necesse. Nur ankommen sollte man niemals.« »Bitte, Herr Hilary,« sagte der Lord mit ein ganz klein wenig aristokratischer Überlegenheit in seiner müden Stimme, »bitte, sagen Sie das nicht leise zu mir, der ich das nur allzugut weiß, sondern laut zu dem Mann, dem wir über seine Krise hinweghelfen möchten. Trinken Sie rasch noch einen Whisky-Soda und fangen Sie an, Scheherezade!«   Dies ist die Geschichte vom ungeheuren Amazonenstrom und gegen das Erreichen ersehnter Ziele, die dieser Weltbummler, Hilary, in jener 98 Nacht zu erzählen anfing, auf dem Bootsdeck des Königlichen Postdampfers »Hildebrand«, unter den lodernden Sternen, unter dem großen Kreuz des Südens und dann unter dem ungeheuren tropischen Mond, der alsbald alle Sterne auslöschte, in der Nacht, als irgendwo auf dem Strom zwischen Obidos und Parà die bewaffneten Raddampfer der revolutionären Truppen aus dem Staat Amazonas mit den Kanonenbooten der legalen Regierung zu Parà in ein langwieriges und unblutiges Gefecht gerieten, ja, es war in dieser Nacht, aber man konnte die Geschütze kaum hören, weil der Seewind den Fluß hinaufstrich: in dieser Nacht voll Geheimnis und Bangigkeit, in der die Bürger von Parà in ihren Hängematten zitterten, in dieser Nacht, die doch nur eine von all den Urwaldnächten war, sie sind alle voll von Lärm und Kampf und Schlachten, in der Nacht, in der die Affen im Walde brüllten und der Jaguar lautlos über die hohen Zweige glitt und der Kaiman ein kleines Reh bei der Tränke erjagte. In dieser Nacht erzählte der Weltbummler, in die Ecke seiner Bank gedrückt, mit dem Whiskyglas vor sich und seiner Pfeife im Munde, die lange Geschichte von dem Urwaldschiff des Ritters Francisco de Orellana, die Geschichte vom Zimtland, vom Lande des großen Dorado und vom Reiche der Amazonen, und es hörte der müde Lord Athill zu, vorgebeugt, mit um die Knie geklammerten Händen, man wußte nicht, ob er schlief oder betete und woran er im Grunde dachte und ob er die Menschen mehr gern hatte oder verachtete, und es hörte der englische Dr. Carson zu, ein eifriger Arzt und braver männlicher Mann, der seinen Urlaub schließlich irgendwie verbringen mußte, warum also nicht auf dieser Bank und bei dieser langen Geschichte, und es hörte der Dr. Bernhard Schwarz zu, ein Realschullehrer aus Leitmeritz in der Tschechoslowakei, für den diese Geschichte eigentlich erzählt wurde. Er hörte auch ruhig und ernsthaft zu, wie ein Kind ein schönes 99 und ein wenig trauriges Märchen anhört. Ihm klang es wie ein Epilog auf sein Leben, das zu Ende ging, aber er war in seinem Innern ganz friedlich und getröstet, und eines von den Worten, die er sagte, gab ihm einen neuen Halt, der alte trotzige Spruch: Reisen muß man. Man muß nicht leben. » NAVIGARE NECESSE EST, VIVERE NON NECESSE. « Zweiter Teil Orellana Penthesilea Wo jetzt das Volk der Amazonen herrschet, Da lebte sonst, den Göttern untertan, Ein Stamm der Skythen, frei und kriegerisch, Jedwedem andern Volk der Erde gleich. Durch Reihn schon nannt' er von Jahrhunderten Den Kaukasus, den fruchtumblühten, sein, Als Vexoris, der Äthioper König, An seinem Fuß erschien, die Männer rasch, Die kampfverbundnen, vor sich niederwarf, Sich durch die Täler goß, und Greis' und Knaben, Wo sein gezückter Stahl sie traf, erschlug: Das ganze Prachtgeschlecht der Welt ging aus. Die Sieger bürgerten, barbarenartig, In unsre Hütten frech sich ein, ernährten Von unsrer reichen Felder Früchten sich, Und, voll der Schande Maß uns zuzumessen, Ertrotzten sie der Liebe Gruß sich noch: Sie rissen von den Gräbern ihrer Männer Die Fraun zu ihren schnöden Betten hin. Kleist         Fünftes Kapitel Ich bin in diesem Sommer wieder nach Südamerika gefahren, sagte der Weltbummler, weil ich nun doch dieses Buch vom »Urwaldschiff« schreiben will, das mir in den Gliedern steckt – mehr wollte ich nicht, als nach mancherlei anderen Episoden diesen großen Landschaftseindruck auffrischen: dieses goldene Wasser, dieser schwüle und vehemente Himmel, diese Silhouette des nassen Waldes – Es stört mich im Grunde nicht, daß die Revolution die Weiterreise unmöglich macht; so kehre ich rascher an meinen Schreibtisch heim: ich weiß, was ich schreiben will! Es ist vielleicht nicht das, was man von diesem Land schreiben sollte. Mein Buch wird ja doch wieder ein Buch über Menschen und menschliche Schicksale, aber man wird diesem ungeheuren Urwaldland ja nicht gerecht, wenn man es als eine menschliche Angelegenheit betrachtet. Dies hier ist nicht das Land der Menschen, und der Mensch gehört nicht eigentlich her. Diese ungeheure schöpferische Überfülle der Waldnatur, diese große Spenderin wimmelnden Lebens hat hier in diesem großen feuchtwarmen Treibhaus die Arten vertausendfacht, die Gattungen. Alles, was schwimmt oder fliegt oder kriecht oder klettert, gedeiht in dieser nassen Waldwelt ungeheuerlich. Siebentausend verschiedene Arten Schmetterlinge hat ein Naturforscher in der Stadt Parà und in ihrer nächsten Umgebung gefangen. Im Amazonenstrom gibt es doppelt so viele Fischarten wie im Mittelmeer; und man weiß von einem Tümpel dieses Gebietes, in dem eintausendzweihundert verschiedene Arten von Süßwasserfischen leben. In allen Flüssen Europas gibt es zusammen vielleicht hundertfünfzig Arten. – 104 Aber dieses Land der Insekten, Schlangen, Fische, Vögel, Echsen, Klettertiere ist zu dicht bewachsen für die großen Vierfüßler. Die Natur ist hier gleichsam in ihrem eigenen Dickicht steckengeblieben. Wollte sie auch hier den schweren Bahnbrecher des Dschungels schaffen, den Elefanten? Sie brachte es nicht weiter als bis zum Tapir; er und die kleinen, aber bösen Peccarischweine und allenfalls ein Hirsch, Reh oder großer Nager, viel mehr wandert nicht durch das Unterholz dieses Dschungels – unter den Zweigen, in denen die Jaguare warten und noch vielleicht zehn Arten wilder Katzen. Und es fehlen die großen schwanzlosen Affen des festen Bodens, die aufrecht schreitenden. Nichts Ähnliches wie Orang oder Schimpanse, nur flinkes, langgeschwänztes, skurriles oder melancholisches Äffchengelichter, freilich oft mit erschreckend menschlichen Zügen in den bärtigen kleinen Gesichtern. Ich habe einen kleinen gefangenen Cebiaffen gesehen – Doch gleichviel, soweit man den amazonischen Urwald kennt (aber kennt man ihn?), weiß man nichts von großen, aufrechten Affen. Noch weniger hat, scheint es, hier der Mensch entstehen können; dieses Land will den Menschen nicht, und er besitzt es noch nicht, er kriecht bisher nur ziemlich hilflos am Waldrand herum, längs des Stromes und der Flüsse. Das Wasser befährt er schon allenthalben mit Dampfbooten, aber dem Wald ist er noch nicht beigekommen. Wo der Dampfer hinkommt, ja, da gibt es schon große Städte, wimmelnd wie Termitennester. Aber wo nur das gepaddelte Kanu den Walddach befahren kann, dort lebt noch der nackte Indianer; seine Stämme sind gering an der Zahl, und ihr Kampf gegen den Wald ist schwächlich und aussichtslos; gerade daß sie mit ihren vergifteten Pfeilen genug Affen schießen oder Schildkröten oder Fische, um sich die Bäuche zu füllen, und genug Pumas, Jaguare, um nicht von ihnen ausgerottet 105 zu werden. Woher immer sie gekommen sein mögen, die vierhundert amazonischen Stämme, von denen man weiß, die Parintims und Parintintims, die Passes, Maues, die wilden Mudas, die Purus, die keulenbewehrten Ubirajares und die Caupanas, die Zwerge sind, und die Coitas, die Schwänze haben sollen, und die bleichgesichtigen Andoques, die man im Grenzland Kolumbiens gefunden haben will – woher immer sie kommen, nichts beweist, daß ihre ersten Ahnen in dem großen Wald lebten, kein Mal, das man kennt, kein altes Werk von Menschenhand. Der Mensch ist nicht seit langem in diesem Wald, das Schicksal der menschlichen Rasse ist mit dieser großen morastigen Baumwüste noch nicht so eng verknüpft wie mit den anderen Ländern der Menschenerde. Wer den wirklichen Roman dieses Waldes schreiben wollte, der dürfte zu seinem Helden keinen Menschen wählen, sondern am besten einen Baum: ich habe ein paar Wochen lang daran gedacht, meine Romanheldin »Mauritia« zu nennen, nämlich Mauritia Flexuosa, die Miritypalme sollte diese Heroine sein, irgendeine Palme des tragischen Dickichts, wie sie aus der Nuß entspringt, wie sie den tausend Abenteuern ihrer ersten keimenden Jugend trotzt, im Dunkel und Unterholz, und wie sie dann in heroischen Kämpfen zum Licht hervorwächst, stark und rücksichtslos, über hundert Pflanzenleichen hinweg, bis sie schließlich ihren herrlichen Blattfächer hoch über das Gewirr des Waldes hebt, der Sonne entgegen. Das heldische Leben dieser Palme und ihr tragisches Ende in der Umarmung eines schönen Schmarotzers, was für ein Thema für epische Dichtung! Wer aber kann das richtig sagen, diesen Kampf der Bäume und ihren Sonnenhunger, und die tausendfache Welt der Tiere, die mit ihnen zusammenhängen, von der Ameise, die den Stamm emporrennt, bis zur Riesenschlange, die sich um ihn ringelt! Aber ich fürchte, das ist zu schwer, einen einzigen Baum 106 richtig zu besingen, man wird sich bescheiden und den ganzen Urwald schildern müssen; das ist leichter. Dann freilich brauche ich etwas, woran ich das Ungeheure des Urwaldes messen kann, menschliche Herzen also, es geht ohne die in den Büchern übliche menschliche Staffage schwerlich ab. Wen aber im Konflikt mit dem großen Wald schildern? Einen Schwachen, denke ich, an dessen Entsetzen man die ganze furchtbare Größe dieser bedrohlichen Landschaft zeigen könnte, oder einen ganz Starken, der alle Gefahr bewältigt, entweder einen Flüchtling, oder aber einen Konquistador. Lange hat meine Gedanken das Schicksal einer Frau beschäftigt, von dem ich gelesen hatte. Unter allen weißen Menschen hat wahrscheinlich kein einziger den Urwald am Amazonas so völlig erlebt wie sie. Ich meine Madame Godin des Odonais, deren Gatte der Begleiter La Condamines auf seiner berühmten Forschungsreise gewesen ist, um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts. Godin, um es kurz zu sagen, muß seine Frau und die Kinder in Quito allein lassen und nach Cayenne reisen. Es vergehen viele Jahre, die Ehegatten können sich nicht wieder vereinigen. Endlich gelangen unbestimmte Nachrichten zu der Frau: ihr Mann soll ihr an den Marathon, das ist der Oberlauf des Amazonas, entgegengereist sein. Auf das Gerücht hin beschließt sie aufzubrechen, mit einer ganzen Familienkarawane: ihre Kinder reisen mit, dann ihr Schwager, dann noch ein französischer Arzt und mehrere farbige Diener und Dienerinnen. Die Reise aus Ecuador über die Kordilleren ins Innere Brasiliens wäre heutzutage für eine Dame eine fürchterliche Sache, wie erst damals! Man muß sich eine vornehme Französin jener Zeit vorstellen, bereifrockt, verwöhnt und empfindsam, und durch das lässige Leben unter den Kreolen in Quito sicher nicht auf die Strapazen einer solchen Reise vorbereitet. Wie dem immer sei, es gelingt der Madame Godin und ihrer Familie, ohne besondere 107 Zwischenfälle über das Gebirge zu kommen und den Pastaza zu erreichen; einen Fluß des amazonischen Systems. Den fahren sie in Kanus hinunter bis zu einer Indianermission, wo sie angeblich die vom Mann der Frau Godin entgegengeschickten Leute erwarten sollen. Sie finden ein von den Blattern ausgemordetes Dorf und keinen Menschen darin, und nun beginnen die gewöhnlichen Schwierigkeiten einer schlecht organisierten tropischen Expedition. Die Bootsleute und Führer desertieren, das schlecht bemannte Boot wird mitten auf dem Bobonasafluß leck, man muß es sinken lassen und ans Ufer flüchten, jetzt stehen die acht Menschen da, am Rand des fast undurchdringlichen Waldes, ratlos, ohne Vorräte, ohne Waffen, ohne recht zu wissen, wo sie sind – – Das, sagte der Weltbummler, habe ich schreiben wollen, das furchtbare Ende dieser Hilflosen, ihren aussichtslosen Kampf gegen den großen Wald, wie sie das Floß nicht zu bauen vermögen, und wie der Arzt und der Neger heroisch in den Wald tauchen, Nahrung zu holen, und niemals wieder von einem Menschen gesehen werden, und wie die anderen verzweifelt den Weg durch die Baumwüste suchen, über die zahllosen Sümpfe und Wasserläufe, in denen Schlangen und Kaimane lauern, quer durch all die Gefahren und Mühen – und wie einer nach dem anderen liegenbleibt, bis Madame Godin, eine Niobe des Urwalds, mit ihren eigenen Händen ihre Kinder begraben hat, und den Schwager, und die Dienerinnen, alle, bis sie am Ende dieser Spur von schlecht bedeckten Gräbern ganz allein ist . . . Mit dem geschichtlichen Bild dieser kultivierten Frau, dieser bereifrockten zierlichen Rokokodame mitten in der ungeheuren gefährlichen Waldeinsamkeit wollte ich so recht die menschenfeindliche Majestät dieser großen Natur illustrieren. Das Buch, das ich schreiben wollte, sollte heißen: Die neun Tage der Madame Godin. Denn neun Tage war diese Frau im Dickicht verloren, neun ewige Tage; dann ließ ein Wunder sie das Ufer des Bobonasa 108 wiederfinden, ein zweites Wunder irgendeinen indianischen Stamm, wie sie durch den Wald streifen: sanftäugige Halbtiere, die vielleicht einmal das Herz eines getöteten Feindes fressen oder seinen Kopf einschrumpfen lassen und sich als Schmuckstück um den Hals binden, die aber kaum fähig sind, einen Gast zu kränken. Die Indios, denen Madame Godin des Odonais begegnete, nahmen sie in ihrem mit Palmblättern überdachten Einbaum flußabwärts, und sie gelangte schließlich, so unwahrscheinlich es klingt, bis nach Parà, zu ihrem Mann, von dem sie neunzehn Jahre getrennt gewesen war. Was das für eine Geschichte ist: wie diese Mutter, die ihre Kinder nacheinander im Urwald verscharrt hat, doch Weib bleibt und mitten durch die Hölle hindurch ihren Mann sucht und findet, ganz so wie das Jaguarweibchen, vom gleichen Trieb geleitet, den noch so fern umherschweifenden Jaguar wiederfinden wird – – Diese Geschichte wollte ich zuerst schreiben, oder dann wieder das Epos der heroischen Missionare von der Gesellschaft Jesu, des Vaters Raymundo de Santa Cruz, der die Cocomasindianer am Huallaga bekehrt hat, um 1650, und der ein großer Entdeckungsreisender war und später, mit dem Kreuz in der Hand, in demselben Bobonasafluß ertrunken ist, in dem das Boot der Madame Godin scheiterte; oder von jenem Pater Heinrich Richter aus Tschaslau in Böhmen, dem nackten und barfüßigen Apostel der Jeberos und Ucayali, Apostel und Martyr, denn sein Kopf endete schließlich am Gürtel eines Wilden, es war im Jahre 1695; und von einem anderen Deutschböhmen, dem Vater Samuel Fritz, dem Apostel der Omaguas, der ein Künstler gewesen ist und mitten im Urwald hölzerne Kapellen gebaut hat und mit wundervollen Heiligenbildern geschmückt. Und von den anderen deutschen Missionaren des achtzehnten Jahrhunderts, Wilhelm von Tres, Heinrich Franzen, Franz Rhen, Karl Bretan, Adam Wittmann, Adam 109 Scheffen, Leonhard Deubler. – Sonderbar, nicht, diese Menge deutscher Jesuiten, die in diesen fernen, fernen Wald gekommen sind, der überhaupt für den deutschen Menschen eine eigene zauberhafte Anziehung haben muß; der Deutsche hat irgendwie, noch vom Teutoburger Wald her, diese große Waldsehnsucht; wo immer auf der Welt ein recht dicker, dunkler Wald ist, dorthin strebt der Deutsche, geheime Reminiszenzen in seiner Seele ziehen ihn hin, und in dem amazonischen Waldgeist Curupira erkennt er unschwer seinen Rübezahl. – Diese große epische Legende der amazonischen Missionare schien mir ein Buch wohl wert zu sein, ich weiß nur Gutes und Schönes von ihnen; sie haben die armen Indianer immer nach Kräften gegen die Grausamkeit der portugiesischen Kolonialmachthaber geschützt, und es hat ihnen nicht genügt, das Kreuz erhöht zu haben, nämlich den materiellen Balken mit dem Querholz. Man muß wissen, die portugiesischen Behörden ließen in jeder Indianersiedlung ein hölzernes Kreuz aufrichten, und wenn es eines Tages wieder umfiel, verkauften sie die Indianer als Sklaven wegen Gotteslästerung – – Dann hat mich monatelang ein anderes Thema gefesselt: die phantastische Expedition des Navarresen Don Pedro de Ursua, der im Jahre 1560 von Peru aus den Amazonas erreicht hat, auf der Suche nach der Goldstadt, die im Lande der flachköpfigen Omaguas liegen sollte. Ein deutscher Abenteurer, den die spanischen Quellen Felipe de Utre nennen, wer weiß, wie er wirklich hieß, hatte dieses Dorado der Omaguas gesehen – – Die Geschichte hätte aber Stevenson erzählen müssen: eine Horde der wildesten Banditen, die sich je unter der Flagge Kastiliens zusammengefunden haben, und mitten unter ihnen eine schöne und edle Frau, Inez de Atienza, Ursuas Geliebte. Man müßte von der langen Fahrt auf den Booten erzählen, von den Beschwerden, Enttäuschungen, und wie die Anwesenheit der Frau Unheil stiftet und 110 den jungen Fähnrich Fernando de Guzman zum Verschwörer und Meuterer macht. Hinter dem steht ein wahrer Teufel, der Biskayer Lope de Aguirre, lahm, häßlich, voll von Haß. Dieser Mensch macht den jungen Guzman mit seinen Einflüsterungen halbverrückt. Der Führer der Expedition, Ursua, erwacht eines Nachts in der Nähe des Dorfes Machiparo von einer Stimme, die durch seinen Schlaf ruft: Pedro de Ursua, Gouverneur von Omagua und El Dorado, möge Gott dir gnädig sein! Den Tag darauf ermorden ihn die Verschwörer; sie wählen Guzman zu ihrem General, aber das genügt ihnen nicht; bald darauf versammeln sie sich wieder und beschließen, ein Haufen Abenteurer mitten im Urwald am Marañon, den König von Spanien, diesen gewaltigen und entsetzlichen zweiten Philipp, abzusetzen und ihm den Krieg zu erklären; und den Fähnrich Fernando de Guzman ernennen sie zu ihrem neuen König, ihre neue Nation aber heißen sie: Marañones, nach dem Namen des großen Flusses, den sie hinabfahren. Nein, diese phantastische Reise, die wirklich geschehen ist, hätte ich niemals richtig erzählen können, die Fahrt dieses schwimmenden Räuberkönigreichs, den Irrsinn und das vergossene Blut – – Von Anfang an ist nicht der »König« Guzman, sondern der gräßliche Lope de Aguirre der wirkliche Führer der Bande; er bringt der Reihe nach alle Gefährten um, die sich ihm nicht gefügig zeigen; schließlich läßt er auch den König selbst ermorden und sich zum Befehlshaber ausrufen. Die schöne Doña Inez de Atienza mordet ein Mestize mit dem Aasnamen Carrion; er wird zum Lohne Oberrichter des Königreichs. Aber es sind noch andere Weiber auf den Booten, unter ihnen eine Tochter des Tyrannen Aguirre, die er zärtlich liebt. – Er heißt nur noch »der Tyrann Aguirre«, die Südamerikaner nennen ihn bis zum heutigen Tag nicht anders. – Diese halbverrückte Horde nun zieht immer weiter; rechts und links an den Ufern plündern sie die indianischen 111 Weiler, martern und morden die Indios, schänden ihre Weiber, tun bisher ungeahnte Greuel. Dabei muß diesem Heer des Tyrannen etwas geglückt sein, was erst Jahrhunderte später wieder dem Freiherrn von Humboldt glücken sollte: sie finden den Weg, der vom Marañon durch den Rio Negro in den Cassiquiare führt, jenen Fluß, der den Amazonas in so seltsamer Weise mit jenem anderen gewaltigen Stromsystem, dem des Orinoko, verbindet. In Venezuela kommt das wandernde Königreich der Marañones in den ernstesten Konflikt mit den Behörden jenes Philipp II., dem die Abenteurer die Gefolgschaft gekündigt haben; in allen Uferorten erschlagen sie die spanischen Regidores. Von der Stadt Burburata aus erläßt der Tyrann Aguirre einen richtigen Fehdebrief an König Philipp, der Text steht bei Alexander von Humboldt: »Ich, Lope de Aguirre, Dein Vasall, ein Christ, von armen, aber edlen Eltern geboren, und heimisch in der Stadt Oñate in Biskaya, ich fuhr jung über nach Peru, mich dort zu mühen, die Lanze in der Hand. Ich focht für Deinen Ruhm: aber ich rate Dir dies, gerechter zu sein gegen Deine guten Vasallen, so Du in diesem Lande hast, denn ich und die Meinen, müde des grausamen Unrechts, so Dein Vizekönig, auch Deine Gubernatores und Richter in Deinem Namen üben, wir haben männiglich beschlossen, nicht mehr Dir zu gehorchen. Nicht mehr für Spanier wollen wir betrachtet sein. Einen grausamen Krieg führen wir gegen Dich, dieweil wir Deiner Diener Druck nicht länger mehr dulden mögen. Wisse, daß ich lahm bin, von zwei Schüssen aus einer Arkebuse: ich erhielt sie, da ich gegen Francisco Hernandez Giron focht, der damals ein Rebell gegen Dich gewesen; ein solcher aber bin nun ich und will es sein in Ewigkeit. Denn seit der Vizekönig an Deiner Statt, der Marquès de Cañete, einen Feigling nennen wir ihn, seine tapfersten Krieger gehängt hat, unsere Kameraden, seit dieser Stunde schert mich Deine königliche Gnade noch Pardon nicht mehr denn die Bücher des Erzketzers Martin Luther – – Seit elf Monaten sind wir zu Schiff, ehe daß wir die Mündung des großen Stroms erreichten. Mehr denn fünfzehnhundert Leguas sind wir gesegelt, so möge Gott wissen, wie wir nur durch dieses Wassers große Menge gelangt. Ich rate Dir, großer König, niemals eine spanische Flotte in diesen Fluß des Fluchs zu senden, und denke daran, König Philipp, daß Du kein Recht hast, Zins noch Steuer aus diesem Land zu ziehen, denn ohne Gefahr für Dich wurde es gewonnen.« Der Brief ist wunderbar, sagte der Weltbummler. Es steht alles drin: der Haß des Krüppels gegen den König, für den er gelitten hat, und der Haß des Soldaten, der immer für andere erobern muß; diese Deserteure sind gleich aus ihrer Nation desertiert; dieser romantische Rebell hat seine Größe. – Wie es ausgegangen ist? Wie jahrhundertelang die Rebellionen des gemeinen Haufens ausgehen, bis endlich eine gelingt: das Ende war Rad und Galgen! – Im Innern Venezuelas begegnet der plündernden Horde der Marañones ein geordnetes Heer; Lope de Aguirre erstickt im Augenblick der Niederlage seine Tochter, »denn sie sollen dich nicht eines Verräters Tochter nennen«, schreit er; und zwei von seinen eigenen Marañones, die das sehen, hauen ihn nieder, es ist eine reguläre Schauertragödie; und man hängt den Kopf des Tyrannen Aguirre in einem eisernen Käfig auf. Er war der erste Vorgänger Bolivars, Washingtons, der Verfasser der ersten amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, und sein wildes und tragisches Leben ist ein geeigneter Vorwurf für ein Drama oder einen historischen Roman; eben deswegen aber bin ich davon abgekommen, es zu schreiben, denn darum geht es mir nicht: Mein Buch vom Amazonenstrom soll zwar, das will ich, in der alten bunten Zeit der Konquista spielen, denn was heute da ist, diese 113 absurden Städte mit elektrischen Straßenbahnen und Eisfabriken und Pilsner Bier, und alle diese Dampfer, Telegraphenlinien, Kanonen, und diese unausgegorene Rasse von Mischlingen, das verfälscht diese hiesige Natur ja doch, ohne sie indessen noch unterzukriegen; die Gegenwart ist in diesem Amazonien mehr als anderswo ein Übergangsstadium, ein wüster Dampf in der chemischen Retorte, nicht geeignet, an ihr zu exemplifizieren. Da ich daran denke, verwegen ist die Absicht, diese überwältigende und aller Maße entbehrende Landschaft in ein Buch zu spiegeln, wünsche ich mir am liebsten alles menschliche Gewimmel weg, oder wenn ich doch nicht den bloßen Roman eines Urwaldbaums schreiben kann, dann will ich, oh, könnte ich es, diesen amazonischen Wald und seine Wilden malen vor dem Einbruch dieser hybriden Zivilisation, die letzten Endes alle Urwälder der Erde zu Zeitungspapier zermalmen wird und das letzte bißchen Geheimnis, Märchen, Wunder zu Zellulose; oder nein, es hat einen melancholischen Reiz, eben dies zu schildern, den ersten Einbruch dieses technischen Unheils, dieser gewalttätigen europäischen Zivilisation in die unberührte Urwelt des Stromlandes: wie eines Tages drei oder vier unbeholfene Donnerbüchsen da waren, mit Schwefel und Salpeter vollgestopft, und ein paar Harnische, die bloße Holzpfeile nicht durchbohren konnten – und wie dieses bißchen Chemie, Metallurgie, Mechanik alsbald beginnt, den Wald ohnmächtig zu machen, ihn zu unterwerfen – diesen ersten Anfang der großen Konquista des Urwalds durch den europäischen Menschen darzustellen, sage ich, scheint mir ein Ziel und ein Zweck, aber schreiben will ich viel eher den Urwald als einen historischen Roman. Unter allen den vielen farbigen und phantastischen Geschichten vom Amazonenstrom, die mit neuen Worten erzählt werden können, ist doch eine, die älteste, erste, wichtigste, diejenige, die es am meisten 114 verdient; sie ist eine jener symbolischen Anekdoten, die die Historie manchmal schafft, wenn sie etwas kurz sagen möchte, eine lange und mühsame Entwicklung in ein kräftiges Schlußwort fassen, oder aber, wie es hier der Fall ist, eine solche Entwicklung, eine künftige, im vorhinein durch eine sinnbildliche Begebenheit andeuten: solche wahre Episoden sehen leicht unwahrscheinlich aus, mythisch und phantastisch. Die Geschichte vom Urwaldschiff des Ritters Francisco de Orellana ist eine solche, von dieser ersten Reise weißer Menschen den Amazonenstrom hinab, von den Kordilleren bis zum Atlantischen Ozean, im Jahre nach Christi Geburt 1542. Diese Reise der fünfzig Konquistadoren aus dem überwältigten und geplünderten Peru in neue phantastische Weiten, und die seltsamen Sehnsuchtsträume nach noch ferneren, noch unrealeren Dingen, die sie in den Seelen dieser gierigen jungen Menschen hervorrufen – diese Reise, auf der der mächtigste Strom und vielleicht auch das reichste Land der Welt entdeckt und von den glücklichen Entdeckern wieder aufgegeben worden sind einem Traum zuliebe, dem Traum vom Reich der Amazonen und El Dorados goldener Stadt, der nicht phantastischer war als die Wirklichkeit, aber eben nur ersehnt, erhofft, und darum schöner. – Diese Reise scheint mir das wahre Sinnbild des Reisens überhaupt zu sein, mein lieber Herr Doktor Schwarz, und darum denkwürdig, eine wichtige Erinnerung für diese unsere Zeit, die sosehr zum Überdruß alles entdeckt und alles enträtselt, und die, fast am Ende, scheint es, der ungeheuren Menschheitsreise ins unbekannte Dickicht des Weltalls, dann doch wieder ein bißchen Traum brauchen wird, ein bißchen Sehnsucht, Fieber, die große El-Dorado-Lüge Francisco de Orellanas mit einem Wort. Wenn ich diese Geschichte erzählen will, später in meinem Buch, und jetzt in dieser sternlichtdurchbebten, heißen und duftenden amazonischen Nacht, Ihnen, meine Reisegefährten, und Ihnen, Doktor 115 Schwarz, der Sie so betrübt sind, daß Sie nicht den Amazonenstrom befahren dürfen – es geschieht, um zu zeigen, daß man das Dorado ja doch immer nur in seinem eigenen Herzen finden kann und in seinem eigenen träumenden Hirn. Wie könnte ich es besser beweisen als eben an dem Bild dieser Menschen, die von den Schätzen der Inkas weggelaufen sind, von dem Tempel, den man mit Atahuallpas Lösegold gefüllt hatte bis zur hohen Wölbung – aus dieser goldstrotzenden Wirklichkeit fortliefen, zu den Moskitos, Anakondas, Jaguaren, erst, weil sie etwas von Zimtbäumen reden gehört hatten, dann von einem Kaziken in goldener Rüstung in einer mit Gold gepflasterten Stadt? Und hätten sie es gefunden, das große Dorado, die umfabelte Stadt Paytiti, den goldenen See – hätten sie nicht rasch ein paar Indianer gefoltert, bis sie ihnen noch etwas vorerzählt hätten, von irgendeiner anderen Goldstadt, noch tiefer im Gestrüpp, noch schwerer zu erreichen, unter größeren Gefahren, ärgerem Hunger? Ach, man kommt niemals ins wahre Dorado, auch nicht, wenn man schließlich Glück hat und das goldene Pflaster mit Füßen trampelt. Glauben Sie einem Menschen, der sein ganzes Leben immer nur wandern wollte: man kommt niemals an; noch nicht angekommen sein, heißt leben. Das scheint mir die Geschichte des Ritters Francisco de Orellana zu bedeuten, und ich möchte sie erzählen als das Märchen, das sie ist, obwohl das Märchen wahr ist, beglaubigt in den pergamentgebundenen Bänden der Geschichtschreiber, des gravitätischen Hofhistoriographen Philipps II., Antonio de Herrera, und des phantastischen Garcilaso de la Vega, dessen Mutter eine Inkaprinzessin gewesen ist, beglaubigt vor allem in dem Reisebericht des Fray Gaspar de Carvajal, der Orellanas Feldkaplan war – – Zum großen Glück erzählen alle diese Leute, selbst der Dominikaner, die Geschichte summarisch und im gröbsten Umriß, und ich muß aus meinem Märchen keinen 116 »historischen« Roman machen, voll von Namen und Daten. Die paar, die vorkommen, werden echt sein; aber ich möchte in dem Buch, das ich da machen will, lieber das gefiederte Laub einer Assaipalme richtig beschrieben haben als irgendeine Haupt- und Staatsaktion – – Es mag sein, daß der Ritter Francisco de Orellana nicht mit einem Schiff durch den amazonischen Urwald fuhr, sondern mit zweien. Aber diese zweite Brigantine, die die rechthaberische Historie ihn bauen läßt, ist eine überflüssige Wiederholung und stört mich; es ist einer von den Fällen, in denen ein bißchen weniger Wirklichkeit eine Geschichte wahrer macht – –   Jetzt, da ich davon spreche, sagte der Weltbummler, scheint es mir, daß ich dieses Buch ja doch niemals schreiben werde; graut mir denn nicht davor, mich in irgendeinem Zimmer voll von Büchern und Papieren an einen Tisch zu setzen und von diesem Träumer, von dem ich träume, Francisco de Orellana, mit Tinte auf ein Papier zu träufeln: er war, er dachte, er hatte – – Ja, wenn es möglich wäre, die Geschichte aller Welt so zu erzählen, wie ich sie jetzt Ihnen erzählen werde, in dieser Nacht unter dem südlichen Kreuz, während vor uns am Ufer im amazonischen Wald ein Feuer brennt, und es duftet nach unbekannten Dingen, und unbekannte Töne kommen aus dem Wald, der uns nahe ist, und was unten im Wasser vorbeiplätschert, kann ebensogut wie nicht eine vorbeischwimmende Schildkröte sein oder der Teufelsfisch Piranha, und wir sitzen da und rauchen diesen erdigschwarzen Tabak, der nichts anderes ist als das wirkliche Aroma dieses brasilischen Bodens, die nackten Indianer haben ihn geraucht, ehe Orellanas weißes Antlitz kam, so sitzen wir da in diesem gestirnten warmen Dunkel und wissen, daß vor uns der große Wald liegt, den, Gott sei Dank, wir Zivilisierten noch immer nicht zu Ende kennen, jetzt, vierhundert 117 Jahre nach Francisco de Orellana, und daß in seinem heißen, grünen Dunkel immer noch ein bißchen Traum und Geheimnis wohnt – – Es ist schöner, Ihnen mein Märchen hier zu erzählen, drei Menschen, die hier sind und doch voll Sehnsucht nach eben diesem Land, es Ihnen mit meinen eigenen gesprochenen Worten zu erzählen, nicht ein Buch, sondern nur den Stoff zu einem Buch, das ich vielleicht nie schreiben werde, denn, glauben Sie nur, mit dem Schreiben ist es wie mit dem Reisen, man kommt nie an. 118 Sechstes Kapitel Aus dem eben eroberten Peru der Inkas, sagte der Weltbummler, kommt ein spanisches Heer. Gonzalo Pizarro führt es, einer von den heroischen und verbrecherischen Brüdern, die das Reich Atahuallpas zertreten haben und den König am Pfahl erwürgt, Gonzalo Pizarro, minder roh, minder gierig als sein großer und grauenhafter Bruder Francisco. Er hat in dem Gefängnis des Inkas das Gold des Lösegeldes erst den Boden bedecken gesehen, dann den Raum füllen, hoch hinauf, bis zu der Linie, die die gefesselte Hand des Gefangenen gezogen. Von den mit Smaragden besetzten Tempelgefäßen, den goldenen Scheiben, die der Sonne nachgebildet waren, und den silbernen, die dem Monde glichen – von diesen Reichtümern hinweg zieht Gonzalo Pizarro einer schimmernden Schimäre nach. Er ist des Kaisers Statthalter zu Quito, könnte, der unehelich Geborene, hofhalten wie ein Fürst. Aber der abenteuerliche Soldat, erst fünfunddreißig, denkt nicht an Genuß und Ruhe; liegt denn nicht seine Provinz Quito an der Grenze des Unbekannten, Fernen, traumhaft Möglichen? Kaum ist er Herr in Quito, als er ein Heer sammelt, zweihundertundzwanzig spanische Glücksritter; aus den stinkenden Kerkern der Stadt, den Ställen des braunhäutigen Menschenviehs, holt er viertausend Indianer, mögen sie Lasten schleppen, bis sie verbraucht sind und am Wege verrecken! Wertvoller wahrlich sind die Schweine, die der fürsorgliche Feldherr mit ins Gebirge treiben läßt, die Lamas, die zweitausend großen Bluthunde, die er mitnimmt, sie im Walde gegen 119 die Indios zu hetzen – » aperrear « nennt man das mit dem richtigen technischen Wort, »hunden«. Furchtbarer ist das Bellen dieser grausamen Meute den Indianern als der Knall der Arkebusen, das Zischen der Armbrustpfeile; und in dem Land ohne Eisen wären schon die Schwerter, die Kürasse des spanischen Heeres unüberwindlich. Aber nicht darum geht es, wer schert sich um die Wilden mit ihren Bogen und steinernen Lanzenspitzen? Der Eiswind der nackten Kordillere ist der wahre Feind, die entsetzliche Rauheit dieser Berge, die so kalt sind und doch innen voll geheimen Feuers, so hart und doch erschüttert von plötzlichen Stößen, in Nebel gehüllt und in Schwefeldämpfe. Furchtbar frißt der Frost sich in das innerste Gebein der südländischen Menschen; dann, am anderen, östlichen Hang der Sierra, beginnt unvermittelt die feuchte, trübe Hitze der Regenzeit, beginnen die großen Gewitter, in deren Donnersturm kein erfrischender Hauch weht für den gepeinigten Atem, die Regenstürze, die niemals nachlassen, Tage hindurch, Wochen; durch den nassen Bergwald, durch Morast und die tollen Wildbäche tappt das Heer weiter, schon in Not, schon leidend und vermindert. »Der Regen tauft uns die Seele«, sagen die Spanier, in ihren triefenden Kleidern vom Fieber geschüttelt. Die Kleider? Unter dem Küraß der Ritter lösen sich die Gewebe, die ledernen Koller verschimmeln zu weichem Gallert. So geht es weiter, trostlos, rastlos, und rechts und links an dem Wege verreckt das Vieh, Indianersklaven, Lamas und Säue. Die spanischen Caballeros beginnen die Hunde zu schlachten und zu verzehren. Längst schon haben die indianischen Träger kein Körnchen mehr von ihrem gedörrten Mais, sie suchen sich Wurzeln im Wald. In dieser Not nun geschieht dem Pizarro ein Hohn: was er ausgezogen war zu suchen, findet er. Die Indios aus den Grenzmarken, die man ihm nach Quito gefangen brachte und die er auf der Folter 120 befragt hat, haben ihm von den köstlichen Gewürzen des Waldes im Osten erzählt: das Zimtland Canela für Kastilien zu gewinnen, war der erste Zweck des Zuges. Welch ein berauschender Gedanke, vorher, der an dieses Märchenland! Alle Würzen des Morgenlandes auch in dieser neuen westlichen Welt zu finden, welch ein Triumph, welch ein reicher Gewinn! Jetzt auf einmal haben die Spanier die Zimtbäume, Zimtwälder, voll von dem starken Duft – – Carajo! sagen die Caballeros, wäre es Mais, wäre es die Batatenknolle, die diese Indios zu fressen pflegen! In dieser Einöde, in diesem Regen, in diesem Wald, der immer dichter und furchtbarer wird, wäre alles gut und nützlich, nur das nicht: Zimt! Was hilft alles Gewürz der Molukken und Ceylons, wenn man die Nahrung nicht hat, die man würzen könnte? Ja, wenn man Korn hätte, Früchte und gutes Fleisch! Korn und Fleisch wollen sie finden – und Gold. Gonzalo Pizarro schickt Späher aus, daß sie ihm im Walde Eingeborene suchen. Sie finden ein Dorf, Palmblattdächer auf ein paar Pfählen, bei Nacht umzingeln sie es, fangen die Bewohner. Das sind nicht mehr die wohlgenährten und wohlgekleideten Indios des Inkareichs, die in schönen, steinernen Städten wohnen, in reichen Dörfern, von ihren Oberen zu strenger Arbeit angehalten, dafür vor jeder Not bewahrt, aus dem gemeinsamen Ertrag der Arbeit alle gleich entlohnt, und so froh und glücklich, daß es nur als ein Blendwerk des Satans gelten konnte, ein heidnisches Zerrbild des irdischen Paradieses, blutig auszurotten, feurig auszubrennen, soll diesen armen Heiden ihr Seelenheil gewahrt werden und ärgeres Feuer erspart! Diese Waldmenschen hier gehen nackt und man kann ihre Rippen zählen; der Kazike hat ein Halsband aus den Fingerknochen kleiner Affen, aber seine Unterlippe ist durchbohrt und in ihr steckt eine dünne goldene Scheibe! Die anderen sind unnütz, zu elend, um als Träger zu dienen; man wirft sie, 121 Weiber, Kinder und Männer, in die brennenden Hütten zurück oder füttert die letzten Bluthunde mit ihnen; Gonzalo Pizarros Feldzeugmeister, Don Antonio de Ribera, er befehligt nämlich den Streifzug, spricht indessen viele Vaterunser, solange es eben dauert: – man hat versäumt, aus dem Lager einen frommen Frater mitzubringen, damit er die armen Heiden vor ihrem Tode doch hätte taufen können, wie spanische Christen es aus Barmherzigkeit sollten. Immerhin gelingt es, zur größeren Ehre Gottes, den Kaziken zu taufen, nachdem man ihn an Händen und Füßen gefesselt in das Lager eingebracht hat. Er erhält in der heiligen Taufe den Namen Luiz und stirbt eine Stunde später – mit verkohlten Füßen, denn entweder versteht er die Fragen des Dolmetschers nicht, oder es ist seine heidnische Verstockung unüberwindbar; denn, ernstlich befragt, wo das große Goldland sich befinde und die Provinz der gefüllten Kornkammern, gibt er keine Auskunft, sondern röchelt nur, und aus seiner Lippe, aus der man den goldenen Schmuck gerissen hat, sickert Blut und nicht Rede. Umsonst redet der Dolmetscher Miguelito auf ihn ein, in der Sprache der Tupi, die sonst die wilden Kopfjäger auf dieser Seite der Anden verstehen. Pedro de Solis, der Schreiber der Expedition, liest dem Kaziken die Fragen vor, während der Henker den Brand an seine Fußsohlen hält; der Dolmetscher, ein junger, brauner Mensch mit den Gesichtszügen der peruanischen Sonnensöhne, doch in der Tracht Kastiliens, übersetzt diese Fragen: wie viele Meilen entfernt die Hauptstadt des großen Herren und Oberkaziken wäre, den sie den Goldenen nennen, wegen seiner Pracht, item , ob der geneigt sein würde, die Oberhoheit des römischen Kaisers Caroli Quinti anzuerkennen. Der Kazike röchelt nur und antwortet nicht; da liest der Schreiber neue Fragen: Ob man die Pferde wohl bis in dieses Land des Dorados mitnehmen könne? Wo Mais sei? Wo die Weide der Lamas? Der Dolmetscher Miguelito, mit einem 122 unbewegten Gesicht, sagt es in der Tupisprache. Der Kazike seufzt auf, sein magerer Leib, auf dem lauter kurze schwarze Linien eintätowiert sind, zuckt auf einmal gräßlich, er stirbt. Don Pedro de Solis, der Schreiber, sagt mißbilligend, in diesem hungrigen und verfluchten Lande hielten die Indios nichts aus, der Kerl, auf dessen Rücken er sich seit dem Tode seines armen Gauls tragen lasse, werde auch bald verbraucht sein. Nachdem der Kazike gestorben ist, findet man viele Tage lang keine Eingeborenen mehr, aber in den Nächten schallen ihre Signaltrommeln durch den Wald, in dem die Spanier sich immer tiefer verstricken: die letzten Pferde können nicht mehr vorwärts, es ist ein willkommener Vorwand, sie zu schlachten. Immer dichter wird das Baumgestrüpp, tiefer an manchen Orten der Morast, man schlägt sich seinen Weg mit der Axt, schneidet sich ihn mit dem Degen. Auch die Feldhauptleute gehen jetzt zu Fuß, Gonzalo Pizarro selbst und sein Stellvertreter, der Teniente General, den er sich ernannt hat, Francisco de Orellana. Sie beide und mit ihnen die anderen Obersten des Heeres, der Mestre de Campo Don Antonio de Ribera und der Capitàn Sancho de Carvajal tragen noch über ihren zerfetzten Kleidern den Küraß, doch seine Last ist kaum mehr zu erdulden in der Schwüle dieses dumpfen Waldes. Endlich, nach vielen Tagen, kommen sie an einen Fluß, der durch die Vorberge der großen Sierra bricht; es ist zum erstenmal nicht ein bloßer Gebirgsbach; dieser Fluß kann nicht durchwatet werden; die Spanier stehen ungeduldig am Ufer, denn auf der anderen Seite sehen sie viele große Hütten, ein Dorf, in dem es sicher Nahrungsmittel gibt, denn im Wasser sieht man Kanus und in ihnen nackte Fischer, die mit Bogen und Pfeilen Fische schießen. Lange sucht man vergeblich, die Indios herüberzulocken; sie haben durch die geheime Telegraphie des Waldes erfahren, wie diese weißen Götter zu fürchten sind. Endlich, 123 da Don Gonzalo ungeduldig wird, fällt sich der Dolmetscher Miguelito einen Baumstamm, klammert sich an ihn und schwimmt so über das reißende Wasser, mit den Indios zu verhandeln; er bringt ihnen drei eiserne Messer zum Geschenk mit und viele freundliche Versprechungen seines Generals. Der Mann, der am anderen Ufer aus dem Wasser taucht, nackt, nur mit einem schmalen Lendenschurz, in dem die drei Messer stecken, ist ein ganz anderes Wesen als der Miguelito, den die Spanier kennen und den sie fast für einen der Ihrigen zu halten sich gewöhnt haben, weil er einer von den drei jungen Inkas ist, die Francisco Pizarro schon vor vierzehn Jahren, bei seiner zweiten Entdeckungsfahrt an die peruanische Küste, in der Stadt Tumbez an Bord seines Schiffes genommen und nach Panama gebracht hat, ja, von dort nach Spanien selbst, um sie dort die Sprache lernen zu lassen, daß sie ihm als Dolmetscher dienten. Jetzt heißt er Miguelito und trägt Hosen; doch da er nackt aus diesem Bergfluß steigt, sieht man das Sonnenzeichen, das in seine Brust eingegraben ist, und der Kazike des indianischen Dorfes fällt zitternd davor nieder, auch in diesen Wäldern weiß man von den großen Inkas. Miguelito spricht mit dem Wilden in der Tupisprache, und so groß ist die Ehrfurcht des Kaziken Delikola vor dem Zeichen der Sonne, daß er, zögernd genug, die Kanus seines Stammes mit Lebensmitteln beladen läßt, mit Maniokwurzeln, getrocknetem Affenfleisch, mit den Papageien, die die Jäger des Stammes gestern geschossen haben, und mit großen Schildkröten. Das und die Früchte des Waldes, blauviolette Beeren der Assaipalme und fette Andirobanüsse und zwei mannsgroße Pirarucufische häufen sie in die Einbäume und fahren hinüber. An diesem Abend gibt es im spanischen Lager ein Festmahl; scheu 124 lauschen die indianischen Bootsleute vom Fluß aus den gebrüllten Liedern, dem ausgelassenen Rhythmus der Seguidillas. Diese Leute sind untersetzt, schmutzig, lange Haare hängen ihnen über das Gesicht und den Rücken, die Spanier nennen sie deswegen die Haarmenschen, Encabellados. Gern würden Pizarros Abenteurer nachsehen, ob auch ihre Weiber lange Haare haben oder kurze, aber der General hat streng verboten, die Leute zu belästigen oder ihr Dorf über dem Fluß zu betreten, er hat jetzt eingesehen, daß das Heer verhungern muß, wenn die Indios vor ihm davonlaufen. Er sitzt jetzt eben vor der Hütte, die man für ihn nach Landesart gebaut hat: große, gegabelte Äste, in den Boden gerammt, oben eine Stange daraufgelegt und dann das Gerüst mit großen Palmblättern bekleidet. Des Gouverneurs Excelencia sitzt auf einem Lehnsessel, den seine indianischen Sklaven von Quito bis hierhergeschleppt haben, damit er desto würdiger thronen könne; zu seinen Füßen hockt Miguelito, jetzt ganz christlich spanisch, in Hose und Hemd, und hinter ihm sitzen auf den Kisten und Ballen der Träger die drei Feldhauptleute; auch ist der Escribano wieder da, der öffentliche Schreiber Pedro de Solis, und hat aus seinem Gürtel die Rolle mit den Fragen genommen. Zwei Sklaven Pizarros halten große rauchende Fackeln, und der Kazike Delikola schielt angstvoll zu diesem Feuer hin. Aber es kommt nicht zum Foltern; Delikolas kaum hörbare Antworten, von Miguelito in des Königs gutes Kastilianisch übertragen, klingen befriedigend und mehr. Dieser gute Indio sagt alles aus, was die Spanier hören möchten. Ja, irgendein gutes Land ist nahe. Lebensmittel gibt es, viele. Nicht weit, wenige Märsche nur. Im Land der Omaguas, die flache Köpfe haben. Auch grenzt an dieses Land das andere, in dem gelbes Gold ist, viel. Sehr viel. 125 »Frage ihn, ob auch Smaragde in jenem Land sind!« befiehlt der Pizarro. Ja, auch Smaragde, sagt rasch der Kazike der Encabellados, oder wenigstens sagt es auf spanisch Miguelito, sehr große Smaragde, in Haufen. Der Schreiber liest seine Fragen langsam und gründlich herunter, erspart dem Inquirenten kein Item: er muß auch noch aussagen, daß alle Häuptlinge und Prinzipalpersonen dieser Provinz bereit, willens und von Herzen geneigt sind, die Oberherrlichkeit des Kaisers Caroli Quinti anzuerkennen; ferner sei er selbst, Delikola, begierig, sich von dem guten Vater Gaspar de Carvajal, Generalvikar der Provinz Lima und Almosenier dieser katholischen Armada, in den Wahrheiten des christlichen Glaubens unterweisen zu lassen und alsbald die Taufe zu empfangen. Auf diese Frage, die Miguelito mit unbewegtem Gesicht übersetzt, antwortet der Kazike Delikola irgend etwas, und der Dolmetscher sagt, es bedeute: ja – worauf der Gouverneur befiehlt, den Kaziken, aber gelinde, mit Handschellen zu versehen und beim Troß zu bewachen; er soll dem Heere auf dem weiteren Weg als Führer dienen, da er offenbar vortrefflich Bescheid weiß um das herrliche Land des Dorados. Unterwegs mag Fray Gaspar de Carvajal ihn in der Christenlehre unterweisen. So gnädig ist Gonzalo Pizarro diesem klugen und fügsamen Kaziken gesinnt, daß er sogar befiehlt, ihm von den Lebensmitteln, die er selbst mitgebracht hat, etwas zwischen die gefesselten Hände zu schieben; aber der Wilde will nicht und sitzt nur stumpf da, bis er am Morgen von den Soldaten an einen Strick gelegt wird und fortgeführt, aber nicht über Gebühr geschlagen, der Feldherr hat es verboten. 126 So marschieren sie alle weiter, den Fluß entlang, bis er in wilde Schluchten stürzt und man sich den Weg wieder durch die struppige Wildnis bahnen muß; da fehlt, nachdem die Vorräte aus dem Dorf der Haarmenschen verzehrt sind, bald wieder die Nahrung, und die indianischen Träger bleiben röchelnd unter ihren Lasten liegen; die aus Quito Mitgenommenen sind schon zum größten Teil erledigt, » gastados « nennen es die spanischen Konquistadoren mit dem Fachwort, es heißt: aufgebraucht. Schon sieht man spanische Hidalgos selbst Lasten tragen. In einer engen Schlucht sind auf einmal indianische Feinde da, schießen Pfeile mit Knochenspitzen gegen den herannahenden Zug; doch das ist nichts, man braucht nur die Zeit, die Gabel einer einzigen Arkebuse in den Boden zu rammen und Feuer zu geben; dann ist der Weg frei, einige Heiden jagt man zuletzt mit der Armbrust. Das ist nichts, wäre in den kleinen Weilern dieser Wilden nur mehr zu essen! Sie liegen in einer Waldlichtung auf einer Savanne, durch die der Bergfluß geht, bevor er sich am jenseitigen Rande wieder in dichte, schwarzgrüne Wälder verliert. Hier bezieht der Pizarro ein Lager, schickt eine Vorhut von fünfzig Mann voraus, unter seinem Freund und Teniente, Francisco de Orellana. Den Dolmetscher Miguelito gibt er ihm mit und den gefangenen Kaziken Delikola, den Führer. Sie sollen einige Tagereisen weit in die Wildnis eindringen und, wenn sie etwas gefunden haben, Nahrungsmittel oder einen Weg, zum Haufen zurückkehren. Der Kazike Delikola, befragt, was vor ihnen liege, sagt: »Omagna«. Es scheint, daß es der Name einer indianischen Nation ist, vielleicht ist sie reich an Gold oder edlen Steinen. Francisco de Orellana und seine Begleiter tauchen in den großen Wald. 127 Diesen Francisco de Orellana, sagte der Weltbummler, bezeichnen mir die zeitgenössischen Quellen als einen Mann von dreißig Jahren, er stammt, wie die Pizarros, aus der Stadt Trujillo in Estremadura und ist, scheint es, mit ihnen verwandt gewesen, aber von der guten Seite, der adeligen; vielleicht hat er sich als Knabe den Bastarden des Feldobristen Pizarro überlegen gefühlt. Jetzt, da er schon ein Jahrzehnt in den neuen indischen Reichen herumzieht, ein vertrauter Offizier Francisco Pizarros und seines Bruders Gonzalo, mag ihm der Edelmannsdünkel der Knabenjahre geschwunden sein oder hat sich in andere Gefühle verkleidet. Den Pizarros schuldet er sicherlich Dank, er hat von ihnen für seine Dienste bei der Eroberung von Peru den reichlichsten Lohn bekommen, Gold, Landbesitz und Ehren. Die Provinz Culata nördlich von Lima hat er als Unterstatthalterei zugewiesen bekommen, mit dem Titel eines Generalkapitäns und Vizegouverneurs; viele tausend Indianer bilden sein »Repartimiento«, seinen Anteil an der ungeheuren Land- und Sklavenbeute. Mit ihnen hat er eine neugegründete Stadt bevölkert, Santiago de Guayaquil; es läge an ihm, hier in Würden alt zu werden, Neues zu schaffen oder seine Schätze ruhig zu genießen. Aber die noch vorhandenen Dokumente zeigen den jungen Hidalgo als einen Ehrgeizigen, voll von Unruhe. Regt sich in seiner Seele die Sucht, es diesen niedrig geborenen Pizarros gleichzutun? Man weiß von einem Brief, den er an den Hof von Madrid gesandt hat: er will den Titel eines wirklichen Gouverneurs und läßt die Notabeln von Guayaquil deswegen in Madrid vorstellig werden; dieses geschieht, kurze Zeit nachdem sein Freund Gonzalo Pizarro zu seinem Vorgesetzten gemacht worden ist, zum Gouverneur der Provinzen um Quito. Sei dem wie immer: Gonzalo bereitet seine Expedition ins Zimtland vor, und gleich schließt sich Francisco de Orellana ihm an, er ist voll von sehnsüchtigen 128 Träumen – was schert ihn, was er schon hat? Er stößt zu der Mannschaft des Gouverneurs als sein Generalleutnant und erster Offizier. Immer haben die Pizarros Leute aus Trujillo in ihrer nächsten Nähe, sie lieben es, sich mit Zeugen ihrer elenden Jugend zu umgeben. Auch der oberste geistliche Berater des christlichen Heeres, der Generalvikar Gaspar de Carvajal, ist aus Trujillo. Francisco de Orellana, an der Spitze der Vorhut in die unbekannte Weite vordringend, mag aufatmen; zwischen ihm und allen Möglichkeiten steht kein fremder Wille mehr. Dieses neue Waldland, das er da betreten hat, kann es nicht alle Wunder umschließen, alle Schätze? Während dieser Tage und an den Abenden, wenn man irgendwo im Dickicht lagert, sucht der Hauptmann die Gesellschaft des Dolmetschers Miguelito. Der ist erst schweigsam; wenn er redet, zeigen seine kalt gesetzten Worte eine Demut, die seiner Miene und Haltung fremd ist; er drückt sich aus wie ein spanischer Christenmensch, weiß, daß er einem Hidalgo von altem Blut zu dienen hat, und daß ihn seine braune Hautfarbe minderwertig macht; er müßte jeden Schlag ins Gesicht mit gekreuzten Armen hinnehmen. Aber wenn Orellana, wie er es liebt, seinen Soldaten vorauseilt, nur von Miguelito begleitet, ändert sich im einsamen Wald oft das Benehmen des Peruaners. In der schwülen Urwaldstille beginnt er plötzlich zu flüstern; er sagt seltsame und verlockende Dinge, die er dem Pizarro nie gesagt hat. Er weiß mehr, scheint es, von diesem unbekannten und geheimnisvollen Land, als er erst sagen wollte. Einmal verrät er, daß er als Jüngling, vor der Ankunft der Spanier in Peru, schon über die Anden gekommen ist, wieso spräche er sonst die Sprachen der Waldnationen? Dann wieder redet er von einem großen Fluß, an den sie bald kommen werden, viel größer als der Tajo oder Guadalquivir; aber dieser Fluß ist doch nur ein kleiner Zufluß eines ungeheuren, eines fast grenzenlosen Stromes, an dem 129 alle Geheimnisse liegen, Länder von einem unvergleichlichen Reichtum. Man könnte, hätte man ein Fahrzeug, Brigantine oder Caravelle, diesen Strom hinabfahren bis ins Meer des Nordens und nach Spanien heimkehren, mit einem Schiff voll Gold und Smaragden; oder man bliebe im Lande, eroberte der Krone Kastiliens ein neues westliches Reich, größer als das Neukastilien des Hernando Cortez, reicher als das Peru Francisco Pizarros. Einmal, da die beiden ganz allein auf einer kleinen Waldlichtung rasten, mit guten Früchten beschäftigt, die Miguelito überall zu finden weiß, wagt er sich plötzlich vor: soll alle Glorie dem Gonzalo Pizarro gehören? Ihm, Miguelito, ist sein gnädiger Herr näher, Don Francisco de Orellana; er könnte viel für ihn tun! – Orellana hört das, fährt rauh auf, mahnt diesen unverschämten Indio an seine Pflicht; er hat der Excelencia des Herrn Gobernadors treu zu dienen, oder es ergeht ihm schlecht unter der Peitsche des Profossen! Gleich erniedrigt sich Miguelito in sklavischen Worten; er ist ja mißverstanden worden, er schwört es bei unserer Señora von Guadelupe, fromm bekreuzigt er sich bei dem Namen. Francisco de Orellana bleibt tagelang finster und nachdenklich. Miguelito, von dem Hidalgo rauh zurückgestoßen, hält sich mehr an die Soldaten. Sie sind gut auf ihn zu sprechen; seitdem er und der langhaarige Kazike Delikola ihre Führer sind, fehlt es selten an genügender Nahrung. Für die kleinere Schar von fünfzig gibt der Wald genug her, das heißt, wenn man ihn kennt: der große, unbeholfene Haufen von Hunderten, läßt sich Miguelito vernehmen, kann freilich nur schwer verpflegt werden; wozu braucht man denn auch so viele, da die wilden Indios doch nichts sind als scheue Tiere, unfähig, dem braven Stahl guter kastilischer Christen standzuhalten? Ihre Angriffe haben auch wenige nicht zu fürchten, die große Menge dient zu nichts anderem, als die Rationen des Soldaten zu verkleinern und seinen 130 Anteil an der Beute, wenn man eine macht. Ob man etwas erbeuten wird in diesem verzweifelten Land? Ja, wenn man rasch vordringen könnte, eine handlich kleine Schar, so wie jetzt unsere Vortruppe, der es soviel besser geht, seitdem sie dieser tapfere und leutselige Caballero führt, Francisco de Orellana! Mit ihm weiter vordringen, rasch, am liebsten, wenn man an den erwarteten großen Fluß kommt, auf irgendeinem Floß, einer Barke – – Man würde sicherlich irgendein neues Peru entdecken, irgendein neues Mexiko, Gold und Smaragde nach Belieben, und es selbst gewinnen, diesen hochmütigen Pizarros muß nicht alles gehören! Solche Dinge bespricht der braune Miguelito mit den fünfzig Glücksrittern der Vorhut, wenn er sie einzeln oder in kleinen Gruppen bei sich hat, am Abend bei den Feuern, die er recht rauchig zu machen versteht, wegen der verfluchten Moskitos, und bei Tag, wenn er den oder jenen zu einem Jagdausflug in den Wald mitnimmt, seitwärts von der geschlossen marschierenden Kolonne, die dem Flußlauf folgt. Die beiden Indios, Miguelito und der langhaarige Kazike, sind die beiden großen Jäger der Truppe; wo die spanischen Soldaten schwer, mit komplizierten Waffen und mit ledernen Stiefeln an ihren Füßen trampelnd und keuchend das Wild verscheuchen oder es überhaupt nicht sehen oder es sehen und nicht zu töten wissen, vollbringen die beiden braunen Männer Wunder mit einem ganz einfachen Bogen und Pfeilen, die kaum eine Spitze haben oder irgendeinen Knochensplitter als Spitze; aber Delikola weiß diese Pfeile mit dem Saft gewisser Lianen zu vergiften, so daß die nur leicht gestreiften Vögel, Affen, Agutihasen gleich tot liegenbleiben. Es ist wunderbar, daß man das Fleisch dieser Tiere dennoch essen kann. Von den beiden ist Miguelito bei weitem ungeschickter und weniger erfahren, aber der andere behandelt ihn mit einer scheuen Ehrfurcht, die die Spanier freilich kaum 131 bemerken; Miguelito ist ihnen eine Art niederes Wesen, kein alter Christ, so etwas wie ein getaufter Moriske oder verdächtiger halbjüdischer Maranne; ein schlauer Bursche aber und guter Kamerad, man nimmt es im dicksten Wald mit der Gesellschaft nicht gar so genau – der andere ist noch ein Heide und ein schmutziges Tier, verwendbar wie ein Jagdhund mit einer guten Spürnase, man dankt ihm mit Tritten. Nachdem die Vorhut unter Francisco de Orellana eine Woche lang marschiert ist, kommt der Trupp an den Ort, wo der Bergstrom sich mit einem großen, reißenden Fluß vereinigt. Francisco de Orellana ist der erste, der dieses dunkle Wasser von einer kleinen Anhöhe sieht; ein feiner besonnter Dunst liegt darüber, eine kurze Strecke kann der Blick dem rollenden Wasser folgen, dann verliert es sich in einer nebligen Ferne, aber in der großen Einheit der Baumkronen ist weithin ein heller Streifen, man sieht den Fluß mehr am Himmel fließen als auf der Erde. Als der Ritter dasteht, mit weit aufgerissenen Augen, eine Hand am Degengriff, ist auf einmal Miguelito bei ihm und sagt, mit einer Verheißung in der Stimme: »Das ist der Napofluß der Omaguas. Er mündet in den großen Strom, der durch die halbe Welt fließt, in das Meer, an dem Spanien liegt.« Der Ritter Francisco de Orellana antwortet nicht, er hebt langsam seine beiden Arme, streckt sie aus, dieser großen Verheißung entgegen. Endlich fragt er, mit einer gepreßten Stimme: »Wie heißt der große Strom, in den dieser Fluß mündet?« »Wenn du willst, heißt er Rio Orellana«, sagt der Versucher. Am Ufer ist ein indianisches Dorf, und andere Dörfer liegen weiter stromabwärts, große, unregelmäßige Klumpen geräumiger Hütten in grünen Pflanzungen. Die Bewohner fliehen in ihre Kanus, da sie die weißen Menschen herankommen sehen, mit Mühe gelingt es Miguelito, 132 einige zur Rückkehr zu bewegen. Das sind nicht mehr die nackten Halbtiere des Bergwaldes, sie tragen gewebte Kleider aus Baumwolle und haben sorgsam gearbeitete Geräte; aber sie sehen seltsam und gespenstisch aus, weil sie flachgepreßte Köpfe haben, nicht mehr menschenähnlich. In einer Hütte finden die Soldaten ein neugeborenes Kind, dessen weicher kleiner Schädel zwischen zwei Bretter gebunden ist; das obere drückt die kleine Stirn flach, das andere ist größer, und das Kind liegt darauf wie auf einer Wiege. Im Boden einer anderen Hütte vergraben finden sie einen großen Topf, mit krausen Linien verziert. Sie zerschlagen ihn, weil sie einen Schatz darin glauben, und finden im Innern des Topfes einen hockenden Toten, ganz ausgetrocknet und völlig gut erhalten; auf dem Kopf, der flach ist wie eine Hand, an den Seiten vorgequollen und von der Form einer Bischofsmütze, trägt die Mumie eine hohe Krone aus grellbunten Tukanfedern. Der Teniente General trägt seiner Mannschaft mit Strenge auf, die Eingeborenen gut zu behandeln, und schickt durch Miguelito ihrem Kaziken kleine Geschenke, der mit den großen Kriegskanus auf eine Insel in der Mitte des Flusses geflüchtet ist. Francisco de Orellana hat beschlossen, hier, wo es Lebensmittel gibt, auf Gonzalo Pizarro zu warten. Er sendet einige Leute zu ihm zurück mit der Botschaft und trachtet unterdessen, die Omaguas zutraulich zu machen. Während der Tage, an denen sie auf die Gefährten untätig warten, ist Orellana verschlossen und unfreundlich, nur einmal am Abend spricht er lange mit Miguelito.   Die Mannschaft des Gouverneurs Gonzalo Pizarro kommt ihrer Vorhut nach, müde, halbverhungert, ihnen ist es im Wald nicht so 133 gut ergangen wie der kleinen Truppe, für die Miguelito jagte. Verdrossen stolpern diese Soldaten einher, unter der Last ihrer Waffen, Munition und Geräte. Die peruanischen Indios, die sie als Träger mithatten, sind fast alle verbraucht, unterwegs; es waren Leute von den kalten Hochebenen, die in dieser feuchten Hitze nicht leben können, verflucht, diese empfindlichen Tiere! Jetzt haben alte Christen, ja, Hidalgos von blauem Blut, gemeine Last zu schleppen, mit hungerndem Magen; und wären es Barren puren Goldes, man könnte sie nicht mehr lange weitertragen. Dieses Gold, um dessentwillen man alle diese Not und Mühe duldet, wo ist es? Ein paar leichte Flitter, aus der blutenden Nase irgendeines nackten Häuptlings gerissen, das ist alles. Aber hätte man alle Schätze gefunden, die die Inkapriester aus dem großen Orakeltempel des Pachacamac geborgen haben, rechtzeitig noch irgendwo versteckt vor Hernando Pizarros Ankunft – was nützte selbst dieser ungeheuerste Goldschatz Perus, jetzt, hier, wo man ihn nicht befördern könnte und nichts zu essen hat als Nüsse und Schlangen? Dieses große Heer, vom Feldherrn angefangen bis zum Koch, ist dieser entsetzlichen Märsche müde, der Hitze wie der Regengüsse, und der ineinander verwachsenen Bäume, durch die man sich seinen Weg schneiden muß, und der dicken Lianen, die man zerhacken muß, und der großen Wespen, deren Nester man dabei ins Gesicht bekommt, und der Ameisen, auf die sich der Erschöpfte setzt, der kleinen Schlangen, auf die man im Dickicht tritt, und der großen, mit denen viele Männer zugleich kämpfen müssen, und der irisierenden Sümpfe, in denen Baumstämme faulen, plötzlich bewegen sie sich und klappen einen stinkenden Rachen auf, und der tiefen, schwarzen Bäche, in denen kleine Fische harmlos spielen, aber wagst du dich mit dem Fuß hinein oder gleitest du von dem schlüpfrigen Baumstamm, der das Wasser überbrückt, so reißt 134 der kleine Hering Fetzen aus deinem Fleisch wie ein wütender Hai. Der raschelnden Blätter sind sie müde und der tausend geheimen Geräusche im Dickicht, und des tiefen Heulens in diesen Nächten ohne Schlaf, wenn man sich hin und her wälzt, von grausamen Mücken gepeinigt, von den kleinen Fliegen, die die runden, blutigen Male zurücklassen, von allem Geziefer der Hölle; und dieser roten, schwer duftenden Erde, die sie treten, und des zähen, schwarzen Schlamms, dieser ganzen ungebändigten und unbesiegten Natur, in der der stolze Herr der Welt, der Soldat des fünften Karl, nicht stärker und mächtiger ist als irgendein im Gestrüpp verfangenes Tier, das auch nur seine Glieder bewegen kann, das mühsam durch die Büsche bricht, das frißt, was es kann, und dann selbst gefressen wird. So, voll von dem dumpfen Zorn der Wegmüden, kommen Pizarros Leute ans Ufer des großen Flusses, wo sie ihre Gefährten von der Vorhut erwarten, die Begleiter Orellanas. Erst da sie die Dörfer der Omaguas sehen, gerodete Felder, auf denen der Mais steht, Fruchtbäume, Kanus voller Fische, lassen die Soldaten sich nicht halten, hungrige Heuschrecken hielte man leichter von diesen Feldern fort. Dann, da die Hauptleute mühsam Disziplin erlangen, ist schon viel vergeudet und zerstört, die Omaguas sind, mit gutem Grunde, scheu geworden, wo nicht feindselig, nur ihre Weiber träumen von diesen schönen, weißen Fremden. Ungern hat General Pizarro die Ausschweifung der Seinen geduldet, obgleich diese Indios arge Heiden sind, der Hexerei verdächtig mit ihren flachgepreßten Köpfen, und obgleich der spanische Soldat seine Rechte hat nach soviel Entbehrung. Aber im Geist des Feldherrn ist ein großer Plan entstanden, in dem Augenblick, da er das Wasser dieses breiten und tiefen Flusses aufblitzen sah, ein Plan, der ihn zwingen könnte, hier viele Wochen zu bleiben, mit dem Vorhandenen hauszuhalten, womöglich mit diesen Indios in Güte zu 135 verkehren. Das stört ihm die Übereilung der Gefährten, ihre plumpe, hungrige Hast. Am dritten Tage nach seiner Ankunft beruft der Gouverneur einen Kriegsrat in die große Häuptlingshütte, die er bewohnt, Francisco de Orellana hat sie ihm bei seiner Ankunft in diesem Dorfe geräumt. Ein Haus auf Bambuspfählen, über dem Flußufer, erstaunlich gut gebaut und geräumig, diese Omaguas sind kunstfertiger, fleißiger als die schweifenden Stämme, die man unterwegs getroffen hat. In einer der großen, bunten Hängematten, die sie aus Baumwollfäden nicht kunstlos zu knüpfen wissen, liegt der Gobernador, er fiebert ein wenig, denn er hat von den Beschwerden des Marsches soviel auf sich genommen wie der letzte Soldat, hager und krank ist er angelangt. Für die anderen Feldhauptleute hat man in der Hütte niedere Sitze bereitet, mit Matten bedeckt, und es ist eine Art Tisch für den Escribano da, der das Protocollum des Kriegsrates führen wird: daß man hier im finstersten Urwald steckt, in der äußersten Not, ist noch lange nicht Grund genug, die gravitätischen Formen eines pedantischen Zeitalters und einer zeremoniell gesinnten Nation aufzugeben. Krank wie er ist, hat Gonzalo Pizarro ein schwarzes Seidenwams aus der letzten geretteten Kiste sich anlegen lassen, und er trägt die goldene Kette mit dem großen, runden Wappenzeichen Kastiliens um seinen Hals; der waffenklirrende Posten draußen vor der Hütte meldet ihm die herannahenden Offiziere, als empfinge er sie in einem Palast. Sie kommen, treten nach ihrem Rang ein, um keinen Preis ließe einer den ihm gebührenden Vortritt dem Kameraden. Francisco de Orellana ist da, stattlich in seinen zerrissenen und wieder geflickten Kleidern; der graue Filzhut, den er an Stelle des unerträglich schweren Helms benützt und den er jetzt lässig in der Hand hat, ist mit herrlichen weißen Federn des königlichen Reihers 136 geschmückt, den ihm Miguelito schoß; doch am Hosenknie hat der Ritter noch die bunten Seidenbänder. Er tritt ein, an den Gefährten vorbei, die dem Teniente General zeremoniös Platz machen, verbeugt sich tief vor dem Señor Gobernador, sein schönes, ovales Gesicht unter den vollen, braunen Haaren ist bleich und lächelt nicht. Hinter ihm treten die anderen Feldhauptleute ein, der Alferez, der Mestre de Campo, der Escribano, das ist: Bannerfähnrich, Lagermeister und Stabsschreiber, dann Capitàn Sancho de Carvajal, zwei oder drei andere. Nachdem die Soldaten eingetreten sind, hebt sich das Stück Matte, das als Türvorhang dient, noch einmal vor einem Mann in Schwarz, Fray Gaspar de Carvajal, vom Orden des heiligen Dominik, bischöflichem Generalvikar zu Lima; er ist von den geistlichen Vätern, die diesen Zug mitmachen, an Rang der höchste, zugleich der gescheiteste. Der tritt jetzt vor, die Hand an dem goldenen Kruzifix, das er an seiner Halskette trägt, und spricht langsam und feierlich ein lautes Gebet. Dann beginnt in gehörigen Formen der Kriegsrat. Es ist heiß in der Hütte, obwohl draußen eben ein wilder Regen zu Boden geht. Hinter der Hängematte des Gouverneurs steht ein mageres indianisches Weib in einem bunten Kattunmantel, mit tätowierten Linien am Kinn, und fächelt die Mücken weg. Die anderen Caballeros helfen sich mit Schlagen und Kratzen. Der alte Antonio de Ribera hat die tönerne Röhre aus der Tasche gezogen, aus der die Indios dieser Neuen Welt den Rauch ihres heilkräftigen Krauts zu trinken lieben; er zündet sich, ganz einfach, mit Hilfe eines Feuersteins und einer Lunte langsam und bedächtig eine Pfeife an; längst lieben die Spanier dieses kleine Laster; auch hilft es gegen die Mücken. Mit einer Stimme, die das wallende Fieber bald schwach und heiser 137 macht, bald färbt und belebt, beginnt Gonzalo Pizarro in seiner Hängematte zu reden. Die Lage des Heeres ist nicht günstig, sagt er, in der bisherigen Weise kann man den Zug nicht fortsetzen; die Leiden und Entbehrungen, die wir gelitten haben, sind größer als die Balboas auf seinem Marsch zum Stillen Ozean und die des Rebellen Almagro in Chili. Wir haben es ertragen im Dienste Gottes und Königlich Kaiserlicher Majestät, und nichts ist gewisser, als daß wir nun dem Ende solcher Leiden nahe sein müssen; – kündigen nicht die indianischen Führer, ja, alle Indios, die wir durch den Dolmetsch Miguelito verhören ließen, die greifbare Nähe eines reichen und bevölkerten Landes an, wohlbebaut mit Mais, Yuca, Bataten und indischer Hirse, item mit Maniokwurzeln und Früchten jeglicher Art, und großen, freien Savannen, auf denen die Herden von Peruschafen weiden und die kostbaren Vicuñas? Die Indios sind einig in diesen Angaben, sie sagen freiwillig so aus und auf der Folterbank. Es ist, wenn Gott und Unsere Liebe Frau von Guadelupe uns helfen, gewiß, daß wir, diesem Napofluß durch das Land der flachköpfigen Omaguas folgend, in das Königreich des Großkaziken Aparia gelangen werden, in dem schon sehr viel Gold ist; von dort ist der äußerste Rand dieses beschwerlichen Waldes nur wenige Tagereisen weit, und es beginnt die fruchtbare Ebene an dem großen Strom, von dem die Indios berichten und an dem auch das Goldland Paytiti liegt, das reicher ist, als Peru war, bevor wir Spanier es betraten. Beschlugen wir in Peru unsere Pferde mit Silber, so wollen wir im goldenen Paytiti – – Hier droht das Fieber den Pizarro in wilde Träume zu locken, aber er beherrscht sich wunderbar, reißt sich mit harter Willenskraft in die praktische Betrachtung der Gegenwart und der militärischen Notwendigkeit zurück. So nah das erhoffte Land sein mag, fährt er mit 138 schwächerer Stimme fort, so schwer, ja unmöglich ist es, dahin vorzudringen, wenn wir nicht ein Mittel finden, unsere Traglasten durch den Wald zu befördern, die schweren eisernen Geräte, die Munition unserer Arkebusen, dann aber auch die Kranken, deren es im Lager so viele gibt, von den gelben Dünsten aus dem Morast. Was liegt näher, sagt der General, als all dies auf diesem schiffbaren Fluß zu befördern, zu dem wir hier gelangt sind? Wir haben in den Dörfern einige Kanus gefunden, es wäre aber nicht weise, uns in ihnen zu zerstreuen, wir brauchen ein wirkliches Schiff – – Dieses zu bauen, fährt er fort, sei er willens, und deswegen habe er diesen Kriegsrat einberufen. Ob sie an diesem Platz genug Nahrung finden würden, um während der Wochen des Schiffsbaus aushalten zu können, sei freilich nicht gewiß; warteten sie aber länger, dann würden die entkräfteten Soldaten die Äxte, das Eisenwerk und alles nötige Gerät nicht länger schleppen können, ohne das man niemals ein Fahrzeug bauen würde – – Gonzalo Pizarro schweigt, erschöpft; die Indianerin gibt ihm einen Schluck Wasser. Während er gierig trinkt, erhebt sich Francisco de Orellana von seinem Sitz, erregt und heftig. Mit Leidenschaft kämpft er gegen den Plan dieses Schiffsbaus. Es ist gar nicht möglich, in dieser wilden Einöde – – Wo sind die erfahrenen Zimmerleute, wer versteht etwas von Werg, woher nimmt man den Teer? Mit Verwunderung sehen die anderen Offiziere ihn an; er ist doch sonst nicht der Mann so kleiner Bedenken? Der Plan des Gouverneurs erscheint allen als richtig, ja, als der einzig mögliche; jeder hat im stillen schon selbst daran gedacht oder sagt es wenigstens. Aber Orellana bleibt seltsam störrisch, der Widerspruch der Kameraden beleidigt ihn, er stammelt erregt kurze Sätze, immer dieselben: Unmöglich, genug Nägel zu schmieden! Woher nimmt man den Teer zum Kalfatern? Ein großes 139 Schiff, das alle befördert, kann man hier niemals bauen. Wir verhungern alle, ehe nur ein kleines fertig ist! Unterdessen liegt der Gouverneur in seiner Hängematte, die Lider seiner geschlossenen Augen sind gerötet, man kann nicht wissen, ob er bei klarer Besinnung ist und zuhört. Auf einmal beginnt er mit einer ganz reinen und frischen Stimme zu reden, höflich gegen die untergebenen Waffengefährten, aber im Ton des Befehlshabers, der eher eine Order erörtert als einen Ratschlag einholt. – Ein kleineres Schiff kann leicht gebaut werden, sagt er, wir haben noch Eisen genug, können eine Feldschmiede einrichten. Daß diese Bark oder Brigantine, was immer es wird, nicht das ganze Heer befördern kann, ist gewiß; aber genügt es nicht völlig, wenn etwa die Vorhut, die unter unserem tapferen Freund Orellana jetzt eben so Treffliches geleistet hat, uns auf diesem Schiffe langsam vorausfährt, mit unseren Kranken an Bord und allem Gepäck außer den nötigsten Waffen, während das übrige Heer am Ufer entlang marschiert, ohne Lasten, bis zum Abend, wenn das Schiff nahe am gemeinsamen Lagerplatz ankert? Und da das bebaute Land so nahe ist, könnte man ein solches Schiff, sobald es fertig geworden, auch vorausschicken und Vorräte holen lassen, statt mit der erschöpften Armada weiter durch diesen Wald zu marschieren – – Unter den Offizieren des Kriegsrats wird Zustimmung laut. Noch einmal widersetzt sich Orellana, mit schwachen Gründen, aber fast in flehendem Ton. Kein Schiff bauen! Man möge nur das nicht tun! Der Ritter Sanchez de Vargas, das rangjüngste Mitglied des Rats, redet halblaut auf Orellana ein, den er für krank, seiner Gedanken nicht mächtig hält. Auf einmal richtet sich Gonzalo Pizarro in seiner Hängematte halb auf, daß die goldene Halskette klirrt, und alle bemerken, wie sehr er in diesem Augenblick des Entschlusses dem Bruder gleicht, dem großen Marquès Francisco. 140 »Registrieret die Meinung des Kriegsrats und meinen Befehl«, sagt er zu dem Escribano. »Zum besseren Dienste Gottes und Seiner Majestät wird hier an dieser Stelle eine Bark gebaut. Die Arbeiten leitet unser Generalleutnant, Francisco de Orellana. Dieses Dorf heißt zum ewigen Andenken: Barco. Der Kriegsrat ist beendet.« 141 Siebentes Kapitel Das ist historisch, sagte der Weltbummler, daß sich Orellana erst gegen den Bau des Schiffes gesträubt hat; dann aber sieht man ihn das einmal begonnene Werk mit leidenschaftlichem Eifer fördern. Es ist nicht seine Schuld, daß das Schiff gebaut wird. Da es aber gebaut wird, tut er die Arbeit selbst, ja, er hält mit einer Art Eifersucht andere fern. Da Pizarro lange Wochen im Fieber liegt, hat als sein Stellvertreter Orellana alles zu bestimmen. Er sendet die Kameraden in die Indianerdörfer, sie fouragieren, schlagen sich mit den Indios, bringen, was sie Eßbares finden, es ist anfangs nicht viel, wird immer weniger. Zu Bauleuten wählt Orellana am liebsten die Soldaten seiner eigenen Truppe, der bewährten Vorhut. Es ist mehr als einer unter den Vielerfahrenen, den Abenteurern, der weiß, wie ein Schiff auszusehen hat, und wüßte er es nur von den Galeeren des Königs her. Ein Seemann, Juan de Alcántara, hat einst Schiffe befehligt; Andrès Duran ist Zimmermann gewesen und zeigt den Gefährten, wie man eine Axt hält. Bald aber ist ein anderer, der nie etwas von Äxten noch Schiffen wußte, der Schiffsbaumeister, dessen Rat sich ein jeder fügt. Man braucht vor allem geschmiedetes Eisen zum Werk, Nägel und Klammern. Es ist eine Schmiede vorhanden, in einer Waldhütte, und Perucho aus Biskaya ist ein tüchtiger Schmied. Vor allem aber muß man für Kohlen sorgen; Francisco de Orellana läßt Kohlenmeiler errichten und macht ein paar Leute zu Kohlenbrennern; es ist in diesem 142 heißen Wetter kein frohes Geschäft. Da er die Unlust der Leute sieht, erscheint eines Tages der Teniente General selbst beim Kohlenmeiler und beginnt Kohlen zu brennen, als müßte es sein. Das ist seine Art: wo es am schwersten ist, greift er gern selbst zu. Am abendlichen Lagerfeuer im Walde sieht er den jungen Diego Mexìa, wie er mit einem spitzen Kohlenstift auf ein helles Stück Baumrinde ein Schiffchen zeichnet, eine Brigantine: so sehen die Untermasten aus, hier sitzen die Marsstengen. Lachend sehen die Kameraden dem Jungen zu; sie wissen, er war in der Werkstatt eines Kupferstechers in Sevilla Lehrling, bevor er davonlief, dem indischen Gold nach. Daß er aus Ton Heilige kneten kann, Gebilde von Tapiren und Schildkröten, weiß das ganze Lager; man lacht darüber und über die Fratzen, die er mit der Messerspitze in Bäume ritzt; Francisco de Orellana aber lacht nicht über das gezeichnete Schiff. Er läßt sich das Stück Rinde zeigen, betrachtet es genau; am nächsten Tag ist Mexìa vom Kohlenbrennen erlöst, sitzt in der Hütte und entwirft verschiedene Pläne und Risse; bald tut der Teniente nichts mehr, ohne Diego Mexìa zu fragen. Alles kann dieser halbe Knabe; dem Zimmermann sagt er, welche von den fremden Bäumen des Waldes sich am besten als Brettholz eignen, aus welchen der Kiel zu machen wäre, aus welchem der Mast. Den Holzfällern zeigt er die Richtung, nach der man die große Palme wohl am besten umlegt, und dem Schmied, wie man aus der Haut des großen Tapirtieres einen guten Blasebalg machen könnte. Man sieht tagsüber die drei stets beisammen, Francisco de Orellana, Diego Mexìa und Miguelito, denn auch der braune Peruaner ist unentbehrlich. Die Tatkraft Orellanas, Mexìas Geschicklichkeit und Miguelitos Wissen vom Walde bauen gemeinsam an diesem Schiff. Den Fluß, auf dem die Brigantine schwimmen soll, und den gewaltigen Strom, in den er mündet, hat nie noch ein Schiff befahren, es sei 143 denn ein ausgehöhlter Baumklotz, wie ihn die Eingeborenen kennen, irgendein leichtes Kanu, ein plump zusammengefügtes Floß vielleicht; und doch könnte man aus dem Reichtum dieses Waldes Fahrzeuge bauen, größer als Kastiliens Galleonen. Um dieses Wunder zu vollbringen, daß dem schiffbarsten Strom der Welt sein erstes Schiff wird, braucht es das Bündnis dieser drei: des Soldaten, des Künstlers und dieses Dritten, der den großen Wald kennt. So bauen sie aus dem unberührten Urwald das Urwaldschiff, das ihn bezwingen wird. Unermüdlich ist Orellana, den ganzen Tag auf der Werft und im Walde; die Holzfäller sehen ihn plötzlich erscheinen, in der Schmiede prüft er die Nägel, und in dem Schuppen, wo sie aus dem Bast der Tucunpalme Matten flechten, an Stelle der Segelleinwand, steht er stundenlang und drängt zur Eile; wo er ist, dort hat der geplagte Soldat keine Rast in der Hitze des Mittags. »Macht mein Schiff fertig«, ist das Wort, das immer wieder aus seinem Mund kommt; er nennt diese Brigantine, deren Rumpf jetzt schon erkennbar auf den großen hölzernen Rollen liegt, fast immer sein Schiff; keinen der anderen Führer des Heeres duldet er auch nur in der Nähe des Werks. Der junge Sanchez de Vargas kommt immer wieder, erbietet sich, mitzuhelfen; Francisco de Orellana schickt ihn, ein Dorf der Omaguas auszuheben, das zwei Tagemärsche westlich im Walde liegen soll. »Er ist in das Schiff verliebt wie in ein Weib«, lächelt der kranke Pizarro, dem einer was von der seltsamen Eifersucht sagt. Den Scherz wiederholt das ganze Lager. Ist Orellana nicht bleich wie ein Verliebter? Ist er in das Schiff vernarrt, oder läßt ihn eine India schmachten, mit blau tätowiertem Mund und einem Pflock in der Lippe? Witzbolde wollen es wissen, fragen den schwarzen Pedro, Orellanas Sklaven. Der riesige Senegambier, der erste Neger, der mit den Weißen in dieses Land gelangt ist – nie wird mehr das Blut seiner Rassen 144 daraus verschwinden – Pedro verzieht seine pockennarbige Fratze zum Grinsen. »Der Herr verliebt sein in Schiff, ja, ja, nix schlafen, nix essen – –« Ein anderer ist schlaflos wie er, Mexìa. Tagsüber der eifrigste, mit dem klugen Kopf nicht fleißiger als mit den geschickten Händen; wie man ein Hebelwerk für schwere Balken baut, das ersinnt er, und dann baut er mit Axt und Säge selbst das Gerüst. Keiner hobelt so gut wie er, und die beste Art, eine Matte zu weben, ersinnt er, während er stärkere Eisenklammern schmiedet. Doch in den Nächten kommt aus der kleinen Hütte, die er allein bewohnt, ein Licht. Eine Lampe voll Nußöl leuchtet ihm zu einem einsamen Werk. Aus dem harten Eisenholz der weißen Zeder schnitzt und meißelt und brennt er mühsam eine geflügelte Figur mit geöffneten Schwingen. Und Miguelito ist rastlos. In seinen Händen, die lang und schlank sind wie die eines Hidalgos von gotischem Blut, sieht man niemals ein Werkzeug; aber er verschwindet mit dem langhaarigen Kaziken Delikola im Dickicht und kommt lange nicht zurück; dann treten sie auf die Lichtung heraus, und Delikola trägt, keuchend, auf seinem gebeugten Rücken eine Traglast zäher Schlinggewächse, aus denen gutes Tauwerk werden könnte; oder es ist ein eng verschnürter Ballen von Baumwollflocken, in den Wäldern gesammelt; das wird statt des Wergs verwendet. Überall folgt Delikola dem Dolmetsch, er ist sein Sklave, verehrt ihn wie einen Gott. Der Umgang mit den Weißen hat nichts an der Seele dieses Wilden geändert, obgleich eines Tages der gute Dominikaner Carvajal am Flusse das Zeichen des Kreuzes über seiner Stirn geschlagen hat, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Man hat ihn Juan genannt, zu Ehren des Täufers; er kann den Namen nicht nachsprechen, hört nicht auf ihn, er bleibt bei Delikola. Er bleibt bei seinem schmalen Schamschurz aus 145 Fell, er verschmäht selbst den kattunenen Mantel der Omaguas. Nur einen gläsernen Scherben hat er sich an einer Schnur um den mageren Hals gehängt, ein Stück von dem Glas des Gouverneurs, das beim Sturz eines erschöpften Trägers zerbrochen ist. Wenn Delikola allein ist, sieht er diesen Schatz immer wieder an, er läßt ihn in der Sonne funkeln und bricht dann in ein seltsames, langgezogenes Heulen aus, vielleicht ist es ein Lied. Den spanischen Soldaten weicht er aus, wo er kann; sie schlagen nach ihm, weil sein nackter magerer Körper dazu einlädt und weil es leicht ist, die Hand in seine langen öligen Haare zu krallen. Ein Mann, der im Walde eine Falle gelegt hatte, erzählte dann, er habe Miguelito und Delikola beisammen gesehen: der Kazike lag vor dem Dolmetsch, der stellte ihm den Fuß auf den Nacken. Der Schiffsrumpf wird fertig, doch der Seemann, Juan de Alcántara, schüttelt besorgt den Kopf: wie wird das plumpe Gehäuse schwimmen, wenn man es nicht teert und kalfatert. Drei Tage weiß niemand Rat; Francisco de Orellana vergeht fast vor Ungeduld; er tobt, da auch Miguelito nicht weiß, was man machen soll, und selbst Diego Mexìas erfinderische Kunst versagt. Am dritten Tage, nachdem Miguelito lange und geduldig mit ihm geredet hat, dämmert in dem trüben Gehirn des wilden Delikola die Ahnung davon auf, was die grausamen weißen Götter wieder wollen, die unerklärlichen. Aus dem Baumgestrüpp bringt er große klebrige Klumpen von allerlei Harz, in Blätter eingewickelt. Das schmieren die Schiffsbauer auf die Planken, verstopfen mit Harz und Baumwolle die Fugen. Orellana fühlt sich erleichtert; er gibt den beiden Indios Leute mit, damit sie von dem Harz eine Menge sammeln. Die Spanier sind erstaunt, da sie sehen, daß Delikola die leere Schale einer großen Schildkröte in den Wald mitnimmt; er hat sie sich über 146 den Rücken gehängt, und jeder Soldat gibt ihm mit der Faust einen Schlag darauf, daß es dröhnt. Im Urwalddickicht, bei einem hohen Baum mit glatter und heller Rinde bleibt der Kazike stehen, durch Gebärden verlangt er die Axt, die ein Spanier trägt; er macht einen schiefen Einschnitt in die Rinde und stellt seine Schildkrötenschale darunter. Sofort träufelt ein weißer Saft aus dem Baum. Der Soldat bekreuzigt sich, murmelt den Namen der hilfreichen Mutter Gottes – ist das nicht, durch heidnische Hexerei, Milch, die aus dem Baum da quillt? Dann hält der Hungrige die Hand unter, beginnt gierig zu lecken. Es schmeckt fett und süß, wie in Andalusien die Ziegenmilch! Miguelito bedeutet dem Mann, in demütigen Worten wie immer, schlecht passen sie zu seiner stolzen Stirn, diese süße Milch nicht zu trinken. Knurrend gehorcht der Soldat; daß man in diesem Wald nicht alles genießen darf, was eßbar scheint, lehrt leidige Erfahrung. Sie gehen weiter und lassen die Schale liegen; später, auf dem Rückweg, holt der Kazike sie wieder ab, sie ist voll von dem weißen Rahm. Behutsam bringt Delikola die volle Schildkrötenschale ins Lager, zu Orellana. »Ka-utschù!« sagt er und zeigt darauf, »ka-utschù!« Und da Orellana nicht weiß, was das heißen soll, nimmt der Kazike einen baumwollenen Fetzen, tränkt ihn in der Milch und hängt ihn in den Rauch des Kohlenmeilers; die Masse gerinnt, wird grau und fest; nun macht der Indio aus dem Tuch einen Beutel, zum Bach geht er, schöpft in dem Beutel Wasser, es rinnt nicht aus! Geflochtene Matten, in den Kautschùsaft getaucht, werden wasserdicht, das Wunder ist groß. Da muß Delikola viele Gefäße mit der Milch dieses Baumes füllen; er räuchert sie in dem Rauch der Urucurynüsse, die man nicht essen kann; besser als jeder Teer dichtet das Fugen und Deck. Das Schiff wird vollendet; nie hat man daheim auf der Werft von San Lucas so rasch eine Caravelle gebaut; aber es geht zu langsam für 147 die Ungeduld des Heeres, für die allgemeine Not. Die Wochen vergehen, und was von Nahrung vorhanden war, geht zu Ende. Längst sind die Uferdörfer leer von Indios; nur in der Nacht hört man noch die dröhnenden Holztrommeln der Omaguas; die stecken im Dickicht, voll Scheu und Haß; wer im Wald allein ist, muß eines plötzlichen Pfeils gewärtig sein. Im Wald ist das Wild verscheucht, im Wasser die Fische; man nährt sich nur noch von Nüssen, eine riesige Schlange, die in der Nacht ins Lager kriecht, wird getötet und gleich an den Feuern gebraten, es ist ein richtiges Fest. Gonzalo Pizarro, von seinem Fieber genesen, ißt mit den Soldaten von der gerösteten Riesenschlange; er duldet nicht, daß man ihm bessere Bissen aufhebt, der wenige Mais, der noch da ist, gehört den Kranken. Auch denen zählt man die Körner einzeln zu. Eine Hoffnung hält alle aufrecht: die Brigantine! Schon schwimmt sie auf dem Wasser, und aus der Satteldecke, die einst das verendete und längst gefressene Pferd des Gouverneurs getragen hat, fertigt man die goldene Flagge Kastiliens; sie weht von dem hohen Mast. Zuletzt bringt der Kupferstecher Mexìa feierlich ein verhülltes Ding aus seiner Hütte: er hat in den Nächten dem Schiff eine große Gallionsfigur geschnitzt, die heidnische Siegesgöttin Viktoria, wie sie mit großen weißen Flügeln dem Schiffe voranfliegen wird in die fernen goldenen Länder, nach Paytiti . . . Da er die Binsenmatten von der Figur reißt, sieht man, wie schön sie ist und prächtig; der florentinische Michelangelo, der in diesem selben Jahr die Vatikanische Kapelle ausmalt, hätte sich eines solchen jungen Schülers nicht geschämt. Diese Siegesgöttin, aus einem harten Klotz dieses Urwalds geschnitten, ist freilich nicht der samothrakischen Nike gleich, die wie ein hellenischer Schwan fliegt: diese ist ein großer Urwaldvogel, bunt und ein wenig barbarisch. Wo hat der Künstler in seiner Pisanghütte die Farben 148 hergenommen, woher den Firnis? Vielleicht weiß es Miguelito, vielleicht der Kazike, der die Farbhölzer kennt und den Baum, auf dem Wachs wächst. – In einem kleinen Beutel unter seiner Achsel hat dieser Diego Mexìa einen Schatz bis hierher getragen, Beute aus einem Tempel der Inkas oder aus einem geplünderten Ort: ein paar Türkise und Goldstaub in Federkielen. Das alles hat der Künstler seinem Kunstwerk geopfert: zwei große Türkise, wunderbar blaugrün wie der Himmel, durch das Laub des Waldes angeblickt, bilden die Augen der geflügelten Figur, und die Kugel, auf der sie steht, ist dick vergoldet. Staunend sehen die spanischen Soldaten Diegos Werk und freuen sich; der Krieger spielt gern mit einem Sinnbild des ersehnten Sieges. Aber der Feldkaplan, Gaspar de Carvajal, macht keine freundliche Miene, da er das Bild sieht: nicht eine heidnische Göttin sollten katholische Christen am Bug ihres Schiffes befestigen! Doch Diego Mexìa trägt die geliebte Last, die geflügelte Göttin, rasch an Bord des Schiffes; man hört ihn eifrig hämmern, und am folgenden Morgen schwebt schon der helle Vogel Nike über dem dunkel dahinfließenden Wasser des Waldstroms.   Jetzt kommt das Kapitel, – sagte der Weltbummler und nahm die Pfeife aus seinem Mund, – in dem der Pizarro seine Leute versammeln soll, auf dem Hügel hinter dem Lager, dem gleichen, von dem aus Orellana den Rio Napo zum erstenmal gesehen und den größeren, den großen Strom geahnt hat. Nie werde ich, ich weiß es, die Szene richtig malen können, diese majestätisch-melancholische Landschaft, die Frische dieser tiefen Farben am frühen Morgen, diesen Fluß unten, der sich im blaugrünen Gestrüpp verliert, und die großen schwarzen 149 Truthahngeier, die über der Brigantine kreisen; dann, auf halber Höhe des Hügels, die Reihen der spanischen Abenteurer, bleich vor Hunger, gelb vor Fieber, aber immer noch die sie sind, Leute darunter, die schon mit Cortez in der großen Schreckensnacht durch den mexikanischen See schritten, im Flammenschein des gräßlichen Opferfeuers auf Huitzilopochtlis Blutaltar, und andere, die mit Francisco Pizarro auf der Insel Gallo gehungert haben, und solche, die auf dem dreieckigen Platz von Caxamarca auf den Ruf der Trompete aus den großen, kahlen, steinernen Palästen hervorgebrochen sind gegen den friedlich-feierlichen Zug Atahuallpas, und die die Sänfte des Inkas plötzlich über den federgeschmückten Helmen der Großen seines Hofes schwanken sahen, und die ihn mit ihren rohen Händen herausgezerrt, die Scharlachbinde des Königtums ihm von der Stirn gerissen haben; und solche, die dabei waren, da der König eines großen, begabten Volkes den Henkerstod starb, von der gemeinen Garrotte erwürgt wie irgendein spanischer Dieb – – Und es sind Leute da, die mit Benalcázar Quito erobert haben, und solche, die mit Almagro in Chili waren, sie haben gehungert und in Wüsten gedurstet, wenn sie nicht aus den goldenen Bechern der Inkas gegorenes Maisbier getrunken und viele kostbare Vicuñas geschlachtet haben, gewaltige Herden, bloß wegen des schmackhaften Hirnes, nicht wegen der Wolle. Da stehen sie, Massenmörder, Räuber, Heroen und tiefgläubige fromme Kinder, ihrem König treu und gegen ihre Gouverneure rebellisch; Hidalgos vom blauen Blut der Goten, und Hurensöhne, aus der Gosse gelesen, da stehen sie, immer noch stattlich, in Helmen, die sonst als Kochkessel über dem Feuer hängen, heute sind sie mit Mühe blank gerieben und mit großen, vielfarbigen Federn verziert; der trägt die Haut einer großen Wildkatze statt des Rockes, den ihm der Regen vom Leib gerissen hat, aber darüber den Harnisch der 150 Kürassiere, der hat keine Hosen an, der hat noch die Schäfte der großen, gelben Reiterstiefel und hat sich Sohlen aus Rinde darunter gebunden; aber noch fehlt keinem der Krieger die Waffe, die langen Degen sind frisch geschärft; die kleinen, runden Schilde hängen am linken Arm; der Arkebusier trägt Gewehr und Gabel, der Armbrustschütze die Armbrust; so stehen sie da, mit den Fahnen von Kastilien und Leon, und von der Höhe des Hügels weht die Flagge des Hauses Pizarro, mit dem neuen Wappen, das den schwarzen doppelten Adler der Habsburger zeigen darf, die kastilischen Pfeiler, dann das Lama, als Sinnbild Perus, und eine indianische Stadt, auf die ein Schiff mit geschwellten Segeln zufährt – – Hoch über allen Bannern aber ist das hölzerne Kreuz, unter dem der Generalvikar steht, mit den fünf Mönchen, die ihn begleiten; er trägt das prunkvolle Meßgewand, das man bis her in das Herz der Wildnis gebracht hat, gleich wird er vor dem Heere die Hostie hochheben. Gleich wird der feierliche Gottesdienst beginnen, den Gonzalo Pizarro hier lesen läßt, die Vollendung des großen Werkes zu feiern: da steht der große Gouverneur von Quito, prachtvoll anzusehen in einem vergoldeten Helm, im damaszierten Harnisch, und mit einer Kette großer, ungeschliffener Smaragden um seinen Hals; er ist größer als seine Offiziere, die um ihn stehen, stattlich in dem bunten Schmuck, den er liebt; Francisco Orellana, dicht neben ihm in seinem zerfetzten Wams, mit den Reiherfedern am Filzhut; sie haben einander als Knaben gekannt, ein Herrensohn und ein Schweinehirt, jetzt ist der Hirt von einst der Herr des Hidalgos, das aber kann ihm nicht die edlere Schlankheit geben, der Hals bleibt kurz und plump, auch wenn er faustgroße Smaragden daranhängt. Wie er dasteht, ganz in schwarzer Seide, mit dem glänzenden Panzer darüber, den geschnitzten Stab in der Hand, auch noch in der Wüste mit Prunk beladen, einer von den 151 Bastardbrüdern, ganz Trujillo wies mit den Fingern auf sie! Er ist Francisco de Orellanas Wohltäter, sein Waffenbruder, ein gütiger Freund! Ein plumper Emporkömmling. Nein, ein Held, der Herrliches getan hat. Was geht im Herzen Francisco de Orellanas vor? Da wendet sich Gonzalo Pizarro mit einer Geste um, die vieles entscheidet: seinen Feldherrnstab streckt er weit von sich und zeigt seinem Heere das Schiff, das dort unten auf dem in der Sonne funkelnden Flusse liegt, stattlich anzusehen mit seinem hochgebauten Heck und mit den Segeln, die die Brise bauscht, dieses Waldschiff, Stück für Stück aus dem Blut und Bein dieses großen Waldes geschaffen, Francisco de Orellanas Urwaldschiff, das er allein hat erstehen lassen, nur er, mit den Gefährten, die ihm die nächsten sind. Und da der Feldherrnstab des Gonzalo Pizarro dieses schöne Schiff zeigt als seinen Triumph, als hätte er das Schiff aus seinem jungen Wappen genommen und mit seinen beiden Händen her auf diesen Fluß gesetzt, und dem Heer die Viktoria zeigt, die mit ihren weißen Flügeln diesem Schiff voranzufliegen scheint in die geheimnisvollen Länder der großen Sehnsucht, die Länder, die dort stromabwärts liegen, in dem goldenen Nebel über diesem Fluß der Verheißung, da Gonzalo Pizarro mit dem symbolischen Stab seiner Gewalt auf diesen Sehnsuchtstraum weist, der der Traum des Ritters Francisco de Orellana ist, die Qual seiner Nächte und der Sinn seines ganzen Lebens, da löst er, mit einer einzigen kurzen Geste, den Zwiespalt, der lange in Orellanas Herzen war, ein einziger Blick des Stolzes läßt ihn den Freund verlieren. Doch das weiß er nicht. Gonzalo Pizarro zeigt dem Heere das Schiff, das ihm Brot bringen soll und das sie bald mit Beute beladen werden, mit allem Geschirr des Goldenen Königs, El Dorado, der in der Burg Manoa thront, an dem goldenen See, nicht fern mehr von hier, im 152 Lande Paytiti, wo Gold so gemein ist wie in Gonzalo Pizarros eigenem Minenbezirk von Potosi das Silber – – Brot und Gold, ruft der Feldherr den Hügel hinab, zu seiner eisernen und hungrigen Mannschaft, die reglos zuhört, Brot und Gold wird dieses Schiff uns bringen, zuerst das Brot, das gute Korn, die gelben Maiskolben, die flußabwärts auf uns warten, wenige Meilen von hier, unserem Schiffe so leicht erreichbar, wie wir schwer zu dieser Wohltat gelangten, hatten wir das Schiff nicht! Erst Brot, dann Gold, erst das Brot, ohne das wir das Gold nicht ersiegen können; doch wer, da wir das schöne Schiff nun haben, zweifelt am Sieg? Das Bild der spanischen Glorie, des hellen und glücklichen Sieges, fliegt diesem Schiffe sichtbar voran, sein Name soll heißen: Viktoria! – – Der Feldherr schweigt, aber der schrille Ruf der Trompeten fällt ein, zum erstenmal in diesem wilden Walde gehört, und die Arkebusiere schießen ihr Pulver in die morgendliche Luft. »Viktoria!« schreien die Soldaten, »Viktoria!« Nun sind sie still, der Priester will die Messe beginnen, das Tedeum dieses freudigen Tages, da geht ein seltsamer Laut durch die Luft, ein fast gespenstisches Heulen aus dem Walde. Dort, wo das Dickicht an die freie Savanne grenzt, haben sich braune Menschen hingeschlichen, mit sonderbar plattgequetschten Köpfen, in buntgewebten Baumwollmänteln, und Weiber mit braunen Brüsten, straffhaarig, über den breiten Backen glotzen erschreckte Augen, und sie sehen das göttliche Ding, von dem ihnen die Späher erzählten, das Kanu, in dem die Sonne über den Fluß fährt, denn sie wissen, daß diese goldene Kugel unter den Füßen der Nike der Sonnenball ist und daß die bösen weißen Dämonen auf diesem riesigen Zauberkanu die Sonne aus dem Lande Omagua fortführen wollen, flußabwärts, in das Reich des großen Stroms, aus dem niemand lebend zurückkommt. Seit Wochen predigt es der »Paje« des Stammes, er, der die geheimen 153 Medizinen kennt und jeden Zauber. Der Wunsch, dies bedrohliche Wunderwerk zu sehen, ist stärker gewesen als selbst die Angst davor und die Furcht vor den Fremden – da lauschen sie nun, lugen aus dem letzten Waldesschatten, die Krieger der Omaguas, und da der Donner der Arkebusen, der unerklärliche Sang der Trompeten gräßlich und geheimnisvoll zu ihnen spricht, von der Magie des weißen Mannes, von diesem unfaßbar fürchterlichen Wunder seines Willens, da auf einmal werfen sich die Omaguas mit ihren flachen Stirnen auf den Boden, beginnen zu heulen, einen langgedehnten, lauten und so schwächlichen Schrei erschreckter Ohnmacht, es klingt wie ein Winseln des Waldes, der dieses Schiff erzeugen mußte, und dieses Schiff wird ihn schließlich bezwingen – – Einer steht abseits von der eisenklirrenden Heerreihe der Weißen, abseits von den Wilden, die da ohnmächtig klagen, den Omaguas. Miguelito, in seinem spanischen Kittel, steht stumm und einsam und blickt nach dem Schiff Viktoria, das sein Werk ist, mehr als das Werk eines anderen. Da er mit seiner langen, adeligen Hand die Augen beschattet, verliert er den Ausdruck gezwungener Demut, über der Falkennase des Indianers wird der Blick klar und scharf, und sein Mund murmelt Worte, die kein kastilisches Ohr verstehen könnte. Dann, plötzlich, nimmt Miguelito die alte Maske wieder auf, er sinkt in die Knie, ein gehorsames Kind der katholischen Kirche: die Messe hat begonnen.   Als Pater Gaspar de Carvajal das Hochamt vollendet hat, tritt neben den Altar der Escribano und verliest dem versammelten Heer den Befehl des Generals und Gouverneurs: Heute Rast; die Brigantine wird morgen beladen; tags darauf segelt die Vorhut, befehligt von Don Francisco de Orellana; als Alferez des Fähnchens geht Don Hernan 154 Sanchez de Vargas mit, als Pilot Juan de Alcàntara, und der ehrwürdige Vater Gaspar de Carvajal als Schiffskaplan, damit die Indios des fruchtbaren Landes flußabwärts nicht einen Tag länger denn nötig ohne christliche Belehrung bleiben. Die Armada bleibt hier in Barco, bis Orellana Botschaft sendet, daß er die gute Gegend gefunden hat, von der die indianischen Führer sprechen, oder, besser, bis er zurückkommt mit der vollbeladenen Brigantine, mit der Nahrung an Bord, die alle so bitterlich brauchen. So beschlossen und so befohlen zum besseren Dienste Gottes und der kastilischen Krone. – Zwei Tage später stehen die Kameraden am Ufer, hungrig, doch hoffnungsvoll, und sehen dem Schiff nach, das mit gebauschten Segeln rasch von dannen fährt, in das Land, in dem Überfluß ist und alle Not beendet. Am Bug, zu Füßen der geflügelten Siegesgöttin, steht Orellana, hoch aufgerichtet, er ist bleich und düster. Hinter ihm ist Miguelito und spricht halblaute Worte zu ihm, während das Schiff »Viktoria« um die Windung des Flusses den Blicken des Heeres entschwindet, und Gonzalo Pizarros, dessen vergoldeter Helm noch bis zuletzt vom Schiff gesehen wird, in der ersten Sonne des frühen Morgens funkelnd. Tag um Tag schwimmt die Brigantine, nirgendwo öffnet sich der Wald, der sich an die Ufer preßt; durch rauschende Stromschnellen schießt das Schiff. So sicher sind sie der Nähe fruchtbarer Felder gewesen, daß sie Pizarros Lager fast ohne Proviant verließen; jetzt verteilt der Priester das Mehl, das er mithat, um Hostien daraus zu backen. Sie verzweifeln schon, der Fluß tobt immer toller, ein ungeheurer Baumstamm, im Wasser halb versenkt, bringt die Brigantine beinahe zum Scheitern. Eines Tages, unversehens, tut ein Tal sich auf; riesenhaft, maßlos, unter einem blauglühenden Himmel glitzert ein ungeheurer Strom, Schwärme von Wasservögeln schwirren vor dem 155 Schiffe auf, da es aus dem kleineren Fluß in das beglänzte Wasser des großen einfährt. »Mar Dulce!« schreien die spanischen Soldaten, auf Deck gedrängt. »Das Süßwassermeer!« »Marañon!« ruft der Kazike Delikola. Neben dem Kapitän steht Miguelito. »Heißt dieser Strom Marañon?« fragt der Ritter. »Er heißt: Rio Orellana, wenn du nur mutig bist«, sagt Miguelito. 156 Achtes Kapitel Meine Herren, sagte der Weltbummler, den Umriß der Geschichte kennen Sie wahrscheinlich, Sie wissen, daß Francisco de Orellana den Gonzalo Pizarro und die Seinen niemals wiedergesehen hat, und daß sich die Historiker noch heute über die Streitfrage aufregen, ob das der schwärzeste Verrat war, den ein Soldat an seinem General, ein Kamerad an den Kameraden begehen konnte, oder ob Orellana, der Stromschnellen wegen, niemals zum Lager der Expedition hätte zurückkehren können, auch wenn er wirklich auf jenes erträumte Land des Überflusses gestoßen wäre, und auf Lebensmittel, die er hätte zurücktransportieren können. Der Streit der Gelehrten geht nun schon durch vier Jahrhunderte, ob der Entdecker des Amazonas ein Heros war oder ein Schuft. Ich, der ich ihn für einen von den großen Sehnsüchtigen halte und so schildern will, brauche ihn nicht schuldlos; warum sollte seine Leidenschaft nicht bis zum Verbrechen gegangen sein? Und wenn es wahr wäre, daß Gonzalo Pizarros Schätze an Bord der Brigantine waren, das Gold, die Smaragden, und daß Orellana nicht nur ein Verräter war, sondern sogar ein Dieb! Auch schert mich Gonzalo Pizarro nicht weiter, nicht sein langes, vergebliches Warten und nicht die Wut, da das Schiff nicht wiederkommt; nicht den entsetzlichen Rückzug dieses Mannes nach Quito habe ich zu schildern, noch sein weiteres Schicksal, da er den größeren Bruder, den Schlächter der Inkas, tot findet, ermordet in den Bürgerkriegen, die schon damals begannen, das Amerika der spanischen Eroberer zu erschüttern, und in denen schließlich auch Gonzalo Pizarros Haupt fallen wird, tragisch, auf dem Richtblock, als das Haupt eines 157 Rebellen, nachdem er kurze Zeit die ganze Macht in Händen gehabt und Peru beherrscht hat. Wohl aber werde ich in mein Buch die Szene zu fügen haben, wie Orellana, ein spanischer Hidalgo, noch in der Leidenschaft, noch im Verbrechen förmlich, die Lage gleichsam legalisiert, in der Versammlung seiner Mannschaft, irgendwo auf einer Sandbank in der Gabel der Flüsse, und wie er sich drängen und nötigen läßt, ehe er, feierlich die Generalleutnantschaft des Gonzalo Pizarro niederlegend, sich zum Kapitän macht, »um desto gefälliger zu sein«, sagt er in einem Dokument, »dem Dienste Gottes und Seiner Majestät, und um ihnen zu dienen«. Das feierliche Schriftstück ist, wie gesagt, noch heute erhalten, mit neunundvierzig Unterschriften von Orellanos Gefährten, worin sie »im Namen Gottes und des Königs Euere Gnaden bitten, doch nicht diese Reise stromauf zu beginnen, auf welcher das Leben so vieler Guter aufs Spiel gesetzt würde, dieweil dies auch die Meinung ist der seeerfahrenen Schiffsleute, so hier in der Barke und den Booten mit uns sind, daß wir allhier von dem Lager des Herrn Gobernadors Pizarro zweihundert Leguas entfernt sind oder mehr auf dem Weg zu Lande, und diese zweihundert Leguas gänzlich ohne Weg oder Dörfer, dazu die sehr erschrecklichen Gebirge, so wir selbst durch Erfahrung und mit Augen gesehen, da wir flußab kamen in besagter Barke und Kanus, große Mühsal leidend und auch Hunger . . . Deswegen nun bitten wir Euere Gnaden und flehen wir und verlangen wir, Sie mögen uns den Fluß nicht hinaufführen, noch uns dies befehlen, da dies ein Anlaß wäre, Euer Gnaden den Gehorsam zu weigern . . .« Oh, es gibt Dokumente, sagte der Weltbummler: vielleicht schreibe ich einen historischen Roman in drei Bänden, der dritte enthält die Noten des Autors, der geehrte Leser muß sie durchaus nicht lesen. Die andere Petition werde ich dort zitieren, abgegeben vor »Francisco de 158 Isásaga, Escribano de Su Magestad«, denn, natürlich, Orellanas Rebellion beginnt damit, daß er einen Schreiber einsetzt, der sie gehörig zu protokollieren hat – – also Isásaga, Escribano Seiner Majestät in Orellanas Armada, nimmt gehörig zur Kenntnis, daß der erlauchte Herr Francisco de Orellana nicht länger mehr Generalleutnant sein will für den sehr erlauchten Herrn Gonzalo Pizarro, Gobernador und Generalkapitän der Provinzen von Quito, auch entdeckten Zimtlands, sondern, daß die Ritter, Hidalgos, Gefährten und guten Gesellen dieser gegenwärtigen Heerfahrt von ihm erbitten, erflehen und verlangen, er möge fürderhin als ihr Kapitän gelten, und nicht mehr stromauf zurückkehren, so werde er seinen Dienst erweisen Gott Unserem Herrn und Seiner Majestät; »und uns eine Gnade«, sagen sie. »Und sodann«, sagt gravitätisch das Protokoll, »verkündete besagten Gesuches wegen, und um dem Ruhme Gottes, Unseres Herrn, und Seiner Majestät, des Königs, desto besser zu dienen, der besagte Señor Capitàn Francisco de Orellana, daß er es annehme, und nahm es an im Namen Seiner Majestät, und unterschrieb es mit seinem Namen: Francisco Dorellana. – Vor mir, Francisco de Isásaga, Escribano besagten Heeres. – Und sodann legten alle, so dieses unterschrieben haben, ihre Hände auf ein Meßbuch und schworen in aller Form bei Gott und der heiligen Marie und bei dem Zeichen des Kreuzes, bei den heiligen vier Evangelien, besagten Francisco de Orellana für einen Kapitän zu halten und ihm als solchem in allem gehorsam zu sein, was befohlen würde im Namen Seiner Majestät. Zeugen der Pater Fray Gaspar de Carvajal und der Pater Fray Gonzalo de Vera. All dies, wie es vorgegangen vor mir, dem besagten Escribano. – Francisco de Isásaga, Escribano des Heeres.« – Oh, sagte der Weltbummler, für einen Band gelehrter Noten reicht es schon, zu dem feierlichen »historischen« Roman, den ich aus dieser 159 romantischen Geschichte einer Sehnsucht nicht machen werde. – Oder soll ich? Soll ich die große tragische Szene schreiben, wie dieser junge Hidalgo, den Gonzalo Pizarro dem Orellana als Fähnrich mitgegeben hat, Don Hernàn Sanchez de Vargas, sich ganz allein dem Verrat widersetzt und eine schöne Rede hält, eine lange, vielleicht in jambischem Rhythmus: Ha, Verräter, nicht sollst du mich mit deinen Worten betören; ich bleibe treu, zittere, Tyrann! – Diese kleine tragische Episode, wie dann der böse Orellana den treuen Sanchez de Vargas ganz allein zurückläßt in dieser wilden Wüste, zwischen den beiden Flüssen und dem erschrecklichen Gebirge – und wie dieser treue junge Mensch, denn die Tugend triumphiert zum Schluß, dann doch gerettet wird, als der Gouverneur Gonzalo Pizarro in seiner Verzweiflung ein Stück durch den Wald marschiert kommt, die desertierte Brigantine zu suchen; – und Sanchez de Vargas erzählt ihm von Orellanas Verrat – – Dies, sagte der Weltbummler, werde ich mit gebührender Feierlichkeit schreiben, in dem Buch, das ich nicht schreiben möchte, wenn ich an solche offizielle Episoden denke, und dann vielleicht auch noch die erhebenden Szenen für spanische Patrioten und Patrioten im allgemeinen, wie der Kapitän, Francisco de Orellana, von elf Kaziken – »Besitz nimmt«, sagt das Dokument, »in diesem besagten Dorfe Aparia, und besagte Besitzergreifung geschah ohne irgendeinen Widerspruch, und sind diese elf Kaziken in Frieden erschienen und haben die Christen mit Essen bedient, und die Namen der elf Kaziken, die erklären, Kaziken zu sein, sind: Aparia, Hirimara, Parayta, Dimara, Aguare, Piriata, Ayniana, Hurumara, Maluyana, Guaricota, Mapiare« – – Das gibt mir eine prachtvolle Szene, sagte der Weltbummler, in meinem Roman, mit dem Banner Kastiliens, das die Kaziken demutsvoll grüßen, wie es majestätisch am Mast der Brigantine emporsteigt. – Vielleicht dichte ich dazu eine ergreifende Ansprache Orellanas, die 160 viel von seiner Schuld sühnt, und seine Leute schreien: »Hurra!« – oder vielleicht: »Kastilien und Sankt Jago von Compostella!« – ich weiß noch nicht, das muß ich erst noch nachsehen – – Dann aber, glauben Sie mir, werde ich ein wenig von diesem historisch-kulturgeschichtlichen Ballast rasch genug über Bord dieser Brigantine werfen und unter Francisco de Orellanas schönem Renaissanceharnisch lieber die Haut suchen und das Herz, das noch unter der Haut ist – – ist es, nebenbei, faßbar, daß diese Konquistadoren in eisernen Kürassen durch diese tropischen Wälder gestapft sind, am sonnigen Mittag mit schweren, metallenen Helmen? Wenn ich es fassen könnte, schriebe ich ihn vielleicht, diesen großen historischen Roman der Konquista; doch da ich es nicht verstehe, soll ich nicht lieber versuchen, von dem zu erzählen, was nicht so ausführlich in der Chronik des Generalvikars Gaspar de Carvajal steht, oder doch wohl nur zwischen den Zeilen, etwas von diesem gewaltigen Fluß, dem furchtbaren und herrlichen Wald und jungen menschlichen Herzen?   Francisco de Orellana, sagte der Weltbummler, schwimmt auf dem großen Strom, in diesem Urwaldschiff, das er geschaffen hat, seiner Sehnsucht entgegen, da entschwindet ihm das gesuchte Ziel. Die geträumten Länder muß er erreichen, das ist die Strafe seiner Tat. Durch das Land des grenzenlosen Waldes segelt die Brigantine, stromabwärts, auf weiten Wasserflächen, dann wieder in dem Gewirr der Inseln; nie nimmt der Strom ein Ende; aus dem tiefen, nassen Wald rinnen ihm von allen Seiten die Bäche zu, Flüsse, Ströme. Tausend tiefe Pforten führen hinein in die dicke Mauer der Bäume, in das dunkle Dickicht, in dem die Geheimnisse sind, Gefahren vielleicht, vielleicht Gold und alle Schätze. Tagelang sieht das Auge nur den zackigen Umriß der grünen Gipfel, und die niedere Sandbank an der 161 Bachmündung, auf der, starr und gräßlich, die großen Echsen liegen, faulenden Baumstämmen gleich, grauenhafte gepanzerte Fabelwesen. Dieser düstere Wald, der aus dem Innern der Ebene gleichsam überquillt, in den Fluß hinein, der tausend wirre Wurzeln ins Wasser taucht, tausend tote Stämme in die Wellen preßt, der Pilot fürchtet sie, der Wald ist überall, er erfüllt die Inseln, Fetzen von ihm schwimmen den Strom hinab, unheimlich anzusehen; der Matrose im Mastkorb sieht Wald und Wasser, und Wasser und Wald; in engen Kanälen kommt das Schiff ihm so nah, daß Äste wie drohende Arme nach den Rudern zu langen scheinen; ganz stumm ist er oft, wie tot, er lauert, wartet schweigend; dann, wenn die Sonne gesunken ist, wird er voll von geheimen Stimmen, von einem tiefen Brüllen, das jedes Herz erschüttert, und von dem Dengeln einer ungeheuren Sense, die über den Häuptern zu hängen scheint, unsichtbar, und jede Nacht von neuem gewetzt; wer wetzt eine Sense in diesem tiefen Wald? Oh, diese Nächte, wenn lautlose Wetter sich plötzlich ergießen, Blitze ohne Donner, und die großen Güsse des jählings verschleierten Himmels! So ist das Land, fremd, fürchterlich. Es ist voll von Leben; große Vögel streichen über das Schiff; die bunten Papageien zanken in den Zweigen; im Gebüsch raschelt es, knistert; manchmal sieht man die Grimassen der Affen; die Luft ist voll von der fliegenden Pest, den Mückenschwärmen; im Wasser blitzen große Flossen auf; von diesem glühenden Himmel ausgebrütet, wimmelt tausendfältig die Kreatur; und mitten in diesem Überfluß lauert der Hunger. Diese weißen Menschen, die aus einem fernen und anderen Land sind, die durch diese Landschaft wie fremde Fabelwesen schwimmen, auf dem großen, plumpen Schiff, das die Straßen des Stromes nicht kennt, die Untiefen, die versenkten Klippen, nicht die tausendfältige Gefahr der treibenden Stämme, der Inseln, die plötzlich geschwommen kommen – diese große, 162 unerhörte Maschine aus anderen Breiten, die Brigantine, das Ungeheuer, scheucht alles wild vor sich her; diese gepanzerten Männer, mit Stiefeln an ihren Füßen, vertreiben mit ihrem Getrampel die Beute, wenn sie sie am Ufer suchen; diese Arkebusen, die man durchs raschelnde Gesträuch schleppen muß, dann mühsam auf die eingerammte Gabel legen, mit einer Lunte berühren, wie soll sie den Affen aus den Ästen holen? Auch die Armbrust ist langsam und plump. Die Männer stapfen fremd und hilflos durch diesen Wald, den sie hassen und der sie haßt; und die Fische im Wasser wissen sie nicht zu fangen. Zu einem taugen sie: Krieg. In diese Urwaldwelt ist etwas Neues gekommen: Jaguar und Jacaré, Katze und Krokodil haben bisher hier alle Tiere zu töten gewußt, und der Indio, der nackte, braune Waldmensch, mit Blasrohr, Pfeil und steinerner Lanzenspitze, hat den Jaguar erschlagen und den Jacaré, Katze und Krokodil. Jetzt ist etwas Neues in diesem Wald, ein neues Raubtier, das stärkste: das Tier, das den Indio tötet, das seinen vergifteten Pfeil aufzufangen, mit stählerner Axt seine steinerne zu zerschmettern weiß. Es ist, als ob in dies Land der Jaguare auf einmal Löwen gekommen wären, über die See geschwommen, ein kleines Rudel, und unüberwindlich. Sie blicken erstaunt um sich, in einem Wald, der nicht der ihre ist; sie wissen das Zebra zu jagen, und nicht den Tapir. Dann plötzlich ducken sie sich zum Sprung: sie haben das Dorf der Indianer gewittert. So jagen die Spanier Orellanas die Indios.   Hier und da, an den Ufern des großen Stromes, gibt es die Hütten der braunen Waldmenschen. Omaguas und Ticunas, Juris und Conibos, wer unterscheidet sie? Der Stamm ist nackt, der webt aus Baumwolle flatternde Mäntel, die Juris tätowieren sich einen Kreis um ihren Mund, die Ticunas ein Oval um die Linie, die zu den Ohren 163 geht, und die Passes stechen sich Male unter die Augen, und ihre Frauen sind schön und schlank, und die Carcauas sind Zwerge, die Curigueres sind riesengroß; viele Sprachen sprechen sie; die einen fressen das Herz des toten Feindes, seinen Kopf lassen sie schrumpfen, vernähen die Lippen, hängen sich das gräßliche Ding um den Hals; die anderen sind mild und sanft, kennen viele Künste des Friedens, um ihre großen Hütten wächst Mais und Maniok, wieder andere sind Fischer, die mit Pfeilen die großen Fische zu treffen wissen; am Abend bringen die jungen Jäger Papageien ins Dorf, Truthühner und Nabelschweine; in diesen Weilern kann man gebrannte Weine finden und Tümpel, in denen sie fette Schildkröten aufbewahren; und scheue, braune Weiber. Das alles gehört dem Spanier rechtmäßig, er weiß es. Hat nicht der Kapitän von den Kaziken feierlich Besitz ergriffen, unter der entrollten Fahne, im Namen des Königs? Der Escribano hat es aufgeschrieben! Und erst geht alles gut. Diese Stämme des obersten Stroms, Omaguas und Irimaraes, sind sanft und fügsam, und ihre Dörfer sind voll von guter Nahrung. Sie haben von dem großen Inka gehört, der hinter den Bergen wohnt, und daß die Fremden Söhne der Sonne sind, glauben sie. Sie bringen Schildkröten, Papageien, Maismehl und die berauschenden Getränke, die ihre Weiber aus Maniok machen, indem sie die Wurzel kauen, den Speichel dann gären lassen. Ein Häuptling heißt Aparia, oder heißt sein Stamm so; den Spaniern scheint er irgendein mächtiger Fürst zu sein, sie nennen ihn Groß-Aparia, er wird ihr Freund und ein guter Vasall des Königs, und in seinem Dorf richtet der Pater ein Kreuz auf; hier rasten sie wochenlang, und ihre Haut wird wieder voll und straff; am Sonntag predigt der gute Dominikaner. Francisco de Orellana gewährt den Soldaten die Rast; er selbst ist voll Ungeduld, möchte weiter. Weiter, weiter; hier ist er nun, hier ist 164 alles wirklich und gewöhnlich, ein wenig weiter ist das Wunder, der Traum, das goldene Land, bald, um die nächste Biegung des Stroms, gewiß, wo der nächste Nebenfluß mündet! Schon kann Orellana die Indios selbst befragen, er hat von der Tupi-Sprache Worte gelernt, die von den Stämmen des Waldes viele verstehen. Ja, sagt Aparia, ja, sagen Parayta, Dimara, es gibt ein gutes Land, ein paar Tagereisen weiter – – Ja, solch einen gelben Stein, wie ihn der Sohn der Sonne am Finger trägt, den findet man, viele gibt es in dem Land! Sie sagen ja und würden ja sagen, fragte er nach goldenen Elefanten, oder ob der indische Großmogul am nächsten Fluß residiert. Manchmal mag Orellana zweifeln, so wie er plötzlich an Miguelitos Reden zweifelt, manchmal. Dann wieder liegt er lässig in einer Hängematte zwischen zwei schattigen Bäumen, und Aparia hockt auf dem Boden vor ihm, in der Art der Mauren und Türken: Aparia ist groß, er trägt eine bunte Krone von Federn, die kostbarer scheinen als Edelsteine, und einen Schurz aus Jaguarfell, und Ringe aus Affenknochen um alle vier Knöchel; aber er hat eine eiserne Axt in der Hand, Orellanas Geschenk; nie trennt er sich mehr von dem Schatz, in dem ein großer und mächtiger Zauber steckt. Da hockt er nun, mit bunten Farben beschmiert, und spricht, und auf einmal, von selbst, sagt er von dem großen, großen Dorf, das im Wald ist, bevölkert mit Zaubermenschen, die selbst Söhne der Sonne sind, ganz weiß im Gesicht, und der launische Curupira hat ihnen die Schätze des großen Sumpfes gezeigt; ihre Schildkröten sind sehr fett, ihre Maniokwurzeln dick wie ein Arm – –Da springt der Capitàn aus der Hängematte. Den Namen dieser großen, goldenen Stadt will er wissen, und wo sie ist! Da streckt Groß-Aparia den Arm aus, daß das knöcherne Armband klappert: Stromabwärts, so viele Sonnen, wie Finger sind und mehr. Wo ein schwarzer Fluß in den gelben Strom mündet und die Wässer sich nicht 165 mischen. Viele Sonnen. Ein großes Dorf, fette Schildkröten. Der Name des Dorfes ist: Manoa. An diesem Tage ist Orellana froh; er gibt Befehl, das Schiff sorgfältig zur Fahrt zu rüsten; drei große Kanus läßt er bemannen, sie sollen vorausfahren, zur Kundschaft und um die Untiefen zu erforschen, die Klippen und Wirbel. Aparias großes Boot, mit einer Hütte aus Palmblattrippen, bestimmt er für sich selbst, er muß an der Spitze sein, das goldene Land will er als erster sehen, ihm gebührt der erste Ruhm und die erste Gefahr. Da die Spanier weiterfahren, begleitet sie Aparia bis zu dem letzten Dorf stromabwärts, das seinem Stamm gehört; er gibt ihnen Mais mit und Töpfe voll von dem Honig der wilden Waldbienen. Zuletzt noch sehen sie ihn in seinem Kanu stehen, mit der eisernen Axt, die ihn reich und mächtig macht, und seine Krieger singen: Weißer Mann guter Verwandter, Aparia liebt weißen Mann!   Und dann kommen die Tage wieder, an denen nichts ist als Wasser und Wald, unfreundliche Wüstenei, die harte Arbeit an den Rudern, wenn der Wind entgegenweht, das Segel unnütz ist und die Strömung träge. Schon ist der Hunger wieder heftig; die letzten Maiskörner zählt man auf dem Boden der Kiste, man ißt, was man hier oder dort im Walde findet, Wurzelwerk, Kräuter. Dann eines Abends hört man die Trommeln, die von der Nähe eines Dorfes berichten; am Morgen wird es gesichtet, doch ein Hagel vergifteter Pfeile bricht plötzlich los, unvermutet, nach einer Regennacht, die das Pulver in den Arkebusen genäßt hat. Alonso de Robles, der Hidalgo, den Orellana zum Alferez gemacht hat und zu seinem Stellvertreter, der stürmt das Dorf mit der blanken Waffe, nimmt die alten Weiber gefangen, die nicht rechtzeitig flüchten können; sie nennen den Namen dieses Kaziken, 166 der gegen Kaiserliche Majestät zu rebellieren wagt: Machiparo. Machiparo ist groß und mächtig wie Aparia; Machiparo hält Schildkröten in einem großen, umhegten Tümpel; der Capitàn Orellana schickt aus dem eroberten Dorf den Cristobal Maldonado aus Segovia, damit er die Schildkröten suche und die Maiskolben von den Feldern, ein Dutzend Gefährten gibt er ihm mit: die finden den Schildkrötentümpel, Tausende von Schildkröten schwimmen und kriechen herum, große Wasservögel mit Schnäbeln wie Löffel stehen gravitätisch auf den Rückenschildern. Die Spanier, ausgehungert wie Wölfe, metzeln, wie Wölfe, mehr Beute, als sie brauchen; sie drehen die großen Schildkröten und erschlagen sie, hundert, tausend, wer zählt es. Dann auf einmal kommt wie ein surrender Hornissenschwarm aus dem Schilf die Pfeilwolke geflogen: Cristobal Maldonado ist verwundet, jeder von seinen Leuten blutet, mühsam ziehen sie sich zurück, jeder aber schleift von den Schildkröten einige mit bis ins Dorf. Sie finden das Dorf belagert, zweitausend Indios toben heulend darum herum, noch nie hat man diese nackten Wilden so kämpfen gesehen. Springt einer beherzt in ihre Mitte, Blas de Medina tut es, mit einem stählernen Schwert, mit einem runden Schild, er zerhackt ihre nackten Leiber zu Dutzenden; die Armbrüste schicken ihre schweren Bolzen durch ihre Schilde aus Weidengeflecht und Alligatorhäuten; ihre Waffen sind aus Holz, Stein und Bein; dennoch fechten sie um ihre Häuser als wirkliche Helden, kein Spanier bleibt ohne Wunden, den trifft ein Pfeil, den eine lange Fischharpune mit einem Widerhaken an der beinernen Spitze. Dann siegt über Holz und harten Stein und klägliche spitze Tierknochen der Stahl der spanischen Schwerter; der Rest ist Gemetzel, widerwärtig und grausam. Vergeblich bittet in solchen Fällen der Vater Gaspar um das Leben der Gefangenen. 167 Dieser Fray Gaspar de Carvajal, sagte der Weltbummler, der den einzigen authentischen Bericht über die erste Entdeckung des Amazonenstroms geschrieben hat, muß ein guter Mönch gewesen sein, in nichts diesem anderen Dominikaner gleich, dem furchtbaren Fray Vicente de Valverde, Bischof von Cuzco, den wir ungerührt neben dem sterbenden Inka Atahuallpa stehen sehen, und überall, wo Pizarros Verbrechen gegen das Volk von Peru geschehen. Fray Gaspar scheint nach seiner Schrift gut und milde gewesen zu sein, ein Freund und Fürbitter der Indios wie der berühmte Las Casas, dabei persönlich tapfer in jeder Gefahr, zweimal während der Reise wird er verwundet, und er verliert ein Auge durch einen Pfeil. Ein wahrhafter Christ, ein edler Priester, nur als Chronikschreiber nicht ganz auf der Höhe. Wann er Hunger gelitten hat mit seinen Gefährten, das verzeichnet er genau; wir wissen nach all den Jahrhunderten, an welchem Tag sie nur Kräuter aßen und wann sie ein wenig Mais gehabt haben und wann eine große Schildkröte, man kennt genau das Datum, gewissenhaft schreibt der Pater es auf, so sind in seinem Berichte die Stellen: »Mittwoch am Vorabend von Corpus Christi, sieben Tage des Junius, hieß der Capitàn Hafen suchen in einem kleinen Ort, der über besagtem Flusse stand, und so nahm man es ohne Gegenwehr, wo wir viel Essen fanden, im besonderen Fische, denn von diesen fand sich so viel und im Überfluß, daß wir unsere Brigantine wohl beladen konnten, dies aber hatten die Indios zum Trocknen, um es landeinwärts zu bringen und zu verkaufen –« Das zeichnet er sorgsam auf, und alle Gefechte, wer verwundet wurde, wer starb, die Namen der Spanier wissen wir, die im Kampfe fielen, hier oder dort; und wer am Fieber starb, das wissen wir, alle vierzehn Namen – – Nur dort, wo die Rätsel beginnen, die Wunder, wird dieser Mann 168 des Glaubens kurz und dunkel. Sechs Zeilen in seiner Chronik darüber, wie sie auf einer Insel die Indianerin fingen, und daß sie schön war »und von vielem Verstand, und sagte, daß von hier und landeinwärts viele Christen wären wie wir, und es hält sie ein Herr, der sie flußabwärts gebracht hat, und sie sagte uns, daß unter ihnen zwei weiße Frauen waren und daß die anderen Indianerinnen hatten und Söhne von ihnen – –« Daß auf dieser Insel auch Papageien waren und viele Pfauen und Schildkröten in großem Überfluß (gelobt sei unser Heiland); das erzählt der Pater in vielen ausführlichen Worten. Diese India, die Gefangene, kommt dann in dem Bericht noch ein paarmal vor, der Pater erwähnt sie, doch mit einer Scheu – – So ist es jedesmal, wenn sein Bericht von Alltäglichem abkommen sollte, von den Gefahren der Schiffahrt, der Nahrung und von all den Gefechten irgendwo in den Dörfern am Ufer, und wie da Indios in vielen Kanus die Brigantine verfolgten und der Capitàn zum Angriff das Schwert zog: Mir nach, spanische Caballeros! – – Es ist, als ob der gute Pater Dinge verschweigen wollte; hat er es vielleicht den Gefährten versprochen, dem Ritter Orellana, der selbst später mit einem stärkeren Heer zurückzukommen gedachte, um diese Rätsel zu lösen, diese Schätze im Urwald zu heben, die Insel der weißen Sklaven zu finden und das Reich der Amazonen, die verborgene goldene Stadt in dem dunklen Winkel zwischen dem Amazonenstrom und dem Rio Negro, den auch wir Heutigen noch immer nicht kennen? In dem Buch, das ich schreiben möchte, sagte der Weltbummler Hilary, muß ich freilich auch von den Dingen sprechen, die die Chronik des Mönches nur flüchtig erwähnt, von dieser schönen indianischen Gefangenen Orellanas. Sie heißt Coniapuyara, der Name ist in den Quellen überliefert, er bedeutet: die große Herrin. Dieses Weib, das 169 den Spaniern im Gefecht in die Hände fiel, mit Pfeil und Bogen, den lichtbraunen Körper fast nackt bis auf ein Jaguarfell, die reichen, langen Haare in Flechten um ihren Kopf geschlungen, den die Feder des Tukans und der kleinen edelsteinbunten Honigvögel wie eine funkelnde Krone schmücken, die Amazone Coniapuyara, ich erfinde sie nicht, sie steht da, auf dem vergilbten Pergament des Dominikaners. Liebt Orellana sie? Nimmt er sie? Der Mönch läßt es im Dunkel, gleitet scheu darüber hinweg, und wenig sagt er von dem, was nun folgt, von der großen Schlacht der Spanier gegen die Amazonen im Jahre 1542 nach Christi Geburt, »am Tage des gottseligen Johannis des Täufers, Vorläufers Christi«, in einer Biegung des Flusses, da man zu der Insel kommen soll, auf der weiße Christen leben, als Sklaven eines Kaziken oder eines weiblichen Häuptlings vielleicht, ist es die »große Herrin« selbst, Coniapuyara? Wie dieses Gefecht verlief, ja, das erzählt Orellanas Kriegskapellan, Seiten und Seiten erzählt er davon! Wie die Indios angreifen, in dunklen Schwärmen, unter dem Dröhnen der Kriegstrommeln, mit gräßlichem Schreien, und überall diese kämpfenden Weiber voran, »sie sind denen Indios als wie Kapitäninnen«, sagt der Pater de Carvajal, »und Abbruch taten sie jedwede uns mehr denn zehn andere Indios«. – Von einer erzählt er, deren Pfeil so tief in die Bretter der Brigantine fuhr, »eine Handlänge tief«, und soviel andere danach, »daß die Brigantine gespickt war wie der Rücken des Stachelschweins«. Und wir sehen die Heerschar Orellanas am Schluß vor diesen nackten Amazonen entfliehen wie das Heer des Achill vor den Scharen Penthesileas; die Insel betreten sie nicht, die weißen christlichen Sklaven befreien sie nicht, »denn diese von dort zu holen, wo sie sich befinden, die Zeit wird wohl kommen«. Kurz und geheimnisvoll sagt es der Pater und redet vieles von anderen Dörfern stromabwärts, an denen die flüchtige Brigantine vorbeifährt, 170 mit hastig rauschendem Ruderschlag, während von allen Seiten im Wasser die Flottille bewährter Pirogen plätschernd herankommt, mit großen nackten Indios gefüllt, den Muras, die mit langen Bogen schießen. Sie sehen wie Riesen aus, wenn sie am Ruder sitzen; erheben sie sich zum Schuß, dann sieht man staunend die Kürze der Beine. Langhaarig sind diese Leute; sie stecken die Zähne von wilden Ebern durch Löcher in ihren Lippen; den Spaniern scheint es ein Werk des Dämons. Die Leiber der Muras sind breit und dunkel; heller hebt sich die Haut der Amazonen von ihnen ab, die hier und dort in ihre Boote verteilt sind, schlanke und edelgeformte Frauen, in nichts den schmutzigen Wilden gleich, unter denen sie kämpfen. Sie tragen die großen Bogen der Muras, sechs Fuß sind sie lang, und schicken mit lauten Schreien Pfeil auf Pfeil; und andere führen lange dunkle Rohre, aus denen sie kleine Pfeile weithin blasen; wie Tropfen des Tropfenregens fallen die vielen Geschosse aufs spanische Schiff. Das Schiff Orellanas, riesig unter den kleinen, gebrechlichen Booten, mit einem stolzen Bollwerk, mit Schanzen und hohen Masten, das Schiff voll Eisen und Stahl, schwimmt zwischen dieser Flottille der nackten Leiber, der hölzernen Waffen. Drei Arkebusen hat Orellana an Bord, Rohre, die donnern und blitzen und heißes Metall ausspeien. Da schwimmt diese stolze Brigantine, und am Mast hat sie die goldene Flagge des Kaisers, in dessen Reich die Sonne nie untergeht; Waldmenschen und zornige Weiber in hohlen Baumstämmen greifen heulend das mächtige Fahrzeug an. Da wendet es sich auf einmal zur Flucht; die bleichen Ruderer rudern wie toll, daß die Brigantine stromabwärts rast. So entflieht im Dschungeldickicht der Waldläufer, wenn er in den Bau der Juturiameise getreten ist: die Ameise ist klein, machtlos, leicht zu zertreten, 171 doch ihre vergifteten Stiche schmerzen. Ein Arkebusenschuß, in die Piroge der Wilden gefeuert, läßt das Boot sinken, und die kleinen Teufelsfische fressen viele Leichen; dennoch sieht man das Schiff, das »Viktoria« heißt, vor diesen Wilden fliehen, vor diesen Weibern, die aus Bambusbogen und Blasrohren Pfeile spritzen, mit einem Dorn bewehrt, einer Knochenspitze. Vorn, wo die Gallionsfigur ist, die Göttin mit den geöffneten Schwingen, steht grimmig Diego Mexìa und sucht mit seinem kleinen, runden, stählernen Schild sein Werk zu schützen; vergebens, die hölzerne Nike ist schon voll von Pfeilen, in ihrer Brust stecken sie und in den Fittichen, und einer, ein großer, langer Pfeil, bunt gefiedert, ist in die strahlende Stirn der Göttin gedrungen, zwischen die beiden leuchtenden Edelsteinaugen – – Diego Mexìa schreit, als hätte der Pfeil ihn selbst getroffen, dann läßt er den Schild fallen und legt einen Bolzen auf seine Armbrust, kalt und sorgsam, und spannt mit der Kurbel die Sehne und schießt, und ein großer Indio, mit schwarzen und roten Streifen bemalt, fällt stöhnend ins Wasser: der Bolzen sitzt ihm in der Stirn, zwischen beiden Augen. Die Ruder werden von Pfeilen schwer, ehe die spanischen Ruderer, die Muskeln zum äußersten spannend, das Schiff fortreißen, stromabwärts, an den Schlammhütten vorbei, an Dörfern, aus denen die großen Trommeln dröhnen, Baumstämme, gehöhlt und mit den Häuten von Flußkühen bespannt; und immer wieder sieht man nackte, bemalte Menschen den Kriegstanz tanzen, und andere, die sich in gespenstische Masken hüllen; riesenhaft sehen sie aus, zottige Ungetüme, die Fratzen von Jaguar, Eber und Tapir tragen sie hoch über den verhüllten Köpfen, und Hirschgeweihe und die Häupter der Teufel, die in den finsteren Wäldern wohnen. Der gleicht einem Kranich, der einem Storch, so tanzen sie, mit Keulen in ihren Klauen, heulend, drohend, die Spanier sehen zitternd den bösen Zauber. Und anderswo wieder 172 ist's Krieg statt Kriegstanz; die Boote gleiten blitzschnell durch das Schilf, und dicht wie ein Schwarm von bösen Moskitos kommen die Pfeile, bis nach einer Biegung des Stroms der Spuk plötzlich endet; so wie der Wind Moskitos verweht, und der Wanderer atmet auf, erlöst und erfrischt, so endet das Summen der Pfeile. Die große, einsame Stille umgibt das gehetzte Schiff, die rettende, nur ein Gelächter schrillt hinter den Fliehenden drein, der Schrei des Trompetenvogels, der im Röhricht nistet; da verbindet die Mannschaft fluchend die vielen kleinen, seichten Kratzwunden, die wie die Hölle brennen, und Diego Mexìa, der eigenen Wunden nicht achtend, zieht zärtlich die Pfeile aus dem Leib der geliebten geflügelten Göttergestalt, nur zwischen den Augen läßt er den bunten Pfeil stecken, der tief in dem harten Holz haftenblieb: Viktoria soll aus der Wunde bluten, bis in dem Blut dieser Amazonen die Schmach dieser Stunde gerächt ist. Hinten aber, im Heck des Schiffes, steht, unverletzt in dem stählernen Harnisch, der Ritter Francisco de Orellana und blickt zurück, voll Zorn und voll Trauer, zurück auf das Rätsel, das er nicht lösen konnte, auf diese Insel, auf der das große Geheimnis liegt, auf diese Weiber, deren Wut ihn zu fliehen zwang – – Dann geht er in seine Hütte auf Deck, wo Coniapuyara gefesselt auf einem Lager liegt, die gefangene Amazone. Mit seinem Dolch zerschneidet er den Strick, der ihre Arme umschlingt, beginnt mit ihr zu sprechen in der Tupisprache, die er von Miguelito gelernt hat. Er muß mehr von den Amazonen wissen, wer sie sind und von welchen Sitten; er wird sie noch einmal besiegen, erst dann darf er sterben – –   Diesen Kampf mit den Amazonen, sagte der Weltbummler, habe nicht ich erfunden, um den Roman, den ich vielleicht schreibe, romantisch zu machen, er steht in dem trockenen Reisebericht des Generalvikars Gaspar 173 de Carvajal. Daß irgendwo in dem Urwald, an dem großen, unbekannten Strom, ein seltsames Reich von streitbaren Weibern liege, das hätten Gonzalo Pizarros Begleiter schon jenseits der Anden gehört, schreibt der Generalvikar. Und er fügt ganz ruhig und sachlich hinzu, wie er diese Weiber gesehen hat: groß und schlank, die Scham mit Fellen bedeckt, das Haar um die Köpfe geflochten, und wie sie tapfer die Indios im Kampfe führten. Auch was die Gefangene von ihnen ausgesagt hat, Coniapuyara, vermerkt der Dominikanermönch, und was am nächsten Tag ein alter Indianer wußte: daß diese Weiber nicht hier am Ufer des großen Hauptstroms lebten, sie seien nur auf die Kunde vom Nahen der Weißen gekommen, in langen Kriegspirogen; ihr Reich aber liege landeinwärts, in der großen Gabel des gelben Stroms und des schwarzen, doch seien sie dem Volk der Muras verbündet, dem Volk der langen Bogen, das hier am Ufer lebt – – Der Weltbummler schwieg ein wenig. – Seltsam, sagte er dann, wenn das nur ein Märchen ist, wie die meisten Forscher glauben, seltsam, wie hier das Märchen die Tat überlebt, wie diese Legende vom Land der Amazonen die Erinnerung an Orellanas epische Heerfahrt verdunkelt! Der Strom, den der Konquistador mit seinem Namen nennen wollte: Rio Orellana, wie nennt ihn eine nüchterne Gegenwart? Amazonenstrom! Und wo Francisco de Orellana die Stadt Manoa gesucht hat, die Stadt des goldenen Wunders, wo er Manoa gesucht hat, dort steht jetzt Manaos , Manaos, funkelnd im Licht der elektrischen Lampen, durchsaust von funkensprühenden Straßenbahnwagen, mit Oper und Kino und drahtloser Telegraphie, dort steht jetzt Manaos, nie hätte der Konquistador seine Traumstadt Manoa so reich träumen können, so voll von Wunderwerken, von unbegreiflichen Zauberschätzen – – Wie dieses Urwaldschiff des Francisco de Orellana sich der 174 Mündung des Rio Negro nähert, und wie Orellana die Wellen des ungeheuren Nebenflusses in das gelbe Wasser des Hauptstroms rollen sieht, die geheimnisvoll schwarzblauen Wellen, die sich lange nicht mit den anderen mischen, sehe ich Orellana an einem Abend in die große, kreisrunde Sonne blicken, die eben untergeht, in einer purpurvioletten Glorie, die magisch das Weltall füllt, und vor dem glühenden Ball tauchen die Traumbilder auf, die durchglühten goldenen Wolken, in denen man Inseln und Städte sieht, und große, vergoldete Kuppeln, phantastische Zinnen, was schaut Orellana, der Träumer? Die Stadt des Dorados, Manoa, Hauptstadt von Paytiti! Er ahnt nicht ein Opernhaus aus Eisenbeton, eine elektrische Bogenlampe, ein Spital, in dem man mit Affendrüsen Menschen verjüngt; ahnte er es, er würde den Traum belächeln; Manoa wagt er zu glauben, doch niemals Manaos. Mein lieber Doktor Schwarz, sagte der Weltbummler Hilary, so ist es nämlich auf dieser unwahrscheinlichen Erde mit den Wundern, nach denen wir uns sehnen. 175 Neuntes Kapitel In dem Reisebericht des Gaspar de Carvajal, sagte Hilary, wird zwischen einem Indianerscharmützel und einer Requisition die Episode gestreift, wie eines der Boote, die der Brigantine vorausfahren, um den Lauf des Stromes zu erkunden, eines Tages zwischen den Inseln verlorengeht und viele Tage verschollen bleibt; in diesem Boot sehe ich den Führer, Francisco de Orellana, vom Schiff forttreiben. Er scheint nicht der gleiche mehr seit der großen Pfeilschlacht der Amazonen. Was hat ihm in jener heißen Nacht nach dem Treffen das gefangene indianische Weib zugeflüstert, Coniapuyara? Er schläft nicht mehr, ißt nicht mehr, das Schiff ist ihm unerträglich und unerträglich die Derbheit der lauten Gefährten; er meidet selbst den einen, der ihn besser verstünde, den Kupferstecher Mexìa. Der sitzt jetzt versunken auf Deck und zeichnet mit Kohle auf ein Stück Rinde schlanke Weiber, die Bogen spannen; der Fähnrich Alonso de Robles führt den Befehl an Bord; Orellana, der Führer, eilt in dem Boote voraus, fiebernd vor Ungeduld, verzehrt von begieriger Sehnsucht, allein fast, kein Freund ist bei ihm, nur Menschen von anderer Farbe: Miguelito, dann Delikola, der langhaarige Wilde aus dem Bergwald, und Pedro, der pockennarbige Negersklave, der Orellana folgt wie ein Hund und ihn liebt, wie ein Hund den Herrn. Und sie ist da, die India, Coniapuyara. Ein Dach, wie eine Tonne, Bambus und Palmgeflecht, bedeckt mit seiner Wölbung den hinteren Teil des Bootes und schützt den Weißen gegen die Sonne. Er liegt lang ausgestreckt, das Hemd über der heftig 176 atmenden Brust geöffnet. Coniapuyara, zu den Füßen des Ritters sitzend, im Freien, in der starken Sonne, hält seinen Helm auf ihrem Schoß und putzt ihn sorgsam blank; sie ist voll Kinderfreude, da der eingelegte Stahl recht funkelt. Sie sitzt und reibt an dem Helm und singt ein indianisches Lied, ein Schelmenlied der Weiber, wenn sie aus den Maniokwurzeln den Giftsaft pressen und sie zu Mehl zerreiben: »Se manicu Francisco, Se putia pura, Se manu açara...« Sie singt das immer wieder, immer von vorn, wenn sie fertig ist, über den Helm gebeugt, daß ihre Hüften breit vorstehen. Sie singt es mit der Geste der Sklavin, die die Wurzeln auf dem Reibstein zerreibt, singt den Singsang immer wieder, den kleinen Spottvers, in den sie den Namen des Don Francisco gefügt hat, die Weise hüpft munter genug, das Antlitz der Sängerin bleibt ernst und verschleiert. »Unser Gebieter«, singt sie, »Unser Gebieter Francisco, Der Kessel kocht schon, Doch das Maniokmehl Vergaß er hineinzutun . . .« Immer weiter geht die kleine, lustige Melodie, in lauter Rucken bewegt sich der Rhythmus, und der lichtbraune Körper der India tanzt förmlich mit, nach rechts, nach links; ihre Hände am Helm mimen das Reiben des Mehls. Francisco de Orellana hört schweigend zu, mit halbgeschlossenen Augen, denen das Funkeln des Helmes wehtut; er ist seltsam müde, sein Kopf ist nicht klar, er möchte ruhen und ist doch voll Ungeduld, die Hitze in seinen Adern läßt ihn kaum atmen. Wie er da liegt und die Stimme des singenden Mädchens hört, glaubt er 177 auf einmal, sie sei eine ferne Jugendgeliebte, der er nie seine Liebe bekannt hat, und mit halbgeöffneten Lippen sagt er leise: »Doña Ana!« Dann fährt er erschrocken empor aus dem Tagtraum, fort ist sie, die er gerufen hat, Ana de Ayala, er sieht vor sich das indianische Weib und vorn im Boote die Ruderer, Pedro und Delikola. Miguelito ist ihm nicht sichtbar, der steht hinter ihm, hinter dem Schattendache am Steuer des Bootes, und drückt sich den breiten, geflochtenen Hut eben fest in die Stirn, damit das beschattete Auge besser den grell besonnten Strom überschauen könne; er blickt nach der Brigantine, die irgendwo zwischen den kleinen, dunklen Inseln verborgen ist, dort hinten im Sonnennebel. Er sieht das Schiff nicht, nickt ernst mit dem Kopf und wendet mit einem raschen Ruck das Steuer, daß das Boot plötzlich zur Seite schießt. Wie die Piroge sich dreht, blickt der Neger Pedro erstaunt von seinem Rudersitz auf, sein Auge sucht das Gesicht des Herrn und findet in ihm nur Leere und Träumerei statt befehlenden Willens. Da taucht er das runde, geschnitzte Blatt des indianischen Ruders wieder ins Wasser und strafft die gewaltigen Muskeln zu ruhigen Schlägen. »Unser Gebieter Francisco,« singt Coniapuyara laut auf – »das Maniokmehl vergaß er hineinzutun – –« Das Boot wendet sich, verläßt den Lauf des großen, gelben Hauptstroms; in den schwarzen Fluß biegt es ein, den die Brigantine nicht befahren wird. Verlädt Francisco de Orellana die Schiffsgefährten, so wie er Gonzalo Pizarro verlassen hat? Und weiß er, was Miguelito da tut? Er liegt da und murmelt leise Worte, vielleicht spricht er zu Doña Ana de Ayala, die in Sevilla ist; dann reißt er sich wieder zum Erwachen empor, stöhnt ein wenig, verlangt einen Trunk Wassers. Besorgt wendet Pedro den wolligen Kopf, ist sein Herr denn nicht krank? Die Indianerin, Coniapuyara, wirft plötzlich den schimmernden spanischen Helm von sich, daß er auf dem Boden des Bootes aufklirrt, 178 und beugt sich über den Ritter und gibt ihm in einer buntbemalten Kürbisschale das reine und schwärzliche Wasser des Flusses, den sie befahren. Orellana trinkt lange, lange. Dieses Wasser erscheint ihm so köstlich. Gab Coniapuyara vielleicht von dem Saft der Assaifrucht hinein, der unauslöschliche Sehnsucht in die Adern rinnen läßt?   Dann, in der feuchtheißen Nacht, glüht das Fieber in Orellana auf, und das Wirkliche wird ganz blaß, verdampft in wilde Gesichte, in wilde Träume des heißen Hirns. Jetzt spielen die Flammen des Abgrunds um ihn, die Hitze der Hölle hat ihn; dann wieder steht er, fröstelnd und nackt, auf den eisigen Gipfeln der Kordillere, in seine innerste Seele dringt der furchtbare Frost, da legt ihm die niemals erlangte Geliebte, legt Doña Ana de Ayala ihm ihren weichen, warmen Mantel um die zitternden Glieder, nein, über ihn beugt sich Coniapuyara und hüllt ihn in ihre langen Haare ein, da umfängt ihn das Glück der Wärme, dann plötzlich erstickt er wieder, lechzt nach kühler Luft, der große, ewige Regen des Zimtwaldes rinnt an ihm nieder, nein, es ist sein brennender Schweiß, nein, es ist das Blut des Inkas Atahuallpa, sagt Miguelito zu ihm, der riesengroß dasteht und dem die Schwingen der Göttin Viktoria wachsen. – Dann wieder sieht er Gonzalo Pizarro im ehernen Panzer, und aus den Smaragden an seinem Hals brechen grüne Flammen, so heiß, so kalt! Nein, es sind Coniapuyaras Pfeile. Miguelitos Flügel flattern, der Entsetzliche hebt sich, fliegt, ungeheuer – schieße, schieße auf ihn, mit dem Bogen, Coniapuyara! Schieße, mit deinem Pfeil nagle ihn an unser Schiff, daß er uns voranfliegt mit weitgeöffneten Schwingen, wir segeln und segeln und segeln nach Paytiti! Auf dem Fluß segeln wir, der mir durch meine Adern rinnt, er heißt Rio de Orellana, seht ihr nicht, daß er gelb ist, ganz aus flüssigem, kochendem Gold? 179 Das Fieberbild bleibt, will nicht weichen. Gold, ein endlos fließender Strom aus geschmolzenem Gold. Der Kranke langt nach dem Gold, nach den glänzenden Wellen, und plötzlich, wie er zum Rand der Piroge stürzt, bricht ein Stück Wirklichkeit durch den Alptraum, das pockennarbige schwarze Gesicht des Negers Pedro ist da, mit guten, erschreckten Augen, und die befreundete Hand reißt ihn rasch zurück, sanft und doch machtvoll. Die Wolke im Hirn Orellanas wallt auf und nieder; einmal ist der Strom geschmolzenes Gold, die Beute von Paytiti, dann wieder Wasser, Wasser, wonnevoll kühles Wasser, die durstigen Lippen öffnen sich, um den Strom zu verschlingen, er rinnt und rinnt in den Mund, und kein Tropfen kommt auf die lechzende Zunge. Wasser! möchte die Zunge sagen und kann nicht, sie stammelt vom Gold, von Paytiti und von Pizarros Smaragden, die grün sind wie gutes Wasser, das kühl aus der Waldquelle rieselt, ein starker und köstlicher Strahl, zwischen Zweigen hervor, Palmzweigen, die ausgebreitete Hände sind, Coniapuyaras Hände, sie ist Doña Ana, wißt ihr das nicht? Doña Anas Hände kommen dem heißen Angesicht näher, schlanke, starke, lichtbraune Frauenhände, die eine Schale halten, und nun, Entzücken! berührt von dem goldenen Strom ein Tropfen die dürre Zunge, in alle Poren des glühenden Leibes stürzt das kühle und süße Gold, und die Wolke zerreißt, Orellana ist wach, er weiß, aus einer weiten, weiten Ferne weiß er, daß diese India, er kennt sie, ja, die Kürbisschale an seine Lippen hält, es ist ein Trank darin, kühl und süß und gut, es ist der goldene Becher des Inkas Atahuallpa. Francisco de Orellana bäumt sich noch einmal auf, will den schrecklichen totgefolterten Inka abwehren, der Miguelitos Züge im Antlitz hat, dann gibt der Trank aus der Schale ihm Ruhe und Trost und den guten Schlaf, nur von weither hört er das Lied: »– doch das Maniokmehl –« 180 Francisco de Orellana schläft, und in seinen tiefen Schlaf hinein hört er die Stimme Miguelitos, die seltsame Dinge sagt, unfaßbar feierliche, dröhnende Zauberworte, deren Deutung geheim ist. Ist es das Fieber, das in ihm bleibt, gebändigt und wie gefesselt, doch immer da, aufwallend, abwallend, in jeder Stunde, in den Tagen, in all den gespenstischen Nächten? Ist es das Fieber, oder was tat Coniapuyara in ihren Trank, welche magischen Kräuter des Waldes, den Saft aus welcher furchtbaren Frucht? Sind es die starken Worte, die Miguelito sprach, heidnische Hexerei in der Vollmondnacht auf dem schwarzen Fluß, in dem ruhig gleitenden Boot, um das fremdartig große Flügel zu schwirren scheinen? Francisco de Orellana erwacht und schläft wieder ein, seine Augen sehen, wenn sie geschlossen sind, und wenn sie offen sind, dringen sie nicht durch den milden Nebel; Tage vergehen um ihn, Jahrtausende oder Minuten, er weiß es nicht, wird es nie wissen können. Er sieht Gestalten, hört Stimmen, um ihn wechseln die Bilder der Welt, er sieht sich selbst, wie er liegt und sitzt und schwankende Schritte tut, vernimmt seine Stimme, die ruhig und deutlich spricht, doch ganz aus der dunstigen Ferne, in der er verborgen schwebt, er ist es und ist ein ganz anderer, ein Schattenwesen in einem geträumten Wald. Manchmal, ganz selten, sieht er die treuen Augen des Negers, die gute befreundete, plumpe, große Gestalt; nie taucht sie in seine Träume, ist immer wirklich, ein Ding aus dem anderen Leben, und dann verschwindet sie wieder, ist lange nicht da, und mit ihr entschwindet die wirkliche Welt, das andere Dasein.   Im Dämmerlicht seines kranken Denkens sieht Orellana sich durch den Wald fahren, er weiß nicht, wie lange. Das ist der Strom nicht mehr und nicht mehr der schwarze Fluß, auf engen Bootpfaden windet 181 der Kahn sich durch das grüngoldene Lichtdunkel des großen Dickichts; große, weiße Reiher, aufflatternd, erschrecken das müde Hirn des Kranken; ihre wehenden Flügel schweben nachher durch seine Erinnerung, und das Spiel der tausend Schmetterlinge ist auch darin, mit halbgeschlossenen Augen geschaut und niemals vergessen. Dann entschwindet ihm alles vor einer neuen Vision, betörender Duft von zehntausend seltsamen Blumen durchweht diesen Traumtag: sie sind, er weiß nicht wie, in einem gewaltigen Wald, in dem keine Erde ist, kein Boden, das Wasser erreicht die Äste der Bäume; da fährt das Boot so leicht, wie in den Himmel gehoben, hoch zwischen den Wipfeln; und wie das Boot dahinfährt, in einer geraden Straße zwischen Sträuchern, die aus dem Wasser ragen, sieht Francisco de Orellana das ganze Wunder seltsam widergespiegelt, die eng verschlungenen Kronen, das dunkle Walddach, und all das Gerank der hängenden Zweige, der Farne und Moose, die sich zum Wasser senken, die dürren Luftwurzeln, tausendfach verknotet, und all das verwirrte Seilwerk der Schlinggewächse; das sieht er im Wasser sich spiegeln, und ein riesiger roter Fisch zerwühlt, ein Ungeheuer, den klaren, lichtbraunen Spiegel des stehenden Wassers, da zittert das ganze Bild. Coniapuyara ist da, sie steht vorgebeugt, ihr nackter Arm schwingt die Lanze nach rückwärts, den großen Fisch will sie stechen. Francisco de Orellana sieht sie, die Straffung des braunen Leibes, den grausamen Ausdruck der Augen; dann schwindet ihm mit der Besinnung das Bild. Und dann kommt es wieder, der Duft im Walde ist stärker, die Wipfel der Bäume senken sich näher heran, und wie sie der trübe Blick des Fiebernden sucht, da sieht er, warum sie sich neigen. Wie sind sie so schwer von den Blumen des Zauberwalds, tief duftenden Orchideen, unwirklichen Raubtieren gleichen sie oder bösen bunten Hexenfrauen, mit kleinen gezähnten Rachen scheinen sie alle zu lauern, 182 sie sind zu schön und ihr Duft ist zu süß, und wie sich das Boot durch die Wipfel windet, da recken die Blütenranken sich ihm entgegen und greifen nach Orellana, er hört sich schreien; da sieht er Coniapuyara, die lächelnd dasteht, die braunen Arme begraben in einer Blumenlast, sie lächelt und streut die Blumen ins Boot, da ist er bedeckt und berankt von den Zauberblumen, und nie mehr, in all den Jahren nachher, kann der Ritter sich anders erinnern, als daß ihm ein schwerer Duft an dem Namen haftet, an dieser Gestalt aus dem blühenden Wasserwald: Coniapuyara. Dieses Gesicht sieht er, des überschwemmten Waldes, der wassernahen Palmwipfel, in denen die seltsamen Blumen sind, buntem Getier ähnlich, bedrohlich wie schöne Frauen, und andere Blumen, sanftere, die plötzlich zwitschernd auffliegen und kleine Vögelchen sind, mit langen, zierlichen Schnäbeln zum Honigsaugen, rot, stahlblau, smaragdgrün und golden. Und wieder verbindet Francisco de Orellanas krankes Träumen mit diesen bunten und fremden Vögelchen auf seltsame Weise Coniapuyaras Wesen; sie ist der Duft dieses Wasserwaldes, ist Wundervogel und Wunderblume, schön und unheimlich wie diese unwirkliche Welt. Francisco de Orellana, sehr fern von sich selbst, hört sich ein Stoßgebet murmeln, mit schwacher Stimme: »Erlöse uns von dem Übel!« Da lacht die Malefica, und das Hexenlachen gellt durch den stillen Wald ohne Erde, den Wald der hängenden Blumen.   Dann liegt er in einer Hängematte, sie ist aus Gräsern geflochten und ganz verziert mit den köstlichen Federn der bunten Waldvögelchen; zwei Indios tragen den Bambus, an dem diese Matte hängt; wer sind diese Indios, wo kommen sie her und wo ist das blumenbekränzte Boot? Francisco de Orellana weiß es nicht, er ist zu müde, zu fragen, 183 er liegt in der Hängematte, die leise schaukelt, und starrt den Träger an, der hinten geht, er ist nackt und klein, und sein Leib ist fahl, von der Farbe derer, die fern vom Lichte wohnen; und um den Hals trägt er an einer geflochtenen Schnur ein Etwas, ein Menschenhaupt, durch höllische Künste geschrumpft und verkleinert; die Züge sieht man, als lebte das Antlitz noch, und lange Haare umwallen den winzig gewordenen Kopf; die Lippen aber, vernäht mit Fasern, mit langen Quasten behängt, sind gräßlich in ihrem Schweigen; wie eine laute Klage ist ihre Stummheit. Francisco de Orellana in seiner schaukelnden Matte sieht diesen häßlichen Kopf am Halse des Zwerges pendeln. Kein Grauen befällt ihn, kein Staunen. Er schaut es und schließt dann die Augen, der Traum wird vergehen. Und weiter durch enge, gewundene Pfade im Wald; Stunden vielleicht dauert es, und Wochen vielleicht, das weiß er nicht. Die Träger sind nicht mehr dieselben, andere kamen, auf einmal waren sie da, es wundert ihn nicht. Die große grünliche Dämmerung hüllt ihn so völlig ein, und er ist müde und sterbenskrank. Dann wieder ist alles anders, an seinen dürstenden Lippen verspürt er den bitteren Geschmack eines warmen Trankes, er schläft, und da er erwacht, ist um ihn die Wirklichkeit: auf einer Lichtung ein Dach auf Pfählen; seine Hängematte ist unter dem Schattendach; davor, auf der Wiese, am Ufer des schimmernden Sees, brennt ein niederes Feuer, vor einem Kessel hockt Pedro und schürt in den Flammen. Und Delikola tritt eben hervor aus dem Wald, ein Peccarischwein schleift er am Boden nach, das hat er mit seinem Wurfspieß erlegt. Und Pedro blickt auf, sieht im Auge des Herrn das klarere Leuchten, da schreit er vor Freude, springt auf und kniet dann vor Orellana, die Füße will er ihm küssen. Er schluchzt und stammelt, will reden und findet die spanischen 184 Worte nicht; was er sagt, kann man nicht verstehen, es klingt wie Klage und Warnung – – Dann ist Miguelito da, plötzlich, er trägt sein spanisches Wams, und der weite geflochtene Hut sitzt tief in der düsteren Stirn, die Augen bleiben im Schatten. Er verbeugt sich tief, mit knechtisch gekreuzten Armen; den Namen des Heilands nennt er und Unserer Lieben Frau, sie seien gelobt, der Capitàn wird genesen! Dann steht er demütig da, und in seinem Blick ist ein Lauern. Francisco de Orellana fährt plötzlich zusammen; Mißtrauen hat ihm ans Herz gegriffen, er möchte auffahren, das Lager verlassen, er ist zu schwach, ihm wird schwindlig, matt sinkt er zurück, schließt wieder die Augen. Dann aber erwacht der Wille des Kriegers von neuem, mit müder Stimme fragt er: »Wo bin ich, wo sind die Gefährten? Die Brigantine?« »Ihr sollt es erfahren, Señor Don Francisco,« sagt tonlos und mit gesenktem Blick Miguelito, »erst werdet gesund –« »Die Brigantine,« stöhnt jener, »die Brigantine! Weshalb bin ich hier?« »Ihr sollt es erfahren!« sagt Miguelito stark und richtet sich auf, hoch scheint er zu wachsen. Seinem machtvollen Blicke erliegt Don Franciscos Schwäche; ganz hilflos und steif liegt er wieder da, ein krankes Kind, das der Arzt gescholten hat. Miguelito, der andere, Miguelito ohne die Maske, sieht ihm lange und finster ins Antlitz, dann geht er und holt Coniapuyara, und da sie gekommen ist, verstummt das Winseln des Negers, der immer noch reden wollte; es ist, als scheute er sie, er zittert und hockt sich zum Kessel, gebändigt, geängstigt. Sie aber kommt näher heran; Francisco de Orellana empfindet den schweren Giftduft der Orchideen; dann ist es, als ob ein Zauber zerrisse, er sieht sie mit nüchternen Augen, 185 ein heidnisches Weib mit vorstehenden Hüften, fast häßlich in ihrer barbarischen Nacktheit. Sie lächelt ihn an, doch ihre Augen sind hart und grausam, so blickte sie, als sie den Speer schwang, den Fisch zu spießen. Sie kommt heran, spricht kein Wort, ihre Hände halten jetzt wieder die farbig verzierte Schale, sie gibt ihm zu trinken, und wie sie sich über ihn neigt, betäubt ihn ein wilder Duft nach Blumen und Weib und Magie der geheimen Kräuter und Würzen; er trinkt, und während er trinkt, glaubt er Pedro aufschreien zu hören, und Miguelito lacht laut und drohend, und alles versinkt.   Dann weiß er, das Weib, das sich über ihn neigt, ist die Jugendgeliebte, ist Ana. Zum erstenmal sagt sie, daß sie ihn liebt, sagt es in heißen und hastigen Worten, in der Tupi-Sprache der Waldindianer. Da fühlt er sich ruhig und sicher, es ist alles gut, er atmet ruhig in dieser weiblichen Nähe, wie ein fieberndes Kind, das die Mutter nahe fühlt. Dann riecht er die Orchideen, fährt heftig empor: das ist nicht Ana, das ist eine andere, ein Weib, das mit Speeren nach Fischen sticht, er weiß, eine andere – – Er starrt ihr entgegen, jetzt kennt er sie: Coniapuyara! Er schrickt zusammen, er fürchtet sich, dann sieht er den freundlichen Blick, das besorgte Gesicht. »Francisco,« sagt sie, »Francisco!« Jetzt ist ihm leichter, die Nebel zerstreuen sich, für kurze Minuten ist er kein krankes Kind, ist Don Francisco de Orellana, ein Kapitän, ein Hidalgo vom alten Blut . . . Sie sieht das Licht, das ihm nun aus den Augen scheint, und nun auf einmal streckt sie mit krampfhafter Geste dem hilflosen Kranken die Arme entgegen, als suchte sie Schutz bei ihm. »Francisco,« sagt sie, »wach' auf, Francisco, du mußt aufstehen, 186 Francisco! – Francisco!« sie rüttelt förmlich an ihm, »du mußt fliehen, Francisco! Vor Chasca fliehen!« – Da sieht er sie wieder mit Augen an, in denen die Helle erloschen ist; seine Lippen schmatzen das schwere Wort, das sie gesprochen hat: »Chasca!« Dann weiß er nichts.   Nun ist Francisco genesen und frei und leicht, so leicht, daß er den festen Boden nicht fühlt. Er steht ganz gerade, im Helm und im Harnisch; sie sind ohne jede Schwere, sie funkeln im Lichte des riesigen Vollmonds, der über dem Wasser soeben aufgeht. Er hat sein Schwert an der Seite, und der Kreuzgriff ragt vor, seiner Hand ein tröstlicher Halt. Er steht am Ufer des mondklaren glänzenden Sees, ganz allein; und er blickt in die Zaubernacht, die großen Leuchtkäfer schwirren wie tanzende Funken. Der See ist ruhig, kein Windhauch zerwühlt das Wasser, und ungeheure Blumen schwimmen darin, wie Lilienknospen aus dem Lande der Riesen, so groß wie Schiffe scheinen sie ihm, und langsam sieht er die dicken Knospen sich öffnen. Es ist alles still, nur die Grillen singen, betäubend. Dann schweigen sie plötzlich, und hinten im Wald, dessen dunklen Umriß das Auge kaum ahnt, beginnt ein beklemmendes Pochen, erst leise, dann stärker, dann dröhnend, dann füllt es das Weltall mit seinem Rhythmus. Wie ein stumpfes Beil, das gegen die Bäume schlüge, ertönt dieses Klopfen, dann ist es ein großer Herzschlag. Und dann, als hätte das Klopfen der Axt ihn jäh aufgeschreckt und alles Entsetzen ins Leben gescheucht, beginnen die Laute des nächtlichen Urwalds, ein Quaken von ungeheuren Fröschen, ein »Hu!« und »Drumdrum!« und »Uhu!« – und der Pfiff des Tapirs: »Phwuitt!« Ein großes Tier, auf dem nächsten Baum, im Mondlicht schwärzlich, 187 beginnt ein gespenstisches Husten; und nun, von der Nähe der großen Katze erschreckt, brüllen die Affen auf, Hunderte, Hunderte; kleine Brülläffchen, angstbebendes Nachtgetier; doch es klingt, als jagte der Satan Löwenherden, so tief ist das Heulen. Aus allen Wipfeln mischt sich das Kreischen erweckter Vögel hinein. Der wogende Aufruhr der nächtlichen Stimmen schwillt an und wächst, doch mitten im tobenden Lärm vernimmt man das feine, berauschende Zirpen der Grillen und dann jenes dumpfe, gespenstische Pochen, das nichts übertönt, den ungeheuren Schlag der unsichtbaren Axt, den wallenden Pulsschlag des Waldes. Francisco de Orellana steht da, im Mondlicht, das seine Rüstung versilbert; er kehrt dem Getöse den Rücken, er hört es, es wundert ihn nicht, er blickt nur ins Wasser des Sees, wo die Lilien schwimmen, so groß wie Schiffe, wie Inseln aus Blumenblättern; – dort, wo die größte der Lilien blüht, zauberisch weiß in dem Mondlicht, dort blitzen Wirbel im Wasser, dort furchen sich goldene Ringe ins schattige Dunkel. Und schneller erdröhnen im Wald die gewaltigen Schläge, und schneller glitzern im Wasser die goldenen Wirbel auf, jetzt ist's eine riesige Schlange aus Gold mit grün glänzenden Augen, die dreht sich im Takt der dröhnenden Schläge und schwimmt um die Wasserblume herum, mit schimmernden Schuppen. Da beugt sich der Ritter sehnsüchtig vor, ohne Furcht, ihn erschreckt nichts; der große, gespenstische Takt, den im Wald diese Axt schlägt, erschüttert ihn nicht, die ungeheure Schlange im Wasser fürchtet er nicht; vom Kreuzgriff des Schwertes hebt er die Hand und streckt sie ins Leere, dem goldenen Schimmer entgegen, der Schlange. Und plötzlich erschallt durch den Wald ein Gelächter, heiser und höhnisch, und alle Geräusche verstummen vor diesem Lachen, nur das gute Gezirp der Grillen geht weiter; und jene Wunderschlange im 188 Wasser beendet ihr Kreisen und streckt sich lang, eine lebende Lanze, und schiebt zum Ufer, es blitzt durch das dunkle Wasser. Das Lachen schwillt an, gespenstisch, kein Laut der Natur; hoch aufgerichtet steht Orellana am Ufer, die Schlange schwimmt näher. Und da sie näher herankommt, verwandelt sie sich; es ist nur ein Weib, dessen goldbraune Haut das Mondlicht berieselt. »Hörst du das Lachen, Francisco?« sagt Coniapuyara und steigt aus dem Wasser und schüttelt die glitzernden Tropfen von sich, daß sie sprühen und spritzen – »Hörst du das Lachen, Francisco? Der Lahme, der Zwerg lacht! Die Nacht ist voll von dem Duft der Pioçocalilien, und in dieser Nacht, wenn die Knospe der großen Seelilie platzt, in dieser Nacht ist es uns erlaubt – –« Sie hält inne, vertraulich steht sie neben dem Ritter. »Sieh!« sagt sie und deutet zum Boden. Er blickt in den Sand des Ufers und sieht im Mondlicht seltsame Spuren: zwei Füße sieht er im Sande sehr sorgfältig abgezeichnet, eine Spur von zwei Füßen, auf denen ein Wesen hier ging, vom Wald her zum Wasser: ein nackter menschlicher Fuß und der Fuß eines Jaguars. »Wer ist das?« fragt Don Francisco mit lauter Stimme, »wer geht hier zur Nachtzeit, der einen Menschenfuß hat und eine Jaguarklaue?« »Still, still!« raunt Coniapuyara an seiner Seite. »Hörst du die Axt nicht im Wald? Die Axt aus der Riesenschale der Urschildkröte? Er ist es, der Zottige, zornig durchstreift er den Wald, er wittert gewiß den Weißen, verbirg dich, er kommt, Curupira!« Er legt die Hand an den Kreuzgriff des Schwerts. »Ich bin ein Christ, ein Hidalgo aus altem Blut, ich fürchte den Dämon des dichten Waldes nicht!« »Still,« sagt sie, »er hört dich, ich sehe ihn dort in dem Dunkel; er liegt auf dem Ast, ist zum Sprunge bereit, sie hassen dich alle und 189 fürchten dich! Sahst du Curupira nie, wie er dir im Walde nachschlich? Hörst du das Huschen denn nicht, das Rauschen und Rascheln im Dickicht? Den Seltsamfüßigen siehst du nicht, der stets auf der Lauer liegt, den Ring aus Guarumastengeln streust du nicht hinter dir drein, so folgt er und folgt er dir – weißt du nicht, daß sie dich hassen? Sie hassen dich, die Verborgenen; die Furchtbaren! Er, Maty-Taperé, der lahme Lacher, der schreckliche Kleine, und er, dessen Augen im Sumpfe aufglühen, von allen der schwärzeste, schrecklichste, nächtlichste, er, Jurupary! Und die Feuerschlange des Waldes, Mboitata, haßt deine weiße Haut. Du siehst sie nicht? Hörst sie nicht? Am Waldrand dort die glühenden Augen? Das Pochen, das Lachen, das Zischen? Du fürchtest nichts?« »Die Hölle hat keine Macht«, sagte Francisco de Orellana. »Die Gespenster des Waldes verkriechen sich winselnd vor diesem Kreuz!« Er steht da und leuchtet im Mondschein, sein Harnisch funkelt. Coniapuyara, ganz dunkel, schmiegt sich an ihn, da riecht er den Duft der Waldorchideen, doch nein, nach der großen schwimmenden Lilie duftet sie, und Wasser träuft aus ihren Haaren. »Still,« sagt sie, »sei ohne Furcht, die Flußfrauen schützen dich, die Yaras, die plätschernden, und sie, die Flußschlange mit den grünleuchtenden Augen, die große Wassermutter – –« Sie lacht, er erschauert. »Du schwammst im Wasser«, sagt er. »Ich sah eine schwimmende Schlange!« »Still,« sagt sie, »ich tauchte im Mondschein. Im großen Mondspiegelsee, den der Waldstrom nährt, liegt der Stein Muyrakytas, nur im Mondlicht finden wir ihn!« Und sie öffnet die Hand, eine kleine Schlange aus hellgrünem Stein liegt darin, zum Kreise geringelt. »Das nimm«, sagt Coniapuyara. »Die große Stromschlange schützt 190 dich, weil du das Schiff erbaut hast. Der Amazonenstein Muyrakytas, im Mondspiegelsee beim Mondschein gefunden, er schützt dich, Schiffbauer! Die heimlichen Herrscher des Waldgewirrs, sie sind ohne Macht gegen das schimmernde Zeichen der Stromschlange, denn sie ist ja die Mutter des Waldes, die Wassermutter, die alles geboren hat!« Sie reicht ihm die kleine grüne Schlange, er nimmt sie. »Nun brauchst du den magischen Kranz nicht mehr,« sagt sie, »den Ring aus Guarumastengeln, das schützt dich vor Curupira! Wer das Zeichen der Stromschlange hat, wird den Weg nicht verlieren, der Wegverwirrer wird machtlos. Die Wassermutter ist stärker als dieser Waldgeist!« Sie sagt es, und wie er den Stein berührt, dröhnt im Walde noch einmal die Axt, die Erde erzittert. Dann ist es still, man hört nur das zarte Grillengezirp, der Mond ist verschwunden. Und Coniapuyaras Hand, die den Stein gereicht hat, ist seltsam kalt, eine Windung der riesigen Schlange, die plötzlich da ist; mit jähem Ruck wirft sich da Francisco vor ihr zurück, und er fühlt sich schwanken und schaukeln. Es schwingt die Hängematte des Fieberkranken.   Dann streifen ihn Fledermausflügel, grauenhaft. Er schreit und berührt seine blutende Stirn. Ein großer Vampir flattert langsam empor, der das Blut aus der Wunde gesaugt hat. Francisco de Orellana fährt in die Höhe; da weicht der Vampir. Die Nacht ist dunkel; es ist die Stunde des kalten Schauers, der Morgen ist nah. Der indianische Dolmetsch Miguelito steht da, in einem seltsamen schwarzen Mantel. »Señor Don Francisco de Orellana!« ruft er. Orellana ist wach, er ist wacher denn je. Er fragt: »Was willst 191 du?« Und ihn erschreckt in der tiefen und stillen Nacht der starke Hall seiner Stimme. »Steht auf!« spricht Miguelito. »Steht auf, Señor Capitàn. Es ist Zeit, die Fahrt zu beginnen. Man fühlt schon den Morgen! Der Tag des Geschehens bricht an. Wir beginnen die Reise.« »Wohin?« fragt Francisco. Wie eine große Glocke ertönt die Stimme des Mannes in dem dunklen Mantel: »So wißt Ihr es nicht? Wir fahren nach Paytiti!« Die Arme, die unter dem Poncho verborgen sind, streckt Miguelito von sich, da scheinen sie Fledermausflügel. »Über den See,« sagt er, »über den See von Paytiti in die goldene Stadt, nach Manoa!« 192 Zehntes Kapitel Miguelito geht langsam voran, zum Ufer des Sees, Don Francisco folgt ihm, er fröstelt in seinem Harnisch. Der See trägt ein Fahrzeug, es ist kein gehöhlter Baumstamm, kein Boot der wilden Bewohner des großen Stromwalds, es ist ein aus Balken gefügtes Floß, eine peruanische Balsa, so wie sie Francisco de Orellana seit langem kennt: zwei Pfähle inmitten der Plattform tragen das Viereck des Segels. Eine kauernde dunkle Gestalt auf dem Floß erwartet die beiden. Orellana erkennt die indianische Kriegerin, Coniapuyara. Ihr Bogen liegt neben ihr, sie raucht eine dicke Rolle des indianischen Krauts, auch sie ist in einen dunklen Mantel gehüllt. Sie schweigt und hockt, und das brennende Rauchkraut leuchtet im Finstern auf. Mit einem Sprung setzt Miguelito aufs Floß. Der Ritter folgt ihm, die Rüstung klirrt leise auf. Am Himmel sieht man den Morgenstern leuchten. Miguelito blickt auf zu dem Stern: »Chasca leuchtet schon,« sagt er, »der kleine Bruder geht dem Sonnengott voran, der junge Diener bereitet dem Herrn den Weg!« Don Francisco verwundert sich; Miguelito hat nicht kastilianisch gesprochen, er braucht die Quichua-Sprache des Inkareichs; wohl versteht sie Francisco de Orellana, der Peru erobern half. Der Ritter runzelt die Stirn. Was spricht der vom Sonnengott? Er ist ein getaufter katholischer Christ, schon seit langem bekehrt, was spricht er von heidnischen Göttern? Wie schaurig kühl diese Nacht ist! Miguelito stößt ab, und der kalte Wind verfängt sich ins Segel. Sie fahren; das Floß ist niedrig, mit Binsen bedeckt, Miguelito 193 steuert. Ein seltsamer Duft, den er kennt, schlägt Francisco entgegen. Er beugt sich vor und späht in das Wasser, da sieht er die offenen Riesenschalen der schwimmenden Lilien wieder, er schrickt zusammen, sein Auge sucht scheu nach Coniapuyara. Die hockt ganz stumpf und stumm auf ihren Schenkeln, nach vorn gebeugt, und stößt den Rauch aus. Im Morgengrauen erkennt Orellana den Umriß der dunkel verhüllten Gestalt: ein Waldweib mit straffen Muskeln, halb Kind und halb scheues Tier. Vergeblich sucht er in ihren Zügen die heißen Gesichte der Mondnacht. Aber dies Schweigen ist drückend; er richtet sich auf, sieht am Ufer des Sees die finsteren Wälder, sieht im Wasser die Riesenblumen, starr, weißlich und grün und im Innern ganz dunkel; sie duften so stark, wie das Floß vorbeischießt. Ganz lautlos fährt es; kein Ton ist in der ganzen Natur, kein Plätschern, kein Vogelzirpen; nur tiefe, schweigende Schatten und wallende Dünste; ein nebliger Himmel, so fern, durch den nur der eine Stern scheint, der Morgenstern Chasca, der Herold des Heidengottes – – Francisco de Orellana muß reden, seine Stimme muß er vernehmen. Er fragt: »Wie heißt dieser See?« »Der See von Paytiti«, sagt Miguelito leise. »Die goldenen Hügel sind nahe, gedulde dich, Spanier!« Er legt seine Hand an das Steuer der Balsa, der Wind weht frischer, mit einem Rauschen schießt das Floß durch die Wellen. Francisco de Orellana legt seine Hand an die Stirn, dort brennt eine kleine, garstige Wunde. Das alles ist fremd und sehr seltsam. »Wer bist du?« fragt Orellana ganz plötzlich den Mann in dem dunklen Mantel. »Ein Inka«, sagt Miguelito. »Wie heißt du?« fragt Orellana. »Ich heiße wie dieser Stern,« sagt jener, »Chasca!« 194 Sie schweigen. Francisco de Orellana denkt langsam, sein Kopf ist aus Blei. Dann aber erinnert er sich, er weiß, wer er ist und was ein Hidalgo zu tun hat, ein christlicher Caballero. Seine Rechte findet den Schwertgriff, seine Zunge die alten hochmütigen Worte. »So spricht ein Hund und ein Heide!« sagt er. »Ein Lutheraner! Ein Maureske, der dem Mahoma anhängt! Wenn wir beim Heere zurück sind, du falscher Maranne, dann will ich dich lehren, abtrünnig zu werden, ein Inka, ein Götzendiener! Hat dich dazu dein spanischer Lehrer die christliche Sprache gelehrt? Dein braunes Fell hat er zu sehr mit der Peitsche verschont – Nun sprichst du wie ein rechter Rebell gegen Kaiserliche Majestät, die kastilische Krone und den christkatholischen Glauben!« Im drohenden Blick des Ritters flammen die Feuer der heiligen Inquisition; das erste Morgenlicht ruht kalt auf seinem stählernen Harnisch, seine Hand hält das stählerne Schwert, und sein Helm ist aus Stahl, und nirgends in diesem gewaltigen Wald ist eine andere Waffe aus Eisen; das gibt ihm vielleicht dieses große Gefühl, diese Kühnheit der herrischen Rede; da er zu dem braunen Mann von der Peitsche spricht, fühlt er voll Vertrauen den Schwertgriff in seinen Fingern. In diesem Augenblick, da der Braune, der Indio, das Haupt zu erheben wagt, begegnet er, Traum oder nicht Traum, der Härte des spanischen Herrn, dem Blut, das sich edler dünkt, dem Herzen voll Hochmut; er aber, nicht der demütige Dolmetscher Miguelito, der Indio in spanischen Hosen, der Sklave, der sich bekreuzigt und der sich verbeugt hat, sondern Chasca, ein Inka von Manco Capacs sonnengöttlichem Blut, erhebt sich jetzt, schroff und steil aufrecht gegenüber dem Mann aus dem weißen Europa; und wie er dasteht, neben dem eisern Geharnischten, in dem dunklen Gewand aus Vicuñawolle, barhäuptig, 195 bartlos, mit breit vorstehenden Backenknochen im rötlichbraunen Gesicht, da wird auch das Auge viel freier, zum erstenmal seit den Jahren der Knechtschaft erträgt es ein spanisches Auge und zuckt nicht, dieser Mund dolmetscht nicht mehr, er redet, es gibt keinen Miguelito mehr, dieser Mann da ist gänzlich Chasca. »Auf diesem See,« sagt er langsam und halblaut, in der Sprache Quichua, »auf diesem See herrscht Habsburgo nicht, und Jesus Christo herrscht hier nicht, deine Brigantine fährt hier nicht, dies ist der See der großen Wassermutter, und am Ufer betet der Inka zu Ynti. Sprich von deinem Kaiser dort, wo er herrscht, von deinem Glauben, wo er geglaubt wird, hier aber sollst du heute die Sonne sehen und ihren Gottsohn, den Inka!« Er zeigt nach Osten, wo eine erste Ahnung des Sonnentages zu glimmen beginnt, über hügligen Ufern. »Dies,« sagt er, »dies ist der Tag, den Chasca gewollt hat, die Sonne kommt, die er wollte, Ynti! Ynti! Chasca hat es gewollt, Miguelito hat diese Tat getan, Chasca verborgen in Miguelito. So sagt der Inka Chasca aus dem Sonnenhause des Manco Capac: eine Stätte wird es geben, wo der Inka herrscht und nicht der weiße Herr, wo Ynti herrscht und nicht der weiße Heiland, das hat Miguelito getan. So sagt der Inka Chasca: das Große-Kanu-wie-tausend-Kanus befährt den Strom der großen Wassermutter, wo aber ist Gonzalo Pizarro? Chasca sieht ihn nicht, er sieht sein großes Heer nicht, er sieht seine Donnerbäume nicht, er sieht seine Pferde nicht, er sieht seine tausend menschenverschlingenden Hunde nicht, wo sind sie, sie alle sollten nach Paytiti! So sagt der Inka Chasca: das Große-Kanu-wie-tausend-Kanus ist nicht auf dem See der Pioçocalilien, es hat den Weg nicht gefunden, warum kommt es nicht, es sollte das Gold von Manoa forttragen, den Schmuck der Tempel und die goldenen Bilder der großen Inkas! Warum kommen 196 sie nicht und plündern die goldene Stadt nicht und trinken das Maisbier der Inkas nicht und reißen die Bräute der Sonne nicht heraus aus dem Hause der Sonne? Sprechen sie: es ist kein Gold in Manoa? Die Smaragde von Paytiti wollen wir nicht? Die Sonnenbräute sind zu gering, uns im Zelt zu bedienen? So sagt der Inka Chasca: ein gepeitschter Sklave wollte es nicht, Miguelito! Ein getaufter Abtrünniger wollte es nicht, Miguelito! Wer hat das Heer geteilt, wer hat Gonzalo Pizarro im Zimtwald verhungern lassen? Wer hat in das Ohr Orellanas die richtigen Worte gesprochen? Hier ist er, allein, und sein großes Kanu ist nicht hier, mit dem Gold der goldenen Stadt wird er es niemals befrachten! Gut hat der Sklave Miguelito die Lügenworte gelernt, die Sprache der Spanier! Die Worte der weißen Schildkröte hat er ins Ohr Orellanas gesprochen! So sagt Orellana: Ein Sklave betrog mich, spanische Lügenworte hat er mir gesagt. – So sagt der Inka Chasca: Das Volk der Inkas ist schwach, das Eisen der spanischen Fremden hat es nicht, die Donnerbäume der Fremden hat es nicht und die kleinen Stöcke, die blitzen; die blutigen Hunde hat es nicht, aber den Zauber der Lügenworte hat einer der Sonnensöhne gelernt, geduldig lernte er sie, ein Knabe, ein Knecht, Miguelito!« Auf einmal, aus dem feierlich langsamen Fluß der indianischen Rede, fällt Chasca, nein, Miguelito, in die kastilische Sprache, und unwillkürlich nimmt er die Miene, die Maske des Dolmetschers an: » Sì, sì, señor mio, beso la mano à Usted, caballero! El ilustrisimo señor Marquès, Don Francisco Pizarro, im Jahre des Heilands eintausendfünfhundertundsiebenundzwanzig, als er im Hafen von Tumbez ans Land ging und sah, daß das Land gut war, das Volk sanft, voll Vertrauen, da beschloß er, das Land zu erobern, sobald er genug Räuber, Henker und Frauenschänder zu einem zweiten Zug zu versammeln vermöchte – – Aber der Ilustrisimo ist klug und voll 197 Vorsicht: gleich bedachte er, er hätte niemand, der die Indiosprache genügend verstünde, um die spanischen Lügenworte dem friedlichen braunen Volk zu verkünden. Deswegen befahl Seine Gnaden, zwei Indioknaben auf das Schiff zu nehmen und über das Meer nach Kastilien, zum besseren Dienste Gottes und Kaiserlicher Majestät, und um des Seelenheils der Knaben willen, damit sie im christkatholischen Glauben gehörig belehrt werden sollten, auch die Sprache des guten christlichen Volkes erlernen, auf daß sie, zöge Pizarro mit größerer Macht noch einmal gegen Peru, als Dolmetscher gegenwärtig, bereit und zu Willen wären – Der eine Knabe hieß, nach heiliger Taufe: Felipillo. Der andere: Miguelito.« »Felipillo!« sagt Miguelito, nein, Chasca, und der Zorn verzerrt seine Züge. »Felipillo, ein niedrig geborener Bube, ein nackter Barbar, kein Inka, voll Haß gegen Manco Capacs Haus – Beim Verhör unseres göttlichen Herrn, Atahuallpa, hat der Verräter die Worte verbogen, was Pizarros Henker hören wollte, sagte nicht Atahuallpa, nein, Felipillo. Sì, señor mio, ich stand dabei, ich, Miguelito, der ich Chasca bin, aus dem Haus der Sonne, aus dem Geschlecht des Ur-Paares, Manco Capac und der Oello Huaco, der Sonnenentsprossenen, die vom See Titicaca am Anfang der ersten Zeiten den goldenen Keil der Gewalt in das Tal von Cuzco trugen – ich stand dabei und vernahm Felipillos haßerfüllte Lügen und wollte, aufschreiend, die Wahrheit bekennen. Aber der Herr, dem man gehorcht, Atahuallpa, verbot es mir; er sprach vor Pizarros spanischen Richtern lange zu mir, nicht auf Quichua, in der Sprache, die Felipillo versteht, nein, in der heiligen Sprache der Inkalippe, die nur wir Sonnengeborenen wissen. Da stand Felipillo, grinsend, aufrecht vor dem Erhabenen und sagte spanische Lügenworte: ›Der Inka gesteht, Atahuallpa, die Krone geraubt zu haben und seinen Bruder Huascar ermordet. Item, er sei des 198 Götzendiensts schuldig, der Vielweiberei und des rebellischen Aufruhrs gegen den Kaiser Carolus.‹ – Er aber, Atahuallpa, hatte kein Wort zu den Richtern gesprochen, kein Wort noch zu Felipillo: seine Worte waren für mich, Felipillo verstand nicht. Ich, Chasca, verstand, und den letzten Befehl des Erhabenen trage ich weiter, in das Land der letzten Zuflucht bringe ich ihn, her nach Paytiti – –« Francisco de Orellana hört zu, mit dem kalten Lächeln des spanischen Siegers. Miguelito, der Chasca ist, zieht unter seinem dunklen Poncho plötzlich ein Ding hervor, einen großen Gürtel, nein, eine Schnur mit tausend verschlungenen Fransen, die er auf dem nackten Leib trug, entrollt sie, wie ein Banner. Der Ritter erkennt die Knoten, die vielfarbigen Fäden, es ist die geheime Knotenschrift, Quipu. »Dies,« sagt Chasca und schüttelt den Strick, daß die verknüpften Fäden und hängenden Fransen im Winde flattern, »dies ist die Botschaft des sterbenden Inkas, Atahuallpa – Ich, Chasca, ein Quipu-Camayu, der Quipuknoten zu knüpfen versteht, habe die Fäden verschlungen, die roten Kriegsfäden und die weißen Friedensfäden und die gelben Sonnenfäden, und die Wortknoten geschürzt und die Zahlknoten, in gehörigem Abstand, so wie ich es von den weisen Männern lernte.« Er hockt auf dem Flosse nieder, wie ein Maure und Türke, und seine Hände fahren feierlich über die Knoten, langsam, die Quipuschrift lesend. »Dies«, sagt er, »ist die Botschaft des Inkas Atahuallpa an das Land der letzten Zuflucht, an Paytiti: es war einst das Reich der Sonne, wer kennt seinen Namen noch: Tavantinsuyu! So sagt der Inka Atahuallpa: Selbst der Name des Landes ist ausgelöscht. Weil ein Troßknecht des weißen Raubheeres ein Wort nicht verstand, den Namen des Flusses Birù, heißt das Land der Sonne für immer: Perù. 199 So, sagt der Inka Atahuallpa, ist unser Reich getilgt, ausgelöscht und zertreten, der große Tempel geschändet, das Tempelgerät zerhackt und zerschmolzen, das Haus Manco Capacs stirbt unter Henkershand, ein hungerndes Volk von Sklaven und gelben Bastarden schreit unter der Peitsche; in der Tiefe der Bergwerke lebt es, in die Eiswelt der Anden verkriecht es sich. Die große Straße der Inkaboten verfällt, die hohen Bergbrücken stürzen, die Terrassen füllt das Geröll, die Felder verarmen. – So sagt der große Inka, der König der vier Weltviertel, Atahuallpa: Es war einst das Reich, Tavantinsuyu, in dem niemand Hunger hatte. Dies ist das große Gesetz des Ur-Inkas, Manco Capac: Arbeitet rastlos, alle gleich auf dem Boden, der allen gehört, lebet brüderlich, väterlich wird die Sonne euch schützen und ihr Abbild, der große Inka. Vom Ertrag deines Bodens sollst du dem Inka Zoll zahlen, und der Sonne. Der Inka nährt dich, wenn du hungrig bist, deinen Vater nährt er, wenn er alt ist, dein Kind kleidet er in die Wolle der großen Lamaherden, die für alle gemeinsam gehütet werden; sei ohne Sorge, die Sonne sorgt für dich und der große Inka und sie, die glänzenden Strahlen, die ihn umgeben, die Sippe des Hauses Manco Capac, sorgen für dich. So sagt der Inka, Atahuallpa: Es gab ein Reich ohne Hunger und ohne Trägheit, ein Reich des still zufriedenen Volkes und der sorglosen Greise. Es ist zerstört, sein Name ist vergessen, der neue Name des Landes ist Peru und Hunger und Elend. Darum, sagt der Inka Atahuallpa, knüpfe du, Chasca, das Gesetz Manco Capacs in Quipuknoten und bringe das große Vermächtnis in das letzte Land der Zuflucht, nach Paytiti, und hüte es wohl, damit es die weisen Räuber nicht finden, in der Geheimen Stadt, im Letzten Tempel, in der Burg der Bogenspannerinnen, der Sonnenjungfrauen, und lasse die Spanier nicht nach Manoa!« Über die Quipus gebeugt, die Knoten betastend, wird Chasca stumm, 200 seine Finger befühlen die bunten Schnüre. Francisco de Orellana aber erhebt die Hand: »Auf diesem Floß fährt ein Spanier doch nach Manoa, Freund Miguelito! Bei der heiligen Mutter von Guadelupe, noch heute hisse ich dort das goldene Banner des Kaisers, und das Kreuz erhöhe ich in dem Heidentempel.« »Ein Spanier fährt auf dem Floß nach Manoa,« sagt jener, »und am Steuer steht Chasca!« Er schweigt und hebt vom Boden ein Ruder, eine kunstvoll geschnitzte Pagaie, und knüpft die Knotenschnur Quipu daran, sie flattert wie eine Fahne. »Dich aber«, sagt Orellana, »ermahne ich bei deiner heiligen Taufe und deinem Vasalleneid, die rebellischen Reden zu lassen und deinen heidnischen Irrtum. Ein Floß fährt nach Paytiti, ein christlicher Ritter ist drauf, sein gutes Schwert ist bei ihm, und du lenkest das Steuer; so bringst du das Kreuz und Kastiliens Fahne nach Paytiti, weißt du das nicht, Miguelito? Wenn du es nicht weißt, wenn du's nicht bedacht hast, was bringst du mich nach Manoa?« » Das ,« sagt ihm Chasca und schwenkt sein buntes Knotengespinst in den Morgenwind, »das sagt dir heute noch in Manoa der Goldene.« Er wendet sich ab, gegen Osten, wo über den Hügeln die Sonne aufsteigt. »Ynti!« sagt er. »Ynti!« singt er, der Sonne entgegen. Und Coniapuyara, die bisher so Stille, fällt plötzlich mit ein in das Sonnenlied: »Ynti! Ynti!« Sie rafft ihren Bogen auf, einen weißgefiederten Pfeil legt sie auf die Sehne und schießt ihn ostwärts gegen die steigende Sonne. Der Ritter, Francisco de Orellana, bekreuzigt sich. Er möchte aufschreien, den Heidengesang der beiden hindern, er kann es nicht, sein Blick ist gebannt, er folgt dem weißen Pfeil, der da ostwärts fliegt, in den gelben Glanz am Gestade des Sees; und auf einmal, in 201 das Lied der Inkas: »Ynti! Ynti!« mengt sich ein Ruf des erstaunten Ritters. Hoch über den dunklen Wäldern am Ufer sieht er den goldenen Schimmer; eine steinerne Stadt scheint im Morgenlicht, und Gold, Gold, Gold leuchtet auf, die Höhe des großen Hügels brennt golden; Paläste mit goldenen Firsten, ein Tempel mit goldenen Friesen gleißen und flimmern; ein Brand aus Gold erleuchtet die ganze Welt; das ist er, der Traum, das ist es, das Ziel, Paytiti, Paytiti, Manoa, Manoa! Miguelito aber blickt ernst in den goldenen Glast und hebt ihm das Ruder entgegen, von dem das Geheimnis weht, die geknotete Schnur, das große Gesetz des sterbenden Inkas, das letzte Vermächtnis. So grüßt er das Land der Zuflucht, Paytiti, Paytiti, und den goldenen Tempel hoch auf Manoas Hügel.   Um Don Francisco flattern goldgelbe Nebel, sie senken sich, heben sich, er sieht nichts als Gold, seine Sinne schwimmen verloren in einem goldenen Meer, ertrinken in goldenen Wellen, ersticken in goldenem Schaum, er weiß nichts, er fühlt nichts, er sieht nichts als Gold, Gold, Gold! Dann plötzlich erwacht er aus diesem goldenen Rausch in eine fast schmerzhafte Klarheit, und nun, mit ernüchterten Augen, die Wirkliches schauen, erblickt er Gold, Gold und Gold! Er ist, er weiß nicht wie, in einer hohen Halle, titanisch aus Blöcken gebaut; ein Halbdunkel herrscht, nur vom Dach her sickert geheimnisvoll spärliches Licht, es ist kühl hier, ein Duft nach starken Gewürzen weht durch die dumpfige Luft, und dann begegnet der Blick dem blendenden Strahl, der die Wand entlangläuft, und folgt ihm, und starrt in ein gleißendes Abbild der Sonne, eine hell beschienene goldene Scheibe, die magisch durchs Dunkel leuchtet, an der Schmalwand der Halle; ein goldener Sims geht die Wände entlang, aus gehämmerten 202 Platten, darunter aber, auf großen goldenen Stühlen, sitzen die stillen Gestalten, goldfunkelnd, mit goldenem Zierat bedeckt, uralte Tote mit schrecklich geschrumpften Gesichtern; die ledernen Leichenstirnen umgibt vielfarbig gefaltet die Llautubinde der Inkas, und die heiligen Scharlachfransen der Borla fallen über die starrenden Totenaugen. So sitzen sie, bunt in Vicuñamänteln und ganz übergossen mit Gold, auf den goldenen Thronen, mit gekreuzten Händen, die schrecklich zu leben scheinen, die Inkas zur Rechten des schimmernden Sonnenbildes, zur Linken die Königinnen, die Schwestern vom Inkastamm, die einst den Thron wie das Bett der Brüder teilten; da sitzen sie, bunt in den Mänteln aus Federwerk, mit Goldschmuck behängt und mit großen Türkisen. Da sind sie, erkennt Orellana, die endlos Gesuchten, die toten Inkas, die im Tempel zu Cuzco die plündernden Spanier nicht finden konnten; gefolterte Indios sprachen von diesem verborgenen Schatz, man grub in den Kellergewölben, man drang in die Höhlen, vergeblich. Da sind sie, die Könige, königlich ist ihr Anblick und furchterregend. Sie starren den Spanier an, er erträgt ihren Blick nicht, er stößt einen Schrei aus, dann schreckt ihn der schaurige Widerhall von den goldenen Wänden. Nur fort, nur ins Freie, zu lebenden Menschen! Francisco de Orellana beginnt durch die schaurige lange Reihe der thronenden Toten zu rennen, sie nimmt kein Ende, sie streckt sich ins Endlose. Keuchend erreicht er den Ausgang der düstern und goldenen Halle. Luft! Licht! Leben! Er wirft sich zu Boden, in einer großen, durchdufteten Gartenstille hört er sich krampfhaft weinen. Dann faßt er sich, richtet sich auf, blickt um sich. Er ist zwischen mächtigen Mauern, die goldene Friese umranden, in einem blühenden Garten voll Blumen und hängenden Früchten; mit trockenen Lippen lechzt er nach ihnen, den Ananas, Abacates, den saftigen Baummelonen; Bananendolden locken ihn an, seine Hände langen nach 203 ihnen, dann aber vergißt er auf einmal die Gier, den quälenden Durst, die Lockung der Früchte, denn zwischen dem Grün dieses Gartens und all der blühenden Buntheit ist Gold, in die Erde gepflanzt sind goldene Bäume, sind Beete voll goldener Blumen; ein ganzes Maisfeld ist da, mit großen, silbernen Blättern, die halb die Kolben verhüllen, die Körner aus köstlichem Golde, kunstvoll gebildet, mit feinen Wulsten aus silbernem Draht – – Da steht Orellana, und statt nach lebendigen Früchten verlangt er nach goldenen Ähren. Er bückt sich, ein goldener Maiskolben bleibt ihm in Händen, er hängt ihn an seinen Gürtel, in kindischer Raublust. Dann aber, schwer atmend, beginnt er zu denken. Hier also sind sie, die viel umfabelten Inkaschätze, das Gold, das Hernando Pizarro im Tempel des gräßlichen Heidengottes Pachacamac suchte und das die Priester verborgen hatten, das Gold aus dem Tempel von Tampu und all das vergrabene Gold, das der Inka zu seinem Lösegeld anbot, außer dem funkelnden Haufen, der sein Gefängnis in Manneshöhe erfüllte. Sie haben es hergebracht, in den großen Wald, in die wasserumgürtete Wildnis! Hier sind jetzt die goldenen Gärten, von denen im lange geplünderten Lande Peru nur die Sage noch geht, und die Riesenmauern, mit goldenen Platten bedeckt, die schweren Geräte, hier ist das Gold, ist das Silber und sind die blitzenden Steine, hier sind die verborgenen Schätze, viel reicher, als was der Pizarro jemals erbeutet. Und doch, inmitten des goldenen Traumes, des unsäglichen blinkenden Gartens, befällt Orellana das kühle Gefühl: nur das? Nur das Wirkliche? Nach seiner großen Sehnsucht, der eben gestillten, beginnt er sich schmerzlich zu sehnen! Nach Manoa verlangt er sehnsüchtig, nach Paytiti! Nun, da er es hat, verlangt er doppelt danach, und niemals, niemals wird er das Traumland finden, er hat es erreicht, es ist da und ein Land ohne Wunder. 204 Wie Francisco dasteht, schon satt inmitten der stärksten Begierde, sieht er durch den grünen und goldenen Schimmer des schönen Gartens auf einmal die Gestalt Coniapuyaras, die auf ihn zukommt, bunt wie ein herrlicher Vogel, in einem Gewand, gewoben aus flaumigen Federn; eine glänzende Krone aus Federn und Edelsteinen bedeckt ihren Kopf; sie trägt einen großen Bogen aus Ipeholz in der Hand und im goldenen Gurt einen Köcher. So kommt sie langsam zu ihm heran, mit ernsten Augen. »Weißt du, Francisco,« sagt sie, »was für ein Pfeil das gewesen ist, den ich zur Sonne emporschoß? Ein Pfeil, der Gebete trägt, ein Pfeil mit den Federn des Urubu-Tinga. Den weißen Flußgeier lieben die Götter, sein Flug führt zu ihnen. Den Heimlichen sandte ich Botschaft hinauf. Mein Gebet hat die Sonne getroffen – –« Sie steht vor dem Mann, er sieht unter dem farbigen Mantel ihr heftiges Atmen. »Francisco,« sagt sie, »Francisco – –« Sie schweigt. »Wo bin ich?« fragt er sie rauh. »Bei den Bräuten der Sonne«, sagt sie. »Wir hüten die Stillen, die Thronenden. Wir hüten den goldenen Garten. Wir kämpfen mit schwarzen Pfeilen, mit den Federn des schwarzen Geiers, des Unheilsboten. Einen weißen Pfeil des Gebets schoß ich in die Sonne, die Gaben gewährt. Du weißt es, Francisco!« Francisco de Orellana ist still; nun versteht er das Rätsel der kämpfenden Weiber. Die Sonnenbräute! Francisco de Orellana kennt die Schliche des Satans, die List, mit der er die heiligen Bräuche der christkatholischen Kirche zu äffen versteht. Er weiß um die heidnischen Greuel des Raymifestes, da der Inkapriester das Brot und den Maiswein ausspendet, als wäre es Unseres Heilands Blut und gesegneter Leib; er weiß, daß sie beichten und Buße tun und daß sie zum Dienste des Sonnensatans die Jungfrauen in Klöstern verwahren. Er weiß es, und wie das christliche Heer in Peru solchen Hohn auf den heiligen 205 Glauben nicht dulden wollte, er weiß es – – Er weiß um das Schicksal der heidnischen Sonnenbräute im Kloster zu Cuzco – – Grimmig bedenkt er, was dort geschah – – So sind diese wütenden Weiber, die Bogenschützinnen, die die Brigantine bedrängten, die Sonnenbräute der heimlichen Stadt, Waldtöchter, zum Dienst der Inkagötzen geworben? So denkt er, und Zorn wächst in ihm; der Enkel der Glaubensstreiter, der Maurenfeinde, der Heidenhasser, vermag nicht anders zu fühlen. Er möchte das Schwert ziehen, die heidnischen Tempel zertrampeln. Dann aber bezwingt ihn ganz plötzlich der bittende Blick dieses Weibes. »Francisco,« sagt sie, »Francisco – –« Sie stockt, in ihren Augen ist Liebe und Warnung. Sie sieht ihn an und wagt nicht zu reden; plötzlich, mit der Geste des flinken Waldtiers, setzt sie sich mitten ins goldene Maisfeld, wie ein riesiger, farbenleuchtender Urwaldvogel, der gekommen wäre, die goldenen Körner zu picken. Sie hockt auf den Knien, sieht ihm lange ins Auge, mit einem hilflos gefesselten Blick, der nicht reden darf. »Se manicu Francisco«, singt sie auf einmal: »Unser Gebieter Francisco, Der Kessel kocht schon, Doch das Maniokmehl Vergaß er hineinzutun – –« Sie singt es mit bebender Stimme, die schlecht zu dem lustigen Lied paßt, dem wackelnden Rhythmus; und wie sie singt, daß der Kessel schon koche, ergreift sie langsam den Bogen; einen Pfeil legt sie an, einen schwarzen, und zielt nach dem Herzen des Ritters. Er aber lächelt. Die Kessel der Hölle mögen nur kochen! Und plötzlich wirft sie den Bogen weit von sich, springt auf, 206 umschlingt ihn, eine Wildkatze müßte so lieben. Er versteht, daß sie ihn vor dem Tode gewarnt hat, und daß sie ihn retten möchte und haben; er weiß, was der weißgefiederte Pfeil des Gebets von den Göttern verlangte. Er aber hat auf der Brust den Küraß des spanischen Ritters, und wie sie an seinem Hals hängt, ist zwischen ihnen der Stahl. Versteht er die Stunde nicht? Versteht nicht, was sie ihm bietet? Daß sie ihm das Wunder bringt, das er vermißt hat, das Wunder, das in diesen goldenen Wundern von Paytiti nicht ist, den letzten und wirklichen Sinn dieses Ziels, des Erreichten, das niemals erreicht wird? Da steht er, im goldenen Garten des Traums, und wagt nicht, zu Ende zu träumen. Vielleicht, wenn er jetzt dieses wilde Waldweib mit wahrem Liebeswollen umfinge, vielleicht, vielleicht vermöchte er das Schicksal zu wenden; diesen Strom, den Francisco de Orellana gefunden hat, diesen Wald, den kein Weißer vor ihm betrat, dieses Goldland am See, diese Goldstadt Manoa, wie kann er sie besser gewinnen als durch die Liebe zu Coniapuyara, der braunhäutigen Hüterin, dem wildanmutigen Waldgeschöpf? Wenn jetzt nur sein Harnisch zerschmilzt, wenn er diesen bunten und köstlichen Urwaldvogel an seinem menschlichen Herzen erwärmen kann, wenn Weiß und Braun sich hier in Liebe vereinigt, dann ist ihm Paytiti wirklich gewonnen, dem weißen Menschen und dann seinen Kindern – – Er kann den Traum noch wenden, der Wille wendet die Träume; ihn aber findet die große Stunde gepanzert, voll Trotz und Stolz auf sein spanisches Blut. Die warme Nähe des Mädchens sagt seinem Herzen nichts; darin ist plötzlich die lang Geliebte, die halb Vergessene mächtig wiedergekehrt, Doña Ana. An sie nur denkt er, und daß ihre Kinder hier herrschen sollen. Coniapuyara verschmäht er nicht, er nimmt sie an sich, mit rauhen Griffen, der Herr die Sklavin, so wie er die goldene Ähre an sich genommen. Sie aber versteht ohne Worte, 207 worum es geht, und reißt sich plötzlich aus seinen Armen, gereizt wie ein Raubtier des großen Waldes, eine grimmige, fauchende Katze des dunklen Dickichts. Sie springt zu dem Bogen, der auf der Erde liegt, in dem goldenen Maisfeld, und zieht einen Pfeil aus dem Köcher, beschwingt mit dem schwarzen Gefieder des Unglücksvogels; nun zielt sie, diesmal in ernster Drohung, zur Amazone geworden, die sich verteidigt. Francisco de Orellana lächelt, wie vorhin. Wenn sie ihn warnt, und wenn sie ihm droht, er hat nur das Lächeln des Herrn, des Spaniers. So steht er, dem stählernen Panzer vertrauend und seinem sieghaften Fühlen; und sie, mit gespannter Sehne, mit glühenden Augen, mit nackten Armen, die mächtig das Bogenholz biegen. Er lächelt, sie wütet, und zwischen ihnen, die stumm dastehen, ist der große Haß des Geschlechts und der Abscheu der Rassen. Das Auge der Wilden kann sagen, was nie ihre scheue Zunge zu sagen verstünde: Ich wollte den Sohn von dir, doch nicht den Bastard! Sie hebt den Bogen ein wenig, sein Herz liegt höher! Er aber wendet den Blick verächtlich von dieser Gefahr, zur hohen Mauer des goldenen Gartens; dahinter hat längst schon ein Summen begonnen, der Lärm einer Menge und schrille Musik und ein dumpfes Dröhnen verborgener Pauken. Coniapuyara sieht Don Francisco zur Mauer blicken; nun achtet auch sie auf das Lärmen. Sie senkt den Bogen, sehr langsam, aus Wut erwachend, und sagt ganz ruhig, mit farbloser Stimme: »Der Goldene zieht in den Tempel der Sonne. Man ruft dich, Francisco. Der Kessel kocht – –«   Francisco de Orellana verliert nun das Bild dieses Gartens und findet sich wieder, wie er umdrängt und doch einsam auf einem Platz steht, inmitten von großen Palästen und Mauern und riesigen 208 Treppen, die höher führen, empor zu der leuchtenden Plattform des großen Tempels. Die Mauern rings um den Stadtplatz sind plump, aus dunklen Blöcken gewaltig geschichtet, mit steingehauenen Götzenfratzen verzierte Friese laufen unter den leichten Dächern aus buntem Stroh, der Tempel aber, hoch über dem dunkleren Platz, glüht völlig vom sonnenberieselten Gold der mächtig gehämmerten Platten, der Friese und Simse. Der Mittag ist nah, die Sonne steht über dem Platz, es gibt keinen Schatten, der Schimmer des Goldes ist kaum zu ertragen; und in dem grell leuchtenden Sonnenglast schreit eine Menge von dunklen Menschen zum funkelnden goldenen Tempel der Gottheit den Ruf empor: Ynti! Ynti! Francisco de Orellana, im heißen Gedränge, sieht nackte Leiber, bemalte Gesichter, sieht Pflöcke in breiten Lippen und stumpfen Nasen, die Völker des großen Waldes sind hier versammelt und singen und tanzen und heulen: Ynti! Ein Wirbel von dumpfen, hölzernen Trommeln, von Flöten aus Menschengebein, von Steinen in Kürbissen, ein Springen von Kriegern mit bunten Federn, von Maskentänzern, die Tieren gleichen, und all den dunklen Gespenstern des großen Waldes – hier tanzt auf schrecklichen Füßen, halb Mensch, halb Jaguar, der häßliche Curupira, hier Jurupary – ein Wirbel von Tönen, ein Reigen von Leibern erfüllt diesen golden besonnten Platz, und: Ynti! Ynti!, der große Rhythmus des Sonnenliedes – dann, plötzlich, ist alles erschreckend still, und auf der Höhe der Tempelplattform erscheinen Gestalten, bewaffnete braune Frauen in gleißenden Mänteln, die großen Bogen in ihren Händen – ein alter Priester der Inkas ist unter ihnen; ein bunter Baldachin schwebt über seinem Kopfe. Das Auge Francisco de Orellanas sucht in der Menge der Kriegerinnen die eine – dann schwemmt ihn Gedränge beiseite, vom Tor 209 des großen, niedern Palastes zur Tempeltreppe eröffnet sich plötzlich ein Weg in der wilden Menge, und aus dem Tor kommt ein Zug, den Francisco schon einmal gesehn hat – in Caxamarca, an jenem Tag der Gewalt, da der Heerhaufen Pizarros den friedlich kommenden Gast, den Fürsten des fremden Landes aus seiner Sänfte geholt hat, die Träger zu Boden getrampelt, die wehrlosen Menschen gemetzelt, den Inka in Ketten geschlagen – – Francisco de Orellana erkennt die Diener wieder, die vor dem Zug Atahuallpas den Boden kehrten, er erkennt ihr schrilles Triumphlied: »Haillì! haillì!« Dann sieht er die Großen der Inkas, in weißen Mänteln mit roten Gevierten, wie Bretter des maurischen Schachzabelspieles, und andere, die in den Händen die mystischen Hämmer tragen, aus Gold und aus Kupfer, und andere, völlig in Blau und in Gold, mit schweren Gehängen in ihren gedehnten Ohren, die »Ohrenmenschen« nannten die Spanier sie, sie sind wie ein Orden von Rittern unter den Inkas. Und hoch über all diesen Häuptern und denen der schauenden Menge ist wieder die offene Sänfte, vergoldet, versilbert, mit herrlichen farbenstrahlenden Federn gefüttert, mit schattigen Schirmen aus Federn – hoch schwankt die Sänfte des Inkas über den Köpfen; darinnen aber ist ein Wesen, das lebt und dennoch aus Gold scheint, in einem ganz goldenen Mantel, das düster blickende Antlitz mit Goldstaub gepudert – – »Der Goldene!« flüstert Francisco. »Der Goldene! El Dorado!« Dann blickt er noch einmal in das goldbedeckte Gesicht und erkennt Miguelito, Miguelito, zum goldenen Götzen erstarrt, die goldene Stirne ganz starr unter den Fransen der Königsborla, unter der wallenden Feder des Coraquenquevogels, des heiligen Inkavogels, der nur zur Zeit eines neuen, rechtmäßigen Königs einmal erscheint – so zieht Miguelito in dieser Sänfte vorbei. 210 Francisco de Orellana muß plötzlich des anderen Zuges gedenken und einer anderen goldenen Sänfte: so zog einst Atahuallpa vorbei, auf dem Platz einer steinernen Stadt – und ihm trat damals plötzlich der Priester entgegen, der Dominikaner Valverde, und hielt dem Heiden das Kreuz vor – und heischte im Namen des Kreuzes, im Namen des fremden Kaisers, von diesem König Gehorsam und Unterwerfung; drin aber, in den steinernen Häusern, brannten heimlich die spanischen Lunten, die Schwerter waren entblößt, Armbrüste gespannt, Bluthunde rissen an ihren Leinen – so sieht Francisco das Bild vor sich, die Smaragde am Halse des Inkas, die wippende weiße Feder – Und dann steht er, Orellana, dort, wo er die schwarze Kutte gesehn hat, er, in dem stählernen Harnisch, den Helm auf dem Haupte, und hebt den Kreuzgriff des Schwerts empor: Im Namen des Heilands! Im Namen des Kaisers! Im Namen des Papstes, des Heiligen Vaters, der seinen katholischen Kindern die neuen Länder geschenkt hat, die Hälfte dem Könige Portugals, die Hälfte dem spanischen König! »Im Namen Caroli des Fünften,« hört Orellana sich sagen, mit einer hallenden Stimme, »des Heiligen Römischen Kaisers, Imperatoris Augusti, immer Mehrer des Reichs, zu Kastilien König und zu Aragon, zu León und Galicia, Herrn zu Granada und Tanger, Erzherzogs in Österreich, Herzogs von Mailand und Königs der beiden Sizilien, Herrn von Brabant und der Niederlande, von Jerusalem König – –« Im Namen des Kaisers ergreift Orellana Besitz von der Stadt und dem Lande, von Manoa und Paytiti, er ganz allein, inmitten der dunklen Menge der wilden Menschen, vor diesem goldenen Inka in seiner Sänfte, vor diesem goldenen Tempel, vor dieser Plattform, auf der die bewaffneten Weiber den alten Priester umgeben, allein, gegen eine Welt von Heiden und Braunen, er allein, mit dem stählernen 211 spanischen Schwert, dessen Handgriff ein Kreuz ist – so steht er da und schreit die Namen von Ländern, die seinem Kaiser gehorchen – Sizilien! Tanger! Granada! hinauf zu der Sänfte des Inkas. Der aber, mit steinerner Ruhe im goldenen Antlitz, entrollt ein Knüpfwerk von Schnüren und Knoten, die Quipuschrift mit dem Gesetz Atahuallpas, und tastet mit seinen vergoldeten Fingern die Knoten, liest sie mit den funkelnden Händen und sagt dann, mit goldenen Lippen: »So sagt der Inka Atahuallpa: Knüpfe du, Chasca, das Gesetz Manco Capacs in Quipuknoten und bringe das große Vermächtnis in das Land der letzten Zuflucht, nach Paytiti, und hüte es wohl, damit es die weißen Räuber nicht finden, in der Geheimen Stadt, im Letzten Tempel, in der Burg der Bogenspannerinnen, der Sonnenjungfrauen, und lasse die Spanier nicht nach Manoa!« »Hier aber,« sagt nun Francisco de Orellana, und seine Stimme schallt seltsam stark durch die schimmernde Traumstadt, »hier steht Don Francisco de Orellana, im Namen des Kaisers und Königs, an seiner Statt Generalkapitän und Adelantado der entdeckten Gebiete, und mahnt dich, das Schwert und das Kreuz in den Händen, dich, Miguelito, getaufter katholischer Christ und Vasalle des Kaisers, aus dieser Sänfte zu steigen, demütig zu knien, den Eid zu erneuern! Wo eines spanischen Ritters Fuß steht, ist spanischer Boden! Wenn du dies nicht weißt und bedacht hast, was brachtest du mich her nach Manoa?« Er schweigt, und der Inka schweigt, um die beiden ist dumpfes Brausen, die Menge wartet. Die langen und goldenen Finger des Inkas betasten die Knoten des Quipus. Nun spricht er: »So sagt der Inka Atahuallpa: Am Tage des freudigen Festes, am Tag, da das große Gesetz heimkehrt nach Manoa, dann sollt ihr der Sonne ein blutiges Opfer bringen – –«   212 Francisco de Orellana ist durstig, durstig; er sehnt sich nach diesen Früchten im Garten. Heiß! Heiß! Nein, er fröstelt – –   Jetzt sieht er wieder: dort auf der schimmernden Plattform, vom Goldglanz umflossen, steht sie, die India, Coniapuyara, und spannt den riesigen Bogen. Da fürchtet sich Orellana und schreit und schreit – – Ein Nackter ist neben ihm, mit erhobener Keule, den wilden Kaziken erkennt er, Delikola – – Es ist heiß, ihn dürstet, er fröstelt; ein Pfeil kommt sausend geflogen, ein schwarz befiederter, endloser Pfeil; Coniapuyara hat ihn geschickt, sie ist groß, sie ist furchtbar, er liebt sie, verlangt heftig nach ihren Lippen; der Pfeil kommt geflogen, ganz langsam und deutlich – – Da schiebt sich auf einmal das pockennarbige Antlitz des Negers Pedro dazwischen, so groß wie ein schwarzer Vollmond, und fürchterlich pfeifend durchbohrt ihm der Pfeil seine Wange. Francisco schreit, ein geschrecktes Kind, ganz schwach und hilflos, und alles löst sich in flatternde goldgelbe, sonnenberieselte Nebel. 213 Elftes Kapitel Meine Herrschaften, sagte der Weltbummler und zündete sich langsam und umständlich eine neue Pfeife an, ich gedenke an dieser Stelle meines Buches, wenn ich das Zeug jemals schreiben sollte, nun etwas ganz anderes darzustellen, nämlich die Gefährten Francisco de Orellanas in einem Lager; die wüsten Kerle haben sich niedergelassen, nicht weil sie denken, ihren Anführer noch jemals wiederzusehen, der mit dem Boote verschwunden ist, zusammen mit Pedro, der gefangenen India und Miguelito und dem Kaziken Delikola – sondern ganz einfach, weil ein paar tückische im Strom treibende Baumstämme den Boden der Brigantine irgendwie beschädigt haben, oder das Steuer kaputt gemacht, oder was weiß ich, jedenfalls müssen sie das Fahrzeug reparieren, bevor sie daran denken können, den Strom weiter hinabzufahren, bis in das Meer, das an seinem letzten Ende doch einmal kommen muß, nach menschlichem Ermessen, wenn nicht, wie einige Spanier schon steif und fest zu behaupten anfangen (sie haben die Weisheit von gefangenen und verhörten, das heißt: niederträchtig gefolterten Indianern), wenn nicht dieser verdammte Strom tatsächlich überhaupt kein Ende hat und überhaupt in gar kein vernünftiges christliches Meer mündet, sondern unmittelbar in den gurgelnden Rachen der Hölle. Unterdessen, bevor sie, früher oder später, dieser gurgelnde Rachen schluckt, haben die Caballeros im Schweiße ihres Angesichts große Baumstämme unter den Kiel ihrer beschädigten Brigantine geschoben und das Ganze auf eine Sandbank gerollt; Diego Mexìa, der junge 214 Künstler, macht sich wieder als Schiffsingenieur nützlich, und das Werk gelingt nach geraumer Zeit. Zum Glück haben jetzt die wilden Indios mit ihren Angriffen völlig aufgehört; sie sind da, im Wald, man kann ihre Gegenwart ahnen, bei Nacht sieht man manchmal ein schwaches Feuer, man hört ein Trommelsignal, die Jäger finden ein totes Faultier, in dessen Panzer ein vergifteter Pfeil aus den langen Blasrohren steckt, im Dickicht sind schmale Pfade, mit steinernen Messern in das Gestrüpp geschnitten – aber man sieht keinen einzigen Indio, es ist kein Dorf zu bemerken; den Spaniern fehlt es also an Mais und an Maniok, sie leben einige Tage von einem glücklichen Zufall: Diego Mexìa, geschickt wie immer, hat mit einer Arkebuse ein plumpes Untier getroffen, eine Flußkuh, Manati sagen die Indianer. An diesem Tage triefen alle von grünlichem Tran, sie braten die fetten Stücke an hölzernen Spießen. Es ist fast ein Fest, nur lockt der starke Geruch und der träufelnde Tran das Ungeziefer in Massen herbei, eine Pest von Fliegen und Mücken und schrecklichen Ameisenheeren, man kratzt sich und flucht und ist voller Blut, auch fehlt zu dem fetten Braten, der wie Schweinefleisch schmeckt, ein Schluck Alicante, caramba! Dann wieder ist alles verzehrt, einen kleinen geräucherten Vorrat des Seekuhfleisches haben die Ameisen aufgefressen, es gilt, etwas Neues zu finden – da stolpert, das Glück ist sehr günstig (und die Heiligen, sagt Fray Gaspar de Carvajal), Cristobal Palacios, der am Ufer vergeblich zu fischen versucht, auf der einsamen Sandbank und fällt und gräbt bei dem Fall die Schildkröteneier aus, die im Sande versteckt sind. Er sucht und findet nun Hunderte, Hunderte: es ist die Stelle, an der die Flußschildkröten bei Nacht ihre Eier vergraben. In manchen Eiern sind kleine Schildkröten lebendig, sie schmecken gut. Die Spanier sammeln die Eier, die ledernen Schalen zerstampfen sie, das gibt dann ein 215 seltsames Fett, das man essen kann. So leben sie weiter; an manchen Tagen ist Hunger die Losung und Jammer der Feldruf. Das Schiff wird allmählich fertig, man kann es wieder ins tiefere Wasser rollen; jedoch der Alferez, Alonso de Robles, der seit Orellanas Verschwinden die Schar kommandiert, befiehlt vor der Abfahrt noch einen großen Fischzug, damit man womöglich ein wenig Vorrat mitnehmen könne; man bemannt die Kanus, in dem besten fährt mit Diego Bermudez und Lorenzo Muñoz der Kupferstecher Mexìa; er hat, geschickt wie er ist, das Harpunenwerfen den Indios abgeguckt und gedenkt einen Pirarucu zu erbeuten, den ungeheuren Roten Fisch des Süßwassermeeres. Die drei Kameraden rudern stromaufwärts; Diego Mexìa hat außer den langen Harpunen auch die Feuerbüchse im Boot; es gibt nur drei auf der Brigantine, und niemand versteht dieses neue Ding, die Arkebuse, so wohl wie Diego Mexìa. Die drei nun fahren, die Hitze liegt auf den. Wasser; die kleinen, schwarzen Piumafliegen stechen wie toll, Diego Bermudez flucht leise, Lorenzo Muñoz verzieht das gelbe Gesicht und murmelt Gebete; am Bug steht Mexìa, mit der Harpune, und späht in das gelbliche Wasser, bereit, seinen Speer von der Leine zu lassen. Das linke Ufer ist sichtbar, ein Wirrsal von weißlichen Wurzeln hängt hier ins Wasser. Diego Mexìa ruft kurz den Gefährten zu, sich näher ans Ufer zu halten, fort von der langen, sumpfigen Insel; vielleicht, daß die großen Fische dort unter den Wurzeln versteckt sind. Die Ruderer wenden das Boot, und nun, da sie näher und näher ans Ufer kommen, bemerkt Diego Mexìa das schwankende rohe Kanu, das hilflos herantreibt, als führte das Ruder ein betrunkener Mensch. Sie kommen näher, Diego Mexìa versichert sich rasch seiner Arkebuse, es ist das erste Indioboot, das seit langem herankam, man weiß nichts von der Gesinnung der Uferbewohner. Auf einmal, da er die Hand an die Stirn hält, die Augen beschattet, 216 schreit Muñoz auf: er hat in dem kleinen Kanu den Neger Pedro erkannt, Orellanas Begleiter. Dann bringen die drei das Boot in die Nähe des kleineren Kahnes, der tanzt und taumelt, sich dreht, ist der Neger betrunken? Er kauert hinten, riesig und schwarz, und ganz nackt, von Narben zerrissen, und hält sich am Ruder fest, ohne zu rudern. Die drei vom Schiff beginnen zu schreien, zu fragen. Der Neger starrt ihnen stumm entgegen, er lebt, doch er spricht nicht. Jetzt sehen sie, wie mager er ist, wie schrecklich verfallen. Mit einem gewaltigen Sprung, der den Kahn fast umwirft, springt nun Diego Mexìa herüber und landet im Boote des Negers. Der rafft sich schmerzvoll zusammen, steht auf, tut einen schwankenden Schritt nach vorn, wo ein Bündel im Boot liegt, mit großen Blättern bedeckt und dem Fell eines Tieres. Diego Mexìa sieht etwas Schreckliches; die pockennarbige Wange des Negersklaven ist ganz zerschnitten, von einem riesigen Pfeil, der auch in die Zunge gedrungen ist, der Neger kann nicht mehr sprechen. Der riesige schwarze Mensch erhebt verzweifelt die mageren Arme und deutet nach vorn auf das formlose Bündel; dann bricht er plötzlich zusammen, fällt schwer auf den Boden des Boots. Diego Mexìa hebt von dem Bündel die Hüllen fort und findet Francisco de Orellana. Er liegt halb bewußtlos im Fieber und murmelt zerrissene Worte; sein Kopf ist glühend, die Augen glotzen, die Hände krallen sich krampfhaft um glitzernde Dinge. Bevor er ihn zärtlich aufhebt, versucht es Mexìa vergeblich, den Griff dieser Hände zu lösen, sie halten ein goldenes Kleinod, das wie ein Maiskolben aussieht, und dann eine seltsame Schlange aus grünem Stein, Mexìa muß sie dem Fiebernden lassen. 217 Sie bringen die beiden aufs Schiff. Der Neger wird niemals mehr reden, und Orellana redet zuviel, sein Rasen und Murmeln ist furchtbar. Dann müssen alle sogar des kranken Führers vergessen: die Indios kommen und greifen in Schwärmen an. Es ist, als ob sie das Boot Francisco de Orellanas verfolgt gehabt hätten und nun ihre Beute aus diesem Schiff reißen wollten, um jeden Preis und nach jedem Kampf. Das Feuer der Stöcke-die-sprechen schreckt sie nicht ab. Ein Glück, daß die Brigantine nun wieder flott ist, ein Glück, daß ein günstiger Wind weht. Alonso de Robles, der seinen Kapitän sicher an Bord weiß, wartet nicht länger und segelt den Strom hinunter, verfolgt von den Kriegspirogen. Am dritten Tage erwacht Francisco de Orellana aus seinen Träumen, das Fieber ist plötzlich gewichen. Er spricht erst seltsame Dinge von Inkas und großen Schlangen, dann schweigt er und liegt nur ganz schwach in der Hängematte im Schatten unter dem Sonnendach; seine blutleeren Hände spielen mit einem großen Stück Gold in der Form einer Ähre und einem Schlänglein aus grünem Stein. Der Pater Carvajal, der ihn pflegen kommt, ermahnt ihn, die heidnischen Zauberdinge von sich zu tun, und legt ihm den Rosenkranz zwischen die Finger. Doch ehe der Orellana die Amulette verbirgt, sieht sie ein jeder von seinen Gefährten; am Abend sitzen sie öfters beisammen und reden. Wer hat vom Goldland gesprochen, von unerschöpflichen Minen und von Smaragden tief auf dem Grund eines großen Sees? Nicht Orellana, er schweigt und ist bleich. Nicht Pedro, der Neger, dessen Zunge für immer gelähmt ist. Der sitzt nur immer neben der Hängematte und sieht seinen Herrn an. Und dennoch, das ganze Schiff ist voll von den goldenen Märchen. So müde aber sind diese Leute der endlosen Reise, des Hungers, der schwirrenden Pfeile, der Hitze, der Fliegen, daß keiner das Goldland suchen gehn möchte – – 218 Sie sind schon weit von der Stelle, an der sie Francisco de Orellana zurückkommen sahen, da findet er wieder den Willen zum Leben. Sein erster Befehl, mit kaum hörbarer Stimme gesprochen, ist: »Wendet das Schiff! Wir segeln nach Paytiti!« Der Fähnrich Alonso de Robles zuckt seine Achseln. Unmöglich! Keine Nahrung an Bord, die Mannschaft zum Rudern zu schwach, die Indios feindlich. Francisco läßt sich vom festen Willen des Freundes beherrschen und fügt sich. Von dieser Stunde beginnt seine hastige Ungeduld, das Schiff fährt zu langsam, das Meer muß schon nahe sein, man muß nach Kastilien fahren, vom Kaiser ein Heer erbitten, und dann zurück, das Land hier erobern, die Wälder durchstreifen – – Vergeblich fragen die Männer, die ihm hier die nächsten sind, fragen Alonso de Robles und Diego Mexìa den Führer nach seinem Erlebnis. Wo war er? Wo ist Miguelito? Die India Coniapuyara? Der wilde Kazike? Francisco de Orellana erwidert wenig und Unbestimmtes: Er schaut vor sich hin, und manchmal streichelt er Pedro. Nur einer weiß sicherlich mehr, der Pater Gaspar; Orellana hat ihm gebeichtet. Der würdige Vater blickt seltsam drein, doch er darf ja nicht reden. Er schreibt auch nichts auf das Stück Pergament, auf dem er sonst jedes Geschehnis der Reise verzeichnet. Und dennoch: der letzte Matrose auf diesem Schiff spricht halblaut von dem, was der Ritter gesehn hat. Er war in Manoa. Die Straßen der Stadt sind aus Gold. Der goldene König herrscht über das Land, El Dorado! Sie wissen mehr und mehr von dem Land, je weiter sie sich entfernen. Da sind sie, die aus dem reichen Peru auszogen, um Schätze zu finden. Sie haben nur Hunger gefunden, und schwarze Wälder, und giftige Mücken, und Pfeile und Wunden und Fieber und die tägliche Plage am Ruder. Nein, nein, sie 219 sind wieder glücklich, ein goldener Traum ist an Bord – – Nur rasch bis zum Meer, und nach Hause, und neue Gefährten geworben, ein Heer braver Burschen, und eilends zurück, in den Wäldern und hinter den Sümpfen liegt es, das Land der kämpfenden Weiber, das Goldene Land der Verheißung – – So fahren sie weiter, und hungern und kämpfen mit Indios. Einige sterben, entsetzlich gepeinigt von giftigen Pfeilen. Sie sterben, und sterbend seufzen sie: Mutter! Und: Paytiti!   Aber das, sagte der Weltbummler Hilary, erzählt der Dominikaner Fray Gaspar de Carvajal wieder haarklein in seiner trockenen Chronik, obwohl er gewisse Dinge scheu genug meidet, mit der Reserve eines Wissenden, der nicht reden darf. Sonst verzeichnet er gewissenhaft alle Vorfälle auf dieser Reise auf dem unteren Amazonenstrom, jedes indianische Dorf und jede Rauferei um ein bißchen Mais. Ich denke, ich werde in meinem Buch ein paar von den Stellen vom Schluß dieser Chronik des Paters zitieren, sie passen in ihrer Nüchternheit zu dem müden Fühlen meines seltsamen Helden, der da verwirrt und geschlagen von den Träumen seiner Sehnsucht wegläuft, und dabei nichts im Sinn hat, als eben diesen Träumen wieder zuzustreben: nur rasch von Paytiti weg, nur rasch irgendwie ins Meer, nach Spanien, dort Schiffe rüsten und zurück nach Paytiti! Wenn ich das Buch schreibe, so wie ich es mir vorstelle, möchte ich nur, daß die Leute, die es lesen, zwischen den Indianerschlachten dieses Abschnittes immer wieder die Gestalt Francisco de Orellanas ahnen, wie sie auf dem Deck auf und ab geht, gehetzt von Ungeduld, erzürnt über jeden Aufenthalt, diesem großen Strome gram, der doch mitten durch die geheimsten Wünsche seiner Seele fließt, und heimlich unter 220 dem Gewand eine kleine Schlange betastend, aus einem seltsamen grünen Stein – – »Und so«, schreibt der gute Pater Gaspar, »begannen wir wieder unsere gewohnte Fahrt; doch währte es nicht lange, da sahen wir linker Hand gar große Provinzen und Siedelungen, die waren in der fröhlichsten und ansehnlichsten Landschaft, so wir an besagtem Strom gesehen und entdeckt, denn das Land war hoch von Hügeln, mit Tälern voll Volkes; aus welchen besagten Provinzen eine große Menge von Pirogen hervorkam, uns anzugreifen und zu bekriegen. Es sind diese Menschen groß und größer noch als sehr große Menschen; und sie kamen alle schwarz berußt, aus welcher Ursach wir sie nannten die Provincia der Schwarzen. Wir nahmen keines dieser Dörfer, indem der Capitàn keinen Urlaub gewähren wollte wegen des zu vielen Volkes, das gegen uns stand. Wir machten Weg den Fluß hinab, und nach zweien Tagen liefen wir vor ein kleines Dorf, wo sich die Indios gegen uns verteidigten, doch zerstören wir besagtes Dorf und nehmen den Indios das Essen, und so weiter vorwärts zu einem anderen Dorf, das daneben lag und größer war: hier verteidigten sich und kämpften die Indios, durch die Spanne einer halben Stunde, so wohl und so guten Mutes, daß sie in der Brigantine einen unserer Genossen töteten, der Antonio de Carranza hieß, er war gebürtig aus Burgos. In diesem Dorf hatten die Indios ein giftiges Kraut, denn in besagter Wunde erkannte man es: am Ende von vierundzwanzig Stunden gab er seine Seele Gott zurück. Zu unserer Absicht zurückkehrend, will ich sagen, daß wir besagtes Dorf eroberten und allen Mais nahmen; da wir aber besagtes Kraut erkannten, beschlossen wir von nun ab, nicht an Land zu gehen noch in irgendein Dorf, es sei denn in äußerster Notdurft – – Wir reisen in großer Eile, die Siedelungen meidend, und eines 221 Tages gingen wir schlafen in einen Hain, der an der Mündung eines Flusses war, so hier rechter Hand einfiel, und war eine Legua breit. Der Capitàn befahl, hinüberzukreuzen und an Land zu schlafen, denn es erschien am Ufer besagten Flusses keinerlei Wohnung, und so glaubten wir, ohne Sorge noch Unruh schlafen zu können. Und hier befahl der Capitàn, um die Brigantine einen Zaun in Art einer Schanze zu legen, um uns gegen die Pfeile zu schützen; und nicht wenig hat er uns gefrommt. Wir blieben in diesem Lager einen Tag und einen halben und gedachten länger zu bleiben. Hier nun ereignete sich ein Ding von nicht geringem Schrecken und Erstaunlichkeit für uns, die wir es sahen; und es war zur Stunde der Vesper, da setzte sich auf den Baum, unter dem wir ruhten, ein Vogel und sagte: hui! und sagte es dreimal und eindringlich. Und steht zu wissen, daß dieser Vogel auf unserem Wege immer erschien, so oft wir nahe an menschlicher Wohnung waren, seit dem Dorf, in dem wir die Nägel geschmiedet, so sagte er es uns am grauenden Morgen auf diese Weise: hui! Und dies viele Male; sonst, wenn dieser Vogel erschien, hatten wir uns gefreut, zumal wenn wir der Nahrung bedurften; doch diesmal entflohen wir, denn wir mußten die Dörfer meiden – – Hier aber erkannten wir, daß wir nicht mehr ferne waren vom Meer, denn es stieg schon die Flut bis herauf, worüber wir uns nicht wenig erfreuten, da wir nun wußten, daß wir ins Meer kommen müßten. Und da wir nun weiterfuhren, entdeckten wir einen kleinen Flußarm, daraus kamen zwei Flottillas von Kriegspirogen mit großem Lärm und Geschrei und begannen uns anzugreifen, und wäre nicht das Schanzwerk gewesen, wir wären aus diesem Scharmützel an Zahl sehr vermindert herausgekommen; doch mit diesen Schanzen und dem Abbruch, den ihnen unsere Arkebusiere und Armbrustmänner taten, 222 und der Hilfe unseres Heilands, entkamen wir, doch nicht ohne Schaden, denn sie töteten uns einen Kameraden, Garcia de Soria, gebürtig aus Logroño; und in Wahrheit drang ihm der Pfeil nicht einen halben Finger weit ein, doch da er giftig war, gab er seine Seele unserem Heiland, nicht vierundzwanzig Stunden darauf. So kämpften wir bis in die Nacht, der Fluß war ganz voll von Pirogen, und dies, weil wir in einem volkreichen Lande waren, und sein Herr hieß: Nurandaluguaraburabara. Da dies nun vorbei war, befahl der Capitàn zu kreuzen, um am linken Ufer den Dörfern zu entgehen. Hier nun verließen wir das gute Land und die Savannen und hohen Boden und begannen in ein niederes Land von vielen Inseln zu kommen, die waren bevölkert, doch nicht sosehr wie das Land stromaufwärts. Und hier verließ der Capitàn das Festland und ging zu den Inseln, zu essen nahmen wir, was wir konnten. Und da die Inseln zahlreich und sehr groß sind, konnten wir nie mehr das feste Land betreten bis zu dem Meer. Da wir nun gewohntermaßen auf dem Wege waren, sehr leer und in argem Notstand, gingen wir ein Dorf nehmen, so auf einer Sandbank gestanden: zur Stunde der vollen Flut befahl der Capitàn, die Brigantine dorthin zu lenken; der Steuermann sah einen Pfahl nicht, so im Wasser bedeckt war, und das Schiff prallte an, dergestalt, daß eine Planke in Stücke brach; so begann das Schiff zu sinken. Hier nun sahen wir uns in gar großer Not und gedachten sämtlich umzukommen, denn von allen Seiten schlug uns das Schicksal. Denn da unsere Gefährten ans Land sprangen, trafen sie auf die Indios und machten sie fliehen und begannen Nahrung zu sammeln. Die Indios, da sie viele waren, wenden sich gegen unsere Gefährten und geben ihnen eine solche Handvoll, daß sie zur Brigantine fliehen; hier aber war wenig Sicherheit, denn die Brigantine war im Sinken. Und so befahl der 223 Capitàn, die Leute zu teilen, daß die Hälfte der ganzen Kumpanei mit denen Indios kämpfte und die anderen die Brigantine retteten. Es gefiel Unserem Heiland Jesus Christus, uns zu helfen und zu begünstigen, wie er immer auf dieser Fahrt getan hat; und mit seiner unsäglichen Güte und Vorsehung konnten wir die Brigantine retten und eine Planke aufnageln; und in drei Stunden, die sich besagtes Werk verzögerte, hörten sie nicht auf zu kämpfen. Fernerhin zeigte uns in solcher Notdurft Unser Herr die besonderliche Fürsorge, in der er uns Sünder hielt, denn eines Tages gegen Abend ward auf dem Fluß ein toter Tapir schwimmen gesehen, so groß wie eine Maultierstute; und in Ansehung dessen sandte der Capitàn gewisse Gefährten, daß sie ein Kanu nähmen, um ihn zu holen, und sie brachten ihn und verteilten ihn unter alle Gefährten, dergestalt, daß auf jeden zu essen kam für fünf Tage oder sechs, was nicht wenig war. Dieses Tapirtier war neulich gestorben, denn es war noch warm und hatte keinerlei Wunde. Am Tag des heiligen Heilands, welcher ist der Tag der Himmelfahrt Unseres Erlösers Jesus Christus, fanden wir einen Strand, wie wir ihn suchten, um die Brigantine besser instand zu setzen, und machten wir ihr Takelwerk aus Pflanzen und Seile für das Meer und Segel aus den Decken, in denen wir schliefen. Und es währte solches Werk vierzehn Tage, von dauernder und gewöhnlicher Pönitenz von wegen des großen Hungers und geringer Nahrung, die da waren, denn man aß nur, was man aus dem Wasser zog, und waren dies einige Schnecken und kleine rote Krebslein so groß wie Frösche, und diese ging eine Hälfte der Gefährten suchen, die andere arbeitete. Verließen wir diesen Ort am Tage acht des Monats Augusti, wohl oder übel versehen nach unserer geringen Möglichkeit, denn viele Dinge fehlten uns. Von hier nun segelten wir nun mit dem Seewind, von 224 einer Seite zur anderen kreuzend, und waren wir zwischen den vielen Inseln nicht in geringer Gefahr, wann wir die Winde abwarten mußten; denn da wir keine Anker hatten, waren wir an Steinen festgemacht. Es wollte Gott, auf unsere Sünden nicht achtend, daß wir aus diesen Gefahren befreit würden, und er erlaubte nicht, daß wir vor Hunger stürben noch Schiffbruch erlitten, dem wir gar oft nahe gewesen, wenn wir auf den Sandbänken saßen oder schon alle im Wasser standen, Gott um Mitleid anrufend; und gemäß den vielen Malen, da wir leck wurden, kann man nur glauben, daß Gott in seiner absoluten Macht uns befreien wollte, damit wir uns besserten oder für ein ander Mysterium Göttlicher Majestät erhalten blieben. Immer fuhren wir zwischen Dörfern, wo wir uns mit einiger Nahrung versahen, obgleich es wenig war; doch die Indios hatten gewisse Wurzeln, so sie Inanes nennen; ohne diese wären wir alle vor Hunger gestorben. In allen den Dörfern empfingen die Indios uns ohne Waffen, denn es ist ein sehr zahmes Volk und gab uns Zeichen, wie sie schon andere Christenmenschen gesehen. Diese Indios sind schon an der Mündung des Stromes, aus dem wir kamen; dort nahmen wir Wasser ein, jeglicher einen Tonkrug, und anderthalb Scheffel gerösteten Mais, und andere weniger, und andere die Wurzeln, und auf diese Weise kamen wir in den Stand, das Meer zu befahren, wohin das Schicksal uns führte und würfe, denn wir hatten keinen Piloten, noch Kompaß, noch Karte. Alle diese Dinge ersetzte uns unser Herr und Erlöser, den wir als unseren wahren Piloten hielten, vertrauend in Seine Heiligste Majestät, daß er uns in ein Christenland brächte. Wir fuhren ins Meer hinaus aus der Mündung besagten Stromes am Tage zwanzig und sechs des Augusti, am Tage des heiligen Ludwig. – – Ich, Fray Gaspar de Carvajal, der Geringste der Mönche des 225 Ordens unseres Vaters Sancti Dominici, habe mir diese geringe Mühe genommen, den Verlauf unseres Weges und unserer Navigation zu sagen und die Wahrheit in allem diesem zu bekunden; und es ist Wahrheit in alledem, was ich gesagt habe und erzählt, und dieweil Weitschweifigkeit Überdruß erzeugt, habe ich so kurz alles berichtet, was da geschah dem Capitàn Francisco de Orellana und den Hidalgos seiner Kumpanei und Gefährten, die wir auszogen mit dem Heer des Gonzalo Pizarro, Bruders des Don Francisco Pizarro, Marquès und Gobernador von Peru. Gelobt sei der Ewige. Amen.«   So endet der Bericht des Paters Carvajal, sagte der Weltbummler. Ich aber werde die Stunde zu schildern haben, in der Francisco de Orellana die letzten Urwaldinseln seinem Blick entschwinden sieht und kaum mehr den Saum der letzten Palmen an der nur noch geahnten Küste ausnimmt, und nun ist auch das vorbei, und er ist auf einem grenzenlosen Meer, das aber noch die lichtgoldene Farbe des großen Stromes hat, ein letztes klein wenig von dem Gold von Paytiti ist noch um ihn, und noch viele Tage nachher umflattern ihn auf dem Deck der Brigantine die entzückenden bunten Schmetterlinge des Waldlands, bis auch sie eines Morgens fort sind, von der Seebrise weggeweht. Ich sehe Francisco de Orellana, wie er auf dem leise schwankenden Schiff steht, nicht vorn, wo die geflügelte Viktoria nach spanischen Ländern fliegt, sondern hinten, an der Schanze; er blickt zurück, und in seiner Hand hält er eine kleine Schlange aus grünem Stein, sie erinnert ihn an seinen Strom, und tief in seinem dunklen Herzen, tief unter dem Christentum, das darinnen ist, glaubt er vielleicht an den Zauber der kleinen Schlange: sollte sie ihn nicht vor dem Irrgeist bewahren, vor Curupira, der alle Wege verwirrt und die Heimkehr hindert? Oft in den furchtbaren Tagen im unteren Fluß hat Franciscos 226 Hand ganz heimlich nach dieser Schlange getastet, von der er nicht weiß, woher er sie hat und was die wilden Träume bedeuten, die sie ihm gaben. Nur ganz verborgen in seinem christlich katholisch kastilischen Herzen ist dieser Glaube, daß die grüne Schlange ihm Rettung und Heimkehr verbürgt, daß all die lauernde Hexerei der Wildnis, des Waldes durch diesen befreundeten Zauber unschädlich wird, durch die Schlange der Wassermutter, das Sinnbild des Stroms, der der seine ist, der Rio de Orellana, so meint er, für ewige Zeiten. Einmal entdeckt, aus einer Träumerei auffahrend, Francisco de Orellana sich selbst, wie er diese kleine grüne Schlange ganz fest und sehnsüchtig an seinen Mund preßt – und er hat eben noch einen leisen Duft verspürt, er weiß nicht, ob nach Waldorchideen oder nach weißen und purpurnen Wasserlilien, so groß wie Schiffe, die sich in einer Mondnacht plötzlich öffnen. Da Orellana sich so findet, wird er ganz rot und verbirgt hastig das Schlänglein in seiner Tasche; einen kurzen Augenblick hindurch hat er daran gedacht, es in das Meer zu werfen. Das kann er nicht, aber der Duft nach Orchideen und Coniapuyara wird in diesen Tagen der Heimkehr immer schwächer in seiner Erinnerung, und immer klarer wird in ihm das Bild der Doña Ana de Ayala. So kehrt seine Sehnsucht aus Paytiti heim, aus der durchdufteten Schwüle des Waldes und aus der ungeheuren goldenen Vision des heißeren heidnischen Glücks; Francisco de Orellana denkt wieder an Doña Ana, die blond und weiß ist und stolz und sehr christlich. Sie plant er zur Vizekönigin eines neuen Andalusiens zu machen, sie, und nicht die India Coniapuyara, wird ihm die Kinder gebären, die ewig im Waldlande herrschen werden; und nicht nach der Amazone, nach Orellana werden sie ewig den Strom benennen. So fährt Francisco de Orellana hinweg von Paytiti und vermeint, er könne einst wiederkehren. Irgendwo im wirren Baumdickicht, dort 227 an der Küste, die dem Blick schon entschwand, steht Curupira und lacht diesem Schiffe nach.   Ach so, sagte der Weltbummler, stand auf und streckte seine langen Beine, ich muß natürlich dann noch erwähnen, daß das Schiff »Viktoria« mit dem Ritter Francisco de Orellana und vierzig halbverhungerten und nackten Gefährten dann im weiteren ordnungsgemäßen Verlauf der Weltgeschichte am 11. September des Jahres 1542 in dem Hafen der neugegründeten spanischen Ansiedlung Nueva Cadiz auf der westindischen Insel Cubagua angekommen ist. So endete, sagt der Geschichtschreiber Gonzalo Fernandez de Oviedo, diese Fahrt, die ohne Ziel begonnen worden ist und die allmählich zu einem der größten Geschehnisse wurde, die jemals den Menschen begegnet sind. 228 Zwölftes Kapitel Als am Schwarzen Brett des Königlichen Postdampfers »Hildebrand« der Zettel angeschlagen worden war, der endgültig das längst schon Erwartete aussprach: wegen der Zustände im Staate Amazonas müsse die Weiterreise aufgegeben werden, und der Dampfer werde am nächsten Tage die Heimfahrt beginnen – waren die meisten Cruisers im Grunde ganz froh, obgleich sie alle der Form wegen ein wenig seufzten oder schimpften. Ein Funkspruch der Booth Line Steamship Company Limited an ihren Agenten in Parà hatte den Kapitän des »Hildebrand« ermächtigt, die Reisegesellschaft für die Störung des Programms dadurch ein wenig zu entschädigen, daß auf der Rückfahrt gegen die sonstige Übung ein interessanter westindischer Hafen angelaufen werden sollte, auch war ein Extratag in Lissabon bewilligt worden zur Besichtigung der Museen. Die Cruisers, die meist mit Dr. Carson der Meinung waren, es müsse vor allem der Urlaub irgendwie verbracht werden, trösteten sich offenkundig, und es herrschte an Bord die froheste Stimmung. Obwohl die Kanonenboote der Revoltosos nicht vor Parà erschienen waren und die Zeitungen der Stadt in enormen Lettern die unmittelbar bevorstehende Niederwerfung der ruchlosen Rebellion im Staate Amazonas ankündigten, verlangte fast niemand danach, stromaufwärts zu dampfen und nachzusehen, ob es denn auch wahr wäre. Trostlos war nur das Fräulein Pedersen aus Lübeck, das in die Stadt übersiedeln mußte und dort in einer Pension den Augenblick 229 abwarten, da es möglich sein würde, auf einem anderen Dampfer nach Manaos zu fahren, und von dort den Rio Madeira hinauf, und dann den Rio Mamoré hinauf, bis nach San Cristóbal in Bolivien, in die Arme ihres Verlobten, der, konnte man annehmen, schon seit einiger Zeit ziemlich ungeduldig, ja, ließ Fräulein Pedersen ahnen, verzweifelt auf der Landungsbrücke stand, mit dem bolivianischen Standesbeamten, oder war es der deutsche Vizekonsul, der das liebende Paar sofort nach der Ankunft der Braut trauen sollte – sofort natürlich, aus Gründen des Anstands. Die Gute vergoß ihre Abschiedstränen und stieg mit ihrem Gepäck in den Tender und fuhr zum Zollhaus, nicht ohne mit einem nassen Taschentuch noch lange zu winken. Das war der letzte Tender, der noch zur Stadt fahren sollte und wieder zurück. Diejenigen Passagiere, die noch nicht genug Andenken und Mitbringsel eingekauft hatten, benützten die letzte Gelegenheit und gingen noch einmal an Land, auf die Jagd nach Indianerpfeifen, ausgestopften Krokodilembryos und kleinen Terrinen aus Elfenbeinholz, in denen die Einwohner von Parà das Maniokmehl auf den Mittagstisch stellen; auch suchte die jüngere Miß Macpherson alle Läden der Rua João Alfredo nach einem bestimmten englischen Tennisrakett ab und fand es schließlich in der Casa Franco unter einem Haufen von Faultierpanzern und kleinen, aus der schokoladebraunen Guaranàmasse kunstvoll geformten Figuren von Äffchen und Schildkröten: da das Schiff nämlich zwei Tage vor der höchst britischen Insel Barbados liegen sollte, deren Lawn-Tennis-Klub im besten Ruf stand, wollte die jüngere Miß Macpherson, als Lady Champion der Grafschaft Surrey, nicht ohne ihr gewohntes Rakett dort landen, um nur ja keine kostbare Zeit zu verlieren. Sie klagte nur, daß an Bord kein richtiges Training möglich sein würde: denn was bedeutete für die 230 Tennisspezialistin die große Deckgolfkonkurrenz, die während der Fahrt nach Barbados auf dem Promenadendeck ausgetragen werden sollte? Andere Passagiere, die meisten, verbrachten diesen letzten Nachmittag, an dem der »Hildebrand« noch vor Parà lag, ruhig an Bord, in den Liegestühlen, und ließen die Hitze mit einem gewissen grimmigen Behagen über sich ergehen: morgen, im Fahren, würde schon eine kühlere Luft gehen. Unterdessen fühlte man sich nicht mehr verpflichtet, in die glühheiße Stadt zu fahren oder überhaupt etwas zu tun. Nur Lady Athill hatte nicht das mindeste Erbarmen mit sich und machte ihre Runden um das Schiff, vierundzwanzigmal um das Promenadendeck herum, in ihrem hochgeschlossenen Kleid, mit Handschuhen, mit einem violetten Schleier am Hut; der kleine, dicke Stöpsel, Mrs. Craig, lief hochrot im Gesicht und keuchend neben ihr drein, man konnte nicht wissen, warum: ob Mrs. Craig abmagern wollte oder mit einer Lady promenieren, die von Hengist und Horsa abstammte und so aussah. Im Rauchsalon saß ganz einsam der alte Mister Smith mit seiner Bottle of Baß; er sah ein wenig verfallen aus, und Dr. Carson hatte eben noch zu Lord Athill gesagt, es wäre schon Zeit, daß der alte Mann aus dem Klima fortkomme; er sei zwar wie aus Eisen, aber immerhin über achtzig und trinke entschieden zuviel Alkohol. Lord Athill, Carson und Hilary saßen in der gewohnten Ecke nahe dem Eingang zum Musiksalon beisammen, wo der Weltbummler Hilary an diesem Vormittag wieder von seinem Buch weitererzählt hatte, denn die in der Nacht auf dem Bootsdeck begonnene Erzählung war noch immer nicht ganz vollendet. Dr. Bernhard Schwarz hatte sich gleich nach dem Lunch in seine Kabine zurückgezogen und lag dort vermutlich auf dem schmalen Bett; der Arzt hatte ihn unter irgendeinem Vorwand besucht und sagte jetzt 231 eben seinen beiden Reisefreunden, der Mann wolle ihm nicht recht gefallen; kein ausgesprochenes Leiden zu konstatieren, aber man konnte nicht wissen, ob er sich nicht doch bei seinem wahnsinnigen Ausflug in den Urwald irgend etwas geholt hätte; er war ja doch nachher in einem entsetzlichen Tropenregen herumgerannt und ganz durchnäßt und erschöpft ins Hotel zurückgekommen; so etwas konnte einen stärkeren Menschen krank machen. Hilary schwieg bedenklich und wippte mit der Spitze eines weißleinenen Schuhs; er kannte die Gefahren dieses Klimas. Lord Athill lag in seinem barbarisch verzierten Korbstuhl aus Madeirageflecht, nicht matter als sonst, aber mit einem sonderbaren Ausdruck in seinem feinen, bleichen Gesicht, die geäderten Lider über die Augen gesenkt. Auf einmal sagte er: »Wäre es gar so schrecklich, wenn – – Ich meine: wenn einer mit dem Leben fertig ist, soll er doch lieber sterben, als sinnlos weiter – –« Seine Stimme brach, er lächelte krampfhaft, die beiden anderen verstanden, daß der alte Staatsmann an seinen toten Sohn dachte, an sein historisches Haus, dessen Name erlöschen würde, vielleicht auch an Edith Lady Athill; aber er raffte sich gleich wieder auf und sagte in seinem müden Tonfall dem Weltbummler Hilary etwas Verbindliches über seine lange Geschichte und das Buch, das er schreiben wollte. »Ich glaube, es muß unseren Freund Schwarz doch getröstet haben,« sagte er, »man muß solchen Sehnsuchtskranken immer zu beweisen suchen, daß El Dorado nur so lange einen wirklichen Wert hat, als man nicht hinkommen kann – – Was nützte es, wenn man wirklich hinkäme? Und wenn der Pfeil unserer Sehnsucht schon einmal die starre Wand der Wirklichkeit treffen kann, er prallt ja doch wieder von ihr ab!« Er schwieg einen Augenblick. »Deswegen«, sagte er dann, »ist es mir fast lieber, daß Schwarz mein Angebot nicht angenommen hat und 232 nächstes Jahr nicht wieder versuchen will, den Amazonenstrom hinaufzufahren.« Dr. Carson schüttelte den Kopf mit den jugendlich vollen weißen Haaren, über die scharfe Schneide seines angelsächsischen Profils lief ein kurzes Zucken. »Der Mann segelt im nächsten Jahr eher den Acheron hinauf«, sagte er kurz. »Und ich sage, Herr Hilary, ich weiß nicht, ob Sie gut daran tun, ihm den Schluß Ihres Buches von Francisco de Orellana zu erzählen. Ich kenne natürlich den Ausgang der historischen Begebenheit; man erzählt das einem nicht, der nur zu bald ebenso ausgehen wird!« Die drei blickten eine Weile stumm zum Ufer des Stromes hinüber. Man sah ein großes, schmutzigweiß gekalktes Haus in einem dichten Garten von Bananenstauden und Brotbäumen und einige schwarzbraune vernegerte Kinder mit nackten und unnatürlich aufgetriebenen Bäuchen, die im schlammigen Uferwasser auf einem lecken Kahn herumturnten. »Ich weiß nicht,« sprach Hilary dann halblaut, »man muß immer zu Ende erzählen. Wir können in dieser Welt den Tod nicht totschweigen.« Er suchte mit unnötig robusten Bewegungen in der Tasche seines unmerklich karierten Leinenrockes nach Tabak. »Es ist einmal so,« sagte er mit einem Auflachen, das zynisch gemeint war, »jeder Roman hat einen schließlichen Schluß, und zwar jeder denselben.« »Das erzählen wir unseren Patienten niemals«, sagte Dr. Carson. »Wenn Sie in Ihrer Eigenschaft als Arzt dagegen sind,« entgegnete ihm der Weltbummler Hilary, »dann erzähle ich ihm das Ende der Geschichte eben nicht, selbstverständlich. Aber ich bin gegen das Verschweigen und für das Aussprechen.« »Oh, bitte,« sagte Dr. Carson ein wenig steif, »Herr Schwarz ist gegenwärtig weder schwer krank, noch hat er sich in meine Behandlung 233 begeben.« Er dachte, und man konnte es seinem axtscharfen Gesicht ansehen, daß er es dachte: man kann einen Autor nicht davon abhalten, seinen Stoff zu erzählen! Lord Athill hob die fast durchscheinende Hand mit dem großen Ring: »Ich glaube, unser Weltbummler hat recht. Wie das Abenteuer des Francisco de Orellana endete, findet Mister Schwarz, wenn er will, in jedem Konversationslexikon, es hat keinen Sinn, es ihm verheimlichen zu wollen. Aber es kommt viel darauf an, wie es gesagt wird. Ich finde, Hilarys Geschichte enthält einen Trost für einen müden Mann. Und da kommt er!« Aus der Tür des Musiksalons kam Dr. Bernhard Schwarz, unordentlich angezogen, mit einer flüchtig zusammengeknoteten Krawatte, und ganz grau im Gesicht. Aber die Augen blickten ganz ruhig, und er lächelte. »Ich komme, Herrn Hilary um den Schluß seiner schönen Geschichte zu bitten«, sagte er schon von weitem. »Ich« – sein Lächeln vertiefte sich – »ich halte es vor Neugier in meiner Kabine gar nicht aus. Also, wie ist das weitergegangen mit Francisco de Orellana?« Bernhard Schwarz sah Lord Athill mit einem freundlichen und ein wenig traurigen Blick ins Gesicht. »Also, wie ist das weitergegangen? Hat ihm vielleicht ein edelmütiger spanischer Grande gütigst die Mittel zur Verfügung gestellt, noch eine zweite Expedition nach dem Amazonenstrom auszurüsten, und ist er diesmal in Manoa glücklich geworden, und zufrieden, und seßhaft, hat er sie schließlich gekriegt, die Amazone Coniapuyara, und alle Schätze von Paytiti als Mitgift? Ich möchte es so gern wissen, ich bin so neugierig!« Er lächelte einem der drei Reisegefährten nach dem anderen zu, und sie sahen, daß es ein ganz friedliches und ungezwungenes Lächeln war, aber sie sahen auch, daß seine Augenlider rot unterlaufen waren und daß er kaum Kraft 234 genug hatte, um seinen Liegestuhl zu der kleinen befreundeten Gruppe heranzuschieben und sich hinzulegen. Dr. Carson sah den Weltbummler flüchtig von der Seite an; der verstand, daß er nicht erzählen sollte, und sagte daher, ein bißchen polternd im Ton, wie einer, der der Frage eines Kranken nach dem Stand der Krankheit ausweichen will: »Der Schluß meiner schönen Geschichte? Meine schöne Geschichte von der Eroberung Amazoniens durch den weißen Menschen, oder das, was am heutigen Tag als der vorläufige Schluß gelten muß, steht in der Zeitung. Da!« Er holte ein sorgfältig zusammengelegtes Exemplar des »Estado de Parà« aus seiner Brusttasche und entfaltete es. Quer über die erste Seite stand in ungeheuren Lettern: » Was in Amazonas vorgegangen ist . Einzelheiten von der Bewegung in Manaos.« Darunter sah man ein schlecht reproduziertes Bild, das den Palast der Gesetzgebenden Versammlung des Staates Amazonas in Manaos darstellte. Der Weltbummler fing an, den Herren aus dieser Zeitung einiges zu übersetzen. Es ging daraus hervor, daß am letzten Tage drei Flußdampfer, der »Jupiter«, der »Walter« und der »Lobão« in Parà eingelangt waren, aus verschiedenen Häfen im Nachbarstaate Amazonas, und daß sie die ersten authentischen Nachrichten von der dortigen Revolution mitgebracht hatten: Es hatten sich also am Abend des 23. Juli plötzlich fast alle Soldaten und Offiziere der Garnison von Manaos und der vor der Stadt liegenden Kanonenboote empört und das Hauptquartier der Staatspolizei angegriffen; die Polizei hatte sich etwa eine Viertelstunde lang mehr oder minder energisch verteidigt, eher aber minder, und dann hatte sie kapituliert. Die Aufständischen hatten den Gouverneur des Staates Amazonas, Dr. Turiano Meira, verhaftet und an seiner Stelle den Oberleutnant Alfredo Augusto Ribeiro zum revolutionären Gouverneur ernannt und an das Volk von 235 Amazonas eine Proklamation erlassen, unterfertigt von einem Kapitän, dem Regimentsarzt und vierzehn Oberleutnants des 27. Jägerbataillons. Was diese kühnen Rebellen eigentlich wollten, außer natürlich die Kassen der Bank von Brasilien und der anderen Banken sequestrieren, das konnte man aus der Proklamation der vierzehn Oberleutnants nicht recht entnehmen. Es war, schien es, mehr im allgemeinen die Revolution der nationalen Erlösung und bis auf weiteres ohne ein besonderes Programm. Aber welche Begeisterung am 27. Juli, als unter dem Kommando des Hauptmanns José Carlos Dubois die Expedition aufbrach, die Parà besetzen sollte! Im »Estado de Parà« war eine Stelle aus dem revolutionären Amtsblatt zitiert, dem »Jornal do Povo«, sie schilderte die Einschiffung der Truppen auf dem Dampfer »Bahia« des Lloyd Brasileiro. »Das Volk von Manaos hat heute«, erklang dieser Hymnus, »dem erbaulichsten aller Schauspiele beigewohnt, die je vor seinen Augen sich entrollten: der Einschiffung der nationalen Land- und Wasserstreitkräfte, denen die Erlösung der Republik anvertraut ist. Etwa zehntausend Personen drängten sich auf der Praça Oswaldo Cruz, und alle Straßen erdröhnten von der Menge der Menschen aller Klassen – von den reichsten Bürgern bis zu den schlichten Proletariern – alle begierig, ihr Hurra des Beifalls den heroischen Soldaten zu geben, die in diesem Augenblick ihr Leben für die öffentlichen Freiheiten aufs Spiel setzen.« »Oh, ich sehe diese Szene«, sagte der Weltbummler und blickte von dem Zeitungsblatt auf. »Alles schreit hurra! Fürwahr, alle Klassen, die Reichsten, das heißt die großen Kautschukbarone von Manaos, natürlich schreien sie hurra, wenn die Gewalt in den Händen von Leuten ist, die offenbar nicht spaßen, und die einfachen Proletarier, das sind die Indianermenschen, denen diese Erde einst gehört hat und denen jetzt eine wunderschöne demokratische Staatsverfassung jedes Recht zum 236 Hurraschreien gibt. Die Wahrheit ist, daß der weiße Mensch dem Indio des amazonischen Waldes nicht besonders viel Heil gebracht hat und daß die Zivilisation der Weißen und Halbweißen mit diesem Waldland in den vier Jahrhunderten nicht besonders viel anzufangen gewußt hat. Was ist diese Stadt Manaos, in der so eine Aufregung über die öffentlichen Freiheiten herrscht? Eine groteske moderne Großstadt, in deren Vororten die Brüllaffen schreien und die Jaguare streifen; man hat sie in ein paar Jahren fix aufgebaut, als die Kautschukkonjunktur gut war, und jetzt, da der mindere Kautschuk der Pflanzen von Ceylon sich auf dem Weltmarkt billiger stellt, ist es gar nicht unmöglich, daß die Stadt wieder verfällt und die Brüllaffen nächstens in dem berühmten großen Opernhaus von Manaos ihr Konzert geben. Das ungeheure Land selbst, das das Holzreservoir, die Apotheke, die Gewürzkammer, vielleicht, wer weiß es, die letzte große Goldmine der Welt sein könnte, ist noch nicht erschlossen. Ich weiß nicht, ob ich gar so sehr für diese ganze Zivilisation bin, aber sie hat in Amazonien jedenfalls bisher versagt. Der eine Staat allein, Amazonas, der so groß ist wie das Deutsche Reich und mehrere seiner Nachbarländer zusammengenommen, hat heute viermalhunderttausend Einwohner, davon achtzigtausend in Manaos. Es gibt ganze acht Kilometer Eisenbahn in diesem Staat und außerhalb der wenigen Städte überhaupt keine fahrbaren Straßen. Es muß irgendwo im Wald Petroleum geben, vielleicht auch Kohle, man hat vage Nachrichten davon. Unterdessen heizen sie die Flußdampfer mit den kostbarsten Hölzern, die der Welthandel nur kennt. Drei Ernten jährlich gibt der Mais in Amazonien, und die halbe Welt hungert. Nach Manaos und Parà kommen manchmal nackte Indianer aus dem Busch, um sich zu besaufen und eiserne Werkzeuge einzukaufen: sie bezahlen hie und da mit einem Stück Golderz oder mit einem Edelstein. Dieses 237 goldene Paytiti kann sehr gut noch in dem unerforschten Winkel zwischen dem Rio Branco und dem Rio Negro liegen; seit Francisco de Orellana dort war oder sich eingebildet hat, daß er dort war, hat man es noch nicht wiedergefunden – – Und da, mein lieber Doktor Schwarz,« sagte der Weltbummler, »haben Sie auch den eigentlichen Schluß der Geschichte, die ich erzählt habe; nicht Orellana hat den Schatz der Amazonen gehoben, und nicht seine Rasse. Die amazonischen Indios sind zwar, zum Teil wenigstens, immer noch Kopfjäger und ein wenig Menschenfresser, dafür aber haben sie von den Weißen etwas Neues gelernt, den sinnlosen Bürgerkrieg, das politische Pronunziamiento. Die Geschichte der europäischen Zivilisation am Amazonenstrom beginnt mit dem Abfall Orellanas und seiner Gefährten von der legalen Autorität des Gouverneurs Gonzalo Pizarro und ist dann so weitergegangen bis zum Abfall des Oberleutnants Ribeiro und seiner Gefährten von der legalen Autorität des Gouverneurs Dr. Turiano Meira. Das ist alles. Da haben Sie den Schluß meiner Geschichte von der Entdeckung des Amazonenstroms durch die Weißen. Die Geschichte hat keinen Schluß.« Der Weltbummler schwieg, mit einem Blick auf Dr. Carson. Bernhard Schwarz sagte, mit dem ruhigen Lächeln: »Ja, aber Francisco de Orellana! Es hilft Ihnen nichts, Herr Hilary, Sie müssen von dem Mann noch den ganzen Rest erzählen. Sie haben dort aufgehört, wo man glauben konnte, daß er doch vielleicht noch eine Möglichkeit hatte, wieder nach dem Land seiner Sehnsucht zurückzukehren und sich vielleicht dieses Mal dort vernünftiger aufzuführen. An dieser Stelle, mein lieber Herr Hilary, dürfen Sie die Erzählung nicht abbrechen. Das geht nicht. Es bleiben noch zu viele Illusionen übrig – –« » Wollen wir nicht ein paar übriglassen?« fragte Hilary und blickte auf seine weißen Schuhe nieder. 238 »Nein, wir wollen lieber nicht«, sagte Schwarz, und er lächelte noch immer, wie aus einer sonnigen Ferne. »Tun Sie mir den persönlichen Gefallen und erzählen Sie zu Ende. Ich – – ich bin abergläubisch, ich fürchte mich vor unvollendeten Dingen.« Er blickte Lord Athill lange an und sprach dann weiter, langsam, ganz sanft: »Wenn man sich dem Ende nähert, muß man Ordnung machen und nichts Begonnenes zurücklassen. Man würde spuken müssen, als Gespenst auf die Auflösung warten.« Lord Athill nickte feierlich mit seinem schmalen, alten Kopf. Er wußte das. Dr. Carson machte eine mürrisch abwehrende Gebärde aus seiner Praxis, die Gebärde des Arztes, dem die Patienten mit Todesahnungen kommen. Die beiden, Athill und Schwarz, lächelten einander zu. Hilary blickte nachdenklich vor sich hin. »Sie haben recht«, sagte er dann entschlossen. »Lassen wir nicht eine angefangene Geschichte schlußlos im Universum herumflattern, es wäre gespenstisch. Sie haben recht, ein klares und sauberes Ende ist am besten!« Der Arzt schüttelte ganz leicht den Kopf. Da legte ihm Lord Athill eine feste Hand auf seine Schulter. »Lassen Sie, Doktor,« sagte er, und es war ein wenig von der Entschiedenheit eines großen Herrn in seiner halblauten Stimme, »lassen Sie, Doktor, das Ende einer so langen Geschichte hat doch immer etwas Tröstliches! Wenn man – –« Er brach plötzlich ab, und sie verstanden, woran er dachte. Dr. Carson sandte einen schnellen Blick zu ihm hinüber, in dem mehr zärtliche Freundschaft lag, als man dem Medizinmann zugemutet hätte. Unterdessen lag Dr. Bernhard Schwarz aus Leitmeritz in Böhmen schlaff in seinem Liegestuhl und reckte sein Kinn mit dem Stoppelbart in die würzig warme Luft, seine Augen waren geschlossen und sahen 239 das letzte bißchen des großen Stroms und des Waldhorizonts und des heißen Landes nicht, nach dem er sich so lange gesehnt hatte. Man konnte glauben, er sei eingeschlafen. Auf einmal sagte er, ohne sich zu bewegen oder seine Augen zu öffnen, ganz fröhlich aus der Tiefe seines Deckstuhls herauf: »Ich weiß, daß der Ritter Francisco de Orellana gestorben ist, als er von Paytiti wegfuhr, wenn er sich auch eingebildet hat, er werde wiederkommen. Man kommt im Leben höchstens einmal nach Paytiti, und dann ist man auch nicht dort!« Auf Deck entstand ein Aufruhr, ein allgemeines Rennen. Die Passagiere sprangen von den Sesseln auf, die Partie Deckgolf, die vorn im Gange war, wurde im Stich gelassen, die langen hölzernen Golfstöcke flogen aufs Deck, alles drängte sich an einer bestimmten Stella der Reling, von der aus man etwas sehen sollte: eine große Schildkröte, die durch das goldgelbe Wasser des Stromes schwamm, zu einer von den dunklen kleinen Urwaldinseln hinüber, den undurchdringlich geheimnisvollen, über deren zackiger Gipfelsoffitte die heiße blaue Luft zitterte. Die Schildkröte schwamm langsam, und wo sie das lichtgoldene Wasser aufgerührt hatte, warf es Reflexe von der unwahrscheinlich saphirblauen Farbe des amazonischen Himmels. Während die Cruisers sich vorn lachend an die Reling drängten und mit ihren großen Feldstechern der schwimmenden Schildkröte nachblickten, begann auf dem vereinsamten Hinterdeck der Weltbummler Hilary das Ende seiner langen Geschichte zu erzählen. Bernhard Schwarz hörte zu, ganz bleich, ganz ruhig, mit einem stillen Lächeln, in dem schon der Friede war.   Ich werde das nur ganz kurz erzählen, sagte der Weltbummler, wie Orellana von der Insel Cubagua nach Spanien heimkehrt, wie er unterwegs in Portugal landen muß und wie der portugiesische König 240 vergeblich versucht, den Entdecker des Amazonenlandes in seinen Dienst zu locken. Es beginnt hier der kurze, aber intensive Intrigenkampf zwischen Spanien und Portugal um dieses neue Gebiet, das dann schließlich portugiesisch geworden ist; aber das gehört nicht mehr in diese Geschichte. Francisco de Orellana eilt von Portugal nach Valladolid, wo sich der spanische Hof in diesem Augenblick aufhält, nämlich im Mai des Jahres 1543. Es kann sein, daß Orellana unterwegs auf dem Meer manchmal an die Pizarros gedacht hat und wie er seinen Abfall von Gonzalo in Spanien rechtfertigen solle. Vergebliche Sorge; da er ankommt, findet er, daß er diese seine Freunde von einst nicht mehr zu fürchten hat. Daß der große Marquès Francisco Pizarro ermordet worden ist, hat er schon in Cubagua gehört; in Spanien erfährt er, daß Gonzalo Pizarro nicht sein Nachfolger geworden ist und in halber Ungnade lebt, während der dritte Bruder, Hernando, in dem Kerker von Medina del Campo liegt, wegen seiner Taten im Bürgerkrieg gegen Almagro. Sich gegen das Haus Pizarro aufgelehnt zu haben, scheint nun eher verdienstlich. Da Francisco de Orellana, am Hofe zu Valladolid angelangt, seinem König in einer langen Denkschrift von seiner Entdeckungsreise berichtet, erwähnt er nur der Form halber, er hätte mit seinem Schiff nicht über die Stromschnellen zurückfahren können; desto mehr steht in dem Dokument von seinen Diensten, den Ehrenstellen, die er bereits innegehabt habe, und wie ihn die Zurüstungen zu seinem Zug in das Zimtland mehr denn vierzigtausend Pesos gekostet haben – – Dieser Bericht Orellanas an Karl V. ist ein so statiös steifes Schriftstück, wie es die spanische Renaissance nur hervorbringen konnte; aber es stehen geheimnisvolle Sätze darin, von besonderen Nachrichten über den Reichtum »dieser großen Provinzien, die ich entdeckt habe, um so 241 Gott und Eurer Majestät zu dienen und um zur Kenntnis unseres heiligen katholischen Glaubens zu bringen die Völker dieser Provinzien und sie unter die Herrschaft Eurer Majestät zu setzen und der königlichen Krone von Kastilien; dergestalt, meine Gefahr hintansetzend und ohne irgendeinen eigenen Vorteil für mich, habe ich es abenteuerlich gewaget, um zu wissen, was es hätte in obgemeldeten Provinzien«. – – Er verstrickt sich noch eine Zeitlang in lianengleiche Schlingsätze und kommt dann zum Ende: »Dieweil aber die Eingeborenen obgemeldeter Provinzien zur Kenntnis unserer heiligen katholischen Lehre kommen könnten, denn zum größten Teil sind sie begabet mit Vernunft, flehe ich Euer Majestät an, es möge ihr dienlich sein, mir obgemeldete Provinzien zur Gubernation zu übergeben, auf daß ich sie entdeckte und besiedelte für Euer Majestät, so biete ich mich an, dies zu tun, um Gott und Eurer Majestät zu dienen.« Man kennt diese Supplik Francisco de Orellanas und auch das Gutachten des Rates von Indien, der dem Kaiser-König empfiehlt, das Gesuch zu bewilligen und unter gewissen Bedingungen den Ritter das neuentdeckte Land kolonisieren zu lassen; der Rat von Indien weiß, daß die Portugiesen eine Expedition an diese ihrem Brasilien benachbarte Küste planen, und daß große Eile nötig ist. Auch dieses Aktenstück ist bis zum heutigen Tage erhalten, mit allen Siegeln, Unterschriften und Schnörkeln. Was aber in der geheimen Audienz gesprochen worden ist, als der Infant Don Felipe den Ritter Francisco de Orellana empfing, das weiß niemand. Das Gespräch ist zu einer Zeit geführt worden, da Karl V. von Valladolid abwesend war, da er in Deutschland mit dem Herzog zu Kleve Krieg führte. Don Felipe, sechzehnjährig, ein bleicher Knabe, ist zum erstenmal in seinem Leben Regent, oder heißt doch so, neben ihm steht die Riesengestalt des Herzogs von Alba. Ist Philipp II. jemals 242 jung gewesen? Wenn er es war, wie hätte er sich den goldenen Traumbildern verschließen können, die Francisco de Orellana ihm gezeigt haben muß? Man hat kein Zeugnis dafür, daß Orellana nach seiner Rückkehr zu irgend jemand in Spanien von gewissen Dingen gesprochen hat, die ihn sicherlich bewegten; sein Bericht an den Kaiser enthält höchstens unbestimmte Andeutungen: er habe geheime Kundschaft von den Reichtümern des großen Stromlands. Was hat er dem jungen Infanten ins Ohr geflüstert? Man weiß, daß den Höflingen in den Vorzimmern des Palastes zu Valladolid zwei sonderbare Schmuckstücke aufgefallen sind, die Don Francisco am Tag der Audienz an sich trug: ein goldener Zierat am Gürtel, darstellend eine Ähre jenes neuen indianischen Korns, und an einem Kettlein eine kleine Schlange, aus Smaragd, sagen die Annalen der Zeit. Was diese goldene Maisähre angeht, so ist es möglicherweise die gleiche, die noch heute im Museo Arqueologico Nacional in Madrid zu sehen ist, im vierten Saale des oberen Stockwerks; das kunstvolle Kleinod gilt als peruanisch, unterscheidet sich aber einigermaßen von den anderen Goldskulpturen aus der Inkazeit, neben denen es liegt. Es scheint, daß Francisco de Orellana diesen kleinen Schatz in die Hände des Infanten Don Felipe gelegt hat, als er bei der Audienz vor ihm niederkniete. Wenn dem so ist, dürfen wir vielleicht vermuten, daß der Ritter auch jene kleine Schlange aus Amazonenstein dem Thronfolger gezeigt oder vielleicht sogar gegeben hat, sie ist aber nicht bis auf unsere Zeit gekommen und findet sich weder in den Museen Madrids noch in dem ehemaligen Kaiserlichen Kabinett zu Leningrad, wo sich von der Zeit der zweiten Katharina her die größte Sammlung von Gegenständen aus diesem mysteriösen südamerikanischen Mineral befindet; die große Amazone des Nordens hat eine unerklärliche Vorliebe für diese grünen Amazonensteine gehabt. 243 Don Felipe soll nach der Audienz gesagt haben, der Ritter Orellana hätte auf seiner abenteuerlichen Reise große Gefahren bestanden, sowohl des Körpers als auch der Seele; bezieht sich diese Meinung vielleicht auf jenes heidnische Amulett? Wir wissen es nicht, wenn aber dem bigotten Prinzen irgendein Zweifel an der katholischen Glaubensreinheit des Ritters geblieben wäre, hätten er ihn sicherlich eher der heiligen Inquisition ausgeliefert, statt ihm einige Tage darauf jene feierliche »Kapitulation« vom 13. Februar 1544 ausstellen zu lassen, durch die er zum Statthalter des von ihm entdeckten Landes Neuandalusien ernannt wird, mit den Titeln eines Gouverneurs, Generalkapitäns, Adelantado und Alguacil Mayor, nicht nur für seine eigene Person, sondern, wenn er einen Sohn haben würde, auch für diesen Sohn. Auch das Gehalt von dreimalhunderttausend Maravedìs, das der Gouverneur aus den zu erhoffenden Einkünften des neuen Landes erhalten soll, erbt nach ihm der noch ungezeugte Sohn . . . Das alles schreibt das Patent des Infantenregenten vor, mit vielen genauen Bedingungen: wie Francisco de Orellana zur Eroberung des Landes ein Heer zu werben habe, von zweihundert spanischen Fanten und hundert Reitern, und daß er das Material zum Bau von kleinen Flußbrigantinen an Bord seiner großen Schiffe mitnehmen solle; dann wird er verpflichtet, mindestens acht geistliche Patres sogleich in das Neue Andalusien zu bringen, damit sie mit der Bekehrung der Indios sogleich beginnen könnten. Zur Ehre dieses jungen Infanten, aus dem später der blutige König Philipp geworden ist, kann man bezeugen, daß dieses frühe Schriftstück aus seiner ersten Regentschaft voll liebevoller Sorge für die Indios des fernen Landes ist und ihre Mißhandlung, Beraubung, Verschleppung in strengen Worten verbietet. Francisco de Orellana aber, Gobernador seines Traums, 244 Generalkapitän seiner Wünsche, hat nun diesen Sohn zu finden, der der Erbe von Paytiti werden soll. Der große Sturm seines Schicksals reißt nun sein Schiff in rasender Eile vorwärts: er findet die Jugendgeliebte wieder, Doña Ana de Ayala, und wirbt um sie und erlangt ihre Hand. Diesen Sohn, der in dem Lande der Amazonen herrschen soll, wird diese kalte, blonde, stolze Frau gebären und nicht die braune Amazone, die heidnische Hüterin der verborgenen Stadt, Coniapuyara. Kann es sein, daß Francisco de Orellana jenen grünen Talisman, die steinerne Schlange, nicht in die kühlfeuchte kränkliche Knabenhand des Infanten Don Felipe gelegt hat, sondern in die Hand seiner schönen jungen Braut, Doña Ana? Da er sich mit ihr vereinigt, hat er gewiß allen Teufeleien des Waldes wie des Wassers für immer entsagt; hat er vielleicht zugleich das Zeichen hingegeben, das Symbol der großen Wassermutter, das schützende Amulett? Wir wissen es nicht, aber sicherlich beginnen nach seiner Vermählung mit Ana dem künftigen Gouverneur von Neuandalusien viele Dinge zu mißlingen. Die Geschichte seiner Rüstungen zu dem zweiten Zug ins Amazonenland ist eine peinliche Reihe von Fehlschlägen, nein, von jenen ungewissen, halben Erfolgen, die ärger sind als endgültige Niederlagen, weil sie eben kein Ende bedeuten, sondern schwächliche Fortsetzung, das Weiterdauern unglücklicher Ursachen und das Herannahen bedenklicher Folgen. Erst treibt Orellana das nötige Geld nicht auf, denn Ana de Ayala hat ihm nicht einen Dukaten in die Ehe gebracht. Dann leiht ihm in seiner Vaterstadt Trujillo sein Gevatter Cosmo de Chaves dreißigtausend Maravedìs; es genügt bei weitem nicht, aber man kann mit dem Bau der Schiffe beginnen. In diesem Orellana brennt eine Ungeduld, die ihn manches Hindernis besiegen läßt, doch wie viele Widerwärtigkeiten umstricken ihn! Die kastilische Krone hat bis nun zu dem großen Unternehmen nichts beigesteuert als 245 einen pergamentenen Patentbrief und einige tönende Titel; die Schiffsgeschütze, um die Orellana bittet, verweigert das Admiralat, die erfahrenen Piloten, die er mitnehmen will, werden ihm nicht beigestellt. Dafür ist rings um ihn das Mißtrauen wach, und wo er Hilfe sucht, findet er nichts als Aufsicht. Ein Dominikanermönch, Fray Pablo de Torres, der zum »Veedor General« der Expedition ernannt worden ist, das heißt zum privilegierten Generalspion der Krone, mit geheimen Vollmachten, sitzt neben Orellana in Sevilla und sendet Bericht auf Bericht an den Rat von Indien: wie langsam die Zurüstungen vor sich gehen, wie der zur Abfahrt festgesetzte Tag schon längst verstrichen sei; daß kein Geld für Schiffsproviant mehr da sei, wegen Orellanas unkluger Heirat, die der Dominikaner in seinem Geheimbericht heftig mißbilligt, und daß er Schiffe mieten wolle, statt sie zu kaufen. In Valladolid wird der Hof unruhig; schon denkt man daran, gewissen flüsternden Stimmen Glauben zu schenken und statt Orellana einen anderen Feldhauptmann mit dem Zug in das neue Land zu betrauen oder das Unternehmen überhaupt zu vertagen. Dann erfährt man, daß der König von Portugal eine große Armada ausrüsten läßt, die Orellanas Strom suchen soll; nun folgt dem Zaudern und Zweifeln Hast und Überstürzung. Man belädt in rasender Eile vier Schiffe, so gut es geht oder so übel. Bevor sie ausfahren, befiehlt der Rat von Indien dem Generalveedor, noch einmal das Inventarium der Waffen, Geräte und Nahrung zu prüfen und die Musterrolle der Mannschaft. Der Dominikaner kommt in den Hafen von Sanlucàr und findet die Schiffe nicht mehr. Orellana ist am grauenden Morgen mit seiner Flotte entflohen und hat seinen Generalspion auf dem Lande zurückgelassen, aus Abneigung 246 gegen den Mann, oder weil er nicht wagen durfte, die anbefohlene Prüfung geschehen zu lassen; die Schiffe sind schlecht gebaut und schlecht gerüstet, die Lebensmittel genügen nicht, statt spanische Seeleute zu heuern, wie es der Hof mit Strenge befohlen, hat Orellana Portugiesen, Franzosen an Bord, ja, englische Abenteurer, der Ketzerei verdächtig. Von seinen vier Schiffen trägt nur der gallegische Segler »San Pablo« die nötigste Artillerie; auf dem »Breton« sind unter achtzehn Seeleuten nur zwei wirkliche Spanier; die Caravelle »Guadalupe« ist ganz klein und hat außer dem portugiesischen Piloten Gil Gomez nur zehn Matrosen; das Admiralschiff heißt wieder »Viktoria«, wie jenes andere, das im Hafen von Nueva Cadiz auf Cubagua liegt und verfault, das echte Urwaldschiff, das niemals den Weg in das Waldland hätte verfehlen können. Auf der neuen »Viktoria« gibt es eine üppig geschmückte Kajüte, für die Gubernadora, Doña Ana, die den Gatten begleitet, doch keine geflügelte heidnische Göttin am vorwärts weisenden Bug, das hat Doña Ana nicht dulden wollen. Auch war, als man das Schiff in Eile erbaute, der Künstler fern, Diego Mexìa; der hat still den Kopf geschüttelt, als Orellana nach ihrer Heimkehr ihn wieder werben wollte zu dieser neuen Fahrt; er will lieber nach Rom, wo der Papst kunstfertige Männer braucht. Wenige nur von den alten Gefährten Orellanas begleiten ihn; die den großen Urwaldstrom schon einmal befuhren, wissen zu wohl, welche Mühen dort ihrer warten würden. Mühen, doch nicht auch goldene Schätze? Orellana hat von diesen Schätzen nichts den Gefährten gesagt; sein schwarzer Pedro war nicht hartnäckiger in seinem Schweigen, der Neger mit der durchschossenen Zunge. Er ist jetzt wieder um Orellana und sieht ihn an und versucht vergeblich mit seinen kugelrunden Negeraugen zu sprechen, zu schreien, zu bitten. 247 Um es kurz zu sagen, fuhr der Weltbummler fort, Francisco de Orellana rennt in dieses neue Unternehmen hinein wie ein Wahnsinniger, oder eher wie ein Malariakranker, der nur zwischen den Anfällen seines Fiebers zurechnungsfähig ist. Wir wissen wenig von der Geschichte dieser Fahrt, es fehlt uns der gute Pater Carvajal, der um diese Zeit wieder sein Amt als Generalvikar von Lima versieht. Keine Chronik erzählt uns etwas von der Fahrt der vier Schiffe zu den Kanarischen Inseln. Wir hören nur, daß sie volle drei Monate vor Teneriffa liegen, entweder weil der Adelantado krank ist, oder aber, weil er hofft, doch noch seine Ausrüstung verbessern zu können. Dann fahren sie weiter, nur bis zum Kap Verde, und halten sich dort auf den Inseln weitere zwei Monate auf, in der Pestluft der Winterregen. Worauf warten sie? Worauf hofft Francisco de Orellana, was läßt ihn so lange zögern? Auf diesen afrikanischen Inseln werden von Orellanas Begleitern die meisten krank, und neunzig von ihnen sterben. Die Schiffe, nachlässig gehalten, sind schwer beschädigt; um wenigstens drei von ihnen seetüchtig zu machen, erweist es sich hier als nötig, das vierte abzubrechen, um seiner Taue und Anker und Nägel willen. Da Orellana endlich den Befehl zur Einschiffung gibt, verweigern fünfzig Mann ihm den Dienst, vorgebend, sie wären zu siech; vier von den Feldhauptleuten des Heeres sind unter ihnen, das ein so großes Land mit seinen Waffen erobern sollte. So segeln sie weiter, geschlagen vor ihrer ersten Schlacht. Wir wissen nichts von dieser Fahrt und von der Seele Franciscos. Bei ihm ist die Frau, für die er ein Königreich gewinnen will; den Sohn, der es erben soll, hat sie niemals empfangen. Was ist ihm in diesen Tagen der letzten Verzweiflung die blonde Hidalga, Doña Ana? Wir wissen es nicht, doch eine wirklich geliebte Frau bringt wohl kein Mann aus Trotz in so arge Gefahr. Da Orellana den Weg fortsetzt, allen 248 Winden entgegen, auf Schiffen, auf denen Nahrung und Wasser fehlen, hat er da nicht schon der Hoffnung, dem Leben entsagt? Treibt ihn denn nicht eine hoffnungslose Sehnsucht vorwärts ins Unmögliche? Vielleicht ist es die Sehnsucht nach der anderen, Coniapuyara. Sie hätte ihm den Sohn geboren, den Erben von Paytiti! Und nun geht das Unheil weiter. Erst Sturm, dann Durst auf der einsamen See. Ein Regen rettet das dürftige Leben, doch in den Nebeln des argen Wetters verliert sich ein Schiff, das größte und beste, mit sechzig Soldaten an Bord, elf unersetzlichen Pferden und allem Eisen und Takelwerk, das man braucht. Auch waren die Teile von einer der beiden Flußbarken an Bord, die man in der Mündung des Stromes zusammenzusetzen gedacht hat. Dieses Schiff verschwindet, vielleicht nicht ohne den Willen seiner Bemannung; doch niemals erreicht es mehr einen christlichen Hafen. Die anderen beiden Schiffe treibt endlich ein guter Nordwind dem Land entgegen, an einem heißen Dezembertag sieht Orellana das blaue Wasser sich goldbraun verfärben, und er erkennt die trinkbaren Wellen der großen Süßwassersee, er ist nahe am Ziele und kann vor einer bewaldeten Insel die Anker versenken. Die Anker? Die beiden Schiffe haben schon längst keine Anker mehr, und man versenkt die Geschütze ins seichte Wasser, die in der Hauptstadt Neuandalusiens die Festung verteidigen sollten.   Der Rest, sagte der Weltbummler, den ein Blick Dr. Carsons zu größerer Eile mahnte, wird von meinen geschichtlichen Quellen nur unklar und flüchtig erzählt. Man weiß von einem monatelangen Verweilen des winzig gewordenen Heeres auf den äußersten Inseln des Deltas, von Hunger, Seuchen und Kämpfen mit Indios. Die Schiffe haben den Hauptarm des Stromes nicht finden können; und da sie 249 tiefer in das Gewirr verwachsener Wasserarme zu dringen trachten, geraten sie immer wieder auf Sand und Untiefen. Sie haben noch Teile der zweiten Flußbrigantine, die sie aus Spanien mitgebracht haben; die läßt Orellana nun hier mit unendlicher Mühe zusammenfügen; doch muß man, um das, was fehlt, zu ersetzen, das eine der großen Schiffe in Stücke brechen und Bretter, Nägel und Klammern daraus entnehmen. Die Mannschaft murrt, da sie das vorletzte Seeschiff zerstören soll. Wozu diese Brigantine, da doch die Heerfahrt gescheitert ist und Rückzug die einzige Rettung? Schon hat man das letzte der Pferde verzehrt und den letzten Hund. Nie wird man dieses Land des Teufels erobern können, nie diesen Hauptarm des Stromes finden, er ist verhext. Am Lagerfeuer erzählen die spanischen Krieger halblaut einander von dem gräßlichen Lachen, das in der letzten Nacht aus dem Wald kam, und von dem Hallen der gespenstisch unsichtbaren Axt, die immer wieder den Axtschlag der Werkleute laut übertönt; und seltsame Spuren hat man im dunklen Dickicht gefunden, von einem Wesen, das einen menschlichen Fuß beim Schreiten neben den anderen setzt, der die Klaue der riesigen Urwaldkatze zu sein scheint. Sie raunen einander zu: die Dämonen des Waldes hassen den Adelantado, er hat ihre Gunst verwirkt, da er ein heidnisches Amulett von sich warf, von Reue getrieben und gemahnt von dem Beichtiger – – Francisco de Orellana, hager vor Fieber, verbrannt von einer verzweifelten Sehnsucht, betreibt den Bau der Brigantine, auf der er stromaufwärts vordringen will, und ließe man ihn mit dem Neger Pedro allein. Von diesen entscheidenden Tagen auf den Inseln im untersten Flusse hätte später nur eine berichten können, die Gattin des Adelantados; doch hat sie davon nichts erzählt. Warum nicht? Man kann es beinahe erraten, durch den dichten Schleier der Jahrhunderte 250 hindurch, der dieses Schicksal umhüllt. Denn da nach Monaten peinvoller Mühe die Brigantine endlich verfertigt ist, läßt Orellana die Gattin an Bord des größeren Schiffes zurück; er selbst befehligt das kleine, da es dem anderen voranfährt, um endlich die wahre Einfahrt zu finden, den Weg in das Land der Verheißung. Die kleine Brigantine ist am Abend segelfertig, da eben die Sonne zu sinken beginnt und alle unirdische Herrlichkeit der geträumten Farben über den Fluß und den endlosen Wald fließt; Orellana befiehlt den sofortigen Aufbruch, in den sinkenden Abend hinein segelt er. Die goldene Flagge Kastiliens läßt er hissen und die Wimpel eines Vizekönigs und Adelantados. Mit Salven und Hörnerruf grüßt das größere Schiff die Barke, da sie langsam an ihm vorbeifährt, westwärts, in den goldenen, purpurnen Glanz, der die Urwaldbäume umstrahlt, und in dessen brennendem Schein man ja doch schon das Dunkel zu ahnen vermeint und das Nahen der Nacht. Einen Augenblick sind in der engen Lagune die beiden Schiffe dicht beieinander, und Doña Ana, die bleich und blond und gerade auf Deck steht, sieht ihren Gatten, wie er in seiner ganz goldenen Rüstung am Mast lehnt. Sein schwarzer Sklave Pedro stützt ihn, damit er nicht falle. Da ist er, vom Licht umflossen, ganz starr und reglos; er wendet das Antlitz der Gattin nicht zu und nicht den Gefährten, die ihn noch einmal mit Jubel begrüßen; er blickt nur westwärts, westwärts in diesen goldenen Schimmer, hinter dem, unsichtbar noch, doch von allen geahnt, das nächtliche Dunkel versteckt ist. Man sieht ihn noch einmal sich leise bewegen. Er legt eine zitternde Hand an die Stirne und schirmt das geblendete Auge; was glaubt er zu sehen? Was für Gestalten im Glast der sinkenden Sonne, und welche goldene Stadt? Oder sieht er ihn, der dort aus den ersten schwärzlichen Schatten hervorlugt, hinter der riesigen zackigen Palme, ihn, mit der einzigen 251 düsteren Braue inmitten der niederen Stirn, der mit blauen Zähnen bedrohlich lächelt, ihn, der die Pfade verwirrt und den sterblichen Menschen in Irrtum verlockt, Curupira?   Der Weltbummler Hilary stand langsam aus seinem Sessel auf. »Das Ende – –« sagte er. Er sah den Dr. Schwarz an, der mit geschlossenen Augen dalag, als hörte er nicht zu. »Das Ende!« forderte Lord Athill gebieterisch. Das Ende, sagte der Weltbummler halblaut und rasch, ist kaum genauer bekannt. Man weiß, daß das Schiff, das größere, mit Orellanas Gemahlin an Bord und einer fast verhungerten Mannschaft schließlich die Isla Margarita erreicht hat, das spanische Eiland an der Küste von Venezuela. Man weiß auch ein wenig vom weiteren Schicksal der Doña Ana: Juan de Peñalosa, der mit auf dem Schiff war, wird der Lebensgefährte des stolzen Weibes; sie leben noch lange in Panama. Von dem, was sie und die anderen Geretteten nach der Rückkunft erzählten, erreicht uns ein schwaches und mehrfach geteiltes Echo: wie das große Schiff im Gewirr der seichten und völlig verwachsenen Wasserarme dem kleinen nicht folgen konnte und dann vor der Insel wartend lag, auf der man die Brigantine zusammengenagelt hatte. Die Brigantine ist niemals zurückgekehrt, und man weiß nicht, wieso das größere Schiff zu der Kunde gelangte: Nach einer schrecklichen Irrfahrt durch enge Gewässer, nach blutigen Kämpfen im Walde sei Orellana vor Kummer und Fieber gestorben, und man hätte ihm unter einem großen, golden beblühten Baume sein Grab bereitet. Es gibt neben dieser bekannten Version noch die andere, niemals hätten die auf dem anderen Schiffe mehr von der Brigantine gehört, und sie sei ihnen wie der Kenntnis der lebenden Menschen an jenem goldenen Abend für 252 immer entschwunden, hinein in die sinkende Sonne, in den leuchtenden Traum. »Das ist das Ende«, sagte der Weltbummler leise. »Francisco de Orellana segelt hinein in die goldenen Träume. Sind sie der Tod? Gleichviel. Navigare necesse « »Und es ist nicht nötig, zu leben«, sprach langsam Lord Athill.   In der Nacht nach diesem letzten Tage vor der Abfahrt des »Hildebrand« lag der Dampfer ganz nahe an der dicht bewaldeten Insel; man hatte beim Eintreten der Flut die Lage des Schiffes ein wenig geändert. In dieser Nacht, die unendlich heiß war und voll von Sternenlicht und Mondschein, saß ein junges Paar, ein Gentleman und eine hübsche Miß von der Reisegesellschaft, lange, lange auf dem obersten Bootsdeck; sie waren sehr jung und sehr verliebt, in einer tropischen Mondnacht, und niemand braucht die traumhaft seltsamen Dinge zu glauben, die sie viel später einmal errötend und flüsternd erzählten, sie ihrer Mutter und er einem älteren Freunde: von furchtbaren Stimmen im nahen Walde, vom Ton einer riesigen Axt, einem gellenden Lachen und einem menschlichen Schrei – – Aktenmäßig sichergestellt ist nur, daß der Passagier der Kabine Nr. 3 auf dem B-Deck, Mister Bernhard Schwarz aus Leitmeritz in der Tschechoslowakei, um Mitternacht von dem Steward, der die Schuhe zum Putzen holen wollte, durch die (wegen der Hitze offene) Kabinentür dabei beobachtet wurde, wie er, statt sich ins Bett zu legen, sich umkleidete und seinen dem ganzen Schiff wohlbekannten leinenen Khakianzug mit den vielen vollen Taschen anzog, auch Buschstiefel, Gamaschen und Tropenhelm. Auf eine erstaunte Frage des Stewards antwortete Mister Schwarz, der heiter genug aussah und ganz rot im Gesicht, nur mit einem stummen Lächeln; der Steward war sehr s 253 chläfrig und überdies grundsätzlich dazu geneigt, sich über keinerlei Verrücktheit seiner Passagiere zu wundern; so fragte er nicht zum zweitenmal, sondern nahm nur die Leinenschuhe, die Nummer 3 abgelegt hatte, zum Einkreiden mit sich und ging in seine eigene Kabine. Es steht ferner fest, daß auf dem Teil des niederen Decks, das dem Strand der bewaldeten Insel am nächsten lag, der sonderbare Zeltblattmantel des vermißten Passagiers gefunden worden ist und, an der Reling hängend, sein in grotesker Weise großer und schwerer Feldstecher. Man suchte den Mann den ganzen nächsten Tag überall vergebens, ehe man mit dem größten Bedauern die Überzeugung annehmen mußte, er sei in einem plötzlichen Fieberanfall über Bord gefallen und ertrunken. Daß er sich tagsüber ein wenig unwohl gefühlt habe, bezeugten diejenigen seiner Reisegefährten, die noch zuletzt mit ihm gesprochen hatten, darunter Seine Herrlichkeit Lord Athill, der frühere Königlich Großbritannische Minister. Man suchte den Fluß vergeblich nach der Leiche ab, und vergeblich durchstreifte man die kleine Urwaldinsel, in deren nächster Nähe Schwarz ins Wasser gestürzt sein mußte. Man fand gar nichts, nicht den kleinsten Gegenstand, der dem Verunglückten gehört hätte, oder auch nur die Spur seiner großen, plumpen Stiefel, die sicherlich auf dem schlammigen Boden nicht zu verkennen gewesen wäre. Ganz unsinnig ist natürlich das Gerede eines der Polizisten, die die Insel durchsuchten, eines eingeborenen Caboclos, der auf der kleinen Insel tatsächlich frische Fußspuren gefunden haben will, aber nicht von europäischen Stiefeln: sondern die Spur eines nackten Menschenfußes und einer riesigen Jaguarklaue, die sich nebeneinander abgedrückt hätten, als gehörten sie zusammen und wären die beiden Füße eines Wesens. Es gibt natürlich so nahe bei der Stadt Parà keine Jaguare; und nichts ist wahrscheinlicher, als daß dieser Caboclo sich, bevor er 254 die Leiche im Waldgestrüpp suchen ging, mit zuviel Aguardente de Cana Mut angetrunken hatte; denn die Indios, ob zivilisiert oder nicht, sind voll von abergläubischer Angst und sehen, wenn sie aufgeregt sind, überall den gespenstischen Waldgeist, dessen höchste Lust es ist, Menschen vom rechten Weg in Angst und Gefahr zu locken, immer tiefer hinein in das große Geheimnis der amazonischen Waldwelt; überall sehen sie, ahnen sie ihn, den Seltsamfüßigen mit der Schildkrotaxt, Curupira.