Das Heiratsjahr. Ein Lustspiel-Roman in zwölf Kapiteln. Von Fedor von Zobeltitz.     Stuttgart. Verlag von J. Engelhorn. 1900.     Erstes Kapitel. In welchem sich Fräulein Benedikte von Tübingen nicht vorteilhaft einführt und auch ein Längeres über das Heiratsjahr der gräflichen Familie von Teupen gesprochen wird. Im sogenannten Gartensalon des Herrenhauses stand der alte Riedecke und ordnete den Frühstückstisch. Das dauerte gewöhnlich ziemlich lange, denn zu dieser frühen Stunde pflegte der alte Riedecke sich nicht sonderlich zu beeilen. Er war im letztverflossenen Monat sechzig Jahr geworden, aber er sah noch immer recht stattlich aus, auch heute, wo er statt des langen Livreerocks eine weiße Leinenjacke mit blauen Streifen trug. Die Halsbinde war wie immer mit größter Sorgfalt gefältet, denn an ihr war nach der Meinung Riedeckes ohne weiteres zu erkennen, ob man es mit einem herrschaftlichen Diener zu thun habe oder einem ganz gewöhnlichen Lakaien. Die modernen Schlipse waren Riedecke ein Greuel; es mußte eine Binde sein, ein schmales weißes Tuch, das man zweimal zusammenlegte und so um den Halskragen schlang, daß es einen lockeren Knoten bildete. Nur das war eines herrschaftlichen Dieners würdig. Riedecke lächelte, während er um den großen, blank geputzten Samowar Tassen und Teller ordnete. Ein leichtes und ganz sanftes Lächeln lag fast immer auf seinem glatt rasierten Gesicht. Es war dies das Lächeln eines vornehmen Diplomaten, der damit seine Seele zu verbergen trachtet. 4 Graf Teupen hatte eine ähnliche Angewöhnung aus seiner diplomatischen Carriere in den Ruhestand hinübergerettet, und da Riedecke ehemals der Kammerdiener des alten Herrn gewesen war, ehe er gleichfalls einen beschaulichen Posten auf Hohen-Kraatz gefunden hatte, so war dies sanfte politische Lächeln auch auf ihn übergegangen. Nun war der Tisch in Ordnung. Der Samowar glänzte hell, aber auf einer Kredenz an der Querwand stand auch noch eine Kaffeemaschine, denn während die älteren Herrschaften den Thee bevorzugten, pflegten die Kinder zum Morgenimbiß Kaffee zu trinken. Der Frühstückstisch war ziemlich geräumig; man konnte acht Tassen zählen – die Familie mußte groß sein. Und so war es auch. Außer dem Hausherrn, dem Baron Tübingen mit seiner Gattin und den Kindern Benedikte, Bernd und Dietrich, lebte auch noch der Vater der Baronin, der alte Graf Teupen, auf Hohen-Kraatz, außerdem hatte Benedikte eine Engländerin bei sich, Miß Nelly, und eine kleine Freundin, Trudchen Palm, das Apothekerstöchterchen aus Seeberg. Der alte Riedecke nickte mit wohlgefälligem Lächeln über die acht Tassen hinüber. Er liebte ein volles Haus. Und es sollte noch voller werden. Ein neuer Hauslehrer wurde für die Junker erwartet und vor allem der Baron Max, der Aeltestgeborene des Besitzers von Hohen-Kraatz, nachdem er anderthalb Jahre lang sich mit den schwarzen Bestien in Afrika herumgeschlagen hatte. Dieser Afrikareisende war derzeitig der »Stolz des Hauses« – so hatte Graf Teupen seinen Enkel noch beim gestrigen Mittagsessen bezeichnet. Das Lächeln Riedeckes wurde breiter und verlor auch etwas von seiner diplomatischen Weichheit, als er daran zurückdachte; vor zwei Jahren nämlich hatte derselbe Graf Teupen Maxen die »Schande der Familie« genannt. . . . Es war sehr gemütlich im Gartensalon. Oben, am 5 gemalten Plafond, küßten sich ein Faun und eine Nymphe. Beide waren an die hundert Jahre alt und in dieser langen Zeit waren sie nur ein einziges Mal aufgefrischt worden und zwar von dem Stubenmaler in der benachbarten Kreisstadt. Daß dies kein Künstler war, sah man an der ganzen Art der Erneuerung, aber der Mann hatte wenigstens Wunsch und Willen der Frau Baronin erfüllt und den üppigen Gliedern der Nymphe etwas mehr Bekleidung gegeben, als ihr ursprünglich zugedacht worden war. Merkwürdig an dieser Nymphe war auch das zinnoberrote linke Ohr, das sie dem Beschauer zuwandte. An dieser Stelle hatte sich nämlich vor kurzem ein klein wenig Putz abgelöst. Das sah sehr häßlich aus, doch da man aus so geringfügiger Ursache nicht erst den Malermeister aus Seeberg kommen lassen wollte, so hatte Benedikte die Renovation übernommen. In der Farbe hatte sie sich nicht vergriffen, sie besaß einfach kein andres Rot als das Zinnober. Es ging übrigens ganz gut; der Papa meinte allerdings, die Nymphe sehe aus, als hätte sie sich das linke Ohr erfroren, doch fügte der Großpapa diesem Scherz tröstend hinzu, die alten niederländischen Meister hätten immer so starke Farbenkontraste geliebt, und es sei ganz klar, daß sich Benedikte an den Niederländern heranbilden wollte. An den Wänden des großen und sonnenlichten Raumes hingen zahllose Geweihe; sowohl Tübingen wie sein Schwiegervater waren eifrige Jägersleute – der alte Graf hing sich noch oft genug, trotz seiner zweiundsiebzig Jahre, die Flinte auf den Rücken und schlenderte über die Felder und hinein in den Wald, und schoß er kein edleres Wild, so blaffte er wenigstens eine Krähe oder eine Eule zu Boden, die dann für Bernd und Dieter ausgestopft wurden. Riedecke öffnete nunmehr die große Glasthür, die aus dem Gartensaal zunächst auf eine offene Veranda führte. 6 Von ihr aus übersah man den ganzen vorderen Teil des Parks mit seiner schönen breiten Nußbaumallee, die weit hinten durch ein eisernes Thor abgeschlossen wurde. Es war noch ziemlich früh am Tage, kaum sieben Uhr, und so prangte der Park noch im vollen Schmucke der Erfrischung, die ihm die erquickliche Kühle der Juninacht gespendet hatte. Rechts und links der Allee dehnten sich weite Rasenflächen aus, auf denen der Morgentau glitzerte und die kulissenartig von grünen Bosketts eingefaßt wurden. Auf der einen Seite der Wiesenniederung sprang aus dem Gewirr von Fliederbüschen, Schneeballen, Jasmin und Spireen in kurzen Bogen das Silberband eines Baches hervor, das sich dann wieder im matten Dunkel der Hecken verlor, um hinter dem Herrenhause einem stattlichen Weiher, den Benedikte den »Schwanensee« getauft hatte, Nahrung zu geben. Die Rasenflächen waren übrigens nicht nach sogenannter englischer Sitte kunstgerecht abgeschoren, sondern wurden als Wiesen behandelt, die ihren Heuschnitt zu liefern hatten; infolgedessen wucherten denn auch wilde Blumen in hundertfältiger Fülle auf ihnen und webten eine ganze Farbenskala in das aufstrebende Grün. Der alte Riedecke war, angelockt durch die Schönheit des Morgens, auf die Veranda getreten und dann die breite Steintreppe hinab in den Garten gestiegen. Hier traf er auf einen jungen Burschen, der eine gestreifte Leinenjacke ähnlich der seinen trug, dazu aber hohe Stulpenstiefeln und pralle weiße Lederhosen. Der Junge hatte einen geflochtenen Korb im Arm, aus dem volle Büschel von Feldblumen, Gräsern und Laubwerk quollen. »'Morgen, Herr Riedecke,« sagte er und nickte mit dem Kopfe. »'Morgen, Stupps,« erwiderte der Alte; »wo denn hin mit dem Grünzeug?« 7 Der mit dem merkwürdigen Namen »Stupps« Angeredete blieb einen Augenblick stehen und grinste vergnügt. ,.In die Gesindestube,« entgegnete er; »die Guirlanden sollten schon längst fertig sein, aber ja woll –« »Ja woll,« wiederholte Riedecke mißbilligend, »die Mädel haben wieder bis Sechs in den Federn gelegen, und nun schicken sie dich aus, die Blumen zusammenzusuchen! Laß dir das doch nicht gefallen! Du hast doch sonst den Mund auf dem rechten Fleck!« »Ach – na – Herr Riedecke, ich thu's ja ganz gerne,« sagte Stupps, und Herr Riedecke wußte auch weshalb. »Ich will dir mal was sagen, Stupps,« sprach er mit ernster Stimme, wobei er aber doch sein wohlmeinendes Lächeln um den Mund behielt. »Es ist mir nicht unbekannt geblieben, daß du seit einiger Zeit auf lächerliche Art und Weise um die Alwine herumschwenzelst und ihr auch neulich eine Brosche vom Jahrmarkt mitgebracht hast. Zu so etwas bist du noch viel zu jung, Stupps, merke dir das. Kaum sechzehn Jahre und schon hinter den Mädeln her! Wenn du nicht sonst deine Pflicht thätest, würde ich dir bereits derb auf die Finger geklopft haben, doch so soll's noch einmal mit einer Ermahnung abgehen. Du weißt, daß mir nicht nur der Herr Baron befohlen hat, auf dich aufzupassen – ich hab's auch deiner Mutter versprochen. O – und ich habe gute Augen! Es schickt sich nicht, solche Kurschneiderei – es ist dies überhaupt Unsinn, weil nie etwas Gutes dabei herauskommt; laß dir das von einem sagen, der die Sache kennt. Und jetzt gehst du zu den Mädeln, gibst deine Blumen ab und sagst, Herr Riedecke hätte verboten, daß sie dich als Laufburschen benutzten; du hättest mehr zu thun. Alle Augenblick kann der Herr Baron nach dem Badewasser klingeln, und dann schimpft er wieder, wenn du nicht da bist. Drücke dich!« 8 Stupps entfernte sich schleunigst mit rotem Kopf und im Laufschritt, um unten in der Gesindestube, wo vier weibliche Wesen damit beschäftigt waren, Kränze und Guirlanden zu binden, einen Sturm der Entrüstung hervorzurufen, als er erzählte, was Herr Riedecke befohlen hätte. Dieser selbst war indessen unter leichtem Kopfschütteln über den Unverstand der Jugend rechtsseitig um das große viereckige Schloß geschritten und wollte sich soeben in den kleinen Beerengarten verlieren, wo um diese Zeit gewöhnlich die beiden Pfauen zu räubern pflegten, als er am Giebelstock ein Fenster klingen hörte. »Pst – Riedecke!« rief zu gleicher Zeit halblaut eine Stimme. Riedecke schaute auf und stellte sich in Positur. Oben nämlich war ein zausiger Blondkopf sichtbar geworden, ein fröhliches Backfischgesicht mit lachenden roten Lippen und blitzenden Schelmenaugen. »Gnädiges Fräulein?« antwortete der Alte und fügte hinzu: »Wünsche schönen guten Morgen, gnädiges Fräulein!« »'Morgen, Riedecke! Riedecke, kannst du mir nicht einen Frosch fangen?« Der Alte war sehr verwundert. »Einen Frosch?« wiederholte er. »Ja – das wird mir schwer halten – mit meinen alten Beinen. Die Dinger sind flinker wie ich und so quabblich: wenn man schon einen erwischt hat, huppst er doch gleich wieder davon. Ich werd's Stupps sagen. Muß es denn gleich sein?« »Ja natürlich,« antwortete das Fräulein; »ich wollte ihn der Miß Nelly in die Waschschüssel legen –« »Aber, gnädiges Fräulein,« sagte Riedecke erschreckt, »da gibt's doch nachher wieder Schimpfe!« »Die gibt's,« entgegnete Benedikte. »Weißt du was: 9 bringe mir ein paar Erdbeeren herauf – ein paar recht große und reife!« »Schön, gnädiges Fräulein, das ist mir schon lieber wie die Froschgeschichte. . . .« Der Backfisch nickte noch einmal, dann klirrte abermals das Fenster ganz leise, und sein weißer Vorhang bewegte sich flüchtig hin und her. Im Schlafzimmer der Mädchen herrschte ein mattes silbernes Dämmerlicht. Das Gemach war groß, aber nichts weniger als luxuriös ausgestattet. Kein Teppich, nur ein paar Felle vor den beiden Betten, zwei Waschtische und ein großer Spiegelschrank an den Wänden, dazu ein paar goldumrahmte Lithographieen: die Schlacht bei Bunkershill und Friedrich der Große bei Zorndorf. Oberhalb eines kleinen Toilettetischchens befand sich noch ein weiterer Wandschmuck: dort waren zwanzig bis dreißig buntfarbige Neujahrs-, Geburtstagsgratulations- und sogenannte Christmaskarten in malerischem Durcheinander mittels kleiner Nägel angeheftet worden; auch einige Liebigbilder und andre kolorierte Reklamen waren darunter. Neben dem Bette Benediktes schlief ihre Freundin Trudchen, die in diesem Augenblick weniger niedlich aussah als im Dasein des Tages. Das hübsche Gesichtchen war nämlich mit Mandelkleie bepudert und die braunen Löckchen über der Stirn waren in Papilloten gedreht. Die auf der Bettdecke ruhenden Hände steckten in langen verwaschenen Wildlederhandschuhen. Das Mädchen schlief noch fest und ruhig und hatte dabei den Mund geöffnet. Benedikte behauptete, die Trude schnarche auch zuweilen wie ein erwachsener Mann. Benedikte war vom Fenster zurückgesprungen, betrachtete einen Moment lächelnd ihre schlummernde Freundin und huschte dann in ihrem bis zu den Knöcheln reichenden 10 Nachtgewande an die nur leicht angelehnte Thür zum Nebenzimmer, lauschte und öffnete sie hierauf leise und vorsichtig. Auch in diesem Gemache, das etwas komfortabler eingerichtet war, herrschte das gleiche Dämmergrau wie nebenan. Vor dem Waschtische stand eine große Badewanne aus Gummi als Symbol englischer Reinlichkeit, und in dem Bette unter dem geblümten Cretonnehimmel schlief Miß Nelly Milton den Schlaf der Gerechten. Da es in diesem Augenblicke etwas zaghaft an die Thüre klopfte, so sprang Benedikte eilfertig an diese und nahm durch die Spalte aus Riedeckes Hand die bestellten Erdbeeren entgegen, die auf einem großen Weinblatte lagen. Es waren Prachtexemplare, kirschrot, von ovaler Form, Sorte »König Albert von Sachsen«, die Lieblinge Großpapa Teupens, der sich, um Bolingbroke zu ähneln, lebhaft für die Gartenwirtschaft interessierte. Benedikte suchte die größte der Früchte heraus, einen Koloß in seiner Art, und schlüpfte damit in ihr Bett zurück. Dann neigte sie sich über ihre Freundin Trudchen und steckte ihr rasch die Erdbeere in das immer noch offene Mäulchen, worauf sie schnell ihre Bettdecke bis an den Hals hinaufzog und gleichfalls Schlummer erheuchelte, heimlich aber auf die Folgen der geglückten Unart lauschte. Sie blieben dann auch nicht aus. Trudchen begann zuerst zu schnaufen, dann zu röcheln und hierauf zu ächzen und krampfhaft zu schlucken – und plötzlich sprang sie mit einem wilden Schrei aus dem Bette. »Zu Hilfe! Dikte – Nelly – zu Hilfe! Ich sterbe – ich muß sterben!« . . . Im Zimmer nebenan wurde es lebendig. Schreckensbleich stürzte Miß Nelly herbei; Benedikte hatte sich nur aufgerichtet und machte ein harmlos verwundertes Gesicht. » For God's sake! « jammerte die kleine Engländerin 11 und starrte Trudchen an, als ob sie einen Geist vor sich sehe; »Trudi, was hast du gemackt?!« Trudchen stand am Waschtisch, hatte sich ein Glas mit Wasser gefüllt und gurgelte in allen Tonarten, wobei sie mit beiden Armen winkte. »Laßt mich!« schrie sie zwischen durch, »ich muß sie wieder 'rauskriegen – ich sterbe – o Gott, o Gott, o Gott! – Schlagen Sie mich auf den Rücken, Miß Nelly – du auch, Dikte – ich habe eine Fledermaus verschluckt – oder einen Maikäfer – aber ich glaube – o Gott, o Gott, o Gott! – es war eine junge Fledermaus! Gebt mir noch mehr Wasser –« »Nein, Milk!« rief Miß Nelly aufgeregt, »heiße Milk!« . . . Sie sprang an die Klingelschnur und begann zu läuten. »Milk muß es sein! Ganz heiß – das tötet das Maitier!« . . . Der gelle Ton der Klingel rief Sturm. Es wurde lebhaft im Schlosse. Nun bekam es auch Benedikte mit der Angst. Einen solchen Lärm hatte sie nicht erwartet. Sie konnte sich auf Stubenarrest gefaßt machen. »Schrei doch nicht so, Trudel!« rief sie. »Nelly – Allmächtiger – hör' bloß mit dem Geklingel auf! Es war ja nur eine Erdbeere –« »Nein!« kreischte Trudchen und griff wieder zum Wasserglase; »ich spür' es – es war doch ein Käfer – er krabbelt im Magen – er will wieder 'raus –« »Bringen Sie heiße Milk!« befahl Miß Nelly durch die geöffnete Thür den beiden herbeigeeilten Zofen; »so viel heiße Milk, als da sein –« »Unsinn!« schrie Benedikte dazwischen, nun auch aus dem Bette springend, »es war ja doch nur ein Scherz von mir! Ich habe Trudchen eine Erdbeere in den Mund 12 gestopft – da liegen ja noch die andern! Seid doch nicht verrückt!« Jetzt öffnete sich mit raschem Ruck die Zimmerthür und Frau von Tübingen trat ein, noch in der weißen Nachthaube und einem weiten Schlafrock aus verschossenem blauen Samt. »Um Gottes willen, Kinder!« stammelte sie, »was ist denn los?! . . .« Trudchen hatte sich auf einen Stuhl gesetzt, schluckte noch immer und weinte dabei. Benedikte sah sehr betrübt aus und Miß Nelly hatte sich hinter die Thür ihres Kabinetts zurückgezogen. Keine antwortete. »Was los ist?« fragte die Baronin nochmals. »Trudchen, liebes Kind, was weinen Sie denn? – Benedikte, was hat es gegeben?« Beide Angeredete senkten nur die Köpfe. Nun aber wurde Frau von Tübingen ungeduldig; sie ahnte bereits, daß Benedikte wahrscheinlich wieder einen Unfug gemacht haben würde. »Miß Nelly!« rief sie mit erhobener Stimme, »ich will wissen, was hier für Spektakel gewesen ist! Sie müssen ihn doch auch gehört haben!« »Jawohl, Frau Baronin,« antwortete Nelly aus dem Nebenzimmer; »Fräulein Trude hat geglaubt, daß sie ein Käfervieh verschluckt haben solle, aber es war kein dieses.« »Es war bloß eine Erdbeere,« setzte Benedikte sehr kleinlaut hinzu. »Mamachen, ich habe einen Witz gemacht, weil Trudchen immer mit offnem Munde schläft –« Zum Glück erdröhnte in diesem Augenblick der donnernde Weckruf des großen Gongs unten im Hausflur und verschlang teilweise die Strafpredigt der Mama. Aber doch nur teilweise. Man hörte, wie sie über die Witze Benediktes dachte und sie vom Standpunkte der guten Erziehung wie 13 insbesondere von dem adliger Grundsätze aus recht herbe beurteilte. Es sei einer jungen Dame aus vornehmem Hause nicht würdig, sagte sie, einer Schlafenden Erdbeeren in den Mund zu stopfen; denn ganz abgesehen davon, daß dadurch leicht Störungen in der Luftröhre vorkommen könnten, bekunde ein solches Thun auch einen außerordentlichen Mangel an Delikatesse und an weiblichem Zartgefühl. Freilich – bei Benedikte appelliere man leider Gottes immer vergeblich an Zartsinn und Weiblichkeit; sie werde auch wohl niemals aus den Kinderschuhen herauskommen, und vor allen Dingen: welch ein entsetzlich schlechtes Beispiel gebe sie fortgesetzt ihren beiden Brüdern! . . . Die Rede währte lange, war viel mit Fremdwörtern gespickt und wurde in strengem Tone vorgetragen, durch den aber immer etwas wie eine leise und zärtliche Sorge zitterte. Benedikte, die anfangs noch den Mund trotzig und maulend verzogen, aufrecht im Bette sitzen geblieben war, wurde von Satz zu Satz kleiner, sank völlig in sich zusammen und kroch schließlich unter die Decke, was die Mama für ein gutes Anzeichen beginnender Scham und Reue hielt. Denn nun hielt sie in ihrer Strafpredigt inne und wandte sich an Trudchen, an der ihr erst jetzt die Geheimnisse der Nachttoilette, der Puder, die Handschuhe und die Papilloten, auffielen, was sie innerlich von neuem entsetzte, denn sie hatte das Apothekerstöchterchen stets für einen Ausbund von Tugend und Wohlerzogenheit gehalten. Aber sie sagte nichts, zumal es nunmehr draußen auf der Diele abermals lebendig wurde. Man vernahm die polternde Stimme des Barons Tübingen, der ebenfalls wissen wollte, was das für ein Geschrei in den Zimmern der Mädchen gewesen sei, und dazwischen das beruhigende Organ des alten Grafen Teupen sowie das Indianergebrüll der in ihrer Morgenruhe gestörten beiden Jungen. 14 »Nun zieht euch an!« sagte Frau von Tübingen und trat auf die Diele zurück, wo ihr Vater und Gatte entgegenstürzten, während Bernd und Dietrich im Hemde unter ihrer Zimmerthür standen, gleichfalls neugierig darauf, zu erfahren, was es denn nun eigentlich gegeben habe. Die beiden zehnjährigen Buben – es waren Zwillinge – erhoben von neuem ein fürchterliches Geschrei, als die Mutter die Geschichte von der Erdbeere erzählte, und lachten dabei aus vollem Halse; der Baron aber war sehr ärgerlich. »Es ist nicht zu glauben!« schimpfte er. »Eine Erdbeere! Und in den Mund, sagst du? Direkt in den Mund?! So eine infame Range! Wenn die Trude nun erstickt wäre? Es ist schon mal ein Mann an einem Pfirsichkern erstickt. Das geht nicht so weiter mit der Dikte, Eleonore! Ich steck' sie noch jetzt in eine Pension. Sie hat immer nur Flausen im Kopf!« »Von wem hat sie sie denn, lieber Eberhard?« »Vielleicht von mir? Hahahaha – na ja, nun krieg' ich es wieder! Wenn die Kinder ungezogen gewesen sind, ist regelmäßig der Vater daran Schuld. Aber du bist die Mutter, Eleonore, und wenn –« Der alte Teupen, dessen zierliche Greisengestalt ein alter, fahlgelber Schlafrock umschlotterte, erhob beschwörend die Hände. »Keinen Zank, Kinder – ich bitte euch!« »Lieber Papa, du wirst einsehen, daß es so nicht weiter geht. Man wächst mir über den Kopf. Miß Nelly ist nicht die richtige Leiterin für Dikte. Ich habe eine Alte und Würdige haben wollen –« »Lieber Eberhard, das kenn' ich. Die wär' nicht vier Wochen geblieben. Du respektierst das Alter ebensowenig –« »Keinen Zank, Kinder – ich bitte euch!« »Lieber Papa, es handelt sich um keinen Zank, sondern 15 um eine Auseinandersetzung. Um eine ganz einfache Auseinandersetzung. Dieter und Bernd sind nun schon wieder vier Wochen ohne Hauslehrer –« »Weil dir der letzte zu viel alte Geschichte lehrte –« »Nein, weil er dir nicht fein genug war! Weil er immer mit dem Messer aß! Das hätte man ihm aber abgewöhnen können –« Graf Teupen erhob wieder die Hände. »Ist es denn nötig, daß das alles hier oben auf der Diele besprochen wird!?« klagte er, seinen Schlafrock über den Leib zusammenziehend. »Erstensmal werden wir uns auf den Tod erkälten und – Gott, was schreien die Jungen!« unterbrach er sich, hielt sich die Ohren zu und eilte beflügelten Fußes davon. Tübingen stürmte in das Zimmer der Zwillinge, die sich damit beschäftigten, während des Ankleidens Kriegstänze aufzuführen, donnerte gewaltig los, nahm die Jungen an den Ohren und kehrte dann endlich in sein eigenes Schlafgemach zurück, das neben dem der Baronin am Ende eines langen Flurgangs lag, der die Diele im oberen Stockwerk kreuzte. Nach Austobung des offiziellen Donnerwetters war Tübingen wieder ruhiger geworden. Er lachte sogar leise vor sich hin, während er an die umständliche Prozedur des Waschens ging, die stets mit einer Ueberschwemmung des Schlafzimmers endete. Ganze Fluten sprudelten umher; die Cyklopengestalt des Barons neigte sich über den Waschtisch, und aus den Schwämmen, die er in beiden Händen hielt und über den Nacken ausdrückte, plätscherte das Wasser in dicken Strahlen herab. Haar und Bart rieselte, und dabei pustete und stöhnte der Baron und hielt ununterbrochen Selbstgespräche. Die Erdbeergeschichte belustigte ihn doch; er liebte dergleichen, wenn er auch darüber räsonnierte. Eleonore hatte ganz recht: die Dikte schlug nach ihm – sie 16 war ganz Tübingensch. Ein tolles Mädel, aber Rasse in ihr. Die Jungen waren genau so unbändig – bis auf Max, den Aeltesten – in dem saß noch etwas von der Teupenschen Diplomatie. . . . Der Storch war dreimal bei Tübingen zu Gaste gewesen, aber immer in weiten Zwischenräumen. Max war achtundzwanzig Jahre alt; zehn Jahre später hatte Benedikte zum erstenmal die Sonne über Hohen-Kraatz aufgehen sehen, und wiederum acht Jahre danach waren die Zwillinge eingetroffen. Da hatte der dicke Tübingen aber einen Schreck bekommen. Auf einen so reichen Himmelssegen war er nicht vorbereitet gewesen. Drei Jungen war ein bißchen viel, zumal er sich nur auf zwei eingerichtet hatte. Max sollte Hohen-Kraatz erhalten, das Majorat war, und der zweite, falls noch ein zweiter käme, das pommersche Gut Drake, das durch die Teupens an die Familie gefallen war. Nun war allerdings der zweite glücklich eingetroffen, mit ihm zugleich aber auch noch ein dritter, und dies Geschehnis verschob die ganzen väterlichen Pläne. Es war so wie so eine ziemlich verwickelte Sache mit der Feststellung des Erstgeburtsrechts bei den Zwillingen. Zwischen der Geburt der beiden lag eine Zeitspanne von etwa zwölf Minuten, aber die Jungen hatten sich im Wiegealter so täuschend ähnlich gesehen, daß sich schon nach der ersten halben Stunde ein Zweifel darüber erhob, wer der um zwölf Minuten ältere sei. Vater und Großvater behaupteten, Dieter sei es, die Mutter schwor dagegen auf Bernd, und die Hebeamme wußte gar nicht Bescheid und wurde noch angeschnauzt, weil sie sich bei einer so wichtigen Sache nicht ein Erkennungszeichen gemerkt hatte. Vorläufig wurden die Knaben recht und schlecht im Hause erzogen, sollten dann nach Liegnitz auf die Ritterakademie und später Offiziere werden. Alles übrige würde sich schon finden. 17 Baron Tübingen hatte nunmehr seine Toilette vollendet. Sie war mehr als einfach. Tübingen gab auf seinen äußeren Menschen gar nichts, zum steten Aerger seiner Frau, die diese philosophische Verachtung des glänzenden Scheins durchaus nicht zu teilen vermochte. Er trug gewöhnlich – und so auch jetzt – eine schon ziemlich schäbig gewordene Lodenjoppe von unbestimmter Farbe, in deren weiten Taschen er stets ein ganzes Arsenal verschiedenartiger Gegenstände barg: zum Beispiel ein Taschenmesser, das wie ein Hirschfänger aussah, eine kleine Gartenschere, eine Tabaksdose aus Buchsbaum, ein Sacktuch von roter Farbe und kolossalem Umfange, eine abgenutzte Cigarrentasche mit langen gelben und merkwürdig fleckigen Holländern – zuweilen auch Kartoffelproben, Patronenhülsen und Papierpfropfen, Zündhölzerschachteln, eine Hundepfeife, dazu den Briefeingang des Tages und die Morgenzeitung, dann und wann auch einen Hirschkäfer für Bernd oder einen Laubfrosch für Dieter: kurzum, die Taschen dieses Flauschrocks, den nur Stupps reinigen durfte, glichen stets einem kleinen Museum oder der Bude eines Wanderkrämers, in der alles Mögliche vertreten ist. Das Kostüm wurde durch weite Beinkleider vervollständigt, die in Schaftstiefeln steckten, sowie durch eine rot und grün gestrickte Jagdweste und ein Unding von Kopfbedeckung, eine Art Mütze mit Ohrenklappen, die oberhalb des Kappendeckels zusammengebunden waren. Sehr wenig harmonierte mit diesem An- und Aufzuge das Monocle, das Tübingen ständig trug. Er hatte sich in seiner Leutnantszeit daran gewöhnt und ließ es auch heute nicht mehr aus dem Auge. Tübingen hatte vor vierzig Jahren bei der Garde du Corps gestanden, und es war schwer zu glauben, daß dieser dicke alte Krautjunker damals der eleganteste Offizier des vornehmen Regiments gewesen sein sollte. Ja, 18 noch mehr – die Baronin pflegte sogar in heiteren Stunden zu erzählen, daß man ihren Eberhard ehemals nicht mit Unrecht den »schönsten Offizier Seiner Majestät« genannt habe. Das war heute recht schwer erklärlich. Der Baron war ein Riese, aber doch mehr Falstaff als Wotan. Das braune Gesicht umrahmte ein wilder, grau gesprenkelter Vollbart, der im Winde wie eine Sonnenblume auseinanderflatterte und nur bei feierlichen Gelegenheiten unter das Schermesser kam. Aber in diesem dicken kupferfarbenen Antlitz leuchteten ein paar prächtige hellblaue Augen, grundgute Augen, vor denen man sich auch nicht fürchten konnte, wenn sie im Zorne blitzten. Und das kam zuweilen vor, denn wie die meisten gutmütigen Menschen, so brauste auch Tübingen schnell einmal auf, um fünf Minuten später reumütige Abbitte zu leisten. Auch jetzt that es ihm leid, daß er vorhin seiner Gattin gegenüber heftig geworden war. Diese beiden Menschen paßten im Grunde genommen wenig zu einander, hatten sich aber aus Liebe geheiratet und ihre Liebe überdauerte die Zeit und den häuslichen kleinen Krieg, in dem sie vielfach lebten. Frau Eleonore war gewiß eine vortreffliche Gattin und Mutter, doch voller Schwächen und Eigentümlichkeiten, und dabei war das Schlimme, daß diese Schwächen auf ganz anderm Gebiete lagen als jene des Ehegemahls, so daß es niemals an gegenseitigen Reibereien fehlte. Sie besaß vor allen Dingen etwas, was man heutzutage eigentlich nur noch bei einem gewissen Stamm von Emporkömmlingen findet: einen ausgesprochenen Adelstick, der nicht kränken sollte, zuweilen aber dennoch verletzte. Für die Baronin gab es thatsächlich noch eine schwer zu überbrückende Kluft zwischen Adel und Bürgertum, einen besonderen Himmel für die mit und ohne »von«; sie hielt das für natürlich und dachte sich nichts weiter dabei. Und diese zeitweilig 19 übertriebene Vornehmthuerei, die bei der innerlich in Wahrheit vornehmen und gütigen Frau um so lächerlicher wirkte, ging mit ihrer Neigung zu allerhand hochmütigen Allüren Hand in Hand. Die burschikosen Redeglossen, die der Baron bevorzugte, waren ihr schrecklich, und wenn er sie einmal in behaglicher Philisterlustigkeit »Mutterken« titulierte, konnte sie böse werden. Schon die Abkürzung ihres klangvollen Vornamens Eleonore ärgerte sie; als Max in seiner Studentenzeit das bekannte Lied von der Lore mit nach Hause brachte, war sie außer sich, weil ihr Gatte bei diesem Singsang behaglich schmunzelte und sie mit listigem Blinzeln von der Seite anschaute. Sie hatte ihm schon am Lendemain verboten, sie Lore zu nennen. Der Baron öffnete das Fenster und stieß die Läden vollends auf und klopfte sodann an die Nebenthür. Seine Gattin war gleichfalls bereits völlig angekleidet und sah mit ihrem rosigen Gesicht und dem weißen Haar, der vollen schweren Gestalt und in ihrer immer geraden Haltung noch recht gut aus. Sie saß vor ihrem kleinen Schreibtisch am offenen Fenster und blätterte in einem Buche, dessen Lektüre sie so beschäftigte, daß sie das Ungewitter von vorhin gänzlich vergessen zu haben schien. »Guten Morgen, mein Liebling,« sagte Tübingen beim Eintritt; »man könnte dies ›Guten Morgen‹ für eine Dublette halten, aber für mich beginnt der Tag immer erst mit dem Morgenkuß, folglich gilt das Frührendezvous auf der Diele nicht. Darf ich fragen, was du so eifrig studierst?« Er neigte sich über sie und küßte ihre Stirn, was sie sich ruhig gefallen ließ. »Ich suchte nach einer Brosche,« entgegnete sie in freundlichem Tone, »und denke dir, da fand ich mein altes Tagebuch wieder, das mir vor zwei Jahren verloren gegangen war. Es hatte sich hinter das Schubfach geklemmt, und 20 wenn ich nicht nach der Brosche gesucht hätte, würde es wahrscheinlich bis zu meinem Tode hinter dem Schubfache liegen geblieben sein.« »Und das Buch interessiert dich so schrecklich, daß du darüber die Frühstücksstunde vergißt?« »Ja gewiß! Das heißt nein – so schrecklich ist es nicht. Aber doch immerhin interessant. Ich blätterte nur so ein bißchen in dem Tagebuche und da ist mir denn aufgefallen, daß wir heuer wieder ein Heiratsjahr haben.« »I,« sagte der Baron, »sieh einmal an! Ein Heiratsjahr. Was verstehst du darunter, wenn ich fragen darf?« Frau von Tübingen lächelte. »Dein Gedächtnis hat wirklich ein bißchen nachgelassen, Eberhard,« meinte sie. »Du sollst dir nicht so viel den Kopf duschen, hat der Arzt gesagt. Ich habe dir die Geschichte mit dem Heiratsjahr doch schon ein paarmal erklärt. Die Großmama – meine – ist zuerst darauf gekommen. Bei den Teupens kehrt nach jedem Lustrum – Großmama sagte immer Lustnun – ein Heiratsjahr wieder.« Sie nahm von dem niedrigen Aufsatze des Schreibtisches einen der dort stehenden Gothaer Almanache und schlug ihn auf. »Der Grafenkalender ist schon vier Jahre alt,« fuhr sie fort, »aber das schadet nichts. Man hat doch noch eine ganz hübsche Uebersicht. 1795 heirateten vier Teupens, 1810 drei; dann kommt 1825 die stattliche Anzahl von sieben Hochzeiten, darunter Onkel Hans Carus, Onkel Philipp und Tante Röschen. 1840 läßt der Eifer nach; da haben nur zwei geheiratet; aber dann kommen 1855 wieder fünf an die Reihe – du und ich sind mit dabei. 1870 ließ sich Vetter Egon im Felde trauen – mit der kleinen Französin aus Nancy, die ihm nachher davongelaufen ist; außerdem heiratete Traute Borgstedt und Hans Carus der Zweite und in der Sylvesternacht zu Einundsiebzig der 21 verrückte Vetter Bogumil aus Langen-Krusatz. Na, und jetzt schreiben wir 1885!« Sie schaute triumphierend zu ihrem Gatten empor, der freundlich mit dem Kopfe nickte. »Ja, ja,« sagte er, »jetzt entsinne ich mich, daß du mir schon öfters von eurem berühmten Heiratsjahre gesprochen hast. Es ist in der That ein seltsamer Zufall, daß das immer so geklappt hat.« Die Baronin schlug ihr Tagebuch zu und stellte den Gothaer wieder an seinen Platz. »Zufall gibt es nicht, Eberhard,« erwiderte sie. »Es ist alles Vorherbestimmung. Paß einmal auf: wir werden auch diesjährig zu einer Hochzeit rüsten können!« »Wer weiß?!« entgegnete der Baron. »Die Tübingens sind nicht so ordentliche Menschen wie die Teupens. Sie kümmern sich nicht um das Lustrum deiner Großmutter.« »Das ist noch die Frage; in unsern heiratsfähigen Kindern steckt doch auch Teupensches Blut!« »Gott gebe Gnade, Eleonorchen – du wirst doch die Dikte noch nicht verheiraten wollen!? Einen Kindskopf ersten Ranges! Denke 'mal: die Geschichte mit der Erdbeere! Das ist bezeichnend für sie. Keine Spur von Lebensernst!« »Der wird schon kommen. Ich habe einen jungen Leutnant geheiratet, dem ich den Ernst auch erst allmählich anerziehen mußte. So etwas lernt sich. Uebrigens steife ich mich nicht auf Großmamas Heiratsjahr. Nun komm – wir wollen zum Frühstück! Und laß die Erdbeere ruhen. Benedikte hat ihre Strafpredigt abbekommen. Miß Nelly ist mir auch lieber als eine Alte und Würdige. Aber die kleine Trude, Eberhard – denke dir, sie schläft in ledernen Handschuhen und wickelt sich über Nacht Papierpfropfen in das Haar, damit die Löckchen bleiben! Hättest du das für möglich gehalten?« 22 »Nein,« entgegnete Tübingen lächelnd. »Oder doch – sie hat einen kleinen koketten Zug. Das lernen die Mädels in den Pensionen. Ich werde die Dikte lieber im Hause behalten.« »Das dachte ich mir,« erwiderte die Baronin, sich erhebend. »Wenn du etwas anordnest, kann man sicher sein, daß schließlich das Gegenteil erfolgt. Hast du schon daran gedacht, daß wir Max heut zurückerwarten?« »Ich habe sogar davon geträumt. Ich freue mich schrecklich auf den Jungen. Der Himmel gebe, daß er unten in Afrika seine Dummheiten vergessen habe! Wenn nur der Papa nicht gleich wieder mit seinen Plänen in Bezug auf Langenpfuhl herausrückt!« »Das wird er gewiß. Aber ich werde ihm sagen, er soll vorsichtig sein. Man kann die Sache ja trotzdem im Auge behalten. Das Schlechteste wäre es nicht. Komm!« Sie schob ihren Arm unter den des Gatten, und beide stiegen die Treppe hinab nach dem Gartensaal. Zweites Kapitel. Allgemeine Vorstellung der Herrschaften auf Hohen-Kraatz mitsamt ihrem vierbeinigen Anhang, und eine diplomatische Unterredung im Obstgarten. Im Gartensaal hatte sich die Familie bereits versammelt und außerdem die zur Familie gehörigen Anhängsel, nämlich vier Hunde, die Benedikte aus dem Garten hereingelockt hatte. Es war dies zunächst Cäsar, der Hühnerhund, ein großes junges Tier von kalbsmäßigen Gebärden, dann Lord, ein behender Rattler, der nachtsüber gewöhnlich im Stalle und zwar auf dem Rücken der braunen Stute schlief, die 23 Tübingen als Reitpferd diente. Ferner Mohrchen, der Liebling Benediktes, ein prächtiger schwarzer Pudel, und schließlich ein winziges braunes Etwas, das Cosy hieß und der aussterbenden Rasse der »kurzhaarigen Zwergaffenpinscher« angehören sollte. Frau von Tübingen hatte dies Hundediminutiv einmal von Frau von Seesen auf Langenpfuhl geschenkt bekommen und vergötterte es förmlich. Sie verließ ungern Hohen-Kraatz, aber Cosys wegen hatte sie sogar die weite Reise nach Berlin nicht gescheut. Cosy fing nämlich an, infolge der göttlichen Faulheit, der er sich mit Vorliebe hingab, allmählich seine schöne Taille zu verlieren, begann auch im Schlafe zu schnarchen und ein klein wenig asthmatisch zu werden. Das ängstigte die Baronin derart, daß sie beschloß, einen berühmten Berliner Tierarzt zu konsultieren, der Cosy nach genauer Untersuchung seines leidenden Zustands eine leichte Karlsbader Kur verordnete, das heißt, es wurde ihm bei jeder Mahlzeit eine kleine Dosis Karlsbader Salz unter das Essen gemischt. Denn bei Cosy durfte man nur Essen sagen, nie Futter oder gar Fressen – das litt Frau von Tübingen nicht. Für Cosy war immer ein kleiner, blau ausgeschlagener Korb zur Hand, in dem er seine Tage verbrachte. Er hatte eine sehr zierliche Art, in diesen Korb hinein zu hüpfen, und bevor er sich niederlegte, drehte er sich immer erst dreimal um die eigene Achse und krümmte sich hierauf in Bretzelform zusammen. Es war in der That ein niedliches Tier, mit kurz gestutzten Oehrchen und einem winzigen Schwanzfragment, mit dem er nicht einmal mehr wedeln konnte. Wollte er dies, so bewegte sich sein ganzer kleiner fetter Körper in anmutigen Windungen. Frau von Tübingen behauptete stets, Cosy besitze menschliche Intelligenz. Sie sprach auch mit ihm, als ob sie ein menschliches Wesen vor sich habe und befragte ihn sogar öfters in allerlei Angelegenheiten um seinen Rat. 24 Legte er dann die Ohren zurück, so war dies ein Zeichen der Bejahung, und wenn er sein närrisches Backfischnäschen in eigentümlicher Art rümpfte und kräuselte, so galt es der Baronin als eine entschiedene Verneinung. Bernd und Dietrich, die beiden Jungen, waren die ersten am Platze. Sie hatten Stupps vor der Veranda entdeckt und beratschlagten mit ihm das Aufhängen neuer Starkästen. Die herrenlose Zeit hatte die Zwillinge wirklich ein wenig verwildern lassen. Der letzte Hauslehrer hatte Tübingen nicht gefallen. Der Mann war ihm zu sehr Philologe gewesen. Namentlich die Geschichtsstunde ärgerte Tübingen. Er behauptete, Artaxerxes und Psamninit I. und die Seeschlacht bei Salamis seien lange nicht so wichtig als das eigene Vaterland; es war aber das Unglück, daß der Hauslehrer in der alten Historie viel besser beschlagen war als in der neueren Zeit und daß er von Alcibiades mehr wußte als von Blücher. So trennte man sich denn, und die Jungen hatten ein paar Wochen freie Zeit. Allerdings suchten sowohl die Eltern wie der Großpapa Teupen auch in dieser Zeit belehrend auf die Kinder zu wirken, aber es war doch nur ein mäßiger Ersatz für die fehlende erzieherische Kraft. Tübingen hatte den Knaben anfänglich täglich eine Unterrichtsstunde gegeben, abwechselnd Geschichte, Geographie, Rechnen und Litteratur, nach den vorhandenen Lehrbüchern. Das war indessen mehr Komödie als Schule. Tübingen wurde bei jeder Gelegenheit heftig, fuhr die Jungen grob an und ärgerte sich auch über die neue Orthographie und Lehrmethode; das war früher im Kadettencorps alles ganz anders gewesen. Frau von Tübingen und Graf Teupen waren keine besseren Schulmeister; schließlich wurde das ganze Haus nervös. Es war hohe Zeit, daß der neue Hauslehrer eintraf. Nach den Zwillingen erschienen die drei Mädchen auf 25 dem Plane: Benedikte rosig und frisch, noch mit Backfischzöpfchen, drall und strotzend vor Gesundheit, aber die sonst so übermütig blitzenden Augen ein klein wenig verschleiert; sie hatte Angst, daß noch eine väterliche Strafpredigt nachkommen würde. Trudchen Palm hatte sich über die heimtückisch applizierte Erdbeere getröstet. Sie war bereits am frühen Morgen tadellos angekleidet, in frisch gewaschener heller Bluse, die die Form eines gut sitzenden Korsetts verriet, englischem Tuchkleide und gelben Stiefelchen. Auf ihrer Stirn kräuselten sich die Löckchen, und die spitzen Nägelchen ihrer Finger waren rosig blank poliert. Das ganze kokette kleine Persönchen strahlte und atmete eine appetitliche Sauberkeit aus. Sie war die Herzensfreundin Benediktes und pflegte seit Jahren einige Sommermonate in Hohen-Kraatz zu verleben. Ihre Mutter stammte aus einem verarmten adligen Hause, und das tröstete die gute Baronin über das Freundschaftsverhältnis Benediktes zu dem Apothekertöchterchen, das sie sonst nicht ohne weiteres gutgeheißen haben würde. Die dritte im Kleeblatt war Miß Nelly Milton, zweiundzwanzigjährig und ebenfalls das, was Tübingen unter einem »niedlichen Käfer« verstand. Sie war seit einem Jahre im Hause und sollte Benedikte ursprünglich »Mores lehren«, aber schon nach zweiwöchentlicher Bekanntschaft hatten die beiden Mädchen Schwesternschaft getrunken und sich ewige Treue geschworen, »auch über den Tod hinaus«. Indessen übte das ernstere Wesen Nellys immerhin, wenn auch nur im allgemeinen, einen so guten Einfluß auf Benedikte aus, daß Herr und Frau von Tübingen auf eine »Aeltere und Würdigere«, an die man anfänglich gedacht hatte, verzichteten und die kleine Engländerin behielten. Graf Teupen war trotz seines hohen Alters immer einer der ersten am Frühstückstische. Der Greis war von 26 einer erstaunlichen Frische und Elastizität. Er hatte schon vor gegen zwanzig Jahren die diplomatischen Dienste quittiert und mit dem letzten Orden auch noch den Titel Excellenz als Pflaster für den Ruhestand auf den Weg bekommen. Aber er machte keinen Gebrauch von seiner »Excellenz«, sondern ließ sich nach wie vor »Herr Graf« anreden. Er war ein zierlicher kleiner Herr mit einem Rokokoschnurrbärtchen, schneeweiß und zu scharfen Spitzen gedreht, sowie einem kurz gehaltenen, grünlich schimmernden Backenbart, der in der Mitte der Wangen nach englischer Sitte schnurgerade abrasiert war. Das noch volle grauweiße Haar war sehr sorgfältig gescheitelt und über die Ohren zurückgebürstet, und ebenso sorgfältig war die Kleidung des Grafen: taubengraue Beinkleider, weiße Piquéweste und ein Morgenjackett aus türkisch gemustertem Stoff, aus dessen Tasche der Zipfel eines seidenen Sacktuchs hervorlugte. Dazu trug er um den steifen weißen Halskragen einen flott gebundenen Schlips. Jeder der Ankömmlinge wurde zunächst von den Hunden begrüßt – sehr stürmisch von Cäsar, Lord und Mohrchen, und in bedeutend gemessenerer und vornehmerer Weise von Cosy. Cosy sprang nämlich nur aus seinem Korbe, strich rasch mit seinem Schnüffelnäschen über Kleidersaum, Hosenrand oder Stiefelspitzen, versuchte mit dem Schwanzfragment zu wedeln und kehrte sodann, in dem Bewußtsein, daß es sich einer solchen Anstrengung nicht lohne, in sein Körbchen zurück, wo er sich wieder zusammenringelte. Die Zwillinge und Benedikte küßten dem Großpapa die Hand, der seine Enkeltochter mit einem ernsten und strafenden Blicke maß, worauf diese sehr zerknirscht that, rot wurde und den Kopf senkte. »Ja ja, Dikte,« sagte der alte Herr, »schäme dich nur, das schadet gar nichts! Du bist nun bald achtzehn Jahre, und in diesem Alter sind andre deinesgleichen schon 27 Hofdamen. Nun bitte ich dich, was würde deine gnädige Herrin sagen, wenn man sich bei Hofe erzählen wollte, du hättest einer schlummernden Jungfrau heimlich eine große und dicke Erdbeere in den Mund gesteckt! Glaubst du denn, das würde dein Ansehen erhöht haben? Ich bin überzeugt, selbst die Lakaien hätten sich über dich lustig gemacht und auch der Portier würde dich viel weniger respektvoll gegrüßt haben als sonst. Nein, liebe Dikte, man muß immer die Dehors zu wahren wissen. Was man ansonst als mutwilligen Streich auffassen könnte, gewinnt ein andres Ansehen, wenn es sich um eine junge Dame von Welt handelt. Und eine solche willst du doch sein? Wenigstens solltest du dir Mühe geben, eine solche zu werden. Ich bin überzeugt, Miß Milton ist sehr böse über diese Unart gewesen, denn in England gibt es derlei Vorfälle gar nicht. Nicht wahr, liebe Miß Milton?« Miß Milton errötete nun ebenfalls und begnügte sich, mit dem Kopfe zu nicken. Zum guten Glück trafen jetzt auch die Eltern ein, sonst hätte Graf Teupen seine Rede wahrscheinlich wieder aufgenommen. So aber lenkte das Interesse, das Herr und Frau von Tübingen der Schmückung der Veranda zuwandten, auch die Gedanken des Großvaters ab, der mit den andern auf die Freitreppe hinaustrat. Zu den andern gehörten natürlich auch die Hunde, Cosy selbstverständlich auf dem Arm der Frau Eleonore, der Einzigen, die diese zart organisierte Tierseele von Grund aus verstand. Auf der Veranda waren Stupps und zwei Dienstmädchen damit beschäftigt, die großen weißen Säulen mit Guirlanden zu umwinden. »Sehr hübsch,« sagte Tübingen und nickte befriedigt. »Mehr ist gar nicht nötig. Ich höre, daß die Sänger im Dorfe dem jungen Herrn Baron bei seiner Ankunft ein Ständchen bringen wollen. Das will ich nicht, Riedecke; 28 sage es den Leuten, natürlich so, daß sie sich für ihren guten Willen nicht noch gekränkt fühlen. Ich möchte nur kein unnötiges Aufsehen haben; das kann ich nicht leiden. Die Guirlanden genügen. Ist die Posttasche noch nicht da?« »Sie muß jeden Augenblick kommen, Herr Baron,« erwiderte Riedecke. »Na schön – da wollen wir in Ruhe frühstücken! Bernd und Dieter, wenn ihr hübsch artig seid, könnt ihr euern Bruder von der Station abholen.« Beide Jungen erhoben ein Jubelgeschrei. »Papa,« sagte Dietrich, »ob mir der Max wohl eine Löwenhaut mitbringt? Versprochen hat er es mir.« »Und mir einen Elefantenzahn,« fügte Bernd hinzu. »Aber ich glaube nicht, daß er Wort hält. Großpapa meint, die Afrikareisenden schnurrten alle.« »Schnurren habe ich keinesfalls gesagt, mein Junge,« erwiderte Graf Teupen, während man allseitig am Frühstückstische Platz nahm. »Aber allerdings, die Afrikareisenden übertreiben gern, und nicht nur diese, sondern überhaupt alle Reisenden. Das liegt so in ihrer Natur.« »Gerstäcker auch?« fragte Dieter. »Ja, Großpapa?« »Ein bißchen – ja, ein bißchen wird er wohl auch übertreiben.« »Großpapa, in dem Buche von Gerstäcker,« begann Bernd wieder, »das du uns zum Lesen gegeben hast, kommt eine prachtvolle Geschichte vor von einem Indianer, der auf einer Reihe lebendiger Krokodile über den Fluß gegangen ist – auf ihren Rücken, ohne daß sie ihn gebissen haben. Ich möchte gerne wissen, ob das wahr ist. Glaubst du das?« »Es waren vielleicht zahme Krokodile,« warf Tübingen ein. »Nein, ganz wilde,« entgegnete Bernd. »Der Indianer wurde verfolgt, aber den andern haben sie totgebissen! 29 Großpapa, das ist doch merkwürdig, daß sie gerade den Indianer nicht gebissen haben!« Der Großpapa versuchte, die Seltsamkeit dieser Thatsache durch einen glücklichen Zufall zu erklären. Er galt in den Augen der Jungen für allwissend; für ihn konnte die Welt keine Geheimnisse haben. Das heftige Aufklärungsbedürfnis der Zwillinge brachte ihn häufig in Verlegenheit. Sie forschten und fragten ihn aus, bis er schließlich keine Antwort mehr geben konnte. Eines Abends wollte Bernd wissen, was die Sterne wären. »Weltkörper, mein Kind, wie unsre Erde.« »Aber wie hängen sie denn da oben am Himmel?« »Sie bewegen sich im leeren Raume.« »Was ist das: der leere Raum?« »Die Unendlichkeit, mein Junge.« »Aber, Großpapa, ich bitte dich, es muß doch alles einmal ein Ende haben, sonst hört es ja nie auf, und das gibt es doch gar nicht!« »Die Unendlichkeit hört eben nie auf, lieber Bernd.« . . . Bernd dachte nach und erwiderte dann in unbestimmtem Tone: »Nein, Großpapa, das kann ich nicht glauben. Ein Ende muß da sein. . . .« Seit Max sich der Expedition des Doktor Haarhaus nach Usagara angeschlossen hatte, bevorzugte Graf Teupen die Kolonialpolitik. Ein besonderes Steckenpferd mußte er immer haben. Eine Zeitlang hatte er sich zur Beruhigung seines immer regsamen Geistes einer lebhaften Sammlerthätigkeit zu wohlthätigen Zwecken hingegeben. Mit wahrhaftem Feuereifer sammelte er so ziemlich alles, was irgendwie nur Verwendung finden konnte: Briefmarken und Eisenbahnbilletts und Korkpfropfen, die Stanniolhüllen der Weinflaschen, alte Zeitungen, Cigarrenabschnitte und Knöpfe – kurz hunderterlei wertloses Zeug, das er in seinem Zimmer in einem riesenhaften, noch aus dem vorigen Jahrhunderte stammenden Schranke sorgfältig geordnet aufbewahrte und nach Ablauf eines Jahres an die Zentralstelle des roten Kreuzes schickte. 30 Da er nun neugierig war, welches klingende Resultat seine Bemühungen um die Wohlthätigkeit eingebracht, so bat er um freundliche Abschätzung des eingesandten Materials. Und er erhielt umgehend mit einem längeren Dankbriefe die Nachricht, daß seine schätzenswerten Gaben dem ungefähren Betrage von sieben Mark und fünfzig Pfennigen gleichkämen. Dafür konnte man einem armen Waisenknaben allerdings nur einen Arm oder höchstens beide Beine bekleiden, aber nicht mehr – und das ärgerte den Grafen, der noch fünf Mark und zwanzig Pfennige für die Fracht bezahlt hatte, so sehr, daß er das Sammeln aufgab. Die Kolonialpolitik interessierte ihn mächtig.. Das war ganz sein Fall: ein Kreuzzug gegen Sklaverei und Heidentum und zugleich eine Mehrung des Reichs. Er schnitt aus der »Kreuz-Zeitung« alle Notizen und Artikel, die koloniale Fragen betrafen, heraus und hob sie auf und studierte außerdem sämtliche Afrika behandelnden Bücher, die er in der Hausbibliothek vorfand. Allzuviel waren es nicht und auch nicht die neuesten. Aber dem Grafen genügte zunächst das Vorhandene. Es war da besonders ein Buch, in das er sich mit großem Eifer versenkte: »Des Herrn A. Roberts Historie der New-gefundenen Völcker Severambes, welche einen Teil des Dritten festen Landes, so man sonften Africam nennet, bewohnen, darinnen eine gantz newe und eigentliche Erzehlung von der Regierung, Sitten, Gottes-Dienst vnd Sprache dieser denen Europäischen Völckern biß anhero noch unbekannten Nation enthalten« – ein Werk, von dem er behauptete, daß es ein Vorgänger der Schilderungen Livingstones sei. Hin und wieder verschrieb er sich übrigens auch ein neueres Reisewerk, um Max bei seiner Rückkehr durch seine Kenntnisse zu überraschen. Das machte ihm Spaß und füllte seine freie Zeit aus, die er im Uebermaß besaß. Im Grunde genommen grollte er der Regierung bitter, daß 31 sie ihm »im besten Mannesalter« den Laufpaß gegeben hatte, denn daß er niemals ein hervorragenderer Vertreter der Diplomatie, sondern eigentlich immer nur ein gewandter Repräsentant gewesen war, wollte er selbstverständlich nicht wahr wissen. Wie er in allen seinen Neigungen für die moderne Zeit wenig übrig hatte, so wurzelte er auch in seinen staatsmännischen Anschauungen ganz im Vergangenen und Ueberlebten, gewissermaßen im Hofton der Allonge. Das ehrliche Maklertum dünkte ihn ziemlich brutal, die politische Intrigue Mittel zum Zweck. Und diese Vorliebe für die kleine Intrigue, die derzeitig der Grund für seine Verabschiedung gewesen war, hatte er auch mit in den Ruhestand übernommen. Er intriguierte noch heute ein bißchen – »für den Hausgebrauch«, wie sein Schwiegersohn meinte – glatt lächelnd, händereibend, liebenswürdig und Phrasen ausstreuend, wie eine Scribesche Lustspielfigur. Die Ankunft der Posttasche unterbrach die Frühstücksarbeit. Das war immer ein Moment von einer gewissen Feierlichkeit. Man hörte draußen auf der Veranda den schweren Stapfschritt des alten Inspektors Bruhse, der die Mappe brachte. Der Wagen, der jeden Morgen mit den plombierten Milchkannen nach der Station fuhr, holte die Mappe auf der Post ab. Dann wurde sie Bruhse überliefert, wenn er zum Morgenrapport antrat, und Bruhse überreichte sie wieder, auf der Veranda wartend, dem alten Riedecke, der sie mit seinem feinen Lächeln Teupenscher Abstammung und kurzer Verneigung Tübingen präsentierte. Aller Augen ruhten auf der schwarzen Ledertasche mit ihren abgescheuerten Ecken und ihrem runzlig gewordenen Ueberzug. Tübingen pflegte dadurch die Spannung zu verlängern, daß er die Mappe zuerst mit langsamen Bewegungen vor sich hinlegte und dann in allen seinen zahlreichen Taschen nach dem Schlüssel suchte. Und regelmäßig 32 fand sich dieser Schlüssel erst in der letzten Tasche. Aber ehe der Baron aufschloß, pflegte er die Mappe jedesmal noch genau zu besichtigen, wobei er nie zu bemerken unterließ: »Könnten uns auch 'mal bald eine neue gönnen!« Dann erst wurde sie geöffnet und ihr Inhalt dem Tageslicht übergeben. Der war nun auch immer höchst interessant. Da gab es stets zahlreiche Kreuzbandsendungen, die hintereinander erbrochen und beiseite gelegt wurden; Ankündigungen von erprobten Düngemitteln, von Lotterieen, von landwirtschaftlichen Maschinen, Sämereien, Dachpappefabriken, Fischbrutanstalten, Ziegeleien und dergleichen mehr. Hierauf kamen die Zeitungen: die »Neue Preußische« und das »Wochenblatt der Johanniterballey Brandenburg« für den Grafen Teupen, die »Post« für den Hausherrn, das »Daheim« und »Quellwasser für das deutsche Haus« für Frau Eleonore. Endlich die Briefpost – das war die Hauptsache. Trudchen Palm rückte bereits ungeduldig auf ihrem Stuhle hin und her. Sie hatte eine ausgebreitete Korrespondenz. Mit ihren Pensionsfreundinnen schrieb sie sich wöchentlich, und es verging kaum ein Tag, an dem sie nicht selbst einen Brief erhielt, auf rotem, gelbem, safranfarbigem, grünem und blauem Papier und zuweilen in ganz winzigen Couverts, zuweilen auch in schmalen und länglichen, von der Form eines geplätteten Glacéhandschuhs. So ein Brief kam beispielsweise heute an, und er war auch leicht parfümiert und die Marke darauf saß nicht an gewöhnlicher Stelle, sondern hinten auf der Verschlußseite, quer geklebt. »I Gott bewahre,« sagte Tübingen, Trude den Brief über den Tisch reichend, »was ist das wieder für ein unbändiges Format! Und dann möchte ich wohl wissen, warum Ihre Freundinnen so eine besondere Vorliebe für ein irreguläres Aufkleben der Freimarken haben! Manchmal rechts 33 und manchmal links und manchmal in der Mitte des Couverts und heute gar hinten. Das muß doch notgedrungen den abstempelnden Postbeamten in Verwirrung bringen, was im Interesse des Königlichen Dienstes und auch der briefempfangenden Menschheit eigentlich vermieden werden sollte. . . .« Trudchen erwiderte nichts, dachte sich aber ihr Teil. Was verstand Herr von Tübingen denn von der Briefmarkensprache, die ihr eine unsägliche Freude bereitete! Zum Beispiel: die quergeklebte Marke hinten bedeutete einfach »in Treue fest«; gab es etwas Sinnigeres und Reizvolleres als dieses? Was ließ sich durch die Briefmarken nicht alles sagen – auch manches sehr Süße und äußerst Geheimnisvolle, das man dem indiskreten Papier nur ungern anvertraute. Miß Nelly erhielt einen Brief aus England, und dann blieben noch zwei weitere Briefe für den Baron liegen, beide nicht ohne Wichtigkeit. Tübingen erzählte: »Da schreibt mir der alte Amtsrat Kielmann aus Schnittlage, daß sein Neffe, der Dr. Haarhaus, bereits vorgestern bei ihm eingetroffen sei und ein lebhaftes Verlangen habe, Maxen begrüßen zu können. Ob Max schon hier sei und ob wir nicht alle zusammen am Nachmittag auf ein paar Stündchen zu ihm kommen wollten. Na, das fehlte mir gerade! Kielmann mit seinen ostindischen Bowlen und seinem kalten Punsch liegt mir im Magen. Da kneipt man sich jedesmal fest und am andern Morgen hat man einen dicken Kopf.« »Man braucht sich ja nicht zu übernehmen, lieber Eberhard,« bemerkte Frau Eleonore, nach dem zweiten Briefe schielend. »Wenn du ein klein wenig mäßiger im Genusse alkoholischer Substanzen sein wolltest –« »Bitte, Eleonore,« fiel der Gemahl ein, furchte die 34 Stirn und warf einen Seitenblick auf die Kinder, um dadurch anzudeuten, daß ihm eine Maßregelung in deren Gegenwart durchaus nicht passe; »im übrigen kommt Max heute erst an, und wenn er seinen Freund Haarhaus wiedersehen will, mag er sich ihn aus Schnittlage holen.« »Es würde mich lebhaft interessieren, den berühmten Afrikaner kennen zu lernen,« sagte Teupen, »– lebhaft! Sein erstes Buch hat mir außerordentlich gefallen; apropos, ich hoffe, daß Max sich auch zu einer schriftlichen Darlegung seiner Reiseerlebnisse entschließen wird. Das kann ihm für seine weitere Carriere nur förderlich sein.« »Ueberlassen wir es ihm, lieber Papa,« entgegnete Tübingen. »Wie ich Maxen kenne, wird es ihm einige Mühe kosten, seine Antipathie gegen Tinte und Feder zu überwinden –« »Du darfst nicht ungerecht sein, Eberhard,« fiel die Baronin ein. »Seine Briefe waren immer inhaltreich und sehr unterhaltend –« »Sehr unterhaltend,« bekräftigte auch Graf Teupen. »Das hat mich eben auf den Gedanken gebracht, Max solle ein Buch über seine Reise veröffentlichen. Er besitzt zweifellos eine gewisse schriftstellerische Ader – vielleicht kann ihm der kleine Kletzel auf Grünau dabei behilflich sein –« »Auch noch,« warf Tübingen ein, und seine Frau wehrte energisch ab. »Nein, bester Papa,« sagte sie, »ich habe mir neulich aus der Leihbibliothek einen Roman von Herrn von Kletzel schicken lassen, um doch auch einmal etwas von ihm zu lesen, und ich kann dir sagen, ich habe einen horreur bekommen. Das war ein höchst unmoralisches Buch, voller frivoler Liebschaften, und unsre guten, braven Bauern hat er geschildert, als ob das alles Spitzbuben und Verbrecher wären. Ich meine, dieser Herr von Kletzel thäte besser, er widmete sich 35 mehr seiner Landwirtschaft, als daß er solche Bücher in die Welt setzt.« »Wahrscheinlich bringen ihm seine Bücher mehr als seine Felder,« erwiderte Graf Teupen, während Tübingen den zweiten Brief erbrach und überflog. »Aha,« sagte er. »Na, Jungens, freut euch: ihr kriegt endlich einen neuen Hauslehrer! Bernd, mach' nicht ein so mürrisches Gesicht, potztausend, ihr müßt doch selbst froh sein, daß nun wieder der geregelte Unterricht beginnt! Habt ihr denn gar keine Ehre im Leibe?« Das schien in diesem Falle wirklich zweifelhaft zu sein, denn sowohl Bernd als auch Dieter zeigten sehr betrübte Mienen. »Wie heißt er, Papa?« fragte Dieter. »Reinbold. Das ist ein sehr hübscher Name und wehe euch, wenn ihr ihn wieder so verhunzt wie bei Doktor Kleinechen! . . . Eleonore, sieh dir einmal die Zeugnisse durch; sie sind vortrefflich. Der Mann ist allerdings Theologe, nicht Philologe –« »Das schadet nichts,« erwiderte die Baronin. »Theologen gewähren eine größere Garantie für die Sittlichkeit ihrer Lebensführung. Dabei fällt mir ein: mit unserm Pastor geht es doch gar nicht mehr! Er muß sich schon auf einem Stuhle in die Kirche tragen lassen. Wir müssen wirklich ernsthaft an einen Ersatz für den alten Mann denken.« »Ich werde einmal mit ihm Rücksprache nehmen,« antwortete Tübingen. »Ich möchte gern, daß er selber den Wunsch äußert, sich emeritieren zu lassen. Ein Glück noch, daß er keine Familie besitzt, für die er zu sorgen hat! Schwer genug wird es uns ankommen, uns erst wieder an einen neuen Pfarrer zu gewöhnen. Aber es geht wirklich nicht länger; es muß sein.« 36 Ein schüchternes Räuspern auf der Veranda machte den Sprechenden darauf aufmerksam, daß draußen noch immer der Inspektor wartete. Tübingen erhob sich; das war das Zeichen, daß sich auch die Kinder entfernen durften. Die Jungen stürmten in den Garten. Benedikte ging mit ihren Freundinnen auf den Geflügelhof; das war ihr Bereich, und es gab dort viel zu thun. Ein paar Hühner brüteten; junge Enten wurden erwartet, und die eine Pfauhenne war krank. Tübingen hatte seine Uhr gezogen. »Mütze und Stock, Riedecke,« befahl er. »Ich gehe nach Schlag vierzehn, Frauchen, bin aber um Zehn wieder hier. Sorge dafür, daß der Max ein ordentliches Frühstück vorfindet. Ein Glas Wein dazu; man muß anstoßen können. Bin nur neugierig, ob er sehr braungebrannt aussieht und sich einen Kolonialbart hat wachsen lassen. Na adjö!« Er ging und stieg in belehrendem Gespräch mit seinem Inspektor die Verandatreppe hinab. Graf Teupen nahm seine beiden Zeitungen unter den Arm. »Hast du ein Viertelstündchen für mich übrig, Eleonore?« fragte er seine Tochter, die schon nach ihrem Schlüsselkörbchen gegriffen hatte, um sich an ihr Regiment zu begeben. »Selbstverständlich, Papa. Gilt's etwas Sekretes?« »Nun ja – gewissermaßen. Gehen wir in den Obstgarten; ich revidiere bei dieser Gelegenheit gleich meine Pfirsiche und die neuen Okulierungen.« Die Baronin schloß ihr Schlüsselkörbchen in den Wandschrank und rief mit zärtlicher Stimme ihren geliebten Cosy, der aus seinen Kissen hüpfte und in zierlichem Trippelschritt dicht an ihrer Seite blieb. Der Obstgarten lag hinter dem Schlosse, dicht an den 37 Park grenzend, in dessen Wiesen und Bosketts er sich in quadratischer Form hineinschob. Die Baumblüte war vorüber. Die Frucht setzte an oder reifte bereits. Zwischen den dichten Buschreihen der Himbeer-, Johannis- und Stachelbeersträucher erstreckten sich sauber geharkte Wege. Die Obstbäume standen in langen Fronten, wie zum Parademarsch aufmarschiert. Nur hie und da fielen Sonderexemplare auf, ein Pflaumenbaum, der wie ein Fragezeichen emporwuchs, ein Birnbaum, dessen Astwerk sich kugelförmig zusammenrankte, ein andrer, der so seltsam gewachsen war, daß er wie eine riesige, zum Sprung ausholende Heuschrecke aussah. Das war die Züchtung des Grafen Teupen, der gern die Natur korrigierte und die jungen Bäume durch allerhand Fesselungsmittel zuweilen zu den widersinnigsten Formen und Auswüchsen zwang. Er »korrigierte« auch noch in andrer Weise, pfropfte zum Beispiel einen Apfelzweig auf einen Kirschbaum und einen Birnbaumast auf einen Weißdorn und was derlei Kuriositäten mehr waren. »Sieh da, Eleonore,« sagte er beim Betreten des Gartens, »die Kirschen werden schon rot. Aber in den Erdbeeren hat wieder jemand herumgetrampelt und gerade in meinen König Alberts. Da ist Dikte die Urheberin gewesen. Uebrigens alle Achtung vor deinen Melonen! Es war gut, daß du sie so lange in den Warmbeeten ließest. Die rötlich genetzte da drüben ist die Cantaloupe Konsul Schiller, auf die mich der Amtsrat Kielmann aufmerksam gemacht hat. Also nun höre, Eleonore: es ist Zeit, daß wir uns der Frau von Seesen wieder ein wenig mehr zu nähern versuchen.« Frau von Tübingen nickte, mit dem alten Herrn den Mittelweg hinabschreitend und dabei scharfäugig den Garten überschauend. »Ich konnte mir denken, daß das kommen würde, 38 Papa,« erwiderte sie mit leichtem Lächeln. »Aber erst laß den Max nur erst wieder einmal festen Fuß fassen –« »Kann er ja und soll er,« fiel Teupen eifrig ein. »Indessen, liebes Kind, ich muß dich doch darauf aufmerksam machen, daß nicht viel Zeit zu verlieren ist. Wie lange wollt ihr den Jungen denn hier behalten?« »Er mag bleiben, so lange er will. Sein Urlaub läuft erst im Herbst ab. Dann soll er auf das Auswärtige Amt zurück. Unter uns, Papa, von seiner Carriere halte ich nicht viel. Ich ängstige mich auch darum nicht; will er noch zu Lebzeiten Eberhards Hohen-Kraatz übernehmen – was schadet es? Wir ziehen uns dann nach Drake zurück.« »Schön, schön; ich hätte nichts dagegen; ich fühle mich auf Drake ebenso wohl wie hier. Wenn ich nur meine paar Bücher und meine Bäume und Erdbeeren habe, dann bin ich schon zufrieden. Aber ich meine, die entente cordiale zwischen Hohen-Kraatz und Langenpfuhl muß angeknüpft werden, eh uns der Max wieder nach Berlin entwischt. Herrgott, liebe Eleonore, die Sache ist doch von Wichtigkeit! Denke 'mal an: dieses prachtvolle Langenpfuhl! Und war zweihundert Jahre Tübingenscher Besitz, bis das thörichte Testament des alten Carlaugust dies Paradies an die Seesens brachte. Und dann Frau von Seesen selbst! Gibt es denn auf hundert Meilen im Umkreise ein weibliches Wesen, das besser zu Maxen paßt?!« »Nun ja, nun ja,« erwiderte die Baronin kopfnickend, »ich hätte wahrlich nichts gegen eine solche Verbindung – das weißt du ja auch. Frau von Seesen ist mir in hohem Grade sympathisch, hübsch, vornehm, elegant, aus guter Familie –« »Aus erster. Sie ist eine Komtesse Pleydenwulff.« »Gewiß, und die Pleydenwulffs gehören, ich glaube, zum fränkischen Uradel. So sagtest du mir wohl einmal. 39 Finalement – ich bin durchaus für diese Partie. Indessen – vorderhand macht mir Frau von Seesen nicht den Eindruck, als ob sie gewillt wäre, zum zweitenmal zu heiraten.« Graf Teupen warf heftig den Kopf in den Nacken. » Diable , mein Herz, sie kann doch nicht ewig ledig bleiben?! Eine blutjunge Frau – und kinderlos! Was soll denn aus Langenpfuhl werden? An irgend einen ihrer gleichgültigen Vettern fallen? Das kann sie selber nicht wünschen!« Man war am Ende des Gartenweges angelangt und machte nun kehrt. Zuweilen blieb die Baronin stehen, um nachzusehen, ob die Artischocken reichlich angesetzt hätten oder wie die Tomaten trieben. »Lieber Papa,« sagte sie, »Frau von Seesen hat, denke ich, nicht in allzu glücklicher Ehe gelebt. Seesen war, Gott hab' ihn selig, ein ziemlich roher Patron. Nun ja, das war er. Ein Nimrod, ein arger Spieler und lief auch den Weibern nach. In der Kirche sah man ihn nie und auf der Synode machte er seine Witzchen. Der Superintendent hat es mir erzählt. Dabei eifersüchtig wie ein Othello. Erst nach seinem Tode hat die arme Marinka ein bißchen aufatmen können.« »Aber drei Jahre Freiheit sind genug,« bemerkte der Graf. Frau Eleonore zog die Schultern hoch. »Das ist die Frage, Papa. Für Marinka vielleicht nicht. Max hat überdies doch auch mitzusprechen. Ich weiß zwar, daß er die Seesen sehr gern hat, aber es ist fraglich, ob er von seinem Liebesschmerz völlig kuriert ist, ob er nicht immer noch an die Warnow denkt.« »Da sei Gott vor,« entgegnete der Graf erschrocken. »Er kennt unsern Willen. Nur der Warnow wegen haben wir ihn auf die Weide nach Afrika geschickt. Er hat sie 40 nie wiedergesehen und er wird sie auch nie wiedersehen. Hast du je etwas von ihr gehört?« »Nein – nichts. Frau von Seesen verschaffte ihr eine neue Stellung – irre ich nicht, in der Schweiz.« »Die Schweiz ist weit.« »Sie wird sicher ihr gutes Fortkommen finden. Ich habe au fond viel Sympathieen für sie übrig gehabt, ihr auch ein glänzendes Zeugnis mit auf den Weg gegeben.« »War nur recht von dir, Eleonore. Es ging mir wie dir. Ich hatte sie sehr gern. Sie erinnerte mich immer« – Teupen strich mit der Rechten über seine Stirn – »ich weiß nicht an wen. Aber sie hätte Maxens Bewerbung mit größerer Energie abweisen müssen – hätte einsehen müssen, von vornherein, daß eine Ehe mit ihm eine Unmöglichkeit!« »Du lieber Gott, Papa – sie war geblendet –« »Ja, sie war sozusagen hypnotisiert. Gattin eines zukünftigen Majoratsbesitzers, Frau von Tübingen, vermögend, in glänzender sozialer Stellung – das alles mag das arme Mädchen gelockt haben. Trotzdem – sie hat sich sehr vernünftig benommen. Ich trage ihr keinen Groll nach.« »Ich auch nicht – gewiß nicht. In Herzensdingen verzeihen wir Frauen manches. Wir können übrigens auch Max nachsagen, daß er sich taktfest und richtig aufgeführt hat. Er ist nicht mit dem Kopf durch die Wand gerannt, sondern hat sich schließlich gefügt. Teupensches Blut! Die Ueberlegung siegte.« Der Graf war stehen geblieben und kratzte mit den Nägeln an der Rinde eines Spalierpfirsichs. »Ein Wurm, ich möchte wetten,« sagte er. »Man muß den Gärtner immer mit der Nase draufstoßen – der Gellrich fängt an, schlafmützig zu werden. Aber zur Sache! Ihr müßt nächster Zeit doch eine Gesellschaft geben – das 41 Kalb schlachten zur Heimkehr des verlorenen Sohnes – da wird die Seesen natürlich auch geladen –« »Natürlich. Eberhard wird allerdings schimpfen. Er haßt die Gesellschaften. Aber es hilft ihm nichts. Besser wär's freilich schon, man hätte die Marinka öfters einmal und in kleinerem Kreise, vielleicht ganz en famille , bei sich.« »Das soll später kommen. Zuerst ist eine Beschnupperung notwendig, um mich waidmännisch auszudrücken. Selbstverständlich halten wir Aelteren uns diplomatisch zurück. Aber wir arrangieren es so, daß Max und die Seesen zuweilen allein sind. Das laß mich nur machen; auf derlei Schiebungen verstehe ich mich. Also wir sind uns einig, Eleonore: zuerst die Gesellschaft, vielleicht schon in nächster Woche. Mach' das mit Eberhard ab! Ja – apropos – von unsern gelegentlichen Rücksprachen, Ideen und Kombinationen braucht Eberhard nichts zu wissen – nicht zu viel. Er hat eine zu feste Hand. Die Tübingens waren nie Diplomaten. Er würde da zerstören, wo wir aufzubauen suchen. Das ist kein Mißtrauensvotum, aber die Vorsicht gebietet eine gewisse Diskretion. Nicht wahr, Eleonore?« »Jawohl, Papa. Die Teupens sind feinfühliger. Die Tübingens haben auch ihre guten Seiten, aber sie sind aus derberem Holze. Gerade bei heiklen Angelegenheiten merkt man das recht. Eine affaire d'amour ist ihnen wie ein Roggenhandel. Der zartere Sinn geht ihnen ab und, ich kann mir nicht helfen, auch der feste Glaube an unsre Eigenstellung in der Gesellschaft und an die Weihe der Tradition. Max konnte sich einmal etwas vergeben, aber er kehrte doch reuevoll zur Familie zurück. Er hat Pietätgefühl und ist stolz auf seinen Namen; er ist eben ganz Teupensch. Bernd und Dieter sind noch zu jung, aber siehst du, die Dikte, die macht mir Kummer. Das ist das Tübingensche Holz. Du streitest dich öfters einmal mit Eberhard, weil er dir zu 42 mittelparteilich ist und politisch zu wenig rückgratfest, und die Dikte ertappe ich sogar zuweilen auf förmlich demokratischen Neigungen.« »Aber, Eleonore, ich bitte dich – sie ist doch noch ein Kind!« »Mit achtzehn Jahren und ihrer Ausgewachsenheit und ihrem hellen Kopfe! Nein, Papa, sie hat tausend unnütze Raupen hinter der Stirn und ist ein mutwilliges Ding – das täuscht uns. Aber sie ist doch schon ein ganz fester Charakter, und wenn sie über sogenannte Standesvorurteile lacht, so kommt das von innen. Ich habe die größte Angst, sie wird uns einmal ein Schnippchen schlagen und sich Hals über Kopf in einen verlieben, der uns gar nicht paßt.« »So halten wir uns die fern, die uns nicht passen! Das ist doch ganz einfach. Das ist ja das Angenehme auf dem Lande, daß man nicht vom Verkehr überschwemmt wird. Die paar Bürgerlichen, die dann und wann zu uns kommen, sprechen nicht mit. Wie denkst du denn über den Grafen Semper?« Die Baronin schüttelte den Kopf. »Nicht gut, Papa. Er ist ein wilder Mensch, dazu arm, hat nichts als seinen alten Namen. Es eilt mir mit der Dikte auch nicht; sie kann getrost noch ihre paar Jährchen warten. Aber ich muß in das Haus; die Wirtschafterin weiß nicht aus noch ein, sobald sie allein ist. Bleibst du noch im Parke?« »Ja, Eleonore. Ich muß meine Bäume einmal gründlich revidieren. Ich traue dem Gellrich nicht mehr. Wir sind uns ja klar. Allewege echt Teupensch! Addio!« Er warf seiner Tochter ein Kußhändchen auf zwei Fingern nach und wandte sich sodann mit Eifer und Emsigkeit seinem Spalierobst zu. 43 Drittes Kapitel. Trauer auf dem Geflügelhofe und Phantasieen auf der Insel der Seligen, sowie endliche Heimkehr des verlorenen Sohnes. Die jungen Damen schienen es eilig zu haben, auf den Geflügelhof zu kommen. Benedikte stürmte im Laufschritt voran, daß ihre Röcke flogen, und dann kam die Lust an der Wildheit auch über das wohlerzogene Trudchen. Sie faßte Miß Nelly unter den Arm und wirbelte mit ihr über den gelben Kies, der vor der Schloßauffahrt aufgeschüttet worden war, und Mohrchen, der Pudel, folgte ihnen kläffend und in lustigen Sätzen nach. Das Drahtgeflecht des Geflügelhofes umspannte einen weiten Raum, einen förmlichen Park und jedenfalls keinen unübeln Aufenthalt für die schnatternden und gackernden Kreaturen. In der Mitte, zwischen alten Weiden und nachschießendem Jungwuchs versteckt, lag ein ausgebaggerter Tümpel, das Buen retiro für die Entenwelt, und in einer Ecke stand ein hölzerner Schuppen mit verschiedenen Hühnerleitern, unter dem das Federvieh bei Regen Schutz suchen konnte. Die Görbitschen, die sogenannte »Putenfrau«, obschon sie sich auch mit dem übrigen Geflügel zu beschäftigen hatte und nicht nur mit der Putenwelt allein, stand in der Nähe der Weiden, hatte eine große Schwinge an einem Tragriemen um den Hals und warf Futter aus. Demzufolge hatte der ganze Geflügelhof sich um sie vereinigt und umgab sie wie ein großer Hofstaat die Königin. Die Unterhaltung dieses Hofstaats war trotz eifriger Hingabe an die Mahlzeit eine ungemein lebhafte. Es schnatterte, gackerte, gluckste und krähte. Enten und Gänse befehdeten sich stark. Besonders ein alter Gänserich schien von Natur aus böse geartet zu sein, denn wenn ein Entlein einmal in seine Nähe kam, 44 zischte das Untier giftig und hackte mit seinem Schnabel auf die Ente los. Die Hähne benahmen sich dagegen wie immer galant und zuvorkommend, machten den Hennen bereitwilligst Platz und lockten sie sogar mit leisem Glucksruf herbei, wenn sie ihnen ein Futterkorn spenden wollten. Als die Görbitschen ihre Baronesse kommen sah, nickte sie und sagte: »Schönen guten Morgen ook, gnädiges Fräulein!« »Guten Morgen, Görbitschen,« erwiderte Benedikte; »ist alles in Ordnung?« »Ach du lieber Himmel, gnädiges Fräulein,« jammerte die Alte los und schlug einer dicken weißen Henne, die an ihrer Futterschwinge emporflatterte, auf den Kopf, »dat is allens nich so, wie es sein sollte! Von den kleenen weißen Entchen ist wieder eens über Nacht draufgegangen. Ich hab's heute früh tot gefunden – ich hätte weenen können!« »Aber wie kommt das bloß, Görbitschen? Das ist nun das dritte, und sie waren doch ganz gesund, als sie zur Welt kamen!« »Waren sie ook, gnädiges Fräulein. Aber der Pfau – der Pfau ist mein Ende! Der beißt sie immer. Ich weeß mir nich mehr zu helfen, gnädiges Fräulein. Er kommt und dann beißt er sie. Es ist ein zu wütendes Tier. Da sitzt er schon wieder und lauert bloß drauf, wie er eine kriegt!« Sie wies nach der Traillage, auf der sich ein wunderschöner Pfau niedergelassen hatte, dessen riesiger Schweif mit seinen fünfzig farbigen Augen in der Sonne glitzerte, und der lebhaft beobachtend den Kopf hin und her warf. »Was macht denn die Pfauhenne?« fragte Benedikte, durch den Anblick des stolzen Tieres auf andre Gedanken gebracht, und wieder begann die Alte zu jammern. »Gott, die arme Pfenne, gnädiges Fräulein – nee, 45 so 'ne arme Pfenne! Sie frißt nischt mehr, reen gar nischt – sie grämt sich zu Tode; sie überlebt ihre Schande nicht mehr!« »Wir wollen 'mal zu ihr gehen,« riet Trudchen. » Yes, « stimmte Miß Nelly zu, »maken wir sie einen Krankenbesuch!« Benedikte nickte und flog davon, wieder im Laufschritt. Die leidende »Pfenne« hatte sich im Heu einer Scheune ein Nest gemacht. Da saß sie, eingepreßt zwischen den duftenden trockenen Gräsern, und trauerte tief. Sie hatte auch Grund zu ihrer Melancholie. Lange, lange Tage hatte sie über einem Ei gebrütet, aufopferungsvoll und mit dem ganzen Mute einer Wöchnerin, sich nicht rückend und regend, mit weit gebreiteten Flügeln und aufgeplusterten Federn. Aber das Junge wollte nicht ausschlüpfen und es war doch die höchste Zeit. Da nahm die Görbitschen ihr das Ei fort und legte es einer brütenden Henne unter, und siehe da, nach zwei Tagen schälte sich ein junger Pfau aus dem Ei, ein ungeheuer häßliches Ding zwar, mit unförmlichen Füßen und einer Buckelung auf dem Kopf, aber immerhin ein Pfau, der ebenso schön zu werden versprach, wie die sonstigen seinesgleichen. Und nun begann eine herzbrechende Tragödie mit der Pfaumutter. Sie sah ihr Kind und wollte es doch nicht anerkennen und wurde darob immer trauriger, vergrub sich im Heu, verachtete die Welt und wollte sterben. Sie fühlte zweifellos die Schande ihres verfehlten Daseins. Auch um das junge Pfauchen stand es anfänglich recht schlimm. Es wollte nach Gewohnheit der Baumvögel aus dem Schnabel seiner Adoptivmutter gefüttert sein, doch ach, die alte Henne verstand sich nicht darauf, sondern blieb bei ihrer erlernten Manier, bis sie einsah, daß es auf diese Weise nicht weiterging. Und nun war es possierlich und rührend zugleich anzusehen, wie Mutter Henne sich Mühe gab, sich auf ihre 46 alten Tage noch mit der Schnabelfütterung vertraut zu machen, wie sie die Körnchen aufscharrte und aufpickte und ihrem Pfaukücken darbot. Unangenehm war ihr diese Methode sichtlich, denn sie schauerte immer leicht zusammen, wenn das Pfauchen zu ihrem Schnabel aufhüpfte; doch sie bezwang sich und hielt tapfer aus. Die drei Mädchen bemitleideten die kranke Pfauhenne und gaben ihr allerhand süße Schmeichelnamen, streichelten sie auch und redeten ihr gut zu. Aber es nützte alles nichts. Die Schmach hatte sie gebrochen, und plötzlich ging ein letztes Zucken über ihre grauen Federn und dann war sie tot. Trudchen und Miß Nelly wollten es noch gar nicht glauben, doch Benedikte kannte ihr gefiedertes Viehzeug und wußte, daß nichts mehr zu retten war. Die Thränen standen ihr in den Augen. »Sie ist freiwillig verhungert,« sagte sie; »sie hat sich selbst den Tod gegeben. Die Pelikane machen es ebenso, wenn sie Kummer haben, und im alten Griechenland thaten es auch die Menschen. Damals spielte der Schierlingsbecher eine große Rolle. Es ist ganz schrecklich.« »O arme Tier, arme Tier,« klagte auch Miß Nelly und ihre rechte Hand glitt liebkosend über den traurig gesenkten Kopf der Henne. »So jung noch und mußte schon sterbsen. Wir wollen ihn zu begraben gehn.« »Ja,« erwiderte Benedikte, »begraben wir sie in der Stille. Unter dem großen Birnbaum hinten im Park, wo auch schon Mamas Kanarienvogel ruht und der selige Moppel Großpapas. Trude, faß an!« Aber Trude graulte sich; dafür half Miß Nelly und so zog man denn über den Hof. Die Görbitschen begann zu heulen, als sie den Trauerzug sah, und die beiden Jungen stürmten herbei und wollten sich beteiligen. Aber ihre laute Fröhlichkeit mißfiel Benedikte. 47 »Wenn ihr so schreit, werdet ihr nicht mitgenommen, merkt euch das,« meinte sie ernst. »Auch ein Vogel ist eine Kreatur Gottes und da gibt's nichts zu lachen und zu dalbern. Bernd, laß den Schnabel los oder du kriegst eine Tachtel! Das arme Vieh hatte mehr Ehrgefühl als ihr. Holt eure Spaten und dann könnt ihr die Totengräber sein. Aber Witze werden nicht gemacht!« Der Kondukt setzte sich wieder in Bewegung. Die Mama kam hinzu und auch ihr that die Sache leid. Sie war damit einverstanden, daß man die Tote den Hunden entzog und da beisetzte, wo schon die übrigen tierischen Freunde des Hauses begraben worden waren: unter dem großen Birnbaum. Bernd und Dieter hatten ihre Spaten geholt und schaufelten eine kleine Grube; in sie wurde die Pfauhenne gelegt und mit Erde bedeckt. Zuvor aber hatte Miß Nelly noch eine Handvoll Blumen gepflückt, die sie in das Grab streute. Das war sehr poetisch. Als alles vorüber war, stürmte die Görbitschen heran, mit zwei Federn, die sie dem Pfau ausgerissen hatte, und auf ihre inständigen Bitten mußte das Grab nochmals geöffnet werden, damit sie diese beiden Federn hineinlegen könne, denn es war ein Aberglaube dabei. Sie murmelte auch etwas Unverständliches bei der Zeremonie und gab sich dann zufrieden. Trude lachte darüber, aber Benedikte nahm die Feierlichkeit ernst. Die Mädchen fühlten das Bedürfnis, nach diesem Begängnis mit sich allein zu sein. Die Jungen wurden daher fortgeschickt. Es war sowieso Zeit, daß sie sich fertig machten, um Bruder Max empfangen zu helfen. »Gehn wir ein bißchen auf die Insel,« schlug Benedikte vor;»da wachsen so schöne Wiesenblumen, und ich möchte Maxen einen Strauß auf das Zimmer stellen.« Der kleine Fluß, er hieß die Wilde, machte aber seinem 48 Namen wenig Ehre, bildete im hinteren Park eine Schleife. Es war eigentlich nur ein Halbbogen, aber man hatte künstlich nachgeholfen, und so war eine regelrechte Insel entstanden, die durch drei Brücken mit dem Festlande verbunden war. Die Brücken bestanden aus eichenen Bohlen und hatten kein Geländer, statt dessen aber ein lustiges Drahtgehänge, um das sich in dichten Massen wilder Wein schlang und rankte, grüne lebendige Wände bildend, die sich an den Bachufern fortsetzten, wo zwischen hochaufgeschossenen Erlen dichtes Buschwerk wucherte. Da das Flüßchen nur schmal war, so berührten sich die Erlenkronen und auch die höher geschossenen Spireen über dem Wasserspiegel, an dessen Böschungen Schilf, Riedgras und Farn wuchsen und dazwischen auch Vergißmeinnicht in zahlloser Menge. Der Boden hier hinten war leicht elastisch, torfhaltig und schwarz und so humusreich, daß alles in fast tropischer Fülle gedieh. Auf der Insel verschlangen sich über den Fußwegen, die gelbe Kurven in Grün bildeten, die Baumwipfel zu einem unlösbaren Gewirr, das schillernde Blätterwerk der Silbereschen mit dem leuchtenden Rot der Blutbuchen, dem Grau der Weiden und dem Dunkel der Ulmen und Kastanien, die im Schmuck ihrer Purpurkerzen prangten. Es war wunderschön auf diesem Fleckchen Erde. Das Gras war dick mit Moos durchfilzt, und überall schossen wilde Blumen auf, in hundertfältiger Farbenmischung, den grünen Untergrund in einen festlichen Teppich wandelnd. Die Sonne braute goldleuchtend über dem Wasser, und Mückenschwärme spielten in der Luft. Die drei Mädchen machten sich mit Eifer an die Arbeit, Blumen und Wiesengrün zu pflücken, und setzten sich dann unter eine riesenhafte Traueresche, deren hängende Aeste weithin den Boden schleiften, um den Strauß zu ordnen. Trudchen hatte sich aus Sorge, ihr Kleid zu beschmutzen, 49 auf der verwitterten Steinbank niedergelassen, und Dikte und Nelly kauerten vor ihr im Grün und wühlten mit den Händen in dem Blumenflor. »Freust du dich auf deinen Bruder Max?« fragte Trude, sich gestrickte Halbhandschuhe anziehend, um ihre gepflegten Händchen nicht an den Halmen zu zerstechen. »Aber wie!« entgegnete Benedikte. »Komische Frage – was, Nelly? Ach, Nelly – du kennst Maxen ja noch gar nicht! Als er abreiste, war noch Fräulein Warnow . . .« Sie stockte plötzlich und wurde etwas röter, aber Trudchen nahm eilig und neugierig den abgebrochenen Satz auf und sagte: »Erzähle doch 'mal, Dickerchen – wie war das mit Fräulein Warnow und deinem Bruder Max?! Ueberall hört man davon tuscheln, aber etwas Genaues hat mir niemand sagen wollen. Sie hatten ein Verhältnis miteinander, nicht wahr?« »Ein Verhältnis . . .?« Und Benedikte dachte einen Augenblick nach. »Nein . . . na ja, das heißt, sie hatten sich hinter dem Rücken der Eltern verlobt und wollten sich heiraten. Wenn du das ein Verhältnis nennst . . .« »Ein richtiges ist es nicht,« entgegnete Trude. »Aber es ist trotzdem sehr interessant. War denn dies Fräulein Warnow so schön?« »Ach ja, Trude . . . wenigstens ich fand sie wunderschön! Sie hatte goldblondes Haar und dazu dunkle Augen und eine herrliche Figur. Sie machte auch einen sehr vornehmen Eindruck. Ich war damals doch noch jünger, und sie sollte sozusagen meine Gouvernante sein, und das kam mir immer recht komisch vor. Sie war wie eine Dame, sage ich dir.« »War es eine Deutsche, die Governess ?« fragte Miß Nelly. »Ja natürlich; das hörst du doch schon an dem Namen. 50 Ich glaube aber, eine Deutsche aus der Schweiz, wenigstens hat sie lange in Bern gelebt und auch da studiert.« »Vielleicht war es eine heimliche Nihilistin,« sagte Trude. »In der Schweiz gibt es viele Nihilistinnen. Ich habe einmal einen Roman gelesen, der spielte in Genf und in solchen Kreisen; die Heldin war eine polnische Gräfin, die ihr ganzes Geld, ungezählte Millionen, den Nihilisten vermacht hatte. Sie hatte auch goldblondes Haar, aber ihr verlassener Geliebter stellte ihr nach und stürzte sie in die Rhone, und ihr goldblondes Haar schwamm wie ein Heiligenschein über dem Wasser. Sie ertrank aber doch. Es war ein schönes Buch.« »Das glaube ich,« erwiderte Benedikte; »hast du es noch?« »Nein; es gehörte unserm Provisor und ich habe es heimlich gelesen. Aber nun erzähl' einmal weiter, Dikte; also deine Eltern wollten von einer Heirat deines Bruders Max mit Fräulein Warnow nichts wissen?« »Es ging nicht, Trude. Dann hätte Max nämlich nicht Hohen-Kraatz erben können. Er darf nur eine Adelige heiraten; so lautet die Bestimmung. Dafür werde ich wahrscheinlich einmal einen Bürgerlichen heiraten.« »O, Dikte,« sagte Miß Nelly, »wer spreckt so was!« »Na, was ist denn dabei, Nelly! Papa sagt, es schadete gar nichts, wenn ich ein bißchen vorurteilsfrei wäre. Bei Maxen ist das etwas andres; der ist gebunden. Aber ich bin frei und kann machen, was ich will!«. »Mama und Großpapa sein aber auch noch da,« bemerkte Nelly. »Das ist mir ganz egal. Ich suche mir allein den aus, den ich heiraten will. Da lasse ich mir nichts befehlen. Nelly, würdest du denn einen nehmen, der dir nicht paßt?« 51 » O no, « erwiderte Nelly, und Benedikte sagte: »Na, siehst du!« »Aber ich verstehe doch nicht,« nahm Trude wieder das Wort, »warum dein Bruder Max sich nicht vergiftet oder wenigstens eine Kugel durch das Herz gejagt hat. Mit einer unglücklichen Liebe kann man doch nicht am Leben bleiben. Hat Fräulein Warnow ihn denn nicht verflucht?« Benedikte lachte lustig auf. »Trudchen, du mußt nicht so viel Romane lesen,« entgegnete sie, »und nicht immer so furchtbar traurige Liebesgeschichten. Lies doch ›Ingo und Ingraban‹ oder ›Elisabeth‹ von der Nathusius!« Trude verzog spöttisch die Lippen und rümpfte ihr Näschen. »Nein, Dikte, darüber bin ich hinaus. Aber wenn du glaubst, daß ich mich von meiner Lektüre beeinflussen lasse, so irrst du dich. Ich sage mir einfach, wenn sich zwei Menschen, die sich lieben, nicht kriegen können, so müssen sie dies irdische Jammerthal verlassen. Das geht nicht anders.« »O, das ist gräßlich, Miß Trude!« rief die kleine Engländerin entsetzt. »Das sein nicht Ihr Ernst!« »Doch,« nickte Trude. »Die Liebe ist das Höchste, was man hat, und wenn einem die genommen wird, ist es aus. Davon bin ich ganz fest überzeugt. Habt Ihr denn noch nie geliebt?« »Etwa du?« fragte Benedikte zurück. »Ja gewiß,« sagte Trudchen. »Wir hatten in der Pension einen Zeichenlehrer, einen bildschönen Mann, in den waren wir alle verliebt. Er war aber auch wie ein Gott oder wie Achilles, namentlich in einem gestreiften Anzug, der ihn wundervoll kleidete. Herr Hermes hieß er. Und wenn Herr Hermes sich einmal mit einer von uns 52 besonders beschäftigte, dann waren die andern eifersüchtig auf sie . . .« Benedikte hatte die Hände im Schoße gefaltet und schaute die kluge Trude mit großen Augen an. Um sie her häufte sich der Wirrwarr der Blumen und Gräser, in dem sie wie in einem Neste saß: ein Gänseblümchen hatte sich in ihrem Zopfe verfangen und war dort hängen geblieben, flog aber davon, als Dikte nunmehr energisch den Kopf schüttelte. »Siehst du, das begreife ich nicht, Trudel,« erwiderte sie, »daß man sich in seinen Zeichenlehrer verlieben kann. Das würde ich nun nie fertig kriegen. In irgend einen kühnen Helden, einen großen und bedeutenden Mann – ja, das wäre schon etwas andres! Aber ich glaube, ich bin überhaupt keine verliebte Natur – ach nein!« Und dabei seufzte sie leise auf und griff wieder nach den Blumen, damit der Strauß endlich fertig werde. Unterdes nahm Trude ihr Geschwätz wieder auf und brachte allerhand niedlichen Unsinn hervor, den sie erträumt und erlesen und der sich in ihrem krausen Vogelköpfchen festgesetzt hatte. Dabei that sie möglichst wenig, spielte nur mit den Blumen und flocht sich ein Armband aus Gräsern, statt den beiden andern zu helfen. Das ärgerte Benedikte. »Trudchen, wenn du nicht mithelfen willst, sage ich Maxen ganz extra, daß du dich an dem Strauße nicht hättest beteiligen wollen,« drohte sie. Das erschreckte Trude. Sie hatte sich ein lebhaftes Bild von dem Heimkehrenden entworfen und gedachte ihm zu gefallen. Wenn Benedikte ihre häßliche Drohung ausführte, so mußte das von vornherein einen schlechten Eindruck machen. So griff sie denn mit zu. Plötzlich schreckten die Mädchen auf. »Baronesse! Baronesse! Baronessa!« rief eine hell klingende Männerstimme durch den Park. 53 »Jeses!« sagte Benedikte, »das ist Graf Brada! Wo kommt der denn auf einmal her? Kinder, wenn er uns wieder neckt – wir lassen uns nichts gefallen! Der bildet sich Gott weiß was ein. Ich werde ihm 'mal ordentlich grob kommen.« »Baronesse Bene– Bene– Benedikte!« erscholl die Männerstimme von neuem. »Ach was, Bene– Bene,« brummte Benedikte. »Das ist auch eine Unverschämtheit, meinen Namen so zu verstümmeln.« »Aber du mußt ihm doch antworten,« mahnte Trude. »Ich werd' schon.« Und dann legte sie beide Hände als Schalltrichter um den Mund und rief mit schließlich überschnappender Stimme zurück: »Graf Brabberababbera – Brada!« »Hallo! Jetzt spür' ich die Gnädigste!« – Ein junger Husarenoffizier schlug die hängenden Zweige der Esche zurück und trat in das Dämmergrün. »Drei Veilchen auf einer Wiese,« und er verbeugte sich. »Wer von den Damen quakt denn so wundervoll?« fragte er, zuerst Benedikte die Hand reichend. »Hat es gequakt?« entgegnete diese; »es wird ein Frosch gewesen sein. Mir war, als habe ich einen Brüllton vernommen.« »Das war mein wohllautendes Organ,« erwiderte der Graf lächelnd. »Aber ich rief nur Ihren Namen und zwar absichtlich etwas langgezogen, um seine Schönheit voll zur Geltung kommen zu lassen. Uebrigens bin ich als Ordonnanz zur Stelle. Gnädigste Frau Mama wünschen lebhaft, die Damen möchten in das Schloß kommen, da der Herr Bruder jeden Augenblick eintreffen kann.« »Herrgott, ist's schon so spät?!« rief Benedikte. »Trude, nimm 'mal die Blumen! Graf Brada – darf ich Sie 54 bekannt machen: meine Freundin Gertrud Palm. Miß Milton kennen Sie ja bereits.« »O ja – hatte schon mehrfach das Vergnügen. Kann ich Ihnen die Blumen nicht abnehmen, Fräulein Palm? Wie hübsch sie arrangiert sind! Ich mache Ihnen mein Kompliment. Künstlerisches Empfinden und ein poetisches Gemüt – das merkt man gleich.« Benedikte puffte Nelly heimlich in die Seite. Aber Trude ließ sich die Schmeicheleien ruhig gefallen, lächelte verschämt und trippelte zierig neben dem Leutnant her, der sich mit dem riesigen Strauß beladen hatte und ein ganzes Feuerwerk von Liebenswürdigkeiten losbrannte. Die beiden andern Mädchen schritten auf der schmalen Fußsteige hinterher. »Haben Sie heute keinen Dienst, Herr Graf?« fragte Benedikte. »Nein, gnädiges Fräulein, sonst wär ich nicht hier. Einer der wenigen Sonnentage im Leben eines Leutnants. Die Schwadron hat großen Kammerappell, in das Deutsche übersetzt: es werden den wackeren Mannschaften neue Kleidungsstücke angepaßt und angemessen, und ich brauche nicht dabei zu sein. So erwuchs mir denn die Freude, meinen Tag einmal anders auszufüllen, als durch königlichen Dienst; ich sage Freude, nicht aus Respektlosigkeit vor der wohlthätigen Einrichtung des Dienstes, sondern weil der Wechsel doch nun einmal das Menschenherz fröhlich stimmt – notabene, es gibt auch Wechsel, die einen sehr tief bekümmern können, was Sie wahrscheinlich nicht verstehen werden.« »O ja,« sagte Benedikte, »Sie meinen geschriebene, die man bezahlen muß; so dumm bin ich auch nicht.«^ »Gewiß nicht; man muß auch einmal auf eine Göttergabe verzichten können.« »Sie wußten wohl,« fragte Trude, »daß Herr Max von Tübingen heute zurückerwartet wird?« 55 »Ja; man erzählte es sich in Zornow. Trotzdem hat mich eigentlich nur der Zufall hierhergeführt. Ursprünglich hatte ich die Idee, zu Hause zu bleiben und zu arbeiten –« »Na na,« sagte Benedikte und lachte. »Es betrübt mich lebhaft, daß Sie mir nicht glauben wollen, Baronesse. Aber es ist doch so. Wirklich und wahrhaftig arbeiten wollte ich. Ich möchte mich nämlich zur Kriegsakademie vorbereiten, um einmal aus dem Frontdienst herauszukommen. Die Bücher hatte ich mir schon zurechtgelegt, aber da kitzelte mich der warme Sonnenschein so verlockend auf dem Gesicht und die Rotkehlchen unter meinem Fenster piepsten so freundlich, daß ich es am Schreibtische nicht mehr aushielt und satteln ließ.« »Den Imperator?« »Nein, die Tante Bolte, Baronesse.« »Wen?« fragte Trude erstaunt. »Die Tante Bolte; das ist aber keine eigentliche Tante, sondern nur ein Pferd, das so getauft worden ist, eine dicke Fuchsstute – vom Peter den Großen aus der Miß Price, wenn Sie das Pedegree interessiert.« Benedikte puffte wieder Miß Nelly heimlich in die Seite, und Trude fragte, ob das ein edler Renner sei. »Nicht allzu edel, gnädiges Fräulein,« erwiderte Graf Brada, »schon ein bißchen struppiert, wenigstens vorn. Wenn ich Geld übrig hätte, würde ich den Fuchs bereits ausrangiert haben, so aber muß es noch ein paar Jahre gehen. Als Schwadronspferd steht die Tante noch immer ihren Mann – notabene, wenn der kleine Unfall, der ihr zugestoßen ist, nichts weiter auf sich hat.« »Was für ein Unfall, Herr Graf?« »Ah – sie hat mit dem rechten Hinterhuf in einen Glassplitter getreten – dicht vorm Dorfe, und das war 56 auch der Hauptgrund für mich, in Hohen-Kraatz Station zu machen. Solche Kleinigkeit kann ernst werden –« »Sehr ernst,« fiel Benedikte ein, die bei ihrem Interesse für die Tierwelt teilnehmend wurde. »Papa hat vor zwei Jahren einen Gaul verloren, der sich einen Nagel in den Huf getreten hatte. Da kam Maulsperre hinzu und Blutvergiftung. Steht die Tante im Stalle?« »Ich lasse sie kühlen, Baronesse.« »Gehen wir hin!« rief Benedikte lebhaft. »Gott, so ein armes Vieh! Wir haben heute schon Trauer gehabt. Eine Pfauhenne ist uns gestorben.« Der Leutnant griff an die Mütze. »Meine Kondolation, gnädiges Fräulein.« »Danke bestens. Aber wissen Sie, Graf Brada, wenn der Huf gereinigt worden ist, müssen Sie die Tante in die Schwemme stellen lassen. Fließendes Wasser ist die Hauptsache. Nun woll'n wir 'mal sehen!« Man war wieder auf dem Wirtschaftshofe angelangt, auf den die Sonne in prallem Glanze niederbrannte. Vor dem Pferdestalle stand Stupps und hielt die Tante Bolte an der Trense fest, während ein Stallknecht ihren rechten Hinterfuß im Eimer kühlte. Auch Tübingen hatte sich eingefunden und sprach mit einem kleinen, jüdisch aussehenden und außerordentlich lebendig gestikulierenden Manne, der vor Brada tief seine Mütze zog. »Gehorsamster Diener, gnädiger Herr Graf,« sagte der Kleine, beim Sprechen mit der Zunge anstoßend, »verßeihen Se, daß ich mer interessiert habe vor Ihren Unglücksfall, aber Gott, es bewegt einen doch, wen man so was sieht! Ich war unten im Kruge und saß am Fenster, wie der Herr Graf sind raingeßogen ins Dorf und haben de Tante Bolte am Zaum nach sich geführt. Und da bin ich hergekommen, mit gütiger Erlaubnis vom gnädigen Herrn Baron von 57 Tübingen – wenn man an de dreißig Jahr hat ßu thun gehabt mit Pferden und immer bloß mit Pferden, da versteht man sich schon ein bißchen dadrauf. Nebbich, so en armes Tier!« »Meinen Sie denn, daß die Sache ängstlich ist, Isaaksohn?« fragte der Graf. »Wie haißt ängstlich, Herr Graf! Aengstlich ist so was immer. Wer kann wissen, ob sich de Tante nicht hat verletzt 'ne Sehne? Wenn ich mer 'n Rat erlauben dürfte, Herr Graf, dann würd' ich sagen: lassen Se de Tante hier stehen und bringen Sie se nich erscht nach Zornow und schicken Se 'n Boten an Ihren Oberroßarzt, was is 'n ganz vernünftiger Mann, der auch Verstand besitzt und Praxis, und der wird de Tante wahrscheinlich brennen. Oder wenn ersch nich thut, wird er Ihnen sagen, was muß gemacht werden. Aber mit so was spaßt man nich . . . .« Tübingen mischte sich ein. Auch er riet, nach Zornow zu schicken; der kleine Jagdwagen könnte angespannt werden. Benedikte hatte in vorsichtiger Stellung, aber mit festen Händen den kranken Huf ergriffen und aus dem Eimer gezogen. Man sah nichts, doch das nervöse Zucken und die fiebrige Wärme waren immerhin bedenklich. Brada stand mit mißmutiger Miene am Kopfende des Gaules und achtete nicht darauf, daß die Tante das Bouquet anzuknabbern begann, das er noch in der Hand hielt. Es war eine unangenehme Geschichte. Beim »armen Grafen-Regiment«, wie die Zornower Husaren genannt wurden, schlug der Verlust eines Pferdes immer wie ein Donnerwetter ein. Unter sechs-, siebenhundert Thalern war kein neues zu beschaffen, und dann war es auch noch kein Bukephalos. Isaaksohn hatte inzwischen Herrn von Tübingen beiseite genommen, mit dem er wegen eines Ackergespanns 58 verhandelte. Und zwar währte der Handel schon seit vier Wochen. In Tübingen fand der kleine Isaaksohn nämlich seinen Meister. »Zweitausendsiebenhundert, Isaaksohn; nicht einen Pfennig mehr,« sagte der Baron und strich mit der rechten Hand durch die Luft. Der Händler sprang vor Aufregung von einem Bein auf das andre. »Herr Baron, hundert Mark will ich noch ablassen – ich verlier' selbst dabei, es is mer bloß von wegen de Kundschaft, aber andersch kann ich's nicht, auf Ehrenwort nich – es geht nich!« . . . »Dann lassen wir's, Isaaksohn; ich habe mir meinen festen Satz gemacht; ich gebe nicht mehr.« . . . »Herr Baron, zwei Pferde wie junge Damen – es sind herrschaftliche Pferde –« »Aber ich will sie nur für den Acker haben!« – »Se können se vor jeder Kutsche fahren; se gehen Ihnen wie der Deiwel; Se haben gemacht noch nie so ein glänzendes Geschäft, gnädiger Herr Baron! Fragen Se Herrn Rittmeister von Kahlenegg, der hat noch gestern gesagt: Isaaksohn, hat er gesagt, de beiden Füchse sind proppere Dinger. Herr Baron, teilen mer! Legen Se noch hundert ßu, ich laß noch hundert ab – –« Er horchte auf. Wagenrollen wurde von der Parkeinfahrt her hörbar und die Stimme der Baronin, die nach dem Gatten und den Mädchen rief. Riedecke stürmte atemlos auf den Wirtschaftshof. »Herr Baron!« keuchte er; »gnädiges Fräulein! Schnell – schnell! Der junge Herr Baron fahren schon ein!« »Schockschwer –« und Tübingen setzte sich in Trab. Benedikte kreischte auf und lief nach; Trude und Nelly folgten, und schließlich auch Graf Brada, nachdem er den Befehl gegeben hatte, seinen Fuchs wieder in den Stall zu führen und den Oberroßarzt aus Zornow zu holen. »Zweitausendachthundert, Herr Baron!« schrie Isaaksohn Tübingen nach. Aber der hörte nicht mehr. In das 59 Gekläff der Hunde, die sich auf der Rampe wie rasend gebärdeten, mischte sich das Jubelgebrüll von Bernd und Dieter, der eine neben Max sitzend, der andre neben dem Kutscher auf dem Bock. Beide schwenkten ihre Mützen. »Tag, Mutterchen!« rief Max, vom Wagen springend, und fiel Frau von Tübingen um den Hals, die, lachend und weinend, ihren Sohn gar nicht wieder loslassen wollte. Endlich kamen aber auch die andern an die Reihe. Großvater, Vater und Schwester wurden herzhaft abgeküßt, Nelly und Trude mit kräftigem Handschlag begrüßt. Und für jeden hatte Max in aller Eile ein paar liebe Worte. »Papa, was siehst du gottlob gesund und rüstig aus! Dicker bist du geworden! Mußt auch 'mal ein Jährchen nach Afrika – da schmilzt das Fett. . . . Und Großpapa – unverändert – nein, jünger geworden! Wenn ich erst in deinen Jahren bin! . . . Schwesterherz – groß, rund und rosig! Aber immer noch mit Klingelzöpfchen! Klinglinglingling – weißt du noch, Maus, wie wütend du immer wurdest, wenn ich dich beim Zopfe kriegte?! . . . Sapperlot, Graf Brada – Semper – wahrhaftig! Wie geht's, alter Freund? Und mit einem Blumenstrauß! Für mich bestimmt?« »Eigenhändig gepflückt,« log Graf Brada, »zu Ihrem Empfange, lieber Max – evviva Africanus minor! « »Wie können Sie sich denn mit fremden Lorbeeren schmücken?!« raunte Benedikte, hinter Brada stehend, diesem zu. »Außerdem hat Ihre Tante die ganzen Anemonen abgeknabbert! . . .« Max war schon wieder weiter gewandert. Die ganze Dienerschaft hatte sich eingefunden, vom alten Riedecke bis zu dem Küchenmädchen herab. Und alles grinste, knixte und dienerte; jeder bekam einen Handschlag. »Mitgebracht hab' ich euch auch etwas,« sagte Max. »Aber das kommt per Fracht nach. . . .« Dann sah er 60 Isaaksohn, der sich gleichfalls auf die Rampe geschlichen hatte. »I, Isaaksohn – auch da?! Grüß Gott, Alterchen! Na, was macht das Geschäft?« »Gott, junger Herr Baron, man lebt so! Aber ich freu' mer, daß ich den Herrn Baron wiederseh so forsch und so stattlich und so schön wie immer. Nich 'mal brauner geworden –« »Nee,« fiel Tübingen ein, »und auch der Kolonialbart fehlt mir.« »Aber, Papa, sollte ich denn als Wüstenjäger zu euch kommen?!« »Hast du Löwen geschossen, Max?« fragte Dietrich. »Jawohl, alle Tage zwei, min Jong!« »Kinder, das Frühstück wird kalt,« ermahnte die Baronin. »Max kann bei Tische erzählen!« »Richtig bemerkt, Mamachen! Appetit bringe ich mit. Aber bitte nicht ausfragen! Erst will ich auftauen – ganz langsam auftauen. Dann erzähle ich schon von selbst. . . .« Man ging in den Gartensalon. Benedikte und Brada waren die letzten. »Wie finden Sie, daß Max aussieht?« fragte Benedikte. »Famos. Die Weide ist ihm gut bekommen. Sind Sie nicht der Ansicht?« »Er sieht mir zu geleckt aus, zu dandyhaft, nicht afrikanisch genug.« Brada lachte. »Ja, Gnädigste, mit Keule und Löwenfell herumzulaufen, wie der farnesische Herkules, ist nicht mehr Mode. Und dann kommt er ja über Paris. Da wird er sich wieder zum Europäer gemacht haben.« Sie traten in den Salon. 61 Viertes Kapitel. Führt den Leser in die Hauptstadt und macht ihn mit zwei armen Teufeln bekannt, handelt auch von der Geschichte einer Nase. An eben diesem Tage schien die Morgensonne gleich freundlich, wie sie über Hohen-Kraatz leuchtete, in ein kleines Mansardenstübchen hinein, das hoch oben unter dem Dache einer gewaltigen Mietskaserne im Norden der Hauptstadt lag. Es war noch früh, früher, als man im Herrenhause zu Hohen-Kraatz zu erwachen pflegte, aber der Insasse der kleinen Mansarde lag doch schon seit geraumer Zeit mit hellen und wachen Augen in seinem Bette und starrte zu der weiß gekalkten Decke empor, als gebe es dort etwas ungemein Interessantes zu entziffern. Das Zimmerchen machte trotz seiner ziemlich ärmlichen Möblierung keinen unwohnlichen Eindruck, zumal jetzt, wo das Sonnengold durch das tief in die schräge Wand eingebaute Fenster in vollen und warmen Fluten hineinströmte. Die Sonne störte den jungen Mann im Bette augenscheinlich; sie war höher gestiegen, legte sich mit breitem Strahle über das Kopfkissen und fing hier ein neckisches Spiel an, strich flimmernd über die Augen des jungen Mannes und leuchtete ihm dann plötzlich in das ganze Gesicht, so daß er zunächst zu blinzeln und dann zu niesen begann und sich schließlich unmutig aufrichtete. War es denn schon so spät? – Der junge Mann warf einen raschen Blick auf die silberne Taschenuhr, die neben dem Bette auf dem Stuhle lag. Sieben Uhr! Seine Wirtin hatte wieder einmal die Zeit verschlafen! – Aber nein – schon der Gedanke war eine Verleumdung, die auf der Stelle zurückgewiesen wurde, denn in diesem Augenblick klopfte es mit kräftigem Finger 62 an die Thür, und draußen wurde das eigentümlich fettig klingende Organ der Frau Möhring vernehmbar. »Herr Freese! . . . Herr Freese – es ist Sieben!« »Danke, Frau Möhring,« rief der junge Mann zurück, »ich stehe schon auf!« Er sprang aus dem Bette und begann sich zu waschen und anzukleiden. Das nahm nicht viel Zeit in Anspruch. Doch es ging alles so still vor sich, daß sich die Wirtin, die jenseit des Korridors in einer kleinen Küche am Plättbrett stand und eifrig beschäftigt war, darüber wunderte; denn sonst pflegte Herr Freese während seiner Toilette ein lustiges Studentenlied zu singen oder einen fröhlichen Gassenhauer vor sich hin zu pfeifen. Frau Möhring war eine ehrsame Witib und hatte, wenn auch nur nach ihrer Meinung, eine große Vergangenheit hinter sich. Vor einigen Jahren hatte ihr Gatte das Zeitliche gesegnet, der Heldenspieler in Patzkos Vaudevilletheater gewesen war. Ein bedeutender Mann, der namentlich in hohen Stiefeln schön, stattlich und ritterlich aussah und das r wundervoll aussprach. Aber in einer Sonntagnachmittagsvorstellung des »Käthchen von Heilbronn« war ihm eine Coulisse auf den Kopf gefallen, und von dieser Zeit ab kränkelte er, und eines Morgens erhob er sich nicht mehr von seinem Lager. Der Verlust war ein schwerer für die trauernde Witwe. Sie war Souffleuse bei Patzko und spielte auch dann und wann kleinere Rollen in Vertretung; aber nach dem Tode ihres Gemahls regten sich wüste Kabalen im Vaudevilletheater, denen sie nicht gewachsen war: die Eichler-Biesenow, die erste Heroine, wollte ihre Nichte in den Souffleurkasten bringen, und dieser intriganten Seele gelang auch der Streich. Frau Möhring trat zurück von den weltbedeutenden Brettern und schuf sich einen andern Beruf. Sie »plättete auf Neu« und vermietete nebenbei 63 zur Erhöhung ihrer kärglichen Einkünfte das einzige Vorderzimmer ihrer Wohnung an Studenten oder junge Handlungsbeflissene. Aber die Erinnerung zehrte noch immer mit voller Kraft an ihr. Sie war eine fleißige Person und wich tagsüber nur selten von ihrem Plättbrett; doch wenn sie den prallen Brustseiten der Oberhemden mit geschickter Hand Stärke und Glanz verlieh oder den Besatz der Unterröcke und Nachtjäckchen zierlich kräuselte, so flogen die Gedanken weit über das Bügeleisen fort in die ruhmreiche Vergangenheit hinein. So auch jetzt. Sie dachte nicht an die Manschetten, die unter dem heißen Stahl leise zischten, sondern an die Tage ihres ersten Auftretens, an jene ferne Zeit, da sie die erste Kammerdame der Donna Diana gespielt und ein Kleid aus rotem Glanzkattun mit einem Besatz aus Goldlitzen getragen hatte. . . . Da ihr indessen plötzlich einfiel, daß ihr Mieter nun wohl seine Toilette beendet haben könne, so stellte sie das Bügeleisen zur Seite, verscheuchte ihre Erinnerungen und sah auf dem Herde nach, ob der Kaffee für Herrn Freese fertig sei. Er war es, und Frau Möhring ordnete das kleine Tablett, stellte Tasse und Kanne auf dieses und ein Tellerchen mit zwei Milchbroten dazu. Dann klopfte sie abermals an die Thür des Vorderzimmers und rief: »Sind Sie fertig, Herr Dokter?« »Jawohl, liebe Frau Möhring; kommen Sie nur herein!« scholl die Antwort zurück. Die Witib stutzte ein wenig, als sie bei ihrem Eintritt Herrn Freese bei einer eigentümlich melancholischen Beschäftigung sah. Der junge Mann saß auf dem Sofa vor dem runden, mit einer gehäkelten Decke bedeckten Tische und zählte sein Geld. Das war eine leichte und dennoch traurige Arbeit. Er hatte das Portemonnaie umgestülpt, gleichsam 64 als wolle er es bis in seine innersten Tiefen entleeren, aber es gab trotzdem blutwenig von sich: ein paar Markstücke, ein verfallenes Los der Marienburger Kirchenbaulotterie und eine Zehnpfennigmarke. »Guten Morgen, Herr Dokter,« sagte die Möhring und setzte das Tablett auf den Tisch. »Na . . . gut geschlafen?« Freese seufzte. »Ach nein,« erwiderte er, »leider nicht. Liebe Frau Möhring, wenn man so viele Sorgen im Kopfe hat –« »I was, Herr Dokter, es werden ja auch wieder 'mal bessere Zeiten kommen! Der Mensch soll nich immer gleich verzweifeln; mit das ewige Grübeln macht man sich bloß unnütz den Kopf schwer! Als mein Seliger gestorben war, wußte ich auch nich so recht aus und ein, denn auf die Bühne hätten mich nich zehn Pferde zurückgebracht – na, und es is doch gegangen! 'n fleißiger Mensch findet immer sein Auskommen, und ob ich als Souffleuse unten im Zwitscherkasten sitze oder für gutes Geld auf Neu plätte . . . wenn man sich ehrlich durchs Leben schindet, is alles toute même pipe . . .« Sie hatte sich inzwischen auf den Stuhl neben dem Bette gesetzt und schaute aufmerksam zu, wie Freese die Milch in seinem Kaffee zerrührte. Die Sonne war immer höher gerückt und füllte nunmehr das ganze kleine Gemach mit ihrem Goldschimmer und hatte sogar in die Kaffeetasse zarte, bronzefarbige Fleckchen gestreut. »Hören Sie 'mal, Herr Dokter,« fuhr die Möhring fort, »daß Sie mir nich wieder die beiden Brötchen liegen lassen, das bitt' ich mir aus! Wenn der Mensch auch noch so viel Kummer hat, essen muß er! Am Todestage von meinem Seligen, wie ich ihn des Morgens so unvermutet fand und am Abend vorher hatte er noch gesagt, ihm wäre 65 besser im Kopfe, er wollte 'ne Weiße trinken – da habe ich auch nichts zu mir nehmen wollen – aber da kam die Fiebichen von nebenan und brachte mir 'n Teller Schmorbraten, ich weiß es noch wie heute, und redete mir zu, und das hat mir denn auch wirklich wieder 'n bißken auf den Damm gebracht. . . . Herr Dokter, es geht allens seine richtigen Wege. Es muß auch 'mal schlecht're Zeiten geben, damit man sich auf bessre freuen kann. G'rade jetzt geht's mir auch nicht so, wie mir's gehen könnte, denn meine beste Kundschaft, was die feinen Leute sind, die sind auf Reisen – na, und was so zurückgeblieben, das zahlt nich immer am pünktlichsten. Aber es wird schon wieder 'mal anders werden – und damit tröst' ich mir . . . und das sollte auch vor Ihnen ein Trost sein, Herr Dokter!« »Nennen Sie mich nur nicht immer Herr Doktor, liebste beste Frau Möhring,« entgegnete Freese, der sich nun auch endlich dazu entschloß, eines seiner beiden Milchbrötchen zu brechen. »Ich habe mein Examen noch vor mir – und wenn mich das Unglück so weiter verfolgt wie bisher, dann werde ich vielleicht nie im Leben dazu kommen, meine Prüfungen machen zu können. Plenus venter non studet libenter – aber wahrhaftig, mit leerem Magen studiert sich's noch schlechter! . . . Es wär' tausendmal gescheiter von meinem Vater gewesen, er hätte mich ein Handwerk lernen lassen. Das nährt schließlich seinen Mann. Aber nein . . . ich sollte Philologe werden – nicht einmal Dorfschulmeister wie mein guter Alter – Gymnasiallehrer, sollte die höhere Bildungscarriere einschlagen – – – hol's der Geier! . . . Größenwahn der Zeit, liebe Frau Möhring! Bildungsdurst ist gut, aber man muß auch in der Lage sein, ihn löschen zu können –« Die Möhring nickte ernsthaft und faltete die Hände im Schoß. 66 »Das versteht sich,« erwiderte sie; aber es war doch zweifelhaft, ob sie so recht verstand. »Und mit dem Privatunterricht,« fuhr sie fort, glättend über die Schürze streichend, »ich dächte, das wäre damit 'ne ganze Zeit recht flott gegangen –« »Gegangen,« fiel Freese ein; »aber es geht nicht mehr! Der Sommer ist für mich geradeso die tote Saison wie für Sie, Frau Möhring. Meine letzten paar Mark habe ich in Inseraten verpulvert. Die gesamten nachhilfebedürftigen Kinder scheinen in die Ferien gereist zu sein. Es findet sich nichts . . . Da« – er wies auf das seines Inhalts beraubte Portemonnaie – »das ist meine ganze Habe: drei Mark fünfundneunzig Pfennig, die Groschenmarke mit eingerechnet. Das Marienburger Los kaufte ich mir, als ich die letzte Privatstunde bezahlt bekam; da dachte ich wunder wie reich ich sei. Natürlich war's eine Niete. . . . Mein ganzes Leben ist eine dicke Niete!« »Herr Freese, thun Sie mir den Gefallen und sprechen Sie nich so. Sprechen Sie nich so; das ist lästerlich. Und denn hören Sie mir 'mal an und sagen Sie kein Wort. Mit der Miete, das hat keine Eile, und wenn ich mir zu Mittag mein Essen koche, koche ich gleich vor Ihnen mit. So gut wie in der Akademischen und wie bei Gruhlen in der Elsasserstraße is es auch noch; nahrhaft und kräftig und billiger als wie da. Und zu Abend können wir's ebenso halten. Auf ein Butterbrot mehr oder weniger kommt's nich an. Gott sei Dank nich! Und fehlt's Ihnen 'mal gar zu sehr an Baribus – mit 'n paar Markstücken kann ich am Ende auch immer noch aushelfen, Herr Freese; denn das muß ich Ihnen sagen: die Arbeit schändet nich und Reichtum macht noch lange nich glücklich. . . .« Aber selbst diese große, wenn auch nicht neue Wahrheit vermochte Freese nicht über die peinliche Verlegenheit 67 fortzubringen, die er bei den gut gemeinten Worten der Frau Möhring empfand. Sein hübsches, sonst immer ziemlich blasses Gesicht war in dunkle Röte getaucht. »Ich danke Ihnen herzlich, liebe Frau Möhring,« entgegnete er. »Ihr Anerbieten macht Ihrem Herzen alle Ehre, und es ist auch nicht Stolz von mir, daß ich es ablehne. Es geht aber nicht anders. Ich werde kaum noch lange hier bleiben. Vielleicht gelingt es mir, irgendwo auf dem Lande eine Hauslehrerstelle zu bekommen. Ich bin stadtmüde geworden. Man wird hier zu leicht zerstreut; auf dem Lande wird man weniger abgelenkt – ich denke, da werde ich in Ruhe meine Studien beenden können. . . . Sie sind mir doch nicht böse, Frau Möhring?« Die Witwe hatte sich erhoben und zuckte mit der linken Schulter. »I, wo werd' ich denn,« antwortete sie. »Warum soll ich denn böse sein? Es thut mir leid, daß Sie fortwollen; denn 'nen stilleren Mieter werd' ich mir lange suchen können – aber Sie müssen ja am besten wissen, was vor Ihnen gut is. Ich weiß man bloß nich – na, das geht mir ja allens nichts an, und des Menschen Wille is sein Himmelreich. Sind Sie fertig mit dem Kaffee?« Freese nickte, und Frau Möhring räumte das Geschirr ab und verließ sodann mit schweren, schlurrenden Schritten das Zimmer, ohne ihren letzten Aeußerungen noch ein Wort hinzuzufügen. Es war zweifellos: sie fühlte sich beleidigt. Einen Augenblick dachte Freese daran, aufzuspringen und sie durch ein paar freundliche Worte zu besänftigen. Aber es widerstrebte ihm; vielleicht wiederholte sie ihre Anerbietungen, und er hatte schon vorhin ein gewisses Gefühl der Demütigung kaum verwinden können. . . . Seine Lage war in der That übel. Er verlor nicht leicht den Mut; aber nun war er nahe daran, zu verzweifeln. 68 Herr Gott, was war das für ein elendes Dasein! Eine ewige Sorge um den nächsten Tag – eine ewige Angst um die Existenz! Und in allen diesen Nöten sollte er auch noch arbeiten; denn mit Ablauf des Jahres mußte er seine Staatsprüfung bestanden haben; er wollte endlich einmal in geebnetere Bahnen gelangen . . . Er trat an das Fenster und öffnete es. Flimmernde Sonnenglut lag über dem Dächermeer, das man von hier aus, fast sechs Stockwerke über dem Straßenpflaster, übersehen konnte. In der heißen Luft schien das Drahtnetz der Telephonleitungen unaufhörlich hin und her zu schwanken. Aus dem nächsten Schornstein kräuselte in Guirlandenform ein dünner, hellblauer Dampf empor, und etwas weiter hinten entströmten einem mächtig aufragenden Fabrikschlot dicke Wolken rußigen Qualms. Dicht vor dem Fenster lärmte und zwitscherte ein Spatzenschwarm. Das graue Völkchen befand sich sichtlich in Aufregung. Freese pflegte gewöhnlich sein Morgenbrot mit den piepsenden Herrschaften zu teilen; heut hatte er es vergessen. Der Kopf war ihm schwer; was sollte nun werden? – Bisher hatte ihn der Privatunterricht an faule oder zurückgebliebene Jungen wenigstens einigermaßen vor dem Mangel geschützt. Aber das Geld für die letzten Annoncen war umsonst ausgegeben worden; es hatte sich niemand gemeldet. Freese suchte seine Bücher hervor; er wollte arbeiten. Doch die sorgenden Gedanken waren stärker als seine Arbeitskraft. Die griechischen Buchstaben begannen vor seinen Augen zu tanzen, sich in Reigen zu schlingen und dann in tollem Cancan über die Seite zu springen, heraus und hinab, querüber und wieder zurück. Nein – es war unmöglich; mit ruheloser Seele läßt sich nicht studieren! Der junge Mann schleuderte das Buch ärgerlich vom 69 Tische. Verdammte Bücher – verdammte Gelehrsamkeit! Warum war er nicht Tischler geworden, Maurer, Dachdecker, Schuster?! Die Leute brauchten wenigstens nicht zu verhungern – und bei Gott, ihm drohte der Hunger! Natürlich – wenn seine letzten paar Mark aufgezehrt waren, dann kam der Hunger an die Reihe! »Wollen 'mal sehen, wie's thut,« sagte sich Freese; ein grimmiger Humor überschlich ihn. »Ich glaube, der Mensch kann wochenlang ohne Nahrung leben. Succi hat es bewiesen. Schließlich werde ich Hungerkünstler wie der Italiener, statt Gymnasiallehrer. Succi mag sich so wie so besser stehen. . . .« Er streckte sich der Länge nach auf dem Sofa aus und zog den Schlafrock über die Beine. Das war die Stellung, in der er zu überlegen pflegte. Zum Teufel – war das denn nicht alles Unsinn?! Am Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts verhungert man nicht mehr. Man mußte ihm helfen. Aber wer?! – Frau Möhring hatte sich dazu erboten. Nein – lieber schon hungern, als zum Almosenempfänger herabzusinken! Gab es denn nichts mehr zum Versetzen?! Ja – ein Wertobjekt, das schon längst auf die Pfandleihe wartete, besaß er noch: seine silberne Taschenuhr. Er hatte sie zur Konfirmation bekommen; der Vater mochte lange genug gespart und gedarbt haben, ehe er sie hatte bezahlen können. Dieser unglückselige, liebe, gute, närrische Vater! Er war Kantor in Nieder-Dittersdorf gewesen, einem Dorfe im Kreise Belzig. Ein Original: ungeheuer lang, erschreckend mager, immer mit großer blauer Brille, die seinem spitzen Vogelgesicht das Aussehen eines Uhus gab. Sein liebendes Vaterherz wollte den einzigen Sohn aus der tristen Einförmigkeit des Dorflebens, in dem er selber aufgewachsen, herausheben; sein Franz sollte dermaleinst mehr erreichen als er. Und da der Junge fleißig war und ihm die verstorbene Mutter zudem noch ein kleines Kapital hinterlassen hatte, 70 so schien sich auch alles von selbst machen zu wollen. Aber das Kapital war gering, und um es zu vergrößern, kam der Alte auf Anraten eines Bekannten, des dicken Neumüllers vom Wasserhof, auf die unglückselige Idee, sich Spekulationspapiere zu kaufen. Er verlor das Geld seines Sohnes, und eines Morgens fand man ihn tot im Bette. Die Gewissensbisse hatten ihn in das Grab gebracht. . . . In diesem Augenblick, da Freese so lebhaft an den Vater dachte, sah er ihn förmlich leibhaftig vor sich. In dem graubraunen, eingetrockneten, eigentümlich gestalteten Gesicht prägte sich immer ein Zug leidensvoller Entsagung aus, der sich in zwei tiefen Linien zwischen der knochigen Nase und dem Munde markierte. Und wenn der Alte die blaue Brille abnahm, sah er aus wie die lebendig gewordene Verkörperung des Lehrerelends. Man konnte sich fürchten vor diesem hageren Greise, der sich niemals in seinem langen Leben satt gegessen zu haben schien. Um seinem Jungen eine gute Erziehung zu teil werden lassen zu können, hatte er sich die Butter auf dem Brote versagt und zum Mittagessen dünnen Kaffee getrunken. Die Hoffnung, Franz einmal als » Dr. phil. « und wohlbestallten Oberlehrer an seine Brust schließen zu dürfen, hatte ihm die Entsagung leicht werden lassen. Und nun hatte der Moloch Spekulation mit einem Schlage alle seine Hoffnungen zertrümmert; der Alte starb, weil er an die Grenze seiner Entsagungskraft gelangt war. . . . Höher und höher klomm die Sonne. Es wurde stickig heiß in der kleinen Mansarde. Franz war unthätig auf dem Sofa liegen geblieben. Es war, als sei seine Arbeitsamkeit ganz plötzlich lahmgelegt worden. Die Sorgen hatten ihn in den letzten Nächten schlecht schlafen lassen; nun plötzlich überkam ihn im heißen Sonnenschein und in der dumpfen Luft des Stübchens eine unwiderstehliche Müdigkeit. Er 71 schloß die Augen und schlummerte ein. Als er wieder erwachte, verspürte er einen grimmigen Hunger. Er sah auf die Uhr; es ging auf Eins. Seufzend erhob er sich, setzte sich aber sofort wieder, ganz beherrscht von seiner Unentschlossenheit, auf das Sofa zurück. »Mich hungert,« sagte er zu sich selbst. »Wenn ich nun tapfer wäre, würde ich dies ekelhafte Gefühl zu bekämpfen versuchen. Ich könnte eine Probe machen, wie weit meine Courage reicht. Ich könnte wenigstens einmal einen Tag lang hungern. Aber –« Er sprang wieder auf. Was Teufel – dazu hatte er immer noch Zeit, wenn erst der letzte Groschen verthan war! Vielleicht kam ihm beim Glase Bier ein rettender Gedanke! Er wollte auch noch einmal auf der Expedition des Tageblattes nachfragen, ob nicht doch noch ein Brief für ihn eingetroffen sei. . . . Mit fiebriger Hast warf er den alten, verschlissenen Schlafrock ab, hing ihn in den Schrank und schlüpfte in seinen schwarzen Rock, das wertvollste Stück seiner Garderobe, das er zu tragen hoffte, bis die Staatsprüfung den vorschriftsmäßigen Frack von ihm verlangen würde. Als er über den Korridor schritt, sah er die Thür zu der gegenüberliegenden Küche halb offen stehen. Dort stand die Möhring, plättete ihre Hemdkragen und dachte dabei an den Undank der Welt. »Ich gehe zum Mittagessen, Frau Möhring,« rief Freese in die Küche hinein, »bin aber gegen Drei wieder zurück, falls jemand nach mir fragen sollte!« »Es wird ja woll keiner,« erwiderte die Möhring, und ihre Plätteisen klapperten heftig. Die Thür fiel zu. Franz stieg die Treppe hinab, deren Dielung sich geworfen hatte und von der längst der letzte Rest der Anstrichfarbe gewichen war. Eine ewige leichte 72 Staubschicht rieselte durch diesen tiefen, durch schmallängliche Fenster erleuchteten Treppenschacht. Das Haus, in dem der Kandidat wohnte, zählte an sechzig Parteien, nur arme Leute, die ihrerseits dies oder jenes Zimmer wieder an Aftermieter vergaben oder als »Schlafstelle« ausnutzten, so daß das ganze Gebäude mit seinen Querflügeln und dem Hinterbau von fast zweihundert Menschen bewohnt wurde. Es glich einem kolossalen Ameisenhaufen, zumal am frühen Morgen, wenn die meisten der Insassen an ihre Arbeit gingen, oder in den Abendstunden, wenn sie nach vollbrachtem Tagewerk wieder heimkehrten. Und immer war der Hof von einem lärmenden Kinderschwarm erfüllt, der hinter dem Müllkasten Verstecken spielte und das zum Ausklopfen der Teppiche errichtete Gerüst für seine Turnkunststückchen benützte. Franz bog in eine Seitenstraße ein, in welcher die kleine Gastwirtschaft lag, in der er gewöhnlich zu speisen pflegte. Es war dies ein sehr sauber und freundlich gehaltenes Kellerlokal. Der Fußboden war mit weißem Sande bestreut; auf jedem Tische lag statt des Tafeltuchs eine schwarzweiß gemusterte Wachstuchdecke und auf den Tellern sah man Papierservietten mit einem Stillleben in einer Ecke und der Umschrift »Wilhelm Gruhle, Mittagstisch à 50 Pfennig. Elsasserstraße 102.« Herr Gruhle selbst stand in respektgebietender Breite und Rundung hinter dem niedrigen Büffett mit seinen zahllosen Glasglocken, die belegte Butterbrote, Wiener Würstchen, Rollmöpse, Heringe und dergleichen mehr bedeckten. Freese schaute sich beim Eintritt um, ob er noch einen leeren Tisch finden könne; er war in seiner jetzigen bedrängten Lage ziemlich gesellschaftsscheu geworden. Das Lokal war aber fast bis auf den letzten Platz gefüllt und durchaus nicht mit schlechter Gesellschaft. Den Hauptteil der Besucher stellte, wie es schien, die kleinere Kaufmannswelt; die meisten der 73 Anwesenden waren wohl Commis aus den benachbarten Geschäften; auch einige arme Studenten, die der »billige Mittagstisch« anlockte, mochten darunter sein. Da Franz keinen gänzlich freien Tisch fand, so nahm er unweit des Büffetts an dem am wenigsten besetzten Platz. Nur ein einziger Gast hatte sich dort niedergelassen, ein junger Mensch, dessen weltfreudiges Gesicht Freese schon öfters bei Vater Gruhle gesehen zu haben vermeinte. Es war in der That ein ziemlich auffälliges Gesicht für unser pessimistisches Zeitalter: rund und rosig, mit einer vergnüglich aufgestülpten, wahrhaften Regennase, ohne erkennbares Nasenbein, über die ein paar eigentümlich ernste Augen unendlich verwundert über solche unpassende Nachbarschaft in die Welt schauten. Der feinlippige, durch keinen Bart verdeckte Mund schien den Augen recht zu geben, während das Kinn, rund wie eine Apfelsine und mit neckischen Grübchen, sich mehr zu der Nase hielt. So kam es, daß jeder, der den jungen Mann mit dem unlogischen Gesicht sah, zuerst freundlich schmunzelte und dann fast erschreckt zurückfuhr, wenn er den tiefernsten Blick aufgefangen hatte. Gewissermaßen als Ausgleich hatte der Besitzer dieses widerspruchsvollen Antlitzes es sich angewöhnt, möglichst freundlich mit seinen elegischen Augen zu zwinkern und dabei den Zeigefinger wie dozierend und gleichsam die Nase verlängernd an diese zu legen. . . . »Sie erlauben,« sagte Freese und rückte am nächsten Stuhle, um sich dem Fremden gegenüber niederzulassen. »Bitte sehr,« erwiderte dieser höflich und machte eine Bewegung, als wolle er einen Vortrag beginnen. Franz wartete einen Augenblick auf die in Aussicht stehende Rede, und als nichts erfolgte, nahm er Platz und bestellte sich bei der aufwartenden Kellnerin Mittagessen und ein Glas Bier. 74 Der Gast nebenan hatte seine bedeutsame Miene beibehalten, anfänglich ohne zu sprechen, aber mit beiläufigem, sichtlich interessiertem Mustern der Persönlichkeit Freeses. Dann begann er verlegen auf seinem Platze hin und her zu rücken und fragte plötzlich in leichtem Plauderton: »Entschuldigen Sie . . . sind Sie nicht, wenn ich fragen darf, Herr Freese?« Franz blickte verwundert von seinem Teller auf. »Sie kennen mich?« »O – nur von Ansehn und nur dem Namen nach,« erwiderte der andre. »Wir wohnen nämlich beide in gleichem Hause – id est , ich wohne nicht vorn heraus, sondern im Hofgebäude rechts parterre. . . . Ich glaube, wir sind sozusagen Kollegen, wenn auch von verschiedenen Fakultäten. Gestatten Sie mir, daß ich mich vorstelle: Reinbold, cand. theologiae . . . .« Die beiden Herren erhoben sich ein wenig von ihren Sitzen, machten sich gegenseitig eine leichte Verneigung, sagten: »Sehr angenehm« . . . und setzten sich wieder. Reinbold strich einigemal mit dem Zeigefinger seiner Rechten über seine Nase, deren humoristischer Aphorismus ihm noch unangenehmer zu sein schien, nachdem er seinen geistlichen Zukunftsberuf vor dem Nachbar kundgegeben hatte. »Es ist merkwürdig, wie man sich manchmal so unerwartet zusammenfindet,« meinte er. »Ich weiß, Sie verkehren häufiger hier unten . . . man speist ja ganz gut bei Vater Gruhle und vor allen Dingen nicht zu teuer für unsereinen. . . . Stehen Sie dicht vor der Prüfung, wenn ich fragen darf?« »Ach nein,« entgegnete Freese, der seine Mahlzeit beendet hatte und nun die Teller ein wenig zur Seite schob, »ich bin leider noch nicht so weit, das heißt« – und er seufzte leicht auf – »ich könnte es schon sein, aber äußere 75 Verhältnisse widriger Art haben mir bisher im Wege gestanden. Es ist nicht leicht, sich durchs Leben zu kämpfen, wenn man mittellos ist!« »Du lieber Gott – wem sagen Sie das?« warf Reinbold ein; »uns armen Studenten pflegt es ja ziemlich gleich zu gehen – dem einen wie dem andern! Die beste Zeit wird durch Stundengeben vertrödelt – man muß doch leben! Gewöhnlich bleibt einem nur die Nacht übrig, um sich für Examen und Amt vorzubereiten. Ob ich das kenn'! Ein Elend ist's! Hätte mich nicht ein glücklicher Zufall noch in der zwölften Stunde aus den bittersten Sorgen herausgerissen, dann säße ich heute vielleicht als Hauslehrer in einem herrschaftlichen Schlosse und könnte mich mit ungezogenen Bengels herumärgern, statt an die eigene Arbeit zu denken!« »Ich wünschte nur, ich fänd' eine Stellung als Hauslehrer,« erwiderte Freese. »Wenn man nicht allzu sehr überlastet wird, muß es sich in ländlicher Stille ganz famos arbeiten lassen. Ich habe mich immer danach gesehnt, und g'rade im Augenblick würde es mir doppelt zurecht kommen, nachdem ich mich wochenlang vergeblich um die Erteilung von Privatunterricht bemüht habe. . . .« Kandidat Reinbold ließ den Zeigefinger sinken und schaute sein Gegenüber aufmerksam an. »Donnerwetter!« sagte er, biß sich gleich darauf auf die Lippen und verbesserte den harmlosen Fluch in das noch harmloser klingende: »Alle Wetter – – alle Wetter, Kollege, ich glaube, ich kann Ihnen helfen!« »Haben Sie eine Stellung zu vergeben?« »Ja – das heißt – – es ist eine närrische Geschichte! . . . Ich hatte in der ›Kreuzzeitung‹ nach einem Hauslehrerposten gesucht –« »Ich auch, aber umsonst,« warf Freese ein. 76 »Na also – ich hatte mehr Glück! Vor ein paar Tagen bekam ich einen Brief – warten Sie 'mal, ich habe ihn bei mir –« und er zog seine Brieftasche hervor und entnahm ihr ein Schreiben, das er entfaltete und Franz hinüberreichte, der es halblaut las: »Hohen-Kraatz bei Plehningen über Frankfurt a. O., 20. Juni. Hauslehrer X. Z. 103. Expedition der Kreuzzeitung, Berlin. Auf Ihre Annonce hin zur gefälligen Nachricht, daß ich für meine beiden Söhne, Zwillinge, zehnjährig, einen tüchtigen, energischen Hauslehrer mit guter Lehrmethode suche und eventuell um Ihre Papiere, Zeugnisse und Empfehlungen bitte. Hochachtungsvoll Frhr. von Tübingen.« Reinbold nahm den Brief zurück und steckte ihn wieder zu sich. »Ich schickte also meine Papiere ein,« fuhr er fort, während Freese aufmerksam zuhörte, »– was ich so hatte: Abiturientenzeugnis, Geburtsschein, ein paar Empfehlungsbriefe – und da kriege ich denn heute folgendes Telegramm.« . . . Er suchte wieder in seiner Brieftasche und las Freese die Depesche vor: »Will Sie engagieren. Freie Station, siebenhundert Mark Jahresgehalt. Erwarte Nachricht, wann Sie eintreffen. Werde Wagen Plehningen schicken. Von Tübingen.« Freese hielt fast den Atem an, so gespannt war er auf die weitere Entwickelung der Angelegenheit. Siebenhundert Mark und freie Station . . . war dieser Reinbold ein Glückspilz! . . . »Nun?« fragte Franz gedehnt; er fieberte vor Erwartung. Reinbold legte wieder den Finger als Verlängerung der Nase über diese. 77 »Ich hätte natürlich schleunigst meine Koffer gepackt und wäre abgedampft,« erzählte er weiter, »wenn mir nicht noch eine andre Nachricht in die Quere gekommen wäre. Nämlich vom Amtsgericht in Müncheberg. Da ist ein Onkel von mir gestorben, den ich mein Lebtag nicht von Angesicht zu Angesicht gesehen habe, und der hat mir ein Legat von sechstausend Mark vermacht. Da brauche ich nun die Hauslehrerstelle nicht mehr. Im Gegenteil . . . denken Sie sich, diese unerwartete Erbschaft hat mir so gewaltigen Mut gemacht, daß ich größte Lust habe, schleunigst in das zweite Examen zu steigen. Heute nachmittag wollte ich Herrn von Tübingen abschreiben. Gut, daß ich's noch nicht gethan habe! Denn natürlich werden Sie nun an meine Stelle treten, Kollege! . . .« Franz hatte vor Aufregung hochrote Backen bekommen. Er nickte lebhaft mit dem Kopfe. »Herr Gott, ist das ein Glücksfall!« sagte er. »Aber – ich bin ein Pechvogel; passen Sie auf, da kommt noch im letzten Moment irgend etwas dazwischen! Ich kenne mich. Jedenfalls will ich sofort nach Hause und an Herrn von Tübingen schreiben –« Er erhob sich bereits, aber Reinbold hielt ihn zurück. »Nicht schreiben – Unsinn!« entgegnete er. »Immer praktisch, Kollege – immer gleich zugreifen! Direkt auf das Ziel los – ohne Umwege! Setzen Sie sich auf die Bahn und rutschen Sie direkt nach Hohen-Pleiningen oder wie das Dings heißt! Erklären Sie dem Baron Tübingen persönlich, wie die Sache liegt, und bitten Sie ihn, es einmal mit Ihnen zu versuchen. Sie haben eine so vorteilhafte äußere Persönlichkeit, daß der erste Eindruck unbedingt günstig wirken muß. Unbedingt! Haben Sie irgend welche Empfehlungen?« »O ja – von verschiedenen Seiten – sehr gute –« 78 »Na also! Greifen Sie zu, lieber Freund, wenn Sie in der That in Bedrängnis sind!« »Ach, und in wie großer, Kollege!« »Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß Sie reüssieren werden. Mehr als ich! Ach du lieber Gott – ich!?  . . . Erstens bin ich durchaus nicht mehr der Jüngste –« »Aber, Herr Reinbold,« fiel Freese lächelnd ein, »kokettieren Sie doch nicht! Wer so jugendlich aussieht wie Sie, so kindlich beinahe –« Reinbolds Augen hörten auf, freundlich zu zwinkern, und selbst die verblüffende Nasenspitze schien sich senken zu wollen. »Sehen Sie,« sagte er sanft, »das, was Sie da äußern, ist sicher von Herzen gut gemeint – und doch . . . Jede Familie hat ihr Skelett im Hause. Bei uns ist es – die Nase.« »Sollte Skelett in diesem Falle der zutreffende Ausdruck sein?« entgegnete Frese in harmlosem Spott, wurde aber sofort ernst, als er die Augen seines neuen Bekannten mit wahrhaft traurigem Ausdruck auf sich gerichtet sah. »Sie glauben gar nicht, Kollege,« fuhr Reinbold fort, »wie viel und wie schweren Kummer mir schon der mir angeborene lustige Zug im Gesicht und vor allem meine schreckliche Nase bereitet hat! Denn diese unselige Nase allein genügt, um bei der urteilslosen Welt von vornherein das größte Mißtrauen gegen mich und meinen Charakter zu erwecken . . . Wie muß es um die seelische Würde eines Mannes bestellt sein, der selbst bei den heiligsten Dingen aussieht, als ob er soeben einen Witz gemacht hätte! Wer vertraut gern seine Kinder einem Menschen an, der selbst noch den Eindruck eines Tertianers macht – den jeder Nachtwächter prüfend von der Seite anschaut, weil er im nächsten Augenblick irgend einen übermütigen Streich von ihm erwartet!? . . . 79 Denken Sie sich, daß man mich in verschiedenen Fällen sogar ausdrücklich gebeten hat, Trauerfeierlichkeiten fern zu bleiben! . . . Ach, wie viel Kränkungen hat mir dies physische short-coming schon verursacht – wie viel gute Stellungen schon verscherzt! . . . Und selbst, wenn ich nun endlich das Examen bestanden haben werde – welche Gemeinde wird weihevoll gestimmt bleiben, wenn sie einen Pastor auf ihrer Kanzel sieht, der in bestem Falle einem Dürerschen Posaunenengel gleicht!?« Reinbolds Ton hatte alles Scherzende verloren; er blickte düster und mit gefalteter Stirn vor sich nieder. Auch Franz war ernst geblieben; wohl schien es hin und wieder wie ein verstecktes Lächeln um seinen Mund zu zucken, aber er beherrschte sich, um den armen Reinbold nicht zu verletzen. »Ich glaube, lieber Kollege,« entgegnete er, »Sie nehmen die komischen Teile Ihres Antlitzes zu tragisch. Aesop war bucklig, und vom heiligen Augustinus erzählt die Legende, daß er auf einem Auge geschielt habe.« »Aber was ist selbst die affenhafte Häßlichkeit Voltaires gegen mich!? – Und dennoch, Kollege – ist's nicht Professor Jäger, der da behauptet, der Sitz der Seele sei die Nase?!« Nun durfte Freese wieder fröhlich lachen. »Ich glaube ja,« erwiderte er, »und dann gehörte Ihnen eine Himmelfahrtsseele, was sich mit Ihrem Berufe decken und das richtigste für Sie sein würde! . . . Geben Sie mir Ihre Hand, verehrter Herr Reinbold. Es ist kein Kainszeichen, das Ihnen die Natur auf das Antlitz gedrückt hat. Es gibt schlimmere Gebrechen.« Reinbold hatte die Hand Freeses genommen. »Ich weiß, daß Sie es gut meinen, lieber Freund. Es hat mir auch wohl gethan, daß ich mich wieder einmal ausklagen konnte. Es befreit das Herz. Der Mensch gehört 80 zur Klasse der Mitteilsamkeitsgeschöpfe. . . . Aber nun zu Ihrer Sache zurück! Sie reisen also?« Freese schwankte noch immer. »Ich möchte schon,« meinte er, »aber ich weiß doch nicht recht –« »Herr Freese, mit Hangen und Bangen kommt man nicht durch die Welt! Wenn Sie meine Nase hätten, würden Sie Energie lernen! Hier haben Sie den Brief und das Telegramm des Herrn von Tübingen; und nun kommen Sie mit auf mein Zimmer, wo ich noch selbst ein paar aufklärende Worte an den Baron schreiben werde! Die können Sie ihm vorzeigen. Ich wette, daß er Sie behält!« »Wenn er doch möchte!« »Wird er schon. Schlimmsten Falls haben Sie zwei Tage und ein paar Mark Reisegeld geopfert – immerhin unangenehm genug, aber ein Risiko, das Sie in Anbetracht der sonstigen günstigen Aussichten schon wagen können. Abgemacht?!« »Also gut – ich will es versuchen! Vielleicht habe ich auch einmal Glück! . . .« Die beiden Kandidaten beglichen ihre Zeche und verließen die Wirtschaft. Es waren nur wenige Schritte bis zu dem Kasernenhause, in dem sie wohnten. Reinbold schrieb in seinem Stübchen mit flinker Hand den besprochenen Brief an den Baron Tübingen, in dem er sich entschuldigte, noch in letzter Stunde von der ihm angebotenen Hauslehrerstelle zurücktreten zu müssen und an seiner Statt Herrn Franz Freese empfahl, der vielleicht noch besser geeignet sei, als er selbst, den fraglichen Posten auszufüllen. »So,« sagte er, den Brief couvertierend, »– und nun Courage, wenn Sie Herrn von Tübingen gegenübertreten! Die Landaristokratie ist nach meiner Erfahrung entweder sehr feudal oder freisinnig durchschossen. In ersterem Falle 81 wird man Ihre männliche Offenheit für originell, im zweiten für im guten Sinne symptomatisch halten. Schüchternheit ist niemals angebracht; das ist eine goldene Regel, Herr Freese. Geben Sie Nachricht, ob alles geglückt ist und schicken Sie mir meine Zeugnisse zurück! Gott befohlen!« Er reichte Franz die Hand, der sie warm schüttelte und einige herzliche Dankesworte sprach. Dann machte sich Freese auf den Weg nach seinem olympischen Heim, während sich Reinbold bei verriegelter Thür einer Thätigkeit hingab, die keines Menschen Auge sehen durfte. Er holte aus seiner Kommode ein längliches Etui hervor, das er sich auf ein Zeitungsinserat hin für schweres Geld und nach mannigfachen Entbehrungen angeschafft hatte – öffnete es und entnahm ihm ein Doppelstäbchen mit beweglicher Elfenbeinkugel und eine ebenfalls elfenbeinerne Rundstange. Dann setzte er sich aufseufzend vor den Spiegel und begann, genau nach dem Rezept »Verschönere dein Antlitz«, seine unglückliche Nase kunstgerecht abwärts zu massieren. . . . Fünftes Kapitel. Handelt von den mancherlei Abenteuern, die der Kandidat Freese auf seiner Reise nach Hohen-Kraatz erlebt. Als Freese in seiner Wohnung angekommen war, fand er Frau Möhring nicht vor. Sie trug ihre Plättwäsche aus, und das war dem Kandidaten sehr lieb; denn er verspürte keine Lust, sich mit ihr in eine Unterhaltung einzulassen. Er schob sich einen Stuhl an das Fenster, nahm Platz und begann zu grübeln. Er hatte es ausgeprobt: noch mehr als auf dem Sofa pflegten ihm an dieser Stelle die guten Gedanken zu kommen – wenn er so über die langweiligen 82 Dächer starrte und in den sich zum Himmel ringelnden Rauch der Schornsteine hinein, der zuerst stark, voll und kerzengerade den Schloten entströmte, um sich dann ganz allmählich in zierliche Windungen aufzulösen und in merkwürdig harmonisch gegliederte Spiralen. Und gerade jetzt brauchte Franz Freese notwendiger denn je einen guten Gedanken, der ihm Rat einblasen sollte. . . . Sein neuer Freund Reinbold hatte gut reden! Da kann man schon schnell mit rascher Initiative bei der Hand sein, wenn einem unter allen Umständen das eigene Fell ungeschoren bleibt! . . . Reinbold hatte nichts zu befürchten, aber wer garantierte ihm , Franz Freese, daß der Freiherr von Tübingen den ungebetenen und unberufenen Eindringling nicht einfach vor die Thüre setzte?! . . . Franz überlegte, ob es nicht doch besser sein würde, zunächst einmal brieflich bei Herrn von Tübingen anzufragen, ob er sich überhaupt vorstellen dürfe. Ganz wollte er die Sache natürlich nicht aus der Hand geben – dazu waren die Erfahrungen, die er in letzter Zeit gemacht hatte, denn doch zu trübe gewesen und dazu sah seine Zukunft zu nebelgrau aus. Allerdings – mit so einer vorläufigen Anfrage hatte es auch seine Bedenken. Es konnte sich ein langweiliges Hin- und Herschreiben entwickeln, das vielleicht Wochen dauerte, und die Not klopfte bereits mit knöchernem Finger an die Thür des armen Freese. Es konnte ihm auch irgend ein andrer zuvorkommen; der Baron hatte sicherlich zahlreiche Anerbietungen erhalten, denn arme Teufel gibt es genug auf der Welt . . . nein – nein, eine vorläufige Anfrage war unpolitisch! Franz starrte zweien sich verfolgenden Sperlingen nach, die mit raschem Flügelschlage um den nächsten Schornstein kreisten. . . . Reinbold hatte so unrecht nicht: eine persönliche Vorstellung hatte schon ihre guten Seiten. Da war man einmal da, war bereits an Ort und Stelle, konnte sich 83 gewissermaßen auf Probe anbieten – und der äußere Eindruck sprach auch mit. Ganz gewiß! – Freese stand auf und trat vor den Spiegel, der über dem Nachttisch hing. Zuerst lächelte er, denn er mußte unwillkürlich an die verhängnisvolle Nase seines Freundes Reinbold denken. Dann aber wurde er nach und nach ernster. Es war wahrhaftig ein Glück, daß ihn ein gütiges Geschick so hübsch und wohlgestaltet in die Welt gesetzt hatte! Er fand selbst, daß er keinen üblen Eindruck machte. Das lange Haar mußte fallen und der Flaum um Kinn und Wangen mußte weichen; er wollte gleich nachher zum Friseur gehen. Franz schaute sich halb rechts von der Seite im Spiegel an: sonst war wirklich nichts an ihm auszusetzen. Auch der Rock war noch ganz gut; an zwei Knopflöchern zeigten sich kleine graue Stellen, aber da konnte man mit Tinte nachhelfen. Und der Hut war fast neu; Freese stülpte ihn sich rasch auf den Kopf. Eine übermütige Wagelust überkam ihn plötzlich. Er nickte sich im Spiegel zu und machte ein verwogenes Gesicht. »Was kann da sein,« sagte er zu sich selbst; »ich probier's! Natürlich probier' ich's! Zu verlieren habe ich nichts –« Das verwogene Gesicht wurde auf einmal merklich länger. Sein Gedankenflug stockte. An die leidige Geldfrage hatte er noch gar nicht gedacht. Wie sollte er denn überhaupt nach Hohen-Kraatz gelangen? . . . Er hatte noch zwei Mark sechzig Pfennig im Portemonnaie; das konnte er sich genau ausrechnen, ohne daß er die Geldtasche nochmals zu öffnen brauchte. Mit dieser Summe kam er aber nicht einmal bis Frankfurt a. O., geschweige denn bis Plehningen – oder hieß es Pleiningen? Reinbold hatte wohl Pleiningen gesagt – – gleichgültig, jedenfalls kam er nicht bis dorthin! – 84 Franz legte sich mit trübseligem Gesicht auf sein schmales Sofa. Das Sofa sollte ihm diesmal helfen. Ob er sich Frau Möhring anvertraute? – Nein – die Möhring war ihm trotz aller ihrer Gutmütigkeit nicht sympathisch; sie hätte ihm auch wieder unendlich lange Geschichten erzählt, und die konnte er nicht mehr hören; sie hatten ihn bereits nervös gemacht. Blieb noch Reinbold übrig. Das war allerdings erst eine Bekanntschaft seit wenigen Stunden – aber der Kollege hatte sich so gut und liebenswürdig benommen, und er hatte eine große Erbschaft in Aussicht – das erhöht unwillkürlich die Gebefreudigkeit. . . . Freese griff eilends nach seinem Hut und stürmte zum zweitenmal nach dem Hofstübchen Reinbolds. Das Herz schlug ihm heftig – aber es half nichts. Es half alles nichts – es mußte sein! Er klopfte bei Reinbold an. Niemand antwortete. Er klopfte stärker. Ohne Erfolg. Nun klingelte er nebenan bei der Wirtin, die einen Schutzmann zum Gatten hatte. »Entschuldigen Sie,« sagte er und zog höflich seinen Hut; »können Sie mir nicht sagen, ob Herr Reinbold zu Hause ist?« »Kloppen Se doch,« erwiderte die robuste Dame. »Ich habe ein paarmal angeklopft,« gab Freese zurück, »aber es antwortete niemand.« »Na, denn wird ooch woll keener zu Hause sind!« sagte die liebenswürdige Schutzmannsfrau; »unzen Se de Menschen doch nich! Man hat doch mehr zu dhun, wie bloß immer an de Dhüre zu loofen!« Und hierauf flog die Thür dem Kandidaten vor der Nase zu. »Gott bewahre,« dachte Freese, »welch ein Weib! Da ist mir die Möhring doch lieber!« . . . Kopfschüttelnd kehrte er in seine Wohnung zurück, um dort für alle Fälle seine 85 Papiere in Ordnung zu bringen und seine wenigen Habseligkeiten zusammen zu packen. Bei dieser Beschäftigung überraschte ihn Frau Möhring, die das Bett machen wollte. Aber sie sagte nichts. Sie spielte noch immer die Empfindliche. Ihr Mieter rüstete zur Abreise, hatte also wohl eine Stellung gefunden. Aber kommen mußte er ihr doch; die Miete war noch nicht bezahlt. . . . Franz verbrachte eine unruhige Nacht mit wirren und schrecklichen Träumen. Er fuhr im Luftballon nach Hohen-Kraatz und wurde dort vom Herrn von Tübingen eigenhändig zur Thür hinausgeworfen – wobei er aufwachte und merkte, daß er aus dem Bette gefallen war. Dann träumte er wieder, er habe sich dem Baron vorgestellt, dabei aber vergessen, Beinkleider anzuziehen, und er schämte sich gräßlich in seinen Unterhosen. . . . In aller Frühe des nächsten Tages pochte er von neuem an der Wohnungsthür Reinbolds. Auch heute öffnete kein Mensch. . . . Franz wurde ärgerlich. Reinbold konnte doch nicht schon ausgegangen sein! – Freese klingelte nebenan bei der Schutzmannsgattin. »Entschuldigen Sie,« begann er in gewohnter Höflichkeit – aber die ihm Oeffnende schien sein Anliegen bereits zu erraten. »Herr Reinbold is abjereist,« sagte sie, »schon um Uhre finfe – nach Mincheberg oder so wat!« Und die Thür flog wieder zu . . . Franz blieb einen Augenblick wie entgeistert stehen. Reinbold abgereist! Nach Müncheberg – das konnte schon richtig sein; wahrscheinlich wollte er da seine Erbschaft erheben – der Glückliche! . . . Förmlich betäubt kletterte Freese die sechsundachtzig Stufen wieder hinauf, die in sein Zimmer führten. . . . Was nun? – Sollte er die Rückkehr Reinbolds abwarten? – Das konnte 86 geraume Zeit in Anspruch nehmen – und inzwischen wartete der Baron von Tübingen in Hohen-Kraatz auf die Ankunft seines Hauslehrers und wurde ärgerlich, daß er nicht eintraf – sah sich vielleicht nach einem andern um . . . es war zum Verzweifeln! . . . Frau Möhring trat mit dem Frühstückskaffee in das Zimmer und setzte ihn mit unwirscher Gebärde auf den Tisch. Franz hatte schon daran gedacht, nun doch noch ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen, aber ihr Benehmen ärgerte ihn. Seine Uhr fiel ihm ein. Er trennte sich ungern von ihr; er gab mit ihr die letzte Erinnerung an die Heimat aus der Hand – ein Heiligtum, ein Stück seines Herzens. Aber sie war wenigstens sein Eigentum, mit dem er nach Gutdünken schalten und walten konnte; versetzte er sie, so brauchte er sich nicht an Fremde zu wenden. Das war auch etwas wert. Der Pfandleiher gab ihm achtzehn Mark für die Uhr. Davon erhielt Frau Möhring weit über die Hälfte. Als sie sah, daß es mit der Abreise ihres Mieters ernst wurde, schmolz die Eisrinde um ihr Herz. Sie wurde sehr weich und versuchte sogar, Thränen zu vergießen, wischte mit ihrer Schürze an den Augen herum und schien eine längere Ansprache vorbereiten zu wollen, doch Freese hatte es eilig und war auch nicht sentimental gestimmt. So kürzte er denn mit einigen herzlichen Worten den Abschied ab, nahm das Felleisen, das ihm den Koffer ersetzte, und stürmte die Treppe herab. Er mußte vierter Klasse fahren, um mit seinem Gelde auszukommen, aber das störte ihn nicht. Es war allerdings gewaltig heiß in dem überfüllten Raume. Ein paar der anwesenden Männer hatten die Röcke ausgezogen und Freese folgte ihrem Beispiel; die Damenwelt im Coupé schien es nicht weiter übel zu nehmen. Franz hatte sich in die Nähe eines Fensters gedrängt und seinen Tornister unter die Bank 87 geschoben. Er war froh darüber, sich nicht mit viel Gepäck schleppen zu brauchen. Den Restteil seiner Sachen, vor allem seine Bücher, hatte er, in einer Kiste verpackt, bei Frau Möhring zurückgelassen; sie sollte sie ihm nachschicken, wenn ihm erst Gewißheit über seine Zukunft geworden wäre. Und Frau Möhring hatte mit einer Art Feierlichkeit versprochen, über diese Kiste zu wachen, gleich als ob sie Gold und köstliches Geschmeide enthalte; kein Mensch solle sie berühren, denn sie sei ihr heilig. Solche Kisten hatten immer etwas Geheimnisvolles für sie; in den meisten Romanen, die sie gelesen hatte, spielte eine vielfach verschnürte und versiegelte Kiste irgend eine mehr oder minder grauenvolle Rolle. . . . Die Zeit wurde Freese nicht lang. Zuerst sah er drei polnischen Arbeitern zu, die ein ihm unbekanntes Kartenspiel spielten. Dann begann ein Säugling zu schreien, den ein junges Weib an der Brust trug. Ein paar alte Frauen versuchten, das Kind zu beruhigen, und ein alter Mann formte aus seinem Halstuch ein kleines Figürchen, das er vor dem Schreibold auf und ab tanzen ließ. Ein mit einer gewissen schäbigen Eleganz gekleideter junger Herr, der eine Zeitung las, schimpfte rücksichtslos über die »brüllende Göhre«; es kam zum Streit; nun schrie nicht mehr der Säugling allein, sondern auch die Mutter. Die polnischen Arbeiter mischten sich ein; der alte Mann blies dem Kinde Rauchringel aus seiner Pfeife vor, um es zu beruhigen; aus dem großen, verdeckten Korbe eines Dienstmädchens schaute plötzlich der Kopf einer dicken Henne hervor, die laut und erschreckt zu glucksen begann, und der junge, schimpfende Herr rief nach dem Schaffner. . . . Franz blickte aus dem Fenster. Im Fluge sauste das Panorama der märkischen Landschaft an ihm vorüber: Fichtenwälder, weite Wiesenstrecken, Sandebenen, bebaute Felder, See und Fluß, Dörfer und Villenstädtchen. Der 88 Rennplatz von Karlshorst rollte sich auf: ein grüner Plan, von Holzbarrieren umfaßt, mit Kiosken, Tribünen und einer Unzahl kleiner, einstöckiger Häuser. Dann kamen Erkner und Fürstenwalde und endlich, im weiten Oderthale, das alte Frankfurt mit dem Turm seiner Marienkirche. Der Kandidat stieg aus, mit dröhnendem Kopfe und trockener Kehle. Er kam schier um vor Durst, wollte in Eile ein Glas Bier trinken und sich dann ein weiteres Billet bis zur Station Plehningen lösen, das er am Bahnschalter in Berlin nicht hatte erhalten können. Aber ein gewaltiger Schreck durchzitterte den Aermsten, als er an der Billetausgabe erfuhr, daß der mittägliche Personenzug über Plehningen seit dem Fünfzehnten eingestellt und an Stelle dessen ein Kurierzug im Anschluß an Eydtkuhnen eingeschoben worden sei, der nur erster und zweiter Klasse führe. Freese war blaß geworden bei dieser unvermuteten Entdeckung, so daß sich in dem Herzen des diensthabenden Billeteurs, vielleicht weil er gerade nichts andres zu thun hatte, ein gewisses Mitgefühl zu regen begann. » Müssen Sie denn heute noch nach Plehningen?« fragte er. »Ich möchte wenigstens gern,« klagte der Kandidat, während seine Wangen sich röter färbten, »aber ich habe mich« – und er schaute sich scheu nach allen Seiten um, ob ihn auch sonst niemand höre – »ich habe mich unglücklicherweise nicht genügend mit Barmitteln versehen, um den Kurierzug benutzen zu können!« »I je,« sagte der Beamte und wiegte den Kopf über dem roten Kragen bedauernd hin und her, »das ist freilich schlimm! Der nächste Personenzug geht erst morgen früh um Sechs. Aber wissen Sie, machen Sie es doch so: fahren Sie nach Guhsewitz – das ist die Station vor Plehningen, 89 und gehen Sie von Guhsewitz nach Plehningen zu Fuß! Das werden etwa zwei Stunden sein, ist also nicht gefährlich. Bei Guhsewitz zweigt sich nämlich die Linie nach Posen ab, und der Posener Zug geht in einer halben Stunde und ist noch dazu Personenzug mit dritter und vierter Klasse.« Freese nickte. »Das ginge schon,« meinte er und griff nach seinem Portemonnaie, »da würde ich gegen Abend in Plehningen sein. . . . Ist Ihnen vielleicht zufällig bekannt, ob das Dorf Hohen-Kraatz, Besitztum des Herrn Baron von Tübingen, sehr weit von Plehningen entfernt ist?« Der Beamte wußte es nicht, fragte aber, da seine menschenfreundliche Aufwallung noch anhielt, in seinem Bureau danach. Ein Gepäckträger kannte die Gegend und meinte, Hohen-Kraatz könne höchstens ein halbes Stündchen von Plehningen entfernt sein. Franz kaufte sich also ein Billet vierter Klasse nach Guhsewitz, wo er nach kurzer Fahrt eintraf. Die Hitze des Tages hatte inzwischen, obschon der Nachmittag bereits weit vorgeschritten, immer mehr zugenommen. Es war keine verlockende Aussicht, in dieser furchtbaren Temperatur noch einige Stunden marschieren zu müssen. Dem armen Kandidaten klebte jetzt schon die Zunge am Gaumen. Er überlegte, ob er sich in der dürftigen Bahnhofsrestauration von Guhsewitz ein Glas Bier leisten sollte oder nicht. »Lieber nicht,« sagte er sich; »das Bier wird warm sein und löscht auch den Durst nicht recht; ich glaube, ich thue am besten, wenn ich einen Cognac trinke. Oder noch besser – ich werde mir ein Glas Cognac in meine Feldflasche füllen lassen; dann habe ich unterwegs etwas, um die trockenen Lippen zu befeuchten und zugleich etwas Magenstärkenderes als das labbrige Bier!« Und er kramte, noch auf dem Perron stehend, aus seinem Felleisen die Feldflasche hervor und trat dann in die 90 Restauration und an die, hinter dem Büffett stehende, sich dort mit Fliegenfangen beschäftigende, mürrisch und schmutzig aussehende Frau heran. »Würden Sie wohl so gut sein,« sagte der Kandidat, »und mir für fünf Pfennig Cognac in diese Flasche füllen?« Die Frau nahm mit einem Antlitz, als ob sie durch die an sie gerichtete Zumutung tödlich verletzt worden sei, Freese die Flasche aus der Hand und goß ein erhebliches Quantum gelbbrauner Flüssigkeit in diese. Der Kandidat wunderte sich über die unerhoffte Fülle des Gebotenen und legte ein Fünfpfennigstück auf die von Fliegen umschwärmte klebrige Zahlplatte des Büffetts. »Bitte sehr,« sagte er dabei. Da kam er aber gut an. Das Antlitz der mürrischen Frau wurde noch erheblich unfreundlicher. »Was denn?!« sagte sie. »Das sind ja man bloß fünf! Sie haben sich woll vergriffen, lieber Herr?! Ja – kucken Sie man hin! Das sind bloß fünf! Sie haben aber vor fuffzig bestellt, und vor fuffzig hab' ich Ihnen auch eingegossen! . . .« Franz überlief es heiß vor Verlegenheit. Er kramte aus seinem immer magerer werdenden Portemonnaie ein Fünfzigpfennigstück hervor und legte es auf das Büffett. »Ach so,« meinte er tonlos; »entschuldigen Sie – ich hatte mich versehen. . . .« Die mürrische Frau nickte etwas freundlicher. »Na ja,« sagte sie, »das kann ja vorkommen. Der Cognac ist teurer geworden; das machen die Spirituspreise. Aber es ist auch 'n feiner.« Freese hörte nicht mehr, wie sie mit den Lippen schnalzte. Er packte die Flasche ein, warf den Tornister über den Rücken, krempte seine Beinkleider hoch und trat dann auf den Perron zurück, um sich bei einem dort 91 beschäftigten Arbeiter nach dem nächsten Wege nach Plehningen zu erkundigen. »Gradeaus durch den Wald,« wurde ihm zur Antwort; »es stehen überall Wegweiser an der Straße; man kann gar nicht fehlgehen. . . .« Und der Kandidat schritt rüstig fürbaß. Anfänglich waren seine Gedanken wenig erfreulicher Art. Wie widerwärtig gestaltete sich diese ganze Reise! Wie verfolgte ihn das Unglück auf Schritt und Tritt! Und wußte er denn, was ihm noch alles bevorstand!? – Was sollte er beginnen, wenn der Baron Tübingen nichts von ihm wissen wollte und ihm schlankweg auch das Geld zur Rückreise verweigerte? – Es war gar nicht so unmöglich; wie kam denn der Baron Tübingen dazu, einen wildfremden Menschen zu unterstützen? . . . Und dann konnte der arme Franz sich wie ein wandernder Handwerksbursche nach Berlin zurückfechten – von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf . . . Hatte er im Grunde genommen nicht unerhört leichtsinnig gehandelt, sich so ohne weiteres auf die Reise zu machen? . . . Erst als der kühlende Dämmer des Buchenwaldes ihn umfing, wurde er ruhiger. Er schob seinen Hut weit von der feuchten Stirn zurück und ließ sie vom frischeren Waldhauche umwehen. Das that ihm wohl. Wie ein fatalistischer Muhammedaner, so versuchte auch er sich in dem Gedanken an das Unvermeidliche zu trösten. »Was kann da sein!« sagte er sich, und es war merkwürdig: diese philosophische Weisheit der alten Sanskritgelehrten, die er in modernstes Berliner Deutsch übertrug, stimmte ihn förmlich fröhlich. Er schwang seinen Stock, schritt rascher aus und begann ein lustiges Liedchen vor sich herzupfeifen. Die Straße führte in weitem Bogen durch den Wald, hie und da an Wiesenlichtungen vorüber, auf denen Rehe ästen, die bei dem Erscheinen des Wanderers erst neugierig 92 die Köpfe hoben und ihn klugen Blickes anäugten, ehe sie mit schlanken Sätzen die Flucht ergriffen. Die Hitze hatte nachgelassen; ein sachter Wind rauschte in den Buchenkronen. Es marschierte sich prächtig. Der Kandidat liebte die Natur, und nach allen den kleinen Unannehmlichkeiten der Eisenbahnfahrt freute er sich doppelt über die Erfrischung, die ihm der Spaziergang brachte. An einzelnen Stellen, da wo schmalere Wege sich von der Fahrstraße abzweigten, standen Wegweiser, und auf einem derselben fand Franz auch den Namen Plehningen. Er war also auf der richtigen Spur. Aber sein Unglücksstern war doch noch nicht völlig untergegangen. Er mochte etwa eine Stunde gewandert sein, als er bei einem neuen Wegweiser stutzte. Die Straße teilte sich hier gabelförmig nach rechts und links; von einem »immer geradeaus« konnte keine Rede mehr sein. Der Weiser selbst war nicht zu entziffern; der Regen hatte die Buchstaben abgewaschen und dichtes Moos, grau, braun und grün, war an ihre Stelle getreten. »Donnerwetter,« fluchte Freese leise vor sich, »nun sitze ich schließlich doch noch in der Tinte! Ich werde mein altes Orakel befragen.« . . . Dies alte Orakel waren die Knöpfe seines Rockes. Und er befragte sie; aber er fing mit »rechts« an, und das war sein Unglück: denn der letzte Knopf antwortete »links«. . . . Freese folgte dem Orakelspruche und bog links ein. Die Sonne sank und durch den Buchenwald zitterten dämmerige Schatten und die Moosdecke unter den Bäumen begann sich schwarz zu färben. Der Abendzauber flog durch den Forst. Wunderliche Farbentöne huschten an den Stämmen entlang. Das Goldrot des Sonnenunterganges verblaßte allmählich und wandelte sich in ein zartes Violett, dann in ein mattes Lila; das graue Moos der Buchen wurde dunkelgrün, und in den dichtbelaubten Kronen begann die Nacht ihre Schleier auszuspinnen. . . . Alles das entzückte Freese. Das Abendrot 93 und der letzte Kampf des scheidenden Tages mit der kommenden Nacht riefen hier im Walde Farbenwirkungen hervor, die an die symbolistischen Gemälde der neuen schottischen Schule erinnerten. Aber Plehningen zeigte sich immer noch nicht. Franz blieb stehen. Das Knopforakel hatte ihn getäuscht; er war fest überzeugt, daß er sich verlaufen hatte. Er mußte zurück – zurück zu dem ersten Wegweiser, auf dem er den Namen Plehningen gefunden hatte. Zuvor aber holte er seine Feldflasche hervor und trank einen tüchtigen Schluck Cognac, um seiner Seele Mut zu geben. Brrr – das Zeug brannte ihm im Gaumen und schmeckte mörderisch, aber es erfüllte seinen Zweck. Freese wurde plötzlich sehr lustig, fast übermütig. Der Spiritus erwärmte den Magen und dampfte durch sein Hirn. Franz trällerte ein Liedchen vor sich hin, machte dann zweimal Kehrt statt einmal und trottete unbekümmert weiter. Mit glänzenden Augen schaute er um sich, und ein vergnügtes Lächeln spielte um seine Lippen. Doch immer fester umhüllte die Nacht den Wald mit ihrem Mantel. Sie stieg feierlich vom Himmel herab, weit und schwarz, und deckte Finsternis über die Erde. Am Himmel entzündete sich Stern an Stern, aber der Mond mit seinem glänzenden Licht war noch nicht aufgegangen. Es blieb dunkel hier unten. Freese ward müde, geistig und körperlich. Er hätte sich am liebsten unter einen Baum gelegt und wäre eingeschlafen. Wieder blieb er kopfschüttelnd stehen. »Das geht nicht,« sagte er sich, »ich muß weiter!« . . . Und er entkorkte von neuem seine Feldflasche. Er war auch durstig. Mit leisem Gluckern rann der Alkohol in seine Kehle. Sapperlot – das war ein kräftiger Schluck! Es blieb nicht viel zurück in der Flasche. 94 Nun lachte der Kandidat laut und herzlich auf. Er war wieder sehr lustig geworden. Er fuchtelte mit seinem Stocke in der Luft umher und begann Selbstgespräche zu halten. »Ich soll Furcht haben?!« sagte er laut, obwohl ihn kein Mensch danach gefragt hatte, und warf sich mächtig in die Brust. »Oho – da soll mir nur einer kommen! . . . Nein, Herr Baron – da muß ich doch gehorsamst bitten!« Er horchte auf, doch selbstverständlich antwortete ihm niemand, was ihn auch nicht weiter in Erstaunen setzte. »Bitte recht sehr, Herr Baron,« fuhr er energisch fort, »ich habe den weiten Weg nicht gescheut – nein, ich habe den weiten Weg nicht gescheut – und das kann ich verlangen, Herr Baron – das muß ich sogar verlangen – ich habe auch Ehre im Leibe! . . . Da muß ich gehorsamst bitten – alles, was recht ist – ich habe auch Ehre im Leibe – Herr Baron. . . .« Im Weiterschreiten verlor sich Freeses Selbstgespräch zu leisem Murmeln. Nur hin und wieder schwoll seine Stimme an. Das »Bitte ganz gehorsamst, Herr Baron!« wiederholte er in verschiedenfacher Modulation und meinte auch zuweilen, als ob man ihm widersprochen hätte: »Nein, nein – oho – da bin ich doch andrer Meinung, geehrter Herr Baron! . . .« Plötzlich schrie er laut auf. Er hatte einen kräftigen Schlag mitten auf die Stirn erhalten. »Das war ein Baum,« sagte er sich; »da bin ich dagegen gelaufen.« . . . Er tastete sich mit beiden Händen vorsichtig weiter. »Richtig – da steht er ja!« murmelte er. »Donnerwetter, was brummt mir der Kopf! Und die Beule morgen früh! Da werde ich einen guten Eindruck machen! . . . Aber dafür kann ich nichts, hochgeehrter Herr Baron – alles was recht ist – ich bin auch nur ein Mensch! . . .« 95 Er faßte auf seinen Kopf, auf dem er eine unangenehme Kälte zu spüren meinte. »Wo ist denn mein Hut?« überlegte er. »Ich hatte doch einen Hut – natürlich hatte ich einen Hut – das weiß ich ganz bestimmt. Ich kann doch nicht ohne Hut abgereist sein! . . .« Er lachte leise vor sich hin und bückte sich, um den beim Anprall gegen den Baum herabgefallenen Hut zu suchen. Dabei verlor er aber das Gleichgewicht und saß, ehe er sich dessen versah, auf der Erde. »Plumps!« sagte er, und dann bemühte er sich, die durch den ungewohnten Alkoholgenuß aus allen Winkeln seines Hirns aufgestöberten Gedanken ein wenig zu sammeln. Es gelang ihm aber nicht. »Ich weiß gar nicht, wie mir zu Mute ist,« simulierte er. »Mir ist so komisch zu Mute. . . . Ich möchte 'mal einen Cognac trinken – das wird mir gut thun. . . . Der brennt, aber er stärkt. . . .« Er löste seinen Tornister und kramte in ihm umher. »Aha,« meinte er – er sprach jetzt laut vor sich hin – »da haben wir ihn! . . . Aber bloß einen Schluck, Herr Freese, sonst wird's zu viel . . . Wie Sie wünschen, Herr Baron – ganz wie Sie wünschen, aber alles, was wahr ist – –« Er trank bis zur Neige, riß noch einmal die Augen weit, sehr weit auf und fiel dann um. Er schlummerte sofort ein und schlief so fest, daß man eine Pistole vor seinem Ohre hätte abschießen können, ohne ihn zu erwecken. . . . Die Nacht schritt weiter durch den schweigenden Wald. Noch immer wollte sich der Mond nicht zeigen, und deshalb wohl auch hielten die Nixen und Elfen zurück, die sonst auf den Goldstrahlen zu tanzen und sich auf den glanzumflossenen Lichtungen im Reigen zu schlingen pflegten. Nur die 96 Sterne prangten nach wie vor am stahlblauen Himmel, aber ihr Schimmer war nicht hell genug, das dichte Blättergewirr der Buchen zu durchbrechen, unter dem die Nacht triumphierend ihre schwarzen Gewebe ausspann. Und wie geheimnisvoll still es war! So still, daß man den Schläfer atmen hören konnte. Auch der Wind hatte sich zur Ruhe gelegt. Nur zeitweise raschelte ein Vogel im Laube, oder schrie irgendwo ein Käuzchen, oder ein Eichkätzchen huschte über das Moos. . . . Um die Mitternachtsstunde aber wurde es plötzlich lebendig. Wachte der Waldspuk auf? – Ein leises Rollen ließ sich aus der Ferne vernehmen; zwischen den Bäumen blitzte es auf. Die schlummernden Vögel in den Laubkronen hoben die Köpfe – es rauschte und flatterte hin und her. . . . Ein offener Wagen, mit zwei stattlichen Braunen bespannt, rasselte den Weg hinab. Der Kutscher auf dem Bock hatte das schlafmüde Haupt mit dem blank lackierten Hute tief auf die Brust geneigt, und die beiden Herren im Fond des Wagens lagen rechts und links in den Ecken und schnarchten vernehmlich. Hopsa! . . . Das eine Vorderrad schrammte einen Prellstein am Wege. Der Kutscher fuhr in die Höhe und riß dabei so heftig an den Zügeln, daß die Pferde scheu wurden – – und einen Augenblick später kippte der leichte Jagdwagen um. . . . Die Lichter in den Bocklaternen erloschen; in der Finsternis sah man nur eine dunkle, hin und her schwankende, unförmliche Masse. »Daß dich die Schock . . .« polterte eine verschlafene, heiser klingende Stimme. »August – was ist das denn für eine Eselei! He – du – Menschenkind – Botokude – lebst du noch?!« »Zu befehlen, gnä'ger Herr,« klang ein wenig schüchtern die Antwort zurück. »Aber einen Knubbs hab' ich 97 abgekriegt. Ich steh' hier und halte die Gäule fest – die vertrackten Mähren schlagen wie die Wilden um sich! . . . Ruhig – rrrruhig! . . .« »August –?!« »Gnä'ger Herr?!« »Wie ist denn das eigentlich gekommen?« »Ja nu' nee, gnä'ger Herr – zum Beispiel, da werden wir woll wo gegen gefahren sein! Auf einmal kippten wir um.« »Das hab' ich gemerkt. Ich muß über den Herrn Doktor 'rübergeflogen sein. Der wird auch hier herum liegen. Jeses, was thun mir die Rippen weh! Du bist mir ein schöner Kutscher! Auf glatter Landstraße umwerfen! . . . Stehen die Gäule denn nun?« »Zu befehlen, gnä'ger Herr, die stehen ja nu'!« »Na, dann angepackt und den Wagen in die Höhe! Du faßt vorne an, ich hinten . . . aufgepaßt – hupla! . . .« Ein Stöhnen, Aechzen und Fluchen – dann Schnaufen und rasche Atemzüge. »Donnerwetter, das war 'ne Arbeit! . . . Nun wollen wir 'mal den Doktor suchen; hoffentlich hat ihm die heilsame Erschütterung nichts gethan. Er war wie 'ne Sackstrippe. Das ist eigentlich ein Glück; der Genius der Trunkenboldenhaftigkeit beschützt immer sein Gelichter. . . .« Drei Minuten Stille. Dann erklang von neuem die etwas schlafheisere Stimme: »Ich glaube, ich habe eben in einen Ameisenhaufen gefaßt. Das kribbelt mir so über die Hand. Hast du keine Streichhölzer bei dir, August?« »Nicht ein einzigstes, gnä'ger Herr – es ist zum Deibel holen!« Nun wurde der andre zornig. » Dich wird der Deibel holen, du Ungetüm! Ist mir so etwas vorgekommen! Nicht 'mal Streichhölzchen hat der 98 Mensch bei sich, und dabei herrscht eine Dunkelheit, daß man kaum drei Schritt weit sehen kann! . . .« Der Kutscher brummte etwas Unverständliches vor sich hin und schrie dann auf einmal laut auf. »Herr Baron – i du mein Je!« »Was denn schon wieder?!« »Ich hab' ihn!« »Den Herrn Doktor?« »Ja, den Herrn Doktor! Hier liegt er der Länge nach und schläft wie 'ne Ratze!« »Ist die Möglichkeit! Fliegt aus dem Wagen und schläft dabei ruhig weiter! Der hat gut geladen. Hör' 'mal August –« »Gnä'ger Herr?!« »Ich glaube, den Doktor werden wir gar nicht wach kriegen!« »Das glaub' ich am Ende auch nicht, gnä'ger Herr –« »Na aber, was machen wir denn da?!« »Na, wir nehmen ihn zum Beispiel und packen ihn so sachtemang wieder in den Wagen 'rein und fahren nach Hause und da packen wir ihn ins Bette und dann kann er ja ruhig ausschlafen.« »Das wird schon das Beste sein. Also los, August! Wo liegt denn nun der Doktor? . . . Warte ein bißchen – ich muß mich erst zurechtfinden. . . . Aha – das ist eine Stiefelspitze – nein, das ist eine Nase . . . Jetzt hab' ich ihn, August! Ich bin am Kopfende – pack' du ihn an den Füßen . . . so – holla – hupp! . . .« Dem Kandidaten der praktischen Philologie, Herrn Franz Freese, war es in diesem Augenblick, als ob ihn zwei Waldfeen ergriffen hätten und er von ihnen sanft emporgetragen würde – in lichte und unermeßliche Fernen hinein. Und da sich in sein Traumweben auch die gefürchtete 99 Erscheinung des Herrn von Tübingen auf Hohen-Kraatz stahl, der ihn am Hemdenkragen gepackt hatte und auf ein Fensterbrett setzen wollte, so murmelte Freese leise und abwehrend: »Bitte recht sehr, geehrter Herr Baron – das möchte ich doch ganz ergebenst anheimstellen . . .« und dann schlief er ruhig und mit glücklichem Lächeln weiter, während die schlafheisere Stimme fragte: »Bist du fertig, August?« »Ja woll auch, gnä'ger Herr! Nun können wir weiterfahren!« »Aber mit Vorsicht – das bitt' ich mir aus!« »Zu befehlen, gnä'ger Herr! . . .« Die Pferde zogen an, und der Wagen rasselte weiter, erst noch ein Stückchen geradeaus und dann rechts ab, einen schmalen Fahrweg entlang. Der Kutscher neigte bald wieder das müde Haupt mit dem blank lackierten Hute tief auf die Brust herab, und die im Fond sitzenden beiden Herren lehnten rechts und links in den Ecken und schnarchten vernehmlich. In der Nähe der Unfallsstätte aber erhob sich einige Zeit später etwas Dunkles und Ungewisses, das man recht wohl für einen Bären hätte halten können, wenn es nicht menschliche Laute von sich gegeben hätte. Dieses Dunkle und Ungewisse murrte und grunzte, stöhnte und schnaufte erst geraume Zeit, und brach dann in die Worte aus: » In three devil's name – wo bin ich denn eigentlich?! . . .« Der Jagdwagen rollte inzwischen lustig und auch ohne erneuten Unfall weiter durch den Wald. Nach etwa halbstündiger Fahrt lichtete sich der Forst; man fuhr durch Felder und Wiesen, über die weiße Nebelstreifen zogen. Dann tauchten die dunklen Häuserreihen von Hohen-Kraatz in der Ferne auf. Der Wagen bog in eine Ahornallee ein und hielt schließlich auf der Anfahrt des Herrenhauses. 100 August knallte mit der Peitsche, und unmittelbar darauf wurde es hinter zwei Fenstern des Erdgeschosses hell. Man hörte die Hausthür knarren; der alte Riedecke und Stupps traten mit brennenden Lichtern auf die Veranda, setzten die Lichter auf einen Tisch und sprangen an den Wagen heran. Der eine der beiden Herren war bereits erwacht und noch im Dunkeln vom Wagen geklettert. »Die Herrschaften liegen wohl längst in der Klappe?« fragte er. »Ach du lieber Gott, gnäd'ger junger Herr – längst! Es muß ja auf Zwei gehn!« »Ist irgend ein Fremdenzimmer in Ordnung? . . . Ich bringe nämlich den Doktor Haarhaus aus Schnittlage mit.« Riedecke kratzte sich hinter dem rechten Ohr. »Im gelben Zimmer sind die Betten nicht überzogen,« sagte er, »aber – wir können den Herrn Doktor ja im kleinen Handtuch unterbringen! Da ist alles in Ordnung. Da sollte der neue Hauslehrer hin; der ist aber noch nicht angekommen!« »Also dann fix! . . . Riedecke, auf dich kann man sich ja verlassen. Der Herr Doktor hat ein bißchen zu – – hat bis jetzt geschlafen und ist nicht zum Aufwachen zu bringen. Ihr hört, wie er schnarcht! Tragt ihn vorsichtig auf sein Zimmer, zieht ihn aus und bringt ihn zu Bette! Aber möglichst lautlos; Großpapa hat einen leisen Schlaf.« Riedecke und Stupps machten verschmitzte Gesichter. Sie konnten sich denken, wie die Sache stand. Aber sie erwiderten nichts, sondern traten schweigend näher an den Wagen heran, während ihr junger Herr sich in der Thür zum Gartensalon, eines der Lichte in der Hand, nochmals 101 umwendete. »Also leise, Kinder,« wiederholte er, »möglichst leise! Ich kann mich nicht mehr darum kümmern – mir thun alle Glieder weh! Der Esel, der August, hat uns umgeworfen; wir hätten all'samt den Hals brechen können!« Und dann verschwand er hinter der Thür. Riedecke und Stupps machten sich an die Arbeit, den zweiten, im Fond des Wagens unbekümmert weiter schnarchenden Herrn an Kopf und Füßen zu nehmen und ihn aus der Kalesche herauszuheben. Der Alte schüttelte dabei wiederholt wie mißbilligend den grauen Kopf, während sich Stupps kaum das Lachen verhalten konnte. »Der ist gut! Riedecke – der ist gut – was?!« kicherte er. Aber Riedecke entgegnete mit verweisendem Blick: »Du hast zu schweigen, Stupps, denn eine solche Aeußerung verletzt den Respekt, den du deinen Herrschaften und deren Freunden schuldig bist. Wenn der Herr Doktor auch wirklich gut ist – was geht dich das an?! Ich habe große Persönlichkeiten in ähnlicher Verfassung gesehen; dazu schweigt man. Mensch bleibt immer Mensch. Und nun fass' an – aber mit Delikatesse!« Inzwischen begann auch August auf dem Bocke aus seinem Halbtraume zu erwachen und ganz leise, aber unausgesetzt vor sich hinzuschimpfen. Der Aerger darüber, daß er umgeworfen hatte, brach erst jetzt bei ihm durch; es kam alles ein wenig spät bei ihm, weil sein Hirn langsamer zu arbeiten pflegte als das andrer Menschen. 102 Sechstes Kapitel. In dem die Komödie der Irrungen weiterspielt, aber doch auch zu einem vorläufigen günstigen Abschluß kommt, während neue Fäden sich anknüpfen. Als Franz Freese nach festem und traumlosem Schlafe erwachte, schaute er sich zuerst außerordentlich verwundert ringsum und schloß sodann schnell wieder die Augen. Er war sehr erschrocken. Und da er gewöhnt war, sich über die ihm sichtbar werdenden wie unsichtbar bleibenden Vorgänge seines Seelenlebens möglichst genau Rechenschaft zu geben, so versuchte er sofort, die Ursachen seiner Schreckwirkung kritisch zu zergliedern. »Das ist ja merkwürdig,« sagte er sich. »Zunächst: träume ich, das heißt schlafe ich noch, oder befinde ich mich bereits im Zustande völligen Wachseins?« . . . Um dies zu ergründen, schlug Freese erst das linke und hierauf das rechte Auge auf, indem er bei der letzteren Manipulation das linke wieder schloß. Die Muskulatur spielte nach seinen Wünschen: er war also thatsächlich wach. Und das erfüllte ihn von neuem mit einem so gewaltigen Schrecken, daß er mit beiden Beinen zugleich aus dem Bette fuhr und eine geraume Weile auf dem Bettrand sitzen blieb. Das war ja etwas ganz Unerhörtes? Wo befand er sich eigentlich?! In einem hübschen und behaglichen Zimmer, das etwas schmal, dafür aber desto länger war, also ungefähr die Form eines Handtuchs hatte. An den Wänden hingen ein paar Daguerrotypen unter Glas und Rahmen, wie es schien ausrangierte Familienbilder, sowie ein Stahlstich, der ein großes Schiff darstellte, und darunter stand »Bellerophon«. Auf dem Hauptmast des »Bellerophon« saß eine dicke Fliege und kletterte langsam über die französische Flagge auf die dem 103 Beschauer zugewandte Bordseite. Freese verfolgte mit den Augen diese Fliege aufmerksam. Sie lenkte seine Gedanken von dem, was er überlegen mußte und was ihm zu überlegen schrecklich war, gefällig ab. Aber plötzlich flog die Fliege, ehe sie noch die Deckverschanzung erreicht hatte, laut summend auf und davon und zwar nach der Richtung des einzigen Fensters. Der Blick Freeses folgte ihr abermals. Vor dem Fenster hing ein unmodernes Rouleau, auf dem sich eine Alpenlandschaft befand, mit einem schalmeiblasenden Schäfer im Vordergrunde, der die Größe des schneegekrönten Berges dahinter hatte. Helles Sonnenlicht ließ das Rouleau fast transparent erscheinen. Freese erhob sich und schritt mit bloßen Füßen und zaghaften Schritten an das Fenster heran und lugte, das Rouleau ein wenig lüftend, ins Freie hinaus. Er schaute auf einen großen Wirtschaftshof. Knechte bespannten soeben einen Leiterwagen; ein paar Hunde umkläfften die Pferde; ein alter Mann stand mitten im Hofe und schien sich mit zwei Dirnen zu zanken, die mit gesenkten Köpfen vor ihm standen. Franz faßte sich an die Stirn. Da schmerzte ihn etwas, das seine Gedanken nicht so recht zu logischer Entwickelung kommen lassen wollte. Nun klopfte es auch leise an die Thür – und mit raschen Sätzen flog Freese in sein Bett zurück. »Herein!« rief er. Riedecke trat ein, vorsichtig und auf den Zehenspitzen balancierend. Als er Freese aber aufgerichtet im Bette sitzen sah, trat er fester auf und verbeugte sich unterwürfig. »Schönen guten Morgen, Herr Doktor,« sagte er. »Guten Morgen,« antwortete Freese mit etwas belegter Stimme. Riedecke näherte sich mit seinem schönsten Diplomatenlächeln dem Bett. 104 »Hoffentlich habe ich den Herrn Doktor nicht im besten Morgenschlaf gestört,« fuhr er fort. »Es ist nämlich in der neunten Stunde – und ich wollte gern die Sachen des Herrn Doktor zum Reinigen holen. . . .« Freese suchte in seiner Erinnerung nach einem Anknüpfungspunkt, der ihm wenigstens einigermaßen hätte Aufklärung über das Verwunderliche der Situation geben können. Aber er suchte vergeblich. Der Schmerz hinter dem Stirnbein nahm zu. Ein Surren und Summen klang durch sein Hirn und eine heimliche Bohrmaschine begann ihre Thätigkeit in seinem Kopfe. Inzwischen hatte Riedecke die Kleidungsstücke vom Stuhl genommen und die Stiefeln unter dem Bette hervorgesucht und wollte sich lautlos wieder entfernen, als ein Anruf des Kandidaten ihn zurückhielt. »Einen Augenblick, mein Lieber,« sagte Freese; »wie – wie heißen Sie eigentlich?« »Ich bin der alte Riedecke,« entgegnete dieser mit seinem feinen Lächeln und blieb stehen. Trotz des wütenden Kopfschmerzes machte Freese nunmehr ernstliche Anstrengungen, seine Gedanken zu sammeln. Er mußte wissen, wo er war – wollte sich andererseits vor dem alten Diener aber auch keine Blöße geben. Es galt also, ihn politisch auszuforschen. »Sie sind wohl schon lange hier im Hause?« begann Freese vorsichtig abermals. Riedecke nickte. »An die vierzig Jahr,« antwortete er. »Das heißt, nicht g'rade im Hause – aber ich gehörte doch immerhin zum Hause. Ich war nämlich zuerst Kammerdiener bei Seiner Excellenz dem Herrn Grafen von Teupen –« »Aha,« machte Freese, damit sein wachsendes Erstaunen nicht auffalle. 105 »Jawohl, Herr Doktor – und als dann der Herr Graf den Abschied nahmen und sich ganz und gar hier auf Hohen-Kraatz einquartierten – na, da bin ich ihm dann gefolgt. . . . An andern guten Anerbietungen hat es ja nicht gefehlt – aber du lieber Gott, der Mensch gewöhnt sich – und ich müßte sehr undankbar sein, wenn ich sagen wollte, ich hätte mich hier beim Herrn Baron von Tübingen auch nur ein einziges Mal zu beklagen gehabt. . . .« Freeses Kopf sank immer tiefer; aber dafür hüpften die Gedanken desto toller durch das schmerzende Hirn. . . . Er war in Hohen-Kraatz beim Baron von Tübingen – wo er hin gewollt hatte. Das stand nunmehr fest. Doch wie war er hierhergekommen?! . . . Er rekapitulierte. Abreise von Berlin – Billetschwierigkeiten in Frankfurt a. O. – Guhsewitz-Plehningen – Marsch durch den Buchenwald – Wegweiser – verlaufen – Cognac getrunken. . . . Da riß der Gedankenfaden mit Plötzlichkeit ab. Aber ein neuer Schreck stellte sich ein und trieb Freese alles Blut in die Wangen. Herr des Himmels – hatte der ungewohnte Cognacgenuß ihm vielleicht die Sinne umnebelt – – so umnebelt, daß er in angetrunkenem Zustande nach Hohen-Kraatz gekommen war? Daß er vollständig vergessen, was er gestern abend noch mit Herrn von Tübingen verhandelt hatte?! . . . Freese fühlte, wie ihm kalter Schweiß auf die Stirn trat. Aber er wollte wenigstens Gewißheit haben. »Herr Riedecke – noch einen Moment. . . . Sagen Sie 'mal – ich war wohl gestern abend so ein ganz kleines bißchen – na, machen wir keine Umstände: so ein bißchen im Schumm?« Riedecke lächelte noch feiner als sonst. 106 »Es war so, Herr Doktor,« erwiderte er, »aber du lieber Gott –« Und dann zog er die Schultern hoch, als wolle er damit andeuten, daß das schon einmal passieren könne. Freese streckte sich im Bette wieder aus und zog die Decke bis an das Kinn hinauf. Er war sehr blaß geworden. . . . Es hatte also seine Richtigkeit. Er hatte sich in total betrunkenem Zustande dem Baron Tübingen vorgestellt – der künftige Hauslehrer seinem künftigen Hausherrn. . . . Damit war alles verloren – jede Hoffnung und jede Aussicht – es war zum Verrücktwerden! . . . Niemals – nein, niemals im Leben hatte er zu viel getrunken – er war im Gegenteil immer eine sehr nüchterne Natur gewesen – und gerade im entscheidensten Augenblicke seines Lebens mußte er sich vergessen. . . . O, dieser teuflische Cognac! . . . Riedecke klinkte an der Thür. »Na, da will ich man gehn,« sagte er. Der Kandidat raffte sich gewaltsam aus seiner verzweifelten Lethargie empor. »Riedecke,« hub er mit schwacher Stimme abermals an, »sagen Sie mir doch bitte noch: ist es denn sehr aufgefallen? . . . ich meine, ist der Herr Baron sehr – ungehalten über meinen – Zustand gewesen?« »Was denn?« gab Riedecke fragend zurück. »Unser junger Herr Baron? . . . Unser gnädiger Herr? . . . Aber, Herr Doktor! Na, wo wird der denn ungehalten gewesen sein! . . . Der war ja doch selbst so 'n bißchen! . . . Ich hab's schon gemerkt. Ich merke das gleich immer – dann spricht er das r ganz anders aus und hat überhaupt 'ne schwere Zunge. Das kenn' ich von früher her!« Er lachte leise in sich hinein und verließ das Zimmer. Freese blieb ruhig im Bett liegen. Die Fliege, die sich vorhin für den »Bellerophon« interessiert hatte, umkreiste 107 jetzt seine Nase, die sie anzulocken schien. Aber Freese war das gleichgültig; er rückte und rührte sich nicht. Eine ganze Flucht von Gedanken stob durch sein Hirn. Also der Herr Baron war selbst ein wenig angeheitert gewesen. . . . Das war im Grunde genommen ein Glück. Wenn man gleichfalls einen Schleier vor den Augen hat, sieht man die Gebrechen andrer nicht so scharf. Vielleicht hatte der Baron gar nichts bemerkt. . . . Nach dem, was Riedecke sagte, konnte man das schon annehmen. Und Freese schwor sich: wenn er bei all' seinem Unglück diesmal noch Glück hatte, dann wollte er nie wieder an seinem Stern verzweifeln – nie wieder! Es dauerte nicht lange, so klopfte es von neuem an die Thür. Der Diener brachte die Garderobe Freeses zurück; aber diesmal war es nicht der alte Riedecke, sondern ein junger Bursche in gestreifter Leinenjacke und prallen Lederhosen, der die Sachen fein säuberlich auf den Stuhl am Bette legte und die Stiefeln daneben stellte. »Entschuld'gen der Herr Doktor,« meinte er dabei, »soll ich dem Herrn Doktor den Koffer auspacken helfen?« Den Koffer! – »Alle Wetter,« schoß es Freese durch den Kopf, »wo ist denn mein Tornister geblieben?! Den kann ich in meiner Besinnungslosigkeit doch nicht verloren haben!« . . . Und unwillkürlich schaute er sich im Zimmer um. Der kleine Groom bemerkte das, und ein vergnügtes Grinsen huschte über sein lustig unverschämtes Gesicht. »Hier ist der Koffer nicht,« sagte er; »ich habe auch schon Augusten gefragt, ob er noch auf dem Wagen wär'; aber August sagte nee, er hätte gar keinen mitbekommen. Ich dachte, Riedecke hätt' ihn vielleicht wo hin gestellt.« . . . Und der Kleine schaute sich gleichfalls um, dabei fortfahrend: »Wenn er in Schnittlage geblieben ist, dann kann 108 ihn Gellrich oder Eisenbart ja mit dem Wiedehopf mitbringen. . . .« Dem Kandidaten wirbelte der Kopf. »Wer ist denn Wiedehopf und Eisenhut?« fragte er mit ersterbender Stimme. Ihm wurde immer schlechter. »Bart,« verbesserte der Kleine, »Eisenbart. Das ist der Milchmann und Gellrich ist unser Gärtner. Und der Wiedehopf ist das Milchpferd. Eisenbart fährt alle Tage zweimal nach Plehningen und holt die Posttasche ab und dann bringt er Butter und Sommergemüse nach dem Tiesewitzer Vorwerk und Mömpelsdorf, und gewöhnlich hält er auch in Schnittlage an, um zu fragen, ob man dort etwas braucht. . . .« Freese wußte nicht, was er zu all dem sagen sollte. Er kannte Schnittlage gar nicht . . . wie sollte denn sein Tornister gerade nach Schnittlage kommen? . . . Er hatte nur das eine Bedürfnis, schleunige Aufklärung zu schaffen. Und das sollte auf der Stelle geschehen. »Wie heißt du, Kleiner?« fragte er. »Stupps, Herr Doktor.« Franz schüttelte den Kopf. Was war das wieder für ein närrischer Name. Es war alles so merkwürdig in diesem rätselvollen Hause! – »Eigentlich heiße ich Fritz mit Vornamen, Herr Doktor,« fuhr der Kleine fort, der die Verwunderung Freeses merkte; »aber sie nennen mich alle Stupps. . . . Ich weiß auch nicht, wie's kommt!« Der Kandidat griff nach seinen Strümpfen. »Hör' 'mal zu, Stupps,« sagte er. »Ich muß den Herrn Baron von Tübingen sofort sprechen –« »Die Herrschaften sind schon beim Frühstück,« antwortete Stupps, »– unten im Gartenzimmer – nur der Herr Assessor schlafen natürlich noch.« . . . Und Stupps 109 lächelte verschmitzt, während er auf das Wort »natürlich« einen besonders starken Nachdruck legte. . . . »Wünschen der Herr Doktor vielleicht sonst noch etwas?« Franz dankte und erhob sich aus dem Bette, während sich Stupps mit einem Kratzfuß empfahl. Der Kandidat versuchte nunmehr zunächst, seinen äußeren Menschen ein wenig in vorstellungsfähige Verfassung zu bringen. Er begann damit, daß er den ganzen Kopf in das Waschbecken steckte und dabei den Atem wie ein Taucher anhielt, um so lange wie möglich unter Wasser bleiben zu können. Und siehe da – das erfrischte ihn sichtlich. Es blieb nur noch eine außergewöhnliche Empfindlichkeit der Kopfhaut übrig, der traurige Rest seines Katzenjammers, das, was der Franzose sehr bezeichnend mal aux cheveux nennt. Dann kleidete er sich schleunigst, doch auch mit möglichster Sorgfalt an und beschaute sich in dem Spiegel, der über der Waschtoilette hing. Sein Gesicht gefiel ihm durchaus nicht; es sah blaß und gedunsen aus. Aber es half nichts; er war fest entschlossen, sich über die seltsame Situation, in der er sich befand, Klarheit zu schaffen und sei es auch auf Kosten aller seiner Hoffnungen und Zukunftsträume. . . . Auf der Treppe zum Entresol kam ihm der alte Riedecke entgegen. »Der Herr Assessor schlafen noch immer,« begann er, aber Freese schnitt ihm das Wort ab. »Ich möchte den Herrn Baron von Tübingen sprechen,« sagte er, »verstehen Sie mich recht: den Herrn des Hauses!« Etwas verblüfft deutete Riedecke nach einer Glasthür rechtsseitig des Treppenflurs. »Bitte schön, Herr Doktor – die gnädigen Herrschaften frühstücken im Gartensalon!« Freese näherte sich der Thür, aber der Mut erstarb 110 ihm, als er durch die Glasfenster die vielköpfige Gesellschaft sah, die sich um den Frühstückstisch vereinigt hatte. Im selben Moment begannen die Hunde anzuschlagen; sie mußten die fremde Stimme gehört, vielleicht auch die Erscheinung des Kandidaten hinter den Scheiben bemerkt haben. Der grimme Baß Cäsars erscholl zuerst; hierauf setzte Lord, der Boxer, mit langtönendem Gekläff ein – dann meldete sich Mohrchen mit seinen gellen, noch jugendlich klingenden Lauten, und dazwischen schrillte der Diskant Cosys durch das Haus. Die Thür zum Gartensalon wurde heftig aufgerissen und eine tiefe Stimme fragte: »Was gibt es denn eigentlich, zum Donn – –« Baron Tübingen verschluckte das Fluchwort, als er Freese sah. Riedecke lächelte wieder und übernahm in respektvoller Weise die Vorstellung. »Herr Doktor Haarhaus,« sagte er, auf Freese deutend. Tübingen streckte dem Kandidaten beide Hände entgegen. »Doktor!« rief er, »– i, der Deibel, was freue ich mich, Sie auch einmal kennen zu lernen! Habe oft genug von Ihnen gehört – na, das brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu sagen – – so ein berühmter Mann! Das ist recht von Max, daß er Sie mitgebracht hat! Hätte ich davon gewußt, so würde ich gestern abend selbstverständlich aufgeblieben sein und Sie feierlich empfangen haben – selbstverständlich! Aber gewöhnlich kriech' ich schon immer so um Zehne rum in die Klappe! Max liegt noch in den Federn! Es ging wohl wieder 'mal ein bißchen heftig in Schnittlage zu – was?! Der alte Kielmann mit seinem Burgunderpunsch – na, es ist zwar Ihr Onkel, aber ich werde ihn doch einmal gehörig ins Gebet nehmen! Mir hat er aufgebunden, Sie würden ihm zwei junge Pantherkatzen 111 mitbringen, die wollt' er dem Zoologischen Garten schenken . . . Aber nun treten Sie näher, liebster Doktor – ich werd' inzwischen bei Max anklopfen lassen – er kann doch nicht bis in die aschgraue Ewigkeit schnuppern! . . .« Freese blieb das Wort im Munde stecken; er konnte nur abwehrend mit der Rechten winken. Doktor Haarhaus hatte der alte Riedecke ihn genannt; er sollte Burgunderpunsch getrunken und junge Pantherkatzen versprochen haben, sollte über Nacht ein berühmter Mann geworden sein – welch' schreckliche Komödie der Irrungen spielte sich hier ab! – »Herr Baron,« sagte er, nach Atem ringend und sich energisch gegen die kraftvolle Liebenswürdigkeit Tübingens stemmend, »seien Sie mir, bitte, nicht böse –« »I, wo werd' ich Ihnen denn böse sein!« fiel Tübingen lachend ein; »Sie meinen wegen – – aber ich bitte Sie! Ich bin doch auch einmal jung gewesen – und ich glaub' schon, daß einem in Afrika die Kehlen so ein bißchen ausdörren! Und ich kenne doch auch meinen alten Kielmann! Kommen Sie nur, Doktorchen – kommen Sie, kommen Sie!« »Herr Baron –« Aber Tübingen hatte Freese in seiner etwas rauhen Courtoisie bereits unter den Arm gepackt und durch die geöffnete Thür geschoben. Der Kandidat fühlte sich in seiner schüchternen Hilflosigkeit thatsächlich einer Ohnmacht nahe. Er wußte, daß er sich tief und höflich verbeugte; aber er sah nicht, vor wem. Ein dunkles Wogen flutete vor seinen Augen auf und ab; er konnte nichts weiter erkennen, als ein helles Etwas: das war der Theekessel, der blitzblank in der Sonne leuchtete. Dafür hörte Freese um so deutlicher das sonore Organ des Barons. »Ruhig, Köter! Kusch dich, Cäsar! Liebe Eleonore – darf ich bitten: Doktor Haarhaus, unser berühmter 112 Afrikaforscher! Meine Frau, lieber Doktor! Eleonore, nimm doch den Cosy auf – das Tier ist ja aus Rand und Band! Graf Teupen, mein Schwiegervater, der Sie seit zwei Jahren aus der Ferne anschwärmt und Ihren Marsch durch Usawara von Station zu Station auf der Karte verfolgt hat! Benedikte, mein Töchterchen – Fräulein Palm – Miß Nelly Milton, Enkelkind vom Verlorenen Paradies! Mohrchen, es setzt was, wenn du nun nicht endlich still bist. Und da drüben meine beiden Jungen! Und nun nehmen Sie Platz, mein lieber und verehrter Doktor Haarhaus, und trinken Sie erst einmal eine heiße Tasse Thee! Oder ist Ihnen Kaffee lieber? . . .« »Herr Baron,« begann Freese abermals, während in seinem Gesicht Röte und Blässe in schneller Folge wechselten »gestatten Sie mir, daß ich Ihnen zuvörderst eine dringliche Aufklärung gebe –« Weiter kam er auch diesmal nicht. Graf Teupen hatte sich ihm genähert, schüttelte ihm die Hände und überflutete ihn mit einem langen, schönrednerisch geglätteten Strom von Komplimenten, während die hinter dem alten Herrn stehende Baronin nur darauf zu warten schien, auch ihrerseits das Wort ergreifen zu dürfen. Es war der schreckensvollste Augenblick für Freese in dieser ganzen schreckensvollen letzten Zeit. Man erstickte seine Abwehr durch Liebenswürdigkeit. Wenn er den Mund öffnen wollte, kam der Graf ihm bereits zuvor. Benedikte schenkte ihm Thee ein. Fräulein Trude Palm, entzückt, einen zweifellos berühmten Mann in ihrer unmittelbaren Nähe zu haben, fragte, ob er Toost, Butterbrot oder Sträußelkuchen wünsche – und Miß Milton präsentierte ihm die Zuckerdose. Insgeheim aber wunderten sich alle über ihn: sie hatten sich den vielgenannten Afrikaner ganz, ganz anders vorgestellt. Die beiden Jungen hatten die großen Hunde durch die 113 weit offenstehende Verandathür in den Garten getrieben, wo die Köter sich mit wütendem Gekläff auf ein neues Opfer stürzten, das ihren Grimm erregte – und dieser Zwischenfall erlöste auch Freese aus der sich immer peinlicher gestaltenden Lage. »Papa – ein Handwerksbursche!« schrie plötzlich Bernd und wies den großen Parkweg hinab, in dem ein breitschulteriger Mensch sichtbar wurde, den man seinem Aeußern nach aus der Entfernung in der That für einen fechtenden Vaganten halten konnte. Sein grauer Anzug, dem ein geübtes Auge allerdings ansehen mußte, daß er in einer sehr eleganten Schneiderwerkstatt seinen Ursprung gefunden hatte, war unglaublich beschmutzt; die Beinkleider steckten in den Stiefelschäften, und über den Rücken des, wie es schien, noch jungen Mannes hing ein nur an einem einzigen zusammengeknoteten Riemen befestigtes Felleisen. Das Gesicht war blaß, aber die Nase rot und geschwollen, und der Schnurrbart hing wirr und ungepflegt über den mürrisch verzogenen Mund. Ein gleichfalls arg beschmutzter, zerbeulter grauer Filzhut vervollständigte die wenig Vertrauen erweckende Erscheinung des Näherkommenden. »Kann denn der Mensch nicht über den Wirtschaftshof gehen!« brummte Tübingen ärgerlich und trat in die Verandathür. »Hinten 'rum!« schrie er und wies auf den sich nach der Küchenseite abzweigenden Nebenweg. Der Angerufene stutzte einen Augenblick, nieste sodann ein paarmal ziemlich geräuschvoll und setzte unbeirrt seinen Weg nach der Veranda fort. »Sie da!« rief der Baron von neuem und fuchtelte mit dem rechten Arm in der Luft umher; »können Sie denn nicht hören?! . . . Sie sollen hinten herum gehen – über den Wirtschaftshof. Lassen Sie sich in der Küche etwas geben!« 114 Der Handwerksbursche stutzte abermals, nieste von neuem mit lufterschütternder Vehemenz und betrat sodann, ohne den ihm gewordenen Befehl zu berücksichtigen, die Verandatreppe, indem er dabei gleichzeitig seinen Hut lüftete. Nun wurde Tübingen aber zornig. »Entschuldigen Sie mich, lieber Herr Doktor,« wandte er sich an Freese zurück und stürmte hierauf mit rotem Kopfe dem Handwerksburschen entgegen. »Na, da sagen Sie mir bloß, Mensch: sind Sie denn reinweg des Deibels?!« brüllte er den sichtlich Erschreckenden an. »Hinten 'rum, hab' ich ihnen ein paarmal zugerufen – das heißt da herum – da geht's nach der Küche, haben Sie keine Ohren?!« Merkwürdigerweise schüttelte der arme Teufel heftig den Kopf und nieste hierauf wieder, daß ihm die Thränen in die Augen traten. Er mußte einen derben Schnupfen haben. Sodann machte er den Mund auf, um seine Entgegnung an den Mann zu bringen, aber er brachte nur unheimlich krächzende Gutturaltöne hervor. Er mußte auch einen derben Katarrh haben. Tübingen wurde ein wenig milder. »Sie sind ja ganz heiser, Mensch,« meinte er und suchte in seiner Westentasche nach einem Groschen Kleingeld; »Sie haben wohl im Freien übernachtet? Lassen Sie sich von der Köchin einen derben Kamillenthee kochen! Eleonore, laß dem Mann einen Kamillenthee kochen. Der Mann muß schwitzen! Gehen Sie in den Krug und bleiben Sie tagsüber im Bette! Sie können sich ja die Schwindsucht holen! Sagen Sie nur im Kruge, ich hätte Sie hingeschickt und würde für Sie bezahlen – und hier – Eleonore, gib mir 'mal eine Mark – – da haben Sie noch eine Mark extra! . . . So – aber nun pascholl! . . .« Die Antwort des andern bestand aus einer förmlichen 115 Niessalve. Das Geldstück nahm er nicht, sondern wies nur mit stummer Gebärde auf seinen Hals. Ein paar weitere unverständliche Gesten folgten. Tübingens gutmütiges Gesicht rötete sich noch lebhafter. »Na, da hört doch alles auf!« schrie er. »Ich weiß ja, daß Sie heiser sind! Soll ich Sie vielleicht in Watte wickeln lassen?! Und die Mark wollen Sie auch nicht?! Sind Sie denn –« Er brach ab, da sich in diesem Augenblick die Scene hochgradig dramatisch zuzuspitzen begann. Freese war bis jetzt durch die schier unerschöpfliche Liebenswürdigkeit des alten Teupen gewissermaßen auf seinem Stuhl festgenagelt worden und hatte nur flehende Blicke hinaus auf die Veranda geworfen, wo Tübingen den Handwerksburschen abfertigte. Einer dieser Blicke streifte auch den Handwerksburschen selbst – – und plötzlich schnellte Freese mit aufleuchtenden Augen empor und stürzte zum Entsetzen des kleinen, aus sanftem Halbschlummer jäh auffahrenden Cosy raschen Schritts auf die Veranda. »Da ist ja mein Tornister!« rief er. »Wie kommen Sie denn zu meinem Tornister?! . . .« Und er nahm dem sich durchaus nicht wehrenden, sondern nur stürmisch niesenden Handwerksburschen den Ranzen von der Schulter. In der Verandathür drängten sich die Insassen des Gartensalons; unsägliches Erstaunen malte sich auf allen Gesichtern. Aber Freese hatte endlich sein Alexanderschwert gefunden; mit einem gewaltigen Schlage wollte er den gordischen Knoten zerhauen – unbekümmert um die Folgen . . . Er ließ sein Felleisen auf die Erde fallen und wandte sich an den völlig versteinerten Tübingen. »Jetzt muß es heraus, Herr Baron,« fuhr er tief Atem schöpfend fort; »es muß heraus! Ich bitte unterthänigst, unterbrechen Sie mich nur fünf Minuten lang nicht! Ich wollte mir bereits erlauben, 116 dem Herrn Grafen meine Angelegenheit klar zu machen, aber der Herr Graf hatten die Gnade, mich auch nicht zu Worte kommen zu lassen – – nun halte ich es aber nicht länger aus! . . . Herr Baron, es hat eine ungeheuerliche Konfusion gegeben, indes möchte ich vorweg mir ganz gehorsamst zu bemerken erlauben, daß ich für mein Teil nicht schuld an diesem gräßlichen Wirrsal bin . . . Um es kurz zu machen, Herr Baron: ich bin gar nicht der, für den Sie mich halten, ich bin nie in Afrika gewesen, bin auch kein Doktor, obwohl mich die Leute gewöhnlich so nennen . . . ich muß sehr um Verzeihung bitten, aber ich kann nichts dafür: ich bin der neue Hauslehrer, Herr Baron! . . .« Man konnte bedauern, daß kein Momentphotograph in diesem Augenblick die Gruppe der Umstehenden in ihrem verschiedenartigen Gesichtsausdruck für die Nachwelt festhielt. Freese schien sein Bekenntnis vollständig erschöpft zu haben; in schroffem Gegensatz zu seiner Apathie stand dagegen das Benehmen des Handwerksburschen. Dieser junge Mann wurde plötzlich lebendig, gestikulierte aufgeregt und begann eine Reihe unartikulierter Laute hervorzustoßen, nieste auch zwischendurch häufig, was ihn besonders zu ärgern schien, denn er verzog das Gesicht, furchte Stirn und Brauen und stampfte schließlich wütend mit dem Fuße auf. Tübingen wußte gar nicht, was er denken und sagen sollte, sondern schüttelte nur fortwährend den Kopf, während es über das Diplomatengesicht des alten Teupen wie brennende Neugierde zuckte. Neben dem Grafen standen die Baronin, Benedikte, Trudchen, Nelly und die Zwillinge – alle sechs mit großen verwunderten Augen – und hinten an der Verandawand hatte Riedecke Aufstellung genommen, dem förmlich die Kniee schlotterten. Ihm kam die ganze Geschichte höchst unheimlich vor – fast wie eine Verschwörung. Er sah blaß aus. 117 Tübingen erholte sich zuerst von seiner Verwunderung, steckte das Markstück, das er noch immer zwischen den Fingern hielt, in die Tasche und wandte sich dann an den Kandidaten. »Erlauben Sie 'mal,« sagte er, »das ist ja – i, du Donnerwetter, das ist ja eine tolle Geschichte! Wie sind Sie denn eigentlich hierher gekommen?« Diese Frage war wiederum sehr fatal für Freese. Da er aber bei der Wahrheit bleiben wollte, so erwiderte er: »Das weiß ich eben auch nicht, Herr Baron!« Erneutes allgemeines Kopfschütteln. Tübingen wollte abermals heftig werden. »So etwas lebt nicht!« ruft er. »Sie müssen doch wissen, wie Sie hierher gekommen sind, lieber Herr?! Ich habe mir eingebildet, Sie wären der Doktor Haarhaus, weil ich geglaubt habe, mein Sohn Max hätte Sie gestern abend mitgebracht!« »Aber Herr Baron,« antwortete Freese verzweiflungsvoll, »ich kenne ja doch Ihren Herrn Sohn Max gar nicht!« Tübingen kribbelte es in allen Fingerspitzen vor Nervosität. »Riedecke!« schrie er. »Komm einmal her, Riedecke! Riedecke, ist dieser Herr hier gestern abend mit meinem Sohn auf unserm kleinen Jagdwagen angekommen oder nicht?!« »Jawohl, Herr Baron,« erwiderte Riedecke; »Stupps und ich haben ihn abgeladen.« »Na also!« sagte Tübingen; »was bestreiten Sie denn das, lieber Herr?! Da müssen Sie Max doch auch kennen! Wo hat er Sie denn auf den Wagen genommen?!« Dem Kandidaten war zum Weinen zu Mute. Allmächtiger, wie fürchterlich betrunken mußte er gewesen sein! Vielleicht hatte dieser Baron Max ihn irgendwo im Walde 118 schlafend gefunden und aufgelesen! . . . Es war ja gar nicht anders denkbar! – Nun mischte sich auch Graf Teupen in das Inquisitorium. »Wir müssen logisch vorgehen, Eberhard,« meinte er wohlwollend. »Die Sache ist höchst interessant. In Smyrna hatte ich einmal einen ähnlichen Fall – mit zwei Khawassen. Also logisch, doch auch chronologisch. . . . Werter Herr, Sie sagen, Sie wären entschieden nicht der Herr Doktor Haarhaus?« »Nein,« entgegnete Freese, während der Handwerksbursche auch etwas sagen zu wollen schien, jedoch nicht dazu kam – zunächst weil er ein halbes Dutzend Mal niesen mußte, und des weiteren, weil Graf Teupen mit wehrender Handbewegung zu ihm bemerkte: » Sie schweigen, mein Lieber! Wir werden später eine eingehendere Fragestellung an Sie richten, denn mit Ihnen scheint auch nicht alles in Ordnung zu sein . . .« Und dann wandte er sich an Freese zurück: » Beweisen Sie Ihre Verneinung, mein Herr!« Freese machte zunächst ein etwas verblüfftes Gesicht und erwiderte sodann: »Aber der Herr Graf werden gehorsamst verzeihen: ich muß doch wissen, wer ich bin!« »Das scheint mir eben noch sehr die Frage,« sagte Graf Teupen, und Tübingen fiel ungeduldig ein: »Halten wir die Sache nicht auf! Sie sind also Herr Reinbold?« »Freese, Herr Baron. Mein Name ist Freese –« »Da siehst du es ja,« flüsterte Teupen seinem Schwiegersohn in das Ohr. »Der Mensch ist geistesgestört. Sei vorsichtig!« »In Ihren Briefen haben Sie sich jedenfalls Reinbold genannt,« nahm Tübingen, stark mißtrauisch geworden, wieder das Wort; »und Reinbold stand auch in den empfehlenden 119 Dokumenten, die Sie mir einsandten. Ich habe ja doch die Papiere noch oben!« Die Stimme des Kandidaten zitterte bei der Antwort vor Erregung. »Entschuldigen Sie, Herr Baron,« sagte er, »die Sache ist leicht erklärt. Mein Freund Reinbold war in letzter Stunde verhindert, Ihrem ehrenvollen Rufe Folge zu leisten, und hat mich gewissermaßen als Ersatzmann zu Ihnen geschickt. Als Beweis meiner Angaben führe ich einen eigenhändigen Brief Reinbolds bei mir – auch stehen Ihnen noch weitere Beweisstücke zur Identifizierung meiner Persönlichkeit zur Verfügung, als da sind: mein Geburtsschein, mein Taufschein, ein Impfschein, mein Konfirmationsattest, Schulzeugnisse, mein Abiturientenzeugnis, eine Empfehlung von Herrn Professor Cornelius Dassel, ein Empfehlungsschreiben des Hofpredigers Merlow, dessen beide Knaben ich dreiviertel Jahr lang zur Zufriedenheit des Herrn Hofpredigers unterrichtet habe, ferner ein Schreiben des Bankiers Teterow, in Firma Teterow und Finkenhagen –« Der Baron winkte mit der Hand. »'s ist gut – 's ist gut,« warf er ein; »ich mißtraue Ihnen ja nicht – ich – ich muß sagen, daß mir ganz drehnig im Kopfe ist! So eine Konfusion ist mir mein Lebtag nicht vorgekommen! . . .« Und plötzlich wurde er wütend. »Was wollen Sie denn noch hier?!« schrie er den Handwerksburschen an, über dessen verschnupftes Gesicht es humoristisch zu zucken und zu leuchten begann; »ich glaube gar, der Kerl amüsiert sich auf unsre Kosten! . . . Wo steckt Max?! Der hat den Doktor Haarhaus mitgebracht – oder vielmehr den Reinbold – oder vielmehr den andern –« der Baron prustete vor Aufregung – »Max muß die Sache in Ordnung bringen! Jungens, seht euch einmal nach Maxen um! Riedecke, schläft der Herr 120 Assessor denn noch?! Er soll herunter kommen – es handle sich um eine wichtige Angelegenheit! Aber sofort – sonst würd' ich verrückt! . . .« Die Baronin wandte sich mit einigen beruhigenden Worten an ihren Gatten, der sich mit seinem großen roten Taschentuche Luft zufächelte, während Graf Teupen mit wachsendem Erstaunen das Verhalten des Handwerksburschen betrachtete, der von der Veranda herabgestiegen war, am Stamme einer der großen Kastanien lehnte und sich über die Komödie wirklich außerordentlich zu amüsieren schien. Da er seiner totalen Heiserkeit wegen nicht sprechen konnte, so krächzte er nur, und machte im übrigen den Eindruck, als beabsichtige er nicht eher den Schauplatz zu verlassen, ehe die seltsame Komödie nicht ihren Abschluß gefunden habe. Den jungen Mädchen kam dieser Mann verdächtig und unheimlich vor; namentlich in Trudchens romantischer Seele stiegen allerhand Erinnerungen an einen verbannten polnischen Prinzen auf, der sich armselig durch die Lande fechten mußte und schließlich auch noch zum Raubmörder wurde. . . . Inzwischen hatte sich Riedecke auf die Beine gemacht, um Max zu wecken. Aber das war nicht mehr nötig; Max sprang dem Alten bereits auf der Treppe entgegen. »Spät geworden, Riedecke!« rief er; »ist Doktor Haarhaus schon unten?« »Jawohl, gnäd'ger junger Herr – oder nein,« erwiderte Riedecke, »o du mein Gott, wie gut ist es, daß Sie endlich da sind! Nun denken Sie bloß 'mal an, gnäd'ger Herr, da haben wir alle den Herrn, den Sie mitgebracht haben, für Herrn Doktor Haarhaus gehalten – das ist er aber gar nicht! Das ist nämlich unser neuer Hauslehrer, und der ist es auch nicht, sondern ein andrer –« »Max!« erscholl in diesem Augenblick die Stimme 121 Tübingens, und der Hausherr trat auf den Treppenflur; »na, Gott sei Dank, daß du endlich da bist! Was ist denn das für eine heillose Wirtschaft?! Wir bilden uns ein, du hätt'st gestern abend den Haarhaus mitgebracht, und statt dessen schleppst du den neuen Hauslehrer mit – und den auch nicht 'mal –« »Ist denn der Max noch immer nicht aufgestanden?« fragte nunmehr auch die Baronin, gleichfalls in der Treppenhalle erscheinend. » Dieu merci , Max – ich war nahe daran, meine Contenance zu verlieren! Mir schwirrt der Kopf. Dieser entsetzliche Handwerksbursche weicht auch nicht vom Fleck; der Mensch krümmt sich vor Lachen und stößt furchtbare Laute aus. Wenn er nur nicht taubstumm ist! Max, ich bitte dich, komm auf die Veranda und kläre zuvörderst einmal die Sache mit dem Hauslehrer auf, der gar nicht der bestellte ist. Großpapa verhört ihn schon wieder und sieht dabei wie ein Großinquisitor aus. All das zupft an meinen Nerven! Wo ist denn der Cosy? – Jesus, der Handwerksbursche wird doch nicht etwa meinen Cosy –« Und sie stürzte wieder in das Gartenzimmer. Max war auf dem Treppenpodest stehen geblieben. »Kinder, ich will mich totschießen lassen, wenn ich aus dem, was ihr soeben erzählt habt, klug geworden bin,« erklärte er. »So bemüh dich bitte herunter und schau dir die Situation mit höchsteigenen Augen an!« antwortete der Vater ärgerlich. »Ich sitze seit einigen dreißig Jahren hier auf Hohen-Kraatz, aber etwas so Verworrenes ist mir in meinen vier Pfählen noch nicht vorgekommen – das kann ich wohl sagen. Und wenn sich der Handwerksbursche noch weiter über uns amüsiert, dann soll ihm die Schockschwer –« »Ruhe, Ruhe, Papa! Ich werde mich überzeugen, was es eigentlich gibt« – und er schritt durch den Gartensaal, 122 rief den auf der Veranda Stehenden ein allseitiges »Guten Morgen!« zu, stutzte vor dem ihm fremden Freese und stutzte sodann noch mehr vor dem Handwerksburschen, der bei seinem Nahen beide Arme gen Himmel erhob und so stehen blieb, wie der Oberpriester in der »Zauberflöte« beim Gebet zum Osiris. »I Gott bewahr' mich!« rief Max. »Haarhaus – Adolf – wie siehst du denn aus?! Und wo kommst du um alles in der Welt willen in diesem Aufzuge her?! . . .« Der vermeintliche Handwerksbursche stieß eine Art Freudengeheul aus und stürzte dann in Maxens Arme. Der Umstehenden bemächtigte sich ein krasses Entsetzen. Gleichwie beim Examen des Kandidaten Jobses, so kam man auch hier aus dem Schütteln des Kopfes nicht heraus. Tübingen aber wurde der Spaß zu bunt. »Jetzt bitte ich dringend um Aufklärung, Max!« rief er, und Graf Teupen, den seine diplomatische Entzifferungskunst im Stiche ließ, fügte achselzuckend hinzu: »Ich schließe mich an. . . .« Die Aufklärung war aber gar nicht so leicht. Max berichtete das Thatsächliche. Er war am Abend nach Schnittlage gefahren, um seinen Freund Haarhaus zu bewillkommnen. Selbstverständlich hatte der alte Amtsrat Kielmann eine seiner unvermeidlichen »ostindischen« Bowlen gebraut, wie er sie nannte: auf je eine Flasche Cliquot eine Flasche Rauenthaler, eine halbe Rum und drei Löffel Curaçao; dann umgerührt und über dem Ganzen das Verschwörungswort »Upsto-la-perta sumsum« gesprochen. Letzteres gehörte einer verschollenen Sprache an, durfte aber nicht fehlen; es war die Krönung der Weihe. Ebenso selbstverständlich war die Wirkung der Bowle: steigendes Vergnügtsein bis zur Ausgelassenheit und plötzliche, überwältigende Müdigkeit. Im ersteren Stadium hatte Doktor Haarhaus zugesagt, mit 123 nach Hohen-Kraatz zu fahren – im letzteren war er auf dem Wagen eingeschlafen. Und mitten im Walde hatte August umgeworfen. . . . Bis dahin war Max in seiner Erzählung gekommen. Jetzt aber schlug ihm der Handwerksbursche, der sich so plötzlich als berühmter Afrikaforscher entpuppt hatte, auf die Schulter und schrie mit gewaltiger Anstrengung, noch immer sehr heiser, aber doch verständlich: »Richtig! Und da bin ich liegen geblieben!« »Das ist unmöglich, Haarhaus,« entgegnete Max. »Du bist dir nicht ganz klar über die Ereignisse der Nacht. Wir haben dich fein säuberlich wieder auf den Wagen geladen, weiter gefahren und hier zu Bette gebracht . . . Riedecke, tritt als Kronzeuge auf! Hast du den Herrn Doktor zu Bette gebracht?« Riedecke schüttelte den Kopf und nickte zugleich, was eine merkwürdige Bewegung ergab. »Ja,« antwortete er, »ich habe ihn zu Bette gebracht, ich und Stupps – aber das heißt nicht den Herrn Doktor, sondern« – mit Hinweisung auf Freese – » den Herrn da –« »Wer sind Sie denn?« fragte Max. »Mein Name ist Freese,« entgegnete dieser höflich. »Und Sie haben wir auf unsern Wagen geladen? . . . Da müßten wir Sie ja mit dem Doktor Haarhaus verwechselt haben! Das heißt: Sie müßten auch im Walde gelegen und ebenso fest geschlafen haben! Großpapa, Papa, Mama, Benedikte, Jungens – jetzt haltet mich, daß ich nicht umfalle! Das ist eine unglaubliche Geschichte! Wir haben in der Dunkelheit einen Falschen aufgeladen und den armen Teufel, den Haarhaus, im Walde liegen lassen! . . .« Es gab noch eine reichliche Menge an Fragen und Antworten. Aber wenigstens in der Hauptsache war Klarheit geschaffen worden. Das Nächste war, daß man für 124 den wirklichen Doktor Haarhaus ein Zimmer bereitete und ihn ins Bett steckte. Dort sollte er schwitzen. Die Baronin war für Fliederthee, Max für einen steifen Grog. Vorderhand wurde Haarhaus niesend und hustend durch Riedecke abgeführt. Dann nahm Tübingen den Kandidaten unter den Arm und sagte: »Nun kommen Sie einmal mit auf mein Zimmer, Herr Freese – so war doch Ihr Name? – Wir wollen Ihre Papiere durchgehen. Ich bin ein wenig abergläubisch und liebe das Wunderbarliche. Daß Sie mir auf so kuriose Weise ins Haus geplatzt sind, nimmt mich für Sie ein. Ich liebe auch Leute von festem Schlaf. Das sind gewöhnlich gesunde Naturen. Und Ihren Schlaf möchte ich fast als phänomenal bezeichnen. Ich denke, wir werden uns schon verständigen. . . .« Den jungen Mädchen gab das Quiproquo dieses Morgens noch längere Zeit Stoff zur Unterhaltung. »Mir gefällt der Afrikaner nicht,« erklärte Trudchen Palm. »Es fehlt ihm das Heldenhafte.« »Trude, du bist komisch,« erwiderte Benedikte. »Selbst Gottfried von Bouillon würde keinen guten Eindruck machen, wenn er eine Nacht im Walde geschlafen hätte. Du hast auch keine Menschenkenntnis, Trude. Doktor Haarhaus hat wunderschöne Augen. Und als er unter der Kastanie stand, sah er immer nur auf mich. Da er nicht sprechen konnte, lag etwas sehr Rührendes in diesem Blick. Ich konnte ihm leider nicht helfen, denn ich wußte ja noch nicht, wer er war.« Und Miß Nelly fügte hinzu: » Mir ist der neue Hauslehrer eine sehr sympathische Mensch. Und hat mir so leid gethutet, als er gar nicht wußte wohin. Ich wollte, Dikte, daß ihn dein Papa behalten sollte.« »Er wird schon, Nelly. Papa ist viel zu gutmütig dazu, ihn wieder fortzujagen. Auch ist Freese besser als 125 Reinbold. Den Namen können die Jungen nicht so verhunzen. Auf Reinbold hatten sie schon wieder Meinbold, Seinbold und sogar Schweinbold gereimt.« »Aber auf Freese reimt sich Beese,« meinte Trudchen. »Beese ist gar nichts, und wenn du es für Böse korrumpierst, so schadet es auch nichts. Es ist noch immer keine Namensverstümmelung; so etwas hasse ich. Ich wünschte, dieser Herr Freese nähme Bernd und Dieter einmal ordentlich unter die Scheere. Sie sind zu übermütig geworden. Wenn sie meine Jungens wären, hätt' ich sie längst in eine Pension gesteckt.« »Na,« sagte Trudchen lachend, »wir wollen 'mal erst abwarten, wie du deine Kinder erziehen wirst!« »Besser als du die deinen!« entgegnete Dikte heftig. »Solche Bücher, wie du immer liest, würde ich ihnen nicht in die Finger geben! Und Papilloten dürften sie sich auch nicht drehen!« Trude wurde rot, doch Miß Nelly bemerkte beschwichtigend: »Zankt euch nicht! Es ist ja noch nicht so weit! . . .« Siebentes Kapitel. In dem von verschiedenen Unterhaltungen am Frühstückstische und im Park berichtet wird; auch lernt der Leser eine neue Sprache kennen. Die Komödie der Irrungen hatte zu allgemeiner Freude das erwünschte glückliche Ende gefunden. Freese blieb in Hohen-Kraatz. Anfänglich hatte ihn der Baron nur auf eine Probewoche engagiert; aber der Mann gefiel ihm, und auch dessen Lehrmethode. Freese verstand es, mit den Jungen umzugehen. Er war streng in den 126 Unterrichtsstunden und gefällig, freundlich und liebenswürdig in der freien Zeit. Das Herz Dieters hatte er sich schon am ersten Tage durch eine Pfeife gewonnen, die er ihm aus einem Stück Weidenrute geschnitzt hatte. »Ein netter und geschickter Mann,« urteilte der Baron. »Wenn er nur die geräuschvollen Liebhabereien der Jungen nicht unterstützen wollte,« klagte die Baronin, die die grelle Pfeifmusik Dietrichs nicht mehr hören konnte. Frau Eleonore hätte doch lieber einen Theologen gehabt, schon aus Opposition gegen ihren Gatten. Sie hatte sonst nichts gegen Freese – aber Tübingen gegenüber that sie stets, als ob der verlorene Reinbold ein leuchtendes Muster für alle Hauslehrer der Welt gewesen sei. Und vielleicht hätte man diesen Reinbold auch für die Pfarre heranziehen können, denn es stand nunmehr fest, daß sich der alte Pastor Strimonius emeritieren lassen wollte. . . . Freese war sehr glücklich. Er hatte endlich gefunden, was er so lange gesucht hatte. Obwohl er sich auch außer den Lehrstunden viel mit den Zwillingen zu beschäftigen und die Aufsicht über sie zu führen hatte, hatte er doch noch Zeit genug übrig, mit Eifer seine Studien fortzusetzen. Er behielt das sogenannte »kleine Handtuch« als Zimmer; daneben wurden die Jungen einquartiert, so daß Freese sie ständig unter seiner Obhut hatte. Die Indianertänze morgens und abends und mancher andre Unfug hörten auf. Allerdings erst im Lauf der Zeit; anfänglich hatte der Kandidat es nicht leicht, den schäumenden Uebermut der Jungen zu bändigen. Als Bernd ihm einmal vor dem Schlafengehen einen Hirschkäfer in das Bett gesetzt hatte, wurde Freese so zornig, daß er dem Schuldigen eine Ohrfeige gab. Sie knallte, that aber nicht weh. Und Bernd weinte auch nicht: er wurde nur dunkelrot. Von diesem Augenblick ab hatte er Respekt 127 vor seinem Lehrer. Hätte er sich bei seinem Vater über die ihm widerfahrene Züchtigung beklagt, so würde dieser wahrscheinlich gesagt haben: »Siehst du, mein Junge – das ist dir gesund! Der Hirschkäfer wird Herrn Freese irgendwo gekniffen haben; dafür hat er dir eine versetzt. Es rächt sich alles auf Erden!« – Vielleicht hätte ihn die Mutter in Schutz genommen, aber sich ihr anzuvertrauen, schämte er sich. So schwieg er lieber. Nur zu Dieter äußerte er gelegentlich: »Du, hör' 'mal, Dieter, der Freese ist nicht wie der Kleinechen. Er hat so harte Finger. . . .« Das Erste, was Freese that, als er die Gewißheit hatte, in Hohen-Kraatz zu bleiben, war, sich von Frau Möhring seine Bücher schicken zu lassen. Zu gleicher Zeit sandte er auch die Papiere Reinbolds, die Tübingen ihm übergeben hatte, an seinen neuen Freund zurück. – – Es war wieder einmal Morgen in Hohen-Kraatz. Riedecke hatte das Gong geschlagen, und die Familie fand sich allmählich am Frühstückstische zusammen. Zuerst der Baron mit rotgescheuertem Gesicht und noch vereinzelten Wassertropfen im Haar, und dann seine Gattin, die trotz der frühen Morgenstunde bereits sehr sorgfältig gekleidet war und auf dem ergrauenden Haupt ein violettfarbenes Mützchen trug. »Morgen, Alte,« sagte Tübingen, nahm ihren Kopf in beide Hände und küßte ihre Stirn. »Ausgeschlafen?« »Ich danke, Eberhard. Es ging ja, Gott sei Dank. Meine Nerven scheinen sich bessern zu wollen. Aber warum denn immer Alte? Du weißt, daß ich derartige Apostrophen nicht leiden kann.« »Ach so – na, verzeih' man! Ich ahne schon, was du noch sagen willst: die Beispiele der Väter sind die Richtschnur für die Kinder. Aber der alte Adam läßt sich nicht so leicht zwingen. Uebrigens pflegt selbst Bismarck seine Frau zuweilen Mutting und Alte zu nennen.« 128 »Das kann sich Bismarck erlauben, weil er erwachsene Kinder hat. Wenn die kleinen Rantzaus bei ihm sind, wird er auch vorsichtiger sein. Ich bin keine Gegnerin von Zärtlichkeitsausdrücken, aber sie dürfen nicht den Respekt verletzen. Und Bernd und Dieter schlagen leicht über die Stränge.« »Der Freese legt ihnen einen Kappzaum an. Ich bin recht zufrieden mit dem Manne. Hat bei aller Freundlichkeit ein energisches Auftreten. Kleinechen war ein Waschlappen.« »Waschlappen klingt auch nicht hübsch, Eberhard. Aber es ist richtig, was du von Freese sagst. Er ist auch ein manierlicher Mensch. Er steckt die Kartoffeln auf die Gabel, wenn er sie schält. Kleinechen nahm sie in die Finger. Was sagst du denn zu Doktor Haarhaus?« »Was soll ich zu ihm sagen! Es scheint ihm bei uns zu gefallen, sonst hätte er sich nicht seine sämtlichen Koffer aus Schnittlage nachkommen lassen. Max meint, er würde wohl ein paar Wochen bleiben. Mir soll es recht sein!« »Er will hier sein Buch über Afrika beenden. In Schnittlage stört ihn der alte Kielmann –« »Mit seinen Punschbowlen! Glaub's schon!« »So natürlich scheint mir das nicht. Wer sich nicht verführen lassen will, dem gelingt es auch. Aber die Männer sind alle schwach.« »Liebe Eleonore, ich erinnere dich nur an deine Stammmutter Eva und die Geschichte mit dem Apfel –« »Das ist schon etwas lange her. Sei's, wie es sei. Ich verzichte auf geschichtliche Deduktionen. Ist dir nicht aufgefallen, daß Haarhaus außerordentlich liebenswürdig zu Benedikte ist?« Tübingen setzte seine Tasse aus der Hand. »Nein,« sagte er, »nicht liebenswürdiger, als man als 129 Mensch von Welt jungen Damen gegenüber zu sein pflegt, zumal wenn sie niedlich sind.« »Ich glaube, ich sehe schärfer. Als Haarhaus uns gestern abend seinen Marsch durch die Wüste – ich weiß nicht mehr, wie sie heißt – erzählte, hing Dikte förmlich an seinen Lippen. So etwas gefällt ihr. Sie hat für das Romantische immer etwas übrig gehabt.« »Ich meine, eher für das Reale. Im übrigen: Haarhaus ist eine Berühmtheit und sitzt in guter Assiette; Schnittlage erbt er auch einmal – zwölfhundert Morgen unterm Pfluge und dreiviertel davon Rübenboden.« Das Gesicht der Baronin rötete sich ein wenig. »Was kümmert mich denn seine Berühmtheit und seine gute Assiette,« erwiderte sie scharf. »Wenn einer Haarhaus heißt, soll er sich nicht um eine Baronesse Tübingen bemühen.. Haarhaus ist doch nur eine Verdeutschung für Perücke.« Tübingen lachte. »Na ja – das mag sein! Es ist sein Fehler, daß er nicht ein Marquis de Perruquet ist; dann hättest du vielleicht nichts gegen ihn. Indessen – sind wir nicht auch mit den Schweinechens verwandt? Und die Riedesel und edlen Gänse zu Putlitz und Pfördtner von der Hölle – sind denn das gar so schöne Namen?« »Jedenfalls altehrwürdige. Aber Haarhaus sagt gar nichts.« »Wenn es mit seiner Berühmtheit so weiter geht, wird er ja wohl auch einmal geadelt werden. Freiherr von Haarhaus-Schnittlage klingt schon besser. Dikte hat ein ziemlich kühles Temperament. Der kühne Afrikaner interessiert sie, aber thut ihrem Herzen nichts. Vielleicht paßt ihr auch sein Name ebensowenig wie dir.« »Da irrst du. Dikte schlägt leider nach dir. Name ist Schall und Rauch für sie, wie bei Schiller.« 130 »Ich glaube, bei Goethe.« »Ist mir auch recht. Sie hat deine liberalisierenden Neigungen geerbt. Da ist Max ein andrer.« »Bei Gelegenheit seiner Affaire mit der Warnow hat er das nicht bewiesen. Und nun beruhige dich! Haarhaus wär' auch nicht mein Fall. Alle Hochachtung vor ihm und seiner Thatkraft – aber er spielt sich zu sehr auf den Heros, auf den Uebermenschen auf. Und für diese moderne Spezialität bin ich nicht.« Graf Teupen trat ein, küßte seiner Tochter die Hand und begrüßte Tübingen. » Bon jour , Eberhard! Ihr sprecht von Max?« »Im Augenblick von Africanus secundus , oder man sagt wohl besser primus .« »Von Haarhaus? Ah – das ist ein Mann, Kinder! Etwas Honig, wenn ich dich bitten darf, Eleonore! . . . Das ist ein Mann! War doch wirklich eine genußreiche Stunde, als er uns da gestern abend von seinen Abenteuern unter den Bagellas und Mawtitis erzählte! Wie er sich gegen die Leibgarde des Häuptlings verteidigen mußte – was?! Nein, danke, ich nehme heute kein Ei, Eleonore; ich habe nicht so recht geschlafen. Er versteht ungemein anschaulich zu schildern – meint ihr nicht auch?« »Jedenfalls besser als Max,« entgegnete Tübingen. »Weiß der Geier – der ist wie auf den Mund gefallen!« »Und hat doch die ganze Haarhaussche Expedition mitgemacht,« setzte die Baronin hinzu. »Doch nicht; nur einen Teil, liebes Kind,« sagte Teupen. »Er trennte sich ja doch bei Walihadarib von Haarhaus und marschierte durch das Thal von Achu-el-banab direkt nach den Bergen der Welkilborno.« »Wie du diese Namen alle behalten kannst!« »Gott, Eberhard, das Interesse zur Sache! Ich studiere 131 jetzt die Bagirisprachen; das macht mir viel Spaß. Aber in der That: Max gibt sich wenig aus. Ich hätte vermutet, daß die südliche Welt einen tieferen Eindruck auf ihn machen würde.« »Seine Pantherfelle und der Kriegerschmuck und die arabischen Gewebe und das ganze übrige Zeugs, von dem er uns schrieb, läßt auch ziemlich lange auf sich warten,« murrte Tübingen. »Nicht ungerecht sein, Eberhard,« warf die Baronin ein; »Max hat uns doch erzählt, welche Scherereien man ihm auf dem Zollamt in Marseille gemacht hat. Die Sachen werden wieder liegen geblieben sein.« »Ich mache mir auch den Teufel was draus, Eleonore – aber ich weiß nicht recht: der Max hat da unten das Lügen gelernt. Es kommt mir manches verdächtig bei ihm vor. Die Afrikareisenden schnurren alle – das ist wirklich ein wahres Wort!« »Das aber auf Haarhaus par exemple keine Anwendung findet,« warf Teupen ein. Tübingen ereiferte sich. »Dem glaub' ich auch nicht alles und jedes! Na, hör' 'mal, Papa – was er uns da gestern von dem Brüderschafttrinken mit dem Könige von Assamura, oder wie das Dings hieß, erzählt hat – wie sie sich erst Blut abgezapft und dann in den Becher gespuckt haben, pfui Deibel noch eins – hältst du denn das für möglich?! Und wie er den König begrüßt hat – mit der Nase, und was das alles gewesen ist! Das klingt doch sehr unwahrscheinlich!« »Aber, liebster Eberhard, das sind ja doch alles geheiligte Gebräuche! Wenn wir Brüderschaft trinken, schlingen wir die Arme umeinander und küssen uns schließlich; den Afrikanern würde das ebenso verrückt vorkommen wie uns ihre seltsamen Sitten. Jedes Tierchen hat sein Pläsirchen« 132 »Ein Pläsir denke ich mir's nun gerade nicht, mit dem Könige von Assamura Brüderschaft trinken zu müssen. Es hat jedenfalls seine unappetitliche Seite. Uebrigens: wie lange will Max denn noch bei uns bleiben? Ich freue mich ja von Herzen, ihn hier zu haben – aber schließlich: 'mal muß er doch wieder in den Staatsdienst zurückkehren!« »Sein Urlaub läuft erst Mitte November ab,« bemerkte die Baronin. »Es ist schon besser, er erholt sich von seiner anstrengenden und strapaziösen Expedition bei uns auf dem Lande als in Berlin.« »Ich finde, die Strapazen sind ihm recht gut bekommen. Er sieht frisch und gesund aus.« »Seien wir froh, Kinderchen,« fiel Teupen ein, »daß er seine thörichte Liebesgeschichte glücklich überwunden hat. Das war ja doch die Hauptsache. Deshalb schickten wir ihn runter nach Afrika! Ein bißchen stiller ist er ja geworden – aber das wird sich auch noch geben. Quälen wir ihn nicht und lassen wir ihn in Ruhe! Er muß sich sozusagen erst wieder lokalisieren. . . .« Die Ankunft der jungen Mädchen brach die Unterhaltung ab. Gleich darauf hörte man ein gewaltiges Poltern auf der Flurtreppe. Das waren die Jungen, die wie eine Windsbraut aus dem oberen Stock herabstürmten, der Mutter die Hand und dem Vater den buschigen Mund küßten, dann begrüßend an jeden einzelnen am Tische heransprangen und schließlich wie ein paar Akrobaten auf ihre Stühle kletterten. Ihnen folgte der Kandidat Freese, der an der Thür stehen blieb, dort den gesamten Anwesenden eine Verbeugung machte und sich in seiner Bescheidenheit erst näherte, als der Baron ihm freundlich zugenickt hatte. »Morgen, lieber Herr Freese! Bitte nehmen Sie doch Platz! Nun, wie steht's – sind die Jungen artig gewesen?« »Ich habe nicht über sie klagen können, Herr Baron.« 133 »Aber ich,« sagte Benedikte. »Bernd hat gestern abend Nelly eine Fliege in die Milch geworfen.« »Oh – das mackte doch nix,« warf die kleine Engländerin errötend ein, und Bernd fuhr lebhaft auf: »O pfui, Papa – die Dikte petzt wieder! Es ist auch nicht wahr, daß ich das mit Absicht gethan habe –« »Doch ist es wahr,« behauptete Benedikte; »du bist ein zu ungezogener Junge! Du wirst niemals Leutnant werden!« »Papa, hör' zu – bitte Papa, erst hör' mal zu! Nämlich, ich wollte gern einen Brummer für meinen Laubfrosch haben, weil der immer unten auf der Leiter sitzen bleibt, auch bei schönem Wetter – und Herr Freese hatte gemeint, er hätte wohl Hunger – und da sah ich einen Brummer und wollte ihn fangen, und wie ich mit der Hand nach ihm schlug, da purzelte er ganz aus Versehen in Miß Nellys Milch. So war es, Dikte, und du lügst, wenn du sagst, ich hätte es mit Willen gethan!« »Streitet euch nicht,« entschied der Papa. »Künftighin fange dir deine Brummer draußen im Freien, Bernd! Am besten wär's schon, du fingst die, die du im Kopfe hast!« »Papachen,« meldete sich Dietrich, noch mit vollen Backen, »ich habe eine Bitte an dich.« »Na und?« »Können wir nach dem Unterricht mit Herrn Freese ein bißchen ausreiten?« »Was – sind Sie auch Reitersmann, lieber Freese?« fragte Graf Teupen. »Ach nein, Herr Graf, aber ich würde es ganz gern werden. Das Leben ist ja zum Lernen da. Und auch das Reiten kann man einmal brauchen.« »Richtig bemerkt,« fiel Tübingen ein. »Laßt Herrn Freese meinen alten Guadalquivir satteln, Jungens; der thut 134 keinem Menschen mehr etwas zu leide. Aber dann immer im Schritt, oder höchstens mal einen ganz sachten Kochäppeltrab!« Die Jungen jubelten auf. Inzwischen hatte Riedecke die Posttasche und ein großes Paket gebracht. Tübingen öffnete die Tasche mit gewohnter Feierlichkeit und verteilte die Briefschaften. Auch Briefe für Max und Doktor Haarhaus waren dabei. Beide Herren waren Langschläfer, die sich immer am Frühstückstische verspäteten. Die Briefe wurden auf ihre Plätze gelegt. »Nanu, Fräulein Trude?« sagte der Baron. »Heute nichts für Sie? Das ist ja eine Merkwürdigkeit. Das möcht' ich fast unnatürlich nennen. Aber hier – ein Schreiben an den Herrn Kandidaten . . . genieren Sie sich nicht, lieber Freese, wenn Sie es lesen wollen! Wir pflegen alle unsre Brieflektüre beim Frühstück zu erledigen. Napoleon der Erste soll es ebenso gemacht haben.« »Und Cäsar schrieb und las Briefe sogar gleichzeitig,« bemerkte Dieter. »Das ist mir lieb, Dieter. Was Cäsar heißt, kann so etwas, wenn es nicht grade ein Köter ist. . . . Eleonore, die Seesen und der alte Kielmann haben zugesagt; aber die Bistritzens können nicht kommen, von wegen nahendem Klapperstorch. Nun haben wir grade dreizehn – an Gästen nämlich. Mich stört das nicht; aber ich weiß, du hast in Bezug auf diese hübsche Ziffer deine Schwächen. Aehnlich wie mit dem Heiratsjahr.« »Das eine gehört nicht zum andern, Eberhard. Dreizehn ladet man nicht ein. Schon um der Gäste selbst willen nicht; denn es kann unter ihnen immerhin jemand sein, der an dieser Zahl Anstoß nimmt. Wen haben wir denn sonst noch?« »Keine große Auswahl. Ich denke, wir nehmen noch 135 Kletzels dazu. Wir können die jungen Leute doch nicht vor den Kopf stoßen! Mit seinem verstorbenen Alten stand ich auf du und du.« »Wenn nur die Frau nicht wäre,« meinte die Baronin besorgt. Tübingen legte sein Zeitungspaket aus der Hand. »Ja, da sage mir bloß, was du gegen die Frau hast, Eleonore! Sie war Schauspielerin – nun meinetwegen; aber selbst die boshaftesten Klatschzungen konnten ihr nichts nachsagen!« »Nein – das konnten sie nicht,« fiel Graf Teupen ein. »Können die Mädchen nicht gehen? – Geht Kinder; aber wenn ihr die Erdbeeren revidiert, schont meine großen Prince of Wales, die müssen noch reifer werden. . . . So – nun kann man doch ungenierter sprechen! Also die Kletzel hatte einen tadellosen Ruf. War auch nur zwei Jahr bei der Bühne, und ihr Vater ist Professor in Czernowitz. Ich glaube, da gibt's eine Universität.« »Das deutet mir gar nichts,« bemerkte die Baronin etwas spitz. »Zwei Jahre bei der Bühne ist grade genug –« »Aber bei einer königlichen, Eleonore.« »Bühne ist Bühne, Eberhard – das solltest du doch noch aus deiner Leutnantszeit her wissen. Du wirst zwar widersprechen und mir wieder mit einer Fülle schöner Redewendungen kommen; aber es bleibt wie es ist: die Kunst acht' ich, die Künstler nehm' ich nur notgedrungen mit.« »Kann mir keine Kunst ohne Künstler denken!« »Deshalb sagte ich notgedrungen. Und der Professor in Czernowitz imponiert mir schon gar nicht. Wo liegt denn Czernowitz? Irgendwo da unten am Balkan, denke ich mir. Wie ich, urteilen übrigens auch die meisten Verwandten Kletzels: die Ziebingens, Rörachs, Triepenborns – sie haben sich allsamt von ihm zurückgezogen. Er verkehrt mit keinem mehr.« 136 »Der hochnäsigen Gesellschaft paßte schon die Schriftstellerei Kletzels nicht. Für den alten Rörach ist ein Dichter ein Federfuchser. Aber ich will mich nicht ärgern. Die Kletzel ist eine reizende kleine Frau; in Ober-Ellingen vergöttert man sie.« »Ich bin beiden neulich auf einer Spazierfahrt im Zornower Walde begegnet.« »So? Na, wie sahen sie denn aus?« »Sie ritten. Er sah sehr chic aus. Aber sie – – Allmächtiger!« »Ich dächte, sie trüge sich immer recht elegant,« sagte Graf Teupen einlenkend. »Auf ihre Eleganz achtete ich nicht. Thatsache ist – Jungens, macht, daß ihr an eure Arbeit kommt! – Thatsache ist,« – die Stimme der Baronin dämpfte sich – »daß sie – Hosen trug!« »Was denn? Reithosen?« »I nun ja – Reithosen – Pluderhosen und hohe Stiefeln – bis zum Knie! Und saß wie ein Mann auf dem Pferde!« »Daß du die Motten kriegst! Das möcht' ich gesehen haben!« »Glaub' ich dir, Eberhard; du hast stets mehr Neigung für das Pikante als für das Wohlanständige gehabt. Papa – sie saß wie ein Mann zu Pferde! Ist dir so etwas vorgekommen?!« Der alte Herr nickte. »Ich muß es bejahen, Eleonore. Die Metternich zum Beispiel und die Lady Hunton. Damals fiel's auch auf, aber jetzt soll der Rittlingssitz für Damen ja in die Mode gekommen sein.« »Das ist mir ganz gleichgültig. Für Hohen-Kraatz gibt es derlei Moden nicht. Aber trotz alledem; lieber Eberhard, Frau von Kletzel soll nicht der Zankapfel zwischen uns sein. 137 Lade die Herrschaften ein. Ich bedinge mir nur aus, daß die Kletzel weder neben Max noch neben Doktor Haarhaus gesetzt wird. Die sind mir zu feuergefährlich.« »Machen wir. Ich werde sie neben den alten Kielmann setzen; der ist ausgebrannt. Da hätten wir also die ominöse Dreizehn glücklich überwunden. . . . Was gibt's denn, lieber Herr Freese?« Der Kandidat hatte die Jungen herausgebracht, war aber noch einmal unter die Thür getreten. Er hatte einen geöffneten Brief in der Hand. »Vergebung, Herr Baron,« sagte er. »Da schreibt mir soeben Herr Reinbold – derselbe, den Sie –« »Weiß schon, Herr Freese, weiß schon!« »Der schreibt mir, er hätte seine Pfarramtsprüfung glücklich hinter sich, und da er zufällig gehört, daß Pastor Strimonius sich emeritieren lassen wolle, so möchte ich mich doch einmal bei dem Herrn Baron erkundigen, ob er nicht hier in Hohen-Kraatz eine Probepredigt halten dürfe.« Tübingen schlug mit der Hand auf den Tisch. »Na, Eleonore, was sagst du dazu? – Du hast wirklich Glück! Jetzt kriegst du auch noch deinen geliebten Reinbold!« »Eberhard, ich bitte dich, menagiere dich ein klein wenig. Ich nehme keinerlei weitere Interessen an Herrn Reinbold, als daß er Theologe ist. Warum soll ich streiten, daß mir diese Fakultät sympathisch ist?« »Ich habe gewiß nichts dagegen,« entgegnete Tübingen. »Also schön, lieber Freese – Reinbold soll antreten und predigen!« »Nicht so ohne weiteres,« wandte die Baronin ein. »Es ist da doch noch mancherlei zu überlegen. Der junge Herr ist unverheiratet; ist er denn wenigstens schon verlobt, Herr Freese?« 138 »Nein, Frau Baronin – daß ich nicht wüßte.« »Wird schon kommen,« meinte Tübingen; »erst die Pfarre, dann die Quarre. Es hat noch niemals ein Pastor länger als ein Jahr unverheiratet die Seelen gehütet. Mit den Schulmeistern ist es gerade so.« »Ich möchte aber gern erst wissen, wie er aussieht, Eberhard. Herr Freese, schreiben Sie ihm doch bitte, er möchte uns seine Photographie schicken.« Tübingen lachte. »Wie bei einem Heiratsgesuch! Schreiben Sie dazu, daß wir mit seinem Konterfei keinen Unfug treiben würden. Diskretion Ehrensache. Vor allen Dingen soll er sein Prüfungszeugnis mitschicken.« Freese verneigte sich. »Schön, Herr Baron,« entgegnete er und trat dann zur Seite, da Max und Haarhaus im Gartenzimmer erschienen. Der große Afrikaner, von dem derzeitig alle Zeitungen sprachen, machte heut' einen ganz andern Eindruck als an jenem Morgen, da man ihn nicht ohne Grund für einen fechtenden Handwerksburschen hielt. Er war ein auffallend hübscher Mensch, allerdings von einer gewissen brutalen Schönheit, mit der auch der hochmütige Zug um seinen gern lachenden, prachtvolle weiße Zähne zeigenden Mund übereinstimmte. Nach herzlicher Begrüßung nahmen die beiden Herren Platz und begannen mit gesundem Appetit zu frühstücken und dabei ihre Briefe zu lesen. »Na endlich,« sagte Max, das an ihn gerichtete Schreiben in die Tasche steckend. »Die Zollbehörde zeigt mir an, daß meine Kisten aus Afrika eingetroffen sind. Ich habe einen Spediteur mit der Verladung beauftragt; ein Teil der Sachen bleibt gleich in meiner Berliner Wohnung; das übrige muß übermorgen in Plehningen sein.« »Sind die jungen Damen schon ausgeflogen?« fragte 139 Haarhaus. »Ich möchte ihnen eine Partie Croquet vorschlagen.« »Sie werden sie im Obstgarten finden oder hinten auf der Insel, lieber Doktor,« erwiderte Graf Teupen. »Die Insel lieben sie besonders; das bedeutet für sie ein Stück Weltabgeschiedenheit. Und eine Mädchenphantasie schwankt gern zwischen den Freuden der Welt und der Einsamkeit, zwischen dem Brevier der Tanzkunst und Paul und Virginie.« »Paul und Virginie lob ich mir,« sagte der Doktor. »Ich bin auch nur dann Einsamkeitsmensch, wenn der Robinson einen Freitag zur Seite hat, am liebsten einen weiblichen. Deshalb denk' ich auch gern an ein leider nur zu kurzes ostafrikanisches Idyll zurück – an die paar Tage, die ich im Norden des Kilimandscharo in einer Felshöhle allein mit einer kleinen Dschaggasklavin verlebte, die mich bei einem Fieberanfall pflegte, während meine Leute weiterzogen.« »Einer Sklavin?« fragte die Baronin. »Ist denn das da unten wirklich noch so? Wir sammeln doch so viel für die Missionen.« »Ich weiß, gnädigste Frau. Ich sah in Ihrem Salon den kleinen Porzellanmohren stehen, dessen offenes Mäulchen mit stummer Gebärde an die Mildthätigkeit der Herzen appelliert. Aber der schnöde Mammon ist doch nicht immer der beste Kulturträger. Wie soll er dem Suaheli das Weib achten lehren? Für ihn steht die Frau mit dem Vieh auf gleicher Stufe; man kauft, verkauft, verschenkt oder verpfändet sie.« Die Baronin griff nach ihrem Schlüsselkorbe und erhob sich. »Das ist schrecklich,« sagte sie. »Die Frauen haben es ja nirgends sonderlich gut auf der Welt« – und sie sah dabei ihren schmunzelnden Gatten an – »aber ganz so schlimm 140 wie die Suaheliweiber sind wir Gott sei Dank doch noch nicht gestellt. Haben Sie denn nicht versucht, diesen armen Geschöpfen ein besseres Los zu bereiten?« Der Doktor schüttelte den Kopf. »Nein, gnädigste Frau. Man kann da nur schrittweise vorgehen. Vorläufig haben wir in Afrika mehr zu thun, als an die Emanzipation der Frauen zu denken.« Die Baronin schob ihren Schlüsselkorb unter den Arm und rief Cosy. Der Gedanke an die Sklaverei der Suaheliweiber bewegte sie sichtlich. »Nun, Max, und du?« fragte sie. »Denkst du auch so? Auch schrittweise?« Max schien geträumt oder an ganz etwas andres gedacht zu haben; er fuhr hastig in die Höhe und nickte lebhaft. »Versteht sich, Mama! Immer nur schrittweise!« antwortete er. Auch Tübingen war aufgestanden, um auf das Feld zu gehen. Er deutete auf das Paket, das mit der Posttasche gekommen war. »Hier, Eleonore – deine Literatur aus der Leihbibliothek!« »Sie kann liegen bleiben. Ich werde die Sachen nach dem Abendbrot durchsehen. Hoffentlich hat mir Moldenhauer nicht wieder so viel Neueres geschickt. In den Romanen von früher drehte sich doch gewöhnlich auch alles um die Liebe, aber – ich weiß nicht, man schreibt heute viel aggressiver. Wenn wieder was von Tovote dabei ist, schickst du es gleich zurück, Eberhard. Ich habe immer Angst, die Mädchen kommen mir einmal über die Bücher.« Dann ging sie. Tübingen steckte seine Zeitungen ein und griff nach Stock und Mütze. »Wie ist denn das Programm der Herren Afrikaner für heute?« fragte er, schon an der Thür. 141 »Croquet, Arbeit, Boccia, Arbeit, Fußball, Arbeit,« erklärte Haarhaus. »Zwischen jedem Bewegungsspiel drei bis vier Seiten Manuskript. Als halber Engländer bin ich sehr für praktische Zeiteinteilung – auch für gemischte Kost.« »Ich möchte Nachmittag auf ein Stündchen nach Langenpfuhl,« sagte Max. Tübingen machte ein erstauntes Gesicht, während das des alten Teupen freudig erglänzte. Doch setzte er als gewiegter Diplomat sofort wieder eine gleichgültige Miene auf. »Willst der Seesen mal guten Tag sagen?« meinte er harmlos. »Ja, Großpapa. Langenpfuhl ist ja doch sozusagen ein Vorort von Hohen-Kraatz. Und für Frau von Seesen hab' ich immer was übrig gehabt.« »Ist auch ne brave Frau,« sagte Tübingen und ging. Graf Teupen überlegte, ob er der Herrin von Langenpfuhl gleichfalls ein Loblied singen solle. Aber nein, das wäre unpolitisch. Abwarten, und nur mit Vorsicht treiben, und immer aus der Verschanzung. Die Herren hatten sich ihre Cigarren angesteckt. Riedecke räumte den Tisch ab. Auch Teupen erhob sich zu seinem Morgenspaziergang durch den Obstgarten. Plötzlich schien ihm noch etwas einzufallen, was ihn innerlich sehr belustigte, denn er lächelte verschmitzt. »Sage mal, Max,« meinte er; »scha illa muganga pst pst, eri konikumba boschina?« Max, der Haarhaus soeben auf die Veranda folgen wollte, blieb mit außerordentlich verdutztem Gesicht stehen. »Wie?« fragte er. »Eri konikumba boschina?« wiederholte Teupen sehr geläufig; »maranga pst pst soni bettamislomtik. . . .« Maxens Augen vergrößerten sich. 142 »Entschuld'ge, Großpapa – aber ich verstehe dich beim besten Willen nicht. Ich habe bloß ein paarmal pst pst verstanden.« Teupen lachte herzlich. »Mein Gott, das ist ja doch die Bagirisprache!« antwortete er. »Ich denke, ohne die kommt man im Sudan gar nicht durch – sagt Nachtigall – oder Vogel – oder ist's doch Nachtigall gewesen?! Nein, Livingstone sagt es.« Max hatte sich etwas hastig umgewendet. »Ach so . . . Aha – – aber, lieber Großpapa, du betonst absolut falsch! Namentlich das pst pst – das darf man nur hauchen. Und dann . . . Ja, ich komme schon, Doktor!« rief er plötzlich auf die Veranda hinaus und ließ den Grafen allein. Teupen lächelte noch immer, ward aber mit einemmal ernst. »Wenn ich falsch betone, nützt mir die ganze Sprache nichts,« sagte er sich. »Ich werd's aufgeben. Das pst pst soll nur gehaucht werden; Max soll mir das mal vormachen. Konsonanten lassen sich gar nicht hauchen. Ich glaube, der Junge hat selbst keine Ahnung von der Bagirisprache. Der hat sich von Haarhaus ins Schlepptau nehmen lassen und ist einfach mitgedruselt. Aber daß er zur Seesen will, freut mich. Das ist die erste Etappe. Ich werd' mir 'mal die Eleonore suchen. Wir müssen noch ein paar Worte über die Gesellschaft sprechen. Mit Tübingen kann man nicht reden. Er hat keinen Schimmer von Diplomatie. . . .« Dann drehte er sich eine Cigarette, die er aber nicht mit einem gewöhnlichen Schwefelholze entzündete, vielmehr zog er ein kleines silbernes Etui aus der Tasche, dem er ein Wachsstreichhölzchen entnahm, und an diesem steckte er seine Cigarette an. Hierauf wedelte er rasch einmal mit seinem parfümierten Foulard durch die Luft und trippelte 143 sodann mit den ihm eigentümlichen kleinen und zierlichen Schritten davon. Währenddessen war Max, Haarhaus am Arm, wie ein Wilder in den Park hinabgestürmt. »Adolf, das halte ich nicht länger aus!« schimpfte er. »Das ertrag' ein andrer! Die Eltern fragen einem wenigstens nicht die Seele aus dem Leibe – aber der Großpapa! Adolf, weißt du, wie mich der Großpapa soeben angeredet hat?« »Englisch?« »Nein – bagirisch! Im ganzen Sudan sagte man nur immer pst, pst – oder so ähnlich. Er hat schon bagirisch gelernt, Adolf! Er bringt mich um mit seiner Kolonialwütigkeit! Er weiß ja hundertmal besser Bescheid als ich! . . . Was ist denn das für eine niederträchtige Sprache, dies Bagirische?« Haarhaus lachte, daß ihm die Augen tropften. »Aber, Liebster, ich ahne es ja nicht! Weiß der Himmel, wo der alte Herr das gelesen hat! Vielleicht in einem Reisebericht aus der Südsee oder von den Molukken – und dann hat er die Geschichte verwechselt!« »Das trau' ich ihm zu. Und ich Esel bin auf diese Verwechslung hereingefallen. Ich habe ihm bloß gesagt, er hätte falsch betont. Irgend etwas mußte ich doch sagen. Ich bin lediglich auf Suaheli geaicht. Bis Mitternacht hab' ich in deiner Grammatik studiert, um mich nicht allzusehr zu blamieren. Die Werke von Stanley und Juncker und Peters und Casati hab' ich im Kleiderschrank eingeschlossen, damit man sie nicht findet. Schlafen kann ich auch nicht mehr. Useguha und Wagindo und Uhehe und Aruscha, Puscha, Nuscha, das schwirrt mir alles im Kopfe herum, und schlafe ich wirklich einmal, dann träume ich von Kannibalen und Hottentotten. Adolf, bemitleide mich!« » De tout mon coeur , mein Junge. Aber bedenke; du 144 hast dich selbst in diesen Zwiespalt der Natur hineingeritten – und ich bin kein Oerindur. Ach nein – auch über meinem schuldlosen Haupte gewittert es. Wenn die Bombe platzt, weisen auch auf mich die Finger der Ankläger. Wie der Stehler, so der Hehler. Ist's nicht am besten, kurzen Prozeß zu machen? Du weißt, ich bin für kurze Prozesse. Man lernt das da drunten.« Max war stehen geblieben und faltete die Hände. »Adolf, thu mir die Liebe und red' nicht solchen Unsinn. Du kennst die Verhältnisse nicht, kennst nicht die Mama und den Großpapa. Sie sind die Machthaber auf Hohen-Kraatz, die Tyrannen meines Glückes. Hier heißt es einfach, strategisch zu Werke gehen –« »Diplomatisch, sagt Graf Großpapa.« »Allerdings; sondieren und langsam das Terrain erobern. Und dabei muß mir die Seesen helfen.« »Du willst Nachmittag zu ihr?« »Nein. Nachmittag will ich in den Erlenbruch. In diesem Falle war die Seesen ein Vorwand. Aber vielleicht fahr' ich morgen nach Langenpfuhl. Die Seesen liebt mich.« »Na, na!« » Cum grano salis natürlich. Es ist nämlich von jeher Großpapas glühender Wunsch gewesen, mich mit ihr zu verheiraten – aus Familienrücksichten. Und sie merkte das. Da nahm sie mich denn eines Tages vor und sagte mir: ›Wir wollen einen Pakt schließen, Baron. Schwören wir uns, daß wir uns nie kriegen. Schwören wir uns ewige Untreue.‹ Und das haben wir denn auch gethan, und in der Folge hab' ich die Seesen in alle Verhältnisse eingeweiht.« »Was du sagst! Und wie nahm sie die Sache auf?« »Sie unterstützte sie lebhaft und amüsierte sich 145 königlich darüber. Sie hat lange an der Kette gelegen und ist deshalb sehr für Freiheit des Herzens.« »Ein interessantes Frauenzimmer. Ich freu' mich, sie kennen zu lernen.« »Sie wird dir gefallen. Und nun noch eins, Adolf. Laß mir den Anfang deiner Tagebuchblätter heraus, damit ich weiß, wie wir eigentlich marschiert sind. Die Gegend um den Kilimandscharo kenn' ich noch gar nicht.« Haarhaus lachte wieder. »Soll geschehen, my boy . Aber erst muß ich eine Partie Croquet mit den Backfischen spielen! Da kommen sie schon! Bist du nicht dabei?« »Ich werd' den Teufel thun. Cantonnementsquartierspiele sind mir ein Greuel. Ich geh' auf mein Zimmer und studiere. Auf Wiedersehn! . . .« Die Backfische waren mit dem Croquet einverstanden. Benedikte und Nelly schleppten den Kasten auf den freien Platz unter den Kastanien und packten aus, während Trude Palm mit Haarhaus englisch sprach. Vor ihm glänzte sie gern. Sie schwärmte für England, weil sie wußte, daß Haarhaus einen Teil seiner Jugend in London verlebt hatte. War Graf Brada anwesend, dessen Geschlecht sich von irgend einem lombardischen Baron aus der Zeit Barbarossas ableitete, so schwärmte sie für Italien. Das Spiel begann. Haarhaus war in allen diesen Sportspielen Meister – elegant, kraftvoll und sicher. Er fühlte sich sichtlich behaglich in Hohen-Kraatz. Laut seinem Vertrage mit einem bekannten Leipziger Verleger mußte er sein Werk über seine Neuentdeckungen im Pare- und Kilimandscharogebirge bis zu einer bestimmten Frist abliefern – und bei seinem Onkel Kielmann kam er wenig zur Arbeit. Der Alte war in seiner Liebenswürdigkeit so beständig um ihn herum, daß Haarhaus froh gewesen war, ausrücken zu können. Hier aber hatte er Ruhe und zugleich Abwechslung. 146 Die drei hübschen Mädchen boten sie ihm zur Genüge. Alle drei machten ihm gleichmäßig Spaß. Sie schwärmten ihn an, bewunderten ihn und fanden ihn reizend – und das that seiner Gottähnlichkeit wohl. »Wer ist dran?« fragte Benedikte. »Trude! – Trude, du döst wieder!« Trudchen machte ihr Spiel, schwenkte dabei kokett mit dem Rocksaum und zeigte ihre gelben Bottinen . Währenddessen unterhielt sie sich mit Haarhaus. »Mister Haarhaus, wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen, nach Afrika zu gehen?« fragte sie. Sie nannte ihn gern Mister; Benedikte fand das albern, und Nelly spleenig. »Na, wie man so auf etwas kommt, Gnädigste. Ich dachte mir: den Kilimandscharo kennt man nur von unten. Da willst du doch 'mal sehen, wie er oben aussieht. Und da fuhr ich denn hin; das heißt, halb fuhr ich, halb lief ich.« »Ach, Mister Haarhaus, Sie machen immer bloß Unsinn mit uns! Meine Frage war doch ganz vernünftig.« »Natürlich war sie das. Aber was soll ich Ihnen sonst antworten?!« »Sie müssen doch einmal etwas andres gewesen sein, ehe Sie Afrikaforscher wurden,« sagte Benedikte, den Doktor, der ihr sehr imponierte, von der Seite betrachtend. »Oder kommt man als solcher gleich auf die Welt?« »Ich möchte das eigentlich bejahen, gnädiges Fräulein. Der Forschertrieb ist etwas Angeborenes. Aber freilich hab' ich die Afrikareiserei nicht studiert, wenigstens nicht von vornweg. Ich bin von Hause aus Jurist. Wissen Sie, was das ist?« »Ja natürlich. Gott, was halten Sie uns für dumm! Ein Jurist ist ein Rechtsprecher.« »Leider nicht immer.« 147 »Ein Verurteiler,« sagte Trudchen. »Ich wollte nun grade Verteidiger werden, Fräulein Palm. Aber dabei verflaut der Charakter. Das ganze Menschheitsbild verschiebt sich. Tugend und Laster quirlt durcheinander. Man wird irre an sich selbst. Man soll einen Lumpen zu einem Gentleman stempeln, und innerlich wehrt man sich dagegen. Schließlich machte es mir kein Vergnügen mehr, schwarze Menschen weiß zu waschen, und da ging ich denn lieber ganz zu den Schwarzen.« »Wie weit ist eigentlich Max mit hinaufgeklettert,« fragte Benedikte, »ich meine auf den Kilimandscharo?« »Nur ein Stückchen,« erwiderte Haarhaus mit kühner Stirn. »Dann blieb er am Wege sitzen; es war ihm zu beschwerlich. Es ist nämlich ziemlich steil, und oben liegt Schnee.« »Nelly – schwarzrot! Deine Kugel! . . .« Und da Haarhaus sich in diesem Augenblick umwandte, am Rondell eine Rose für sein Knopfloch zu pflücken, flüsterte Benedikte Trudchen zu: »du – der ulkt uns an!« »Ach nein, Dikte – glaubst du?« »Ganz gewiß, aber es schadet nichts. Er ist doch ein prachtvoller Mann.« Und nun wandte sich Haarhaus zurück und reichte jeder der jungen Damen eine Rose, nachdem er sich selbst eine in das Knopfloch gesteckt hatte. Miß Nelly, die er am wenigsten beachtete, erhielt eine blaßrosa, Benedikte eine dunkelrote, und Trude zu ihrem grenzenlosen Aerger eine gelbe. Die Mädchen dankten und zogen die Rosen durch ihre Gürtel. Aber Trudchen leuchtete die dunkelrote Benediktes in Herz und Seele hinein; dunkelrot hieß brennende Liebe, und gelb war die Farbe des Neides. Trudchen schäumte heimlich vor Wut, und als äußeren Ausdruck ihres Grimms hieb sie, da sie gerade am Spiel war, so gewaltig 148 mit dem Hammer gegen ihren Ball, daß dieser lustig hüpfend die Allee hinunterrollte, immer weiter und weiter, bis er am Rande der Fliederbosketts liegen blieb. »Aber Trudel!« rief Nelly. Dann setzten sich die drei Grazien in Trab, den Ball wiederzuholen. Kaum sah das Haarhaus, so trabte er gleichfalls los. Jetzt wurden die Mädchen von Uebermut ergriffen. Sie flogen wie bunte Pfeile über den Kiessand, und Trudchen rief: »Wollen 'mal Wette laufen, Mister Haarhaus!« »So läuft man in Europa, Herr Doktor!« setzte Benedikte hinzu und ihre Zöpfe flatterten hinter ihr her. Der Ball blieb liegen; es gab jetzt wirklich ein Wettrennen. Haarhaus war ein ausdauernder Marschierer, aber kein Schnellläufer. Die Sache strengte ihn an. Es kam ihm auch albern vor, mit den Backfischchen Huschekätzchen zu spielen. So recht eigentlich war das seiner nicht würdig. Trotzdem schoß er hinter den Mädchen her. Doch sie waren flinker als er; er mußte sich Mühe geben, sie einzuholen. Endlich war er Benedikte dicht auf den Fersen. Er wußte nur nicht, wie er sie fassen sollte – an den Zöpfen ging nicht und an den Röcken war nicht recht passend. So nahm er sie denn um die Taille und rief dabei: »Viktoria! . . .« Erhitzt, lachend und nach Atem ringend lag Benedikte einen Augenblick in den Armen des Doktors. Dann riß sie sich los, blutrot werdend, und auch er ward ein wenig verlegen. Durch Trudes Herz aber zuckte es empört und schmerzlich. »O diese Dikte!« sagte sie sich; »sie hat sich absichtlich von ihm fangen lassen! . . .« 149 Achtes Kapitel. Erzählt von einem sehr wilden Ritte, den Herr Freese unternimmt, und einem Harrassprunge, der merkwürdige Folgen nach sich zieht. Um drei Uhr war der Nachmittagsunterricht von Bernd und Dieter beendet. Freese wollte sich soeben auf sein Zimmer zurückziehen, um an Reinbold zu schreiben und ihm die Wünsche der Baronin zu unterbreiten, als ihm Miß Nelly oben auf der Diele begegnete. Die kleine Engländerin blieb stehen und schaute in leichter Verlegenheit zu dem Kandidaten auf. »Ach, Herr Freese,« sagte sie, »seien Sie mich nix bös: ich habe einen großen Bitte an Ihnen.« »Es wird mir ein Vergnügen sein, sie erfüllen zu können, Miß Milton,« erwiderte Freese höflich; »womit kann ich Ihnen dienen?« Nelly betrachtete einen Augenblick ihre rosigen Fingernägel und hob dann wieder den Kopf. »Sehen Sie, Herr Freese,« begann sie von neuem, »ich sprecken so ein fürchterlich miserables Deutsch – und Grammatik gar nicht – ich thu' alles durckeinander verwechseln, mir und mich und die und das – und da wollte ich Ihnen einmal fragen, ob Sie mir nicht etwas weniges deutsches Sprackunterricht geben würden wollten. Und namentlich in die Grammatik.« In Freeses Herz schlich sich bei dieser Bitte ein warmer Hauch. Man war ihm, der nichts oder wenig zu vergeben hatte, im Leben noch nicht oft bittend entgegen getreten. »Aber natürlich, Miß Milton – sehr gern,« entgegnete er; »sogar von Herzen gern. Ich frische dabei meine englischen Kenntnisse ein bißchen auf. Wir können gleich morgen beginnen. Welche Zeit paßt Ihnen am besten?« 150 »O – jeder Zeit, Herr Freese! Es hängt auf Ihnen ab« »Sagen wir von Vier bis Fünf.« » All right , Herr Freese.« »Und wo? – In meinem Zimmer?« Nelly überlegte rasch. War das auch schicklich? Und wo sonst? In ihrem Zimmer? Das war erst recht nicht schicklich. Außerdem war ihr Zimmer so klein; die große Badewanne, das Symbol angelsächsischer Reinlichkeit, nahm zu viel Raum in Anspruch. So nickte sie denn. »Ist gut, Herr Freese. Ich danke Ihnen very much indeed .« Sie gab ihm die Hand. War das ein warmes, weiches, kleines Pfötchen! Es quoll dem Kandidaten wieder ganz heiß im Herzen auf. Und als er sich in seinem »kleinen Handtuch« an den Tisch setzte, um an Reinbold zu schreiben, konnte er merkwürdigerweise gar nicht seine Gedanken zusammenfinden. Die Feder schien sich sträuben zu wollen; er fühlte noch immer das warme, weiche, kleine Pfötchen in seiner Hand. Gegen die Thür polterte und donnerte es. »Herr Freese! Herr Freese!« schrieen draußen Bernd und Dieter. Der Kandidat sprang auf. »Ja?! Was denn?!« »Herr Freese – die Pferde stehen vor der Veranda!« »Herr Freese – wir wollten doch ausreiten!« Das hatte Freese vergessen. Die Jungen hatten ihn so gequält, und da hatte er zugesagt. Er hätte ja auch ganz gern reiten gelernt, aber – nun klopfte ihm doch das Herz. Es war ihm peinlich, sich vor seinen Schülern ungeschickt zu zeigen. »Ich komme schon,« sagte er resigniert und setzte seinen Hut auf. Vor der Rampe stand August und hielt einen 151 unförmlich dicken, marode und schläfrig aussehenden Braunen an der Kandare, während Stupps die Zügel der Ponnies über den Arm geschlungen hatte. Die Ponnies hießen Jule und Christian und gingen gewöhnlich im Wagen, waren aber für die Jungen auch eingeritten worden. Freese betrachtete den dicken Braunen mit unverhohlenem Mißtrauen. In der Art, wie das Tier mit den Augen blinzelte, schien ihm eine versteckte Tücke zu liegen. Es machte den Eindruck, als ob Mensch und Pferd sich gegenseitig durchaus nicht gefielen. Aber Freese verlor den Humor nicht. »Ist das der Guadalquivir?« fragte er. »Das ist ja ein Elefant.« August lachte gutmütig und gab dem dicken Untier einen Klapps auf den Hals. »Zum Beispiel, Herr Doktor,« antwortete er (er fing gern seine Auseinandersetzungen mit dem einleitenden »zum Beispiel« an), »das war mal ein wiewes Pferd, wie 's noch jünger war. Da haben der Herr Baron mit dem Gallquir über alle Gräben gehoppst; aber der Herr Baron war dunnemals auch noch behendiger. Er frißt zu viel und hat zu wenig Bewegung, und da ist er so'n Unflat geworden.« Er meinte natürlich den Guadalquivir. In diesem Augenblick erschien auch der Baron in der Veranda. »Na, nu man rauf, Kandidatus!« rief er. »Der dicke Spaniole thut Ihnen nichts! Den möcht' ich 'mal zu Schwenninger schicken. Können Sie sich denken, daß das einmal ein bildhübsches Vieh war? Aber es ist fünfzehn Jahre her. Meine Frau hat ihn mir geschenkt, und weil mein Schwiegervater damals g'rade einen spanischen Orden bekommen hatte, nannten sie das Biest Guadalquivir. Eigentlich hieß es anders; jetzt könnte man es Mastodont benamsen . . .« 152 Die beiden Jungen saßen bereits in den Sätteln, während Freese nach dem Bügel zu angeln begann. August half ihm dabei, und plötzlich flog Freese in die Höhe und fiel dann schwerfällig in den Sattel zurück. »Bravo!« rief Tübingen. »Nun die Schenkel mehr anlegen, lieber Freese! Und den Kandarenzügel fester! Fäuste nur eine Handbreit über dem Widerrist!« Dem Kandidaten war gar nicht wohl auf der Höhe des Guadalquivir. Bei diesen feisten Flanken hätten seine Beine die Formen eines Kurvenlineals haben müssen, um das »Anlegen« zu ermöglichen. Und wo war denn der Kandarenzügel? Und wo war denn der Widerrist? Bernd und Dieter ritten heran und halfen. Der Guadalquivir hob den Kopf und ließ ein mißbilligendes Schnaufen hören. Christian wollte ihm die Mähne beknabbern, und Jule drängte sich so dicht neben ihn, daß Freese seinen linken Bügel verlor. Schließlich kam aber doch alles in Ordnung. Tübingen ermahnte nochmals zum Schrittreiten oder höchstens einem »sanften Kochäppel«, und dann setzte sich die Kavalkade in Bewegung. Anfänglich hatte der Guadalquivir keine Lust dazu; doch als August von hinten nachschob und Bernd den Kandarenhaken packte und das dicke Tier ein paar Schritt weit mit sich zog, fügte sich der Braune. Nun ging es ganz gut. Der Guadalquivir trottete dicht neben den Ponnies her, hob auch den Kopf etwas freier und wedelte sich mit dem buschigen Schweife die Fliegen vom Fell. Tübingen, August und Stupps schauten den dreien lange nach. »Wenn's man gut abgeht, August,« meinte der Baron. »I, es wird schon, Herr Baron,« antwortete August. »Zum Beispiel, mit dem Gallquir, der macht alles nach, was die Ponnies machen. . . .« Anfänglich schien es wirklich so. Auf dem grünen 153 Anger, wo Tausende von Gänseblümchen blühten, stoben die weidenden Gänse schnatternd auseinander, und die Dorfkinder, die Ringelringelrosenkranz spielten, blieben mit offenen Mäulchen stehen und bewunderten die drei Reiter. Freese hatte sich im Sattel gereckt und begann sich zu fühlen. Das war wirklich gar nicht so schlimm mit dem Reiten! Wenigstens ging es noch glatt genug. Und es war auch hübsch, sehr hübsch – in der That, eine vornehme Passion. So ritten die Kreuzfahrer den Sarazenen entgegen, und die Troubadoure der Provence zum Liebeshof. Guadalquivir klang so ritterlich und romantisch – schade, daß die mächtigen Wampen des dicken Braunen bei jedem Schritt hin und her schaukelten – das störte die hochfliegenden Gedanken und war unangenehm! . . . Bernd und Dieter blickten mit einem gewissen Stolz auf ihren Lehrer. Sie freuten sich darüber, daß ihm das Reiten augenscheinlich Spaß machte. Aber im Walde wurden sie ungeduldig. »Wollen wir es nicht einmal mit einem kleinen Trab versuchen, Herr Freese?« fragte Bernd. »Ach ja, Herr Freese,« fiel Dieter ein, »bloß so ein ganz kleines bißchen!« Und da dem Kandidaten der Mut gewachsen war, so nickte er. »Probieren wir es einmal,« meinte er. »Aber nicht zu hitzig, Kinder, nicht zu gewaltsam. Vergeßt nie, daß ich zum erstenmal einen Vierbeiner unter mir habe!« Die Jungen juchzten, legten die Schenkel fest und griffen straffer in die Zügel. Die Ponnies wieherten auf und trabten lustig davon. Aber der ritterliche Spanier wollte nicht. Guadalquivir blickte ihnen träumerisch nach, schlug ein Rad mit seinem Schwanze und blieb in seinem alten Tempo. Bernd und Dieter schauten sich um. 154 »Hämmern Sie ihm mit den Absätzen in die Seiten!« schrie Bernd. »Hauen Sie ihn einmal über beide Ohren!« schrie Dieter. Freese bearbeitete den Dicken mit Schenkeln und Stiefelhacken so lebhaft, daß die schwarzen Pantalons immer höher rutschten. Aber den Guadalquivir störte das gar nicht. Da hob sich Freese ein wenig aus dem Sattel heraus und schlug ihn auf Dieters Rat hin mit der flachen Hand über die Ohren. Guadalquivir schüttelte den Kopf, als wolle er eine Fliege abwehren, und trottete sänftiglich weiter. Jetzt fing der Kandidat an zu schimpfen. Er hatte keine Lust, sich vor den Kindern zu blamieren. Sie sollten wenigstens sehen, daß es ihm nicht an Mut fehlte. Er drängte den Gaul dicht an den nächsten Baum heran und riß eine schmiegsame Gerte vom Stamme. »So, mein königlicher Guadalquivir,« sagte er, »nun kann es losgehen!« Hui – pfiff die Gerte durch die Luft und sauste klatschend auf das Fell des Braunen herab! Einen Augenblick schien der Dicke völlig erstarrt zu sein – dann aber machte er einen so gewaltigen Luftsprung, daß Freese fast aus dem Sattel geworfen worden wäre, wenn er dies Geschehnis nicht erwartet hätte. So flog er nur nach vorn, dann aber wieder zurück, während der Guadalquivir, tödlich erschreckt, die Ohren zurücklegte und mit quirlendem Schweife davonjagte – an den beiden Jungen vorüber – immer tiefer in den Wald hinein. »Nicht so schnell, Herr Freese!« schrie Dieter. »Wir kommen ja nicht mit, Herr Freese!« schrie Bernd. Der Kandidat wollte sich umwenden und etwas zurückrufen, aber er gab den Versuch wieder auf. Er fühlte sich doch etwas locker im Sattel und fürchtete, bei der leisesten, 156 unvorsichtigen Bewegung in den Sand zu fliegen. Der Rutenschlag schien das Ehrgefühl in dem Guadalquivir mächtig aufgestachelt zu haben; auch eine dicke Bremse, die um seinen wie ein Windmühlenflügel arbeitenden Schweif neckend herumflog, ärgerte ihn. Er war nicht mehr zu halten. Er brauste den Weg hinab – an einem Grenzpfahl vorüber mit der Aufschrift »Dominium Langenpfuhl« – dann rechtsum und eine breite Schneise in lang ausholendem Galopp hinunter. . . . Das Geschrei der beiden Jungen verstummte hinter dem wilden Reitersmann. Freese legte sich hintenüber und riß mit aller Gewalt an den Zügeln. Aber nun hatte sich auch noch die Bremse festgesetzt – und immer mächtiger griff der Guadalquivir aus. Da packte den Kandidaten eine unsinnige Wut. »Bestie!« schrie er, »ich will dich Mores lehren! . . .« und von neuem sauste seine Gerte über das Fell. Das war dem Dicken noch nicht vorgekommen. Einen Moment stutzte er, als wolle er erst den Wegweiser »Erlenbruch, drei Kilometer« lesen: dann warf er den Kopf zurück, und die fetten Beine flogen nur so über die Erde, daß der Sand rechts und links aufstob und die Schaumperlen umhersprühten. . . . Freese hatte sich der Sicherheit halber mit beiden Händen fest in die Mähne des Guadalquivir eingekrampft. Ein Gefühl unendlicher Gleichgültigkeit überkam ihn. Seine Gedanken machten wilde Sprünge. »Stürzt das Biest, so brech' ich den Hals,« sagte er sich. »Das thäte mir leid; ich habe doch der Miß Nelly Sprachunterricht versprochen. Wenn sie mich so sähe! Ich muß mich gut ausnehmen. So hab' ich mir den Rodensteiner immer gedacht – aber etwas fester im Sattel. Sitzenbleiben ist die Hauptsache. Ich werde es 'mal mit einem gutmütigen Zuruf versuchen . . .« Und er schrie mit weithin schallender Stimme: »Oh – oh – ruuhig – ruuhig! . . .« Aber der Guadalquivir nahm keine Rücksicht auf den Gemütsumschlag seines Reiters. Er raste unverdrossen weiter – keuchend, pustend, schäumend. Einmal begegneten ihm ein paar Kinder, die Erdbeeren im Walde suchten. »Haltet ihn auf!« rief Freese. Aber die Kinder flüchteten kreischend hinter die Bäume. Und dann kam ihm ein Taglöhner mit Reisig aus dem Rücken entgegen. »Aufhalten – aufhalten!« schrie Freese. Doch der Mann sprang nur in höchstem Erschrecken beiseite, und der Guadalquivir stürmte weiter. Er stürmte weiter, als wären hippische Erinnyen hinter ihm. Freese gab jede Hoffnung auf. » Lasciate ogni speranza «, dachte er mit Dante; »dagegen war ja Mazeppa ein Herrenreiter. Ich bin gar kein Mensch mehr. Noch fünf Minuten, und ich lass' mich selbst von diesem Walroß fallen. Es wäre vielleicht das Beste. Breche ich das Genick, muß ich mich auch darein ergeben. Und das soll ein ruhiges Tier sein! Freilich – ich habe den Satan in ihm gereizt – und das hat er übel genommen . . .« »Holla!« schrie er plötzlich laut auf. »Aufpassen! Heda! Aufpassen! . . .« Das Kritische der Sachlage hatte seinen Höhepunkt erreicht. Der Wald lichtete sich zu einer Wiesenniederung. Links erstreckte sich der blau schimmernde Spiegel eines von Binsen umbuschten kleinen Sees, an dem ein Gehöft lag. Und mitten auf dem Wege stand ein Kinderwagen – und gerade auf diesen Kinderwagen raste der Guadalquivir los. »Aufpassen!« schrie Freese noch einmal und zerrte wie ein Verzweifelter an den Zügeln. Die Angst verdoppelte seine Kräfte, doch auch ein Roland hätte den hartmäuligen Braunen in diesem Augenblick nicht bezwingen können. . . . Weit und breit war kein Mensch zu sehen – und immer näher brauste der Guadalquivir an den Kinderwagen heran . . . ^ Da kam dem Kandidaten ein wilder Gedanke. Noch hatte 157 er die Weidengerte in der Hand! Er ließ mit der Rechten die Mähne frei und peitschte von neuem auf den Gaul los, während er ihm zu gleicher Zeit mit den Absätzen wütend in die Flanken schlug. »He – he – hopp!« schrie er dabei, und gab unwillkürlich die Zügel locker. . . . Mit einem mächtigen Satz flog der Guadalquivir über das Wägelchen und sauste aufwiehernd weiter. Freese aber fühlte sich plötzlich in freier Luft und wurde dann unsanft zu Boden gesetzt. . . . Eine kleine Minute lang war es ihm schwarz vor den Augen, und an seinen Ohren rauschte und siedete es wie fern brandende See. Dann kehrte langsam die Besinnung zurück. Neben sich hörte er das Geschrei des aus süßem Schlummer erweckten Kindes, gleichzeitig eine laut jammernde Weiberstimme. Eine Dienstmagd oder Amme – denn die Person trug die Tracht der Spreewälderinnen – stürzte mit schreckhaft erhobenen Armen vom Walde aus näher und riß das Kind aus dem Wagen. Freese hatte sich indessen vom Boden aufgerafft. Aber es kostete ihm Mühe. Jedes Glied an ihm schien gebrochen zu sein; er war wie gerädert. Dennoch wollte er sich mit einigen beruhigenden Worten an die Spreewälderin wenden, als seine Aufmerksamkeit durch ein paar neue Erscheinungen in Anspruch genommen wurde. Aus dem Vorgarten des kleinen Gehöfts stürmten ein Herr und eine Dame herbei; die Dame mit Angstrufen und in großer Erregung, der Herr ruhiger, doch auch eilenden Fußes. Und plötzlich prallte der Herr zurück; Erstaunen und tödliche Verlegenheit malten sich auf seinem Gesicht. »Herr Freese – – Sie –!« Der Kandidat verbeugte sich tief vor dem Sohne seines Hausherrn. »Ja, Herr Baron,« antwortete er. »Aber ich bin 158 unschuldig an dem Schrecken, den ich hier verursacht habe. Ich bin mit den Knaben ausgeritten, und mein Pferd ging durch. . . .« Die Dame hatte der Amme inzwischen das Kind abgenommen, es geherzt und geküßt und sich davon überzeugt, daß der Harrassprung Freeses dem Kleinen nichts geschadet hatte. »Gott sei gelobt,« sagte sie, unter Thränen lächelnd; »Max, was für ein Todesschreck hat mich gepackt! Ich glaubte, ohnmächtig werden zu müssen, als ich den Buben schreien hörte und das Pferd davongaloppieren sah –« »Das ist der Engel der Kinder, mein Herz. Kindern geschieht selten ein Unglück. Aber warum ist die Kathi nicht am Wagen geblieben?!« Die Spreewälderin begann wieder zu heulen. Der kleine Eberhard habe so fest geschlafen – und sie hätte nur ein paar Waldblumen pflücken wollen – und das wilde Pferd sei so plötzlich hervorgebrochen – und dann heulte sie von neuem los und hielt sich ihre Schürze vor das Gesicht. »Nun lassen Sie gefälligst Ihr Jammern!« befahl Max endlich. »Sie sehen ja, daß Gott sei Dank nichts Schlimmes passiert ist! – Welchen Gaul haben Sie denn geritten, Herr Freese?« »Den Guadalquivir, Herr Baron.« »Du meine Zeit, lebt der immer noch!? Und der ist durchgegangen?« »Ich muß es zugeben, Herr Baron. Ich habe ihn vielleicht ein bißchen zu kräftig angefaßt.« »Und dicht vor dem Wagen hat er Sie abgeworfen?« »Im Sprunge, Herr Baron. Er setzte über den Kinderwagen hinüber.« Max war wie starr. »Alle Achtung, Herr Freese,« 159 meinte er, »da müssen Sie aber ein brillanter Reiter sein. Den dicken Braunen zu einem so mächtigen Sprunge heranzukriegen – sapperlot, das ist ein Kunststück, das nicht jeder kann!« Freese wußte nicht recht, ob er sich geschmeichelt fühlen sollte. Er wollte sich abermals dankend verbeugen, aber der Rücken that ihm zu weh. Die Dame hatte ihren Arm in den Maxens gehängt und sich mit zärtlicher Bewegung dicht an ihn geschmiegt. »Liebling – wer ist der Herr?« flüsterte sie. »Ach so!« – und Max wurde wieder etwas verlegen. »Herr Kandidat Freese, Lehrer von Bernd und Dieter . . . Herr Freese, ich bitte um Verzeihung, daß ich Ihnen meine Begleiterin nicht namentlich vorstellen kann. Ich werde mir erlauben, Ihnen – später die Gründe für mein Verhalten mitzuteilen. Vorläufig kommen Sie bitte mit uns in das Haus. Sie werden sich wahrscheinlich etwas angegriffen fühlen –« »Ein wenig – ja, Herr Baron. Ungefähr so, als wär' ich geradebrecht worden. Aber vorher auch noch geschunden.« Max lachte. »Ich hätte eigentlich geglaubt, auf den dicken Polstern des Guadalquivir müßte es sich ganz bequem sitzen.« »Im Schritt, ja. Aber wenn der Guadalquivir temperamentvoll wird, ist der Sitz schon unangenehmer. Sitz war es zuletzt überhaupt nicht mehr, sondern ein Auf- und Niederwippen, doch kein sanftes und regelmäßiges, vielmehr ein sehr wildes. Ich wundere mich; daß ich noch gehen kann. Ich habe doch wohl eine zähere Natur, als ich selbst vermutete. . . .« Nun war man in dem kleinen und freundlichen, wie es schien ganz einsamen Häuschen. Max ließ den 160 Kandidaten in ein einfach, doch sehr behaglich ausgestattetes Zimmer treten und wies auf das bequeme Sofa den Fenstern gegenüber. »Legen Sie sich zunächst einmal ein halbes Stündchen nieder, Herr Freese,« sagte er. »Liebste Elise, sorge bitte für ein Glas Wein – Sherry oder Madeira – damit wir den unglücklichen Rittersmann wieder ein wenig zu sich bringen. . . . Und ängstige dich nicht, Herz – ich werde nachher schon mit Herrn Freese Rücksprache nehmen. Er wird diskret sein – ängstige dich nicht! . . .« Die junge Dame verschwand, und Max setzte sich, während Freese seine zerschlagenen Glieder auf dem Sofa streckte, neben den Kandidaten auf einen Stuhl. 3 »Wo sind die Jungen geblieben?« fragte Max. »Ich weiß es nicht, Herr Baron. Ich verlor sie aus den Augen. Ich denke mir, sie werden nach Hause zurückgekehrt sein.« »Das wär' schon das Vernünftigste. Der Guadalquivir findet seinen Pfad allein. Nun hören Sie mich einmal an, Herr Freese. Ein Gentleman spricht zum andern. Ich habe Sie schon einmal sozusagen am Wege aufgelesen. Wir müssen das Geschehnis wiederholen lassen, wenn auch in andern Formen; es darf niemand – niemand wissen, daß Sie mich hier im Erlenbruch getroffen haben. Niemand darf wissen, daß die – Dame, die Sie vorhin gesehen haben, hier wohnt. Ich habe zu Hause gesagt, daß ich der Frau von Seesen auf Langenpfuhl einen Besuch abstatten wollte. Dabei bleibt es, aber mit der Modifikation, daß ich kehrt gemacht habe, weil ich Sie im Walde fand – vom Pferde gestürzt – und nach Hohen-Kraatz zurückbringen wollte. Haben Sie alles verstanden?« Der Kandidat nickte. »Jawohl, Herr Baron – ich habe verstanden.« »Und wollen Sie mir Ihr Ehrenwort geben, daß Sie dabei bleiben und mich nicht verraten werden?« 4 »Mein Ehrenwort – und hier auch meine Hand darauf, Herr Baron!« Max atmete erleichtert auf und erhob sich. »Haben Sie herzlichsten Dank, Herr Freese! Ich kann Ihnen im Augenblick keine weiteren Erklärungen geben und Ihnen nur versichern, daß Sie sich der kleinen Notlüge nicht zu schämen brauchen. Der Zwang der Verhältnisse bringt sie mit sich – aber auch dieser Zwang wird einmal weichen.« »Noch eine Frage, Herr Baron. Wie darf ich die liebenswürdige Dame, die mir Gastfreundschaft gewährt hat, anreden?« »Nennen Sie sie – gnädige Frau.« Die junge Dame trat wieder ein, ein Tablett in der Hand, auf dem eine Flasche Sherry und ein Glas standen. Sie füllte das Glas und reichte es Freese. »Stärken Sie sich, mein Herr,« sagte sie lächelnd. »Es ist leider kein Satteltrunk, aber wenn Sie einmal wieder zu Pferde in den Erlenbruch kommen, will ich Ihnen auch einen solchen spenden.« »Tausend Dank, gnädige Frau. Ich fürchte nur, der Guadalquivir läßt mich gar nicht mehr in den Sattel. Ich habe ihn zu schlecht behandelt.« »O, wie gesund ist ihm das,« fiel Max heiter ein. »Und nun versuchen Sie ein Stündchen zu schlummern, Herr Freese, oder wenigstens zu ruhen. Um fünf Uhr rufe ich Sie. Ich kutschiere selbst, spanne die Gäule auch mit eigener Hand an. Sie sehen, wie vorsichtig ich bin, um das ›Geheimnis des Erlenbruchs‹ zu wahren!« Er ging und öffnete die Thür zum Nebenzimmer vor seiner Dame. Freese blieb allein. Das war ihm vorläufig sehr angenehm. Er war nicht nur angegriffen, sondern auch merkwürdig erregt. Das »Geheimnis des Erlenbruchs«, wie Baron 5 Max sich scherzhaft ausgedrückt hatte, beschäftigte seine Phantasie in lebhafter Weise. Um was für ein Geheimnis handelte es sich hier? War die Dame die Geliebte des jungen Herrn? Sie war eine schöne Person – goldblond, mit dunkelgrauen Augen, einem blütenzarten Teint und von prachtvoller Figur. Freese hatte gut beobachtet. Er schaute sich forschend im Zimmer um. Es machte den Eindruck einer Försterwohnung. Zahlreiche Geweihe hingen an den Wänden, dazwischen eine leise tickende Kuckucksuhr und ein paar kolorierte englische Sportbilder. Weiße Gardinen an den beiden Fenstern, und überall auf den Tischen Vasen und Gläser mit Waldgrün und Feldblumen, hie und da auch ein paar Bücher, Journale und Zeitschriften. Freese mußte lächeln. Es war ein hübsches Waldidyll, in dem Baron Max seine heimliche Liebe untergebracht hatte. Aber das Versteck hatte doch auch seine gefährlichen Seiten. So abgelegen von aller Welt war es nicht, daß nicht ein Zufall hätte leicht, sehr leicht eine Entdeckung herbeiführen können. Wie nannte Baron Max das kleine Gehöft? – Den Erlenbruch. Freese hatte den Namen noch nicht gehört, aber der Erlenbruch konnte nur etwa zwei Stunden von Hohen-Kraatz entfernt sein. . . . Der Kandidat wurde müde; das gleichförmige Ticktack der Uhr wirkte einlullend auf die Gedanken. Unwillkürlich schloß er die Augen. – Das Zimmer, in das Max mit der jungen Dame getreten war, gewährte einen ähnlich behaglichen Eindruck wie das Nebengemach. Es war einfenstrig, und das Fenster stand weit offen. Man konnte von hier aus über den See schauen, dessen Ufer allseitig vom Buchenwald umschlossen wurde. Nur dicht am Wasser standen ganze Reihen von Birken, deren Gezweig tief herabhing und sich in der Flut netzte. Unmittelbar unter dem Fenster lag ein schmaler 6 Streifen Gartenland, etwas verwildert und das Häuschen wie mit einem bunten Rande umsäumend. Der frische Hauch des Sees, der Duft blühender Rosen und der würzige Atem des nahen Waldes füllten das Zimmer. Die junge Dame hatte sich mit einem leichten Seufzer in dem Sessel niedergelassen, der vor dem kleinen Schreibtische dicht am Fenster stand. Max rückte einen zweiten Sessel in ihre Nähe. »Ein Seufzer, Elise,« sagte er. »Wem galt er? Mir?« »Nein, Liebling, nicht dir,« erwiderte sie. »Dir gilt immer nur mein Blick. Und der klagt nicht. Warum seufzte ich? Wahrhaftig, ich weiß es selber nicht. Vielleicht doch deinetwegen. Weil du so bald wieder fort willst.« »Ich wollte, ich könnte immer hier bleiben. Ja, weiß Gott, immer. Man wird so selbstsüchtig in der Liebe. Auch so genügsam. Das mit dem Raume in der kleinsten Hütte hat doch viel Wahres für sich.« »O ja – aber nur in der Abwechslung. Ich selbst bin minder verwöhnt, leide nur zuweilen an einem Ueberschuß von Freiheitsdurst. Doch du, mein armer Max – ich fürchte, die ›kleine Hütte‹ würde dir sehr bald nicht mehr genügen!« »Mir genügt alles, wenn ich dich um mich weiß, Liesel.« »Nein, Max – nein, mein Junge! Das klingt sehr hübsch, und bis zu einer gewissen Grenze ist es auch wahr. Aber die Grenze ist nun einmal da. Sie ist nicht fortzuleugnen. Deine Erziehung hat sie dir gesteckt und auch dein Temperament. Wenn wir uns für ewig aus der großen Welt zurückziehen und in irgend einem stillen Erdenwinkel vergraben wollten, so würdest du das zuerst ganz entzückend finden –« »Ja, ganz entzückend,« warf Max ein; »denke an das kleine Gebirgsnest bei Nizza!« »Ich denke daran. Wenn wir drei Tage lang allein 7 gewesen waren, fuhren wir nach Nizza hinein oder nach Monte-Carlo. Nein, Liebling, die Ruhe ist auf die Dauer nichts für dich. Und das ist recht gut. Ein Mann gehört in die Welt. Und siehst du: das ist auch der einzige Grund, weshalb ich die Klärung unsrer Angelegenheit nach Möglichkeit beschleunigt haben möchte. Ich sage natürlich nur: nach Möglichkeit; denn ich sehe sehr wohl ein, daß uns beiden mit einem Gewaltstreich nicht gedient ist – obwohl wir den eigentlich schon hinter uns haben.« Max erhob sich und schritt unruhig im Zimmer aus und nieder. »Haarhaus riet mir erst heute wieder, den gordischen Knoten mit einem Schlage zu zerhauen,« sagte er. »Er hat gut reden. Es steht immerhin Gewichtiges auf dem Spiel. Ja – wenn dieser thörichte Majoratscodex nicht wäre! Der ist zu einer Zeit entworfen worden, wo der Adel noch alles war und das Bürgertum zur Plebs zählte. Nun ließe sich ja möglicherweise durch eine Kabinettseingabe der betreffende Paragraph umgehen. Ich habe auch schon an eine nachträgliche Nobilitierung gedacht. Ein Freund von mir, ein Graf Ysingen, hat gleichfalls eine Bürgerliche geheiratet, nimm an, ein Fräulein Schmidt, und die hat irgend ein Herzog zu einem Fräulein von Schmidthausen gemacht.« Elise lächelte ein klein wenig trübe. »Ich würde schließlich auch das über mich ergehen lassen,« erwiderte sie, »obwohl mir der brave schlichte Name meines Vaters ohne notgedrungenes Anhängsel schon lieber ist. Wahrscheinlich würde ich zu einem Fräulein von Warnowska werden; das klingt polnisch an, und man könnte dahinter ein im Mannesstamm erloschenes Starostengeschlecht wittern. Aber lassen wir den Scherz ruhen. Wenn du dem Majorat entsagen müßtest, würde Bernd oder Dieter in den Besitz von Hohen-Kraatz kommen. Entsagen ist immer 8 schwer, das weiß ich wohl; aber ist es in diesem Falle nicht das – Zweckmäßigste?« »Ich würde nicht zögern, dir beizustimmen; denn ich fühle mich immerhin Manns genug, für mich und die Meinen allein aussorgen zu können. Aber ich habe an die Zukunft Eberhards zu denken. Jedenfalls eilt es auch mir, die Sache ins reine zu bringen. Ich sage dir, Darling, die Situation im Hause ist nicht beneidenswert für mich. Ich tanze nicht nur auf einem Vulkan, um mich einer immer noch verwendbaren Romanphrase zu bedienen; ich schreite sogar beständig über glühende Kohlen. Ich kann mir recht wohl vorstellen, wie dem heiligen Laurentius seiner Zeit zu Mute gewesen sein muß – oder den drei Männern im feurigen Ofen oder den Opfern der Inquisition. Gegen Großpapa und sein Kolonialfieber ist Sankt Peter Arbuës gar nichts. Er lernt sogar schon die ausgefallensten afrikanischen Dialekte, um mich in Verlegenheit zu setzen.« »Maxerle, ich bemitleide dich von Herzen,« rief Elise lachend. »Komm her, kniee nieder und küß mich! O, was sind wir doch alle beide für Feiglinge! Warum haben wir nicht von Paris aus unsre Heiratsanzeige nach Hohen-Kraatz geschickt? Dann wären wir heute aus allen Nöten.« »Oder säßen erst recht drinnen. Diplomatie, mein Kind –« »Das sagt dein Großpapa auch. Eine, die das Leben besser kennt als wir, lacht euch aus mit eurer Diplomatie.« »Frau von Seesen natürlich –« »Ja, Marinka! Und ich kann ihr nur recht geben. Sie war von Anbeginn an für offenes Spiel. Hättest du vor fünfviertel Jahren versucht, deinen Willen durchzusetzen –« »Ach, Liesel, quäl mich nicht so!« bat Max, noch immer zu Füßen der jungen Frau. »Ich bin wirklich kein Feigling, aber auch kein Cyklop an Charakter. Ich gehe gern 9 allen Unannehmlichkeiten, allen rüden Auseinandersetzungen aus dem Wege. Ich bin der Enkel meines Großvaters und liebe tausend Umwege zum Ziel, wenn sie sich bequemer marschieren als die direkte Straße. Ich komme nicht über mich selbst hinaus. Sage dummer Junge zu mir, um mich zu strafen!« Sie sagte das nicht, sondern schloß nur seinen Mund mit ihren Lippen. »Also gut, Max, ich bin zufrieden,« fuhr sie sodann fort. »Darf ich wenigstens deine nächsten Umwege kennen lernen?« »Selbstverständlich. Die Seesen muß sich zuvörderst an Großpapa heranschlängeln und ihm tropfenweise das Gift einflößen. Oder nenne es Honig. Den Papa nehme ich auf mich. Die Mama wird überrumpelt. Wann hast du Marinka zum letztenmal gesehen?« »Sie war gestern hier. Sie kommt öfters. Am liebsten nähme sie mich zu sich nach Langenpfuhl. Aber das geht natürlich nicht. Ich fühle mich schon hier nicht mehr ganz sicher. Es war immerhin eine Kühnheit, mich halbwegs zwischen Langenpfuhl und Hohen-Kraatz unterzubringen.« »Bah – der Erlenbruch liegt abseits der Heerstraße! Und du weißt, die Hohen-Kraatzer meiden den See, seit sich Onkel Konrad hier ertränkt hat. Man hält sehr auf die Tradition bei uns.« »Ist dieser Lehramtskandidat da drinnen eine zuverlässige Persönlichkeit?« Max zuckte mit den Achseln. »Ich hoffe es, Elise. Aber ich muß fort. Leg deinen Kopf noch einmal an meine Brust. Das ist die falsche Seite – hier schlägt das Herz. Für wen schlägt es? Für Liesel?« »Nicht ganz allein. Auch für – es.« »Ja, auch für ›es‹. Hüt mir den Jungen, Schatz! Die Kathi scheint ein Schaf unter den Ammen zu sein.« 10 »Aber sie erfüllt ihre Pflicht. Du siehst, wie der Junge gedeiht. Ich passe schon auf; kavalleristische Attacken wie heute ereignen sich ja nicht alle Tage. Adieu, mein Lieb!« »Ach, wie das klingt! Du mußt es dreimal sagen. Lächle wenigstens noch einmal; ich möchte die Erinnerung an das Grübchen mit nach Hause nehmen. Und nun den Kirschenmund! O wie graule ich mich vor Hohen-Kraatz! Hier die Sprache der Liebe und drüben die der Bagiris . . .« Herr Freese war wirklich eingeschlafen. Er fuhr aus wilden Träumen jach in die Höhe, als Max ihn weckte. Aber seine schmerzenden Glieder erleichterten ihm die Rückkehr zur Wirklichkeit. »Es ist Zeit, edler Don,« sagte Max. »Seien Sie so gut und helfen Sie mir die Rosse schirren. Aber seien Sie vorsichtig dabei; das rechte Stangenpferd beißt.« Freese warf sich in die Brust. »Wer auf dem Guadalquivir Carriere geritten und Hindernisse genommen hat, Herr Baron,« erwiderte er heiter, »der fürchtet kein beißendes Stangenpferd . . .« Zehn Minuten später ging es durch den Wald zurück. Auf der Höhe schaute sich Max nochmals um und winkte. »Sehen Sie das weiße Tuch da unten am Fenster, Herr Freese?« fragte er. »Und wissen Sie, was das ist?« »Ein Schnupftuch, vermute ich, Herr Baron.« »Mag es in der Alltäglichkeit auch sein. Aber für mich ist es die Fahne des Friedens, die mich zum Abschied grüßt. Und nun geht es wieder hinein auf kriegerisches Gebiet. Es ist zum Teufel holen!« Freese antwortete absichtlich nicht. Der leichte Wagen ratterte über den Weg. Durch die Stämme glühte das Sonnenlicht und umtanzte mit goldenen Flocken Farrn, Wachholderkraut und Bärlapp, Waldanemonen und Crocus. 11 Nach einer Pause hob Max die Peitsche und deutete auf die flott trabenden Pferde. »Die beiden Schimmel sind mir besonders sympathisch,« meinte er. »Alte Biester, aber sie heißen zufällig Hero und Leander. Das rührt mich.« »Doch der Leander beißt, Herr Baron!« »Ja, er beißt, aber nie seine Hero, sondern nur die, die ihm eine Last aufbürden wollen. Ich kenne einen Leander, für den wäre es ganz gut, wenn er auch zuweilen etwas energisch um sich bisse, statt sich alles Mögliche und nicht Nötige aufhalsen zu lassen. . . .« Nun merkte Freese wohl, daß es dem Baron Max mitteilsam ums Herz war. Aber er munterte ihn nicht auf. Er schwieg wieder. Und Max schwieg auch. Er war sehr in Gedanken und nur dann und wann knallte er, wie in aufkochendem Aerger, mit der Peitsche. Erst dicht vor Hohen-Kraatz begann er nochmals: »Also es bleibt bei unsrer Abmachung, Herr Freese?« »Ich habe Ihnen Handschlag und Wort gegeben, Herr Baron,« erwiderte dieser. . . . Vor dem Schlosse wurde der Wagen mit großem Geschrei empfangen. Alles war versammelt. Bernd und Dieter brüllten ohrenbetäubend, als sie ihren Lehrer wieder glücklich bei sich hatten. Sie hatten ihn noch lange im Walde verfolgt, aber schließlich seine Spur verloren. Vor einer Viertelstunde hatte sich der Guadalquivir herrenlos, doch in gemütlichster Laune im Wirtschaftshofe eingefunden. Und da hatte man es allseitig mit der Angst bekommen. August und drei Knechte waren ausgeschickt worden, Freese zu suchen. »Wetter noch eins – seid endlich still, Bengels!« rief Tübingen den Jungen zu, die sich an den Händen gefaßt hatten und Freese schreiend umtanzten, so wie sie es bei Gerstäcker gelesen hatten, wenn die »Schwarze Schlange« 12 der Apachen siegreich von einem Kriegszuge heimkehrte. »Freese, jetzt erzählen Sie. Sind all Ihre Knochen heil? Kein Schlüsselbeinbruch? Keine Gehirnerschütterung? Nicht einmal eine Sehnenverzerrung? Nicht einmal eine leichte Verstauchung?« Freese verneinte und begann dann loszulügen. Wie er den Guadalquivir hätte Mores lehren wollen und dieser empfindlich geworden wäre und ihn abgeworfen hätte, und wie zufällig, ganz zufällig der junge Herr Baron des Weges dahergefahren wäre und ihn aufgelesen hätte, und was der Schnurren noch mehr waren. Daß man ihn bemitleidete, that ihm nicht wohl; er hätte viel lieber mit dem Harrassprunge renommiert, aber das ging nicht. Er mußte lügen und auch das Bedauern in Empfang nehmen. Die Baronin wollte ihn sogar in das Bett stecken und ihm Thee kochen lassen. Tübingen riet kalte Umschläge an; Teupen war für Bleisalbe, Haarhaus für eine Einreibung mit einer Arnikalösung. Alles das wurde dem Kandidaten endgültig genierlich. Er reckte sich mächtig empor und sagte, er fühle sich wie ein Fisch im Wasser. Aber er wäre beinahe wieder zusammengeklappt; denn in Wahrheit schmerzte ihn jedes Glied. Als er auf sein Zimmer gehen wollte, huschte Nelly Milton hinter ihm her und hielt ihn auf. »O, Mister Freese,« sagte sie (dies »o« brachte sie immer besonders niedlich hervor, mit zierlich gespitztem Mäulchen), »ich wollte Sie bloß sagen, daß ich mir so sehr gefreut haben, daß Sie wieder gesund hier sein. O, ich habe so srecklicke Angst gehabt!« Freese schaute auf den hellen blonden Scheitel hinab und griff nach der warmen kleinen Patschhand. »Vielen Dank, liebe Miß Nelly,« antwortete er, und es war, als töne ein ganz leises Zittern durch seine Stimme. »Denken Sie, wie merkwürdig – als das Pferd mit mir 13 durch den Wald raste und ich jeden Augenblick gewärtig sein mußte, mir im Sturze den Hals zu brechen oder den Kopf an einem Baumstamm zu zerschmettern – da habe ich an nichts anderes denken können als – an Sie.« Nelly neigte das blonde Haupt mit dem zausigen Haar über der Stirn tiefer. »O – an mir?« sagte sie leise. »Ja, an Sie. Seltsam, nicht wahr? Ich dachte: wie schade – nun ist es mit dem Sprachunterricht auch nichts! Und ich hatte mich so darauf gefreut!« »Wir fangen morgen mit die Sprackunterricht an! Ich freue mir auch so sehr.« »Gut. Morgen nachmittag.« »Und – Mister Freese, versprecken Sie mir, daß Sie sich nie wieder auf das grause Guadalquivieh oben herauf setzen wollen!« »Wir wollen sehen, Miß Nelly. Vorläufig nicht. Vorläufig erhalt' ich mich Ihnen. Erst müssen Sie Deutsch gelernt haben – dann versuch ich's vielleicht doch noch einmal –« Benedikte und Trude sprangen vorüber; der Kandidat brach deshalb ab, grüßte und ging auf sein Zimmer. »Dikte,« wisperte Trude ihrer Freundin zu, »die Nelly bändelt an!« »Ach wo!« »Verlaß dich drauf. Sie macht immer ganz verliebte Augen, wenn sie Herrn Freese sieht, und seit drei Tagen trägt sie ein goldenes Herz als Brosche.« »Trude, was du alles siehst! Vor dir muß man sich wirklich in acht nehmen.« »Natürlich seh' ich mehr als andre! Weil ich die Augen aufmache.« »Na – bei mir wirst du nichts sehen!« 14 »Oho – wollen's 'mal abwarten!« Benedikte schaute dem Apothekerstöchterlein groß und erschreckt in die Augen. Dann wurde sie so rot, daß sie sich abwenden mußte. – – An diesem Abend ging man allseitig früher zu Bett als gewöhnlich. Doktor Haarhaus hatte nach dem Essen noch ein Kapitel aus seinem Manuskript vorgelesen und kaum geendet, als Max sich erhob, um sich zurückzuziehen. Er fühle sich ein wenig erkältet. In Wahrheit wollte er nur der Sturmflut neugieriger Fragen entgehen, die sich aller Voraussicht nach an die Vorlesung anknüpfen würde. Graf Teupen schien nur darauf zu warten, eine interessante Kolonialdebatte zu entfesseln. Mit besonderer Spannung hatte wieder Benedikte zugehört. Haarhaus war übrigens nicht nur ein vortrefflicher Vorleser, sondern auch ein brillanter Schilderer. Er verstand es, zu packen; man lebte mit ihm. Und bei aller anscheinenden Objektivität wußte er doch seine Person immer und immer wieder in den Vordergrund zu schieben. Er war der Held , der kühne Abenteurer, der allen Gefahren trotzte; seine Expedition verschwand neben ihm; über allen stand er – er ganz allein. Leider war er in seinem Werke noch nicht so weit vorgeschritten, um seine gemeinsamen Erlebnisse mit Max an den Hängen des Kilimandscharo schildern zu können; aber er hatte versprechen müssen, auch diese Kapitel vorzulesen. Und er versprach es in der That, ohne eine Miene zu verziehen. Vor dem Schlafengehen suchte er indessen Max noch einmal auf. »Max,« sagte er, »wenn ich noch länger in diesem Hause weile, werde ich zum Verbrecher an mir selbst. Ich vergelte die Gastfreundschaft der Deinen durch schnödesten Undank. Von meinen Lügen spreche ich schon gar nicht mehr. Aber 15 nun soll ich sie auch noch niederschreiben und einer ganzen Corona von Gläubigen vorlesen. Und wenn du nun nicht bald reine Tafel machst, werden die Deinen alle diese Lügen auch noch gedruckt sehen wollen. Ich frage dich allen Ernstes: wie soll das enden?« »Darüber wollte ich auch noch ein Wörtchen mit dir sprechen,« entgegnete Max. »Setz dich da drüben in den ledernen Großvaterstuhl. Er hat drei Generationen überlebt und ist wie geschaffen zum Nachdenken. Und hier sind Cigarren. Du kannst sie ruhig rauchen; es sind nicht die langen Holländer Papas.« »Das ist mir lieb,« sagte Haarhaus; »bei der größten Wertschätzung deines Papas bringe ich seinen Holländern eine nicht zu sagende Verachtung entgegen. Der Kilimandscharo ist noch nicht hoch genug, sie dort zu rauchen . . . Also, meine Cigarre brennt; nun sprich!« Und Max begann. – Beim Schlafengehen der jungen Mädchen herrschte auch eine ziemlich lebhafte Stimmung. Die Thür zum Zimmer Nellys stand, wie gewöhnlich, offen; man konnte also herüber und hinüber sprechen. Trude Palm saß vor dem Spiegel und wickelte ihre Stirnlöckchen ein. Sie nannte dies »Natur«, während sie die Brenneisen als »Kunst« verdammte. »Nelly!« rief sie, »möchten Sie lieber einen Deutschen oder einen Engländer heiraten?« »Was mir nimmt,« antwortete die Miß aus dem Nebenzimmer, wo sie in ihrer riesigen Badewanne planscherte. »Ich möchte am liebsten einen Russen haben,« fuhr Trude fort. »Als ich mit der Mama im Winter in Montreux war, saß an der Table d'hote neben mir ein Graf auf ky, der mir sehr die Cour machte. Er war unverheiratet und trug auf dem linken Daumen einen Brillantring, was ich noch nie gesehen hatte. Ich glaube, der hätte mich ganz gern 16 genommen, aber ich ließ ihn abfallen, weil er immer zwei Glas Cognac in seinen Kaffee goß.« »Die Russen sein alle Säuflinge,« rief Miß Nelly zurück und planscherte stärker; »sie säufen alle Juchten.« Benedikte lachte hell auf. »Aber, Nelly, aus Juchten werden Stiefel gemacht! Wuttki meinst du.« »Doktor Haarhaus trinkt auch zu viel,« begann Trudchen von neuem; »als es neulich 'mal Champagner gab, habt ihr da gesehen, wie Doktor Haarhaus das Glas immer nur an den Mund setzte und mit einem Zuge geradezu hinunterschüttete?« »Ach, rede doch nicht immer, Trude,« rief Benedikte, in ihr Bett schlüpfend, »das macht Graf Brada ebenso. Das ist Mode.« »Na, weißt du, Dikte, das muß man sehr geübt haben, um es so gut zu können.« »Du hast an allen etwas auszusetzen!« »Nein, nicht an allen. Aber Doktor Haarhaus thut immer so, als ob. Das ist ein Blender. Und ich will dir was sagen, Dikte, er ist auch ein Mörder.« »Du bist wohl verrückt, Trude!« »Er ist ein Herzensmörder. Das ist ihm ganz wurscht, ob er eine unglücklich macht oder nicht; da lacht er noch drüber. Der wird auch nie heiraten. Der knickt die Lilien, und dann trampelt er darauf 'rum. Wüstling nennt man solche Leute oder auf französisch ein Roué.« Und da Benedikte nicht antwortete, fuhr sie fort: »Ich habe ihn gleich erkannt. Ihr kennt die Welt noch nicht. Aber in Montreux liefen solche Menschen haufenweise herum. Ein Armband trägt er auch; das ist das erste Erkennungszeichen. Ich wette, er trägt auch einen Fußring. Diese Leute sind im Geheimen alle miteinander verbündet und 17 geben sich einen Wink, wenn sie wieder ein armes, junges Mädchen unglücklich machen wollen. Augen hat er wie ein Tiger, und wenn er lacht, sieht man alle Zähne wie bei einem Leoparden. Ich sage euch bloß: ich kenne die Welt – das ist ein entsetzlicher Mensch. Dem ist nichts heilig, das weiß ich so gewiß . . . Dikte, dem ist nichts heilig . . . Dikte!« »Ach, laß mich in Ruh! Ich will schlafen.« Trudchen drehte zufrieden ihre Locken fertig. Der Dikte hatte sie es gehörig gegeben! – – Die Baronin hatte ihr Bücherpaket aus der Leihbibliothek mit auf ihr Zimmer genommen. Tübingen hatte bei ihr angeklopft, um sich zu beklagen, daß ihm sein viertes Handtuch fehle. Bei derlei Anlässen blieb er gewöhnlich noch ein Viertelstündchen im Schlafzimmer seiner Frau sitzen. Jetzt sah er zu, wie sie die Bücher auspackte. »Das machst du zu niedlich, Eleonore,« sagte er, »wie du den Bindfaden aufknüpperst. Ich schneide ihn einfach durch.« »Dafür bist du auch ein Verschwender, und ich bin eine sparsame Hausfrau. Bei mir kommt kein Bindfaden fort . . . Was hat mir der Moldenhauer da nun wieder alles geschickt! Spielhagen, der den Adel immer so herunterreißt, und Fritz Mauthner, ich glaube, das ist ein Jude – und natürlich etwas Neues von Theo von Kletzel, und einen Roman von Ida Boy-Ed – die bürgerlichen Doppelnamen kommen mir immer recht komisch vor – und ›Kaktus‹ von Otto Julius Bierbaum. Der Moldenhauer ist wirklich nicht recht klug. Gott, Eberhard, was schrieb man früher für schöne Romane, die doch auch nachhaltig wirkten! Zum Beispiel die Paalzow – und ›Goodwy-Castel‹ – das hab' ich als Mädchen verschlungen; aber ich weiß gar nicht mehr, von wem es ist – und die Engländerinnen: die Wetherell und die Flygare-Carlén – das war, glaub' ich, eine Schwedin 18 oder Dänin – heute gibt's so etwas gar nicht mehr! Wenn ich heute schon die Titel lese! Die können einem von vornherein die ganze Stimmung verderben.« »Das ist richtig,« entgegnete Tübingen. »Früher waren die Titel länger und die Geschichten kürzer. Und gewöhnlich hatten die Titel etwas Geheimnisvolles, was gleich die Neugier reizte. Jetzt sagen sie gar nichts, oder wenn sie etwas sagen sollen, dann findet man es nicht 'raus. Oder erst ganz am Ende des Buches, wenn man sich gar nichts mehr draus macht.« »Da ist ja auch etwas für Papa mit darunter!« – und die Baronin wickelte einen schweren Folianten aus dem umhüllenden Papier. »Natürlich wieder Koloniallitteratur: Stanley ›Im dunkelsten Afrika‹. Gib ihm das Buch morgen früh, Eberhard, ohne daß die andern es sehen. Sonst neckt ihn Haarhaus wieder mit seiner Schwärmerei für England. Und nun sage 'mal, da du gerade hier bist: soll es am dreiundzwanzigsten ein größeres Souper werden oder nur drei Gänge? Ich muß das wissen, damit ich nötigenfalls die Kochfrau in Zornow rechtzeitig benachrichtigen kann.« »Liebe Eleonore, das ist eine Frage, die du dir selbst am besten beantworten wirst. Ich kann dir nur sagen, daß es mir auf einen Gang mehr oder weniger nicht ankommt. Einen feineren Wein geb' ich, da es ein Abendbrot ist, nicht; aber gern ein Glas Sekt. Der kann schon vor dem Braten eingeschenkt werden, damit die Stimmung nicht einschläft. Natürlich bloß Sillery mousseux, nicht etwa Pommery.« »Da wird Haarhaus wieder in aller Heimlichkeit die Nase rümpfen. Der Mann ist schrecklich verwöhnt. Sorge bitte wenigstens für anständige Cigarren und einen guten Cognac.« »Es bleibt alles beim alten, liebe Eleonore. Um Haarhaus mache ich keinerlei Umstände. Henry Clay und Hennessy 19 mit drei Sternen führe ich nicht. Meine Gastcigarre ist rauchbar, und mein Cognac läßt sich schon trinken. Ich bin kein Berliner Kommerzienrat oder Generalkonsul –« »Na ja doch, ja doch,« fiel die Baronin begütigend ein, »ich teile deine Ansichten durchaus. Ich bin auch keine Freundin der Völlerei. Aber nun noch ein Wort wegen der Tafelordnung. Die Kletzel zwischen Kielmann und dem Apotheker; da kann sie ihre Batterieen springen lassen, so viel sie will. Und die Seesen zwischen Max und Haarhaus, dachte ich.« Tübingen stand lachend auf und gab seiner Frau einen Kuß. »O du Schlaukopf,« sagte er, »glaubst du denn, ich merke nicht, daß ihr von neuem eure Netze nach Langenpfuhl auswerft! Kinderchen, wenn euch das gelingt, die Seesen für Max einzufangen, dann – soll es mir auch auf einen Hennessy mit drei Sternen nicht ankommen! Ich glaube, Eleonore, du willst absolut dein Heiratsjahr zu seinem Recht kommen lassen. Gute Nacht, mein Kind!« Neuntes Kapitel. Die afrikanischen Geschenke treffen ein, und Graf Semper feiert seinen Geburtstag bei einer Bowle mit Mondscheinbeleuchtung, die ihre Folgen hat. Ein paar Tage später trafen Maxens afrikanische Geschenke glücklich ein. August hatte die Kisten mit dem Wiedehopf aus Plehningen abgeholt. Als man sie auf der Veranda auspacken wollte, schrie Benedikte plötzlich auf. »Allmächt'ger, was hab' ich für einen Schreck gekriegt!« rief sie. »Schaut doch einmal dorthin!« Und sie wies die Allee hinab. Da trabte Graf Semper 20 Brada auf seiner Tante Bolte gemütlich dem Herrenhause zu. Aber was vorher erfolgt war, hatten die meisten nicht gesehen. Der Leutnant war nämlich mit seinem Gaule in schlankem Sprunge über das geschlossene Parkthor gesetzt. Freese, der sich mit Dieter und Bernd gleichfalls auf der Veranda befand, schauerte leicht zusammen; er dachte an den Guadalquivir und seinen Harrassprung. Er fühlte sich noch immer etwas kreuzlahm. Inzwischen war Brada näher gekommen. »'Tag, meine Herrschaften,« rief er vom Pferde herab. »Bin ich für ein paar Stunden willkommen?« Alles rief ihm begrüßende Worte zu. Tübingen schrie nach Stupps, der die Tante Bolte in den Stall bringen sollte. Er war die Veranda hinabgestiegen, hatte dem Grafen die Hand gereicht und klopfte der Stute auf den Hals. »Wieder ganz auf dem Posten?« fragte er. »Ganz und gar, Herr von Tübingen. Der Isaaksohn ist ein Prachtkerl. Versteht mehr von der Pferdebehandlung als ein halb Dutzend Roßärzte. Er hat mir die Tante in ein paar Tagen kuriert. Haben Sie nicht gesehen, wie ich mit ihr über die Gartenthür setzte? Sie spürt die Verwundung gar nicht mehr. . . .« Er war abgestiegen, küßte der Baronin die Hand, begrüßte die übrigen und hatte für die jungen Mädchen sofort ein paar scherzhafte Worte. Dann zog er aus der Tasche seiner Attila ein Couvert und überreichte es Benedikte. »Was ist das, Herr Graf?« »Ein Beitrag für Ihre Sammlungen, gnädiges Fräulein: Ansichtspostkarten aus Zornow. Jawohl, Zornow wird Weltstadt, obwohl es nur sechstausend Einwohner hat. Sie sehen hier das Rathaus mit der Apotheke, und hier einen Ausblick auf den sogenannten Ring. In dem kleinen Hause rechts mit dem schiefen Dache wohne ich. Der Photograph 21 wird das Haus in richtiger Vorahnung mit aufgenommen haben. Wenn ich erst einmal Kriegsminister bin, werden diese Postkarten im Preise steigen; also bewahren Sie sie sorgfältig auf, Fräulein Benedikte.« Benedikte knickste. »Schönsten Dank, Graf Brada. Die Karten sollen den ehrenvollen Schlußstein meiner Sammlung bilden; denn ich sammle nicht weiter. Doktor Haarhaus hat neulich erklärt, das Sammeln von Ansichtspostkarten wäre so ungefähr das Dümmste, was die Kultur am Ende unsers Jahrhunderts hervorgebracht hätte.« Haarhaus erhob lebhaften Einspruch. Er habe keine Ahnung von der Passion des gnädigen Fräuleins gehabt, sondern nur im allgemeinen gesprochen. Er sei ein Feind jeglichen Sammelns. Das erziehe zur Einseitigkeit und beschränke den Gesichtskreis, statt ihn zu erweitern. Jeder fanatische Sammler werde schließlich zum Egoisten. . . . Und dabei packte man weiter aus. Max schien nicht recht bei der Sache zu sein. Er machte einen gedrückten und verstimmten Eindruck. Um so interessierter war seine Umgebung. Wunderdinge schälten sich aus dem Heu und Stroh der Verpackung: Schilder, Lanzen und Speere, Geweihe, Felle und greuliche Kriegsmasken. Bei jedem neuen Stück erhoben Bernd und Dieter auch ein erneutes Gebrüll. Bernd wollte alles anfassen, und der Papa klopfte ihm auf die Finger. Graf Teupen mahnte zur Vorsicht: die Waffen seien zuweilen vergiftet; er erinnerte an das Curare der Indianer und den Saft des sagenhaften Upasbaums auf den malaiischen Inseln. Haarhaus bestritt die Vergiftung der Waffen. In Afrika sei das ungebräuchlich. Er schien für Max sprechen zu wollen und gab allerhand Erklärungen ab. »Sehen Sie hier, Herr von Tübingen, das ist die Keule 22 eines Häuptlings von Ugogo, mit Nägeln gespickt, wie unsre mittelalterlichen Morgensterne. Die dunklen Flecke sind Blut.« »Gräßlich,« sagte die Baronin. »Und hier – das ist etwas für die jungen Damen: eine eiserne Halskette, wie sie die Bantudamen als Schmuck tragen. Die schwarzen Frauen sind sehr kokett. Sie stecken sich Rohrhalme durch die Ohrläppchen, schminken sich die Backen mit Ocker und schlagen sich die mittleren Schneidezähne aus. Letzteres gilt für besonders fein. Zuweilen flechten sie auch das Haar in zahllose kleine Zöpfe oder wickeln es mit Papilloten zusammen. . . .« Benedikte puffte Trudchen heimlich in die Seite, und Trudchen wurde verlegen. Da die Tierfelle sehr staubten und einen unangenehmen Kampfergeruch verbreiteten, so hatte sie Graf Brada unter die Kastanien vor der Veranda geschleppt. Hier besichtigte er sie. »Max!« rief er plötzlich; »kommen Sie doch bitte einmal her! Das ist sehr interessant!« Max sprang die Treppe hinab. »Was denn, Semper?« »Wo haben Sie eigentlich die Sachen her?« »Ueberall zusammengekauft und eingetauscht – in Uhehe, Makata, Chutu, teilweise auch in Sansibar – was weiß ich!« »Das ist närrisch. Nun denken Sie 'mal an, wie doch auch schon da unten der Schwindel blüht. Die Leute in Uhuhu, oder wie Sie die Ortschaft nannten, haben ihre Einkäufer in Paris!« Und er zeigte Max ein hübsches Leopardenfell, an dem ein etikettiertes Zettelchen hing, das die Aufschrift trug: » Charles Perrier, Magazin orientale, Paris, 117 Faubourg-Montmartre « 23 Max wurde blaß. Er warf einen raschen Blick auf die Veranda, wo man gar nicht auf ihn achtete, riß hastig das Zettelchen ab und steckte es in seine Tasche. »Das ist ein Versehen,« sagte er halblaut, »das ist . . .« und dann wurde seine Stimme noch leiser: »Halten Sie reinen Mund, Brada! Ich erkläre Ihnen späterhin alles. Jetzt dampfartig zurück auf die Veranda! Helfen Sie mir die Sachen durchkramen, und wo Sie noch irgendwo so ein Zettelchen finden, reißen Sie es heimlich ab. Wenn es entdeckt wird, bin ich blamiert. Der Spediteur ist ein Esel. . . .« Brada war ein heller Kopf. Er fragte nicht erst zurück und dachte auch nicht lange über das Vernommene nach, sondern sprang die Verandatreppe wieder hinauf und stürzte sich mit wildem Eifer auf die Geschenke. Sein scharfes Auge spähte überall hin. . . . Haarhaus erklärte mit seiner gewohnten kühnen Stirn immer weiter. Endlich wurden die Geschenke verteilt. Jeder einzelne wurde bedacht, auch die drei Mädchen, die allerhand Schmuckgegenstände erhielten, und Freese, der einen schauderhaft bemalten Topf bekam. Am ehrlichsten freute sich der alte Teupen über seine Gallawaffen, die in seinem Zimmer im ersten Stock aufgehängt werden sollten. Bernd wurde eine Suahelitrommel ausgehändigt und Dieter ein pfeifenähnliches Instrument. Beide liefen damit sofort in den Park, und ein entsetzlicher Lärm bewies, wie sehr diese Geschenke ihren Wissensdurst förderten. Graf Brada blieb den Nachmittag über in Hohen-Kraatz. Bei der ersten Gelegenheit, als er Max allein erwischen konnte, schoß er auf ihn los und nahm ihn am Arm. »Nun sagen Sie 'mal, Max,« begann er, »was ist denn das für eine geheimnisvolle Geschichte? Einen Zettel hab' ich noch gefunden und abgerissen –« 24 Max blieb stehen und faßte den Grafen an einem Knopf seiner Attila. »Semper, Sie sind ein Ehrenmann,« sagte er ernst. Brada schaute den Sprechenden erstaunt an. »Ich meine ja, Max, und wer es bezweifeln sollte –« »Es bezweifelt niemand. Können Sie schweigen?« »Wenn es sein soll: wie das Grab.« »Na also, da hören Sie: ich bin überhaupt nicht in Afrika gewesen!« Graf Brada zuckte zusammen, als sei der Blitz vor ihm eingeschlagen. »Was? Max! Mensch! . . . Ueberhaupt nicht – gar nicht? –« »Gar nicht und überhaupt nicht – weder jetzt, noch früher – niemals!« »Aber um Himmels willen, das ist ja eine tolle Geschichte! Wo haben Sie denn die ganze Zeit über gesteckt?« »Ich war auf der Hochzeitsreise, Brada.« Der kleine Graf sah aus, als ob er an dem Verstande des andern zweifle. »Auf der . . . erlauben Sie, lieber Tübingen, ich muß Sie mißverstanden haben. Sagten Sie wirklich: auf – der – Hochzeitsreise?« »Das sagte ich. Riviera, Italien bis unten hin und dann Paris.« Brada strich sich über die Stirn. »Ich weiß wahrhaftig nicht: wache ich oder träume ich? Sind Sie Max von Tübingen oder nicht? Vor allen Dingen: wenn man auf die Hochzeitsreise geht, muß man doch verheiratet sein. Das scheint mir klar zu sein.« »Ganz klar, Brada.« »Und wo haben Sie, wenn man fragen darf, denn auf einmal eine Frau herbekommen?« 25 »Das kann ich Ihnen zu meinem Bedauern noch nicht sagen, weil es vorläufig mein Geheimnis ist und auch bleiben muß. Und deshalb würden Sie mir einen ganz besonderen Gefallen erweisen, lieber Brada, wenn Sie alles thäten, was nur irgendwie in Ihrer Macht steht, um auch Ihrerseits die Fiktion aufrecht zu erhalten, daß ich thatsächlich in Afrika gewesen sei. Schwer genug wird es mir, bei dieser Lüge nicht aus der Rolle zu fallen – das können Sie mir glauben.« »Aber, bester Freund – ich muß mich wirklich erst ein bißchen beruhigen, ich bin noch ganz konfus . . . bester Freund, Sie haben doch nur über mich zu befehlen! Ich bin mit tausend Freuden bereit, Ihnen zu helfen – ich weiß nur nicht wie. Ich kann doch nicht sagen, daß ich Ihnen am Viktoria-Nyanza begegnet sei – aber ich könnte zum Beispiel erzählen, daß Sie mir mehrfach aus Uhuhuhu geschrieben hätten; wenn ich nur ein paar afrikanische Namen wüßte! Lieber Max, die Sache interessiert mich kolossal. Ich bin Feuer und Flamme für sie. Es liegt ein Duft des Mysteriösen über der ganzen Geschichte wie über dem bekannten verschleierten Bild zu Dingskirchen. Ich liebe so etwas. Also sagen Sie mir: in welcher Weise kann ich mich Ihnen dienstbar erzeigen?« Semper war förmlich aufgeregt. Nie war ihm eine so interessante Abwechslung in der Einförmigkeit seines Garnisondienstes geboten worden. Max heimlich verheiratet – gar nicht in Afrika gewesen – aller Welt ein X für ein U gemacht – es war märchenhaft! Sein Auge hing begierig an den Lippen des Freundes. Aber Max dämpfte die Erregung des kleinen Grafen nieder. »Wenn ich Ihrer Hilfe benötige, Semper,« antwortete er, »werde ich es Sie wissen lassen. Vorläufig verlange ich 26 nichts als Schweigen von Ihnen und verständnisvolles Eingehen auf meine Intentionen. Das ist alles.« »Sehr schade. Ich wäre gerade in der Stimmung gewesen, irgend etwas ganz Ungeheuerliches für Sie thun – das heißt, nicht nur für Sie allein, sondern auch für Ihre . . . Silentium! Ich schweige schon. Aber ich muß mich abkühlen. Ich werde durch den Park stiefeln und die Mädchen suchen. . . .« Als er an der westlichen Seitenfront des Herrenhauses vorüberschritt, hörte er über sich seinen Namen rufen. Er schaute in die Höhe und sah Benedikte aus dem Fenster ihres Zimmers lugen. »Ich rangiere eben Ihre Ansichtskarten ein, Graf Semper,« sagte Benedikte; »wollen Sie sich einmal meine Sammlung angucken?« »Ei natürlich!« – und Brada sprang die hintere Treppe hinauf. Erst als er in den »Backfischkasten« trat, wie Tübingen das Zimmer der Mädchen getauft hatte, fiel es Benedikte ein, daß es vielleicht nicht ganz passend sei, den Grafen in ihr und Trudes gemeinsames Schlafgemach einzulassen; auch die Thür zu Nellys Kabinett stand sperrangelweit offen. Aber Benedikte verscheuchte in sorgloser Naivetät sofort ihr Bedenken; Brada war wie »Kind im Hause« – die beiden redeten sich dann und wann sogar mit den Vornamen an; sie standen wie Geschwister zu einander. »Habe die Ehre,« sagte der kleine Husar beim Eintritt und schaute sich, ähnlich naiv wie Benedikte, neugierig um; »also das ist die Kemenate der jungen Damen! Sehr hübsch. Aber eine Puderbüchse auf dem Toilettentisch – das ist verderbter, als ich für möglich gehalten hätte!« »Pardon – sie gehört Trude.« »Dann ist es etwas anders. Fräulein Trude hat einen Apotheker zum Vater und darf sich demzufolge mit 27 chemikalischen Produkten befassen. Herrgott, ist das eine unziemlich große Badewanne! Da geht ja eine ganze Schwadron hinein.« »Trotzdem genügt sie Nelly immer noch nicht. Nelly planschert auch noch den Fußboden naß, morgens und abends.« »Ich habe den höchsten Respekt vor so viel Gründlichkeit. Es ist sehr gemütlich hier. Darf ich denn weiter rauchen? In einem Boudoir ist eigentlich nur Parfümduft gestattet.« »Auch über solchen verfügt Trude allein. Sie sehen, Graf Semper, ich habe es noch sehr weit bis zur Modedame.« »Ach, wie gut ist das, Fräulein Benedikte! Ich bin auch nicht für das Modische. Vielleicht nur, weil ich mir keinen Luxus gestatten darf. Wir haben einen einzigen reichen Offizier bei unserm ›armen Grafen-Regiment‹, den Grafen Kirkhusen, für den Zornow gewissermaßen Strafwache ist. Der geht nun allerdings aus in Parfüms und läßt sie sich sogar direkt kommen. Er läßt sich überhaupt alles direkt kommen, zum Beispiel seine Wäsche aus London. Denn das Weiteste ist natürlich immer das Feinste. Nun zeigen Sie mir 'mal Ihr Postkartenbilderbuch.« Benedikte breitete es vor Brada aus, der sehr begeistert that. »Sammeln Sie nur ruhig weiter, Fräulein Benedikte,« sagte er; »Doktor Haarhaus versteht wohl etwas vom schwarzen Erdteil, aber nicht von Ansichtskarten. Ist er sonst ein netter Mensch?« »O ja. Ich wenigstens – habe nichts gegen ihn.« »Sie sagen das so etwas gedehnt, dächte ich.« »Inwiefern? Nein – er gefällt mir ganz gut; wie so einer einem gerade gefällt.« Dann schlug sie das Kartenbuch wieder zu, und in 28 diesem Augenblick fiel zwischen den Blättern eine Photographie heraus und auf den Boden. Brada bückte sich, sie aufzuheben und Benedikte auch, und unwillkürlich berührten sich dabei beider Köpfe. »Pardon,« sagten beide zugleich und lachten. »Kennen Sie die?« fragte Benedikte und zeigte dem Grafen das auf die Erde gefallene Bild. Brada wiegte den Kopf hin und her. »Ja – wenigstens kommt mir die Dame bekannt vor. Ist das nicht – warten Sie 'mal – ist das nicht –« »Sie kriegen es ja doch nicht heraus! Das ist Fräulein Warnow, die vor Miß Nelly im Hause war.« »Richtig! Die Hübsche – mit dem wundervollen Haar! Ich hab' sie ein paarmal gesehen. Aber warum verstecken Sie denn das Bild?« »Wenn Sie diskret und artig sein wollen, will ich es Ihnen sagen. Weil Papa und Mama und Großpapa nicht wünschen, daß Max es sieht. Nämlich« – sie zögerte – »na, es ist ja nichts weiter dabei: Max war nämlich einmal heimlich in Fräulein Warnow verliebt, und ich glaube, er hat sie auch heiraten wollen, aber es ging nicht. . . .« Graf Semper hätte bei einem Haar einen Ausruf des Staunens ausgestoßen. Es riß plötzlich ein Schleier vor seinen Augen. Er zweifelte keinen Moment mehr: Fräulein Warnow war die Auserwählte Maxens, war seine Gattin! . . . Und unwillkürlich kräuselte sich seine Nase. Ein simpler Gouvernantenroman! Er hatte viel mehr erwartet, irgend etwas ganz Absonderliches, keine Geschichte von heute und gestern. Es interessierte ihn höchstens noch, wo Max seine Frau versteckt hielt. . . . Aber die Gedanken arbeiteten rasch weiter. Ein Teufelskerl war der Max doch. Pfiff auf die Welt und folgte seiner Liebe. Das war sozusagen schneidig, und für das Schneidige hatte Semper immer etwas übrig. 29 Er versuchte Benedikte vorsichtig ein klein wenig auszuforschen. Sie hatte eine große Schwärmerei für Fräulein Warnow und sprach in überschwenglichen Ausdrücken von ihr. »Wissen Sie, Semper, eigentlich war es unrecht von den Eltern, daß sie Maxen gewissermaßen zwangen, Fräulein Warnow sitzen zu lassen. Nun ja, so war es doch? Sie wurden alle beide fortgeschickt, er nach Afrika und sie Gott weiß wohin. Freilich handelte es sich dabei um eine unangenehme Bestimmung im Familiengesetz – bei uns gibt es das noch, aber nur für den Majoratserben. Für mich, Gott sei Dank, nicht. Existieren in Ihrer Familie auch solche Bestimmungen?« »Ich glaube nicht. Wir sind ja eigentlich Italiener –« »Ja, das hört' ich. Marquis oder so etwas –« »Conte di Brada, Marchese Piatti dei Stramone e Bismanta und noch ein paar Namen hinterher. Die Namen habe ich alle behalten, aber die Grafschaften, die dazu gehörten, sind flöten gegangen. Es ist merkwürdig, wie sich so etwas im Laufe der Jahrhunderte verläppert.« »Nun, mit einem so furchtbar langen Namen werden Sie schon eine reiche Frau bekommen, Graf Semper –« »Aber pfui, Benedikte, wie können Sie so sprechen! Schämen Sie sich denn nicht bis in die Tiefen Ihrer Seele hinein?! Ich bin doch kein Handelsmann!« Benedikte erschrak und streckte dem Grafen die Hand entgegen. »Verzeihen Sie mir,« sagte sie bittend; »ich meinte es ja nicht böse.« Er behielt ihre Hand eine kurze Weile in der seinen. »Wie sollt' ich Ihnen zürnen, Benedikte,« antwortete er, und es fiel ihr auf, daß seine Stimme so warm klang. »Es kränkte mich nur – – aber auch das ist schon wieder vorbei! Gehen wir in den Park!« 30 »Herrjeh – ja! Ich sollte ja Blumen für den Abendtisch pflücken! Dabei können Sie mir helfen. . . .« Als sie über die Diele schritten und an dem Zimmer Freeses vorüberkamen, hörten sie drinnen laut sprechen, fast im Kommandotone. »Der Kandidat repetiert wohl das Exerzierreglement,« sagte Brada. »Stille 'mal, Graf Semper; das ist Nellys Stimme!« Nun hörte man aber wieder Freese sprechen: »Das ist ein Gaumenlaut, Miß Milton. Sagen Sie einmal ›ma–chen‹!« »Mack–cken! Nein – mack . . . nein – ma . . . ich kann's nicht, Mister Freese, ich thu's nie nicht lernen!« Benedikte pruschte leise auf. »Nelly nimmt deutschen Unterricht,« tuschelte sie. »Das ist nicht zum Anhören. Flüchten wir!« – – Im Parke trafen sie Trude, die ihre Freundin bereits suchte, und nun begannen die drei die Blumen zu pflücken, die den Tafelaufsatz am Abend schmücken sollten. Benedikte benutzte die Gelegenheit, da Graf Brada ein paar Schritte voran war, sich an Trude für die Verunglimpfung des Doktor Haarhaus zu rächen. »Der Graf war in unsrer Stube,« flüsterte sie ihr zu. »Was hat er denn da gewollt?« »Ach – ich hab' ihm nur mein Ansichtskartenalbum gezeigt. Er hat aber auch deine Puderbüchse gesehen. Und die Schachtel mit Mandelkleie. Und die kleine Schminkdose für deine Fingernägel. Und alles andre. Und hat immer den Kopf geschüttelt und vor sich hingelächelt.« Trude erstarrte fast. »O – Dikte!« zischte sie; denn sie ahnte irgend eine boshafte Hinterlist. Aber da trat Graf Brada mit einer ganzen Hand voll Wiesenblumen näher, und Trude 31 verstummte. Nachher suchte sie jedoch heimlich ihr Taschentuch hervor und wischte sich energisch über ihr ganzes Gesicht, um auch die letzte kleine Spur der Morgenpuderung zu tilgen. Sie schämte sich gründlich. Währenddessen wurde der Sprachunterricht in Freeses Zimmer unter erschwerenden Umständen fortgesetzt. Es war wirklich merkwürdig, wie ungeschickt sich Miß Nelly benahm. Und dabei gab sie sich die größte Mühe, den Weisungen Freeses zu folgen. Namentlich die Aussprache des ch machte ihr unendliche Schwierigkeiten. Manchmal gelang es spielend; bei andern Worten aber brachte sie es überhaupt nicht heraus, sondern sprach es immer wie ck. Das erregte ihre Verzweiflung. Sie wurde rot im Gesicht und das aschblonde Gekräusel über ihrer Stirn begann zu zittern; und einmal brach sie sogar in Thränen aus. Das aber konnte nun Freese gar nicht sehen. »Liebe Miß Milton,« sagte er, »ich bitt' Sie um Gottes willen – es kommt ja doch wirklich nicht so genau auf das unglückselige ch an – jedenfalls sind diese beiden Buchstaben Ihrer Thränen nicht wert.« »O doch,« erwiderte Nelly, halb lachend, halb weinend; »ich ärgere mir so furchtbar. Sonst sprech' ich den ch ganz gut aus, aber grade bei ma–ma–ma–cken . . . ich kann's wieder nicht! Ich sterbse vor Aerger. . . .« Schließlich tröstete sie sich aber doch und kehrte zur Grammatik zurück. Für Freese waren die Unterrichtsstunden Nellys die Sonnenblicke des Tages. Die Nähe dieser niedlichen kleinen Engländerin mit ihrem blonden Krauskopf und den taubengrauen Augen durchwärmte und durchleuchtete ihn von Grund aus und bis in seiner Seele Tiefen hinein. Er kannte die Liebe noch nicht, gab sich selbst auch keine Rechenschaft darüber, ob er Nelly liebte; er fühlte nur, daß er sich nie im Leben so wohl und so glücklich gefühlt hatte wie hier 32 in Hohen-Kraatz. Seltsamerweise fing er in dieser Zeit auch an, eitel zu werden. Er gab mehr als sonst auf sein Aeußeres, kleidete sich mit ungewohnter Sorgfalt und steckte dann und wann – was ihm früher lächerlich vorgekommen wäre – sogar ein Blümchen ins Knopfloch. Seine Jugend war öde und langweilig gewesen; nun schien sie noch nachträglich ihre Rechte fordern zu wollen. – Beim Abendessen war heute – zu Ehren Bradas – ein warmer Gang eingeschoben worden. Als man sich nach kurzem Tischgebet, das abwechselnd eines der jungen Mädchen sprach, niedersetzte, schlug die Baronin die Hände vor Erstaunen zusammen. »Nun sagt einmal, Kinder,« rief sie aus, »Ihr habt ja eine ganze Blumenausstellung arrangiert!« »Daran ist Graf Semper schuld,« entgegnete Benedikte. »Er konnte nicht genug kriegen. Die Butterblumen stammen auch von ihm.« »Ich bekenne mich gern schuldig, gnädige Frau,« sagte Semper. »Ich bin ein poetisches Gemüt und ziehe die Feldblumen der Gartenzucht vor. Außerdem ist heute –« Er stockte. »Na, was denn?« fragte Tübingen. »Eleonore, ich kann mir nicht helfen, deine Karpfen haben mehr Gräten als sonst üblich ist.« »Was ist heute, Graf Brada?« fragte nun auch Benedikte. »Eigentlich wollte ich es nicht sagen. Aber warum soll man sich nicht einmal ehren lassen? Heute ist mein Geburtstag.« Ein allgemeiner Aufstand erhob sich. Von allen Seiten streckten sich Semper die Hände entgegen, und die Glückwünsche regneten auf ihn herab. Nur die Baronin that verzweiflungsvoll. »Lieber Brada, das ist eine Tücke von Ihnen. Was 33 nützt mir jetzt Ihr Geständnis? Ich hätte Ihnen so gern eine Torte backen lassen, und mit dem einen Fischgericht würde ich mich auch nicht begnügt haben.« »Wir wollen gut machen, was noch gut zu machen ist,« bemerkte Tübingen. »Es fragt sich nur: Bowle oder reinen Sekt?« Semper wehrte sich; er bäte um keinerlei Umstände. Aber Tübingen hieß ihn schweigen. »In diesem Falle haben Sie nicht mitzureden, Semper. Sie sind der Bekenner, wir die Richter. Ich bin für das mildeste Strafmaß: eine Bowle – und zwar deshalb, weil – wie mir meine liebe Frau soeben zuflüstert – frische Walderdbeeren im Hause sind. Wer einstimmt, der hebe die Hand empor.« Alle thaten es; die Jungen unter wildem Gejauchze. »Ich möchte mir noch ein Amendement erlauben,« sagte Haarhaus. »Wir haben Vollmond und die Luft ist wunderbar. Können wir nicht mit der Bowle in den Garten wandern? Dann scheint der Mond in die Goldflut des Weines hinein, ein Effekt, den ich schon mehrfach erprobt habe und als den Höhepunkt der Genüsse preisen kann.« »Bravo!« rief Graf Teupen. »Das ist epikureisch; das ist äußerst vornehm. Eine Vereinigung des Aesthetischen mit dem Materiellen. Halb Vitellius, halb Ovid. Ich bin für das Amendement Haarhaus.« Auch die jungen Damen, die diese Idee sehr poetisch fanden, zollten Beifall. Trude wollte Kränze flechten, die man sich in das Haar drücken sollte. So eine Art Symposion schwebte ihr vor. Aber Tübingen war gegen solche Uebergriffe in das Heidnische. »Wenn der Inspektor mit dem Abendrapport kommt,« sagte er, »und sieht mich mit einem Kranz aus Butterblumen, Schafgarbe und Rosen auf dem Kopfe, so hält er mich für 34 verrückt oder angeduselt. Und beides verringert den nötigen Respekt.« Nun schlug Benedikte ein Feuerwerk vor. Man hatte noch ein paar Raketen und Schwärmer und einige bengalische Leuchten von Kaisers Geburtstag her im Hause. Doch auch dafür war Tübingen nicht. »Was habt ihr für Cäsarenlaunen, Kinder! Erst Kränze ins Haar, und nun Feuerwerk. Das konnte sich Nero erlauben, der steckte sogar Rom in Brand. Aber ich bin zu schlecht versichert. Riedecke, hier hast du den Kellerschlüssel. Vier Sillery mousseux, sechs Moselblümchen und eine Rauenthaler; das wird vorderhand genügen. Und dann Eis. . . .« Als Riedecke mit dem Wein zurückkam, hatte man beinahe abgespeist. Das war allen recht. Draußen lockte der Mond, und auch eine verspätete Nachtigall schlug noch im Flieder. Riedecke brachte die Bowle, ein riesiges Gefäß, das in einer noch riesigeren Bronzeschale stand, die mit Eisstückchen gefüllt wurde. Die Bowle war das Abschiedsgeschenk der Kameraden von der Garde du Corps an Tübingen, und jedesmal, wenn der dicke Baron sie sah, ward er wehmütig und begann in Erinnerungen zu schwelgen. »Kinder, was trank man damals zusammen,« erzählte er, während er den Mosel einfüllte. »Ich kann mir nicht verhehlen, daß die Zeiten geordnetere geworden sind. Es geht auch ein leichterer Zug durch die Welt. Dunnemals mußte alles schwer und kräftig sein; das nannte man gediegen. Auch die Bowlen. Die waren so ähnlich, wie die vom alten Kielmann. Wir nahmen immer ein paar Flaschen Portwein dazu. Und wenn wir uns dann am nächsten Morgen beim Schwadronsexerzieren guten Tag sagten, fragte einer den andern: ›Brummt dir der Schädel denn auch so?‹ Und freudig bejahte man das, denn so mußte es sein. Man 35 mußte die Gediegenheit auch spüren . . . Riedecke, nun mach den Sekt auf!« Der Alte war unvorsichtig. Er ließ einen Pfropfen springen. Es gab einen Knall und dann flog der Pfropfen zuerst an die Decke und an das Ohr der Plafondnymphe, das Benedikte auf niederländische Art übermalt hatte, und sprang hierauf zurück und zwar mitten auf den Tisch. Die Jungen brüllten vor Uebermut, und der Mousseux schäumte lustig aus dem Flaschenhalse. Dabei fiel Benedikte etwas Besonderes ein. »Papa,« sagte sie, »kannst du mir nicht einmal ein Glas Champagner geben? – Ich habe mich nämlich neulich mit Trude gestritten. Trude meinte, da wäre Wunder was dabei, ein Glas Champagner in einem Zuge auszutrinken, so wie es Doktor Haarhaus und Semper immer machen. Ich glaube aber, das ist ganz leicht. . . .« Die Mama erklärte, Benedikte möchte diese Kunststücke doch lieber den Herren überlassen, wogegen Tübingen meinte, er befördere jeglichen Wissensdurst und von Riedecke ein paar Spitzgläser kommen ließ. Nun machten Haarhaus und Semper erst die Sache vor. Sie führten ihr Glas an die Lippen, beugten den Kopf ein wenig nach hinten über und gossen den Sekt ohne abzusetzen in die Kehle. Dann kam Benedikte an die Reihe. »Ha,« sagte sie, »das ist gar nichts!« Aber der prickelnde Duft des Mousseux' stieg ihr in die Nase. Sie nieste und lachte, setzte an, verschlückerte sich und goß sich den Champagner auf die Bluse. Jetzt wurden auch die Großen zu Kindern. Die Baronin protestierte zwar, aber Tübingen wollte sehen, ob er das auch noch könnte. Zu guter Letzt probierte unter allgemeiner Heiterkeit selbst Graf Teupen den »Husarentrunk«. Und er gelang ihm. »Seht ihr, es geht noch,« sagte er lachend. »Ja, Kinder, die Zeiten ändern sich. Ich war bei den Saxo-Borussen 36 aktiv, und mein alter Heidelberger Magen hat lange genug vorgehalten. Aber die diplomatischen Diners ruinieren den Menschen. Sillery mousseux kannte man derzeitig freilich nicht; man trank Cliquot oder Mumm souverain und zum Dessert gewöhnlich Lacrimae Christi oder Cap Constantia. Das setzte allem die Krone auf. Als letzten Abschluß gab es dann zuweilen auch noch einen Tokayer Ausbruch. Und vorher die schweren Rotweine! Eberhard hat recht: die Sehnsucht nach Leichterem geht heut durch die Welt.« »Fertig!« rief Tübingen, als er die letzte Flasche Sekt in die schäumende Flut quirlen ließ. »Riedecke, ist der Tisch unter den Kastanien gedeckt?« »Zu befehlen, Herr Baron; Stupps hat ihn gedeckt.« »Also los,« sagte Haarhaus. »Feiern wir ein Fest der Jugend, wie die Epheser im Tempel ihrer Diana! Riedecke voran mit dem Opfergefäß, als Oberpriester und Wahrer des heiligen Feuers. Dann Graf Brada als Triumphator. Da wir ihm nicht das Haupt mit Rosen schmücken dürfen, schlage ich vor, wir fesseln ihn mit Blumenketten und geben ihm ein Gänseblümchen in den Mund.« Aber Semper wehrte sich dagegen; er sei sozusagen der Held des Abends, aber kein Opferstier. Die beiden Jungen schienen schon durch den bloßen Anblick der Bowle zu schönem Thatensinn begeistert worden zu sein; denn sie begannen mit mächtiger Stimme Nadowessiers Heldenlied nach eigener Melodie zu singen. Unter den Kastanien war es in der That herrlich. Die Luft lau und von Blütenduft durchweht. Der Vollmond rückte gerade über die Ahornbäume heraus, die den Park nach der Dorfseite abgrenzten und dort bewegungslos, gleich riesigen schwarzen Schildwachen, standen. Die Atmosphäre war wie mit Gold durchrieselt. Riedecke wollte eine Gartenlampe auf den Tisch setzen, aber man schickte ihn wieder 37 zurück. Es war hell wie am Tage. Die Kieswege glänzten schneeweiß. Mit freudigem Bellen sprangen Cäsar, Lord und Mohrchen heran, umschnoperten den Schlummerkorb Cosys, carrierten ein paarmal um das Rosenrondell und kuschten sich dann gehorsam nieder. Haarhaus gab der Bowle ihren Platz, so daß thatsächlich der Mond in sie hinein schien. Alle bewunderten die Wirkung, erhoben jedoch lärmenden Widerspruch, als Graf Teupen scherzend sagte, das Bild sei zu schön – man solle die Bowle nicht austrinken, sondern sich nur an ihrem Anblick erfreuen. »Ich bin aus Charaktergründen dagegen,« meinte Haarhaus. »Man soll sich auch einem ästhetischen Genuß nicht allzulange hingeben, soll vielmehr die Stärke besitzen, ihn abzukürzen. Und dieser Moment scheint mir gekommen zu sein. Fräulein Palm, reichen Sie mir bitte die Gläser herüber! . . .« Max war bisher sehr still gewesen. Das fiel nicht auf; er hatte von seiner früheren Lebhaftigkeit viel eingebüßt, seit er in Afrika gewesen war. Die Eingeweihten wollten wissen, daß das noch der Nachhall seiner romantischen Liebesepisode mit Fräulein Warnow sei. Als die Gläser aber gefüllt auf dem Tische standen, räusperte er sich, stand auf und hielt zu aller Verwunderung eine hübsche kleine Rede auf das Geburtstagskind. Nun wurde auch er vergnügt. Man pokulierte tapfer und plauderte dabei vom Hundertsten ins Tausendste. Selbst die Baronin war in guter Laune, aber als Benedikte ein drittes Glas trinken wollte, fand sie dies empörend. »Ach was,« sagte Tübingen, »sei gemütlich, Eleonore! Von jeher waren aller guten Dinge drei – und Zimperlichkeit kann ich nicht leiden. Herr Freese, schauen Sie nicht immer in den Mond und in die Augen von Miß Nelly! 38 Sprechen Sie auch einmal ein Wort! Hat Ihnen Ihr Freund Reinbold noch nicht geantwortet?« Der Kandidat errötete bei der Anspielung auf die Augen Nellys. »Ja, Herr Baron,« antwortete er; »der Brief kam mit der Abendpost, aber ich wollte nicht stören –« »Nun? Was schrieb er denn? Hat er sein Konterfei mitgeschickt?« »Auch das, Herr Baron –« Und Freese griff in seine Brusttasche, holte ein Couvert hervor und entnahm diesem eine Photographie, die er Tübingen reichte. Der Baron stand auf und trat weiter in das Mondenlicht hinein. »Nanu?!« sagte er; »hören Sie 'mal, Freese, haben Sie sich nicht etwa vergriffen? – Das ist ja ein Gymnasiast – mit 'ner sogenannten Regennase . . . Eleonore, sieh bloß! Das ist doch im Leben kein Pastor. Mit so 'nem vergnügten Gesicht!« Die Baronin nahm das Bild. Sie war entsetzt oder that doch so. »Nein, das ist unmöglich, Eberhard. Das ist erstens 'mal ein Kind, und zweitens sieht mir der junge Mensch zu lustig aus. Den würde niemand ernst nehmen.« »Vielleicht hat ihm der Photograph gesagt: ›Nun bitte recht freundlich,‹ und da hat er übertrieben.« »Aber er lacht ja über das ganze Gesicht, Eberhard! Es fehlt die Würde – die Würde fehlt.« Das Bild ging im Kreise herum. Währenddessen öffnete Freese den Begleitbrief Reinbolds. »Ich bitte um Verzeihung, Frau Baronin,« sagte er bescheiden, »wenn ich mir einen Einwurf erlaube. Als ich Reinbold kennen lernte, frappierte mich auch zunächst sein – 39 ich möchte sagen humoristisches Gesicht. Es schien mir durchaus nicht zu seinem Beruf zu passen. Und da hat er mir dann in der Folge sein Herz ausgeschüttet. Sein Vater, Großvater und Urgroßvater waren Geistliche. Er selbst neigt seinem innersten Wesen nach zum Ernsten und Beschaulichen, zu seelischer Reflexion. Er hat viel mehr von schwerem Geblüt als heiterer Natur. Aber das Unglück ist, daß ihm das keiner glaubt, weil er ein so unsagbar fideles Gesicht mit auf die Welt bekommen hat.« Der ganze Tisch interessierte sich für Herrn Reinbold. »Das erinnert mich an Victor Hugos Roman L'homme qui rit ,« meinte Haarhaus. »Ich weiß nicht, ob die Herrschaften das Buch kennen. Der Inhalt dreht sich um die Antithese: die moralische Schönheit in physischer Mißgestalt und die Häßlichkeit der Seele im schönen Körper.« »Ich entsinne mich,« fiel Graf Teupen ein. »Der Held ist von Natur dazu verdammt, immer lachen zu müssen, schrecklich zu lachen, und wird schließlich bei allem Elend glücklich, als eine Blinde ihm ihre reine Liebe schenkt.« »Man kann aber nicht sagen,« nahm Max, die Photographie in der Hand, das Wort, »daß das Gesicht dieses Herrn Reinbold unsympathisch ist. Im Gegenteil – es sieht freundlich und vertrauenerweckend aus. Es hat nichts Schreckliches – trotz der vergnügten Nase und dem lachenden Zug um den Mund, der doch eigentlich nur ein lächelnder ist.« »Und ich kann Ihnen versichern, Herr Baron,« sagte Freese mit warmem Ernst, »daß auch das ganze Wesen Reinbolds volle Sympathie verdient. Wenn es überhaupt möglich ist, daß eine Empfehlung von mir in die Wagschale fällt, so möchte ich mir die gehorsamste Bitte erlauben, es mit Reinbold jedenfalls einmal versuchen zu wollen.« »Ach ja, Papa,« bat auch Benedikte, und noch lebhafter 40 verwandte sich Trude Palm für den »Unglücklichen«, wie sie sich ausdrückte. »Gut also – er mag kommen,« entschied die Baronin. »Ich muß ja zugestehen: ein ewig heiteres Geistlichenantlitz würde mich ein wenig bedrücken –« »Ein ewig düsteres ist mir noch fataler,« fiel Tübingen ein, und Freese bemerkte: »Ich glaube, Reinbold wird endgültig mit der goldenen Mittelstraße dienen können, Herr Baron. Nach den Erfahrungen, die er bereits in seiner Kandidatenzeit mit der ungewollten Lustigkeit auf seinem Gesicht gemacht hat, scheint er auch hier gewisse Befürchtungen vorgeahnt zu haben. Denn er schreibt mir, zu seiner Freude keime ihm stattlich der Bart. Er will sich nun einen Vollbart stehen lassen und hofft sich dank dieser männlichen Zier in baldiger Zukunft auch äußerlich ernster, würdiger und männlicher präsentieren zu können als bisher. Nur möge man gütigst noch so lange Geduld mit ihm üben, bis der Bart sich entwickelt und entfaltet habe.« Tübingen lachte gutherzig. »Sehen Sie, Freese, nun gefällt mir Ihr Reinbold schon ganz ausgezeichnet! Für Leute mit Schicksal habe ich überhaupt immer etwas übrig, und daß auch ein Menschengesicht zum Schicksal werden kann, beweist dieser Fall. Also schreiben Sie ihm, er möge kommen und predigen, und gefällt uns sein Wort und seine Art, so wollen wir ihm Arme und Seelen öffnen; denn wir sehen nicht auf die Nase, sondern auf das Herz. Und der liebe Gott thut das erst recht.« Freese konnte nicht anders; er mußte des braven Mannes Hand nehmen und sie voll warmer Empfindung drücken. Am unteren Ende der Tafel, da, wo die jungen Herrschaften saßen, war man inzwischen immer ausgelassener geworden. Namentlich Graf Semper, der seinen Platz zwischen 41 Nelly und Benedikte hatte, amüsierte sich wundervoll und pries den guten Einfall, seinen Geburtstag hier zu verleben. Zufällig hatte er auch am nächsten Vormittag keinen Dienst, konnte also aufbrechen, wann er wollte; vielleicht forderte man ihn auch auf, in Hohen-Kraatz zu übernachten, was schon öfters vorgekommen war. Das wäre ihm freilich das liebste gewesen; einen ganz zierlichen kleinen Schwipps hatte er bereits, und die Tante Bolte war nach der glücklichen Kur Isaaksohns ziemlich lebhaft geworden. . . . Auf der andern Seite Benediktes saß Haarhaus, ebenfalls lebendiger als sonst; er erzählte den jungen Mädchen, wie gewöhnlich, von seinen Erlebnissen in Afrika und log dabei entsetzlich, brachte auch Max in vielfältige Verlegenheit, an den er sich zuweilen mit dem Zwischenruf wandte: »Weißt du noch, Max?« oder »Max, besinnst du dich – in Wahiwede – wir kamen g'rade von Wasambara?!« . . . Der alte Teupen hatte sich von Riedecke die Beine in eine Decke wickeln und eine Fußbank unterschieben lassen. So saß er zuhörend da, das Gesicht voll dem Monde zugekehrt, für dessen magnetische Eigenschaften er sich begeistern konnte; denn er war unter anderm auch ein Anhänger Mesmers und Dupotets. Die Baronin schlief schon halb. Im Hintergrunde unterhielten sich Riedecke und Stupps flüsternd und wispernd; das heißt Riedecke erzählte dem Jungen von seiner Kammerdienerzeit in London und log dabei gerade so wie Haarhaus im Vordergrunde. Brada war eine Zeit lang merkwürdig ruhig gewesen, und Benedikte fragte ihn daher: »Sie maikäfern wohl, Semper?« »Ja,« erwiderte dieser, »diesmal haben Sie es richtig getroffen. Ich habe etwas Feierliches auf der Zunge. Ich muß mich doch für die Ehrung Maxens bedanken. Nehmen Sie bitte einmal einen Kieselstein auf, Fräulein Benedikte – 42 denn ich selbst kann mich nicht bücken – und klinken Sie damit an Ihr Glas.« Benedikte that dies und zwar dreimal, weil sie es für angemessener hielt. Hierauf erhob sich Brada und begann also: »Meine verehrten Herrschaften!« »Aha,« fiel Haarhaus ein, »jetzt schwingt er auch eine Rede!« »Nicht ins Wort fallen, Doktor,« sagte Tübingen; »man darf auch in einem gesunden Menschen nie eine Motion unterdrücken oder verzögern, weil das unberechenbare Folgen haben kann. Semper macht schon ein ganz weinerliches Gesicht.« »O nein, Herr von Tübingen,« entgegnete Brada, seine kleine Figur reckend. »Der Adlerflug meiner Gedanken läßt sich nicht so leicht hemmen und das Gefühl meiner Dankbarkeit nicht unterdrücken. Letzterem nämlich wollte ich, so beredt wie mir dies überhaupt möglich ist, Ausdruck geben. Ich könnte einfach sagen: das Haus Tübingen lebe hoch, und das würde in seiner Kürze auch völlig dem entsprechen, was meine Seele bewegt. Da aber Max als Vertreter dieses liebenswürdigen und gastfreundlichen Tübingenschen Hauses mich vorhin gefeiert hat, so sei mir verstattet, mich mit meiner tiefdurchdachten Rede direkt an ihn zu wenden, der ja augenblicklich so wie so im Mittelpunkte aller Interessen steht. Daß ihm seine großen und kühnen Unternehmungen im schwarzen Erdteil auch gesundheitlich vortrefflich bekommen sind, davon können wir uns ja Gott sei Dank tagtäglich und stündlich überzeugen. Außer Doktor Haarhaus wachte noch ein besonders glücklicher Stern über ihm. Kein Löwe griff ihn an, kein Krokodil hat nach ihm geschnappt und kein Känguruh hat ihn gebissen; selbst die Wilden ehrten in ihm den Träger der Zivilisation und übergaben ihm willig ihre Waffen, die er uns mitgebracht hat. Und nun ist er wieder 43 hier und wird in friedensreicher Thätigkeit in seinem Ministerium weiter schalten. Es wird nicht lange dauern, so ist er Legationsrat, und dann folgt auch sehr bald der Geheime; denn das Geheime war immer seine Schwäche. Ich sehe ihn schon als wohlbestallten Gesandten unsres Kabinetts bei irgend einer bedeutenden Macht vor mir und hoffe, er wird dann endlich auch sein Herz entdeckt und eine liebliche Gattin heimgeführt haben, die ihm mit weicher Hand die politischen Sorgen von der Stirn streicht. Und auf alles dies möchte ich mir erlauben, mit Ihnen anzustoßen: auf die Carriere unsres Max in diplomatischer und menschlicher Hinsicht, auf den Herrn Gesandten in spe und die Frau Gesandtin und das ganze sonstige Zukunftsglück des Hauses Tübingen! Hurra, hurra, hurra!« Die Jungen schrieen so, daß sie zu Bette geschickt wurden, aber auch alle übrigen stimmten mehr oder weniger begeistert in den Hurraruf ein und ließen ihre Gläser an das Glas Maxens anklingen, der sich redliche Mühe gab, sein saures Gesicht zu verbergen. »Ich danke Ihnen, lieber Semper,« sagte er, »für alle Ihre guten Wünsche. Nur eins möchte ich bemerken: daß mich kein Känguruh gebissen hat, lag weniger an meinem Glück als an den zoologischen Verhältnissen Ostafrikas. Das schadet aber nichts. Ich bin trotzdem sehr gerührt –« »Ich auch,« setzte Tübingen hinzu. »Die Zukunftsperspektiven haben Sie hübsch ausgemalt, Brada. Ich wollte, ich erlebte die Frau Gesandtin noch. Komm her, Max, und gib mir einen Kuß daraufhin! Du wirst hoffentlich nicht unverheiratet bleiben wollen, mein Junge!?« »Nein, Papa,« erwiderte Max und küßte die Wange des Alten, und das Herz war ihm recht beklommen, »ich möchte dir sogar mein feierliches Ehrenwort geben, daß dies nicht der Fall sein wird.« 44 »Recht so,« sagte Graf Teupen. »Kinder, ihr glaubt gar nicht, wie ungemein wichtig gerade für einen Gesandten seine Gesandtin ist! Ich muß da an das Jahr Sechzig und an Paris denken. Preußen war durch Graf Pourtalès vertreten und Oesterreich durch Richard Metternich. Aber Pourtalès galt wenig in den Tuilerieen und Metternich war alles. Und woran lag das? Nicht an den Herren selbst, wohl aber an ihren Frauen. Die Fürstin Pauline Metternich paßte ganz zu den Franzosen, die Gräfin Pourtalès aber hätte besser nach dem protestantischen England gepaßt. Sowohl ihrer Abkunft, wie ihrer Erziehung und ihren persönlichen Neigungen nach. Denn die Metternich war eine Tochter des tollen Sándor, des wagehalsigen ungarischen Reitergrafen, und die Pourtalès eine Tochter des früheren Kultusministers von Bethmann-Hollweg. Und das Blut Sándors war den Franzosen lieber. . . . Aber, Herrschaften, es fängt an, kühl zu werden. Wie denkt ihr über die Bettstatt?« »Jawohl, Herr Graf – es wird Zeit!« rief Brada. »Stupps, laß mir die Tante satteln!« »Kein Gedanke, Graf Brada,« entgegnete die Baronin, sich erhebend. »Sie bleiben ruhig hier. Ihr Zimmer ist in Ordnung. Wo steckt denn Benedikte?« »Sie wollte sich die Mondbeleuchtung auf der Insel ansehen, gnädige Frau,« antwortete Trude. »Sie wird sich wieder erkälten, und morgen hustet sie.« »Ich werd' sie benachrichtigen, gnädige Frau,« rief Haarhaus und sprang auf. Trude und Nelly wollten mitgehen, aber die Baronin sprach dagegen; sie brauchten sich nicht alle drei den Schnupfen holen. Der Park hinter dem Herrenhause glich in dieser schimmernden Mondbeleuchtung dem Zaubergarten Klingsohrs. Ueber die Wiesenflächen spann ein feiner, durchsichtiger Nebel seine Silbergaze aus. Die Akazien standen noch in Blüte, 45 und bei jedem leisen Windhauch rieselte es schneeig von ihnen herab. Eine Gruppe hochragender alter Edeltannen hob sich, an Böcklinsche Bilder mahnend, schwarz und düster vom leuchtenden Himmel ab. Haarhaus eilte mit starken Schritten nach der Insel. »Fräulein Benedikte!« rief er laut. »Hier!« scholl die Antwort zurück. Haarhaus blieb stehen. »Hier sagt mir zu wenig, gnädiges Fräulein. Wo, ist die Hauptsache.« »Aber sehen Sie mich denn nicht!? Ich bin dem alten Traugott auf den Rücken geklettert, und nun kann ich nicht mehr hinunter. Es ist ein Glück, daß Sie kommen! . . .« Jetzt erst sah Haarhaus die kleine Baronesse. In einem Winkel der Insel stand ein verfallenes, sehr primitives Monument. Es mochte früher einmal eine Art Obelisk gewesen sein und war zu Ehren eines Traugott von Tübingen errichtet worden, der bei Preußisch-Eylau den Heldentod gefunden hatte. Jetzt war das Mauerwerk von einem dichten Gespinst Epheu überzogen, durch den sich blaßlila und violette Winden rankten. Haarhaus war näher getreten. »Nun sagen Sie einmal, geehrtes und liebwertes Fräulein Benedikte von Tübingen, was machen Sie denn da oben eigentlich?« »Ich suchte Aussicht, nichts weiter. Da habe ich mir einen Birkenstubben herbeigeschleppt, der sonst als Gartenstuhl zu dienen pflegt, und bin heraufgeklettert. Aber der Stubben fiel meuchlings um. Und nun stehe ich hier und kann nicht anders.« Haarhaus betrachtete sich das eigentümliche Bild näher. Das war nun wirklich eine Art Monument, wenn auch keins zu Ehren des verstorbenen Traugott. Benedikte stand auf 46 der ehemals wahrscheinlich zugespitzten, jetzt flachen Höhe des Denksteins und konnte sich nicht rücken und rühren. Sie hatte mit beiden Händen die Kleider ein wenig an sich gezogen, unter denen die ländlich derben Stiefelchen hervorschauten. Ihr hübsches dralles Figürchen zeichnete sich in scharfen Umrissen ab. Ihr Gesicht lachte; die weißen Zahnreihen glänzten. »Sapperment, Fräulein Benedikte,« sagte Haarhaus; »was hätten Sie denn nun gemacht, wenn man Sie nicht geholt hätte!?« »Dann wäre ich nachtsüber in dieser Stellung erfroren. . . . Aber nein – ich wäre todesmutig hinuntergesprungen und würde mir wahrscheinlich den Fuß verknackst haben.« »Ist das vernünftig? Ist das einer Baronesse Tübingen würdig?« »Halten Sie bitte keine Reden, Doktor Haarhaus, sondern helfen Sie mir! Der linke Fuß schläft mir schon ein und im rechten fängt es auch an zu kribbeln.« »Na, da warten Sie 'mal! Die Sache ist nicht so einfach. So – jetzt steh' ich in Positur. Und nun bücken Sie sich ein bißchen und springen Sie mir tapfer in die Arme. Ich fang' Sie schon auf.« Benedikte holte erst tief Atem. Es war doch ungemütlich und hatte auch etwas Peinliches. »Hören Sie 'mal,« sagte sie, »setzen Sie mir doch einfach den Stubben wieder hin. Und dann drehen Sie sich herum – ich werde versuchen, hinabzuklettern. Auch auf die Gefahr hin, mir das Kleid zu zerreißen.« »Das geht nicht, Baronesse. Der Stubben ist feucht; Sie würden ausgleiten. Sempre coraggio – springen Sie los!« Und Benedikte holte noch einmal tief Atem, machte die Augen zu und sprang. Haarhaus fing sie sehr geschickt auf 47 und stand fest dabei. Er hatte Kräfte. Aber er ließ sie auch nicht wieder los. Bowle war immer verhängnisvoll für ihn. »So,« sagte er. »Nun kommt die Strafe für Ihre Unvernunft. Jetzt werde ich Sie nach Hause tragen, damit Sie nicht noch einmal davonlaufen.« Sie erwiderte kein Wort. Sie hatte noch immer die Augen geschlossen. Ein ganz neues Gefühl durchströmte sie: das des Unbewußten. Ihre Seele schien Schwingen zu bekommen und davonfliegen zu wollen – in unbekannte Weiten. Sie spürte gar nicht, daß sie körperlich an der Brust eines Mannes ruhte; etwas süß Auflösendes teilte sich ihr mit. Knospen sprangen in ihrem Herzen und entfalteten sich zu Wunderblumen, und brausender Frühlingszauber durchdrang sie. . . . Haarhaus ging einige Schritte weit mit ihr über den Rasen. Dann blieb er wieder stehen und sah ihr in das Gesicht, das ganz weiß war im Mondenlicht, allein kirschrot der blühende Mund. Sein Herz klopfte gewaltig. Was war mit ihm? . . . O holde, holde Sommernacht! Wie die Nebelschleier über den grünen Wiesen reißen und das Buschwerk mit zitternden Fäden umspinnen! Wie es so leise rauscht im schweren Laub der Blutbuchen, und die Silbereschen glitzernd ihre Zweige recken! Und wie überall, hinter Strauch und Hecke und im Klee und im duftenden Thymian und zwischen den wilden Rosen, die Amoretten kichern! . . . Haarhaus neigte sich über Benedikte und küßte sie auf den Mund. Ein Schauer überflog sie. Sie schlug weit und entsetzt die Augen auf. Das Wesenlose zerrann und das Bewußtsein kehrte wieder. Das Weib erwachte in ihr. Sie stieß einen ganz leisen Schrei aus und glitt aus seinen Armen. 48 »Dikte!« erscholl Trudes Stimme in der Nähe. »Bene – bene – benedikte!« rief auch Graf Brada. »Hier sind wir!« rief Haarhaus zurück. Es war wie ein Schleier von seinem Hirn geflogen. Das Herz klopfte noch immer stark, nur ängstlicher als vorhin. Ein Gefühl tiefer Scham quoll in ihm auf. Er beherrschte sich mühsam und that harmlos und heiter. Auf der Brücke sah man Semper und Trude. »Der Herr, der schickt den Jockel aus,« recitierte Brada. »Ja, Herrschaften, das ging nicht so schnell,« erklärte Haarhaus. »Fräulein Benedikte wollte Aussicht genießen, und die Aussicht war zu hoch. Ich mußte der Gnädigsten erst vom Denkmal Dagoberts herunterhelfen; hieß er nicht Dagobert?« Benedikte lachte. Niemand merkte, wie krampfhaft dies Lachen klang. »Nein – Traugott,« sagte sie; »wie schlecht sind Sie in der vaterländischen Geschichte beschlagen, Herr Doktor!« Semper schaute ihr scharf und rasch in die Augen. »Alles wartet auf Sie, Benedikte,« – und wie ein leiser Vorwurf klang es aus seiner Stimme; »geben Sie mir Ihren Arm.« »So bitt' ich um den Ihren , Fräulein Palm« – und Haarhaus verneigte sich leicht vor Trude. Sie ließ es sich nicht zweimal sagen. Das war ein Triumphmarsch für sie, von hier bis zum Schlosse, und eine Niederlage für Benedikte. Pah – was war denn der grüne Leutnant gegen ihren berühmten Afrikaner! – Unter den Kastanien empfing die Baronin ihr Töchterchen scheltend. »Dikte, es hat alles seine Grenzen. Warten wir morgen ab. Beim ersten Niesen gibt's Stubenarrest und Fliederthee. Und nun zu Bette! . . .« 49 Trude hatte wie immer noch lange zu erzählen, ehe sie das Licht auslöschte und Gute Nacht sagte. Aber sie nahm heute keine Mandelkleie und verschmähte auch die Papilloten. Benedikte schien es gar nicht zu bemerken. Sie war einsilbig und schützte große Müdigkeit vor. Aber sie log. Sie konnte nicht einschlafen. Ihr Gesicht glühte und ihre Pulse flogen. Wilde Schreie durchtobten ihr Herz. Und ihre Lippen brannten noch von dem Männerkusse, in dem ihre Kindheit erstorben war. . . . Um Mitternacht wachte Trude auf und hob den Kopf ein wenig. Sie horchte. Dann richtete sie sich auf und beugte sich sacht über Benedikte, deren Bett dicht neben dem ihren stand. »Aber Dikte, du weinst ja?!« Benedikte fuhr mit blassem Gesicht jäh in die Höhe. »Ich . . . Ja! . . . Ja, Trude, ich weine! . . . Ich habe – ich habe gräßliche Zahnschmerzen!« Trude stieg aus dem Bett und kramte auf ihrem Toilettentisch umher. »Nimm ein bißchen Watte mit Eau de Cologne und stecke dir das in den Zahn,« sagte sie. »Warte, ich mache es dir zurecht. Es ist doch ein hohler?« »Nein, Trudchen – ich habe gar keinen hohlen.« »Ja, liebe Dikte, dann ist es Reißen. Du wirst dich erkältet haben. Weshalb läufst du denn noch so spät auf die feuchte Insel! Es ist ein wahres Glück, daß ich Provenceröl hier habe. Ich werde dir die Backe einreiben.« »Ach, Trudchen, es wird schon so vergehen. Es ist schon ein bißchen besser.« »Das kommt wieder, Dikte. Reißen geht manchmal fort und kommt immer wieder.« . . . Als Apothekerstöchterchen hatte sie stets einen ganzen Medizinkasten zur Hand. Sie goß ein paar Tropfen Provenceröl in einen zinnernen 50 Löffel und hielt diesen über das Licht. Dann setzte sie sich, den Löffel in der Hand, auf das Bett Benediktes. »Die rechte oder die linke Backe, Dikte?« »Ach, liebes Trudchen – du bist zu gut – aber laß es doch lieber. Ich weiß gar nicht, welche Backe. Es zieht immer so 'rum.« »Dann reib' ich beide ein. Und nun halt still, Dikte!« Es half nichts. Benedikte mußte es sich gefallen lassen, daß Trude ihre Wangen mit dem warmen Oel bearbeitete. Aber das kühlte ihr Herz nicht ab; das Herz that ihr immer noch weh. Nur sagte sie es nicht. Zehntes Kapitel. Erzählt, was man alles im Erlenbruch an einem Regentage erleben kann. Benedikte war in all ihrem Herzensweh, mit feuchten Augen und öligen Bäckchen, endlich glücklich entschlummert. Doch sie wachte zu früher Stunde wieder auf. Die Uhr auf ihrem Nachttisch zeigte erst auf Fünf. Unter dem Fenster zwitscherten Schwalben und Sperlinge; die Natur draußen jauchzte dem Tage entgegen. Benedikte schaute sich nach Trude um, die mit offenem Mäulchen noch selig schlief. Aber heute dachte Benedikte an keinen Unfug. Sie streckte sich wieder im Bette aus und wollte überlegen. Sie fühlte, daß sie ganz ruhig geworden war. Also zunächst: Haarhaus hatte ihr einen Kuß gegeben. Benedikte wurde unwillkürlich rot bei diesem Gedanken – aber es ließ sich daran nun einmal nicht rütteln. Es war Thatsache. Was mußten die Folgen sein? . . . Ganz 51 einfach: Haarhaus würde um sie anhalten! . . . Natürlich war das einfach, doch Benedikte wurde trotzdem plötzlich ungewöhnlich warm im Bett. Sie richtete sich auf und grübelte im Sitzen weiter. Die Eltern! Was würden die sagen?! Das war eine ängstliche Geschichte – fast so wie Maxens Liebesepisode – nur umgekehrt. Haarhaus war nicht von Adel. Der Papa dachte ja sehr vernünftig in dergleichen, aber die Mama – und der Großpapa! Allerdings war Doktor Haarhaus ein berühmter Mann. Das fiel in die Wagschale. Das war vielleicht auch beruhigend für Mama und Großpapa. . . . »Frau Doktor Haarhaus« – – und ein leichtes, sinnendes Lächeln zuckte um den Mund des jungen Mädchens. Es gab ja schönere Namen. Aber die Berühmtheit! Plötzlich warf sich Benedikte wieder in das Bett zurück. Unsinn! – Haarhaus hatte ihr ja noch keine ordentliche Liebeserklärung gemacht. Zuerst mußte doch die Liebeserklärung kommen. Gestern abend war das unmöglich gewesen. Unmöglich in Gegenwart Trudes und Sempers; da hatte man sich verstellt, hatte man einfach Komödie gespielt. . . . Also die Liebeserklärung mußte abgewartet werden; dann kam das Anhalten an die Reihe. Oder kam erst das Anhalten? . . . Benedikte wußte nicht recht Bescheid. Ihr wurde schon wieder warm, und ein gewisses ängstliches Gefühl pochte an ihrer Kehle. Sie versuchte ihr Herz zu sondieren. Es war zu merkwürdig: sie hätte doch »unsäglich glücklich« sein müssen, wie sie erst neulich wieder in einem Roman gelesen hatte – und sie hatte eigentlich nur Angst. Und wovor denn Angst?! Sie begriff das nicht. Vielleicht war das immer so. Oder – Ein entsetzlicher Gedanke durchbebte sie. Liebte sie Haarhaus nicht?! . . . Sie dachte den Gedanken nicht aus, dachte 52 nicht weiter . . . fast ohne zu wissen, was sie that, war sie mit einem Satz aus dem Bette und stürzte an die Waschtoilette und begann mit Schwamm und Seifenläppchen ihren hübschen frischen Mund zu bearbeiten, als wolle sie den Kuß von gestern abend wieder abwaschen. Dann fiel ihr Blick in den Spiegel über der Toilette. O pfui, wie sah sie aus! Bleich, übernächtig und die Wangen glänzend von dem Provenceröl Trudes. Das war im Leben nicht das Gesicht einer glücklichen Braut. Sie wusch sich nochmals. . . . Als sie in ihr Bett zurückgekehrt war, begann sie von neuem zu überlegen. Heimlich lachte sie sich selbst aus. Es war ja selbstverständlich, daß sie Haarhaus liebte. Dies eigentümliche Empfinden, das sie durchbebt hatte, als er sie gestern nur ein paar Schritte weit in seinen Armen getragen – das war doch die Liebe! Oder nicht? Aber wie gab sich denn sonst die Liebe kund?! . . . Sie hätte gern Trude gefragt. Trude hatte ihren Erzählungen nach schon häufig geliebt; den Zeichenlehrer in ihrer Pension, den Provisor in der Apotheke ihres Vaters und einen Unbekannten, den sie bei einem Besuch in Berlin am Leipziger Platz hatte in eine Pferdebahn steigen sehen, und der ein bildschöner Mann gewesen war. Also Trude mußte es wissen. Aber Benedikte wollte sie nicht befragen. Trude war indiskret. Und Benedikte grübelte weiter. Sie sagte sich, daß Haarhaus vom ersten Augenblick an, da sie ihn kennen gelernt, Eindruck auf sie gemacht hatte. Nicht als verschnupfter Handwerksbursche – nein, da nicht – am nächsten Morgen. Er war viel mehr Held als Max; man wußte sofort, daß er ein großer Mann war. Er imponierte ihr – sie fürchtete ihn sogar ein bißchen. Ja, sie fürchtete ihn – sie wiederholte sich das. Und ärgerlich schlug sie mit der flachen Hand 53 auf die Deckbette und rief laut: »Donnerwetter, das ist doch aber noch keine Liebe!« »Wie meinst du?« fragte Trude, reckte den Kopf aus den Kissen hervor und gähnte. »Ist's denn schon Sieben?« »Nein,« erwiderte Benedikte, »schlaf nur weiter!« Trude legte sich auf die andre Seite. »Wie geht's heute mit deinem Reißen, Dikte?« »Danke, gut. Es ist ganz vorbei.« »Siehst du! Heißes Oel« . . . und dann schlief Trude wieder ein. Benedikte zuckte mit den runden Schultern. Heißes Oel – lächerlich! Sie hatte an andres zu denken. Und auf einmal fielen ihr die gräßlichen Beschuldigungen Trudes von neulich abend ein. Haarhaus ein Herzensmörder! Er knickte die Lilien und zertrampelte sie dann! Er trug ein Armband! Vielleicht auch einen Fußring! . . . Siedend heiß schoß ihr das Blut in das Gesicht. Wenn die Trude nun recht hatte?! Wenn Haarhaus wirklich . . . oho! – und sie fuhr wieder im Bett empor. Ihr sollte er nur kommen! Sie ließ sich nicht zertrampeln. . . . Dieser Elende! . . . Jetzt hielt sie es nicht länger im Bette aus. Sie stand auf und begann sich anzukleiden. Davon erwachte Nelly im Nebenzimmer. »Dikte,« rief sie, »was mackst du?« Ein guter Gedanke blitzte Benedikte durch den Kopf. Sie huschte in Nellys Zimmer und setzte sich zu ihr auf den Bettrand. »Ich kann nicht mehr schlafen, Nelly,« sagte sie. »Ich habe verrücktes Zeug geträumt. Denke dir, ich habe geträumt, daß ich verliebt wäre.« Nelly war sehr erschreckt. »Aber, Dikte – von so etwas träumt doch keiner nicht!« 54 »Ich kann doch nichts dafür! Sei nicht so komisch, Nelly! . . . Nelly, bist du schon einmal verliebt gewesen?« Nelly wurde blaß, dann rot und schließlich versteckte sie ihr Gesicht im Kopfkissen. Benedikte sah dies mit Verwunderung. Sie gab ihrer Freundin einen Kuß auf den Nacken. »Nellychen – Darling – Jeeses, du kannst mir doch Antwort geben! Bist du schon einmal verliebt gewesen?« Nun wandte sich Nelly um, und Benedikte sah mit wachsendem Erstaunen, daß die Augen der kleinen Engländerin in Thränen schwammen. Nelly umschlang den Hals der Freundin und drückte sie fest an sich. »O Dikte,« schluchzte sie, »woher weißt du allens?!« Benedikte war sich ganz unklar darüber, was im Herzen Nellys vorging. »Nellychen – um Gottes willen, warum heulst du denn?« fragte sie. »Ich kann ja nix anders,« schluchzte Nelly weiter, Benedikte immer fester an sich pressend; »ich lieben ihn ja so sehre – so sehre –« »Aber, Nelly – wen denn? Wen denn bloß?!« »Ach – du weißt ja schon allens, liebe, liebe, gute, süße Dikte . . . und ich weiß es auch ganz genau, er liebt mir wiederum . . . wenn ich auch so slecht deutsch sprecke. . . .« »Ah!« . . . und Benediktes Augen leuchteten auf, »– Herrn Freese?!« »Nu ja doch . . .« und Nelly ließ ihre Freundin los und verkroch sich wieder zwischen den Bettzipfeln. Benedikte nickte. Das hätte sie sich denken können. Sie frohlockte. Gott sei Dank, nun hatte sie jemanden, den sie ausfragen konnte! . . . Sie streichelte Nelly über den Blondkopf und küßte sie nochmals. 55 »Ich gratuliere, Nellychen,« sagte sie sanft; »ich freue mich furchtbar. . . . Seid ihr euch denn schon einig?« »O nein!« rief Miß Milton, mit starker Betonung des o. »Aber einen Kuß habt ihr euch schon gegeben?« »O pfui!« – und das o klang noch viel amerikanischer. Benedikte wurde verlegen und kleinlaut. »Aber woher wißt ihr denn, daß ihr euch lieb habt?« fragte sie. »An die Augen – und an die Stimme – und an allens! O!« Benedikte fieberte vor Neugier. Sie rückte näher. »Aber, Nellychen – aber, Nellychen. . . . Nellychen, das verstehe ich nicht. . . . Nellychen, wie ist das denn eigentlich, wenn man liebt? – Ich meine, wie fühlt man das? Ist man sehr glücklich?« »O – gräßlich!« »Aber, Nellychen, du hast doch vorhin geweint?« »Man ist glöcklich – und auch unglöcklich . . . ich weiß nicht . . . man ist allens – allens durcheinander gemengselt! . . .« Nun wurde auch Trude wieder lebendig. Benedikte erhob sich, doch Nelly hielt sie noch einmal zurück. »Dikte,« flüsterte sie, »aber nix sagen! Gib mir deine heilige Ehrenhand – nix sagen!« Und Benedikte versprach es. Jetzt wußte sie Bescheid. Alles durcheinander gemengselt – Weinen und Frohempfinden, seltsame Seligkeit und kehleinschnürende Angst: es stimmte. Sie liebte. Eigentlich war das entsetzlich. Wenn nun Trude recht hatte mit dem Herzensmörder? Dann war doch das Unglück da. . . . Trude war beim Ankleiden sehr aufgeräumt. Sie begann unaufgefordert von selbst von Haarhaus zu sprechen. 56 »Du, Dikte, höre einmal,« sagte sie, vor dem Spiegel sitzend und ihr Haar ringelnd; »du warst wohl gestern abend ein bißchen böse, als der Doktor mir den Arm bot und nicht dir?« »Weshalb sollte ich denn da böse gewesen sein, Trude? Ich frage dich bloß, warum? Haarhaus hat doch gar keinen Grund, gegen dich nicht gerade so liebenswürdig zu sein wie gegen mich.« »Das ist freilich wahr, aber ich dachte. . . . Weißt du, ich habe mich doch getäuscht.« »Inwiefern?« »Der Doktor ist nicht so schlimm. Ich habe ihn gefragt, warum er das Armband trägt, und da hat er mir erklärt, das sei ein Andenken an seine Großmutter.« »Ah! . . .« Benedikte, die den rechten Fuß auf einen Stuhl gestellt hatte, um sich den Schuh zuzuknöpfen, hielt in ihrer Beschäftigung inne. »Du bist also von deiner Ansicht abgekommen, daß Haarhaus ein – Herzensmörder ist?« »Ja, Dikte, das bin ich. Er ist ein sehr lieber Mann. Man täuscht sich manchmal. Er hat auch gute Augen. . . .« Benedikte war innerlich empört über Trude. Was schwatzte die alles zusammen! Heute so, morgen so. . . . Das Schlimme war nur, daß Benedikte selbst nicht recht wußte, was sie von Haarhaus halten sollte. Es blieb nichts andres übrig, als abzuwarten. Schließlich regte sich eine gewisse Neugier in ihr. Die revoltierende Bewegung von gestern abend, die Trude irrigerweise durch die Oeleinreibung hatte dämpfen wollen, war gänzlich geschwunden. Benedikte war in der That neugierig geworden, was nun kommen würde. Denn etwas mußte kommen . . . eine feierliche Erklärung des Doktors vor ihr oder dem Papa. Das war gewiß. Sie machte sich heute ganz besonders hübsch, schmückte 57 sich mit einer frischen Bluse und legte einen breiten Gürtel aus Chevrauleder um. Dann zog sie auch rasch die derben Alltagsschuhe wieder aus und dafür ein paar elegantere an. Aber ihr blasses Gesicht gefiel ihr nicht. »Trude, hast du keine rote Schminke?« fragte sie. »Dikte, auf was für Gedanken kommst du bloß! Und wozu denn Schminke?« »Das will ich dir sagen. Ich habe schlecht geschlafen – wegen der Zahnschmerzen – und sehe blaß aus. Wenn Mama das merkt, und sie wird es merken, so wittert sie sofort eine schleichende Erkältung und steckt mich wieder ins Bette. Dagegen möchte ich mich schützen.« Trude hatte sofort ein andres Mittel in Vorschlag. »Sehr einfach, Dikte. Setz' dich mal hin; ich werde dir die Backen rubbeln. Paß auf, wie rot sie da werden.« Benedikte saß schon, und Trude frottierte ihr mit beiden Händen die Wangen. Die Kur schlug an. Benedikte sah nach drei Minuten rosig aus wie der junge Tag. »Danke schön, Trude,« sagte sie, das Köpfchen vor dem Spiegel hin und her wendend, »es ist merkwürdig, du weißt doch in allem Bescheid. . . .« Das Frühstück verlief wie alltäglich. Die Jungen wollten gern wieder einmal ausreiten, und Freese war auch, trotz des bittenden Schreckblicks der Miß Nelly, bereit dazu, es von neuem auf dem Guadalquivir zu versuchen. Haarhaus war heiter und wohlgemut wie immer, worüber sich Benedikte nicht genug wundern konnte. Er that so, als ob gestern abend gar nichts passiert sei, was ihm auf der Seele läge, und war sofort dabei, als Max ihm vorschlug, einen größeren Spaziergang durch den Buchenforst zu unternehmen. »Ein seltsamer Mann,« sagte sich Benedikte; »ist das Komödie oder Weltgewandtheit oder Absicht? Oder wartet er vielleicht nur auf den geeigneten Augenblick, sich mit mir auszusprechen?« 58 Sie war verstimmt, hielt sich tagsüber möglichst abseits von Nelly und Trude und streifte viel im Parke umher. Sie ging auch auf die Insel und blieb längere Zeit vor dem Denkstein Traugotts stehen. Und ein leises Frösteln rieselte ihr durch die Glieder. Sie wußte nicht, was ihr fehlte. . . . Anders als sonst erschien heute nur der alte Teupen beim Frühstück. Er war ziemlich still und zuweilen glitt sein Auge wie forschend über Max. In den ersten Vormittagsstunden blieb er auf seinem Zimmer, wo Stupps, der die Dielen reinigte, ihn auf und nieder schreiten hörte. Gegen elf Uhr trat er in Mütze und Cape – er trug gewöhnlich ein ganz kurzes, leichtes Mäntelchen über den Schultern –, den Stock in der Hand, vor die Thür und fragte nach der Frau Baronin. Die Frau Baronin sei im Milchkeller, sagte man ihm. Frau Eleonore hatte sich eine neue Buttermaschine kommen lassen, die sie erproben wollte. Sie war sehr ärgerlich; das Ding war kompliziert eingerichtet, und man hatte vergessen, eine Beschreibung der Mechanik beizulegen. Nun hatte die Mamsell bei der ersten Kurbeldrehung eine Schraube zerbrochen. »Man hat nichts als Aerger. Willst du was, Papa? Nun sieh mal, Papa, die Maschine kostet ein ungeheures Geld. Glaubst du, man respektiert das? Gott bewahre – man ruft mich erst, nachdem man den neuen Apparat gründlich verdorben hat. Was gibt es denn wieder, Papa? Du siehst ein bißchen erregt aus.« »I nein, ich hätte dich nur gern einmal gesprochen, Eleonore. Kannst du nicht auf ein Viertelstündchen mit mir in den Obstgarten kommen? . . .« Nun wußte die Baronin sofort, daß es sich wieder um eine Rücksprache in Familienangelegenheiten handelte. Dazu pflegte Graf Teupen stets den Obstgarten zu wählen. Es 59 war, als müsse er die stummen Zeugen seiner okulierenden Thätigkeit bei derlei Anlässen immer um sich sehen. Eleonore sagte auch sofort zu, gab der Mamsell und ihren beiden Mägden noch einige Weisungen, hakte das große Schlüsselbund im Gürtel fest und folgte dem Grafen, der vorsichtig die Kellerstufen emporklomm. »Also – was ist los, Papa?« »Etwas Wichtiges, beinahe etwas Unfaßliches, jedenfalls etwas, das unsre größte Aufmerksamkeit in dringendem Maße erfordert. Ich habe mich absichtlich an dich zuerst gewendet, Eleonore. Tübingens rasche Art ist nicht immer am Platze.« »Ich weiß, Papa,« fiel die Baronin ein, »ich verstehe dich. Es ist eine Angelegenheit, die Teupensche Ruhe erfordert.« »Und Teupensche Diplomatie, mein Kind. So ist es. . . .« Er zertrat eine Raupe, die über den Weg kroch und rollte sich dann eine Cigarette. »Ich muß ein paar Züge rauchen,« fuhr er fort; »das wird mich kalmieren. Ich bin recht erregt.« »Papa – du flößest mir Angst ein.« »Angst – nein. Aber ich sorge mich. Und das Böseste ist: um etwas Ungewisses. Entsinnst du dich noch jenes außergewöhnlich langen und ausführlichen Briefes, den uns Max aus Kimwani schrieb?« »Ich behalte die afrikanischen Namen absolut nicht, Papa.« »Es war derselbe Brief, Eleonore, den ich im Kreisblatt abdrucken lassen wollte, weil er so hübsch und lebendig geschrieben war. Aber Eberhard fürchtete, es würde Max vielleicht nicht recht sein, und da unterließ ich das. Gütiger Himmel, welch Glück – welch Glück!« »Jetzt erinnere ich mich. Der Brief aus dem Lager 60 im Urwald – wo das junge Rhinozeros die Kochkessel umgeworfen und sich ein Affe die eine Pfote an glühenden Kohlen verbrannt hatte.« »Ganz recht – dieser Brief war es! Aber, Eleonore, und nun erschrick nicht über das, was ich dir sage, und vor allem, fall' nicht in Ohnmacht; der Brief stammt gar nicht von Max.« Die Baronin blieb stehen. »Was heißt das, Papa? Von wem war er denn?« »Von Stanley, Eleonore.« Die Baronin verstand noch immer nicht. Sie schüttelte den Kopf. »Von Stanley? Dem Engländer? Aber du mein je – der ist ja doch gar nicht mit Maxen zusammengetroffen!« Teupen nahm seine Tochter unter den Arm und schritt weiter mit ihr, die Melonenbeete entlang, auf denen zwischen grünen Blättern kleine gelbgrüne Kugeln lagen. »Ich werde dir die Erklärung geben. Ich konnte gestern abend nicht gleich einschlafen; die Bowle hatte mich aufgeregt. Und da nahm ich mir denn Stanleys Buch ›Im dunkelsten Afrika‹ vor, um noch ein halbes Stündchen zu schmökern. Ich kann dir das Kapitel sagen: das vierunddreißigste im zweiten Band. Das enthält Maxens Brief – wortgetreu – ich habe es verglichen; das heißt also: Max hat jenen Brief verbotenus aus Stanleys Werk abgeschrieben!« Die Baronin war etwas schwerfällig; in die Tragweite dieser Enthüllung fand sie sich noch nicht zurecht. »Das ist unrecht von Max,« sagte sie. »Ein Held der Feder war er ja nie.« »Darum handelt es sich auch nicht, Eleonore,« fiel Teupen eifrig ein; er fing an, ungeduldig zu werden. »Er hatte nicht nötig, uns interessante Reiseerlebnisse 61 vorzuschwindeln. Und hat er es dennoch gethan, so hatte er vermutlich die Absicht, uns etwas – andres zu verheimlichen. Warum geht er denn jedem Gespräch über seine Expedition so ängstlich aus dem Wege? Warum muß denn der Haarhaus immer für ihn sprechen? Warum versteht er denn kein Wort von der Bagirisprache? Warum blieben seine Geschenke so lange aus, und warum sehen die alle so neu aus, lackiert und sauber aufpoliert und gebürstet? Und wie kommt es, daß er mir ein Stück Elephantenzahn geschenkt hat, das gar nicht von einem Elephanten stammt? – Jawohl, Eleonore – es ist mir heruntergefallen und mitten durchgebrochen; es ist gar kein Elfenbein, sondern eine Komposition, eine Masse! Und das wollte er bei den Wambuttis eingetauscht haben! . . . Eleonore, drücke beide Hände auf das Herz und raffe alle deine Kraft zusammen! Ich glaube, Max ist gar nicht in Afrika gewesen.« Aber die Baronin taumelte doch und wurde schreckhaft blaß. Das war zu viel für sie. Unglücklicherweise tauchte in diesem Augenblick der Kopf Gellrichs, des Gärtners, hinter dem grünen Geschlinge der japanischen Klettergurken auf; der Mann grüßte tief und ehrerbietig. Aber Teupen beachtete das kaum; er stellte sich dicht vor die Baronin hin und hauchte: »Achtung und Mäßigung, Eleonore! Sei eine Teupen! Gib mir wieder den Arm und lächle! Da drüben steht Gellrich. Lächle, Eleonore!« Und Frau Eleonore versuchte im Geiste ihrer diplomatischen Erziehung heiter zu lächeln. Aber es sah aus, als ob sie in eine Zitrone gebissen hätte. »Papa,« flüsterte sie, »um des Erbarmers willen – das ist ja ganz schrecklich! Das ist ja geradezu abominable. O mein armer Kopf! Und sage mir doch nur: wo soll er denn gewesen sein, der Max?!« Der Graf zog die Schultern hoch. 62 »Ich weiß nicht. Ich stehe vor tausend Rätseln. Ich tappe im Dunkeln. Aber ich bin in London einer Verschwörung gegen Lord Palmerston auf die Spur gekommen, und ich werde auch dies Geheimnis an das Tageslicht fördern. Ich werde es, Eleonore.« Die Baronin zitterte noch immer so, daß ihr Schlüsselbund klirrte. »Ich kann es mir noch gar nicht denken, Papa! Es ist zu unglaublich. Und dann wäre ja Doktor Haarhaus sein Helfershelfer! Und« – ein glückliches Lächeln huschte plötzlich über ihr sorgenbeschwertes armes Mutterantlitz – »nein, Papa, du täuschest dich doch! Du täuschest dich sicher. Brada hat gestern abend noch von den netten Briefen gesprochen, die Max ihm aus Afrika geschrieben hat!« »Was will das sagen, mein Kind?! Können nicht auch diese Briefe dieselben Umwege gemacht haben wie jene Kopie aus Stanley? O Eleonore, ich täusche mich nicht so leicht! Es gibt Ahnungen in der Brust jedes gut geschulten Diplomaten, die immer zutreffen. Als die alte Gräfin Kisseleff mich in Baden-Baden einmal der Hatzfeld und Lassalle vorstellte, da wußte ich auf der Stelle: der Mann nimmt kein gutes Ende. Warum? – Meine innere Stimme sprach. So spricht sie jetzt auch, und sie sagt: Max war nicht in Afrika.« »Und wenn das Schreckliche Wahrheit ist, Papa – wenn er irgendwo anders herumgebummelt ist: Tübingen wird schäumen, er enterbt ihn, er verstößt ihn – es wird zu entsetzlichen Scenen kommen!« »Dem müssen wir eben vorbeugen, Eleonore. Eberhard ist mit Blindheit geschlagen. Lassen wir ihn vorläufig dabei. Wir operieren – du und ich – wir Teupens. Max soll seiner Strafe nicht entgehen, doch auch nicht zu hart verurteilt werden – wenn es sich nämlich wirklich nur um einen leichtsinnigen Streich handelt. Das aber muß zuerst klüglich 63 sondiert werden. Mir schwant noch andres. Du fragtest vorhin: wenn Max nicht in Afrika war – wo war er dann? Und ich zuckte mit den Achseln. Zucke auch noch, doch ich sage mir dabei: ein Bummelgenie ist Max eigentlich nie gewesen; er muß seine Gründe gehabt haben, nicht nach Afrika zu gehen. Und ganz naturgemäß füge ich hinzu: où est la femme? Wie, wenn er die Gelegenheit benutzt hätte, seine Flirtation mit Fräulein Warnow fortzusetzen?« Die Baronin erschrak von neuem, beruhigte sich aber rasch wieder. »Nein, Papa. Du gehst zu weit. Deine eminente Kombinationsgabe führt dich auf Abwege. Ich kenne die Warnow. Sie hätte nie etwas Unehrenhaftes gethan, niemals. Auch Max nicht.« »Liebes Kind – ›Unehrenhaftes‹, was heißt denn das?! So ein paar junge warmblütige Menschen . . . na, lassen wir das Thema fallen! Ich werd' schon dahinter kommen. Und zwar auf dem einfachsten Wege: ich werde mich hinter die Seesen stecken!« Die Baronin nickte erfreut. »Sehr gut, Papa! Das ist eine luminöse Idee.« »Nicht wahr? Ein bißchen regt sich ja noch der alte Kopf. Ich nehme die Seesen nach unserm Souper beiseite und plausch' mich liebevoll mit ihr aus. Sie hat sich seiner Zeit für die Warnow interessiert; sie nimmt auch Interesse an Max – ah ja, ich habe meine Augen! Sie wird Maxen ausforschen, so ganz freundschaftlich – sie muß sich quasi zu seiner Vertrauten machen – das führt die beiden auch noch ein Stückel näher zu einander, und am Ende erwächst uns aus dieser pseudo-afrikanischen Extratour Maxens vielleicht eine glückliche Hochzeit!« »O wollte es doch!« seufzte die Baronin. Teupen legte den Zeigefinger auf den Mund. 64 »Nur still, Kind! Da kommt Semper – er wird sich verabschieden wollen. Kein Wort mehr über die Sache! Lächle, Eleonore! . . .« Und diesmal gelang das Lächeln besser als vorhin. – Haarhaus und Max waren in den Wald gegangen, in Lodenjoppe und Lodenhut, jeder einen strammen Spazierstock in der Hand. Und stramm schritten sie aus. »Zackri, Max, du läufst, als ob du es bezahlt bekämst,« sagte Haarhaus, schob seinen Hut von der Stirn und trocknete sich den Schweiß ab. »Das ist doch im Leben kein Spaziergang!« »Soll's auch nicht sein, Adolf. Wir wollen nach dem Erlenbruch. Da wartet die Seesen auf mich.« »Aber das ist ja ewig weit, soviel ich weiß! Wir wollen doch zu Mittag zurück sein.« »Kommen wir etwas später, so sagen wir, wir hätten uns verlaufen.« »Ganz einfach. Das Lügen wird dir immer geläufiger.« »Ach du lieber Gott – ja! Ein ganzes Netz von Lügen hält mich umsponnen. Aber noch ein paar Tage – dann wird es reißen.« »Das hast du schon vor vier Wochen gesagt.« »Ich konnte aber der Seesen nie so recht habhaft werden. Nun hab ich ihr geschrieben. Bei der Gesellschaft am Montag muß es zum Klappen kommen – respektive die Minen müssen gelegt werden. Die Gefahr wird immer drohender; die Mitwisser mehren sich. Freese und Semper gehören auch schon zu den Verschwörern. Freese ist still und muckt nicht. Aber dieser Semper! Ein Schwadroneur erster Klasse. Seine Rede gestern abend – ich versank fast vor Verlegenheit! Bei den anzüglichen Stellen wollte er mich unter dem Tisch heimlich mit dem Fuße berühren und hat statt dessen dem Kandidaten das Schienbein blau gestoßen. Ein 65 entsetzlicher Mensch – versteht sich, als Mitwisser – sonst ein lieber Kerl. . . .« Man schritt wieder tapfer weiter. Es war Leben im Buchenwald. Rauschen in den Kronen, Singen und Zwitschern und das Hämmern der Spechte. Dazwischen aus der Ferne der tönende Axtschlag von arbeitenden Holzfällern und irgend woher aus einem Dorfe, wo Begräbnis oder Taufe sein mochte, ein leises und zartes Glockenklingen. »Wie ist dir die Bowle eigentlich bekommen, Max?« begann Haarhaus von neuem die Unterhaltung. »Gut. Dir nicht?« »Ich weiß nicht recht. Ich hatte heut früh einen Anflug von Kater. Aber es war wohl mehr ein moralischer.« »Warum ein moralischer?« »Weil« . . . Haarhaus hieb mit seinem Stock durch die Luft. »Max, ich habe dir geholfen – nun hilf du auch mir einmal. Ich habe eine gräßliche Dummheit gemacht. Ich hatte gestern zu rasch getrunken, und diese labbrigen Bowlen steigen mir regelmäßig zu Kopf. Dann weiß ich nie, was ich thue – ohne daß ich gerade betrunken bin. Das passiert mir nur bei dem Gebräu in Schnittlage. Also, wie gesagt: ich war auch gestern abend etwas mobiler als nötig und außerordentlich waghalsig, war übermütig. Und nun sollte ich doch deine Schwester Benedikte holen, die heiter auf der Insel im Mondschein herumschwirrte. Da war sie auf den Denkstein des alten Dagobert geklettert, der bei Tauroggen gefallen ist.« »Gott bewahre, was bringst du alles durcheinander! Traugott hieß der alte Onkel und fiel bei Eylau.« »Auch gut – und auf den Traugott war sie geklettert und wollte wieder runter und konnte nicht. Ich machte die Arme auf, und sie sprang los. Und denke dir – ich weiß 66 selber nicht, wie ich dazu gekommen bin – da hab' ich ihr einen Kuß gegeben!« Mit einem Ruck blieb Max stehen. »Na, da hört doch alles auf,« schimpfte er, halb ernst, halb etwas leichthin; »bist du ganz des Deibels, Adolf?! Man küßt doch nicht gleich jedes junge Mädchen, wenn man ein Glas Bowle getrunken hat! . . . Was sagte denn die Dikte dazu? Sie hat sich's doch hoffentlich nicht gefallen lassen!? Hat sie dir nicht –« Und Max machte eine nicht mißzuverstehende Bewegung mit der Hand. Doch der Doktor schüttelte wehmütig den Kopf. »Hätt' sie es nur gethan,« antwortete er; »dann wären wir wenigstens quitt gewesen. Aber sie war wohl auch so ein klein wenig alkoholisiert – in allen Ehren gesagt. Und da schrie sie denn nur ganz leise auf, und da kamen uns auch schon Brada und Fräulein Palm in die Quere. . . . Aber ich habe die halbe Nacht wach gelegen. Die Geschichte ist mir doch sehr durch den Kopf gegangen. Und wie ich mich deiner Schwester gegenüber verhalten soll, weiß ich gar nicht.« »Ja, lieber Freund, das mache gefälligst allein mit dir und mit ihr ab. Gott sei Dank ist sie noch ein halbes Kind – es wird ihr also wohl nicht allzusehr zu Herzen gegangen sein. Ich freue mich wenigstens, daß du dir deiner Niedrigkeit bewußt bist, du mauvais sujet , und daß du dich zu schämen scheinst.« »Aeußerlich nicht, aber innerlich sehr. Ich habe mich sogar schon mit dem Gedanken vertraut gemacht, Benedikte zu heiraten, wenn sie den Kuß vielleicht ernsthaft aufgefaßt haben sollte.« »Und was denn sonst noch alles! Du bist überhaupt nicht für die Ehe geboren.« 67 »Das will ich nicht sagen. Aber ich fürchte, deine Schwester und ich – wir passen herzlich wenig zusammen.« »Gar nicht, mein Sohn. Außerdem . . . hallo, jetzt weiß ich, was du zu thun hast! Du erzählst Brada die Geschichte; der fordert dich, schießt dich über den Haufen und läßt sich über deiner Leiche mit Benedikte trauen!« »Sei so gut! Zunächst bin ich auch ein ziemlich treffsicherer Schütze –« »Im Ernst, Adolf. Ich weiß aus mancherlei kleinen Aeußerungen, daß Brada Absichten auf die Dikte hat. Bitte sie bei Gelegenheit um Entschuldigung, schmähe dich selbst, klage dich an, schlag' dich ans Kreuz und bringe die Sache wieder in Ordnung, ehe jemand anders etwas davon erfährt. Vor allem Brada nicht. . . . Im Grunde genommen ist es eine fatalere Geschichte, als ich anfangs glaubte. Ja, lieber Adolf, ich kann dir sogar nicht verschweigen, daß ich so etwas nicht von dir erwartet hätte! Wenn Dikte sich nun bei ihrer Mama beklagt? Wenn Papa Rechenschaft von dir fordert? Oder ich als Bruder des unglücklichen Mädchens?« Haarhaus wischte sich mit dem Taschentuch über die Stirn. »Hör' mir bloß auf, Max! Hör' mir bloß auf!« rief er. »Jeder Mensch kann sich einmal vergaloppieren. Ich habe eine Dummheit gemacht – schön – ich werde sie auch wieder gut zu machen suchen. Schaff' mir am Nachmittag oder am Abend Gelegenheit, ein Viertelstündchen mit deiner Schwester allein sein zu können – das ist vorläufig alles, um was ich dich bitte. Nicht viel im Vergleich zu dem, was ich für dich gethan habe. Aber du bist ein undankbarer Mensch. Du selbst häufst Sünde auf Sünde, und wenn ich einmal in der Weinlaune einen kleinen Schwupper mache, dann bauschst du ihn zu einem Verbrechen auf. Pfui über dich!« 68 Der Ton der Unterhaltung wurde allmählich scherzhafter und unbefangener. In Wahrheit regte das Geständnis Haarhaus' Max nicht im mindesten auf. In seinen Augen war Benedikte noch ein vollkommenes Kind. Es war keine Gefährlichkeit, ihr einen Kuß zu rauben. Nicht in der Ordnung – selbstverständlich – aber war's einmal geschehen, so war es schon am besten, man wischte sich den Mund und schwieg. Daß ein einziger Kuß zuweilen auch verhängnisvoll werden könne – daran dachte Max nicht. Er kannte ja auch Haarhaus zur Genüge. Die Sache war nicht der Rede wert. . . . In den Buchenwald schob sich nun ein breiter Keil Tannenforstung hinein. Max schien hier Weg und Steg zu kennen. Er blieb nicht auf der breiten Landstraße, die in ziemlich gerader Richtung das Dunkel des Tannenwaldes durchquerte, sondern schlug schmale Fußpfade ein, die sich in zahllosen Windungen über das Moosgrün schlängelten. Von Zeit zu Zeit öffnete sich die Forst zu breiten Lichtungen, auf denen die Holzfäller arbeiteten oder die neu angeschont wurden. Geraume Weile führte der Weg an dem Drahtgitter eines Wildparks entlang; ein Baumgarten schloß sich an, in dem junge Eichenheister ihr erstes Grün entfalteten. Dann kam lichtflimmernder Birkenbestand und dann wieder Buchenwald mit seinem metallisch leuchtenden, lauen Düster. Endlich machte Max vor einer sich plötzlich inmitten der Forst weit öffnenden Schlucht Halt; sie war mit Felstrümmern gefüllt, und an dem treppenartigen Aufbau auf der einen Seite sah man, daß sie als Steinbruch benutzt wurde. »So,« sagte Max und ließ sich erschöpft nieder; »nun fünf Minuten Pause. In einer Viertelstunde sind wir im Erlenbruch.« »Gottlob,« erwiderte Haarhaus; »deine Spaziergänge sind von unangenehmer Weitläufigkeit. Außerdem verdurste 69 ich beinahe, spüre auch Appetit. Hoffentlich gibt es im Erlenbruch etwas zu essen und zu trinken.« »Beruhige dich, Schwächling. Man wird dir ein Frühstück vorsetzen. Und du willst Afrika erobern helfen!« »Da läuft man nicht so wahnsinnig. Man reitet oder läßt sich tragen. Allons – marschieren wir weiter! Eine Ruhepause ermüdet nur noch mehr. Uebrigens scheint mir ein Gewitter in der Luft zu liegen. Ich glaube nicht, daß wir heute überhaupt noch nach Hause zurückkehren werden. Es kommt alles auf deine Kappe, mein Sohn. Ich lüge nicht mehr. . . .« Max antwortete gar nicht. Er war schon wieder emporgesprungen und kletterte nun die Schlucht hinab. Das war ein beschwerlicher Weg zwischen den umhergestreuten Felssplittern. Haarhaus schimpfte und fluchte. Aber jenseits des Steinbruchs öffnete sich eine Schneise im Walde, die bequem zu passieren war – und in zehn Minuten sah man wirklich den Erlenbruch vor sich liegen: den blauen See mit seiner grünen Umfassung und das von Blumen umbuschte Jägerhäuschen. Die »Friedensfahne« flatterte Max bereits entgegen. Zwei Damen standen am Zaun und ließen ihre Taschentücher wehen. Max versuchte zu jodeln, und ein schöner, heller Jodler tönte zurück. »Das ist die Seesen, Adolf. Sie jodelt wie eine Sennerin. Singt auch, malt, reitet wie eine Amazone, jagt, macht Gedichte und ist eine vorzügliche Hausfrau. Diese Frau kann alles. . . .« Die Damen näherten sich den Herren. Max flog Elise entgegen und umarmte sie stürmisch, während Frau von Seesen Haarhaus die Hand reichte. »Doktor Haarhaus – nicht wahr?« sagte sie. »Ich 70 konnt' es mir denken. Ich hätte Sie zwischen hundert anderen als Doktor Haarhaus erkannt. Nicht an Ihrem tropischen Exterieur, das sich halten läßt, aber als Mitbeteiligter an den verschiedenen Verbrechen Max Tübingens. Sie machen durchaus den Eindruck eines Bundesgenossen.« Haarhaus antwortete in ähnlich scherzhafter Weise und küßte Frau von Seesen die Hand. Während man dem Hause zuschritt, fand er Zeit, sie mit einem raschen Seitenblick zu mustern. Eine famose Frau, sagte er sich. Sie trug ein taubengraues Reitkleid, das ihre schlanke und biegsame Figur zu vorteilhafter Geltung brachte. An dem fest geschlossenen Kragen blitzte eine einfache goldene Broche: zwei ineinander verschlungene Ringe. Das Gesicht war mehr interessant als hübsch, aber vornehm in den Linien und auch pikant im Ausdruck: ein schmales, etwas längliches Oval mit sehr kräftigem Kinn und köstlich feiner Nase, über der sich die dunklen Brauen fast berührten. Dazu graue Augen mit grünlichen Reflexen, ein lichtbrünetter Teint und ein paar Sommersprossen auf den Wangen; das Haar kastanienbraun und schlicht koiffürt. Die ganze Erscheinung elegant, geschmeidig und eine gewisse herzerquickliche Frische ausstrahlend. In demselben Zimmer, in dem sich Freese von seinem wilden Ritt auf dem Guadalquivir ausgeruht hatte, stand schon ein Frühstück: eine ländliche Kollation – Wurst, Schinken, Eier, Wein und Bier. Ehe man sich niedersetzte, präsentierte die Spreewälderin noch den kleinen Eberhard. Max that väterlich, küßte ihn ab und wollte mit ihm schäkern; aber Eberhard war schlechter Laune, fing an zu schreien und wurde daher schleunigst wieder hinausgebracht. Nun begann man zu frühstücken. Mit einer gewissen Feierlichkeit hatte Max Elise dem Doktor als seine Frau vorgestellt, und dieser hatte Elise ebenso feierlich gratuliert. Der Glückwunsch kam aus dem Herzen; Elise nahm 71 Haarhaus sofort gefangen, wenn sie seiner Meinung nach – er sagte sich das nur in den Tiefen seiner Seele – auch keinen Vergleich mit Frau von Seesen aushielt. War das ein Weib! Sie frühstückte nicht mit, sondern saß im Schaukelstuhl, wippte gleichmäßig auf und ab und spielte dabei mit ihrer Reitgerte. Sie trug keinen Ring an den Händen, auch kein Armband. Aus Koketterie vielleicht, sagte sich Haarhaus, denn ihre Hände waren wunderschön: schlank und voll, edel und nervig. Und ähnlich der Fuß; nicht zu klein, aber schmal und fein – »vollendet aristokratisch« fügte Haarhaus in Gedanken hinzu. Lächerlich, wie diese Frau ihn beschäftigte! . . . Die Kuckucksuhr rief die zwölfte Stunde aus. »Wenn die Herren sich von ihrem Marsche durch die Wälder, durch die Auen hinlänglich erholt und gekräftigt haben,« sagte Frau von Seesen, »können wir vielleicht zur Tagesordnung übergehen. Alles, was zur Verschwörung gehört, ist beisammen. Nur Eberhard fehlt noch. Da er aber nur als Corpus delicti figuriert, können wir ihn draußen lassen.« »Zur Sache,« sagte auch Max, seine Serviette auf den Tisch legend und sich ein neues Glas Wein einschenkend. »Darf ich Vortrag halten? – Die Entscheidung drängt. Afrika ist mir über den Kopf gewachsen. Haarhaus unterstützt mich auch nicht in dem Maße, wie es nötig wäre.« »Erlaube,« warf dieser ein, »ich habe bereits vor mir selber Abscheu, so fürchterlich habe ich alle Welt belogen!« »Still, Adolf! Das Lügen macht's nicht allein. Deine seelische Unterstützung fehlt mir. Du fassest humoristisch auf, was tragisch ist. Also, ich wiederhole: es muß ein Ende gemacht werden, sonst reißt das ganze Gewebe früher als gut ist. Aber ich kann die Entdeckung nicht herbeiführen; 72 ich kann es nicht auf ein Biegen oder Brechen ankommen lassen. Deshalb müssen Sie vorgehen, Frau Marinka!« Elise hatte sich erhoben und gab Frau von Seesen einen Kuß. »Liebe Marinka – erbarm' dich unser,« sagte sie. »Du hast uns bis hierher geholfen – nun vollende dein Werk. Was kann ich für meinen Teil thun? – Gar nichts. Ich muß mich im Hintergrunde halten, sozusagen hinter den Coulissen – bis der Souffleur das Stichwort gibt. Wir hätten ja schon früher energisch vorgehen können, Max und ich – aber es ist doch nun einmal nicht geschehen. Und nun sitzen wir erst recht fest.« »Ja, Kinder, das sitzt ihr,« antwortete Frau von Seesen gelassen. »Und das Schlimme ist, ihr habt euch selbst in den Hohlweg verrannt; denn die ganze Komödie, die ihr da angezettelt habt, war gar nicht vonnöten. Ich wenigstens hätte es an eurer Stelle anders angefangen. Diplomatie ist gut, aber sie muß auch am Platze sein. Ueberlegen wir, wie wir den Knoten entwirren können!« »Ja, überlegen wir,« wiederholte Max, aber er selbst dachte gar nicht an eine Ueberlegung. Er war glücklich, neben Elise sitzen und ihre Hand streicheln zu können. »Ich denke so,« fuhr Frau von Seesen fort; »das Nächste ist, Ihren Großvater für uns zu gewinnen, lieber Tübingen. Ich werde mich demgemäß hinter den Grafen Teupen stecken und ihn sozusagen zu meinem Vertrauten zu machen suchen. Er liebt kleine Intriguen und Verschwörungen; vielleicht macht es ihm Spaß, wenn er in die Konspiration hineingezogen wird und selbst mitwirken kann. Sie , bester Max, müssen sich indessen Ihres Papas versichern.« »Ach herrjeh,« sagte Max und leerte hastig sein Glas. »Ja, verehrter Freund, wollen Sie denn gar nichts 73 in Ihrer eigenen Angelegenheit thun? Lassen Sie gefälligst einmal Ihre Bequemlichkeit schießen und beteiligen Sie sich an dem allgemeinen Sturm gegen den Feind!« Max faltete die Hände. »Seien Sie gut, Frau Marinka! Denken Sie daran, wie sehr ich mich dagegen gewehrt habe, Sie zu heiraten!« »Du warst schon gebunden,« warf Haarhaus ein, »sonst würde mir diese Abwehr vollständig unbegreiflich sein.« Frau von Seesen lächelte. »Das war ein Kompliment, Doktor Haarhaus, nicht wahr? – Merci! Indessen, schweifen wir nicht von der Sache ab. So, wie nun einmal die Verhältnisse liegen, scheint es mir geboten, Papa Tübingen und Großpapa Teupen zunächst einzeln vorzunehmen und einzuweihen. Man muß sie gewissermaßen aufeinander hetzen. Versteht mich recht! Man muß jedem von ihnen die Ueberzeugung beizubringen suchen, daß dem fait accompli gegenüber ein vernünftiges und verzeihendes Sichfügen das einzig Richtige ist, und man muß jeden vor dem übereifrigen Zorn des andern warnen. Es muß dahin gebracht werden, daß jeder der beiden maßgebenden Herren sich um des häuslichen Friedens willen bemüht, bei dem andern ein Vergeben und Vergessen der Sünden Maxens zu erwirken.« »Geradezu genial,« sagte Haarhaus. »Fehlt aber noch die Mama,« warf Max dazwischen. »Die muß Doktor Haarhaus übernehmen.« »Gnädigste Frau, wenn ich nur politisch genug zu Werke gehe!« entgegnete dieser. »Ganz abgesehen von der Blamage. Bedenken Sie, daß ich mich selber Lügen strafen muß!« »Darüber wird sich die Baronin am meisten freuen, verehrter Herr Doktor. Ein Sünder, der Buße thut, hat immer die Sympathieen der Frauenwelt für sich.« 74 »Und ich bleibe abermals im Hintergrunde,« sagte Elise in klagendem Tone. »Liebe, gute Elise, das hilft doch nun einmal nichts! Vielleicht führt man dich schon am Tage nach der Gesellschaft in Hohen-Kraatz im Triumph in deine neue Heimat!« Elise schwieg. Sie drängte tapfer das Empfinden zurück, daß in diesem ganzen Spiel etwas Entwürdigendes für sie lag. Und auch Max mochte das fühlen; er zog sie an sich, legte seinen Arm über ihre Schulter und raunte ihr in das Ohr: »Es ist die letzte Prüfung, mein Lieb – die letzte! « Frau von Seesen erhob sich. Sie war viel zu fein organisiert, um Elise nicht zu verstehen, auch ohne daß diese sich ausgesprochen hätte. »Das alles ist wenig nach deinem Geschmack, Elise,« sagte sie. »Ich begreife dich vollkommen. Heimliche Liebe hat etwas Süßes – eine heimliche Ehe kann leicht etwas Beschämendes haben. Aber vergiß nicht, daß wir mit Verhältnissen zu rechnen haben, die stärker sind als das Gefühl des guten Rechts. Hättet ihr nach eurer Flucht nach Italien – ich kann ruhig von Flucht sprechen – alle Brücken hinter euch abgebrochen und den Stürmen im Vaterhause mutig getrotzt, dann hätten wir uns die Kniffe und Schliche, die sich jetzt als erforderlich erweisen, ersparen können. Im übrigen, Elise, sieh nicht schwärzer als nötig ist! Wir thun nichts Unrechtes, wenn wir versuchen, einem scharfen und vielleicht schwer wieder zu heilenden Bruche vorzubeugen. Ich meine sogar, daß wir in Anbetracht der eigentümlichen Verschiebung der Sachlage lediglich unsre Pflicht thun, wenn wir in Hohen-Kraatz eine versöhnliche Stimmung vorbereiten. Pflicht nicht nur in eurem Interesse, sondern vor allen Dingen in dem eures Sohnes .« Zwei Händepaare streckten sich Frau Marinka entgegen. 75 »Sie haben recht, Frau von Seesen,« rief Max, und mit thränenerstickter Stimme fügte Elise hinzu: »Ja, ja, Marinka – du hast recht! Ich will auch nicht klagen – o Gott, ich klage ja nicht! Ich will ausharren, bis sich alles zum Guten gewendet hat, und bis wir uns ehrlich vor aller Welt als Mann und Weib bekennen dürfen! Ich sehe ein, daß wir die Hinterthüren brauchen, um zum Ziele zu kommen – ja, auch das sehe ich ein! Ich bitte nur noch um eins: kein Zögern mehr, sondern rasches Handeln!« Haarhaus war an das Fenster getreten und hatte dem aufsteigenden Gewitter entgegengesehen. Nun wendete er sich um. »Zweifellos, gnädige Frau,« sagte er, »jedes weitere Zögern kann nur die Gefahr erhöhen. Frau von Seesen, Sie sehen mich zum Siegen oder Sterben bereit. Geben Sie mir Ihre Befehle und ordnen Sie den Schlachtplan an. Sei's als Stratege, sei's als Kanonenfutter – ich füge mich.« In der Ferne begann es zu donnern. »Du hast richtig prophezeit, Adolf,« meinte Max; »es gibt ein Gewitter. Hoffentlich zieht es rasch vorüber.« »Sonst übernachten wir hier – im Pferdestall wird ja noch Platz sein – und erzählen daheim irgend eine Räubergeschichte. Im Erfinden sind wir ja groß, und auf eine Handvoll Noten mehr oder weniger kommt's auch nicht an. . . .« Das Wetter stieg rasch herauf. Elise hatte sich erhoben, sah nach Eberhard und schloß dann die Fenster im Hause. Währenddessen winkte Frau von Seesen Haarhaus zu sich heran, um ihm die letzten Instruktionen zu geben. Am Gesellschaftsabend in Hohen-Kraatz sollte der Hauptschlag geführt werden. Es war nur darauf Bedacht zu 76 nehmen, daß die drei Verschworenen sich zu ungefähr gleicher Zeit des Barons, der Baronin und des Grafen Teupen einzeln bemächtigten, um jedem in besonderer Art und Weise das »Geheimnis des Erlenbruchs« beizubringen. Als Zeit wurde die Stunde nach dem Souper gewählt; man erhoffte da eine entgegenkommendere Stimmung. Frau von Seesen als Leiterin der Verschwörung wollte im geeigneten Moment geheime Winke austeilen und bat Max wie Haarhaus, sie nach Möglichkeit wenig aus dem Auge zu verlieren. »Das hätte ich so wie so nicht gethan, gnädigste Frau,« bemerkte Haarhaus. »Sieh da – abermals etwas Schmeichelhaftes, verehrter Herr Doktor! So schöne Phrasen hätt' ich aus dem Munde eines modernen Konquistadoren gar nicht vermutet.« »Erstens 'mal Konquistador. Ach nein – kaum Eroberer, höchstens Wüstendurchquerer und Bergkletterer! Und zweitens: schöne Phrasen. Ist denn alles, was dem andern schmeichelhaft klingt, Phrase? Kann es nicht auch Wahrheit sein?« »Eine Schmeichelei ist immer etwas Liebenswürdiges, Herr Doktor, oder soll es wenigstens sein. Aber die Wahrheit ist nie liebenswürdig.« »Deshalb kann eine Liebenswürdigkeit doch wahr sein, gnädige Frau.« »Streiten wir nicht darüber. Sie gefallen mir auch so ganz gut. Ich meine, auch ohne daß Sie sich besondere Mühe geben, liebenswürdig zu erscheinen.« »Darf ich Ihnen daraufhin die Hand küssen?« »Ja. Aber setzen Sie sich bitte wieder hin. Und nun erzählen Sie mir einmal: war Ihnen die Mission, die Max Ihnen auftrug – er ist ja nicht hier – nicht eigentlich recht fatal?« 77 »Nein, gnädige Frau. Im Gegenteil: die Sache hat mir viel Freude gemacht. Um so mehr, als ich Max ein so energisches Handeln im Grunde genommen gar nicht zugetraut hätte. Habe immer geglaubt, Vorurteile und sogenanntes Ueberlieferungsempfinden wären stärker in ihm als das warme Herz. Und es war mir lieb, daß ich mich getäuscht hatte. Deshalb ging ich auch mit Vergnügen auf alle seine Vorschläge ein.« »Sie sind verlobt, Herr Doktor?« »Um alle Welt nicht, Gnädigste! Wie kommen Sie darauf?« »Ich glaubte – – weil Sie einen Armreif tragen.« Haarhaus lächelte. »Auch gestern abend wurde ich nach dem Charakter dieses Armbands gefragt, gnädige Frau. Und da ein kleines Mädchen jene Frage stellte und ich auf längere Auseinandersetzungen mich einzulassen keine Lust und Laune hatte, so erzählte ich der jungen Dame, ich trüge den Armreif als Andenken an meine Großmutter. Ich habe aber meine Großmutter nie gekannt und nie bin ich einer ihrer Armreifen durch Erbschaft teilhaftig geworden. Es war nur eine Gelegenheitsschnurre. Ihnen, gnädigste Frau, sage ich dagegen gern die Wahrheit, sehr gern –« »Ich will aber keine Indiskretionen, lieber Doktor« – »Ich begehe auch keine. Schauen Sie sich den Reifen an! Es ist ein silberner, aber ganz schlicht gearbeitet, ohne Schloß und Mechanik, und locker um das Gelenk zu spannen. Die Suaheliweiber tragen derlei zuweilen um Arme und Fußknöchel. Dies hier war ursprünglich ein Fußring, aber die Enkel, die er umschloß, waren so zart und fein und zerbrechlich, daß ich ihn bequem als Armband adoptieren konnte. Ich trage es als Erinnerung an eine mir unvergeßliche Episode in Afrika – unvergeßlich wohl 78 hauptsächlich deshalb, weil ein eigener Zauber poetischer Romantik sie durchwehte. . . .« Draußen erwachte nun auch der Sturm, und mit ihm hatte sich das Gewitter zu voller Heftigkeit entwickelt. Es rollte und grollte fast unaufhörlich, und zuweilen bewies ein krachender Donnerschlag, daß der Blitz irgendwo in der Nähe eingeschlagen hatte. Der ganze Himmel stand in Flammen; es zuckte und sprühte in falben Lichtern durch das gelbgrüne Gewölk, das sich in schweren Massen vom Horizont aufwärts schob. Gewaltig tobte im Walde der Aufruhr der Natur. Vom Fenster aus sah man, wie sich die Bäume neigten und bogen, wie zersplittertes Astwerk und abgerissenes Laub die Luft durchquirlte. Selbst der kleine See gebärdete sich unwirsch, warf Schaumguirlanden auf und ließ seine erregten Wogen weit über den grünen Uferrand rollen; seine lichtblaue Farbe war einem dunkeln Grau gewichen. Elise beschäftigte sich noch immer mit ihrem Kinde, das infolge des Gewitters unruhig geworden war. Max war in den Stall gegangen, wo das Reitpferd der Frau von Seesen laut wieherte und mit der Kette klirrte. Im Zimmer aber hatte Marinka ihren Stuhl dicht ans Fenster gerückt; sie liebte die Gewitter und konnte mit hellem Auge, ohne zu zucken, in die Blitze schauen. »Der Sturm draußen hilft mir die Erinnerungen anknüpfen,« sprach Haarhaus weiter. »Wir verfolgten von Madschame aus den Weg, den Baron Decken schon anfangs der sechziger Jahre zur Ersteigung des Kilimandscharo eingeschlagen, hatten aber das Hochplateau noch nicht zur Hälfte erreicht, als uns ein Tropengewitter von ungeheurer Wucht überraschte. Ich mußte dabei nicht die nötige Vorsicht bewahrt haben; denn am folgenden Morgen ergriff mich das Fieber. Das war mir um so unangenehmer, als mir von 79 der Nordseite aus die Expedition eines amerikanischen Touristen entgegenrückte, mit dem ich mich treffen wollte. Ich mußte meine Leute vorausschicken und gab ihnen den Befehl, mich abzuholen, wenn die Verbindung mit dem Amerikaner hergestellt worden. Bei mir blieben nur mein Diener, ein verlumpter Kerl aus Sansibar, und ein baumlanger Dschagganeger mit seiner Tochter, die sich Assa nannte. Die Frauen der Dschaggastämme sind im allgemeinen nicht hübsch, aber Assa war es; sie hatte ein schönes, stolzes Profil, wie ich es zuweilen bei den Gallaweibern gefunden habe, und wie aus Erz gemeißelte Formen. Die Damentoiletten da unten, gnädigste Frau, sind, wie Sie sich denken können, noch etwas primitiver Natur; man geniert sich auch weniger als bei uns. . . . Ich hatte Unglück. Schon am ersten Tage meines Krankseins – wir hatten es uns in einer Felsenhöhle leidlich bequem eingerichtet – verschwand mein Diener auf Nimmerwiedersehen, und am zweiten Tage legte sich der Vater Assas gleich mir hin und starb nach wenigen Stunden – wie ich vermute, infolge einer Vergiftung durch Grubenwasser, von dem er leichtsinnigerweise getrunken hatte. Ich blieb nunmehr allein mit Assa. Meine Lage war wenig beneidenswert. Mein schurkischer Diener hatte bei seiner Flucht geraubt, was er rauben konnte, hatte auch den größten Teil meiner Konserven mitgehen lassen; ich selbst aber war so schwach, daß ich mich kaum auf den Füßen zu halten vermochte. Ich war also lediglich auf die Hilfe Assas angewiesen – und sehen Sie, gnädige Frau, eigentlich hat mich erst dies Mädchen, hat mich erst die kleine Wilde das Weib achten gelehrt. . . . Nun ja, ich gebe zu, das klingt merkwürdig genug. Aber eine unkritische Ueberschätzung meiner selbst hat nie zu meinen Fehlern gehört. Ich glaube, ich bin eine ziemlich kraftvolle Natur; doch zu zügeln hab' ich mich nie recht verstanden; der schäumende Ueberschuß 80 meines Kraftbewußtseins wurde zur Brutalität. Ach ja – schütteln Sie nicht den Kopf, teure gnädige Frau – ich war ein ziemlich wüster Gesell, als ich nach Afrika auszog – und wahrhaftig, wenn ich heute sehr, sehr viel zahmer geworden bin, so danke ich das zum größten Teil dem Einfluß holder Weiblichkeit, den ein Niggermädel auf mich ausgeübt hat! . . .« Frau von Seesen starrte noch immer, die Arme auf das Fensterbrett gestützt, in das Zucken der Blitze hinein, deren Wiederschein ab und zu auch über ihr Antlitz rosig leuchtende Tupfen streute. Ein eigentümlicher Zug spielte um ihren Mund; es war kein Lächeln, sondern glich mehr dem Reflex eines plötzlich auftauchenden lustigen Gedankens; aber er mußte rasch wieder verschwunden sein; denn das Gesicht der Frau von Seesen wurde gleich darauf ernster. »Sie hatten,« sagte sie, etwas langsamer sprechend als vordem, »das kleine Geschöpf wohl – sehr lieb?« Ein helles Rot flackerte über die Wangen des Doktors. »Ja, gnädige Frau,« antwortete er. »Und auch das hatte etwas Merkwürdiges. Assa war meine erste Liebe. Ich hatte sie auf dem Marsche gar nicht beachtet. Ich lernte sie erst während meiner Krankheit kennen. Sie war mir alles: Freundin, Geliebte und Pflegerin. Ohne sie wäre ich umgekommen – verhungert oder vor Erschöpfung gestorben. Sie war unermüdlich thätig um mich; fing oder schoß wilde Hühner und briet sie, lief meilenweit, um mir ein paar Bananen zu beschaffen, die sie in Wasser kochte oder über glühenden Kohlen röstete. . . . Aber mehr noch als all ihr Bemühen, mich am Leben zu erhalten, wirkte ihr Wesen auf mein Gemüt ein. Ich möchte sagen, sie war der Typus des Weiblichen im elementarsten Sinne. Nichts Gekünsteltes an ihr – frei von jeder Kultur – das spröde, 81 ungebändigte und unerzogene Gottesgeschöpf – und doch ganz Weib! So Weib in jeder Regung ihres Empfindens, wie ich es Ihnen, gnädige Frau, gar nicht beschreiben kann. Rohstoff der Natur, aber von wunderbar feiner Art. Ich habe gefühlt, wie mir das Herz aufging, wie meine Seele sich läuterte, wie ich weicher wurde, wie sich der Mensch in mir wandelte. Wahrhaftig – wie ich besser wurde! Damit verbindet sich keine Sentimentalität. Es ist alles Thatsache – unbestreitbares Faktum, um mich wie ein gebildeter Preßmensch auszudrücken. Und deshalb trage ich diesen silbernen Armreif! . . .« Max trat ein und Frau von Seesen erhob sich. Ein gewaltiger Regenguß löste die Wucht des Gewitters auf. »Was ist aus der Kleinen geworden?« fragte Marinka noch. Haarhaus strich über seine Stirn, als wolle er etwas Schmerzendes verscheuchen. »Sie ertrank infolge einer Unvorsichtigkeit in einem Gebirgswasser. Wir konnten nicht einmal mehr ihren Leichnam finden.« Max wies aus dem Fenster. »Seht, seht, seht! Wenn das ein paar Stunden so fort geht, können wir wahrhaftig hier übernachten. In Hohen-Kraatz pflegt man sich um diese Zeit zu Tisch zu setzen. Wir müssen wieder fabulieren, Haarhaus! . . .« Das Wetter hatte allerdings nicht den Anschein, als wolle es sich binnen kurzer Frist aufbessern. Es rauschte vom Himmel herab, der sich dunkelgrau umsponnen hatte, plätscherte über Weg und Steg und brauste in vollen Güssen aus den Dachtraufen an den Hausecken. Der Sturm hatte sich gelegt; es war, als presse und drücke der Jupiter Pluvius mit feuchtem Arm den gebändigten Boreas voll unwiderstehlicher Gewalt zu Boden. Die gellen Aufschreie der 82 empörten Natur waren verstummt; man hörte nichts als das rhythmische Geräusch des fallenden Regens. Es blieb den Herren nur übrig, ruhig abzuwarten. Und beiden war es recht. In Hohen-Kraatz mußte man doch wieder mit einer Notlüge vor das Publikum treten, wie Haarhaus sich ausdrückte; da war es schon gleichgültig, ob man noch ein Stündchen länger im Erlenbruch verblieb. Die Parteien hatten sich getrennt. Haarhaus und Frau von Seesen unterhielten sich im ersten Zimmer, und Max spann mit seiner Gattin im Nebengemache rosige Zukunftsträume. Es war wie ein schweigendes Uebereinkommen. Man wollte sich gegenseitig nicht stören. Aber aus dem »Stündchen« wurden zwei Stunden und drei. Es regnete weiter, nicht mehr in so mächtig rauschenden Fluten wie vordem, sondern ein wenig linder, dafür aber gleichmäßiger. Ein fröhlicher Landregen, den die Wiesen brauchten, konnte sich entwickeln. Max wurde unruhig. Es war eine Unmöglichkeit, bei diesem Wetter zu Fuß nach Hohen-Kraatz zurückzukehren. Die Waldwege mußten sich in Bäche verwandelt haben; der Moosboden in der Forstung mußte zu Sumpf und Morast geworden sein. Man saß im Erlenbruch gleichwie in der Verbannung – wie auf einer einsamen Insel im Meer. Die Spreewälderin war die einzige Bedienung im Hause, versorgte nicht nur das Kind, sondern kochte auch und säuberte die Zimmer oder half wenigstens bei all dem; denn Elise rührte selbst thätig die an Fleiß gewohnten Hände. Einen Boten hatte man also nicht, den man nach einem Wagen ausschicken konnte. Schließlich kam Frau von Seesen auf den Gedanken, sich mit Plaids zu drapieren, um wenigstens einigermaßen gegen das Naß der Natur geschützt zu sein, und nach Langenpfuhl zu reiten, um von dort aus einen Wagen für die 83 Eingeregneten im Erlenbruch zu senden. Aber Haarhaus wie Max wehrten sich energisch gegen diesen Opfermut; beide hätten gern selbst den Ritt unternommen, um sich aus der unbehaglichen Situation zu befreien, wenn sie sich im Damensattel sicher gefühlt haben würden. So blieb man denn und hoffte noch immer. Von Zeit zu Zeit ging einer der Herren an das Fenster und schaute hinaus. Es regnete unverdrossen weiter. Der Nachmittag verrann, und die allgemeine Unruhe wuchs. In Hohen-Kraatz mußte man bereits ängstlich geworden sein. . . . Max stürmte wie ein gefangener Löwe im Zimmer auf und ab. »Das geht nicht so weiter,« sagte er; »ich muß es trotz des Damensattels versuchen, nach Langenpfuhl zu reiten. Ich werde mir eine Decke unterlegen. Ist Ihr Gaul wenigstens ein gutmütiges Tier, Frau Marinka?« »Leider nein, lieber Tübingen. Ich fürchte, Sie werden auf ihm überhaupt nicht von der Stelle kommen.« Max fluchte und bat dann um Entschuldigung seiner Ungebühr halber. Es war wirklich zum Verzweifeln. Draußen regnete es weiter: ein leises, beständiges Rauschen, ein sanft einlullendes Wiegenlied. »Horch!« . . . Haarhaus, der in der Sofaecke eine Cigarette rauchte, fuhr plötzlich empor. »Donnerte das nicht wieder?« »Nein! . . . Das ist ein Wagen! . . . Wahrhaftig ein Wagen!« »Sollte man in Langenpfuhl auf eine unerwartet vernünftige Idee gekommen sein,« bemerkte Frau von Seesen kopfschüttelnd. Jetzt stand wieder alles am Fenster. »Ein geschlossener Wagen –« »Zwei Füchse davor –« »Haarhaus – potzsapperment!« 84 »Was ist denn los?!« »Das ist die Kalesche von Hohen-Kraatz!« »Aus Hohen-Kraatz?! . . . Verstecken wir uns! . . . In den Keller! . . . Vorwärts, vorwärts, Max! . . . Wo ist der Keller?! – Gnädigste Frau, wo geht's nach dem Keller?!« Der große Afrikareisende, der hundert Gefahren die Stirn geboten hatte, packte Max am Arm und zog ihn mit sich. Er war völlig kopflos geworden. Frau von Seesen ermahnte zur Ruhe. »Erst sehen, wer aussteigt,« sagte sie. »Kommt es jetzt schon zur Explosion, dann hilft es auch nichts. Betrachten wir es als eine Fügung des Himmels! . . . Hierher, Max! Wer steigt da aus? . . . Ein Herr!« »Der Kandidat Freese! Der schadet uns nichts; er ist eingeweiht. Aber er beugt sich noch einmal zurück in den Wagen – es müssen noch mehr drinnen sein. . . . Jetzt kommt er her – –« Durch den Regen sah man Freese mit hochgeschlagenem Rockkragen dem Hause zueilen. Er wollte die Pfützen und Rieselbäche vermeiden und hüpfte hierhin und dorthin, trat auch einmal fehl, so daß das Wasser emporspritzte, und setzte schließlich mit kühnem Sprunge über den kleinen See, der sich dicht vor der Hausthür gebildet hatte. Als er nach bescheidenem Anklopfen in das Zimmer trat und den Hut abnahm, tropfte der ganze Mensch. Max stürzte ihm entgegen und begann ihn auszufragen, wollte ihm dabei freundlich auf die Schulter klopfen, unterließ aber rasch seine Wohlwollensbezeugungen; denn wo er hinklopfte, war es naß. »Gott sei Dank, Herr Baron,« sagte Freese nach flüchtigem Umblick im Zimmer, »soweit wäre ja alles gut. In Hohen-Kraatz war man in Sorge um die Herren. Die Frau Baronin vermutete, Sie würden sich vor dem Unwetter 85 nach Langenpfuhl geflüchtet haben – und da haben mich der Herr Baron mit der geschlossenen Kalesche nachgeschickt. Aber ich bin nicht allein; zuerst wollten die beiden Junker mit – und dann quälte Fräulein Benedikte – und als wir in Langenpfuhl ankamen, stellte es sich heraus, daß niemand da war. . . .« Der Kandidat schnaufte hörbar; er war sehr außer Atem. Zudem genierten ihn die vereinzelten nassen Tropfen, die von der Stirn herab über seine Nase perlten. Aber Max drängte zum Weitererzählen. »Wie sind Sie hierher gekommen, lieber Herr Freese – ausgesucht gerade hierher?! Sie wußten ja doch –« »Ich wußte alles, Herr Baron – aber ich konnt' mir nicht helfen. Einer der Diener in Langenpfuhl sagte, die gnädige Frau von Seesen ritten jetzt öfters nach dem Erlenbruch, und ein Knecht, der in den Wald nach Holz gefahren war, wollte auch die Herren am Vormittag in der Nähe des Erlenbruchs gesehen haben – und da ließen die jungen Damen denn nicht locker –« »Welche junge Damen?« »Fräulein Benedikte und Miß Milton!« »Sapristi – die stecken beide noch im Wagen?« »Alle beide, Herr Baron! Aber ich witterte die Gefahr und habe sie gebeten, im Wagen zu bleiben, bis ich mich orientiert hätte –« »Freese, Sie sind ein Prachtmensch! . . .« Max wollte den Kandidaten umarmen, doch er war ihm zu feucht. »Ein Prachtmensch! Nun gehen Sie zum Wagen zurück und sagen Sie den Mädeln, wir hätten hier Unterschlupf gesucht und kämen gleich und –« Aber das Wort erstarb ihm im Munde. Die Thür öffnete sich, und Benedikte und Nelly sprangen mit gehobenen Röckchen, tausend Wassersprüherchen um sich werfend, lachend und singend in das Zimmer. 86 »Allerseits gesegneten Regen!« rief Benedikte und knickste. »Guten Tag, gnädige Frau . . . guten . . .« Dann verstummte auch sie. Es war ganz still im Gemach. Mit großen Augen starrte Benedikte Elise an, die nur einen Moment mit der sie überwältigenden Verlegenheit kämpfte und dann die Arme ausbreitete. »Fräulein Elise!« schrie Benedikte auf und flog ihr entgegen. »Mein liebes Kind – meine liebe, liebe kleine Benedikte!« . . . Elise zog sie an sich und küßte sie. Und es stieg dabei heiß in ihren Augen auf. Max raste von neuem im Zimmer auf und nieder. »Nun haben wir den Salat!« schimpfte er. »Wieder zwei Mitwisser mehr! Haarhaus, es hilft nichts! Nimm dir Benedikte vor und weihe sie ein! Freese, Sie ebenfalls die Miß Nelly! Lassen Sie sie beide schwören, den Mund zu halten!« »Aber, Max . . .« wollte Benedikte beginnen; doch Haarhaus zog ihren Arm unter den seinen, deutete auf die halboffene Thür zum Nebenzimmer und marschierte mit ihr ab. Dann schloß er die Thür wieder sorgfältig und bat die gänzlich außer Fassung gebrachte Benedikte, Platz zu nehmen. »So,« sagte er. »Das ist mir sehr lieb, gnädiges Fräulein, daß ich Sie einmal allein vor mir habe. Ich habe mir den ganzen Tag eine Aussprache mit Ihnen gewünscht. . . .« Benedikte hätte am liebsten die Augen geschlossen. Sie wagte es nicht, Haarhaus anzusehen. Ihr Herz hämmerte unter Bluse und Cape. Nun kam das Erwartete – nein, Gefürchtete: nun kam die Erklärung. Haarhaus hatte sich mit dem Rücken gegen den Schreibtisch gelehnt. Auch er kämpfte sichtlich mit einer Verlegenheitswallung. 87 »Gnädiges Fräulein . . . lassen Sie mich kurz sein . . . ich habe Ihnen ein Geständnis zu machen. . . .« Bei dem Worte »Geständnis« zuckte Benedikte zusammen, wurde blaß und senkte den Kopf. . . . »Sie sehen einen reuigen Sünder vor sich. . . .« Benedikte hob den Kopf wieder ein wenig. . . . »Ich war gestern abend so außer Direktion, wie es mir sonst nicht zu passieren pflegt . . . ich glaube – ich – hatte etwas zu schnell – getrunken. . . .« Nun warf Benedikte den Kopf ruckartig in den Nacken. Ein helles Rot lief über ihre Wangen und verstärkte sich rasch. Was hörte sie da?! Was sagte Doktor Haarhaus?! Er hätte zu schnell – getrunken!? . . . Wahrhaftig – er wiederholte dies sogar noch einmal – und dann beugte er sich zu ihr hinab, faltete die Hände und fuhr fort: »Liebes, gnädiges Fräulein, ich kann nichts weiter thun, als Sie um Verzeihung bitten – von ganzem Herzen und ganzem Gemüt . . . Sagen Sie mir, daß Sie mir nicht mehr böse sind! Ich war ungezogen – frech – unverschämt, aber ich bereue. Ich habe die halbe Nacht nicht schlafen können. Ich hatte einen bösen moralischen Kater. Seien Sie milde und gütig. Ja? wollen Sie mir vergeben? . . .« Benedikte erhob sich rasch. Sie war nicht mehr das Kind von vorgestern. Sie war plötzlich klug geworden. Die Eva in ihr brach sich Bahn. Sie zwang sich zu einem Lächeln, und es glückte auch ganz gut. »Aber, verehrter Herr Doktor,« entgegnete sie leichthin, »wenn ich nur wüßte, was ich Ihnen vergeben soll?! . . . Wollen Sie mich nicht aufklären?« Haarhaus stutzte. »Gnädiges Fräulein . . . wollen Sie mir nicht das Bekenntnis meiner Unart ersparen?« »Will ich auch thun, meinetwegen. . . . Aber ich 88 wiederhole Ihnen: ich weiß wirklich nicht, warum Sie mich um Verzeihung bitten.« »Fräulein Benedikte – Sie spotten über mich! Das ist nicht hübsch von Ihnen.« »Herr Doktor, wir werden uns nie verständigen, wenn Sie mir hartnäckig verschweigen wollen, was Sie eigentlich verbrochen haben.« Haarhaus schaute Benedikte prüfend in das harmlos freundliche Gesicht. Was sollte das alles bedeuten? Verstellte sie sich? – Trieb sie ihren Scherz mit ihm? – »Gnädiges Fräulein,« hub er von neuem mit etwas unsicherer Stimme an, »Sie werden sich doch entsinnen, daß ich mir gestern abend – auf der Insel – in einem schwachen Augenblicke erlaubte, Ihnen – nun also, es muß heraus – Ihnen einen Kuß zu rauben?!« Benedikte warf wieder den Kopf zurück und schaute Haarhaus hochmütig an. Dann lachte sie hell und lustig auf. »Sie mir – einen – Kuß?! . . . Lieber Herr Doktor, Sie müssen geträumt haben . . . oder Sie hatten in der That etwas – zu schnell getrunken! . . . Beruhigen Sie sich, eine so bodenlose Unverschämtheit haben Sie sich nicht zu Schulden kommen lassen! . . . Meine Vergebung brauchen Sie also wohl nicht mehr?« Sie schritt nach der Thür. Aber Haarhaus hielt sie zurück. Ueber seine Wangen huschte ein blasser Schimmer; seine Augen blitzten. »Fräulein Benedikte,« sagte er hastig, »ich lass' mich nicht höhnen und spotten. Ich bin es nicht gewöhnt, so – so – minderwertig behandelt zu werden. Ich habe Sie um Entschuldigung gebeten – mehr kann ich nicht thun. Wollen Sie mir trotzdem zürnen, so muß ich mich fügen. Nur – auslachen lass' ich mich nicht!« Benedikte zuckte mit den Schultern. 89 »Herr Doktor Haarhaus,« entgegnete sie ruhig und mit einem gewissen würdigen Ernst, »ich bitte Sie, lassen wir die Sache auf sich beruhen. Ich habe Ihnen nichts zu vergeben als höchstens eine Gedankensünde. Denn allerdings: schon der Gedanke , daß Sie mich haben küssen wollen, ist – beleidigend für mich!« Und sie trat in das Nebenzimmer zurück. Haarhaus war wie angewurzelt stehen geblieben. Das Blut schoß ihm in die Stirn. Das war eine Abfertigung, wie sie ihm bislang noch nicht zu teil geworden war. Der große Afrikaner, der Herrenmensch, war von einem Backfischchen gemaßregelt worden. . . . Haarhaus wußte nicht recht: sollte er wütend werden oder lachen?! . . . Und da er klug war, so lachte er . . . lachte, schnippste mit den Fingern und sagte: »Eine Krabbe! Eine niedliche – ganz gerissene – achtungswerte kleine Krabbe . . .« Freese hatte Miß Nelly auf das Ersuchen Maxens in die Küche geführt, um sie ebenda »einzuweihen«. Ein andrer Einweihungsraum war zur Zeit nicht vorhanden, da Max, Elise und Frau von Seesen das große Wohnzimmer, Haarhaus und Benedikte das kleine Kabinett und die Spreewälderin mit Eberhard die Kinderstube besetzt hielten. Aber auch in der Küche war es ganz gemütlich. Bei der Regenflut draußen konnte man sogar das Herdfeuer gebrauchen. Es knisterte behaglich, und auf der weiß getünchten Wand zuckte der Wiederschein des Feuers hin und her. Freese nahm den dicken Kohlkopf, der auf einem Schemel lag, herab, stellte ihn vorsichtig auf den Tisch, wo er ein Stillleben aus Mohrrüben und Petersilie vervollständigen half, und bat dann Miß Nelly, sich niederzulassen. Nelly that es, mit verwundertem und neugierigem Gesicht, und faltete die Hände im Schoß. Sie wartete auf die »Einweihung«, doch der Kandidat schien völlig vergessen 90 zu haben, welche Pflichten er übernommen hatte. Er hatte sich in die Nähe des Herds gestellt, und dort begann er allmählich zu dampfen; das Wasser in seiner Kleidung löste sich auf. Dazu seufzte er. »Herr Freese,« begann Nelly endlich, »was macken Sie? Sie saufzen.« »Seufzen heißt es, Miß Nelly. Aber das schadet nichts. Ob seufzen oder saufzen: die Thatsache bleibt. Ich habe das Recht zu seufzen; denn mir ist so weh um das Herz.« »O . . . Mister Freese! Sie werden sich haben sehr erkältet. Sie haben nasse Füße gekriegt!« »Ach, liebe Miß Nelly, nasse Füße! Die werden wieder trocken, und eine Erkältung heilt aus. Aber mit dem Herzen steht's schlimmer. Es ist so stürmisch geworden und klopft weit stärker als früher. Schon eine geraume Zeit! Seit ich Ihnen Unterricht erteile.« »O . . . Herr Freese, Sie ärgern sich so viel über mir! Weil ich so dumm bin und immer ›macken‹ sage.« »Nein, Miß Nelly – – weil Sie so hübsch und so gut und so lieb sind! Das hat mein Herz in Verwirrung gebracht!« »O . . . Mister Freese! . . .« Nelly neigte den Kopf. Der Wiederschein des Feuers war es nicht, der ihr Gesicht rötlich erscheinen ließ, bis hinauf zu dem weißblonden Ansatz der Haarwurzeln. Die Flammen malten ihre Reflexe noch immer auf die getünchte Wand – und dunkler wurde das Antlitz der jungen Engländerin, und tiefer neigte sich ihr Kopf . . . Freese stand dicht vor ihr und nahm ihre Hände in die seinen. Er war so bewegt, daß ihm das Sprechen schwer wurde. »Nelly,« sagte er, »es ist ganz gut, daß es einmal zur Aussprache zwischen uns kommt. Als ich Ihnen vorhin im Wagen gegenüber saß, da hätte ich beinah eine Dummheit 91 gemacht und wär' Ihnen zu Füßen gefallen. Es war nur zu eng und auch Fräulein Benedikte dabei. Aber es drängte mich zu Ihren Füßen. Mich dünkte, ich hätt' Sie noch nie so reizend gesehen – noch nie war mir Ihr liebes Gesichtchen so süß, so süß erschienen. . . . Nelly – ich bin Ihnen schrecklich gut . . . ich bin Ihnen über alles gut . . . ich –« Und dann machte er kurzen Prozeß. Er fiel vor Nelly auf die Kniee, mitten in Erbsenschalen und das Grün der Mohrrüben, und küßte ihre Hände. Im Herde knisterte es, und heller flackerte das Feuer auf, als freue es sich. . . . Nelly legte beide Arme um den Hals Freeses und lehnte ihr thränenüberströmtes Gesichtchen an seine Wange, » O . . . I love you with all my heart, « flüsterte sie. Denn zu dieser Stunde hätte sie für alle Schätze der Welt nicht ihr mangelhaftes Deutsch gesprochen. . . . Der Zufall wollte, daß Freese mit Nelly gleichzeitig wie Haarhaus und Benedikte in das Wohnzimmer zurückkehrten. »Na endlich!« rief ihnen Max entgegen; »haben die Herren die jungen Damen eingeweiht?« »Zackerment – das hab' ich vergessen!« schimpfte Haarhaus, der Benedikte gefolgt war. Freese machte eine verlegene Bewegung. »Der Herr Baron werden gütigst entschuldigen,« antwortete er, »das hab' ich auch vergessen!« Max schaute von einer Partei zur andern. »Ja, aber – sapristi – was habt ihr denn draußen gemacht?!« rief er. »Ach,« entgegnete Haarhaus, »ich habe mich mit Fräulein Benedikte ein bißchen verplaudert und gar nicht mehr an deine Angelegenheiten weiter gedacht!« »Ein netter Freund,« meinte Max. »Frau von Seesen, was sagen Sie dazu?! Ist es glaublich, Elise?! . . . Nun, und Sie , lieber Freese . . .?« 92 Der Kandidat zögerte einen Augenblick und nahm dann Nelly an die Hand. »Der Herr Baron werden entschuldigen,« entgegnete er mit gewohnter Höflichkeit, »ich habe mich in der Küche mit Miß Nelly verlobt. . . .« Benedikte schrie auf und stürzte Nelly in die Arme. Alles umringte das glückstrahlende Brautpaar. »Gratulor, Herr Freese!« rief Max; »gratulor, Miß Nelly! Aber nun aufgepaßt, meine jungen Damen! Benedikte, laß Miß Nelly gefälligst los – du kannst nachher weiterküssen! Benedikte, du sollst Miß Nelly loslassen . . . komm einmal hierher, mein Kind . . . wer ist das? Fräulein Warnow . . . nein, das war Fräulein Warnow; denn heute ist sie deine Schwägerin und meine Frau! Und nun fall' ihr noch einmal um den Hals und sage es vorläufig keinem Menschen weiter, was man bei Regenwetter alles im Erlenbruch erleben kann . . .« Im ersten Augenblick war Benedikte gleichwie erstarrt. Aber die Eva in ihr war sehr, sehr klug geworden: sie begriff auf der Stelle. Und in dem kleinen Jägerstübchen, von dessen Fensterscheiben noch immer der Regen herabtroff, wurde es plötzlich sonnenhell. Der Engel der Liebe flog mit leuchtenden Schwingen durch das Zimmer. – – Das war eine merkwürdige Heimfahrt in der riesigen, geschlossenen Kalesche, die Tübingen gewöhnlich die »Komödiantenkitsche« zu nennen pflegte. Gesprochen wurde nur wenig. In einer Ecke drückten sich Freese und Nelly in glückseligem Schweigen nebeneinander. Ihre Lippen bewegten sich nicht, aber desto lauter jubelten ihre Herzen. Als dritter hatte Haarhaus Platz genommen, und den dreien gegenüber saßen Benedikte und Max. Jeglicher war mit den eigenen Gedanken beschäftigt. Max dachte an seine Elise und der große Afrikaner an Frau von Seesen, die sichtlichen Eindruck 93 auf ihn gemacht hatte. Ihre grauen Augen mit den seltsamen grünen Reflexen schauten ihn noch immer an. . . . Am lebhaftesten arbeitete es aber in der Gedankenwerkstatt Benediktes. Da gab es ein buntes und wogendes Durcheinander. Diese Regenstunde im Erlenbruch hatte ihr mehr Unvergeßliches gebracht als das ganze bisherige Leben. Eine Verlobung – eine heimliche Ehe – und dann die Geschichte mit Haarhaus . . . es war fast zu viel auf einmal. Benedikte faßte den Entschluß, von nun ab ein Tagebuch zu führen. Trude hatte auch eins: in Maroquin gebunden, und man konnte es verschließen. Benedikte wollte sich vorläufig ein Groschenheft vom Krämer kaufen. Aber ein Tagebuch mußte sie haben. Sie konnte nicht alles, was das Herz bewegte, für sich behalten; es war wirklich zu viel. . . . Der Empfang daheim war nicht allzu liebenswürdig, wenigstens anfänglich nicht. Doch Haarhaus log mit gewohnter Genialität, und als schließlich Freese die hold verschämte Miß Nelly der Baronin, dem Baron und dem alten Teupen als seine Verlobte vorstellte, da heiterte sich auch in Hohen-Kraatz das Wetter auf. Und als am späten Abend Tübingen noch einmal in das Schlafzimmer seiner Frau trat, um ihr den Gutenachtkuß zu geben, da sagte die Baronin mit einem gewissen Triumph im Tone: »Siehst du, Eberhard – es fängt schon an!« »Was denn, Eleonore?« »Unser Heiratsjahr.« Tübingen lachte. »Aber Eleonore, der Freese und die kleine Nelly sind doch weder Teupensch noch Tübingensch!« »Ganz gleich. Sie gehören zum Appendix unsrer Häuser. Und ich möchte ihre Verlobung als gutes Vorzeichen betrachten.« 94 »Da thust du recht, Eleonore. Das kannst du beruhigt. Für gute Vorzeichen bin ich immer. Nun schlaf wohl, mein Kind! . . .« Elftes Kapitel. Von der Einführung Reinbolds und Benediktes Groschentagebuch, sowie den notwendigen Vorbereitungen zu der großen Gesellschaft. Am Freitag abend war ein Telegramm des Pfarramtskandidaten Reinbold in Hohen-Kraatz eingetroffen, in welchem dieser seine Ankunft für Sonnabend anmeldete; am Sonntag wollte er mit gütiger Erlaubnis des Patronatsherrn seine Probepredigt halten. Tübingen ließ Reinbold, schon zur Vermeidung ähnlicher Absonderlichkeiten, wie sie sich beim Eintreffen Freeses ereignet hatten, aus Plehningen abholen. Die Sitte erforderte es, daß Reinbold nicht im Schlosse, sondern im Pfarrhause übernachtete, doch machte er noch am späten Abend der Familie seines Patrons seinen pflichtschuldigen Besuch. Aus der Photographie und den Schilderungen Freeses war man auf die »vergnügte Nase« Reinbolds genügend vorbereitet. Doch das lebendige Wunder erschreckte die Baronin noch mehr als das bildliche. »Ich kann mir nicht helfen, Eberhard,« sagte sie in der abendlichen Plauderstunde zu ihrem Gatten, »diese Nase wird mich in jedweder Andacht stören. Es ist ein Mißgriff der Natur, über den man sich nicht genug wundern kann, und der auch die innere Sammlung beeinträchtigt. Ich bitte dich, überlege dir reiflich, ob du den Mann behalten willst oder nicht.« »Das wird von der morgigen Predigt abhängen, liebe Eleonore,« entgegnete Tübingen. »Doch kann ich dir heute 95 schon sagen, daß Reinbold mir gut gefällt – o ja, recht gut. Sein sicheres, ernstes und würdiges Auftreten steht ja allerdings in einem gewissen Kontrast zu seiner Physiognomie, aber da wir nicht zur Familie Lavater gehören, so kann uns sein Gesicht ziemlich gleichgültig sein. In meinem Herzen spricht noch etwas anderes für diesen Reinbold: das Mitleid. Ich bin überzeugt, daß er mit seiner lustigen Visage, die für ihn ja von einer gewissen Tragik ist, bei minder vorurteilsfreien Leuten einen schweren Stand haben wird. Vielleicht muß er jahrelang suchen, ehe er in Amt und Stellung kommt; der alte Aberglaube, daß man vom Aeußeren auf den inneren Menschen schließen könne, hat zu tief Wurzeln geschlagen. Und gerade dem möcht' ich trotzen.« »Und seine Jugend? Macht die dich nicht besorgt?« »Aber, Eleonore, es muß doch auch junge Pastoren geben! Die Theologen kommen doch nicht gleich alt auf die Welt. Und je älter ich selbst werde, desto mehr liebe ich die Jugend. Selbst der heilige Augustinus ist einmal ein Jüngling gewesen und hat doch vielen Zulauf gehabt. Seine Jugend stört mich erst recht nicht. Uebrigens hast du ja gesehen, daß Reinbold sich einen Vollbart wachsen läßt.« »Die Anfänge sind recht spärlich. Von weitem sieht man noch gar nichts oder doch nur einen Schimmer. Uebrigens will ich nicht länger dagegen sprechen: warten wir ab. Eine Frau wird Herr Reinbold am Ende auch bald finden, und die Ehe hält seinem jugendlichen Aussehen die Wagschale. Dabei fällt mir ein: die Verlobung Freeses kommt mir wenig zu passe. Nun können wir uns wieder nach einem neuen Hauslehrer umthun.« Tübingen zog die Schultern hoch. »Dagegen ist nichts zu machen, mein Kind. Verheiratung löst sogar einen Theaterkontrakt auf, wenn ich recht 96 berichtet bin. So rasch wird das mit der Hochzeit ja auch nicht gehen.« »Doch. Freese will nur sein zweites Examen machen und Nelly hat schon nach Chepperton-on-Tyne geschrieben. Da wohnt ihr Onkel. Sie ist keine schlechte Partie, hat auch ihr eigenes kleines Vermögen. . . . Na, wie gesagt, gegen die Heirat ist nichts zu machen. Was sich liebt, soll sich auch kriegen. Aber –« »Halt 'mal, Eleonore! . . .« und Tübingen drehte sich schmunzelnd den Schnurrbart. »Auf diese Aeußerung hin könnte ich dich festnageln. Was sich liebt, soll sich auch kriegen, sagst du. Nun denk' einmal an, wenn du nach diesem Grundsatz auch damals bei Max und der Warnow vorgegangen wärst!« Die Baronin wurde plötzlich sehr ernst. »Lieber Eberhard, da sprachen noch andere Momente mit, und sehr gewichtige dagegen . Auch hatte sich Max schnell genug unsern Wünschen gefügt. Lassen wir doch diese Angelegenheit ruhen. Ich hoffe nicht, daß sie uns noch einmal beschäftigen wird. Nein – ich hoffe es nicht. . . .« Die Baronin schaute eine kleine Minute lang aufmerksam auf die Nägelfeile, die sie in der Hand hielt. Sie schien nachzudenken, schien etwas Wichtiges auf der Zunge zu haben. Dann legte sie die kleine Feile rasch auf den Tisch zurück. »Hoffe es nicht,« wiederholte sie nochmals. »Also die beiden Verlobten. Sie benehmen sich ja würdig und anständig, küssen sich nicht und dalbern auch nicht miteinander – wenigstens merken wir das nicht. Aber es fragt sich dennoch, ob ihr Einfluß auf die junge Welt in unserm Hause der richtige ist.« »Fürchtest du das Gegenteil?« »Ich weiß nicht so recht. Benedikte ist merkwürdig still geworden, fast so wie der Max. Sie scheint viel 97 nachzudenken. Das war früher nicht ihre Stärke. Ich glaube, sie grübelt sogar zuweilen. Worüber, frage ich dich!« »Ja, das weiß ich auch nicht. Aber ich glaube nicht, daß ihr die Verlobung Nellys im Kopfe herumgeht.« »Jedem jungen Mädchen gehen Verlobungen im Kopf herum. Es ist mir noch etwas aufgefallen. Neulich kam ich unvermutet in das Zimmer der Mädchen. Da saß Dikte am Tische und schrieb in einem Hefte mit blauem Deckel. Daß der Deckel blau war, habe ich deutlich gesehen. Und als ich eintrat, versteckte sie das Heft in der Schublade.« »Hast du sie denn nicht gefragt, was sie machte?« »Das that ich allerdings. Und da antwortete sie mir nur: eine kleine Arbeit. Was denn für eine kleine Arbeit? fragte ich weiter. Ach, so eine Art Aufsatz, sagte sie. Nun schwieg ich, aber ich dachte mir mein Teil. Eberhard, ich glaube, die Benedikte führt ein Tagebuch.« Der Baron pruschte los. »Aber, Eleonore – das wär' ja zum totschießen komisch! Das möcht' ich 'mal lesen! Was muß das für Weisheit enthalten!« »Lache nicht, Eberhard. Die Sache ist ernst. Als ich dich kennen lernte, fing ich auch ein Tagebuch an. Ein Jahr nach der Hochzeit habe ich es verbrannt, weil mir der Inhalt gar zu albern vorkam.« »Was stand denn da drinnen?« »Schwärmereien. Auch kleine Gedichte auf dich und Gefühlsergüsse und so etwas.« »O, Eleonore, das hätt' ich aber alles gar zu gern gelesen! Ich hätte einen Gefühlserguß auf mich niemals für möglich gehalten. Und auch Gedichte sagst du?« »Nun, Eberhard, wir wollen davon nicht mehr sprechen. Wir sind heute alte Leute; du bist freilich noch älter als ich. Immerhin gibt mir die Erinnerung an mein eigenes 98 Tagebuch in Verbindung mit der Entdeckung, die ich bei Benedikte gemacht, zu denken. Wir wollen uns Mühe geben, noch schärfer auf sie aufzupassen als sonst. Sie ist jetzt in dem Alter, wo sich leicht seelische Emotionen einstellen. Und dann bitte ich noch um eins. In dem Bücherregal in deiner Stube steht neben der ›Rationellen Viehfütterung‹ noch immer ›Der ewige Jude‹. Nimm den fort. Trude ist immer so neugierig.« »Soll geschehen, Frauchen. Soll alles geschehen, wie du befiehlst. ›Der ewige Jude‹ gehört übrigens dem Papa; der hat Herrn Eugen Sue einmal persönlich in Saint-Cloud kennen gelernt. Wenigstens erzählte er es. Und was nun das Tagebuch Benediktes betrifft, so möchte ich vorschlagen, das Mädel ruhig weiter schreiben zu lassen, wenn es ihr Spaß macht. Bei Max wäre mir die unsrer Familie fremde schriftstellerische Ader freilich ungleich lieber gewesen, aber Benedikte hat vielleicht mehr auf der Seele. Und da schadet es, meine ich, gar nichts, wenn sie sich das herunterschreibt. Du schüttelst zwar den Kopf – aber man kann ihr das Tagebuch doch nicht verbieten, wenn es nämlich wirklich eins ist! . . .« Es war wirklich ein Tagebuch und lag in dem einzigen verschließbaren Schubfach, über das Benedikte zu verfügen hatte. Dort ruhten noch andre Geheimnisse. Zum Beispiel verschiedene Briefe Trudes aus Montreux, die vor der Mutter verborgen werden sollten, ein kleiner Kalender, den ihr Graf Brada einmal als Vielliebchen geschenkt, und die bereits völlig verwelkte Rose, die Haarhaus neulich für sie gepflückt hatte. Ferner ein merkwürdiges Unding aus Blei, das Benedikte am letzten Sylvesterabend gegossen und das nach Ansicht des Großpapas einen Blütenkranz vorstellte; bei einiger Phantasie konnte man es, wenn man es gegen die Wand hielt und den Schatten betrachtete, aber auch für eine Riesenspinne oder eine junge Tarantel halten. 99 Viel stand noch nicht in dem Tagebuch, das nur einen Groschen kostete. Auf der ersten Seite las man als Titelschrift in lateinischen Lettern: »Erinnerungen aus meinem Leben.« Dann kam ein Klecks, der schlecht abgeleckt worden war und nunmehr der blaß gewordenen Darstellung eines Kometen glich. Auf der nächsten Seite aber fing das Tagebuch folgendermaßen an: ». . . Ich greife zur Feder, um hiermit das Wichtigste aus meinem Leben zu Papier zu bringen, damit meine Nachkommen einmal wissen, was ich schon in jungen Jahren alles habe durchmachen müssen. Bisher ist mir nicht viel passiert, als wie vielleicht das Ungemach an meinem Konfirmationstage, wo mir Bernd einen Tintenspritzer auf das weiße Kleid machte, und ich deshalb in der Kirche immer die Hand darauf halten mußte, damit man ihn nicht sehe. Doch war dieser Klecks eine Allegorie (Symbol) für mein zukünftiges Dasein, denn von dem Tage ab häuften sich die Merkwürdigkeiten. Besonders gestern und vorgestern werden mit brennenden Buchstaben ewig in meinem Herzen geschrieben stehen. . . .« Hier folgten drei Reihen sehr starker und fester Gedankenstriche, und dann ging es weiter: »Was soll ich zu allem sagen? Ich darf ja gar nichts sagen, weil es mir verboten worden ist, und ich unverbrüchliches Schweigen heilig gelobt habe. Doch dem geduldigen Papiere will ich meine Gedanken anvertrauen. Trude schläft schon, wo ich dieses schreibe. Ich habe ihr gesagt, ich wollte noch den englischen Aufsatz beenden, und sie hat es geglaubt. Sie ist nicht so klug, wie sie immer thut; sie behauptet zwar, viel erlebt zu haben, aber was ist das alles gegen mich und die Geheimnisse, in die ich hineingezogen worden bin!!! Das Atmen wird mir ordentlich schwer, wenn ich zurückdenke. Zuerst neulich abend, auf der Insel hinten, wo Doktor Haarhaus – – –. Was halte ich von dem Manne? Soll ich 100 überhaupt etwas von ihm halten? – Semper hat mir einmal ins Ohr getuschelt, er hielte ihn für einen Schwätzer und Aufschneider, aber ich glaube doch, halb und halb hat Trude recht, nämlich in dem, was sie zuerst über Haarhaus sagte. Nachher war er ja wieder lieb Kind, weil er ihr den Arm gereicht hatte. Trude versteht davon gar nichts. Hätte sie nur in den tief verworfenen Abgrund geschaut so wie ich! Aber ich habe ihn abfallen lassen und bis auf die Knochen blamiert, wie Papa manchmal sagt. Heimlich wird der Mann über sich selbst erröten, und das ist meine Rache; denn ich bin nicht herzlos, sondern strafe nur den, der es verdient. »Ueber die wahre Liebe zerbreche ich mir nicht weiter den Kopf. Nelly kann sich nicht so recht ausdrücken; ich glaube, es fühlt auch jeder anders. Nelly fühlt auf englisch, und an Freese will ich mich nicht wenden. Ich könnte ja Max befragen, aber der behandelt mich noch als Gänschen. Ich verzeihe es ihm. Es braucht niemand tief hinab in meine Seele zu sehen und dort zu lesen, was geschrieben steht in goldenen Lettern, unauswischbar und wie ein Stern in dunkler Nacht. Ich leide lieber still. Max leidet ja auch und ebenso die arme Elise. Es ruht ein furchtbarer Fluch auf uns, und wer weiß, ob er gehoben wird. Noch ein paar Tage soll es dauern, dann will Max sprechen. Ich weiß, daß es entsetzlich werden wird, aber ich werde ihm treu zur Seite stehen, als einzige Schwester, die ihm des Lebens Last tragen hilft in Ewigkeit. Ich werde auch den Zorn der Eltern nicht scheuen; denn weiß ich auch nicht so recht Bescheid, so fühle ich doch aus mir selbst heraus, daß die Liebe das Beste ist, was man in der Art hat. Außerdem gibt es für die beiden kein Rückwärts mehr wie im Cid von Herder (von 1740 ungefähr bis 1800), sondern sie sind über Leben und Tod füreinander gebunden und haben auch schon ein 101 kleines Kind. Letzteres habe ich aber noch nicht gesehen, weil es gerade schlief, und ich nicht hineindurfte. . . . »Noch zittert mir die Feder in der müden Hand. Beinahe hätte Mama mich überrascht. Aber wiederum rettete mich meine Geistesgegenwart. Ich glaube, ich irre mich nicht, ich werde jetzt sehr geistreich. Auch der Mut übt seine Spannkraft in meiner jungen Brust. Die großen Ereignisse der letzten Tage stärken mich unbewußt. Als ich heute früh die kleine Milchkanne aus Versehen umwarf und über die Hosen von Dieter, schimpfte mich Dieter in der Roheit seiner Jahre Tolpatsch. Ich lächelte stumm und weh. Was thut mir das! Ich habe mich in edler Weise verändert. Früher wäre ich grob zu Dieter geworden oder hätte ihm vielleicht eine heruntergehauen; jetzt aber schwieg ich. Ich könnte noch viel mehr erdulden. Nur aussprechen möchte ich mich manchmal sehr gern. Doch ich bin einsam und verlassen auf dieser Welt; denn mit Trude ist nicht zu reden, viel eher noch mit Semper, aber der ist mir nicht zur Hand. Er ist viel ritterlicher als Doktor Haarhaus, wenn er auch kleiner ist und nicht in Afrika war. Wie sagte doch Goethe: ›Komm den Frauen zart entgegen,‹ aber es kann auch Heine sein. Ich werde einmal im König nachsehen, ob es drin steht. . . . ». . . Im König konnte ich es nicht finden; Trude sagte Goethe. Es ist egal, aber der Endvers, den Trude mir vordeklamiert hat, macht mich wieder irrig. Kühn und verwegen kann am Ende jeder sein. Von Goethe ist auch nicht alles wahr. Mama ist jetzt immer so hinter mir her, und Papa sagte heute mittag, als von dem afrikanischen Tagebuch des Doktor Haarhaus gesprochen wurde: ›Ja, ja, so ein Tagebuch ist schon 'was Schönes,‹ und dabei guckte er mich an. Ich zitterte und wurde rot und sagte rasch mit meiner Geistesgegenwart: ›Es ist heute so heiß.‹ Aber Angst 102 habe ich doch. Ob die Eltern etwas gemerkt haben? – Ich will lieber drei Tage nicht schreiben; erst nach der Gesellschaft wieder. . . .« Es war ein wunderschöner Sommersonntag, an dem Reinbold seine Probepredigt halten sollte. Der junge Mann hatte schlecht geschlafen; die ungeheuer vollgestopften Federbetten beim Pastor Strimonius verwandelten sein Nachtlager in einen Backofen, und die innere Unruhe kam dazu. Er war schon in aller Frühe auf den Beinen und schlüpfte hinaus in den Garten, während der greise Pfarrer und die sich auch schon dem biblischen Alter nähernde Haushälterin noch friedlich schlummerten. Was war das für ein herrlicher Morgen! Ueber dem Dorfe lag heilige Festtagsruhe; selbst in den Ställen schien es friedvoller als sonst. Nur die Hähne krähten, und das Schnattern und Glucksen des Federviehs lieferten die Begleitmusik zu diesen Fanfaren. Dazwischen erscholl zur Vervollständigung der Morgenouverture der volle Chorgesang der Vögel in den Bäumen. Reinbold hatte das Haus durch den rückwärtigen Ausgang verlassen. Hier lagen der Obst- und Gemüsegarten des Pastorats und daran schloß sich, bis an das Ufer der Wilde hinabreichend, ein langgestrecktes Stück Wiesenland. Alles war sauber gehalten und stand in bester Kultur. Reinbold freute sich darüber; er nahm gewissermaßen schon Besitz von seinem neuen Heim. Und dennoch zagte seine Seele. Der Patron hatte das Machtwort zu sprechen. Nun war Herr von Tübingen ihm allerdings mit jener etwas rauhen Liebenswürdigkeit entgegengekommen, die ihm eigen war; dafür hatte sich aber die Baronin, und das war dem neuen Pfarramtskandidaten nicht entgangen, sichtlich zurückhaltend gezeigt. Reinbold konnte sich sogar der Auffassung nicht verschließen, daß sie häufig mit prüfendem Interesse sein 103 Gesicht und vor allem seine unselige Nase gemustert hatte. Das war ihm schrecklich unangenehm gewesen. » Mulier taceat in ecclesia, « sagte allerdings der alte Konzilsspruch, aber in diesem Falle sprach die Patronsgattin doch sicher ein Gewichtiges mit. Das war überall so. Vor Frau von Tübingen hatte Reinbold Sorge und eine heimliche Angst. Er schritt den schmalen Wiesenpfad hinab zum Flusse. Noch lag der Tau auf den Gräsern, aber auch hier im feuchten Grün erwachte bereits das Leben. Schmetterlinge taumelten über den Rispen, und große Hummeln, Libellen und Bienen; die ganze Käferwelt zog aus, ihren Morgenimbiß einzusammeln. Die Erlen und jungen Weiden am Flusse schwankten im erfrischenden Frühwind wie in rhythmischer Tanzbewegung hin und her; auf den silbern schimmernden Birken, die als Grenzwacht zwischen den Pfarrwiesen und dem Parke des Herrenhauses standen, hatte sich ein Schwarm Krähen niedergelassen und lärmte dort in ruheloser Art. Jenseits des Flusses setzten sich die Wiesen, hier zum Majorate gehörig, bis zum Waldessaume fort. Sie strahlten in der Morgenbeleuchtung ein bläuliches Grün aus, in das sich der Glanz des Taues mischte. Ein paar Störche stolzierten zwischen den Gräsern umher. . . . Es war so schön – so schön! Reinbold hob die Arme und breitete sie weit aus, als wollte er die ganze Gottesnatur an sein Herz ziehen. Er war in hoher und festlicher Weihestimmung. Er dachte nicht mehr an seine Unglücksnase – ein wundersames Wohlbefinden überschlich ihn und teilte ihm eine so sonnige Freudigkeit mit, daß er dadurch auch an Sicherheit gewann. Selbst die Erinnerung an das strenge Gesicht der Baronin verblaßte und milderte sich. Im Auf- und Niederschreiten rekapitulierte er seine Predigt. Er hatte sie sorgsam ausgearbeitet und sich dabei Mühe gegeben, auch in das Wesen und das Begriffsvermögen 104 der Bauern einzudringen. Das war ihm nicht leicht geworden, denn er kannte die ländlichen Verhältnisse wenig; aber er ging so mit Herz und Seele in seiner großen und schönen Aufgabe auf, daß er gutes Gelingen erhoffte. Ein Viertelstündchen vor Beginn des Gottesdienstes fand sich Freese noch einmal bei ihm ein. »Wie haben Sie geschlafen, lieber Herr Reinbold?« fragte er, nachdem er den alten Pfarrer Strimonius begrüßt hatte, Reinbold herzlich die Hand schüttelnd. »Schlecht, Herr Freese – unruhig und von allerhand bösen Träumen verfolgt. Aber mit dem neuen Morgen ist mir auch neuer Mut gekommen.« »Recht so,« sagte Freese. »Ich meine, Sie können außer Sorge sein. Die Stimmung im Patronatshause ist Ihnen günstig. Der Baron ist ein vortrefflicher Mann, noch einer aus der alten Schule –« »Aber die Frau Baronin,« fiel Reinbold in klagendem Tone ein. »Der Baronin sind Sie lediglich zu jung und zu unverheiratet,« entgegnete Freese lächelnd. »Das erstere bessert sich täglich, und dem letzteren wird im Laufe der Zeiten ja auch abzuhelfen sein. Es weht Verlobungsluft in Hohen-Kraatz; auch ich habe mich ihr nicht entziehen können. Schließlich haben Sie auch noch die jungen Damen für sich. Fräulein Benedikte ist der Ansicht, daß Sie bei wachsendem Vollbart die richtige Mischung von heiterer Lebensfreude und würdigem Ernst repräsentieren würden – so ungefähr wenigstens drückte sie sich aus – und in Fräulein Trude Palm besitzen Sie eine besonders warme Fürsprecherin. Ich darf Ihnen allerdings nicht verhehlen, daß Sie auf dieses Fräulein einen Eindruck gemacht, den Sie selbst wahrscheinlich am wenigsten erwartet haben, nämlich – einen pikanten.« »Machen Sie sich nicht lustig über mich, Herr Freese!« 105 »I bewahre, lieber Freund. Auch Fräulein Palm, die man nehmen muß, wie sie ist, hat das völlig im Ernst gemeint. Sie dürfen den Ausdruck pikant natürlich nicht im Sinne des Frivolen auffassen, sondern mehr nach der materiellen Geschmacksrichtung hin –« »Versteh' schon; wie Mixpickel ungefähr und geschmorte Gurken –« »So ungefähr,« schloß Freese lachend. »Die junge Dame ist nicht für das Alltägliche. Mehr für das Absonderliche. Sie ist sehr neugierig, wie Sie sich im Talare ausnehmen werden.« »Nun – diese Neugier wird ja bald gestillt werden. Daß ein Pastor seiner Gemeinde auch als Mensch gefallen muß, ist klar; in anderm Falle wird ein gedeihliches Handinhand und Nebeneinandergehen immer unmöglich sein. Ich verüble es Fräulein Palm also nicht, daß sie von meinem Menschen außen und innen gewisse pikante Kontraste erwartet. Denn auch mich wird sie nehmen müssen, wie ich bin. Und sicher ist es immer das Beste, sich nicht anders zu geben, als man ist. Das will ich auch thun, lieber Herr Freese, und mit Gottes Hilfe wird Patron wie Gemeinde Einsehen haben, daß man auch trotz eines jungen Studentengesichts und einer überflüssig lustigen Nase ein guter, treuer und ehrlicher Lehrer der Schrift sein kann. Jetzt leben Sie wohl; es läutet zum letztenmal, und ich muß in meinen Talar. . . .« Heute erschien die ganze Gemeinde in der Kirche. Der alte Pastor Strimonius, der sich in seinem Sorgenstuhl hatte in das Gotteshaus tragen lassen, war ganz verwundert. Er hatte die Kirche noch niemals so voll gesehen. Sogar die alte Rabitschen war gekommen, die sonst nur jährlich einmal zum Abendmahl zu erscheinen pflegte und dann immer zwei blanke Pfennige als Opfer auf die Altarecke legte. Und 106 alles war in größter Spannung. Reinbold merkte das wohl, sah auch, wie sich hie und da die Köpfe zu einander neigten und man sich gegenseitig Bemerkungen in die Ohren tuschelte, und in seiner Erregung vermeinte er sogar ein kritisches Urteil aufzufangen: »He seiht nuch ze jung ut! Un wat hat e vor enne gluupsche Nase ins Gesichte! . . .« Doch die Erregung legte sich bald; als Reinbold vor dem Altar stand, kam auch die innere Sammlung, kamen Ruhe und Frieden über ihn. . . . Oben auf dem herrschaftlichen Chor saßen Tübingen, die Baronin und Graf Teupen in der ersten Reihe, dahinter Max, Haarhaus, die drei Mädchen und Freese mit Bernd und Dieter. Auch hier fehlte niemand. Aber statt der Andacht sah man allüberall nur neugierige Gesichter. . . . Reinbold hatte nunmehr die Kanzel bestiegen und begann seine Predigt. Sein Organ klang voll, warm und schön, und es sprach Seele aus dem Ton seiner Stimme. Der Sonntag war der vierte nach Trinitatis und das Evangelium des Tages handelte von dem Balken und Splitter im Auge. Reinbold zog auch noch die Fortsetzung in das Bereich seiner Betrachtungen: die Worte vom guten Baum und seinen Früchten und versuchte seiner Gemeinde aus der Praxis des täglichen Lebens heraus den tiefen Sinn jener Weisheit klar zu machen. Und es war seltsam: aus den Gesichtern der Zuhörer verschwand allmählich der Ausdruck der Neugierde, und sinnender Ernst und gespannte Aufmerksamkeit traten an seine Stelle. Aller Augen richteten sich noch immer auf den jungen Geistlichen, aber die übermütige Nase, die eine satirische Laune der Natur dem nach Tiefinnerstem Strebenden als Patengeschenk in die Wiege gelegt hatte, sah niemand mehr, denn alles Aeußerliche trat zurück, da Reinbold sprach. Er wurde zur Verkörperung des heiligen Wortes, das er lehrte und deutete. 107 Selbst die Baronin schien zufrieden zu sein. Ihr Antlitz wurde weich. Nur einmal schüttelte sie unwillig den Kopf, als Tübingen, der während der Predigt häufig vor sich hin nickte, ihr zuflüsterte: »Na, Eleonore? Kann der Mann 'was?! Das ist ein Juwel, sage ich dir. Ich sage dir, der Mann bleibt. . . .« Die Baronin wollte in ihrer Andacht nicht gestört sein. Nach beendetem Gottesdienst ging Tübingen in die Sakristei, um Reinbold zu beglückwünschen. Er reichte ihm die Hand. »Haben Sie Dank für Ihre Predigt, mein lieber Herr Reinbold,« sagte er. »Sie hat mir vortrefflich gefallen. Sehen Sie, das ist das Rechte: einfach und schlicht, ohne Schönrednerei und auch ohne lyrisch-elegische Sentimentalitäten. Es gibt Leute, die einem immer die Pistole auf die Thränendrüse setzen. Das kann ich nicht leiden. Es ziemt sich nicht für einen Geistlichen, auf billige Effekte hinzuarbeiten. Die Wirkung muß eine unmittelbare und soll keine künstlich herbeigeführte sein. Also, es ist abgemacht: Sie bleiben bei uns! Ich werde gleich den Superintendenten benachrichtigen, dann kann in vierzehn Tagen die Ordination erfolgen. Morgen abend sind Sie mein Gast. Kleiner Kreis, Frack ist nicht nötig.« Und dann drückte er Reinbold noch einmal überaus kräftig die Hand und ging rasch davon, ehe der überselige und tiefbewegte junge Geistliche noch eine Entgegnung des Dankes stammeln konnte. – Am folgenden Tage ging es von früh ab im Herrenhause noch erheblich lebhafter zu als sonst. Die Gesellschaft am Abend erforderte ihre Vorbereitungen. Bernd und Dieter waren in solcher Aufregung, daß sie im Geschichtsunterricht alle Zeitalter durcheinander warfen und im Lateinischen eine greuliche Barbarei entwickelten. Der Papa hatte ihnen 108 versprochen, daß sie bis elf Uhr aufbleiben dürften, wenn sie recht artig wären; hatte ihnen auch weiterhin versprochen, beim Fischen zusehen zu dürfen, wenn sie recht artig wären. Zugesagt hatten sie diese Artigkeit, sogar beschworen. Aber wieder war das Fleisch schwächer als der gute Wille. Bernd fiel in den Fischkasten und mußte triefend nach Hause geschafft werden, und Dieter hatte sich, als er eine Schilfpfeife fabrizieren wollte, den halben Daumen abgeschnitten. Nun lag der eine im Bette und trank Mamas Allheilmittel, Fliederthee – und der andre saß daneben und machte Umschläge um seinen Daumen; und beide heulten. In der Backstube wurden Plätzchen, Kringel, Rosetten und Sterne gebacken – zum Thee. Dabei halfen die drei jungen Mädchen. Sie hatten große weiße Schürzen um und jede ein buntes Tuch um den Kopf und sahen sehr niedlich aus. Die Mamsell als Oberhofmeisterin war zwar der Ansicht, daß die Mädchen nur störend seien, denn es verstand keine von ihnen so recht etwas von der edlen Kunst des Teigmischens und der Bäckerei; aber die Mamsell war an die dreißig Jahre im Hause und wußte sich zu fügen, wenn es dann und wann auch ein wenig wild zuging. Zum Beispiel, als Miß Nelly ihren neuen und blitzblanken Verlobungsring beim Kneten des Teigs verloren hatte, was allgemein als böses Omen aufgefaßt wurde; sechs Hände, doch es waren weiße und höchst saubere kleine Pfötchen, wühlten gleichzeitig im Teig umher, um den Ring zu suchen, und es dauerte lange, bis man ihn fand. Er hatte sich tief verkrochen, und dabei hatte sich auch noch eine dicke Rosine in den schmalen Goldreif festgeklemmt, was Trude wiederum Gelegenheit zu allerhand symbolischen Deutungen gab. Ueber die Form der Theekuchen entspann sich ein längerer Streit. Vorgesehen waren nur Plätzchen, Kringel, Rosetten und Sterne, aber Trude wünschte auch Herzen, und nun mußte die Mamsell 109 erst nach der geeigneten Form suchen. Dafür buk Trude auch die gesamten Herzen allein und setzte auf jedes noch drei kleine Rosinen. Ein paar Herzchen erhielten sogar fünf Rosinen. Dabei erklärte Trude: »Das ist für Doktor Haarhaus, das ist für Graf Brada, das ist für Baron Max, und das ist für unsern neuen Pastor.« Dies letztere erhielt aber sechs Rosinen. »Trude, was gibst du nur an!« rief Benedikte. »Die Kuchen kommen doch alle durcheinander auf die Teller; wie sollen denn die Herren ahnen, welche Herzen du extra für sie gebacken hast!?« »Die Sympathie wird ihnen schon die Hände führen,« entgegnete Trude; »das ist nämlich der Zug von Herzen zu Herzen.« Etwas später gab es noch recht schmerzliche Augenblicke. Es sollten acht junge Hähnchen geschlachtet werden, und jedes einzelne war Benedikte an das Herz gewachsen. Um diese Zeit fand sich auch Graf Brada ein. Er hatte am Nachmittag wieder einmal keinen Dienst und kam schon so früh, um den Tisch decken zu helfen, wie er erklärte. Das mache ihm immer ein besonderes Vergnügen und, wie Benedikte wisse, habe er speziell im Arrangement des Blumenschmuckes für die Tafel eine sehr glückliche Hand. »Jawohl, geehrter Herr Graf,« entgegnete Benedikte lachend, »das weiß ich. An Ihrem Geburtstag haben Sie so viel Grünzeug über den Tisch gestreut, daß es aussah, als feiere König Nebukadnezar sein Hochzeitsmahl. Indessen, die Blumen haben noch Zeit. Zuvörderst handelt es sich darum, acht junge Hähnchen zur Tötung auszusuchen. Ich bin tief unglücklich. Warum ist bloß der Mensch ein Fleischfresser!« Darauf wußte Semper keine Antwort, oder aber er verschwieg sie. Doch folgte er Benedikte willig auf den 110 Hühnerhof, wo die alte Putenfrau schon auf der Jagd nach den Opfern des Abends war. Die Görbitschen war schlechtester Laune. Sie erklärte dem aufmerksam zuhörenden Grafen Brada, daß man Hühner, die zum Schlachten bestimmt, des Morgens nicht aus dem Stalle zu lassen pflege; ihr habe man aber nichts gesagt, und nun könne sie sich jetzt die Beine ablaufen, um das flinke Viehzeug einzufangen. Es ging so auch wirklich nicht; Trude, Nelly und Stupps wurden zur Hilfe herbeigeholt. Nun begann ein wildes Haschen und Greifen, an dem sich auch Brada beteiligen wollte, die Jagd aber wieder aufgab, da er unter dem umherflatternden Hühnervolk für seine gute Attila fürchtete. Doch schlug er vor, man solle sich in diesem Falle eine Wild-West-Angewohnheit zu eigen machen und mit dem Lasso arbeiten. Der Gedanke wurde freudig aufgenommen, nur nicht von der Görbitschen, die sich auf eine altbewährte List beschränkte. Sie streute tückisch Futter aus, und wenn sich dann das Federvieh um sie versammelte, um die Körner aufzupicken, dann warf sie plötzlich ihre Schürze über ein ahnungsloses Opfer und fing es auf diese Weise. So hatte man schließlich mit Aufwendung vieler Mühe sieben Hähnchen zusammengebracht und in einen Weidenkorb gesperrt; aber das achte wollte sich nicht greifen lassen. Und gerade auf einen besonderen Liebling Benediktes hatte es die Görbitschen abgesehen: auf ein entzückendes kleines Tierchen mit weißen Federn und einem kohlschwarzen Schwanzstutz, mit dem es beständig kokett wackelte. »Lassen wir es doch am Leben,« bat Benedikte; »sieben sind ja genug.« »Nee, gnä'ges Fräulein,« antwortete die Görbitschen, »wat mir befohlen wird, dat thu ick ook. Und wenn's glei' dat ganze Geflügel gilt. . . .« Und sie raste wieder mit ihrer Schürze hinter dem Schwarzweißen her. 111 »Ist es nicht schrecklich?« wandte sich Benedikte an Brada. »Das ist wie mit den Katakomben im alten Griechenland oder Rom.« »Hekatomben,« verbesserte Brada. »Na also – aus omben war es etwas, und schrecklich bleibt es immer. Ich esse nichts von den Hähnchen. Ich würde fürchten, noch auf dem Teller ihr freundliches Glucksen zu hören. Sie haben wohl gar kein Mitgefühl mit der Kreatur, Graf Semper?« »Ein Krieger muß an Blut gewöhnt sein, Miß Benedikte. Und wenn Sie einmal eine wackere Soldatenfrau werden wollen, müssen Sie auch noch ein bißchen härter werden.« Benedikte zuckte mit der Oberlippe. »Wer sagt Ihnen denn, daß ich eine Soldatenfrau werden will – he? Kann ich nicht ebensogut einen Landwirt oder einen Oberlehrer heiraten, wenn es schon einmal sein muß?« »O nein – ganz gewiß o nein! Ein Landwirt hat heute viel zu sehr mit Sorgen zu kämpfen und könnte sich daher nicht so um Sie bekümmern, wie es jedwede Gattin von ihrem Gatten verlangen kann. Und über den Oberlehrer muß ich lachen. Ich denke dabei gleich an rote Tinte und dreißig Fehler im Extemporale.« »Das will gar nichts sagen. Je älter ich werde, desto mehr achte ich die Wissenschaft. Und ein Lehrer der Jugend imponiert mir sehr. Sehen Sie sich einmal Herrn Freese an! Leider ist er schon gebunden.« Brada lachte lustig auf. »Streiten wir nicht mehr. Sie werden doch eine Offiziersfrau. Schon weil Sie so viel auf Kameradschaft halten, und weil Sie selber so ein famoser Kamerad sind. . . . Weil Sie überhaupt so ein prachtvolles Mädel sind, 112 Benedikte. . . . Weil Sie gewissermaßen die geborene Leutnantsfrau vorstellen – von der leichten Kavallerie. Letzteres selbstverständlich; denn als Gattin eines Kürassiers könnte ich Sie mir per exemplum gar nicht denken. . . . Ach, Benedikte!« Bei diesem letzten Seufzer schaute Benedikte betroffen auf. »Herr Gott, Semper,« sagte sie, »Sie werden mir doch nicht hier mitten auf dem Hühnerhofe eine Erklärung machen wollen?!« Etwas in seinem hübschen Gesicht und im Ausdruck seiner Augen machte sie stutzig. Sie wandte sich rasch um und lief mit wildem Lachen davon. Worüber sie lachte, wußte sie selbst nicht. Aber ein andres wußte sie nun ganz genau: Semper war nicht mehr der alte getreue Kamerad! Es schrie fortwährend in ihr: Semper ist verliebt in dich! Sein ganzes Herz guckt ihm aus den Augen! Semper will dich zur Frau haben! . . . Und dann weiter: Doktor Haarhaus, nun gib einmal acht! Jetzt kommt der zweite Trumpf auf deine Unverschämtheit! Hüte dich, frecher Afrikaner! In Hohen-Kraatz werden keine Herzen zertrampelt! Hier wird blutige Rache genommen! . . . Brada war stehen geblieben, und sein Gesicht hatte den Glücklichkeitsausdruck verloren. Plötzlich stürzte ihm die alte Görbitschen mit wehender Schürze entgegen. »Husche, husche, husche!« rief sie. »Lassen Se 'nn nich vorbei, gnä'ger Herr Graf! Lassen Se 'nn nich vorbei, gnä'ger Herr Graf! Husche, husche, husche!« Brada sprang zur Seite. »Was wollen Sie denn eigentlich zum –« »Dat weiße Hähnecken, gnä'ger Herr Graf! Husche, husche, husche. . . .« Und die Görbitschen raste wie Frau Holle an ihm vorüber, während von der andern Ecke des Hühnerhofes Nelly, 113 Trude und Stubbs herbeistürmten. Aber Brada hatte im Augenblicke andres im Kopfe als das schwarzweiße Hähnchen. Aus Liebenswürdigkeit für Nelly und Trude lief er ein Weilchen mit und machte gleichfalls: »Husche, husche, husche,« und dann verschwand er plötzlich. – Als im Eßzimmer der Tisch gedeckt war, führte der Zufall den Grafen Teupen und die Baronin hier zusammen. »Ah, sieh da, Eleonore,« sagte der Graf, »ich wollte noch einmal die Tischordnung revidieren. . . . Es ist doch alles beim alten geblieben?!« »Alles, Papa. Frau von Seesen zwischen Haarhaus und Max. Tübingen scheint ganz damit einverstanden zu sein.« »Sehr gut so. Nach dem Souper nehm' ich mir die Seesen vor. Ich denke, wir werden schon heute abend Aufklärung darüber haben, ob Max wirklich in Afrika gewesen ist oder sonstwo.« Die Baronin stieß einen tiefen und kummervollen Seufzer aus. »Ach, Papa,« antwortete sie, »was bringt uns das Leben doch alles! Enttäuschungen über Enttäuschungen. Bei Max hätte ich darauf geschworen, daß das Teupensche Blut in ihm viel stärker wäre als der Tübingensche Zusatz. Aber ich fürchte, nein. Das Gute bei den Tübingens in Ehren; doch das Revolutionäre überwiegt. Eberhard ist heute bei Jahren, aber ehemals that er mit Vorliebe das, was der Sitte und der Ordnung direkt widersprach. Ich denke noch mit Schrecken an die ersten Jahre unsrer Ehe, wo wir öfters einmal nach Berlin kamen. Da wollte er in grauen Hosen auf den Opernball gehen, und als man ihn zurückwies, machte er solchen Spektakel, daß sich Herr von Hülsen, den er kannte, persönlich ins Mittel legen mußte.« »Ja, ja,« sagte Teupen, der nur zerstreut zuhörte, weil 114 er die auf den Tellern liegenden Namenskarten studierte, »er war schon ein bißchen krakeelig . . .« »Und war sehr für das Weibliche,« fuhr die Baronin fort, und wiederum hob ein ganz leiser Seufzer ihre Brust. »Er kannte die meisten Schauspielerinnen, und mit der Trebelli, die damals eine berühmte Sängerin war, hatte er zusammen gefrühstückt. Die Meyer, die das Lied von der kleinen Handschuhmacherin im ›Pariser Leben‹ sang, nannte er immer bloß die Lina, und die Schramm Anneken. Er that ganz intim mit den Herrschaften. Hast du die David gekannt?« »I, nun natürlich – die kleine David vom Opernhausballett?! Hör' 'mal, das war ein reizendes . . .« Und dann brach der sehr lebendig gewordene Graf plötzlich ab und beugte sich tiefer über den nächsten Teller und sagte dabei: »Ja, Eleonore, die hab' ich auch gekannt; wenigstens von Ansehen.« »Und der hat Eberhard von der Loge aus zugenickt, Papa. Er bestritt es natürlich, aber ich habe es deutlich gesehen. Es war im Dezember siebenundsechzig; ich habe mir den Tag notiert. Und damals war Eberhard doch schon Vater! Bei der Garde du Corps standen lauter leichtsinnige Menschen. Von Potsdam aus fuhren sie immer mit einem Extrazuge nach Berlin. Aber ich hätte nie geglaubt, daß Max einmal in die Fußstapfen seines Vaters treten würde. Ich hätte meinen Gegeneinfluß für stärker gehalten. Ich kann dir sagen, ich bin auf das tiefste betrübt.« Graf Teupen ging um den Tisch herum. »Du darfst nicht übertreiben, liebe Eleonore,« antwortete er. »Die Jugend will nun einmal ihr Recht haben. Uebrigens steht durchaus noch nicht fest, daß Max wegen irgend welcher Weibergeschichten uns mit Afrika bemogelt hat. Es wird schon alles ins reine kommen. Er weiß, was er seinem 115 Namen schuldig ist. Und schließlich ist die Tübingensche Ader auch keine schlechte.« »Da sei Gott vor,« entgegnete die Baronin; »das hat noch niemand behauptet. Sonst wäre eine Verbindung mit den Teupens einfach nicht möglich gewesen. Aber . . . nun, ich will nicht mehr klagen! Ich kann nichts weiter thun, als die Ereignisse an mich herantreten lassen.« »Das ist allzeitig das Beste gewesen,« sagte Teupen lächelnd; »selbst in der Strategie weiß man diesen Grundsatz zu schätzen. . . . Und nun sage mir einmal: weshalb hast du den Freese und Miß Nelly nicht nebeneinandergesetzt? Ich dächte, bei Brautpaaren wäre das so üblich?« »In der Gesellschaft, ja. Aber schließlich – so ganz gehören die beiden Leutchen denn doch nicht zu uns! Ach nein – einen kleinen Trennungsstrich möchte ich immer markiert wissen. Schon wegen der Benedikte, die gar zu gerne ihre Stellung vergißt. Laß es nur so, Papa; man ist tolerant genug. . . .« Gegen sieben Uhr versammelte sich die Familie in Erwartung der Gäste auf der Veranda. Das war eine ländliche Sommersitte, wider die weder Graf Teupen noch die Baronin trotz aller Waffen der Etikette, die sie dagegen ins Feld führten, anzukämpfen vermochte. Tübingen saß, im schwarzen Ueberrock und mit blank geputztem Monocle, in seinem Bambusstuhl und hielt noch eine Ansprache. »Herr Freese,« sagte er, »wollen Sie mir bitte darauf achten, daß die Jungen nur zwei Glas Sekt bekommen – keinen Tropfen mehr. Benedikte, du trinkst mir auch nicht zu viel.« »Aber, Papa –« »Sei still! Du verträgst gar nichts und siehst gleich wie eine Klatschrose aus. Das Herunterkippen des Sekts, so in einem Zuge, wird mir auch nicht gemacht.« 116 »Ich passe schon auf, Herr von Tübingen,« erklärte Brada;»ich gieße Fräulein Benedikte immer nur ein Viertel Gläschen ein und Wasser dazu.« »Das können Sie alleine trinken,« versetzte Benedikte mit verzogenem Mäulchen. »Sind Sie vielleicht mein Erzieher, Graf von und zu Semper?!« »Ein bißchen mehr Erziehung würde dir gar nichts schaden, liebe Dikte,« entgegnete Tübingen. »Wollen Sie wieder eine Rede halten, Semper, wie neulich abend?« »Das war zu Ehren von Max. Für heute verzichte ich.« »Danke schön; das ist mir nicht unlieb. Während der Reden verprietzelt gewöhnlich der Braten. Eleonore, wenn die Guste mitserviert, soll sie einem die Schüsseln nicht immer so dicht auf den Leib halten. Rumpelt's da nicht? – Paßt einmal auf, der alte Kielmann ist wieder der Erste! . . .« Ja, es rumpelte, und wirklich war der alte Kielmann der Erste. Es war noch ganz hell, aber die Laternen an der ungeheuren Schnittlager Kutsche brannten trotzdem. Sie leuchteten wie die Feueraugen eines Fabeltieres, das sich die Allee hinabwälzte. Die Hunde gerieten in Aufregung und kläfften in allen Tonarten; zwischendurch ertönte der helle Sopran Cosys. Wenn Cosy in Grimm geriet, sah er sehr komisch aus. Er stand ganz oben auf der Verandatreppe, und die Härchen seines braunen Fells sträubten sich, und mit den Hinterpfötchen schlug er zuweilen aus. Der Wagen hielt noch nicht, als man schon den schrillen Diskant des Amtsrats hörte: »Allerseits die Ehre– allerseits die Ehre! Sehr geschmeichelt gefühlt durch verblüffend überraschend gekommene Einladung. Wußte aber nicht, was für Gesellschaft, ob groß, ob klein und wieviel. Leibröckchen angezogen, um nicht in die Bredouille zu geraten – hähä.« Und dann streckte er ein Bein aus dem Wagen und 117 fuhr damit ein paarmal in der Luft herum, bis Riedecke dies Bein ergriff und den Fuß vorsichtig auf das Trittbrett setzte. Auf der andern Seite des Wagenschlages stand Stupps, der Riedecke half, den Amtsrat gänzlich zur Erde zu bringen. Das war ein komisches Männchen: klein, aber dick und mit einer scharfen Fistelstimme; mit drei Paletots übereinander und mit Filzüberschuhen, trotz des sommerlichen Wetters; um den Hals einen Shawl, auf dem Kopf einen mächtigen Cylinderhut, der stets und zwar mit Absicht gegen den Strich gebürstet wurde. Kielmann that sich etwas zu gut auf seine Sonderlingsart, auch auf seine kleinen Taktlosigkeiten. Nach erster Begrüßung wandte er sich an den Kutscher zurück. »Griepenstier, die Fischchen!« schrie er. »Riedecke, nehmt 'mal dem Griepenstier die Butte mit den Fischchen ab! Habe mir erlaubt, ein paar Fischchen mitzubringen, gnädigste Frau. Müssen aber noch heut abend gefuttert werden. Was – es gibt so wie so Fische?! Schad' nix, gnädigste Frau – meine Fischchen sind etwas Apartes. Ohne Gräten, mein alter Tübingen, aber zum Knacken. Gnädigste Frau, warm und mit frischer Butter, wenn ich bitten darf. Tübingen, habt Ihr denn noch von Eurem alten Rauenthaler? Von dem müssen wir ein Gläschen dazu trinken. Kinder, seid vorsichtig mit den Fischchen! Seid –« Aber die zweite Mahnung kam zu spät. Stupps schrie plötzlich auf. Die Fischbutte war nur locker mit Sackleinwand verschnürt, und Stupps hatte mit der rechten Hand unter die Leinwand gefaßt. Das war ihm aber schlecht bekommen. Er brüllte gewaltig und hüpfte dabei von einem Bein auf das andre. Kläffend umjagten ihn die Hunde. »Nun frag' ich den Menschen!« schimpfte Tübingen. »Bist du toll geworden, Stupps?! So laß doch das Biest los!« »Ich kann ja nicht, Herr Baron,« jammerte Stupps. »Das sind ja gar keine Fische; das sind ja Krebse!« »Ach was, Krebse! Hummern sind's, Dummerjahn!« sagte der Amtsrat. »Warum faßt du denn unter die Leinwand? Bringt einmal Salz her! Man muß dem Hummer Salz auf den Schwanz streuen, dann läßt er los.« »Ich werde ihn hypnotisieren,« meinte Haarhaus. »Beim Krebsgeschlecht ist das eine Kleinigkeit. Dann läuft er mir nach.« In der Parkeinfahrt zeigte sich bereits der zweite Wagen. Die Kutsche des Amtsrats fuhr weiter. Kielmann riß Stupps zurück, und bei dieser Bewegung gab der Hummer so wie so frei. Gleichzeitig riß aber auch die Leinenhülle der Butte; die Riesenkrebse fielen in den Sand, überschlugen sich hier und angelten krampfhaft mit den großen Scheren hin und her. Nun schrie alles wild durcheinander. Max stürzte dem zweiten Wagen – es war der Kletzelsche – entgegen und brachte ihn in der Mitte der Allee zum Stehen, damit er die Meergeschöpfe nicht überfahre. Dieter, Bernd und die Mädchen versuchten inzwischen, die Hummern zu fangen, und Graf Teupen und Kielmann gaben dazu gute Ratschläge, die aber nicht viel nützten. »Feste hinten anpacken!« rief der Amtsrat. »Immer von hinten – immer von hinten! . . .« Teupen war dafür, man sollte die Schmetterlingsnetze holen. Haarhaus beschränkte sich gleichfalls darauf, Direktiven zu erteilen. »Bilde dir ein, du hättest einen Löwen vor dir, Dieter,« sagte er; »sieh ihm fest ins Auge und dann hau' ihm in das Genick, damit er betäubt wird. . . .« Stupps kroch auf der Erde umher und schlug von Zeit zu Zeit mit einem Fuße aus, wenn einer der unaufhörlich belfernden Hunde ihm zu nahe 119 kam. Trudchen Palm that so, als wolle sie ebenfalls helfen; da sie aber vor den zwickenden Ungeheuern Angst hatte, so lief sie nur zwecklos mit geschürzten Röcken hin und her. Tübingen war wütend. »Nun frag' ich dich,« tuschelte er seiner Frau zu, »ist der Kielmann nicht ganz verdreht? Schmeißt uns die Hummern vor die Rampe! Und ich kann nun nochmal in den Keller, um den Rauenthaler herauszugeben. . . . Was der Alte für Einfälle hat! . . . Semper, wollen Sie nicht auch ein bißchen helfen?! . . . Habt ihr das Viehzeug beisammen?!« »Sieben Stück müssen es sein,« rief der Amtsrat. »Sechs kleinere und ein ganz großer mit einem grünen Fleck auf dem Rücken!« Aber man hatte nur sechs gefunden. In der Allee standen drei Wagen hintereinander. Herr und Frau von Kletzel waren ausgestiegen und halfen voller Interesse den siebenten suchen. Die kleine pikante Frau unterhielt sich dabei wundervoll. Fuchshatz, Schleppe und Hühnerkrieg – was war das alles gegen diese Hummerjagd! . . . Plötzlich kreischte Miß Nelly auf. Sie hatte den Fehlenden hinten am Kleide Benediktes entdeckt. Dort hatte er sich festgeklemmt und war hängen geblieben. Er ließ auch nicht locker; Benedikte mußte das Kleid wechseln, und mitsamt dem Kleide wurde der dicke Hummer in die Küche gebracht. Nun war der Amtsrat zufrieden und begann sich auszuschälen. Er trug einen altmodischen, dunkelblauen Frack und eine weiße Weste mit goldenen Knöpfen und um den Hals eine schwarze Krawatte, ganz klein, in Form eines Knotens, aber im Chemisett einen desto größeren Brillanten. Der hübschen, schwarzäugigen Frau von Kletzel küßte er dreimal die Hand und schaute ihr verliebt in das Gesicht, während er sie »mein entzückendes gnädiges Frauchen« titulierte; ihren Gatten, einen blonden Herrn mit liebenswürdigem 120 Leutnantsgesicht, aber nannte er nie anders als » poëta « oder »Magister der schönen Künste«. Für Herrn von Kletzel hatte er besonders viel übrig. Es gefiel ihm, daß jener den Mut der Liebe gehabt und, allem Klatsche trotzend, sein schlankes Schwarzreh heimgeführt hatte. Es gefiel ihm auch, daß es Kletzel gelungen war, durch die Erträgnisse seiner Feder den verwüsteten Landbesitz seines Vaters in die Höhe zu bringen. Was schrieb dieser junge blonde Mensch nicht alles zusammen! In allen Familienblättern las man Geschichten von ihm; es verging kaum ein Tag, an dem er nicht Ehen stiftete, Herzen brach, schändliche Treulosigkeiten beging und dann und wann auch mordete. Immer auf dem Papier, und das bezahlte man ihm sogar, und gut, wie man sich erzählte. . . . Der dritte Wagen brachte Frau von Seesen nach Hohen-Kraatz. Sie trug ein seegrünes Kostüm, weshalb der Amtsrat sie auch »meine gnädige Melusine« anredete. Dann kam noch der Landesälteste von Lohusen, ein reizender alter Herr, der leider eine mißgünstige, ewig hämische, hopfenstangenlange Gattin besaß, die bei der Begrüßung des alten Kielmann in ihr Taschentuch nieste und über die Kletzels beständig hinwegschaute, was diese außerordentlich zu amüsieren schien. . . . Nach und nach wurde es lebhafter. Auch ein paar Offiziere aus Zornow trafen ein: Rittmeister von Kahlenegg mit seiner Frau, die einer dicken Schlächtermeisterswitwe glich, aber nichtsdestoweniger einem ehemals reichsunmittelbaren Hause entstammte – Oberstleutnant Baron Gries und Leutnant Graf Dachsberg-Dachsingen. Ferner der Obersteuerkontrolleur Biebrich mit Gattin und Sohn, einem kleinen Kadetten, der immer hungrig aussah – und der Apotheker Palm mit seiner Ehegenossin, die Eltern Trudes. Beide spielten im Umkreise eine gewisse Rolle; zunächst, weil Frau Palm als geborene von Trusen mit 121 verschiedenen Familien des heimischen Landadels verwandt war, und dann, weil Palm den Ruf eines bedeutenden Bakteriologen genoß. Allerdings auch nur im Umkreise; die Wissenschaft wußte nichts davon. Indessen war es Thatsache, daß Palm ein Laboratorium besaß, in dem er viel arbeitete, und daß er zwei Meerschweinchen als »Versuchsobjekte« hatte, die täglich fetter wurden. Einer gelegentlichen Aeußerung zufolge war er einem neuen Bacillus auf der Spur, über dessen Eigentümlichkeiten er sich jedoch nur in Andeutungen erging. Der Bürgermeister hatte am Stammtische erzählt, jener Mikrobe finde sich gewöhnlich im Pflaumenmus; sprach man Palm darauf hin an, so lächelte er nur schweigend. Er schien immerhin ein bedeutender Mann zu sein. Die Gesellschaft versammelte sich in dem sogenannten »Saal«, dem großen Wohnzimmer, das zwischen den Zimmern Tübingens und der Baronin lag, deren Thüren geöffnet, und die hell erleuchtet waren. Hier reichte Riedecke den Thee, und Stupps marschierte hinterher, um die Kuchen zu präsentieren. Trude hielt sich viel in seiner Nähe auf, um zu kontrollieren, ob sie mit ihren sympathetischen Ahnungen recht behalten und ihre Herzen aus mürbem Teig mit den Rosinen darauf in die Hände wandern würden, für die sie bestimmt waren. Aber leider kam alles anders; es war nichts mit der Sympathie. Schließlich nahm Trude Stupps den Kuchenteller ab und flüsterte dem Jungen zu: »Stupps, geh' 'mal hinaus und sieh zu, ob auch Selterwasser kalt liegt; ich werde inzwischen weiter präsentieren. . . .« Und während Stupps ging, warf sie einen raschen Blick auf den Teller und entdeckte noch glücklich das Kuchenherz mit den sechs Rosinen, schob es unbemerkt mit Daumen und Zeigefinger so, daß es obenauf lag und knickste dann leicht vor Reinbold. »Bitte schön, Herr Pastor, ein Stückchen Kuchen gefällig?« sagte sie. 122 »Sehr liebenswürdig, gnädiges Fräulein; darf ich fragen, ob Sie selbst –« und er erhob die rechte Hand und senkte sie dann wieder. »Selbst gebacken, Herr Pastor; versteht sich . . .« und dabei gab Trude mit dem Daumen dem Herzen mit den sechs Rosinen noch einen kleinen Nachhilfestoß, so daß es Reinbold fast in die Finger flog. Er nahm es und stippte es in seine Theetasse. Als Trude aber ein paar Minuten später an Benedikte vorüberkam, flüsterte sie dieser hastig ins Ohr: »Siehst du, Dikte! Meine Sympathie! Herr Reinbold hat das Herzchen mit den sechs Rosinen genommen – mitten heraus! Auf Ehrenwort! . . .« Aber Benedikte war in viel zu großer Erregung, um sich heute um die stillen Geheimnisse ihrer Freundin zu kümmern. Kurz vor der Gesellschaft hatte sie noch Zeit gefunden, ein paar Zeilen in ihr Tagebuch zu schreiben. Diese lauteten: . . . »Es steht also fest: Semper liebt mich. Seine Augen haben es mir gestanden, als die andern das schwarzweiße Hähnchen greifen wollten. Und ach, o Gott, auch ich fühle, daß er mir nicht gleichgültig ist! Woran ich das fühle, weiß ich nicht; aber mir ist so bange und auch so selig zu Mute, und das wird wohl die Liebe sein. . . . Ich bin aufgestanden, um mich im Spiegel zu besehen; ich habe Thränen in den Augen. Ich weine sogar, da ich an ihn denke. Das wäre mir bei H. nicht möglich gewesen. H. wird zum Berserker werden, wenn er erfährt, daß ich Semper liebe. Aber das soll er. Es ist die leichteste Strafe, die ihn treffen kann. Wir sind hier nicht in Afrika. Wäre der Abend doch erst vorüber! Ich bin voller Ahnungen, aber ich will mir absichtlich nicht das Punktierbuch von der Mamsell geben lassen. Ich bin zu rein und groß geworden, um mich vom Aberglauben unterjochen zu lassen. . . .« 123 Benedikte war nicht die einzige Aufgeregte. Max, Haarhaus und Frau von Seesen erging es ganz ähnlich. Sie fieberten alle ein wenig. Und auch Tübingen und die Baronin steckten voller Unruhe. Letztere allerdings aus andern Ursachen als die Vorgenannten. Man wollte zu Tische gehen, und die Hummern waren noch nicht so weit. Dabei quirlte der alte Amtsrat beständig im Zimmer umher und erkundigte sich nach seinen Fischchen und dem Rauenthaler. Mit Reinbold hatte er sofort Freundschaft geschlossen. Reinbolds Nase zog ihn an. Er vermutete hinter ihr Verwandtschaft und Gleichempfinden. Geraume Zeit hindurch blieb er neben ihm stehen. »Freue mich sehr, Sie kennen zu lernen, Herr Pastor,« sagte er. »Erlauben Sie mir nur ruhig das ›Herr Pastor‹; Tübingen hat mir schon erzählt, daß die Ordination vor der Thür steht. Gehöre nämlich auch mit zu Ihren Lämmchen; Schnittlage ist in Hohen-Kraatz eingepfarrt. Müssen mich 'mal besuchen, Herr Pastor; ziehen Sie Rauenthaler oder Johannisberger vor?« Reinbold lächelte. »Ich glaube, ich habe bisher weder das eine noch das andre getrunken, Herr Amtsrat,« entgegnete er. »Doch nicht, weil ich etwa ein abgesagter Feind des Weines bin; armen Studenten wird er zu selten geboten.« »Ist richtig, Herr Pastor, ist richtig. Daran hab' ich nicht gedacht. Sie sollen meinen Weinkeller kennen lernen. Ziehe Rhein und Mosel dem Franzwein vor; erstens aus Patriotismus, zweitens aus Gesundheitsrücksichten. Es ist nicht wahr, daß ein feiner Bordeaux die Milch der Greise ist. Jeder Rotwein verdickt das Blut; unsre Moseltraube beflügelt es. Ei ja! Ich möchte sagen: ein guter Mosel – denn der geht noch über den Rhein – ist Poesie, ein guter Bordeaux dagegen höchstens Philosophie. Und Poesie ist mir lieber.« 124 »Jedes zu seiner Zeit, Herr Amtsrat. Nach Schopenhauer ist die Jugend die Zeit der Poesie, das Alter mehr die der Philosophie; hie Mosel, hie Rotspohn. Der eine beeinflußt die Anschauung, der andre das Denken. Nicht wahr?« »Ich glaube ja. Donnerwetter, das muß ich 'mal ausprobieren! Berncastler für die Phantasie, Léoville Lascaze für das Grübeln. Famoses Ideechen! Pastor, ich bitte dringend, daß Sie mich baldigst besuchen. Ich weiß: wir werden uns anvettern! Schon weil Sie Humor zu haben scheinen. Warum soll ein Pastor nicht auch Humor besitzen?!« »Bin Ihrer Ansicht, Herr Amtsrat. Nämlich, wenn es wahr ist, daß man einen Mann von Humor an seinem Ernste erkennt. Denn thatsächlich bin ich ernster veranlagt, als ich scheine. Jedenfalls liebe ich den Humor als eine Gottesgabe, die das Leben verschönt und oft genug sein Dunkel lichten hilft; und dann auch, weil er etwas besitzt, was zu den Grundelementen in der Wirksamkeit jedes Geistlichen gehört: etwas Versöhnliches.« Tübingen trat heran. »Amtsrat, jetzt sind wir so weit,« sagte er. »Riedecke meldet, daß angerichtet werden könne. Daß es länger gedauert hat, als notwendig gewesen wäre, ist Ihre Schuld, mein Alterchen. Der Hummer mit dem Fleck hat sich geradezu rabiat benommen. Er wollte das Kleid von der Dikte partout nicht loslassen, so daß man ihm die Schere mittels einer Kneifzange öffnen mußte. Und nun haben Sie die Güte, und geben Sie Frau von Kletzel den Arm. Sie, lieber Herr Reinbold, muß ich mit Frau von Lohusen belasten. Eine vortreffliche Dame, doch ist es notwendig, daß man ihr zuweilen den vierzehnten Vers aus dem vierunddreißigsten Psalm in das Gedächtnis zurückruft. Wissen Sie, wie der lautet?« 125 Reinbold nickte und citierte: »Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, daß sie nicht falsch reden.« »So ist es, Pastor; ich sehe, Sie sind bibelfest. Auf der andern Seite haben Sie die kleine Palm: ein Weltkind, dem es aber am Leitenden in der Welt gebricht, nämlich am Geist der Ordnung. Jetzt woll'n wir zu Tische gehen; ich hoffe, lieber Kielmann, daß Ihre Hummern in meinem Magen wieder gut machen werden, was die mürben Kuchen gesündigt haben.« In diesem Augenblicke öffnete Stupps die Flügelthüren zum Speisezimmer, und Riedecke, der heute zu seinem Frack Fangschnüre trug, meldete vernehmlich: »Gnädige Frau, es ist angerichtet.« Zwölftes Kapitel. Ein langes Kapitel, dafür auch das letzte, in dem alles zu einem glücklichen Ende geführt wird. Im Speisesaal brannte die große Krone nicht; dafür standen acht silberne Armleuchter auf der Tafel, die blendenden Glanz verbreiteten. Die Tafel sah hübsch aus; Benedikte hatte die Blumenbeete geplündert und auch das Treibhaus nicht geschont. Bevor man sich niedersetzte, bat Tübingen den künftigen Seelenhirten von Hohen-Kraatz, das Tischgebet zu sprechen. Dann wurden die Stühle gerückt, die Kleider der Damen rauschten und knisterten, und die Unterhaltung setzte sofort lebhaft ein. Ländliche Soupers beginnen gewöhnlich mit Bouillon in Tassen. Dazu gab es Pastetchen, die von Auguste, der Zofe der Baronin, gereicht wurden. Tübingen benutzte die Gelegenheit, dem präsentierenden Mädchen nochmals 126 zuzuraunen: »Nicht so dicht auf den Leib, Guste! Immer 'ne Handbreit ab! . . .« Auch Frau von Lohusen, die er nicht leiden konnte, war ganz gut plaziert; auf der einen Seite Reinbold, auf der andern der dicke Palm. Das war eigentlich nur Bosheit Tübingens. Der Apotheker erzählte gern allerhand unappetitliche Geschichtchen von seinen Bacillenkulturen, und diese gönnte Tübingen der Lohusen. Dann folgte der Rittmeister von Kahlenegg mit der Gattin des Obersteuerkontrolleurs; der Rittmeister sprach fast nur von seinen Pferden, und die Kontrolleursgattin fühlte sich grundlos geschmeichelt. Graf Dachsberg, ein langer, schwipper Herr, dessen kurze Attila wie ausgewachsen aussah, saß neben Frau von Kahlenegg, und beide unterhielten sich vom Hofe. Am Ende der Tafel hatte Freese zwischen Bernd und Dieter Platz erhalten, während Nelly neben dem kleinen Kadetten saß, der sich zuerst an der Bouillon den Mund verbrannte und dann noch rasch eine zweite Pastete nahm. Nelly wartete eine Zeitlang, ob der Kadett mit der Unterhaltung beginnen würde und fragte endlich: »Werden Sie bald Leutnant, Herr Bieberich?« Der Kadett hatte soeben in die zweite Pastete gebissen, erschrak, wurde rot, würgte etwas und entgegnete: »In sechs Jahren, Fräulein, wenn ich nicht sitzen bleibe.« Dann schwiegen beide wieder längere Zeit. Der stumme Nachbar war Nelly auch ganz recht. Sie unterhielt sich desto lebhafter mit Freese, aber nur mit den Augen. Und auf diese Sprache verstanden sie sich vortrefflich. Es war merkwürdig, wie raffiniert die beiden harmlosen Menschen geworden waren. Wenn Nelly das linke Auge ein wenig zukniff, spitzte Freese den Mund, und blinzelte Nelly, dann flog ein helles Aufleuchten über Freeses Gesicht. Der ganze Mann war ein andrer geworden, war längst nicht mehr der arme, hungrige Kandidat von früher, war eine hübsche, 127 stattliche Erscheinung, Sonnenbrand auf den Wangen und frohes Glück im Ausdruck der lebhaften Augen. . . . Nun fiel der Blick Tübingens in seiner prüfenden Umschau auf Kielmann und Frau von Kletzel. Der alte Amtsrat war überaus lustig; er kicherte und plauderte unausgesetzt, und seine Fröhlichkeit wirkte ansteckend auf die kleine Frau; denn auch sie lachte oft und herzlich, was Frau von Lohusen, die ihr schräg gegenüber saß, mit tiefem Ingrimm zu erfüllen schien. Sie neigte sich etwas zu Reinbold hinüber, schlug ihren Fächer auf und sagte halblaut: »Sind Sie ein Menschenkenner, Herr Pastor?« »Ich weiß es nicht, gnädige Frau. Ich fürchte nein, da ich wenig kritisch veranlagt bin.« »Ich ja im allgemeinen auch nicht. Aber ich denke mir, man braucht nicht allzuviel Menschenkenntnis zu besitzen, um Frau von Kletzel richtig beurteilen zu können.« »Sie ist mir noch fremd, und ich habe mir aus eigenster Erfahrung vorgenommen, über andre Menschen erst dann zu urteilen, wenn ich ihr Denken und Handeln kennen gelernt habe. Das Gesicht lügt oft.« »Mag sein, Herr Pastor. Aber man spricht doch viel über die Kletzel – recht, recht viel.« »Gnädige Frau, ich denke mir, daß man immer viel über diejenigen spricht, die sich den Neid weniger Begünstigter zugezogen haben.« Frau von Lohusen schaute etwas betroffen zu ihrem Nachbar hinüber, der ruhig fortfuhr: »Ich kann nur sagen, daß sie sowohl wie ihr Gatte mir gut gefallen – und auf die Medisance geb' ich nichts.« »Um Medisance handelt es sich nicht« – die Stimme der Frau von Lohusen wurde zu leisem Zischen –, »sondern um das unerhört freie Betragen der jungen Frau! Alle Welt ist sich einig darüber.« 128 »Ach, gnädige Frau, die Welt! Ich glaube nicht, daß ihr Urteil immer von der Wahrheit bestätigt werden kann. Und worin zeigt sich denn das ›freie Benehmen‹ unsres Gegenübers? Es ist vielleicht nichts andres als der Ausfluß eines starken Unabhängigkeitsdranges, der die Alltagsheuchelei verabscheut. Und das könnte mich nur wohlthuend berühren, denn der Mut, sich ohne Maske und Mäntelchen zu geben, setzt immer einen gewissen sittlichen Wert voraus.« Frau von Lohusen lehnte sich in den Stuhl zurück. »Ich habe andre Ansichten von Ihnen erwartet, Herr Pastor,« sagte sie, immer noch leise, doch scharf zugespitzt. Reinbold dachte an den vierunddreißigsten Psalm, Vers vierzehn, aber er citierte ihn nicht. Er erwiderte nur: »Gnädigste Frau, ich wiederhole: ich habe Frau von Kletzel erst heute kennen gelernt. Sie mag auch ihre Fehler haben. Aber ich möchte Sie, auf die Gefahr hin, in Ihnen den Glauben zu erwecken, ich wolle mit zweifelhafter Gelehrsamkeit kokettieren, an ein Wort des Euripides erinnern: der Frauen Fehler beschönigen ist Frauenpflicht. . . .« Die Lohusen antwortete nicht, denn die Hummern erschienen. Doch sie ließ die Schaltiere vorübergehen; sie hatte den Appetit verloren. Und auch ihre stachlige Zunge schwieg. Die Hummern erregten selbstverständlich Aufsehen. Der Amtsrat wurde wild, als man Remouladensauce herumreichte. »Fort damit!« schrie er. »Nur frische Butter! Nur frische Butter! Gnädigste Frau, Vergebung, aber alles sträubt sich in mir! Stupps, setz' 'mal die Remoulade auf das Büffett! Schieb' sie weit zurück – oder nimm sie lieber ganz 'raus! Nimm sie ganz 'raus! Nein, gnädigste Frau – Hummern müssen genossen werden, wie sie aus dem 129 kochenden Wasser kommen – nackt! Ich selbst nehme nicht einmal Butter dazu. Im Aroma des Fleisches liegt zugleich der Geschmack. Manchmal gibt man sie à l'américaine , mit Trüffelgarnierung und derlei Chosen, oder en bellevue oder à la bordelaise – das sind einfache Barbareien! Ja, Barbareien, sage ich; denn ich bitte Sie, gnädigste Frau, wo bleibt da die Natur?!« Sein Vortrag währte noch längere Zeit, indes die Baronin lächelnd den Befehl gab, die Remoulade durch frische Butter zu ersetzen, und Tübingen sich ärgerte. Er stand gewöhnlich auf leichtem Kriegsfuß mit dem Amtsrat. »Was der Mensch immer zu mäkeln hat,« brummte er vor sich hin. Dann hob er sein Glas. »Prost, Kielmann!« rief er über den Tisch. »Solchen Rauenthaler können Sie sich suchen! Schon diese Blume – was?!« Der Amtsrat griff nach seinem Römer und kräuselte die Nase, sog die Blume ein und wiegte den Kopf hin und her, schloß ein wenig die Augen und machte ein nachdenkliches Gesicht. »Hören Sie 'mal, Tübingen,« entgegnete er, »da mischt sich 'was Fremdes in die Blume! Da hat man ein bissel Parfüm zugesetzt . . . ich will gleich einmal kosten . . . Ja, richtig, aber nur wenig . . . ein Atom parfümiert . . . trotzdem ein immerhin trinkbares Weinchen! Prost, Tübingen!« Der Hausherr ärgerte sich noch mehr; aber er wußte schon, wie er sich revanchieren konnte. Er war bereits darauf eingerichtet. Er hatte ein Dutzend seiner Briefträger-Cigarren mit Bockbändern versehen und auch in eine Bockkiste gelegt. Die Kiste wollte er Kielmann vorsetzen. Die Cigarren waren groß, schwarz, sahen importmäßig aus und konnten nur von kräftigen Leuten im Freien geraucht werden. Und Tübingen freute sich schon jetzt auf das Gesicht des alten Kielmann, wenn dieser mit hohem Genuß die ersten 130 Züge gethan haben würde. »Warte man, min Jong,« sagte er sich, »ich werd' dir helfen! Parfümierte Weine – bei mir! Krächzen und ächzen sollst du, min Jong! Zucken und spucken sollst du, min Jong! . . .« Aber die Hummern waren gut, und man lobte sie allgemein. Bernd und Dieter hatten jeder eine Schere erhalten und stritten sich, wer die größte bekommen habe. Trudchen Palm, die neben der Baronin von Gries saß, that so, als ob sie schon hundertmal Hummern gegessen hätte und bearbeitete ihr Schaltier mit dem Messer; das Messer glitt aus, und das Hummerfragment hüpfte in die Höhe und in schönem Bogen auf den Teller Reinbolds, der auf der andern Seite Trudchens saß. Reinbold nahm das indessen nicht übel, sondern rief lachend: »Kommt ein Vögerl geflogen« – was Frau von Lohusen unschicklich zu finden schien; denn sie rümpfte die Nase. In dieser mimischen Bewegung besaß sie eine große Uebung. Frau von Seesen hatte ihre zusammengerollten Handschuhe in ihr Rheinweinglas geschoben. »Soll das bedeuten, daß Sie als Temperenzlerin betrachtet zu werden wünschen, Gnädigste?« fragte Haarhaus. »Ja, mein Herr; ich nehme nur ein Glas Sekt. Ich will einen klaren Kopf behalten und lediglich eine kleine Anregung haben.« »Ah so; ich verstehe. Alle meine Sünden fallen mir ein. Ich fürchte, die Feier des Tages wird tragisch ausklingen. Soll ich wirklich die Baronin auf mich nehmen?« »Lieber Herr Doktor, das ist abgemacht. Seien Sie kein Spielverderber! Sie haben es am leichtesten. Appellieren Sie einfach an das Herz der Mutter und Großmutter! Erzählen Sie der Baronin recht viel von dem kleinen Eberhard!« »Schön; hoffentlich finde ich die geeignete 131 Verbindungsbrücke. Das ist immer das Schwerste. Ich weiß nicht recht, wie ich über meine hundert Lügen hinwegkommen soll. Ich könnte sagen, ich hätte aus Freundschaft zu Max gelogen. Doch die Lüge widerspricht dem Wesen der Freundschaft.« »In diesem Falle war sie nur eine strategische Waffe. Aber ich verteidige sie deshalb nicht. Nun, lassen wir das Thema fallen; Frau von Lohusen horcht auf. Sie ist mir so wie so nicht grün. Sie hat mir nie verziehen, daß ich um meinen verstorbenen Mann nur ein halbes Jahr Trauer getragen habe. Und selbst damit erfüllte ich seinen letzten Willen nicht völlig.« »Wünschte er keine Trauer?« »Nein. Sie werden von ihm gehört haben. Er war ein eigentümlicher Mensch, von großen Gaben, aber wir verstanden uns nicht. Das soll öfters vorkommen in modernen Ehen, und deshalb hab' ich auch nie Klage über ihn geführt. Und ich glaube, auch über mich konnte er sich nicht beklagen, nachdem ich erst einmal – überwunden hatte, was zu überwinden nötig war. Nun also – wie gesagt, er wollte nicht, daß ich durch äußere Zeichen um ihn trauerte; er philosophierte gern, hatte Neigung für buddhistische Ideen und betrachtete den Tod nicht als Würger, sondern als einen holden Genius, der uns in neue Lebenssphären führt. Die Lehre von der Seelenwanderung hatte immer etwas besonders Bestechendes für ihn.« »Ah – er glaubte an ein Wiederaufleben der Seele in neuer Hülle?« »Ja . . . und er hatte sich sogar ein vollkommenes theosophisches System entworfen. Bei ihm wechselte ein stürmischer Lebensdrang mit der Neigung zu tiefsinniger Grübelei. So wünschte er unter anderem auch, daß ich mich wieder verheirate, um seine wandernde Psyche dem Einfluß der meinen zu entziehen; denn obwohl wir uns, wie ich schon 132 erwähnte, recht wenig verstanden, war er doch der Ueberzeugung, daß zwischen Seelen, die sich im körperlichen Leben sozusagen aneinander gewöhnt hatten, eine Verbindung auch nach dem Tode noch bestehen bliebe.« Haarhaus schüttelte den Kopf. »Eigentümlich! Ich kann mir schon denken, gnädige Frau, daß Sie . . .« Er brach ab, nippte an seinem Glase und sagte dann mit ernstem Gesicht: »Ich würde diesen letzten Willen aber doch respektieren.« Ein leichtes Lächeln flog über das Gesicht der jungen Witwe. »Ich kann es nicht mehr. Der, für den er mich bestimmte, ist schon versorgt.« »Wollte er, daß Sie Max –« »Ja . . . er hatte sich in einer spiritistischen Sitzung mit dem Geist des verstorbenen Karl August von Tübingen dahin geeinigt. Durch Karl August, der eine Seesen als Stieftochter besaß, war nämlich Langenpfuhl den Tübingens verloren gegangen. So, wie ich Ihnen all das erzähle, klingt es mehr närrisch als ernsthaft. Und doch kann ich Sie versichern, daß ich mir Mühe geben mußte, über das heimliche Grauen fortzukommen, das mich derzeitig lange, lange gefangen hielt. Ich sah Gespenster im Sonnenschein – und sie flogen erst auf und davon, als ich Max glücklich unter der Haube hatte. . . . Begreifen Sie nun, warum ich mir so ernsthafte Mühe gab, diesen Ehebund zu fördern? – Ich wollte mich gleichsam von dem dämonischen Einfluß einer Seele freimachen, deren Walten ich noch immer um mich zu spüren meinte.« Die beiden hatten so unauffällig leise miteinander geplaudert, daß man ihre Unterhaltung im Auf- und Niederschwirren der allgemeinen Konversation gar nicht beachtete. Nun richtete Graf Teupen eine Frage an Frau von Seesen, 133 und diese wandte sich von Haarhaus ab. Der Doktor war in merkwürdiger Stimmung. Frau von Seesen gab ihm allerhand Rätsel auf. Er hatte von ihrem verstorbenen Gatten schier Unglaubliches gehört – Unglaubliches von den tollen Orgien in Langenpfuhl, die mit spiritistischen Seancen und illuminatorischem Gaukelspiel wechselten. Erzählte man sich doch sogar, Seesen sei an den Folgen irgend eines geheimnisvollen »Lebensverlängerungselixiers« gestorben, das einer seiner Hausgäste, ein französischer Charlatan, der sich Graf Pétrouse nannte, fabriziert habe . . . in Langenpfuhl trieb sich stets eine wunderliche Gesellschaft von Abenteurern herum . . . Das eine aber sagte man allgemein dem Verstorbenen nach: daß er es wie selten einer verstanden habe, die Geister zu beherrschen. Und in der That mußte auch sein Einfluß auf seine Frau ein ungewöhnlich starker gewesen sein – sonst hätte sie sicher eine Scheidung von ihm durchgesetzt. Haarhaus war stiller geworden. Er grübelte darüber nach, was ihm an Frau von Seesen so interessant erschien. Vielleicht berauschte ihn nur die Eigenart ihrer Erscheinung. Das grünliche Flimmern ihrer Augen barg gewissermaßen hundert unbeantwortete Fragen. Es machte den Eindruck, als sei das Ruhige und Abgeklärte ihres Wesens nur Schein; als sei im Grunde ihrer Seele noch viel zu lösen, zu läutern und abzudämpfen. . . . Der helle Diskant des Amtsrats übertönte das Wogen der Unterhaltung. Riedecke goß den Sekt in die Gläser, und Kielmann hielt wieder einmal eine Ansprache, diesmal über die Vorzüge der herben Marken. Er trinke sonst nur Mumm Cordon-rouge oder allenfalls Pommery gout americain. »Dann lassen Sie Ihren Sillery stehn!« schrie Tübingen mit rotem Kopf über den Tisch. »Gott bewahre,« krähte der Amtsrat zurück, »man muß 134 sich an alles gewöhnen! . . .« und er leerte sein Glas, schüttelte sich und kniff dann vergnügt die Aeuglein zu. Einen roten Kopf hatte auch der kleine Brada. Er hatte sich vorgenommen, heute mit Benedikte ins reine zu kommen. Bisher wußte nur Max von seiner Neigung, und der hatte ihn aufgemuntert, ihm aber auch zu verstehen gegeben, daß es mit der Zusage der Eltern wahrscheinlich nicht zu rasch gehen würde. Brada war arm; schon die Notwendigkeit, sich eine neue Attila oder einen neuen Gaul anzuschaffen, machte ihm Kopfzerbrechen. Und es war fraglich, ob Benedikte sich würde einschränken können. Sie war freilich in keineswegs luxuriösen Angewöhnungen erzogen worden, aber immerhin lebte man in Hohen-Kraatz aus voller Hand. Brada nahm sein Sektglas und nickte seiner Nachbarin zu. »Auf unser Wohl, Fräulein Benedikte,« sagte er. »Ich bin egoistisch; ich sage nicht: auf Ihr Wohl, sondern zirkle das meine mit ein. Geht's Ihnen übrigens gut, fühl' ich mich auch wohl. . . . Nun erklären Sie mir einmal, weshalb Sie vorhin so stürmisch den Hühnerhof verließen?« Benedikte schlürfte ihren Champagner sehr langsam; sie fühlte, daß ihr das Blut in die Wangen stieg und wollte ihre Verlegenheit verbergen. »Weshalb? . . . Ich weiß nicht mehr. . . . Ich glaube, mich rief die Mama. Oder der Großpapa. Es rief mich jemand. . . .« »Ich hörte niemand rufen. Hörte nur noch eine Aeußerung von Ihnen, eh' Sie die Flucht ergriffen. Denn es sah fast wie Flucht aus.« »Aber ich bitte Sie! Man flieht doch nur, wenn man Furcht hat.« »Vielleicht hatten Sie so ein ganz klein bissel Furcht –« »Oho – und wovor denn?!« 135 »Vor einer Erklärung im Hühnerhofe. . . . Es ist ja richtig: es gibt poetischere Oertlichkeiten zu derlei Geständnissen; aber man muß doch immer die Gelegenheit abwarten. Und die war da gerade gegeben; ich weiß nicht, warum – aber sie war gegeben. In Romanen muß dazu immer der Mond scheinen, möglichst der Vollmond. Den hab' ich neulich verpaßt; Sie wissen, an meinem Geburtstage. Da hätte sich alles wahrscheinlich viel schöner und sinnvoller machen lassen. Ich stand auch schon auf dem Sprunge, Sie hinten von der Insel zu holen; aber der afrikanische Doktor kam mir zuvor. . . .« Benediktes Herz schlug rascher. Wenn Semper wüßte! . . . Erfahren mußte er es. Sie wollte nicht mit einem Geheimnisse in die Verlobung gehen. Denn die Verlobung stand nahe bevor; das spürte sie. . . . Mit zuckenden Fingern griff sie nach einer der Blumen, die auf dem Tisch lagen und begann sie zu zerpflücken. Bradas Hand legte sich rasch und leise auf die ihre. »Einen Augenblick,« sagte er; »seien Sie mir einmal ein Orakel! Pflücken Sie die Blätter von der Marguerite, die Sie in der Hand haben, nach und nach ab – mit Ja und Nein; das letzte Blatt soll entscheiden.« »Soll ich mit Ja oder Nein anfangen?« »Immer mit Ja. . . .« »Nein,« antwortete Benedikte und riß das letzte weiße, rosig umränderte Blättchen ab. Aber Brada schreckte dies Nein nicht. »Als Soldat kann ich nichts weiter entgegnen als: nun gerade!« sagte er. »Ich möchte eine Frage an Sie richten, Benedikte.« »Bitte,« erwiderte diese und fügte leise und ahnungsvoll hinzu: »aber nicht so laut! . . .« Semper zog einen kleinen Bleistift aus der Tasche und griff nach seiner Tischkarte. 136 »Ich werde mich in Hieroglyphen zu verständigen suchen; das fällt weniger auf.« Und er malte ein etwas schief geratenes Herz auf die Rückseite der Tischkarte und schob diese mitsamt dem Bleistifte Benedikte zu. »So, Benedikte, das sagt alles. Und nun antworten Sie mir!« Benedikte hielt sich in der Gewalt. Sie errötete nicht einmal. Es war aber doch gut, daß sie in diesem Augenblick nicht beobachtet wurde; es flog ein Sonnenleuchten über ihr Gesicht. Dann malte sie wacker und ungeschickt ein kleines Herz mitten in das von Semper gezeichnete hinein. »Nun sagt einmal, Kinder, was tuscht ihr denn da?!« rief Tübingen in diesem Augenblick über die Tafel. »Ihr entwerft wohl Scheibenbilder?« »Doch nicht, Herr von Tübingen,« entgegnete Brada, die Tischkarte einsteckend; »ich habe Benedikte die Hieroglyphenschrift erklärt, und sie hat sie gleich verstanden. . . . Nicht wahr, Dikte?« setzte er flüsternd hinzu. »Ja, Semper,« flüsterte Benedikte zurück. Hierauf drückten sie sich eilig die Hand unter dem Tische und begannen dann rasch mit den Nachbarn rechts und links ein Gespräch, um nicht aufzufallen. Aber Frau von Seesen hatte sofort Augen. Sie neigte sich zu Max hinüber und raunte ihm zu: »Geben Sie acht, lieber Tübingen: heute abend kommt es auch noch zwischen Brada und Ihrem Schwesterchen zur Einigung. Sie haben beide die Gesichter danach.« »Wär' mir ganz lieb,« erwiderte Max; »das ist dann ein Aufwaschen. Ich wünschte, die Mitternacht rückte näher schon, und das Unwetter wäre vorüber. . . .« Graf Teupen, der das Flüstern der beiden bemerkte, schmunzelte stillvergnügt. 137 »Famos, famos,« sagte er sich; »sie haben schon Geheimnisse miteinander. Ein sehr gutes Zeichen. Sie nähern sich sichtlich. Sobald wir aufgestanden sind, nehm' ich mir die Seesen unter den Arm. . . .« Die Stimmung am Tische wurde immer angeregter. Der Sillery mousseux that seine Schuldigkeit. Auch der kleine Kadett wurde mutig und fragte Miß Nelly, ob sie schon einmal in Groß-Lichterfelde gewesen sei und ob sie radeln könne. Beim Dessert nahm er dreimal Eis und zog sich in der Folge einen strafenden Blick seiner Mutter zu, die Herr von Kahlenegg soeben von den jungen Remonten seiner Schwadron unterhielt. Der alte Amtsrat, der stark pokuliert hatte, krähte zu Herrn von Kletzel hinüber, der »Magister der schönen Künste« möge gefälligst einen Toast vom Stapel lassen, und schließlich sprach Herr von Kletzel wirklich und zwar in sehr lustigen Reimen. Bei dem Hoch auf das Haus Hohen-Kraatz erhob sich nach alter Sitte alle Welt, um miteinander anzustoßen. Dieter goß sich seinen Champagner über die Weste, und Freese und Nelly wollten sich einen heimlichen Kuß geben, fuhren aber wieder erschreckt auseinander, als das schmale Gesicht der Frau von Lohusen mit sittlich entrüstetem Ausdruck in ihrer Nähe auftauchte. Reinbold hatte Mühe, sich aus den Armen des alten Kielmann zu befreien, der ihn gar nicht loslassen wollte. Auch Graf Teupen ging mit halb gefülltem Glase fein lächelnd umher. Als er mit der Baronin anstieß, flüsterte er: »Courage, Eleonore! Sie nähern sich schon! Nur ein vergnügliches Gesicht! Nur lächeln – nur lächeln!« Und dann schritt er zu Frau von Seesen hinüber. »Ich möchte Sie nachher gern einmal unter vier Augen haben, liebste Marinka. Wird es angehen?« »Aber natürlich, lieber Graf Teupen. Ich Sie nämlich auch.« 138 »Was denn? . . . Sie mich . . . aha . . . versteh' schon! Vorsicht, Marinka!« Und er drückte ihr leise und zärtlich den Arm und kehrte voll diplomatischer Gleichgültigkeit auf seinen Platz zurück. Draußen, im zweiten Flurgang, setzte Stupps die geleerten Silleryflaschen zusammen. In einer entdeckte er noch einen kleinen Rest, und der lockte ihn. Er schaute sich zweimal um und setzte sodann die Flasche an den Mund, schmatzte mit der Zunge und sagte halblaut vor sich hin: »Dunderlüchting, das schmeckt! . . .« Im selben Augenblick empfing er aber auch schon von rückwärtig einen Katzenkopf und vernahm die Stimme des leise hinter ihn getretenen Riedecke: »Siehst du, mein Sohn, so ist die Gerechtigkeit immer gleich bei der Hand. Ist mir so ein Range vorgekommen? Trinkst du alleweil die Rester aus?« »Nein, Herr Riedecke, nie sonst! Wahrhaftig in Gott nicht! Ich wollte bloß mal probieren, weil ich noch nie Champagner getrunken habe.« »Ist das denn nötig? Bist du nicht noch ein kläglicher junger Fant? Ein Dreikäsehoch? Wenn du erst einmal Kammerdiener geworden bist, ist es noch Zeit genug, daß du den Champagner kennen lernst. Und ich wünsche dir, daß es Cliquot sei und nicht Sillery mousseux. Wenn du klüger wärst, würdest du begreifen, weshalb ich dies mit einer gewissen Wehmut sage. Zwischen meinem ersten Glase Cliquot und diesem Sillery liegt nämlich mein Leben. Jenes trank ich in London, als mein gnädiger Herr Graf zweiter Sekretär des preußischen Gesandten Grafen Bernstorff war, und zwar bei einer Gelegenheit, über die ich mich nicht länger auslassen will. Gesagt sei nur, daß es eine vergnügte war, eine – ach . . . Und beim Sillery ende ich. Sic transit gloria mundi , sagte gewöhnlich mein gnädiger 139 Herr Graf, wenn er des Morgens nach Hause zurückkehrte und nicht ohne weiteres sein Bett fand. Das verstehst du wieder nicht, und deshalb verdeutsche ich es dir: so kommt man vom Pferd auf den Hund.« Stupps grinste. Er verstand doch und meinte: »Na, Herr Riedecke, ich wär' schon ganz zufrieden, wenn ich mein Leben lang immer Sillery juchhe trinken könnte!« »Du bist ein Esel, mein Sohn, und nun mach', daß du wieder in das Eßzimmer kommst! . . . Und wenn der Rittmeister von Kahlenegg dich unmittelbar vor der Abfahrt wieder fragt, ob du ihm ein Zehnmarkstück wechseln könntest, so sage nur ruhig ja. Sonst kommen wir auch heute um sein Trinkgeld.« – Im Speisezimmer erhob man sich sehr geräuschvoll und wünschte sich gesegnete Mahlzeit. Graf Teupen führte seine Dame in den Salon und suchte dann Frau von Seesen. »So, liebste Seesen,« sagte er, »nun wollen wir ein paar Minuten plaudern! Wird es Ihnen im Garten zu kühl sein?« »Nicht im geringsten, lieber Graf. Und Ihnen?« »Ah bah – ich häng' mir den Cape um. In Biarritz bin ich einmal mit Bismarck und dem Grafen Walewski die halbe Nacht am Strande auf und ab marschiert – und bei einem Sturm! . . . Aber ein Mäntelchen nehmen Sie auch – so – ich bitte recht sehr! . . . Also, hören Sie, Marinka, ich habe Ernstes mit Ihnen zu besprechen.« »Ich auch mit Ihnen , lieber Graf.« »Charmant. So ergänzen wir uns. Mein Thema gilt Max.« »Gleichfalls das meine.« »Ich ahnte es. . . .« Man war jetzt mitten in der Ahornallee. In den Theesträuchern, den Spireen und dem Fliedergebüsch summten die Käfer. Der Graf war einen 140 Augenblick stehen geblieben. . . . »Wissen Sie, Marinka,« fuhr er fort, »daß ich fürchte, Max hat uns mit seiner Reise nach Afrika eine Finte geschlagen?« Frau von Seesen nickte. »Das kann ich Ihnen bestätigen, Graf Teupen. Eine Finte. Er war in Paris und Italien . . . aber nicht allein.« »Nicht allein?! . . .« Teupen zuckte empor. »Mit der Warnow?!« Nun schob Frau von Seesen ihren Arm unter den des alten Herrn, ihn langsam weiterführend, die Allee hinab, deren Ende das schwarze Gitterwerk des Parkthors begrenzte. »Also ja, lieber Graf. Mit der Warnow! Aber es ging alles in Ehren zu. Ich selbst war die dame d'honneur bei der Sache. Ich hatte die Warnow aufgenommen, als man ihr hier das Haus verbot –« »Nicht verbot, Marinka –« »Aber, liebster Graf, es war ein striktes Verbot, geschah's auch in höflichster Form! Ihr wolltet in Hohen-Kraatz nicht zugeben, daß sich die jungen Herzen liebten, und da fanden sie sich bei mir in Langenpfuhl zusammen!« »Marinka . . . mir schwant Fürchterliches!« »Das schadet nichts, verehrter Freund. Auch dem Fürchterlichen muß man tapfer ins Auge schauen. Max und Elise –« Jetzt ließ Teupen die junge Frau nicht weitersprechen. Er blieb abermals stehen, faßte sie an den Armen und schaute ihr starr ins Gesicht. »Marinka,« hauchte er, »Seesen – die beiden sind doch nicht etwa schon – heimlich – verheiratet?!« »Na, Gott sei Dank – so ist es heraus! Ja, lieber Graf, sie haben sich in Berlin kopulieren und trauen lassen, gingen aber nicht nach Afrika, sondern in gemäßigtere Klimate – und heute haben sie sogar schon einen 141 allerliebsten kleinen Jungen, und Elise sitzt hangend und bangend auf einem Vorwerk von mir und wartet nur auf den Augenblick, wo Max endlich den Mut der Wahrheit haben wird. . . . Halt, Graf, ich bin noch nicht zu Ende! Ich möchte noch ein paar Worte hinzufügen. Sie können mir sagen, daß ich unrecht gehandelt habe; Sie können auch ehrlich auf Max und seine arme kleine Frau losräsonnieren; nur an dem Geschehenen vermögen Sie nichts mehr zu ändern. Und da meine ich doch, es wäre das Vernünftigste, Sie schlügen sich mit auf unsre Seite.« »Ich bin völlig fassungslos,« stöhnte Teupen. »Herr du mein Gott! Ich hatte mir alles so ganz anders gedacht! Hatte gehofft, Sie – Sie  –« »Ich würde doch einmal den Max zum Gesponsen wählen! Ich weiß es, das hofftet ihr alle in Hohen-Kraatz. Und sehen Sie, beste Excellenz, vielleicht wäre ich euern allgemeinen Werbungen auch wirklich entgegengekommen, hätte Seesen nicht in seinen letzten Lebenstagen ähnliche Wünsche geäußert. Kein Ahnen seines Geistes sollte aber durch mein künftiges Leben wehen; Sie wissen, wie ich neben ihm gelebt habe, wie ich seine Vasallin war – Sie müssen das auch verstehen, Graf Teupen! . . . So war ich denn selig, die Liebe jener beiden begünstigen zu können. . . . Laßt sie doch glücklich werden! Der Tropfen bürgerlich Blut ist kein schlechter Zusatz – und der unselige Majoratsparagraph wird sich schon umgehen lassen!« »Und wenn nun nicht?« antwortete Teupen, noch immer ziemlich tonlos. »Dann kann sich Max später einmal auf Drake festsetzen –« » Mon dieu , wär' das denn so entsetzlich!? Millionen haben es minder gut. Nehmen Sie heute dem kleinen Brada seine bunte Attila, so kann er morgen Reitlehrer werden oder Steine klopfen! Und ohne zu mucksen würde er es 142 thun, um sich ehrlich durchs Leben zu schlagen – und es würde ihm noch nicht einmal eine Perle aus der Wappenkrone fallen. . . . Gerade der Stolz auf unsre alten Namen sollte uns gegen Vorurteile wappnen. Sonst sind wir nicht mehr stolz, sondern anmaßend und hochmütig. . . . Aber was predige ich Ihnen das alles, Graf! Ich kann begreifen, daß Sie ungern einem Lieblingsgedanken entsagen, doch nicht, daß Sie ungerecht sind. Im übrigen: ich wiederhole, die Thatsachen sind nicht aus der Welt zu schaffen. Ein dicker Bube ist der Effekt. Wollen Sie, daß Baron Tübingen Sohn, Schwiegertochter und Enkel vor die Thüre setzt, daß ein ungeheurer Skandal entsteht?« Teupen erhob abwehrend die Hände. »Um Gottes willen . . . da müssen wir diplomatisch vorgehen. . . .« »Diplomatisch! . . .« Frau Marinka jubelte das Wort förmlich hervor; jetzt wußte sie, daß Teupen nur noch ihre Marionette war. »Natürlich, bester Graf – immer diplomatisch! Das sagte ich auch zu Max; sobald wir den Großpapa auf unsrer Seite haben, sind wir geborgen. . . .« Die beiden hatten einen Seitenweg eingeschlagen, der durch Bosketts in Schlangenwindungen nach dem Herrenhause zurückführte, traten nunmehr auf eine kleine, halbrunde Lichtung mit einer Rasenbank und sahen hier etwas, das ihren Fuß hemmte und einen Laut der Ueberraschung auf ihre Lippen drängte. . . . . . . Nach dem Souper waren auch Gartenzimmer und Veranda erleuchtet worden. Graf Brada hatte Benedikte rasch auf die Seite gezogen und ihr zugeflüstert: »In den Park, Dikte! . . . Auf fünf Minuten! . . . Wenn die Lampions in den Kastanien angesteckt werden, sind wir wieder zurück! Das merkt keine Seele! . . .« Und sie huschten hinaus in den sommerlich träumenden 143 Garten, wo hinter Buschwerk und Rosen wieder die Amoretten kicherten. Unweit der Rasenbank unter den drei Lebensbäumen blieben sie hochaufatmend stehen, die fieberheißen Hände ineinander verschlungen, unfähig zu sprechen. Sie starrten sich mit großen sehnsüchtigen Augen an, und laut, laut schlugen ihre jungen verliebten Herzen. Brada rang nach Worten; er wollte sich doch nicht gar zu ungeschickt benehmen – aber ach, das besonders Schöne, was er zu sagen wünschte, gerade das fiel ihm nicht ein. »Liebe Dikte,« begann er stockend, »ich danke dir – ich danke dir tausendmal für deine Antwort von vorhin . . . und daß du mich sogleich verstandest. . . . Ich hab' dich so schrecklich lieb . . . ich kann mich im Augenblick nicht anders ausdrücken – aber das sagt ja auch genug . . . und nun sage auch du es mir. . . .« Er preßte ihre Hände. Aber sie fühlte das gar nicht, oder der physische Schmerz ging unter in dem Jubel ihrer Seele, durch die dennoch zugleich ein leises, leises, banges Aengsten zog. »Ich liebe dich auch, Semper,« erwiderte sie. »Ich glaube, ich habe dich schon sehr lange geliebt. Ich wußte es nur nicht. So ganz klar bin ich mir erst heute darüber geworden . . . und deshalb lief ich davon . . .« Nun riß er sie rasch an seine Brust und wollte sie küssen. Aber plötzlich wehrte sie ihm. Sie bog den Kopf zurück und stemmte sich mit beiden Händen gegen ihn. »Nicht küssen!« rief sie. »Semper . . . ich muß dir etwas sagen! . . . Du – du – bist nicht der Erste, der mich küßt! . . .« Er ließ die Arme sinken. Sie schien ihm blaß geworden zu sein, schlug auch die Augen nieder, und ihre obere Zahnreihe grub sich in die Unterlippe ein. 144 »Was heißt das, Dikte? . . . Nicht der Erste . . . nun ja – der Papa und der Großpapa . . .« »Nein . . .« sie schüttelte kräftig den Kopf. »Doktor Haarhaus hat mich neulich abend geküßt . . . an deinem Geburtstage . . . auf der Insel. . . .« Er wollte auffahren, aber sie hielt ihm die Hände fest. Und nun schaute sie ihm auch voll in die Augen. Sie war jetzt völlig Weib geworden – so reif war der Ausdruck ihres Blickes. »Erst laß mich sprechen,« sagte sie. »Der Doktor hatte an jenem Abend zu – schnell getrunken. Ich stand auf dem Monument auf der Insel, und er hob mich hinab – und dabei geschah es. Er bat am nächsten Tage um Verzeihung, und ich habe ihm ziemlich derb heimgeleuchtet – mein Wort darauf. Es war nichts Böses – aber sagen wollt' ich's dir doch. Es hätte mir ewig auf dem Herzen gelegen. . . . Den Mund habe ich mir seitdem wohl hundertmal gewaschen. Küß du mich, Semper, dann wird er ganz rein werden. . . .« Poetisch war Benedikte nicht veranlagt; aber es lag doch etwas unbewußt Poetisches in diesen Worten. Und Semper fühlte das, breitete weit seine Arme aus und zog die holde Kleine an sich. . . . Dieser Augenblick war es, da Teupen und Frau von Seesen den Platz vor der Rasenbank betraten. Die Verliebten sahen sie im Rausche ihres Glückempfindens gar nicht; Teupen war starr, und Marinka lächelte. »Ist denn das möglich?« sagte Teupen endlich halblaut. »Dikte . . . Semper!?« Ein leichter Aufschrei – und just in diesem Moment begann hinten im Flieder eine Nachtigall zu schlagen. Brada hatte Benedikte an der Hand gefaßt. »Herr Graf, Vergebung. . . . Wir lieben uns beide 145 und wollten nachher mit Herrn und Frau von Tübingen sprechen. . . .« Aber der alte Herr war außer sich. Donnerwetter, wo bliebe denn da die Etikette! »Gut, gut,« sagte er;»das wird sich schon finden . . . man schnäbelt sich nicht in unsern Kreisen ohne Einwilligung der Eltern . . . Graf Brada, ich bitte zur Seite zu treten. Allons, Benedikte; du kennst deine Mama. Stubenarrest und Fliederthee. Und dann wird sich ja wohl für dich eine Pension oder für den Grafen eine geeignete Versetzung finden. In einem Jahre wollen wir uns wieder sprechen. . . . Hat sich denn die ganze junge Welt in unserm Hause auf den Kopf gestellt!? . . .« Er atmete hörbar und tupfte sich mit seinem seidenen Taschentuch die Lippen. Brada schaute mit finsterem Gesicht stumm vor sich hin; auch Frau von Seesen wagte sich nicht in diese neue Familienangelegenheit zu mischen. Plötzlich warf sich Benedikte laut weinend an die Brust des alten Herrn. »Großpapa,« schluchzte sie, »ich bin doch kein Kind mehr . . . Ich stürze mich in den Graben, wenn du so hart zu mir bist . . . oder ich vergifte mich. . . .« Unwillkürlich mußte Graf Teupen lächeln. Dies warme, junge, zitternde Geschöpf an seiner Brust war doch seines Blutes! . . . Er umschlang Benedikte und strich ihr über den Scheitel. »Nananana, mein Kind,« sagte er. »Wasser und Gift . . . so schlimm wird es wohl nicht werden . . . Nun laß –« Er brach ab, denn er hörte in der Nähe die Stimme seines Schwiegersohnes. »Papa! . . . Frau von Seesen!« rief Tübingen. »Wo steckt ihr denn?!« »Hier, hier, hier!« rief Marinka. Dann wandte sie 146 sich rasch an Brada zurück. »Nun Mannesmut, Graf Semper,« flüsterte sie; »schnurstracks die Erklärung . . . austoben lassen, wenn es ein Gewitter gibt, aber nicht zurückweichen. . . .« Tübingen erschien auf dem Rasenbankplatz – mit gerötetem Gesicht, sehr erregt aussehend und rasch atmend. »Ah – da! . . . Ich muß euch sprechen – der Deibel ist los! . . . Holla – was gibt's hier denn wieder?! Was heulst du, Dikte?« Benedikte flog in die Arme ihres Vaters und schluchzte unentwegt weiter. Keiner sprach. Frau von Seesen stieß Brada heimlich an, der sich zu räuspern begann. Im geeignetsten Moment versagte ihm gewöhnlich das Wort. »Na – darf ich nun endlich wissen, was los ist?« fragte Tübingen. »Eine Verlobung,« erwiderte Frau Marinka kurz. »Ja, Herr von Tübingen,« fiel Brada ein. »Ja, Papa,« sagte auch Benedikte unter Schluchzen und Weinen. »Also ja,« vollendete Teupen; »Semper und die Dikte möchten sich heiraten. . . .« Es wurde wieder still. Tübingen schaute von einem zum andern. Ueber sein derbes und gutmütiges Gesicht zuckte rasch hintereinander eine ganze Skala von wechselnden Empfindungen. Zuerst Zorn: ein aufziehendes Wetter mit finster sich ballenden Wolken und falben Blitzen am Horizont; dann verwehender Sturm: Glättung der Wolken und vereinzeltes Sonnenblitzen; hierauf blauer Himmel und endlich leuchtender Sonnenschein. . . . Tübingen lachte laut und herzlich auf. »Kinder . . . nun sagt mir bloß, Kinder, was wird mir der Abend noch für Ueberraschungen in meiner geehrten Familie bringen!? . . . Gröhle nicht, Dikte – es ist ja schon gut . . . du liebst ihn so . . . ich weiß es ja nun! Ich 147 habe ja auch nichts dagegen – und die Mama wird auch schon mit sich sprechen lassen. . . . Kommen Sie her, Semper – komm her, mein Junge, gib mir einen Kuß! Und nun küßt den Großpapa – meinetwegen auch Frau von Seesen – und dann nehmt euch unter den Arm und seid stille! Ich habe den Kopf voll! . . . Papa, hör zu. Es ist toll. Der Max hat mir Eröffnungen gemacht. Es ist rein toll –« »Ich weiß schon alles,« fiel Teupen ein; »Marinka hat mir erzählt.« »Na und nun? . . . Ein derber Junge ist auch schon da . . . Eleonore ist in Ohnmacht gefallen. Haarhaus hat sich sehr dämlich benommen. Er hat gleich von dem Jungen angefangen, und Eleonore hat sich alles Mögliche gedacht. Jetzt liegt sie da und Max reibt ihr die Stirn mit Eau de Cologne ein. Thut mir den Gefallen und tröstet sie! Ich weiß nicht mehr ein noch aus. Mir wirbelt der Kopf . . . Papa, wie verhalten wir uns denn zu der ganzen Geschichte?!« »So, wie es allein richtig ist, Eberhard: ins Unvermeidliche sich mit Würde fügen. Vor allen Dingen: weiß die Gesellschaft schon davon?« »Nein, die Herren sind in meinem Zimmer, wo Kielmann noch immer über die Cigarren schimpft, die ich ihm vorgesetzt habe; die Damen im Salon. Aber wenn sich Eleonore noch lange so hat, riechen sie allesamt Lunte.« »Nun dann vorwärts! Zunächst muß Eleonore beruhigt werden. . . .« Man schlug den Weg nach dem Herrenhause ein; in den beiden großen Kastanien vor der Veranda brannten schon die Lampions. Die geöffneten Thüren ließen eine breite gelbe Lichtflut über die Rampe quellen. Voran schritten Tübingen, Frau von Seesen und Graf Teupen. 148 »Liebste Seesen,« sagte Tübingen, »wir sprechen uns auch noch. Sie sind das Hauptkarnickel. . . . Was hat er denn für Augen?« »Wer denn? . . . Ach so – der Kleine! . . . Blaue, lieber Tübingen, und gerade so schöne und gute wie Sie!« Der Baron antwortete nicht und wischte sich hastig mit dem Rücken der Hand über das Gesicht. Dann meinte er mit gepreßter Stimme: »Papa – Eberhard haben sie ihn getauft. . . . Zackerment, nun hab' ich einen Enkel und kenn' ihn nicht! Seesen, wie denken Sie: können wir Mutter und Kind nicht noch heute abend holen lassen?« »Nein, mein braver Tübingen, das ist unmöglich. Der kleine Eberhard ist noch nicht so wetterhart wie der große. Aber ich denke mir, wenn alles in Ordnung ist, werde ich zurück über den Erlenbruch fahren und Max mitnehmen, damit er seiner armen Frau die Erlösung kündet. Und morgen kann dann die Einholung sein. . . .« Hinterher marschierten Brada und Benedikte, Arm in Arm und zärtlich umschlungen. Sie sprachen nicht viel. Von Zeit zu Zeit sagte Semper: »Meine Dikte!« und gab ihr einen Kuß, und dann erwiderte Benedikte gewöhnlich: »Ach Semper!« und gab ihm auch einen Kuß. So wechselten sie ab, und sie unterhielten sich besser dabei, als wenn sie lebhaft geplaudert hätten. – Die Baronin lag in ihrem Boudoir auf der Chaiselongue; am Fußende stand Haarhaus mit einem Flacon Englisch Salz, und zu ihren Häupten kniete Max mit Eau de Cologne. Sie war bereits ruhiger geworden, als Tübingen und Teupen bei ihr eintraten. »Papa,« rief sie dem Grafen entgegen und richtete sich auf, »deine Ahnungen! Wie recht hattest du!« »Ja, mein Kind, ich hatte recht. Ich täusche mich selten. Ich habe mich aber auch in Max nicht getäuscht. 149 Er setzte nicht die Ehre derer, die er liebte, aufs Spiel. . . . Eleonore, ergeben wir uns. Auch wir haben unsre Fehler gemacht. Wir hätten schon damals, als die Sache anfing, diplomatischer sein sollen.« »Nun natürlich,« fiel Tübingen ein. »Aber ihr Teupens mit eurer Diplomatie! . . . Schluß, Kinder: wir können die Gäste nicht länger warten lassen! Eleonore, sei vernünftig! Ein Enkel harrt deiner – heißt Eberhard und hat blaue Augen!« »Gott im Himmel – und in dem ewig feuchten Erlenbruch! . . . Max! Max! . . .« Während der nun folgenden Umarmungen holte Tübingen Benedikte und Brada in das Zimmer. »So, Frauchen,« sagte er, »da du gerade dabei bist: ein bißchen Segen wird für die beiden ja auch noch abfallen. Verheiratet sind sie noch nicht, aber verloben möchten sie sich. . . .« . . . Verehrungswürdige Leserin und geehrter Leser! Der Verfasser wäre nunmehr vollauf berechtigt, über seinem Lustspiel den Vorhang fallen zu lassen. Denn es ist modische Sitte, ein Theaterstück, das einen kleinen Lebensausschnitt wiedergeben soll, mit einem Fragezeichen abzuschließen. Die Zuhörer sollen immer noch etwas nicht ganz Gelöstes mit nach Hause nehmen, wo sie es sodann nach eigenstem Gutdünken auseinander fädeln können. Da dieses Lustspiel sich aber nicht auf der Bühne abspielt, und der Verfasser auch durchaus nicht zu den ganz Modernen zählt, so wird man es möglicherweise nicht ungern sehen, wenn der Vorhang noch ein klein wenig oben bleibt. Alles , was Leserin und Leser vielleicht noch wissen wollen, wird der Autor freilich auch nicht sagen können . . . aber doch mancherlei. . . . . . . Die Gäste des Hauses begannen in der That bereits ungeduldig zu werden. Im Herrenzimmer lag der Amtsrat Kielmann in einer Sofaecke und brummte. 150 »Herr von Kletzel, wissen Sie vielleicht, was eigentlich los ist!?« schrie er. »Tübingen ist verschwunden, Teupen ist verschwunden, Haarhaus ist verschwunden, alles ist verschwunden! Herr von Gries, ist Ihnen je solche Wirtschaft vorgekommen?! Herr von Kahlenegg, wenn Sie rauchen wollen, rate ich Ihnen, probieren Sie einmal die Bock. Aber gehen Sie 'raus damit. Ein Kerl, der Tübingen! Will mich an der Nase herumführen! Ich gutmütiges Schaf kokle mir auch wirklich seine Muffrika an . . . ich habe noch den Geschmack im Munde! . . . Gibt's hier denn keinen Cognac?! Graf Dachsberg, haben Sie nicht gesehen, ob sich hier irgendwo ein Cognac herumtreibt?! Der Riedecke ist auch verschwunden; alles ist verschwunden. Kinder, es ist kein Zug im Hause! . . .« Natürlich war Riedecke verschwunden; jedoch aus guten Gründen und gemeinsam mit Stupps. Denn beide hatten einen Befehl erhalten, der sie in große Erregung versetzte. »Vorwärts, 'runter in den Keller!« hatte Baron Tübingen ihnen zugerufen;»noch sechs Flaschen Champagner herauf! Aber nicht Sillery, sondern von dem Cliquot England – zweites Regal, links oben! Kalt genug ist er. Und frische Gläser! Aber dally, dally! . . .« Stupps raste die Treppe hinab, und kopfschüttelnd kletterte der alte Riedecke hinterher. Was war denn passiert?! Nicht Sillery mousseux, sondern Cliquot! Seine Marke?! – die er höchstens einmal gab, wenn der Oberpräsident zu Gast in Hohen-Kraatz war?! . . . Inzwischen hatte Tübingen die gesamten Herrschaften in den großen Saal gebeten. »Nanu?« meinte der alte Kielmann. »Soll etwa getanzt werden? Der Tübingen hat manchmal solche Schnurren im Kopf! . . .« Aber die Sprache versagte ihm, als Riedecke und Stupps mit dem Cliquot erschienen. Dann dämmerte 151 eine schreckliche Ahnung in ihm auf. »Kinder, seid vorsichtig!« schrie er. »Das ist wie mit den Bocks! Das ist Weißbier mit 'nem Cliquotetikett! Riedecke, den Pfropfen her! Stupps, zeig mir 'mal den Pfropfen! Ich will erst dran riechen! Ich will erst den Brand sehen! . . .« »Meine lieben Gäste,« begann Tübingen, während der Amtsrat die Pfropfen beschnupperte und sich zu seinem ungemessenen Erstaunen von der Richtigkeit des Brandes auf den Korken überzeugte, »ihr wißt, ich liebe so kleine Ueberraschungen. Na – und heute habe ich auch eine für euch. Ihr seid doch jedenfalls alle der Ueberzeugung, Max sei in Afrika gewesen – nicht wahr? Prostemahlzeit – er war nicht da – ich hab' ihn einfach auf die Hochzeitsreise geschickt! Aber – nämlich« – ganz glatt wickelte sich die Rede vor dem erstaunten Publikum nicht ab – »das sollte verborgen bleiben, und deshalb haben wir eine niedliche kleine Komödie gespielt, bei der unser Freund Doktor Haarhaus sozusagen den Regisseur machte. Max hat sich mit einer jungen Dame aus gut bürgerlichem Hause, mit Fräulein Elise Warnow, verheiratet, und da mußten erst die verschiedenen Familienbestimmungen in Bezug auf die Erbfolge im Majorat in Ordnung gebracht werden. Es sollte vorher kein unnötiges Gerede geben – unnötiges Gerede verbitte ich mir überhaupt! Wer unnötig redet –« »Eberhard,« flüsterte die hinter Tübingen stehende Baronin mahnend; denn sie fürchtete, ihr Gatte würde heftig werden und den Gästen ein paar liebenswürdige Grobheiten sagen. Aber Tübingen lenkte sofort ein. »Na – nun können wir aber frei von der Leber fort reden,« schrie er weiter. »Morgen zieht meine Schwiegertochter in Hohen-Kraatz ein, und meinen kleinen Enkel bringt sie auch gleich mit. Eberhard heißt er und hat blaue Augen. Und als Anhängsel zu diesem freudigen Ereignis habe ich 152 die Ehre, den Herrschaften zugleich mitzuteilen, daß ich soeben meine Tochter Benedikte mit dem Grafen Semper Brada verlobt habe. Die heiraten aber erst in anderthalb Jahren. Ich bitte die Gläser zur Hand zu nehmen: ich als Schwieger- und Brautvater bringe ein donnerndes Hoch auf meine beiden jungen Paare aus! . . .« Das Hoch brauste wirklich donnernd durch den Saal. Dann wogte alles durcheinander; Händeschütteln, Umarmungen, Schulterklopfen, Lachen und Gratulieren . . . Frau von Lohusen machte ein Gesicht, als ob sie alles viel besser wisse und nur darauf warte, ihr Wissen an den Mann zu bringen. Reinbold raunte Freese zu: »Lieber Freese – wahrhaftig . . . es weht Verlobungsluft in Hohen-Kraatz« . . . und Trude, die in der Nähe stand, wandte sich errötend ab. Der alte Kielmann räsonnierte auf seinen Neffen Haarhaus, weil dieser ihn nicht in das Geheimnis gezogen habe, und packte dann Herrn von Kletzel an einem Rockknopf. »Lieber Kletzel, merken Sie was?« wisperte er. »Ganz klar ist die Geschichte nicht. Ist sie nicht , sage ich Ihnen. Schnüffeln Sie 'mal ein bißchen herum – das gibt einen Roman. Vielleicht auch ein Lustspiel. Ich klatsche.« »Das wird Frau von Lohusen schon besorgen,« antwortete Herr von Kletzel, und der Amtsrat meckerte lustig. . . . Die Baronin vergoß unausgesetzt Thränen, während Tübingen, der vergeblich seine Aufregung zu meistern suchte, sehr laut war, und Graf Teupen kopfnickend von Gruppe zu Gruppe wanderte, ohne sich viel an der Unterhaltung zu beteiligen. Es ging ihm doch etwas wider den Strich, daß man ihm bei all seiner feinen Diplomatie eine so ungeheuer lange Nase gedreht hatte. Und daß Frau von Seesen im Mittelpunkte der Verschwörung gestanden – das setzte allem die Krone auf! Trotzdem war Teupen durchaus nicht bei schlechter Laune; er lächelte und rieb sich die Hände, und 153 als er an Frau von Seesen vorüberkam, nickte er ihr zu und sagte: »Hätt' mir's ja denken können, Marinka, daß Sie nicht wieder heiraten werden!« Worauf diese mit leicht gekräuselter Lippe erwiderte: »Der Mensch ist unvernünftig, lieber Graf. Wer weiß, ob ich nicht doch noch einmal . . .« Haarhaus hatte Benedikte und Brada in eine Ecke genommen. »Liebes gnädiges Fräulein,« sagte er. »Sie haben mich neulich böse gestraft – aber ich gesteh' Ihnen zu: rechtmäßig. Doch nun reichen Sie mir die Hand, damit ich weiß, daß wieder alles in Ordnung zwischen uns ist. Ja –?« Sie that es und wies dann auf ihren Bräutigam, dessen rosiges Gesicht so glücklich aussah wie das eines Schulknaben, der eine gute Zensur bekommen hat. »Schön, Herr Doktor,« entgegnete sie; »es sei vergessen und vergeben! Aber Sie müssen auch dem da die Patsche geben; denn der hat im Grunde genommen mehr zu verzeihen als ich. . . .« Und kräftig drückte Haarhaus die ihm entgegengestreckte Hand Bradas. * * * Eine Stunde später waren die Lichter im Parterregeschoß des Herrenhauses von Hohen-Kraatz erloschen. Als letzter Wagen rollte der Langenpfuhler aus dem Parkthor. Max saß Frau von Seesen gegenüber, die ihn im Erlenbruch »abladen« sollte. Er sprach nicht viel. Sein Herz war übervoll. Ob die Kabinettseingabe betreffs der Aenderung in den Bestimmungen über die Erbfolge des Majorats Erfolg haben, oder ob er einem der Zwillinge den Platz würde räumen müssen – im Augenblick war ihm das völlig 154 gleichgültig. Denn im Augenblick dachte er an nichts andres als an Weib und Kind, denen er endlich die Heimat erobert hatte. . . . So bald schlummerte man auch im Herrenhause noch nicht ein. In den Zimmern der Mädchen ging es noch längere Zeit recht lebhaft zu. Zwar war Benedikte gleich ihrem Bruder stiller als gewöhnlich. Doch ihre glänzenden Augen sprachen an Stelle der Lippen. Sie brauchte nun keinen Menschen mehr danach zu fragen, wie man die Liebe empfinde. Nun wußte sie es . . . Trude schwatzte dagegen unaufhörlich. »O, Dikte, welch ein Tag!« sagte sie, in ihr Bett schlüpfend. »Es war ein großer Tag. Daß dein Bruder verheiratet ist, hat mich am wenigsten aufgeregt. Er sah schon seit längerer Zeit stark verheiratet aus. Aber deine plötzliche Verlobung! Freilich – so etwas kommt immer plötzlich. Nelly, nicht wahr?! Eine Verlobung kommt immer plötzlich?! – Sie sitzt schon wieder in der Badewanne. O, Dikte, ich weiß nicht, wie mir ist! Ich habe solch Herzklopfen. Du, Dikte – Pastor Reinbold hat prachtvolle Zähne. Wenn sein Vollbart erst mächtig über die Brust herabwallt, wird er wie ein Apostel aussehen. Die Nase wird dann gar nicht mehr auffallen. Er hat etwas sehr Liebes . . . Dikte, schläfst du schon? – Hast du beobachtet, was Doktor Haarhaus für Augen macht, wenn er in die Nähe der Frau von Seesen kommt? Dikte, mir ahnt allerlei. Ich wette, daß . . . nein, ich wette nicht! Nelly, sind Sie schon im Bette? Dikte, sag doch ein Wort! O, seid ihr langweilig! Ich habe solch Herzklopfen! . . .« Im Schlafzimmer der Baronin schritt Tübingen auf und ab, während sich seine Gattin auf dem Sessel vor dem Schreibtische niedergelassen hatte. »Nimm ein Brausepulver, Eleonore,« sagte Tübingen, 155 »ich bitte dich darum. Das schlägt nieder, und ich verstehe ja, daß du erregt bist. So etwas passiert einem nicht alle Tage. Und siehst du, ich freue mich doch über den Max. Du magst sagen, was du willst: es war ehrenwert, daß er seinem Herzen gefolgt ist!« »Aber das Majorat,« klagte die Baronin und führte ihr Riechfläschchen an die Nase. »Das Majorat – na ja! Läßt sich die Erbbestimmung nicht auf gesetzlichem Wege ändern, so wird Max eben Verzicht leisten müssen –« »Aber, liebster Mann, dann erwachsen uns ja doch neue Verwickelungen! Keine Menschenseele weiß, ob Dieter oder Bernd der ältere der Zwillinge ist! Wer soll denn Hohen-Kraatz einmal erben?!« Tübingen fuhr sich mit der Hand durch das Haar. »Donnerwetter – das ist eine infame Geschichte! Da hast du recht. Die Zwillinge sind gleich alt. Ganz egal – dann können sie sich die Erbschaft ausknobeln! Eleonore, das hat alles noch Zeit. Kommt Zeit, kommt Rat. Vorläufig bin ich Großvater, und du bist Großmutter. Großmutter, Eleonore! Eberhard heißt er und hat blaue Augen. Morgen früh können wir schon mit unserm Enkel spazieren gehen.« »Aber, Eberhard, er kann ja noch gar nicht laufen!« »So fahr' ich mit ihm spazieren!« »Du hast dich ganz närrisch mit dem Jungen! . . . Gott, wenn er doch schon hier wäre!« »Na, siehst du, Eleonore, nun hast du dich wieder närrisch mit ihm, und ich denke, das wird immer so abwechselnd gehen, bis . . . Nämlich, bei dem einen wird es ja wohl nicht bleiben. In zwei Jahren kommt Dikte an die Reihe.« »Ach, Eberhard, davon spricht man doch nicht! Die 156 Verlobung der Dikte kam auch so aus dem Hinterhalt. Ich bin von allen Seiten überrumpelt worden. Und nichts ist gerade so gekommen, wie ich erwartet habe. Der Max hat sich echt Tübingensch aufgeführt statt Teupensch, und von der Dikte habe ich eine viel demokratischere Wahl vorausgesetzt.« »Es kommt immer anders, als man glaubt, Eleonore. Nur eins hat dich nicht im Stiche gelassen, etwas ganz Teupensches: das berühmte Heiratsjahr deiner Familie.« »Auch das; ich betrüge mich niemals selbst. Max hat ja doch schon vor anderthalb Jahren geheiratet. Es stimmt also wieder nicht. . . .« Tübingen beugte sich lachend über seine Frau und küßte sie. »Laß dir's nicht nahe gehen, Alte. In dieser Stunde kann ich schon einmal ›Alte‹ sagen; es hört ja sonst keiner. Ich bin ganz zufrieden; ja, ich bin sogar recht glücklich, Eleonore; denn ich sehe, die Kinder sind's auch. Und wachsen Bernd und Dieter einmal heran, und es kommt ihr Heiratsjahr, so denke ich, wir lassen auch sie frei wählen , wie es ihnen um das Herz ist. Es ist doch nun einmal etwas Schönes um das Recht der Selbstbestimmung, und nimm mir's nicht übel, etwas Barbarisches um unsern Heiratskodex.« »Der ist aber Tübingensch, Eberhard –« »Ist er. Aber auch die Tübingensche Tradition kann einmal ausgeklopft werden. Und deshalb werde ich mir Audienz beim Könige erbitten, damit seine Gnade uns den Staub aus der Ueberlieferung bringt. Einverstanden, Eleonore?« »Ja, mein Freund, – aber mit schwerem Herzen. Was du Staub nennst, ist für mich Patina: die ehrwürdige goldene Hülle der Zeit. Trotzdem – das Glück der Kinder steht mir über jeglichem persönlichen Empfinden.« 157 »Recht so, Eleonore! Dem Glück der Kinder opfert man selbst ein Stückchen eigenes Herz. Nun brauchst du auch kein Brausepulver zu nehmen. Die Ueberzeugung, daß du richtig gehandelt hast, wird dich ohne kalmierendes Schaumwasser schlafen lassen. Gute Nacht, mein Lieb! Morgen vormittag haben wir ihn . Ich denke, ich werde von ihm träumen. Eberhard heißt er und hat blaue Augen. Das ist Tübingensch. Aber daß er in Paris zur Welt kam und nicht in Hohen-Kraatz, zeugt von höherer Diplomatie. Und das ist alleweil Teupensch. . . .«   Ende .