Gustaf af Geijerstam Wald und See Novellen 1905 Inhalt Liebe Das Geheimnis des Waldes Kristins Myrte Anders Petters Geld Sammel Die alte Bibel Tant' Liebe 1. Fruchtbar war die Gegend nicht. Es wuchs meist Wald da, und der Wald war just nicht der beste. Zudem war der Boden zu steinig und die Leute, die auf eigener Scholle in Furumon lebten, mußten sich hart ums Brot plagen, wenn die Saat ihnen Ernte geben sollte. Mitten durch Furumon ging mit rinnenden Wellen ein Fluß. In seinem untern Lauf ward der Fluß zum Strom und gab reichlich Lachs. Die Leute, die dort an den Ufern lebten, hatten aus Hof und Lachsnetz guten Ertrag. Der Strom war da breiter, die Landschaft ringsum üppiger, mit Wiesen und Buchenwäldern, die Äcker waren steinfrei und trugen reiche Ernten. Aber oben in Furumon war der Fluß schmal und seicht, durch die dunkelrieselnden Wasser schimmerte ein steiniger Sandgrund, die Äcker rundum waren voll von Steinen, darum wuchs die Saat dünn und die Ernte war knapp. Wo die Äcker aufhörten, schloß sich der Wald buschig und dicht um den Fluß und erstreckte sich meilenweit, mit Bergrücken und Gipfeln. Wo der Wald sich um die Äcker schloß, lagen zwei alte Bauerngüter; nur wenige Minuten Wegs waren zwischen der Tür des einen und der des andern. Sie lagen auf je einer Flußseite, da, wo der Fluß sich zusammenzog, und an der schmalsten Stelle war eine Brücke gebaut, die von beiden Höfen gemeinsam unterhalten wurde. Abgesondert vom ganzen Sundboer Kirchsprengel, wie auch vom Dorf bei der Kirche, lag Furumon, und wenn man an einem dunkeln Winterabend auf dem Weg über die Felder kam, der hinauf führte, so schimmerte der Fluß wie ein dunkles Band gegen den weißen Schnee, und auf beiden Seiten glänzten die freundlichen Lichter aus den Fenstern der Zwillingshöfe, während hinten der Waldrand wie ein dunkler Schatten unter dem kaltfunkelnden Sternenhimmel lag. Von den beiden Zwillingshöfen berichtete die Sage, sie seien von zwei Brüdern erbaut worden, den Ersten, die Furumon urbar gemacht hätten, und Nachkommen dieser Brüder wären es, die noch jetzt auf den Höfen mit Äckern, Nebengebäuden, Scheunen und Ställen schalteten. Leute, die gern Ähnlichkeiten aufspürten, sagten, man könne noch bei allen, die auf einem dieser Höfe geboren waren, sehen, daß sie zum selben Geschlecht gehörten. Aber viele hundert Jahre waren vergangen, seit die beiden Brüder der Sage lebten, und die Aufzeichnungen, die die ersten Seiten in den alten Bibeln der Höfe füllten, gaben nur halbe und unvollständige Auskunft. Wie nahe die beiden Familien eigentlich verwandt waren, wußte darum niemand mit Sicherheit, und während des letzten Jahrhunderts hatten die Männer stets Frauen von Höfen jenseits des Waldes oder von Süden her heimgeführt. Die Sage berichtete weiter, daß die beiden Stammväter erst in guter Freundschaft miteinander lebten, so gut, daß niemand sagen konnte, je zwei Brüder gesehen zu haben, die einander mehr liebten. Der eine der Brüder war verheiratet gewesen, der andere unverheiratet. Als nun der verheiratete in die Einöde zog, um das Land urbar zu machen und sich ein Heim zu bauen, begleitete ihn der unverheiratete, weil er ohne seinen Bruder nicht sein konnte, und solang er unverheiratet blieb, währte die Freundschaft zwischen den Brüdern ungestört fort. Denn des verheirateten Bruders Weib war eine gute und milde Frau, die nicht im Unfrieden leben konnte. Aber als der unverheiratete des einsamen Lebens müde ward und sich auch verheiratete, da hatte auch die Freundschaft der beiden Brüder, die zuvor unzertrennlich gewesen waren, ein Ende. Denn die neue Frau säte Unfrieden um sich her, und zwischen die beiden Brüder kam eine Feindschaft, die weder Leben noch Tod versöhnen konnten. Sie ging durchs zweite und dritte Glied, und als sie schließlich aufhörte, wußte niemand mehr, wodurch sie entstanden war. Alltäglich war das Schicksal derer nicht gewesen, die in Furumon auf den alten Höfen am Abhang beim Fluß lebten, und insbesondere war da ein Gerücht, das lang in der Gegend umging. Es hieß nämlich, jeder, der dort lebte, würde entweder unglücklich durch die Liebe oder auch sehr glücklich. Aber selbst dies Gerücht war jetzt so gut wie vergessen. Denn Glück und Unglück wechseln im Leben, und keiner weiß, wem von den andern mehr oder minder davon zuteil ward. Der Mann, der in der Mitte der Achtzehnhundert den unteren Hof auf der linken Seite des Flusses bewohnte, dachte auch nicht daran; schon wie er als Kind von dem Gerücht hatte erzählen hören, war es so alt, daß niemand es mehr ernst nahm. Der Bauer, der damals auf Furumon südlich vom Fluß, oder Süd-Furumon, wie der Hof in der Umgegend genannt wurde, lebte, war bei Beginn dieser Erzählung noch jung, knapp dreißig Jahre alt, und doch saß er an einem Sonntagmorgen zur Erntezeit und grübelte darüber nach, wie still es in seinem Haus schon geworden war. Am Sonntag vorher hatte er sein junges Weib begraben, jetzt hörte er durch die offene Tür, wie die Frauen drinnen das kleine Neugeborene zu trösten versuchten, das schrie. Sein Weib war im Wochenbett gestorben, und Anders Johan saß nun – jung und einsam – und grübelte darüber nach, wie er sein Leben einrichten würde. »Ein Bauer muß verheiratet sein,« hatte Anders Johan gesagt, als er sich eine Frau suchte. »Sonst verkommt sein Haus, und er selber muß auf die Weiber aufpassen.« Dasselbe sagte er, als er eine Frau gefunden und ihr Jawort erhalten hatte. Sie hatte dann in seinem Haus gelebt und ihm zwei Kinder geboren. Jetzt war sie gegangen und hatte ihn einsamer zurückgelassen als zuvor. Anders Johan saß lang auf seinem Altan, horchte auf das Geschrei des Kindes und blickte hinaus über die Kleeweide, die im Sonnenschein duftete. Des Sonntags wegen ruhte die Arbeit, sachte blies der Sommerwind über das Feld. Drin in der Kammer schlief zuletzt das Kind, und Anders Johan hörte nichts mehr, als das Rauschen des Flusses vom Abhang hinter den Wiesen her. Lang saß er in Gedanken, und als er endlich aufstand, befahl er der Magd, seine Sonntagskleider zu holen. Die Magd gehorchte mit der schweigenden Rücksicht, mit der ein trauernder Hausherr von seinen Leuten bedient wird. Anders Johan war klein von Wuchs, aber daran dachte eigentlich keiner, der den Mann sah. Denn der junge Bauer war kräftig gebaut, und sein Kopf war wohlgeformt. Das Haar war braun und der Bart heller als das Haar. Wenn er lächelte, kam in seine Augen etwas Warmes, und die Frau, die das gesehen hatte, wollte, wenn ihr dies Warme und Blaue einmal begegnet war, es gern recht oft wiedersehen. Es ward ihr wie ein Bedürfnis, es hervorzurufen. Jetzt war Anders Johan trübsinnig, wie er da in seinen Sonntagskleidern einherging; er dachte daran, wie hart es auf ihm lastete, mit seinen Kindern allein zu sein und für sie denken zu müssen. Anders Johan wanderte Nord-Furumon zu, dem Nachbarhof, der auf der andern Seite des Flusses lag; aber als er über die Brücke ging, blieb er stehen, stand lange, über das Brückengeländer gebeugt, und sah ins Wasser hinunter. ›Nie werd' ich mich wieder verheiraten,‹ dachte er. ›Strömend und schwarz geht da unten das Wasser, und strömend und schwarz ist das ganze Leben. Es geht, wie das Wasser, über nichts als Stein, und der Grund ist überall so nah, daß er durchscheint.‹ Wie er da stand, fiel ihm sein totes Weib ein, und der Wunsch erwachte in ihm, zu ihrem Grab zu gehen, wo er seit der Beerdigung nicht gewesen war und wohin er – das wußte er – in der Arbeit der Woche vor nächsten Sonntag nicht kommen würde. Wie er daran dachte, fuhr ihm der Gedanke an die Kinder wie ein Messer durch die Brust, und der junge Mann seufzte. Er fühlte Schweiß auf seiner Stirn und nahm die Mütze ab. Ihm schien, als erinnere er sich nicht mehr, weshalb er hier war. Wie ein Unglück erschien es ihm, daß in der Woche, die bevorstand, die Ernte beginnen sollte. Er hätte am liebsten, ohne zu arbeiten, umhergehen, an die Tote und an Gott denken und, sich in seinen Kummer versenkend, die Welt vergessen mögen. Wie er so da stand, hörte er, daß jemand über die Brücke kam und ihm guten Tag bot. Er erwiderte den Gruß und blickte auf. Vor sich sah Anders Johan eine weiche Mädchengestalt, in ein hausgewebtes Baumwollkleid gekleidet und mit einem weißen Tuch um den Kopf. Das Mädchen war eben erst erwachsen, und ihr Körper war schlank und schmächtig. Während sie stehen blieb und zu Anders Johan aufblickte, hob sie sich auf die Zehenspitzen. Denn sie kannte das Warme in seinem Blick, und es betrübte sie, ihn so kalt, trübsinnig und in sich selbst verschlossen zu sehen. Der Blick kam aus einem Paar tiefer, blauer Augen, und ihr kleiner Mund, der zu lächeln versuchte, brachte ein so ernsthaftes, altkluges Lächeln in ihr zartes, weißumrahmtes Gesicht, in dem das Blut kam und ging, daß es Anders Johan auffallen mußte. ›Wie schön sie ist!‹ dachte Anders Johan unwillkürlich. Und sein Gesicht hellte sich auf. Er konnte seine Augen nicht vom Antlitz des Mädchens wenden. Zum erstenmal sah er, wie sich das weiche Haar in kleinen feinen Wellen um ihre reine Stirn schmiegte. »Ist Magnus daheim?« sagte Anders Johan, um etwas zu sagen. »Vater und Mutter sind in der Kirche,« antwortete das Mädchen. »Wolltest du zu uns?« »Das wollte ich,« antwortete der Mann. »Ich wollte ihn wegen etwas um Rat fragen.« Das Mädchen wandte um, und stillschweigend folgte ihr Anders Johan. Ein seltsame Ruhe kam über ihn, wie wenn er ausgewesen wäre und Hilfe gesucht hätte, und die Hilfe wäre von selbst, seiner Bitte zuvor, gekommen. Unklar war ihm, als hätte er in der Bibel von einem Mann gelesen, der ausgegangen war, um etwas höchst Alltägliches zu suchen, und der ein Königreich fand. Anders Johan versuchte, sich diese Erzählung zurückzurufen, und zu gleicher Zeit grübelte er darüber nach, weshalb sie ihm einfiele. Zuletzt schwanden alle Gedanken von selber und machten einer seltsamen Gewißheit Platz, daß alles nun wieder gut werden würde. Er wunderte sich nicht einmal darüber, daß er so empfand, wunderte sich bloß darüber, daß er das Mädchen jetzt zum erstenmal sah. ›Es ist wohl, weil ich sie immer gesehen habe, von Kindheit an,‹ dachte er. ›Ich habe nicht gewußt, daß sie so groß geworden ist.‹ Laut aber sagte er: »Wo wolltest du hin, als ich dich traf?« Da antwortete das Mädchen: »Ich wollte nur hinüber und ein bißchen nach den Kindern sehen, die jetzt allein sind.« Auch dies fand Anders Johan so natürlich, daß er nicht weiter fragte. Er und das Mädchen waren jetzt zu dem Hof des alten Magnus gekommen, und noch immer ging Anders Johan und ließ sich führen – einem Ziel zu, das er immer näher kommen fühlte und das Gutes mit sich brachte. Aber als er zur Tür des Nachbars eintrat, erinnerte er sich, daß er schon vorher etwas davon gewußt hatte. Das Gesinde hatte ihm nämlich erzählt, daß Elsa die ganze Woche über in seinem Hause gewesen war, mit dem dreijährigen Jungen gespielt und nachgesehen hatte, daß das kleine Neugeborene, ein Mädchen, versorgt wurde. Anders Johan und das Mädchen nahmen in der Stube Platz und Elsa sagte: »Vater und Mutter kommen gewiß bald. Sie wollten nicht lange ausbleiben.« Anders Johan saß und dachte daran, daß er Elsa dafür danken müsse, daß sie so gut zu seinen Kindern war. Aber seit sein Weib gestorben war, hatte er kaum mit irgend jemand gesprochen. Er war in seiner Arbeit und seinem Kummer dahingegangen, und wer ihm begegnete, hatte ihn nicht stören mögen. Das Bedürfnis, mit jemand von sich selber und all dem Großen, was ihm geschehen war, reden zu können, machte darum sein Recht geltend, und so sagte er statt dessen: »Es ist schwer, mit einem Mal allein zu sein, wenn man gar nie daran gedacht hat.« Er sah einen Augenblick auf und begegnete einem Paar großer, staunender Augen; ihm schien, es stünden Tränen darin um seinetwillen, doch wagte er nicht, genauer zu sehen, sondern wandte den Blick wieder ab. Und dann erzählte Anders Johan von allem, wie es geschehen war, daß sein Weib starb, wie das Fieber gekommen war, was sie gesagt und wie sie bis zuletzt an ihn und die Kinder gedacht hatte. Aber am seltsamsten von allem war doch, daß er damals keinen Kummer empfunden hatte. Daß der Tod kam und vor seinen eigenen Augen sein Weib nahm, ward ihm zu etwas so Seltsamem und Großem, daß es ihn den aufkeimenden Kummer vergessen ließ und ihn nur mit Andacht erfüllte. Er erzählte von alledem, und wunderte sich immer mehr darüber, daß er zuerst sein Weib nicht betrauert, sondern nur daran gedacht hatte, wie groß es war, zu sterben. »Als sie ausgelitten hatte,« sagte er, »wurde es so still, daß mir war, als wäre der Fluß draußen stehen geblieben. Anders Erik schlief, und niemand außer mir war in der Stube. Da deckte ich ihr Gesicht zu und dankte Gott.« Anders Johan bebte bei dieser Erinnerung, die so frisch war, daß sie noch in ihm schmerzte. Aber es war auch eine Linderung, reden zu können, und keinen Augenblick dachte er daran, daß die, die ihm zuhörte, ein Kind war. »Dann kam der Kummer,« fuhr er fort, »und mir war, als machte er mich vor der Zeit alt. Verheiraten tu ich mich nie mehr. Aber ich brauche jemand, der mir hilft. Den Hof wird der Junge nach mir haben, und ohne Hilfe kann ich ihn nie und nimmer so halten, daß ich ihn einmal mit Ehren von mir geben kann.« Sie, die Anders Johan sprechen hörte, lächelte nicht darüber, das er sich alt nannte. Dazu war sie selbst zu jung. Sie glaubte auch nicht anders, als daß Anders Johan immer so denken würde, wie jetzt. Sein ganzes Leben lang würde er für seine Kinder arbeiten, und wenn er einmal alt war, würde er sterben, ohne je einen andern Gedanken gehabt zu haben. Eben dadurch, daß sie so empfand, tat sie, ohne es zu wissen, Anders Johan gut. Er durfte reden, solang er wollte, und manchmal ist dies ja gerade, was der Kummer braucht. Elsa unterbrach ihn nicht und störte ihn nicht. Zum erstenmal ward ihr der Einblick in einen wirklichen Kummer, und sie war voller Dankbarkeit und Staunen, wie vor einem großen, unerwarteten Geschenk. Die ganze Zeit über saß sie und dachte, wie sie sich gerade so das Leben geträumt hatte, und daß es so war. So saßen sie, bis Magnus von der Kirche heimkam und mit ihm Brita, sein Weib. Sie waren beide alt und waren befreundet gewesen mit Anders Johans Eltern, die beide auf dem Kirchhof lagen, nicht weit von dem Platz, wo jetzt sein Weib begraben war. Sie hießen den Gast willkommen, und Anders Johan blieb bis zum Abend. Am Nachmittag saß er allein bei den Alten; Elsa war gegangen, um nach den Kindern und dem Haus zu sehen, in dem die Hausmutter gestorben war. Und eh Johan Anders ging, war alles für ihn in Ordnung gebracht. Die Alten hatten ihre Erlaubnis dazu gegeben, daß Elsa zu ihm hinüberziehen und ihm helfen durfte. Elsa selbst war es, die das gewollt hatte. »Hab wohl acht auf sie!« sagte Magnus beim Abschied, »sie ist mein liebstes Kind.« Und Anders Johan versprach es. 2. Jetzt kam eine neue Zeit für Anders Johan, und er wunderte sich oft darüber, wie still und lautlos sein Leben weiterglitt. Ohne Geräusch ging es dahin, aber wohin er blickte, fand er, daß die Arbeit um ihn her an Boden gewann und daß alles gedieh. Er träumte nicht länger und nahm seinen Kummer still und ruhig. Elsa war es, so glaubte der Mann, von der all dies kam, und er brauchte sie bloß zu sehen, um sich leicht und froh zu fühlen. Er folgte ihr mit den Augen, so oft sie vorüberging, und freute sich an ihrem leichten Gang, ohne darüber nachzudenken. Er sah sie in der Küche umhergehen und sein Essen für ihn zurechtstellen, und es tat ihm wohl, zu sehen, wie flink ihr alles von der Hand ging. Barhäuptig und rotwangig ging sie vom Keller zur Küche, von der Küche zum Stall. Alles, was ihr in den Weg kam, ordnete sie, machte es sauber, brachte es auf seinen Platz. Sie stand mit der Sonne auf und ging nach ihr zu Bett, sie führte die Herrschaft im Haus und draußen im Stall. Die Kinder waren in ihrer Hand wie Wachs und das Gesinde tat seine Arbeit ohne Murren. Das Vieh gedieh und mehrte sich, der Garten trug Obst, und drinnen im Haus war alles schmuck und rein wie in einem Herrschaftshaus. Anders Johan hatte selbst immer gearbeitet. Darum ward ihm wohl zumute, als er Elsa ebenso tun sah, und er gewann sie lieb, weil er fühlte, daß er in ihr eine Hilfe hatte. Wenn er jetzt an sein verstorbenes Weib dachte, so schien es ihm, als wäre alles so geordnet, wie sie es gewünscht hätte. Anders Johan war nicht gewöhnt, viel zu sprechen. Denn im Wald, wo er lebte, war solches nie Sitte gewesen. Solang er zurückdenken konnte, hatte er seinen Vater und seine Mutter nie miteinander über anderes reden hören, als das, was gesagt sein mußte und was zum Täglichen gehörte. Auch Elsa gegenüber änderte er im Anfang diese Gewohnheit nicht. Aber es fiel ihm ein, daß er es einmal getan hatte, als sein Weib eben gestorben war, und er fühlte, wenn es irgend etwas gäbe, was ihn drückte, so würde er zu Elsa immer sprechen können, wie er es damals gekonnt hatte. Dies Bewußtsein war wie ein ruhiger Gedanke, der ihn begleitete und der ihn nach und nach aus seiner Traurigkeit zog und ihn vergessen lehrte. So verging eine Zeit, und Anders Johan dachte gar nicht daran, daß irgend etwas an dem Bestehenden sich andern könne. Längst war der Winter gekommen; Weihnachten war vorüber. Jetzt lag der Schnee hoch über Feldern und Gräben, im Wald waren die Wege verschneit, vom Dachgiebel hingen die Eiszapfen nieder, und die Wege auf dem Hof sahen aus wie ausgetretene Rinnen zwischen dem Wohnhaus und den Nebengebäuden. In der Stube klapperte der Webstuhl, und draußen im Schuppen war die Tischlerwerkstatt in Gang. Alles, was im Lauf des Sommers an Fuhrwerk und Gerät verdorben und abgenützt worden war, wurde instand gesetzt und ausgebessert. Anders Johan kam langsam über den Hof. Er blickte in die Stube, wo Elsa am Webstuhl saß, nahm eine Axt, die er gesucht hatte, und ging wieder hinaus an seine Arbeit. Zum erstenmal dachte er daran, wie gut er es jetzt hatte, und eine Unruhe, die er sich nicht zu erklären vermochte, erfüllte seine Seele. Warum hatte er daran nicht eher gedacht? Warum kam es gerade jetzt, obgleich nichts geschehen war? Wie ein Stich durchfuhr es ihn, daß dies nicht dauern konnte . Einmal mußte Elsa sich verheiraten wie alle anderen. Sie war schön und jung, und obschon sie viele Geschwister hatte, gab es doch mehr als einen, der gern der Schwiegersohn des alten Magnus auf Nord-Furumon geworden wäre. Unter diesen Gedanken, die noch nie zuvor in ihm aufgestiegen waren, fuhr Anders Johan in seiner Arbeit fort. Er zimmerte eine neue Deichsel an den Dungwagen, und er arbeitete hart, aber er konnte den Gedanken nicht aus dem Kopf kriegen: ›Einmal muß Elsa sich verheiraten, und dann werd' ich wieder allein sein‹. ›Kommt Zeit, kommt Rat‹, dachte er dann. ›Ist mir einmal Hilfe geworden, als es nottat, so kann sie mir auch zum zweiten Mal werden‹. Aber wieder kam der Zweifel und flüsterte: ›ein solches Wunder geschieht nicht zweimal‹. Draußen wurde es dämmerig, und Anders Johan zündete die Hängelaterne im Schuppen an. Ihr Schein fiel über den dunkeln Raum und erhellte die Finsternis, die sich draußen über dem Schnee verdichtete. Anders Johan arbeitete unentwegt, um die Gedanken fern zu halten. Aber sie wollten ihn nicht in Ruhe lassen, und die Arbeit machte ihm nicht, wie sonst, Vergnügen. Wie flüsternde, wispernde Stimmen klang es aus den dunkeln Ecken des langgestreckten Schuppens um ihn her: Sie wird nicht bleiben. Sie wird nicht bleiben. Anders Johan wußte wohl, daß Stunden kommen, in denen der Mensch sich wunderlich fühlt. Er wußte auch, daß man da nicht nachgeben darf, sondern Abhilfe suchen muß, wo man sie finden kann. Darum arbeitete er länger als gewöhnlich, denn er fühlte, daß gerade die Anstrengung ihm gut tat, und als er ins Haus kam, um zu essen, war er müde. Er saß lange beim Abendbrot, so lange, daß der Knecht und die beiden Mägde hinausgingen, um draußen die letzten Abendgeschäfte zu verrichten. Die Kinder schliefen in der Kammer. Er war allein mit Elsa. Da fiel es Anders Johan ein, daß er ihr nie gedankt hatte für alles, was sie tat, und er saß eine Weile und suchte, ob er nicht Worte fände, dies zu sagen. Aber er fand keine, die ihm passend däuchten. Und so sagte er anstatt dessen: »Es wird dir wohl einsam hier auf die Länge.« »Nein,« antwortete Elsa und blickte mit klaren Augen auf, »ich fühle mich nie einsam. Ich bin zufrieden.« Anders Johan war es erst, als brauche er nicht weiter zu fragen. So erleichtert fühlte er sich. Aber um wirklich Ruhe zu haben, wollte er es noch einmal versuchen. »Es wird schon einer kommen, der dich heiraten will,« sagte er und versuchte ein Lächeln. Elsa blickte auf, und ein alter, forschender Ausdruck kam in ihr Gesicht. »Hat jemand etwas zu dir gesagt?« fragte sie. »Zu mir? Nein. Wer sollte das sein?« Elsa wandte sich ab und beschäftigte sich wieder mit dem Geschirr, das sie aufwusch. Dann sagte sie mit leiser Stimme: »Vater ist heute hier gewesen und hat gesagt, daß einer aus dem Kirchdorf da war und um mich angehalten hat.« Der Mann am Tisch sprang auf. Es wurde ihm dunkel vor den Augen, und in ihm läutete die Gewißheit wie mit Totenglocken. ›Deshalb bin ich gerade heute darauf gekommen‹, dachte er. Und ohne an das zu denken, was er sagte, fragte er scharf: »Wer war es?« Es lag eine Drohung in seiner Stimme. »Das kann dir ja einerlei sein, wenn ich ihn nicht nehme,« antwortete Elsa und blickte verwundert auf den Mann. Anders Johan traute seinen Sinnen nicht. Das Glück, Elsa behalten zu dürfen, däuchte ihm ganz unmöglich. »Möchtest du denn nicht heiraten?« sagte er. Er versuchte wieder zu lächeln, aber es wollte nicht gelingen. Diesmal mußte Anders Johan auf die Antwort warten, und als er aufblickte, wunderte er sich: Elsa war ganz blaß geworden. Sie sah erschrocken aus, wie wenn ihr jemand etwas zuleid tun wollte, und Anders Johan glaubte, was jeder, der sie so gesehen hätte, geglaubt haben müßte, daß Liebe zu einem, den sie nicht bekommen hatte oder bekommen konnte, hinter dieser Blässe stecke. Aber Elsa nahm sich sogleich zusammen und lächelte ihn an, wie sonst. »Es ist freilich ein Kummer für die Eltern,« sagte sie, »daß ich mich nicht verheirate. Aber ich habe nie Lust dazu gehabt. Und wenn du mich hier haben magst, so bleibe ich hier. Denn hier braucht man mich, und hier bin ich zufrieden.« Anders Johan hatte keine Zeit, viel über dies Gespräch nachzugrübeln. Was Elsa innerlich dachte oder nicht dachte, darüber wußte er nicht Bescheid, und soviel sah er, daß es besser war, nicht zu fragen. Das kümmerte ihn auch nicht. Über die kurze Unruhe eines Nachmittags senkte sich das ruhige Bewußtsein, daß alles bleiben konnte, wie es war, und daß er nicht zu fürchten brauchte, allein gelassen zu werden. Er sagte Gutnacht und ging in seine Kammer. Elsa aber lag lange wach und horchte auf die gleichmäßigen Atemzüge der Kinder. Bei ihnen fühlte sie sich immer glücklich und gut, und es wunderte sie, daß andere Menschen es nicht lassen konnten, sie zu stören. 3. So ging der erste Winter zu Ende. Der Schnee schmolz, der Frost ging aus der Erde, das Wasser begann gleich Strömen durch die Gräben zu rinnen und der Fluß rauschte wie ein Wasserfall in der Frühlingshochflut. Stark und frisch wie nie zuvor ging Anders Johan am Pflug und ließ Furche um Furche in der Erde seiner Väter aufgleiten. Nie fühlte er sich so zufrieden, als wenn der Frühling kam und die Feldarbeit begann. Da dachte er daran, wie viele hier vor ihm gegangen waren und mit ihrer Arbeit all das Gute geschaffen hatten, daß jetzt sein war. Es war ihm da eine Lust, seinen starken, schweren Körper anzustrengen, und er nahm den Kampf mit seinen steinigen Ackern auf, schmiß ganze Fuhren Steine an die Grabenränder, von wo sie später weggeführt und zu den Steinwällen geworfen wurden, die sich, höher und höher, rund um die Felder erhoben. Je höher diese Steinhaufen wurden, desto größer ward, so däuchte es Anders Johan, seine eigene Ehre. Und mit Lust dachte er, daß er auf Furumon leben und sterben würde. Dann kam die Zeit der Saat und das Vieh wurde auf die Weide gelassen. Einsam ging er mit dem Samen im Vortuch und säte das Korn in die Furchen. Um ihn spielten die Lerchen in der blauen Luft, und aus der Erde stieg, wie in einem Übermaße von Kraft, ein feuchter Duft. Vom Wald her hörte man die einsame Schelle der Leitkuh und die Kühe, die vor Vergnügen über die frische Luft und Weide brüllten. ›All dies ist mein,‹ dachte Anders Johan. ›Und er, der jetzt noch klein ist, wird einmal hier gehen, wie ich.‹ So ging der Sommer, und die Erntezeit kam. Die Sensen gingen über Feld und Wiese. Voll rollten die Wagen dahin, von den beharrlichen Ochsen bis zum Scheunentor gezogen. Und als die Felder abgemäht und nackt in der Augustsonne standen, ward Erntefest gefeiert. Die Geige sang, und tanzende Paare stampften sich drin in der Scheune warm. Wieder kam der Herbst und nach ihm der Winter. Anders Johan fühlte seine Kraft mit jedem Tag wachsen. Tief, wie das Empfindsame in seinem innersten Gemüt versteckt lag, barg er in sich ein Gefühl der Dankbarkeit dafür, daß es ihm in allem so gut erging. Am stärksten empfand er dies, wenn er in der Kirche saß und die Orgel hörte, oder wenn er Zeit hatte, seinen Jungen bei der Hand zu nehmen und mit ihm hinaus zu gehen. Dann war ihm, als redeten alle, die früher auf seinem Hof gelebt hatten, zu ihm und durch ihn zu dem Kind. Und mit keinem Gedanken dachte er daran, daß irgend etwas anders werden könnte, als es war. So ging Jahr um Jahr, und Anders Johan zählte sie nicht mehr. Eins nach dem andern kamen sie und schwanden hinter ihm. Er merkte nicht, daß er etwas verlor, und daß das Alter ihm immer näher rückte. Dazu war er noch zu jung, jünger als je. Statt dessen wunderten sich andere, daß alles so lang gehen konnte, wie es ging. Denn als Elsa, gleich nachdem die Frau gestorben war, zu Anders Johan zog, erwarteten alle, daß, wenn das Trauerjahr zu Ende wäre, die Hochzeit sein würde. Das wäre das Natürliche und Richtige gewesen. Als es auch nicht nach dem zweiten Jahr geschah, meinten die Leute, Anders Johan betrauere seine verstorbene Frau zu lange. Aber als das dritte Jahr vergangen war, und man von keiner Veränderung hörte, da konnte niemand fassen, wie das kam, daß zwei junge Menschen so vertraulich zusammen lebten und doch nicht an eine Ehe zu denken schienen. Sowohl im Dorf als auf den Höfen ringsum im Kirchspiel wurde viel darüber geredet. Die einzigen, die von dem, was die Leute redeten, nichts hörten oder wußten, waren Anders Johan und Elsa selbst. Mit jedem Jahr, das vorüberging, wurden sie bessere Freunde, und nichts zwischen ihnen änderte sich. In allem, was sie vornahmen, hatten sie eine Stütze aneinander, und sie halfen einander mit allem, wie wenn sie Geschwister gewesen wären. Da geschah es eines Tages, daß Anders Johan in die Küche kam und die Kinder allein fand. Anders Erik hatte aus dem Waschfaß einen Schlitten gemacht und saß darin und kutschierte die kleine Schwester, die eine Schnur im Mund hatte und Pferd war. Die Kinder spielten so still, als fürchteten sie, jemand zu stören, und als Anders Johan sich umsah, bemerkte er, daß das Feuer im Herd am Verlöschen war, obwohl es schon fast Mittagszeit war. »Wo ist Elsa?« fragte er die Kinder. »Sie ist in der Stube,« antwortete der Junge und deutete auf die geschlossene Tür. »Sie hat gesagt, wir sollen ruhig sein.« Anders Johan ward es sonderbar zumut, und ihm war, als höre er, wie still es um ihn geworden war. Es war, als läge in dieser Stille etwas Drohendes, däuchte ihn, und die geschlossene Tür weckte seine Unruhe. Weil er Elsa nicht stören wollte, setzte er sich erst ans Fenster und sah hinaus. Es war Herbst, und der Hof lag voller Blätter von Ahorn und Birken. »Ist Elsa krank?« sagte er endlich zu den Kindern. »Nein,« antwortete der Junge. »Aber sie ist gewiß traurig.« Da däuchte es Anders Johan, er könne es nicht länger verantworten, Elsa allein zu lassen, im Fall irgend etwas wäre, in dem er ihr helfen könnte. Vorsichtig öffnete er die Tür, schloß sie aber wieder hinter sich, als die Kinder folgen wollten. Drin auf dem Sofa saß Elsa und hielt die Hände vors Gesicht. Ihr Körper wiegte sich sachte hin und her, aber kein Laut war zu hören. Dennoch verstand Anders Johan, daß sie weinte. Er fühlte sich unbeholfen und ängstlich, ungewohnt, wie er war, Frauen zu trösten, und wäre am liebsten gegangen. Aber irgend etwas in der stummen Verzweiflung, die über der bebenden Gestalt lag, hielt ihn fest, und da er nichts zu sagen fand, trat er statt dessen vor und legte sachte seine Hand auf die Schulter des Mädchens. Elsa rührte sich nicht und nahm die Hände nicht von dem Gesicht. »Ist dir etwas begegnet?« sagte er endlich. Da blickte Elsa langsam auf, und still und natürlich, wie Anders Johan einst zu ihr über seine verstorbene Frau gesprochen hatte, sprach sie jetzt vor ihm, ohne wegzusehen und ohne die Tränen aufzuhalten, die ihr über das Gesicht liefen. »Vater ist hier gewesen,« sagte sie. »Und das ist es: er hat gesagt, es könne hier nicht länger so fort gehen. Meine Schwester heiratet jetzt, und da soll ich heim. Und ich kann doch nicht von dir und allem hier fort. Ich kann nicht heim, wo Mutter in allem schaltet und waltet, und ich für nichts Verantwortung habe. Ich hab' es so gut gehabt all diese Jahre. Und ich kann nicht von den Kindern fort, die keine Mutter haben, nur mich. Dann kommt Vater wieder und will mich verheiraten, was ich doch nie möchte, und ich habe keine Ruhe vor ihm und den andern.« Anders Johan setzte sich und versuchte, Elsa zu trösten. Ein altes Wort flog ihm durch den Kopf, das er selber einst gesagt hatte, obgleich das jetzt so lange her war, daß ihm schien, ein anderer müsse es gesagt haben. Das Wort lautete: »Ein Bauer soll verheiratet sein.« Das hatte er damals befolgt, und er hatte es niemals zu bereuen brauchen, bis sein Weib gestorben war. Bevor er noch hatte darüber nachdenken können, gingen ihm die Worte über die Lippen: »Willst du nicht mich heiraten? Dann brauchst du nie von hier fort zu gehen, und dann darf ich dich behalten.« Aber als es gesagt war, sah er, wie das tränenvolle Gesicht vor ihm starr und weiß wurde, wie er es schon einmal früher gesehen hatte. »Möchtest du das?« fragte Elsa atemlos. Anders Johan antwortete Ja und versuchte, ruhig und freundlich darüber zu sprechen, wie gut sie es miteinander hatten, und wie niemand sie dann trennen könnte. Mehr sagte er nicht. Denn er liebte sie nicht, hatte nie daran gedacht. Aber Elsa ließ ihn nicht zu Worte kommen. Sie stand auf und stellte sich vor ihn hin. Nie hatte Anders Johan geglaubt, daß sie so aussehen könne, so ihrer selbst gewiß, so unnahbar und so stark. »Sprich nicht davon, Anders Johan,« sagte sie. »Denn wenn du mich dazu bringst, wird es dein und mein Unglück. Seit meiner Kindheit sind die Männer hinter mir her gewesen, mehr als du weißt. Sie haben mit Vater geredet und sie haben mit mir geredet. Sie haben gebettelt und gefleht, und es ist für mich so schwer gewesen, sie anzuhören. Denn ich habe nie Neigung für irgend jemand gefühlt und weiß gar nicht, wie das ist. Deinen Kindern will ich eine Mutter sein und will mich an Gottes Wort halten. Und im übrigen muß alles gehen, wie es eben kann. »Willst du mir versprechen, nie mehr davon mit mir zu reden, Anders Johan?« fügte sie hinzu und streckte die Hand aus. »Du bekommst mich doch nie.« Anders Johan nahm ihre Hand, und als er das tat, wunderte er sich über das, was jetzt mit ihm geschah. Denn ihm ward mit einem Mal warm und kalt, als brenne er sich und friere gleichzeitig. Ihm war, als höre er zum erstenmal seine eigenen Pulse schlagen, und in sich vernahm er eine unheilverkündende Stimme, die ihn vor dem Versprechen warnte. Aber er gab es dennoch. Denn er hatte von Anfang an nie daran gedacht, daß sein Leben sich ändern könnte. So trennten sie sich, und Elsa ging heim, um mit ihren Eltern zu sprechen. »Ich kann sie schon herumkriegen, wenn ich will,« sagte sie, eh sie ging. Es gelang ihr auch, aber die Eltern sahen doch mit unfreundlichen Augen darauf, daß sie so lang im Haus eines Mannes blieb, der nicht der ihre war. Und von Stund an begann der Same der Uneinigkeit zu wachsen zwischen denen, die auf je einer Seite des Flusses droben in Furumon lebten. 4. Spät erwacht bei vielen Menschen der verheerende Brand der Liebe. Er kann kommen, wie wenn unterirdisches Feuer unerwartet die Erdkruste durchbricht und alles verbrennt. Wer weiß, was in ihm selbst lauert? Wer vermag vor dem Tod zu sagen: ich bin, der ich bin? Nie hätte Anders Johan, als er sein Versprechen gab, gedacht, daß er es nicht würde halten können. Nie hatte er davon gelesen oder gehört, daß es eine Liebe gab, der die Menschen nicht widerstehen können. Nun erfuhr er es an sich selbst, und er hatte niemand, zu dem er darüber sprechen konnte, wie er litt, und wie er sein neues Ich fürchten lernte. Es war nicht länger eine Freundin, die er suchte, eine Stütze, die er behalten wollte. Er dachte nicht an sein Haus, nicht an seine Kinder. Der väterliche Hof war gar nicht mehr in seinen Gedanken, und was er hatte arbeiten und ausbessern wollen, hatte er vergessen, als wäre es nie gewesen. Alles verbrannte in etwas Ungewohntem, Heißem, das in ihm hervorbrach und seine ganze alte Welt zu Asche verbrannte. Schweren Gemütes ging Anders Johan diesen ganzen Herbst und den darauffolgenden Winter umher. Er grübelte und grübelte und konnte keinen Frieden finden. Denn er dachte an das Versprechen, das er Elsa gegeben hatte, und er wunderte sich darüber, daß er, als das Versprechen gegeben ward, nichts begriffen hatte. Wenn er in seinem Bett lag und es dunkel um ihn war, konnte er sich vorstellen, daß alles recht und gut wäre, und daß Elsa nur auf sein Wort wartete, um ihm ihr Jawort zu geben und sein Weib zu werden. Und in ihm ward es warm, und licht und ruhig. Elsa selber half ihm, so träumte er. Denn sie sah, wie er litt, und sie half ihm so, daß er sein Versprechen nicht zu brechen brauchte. Freiwillig gab sie es ihm zurück, und freiwillig kam sie in seine Arme und schwor ihm Liebe. Ein ander Mal redete er sich ein, er habe sein Versprechen gebrochen, und Elsa vergäbe ihm. Er sah und fühlte das wie Wirklichkeit, und ein unbestimmtes, großes Glück erfüllte seine Seele und gab ihm Ruhe. All dies trat ihm aus dem Dunkel entgegen, das dicht um sein Bett stand. Und Nacht um Nacht träumte er so im Wachen. Schwermütig stand er auf, wenn der graue Morgen ihn aus dem Schlaf weckte, schwermütig ging er an seine Arbeit, und seine Liebe war ein Schmerz, der seinen ganzen Körper quälte. Am schlimmsten war es, wenn er Elsa sah. Am schlimmsten war es, an ihr vorüberzugehen, sie arbeiten zu sehen und ihr die Arbeit nicht abnehmen, an ihrer Seite zu sitzen und nichts sagen zu dürfen. Nein, am schlimmsten war es, wenn er wußte, daß sie schlief und, mit ihren weißen Gliedern in die Decke gehüllt, dalag, ihm ganz nahe, nur durch eine Tür von ihm getrennt. Und zu wissen, daß diese Tür sich nie öffnen würde. Anders Johan ging mit der Axt auf der Schulter durch den Wald. Dem Knecht hatte er daheim Arbeit angewiesen, um allein mit sich selber zu sein. Er suchte jetzt täglich die Einsamkeit, es war, als hätte er einen Haß gefaßt gegen andere Menschen. Sie quälten ihn durch ihre bloße Nähe. Sie machten sein Weh schlimmer. Und wenn er jemand sprechen hörte oder einen andern Menschen neben sich stehen sah, so packte ihn eine Art Atemnot, Bosheit erwachte in ihm und verlangte darnach, auszubrechen. Anders Johan ging mit der Axt auf der Schulter und suchte nach dem Platz, wo das Holz gefällt werden sollte. Sein Weg war weit, und er kam tief in den Wald. Die Bäume standen dicht um ihn, und er selber verschwand zwischen ihren Stämmen. Oben in den Kronen über seinem Haupt lärmte der Herbstwind. Die großen Bäume schwankten, und ihre Zweige schlugen gegeneinander. Als wälzten sich die Wogen eines Meeres über seinem Haupt, so sang es in den Bäumen, und der Sang war voller Wildheit, Liebe, Sehnsucht, Unglück und Tod. So wanderte Anders Johan, und seine Füße sanken in das feuchte, tiefe, grüne Moos oder klangen gegen das trockene Grau, wenn sein Weg über einen Hügel ging. Er kam über die sandige Höhe und weiter zum Tiefmoor, wo die Moosbeeren auf den Erdhügeln sich röteten, und er mußte einen Umweg machen, um nicht im Sumpfland einzusinken. Nie hatte er gewußt, daß der Wald so singen und daß ein Mensch so leiden und sich sehnen könnte, wie er. Ein einziges Weib nur gab es für ihn auf der Welt, ein einziges nur. Mit ihr würde alles ihm leicht werden. Ohne sie war nur Dunkel und Leid. Wie seltsam, seltsam! Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Weshalb macht uns manchmal nichts Kummer und manchmal alles? Plötzlich kracht es im Dickicht, und ein großer Elen bricht hervor, bleibt mit witternden Nüstern stehen, und das gewaltige Geweih, das sein Haupt zu belasten scheint, hebt sich über das Gebüsch am Rand des Moores, das, mit niedrigen Kiefern bedeckt, unter seinem Tritt schwankt. Er erhebt seine Stimme, die durch das Waldesrauschen schneidet. Noch ein Prasseln wird hörbar. Ein Krachen von zerrissenem Gesträuch, von niedergetretenen Zweigen. Der gewaltige Elen macht einen Satz und verschwindet zwischen den Stämmen, nach der Stelle zu, von wo das neue Geräusch ertönt. Anders Johan geht und blickt auf alles um sich her, und er wundert sich darüber, daß alles, was er sieht, ihm so neu ist. Er kommt zu einer Krümmung des Flusses. Über Stein und Sand schäumt er hervor und hat sich tief unter die Wurzeln der Tannen eingegraben, die ins Wasser hinabhängen. Wo der Fluß die Ufer teilt, leuchtet die Sonne, und Anders Johan denkt, hier möchte er mit Elsa leben, weit fort, daß keiner zu sehen brauchte, wie unglücklich er ist. Er begehrt nicht, glücklich zu sein. Er begehrt nur, sie zu eigen zu haben, zu wissen, daß sie ihm gehört, auch wenn sie nie sein wird. Und wieder sieht er den Wind hervorstürzen und die Kronen der Bäume schütteln wie ein Meer im Sturm. Es tut ihm gut, das zu sehen und zu fühlen, und er geht weiter, ohne daran zu denken, weshalb er gekommen ist. Er findet kein Holz zum Fällen; wozu er die Axt mit sich genommen hat, als er von daheim wegging, weiß er auch nicht. Er geht durch den Wald und träumt und hat sich selber vergessen. Anders Johan verträumte seine Tage, und er erwachte auch nicht, bis Weihnachten vor der Tür stand und die Weihnachtsgeschäfte begannen. Da spannte er eines Tages die Pferde vor den großen Wagen und fuhr nach der Stadt, um Geld zu holen, das er für Roggen zu fordern hatte. Mit scharfen, neuerwachten Augen sah er sich um und schämte sich über sich selbst. Vieles war da, was verkommen war, viel Arbeit, die wartete, die ungetan geblieben war. Aber die Reise und die vielen Menschen, denen er begegnete, erweckten ihn gleichsam wieder zum Leben; er grübelte jedoch nicht darüber nach, was er versäumt hatte, sondern saß bloß mit zusammengepreßtem Mund und tief in die Stirn gezogenem Hut, ließ die Pferde laufen und dachte darüber nach, wo er Hilfe finden könnte. Eine Hilfe gab es, so viel wußte er, aber die Hilfe wollte er nicht suchen, noch nicht. Drei Stunden fuhr Anders Johan, eh er auf die gepflasterten Straßen kam und langsamer fahren mußte. Da war es ihm, als ob es Licht in ihm würde. Er ging auf das Kontor des Großhändlers und erhielt sein Geld. Da wurde es noch lichter. Der Roggen war gestiegen, und die Zahlung war größer, als er erwartet hatte. Und Anders Johan ging in die Stadt, wie einer, der seine Macht wachsen fühlt. Als er eingekauft hatte, was er an Winterwaren für Haus und Hof brauchte, ging er in den Läden umher und besah sich die Weihnachtsgeschenke. Er sah zufrieden aus, wie er so ging, und je mehr Geld er ausgab, desto ruhiger fühlte er sich. Als er fertig war, war es so spät, daß er sich ein Nachtquartier suchen mußte, und erst am folgenden Morgen kehrte er mit allen seinen sorgsam im Wagen hinten verstauten Einkäufen nach Hause zurück. Am Tag vor dem heiligen Abend ging er selbst hinaus und hieb eine Tanne ab, und am Weihnachtsabend half er den Kindern, sie zu schmücken. An den Zweigen befestigte er Stücke von dem gelben Wachsstock, und an der Spitze blinkte ein Stern von Goldpapier. Auf dem Weihnachtstisch standen in doppelarmigen Leuchtern Kerzen, die Elsa selbst gezogen hatte, und rund umher lagen alle Pakete, vorsichtig eingewickelt, wie sie aus der Stadt gekommen waren. »Gute Weihnacht!« sagte Elsa, als die Lichter angezündet waren. »Gute Weihnacht!« antwortete Anders Johan, und seine Stimme zitterte. Aber diesmal war es vor Freude. Denn eine wahnsinnige Hoffnung beherrschte ihn. Alles, worunter er gelitten und geseufzt und sich gequält hatte, war nicht mehr. Er würde sie gewinnen, sie, die er besitzen wollte, er würde ihren Widerstand besiegen. Es war nicht anders möglich, nicht möglich, daß ein Mann so grenzenlos lieben konnte, nur damit seine Liebe verachtet wurde und verschmäht. Hellwach ging der Bauer daheim umher und sah die Träume der angstvollen Nächte wie helle Wirklichkeit um sich. Mit starken, glücklichen Schritten ging Anders Johan durch sein Haus, und als Kinder und Gesinde versammelt waren, las der Hausvater den Weihnachtspsalm, laut und mit klarer Stimme. Mit den andern saß Anders Johan am Weihnachtstisch, scherzte mit den Leuten und spielte mit den Kindern. Mit den andern stand er vom Tisch auf, und als der Weihnachtsbaum angezündet war, spielte der Knecht auf der Geige zu einem Tänzchen auf für die Kinder und das Weibervolk. Überall brannten Lichter, und der frischgescheuerte Fußboden war mit feingehackten Fichtenzweigen bestreut. Zuletzt mußte jeder sein Paket auspacken. Da gab es Spielsachen für die Kinder, Kleiderstoff für die Mägde, ein Wams und Wollzeug für den Knecht. Für Elsa waren drei Pakete da, und eins davon war sehr klein. Es enthielt eine ganz kleine goldene Brosche, die in der Mitte eine Kapsel hatte, die geöffnet werden konnte. Anders Johan war überall mit dabei, und doch war er nicht dabei. Nicht einmal als Elsa kam und ihm dankte, war er auf der Erde. Die ganze Zeit über sah er Elsa und doch sah er sie nicht. Ihm war, als hätte er nie einen solchen Abend erlebt, und doch sehnte er sich darnach, daß alles vorüber sein möchte. Denn er wußte, dann mußten die Kinder zu Bett, und er selber würde allein mit Elsa zu den Alten hinüber gehen. So hatten sie es jeden Weihnachten gemacht, und so würden sie es auch an diesem Weihnachtsabend machen, der jetzt bald seinem Ende zuging. Draußen glänzten die Sterne klar und kalt, es war Schnee gefallen, so daß es schwierig war zu gehen. Der Weg war darum auch schmal, und sie waren gezwungen, hintereinander zu gehen. Deshalb gelang es Anders Johan nicht, auf dem Weg nach Nord-Furumon etwas zu sagen, und auch drin bei ihren Eltern konnte er nicht mit Elsa reden. Denn die ganze Familie war da versammelt, mit Töchtern und Schwiegersöhnen, Söhnen und Gesinde. Bis Mitternacht wurde da gefeiert, aber Anders Johan ward die Zeit nicht lang. Er glaubte an sein Glück und fühlte sich sicher, daß es kommen würde. Er saß nur und wunderte sich, was das in ihm war, das so gleichsam taute und taute und war, als ob es zerspringen wollte. Auch wagte Anders Johan nicht, an diesem Abend irgend etwas Starkes zu kosten, und gar viele Spötteleien mußte er aus diesem Anlaß mit anhören. Aber er wagte es nicht. Denn er fühlte sich schon ohnehin wie trunken. Alles, was geschah, sah er wie in einem Nebel, bis das sternerhellte Dunkel der Winternacht sich wieder um ihn schloß, und er fühlte, wie Elsas schlanke Gestalt ihm auf dem schmalen Pfad heimwärts folgte. Da wandelte sich mit einemmal sein ganzer starker Freudenrausch in dunkle Verzweiflung, und er fühlte es wie eine wilde Woge von Dunkelheit in sich aufsteigen, in der alles Licht erlosch. Grundlos, wie er gekommen war, schwand sein ganzer Glücksglaube. Sein Mut war wie zerbrochen in ihm, er hoffte nichts, wagte nichts, glaubte nichts, wußte nicht, was er tat oder was er war, wußte bloß, daß er etwas verlangte, was er nie erreichen würde, es verlangte trotz allem, blind, gewaltsam und ohne Aufhören. Wie im Schlaf ging er Elsa voran in die Küche, wo noch Licht brannte. Dort setzte er sich, und ohne ein Wort hervorzubringen, wandte er ihr zum erstenmal sein Gesicht zu und ließ sie sein Elend sehen. Sein Blick hatte gleichzeitig etwas von einem verwundeten Tier und einem bittenden Kind, und Elsa fürchtete sich, als sie ihn sah, fürchtete sich so, daß sie zurückwich und nicht wagte, einzutreten. »Du brauchst dich nicht vor mir zu fürchten,« sagte Anders Johan. »Ich tu dir nichts.« Da trat Elsa ein und setzte sich ein Stück weit von ihm. Endlich sah sie in sein Gesicht und begegnete seinem Blick. Schon zweimal war sie bei einem Mann einem solchen Blick begegnet, nichts fürchtete sie mehr, und was er bedeutete, das wußte sie. Da kam auch über ihre Seele Dunkelheit, und ratlos rang sie in ihrer Angst die Hände. »Daß dies kommen mußte!« sagte sie nur. »Daß dies kommen mußte!« Anders Johan hörte ihre Worte, aber er verstand ihren Schmerz nicht. Dazu redete sein eigener zu laut. Aber er fühlte, wie leer alles wurde, und daß es von ihm zu ihr keinen Weg gab. »Warum kannst du mich nicht lieb haben?« sagte er zuletzt. Aber er wußte selbst, daß das, was er sagte, leerer Schall und ohne Sinn war. »Weiß ich es?« antwortete das Mädchen. »Weiß ich es ? Aber warum hast du auch so gegen mich werden müssen? Es war ja doch jetzt alles recht und gut.« Eine Weile sprach keiner von ihnen. Wie in einem ewigen stummen Unglück gefangen saßen sie da, außerstande, voneinander zu gehen. Dann sagte Elsa: »Wann ist das gekommen?« Anders Johan starrte vor sich hin, als suchte er die Antwort auf seine eigenen Fragen, und glaubte, daß sie, die da vor ihm saß, so weich und so stark, so entschlossen und doch so furchtsam, ihm helfen könnte. Aber als sie schwieg und nur auf sein Wort wartete, begann er selbst, so gut er es konnte und wußte. »Wann?« sagte er. »Wann? Es ist wohl immer so gewesen, obgleich ich nichts gewußt habe. Ich bin einmal verheiratet gewesen und ich habe geglaubt, ich wäre damit fertig. Aber dies hier ist anders. Es ist, wie wenn man jeden Tag stirbt und wieder lebendig wird, um gequält zu werden. Nie habe ich geglaubt, das es solche Qual gibt.« Und außerstande, sich länger zu beherrschen, wie er sonst gewohnt war, stand er auf, und, indem er die Hände gegeneinander preßte, schrie er beinah: »Kannst du nicht? Kannst du nicht? Sag, daß du kannst! Ich verlange nichts, nur, daß du alles nimmst, was mein ist, und mit mir tust, was du willst.« Wieder sah Elsa ihn an, und in ihrer Angst sagte sie: »Gott kann nicht wollen, daß du mich so quälst.« »Gott?« rief Johan Anders tonlos. »Gott?« Dieses Wort verstand er nicht mehr, er wußte bloß, daß es etwas war, vor dem er sich beugen mußte, das den bösen Geist in ihm bannen sollte. »Gott?« rief er noch einmal. »Hilf mir, Gott!« Des reifen Mannes starkes, schreckliches Leiden schüttelte seinen Körper. Aber als er wieder dem verzweifelten Blick des Mädchens begegnete, der ratlos, wie sein eigener, nur stumm flehte, da wandte er sich schwer und ging und suchte wie ein krankes Tier den Weg zum Lager, wo er zu schlafen pflegte. Dort sank er nieder und schlief wie nach einer langen Überanstrengung. Kummer lag über ihnen beiden nach diesem Tag, und sie hatten keinen Frieden mehr. Elsa fürchtete ihren Hausherrn, und doch konnte sie ihn und sein Haus nicht verlassen. Denn seine Heimat war die ihre geworden, und seine Kinder gaben ihr das Glück, das ein Weib empfindet, wenn sie alles geben kann, was ihre Natur vermag. Und Johan Anders seinerseits sehnte sich nach Elsa und fürchtete zugleich ihre Gegenwart. Denn sein Herz schmachtete nach einem Weib und sein Fleisch war in Aufruhr. Er konnte sich Elsa nicht nähern, ohne ihr Erschrecken zu gewahren. Sie konnte nicht zu ihm reden, ohne zu merken, wie sich in seinem Blick etwas entflammte, von dem sie nichts wissen mochte. Es wurde still zwischen diesen beiden, die sich einst so viel zu sagen wußten, und aus der Stille erwuchs in ihm eine Feindseligkeit gegen dies Weib, das er liebte, und das ihn jeden Tag mehr quälte, und in ihr eine tiefe, stille Schwermut, weil sie sich selbst nicht verstand und weil Gebet und Wort sie nicht länger trösteten. Gott helfe denen, die einsam dahin gehen in ihrem Kummer und keinen Ausweg finden! Gott helfe denen, die das Geschick zu doppeltem Unglück zusammenführte! Wie ein böser Traum verrann der Winter, und alle Arbeit blieb ungetan. Tag reihte sich an Tag, Woche an Woche, Monat an Monat, aber auf dem Hof stand alles still. Der Wille des Hausherrn war nicht länger wach, er schlief, in Zauberschlaf gebunden, tot für alles, außer dem einen, das er nicht bezwingen konnte, und dem, was er nie erreichen würde. Anders Johan dachte auch nicht mehr daran, das Versprechen zu halten, das er Elsa einst gegeben hatte. Alles, was zuvor sein Leben zusammengehalten hatte, die einzelnen Gebote der Sitte – Gewohnheit, Arbeit, Achtung vor dem Urteil anderer – zwischen all dem und ihm selbst war der Zusammenhang gerissen, und Tag für Tag fühlte er mit immer größerem Entsetzen, wie alles Böse in ihm sich gleichsam entfesselte, um ihn zu Boden zu schlagen. Eines Abends, als der Junge kam und mit ihm spielen wollte, wie früher, stieß er ihn hart von sich, brach dann in ersticktes Weinen aus und ging hinaus. Elsa sah all dies und wußte ihrer armen Seele keinen Rat. Einmal ums andere kam Anders Johan auf seine Sache zurück. Einmal ums andere bat er Elsa, sein Weib zu werden, weil er ohne sie keinen Frieden hätte. Einmal ums andere fragte Elsa sich selbst, wenn sie allein war: Warum kannst du nicht? Warum? Und sie fand keine Antwort, fand nur ihre eigene, unerschütterliche Gewißheit, daß, wenn sie nachgäbe, ihr und sein Unglück größer würde, als es jetzt war. Elsa versuchte einmal, dem Mann dies zu sagen. Sie sagte es ruhig und still, wie sie es empfand. »Ich verstehe selber nicht,« sagte sie, »warum ich nicht kann.« Aber als sie dies gesagt hatte, bebte Anders Johan vor Freude und ging auf sie zu, um sie in seine Arme zu schließen. Denn er glaubte, in ihren Worten läge ein Bekenntnis, daß sie ihn liebe, ohne es selbst zu wissen. Da mußte Elsa sich abwenden und von ihm gehen. Anders Johan stand ergrimmt und sah ihr nach. Zum erstenmal ging er im Zorn fort und fuhr, um seinen innern Aufruhr zu betäuben, nach dem Kirchhof. Als er spät in der Nacht heimkam, war er zum erstenmal in seinem Leben betrunken. Anders Johan ging jetzt seine eigenen Wege. Er sah Elsa nicht mehr an. Er wandte sich von allem ab, was ihn hätte aufrecht halten können. Immer häufiger wurden seine Fahrten nach dem Dorf, und es ging das Gerücht, in dem Haus, in das Anders Johan käme, stünde meist die Flasche auf dem Tisch und die Karten würden hervorgeholt. Es wohnte dort ein reicher Bauer, der Mathias hieß. Er war herrisch und hochmütig, im Kirchspiel gefürchtet und ungern gesehen, aber er besaß Macht, weil er die Menschen dadurch zu binden wußte, daß er ihnen von seinem Geld lieh. Viele waren durch solch ein Darlehen von Haus und Hof gekommen. Aber seine Kinder hatte Mathias alle gut verheiratet, und es wurde allgemein gesagt, er ziehe jetzt Anders Johan in sein Haus, weil er ihn mit seiner Tochter Ida verheiraten wollte, der einzigen der Geschwister, die noch ledig zu Hause war. Denn in der Umgegend blickte man mit Respekt auf die alten Höfe, die Seite an Seite am Waldrand in Furumon lagen, und von allen ward es für ehrenvoll gehalten, dorthin zu heiraten. Von all dem verstand Anders Johan nichts. In dem Gemütszustand, in dem er war, versteht der Mensch nur schwer, was um ihn her vorgeht. Dagegen sah er, daß Ida, die am Tisch des Vaters Speise und Trank auftrug, jung und hochgewachsen und gesund war, und daß ihr Blick ihn gern suchte. Er sah, daß ihr Hals üppig war und ihre Zähne weiß. Sie zeigte sie auch gern, wenn sie lächelte, und dann schossen ihre Augen Strahlen, die des Mannes Blut entzündeten. Ihre Laune war streitbar, und sie lachte oft laut. Auf Rede und Gegenrede verstand sie sich wohl, und mehr als einmal richtete sie es so ein, daß Anders Johan und sie allein zusammen waren. Da geschah es einmal, daß Anders Johan auf den Hof kam, und Ida draußen stand und Wäsche zum Trocknen aufhing. Anders Johan ging zu ihr hin, und eh er wußte, was geschehen war, hielt er das schöne Mädchen fest im Arm und fühlte, daß sie seine Küsse erwiderte. Im selben Augenblick fühlte er auch, daß in ihm etwas war, das laut schrie und gleichsam um Hilfe rief. Er dachte an Elsa, und mit zusammengebissenen Zähnen, als spräche er im Zorn, fragte er die andere, ob sie seine Frau werden wolle. »Ich hab' geglaubt, du habest schon eine – daheim,« sagte Ida rasch. Sie zog das letzte Wort hinaus, so daß es einen verächtlichen Klang erhielt. »Nein,« sagte Anders Johan hart. »Dann würde ich dich nicht fragen.« »Es ist am besten, du sprichst mit Vater,« sagte Ida und wand sich aus seinen Armen. »Ich für mein Teil hab nichts dagegen, zu dir hinüber zu ziehen.« Die Folge davon war, daß Anders Johan schon am selben Tage mit dem Vater sprach, und der alte Mathias hoch und teuer schwor, von so was habe er keine Ahnung gehabt. Er hätte nie geglaubt, daß seine letzte Tochter so rasch weggehen und es so gut treffen würde. Er rief nach Mutter, und seine Frau Johanna kam. »Heut soll's hoch hergehen!« schrie Mathias. »Anders Johan will unser Mädel haben, und wenn er und ich über alle Fragen ins reine kommen, so soll er sie meiner Treu haben!« Mit Anders Johan übereinzukommen war leichter, als Mathias erwartet hätte. Das kam daher, daß Anders Johan, so wie es jetzt um ihn bestellt war, an nichts anderes dachte, als daß alles neu werden sollte für ihn, und daß er, wenn eine Frau ins Haus käme, würde vergessen können. Dann würde alles werden, wie früher, und er selbst würde Ruhe haben. Darüber grübelte jetzt der neue Schwiegersohn nach, während er da saß, und während der Schwiegervater redete und ihm erklärte, er würde ihm eine ehrliche Mitgift geben, und keinem gäbe er sie lieber. Aber mehr als er hatte, könnte er nicht geben, und so viel, wie die Leute glaubten, hätte er nicht. Anders Johan sagte zu allem Ja und Amen. Und so saß er beim Abendbrot als Bräutigam neben Ida und hielt ihre Hand unter dem Tisch. Sie fühlte sich kräftig und warm an, und der alte Mathias redete Worte, die ihr das Blut ins Gesicht trieben. Anders Johan ward von der Freude mit fortgerissen, und ihm war, als hätte er jetzt das, wonach er sich gesehnt und wofür er gearbeitet hatte. Indessen nahm er frühzeitig Abschied und machte sich auf den Heimweg. Der leuchtende April-Vollmond schien über die kahlen Felder, schimmerte durch die schweren Kronen des Waldes und spiegelte sich im Fluß, als Anders Johan über die Brücke ging. Dort blieb er stehen und dachte, und ohne daß er es wußte, stand er an derselben Stelle, wo er Elsa zum erstenmal begegnet war, als er kam, um Hilfe zu suchen in seiner Einsamkeit nach dem Tod seiner ersten Frau. Da überfiel ihn eine Beklemmung, als hätte er sich selbst das ärgste Leid angetan, eins, wie kein anderer es ihm hätte schlimmer antun können. Er stand still und sah in den Fluß hinab, der zitternde Mondstreifen über die glänzenden Steine warf, er stand und fühlte den Frühlingswind um seine heißen Wangen streichen, die noch vom Küssen und Trinken brannten, und über ihm zogen die Wolken und verdunkelten den Mond, segelten dann wieder weiter und verschwanden hinter dem Wald. Vom Wald klang das schwere Rauschen, das in der Nacht kommt, wenn des Tages Stimmen verstummt sind und alles ist, als gäb' es keine Menschen. Anders Johan ging von der Brücke weiter und kam auf seinen Hof. Wie seltsam alles war! Dasselbe Sausen klang auch hier unter den alten Ahornen und Birken. Er dachte daran, daß bald eine fremde Stimme sich hier mit der seinen mischen würde, er dachte an Idas Lachen, und ihm war plötzlich, als paßte es nicht hierher. Aber Anders Johan hatte keine Zeit, länger zu denken. Denn als er aufsah, bemerkte er, daß auf der Treppe vor ihm eine gebeugte, weibliche Gestalt saß. »Bist du das, Elsa?« sagte er. Und er wunderte sich darüber, daß ihm war, als kenne er seine eigene Stimme nicht. »Ich sitze hier und seh hinaus,« antwortete Elsa. »Das tu' ich manchmal, wenn ich über etwas nachdenken muß.« Anders Johan antwortete nicht, sondern setzte sich still neben sie. Er hatte seine eigenen Gedanken, und er fürchtete sich vor dem, was jetzt kommen mußte. »Ich hatte schon Angst, es sei dir etwas begegnet,« sagte Elsa schließlich. Anders Johan schwieg noch immer und dachte an das, was Elsa gesagt hatte. Ihre Worte waren gerade so, als wolle sie ihm helfen, zu sprechen. »Das ist es auch,« sagte er zuletzt. »Ich will mich verheiraten.« »Wann?« Die Frage kam atemlos und rasch. »Jetzt – zum Frühjahr.« Eine Wolke löste sich vom Mond, und beide sahen ihre Gesichter klar beleuchtet. »Dann muß ich wohl fort?« sagte Elsa. »Es wird am besten sein,« kam zögernd die Antwort. Weiter sagte Anders Johan nichts. Alles ward ihm so seltsam und so schwer. Da nahm Elsa seine Hand, wie sie es nie zuvor getan hatte, und streichelte sie sachte. Der Mann neben ihr erzitterte in seinem ganzen Körper, aber er rührte sich nicht. Er saß still und wunderte sich, warum er nun so saß, gerade jetzt, da nichts mehr sich ändern ließ. Es schien ihm, als habe er schon einmal, vor langer Zeit, so gesessen und dieselben Mondstreifen auf dem Boden vor der Treppe spielen sehen. Da fing Elsa an zu sprechen. »Ich hab' es mir wohl gedacht, daß es so gehen würde,« sagte sie. »Du brauchst jemand, der dir das geben kann, was ich nicht kann, und du denkst gewiß, ich sei ein seltsames Mädchen, daß ich jetzt so hier mit dir sitze, und es doch früher nie habe tun wollen. Aber ich möchte dir nur sagen, daß ich dir für diese Jahre danke. Es sind die besten meines Lebens gewesen. Jetzt muß ich wieder heim zu Vater und Mutter, und was aus mir wird, weiß ich nicht. Ich finde sicher nie einen Platz, wo ich bleiben kann, wenn ich es hier nicht konnte. Eins möchte ich auch, das du jetzt wissen sollst, Anders Johan. Das nämlich, daß ich von allem, was in diesem letzten Jahr gewesen ist, auch nichts weiter weiß, als du. Das ist vor Gott die Wahrheit, und das mußt du glauben. Denn ich habe für dich und das Deine nie etwas anderes gewollt, als was recht ist. Aber ich habe dir nicht geben können, um was du batest, wenn ich es nicht so fühlte. Viel weiß ich nicht. Denn ich bin ungelehrt, wie du. Aber ich weiß, daß das nicht recht ist. Sich selbst geben ohne Liebe, das darf man nicht. Als spräche sie zu sich selbst und vergäße, daß sie nicht allein war, saß Elsa und blickte vor sich hin, während ihre Worte sachte und leise kamen. Die ganze Zeit über hielt sie Anders Johans Hand und ließ sie nicht los. »Eins möchte ich gern wissen,« fuhr sie fort. »Bist du zufrieden so, wie es jetzt ist?« Lange tasteten die Gedanken des Mannes nach einer Antwort. Was geschehen war, war ja geschehen und ließ sich nicht ändern. Über ihm rauschten die Bäume, und neben ihr, die da bei ihm saß, fühlte er sich einsam in seinen Gedanken, als säße niemand außer ihm hier und hörte den Wind rauschen. Aber er vermochte nicht zu antworten, wie er wollte. Statt dessen kam ihm ein Wort in den Mund, das er schon einmal gehört zu haben glaubte, obwohl er nicht sagen konnte, wann und von wem. »Ein Bauer muß eine Frau haben,« sagte er. Als er das sagte, ließ Elsa seine Hand los, und Anders Johan hatte das Gefühl, als würde zwischen ihnen beiden etwas zerschnitten und täte ihm weh, während es riß. Um dies Unaussprechliche wieder zu gewinnen und es wieder ganz zu machen, versuchte er, irgend etwas Neues zu finden, das er sagen könnte. Aber er fand nichts als die Worte: »Ich werde dich nie vergessen, Elsa, wie es auch wird.« Als Anders Johan dies gesagt hatte, saß er eine Weile schweigend. Er konnte nicht begreifen, warum er glaubte, Elsa wünsche, er möchte gehen. Er glaubte es eben nur, und darum ging er. Aber Elsa saß lang allein und sah den Mond durch die Nacht leuchten. 5. Ein neues Leben begann für Anders Johan, als er zum zweitenmal ein verheirateter Mann war, und es kam wieder Zug in Haushalt und Hofbetrieb. Denn Ida war keine von denen, die die Arbeit ruhen lassen, und ihre Raschheit hatte etwas Ansteckendes, das auch des Mannes Kräfte weckte. Zu lange schon hatten sie geschlafen. Und doch fand Anders Johan keinen von den Gedanken wieder, die ihm früher draußen und drinnen gefolgt waren und ihn milde gegen sein eigenes Leben gemacht hatten. Auch fand er kein Freude bei der Arbeit. Fremde Mächte waren es, die ihn vorwärtszogen, fremde Mächte, die ihn in dies neue Leben geführt hatten, in dem er sich nicht daheim fühlte. Sein Hof nahm an Wert zu, und was er unternahm, glückte. Aber sein Eigentum gehörte nicht länger ihm. Eine andere herrschte darüber, wie über ihn selbst. Ida machte ihn zum Fremdling in seinem eigenen Heim. Denn wo sie ging, war Lärm. Stand sie am Herd, so klapperte sie mit den Kochgeschirren. Hatte sie über etwas zu sprechen, so hörte man es durch das ganze Haus. Kam sie in den Stall hinaus, so schwatzte sie in einem fort und weckte ein Leben drinnen, daß das Vieh brüllte, als hätte es keine Ruhe mehr im Stand. Rief sie nach jemand auf dem Hof, so hörte man ihre Stimme weit über die Felder, und schalt sie eins oder das andere vom Gesinde oder von den Kindern, so tönte es wie ein gellendes Geschrei, als ob Feuer ausgebrochen wäre. Es war Zug in ihr, und was sie tat, das ging ihr von der Hand. Aber alles was sie vorhatte, ging mit Lärm und Geschrei. Im Anfang befand Anders Johan sich dabei wohl. »Es ist Leben in der Frau,« sagte er und lächelte, wie er es lang nicht getan hatte. »Es ist recht still hier im Haus gewesen, eh sie kam.« Aber es dauerte nicht lang, so fing er an zu merken, daß die junge Frau eine Gemütsart hatte, mit der nicht zu spaßen war. Wenn sie gereizt wurde, kam etwas vom wilden Tier über sie, und die schönen Zähne blinkten scharf, als wollten sie beißen. Ein paarmal versuchte Anders Johan, mit seiner Frau zu reden, ihr auf ihre Worte hinauszugeben, und seine Stellung als Hausherr und Gatte zu verteidigen. Aber die Auftritte, die hierauf folgten, waren derart, daß er in Zukunft lieber Fünf gerade sein ließ, als sie hervorzurufen. Er fügte sich so weit er konnte seiner Frau und lernte es nach und nach sich zu freuen, wenn er aus Idas Aussehen schließen konnte, daß für den Tag kein Auftritt zu erwarten war. Auf diese Weise kehrte Anders Johans Grübelkrankheit wieder, und er ward einsam wie nie zuvor in seinem Haus und draußen bei der Arbeit. Der Vergleich zwischen dem, was früher gewesen, und dem, was ihn jetzt erniedrigte, kam ganz von selbst. Das ging so weit, daß Anders Johan vor seinen eigenen Kindern Scham empfand, wenn er daran dachte, daß die Frau, die sein Weib geworden war, auch ihre Mutter sein sollte. Was war es, das ihn umstrickt hatte? Wie war er in all dies hereingeraten, in dem er sich selbst nicht mehr fand? Vor seinem Schmerz hatte er Ruhe, ja. Aber diese Ruhe ekelte ihn an. Liebe hatte er. Aber diese Liebe, die ihn wieder und wieder gefangen nahm, ekelte ihn durch die Schwere der Übersättigung am allermeisten an. Es kam der Tag, an dem dieser verschlossene, schwermütige Bauer, wenn er seiner Arbeit in Feld und Wiese nachging, sich nach der Qual des Kummers sehnte, die er von sich geworfen hatte, um in sein eigenes Verderben zu stürzen. So weit war es mit Anders Johan gekommen. Vergeblich versuchte er sich selbst mit seinem alten Wort zu beruhigen: ›Ein Bauer muß eine Frau haben‹. Er wußte selber, daß dies nicht wahr war. Es war wahr, als er noch der gewesen, der er früher war. Aber das Alte war vergangen. Es war alles neu geworden. Und das war geschehen, als er lernte, eine andere lieb zu haben, nicht um dessen willen, was sie ihm gab, sondern um dessen willen, was sie war. Es dauerte nicht lange, so fühlte und verstand Anders Johan, wie wahr es gewesen, als er Elsa zum Abschied gesagt hatte: Ich werde dich nie vergessen. Jetzt war all dies fort, aber nicht vergessen. Jetzt war es im Ernst leer in ihm. Jetzt sah er Elsa nicht einmal mehr, denn den Weg, der an ihres Vaters Hof vorüberführte, mied er am liebsten, und wenn er ihr einmal begegnete, hatte er nichts zu sagen. Einmal blieb er dennoch stehen, als sie sich trafen; er sah sich um, ob jemand sie sehen könne. »Wie lebst du jetzt?« sagte er. »Danke,« erwiderte Elsa und wollte ihm die Hand geben. »Und du?« Anders Johan sah nicht auf die ausgestreckte Hand. Er stützte sich schwer gegen den Zaun, bei dem er stand, und fuhr fort: »Wie kann das sein, daß ein Mensch so alt werden kann, wie ich es war, als ich dich zum erstenmal sah, und nie etwas von der Liebe gewußt hat? Als ich das erstemal verheiratet war, wußte ich nichts davon, und damals hatte ich auch nicht Einen schweren Tag. Jetzt hast du es mich gelehrt, und seither bin ich nie wieder froh gewesen. Wie ist das möglich?« Da sah Elsa ihn mit freimütigem Blick an. »Du solltest zu Gott beten,« sagte sie. »Ich hab' es versucht,« sagte der Mann kurz. »Aber er hört mich nicht.« Elsa schwieg eine Weile; sie schämte sich dessen, was sie fragen wollte. »Hast du keine Liebe zu deiner Frau?« sagte sie endlich. »Doch, das hab' ich,« lautete die Antwort. »Sie hat mich in ihrer Gewalt. Und darum hasse ich sie auch. Aber das verstehst du nicht!« Elsa schlug bei diesen Worten erschrocken die Augen auf, und zum erstenmal bemerkte sie, wie sich Anders Johan in wenig mehr als einem Jahr verändert hatte. Er war mager geworden, und das Gesicht hatte scharfe Linien bekommen. Muskeln traten vor, wo früher alles rund und glatt gewesen war, und es sah aus, als ob sie arbeiteten, selbst wenn er schwieg. Anders Johan hatte ruhig und rücksichtsvoll gesprochen, und Elsa mußte lange nachdenken, bis sie seine Worte verstand. Als der Sinn ihr klar wurde, wandte sie sich schweigend um und verließ ihn. Sie gingen beide ihrer Wege, und keins konnte dem andern die Hand reichen und die Hilfe geben die zum Stillesein führt. Aber daheim auf dem Hof hatte Ida gestanden und, ungesehen von den beiden, bemerkt, daß der Mann mit einer Frau sprach, und mit wem. Als Anders Johan heim kam, stand die Arbeit im Haus still, und Ida lag auf dem Bett und weinte laut. Sie war krank. Und als der Mann sie anrühren wollte, stieß sie ihn zurück. »Ich habe wohl gesehen, mit wem du gesprochen hast,« rief die erzürnte Frau. »Mit ihr, die vor mir hier gewesen ist, und die ich für den Tod nicht leiden kann.« Plötzlich stand sie aufrecht da und sah Anders Johan wütend in die Augen. »Tu das noch einmal,« sagte sie, »und ich tu ihr oder mir selber ein Leids an.« Anders Johan versuchte, sie zu beruhigen. »Elsa hat dir nichts zuleide getan,« begann er. Aber die Frau unterbrach ihn. »Es ist mir einerlei, was sie getan hat. Aber es soll ihr nicht gelingen, mehr zu tun. Dafür bin ich da.« Anders Johan schwieg, weil es nichts nützte, zu reden. Aber es half ihm nicht viel. Denn von dem Tag an fing seine Frau an, ihn über Elsa auszufragen, und wie es mit ihr gewesen wäre. Nach allem fragte sie ihn, vom Kleinsten bis zum Größten, und kein Anlaß war ihr zu geringfügig. Stets und ständig kam sie auf die selbe Sache zurück. Stets und ständig quälte und plagte sie den Mann. Ein rasendes Verlangen, um der Quälerei selbst willen zu quälen, schien sie zu beherrschen, und sie fragte nicht darnach, wie ihre Worte fielen oder wohin sie trafen. Sie war wie ein bösartiges Tier, das einem andern Tier das Blut aussaugt, sich an seinem Todeskampf ergötzt und sich wohl in acht nimmt, es zu töten. Ida begriff, daß der Mann litt, wenn er nur Elsas Namen aus ihrem Mund vernahm, und in wilder Lust des Quälens kam sie immer wieder darauf zurück. Seine ganze Vergangenheit weckte sie wieder zum Leben und wenn sie sich nach Elsa müde gefragt hatte, griff sie zu seiner ersten Frau, stellte Frage um Frage. Hast du sie geliebt? Wie hast du sie geliebt? Hast du sie mehr geliebt als mich? Anders Johan ging einher wie von Wahnsinn und Spuk umgeben. Und ihm war, als hätte er die Hölle in sein Haus gezogen. Nicht einmal seine Kinder vermochte er mehr zu schützen. Zwar schlug Ida sie nicht, aber sie hatte eine eigene Art, sie einzuschüchtern, so daß sie nicht in der Stube sein mochten, und es war noch am erträglichsten, als beide so weit waren, daß sie zur Schule gehen und ihre meiste Zeit über von daheim fort sein konnten. Zum Nachdenken kam Anders Johan jetzt nie mehr. Denn sein Weib ließ ihm keine Ruhe. Hatte er ein paar stille Tage, so ging er in der Angst umher, daß die Raserei wieder über sie kommen würde. Dann lag sie auf den Knieen vor ihrem Mann, rief seine Vergangenheit wieder ins Leben, beschmutzte, was er erlebt hatte, eh sie beide zusammen gekommen waren, bettelte und bat, daß er aus Liebe zu ihr alles verleugnen sollte, was ihm früher heilig und teuer gewesen. Bei solchen Gelegenheiten ließ Ida ihn nie selbst auf ihre Fragen antworten. Sie war es, die ihm vorsprach, was er sagen sollte. Kein Weib hatte er geliebt, eh sie beide einander begegnet waren, nicht seine Frau und nicht die andere, niemand auf der ganzen Welt. Darauf sollte er seinen heiligsten Eid schwören. Und Anders Johan schwor alles und verachtete sich selbst. Er schwor alles, um was dies Weib, dessen Wildheit er fürchtete, ihn bat. Er tat es, um Atem holen zu können, und er sah, daß alles was ihn umgab, Wahnsinn und Schmutz war. Zuletzt ward alles wie ein böser Traum, und der Mann, der sich unter diesem Traum wand, ward vor der Zeit alt und müden Sinnes. Es gab Tage, an denen er gleichsam darauf wartete, daß der Traum verschwinden und er selbst zur Wirklichkeit erwachen würde. Aber zu trauern vermochte er nicht, und noch weniger zu hoffen, er konnte nur wünschen, daß er sterben möchte. Früher war Anders Johan ein schlechter Kirchgänger gewesen. Wohl war er in seinem Herzen ein Christ, und die Liebe zu Elsa hatte ihn gelehrt, das Leben im Licht der ewigen Dinge zu sehen. Aber ein Bedürfnis nach dem Wort des Priesters hatte er nie ernstlich empfunden, und in die Kirche kam er selten. Denn in Furumon war das nicht Sitte. Jetzt ging er dafür um so öfter hin. Da innen war es still und ruhig, und manchmal, wenn der Pastor redete, ward das Ohr des kranken Mannes von einem Wort getroffen, das ihm wie für ihn selber gesagt deuchte. Am liebsten aber hörte er Orgel und Gesang. Das betäubte die Unruhe in ihm für eine Weile, und er konnte zu Elsa hinübersehen, die, wie immer, auf ihrem gewohnten Platz saß. Dann konnte in ihm der Gedanke aufsteigen, so elend, wie sein Leben jetzt war, könne ein Mensch nicht enden, und er ging heim mit dem Gedanken, alles wieder gut zu machen und von neuem zu beginnen. Dann gebar Ida nach zweijähriger Ehe ihr erstes Kind; es war ein Junge. Anders Johan stand bei der Wiege und blickte den Kleinen an. So fremd kam ihm alles vor, daß er nicht fassen konnte, daß dies Kind das seine war. Aber er hoffte auf die Gesundheit, die jetzt kommen würde. Denn er hatte gehört, Frauen, die an Überreizung litten, würden ruhiger, wenn sie ein Kind geboren hätten. Daß seine Frau während der ersten Tage seltsame Reden führte, daran wollte Anders Johan sich gar nicht kehren. Denn das, meinte er, käme von der Krankheit. Tage- und wochenlang ging Anders Johan umher und wartete darauf, daß ihr Zustand sich bessern sollte. Der Doktor, nach dem man geschickt hatte, schlug vor, die Kranke fortbringen zu lassen. Aber diese Schande wollte Anders Johan seinem Haus nicht antun. Geduldig wartete er, und mit jedem Tag, der ging, wurde es ihm mehr zur Gewißheit, daß das Schlimmste, was das Leben zu bieten hatte, seiner warte. Denn Idas Verstand kehrte nicht zurück. Sie ward wunderlicher und wunderlicher, und Anders Johan ward immer beklommener. Zuletzt wagte er gar nicht mehr auszugehen, weil er sich fürchtete, die Geisteskranke mit den Kindern allein zu lassen. Elsa wäre gekommen, wenn er zu ihr geschickt hätte, das wußte Anders Johan. Aber wie sollte er das wagen? Ihr Anblick würde den Zustand der Kranken nur verschlimmert haben. Draußen war es Winter, die Arbeit auf dem Hof ruhte und mußte ruhen. Anders Johan war allein um die Kranke und pflegte sie. Denn ihm graute davor, aufs neue nach dem Arzt zu schicken. Er teilte den Glauben der Bauern, daß, wenn es recht nottut, der Arzt nichts auszurichten vermag, und es erschien ihm als das Schlimmste von allem, wenn er zuletzt gezwungen werden sollte, seine Frau fortzuschicken. Seltsamer als je zuvor waren die Gedanken, die ihn jetzt erfüllten, und am schlimmsten war es, wenn die Nacht kam und alle im Hause schliefen außer ihm. Da hörte und sah Anders Johan Dinge, die er lange keinem Menschen zu erzählen wagte. Nie hatte er geglaubt, daß menschliches Leiden so häßlich sein könnte. Er hielt alle fern und sagte sich selbst, daß das, was nun gekommen war, Gottes Strafe sei. Gottes Strafe war über ihm, das fühlte und wußte er. Aber weshalb Gott ihn so hart schlug, das vermochte er nicht zu erklären. Zuletzt kam eine Nacht, in der Anders Johan wie gewöhnlich einsam am Bett seines Weibes saß. Er hatte die Lampe ausgelöscht, damit die Kranke zur Ruhe käme, und dann und wann legte er ein paar Holzscheite auf die Glut, um das Feuer im Kachelofen zu unterhalten. Die ganze Zeit über hörte er die Stimme der Frau, die sprach, klagend, daß sie ihre Liebe einem Mann gegeben, der ihr untreu sei. Böse Worte entströmten ihrem Mund und erfüllten das Dunkel um sie her. Für ihn, der da saß und dies anhörte, was er schon so oft gehört hatte, war alles schwarz, außen und innen. So oft und so viel hatte er gehört, daß die Worte ihn nicht mehr trafen. Sie wurden zu einem unklaren Geräusch in all der Dunkelheit, aus der ein paar feuerrote Kohlen glühten. Draußen heulte der Schneesturm, und die Eule, die in dem hohlen Ahorn wohnte, schrie. Viele Nächte durch hatte Anders Johan gewacht, damit niemand außer ihm das Elend sehen sollte. Zuletzt aber ward der Schlaf übermächtig, und er schlief schwer auf der Bank, auf der er gesessen hatte, den Kopf gegen die harte Lehne geneigt. Wie lang er geschlafen hatte, wußte er nicht. Aber er erwachte an einem verzweifelten Schrei, der von draußen zu kommen schien. Schlaftrunken erhob er sich; die Kohlen im Ofen waren erloschen. Es war ihm nicht klar, wo er sich befand, er wußte bloß, daß er hier stand und im Dunkeln tappte, und glaubte, er höre den Fuchs heulen, weil es so kalt innen war, daß ihn fror, und weil er den Schnee gegen die Scheiben peitschen hörte. Aber weshalb war es so kalt? Weshalb fror ihn? Und weshalb heulte der Fuchs? Anders Johan steckte ein Streichholz an und entzündete mit zitternden Händen die Lampe. Da sah er, daß das Bett seiner Frau leer war, und daß die Tür zum Hausflur offen stand. Der Schrei fiel ihm ein, den er gehört hatte, und er hörte jetzt mit einemmal, wie still alles um ihn geworden war. Er lauschte und lauschte, und die Stille erfüllte ihn mit immer größerem Entsetzen. Nie zuvor hatte er sich so einsam und bang gefühlt. Denn er verstand – so deuchte ihm – verstand in einem Nu alles, und mit emporgehobenen Händen murmelte er: »Gott im Himmel, wenn es doch zu Ende wäre!« Anders Johan begriff nicht, daß er mit diesen Worten um den Tod eines Menschen flehte, er wußte nichts, alles in ihm war wie zerbrochen. Still und ruhig, um niemand zu wecken, ging er hinaus in das Schneegestöber, das ihm ins Gesicht schlug, und versuchte, in der Dunkelheit zu sehen. Tastend ging er draußen umher, bis sein Fuß über etwas Weiches stolperte. »Jesus!« rief er, »Jesus, da liegt sie!« Sein Weib lag auf dem Gesicht im Schnee und rührte sich nicht. »Sie ist tot,« dachte Anders Johan, und das Herz stand ihm in der Brust still. Aber als der Mann ihren Körper berührte, erwachte die Frau aus ihrer Betäubung und leistete Widerstand. »Laß mich hier sterben,« murmelte sie. »Ich will sterben.« Anders Johan mußte all seine Kraft aufbieten; er hätte nie geglaubt, daß ein Weib so stark sein könnte. Auf Leben und Tod rang er mit ihr, um nicht die Qual des Gewissens dafür leiden zu müssen, daß er seiner Frau gleichsam geholfen habe, ihr Leben zu enden; und als er sie ins Bett gebracht hatte, setzte er sich neben sie und hielt sie fest, bis ihre Glieder schlaff wurden und ihre Augen zufielen. Glühend nach der gewaltigen Anstrengung stand Anders Johan am Bett und betrachtete sie, die sein Weib war, und noch einmal wollte er zu Gott beten. Aber noch war das Gebet nicht über seine Lippen gekommen, da schlug Ida die Augen auf und sagte mit dicker Stimme: »Begreifst du denn nicht, daß ich ersticke?« Sie versuchte, mehr zu sagen. Aber ein Erstickungsanfall hinderte sie daran. Mit halbgeschlossenen Augen fiel sie zurück, und das Röcheln begann. Da merkte Anders Johan, daß dies der Tod war, der kam. Aber er wagte nicht daran zu glauben. Er vermochte nicht, still zu sitzen, sondern zog seine Stiefel aus und ging still auf der Matte hin und her, damit niemand im Haus erwachen und seine Einsamkeit in dieser schauerlichen Nacht stören sollte. Lange ging er so, horchte auf das Geräusch der schweren Atemzüge der Sterbenden und litt darunter, daß er nichts tun konnte. In diesen Stunden sammelte sich alles, was er gelitten und erlebt hatte, vor seinem Blick, und ohne daß er wußte warum, schien es ihm, als ob plötzlich Sinn in alles käme. Unter diesen Gedanken ward er ruhig, und als die Atemzüge der Sterbenden aufhörten, schloß er seinem Weib die Augen. Als er das getan hatte, brach er in Weinen aus; das brachte ihm Linderung. Still, als wache er bei seinem eigenen Leid, saß er in der Stube und ließ die Stunden gehen. Aber als das Morgengrauen kam und die Lampe fahl gegen das Dämmer schien, ging er hinaus in die Küche, wo die Magd mit den Kindern schlief, weckte sie und sagte: »Das Schlimmste ist geschehen. Ida ist heute nacht gestorben.« Darauf befahl er ihr, das Bett zurecht zu machen in der Stube, die er bewohnt hatte zu der Zeit, als er Witwer war und Elsa in seinem Haus gewaltet hatte, dieser Stube, die immer unbewohnt stand, weil Ida es so gewollt hatte. Dort legte er sich jetzt zu Bett und schlief, übermüdet und ohne Gedanken. Als er erwachte, war es schon Dämmerung und beinah Abend. Betäubt von dem, was geschehen war, kleidete Anders Johan sich an und trat aus seiner Stube. Da sah er in der Küche Elsa, die ruhig, wie früher, umherging und den Haushalt in Ordnung brachte. Die Tote war schon gewaschen und angekleidet. Der Fußboden in ihrem Zimmer war gescheuert, und vor den Fenstern hingen weiße Laken. Da hielt es Anders Johan nicht mehr aus, sondern wandte sich, um zu gehen. Er fühlte sich nicht Manns genug, das, was jetzt kam, zu ertragen. Aber Elsa ging ihm nach und hielt ihn zurück. »Es ist mir so schwer geworden, daß ich nicht eher kommen konnte,« sagte sie. »Ich hätte so gern gewollt. Aber sie hätte es nie gelitten.« Anders Johan stand lange still und sah Elsa an, aber er hatte ihr nichts zu antworten. Er fühlte nur deutlich, daß alles, was sie beide früher getrennt hatte, jetzt fort war. 6. Lange nach dem Tod seiner zweiten Frau ging Anders Johan umher, wie betäubt, und konnte sich selbst nicht wieder finden. Er war wie scheu vor andern, und hielt sich meist daheim. Denn es kam ihm vor, als müßten ihm alle ansehen, was er gelitten hatte, und ihm gleichsam Dank dafür wissen, daß er die Tote mit Geduld ertragen hatte. Er schämte sich, wenn er das wahrnahm, und wies es zurück, denn bei sich selbst wußte er, daß das, was er getan hatte, nicht aus Liebe geschehen war, und weil sein Gewissen ihn quälte, wenn er an seine eigenen Gedanken beim Sterbebett seines Weibes dachte. Es dauerte auch lange, ehe er aus dem bösen Traum erwachte, der zwei lange Jahre hindurch gewährt hatte, von dem Tag an, da er Ida als Frau in sein Haus geführt hatte. Langsam erwachte er aus diesem Traum, aber als es soweit war, da war es Anders Johan zumute wie einem, der so viel durchgemacht hat, daß er nichts mehr fürchtet. ›Nichts‹ dachte er ›kann mir mehr Kummer machen oder mich zu Boden drücken. Schwerer kann nichts sein, als das, was gewesen ist.‹ Und dennoch kam der Tag, an dem er aufs neue fühlen sollte, daß er nicht mehr alt war. An diesem Tag wagte Anders Johan, wieder zu Elsa zu gehen, und als er kam, konnte sie dem Mann, der sie noch immer liebte, nicht länger widerstehen. Ihr war, als zwinge Gott selber sie, und als könne es nicht anders sein. Darum gab sie Anders Johan ihr Jawort, und war ganz verwundert und glücklich, als sie sah, wie die Augen des traurigen Mannes aufleuchten konnten. »Ich will deine Frau werden,« sagte sie, »weil ich dich nicht noch einmal allein lassen kann. Aber dann mußt du auch Geduld mit mir haben, wenn du mich nicht so hast, wie du willst.« Lange saßen sie miteinander auf der Treppe unter den Ahornen und sprachen darüber, wie alles eingerichtet werden sollte. An einem Augustabend, als die Ernte eingebracht war, geschah dies, und zum Herbst ward bei Elsas Eltern Hochzeit gefeiert. Daß Elsa sich endlich entschloß. Anders Johans Frau zu werden, beruhte zum Teil auch auf ihrer Furcht, er könnte sich noch einmal um ihretwillen wegwerfen. Denn als das Unglück seiner vorhergehenden Ehe über ihm war, hatte sie sich beständig mit dem Gedanken gequält, daß sie daran Schuld sei, und daß, wenn sie ihm nicht ihre Liebe geweigert hätte, Anders Johan nie in solche Not gekommen wäre. Gott selbst hatte dies Opfer befohlen; irgend welche Hoffnung auf Glück für sich selbst hatte Elsa nicht, als sie in ihre Ehe eintrat. Glück fand sie auch nicht, und am meisten quälte es sie, wenn sie merkte, daß es nicht in ihrer Macht lag, dem Mann das Glück zu geben, das sie ihm, nach allem, was er gelitten hatte, wünschte. Das Schlimmste war, daß sie sich gar nicht auf den Mann verstand. Er, der früher sanft und leicht umgänglich gewesen, ward nach der Hochzeit argwöhnisch, reizbar und unfreundlich. Und durch alles hindurch wußte Elsa, daß er zu ihr eine Liebe ohne Maßen hatte. Auch war es zumeist die Liebe des Mannes, unter der Elsa litt. So lange hatte nämlich Anders Johan darnach gestrebt und gerungen, das eine zu erlangen, das er sich je vom Leben gewünscht hatte, daß, als er es erreicht hatte, er andern kaum gönnte, seine Frau zu sehen oder in ihrer Nähe zu sein. Elsa ward scheu ihrem Mann gegenüber, und wenn er sich näherte, konnte er oft sehen, daß sie unruhig ward. Da ward ihm seltsam zumute, und wie in den Tagen seines Unglücks begann er die Einsamkeit zu suchen. Elsa litt darunter, aber sie vermochte ihr eigenes Ich nicht zu ändern, und wie genau sie auch auf sich selbst achtete, fand sie nichts, das sie glaubte ändern zu können. Wenn nur ihr Vater, ihre Mutter oder eines ihrer Geschwister auf Besuch kam, konnte Anders Johan unruhig werden. Still saß er für sich und gab acht auf die andern, als gehöre er nicht zu ihrem Kreis. Elsa merkte, daß sie ungezwungener war in ihrer Gesellschaft, als sie es sein konnte, wenn sie und ihr Mann allein miteinander waren. Und sie ahnte, daß Anders Johan darüber nachgrübelte, weshalb sie gleichsam fröhlicher war mit ihnen, als mit ihm. Ebenso war es auch, wenn Elsa mit seinen eigenen Kindern zusammen war. Wenn er dann hereinkam, konnte er in der Tür stehen bleiben, als zaudere er und habe Angst, zu stören. Daß Elsa vom Morgen bis zum Abend arbeitete, mehr als sie, die nie kräftig gewesen war, eigentlich ertragen konnte, das schien er nicht zu bemerken. Bloß eines gab es, das seine Gedanken beschäftigte, so oft er allein war. Und diese Gedanken verfolgten ihn bei der Arbeit und in der Ruhe. ›Jedem einzigen,‹ dachte er,›der ihr nah kommt, gibt sie mehr, als mir.‹ Das ging so weit, daß er sich voller Unbehagen abwandte, wenn er sah, wie sie ein Lamm liebkoste oder einer Kuh das Maul streichelte. Anders Johan sah, daß Elsa sein Weib geworden war, ohne es doch ganz sein zu können. Näher, als er ihr schon gestanden hatte, kam er ihr durch die Hochzeit nicht. Bei Elsa war immer irgend etwas, das ihn erkältete, wenn er warm war, und wenn er von der großen Liebe sprach, die er für sie fühlte, so vermochte sie nie zu antworten. Wollte er mit seiner Frau spielen und kosen, so entzog sie sich ihm, manchmal mit einem Blick der Angst, der Anders Johan mehr quälte, als es Worte hätten tun können. »Ich habe keinen Sinn für so etwas,« sagte Elsa einmal, wie schon früher, lang eh sie Anders Johans Frau wurde. »Ich habe diese große, heiße, brennende Liebe nie gekannt, von der sie reden, obgleich so viele sie für mich gehabt haben. Das war immer so schwer, und es hat mir so weh getan. Woher das kommt, weiß ich nicht. Aber es kommt vielleicht daher, daß ich immer meine Freude zumeist in Gott gesucht habe.« Anders Johan hörte genau auf diese Worte, und dachte lange nach über das, was er gehört hatte. »Bin ich anders als andere Menschen?« sagte er zuletzt. »Oder bist du es?« »Ich bin es wohl,« antwortete Elsa zögernd. »Vielleicht auch du, wenn auch nicht so sehr,« fügte sie nach einer Weile hinzu. Von Stund an stieg ein neuer Gedanke in Anders Johan auf, ein Gedanke, der ihm so neu war, daß ihm zu Anfang fast schwindelte vor dem Unerhörten, das ihm innewohnte. Brauchte er denn für immer in Furumon zu bleiben? Barg nicht die Erde einen Winkel, wo auch er glücklich sein konnte? So viel Schlimmes hatte er hier ausgestanden, daß selbst die Wände Zungen zu haben schienen, die ihn daran mahnten, wie nah er der Nacht gewesen war, aus der niemand erwacht. Stimmen der Hoffnung begannen in dem Mann zu flüstern, der längst die Grenzen der Jugend überschritten hatte, eine Hoffnung, daß, wenn er nur mit Elsa fortziehen könnte, alles für sie beide werden würde wie neu. Vielleicht ward ihm dann die Macht über sie, nach der er sich sehnte, und die noch keiner gehabt hatte. Es deuchte ihn wohl schwer, den alten Hof zu verlassen, auf dem er geboren war, und die Gegend, wo er alle kannte, und wo jeder ihm wohl wollte. Aber schwerer noch erschien es ihm, das einzige Glück, das für ihn blühte, in seinen Armen zu halten und sich seiner doch nicht freuen zu können. Fest und sicher glaubte er, wenn Elsa niemand mehr hatte, zu dem sie gehen konnte, als ihn, so würde ihre Liebe, die schlief, zum Leben erwachen, und außer diesem Einen war alles ihm ein Geringes. In seiner Jugend hätte Anders Johan nie einen derartigen Entschluß fassen können, wie er das jetzt tat. Damals hatte er an so vielen gehangen, die um ihn herum lebten. Damals war er ungebrochen und stark und hatte keine Vergangenheit, deren Stimmen zu ihm dringen konnten. Jetzt hatte das Leben ihn hart geschlagen und ihn anders gemacht, als er einst gewesen, und er selbst hatte mit dem Leben gekämpft und sich das erzwungen, was nicht gutwillig ihm in die Hände fiel. Jetzt wollte er vom Leben nur Eins, und sonst fesselte ihn nichts. Je länger er sich mit seinen Gedanken trug, desto gewisser wußte er, daß er seinen Hof verkaufen wollte; irgendwo fand sich gewiß auch für ihn ein Winkel, in dem er leben konnte. Als er Elsa seine Absicht mitteilte, merkte er, daß sie verstand, und daß es sie erschreckte, daß er so hart darnach ringen wollte, sie für sich zu gewinnen. Aber ihr Erschrecken freute ihn, und als sie sich, nach vielen Unterredungen, seinem Willen beugte, glaubte Anders Johan, das täte sie, weil sie dieselbe Hoffnung in sich hege, wie er. Leicht ward es ihm nicht, alles zu ordnen, und schnell ging es auch nicht. Viele Leute redeten dagegen, und bei dem alten Magnus war der Kummer über Elsas Wegzug groß. Alle in der Familie fanden, dieser Mann sei ihr Unglück gewesen. Aber Anders Johan setzte seinen Willen durch, denn ihn trug etwas, das über die Klugheit der Menschen geht und dem keiner widerstehen kann. Dennoch als er das Tor des väterlichen Hofes, der nun nicht mehr sein war, schloß und zum letztenmal die alten Ahorne und Birken sah, deren Blätter in der Herbstsonne rot und gelb schimmerten, da ward ihm ganz schwer und trüb zumut, und in ihm klang es wie Stimmen aller derer, die vor ihm da gelebt hatten, und deren Blut in seinen Adern brannte. Aber er offenbarte nichts von dem, was er empfand, sondern setzte sich hinauf zu Elsa, die im Wagen wartete, und schaute nicht zurück, als er von Furumon wegfuhr. Denn er wollte nie mehr wiederkehren. Anders Johan und Elsa blieben bis zu ihrem Tod in dem Heim, das sie gegen das alte eingetauscht hatten. Es lag an der Landstraße nach Süden, in der Gegend, wo der Fluß ein breiter Strom geworden, wo die Wiesen üppiger und die Acker nicht voll von Steinen waren. Um ihr Besitztum wuchs Hasel und Eiche wie ein Kranz, der Strom, der die Felder durchschnitt, war fischreich und tief, und in den Sommernächten trillerte die Nachtigall in den Hagedornbüschen vor dem Altan. Im Haus wurde alles neu gemacht, und Anders Johan wußte nicht, was er Elsa alles zuliebe tun sollte. Er legte einen Garten an und bepflanzte ihn mit Obstbäumen, Beerensträuchern und Blumen. Er pflanzte neue Bäume und zog eine Fliederhecke rings um den Garten. Er versuchte, seiner Frau alle ihre Wünsche von den Augen abzusehen, und wenn er seiner Arbeit müde war, half er ihr und nahm kräftig und lächelnd alle ihre Arbeit auf sich. Die Jahre gingen; es dauerte lange, eh Anders Johan es sich selbst eingestand, daß er das, was er zu gewinnen hoffte, nicht erreicht hatte. Spät erst öffnete er die Augen dafür, daß zwischen ihm und Elsa sich nichts geändert hatte, und daß er noch als verheirateter Mann sich nach ihrer Liebe sehnte, wie er es getan hatte in der langen Zeit, eh sie sein war. Da verhärtete sich Anders Johans Herz gegen Elsa und gegen alles, was sein Leben ausmachte. Keinem zunutze hatte er gekämpft und gerungen, keinem zur Freude, däuchte ihn, hatte er gelebt. Die Kinder wurden groß, eins nach dem andern suchte das Seine, setzte seinen Willen durch, verheiratete sich und zog fort. Alle nahmen von Anders Johan, aber keiner gab. Leer und arm ward ihm das Leben, voll von Irrungen und voll von Träumen, die nie Wort hielten. So voll Rachsucht fühlte sich Anders Johan Elsa gegenüber, daß, wenn etwas war, worüber er nachdachte, oder eine Sache, in der er eines Rats bedurfte, er sich oft an die Tochter aus erster Ehe, Martha, wandte, die noch ledig zu Hause war und Elsa in der Haushaltung half. Er tat es nicht, weil es ihm Freude machte, sondern weil er Elsa zeigen wollte, daß er sie entbehren könne. Das Bewußtsein, daß er selber schlecht war, machte ihn nur noch unglücklicher und mehr als einmal wünschte er, Elsa möchte etwas Böses tun, das er ihr verzeihen müßte. Aber das kam nie vor. Still und geduldig ging Elsa im Haus umher, wie sie es immer getan hatte. Und bloß eines gab es, das Anders Johan in dieser Zeit aufrecht hielt. Niemals bereute er, daß er seinen Hof verkauft hatte und fortgezogen war. Niemals verlangte ihn zurück zu der Erde, die er einst so gut hatte bebauen wollen, um sie verbessert seinem ältesten Sohn zu hinterlassen. Er war im Gegenteil froh, daß keiner, der ihn gesehen hatte, wie er früher war, ihn jetzt sehen und vergleichen konnte. In diesem Gefühl fand Anders Johan eine große Beruhigung. Das letzte Mal, daß er und Elsa über alles, was zwischen ihnen gewesen war, redeten, waren sie beide alt, und die Spannung, in der sie gelebt hatten, fing an zu weichen. Da sagte Elsa einmal: »Ich habe nie das Wesen annehmen können, das du an mir hast haben wollen. Und dadurch hab' ich dir viel Leids angetan. Gott schafft nicht alle Menschen gleich, und ich glaube manchmal, ich war glücklich, daß ich nichts von Liebe so heißer Art gewußt habe, wie du. Aber manchmal habe ich freilich auch gewünscht, ich hätte es dir recht machen können. Ich glaube auch, ich bin froh, daß wir keine Kinder gehabt haben. Ich hätte es nie mit ihnen verstanden.« »Das ist jetzt vorbei,« antwortete der Mann, »und wir sind alt.« Seltsam führt uns das Leben, verschieden für jeden einzelnen. Weit entfernt steht der eine vom andern, und von dem, was ein Mensch sein ganzes Lebenlang einem andern sagen möchte, dringt oft nichts hervor. Wir wissen auch nicht viel voneinander, und was wir zu wissen glauben, ist oft falsch. Aber auch in Staunen und Ungewißheit können die Menschen Hand in Hand gehen. So erging es Anders Johan und Elsa, wie ungleich sie auch fühlten, und etwas anderes als Freunde in Staunen und Ungewißheit wurden die beiden nie. Anders Johan war derjenige, der zuerst starb. Es war ein Frühlingsabend, just um die Zeit, da die ersten Lerchen kamen. Aber als er seine letzten Stunden lebte, die, von denen man sagt, daß alles was der Mensch erlebt hat, da an seinem innern Gesicht vorüberziehe, da geschah bei ihm das Seltsame, daß es aussah, als erinnere er sich nicht dessen, was er erlebt, sondern bloß dessen, was er geträumt hatte. Sein ganzes Leben ward vor ihm verwandelt, ward so, wie es nie gewesen war. Er sprach von niemand, als von Elsa, und erinnerte sich an niemand, als an Elsa. Alle Trauer, Bitterkeit, Enttäuschung und Schwermut, die er sein ganzes Leben durch getragen hatte, war, als wäre sie nie gewesen. Er, der stets wunderlich und unzufrieden gewesen war angesichts des Lebens, ward angesichts des Todes geduldig im Leiden und stille wie ein Kind, und niemand konnte begreifen, woher er die Worte nahm, in die er das Gedicht von Elsa und sich selber kleidete. »Du hast mich ein ganzes Leben hindurch glücklich gemacht,« sagte er. »Aber du kannst nicht glauben, wie froh ich bin, daß ich sterben darf.« Elsa saß und horchte auf all dies, und als Anders Johan verstummte, sah sie ihn an, wie er da lag, weißhaarig und runzlig, mit magern Händen, die auf der Decke fingerten. Da war ihr, als sähe sie ihn wieder, wie sie sich seiner von dem Tag her erinnerte, da sie einander zum erstenmal begegneten, und er traurig war und jung, sich aber selber alt nannte. Darnach war ihm zweimal Kraft und Jugend zurückgekommen, aber das Leid hatte ihn nicht losgelassen. Wie Elsa so da saß, und die Ruhe des Todes ihr immer näher kam, deuchte sie, das schlimmste Leid, das Anders Johan getragen, sei ihm von ihr gekommen, und doch wußte sie, daß sie immer nur sein Bestes gewollt hatte. Der Sterbende lag ganz still und sprach nicht mehr. ›Seine Seele ist schon unterwegs,‹ dachte Elsa. ›Niemand kann ihm mehr ein Leid antun.‹ Und wie sie so dachte, stieg in ihr ein Leid auf, für das sie keinen Namen wußte, und in ihrer Not holte sie die Bibel vom Wandbrett, das alte Buch, in dem sie so oft gelesen, und das voll war von Buchzeichen und Gedenkblättern, die sie darin verwahrt hatte. Sie schlug das Buch auf nach einem Spruch, dessen sie sich entsann, und als sie ihn gefunden hatte, las sie ihn halblaut vor sich hin: »Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen könnte, und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis, und hätte allen Glauben, also daß ich Berge versetzte, und hatte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe, und ließe meinen Leib brennen, und hätte die Liebe nicht, so wäre es mir nichts nütze.« Weiter konnte Elsa nicht lesen. Denn Tränen verdunkelten ihre Augen und tropften nieder auf die Blätter des alten Buches. Da schlug Anders Johan die Augen auf und machte eine Bewegung, als wollte er etwas sagen. Elsa beugte sich über seinen Mund und wartete atemlos auf seine Worte. Denn sie sah, daß es etwas war, das er zu sagen rang, und ihr war, als ob diese Worte, wenn er sie sagen könnte, ihr wie ein Trost durchs ganze Leben folgen müßten. Aber Anders Johan vermochte diese Worte, die er hervorzuflüstern rang, nicht zu sagen. Während seine Lippen sich bewegten, brachen seine Augen, und sein Gesicht ward mit einemmal unbeweglich und starr. Ein Staunen durchflog das einsame Weib, daß Gott ihr diesen Trost verweigert hatte, und still beugte sie sich über den Toten. So betrübt sie auch war, fand sie doch keine Tränen. Aber wie sie so saß, begriff sie, daß nichts von dem, was geschehen war, hätte anders sein können. Sachte schlich sich diese Gewißheit über ihre Seele, wieder und wieder dachte sie es durch, und der Gedanke gab ihr Trost. Ihr deuchte, nie zuvor hatte sie so weit gesehen, wie sie jetzt sah. Nicht einmal das störte sie, daß sie des Mannes letzte Worte nicht hatte hören können. Es kam ihr vor, als wüßte sie sie, ohne daß er gesprochen hatte. Während sie so dachte, ward alles in ihr leichter, die Tränen rannen ihr aus den Augen, und diese Tränen lösten ihren Kummer. Daß nichts anders hätte geschehen können, als es geschehen war, das erfüllte Elsa mit etwas Seltsamem, Neuem, das sie dem Toten näher brachte, als sie ihrem Mann jemals im Leben gewesen war. In dieser Stunde ward ihr alles klar, und sie sah plötzlich, daß zwischen ihnen beiden immer alles gut und schön gewesen war. »Es ist vielleicht nicht das gewesen, was Menschen Glück nennen,« sagte sie zu sich selbst. »Aber es ist mehr gewesen.« Und als ob des Toten Gedanken noch zu ihr dringen könnten, hörte sie in sich etwas flüstern: »Das war es, was er sagen wollte, und nicht konnte.« Sachte und voller Staunen ging Elsa aus dem Sterbezimmer und hinaus auf die Treppe. Da hörte sie, wie der Strom, der aus dem Wald kam, an dessen Saum die alten Höfe in Furumon lagen, in der Frühlingsflut brauste und sang. Und alles ward ruhig in Elsa, und sie fühlte, daß vor all dem, was sie nun wußte, ihr Fragen auf immer verstummt war. Das Geheimnis des Waldes Ein weiter Weg war's bis zum Rohrsumpf. Erst mußte man durch den tiefen Wald, auf schmalem Steig, der sich zwischen hohen Föhren hinschlängelte und stückweis über kahlen Bergrücken ging. Wo der Bergrücken sich senkte, fing das Torfmoor an. Auf den Erdhügeln erhoben sich kleine Zwergkiefern, und wenn die Waldmyrte blühte, war die Luft voll würzigen Duftes, der die Insekten herlockte. Auch über das Moor war's ein gutes Stück, und wenn der Berg wieder anstieg, und man von seinem Kamm den Wald sich lichten und das Wasser spiegelklar und ruhig zwischen den tannenbekleideten Ufern liegen sah, war man immer noch nicht dort. Denn das Häuschen lag auf der andern Seite des Wassers. Wollte man zu Fuß hin, so hatte man noch einen weiten Weg. Blieb man am Ufer, dort, wo das Gütchen mit seinen kleinen Äckern und dem Nadelwald im Kranz darum, dem schiefhängenden Stall und dem niederen Wohnhaus zu sehen war, und rief man laut genug hinüber und nahm sich Zeit zum Warten, dann kam auf der anderen Seite ein kleiner, krummer Alter in roter Mütze und wollenem Wams heraus, ging vorsichtig über die Steinböschung und stieß einen wackligen Kahn ins Wasser, um den Rufenden überzuholen. Ward man dann über den kleinen See gerudert, so mußte man sich drüber verwundern, daß er der Rohrsumpf hieß. Denn Sumpf vermochte man nirgends zu entdecken, nur einen kleinen See, der licht und freundlich wirkte nach dem langen Spaziergang im Waldesdämmer, unter den dichten Tannen, die voll hingen von langen, grauen, zottigen Flechten. Auch Schilfrohr gewahrte man nicht gleich. Die Ufer bestanden aus harten Klippen, unter denen die Tannen, die in der Erde über ihnen wuchsen, sich in dem stillen See spiegelten. Bloß ganz hinten in der Bucht, wo der See einen Bogen um den Berg macht, stand im Spätsommer eine dichte grüne Schilfbank, in der jedes Frühjahr ein paar Wildenten ihr Nest bauten, und, wenn die Jungen ausgebrütet waren, ungestört auf dem ruhigen Wasserspiegel umherschwammen. Jakob, der zusammengekauert an den Rudern sitzt und den Ankommenden übersetzt, hat nämlich nie mit der Büchse schießen mögen. Wenigstens sagt er das selber, aber darum braucht es ja, wie so manches andere, noch nicht wahr zu sein. »Als ich jung war,« sagt er, »hab' ich es freilich versucht. Aber ich hab es nie soweit gebracht. Denn ich habe eine Art Gebrechen gehabt. Ich hab' nie lernen können, ein Auge zuzudrücken. Darum ist es mit dem Schießen nichts geworden. Jetzt freilich kann ich sie zudrücken, alle beide. Aber jetzt bin ich zu alt, um es zu lernen. Und darum muß es mit der Sache eben bleiben, wie es ist.« Die Wildenten wissen auch, daß niemand sie bedroht. Unbekümmert um das Boot, das einherrudert, schwimmt die Entenmutter mit ihren flüggen Jungen bis vor zur Landungsbrücke. Dort suchen sie nach Fischabfällen und Kartoffelschalen, schnattern, tauchen, schwatzen miteinander und führen sich ganz als Haustiere auf. Jakob muß die Frechsten verscheuchen, als er anlegen will. So hat Jakob viele über den See gerudert, und wenn ihre Zahl schließlich groß geworden ist, so ist das nicht zu verwundern. So lang schon wohnt er in dem Häuschen am Rohrsumpf, daß niemand mehr sagen kann, wann er dort hingezogen ist – kaum wohl er selber. Im allgemeinen kommt nicht oft jemand Fremdes hin. Dazu ist der Weg zu weit und der, der am Rohrsumpf wohnt, hat nicht viel zu bieten. Oder richtiger – als er lebte, hatte er das nicht. Denn jetzt ist Jakob schon lange tot und sein Weib auch. Das Haus ist verfallen, die Äcker sind von Unkraut überwachsen und werden wieder zur Wildnis. Denn an einen so abgelegenen und einsamen Ort, wie der Rohrsumpf es ist, zieht jetzt niemand mehr, der frei wählen kann. Früher gab es in der Welt mehr einsamkeitsliebende Menschen, die die Einöde nicht fürchteten. Jakob und sein Weib waren zwei wunderliche Sonderlinge, wie man sie noch ab und zu tief im Wald, fern von den Wohnstätten anderer, findet, und hätten sie von all ihren Schicksalen erzählen wollen, sie hätten sicher seltsame Dinge berichten können. Denn Martina war eine von denen, die die Waldfrau und den Wassermann gesehen haben, auch was die Irrlichter bedeuten, die über dem Torfmoor leuchten, konnte sie erzählen, wenn sie wollte, und für alles, was im Wald flüsterte und wisperte oder klagte und stöhnte, wenn die Winternacht sternklar und kalt über dem zugefrorenen See lag, hatte sie Augen und Ohren. All dies kannte Martina sehr gut, und sie vermochte alle Zauberei weit klarer und richtiger zu deuten, als irgend sonst etwas, das ihr in ihrem einförmigen Leben begegnet war. Am besten aber verstand sie doch die kleinen Wesen, die in Busch und Dickicht ringsum lebten und webten, sie im Wald auf den rechten Weg führten und erst von ihr schieden, wenn sie den Schlüssel von seinem langjährigen Platz im Ritz unter dem Fenster nahm. Dann huschten sie alle auf leichten Füßen fort, froh, daß sie so weit hatten mitkommen dürfen. Und wenn dann weit in der Ferne der Wolf unter den beschneiten Tannen heulte, wußte Martina, wem sie es zu danken hatte, daß sie mit heiler Haut heimgekommen war. Jakob hörte immer schweigend zu, wenn sein Weib so etwas erzählte, und manchmal geschah es, daß er bekräftigend nickte, wie um ihren Worten die Unterstützung zu geben, die sie verdienten und vielleicht brauchten. Oft aber tat er auch gar nicht desgleichen, saß bloß und starrte vor sich hin, als sähe er, was keiner sonst sehen konnte, und bei solchen Gelegenheiten geschah es, daß sein Antlitz einen strengen, fast erbitterten Ausdruck annahm, als wollte er sagen: ›Warum sprichst du über so was vor Menschen, die selber nie etwas sehen? Was wissen die vom Wald!‹ In seiner Jugend war Jakob Kohlenbrenner gewesen, und damals hatte er immer gerade so viel verdient, daß er andern nicht zur Last zu fallen brauchte. Martina hatte Beeren gesucht, Spankörbe verkauft, drunten im Ort an Weihnachten und Ostern in den Häusern ausgeholfen, und weit im Umkreis hatte man sie gekannt. Denn sie gab stets volles Maß, ihre Beeren waren immer schön und frischgepflückt, nie brauchte man bei ihr zu befürchten, wenn man den Korb ausleerte, unten unreifes Zeugs zu finden. Ihre Körbe waren gut geflochten und haltbar, und im Backen und Schlachten war Martina sehr erfahren, so weit entfernt von bewohnten Gegenden sie auch lebte. Es ward ihr auch nie ein Weg zu lang, und wenn sie auch nicht viel von dem wußte, was in Büchern steht, so hatte sie dafür um so mehr anderes, das sie jedem, der es hören mochte, gern erzählte. Im übrigen war auch Jakob keiner von denen, die man alle Tage auf der Straße findet. Er hatte die Tiere des Waldes in Schlingen gefangen, sie auch geschossen, seinen eigenen Worten zum Trotz. Es gab Leute, die wissen wollten, es habe, so lang er jung war, niemand gegeben, der sicherer zielte und flinker bei der Hand war im Schießen, als Jakob. Seinen alten Vorderlader hielt er hinter dem Bett versteckt, und die Geschichte, daß er in seiner Jugend das eine Auge nicht zudrücken konnte, war sicher nur erfunden, weil Jakob sich die Zeit zu seiner Jagd selbst wählen mochte und sich nie in die Einschränkungen finden konnte, die ein kleinliches Jagdrecht den Bürgern auferlegt. Mit einem Wort, Jakob hatte sich in den alten Zeiten wacker durchgebracht, und drei Söhne waren aus dem kleinen Haus am Rohrsumpf hervorgegangen und Arbeiter geworden in Gegenden, wo es mehr zu verdienen gab und wo keiner mehr hörte, was der Wald flüsterte. Von diesen Kindern redeten Jakob und Martina anfangs an den langen Winterabenden, wenn es so still um sie ward und nie ein Mensch auf Besuch kam. Aber die Jahre gingen ihren Gang, das Torfmoor und der See unter ihren Fenstern froren viele Male zu, und viele Sommer hindurch kamen und zogen die Wildenten. Um die beiden Alten war es still, als hätten nie Kinder auf der Böschung zum See hinunter gespielt, und je länger diese Stille währte, desto enger schlossen Jakob und Martina sich aneinander an, vergaßen, daß es außer ihnen noch eine Welt gab und fanden es nur in der Ordnung, daß niemand an sie dachte, die selbst längst alle andern vergessen hatten. Der Wald sang den beiden Alten sein Lied, und das wenige, was sie vom Leben verlangten, hatten sie auch, bis Jakob eines Tages einmal im Bett bleiben mußte. Was für eine Krankheit es war, an der er litt, wußte keins von beiden; sie hatte damit angefangen, daß, wenn er einen weiten Weg machte oder lang stand, ein sonderbarer Schmerz in den Beinen ihn befiel, und eines Morgens, als er aufwachte, konnte er nicht mehr auf den Beinen stehen, sondern mußte zu Bett bleiben. »Jetzt mußt du für uns sorgen, Martina,« sagte er. »Wenn ich wieder aufstehen kann, kannst du ausruhen.« Manches begann nun nach und nach zu fehlen. Es kam kein Wild vom Wald mehr ins Haus, keine Fische wurden aus dem See geholt. Auch das Holz lief nicht von selber heim und eine männliche Hilfe, um ein Loch ins Eis zu hacken, fand sich auch nirgends. Aber am schlimmsten war's mit dem Futter für die Kuh. Martina zog mit der Sichel aus und schnitt und trug heim, was sie konnte. Aber all dies ward ihr immer schwerer. Mehr als einmal saß sie lange Stunden draußen im Wald und weinte, weil sie daheim nicht weinen wollte. Jakob lag und lag, und es ging überhaupt nur, weil er stets geduldig und gut war. Sonst hätte Martina es nicht ausgehalten. Zuletzt geschah ihnen das größte Unglück, die Kuh krepierte in einem Winter aus Mangel, und nun hatte Martina keinen andern Ausweg mehr – sie mußte nach dem Ort hinunter und betteln. Es kam sie hart an, sie, die nie zuvor einen Menschen um etwas gebeten hatte. Klein und zusammengekrümmt sah sie aus, und rasch ging sie, und wo sie auch hinkam, blieb sie so kurz sie nur konnte, ohne unhöflich zu sein. Denn Martina hatte keine Ruhe, solang sie draußen war. Daheim lag Jakob, und vermochte nicht einmal durchs Zimmer zu gehen, um sich Feuer anzuzünden, wenn es abends kalt wurde. Und außer dem bißchen, was sie ihm ans Bett gesetzt hatte, als sie ging, hatte er nichts zu essen. Vergrämt und kummervoll sah Martina aus, wie sie so dahinwanderte; in der Hand trug sie die Milchflasche und auf dem Rücken den Bettelsack, so daß die Hunde durch die Hecken auf den Weg herausschossen und bellten, wenn sie vorüberging. Zwei Jahre lang wanderte Martina so, und in all der Zeit ward es mit Jakob nicht besser. Es wurde auch nicht schlimmer. Zuletzt war kein Unterschied mehr zwischen Tag und Nacht, Sommer und Winter, Sonnenschein und Regen. Es war nichts als ein einziger, langer Tag voll Elend, der kein Ende hatte. »Wenn ich nur sterben könnte,« pflegte Jakob zu sagen. »Dann würd' es doch besser für dich.« Da ward Martina so schwach, daß sie die Tränen beim besten Willen nicht zurückhalten konnte. »Was soll denn aus mir werden, wenn du stirbst?« sagte sie. Bei sich selber fühlte sie ja – so schlimm, wie es jetzt war, konnte es nicht bleiben. Aber das ihm zu sagen, der dalag und sich nicht helfen konnte, das vermochte sie nicht. An einem Sommertag kam Martina vom Ort und wollte heim. Viel hatte sie nicht bei sich. Denn die Menschen werden es müde, dem zu geben, der oft um Hilfe bitten muß. Und Betteln ist ein schweres Handwerk für den, der keine Freude am Leben hat. Der Sack, den sie auf dem Rücken trug, war darum leicht zu tragen, und die Milchflasche, die die kleine Alte in der einen Hand hielt, war auch nicht schwer. Die Sonne brannte heiß, als Martina über das Torfmoor ging. Auf den Erdhügeln reiften die Multbeeren, und fern in den Tannen pfiff der Schwarzspecht. Als sie weiter ging, mußte Martina sich bücken, um nach den unreifen Preißelbeeren zu sehen. Sie ging rund um ihren altgewohnten Platz, beugte sich über die Erdhügel, und schaute und schaute. Oh, wie viele es gab! Und wie viele reife Blaubeeren! Nur sie, – sie konnte sie nicht mehr pflücken und verkaufen, wie früher; sie wanderte im Ort umher und bettelte, weil sie nicht die Kraft hatte, zu gleicher Zeit einen kranken Mann zu versorgen und für sie beide zu arbeiten. So still war es hier, so einsam! Martina ließ den Sack fallen, stellte die Flasche ab und setzte sich. So müde war sie, müde des ganzen Lebens! Wenn jetzt die Waldfrau käme und ihr etwas schenkte! Oder der, dessen Namen sie nicht einmal ausdenken mochte, er, der immer bereit war, wenn ein Mensch wirklich in Not war! Warum kam er nicht jetzt? Warum sah sie nichts? Sie, die so viel gesehen hatte? Warum hörte sie jetzt nicht einmal das kleine Volk im Dickicht rauschen, sie, die früher so viel gehört hatte? Warum schwieg der Wald? Und warum gab es keinen Menschen, der mit ihr heimging und sah, wie es da stand, ihr in ihrer Not half und ihr das ein bißchen erleichterte, was so ein altes Weib nicht allein zu tragen vermag? Aber der Wald rings um Martina schwieg. Sie hörte den Auerhahn ferne lärmen und mit den Flügeln gegen die Zweige der Kiefern schlagen, um in die Höhe zu kommen. Sie hörte die Tauben gurren mit ihrem scharfen, knarrenden Laut, und den seltsamen Vogel, dessen Namen sie nie gehört hatte, schreien wie ein Mensch in Not. Aber sonst war alles um sie her still. Der Wald schwieg, sie sah nichts, als Bäume, Tannennadeln, Sonnenschein, Mücken, Moos und graue Flechten. Die Luft zitterte vor Hitze, und alles stand so still um sie her, daß sie sich fürchtete. Und Martina, die ihr ganzes Leben lang im Wald gewohnt hatte, die den Fuchs in den Winternächten hatte schreien hören und den Wolf wie ein graues Phantom in der bitterkalten, sternklaren Winternacht um den verschlossenen Stall hatte schleichen sehen, fürchtete sich zum erstenmal in ihrem Leben davor, allein im Wald zu sein. Es war, als stünden die Bäume zu nah auf ihr, als würde es zu still um sie her, zu leer, zu öde, zu ruhig. Zitternd erhob sie sich, um zu gehen. Zitternd hing sie den Sack über ihre Schultern und nahm die Milchflasche zur Hand. Zitternd stand sie und horchte auf dies tiefe Schweigen, das wie ein einziges, schweres, von keinem Laut unterbrochenes Seufzen klang. Ihrer eigenen Schritte unsicher ging sie weiter und blieb nicht eher stehen, als bis sie das Ufer erreicht hatte, wo der morsche Kahn lag. Hastig stieg sie ein und stieß vom Land ab. Aber ihr deuchte, um sie her wäre es wie Hände, die sie greifen würden, sobald sie sich umwendete. Die Knorren im Wald, die Baumwurzeln, die Steine, die alten, verwitterten Bäume, die moosbewachsenen Felsblöcke und die Wachholderbüsche, die rund und buschig zu äußerst auf dem Berghang wuchsen, alle hatten sie Leben, und alle schwiegen sie, schwiegen so, daß sie die Luft mit ihrem Schweigen erfüllten und sich zu abscheulichen Götzenbildern wandelten, die in steinernem Schweigen ihre Not angrinsten. Rasch ruderte Martina über den langen, schmalen See. Sie hörte die Wildenten, die ihr Quarr-quarr hinter ihr her schrieen, die Wildenten, die Jakob nie das Herz gehabt hatte zu schießen. Aber sie wandte sich nicht um, um nach ihnen zu sehen, sondern zog den Kahn ans Land und lief mehr, als daß sie ging, an den Erlen am Ufer vorbei und hinauf nach dem Haus. Es war, als wenn das Schweigen des Waldes hinter ihr herriefe und sie vorwärtsjagte. Im Haus lag Jakob in seinem Bett, wie er nun zwei Jahre lang gelegen hatte. Als Martina eintrat, schlug er nicht einmal die Augen auf, und, noch immer am ganzen Körper von dem Waldesentsetzen zitternd, ging die Frau zum Herd, füllte ihn mit Reisig und Zweigen und zündete Feuer an. Es leuchtete auf in dem dämmrigen Raum, in den die kleinen Fenster nur so wenig Tageslicht einließen. Aber bis hin zu dem Winkel, wo Jakobs Gesicht lag, drang der Feuerschein nicht, und von dem Platz aus, wo Martina saß, vermochte sie nicht zu sehen, ob der Kranke noch immer schlief oder wach war. »Bist du's, Martina?« klang plötzlich Jakobs Stimme aus der Ecke hinter dem Fenster. »Du bist lang ausgeblieben.« »Ich war müde und hab im Wald gesessen und ausgeruht,« erwiderte die Frau. »Wie ist es dir heut gegangen?« »Wie alle Tage,« kam die Antwort. Jakobs Stimme klang so klar und mild, daß Martina näher gehen und ihn ansehen mußte. »Ich glaube, ich hab' eben eine Weile geschlafen,« sagte der Alte. »Das kommt daher, daß ich so lang allein gelegen und gedacht habe.« »An was hast du denn gedacht?« fragte Martina. Sonderbar! Es war, als hätte der Wald sie bis ins Haus verfolgt und das Entsetzen mit sich gebracht. Jakob wandte den Kopf, um besser zu sehen. Jetzt fiel der Feuerschein über sein Gesicht. Es war mager und grau, wie das eines Menschen, der das Licht der Sonne lange nicht gesehen hat. Aber die alten Augen glänzten. »Ich möchte gern die Sonne noch einmal sehen, eh' ich sterbe,« sagte er. »Ich habe die Sonne immer so gern gehabt, und den stillen See draußen mit dem Wald. Glaubst du, du könntest mich so weit tragen, wenn ich selber helfe, so gut ich kann?« Martina ging zu ihm hin und setzte sich auf den Bettrand. »Was willst du draußen? sagte sie.« Jakob sah sie an mit Augen, die auf einmal ganz seltsam klar wurden. »Ich will sterben,« sagte er. »Und du sollst mir helfen. Du brauchst dich nicht zu fürchten, weil ich dich darum bitte. Es kann nicht so schwer sein, zu sterben. Leben kann ich doch nicht länger. Und wenn ich fort bin, brauchst du nicht mehr im Ort herum zu gehen, und für meinen Unterhalt zu betteln.« Wieder deuchte es Martina, als wäre das Entsetzen aus dem Wald ihr ins Haus gefolgt. Sie faltete die Hände. Es waren dürre, alte, eingeschrumpfte Hände. Sie verstand, was der kranke Mann wollte; lang, eh es gesagt war, deuchte Martina, hatte sie Jakob bitten hören, wie jetzt; und durch das Fenster sah sie, wie die Sonne schien und wie still der Rohrsumpf lag. »Du sollst mir in den Kahn hinunter helfen,« sagte der Alte, »und ihn in den See hinausschieben. Dann sollst du wieder heim gehen und nicht weiter sehen.« Jakobs Augen suchten die seines Weibes, unruhig, wie die eines Kindes, wenn es um die Erfüllung seines höchsten Wunsches bittet. Und wie Martina so da saß, kam es ihr vor, als könnte es gar nicht anders sein. Das war es, womit der Wald sie erschreckt hatte, an dies hatte sie gedacht, als sie dort saß, wo das Torfmoor aufhörte und der Weg unter den Tannen emporstieg. »Wann möchtest du es?« sagte sie, und Tränen tropften aus ihren alten Augen. »Jetzt scheint die Sonne,« sagte Jakob. Und seine Stimme klang ungeduldig, wie die eines Kindes, das nicht warten will. »Zwei Jahre lang hab' ich hier gelegen und nur an das gedacht.« Da setzte sich Martina ans Fenster und dachte nach, so gut ihr Verstand es zuließ. Viel hatte sie nie in Büchern gelesen und viel wußte sie auch nicht. Lange saß sie so, und Jakob lag still und störte ihre Gedanken nicht. Zuletzt stand Martina auf und sah, daß die Sonne noch am Himmel stand. Da nahm sie, ohne etwas zu sagen, ihren alten Mann, mit dem sie länger als ein Menschenalter zusammengelebt hatte, und richtete ihn im Bett auf. Hierauf trug sie ihn aus dem Haus und setzte ihn auf die Treppe. Er war mager und dünn geworden und war nicht schwer zu tragen. Da saß nun Jakob und sah auf Sonne und Wald und See und alles, was einst sein gewesen war. »Wenn du jetzt kannst, so hilf mir weiter,« sagte er endlich. Da trug Martina den Ärmsten hinunter an den Strand und setzte ihn in den Kahn. Aber als sie das getan hatte, sank sie zusammen, nahm Jakobs Hand und vermochte nicht zu sprechen. »Schiebe jetzt den Kahn hinaus,« sagte Jakob leise, »und wenn du es getan hast, so geh wieder ins Haus hinauf und bleib' nicht hier. Nimm dort das Buch und lies darin. Gott wird es schon verstehen, er, der weiß, wie es mir und dir ergangen ist.« Da nahm Martina Jakobs Hand und drückte sie zum Abschied. Dann stieß sie den Kahn vom Land und wartete am Ufer, bis er in tiefes Wasser hinaus kam. Hierauf ging sie allein den Hügel hinauf, und als sie in die Stube kam, nahm sie ein altes Buch und versuchte, darin zu lesen. Es war nicht die Bibel. Es war Thomas a Kempis. Aber für Martina waren diese beiden Bücher eins, und irgend welche andere hatte sie nie besessen. Halblaut las die alte Frau die unfaßbaren Worte des Buches. Es ging langsam und holprig, und die wohlbekannten Worte, die sie fand, waren ihr fremd. Zu ihrer Zeit lehrte man in den Schulen nicht viel, und das meiste von dem, was Martina gelernt hatte, hatte sie längst wieder vergessen. Ihre Gedanken wanderten über die Worte weg, und doch fand sie eine Art Trost in diesen fremden Worten, vielleicht gerade deshalb, weil sie so wenig von ihnen verstand. Als sie genug gelesen hatte, stellte sie das Buch sorgsam auf das Regal zurück. Dann ging sie wieder hinaus auf den Hügel und sah, daß der Kahn leer auf dem Wasser schwamm. Da setzte sich Martina am Ufer nieder, und was sie da dachte und sah, war mehr, als sie selber erklären konnte. Aber sie glaubte, daß sie an Jakobs Seele, an sich selber und an alles dachte, was sie beide miteinander erlebt hatten. Fromm und einfältig betete sie ein Vaterunser über dem stillen Wasser, in dem sich der Wald spiegelte. Und als sie das getan hatte, ging sie wieder ins Haus hinauf, hängte reine Laken vor die Fenster und streute Tannenreis auf den Weg, der von der Treppe zum See führte. Hierauf ging sie zu Bett und schlief zum erstenmal allein in dem Häuschen am Rohrsumpf. Als Martina später in den Ort hinunter kam, um Hilfe für die Auffindung von Jakobs Leichnam und das Begräbnis zu holen, erzählte sie ganz einfältig alles, wie es wirklich zugegangen war. Aber alle glaubten, sie erzähle ein Märchen. Erst als die, die mit ihr gingen, die Laken vor den Fenstern sahen und fanden, daß der Weg von der Haustreppe zum See hinab bestreut war, konnten sie glauben, daß das Seltsame, das sie berichtet, Wirklichkeit war. Und als Jakobs toter Körper zuletzt angekleidet in dem Bett lag, in dem Jakob selbst so lange Jahre krank gelegen hatte, da standen viele um ihn herum, mehr als je zuvor in dem niedern Häuschen versammelt gewesen waren. Und alle begriffen, daß niemand zu wissen brauchte, was hier geschehen war. Was geschehen war, war das Geheimnis des Waldes, und keiner von denen, die es kannten, verriet, was er gesehen und gehört hatte, oder erzählte es im Ort. Denn was Martina getan hatte, das hatte sie aus Einfalt und Not getan. Und es paßte nur hierher, wo der Wald sich meilenweit erstreckte, und wo der schweigende See den Wald widerspiegelte. Kristins Myrte Kristin diente als Stallmagd auf Dalbyhof. Als sie die Stelle antrat, kam sie zum erstenmal in einen Dienst. Sie kam aus einem Käthnerhäuschen an der Küste von Småland, aus dem der Vater eben weggestorben war und in dem es viele Geschwister gab, und als sie sich auf dem Mietsbureau in Stockholm zeigte, in einem brauen Strohhut mit Sammetbändern und einem großkarierten Baumwollkleid, das ihre festen, vollen Formen prall umschloß, taxierte die Frau sie sofort auf ungeeignet für die Hauptstadt und stellte ihr die Vorteile einer guten, sichern Stelle auf dem Land vor. Und als Kristin das königliche Schloß gesehen hatte, und die Wachtparade und Berns Salon, wo die Leute rauchten und schrieen und tranken, und wo die Musik schrillte, daß ihr ganz wirr wurde, während die Tabakswolken sich um sie her wälzten, daß ihr die Augen tränten, da deuchte es Kristin, jetzt hätte sie Stockholm gesehen und hätte genug von der Stadt. Und um nicht, wenn ihr Geld zu Ende wäre, auf ein unbezahltes Vorderdecksbillett wieder heimkehren zu müssen und noch einmal seekrank zu werden, nahm Kristin, was das Vermietungsbureau ihr bot, bezahlte ihre schwere Gebühr und kam eines Sonnabend abends nach Norrtelje, wo der Stallknecht sie mit dem Milchwagen abholte. Als sie am Sonntagmorgen aufwachte und hinaustrat, fühlte sie sich erst ein bißchen beklemmt von all den großen Bäumen und dem Wald, der bis zur See hinunterging und wo der Ausblick wie durch einen Zauber zu Ende war. Kristin war nämlich gewohnt, die Ostsee vor sich zu sehen, blau und weitgestreckt, oder auch schwarz, mit hochgehenden Wellen. Mit einem Wort, Kristin war gewohnt, Horizont zu sehen, und darum fühlte sie sich klein und beklemmt, als sie nicht weiter sehen konnte, als bis zum Staket des Obstgartens oder dem Ende der Felder. Die See, die vom Herbstwind gekräuselt dalag, war rein gar nichts, dachte Kristin, und die alten Bäume schienen ihr so groß und dicht, daß sie sie beängstigten. Aber als Kristin in den Stall kam, da wußte sie, daß es ihr hier gefallen würde. Nie hätte sie gedacht, daß es in einem Stall so rein und schmuck sein, oder daß es überhaupt so viele Kühe auf einem Fleck beisammen geben könnte. Alles da drin war schwarz, weiß und rot, und der Fußboden war wie eine Mauer, steinhart und eben, reinlich und glattgefegt. Sie konnte sich gar nicht genug verwundern über das viele Vieh, seine Farbe, sein Aussehen, und wenn es einem Menschen überhaupt irgendwo gefallen konnte, so mußte es ihm hier gefallen, so fein und vornehm, wie alles war. Nur deuchte ihr im Anfang, die Kühe wären eine Herrschaft, der sie aufwarten sollte. So fein hatten sie es. Nach und nach jedoch ward ihr alles vertraut und gewohnt, und es gefiel Kristin. Die Arbeit paßte für sie, denn für alles was Vieh hieß, hatte sie immer eine gute Hand gehabt und es gern leiden mögen. Tiere und Kinder, das war Kristins Leben, und sie waren auch hinter ihr her, wohin sie nur kam. Kristin war ein bißchen schwerblütig und langsam und mochte nicht gern viel reden. Eben darum paßte es auch so gut für sie, Kühe um sich zu haben. Denn wenn sie saß und molk oder in den Ständen umherging und Ordnung schaffte und alles sauber machte, so brauchte sie nicht mehr zu reden, als sie wollte. Die Kühe verstanden sie auch so, und was ihnen geschah oder sie anging, das passierte, ohne daß man mit ihnen zu reden brauchte. Das Ärgste war, wenn der Baron in den Stall kam. Er kam mit der Zigarre im Mund, dem Stock mit der silbernen Krücke und aufgekrempelten Hosen, und ein paar große, gelbe Hunde liefen immer dicht hinter ihm drein. Ohne ein Wort zu sagen, ging er umher und blinzelte durch die schwarze Horneinfassung des Kneifers nach allen Seiten. Und Kristin war dann immer ganz außer sich vor Schreck und schwitzte den ganzen Rücken hinunter, wenn sie ihn nur sah. Aber zuletzt gewöhnte sie sich auch an ihn; es war ja gut, daß er so selten etwas zu ihr sagte. So brauchte sie nicht zu antworten. Aber an die paarmal, die sie mit dem Baron gesprochen hatte, an die dachte Kristin ihr ganzes Leben lang, und sie hätte jederzeit erzählen können, was er zu ihr sagte, und was sie zur Antwort herausbrachte. Nein, da war's ganz anders, wenn die Baronin kam! Die konnte schwatzen und alles mögliche reden, daß es nur so schwirrte, und ein anderer brauchte bloß zuzuhören und Ja und Amen zu sagen, und alles ging wie geschmiert! Am allerbesten aber gefiel es Kristin in ihrer Stube im linken Flügel; die hätte sie nicht um alles in der Welt gegen eine andere eingetauscht und wäre sie noch so fein gewesen. Die Stube war natürlich klein und man mußte durchs Waschhaus, um hin zu kommen. Wenn große Wäsche war, und der Dampf dick durch die Fenster und bis in den Hof hinaus quoll, da kam freilich so ein bißchen Scheuergeruch auch in Kristins Kammer, wie fest sie auch die Tür verschlossen hielt. Aber große Wäsche war bloß zweimal im Jahr, sonst war der große Waschkessel nur im Gang, wenn Schlachterei war, oder wenn das Weihnachtsbier gebraut wurde. Jedenfalls hatte es Kristin ganz friedlich in ihrer einsamen Stube, wo niemand sie störte, und um keinen Preis hätte sie tauschen mögen, weder mit der Köchin noch mit dem Stubenmädchen, die sich nicht zu rühren getrauten, weil Mamsell über ihnen wohnte, die alte Eule, – nicht einmal mit der Kammerjungfer, die unterm Dach direkt über der Schlafstube der Herrschaft wohnte, wo keine Katze niesen durfte – so still mußte es sein. Nein, Kristins Stube war klein, aber sie lag abgelegen und friedlich, und sie hatte es sich schmuck gemacht mit der weißen Decke, die sie von daheim mitgebracht hatte, dem Tischtuch auf dem Tisch, den Photographierahmen um den Spiegel über der Kommode und den Pelargonien im Fenster. Wollte man sich einen vergnügten Abend machen, wenn man nicht im Freien sein konnte, und Mamsell in der Küche gelöscht hatte, so kam man hinüber zu Kristin ins Flügelgebäude, – die Mädchen, die auf dem Herrenhof dienten, der Stallbursche und der Viehknecht, der Vorknecht, und alle, die im Hauptgebäude wohnten. Auch der Kutscher kam ab und zu; denn – wenn er auch verheiratet war – er lief den Mädchen doch nach, ohne daß die Frau das zu wissen brauchte, und zu Zeiten, wo die Herrschaft es großartig gab und einen Diener hielt, kam auch der. Da war denn Leben und Heiterkeit in der kleinen Stube, und es gab Platz für alle. Wenn die Stühle nicht ausreichten, saßen die Mädchen, nach vielem Drehen und Zieren, zuletzt auf den Knieen der Burschen. Der Vorknecht, der sich auf Musik verstand, spielte auf der Geige und der Diener sang Lieder, die er in Stockholm gehört hatte, wenn der Baron und die Baronin manchmal den Winter dort zubrachten. Bei diesen Zusammenkünften war eigentlich keiner, der sich besonders um Kristin kümmerte. Jedes der andern Mädchen hatte ihren Bräutigam, und wenn sie sich mit Kristin gut stellten, so geschah das eigentlich nur darum, weil sie sich in ihrer Stube vergnügen wollten, und sie nahmen vorlieb damit, weil es sich nun einmal nicht schickte, zu den Burschen hinaufzugehen. Und irgend welche sonstige Gelegenheit zum Umgang gab es nicht, außer natürlich im Sommer. Die einzige von allen, die keinen Burschen hatte, war Kristin. Das war so aus mancherlei Ursachen. Schön war sie ja nicht, das hätte keiner behaupten können, mit ihrem runden Gesicht, den kleinen Augen und dem fahlgelben Haar, das sich nie so legen wollte, wie es sollte. Aber manch eine hat doch einen Bräutigam, wenn sie auch häßlich ist. Also daran lag es nicht. Auch nicht daran, daß Kristin so wortkarg war. Denn im stillsten Wasser schwimmen die größten Fische. Dafür haben die Menschen meist einen Instinkt. Und Kristin war nicht diejenige, die nein gesagt hätte. Denn wenn abends Mondschein war, oder wenn der Frühling kam, und die Kälber losgelassen wurden, da flogen ihre Gedanken weit, während sie zwischen Stall und Küche, zwischen Küche und Flügelbau ab und zu ging, und wäre im rechten Moment ein Freier gekommen, so hätte Kristins Antlitz gestrahlt wie die Sonne, und ihr Herz hätte sich weit aufgetan. Denn Kristins Herz stand der Liebe offen, und sie hatte sich nach einem Freund gesehnt, so lang sie zurückdenken konnte. Aber gerade darum, weil sie sich so sehnte, war Kristin nicht so, daß sie einen Mann fesseln konnte. Wenn einer versuchte, mit ihr zu sprechen, so saß sie meist mürrisch und stumpf da, wenn ihr auch das Herz in der Brust vor eitel Lust und Wonne hüpfte, und wenn ein Mann kam und mit ihr schön tun wollte, da war Kristin so glückselig, daß sie vor lauter Zufriedenheit purpurrot wurde und kein Wort erwidern konnte. Das zu verstehen, war nicht so leicht, und darum mußte Kristin lange seufzen. Einmal fand sich jedoch ein junger Mann, der nicht an Kristin vorüberging. Er kam von Småland, wie sie, und hatte eine Stelle im Pferdestall gerade wie sie im Viehstall, und daß er sich von Kristins abstoßender Manier und mürrischen Mienen nicht täuschen ließ, kam vielleicht daher, daß sie beide Kinder derselben Gegend waren und einander darum leichter verstanden. Tatsache ist, daß er den richtigen Instinkt hatte in bezug auf die langsame Stallmagd, die stumm und stramm ihrer Arbeit nachging und nie lebhaft wurde, außer wenn sie mit kleinen Kindern spielte. Er nahm Kristin um die Schultern und flüsterte ihr ins Ohr, was er sich nicht laut zu sagen getraute, und Kristin traktierte ihn mit der Heugabel und riß ihn am Haar und gab ihm die ärgsten Scheltworte, so daß das Verhältnis zwischen den beiden von Anfang an das allerbeste und alles in schönster Ordnung und so war, wie es sein mußte. Kristin ging mit feuchten Augen umher und trug einen Monat lang täglich ein frisches baumwollenes Halstuch. Aber aus der Liebe wäre dennoch nichts geworden, wenn Blomkvist nicht Zug in die Geschichte gebracht und in einer schönen Frühlingsnacht, als Kristin schlief, das Fenster zu ihrer Kammer ausgehoben hätte. Als er das Fenster hatte, kletterte der Bursche hinein, ohne ein Wort zu sagen, setzte das Fenster wieder ein und hakte es fest. Als Kristin dann endlich erwachte und schlaftrunken sah, was geschehen war, da wehrte sie sich nicht länger, hatte auch keine Scheltworte mehr zur Hand, sondern sie ergab sich, weil sie nicht anders konnte, und weinte vor Schreck und vor Rührung, erst, als sie Blomkvist sah, und dann, als er ging. Denn jetzt war der höchste Wunsch ihres Lebens erfüllt. Ohne daß sie sich damit zu quälen brauchte, ein Wort von all dem zu sagen, was in ihrem jungen Blut drängte und brannte, und wovon sie ums Leben nicht hätte reden können, vor lauter Scham und Erröten, hatte sie nun einen Freund, nach dem sie sich immer gesehnt hatte; jetzt brauchten die andern Mädchen nicht mehr scheel auf sie zu blicken. Denn jetzt wußte Kristin, was sie wußte, und jetzt war sie eben so gut, wie die, wenn sie auch in feinern Kleidern gingen, und feinere Arbeit hatten. Der Frühling ging, und nach ihm kam der Sommer. Auch der Sommer ging. Es ward wieder Herbst mit Mondschein und Winter mit Schnee. Die ganze Zeit über hatte Kristin ihren Freund; ob es jemand wußte oder nicht – das kümmerte das liebende Mädchen nicht. Denn sie war niemand im Weg, das wußte sie, und ihre Arbeit tat sie so gut wie zuvor, eher noch besser. Denn jetzt brauchte sie nicht mehr zu warten und zu grübeln. Tagsüber sah Kristin Blomkvist fast nie, und wenn sie sich sahen, wußte sie nicht, was sie mit ihm reden sollte. Kam er und sagte etwas, so konnte es geschehen, daß Kristin wieder zu Heugabel und Haarzausen griff, wie damals, als sie sich zu verteidigen hatte. Aber Blomkvist mißverstand sie nie, und so oft er kommen mochte, kam er eben. Er brauchte jetzt auch das Fenster nicht mehr auszuheben. Denn Kristin war flink wie ein Fisch, immer wach und bereit zu öffnen, sobald er anklopfte, sie, die sonst geschlafen hatte wie ein Stein. Kristin gewöhnte sich so an Blomkvist und war seiner so sicher, als hätte der Pastor sie längst zusammengesprochen; nie kam es ihr in den Sinn, daß Blomkvist sie verlassen könnte. Sie, die es so gut mit ihm meinte und es nie übers Herz gebracht hätte, ihm ein anderes Leid anzutun, als das, was nun einmal eben sein mußte, und außerdem nur gut gemeint war. Aber als der Winter sich zu Ende neigte, kam Blomkvist eines Abends zeitiger als gewöhnlich. Und diesmal kam er zur Tür herein. Nie in ihrem Leben war Kristin so verlegen gewesen. In ihrer Verwirrung wußte sie nichts anderes, als daß sie mit ihrer Schürze einen Stuhl abwischte und Blomkvist bat, sich zu setzen. Auch Blomkvist fand die Situation peinlich. Er setzte sich auf den Stuhl, legte aber den Hut nicht aus der Hand. Er saß und wand sich und drehte sich und faßte in seinen roten Bocksbart. Kristin wurde immer verlegener, und zuletzt ward ihr so bang, daß es nicht mehr lang gedauert hätte, so hätte sie etwas gesagt. Schließlich begann Blomkvist mit großer Anstrengung: »Ich bin gekommen, weil ich dir doch Adieu sagen wollte. Ich habe dem Baron gekündigt. Und nächste Woche ziehe ich.« »Wann hast du das getan?« fragte Kristin. »Schon vor einer Weile,« sagte Blomkvist. »Aber ich hab' gedacht, es lohnte sich nicht, etwas zu sagen, eh es soweit war.« Da saß nun Kristin und wunderte sich, wie in aller Welt so was möglich wäre. Aber sie gehörte nicht zu der Sorte Mädchen, von denen man schwer und mit Mühe loskommt. Wenn Blomkvist gehen wollte – Kristin konnte ihn nicht daran hindern. Wenn sie noch so gern wollte – sie konnte nicht. Und gleich mit Weinen anfangen und sich gehen lassen, das lag nicht in ihrer Art. Aber ihr schien, kein Mensch könnte so unglücklich sein, wie sie es jetzt war, und sie fühlte, daß sie sich gern einen Arm abhauen lassen würde, wenn nur Blomkvist bliebe. Blomkvist fühlte sich auch gar nicht recht sicher auf seinem Stuhl; er war bang, Kristin könnte Einwendungen machen und ihn zwingen wollen, zu bleiben. Als sie dies jedoch nicht tat, fühlte er sich leichter und mutiger. Etwas mußte er aber doch sagen, dachte er, und so streckte er seine Hand aus und sagte: »Ich dank' dir auch, Kristin, für diese ganze Zeit.« »Danke!« antwortete Kristin, und tastete nach seiner Hand. Aber sie fand sie nicht. Denn vor lauter Weinen sah sie nichts, und darum nahm sie statt dessen ihre Schürze vor die Augen und weinte in sie hinein. Da hielt es Blomkvist nicht länger aus. Er stand auf und ging. Als er draußen war, fühlte er sich ruhig. Er hatte sich bei dieser Liebschaft nie etwas gedacht, und wenn er nicht bang gewesen wäre, an Kristin hängen zu bleiben, wäre er auch nicht gegangen. Jedenfalls tat es ihm jetzt doch leid um sie – obwohl ja kein Mensch verlangen konnte, daß er ihretwegen bliebe, er, der jung war und tüchtig und überall was Besseres kriegen konnte. Aber am letzten Sonnabend abend, eh er ging, kam er noch einmal vor Kristins Fenster hinter dem Fliederbusch und klopfte. Denn unfreundlich wollte Blomkvist nicht sein. Das sollte keiner von ihm sagen können. Und Kristin öffnete prompt und bereitwillig, wie immer. Sie hatte es wohl gewußt – Blomkvist war keiner von denen, die gehen, ohne Adieu zu sagen. Aber am Tag darauf – als Blomkvist fort war, – da begann für Kristin ein neues Leben. Im Anfang wartete sie noch darauf, daß ihr Freund schreiben sollte, und im ersten Monat kam auch ein Brief. Viel stand nicht drin. Aber er war unterzeichnet mit »dein dich innig liebender Freund«. Und diese Worte machten Kristin auf lange Zeit hinaus froh. Sie versteckte, was sie bekommen hatte, zu unterst in ihrer obersten Kommodeschieblade, und wenn die Sehnsucht in ihr zu stark wurde, nahm sie den Brief hervor und las ihn. Dann erhielt Kristin keine Briefe mehr, sie wußte auch nicht, wohin sie schreiben sollte; denn davon stand in dem Brief nichts; Blomkvist hatte auch nichts gesagt, als er in der letzten Sonnabendnacht von ihr gegangen war; und sie hatte vergessen zu fragen. Er hatte auch nicht versprochen, daß er wiederkommen, oder daß zwischen ihnen beiden je etwas weiteres sein würde. Aber Kristin glaubte viele Jahre lang daran; am stärksten war ihr Glaube, wenn es draußen dunkel wurde, oder wenn zeitig im Frühling der Kuckuck aus dem Wald rief. Es gibt Menschen, dachte Kristin, die nichts versprechen und doch Wort halten. So war Blomkvist immer zu ihr gewesen, und Kristin glaubte, er würde sich gleich bleiben, so, wie er immer gewesen war. Und wenn er ihr einmal schriebe, wenn er sich seßhaft gemacht hätte, – sie würde sicher kommen, wohin es auch sein mochte. Das wußte Kristin gewiß. Aber Blomkvist kam nicht, und schließlich hörte Kristin auf, ihn zu erwarten. Schweigend und festen Trittes, wie immer, ging sie im Stall umher. Die Kühe brüllten, wenn sie ihren Schritt vernahmen, und die Schafe blökten. Mit den Jahren ward Kristin immer gesetzter und behäbiger und sie fühlte sich so daheim, wo sie war, daß ihr nie der Gedanke kam, sie könnte ihre Stelle aufgeben oder eine andere annehmen. Die ganze Gegend kannte sie, und weil sie so lang auf ein und derselben Stelle war, nannte man sie die alte Kristin, noch eh sie vierzig war. Kristin ließ sich den Namen gefallen. Denn was hatte ihre Jugend ihr gefrommt? Einen zweiten Freund hatte sie nicht gehabt, – sie hatte sich auch nie nach einem gesehnt! Eins war Kristins Stolz: wenn es etwas zu tun gab, wozu nicht jeder zu brauchen war, sagten der Baron und die Baronin – und auch Mamsell – immer: »Geht zu Kristin!« Und wenn etwas fortkam, und niemand wußte, wo es war, hieß es gewiß: »Fragt Kristin!« Manches ward auf die Art getan und geordnet. Und in Kristin erwuchs nach und nach ein Selbstbewußtsein, so daß sie schließlich gar nicht mehr so erschrak und schwitzte, wenn der Baron in den Stall kam. Sie grüßte ihn, wie jeden andern, und machte keine Umstände. Kristin hatte jetzt auch ein Sparkassenbuch, und in ihrer Stube wurde es immer schöner. Eine neue bunte Matte lag auf dem Fußboden, und die Pelargonien im Fenster hatten Setzlinge getrieben und sich vermehrt. Und in ihrer Mitte erhob sich eine Riesenmyrte, die Kristins Augapfel war, und für die man ihr oft viel Geld angeboten hatte; sie hatte sie aber nie hergeben mögen. Sie hatte sie in einen kleinen Topf unter ein Glas gepflanzt, just in dem Jahr, als sie und Blomkvist ihre Zusammenkünfte hatten. Jetzt war sie groß geworden – ein kleiner Baum, den nie jemand beschnitten hatte. Tief im Wald, da wo der Weg zu Ende ging, wohnte auf einem kleinen einsamen Gütchen ein großer, einsamer Bauer, der Jan Karlsson hieß. Jan Karlsson hatte den Hof mit Kartoffelland, Stall, einem Pferd namens Schwärzchen, zwei Kühen, ein paar kleinen Äckern, und dem Wald, der ringsum wuchs, von seinem Vater geerbt, der seinerzeit dorthin gezogen war, das Land gekauft und angebaut und sich so gemacht hatte. Der Hof hieß ›die Zehe‹. Vielleicht hatte er seinen Namen daher, daß, wo die Zehe aufhört, auch der Mensch aufhört. Auf diesem Hof hatte Jan Karlsson sein Leben lang gewohnt, und obwohl er sich nie damit aussöhnen konnte, daß es fast eine halbe Meile zur nächsten Landstraße und daß der Boden schwer zu beackern und wenig fruchtbar war, so mußte er eben doch dort wohnen. Denn sein Eigentum einfach im Stich lassen, das konnte er doch nicht, und daß sich irgend jemand fände, der sich da oben im Wald ankaufen würde, das war kaum denkbar. Solang die Mutter lebte, ging es auch. Sie hielt das Haus in Ordnung und versorgte ihn, molk, solang sie es konnte, die Kühe, und half draußen im Feld. Jan Karlsson war schon über vierzig Jahre alt, als die Mutter starb, und noch immer unverheiratet; wer ihn kannte, nannte ihn nur Janne. Denn alle entsannen sich noch des Vaters, der Karlsson geheißen hatte, und der Sohn konnte doch nicht unter dem gleichen Namen gehen. Es ward recht einsam für Janne nach dem Tod der Mutter. Freilich war es seine eigene Schuld, daß es so war. Er konnte ja, statt eine Magd zu halten, die Lohn beanspruchte, heiraten; und mehr als einmal hatte die Mutter davon gesprochen. Aber Janne hatte nie darauf eingehen mögen; wen die Mutter auch vorschlug – immer war etwas, was ihm nicht behagte. Die Mutter verstand wohl, daß der Sohn nicht die Last auf sich nehmen mochte, ein Weib im Haus zu haben, das er dann nie mehr los werden konnte. Aber als sie im Sterben lag, war es noch immer ihr größter Kummer, daß Janne gar nicht dran wollte, und noch zuletzt ordnete sie an, wie alles gemacht werden sollte. Nach ihrem Tod ging Janne umher und grübelte darüber nach, wie er es nun halten sollte; und er ward übellaunig und ärgerlich, weil er keinen anderen Ausweg sah, als nach dem zwei Meilen entfernten Källvik, zu fahren und dort um ein Mädchen zu freien, das im Ruf stand, einen Haushalt führen zu können. Jan Karlsson erhielt auch das Jawort, nachdem sich das Mädchen eine Weile bedacht hatte, und heiratete. Aber es war sein Unglück, daß er immer und ewig darüber nachsann, was in aller Welt er tun sollte, falls sein Weib und er nicht am gleichen Strang zögen. Ändern ließ sich dann die Sache doch nicht mehr. Der Pastor würde sich darein legen, das Weib würde zum Pastor halten, und der Mann saß fest. Aber wie er auch grübelte und grübelte, es ging zuletzt, wie es gehen mußte. Janne hielt, wie gesagt, Hochzeit in Källvik, denn die Erste, um die er freite, kriegte er auch. Es gab recht viele ledige Frauenzimmer im Kirchspiel, und alle strebten und rangen sie darnach, einen Mann zu kriegen, der sie versorgte. Janne war groß und derb, tüchtig zur Arbeit, langsam und träg im Sprechen. Er hatte einen schwarzen Bart und braune Augen. Seine Frau dagegen war klein und zart, raschzüngig, blauäugig und lichthaarig. Jung war sie nicht gerade, das hätte Janne auch nur Furcht eingejagt. Denn junge Dirnen denken an so mancherlei und hier handelte es sich ja nicht um verliebtes Spiel, sondern um Mühe und Arbeit. Indessen war Janne zufrieden mit seiner Frau, so wie sie war. Sie konnte bei allem zugreifen, sie fürchtete sich vor keiner Arbeit, und im ganzen bereute er seine Heirat nicht. Es sah fast aus, als wäre er leichteren Sinnes geworden, seit er verheiratet war; er hatte es auch nicht mehr so einsam in seinem Wald. Aber in drei Jahren kriegte die Frau zwei Kinder. Das, meinte Janne, war doch zu viel, und er sagte es seiner Frau auch gerade heraus. Sie wich dem Mann aus und hielt ihre Laune aufrecht, so gut sie konnte. Aber eines Tages zerbrach sie sich den Rücken, als sie draußen im Wald war und ihrem Mann Holz tragen half. Von da an lag sie über ein Jahr lang zu Bett, ohne daß jemand zu sagen wußte, was für eine Krankheit es war. Dann starb sie, und Janne saß wieder allein da, diesmal aber mit zwei Kindern, von denen das jüngste nicht mehr als ein Jahr zählte. Janne war nicht immer besonders sanftmütig gegen sein Weib gewesen, während sie krank lag und ihm nur zur Last war; aber als sie tot war, betrauerte er sie. Denn jetzt merkte er, daß er allein nicht fertig wurde. Und jetzt war es da oben im Wald zehnmal schlimmer, als je zuvor. Janne versuchte es mit einer Magd nach der andern. Aber mit keiner wollte es glücken. Entweder wollte die Magd nicht bleiben, oder Janne konnte sie nicht behalten. Bald ging das Gerücht, in Jannes Haus könne es niemand aushalten. Und Janne ging tagaus, tagein umher und dachte an nichts anderes, als – wenn er nicht geheiratet hätte, so erginge es ihm jetzt nicht so übel. So daß er unter diesen Umständen als Herr auch nicht gerade leicht zu haben war. So wirtschaftete Janne zwischen seinem Stall und dem Haus umher, wo die Kinder zerlumpt und ohne Aufsicht herumsprangen. Er sah deutlich ein, daß dies irgendwie ein Ende haben mußte. Denn die Magd, die er jetzt im Haus hatte, tat nichts als faulenzen und dem Herrgott den Tag abstehlen. Aber Janne Karlsson wagte nicht, ihr etwas zu sagen. Denn wenn er das tat, so ging auch sie, und eine neue war jetzt nicht zu kriegen, so tief im Herbst, wie es schon war. Da kam eines Tages ein Kätner aus einem der Dörfer, der ein Schaf kaufen wollte, und als der Handel abgeschlossen war und die beiden Männer bei der Schnapsflasche zusammenhockten, sagte Lars Anders: »Du hast es gegenwärtig recht schwer, Janne, seit das Weib gestorben ist.« »Ja freilich,« gab Janne zu. »Mit dem Weibervolk ist nicht leicht auskommen,« meinte Lars Anders. »Freilich nicht,« seufzte Janne. »Es geht noch an, wenn's ein Weib ist,« meinte Lars Anders. »Die läuft nicht so leicht weg und sieht zu, daß das ihrige nicht zum Teufel geht.« »Es ist auch darin ein Unterschied,« wandte Janne ein. »Das ist so,« gab Lars Anders zu. »Aber mit den Mägden ist's rein unmöglich. Das sag' ich immer zu Brita Stina. Als Weib gehst du ja noch an, sag' ich. Aber der Kuckuck soll mich holen, wenn ich dich zur Magd haben möcht'. Das deine, freilich, auf das würdest du achten. Aber auf das meine nicht.« »Die Mädchen sind nicht mehr das, was sie früher waren,« warf Janne ein. »Zum Kuckuck, nein!« sagte Lars Anders. »Sie rennen nach der Kaffeekanne und in die Lotterie und auch nach der Schnapsflasche, wenn's sein muß. Verflucht will ich sein, wenn ich nicht Dirnen kenne, die einen bessern Zug haben als der stärkste Mann.« »Aber die Arbeit scheuen sie,« meinte Janne. »Da sagst du das wahre Wort,« antwortete Lars Anders. »Aber da gibt's nun einen Kniff. Man heiratet sie. Nimm dir erst ein Frauenzimmer als Magd und stell' sie auf die Probe. Will sie dann fort, so rück mit der Hochzeit heraus. Du sollst sehen, sie bleibt.« Das deuchte Janne wohl geredet, und weil der Schnaps jetzt zu Ende war, drückte er den Kork in die Flasche. »Weißt du jemand, der zu mir ziehen würde?« fragte er. »Jawohl,« erwiderte Lars Anders. »Kristin vom Herrenhof. Sie ist über vierzig und ist seit zwanzig Jahren dort. Schön ist sie nicht, aber groß und stark, und es gibt gar keine Arbeit, vor der die sich scheut. Sie kommt, wenn du mit ihr sprichst, darauf wett' ich. Denn einmal will schließlich ein Frauenzimmer zu was Eigenem kommen, und einen Antrag hat sie nie gehabt. Das weiß ich. Und ich weiß auch, daß sie Geld auf der Sparkasse hat.« Lange grübelte Janne hierüber nach. Aber eh sie auseinander gingen, wurde verabredet, daß Lars Anders, wenn er am Herrenhof vorbeikäme, auf einen Schwatz in den Stall gucken und so gleichsam im Vorübergehen zu Kristin ein Wort von Janne und seinen Wünschen fallen lassen sollte, um zu sehen, welche Wirkung es haben würde. Es gab nur eins, das gegen diesen Vorschlag sprach, und das war, daß Kristin im Nachbarkirchspiel eingetragen war. »Es gibt hier einen solchen Haufen von ledigen Weibsleuten,« meinte Lars Anders, »und grade genug, die auf dich gerechnet haben, jetzt, wo du Witwer bist. Wenn du Kristin heiratest, so kriegt ihr alle beide vielleicht die Hölle ins Haus.« Das gab Janne zu, aber er fand doch, wenn der Vorteil, Kristin zu heiraten, so groß wäre, wie der andere behauptete, so müßte man diese Schwierigkeit eben in Kauf zu nehmen versuchen. »Hier im Wald hört man ja nicht, was die Leute in den Dörfern klatschen.« »Nein, nein. Aber schließlich kommt's doch bis zu einem heraus,« antwortete Lars Anders. Und damit nahm er das Schaf, das er gekauft hatte, und ging. Nie zuvor war es Kristin geschehen, daß sie von einem Mann wußte, der daran dachte, sie zu heiraten, wenn sie ihm paßte. Es kam so rasch über sie, daß sie gar nicht Zeit fand, Muh oder Mäh zu sagen, sondern nur dastand und seufzte und an ihrem Halstuch zupfte und am hellen lichten Vormittag von ihrer Arbeit weg schnurstracks in ihre Stube lief. Da saß sie, stumm und mürrisch, am Fenster hinter den Pelargonien und der Myrte und dachte eigentlich an gar nichts, obgleich der Großknecht zur Milchsuppe läutete und die Leute zum Mittagessen über den Hof kamen. Dann wachte sie auf und folgte den andern. Aber sie konnte kaum schlucken, wie sie so dasaß. Das Essen blieb ihr fortwährend im Halse stecken. Wenn sie nur daran dachte, was ihr geschehen war, wurde sie den andern gegenüber ganz verwirrt, und so oft jemand zu ihr sprach, fuhr sie auf, als hätte sie etwas Böses getan. Wie sie an diesem Nachmittag in den Stall gekommen war, wußte Kristin nicht. Es war noch ein Glück, daß sie gleich so viel zu tun hatte. Sonst wär es nie und nimmer gut gegangen. Aber alles, was am Vormittag liegen geblieben war, mußte jetzt nachgeholt werden, damit niemand etwas sagen konnte. Und Kristin wirtschaftete mit Eimern und Milchkannen und schaffte und rannte, daß ihr Gesicht brannte. Und dennoch konnte sie die neuen Gedanken nicht los werden, die in ihrem Kopf hämmerten und pochten, daß es ihr vor den Ohren sauste. Sie ging in den Ständen ab und zu, striegelte das Vieh, molk und versorgte es. Drin bei den Schafen stand sie lang, und ihre Hände zitterten so, als sie etwas hineintrug, daß sie glaubte, sie würde alles fallen lassen. So sehr fürchtete sich Kristin an diesem Abend vor allem, daß sie kaum wagte, dem Vieh in die Augen zu sehen. Denn sie fühlte, wie ihr dann die Tränen in den Hals stiegen. Und wenn sie erst damit anfing, das wußte Kristin, dann war's aus mit ihr, und sie wollte doch ums Leben nicht, daß jemand sehen sollte, wie es um sie stand. Nie hätte Kristin geglaubt, daß es überhaupt so viele Gedanken gäbe, als alle die, die sie jetzt überfluteten. Sie war nie gewöhnt gewesen, viel zu denken, und nie vorher war ihr etwas begegnet, das sie dazu gezwungen hätte. Einmal wohl, freilich, als Blomkvist ging. Aber das war so lange her jetzt, als wär es nie gewesen, und dann war Kristin damals jung. Das war ein Unterschied. Das wußte sie jetzt, obwohl sie darüber nie viel nachgedacht hatte. Die Zeiten waren längst vorüber, in denen Kristin sich nach einem Freund gesehnt hatte. Denn das hatte sie vom Leben gelernt und wußte es, daß Jugend vergeht, und daß die Freuden der Liebe kurz sind. Sich auf ein Mannsbild verlassen, das seinen Willen durchsetzen will, das kann man, wenn man jung ist und dumm und es einem noch Freude macht, zu spielen. Aber wenn man gelernt hat, daß die Bursche nach Belieben kommen und gehen, und daß niemand sie halten kann, so ist man froh, wenn man allein in seiner Stube mit seinen Möbeln und Blumen sitzt und weiß, daß man da bis zu seinem Tod bleiben darf und daß niemand einen stört. Aber das war's eben, was Kristin nicht wußte, und mit jedem Jahr war ihr der Gedanke näher gerückt: »Wer kümmert sich um mich, wenn ich einmal alt bin und nicht mehr arbeiten kann?« Wenn sie nichts zu tun hatte, und nicht, wie früher, Liebesgedanken kamen und den mürrischen Ernst ihres runden Gesichtes erhellten, da begann statt ihrer der Gedanke in ihr aufzusteigen: »was soll aus mir werden, wenn ich nicht mehr arbeiten kann? Vater und Mutter sind tot, und die Verwandten, die ich noch habe, sind so weit fort, daß sie nicht wissen, ob ich lebe oder tot bin, so wenig, wie ich was von ihnen weiß. Ich bin hier in die Gemeinde eingetragen, und wenn es gut geht, komme ich einmal ins Armenhaus.« Kristin war im Armenhaus gewesen und hatte gesehen, wie es da war, eng und viele in einer Stube; traf es sich grade, alte Männer und Weiber zusammen; die Weiber keiften, die Männer waren unanständig. Kristin ward es ganz unheimlich zumut, wenn sie nur an das dachte, was sie da gesehen hatte, sie, die am liebsten allein sein und es wenigstens sauber haben mochte. Und war im Armenhaus kein Platz, so blieb nichts anderes übrig – dann fiel sie der Gemeinde zur Last, wie so viele andere, wurde von Hof zu Hof geschickt, ob es warm oder kalt war, Sommer oder Winter, herumgejagt mit ihrem Bündel Kleider und ihrer Kommode, wenn sie eine hatte, und mußte hören, wie die Leute Gott dankten, wenn sie sie wieder los wurden. So war das Leben, das wußte Kristin, und so, das hatte sie oft gedacht, mußte es ihr zuletzt gehen. Aber all das war noch so fern gewesen. Es war gewesen, wie der Tod – etwas, was kommen mußte, aber an das sie nicht zu denken brauchte, solange sie gesund und kräftig war und ihre Arbeit hatte. Jetzt war all das ihr so merkwürdig nahe gerückt, jetzt, seit sie gehört hatte, daß es doch einen gab, der sie heiraten wollte, so daß sie zu etwas Eigenem kommen und es ihr erspart bleiben könnte, in fremdem Bett zu sterben. Es vergingen Wochen und Monate, und Kristin begann während dieser Zeit immer mehr über sich selber nachzudenken und auch sich zu erkundigen. Was sie zu hören bekam, war nicht erfreulich. Auf Dalbyhof warteten die Leute darauf, daß der Baron den Hof verkaufen und nach der Stadt ziehen mußte, und wenn er das tat, so war keiner mehr auf seinem Platz sicher. Warum er das mußte, wußte niemand mit Sicherheit. Aber es gab ja gegenwärtig so viele, die gezwungen waren zu verkaufen, und es ging ja auch schrecklich ins Geld, all die Pferde und Wagen und feines Essen und Trinken jeden Tag, und Besuche aus Stockholm und Reisen ins Ausland. Und wenn dann ein Bauer kam und den Hof kaufte – man hatte das ja schon oft genug erlebt – da gab's keine Gnade. Bei einer Herrschaft dienen, das ging ja noch an, obwohl es auch schwer genug war. Aber wer bei einem Großbauern diente und sich da nicht von Morgen bis Abend schinden konnte, oder schon bei Jahren war, der konnte nur gleich einpacken. Das wußte Kristin. Und überhaupt, wenn ein Fremder kam, mochte er nun sein, wer er wollte, – bei dem hatte sie nicht über zwanzig Jahre gedient, und was kümmerte es den, wie lang sie bei einem andern gedient hatte! All das dachte Kristin, nicht einmal, nein, jeder einzige Tag kam mit irgend einer neuen Grübelei im Schlepptau, und die Gedanken, die die Möglichkeit, zu etwas Eigenem zu kommen, in ihr erweckt hatte, kamen als etwas ganz Neues und Seltsames aus ihrem ungeordneten Innern heraus; sie hätte ja nie gewagt, so daran zu denken, wie jetzt, wenn nicht die Möglichkeit einer Rettung plötzlich wie ein Licht in der Nacht aufgeleuchtet und ihr alles gezeigt hätte, wie es war. Nie zuvor hatte Kristin für sich selbst etwas entschieden. Als sie zum erstenmal nach Stockholm fuhr, war es die Mutter, die ihr gesagt hatte, sie solle reisen. Und so reiste sie. Als sie dann in den Stall auf Dalbyhof kam, war es die Frau vom Vermietungsbureau gewesen, die sie dorthin schickte. In nichts hatte sie jemals selber bestimmt, und als sie es jetzt versuchen mußte, war es ihr so ungewohnt, daß sie nicht wußte, wo anfangen und wo aufhören. Sie wartete darauf, daß Janne von sich hören lassen sollte, und jeden Abend wunderte sie sich darüber, daß er nicht kam. Kristin hatte Lars Anders nichts Bestimmtes geantwortet, sondern hatte nur verlegen und linkisch vor ihm gestanden. Aber das wußte sie selber nicht, sie glaubte, der andere müßte es ihr angesehen haben, daß sie gern wollte, und sie begriff nicht, daß sie, statt bloß dazustehen und zu zimpern, gleich hätte zuschnappen und grad heraus sagen müssen, so und so wolle sie es haben. Aber Woche um Woche verging, und eines schönen Tages, als Kristin auf den Hof trat, – es war noch dunkler Wintermorgen, – sank sie bis hoch hinauf in Schnee. Der Sturm raste um sie her, die alten Bäume auf dem Hof klapperten mit den nackten Ästen, und nur aus dem Küchenfenster leuchtete ein einsam zitterndes Licht über das Weiß der Erde. Da wurde es Kristin klar, daß etwas geschehen mußte. Sie war ratlos und hatte niemand, den sie fragen oder um Hilfe bitten konnte. Allein mit sich selber lief sie umher, und nie hätte sie gedacht, daß sie Mut haben könnte zu dem, was sie jetzt tat. Kristin ging nämlich ganz auf eigene Faust geradeswegs zum Baron selber und klopfte an seine Tür, was sie in all den Jahren, seit sie seine Kühe molk und seine Schafe versorgte, nie getan hatte; und als sie hineinkam und der Herr verwundert fragte, was sie wolle, da war ihr, als müsse sie sich die Augen aus dem Kopfe schämen. Ums Leben nicht hätte sie ihm sagen können, was es war, das sie eigentlich wollte. Sie bat nur um Urlaub auf zwei Tage, und log, sie hatte eine Verwandte, die krank wäre, und die sie besuchen möchte. Kristin durfte gehen, und zeitig am nächsten Morgen machte sie sich auf den Weg. Es war viel Schnee gefallen, und im Wald sah man keine Bahn mehr. Manches Pferd wäre da zurückgescheut, wo Kristin jetzt ging. Aber Kristin scheute nicht zurück. Sie ging den Weg, den sie gehen mußte. Denn sie wußte, es galt das Leben, und in ihr Blut war der Schrecken gefahren, der, von dem die armen Leute sprechen, und der den Menschen dazu treibt, das Unmögliche zu tun. Bei jedem Schritt, den sie machte, sank sie bis zu den Knieen ein, und der Weg, den sie zu gehen hatte, war lang und schwer und führte meist durch Wald. Nach dem Schneefall war Frost eingetreten, und der Schnee lag fest auf den Tannen. Wie eine weiße Decke dehnte er sich rein und dicht unter den gesenkten Baumzweigen hin, so weit das Auge reichte, und aus dem Dunkel des Dickichts klang es wie Seufzen und Rascheln; der Schnee fiel mit schwerem Fall und schlug Löcher in die weiße Decke, der Sturm heulte durch die Föhren, und die kleinen Wachholderbüsche bogen sich unter dem schweren Weiß, das sie niederzog. Ein einziger Gedanke trieb Kristin vorwärts, der Gedanke, lieber alles auf sich zu nehmen als der Gemeinde zur Last zu fallen. So schwer war es, zu gehen, und so hart mußte sie arbeiten, um vorwärts zu kommen, daß sie gar nicht mehr daran dachte; was für eine Schande es war, in eines Mannes Haus zu gehen, dessen Frau gestorben war, und der ihrer jetzt auf eine Zeitlang begehrte, weil er sehen wollte, ob er Lust hatte, sie zu behalten. »Es kommt nichts dabei heraus als Elend,« dachte Kristin im Gehen. »Jung bin ich nicht mehr, und halten kann ich ihn nicht, wenn er nicht selber will. Er nimmt mich für eine Weile, und dann findet er eine andere, die ihm besser paßt. Es gibt so viele, die dem Schlimmsten im Leben entgehen möchten, daß er immer eine andere findet. Dann wirft er mich weg und nimmt die, und ich muß wieder gehen, vor allen Menschen verschimpfiert und verachtet.« So dachte Kristin. Und dennoch ging sie. Denn die Hoffnung trieb sie vorwärts, die Hoffnung, daß Janne sie doch behalten und sie nicht unglücklich machen würde, sie, die zeitlebens ein ehrbares Leben gelebt hatte. Stunde um Stunde ging Kristin so. Ihre Füße begannen vor Kälte zu schmerzen, bei jedem Schritt, den sie tat, kam sie tief in den Schnee, am ganzen Körper war sie naß, sie fror auch, und doch tropfte ihr der Schweiß von der Stirn. Aber sie ging weiter und weiter; der Schreck trieb sie, der Schrecken, der im Blut brennt, und von dem sie zuvor nichts gewußt hatte, der erst wach geworden war an dem Tag, da ihr die Möglichkeit aufgegangen war, es besser zu bekommen. Es waren keine Gedanken mehr, die ihr durch den Kopf gingen. Es waren Fetzen von Gedanken, losgerissene Worte von alldem, was sie je in ihrem Leben vergeblich versucht hatte zusammenzureimen. In ihrem Gehirn spukte das Armenhaus, und zu gleicher Zeit sah sie den Gemeindekarren, der sie selbst und ihre Habseligkeiten von Tür zu Tür schleppte. Es kam ihr auch wie eine Schande vor, daß sie, die bei Jahren war, sich ohne Liebe einem Manne geben sollte. Vielleicht war es auch eine Sünde? Der Katechismus fiel ihr wieder ein, und was der Pastor gesagt hatte, vor langer Zeit, als sie jung war und schwarzgekleidet im Kirchengang daheim stand. Dann kam eine große Lebensmüdigkeit über sie und ertränkte alle Erinnerungen. Wieder dachte sie an nichts anderes, als an den Schnee, der unter ihren Schritten nachgab. Der Flügelschlag eines einsamen Vogels, der durch den Tannenwald raschelte, ließ sie zusammenschrecken. Sie sah sich selber als alt, und ihr war, als müsse sie bald sterben. Aber aufs neue arbeitete sich die Furcht in ihr empor, die Furcht, wieder heimzumüssen ohne etwas ausgerichtet zu haben. Sie dachte an Janne und sein Gütchen und war neugierig darauf, wie alles sein würde. Immer weiter durch den Wald ging Kristin, und zuletzt dachte sie nichts mehr, als daß sie weiter mußte, ja, nicht einmal mehr das. Endlich sah Kristin durch den Wald, der sich lichtete, einen kleinen, offenen Platz. Auf diesem Platz standen zwei Gebäude, und aus den Fenstern des einen schimmerte Licht, das Streifen über den Schnee warf. Das andere lag dunkel und klein hinter dem Waldrand, über dem es wie ein goldrotes Band leuchtete. »Das ist der Stall,« dachte Kristin; sie seufzte, als sie sah, wie klein er war, und daß der Weg dorthin nur ausgetreten war, nicht geschaufelt. Kristin stand draußen in der Dämmerung und sah sich um. Als sie die Treppe hinaufstieg und sich den dicksten Schnee von den Füßen trat, steckte es in ihr wie ein Gefühl von Groll darüber, daß der Stall so klein und der Weg so schlecht war. Und noch als sie die Tür öffnete und eintrat, verfolgte sie dieser Gedanke. Aus der Stube schlugen ihr Feuerschein und Wärme so stark entgegen, daß ihr ganz schwindlig wurde, und als sie gegen das Licht geblinzelt hatte und ihre Augen wieder klar sahen, erblickte sie Janne, der groß und breit wie ein dunkler Schatten über eine Arbeit gebückt am Herd saß. Was er trieb, sah Kristin nicht, denn ihre Augen waren noch zu müde zum Sehen. Unaufgefordert trat sie vor und setzte sich, und der Mann, der am Herd saß, bot ihr keinen Willkomm. Er sah auf seine Arbeit nieder; es war, als hätte er niemand erwartet. Schließlich legte Janne das, was er in Händen hielt, weg, drehte sich um und sah das wartende Weib scharf an. »Das ist Kristin, vermut' ich, die da gekommen ist!« sagte er endlich. Kristin vermochte nichts zu antworten, als Ja. Unglücklich saß sie da und sah sich in dem halbdunkeln Raum um. Alles war unordentlich, die Möbel standen schief, und gescheuert war sicher schon lang nicht mehr worden. In der fernsten Ecke zwischen den Fenstern stand ein ungemachtes Bett ohne Laken, in dem sich etwas regte. Dorthin starrte Kristin lange, und als ihre Augen sich an die Dämmerung gewöhnt hatten, sah sie, daß es zwei schlafende Kinder waren, die unter einer alten Decke lagen. »Es sieht nicht besonders schmuck aus,« bemerkte Janne, der ihrem Blick gefolgt war. »Es muß gescheuert werden,« sagte Kristin. »Ja,« antwortete Janne. »Wird wohl so sein. Aber das ist nicht meine Sache. Das wäre dann die deine. Und der Stall. Und die Kinder. Und das Essen. Essen ist da. Aber niemand, der kochen kann.« »Hast du keine Magd?« brachte Kristin heraus. »Nein. Sie ist gestern gegangen,« sagte Janne. »Die wissen nicht, was sie wollen, heutzutage.« Es war wie eine Befreiung, dachte Kristin, daß die Magd fort war, so daß außer ihr kein Frauenzimmer im Hause war. Schrecklich war es auch so. Aber wenn sie nun schon hier bei Janne war, so war es ebenso gut, wenn nicht immer eine herumlief, zuhörte, was sie beide sprachen. Sie stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus, und Janne, der es hörte, verstand sie. Aber zugleich dachte er: »Jetzt denkt sie, ich sei hilflos, und wird sich aufs hohe Roß setzen.« Aber dann sah er Kristin an und bemerkte, wie harmlos und gutmütig sie aussah. Da er aber doch fürchtete, ihr gleichsam die Oberhand zu lassen, wollte er nicht gleich von Anfang an etwas Bestimmtes sagen, um sich nicht zu übereilen. »Du bist weit gegangen, scheint mir,« sagte er also. »Ich bin den ganzen Weg gegangen,« gab sie zurück. Hm! So! dachte Janne. Den ganzen Weg ist sie gegangen? Er hatte geglaubt, sie wäre wenigstens so weit die Landstraße ging gefahren. »Haben sie so wenig Pferde auf dem Herrenhof?« fragte er. »Ich habe nicht sagen mögen, wohin ich wollte,« antwortete Kristin und sah zu Boden. »Nein, nein! Natürlich nicht!« sagte Janne. Bei sich aber dachte er: »Ist sie den weiten Weg im Schnee gegangen, so ist ihr viel daran gelegen, und dann hab' ich die Oberhand.« »Du willst vielleicht gleich ganz hier bleiben?« sagte er darum rasch. »Nein,« antwortete Kristin. »Man muß es sich doch erst überlegen, denk' ich.« Janne saß und sah Kristin an, und je länger er sie ansah mit ihrem soliden Körper, den großen, groben Händen, die von der Arbeit mit der Milch weich geworden waren, ihrem runden, vollen Gesicht und der etwas aufgestülpten Nase, desto mehr fand er, daß Kristin ein Frauenzimmer nach seinem Sinn war. Aber noch wollte er nichts Entscheidendes sagen. Er holte etwas zu essen und bot es ihr an. Es waren Kartoffeln und Brot. Sonst hatte er nichts. Kaffee mußte Kristin sich selber kochen. Und wie sie nun so umherging und sich selber ihr Essen besorgte, überkam es sie seltsam schwer, daß sie nun ihr Lebenlang so hier umhergehen sollte. Und doch versuchte sie, alles im besten Licht zu sehen. Janne sah gutmütig aus, schien es ihr. Mit ihm war es sicher nicht schlimm. Wenn er sprach, machte er gar keinen bösen Eindruck, und mit ihr selber war auch nicht schwer auskommen, das wußte sie. Als sie gegessen hatte, öffnete Janne die Tür zur Kammer und zeigte ihr, wo sie schlafen sollte. – »Sonst schläft da niemand,« sagte er kurz. Kristin ging in die Kammer und begann Ordnung zu schaffen. Es war hübsch und sauber drinnen, und es schien, als hätte lang niemand mehr da gewohnt. Möbel gab es auch, und eine Wanduhr, die tickte. Als sie das sah, ward es Kristin leichter ums Herz; die ganze Zeit über sah sie Janne wie einen großen, dunkeln Schatten am Herd sitzen, wo das Feuer brannte. Er sagte nichts und Kristin sagte nichts. Beide fühlten bei sich, daß in der Hauptsache alles in Ordnung war, und beide hatten das Gefühl, das über Menschen kommt, die einander brauchen. Sie waren weich und freundlich gestimmt, und jeder wollte dem andern gern so weit als möglich entgegenkommen. Aber als Kristin in ihrem Bett lag und alles still war, und sie nichts mehr hörte als das Ticken der Wanduhr, da durchfuhr sie ein kalter Gedanke: – Wenn er mich schließlich nicht heiratet, sondern mich wieder gehen läßt, dann komm' ich doch ins Armenhaus. So müde sie war – der Gedanke hielt sie wach; noch im Schlaf quälte er sie, und als sie aufwachte, saß er noch in ihrem Gehirn und bohrte und schmerzte. Als wäre sie schon hier daheim, stand Kristin vor Janne auf, machte Feuer im Herd und setzte den Kaffeetopf auf. Als dann der Tag kam und sie sah, wie alles aussah, wollte sie schier verzweifeln. Aber das Ärgste mußte sie doch wegschaffen. Sie nahm die Kinder, wusch sie nacheinander und half ihnen beim Ankleiden. Hierauf legte sie sich ungeheißen auf den Fußboden und begann zu scheuern. Die ganze Zeit über, während sie das tat, dachte Kristin: »Er soll sehen, daß ich tun will, was ich nur kann. Dann läßt er sich vielleicht erweichen und behält mich.« Ein dunkler Drang sich einzuschmeicheln, überkam Kristin zum erstenmal in ihrem Leben; die Not war es, die diesen Instinkt hervorrief. Denn nie zuvor hatte sie sich in solcher Not gefühlt, und sie war hineingeraten, ohne daß etwas geschehen war, nur weil sie, so gut sie es eben konnte und verstand, angefangen hatte zu denken. Janne ging die ganze Zeit über aus und ein und sah zu, und er konnte bei sich wirklich nicht leugnen, daß Kristin aussah, als wäre sie von anderem Schlag als die Weibsleute, die er in letzter Zeit im Hause gehabt hatte. Darum ward sein Herz weich und er versuchte, sich recht freundlich zu erweisen. Er müsse so wie so einer Besorgung wegen nach Källvik hinunter und darum das Pferd einspannen. Da könne Kristin mit ihm fahren, so weit sie denselben Weg hätten; auf die Weise wäre der Weg doch weniger schlimm für sie. So saß denn Kristin mit Janne auf dem Holzschlitten, und Schritt für Schritt ging das Pferd denselben Weg durch den Schnee, den sie kurz vorher gegangen war. Das Herz schlug ihr die ganze Zeit über bis in den Hals, – sie wartete darauf, daß Janne von dem sprechen sollte, was sie hören wollte. Aber Janne saß groß und breit da und zog an den Zügeln. Dann und wann sagte er ein Wort über die Kühe und das Wassertragen und das Holz und den Haushalt. Aber wie es mit ihnen beiden werden würde, darüber sagte er kein Wort. Nur einmal fragte er sie etwas; seine Worte lauteten: »Einen Bräutigam hast du doch nicht?« »Nein,« antwortete Kristin. »Und hast auch nie einen gehabt?« »Das ist so lang her, daß es längst vergessen ist,« antwortete Kristin und biß die Zähne zusammen. Damit hatte das Fragen ein Ende, und Schwärzchen ging mit dem Schlitten weiter durch den Wald. Schließlich hielt Janne an der Landstraße an und sagte: »Jetzt sind wir an deinem Weg. Meiner geht rechts.« Da blieb Kristin nichts weiter übrig, als auszusteigen und sich zu bedanken, daß er sie hergefahren hatte. Das tat sie auch. Aber sie sah so unglücklich und verwirrt aus, wie sie da stand, daß sogar Janne es sehen mußte. Und als ob er sich plötzlich an etwas erinnere, was er bisher vergessen hatte, sagte er bedächtig: »Ja, über das andere müssen wir wohl noch reden, wenn du kommst.« Damit zog er die Zügel an und ließ das Pferd weiter trotten. Janne war froh, daß er nichts weiter hatte zu sagen brauchen. Die ganze Zeit über hatte er gefürchtet, Kristin würde mit Forderungen kommen, und dann hatte er wohl oder übel in den sauern Apfel beißen und gleich das Aufgebot bestellen müssen. Denn das sah er wohl, Kristin war keine von denen, die man gehen läßt. Wenn er aber noch warten konnte, so war das doch besser, und Janne fuhr guten Muts und mit seinem Dasein zufrieden nach dem Dorf. Kristin aber sah dem Schlitten und der Pelzmütze des Bauern nach, die hinter dem beschneiten Kieferngestrüpp verschwanden. Da fuhr nun Janne von ihr fort und mit sich nahm er die Antwort, die sie nicht erhalten hatte auf die Frage, die sie nicht gestellt hatte. Alles, was sie gedacht und getan hatte, ward unklar für sie, und wie sie nun so dahinging, wußte sie eigentlich ebenso wenig, wie zuvor. Aber immerhin hatte sie Janne gesehen, und so hatte sie doch die Katze nicht ganz im Sack gekauft. Es wurde Kristin schwer, von Dalbyhof, an das sie sich so gewöhnt hatte und wo sie so lange gewesen war, wegzugehen. Es war schwer, von allem zu scheiden, das stand fest. Von den Kühen, den Schafen, den Kälbern, den Kindern, von allem, was zu ihr gehalten hatte, um das sie beschäftigt gewesen war, mit dem sie tagaus, tagein geredet hatte. Aber noch schlimmer war es mit der kleinen Stube hinter dem Waschhaus. So friedlich und für sich, wie sie es da gehabt hatte, so kriegte sie es nie mehr. Das wußte Kristin. Es war gut, daß sie die Kommode, die Matte auf dem Fußboden, die Pelargonien und andere Kleinigkeiten, die ihr gehörten, mitnehmen konnte. Denn das war ihr ehrliches Eigentum. Vielleicht würde ihr auch die Herrschaft etwas schenken, wenn sie ging, so lang, wie sie auf dem Hof gedient hatte. Kristin dachte auch, falls sie etwas mitbrächte, wenn sie käme, so würde das in der Hauptfrage wohl auch etwas zur Sache tun. Am seltsamsten war es, daß sie mit einer Myrte kam, und daß sie die so lange aufgespart hatte, obgleich man ihr Geld dafür geboten hatte. Das hatte doch sicher etwas zu bedeuten. Kristin dachte nun nicht mehr länger nach, denn sie war nicht daran gewöhnt und hielt es nicht lange aus. Was geschehen war, war eben geschehen, und wo sie hin sollte, da sollte sie eben hin. Aber das Ärgste hatte sie noch auszustehen, als sie mit dem Baron sprechen mußte. Es ging nicht, länger damit hinter dem Berg zu halten. Denn Janne hatte gesagt, wenn sie kommen wollte, müßte sie bald kommen. »Es waren mehrere Angebote,« hatte er gesagt, »und der Platz könnte besetzt sein.« Ob das nun wahr war oder nicht, das wußte Kristin nicht, aber möglich war es immerhin, und das begriff auch sie, – es war besser, in die Sache hineinzuspringen, als zu kriechen. Darum ging Kristin zum Baron hinein, ohne zu wissen, was sie eigentlich zu ihm sagen sollte. So über und über rot im Gesicht und heiß am ganzen Leib hatte Kristin sich in ihrem ganzen Leben nicht gefühlt, wie jetzt, als der Baron vor ihr stand und sie durch den Kneifer mit der Horneinfassung ansah. Jetzt durfte sie nicht mehr mit Ausflüchten kommen. Jetzt mußte sie alles sagen, wie es war, mit klaren Worten. Freundlich war der Baron, freilich, und es ließ sich wohl mit ihm reden, das konnte Kristin nicht anders sagen. Aber er fragte so nach allem, und dann redete er über die Sache. Kristin verstand nicht viel von dem, was sie zu hören bekam. Mit knapper Not hörte sie überhaupt, was er sagte. Sie schämte sich so, wie sie da stand, schämte sich ihrer selbst, ihres ganzen, armen Lebens so, daß sie mit beiden Händen nach dem Stuhl greifen mußte, der vor ihr stand. Aber sie hielt die ganze Zeit über an sich. »Sonst – wer weiß, wie es geht? Sonst komm' ich zuletzt doch noch ins Armenhaus!« Daran hielt sie fest, als an dem Felsen, worauf ihr Glaube gebaut war. Und endlich kam sie wieder heraus und hatte die Erlaubnis, zum ersten März zu gehen, obgleich es vor dem Ziel war. Kristin war aber auch wie aus dem Wasser gezogen. Und als sie am Abend in ihrer Stube saß, da fühlte sie, jetzt, nachdem sie gekündigt hatte, gehörte sie nicht länger zum Hof; jetzt hatte sie niemand mehr auf der ganzen Welt als Janne. Sie hätte ihm schreiben und ihm sagen mögen, wie es war. Aber auch das konnte sie nicht. Denn sie wußte ja seinen Vatersnamen nicht. So saß sie denn und versuchte statt dessen ein bißchen an ihn zu denken. Doch nicht einmal das wollte gelingen. Sie konnte sich nicht darauf besinnen, ob er einen Bart hatte. So kam Kristin aus ihrer Armut in Småland auf das Mietsbureau in Stockholm, vom Mietsbureau auf den Herrenhof und vom Herrenhof zu Janne, der tief im Wald auf Tån wohnte. Bei ihm blieb Kristin ihrer Lebtage, versorgte ihn, seine Kinder und sein Haus und zog nicht mehr weiter. Einmal mußte sie den Bogen straff spannen, und das war, als sie dachte, Janne zögere zu lang mit der Hochzeit. Kristin hatte es selber kaum von sich geglaubt, daß sie es wagen würde, so von der Leber weg zu reden, wie sie es jetzt tat. Aber sie sah, daß es wirkte, und war froh. Denn nun brauchte niemand mehr etwas zu sagen, und nun wußte sie, daß Janne sie auch nicht mehr abschütteln konnte. Es ward Hochzeit gehalten in der Kirche, und Kristin schnitt zum Fest ihre Myrte ab. Einen dickeren, solideren Brautkranz hatten nicht viele gehabt, das sah Kristin wohl, und sie war sehr zufrieden. Die ganze Kirche war voller Leute, der Küster spielte und sang, und der Pastor redete erbaulich und schön. Feuerrot im Gesicht hörte Kristin ihm zu und dachte an ihre Myrte, und daß sie jetzt vor der ganzen Versammlung hier stand und ehrlich getraut wurde mit einem rechtschaffenen Mann. Die ganze Zeit über liefen ihr die Tränen über die Backen, und als sie, nach den Worten des Pastors, sagen sollte »Hiermit nehme ich dich, Jan Karlsson, zu meinem Ehemann,« war sie so überwältigt von Stolz und Rührung, daß sie die Worte kaum herausbrachte. Im ganzen war sie so befriedigt von diesem Tag und auch nachher, wie ein Mensch im Leben nur sein kann, und als sie von der Kirche heimkam und ihren Hochzeitsstaat abgelegt hatte, hätte sie Janne gern gedankt, daß er so rechtschaffen an ihr gehandelt hatte. Aber sie brachte es nicht zustande, denn viele Worte machen, das war nie Kristins starke Seite gewesen. Statt dessen dachte sie an ihre Jugend und an Blomkvist, wie seltsam es ihr ergangen und wie gut alles endlich geworden war. Was sie jetzt hatte, das konnte ihr keiner nehmen, und an die Einsamkeit im Wald war sie so gewöhnt, daß sie sie nicht einmal mehr merkte. Anders Petters Geld Auf einem schlechten Hof weit draußen am Meeresstrand saß ein Bauer und grübelte darüber nach, wie er sich Geld verschaffen könnte. Der Hof war nicht so schlecht, als der Bauer glaubte. Denn es war viel Wald da. Aber der Bauer war nie auf den Gedanken gekommen, daß der Wald so viel wert sein oder daß man ihn abhauen und zu Geld machen könnte. Der Bauer hieß Anders Petter. In den letzten Jahren war ihm alles, was er unternommen hatte, schnurgerade wider Wünschen und Erwarten gegangen. Die Ernte war fehlgeschlagen, der Flachs war in einer Sturmnacht zerstört worden, und sein Sohn ging nach Amerika, weil er keinen andern Ausweg sah, der Einziehung zum Militär in Schweden zu entgehen. Aber trotzdem er volle fünfundfünzig Jahr alt war, dachte Anders Petter doch, es könne sich eines schönen Tages für ihn ebenso gut wie für so viele andere wenden. Seine Frau war älter als er, alt und kränklich von vielen Wochenbetten. Konnte sie nicht sterben? Konnte er sich nicht wiederverheiraten? Konnte er nicht neue Kinder haben, an Stelle aller derer, die gestorben waren und dessen, der nach Amerika gegangen war? Und wenn die Alte auch nicht starb, so konnte er darum doch Glück haben und alles konnte anders werden und besser, als es je gewesen war. Anders Petter hoffte immer auf bessere Tage. Das tat auch seine Frau, und hätten sie das nicht alle beide getan, so hätten sie die Last des Lebens gar nicht ertragen. Denn so, wie es jetzt war, hatten sie es nicht schön, und so recht einig waren sie für gewöhnlich auch nicht, wenn die Wahrheit gesagt werden muß. Anders Petter gerade gegenüber, auf der andern Seite der Bucht, wohnte ein anderer Bauer, der Johan Agust hieß. Er war Gemeinderat in seinem Dorf und ein ganz geriebener Kerl. Er wohnte so nah, daß man den ganzen Winter über und im Frühjahr, eh das Laub ausgeschlagen hatte, von Anders Petter aus das Dach des Wohnhauses auf Johan Agusts Hof und einen Schimmer der Glasveranda sehen konnte, die für die Sommergäste dort gebaut war. Johan Agust war es nämlich gut gegangen in all den Jahren, in denen es Anders Petter schlecht ergangen war. Ernte und Fischerei waren geraten, und sein Sohn war nicht darauf verfallen, nach Amerika zu gehen. Darum geschah es auch oft, daß Anders Petter und sein Weib scheel blickten, wenn sie zu Johan Agust hinüberschauten, und ihn beneideten, und in ihrem Herzen geheimen Groll gegen sein Glück empfanden. Aber Johan Agust, dem es gut ging, dachte seinerseits, es könnte ihm wohl noch ein bißchen besser gehen; das kam daher, daß Johan Agust die Zeitung las und daraus lernte, wie die Leute im Handumdrehen Geld verdienen konnten wie Heu. Besonders die Brandartikel über das unglückliche Norrland hatte er gelesen, wo die Bevölkerung durch schamlose Spekulationen ausgesaugt und die Wälder um einen Spottpreis verkauft wurden, während die Käufer, die aus zweiter Hand kaufen, Millionäre wurden. Nun war die Moral dieser Artikel, die alle darauf ausgingen, zu zeigen, wie unrecht das ist, an Johan Agust total verloren gegangen. Teils verstand er vielleicht all das Schöne und Erbauliche, das die Artikel enthielten, nicht recht, teils war er vielleicht auch nicht so angelegt, daß dies Schöne und Erbauliche ihm paßte. Denn Johan Agust war es nie auch nur im Traum eingefallen, daß er irgend welche Skrupel kennen könnte, wenn es galt, Geld zu verdienen. Darum ging die Moral der Brandartikel an ihm verloren. Den größten Eindruck machte auf Johan Agust die Tatsache, daß sich an Wald ein solcher Batzen Geld verdienen ließ, und mehr als einmal dachte er bei sich selbst: »Wär' ich bloß in Norrland, da sollt's der Kuckuck holen, wenn ich nicht auch vorwärts käme.« Aber Johan Agust war eben nicht in Norrland und dachte auch nicht daran, dorthin zu reisen. Als kluger Kerl, der er war, begann er statt dessen auf den Wald zu spekulieren, der ihm erreichbar war, und mehr als einmal saß er und blickte hinüber nach Anders Petter, bis er sich entschloß, an einem Frühlingsmorgen sein Boot zu nehmen und über den Sund zu rudern, um den der Wald in der Maisonne feucht schimmerte. Natürlich ruderte Johan Agust an Anders Petters Hof vorbei, ohne auch nur nach den Fenstern hin zu blicken, und er war längst auf der andern Seite der Landspitze, eh er es wagte, anzulegen. Als er so weit war, ging er rund um den Wald herum und mitten hindurch, maß und rechnete, so gut er konnte, und als diese Arbeit vollbracht war, kehrte er wieder nach Hause zurück und sagte keinem Menschen auch nur ein Sterbenswörtchen. Aber als er einmal dort gewesen war, konnte er nicht anders – er mußte noch öfter hin. Johan Agust gehörte zu denen, die eine Sache ein paarmal sehen und darüber nachdenken müssen, eh sie einen Entschluß fassen; und jedesmal, wenn er heimkam, war es fast, als wäre der Mann unsicher, ob auch der Wald noch immer so stünde, wie er ihn zuletzt gesehen hatte. Darum machte Johan Agust viele Fahrten hinüber zu Anders Petters Wald; jedesmal machte er einen weiteren Bogen über die See, damit man seine Absicht nicht merken sollte, und als der Sommer kam, ließ er die Hechtleine hinter dem Boot herziehen, damit jedermann denken sollte, der Gemeinderat vertreibe sich nur die Zeit mit ein bißchen Fischen. Aber – wie dem auch war – Anders Petter begann doch, sich darüber zu wundern, daß Johan Agust so oft in derselben Richtung vorbeiruderte, und eines Tages, als er ihn wie gewöhnlich über die Bucht rudern und hinter der Landspitze verschwinden sah, zog Anders Petter auf Kundschaft aus und nahm zur Sicherheit einen Umweg durch den Wald, um auf die Weise dahinter zu kommen, wo der andere hin wollte. Indessen traf es sich gerade, daß Anders Petter auf einem Hügelrücken sichtbar wurde, als Johan Agust eben sein Boot festmachte. Froh über seinen gelungenen Kniff mit dem Weg durch den Wald blieb er stehen und blickte hinunter, und gerade als der andere zwischen den Tannen verschwinden wollte, hallote Anders Petter hinab, so daß Johan Agust gezwungen war, sich umzudrehen. Anders Petter funkelte vor Wut. Was hatte der andere in seinem Wald zu schaffen? Johan Agust schämte sich, daß der andere ihn überrascht hatte, und er brachte es kaum über sich, zu grüßen. Darum ward anfangs, als die beiden zusammentrafen, nicht viel gesprochen. »Das ist gar kein so kleiner Wald, den du da hast,« sagte Johan Agust schließlich und sah aus, als wäre gar nichts los. »Bist du deswegen all die Tage herüber gefahren – um dir den anzusehen?« gab Anders Petter zurück. Er verstand nicht, und darum ward er immer zorniger. Jetzt hätte Johan Agust zupacken können. Aber es entsprach nicht seiner Gewohnheit, geradeswegs auf eine Sache loszugehen. Darum antwortete er: »Ich kann ja wohl gehen, wo ich will.« Dadurch war der Anfang zu einer großen Keiferei gegeben, nach der die beiden Alten als Feinde schieden. Johan Agust stieß sein Boot vom Land und ruderte wütend heim. Zwei Monate lang ging Anders Petter umher und grübelte darüber nach, was der Gemeinderat Johan Agust damit bezweckte, daß er in seinem Wald herumlief und nicht sagen wollte, weshalb er das tat. Es wurde Herbst, die Sommergäste zogen fort, die Birken schimmerten in Gold und Rot, es wehte stürmisch über die Bucht. Aber Anders Petter wußte noch immer nicht, was der andere in seinem Wald gewollt hatte. Und als nun die Abende länger wurden, hatte er Zeit genug, sich in einen Grimm hineinzugrübeln, der sich immer tiefer einfraß. Da kam eines Tages, als der Sturm sich gelegt hatte, Johan Agust über die Bucht gerudert. Diesmal ruderte er nicht vorbei, sondern legte an Anders Petters Brücke an, und als er den Kahn festgemacht hatte, ging er geradeswegs den Hügel hinauf, öffnete die Haustür und trat ein. Und diesmal hatte er ein großes, vollgeschriebenes Papier bei sich, das er vor sich auf den Tisch legte, als er sich setzte. Anders Petter hatte so seine eigenen Gedanken und war ganz voll von seinem großen Ärger, der während des Sommers noch gediehen war. Darum, bot er Johan Agust keine Bewirtung, sondern sah ihn nur steif an und wartete auf das, was kommen sollte. »Es ist lang her, daß wir zwei uns gesprochen haben,« meinte Johan Agust. »Freilich, ja,« entgegnete Anders Petter. »Und das letzte Mal warst du nicht so gefügig, wie jetzt.« »Nein, das ist wahr,« gab der andere zu. »Aber ich hab da auch noch nicht gewußt, was ich wollte, und darum hab' ich nichts gesagt.« »So, so, und das weißt du jetzt,« sagte Anders Petter. Bei sich aber dachte er: »Mich betrügst du nicht!« Da hustete Johan Agust lang und nachdrücklich und streckte die Hand aus. »Wir zwei sind doch immer gute Freunde gewesen,« sagte er. Anders Petter nahm die ausgestreckte Hand. »Das sind wir«, antwortete er. Aber in seinem Herzen dachte er neugierig: »Ei, ei, du Fuchs, wo willst du hinaus?« Es schien fast, als ob Johan Agust die Gedanken des andern erriete; es ist auch wohl möglich, daß dem so war. Denn diesmal machte er keine weiteren Ausflüchte mehr, sondern ging gradeswegs auf die Sache los und begann: »Ich hab' mir gedacht, es könnte ganz gut für dich sein, wenn du deinen Wald verkaufst.« »Willst du ihn kaufen?« sagte Anders Petter. Das Herz schlug ihm bis zum Hals herauf. Alles, was er gedacht und geträumt hatte von Geld und von der Möglichkeit besserer Tage schoß wieder in ihm empor, so daß er glaubte, ersticken zu müssen. Aber Anders Petter wußte auch, wenn er jetzt dem andern zeigte, daß ihm die Sache sehr am Herzen lag, so würde er nur der Verlierende sein. Und darum saß er steif und stumm, als hätte er nichts gehört, und ließ Johan Agust reden. Aber auch Johan Agust wußte, daß Worte manchmal Geld kosten. Darum ließ er das, was er sagen wollte, nur langsam und mühselig heraus, als schleppe er Holz auf dem Rücken. »Du willst nicht verkaufen?« fragte er, und machte Miene, das Papier wieder einzustecken. »Es kommt darauf an, was du bietest.« »Ne – – ein. Dir gehört der Wald – du mußt sagen, was du forderst.« »Ich hab' noch nie Wald verkauft, und nie jemand gebeten, Wald zu kaufen.« Das Ende war, daß Anders Petters Eva hereinkam und die Kaffeekanne auf den Tisch stellte und Anders Petter das Zubehör aus dem Schrank holte. Dann breitete Johan Agust sein Papier aus und Anders Petter suchte die Brille hervor. Er sah in der Nähe schlecht. Aber während Anders Petter las, ward es ihm ganz klar, daß der andere zwar wohl seinen Wald kaufen wollte, daß er selber aber kein Geld dafür kriegen sollte. Er las wieder und wieder, und seine Lippen bewegten sich, wie wenn er in der Kirche saß. Er verstand die Sache nicht. Und das verdroß ihn. »Wer hat denn das aufgesetzt?« fragte er endlich. »Bertil vom Dorf,« antwortete Johan Agust. »Seid ihr so gute Freunde jetzt?« sagte Anders Petter. Es war eine alte Geschichte, daß der Gemeinderat Johan Agust einst, vor vielen Jahren, Bertil, der Kirchenältester war, mit einem Pferd betrogen hatte; die Sache mit dem Pferd war die – es war blind. Die Geschichte passierte auf dem Jahrmarkt zu Norrtelje, und Bertil hatte damals wohl auch ein bißchen schlecht gesehen. Denn es war spät am Abend, als er kaufte, und er stand nicht mehr recht fest auf den Beinen. Und als er heimfuhr, kutschierte er in den Graben, und als es Tag wurde, bemerkte er, daß das Pferd ganz still stand, wenn man ihm mit der Faust vor den Augen herumfuchtelte. Da fuhr Bertil mit dem Pferd nach Johan Agusts Hof und verlangte den Gemeinderat zu sprechen. Als der herauskam, stellte er sich vor den Gaul hin, fuchtelte mit den Fäusten und schrie: »Du hast mich betrogen, Johan Agust! Der Gaul ist stockblind. Behalt du dein Tier und gib mir mein Geld wieder!« »Einen Fehler mag der Gaul ja haben,« antwortete Johan Agust, »aber das Geld ist mein!« Und dabei grinste er breit. Mit diesem Bescheid mußte Bertil wieder heimfahren – er konnte keinen anderen Ausgleich erlangen. Daraus entstand eine Feindschaft zwischen Bertil und Johan Agust, und solche Feindschaften dauern lang. Es war darum nicht verwunderlich, wenn es Anders Petters Bedenken regte, daß Bertil das Papier geschrieben hatte. Er glaubte natürlich, daß Bertil nichts umsonst tat, und daß das, was Bertil für seine Mühe erhielte, sein Wald bezahlen sollte. Natürlich behauptete Johan Agust, wenn nichts von der Bezahlung da stünde, so käme das davon, daß Anders Petter selbst bestimmen sollte, was er haben wolle; er zeigte dem Nachbar auch die Stelle im Kaufbrief, wo die Summe eingetragen werden mußte, wenn das Übereinkommen getroffen war. Diese Erklärung lautete ja ganz schön, aber Anders Petter fühlte sich nicht befriedigt dadurch. Er ward auch nicht befriedigter, als er erfuhr, daß das Geld nicht bar bezahlt werden würde. Auch dies erklärte Johan Agust auf seine Weise: wenn er erst das Seine bekommen hatte für den Wald, den er abzuholzen und zu verkaufen gedachte, dann würde auch Anders Petter das Seine kriegen, und das war ihm ja ganz sicher, wenn er doch das Papier hatte. Es war genau so, als hätte man das Geld auf der Bank oder in der Hand. Nur auf die Summe selber kam es jetzt noch an, und die sollte er selbst nennen. Sie würden sich schon einigen. Anders Petter saß und hörte das alles mit an. Aber auf den Leim ging er nicht so leicht. Er nahm die Brille ab und schob sie ins Futteral zurück. Das Papier gab er Johan Agust wieder. »Das ist eine Sache, die man sich nicht bloß ein mal überlegen muß,« erklärte er. Und damit mußte Johan Agust gehen. Anders Petter aber rief Eva herein und ließ sich mitten am hellen Vormittag noch einen Kaffee mit solidem Zubehör geben. »Jetzt hör' zu,« begann er dann. »Johan Agust will den Wald kaufen. Wir sind, der Kuckuck hol's, reich gewesen, und haben es nicht einmal gewußt! Jetzt kommen gute Tage! Hab' ich's nicht immer gesagt, einmal würden sie schon kommen? Jetzt fahren wir nach der Stadt. Und malen lassen wir, und alles fein herrichten. Und ein Pferd kaufen wir, und zwei Kühe. Und auch mehr Schafe. Die können draußen weiden, wenn der Wald fort ist. Einen Kirchwagen schaffen wir uns auch an. Und dann schreiben wir dem Jungen, dann kommt er vielleicht wieder heim.« Anders Petter ging so ins Zeug, daß Eva lange Zeit kein Wort mitreden konnte. Aber als er endlich schwieg, weil er eine Prise nehmen mußte, nahm Eva die Flasche und stellte sie weg. »Was kriegst du für den Wald?« fragte sie. »Das müssen wir zu allererst wissen.« Das wußte nun Anders Petter nicht genau. Aber er sah das Paradies offen, das war einmal ganz sicher. Wenn man nur ein bißchen Geduld hatte, so kam man auch schon hinein. Es galt jetzt bloß, nicht zu zeigen, daß einem die Geschichte am Herzen lag, und Johan Agust nicht ahnen zu lassen, daß man mit von der Partie war. Er sollte nur selber mit dem Angebot herausrücken, jawohl, und je länger man wartete, desto höher konnte es werden. Aber das war ganz und gar nicht Johan Agusts Idee von der Sache. Er hatte sich von Anders Petters Unzugänglichkeit keineswegs täuschen lassen, und sobald sich Gelegenheit bot, kam er wieder. Aber Anders Petter wollte nicht sagen, was er verlangte, und Johan Agust nicht, was er geben wollte. Dreimal kamen die beiden zusammen und dreimal gingen sie auseinander, ohne daß einer den andern dazu gebracht hätte, etwas Bestimmtes über den Preis zu sagen. Beim vierten Mal aber mußte Johan Agust doch daran, denn er wollte doch gern so bald als möglich mit Abholzen beginnen, so daß während des Winters die ersten Fuhren fortgeschafft werden konnten. Als er sich aber endlich dazu entschloß, das Blatt vom Munde zu nehmen, rückte er mit einem so niedrigen Angebot heraus, daß Anders Petter auffuhr und bei seiner ewigen Seligkeit schwor, eher würd' er den Wald selber abhauen und verkaufen! Johan Agust wußte nun freilich, daß der andere das nicht konnte. Denn dazu fehlte es ihm an Leuten und auch an Betriebskapital. So mußten denn die Zusammenkünfte von neuem beginnen, und diesmal war es Anders Petter, der zum Gemeinderat hinüber ruderte. Es gab eine feine Bewirtung, und eh sie auseinander gingen, hatte Johan Agust ein paar Tausend oder so zulegen müssen. Denn Anders Petter hatte sich begreiflicherweise erkundigt. Er war beim Pastor und beim Schultheiß gewesen und sogar bis nach Norrtelje gefahren um der Geschichte willen. Da hatten sie den Kubikmeter für ihn ausgerechnet, so daß er nun wußte, woran er sich zu halten hatte. Und er verschwor sich hoch und heilig, er würde seinen Wald nicht unter fünfzehntausend Kronen hergeben. Denn er war zwanzig oder fünfundzwanzigtausend wert. Darum saß er und drehte und krümmte sich, und trank Kaffee und Schnaps und rauchte Zigarren, die Johan Agust im Dorfladen gekauft hatte, und schwitzte und wand sich des lieben Geldes willen, daß er ganz mager und bleich wurde und es ihm nach innen schlug. Jede Nacht im Traum sah er die größten Noten der Reichsbank, auf denen in jeder Ecke tausend Kronen stand, und während er schlief, zahlte er laut Geld, so daß Eva sich im Bett aufsetzen und nachsehen mußte, ob er nicht wach und gänzlich verrückt wäre. Sie fürchtete sich fast ein bißchen vor ihrem Mann, denn er war keiner von denen, die die Dinge nehmen, wie sie genommen sein wollen, und wenn etwas passierte, das ihm zu schaffen machte, so ging es nicht mehr so leicht an ihm vorüber wie in der Jugend. Anders Petter litt nämlich daran, daß alles sich bei ihm nach innen schlug. Er war auf lange Zeit wie dahin, wenn er über etwas nachgrübeln mußte, und er grübelte über alles nach, – über Dinge, die geschahen und Dinge, die nicht geschahen. Die Zeit war indessen weiter geschritten, es ging schon auf Weihnachten, und die beiden Bauern begannen schließlich der ungewohnten Arbeit, die ihnen keine Ruhe ließ, müde zu werden. Da erhöhte an einem grimmigen Dezemberabend Johan Agust sein Angebot, so daß es nun bis auf vierzehntausend Kronen stieg. Aber als er das getan hatte, schwor er bei allen Heiligen und bei allem, was er kannte, weiter gehe er nicht. Da ließ sich auch Anders Petter erweichen und schlug zu; und am späten Abend noch ward es eingetragen. Auch nach Bertil wurde geschickt. Und als alles geordnet war, ging es hoch her, es wurde ein Nachtessen aufgetischt, und die Tausendkronenscheine wirbelten wie große Fledermausflügel um die Augen der Männer. Das Dämmern des Rausches senkte sich wohltuend über ihre erhitzten Sinne, und in der Dämmerung erblickten sie Sterne, die blinkten wie das röteste Gold. Aber als Anders Petter heimfuhr, war er betrübt. »Um tausend Kronen hat der alte Fuchs mich geprellt,« sagte er, als er ins Haus trat. »Tausend Kronen hat er mir abgeknöpft, hol' ihn der Henker!« Mit diesem Abendgebet schlief er ein. »Tausend Kronen hab' ich doch zu wenig gekriegt.« Mit diesem Morgengebet wachte Anders Petter wieder auf. Und als er sich angezogen hatte, ging er vors Haus hinaus, stellte sich hin, sah den Wald an, den er verkauft hatte, und fluchte sorgenvoll. Es stand nicht lange an, so kamen Leute in den Wald. Lauter Leute Johan Agusts, und wo seine eigenen nicht ausreichten, dingte er andere aus der Umgegend. Sie kamen mit Axt und Beil, mit Sägen und großen Futtersäcken, sie hieben die Bäume um und ästeten sie ab und maßen. Die großen Bäume wurden zu Bauholz gefällt, die kleinen zu Brennholz und Reisig zurechtgehauen. In der Mittagspause ging ein Fäßchen herum, und es war ein Treiben durch den ganzen Wald wie bei einem Ziegeunerlager. Zuerst hatte Johan Agust freilich die Mühe des Abholzens von sich abladen wollen. Er wollte so billig wie möglich zu allem kommen, das war ja nur natürlich. Darum kam er eines Tages zu Anders Petter und schlug ihm vor, er sollte das Ganze übernehmen. »Du verdienst dann noch mehr, verstehst du wohl?« sagte Johan Agust. »Wenn du das Abholzen und die Fuhren und die ganze Geschichte übernimmst, dabei fällt ein klotziger Batzen Geld ab.« Und Johan Agust nannte eine runde Summe, an der Anders Petter ein paar Tage lang stillschweigend kaute. Als sie dann wie zufällig wieder zusammenkamen, hatte Anders Petter lange genug gekaut. Aber er wollte erst wissen, ob er schlucken oder ausspucken mußte. Darum sagte er: »Bis wann müßte alles fertig sein?« »In drei Jahren,« sagte Johan Agust und blinzelte. »Und wenn ich Pech habe und nicht fertig werde, wie wird es dann?« fing Anders Petter wieder an. »Freilich wirst du fertig. Drei Jahre sind eine lange Zeit,« antwortete Johan Agust. »Ja, aber wenn?« beharrte Anders Petter. »Es müßte natürlich eine Strafsumme im Kontrakt eingetragen werden,« erwiderte Johan Agust langsamer und blickte zur Seite. »Sie wäre gerade so groß, wie die, die du sonst zu bekommen hättest. Aber du brauchst sie ja nicht zu bezahlen, so daß gar kein Risiko dabei ist.« Da wußte Anders Petter, – den Bissen schluckte er nicht! In großen Affären war er nicht gerade schlau, aber in kleinen war es nicht seine Gewohnheit, sich prellen zu lassen. Darum spuckte er bedächtig aus und lachte. »Dann hätt' ich also die Arbeit umsonst getan, und du würdest noch für das bezahlt, was ich getan hätte,« sagte er. »Da begnüg' ich mich lieber mit meinen vierzehntausend.« So ging es zu, daß Anders Petter auf den Extraverdienst durch Abholzen und Fuhren verzichtete, und daß Johan Agust das Abholzen selber besorgen mußte. Und Anders Petter ging umher und sah zu, wie die Leute arbeiteten. »Das ist mein Wald, der da geht,« dachte er. Und um einstweilen wenigstens etwas Sicheres zu haben, half er selber im Taglohn im Wald. Auf diese Weise brachte er die Zeit herum, und es fiel doch immerhin etwas dabei ab. – – Die ganze Zeit über aber wartete Anders Petter darauf, daß der Tag anbrechen sollte, an dem das ersehnte Geld einbezahlt werden müßte. Er mußte recht lange warten. Denn es nimmt Zeit, einen ganzen Wald abzuholzen; auch das zum Strand-Hinunterschaffen geht nicht so schnell. Aber auf jeden Fall ging es doch. Jedes Frühjahr kam Schiff um Schiff, ward mit Holz und Pfählen beladen und segelte ab. Auch kleine, flinke Schleppdampfer kamen. In langen, durch Ketten verbundenen Reihen ward in ihrem Kielwasser das Bauholz zur Hauptstadt oder nach andern Landungsplätzen der Küste geschleppt. Jeden Herbst begann die Arbeit im Wald von neuem, und Anders Petter ward nicht müde, sich darüber zu wundern, wie es möglich war, daß immer noch so viel da wäre. Schließlich aber kam doch der Tag, an dem nur noch Stumpf neben Stumpf zu sehen war, wo der alte Wald gestanden hatte, und nun fing Anders Petter an, daheim zu hocken und in seinem Papier zu lesen, um zu ergründen, ob er nicht bald das Recht hätte, wenigstens etwas von seinem Geld zu fordern. Johan Agust lief mit strotzender Brieftasche herum und sackte nur immerzu ein. Jeden Herbst fuhr er nach der Stadt und brachte Geld auf die Bank. Aber Anders Petter, dem doch eigentlich der Wald gehört hatte, kriegte auch nicht einen Öre zu sehen, und immer weniger ward er aus dem Papier klug, das er erhalten hatte. War da irgend ein Kniff, hinter den er nicht kommen konnte? Oder nicht? Anders Petter war kreuzunglücklich, weil er der Geschichte nicht auf den Grund kam, und jeden Tag versuchte er sich darauf zu besinnen, wieviel er eigentlich an jenem Dezemberabend getrunken hatte, als er unterschrieben hatte. Andere fragen mochte er nicht gleich. Er schämte sich. Und das Geld mußte ja doch einmal kommen. Ein Mensch konnte doch nicht seinen Wald nehmen und ihn ihm vor der Nase weg verkaufen, ohne daß er selber auch nur einen Öre dafür kriegte. Es gab ja doch Recht und Gesetz für ihn ebenso gut, wie für alle andern. Im Frühjahrsbeginn, genau drei Jahre nach dem Tag, an dem Johan Agust zu Anders Petter hinübergerudert war und die beiden im Wald zusammengetroffen waren, ruderte darum Anders Petter zum Gemeinderat hinüber und fragte ihn gerade heraus, was er denn meine, und wann er denn einmal zu seinem Geld käme. Johan Agust wartete einen Schnaps auf und war freundlich und spendabel. Aber vor Herbst könnte es nicht sein. Das erklärte er ganz bestimmt. Denn vorher wären die Geschäfte nicht abgewickelt, behauptete Johan Agust. Was diese Antwort eigentlich bedeuten sollte, verstand Anders Petter nicht. Aber er gab sich zufrieden mit der Sache, so wie sie eben war, und ruderte heim. Er konnte ja auch nichts anderes tun. – – – Als der Herbst kam, ruderte er wieder zum Gemeinderat hinüber. Aber bei diesem Besuch führte Johan Agust sich so sonderbar auf, daß Anders Petter unruhiger ward als je. Johan Agust holte nämlich ein großes Buch herbei, voll von Zahlen und Abrechnungen, und aus denen sollte hervorgehen, daß er, der Gemeinderat Johan Agust, an der ganzen Geschichte gar nichts verdient hätte; es war alles nur Mühe und Arbeit gewesen, aber kein Verdienst. Anders Petter saß und dachte darüber nach. Geschriebenes zu lesen ging bei ihm langsam. Aber endlich schien ihm, nun wäre ihm alles so klar, daß er nur wünschte, er dürfte um sich hauen. »Das bedeutet, daß ich gar nichts haben soll,« brach er aus. Nein, meinte Johan Agust, das bedeutete es nicht. Es bedeutete bloß, daß er Geduld haben und warten sollte – bis bessere Zeiten kämen. »Ich habe drei Jahre lang gewartet,« sagte Anders Petter. »Das ist lang genug.« Er war so zornig, daß seine Stimme zitterte. Johan Agust wollte erklären. Aber Anders Petter ließ es nicht zu und mochte nichts hören. »Du hast immer noch deinen Hof,« schrie er »Und ich habe das Papier. Und mein Geld bekomm' ich, und wenn ich vors Gericht muß!« Damit ging Anders Petter seines Wegs; seine Beine zitterten unter ihm. Denn nun schien es Anders Petter, als sähe er so klar wie in einem Gesicht, wohin das Geld gekommen wäre und daß er für sein Teil auch nicht den Schatten eines einzigen Öre zu sehen kriegen würde. Aber fügen würde er sich nicht, und wenn sie ihm sein Herzblut abzapften, alle die, die jetzt wider ihn waren. Als er auf die Treppe hinaustrat, wandte er sich um und ballte die Faust gegen Johan Agust. »In einer Woche komme ich wieder,« sagte er. »Und ich rate dir, daß du dann das Geld da hast. Sonst kommt der Schultheiß.« Damit schob Anders Petter gemächlich das Boot vom Land ab und setzte sich an die Ruder, ohne auch nur einmal noch aufzublicken. Er ruderte bloß heim, daß der Schaum um das Boot aufrauschte. Johan Agust blieb auf seiner Landungsbrücke stehen und sah dem andern nach, der eigensinnig zwischen seine Kniee starrte und wegruderte, daß die Ruder knackten. Er wollte Anders Petter erst zurückrufen, aber das tat er doch nicht. Johan Agust wußte nämlich recht wohl, daß, wenn er überhaupt zu einem Vergleich die Hand böte, er ihn unter keinen Umständen mit weniger als vierzehntausend Kronen, die er nun einmal schuldig war, zustande brächte. Und während er daran dachte, fuhr seine Unterlippe heraus, die Augen wurden ganz klein und der Mund kniff sich zusammen, als hätte er das Geld zwischen den Zähnen und wollte es um keinen Preis herauslassen oder auch nur zeigen, wo es steckte. Denn so weit war es mit Johan Agust gekommen, daß die Liebe zu dem Geld, das nicht ihm gehörte, ihm in Fleisch und Blut übergegangen war. Er empfand einen derartigen Widerwillen gegen den Gedanken, es von sich zu geben, daß es auf ihm lag wie eine der großen Sorgen, die den Menschen krank machen. Ihm schien, er würde arm und von allem entblößt, wenn er gezwungen würde, Anders Petter zu geben, was ihm zukam. Sobald er versuchte, sich die Stunde vorzustellen, in der er vierzehn große neue Scheine hervorholte und hergab, Scheine, die er von sich selber losriß, meinte er auch immer zu sehen, wie Anders Petter sie zählte und betastete, sie zu sich steckte und ging. Johan Agust schauderte beim bloßen Gedanken. Wessen war das Geld, das jetzt auf der Bank lag? War es nicht sein? Summe für Summe hatte er es hingebracht. Schöne, weiße Quittungen hatte er dafür erhalten. In den Quittungen stand – ja, da stand just das, worein keiner seine Nase zu stecken brauchte! Es war so geworden, weil er die Idee gehabt hatte! Was hatte denn Anders Petter getan? Umhergelaufen war er und hatte bloß das Maul aufgesperrt und genommen! War es vor Gott und Menschen recht, so viel Geld zu kriegen, bloß weil der Wald zufällig auf der unrechten Seite der Bucht gewachsen war? Johan Agust biß die Zähne zusammen, ging zum hundertsten Mal in seine Stube, nahm die Bankquittungen aus der Chiffonière, las sie durch, schrieb die Zahlen auf ein paar Zettel und addierte die Tausender. Das hatte er schon viele Male getan. Es wurde nicht mehr und nicht weniger, so oft er auch zählte. Aber jedesmal fühlte Johan Agust sich gleichsam ruhiger, weil er aufs neue gezählt hatte. Den ganzen Tag nach der Unterredung mit Anders Petter konnte Johan Agust indessen nicht zur Ruhe kommen. Als es Nachmittag war, nahm er seine Mütze, zog den Rock über das Wollwams an und machte sich auf den Weg ins Dorf, wo Bertil wohnte. Warum er eigentlich gerade zu Bertil ging, vermochte Johan Agust sich selbst nicht zu erklären. Aber Bertil war ein schlauer Bursche, und ein bißchen dickfellig war er auch. Jedem Beliebigen kann man solche Pläne nicht anvertrauen, wie die, mit denen Johan Agust jetzt sich beschäftigte. Und es kann wohl sein, daß Johan Agust gleichsam einen Instinkt dafür hatte, daß Bertil derjenige war, der ihn am besten verstehen konnte. Übrigens war Bertil auch derjenige, der ihm seinerzeit geholfen hatte, das Papier zu schreiben, über das Johan Agust nun nachgrübelte in dem Gedanken, ob er es nicht auf irgend eine erdenkliche Art ungeschrieben machen könnte, und dadurch machte es sich ja ganz natürlich, zu Bertil zu gehen. Während er auf dem Waldweg weiterging, fiel Johan Agust jedoch die Geschichte mit dem blinden Gaul ein und wie er einst Bertil beim Kauf betrogen hatte. Das bereute er jetzt. Denn wäre diese Geschichte nicht gewesen, so hätte er sich gleichsam sicherer gefühlt. Doch tröstete sich Johan Agust damit, daß die Sache ja alt und abgetan wäre. Und damit trat er denn bei Bertil ein und setzte sich. Es dauerte natürlich eine gute Weile, eh Johan Agust mit dem herausrückte, was er auf dem Herzen hatte. Bertil hatte Kognak zum Kaffee hergetan, er wollte es immer feiner geben als andere. Aber Johan Agust achtete gar nicht einmal auf die Bewirtung. Er saß da und schluckte seine Kognake, als täte er es im Schlaf, und redete von dem Kontrakt und vom Wald und von Geld und von den schlechten Zeiten. Aber was er eigentlich sagen wollte, das vermochte er nicht auszusprechen und hätte es sein Leben gegolten. Wie er aber so dasaß und sich innerlich abhaspelte, begann Bertil zu begreifen, wo der Schuh drückte. Er blickte Johan Agust von der Seite an und strich seinen roten Kinnbart. Und dann begann er langsam und bedächtig: »Du möchtest das Geld nicht hergeben, damit du es selber behalten kannst.« Johan Agust fühlte sich erleichtert, sobald das Wort ausgesprochen war, und er wußte, daß er recht geraten hatte in seinem Glauben, daß Bertil ihn verstehen würde. Aber er wollte nicht so rasch zu viel verraten. »Das wird sich nicht machen lassen,« sagte er darum, und seufzte. »Nein, nein,« meinte Bertil. »Es ist schwer, von dem loszukommen, was einmal geschrieben ist.« »Freilich. Und sich mit dem Gesetz einlassen, das tut nicht gut.« »Nein, davor muß man sich in acht nehmen,« sagte Bertil andachtsvoll. »Das muß man, freilich,« antwortete Johan Agust. »Aber es kostet einen was.« »Es kann einen so noch mehr kosten,« meinte Bertil, und freute sich. Er dachte just in diesem Augenblick an den blinden Gaul. »Hast du mit Anders Petter geredet?« forschte er nach einer Weile. »Ja, das hab' ich,« erwiderte Johan Agust. »Er sagt, wenn er das Geld innerhalb einer Woche nicht hat, so nimmt er mir den Hof. Kann er das?« »Das kann er,« sagte Bertil und schob ihm das Kognakglas hin. Aber Johan Agust beachtete den Kognak noch immer nicht. Er saß und blickte starr in die Dämmerung, die sich in der Stube verdichtete. Er konnte sich nicht von dem Gedanken an seine schönen Quittungen und an den Hof losmachen, und ihm schien, als wäre das Ganze ein einziger schrecklicher Wirrwarr, den kein Mensch in Ordnung bringen könnte. Bertil konnte freilich helfen, wenn er frei von der Leber weg sprechen wollte. Statt dessen saß er nur da und meinte – und dachte –. Und Johan Agust saß da und schraubte an sich selber herum und fragte sich, ob er heimgehen und die Hoffnung fahren lassen müsse. Da stand Bertil auf und zündete die Lampe an. Als das geschehen war, stellte er sie so, daß er Johan Agusts Gesicht sehen konnte. »Hast du je Geld aufgenommen auf den Hof?« sagte er zuletzt. »Nein,« antwortete Johan Agust und sah großartig aus. »Der Hof ist mein.« »Das ist dumm,« meinte Bertil. »Hättest du eine Hypothek auf dem Hof stehen – wir wollen sagen, vierzehntausend Kronen – so könnte er ihn dir nicht nehmen. Denn viel mehr ist der Hof ja wohl nicht wert.« Johan Agust saß und grübelte über dies nach. Aber Bertil fuhr fort, als wenn gar nichts wäre: »Ich könnte dir in der Geschichte schon dienen, wenn ich wollte. Aber vielleicht paßt dir die Art nicht?« Johan Agust blickte fragend auf. Er verstand nicht. »Du schreibst einen Schuldschein auf mich, eine Hypothek nennt man das. Dann gehört der Hof mir, und Anders Petter kann sich das Maul nach seinem Geld lecken.« »Recht ist das aber nicht,« wandte Johan Agust ein. Aber der Einwand kam so schwach heraus, daß der andere sofort wußte, wie er mit seinem Mann dran war. Darum ward Bertil nun deutlicher. Denn er verstand sich auf Geschäfte, und hatte schon mehr als eine Sache, die nicht ganz sauber war, zu einem glücklichen Ende geführt. So lächelte er jetzt ein vielsagendes Lächeln und fuhr fort: »Wenn du darüber schweigst, daß du kein Geld gekriegt hast, und ich verschweige, daß ich dir keines gegeben habe, so kann kein Mensch etwas darüber sagen. Und recht vor dem Gesetz ist es. Das weiß ich.« Es währte lang, eh Johan Agust an diesem Abend von Bertil nach Hause zurückkehrte. Wenn zwei Menschen sich in dieser Weise finden und übereinkommen, zusammenzuhalten, da wird die Vertrautheit groß, und der Gesprächsstoff geht nicht aus. Nie zuvor hatte es Johan Agust solche Freude gemacht, reden zu können, und nie waren ihm die Worte so leicht geworden. Bertil war sein Freund. Bertil verstand ihn. Alle alten Geschichten waren vergessen, und das Geld für das Pferd würde er ihm zurückgeben. Mit Zinsen! Prosit! Sechs Prozent! Johan Agust schwor, was Bertil jetzt täte, um einem Menschen zu helfen, das sollte er nicht umsonst tun. Und Bertil schwor, er würde das Papier zu unterst in seiner Kiste verstecken und es wie seinen Augapfel hüten. Kein Mensch solle Wind davon bekommen, wie der Zusammenhang war. Das Papier ward geschrieben und Johan Agust unterzeichnete selbst. Es kamen Leute, die die Namensunterschrift bezeugen sollten, damit alles sicher und gültig wäre, obwohl Johan Agust beteuerte, er wäre nicht derjenige, der seinen Namen verleugne. Die Zeugen wurden jeder mit einem Kognak traktiert und konnten dann wieder gehen. Und als Johan Agust auf dem Heimweg war, stand es ihm klar vor Augen, wie die Geschichte gedeichselt werden mußte, und daß er einen Freund gefunden hatte, auf den er bauen konnte. Im Wald begegnete er seinem eigenen Knecht, der von einem Stelldichein kam und vor Bestürzung unter einer Tanne stehen blieb, als er sah, daß dies sein Herr war und zu hören glaubte, daß Johan Agust sang. Aber das war vermutlich Einbildung. Denn Johan Agust sang nie, weder allein noch in Gesellschaft. Von dem Tag an aber ging Johan Agust umher wie neugeboren, froh wie ein Spielmann und zufrieden wie ein reicher Erbe. Er sehnte sich bloß darnach, daß Anders Petter wiederkommen und sein Geld verlangen sollte. Den Kragen, den sollt er kriegen, aber nicht die Krawatte, jawohl! Anders Petter kam auch, und als er kam, redete Johan Agust davon, wie unglücklich es sich träfe, daß sein Hof nun nicht länger ihm gehörte, sondern daß er eine Hypothek hatte aufnehmen müssen, bei Bertil, der ihn mit schweren Zinsen seit Jahren aussauge. Anders Petter stand da, als ob der Blitz auf ihn niedergefahren wäre, und ohne weiter zu fragen, machte er sich direkt auf den Weg nach dem Dorf, um Bertil zu sprechen und das Papier zu sehen. Er sah es auch, und Bertil selber half ihm beim Lesen, weil Anders Petter Geschriebenes so schwer lesen konnte. Anders Petter hörte andächtig zu und las Zeile um Zeile mit, damit Bertil nicht etwa lesen könnte, was ihm beliebte. Mit eigenen Augen sah er, daß der Name und alles in Ordnung und richtig war. Da war ihm, als hätte er den Todesstreich empfangen, und ohne auch nur Danke oder Adieu zu sagen, ging er auf demselben Weg, den er gekommen war, wieder zurück. Als er an Johan Agusts Hof vorbei kam, stand der Gemeinderat am Zaun und grinste ihn an. Das tat Johan Agust, weil er sich wirklich glücklich fühlte und ruhig, und sich in vollem Ernst in seinem guten Recht glaubte. »Du bist ein Hallunk', Johan Agust,« sagte Anders Petter, und seine Beine wankten unter ihm. »Aber Gott wird dich schon strafen, daß du es bereust, und wenn du dich schon dem Teufel verschrieben hast!« »Bereuen werd' ich schon nicht, aber vielleicht du!« antwortete Johan Agust. Und mit diesem Bescheid schieden er und Anders Petter. Anders Petter ruderte schnurstracks heim und ließ das Boot stehen, wie es stand, ohne die Ruder herauszunehmen. Mit gekrümmtem Rücken und schwachen Knieen ging er mitten in die Stube. Dort stand er still und redete so wirr und machte solch seltsame Bewegungen mit Kopf und Körper, daß seine Frau ums Leben nicht bei ihm in der Stube bleiben konnte. Sie ging hinaus auf den Hügel und setzte sich hin und weinte. Sie glaubte, der Alte wäre verrückt geworden und es würde nie wieder recht werden. Verrückt wurde Anders Petter nicht. Aber recht wurde es auch nicht wieder. Denn Johan Agust hielt Wort und bereute nicht. Mit jedem Halbjahr, das verging, wurde er fetter und großartiger, er brachte seine Ernten ein und zog das Netz aus dem See. Jedes Jahr fuhr er nach der Stadt und erhob seine Zinsen, und er war so wohl daran, daß er seine Kinder auf die Volkshochschule schickte. Bertil und er machten Geschäfte miteinander, und sie waren so gut Freund und so unzertrennlich, daß sie geradezu sprichwörtlich wurden im Dorf. Aber eines Tages war's aus mit der Freundschaft, und das geschah, als Bertil zu Johan Agust kam mit der Hypothek und verlangte, er solle sie mit vierzehntausend Kronen einlösen. Johan Agust hatte die ganze Geschichte und das Papier und alles total vergessen. Alles war ihm so gut von der Hand gegangen, und jetzt stand das Haus in hellen Flammen, und er hatte die Brandversicherung vergessen! Johan Agust versuchte, zu tun, als wäre das Ganze ein Scherz. Aber der Köder zog nicht. Das sah er gleich. Denn Bertil blieb dabei, das Papier wäre richtig. Johan Agust konnte nicht fassen, daß er vergessen hatte, das Papier zurückzufordern, und jetzt reute ihn das bitter. Anders Petter, der Ärmste, der ohne Geld und Wald dasaß, hatte in dieser Reue keinen Raum. Johan Agust dachte, wie immer, nur an sich selber. Er ward feuerrot im Gesicht, als sollte ihn der Schlag rühren, und sah dabei so wild aus und gefährlich wie ein gereizter Stier. Aber Bertil sah den Gemeinderat ruhig an und sagte: »Nicht hauen, Johan Agust! Damit gewinnst du nichts! Denn ich bin stärker.« »Ich bring' dich vors Gericht,« heulte der Gemeinderat. »Das Papier ist falsch.« »Das wirst du schon bleiben lassen, Johan Agust. Du hast es ja selber geschrieben.« Da packte die Reue Johan Agust so tief, daß er fast weinte. Aber Bertil strich sich übers Kinn und sagte: »Wäre nicht das mit dem blinden Gaul gewesen – du weißt – so wär' ich nie darauf gekommen.« Damit ging Bertil, und Johan Agust wußte, nun saß er fest. Die Sache war nämlich die: Anders Petter war vor zwei Jahren zum Schultheiß gegangen und hatte dem seine Not geklagt. Da ward das Papier hervorgeholt, und Johan Agust hatte vor dem Schultheiß bezeugt, daß die Schuldverschreibung an Bertil, der Hypothekenhandel und alles, echt und richtig wäre. So unglaubhaft es klingt, so ist dies doch die wahrhafte Geschichte vom Waldkauf am Meeresstrand, und wie schlecht es geht, wenn ein Mensch das Geld zu seinem Abgott macht. Johan Agust und Bertil bedrohen sich noch heutigen Tages gegenseitig mit Prozessen, und Bertil hat jede Woche die größte Mühe, Geld aus Johan Agust herauszupressen. Anders Petter sitzt auf seinem abgeholzten Hof und droht nicht mit Prozessen. Denn das hatte der Schultheiß ihm gesagt: »Was du auch tust, Mensch,« hatte er gesagt, »prozessier' nicht! Da kommst du bloß vom Regen in die Traufe.« Darum stand Anders Petter von derartigen Racheplänen ab. Aber er empfiehlt seit Jahren seinen Widersacher täglich und stündlich dem Wohlwollen Gottes und des Teufels, und in letzter Zeit freut er sich; denn seine Gebete scheinen Erhörung zu finden. Johan Agust ist im letzten Jahr abgemagert und hat sehr eingezogen mit seinem Staat. Er macht auch keine Geschäfte mehr, weder mit Bertil, noch mit andern. Und wenn er zur Stadt fährt, so geschieht es nicht, um Geld auf die Bank zu bringen. Sammel 1. Dies ist die Geschichte eines Mannes, der in eine angesehene Familie kam und eine gute Heirat machte und sich doch nicht zufrieden geben konnte, weil er nicht gemacht war für das ruhige Leben, nach dem andere Menschen streben. In der Ferne sehnte er sich heim, und daheim sehnte er sich fort, und schließlich ward er einer von denen, über die die Menschen lachen, als über Narren. Der Name dieses Mannes war Sammel, und obwohl er Samuel getauft war, kannte man ihn nie unter einem andern. Sammel war ein junger Seemann und war eben heimgekehrt. Sammel schritt einsam des Wegs daher, der nach dem Dorf Brunna führte. Sammel war der verlorene Sohn, der sein Erbe in der Fremde und unter Dirnen verpraßt hatte. Sammel hatte keinen Vater, zu dem er gehen konnte, und hatte nie einen gehabt. Der ihm das Leben gegeben hatte, war von seiner Mutter weggelaufen, noch eh Sammel geboren ward, und seine Mutter war nach seiner Geburt vor Gram und Not gestorben. Sammel hatte darum das Dorf zum Vater, und als er noch klein war, schickte das Dorf ihn in der Gemeinde herum. Der Pastor mußte ihm einen Namen geben, und damit wenigstens der Name ein ehrlicher wäre, erhielt er einen biblischen. Aber das Dorf, das sein Vater war, verwarf diesen Namen und nannte ihn Sammel, ernährte ihn mit gesalzenem Strömling, Kartoffeln und grobem Brot und vergaß ihn, sobald er draußen auf der See war. Als Sammel aufwuchs, ward er der Knecht aller, und erst im letzten Jahr seines Daheimseins kam er auf kurze Zeit bei einem Lotsen auf Gråskär in Dienst und lernte die See kennen. Da gefiel es ihm am besten. Aber ihn lockte die Freiheit, und an einem Frühlingstag verheuerte er sich auf einem Dampfer, der nach dem Mittelmeer fuhr, und verschwand aus Brunna und Gråskär. Sobald Sammel fort war, war er auch vergessen, und als er jetzt heimkam, war er vierzehn lange Jahre fort gewesen. Viel hatte Sammel in dieser Zeit erlebt, noch mehr hatte er gesehen, und während er jetzt den wohlbekannten Dorfweg hinschritt und die Flaggen im Mittsommerwind wehen sah, schien es ihm, als müßte das Dorf, das sein Vater war, ein Kalb schlachten, weil der verlorene Sohn heimgekommen war. Sammel kam in Seemannstracht mit einem roten Anker vorn eingenäht, und auf seiner Brust war ein Herz eintätowiert, aus dem die Flammen schlugen. Er hatte dies Herz einem Mädel in Singapore, einem andern in Port Natal, einem dritten in Hull und einem vierten in Barcelona gezeigt. Und allen hatte er gesagt, sein Herz brenne vor Liebe zu ihnen, und sie hatten ihm dafür ihre Liebe geschenkt und ihn glücklich gemacht, solang das Schiff vor Anker lag. Das waren frohe Tage für Sammel; er lebte wie im Himmel; aber wenn das Schiff die Anker lichtete und wieder hinauf aufs Meer zog, war Sammel ganz zufrieden, daß alles vorüber war. Die See packte ihn wieder mit Gewalt, und wenn er beim Steuer stand, sah er staunend empor nach dem fremden Sternenhimmel, der sich um einen Ozean ohne Grenzen wölbte. Auf seinem Rücken war Sammel nach vielen Richtungen hin um die Erde getragen worden. Er hatte den Atlantischen gekreuzt – in stillem Wetter und in Sturm – er war mit Schiffen vieler Nationen gefahren, und er konnte sich in mehr als einer Sprache verständlich machen. Er war in gutem Wetter draußen gewesen, wenn die Passatwinde das Schiff vorwärts trieben, ohne das man tagelang auch nur ein einziges Tauende festzumachen brauchte. Er hatte im Sturm beim Cap der Guten Hoffnung und am Cap Horn um sein Leben gekämpft. Einmal war er auf zwei zusammengebundenen Brettern an einer fremden Küste ans Land getrieben worden, und damals hatte er nicht mehr weiter können, wenn er nicht ein paar englische Goldstücke in einem Lederbeutel bei sich gehabt hätte, den er an einer Schnur um den Hals trug. Nie hatte Sammel in all dieser Zeit sich nach Hause gesehnt oder an die Heimkehr gedacht. Aber an einem Junimorgen begab es sich, daß er mit einem englischen Dampfer fuhr, der Kohlen nach Stockholm brachte, und als Sammel da sich den Schären näherte, stand er am Ruder still und sah, wie der Nebel sich über dem Leuchtturm von Landsort lichtete, der sich, umschwärmt von Möwen, über der nackten Klippe erhob. Und etwas Nasses kam in seine Augen. Er sah den Wald feucht im Morgenbrand der aufgehenden Sonne stehen, er sah die Möwen ums Schiff kreisen und die Eidergänse schwer über das grüngoldene Wasser streichen. Er sah die schlanken Birken und niedern Föhren, er begegnete einmastigen Booten mit grauen Segeln und las schwedische Mädchennamen auf den Hintersteven der schwerfälligen Rumpfe. Und Sammel ward von dem Heimweh gepackt, das er so lang vergessen hatte, und als er in Stockholm an Land ging, dachte er weder ans Wirtshaus noch an die Mädels, denen er sonst das tätowierte Herz gezeigt hatte, aus dem die Flammen schlugen. Er löschte, wie die andern, aber die ganze Zeit über war er wie verzaubert in seine eigenen Gedanken, und als er merkte, daß er dem nicht widerstehen konnte, was in ihm gärte und rang, ging er eines Tages zum Kapitän und bat um seine Heuer und sein Seemannsbuch und seinen Abschied. Denn Sammel konnte nicht anders – er sehnte sich nach dem Dorf, das sein Vater gewesen war und wo keiner mehr an ihn dachte. Er sehnte sich nach den roten Häusern mit den Ahornbäumen und Birken darum. Er sehnte sich nach dem schmalen Sund, wo der Hecht hinter den Steinen des Grundes auf der Lauer lag. Er sehnte sich nach den Kornfeldern und den blumigen Wiesenhängen. Ja, er sehnte sich dann und wann sogar nach den Menschen, und ihm deuchte, als wären sie gut gegen ihn gewesen, daß sie ihm zu essen gegeben und ihn aufgezogen hatten. So unwiderstehlich war diese seine Sehnsucht, daß Sammel noch am selben Mitsommerabend der Heimat zufuhr und viele Stunden lang auf dem Vorderdeck eines sonndurchglühten Dampfbootes eingekeilt stehen mußte, eh er endlich an Land kam. Als er dann vom Landungsbrett auf die Brücke trat, kam es ihm zum Bewußtsein, daß ihn in den feinen Kleidern, die er trug, und dem neuen Kinnbart, den er sich zugelegt hatte, niemand wiedererkennen würde. Ruhig und ohne zu grüßen schritt er durch die Menschenmenge, die an der Brücke stand, lächelte vor sich hin und wunderte sich, was sie wohl alle denken würden, wenn sie wüßten, wer der stattliche Seemann war. Sammel selbst erkannte alle auf der Brücke wieder, die Lotsen und ihre Weiber, die von Gråskär herübergekommen waren, den Gemeinderat Johan Erikson, Karl Andersson, den Bauer, und Anders Sjögren, den Fischer. Österman von Norrhofva war auch da und stolperte mit seinen krummen Beinen herum, und alle hatten sie ihre Frauen mit. Ein bißchen alt waren sie alle geworden, aber Sammel erkannte sie doch wieder, wenn auch die Jahre einigen von ihnen recht zugesetzt hatten. Sie kannten ihn nicht, und Sammel richtete sich kerzengerade auf und ging vorbei. Weiter oben an der Böschung stand die Jugend in einem dichten Knäuel. Die Mädchen standen in der Mitte und die Burschen umringten sie. Die Mädchen verkrochen sich unter ihren Kopftüchern, und Augen und Lippen blitzten lachend darunter hervor, wie Blumen aus den Blättern. Die Burschen betrachteten sie und irgend einer sagte irgend etwas. Aber keiner wagte sie anzurühren. Hier vorüberzugehen, das war am schwersten. Die Mädchen aus seiner Zeit waren wohl verheiratet, dachte Sammel; denn er sah keine von ihnen dabei. Bei den Burschen waren doch ein paar, deren er sich entsann und die er wiedererkannte. Aber auch an ihnen ging Sammel vorüber. Als er nun so stand – hier, wo er jeden Busch und jeden Stein, niemand aber ihn kannte, wurde er mit einemmal wie lahm und hatte zu nichts mehr Lust. Um allein zu sein, schlug er den Weg ein, der am Rand der Felder hinführte und in den Wald einbog. Aber obgleich er die Einsamkeit absichtlich aufsuchte, dachte er doch: »Wer doch jemand hätte, zu dem er gehen könnte!« Immer tiefer in den Wald ging er, er sah weder Häuser noch Menschen mehr. Durch die Tannen schimmerten die Strahlen der Mitsommersonne freundlich und mild, und Sammel blieb mitten im Wald stehen und sah dem Sonnenschein zu, der über Moos und Waldblumen fiel. Dann rief der Kuckuck. Zehnmal rief er – und zwar von Norden her. Lange wanderte Sammel so dahin, und seine Gedanken flatterten wie leichte Segel im Wind. Auf einem Umweg kam er aus dem Wald, und wieder lag vor seinen Augen das Dorf mit dem Birkenlaub vor den Türen und den Flaggen über den Hausdächern. Still und schweigsam standen die grünen Bäume um die alten Häuser her. Kein Hauch regte sich im Sonnenuntergang, unbeweglich standen die dunkeln Ufer mit ihren Tannen und Klippen oben in der stillen Luft und unten in dem klaren Wasser der Bucht, die spiegelblank zwischen den Ufern lag, und auf der noch kein Schilf aufgeschossen war. Da setzte Sammel sich nieder und sah über den Fjord hinaus. Jetzt wußte er, daß für ihn und um seiner Heimkehr willen kein gemästetes Kalb geschlachtet wurde. Am besten war's, er ging gleich wieder zurück. Er erinnerte sich jetzt ganz deutlich, wie alles gewesen war, und nichts mehr fiel ihm jetzt ein, wofür er hätte dankbar sein müssen. Immer hatte er gehungert daheim, und immer war er allein gewesen. Aber niemand hatte ihn unterkriegen können! Sobald er so groß gewesen war, daß er ein Boot hatte rudern können, hatte er sich, wenn niemand es sah, fortgeschlichen. Draußen am Meeresstrand segelte er mit Fischnetz und einem alten Feuerspeier, den er einmal, als er just Geld besaß, für eine Krone und fünfzig auf einer Auktion erstanden hatte, herum. Er plünderte die Vogelnester und briet Fische zwischen den Steinen. Hei, wie das schmeckte! Und immer war er allein. Herrgott, was setzte es für Prügel nachher, wenn er heimkam! Jeder, aber auch jeder einzige konnte ihn durchhauen! Denn sein Vater war das ganze Dorf – er hatte ja keinen andern. »Aber sie kriegten mich doch nicht unter, meiner Seel'!« dachte Sammel. »Niemand hat mich untergekriegt! Darum bin ich auch hinaus gekommen – in die Welt – und hinaus will ich wieder, damit ich nur fort bin und nicht mehr an all das Zeug zu denken brauche!« Sammel hätte sich nie gedacht, daß es so unerfreulich wäre, heimzukommen. Da klang durch das Schweigen des Abends ein Laut, bei dem der Seemann zusammenzuckte. Er wandte sich und lauschte. Es klang und es sang. Über die stille Weite, über der die Flaggen matt herniederhingen, weil der Wind sich gelegt hatte, ward der Klang einer Geige getragen, die zum Tanz aufspielte. Sammel stand auf. Zaudernd blickte er nach der alten Scheune in der Ferne, vor der die Menschen in dicken Gruppen standen. »Dort hab' auch ich früher gestanden!« dachte Sammel, »und bin nie hineingekommen!« Aber die Töne lockten ihn, und über die Geige hinweg, die knisterte und sang, hörte er das Geräusch der tanzenden Füße, die in langsamem Walzer auf den Scheunenboden aufschlugen. »Ich bin jetzt auch kein Lump mehr!« dachte Sammel. »Jetzt kann ich auch hinein – wie jeder andere!« Aber als er an die breite Öffnung der Scheune kam, wo die Torflügel weit offen standen, und die Gestalten drin sich im Tanz bewegen sah, taktfest und lärmend, da brachte Sammel es nicht über sich, weiterzugehen, sondern blieb am Tor stehen, bei den Alten, unter denen die Flasche kreiste. Da stand nun Sammel in seinem feinen Seemannsanzug und mit seinen Taschen voll Geld, und er, der in fremden Ländern gewesen war und Mädchen von jeder Couleur hatte tanzen sehen, daß das Blut brauste, getraute sich nicht hineinzugehen und eine schwedische Bauerndirne herumzuschwenken, hier, wo er doch daheim war! Er stand nur mürrisch da und mochte nicht tanzen. Nur all das noch einmal mit ansehen. Dann konnte er seiner Wege gehen, wie er gekommen war, und ein Dampfer würde sich schon finden, der ihn zur Stadt zurückbrachte. Drinnen wogte der Tanz in der Mittsommernacht. Die Geige hatte Verstärkung erhalten, eine neue war dazu gekommen. Fern im dunkelsten Winkel der Scheune saßen zwei Spielleute und strichen die Saiten, daß der Schweiß rann. Ihre Hände bewegten sich auf und ab, in kurzen Schlägen klangen die Striche zu Walzer, Polka und Schottisch. Ohne zu wissen, wie es zugegangen war, befand Sammel sich plötzlich mitten drin. Er erhielt von einem tanzenden Paar einen Knuff mitten auf den Leib, daß er niedertaumelte auf eine Bank, und als er aufsah, war um ihn her der Tanz in vollem Gang. Der Scheunenboden dröhnte unter Männern und Weibern, die umhertrampelten. Die Mädchen hatten die Arme um den Hals der Burschen geworfen, fest und zärtlich hielten sie sie so, und die Jungens schwenkten sie umher, Mal für Mal, ohne zu ermüden. Mitten im Wirbel sah man ab und zu einen vergnügten Mann, der ganz allein tanzte. Und rings um die Paare drängte sich die Dämmerung und schnitt gegen das Licht der Sommernacht draußen auf dem Hügel ab. Und all diese tanzenden, liebeslüsternen, warmen, verliebten Paare zeichneten sich gegen die lichte klare Luft der kühlen Juninacht, der Hochzeitsnacht des Sommers, ab. Sammel hatte andere Tänze gesehen, aber er erinnerte sich ihrer nicht mehr. Hier lag Scherz und Fröhlichkeit in der Luft! Hier war Mitsommertanz, und hier war er daheim! Hier wogte der Tanz, und hier schien die Sonne die ganze Nacht. Schweigend schwangen die Paare sich in der Runde. Man hörte nichts, als das Getrampel der Füße und die Klänge der Geige. Die Mädchen lachten nicht laut, die Männer machten keine Witze. Wie Schatten schwenkten sie sich herum. Und wie Sammel so da saß und sich all dies mit ansah, sprang ihm das Feuer ins Blut. Durch die Scheunenöffnung konnte er sehen, wie es hinter dem Wald, wo die Sonne unterging, feuerrot brannte. Durch das Schweigen vernahm er die schweren Atemzüge der Mädchen und sah die Augen der Burschen kühn werden. »Warum kann ich nicht auch mittun, wie jeder andere?« dachte er. Und die Paare vor ihm wurden undeutlich, verwickelten sich ineinander, daß der Tanz ward wie ein einziger Knäuel, der still stand, um sich zu entwirren, und schließlich weiter ging, wilder als zuvor. Da erblickte Sammel plötzlich ein Mädchen, das er vorher nicht gesehen hatte, und ihr Gesichtsausdruck war so, daß Sammel, ohne an das zu denken, was er tat, seine Mütze zurück in den Nacken schob und laut lachte. Das Mädchen war mitten im Tanz. Sie war barhäuptig und blond. Und man brauchte sie gar nicht genau zu betrachten, um zu sehen, wie ihr roter Mund lachte, und daß ihre Augen beim Tanzen leuchteten. Mit beiden Händen hielt sie sich um den Hals eines breitschultrigen jungen Mannes in blauem Rock und Schirmmütze festgeklammert. Unverdrossen schwenkte er das Mädchen mit den lachenden Augen herum. Als die Geigen verstummten, ließ er sie los und verschwand durch das offene Tor der Scheune. Das Mädchen sah ihm rasch nach und setzte sich. »Du bist dumm!« dachte Sammel, und lachte noch lauter bei sich selbst. »Grade jetzt hättest du nicht gehen sollen!« Er rückte weiter vor auf der leeren Bank, so daß er dem Mädchen näher kam. Und so jubelnd froh war er, als hätte er mit dem Mädchen Nacht für Nacht getanzt und nie an anderes gedacht. Wieder erklang die Musik, wieder glitten die Paare in den Tanz hinaus. Sommernacht und Töne brachten sie einander näher, schlossen sie Brust an Brust zusammen und zwangen sie in ihre schweigende Zaubermacht. Wie schwere Schatten bewegten sie sich im Dämmer der Scheune gegen das Licht des klaren Sommerhimmels, an dem die Sonne bald aufgehen mußte. Jetzt war auch Sammel im Zauber gefangen, und er saß dem Mädchen so nah, daß er kein Wort zu sagen brauchte. Er streckte nur die Hand aus und faßte um die weichsten Hüften, die er in seinem ganzen Leben berührt hatte. Barhäuptig war das Mädchen und blond, und los ging der Tanz! Sammel war voller Leben und Mut, und er wußte, das Mädchen hatte ihn gesehen, eh er sich ihr genähert hatte. Etwas regte sich jetzt in ihm, das betäubt werden mußte, etwas, das er von sich tanzen mußte. Es hatte ihn den ganzen Tag über verfolgt, seit er seinen Fuß auf das Deck des Dampfbootes gesetzt hatte. Es war im Wald neben ihm hergegangen und hatte an seinen Herzwurzeln gezerrt und gerissen, als er auf das Dorf blickte, das sein Vater war und nichts von ihm wissen wollte. Jetzt wollte er Entschädigung, jetzt würde er sie finden. Hallo! Aus dem Weg da! Jetzt tanzt Sammel, der in fremden Ländern gewesen ist und Geld im Sack hat, Sammel, der ein feuriges Herz außen auf der Brust, in jedem Hafen ein Mädel und innen in der Brust ein wildes Herz hat! Jetzt tanzt Sammel, der nicht mehr einsam ist! Wo hatte er dies Wort her? Wie war ihm das gekommen? Sammel tanzte einen Tanz und tanzte zwei Tänze! Als die Geigen schwiegen, saß er mit der warmen Hand des Mädchens in der seinen; er sah, daß sie zart von Haut war und blond, und daß ihre blauen Augen immer dunkler wurden. Zuletzt brauchte er den Arm gar nicht mehr von ihren Hüften wegzunehmen, und als es eng auf der Bank wurde, zog er sie sachte auf seine Kniee nieder, und sie blieb sitzen, wie die andern auch. Höher und höher stieg die Fröhlichkeit in der Mitsommernacht. Es war nicht mehr still jetzt in der Scheune, wo die Paare rot und erhitzt sich schwangen. Laute Rufe unterbrachen die Stille, Lachen stieg empor zum Gebälk des Daches, ward von dort zurückgeworfen und rollte wie ein Echo über die Felder. Der Spielmann stand auf der Bank, rot vor Eifer strich er die Geige, stampfte den Takt und sang aus vollem Hals. Die Paare konnten nicht länger innen bleiben. Sie gingen hinaus, an die Luft, wo der Waldrand von der aufgehenden Morgensonne purpurrot gefärbt war, verschwanden hinter den Häusern oder schlichen in die Hecken und kehrten wieder zurück – engverschlungen, um sich flammend aufs neue in den Tanz zu stürzen. Sammel fühlte nicht mehr, daß irgend etwas ihn drückte oder einengte. Die Welt war ja gar nicht so eng daheim. Weit war sie, glanzvoll, groß und unendlich. Alles schwieg jetzt, was er in sich hatte betäuben wollen. Das gemästete Kalb war geschlachtet und verzehrt. Der Mitsommertanz war Sammels eigenstes Fest. Sammels, der kein verlorener Sohn war, sondern ein wiedergefundener. Er fühlte sich froh, stark, sicher und elastisch. Ihm war zumut, wie es dem Menschen ist, wenn alles sich nach seinem Willen fügt, und das Leben so klar wird, so einfach, als gäbe es gar keine dunkeln Dickichte und Irrgänge. In dieser Gemütsstimmung trat Sammel aus der Scheune. Um ihn war die Luft klar und frisch. Und das Mädchen ging mit ihm. Sie ging, den Kopf an seine Schulter gelehnt, und ließ sich von ihm auf die weichen Lippen küssen, so oft er wollte. Der Wald schloß sich um sie, und in ihnen spielte und sang der ganze Siegesjubel der Natur. Aber als die Sonne schon über dem neuen Tag leuchtete, da lag Sammel mit dem Gesicht auf der Erde und weinte, daß sein ganzer, starker Körper bebte. Das Mädchen saß erschrocken im Sonnenaufgang und wußte nicht, wie es den verzweifelten Mann trösten sollte, und nicht, weshalb er weinte. 2. So ging es zu, daß Sammel, der um die Erde gesegelt war und in fremden Ländern als großer Herr gelebt hatte, auf eigenem Grund und Boden seßhaft ward, was er doch nie gewesen war in der ganzen Zeit, da er als aller Knecht von Hand zu Hand ging, von aller Tische lebte und allen gehorchen mußte. Es würde indessen nie so gekommen sein, wenn das Mädchen, mit dem Sammel in der Mitsommernacht getanzt hatte, ganz bei Sinnen gewesen wäre, als er ihr begegnete. Das war jedoch nicht der Fall. Denn grade als Sammel sein Auge auf sie geworfen hatte und an ihre Seite gerückt war, saß sie und grübelte still darüber nach, warum ein junger Knecht, mit dem sie immer gegangen und mit dem sie draußen in den Hecken gewesen war, heute nur einmal mit ihr getanzt hatte, weil es sich so gehörte, und sich dann mit andern Mädchen in der Scheune herumschwenkte. Es war die Kränkung, die Erhitztheit des Augenblicks, die sie dem fremden Seemann in die Arme warf. Und als Sammel dann, glücklich und verliebt, im Dorf Wohnung nahm und schwor, er könne Hilma nie vergessen, da trafen sich die jungen Leute oft und viel, und ihre Liebe ward bald allen im Dorf und weiter in der Gegend offenbar. Österman in Norrhofva fluchte wie ein Russe, als er erfuhr, wie es stand. Er war zwar ein wohlhabender Bauer, der auf seinem eigenen Hof saß, aber er hatte sieben Kinder zu versorgen, und er konnte nie so recht verstehen, was er mit dem Seemann da anfangen sollte, der Hohn und Schimpfworte aufnahm, als gälten sie einem andern, und aussah, als achtete er gute Familie und Geld für nichts, sondern am vergnügtesten wäre, wenn er all dem miteinander den Rücken kehren und los und ledig wieder zur See könnte! Sammel konnte selbst auch nicht begreifen, was während dieser Zeit mit ihm geschah. Alles verwickelte sich für ihn, und er konnte nie herausbringen, wie es eigentlich war. Er hatte jetzt Schwiegervater und Schwiegermutter, Schwager und Schwägerinnen, und alle wußten sie ihm gute Lehren zu geben, was alles eines Menschen Pflichten wären. Zwar wußte Sammel wohl, daß es so etwas in der Welt gab. Aber nie hatte er sich in die Lage hineingedacht, daß derartiges ihm gelten könnte. Auf alle Fälle dachte er, wenn es schon hatte kommen müssen, so hätte es doch nicht so bald zu kommen brauchen. Sammel vermochte mit dem, was ihm jetzt geschah, nicht fertig zu werden. Er war gerade wie ein Fisch, der in eine große Reuse geraten ist. Noch war er im Wasser, und darum hatte er auch kein Verlangen, ein großes Wesen zu machen und wild um sich zu schlagen. Er drehte sich nur um und um, schwamm langsam hierhin und dahin und glaubte, zuletzt würde er doch auf ein Loch treffen, wo er hindurch schlüpfen könnte. Aber wo er hin kam, stieß er immer gegen Garn und geschmeidiges Netzwerk. Es dehnte sich und gab nach, aber es hielt. Und Sammel ging umher wie im Schlaf und wartete, wie lang all dies Neue dauern würde. Denn es war mit ihm wie mit dem Fisch. War er erst einmal aufs Trockene gezogen, dann war's nur noch ein Gezappel und Gezucke und Geschnappe und am Ende der Tod. Der einzige Unterschied war nur, daß ein Mensch, der aus seinem Element kommt, zählebiger ist, als ein Fisch, und darum langsamer stirbt. Sammels Element war, gehen zu können, wohin er wollte, und wann es ihm einfiel. Bisher hatte er das in seinem Leben so ziemlich gekonnt, und was er im übrigen entbehren mußte, darein fand er sich. Hungern konnte er, frieren auch, und auf den Rest pfiff er, wenn er nur sein eigener Herr war. Jetzt aber saß er fest in der Reuse, und je länger er da saß, desto enger, deuchte ihm, ward der Raum. Als Östermans sich an Sammel gewöhnt hatten, mochten sie ihn gar nicht ungern leiden und behandelten ihn darum gut. Die Braut war rein vernarrt in ihn und bereute keinen Augenblick. Weshalb Sammel auch schließlich wie in eitel Sonnenschein getaucht herumlief. Er hatte nur eins einzuwenden, und das war, daß er immer das Gefühl hatte, als strammte irgend etwas. Österman war ein kluger Kerl und war gewöhnt, auf seinen kümmerlichen Beinen weiter zu kommen, als andere auf ihren gesunden. Er sah bald, daß Sammel nicht zum Bauern gewandelt werden konnte; darum fing er an, zwischen Norrhofva und Gråskär, wo die Lotsenstation lag, hin und her zu rudern, sobald er gehört hatte, daß Sammel es damit probiert hatte und als ein Kerl galt, der Sinn für unterseeische Dinge hatte. Das Resultat dieser Unterhandlungen war, daß Sammel, der auf zehn Meilen im Umkreis jeden Stein in der See kannte, sein Lotsenexamen machen und ins Lotsenwesen kommen sollte. Es warteten freilich viele auf solche Stellen. Aber der Oberlotse hatte seine Beziehungen in Stockholm, und Österman, der Großbauer, hatte auch seine. Die Leute behaupteten, Österman setze deshalb immer seinen Willen durch, weil er so schlau sei, am rechten Ort Geld auszuleihen, und auch der Oberlotse sei nicht ganz frei von derartigen Beziehungen zum Großbauern. So viel war jedenfalls sicher – das Loskommen war für Sammel nicht leicht. Und er kam auch nicht los. Lange währte es nun nicht mehr, bis Aufgebot und Aufgebotsschmaus, Hochzeit und Gasterei, die drei Tage lang dauerte, gefeiert wurden. Sammel sang jede Nacht englische Lieder, erzählte Seemannsgeschichten, tanzte Negertänze und English Reel. Er war gut Freund mit allen, und alle meinten, es sei ein Wunder Gottes, daß es der arme Gemeindejunge so gut getroffen habe im Leben. Was alle andern meinen, steckt uns Menschen leicht an, und darum ging Sammel an diesen seinen drei Ehrentagen auch umher und freute sich des Lebens und darüber, daß alle das Mädchen rühmten, das er bekommen hatte. Und Östermans Hilma verdiente das. Denn sie war schön; und arbeiten konnte sie auch, daheim in der Küche, und draußen auf dem Feld und auf der See. Aber am dritten Tag brach das Unwetter in Sammel los. Solange er gesegelt war, hatte er nie getrunken, und niemand hatte ihn je berauscht gesehen. Aber an dem Abend war er ganz verrückt und soff sich toll und voll. Und es erregte viel Verwunderung, daß das Sammel just nun passieren mußte, noch eh er den Bräutigamsrock ausgezogen hatte. Als er nun so recht betrunken war, stellte er sich mitten in die Stube und sagte langsam und feierlich: »Hör' mal, du, Österman, jetzt denkst du wohl, du hast mich. Du glaubst, ich werd' an Land bleiben, solang es dir paßt. Aber siehst du, da hast du fehlgeschossen! Da kennst du einen schwedischen Seemann schlecht.« Die Braut versuchte, sich ins Mittel zu legen und ihn wegzuführen. Aber Sammel stieß sie zurück, setzte sich auf den Tisch, mitten unter die Flaschen und Gläser, nahm eine Flasche und trank aus dem Hals. »Ich hab' viele Mädels gesehen,« äußerte Sammel, »schwarze, weiße, gelbe und blaue. Der Kuckuck hol' mich, wenn ich nicht in einem Land war, wo die Mädels blau sind. Und mit allen bin ich gut Freund, so weit die Wogen des Ozeans an fremden Küsten schlagen.« Das, meinten die Gäste, war doch ein bißchen zu stark, und einer von den Brüdern der Braut trat vor, um Sammel die Flasche wegzunehmen und ihn hinauszuschaffen. Aber da stieg ihm der Zorn zu Kopfe, und er schlug um sich wie ein Rasender, bis er überwältigt und zu Bett gebracht wurde. In dieser Nacht war es die Braut, die weinte, und da war niemand, der sie trösten konnte. Denn ihr fremder Gatte hatte ihr Furcht eingeflößt, und diese Furcht ging nur langsam vorüber. Indessen – Sammel war nun verheiratet, und seine Ehe begann. 3. Das Unglück war, daß Sammel nicht, wie früher, zur See ging und jedes zweite Jahr auf einen Monat heimkam. Dann hätte seine Frau ihn nicht halb zu Tode quälen brauchen, und er sie nicht. Dann wäre Sammel ein rechter Kerl gewesen sein Leben lang, und alles, was später geschah, wäre ungeschehen geblieben. Darum ging es den Eheleuten auch am besten in den Jahren, die vergingen, eh Sammel ordentlich ins Lotsenwesen hereinkam und eine Anstellung erhielt. Da wohnte die Frau mit dem Kind bei ihren Eltern, und Sammel ging ab und zu. Oft war er drüben auf der Lotsenstation, und einen ganzen Winter war er in Stockholm und studierte. In der Zeit hatte Hilma es so recht ruhig. Wenn Sammel nach ihr sah, blieb er nie lang. Ein bißchen wunderlich gestimmt war er immer, und wenn er weit draußen Schiffe vorbeiziehen sah, ward er düster und suchte die Einsamkeit. Aber im übrigen hatte er fast nie ein böses Wort für irgend jemand, und die Berserkerlaune kam nicht ein einziges Mal über ihn. Als Sammel in den Rock der Krone gesteckt wurde, fühlte er sich recht sonderbar. Im Anfang war es ganz nett – die Tressen, die blanken Knöpfe und die Uniformsmütze, auf die alle blickten. Aber Sammel vermochte sich in diesem Anzug nie so recht frei zu fühlen, und manchmal merkte sogar seine Umgebung, daß er über sich selber nachgrübelte. Jetzt war er ans Land gezogen, dachte Sammel. Da lag er und zappelte wie ein Fisch im Sonnenschein. Nie würde er wieder los kommen, sein Lebtag nicht. Und das Leben ist eine lange Geschichte, und für viele eine schwere. Es sah auch aus, als ob sich alles auf einmal verschworen hätte gegen Sammel, um ihn recht fest zu binden. Aber der Seemann saß ihm tief in der Seele, und nie konnte Sammel das Meer ganz vergessen. Er schwieg darüber, natürlich. Denn er fand, es wäre dumm. Aber er konnte nie begreifen, daß er, der einmal in blauem Hemd und weißen leinenen Hosen am Ruder gestanden hatte, dort, wo die Sonne der Tropen glühte und der Passatwind das Schiff wiegte, jetzt hier herumlaufen und sich ein eigenes Haus bauen sollte, in dem er bis zu seinem Tod stille sitzen mußte – mit einem Weib und ihrem Kind. Alles um ihn her ward Schein und Dichtung und Lüge. Das konnte ja nicht dauern. Einmal mußte es ein Ende haben, mußte er loskommen. Sammel stand selber am Steuer in dem Großboot, das seinen Hausrat von Norrhofva nach der Klippeninsel herüberbrachte, wo sein neues Haus lag. Aber er konnte es nicht recht fassen, daß irgend etwas von dem, was mit ihm geschah, Wirklichkeit war. Der Hausrat ward ins Haus geschafft, das Bett kam auf seinen Platz, die Kommode auf ihren, Tische und Stühle wurden in der Stube aufgestellt. Im Herd ward ein Feuer angezündet und der Kaffeetopf brodelte. All das sah Sammel. Aber er bildete sich ein, er selber stünde irgendwie außerhalb der Geschichte und gehörte nicht dazu. Hilma und er gingen zu Bett, das Licht wurde ausgelöscht und es ward dunkel in der Stube. Sammel lag und hörte zu, wie die Atemzüge seines Weibes gleichmäßig und ruhig wurden; sie schlief. Er hörte, wie der Sturm draußen um die Hausecken heulte. Es war gewiß Herbst. Sammel wußte es nicht. Alles war ihm so unbegreiflich, daß er unaufhörlich aus dem Schlaf aufwachte, erstaunt, daß niemand ihn aufrüttelte, damit er auf Wache ginge oder ans Ruder. Als es Morgen ward, erwachte er daran, daß er das Kind schreien hörte. Und er wunderte sich darüber, daß es ihm selber vorkam, als hätte er wachend geträumt. Das Häuschen war rot angestrichen und lag an einer Bucht. Über ihm erhob sich eine Klippe, und am Strand wuchsen Erlen. Es lag dem Nordwind ausgesetzt; Sammel hatte das so haben wollen. Und er wollte es so, weil er so von den andern Lotsen, die alle ihre Wohnungen auf der Südseite hatten, getrennt wohnte. Als er zum erstenmal heimging, war Sammel begierig, ob alles wohl noch so dastünde, wie er glaubte es verlassen zu haben, und während er den Pfad hinanstieg, dichtete er sich allerhand Unglück für sich und die Seinen aus. Das Unglück kam auch, wenn auch nicht so, wie Sammel es sich erdichtet hatte. Es kam weder in Form von Schiffbruch, noch Todesfall, noch Feuersbrunst. Sondern der alte Österman hatte sich zu tief eingelassen, so daß es mit seinem Geld auf einmal ein Ende hatte. Der Hof war bis über die Schornsteine hinaus mit Hypotheken belastet und der Wald ausgehauen. Der alte Österman mußte bis zu seinem Tod auf dem Ausgedinge sitzen, und die Kinder, für die nichts mehr da war, zerstreuten sich in alle Welt. Die Frau war diejenige, die das Unglück zuerst erfuhr, und weil sie solche Furcht vor dem Manne hatte, graute ihr davor, daß gerade sie es ihm berichten mußte. Darum fing sie an zu weinen, als sie an diesem Tag Sammel aufschließen hörte. Sammel hatte es sich während des Heimwegs ausgedichtet, daß sein Weib ihren Jungen allein gelassen hätte, daß das Kind hinunter ins Boot gegangen und ins Wasser gestürzt wäre. Als er nun die Frau weinen sah, war er steif und fest davon überzeugt, das, woran er im Gehen gedacht hatte, sei wirklich eingetroffen. Aber das Unglück erschreckte ihn nicht, und wie er so stand, erschrak er vor sich selbst, weil er merkte, daß die Wirklichkeit des Unglücks ihm eine solche Ruhe gab; darum blieb er in der Tür stehen. »Warum weinst du?« sagte er zu seiner Frau. Und als sie erst nicht antworten wollte, war Sammel so vertieft in seinen eigenen Gedankengang, daß er der Antwort im voraus ganz sicher war, weshalb er in scharfem Ton fragte: »Was hast du mit Adolf gemacht?« Die Frau sah den Mann bestürzt an. Hier handelte es sich grade um Adolf! Hilma war eine Bauerntochter, und Geld und Gut galten ihr viel. »Adolf?« sagte sie. »Der ist doch da.« »So!« antwortete Sammel verlegen, trat ein und machte die Tür zu. »Ich hab' ihn nicht gesehen.« Da berichtete Hilma, was geschehen war, und sie konnte sich gar nicht von ihrem Erstaunen erholen, als sie sah, wie der Mann sich ruhig hinsetzte und, scheinbar ohne auf sie zu hören, bloß vor sich hinstarrte, als grüble er einem schweren Rätsel nach. »Da bin ich also hier festgenagelt jetzt?« klang es endlich. »Gott, Sammel, das warst du doch auch so?« Der Mann sah auf und verstand selber nicht, was er gesagt hatte. »Es wird wohl seine Richtigkeit haben,« sagte er und lachte. Nicht ums Leben wagte er, die Frau ahnen zu lassen, was er dachte. Aber er merkte, daß er nahe daran gewesen war, sich zu verraten. Deshalb machte er sich draußen zu schaffen und schöpfte das Boot aus, das nach dem Regen der Nacht halb mit Wasser gefüllt war. Wind, Klippen und Meer vertraute er an, was er in seinem Heim verschwieg. »Jetzt kann ich nie mehr von ihnen gehen,« sagte er laut, »– – fort von hier – –, jetzt, wo das Geld des Alten alle ist, und sie nur mich hat, auf den sie sich verlassen kann.« Sammel schöpfte das Boot leer, so gewaltsam, daß er in Schweiß gebadet war. Darnach ging er hinein, als wäre nichts geschehen und setzte sich zum Mittagessen. Und die ganze Zeit über wunderte sich die Frau darüber, daß er sich die Sache mit dem verlorenen Geld nicht mehr zu Herzen nahm; aber sie war froh, daß er nichts sagte. Dann begann das Eis sich zusammenzuziehen, und alle Böte, die früher im Wasser gelegen hatten, wurden aufs Land gezogen. Der Nordwind kam mit Schnee, das Eis legte einen Weg zwischen den Inseln und die Leuchtfeuer zwischen den Schären erloschen. Da ging Sammel eines Tages den Pfad, der zum Ausguck der Lotsen hinaufführte. Das Wetter war so, daß er sich im Schnee vorwärtstasten mußte, um das Drahtseil zu finden, das er brauchte, um sich gegen den Sturm, der von Norden her heulte, aufrecht zu halten. Sammel ging oft seine eigenen Wege, und bei solchen Gelegenheiten war er wenig erfreut, wenn jemand ihn störte. Aber während er ging, fühlte er, daß das Drahtseil sich hinter ihm bewegte, und als er sich umwandte, gewahrte er noch eine Gestalt, die sich auf dem gleichen Weg vorwärtszutasten schien, wie er selbst. Darüber ward Sammel übellaunig, aber er ging trotzdem weiter, ohne sich umzusehen; er wußte, daß die Gestalt ihm folgte. Sammel steckte in keiner guten Haut in dieser Stunde. Er hätte es gern gesehen, wenn er hätte allein sein können. Jetzt, im Winter, pflegte gewöhnlich niemand droben in dem weißen Häuschen zu sein, von dessen Fenstern man weit hinaus übers Meer schaute. Da konnte er sich's warm machen, ohne daß es etwas kostete. Das Holz gehörte ja der Krone. Dann konnte er da sitzen mit seinen Gedanken, und in das Schneetreiben hinausschauen, vergessen, daß er auf dieser Erde zu jemand gehörte, alles vergessen, was war, und nichts hören als den Wind, der heulte, und das Feuer, das knisterte. Jetzt trat noch jemand durch die Tür, eben als er damit beschäftigt war, Holz zuzulegen. Sammel machte weiter und wandte sich nicht um. Aber in ihm kochte es. »Guten Tag, Sammel,« grüßte der Eintretende. »Guten Tag,« sagte Sammel mürrisch. An der Stimme hörte er, daß der Ankömmling einer den Kameraden war. Nach einer Weile begann das Feuer aufzuflammen. Schweigend saßen die beiden Männer und starrten in die Lohe. »So, du bist auch hier herauf geraten,« begann der andere. »Ja,« antwortete Sammel einsilbig. »Ja ja,« fuhr der Kamerad fort, »man geht manchmal her, wenn's daheim widerwärtig ist und man sonst nirgends hin kann.« »Ist es bei dir daheim widerwärtig?« fragte Sammel und kniff die Augen zusammen. »Bei dir nie?« gab der Gefragte zurück. Sammel fand es nicht der Mühe wert, hierauf zu antworten. Er pfiff statt dessen ein paar Takte und sah starr hinaus in den Sturm. »Du hast's freilich gut getroffen,« fuhr Norman fort. »Kamst von der See, hattest nichts als eine Kleiderkiste und die Heuer in der Tasche. Und hast Weib und Haus und feste Anstellung, alles miteinander gekriegt. Es gibt eben Menschen, bei denen alles klappt.« Sammel hörte all das mit an und begriff, daß der andere ihn beneidete. Er verstand nur nicht, warum. Darum antwortete er auch nicht, sondern fuhr nur fort, in den Sturm hinaus zu starren. »Ich hab' mein Schäfchen noch nicht im Trocknen,« setzte Norman seinen eigenen Gedankengang fort. »Und dabei bin ich schon bald zehn Jahre hier.« Jetzt schoß gleichsam etwas Scharfes aus Sammels Augen und traf das Gesicht des andern. »Bist du gesegelt?« sagte er kurz. »Ich?« erwiderte der andere. »Ich bin von Liverpool nach Rio gefahren, von Rio nach Wellington, von Wellington nach Hamburg. Gott sei Dank, daß ich wieder heim kam!« Sammel hatte das schon früher von Seeleuten sagen hören, und es freute ihn immer. Er wuchs dann in seinen eigenen Augen zu einem siebenfach echten Kerl, weil er doch wenigstens noch sich hinauszusehnen vermochte. »Du bist ein altes Weib,« dachte er, »ein richtiges altes Waschweib!« Er hätte aufstehen und dem andern ins Gesicht spucken mögen. Aber etwas Direktes zu antworten verschmähte er; er saß nur und lachte inwendig vor boshaftem Vergnügen. »Es ist manchmal beschwerlich auf der See,« sagte er, und sah wieder hinaus. »Eine Hölle war's,« fiel Norman ein, ohne zu verstehen, daß der Ton des andern verächtlich klang. »Strenge Arbeit, schmale Kost und wenig Schlaf. Ne – du hast dir's gut gemacht. Jawohl!« Sammel dachte, er hätte es sich eigentlich überhaupt nicht gemacht. Andere waren es, die sich der Sache angenommen hatten. Aber er war es gewöhnt, seine Gedanken für sich zu behalten, weil sie im allgemeinen nicht dazu taugten, andern mitgeteilt zu werden. Deshalb antwortete er bloß mit einer Art Gemurmel, das wie ein Knurren klang. »Und ich sag',« nahm Norman wieder das Wort, »du hast recht daran getan, daß du das Mädel genommen und dich nicht drum geschoren hast, was die Leute schwätzten.« Sammel fuhr zusammen und sah den Sprechenden an. Auf was wollte der hinaus? Was meinte er? Es kam Sammel vor, als ob ganz in der Ferne etwas Dunkles aufzöge und seine Augen umwölken wollte. Er glaubte, er hatte nicht recht gehört. »So, so, die Leute haben geschwätzt,« sagte er, um etwas zu sagen. Instinktiv begriff Sammel, daß da etwas war, was er nicht wußte, daß er aber vor den Menschen so tun mußte, als wisse er es. Sonst lief es schlimm ab, für ihn und für andere. Mit weit offenem Mund saß er und starrte den Mann vor sich an, und ihm war, als sähe er Blitze vor Augen. Aber Norman war so im Zug, daß er nichts um sich her erfaßte. Denn Norman war ein Schwätzer, und wenn sein Mund in Gang kam, ging er ganz von selber. Darum fuhr er ruhig und phlegmatisch, als spräche er von der selbstverständlichsten Sache der Welt, fort: »Ob sie geschwätzt haben? Das war doch ganz natürlich. Zwei Jahre lang ist sie mit einem Knecht daheim als sein Schatz gegangen. Und wie du kommst, nimmt sie dich. War's da zu verwundern, wenn die Leute schwätzten? Hättest du das Mädchen darum nicht nehmen sollen? Da wärst du schön dumm gewesen. Wenn man sich hinter die Weiber steckt, kriegt man, was man braucht, und das billig und schnell.« Sammel dachte bei sich, daß er teuer gekauft und nichts um sein Geld erhalten habe. Jawohl, so war es. »Das ist mir was ganz Neues, was der da sagt,« dachte er weiter. Es war, als säße er irgendwie fest. Wie ein dichter Nebel stieg rings um ihn etwas Dunkles, Klebriges und Feuchtes auf, klammerte sich an ihm fest und wollte ihn ersticken. Hätte er aufstehen können und hinausschreien, was er fühlte, so wäre er gerettet gewesen. Aber das konnte er nicht. Statt dessen war er gezwungen, still zu sitzen und mitzutun. Das tat er auch. Er blickte zu Norman hinüber, und sein Gesichtsausdruck war ganz leer. Es war, als wäre seine Seele fort. »Es hat sich alles so natürlich gemacht,« sagte er. Aber nachdem Sammel dies geäußert hatte, deuchte ihm, nun hätte er genug getan. Und Norman war nicht imstande, noch ein weiteres Wort aus ihm herauszukriegen. Es ward ihm langweilig, da oben zu sitzen in Gesellschaft eines Menschen, der nur immer schwieg und eigensinnig in den Sturm hinausstarrte. Darum ging Norman nach einer Weile, und Sammel sah seinen breiten Rücken verschwinden, wo das Drahtseil um den Felsen bog. Da erhob er sich und riß die Tür sperrangelweit auf, daß der Eiswind hereinblasen konnte. Er stand in der Kälte und brannte wie im Fieber. In seinem Gedächtnis stieg ein seltsames Gesicht auf. Er sah sich selber in einer kleinen Schenke mit weißen Wänden und dem Ausblick aufs Mittelmeer sitzen. Draußen war alles dunkel, aber die Türen standen offen, daß die laue Luft hereinspielte. Sammel war, als sähe er noch, wie das Licht von der Öllampe unterm Dach über die Weinranken fiel, die über die Tür herunterhingen. Er selbst saß an einem großen Tisch. Ein kleiner schwarzer Spanier oder Franzose oder was er sonst war, saß neben ihm und tätowierte in seine entblößte Brust ein Herz, aus dem die Flammen schlugen. Daneben saßen zwei dunkeläugige, lachende Mädchen, und die eine von ihnen spielte auf einer Mandoline und sang dazu. Sammel riß sein Hemd auf und stand lange und betrachtete die bläuliche Zeichnung, die mit den Jahren verblaßt war. Ein seltsamer Gedanke, etwas wie eine Ahnung von sich selber, stieg in ihm auf. »Ich bin gezeichnet,« sagte er laut und lächelte, »gezeichnet für das freie Leben. Und ich will wieder hinaus, und wenn sich alle Teufel verschwören, um mich dran zu hindern!« Damit ging Sammel in den Sturm hinaus und schloß die Tür hinter sich zu. Er dachte an die Mitsommernacht, wie da der Tanz wogte, wie er sich hatte fangen lassen und wie er sich heim gesehnt hatte. Er dachte an Östermans Geld, das nun alle war, an seine Kinder, die in der Welt herum zerstreut waren – bald würde niemand mehr wissen, wo. Er dachte an sein Weib, das daheim schaltete, und an ihren Schatz, der vielleicht umherlief und sich um sie grämte. Sich um ein Mädchen grämen! Zuletzt dachte Sammel an den Jungen, seinen eigenen Jungen, für den er doch nie zu fühlen vermochte, wie er sollte und mußte, und er ballte die Hände in Erbitterung. Ging durch den Sturm wie ein Schlafwandler und ballte nur die Hände, als hätte er den Verstand verloren. Die ganze Zeit über wußte Sammel, daß die Heirat und Östermans Geld, seine Frau und ihr Schatz, ja, sogar auch das Kind, daß all das nichts war. Das war es nicht, was jetzt in ihm zerrte und riß. Etwas ganz anderes war es, etwas Unerklärliches, dem er keinen Namen geben konnte. Aber dieses Etwas mußte Luft haben, zum Ausbruch kommen. Sammel war es, als sähe er sich selber den Berg hinunterspringen, der sich über der Bucht erhob, an der sein Haus lag. Freilich, er sprang ja wirklich, sprang wie ein Verrückter. Er kam zum Haus und öffnete die Tür. Drin saß die Frau und schälte Kartoffeln. Der Junge schlief im Bett, und auf dem Herd schnurrte die Katze. Sammel umfing das alles mit einem einzigen Blick; er tat sich Gewalt an, um ruhig zu erscheinen. »Das geht mich nichts an, all das!« klang es in ihm. »Ich habe nichts damit zu schaffen. Ich gehöre nicht hierher.« Mit der Mütze auf dem Kopf blieb er stehen und sah mit dem Blick eines Irren auf die Frau. »Du mußt dich eine Zeitlang ohne mich behelfen,« begann er heiser. »Hör zu, was ich jetzt sage, und hab' keine Angst. Ich geh fort. Ich kann nicht länger daheim hocken.« »Aber der Dienst, Sammel – der Dienst?« »Der geht mich nichts an. Der soll selber für sich sorgen. Bin ich nicht da, so ist immer ein anderer da. Du mußt auch selber für dich sorgen. Wenn ich umkomme, – du hast ja vorher einen Schatz gehabt. Nimm ihn. Der Junge muß auch für sich selber sorgen. Er wird ja wohl einmal ein Mann werden. Dann soll er wissen, daß er wenigstens einen Mann zum Vater gehabt hat.« Damit nahm Sammel seinen Mantel, warf ihn um und ging hinaus. »Sie glaubt, ich sei verrückt,« murmelte er. »Mag sie!« Sammel geht aufs Eis hinunter, er geht und geht und weiß nicht, wohin er will. Er merkt, daß Eis liegt, und es fällt ihm ein, daß es viele Meilen sind bis zur Stadt. Dorthin kann er also heute abend nicht mehr. Es ist dämmerig draußen, und die Häuser auf der Schäre liegen schweigend und dunkel, als schliefen sie den Winterschlaf. Jetzt ist er auf der andern Seite des Fjords und sieht aus einem Fenster Licht scheinen. Da liegt das Wirtshaus, und da geht Sammel hinein. Sie haben kein Schankrecht hier im Winter, aber Schnaps haben sie. Und Bekannte können das immer kriegen. Sammel ist Lotse der Krone, er kriegt, was er will. Schweigend trinkt er Glas um Glas, und die Unruhe in ihm schlummert ein. Ihm ist, als säße er in einem hochgewölbten Saal und hörte Musik in der Luft; um sich sieht er tanzen. Der Tanz wird zu Wogen, und auf den Wogen fliegt er hinaus in die Welt. Die Leute, die herumsitzen, lachen über das, was er sagt. Sie finden keinen Sinn darin. Aber das ist auch gleichgültig. Es tut gut, wenn man lachen kann. Darum lachen sie. Und Sammel lacht selber. Er führt das Wort. Er kann auch Lieder. Darum singt er. Er führt das Boot. Und er segelt vor dem Wind. Zollwachtmeister sind da, zwei Stück, alte, treue Wirtshaushocker, die ihren Mann stehen, der Fischhändler, der im Winter hier draußen wohnt, und der Schullehrer. Auch der Postmeister ist dazu gekommen, und der Wirt selber sitzt am Tisch und schenkt ein. Was tut's, wenn's ein bißchen flott hergeht? Sammel hält frei. Er führt das Boot und er segelt vor dem Wind. Niemand hätte gedacht, daß Sammel, der immer für sich ging und so düster aussah, so vergnügt sein könnte. Als Sammel geht, ist er glücklich. Er ist betrunken, aber er hält sich stramm, jawohl, und den Weg findet er auch. Als er hinauskommt, ist es sternhell und grimmig kalt. Sammel macht Tanzschritte auf dem Eis und singt: »Ich hatt' wohl einst ein Mädel, Und das vergess' ich nie – Sie liegt mir fest im Herzen, Kein' andre, als nur sie. Ich sag's euch insgemein – Kein' andre soll es sein, So viel mich auch verlocken, Ich sollt' ein' andre frei'n.« Das Lied hat nur den einen Vers. Aber Sammel singt es dafür um so öfter. Es ist eine alte, schleppende Melodie, der Wind ist stark, und der Gesang ertrinkt im Sturm. So kommt Sammel heim. Er bleibt leewärts vom Hause stehen und versucht, noch einmal zu singen. Aber der Gesang bleibt ihm im Halse stecken. Er führt das Boot, aber es segelt jetzt nicht mehr vor dem Wind. Schweigend steht er da und fummelt mit dem Schloß. Dann hört er von innen die Stimme seiner Frau: »Bist du's, Sammel?« Es ist, als ob sich etwas in ihm umdrehe, als ob alles, was hinter der Festfreude gekocht und gebrodelt hat, die Lieder, der Rausch, aufstiege und in Wallung geriete. Sammel weiß nicht, woher er die Worte nimmt, und warum er so handelt und spricht, wie er es tut. Er steht mitten in der Stube, wie vorhin, eh er von daheim fortging. Vor sich im Bett sieht er die Frau liegen, und mit fester Stimme, die verbergen möchte, daß er betrunken ist, sagt er: »Ich trage den Rock der Krone, und ich bin auf viele Meilen im Umkreis der Mann, der weiß, was es heißt, ein Ruder zu führen. Mein Name ist Sammel. So bin ich getauft. Und bei keinem andern kennt man mich.« Die Frau sieht ihn an, und der Schreck, der in ihrem Blick ist, macht den Mann rasend. Er reißt sie aus dem Bett und wirft sie ungestüm in eine Ecke der Stube. Da bleibt sie liegen und horcht auf den Mann, der Fluch um Fluch zwischen zusammengebissenen Zähnen murmelt, während er ein Kleidungsstück nach dem andern auf den Boden wirft. Sammel kämpft gegen ein Gelüst, das in ihm siedet und brennt. Er braucht etwas, gegen das er losbrechen, jemand, dem er weh tun kann. Aber im nächsten Augenblick sinkt er zusammen und hat alles vergessen. Er liegt in die Decke eingewickelt und schläft wie ein Kind. Das Boot ist im Hafen. 4. Wenn der Mensch im Leben auf den unrechten Platz kommt, so passiert es leicht, daß seine Seele zerbricht, so daß die eine Hälfte nicht weiß, was die andere tut. Die Außenwelt sieht weiter nichts, als daß der, den solches trifft, in seinem Verstand gestört ist. Zwischen dem, was die Menschen klug nennen, und dem andern, dem sie einen schlimmen Namen geben, gibt es im übrigen viele Stufen, und es hat noch keinen Menschen gegeben, der immer sagen könnte, wo die Grenze ist. Ist ein Mensch von dem seelischen Erdbeben bedroht, das ihn am Ende in Stücke reißen kann, da ist es seltsam, zu sehen, mit welch sicherem Instinkt andere das ahnen. Das Grauen gebietet ihnen, sich von einem solchen Menschen fern zu halten, und um den, der gegen den Ausbruch ankämpft und sein Näherkommen selber fühlt, wird es darum leer, als hätte das Verbrechen ihn gefangen genommen, und nicht das Unglück. Entsetzlicher sieht es nie aus in eines Menschen Seele, als dann. Sammel zerbrach nie ganz, aber sein Lebenlang war er dicht vor dem Äußersten. Darum stand es schlimm um ihn von diesem Tag an. Der Harm über das, was ihn umgab, erlangte Gewalt über all sein zukünftiges Leben, und er selber war zu gutherzig und weich, als daß dieser Harm zur Tat werden und ihm Luft verschaffen konnte. So wenig Sammel vermochte, seine Frau zu schlagen, wenn er betrunken war, ebenso wenig vermochte er, von ihr zu gehen, wenn er nüchtern war, und wenn er sich noch so sehr darnach sehnte. Da kam wieder ein Kind, da mußte die Frau es nähren. Da war das Dach auf dem Haus, das ausgebessert werden, das Boot, das zum Sommer gerüstet werden mußte, oder die Brücke, die von Eis und See Schaden gelitten hatte. Einmal krepierte ihre einzige Kuh, und es fiel ihnen sehr schwer, eine neue anzuschaffen. Immer war etwas los, immer etwas, das ihn strammte und festhielt. Sammel ging Tag um Tag, Woche um Woche so für sich selber dahin. Er würde zur See gehen, und erst wenn sieben Donnerstage in einer Woche wären, würden die Landratten ihn wieder zu sehen kriegen. »Du kannst hier bleiben,« sagte er, »und nach dem Haus sehen. Du brauchst doch wenigstens nicht zu weinen meinetwegen. Sag nur, daß du einen Satanskerl zum Mann hast, der zur See gegangen ist und dich hat sitzen lassen. Davon kannst du lang leben.« Auf diese Weise fuhr Sammel jahrelang fort, zur See zu gehen, und seine Frau ging furchtsamen Herzens umher und wartete darauf, daß sie allein bleiben und von der bittern Güte anderer leben müßte. Aber Sammel kam nie weiter, als bis zum Wirtshaus auf der andern Seite des Fjords, und wenn er von dort zurückkehrte, war er betrunken und hatte die Auslandsgedanken vergessen. Sammel hatte im Schnaps einen Freund gefunden, und nicht einmal seine Frau konnte behaupten, daß der Freund ihm nicht gut täte. Der Schnaps ward sein Trost, wenn der böse Geist über ihn kam. Der Schnaps spielte vor ihm die Harfe und tröstete seine Seele. Der Schnaps machte sein Herz warm, wenn es ihm in der Brust einzufrieren drohte. Der Schnaps führte ihn auf einen hohen Berg und zeigte ihm alle Herrlichkeit der Welt und sagte: Dies alles will ich dir geben, Sammel, wenn du mich treulich anbetest! Und doch war der Schnaps nicht Sammels schlimmstes Unglück. Das trug er tief in sich verborgen, und immer größer ward der Abstand zwischen ihm und andern Menschen. Mit Schnaps allein hielt er es aus. Er nippte und soff nicht daheim. Nur wenn die Stimmung über ihn kam, daß es ihm zu eng ward in den Kleidern der Krone, dann ging er aus und trank sich einen Mordsrausch. Darnach war er ruhig und froh, denn er wußte, wenn er wollte, konnte er immer die Arznei gegen die Unruhe haben, die in seinem Blut brannte, wenn er bloß Geld hatte. Und als Lotse verdiente Sammel tüchtig. Er prahlte und übertrieb auch nicht, wenn er sich selbst als den ersten in den Schären rühmte, wo es galt, ein Ruder zu führen. In dem Stück war Sammel wirklich mehr wert als andere, und es gab außer ihm noch viele, die das anerkannten. Aber saufen, wie Sammel es tat, kostet Geld, und darum ging es Sammel auch nie so gut, wie den Kameraden. Sein Haus wurde nicht vergrößert, weder durch eine Glasveranda oder weitere Zimmer, und Sommergäste kamen auch nicht zu ihm. Das Häuschen war, wie es immer gewesen – es enthielt eine Küche und eine kleine Kammer. Im Sommer war es warm und im Winter kalt. Denn es wurde nie dicht gemacht oder ausgebessert, nicht einmal dazu reichten die guten Lotsengelder. Von außen sah es außerdem krumm und schief aus, denn der Grund hatte sich gesenkt und das Dach war auf der Nordseite gerutscht. All dies Schlimme, und noch mehr, sah die Frau. Aber sie tat nie desgleichen. Denn sie mußte es sich selber eingestehen, daß Sammel jetzt besser war, als eh er zu trinken begonnen hatte. Er schüttelte die Wildheit außer dem Haus von sich ab, und daheim war er fügsam und gut gegen sie und das Kind, »So geht es mit den Männern, wenn sie ein böses Gewissen haben,« dachte Hilma. Und sie freute sich über Sammels böses Gewissen. Denn es nahm ihr die Furcht vor dem Mann und gab ihr selbst Ruhe. Sammel aber gehörte zu denen, die, streng genommen, gar nicht wissen, was ein schlechtes Gewissen ist. Er hatte nie Gelegenheit gehabt, viel zu lernen, und seine Natur war wie der Körper des Seevogels. Der kann in den Schlamm tauchen, ohne daß etwas an seinen Federn hängen bleibt. Sammel ging also durchs Leben und dichtete sich weiter, wie er es immer getan hatte, folgte seinen Launen und schwankte abwechslungsweise zwischen innerlichen Anfällen von Überglück und Wut auf die Menschen hin und her; daß die Kameraden sich Häuser bauten und wohlhabende Männer wurden mit Geld auf der Bank und Mietsgästen im Sommer, das kümmerte ihn nicht mehr als ein Erdbeben in China. Saß er bei Flasche und Glas, so führte doch er das Wort, und wenn er am Ruder stand, wußte er, daß keiner die Schären kannte, wie er. Er allein war imstande, die Fahrzeuge auf Wegen zu führen, wo er nie zuvor mit dem Boot gewesen war. Denn Sammel gehörte zu denen, die eine Spürnase für eine Untiefe haben, noch eh der Kiel darauf knirscht. Nur einen Mann gab es auf der Welt, den Sammel nicht ausstehen konnte, und dem wünschte er auch alles Böse, was sich erdenken läßt. Dieser Mann war der gutmütige Norman. Norman ward Gammels fixe Idee, und nie konnte Sammel seinen Namen hören, ohne in ein Fieber zu geraten. Im Anfang leitete sich dieser Widerwille von der einfachen Tatsache her, daß Norman beleibt und phlegmatisch in seinen Bewegungen war. Dann kam Sammel dahinter, daß der Kamerad hochnäsig und eingebildet sei und schließlich meinte er, den Beweis dafür zu haben, daß Norman vor seinen Vorgesetzten katzbuckelte. Daß er arbeitete, um es zu etwas zu bringen, gefiel Sammel auch nicht, noch weniger, daß der Kamerad auf dem besten Weg schien, sein Ziel zu erreichen. Ein schlechter Seemann war Norman auch, das wollte Sammel beschwören, wenn er auch noch so sehr wie ein Schiffer aussah mit seinem Kinnbart, dem breiten Mund und den tiefliegenden Augen. Und im übrigen war er ein Heuchler, behauptete Sammel. Denn er mochte nie mittun, nie sich mit andern amüsieren, wenn man es sah. Daheim aber ging er und süffelte und soff, das wußte Sammel, und wenn er das getan hatte, prügelte er seine Alte in seinen vier Wänden, und die Alte prügelte ihn wieder. Denn sie war groß und derb wie ein Mann und ein kratzbürstiges Frauenzimmer, jawohl, mit ihrem Doppelkinn und dem scheinheiligen, breiten Lächeln. »Was geht dich Norman an?« sagte der Oberlotse einmal. »Laß Norman in Frieden.« »Angehen tut er mich nichts,« meinte Sammel. »Aber davor, was vor meinen eigenen Augen geschieht, kann ich sie nicht wohl zudrücken.« »Ich kann's,« antwortete der Oberlotse und lachte. »Gnad' mir Gott sonst!« Sammel konnte das nicht, und dies Unvermögen fraß an ihm. Von der ersten Stunde an, als Sammel unter die Lotsen gekommen war, war ihm zumute gewesen, als hätte er Ameisen am ganzen Leib, wenn er nur in die Nähe von Norman oder irgend jemand von den Seinen kam. Denn schon damals hatte Norman scheel darauf geblickt, daß Sammel auf die Lotsenstation kam und da seinen Lebensunterhalt verdiente. »Ist es möglich, daß es Leute geben kann, die andern nicht das tägliche Brot gönnen?« lautete Sammels Urteil über die Sache. Sammels Haß gegen Norman wurzelte sich aus vielen Gründen immer fester ein, und er vermochte Äußerungen darüber ebenso wenig zurückzuhalten, als er sich daran verhindern konnte, Tollheiten zu machen, wenn der Schnaps seinen Verstand umnebelte. Was er dachte und meinte, das konnte Sammel im allgemeinen sich lang und breit ausmalen, ohne daß jemand eine Ahnung von seinen innersten Gedanken gehabt hätte. Aber immer kam dann ein Augenblick, wo er sich nicht länger beherrschen konnte, und dann brach auch das, was er lang verborgen hatte, mit der Wut eines Vulkans hervor. Als Sammel zum erstenmal Norman gegenüber losbrach, hatte er selbst ein bißchen geladen und begegnete seinem Feind eines Abends auf dem Heimweg just wo sich der Fußweg an Normans Haus am Südabhang vorbeischlängelte. Der Anlaß zu dem Ausbruch war, wie gewöhnlich, sehr unschuldiger Art. Norman sagte nämlich zu Sammel nichts, als: »Guten Tag! Wohin?« Aber Sammel war in seiner dunkeln Laune. Denn der Rausch hatte diesmal nicht gelingen wollen. Darum schob er die Mütze in den Nacken zurück, streckte die Nase in die Luft und schrie: »Was zum Teufel geht das dich an?« Norman versuchte, begütigend zu antworten. Aber es half nichts. Sammel starrte den Kameraden an, als sähe er den Teufel selber vor sich, und sprudelte alles heraus, was er gegen ihn auf dem Herzen hatte, als hätte er sich im voraus jedes Wort überlegt. Normans Frau, die im Haus war und den Spektakel hörte, kam heraus, und als Sammel sie erblickte, ward er wie verrückt und wollte um sich hauen. Vier Männer mußten ihn heimführen helfen. Aber als sie ihn glücklich ins Haus gebracht und sich wieder entfernt hatten, ging Sammel auf den Hügel hinaus, spuckte weit hinter ihnen her und tanzte vor Wut. So wild war er, daß er den Augenblick darauf so, wie er ging und stand, über die Steine hinunter an die Brücke kletterte, das Boot takelte und in voller Wut aufs Meer hinaus segelte. All dies wäre jedoch nicht geschehen, wenn nicht Norman damals draußen auf der Lotsenstation angefangen hätte, mit Sammel von seiner Heirat und dem, was damit zusammenhing, zu sprechen. Ohne daß Sammel es selber wußte, lag hierin der Grund seines bittersten Grolles. Norman saß damals in aller Unschuld da und schwatzte und ahnte nicht, daß er etwas sagte, was nicht recht und richtig war. Er sollte es auch nie erfahren. Denn Sammel hätte sich eher die Junge abgebissen, als daß er auch nur von fern an die Sache gerührt hätte, sei es nun in Normans oder eines andern Beisein. Aber was Norman damals sagte, das verwundete Sammel tödlich und zwar auf seinem empfindlichsten Punkt. Es riß die Binde von seinen Augen und zeigte ihm, daß, als er sich ein Weib nahm und fürs Leben gebunden ward, nicht die Liebe es war, die ihn band, sondern ein roher Zufall, der ihn gleichsam aus Versehen in eines Weibes Arme geworfen hatte. Ohne es zu wissen, hatte Norman Sammel die Augen geöffnet über das häßliche Geheimnis seines eigenen Lebens, und seither konnte Sammel diesem Mann nicht begegnen, ohne daß sein Blut in Aufruhr geriet. Sammel schnaubte vor Wut, als er nun am Ruder saß. Träumer, der er war, vermochte er niemals an jemand Rache zu nehmen, wie oft auch seine Einbildung ihm derartiges vorgaukelte. Sein Blut war in Wallung, er mußte sich selbst betäuben. Darum segelte er jetzt aus. Es war im Beginn des Frühlings, und die Reihe des Lotsens konnte jederzeit an den Flüchtling kommen. »Das schert mich nicht,« dachte Sammel. Er stand im Boot auf und straffte das Großsegel halb. Es schwoll im Wind. Es ging eine gute Brise. Nun war der böse Geist über Sammel, und doch strahlte sein Gesicht, wie er da am Ruder saß. Hinaus über den Fjord ging's; Dunkelheit begann zu fallen. »Das tut nichts,« dachte Sammel. »Es ist schon warm; bald wird es Sommer.« Die Sterne begannen sich am Himmel zu zeigen, da und dort blinkte ein Leuchtfeuer auf. Immer niedriger wurden die Bäume auf der Schäre und immer höher die Wellen. Das Boot schlingerte heftig. Aber Sammel fiel es nicht ein, die Segel zu mindern. Er lachte grimmig in den Sturm hinaus und fing an, laut zu denken. »Hier segelt Sammel – vor gutem Wind! Keiner kommt ihm gleich hier! Keiner kann ihn erreichen! Er kann sinken oder schwimmen, wie Gott will. Alles klar, Kapitän! hier ist gutes Fahrwasser, und die Schute kommt vor Nacht nicht in den Hafen. All right ! Da segelt ein alter Wiking vor guter Brise!« Jetzt lag das offne Meer vor Sammel, und Sammel schwenkte um die äußerste, niedrige Schäre, fierte die Segel und legte an. Als der Kiel des Bootes auf dem Strand knirschte, erhoben sich rundum die Seevögel und segelten schreiend in der Dämmerung auf sicheren Schwingen um das Rigg des Lotsenbootes. »Hier gibt's Nahrung genug,« dachte Sammel, während er das Boot festmachte. Dann stieg er ans Land und begann, auf der Insel herumzugehen. Er ging quer über die Schäre, setzte sich auf ihre äußerste Spitze und sah hinaus übers Meer, wie es frei sich dehnte. Dann erhob er sich und begann unter den Steinen des Ufers zu suchen, plünderte ein paar Vogelnester, schlug die Eier mit dem Messer auf und aß sie roh. Nachdem er das getan hatte, ging er wieder ins Boot hinunter und holte seine Öljacke. Die wickelte er zusammen, steckte sie unter den Kopf und legte sich auf die nackte Klippe. Dann schlief Sammel und schlief lange. Als er erwachte, stand die Sonne über dem Horizont wie ein Ball, und die Jungen der Eidervögel spielten in der grüngoldnen Brandung. Sammel segelte weiter am offenen Meer entlang, und ihm deuchte, als wäre er der fliegende Holländer, der Schiff und Mannschaft verlassen und sich in ein Boot gesetzt hatte. Er flog dahin, wie er sein Lebenlang geflogen war, und hatte sich vor der Mannschaft geflüchtet. Die mußte sich ohne ihn behelfen. Er wollte nicht in alle Ewigkeit auf einem Gespensterschiff bleiben und nichts tun, als Menschen erschrecken. Man sagte, der Holländer hätte sich dem Teufel verschrieben. Na, und wenn schon? Wer hatte nicht einmal in seinem Leben etwas Schlimmes getan und dafür büßen müssen? Die Sonne schien jetzt, und Sammel verspürte Hunger. Der fliegende Holländer warf zwischen zwei Schären Anker und fing Dorsche. Die briet er zwischen ein paar Steinen, wie früher, als er noch ein Junge war, und um das Gericht zu würzen, ging er ans Ufer und raubte Seevogeleier. Herr über Meer und Strand, fuhr Sammel von Schäre zu Schäre, und zweimal vierundzwanzig Stunden war er der fliegende Holländer, der auf der ganzen Erde weder Heimat noch Freistatt hat. Auch nicht einen Augenblick fiel es ihm ein, nach Hause zurückzukehren, und es deuchte ihm, als hätte er jetzt etwas, was noch über den Schnaps ging. Als er dann schließlich doch auf den Heimweg kam, überfiel ihn ein heftiges Schamgefühl, nicht, weil er weggesegelt war, sondern weil er wieder umkehrte, und als er die Bucht mit den Erlen wiedersah, wo das rote Häuschen lag, da ward Sammel in seinen eigenen Augen so klein und kläglich, daß er sich am liebsten in seine eigenen Stiefelschäfte verkrochen hatte. Alles kam jetzt wieder über ihn. Jetzt würde es wieder drücken und strammen und ihn quälen und anwidern, schlimmer als je zuvor. Das wußte er im voraus. Alles wußte er. Er saß fest, war an Ort und Stelle gebunden, durfte nicht gehen, wohin er wollte. Er war aus dem Dienst desertiert. Als er heimkam, saß seine Frau da und weinte. Und Sammel wußte ihr nichts zu sagen, konnte nichts erklären, wußte nur, daß er weggesegelt und jetzt wiedergekommen war. Diesmal erhielt Sammel die erste Verwarnung von den Vorgesetzten. Stramm aufgerichtet stand er in Paradeuniform vor dem Lotsenkapitän und hörte die Scheltworte, die man ihm gab, an, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber als er wegging, war sein Rücken krumm und er hing den Kopf. Er wollte in die Schenke. Aber er wagte es nicht. Denn er wußte, das zweite Übel würde größer werden, denn das erste. Darum lenkte er seine Schritte heimwärts. Aber er machte einen Umweg. Denn an Normans Haus mochte Sammel diesmal nicht vorbeigehen. Dort stand Norman, wie er zu tun pflegte, breitbeinig und mit den Händen in den Hosentaschen unten bei der Treppe und wärmte sich im Sonnenschein. In weitem Bogen ging Sammel an ihm vorbei, ohne aufzusehen. Denn jetzt hatte Sammel die Schande mit sich herumzuschleppen, und zudem hatte er nun einen Feind, den zu treffen er täglich und stündlich bereit sein mußte. Sammel ertrug es nicht, daß irgend jemand ihn scheel ansah. Dazu war er zu empfindlich. Er selber konnte das wohl andern gegenüber tun. Aber er ward krank, wenn er denken mußte, daß andere das ihm gegenüber tun könnten. Sammel hatte übrigens nicht nur einen Feind jetzt. Er hatte zwei. Und der zweite war der ärgste. Denn er war ein Weib. Und wenn Frauenzimmer mit ins Spiel kamen, dann, meinte Sammel, könnte er sich darauf verlassen, daß alles Schlimme, was über ihn gesagt werden konnte, auch gesagt und erläutert und geglaubt würde. In diesem Fall hatte Sammel sich auch nicht verrechnet. Schon vorher war sein Ruf nicht der beste gewesen, aber das bißchen, was er in dieser Hinsicht noch besaß, das bemühte Normans Frau sich nach Kräften ihm zu nehmen. Und jeder weiß, daß das nicht schwer ist. Aber Sammel mußte auch erfahren, daß, wenn es auch gut sein kann, den Schnaps bei der Hand zu haben, wenn das Leben schwer ist, er doch auch ein gefährlicher Freund ist, der uns Anderes und Schlimmeres bietet, als das, was man die Herrlichkeit des Lebens nennt. Nicht einmal mehr sein Weib sah es mit ungeteiltem Vergnügen, daß Sammel trank. Er war der erste Lotse der Schären. Aber das Mal saß auf ihm. Das Mal der Schande, das niemand wegwaschen konnte. Er war einmal verwarnt worden wegen Trunkenheit, und die Warnung hatte nicht gefruchtet. Die Schande, die in ihm brannte, ward ein neuer Gegenstand des Grübelns, und weil er ihn nicht los werden konnte, wußte der arme Sammel sich keinen andern Ausweg, als wieder zum Branntwein zurückzukehren. Alles drehte sich im Kreis für den Lotsen, wenn er daran dachte. Erst war es der Schnaps, der ihn rettete und machte, daß er das Leben ertragen konnte. Dann kam der Schnaps und stürzte ihn so tief, daß er Gefahr lief, den Dienst zu verlieren, um dessentwillen er einst sein Leben verkauft hatte und noch immer verkaufte. Und wenn er nun in seiner Angst herumlief und der Ruhe bedurfte, so hatte er nichts, an das er sich halten konnte, als eben diesen selben Schnaps, der ihn erst bis zu den Wolken erhöhte und ihn dann herabzog in den Schmutz. Das war ein Kreislauf, der sich schwer entwirren ließ, und Sammel vermochte ihn auch nicht zu entwirren. Immer verzweifelter wurde seine Lage. Er ward jetzt nicht mehr froh, wenn er trank. Er ward rasend und wild. Nicht muntere Lieder waren es mehr, die er um sich streute, nicht fröhliche Scherze, die er zum Ergötzen der Saufgenossen sprühen ließ. Wenn Sammel sich jetzt auf seinen alten Platz am Wirtshaustisch setzte, wurde es um ihn her leer. Denn wenn die Leute wußten, daß er dasaß, kam niemand hin, und wenn Leute da waren, wenn er eintrat, hatten sie plötzlich anderes zu tun, und Sammel fand sich einsam auf seinem Platz. Da saß denn Sammel und dichtete, und seine Dichtung nahm ihre Farbe von der häßlichen Wirklichkeit seines eigenen Lebens. Darum saß Sammel allein am Tisch, und wenn er betrunken war, schrie er sein Elend hinaus, daß das Echo über Klippen und Schären wiederhallte. Und wenn er manchmal in andere Stimmung kam, war er auch dann einsam. Dann ging er, vor sich hinsingend, zum Strand hinunter, bis er irgend ein freies Boot fand, in das er sich setzen konnte. Er setzte sich ans Ruder, und man konnte ihn Seemann auf dem Atlantischen Ozean spielen hören, wie es sonst nur Kinder können. Da saß Sammel und hielt das Ruder, sein Kopf hing herab, der Blick war verdämmert. »Hier ist raume See!« schwatzte er. »Jetzt geht der Wind von Westen. Dort vorn blinkt ein Leuchtfeuer. Weit, weit fort im Nebel sieht man es. Wenn wir es erst achter dem Steuerbord haben, laufen wir in Singapore ein. Da sitzt ein Mädel, für die ich das Herz in der Brust einbrannte. Sie kann auf der Mandoline spielen und einen Seemann umschmeicheln. Mit der war ich verheiratet, und sie wartet noch auf mich. Und wenn der Jangtsekiang mit dem Hoangho zusammenfließt, und der Kanal am Roten Meer frei von Eis ist, dann kehrt Sammel zurück. Dann wird er Lotse der Krone und steht in der Uniform auf der Kommandobrücke. Dann hat er die Taschen voll Geld und traktiert alle mit Champagnerwein. Mary und Annie und die kleine Nanette, Da sollt ihr ihn sehen, – er tanzt um die Wette! So reiste Sammel in fremde Länder und der Branntwein bezahlte die Reise. Zweimal lag er betrunken am Ufer, als Schiffe um einen Lotsen signalisierten und an ihm die Reihe war, zu lotsen. Einmal trank er sich toll und voll mit Whisky auf einem englischen Dampfer, geriet in Streit mit dem Kapitän, der, wie er sich fluchend verschwor, Norman hieß und darum über Bord sollte. Viermal ward er vor Pontius Pilatus gerufen, das heißt, sollte sich vor dem Lotsenkapitän verantworten und verwarnt werden. Viermal stand er in der Paradeuniform und hörte die Scheltworte an, ohne mit der Wimper zu zucken. Er hatte schon eine Verwarnung mehr erhalten, als reglementsgemäß erteilt werden sollte, eh das Urteil fiel, das auf das Fürchterlichste: Abschied ohne Pension, lautete. So viel Rücksicht nahm man nur, weil Sammel der erste Lotse in den Schären war und weil die Behörde versuchen wollte, ihn so lang als möglich zu halten. Sammel wußte das sehr wohl, und dies Bewußtsein stärkte sein Selbstgefühl. Als er darum das letzte Mal vom Lotsenkapitän kam, und seine extra Verwarnung erhalten hatte, war er in gehobener Stimmung. Er sah gerade Norman auf der Böschung vor seiner Treppe stehen und sich die Hinterseite im Sonnenschein wärmen. Diesmal ging Sammel nicht aus dem Weg, sondern schritt mutig weiter, und als er an seinem Erbfeind vorüberkam, blieb er stehen. »Schau mich an,« sagte Sammel. »Schau mich an! Da siehst du einen Mann, der sich sehen lassen kann! Er hat vor Pontius Pilatus gestanden und seine vierte Verwarnung erhalten. Das würde dir nie passieren. So viel Umstände würde mit dir keiner machen, du alter Wiederkäuer!« Das letztere war eine Anspielung auf Normans Gewohnheit, Tabak zu kauen, was Sammel verachtete, und er freute sich ganz unchristlich, als er es gesagt hatte. Mit der Nase hoch in der Luft ging er in voller Uniform an seinem Feind vorüber. Er schritt dahin wie ein sieghafter Gott. Denn die vierte Verwarnung war sein Ruhm. Und den konnte ihm keiner nehmen, mochte geschehen, was wollte. Dies war jedoch Sammels letzter Triumph, und lange durfte er ihn nicht genießen. Der ganze Triumph ging sozusagen in Rauch auf. Denn eines schönen Tages wurde die ganze Gegend durch eine Feuersbrunst oben auf dem Lotsenberg aufgeschreckt. Die Leute strömten herbei um zu retten, aber es war zu spät. Der Ausguck der Lotsen stand in hellen Flammen, und unten an der Klippe saß Sammel sternhagelvoll und sang, sang aus vollem Hals ein Lied in einer fremden Sprache, die niemand kannte. Wie das Ganze zugegangen war, brachte niemand recht heraus. Aber so viel war klar, daß Sammel die Ursache des Unglücks und daß niemand außer ihm da gewesen war. Nun konnte Gnade nicht mehr vor Recht gehen. Sammel ward aus dem Lotsendienst verabschiedet, und – was ihn am meisten kränkte – er ward verabschiedet ohne die fünfhundert Kronen Pension, die doch jeder Schafskopf kriegte. Er hätte also ebenso gut von selber gehen können. Er hätte gehen können, als er noch jung war und die See ihn lockte. Alles, was ihn zurückgehalten hatte, war nichts gewesen als Schein, Blendwerk, Teufelskünste und Betrügerei. Nicht einmal Frau und Kinder hatten etwas dabei gewonnen, daß Sammel sein Leben vergeudet hatte und an Land geblieben war. Der Branntwein, der ihn zum Herrn gemacht hatte, schleuderte ihn von sich wie einen Lumpen und machte ihn nicht einmal mehr froh. Das geschah zu der Zeit, die immer Sammels schlimmste war – der Zeit, da das Eis sich zwischen die Inseln legte, da die Leuchtfeuer erloschen und der Nordwind kalt wehte. 5. Sammel ward alt und grau, und alles an ihm ward krumm. Die Finger wurden krumm von Gicht und Rheumatismus, der Rücken ward krumm von demselben Leiden, die Nase magerte ab, so daß sogar sie krummer aussah, als zur Zeit, da der Lotse noch Fleisch im Gesicht gehabt hatte. Sammel war jetzt auch nicht mehr Lotse, und von was er lebte, das mochten die Vögel wissen. Er schoß wohl ab und zu eine Robbe, fischte draußen, lotste auch ein wenig, wenn es sich um ungebaktes Fahrwasser handelte, bei dem kein anderer die Verantwortung übernehmen mochte. Das war alles, und es reichte just nicht weit. Aber es mußte eben reichen. Denn wenn man nicht hat, was man braucht, muß man seinen Verbrauch nach dem richten, was man hat. Und Sammel meinte, das, womit er selber sich begnügen mußte, sei auch für andere gut genug. Aber seine Frau teilte diese Auffassung des Mannes nicht. Sie fürchtete ihn nicht mehr; der Schrecken, den Hilma einst im Blut gehabt hatte, war längst vergangen. Jetzt hatte Sammel nicht einmal mehr Geld im Sack, wie früher, als er Lotse war, und womit er sich früher freizukaufen pflegte. Er ging Hilma jetzt aus dem Weg und hörte alles, was man ihm sagte, an, ohne zu mucksen. »Du bist ein Lüderjahn, Sammel!« pflegte Hilma zu sagen. »Und wenn ich gewußt hätte, wie du bist, so hätt' ich's bleiben lassen können, mich wegzuwerfen, und hätt' was Besseres haben können.« »Das hättest du,« antwortete Sammel und ging ihr aus dem Weg, wie immer. Was er dachte, behielt er für sich. Aber das Ärgste war, daß auch die Kinder Sammel verachteten und die Mutter bedauerten, die Kinder, die jetzt erwachsen waren. Sammel merkte auch dies, und es kränkte ihn am allermeisten; aber verteidigen konnte er sich nicht – am wenigsten ihnen gegenüber. Sammel war nun so weit gekommen, daß er aller Narr war, eine Art Hanswurst für die ganze Gegend. Wo er ging, wandten die Leute die Köpfe und sahen ihm nach. Und wenn er betrunken war, hatte er einen Schwarm von Jungens hinter sich her, die ihn aufreizten, sie zu verfolgen, und dann über seine Wut lachten. Wenn er, wie oft, im Boot saß und mit sich selber schwatzte, wenn er am Ruder stand und Reden hielt, die Lichtwogen des Leuchtturms von Eddystone sah oder das Brausen um die Bänke von Dover hörte, wenn er laut mit Steuermann, Kapitän und der ganzen Besatzung sprach, wenn er wieder der alte Sammel war, der junge, der unverwüstliche, der Allerwelts-Sammel mit der Seele voll Kraft und einem Feuerherzen auf der Brust, – dann stand ein Schwarm von Tagedieben am Strand, kränkte ihn und grinste, bis Sammel aus seinem Traum erwachte und ans Land krabbelte, um für seine Ehre zu kämpfen. Bei solchen Gelegenheiten dachte Sammel an Norman und er ging, ihn zu suchen. »Du hast auch deine Verwarnungen weg, du Vieh,« sagte Sammel. Er stand allein mitten auf dem Hügelweg und schüttelte seine geballte Hand vor sich hin. »Drei Verwarnungen hast du weg, und Pension hättest du auch nicht gekriegt, wenn nicht deine Alte beim Kommandeur gewesen wäre und für dich gebettelt hätte.« Und Sammel ging und suchte Norman, aber er fand ihn nie. Es konnte vorkommen, daß er seine Kühe antraf. Die trieb er dann stundenlang tief hinein in den Wald und ging darauf allein durchs Dickicht und lachte wie ein Narr, wenn er die Alte laufen und rufen hörte, während die erschreckten Tiere in voller Verwirrung immer weiter und weiter fortrannten. Er konnte an Normans Haus vorübergehen, wenn er sah, daß niemand daheim war. Dann schlich er hinzu und ließ die Ferkel heraus, ging weiter und tat, als ob es regnete. Vielerlei Derartiges tat Sammel und ergötzte sich in aller Stille daran. Einmal schnitt er der Alten die Wäsche herunter, die an einem Seil hing, und verstreute die Kleidungsstücke über den schmutzigen Boden. Aber das Ärgste war doch, wie er Norman die Strömlingsnetze zerschnitt. Denn so was ist Frevel, und diesmal erschrak Sammel über sich selber. Sammel kam auf dem Hügelweg gegangen, der zu seinem Haus führte. Die Luft war voll Sonnenschein, und Sammel war kurz vorher draußen gewesen und hatte einen Vergnügungskutter gelotst. Er hatte Geld im Sack, und der Großhändler, für den er gelotst hatte, hatte ihm zum Abschied ein paar tüchtige Gläser voll eingeschenkt, zum Dank dafür, daß er draußen auf der See nichts angerührt hatte. »Auf der See saufe ich nie, aber an Land immer,« hatte Sammel geantwortet. Diese Worte käute er nun bei sich selber wieder, wie er so dahin ging. Er wußte, er hatte etwas Gutes gesagt. Auch der andere hatte darüber gelacht, und Sammel fühlte sich befriedigt. Es war beinah, als hätte er die Formel seines Lebens gefunden. Jetzt war es auch wahr. Nun er nichts mehr zu verlieren hatte, fürchtete Sammel alles Starke, so bald er auf See war, und er konnte vom Land flüchten, um dem Teufel zu entrinnen, der ihn beherrschte. Inzwischen ging Sammel zwischen den Häusern der Lotsenkolonie weiter seinem Hause zu. Er hielt seinen Rücken grader, als gewöhnlich, und die grauen Augen glänzten. Sammel war nicht mehr an gute Worte gewöhnt in diesen letzten Jahren; nun hatte der Großhändler ihn gerühmt und ihn nobel bezahlt. Außerdem hatte er ihn ehrenvoll traktiert und zum Abschied eine Flasche feinen Kaffeekognak in die Tasche des Lotsen gesteckt. Darum war Sammel munterer als sonst, und als er an Normans Haus vorüber kam und ihm ganz unvorbereitet etwas Nasses ins Gesicht schlug und sich um seine Beine wickelte, war er nicht in der Laune, sich geduldig zu zeigen. Er machte ein paar Schritte nach rückwärts und fluchte. Was war denn das? Hatte da nicht die alte Vettel, diese Vettel aller Vetteln auf Meilen im Umkreis, die die Leute Norman nannten, die Netze herausgehängt? Und hatte er sie nicht just da aufgehängt, wo Sammels Weg lag? Sammel war seitwärts geraten und ging mitten im Gras. Aber das merkte er nicht. Denn die Wut auf Norman im Verein mit seinem Rausch machte ihn blind. »Gehört der Weg nicht mir?« dachte Sammel. »Bin ich nicht mehr als dreißig Jahre diesen Weg gegangen? Soll ich nicht auf meinem eigenen Weg gehen können?« Damit zog er sein Messer heraus, das hinten im Hosenriemen hing, und begann ohne weitere Überlegung im Garn herum zu schneiden und zu säbeln, um eine Öffnung zustande zu bringen, durch die ein Mann hindurchschlüpfen könnte. Normans Alte kam heraus. Denn Norman selber war nicht daheim. Sie weinte und bat Sammel, sich zu beruhigen. Aber Sammel hörte nicht auf sie. Er schnitt und schnitt, bis das Loch so groß war, daß er hindurch konnte. Dann steckte er das Messer wieder in die Scheide, und ohne sich noch einmal umzublicken ging er stolz weiter. »Ich mußte doch weiter,« dachte Sammel. Und er kam auch weiter. In dieser Nacht ward bei Normans nicht viel geschlafen. Statt dessen wurden Rachepläne geschmiedet, und die Alte schlich sich alle Viertelstunden hinaus, um nachzusehen, ob Sammel nicht zurückkäme. Aber Sammel kam nicht, und am Morgen darauf war Sammel verschwunden. Normans Alte fand niemand, an dem sie ihren Zorn auslassen konnte, als Sammels Hilma, und die nahm die Sache ruhig, weil sie sich unschuldig wußte. Wo Sammel war, wußte auch sie nicht, nur, daß er im Morgengrauen ausgesegelt sei. Während die Weiber nach besten Kräften seinethalben miteinander keiften, saß Sammel am Ruder und strebte gegen den Wind nach der Klippe, die weit draußen an offener See lag, wo die Bäume sich tief vor dem Sturm bogen und wo das Meer frei wogte und selten zufror, weil dort der Strom vorbeistrich. Sammel fürchtete sich vor sich selber und vor dem, was er getan hatte; so erbärmlich wie letzt war er sich noch nie vorgekommen. An der Klippe legte Sammel an und den ganzen Tag über saß er still da und dachte. Nachts schlief er auf der Schäre, und am nächsten Morgen fuhr er weiter nach einer Fischerkolonie, die weit draußen im Meer lag. Sammel hat Geld im Sack, mehr Scheine, als er seit langen Jahren besessen hat. Einen gab er seiner Frau, als er wegfuhr, aber die meisten hat er bei sich. Sammel kauft sich eine Tonne Strömlinge und einen Sack Kartoffeln. Er kauft eine alte Hütte, die da steht, und reißt sie nieder. Und all das bringt er hinüber auf die niedere Schäre, auf der er sich daheim fühlt, und als er alles dort hat, legt er sein Boot fest und fängt an zu bauen. Es braucht lange Zeit, wenn ein alter Mann sich fern von allen andern allein sein Haus bauen will, und Monate vergehen, eh die Koje fertig ist und bewohnt werden kann. Ein richtiges Fundament ist überhaupt nicht gelegt, der Herd ist baufällig und das kleine Fenster sitzt schief. Aber Sammel gefällt es hier, weil er hierher paßt und weil keiner ihn stört. Er merkt nicht, daß der Herbst kommt und daß die Tage kurz werden. Er hat auch kein anderes Licht, als das, was die Reisighaufen geben, die im Herd brennen; in einem Buch hat er nicht mehr gelesen, seit er in den Einsegnungsunterricht ging, so daß er auch das nicht vermißt. Der Winter kommt und es wird dunkel rund um ihn her, weil alle Leuchtfeuer erlöschen. Aber Sammel fürchtet die Dunkelheit nicht, und an Entbehrungen ist er gewöhnt. Er spart an den Streichhölzern und sieht zu, daß die Speisevorrate reichen. Wenn es hell ist, fischt er ein bißchen, und so oft er einen Vogel oder eine Robbe sieht, liegt er mit der Büchse auf der Lauer. Aber meistens liegt er ganz still auf einem Strohsack, den er mitgebracht hat, und steht bloß ab und zu auf, um nach dem Feuer zu sehen. Er friert nicht und er hungert auch nicht. Er ist zufrieden. Sammel segelt jetzt nicht mehr nach fremden Ländern; er ist auch nicht mehr der fliegende Holländer, der des Gespensterschiffes müde und vor seiner Mannschaft geflüchtet ist. Er ist ganz einfach Sammel, dem's in der Welt schief gegangen ist, weil er sich nicht selber zu steuern vermochte, sondern andere steuern ließ, Sammel, der sein Heim und seinen Frieden vertrunken hat, Sammel, der seine Seele zerstört hat, Sammel, der ein böser alter Mann ist, den alle scheuen, Sammel, der sein Weib gequält und seine Kinder vergessen hat, Sammel, der nichts ist und nie etwas war. So denkt Sammel von sich selber, aber trotzdem ist er glücklich. Denn er ist von dem allem so weit fort, als wär' es nie gewesen, und wo er jetzt ist, gibt es niemand, dem er Böses antun könnte. Der Winter vergeht und es beginnt um die Schären her sich aufzuhellen. Die Tage werden länger, und abends blinken die Leuchtfeuer durch das Dunkel. Da hört Sammel eines Tages, wie es draußen auf der Klippe raschelt. Er erhebt sich und horcht. Er kann es ganz deutlich hören. Es sind Menschen, die da gehen. Sie sprechen leise miteinander, als fürchteten sie sich davor, ihre eigenen Stimmen zu hören. Sammel liegt und lauscht. Er hört, wie die Tritte sich nähern, und ein grimmiges Lächeln fährt über sein Gesicht. Schließlich öffnet sich die Tür, und Sammel sieht zwei Männer eintreten. Der eine von ihnen ist sein eigener Sohn. Von der Fischbank am Meeresrand war verlautet, wo Sammel war, und jetzt kommen die beiden Männer, um nach ihm zu sehen. Verlegen stehen sie in der Türöffnung und wagen nicht einzutreten. Noch einmal fährt ein Lächeln über Sammels Gesicht. »Ihr habt geglaubt, ich sei tot; das kann ich mir denken. Nein, noch lebe ich. Und weil ihr nun einmal hergekommen seid, will ich euch auch was anbieten.« Damit erhebt sich Sammel und holt die Flasche feinen Kognak vom Großhändler, die den ganzen Winter über unberührt dagestanden hat. »Bitte,« sagt er, und stellt die Flasche hin und ein Glas. Die beiden Männer trinken stillschweigend. Sammel selber mag nicht kosten. Zuletzt sagt der Sohn: »Wollt Ihr nicht mit heimkommen, Vater? Wir haben uns um Euch geängstigt – alle.« »Nein,« antwortet Sammel. »Ich komme, wenn ich mag.« Mit diesem Bescheid mußten die beiden Männer umkehren. Sammel begleitete sie und half ihnen das Boot abstoßen. Als der Tag, an dem er mochte, gekommen war, verließ auch Sammel die Schäre. Eines Morgens segelte er heim, als wäre nichts geschehen, ging hinein zu seiner Frau und blieb bei ihr. Aber am ersten Tag, an dem er ein Stück Geld verdiente, trank er wieder. Sammel kehrte mehr als einmal auf die Schäre zurück, wo seine Hütte stand und wo niemand ihn störte. Manchmal blieb er tagelang da, manchmal Wochen, aber nie mehr einen Winter hindurch, wie das erste Mal. In einer Septembernacht kam Sammel im Meer um, ertrank in der Bucht zwischen den Schären, der Bucht, die zwischen dem Dorf und der Lotsenkolonie lag. Ein Mann ging durch ein unvorsichtiges Manöver im Sturm über Bord. Er verschwand in der Dunkelheit, und alle im Boot erhoben sich, um nach ihm zu sehen. Da sprang Sammel besinnungslos ins Wasser, um ihn zu retten. Der Verunglückte kam an der Leeseite des Bootes wieder empor und ward hereingezogen. Aber als die Männer sich luvwärts wandten, wo sie Sammel noch eben gesehen hatten, war er fort, und nur sein alter Hut schwamm auf dem Wasser. Sie dreggten lang nach Sammel, aber man fand ihn nicht mehr. Die See hatte ihn genommen und seinen toten Körper hinaus ins Meer getragen. So kam Sammel endlich fort vom Land, und schließlich behielt ihn doch das Meer. Er war wie der Wundervogel, den man Albatroß nennt. Hunderte von Meilen tragen ihn seine starken Schwingen vom Land. Wird er aber einmal gefangen, so kann man ihn ungefesselt aufs Deck des Schiffes setzen. Fortzufliegen vermag er nicht mehr. Denn er braucht Weite und Sturm unter den Schwingen, wenn es ihm glücken soll, sich frei zu machen. Die alte Bibel Ein alter Geistlicher und ein junger saßen zusammen in dem Studierzimmer des alten Geistlichen, von dessen Fenstern aus man die Westsee sich im Sonnenschein gegen waldlose Klippen und Schären brechen sah. Der junge Geistliche war auf Besuch zu dem alten gekommen, bei ihm Rat zu suchen und sich zu beklagen. Das hatte er getan, weil er erst kürzlich von der Universität ins Leben hinaus getreten war und die Wirklichkeit, der er begegnete, ihn um so mehr erschreckte, je tiefer er die Pflicht empfand, einzugreifen und zu bessern. Der Alte und der Junge saßen einander gerade gegenüber. Sie sprachen von Land und Leuten, ihren Sitten und Unsitten. So lange sie sprachen, hörten sie nur ihre beiderseitigen Stimmen und die Worte, die jeder von ihnen dachte und aussprach. Sobald sie aber eine Weile schwiegen, klang in ihren Ohren das Rauschen des Meeres und das starke Brausen des Windes um den alten tiefliegenden Pfarrhof. Zuletzt war ihnen beiden, als säßen sie einsam draußen in der wilden Brandung und versuchten, sich im Glauben zu üben, um durch ihn die Mächte der Natur zur Ruhe zu zwingen. Die beiden Männer empfanden dies auf verschiedene Weise. Denn der eine von ihnen war alt und hatte seine Bücher fast vergessen. Statt dessen war er vertraut geworden mit den Wogen, die hoch um ihn gingen, im Menschenleben wie in der Natur, und er konnte über sich selber lächeln, wenn er der Zeit gedachte, da auch er das Unmögliche versucht hatte. Der andere dagegen war jung, und über ihn hatte das, was er in den Büchern las, solche Macht, daß er nicht einmal glauben wollte, daß die Natur so war, wie er selbst sie doch sah. Alles um ihn her erbitterte ihn, besonders die Ruhe, mit welcher der alte Pastor den Ausbruch seines geistlichen Zornes aufnahm. Nun saßen die beiden schweigend, in ihre Gedanken versunken, der Junge darüber nachgrübelnd, was der andere ihm sagen würde, der Alte überlegend, ob er weiter sprechen oder es dem Leben überlassen sollte, dem neuen Geistlichen seine Lehren langsam und schwer beizubringen. Und während sie so saßen, lauschten beide mit verschiedenen Gefühlen dem Meere und sahen auf der Bucht einen Küstensegler, an dem eben das Großsegel fiel, hinter einer Klippe verschwinden. »Es kommt Besuch,« sagte der Pastor. »Und dem Boot nach zu urteilen ist es einer von weit her. Ich glaube, es ist ein Norrösund-Boot.« Der Junge stand auf, um zu gehen. Aber der Pastor winkte ihm, sitzen zu bleiben: »Du bist selbst Geistlicher und magst gern zugegen sein.« So saßen die beiden Geistlichen einander gegenüber an dem großen schwarzen Schreibtisch und warteten. Der Adjunkt blickte hinaus über die Klippen, um die das Meer dunkel ging, der Pastor saß still und blickte gleichsam in sich hinein. Er dachte an die Bevölkerung, die ihm lieb geworden war, weil er sie verstand, und hatte das Gefühl, als müßte er sie gegen Angriffe und Schmähungen verteidigen. Es lag etwas in der Art des Jungen, über die Leute zu urteilen, das dem Alten dies Gefühl einflößte. Beide aber, der Alte und der Junge, warteten auf den Besuch, der kommen sollte, als gehörte er zu ihrem Gespräch, und sie lauschten gespannt auf jeden Laut, als könne ein so alltägliches Ereignis wie ein Besuch aus den Schären auf alle ausgesprochenen und unausgesprochenen Fragen Antwort erteilen. Und als sie endlich draußen auf der Matte des Vorzimmers Füße scharren und leises Klopfen an der Zimmertür hörten, taten beide auf einmal einen Atemzug der Erleichterung. »Herein!« sagte der Pastor als Antwort auf das leise Klopfen. Draußen hörte man ein Geräusch wie von Kleidern oder Stimmen, aber niemand öffnete. Da stand der Alte auf und öffnete selbst die Tür, der Junge aber blieb auf seinem Stuhl sitzen und sah den Eintretenden scharf entgegen. In der Türöffnung zeigte sich zuerst ein junger Mann in Südwester und Öljacke. Sein Gesicht war derb gehauen und gebräunt, die Augen blickten unter breiten Augenbrauen klar hervor, der Mund war voll und das Kinn von einem kurzen, hellen Bart bedeckt. Er blieb auf Socken an der Tür stehen und machte einen Kratzfuß. Die Wasserstiefel hatte er ausgezogen und neben die Treppe gestellt. Als er eingetreten war, sah er sich freimütig um, schien aber doch zaghaft. Er machte einen Versuch zum Lächeln, aber das Lächeln blieb in den Mundwinkeln stecken und die Augen blickten ernsthaft, wie zuvor. Hinter ihm stand ein Weib. Ihr Gesicht war unter dem Kopftuch versteckt, das tief über die Stirn gezogen war, und ihre Gestalt verhüllte ein langes Schaltuch, das sie mit beiden Händen zusammenhielt. So dicht als möglich hielt sie sich zu dem Mann und blickte nicht auf. Der Pastor gab ihnen beiden die Hand. Darauf setzte er sich wieder an seinen Platz vor dem Schreibtisch und winkte dem Paar an der Tür, näher zu kommen. Sie gehorchten jedoch dem Wink nicht, sondern blieben stehen, und beständig hielt das Weib sich hinter dem Mann. Mehr als einmal mußte der Pastor sie nach ihrem Anliegen fragen, ehe er eine Antwort bekam. »Die Sache ist die,« sagte der Mann endlich, »wir möchten heiraten.« Der Pastor schlug sein Buch auf und suchte ihre Namen heraus. »Tritt vor, Johan Ersson,« sagte er. Der Mann tat so. »Du auch,« fuhr der Pastor, zu dem Weib an der Tür gewandt, fort. Da trat auch sie vor. Während sie ging, strich sie das Kopftuch zurück und zeigte ein junges Gesicht mit tiefen Augen und reinen, schönen Zügen. Aber wie sie dastand und die Blicke der beiden fremden Männer auf sich ruhen fühlte, schlug sie die Augen nieder und errötete. Denn sie wußte, daß sich ihr Geheimnis nicht verbergen ließ, und daß ihre Gestalt sie verriet. Auch der junge Geistliche ward rot im Gesicht. Er machte eine heftige, mißbilligende Gebärde, als hätte er etwas Abstoßendes gesehen, und erhob sich. Aber der Alte sah ihn an und sagte gebieterisch und ruhig: »Sitz still und laß mich reden oder schweigen, wie ich will.« Damit wandte er sich zu dem Mann, der ernst geworden war und verlegen das Weib an seiner Seite betrachtete, als möchte er ihr irgendwie helfen und könnte doch nicht oder getraute sich nicht. »Hast du soviel, daß du heiraten kannst?« fragte der Pastor. »Ich habe Haus und Boot und Netze,« antwortete der Mann, »und schuldig bin ich nicht viel.« »Hm!« meinte der Pastor. »Es sieht aus, als hättet ihr früher kommen sollen. Jetzt kommt die Taufe wohl recht bald auf die Trauung.« Der Anflug eines Lächelns flog über die rauhen Züge des Mannes, und er blickte rasch zur Seite, auf das Weib, das noch immer zusammengeduckt dastand, mit einer Miene, als möchte sie eigentlich nichts hören und nichts verstehen. Dann blickte er dem Pastor fest ins Gesicht und antwortete: »Das hätten wir freilich. Aber wir haben keine Zeit gehabt.« »Keine Zeit?« »Nein! Es war gerade mitten in der Fischzeit. Und wir haben einen weiten Weg.« Er schwieg eine Weile, als besänne er sich. »Sonst wären wir schon früher gekommen,« fügte er dann bedächtig hinzu. »Lebt sie mit dir?« fiel der Pastor hier ein. »Ja,« antwortete der Mann. »Ich hab' jemand haben müssen, der mir mit den Netzen und im Hause hilft, jetzt, wo meine Mutter tot ist.« »Und vorher habt ihr nicht daran gedacht, zu heiraten?« »Nein.« Der Pastor sagte nichts mehr, sondern stellte den Schein aus, rief darauf seinen Knecht als zweiten Zeugen herein und ließ Johan Ersson und seine Braut ihre Namen unterschreiben. In zierlicher Schulkinderhandschrift schrieb das junge Weib Anna Olsdotter neben den Namen des Bräutigams, knixte tief vor dem Pastor und wollte gehen. Aber der Pastor hielt sie zurück und gab die Feder dem Adjunkt, damit er seinen Namen als erster Zeuge unterzeichnen sollte. »Kann nicht jemand anders?« murmelte dieser. Widerwille spiegelte sich auf seinem schmalen, glattrasierten Gesicht. »Schreib!« sagte der Pastor ruhig. Der junge Geistliche schrieb, aber als er die Feder fortlegte, vermochte er nicht langer zu schweigen, sondern brach, indem er sich an das Paar vor ihm wandte, aus: »Aber wenn – wenn ihr nun keine Zeit mehr gehabt hättet, was dann?« »Dann hätten wir freilich noch einen Monat warten müssen,« antwortete der Mann. »Aber dann hätte Anna mich wahrscheinlich überhaupt gar nicht mehr begleiten mögen.« »Was sagt ihr?« fuhr der Junge auf, und seine Stimme bebte so, daß sie überschlug. »Ich hab' sie überreden müssen, daß sie jetzt mitkam,« fuhr der Mann fort, und wieder fuhr der Schein eines Lächelns über seine Züge. »Sie schämte sich, daß sie sich so vor dem Pastor zeigen sollte. Das ist natürlich.« Der junge Geistliche faßte sich mit beiden Händen an den Kopf und wollte noch mehr sagen. Aber der Alte gab ihm einen Wink, zu schweigen, hieß den Knecht, der jetzt auch unterschrieben hatte, gehen und wandte sich dann wieder an die beiden Verlobten. »Das ist recht, Johan Ersson,« sagte er, »daß du das Weib gezwungen hast, mit dir zu gehen. Ich wünsch euch beiden jetzt in Gottes Namen Glück! Und sorgt nur dafür, daß ihr über drei Sonntage Zeit habt, damit die Trauung stattfinden kann!« Darauf gab er erst dem Weib und dann dem Mann die Hand, klopfte ihnen beiden väterlich auf die Schulter und machte selbst die Tür hinter ihnen zu. Er stellte sich an das Fenster und sah sie im Sturm davongehen, der Mann voraus, das Weib schwer in seine Fußtapfen tretend. Keins von ihnen sagte ein Wort zum andern, während sie so gegen den heftigen Wind gingen. Als sie verschwunden waren, wandte sich der alte Geistliche um und sah den jungen an. Der saß noch mit gegen den Kopf gedrückten Händen und den Ellbogen auf dem Tisch. Plötzlich hob er den Kopf und ließ seine Hand schwer auf den Tisch fallen. »Wie konntest du so zu ihnen sprechen, wie du's getan hast?« brach er aus. »Nicht Ein Wort über ihre Sünde! Nicht Ein Wort vom Lohn der Sünde, von ...« Die Stimme blieb ihm im Halse stecken und er verstummte aus Furcht, sich einem älteren Manne gegenüber zu vergessen. Der alte Geistliche stand eine Weile in Gedanken auf seinem Platz am Fenster still und ließ dem jungen Zeit, sich zu beruhigen. Darauf nahm er eine Pfeife aus dem Ständer, stopfte sie, zündete sie an und setzte sich im Schreibtischsessel zurecht. »Sünde!« sagte er. »Ja, wir alle sündigen. Aber ich will dir eins sagen. Ich kenne viele aus dem Kreise der Gebildeten, die sich mit einem Weib in aller Anständigkeit vor dem Gesetz verheiraten und sie, ehe ein Jahr zu Ende ist, ihrem Schicksal überlassen, um einer anderen nachzulaufen. Das tut der Mann, den du eben hier gesehen hast, nicht. Ich kenne auch Frauen, die heiraten, um ohne selbst zu arbeiten in Ruhe von der Arbeit zu leben, die ihr Mann für zwei, nein, für alle tut, so groß auch die Familie werden mag! Das tut diese Frau nicht. Bis zum letzten wird sie ihren Mann im Boot auf die See hinaus begleiten, und wenn sie ihr Kind geboren hat, so dauert es nicht lang, bis sie ihn wieder begleitet. So ist das Leben dieser Menschen und so wird es sein, so lange sie leben. Sie werden ihr ganzes Leben hindurch arbeiten und ihre Kinder lehren, zu arbeiten, gleich ihnen. Das Fundament aber, auf dem sie ihr Leben aufbauen, ist, daß die Liebesfreude geheiligt wird durch das Kind. Rühr nicht an dieses Fundament! Auf ihm, läßt sich viel Gutes aufbauen!« Der Adjunkt lächelte. »Hat dir das jemand gesagt?« fragte er höhnisch. »Nein,« antwortete der Pastor. »So etwas können diese Menschen nicht sagen. Aber sie fühlen es. Ich verstand es im Anfang nicht. Aber ich habe mich zum Verständnis durchgelebt. Ich habe mein Herz gebeugt, um ihrem Herzen näher zu kommen, so nahe, daß ich sein Schlagen zu deuten wußte. Lebe mit ihnen und beuge dein Herz auch du! Dann wirst du aufhören, zu richten. Denn wer dies heilige Fundament eines großen Teils unsres Volkslebens schmäht, der denkt niedrig von unserem Volk. Und der ist noch zu hochmütig, um zu verstehen.« Der andere schwieg, schüttelte aber den Kopf. Denn er war in dem Gedankengang der Gebildeten, Studierten und Frommen befangen und zu hochmütig, um zu lernen. Der Pastor saß eine Weile still und sah den anderen an, und fühlte Mitleid mit ihm, weil er sich erinnerte, daß auch er selbst einst streng auf die Menschen geblickt hatte, wo man mild blicken muß, und nachsichtig gewesen war, wo man streng sein muß. Dann ging ein Lächeln über sein Gesicht. Er legte die Pfeife weg und trat zu dem großen Bücherständer, der die ganze Wand bedeckte und sich zu beiden Seiten des Sofas fortsetzte. Dort nahm er ein Buch herab und gab es dem jungen Geistlichen. Der nahm das Buch und öffnete es verwundert. Es war ein großes Buch, voller Bilder, die Deckel waren in Gold gepreßt und durch breite Messingspangen zusammengehalten. »Das ist ja eine Bibel,« sagte er. »Ja,« sagte der alte Geistliche. »Behalte sie! Und wenn du zum ersten Mal hier außen ein Paar traust, das auf dem Weg zur Heiligung seines Bundes geht, den du forderst, so gib sie ihnen zur Erinnerung von dir und von mir.« Der junge Geistliche sträubte sich, das Geschenk anzunehmen; er ahnte, daß eine Lehre darin lag, und die wollte er nicht hinnehmen. Aber der Pastor nötigte ihn so, daß er schließlich das Geschenk behalten mußte. Damit schieden die beiden. Der Adjunkt wanderte auf einem schmalen Fußpfad über die Klippen nach seiner Wohnung, das Buch hielt er an seine Brust gedrückt, wahrend er durch den Sturm vorwärtsstrebte. – Viele Jahre vergingen. Der alte Geistliche war gestorben und der junge hatte nach ihm das Pastorat erhalten. Fünfzehn Jahre lang behielt er, nach der Versicherung glaubhafter Männer, die alte Bibel, ohne je in die Lage zu kommen, sie verschenken zu können. Da verheirateten sich eines Tages der Knecht vom Pfarrhof, der Sohn eines Fischers, mit des Pastors Magd, die von Kindheit an in der Familie des Geistlichen wie ein Kind gehalten worden war. Der junge Geistliche begann seinerseits alt zu werden und war längst verheiratet, aber seine Ehe war kinderlos. Der Pastor und seine Frau hatten stets ein seltsam einsames Leben in der Gemeinde geführt, der gegenüber sie sich beide fremd fühlten. Aber für das junge Paar richtete die Pastorin selbst die Hochzeit aus, und ihm schenkte der Pastor nach der Trauung die schöne Bibel mit den goldgepreßten Deckeln und den Messingspangen. Denn diese beiden kannten er und seine Frau und wußten, daß sie sich auf sie verlassen konnten, wie auf sich selber. Drei Monate danach mußte jedoch der Pastor das erste Kind des Paares taufen, und seit dem Tag sprach niemand mehr von der alten Bibel, am wenigsten die, die sie als Tugendgabe empfangen hatten. Als aber der Geistliche zur Taufe geholt wurde, erschrak er. Denn ihm war fast, als ginge der alte Pastor um und spukte. Dies Ereignis war ein schwerer Kummer für den neuen Pastor. Er wurde nämlich sein Leben lang »der Neue« genannt, zum Unterschied von dem alten, der längst tot war, aber nicht vergessen. »Der Neue« konnte nie so recht erfassen, was geschehen war, und stieg ins Grab, ohne es erfaßt zu haben. Es war eine Kluft zwischen ihm und der Bevölkerung, über die er nicht hinwegkam. Tant' Eine große schwarze schreiende Wolke hob sich vom Tannengehölz im Nordwesten und stieß flatternd auf die Äcker nieder. Die Frühlingssaat war frisch gesät, und am Tag zuvor war die Egge darüber gegangen. Jetzt hüpften die Krähen haufenweise in der losen Erde umher, pickten die Körner auf, zeterten miteinander, zankten sich um den Platz und krächzten über der bedrohten Saat, daß es weithin zu hören war. Auf dem Fußpfad, der die frischgeeggten Äcker vom Herbstroggen trennte, ging ein einsamer Mann. Der da auf dem Fußpfad ging, war der Eigentümer des Bodens ringsumher, und mit eigenen Händen hatte er die Pferde gelenkt und nicht geruht, eh der ganze Acker geebnet und glatt lag. Sein Name war Håkan; Ekberg hieß er nach seinem Vater, aber gewöhnlich wurde er nur Håkan genannt, wie es in der Gegend Sitte war. In gewöhnlichen Fällen würde Håkan nicht versäumt haben, umzukehren, eine Büchse zu holen und, ob es gleich Sonntag war, den scheuen Krähen aufzulauern, ein paar Stück zu schießen und sie auf dem Acker aufzuspießen. Denn die Krähen waren seine Erbfeinde von Großvater und Vater her, und er hatte, solange er zurückdenken konnte, mit ihnen um die Saat auf den Äckern und das Korn, das in die Erde kam, gekämpft. Aber heute sah Håkan die Krähen nicht. Kaum, daß er sie hörte. Er achtete auch nicht auf die Herbstsaat, die schön und gleichmäßig dicht zu seiner Rechten aufsproßte und in der Frühlingssonne grün erglänzte. Gerade da, wo Håkan jetzt ging, öffnete sich der schmale Sund des Fjords, über dem sich der Wald auf Björndland dicht und dunkel erhob, und gab einen lichten, weiten Ausblick mit vielen schönen Buchten, wo man tief ins Land hinein sah, weil die Blätter der Laubbäume noch nicht aufgebrochen waren. Aber Håkan sah, wie gesagt, nichts von all dem. Er ging, wie es seine Gewohnheit war, mit gebeugtem Rücken und etwas wiegenden Schritten, aus dem Mundwinkel baumelte ein dürrer Grashalm, den er am Grabenrand abgerissen hatte, und ab und zu griff er sich an den dunkeln Backenbart. In Håkans Gesicht jedoch würde ein Beschauer nicht den gewohnten, derb gutmütigen Ausdruck erblickt haben; ein verbissener, grüblerischer lag statt dessen darauf. Denn Håkan war in Gedanken, und was ihn beschäftigte, war keins von den Dingen, über ein Mann für gewöhnlich nachdenkt. Aus und ein fuhr der Strohhalm, den er im Mund hielt, und die Gesichtsmuskeln kamen nicht zur Ruhe. Manchmal blieb der Mann stehen und hielt den zerkauten Halm nachdenklich vor sich hin, als wär es just dieser Halm und nichts anderes, was seine Gedanken beschäftigte. Nach einer Weile kam der Halm wieder auf seinen alten Platz im Mundwinkel, und wie wenn dies auf irgend eine Weise auf den Gedankengang des Mannes einwirkte, setzten sich gleichzeitig seine Beine wieder in Bewegung, und Håkan ging weiter. So weit sich die Äcker erstreckten, ging er so, folgte dem Pfad, der um die Ecke des Zauns bog, wo das Türchen ausgehängt war, und kam so hinunter an den Strand, wo der Netzschuppen lag. Grau und zugeschlossen lag er unten an der kleinen Brücke, und am Land waren die Böte aufgezogen und warteten darauf, bis man sie zum Sommer abkratzen und teeren würde. Bloß der flache Kahn wurde so, wie er war, ins Wasser geschoben, sobald das Eis brach, damit die Möglichkeit des Hinausruderns nicht ganz abgeschnitten war. Viel Arbeit lag da und wartete, und wenn man recht nachsah, so hatte sich auch die Brücke auf der Außenseite gesenkt, vermutlich als das viele Eis des Winters gegangen war. All dies lag vor Håkans Blicken, aber er widmete dem, was er sah, keine Aufmerksamkeit, ließ nur den Strohhalm zu Boden fallen, als Zeichen, daß seine Gedanken seiner nicht länger bedurften. Darauf wandte er um und ging, gebückt, wie er gekommen war, wieder zurück, nach den Äckern hinauf. Er beschleunigte jetzt, während er ging, seine Schritte und schleuderte im Vorübergehen ein paar kräftige Steine nach den Krähen. Schreiend stieg die Wolke wieder auf, mit flatternden Schwingen und dunkeln Körpern den Himmel verfinsternd, und ließ sich im Tannengehölz im Nordwesten nieder, um nach einer Weile, wenn das Feld wieder verlassen und frei daläge, im Sonntagsfrieden wieder zurückzukehren. Jetzt blickte Håkan auf und wandte seine Augen nach dem Hof vor ihm. Zu oberst auf dem Hügel lag der alte Hof Utängen, so hoch, daß er mit den entlaubten alten Eschen und Ahornen, die ums Wohnhaus her standen, sich vom nackten Himmel abzeichnete, als wäre dahinter gar nichts mehr zu sehen. Auf der andern Seite erstreckten sich jedoch die Äcker weit hin, in weitem Umkreis von Hecken und Wald umschlossen. Wußte man es nicht, so konnte man hier schwerlich auf den Gedanken kommen, daß man sich in den üppigen Schären von Södermanland befand, tief im Süden, wo die Södertelje-Bucht einschneidet. Karger war die Natur und ärmer, wie ein in den reichen Süden versetztes Stück der nördlichen Schären. Etwas Derartiges dachte auch Håkan, und während er da stand und nach seinem Hof hinaufblickte, stieg es in seinen Gedanken auf, wie viel Arbeit es gekostet hatte, Utängen zu dem zu machen, was es jetzt war. Das Haus selber bot nichts Merkwürdiges, lang und niedrig, wie es war, mit roter Farbe angestrichen, die von Sonne und Feuchtigkeit der Jahre dunkel geworden war. In der Mitte war das Dach geteilt durch zwei kleine Fenster, die hervorstanden, als wären sie erst später angebaut worden, und auf der steingepflasterten rechten Seite der Anhöhe sah man Scheune, Vieh- und Pferdestall und Schweinekober, Remise, Holz- und Werkzeugschuppen. Der ganze Bau hatte nichts Merkwürdigeres an sich, als Hunderte von andern, die in schöner Lage, von gutem Boden umgeben, daliegen, und wo die stille Kulturarbeit des schwedischen Landes getan wird, während die Leuchten der Kultur in Reichstag und Presse miteinander streiten, wie ihre Vorväter dereinst gegen die Feinde des Landes stritten. Aber für den Mann, der jetzt auf dies Anwesen zuschritt, war es merkwürdig genug. Hier hatte sein Großvater einst das Land urbar gemacht, zu einer Zeit, da noch nichts zu sehen war, als natürliche Wiesen und Hecken und dichter, buschiger Wald. Älter war der Hof nämlich nicht. Hier hatte Håkan den Vater fortsetzen sehen, was der Großvater begonnen hatte. Er selber erinnerte sich noch daran, wie die neue Scheune erbaut, wie das Wohnhaus vergrößert, wie der Fahrweg nach dem Dorf gemacht ward, zu dem der Hof ursprünglich gehörte, und wie die Äcker, über die er soeben gegangen war, zum ersten Mal umgegraben, ausgereutet, von Steinen gesäubert und gedüngt wurden, so daß der Pflug zum erstenmal Furchen in die jungfräuliche Erde schneiden konnte. An all dies und an noch viel mehr konnte Håkan sich noch ganz deutlich erinnern. Er hatte auch seine Gründe, gerade jetzt daran zu denken, während er auf den abgenützten Stein vor der Treppe trat, um welche die Fliederbüsche ihre kahlen Zweige, an denen die Rinde anfing, von Sonne und Regen weich zu werden, ausstreckten. In der Küche, wo Schüsseln und Teller, glänzend vor Sauberkeit und in großer Anzahl, auf den Wandbrettern umherstanden und wo auf dem offenen Herd der große Kartoffeltopf über dem Feuer kochte, saß Håkans Weib, die rundwangige Margareta und wartete darauf, daß die Kartoffeln fertig würden, damit sie Platz für den Speck bekäme. Einsam saß sie hier innen, denn es war Sonntag, und heute war am Gesinde die Reihe gewesen mit dem Wagen und den jungen Gäulen zur Kirche zu fahren. Einsam ging sie ab und zu, und auch auf ihrem gesunden, gutmütigen Gesicht mit der kräftigen Nase und den lebhaften Augen, die in ihrer Jugend schön genug gewesen waren, mehr als einen zu betören, noch neben Håkan, der schließlich hängen blieb, war zu sehen, daß etwas Außergewöhnliches los war, und daß dies auch dem herzhaften Bauernweib ganz besonders zu denken gab. Als der Mann eintrat, tat die kluge Frau jedoch nicht dergleichen, als ob auch ihre Gedanken ebenso in Anspruch genommen wären, wie die seinen. Daß ihr Alter am Sonntagmorgen ausgegangen war, um in Ruhe zu überlegen, das wußte sie wohl. Daß er just an das dachte, von dem sie selber wünschte, es möchte ihn beschäftigen, wußte sie auch. In zwanzig Jahren des Zusammenlebens in Arbeit und Sorge, Gedeihen und Freude, großen und kleinen Kümmernissen, Enttäuschungen, Freuden und Hoffnungen hatten es die Gedanken dieser Gatten gelernt, sozusagen in gleichem Takt zu gehen, auch wenn die Gemüter in verschiedenartigen Tonarten spielten, so daß sie einander nicht leicht störten oder beunruhigten. Ebensowenig war es möglich, daß der eine das Stillschweigen des andern mißverstehen konnte. »Wenn Håkan schweigt, weiß ich manchmal eher, was er will, als wenn er etwas sagt,« konnte Margareta sagen. Und als sie jetzt ihren Mann am Tisch beim Fenster sitzen und, ohne zu reden, durchs Fenster hinausblicken sah, konnte sie in seinem ruhig gewordenen Gesicht lesen, daß das, mit dem er eben zuvor gekämpft, sich zur Ruh gelegt hatte, und daß, wenn Håkan jetzt schwieg, es nur darum war, weil er nach dem rechten Wort suchte und sich nicht übereilen wollte. Margareta war deshalb nicht im mindesten verwundert, als der Mann, ohne die Augen nach ihr hinzuwenden, und in einer Weise, als mache er bloß in seinen eigenen Gedanken weiter, langsam sagte: »Du sollst es so haben wie du willst, Margareta. Und ich hab' keinen Augenblick daran gedacht, dich dran zu hindern. Ich hab' nur Zeit gebraucht, es mir klar zu machen, daß es wirklich so ist, wie du sagst. Der Geiz ist nicht meine Sünde, und ich habe auch nichts gegen deine Familie und nichts gegen den Jungen.« Wohl hatte Margareta gewußt, daß ihr Alter so zu ihr sprechen würde, wie er es jetzt tat, und wohl wußte sie, daß, wenn sie sich ernstlich etwas wünschte, Håkan nicht gern Nein sagte. Aber dennoch kam diese Einwilligung über sie wie etwas, das mehr wert war als alles, was sie während ihrer langen Ehe je empfangen hatte, und sie konnte sich nicht helfen – ihr stiegen die Tränen in die Augen, als sie antwortete: »Du bist immer gut gegen meine Familie gewesen, Håkan. Und du hast es mir nie schwer gemacht, dich um etwas für sie zu bitten. Meine Schwester ist recht elend dran, und mein Schwager in seiner Art auch; arm sind sie, geerbt und erarbeitet haben sie nichts, und daß er ein jämmerlicher Tunichtgut ist, das will ich gar nicht leugnen. Aber mitansehen, wie die Kinder es hatten – –, wenig zu essen, noch weniger anzuziehen und all der Schmutz ringsum – das hab' ich nicht aushalten können, als ich neulich dort war. Es ist auch nicht leicht für einen armen Taglöhner, der gar nichts hat. Und stammt er von bessern Eltern her und ist heruntergekommen, so ist das noch schlimmer, denk' ich mir. Wenn wir nun das Kind nehmen, so haben wir getan, was wir können, und keiner kann mehr verlangen. »Nein,« sagte Håkan. »Man soll Gutes tun, so weit man kann, aber nicht weiter. Wer gibt, daß er selber betteln muß, dem gehören Prügel im Überfluß.« »Ja,« antwortete Margareta. »Aber: Gibt einer gar nichts her, dem gehören der Prügel noch hundertmal mehr.« »Das ist auch wahr,« meinte Håkan. »Aber jetzt will ich dir sagen, warum ich so bedenklich war. Arbeiten hab' ich mein Lebtag müssen, und ohne Arbeit hab' ich nichts erreicht. Die Arbeit hat uns das gegeben, was wir haben, und was wir da draußen sehen, ist mein Werk, wenn ich so große Worte brauchen darf, und vor uns meines Vaters und meines Großvaters. Und daß einer, der nach mir kommt, das zerstört, das will ich nicht.« »Ich denke, wir werden den Jungen schon arbeiten lehren, wenn er zu uns kommt,« wandte Margareta ein. »Das denk' ich auch,« fuhr Håkan fort. »Aber der Junge ist schon zehn Jahre alt, und wo er seither war, hat er es sicherlich nicht gelernt. Weder sein Vater hat es ihn gelehrt noch seine Mutter. Von allen deinen Geschwistern hat keins die Kunst verstanden, außer dir.« Dies letztere enthielt eine scharfe Bemerkung und zugleich ein versöhnendes Zugeständnis. Margareta verstand und schätzte beides. Aber sie hatte ihre Gedanken jetzt ausschließlich auf das gerichtet, was sie gewinnen wollte, und hatte darum keine Lust, weiter auf dies Thema einzugehen, das, wie sie aus Erfahrung wußte, ein heikles war. Sie stellte deshalb die Pfanne mit Speck vom Feuer, um eine Weile ungestört zu sein, setzte sich ihrem Alten gegenüber und sagte: »Ich will dir etwas sagen, Håkan, was du nicht weißt. Als ich dich zuerst darum gebeten habe, meiner Schwester Kind hierher nehmen und es zu dem meinen machen zu dürfen, da hab' ich dir nichts weiter gesagt, als daß ich meinte, wir sollten das tun, weil der, der da hat, dem helfen muß, der da nicht hat. Sonst wär' ja auf der Welt niemand, der gibt, und niemand, der empfängt. Aber wenn du mir nun darin meinen Willen tust, machst du mich froher, als du mich je hast machen können, seit wir Hochzeit gehalten haben.« Margareta lachte leise vor sich hin und sah verlegen aus über das Ungewöhnliche, das sie an derartiges erinnerte. Sie versuchte aber, diesen Eindruck zu verwischen, sah Håkan in die Augen und fuhr fort: »Ja ja, das ist lange her jetzt. Aber du mußt wissen, daß es für mich alle die Jahre her ein schwerer Kummer gewesen ist, daß wir keine Kinder haben. Ob es an dir lag oder an mir, das weiß niemand. Aber für mich ist es gewesen wie ein Unglück und wie eine Schande. Viel bittere Tränen hab ich deshalb in den ersten Jahren und auch später noch geweint. Ich hätte nie gedacht, daß ich von so etwas mit dir reden könnte, und ich hätt' es auch nie getan, wenn du mir nicht jetzt das Kind geschenkt hättest, um das ich dich gebeten habe. Mein wird es ja doch sein, wenn auch eine andere es geboren hat. Aber ich habe dich nicht nur aus Barmherzigkeit gebeten, sondern darum, weil ich nicht länger ohne Kind sein konnte, und die ist gewiß keine echte Frau, die das kann. Jetzt weißt du es, Håkan, und jetzt ist nichts weiter über die Sache zu sagen.« Damit verließ Margareta ihren Mann und schob die Speckpfanne wieder über das Feuer. Håkan saß und sah sie an und wunderte sich, ob es das Feuer wäre, das sie so rot machte. Aber er sagte nur: »Wenn du an dem Jungen nur das kriegst, was du dir wünschst.« Damit schwieg er, und die Sache, die zwischen den Ehegatten verhandelt worden war, war nun abgetan. Lange aber machte Håkan sich Gedanken über das Seltsame, daß sein Weib ihre ganze Ehe hindurch einen so schweren Kummer gehabt, von dem er nichts gewußt hatte. Für ihn war das etwas so ganz Neues, daß er lange darüber nachdenken mußte, eh er ernstlich begriff, daß das, was sein Weib ihm über sich selbst mitgeteilt hatte, die buchstäblichste Wahrheit war. Wohl hatte auch Håkan seinerseits sich immer einen Sohn gewünscht, und wohl hatte er es oft bitter empfunden, daß, was er gesammelt und erarbeitet hatte, dereinst in fremde Hände übergehen sollte. Aber Verzweiflung über diese Enttäuschung hatte er nie empfunden, und daß ein fremdes Kind ihm das eigene ersetzen könnte, das hatte er sich nie träumen lassen. Wenn er jetzt an den Knaben dachte, der kommen sollte, ward er selber in seinen eigenen Äugen gleichsam älter, und er sah diesem Ereignis mit einer Art von unheimlichem Unlustgefühl entgegen, als ob er aus freiem Willen den in sein Haus aufnähme, der ihn selbst eines Tages verdrängen würde. So kam Per, Margaretas Schwestersohn, im Alter von zehn Jahren in das Haus der Tante, und nach Ablauf eines Jahres adoptierten Håkan und seine Frau ihn als eigenen Sohn. Pers Vater hieß Olof, und er hätte deshalb eigentlich nach dessen Namen genannt werden und mit Zunamen Olofsson heißen sollen. Aber Håkan sagte, was er tue, das wolle er nicht nur halb tun. Darum erhielt der Knabe den Namen Per Håkansson Ekberg, als wäre er das wirkliche Kind der Ehegatten. 2. Per selber fühlte sich nie anders wie als Sohn des Hauses bei Håkan und Margareta. Allerdings nannte er sie nicht Vater und Mutter. Das konnte er nicht, solange seine eigenen Eltern lebten, und als seine Mutter starb, war er so an Tant' und Oheim gewöhnt daß etwas anderes gar nicht in Frage kommen konnte. Aber als Sohn fühlte er sich trotzdem, und als Sohn ward er auch behandelt. Pers Vater zog dann landeinwärts und wurde Knecht auf einem Herrenhof. Und der Knabe vergaß bald beinahe, daß er richtige Eltern gehabt hatte über den neuen, die er jetzt besaß. Der Unterschied zwischen dem Heim, aus dem Per gekommen war, und dem, das nun sein ward, war in der Tat so groß, daß es sonderbar gewesen wäre, wenn der Knabe in dem Haus, in das er nun gekommen war, Heimweh gehabt hätte nach dem, aus welchem er kam. Denn es war das Haus eines Trinkers, das er verließ, und was er da gesehen hatte, hatte ihn frühreif und scheu gemacht. Mit einem eigentümlichen, schlaftrunkenen Gefühl nahm das Kind anfangs alles, was es täglich erhielt, als eben so viele Wohltaten entgegen. Er war nie gewöhnt gewesen, sich satt zu essen. Solang er zurückdenken konnte, war sein erster Gedanke immer gewesen: »Hat Mutter heut etwas für mich zu essen? Oder muß ich hungern?« Darum lief er in der ersten Zeit voll Verwunderung umher in dem Gedanken, wie lang es wohl dauern würde, bis er eines schönen Tages den Bescheid bekäme, er müsse versuchen, seinen Hunger zu bezähmen und warten, bis der Oheim nach Hause käme. Vor seinen Kleidern, die ganz waren und schmuck, wie er sie nie zuvor besessen hatte, fürchtete er sich ein bißchen, und das erste Mal, als er ein Loch in seinem Ärmel fand, versteckte er sich in der Scheune. So gewöhnt war er an Prügel, daß er sich nicht getraute, herauszukommen, obwohl er hörte, wie Tant' im ganzen Hof herumlief und voller Angst nach ihm rief. Als man ihn endlich fand, war der Knabe so erschrocken, daß er auf keine Frage zu antworten vermochte; und erst, als er in die Stube trat, bemerkte Tant' das Loch am Ellbogen. »Zieh deinen Rock aus. Junge,« sagte sie ganz ruhig, »damit ich es flicken kann.« Da brach der Knabe in unaufhaltsames Weinen aus. Denn er hatte ja Prügel erwartet, und der Schreck, der jetzt umschlug, brachte den Knaben ganz außer sich, der ungewohnten Tatsache gegenüber, daß man ihm half und ihn nicht schlug. Da verstand Margareta alles. »Sind sie so hart gegen dich gewesen?« sagte sie, legte das Wams, an dem sie schon angefangen hatte, zu nähen, fort, nahm den Jungen auf die Kniee und tröstete ihn. Von dem Tag an war in Per eine solche Liebe für Tant', daß er nicht wußte, was er ihr nur zuliebe tun sollte, und nie war er froher, als wenn er mit ihr gehen und sie an der Hand halten durfte. Die lebhafte, frische Bäuerin, die so hurtig arbeitete und nie des Stillesitzens und Ausruhens zu bedürfen schien, ward dem Knaben nicht nur eine Mutter, sondern auch ein Beispiel. Sehr selten nur ermahnte sie ihn. Aber Margareta hatte eine Art, sich Gehorsam zu verschaffen, die besser wirkte als Worte. Erstaunt über all das Neue, in das er hineingekommen war, ging Per umher und wunderte sich bei sich selbst, wie es sein kann, daß manche es so gut haben, während andere kaum haben, was sie brauchen. Einmal, gleich nachdem er ins Haus gekommen war, stand er da und sah sich nachdenklich um, als grübelte er über etwas nach. Tant' merkte es und fragte: »An was denkst du. Per?« »Ich wundre mich, wie das alles hier so sauber sein kann,« sagte der Knabe. »Das ist so, weil Ordnung hier ist,« antwortete Tant'. »Ohne die gedeiht nichts.« »Aber einer, der nichts hat, nicht einmal zu essen, kann der auch Ordnung halten?« fragte Per. Da verstand Tant', daß der Knabe an sein eigenes Vaterhaus dachte, und sie wollte vor dem Kind nicht die Eltern heruntersetzen. Darum antwortete sie: »Wer es so hart hat, wie deine Mutter es gehabt hat, kann das nicht so, wie ein anderer.« Per antwortete nichts, aber er sah dankbar aus, als ob es ihn freute, daß er nichts Schlechtes von seinen Eltern zu denken brauchte. Tant' aber wunderte sich bei sich selber, wie das Kind dazu kam, an so etwas zu denken und so klug zu fragen. Margareta hatte im Anfang nicht bedacht, wie gewaltsam all das Neue, worin er jetzt lebte, über Per gekommen sein mußte, und wie vorzeitig eine derartige Veränderung ein Kind entwickeln kann. Jetzt verstand sie es, und dies Bewußtsein band sie stärker als alles andere an den Knaben. Mit stiller Ruhe nahm Tag für Tag das Gefühl sie mehr gefangen, daß sie nun auf ihre alten Tage das besaß, was das Schicksal ihrer Jugend verweigert und wonach sie so schmerzlich verlangt hatte, solange sie zurückdenken konnte. Tant' lebte dabei aufs neue auf und ward wie verjüngt dadurch. Es durchleuchtete sie so, daß Håkan nicht umhin konnte, sich darüber zu wundern. Obgleich er nicht viel Zeit hatte, darüber nachzugrübeln, achtete er doch darauf, wie auf alles, was um ihn her vorging, und das Beste daran war, daß er seiner Frau die Freude gönnte, die er selber ihr nicht hatte verschaffen können. Ja, er teilte sie. Denn sogar Håkan sah mit milden Augen auf den Knaben und wollte ihm wohl, obgleich er sich nicht soviel mit dem Kind beschäftigte, wie Tant'. Margareta merkte es und freute sich darüber. Eines Abends, als der Knabe schlief und sie beide zur Ruhe gehen wollten, sagte sie darum: »Ist es nicht besser jetzt als damals, als wir niemand hatten?« »Der Junge ist brav, das ist gar keine Frage,« antwortete Håkan. Das war Per auch. Er war brav. Was aber sein ganzes Leben sowohl in der Kindheit und Jugend, wie auch später als Mann bestimmte, das war, daß er unter der Armut gelitten hatte, als er klein war, und daß er zu all dem, was er nun besaß, gekommen war, ohne einen Finger zu rühren. Die Erinnerung hieran machte ihn gut gegen andere und legte über sein ganzes Wesen etwas Helles und Munteres, das niemand hinter dem magern Kind mit der grauen Gesichtsfarbe und den ärmlichen Kleidern, das zu Margareta und ihrem Mann ins Haus gekommen war, gesucht hätte. Die Armut, die er erprobt hatte, machte, daß er alles würdigte, was er nun besaß. Die Armut, die ihm im Gedächtnis saß, machte ihn fleißig in der Schule, weil er früher nicht hatte lernen dürfen; denn oft hatte er keine Schuhe gehabt zum Ausgehen. Die Armut, die er gekostet hatte, machte ihn arbeitsam, weil er sich davor fürchtete, in das Elend zurückzusinken, das seine Kindheit freudlos gemacht hatte. Die Armut, die er nie zu vergessen vermochte, machte ihn auch dankbar denen gegenüber, die ihn von der Last befreiten, die seine Kindheit bedrückt hatte. Für Håkan und Tant' hegte Per eine Zuneigung, die eigentlich stärker, wenn auch von anderer Art war, als die, die ein Mensch gewöhnlich für seine Eltern hegt. Ein Sohn ist mit seinen Eltern durch das Band des Blutes verbunden, und wenn sie ihn gut behandeln und er selber eine dankbare Natur ist, so ist er dafür erkenntlich – bis zu einem gewissen Grad. Aber es findet sich in diesem Gefühl etwas von dem Nebengedanken: »Ich bin ja doch ihr Kind, und, was sie für mich getan haben, das waren sie verpflichtet zu tun.« Pers Gefühl für die Pflegeeltern war ein ganz anderes. Je älter er ward, desto mehr erstarkte in ihm das Gefühl, daß sie alles, was sie getan hatten, freiwillig getan hatten, und daß nicht ein Ehepaar unter tausenden gehandelt hätte, wie sie. In dieses Gefühl lebte Per sich um so stärker ein, als weder Håkan noch Tant' ihn je daran erinnerten, und nie war er so zufrieden mit sich selbst, als wenn er wußte, daß die Eltern mit ihm zufrieden waren. Per machte die Schule durch, und es kam die Zeit, da er zum Pastor in den Einsegnungsunterricht ging. In einem neuen schwarzen Anzug stand er dann zwischen den andern Kindern vor dem Altar, antwortete auf die Fragen und legte das Gelübde ab, das die Kirche fordert. Håkan und Tant' begleiteten ihn zur Kirche und alle drei gingen wie Eltern und Kind nachher heim. Dann kam die Jugendzeit. Per lernte Tabak kauen und einen ordentlichen Zug tun. Er ging auf die Scheune, wo die Jugend tanzte, und die Mädchen zeigten sich nicht unfreundlich einem Burschen gegenüber, der Håkan Ekbergs Hof erben sollte. Per legte über den Achseln aus und wurde ein stattlicher Jüngling, mit einigen zwanzig Jahren hatte er seinen ersten Schatz, und sein Leben unterschied sich in nichts von dem seiner Altersgenossen. Eins gab es aber doch, was in dieser Zeit Per störte und beinah kränkte. Er grämte sich nämlich in aller Heimlichkeit, weil ihm schien, alles auf dem Hof wäre schon so gut imstande, daß für ihn nichts mehr zu tun übrig bliebe. Die Ernte, die einkam, reichte, wenn es kein allzu schlechtes Jahr war, und mehr Vieh, als da war, konnte der Hof gar nicht füttern. Aber Per hatte eine Idee – eine Idee, die seine allereigenste war und die ihm die Hoffnung gab, daß auch er vermöchte, was jeder Mann will, nämlich, einen neuen Weg bahnen und seinen selbständigen Einsatz in die Arbeit anderer zu machen. Eines Sonntags, als er allein mit Håkan war, ergriff er die Gelegenheit und sagte es dem Oheim. »Wie wär' es, wenn Ihr mir eine Schute kauftet, und ich lernte sie führen, und führe dann im Sommer Frachten?« sagte Per. Das war Pers Plan, über den er so lange nachgegrübelt hatte, und er fühlte, wie sein Herz klopfte, während er auf die Antwort des Oheims wartete. Håkan saß eine Weile, wie es seine Gewohnheit war, ohne zu antworten. Dann stand er auf und gebot Per, mit ihm hinauszukommen. Es war ein Sonntag im Herbst, und draußen auf den Feldern standen die Stoppeln des gemähten Korns und warteten auf den Pflug. Wie es seine Gewohnheit war, nahm Håkan einen Grashalm vom Feldrain und begann, daran zu kauen. So ging er vor dem Pflegesohn her, und Per konnte seine Augen nicht von dem Grashalm wenden, der sich zwischen des Alten Lippen vor- und zurückschob und die ganze Zeit aus seinem Munde hing. Håkan ging von Acker zu Acker, von Feld zu Feld. Dann verließ er die Felder und schlug den Weg zum Strand hinunter ein. Dort öffnete er den Netzschuppen und wies Per das große Schleppnetz, die kleineren Netze, Reusen und Strömlingsgarne. Nachdem er dies getan hatte, nahm er den Jüngling mit sich hinaus in die Hecken und tief hinein in den Wald. Bei allem, was sie besahen, sprach er mit Per und was er sagte, war dies: »Da liegt Acker neben Acker und Wiese an Wiese. Es sind genug Steine da, die noch nicht weggeschafft sind. Jedes Frühjahr und jeden Herbst wartet neue Arbeit, die getan werden muß, wenn man ernten will. Jeden Sommer wächst das Korn, das eingebracht werden muß. Auf den Wiesen wächst Gras und Klee, die gemäht werden müssen, und im Wald gibt's Holz zu hauen und Bäume zu fällen. Auch abgeschwendetes Land liegt da, das gereutet und zu Feld gemacht werden kann. In der Hütte drunten hängen Netze und Angeln, Fisch und Strömling gibt's genug im Meer, jedes zu seiner Zeit, und wer all das wohl in acht nimmt, der braucht nie Not zu leiden.« Das sagte Håkan nicht alles auf einmal. Er sagte es stückweise und mit Unterbrechungen, so wie das, von dem er sprechen wollte, ihm gerade unter die Augen kam. Wenn er stehen blieb, um zu sehen und zu reden, nahm er den Grashalm aus dem Mund. Wenn er gesagt hatte, was er wollte, kam der Halm wieder auf seinen alten Platz im Mund zurück und Håkan ging weiter. Schweigend und sich über die lange Wanderung und ebenso über die ungewohnte Rede verwundernd, folgte ihm Per. Aber über dem ganzen Aussehen des Oheims lag etwas, das machte, daß der Jüngling es nicht wagte, ihn zu unterbrechen, oder etwas von dem zu sagen, was er selber dachte oder meinte. Håkan ging von Ort zu Ort; sein ganzes Leben und alles, was er in dessen Verlauf getan hatte, war es, was er auf diesem Gange schützen wollte, damit es nicht zerstört würde. Nach mehrstündiger Wanderung kamen Håkan und Per wieder nach Hause. Da lag der alte Hof, voll von Blättern der alten Eschen, die der letzte Sturm herabgefegt hatte. Håkan blieb am Zaun stehen und deutete auf die Laubhaufen. »Wenn sonst nichts zu tun ist, kann man die wegschaffen, und alles ums Haus her schmuck machen, daß die Leute, die vorbeigehen, auch sehen, daß hier Menschen wohnen.« Per nickte zum Zeichen, daß er gehört und verstanden hatte, antwortete aber nicht. Da fuhr Håkan fort: »Was willst du denn mit der Schute?« Da wagte Per zum ersten Mal zu antworten. Er blickte auf und sagte: »Es ist ein schlechter Verdienst, wenn man nur Landwirtschaft hat.« »Das mag vielleicht sein,« sagte Håkan bedächtig. »Aber hast du Geld zu dem Boot, he?« Da ward Per kühner. Denn er hatte lange überlegt, und er wußte, wenn er jetzt nicht mit der Antwort herauskam, so konnte er lange auf eine neue Gelegenheit warten. Darum antwortete er: »Es liegt keine Hypothek auf dem Hof. Er ist schuldenfrei.« Håkan zuckte zusammen, als hätte ihn jemand gestochen, und ließ den Grashalm zu Boden fallen. Per aber fuhr fort: »Das Boot zahlt das zurück und noch mehr als das. Ich hab' es ausgerechnet.« Da richtete sich Håkan auf und sah Per fest in die Augen. »Dann rechne noch einmal,« sagte er, »damit du siehst, daß du warten mußt, bis du Geld in der Hand hast. Und wenn du das einmal hast, so gibst du es nicht wieder her.« Per fühlte, der Widerstand, auf den er traf, war nicht leicht zu überwinden. Aber er wollte sich doch, so gut es ging, verteidigen, und darum sagte er: »Sie sagen, es sollen schwere Zeiten kommen für die Landwirtschaft.« »Was du einmal kriegst, reicht, solang du lebst,« erwiderte Håkan scharf. »Es hat auch für mich gereicht.« Damit ging er ins Haus und ließ Per allein. Per ging wieder zurück durch das Pförtchen und wanderte in der klaren Herbstluft den Weg entlang, der nach dem Dorf zu führte. Als er an die Wegbiegung kam, sah er Utängen wie entkleidet und nackt zwischen den kahlen Bäumen sich vom kaltblauen Himmel abheben. Die kleinen Luken auf dem Dach starrten ihn an wie zwei erschrockene Augen. Da ward ihm mit einem Mal, als wäre der ganze Hof lebendig geworden und finge an zu sprechen. »Bist du nicht mit mir zufrieden, so wie ich bin?« schien er zu sagen. »Verlang' nicht zu viel von mir. Mehr als ich geben kann, kann ich eben nicht. Nur einem, der treu ist dem, was ich gebe, bin auch ich treu.« Unruhig und unzufrieden mit dem, was geschehen war, ging Per weiter. Aber er war gedankenvoll nach dem, was ihm heut widerfahren war, und es blieb dies das erste und letzte Mal, daß er es wagte, mit dem Oheim von einer Hypothek auf dem Hof zu sprechen. Aber Håkan vergaß das Gespräch mit dem Schwestersohn seines Weibes, den er in seinem Haus wie ein Kind aufgenommen hatte, nicht. Wohl wußte der Alte, daß niemand ihn je zu etwas zwingen oder verlocken könnte, was er selbst nicht wollte, aber etwas von der Sicherheit, die seiner Arbeit Kraft gab, war doch von diesem Tag an von ihm gewichen. Manchmal konnte es ihm vorkommen, als wäre das, was er besaß, nicht länger sein, und wenn er hinter dem Pflug herging oder im Schuppen arbeitete, dachte er manchmal an die Zukunft. Er, der in der Mühsal vieler Jahre vergessen hatte, daß er kinderlos war, konnte es plötzlich entbehren, daß er nicht einen Sohn seines eigenen Blutes hatte, einen Bauern von Bauernstamm, der die Erde liebte. Wenn Håkan an Winterabenden vom Wald heimkam, und das Licht, das aus dem Küchenfenster, hinter dem sein Weib mit dem fertigen Essen wartete, auf den Schnee fiel, ihn im Warmen willkommen hieß, da ward manchmal das ganze niedrige Haus, das in der Dämmerung gedrückt aussah, in Håkans Augen dunkel und fremd. »Wofür hab' ich mein ganzes Leben lang gearbeitet?« dachte Håkan dann. »Was wird schließlich aus allem, was ich tue?« Und auch ihm kam es manchmal vor, als redete das alte Haus zu ihm und sagte: »Ich bin jetzt alt. Ich tauge nichts mehr. Wenn du einmal fort bist, ist niemand mehr da, der weiß, wie es hier gehalten ward. Es wird nie wieder wie früher.« An einem Winterabend offenbarte Håkan seine Gedanken seinem Weibe. Mehrere Monate waren schon vergangen seit der Unterredung, die er und Per miteinander gehabt hatten. »Per hat Großes im Sinn,« sagte Håkan. »Hat er dir nichts gesagt?« »Nein,« antwortete Tant'. »Ich weiß von nichts.« Da tat Håkan einen Atemzug der Erleichterung. Denn bei sich selber hatte er gefürchtet, Per hätte die Tante zu seiner Vertrauten gemacht und hätte sie auf seiner Seite gehabt, eh er mit seinem Vorschlag herausgerückt war. Nun erzählte er, was Per vorgeschlagen und wie er selber geantwortet hatte. Tant' ward nachdenklich, als sie dies hörte. Auch sie wurde von einer Beklemmung erfaßt bei dem Gedanken an die Zukunft, und sie begann, voraus zu blicken, wie es der Mann getan hatte. Gegen ihre Gewohnheit ließ sie die Geschäfte, die sie vor hatte, ruhen, und setzte sich neben den Mann auf die Bank. Da saßen die beiden Alten nebeneinander, ohne zu sprechen, und fühlten beide, daß die Jahre schwer auf ihnen lagen. Vor ihnen war nicht mehr viel zu sehen. Alles, was Wert hatte, lag hinter ihnen, und über das, was dereinst kommen würde, hatten sie keine Macht. »Es tut uns ja nichts,« sagte Margareta, »wenn wir einmal im Grab liegen.« »Glaubst du?« meinte Håkan. »Es ist doch gut, wenn man weiß, daß das, wofür man arbeitet, bleibt.« »Lange bleibt es ja doch nie,« lautete die Antwort der Frau. Håkan saß eine Weile, als hätte er nichts gehört. Dann sagte er langsam, als besänne er sich angestrengt auf jedes Wort: »Als mein Vater starb, hat er gewußt, daß alles so bleiben würde, solange ich lebe, und vielleicht auch länger. Er hat es gesagt, eh er starb. Und er hat mir einmal erzählt, daß sein Vater im gleichen Glauben gestorben ist.« Margareta saß und dachte darüber nach, ob sie den Mann daran erinnern sollte, was der Pastor gesagt hatte, daß der Mensch sich keine Schätze sammeln soll auf Erden. Aber sie brachte es in dieser Stunde nicht heraus. Ihr war, als paßte es nicht. Wofür hatten sie und Håkan denn gelebt, wenn der Mensch das nicht durfte? Konnte sie Håkan sagen, daß seine Schätze nicht in der Erde lägen? Margareta hatte nie zuvor so gedacht. Denn ihr Gedankengang war kein aufrührerischer. Aber als hätte der Mann ihre Gedanken gehört, sagte er plötzlich still und ruhig: »Vielleicht ist es wahr, was der Pastor sagt, daß man lernen muß, zu sterben, solang man noch lebt?« Diese Worte waren wie etwas, was keins von ihnen auf eigene Hand hatte finden können, und vor dem sie darum beide innehielten, ohne weiter zu fragen. Sowohl Håkan wie sein Weib fühlten dies, und keins von ihnen wagte eine Einwendung. Und vielleicht gerade deswegen konnten sie vor diesen dunkeln Worten innehalten und Trost in ihnen finden. Aber noch während dies Gefühl sie beherrschte, gingen Margaretas Gedanken weiter und suchten eine mehr irdische und näherliegende Hoffnung; und deshalb sagte sie: »Per hat sich den Gedanken sicher aus dem Kopf geschlagen, als er gehört hat, daß du nicht willst.« Als Tant' diese Worte sagte, glaubte sie selber daran, obgleich sie ursprünglich nur gesagt waren, um das Gemüt des Mannes zu erleichtern. Sie stand auf und ging wieder an ihre Arbeit. Håkan aber saß lange still und blickte ins Feuer, das durch die Klappen des neuen eisernen Herdes glühte, den Per in der Stadt gekauft hatte. So wie früher sah man das Feuer nicht, meinte Per. Aber das Essen wurde ja besser, und weniger Holz brauchte man auch. 3. Es war ein großer Tag in der ganzen Umgegend, als Håkan Ekberg sich zum Sterben legte, ein Tag, an den die Leute noch lange dachten, und gar viele waren es derer, die kamen, um nach ihm zu sehen, während er krank lag. Denn Håkan war in seiner Gegend ein angesehener Mann, und alle, die ihn kannten, schätzten seine Tüchtigkeit in der Arbeit und wußten, daß das Wort, das er einmal gegeben hatte, nie gebrochen ward. Darum fühlten alle, wenn er einmal fort wäre, würde es leer werden, und wer nur konnte, kam, um Håkan noch einmal zu sehen, ihm zu danken und ihm Lebewohl zu sagen. Keiner konnte lange bleiben. Denn der Kranke ließ es nicht zu. Aber jeder, der herauskam, ging schweigend seiner Wege, die Alten, indem sie an den Tag dachten, da sie selbst so liegen würden, die Jüngeren voll Wunderns und gleichsam erleichtert, wenn sie das Krankenzimmer verlassen hatten. Bei allen aber hatte das, was sie gesehen und gehört hatten, einen Eindruck hinterlassen, und alle erzählten sie davon. Es war wie eine ungedruckte Lobrede im Munde des Volkes. »Immer hab' ich geglaubt, ich würde von uns beiden zuerst gehen,« sagte Tant' in diesen Tagen. »Ich kann es nicht begreifen, daß es wahr ist, daß Håkan stirbt, und nicht ich.« Tant' dachte nicht an das, was kommen würde, nur daran, daß Håkan jetzt starb. Mit jedem Tag, der ging, ward ihr auch das wirklicher und natürlicher, und während der ganzen Krankheitszeit ihres Mannes freute sie sich über jeden einzelnen, der kam. Je mehr kamen, um den Kranken zu besuchen, desto größer ward, meinte sie, Håkans Ehre. Gar viele kamen auch, und es wären noch mehr gekommen, wäre nicht der Hof so einsam und weit vom Dorf, zu dem der Besitz gehörte, gelegen gewesen. Margareta gönnte ihrem Mann all die Ehre, die ihm nun erwiesen wurde, und sie war glücklich, daß er doch so lange lebte, daß er sich selber daran freuen konnte. Und es war gut, daß sie immer so viel zu tun hatte, so daß sie sich selbst nicht nachgeben und sich grämen konnte. Der Kummer und mit ihm die Einsamkeit kam bald genug. Daß Håkan am Leben bleiben würde, darauf hoffte Tant' von der ersten Stunde seines Krankseins an nicht mehr. Alt war er ja nicht, nur wenige Jahre über sechzig. Aber nie vorher, so lange sie ihn kannte, hatte er sich zu Bett gelegt, und als dann die Tage vergingen, ohne daß sich das Übel gab, und er selber nie davon sprach, daß es besser werden könnte, da wußte sie, – das war der Tod, der kam, und sie nahm diese Gewißheit mit derselben einfachen Ruhe, wie die Tatsache, daß der Herbstfrost, wenn er kam, die Erde hart und kalt machte und das letzte Grün in seine funkelnde Decke hüllte. Tant' ging umher und sorgte dafür, daß alle, die kamen, bewirtet wurden, und jedem einzelnen dankte sie, wenn er ging, ganz besonders. Bei Håkan drin zu sitzen – dazu kam sie nicht oft; sie dachte auch nicht daran. Der Kranke mochte am liebsten schlafen, wenn er allein war, und wenn er wachte, war immer irgend ein Besuch zur Hand, den man nicht warten lassen konnte. Zuletzt kam niemand mehr, und da wußte die ganze Gegend, daß es nun zu Ende ging mit Håkan. Und wer vorüberging, sah verstohlen nach, ob nicht die weißen Laken vor den Fenstern hingen. Für Per wurden diese Tage zu unvergeßlichen, denn in ihnen eröffnete sich ihm der unerwartete Ausblick auf eine ganz neue Welt, in die er, eher als er geglaubt hätte, eintreten und in der er auf eigene Verantwortung hin wirken sollte. »Jetzt mußt du mir mit allem helfen,« sagte Tant' eines Tages, als sie vor der Krankenstube zusammentrafen. »Das werd' ich!« meinte Per. Aber er konnte der Tante nicht sagen, was er selber dachte und fühlte. Es hätte gerade so geklungen, meinte er, als wäre er froh, daß der Oheim beizeiten ging. Aber als Per all die Menschen sah, die da kamen und gingen, da fragte er sich: »Werden es auch einmal so viele sein, die nach mir fragen, wenn ich an der Reihe bin?« Es war, als riefe ihn all diese Achtung vor dem Sterbenden mit warnenden Stimmen und wollte ihn hindern an dem, woran er doch immer dachte. Per saß drin bei dem Oheim, so oft er konnte, und als er sah, daß das Ende nahe war, wünschte er, der Sterbende würde ihm noch etwas sagen. Denn die Unterredung über die Erde und das Boot wollte dem jungen Mann nicht aus dem Kopf, und es war ihm ganz seltsam zumut, daß er den Oheim nun nicht mehr sollte fragen können, ob das, was er gesagt hatte, sein letztes Wort wäre. Zweimal hatte Per versucht, diese Frage zu stellen, aber beide Male war ihm das Wort auf den Lippen stecken geblieben, gleichsam, als wagte es sich nicht heraus. »Was ich zu sagen habe,« dachte Per, »paßt nicht zum Tod.« Dennoch wünschte Per in seinem Sinn, daß der Oheim von selbst etwas sagen sollte, und weil er das wünschte, saß er drin bei dem Sterbenden, so oft er konnte. Håkan schien es indessen vergessen zu haben. Bloß einmal, als Per bei ihm saß, sah der Alte auf, und sein Blick wurde unruhig. »Bist du allein da?« sagte er. »Wo ist Tant'?« Da rief Per leise nach Tant', und Margareta kam. Håkan wandte den Kopf und sah seine Frau an, als wolle er sprechen, und die Unruhe auf seinen Zügen glättete sich. Aber er sagte nichts, schloß nur die Augen und lag still und regungslos, wie zuvor. Margareta glitt wieder hinaus, und Per saß aufs neue allein mit seinen Gedanken, und grübelte darüber nach, was die Unruhe in diesem müden Blick wohl zu bedeuten hätte. Ein paar Stunden später starb Håkan, und als es geschah, war Per eben wieder in die Stube gekommen. Aufs neue saß er allein drinnen, und er war es, der Tant' bitten mußte, hereinzukommen, um zu sehen, daß alles zu Ende war. »Jetzt sind nur noch wir beide, du und ich, auf dem Hof,« sagte Tant'. »Es ist gut, daß Håkan dich mir gegeben hat.« Zum erstenmal machte sich Per bei diesen Worten Gedanken darüber, daß es die Tante war, der er es zu verdanken hatte, daß er nun einen eigenen Hof besaß, und daß der Oheim ihn sich vielleicht nie an Sohnes Statt gewünscht hatte. Es war ihm sonderbar zumute, als er jetzt daran dachte, während er dastand und den Toten betrachtete, der ihm nichts mehr sagen konnte. 4. Ihr ganzes Leben lang hatte Margareta sich in allen Dingen auf ihren Mann verlassen. Er hatte für sie beide bestimmt, für sie beide gedacht, gehandelt, wenn es galt, in allem geschaltet und gewaltet. Nun, da er fort war, fühlte sich Margareta alt, und sie übergab Per den Hof als Eigentum, weil sie sich außerstande fühlte, die Verantwortung zu tragen. Ganz, wie sie früher geglaubt hatte, daß alles, was der Mann wollte und dachte, gut und recht sei, so glaubte sie jetzt auch, wenn Per Neuerungen vorschlug und handelte und schaffte und ordnete, und sie arbeitete auf die gleiche Weise mit dem Pflegesohn, wie sie es immer mit Håkan zu dessen Lebzeiten getan hatte. »Du sollst es nie bereuen, daß du mir den Hof noch bei deinen Lebzeiten gegeben hast,« sagte Per. »Wie eine Mutter bist du zu mir gewesen; das vergeß' ich dir nie.« Es konnte auch niemand sagen, daß Per das je getan hätte. Aber immerhin ein Unterschied war da; es war ein neuer Herr auf den Hof gekommen, und der Wille des neuen war mindestens ebenso stark, wie der des alten. Einen starken Willen über sich zu fühlen, das war jedoch gerade das, wobei Margareta sich immer am wohlsten befunden hatte; solang sie ihn fühlte, war sie zufrieden; und arbeiten – das tat sie immer. Ohne das konnte sie nicht leben. Alles ward jedoch anders jetzt. Solang Per und Tant' allein waren, war Margareta mit allem zufrieden, so wie es war. Weil man sie nie hatte Mutter nennen können, hatte ihr Mann, der seine Frau nie anders rufen hörte, als Tant', auch angefangen, sie so zu nennen. Per sagte Tant', und die Knechte und Mägde sagten Tant', wie es bei den Bauern zwischen Hausfrau und Gesinde Sitte ist. Nach und nach begannen selbst Fremde Tant' zu sagen. Ihr Name kam auf diese Weise ganz, außer Gebrauch, und Margareta ward die Tant' der ganzen Gegend. Daß sie Margareta hieß, daran dachten weder Bekannte noch Unbekannte mehr. Sie war und blieb Tant' auf Utängen, zusammengewachsen mit dem Hof und allem, was dazu gehörte. Nur einmal im Jahr erinnerte man sich ihres Namens, und zwar am Margaretentag, dem zwanzigsten Juli. Da kamen Bekannte von nah und fern, von morgens bis abends, und wurden mit Kaffee und allem möglichem anderem, Feuchtem und Trockenem, bewirtet. So war es gewesen, solange Håkan lebte, und diese Sitte blieb bestehen, solange Margareta rüstig war und Besuche bei sich sehen konnte. Denn Tant' war im ganzen Kirchspiel hoch angesehen, und hatte zahlreiche Freunde, nah und fern. Tant' war jedoch schwächer im Zusammenleben mit Per, als sie es mit Håkan gewesen war. Das hatte mancherlei Ursachen. In Pers Willen und ganzem Wesen war etwas, das sie mehr bezwang, als irgend etwas, das sie zuvor gekannt hatte. Der Wille, der Tant' jetzt lenkte, war gewiß nicht fester als der Håkans. Aber der, dem dieser Wille zu eigen war, wußte mehr, was er wollte und wünschte, und außerdem war er jünger. Einem alten Menschen gegenüber bedeutet das viel. Er fühlt sich gleichsam ratlos und auf den Kopf gefallen vor einer jungen Kraft, die jeden Augenblick mit neuen Einfällen kommt. Per wußte so vieles, was getan werden konnte, und hatte so viele neue Ideen über den Boden und die Bewirtschaftung des Hofs. Mit allem kam er zu Tant', und da Tant' dann nichts anderes zu sagen wußte, als daß, ihrer Meinung nach, alles, was er ihr erklärte verständig und gut klang, so ward viel Neues geschaffen und die Veränderungen waren groß. Nur eins beunruhigte Tant', und das war, daß alles so schnell gehen und auf einmal getan werden sollte. Tant' war von dem allem wie betäubt, und wenn sie allein mit sich selber war, versuchte sie mehr als einmal nachzudenken: »Was hätte wohl Håkan zu dem oder jenem gesagt, wenn er am Leben geblieben wäre?« Manchmal kam es Tant' dann vor, als ob viel von dem, was jetzt geschah, dem Toten ganz sicher zuwider gewesen wäre. Aber wer konnte ihr darüber Gewißheit geben? Ein toter Mann ist fort, und wer versucht, sich nach seinem Willen zu richten, der hat nicht viel, woran er sich halten kann. All diese Gedanken machten Tant' schwach. Und während sie sich meist unsicher fühlte, kam Per immer wieder mit neuen Angelegenheiten. Er redete und focht mit den Armen. Er war ganz froh und glücklich, daß er alles so gut ausgerechnet hatte, so daß es ganz sicher gelingen mußte. Dann fühlte Tant' sich von Pers Jugend und Glauben überwältigt, und er sprach auch so rasch, daß sie nie Worte fand für das, was sie selber hätte sagen mögen. »Du mußt ganz tun, wie du magst, Per,« sagte sie darum schließlich. »Der Hof gehört ja doch dir, und wenn es uns ungeschickt geht, so bist du's, der darunter leiden muß.« Aber Per war ganz und gar nicht zufrieden, wenn Tant' so antwortete. Er legte Wert auf das, was er vorschlug, und war immer ganz glücklich darüber. Darum wollte er auch bei der Tant' auf Unterstützung und kräftigen Beifall rechnen können. »Ich frage dich doch, weil ich hören möchte, was du denkst,« sagte er verstimmt. »Nie möchte ich etwas tun, was du nicht willst.« Dann konnte Tant' nicht länger widerstehen, sondern ergab sich auf Gnade und Ungnade und sagte, so überzeugt als möglich, alles wäre so, wie es sein sollte. Wenn sie das gesagt hatte, glaubte sie es auch selber und war glücklich, daß Per in allen Stücken so richtig und klug handelte. Auf diese Weise wurde der Viehstall umgebaut, und das alte Wohnhaus erhielt noch ein neues Stockwerk, besser und bequemer, als das untere. »Da sollst du wohnen, Tant', wenn du alt wirst!« sagte Per, »und sollst es gut haben, solang du lebst. Und im Sommer vermieten wir das Haus, daß wir Zinsen kriegen vom Geld.« Dann wurde eine Erntemaschine angeschafft, damit man die alten Sensen mit all der Hilfe, die nötig war, um sie während der Ernte in Gang zu halten, nicht mehr brauchte. Ein neues Großnetz wurde auch gekauft, weil es sich nicht mehr verlohnte, das alte auszubessern. Und als der alte Jan Jansson starb, kaufte Per seinen Hof, der zwischen seinen Grundstücken und denen des Dorfes lag, so daß das ganze Gebiet des Hofs sich jetzt auf beiden Seiten von der östlichen Landspitze und bis hinunter zur See erstreckte. Zu dem allem war Geld nötig, und Per konnte jetzt nicht mehr sagen, daß keine Hypothek auf dem Hof stehe. Denn so weit konnte ja das, was Håkan an barem Geld hinterlassen hatte, nicht reichen. Das war ja doch klar. Anleihen waren notwendig, große Anleihen. Und der Tante graute oft, wenn sie an die Zinsen dachte. Wie gefräßige Tiere stellte sie sich die vor, die saugten und aussaugten, der Erde ihren Saft, und allem, was darauf wuchs, seine Kraft. Aber Per bewies ihr deutlich und klar, daß alles war, wie es sein mußte, und daß nur der, der zur rechten Zeit zu wagen versteht, gewinnt. Und Tant' glaubte seinen Worten und sagte: »Es wird schon so sein, wenn ich es auch nicht gewöhnt bin.« Als aber Per schließlich vorschlug, nun wäre die Zeit gekommen, ein Boot zu kaufen, da erschrak Tant' und sah den Schwestersohn aus großen Augen an. Das wußte sie doch, das hatte Håkan nie getan. Denn sie konnte nie vergessen, wie er gewesen war, bloß weil Per einmal davon gesprochen hatte. Sie saß und faltete die Hände und wiegte sich hin und her. »Hast du das noch immer nicht vergessen?« sagte sie. »Woher weißt du, daß ich je daran gedacht habe?« fragte Per. »Håkan hat mit mir darüber gesprochen, darum weiß ich es,« sagte Tant'. »Gegen nichts war er mehr, als gegen das!« Da ließ Per die Sache fallen und redete nicht mehr davon. Aber am nächsten Tag kam er auf seinen Vorschlag zurück, und drehte und wendete ihn mit allen Gründen für und wider hin und her, so daß er Tant' doch dazu brachte, ihm zuzuhören. Denn er bewies ihr, daß, als Håkan gegen das Segeln gewesen wäre, all die Veränderungen, die jetzt gemacht waren, noch nicht existiert hätten. Auf dem Hof waren damals keine Schulden, es gab nichts abzuzahlen. Per rechnete alles zusammen, was sich nun angehäuft hatte, er machte es noch ärger, als es war, und zum erstenmal ließ er vor Tant' durchblicken, daß auch er ab und zu seine unruhigen Stunden hatte. Aber er wußte auch, daß es just das Boot war, was er brauchte, um alles in Gang zu erhalten. »Man muß doch weiter sehen,« sagte Per, »und etwas wagen. Wenn man vom Bodenertrag leben soll, da kommt am Ende nichts dabei heraus; und nur hingehen und ernten, was andere gesät haben, das kann ich nicht. Dabei ist mir nicht wohl.« Tag für Tag sprach Per hierüber mit der Alten, und diesmal mußte er lange reden. Denn in Tant' saß tief die Erinnerung daran, daß Håkan gegen diesen Gedanken mit dem Boot gewesen war. Aber je länger Per mit ihr redete und je öfter er auf seine Idee zurückkam, desto mehr erlangte, wie gewöhnlich, sein junger Wille die Herrschaft über ihren alten. Wenn Tant' allein war mit sich selbst, dann klangen ihr alle Worte Pers in den Ohren, und je öfter sie sie hörte, desto größer ward die Macht, die sie über ihren Sinn erhielten. Håkan war so weit fort jetzt. Ihn konnte sie nicht hören. Aber Per konnte sie hören, sie hörte ihn nicht nur, wenn er zu ihr sprach, sondern auch nachher, und Tant' hatte für Per die wunderbare Liebe, die über unfruchtbare Frauen kommt, wenn sie auf ihre alten Tage ein Kind annehmen. Man sagt, eine solche Liebe mache den Menschen schwächer als irgend eine andere. Als darum Per mit seinen Ideen von einem Boot und Frachten, von Verdienst und Geldgewinn herausrückte, da holte Tant' ihr Sparkassenbuch hervor, das sie in der Chiffoniere versteckt hielt, und das Håkan in all den Jahren für sie geführt hatte, damit sie nicht Not zu leiden brauchte, im Fall irgend etwas passierte. »Nimm es,« sagt Tant', »und tu mit dem Meinen, was du willst. Du kannst es besser brauchen, als ich. Und so lang ich lebe, hab' ich ja doch bei dir, was ich brauche.« Per nahm das Buch und wandte die Blätter um. Zwar wußte er, daß Tant' ein Sparkassenbuch hatte, und mehr als einmal hatte er daran gedacht, wenn er sich an Fremde wenden und von ihnen entlehnen mußte, um alles so weit zu bringen, wie es nun war. Aber er hatte nie gedacht, daß Tant' für ihn tun würde, was sie jetzt tat. Und als er jetzt in das Buch blickte, standen da Zahlen, um die er nie zu bitten gewagt hätte, vor seinen Augen. Groß war die Summe nicht, aber für ihn war sie ausreichend und immerhin größer, als er je geglaubt hätte. Leicht gerührt, wie er war, sprang er vom Stuhl auf und umfaßte Tant', wie als Kind, wenn er seinen Willen durchgesetzt hatte. »Das sollst du nie bereuen, Tant',« versicherte er. »Das glaub' nur!« Dies geschah im Herbst, und als der Frühling kam, lag Per Ekbergs Schute gut geborgen in der Bucht unter dem Hof. Der Rumpf war braun, mit einem schwarzen Ring darum und weißen Bändern, die das Braun zerteilten und über den schwarzen Ring gingen. Auch neue, feine Segel hatte sie, und am Hintersteven stand, mit weißen Buchstaben gemalt, der Name Margareta. Das war das mindeste, was er für Tant' tun konnte, meinte Per. Diesen Sommer ward indessen nicht viel aus dem Segeln. Denn Per trug sich mit Heiratsgedanken, und wenn ein Mann das tut, so wird nicht viel anderes getan, wenigstens nichts, was von alten Gewohnheiten abweicht. Die Liebe kam indessen nicht im Handumdrehen über Per; auch konnte man wiederum nicht sagen, daß er sich lange damit herumgetragen und bedacht hätte. Das Mädchen war die Tochter eines wohlhabenden Bauern mit vielen Kindern und Per hatte sie oft gesehen. Sie wohnte im Dorfe Svalbols, das landeinwärts auf der andern Seite des Waldes lag, und ihr Name war Tekla. Per hatte oft mit ihr getanzt und holte sie sich beim Tanzen gern, weil sie gut tanzte. Da geschah es eines Abends gegen Ende Juni, daß Per ihr an der Stelle begegnete, wo sein Hof sich gegen die See niedersenkte. Sie war auf Besuch fort gewesen und ging jetzt nach Hause. Weil der Weg zum Gehen weit war und Per selber nichts dagegen hatte, ein Mädchen zu begleiten, erbot er sich, sie hinüberzurudern. Als sie dann im Boot saßen, sah Per zum erstenmal, wie schön Tekla war. Dunkles Haar hatte sie, und Augen mit langen Fransen und großen Pupillen. Ihre Wangen waren rot und weiß, und ihr Wuchs war geschmeidig und kräftig. Sie lachte oft, und dabei leuchteten ihre weißen Zähne hinter den roten Lippen auf, wählend die Augen ganz dunkel wurden, so daß man ihre Farbe nicht mehr erkennen konnte. Per sah dies, während sie ins Boot stiegen. Später konnte er nicht mehr viel unterscheiden. Denn es war Halbdämmerung draußen, hell und doch nicht hell, Nacht und doch nicht nachtdunkel. Golden und rot floß der Himmel mit dem Waldrand zusammen, und das Wasser, über das sie ruderten, leuchtete in dunkeln Farben. Auf dem Hügel sah man im Vorüberrudern Utängen mit Stall und Scheunen gegen den Abendhimmel stehen. Schweigend und still lag es da; das Grün der Bäume schwand gleichsam in eins mit der schweren Farbe der dunkeln Gebäude, und aus einem einsamen Fenster blinkte der Widerschein der Abendröte über das matte Grün. Beide sahen, wie schön Utängen lag, aber keines sprach. Still war es überall, und um sie erhoben sich hoch die Ufer. Der Tannenwald stand so wundervoll ruhig über dem Wasser, und in der halblichten Helle fuhren die Seeschwalben vorbei, mit raschen Bewegungen über das Wasser streichend. Tekla saß die ganze Zeit über in derselben Stellung, mit an sich gerafften Kleidern und leise gesenktem Kopf. Per dachte daran, wie er sie hatte ins Boot steigen sehen, und die ganze Zeit meinte er zu sehen, wie schön sie da gewesen war. Fast ohne es zu wissen, begann er zu sprechen. Und als er einmal angefangen hatte, erzählte er von sich, wie er nun den Hof hätte, wie viel Neues er eingeführt, daß er anfangen wollte, zu segeln, und alles, was er erhoffte. Als sie anlegten, machte Per das Boot fest und begleitete Tekla. Auf den Feldern, über die sie gingen, duftete der weiße Klee, und aus dem Hag, wo der helle Schein der Juninacht die Vögel wach hielt, tönte ab und zu ein sachtes Zwitschern. Still und schlafend lag das Dorf Svalbols vor ihnen. Die Dämmerung verdichtete sich auf dem Grund der Talsenkung, wo die Gebäude am dunkelsten lagen, während man die höchstgelegenen Häuser deutlich, fast wie bei Tag, unterscheiden konnte. Da blieben beide stehen, und ihre Augen lachten sich an. Tekla sagte Gutenacht und ging allein heimwärts; denn es brauchte niemand zu sehen, daß sie so spät noch Gesellschaft gehabt hatte. Per stand am Zaun und sah die schöne, ein bißchen schwere Gestalt des Mädchens auf dem Weg weitergleiten und hinter der Hecke des väterlichen Hofes verschwinden. Seitdem trafen Per und Tekla sich oft, und es dauerte nicht lang, eh Tant' erfuhr, wo es Per hinzog. Ihn fragen, wie es mit ihm stand, das tat sie nicht. Denn das war nicht Tant's Art. Aber sie brauchte nicht lang auf Bescheid zu warten. Denn Per war so daran gewöhnt, alles mit Tant' zu besprechen, daß er, eh er richtig um Tekla warb, zu Tant' kam und ihr erzählte, zwischen ihm und Tekla stünde es nun so, daß er glaubte, er könne das Mädchen bekommen, wenn er sie fragte. »Aber erst möcht' ich wissen, was du dazu meinst, Tant'!« fügte er hinzu. »Ich kann wohl nur eins dazu meinen,« antwortete Tant'. »Ich hab' gedacht,« begann Per – »du hast nun so lange Jahre hier allein gewirtschaftet –« Aber Tant' wollte ihn nicht zu Ende hören. Sie unterbrach ihn mitten im Satz und sagte: »Ich bin nicht mehr das, was ich früher war. Arbeiten kann ich schon; aber alles bewältigen, was hier zu tun ist, das kann ich nicht. Und wenn du erst anfängst zu segeln, so muß ein junger Mensch hier sein, der nach allem sieht, während du weg bist. Wenn der Hof ohne Herr ist, so muß wenigstens eine Hausfrau da sein, und das eine, die tüchtig ist und kräftig.« Und Per war zufrieden. Denn er hatte gefürchtet, die Alte, die so lange die Zügel in der Hand gehabt hatte, würde sie nicht loslassen wollen, solang sie lebte. Und Tant' war noch viel zufriedener. Denn die Gewißheit, daß Per sich jetzt verheiraten und eine Frau ins Haus bekommen würde, wälzte ihr gleichsam einen Stein vom Herzen. Jetzt brauchte der Hof nicht länger vernachlässigt, die Feldgeschäfte nicht versäumt werden, der Boden würde seinen Ertrag bringen, auch wenn der Herr fort auf der See war. »Das hab' ich ja immer gesagt,« meinte Tant'. »Eine Hausfrau gehört ins Haus, wenn es mit all dem Neuen gut gehen soll.« Vierzehn Tage darauf hielt Per um Tekla an, und es bedurfte nicht vieler Worte, eh die jungen Leute einig waren. Tekla ging selbst mit hinüber zu Tant', und Tant' wußte nicht, was sie ihr nur alles zuliebe tun sollte. Sie selber führte das Mädchen überall herum, zeigte ihr die Felder und den Stall, erklärte ihr, wie alles gemacht werden sollte und ward nicht müde zu sprechen und die künftige Söhnerin zu rühmen. Denn so nannte Tant' Tekla, und so fühlte sie ihr gegenüber. »Was du für eine schöne Frau kriegst. Per!« sagte Tante. »Es gibt nicht viele, die so eine kriegen.« Tekla lächelte und sah bei dem Lob verlegen aus. Aber sie war ja gewöhnt, ihr Aussehen rühmen zu hören, und sie wußte wohl, daß sie die Schönheit der Gegend war, nach der manch einer geschaut hatte, wenn auch vor Per keiner etwas bei ihr erreicht hatte. Mit ihren frischen roten Wangen, den dunkelblauen Augen und dem frischen, vollen Wuchs besaß Tekla auch gerade die Art von Schönheit, die einen Bauern betören kann. Und sie war sich der Vorzüge, die sie zu bieten hatte, wohl bewußt. Aber sie war doch im Herzen froh, daß Tant' das gesagt hatte. Denn Tekla merkte daran, daß Tant' zufrieden war. Und ohne mit Tant' gut zu stehen, hätte es Tekla nie gewagt, mit ihr zusammenzuleben. Denn Tant' galt dafür, daß sie im Hause die Herrschaft hätte, und das weiß ja jeder, daß es nicht leicht ist für eine junge Hausfrau, zu ihrem Recht im Hause zu kommen, wenn vor ihr eine alte dasitzt, die ihr entgegenarbeitet. Nun aber war Tant' ja eitel Sonnenschein ihr gegenüber und fühlte sich ganz und gar nicht verdrängt. Darum ging Tekla froh nach Hause, und Per begleitete sie. Tant' kam auch selbst zu Teklas Eltern und hielt für Per an, und das geschah mit großer Feierlichkeit und ward auch ebenso aufgenommen. Denn Tant' und Per hatten ihre Ehre zu wahren, und Tekla und ihre Familie hatten die ihre. Beide Parteien führten Namen, die in der Umgegend einen guten Klang hatten, und weder Per noch das Mädchen, das er zur Frau begehrte, kamen mit leeren Händen. Nach den üblichen Bedenken, Erwägungen, Komplimenten und gegenseitigen Artigkeiten ward das Verlöbnis eingegangen, und es ward bestimmt, daß die Hochzeit im Winter sein sollte, ehe die Arbeit mit der Frühlingssaat beginnen und Per zur See gehen würde. Und es ward Hochzeit gehalten, und es währte eine ganze Woche, eh alle Festlichkeiten mit Nachfeier und Nachbarschaftsbesuchen vorüber waren. Als aber Per endlich seine Frau heimgeführt hatte und Tant' und er eine Weile allein waren, sagte Tant': »Jetzt bin ich ganz ruhig deinetwegen, Per. Denn jetzt hast du eine Frau im Haus, die da weitermacht, wo ich aufhöre. Aber du mußt sie von Anfang an zur Arbeit anhalten. So hat es Håkan auch mit mir gemacht. Und das hat uns beiden Nutzen gebracht.« Per war so glücklich, daß er alles versprochen hätte, um was Tant' ihn gebeten hätte. Einen eigenen Hof hatte er, ein verheirateter Mann war er in jungen Jahren, seine Frau war so schön, daß alle sich umsahen, wo die beiden gingen, und unten an der Brücke lag die Schute und wiegte sich an doppelter Ankerkette. Fast ärgerte es Per jetzt, daß er nicht mit dem Taufen der Schute gewartet hatte, damit er ihr ihren Namen nach seiner Frau hätte geben können. Aber geschehen war geschehen, und den Namen eines Schiffes ändern – das hat noch nie Glück gebracht. Und auf jeden Fall hatte er ja doch der Tante Hof und Frau und auch das Boot zu danken, und da war's auch nicht zuviel, wenn ihr Name auf dem Hintersteven stand. Die Schute war Pers Leben, und nachdem er erst einmal mit ihr hinausgesegelt war, war er nicht oft daheim, außer während der Zeit, da Eis lag und das Segeln unmöglich war. Freilich war es im Anfang recht schwer, so viel von der Frau fort zu sein, während alles noch so neu war. »Aber wenn man sich ein Schiff hält, muß man auch segeln,« meinte er, »und immer zärtlich sein darf man auch nicht, sonst wird das bald alt.« Wenn er auf See war, vergaß Per auch alles andere vor Arbeit, und es war geradezu ein Wunder, sagten die Leute, wie rasch dieser Bauer, der nie zur See gewesen war, es lernte, Schiffer zu sein. Mit Ruder und Segel hatte er natürlich immer umzugehen gewußt, aber als er begann, gab es doch mehr als einen, der sagte: »Du kommst mit der Schute sicher nicht nach Stockholm, ohne daß du die Tannenklippe mitnimmst.« Aber all das hörte auf, als Per eine Reise nach der andern, nordwärts und südwärts, machte, ja, einmal sogar nach Oskarshamn fuhr und auch von dort glücklich heimkehrte. Denn Per Ekberg war ein Mordskerl! Alles was er unternahm, ging leicht und spielend, und auch mit dem Handel und den Frachten ging es ihm gut. Auf dem Hof ging freilich nicht alles so, wie es sollte. Denn das Auge des Herrn tut die halbe Arbeit, heißt es. Und man konnte wohl sehen – wenn auch zur See viel gewonnen ward, so verlor dagegen der Boden etwas. Es gab Leute, die meinten, er verlöre sogar zu viel. Aber Per nahm seine Frachtgelder ein und rechnete zusammen, was er im Sommer verdient hatte. »So viel könnte ich bei der Landwirtschaft nie verdienen,« das war der Schlußsatz, zu dem er immer kam. »Wenn der Winter kommt, muß man daheim herumliegen,« sagte er weiter. »Und dann kommt die Erde zu ihrem Recht, wie es sich gehört.« Tant' ging zwischen all dem umher, und die Jahre verrannen so rasch, daß sie sie kaum zählen konnte. Sie vermochte nie zu lernen, daß es recht und in Ordnung sein kann, der Erde die Arbeit zu entziehen und sie in Handel und Seefahrt zu betätigen. Es mochte ja eine neue Zeit gekommen sein; denn es machten es ja viele so. Aber sonderbar war es doch, meinte sie, Frauen und gemietetes Volk die Erdarbeiten verrichten zu sehen, während alle Männer zur See waren. Beim Tanz in der Scheune fehlte es ebenso an Männern, wie auf dem Feld, und die Mädchen sehnten sich darum nach dem Winter, wenn die Burschen heimkamen und es wieder lebendig ward. Es war wie im Krieg, meinte Tant', und sie sprach es auch aus. Als Tekla ins Haus kam, sagte Per zu Tant': »Jetzt wollen wir die Stuben droben in Ordnung machen, daß du hinaufziehen kannst, wann du magst. Und dann sollst du Ruhe haben auf deine alten Tage und bloß sitzen und zusehen, wie wir Jungen arbeiten.« Aber Tant' meinte, erst müßte wenigstens ein Sommer vergehen, damit Tekla sich an alles, was ihr nun neu war, gewöhnen könne. Und dabei blieb es auch, denn – wie es nun auch zugehen mochte – Tant' kam nie in die neuen Stuben im obern Stockwerk, wo sie in Ruhe sitzen sollte. Tant' war unten nicht zu entbehren. Tant' mußte bei allem dabei sein, und Tant' wurde von allen um Rat gefragt, von den Leuten auf dem Hof und von Fremden, wann sie etwas wissen wollten. Tant' kochte und überwachte den Stall. Tant' besorgte das Geschirr, Tant' wies die Leute an und sah nach, daß das, was geschehen sollte, auch geschah. Es gab manche, die behaupteten, für Tekla wäre es nicht leicht, Hausfrau zu sein. Nichts dürfe sie tun. Denn Tant' täte alles, wie vorher. Andre wieder schoben die Schuld auf Tekla und meinten, sie sähe es recht gern, daß ein anderer arbeitete, wenn sie es nur nicht brauchte. Mit diesen Vermutungen hatte jedoch keiner recht. Tekla tat, was ihre Pflicht war, und als Kinder kamen, hatte sie damit viel zu schaffen, noch eh sie geboren waren und auch nachher. Die Sache war – Tant' konnte sich nicht zur Ruhe geben, weil sie sich immer einbildete, irgend etwas müßte schief gehen. Alles um sie her war so neu geworden, daß es war, als kenne sie sich selbst nicht mehr wieder. Sogar das Haus war gleichsam neu, seit es angebaut und um ein ganzes Stockwerk höher geworden war. Es war noch gut, daß sie wenigstens darin ihren Willen durchsetzte, daß Per es nicht von Grund aus niederriß. So hatte sie doch noch den alten Boden unter den Füßen, und den brauchte Tant'. Aber fremd war ihr all das neue doch, und darum mußte sie von morgens bis abends arbeiten, bei allem dabei sein, alles mit eigenen Augen sehen. Es war, als hoffte sie, auf diese Weise doch schließlich mit zu kommen, so daß sie alles richtig verstehen und auf die Zukunft hoffen könnte. Tant' selber sprach mit keinem Menschen von dem, was sie dachte, und am wenigsten mochte sie mit Per darüber sprechen. So selten, wie er daheim war, mußte er dann doch wenigstens seine Ruhe und seinen Frieden haben. Er war nun einmal ihr großer Junge, und so gut, wie mit ihm meinte sie es mit keinem Menschen sonst. Um all das drehten sich Tant's Gedanken, und während sie daheim umherschafft und denkt, segelt Per von Hafen zu Hafen, nimmt Frachten ein und liefert sie ab, kauft und verkauft Holz. Wenn ihn der Weg an seinem Hof vorbeiführt und der Wind nicht gerade besonders gut ist, legt er an und bleibt einen Tag oder zwei daheim. Manchmal möchte er doch die Seinen sehen, und wenn auch nicht alles besorgt wird, wie es sollte und müßte, so will er doch mal ab und zu nachsehen und sich in Erinnerung bringen. Wenn er wieder fort ist, bleibt Tekla allein mit den Kindern. Und die Verantwortung für den Hof hat der Oberknecht. Tant' aber geht überall herum mit ihren Gedanken, und nichts im Haus wird getan, ohne daß sie bei der Arbeit mit Hand anlegt. Sie ist alt und grau. Und sie selbst sagt, sie sei gebrechlich. Aber die andern wundem sich darüber, wie sie noch zu allem die Kraft hat. Seltsam ist's, sie in Regen und Sonnenschein, immer im selben Arbeitskleid, über den Hügel wandern zu sehen, hinunter zum Heck, das die Nebengebäude vom Hof trennt. Die alten Eschen und Ahornbäume stehen, wie sie immer gestanden haben, und dieselben Fliederbüsche, die geblüht haben, als sie als Braut einzog, wachsen noch um den Altan. Sonst aber ist alles um sie her neu, und wohin sie blickt, ist es, als käme die See ihr immer näher und nähme ihr von ihrem Boden, so wie sie ihn in der Erinnerung hat, etwas weg. »Ich weiß nicht, wie das ist,« kann sie oft sagen. »Jeden Herbst sind volle Vorratstonnen da. Aber wenn das Frühjahr kommt, sind sie leer. Nichts bleibt übrig zum Verkaufen und Verdienen. So war's früher nicht.« Daß mehr Geld einkommt, als zu Håkans Zeit, das sieht sie. Aber wo es bleibt, das weiß sie nicht. Das auszurechnen ist für einen alten Menschen wie sie nicht so leicht. Aber soviel weiß sie doch – viel geht weg für die Zinsen, die den Saft aus der Erde saugen, und für etwas anderes, was Amortisation genannt wird. Um sie her wird der Kampf gekämpft, der in ganz Schweden gekämpft wird – der Kampf der neuen Erwerbsquellen gegen die alten. Mitten in der Periode der Industrie, in der das Großkapital den Boden sich unterjochen will, arbeiten die kleinen Grundbesitzer mit dem Aufgebot all ihrer Kräfte, um sich die Scholle zu erhalten, auf der sie einst eine Heimat gefunden haben. Um dies Ziel zu erreichen, sind sie gezwungen, ihre Kräfte zu zersplittern, können nicht mehr, wie früher, zäh und eigensinnig sich an eins halten. Von der Erde, die nicht mehr reichlich und rasch genug gibt, wenden sie sich zu anderem, weil sie darnach streben, sich unabhängig vom Boden zu machen, der viel fordert und nur langsamen Gewinn gibt. Geld ist jetzt das Ziel geworden, und es sind ihrer gar wenige, die dies Ziel zu dem ihrigen machen können, ohne Sklaven des Geldes zu werden, obgleich sie alle hoffen, seine Herren und Könige zu sein. Auf ihre Weise versteht Tant' das auch. Aber sie kann nicht vergessen, daß die Erde leidet, und so oft sie daran denkt, leidet sie mit ihr. Denn die Erde ist ein gestrenger Herr, das weiß sie. Und niemand kann zwei Herren dienen. So sagt die Schrift; und die Schrift hat recht. Tant' hat all das ihre weggeschenkt. Aber trotzdem kann sie nicht vergessen, daß das, was rings um sie her wächst und steht, ihr gehört. Es ist, als dächte sie, sie müsse dereinst Rechenschaft geben für Grund und Gebäude, Vieh und Gerätschaften. Vielleicht trifft sie auch Håkan, wenn sie gestorben ist, und was soll sie ihm antworten, wenn er sie fragt: »Was hast du aus all dem gemacht, was mein war?« Darum kann Tant' sich auch nie von dem, was auf dem Hof getan und getrieben wird, abwenden – weder mit Auge noch mit Hand. Sie kommt nie aus dem Nachdenken heraus, und nie kommt sie in die beiden Stuben, wo sie in Ruhe und Frieden bis an ihr Lebensende sitzen und zusehen soll, wie die Jungen arbeiten. Es ist mit ihr, wie mit so vielen Alten in dieser Zeit der Hast. Sie kann das, was sie jetzt um sich her sieht, nicht mit dem vereinen, was einst war und in ihrem Gedächtnis noch lebt. Denn die Veränderung ist gar so gewaltsam und schnell vor sich gegangen. Darum geht Tant', so alt sie ist, vom Stall zur Küche, von der Küche zum Keller. Darum backt sie und wäscht und schaltet und waltet nach bestem Vermögen. So lang sie das tut, denkt sie an nichts, als an das, was eben vor ihr liegt, und es ist, als wären die alten Zeiten zurückgekehrt. Wenn sie diese Arbeit aufgäbe, so würden ihre Gedanken und die Unruhe ihr keinen Frieden lassen. So kommt der Frühling nach dem Winter, der Sommer nach dem Frühling, und eh man sich's gedacht, liegt wieder Eis, und der Winter ist dem Herbst gefolgt. Das Eis legt sich zwischen die Inseln, die Leute sind wieder daheim, auch die Schute ist ins Winterquartier eingezogen, die Schute, die Tant's Name in den Schären herumtragen wird, noch lang nachdem Tant' gar nicht mehr da ist. Der Winter ist Tant's beste Zeit. Da wird alles um sie her so ruhig, da geht kein Dampfer, da wird draußen und drinnen gearbeitet wie vor der Zeit, in der die Menschen angefangen haben, ihre Gedanken von der Erde zu wenden. Wenn das Eis liegt, legt sich auch Tant's Unruhe, und sie fängt an, davon zu sprechen, daß sie die Stuben herrichten will, die ihr gehören und für sie bereit stehen. Aber so weit kommt Tant' nie. Dazu ist der Winter nie lang genug. Früher oder später kracht immer das Eis, und der Frühling kommt.