Oscar A. H. Schmitz Menschheitsdämmerung Märchenhafte Geschichten Seinem hochverehrten Freund Fritz Schwickert K. K. Fregattenkapitän d. R. in Dankbarkeit gewidmet Wien, Oktober 1917 Das rasende Einhorn Ein Tier- und Göttermärchen »Der Mensch ist etwas, das »überwunden werden soll!« Nietzsche , Also sprach Zarathustra. 1. Kapitel. Mein Besuch im Tierstaat. Mein Schulkamerad Bernhard Postel zeichnete sich schon in früher Kindheit durch ein auffallendes Einsamkeitsbedürfnis aus. Nicht eigentlich kränklich, war er doch ziemlich zart gebaut; seine Muskeln hätten ihn gewiß nicht im Handgemenge mit den Anderen geschützt, indessen tat dies der Blick seiner dunkelbraunen Augen, die nicht ganz wagrecht zueinander standen, sondern sich nach den Schläfen etwas erhoben. Dies gab dem blassen, seinen Gesicht etwas Mongolisches. Das Eigentümlichste dieser Augen aber war, daß sie immer weit offen waren, gleichwie die Augen der Götter niemals von den Lidern bedeckt zu werden schienen. Unbefangene Burschen, die sich ihm zum erstenmal dackelhaft näherten, schreckten plötzlich vor diesen Augen zusammen und zogen sich mit jenem rätselhaft verlegenen Ausdruck zurück, den man bei Hunden bemerkt, wenn man ihnen ein Trinkglas vorhält. Zu unliebsamen Vorfällen kam es indessen niemals. Ich kann mich nicht erinnern, daß Postel je mit seinen Mitschülern oder Lehrern einen heftigen Auftritt gehabt hätte. Auch seine Erzieher wußte er in Abstand zu halten. In seinen Leistungen gehörte er zum besseren Durchschnitt. Besondere Neigung zeigte er nur für Erd-, Tier- und Pflanzenkunde, aber gar nicht für Physik und Chemie, die in den höheren Klassen die eigentliche Naturkunde ablösten. Manche wollten wissen, daß er zuhause Aquarien und Terrarien, ausgestopfte sowie lebende Tiere, unter diesen einen Storch, eine Eule und eine Fischotter besaß, die ihm wie ein Hund folgte. Er ließ aber niemand etwas davon sehen. So ging er geräuschlos durch das Gymnasium, weder geliebt, noch gehaßt, auch nicht gerade gefürchtet, nur etwas gescheut. Die Kameraden wurden sich nicht einmal seiner Seltsamkeit bewußt. Erst als ich im späteren Leben mit Einzelnen wieder zusammentraf und man die früheren Genossen im Gedächtnis wieder auftauchen ließ, da fragte man sich auch, was wohl aus dem Postel geworden sein möge, und stellte zum erstenmal fest, was er doch für ein sonderbarer Kauz gewesen war. Niemand wußte etwas von ihm, man konnte sich ihn in keinem der üblichen Berufe recht vorstellen. Nach der Abgangsprüfung war er plötzlich verschwunden, man wollte sich erinnern: ins Ausland; die unvermählte, steinalte Tante, bei welcher der Elternlose gelebt hatte, war kurz darauf gestorben. Etwa 20 Jahre nach Postels Verschwinden pflegte ich die Sommerzeit in einem einsamen Alpental zu verbringen, wo ich im Haus des Bezirkstierarztes Grödling Unterkunft fand. An den seltenen Abenden, wo der alte Grödling gesprächig war, konnte man sich keinen besseren Gesellschafter denken, denn er hatte in seiner Jugend als Zoologe mehrere Weltreisen gemacht und sich erst nachträglich infolge eines Vermögensverlustes der Tierheilkunde gewidmet. Er kam meist spät, nachdem die Familie das Nachtmahl längst eingenommen hatte, von seinen Gängen nach den fernen Bauernhöfen zurück, setzte sich schweigend an den gebohnten Tisch in der niedrigen Stube und ließ sich von seiner vielgeschäftigen Frau das Essen auftragen. Oft beobachtete ich ihn heimlich von der Ecke aus, wo ich meist mit einem alten Bauernkalender saß. Er war ein langer, völlig fettloser Mensch in gamsledernen Kniehosen, die er wohl schon über ein Jahrzehnt trug, und einem grauen Janker, in dessen weit abstehenden Taschen er meist dunkles Kornbrot und Päckchen mit Tabak trug. Oft sah ich ihn auch in der Abenddämmerung auf seinen dünnen, aber sehnigen halbnackten Beinen unbeweglich im Garten zwischen den bunten Blumen des Phlox und des Türkenbunds bei einem kleinen Weiher stehen, wie ein Stelzvogel, der am Rand eines Sumpfs mit seinem langen Hals nach Nahrung späht. Er war übrigens ein leidenschaftlicher Fischer. In dem rotverwitterten Gesicht hatte er ein paar schlecht vernarbte Schmisse, die grauen Schnurrbartenden hingen, lang gezogen, etwas nach abwärts. Seine Augen waren grau und kühl, das Haupthaar sehr spärlich und wie Asche, die Glatze, besonders der Hinterkopf blutrot. Nach dem Nachtmahl zündete er stets seine kurze Pfeife an und starrte ins Leere. Er sprach meist unverfälscht die Bauernmundart; nur fügte dieser alte Zugvogel gern in Erinnerung an seine Reisen, wenn die Frau oder eine Magd mit einer Frage hereinkam, in seine kurzen Antworten eine fremdländische Anrede ein, wie z. B.: »Dees kannst macha wie D'wüllst, Señora« oder »Kannst ma noch an Most bringa, darling.« Auch liebte er es, die Mägde Juli und Moidl Giulietta und Marietta zu nennen. Manchmal sprach er den ganzen Abend kein Wort, aber wenn er hie und da nach einer Stunde des in die Luft Starrens und Tabakqualmens plötzlich anfing: »Sie, in Brasilien, da wackelts« oder »da hab' i halt lach'n missa, in Shangai, da hat an deitscher Angestellter ...«, da wußte ich, daß er heute seine gesellige Anwandlung hatte. Bald saß ich dann bei ihm am Tisch, die Giulietta oder die Marietta brachte auch mir einen Most, ich lauschte der fesselnden Erzählerkunst des Alten, und er genoß die seltene Gelegenheit, einen Zuhörer zu haben, der ihn ganz zu würdigen verstand. Ich befand mich schon den dritten Sommer in dem Haus. Öfters hatte mir der alte Grödling von einem in der Nähe befindlichen großen Anwesen erzählt, einem alten Bauernschloß, wie sie sich in der Gegend noch häufig aus der Zeit der Religionskriege finden. Ich hatte den burgartigen, mit mehreren Türmchen geschmückten Bau öfters inmitten von Wäldern liegen sehen und von dem Tierarzt erfahren, daß er von einem Sonderling bewohnt sei, der jeden Menschen meide, dafür aber ein um so größerer Tierfreund sei. Er habe ihn einmal vor vielen Jahren irgendwo in Texas kennen gelernt, und ihre zoologischen Neigungen hätten sie zusammengeführt. »Der Mensch woaß ja gar nöt, was a Viech is'« rief der Alte, »aber mir zwoa, der un' ich, mir wissa's, mir wissa's mir zwoa, der un' ich. I sog' Eahna, a Viech is' iberhaupt gor ka Viech, viel eher is' der Mensch a Viech.« Als jener Fremde erfahren hatte, daß Grödling Bezirkstierarzt geworden war, beschloß er, sich mit seinem inzwischen in allen Ländern zusammengekauften Tierpark in dessen Nähe niederzulassen, weil so leicht kein anderer Tierarzt zu finden war, der auch von dem ausländischen »Viehzeug« was verstand. Grödling hatte ihm jenes Bauernschloß ausfindig gemacht. Dort hauste er nun seit fast einem Jahrzehnt mit seinen Tieren. Außer Grödling betrat keine Menschenseele, nicht einmal eine Magd, sein Reich. »Ja, wer hält ihm denn das Anwesen in Stand?« fragte ich. »Das ist eben das Geheimnis, mon cher !« sagte der Alte bedeutungsvoll und starrte mich mit seinen kalten Augen an. Ich hatte nie gewagt, weiter zu fragen, freute mich aber jedesmal, wenn Grödling von selbst auf jenen Fremden zu sprechen kam. Ich war, wie gesagt, schon den dritten Sommer im Haus, als der Tierarzt zum erstenmal den Namen des Fremden erwähnte: Postel. »Vielleicht Bernhard Postel?« fragte ich erstaunt. »Jo, ganz recht, ibrigens glaub i, a Landsmann von Eahna.« Es war, als habe mir Grödling dies bisher nur zufällig, ohne Absicht verschwiegen. Leicht stellte ich nun fest, daß jener Fremde niemand anders als mein Schulkamerad Bernhard Postel sein konnte. »Grüßen Sie ihn einmal von mir!« sagte ich beim gutenachtsagen, »ich bin doch gespannt, ob er sich meiner noch erinnert.« Nach einigen Tagen lag bei meiner Frühstückstasse ein Brief, den, wie die Moidl sagte, der Tierarzt am Abend spät mitgebracht hatte. Die Schrift war ohne jeden eigentümlichen Charakter, fast eine flotte Kaufmannsschrift. Das Schreiben rührte von Postel her und lautete folgendermaßen: »Mein lieber, alter Freund, zwar hatte ich geglaubt, ich würde bis zu meinem Tod keinem Menschen außer Grödling mehr ins Auge sehen, aber als ich heute von ihm erfuhr, daß schon im dritten Sommer hier in der Nähe gerade der Einzige meiner Mitschüler lebt, den ich nicht verabscheut habe, so sah ich darin doch einen Schicksalswink. Du mußt nämlich wissen, daß mein, Dir wohl noch von der Schule her erinnerlicher Menschenhaß im Grunde gar kein Menschenhaß, sondern nur ein versteckter Hundehaß ist. Ich hasse die Menschen nur darum, weil sie so hündisch sind; gegen den Menschen an sich habe ich nichts, falls er anderen Tieren als Hunden gleicht, und irgend einem Tier gleicht jeder Mensch. Ich habe mich sogar hie und da auf meinen Reisen mit solchen etwas befreundet, hinter deren Menschenmaske ich den Papagei, das Lama oder den Bärenspinner erkannte; bei weitem die meisten Menschen aber sind und bleiben geheime Hunde, selbst die scheinbaren Schweine sind oft Hunde – Schweinehunde. In unserer Schulklasse waren nun unglücklicherweise nur Dackel; ich erinnere an Moosleitner, Sperl, Kreutzer, Kohn, von Röder, Leschitzky und wie sie alle hießen. Nur Du, mein Lieber, bist ein Dachs, das hat Dich mir immer sympathisch gemacht. Ich konnte es Dir natürlich nicht sagen, denn damals wärest Du beleidigt gewesen, und Du hättest Dich verwahrt, Du seist kein Dachs. Du bist aber doch einer, wozu da unnötige Verstellung? Heute, da Dich das Leben wohl auch reif und einsichtig gemacht hat, wirst Du das verstehen, denn das Dachshafte ist, wie mir mein Freund Grödling sagte, der selber ein Kranich ist, bei Dir so sieghaft durchgedrungen, daß Du wohl auch gegen die äußere Feststellung, – eine reine Formsache – nichts mehr einzuwenden haben wirst, zumal der Dachs kein streitbares und unaufrichtiges, wenn auch, in seiner Ruhe gestört, ein etwas bissiges Tier ist, sondern sich (im Gegensatz zum Hund) ruhig zu dem bekennt, was er ist. Ich entsinne mich noch ganz gut, daß auch Du kein großer Hundefreund warst, im Gegensatz zu allen unseren Kameraden. Wie sollte auch ein Dachs die Dackel lieben, die seinen einsamen Bau umlauern, bis sie ihn verbellen können. Ich sehe im Hund und dem Menschen nur einen Gradunterschied in der Fähigkeit etwas zu scheinen, was man nicht ist. Dem Menschen gelingt dieser Selbstbetrug weit besser, aber der Hund, dieser Freund des Menschen (statt des Hundes), dieser Verräter an der Tierwelt, versucht mit seiner verständnisheuchelnden Grimasse ganz dasselbe und zwar noch grundsätzlicher, nur ungeschickter (daher das viele Leute Rührende in seiner Art). Ich hingegen verlange kein Verständnis und finde jeden Versuch mich zu verstehen aufdringlich-hündisch. Ich lebe vielmehr voll befriedigt in der bunten Mannigfaltigkeit meines tierischen Haushalts, wo jeder an seinem Platze ist und genau das erfüllt, was seinem Wesen entspricht. Ebenso fern wie sentimentales Sichverstehenwollen ist uns völlig in sich selbst Zufriedenen alles, was an »Dressur« erinnert. Meine Löwen, Luchse, Rehe, Marabus, Bienen und Schildkröten sind alle nicht dressiert, und doch füllt jeder ein wichtiges Amt aus, weil ich jeden in Ruhe gerade das tun lasse, wozu er geschaffen ist, was die Menschen so gerne möchten, aber nie vermögen, da ja unter Tausenden von Menschen nicht Einer in seinem ganzen Leben dahinter kommt, wozu er eigentlich geschaffen ist. Die menschliche Freiheit beruht darauf, daß jeder auch das tun kann, ja oft mit Vorliebe tut, was ihn eigentlich gar nichts angeht. Die bei uns herrschende Freiheit jedoch beruht darauf, daß jeder nur das tut, was er wirklich kann und was ihn darum glücklich macht. So ist unsere höchste Freiheit tiefste Wesensgebundenheit. Wir sind daher unfrei zum Unehrlich- und darum Unglücklichsein. So werden auch wilde Tiere umgänglich und ungefährlich. Ich habe nämlich folgendes psychologische Gesetz bei ihnen entdeckt: gefährlich und bösartig sind sie nur, falls ein Wesenstrieb in ihnen gehemmt wird und sich nun durch doppelte Wucht übertreiben muß. Nur die Dichter haben bisher anerkannt, daß z. B. der Löwe der König der Tiere ist, die Tiere jedoch bestreiten ihm das in der Natur allenthalben. Ich habe nun den Löwen wirklich zum König gemacht und die Tiere durch eine Verfassung und den Bürgereid zu seiner Anerkennung gezwungen. Was ist die Folge? Der Löwe hat aufgehört ein reißendes Tier zu sein und ist ganz König. Der Wolf verschlingt keine Lämmer mehr, sondern nährt sich, seinem berechtigten Hunger entsprechend, seitdem ich ihn zum Metzger gemacht habe. Die Hyäne übertreibt sich nicht mehr selbst, indem sie Leichen frißt, da ihr der ihren Neigungen entsprechende Totengräberdienst widerspruchslos vorbehalten ist. So habe ich alle Tiere zufrieden gemacht und zu einer von den Menschen noch nicht erreichten ›Menschlichkeit‹ entwickelt. Zum Schlusse nun, mein lieber Dachs, die höfliche Einladung, uns recht bald einmal zu besuchen und Dich von dem Gesagten selbst zu überzeugen. Ein Bau, wie er Deiner Natur entspricht, steht jederzeit für Dich bereit.« Daß mich dieser Brief erstaunte, wird man leicht begreifen, doch setzte mich, der ich in meinem Leben viele sonderbare Menschen gekannt hatte, noch mehr als Postels eigene Seltsamkeit der überraschende Scharfblick in Verwunderung, mit dem Postel mich, den bisher nie ganz über sich selbst klar Gewesenen als Dachs erkannte. Ohne meine Person mehr als nötig in den Vordergrund dieser Geschichte drängen zu wollen, muß ich doch so viel von mir sagen, daß ich ein kleiner, rundlicher Mensch mit kurzem braunem Kraushaar und unbedeutendem, doch keineswegs dummen Gesichtsausdruck bin. Mein Gang ist etwas plump, da ich fast mit dem ganzen Fuß auftrete. Meine Gleichgültigkeit gegen alles das, was den meisten Menschen erstrebenswert erscheint, ist so groß, daß ich heute mit 45 Jahren fast wunschlos bin, da ich nämlich alles das habe, was ich brauche: jederzeit eine bescheidene Stätte, wohin ich mich zurückziehen kann, und die ungehemmte Freiheit, mich zu begeben, wohin ich will. Ich muß gestehen, daß ich bei Tag leicht ein wenig träge und mürrisch werde und gern schlafe. Ich gehe lieber in der Dämmerung als mittags aus, außer wenn die Sonne scheint, in deren Schein ich mich gern wärme. Arbeit ist mir in der Seele verhaßt, hingegen bin ich ein tiefer Denker. Sonst habe ich keine hervorstechenden Eigenschaften außer einem die Grenze der Schamlosigkeit erreichenden Trieb zur Selbsterkenntnis, der aber bisher volle Befriedigung noch nicht erreicht hatte. Die Behauptung, daß in jedem Menschen ein Tier verborgen sei und sich dem tieferen Blick leicht offenbare, habe ich öfters aufstellen hören. Was ich indessen selbst für ein Tier bin, hatte ich bisher durchaus nicht herausbekommen können, nur so viel wußte ich: weder ein Tiger noch eine Giraffe, und nun wurde mir plötzlich überzeugend klar, daß Postel recht hatte: ich bin insgeheim ein Dachs, und dieser Gedanke brachte für mich etwas geradezu befreiendes. Ich ließ mir von Grödling Brehms Tierleben geben und schlug auf: »Der Dachs, meles taxus«. Recht angenehm berührte mich zunächst das Bild jenes gemütlichen, zur Fettleibigkeit neigenden, einsam lebenden Tieres. Mit Genugtuung stellte ich fest, daß es, wenn auch überall, doch selten vorkommt, und mitten in seinem Bau einen behaglichen, mit Blättern gepolsterten Raum habe: »der Kessel« geheißen. Das Fleisch hieß es, sei eßbar und werde in China häufig auf Märkten feilgeboten, es schmecke etwas süßlich; nun meinetwegen. Innerlich jubelte ich, weil ich nun genau wußte was ich bin; freilich machte ich keine Luftsprünge, denn das ist nicht Dachsenart, aber ich mummelte mich Abends beim Schlafengehen mit besonderer Lust in die Decken, als gelte es, den Winterschlaf zu beginnen, zumal der Abend schon verfrüht herbstlich war. Daß ich in den nächsten Tagen mit dem alten Grödling meinen Freund Postel besuchen würde, war bereits ausgemacht. Der Bezirkstierarzt hatte ohnehin dort zu tun, da die Frau des Postelschen Ökonomierats Kieselhäuser zur Zeit trächtig sei und demnächst ein »Kaibi« erwarte. Ich gestehe, daß mich diese Ausdrucksweise seltsam berührte. Sie kam mir ein bißchen roh vor. Postels Anwesen hatte die denkbar glücklichste Lage. Das Schlößchen befand sich in einem gegen Süden weit offenen Tal, das nach den drei anderen Himmelsrichtungen durch schroffe, jeden Wind abhaltende Bergwände geschützt war. Die Schroffheit reichte aber nicht bis hinab in die Talsohle. Vielmehr stieg diese nach allen Richtungen sehr sanft aufwärts, so daß die sonnenreichen Abhänge Raum boten für üppige Garten- und Baumpflanzungen. Hier blühte – wie auf einer Oase in rauher Wüste – die Mandel und reifte die Maulbeere, die Nuß und die Kastanie. Über dieser Zone halbsüdlicher Gewächse erhob sich erst Laubwald, dann tiefschwarzer Nadelwald. In allen Winkeln sah man heimliche Holzbrücken über felsige oder begrünte Schlüfte und Schründe führen. Erst oberhalb dieser Zone wuchsen nur noch zähe Alpenpflanzen, wie Almrausch und Wacholder, und darüber ragte fast gewächslose, nur von harten kümmerlichen Stauden unterbrochene Hochgebirgsöde. Dies alles bildete Postels Tierpark. Schon von weitem gewahrte man zwischen dem Grün allerlei Häuschen, Tempelchen und Kioske, auch seltsame Laute drangen einem entgegen, darüber kreisten dauernd Raubvögel in majestätischem Flug. Es war ein trüber warmer Nachmittag, den wir zu unserem Besuch wählten. Ein schwüler Föhnwind fuhr einem wie mit feuchtem Rüssel um Wangen und Hals. Wir läuteten an dem schmiedeeisernen Tor der Umhegung. Ein freundlicher alter Bär, einem alten Leibeigenen gleichend, kam mit einem großen Schlüsselbund aus dem Pförtnerhäuschen und schloß auf. »Grüß Gott, Iwan« sagte Grödling wie ein alter Bekannter, »ist der Herr zu sprechen?« »Ist zu sprechen« antwortete Iwan mit leicht russischem Tonfall, sich verneigend und die Vorderpfoten über der Brust kreuzend. »Was machen deine Bienen?« fuhr Grödling fort. »Machen gut, Barin, machen gut«, antwortete der Bär. »Der Iwan is nämlich an vorzieglicher Bienenzüchter« erklärte Grödling. Iwan lachte vergnügt in sich hinein. Hinter dem Häuschen gewahrte ich in der Tat eine kleine Stadt von bunten Bienenhäuschen, wo sich Iwans behäbige Gattin, Maruschka, und seine beiden Kinder Kyrill Iwanowitsch sowie Eupraxia Iwanowna zu schaffen machten. Alle drei hatten den Oberkörper mit sackartigen Masken bedeckt, so daß man nur ein stattliches und zwei zierlichere Bärenhinterteile sah. Grödling klärte mich auf, daß diese Bienen sehr nützlich seien, da sie gewisse Geschwüre kunstvoll aufstechen und ihr Gift als heilendes Gegengift hineinträufeln lassen. Gerade sah ich, wie eine Eselin schon gesetzten Alters – wie Grödling erklärte: die Frau des derzeitigen Müllers (im Postelschen Verpflegungsdienst) – trübselig herantrabte, sich einem Bienenstock näherte, mit der rechten Vorderhufe ein buntes Sacktuch von ihrer geschwollenen Kinnbacke löste und sie geduldig hinhielt. Sofort ließen sich einige Arbeitsbienen darauf nieder. Frau Hinterhuber – denn so hieß die Eselin – schrie einen Augenblick erschütternd auf, aber dann sah man auf ihrem gutartigen Antlitz gleich den Ausdruck einer gewissen Erleichterung. Wir gingen durch einen dämmerigen Laubgang. Auf einem Tritt stand, mit einer Baumschere hantierend, ein Bock, der Gärtner Seidel, der durch Tüchtigkeit und guten Geschmack das dumme Menschensprichwort vom Bock als Gärtner Lügen zu strafen sich mit Erfolg bemühte. Postel bewohnte das Schloß schon lange nicht mehr selbst. Sein Wohnhaus war vielmehr eine Art indisches Bungalow, bescheiden aus braunem Holz gebaut mit ringsherumlaufenden Galerien um beide Stockwerke. Auf der Seitenfront standen gerade zwei Giraffen, die etwas am Dach ausbesserten. Vor der Tür krochen uns einige Igel entgegen, an deren Stacheln wir die Sohlen abstreiften. Ein zierliches Reh mit hellblauem Schleifchen ums linke Ohr öffnete die Tür und nahm uns mit Unschuldsmiene Hüte und Mäntel ab. »Grüß Gott, Herr Rendant«, redete Grödling einen Fuchs an, der, eine dunkelgrüne Tuchmütze auf dem Kopf und einen Zwicker vorn auf der Nase, eben aus der Tür trat, den Arm voll von Hobelspänen, die seine zierliche Hand mit Notizen dicht bedeckt hatte. »Ach, habe die Ehre, Herr von Grödling, habe die Ehre« antwortete der Rendant Reinhardt mit gut gespielter Biederkeit in seinem listig lachenden Gesicht, und seine stechenden Augen blinzelten über den Zwicker hinaus. Wir wurden uns kurz vorgestellt. Grödling und der Rendant kamen sofort in ein Gespräch über Äcker, Pachten und Anwälte, einige der beschriebenen Holzspäne wurden als Belege hervorgezogen. Es schien ein ungemein geschickter Rendant zu sein. »Und unsere Patientin?« fragte Grödling. »Ach, eine unbezahlbare Geschichte«, sagte der Rendant lachend. »Sie werden sie ja sehen, die ehrsame Matrone, halb verlegen und halb stolz.« »Und der Ökonomierat?« »Der ist nur stolz, nichts als stolz«, erwiderte der Rendant mit spöttischem Kichern. In diesem Augenblick hörte man in der dämmerigen Ecke den Fernsprecher läuten. Ich hatte dort schon die ganze Zeit zwei dunkle rotbraune Tiere ihre Wesen treiben sehen und sie für Katzen gehalten, wenn mich auch die hohen Beine und die gestutzten Schwänze etwas irre machten. Nun sprang eines vom Apparat herunter – es war ein flinker Luchs mit gespitzten Ohren – und meldete dem Rendanten, daß man ihn in der Melcherei verlange. Während der Rendant an den Fernsprecher ging und mit unliebenswürdiger Stimme rief: »Nun ja doch ... hab' ich doch immer gesagt – – ewig dieselbe Schlamperei ...« erklärte mir Grödling, daß der Ökonomierat Kieselhäuser ein alter Ochse sei, der mit seiner Frau, einer scheckigen, etwas feisten Kuh, seit langem in friedlicher, wenn auch kinderloser Ehe lebte. Nun sei zu Ostern sein Neffe Karlchen, ein Student der reinen Philosophie, aus Halle auf Besuch dagewesen, ein junger Stier, der oft stundenlang mit verträumtem Antlitz auf einem Fleck auf der Weide stand; nachdem er vierzehn Tage lang fast kein Wort gesprochen, sei er zur Freude des Ökonomierats wieder abgereist. Im Sommer aber flüsterte Frau Kieselhäuser ihrem Gatten ein süßes Geheimnis in's Ohr. Dieser sei übrigens der Einzige, der den Zustand seiner Frau nicht mit jenem Osterbesuch des jungen Studenten in Verbindung bringe. – Inzwischen war der Rendant vom Fernsprecher zurückgekommen. Er führte uns über die schmale Holztreppe in ein teppichverhängtes Gemach, wo auf einem niederen Ruhebett, mit einer Wasserpfeife beschäftigt, mein Freund Postel lag, noch ebenso schlank und feingliedrig wie als Gymnasiast. Er trug einen persischen Schlafrock, in den bunte Vögel von blassen Farben eingewebt waren. Sein bleiches, noch immer knabenhaftes Antlitz trug er glattrasiert, das dünne Haar war ziemlich grau geworden. Er begrüßte mich mit liebenswürdiger Selbstverständlichkeit, als hätten wir uns nur eine Woche nicht gesehen. »Natürlich bleibt ihr über Nacht« sagte er und läutete zweimal. Das Reh mit dem blauen Bändchen im Haar erschien. »Wetti, für die beiden Herren die Zimmer richten.« »Ja, Exzellenz,« erwiderte Wetti und verschwand, wiederum einen angenehmen Eindruck zurücklassend. »Exzellenz?« fragte ich verwundert. »Nun als Minister Sr. Majestät« lächelte Postel, »du wirst später hören.« Der Rendant empfahl sich, da er an die Firma Hagenbeck in Hamburg zu schreiben hatte, mit der er dauernd wegen neuer Tierlieferungen in Verbindung stand. Nachdem ich mit Postel einige Schulerinnerungen aufgefrischt hatte, erhob sich Grödling. Sein Pflichtgefühl ließ ihm keine Ruhe, und so wurde beschlossen, daß wir zusammen der Ökonomierätin einen Besuch machten. Als Postel aufstand, zog er hinter dem Rücken zwei saubere Kaninchen an den Löffeln hervor und stopfte sie zwischen die Kissen. Diese Tiere dienten ihm als Bettflaschen, da er öfters an Nervenschmerzen litt. Der warme Rücken ihres Herrn unter dem Schlafrock war ihr Lieblingsplätzchen, und sie ließen sich nur ungern von dort entfernen. Grimmig stellten sie sich auf die Hinterpfoten und rissen die kleinen Mäuler auf. Ein Blick Postels aber ließ sie sofort zahm in die Kissen zurücksinken. Während dieser im Nebenzimmer den persischen Schlafrock mit einer kurzen Jacke vertauschte, flüsterte mir Grödling mit einer bezeichnenden Handbewegung an die Stirn zu, Postel sei ein schwerer Neurastheniker und bilde sich allerlei Krankheiten ein. Wir umschritten den das Haus umgebenden parkartigen Garten und kamen zu den Wirtschaftsgebäuden. Da war z. B. die Schlächterei, vor der gerade der Meister, ein etwas unsauberer Wolf mit schon ergrautem wie von Motten zerfressenem Fell, damit beschäftigt war, mit jüngeren Gesellen Viertel von Rindern und Kälbern von den Haken zu nehmen. »Also manche Tiere werden auch gegessen?« fragte ich etwas verwundert. »Nicht von mir« sagte Postel, »ich lebe nur von pflanzlicher Nahrung, aber unter den Bürgern sind manche, die tierische Kost brauchen. Übrigens sind wir hier gar nicht sentimental. Wir schlachten, stechen und jagen, wie überall; nur einzelne Tiere sind lebenslänglich enthoben, so z. B. unser verehrter Ökonomierat.« Wir waren inzwischen vor dessen Häuschen angekommen. Er saß im Erdgeschoß am Fenster, den derben Ochsenkopf breit herausgelehnt, in eine alte Zeitung aus seiner Jugend vertieft. Als er sich nennen hörte, erhob er seine gutmütigen Augen und lachte laut. Er nahm die lange Pfeife aus dem Maul und rief: »Ja, aber was is denn jetzt dees, der Herr von Postel und der Herr von Grödling!« Auch ich wurde freundlich willkommen geheißen, dann traten wir ein. Die niedrige Stube mit ihren gehäkelten Sofa- und Sesselschonern und gestickten Deckchen verrieten den peinlichen Ordnungssinn eines wohlsituierten Ehepaares in mittlerer gesellschaftlicher Stellung. Von den Wänden begrüßten gestickte Sprüche den Beschauer, wie z. B. »Ein Haus und Herd sind Goldes wert.« Grödling fragte gleich nach dem Befinden der Frau Rat. »Halt den Umständen entsprechend ... Sie wissen ja, wie die Weiber in solchen Fällen sind« antwortete der hocherfreute Gatte, sichtlich geschmeichelt, »heut' früh wollt' sie mit ihrem Salat durchaus an Laubfrosch verschlucken.« »Nur alles gestatten Herr Rat«, sagte Grödling, »nur alles gestatten, dann gibt's a feistes Kaibi.« Wir traten ins Nebenzimmer. Die Frau Rat saß breit und buntscheckig auf dem schwarzen Ledersofa, neben ihr die Müllersfrau, Frau Hinterhuber, deren Wange inzwischen schon beträchtlich abgeschwollen war. Sie selbst war zwölfmal niedergekommen in ihrem Leben und erzählte eben ihrer bang lauschenden Gevatterin der Reihe nach jeden einzelnen Fall in aller Breite. Sie war gerade bei dem neunten Mal angekommen, als die Herren eintraten. Dieses sachliche Gespräch ging nun sofort in eine mehr sanft über die Dinge gleitende Plauderei über. Der Ökonomierat erzählte manches wissenswerte aus vergangener Zeit, was er gerade in seiner alten Zeitung gelesen hatte, so z. B., daß der Kaiser Maximilian von Mexiko erschossen worden sei, was ihrerseits Frau Hinterhuber für unmöglich hielt. Aber der Ökonomierat bewies es schwarz auf weiß. Er wollte uns gar nicht mehr fortlassen. Wir mußten noch, jeder mit einer Lupe versehen, seine Marken- und Käfersammlung anschauen, die ihm ein junger Hase in seinen Freistunden für ein weniges in Ordnung hielt. »Jeder, der eßbar ist, sucht sich halt nützlich zu machen, um enthoben zu werden« erklärte mir Grödling kichernd ins Ohr. Dann veranlaßte er noch die Frau Rat, ihm ihre breite Zunge zu zeigen, was sie aus Geschämigkeit durchaus nicht tun wollte. Ich ging taktvoll ins Nebenzimmer; dann beklopfte er ihr, wie ich durch die Tür wahrnahm, die Euter und äußerte seine hohe Befriedigung. Dem Ökonomierat versicherte er, daß die bereits verständigte Hebamme, das Pelikanweibchen Creszenz durchaus zuverlässig sei. Als wir uns wieder draußen befanden, erklärte Grödling offen, er habe nun Hunger, aber Postel meinte, der Anstand erfordere, vor dem Essen noch mit dem Gast einen wenn auch kurzen Besuch bei Sr. Majestät zu machen. »Aber da bitte mich zu entschuldigen« wandte Grödling sehr entschieden ein, »mir ist der höfische Hokuspokus verhaßt – is ja zum lachen.« »Immer der alte Achtundvierziger« spottete Postel und befreite seinen Freund von dem Besuch bei dem Löwen, dem Postel das Schloß als Palast angewiesen hatte. Bereits zeigten sich hinter riesigen Adlerfarren die grauen Mauern. Hier war die wärmste Stelle des ganzen Parks auf sumpfigem Boden, der eine fast tropisch anmutende Üppigkeit des Pflanzenwuchses begünstigte. Die Blätter des Huflattichs hatten den Umfang von Palmwedeln, die gemeinen gelben und blauen Sumpfblumen erreichten eine geradezu phantastische Größe. Die Schierlingstauden glänzten feist und wurden mehr als mannshoch. Das von außen anspruchslose Schloß war innen königlich ausgestattet. Auf dem glänzenden Marmorboden des Vorraumes huschten vielleicht ein Dutzend Meerkatzen in grünen goldbesetzten Jäckchen umher, die Lakaien Seiner Majestät. Ein langer Riesenpinguin, der Kammerherr du jour , dem ein silberner Schlüssel über dem hellgrauen Hinterteil hing, watschelte schwerfällig heran mit hochmütig gehobenem Kopf. Er trug ein gebauschtes, weißes Spitzenjabot und eine chromgelbe Halsbinde. Dieses würdige Wesen geleitete uns über die breite Mitteltreppe; dann durchschritten wir eine Flucht von kleinen Gemächern mit Malachit, Lapislazuli und Jaspis an den Wänden; in einem nahm die Mitte eine dunkelgraue Sèvrevase ein, ein Geschenk des Zaren; in dem anderen hingen kostbare Damaszener Waffen, königliche Gaben Abdul Hamids; in dem dritten stand ein reizendes Schildplattschränkchen, das die Mitglieder des Amsterdamer Zoologischen Gartens Seiner Majestät bei ihrem Scheiden aus den dortigen Käfigen in loyaler Gesinnung überreicht hatten. Ein heißer, beizender Geruch machte sich immer heftiger bemerkbar. In dem Vorsaal standen unbeweglich etwa 30 Flamingos, jeder vor einer kostbaren Waschschüssel, viele nur auf einem Bein. Sie bildeten den Hofstaat. Ein breiter Gobelin – ein Zusammentreffen des Sonnenkönigs Ludwigs XIV. mit der Jagdgöttin Diana im Wald von Fontainebleau darstellend – wurde vor der letzten Tür zurückgeschoben und wir standen in stummer Ehrfurcht vor Sr. Majestät Nebukadnezar I. Er saß in Purpur und Hermelin auf einem Goldsessel und begrüßte uns mit großer Huld. Zu seinem Füßen lag seine Mätresse, die Königstigerin Asta, ein Prachtexemplar ihrer Art. Sie schaute mich äußerst ungnädig an, während Se. Majestät mit Postel in einer mir völlig unbekannten Sprache verhandelte. Plötzlich zog sie unter ihrem schneeweißen Brustfell ein Lorgnon hervor und musterte mich damit in impertinenter Art. Gleichsam zur Entschuldigung dafür richtete nun Nebukadnezar mit tiefdröhnender Baßstimme selbst einige sinnige Worte an mich in deutscher Sprache: Mit Vergnügen, sagte er, habe er vernommen, daß die Elektrizität langsam die Welt erobert. »O Majestät«, erwiderte ich, von so viel Gnade ganz verwirrt, »es ist nicht mein Verdienst«. »Macht nichts, macht gar nichts« begütigte Se. Majestät. »Tu parles français au moins?« fragte mich Asta plötzlich, denn sie stammte aus Indo-China. Ich geriet derart in Verlegenheit, daß ich alles was ich von fremden Sprachen weiß, zusammendrängte in die Worte: »O yes, Signorina.« Sie wendete sich weg und sagte zu Postel: »Il est bien ridicule, votre ami« . Aber die Strafe für dies Benehmen folgte auf dem Fuß. Laut schlug eine Standuhr sieben. Der Kammerherr verbeugte sich vor Asta, die ihm einen zornsprühenden Blick zuwarf. Mir schien sogar, als ob Se. Majestät ihr von rückwärts einen leichten Tritt gab. Wohl oder übel, Asta mußte sich erheben; nun erst konnte ich ihre ganze herrliche Gestalt recht würdigen. Mißmutig begab sie sich, von dem Kammerherrn gefolgt, hinaus, wobei sie zwei Meerkatzen anzischte, die ihr über den Weg liefen. Später erklärte mir Postel, das Hofzeremoniell bestimme die späten Nachmittagsstunden von 5-7 Uhr für den Besuch der Königlichen Mätresse; der Abend gehöre dann einem rührend einfachen Familienleben. Es dauerte auch nur wenige Minuten, als Ihre Majestät die Königin Emeline eintrat, zwar von zwei Enten, als Hofdamen, begleitet, aber sich doch ganz bürgerlich ihrem Gatten nähernd, der ihr freundlich das Nasenbein beleckte. Zu mir sprach sie sofort mit jener alle Verlegenheit wegzaubernden Einfachheit, wie sie nur der wirklichen Vornehmheit eigen ist. Sie lobte den mütterlichen Sinn der deutschen Frau und verwarf den Sorlethapparat. Unter lautem Geschrei kugelten plötzlich sechs junge Löwenkinder herein, denen ein strenger Biber, ihr Hofmeister, kaum zu folgen vermochte. Sie stürzten sich auf den Papa und spielten dann auf dem Purpur zu seinen Füßen. Wo kurz vorher noch das schöne Mistvieh Asta gelegen hatte, entfaltete sich nun harmloses Familienleben. Dann kam Besuch: Der Viscount Reginald of Horseradish, ein englischer Vollbluthengst und Lady Arabella seine Frau, eine schneeweiße arabische Stute, aber in England erzogen. Der Viscount hatte aus seiner Sammlung einige Wappen mitgebracht, die er Sr. Majestät vorlegte. Nebukadnezar I. verabschiedete uns gnädigst. Der Kammerherr watschelte mit uns hinaus. Postel meinte, daß wir durch diesen Abschied nichts versäumt hätten. Bis zur Tafel sprächen sie jetzt nur über Wappen. Nachher setzten sich die Majestäten mit dem englischen Ehepaar zum Whist. An manchen Abenden wurden auch von Tieren Wappen gestellt, wie lebende Bilder. So ginge es fast täglich, im Winter sei hie und da Cercle, alles ziemlich langweilig. Der Viscount und seine Gattin waren alte Freunde Postels aus Indien, wo sie zusammen Löwen und Tiger gejagt hatten. Auf niemand, sagte er, setze er mehr Vertrauen als auf diese, heute zwar nicht mehr sehr anregenden, aber treuen, alten Freunde. (O, wenn er damals schon geahnt hätte, wie er sich in ihnen täuschte.) Nebukadnezar selbst sei ein wahres Gemütstier, das ganz in seinem häuslichen Leben aufginge. Die eigentliche Regierung führe er, Postel, als einziger Minister, unterstützt von dem unersetzlichen Rendanten Reinhardt. Im Grund sei dieser kleine Hof nur eine Dekoration, die er sich von Hagenbeck habe kommen lassen; die Geschäfte gingen auch ganz gut ohne Se. Majestät. Er aber sei ein Freund der alten Überlieferungen und sozusagen konservativ, wenn auch innerlich ein völlig freier Geist. »So bin ich auch, genau so!« erwiderte ich aus aufrichtiger Überzeugung. »Aber diese Asta« fuhr ich fort, »ist eine unangenehme Person. Selten war mir ein Weib so widerwärtig.« »Du weißt gar nicht, wie recht du hast« seufzte Postel, »sie ist hier das zersetzende Element, aber ich bin selbst daran schuld. Anfangs wollte der Alte nichts von einer Mätresse wissen. Ich mußte ihn lange überreden, und auch mit der guten Emeline hat es einen langen Strauß gekostet. Als ich dann aber Asta von Hagenbeck kommen ließ, da geriet Se. Majestät in einen solchen Taumel von Verliebtheit, daß ich sie ihm nun nicht wieder abnehmen kann. Sie arbeitet dauernd gegen mich. So hat sie heimlich einen Sack voll Giftschlangen mitgebracht, die hier streng verboten sind, da sie doch zu nichts gut sind, als gemeinen Tratsch unter dem Gesinde anzustiften. Nebukadnezar und ich haben sie vergeblich beschworen die Schlangen herauszugeben, aber sie erklärt, ihre Gespielinnen nicht preisgeben zu wollen. Hier siehst du, daß auch mein Glück einen dunklen Punkt hat, von dem aus Verderben droht.« Mir schauerte vor diesen Worten böser Vorbedeutung. Ich erfuhr ferner, daß Asta sich in einem dem indischen Palast von Agra nachgebildeten Tempel mit einem kleinen Hof von Pfauen, Paradiesvögeln, Reihern umgeben habe, dagegen den biederen Storch aus dem Tierstaat zu vertreiben strebe, um ihren köstlichen Leib vor den Schädigungen durch Nachkommenschaft zu schützen. »Du siehst, sie plant unseren Untergang«, führte Postel aus. »Ein Gemeinwesen kann sich nicht lediglich durch Einwanderung erhalten.« »Also auch hier dieses leidige Bevölkerungsproblem!« sagte ich voll Teilnahme. Astas Kammerfrau war eine Truthenne, die sie mit einem Kapaun verheiratet hatte. Dieser seichte, ungemein schwätzige Vogel hatte die Gabe, alles zu erfahren was vorging. Die Meerkatzen im Königlichen Palast zitterten vor ihm. Er nannte sich Chevalier de La Patte Engraissée, soll aber der Sohn eines Schneiders gewesen sein. Als wir zu dem Bungalow zurückkamen, nahte die Essenszeit. Es dunkelte bereits. Im Zwielicht flogen geschäftige Fledermäuse hin und her, die kleine Lichtchen trugen, mit denen sie die Straßenlaternen anzündeten. Ich wünschte noch einen Augenblick auf mein Zimmer zu gehen. Postel führte mich selbst hinauf. Wir kamen an der Küche vorbei, wo ich einen mächtigen Eber mit weißer Mütze als Chef beim Herd stehen sah, vermittels des breiten Rüssels aufmerksam die Dämpfe aus den Schüsseln einschnuppernd. Ratten und Mäuse brachten ihm aus den anstoßenden Speisekammern, was er brauchte. »Ist das nicht unwirtschaftlich?« fragte ich. »O« erwiderte Postel, »sie halten sich natürlich schadlos, aber ihr Hunger hat auch seine Grenzen, und dafür entfernen sie mir fremdes Raubzeug«. Übrigens hatte vor jeder der drei Kammertüren ein mürrischer Hamster die Wache. Diese energischen Tierchen standen gebläht da und schienen die Vorräte ihres Herrn zu verteidigen und nur, soweit notwendig herauszugeben. Über dem ganzen Haushalt aber stand die ehrwürdige Frau Hirsekorn, ein altes Känguruh mit ungeheurer Bauchtasche, in der sie immer allerlei Gegenstände trug, bald auszubessernde Wäsche, bald Früchte zum Einmachen, oder zu putzendes Silberzeug. Zum Abzeichen ihrer Würde hatte sie immer einen silbernen Löffel im Gürtel. Postel sagte, sie sei früher seine Wirtin gewesen, er habe über zehn Jahre bei ihr gewohnt. Wo das wohl gewesen sein mochte? Vor meinem Zimmer überließ mich Postel dem Stubenmädchen Wetti. »Küß die Hand, gnä' Herr«, grüßte sie wieder freundlich; sie war schon für den Abenddienst umgezogen, d.h. sie hatte ihr hellblaues Schleifchen am Ohr mit einem hellgrünen vertauscht. Während ich meinen Rucksack auspackte, fragte mich Wetti (die auch Waverl genannt wurde, und mit dem Taufnamen Barbara hieß), ob ich für diese Nacht noch eine Decke wünsche, ob sie die Fenster offen lassen solle usw. Dann zeigte sie mir das an das Zimmer angrenzende Bad, das jederzeit bereit sei; schließlich blieb sie noch einen Augenblick stehen und schaute mir zu, wie ich meine Toilettesachen auf dem Waschtisch ordnete. Zuletzt senkte sie ihr sanftes Rehköpfchen und fragte mit Unschuldsmiene: »Wünscht der gnä' Herr vielleicht noch etwas?« »Nein danke, liebes Waverl« antwortete ich, aber während sie kichernd hinausging, klopfte ich ihr freundlich auf den weißen Flecken ihres runden Hinterteils. »Wer weiß?« dachte ich nachher, »hier hätte ich vielleicht Aussichten«; aber ich gehöre zu den Männern, die aus Verlegenheit im Augenblick nie ihre Aussichten auszunützen wissen. Als ich das Eßzimmer betrat, saß man schon um den runden Tisch. Postel hatte einen dunkeln Samtflaus an, der zugleich behaglich und etwas feierlich wirkte. Neben ihm saß Grödling mit hochrotem Kopf und wie immer in verschabtem offenem Janker. Noch nie war mir Posteis Vergleich dieses hageren eisgrauen Mannes mit einem Kranich treffender vorgekommen, als in diesem Kreis. Der Rendant Reinhardt hatte die grüne Mütze abgelegt und trug einen schwarzen im Schnitt etwas spießbürgerlichen Schwalbenschwanz. Ich wurde noch mit einem alten bunten Kakadu bekannt gemacht, dem Dr. Karfunkel, einem Literaten aus der Schule Saphirs, der während der ganzen Mahlzeit schwatzte und allein dazu lachte, sowie mit einem jungen manierlichen Tapir, den Postel als seinen Neffen vorstellte, was mich einigermaßen in Erstaunen setzte. Das Essen war sehr schmackhaft und eigenartig nach Rezepten aus allen Ländern zusammengesetzt. Zu einer indischen scharfen Reisspeise z.B. gab es einen türkischen Kebab (am Spieß gebratene Hammelstückchen); dazu knusperiges norwegisches Brot und alten Bordeaux, zum Nachtisch aber einen ausgezogenen Strudel, ein Meisterstück der erst kürzlich dem Chef zur Hilfe beigegebenen Köchin Selma, eines jungen böhmischen Landschweins, aber aus rein deutschem Sprachgebiet. Mich ärgerte es etwas, daß Dr. Karfunkel mit seinen platten Späßen niemand zu Worte kommen ließ, und so ermutigte ich die etwas ungeschickten Versuche des jungen Tapirs auch etwas zu sagen. Auf meine Frage, er sei wohl Student, erzählte er erfreut, er studiere die Rechte und wolle sich der diplomatischen Laufbahn widmen. Das schien mir ein bißchen hochgegriffen, und ich fragte verwundert, ob denn da die Aussichten günstig seien, aber Postel erzählte nun, sie hätten deshalb beim Auswärtigen Amt angefragt. Von dort sei erst ein kurzer Lebenslauf verlangt und dann die Nachricht gegeben worden, die Aussichten seien durchaus leidlich, wenn auch nicht glänzend. »Und das genügt mir« rief der Tapir mit naivem Lachen, »wenn ich nur dabei bin; bringe ich es auch nicht weit, so bin ich doch immer in guter Gesellschaft«. Der Kakadu sperrte seinen schwarzen Schnabel auf und lachte sich halbtot. Der junge Tapir hingegen gab durch einen Kniff um seine Lippen zu verstehen, daß er dies für schlechten Ton hielt. Dann aber fügte er voll Genugtuung hinzu, sein Freund, das Flußpferd, sowie sein Vetter, das Nashorn hätten es, angestachelt durch seine Tante Rhinozerante, ihm gleichtun wollen und auch beim auswärtigen Amt angefragt, aber die Nachricht erhalten, es gäbe denn doch gewisse Grenzen der Zulassung, die bei aller grundsätzlichen Weitherzigkeit eingehalten werden müßten. Das hielt der verständige Tapir auch für durchaus berechtigt. Beim Obst erklärte Dr. Karfunkel, man würde den Tapir nie in die große Gesellschaft aufnehmen, da er ja Hörner habe. Das brachte den armen Jungen in keine kleine Verlegenheit. »Wie so denn Hörner?« fragte er errötend und nicht ganz sicher, »nie hat in unserer Familie jemand Hörner gehabt.« Der Kakadu erbot sich, das Gegenteil zu beweisen. »Also geben Sie dies zu: was Sie nicht verloren haben, das haben Sie noch?« »Natürlich gebe ich das zu«, erwiderte der Tapir treuherzig. »Gut; haben Sie schon einmal Hörner verloren?« »Niemals«. »Nun, also dann haben Sie noch Hörner – was zu beweisen war«, brüllte der Kakadu vor Vergnügen. Auch der Rendant und Postel lachten. Wetti, die auch bei Tisch bediente, mußte so schrecklich kichern, daß sie einen Teller mit Pralinés fallen ließ, die sich wie ein Hagel über den Kopf des werdenden Diplomaten ergossen. Der Tapir war ganz sprachlos, und ich merkte, daß ihm die Tränen nahe waren. Er kannte sich gar nicht mehr aus und senkte seinen Rüssel über den Teller. Einmal griff er sich wie zufällig an den Kopf, aber es war offenbar: er wollte sich vergewissern, ob er nun eigentlich Hörner habe oder nicht. Beim Aufstehen von der Tafel klopfte ich ihm auf die Schulter und sagte: »Machen Sie sich keine Gedanken, Herr Studiosus, die Hauptsache ist, was das Auswärtige Amt sagt, und das hat zu Ihren Gunsten gesprochen.« Ein dankbarer Blick traf mich aus seinen verlorenen Augen. »Was gibt's denn heute Abend im Theater?« fragte Postel, während wir uns im Nebenzimmer Zigarren anzündeten und Schnäpse eingossen. »Heute ist Ballettabend, Exzellenz« erwiderte der Rendant. »Liebst du Ballett?« fragte mich Postel. »Und wie!« sagte ich. Man beschloß hinzugehen, und auch der junge Tapir wurde bei dieser angenehmen Aussicht wieder vergnügt. Das Theater war ein reizender Säulenbau im Rokokostil und stand licht in dunklem Laub. Es war das alte Hoftheater einer kleinen deutschen Residenz und von Postel auf Abbruch angekauft worden. Man hatte das Material hierher geschafft und es wieder genau in der alten Weise aufgebaut. Im Innern waren alle Wände mit blassem Purpur und blinden Vergoldungen verziert. Alte in Ruhestand getretene Droschkenpferde in weißen Häubchen besorgten freundlich die Garderobe und schlossen die Logen auf. Wir kamen gegen Ende des ersten Aktes. Rehe, Gemsen, Antilopen, Gazellen, und anderes liebliche Getier spielten das Ballett: »Orpheus in der Unterwelt«, das ein junger Schwan gedichtet hatte. Er nannte sich Hyazinth, und galt für das Haupt einer verheißungsvollen Dichterschule. Seine Frau, Madame Hyazinth, war Prima Ballerina und spielte den Orpheus mit unsagbarer Grazie. Der Erfolg war daher sehr stürmisch, als der Vorhang fiel. Die Zuhörer bestanden aus Tieren aller Art. Im Parkett saßen vorwiegend die großen Säugetiere, in den vordersten Reihen alte Hengste mit großen Operngläsern und vielen Orden. Die Logen waren teilweise verglast und mit Wasser gefüllt, um den Fischen, Seesternen und Seeigeln einen angenehmen Aufenthalt zu bieten. Auch die Seegurken waren erschienen, wohl aus Trotz, weil man gerade ihnen wenig Verständnis für Ballett zuschrieb. Auf den Brüstungen und Kandelabern hatten sich Scharen großer und kleiner Vögel, Eidechsen, Ghekkos, Chamäleons und Schmetterlinge niedergelassen. In der Königsloge erschien im Zwischenakt Asta mit einem helllila Umhang, begleitet von zwei Stelzengeiern mit langem abstehendem Haar am Hinterkopf, auch Sekretären genannt, die sie in ihren Diensten hatte. Der Rendant flüsterte mir ins Ohr, es seien zwei verkappte Jesuiten. Im Zwischenakt führte mich Dr. Karfunkel hinter die Kulissen, wo er sehr vertraut war. All das liebliche Getier lief in nervöser Hast durcheinander, meckerte sich gegenseitig unfreundlich an und zeigte wenig Geschmack für die Witze des aufdringlichen alten Literaten an meiner Seite. Schließlich aber kam Herr Hyazinth, der erfolgreiche Dichter mit kühn geschwungenem weißen Hals und zeigte sich empfänglich für die weitschweifigen Lobsprüche des Kakadus. Plötzlich sprang neben uns unter Lärm eine Tür auf. Der Schauspielregisseur und Dramaturg Dr. jur. et phil. Maki, ein Halbaffe mit gelben Augen, kam wütend heraus und erklärte, das hielten seine Nerven nicht mehr aus. Ihm folgten zwei rothaarige Nasenaffen, die sich ineinander verbissen hatten. Sie besaßen höchst bewegliche, verlängerbare Nasen. Es war gerade im Nebenzimmer eine Besprechung gewesen; da hatte jeder der beiden den Misanthropen spielen wollen, in dem Molièreschen Stück, das alljährlich zu Postels Geburtstag neu einstudiert wurde mit leicht verändertem Schluß, so daß am Ende der Menschenfeind recht behält. »Sehen Sie«, rief Dr. Maki empört, »mit solchem kleinlichen Kram hat ein Künstler wie ich täglich zu tun«. Seine Frau, das Fingertier Aye-Aye, kam heraus und legte ihm ihre langen aristokratischen Hände auf die Stirn, was ihn sofort etwas beruhigte. Sie spielte erste Salonrollen. »Greifen Sie doch zu den äußersten Mitteln!« flüsterte Dr. Karfunkel mit blitzendem Auge dem nervösen Regisseur zu. »Das werde ich auch jetzt tun!« rief Dr. Maki entschlossen. Aye-Aye wollte wieder beruhigen. »Meine Herren«, schrie aber der Doktor die zwei Nasenaffen an, »bis jetzt bin ich versöhnlich gewesen, aber auch mir stehen die äußersten Mittel ...« Bei diesem Wort fuhren die zwei Schauspieler auseinander und blickten den Regisseur ängstlich an. »Sie werden doch nicht ...« erwiderte einer. »Ich werde ... diesmal werde ich ...« drohte der Regisseur und schob die beiden wieder ganz friedlich Gewordenen in das Nebenzimmer. Aye-Aye begann sanft zu vermitteln. Der Kakadu lachte aus vollem Hals. Durch die offene Tür sah ich in dem Nebenraum ein Heer von Pavianen, Kapuziner- und Satansaffen, Schimpansen, Seidenäffchen, Orang-Utangs, Mandrils, Makaken und Brüllaffen in höchster Erregung. Sie beruhigten sich aber sofort, als Dr. Maki wieder das Wort: »die äußersten Mittel« aussprach. »Was ist denn das: die äußersten Mittel?« fragte ich erstaunt. Der alte Literat erklärte: »Es ist ein alter Theaterbrauch, von dem man als zu entwürdigend abkommen möchte, aber im Notfall muß man diesem Volk von Kindern immer wieder damit drohen, und Sie sehen ja, wie das gewirkt hat.« Wieder lachte der Kakadu, als müsse er bersten. »Aber um Gottes willen, worin besteht denn dieser Brauch?« fragte ich brennend, vor Neugier. »Nun: in der Verurteilung zum Stinktier. Wer sich schwer vergeht, dem wird, je nach dem Fall, auf einen bis drei Tage Skunks, das Stinktier, als Aufwärterin ins Haus geschickt; länger als drei Tage hat es noch niemand ausgehalten, dann tritt Starrkrampf ein«. »Das ist allerdings grausam«, sagte ich. »Aber lustig«, lachte der Kakadu. »Als Gegenstück schickte man in früheren Jahren zur Belohnung für hervorragende Zuverlässigkeit die Moschusratte als Zofe, aber unsere Damen schätzen ihren Geruch nicht mehr, er sei ihnen zu aufdringlich.« Inzwischen läutete es zum zweiten Aufzug. Dr. Karfunkel riet, ihn nicht zu versäumen wegen der Einlage. In der Tat war diese sehr lohnend. In der Unterwelt vor dem Thron des Königs Hades, den ein gespenstischer Aasgeier mit grausig nacktem Schädel und langem Schnabel erschütternd spielte, wurden groteske stygische Tänze aufgeführt. Das Hauptstück war der Solotanz der Madame Emgallo, eines gedrungenen afrikanischen Warzenschweines, das trotz seinen ungefügen Formen gar munter einhersprang. Seine vier gelben Hauer und die runden Fleischlappen unter den Augen waren im Begriff die unglückliche Eurydike, eine blonde Gazelle, mehr als gut ist, zu fesseln, als noch rechtzeitig ihr Gatte Orpheus, gespielt von Mme. Hyazinth, aus den Lüften herabrauscht und sein lichtes Gefieder vor ihr wie ein Daunenlager ausbreitet. Voll Leidenschaft vergräbt sie sich in seinen weißen Rücken, und selbst Hades der Aasgeier zeigt sich gerührt. Diese sinnreiche Annäherung der alten Sage an zeitgemäßes Fühlen wurde sehr beklatscht. Der Dichter Hyazinth durfte sich mit seiner Gattin dreimal verbeugen. In der Loge neben uns rühmte ein älteres Zebraweibchen dem Gatten das gewiß sehr poetische Familienleben eines solchen Künstlerpaares. Nach der Vorstellung gingen Postel und Grödling schlafen. Dr. Karfunkel führte mich und den Tapir, der offenbar nicht nachtragend war, noch weiter. Auf den Dachfirsten und in den Zweigen bemerkte ich häufig Uhus, die dem Nachtwächterberuf angehörten. Es gab Kaffeehäuser, wo ungeratene Füchse, entfernte Verwandte des Rendanten, als Kellner bedienten und bis spät in die Nacht vereinzelte Tiere auf Nachrichten aus der Heimat warteten, welche die Regierung entgegenkommend telephonisch bekannt gab. Es war ein ewiges Gewoge brauner, grauer, schwarzer, gelber, gefleckter und getupfter Rücken am Fernsprecher. Übrigens war der Nachrichtendienst sehr unpünktlich. Postel selbst legte gar keinen Wert darauf. Manche Ereignisse erfuhr man erst nach vielen Monaten, wie man später in einem krassen Falle sehen wird. Besonders erregt zeigten sich an jenem Abend die Leoparden, Jaguare und Tiger, da in Indien Aufstände sein sollten. Der Zahlkellner Franzl, ein alter Fuchs, schien näheres zu wissen; aber gerade weil ein junger Leopard immer wieder so ungeduldig fragte, ob das Nachttelegramm noch nicht da sei, wollte er nichts rechtes sagen, schürte vielmehr durch halbe Andeutungen noch die Ungeduld. Dann gingen wir in eine nahe »american-bar«, die ein gut konserviertes altes Lama hielt. Hier verkehrten hauptsächlich die Schauspieler. Sie saßen auf hohen Stühlen und tranken aus Strohhalmen vom Lama mit würdevoller Miene gemischte Getränke. Der Tapir zeigte große Sachkenntnis in den verschiedenen Flips und Cocktails. Wir ließen ihn bestellen. »Noch etwas können Sie heute Nacht anschauen ... wollen Sie?« fragte Dr. Karfunkel zwinkernd. »Gottvoll!« jauchzte der Tapir. »Warum nicht?« sagte ich, und so gingen wir nach einem versteckt gelegenen Tempel, einer Art Gartenhaus mit herabgelassenen grünen Läden, das im tiefsten Schlaf abseits von der Straße erstarrt zu sein schien. Kam man aber näher, dann sah man rote Gluten durch die Laden- und Türritzen leuchten. Ich ahnte noch nicht, welchen Schicksalsweg ich in jenen Augenblicken ging. 2. Kapitel Ich werde Bürger des Tierstaates »Dieser Tempel heißt: Maison Pompadour , auch kurz die Maison « erklärte Dr. Karfunkel. »Die Besitzerin, die berühmte Rosa ist eine alte Jugendfreundin von mir, früher ein patentes Weiberl sag' ich Ihnen – na heute – – Schau'n Sie mich an .. Sic transit gloria mundi ....« Die Pforte öffnete sich von selbst. Eine höchst solid wirkende ältere Fasanenhenne begrüßte uns schlicht und wies uns zur Tür des anstoßenden Salons. Dort wimmelte es zwischen hohen mit Blumen bemalten Spiegeln von Katzen aller Art, sowie Häsinnen, besonders aber Lämmern. Man sah die Heidschnucke aus der Lüneburger Heide, das ungarische Zackelschaf, das Stummelschwanz- sowie das Fettschwanzschaf, das Bergamasker, das Rhön- und das Frankenschaf, besonders selbstgefällig spreizte sich das Merino, auch sächsisches Elektoralschaf genannt; auf Liebhaber des Besonderen wartete das dunkle Negritto sowie das französische Rambouillet. Der junge Tapir war in seinem Element. Er schien hier sehr bekannt und beliebt zu sein. Sofort saßen ihm zwei Meerschweinchen mit bittenden Augen, ein Schwesternpaar, auf dem Schoß; Blanche, die Angorakatze sprang auf seinen Nacken und rieb das Fell an seine Wangen. Mit dem munteren Rambouillet sprach er französisch, eine gute Übung für seine künftige diplomatische Laufbahn. Bald bestellte er Champagner. Vorsichtig näherte sich ein feister Wombat, der bisher in einer Ecke mit einem Murmeltier gespielt hatte. Es war – wie Dr. Karfunkel mir erklärte – ein früherer Mädchenschullehrer, der aber wegen zu großer Liebenswürdigkeit gegen seine Zöglinge den Dienst hatte verlassen müssen. Nun verbrachte er seine Nächte hier, wo er sich als Faktotum nützlich zu machen wußte und manchen Brosamen vom Tisch der Genießenden aufschnappte; so auch jetzt ein Glas Champagner, das der Tapir freigebig kredenzte. Wummi – so wurde der ehemalige Lehrer von seinen Freundinnen genannt – hatte trotz seiner untersetzten Gestalt große Körperkräfte und war darum von nicht geringem Nutzen für ein Haus, das dem besseren Publikum vorbehalten bleiben sollte, aber in den späten Nachtstunden doch auch recht zweifelhaftes Gesindel anzog. Erst vorige Woche hatte ihm ein junger Büffel (ein Drescher im Dienst des Ökonomierats) fast ein Auge ausgeschlagen, und darum trug Wummi ein schwarzes Seidenläppchen über der Wunde, was ihm sehr drollig stand. Überhaupt schien er das Bild gutmütigen Humors. Auch war er ein höchst dankbares Publikum für Dr. Karfunkels dauerndes Gewitzel und für die Großtuerei des jungen Tapirs. Dr. Karfunkel führte mich hinüber in den kleinen mit bunten Papierfächern und Öldrucknacktheiten geschmückten Privatsalon seiner Freundin Rosa, der Besitzerin. Sie gehörte der weitberühmten Gattung des gemeinen bayerischen Landschweins an und war allerdings heute nicht mehr schön. Sie lag breit, mehr bräunlich als rosig, auf einem Ruhebett, ihre 10 Zitzen unbefangen den Blicken darbietend, rauchte eine dicke Zigarre und hatte einen Maßkrug vor sich stehen. Über ihr hing das Bild eines Engelchens, das ein Spruchband hielt mit den Worten: »Wo ich bin, und was ich tu, Sieht mir Gott mein Vater zu.« Vor ihr stand Moische Schönheit, ein Lämmergeier mit dicker dunkler Kopf- und Halsbefiederung und hakenförmigem Schnabel; er las von einem schmutzigen Telegrammformular ab, daß noch mehrere Kartoffelsäcke an der galizischen Grenze ruhten, während von Hamburg feine Bananen zu erwarten seien. »Passen Sie auf,« flüsterte mir der bewanderte Dr. Karfunkel ins Ohr, »das ist Fräulein Rosas rühriger Agent. Kartoffelsäcke und Bananen sind geheime Kennworte der Mädchenhändler für gröbere oder feinere Ware.« Höchst aufmerksam hörte der Schakal Poldi dem Lämmergeier zu und flüsterte dann heftig mit Rosa. Diese erklärte sich mit allem einverstanden. Poldi war ein brauner borstiger Bursch und zweifellos der Herd des sehr üblen Geruchs, der den kleinen Salon erfüllte. Wie mir der Doktor erklärte, war er Fräulein Rosas derzeitiger Liebhaber; er besaß eine rätselhafte Macht über sie und erpreßte von ihr die reichlichen Beträge, die sie einnahm. Oft hatte sie Dr. Karfunkel, dem alten uneigennützigen Freund, ihr Leid geklagt, und er riet ihr immer, sich doch von dem Poldi zu befreien. Mehrmals hatte sie sich das auch fest vorgenommen, aber dann hieß es immer wieder: »I woaß nöt, wos dees is', der Poldl hot mi rein verhext – i kann ihm nöt bees sein – i woaß, daß er a grundschlecht's Viech is, a grundschlecht's, aber wann er mi so herrisch a'schaut, dann muß i doan, was er verlangt. Und dann, woaßt, kann er auch wieder sehr lieb sein, der Poldi.« »Interessant, nicht wahr,« schloß Dr. Karfunkel, der Psycholog, »der letzte Funke Idealismus im Herzen einer alten Sau.« Moische Schönheit und der Poldi entfernten sich nach Erledigung ihrer Geschäfte, und nun war Fräulein Rosa ganz Liebenswürdigkeit gegen uns. Den Dr. Karfunkel schien sie wirklich sehr zu schätzen. Über seine Witze, die hier einen erheblichen Grad derber waren, als vorher, konnte sie sich vor Lachen wälzen. Plötzlich hörte man im oberen Stock einen großen Lärm, Schreien, Stampfen, Umfallen von Gegenständen. »Ja, was waar' dann jetzt dees?« rief Rosa auf einmal wieder in geschäftlichem Ernst. Sie schlug mit ihrer dicken Klaue auf eine Klingel. Die Pförtnerin – die schlichte Fasanenhenne, die uns geöffnet hatte – trat herein und berichtete ruhig und sachlich, die Neue, die Frieda wolle nicht tun, was der junge Herr Siegfried von ihr verlange. »Wüll net dhoan ...?« rief Rosa aufgebracht, »waar' net ibel .. Herkommen soll's, die Frieda ..« Wieder gab mir Dr. Karfunkel die gewünschten Aufklärungen. Herr Siegfried war ein bekannter Lebemann, ein Alligator und Sohn des derzeitigen Hauptteilhabers des Warenhauses Gebrüder Kaiman Co. Die Begründer, zwei Nilkrokodile, gehörten zu den ältesten Mitgliedern des Postelschen Reiches und hatten durch ihre alte orientalische Herkunft Ansprüche auf den Verkehr in den ersten Kreisen. Da waren sie plötzlich, veranlaßt durch ihre amerikanischen Verwandten Kaiman auf den Postel von Anfang an widerwärtigen Gedanken gekommen, ein Warenhaus zu gründen, in das sie durch ihr listiges Lächeln und ihre biederen Augen alle kauflustigen Weibchen zu locken wußten, so daß kaum ein anderes Geschäft neben ihrem bestehen konnte. Die Kaimans merkten wohl, daß trotz ihren ungeheuren Umsätzen ihr Ansehen, besonders bei Hofe nicht zu vergleichen war mit der einstigen Stellung ihrer älteren Verwandten vom Nil. Um dem abzuhelfen, setzten sie sich mit den Kammerherren, den Riesenpinguinen, ins Einvernehmen, bezahlten deren Schulden und ließen durch sie Se. Majestät wissen, daß sie das Geld für eine Akademie der Wissenschaften herzugeben gewillt seien, falls sie den Kommerzienrattitel erhielten. Der den Wissenschaften sehr geneigte König Nebukadnezar konnte diesem Anerbieten nicht widerstehen. Die Gebrüder Kaiman wurden Kommerzienräte. Zur Feier dieses Ereignisses gaben sie ein großes Fest, bei dem tatsächlich die beste Gesellschaft erschien, darunter natürlich die Kammerherren, ja selbst der Viscount Reginald Horseradish, wenn auch ohne Lady Arabella, sowie der Oberrichter, ein Edelfalke, der sogar seine Frau mitbrachte. Selbstverständlich war auch Dr. Karfunkel dabei. Postel hatte sich wegen Kopfschmerzen entschuldigt. Am nächsten Tag ordnete er durch Geheimerlaß an, daß künftig im dienstlichen Verkehr das Wort »Gauner« durch »Kommerzienrat« zu ersetzen sei. Auf den amtlichen Maueranschlägen, welche die Zeitung ersetzten, las man nun häufig: »Ein berüchtigter Kommerzienrat hat gestern abend in der Dämmerung auf der Landstraße einen vom Viehmarkt heimkehrenden Bauer ausgeraubt.« Oder: »Mehrere halbwüchsige Kommerzienräte haben unter ihrem Anführer, dem in Kommerzienratskreisen sogenannten schwarzen Ferdl, einen Einbruch in einer Villa versucht.« Die Gebrüder Kaiman schäumten vor Wut. Nun half ihnen ihr Titel nichts mehr. Der erste Abend, an dem sie die gute Gesellschaft bei sich gesehen hatten, war auch der letzte gewesen. Nur Dr. Karfunkel ging noch hin, aus psychologischem Interesse, wie er sagte, das aber wohl auch durch die vortreffliche Tafel des Hauses gestützt wurde; denn was Kaimans an gesellschaftlichem Ansehen fehlte, das suchten sie nun durch einen, den Hof selbst überstrahlenden Aufwand zu ersetzen. Um aber auf den jungen Herrn Siegfried zurückzukommen, so galt er für einen ausgemachten Nichtstuer, der das von dem Vater dem Volk abgelockte Geld wieder unter das Volk brachte. Er war ein alltäglicher oder vielmehr allnächtlicher Stammgast in der Maison Pompadour . Der junge Tapir haßte den Emporkömmling, da er es ihm an Freigebigkeit nicht gleich tun konnte. Dafür aber kehrte er stolz seine gesellschaftliche Überlegenheit gegen ihn hervor. Während mir Dr. Karfunkel dies alles erzählte und Rosa vor Wut über jene unbotmäßige Frieda fast in Krämpfen lag, hörte man ein großes Geschimpf auf der Treppe. Die Tür sprang auf. Herr Siegfried stürzte herein mit weit aufgerissenem Rachen und Augen von abgrundtiefer Bosheit. Er schrie, was für Summen er schon hier im Haus gelassen habe und beklagte sich über Undank. Neben ihm war die Pförtnerin auf einen Sessel gehüpft, auch der Tapir näherte sich in einigem Abstand, überlegen lächelnd, und ein Gewimmel von Katzen, Häsinnen, Murmeltieren und besonders Lämmern stand umher. Wummi trug die beiden Meerschweinchenschwestern auf der Schulter, damit sie auch etwas sehen konnten. »Die Frieda soll kumma!« befahl Rosa. Ängstlich trat ein sehr herziges nettes Exemplar der braunen Hausziege hervor. O, wie mir bei ihrem Anblick das Herz zu klopfen begann! Alles schwieg erwartungvoll, nur der Tapir rief dazwischen: »Gottvoll, geradezu gottvoll!« »Was san denn dees für Geschichten?« fragte Rosa streng. »Nein, quälen laß' ich mich nicht, dazu bin ich nicht da,« erklärte Fräulein Frieda in reinem Deutsch sehr entschieden, wenn auch mit dünner zitternder Stimme. »Recht hat sie!« flüsterte Dr. Karfunkel. »Ach was,« rief Rosa, »dees g'heert zum Handwerk, dees wär's erste Mal, daß sich oane in der Mäso Bumbadur beklagt; an Spaß muß ma' hier vertrog'n kenna, sonst hättst ja nöt z'kumma braucha; die ersten Dog' hob' i' a Ricksicht g'numma un' a Mitleiden mit dir g'hobt, weil ma' ja sicht, daß du's Geschäft net g'wehnt bist, aber hiazt hoasts o'weitn. Hiazt gehst glei' mit dem Herrn Siegfried un' dhust olles, was er verlangt.« »Seien Sie doch nicht so blödsinnig,« schrie Herr Siegfried, »Sie sollen's ja nicht umsonst tun, hier ist ein Hunderter.« Unter den in der Tür stehenden Katzen, Häsinnen, besonders aber den Lämmern entstand ein erregtes Gemurmel. »Da waar' a jede froh,« sagte Rosa; der Chor schien dies zu bestätigen. Fräulein Frieda aber blieb fest bei ihrem Nein. »So – so, willst mir kumma ..«, schrie nun Rosa, ganz blaß werdend und sprang auf. »Des G'schäft willst mir verder'm, d' Kundschaft abschrecka, dees gibt's fei' nöt .. hiazt werden mir a mol sehn ...« Rosa war im Begriff, sich tätlich auf Fräulein Frieda zu stürzen. Ich hatte bisher mit einer Erregung zugehört, die meinem stillen Dachsgemüt sonst fremd war. Wie schon gesagt, ich hatte beim weiblichen Geschlecht infolge meines Ungeschicks nie rechtes Glück gehabt, aber ich wußte doch manches von glücklichen Freunden, so z. B. auch, wie man ein schutzloses Mädchen in Fräulein Friedas Lage mit einem Wort allen Verfolgungen entziehen kann. In mir war plötzlich eine ganz ungewohnte Entschlossenheit gereift. Etwas handelte in mir, von dem ich nicht weiß, ob ich es selbst war. Ich sprang vor, stellte mich vor Fräulein Frieda hin und rief: »Niemand rührt meine Braut an!« Dies wirkte wie ein einschlagender Blitz. Allgemeines Schweigen. Herr Siegfried schaute mich erstarrt an, Rosa blickte unentschieden. Der Tapir fand zuerst die Stimme wieder und rief: »Gottvoll.« Nun riß auch Dr. Karfunkel den schwarzen Schnabel auf und lachte aus vollem Hals. »Dees is ja gor net wohr,« schrie nun Rosa, »Sie san ja gor net der Breitigam von der Frieda.« Ich aber schlang den Arm um das bebende Opfer und erklärte: »Ich war Friedas Bräutigam, ehe sie durch Unglücksfälle in dieses Haus geriet und bin es nun wieder.« Unter den Katzen, Häsinnen und besonders den Lämmern hatte die Stimmung plötzlich umgeschlagen. Ich fühlte deutlich, daß alles auf meiner und Friedas Seite stand, auch die Murmeltiere und Meerschweinchen blickten uns freundlich an. Wummi schien zu erwarten, daß es zur Feier des Ereignisses bald etwas zu trinken gäbe. Rosa fand schnell ihre Geistesgegenwart wieder. »Also, wenn's Eahna Braut is', dann nehmen 'S glei' mit. Ihr Koffer aber bleibt hier z'wegen die Schulden, wo's noch hat.« »Was denn für Schulden?« rief ich entrüstet. »Laß doch, Bubi« (dies war das erste Wort, das Frieda an mich richtete) »sie soll alles behalten, wenn ich nur von hier fortkomme.« »Gottvoll!« rief der Tapir. Mir aber wurde die Lage klar: ich hatte mich nun so zu sagen mit Fräulein Frieda verlobt. War auch zunächst mein Erstaunen über diese Tatsache groß, so empfand ich sie doch gar nicht als unangenehm. »Also gehen wir!« sagte ich aufs Geratewohl, ohne zu wissen wohin. »Ich will nur meinen Mantel ..« flüsterte Fräulein Frieda. »Nix wird mitg'numma!« rief Rosa, aber Dr. Karfunkel legte sich ins Zeug. Die Fasanenhenne holte Fräulein Friedas Mantel. Indessen flüsterte diese mir zu, sie könne zu ihrer Schwester gehen. Als wir allein draußen waren, fiel sie mir, ihren Tränen freien Lauf lassend, um den Hals und rief ein über das andere Mal aus: »Wie soll ich Ihnen danken, mein Herr, wie soll ich Ihnen danken?« Außerhalb der » Maison « kam sie zunächst gar nicht mehr auf den Gedanken mich »Bubi« anzureden. Ich war tief bewegt und wagte zu sagen, wie glücklich mich das alles mache. Wir blieben vor einem niedrigen Häuschen stehen. Frieda klopfte lange an die Tür, bis sich oben ein Fenster öffnete. Ihre Schwester Ingeborg, gleichfalls eine Hausziege und Studentin der Medizin mit einem Kneifer auf der Nase, erschien und fragte etwas ärgerlich, was es gäbe. Frieda rief: »Ich bin dort nicht mehr, bitt' dich, laß mich ein.« »Ich komme!« sagte Ingeborg unfreundlich. »Studentin der Medizin?« sann ich. O, wie verschiedenartig doch das Schicksal mit den Ziegen spielt! Nach einigen Augenblicken öffnete sich die Haustür, Frieda trat ein, nachdem ich ihr versprochen hatte, morgen um 10 Uhr zu kommen, um alles weitere mit ihr und ihrer Schwester zu überlegen. Ich war voll Glück, trotz meinen 40 Jahren zum ersten Mal im vollen Rausch einer großen Liebe. Nicht ganz leicht fand ich den Weg zum Bungalow zurück. Da trat der Mond aus den Wolken, was ich für ein gutes Vorzeichen meiner weiteren Geschicke nahm. Zwischen den Bäumen erkannte ich das Bungalow. Als ich läutete, öffnete mir, mich mit funkelnden Augen anblitzend, der Nachtpförtner, ein schwarzer Panther. Gegen Morgen träumte ich voll Seligkeit, ich bewohnte abseits von allen Menschen mit meiner geliebten Frieda eine selbstgebaute Höhle in stillem, friedlichen Dachsenglück. Am nächsten Morgen brachte mir Wetti das Frühstück. Se. Exzellenz ließ sich entschuldigen wegen einer Audienz beim König. Mir war es recht, niemand sehen zu müssen und gleich zur Geliebten eilen zu können. Fräulein Ingeborg öffnete mir die Tür selbst und führte mich in ihr Studierzimmer, an dessen Wänden die Bilder großer Frauen der Geschichte hingen: Semiramis, Katharina von Rußland, Mary Wollstonecraft und Lily Braun. Auf dem Schreibtisch stand eine Rose in einem chemischen Reagenzglas. Trotz einer ausgesprochenen Familienähnlichkeit waren die beiden Schwestern so verschieden wie möglich. Was an Frieda liebliche Grazie war, erschien hier als entmutigende Dürre; wirkte Frieda tänzerisch beweglich, so machte Ingeborg den Eindruck nervöser Fahrigkeit. Übrigens war sie bedeutend älter als meine Braut. Sie setzte sich in ihren Klubsessel vor dem Schreibtisch und bot mir einen Sitz gegenüber an. »Sittliche Vorurteile sind mir fern,« begann sie das Gespräch streng sachlich. »Ich habe Frieda bei mir aufgenommen, obwohl ... doch nichts mehr davon. Welches sind Ihre Absichten?« Dies alles brachte mich in größte Verwirrung. Nicht um Absichten zu äußern, war ich hierher gekommen, sondern um von Frieda zu erfahren, was zu tun sei, damit unser Glück bald vollkommen werde. In meiner Verlegenheit fragte ich nach Frieda. »Sie wird schon kommen,« antwortete Ingeborg ausweichend, »ich möchte erst mit Ihnen allein sprechen, denn meine Schwester ist leider ein haltloses Geschöpf, das jedem Mann alles glaubt.« »O, da muß ich aber bitten ..«, erwiderte ich, »haltlos? Sie hätten heute Nacht ihre Haltung bewundert.« »Nun gut, aber was haben Sie für Pläne?« »Pläne? Alles das ist so schnell gegangen ...« »Besitzen Sie Mittel?« »Einige Mittel besitze ich,« erwiderte ich überrascht. »Nun gut. Wenn's Ihnen mit Frieda ernst ist, dann werden Sie wohl auch etwas für ihre Zukunft tun wollen?« »Natürlich.« »Das wollte ich hören. Also Frieda hat keine schlechte Schulbildung. Unser Vater war Rechnungsrat in Magdeburg. Wenn Sie ihr 1 bis 2 Jahre aushelfen wollen, dann könnte sie eine Handelsschule besuchen und dann wirtschaftlich selbständig werden.« »Eine Handelsschule?« fragte ich ganz verständnislos, »wozu denn das?« »Nun, das erste, was nun geschehen muß, wenn sie nicht in den alten Sumpf zurücksinken soll, ist doch, daß sie auf eigenen Füßen steht, sich ihr Schicksal selbst bestimmt. Will sie Sie dann, wenn sie gefestigt dasteht, in freier Selbstbestimmung heiraten, so ist das natürlich Friedas Sache.« Gegen Ingeborgs Worte war nichts zu sagen und dennoch ... Hatte ich das alles getan, um Frieda in eine Handelsschule zu schicken? Und ich – ein Dachs, der die Zurückgezogenheit liebt – wo sollte ich denn so lange bleiben? Von einem idyllischen Glück hatte ich geträumt, nicht von Handelsschulen. Übrigens was hatte denn diese alte Ziege da hineinzureden? »Ich will Frieda sprechen,« rief ich und fühlte, daß die Entschlossenheit der letzten Nacht wiederkehrte. »O, ich habe schon mit ihr gesprochen, Frieda ist mit allem einverstanden. Wenn Sie ihr die Mittel geben, reist sie mit mir schon diese Woche nach München, wo ich studiere. Sie wird dann bei mir wohnen, denn einen Halt braucht sie vorderhand noch.« »Und ich?« fragte ich. »O, Sie sind uns natürlich stets willkommen.« »Ich will aber nicht in der Stadt leben.« »Wir zwingen Sie ja nicht.« Da saß ich in einer schönen Zwickmühle. Sollte Frieda wirklich ganz in der Gewalt der Schwester sein? »Ich kann gar nichts sagen, ehe ich mit Frieda gesprochen habe,« erklärte ich. »Sie können Frieda jetzt im Augenblick nicht sehen, sie ist zu angegriffen und liegt noch zu Bett.« In diesem Augenblick aber öffnete sich die Tür und herein kam – – meine geliebte Frieda selbst, in einem hellblauen Morgenrock, der sie vortrefflich zu ihrem braunen Fell kleidete. »Daggi, mein Daggi,« rief sie aus und lag in meinen Armen. »Ich habe schon Angst gehabt, du kämst nicht mehr, und nun bist du hier und ich wußte es nicht.« Wer sollte daraus klug werden, stand es doch in genauem Gegensatz zu alle dem, was vorher Ingeborg gesagt hatte? »Hör mal, Frieda,« begann ich, »ist es deine Absicht mit deinem Fräulein Schwester diese Woche nach München zu fahren und dort die Handelsschule zu besuchen?« »Wenn du es willst, Daggi, ich tue alles, was du willst, nur darfst du mich nicht zu lang allein lassen.« »Nein, ich will es ja gar nicht, aber ich denke, ihr beide wollt es?« »Frieda!« rief nun Ingeborg mit durchbohrendem Blick durch ihren Zwicker, »erinnere dich an alles, was ich dir heute nacht gesagt habe, und was du mir in den Huf versprochen hast!« »Ich erinnere mich ja ..« sagte Frieda verwirrt, »also dann ist es vielleicht gut, wenn ich in die Handelsschule ...« Nun begriff ich den Zusammenhang und sagte: »Weißt du was, Frieda, zieh dich an, wir machen zusammen einen Spaziergang.« »Das ist ein guter Gedanke,« rief Ingeborg, »machen wir uns fertig.« Das war nun wieder das Gegenteil dessen, was ich gewollt hatte, nämlich mit Frieda allein sein. Beide Schwestern gingen ins Nebenzimmer. Von dort hörte ich heftiges Streiten, und schließlich kam Frieda verweint heraus und rief: »Daggi, nimm mich mit, wohin du willst, wo wir Ruhe haben. Hier bleibe ich nicht.« Wieder schloß ich sie in die Arme. Sie hatte sich inzwischen angekleidet. Ingeborg rief empört: »Ich habe es mir ja gedacht, daß kein Ernst und keine sittliche Kraft in dir ist. Wieder einer mehr, das ist alles.« Nun brach aber Friedas offenbar lang aufgespeicherter Groll heraus: »Das sagst du mir? Du Bild der Unschuld? Hast du vielleicht keine Liebhaber gehabt, Du ..« »Ha, ha, ha,« meckerte Ingeborg und setzte ihren Zwicker fest, »wer leugnet denn das? Ich habe mich aus innerer Freiheit denen gegeben, welchen ich wollte, aber du .. so eine wie du ...« »Bitte lassen Sie das!« rief ich dazwischen, »Frieda bereut alles, was sie getan hat, und darum ist sie jetzt rein. Sie hingegen rühmen sich Ihrer Abenteuer. Für das Gefühl eines Mannes ist das viel widerwärtiger.« »Sind Sie etwa ein Mann?« höhnte Ingeborg. »Nun ja, ich weiß es, ich bin nur ein Dachs, aber doch ein gesund empfindender Dachs, der das Herz am rechten Fleck hat.« »O Daggi!« rief Frieda gerührt, gerade daß du ein Dachs bist, das gefällt mir ja so gut. Du verstehst das Herz eines Mädchens viel besser, als so ein Drauflosgeher.« Tiefbewegt führte ich sie hinunter. Wir gingen schweigend unter die nahen Bäume und setzten uns auf eine Bank. Ich hatte den größten Augenblick meines Lebens hinter mir und fühlte mich zum ersten Mal als Sieger. Frieda liebte mich und Ingeborg war geschlagen. Was sollte aber nun geschehen? Als ich Frieda erzählte, daß ich ein alter Freund Postels sei und bei ihm wohne, schöpfte sie Hoffnung. Von Postels Güte hatte sie viel gehört, außerdem sei er hier allmächtig, allmächtiger als selbst der König, und sie sei bereit, jede beliebige Stelle anzunehmen. Ich beschloß, Postel nach dem Mittagessen alles zu entdecken. Bis dahin waren noch zwei Stunden Zeit, und wir genossen den sonnigen ersten Morgen unseres Glücks in vertraulichen Gesprächen unter den Bäumen. Frieda erzählte mir von ihrem traurigen Leben. Sie hatte wie Ingeborg ein kleines Erbteil gehabt, aber während die Schwester es gut anlegte und auf die Hochschule ging, hatte sie es ihrem Bräutigam ausgeliefert, der dafür in Greifswald studieren sollte. Statt dessen versoff er das Geld und ließ sie sitzen. Dann kam die Zeit, wo ihr alles gleichgültig wurde, und so war sie schließlich dem Lämmergeier Moische Schönheit in die Krallen geraten, der ihr in gebirgiger Gegend und guter Luft eine Stelle als Jungfer versprochen hatte. So war sie in die Maison Pompadour gekommen, ohne zu wissen wie, aber schließlich war ihr auch das gleichgültig geworden. Nur 5 Tage sei sie übrigens dort gewesen, als ihr Blick gestern abend zum ersten Mal den meinen getroffen. Nur meine Anwesenheit habe sie zu ihrer entschlossenen Haltung ermutigt. Sonst hätte sie vielleicht doch dem grauslichen Herrn Siegfried Kaiman seinen Willen getan. »Welche Fügung des Schicksals!« rief ich aus. »Auch ich war an einem toten Punkt meines Lebens angekommen. Doch davon ein ander Mal.« »Daggi, du mußt mir auch alles erzählen!« sagte sie. Ich brachte sie in ein Gasthaus und gab ihr etwas Geld, daß sie sich zu essen bestellen könne und versprach ihr, sie in zwei Stunden wieder unter den Bäumen zu erwarten. Bis dahin hätte ich mit Postel alles besprochen. Zum Mittagessen war in dem Bungalow dieselbe Gesellschaft versammelt, wie gestern abend. Dr. Karfunkel machte dauernd kleine Anspielungen auf die Vorfälle der Nacht. Er hätte gar zu gern gewußt, wie es weitergegangen war. Der Tapir hatte einen gehörigen Brummschädel, aß nur Saures und trank Sodawasser dazu. Grödling legte sich nun nicht länger Zwang auf, er hatte völlig Kranichgestalt angenommen und tat als sei es nie anders gewesen. Nach Tisch bat ich Postel um ein Privatgespräch. Wir gingen in das Zimmer, wo er uns gestern empfangen hatte. Gespräche, wie das mir nun bevorstehende, gehören zum unangenehmsten, was es für mich gibt. Auch fehlt mir darin alle Übung. Unwillkürlich folgte ich jedoch dem Beispiel, das mir am Morgen die für solche Auseinandersetzungen offenbar sehr begabte Ingeborg gegeben hatte; und es ging zu meinem eigenen Erstaunen vortrefflich. »Ich kenne deine Grundsätze nicht,« begann ich, »ich für meinen Teil bin duldsam gegen Mädchen, die das Opfer unglücklicher Verhältnisse geworden sind.« »Dafür habe ich volles Verständnis,« ermutigte Postel. Nun ging ich soweit zu sagen, ich könnte mich z. B. eher in ein Mädchen verlieben, das ich in einem gewissen Haus finde, als in so eine moderne Person, die grundsätzlich für freie Liebe eintritt. Postel lachte zustimmend. »Ich setze natürlich voraus, daß jenes Mädchen in jenem Haus sehr unglücklich ist.« »Natürlich, denn wenn sie sich dort glücklich fühlt, dann läßt man sie am besten drin.« »Ganz recht; aber auch dann ..,« überstürzte ich mich und verlor den Faden, »auch dann noch wäre sie mir lieber, als so eine freche, wie ihre Schwester Ingeborg mit dem Zwicker .. aber ich versichere dich, Frieda war nicht glücklich, sondern sehr unglücklich .. Sie ist keine geborene Dirne, sondern ihr Vater war Rechnungsrat in Magdeburg .. viel eher ist ihre Schwester eine, die ihr Erbteil gut angelegt hat .. Sicher hat Frieda den Männern weniger Geld abgenommen, als ihr Bräutigam, ein Greifswalder Student ihr .. was sagst du zu solcher Gemeinheit?« Ich kam in eine derartige Erregung, daß mir die Tränen in die Augen traten. Postel verstand alles, offenbar war er auch schon durch Dr. Karfunkel vorbereitet. »Ja, mein Lieber,« sagte er behaglich, »mich freut das alles offen gestanden sehr, denn schon hatte ich die Absicht, dich hier festzuhalten, nur fehlte noch der Magnet. Werde Bürger unseres Gemeinwesens, und lebe hier glücklich mit deiner Frieda!« »Also das geht? Dir ist es recht .. Keine Handelsschule?« »Nichts ist einfacher,« erwiderte Postel ... »Ingeborg muß ohnehin fort von hier, sie hat mir schon zuviel Unannehmlichkeiten verursacht. Dann könnt Ihr ihr Häuschen bewohnen.« Vor mir öffnete sich der Himmel. »Auch meine beiden Bibliothekare,« fuhr Postel fort, »zwei Marabus, beklagen sich fortgesetzt über diese Ziege Ingeborg. Jeden Tag kommt sie in die Bibliothek und stört die Leser durch ihre albernen Gespräche. Ich gebe zu, daß ein Teil der gelehrten Besucher aus Gnus, Kamelen und älteren Eseln besteht, aber wir haben auch nicht wenige junge Adler und Falken, die sich den Wissenschaften widmen. Unsere Spezialität ist Philosophie, Religionswissenschaft und Mystik, darin sind wir ziemlich komplett; Ingeborg aber verlangt immer planmäßig das, worin wir schwach sind und schwach bleiben wollen, nämlich Schriften über Aufklärung, Bürgerkunde und ähnlichen Häckerling. Auf der Gasse lachen selbst die Lämmer über sie und fühlen sich überlegen, da sie mit ihren blauen Schleifchen wenigstens als Kopfkissen dienen können, aber diese Ingeborg ist zu nichts nutz, als zu stören.« Dies alles war mir aus der Seele gesprochen. Ich reichte Postel die Hand und schwur ihm den Bürgereid. »Nun muß ich dir freilich einiges über unser Gemeinwesen mitteilen, auch eine Art Bürgerkunde,« sagte er fein lächelnd. »Also, du wirst schon bemerkt haben, daß dies hier kein gewöhnlicher zoologischer Garten ist, und daß Hagenbeck mehr für die Masse als für die einzelnen Persönlichkeiten sorgt. Diese sind – das muß ich dir verraten – wie du und ich Menschen, die aber zugleich ihren Tiercharakter sich hier frei entfalten, statt ihn in ausschließlichem Menschendasein da draußen verkümmern zu lassen. Du hast bereits gesehen, daß Grödling nicht nur einem Kranich gleicht, sondern wirklich – unbeschadet seinem Menschentum – einer ist. Er verbringt sein Doppelleben abwechselnd hier und daheim als Bezirkstierarzt. Morgen geht er wieder nach Hause zurück, um seinen menschlichen Geschäften nachzugehen. Ähnlich ist es mit meinem Neffen, dem Tapir, mit meiner Wirtschafterin, Frau Hirsekorn, dem Kängeruh, mit dem Schwesternpaar Frieda und Ingeborg, meinen lieben alten Horseradishs und neuerdings auch mit dir, der du dich immer bestimmter zum Dachs bekennst, ohne deine menschlichen Vorzüge zu verleugnen; im Gegenteil, durch solches offenes Bekenntnis wird endlich in uns Friede zwischen dem tierisch-triebhaften und dem menschlich-geistigen Dasein. Beide kommen nun abwechselnd zu ihrem Recht ohne sich zu bekämpfen, sich zu besonderer Betonung herauszufordern oder sich gegenseitig ins Halbdunkel zu verdrängen, von wo die grollenden Triebe auf Umwegen nach Ausdruck zu ringen pflegen. Schau mich nur an. Für mich gibt es keine quälenden Zwiespalte mehr.« Ich schauerte zusammen bei diesen Worten, deren Wahrheit mir sofort greifbar war wie der Stuhl, auf dem ich saß. Aber, was für ein Tier war denn eigentlich Postel? Diese Frage, so mächtig sie sich mir aufdrängte, wagte ich indessen nicht auszusprechen. »Wir haben hier natürlich auch viele reine Tiere, Nichts-als-Tiere, die geschlachtet, gejagt und gegessen werden, ferner zahllose, vom eigentlichen Tierschicksal enthobene Menschentiere, in denen das Tierische die Grundlage ist, aber das Menschlich-geistige gelegentlich durchbricht. Während die Tiermenschen wie du durch persönliche Beziehungen den Weg hierher gefunden haben, stammen die Menschentiere vorzugsweise von Hagenbeck, so z. B. Se. Majestät selbst, sowie seine Familie und sein Hof. Daraus siehst du, daß bei uns zwei Rangordnungen sich gewissermaßen durchkreuzen. Äußerlich halten wir alle Konventionen ein. Se. Majestät ist natürlich der Oberste, aber der Mächtigste d. h. der Schöpfer des Reiches bin ich, der sich mit dem bescheidenen Ministertitel begnügt und auch diesen nur zum Schein trägt. Bin ich etwa in meiner Seelentiefe ein Minister? Worauf beruht aber dies alles? Darauf, daß ich ein Tiermensch bin, Se. Majestät aber nur ein Menschentier ist. Natürlich ist in der äußeren Stellung meine Wirtschafterin, Frau Hirsekorn, nichts, aber auch sie gehört als Menschentier zu der geheimen Aristokratie, die schließlich hier durch eine Art Magie alles aufrecht erhält. Auch deine Frieda ist ein Menschentier im Gegensatz zu den Katzen, Häsinnen und besonders den Lämmern in der Maison Pompadour . Darum begünstige ich Eure Beziehungen. Wäre deine Wahl auf eine Häsin oder gar ein Lamm gefallen, dann hätte ich dich gebeten, dich in der Maison so gut zu unterhalten, wie du magst, mich aber mit diesen Privatsachen in Ruhe zu lassen. Du hättest mich dann ebenso konventionell gefunden, wie jetzt weitherzig.« Ich war sprachlos gegenüber solcher reinsten Weisheit. Postel fuhr fort: »Ich bemerke noch, daß es den Menschentieren bis jetzt noch niemals gelungen ist, wirkliche menschliche Gestalt anzunehmen, und das ist vielleicht gut so. Dadurch bleibt ihre Entwicklung rein seelisch.« »Aber dann begreife ich nicht, warum du nicht dem Hund ..« »Schweig mir vom Hund,« rief Postel gereizt, »der ist das Zerrbild dessen, was ich will. Gerade der vermenschlicht sich nicht, weil er sich gänzlich charakterlos dem Menschen versklavt. Dem Hund kannst du alles zumuten, er ist der Intellektuelle unter den Tieren, der alles versteht und nichts wesenhaft verwirklicht, das ist uninteressant; aus den anderen Tieren aber kannst du nur das machen, was in ihrem Wesen liegt. Der Hund bleibt Hund mit all seinem Getu, aber der Löwe wird König, der Ochs Ökonomierat und der Uhu Nachtwächter, aber nichts sonst. Doch genug davon. Der Form wegen mußt auch du ein kleines Amt annehmen, denn das ist hier so Brauch.« »Gern,« rief ich, »je kleiner, desto besser, sozialen Ehrgeiz habe ich gar nicht.« »Wie alle Tiermenschen,« erwiderte Postel befriedigt. »Es fiel mir gestern bei Tisch auf, daß du eine gute Weinzunge hast.« »Allerdings,« rief ich geschmeichelt, »ich kann sogar die Jahrgänge unterscheiden .. das ist eine der wenigen Sachen, die ich von Grund aus verstehe.« »Nun, dann mache ich dich hiermit zu meinem Kellermeister. Der bisherige ist auch ein Dachs wie du, aber nicht ein Tiermensch, sondern ein Menschentier. Er ist längst zum Ruhestand reif, alt, brummig und erzählt immer wieder die alten besoffenen Geschichten. Du kannst, wenn du willst, sein Amt übernehmen. Natürlich wird dir als Tiermensch alle grobe Arbeit von den echten Dachsen abgenommen. Von dir verlange ich nur die Leistungen deiner feinen unterscheidenden Zunge beim Ankauf neuer Fuder zur Versorgung meiner Tafel und der des Hofes, für die ich verantwortlich bin. Natürlich rechne ich oft auf deine Gesellschaft.« So war denn alles aufs beste geordnet. Ich traf Frieda, wie verabredet, unter den Bäumen und versetzte sie durch meine Mitteilungen in höchstes Glück. Einige Tage wohnte sie in dem Gasthaus, wo sie gespeist hatte. Es stellte sich heraus, daß die dortige Buchhalterin auch eine Ziege aus Magdeburg war. So hatte sie gleich eine Freundin. Nach wenigen Tagen bezog Ingeborg die Münchener Hochschule, ohne sich von uns zu verabschieden, und wir nahmen das Häuschen in Besitz. Wir machten es uns in den kleinen Räumen sehr behaglich. Die in der Haushaltung recht liederliche Ingeborg hatte es freilich arg verschmutzen lassen. Wir mußten den Kammerjäger kommen lassen, einen etwas in sich gekehrten Raben, der uns schnell von der Schwabenplage befreite. Die Bilder der 4 größten Frauen verschwanden von den Wänden und machten märchenhaft-poetischen Darstellungen von Schwind und Spitzweg Platz, die uns Postel schickte, und von denen Frieda geradezu bezaubert war. Sie besaß eine romantische Seele aber hatte gar nicht gewußt, daß Kunst etwas so schönes ist. Im Elternhaus hatte man die Wissenschaft über die Kunst gestellt. Nun folgten die glücklichsten, wenn auch knapp bemessenen Wochen meines Lebens. Frieda erwies sich als vortreffliche Hausfrau, nur fast zu sparsam. Ein Dienstmädchen wollte sie durchaus nicht nehmen, obwohl stellenlose junge Kälber und Gänse hinreichend zur Verfügung standen. Sie war so glücklich, wieder einen geordneten Haushalt, wie einst in Magdeburg, zu haben, daß sie alles selber machen wollte. Nur eine alte Waschbärin, Frau Schupp, kam in der Frühe als Aufwärterin, eine wortkarge Person, aber von goldenem Gemüt. Sie war uns nach vierzehn Tagen so ergeben, als hätte sie uns als Kinder auf den Armen getragen. »A so a guate Herrschaft hätt' sie gar net geglaubt, daß es noch gäb. Der gnä' Frau koane Arbeit zu viel, und der gnä' Herr so ruhig und bescheiden.« An großen Reinmachetagen half ihr ihre Nichte Mizzi, ein niedliches Katzenfrett. Teppiche und Möbel klopfte ein Dromedar, das von Haus zu Haus ging und zu uns Mittwochs kam. Wir fanden Kaufläden für alles, wo Katzen und auch Ziegen bedienten, sowie Handwerker für jedes Bedürfnis. Ein Guanako betrieb mit einem Alpakaweibchen ein Polstermöbelgeschäft. Sie hatten eine Tochter, die selbst wie ein Sofa aussah, da ihr weißgraues Haar ihr bis an den Boden herab über die Beine hing. Hier vervollständigten wir unsere Einrichtung. Ein Hummer erwies sich als vortrefflicher Damenschneider beim Vervollständigen von Friedas fast nur aus bunten Morgenröcken und einem Mantel bestehender Garderobe, die Fräulein Rosa auf polizeilichen Befehl doch hatte ausliefern müssen. Drei Krebse waren die stets lustigen Gesellen des Schneiders. Für die gewöhnlichen Kleider genügte eine alte Heuschrecke, die »auf Stören« ging und bisweilen auch zu uns ins Haus kam. Es war eine komische Person, in jeder Hinsicht anspruchslos, nur um ½ 11 Uhr morgens bestand sie auf einem Gläschen Rotwein; das schien dem alten dürren Körper für den ganzen Tag die nötige Kraft zu geben. Ein älteres, aber sehr gut erhaltenes Reiherweibchen und ein junges Kolibri waren Modistinnen. Ein Sumpfbiber und eine Fischotter hatten sich als Schuster zusammengetan. Manchmal bekam Frieda Migräne, dann lieferte der Apotheker, ein hurtiges Eichhorn, Aspirin. Ein Fuchs unterhielt ein vortreffliches Lebensmittelgeschäft, vor allem hatte er stets frisches Geflügel. In dem Juwelierladen einer Elster kaufte ich Frieda in den ersten Tagen einen Ring. Ein Übelstand, den ich nicht verschweigen will, war die noch mangelhafte Kanalisation. Zwar sah man einige aufgewühlte Straßen, in denen Heere von Molchen unter der Leitung eines Maulwurfs Röhren legten, aber bis zur Beendigung dieses großzügigen Werkes hatte es noch gute Weile. Inzwischen erschien in den Häusern von Zeit zu Zeit ein übelriechender, aber im Grund gutartiger, ja humorvoller Wiedehopf mit einem kleinen Lokomobil und einem langen Schlauch, durch den er die Senkgrube ausleerte. An solchen Tagen speisten wir im Gasthaus. Nach dem Frühstück sah es Frieda gern, wenn ich ausging, da vormittags ein Mann im Haushalt immer stört. Ich wartete nur die Post ab, die mir Grödling ebenso wie mein Gepäck pünktlich nachsandten – Briefe und Drucksachen wurden von Tauben, Telegramme von Schwalben, Pakete von Renntieren, Geld von Beutelratten gebracht – und begab mich zuerst in den Postelschen Weinkeller, um nach dem Rechten zu sehen und dann, da selten etwas zu tun war, in die Bibliothek, wo ich meine etwas vernachlässigten philosophischen Studien wieder aufnahm. Mit den beiden Marabus, den Bibliothekaren, hatte ich mich bald befreundet. Oft plauderten wir angeregt über das »Ding an sich«. Der eine war sehr ernst und schwur auf Kant und die deutschen philologischen Methoden, der andere war ein ausgemachter Skeptiker, um nicht zu sagen Zyniker. Oft sah ich, wie er beim Lesen, tief in die Blätter gebeugt, behaglich seinen Kropf streichelte und sich heimlich ins Fäustchen lachte. Er war gerade mit dem Ordnen von Pamphleten und Karrikaturen aus den vierziger Jahren beschäftigt, um sie später als Separatdrucke zu veröffentlichen unter dem Titel: »Sardellen für satirische Näscher.« Hübsch nicht wahr? Sonntags gingen Frieda und ich zusammen in die Kirche. Obwohl ich katholisch bin, sie aber Protestantin war, bot dies keine Schwierigkeit. Es gab nämlich nur einen großen Tempel für alle Bekenntnisse – eine verkleinerte Hagia Sophia . An der Decke des Rundbaues sah man in geheimnisvoll einfallendem bläulichem Licht in Riesengröße das in einem Kranz von Goldflammen strahlende Auge Gottes; in den zahlreichen Nischen aber hatte jedes der zahlreichen Bekenntnisse einen Raum zum eigenen Gottesdienst. Für mich hatte der protestantische Kult selbst wenig anziehendes. Der Pfarrer, eine große Spinne von der Gattung Weberknecht mit langen dünnen Gliedmaßen vermochte mich nicht zu erbauen, dafür aber entschädigte reichlich der Organist, ein noch ganz junger Elefant, der allsonntäglich herrlich Bach und Händel spielte, so daß Anhänger aller Bekenntnisse hier zusammenströmten. In der katholischen Nische war die Musik nicht annähernd auf dieser Höhe, dagegen fand der Priester, ein Dompfaff mit schwarzem Käppchen und zinnoberroter Brust durch zündende Beredsamkeit den Weg zum Herzen. Zwei junge Raben dienten ihm morgens bei der Messe und abends beim Rosenkranz als Ministranten. Als Philosoph besuchte ich natürlich auch die anderen Nischen. In der israelitischen knüpfte ich sogar eine schätzenswerte Bekanntschaft an mit dem hochgelehrten, vielsprachigen Rabbiner Dr. Feiwe Philo, einem alten Nilkrokodil aus der durch kein amerikanisches Kaimanblut verfälschten, echten Linie. Er führte seinen Stammbaum zurück auf die alten alexandrinischen Juden, deren Nachkommen über Spanien, wo sie sehr geehrt wurden, nicht durch die erniedrigenden polnischen Ghettos nach Mitteleuropa gekommen seien. Er fühlte sich ganz und gar als Aristokrat. Feiwe bedeutete soviel wie Phöbus; Philo war sein Gelehrtenname, in Erinnerung an seinen großen Ahnen Philo von Alexandria. Viel Zuspruch hatte er übrigens nicht. Die jüdische Gemeinde war klein. Die Gebrüder Kaiman entledigten sich ihrer Pflichten gegen die Synagoge durch Stiftungen; dagegen erschien der Mädchenhändler Moische Schönheit regelmäßig am Freitag Abend. Er war streng orthodox und beklagte sich, daß hier das Passahfest nicht streng genug nach dem Ritus begangen würde. Dr. Feiwe hingegen war selbst aufgeklärt und neigte zum Zionismus. In der russischen Nische sah man hauptsächlich Bären und Wölfe vor dem bunten Ikonostas knien. Der Pope war ein Stachelschwein, ebenso harmlos wie wehrhaft aussehend. Besonders besucht war die mohammedanische Nische, aus der ein Minareh ins Freie emporwuchs. Von dessen Galerie aus rief der Muezzin, eine schneeweiße Eule, die Gläubigen viermal im Tag zum Gebet. Da sah man denn allerlei Getier heranziehen, Giraffen, Strauße, Zebras und viele andere. Die indische Nische, auch außerordentlich besucht – von Tigern, Leoparden, unzähligen bunten Vögeln und Schlangen – war zweigeteilt. In der brahmanischen Abteilung lag der Priester, eine bunte Abgottschlange in dicken Windungen vor dem vierköpfigen, vierarmigen Brahmabild, das auf einer Lotosblume saß, während das Brahmaputrahuhn um ihn herum seltsame Schritte vollführte; in der buddhistischen Abteilung gab es keine Priester; dagegen wimmelte es von Mönchen: Raupen, Larven und Faltern, welche die Lehre von der Seelenwanderung bekannten. Auch hier waren die Gläubigen teils Elefanten und Strauße. Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, daß die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Tiergattung nicht notwendig auch einen bestimmten Glauben bedingte. So war z. B. Seine Majestät katholisch und hatte ihre Hauskapelle in der Residenz. Fast in jeder Nische sah man Getier aller Art, nur wogen überall andere Arten vor. In der Nische der Parsi war der Feuersalamander Priester. Totengräberkäfer trieben Ahnenkult. Das Präriehuhn besorgte in einer Nische sämtliche Sekten der neuen Welt zugleich. An einer Seitenwand hing dort die verblaßte Photographie von Mrs. Eddy, der Begründerin der christlichen Wissenschaft. In dieser amerikanischen Kirche wurde nach dem Gottesdienst Thee gereicht und zwanglos geplaudert über Wetter und Geld. Dort sah ich oft Mr. Puma, einen jungen amerikanischen Silberlöwen, der später eine unheilvolle Rolle im Tierreich spielen sollte. Schon damals fiel mir der Gegensatz auf zwischen der furchtbaren Bosheit seines Gebisses und den andächtig blickenden Augen. Auch die Heilsarmee hatte guten Zulauf, zum Teil Häsinnen und besonders Lämmer, enttäuschte einstige Insassen der Maison Pompadour . Als wir hier vorüberkamen, drückte mir Frieda in heimlicher Aufwallung heftig die Hand, als danke sie mir, daß ich sie vor dieser Zuflucht bewahrt habe. Zwei Perlhühner ehrten das Andenken an Mrs. Blavatsky. Mit Schauern der Ehrfurcht erfüllte mich eine Nische, in der nordische Tiere, Riesenwale, Eisbären und Polarfüchse, Schneehasen, Schneeammern, Kolkraben, Eiderenten und Möwen noch zu Odin beteten. Der Priester war ein Elch. Übrigens gab es hier viele Proselyten neueren Datums, Stiere, Affen und Ochsen, die den Protestantismus verlassen hatten; ja sogar ein Olm und ein Axolotl waren darunter, dieser war Professor der Germanistik, jener Zeitungsschreiber, beide nur auf ihren Ferienwanderungen durch die deutschen Ströme und Bäche im Tierreich verweilend. Der Spätsommer brachte noch viele schöne Nachmittage, die wir mit Ausflügen in die abwechslungsreiche Natur ausfüllten. Frieda war eine völlig schwindelfreie Kletterin. Kaum vermochte ich ihrem munteren Schritt zu folgen, wenn wir die Nadelwaldzone hinter uns ließen und in die kahlen steinigen Höhen kamen. Die sonst Ängstliche schien über Felsen und Abgründen in ihrem Element. O wir waren durchaus nicht in allem ähnlich, aber wir achteten unsere gegenseitige Verschiedenheit. Dachs und Ziege gleichen sich nicht, aber sie ergänzen sich darum um so besser. Ich bedarf, um nicht zu grüblerisch zu werden, munterer Bilder um mich; Frieda hingegen, die sprunghaft Haltlose, bedarf des Schwergewichts eines besonnenen Genossen. Völlig einig waren wir nur in der Liebe zur Sonne, in deren Schein wir oft selig lagen, am Ufer eines kleinen Sees. Ein Walfisch ersetzte dort das Dampfschiff mit zwei Seehunden als drolligen Schiffsjungen. Oft fuhren wir auf seinem bequem eingerichteten Rücken umher, Kaffee trinkend und Kuchen essend, uns an dem Geplätscher der zwei Springbrunnen erfreuend, die aus seinen blumenumpflanzten Spritzlöchern gerade emporstiegen. Es gab auch eine Schwimmanstalt mit Sonnenbad. Frieda erklärte, sie könne zwar ganz gut schwimmen, täte es aber ungern; nun, jeder hat seine Schwächen. Ich schwamm dagegen oft hinaus. Ein älteres Walroß, dessen forscher Schnurrbart nicht lange über seine Gutmütigkeit täuschen konnte, war Schwimmlehrer. Seekühe gaben verschämt das Badezeug heraus. Eine etwas Gesprächige hieß Emma. Sie erzählte mir, daß im Winter hier viel Eissport getrieben würde. Dann kämen die Eisbären aus ihren gefrorenen Palästen in kleidsamen grünen Anzügen herunter und zeichneten sich durch elegantes Schlittschuhlaufen aus. Sogar Quadrille tanzten sie. Dagegen gewöhnten sie sich nur widerwillig an das Skilaufen. Nur mit Wehmut kann ich der Herbstabende denken, wenn wir in der Dämmerung heimkehrten. Oft kamen wir von den Höhen herunter und sahen zwischen den Tannen die Lichter der Behausungen schimmern. Wie glücklich erschien uns dann unser Heim. Manchmal gingen wir auch nach dem Abendessen noch ins Brettl. Der »star« war dort ein Star, der als Komiker auftrat (Stil Papa Geis), ein Gürtel- und ein Schuppentier waren unübertrefflich als musikalische Clowns; ein Papagei als Damenimitator ließ Frieda Tränen lachen; ein Erdferkel war als Nackttänzerin der ausgemachte Liebling der Offiziere, prächtig anzuschauender Hirsche. Eigentlichen gesellschaftlichen Verkehr hatten wir nicht, vermißten ihn aber auch nicht im geringsten. Friedas Vergangenheit hätte doch vorläufig ihre Einführung in die Familien mit Damen verhindert. Ihr genügte es, bisweilen ihre Freundin, die Buchhalterin, zum Kaffee, zu laden. Dann sprachen sie zusammen über Magdeburg. Etwas peinlich war uns der Besuch des Privatgelehrten Karl Pfahl, eines Kuckucks, der in einem Paket Eier seiner Frau brachte und Frieda allen Ernstes das Angebot machte, sie, natürlich gegen einen entsprechenden vorherzuzahlenden Tagespreis, auszubrüten. Seine Frau habe nämlich dazu keine Zeit, weil sie ihm bei einer wissenschaftlichen Arbeit helfen müsse. Was der sich wohl einbildete! Natürlich warf ich ihn hinaus. Über bösartigen Klatsch hatten wir uns übrigens nicht zu beklagen, da wir uns nirgends vordrängten. Nur die Ökonomierätin, deren Entbindung nahe bevorstand, soll einmal von Frieda als von »dieser Person« gesprochen haben. Auch die »jeunesse dorée« zeigte anfangs einiges Interesse. Bisweilen balzten – trotz der Jahreszeit – Auer- und Birkhähne vor unseren Fenstern in den possierlichsten Stellungen. Frieda stand hinter den Vorhängen und lachte sich halb tot. Etwas mehr Eindruck machten ihr die Räder schlagenden Pfauen, aber gefährlich konnten auch sie ihr nicht werden. Sie wußte zu gut, was sie an mir hatte. Immerhin veranlaßten mich diese Ereignisse, unsere Trauung zu beschleunigen. Sie wurde eines Sonntags im Tempel von dem Dompfaffen vorgenommen. Friedas Stimme war vor Rührung tränenerstickt, als sie das laute und vernehmliche Ja aussprechen sollte. Nun war unser Glück vollkommen. Auch wirtschaftlich ging es uns ganz gut. Mein Gehalt war so reichlich, daß ich einen Teil davon auf die Bank tragen konnte, die von zwei Polypen, einem Brüderpaar, geleitet wurde. Ich speiste bisweilen abends bei Postel in der gewohnten Gesellschaft und traf hie und da die beiden Bibliothekare im Kaffeehaus. Gegen Ende des Winters gab ich ein kleines Herrenessen, wobei ich sie mit Dr. Feiwe Philo zusammenbrachte. Auch Postel erschien, der sonst nie in Gesellschaft ging, außer zu den unvermeidlichen Veranstaltungen des Hofes; er freute sich, daß es mir gelungen war, gerade die geistreichsten Leute zueinander zu bringen. In der Tat – ich muß es selbst sagen – hatten die Gespräche jenes Abends eine geradezu attische Würze. Die Spaße des Dr. Karfunkel, den ich wohlweislich nicht geladen hatte, wurden nicht vermißt, das kann ich wohl versichern. Frieda zeigte bei Tisch ihre glänzendsten Hausfraueneigenschaften. Sie hatte alles allein gemacht mit der einzigen Hilfe unserer Aufwärterin Frau Schupp, der alten Waschbärin. Das niedliche Katzenfrett Mizzi bediente. Bei Tisch hatte Frieda den Ehrenplatz. Sie war in helllila gekleidet und leicht ausgeschnitten. Die Herren konnten ihr gar nicht genug Schmeicheleien sagen. Beim Braten brachte der lustige Marabu einen Toast auf sie aus, den sie beim Dessert mit einem Glas Champagner schüchtern erwiderte. Dann war sie plötzlich mit feinem Takt verschwunden, ehe sich noch bei den Herren das Bedürfnis nach Untersichsein fühlbar gemacht hatte. So wurde sie geradezu vermißt. Der alte Rabbiner hatte merkwürdige Handschriften mitgebracht, die gerade in einem syrischen Kloster gefunden worden waren. Sie gaben ganz neue Einblicke in das semitische Heidentum vor der monotheistischen Jahwereligion. Postel erklärte dies für neue Offenbarungen. Der Ernste der beiden Marabus ging auf den Inhalt nicht ein, legte vielmehr die philologische Methode an und bestritt die Echtheit der Handschrift; aber der gelehrte Philo setzte ihn durch seine Begründungen völlig matt. Der lustige Marabu freute sich, weil wieder ein neuer menschlicher Wahnsinn entdeckt sei. Ich war als Wirt entzückt, daß der Abend so interessant verlief. Postel kündigte dem Rabbiner für morgen seinen Besuch an. Er wünschte die Handschriften für die Bibliothek zu erwerben. Als sich spät nach Mitternacht die Herren verabschiedet hatten – wir wußten nicht, daß dies der letzte glückliche Abend im Tierreich gewesen war – fand ich Frieda noch wach. O die Schelmin! Sie wollte noch von mir das Lob ihrer Hausfrauenleistung hören. Oft hatte ich nachts zu ihrer Freude in ihren Armen auf eine halbe Stunde Dachsgestalt angenommen. In dieser Nacht, dem Höhepunkt meines Glückes, lösten sich unsere Arme überhaupt nicht. Der junge Tag sah mich zum erstenmal als Dachs. 3. Kapitel Revolution Am folgenden Nachmittag in der Dämmerstunde – ich hatte natürlich wieder die gewohnte Menschengestalt angenommen – schickte Postel Wetti zu mir herüber mit der Bitte, so schnell wie möglich in wichtiger Sache zu ihm zu kommen. Ich traf ihn in seinem Empfangszimmer in lebhaftem Gespräch mit dem Rendanten und Grödling, der sehr lange nicht bei uns gewesen war; noch hatte er nicht Zeit gehabt, sich in einen Kranich zu verwandeln, was er sonst im Tierreich immer sofort tat. Von draußen brachte er die Nachricht, daß seit mehreren Monaten die Länder Europas in einem furchtbaren Krieg lägen, dessen Ende nicht abzusehen sei. »Wenn es weiter nichts ist,« sagte ich, der ich nun völlig weltentfremdet war, »was geht das uns hier an?« »Dachsisch gesprochen, sehr wahr,« sagte Postel, zum erstenmale nicht ganz freundlich zu mir, »aber so einfach ist es nicht. Wir können uns hier nicht gegen Angriffe von außen verteidigen. Unser Offizierkorps besteht zwar ausschließlich aus Edelhirschen, aber die Mannschaften taugen nicht viel. Ich habe in der Hoffnung, dadurch den Frieden im Innern zu erhalten, lediglich Faultiere anwerben lassen, die Tag und Nacht in den Wipfeln der Bäume zubringen und schwer zu Märschen zu brauchen sind. Zwar leben noch einige bärtige Auerochsen, die aber als Militäranwärter längst im Steuerdienst beschäftigt werden. Unsere Unterseekräfte – Zitteraale, Zitterochsen und Zitterwelse – setzen zur Anwendung Hochwasser voraus. Die Giftschlangen sind ganz und gar unzuverlässig. Nur die Insektenheere sind zahlreich und vortrefflich organisiert. Sie vermöchten aber nicht einen Angriff auf unsere Mauern abzuschlagen, nur den bereits eingezogenen Eroberer sehr zu belästigen, während er alles verwüstet. So ist die Lage mein Lieber!« »Ja, aber wer sollte uns denn hier angreifen?« fragte ich. »Zunächst wohl niemand. Aber wie ich dir neulich schon sagte, haben wir zwischen den zahlreichen Tieren und Menschentieren auch einige Tiermenschen aus den verschiedenen, jetzt einander feindlichen Ländern. Wir sind in unseren früheren Vaterländern noch militärpflichtig und man wird nicht davor zurückschrecken, uns zu holen, die einen zum Dienst, die anderen in die Konzentrationslager. Das einzige Mittel, unsere vollkommene Neutralität anerkannt zu sehen ist daher korrektes Handeln gegen die kriegführenden Mächte. Unsere Militärangelegenheiten müssen einwandfrei erledigt werden. Darauf halte ich!« »O, ich bin seit meiner Jugend für dienstuntauglich erklärt«, sagte ich leichthin. »Ich auch,« erwiderte Postel, aber Grödling sagt eben, daß die Dienstuntauglichen neu gemustert werden sollen.« »Unerhört!« rief ich aus, »ich bin ja doch ein Dachs. Wie kann ich denn da Kriegsdienste tun?« »Sehr wohl!« sagte Postel, »wir werden dir nicht widersprechen, aber du bist nicht nur ein Dachs, sondern auch ein Mensch, und dein Menschliches wird man möglicherweise verlangen.« »Ich pfeife auf mein Menschliches,« rief ich außer mir, »hier bin ich glücklich und in meinem Element. Hier will ich bleiben. Übrigens werden wir das gleich haben.« Ich trat einen Augenblick hinter eine spanische Wand. Kurz darauf kam ich wieder als Dachs hervor. Es war zum erstenmal, daß ich mich, außer vor Frieda, so zeigte. Postel und Grödling waren zunächst sprachlos. »Das hätte ich allerdings nicht gedacht, daß du schon so weit bist!« sagte Postel nach einigem Schweigen. »Nun, und das übrige ist reine Formalität,« erklärte ich. Hier muß bemerkt werden, daß nur ganz wenigen Tiermenschen die Fähigkeit blieb, sich beliebig zurückzuverwandeln. Worauf diese Fähigkeit eigentlich beruhte, ist schwer zu sagen, weder auf einer besonderen Willenskraft noch auf besonderem körperlichen Geschick – diese beiden Eigenschaften gerade habe ich nicht – wohl eher auf einer sehr bestimmten inneren Bewußtheit seiner selbst. Frauen z. B. besaßen diese Fähigkeit fast nie. Waren sie einmal Tiere geworden, so blieben sie es meist ganz. Oft hatte ich z. B. Frieda beschworen, sich mir einmal menschlich zu zeigen, aber mit einer Mischung von Verlegenheit, Scham, Traurigkeit und auch Ärger war sie dieser Forderung stets ausgewichen. Ich solle sie doch endlich damit in Ruhe lassen, schmollte sie manchmal, und ich mußte ihr versprechen, sie nicht mehr damit zu quälen. Dabei zeigte sie aber bereitwillig Photographien, wie sie früher als Menschenkind ausgesehen hatte, nämlich sehr herzig, nur vielleicht ein bißchen zu mager. Ihre Schwester Ingeborg dagegen besaß die Fähigkeit der Verwandlung manchmal, wenn auch unvollkommen. Es hieß, daß diese Ziege in München auf der Hochschule, wenn auch nicht ganz menschlich, so doch menschenähnlich erschien. Ich schrieb noch am Abend an die Militärbehörde meiner früheren Heimat, in meiner Eigenschaft als Dachs könne sie nicht auf mich rechnen. Frieda, vor der ich kein Geheimnis hatte, verbrachte bis zum Empfang der Antwort recht ängstliche Tage, die ich ihr dadurch versüßte, daß ich dauernd in Dachsgestalt blieb. Auch die alte Frau Schupp zeigte darüber Freude und sagte ein über das andere Mal: »Ja so a liabe Herrschaft, so a liabe!« Nach wenigen Tagen kam die militärische Antwort. Auf meinem eigenen Briefbogen stand in soldatischer Kürze: »Das könnte jeder sagen!« Nun wurde ich doch etwas ängstlich, aber noch größer war meine Wut. Ebenso knapp schrieb ich darunter: »aber nicht jeder kann es beweisen.« Grödling bestätigte mir als beamteter Tierarzt meine Dachshaftigkeit. Ich legte das Gutachten bei und erhielt nun die Antwort: »Sie sind auf Grund bezirkstierärztlichen Attestes wegen Ihrer Dachshaftigkeit vom Militärdienst befreit.« Frieda war glücklich. Ich eilte sofort zu Postel, der nun mit Hilfe Grödlings für alle Tiermenschen, auch die Ausländer, auf dieselbe Weise die Erlaubnis des Bleibens im Tierreich erhielt. Nur der Schakal Poldi sowie der Wolf in seiner Metzgerei bangten etwas vor der Einberufung als Sanitätshunde, denn es verlautete, daß nicht selten Vertreter einer Art von den wenig individualisierenden Feldwebeln durch einen Federstrich auf eine andere Art einfach »umgeschrieben« wurden; aber solche Befürchtungen bewahrheiteten sich bei uns nicht. So war denn die äußere Gefahr für unsere Gemeinschaft abgewendet, doch im Innern herrschte Gärung, seitdem sich die Kunde von dem Weltkrieg unter den aus allen Gegenden der Erde stammenden Tieren verbreitete, die naturgemäß sehr verschiedene Sympathien hatten. Postel sah die Verhältnisse äußerst schwarz. Ich konnte das gar nicht verstehen und verharrte noch lange in meiner angeborenen Sorglosigkeit. Er hielt es für notwendig, daß wir uns nun täglich berieten. In der Abenddämmerung kamen wir in Menschengestalt zusammen. Einmal traf ich einen Herrn mit rotem Schnurrbart in mittleren Jahren in grünem Jägeranzug am Eingang des Bungalows. Er begrüßte mich freundlich, wie einen guten Bekannten. Ich konnte mich gar nicht erinnern, wo ich ihn schon gesehen hatte, so bekannt mir das gewandte Wesen und der äußerst kluge Blick des Rotbärtigen auch erschienen. »Sie kennen mich nicht?« fragte er lachend, »nun so schauen Sie mich doch einmal genau an!« Da erkannte ich plötzlich schon an der grünen Tuchmütze und dem vorn auf der Nase sitzenden Zwicker unseren Rendanten Reinhardt in Menschengestalt. Er lachte listig über meine Überraschung. Wir gingen hinein zur Beratung. Grödling war bisweilen einige Tage abwesend und brachte Nachrichten über den Krieg, der Rendant berichtete über die Vorgänge innerhalb unserer Mauern. Es war nicht länger daran zu zweifeln, daß eine starke, vorläufig noch heimliche Bewegung im Gang war, die an die Niederlage der Mittelmächte glaubte, in deren Gebiet wir uns befanden. Mochten Befürchtungen vor den vermeintlichen siegreichen Feinden oder ideelle Überzeugungen zugrunde liegen, jene heimliche Bewegung hatte ein ausgesprochen republikanisches Ziel und richtete sich gegen den Thron Seiner Majestät und gegen den Minister Postel. Das war dem Rendanten außer Zweifel. Eines Tags fing er einen höchst verdächtigen Briefwechsel auf zwischen Asta, der Königlichen Mätresse, und jenem bereits gelegentlich der amerikanischen Sekten erwähnten Silberlöwen Mr. Puma. Die Briefe waren chiffriert. Der Rendant legte sie unserem Diplomaten, dem jungen Tapir, vor, aber der versagte völlig. Mit solchem Zeug, erklärte er grinsend, gäbe er sich doch nicht ab. Ich wies auf den alten Philo hin, und mit dessen Hilfe brachte der Rendant in der nächsten Nacht heraus, daß die Absicht einer Palastrevolution bestand. Der König Nebukadnezar sollte gestürzt und an seiner Stelle Mr. Puma, der amerikanische Silberlöwe, als Präsident der Tierrepublik ausgerufen werden, um die gewiß bald einziehenden Feinde der Mittelmächte jubelnd zu empfangen. Der Rendant, vor dem alle Postbeamten instinktiv zitterten, brachte es fertig, daß ihm heimlich die Briefe ausgeliefert, nach der Entzifferung aber an ihre Adresse besorgt wurden, damit sich die Schuldigen immer mehr enthüllen sollten. Wir hatten nun fast jeden Tag einen neuen Brief. Zunächst zeigte sich Asta offenbar selbst mißtrauisch gegen Mr. Puma, aber er bewies, mit Hinweis auf Brehms Tierleben, daß in der neuen Welt, der Silberlöwe den Löwen der alten Welt überall vollwertig »ersetzt«. Je weiter jener denkwürdige Briefwechsel fortschritt, desto mehr gelang es dem schlauen Amerikaner die Königstigerin für sich zu gewinnen. Aus ihren Briefen aber merkte man, wenn auch verhüllt, welchen Preis sie für ihre kostbare Hilfe verlangte: als gesetzmäßige Gattin Mr. Pumas Präsidentin der Republik zu werden. Damit stieß die Kurtisane bei ihm, der in streng puritanischen Begriffen großgezogen war, zunächst auf schier unüberwindlichen Widerstand; aber die Schlaue ermüdete nicht; sie fand bald eine unerwartete Hilfe bei dem Viscount Reginald of Horseradish und seiner Frau, der Lady Arabella. Diese den ältesten Rassen angehörigen Aristokraten – die Vollblutahnen des Viscount waren lange vor Wilhelm dem Eroberer in England gewesen, ja wahrscheinlich mit Hengist und Horsa herübergekommen – diese beiden Aristokraten, sage ich, die als » distinghuihsd foreigners « seit Gründung des Tierstaats Postels Gastfreundschaft genossen, ihres alten Freundes, mit dem sie einst, als sie noch Menschen waren, in den Dschungeln Löwen gejagt hatten, diese stolzen Briten, die mehrmals die Woche mit dem Königspaar Whist gespielt und die Königl. Mätresse, als eine mehr französische Einrichtung (» a rather french institution «) in prüdester Verurteilung wie Luft behandelt hatten, diese beiden schrieben eines Tags eigenhändig Grüße unter Astas Brief an Mr. Puma und beglückwünschten ihn zu seiner Verlobung mit einer ebenso schönen wie verständigen Dame, mit der auch sie neuerdings die herzlichste Freundschaft verbinde. Als der Rendant dies Postel vorlas, wollte er es nicht glauben; so sehr hatte er auf die treue Freundschaft mit dem englischen Ehepaar gebaut. Er verlangte das Schriftstück zu sehen. Wenn er auch die Geheimschrift nicht entziffern konnte, so erkannte er doch die Unterschrift seiner Freunde Reginald und Arabella. Postel stand bleich auf. Er ging ins Nebenzimmer und dort hörte man ihn schluchzen. Zum erstenmal kam mir der Gedanke, sein mir bisher unerforschlicher Tiercharakter sei, wie der Charakter jenes Engländers, der eines edeln Pferdes – – und vielleicht hatte er einst im stillen Lady Arabella geliebt, die schlohweiße Araberstute? Der Brief des nächsten Abends zeigte die Verschwörung reif. Mr. Pumas religiöse Bedenken gegen die Ehe mit Asta waren verschwunden, nachdem Mitglieder des ältesten Adels der alten Welt ihre Gesellschaftsfähigkeit anerkannt hatten. Er versprach die Ehe. Am folgenden Tag trafen sie sich im Haus ihrer englischen Gönner zum Thee. Die ganze Zeit waren wir erstaunt gewesen über die genauen Nachrichten, welche die Verschwörer von den Ereignissen der Außenwelt hatten, denn den Menschentieren verbot ein Gesetz das Verlassen des Reichs, waren sie doch für hohe Summen von Hagenbeck erworben; sie gehörten trotz Rang und Reichtum Postel. Die Tiermenschen dagegen, zu denen der Viscount und Lady Arabella gehörten, bedurften eines Passes zum Austritt aus dem Reich. Der Rendant entdeckte bald den Weg, den die Nachrichten nahmen. Er ging über den Pförtner Iwan, jenen russischen Bären, der mir einst das Tor des Tierreichs geöffnet hatte. Dieser dumme Kerl ließ sich durch Schnaps und süße Kuchen bestimmen, Astas Giftschlangen den Verkehr mit der Außenwelt zu gestatten. Jetzt war es nach Grödlings dringendem Rat höchste Zeit für uns, ebenfalls zu handeln. Der Rendant aber meinte, noch müsse erst genau erforscht werden, wie weit die Verschwörung reiche, damit man wisse, auf wen man sich stützen könne, auf wen nicht. Er war in der letzten Zeit mit seinen etwas geringwertigen Verwandten, den Kellnern in den Gasthäusern, wieder in Verbindung getreten und hatte bemerkt, daß diese, besonders ein gewisser Pepi, schon mancherlei wußten. Das mußte ausgenutzt werden. Eines Tages kam sogar Dr. Karfunkel und machte törichte Andeutungen. »Wissen Sie schon – es gibt ein Revolutiönchen .. meine Herren – – wer macht mit?« Als das der Rendant hörte, bot er allen seinen Einfluß auf Postel auf, daß er den alten in solcher Zeit gefährlichen Schwätzer in Stubenarrest nähme. Postel gab achselzuckend seine Einwilligung. Der Verrat seiner englischen Freunde schien im Augenblick alle eigene Tatkraft in ihm gelähmt zu haben. Auch ich bin, wie der Leser schon weiß, kein Willensmensch und, wenn auch sehr klug, so doch gar nicht schlau. Grödling war ein prächtiger Mensch von viel gesundem Verstand, aber ohne Feinheit. Wie froh konnten wir daher sein, daß wir einen Mann wie den Rendanten auf unserer Seite hatten! Trotz meinen genannten Schwächen vermochte auch ich in den nächsten Tagen eine sehr nützliche Spur anzugeben. Durch Frieda, der ich von diesen Staatsangelegenheiten nichts erzählte, schon, um so lange wie möglich ihre Ruhe zu bewahren, erfuhr ich eines Tages verdächtige Vorgänge, die ihre Freundin ahnungslos geschildert hatte. In dem Gasthaus, wo jene Magdeburgerin angestellt war, gab es ein Sonderzimmer, in dem sich seit einigen Wochen Leute verschiedener Art fast allabendlich versammelten. Was die da eigentlich trieben, war nicht ganz klar. Es wurde abwechselnd geschrieen und geflüstert. Unter anderem solle wohl eine Zeitung gegründet werden. Einmal sei nachts ein recht bös aussehendes englisches Pony herangetrabt und habe – das hatte die Magdeburgerin, die schon beim Schlafengehen war, von ihrem Fenster aus deutlich im Laternenschein erkannt – Säcke mit Geld gebracht, die ein großer olivengrüner Ochsenfrosch, früherer Advokat, an sich nahm. Mehrere Unken und Kröten seien dann mit Gequak aus dem Dunkel getreten, und der Ochsenfrosch habe ihnen, sichtlich mit Widerwillen, von dem Geld gegeben. Sie aber seien damit nicht zufrieden gewesen, vielmehr streitend in jenes Hinterzimmer zu den anderen zurückgegangen, wo die ganze Nacht geschrieen, gekräht, gebrüllt worden sei. Am lautesten aber sei die Stimme jenes Ochsenfrosches gewesen, der übrigens von Tag zu Tag größer und dicker würde. Die Nachrichten über eine Zeitungsgründung waren natürlich äußerst wichtig. Postel hatte bisher Zeitungen für überflüssig gehalten. Wichtige Vorgänge wurden in der Frühe am Regierungsgebäude angeschlagen. In den Kaffeehäusern konnte man sie, wie schon gesagt, in der Nacht vorher durch Fernsprecher erfahren. Für Leselustige stand im übrigen die Bibliothek offen. Am folgenden Abend berichtete Postel von einem Besuch beim Oberrichter, einem Falken, bei dem er den Oberstaatsanwalt, einen Habicht, zum Gabelfrühstück getroffen hatte. Beide Herren waren gerade damit beschäftigt gewesen, über die verdächtigen Vorgänge im Staat eine Denkschrift an den Minister zu beraten, die nun durch seinen Besuch überflüssig wurde. Postels Nachrichten über den Ochsenfrosch kamen sehr gelegen. Dieser war dem Gericht als eine äußerst gefährliche Persönlichkeit wohl bekannt: völlig gesinnungslos, aber von hervorragender Beredsamkeit, unfähig zu jeder Mäßigung im Ton – und darum bei Gericht nicht mehr zugelassen –, aber von glühendem Ehrgeiz erfüllt, war er sicher als Zeitungsmann hervorragend geeignet zur Volksverhetzung. Leider aber war ihm nicht beizukommen, da der Polizeipräsident, ein Vogel Strauß, von alledem nichts wissen wollte. Dieser war ein leidenschaftlicher Statistiker, steckte den ganzen Tag seinen Kopf in die Meldelisten, in denen er von Jahr zu Jahr immer eingehendere Angaben verlangte. Er ordnete darin die Bewohner nach stets neuen Gesichtspunkten, so nach ihrer Empfindlichkeit gegen die Temperatur, nach ihrem spezifischen Gewicht, ja nach der Stärke ihres Begattungstriebs und der Menge ihres Kotes. In dieser mehr wissenschaftlichen Tätigkeit ließ er sich ungern durch praktische Anforderungen stören. »Das muß aufhören!« erklärte Postel am Abend ärgerlich. »Der Mann wird abgesägt werden.« Der Rendant aber wußte besseren Rat. Eine Personenänderung an so sichtbarer Stelle würde die Verschwörer nur aufmerksam machen. Man solle sie in dem Wahn lassen, die Polizei sei schlaff, damit sie sich desto unvorsichtiger gebärdeten. Inzwischen hatte er schon mit einem Iltis und zwei Frettchen eine Geheimpolizei eingerichtet und hoffte, bald alle unzuverlässigen Bürger des Staats genau zu kennen. Der Rendant brachte nun wieder allabendlich wichtige Nachrichten. Zu derselben Zeit, um die wir bei Postel berieten, kamen in einem Geschäftsraum im Warenhaus von Kaiman \& Co. Mr. Puma, Herr Siegfried, der Alligator, und der Ochsenfrosch zusammen. Lady Arabella erschien bisweilen tief verschleiert. Das Geld, das der Ochsenfrosch zur Gründung der Zeitung erhalten hatte, stammte von Kaiman \& Co., das Pony war ein zuverlässiger Kammerdiener des Viscounts. Ohne die Befehle seines Herrn zu prüfen, führte er sie aus. Das Bedenklichste war, daß unter den Lehrern nicht wenige als Mitarbeiter für das Zeitungs-Unternehmen gewonnen waren, und zwar vorwiegend junge Gimpel und Kreuzschnäbel. Immerhin bestand die Mehrheit aus wachsamen Hähnen, die ihre Stimmen laut dagegen erhoben. Auch die Spechte, Finken und besonders die zahlreichen Käuze unter den Lehrern erwiesen sich als durchaus zuverlässig. Bei den Lehrerinnen kam recht Betrübliches vor; manche braven Hennen ließen sich von dem Ochsenfrosch beschwatzen. Die Zeitung sollte unter dem Titel: »Der Wahrheitsbrüller« in den nächsten Tagen erscheinen. Einen Probeabzug hatten die tüchtigen Frettchen aufgefangen und auf Postels Schreibtisch sorgfältig unter eine Schildkröte im Winterschlaf gelegt, die als Briefbeschwerer diente. Der Rendant verlas abends das Blatt. Der Ochsenfrosch zeichnete verantwortlich unter dem Namen: Dr. Mordar. In einem Leitartikel bekannte er sich zu den Gedanken der französischen Revolution, die ein niederträchtiges Absperrungssystem bisher von dem Tierstaat ferngehalten habe. Er wendete sich hauptsächlich an die Massen von Tieren, in denen die Sehnsucht schlummerte, Menschentiere zu werden; ferner an die Menschentiere selbst, die laut und vernehmlich ihre aufsteigenden Brüder willkommen heißen sollten, und zuletzt an die Tiermenschen, die endlich von ihrem Hochmut ablassen und anerkennen müßten, daß zwischen Menschentieren und Tiermenschen überhaupt kein Unterschied mehr sei. Postel sagte, fast enttäuscht: »Nun, wenn er weiter nichts will, solche Ansichten mögen ruhig geäußert werden.« Der Rendant dagegen fand sie, als erste Bresche in die Mauer der bestehenden Zustände, gefährlich. » Principiis obsta! « sagte Grödling. Dieser humanistische Anklang gefiel mir. Eine ältere Henne, die Vera zeichnete, hatte einen Aufsatz beigesteuert: »Die große Sehnsucht«. Sie berichtete von der verschwiegenen Tragödie der Tierseele, besonders der weiblichen, der es doppelt schwer gemacht würde, das Menschentier zu entwickeln, denn zu der Unterdrückung durch die Tiermenschen käme bei ihr noch die Knechtung durch die eigenen Männchen. Zum Beweis berichtete sie – alle Scham der Hennen beiseite lassend – recht Unerfreuliches vom Hühnerhof. Der Rendant unterbrach sich lachend, während er dies las. Ihm wären diese Zustände längst bekannt, sagte er, er fände sie nur so komisch in Hennenbeleuchtung. Auch Grödling bestätigte als Arzt die Richtigkeit der Behauptungen, hielt sie aber für in der Natur begründet. »Gerade dies bestreitet nämlich die Verfasserin,« sagte der Rendant, »hören Sie weiter: ›daß diese schmählichen Verhältnisse nicht in der Natur liegen, beweisen die freien Familienverhältnisse der Muscheln, die ich durch eine befreundete Auster auf das genaueste kenne. Dort nimmt das Weibchen, wenn es selbst Befruchtung wünscht – nur dann, also gänzlich freiwillig – den von dem Männchen abgesonderten Befruchtungsstoff durch das Atmungswasser auf. Auch sind bei den Muscheln die Lasten des Brütens bezw. der Schwangerschaft nicht einseitig der Frau auferlegt. Der Mann ist verpflichtet, die junge Brut noch eine Zeit lang in den Kiemen zu tragen. Dürfen wir nun nicht dieselben Menschenrechte verlangen, welche die von uns als niedere Tiere oft verachteten Muscheln in noch höherem Maß als die Menschenfrauen selber haben? Aber verzweifeln wir nicht! Die große Sehnsucht ist in uns erwacht, und Sehnsucht ist auch eine Macht!‹« Postel wurde sehr nachdenklich. »Ja, die große Sehnsucht ist nun glücklich da,« sagte er, »das Unglück ist nur, daß sie ein Dr. Mordax für seinen Ehrgeiz ausnützt!« »Was für eine große Sehnsucht eigentlich?« fragte ich, höchst betroffen, um mehr zu hören. »Nun, die Sehnsucht aus der Tierheit herauszukommen,« fuhr Postel fort, »so wie unsere Sehnsucht uns aus dem Menschlichen heraustrieb. Ach, wie traurig, wie hoffnungslos traurig, daß die Tiere gerade in dieses Menschliche hineinwollen.« »Ausgemachter Wahnsinn!« rief ich beifällig, »wenn sie doch wüßten, wie glücklich wir sind, daß wir es ausziehen können, wie einen Handschuh, und wie gern wir ins Tierreich zurückkehren!« »Hältst du das aber für ein letztes Ziel?« fragte mich Postel fast vorwurfsvoll. Ich fühlte, wie ich errötete und schämte mich zum ersten Mal ein bißchen meiner Dachshaftigkeit. »Ich sehe kein anderes ..,« sagte ich. »Nun, bald wirst du es sehen. Anfangs macht es immer Spaß, neue Kleider an- und auszuziehen, aber ein Lebensziel ist das nicht.« »Ich habe ja außerdem meine geliebte Frieda,« dachte ich; nichtsdestoweniger: in diesem Augenblick war der erste Zweifelskeim in mein junges Dachsenglück gesät. Aber lassen wir diese persönlichen Dinge. Beschlossen wurde in jener denkwürdigen Sitzung, daß man diese mehr geistig-moralische Bewegung mit Schonung behandeln und die Zeitung ruhig erscheinen lassen, dagegen die Person des Dr. Mordax genau beobachten, gegebenenfalls beseitigen solle. Ich schlug vor, man müsse Gegenschriften veröffentlichen. Wer aber war dazu geeignet? Ich selber etwa? wie Grödling meinte. Um Gottes willen, ich habe eine, wie ich zugebe, krankhafte Scheu vor der Öffentlichkeit. Der alte Literat, Dr. Karfunkel, den der Rendant vorschlug, wurde von Postel sofort abgelehnt. Er würde das Ganze als Witz betrachten und nur Wortspiele hervorbringen. Noch immer befand er sich in Stubenarrest, wo er sich übrigens ganz wohl fühlte, seit man ihm auf seinen Wunsch zur persönlichen Bedienung eine Katze aus den älteren Jahrgängen der Maison Pompadour beigegeben hatte. Mit dieser schwatzte er den ganzen Tag, und sie war eine gute Zuhörerin. Schließlich fielen mir als etwaige Verfasser von Gegenschriften die zwei Bibliothekare ein, und das fand Beifall. Ich besuchte beide am folgenden Morgen in ihrem Amt; der Skeptiker lehnte sofort lachend ab, er wisse von diesen Fragen nur eins ganz gewiß, sagte er, nämlich, daß er nichts davon wisse. Der Kantianer hingegen strich sich würdevoll den Kropf und erklärte sich zu einer Gegenschrift bereit. Das Zeitungsblatt ließ ich in seinen Händen. Über diesen Erfolg wurde ich am Abend beglückwünscht. Inzwischen hatte Postel das Offizierskorps, die Edelhirsche, kommen lassen und die heimliche Mobilisierung befohlen. Schon am Nachmittag meldeten sich freiwillig die drei alten bärtigen Auerochsen vom Steueramt, frühere Feldwebel. Sie erklärten sich in ausgesprochen ostpreußischer Mundart bereit, das gesamte Hornvieh zu einer regulären Truppe auszubilden. Sie erhielten die nötigen Vollmachten und den Titel: Feldwebel-Leutnant. Natürlich konnten solche Schritte nicht geheim bleiben. Eines Nachmittags erschien Dr. Mordax mit einigen Gimpeln und Kreuzschnäbeln unter den Bäumen der Faultiere und forderte sie zum Verweigern des Militärdienstes auf. Diese aber lachten ihn laut aus und warfen allerlei Unflat auf ihn und die Seinen. Sie seien Faultiere und wollten es bleiben, riefen sie hinunter. Was ihre Vorgesetzten sagten, das täten sie, denn das sei bei weitem das Bequemste, er aber hätte ihnen gar nichts zu sagen. »So tief ins Volk reicht diese infame Reaktion,« rief Mordax und blähte sich. Unter den Edelhirschen befand sich ein sehr findiger Kopf, dessen Namen man bisher nie gehört hatte, und der sich nun plötzlich ganz unentbehrlich machte. Freiherr v. Sturmfeder war ein Tiermensch, während seine, übrigens vortrefflichen, Kameraden Menschentiere waren. Er wies zuerst auf die fabelhaften technischen Fähigkeiten gewisser, bisher zu wenig beachteter Insekten hin. Sofort wurde ihm aufgetragen, aus weißen Ameisen, den sogenannten Thermiten, ein Pionierregiment, sowie aus Wespen und Hummeln Flugdienstabteilungen einzurichten. Die Bienen wurden ihrer hervorragenden, schon geschilderten Heilfähigkeiten wegen für den Sanitätsdienst vorbehalten. Von äußerster Wichtigkeit schien es Sturmfeder, daß wir uns des Königlichen Schlosses als unseres Standquartiers versicherten, da die Gegner über das einzige mit diesem an Größe und Stärke wetteifernde Gebäude, das Warenhaus Kaiman \& Co. verfügten. Es traf sich günstig, daß das Bungalow, sowie der Grundbesitz des Ökonomierats, der zum Intendanten ernannt wurde, und viele kleine Häuser in nächster Nähe lagen. Um aber dieses Gebiet zu befestigen und darüber verfügen zu können, war es notwendig, endlich die Ruhe Sr. Majestät zu stören. Im Palast Nebukadnezars hatte sich bisher nichts geändert. Wir wußten durch die Frettchen, daß noch jeden Nachmittag die königliche Mätresse zu den Füßen Sr. Majestät lag und abends das verräterische englische Ehepaar noch immer zum Whist kam. Schweren Herzens gingen am nächsten Tag Postel, v. Sturmfeder und ich zum König. »Das wird ein schwerer Gang,« sagte Postel beim Weggehen, »es handelt sich darum den alten Herrn in einer Audienz von nicht weniger zu überzeugen, als von der Gefahr, in der seine Dynastie schwebt, vom Verrat seiner alten Hausfreunde und seiner vergötterten Geliebten; auch ein jüngeres Herz trüge so viel Unglück auf einmal schwer.« Wir wurden huldvollst empfangen. Se. Majestät nahm gerade das zweite Frühstück, ein gebackenes Straußenei, das ihm ein loyaler Untertan gelegt hatte, mit einem Glas Madeira, und lud uns sofort zum Mithalten ein. »Seltene Gäste, wirklich sehr seltene Gäste!« rief der König wohlgelaunt mit leicht vorwurfsvoller Anspielung auf Postels in der letzten Zeit begreiflicher Weise spärlichen Besuche. Von ernsten Mitteilungen, auf die Postel gleich hinwies, wollte Se. Majestät heute ganz und gar nichts hören. »Morgen, mein Lieber, morgen ist auch noch ein Tag für ernste Mitteilungen. Heute wollen wir noch einmal fröhlich sein. Wer weiß, wie lange wir es noch können? Ich besonders, ich bin ein alter Mann.« Während uns Se. Majestät selbst die Gläser voll goß, packte mich ein Grauen. Wir hatten diese entsetzliche Ahnungslosigkeit etwa eine halbe Stunde ertragen, als schließlich Sturmfeder sich in seiner ganzen Pracht aufrichtete und kurzweg erklärte: »Gestatten mir Ew. Majestät eine dringende militärische Meldung!« »Eine militärische Meldung?« fragte der Fürst vergnügt, »aber gewiß, mein lieber Sturmfeder, ich liebe militärische Meldungen, überhaupt das Militär ... ans Herz gewachsen ... meine eigenen Kinder ...« Se. Majestät sprach etwas abgebrochen. Durch die Gesellschaft hatte er sich hinreißen lassen, dem Madeira mehr zuzusprechen, als Grödling ihm sonst zu erlauben pflegte. Sturmfeder aber sagte nun in wenigen Sätzen das Furchtbare, was er zu berichten hatte. Se. Majestät hörte ihn sprachlos an. Erst begannen seine Augen zu funkeln, dann riß er den Rachen weit auf und stieß ein so markerschütterndes Gebrüll der Verzweiflung aus, wie es niemand mehr dem Alten zugetraut hätte. Plötzlich streckte er alle viere von sich und fiel auf den Rücken. Erstarrt lag er in dem Thronsessel. Wir waren ihm kaum zu Hilfe geeilt, als auch schon ein Heer von geschäftigen Meerkatzen aus allen Türen hereinsprang. Das Gebrüll war bis in die Gemächer der Königin gedrungen, die geängstet hereinbrach. Als sie ihren Gatten starr ausgestreckt daliegen sah, warf sie sich über ihn und erhob ein Gewinsel von einer Durchdringlichkeit, daß es fast mit dem Verzweiflungsgebrüll, welches soeben ertönt war, wetteiferte. Auch die Kinder kamen herbeigeeilt und jammerten laut. Ich rannte sofort in das Bungalow hinüber, um Grödling zu holen. Ich fand ihn im Gespräch mit dem Rendanten. Dessen erstes Wort war: »Geheim halten! Wenn die Mätresse und die Engländer kommen, muß man sie im Palast verhaften!« »Ausgezeichnet!« rief ich. Wir folgten Grödling in den Palast, wo sich inzwischen nichts geändert hatte. Schonend entfernten wir die Königin, Postel führte sie am Arm in den Nebenraum. Grödling stellte Hirnschlag fest. »Übrigens nicht überraschend bei der fortgeschrittenen Arterienverkalkung des alten Herrn!« Postel blieb den ganzen Tag im Schloß. Wir andern gingen nach dem Bungalow zurück. Politisch, erklärte der Rendant, habe das Ereignis seine zwei Seiten. Der alte Herr in seiner Vertrauensseligkeit sei vielleicht im rechten Augenblick gestorben. Nun habe Postel freiere Hand. Die Hauptfeinde würden uns schon heute in die Falle gehen. Leider ging von dieser Prophezeiung nichts in Erfüllung. Wie sich das Gerücht vom Tod Sr. Majestät im Reich verbreitete, ist rätselhaft geblieben. Später erst erfuhren wir, daß die Feinde unter der Leitung des Chevalier de La Patte Engraissée eine Gegenspionage unterhielten. Vermutlich waren einige der Meerkatzen bestochen. Kurzum: weder Asta noch das englische Ehepaar erschienen mehr im Schloß. Dagegen brachte »Der Wahrheitsbrüller,« dessen erste Nummern wenig Beachtung gefunden hatten, an diesem Abend mit fetten Buchstaben folgende Nachrichten: »Rätselhafter Tod Sr. Majestät des Königs – – ein geheimnisvoller Morgenbesuch – – das verhängnisvolle Frühstück – – Der Madeirawein des neuen Kellermeisters.« Niemand wurde offen angeklagt, aber es war deutlich zu verstehen gegeben, daß Postel sich mit Hilfe des Heeres der Alleinherrschaft bemächtigen wolle und den König mit Madeira vergiftet habe. Die Erwähnung meiner bescheidenen Person war mir mehr als peinlich. Nie schien uns die Welt derart auf dem Kopf zu stehen. Postel, dieser Schöpfergeist, dem schon der Ministertitel lästig war, der dies ganze Reich geschaffen hatte samt seinem Herrscher, der diesen König und seinen Hof jeden Augenblick wieder an Hagenbeck verkaufen oder gegen etwas anderes umtauschen konnte, sollte selber nach einer äußeren Herrschaft streben, die er innerlich längst besaß. O, wie dumm mußte doch dieser olivegrüne Dr. Mordax sein! Am selben Abend berieten wir, ob nicht der Augenblick zum Handeln nun gekommen sei. Wir erwogen die Verhaftung des Dr. Mordax. Von Sturmfeder, der zum Generalstabschef ernannt worden war, schlug die Verhängung des Belagerungszustandes vor. Da erschien der Bibliothekar im Bungalow und schwang die Blätter seiner Gegenschrift. Erst, meinte er, sich in unsere Beratung mischend, solle man dem Dr. Mordax mit geistigen Waffen begegnen. Seine Gegenschrift müsse über Nacht gedruckt werden. Von der gesunden Vernunft des Volkes sei, sobald es die Schrift gelesen habe, die einstimmige Ablehnung des Dr. Mordax zu erwarten. Postel war einverstanden. Die Luchse telephonierten sofort an die Druckerei, die von einer Schar schwarzer Borken- und Bockkäfer genossenschaftlich betrieben wurde. Der Bibliothekar trug das Manuskript selbst hinüber. Wir anderen blieben zu Tisch im Bungalow. Gegen 10 Uhr kam der erregte Marabu zurück und brachte die ersten noch nassen Fahnenabzüge. Postel, v. Sturmfeder, Grödling, der Rendant und ich erhielten jeder ein Exemplar; sofort begannen wir zu lesen. Der Marabu stand in der Mitte auf dem Taburett, wo das Rauchzeug lag, und schaute im Kreis umher, um unsere Mienen zu studieren und zu erraten, bei welcher seiner Perioden die Leser gerade entzückt verweilten. Er sah aber nichts von dem, was er erwartete. Grödling war der erste, der einen Laut von sich gab. »Hm,« sagte er, »no, ich hab' ja kein Urteil in solchen Fragen.« Postel legte mit ärgerlichem Ausdruck das Blatt weg. Der Rendant fand, daß die Ausführungen ohne Zweifel von vielen Kenntnissen zeugten. Der Generalstabschef meinte, ihre Veröffentlichung könne auf keinen Fall schaden. Ich schwieg zunächst, war aber höchst verwundert über die Talentlosigkeit, die sich mit so viel Wissen verband. Den revolutionären Ideen des Dr. Mordax setzte der Bibliothekar den kategorischen Imperativ Kants entgegen. Gegen den »haltlosen Freiheitsbegriff« stellte er den »ehernen Pflichtbegriff,« ohne aber zu sagen, worin eigentlich dessen Halt bestünde. Als Mittel gegen die »große Sehnsucht« empfahl er die Arbeit, die Leistung. »Wenn wir keine besseren Gründe haben« rief ich aus, »dann sind wir dem Untergang geweiht.« »Wir haben bessere!« sagte Postel seherhaft, und wir alle blickten auf ihn. »Und die wären?« fragte der Bibliothekar spitz. »Die Ereignisse, nicht Buchstaben werden sie offenbaren.« »Also ist meine Arbeit umsonst gewesen?« schäumte der Marabu, »ich bestehe aber auf ihrem Druck!« »Erregen Sie sich nicht!« rief Postel. »Ich schließe mich der Äußerung unseres Generalstabschefs an. Ihre Arbeit ist völlig unschädlich und Sie können sie drucken lassen. Hiermit erteile ich Ihnen sogar den Titel eines Professors. Sie können ihn gleich auf das Titelblatt setzen lassen.« Der Marabu blickte zuerst ungläubig. »Wie soll ich das verstehen, Ew. Exzellenz?« fragte er. »Wörtlich,« erwiderte Postel, »gehen Sie nur gleich in die Druckerei und sorgen Sie für Ihr Werk.« Das genügte dem plötzlich nach der Öffentlichkeit so lüstern gewordenen Gelehrten. Mit vielen Verbeugungen eilte er hinaus. Nur noch so viel von ihm, daß er bis zum Untergang des Reiches jede Woche zwei vaterländische Broschüren von derselben Art, wie die erste, hervorbrachte. Das Seltsamste aber war dies: diese Arbeiten wurden gelesen, ja gekauft und viel beredet, aber irgend eine Wirkung auf die Ereignisse hatten sie nicht im mindesten. Nach diesem Zwischenfall wurde die Gesamtleitung dem Generalstabschef übergeben. Nun folgten die Ereignisse Schlag auf Schlag. Noch in derselben Nacht wurde Dr. Mordax aus seinem Bett geholt und in das Gefängnis gebracht, dessen Direktor, ein finsterer Ichneumon ohne Sinn für Spaß ihn sofort wissen ließ, daß er, falls er brüllen würde, Dunkelarrest im Keller zu gewärtigen habe, und zwar in einer Zelle mit gepolsterten Wänden, aus der ihn niemand hören könne. So schwoll er langsam ab und hielt sich ruhig. Nachdem der Belagerungszustand angeordnet war, wurden die Truppen um den Palast zusammengezogen. Postel eilte zu der Königinwitwe, mit der er zusammen eine Regentschaft bildete, die bis zur Großjährigkeit des jungen Königs Nebukadnezar II. dauern sollte. Die Königin war kaum von dem Leichnam ihres Gatten zu entfernen, der in der Nacht von Meerkatzen in der Schloßkapelle aufbewahrt wurde. Alles dies gab Postel noch vor Sonnenaufgang durch öffentliche Anschläge bekannt. Ich kam erst spät nach Mitternacht zu meiner geliebten Frieda zurück. Bebend hatte sie mich erwartet, da sie aus der Zeitung, die ihr Frau Schupp geholt hatte, wußte, daß auch ich in Verdacht und Gefahr stand. Die Waschbärin, die sonst abends nach Hause ging, schlief auf dem Sofa, da Frieda nicht hatte allein bleiben wollen. Als sie meine Schritte hörte, eilte sie mir im Nachtgewand entgegen. »O Daggi,« rief sie, »du lebst .. nun bin ich schon zufrieden.« Wir packten in aller Eile das Notwendigste in einen Koffer und trugen ihn mit Hilfe von Frau Schupp selbst hinüber in das Bungalow. Schon hatten wir einen Militärkordon zu passieren. Von Maulwürfen wurden Gräben gezogen, rührige Thermiten bauten aus Lehm und ihrem eigenen Kot Wälle, die zusehends in die Höhe wuchsen. Überall aus dem Dunkel hörte man Schnaufen und Stampfen des Hornviehs, das hier unter dem Befehl der Auerochsen biwakierte. In den Bäumen saßen die Faultiere, die als Klettertruppen verwendet wurden und in ihrer schon erprobten Königstreue verharrten. Ich brachte Frieda mehr tot als lebendig durch das Lager. In dem Bungalow wurde ihr gleich ein Zimmerchen mit gutem Bett angewiesen, während Frau Schupp, unsere Waschbärin, in der Kammer der Frau Hirsekorn, des sorglichen Känguruhs, liebreiche Aufnahme fand. Ich veranlaßte Frieda, sich sofort niederzulegen, nun sei ja keine Gefahr mehr. »Aber doch nur falls wir siegen?« fragte sie. »Postel weiß immer noch eine Rettung!« sagte ich in unbedingtem Vertrauen auf seine Kraft, ohne mir aber selbst Rechenschaft geben zu können, wie ich das im einzelnen meinte. Die Notwendigkeit, Frieda zu beruhigen, verlieh mir selbst Ruhe und Mut. Ich gab ihr ein leichtes Schlafmittel und ging dann wieder in das Beratungszimmer zurück. Postel war gerade aus dem Palast zurückgekommen, wo alles geordnet war. Zwei des geheimen Einverständnisses mit Asta überführte Meerkatzen, Gustav und Molly geheißen, hatte er aufknüpfen lassen, als die ersten Opfer dieser weiterhin noch sehr blutigen Ereignisse. »Auch du,« sagte er zu mir, »mußt nun deine Gaben in den Dienst des Ganzen stellen. Ich ernenne dich hiermit zum Geschichtsschreiber des Reiches. Du wirst in alles Einblick erhalten und hast dir nur täglich deine Aufzeichnungen zu machen zur späteren Ausarbeitung.« Diese Aufgabe war mir sehr willkommen. Es war eine ruhige, meinen Gaben entsprechende Arbeit. Ihre Veröffentlichung ging mich nichts an. Ich hatte sie nach Vollendung einfach abzuliefern, die Regierung würde dann damit machen, was sie wollte. Keiner ahnte damals, unter welchen Umständen ich sie ausarbeiten, und daß sie niemals zur Ablieferung kommen würde. Noch in derselben Nacht entstanden die ersten Notizen zu dieser Erzählung. Gegen Morgen erst begab ich mich zu Frieda zurück, die ich wie ein ahnungsloses Kind in süßen Träumen fand. Ich legte mich an ihre Seite und schlief ein. Schon nach einigen Stunden aber weckte uns das Getümmel unter unserem Fenster. Wir sprangen auf und sahen zwischen uns und den in der Nähe liegenden Häusern ganze Herden von Tieren. Den Hauptstock bildeten Allgäuer, Bayerische, Schwyzer und holländische Stiere, aber auch an Büffeln, ja, an Zebus und Bisons, sogar an Elefanten fehlte es nicht. Dieser Anblick konnte einem schon Vertrauen auf unseren Sieg geben. Helle Frühlingssonne lag über dem ganzen Bild. Eilig liefen die schlanken, aber kräftigen Edelhirsche zwischen dem schweren Getier umher und erstatteten Sturmfeder Bericht, der über einen Tisch gebeugt saß, auf dem Karten lagen. Gleichzeitig hielt er dauernd das Hörrohr eines Fernsprechers ans Ohr und empfing so Berichte von anderen Stellen des Lagers. Kamele bildeten den Train und trugen in Säcken Proviant umher. Leider verfügten wir über keinerlei Waffen. Der friedliche Postel hatte sie im ganzen Reich nur für Ausnahmefälle gestattet, auch die Gegner konnten daher kaum Waffen haben. Nach dem Frühstück erstattete v. Sturmfeder und der Rendant, der nach Übernahme der Regentschaft durch Postel zum Minister ernannt worden war, dem Regenten Bericht über die Lage. Ich durfte als Geschichtsschreiber an einem Tischchen mit Schreibpapier sitzen und zuhören. Über unsere Kräfte habe ich schon berichtet. Der Gegner verfügte über fast alle wilden Katzen, Tiger, Leoparden, Panther usw. Auch das kleine Raubzeug wie Marder, Wiesel, Ziesel, Ratten und Mäuse hatten sich ihm in großer Anzahl angeschlossen. Bären und Wölfe standen auf beiden Seiten. Der Feind hatte sich in dem Kaimanschen Warenhaus verschanzt. Von Sturmfeder plante einen schleunigen Angriff. Nachdem er gesprochen, berichtete der Minister, was seine vortreffliche Geheimpolizei ermittelt hatte: der Puma habe sich offen an die Spitze der Aufrührer gestellt und halte seit gestern Abend auf dem Balkon des Warenhauses Kaiman Reden. Uns klage er offen des Königsmordes an und empfehle unsere Bestrafung und die Einsetzung der Republik. So suche er sich gleichzeitig die Träger der alten Loyalitätsinstinkte für den verstorbenen König und die von neuen Freiheitsinstinkten bewegten Leser des »Wahrheitsbrüller« zu verbünden. »Wie geschickt!« rief Grödling aus, der zum Chef des gesamten Sanitätswesens ernannt worden war und sich zur Sicherheit ein großes rotes Kreuz auf den Rücken hatte malen lassen. »Ja,« seufzte der Minister, »leider sind sie äußerst geschickt. Die Königstigerin Asta steht in einem von Kaiman \& Co. geschenkten echten Spitzengewand rechts von dem Puma auf dem Balkon und streut Rosen ins Volk.« »So haben sie also auch noch die Romantik und die Ästhetik auf ihrer Seite,« bemerkte ich. »Und das Geld!« fuhr der Minister in seinem Bericht fort; denn links von dem Puma steht der Alligator Siegfried, der dem Volk einen ungeheuren wirtschaftlichen Aufschwung unter der Republik verspricht und zum Zeichen dessen Geldstücke unter die Masse wirft.« »Dem gegenüber aber ist ihr Heer nicht viel wert,« fiel Sturmfeder wieder ein. »Mit dem Raubzeug werden wir fertig. Nicht unbedenklich sind dagegen die Scharen der Insekten, über die sie verfügen. Sämtliche Flöhe, Wanzen, Läuse, Fliegen, Tausendfüße usw. stehen auf ihrer Seite und können uns sehr lästig werden; ebenso die Giftschlangen.« Die nächsten Tage, die von beiden Seiten zur Mobilmachung benutzt wurden, brachten noch manche wichtige, teils auch komische Ereignisse, die ja nirgends auf der Welt ausbleiben. Die Redaktion des Wahrheitsbrüllers, so erfuhr der Minister, war nach der Verhaftung des Dr. Mordax zu Kaiman \& Co. überführt worden; es hatte sich sofort ein früherer Volksschullehrer, der Kreuzschnabel Pipifox, zur Schriftleitung bereit erklärt, aber der eigentliche Leiter war nun der Puma selbst. Er bewies dabei äußerstes Geschick. Die Ausführungen unseres Professors wurden täglich mit besonderem Hohn behandelt. Oft sah ich unter unseren braven Truppen einzelne Mannschaften beisammen stehen und gläubig den Sinn der professoralen Auslassungen erforschen, dagegen lasen unsere eigenen Offiziere diese Schriften gar nicht, sondern nur ihre witzige, wenn auch von Bosheit durchsetzte Widerlegung durch den Feind. Wer dafür den Geist lieferte, ist nicht bekannt geworden, denn der Puma war bei aller Gewissenlosigkeit und Tatkraft nichts weniger als geistreich. Mir scheint, daß Asta selbst hier ihre Tatze im Spiel hatte, doch ist das nicht erwiesen. Sehr auffällig, aber nur für den, der zwischen den Zeilen zu lesen versteht, war, daß von Tag zu Tag im »Wahrheitsbrüller« weniger von der »großen Sehnsucht,« aber immer mehr vom »wirtschaftlichen Segen« zu lesen war, den die Republik bringen sollte. Der Alligator Siegfried predigte Nationalökonomie; er sprach von ehernen wirtschaftlichen Gesetzen der Entwicklung, die das Glück aller mit mathematischer Sicherheit bringen müßten , falls nur nicht die Machtgelüste Einzelner oder einer aristokratischen Sippe diese Entwicklung hemmten. Aus der Gedankenwelt des Pumas, dieses alten Puritaners, stammte wohl ein Aufsatz, der ausführte, so wie die Seele durch vertrauensvolle Bereitschaft alle Hindernisse beseitige, daß die göttliche Gnade ohne weiteres einströmen könne, genau so müsse sich das Volk nur bereit halten, damit die – doch auch von Gott gegebenen – wirtschaftlichen Gesetze sich an ihm verwirklichen könnten und zum Lohn den Wohlstand brächten. Die Henne Vera verlangte leidenschaftlich die weibliche Dienstpflicht. Der Kreuzschnabel Pipifox befaßte sich vorwiegend mit der gerechten Verteilung der Ehren. Er forderte für jeden Volksschullehrer den Titel Professor, für jeden Hausmeister den Titel Hausbesitzer, für jeden Journalisten den Titel Dichter. Diese Erörterung brachte eine Flut von »Stimmen aus dem Leserkreis«. Kaufleute z. B. verlangten den Titel Wirtschaftsrat für jeden, der ein selbständiges Geschäft hatte; dafür hätten sie nichts einzuwenden, falls die Geistlichen aller Bekenntnisse Herr Kardinal, die gemeinen Soldaten Herr Leutnant angeredet würden. Vera verlangte den Doktortitel für jede Frau, die geboren hatte, auch wenn es außerehelich war. Ihr selbst war dies einmal vor längerer Zeit vorgekommen. Militärisch waren in diesen Tagen zwei erfreuliche Ereignisse zu verzeichnen. Eine in ihrer Kriegslust kaum zu bändigende Schar von Mungos hatte sich freiwillig zur Bekämpfung ihrer Erbfeinde, der Giftschlangen, bereit erklärt. Sturmfeder übernahm persönlich die Organisation dieses wichtigen Truppenkörpers. Gleichzeitig meldete sich ein wackeres Fähnlein von Opossums zur Vernichtung der Insekten und kleineren Nagetiere. Sie gaben eine tatsächlich verblüffende Probe ihrer Kunst. In haarigen Knäueln zusammengezogen, verstanden sie sich stärkeren Feinden gegenüber tot zu stellen, und verlangten, man solle zur Probe nur fest auf sie losschlagen. Sie bewiesen, daß solche Schläge sie nicht veranlassen konnten, aus ihrer Ruhe herauszutreten. So waren sie immer wieder zu neuen Angriffen aus dem Hinterhalt fertig, wenn der Gegner sie längst für unschädlich hielt. Auch sie wurden unserem tapferen Heere eingereiht. Ferner erschien der Heldendarsteller des Theaters, ein breitschultriger Gorilla. Er hatte unter seinen Kollegen die Menschenaffen, Schimpansen und Orang-Utangs, vermocht, sich freiwillig zu melden; Pavian und Mandrill dagegen blieben streng neutral. »Das Theater hat nichts mit Krieg zu tun,« sagten sie, von ihrem Standpunkt auch wieder mit Recht. Im Bungalow hatten wir noch einigen Zugang von schutzlosen Freunden. So bat Dr. Feiwe, das Nilkrokodil, um Aufnahme, die man ihm nicht verweigern konnte. Zwar machte seine Lebensweise einige Schwierigkeiten und die arme Wetti hatte es nicht leicht mit ihm. Sie beklagte sich oft bei Frieda. Der alte Rabbiner schlief nämlich in einer Wanne, in der das Wasser immer warm gehalten wurde. Wetti mußte also nachts zweimal aufstehen, um im Badeofen nachzulegen. Dafür war der alte Gelehrte nun auch sehr zufrieden, nannte sie sein gutes Waverl, und lachte ihr freundlich zu, wenn er behaglich in seinem warmen Wasser lag. Auch an Trinkgeldern ließ er es nicht fehlen. Übrigens erwies er sich bald als nützlich. Die Königin-Witwe wünschte den Leichnam ihres allerhöchsten Gemahls einbalsamieren zu lassen, und da stellte sich heraus, daß Dr. Feiwe diese Kunst früher eifrig als Liebhaberei betrieben hatte und sie noch immer verstand. Einzelheiten, die ihm entfallen waren, fand er im Herodot, den ein tapferes Frettchen nachts – nicht ohne Gefahr – aus der außerhalb des Kordons gelegenen Bibliothek holte. Ein anderer, weniger erwünschter Gast war Fräulein Rosa, die Besitzerin der Maison. Die Offiziere hatten in den letzten Nächten bei ihr den Champagner nur so in Strömen fließen lassen, aus Freude darüber, daß es nun endlich losginge. Ihr wurde dabei unheimlich zu Mut. Verzweifelt durchbrach sie eines Nachts den Kordon und verlangte Einlaß im Bungalow. Sie wünschte Dr. Karfunkel zu sprechen. Was sollte man tun? Postel befahl, sie zu ihm einzulassen, da der alte Schwätzer ja jetzt doch nichts mehr schaden könne. Dr. Karfunkel soll äußerst erstaunt und zunächst nicht angenehm berührt gewesen sein über den Besuch seiner einstigen Freundin. Von ihr erfuhr er erst, daß die Revolution, über die er noch vor kurzem gewitzelt hatte, nun wirklich ausgebrochen sei. Seine Federn sträubten sich vor Angst. Dann sei er plötzlich – so erzählte die ihm beigegebene Katze – wie ein Kind an Rosas Busen gesunken und habe gejammert: »Das müssen wir alten Leute noch zusammen erleben! Wer hätte das je geglaubt!« Rosa habe, über diesen Ausbruch gerührt, Tränen vergossen. Dann erzählte sie, daß der ausgeschamte Schakal Poldi, der ausgeschamte, sich seit einiger Zeit nicht mehr habe blicken lassen. (Sie wußte nicht, daß er verhaftet war, nachdem ihn einer unserer Leutnants in der Maison mit dem Ohr an einer Tür gefunden und als gedungenen Zwischenträger Mr. Pumas entlarvt hatte.) So war es ihr gelungen, die Kasse zu retten. In der Tat trug sie über dem Bauch einen klirrenden Sack. Moische Schönheit sei in der Maison zurückgeblieben und erkläre allen Leuten, er verstehe nichts von Politik und Revolution; so hoffe er die Maison während der Stürme die nächste Zeit durchhalten zu können. Dr. Karfunkel mußte wieder lächeln. Er lobte Rosas Klugheit und versprach: »Wenn wir aus dem Schlamassel herauskommen, dann heiraten wir.« »Arthur!« seufzte Rosa, denn so hieß Dr. Karfunkel mit dem Vornamen. Es versteht sich, daß die ihm beigegebene Katze nun anderweitig verwendet werden mußte. In der mit Arbeit für die vielen Gäste überbürdeten Küche fand sie unter der Herrschaft des Ebers genug zu tun. Das späte Idyll zwischen Dr. Karfunkel und Rosa wurde indessen nicht gestört. Natürlich speisten sie für sich auf ihrem Zimmer. – Noch über einen Hausgenossen ist zu berichten, den jungen Tapir. Er stand überall hemmend im Weg, schwatzte bald in der Küche, bald mit den Offizieren und erzählte jedem, er habe sich schon vormerken lassen für die Verhandlungen des Friedenskongresses, da man dabei sicher französisch sprechen würde, und das könne er aus dem ff. In den letzten Tagen vor unserem ersten Sturmangriff spielte sich noch eine rührende Szene ab. Ein altes Steinadlerpaar erschien und wünschte »den Herrn Regenten« dringend zu sprechen. Sie machten einen recht herabgekommenen, geschundenen Eindruck. Das Männchen hatte sich etwas an den Hals gebunden, was erst nicht recht erkenntlich war, weil es immer rutschte. Das Weibchen rückte es stets wieder vorsorglich zurecht. Die Beiden meldeten nichts geringeres an, als ihre Anwartschaft auf den freigewordenen Thron. Sie legten Papiere vor, darunter notariell beglaubigte Abschriften von Hagenbeckschen Kaufverträgen und Rechnungen, aus denen sie beweisen wollten, daß dem Steinadler für den Fall des Ablebens des Königs Nebukadnezar die Thronfolge versprochen worden sei. Richtig ist, daß Hagenbeck den verstorbenen älteren Bruder des Steinadlers früher einmal für den Thron empfohlen hatte. Nun meinte der Alte, dadurch sei dessen Anspruch auf ihn übergegangen. Fast mittellos, habe erst sein hochseliger Bruder und nun er mit seiner treuen Gemahlin auf den Tag gewartet, der den Glanz seines Hauses weithin erstrahlen lassen solle. Er deutete auf das Ding an seinem Hals, welches sich nun als der ausgestopfte Kopf des hochseligen Bruders erwies, und mit dem er sich das gewaltige Äußere eines zweiköpfigen Adlers hatte geben wollen. Als Postel die Haltlosigkeit dieser Thronansprüche mit Hinweis auf die reichliche Nachkommenschaft Nebukadnezars dargelegt hatte, blickte sich das alte Paar so traurig an, daß es Postel ins Herz schnitt. »Wenn ich etwas anderes für Sie tun kann,« sagte er, »sehr gern ...« Der Adler schwieg in verlegenem Stolz, aber sein Weibchen stieß ihn an und ermunterte: »Nun sag's doch, August.« »Vielleicht ist der Titel Vizekönig und ein kleines Jahresgehalt möglich ...« stotterte er. »Aber gewiß, gewiß,« erwiderte Postel gütig. Er fertigte gleich ein Schriftstück aus, das er siegelte und dem Adlerpaar überreichte. Es erfüllte ihre Wünsche. Sie horsteten von nun an in einer Dachkammer, wo sie bis zu ihrem baldigen Untergang noch eine kurze glückliche Zeit verlebten. Die mitleidige Frieda ging manchmal zu ihnen hinauf, und es gelang ihren geschickten Pfötchen, dem Alten den zweiten Kopf so gut zu befestigen, daß es wie natürlich aussah und er beglückt den ganzen Tag in den Spiegel schaute. Frieda aber redeten die beiden Alten immer Frau Hofgeschichtsschreiberin an, was sie mir voll Entzücken erzählte. O vanitas, vanitatum vanitas! Auf alle Fälle waren wir nun eine recht bunte Gesellschaft im Bungalow, die unter weniger bedrohlichen Verhältnissen sehr interessant hätte sein können. So aber wurde bei Tisch wenig gesprochen. Nur der alte Steinadler redete viel. Er hatte noch die Kaiserkrönung Napoleons I. mitgemacht. »Merkwürdig,« dachte ich bei mir, »daß jemand, der so viel gesehen und erlebt hat, nicht interessanter zu erzählen versteht,« denn schließlich lief alles, was er sagte, immer wieder auf langweilige genealogische und besonders heraldische Fragen hinaus. Gleich in den ersten Tagen machte er mit seiner Frau einen Besuch bei der Königin-Witwe, die sie aber etwas frostig empfangen haben soll. Frieda hatte vorher wiederum bei der schwierigen Kopftoilette helfen müssen. Kurz bevor die Feindseligkeiten begannen, erhielten wir noch einmal Nachrichten aus dem Lager der Feinde, wo innere Zwietracht herrschte. Der Zaunkönig nämlich hatte eine nicht unbeträchtliche Gruppe von Tieren um sich versammelt, die sich gegen die Republik erklärten, vielmehr ihn auf den Thron erheben wollten. Alle kleinen Nagetiere, Eichhörnchen, Wiesel, Ziesel, Nörze, viele Vögel und Insekten waren auf seiner Seite, vorwiegend lustiges Getier, dem der Puritanismus des Pumas zuwider war. Die Aussichten des äußerst volkstümlichen Zaunkönigs sollen gar nicht schlecht gewesen sein, als in einer Volksversammlung im Onyxsaal des Kaimanschen Warenhauses der Puma im Tone tiefer Betrübtheit erklärte, er sei traurig erklären zu müssen, daß das Privatleben seines ehrenwerten Gegners nicht ganz rein sei. Der Zaunkönig lachte darüber laut und unbekümmert. Es war aber tatsächlich nicht zu leugnen, daß er, der in seinem sorgfältig von der Gattin betreuten Nest aus Moos, seinen Würzelchen und dürren Blättern ein musterhaft geordnetes Familienleben führte, daneben noch mehrere, höchst liederlich gebaute Nester hatte, in die er seinem Weibchen grundsätzlich nicht den Zutritt gestattete. Diese Enthüllung, die Mr. Puma im einzelnen nicht selbst machte, sondern (wohl auf Bestellung) die Henne Vera, erregte nun freilich die Versammlung aufs höchste. Seine Anhänger bestürmten den Zaunkönig, sich gegen solche Angriffe zu verteidigen. Er hüpfte auch ganz lustig auf die Rednerbühne, setzte sich zwischen die Lampe und das Wasserglas und erklärte leichten Sinns diese Nester seien bloß Spielnester, in denen gar nichts schlimmes geschehe. So naiv aber war niemand, das zu glauben. Unter dem Geschrei der Versammlung mußte der Zaunkönig sich zu seinen Freunden flüchten, die seine Verteidigung auch nicht zu befriedigen schien. Nun sprang ein Hermelin an seine Stelle auf die Rednertribüne und rief mit durchdringender Falsettstimme, es wolle zu der noch nicht hinreichend geklärten Privatmoral des Herrn Vorredners keine Stellung nehmen, vielmehr sei es ihm um einen Grundsatz, nicht um eine Person zu tun. »Wir,« so rief es kühn, »verlangen einen König, oder – den Frieden mit dem Gegner!« Diese Worte hatten zweifellos große Wirkung, die verriet, wie schwache Wurzeln doch die republikanische Idee in den Herzen des Volkes geschlagen hatte. Da aber führte Mr. Puma seinen Meisterschlag aus. Leberleidend, wie er immer war, trug er stets einen Laubfrosch als Eisbeutel im Rücken. Diesen zog er wütend hervor, warf ihn unter die Versammlung und schrie: »Dann macht diesen hier zum König!« Der Frosch fand sich schnell in seine Rolle und quakte: »Ach ja ... ach ja!« Das bewirkte einen solchen Heiterkeitserfolg, daß die Idee des Königtums selbst in Lächerlichkeit erstickt wurde. So rettete Mr. Puma die Situation für sich, weniger durch seine Persönlichkeit, als dadurch, daß es keine andere Persönlichkeit gab. 4. Kapitel Untergang und Erleuchtung Der Sturmangriff, den unser Generalstabschef geplant hatte, wurde ausgeführt. Ich entnehme die Einzelheiten der Schilderung den Berichten der Meldeoffiziere, die während der Schlacht dauernd im Generalstabszimmer des Bungalows aus- und eingingen, wo ich meinen Schreibtisch neben Postel und Sturmfeder hatte. Eines Morgens führten unsere kühnen Offiziere die laut brüllenden Hornviehherden gegen das Warenhaus. Die Eisenläden vor Tor und Fenstern hielten dem furchtbaren Ansturm der Hörner nicht stand. Die Scheiben klirrten zusammen, und von allen Seiten gleichzeitig brachen unsere Stiere, Büffel, Bisons, und hinter ihnen die Elefanten auf die im Onyxsaal gerade zu einer Ansprache versammelten Tiger, Leoparden, Panther und Marder ein. Zunächst entstand eine allgemeine Panik, während der Mr. Puma als Erster an einem Kandelaber hinaufkletterte, von der aus er im Sprung die Galerie gewann. Von hier aus befeuerte er seine Truppen, die schnell ihre Geistesgegenwart wieder fanden und sich wütend auf das Hornvieh stürzten. Sehr viele von ihnen wurden niedergetrampelt, so daß man ihre Knochen knirschen hörte. Andern aber gelang es auf die Nacken und Rücken der Edelhirsche, Stiere und Büffel zu springen, und sich dort zu verbeißen, so daß schwarze Blutströme über die Felle rannen. Oft kam ein Nebenmann einem also Gequälten zu Hilfe und stieß dessen Peiniger ein Horn in den weichen Bauch, aus dem dann die blutenden Gedärme hervorquollen. Manches so zugerichtete Raubtier ließ nun von seinem Opfer ab und schleppte sich fort, seine Eingeweide am Boden herziehend, um in einer Ecke heulend zu verenden. Ein fürchterlicher Brodem von Blut und Schweiß erfüllte den Saal und ein Gebrüll erscholl, als sei die Natur selber wahnsinnig geworden und kreische auf durch die Schlünde ihrer stärksten Geschöpfe. Mr. Puma stand auf der Galerie und schrie unverständliche Worte zwischen die Kämpfenden. Viel mutiger benahm sich Asta, die Königstigerin. Sie stand unerschütterlich auf der Rednerbühne, von wo aus sie alles übersah, und leitete selbst den Kampf. Von den Treppen neben und hinter ihr fluteten immer neue Tiere in den Saal, denen sie furchtlos die besten Angriffspunkte wies. Da gelang es plötzlich einem Bison, sich den Weg zu ihr frei zu machen. Den ungeheuren Schädel fast bis zum Boden gebeugt, gelang es ihm, ihrer von unten habhaft zu werden, und sie auf seinen Hörnern aufzuspießen. Ihr herrliches helles Fell war im Nu blutüberströmt. Der Puma brach auf der Galerie in ein gräßliches Geschrei aus, kam ihr aber nicht zu Hilfe. Dagegen biß ein kühner Leopard dem Bison ins Gemächt, so daß er aufbrüllend zu Boden fiel. Asta wurde von Panthern von den Hörnern ihres Gegners heruntergezogen und lag nun am Boden, geschützt von einem Kreis fauchender Katzen. Noch einmal erhob sie ihr in diesem Augenblick wahrhaft majestätisches Haupt und schrie mit einer hohen, schon hysterisch überspannten Stimme, die allen Lärm wie ein Blitz dumpfes Gewölk durchdrang: » Vive la liberté! « Dann sank sie zurück und verschied. Dieser wirklich erschütternde Augenblick brachte den Kampf kurz zum Stehen. Auch unsere braven Truppen erhoben die schweren, blutübertrieften Köpfe und horchten auf so unerhörten Laut. Der Tod ihrer Führerin verwirrte die Feinde sichtlich. Vergebens brüllte der Puma: » Never mind – go on – go on, « aber diese kümmerlichen Worte hatten keine Wirkung mehr nach jenem Beispiel von Heldentum, das man eben erlebt hatte. Die Truppen des Feindes wären nun ohne Zweifel erbarmungslos von den Unseren niedergetrampelt worden, wenn nicht plötzlich einer Meerkatze aus Astas persönlichem Dienst gelungen wäre, eine Seitentür einzuschlagen, aus der nun – offenbar verspätet – ein bunt geflecktes und gestreiftes Geringel von Giftschlangen hervorbrach. Die kleinen Vipern und Ottern schossen auf unsere Truppen zu, die großen krochen langsamer, aber furchtbar züngelnd heran: schwarz und gelb gefleckte Klapperschlangen, hellgelbe Brillenschlangen, mit Zacken gezeichnete Kreuzottern und purpurn und himmelblau geringelte Korallenschlangen. Als dies unser Oberst sah, gab er schnell entschlossen den Befehl der Ablösung vom Feind. Diesen Angriff abzuwarten, hätte geheißen, unsere tapferen Truppen nutzlos zu opfern. Was von dem halb zerrissenen Hornvieh noch laufen konnte, kehrte um und gewann über Haufen von Leichen das Freie. Auf die Schlangen aber stürzte sich jetzt unsere wackere Mungoschar und richtete großen Schaden an. Die Opossums machten sich über das kleine Raubzeug her, das sich nun hervorwagen konnte, ohne befürchten zu müssen, zertrampelt zu werden. Ihre Taktik, sich tot zu stellen, bewährte sich gut. Der Gorilla mit seinem Menschenaffen war bis auf die Galerie gelangt. Ihn gelüstete, ein Wort mit Mr. Puma selbst zu reden, aber dieser war plötzlich spurlos in einem feuer- und einbruchssicheren Geldschrank verschwunden, den er sich für alle Fälle vorher mit einem Luftloch und Nahrungsmitteln hatte versehen lassen. So mächtig der Gorilla daran rüttelte, gegen dieses Wunderwerk der Zivilisation war seine Urkraft ein Nichts. Wohlweislich zog auch er sich mit den Seinen zurück, als er die völlige Unmöglichkeit einsah, in diesem Augenblick sein Ziel zu erreichen. Gänzlich unsichtbar geblieben war der Alligator Siegfried. Offenbar glaubte er wirtschaftlich genügend beigesteuert zu haben durch Überlassung seines teuren Onyxsaales als Schlachtfeld. So ging dieser erste Schlachttag vorüber. Wir setzten uns abends zu Tisch, in der Meinung, einen Sieg zu feiern. Unser Bericht, der überall angeschlagen wurde, enthielt die volle Wahrheit: der Kampf war ausschließlich auf feindlichem Boden ausgefochten worden und hatte dem Feind ungeheuren Verlust an Truppen und Material gebracht. Die Haupturheberin der Revolution, Asta, war gefallen. Auch wir hatten wohl Verluste zu beklagen, die aber in keinem Verhältnis zu denen der Gegner standen. »Bei denen drüben mag es jetzt übel aussehen!« sagte bei Tisch Sturmfeder. Wie staunten wir aber, als uns gegen 10 Uhr die Nachricht kam, daß drüben ebenfalls Sieg gefeiert wurde. Das Warenhaus und die angrenzenden Straßen waren farbig erleuchtet, von festlicher Menge durchflutet. Man riß sich um die Sonderausgabe des »Wahrheitsbrüllers.« Der aber verkündete, der Feind sei unter furchtbaren Verlusten zurückgeschlagen, die eigenen Truppen hätten den Kampfplatz behauptet, das feindliche Unternehmen sei als völlig gescheitert zu betrachten. Von uns begriff das niemand, selbst unser schlauer Minister Reinhardt nicht. Nur der alte Rabbiner wunderte sich nicht. Vor sich hin lächelnd, sagte er nur: »Kriegspsychologie.« Mit Postel, der den ganzen Abend sehr wortkarg und niedergeschlagen gewesen war, stand ich kurz vor dem Schlafengehen noch eine Viertelstunde auf der Galerie des Bungalows unter einem klaren Sternenhimmel. »Nun, und wenn wir siegen sollten, unwidersprochen siegen sollten,« sagte er, »was dann? Mein Werk ist zerstört. Während die da drüben den Tieren die Menschenrechte verkünden, bereiten sie in Wahrheit den völligen Rückfall in die Tierheit.« »Aber das wird eben unser Sieg unmöglich machen!« rief ich, von Sturmfeders Zuversicht stark gemacht. »Aber wieso denn?« fragte Postel, »haben wir uns nicht ihnen schon unterworfen, indem wir den gräßlichen Krieg überhaupt mit ihnen führen? Ich wollte das Menschentier schaffen, nun muß ich selbst, wenn wir nicht untergehen wollen, das Tier wieder entfesseln.« »Ja, aber doch nur vorübergehend und im Rahmen unserer eisernen Disziplin.« »Gleichgültig, du wirst sehen, wohin das führt. Ein Rückfall bleibt es. Mit dem Menschentier ist es nichts und mit dem Tiermenschen auch nichts.« »Ja, das Tier muß eben überwunden werden.« »Das sagst du, der Dachs?« erwiderte Postel; höhnisch fügte er hinzu: »Ja so, ich habe ganz vergessen, daß du jetzt Geschichtsschreiber bist. Aber warum gehst du nicht gleich zu den Menschen zurück?« »Zu den Menschen?« fragte ich, »um keinen Preis. Ist es denn bei denen besser? Die zerfleischen sich doch zur Zeit auch im Weltkrieg, und was sie nachher tun werden, das ist sicher auch wenig verlockend.« »Also was muß überwunden werden?« fuhr Postel fort, »das Tier? Nein, der Mensch.« »Sollen wir lieber ganz vertieren?« »Das gewiß nicht; aber es muß ein anderer Weg gefunden werden mit Umgehung, mit Überspringung dieses mißlungenen Dings, das man Mensch nennt.« »Das verstehe ich nicht!« »Und gerade du wirst es verstehen, der du jetzt an der Grenze stehst, wo auch du weiter weder Tier noch Mensch sein kannst. Schau nur einmal recht tief hinein in deinen Abgrund!« Ich erschrak. Zu den Menschen zurück? Unmöglich. Mich in die Erde vergraben und ganz verdachsen? Ebenso unmöglich. Postels Reich, wo ich allein noch zu leben vermochte – und wie glücklich! – stand vor dem Untergang. Das war klar, wenn sein eigener Schöpfer so redete. Wohin also? Mich in den Kampf stürzen und ruhmvoll untergehen? Für was? Für das Reich der Menschentiere oder Tiermenschen, dessen Untergang in der Idee ich gerade eben begriffen hatte, woran sein etwaiger Sieg im Stoff nichts ändern konnte? »Zeig mir einen Weg!« rief ich verzweifelt aus. »Noch ist nicht Zeit,« antwortete er, »aber halte dich bereit!« In diesem Augenblick hörte man ein mächtiges Flügelrauschen. Der Sternenschimmer verdunkelte sich, und auf der Galerie neben Postel ließ sich ein ungeheurer schwarzer Kondor nieder. »Endlich!« rief Postel, wie aus einem bösen Traum erlöst, »endlich, Meister, bist du zurückgekehrt! Lange genug habe ich geharrt auf das Wort!« Ich erschauerte und meine Blicke hefteten sich in die funkelnden Augen des Vogels, dessen Kopf kühn wie aus einer Halskrause von buntem Gefieder hervorwuchs. »Das ist der Retter!« wußte ich. »Laß uns allein,« flüsterte Postel. Ich ging auf mein Zimmer. Frieda erwartete mich mit der gewohnten zärtlichen Ungeduld. Zum ersten Mal fühlte ich mich in meilenweiter Ferne von ihr; nicht als ob meine Gefühle zu ihr abgekühlt oder gar erstorben gewesen wären. O, sie waren da wie immer; aber mein Selbst war nicht mehr in diesen Gefühlen. Ich sah mir zu, wie ich Friedas Zärtlichkeiten empfing und erwiderte, aber mein Selbst schwebte wo ganz anders. Die Gute hat kaum etwas davon bemerkt, denn daß ich etwas ernster und stiller war, als sonst, entsprach ja nur zu sehr der äußeren Lage. Die Nacht über schlief ich nicht. Mir fiel ein, daß mir Postel am Anfang meines Aufenthaltes im Tierreich erzählt hatte, auch er habe einen Meister, der ihn von Zeit zu Zeit besuche und ihm stets »das Wort« bringe; er nannte ihn, den in der heutigen Welt höchstfliegenden Weisen Zarathustra. Den schwarzen Vogel hatte er Meister angeredet; und war nicht der Kondor das sich am weitesten erhebende Tier? Von den höchsten Bergspitzen der Erde stiegt er noch einmal ebenso hoch in den Azur. Ich fühlte: diese Nacht ist entscheidend für Postel, für mich, für uns alle; der Welt wird ein neues Wort gebracht: aller Kleinmut war von mir geschwunden. »Schau nur einmal tief hinein in deinen Abgrund!« hatte Postel gesagt. Das wollte ich nun furchtlos tun. Ich wußte ja schon das Eine: es gibt kein Zurück, weder zum Menschen, noch zum Tier. Also: nur ein Vorwärts, ein Aufwärts zur höchstfliegenden Weisheit des geheimnisvollen Meisters! Aber meine Dachshaftigkeit? Ich fühlte sie nicht im mindesten mehr als Hemmnis in jener außermenschlichen Wunderwelt als jede andere Form. Unter Menschen nur ein Dachs ... aber dort ... die Letzten werden die Ersten sein. Täglich wurden nun Sturmangriffe gemacht, wie der beschriebene. Der Erfolg war jedesmal derselbe. Wir brachten dem Feind ungeheure Verluste bei und zogen uns abends in unsere Stellungen zurück, was er als Flucht nach ergebnisloser Anstrengung deutete. Dieses ewige Einerlei der äußeren Dinge, so gräßlich es war, wurde geradezu langweilig. Den Anblick der zurückkehrenden, oft halb zerfleischten und zerfetzten Tiere vermied man möglichst als etwas äußerst Widerwärtiges und Unabänderliches, aber erschüttert oder siegesfroh, wie am ersten Tag, war man bald nicht mehr. Hatte ich schon früher gern die Blicke von außen nach innen gewendet, so tat ich es jetzt, einer so entsetzlichen Wirklichkeit gegenüber, fast ausschließlich. Der äußere Kampf und seine Ergebnisse wurden mir fast gleichgültig, dagegen wartete ich hochgespannt auf jedes Wort Postels, denn ich wußte: nur von ihm konnte mir die Lösung des Rätsels all dieser nutz- und sinnlosen Greuel kommen. Der Kondor muß nach kurzer Zwiesprache noch in derselben Nacht, in der er gekommen, das Bungulow verlassen haben. Von Postel war indessen seine Traurigkeit völlig geschwunden. In stiller Heiterkeit saß er zwischen uns und den Greueln, die jeder Tag brachte, gegen keinen und nichts lieblos, aber doch so, als sei er schon von einer anderen Welt. Fragen an ihn zu stellen, wagte niemand. Aus dieser inneren Hochspannung wurde ich durch neue, noch gräßlichere äußere Ereignisse herausgerissen. Eines Abends führte mich Postel wieder auf jene Galerie, wo neulich der Kondor erschienen war und sagte: »Nun ist es soweit, die völlige Auflösung beginnt. Angefangen hat es mit den Hyänen. Du weißt, sie sind unsere Totengräber. In den ersten Tagen haben sie sich auch noch gut gehalten und Leichen beider Parteien von dem Schlachtfeld geräumt. Jetzt bemühen sie sich nicht einmal, sie bis zum abseits gelegenen Friedhof zu tragen, geschweige denn zu begraben, vielmehr ...« Postel hielt inne. »Was tun sie mit ihnen?« fragte ich in banger Ahnung. »Nun, was sie außerhalb unseres Staates zu tun pflegten, sie nähren sich davon!« »Scheußlich,« sagte ich. »Aber das ist noch nicht alles. Das Beispiel hat angesteckt. Alles, was früher Aas zu fressen gewohnt war, schleicht nachts aus beiden Lagern auf die Schlachtfelder und mästet sich am Fleisch der Feinde und Kameraden. Zuerst kamen die Geier – Herr Moische Schönheit, der sonst nicht koscher genug gekocht haben konnte, gab das Zeichen dazu – andere Vögel folgten, besonders Raben und Krähen; sehr zahlreich sind die Ratten, selbst die aus unserer eigenen Wirtschaft sind dabei; die Krebse aus der Schneiderei des Hummers ließen auch nicht lange warten, und zuletzt kamen, dafür in um so größerer Schar, die Käfer. Die Hälfte der Angestellten unserer Druckerei geht hin. Und stell' dir vor: heute früh hat man vor der Dachkammer des alten Adlerpaares, das sich bisher so anständig hielt, stinkende Haufen von Knochen und Gewöll gefunden. Alle Tiere fallen in den Urzustand zurück. Unsere Stiere haben bereits die ihnen vorgesetzten Hirsche angegriffen. Die Iltisse und Frettchen unserer Polizei schnuppern dauernd um die Schule, nicht mehr weil sie bei den Hähnen und Hennen aufrührerische Gesinnung vermuten, sondern weil sie in ihnen schmackhafte Braten wittern. Unser alter Metzger, der Wolf, ist in die Maison eingebrochen, nicht etwa aus irgend einem harmlosen Johannistrieb, sondern um dort einige Lämmer zu zerreißen. Ich könnte dir noch viele Beispiele sagen. Nur noch dieses eine: Ihre Majestät steht selbst in dringendem Verdacht, heute Nacht mit ihren Jungen die ganze Familie unseres Schneiders zerrissen zu haben. Der Guanako mit seinem Alpakkaweibchen und der sofaähnlichen Tochter wurden heute früh halb aufgefressen in ihrer Werkstatt gefunden. Die Blutspuren führen zum Palast bis vor die Zimmer der Königin, die den ganzen Tag ihre Gemächer nicht verlassen hat. Kurzum, der Staat löst sich zusehends auf!« »Schauerlich!« sagte ich. »Schauerlich?« fragte Postel überlegen, »meinetwegen, dann leben wir eine Zeit lang in Schauern. Was liegt daran?« »Aber dein eigenes Werk, der Tierstaat?« »Geht zu Grunde, wie jede Übergangsform. Wäre es nicht gräßlich, wenn das Leben stillstünde, das Werdende in einem endgültigen Sein erstarrte, statt zu vergehen und neues Werden zu gebären? Du glaubst nach an Sein und Tod. Für meinen Blick aber ist alles Sein nur noch ein wechselnder Schein, und darum gibt es auch keinen eigentlichen Tod. Stirb und werde!« Mit dem Verstand begriff ich diese Worte, im Inneren fühlte ich Schauer vor ihrer Erhabenheit; aber sie mir zu eigen machen, ihnen zu folgen, vermochte ich noch nicht. Mehr wollte Postel fürs Erste nicht sagen. In den nächsten Tagen trat das Schauerliche des äußeren Geschehens in seine letzte Phase: Die Insekten der Feinde waren bis zu uns vorgedrungen. Mit Flöhen, Wanzen, Läusen fing es an. In keinem Bett fehlte das Ungeziefer, selbst die Königin-Witwe, die äußerlich trotz dem furchtbar auf ihr lastenden Verdacht noch einwandfrei zu leben schien, sah die erste Wanze ihres Lebens, die sie anfangs für ein Marienkäferchen hielt und auf einem Blumentopf pflegte. Erst als die Tierchen in Massen auftraten, bissen und stanken, mußte ihr der Pinguin, nach wie vor ihr Kammerherr, vorsichtig die Wahrheit über die Tierchen sagen, die sie anfangs in königlicher Umgebung für unmöglich hielt. Gegen die Plage half noch reichliche Anwendung von Insektenpulver. Bedenklich wurde, als die ersten Skorpione sich von der Decke fallen ließen. Auch davor konnten wir im Bungalow uns noch durch Netze schützen. Furchtbar dagegen litten unsere Truppen: Giftfliegen, Hornissen, ja vereinzelte Tsetsefliegen bedeckten sie und machten sie kampfunfähig. In die klaffenden schmerzenden Wunden nistete sich das wimmelnde Geziefer und barg dort seine Brut. Dauernd wurden die gequälten Tiere mit kaltem Wasser besprengt. Unsere eigenen Insekten, die Bienen, vergaßen ihre Pflichten als Sanitätssoldaten, bedrohten uns vielmehr selbst. Nicht anders gebärdeten sich die Hummeln und Wespen. Immer gefährlichere Insekten rückten heran. Meine arme Frieda wurde das Opfer eines indischen Sandflohs. Trotz meiner wiederholten Warnung war sie immer wieder barfuß im Schlafzimmer umhergelaufen. Eines Tages war ihr linkes Hinterfüßchen etwas geschwollen. Sie weigerte sich, Grödling rufen zu lassen, es ginge auch so vorüber. Am Abend war schon das ganze Bein von der Geschwulst ergriffen. Grödling mußte sofort zur Amputation schreiten, konnte nicht einmal die Sicherheit geben, daß das Gift nicht schon in den Rumpf vorgeschritten sei. Ich verbrachte die bängste Nacht meines Lebens an Friedas Leidenslager. Nun fühlte ich wieder, wie eng wir miteinander verwachsen waren, aber gleichzeitig wurde mir immer gewisser, daß ich sie jetzt verlieren würde, daß sie zu dem alten Leben gehörte, das vor meinen Augen zugrunde ging, daß mein neues Werden sich ohne sie verwirklichen müsse. Während ich bei der mit einem starken Schlafmittel Betäubten wachte, jedem Atemzug folgend, und dachte: »O ich verzichte auf alles neue Werden, wenn nur sie mir noch eine Zeit lang im alten Sein erhalten bleibt«, da fühlte ich plötzlich ein scharfes Gekribbel auf dem rechten Oberarm. Grödling hatte uns alle eindringlich davor gewarnt, in solch einem Falle gedankenlos an die kitzelnde Stelle zu greifen. Ich schlug also vorsichtig, aber zitternd, den weiten Ärmel des Nachthemdes zurück und sah im Schein der Nachtlampe ein schauderhaftes, schwarzes Tier, wie einen vielfüßigen dicken Wurm, gut einen Fuß lang, auf meiner Haut sitzen. Das war der so gefürchtete indische Tausendfuß oder Skolophender. Gerade von ihm hatte Grödling voll Befürchtung gesprochen. Erschreckte man das die Körperwärme suchende Tier durch die leiseste Bewegung, dann krampfte es sich ins Fleisch und ließ nicht mehr los. Schnitt man auch dann den Leib mit dem Messer weg, die zahllosen feinen Füße waren durch nichts zu entfernen und bildeten scheußliche, schließlich das ganze Blut verseuchende Geschwüre. Hielt man aber ruhig aus, dann war gewiß, daß das grauenhafte Tier sich nach einiger Zeit wieder entfernte. Zwei Stunden saß ich nun still, nachdem ich vorsichtig dem Arm eine Stuhllehne untergeschoben hatte. Das Ungeheuer rührte sich nicht. Diese mir wie ein Wunder aufgezwungene bewegungslose Ruhe in dem Augenblick, wo das Teuerste, das ich besaß, neben mir aus diesem Leben hinüberschlief, war die Stunde, in der ich den tiefsten Blick in den Abgrund des Seins tat; Tod und Verwesung, hoffnungsloses Seelenleid und bohrender Körperschmerz bedrohten mich so überwältigend, daß ich laut, aber in starrer Bewegungslosigkeit verbleibend, schrie: »Nein, ich will nicht mehr«. Da wurde mir plötzlich gewiß, daß man alles Grausen des Daseins mit furchtlosem Wissen und Willen genau so sicher bewältigen kann, wie diesen Tausendfuß, der noch immer ohne sich zu rühren, auf meinem Arm saß. Machte ich ihn durch meine eisige, äußere Ruhe nicht völlig unschädlich? Was geschah denn eigentlich? Ich saß zwei Stunden in der Nacht still und dachte an die ewigen Dinge. War das ein Unglück? Nicht vielmehr das Beste, was es gab? War das ganze Entsetzen vor diesem Ungeheuer nicht von mir geschaffen, so wie ich mir jetzt diesen Ewigkeitsblick schuf? Ich habe also die Wahl: ich bin frei, entsetzliche Endlichkeit oder tiefblickende Unendlichkeit zu leben! Der Tausendfuß selbst ist keine Wirklichkeit. Nur, wenn ich meine Hand, in irrem Selbsterhaltungstrieb nach ihm greifen lasse, nur dann bohrt er sich, oder vielmehr bohre ich ihn, das willenlose Werkzeug meiner rasenden Hand in mein Fleisch. Ich bin also frei, frei von dem um mich zerfallenden Leben, ja von dem neben mir zu Tod verwundeten Tierleib, denn auch meine Liebe zu Frieda ist mein Geschöpf. Diese Liebe bin ich selbst; in leiblicher Verstrickung habe ich sie an das gebrechliche Ding Frieda geknüpft, und ich entknüpfe sie nun wieder, sie in mein unendliches Selbst zurückziehend. Wozu brauche ich noch Friedas Verkörperung in einem Tierleib, wenn meine Liebe und mein Selbst eins sind? Fort mit allem, meinetwegen auch mit dem eigenen Tierleichnam! Mit großem Interesse betrachtete ich nun den Tausendfuß und bewunderte den Reichtum seiner zahllosen Glieder. Auch er, der eben noch der bittere Feind meines Lebens schien, so wie Frieda seine süße Freundin, auch er war, so wie er da saß, nichts als ein gleichgültiger Tierkadaver wie mein eigner Leib, wie die sterbende Geliebte an meiner Seite. Das Nachtlicht erlosch. Ich sah und fühlte nichts mehr. Ich schlief ein. Im Morgengrauen trat Grödling ein, um die Operierte zu sehen. Ich erwachte. »Was haben Sie denn?« fragte er mich. Noch saß ich in derselben Stellung wie in der Nacht, den bloßen Arm auf eine Stuhllehne gestützt. Der Tausendfuß war nicht mehr zu sehen. Eben wollte ich Grödling davon berichten, als er etwas erschreckt an Friedas Bett trat. Sie war kalt. Ich schaute ihn ruhig an, als er es mir sagte und beugte mich dann über sie, meinen menschlichen Tränen freien Lauf lassend. Man ließ mich tagsüber bei ihr. Postel kam gegen Mittag und drückte mir die Hand. So aufrichtig mein Schmerz um sie war, die Erlebnisse der Nacht blieben in ihrer Macht bestehen. Ich wußte, daß ich zusammen mit Frieda den Tod meines früheren Lebens gestorben war. Ich hielt mich nicht zurück, ihm nachzuweinen, wie auch der bei einem Abschied weint, der dabei doch unerschütterlich entschlossen ist, die Reise in die ungewisse Fremde zu machen. Draußen überstürzten sich nun die Ereignisse. Am selben Tag gelang es dem Gorilla, der Tag für Tag nichts anderes im Sinn gehabt hatte, den Puma im Kampf zu stellen. Der hatte gerade einen Leitartikel für den »Wahrheitsbrüller« diktiert und dann plötzlich in einem Anfall von Wildheit der Maschinenschreiberin, einer Antilope, die Gurgel durchgebissen. Die ihm durch seine puritanische Erziehung auferlegte Selbstbeherrschung verließ ihn auch hier nicht ganz. Ehe er sich der Gier seines Blutdurstes an der Ermordeten in sicherem Behagen zu überlassen wagte, schlich er vorsichtig an die Tür, um sie zu verriegeln. Da trat dem nach allen Seiten Spähenden plötzlich der Gorilla gegenüber, umschlang ihn mit seinen ungeheuren Armen und erwürgte ihn. Ein Mungo überfiel am selben Tag den Alligator Siegfried, der sich dauernd in der Stahlkammer des Kellers aufhielt und nur einmal am Tag die Tür öffnete, um einem alten treuen Gnu den Nachtstuhl hinauszureichen und gleichzeitig Nahrung zu empfangen. Diesen Augenblick benützte der Mungo. Den eigenen Untergang für nichts achtend, sprang er dem Alligator geradeaus ins Maul und verbiß sich in dessen Zunge, so daß Herr Siegfried unter dumpfen Würgen erstickte. Das Gnu stand wie angewurzelt dabei, half aber dann dem selbst halb erstickten Mungo aus den Zähnen des verhaßten Herrn Siegfried heraus. Damit waren wohl die Häupter der feindlichen Verschwörung sämtlich vernichtet, und unser Sieg schien gewiß. Aber was bedeutete dieser Sieg, wenn man ihn näher betrachtete? Auch bei uns war furchtbares geschehen. Einer der Auerochsen hatte sich den Befehlen des Generalstabchefs widersetzt, und als dieser ihn in Arrest zu führen befahl, folgte niemand. Vielmehr zerquetschte der Unbotmäßige unseren prächtigen Sturmfeder an der Mauer. Diese Nachrichten brachte mir gegen Abend Postel selbst in das Sterbegemach, wo indessen Frau Schupp und die gute Wetti die Leiche aufgebahrt und Kerzen angezündet hatten. Ich hörte Postel ruhig an, ohne Erschütterung, aber bereit, alles zu tun, was nötig war. »Das Kriegsglück hat sich für uns entschieden,« sagte Postel, »aber der Tierstaat ist kein Staat mehr, sondern ein zoologischer Garten, dessen Käfige offen stehen. Was bleibt uns da anders zu tun übrig, als ihn zu verlassen?« In diesem Augenblick ertönte ein furchtbares Krachen, das zugleich von draußen und innen kam. Postel riß die Türe auf; da sahen wir, daß die Hälfte des hölzernen Bungalows in einem Augenblick zusammengebrochen war. Zwischen dem zerbröckelten Gebälk der Treppe lag der Möbelauswurf der aufgeborstenen Zimmer. Hilferufe winselten uns aus allen Ecken entgegen. Die Katzen und Ratten des Haushaltes sprangen blutend wie irr auf den Trümmern umher. Der Eber in der Küche steckte mit dem Hinterteil im Schutt und brüllte laut. Nicht weniger verzweifelt wälzte sich Fräulein Rosa in ihrem Blut. Auf einem Türpfosten saß mit gesträubten Federn laut schreiend Dr. Karfunkel, während ihn das alte Adlerpaar feindselig umkreiste. Grödling und der Minister befanden sich im Erdgeschoß und schienen unversehrt; sie machten sich daran Verwundete hervorzuziehen. Postel und ich standen wie gelähmt auf dem noch erhaltenen Treppenabsatz. »Auch dies war zu erwarten,« sagte Postel schließlich. »Das ist das Werk unserer weißen Ameisen, der Termitenabteilung. Von innen haben sie das Gebälk des Hauses angefressen. Nun gibt es kein Bleiben mehr.« Postel machte sich Grödling und Reinhardt gegenüber durch Rufen bemerkbar. Diese gaben Zeichen des Staunens und der Freude. Eine Leiter lag im Garten. Man stellte sie an und Postel forderte mich auf, mit ihm hinunterzusteigen. Da fühlte ich, daß hier noch etwas war, außer meiner Person, das ich nicht zurücklassen konnte. Ich warf einen Blick auf Friedas Leiche. »Unmöglich!« sagte Postel kurz. »Denke doch ... die Hyänen ...« beschwor ich ihn. »Du hast recht,« erwiderte er. Er stieg zuerst einige Stufen hinunter. Ich trug die Leiche vom Bett ihm entgegen und so brachten wir sie mühsam hinab. Außer dem Gewinsel, das noch immer aus den nicht zu bewältigenden Trümmern zu uns drang, herrschte in der Nähe der Bungalows auffällige Ruhe. Sofort nach dem Tod Sturmfeders hatte sich alles Hornvieh am Boden gelagert oder graste in dem Garten oder stand stier umher. Niemand dachte daran, heute den Sturmangriff zu erneuern. Die ganze Umgebung sah friedlich aus wie ein Viehmarkt am frühen Morgen. Bald sah man, erst schüchtern, dann beherzter die Insassen der Maison Pompadour , die Affen des Theaters, das Geflügel der Schulen hervorkommen. Was im feindlichen Lager geschah, weiß ich nicht. Noch eine Zeit lang hörte man von dort Brüllen wie von heftigen Kämpfen. Wir suchten vergeblich noch Verschüttete zu befreien, aber ohne sie retten zu können. So erlag der Eber schnell seinen Wunden. Von Frau Schupp, Frau Hirsekorn und dem armen Vaverl war keine Spur zu finden. Sicher lagen sie unter den Trümmern begraben. »Nun aber sobald wie möglich fort von hier!« rief Postel. »Welch ein Wunder!« bemerkte ich, als Grödling und Reinhardt in ihre im Erdgeschoß liegenden Zimmer traten, um sich reisefertig zu machen, »daß gerade unsere Räume erhalten blieben.« »Kein Wunder!« sagte Postel. »Wir alle waren durch meinen Willen geschützt, so lange der Staat durch mich bestand. Jetzt aber ist mein Wille gänzlich entspannt, und wir sehen uns wieder einer wilden Tierwelt gegenüber. Sie wird sich freilich hier nicht halten können, denn mit meinem sie bändigenden Willen ist ihnen auch ihr Menschliches genommen, das sie eine Zeit lang über ihre Tierheit erhob und unabhängig von Klima und gewohnter Nahrung machte. Diese tropischen Bestien und Insekten werden nun, ihrer menschlichen Anpassungsfähigkeit wieder beraubt, hier schnell verhungern oder erfrieren. Die, welche mögliche Lebensbedingungen finden, fallen erinnerungslos in ihre Tierheit zurück. Grödling und Reinhardt werden wieder Menschen. »Und wir?« wagte ich zu fragen. »Wir beide haben nachher noch ein Wort zusammen zu reden.« Grödling und Reinhardt waren inzwischen aus ihren Zimmern zurückgekommen; Grödling sah aus wie einst, als er mich hierher gebracht hatte, trug einen Lodenrock und einen prallen Rucksack; Reinhardt hatte wieder seine grüne Schirmmütze auf und eine altmodische Reisetasche in der Hand. Aus ihren Abschiedsworten ging hervor, daß Grödling wie bisher seine Bezirkstierarztstelle ausfüllen würde. Reinhardt war auch nicht besorgt. Er konnte jeden Augenblick in fürstlichen Dienst eintreten; er kannte die ganze österreichische und ungarische Hocharistokratie. Ein Mann von seinen Fähigkeiten findet immer ein Unterkommen. Der Abschied war herzlich wie nach einer längeren, gemeinsam gemachten Reise, doch nicht empfindsam. Beide Männer gingen dem Ausgang zu. Da sahen wir plötzlich wie Dr. Karfunkel mit gellendem Geschrei aus den Lüften sie umflatterte. Lachend erlaubte ihm Grödling, sich auf seiner Schulter niederzusetzen und mit ihm in die Welt zurückzukehren. Er wird wohl dem alten Kakadu das Gnadenbrot gegeben haben. Von unseren übrigen Hausgenossen hörte ich nichts mehr. Der junge Tapir war schon nach dem Tod Astas, als die Aussichten auf einen französisch sprechenden Friedenskongreß im Tierreich schwanden, nach Berlin gefahren, um sich dem Auswärtigen Amt zur Verfügung zu stellen zum Zweck der Beeinflussung der öffentlichen Meinung in neutralen Ländern. Der alte Rabbiner lag begraben unter den Trümmern des Bungalows. Auch die klagende Stimme des Fräulein Rosa war inzwischen verstummt. Das alte Adlerpaar kreiste hoch in den Lüften. Das Gebrüll aus dem Lager der Feinde nahm merklich ab. Die Raubtiere hatten sich wohl gegenseitig vernichtet. Um uns kroch entkräftet und schläfrig allerlei Ungeziefer, aber ohne Lust zum Angriff. In den Bäumen saßen neugierig und jämmerlich frierend die Affen. Postel und ich standen allein zwischen den Trümmern des verendenden Tierreichs. Neben uns auf dem Rasen lag die Leiche meiner Frau. Überall verbreitete sich ein schauerlicher Aasgeruch. »Und nun will ich dir deinen Weg zeigen«, sagte Postel. Ich folgte ihm in den nur wenig beschädigten Keller, den Raum meiner früheren, freilich sehr geringen Tätigkeit. Hier stand noch unberührt Faß neben Faß. Am Ende des Ganges war eine eiserne Tür, die immer verschlossen gewesen war, mich aber bisher nie gekümmert hatte. Postel zog einen Schlüssel hervor und öffnete. Ich blickte in einen langen düsteren Gang, der hie und da von oben etwas Licht erhielt. »Wenn du von hier aus eine halbe Stunde weiter gehst«, sagte Postel, »gelangst du unter einer vermoosten Waldbrücke ins Freie. Dort findest du leicht einen Ort, wo du die Tote begraben kannst. Vergiß nicht, nebenan aus dem Gärtnerhäuschen einen Spaten mitzunehmen.« »Und dann?« fragte ich, als Postel schwieg, wieder etwas bang. »Dann?« antwortete Postel, »das mußt du nun selbst wissen. Du bist jetzt weit genug.« »Du sagtest doch vorhin ...« stotterte ich, »zeige mir wenigstens den Weg!« »Den Weg?« Postel lächelte. »Du glaubst nach alledem noch an den Weg? Den Weg gibt es nicht, sondern nur für jeden seinen Weg, und den kann keiner dem anderen zeigen. Nur nennen kann ich ihn dir, da ich dich so weit erkannt habe. Menschen- und Tierleben sind wie gesagt für dich so erschöpft wie für mich. Also was bleibt? Die Entwicklung zum Gotttier, wenn nicht zu noch Höherem.« Das war offenbar das neue Wort, das der Kondor gebracht hatte: das Gotttier. Es riß in mir den tiefsten Seelengrund auf, aus dem es wie eine lang unterdrückte Stimme widerhallte. »Du wirst verstehen« fuhr Postel fort, »daß jetzt nichts mehr zu sagen ist. So tief schaut keiner in den andern. Finde selbst deine neue Gestalt, die kein anderer Gott dir geben kann, nur du allein. Mir wirst du noch einmal begegnen, aber auch dann wirst du nichts mehr von mir hören, sondern nur schauen. Ob ich noch einmal eine Welt schaffen werde, weiß ich nicht, aber ich will nichts verreden, die Ewigkeit ist lang. Wenn ich es tue, so wird es eine Götterwelt sein ohne Menschenzusatz.« Postel drückte mir die Hand wie vorher Grödling und Reinhardt, und dann ging er zwischen den Fässern zurück, so daß seine Tritte in den Kellergewölben hallten. In mir waren alle Worte verstummt, aber heiß glühte neues Werden in meinem Blut. Inzwischen erfüllte ich wie eine Maschine die letzten Aufgaben des alten Seins. Ich ging wieder zwischen den Fässern zurück und stieg ans Tageslicht empor. Im Gärtnerhaus fand ich einen Spaten. Der Bock Seidel, offenbar von einem Raubtier zerrissen, schwamm in seinem Blute, an dem sich Fliegen letzten. Ein Rabe, unser alter Kammerjäger, hackte dem Leichnam die Augen aus. Ich lud mir Friedas Leiche auf die beiden Schultern, so wie auf den alten Bildern der gute Hirte das wiedergefundene Lamm trägt, und dann durchschritt ich den Gang, den mir Postel im Keller geöffnet hatte. Nach einer halben Stunde kam ich unter der vermoosten Brücke ans Licht zurück. Ich befand mich in rauschendem Sommerwald. Schnell war in der weichen duftenden Erde eine Grube geschaufelt. Ich legte sie sorgfältig mit Zweigen aus und bettete die Leiche hinein. In der Nähe fand ich Farren, sowie blaue und gelbe Waldblumen in großer Fülle. Damit bedeckte ich die Tote und schaufelte zu. Mit welken Blättern machte ich die Stelle unkenntlich. Ohne nachzudenken tat ich alles dies. Auch das Weitere ergab sich ohne jedes Besinnen oder gar Zweifeln. Ich nahm vorläufig wieder Dachsgestalt an und grub mir einen verborgenen Bau. Zeitweise vermenschlichte ich mich wieder und ging in die Städte. Einmal mietete ich mich sogar auf vier Wochen in einer nahen Stadt der Voralpen ein, empfing dort Geld und Briefe, wie früher, aß im Gasthaus; in solcher Lage schrieb ich aus pietätvollem Andenken an Postel diese Aufzeichnungen, die man finden soll, wenn ich die Tier-Menschenform ganz verlassen habe, denn dies wird geschehen, sobald der Götterkeim, der mich befruchtet hat, ausgetragen ist. Schon bin ich frei von allem, was Menschen und Tiere berührt, von ihren Tugenden und ihren Lastern, von Idealen und Sehnsucht, von allen Satzungen und Gewissensbissen, doch wandle ich lauschend, ja liebend, aber ohne Verstrickung, zwischen den Wundern des tierisch-menschlichen Seins umher, geführt von einer schattenhaften Hand, der ich mich ganz vertraue. Zu tief war mein Blick ins menschlich-tierische Leben, als daß mich von dort noch irgend etwas verwundern, versuchen oder erschrecken könnte. Für den ist das Einzelne nicht mehr gut oder schlecht, der gottwerdend im Einen Ungeschiedenen lebt. Mein Bau ist nicht ferne von der alten Stätte des Tierreichs. Sinnend besuche ich sie bisweilen, denn Sinnen ist alles, was ich jetzt tun darf, um das göttliche Wirken in mir nicht zu stören, dessen Erfüllung mir nun gewiß ist, seit ich Postel dort an einem föhnigen Nachmittag noch einmal begegnet bin, wie er verheißen hat. Gesprochen wurde nichts, aber ich habe ihn in seiner Gotttiergestalt geschaut. Von weitem hörte ich zuerst ein Schäumen und Schnauben, wie Meeresbrandung und wie Marschmusik dröhnenden Hufschlag; dann brachen wie von einem Sturmwind die Zweige prasselnd auseinander und vorüber raste mit feurigem Götterblick ein schneeweißes bärtiges Einhorn. * Diese Aufzeichnungen wurden dem Herausgeber im Herbst 1916 von Bauern des Alpengebiets übergeben. Unter folgenden Umständen sind sie gefunden worden: Ein Dachs sollte aus einem Bau aufgestöbert werden. Die Hunde waren keck in die beiden Gänge hineingelaufen, um, wie sie in ähnlichen Fällen oft getan hatten, das Tier in seinem Kessel zu stellen; aber unter deutlichen Anzeichen eines außerordentlichen Schreckens, mit Winseln und Beben, waren sie sofort wieder zurückgekommen. Durch nichts ließen sie sich veranlassen, den Bau wieder zu betreten. In der Annahme, es müsse darin irgend ein gefährliches Tier sein, häufte man mit Petroleum getränkten Werg in die Eingänge und über den Bau und legte Feuer an. Plötzlich sah man, wie sich unter dem Brand die Erde hob, als wenn ein riesiger Maulwurfhaufen entstünde. Aus Rauch und Flammen flog rauschend ein gold- und rotgefiederter Vogel von Adlergestalt hervor und erhob sich mit erstaunlicher Schnelligkeit so hoch in die Lüfte, daß er bald nur noch als ferner Punkt zu sehen war. In den Fängen hielt er etwas, das er über den Köpfen der Bauern fallen ließ. Es waren die Blätter, die sie dann dem Herausgeber, als einen »g'studierten Herrn« übergaben. Dieser erhielt schließlich auf die Frage, wie denn der Vogel näher beschaffen war, nur noch die Antwort: »Akkurat so, wie das goldne Viech auf dem Schild von der Versicherungsgesellschaft Phönix«. Die Verdammnis der Welt Ein west-östliches Märchen 1. Kapitel In der bleichen Einsamkeit des hochgelegenen Landes Tibet spricht die Stimme Gottes so vernehmlich aus jeder Form und jedem Laut, daß aller Kreatur schaudert vor dem Winken der stumm in die Luft ragenden Bäume und vor dem das Schweigen zerreißenden Ruf einsamer Vögel. Liegt aber gar stunden- und tagelange Stille über dem Land, da gibt es für alles, das lebt, nur die Wahl, sich selber im Innern ganz stumm zu machen und so eins zu werden mit dem angehaltenen Atem Gottes, oder in hilfloser Verzweiflung zu fliehen aus Gottes Angesicht und sich selbst den Tod zu geben, um wer weiß wie und wo in der Qual eines neuen Einzellebens wiedergeboren zu werden. Darum hatten die meisten Menschen jenes seltsamen Landes, soweit sie nicht in völliger Dumpfheit verharrten, einen Grad von Heiligkeit erreicht, der sich sogar einzelnen Tieren mitteilte. Dies erfüllte die Krähe Monstruzzi mit Zorn, denn in dem Buche Dzjan, in das die Weisen alles schreiben, was seit der Welterschaffung bis heute geschah, hatte sie gelesen, daß es in Indien ein Mittel gab, sich aus solcher Gottversunkenheit zu befreien. Zwar sagte das heilige Buch dies nur, um Vorwitzige zu warnen. Die Krähe Monstruzzi aber beschloß, nun gerade vorwitzig zu sein, die Heimat zu verlassen und die heißen Niederungen des Gangeslandes zu besiedeln, denn dort – so verriet das heilige Buch – lag der verhängnisvolle Diamant Tott verborgen, den eines Tages »der Nichtwissende« fände, um ihn »dem Wissenden« anzuvertrauen. »Der Wissende?« wer anders konnte das sein als Monstruzzi? Es galt nur, »dem Nichtwissenden« zu begegnen, der ahnungslos ihren fürchterlichen Wunsch erfüllen würde. Noch stand Monstruzzi im Schimmer der Jugend. Ihr Mädchenreiz vermochte viel über den in blinder Liebe glühenden Bräutigam, den jungen Raben Kwun, und so willfahrte er, ohne zu wissen zu welchem Zweck, dem Wunsch der angebeteten Monstruzzi, verließ die eigene Sippe, um sein junges Glück mit ihr in das heiße Indien zu verpflanzen; aber wenn der verliebte Kwun auch sein ganzes Leben unwissend blieb, wie es das Buch Dzjan vom Finder des Steines Tott verlangte, das Juwel hatte er nicht gefunden, als ihn in der Blüte seiner Jahre der Schuß eines Bauern über einem Saatfeld ereilte. Nun hoffte Monstruzzi auf ihre Brut, aber auch diese samt Eidamen und Schwiegertöchtern fuhr in die Grube, bereits ein zweites Geschlecht hinterlassend, alle in Unwissenheit, aber tiefster Ehrfurcht vor der zauber- und sagenkundigen Monstruzzi erzogen, bis schließlich eines Morgens Winighea, der jüngste Urenkel, in das Nest zurückkehrte, statt wie sonst mit Aas und Würmern beladen, einen blitzenden Stein im Schnabel, den er schweigend vor der nunmehr hundertjährigen Urahne niederlegte. Diese sträubte ihr graues Gefieder und stieß einen leidenschaftlichen Schrei aus, der die späte Befriedigung ihres zäh festgehaltenen Lebenswunsches ausdrückte, erkannte sie doch an dem rotgelben Schimmer des Diamanten sofort den Stein Tott. Winighea hatte ihn in einer Erdfurche gefunden. Monstruzzi ergriff gierig das Kleinod und verbarg es zwischen den Abfall- und Kothaufen des Nestes, um immer wieder zu dem kostbaren Fund zurückzukehren; aber gegen Abend fühlte sie sich so schwach, daß sie merkte: nichts als die Gewißheit, den Stein noch zu empfangen, hatte ihr Leben so lange erhalten. Nun war die Sehne des Bogens entspannt. Nie würde sie selbst die Kraft des Diamanten mehr erproben können, aber gleichviel: bei ihrem Geschlecht würde er bleiben, und so beschloß sie in der Frühe des Tages den Bann der Unwissenheit zu brechen, den sie bisher über die Ihren verhängt hatte. »Sehet her«, sagte sie zu den Versammelten mit brechender Stimme, »dieser Stein gibt dem Zweifüßler mit leiblichen Flügeln die Kraft, sich in den Zweifüßler mit geistigen Flügeln zu verwandeln, in der Zaubersprache »She-iskr-el« , im Munde des Volkes »Mensch« genannt, und jenem Geschlecht all' das Unheil zu vergelten, das er seit seinem fluchwürdigen Aufgang über die Natur gebracht hat. Denn, müßt ihr wissen, unser Geschlecht ist von Gott geliebt und auserlesen, Ihn zu rächen an seinen Widersachern, den She-iskr-els «. Staunend hörte es das versammelte Raben- und Krähenvolk. Mit immer schwächerer Stimme fuhr Monstruzzi fort: »Winighea, der Finder des Steines, wird ihn in Gewahrsam halten, aber jeder von euch empfängt durch einmalige Berührung des Diamanten die Teilnahme an seiner Kraft. Der mit Bewußtsein ausgesprochene Wunsch vermag ihn dann jederzeit in das Wesen She-iskr-el und nach Belieben wieder in einen Raben oder eine Krähe zu verwandeln. Nur, wenn der Stein unter den Spiegel des Meeres gerät, ist seine Kraft dahin, und jeder bleibt, was er in solcher Unglücksstunde gerade ist, Rabe oder She-iskr-el .« Nach diesen Worten verröchelte die alte Monstruzzi. Ehrfurchtsvoll erfüllten die Hinterbliebenen den ebenso einfachen wie alten Leichenbrauch, indem sie die Urmutter aus dem Nest warfen. Dann wühlten sie aus dem Unrat die Hinterlassenschaft heraus, blitzenden Flitter, Glassplitter, Tieraugen, Fischhaut und fanden darunter auch den Stein Tott, dessen Kraft alle nach Auflegung der Krallen sofort erprobten. * Nicht lange nach dieser Begebenheit erschien in der Stadt Venedig auf der Brücke Rialto ein buckliger kleiner Jude, der sich Winighea nannte; von sieben weiten Reisen hatte er kostbare Kleinode mitgebracht, die er nun an große Herren zu verkaufen wünschte. Er war ziemlich wortkarg, verstand aber wohl im Augenblick das rechte Wort fallen zu lassen, so daß ihm mancher Edelmann in das düstere Gewölbe nahe dem Markusplatz folgte, in dem er seine Schätze untergebracht hatte. Man fabelte von ungeheuren Summen, die der Alte dort aufgehäuft haben sollte, und es lag nahe, an ein Bündnis mit dem Teufel zu denken, zumal die Tauben der Nachbarschaft, die sich zutraulich allen Fenstern und Türen näherten, das Haus jenes Juden mieden. Statt dessen aber kam allabendlich in der Dämmerung ein Rabenschwarm geflogen, der oft sogar in ein offenes Fenster drang, aus dem bald ein ungeheures Geschrei, wie von einer erregten Volksversammlung ertönte. Auch wollten Nachbarn gesehen haben, daß Winighea im Innern des Hauses einige Raben an der Kette hielt, andere mit gestutzten Flügeln herumspringen ließ. Einen menschlichen Hausgenossen bemerkte man nicht, bis zu jenem strahlenden Junimorgen, an dem der junge Lorenzo Canori zum erstenmal dem Alten über die Schwelle folgte. Da trat plötzlich ein etwa achtzehnjähriges voll erblühtes Judenmädchen aus dem Innern des Hauses. Winighea stellte sie dem Gast als seine einzige Tochter Recha vor. Lorenzo war der flatterhafteste Bursche von ganz Venedig. Seit diesem Tag aber wurde er in sich gekehrt und düster. Die umgekehrte Veränderung nahm man an dem trübseligen Haus des alten Juden wahr. Die früher zum Teil mit Brettern vernagelten Fenster wurden geöffnet und mit Blumen geschmückt. Oft sah man dort die schöne Recha stehen, nicht selten mit heiteren Gespielinnen, und die Tauben von San Marko kamen zu ihnen und pickten die Körner aus zarten Mädchenhänden. Die Rabenschwärme sah man nicht mehr. Der bisher etwas unsaubere Alte trug nun einen schwarzen Sammetmantel mit Barett und empfing täglich den jungen Lorenzo. Dieser kaufte ihm seine Steine ab und blieb oft zu Tisch, dem Rechas Reiz und Hausfrauenkünste heiteren Zauber verliehen. Lorenzo wußte nicht, ob er sich Recha eröffnen solle, deren fremdartige Blicke ihm bald unübersteigbare Abgründe, bald märchenhafte Paradiese anzuzeigen schienen. Da holte eines Tages der Alte den Stein Tott hervor, von dem auch in der abendländischen Welt seit alter Zeit dunkle Kunde ging. Hier aber galt er als ein reiner Glücksstein, bringe er doch seinem Besitzer die Erfüllung aller Wünsche und das ist nach den Begriffen der westlichen Völker so viel wie das höchste Glück. Der Diamant war durch seinen goldgelben Schimmer unverkennbar. So verpfändete denn Lorenzo sein Landgut und erwarb das Kleinod von Winighea. Er hatte sich in der Kraft des Steines nicht getäuscht. Kaum war er dessen Besitzer, als ihm Rechas Fremdartigkeit plötzlich ganz vertraut erschien. Ihre Blicke wurden ihm verständlich wie die der einheimischen Mädchen, manchmal glaubte er sogar leise Seufzer zu hören, die ihm sein Zaudern vorzuwerfen schienen, und eines Tages hielt er Recha in seinem Arm, die ihm bis ans Ende der Welt zu folgen versprach. Eines Morgens stand das Haus des alten Winighea wieder leer, nachdem noch in der Nacht Saitenspiel und Gesang aus den Fenstern über den Kanal getönt war. Manche wollten in einer blumengeschmückten Gondel den jungen Lorenzo mit der schönen Jüdin in das Dunkel hinausfahren gesehen haben. Gegen Morgen war ein Sturm über die Stadt gebraust, der alle Fenster und Türen losreißen zu wollen schien. Aus dem Haus des Winighea war mit Gekrächz ein Rabenschwarm gen Süden geflogen. So wenigstens berichtete Benedetto, der erste Bettler Unserer Lieben Frau, der allein in der ganzen Bettlergilde das Recht hatte einen leinenen Purpurrock zu tragen und vor der Kirche Zanipolo stets in der vordersten Reihe der Almosenempfänger liegen durfte, wofür er dem Kirchenschatz jährlich 100 Zechinen zahlte. Dieser Benedetto war ein Wesen ohne Schlaf und durchstrich, wie ein blutrotes Gespenst, die ganze Nacht hindurch die Gäßchen der Stadt. So konnte er wohl wissen, was bei Winighea geschehen war. Aber Benedetto hatte an diesem Morgen mit seinen Geschichten an der Treppe von Zanipolo kein Glück. Verstört und eilig gingen die Beter an ihm vorbei und selbst ein so seltenes Ereignis wie das plötzliche Verschwinden eines glänzenden jungen Patriziers wie Lorenzo Canori, mußte seinen Eindruck verfehlen in diesen Tagen, in denen, wer nur konnte, auf die terra ferma floh, die Stadt den Armen überlassend und der Pest, die, wie nun nicht mehr zweifelhaft war, schon seit einiger Zeit im geheimen gewütet hatte. Der rote Benedetto begegnete nun allnächtlich einem zweiten Gespenst, wenn er um die Ecken der alten Gäßchen bog, dem roten Maledetto, wie in jenen Zeiten die von Venedig die Pest nannten. Lorenzo und Recha begaben sich nach der prächtigen Stadt Florenz, wo sich Recha taufen lassen und mit Lorenzo getraut werden sollte, aber nach einigen Tagen stellte sich heraus, daß der junge Bräutigam den Pestkeim bereits in sich trug, dem er schnell erlag. Vor der Volkswut der durch die Seuche bedrohten Stadt rettete Recha der Condottiere Marsilio. Er brachte sie heimlich auf ein Gütchen in der Nähe, umgab sie mit zwei Gespielinnen und zeigte ihr zunächst keine anderen Gefühle als die der Freundschaft und Verehrung. Aus Dankbarkeit schenkte sie ihm den Stein Tott. In der Stadt tobte inzwischen die Pest. Marsilio wagte sich nicht mehr in den Straßen zu zeigen. Hätte er, so meinte das dumme Volk, den Totschlag der Jüdin zugelassen, so wäre mit ihr der Pestkeim begraben worden. Nun fürchtete er, daß man von ihm Rechenschaft über den Verbleib des Mädchens fordern würde. Dies erfuhr Recha durch ihre Gespielinnen. Sie überwand ihre Schamhaftigkeit und flehte Marsilio an, sich auf dem Gut bei ihr in Verborgenheit zu halten. Nun vermochte er ihr seine Liebe nicht länger zu verhehlen. Die undurchdringliche Stille, mit der sie sein Geständnis aufnahm, die ihn weder ermutigte noch abwies, schuf jedoch einen Abstand zwischen ihnen, den das vertrauliche tägliche Zusammenleben nur langsam überbrückte. Gegen Ende des Sommers verkündigte ihm Recha, sie sei durch ihre Gespielinnen nun so tief in die Lehre des christlichen Glaubens eingedrungen, daß sie am nächsten Sonntag die Heilige Taufe empfangen wolle. Marsilio drang in sie, bei dieser Gelegenheit gleich die Wohltat noch eines zweiten christlichen Sakramentes zu genießen. So wurde Recha am nächsten Sonntag Marsilios Frau. Der Stein Tott hatte auch ihm die Erfüllung seines tiefsten Wunsches gebracht. Als er gegen Morgen das Hochzeitsbett verließ, um im taufrischen Garten der jungen Gattin selbst ein paar Blumen zu pflücken, wurde er von zwei gedungenen Hohläugigen, die auf der Mauer gelauert hatten und nun plötzlich herabsprangeu, hinterrücks erstochen und ausgeraubt. »Tod dem Pestträger« schrien sie dem Verröchelnden ins Gesicht. Auf der Mauer war indessen ein Dritter erschienen, der den beiden Anderen eine Leiter in den Garten stellte, über die sie schnell entkamen. Der Priester, der das Paar gestern getraut hatte, brachte die verzweifelte Recha schnell in das Kloster San Cosimo. Dort verbarg man sie, um sie vor dem erbosten Pöbel zu schützen, im obersten Turmgemach. Den Stein Tott überantwortete sie bei ihrer Ankunft dem Klostergut. Niemals verließ sie die enge Zelle mehr. Allabendlich umkreisten Raben den Turm. Eines Tages fanden die Schwestern zu ihrem Staunen das Nest leer. Seit dieser Zeit regneten die Glücksgüter sozusagen über die heiligen Mauern von San Cosimo. Es verging kein Jahr, daß nicht vornehme Damen Einlaß begehrten und dem Klostergut große Reichtümer zufügten. Bald galt in ganz Italien, Spanien und Frankreich San Cosimo als die Zuflucht aller zärtlichen Herzen, die enttäuscht worden waren, und wenn an heißen Sommertagen sich die Schwestern in den düsteren Zypressenwegen ergingen und sich ihre süßtraurigen Erlebnisse mitteilten, da hätte ein Lauscher wohl den Stoff zu einem zweiten Dekameron finden können. Aber da nun einmal das gemeinsame Leid halbes Leid und die Erinnerung daran sogar Vergnügen wird, regte sich bald in den schönen Enttäuschten der Wunsch, ihr Glück noch einmal zu versuchen. Gar manche fand, daß sie selbst nur das Opfer unglücklicher Umstände gewesen war, die sich durchaus nicht immer zu wiederholen brauchten, und daß sie sich im Falle ihrer Leidensgenossinnen ganz anders als jene verhalten hätte, die nur eigner Torheit ihr Unglück dankten. Indes alle diese in Ehrbarkeit erzogenen Frauen ihre Geschichten miteinander verglichen, lernten sie von ihrem Einzelfall abzusehen und die Welt zu verstehen, so daß sie nun bald über ein Wissen verfügten, als hätten sie ihr Lebtag mit nichts anderem als Buhlen verbracht. Die Oberin selbst, eine frühere Fürstin Fruttuosi, war an Schönheit eine voll erblühte Rose; sie begünstigte die Verwandtenbesuche ihrer Schäflein mit größter Nachsicht. Wollte ein Bruder seine Schwester am Gitter sehen, so geschah es oft wie von ungefähr, daß durch ein Mißverständnis des Namens eine Andere erschien. Manche schrieben ihren Verwandten von dem Unglück ihrer Genossinnen, sodaß sich manche trostbereite Herzen für so zärtliche Leiden erwärmten. Bald kamen Briefe mit schmal gefalteten Einlagen, die an eine solche Unglückliche zu übergeben waren, und schließlich fanden Jünglinge in Frauentracht sowie Männer in Mönchs- und Priestergewändern Tag und Nacht Einlaß bei den trostbedürftigen Schwestern. Hatte man vorher das Leid zusammen getragen, so trug man nun auch die Freude gemeinsam, und bald sah das Refektorium nachts von Liebe und Wein erglühte Paare. Um die Fürstin Fruttuosi hatte sich ein Liebeshof gebildet. Es zeigte sich, wie recht die schönen Nonnen daran getan hatten, in jenen unsicheren Zeitläuften für männlichen Schutz zu sorgen. Eines Nachts während des Karnevals – die Tischgesellschaft schwelgte efeu- und weinlaubbekränzt in leichten Gewändern heidnischer Götzen – wurde das Kloster von spanischen Horden geplündert und angezündet. Unter den Trunkenen und den Landsknechten entstand ein fürchterliches Gemetzel, aber wenigstens konnte sich keiner der Kriegsknechte rühmen, einen dieser köstlichen Frauenleiber sein genannt zu haben. Manche retteten sich mit ihren Beschützern, andere schwammen in ihrem Blut zwischen zertretenen Früchten und vergossenem Wein, welke Kränze im toten Antlitz. Die Schätze fielen den Plünderern in die Hände. Nachdem sie abgezogen waren, versammelten sich Rabenschwärme zwischen den rauchgeschwärzten Trümmern und fraßen das Fleisch vom Gebein der Leichen. * Eines Tages erschien in der flandrischen Stadt Antwerpen bei dem berühmtesten Edelsteinschleifer, dem Meister Schalander, ein alter Malteser namens Winighea und brachte ihm den Stein Tott, damit er ihm die richtige Brillantform mit »pavillon« und »culasse« gäbe, wie sie zur Zeit am französischen Hof verlangt wurde, seitdem der König selbst den Sancy, den größten und ältesten Diamanten seines ererbten Schatzes in dieser Weise hatte zurichten lassen. Meister Schalander machte darauf aufmerksam, daß durch das Schleifen nach der Mode der Stein an die 20 Karat Gewicht verlieren würde, aber der Malteser bestand darauf, da es sonst unmöglich sei, ihm dem König vorzulegen. Er betrog sich nicht in seinen Hoffnungen. Bald wurde er mit einem Unterhändler Seiner Majestät, wie sie sich stets in dem kunst- und gewerbereichen Flandern aufhielten, einig und begleitete ihn in des Königs Hauptstadt. Eines Morgens wurde er in ein Kabinett zu dem großen König geführt. Es war ein glücklicher Tag für das schöne Frankreich, denn Se. Majestät hatte, wie man sich auf allen Korridoren des Schlosses erfreut zuflüsterte, heute eine vorzügliche Verdauung gehabt. In einem Alkoven kniete die Majestät auf einem Pupurkissen und ihre Lippen murmelten mit Gott. Zwei Prinzen von Geblüt stützten den König beim Aufstehen; in breiter blauer Schärpe und mit dem Degen stand er nun da. Der Aufseher über die königlichen Schnupftücher bot drei zur Auswahl und der königliche Finger wählte heute grün. Auf einen Wink des Kämmerers trat nun Meister Schalander hervor. Die königliche Hand hob den rotgelb schimmernden Stein gegen das Licht, verglich ihn mit dem wohl größeren aber ungleich weniger feurigen Sancy, der herbeigeholt worden war, und äußerte die Meinung, der Stein Tott sei ein Juwel, würdig eines Alexander oder Cäsar. Da nun aber diese beiden längst Staub waren, was blieb da jenem erhabenen Fürsten anders übrig, als den Tott selbst zu erwerben? Der Malteser empfing drei Millionen Livres, der Tott gehörte von nun an zu den französischen Kronjuwelen. Seit dieser Zeit schien sich das Glück unzertrennlich an die Fahnen des Königs heften zu wollen, aber dann verlor er doch wieder viel von dem Gewonnenen und erlebte ein einsames Alter, wegen seiner Raubzüge, die er mit Verträgen in den Städten Rijswick und Nymwegen beschloß, in der ganzen Welt der Reißweg oder der Nimmweg genannt. Dennoch endigte er mehr als arm. Nachdem er das Land ausgesogen, mußte er im Alter, wie ein junger Taugenichts, sich mit allerlei Listen Geld beschaffen. Mitten im Glanz seines Hofes spürte er die Ohnmacht einer mißbrauchten Lebenskraft, bis er verdüstert in den Armen einer frömmelnden Beischläferin starb, die wie eine Amme ganz von dem Willen des alten Reißweg und Nimmweg Besitz ergriffen und ihn vermocht hatte, sie in geheimer Ehe zu heiraten. Seine Söhne waren längst tot, und so übernahm ein Enkel die Herrschaft über das durch Kriege verschuldete, mit Steuern bedrückte Land. Der neue König verschlimmerte diesen Zustand, denn er lebte nur seinen Lüsten. Sein heißester Wunsch war, der erste Koch des Landes zu heißen, und da er den Stein Tott besaß, erfüllte sich sein Begehren. Der König erfand die köstlichsten Gerichte. Eine geheime Krankheit aber verblödete seinen Geist, und zuletzt starb er an den Kinderblattern, die er von einer jungen Dirne erworben, halb verfaulten Leibes. Der Pöbel feierte seinen Tod durch Gassenlieder und Jubeltänze. Die Rache des Volkes traf erst seinen Nachfolger, der nichts als die Jagd liebte und seine schöne Gattin. Die Menge brach in die Spiegelgemächer ein, das Königspaar floh und hätte auch wohl die Grenze erreicht, aber da geschah es, daß sich die Kutsche um eine halbe Stunde verspätete, weil nicht so schnell auszumachen war, ob der grüne oder der blaue Kammerherr zur Rechten der Königin zu sitzen habe. So gerieten die Fliehenden in die Hände des johlenden Pöbels. Nachdem beide eingekerkert waren, wurden ihre Juwelen dem Volk gezeigt, mit deren Schweiß und Blut sie bezahlt worden waren. In der Zeit zwischen Ostern und dem Martinstag ließ man jeden Dienstag die Menge in die Prunksäle hereinfluten, wo einst die Könige geschwelgt hatten. Dort standen unter Glas, von einigen Männern der Bürgerwache beschützt, die königlichen Diamanten, darunter der gelbe Stein Tott. Dieser Anblick ließ die Wut der Massen wieder aufleben. An einem kochend heißen Augusttage erbrachen sie die Gefängnisse, in denen die Edelleute mit ihren Frauen und Kindern eingekerkert waren, erschlugen sie und warfen ihre Leichen den Raben hin. Auch stürmten sie wiederum das königliche Schloß, und bei dieser Gelegenheit verschwanden der Sancy und der Tott. Ein neuer Reißweg oder Nimmweg stieg nun aus dem Volke selbst empor, ein zäher kleiner Mann, etwas dick und gelblich, unterwarf sich das Land der Franzen und führte seine Heere siegreich durch alle Länder. Am Abend eines Schlachttages, als sich bereits die gierigen Vögel zum Fraß niedergelassen hatten, fand man bei einem gefallenen Soldaten, einem Sohne der Stadt Paris, den Stein Tott. Man brachte ihn dem Kaiser, der ihn an sich nahm und dafür nun einen Monat lang seinem ganzen Heer doppelte Löhnung zahlte. Seit dieser Zeit wuchs der Übermut des Eroberers ins Unermeßliche. Hatte bisher sein Herz wenigstens einem Wesen gegenüber menschlich gefühlt, seiner Gattin, die mit ihm Siegesjubel und Gefahren geteilt, so verließ er sie nun, um eine in Purpur geborene leere Menschenlarve zu freien. Der Plan gelang, und der Eroberer wurde der Schwiegersohn des vornehmsten Fürsten der Erde, aber zugleich wich der Segen von ihm, der bisher von seinem Schutzgeist, der verstoßenen Gattin, ausgegangen war. Er verlor sein Heer im Eise des Nordens, und er selbst, der mit einer halben Million Menschen ausgezogen war, kam in einer Winternacht allein in sein Schloß zurück, den gelb blitzenden Stein Tott am Zeigefinger der rechten Hand. Es half ihm nichts, daß er den Schein des Glücks annahm und sich gleich am nächsten Tag dem Volk im Schauspiel zeigte: der Siegesgenius hatte ihn verlassen. Er wurde von seinen siegreichen Widersachern gleich einem Halbgott der grauen Vorzeit an einen einsamen Felsen im Weltmeer geschmiedet, wo ihm ein Rabe, der von seinen ärgsten Feinden, den Briten, zu seiner Bewachung bestellt war, langsam die Gedärme aus dem Leibe fraß. Manche glauben, er hätte, nachts qualvoll hingestreckt zwischen den leuchtenden Sternbildern und dem endlos rauschenden Meer, begnadet durch so großes Leid, plötzlich die Stimme Gottes aus der Stille des Himmels und dem Getöse der Flut vernommen, so wie die Kreatur zu Tibet, die nichts weiß vom Steine Tott. Doch wer will das bezeugen? Die Wissenden sagen es nicht, die Sagenden wissen es nicht. Während der in den Staub gesunkene Kaiser von seiner einstigen Hauptstadt an das Meer gebracht wurde, um ihn nach jener Insel einzuschiffen, riet ihm einer seiner Vertrauten, einige Juwelen, die er bei sich führte, lieber zu Gold zu machen. In der kleinen, schmutzigen Hafenstadt fand sich ein armenischer Händler, namens Winighea; er kaufte dem Kaiser für einige Hunderttausend Franken seinen Besitz ab, darunter den Stein Tott, dessen wahren Wert und Zauber der Gekrönte nie erfahren hatte. Solches Unwissen machte ihn fast einem Kind ähnlich, und darum ist es gar nicht so unwahrscheinlich, daß er manchmal auch die Stimme Gottes vernahm, denn nur der Nichtwissende hört sie. * Winighea, der Armenier kannte genau die Kraft des Steines. Lange genug, so dünkte ihn, war er nun bei den Großen der Erde gewesen, wo er nur langsam den Besitzer wechselte; nun sollte er wieder schneller von Hand zu Hand gehen. Er verkaufte ihn daher zu Barcelona dem jungen Don José Ruiz y Margal, vom König von Spanien aus Madrid verbannt, da er durch sein leidenschaftliches Blut zu viel Unfrieden in die Ehen der Hauptstadt gebracht hatte. Nun sollte er die unruhige Provinz Catalonien zügeln. Seine unwiderstehliche Liebenswürdigkeit öffnete ihm alle Herzen. Auf einem Frühlingsfest, wo die Dichter des Landes sich um den Ehrenkranz für dieses Jahr bewarben, verschwand Don José plötzlich mit einem schönen Blumenmädchen von der Rambla. Die Eifersucht der Brüder aber wußte das Paar nachts in einer Hafenschänke ausfindig zu machen. Nachdem ihm das Mädchen entrissen worden und er erschlagen war, wurde er von einem Matrosen ausgeraubt, der an seinem Finger einen Ring mit dem Steine Tott fand. Der Räuber flüchtete auf einen Westindienfahrer, um erst in der Neuen Welt, wo man ihn nicht kannte, seinen Reichtum zu entfalten, aber die Überstrenge des Kapitäns machte ihm diesen Vorsatz schwer. Sollte er, gegen den jener nun ein armer Hungerleider war, sich dessen Befehle länger gefallen lassen? Es gelang ihm, seine Genossen zur Gehorsamsverweigerung anzustiften, indem er ihnen für den Fall der Ankunft in Veracruz hohe Belohnung versprach. Eines Nachts drangen sie in die Kajüte des Kapitäns ein. Dieser aber und der Steuermann waren mit Pistolen versehen und wurden der Haupträdelsführer Herr; die andern sanken vor der Übermacht angstschlotternd in die Knie. Der Besitzer des Steines wurde an den Raaen des Schiffes aufgeknüpft und hing dort noch manche Sturmnacht zwischen Himmel und Erde, bis eines Morgens Krähenschwärme, welche die Leiche umflatterten, die Nähe des Landes verrieten. Der Kapitän ließ den Gehenkten herunterholen; ehe er ihn ins Meer zu werfen befahl, entdeckte er den Ring, den er begierig an sich nahm. Am Abend in einer Spielhölle hatte er märchenhaftes Glück, aber er verstand es, seine Leidenschaft zu beherrschen und wollte gegen Morgen die Beute auf das Schiff bringen; die Geschädigten indessen lauerten ihm auf, erschossen ihn von rückwärts, beraubten ihn und warfen ihn in einen Straßengraben. Der, in dessen Hände der Stein Tott geriet, war ein amerikanischer Seiltänzer, namens Stewart. Er war außerordentlich zeichen- und wundergläubig. Eine kreolische Wahrsagerin hatte ihm vor kurzen prophezeit, er würde sein höchstes Wagnis erst dann mit Erfolg unternehmen können, wenn er in den Besitz eines rotgelben Glückssteines gelangt sei. Am Abend noch trat Stewart mit sieben Silberkugeln auf das in schwindelnder Höhe aufgespannte Seil, bis in dessen Mitte er sicheren Schrittes ging. Dann blieb er stehen, warf die sieben Kugeln gleichzeitig in die Luft, fing sie geschickt wieder auf, den Blick stets nach oben gekehrt, als gäbe es keinen Abgrund zu seinen Füßen. Der Erfolg übertraf alle Erwartungen. Der Amerikaner machte nun einen Siegeszug durch die Neue Welt, und ungeheure Summen flossen ihm zu. Als er fast fünf Millionen Dollars beisammen hatte, kündigte er seine letzten drei Vorstellungen an, welche ihm sein Vermögen abrunden sollten. Dann wollte er sich ins Privatleben zurückziehen und der wohlverdienten Ruhe pflegen. Bei der ersten jener drei geplanten Vorstellungen riß das Seil, der Amerikaner lag zerschmettert unter der Menge. Sein Nachlaß wurde von den Erben versteigert, der Stein Tott kam an einen fetten türkischen Händler, namens Habib. * Habib beschloß, den Stein Tott dem Sultan selbst zum Verkauf anzubieten. Er schiffte sich nach Stambul ein und wurde bald mit seinen Juwelen vor den Herrscher aller Gläubigen geführt. Der alte Kalif galt draußen als böse und grausam. Oft hatte er solche, die ihm gefährlich schienen, auf ein Schiff zum Essen eingeladen und sie dann auf hoher See heimlich versenken lassen; ja er bewahrte die blank geputzten Schädel vieler Feinde in samtenen Behältnissen, wie Bücher auf langen Wandbrettern aufgestellt, und es hieß, daß er in schlaflosen Nächten davor auf- und niederwandelte, einen nach dem anderen herausnehmend und sich freuend, daß die wenigstens unschädlich seien. Er war so mißtrauisch, daß er einmal, um einem möglichen Angriff zuvorzukommen, einen Gärtner erschoß, der rasch auf ihn zukam, um ihm eine seltene Blume zu reichen. Habib fand in dem Sultan einen schönen Greis von hoher aufrechter Gestalt mit breit wallendem, noch dunklem Bart. Seine schlanken, weißen Hände prüften die Steine voll Mißtrauen. Den Tott wies er immer wieder zurück, wenn ihn Habib reichen wollte. Am Schluß kaufte er den ganzen Vorrat des Händlers, nur von dem rotgelben Diamanten wollte er ganz und gar nichts wissen. Habib verwunderte sich sehr. Er merkte wohl, daß der Sultan ein ganz ungewöhnlicher Kenner von Juwelen war, deren Wert er genau festzusetzen wußte. Wie kam es nur, daß er die Seltenheit des Tott so völlig verkannte? Aber Herrscher haben nun einmal ihre Launen. Nachdem Habib gegangen war, ließ sich der Sultan die drei persischen Schwestern kommen, elf-, zwölf- und dreizehnjährig, deren Erziehung für den Harem seit gerade einem Mond vollendet war, und in denen der Herrscher neuerdings die Vollkommenheit selber zu besitzen glaubte. Wie junge Tauben flogen sie auf seine Knie und liebkosten ihn. Sie waren so glücklich, in ihm nicht, wie sie gefürchtet hatten, einen Wüterich zu finden, sondern einen freundlichen Vater, der ihre Künste und Reize so wohl zu würdigen verstand, während die Erzieherinnen doch immer gesagt hatten, sie wären zu nichts gut, als grobe Küchenarbeit zu tun; der Kalif würde sie nie eines Blickes würdigen, sondern peitschen lassen wie freche Hündinnen. Nun rief sie ihr Freund wieder herbei, gewiß, wie er zu tun pflegte, zu einer Überraschung. Während sie sich an seine Knie lehnten, behing er die Jubelnden mit dem neuen Geschmeide; dann mußten sie ihm wälsche Duette singen, die der Herrscher zum Staunen der einheimischen Musikanten mehr als alles liebte; die Dritte begleitete die beiden Sängerinnen auf einem von einem Fürsten gen Sonnenuntergang geschenkten schwarzen Holzschrank mit weißen Tasten, den man Piunufort nannte. Nur von seinen Frauen war der Sultan geliebt, die alle jung und schlank waren. Er begehrte nicht, wie die meisten seiner Glaubensgenossen, die mit Mehl und Süßigkeit gemästeten, unbeweglichen Schönheiten. Manche seiner Lieblingsfrauen hatten sich aus Gram getötet, wenn sie seine Ungnade erweckt hatten. Er kannte ihnen gegenüber keine andere Strafe, als die schwerste für eine Liebende, die der Verbannung aus seiner Gegenwart. Erschraken sie auch alle zuerst, wenn der bärtige Greis plötzlich unter ihnen stand, – er liebte es, sie beim Musiküben zu überraschen und hinter ihnen stehend zu lauschen, ohne daß sie sich dessen versahen – so merkten sie doch bald, daß dieser Furchtbare für sie voll Süßigkeit war. Mit ihnen konnte er wie ein Kind werden und, auf Teppichen sitzend, sie geduldig allerlei Spiele lehren. Darum vernahm er wohl auch manchmal die Stimme Gottes, die ihn heute vom Ankauf des Steines Tott bewahrt hatte. * Der dicke Habib kaufte für das empfangene Geld neue Juwelen und schiffte sich nach Indien ein, in der Hoffnung, mit ihnen den Stein Tott einem der dortigen Vasallenfürsten zu verkaufen, deren Reichtum sagenhaft ist. Er pilgerte von Hof zu Hof, wurde überall in Ehren empfangen, auch gelang es ihm die Juwelen, die er für das Kaufgeld des Sultans neu erstanden hatte, gut anzubringen; nur den Stein Tott wollten die Maharadschas nicht einmal berühren. Einer wandte sich mit Entsetzen von ihm ab, ein anderer besprengte ihn mit heiligem Wasser, ein dritter ließ das Gemach räuchern, in dem der Stein eine Viertelstunde gelegen hatte. Ein vierter murmelte Zaubersprüche, der Fünfte aber, der Habib in seinem Gesellenhain empfing, ergriff den Stein lächelnd und gab ihn dem Bringer zurück, mit den Worten: »Vergiß nicht das Glück mitzunehmen.« »Ich wollte es Euch lassen,« erwiderte Habib dienstfertig. »Was soll es denen, die Brahma besitzen?« sagte der Maharadscha; »hier läge dieses Juwel wertlos, wie taubes Gestein, indessen es im Westen Menschen gibt, die ihre eigenen Wünsche anbeten und ihnen Blutopfer bringen. Ihnen diene der Stein als Talisman, für sie hat er Kraft.« Habib, dessen Wissen von der Kraft des Steines nur auf Gerüchten beruhte, sagte: »Ihr glaubt also an eine Zauberkraft des Steins, Herr?« »Nicht für mich,« erwiderte der Weise lächelnd, »aber für die, welche an Glück und Unglück außerhalb ihrer selbst glauben.« »Also auch Unglück bringt der Stein?« fragte der dicke Habib erschreckt. »Wer an Glück glaubt,« schloß der Fürst, »glaubt doch wohl auch an Unglück. Was aber einer glaubt, das schafft er sich.« Von diesem Tage ab war es um die Ruhe des sonst schwer zu erschütternden Habib getan. Bisher hatte er einem rosigen, fetten Riesensäugling geglichen, nun aber magerte sein Vollmondgesicht zusehends ab und seine Wangen wurden bleich. Der Boden dieses rätselhaften Landes Indien brannte ihm unter den Füßen; des verfänglichen Steines aber wollte er sich sobald als möglich entledigen. O, der bisher glückliche Habib glaubte an Glück und folglich auch an Unglück. Der Gedanke an den Tod z. B. war ihm keine Kleinigkeit, und wenn er ihm bis jetzt auch nicht nachgehängt hatte, so kam das nur daher, daß ihn das Glück seines ununterbrochen wachsenden Reichtums geradezu betäubte. Auf dieses Glück hatte er fest vertraut. Die Worte des Maharadscha aber leuchteten nun plötzlich in die Tiefe seiner Seele, und dort lag wie ein dunkles Bündel, in den Winkel gedrängt, die halb vergessene Todesangst. Nein, nein, nein, es war garnicht so ausgemacht, daß das feiste Habibglück immer dauern sollte! Je mehr es wuchs, desto näher rückte zugleich das Unglück. Das war eine furchtbare Entdeckung. Wie beneidenswert schien jener Maharadscha; ihm vermochte das Unglück nicht zu nahen, aber freilich auch nicht das Glück. Habib hatte böse Nächte. O, alles lag an dem verfluchten Stein. In Kalkutta bestieg er den Dampfer »Thaltybius,« um nach Holländisch Indien zu fahren, in der Hoffnung, den Tott dort einem der reichen Landbesitzer zu verkaufen. In den feuchten schwülen Nächten irrte Habib schlaflos auf dem Verdeck hin und her. Sollte er sein Glück opfern, um dem Unglück zu entgehen? Wie wäre es, wenn er sich des Tott mit kühnem Wurf in die Flut entledigte und sich für den Rest seines Lebens mit dem Reichtum begnügte, den er besaß? Aber hieß dies wirklich das Glück opfern, nicht vielmehr es erkaufen? Und dann, war nicht der Maharadscha selber märchenhaft reich? Also aufs Opfern kam es gar nicht an? So viel wußte Habib aus der Lehre der Brahmanen: Man durfte besitzen, aber nicht von den Dingen besessen werden. »Besitze,« hieß es, »als besäßest du nicht.« Habib aber besaß die Dinge nicht, er wurde von ihnen besessen. Während ihm dies eines Nachts, als er in seiner Kajüte den Tott anstarrte, bis zur Verzweiflung klar wurde, erhob sich ein heißer Monsunsturm. Das Schiff ächzte in allen Fugen. Die Gäste eilten aus ihren Kajüten, auf dem Verdeck von einem Wolkenbruch empfangen, die Schiffsoffiziere beruhigten. Ein furchtbares Krachen erfüllte die Luft. Habib verlor fast die Besinnung in dem Getümmel, das ihn umgab. Da schrie er plötzlich verzweifelt: »Ich opfere alles ... das Glück,« stürmte auf das Verdeck, den Tott und seine sonstigen Schätze in der Kajüte zurücklassend. Unter dem Getöse des Sturmes sank der »Thaltybius«. Einige überfüllte Rettungsboote schaukelten bei Sonnenaufgang auf der Flut. Nach mehreren Tagen wurden sie von einem nach Kalkutta zurückkehrenden Schiff aufgenommen. Der fette Habib erschien nicht mehr unter den Juwelenhändlern der Erde, wo er eine bekannte Figur gewesen war; auch in den Bankhäusern der alten und neuen Welt, wo er sein Geld aufbewahren ließ, hörte man nichts mehr von ihm. Dagegen will ihn einer als Einsiedler, arm und mager, in dem Gazellenwald unweit Benares gesehen und von ihm den Spruch gehört haben: »Wann er das Reich erschaut, das wahre, reine ew'ge, das frei vom Leiden ist, das frei von allem Wähnen, und jedes Daseinsband von ihm durchschnitten ward: Das ist die höchste Lust, der keine andre gleicht. Wann mitten in der Nacht im tiefen, stillen Walde, wann Tau zur Erde fällt, die wilden Tiere brüllen, in sichrer Bergeshöhl' der Selbstvertiefte sinnt: Das ist die höchste Lust, der keine andre gleicht.« 2. Kapitel Nun lag also der Stein Tott auf dem Grund des Meeres und hatte, wie das Buch Dzjan verkündigte, seine Kraft verloren. Aus dem Rabengeschlecht lebte zu dieser Zeit nur ein Einziger als Mensch und mußte es bleiben: der scharfäugige, gelbhäutige Ingenieur Winighea Blackcoffin in London. Als ihm der Untergang des »Thaltybius« aus den Zeitungen bekannt wurde, erschrak er sehr, denn er wußte, daß mit dem Talisman seines Geschlechts seine Kraft verschwunden war. Wie oft hatte sich Mr. Blackcoffins etwas verkümmerte Gestalt in einen Raben verwandelt und so die Geschäftsgeheimnisse oder die Entdeckungen anderer belauscht. Dies Verfahren brachte ihm großen Reichtum ein, und daraufhin hatte ihm die schöne, aber peinlich tugendhafte Miß Iphigenia Blubbercox, ein Stern der leichten Bühne, bereits ihr Jawort zur Vermählung gegeben. Nie wäre der einsichtige Winighea, der sich die geringen Vorteile seiner Gestalt keineswegs verhehlte, in ein so gefährliches Abenteuer gestürzt, hätte er nicht durch seine Verwandlungsfähigkeit als Rabe die Tugend seiner schönen Gefährtin leicht bewachen können. Durch das Versinken des Tott war nun diese Möglichkeit dahin. Aber so ist das Leben: weil ein feister Türke einen Stein in das bengalische Meer wirft, muß ein Londoner Ingenieur seine Heiratspläne aufgeben. Eine solche Welt ist unerträglich. Wie recht hatte also Habib gehabt, wenn er sich ihr in dem Gazellenwald von Benares entzog. Auch Mr. Blackcoffin konnte so nicht weiterleben, nur schlug er zur Bändigung des Schicksals den entgegengesetzten Weg ein: er verließ sich auf die technischen Errungenschaften seines stolzen Jahrhunderts. Wie alle großen Unternehmernaturen seines Zeitalters besaß er ein Buch, in welchem nichts als das Alphabet stand. Er blätterte eine ganze Nacht darin und suchte sich drei Buchstaben zu seinem Gebrauch aus, und zwar fiel seine Wahl auf T.O.P. So entstand der Top. Der Name wirkte wie alle Zauberformeln unwiderstehlich. Die am festesten verschlossenen Geldsäcke der Handelswelt öffneten sich für Mr. Blackcoffin, denn jeder wollte beim Top dabei sein. In allen Zeitungen sah man ganze Seiten, auf denen nur das eine Wort Top stand, entweder einmal mit Riesenbuchstaben oder 25 Mal in kleinem Druck. In einer belebten Straße wurde ein großes Kontor eingerichtet. Auf schwarzen Glasschildern und auf allen Fenstern stand mit Goldbuchstaben: Top. Ein feuriges Rad sprühte, sobald es dunkelte, das Zauberwort Top 16fach in die Nacht. In der Frühe erschienen in dem Kontor zwölf blonde Mädchen, um auf schwarzen klappernden Maschinen große Bogen vollzuschreiben, auf denen oben Top stand. Keine wagte zu fragen, was Top eigentlich sei, so ehrfürchtig fromm waren die Gemüter dieser Mädchen gegenüber dem Geheimnis, dem sie dienten. Täglich wurden Hunderte solcher Bogen von Mädchenhänden in die alte und die neue Welt geschickt, um immer mehr Menschen für den Top zu gewinnen. In einem fort kamen zustimmende, ja jubelnde Antworten, die dem Top wie einem mächtigen Heidengott huldigten. Den ganzen Tag tobten Menschen in zischenden, stinkenden Fuhrwerken heran, um mit Mr. Blackcoffin in einem kleinen üppigen Teppichgemach hinter Polstertüren über den Top zu sprechen. Manchmal rauschte auch die schöne Iphigenia Blubbercox in märchenhaften Gewändern herein. Dann schauten alle die blonden Mädchen voll schaudernder Bewunderung auf wie zu einer seligen Göttin. Abends, als Miß Iphigenia mit ihrem Bräutigam fortging, hörten die ehrfürchtigen Mädchen einmal, wie Mr. Blackcoffin zu ihr sagte: »Der Top läuft jetzt.« Die schöne Iphigenia aber erwiderte schmelzend: »O mein Liebling, du bist ein wahrhaft großer Mann.« »Welch ein Leben!« sagten die blonden Mädchen. Eines Morgens stieg vor den Fenstern des Top aus einem der zischenden stinkenden Wagen Mr. Dibs, ein untersetzter kräftiger Mann mit backsteinrotem Gesicht und kleinen, höchst lustigen blauen Augen. Er ging, einfach und herzlich einen guten Morgen wünschend, zwischen den ehrfürchtigen Mädchen durch, gefolgt von zwei Mohren, die Kisten und seltsames Gerät trugen, und verschwand hinter der Polstertür. Nach einiger Zeit kam Mr. Blackcoffin, der sonst Wortkarge, Gestrenge mit einem fast menschenfreundlichen Gesichtsausdruck heraus, gefolgt von einem Ungetüm über Menschengröße. Dessen ungeheurer kugelrunder Kopf mit schwarzen verglasten Höhlen statt Augen und Nasenlöchern, sein gedunsener Leib, wie von einem aufrecht gehenden Bären, doch haarlos und aalglatt, waren wirklich dazu angetan, auch Mutigeren, als jenen blonden Mädchen, Schrecken einzuflößen. Alle verließen ihre Plätze, einige schrieen auf, manche blieben wie angewurzelt stehen. »Dies ist der Top,« rief Mr. Blackcoffin mit einem Gelächter, das klang, als schlügen Totengebeine zusammen. Dann riß er plötzlich dem Ungetüm den Kopf herunter, und aus dem wulstigen Rumpf ragte das gemütliche, backsteinrote Gesicht des Mr. Dibs; auch er brach in ein lautes, aber gemütliches Gelächter aus, in das die Mädchen bald einstimmten. Nun wußten sie, daß der Top ihnen nichts tat, sonst aber wußten sie nichts und begehrten auch gar nichts mehr zu erfahren. Unter einander und zu Fremden sprachen sie von jetzt ab ganz vertraulich von »unserem Top.« Ihr Top gab ihnen ja genug für die Nahrung und die dünnen, bunten Fähnchen, die sie trugen, und darum war er ein guter Top. Mr. Blackcoffin aber war der Priester des Gottes Top, und der mochte wohl alles nötige wissen. Das genügte. Nach einiger Zeit lasen die Mädchen in der Sonntagszeitung »Damenspiegel«, daß »ihr Top« über das Meer in das Land Indien gefahren sei. Auf der ersten Seite prangte sein Bild mit dem ungeheuren Kugelkopf und den verglasten Augen, wovor sie sich einst so erschreckt hatten. Jetzt schnitten einige das Bild aus und nagelten es an die Wand in ihren Kämmerchen über der schmalen Bettstatt. Inzwischen klapperten die Maschinen weiter, die stinkenden Wagen zischten nach wie vor unter den Fenstern des »Top,« Menschen rannten wie besessen aus und ein, und gegen Abend rauschte meist die mit immer mehr funkelnden Steinen behängte Göttin, Iphigenia Bluddercox, zwischen den ehrfürchtigen Mädchen hindurch. Eines Morgens aber erschien wieder der gemütliche Mr. Dibs. Nun hatten die Mädchen alle Scheu verloren. Sie umringten ihn und riefen laut: »Unser Top ist wieder da! Unser Top! Er ließ sich's halb verlegen, halb erfreut gefallen und rief nur immer » How do you do? How do you do? « Dann eilte er hinein in das Teppichgemach zu Mr. Blackcoffin und überreichte ihm in einem Lederbehältnis den rotgelb schimmernden Stein Tott. Der Ingenieur betrachtete ihn aufmerksam, ohne eine Miene seines hohlen knochigen Gesichts zu verziehen, und legte ihn beiseite. »Es ist gut« war das einzige, was er zu Mr. Dibs sagte. Dann schrieb er etwas in ein langes Heft, riß die Seite heraus und gab sie dem darüber höchst befriedigten Mr. Dibs. »O, ihr reizenden Geschöpft!« rief dieser lustig, als er wieder zwischen den jungen Mädchen durchging, die ihn von neuem umsprangen mit dem Ruf: »Unser Top, unser Top!« Aus dem Nebenzimmer war inzwischen durch das Fenster der Rabe Winighea mit dem gelben Stein Tott im Schnabel davongeflogen. Von dem Ingenieur Blackcoffin hat niemand mehr etwas gesehen noch gehört. Am nächsten Tage herrschte in den Räumen des Top ungeheure Erregung. Die Mädchen weinten, da sie nun dem Hunger preisgegeben waren. Die Leute, die aus den zischenden Wagen ausstiegen, brachen in Verwünschungen aus wegen der großen Summen, die sie dem verräterischen Top geopfert hatten. Da erschien gegen Mittag Mr. Dibs selbst. Alle fielen über ihn her, er solle helfen, er sei der Top. Mr. Dibs aber bestritt das voll Zorn. Mr. Blackcoffin sei der Top. Der Zettel, den er gestern von ihm erhalten und gegen den ihm die Wächter von Mr. Blackcoffins Schatz Geld geben sollten, war gefälscht. Mr. Blackcoffins Schatzkammer sei leer. Schließlich erschien in hysterischer Erregung auch die schöne Iphigenia. Sie erklärte, vertrauend auf die steigenden Preise des Thees, worin Mr. Blackcoffin in letzter Zeit hoch spekuliert hatte, habe sie sich von ihm ihre Frauenehre rauben lassen, die ihr aber für weniger als 25 000 Pfund unter keiner Bedingung feil sei. Sie würde die Rechte ihres mißbrauchten Leibes schon durchsetzen. Die Mädchen erstarrten in Ehrfurcht vor der schwindelnden Zahl. O, welch' einen Stolz besaß doch diese Göttin Iphigenia. Es dauerte noch einige Wochen, bis die Menschen ihre Hoffnung ganz aufgaben, in dem Heiligtum des weiland Top noch etwas von ihrem verlorenen Gut zu retten. Schließlich verödeten die Räume. Der Hausrat wurde fortgetragen, aber noch immer prangte in Goldbuchstaben das Wort Top an den Fenstern. Nach einiger Zeit zog ein neuer Gott in die Räume ein. Ich glaube, er hieß F. J. R. G. oder so ähnlich, aber dessen Dichten und Trachten gehört nicht in diese Geschichte. * Eines Tages erschien im sagenumwobenen Rheinland in der chemischen Fabrik von Tüchtig und Lebgut der junge Doktor der Chemie Kraft Gotthold Schläulich. Er hatte eine neue Erfindung gemacht; die er den Herren Tüchtig und Lebgut vorlegen wollte, um sie in deren Fabrik ausführen zu lassen. Das Äußere des Dr. Schläulich war wenig einnehmend. Er hatte ein finniges, stets etwas blau angelaufenes Gesicht, eine niedrige querfaltenreiche Stirn und trug über den wasserblauen Augen eine goldene Brille. Der Körper verriet ein schlechtes Knochengerüst. Dafür aber waren die Papiere, die Dr. Schläulich vorwies, um so achtunggebietender. Er war der Sohn eines kinderreichen Schullehrers aus Thüringen, hatte sich aus eigener Kraft, nämlich mit Schreibarbeiten und Stundengeben, während des Studiums selbst die Mittel dazu erworben, besaß Empfehlungen der größten Gelehrten seines Faches und legte nun eine Erfindung vor, die den Herren Tüchtig und Lebgut das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Das bartlose Antlitz des Herrn Tüchtig, der sich ganz nach der englischen Mode trug, musterte den jungen Mann. »Sie glauben also wirklich, daß das möglich ist?« fragte er. Herr Lebgut, ein Mann mehr von älterem Schrot und Korn, strich sich den breiten blonden Vollbart und sagte mit ausgesprochen sächselndem Tonfall: »Nu, mein Lieber, da wärden Se aber dem lieben Gott höllisch ins Handwerk pfuschen.« »Über etwas anderes als starke Hitzegrade und hohen Druck verfügt der liebe Gott auch nicht«, erwiderte der junge Mann sachlich. »Richtig«, bestätigte Herr Tüchtig befriedigt und reichte Herrn Dr. Schläulich seine goldene Zigarettendose. Dieser dankte, er war Nichtraucher. Der junge bisher darbende Chemiker wurde bei Tüchtig und Lebgut angestellt mit einem Gehalt, das ihn schwindeln machte. Die Fabrik widmete ihre Kräfte seiner Erfindung. Der Gewinn sollte geteilt werden. Die Erfindung des Dr. Schläulich war nichts geringeres, als ein Verfahren Diamantenstaub zu schmelzen und aus der gewonnenen Masse neue Steine in beliebiger Größe zu bilden. Nachdem die ersten Versuche gelungen waren, beriet man, welcher Name den künstlichen Brillanten verliehen werden sollte. »Brillantin« wurde sofort fallen gelassen, um Verwechselungen mit den Erzeugnissen eines anderen Gebietes zu vermeiden. Herr Tüchtig, der seine besten Jahre in England zugebracht hatte, schlug als Name vor »Prince of Wales« . Herr Lebgut dagegen war für einen echt deutschen Namen und wollte die neuen Steine schlicht »Steinole« nennen. Das roch aber dem geschmackvolleren Herrn Tüchtig wieder zu sehr nach Stiefellack oder Putzmitteln. Seine Tochter hieß Mabel. »Nennen wir die Steine Mabel«. »Nein, dann lieber Gretchen,« warf Herr Lebgut wehmütig ein, denn so hieß sein Töchterchen, das er kürzlich im Alter von sechs Monaten begraben hatte. Wie schön schien es ihm, die Erinnerung an das aufgeweckte Kind in einer Erfindung fortleben zu lassen, die ein Triumph des Fortschritts war. Dr. Schläulich machte dieser Meinungsverschiedenheit schnell ein Ende. »Was denn für ein Name?« rief er. »Meine Steine sind echte Brillanten, und als solche geben wir sie in den Handel.« So geschah es denn auch. Das Gehalt des Dr. Schläulich wurde verdoppelt. Zum erstenmal in seinem arbeitsreichen Leben gönnte er sich etwas Ruhe und fuhr, wovon er zeitlebens geträumt hatte, in die Berge des Landes Engadin, weil dort um diese Zeit reiche Leute aus der ganzen Welt zusammenkamen, um im sonnigen Schnee Schlitten zu fahren und auf Schneeschuhen zu laufen. In jener Welt war es, wo Dr. Schläulich zur Krönung seiner Laufbahn sich einmal die Gattin suchen wollte. So war denn die Reise nicht nur Erholung und Vergnügen, sondern, wie er sein Gewissen beruhigte, in einem höheren Sinne doch auch Geschäft und gut angewendete Zeit. Der findige Dr. Schläulich lernte trotz seinem schwachen Körper schnell die »Sport« genannten Künste der reichen Leute. Eines Mittags stand er auf Schneeschuhen unter einer einsamen Tanne in blitzendem Weiß. Die Stimme Gottes rief in dieser Stille, als habe sie es eigens auf den Dr. Schläulich abgesehen, um ihn aus dem Gefängnis seines gehetzten Lebens zu erlösen; aber er hörte sie nicht, obwohl sie so vernehmlich war, wie im Lande Tibet. Dagegen schien ihm, als habe er den ungeheuren, von ihm selbst hergestellten Brillant an seinem Finger nie so lebhaft funkeln gesehen, wie unter dieser reinen Sonne des Hochgebirgs. Er zog den Ring ab, legte ihn auf einen Baumstumpf ins hellste Licht und entfernte sich einige Schritte, um die Wirkung zu prüfen. Er hatte nicht bemerkt, daß einige Raben, die ihm zu Häupten flatterten, sein Tun aufmerksam beobachteten. Plötzlich flog einer auf den Baumstumpf zu, bemächtigte sich des Ringes und mischte sich wieder in den Schwarm ... »Verfluchtes Aas,« rief Dr. Schläulich und blickte dem schreienden Rabenvolk nach, das sich gegen einen nahen Hochwald entfernte. Da ließ sich nichts ändern, der Ring war verloren. Beim Abstieg gesellte sich zu Dr. Schläulich ein anderer Schneeschuhläufer, ein fast fleischloser Mensch mit starrem Gesicht, in dem die Haut unmittelbar über die Knochen gespannt schien, und überreichte ihm den verlorenen Ring. »Hier, dies habe ich Ihnen zurückzugeben«, sagte er kurzerhand. »Wir wollten uns Ihr Erzeugnis nur einmal ansehen. Ich bin der Zeitungsbesitzer Winighea Mischief aus New York und finde Ihren Stein geradezu vollkommen. Ich selbst habe einen gelben Diamanten, wie er nur einmal in der Welt vorkommt. Das ist aber ein äußerst unsicherer Besitz. Kürzlich ist er mir bei einem Schiffbruch abhanden gekommen. Nur unter großen Opfern konnte er durch einen Taucher wieder gefunden werden. Seitdem ich von Ihrer vorzüglichen Erfindung weiß, habe ich beschlossen, meinen Stein von Ihnen vervielfältigen zu lassen. Hier, nehmen Sie ihn an sich und machen Sie mir davon sieben ähnliche Exemplare. Den gelben Diamantenstaub, den Sie zur Verdünnung brauchen, finden Sie in diesem Säckchen.« Dr. Schläulich traute seinen Ohren nicht. Was ihn noch mehr verwunderte, ja erschreckte, als die Rückgabe seines Steines, war die Tatsache, daß dieser Mischief das Geheimnis seiner Erfindung kannte. Der schien seine Gedanken zu erraten. »Erschrecken Sie nicht. Unter der Bedingung, daß Sie mir die sieben rotgelb schimmernden Diamanten liefern, werde ich Ihr Geheimnis bewahren. Sie brauchen übrigens Ihren Urlaub nicht abzubrechen, aber wenn Sie nach Hause kommen, machen Sie sich gleich an die Arbeit. Ich zahle Ihnen eine Million Franken dafür, hier ist die Anweisung auf die Hälfte. Einer Quittung bedarf es nicht zwischen uns, Sie sind mir sicher. Ich werde selbst an den Rhein kommen, um mir zur rechten Zeit die Steine zu holen und die andere halbe Million bringen. Good by .« Damit jagte der Amerikaner auf seinen Schneeschuhen eine sonnige Halde hinab und verschwand dann hinter den Tannenstämmen. Dem verwunderten Dr. Schläulich fielen die Raben auf, die noch eine Zeit lang zu seinen Häupten schwärmten. Er hätte seinen eigenen, naturwissenschaftlich geschulten Sinnen nicht getraut, wäre nicht der ordnungsmäßige Scheck in seiner Hand gewesen. Im Städtchen bezahlte man ihm sofort einen beträchtlichen Teil davon aus und entschuldigte sich, daß man den Rest erst in einigen Tagen da haben werde. Dr. Schläulich verfügte, daß das Geld nach Deutschland gesandt würde. Am Abend hielt er, den glückbringenden Stein Tott in der Tasche, um die Hand der schönen Miß Violett Mouthpiece aus Philadelphia an, die ihm, der nicht begriff, wie er zu solchem Glück kam, mit ihrer vertrockneten Mutter sogleich nach Deutschland zu folgen versprach, da sie dieses Land längst hatten besuchen wollen. Nach einigen Monaten erschien Mr. Winighea Mischief am Rhein, erhielt seine sieben dem Tott in ihrem rotgelben Schimmer völlig gleichen Steine und brachte die zweite Hälfte der Million. Von den weiteren Schicksalen des Dr. Schläulich, weil ihn der Leser gewiß lieb gewonnen hat, nur noch so viel: Miß Violett Mouthpiece hielt nicht, was sie versprochen hatte. Zunächst war sie doch nicht ganz so vornehm, wie sie dem in der großen Welt unerfahrenen Dr. Schläulich anfangs geschienen hatte. Was ihn als amerikanische Flottheit zuerst fesselte, machte ihm nach einiger Zeit keinen rechten Eindruck mehr. Vielmehr langweilte er sich bei ihren eintönigen und inhaltslosen Gesprächen, denn er gehörte zu den Männern, die von Frauen überrascht und angeregt werden wollen. Im Lande Engadin war dies der ihm fremdartigen Violett auch gelungen. Kaum war sie dem Einfluß der Hochgebirgsluft entzogen, als sie plötzlich um mehrere Jahre gealtert erschien. Ihre Haut wurde gelb und welk, die Züge schienen spitz. Ein bißchen unangenehm war auch, daß ihr an jeder Hand der kleine Finger fehlte, was sie im Lande Engadin gut unter Handschuhen zu verbergen gewußt hatte. Obwohl Dr. Schläulich jetzt nicht mehr auf eine Mitgift zu sehen brauchte, so war es doch peinlich, seine Braut und besonders ihre Mutter, in dauernden Geldschwierigkeiten zu sehen, die sie stets anders begründeten. Was hätten sie denn wohl angefangen, wenn sie ihm nicht begegnet wären? erwog er erst im stillen, bald laut. »Dann hätten wir einen anderen Wohltäter gefunden, Mr. Schläulich«, sagte Violett kurz, und ihres Wertes bewußt, »es gibt viele edle Menschen in der Welt.« Schon überlegte er, wie er sich aus dieser Angelegenheit herauswickeln könnte, als Miß Violett einen Brief aus der amerikanischen Stadt ABC (sprich Ehbiszi) erhielt von ihrem Vetter Jimmy Delightfull, dem sie einige Andeutungen über ihres Bräutigams Erfindung gemacht zu haben gestand. Dieser Jimmy versprach Milliarden von Dollars, wenn Dr. Schläulich sofort selbst nach ABC käme, um dort eine Fabrik zu gründen. Nach einigen Monaten, wenn alles im Gang sei, könne er dann ruhig nach Deutschland zurückkehren. Die Reize der Miß Violett stiegen sofort wieder auf die Höhe, die sie im Lande Engadin erreicht hatten, und bald saß das glückliche Paar auf einem Dampfer nach Amerika. Angesichts der aus dem Nebel auftauchenden Freiheitsstatue der Stadt New York schwur Dr. Schläulich seiner Violett, daß er sie in ABC heiraten würde. Als sie dort angekommen waren, erfuhr Violett, daß Mr. Delightfull sich zur Zeit auf einer Geschäftsreise in den Südstaaten befand. Aber was schadet das? Inzwischen konnte man die Wartezeit ja zum Heiraten benutzen. Dr. Schläulich wurde mißtrauisch. Es kam zu Auseinandersetzungen, und schließlich zog er in einen anderen Gasthof. Eines Morgens erschien Jimmy Delightfull bei ihm in Person. Dr. Schläulich gefiel die gemütlich unbefangene Art des breitschultrigen Mannes gleich ausgezeichnet. Nichts von den überflüssigen Förmlichkeiten Europas, sondern alles Offenheit, ja Herzlichkeit. Der Amerikaner sagte, er sei ein Advokat, und Dr. Schläulich schlug vor, die Beratung gleich zu beginnen. Das war es, was Jimmy gerade gewollt hatte. Er zog Papiere und Briefe hervor, aber statt von der Diamantenherstellung zu sprechen, eröffnete er, daß Dr. Schläulich, nachdem er Miß Violett mehrmals die Ehe versprochen, zum letztenmal in amerikanischen Gewässern angesichts der Freiheitsstatue der Stadt New York, dieses Versprechen in Kürze zu vollziehen habe, andernfalls er Amerika nicht verlassen dürfe, ohne die Hälfte seines Vermögens sicher gestellt zu haben, über dessen Höhe Miß Violett genaue Aufzeichnungen besaß. Dr. Schläulich wollte aufbegehren, man habe ihn in eine Falle gelockt usw. Jimmy gab dies freundlich zu, erklärte aber, Leute zum Zweck geschäftlicher Unternehmungen nach Amerika zu rufen sei nach dem Gesetz erlaubt, seine Braut sitzen zu lassen hingegen nicht. »Alter Freund,« sagte der gutherzige Jimmy, »seien Sie lustig. Sie sind uns in die Falle gegangen, aber was macht es? Ein Mann wie Sie mit Ihrem Gehirn hat eine große Zukunft.« Der Advokat ließ ihn allein. In Brüten versunken hörte er kaum, daß sich die Tür des Zimmers öffnete. Violett kam herein. Sie war wie umgewandelt. Die Stolze fiel vor ihm auf die Knie, vergoß Tränen und flehte, er möge sie nicht für seine Feindin halten. Nur Liebe habe sie zu dieser List veranlaßt. Er solle sehen, daß sie ihm eine treue, aufopfernde Gattin sein werde. Jeden Wunsch würde sie ihm von den Augen absehen. So hatte Dr. Schläulich die stolze Violett freilich nie erblickt. Er äußerte dies. »Ja, Lieber,« erwiderte sie, ihre Tränen langsam bekämpfend, »so sind wir Amerikanerinnen nun einmal; stolz bis zur scheinbaren Herzlosigkeit, so lange wir eines Mannes nicht ganz sicher sein können. Haben wir aber Gewißheit, dann sind wir ebenso gefühlvoll wie eure deutschen Mädchen.« »Hm,« dachte Dr. Schläulich, der auch die deutschen Mädchen in dieser Hinsicht noch nicht erprobt hatte. Es muß hier nachgetragen werden, daß des arbeitsreichen Dr. Schläulichs bisherige Erlebnisse in der Liebe wenig geeignet sind, ans Licht gezogen zu werden. Wofür er schwärmte, das waren stark entwickelte weibliche Formen. Mochte Violett Mängel haben, ihre Büste und die Fortsetzung ihres Rückens ließen in Dr. Schläulichs Blicken nichts zu wünschen übrig. Und jetzt behauptete sie gar gefühlvoll zu sein, was der Vielbeschäftigte noch nie bei einer Frau erlebt hatte. Nun, so übel war das alles nicht! So wurde denn die Hochzeit vorbereitet. Violett blieb die hingebende Zärtlichkeit selber, Jimmy erschien täglich, ja er begann sogar Vorbesprechungen wegen der Diamanten. Violetts Ehrentag wurde im ersten Gasthof von ABC in engem Kreis gefeiert. Außer der Mutter, die dem Whisky tapfer zusprach, und Jim, der nur Mineralwasser trank, waren einige Herren und Damen geladen, deren Sprache der sonst das Englische gut beherrschende Dr. Schläulich kaum verstand. Ihm gefielen sie wenig in ihrer lauten Lustigkeit, obwohl sie mit ihm sprachen, als seien sie Freunde und ihn sogar manchmal »alter Kerl« anredeten. Oft fühlte er Violetts Hand auf seinem Knie. Endlich waren beide allein auf ihrem Zimmer. Die Stunde kam, da Dr. Schläulich zum ersten Mal eine anständige Frau der guten Kreise besitzen sollte. Er war etwas befangen, aber ein Blick auf Violetts Formen machte ihn entschlossen. Auch solche ehrbare Wesen – ermutigte er sich – waren, wenn man ihnen in der Vertraulichkeit nahte, Frauen wie sie die Natur erschaffen hat. Diese Annahme bestätigte sich aber in dem Falle Violetts nicht. Als der junge Gatte in der Dunkelheit ihr Lager teilte, vermißte er die schwellenden Formen, die ihn an ihr so sehr gefesselt hatten. Damit aber war der Tiefpunkt seiner männlichen Erniedrigung erreicht. Der Mann der Wissenschaft erwachte in ihm. »Erkenntnis der Wahrheit,« war das Einzige, woran ihm jetzt noch lag. Trotz Violetts hysterischem Geschrei, drehte er das Licht auf, durchwühlte die von ihr abgelegten Kleider, und fand darunter verborgen das, was er an anderer Stelle vermißt hatte. Die Wut des enttäuschten Männchens kannte keine Grenzen mehr. »Deine Schuld!« schrie sie noch obendrein; »in Amerika hätte ich das nicht nötig gehabt. Aber in Deutschland sind die Männer so entsetzliche Materialisten, da hat man mir geraten ...« Er wollte Violett an den Haaren aus dem Bett reißen, doch diese blieben ihm wie ein Strohwisch in der Hand; er schlug ihr ins Gesicht, ihr Gebiß flog durch das Zimmer. Violett richtete sich mit erhabener Gebärde auf und mummelte zahnlos: »Ich bin eine Amerikanerin! Diese Mißhandlungen werden Sie mir teuer bezahlen!« Dr. Schläulich aber brach in Hohngelächter aus. Seine ganze Würde war vergessen, der Thüringer Dorfbub erwachte wieder in ihm. »Sch...amerikanerin,« rief er, »du kannst mich ...« und nun folgten Ausdrücke, die sich nicht wiedergeben lassen. »Das werden Sie mir bezahlen,« mümmelte Violett in einem fort, vergeblich ihr Gebiß suchend. Dr. Schläulich aber warf seinen Mantel über den Nachtanzug und eilte hinaus. So groß die Schamhaftigkeit der Stadt ABC in Fragen der Liebe ist, so unumwunden prunkvoll zeigt sie sich in der Ausstattung der heimlichen Räumlichkeiten. In einer solchen, deren elektrischer Lichterglanz sich auf Wände von himbeerfarbenem Marmor ergoß, verriegelte sich Dr. Kraft Gottlieb Schläulich, der große Erfinder. Am anderen Morgen fand man ihn erhenkt an dem goldbronzenen Hirschgeweih, das die Fülle der Glühlampen trug. So starb der Letzte, der den allein echten Tott eine Zeit lang im Besitz gehabt hatte. 3. Kapitel. Der Riesendampfer »Halbgott« machte seine erste Fahrt durch die blaufinstere Sternennacht, die eisig über dem kaum bewegten Weltmeer lag. In vierzehn hell erleuchteten Stockwerken, die unteren mit kleinen Luken, die oberen mit Fenstern und breiten Verdecken, lebten an die fünftausend Menschen. Es ging gegen Mitternacht. Viele waren schon schlafen gegangen. Im Zwischendeck hatten sich die dunklen Haufen der Armseligen für die Nacht nebeneinander geschichtet. Noch trugen die Fahrstühle Menschen in üppiger Abendkleidung von einem Deck auf das andere. Die kleine Bühne hatte soeben ihre Vorstellung »Dollarkönigin« beendigt, und die Zuhörer, die Damen mit funkelnden Büsten, die Herren im Frack, strebten zu den Erfrischungs- und Rauchsälen. In einer Rennbahn übten noch einige Unermüdliche das Radfahren, auf einem umgitterten Platz wurde von ein paar kostbar gekleideten jungen Mädchen ein Ballspiel zu Ende geführt. Ältere Herren verließen in Nachtanzügen eben die Bäder. Bedienstete fegten die Dampfräume, andere ließen das weite Schwimmbecken auslaufen. Ein alter Kellermeister, der mit jüngeren Männern den großen Palmensaal aufräumte, wo die Gäste zu speisen pflegten, sagte: »Jetzt kommen wir zu dem Friedhof des Meeres. Da bin ich Hunderte von Malen vorbeigefahren. Früher haben wir immer gezittert vor den Eisbergen, die hier nachts wie weiße Gespenster herumirren und die Schiffe zertrümmern. Aber auf den neuen Dampfern hat keiner mehr Angst, bis schließlich doch wieder einmal etwas passiert!« »Was soll denn passieren?« rief ein Jüngerer, der bisher eine Operettenmelodie leise vor sich hin gepfiffen hatte. »Schau, Junge,« sagte der Alte und führte den Anderen ans offene Fenster. »Der schwarze Schatten dahinten mit den zwei leuchtenden Augen, das ist die Sandinsel mit ihren Leuchttürmen. Nur im Sommer kann man dort anlegen. Noch jetzt im Frühjahr ist der Eisgang zu hoch. Dort sind in den letzten fünfzig Jahren 918 Schiffe gestrandet. Bei Tag kann man vom Dampfer aus oft die moosbewachsenen Mastspitzen der Wracks in die Luft ragen sehen. Da liegt mancher Kamerad begraben, mit dem ich die Fahrt über den großen Teich gemacht habe, und auch wohl mancher Vorfahre von mir, der in Seglern oder Kuttern die Reise hinüberwagen wollte. Schaut nur, schaut nur das weißglitzernde Ding dort; so wahr ich lebe, das ist ein Eisberg. Hört ihr den Donner? Das sind die Wogen, die sich an ihm brechen.« »Aber einem Schiff, wie dem ›Halbgott‹ geschieht hier nichts!« rief der Jüngere. »Wer will das wissen!« erwiderte der Alte. »Dort liegen auch Luxusdampfer, schwimmende Paläste, wie man sie nennt, in Trümmern geborsten, die noch halb aufrecht stehen.« »Du machst uns keine Angst,« sagte der Junge, »der ›Halbgott‹ kann teilweise beschädigt werden, aber niemals bersten oder gar sinken. Wenn du das glaubst, dann weißt du nichts von dem, was die Technik vermag.« * Auf dem obersten Deck waren einige Herren in der Kabine des Kapitäns, der sie soeben verlassen hatte, um seiner Pflicht obzuliegen. Die Herren entstammten verschiedenen Nationen, aber alle sprachen englisch. Da war zunächst der Geheime Kommerzienrat Teuflin, der größte Ausfuhrhändler Deutschlands. Er sah kaum aus wie ein Mensch, eher wie ein Bewohner eines fremden Sterns. Sein Kopf war groß, rund, gelb und ohne ein Haar. Die Augen verschwanden in tiefen, verwitterten Höhlen, aber es sah aus, als könne er sie, wenn er wolle, wie Fühlhörner ausstülpen. Die Nase schien zweimal geknickt und zum Herausziehen eingerichtet wie ein Fernrohr. Die Ohren sahen aus wie zusammengerollt, aber jeden Augenblick bereit, weit ausgespannt zu werden. Dieser Mann sprach wenig, sah wie geistesabwesend, ja oft etwas einfältig aus, aber hörte umso aufmerksamer zu, während er Whisky mit Sodawasser trank. Sein Reisebegleiter war der größte deutsche Waffenfabrikant Herr von Drachenstedt. Auch er hatte etwas nicht Menschliches, denn er besaß die Schönheit eines Gottes: große stahlblaue, unbewegliche Augen und einen dichten schwarzen Bart um üppige Lippen. Im Sitzen überragte der Mann mit der hohen weißen Stirn alle anderen um mehr als Haupteslänge. Er war es, der hauptsächlich das Gespräch führte. Er wendete sich an einen viel kleineren fetten Mann, der formlos seine feisten Beinchen über einen Stuhl gelegt hatte und behaglich ein Pfeifchen rauchte. Er war kein anderer als Lord Amadill. Hinter diesem Namen aber verbarg sich auf seinen heimlichen Reisen der König der Briten, der es liebte, mit Leuten aller Art zu verkehren und sich nur, wenn es ihm gerade paßte, zu erkennen gab. Neben ihm saß sein Freund, Lord Hellsground, nach Herrn von Drachenstedt der Größte in der Runde, doch nicht so schön wie jener, sondern mit einem langen Pferdekopf und einem ungeheuren gelben Gebiß, das, wenn er lachte, stets aus dem bartlosen Mund hervortrat, und er lachte oft auf grimmige Art. Schloß er die Lippen wieder, dann konnte es vorkommen, daß der linke Eckzahn des Unterkiefers draußen blieb und über die Oberlippe ragte, bis Lord Hellsground dies wieder mit der Zunge in Ordnung gebracht hatte. Der Lord besaß mehrere englische und amerikanische, ja einige französische, italienische und russische Zeitungen. Als Sohn eines Schneiders geboren war er mit l0 Jahren Zeitungsjunge, mit 16 Jahren Zeitungsschreiber, mit 25 Jahren Zeitungsbesitzer, mit 40 Jahren Zeitungskönig, mit 48 Jahren Peer von England, mit 51 Jahren der nächste Freund des Königs. Er war der hauptsächlichste Gesprächspartner Drachenstedts. Voll Ungeduld suchte manchmal der Advokat Diavelin, Abgeordneter der französischen Kammer, zu reden, ein geisbärtiger magerer Mensch mit olivegrüner Haut und großen blitzenden Steinen im Frackhemd und an den knochigen Fingern; aber er war der englischen Sprache zu wenig mächtig, um das Wort an sich reißen zu können. Nicht viel anders ging es dem bleichen italienischen Dichter Satanelli, dessen nervöse Frauenhände ungeduldig auf den Tisch trommelten und dem russischen Diplomaten Wassili Wassiljewitsch Tschortoff, einem schon ergrauten eleganten Herrn, mit dunkel behaarten, mächtigen Händen, der meist französisch sprach. Ihm gehörten die größten Bergwerke des Uralgebirges. Das Gespräch drehte sich um die Frage, ob es möglich sei, daß die technisch so ungeheuer fortgeschrittene Menschheit noch einmal in einen Krieg verstrickt werden könne. »Niemals, so lange ich die Presse der halben Welt kontrolliere,« sagte Lord Hellsground. »Niemals solange ich den Deutschen die besten Waffen liefere, denen keiner zu trotzen wagt,« rief Herr von Drachenstedt. »Niemals, solange ich regiere,« bemerkte der Lord Amadill gemütlich; »denn die Welt wird vorziehen, gute Geschäfte zu machen und ihr Leben zu genießen.« Der König lächelte behaglich. »Aber Majestät,« sagte plötzlich der Geheimrat Teuflin und seine Augen traten etwas vor, »wozu dann Ihre Bündnisse?« »Eine Gegenfrage, lieber Geheimrat,« versetzte der König. »Wozu Ihre Rüstungen?« Teuflin: »Eben wegen Ihrer Bündnisse.« Lord Amadill: »Nein, diese wegen Ihrer Rüstungen.« »Köstlich,« rief der Franzose, »das nennt man das Gleichgewicht Europas.« Der König: »So ist es, maître Diavelin , und fühlen wir uns nicht alle wohl dabei? Unsere Vettern, die Deutschen, machen dabei ausgezeichnete Geschäfte, und wir ebenfalls. Keinem wird einfallen, den anderen darin zu stören.« Der Eckzahn des Lord Hellsground ragte bedenklich über die Oberlippe. »Aber wir Majestät,« wagte der Dichter zu sagen, »die Abkömmlinge des alten Roms, sind ein armes Land.« »Das ist wahr,« versetzte der König leutselig, »darüber wird man demnächst reden; man wird euch etwas geben, damit ihr auch bessere Geschäfte macht.« »Und das Testament Peter des Großen?« fragte plötzlich Wassili Wassiljewitsch auf Französisch. »Und unsere verlorenen Provinzen?« fügte Maître Diavelin hinzu. Der gemütliche König hielt seine kleinen runden Ohren zu und sagte: »Meine Herren, meine Herren, was sind das für indiskrete Fragen? Kommt Zeit, kommt Rat. Wir in diesem Kreis werden uns immer vertragen, denn, wie gesagt, wir haben ja alle dasselbe Ziel: Angenehm leben und Geld verdienen. Ist es nicht so, meine Herren?« Der König ließ sich Champagner einschenken und stieß mit allen an. Herr von Drachenstedt sagte plötzlich: »Und wenn es Krieg gibt, dann ist das vielleicht das allerbeste Geschäft.« Alle räusperten sich; Wassili Wassiljewitsch erzählte später, er habe genau gesehen, wie der Geheimrat bei diesen Worten seines Freundes einen kurzen Augenblick lang Augen, Ohren und Nase weit herausstülpte, um sie sofort wieder einzuziehen. »Ich protestiere, meine Herren,« rief Lord Hellsground. »Auch ich hoffe, daß wir alle ein gemeinsames Ziel haben, aber ich wäre betrübt, wenn es ein anderes sein sollte, als die Entwicklung und Verbreitung der Zivilisation.« »Seien wir offen,« erklärte Drachenstedt und seine sonst kalten Augen flammten apostelhaft, »das alles sind Machtfragen.« »Nicht für uns!« erwiderte Lord Hellsground. »Weil Sie ein Viertel der Welt erobert haben.« »Aber mit freiwilligen Berufssoldaten, denen der Krieg ein willkommenes Abenteuer war,« warf der König ein, »dies ist der wichtige Punkt! Heute dagegen wird man kein Volk mehr in das Abenteuer eines Krieges stürzen können.« »Außer den Franzosen, wenn es den Ruhm der Nation gilt,« rief Mâitre Diavelin lebhaft. »Und außer den Italienern« erklärte Satanelli, »wenn es gilt das alte Imperium Romanum zu errichten.« »Und außer den Russen,« meinte Tschortoff, »wenn es gilt das griechische Kreuz auf die Sophienkirche zu Konstantinopel zu setzen.« »Und außer den Engländern, wenn man ihnen versprechen kann, daß sie durch den Krieg doppelt so reich werden.« Geheimrat Teuflin und Herr von Drachenstedt tauschten lächelnd Augurenblicke. »Da haben wir noch etwas besseres, um das Volk zu führen wohin wir wollen,« sagte Teuflin pfiffig. »Und das wäre?«fragte der König, dem fast unheimlich wurde. »Wir besitzen einen Zauber,« erklärte Drachenstedt schlicht, »womit wir wie Chirurgen dem Volk seinen Willen schmerzlos herausschneiden und in dem Hohlraum etwas einnähen können. Erwacht das Volk aus der Narkose, dann vermißt es nicht das geringste, ist vielmehr stolz, nicht mehr zu wollen, sondern nur noch zu sollen.« Die Zuhörer waren teils ungläubig, teils lief ihnen das Entsetzen eiskalt über den Rücken. »Wenn wir Ihnen das glauben sollen,« sagte der Russe, der so etwas am wenigsten begriff, »dann sagen Sie uns, was das für ein Zauber ist.« Diese Frage schien allen etwas kindlich, doch zu ihren, besonders Lord Hellsgrounds Erstaunen, erklärte Drachenstedt bereitwillig: »Ich will Ihnen den Zauber nennen, denn nachahmen kann man ihn nicht. Er setzt ein philosophisch gebildetes Volk voraus. Er ist der sogenannte kategorische Imperativ, mit dem ich mich anheischig mache, das Volk in jedem beliebigen Zweck einzuspannen den unser Geschäft verlangt.« »Das ist ja furchtbar,« sagte der kleine dicke König fast wimmernd, »wie nennen Sie das Ding?« »O Majestät,« versetzte Geheimrat Teuflin fast sentimental, »Sie sind auf dem Thron geboren. Aber so ein armer Napoleon der Industrie, kann man ihm übel nehmen, daß er auch 'n bißchen nach Macht strebt?« Obwohl der Geheimrat englisch sprach, verriet doch der Tonfall dieser Rede, daß er aus Hamburg stammte. Dem König war sie offenbar sehr peinlich; da trat Mr. Winighea Mischief herein. Er war ein Freund des Lord Hellsground, dem er vor kurzem seine amerikanischen Zeitungen verkauft hatte, um sich ganz dem Juwelenhandel zu widmen. »Setzen Sie sich, Mischief,« sagte der König erleichtert. »Was bringen Sie Neues?« »Ich habe die gelben Steine aus meinen Koffern herausgesucht. Wie gesagt: es gibt nur sieben auf der ganzen Erde. Da Se. Majestät keinen erwerben will« – (der König winkte ziemlich lebhaft ab) – »kann, wie heute früh besprochen, jeder von den Herren einen haben.« Er reichte den beiden Deutschen, dem Lord Hellsground, dem Franzosen, dem Russen und dem Italiener je einen Goldreif mit dem Stein Tott. »Den siebenten« erklärte er, »hat soeben der Präsident dieser Schiffahrtslinie an seinen Finger gesteckt, Mr. Smalldevil.« »Da können Sie aber heute mit Ihrem Geschäft zufrieden sein, Mischief«, sagte der König. »Ja, das bin ich,« erwiderte jener und rieb sich die mageren gelben Hände. »Und nun will ich Ihnen noch etwas verraten,« fügte er hinzu, »vielleicht lachen Sie mich aus, aber wir Amerikaner sind eben so wundergläubig wie wir smarte Geschäftsleute sind. Diese Steine sind Glückssteine, und darum bedaure ich, daß Se. Majestät keinen erworben hat. Sie werden alle bald bemerken, daß Ihnen Ihre Unternehmungen unerwartete Erfolge bringen werden.« Alle lachten, während sie noch das Feuer ihrer Steine prüften. Nur der italienische Dichter deklamierte ernst ein paar Verse von Tasso und Wassili Wassiljewitsch ging einen Augenblick in seine Kajüte, um den Ring an einer Kette mit Kreuz zu befestigen, die er um den Hals auf der bloßen Haut trug. * Indessen stand auf der Kommandobrücke besorgt der Kapitän Coldenhead, ein kleiner Mann mit gelbem Seehundschnurrbart. In seinem Rücken flüsterte der Präsident der Linie, Mr. Smalldevil heftig auf ihn ein, ein fetter älterer Herr mit gewöhnlichem, etwas gedunsenem Gesicht und grauem Backenbart. »Sie erhalten 20 000 Dollars bei der Ankunft, wenn Sie den Rekord brechen, Coldenhead. Fahren Sie so schnell, wie es irgend geht. Wir müssen es dieses Mal den deutschen Schnelldampfern zuvortun. Lange genug hat es das seefahrende England ertragen, daß ein anderes Land das blaue Band des Ozeans besitzt.« »Aber, Sie wissen nicht, wo wir uns in diesem Augenblick befinden, Herr,« erwiderte der Kapitän. »Um den Weg zu kürzen, sind wir schon viel zu weit nach Norden geraten. Hören Sie denn nicht den Donner in der Ferne? Das sind die Massen, die sich von den grönländischen Eismauern gelöst haben.« »Oh, wir sind weit von Grönland!« lachte Mr. Smalldevil ungeduldig. »Aber die Ströme des Windes und des Meeres treiben das Eis bis hierher. Ich habe heute abend bereits drei drahtlose Warnungen von Schiffen erhalten. Sehen Sie dort den weißen Rücken über der Flut, das ist ein Eisberg.« Mr. Smalldevil hatte ein Opernglas um den dicken Hals hängen. Er schaute durch in der vom Kapitän gewiesenen Richtung. »Dies kleine Ding?« fragte er erstaunt. »Je kleiner sie sind, desto gefährlicher,« sagte Coldenhead, »desto weiter ragt der unterseeische Fuß des Eisbergs, Ich sage Ihnen nur soviel, daß wir jeden Augenblick an so ein Ding stoßen können und dann Gnade uns Gott.« »Unsinn,« schnaubte Smalldevil,»ein Grund mehr, möglichst schnell durch die Gefahrzone hindurchzueilen, der »Halbgott« ist unversinkbar. Für Beschädigungen macht Sie die Gesellschaft nicht verantwortlich. Brechen wir dieses Mal den Rekord, dann tut es nichts, in was für einem Zustand der »Halbgott« in New York ankommt. Also los, Mann! Stellen Sie die Höchstgeschwindigkeit von 24 Knoten ein, und im Falle eines Unfalls schließen Sie sofort sämtliche Schotten. Wozu haben Sie denn den elektrischen Knopf da neben sich? Heute soll etwas gewagt werden! Ich wünsche, daß wir schneller, als es je geschah, durch die Eisfelder fahren und daß diese Fahrt historisch wird.« »Dieser Wunsch wird Ihnen in Erfüllung gehen, Mr. Smalldevil,« sagte Mr. Winighea Mischief, der plötzlich aus dem Dunkel hervorgetreten war. »So, glauben Sie, glauben Sie?« fragte Smalldevil erregt. »Ich weiß es, denn Sie tragen ja den gelben Glücksstein am Finger.« »Ach was, darauf gebe ich nichts, ich glaube an die Technik.« In diesem Augenblick ertönte ein gewaltiger Krach. Der Kapitän stieß einen Fluch aus. »Was gibt's?« rief Smalldevil. Mr. Winighea Mischief aber brach in ein Gelächter aus und verschwand im Dunkel. Dann flog er in Rabengestalt auf und setzte sich auf die Spitze des obersten Mastes, die Dinge erwartend, die nun kommen würden. * Die Nacht war ganz klar, nur leichte Nebel lagen auf dem Meer, viele Reisende vergnügten sich beim Tanz, andere hörten noch im Musiksaal Spiel und Gesang zu, als jener Krach ertönte, das Schiff stehen blieb und alle elektrischen Lampen erloschen. Man hörte die Hebel knarren, durch die der Kapitän mit einem Ruck die Maschinen zum Stillstand brachte und die wasserdichten Türen schloß. Im Vertrauen auf die Unversinkbarkeit des ›Halbgott‹ zeigten die Menschen mehr Neugier als Furcht. Fackeln und Laternen wurden angezündet und warfen ein ungewisses Flackern umher. Man umringte die Deckoffiziere, die erklärten, es handele sich um eine kleine Schraubenstörung. Einige Reisende, die schon zur Ruhe gegangen waren, stürmten in schnell übergeworfenen Kleidern die Treppen hinauf, aber sie beruhigten sich, als sie von Lachenden empfangen wurden, die am Reeling lehnten; darunter waren vertrauenerweckende alte Seeleute der Mannschaft, welche sie »ängstliche Landratten« nannten. Dennoch wurden Rettungsboote klar gemacht. Die in der Nähe Stehenden ließen sich hineindrängen. Die Boote wurden hinabgelassen. »Nur eine Vorsichtsmaßregel,« rief ein wohlgelaunter Offizier, »zum Frühstück werden alle wieder an Bord sein.« Dieses Vertrauen steckte an. Viele lachten und gingen Karten spielen oder in die Kajüten zurück. Indessen ruderten aber die gefüllten Boote schnell davon. Dies, erklärte der lustige Offizier, geschehe nur, damit nicht ein Boot beim Niederlassen in ein anderes falle, was doch kein Spaß sei. Nein, das sei wirklich kein Spaß, bestätigte mancher. * In der Kabine für drahtlose Telegraphie, die sich nächst der Kommandobrücke befand, schliefen zwei junge Beamte, Smyder und Skelly. Plötzlich steckte der Kapitän den Kopf durch die Tür und rief: »Schnell aufstehen. Wir haben einen Zusammenstoß mit einem Eisberg. Rufen Sie um Hilfe!« Die beiden sprangen aus ihren Kojen. Smyder eilte schlaftrunken an den Apparat. Skelly sagte lachend: »Was der Alte für Angst hat!« Smyder gab das Notsignal CQUD , und Skelly belustigte sich damit die Buchstaben als Wort auszusprechen und machte Zkwud, zkwud. In zehn Minuten war die Antwort des Dampfers van Broedermann da, der mit Volldampf zu kommen versprach. Als Skelly zum Kapitän eilte, um dies zu melden, fand er das Verdeck bereits voll aufgeregter, schreiender Menschen. »Es ist ernst,« rief er, zurückkehrend, Smyder zu, der im Nachtanzug am Apparat saß und weitere Verbindungen suchte. Unten ließ eine Musikkapelle einen amerikanischen Tanz toben, obwohl immer neues Krachen das ganze Schiff erschütterte. Eisige Kälte drang herein. Skelly kleidete sich an und warf dem arbeitenden Kameraden einen Rock über die Schultern. Dieser merkte mit Schrecken, daß der Apparat immer schwächer ging. Der Kapitän kam zurück und sagte, im Maschinenraum sei Wasser eingedrungen. Das konnte Smyder dem van Broedermann noch mitteilen. Er arbeitete unausgesetzt weiter, den Mantel über den Schultern, keinen Blick hinter sich werfend, während die Panik der vom Tod Bedrohten immer lauter wurde. Skelly half dem nun aufrecht am Apparat Stehenden in die Kleider und warf sich und ihm Rettungsgürtel um. Der Kapitän rief beiden zu: »Ihr habt eure Pflicht getan; mehr kann nicht geschehen. Jetzt mag jeder an sich selbst denken. Während Skelly in einem Gefach Geld zusammenkramte, eilte ein Mensch vorbei, der Smyder mit einem Griff den Rettungsgürtel abzog. Noch immer hörte man die Musikkapelle wie in großer Entfernung. * Plötzlich erglühte die elektrische Beleuchtung wieder und goß Lichtfluten über die sich wie wahnsinnig in einander verquirlenden Menschen, welche, die Männer stoßend und tretend, die Weiber kratzend und beißend, den Weg nach den Rettungsbooten suchten. Die Verdecke waren zerquetscht, die Seiten des Schiffs und die wasserdichten Abteilungen aufgerissen. Die oberen Galerien und einige Rettungsboote lagen zersplittert in den niederen Stockwerken, dazwischen erschlagene Menschen und heulende Verwundete. Der Kapitän kommandierte laut von seiner Brücke aus. Durch das ganze Schiff tönten Rufe: »Alle Passagiere an Deck.« Aus dem Maschinenraum scholl ein fauchender Lärm wie von brüllenden Tieren. Weit ausgeschnittene Damen voll Diamanten, andere in spitzenbesetzten Nachtkleidern wurden fast erdrückt und gebärdeten sich so hilflos, daß sie, vor den Rettungsbooten stehend, nicht hineinzusteigen wagten; andere wollten sich von ihren männlichen Angehörigen nicht trennen, bis man sie schnell umfaßte und sie hineinwarf, wo sie am Boden liegen blieben. »Alle Mann zurück,« riefen die Offiziere; an die Boote herandrängende Männer wurden mit Revolvern ferngehalten, einige Schüsse fielen, Salpetergeruch stieg auf, man sah geschwärzte Gesichter. Andere Männer, die den Frauen den Vortritt lassen wollten, wurden dagegen von rückwärts in die Boote gestoßen. Eine hochschwangere Frau rief aus dem Boot ihrem auf dem Schiff verbliebenen Gatten zu: »Auf Wiedersehn in New York.« Einige sprangen nackt über Bord, in der eisigen Flut klammerten sie sich an die massenhaft herumschwimmenden Eisschollen. Plötzlich geriet das Schiff unter der Gewalt des einströmenden Wassers ins Schwanken und legte sich stark auf die Seite. Aus dem Zwischendeck, von wo aus viele auf herabgelassene Flöße sprangen, hatte ein Knäuel zerlumpter Menschen in bunten Lappen, die halbnackten Weiber mit Säuglingen auf dem Arm, den Weg hinaufgefunden, weil sie glaubten, die Reichen würden zuerst gerettet; da wollten sie teilhaben, denn vor dem Tod sind alle gleich. Nun wurde der Kampf um die Rettungsboote immer erbitterter. Manche fielen leer in die Flut hinab und erschlugen dort einige Schwimmende, während sie anderen eine Zuflucht gewährten. Wiederum ertönte ein Krachen und Zischen, das alles bisherige Getöse an Kraft übertraf, die Schiffskessel barsten unter der Berührung mit der eisigen Flut. Viele Menschen wurden aus den unteren Räumen über Bord geschleudert. Das Meer kochte einige hundert Meter weit auf in weißem Gischt. Noch immer tönte von irgendwoher Musik, und zwar der amerikanische Choral: »Näher mein Gott zu Dir.« Nicht wenige Menschen waren innerlich so gelähmt, daß sie willenlos jeden Eindruck aufnahmen, der sich ihnen bot. So standen einige um ein altes Ehepaar herum, das sich Arm in Arm hielt. Vergebens hatten Matrosen versucht, sie zu trennen und die Frau in ein Rettungsboot zu schleppen. Der Mann erzählte ruhig, daß er und seine betagte Gattin in jahrzehntelanger Arbeit zusammen ein großes Vermögen erworben hätten und nun auch gemeinsam in den Tod gehen wollten. Die Zuhörer klammerten sich offenen Mundes an diese Worte wie geängstigte Kinder an die beruhigende Märchenerzählung der Mutter. In der Nähe ertönten Revolverschüsse. Zwei Männer, die sich umschlungen hielten, hatten sich erschossen und fielen rittlings über den Reeling in die Flut. Das Beispiel fand Nachahmung. Ein junger Mensch schoß einem Mädchen in die Schläfe und dann sich selbst. Schon wartete ein Dritter, um dem Toten die rauchende Waffe zu entreißen und auf sich selbst zu richten. Der folgende fand die Ladung verbraucht und warf die Waffe ärgerlich beiseite. Ein alter Herr, dessen Frau und Kinder um keinen Preis ohne ihn die Boote hatten besteigen wollen, eilte in den Speisesaal und kam schnell zurück, die Arme voll von Flaschen mit starken Schnäpsen, als hätte er in einem überfüllten Vergnügungslokal dank seinen Ellenbogen doch für sich und die Seinen Erfrischungen erobert. Er teilte die Beute unter sie aus. Wie wohl oft in glücklichen Zeiten zog der besorgte Vater seinen Pfropfenzieher heraus. Der Älteste schlug seiner Whiskyflasche an der Wand den Hals ab und reichte sie der Schwester. Alle küßten sich, dann setzten sie, dicht beisammen stehend, die Flaschen an die Lippen und versuchten die scharfen Getränke auf einen Zug zu leeren. Die Frauen sanken schnell zu Boden. Die Männer setzten ein paar Mal an, bis sie hintaumelten. Den Alten überkam zuletzt noch eine plötzliche Heiterkeit, und er pries den Herandrängenden sein Mittel eines schmerzlosen Todes, nach dem Speisesaal deutend, wo noch Whisky in Hülle und Fülle sei, dann fiel auch er nieder. Nachdem der Kapitän Coldenhead alles getan hatte, was in seinen Kräften stand, erklärte er zwei Offizieren: »Ich ziehe vor, auf meinem Schiff zu sterben, als im Wasser.« Er eilte in seine Kajüte, wo ihn die beiden Offiziere einholten, um ihn am Selbstmord zu hindern. Er entwischte ihnen, sprang über Trümmer von Masten und Holzwänden, und schoß sich, hinter einem Schornstein verborgen, in den Mund. Eine hohe Woge spülte den Leichnam sofort ins Meer. * Noch immer lag die See spiegelglatt unter dem sternenhellen Himmel. Die Rettungsboote waren vorwiegend von Frauen und Kindern besetzt, doch bei weitem nicht bis auf den letzten Platz, während noch zahllose Ungerettete von dem Schiff herunterriefen. Hunderte von Menschen mit Rettungsgürteln schwammen in der Flut zwischen Eisschollen, halb erstarrt die Berührung der Boote suchend. Hände wurden ihnen entgegengestreckt und mancher wie im Traum heraufgezogen, um dann sofort in Bewußtlosigkeit zu versinken. Andere Schwimmende hörte man plötzlich wild aufgurgeln, ehe sie versanken. Einzelne Boote wurden von den sich außen Anklammernden gekippt und die sich schon gerettet Wähnenden versanken. Um diesem Schicksal zu entgehen, befahl Mr. Smalldevil, der aufrecht in einem wenig besetzten Boot stand, einem Matrosen, die sich an den Rand klammernden Hände mit einem Beil, das zum Durchschneiden der Taue gedient hatte, abzuhacken. Einige Totenhände blieben an dem Boot hängen. Manche von den Insassen der Rettungsboote waren wie gebannt von dem zauberhaften Anblick, den das ganz langsam in die dunkle Flut sinkende erleuchtete Schiff bot, dessen Schornsteine schwarzen Rauch, Flammengarben und Wolken von Glutfunken ausspieen. Raketen stiegen auf, eine letzte Hoffnung auf Hilfe. Die unheimlichsten Geräusche waren hörbar, als ob alle Maschinen im keuchenden Kampf gegeneinander arbeiteten. Das Schiff tauchte mit dem Vorderteil ein, wie ein riesenhafter Wasservogel. Bis zuletzt ertönte zwischen den jammernden Hilferufen von irgendwoher eine Musik. Noch immer sprangen viele Menschen herab in die Flut, während andere oben mit sich kämpften, ob sie den Sprung wagen sollten; wieder andere standen still am Reeling, dem wirren Schauspiel wie aus einer anderen Welt zusehend, den Tod erwartend. In einiger Entfernung erhoben sich blauweiß schimmernd, oft völlig in weißen Gischt getaucht, die Flanken eines weiter südlich treibenden Eisbergs. Sechs Stunden trieben die Frierenden in den Booten auf dem bedrohlichen Eisfeld umher. Einige starben, andere begannen laut zu husten, als müßten sie ersticken und zitterten im Fieber. Frauen hielten in den Armen wimmernde Säuglinge, deren Mütter nicht aufzufinden gewesen waren. Manche der rudernden Männer verließ die Kraft, so daß einzelne Frauen gezwungen waren, zeitweise die Ruder zu ergreifen. Die schweren Eismassen drängten die Boote in immer größere Entfernung voneinander. Auf einigen brannten Laternen, die den anderen immer noch die Richtung anzeigten. Noch sah man am Nachthimmel die ungeheure Masse, das leuchtende Schiff, bis es plötzlich in die Tiefe schoß, leeres Dunkel zurücklassend. Da erschienen gegen Morgen Lichter in der entgegengesetzten Richtung; es war der durch den drahtlosen Telegraphen zu Hilfe gerufene Dampfer van Broedermann, der, wie versprochen hatte, mit Volldampf zur Unglücksstelle eilte. Alle Boote strebten ihm in der gespenstischen Dämmerung entgegen. So verwirrt es beim Verlassen des ›Halbgott‹ zugegangen war, so einfach vollzog sich nun alles. Kaum ein Dutzend Boote mit etwa je 50 Insassen und einige Flöße mit Zwischendeckern, meist Russen und Polen, waren gerettet worden. Sie schwammen alle so weit voneinander entfernt, daß sie sich beim Anlegen an den van Broedermann kaum störten. Viele Gerettete vermochten nicht aufzustehen, geschweige denn allein das Fallreep zu erreichen; ihre Füße waren erfroren oder zerquetscht. Mit Mühe wurden sie hinaufgebracht, von festen Armen umfaßt und sofort in Betten gebracht. Die Reisenden des van Broedermann stellten ihre Kajüten zur Verfügung und gaben warmes Zeug her. Bettdecken wurden als Notkleider für Frauen und Kinder zurecht geschnitten. Die Ärzte stellten viele Fälle von Lungenentzündung sowie Arm- und Beinbrüche fest. Bei jener Hochschwangeren, die den Gatten auf dem »Halbgott« zurückgelassen, hatten die Wehen begonnen; sie wurde in die Kapitänskajüte gelegt. Es fanden sich im ganzen sieben Säuglinge von unbekannter Herkunft. Eine Mrs. Theodosia Spinsy von stattlicher Figur, auf der Adlernase einen Kneifer, dessen schwarze Schnur sie über dem rechten Ohr trug, lief erregt in einem lila Schlafrock umher und erzählte immer wieder, die rudernden Männer seien alle ohnmächtig geworden. Wenn nicht die Frauen entschlossen eingegriffen hätten, wären die Boote zweifellos im Eis stecken geblieben. Endlich stieß sie auf einen Journalisten in Pyjamas, der sie sich nicht entgehen ließ und alle ihre Angaben auf einen Block schrieb. Sie war die erste, die im stand war und Lust bezeugte, Zusammenhängendes über die Vorgänge berichten. * Was nun unsere Freunde betrifft, die wir beim Champagner in der Kapitänskajüte des »Halbgott« verlassen haben, so war es ihnen inzwischen vorzüglich ergangen. Ihnen hatte Mr. Coldenhead sofort reinen Wein eingeschenkt. Gleich nach dem Zusammenstoß trat er in seine Kajüte und sagte ihnen, noch hoffe er zwar das Schlimmste abzuwenden, für die nächste Stunde bestehe überhaupt keine Gefahr, doch sei es vernünftig, sich auf alles vorzubereiten. Die sturmerprobten Männer begaben sich darauf in aller Ruhe in ihre nahen Luxuskajüten, nur Signor Satanelli war etwas nervös. Sie zogen warme Westen an, doppelte Socken, feste Stiefel, hüllten sich in ihre Pelze und versahen sich mit Halstüchern und gutem alten Brandy. Es versteht sich, daß sie alles an sich nahmen, was sie von Wertsachen und Papieren mit hatten. Lord Hellsground ließ sich vom Kapitän die zwei zuverlässigsten Matrosen rufen und versprach jedem fünftausend Dollars. Sie machten gleich ein von den anderen etwas getrennt befindliches Rettungsboot klar. Lord Hellsground erklärte, den linken Eckzahn zeigend, den inzwischen zurückgekommenen reisefertigen Herren, er mache sich ein Vergnügen daraus, sie zu einem kleinen »trip« einzuladen. Mr. Coldenhead berichtete, daß der van Broedermann bereits Rettung versprochen habe. Es war also nichts anderes zu befürchten, als ein paar Stunden auf der kalten Flut treiben zu müssen. Was bedeutete das für Männer wie Lord Hellsground, der ein eifriger Robbenjäger war? Inzwischen hörte man von den darunter liegenden Verdecken Schreien und Stöhnen, aus dem Maschinenraum ertönte bedenkliches Getöse, die Dampfsirenen machten einen betäubenden Lärm. Der Italiener, der in seinem eleganten Straßenpelz etwas schlotterte, meinte, es sei nun wohl Zeit, das Boot zu besteigen. So fuhren die Herren unbemerkt ab, zunächst nach der entgegengesetzten Richtung, wie die anderen Boote. Der Rabe Winighea aber saß auf seinem Mast und kreischte vor Lust. In einiger Ferne umkreiste das Boot die Unglücksstelle. Hie und da ergriff einer der Herren selbst die Ruder, um sich durch Bewegung etwas warm zu machen. Selbst der dicke kleine König versuchte dies eine Weile. Der Italiener erinnerte angesichts des sinkenden Schiffs an Dante. Geheimrat Teuflin hatte alle seine Sinnesorgane fest eingezogen und schien wie erstorben. Wassili Wassiljewitsch küßte sein Kreuz. Maître Diavelin rief dauernd: » Ah les malheurex, les malheureux ,« wobei er die eigene Rettung sichtlich rauschhaft genoß. Nur Herr von Drachenstedt und Lord Hellsground berieten sachlich. Als der van Broedermann in Sicht kam, hatten sie gleichzeitig den Gedanken, es würde besser wirken, wenn man erst die anderen Boote anlegen ließe. So erschien ihr glückhaftes Schiff als letztes im Augenblick, als die ersten Sonnenstrahlen flach über die Flut fielen. Ein bißchen steif vom langen Sitzen im Boot stiegen die in ihre Pelze Gehüllten am Fallreep hinauf in vortrefflichster Frühstücksstimmung. Der erste, der sie oben begrüßte, war Mr. Winighea Mischief. »Nun, bringen meine gelben Steine nicht Glück?« fragte er. »Sie alle sind vom Schicksal noch zu großen Dingen aufgespart!« Im Offizierssalon stand der Teetisch mit blitzendem Silbergerät. Eine angenehme Wärme kam aus dem Kamin, an dem ein kleiner Diener Weißbrot röstete. Ein Grammophon spielte ganz gedämpft, fast wie eine Spieldose: » God save the King .« Dies alles war das Werk Mr. Mischiefs. * Nach dem Frühstück ließ sich der Präsident der Linie, Mr. Smalldevil, bei den Herren melden. Bleich und erregt kam er herein. Seine Backen waren blau. Der kräftige Körper beherrschte kaum das Zittern. »Man sucht einen Sündenbock, meine Herren« rief er, »und wer ist da geeigneter, als der Präsident? Dabei bin ich Privatpassagier, wie jeder andere. Es sind Journalisten an Bord, meine Herren. Sie bedrängen den drahtlosen Telegraphen. Wenn Sie ahnten, was da unten vorgeht, es ist die reine Revolution. Rund herausgesagt, meine Herren... Majestät... Hier suche ich Schutz, ich bin ein Familienvater.« Mr. Smalldevil knickte zusammen, mit einem Riesentaschentuch die blutrote Stirn wischend. Lord Hellsground zeigte sein Gebiß, Geheimrat Teuflin zuckte mit Nase und Ohren. Der König aber sagte: »Nun meine Herren, ich denke, leben und leben lassen sei auch hier unser Grundsatz!« Sofort wiederholte Tschortoff diese Worte, und auch die andern stimmten ein. So wurde unter dem Vorsitz des Lords Hellsground »das Komitee der Überlebenden« gegründet, der Kapitän des »van Broedermann« gebeten den Telegraph zunächst zu sperren und unter den Geretteten hervorragende Persönlichkeiten in den Offizierssalon zu bitten. Dem Komitee traten bei: der berühmte amerikanische Philantrop Isidor Niederhofheim, Major Froghhickler, der persönliche Adjutant des Präsidenten der Vereinigten Staaten, der New Yorker Theaterdirektor Flegenhaus, Mr. Cardeza, die bekannte Sportsautorität, Mr. Cosmo Hippack, der erfolgreiche Romanschriftsteller, Mr. Geo Measeframe, der größte Briefmarkensammler der Welt, das erschütternde Medium Hama Hamalamion, der Kupferkönig Mr. Lawche-Jubiet, der Kohlenkönig Thomas Oxenham und der Schweinekönig Angel Chibinaze. Diese Herren setzten ein Schriftstück auf, das sich die allein authentische Darstellung der Vorgänge nannte, – gewissermaßen aus der Vogelperspektive gesehen, wie Mr. Winighea Mischief treffend bemerkte – mit dem Zweck »sensationelle und übertriebene« Meldungen zu verhindern. Es begann folgendermaßen: »Die Unterzeichneten sind betrübt, gezwungen zu sein, einem jener fürchterlichen Ereignisse gegenüberzutreten, die manchmal im Rate der Vorsehung beschlossen sind, die unsere Vorsicht zunichte machen, die eine noch so kühne Phantasie sich nicht ausdenken kann, und die uns empfinden läßt, wie arm unsere Worte sind. Wir können unserer Bewunderung dafür nur unvollkommenen Ausdruck geben, daß die besten Traditionen der See beobachtet, daß willig alle erdenklichen Opfer gebracht worden sind. Insbesondere sind wir einem glücklichen Zufall dankbar, daß der Präsident der Linie selbst, Mr. Smalldevil, als Privatpassagier usw. usw.« Dieses Schriftstück ließ Mr. Smalldevil sofort durch Schreibmaschine vervielfältigen, steckte die Bogen in Briefumschläge, und legte Schecks auf eine Bank in New York bei. Die Briefe ließ er durch den Obersteward an die Journalisten, Beamte, Politiker und sonstige hervorragende Personen auf dem Schiff verteilen. Die Vorwürfe, Mr. Smalldevil habe den Kapitän zur Übereilung der Fahrt veranlaßt, und sei im Augenblick der Gefahr unter Zurückdrängung Anderer zuerst in ein leeres Boot gestiegen, dessen Bemannung er selber bestimmte, die laienhafte Behauptung, statt des Schwimmbades und der Radfahrbahn hätte man auf dem »Halbgott« lieber für die dreifache Zahl von Rettungsbooten sorgen sollen, waren fast verstummt, als sich der van Broedermann New York näherte. Vielmehr waren alle Überlebenden nun überzeugt, daß sich die Ausbootung in musterhafter Ordnung vollzogen und jeder Einzelne sich als Held erwiesen habe. Man entsann sich sogar besonders bewunderungswürdiger und rührender Einzelheiten im Verhalten des Mr. Smalldevil. Seiner Entschlossenheit allein verdankte man z.B., daß die Frauen zuerst gerettet wurden. Er war gesehen worden, wie er selber zwei von den Säuglingen unbekannter Herkunft auf den Armen zu den Booten trug. Inzwischen wurde in der Kapitänskajüte ein amerikanisches Knäblein geboren, dem die beglückte Mutter zur Erinnerung den Vornamen »Halbgott« gab. 4. Kapitel. In der Stadt New York verbreitete sich im Lauf des Nachmittags die Nachricht, der größte Dampfer der Welt habe bei seiner Jungfernreise Schiffbruch gelitten. »Eine der üblichen Übertreibungen«, dachte man, »die ungeheuren Maschinen sind jedem Orkan gewachsen, Zusammenstöße verhindert auch im dichtesten Nebel die drahtlose Telegraphie. Vielleicht ist der unversinkbare Dampfer irgendwo aufgelaufen und beschädigt. Aber so etwas ›Schiffbruch‹ zu nennen, lächerlich!« Gegen Abend konnte auch schon die Gesellschaft mitteilen, die Unglücksbotschaft habe sich glücklicherweise nicht in dem anfangs gefürchteten Umfang bestätigt. Sämtliche Reisende und Mannschaften seien gerettet dank der raschen Hilfe, die zahllose, durch Funkspruch herbeigerufene Schiffe dem durch einen Eisberg gefährdeten Riesendampfer geleistet hätten – wieder ein Triumph der drahtlosen Telegraphie und des glänzend bewährten neuen Schottensystems, wodurch die beschädigten Schiffsteile durch wasserdichte Türen sofort abgesperrt würden; so sei der »Halbgott« imstand trotz seinen Teilzerstörungen aus eigener Kraft dem sicheren Hafen zuzustreben. Berichterstatter veranstalteten telephonisch Rundfragen bei Sachverständigen, welche alle darin übereinstimmten, daß ein Schiff wie der »Halbgott« unversinkbar sei. Dies las man in den Abendblättern. Gegen Mitternacht waren die Hauptstraßen wie gewöhnlich von den aus den Theatern und Musikhallen Zurückkehrenden überflutet. Unter dem betäubenden Geschrei wurde von Horden schmutziger Buben noch feuchtes Druckpapier verteilt mit dem Bericht, der »Halbgott« sei gegen Morgen gesunken, fast alle Reisende hätten den Tod gefunden. Der vorwiegend elegant gekleideten Masse bemächtigte sich ein Zittern, als sei ihr Glaube an alles das getäuscht worden, worauf ihr ganzes Dasein, ihre Arbeit, ihre Genüsse, ihre Frauen, Pelze und Brillanten beruhten. Es war wie der erste, unterirdische Stoß eines Erdbebens. Schnell aber fanden die anfänglich Fassungslosen eine Richtung für ihre chaotische Erregung. Plötzlich schien allen, der Schiffbruch sei gar nicht das Schlimmste, sondern die Lügenhaftigkeit, mit der man ihn den Tag über verheimlicht hatte. »Sind wir Kinder, denen man die Wahrheit verbergen muß?« riefen viele, und nun hatten alle diese Hilflosen plötzlich etwas zu tun, nämlich zu beweisen, daß sie keine Kinder seien. Zu diesem Zweck standen auf Plätzen und in hellen Sälen der großen Gasthöfe sofort Sprecher auf und versammelten Beifall Rufende um sich. »Hört, hört«, »Schande, Schmach« tönte es aus den Massen zwischen die Worte der Redner. Manche setzten schriftliche Proteste auf gegen die Schiffahrtsgesellschaft und sammelten Unterschriften. Jeder amerikanische Mann und jede amerikanische Frau fühlte in diesem Augenblick, wie es auf sie ankam. Die Herren reichten den von Ringen blitzenden Frauenhänden, die aus zarten Handschuhen schlüpften, ihre Füllfederhalter. Am dichtesten drängte sich die Menge vor dem 24stöckigen Bau der Gesellschaft selbst. Hier herrschte das niedere Volk vor: oft aber drängten sich Herren und Damen zwischendurch, um den Eingang des Hauses zu erreichen. Journalisten im Zylinder gingen mit verantwortungsvoller Miene aus und ein. Manche sprachen, wurden aber derart überschrien, daß nur die Nächststehenden etwas verstanden. Der Vizepräsident der Gesellschaft hatte den Journalisten versprochen, die volle Wahrheit zu sagen, er hoffe bald Gutes berichten zu können, da man mit vielen Schiffen in Verbindung stehe, die Botschaften vom »Halbgott« erhalten hatten, aber die Zahl drahtloser Äußerungen sei so groß, daß die auf den Dampfern arbeitenden Beamten offenbar verwirrt seien und die vielfach sich kreuzenden Fragen teils als Antworten weitergegeben hätten. Dies möge man doch einsehen und entschuldigen. Schwer beklagte sich der Vizepräsident über den Mißstand, daß zahllose Privatleute aus Liebhaberei auf den Dächern ihrer Häuser drahtlose Telegraphenstationen hätten, die Nachrichtenbruchstücke auffingen, willkürlich zusammensetzten und dadurch die allgemeine Verwirrung steigerten. So war es möglich, daß kurz nach Mitternacht bereits alle größeren Zeitungen ausführliche Berichte gaben. Die republikanischen Blätter malten wie auf Verabredung in den schwärzesten Farben, die demokratischen in den rosigsten. Diese versprachen die Rettung der überwiegenden Mehrheit, als werde das in den geheimnisvollen Räumen der Zeitungspaläste entschieden. Einige zweifelten sogar noch an dem Untergang des Schiffes. Manche parteilose Blätter hatten die Parole, die Schiffahrtsgesellschaft anzugreifen. Sie wisse mehr, als sie sagen wolle. Corruption! 24 Stunden lang sei das Unglück verheimlicht worden, um vorher die Rückversicherung der eigenen Interessen und der befreundeten Verfrachter durchführen zu können. Diese Blätter wußten bereits, daß zwölf Millionen Briefe und für über 100 Millionen Dollars Edelsteine untergegangen seien. Eine einzige Reisende hatte beim Betreten des Schiffes dem »purser« Schmuck im Wert von drei Millionen abgegeben. Das Schiff sei so groß gewesen, daß man darauf Hasenjagden veranstaltet hätte. Die Geretteten seien alle Reisende erster Klasse, darunter, wie man höre, der Papst, der beabsichtige, dem Präsident der Vereinigten Staaten einen Besuch zu machen. * Vor dem Palast der Gesellschaft wächst die Menge gegen Morgen mit jedem ankommenden Untergrund und Hochbahnzug. Mehrere Dutzend Wachmänner müssen die Eingänge freihalten für die Verwandten und Freunde der Reisenden. Alle fragen nach der sogenannten »Schreckenskammer«, wo die neuesten Berichte zuerst ausgehängt werden. Die Namen der angeblich Geretteten sind meist unverständlich, die Vornamen sind verwechselt. Miß Hanny Balyoung gilt für gerettet, aber ein Mr. Hannibal Young wird gesucht. Ein Herr Mirfanti soll am Leben sein, aber eine Mutter zittert um Miß Fanti. Die beiden Schwägerinnen des Richters Nasersill stehen deutlich auf der Liste, nicht aber seine Frau, die mit ihnen dieselbe Kajüte hatte. Viele werden ohnmächtig, als beim Verlesen neuer Listen die gesuchten Namen nicht vorkommen, andere warten totenbleich in verhaltener Erregung, einige knien weinend am Boden, laute Dankgebete ausstoßend. Am schlimmsten sind die Smiths und Browns daran. Natürlich sind viele mit diesem Namen gerettet, aber wer weiß, ob es die Ersehnten sind. Die Gattin eines großen Bankherrn stellt unbegrenzte Mittel zur Verfügung für einen Sonderdampfer, der ihren Sohn lebend oder tot bringen soll. Dauernd wird der Name des Vizepräsidenten gerufen. Als er sich einen Augenblick zeigt, wird er ein Lügner genannt. Um 11 Uhr schließt er sich in seine Kanzlei ein und weigert sich, wieder hervorzukommen. Dies verursacht Zornausbrüche in der Schreckenskammer. Die erbitterte Menge wirft Steine in die Fenster, so daß die Schreibtische in die Tiefe der Zimmer gerückt werden müssen. Alle zwei Stunden erscheint ein feierlicher Herr, ein Beauftragter des Präsidenten der Vereinigten Staaten, der durch so eifrige Einholung der Neuigkeiten seine warme Anteilnahme beweisen will. Immer malerischer werden inzwischen die Berichte der Zeitungen. Man spricht von über 20 Eisbergen, deren Größe genau in Ziffern angegeben wird. Mit allen Einzelheiten schildert man den Todeskampf in der eisigen Flut zwischen Wracks und Trümmern, Heldentaten und Gemeinheiten. Photographische Einzelheiten von der Unglücksstätte begleiten den Text. Niemand fragt, wie das möglich ist, da ja die Technik alles vermag. Gegen Mittag kamen endlich die ersten sachlichen Nachrichten des Van Broedermann. Der authentische Bericht des Komitees der Überlebenden erschien, und dann eine vollständige Liste der 800 Geretteten von 5000. Namensmißverständnisse ließen sich durch Gegenfragen nun schnell aufklären. Den ganzen Nachmittag noch ertönten in dem Palast der Gesellschaft Freudenausbrüche und Jammerrufe, aber die Gewißheit, wenn sie auch schrecklich war, beruhigte sofort die ganze Stadt. Abends erfüllte dünner Nebel und eisiger Regen die Straßen von Newyork. Die Nachricht kam, daß der van Broedermann trotz dem Nebel mit Volldampf weiterfahre, weil der Zustand mancher an Bord befindlichen Geretteten jede Verzögerung gefährlich erscheinen lasse. Zwei Straßenviertel in der Nähe der Landungsstelle wurden polizeilich abgesperrt. Nur die Angehörigen der Reisenden und selbstverständlich die Berichterstatter und Photographen erhielten Einlaßkarten. Längs der Straßen, die zu den Docks führten, fuhren lange Reihen von Ambulanzen. Die Ärzte erwarteten etwa 250 dringend hilfsbedürftige Personen. In einem Schuppen waren etwa 150 Särge aufgestellt. Fuhrwerke mit Pferden und Automobilen harrten in langen Reihen. In den naheliegenden Spitälern wurden Säle bereit gehalten. Frauenausschüsse der Einwanderungsbehörden erwarteten die Zwischendecker, die nicht von Verwandten aufgenommen werden konnten. Alle Flaggen auf den im Hafen befindlichen Schiffen und Gebäuden wurden auf Halbmast gesetzt. * Bebend wartet die zur Landungsstelle zugelassene Schar im feinen Abendregen auf ihre Angehörigen. In den Schuppen wird unter Leitung von Ärzten fieberhaft gearbeitet, um den schnellen Transport der Verwundeten auf Bahren zu ermöglichen. Gespenstisch ragt eine drehbare Luftbrücke empor, über welche die Ankömmlinge den Dampfer verlassen sollen. Für die Reisenden der l. Klasse sind Pfähle mit großen Buchstaben errichtet, wo sich die Angehörigen nach dem Alphabet aufstellen sollen; aber es entsteht Verwirrung. Ein Thaumthorpe wartet auf eine Chas-Minanhan. Hat er sich unter T. oder C. aufzustellen? Natürlich unter C.; aber unter denen, welche es bisher von selbst richtig gemacht haben, entsteht das Gerücht, sie stünden falsch, die Namen der Wartenden seien maßgebend. Alles läuft wieder durcheinander. Gegen 11 Uhr wird die Spitze des dunkeln Van Broedermann sichtbar. Das Docken vollzieht sich schnell. Nach fünf Minuten wird die Laufbrücke hochgezogen. Photographen haben Laternenstangen und Pfähle erklettert. Unaufhaltsam flammen Blitzlichter auf und blenden die Blicke der sich Suchenden. Vom Verdeck wie vom Land aus streben Hunderte von Augen vergeblich die dunstige immer wieder grell zerrissene Regenluft zu durchdringen. Zuerst ergoß sich ganz unerwartet von einer unbeachteten Stelle des Dampfers aus ein Strom von Zwischendeckern, die, im Augenblick, als sie festen Boden unter den Füßen fühlten, schnellstens irgendwohin liefen. Dadurch versperrten sie den Platz zwischen Ankömmlingen und Angehörigen, die sich nicht erkennen konnten. Schließlich gelang es den Schutzleuten, die Wartenden in ein doppeltes Spalier am Ende der Laufbrücke zu ordnen. Auf ihr erschienen zuvörderst 2 vergnügte junge Burschen, darauf brennend, ausgefragt zu werden, dann Damen in arg hergenommenen Abendkleidern, mit hellen Umhängen, andere in Schlafröcken mit zurechtgeschnittenen Wolldecken über Nachtkleidern und mit schlecht aufgestecktem Haar. Die Männer trugen meist bis an das Kinn zugeknöpfte Mäntel oder waren in Plaids gehüllt ohne Kragen, das Hemd oben offen. Einige Augenblicke herrschte betretene Stille, die aber bald durch lautes Aufschluchzen und hysterische Schreie der sich Umarmenden unterbrochen wurde. Männer trugen wimmernde Frauen unter Küssen davon. Gruppen brachen in Jubelgeschrei aus. Einzelne Verwundete wurden an Schultern und Beinen, andere auf Tragbahren herausgetragen. Zwei mit erfrorenen Füßen stützten sich auf die Arme ihrer Begleiter. Dann kamen wieder fröhliche junge Menschen, Damen mit sorgfältiger Frisur, die bewußte Zuversicht zur Schau trugen. Kaum von ihren Angehörigen begrüßt, suchten sie bald mit überstürzten Worten, bald mit Mitteilungen, die schon für die Berichterstattung zurechtgemacht schienen, einen größeren Kreis. »Also schildern Sie mir bitte Ihre Gefühle, als Sie die ersten Toten sahen!« fragte ein Berichterstatter eine junge Dame, und beschrieb einen Block. »Ihr Name?« »Miß Grace Freakes.« »Ich danke.« Etwas wie Verachtung schien die ursprünglichen Reisenden des Van Broedermann zu treffen, die fast verlegen den Dampfer verließen. Sie schämten sich gewissermaßen, nicht Schiffbruch erlitten zu haben. Andere wieder drängten sich zwischen die vom »Halbgott«, damit man sie auch für wichtige Personen halten sollte. * Unsere glücklichen Freunde zogen es auch hier vor, sich im Hintergrund zu halten, bis das allgemein Menschliche seinen Ablauf genommen hatte. Dann traten sie in ihren Pelzen wie die Überlebenden einer ausgestorbenen mächtigen Fauna wuchtig auf die Laufbrücke. Gegen die Photographen hatten sie sich durch die hochaufgeklappten Kragen geschützt. Die Berichterstatter beugten sich vor ihnen, wie vor Göttern. Sie begaben sich gleich in den ersten Gasthof der Stadt. Am folgenden Tag gingen sie ihren Geschäften nach. Mr. Smalldevil fuhr sofort nach Washington und verlangte, vor dem Senat vernommen zu werden. Seine Unschuld erwies sich sonnenklar. Das ganze Komitee der Überlebenden hatte sie ihm durch Unterschrift bezeugt. Mr. Winighea Mischief war schon während des Landens spurlos abhanden gekommen. In Rabengestalt hielt er sich in der Nähe Smalldevils, von dessen Nachtkästchen er, als das Fenster offen stand, eines Tages den Stein Tott wieder stahl. Er tauchte dann in der Stadt ABC auf, wo unsere alte Freundin, die Witwe Violett Schläulich geb. Mouthpiece dem Advokaten Jimmy Delightfull unter der Bedingung ihres ersten Mannes Geschäftsgeheimnis zu verraten versprochen hatte, daß er sie heiratete; dies war geschehen und Mr. Delightfull stellte bereits Brillanten her. Mr. Mischief ließ bei ihm den Tott wiederum vervielfältigen und fand bald Käufer unter den reichsten Leuten des Landes, deren Geschäfte ins Märchenhafte wuchsen. Der gemütliche dicke König fuhr bald wieder nach Hause zurück, wo ihn in nächster Zeit ein Herzschlag traf. Vielleicht hätte er länger gelebt, wäre er im Besitz des Steines Tott gewesen, den er so entschieden verschmäht hatte. Seine Reisegenossen vom »Halbgott« dagegen, die ihre gelben Steine wie ihre Augäpfel hüteten, blühten und gediehen in wachsender Macht. Der Geheimrat Teuflin und Herr von Drachenstedt wurden gewissermaßen zu ungekrönten Königen ihres Landes. Alles in ihrer Heimat vollzog sich nun wie von selbst nach ihren Bedürfnissen und Wünschen. Der Ausfuhrhandel wurde zum Hauptgeschäft aller Weltklugen, auch das Volk erkannte bald, daß nur er Reichtum, d. h. Glück brächte; und selbst die, welche sich früher gegen die Reichen erhoben hatten, taten dies nur noch zum Schein und beruhigten sich immer schnell, wenn ihnen wieder ein größerer Anteil an dem Reichtum d. h. dem Glück zugesichert war. Die Rückständigen, welche ein einfaches Leben vorgezogen hätten, konnten sich nicht mehr widersetzen. Sie wurden zum Glück, d. h. zum Gelderwerb gezwungen; denn wer sich nicht daran beteiligte, konnte sich nicht mehr in die Würde der Armut zurückziehen, sondern verfiel mit den Seinen dem Gestank, dem Schmutz, der Krankheit, dem Hunger und schließlich dem Gesetz. Der große Zauberer aber, der all' diesen Segen über das Land brachte, die Armut gewissermaßen unmöglich gemacht hatte, wenn einer nur tüchtig Hand anlegte, war der bescheidene, sich gern im Hintergrund haltende, schlichte Geheimrat Teufelin mit dem gelben Stein Tott am Finger. Wenn ihm sein Kaiser einmal die Hand drückte und seine Verdienste lobte, wurde er stets verlegen, als fürchte er, seine Nase, Augen und Ohren nicht beherrschen zu können, und sein großer gelber Kopf überzog sich rosa. Freilich hielt auch Lord Hellsground seinen Stein hoch in Ehren. Nach dem Tod seines Königs war ein schwacher Mensch auf den Thron gekommen, den Lord Hellsground völlig beherrschte. Er ärgerte sich über Teuflins Erfolge; größtenteils gingen sie ja auf Kosten des reichen Landes Lord Hellsgrounds, das bisher allein das große Geheimnis gekannt hatte, wie man aus Menschen geldverdienende Maschinen macht. Lord Hellsground benutzte nun seine Macht, und auch ihn führte der gelbe Stein von Erfolg zu Erfolg. Nicht einen Augenblick dachte er daran, Teuflin in dessen Weise zu übertreffen. Dann hätte er wie jener im Tag zwölf Stunden arbeiten müssen. Lord Hellsgrounds Sinn – das muß man anerkennen – stand überhaupt weniger nach Gold, da er davon bereits viel mehr hatte, als er brauchte. Er wollte sich nur in dessen Genuß nicht durch Teuflins unermüdliche Arbeit stören lassen. So benutzte er die vielen Zeitungen, die er in der ganzen Welt besaß und verbreitete die Meinung, Teuflins Waren seien zwar billig aber schlecht. Als dies Teuflin erfuhr, lachte er und dachte: nun, dann müssen wir künftig noch zwei Stunden länger arbeiten und bessere Waren machen. Auch damit hatte er Glück. Jetzt verbreitete Hellsground überall die Meinung, der Handel sei für Teuflin nur ein Vorwand. In Wahrheit wolle er alle Länder erobern. Da erschraken die Völker sehr und entdeckten, daß allerdings überall in der Welt, wohin man auch blickte, in allen Ländern wie aus Fugen und Ritzen hervorgekrochen, Abgesandte Teuflins wimmelten, Waren brachten und Geld forttrugen. Längst bevor Teuflin hinter das Geheimnis gekommen, waren die Menschen anderer Länder von Lord Hellsground in halbe Maschinen verzaubert worden, aber doch nur in halbe. Der schlaue Lord hatte ihnen reichlich Freiheit zum Spielen und Genießen gelassen. Nun aber sandte Teuflin seine vervollkommneten Menschenmaschinen über See. Dagegen konnte niemand aufkommen, denn keiner wollte wie jene 12 oder 14 Stunden im Tag arbeiten. Was nützte einem denn unter solchen Bedingungen das viele Gold? Alle Völker haßten nun die Abgesandten Teuflins, und Lord Hellsground schürte den Haß, so sehr er konnte. »Man kann sich nicht anders helfen«, dachten alle, »man muß diese Arbeitsteufel totschlagen.« »Nichts anderes als Neid und Trägheit«, dachten Teuflin und seine Scharen selbstgefällig, aber das war es nicht allein. Jene Halbmaschinen verteidigten ihre andere Hälfte, die menschlich geblieben war, die lieben, hassen, genießen, vielleicht auch betrügen und stehlen, jedenfalls nicht tüchtig werden, sondern menschlich bleiben wollte. Das Land Lord Hellsgrounds hatte indessen nicht genug Soldaten um die Arbeitsteufel totzuschießen. Da wandt er sich an seinen Freund Maître Diavelin, der, seit er den gelben Stein besaß, ebenfalls die Geschicke seines Volkes im geheimen lenkte. Zwischen seinem Land und dem Teuflins bestand ein uralter Grenzstreit, der aber nun seit fast einem halben Jahrhundert geruht hatte und zu Gunsten der Nachbarn entschieden schien. Angesichts des allgemeinen Hasses gegen Teuflins Abgesandte war es leicht, diese Streitigkeiten wieder aufzurühren. Im Falle es gelang die Arbeitsteufel zu besiegen, konnte man auch jene verlorenen Länder wieder gewinnen. Auch an Wassili Wassiljewitsch Tschortoff und den Dichter Satanelli schrieb Lord Hellsground. Hatten sie auch mit Teuflins Land keine persönlichen Streitigkeiten, so doch mit dessen besten Freunden, und außerdem haßten sie ihn alle persönlich, weil er auch in ihre Länder mit seinen zahlreichen Abgesandten eingedrungen war. Alle diese Länder besaßen im Gegensatz zu Lord Hellsgrounds Land große Heere. Diese wurden nun noch vergrößert und neu bewaffnet, um das Land der Arbeitsteufel zu vernichten. Wassili Wassiljewitsch und der Dichter Satanelli kosteten bald die Lust, als Retter ihres Vaterlandes daheim gepriesen zu werden. Jetzt war der Augenblick gekommen, wo der Stein Tott auch Herrn von Drachenstedt Glück bringen sollte. Angesichts der seinem Land drohenden Gefahr ließ sein Kaiser von ihm Tag und Nacht Waffen herstellen, so daß seine Reichtümer ins Grenzenlose wuchsen. Indessen wurde Hellsground mit seinen Zeitungen immer mächtiger in der Welt. Die Schulden des Dichters Satanelli wurden von seinem Lande bezahlt, das er, auf allen Straßen laut bejubelt, in feurigen Hymnen pries. Maître Diavelin wurde als Präsident der offen anerkannte Herr seines Landes. In der Heimat Wassili Wassiljewitschs war man am weitesten zurück. Noch nicht einmal zu Halbmaschinen im Hellsgroundschen Sinne waren die Menschen geworden. Darum hatten dort die Arbeitsteufel fast ganz freie Bahn gehabt. Wassili Wassiljewitsch stellte sich daher an die Spitze aller derer, die darauf brannten, nach dem bequemeren Hellsgroundschen Verfahren reich zu werden, so daß selbst sein Kaiser vor ihm zitterte und ihn gewähren lassen mußte. So waren alle glücklich, die einst mit dem König auf dem »Halbgott« gefahren waren. Oft dachten sie an die königlichen Worte zurück: »Wir haben ja alle dasselbe Ziel: angenehm leben und Geld verdienen.« Wie hätten sie da ernstlich an Krieg denken sollen? Wozu denn solche Gewaltmittel? Wie recht hatte jener weise König gehabt! Verdiente nicht Hellsground genug durch seinen Pressefeldzug und hielt er nicht dadurch Teuflin hinreichend in Schach? Und fanden nicht Teuflins Scharen noch genug Länder, wo man sie einließ, wenn Hellsground sie irgendwo hatte hinauswerfen lassen. Vor allem aber: war jene von Hellsground genährte Feindseligkeit nicht wieder höchst willkommen für Drachenstedts Waffengeschäft, und alle diese zahllosen Menschenmaschinen, die davon Nutzen zogen? O, der alte Winnighea Mischief hatte nicht gelogen. Der Tott war ein Glücksstein. Er brachte Macht und Erfolg allen denen, die ihn trugen oder seinen Trägern folgten, und, wenn sie auch untereinander erbitterte Feinde waren, der Wunderstein brachte doch beiden Teilen Macht und Erfolg: nur scheinbar bekämpften sich die Besitzer des Tott, denn sie wollten ja alle dasselbe, aber gerade dieser Scheinkampf brachte es ihnen. Das wußten sie ganz gut, und darum glaubten sie auch alle, es würde niemals zum wirklichen Krieg kommen. Vor allem war Teuflins und Drachenstedts Kaiser durch nichts in der Welt zu einer Kriegserklärung zu drängen. Da kamen eines Tages die beiden auf den Gedanken, ihm einen Tottstein zu schenken, mit dem Bemerken, seine Herstellung bedeute den höchsten Sieg des einheimischen Geistes über den Verstand. Der Herrscher nahm den Stein huldvoll an. Als es dann aber gelegentlich einer kleinen Meinungsverschiedenheit mit den Nachbarreichen zu einer Spannung kam, weil schließlich keiner dem andern mehr traute und jeder fürchtete, der Gegner möchte ihn doch einmal überraschend angreifen, da fand jener Herrscher plötzlich, von Drachenstedt und Teuflin gedrängt, den Mut zur Kriegserklärung. Ihm hatte ja jener Zustand der Welt nie so recht gefallen, und nun glaubte er, würde ein kurzes luftreinigendes Gewitter eintreten, aber es änderte sich nicht das Geringste. Die Besitzer des Steins Tott und ihre Gefolgschaft stiegen in beiden Lagern an Reichtum und Macht immer höher, während alle Völker die Stimme Gottes zu vernehmen glaubten und im Feind den Widersacher Gottes zu bekämpfen wähnten. Diavelins Ruhmrausch, Hellsgrounds Geldversprechen, das Testament Peters des Großen, der Traum des Imperium Romanum und vor allem der kategorische Imperativ täuschten die Erwartungen der ihre Völker leitenden Zauberer nicht. Drachenstedts Waffen hatten unter dem Segen des Steines Tott Erfolge, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte, aber Hellsgrounds Zeitungen ebenfalls und so lebten alle herrlich. Teuflin verdreifachte seinen Reichtum durch Lieferungen an das Heer, an Maître Diavelins Hals hingen die Fürstinnen und Prinzessinnen, die Drachenstedts siegreiche Waffen aus den kleinen Nachbarländern vertrieben hatten. Tschortoff untergrub mit Hellsgrounds Beistand den Kaiserthron, um wie in den anderen Ländern die Macht ganz in die Hände der Geldmänner zu bringen, und der Dichter Satanelli erhielt einen funkelnden Stern, wodurch er Vetter seines Königs wurde und das Recht auf dessen Kuß erhielt. Die Sippen Winigheas aber schwelgten Tag und Nacht bei fettem Mahl auf den Schlachtfeldern. Ja, der Stein Tott war der Stein des Glücks. * Die Weisen von Tibet, welche die Weltereignisse in das Buch Dzjan eintragen, schrieben: »Die Zeit der Menschen hat sich erfüllet. Halb Tiere und halb Götter wirbelten sie Jahrtausende hindurch zwischen Gut und Böse, zwischen Lust und Leid, und so blieben sie menschlich. Dem Teufel aber war gegeben worden, sieben Steine in der Welt zu verstecken. Wer sie fand, der verlor seine Seele, aber gewann für seine kurze Lebensspanne Erfüllung seiner Wünsche und die Macht über die Menschen. Sechs dieser Steine sind, nachdem ihr Zauber Jahrhunderte lang abwechselnd die Geschicke der Menschen verwirrt, ins Weltmeer gesunken, wo sie ihre Kraft eingebüßt haben. Auch der letzte, der goldgelbe Stein Tott, der funkelndste von allen sieben, lag auf dem Grund der See, und nun hätte die Welt, befreit von der Macht des Teufels, sich erlösen können. Aber den Menschen ist gelungen, auf den Grund des Weltmeers zu steigen und selber Edelsteine zu schaffen. Der Tott wurde gehoben und vervielfacht. Wieder kamen 7 Unglückssteine in die Welt, dieses Mal nicht versteckt, sondern alle gleichzeitig in Menschenhänden, und sie können immer weiter vervielfacht werden. Gab es früher einzelne Teufel und blieben die Massen menschlich, so ist es heute umgekehrt. Die Völker selber haben sich mitsamt ihren heimlichen Leitern dem Teufel verschrieben; die offenen, scheinbaren Herren aber, die Fürsten und die Heerführer merken dies nicht. Die Welt ist für immer verdammt und ihre Geschichte, die eine Geschichte ihrer langsamen Errettung hätte sein sollen, ist zu Ende. Auch aus den Völkern kann keine Rettung mehr kommen, denn es gibt keine Völker mehr, sondern nur noch halb willige, halb unwillige, aber stets ahnungslose Gefolgschaften der Tottbesitzer, die sie glauben machen, sie handelten für Ideale und aus Pflicht. So wissen sie nicht einmal, daß sie dem Teufel dienen, und der kann ihnen sogar das schuldig bleiben, was in früheren Jahrhunderten die ihm Verschriebenen von ihm verlangten: Schrankenlosen Sinnengenuß ohne Plage. Darum läßt sie der Teufel ruhig gewähren und zeigt gar keine Eile sie zu verschlingen. Was sie sich einander tun, ob sie sich tödlich zerfleischen oder friedlich berauben, ob einzelne sich zu gemeinsamen Beutezügen verbünden, oder dann wieder wegen der Beute über einander herfallen, solche Dinge sind nicht wert im Buch Dzjan verzeichnet zu werden. Aber gerade weil Gott nicht mehr in der Welt ist, sondern nur noch der Teufel, gerade darum spricht heute die Welt umso deutlicher als je zu den Einzelnen, die hören wollen. Nie sprach Gott so vernehmlich als durch sein Schweigen, und auch das Geschrei Satans ist Gottes Wort, das sagt: dies bin ich nicht. Einzelne haben schon heute verstanden, viele ringen allerorts danach, bald zu verstehen. Schon sehen wir sie auf stillen schmalen Pfaden zu uns kommen. Sie winden sich heraus aus der Hölle der seelenzerstampfenden Maschinenmenschheit, glauben deren Zauberformeln nicht mehr und brauchen sie darum auch nicht mehr zu fürchten. Nur die Geschichten jener befreiten Einzelnen, der werdenden Gottmenschen und der wirkenden Menschengötter wird den weiteren Inhalt bilden des Buches Dzjan.« * In der bleichen Einsamkeit des hochgelegenen Landes Tibet aber spricht die Stimme Gottes, unbeirrt durch alle jene Begebenheiten, so vernehmlich wie je aus jeder Form und aus jedem Laut. Zweierlei Herrschaft Ein Märchen im Geist Lao-tses Iktar war der mächtigste Mann im Reich. In der Einsamkeit des Felsengebirges lebend, erfuhr er durch Kundschafter alles, was geschah. Mißfielen ihm Worte oder Taten des Königs und seiner Berater, so gab er ihnen ein Zeichen. Als Bensidech, der Kanzler, z. B. die Macht des Kronrates vergrößern wollte, steckte ihm eines Morgens im Gewühl des Marktes ein Einäugiger einen Brief zu und verschwand wieder in der Menge. Bensidech las nur die Worte: »Gib dein Vorhaben auf.« Er spottete der Warnung und legte dem König Makarek seinen Plan vor. Als er zwei Stunden nach Mitternacht den Königspalast verließ, wurden seine Sänftenträger überrumpelt, Bensidech von Vermummten in ein Gehölz gebracht und dort mit einem Axthieb des kleinen Fingers der linken Hand beraubt. Dann ließ man ihn frei. Bensidech machte die Wut nur noch hartnäckiger; erst recht verfolgte er nun seinen Plan, begab sich aber nur noch mit zahlreichem Geleit ins Freie. Nichtsdestoweniger wurde eines Abends in der Dämmerung sein Troß wieder überwältigt, Bensidech selbst in eine Felsenschlucht geschleppt und dort der linken Hand beraubt. In die rechte Hand wurde ihm ein Zettel gesteckt. Bensidech las: »Das nächste Mal kostet es ein Auge.« Nun nahm Bensidech seinen Abschied und zog sich mit den Seinen in die Stille eines Landhauses bei den Mondteichen zurück, wo er lediglich den Wissenschaften lebte. Bensidechs Nachfolger war Halela. Mehrere Jahre blieb er unangefochten. Schon lange hatte der König seine Aufmerksamkeit dem Nachbarreich gen Osten geschenkt, das von einer kinderlosen Königin beherrscht wurde. Sie war nicht abgeneigt, König Makarek ihr Land zu vermachen; alle Hoffnungen des Königs schienen sich zu erfüllen, als man gewahr wurde, daß auch der Nachbar gen Norden das Reich der kinderlosen Königin begehrte. Halela fand bald auf seinem Lager, bald in den Taschen seines Gewandes Briefe, deren Herkunft niemand erklären konnte. Darin standen genaue Berichte über die Vorgänge in den Nachbarreichen. In einem solchen Schreiben stand: Erkläre dem Nachbar gen Norden am nächsten Neumond den Krieg. Halela meldete dies dem König, aber der war unentschlossen. Er fürchtete beide Nachbarn würden sich verbünden und ihrer Macht sei sein Heer nicht gewachsen. Der Krieg wurde nicht erklärt. Am Tage nach dem Neumond fand man Halela tot in seinem Bett. König Makarek kannte wohl Iktars geheime Macht, aber bisher hatte er sie geduldet, weil sie deutlich zu seinem Vorteil wirkte; dieser gewaltsame Eingriff in seine eigenen Entschlüsse indessen erfüllte ihn mit Zorn. Er ließ Iktar vor ein Staatsgericht rufen und drohte, falls er nicht erscheinen würde, sein Nest im Felsengebirge mit Waffengewalt auszuheben. Am Gerichtstag wurden Soldaten bereit gehalten, denn man fürchtete, Iktar möchte, falls er nicht vorzöge, sich in seiner Burg zu verschanzen, mit großem bewaffneten Gefolge erscheinen. Auch beargwöhnte man die vielen geheimen Anhänger, die er in Stadt und Land hatte. Der Tag des Gerichts kam. Von dem mächtigen Iktar und den Seinen sah man nichts. Als aber der Gerichtshof der Form halber den vermeintlich Ausgebliebenen dreimal aufrief, siehe, da trat ein dünnes kleines Männlein in lumpigem lehmbraunem Gewand in die Schranken und sagte mit fast blödem Gesichtsausdruck in dem verrunzelten Gesicht, das einem vertrockneten Apfel glich: »Ihr riefet den Mönch Iktar, hier bin ich.« Das Staunen war groß. Seit fast 20 Jahren hatte Iktar in dem Gebirg gelebt und die sich seiner noch erinnerten, trugen sein Bild im Gedächtnis wie eines stattlichen muskelkräftigen Mannes mit langem Kriegerbart und kühnen hellen Augen. Er hatte in seiner Jugend oft im Felde gelegen. Nun waren seine Augen scheu und klein, der Bart verschwunden, der Schädel kahl, von kränklicher gelbrötlicher Farbe. Man richtete an ihm einige Fragen, die er nicht recht zu begreifen schien, und als man ihm schließlich klar machte, er sei vieler Gewalttaten angeklagt, da schüttelte er wie geistesabwesend den kahlen Kopf, und sagte: nein, nein, Gewalttaten begehe er nicht. Dabei schien ihn die Anklage nicht im mindesten zu erregen. »Warum sollte ich es nicht sagen, wenn ich ein Mörder wäre, auch die Mörder sind von den Göttern geschaffen, damit der Kerker Bewohner und das Richtbeil Speise hat, aber ich bin Iktar, der Mönch.« Der Gerichtshof mußte ihn freisprechen. Auch dies schien keinen Eindruck auf ihn zu machen. Er blieb ruhig auf seinem Platz sitzen, als betreffe dies alles nicht ihn. Ein Diener nötigte ihn dann zum Aufbruch. »Haben sie genug?« fragte er. »Ja, ja, Alter Ihr seid frei, Ihr könnt wieder heimgehen.« So erhob er sich und verließ die Stadt durch das südliche Tor. In der nächsten Woche wurde die kinderlose Herrscherin des Reiches gen Osten ermordet. Makarek rückte mit seinen Truppen ein und bemächtigte sich als rechtmäßiger Erbe des Thrones. Den Nachbar gen Norden hatte gerade in jenen Tagen ein schmerzhaftes Siechtum befallen, das ihm alle Entschlußkraft lähmte. Makarek, der nunmehrige König zweier Reiche, beschloß eine große Kriegsflotte zu bauen. Er berief als Kanzler wiederum Bensidech, der seine Einsamkeit an den Mondteichen ungern verließ. Bald bemerkte er, daß es schwer halten würde, aus dem Volke die Steuern für die Kriegsflotte zu pressen. Makareks Zorn darüber war grenzenlos. Er erklärte: »Schaffst du mir nicht die Mittel für meinen Plan, so kostet es dich den Kopf.« Bensidech erhob die rechte Hand, sowie den Stumpf der Linken und flehte um Gnade, aber der König wollte von Gnade nichts wissen. Bensidech hatte die Einsamkeit gelehrt, seiner Leidenschaften Herr zu werden. Haß und Rachsucht kannte er nicht. Was er allein noch liebte, war der Friede und die Wissenschaft. So sprach er denn: »Es gibt einen Mann im Reich, o Herr, der Euch die Mittel für alles schafft, wenn es sich um Mehrung der Macht handelt.« »Wer ist es?« fragte Makarek begierig. »Derselbe, dem Ihr den Besitz des Landes gen Osten verdankt: Iktar!« »Wie?« rief der König, »ist das die Wahrheit, was ich mir nicht zu gestehen gewagt?« »Wenn es Euch der selbst sagt, der Iktars Feind sein sollte, weil er ihm die Hand geraubt.« »So ruft Iktar herbei, er soll statt deiner Kanzler werden!« Bensidech atmete auf, und schon weilte seine Sehnsucht wieder bei den Mondteichen. Iktar wurde ein königliches Handschreiben gesandt, aber noch ehe er darauf geantwortet hatte, traten auf allen Märkten des Landes, in den Schänken und den Hallen der Kaufläden redegewandte Männer auf, die vorschlugen, das Volk solle den König anflehen, huldvollst eine Kriegsflotte zu bauen, um die Handelsschiffe des blühenden Reiches sicher über die See bis an die fernsten Gestade geleiten zu können. Zu seinem Staunen erhielt Makarek zahlreiche solcher Gesuche aus allen Teilen beider Reiche. Von Iktar aber kam die Nachricht: »Der Mönch Iktar begehrt nicht weltliche Macht. Er dankt dem König für seine Huld.« Dies war das erstemal in der Geschichte des Reiches, daß ein Diener wagte dem Ruf des Königs in ein Amt nicht zu folgen. Makarek überfiel die Wut, die er, aus Mangel an dem wahren Schuldigen, an Bensidech ausließ. Er bedrohte ihn von neuem mit dem Tode, falls die Flotte nicht gebaut werden könne. Aber sie wurde gebaut. Das Volk zahlte willig die Steuern. Nach einem Jahr durfte Bensidech, mit Ehren und Geschenken seines Königs überhäuft, zu den Mondteichen zurückkehren. Das Land blühte und flößte allen Nachbarn Schrecken ein. Ließ Makareks starker Arm einmal nach, – denn er war mehr von sprunghafter Heftigkeit im Handeln, als von zäher Ausdauer – so erhielt er jedesmal irgend ein blutiges Zeichen. Genügte dies nicht, dann wurde diese Zeichensprache deutlicher. Als Makarek einmal dazu neigte, die Liebeswünsche seines Sohnes zu erfüllen, der eine Prinzessin aus einem armen Fürstentum heiraten wollte, anstatt die Tochter des Königs gen Norden, da wurde eines Nachts Makareks Lieblingsroß von unbekannter Hand erschlagen, und als er dies Zeichen nicht verstehen wollte, lag eines Morgens der Leichnam seines fast vergötterten achtjährigen Töchterchens, das ihm eine Nebenfrau spät geboren hatte, blutig auf dem Teppich des Thronsaals. * Alles Treiben der Menschen durchschaute Iktar. Ehe er klug geworden, war er stark von Leib gewesen. Stets von mittlerer, mehr untersetzter Gestalt pflegte er einst den Eber und den Wildstier zu jagen. Auch mit Weibern hatte er sich damals vergeudet, aber dann nach Kriegerart wenig nach ihnen und ihrer Brut gefragt. Als er später das Geheime zu durchschauen begann, erkannte, daß Macht nur im Verborgenen wirkt, und sich in das Felsengebirg zurückzog, da fühlte er auch zum ersten Mal die Hinfälligkeit des Menschenleibs, so daß kein Werk die Mühe lohnt ohne einen Sohn des Wirkenden. Darum verließ er noch manchmal die Einsamkeit und spähte in den Dörfern nach den Hüften, die würdig wären seine Frucht auszutragen zu überschwänglichem Leben. Unter den Tempeldirnen der Mondgöttin, die beim ersten Vollmond des Jahres den Fremdlingen preisgegeben werden sollten – denn der Fremdling steht unter des Mondes Schutz – entdeckte der spähende Iktar die breitbrüstige jungfräuliche Kettara. Er gewahrte sie, wie sie die Kühe der Göttin zur Tränke führte; während das Vieh gierig aus dem Teiche soff, löste Kettara den Gürtel, so daß das Gewand von der Fülle ihres Leibes herab fiel. Dann stieg sie selbst in die Flut, lachte vor Behagen in die sonnige Luft hinaus und spritzte mit dem weißen Fuß das gurgelnd seinen Durst stillende Vieh. Iktar hatte die Mutter seines Sohnes gefunden. In der Vollmondnacht kleidete er sich in ein silbernes Gewand, bespannte einen Elfenbeinwagen mit 12 weißen Gazellen, fuhr zum Tempel und verlangte die jungfräuliche Kettara im Namen der Göttin. Voll Ehrfurcht wurde sie von den Priestern hervorgebracht. Iktar hob sie auf den Wagen und jagte mit der in heiliger Scheu Bebenden in seine Felsenburg. Dort spürte Kettara zum ersten Mal die in Wollust keuchende Brust des Mannes auf der ihren, und in dieser Nacht empfing sie Iktars Sohn Jubal, nicht anders wähnend, als ein Gott habe sie umarmt. Jubal wurde rauh gehalten. Nachdem er der Brust der Mutter entwöhnt war, ließ Iktar diese, mit Geschenken beladen, in den Tempel zurückbringen. Jubal aber lebte mit Hirten, Fischern und Jägern. Erst nachdem er deren Künste und das Waffenhandwerk genau kannte, lehrte ihn der Vater selbst die Schrift und die Ruhmestaten der Vorzeit kennen. Dann verkündete er ihm das Wesen der Götter und die Bräuche, um ihre Macht zu beschwören, die tieferen Kräfte der Natur, den Gang der Gestirne, die hohe Rechen- und Meßkunst und zuletzt die Geheimnisse der Regierungs- und Staatskunst; Jubal lernte die Regeln des Verkehrs mit Königen, mit Reichen, mit dem Volke. Überall aber wies Iktar darauf hin, wie man dieses Wissen zu seinem Vorteil benützt, indem man schnell die Schwächen der andern erspäht, die Ruhm- oder Genußsucht der Könige, die Eitelkeit der Reichen und die mannigfachen Begierden des Volks. Alles dies nahm Jubal gelehrig auf mit lebhaftem Verstand, als wären es die Regeln eines Schachspiels, das ihn wenig anging. Von dem Weibe aber erfuhr er noch nichts. Seine Freude waren lange Ritte durch die unbewohnten Wälder und Steppen seines Vaters, die von einer hohen Mauer umschlossen waren und an den wenigen Toren von zuverlässigen Wächtern gehütet wurden. Nichts bemerkte Jubal von den geheimen nächtlichen Zusammenkünften in den Gemächern des Vaters, von denen aus die Geschicke des Reichs heimlich gelenkt wurden. Iktars Plan ging dahin, das 18. Jahr des Sohnes abzuwarten, dann, ehe er Brunst litte, ein Weib zu ihm zu legen, ihn allmählich in die Staatsgeheimnisse einzuweihen, hie und da in seinen Diensten zu verwenden und zu üben, zuletzt an einige fremde Höfe zu schicken und ihm schließlich alle die verborgene Macht zu offenbaren und zu übertragen, die er selbst im Reiche besaß. Aber der kluge Iktar hatte ohne die unvermeidlichen Zufälle der Geschehnisse gerechnet. Einst war Jubal in der Nähe der Mauer einem Eichhorn in eine Baumkrone nachgeklettert. Von hier aus öffnete sich ihm zum ersten Mal ein Blick in die Welt. Er sah auf einen abgelegenen Winkel der Mondteiche, wo einige der Tempeldirnen Linnen wuschen. Sein Blick verwirrte sich, und kaum vermochte er sich fest in den Zweigen zu halten. Eines der Mädchen bemerkte plötzlich den Jüngling in den Zweigen. Sie zeigte ihn den andern, und alle brachen in ein neckendes Gelächter aus. Jubal aber verharrte sprachlos. »Wer bist du denn?« rief eine der Dirnen, »ein Tier oder ein Mensch?« Eine Ältere mahnte die Rufende zur Vorsicht, war es doch bekannt, daß hinter jener Mauer der unheimliche Iktar hauste. »Macht nichts,« versetzte die Junge und trat näher. »Kannst du nicht sprechen?« sagte sie. »Ich kann sprechen,« erwiderte Jubal bestimmt. »Hört ihr, er kann sprechen,« sagte die Dirne zu ihren Gehilfinnen; dann wieder zu Jubal gewandt: »Komm über die Mauer und laß uns zusammen vom Brot der Götter essen.« Nun lauschten alle die Mädchen gespannt auf die Antwort. »Vom Brot der Götter?« fragte Jubal verwundert; »wie wäre das möglich?« »Das wirst du sehen,« versetzte die Sprecherin. Jubal aber erschrak und dachte: »vielleicht sind sie selbst Götter.« Die Wäscherinnen knüpften nun eilig ein paar Tücher mit den Enden aneinander und warfen einen Teil über die Mauer, den andern Teil mit gemeinsamer Kraft festhaltend. Jubal stieg, seines Willens nicht mehr mächtig, vom Baum herab, vergaß sogar vom Boden sein Gewand aufzunehmen, das er der Hitze wegen ins Gras geworfen hatte, und kletterte an den verknüpften Tüchern empor. Mit Jubel begrüßten ihn die Mädchen, als er oben auf der Mauer erschien. Sitzend schwang er sich zu ihnen hinab. Nun stand er unter ihnen in kräftigem Gliederbau, den ganzen Leib mit einem leichten hellen Flaum bedeckt. Wie Weizen war sein Haupthaar, das ihm wie einem Weib auf die Schultern fiel. Die Mädchen umringten ihn lachend und tanzten. Er aber fürchtete sie nicht, auch schämte er sich nicht, nur war er voll von Staunen und Verwunderung. Als aber ihre zarten Hände seine Haut berührten, da erwachte eine Wildheit in ihm, die er selbst nicht begriff. Ihm war, als müsse er sich wehren und wollte um sich schlagen, aber als er die Nächste, dieselbe die zuerst mit ihm gesprochen hatte, heftig ergriff, da fühlte er seine Schlagkraft schwinden. Das Mädchen blieb ihm fast bewegungslos im Arm hängen, die andern stoben auseinander und lachten über den Unerfahrenen. Jene Ältere aber, die zuerst gewarnt hatte, raunte ihm zu: »Folge deiner Freundin unter die Bäume, damit ihr vom Brot der Götter kostet.« Bis die Sonne dicht über der Fläche des Teiches stand, blieb Jubal bei den Tempeldirnen und genoß mit ihnen Wein, Früchte und vom Brot der Götter. Er fühlte, daß das, was er hier in wenigen flüchtigen Stunden erfuhr, so schwer wog, wie alles, was ihn der kluge Vater in einem langen Jahrzehnt gelehrt hatte. Auch wußte er genau, daß dieses Götterleben mit dem andern nicht vereinbar sei und darum dem Vater verschwiegen werden müsse, der wahrscheinlich von solchen Sachen nichts wußte oder sie aufs äußerste mißbilligte. Jubal mußte den Mädchen versprechen wieder zu kommen. Der Rückweg über die Mauer war leicht. Dicht an der äußeren Wand standen Bäume, von deren Krone aus die Höhe der Mauer zu erreichen war. Wollte Jubal künftig zu seinen Freundinnen gehen, dann bestieg er den Baum, aus dessen Zweigen er sie zuerst gesehen. Sie warfen ihm wieder die verknüpften Tücher herüber und er kletterte daran hinauf wie das erste Mal. Nicht immer waren es dieselben Mädchen, die dort am Teich Linnen wuschen. Einzelne verschwanden aus den Reihen, dafür kamen neue hinzu, doch alle waren gleich lieblich. Bald hatte Jubal ihre Künste gelernt. Er kannte die 18 Arten der Umarmung und die 23 Arten der Halbumarmung, den Königskuß und den Götterkuß, die 9 Dufträusche und die 6 Safträusche. Er kannte die 500 Strophen der milden und die 800 der feurigen Leidenschaft, die 60 der Sehnsucht, die 14 Wiegetänze und die 7 Wahnsinnstänze. Die Mädchen hatten ihn nichts mehr zu lehren, wohl aber bewarben sich alle um seine Gunst, und aus sich selbst erkannte er die 60 Arten des weiblichen Grolles, die 77 Weisen der Verstellung, die 4 Grade der Falschheit, die 9 Formen der Eifersucht, die natürliche Wärme des Herzens und die künstliche Hitze des Verstandes, das zu stillende Dürsten des Fleisches und den unersättlichen Brand der Phantasie. Iktar fiel an dem Sohne eine große Veränderung auf. Nicht mehr nahm sein lebhafter Verstand alles gelehrig an wie die Regeln eines Schachspieles, das ihn nichts anging; sondern er widersprach oder billigte. Er weigerte sich, Gelerntes zur Probe zu wiederholen, aber im Gespräch merkte man wohl, wenn ein Samen aufgegangen war. Iktar schien es an der Zeit, dem Sohn eine Beischläferin zu geben, und eines Abends fand Jubal in seiner Schlafzelle, statt des gewohnten Dieners, Heraile, die Tochter eines Hirten. Jubal lächelte, als er sie sah und ließ sich ihre Bedienung gefallen. Wohl verwunderte er sich, daß ihm der Vater zur Bedienung ein Weib sandte – denn nichts geschah ja ohne dessen Befehl –, aber Heraile hielt Iktars prüfenden Blicken nicht stand. Gewiß war sie wohl gewachsen und reinlich, aber ihre Hände waren ungelenk, ihr Geist plump. Nachdem sie ihm die Füße gewaschen, entließ er sie. Wie ein zahmes Tier schlief sie künftig auf einer Matte vor seiner Kammer. Jubal brannte darauf, diese Neuigkeit seinen Freundinnen am Mondteich zu erzählen. Am folgenden Tag fand er bei den Linnenwäscherinnen eine unbekannte Frau. Sie war bedeutend älter, als alle die Mädchen, doch noch schön und von Götterwuchs. Ohne daß Jubal es gewahrte, beobachtete sie seine Spiele mit den Mädchen, die zu seiner Verwunderung über seine Erzählung unfroh wurden, dann gab sie ihnen ein herrisches Zeichen, so daß sie sich entfernten, eilte auf den erstaunten Jüngling zu, schloß ihn in die Arme und rief: »Jubal, mein lieber Sohn!« Jubal zitterte am ganzen Leib. Er hatte geglaubt, daß er alles wußte von den Frauen, aber was er nun fühlte, war etwas ganz neues. Kettara setzte sich mit ihm unter den Schatten der Bäume und erzählte ihm, daß sie ihn vor 18 Jahren seinem Vater Iktar geboren habe, nun aber Oberpriesterin im Mondtempel sei. Ihr Glück, den Sohn wieder gefunden zu haben und ihn so herrlich erblüht zu sehen, war unaussprechlich. Sie küßte ihn ein um das andere Mal, und er mußte ihr genau erzählen, wie ihn Iktar hielt. »O der Grausame, der Entsetzliche,« rief sie aus. Jubal mußte versprechen, nun jeden Tag über die Mauer zu kommen. Bisher hatte er die beiden Welten, in denen er lebte, gut auseinander halten können. So wie der Verkehr mit den Tempeldirnen seinen Geist auch für die Studien daheim lebhafter gemacht hatte, so kam ihm wiederum sein lebhafter Geist bei der Beherrschung der Mädchen zu gut. Nun aber war Jubal zum ersten Mal gänzlich verwirrt. Der Weg über die Mauer war kein tändelndes Spiel mehr, sondern er wurde nun Jubals eigentliches Leben; dennoch verzehrte er sich weniger in Unruhe als früher, wenn einmal die Pläne des Vaters den Ausflug unmöglich machten. Er bedurfte nicht so sehr Kettaras häufiger Nähe selbst, als einer Klärung seiner Gefühle zu ihr. Er dachte nicht so sehr an ihre Gestalt, als daß ihr Wesen völlig von ihm Besitz ergriffen hatte, ihn mit einer Sehnsucht erfüllte, die kein bestimmtes Ziel hatte und ihn doch zu Zeiten in der Einsamkeit des Waldes vollkommen glücklich machte. Das Einzige, was ihm mit immer größerer Deutlichkeit klar wurde, war der in ihm wachsende Haß gegen den Vater. Er begann den welken Körper des Greises, vor allem aber seine eintönige Stimme immer widerwärtiger zu empfinden. Seine kalten Lehren, wie man die Menschen beherrscht, konnte er kaum mehr mit anhören; eines Tages ließ seine Ungeduld die Worte herausfahren: »Und was ist diese Welt, deren Gesetze du mich lehrst? Du sagst mir von ihr nur, daß ich sie beherrschen soll, aber warum, was ist sie selbst, woher kommt sie und wohin zieht sie? Warum verheimlichst du mir dies, so daß alles, was du sagst, hohl wird? Hast du mich nicht mit einem Weib gezeugt? Wo hältst du dieses Weib gefangen? Warum darf ich nicht Mutter zu ihr sagen? Warum durfte ich kein Weib sehen? Was hast du mit mir vor? Warum umspinnst du mich mit Lügen?« Von diesem Ausbruch wurde Iktar so betreten, wie einst, als er wegen seiner Verbrechen vor dem Staatsgericht stand. Nur dieses Mal war seine Scheu nicht Verstellung. »Was denn für Lügen?« sagte er kleinlaut. »Habe ich dir nicht ein junges Weib beigelegt?« »Jene Magd?« rief Jubal höhnend. »War dies die Meinung? Nun so wisse, daß ich sie nicht berührt habe, daß sie wie ein Hund vor meiner Tür schläft.« Iktar erschrak. Wenn dies die Wahrheit war – und daran ließ Jubals Ton für den alten Kenner aller menschlichen Verborgenheiten keinen Zweifel – dann hatte der Sohn eine andere Quelle, aus der er Erkenntnis schöpfte, und damit war das ganze Erziehungswerk untergraben. Jubal war nach seinen Worten hinausgeeilt. Entschlossen, nie mehr wiederzukehren, begab er sich nach den Mondteichen. Dort fand er Kettara, der er alles berichtete und erklärte, künftig bei ihr bleiben zu wollen. Kettaras Herz jubelte, und sie vergoß Tränen der Rührung, aber den Sohn bei sich behalten konnte die Oberpriesterin nicht. Ihr verbot das Tempelgesetz jeden Anhang. Sie ließ daher den alten Gelehrten Bensidech zu sich bitten, mit dem sie, seit er an den Mondteichen wohnte, Freundschaft verband. Ihm allein hatte sie einst ihren Kummer anvertraut, als sie, von Iktar ihres Sohnes beraubt, zu den Tempeldirnen zurückgeschickt worden war. Er, der ja auch ein Opfer des Mächtigen war, verstand sie zu trösten. Er weihte sie ein in die tieferen Geheimnisse des Monddienstes, und empfahl nach drei Jahren dem König, sie zur Oberpriesterin zu ernennen. Durch jene Geheimnisse werden dem Erkennenden alle die Bilder des fleischlichen Lebens, woran die Sinne hängen, zu Gleichnissen eines tieferen Sinnes, der alles Begehren und Sehnen in höherer Schau zum Schweigen bringt. So hatte Kettara aufgehört an ihrem Mutterschmerz zu leiden, ohne darum zu den gemeinen Mitteln des Unterdrückens und Vergessens greifen zu müssen. Als Bild hatte ihn ihr Gedächtnis vielmehr treu bewahrt. Nun, da sich durch Jubals Erscheinen das Bild wiederum zu bewegen begann, begriff sie dies als Zeichen der Göttin. Sie gab sich ihrem Muttergefühl hin, nicht ohne das deutliche Gefühl, daß dies alles etwas anderes, ja viel mehr war, als das, was ihr in der Erscheinung widerfuhr. Der greise Bensidech freute sich des Jünglings und nahm ihn auf Kettaras Bitte in sein nahes Haus auf, von wo aus der Sohn die Mutter fast täglich besuchen konnte. Bensidech versuchte Jubal leise mit seinen Geheimnissen bekannt zu machen. In der Morgenfrühe ließ er ihn gen Osten blicken, ehe zwischen zwei einsamen Felsen der blutigrote Sonnenball emporstieg, und lehrte ihn, das, was er sah, aus der einfachen Wahrnehmung zum Bild zu gestalten, und dabei zu denken: »Dies bin ich nicht!« Dann mußte er auf seinen eigenen Leib schauen und denken: »Auch dies bin ich nicht!« Wenn man dies immer wieder geduldig getrieben hatte, dann kam nach Bensidechs Lehre eine Stunde, in der alles in sein Gegenteil übersprang und der Versenkte fühlte: »Dies alles bin ich . Ich bin der Schöpfer.« So erkannte Bensidech das, wovon die Bilder nur Gleichnisse waren, indem er die Bilder zuerst sich selbst entfremdete, um sie dann in ihrer tieferen Bedeutung wiederzufinden. »So aber wie du den Sonnenaufgang betrachtest«, lehrte Bensidech, »so betrachte alles andere, deinen Haß gegen den Vater und das, was dir das Teuerste ist – ich sage nicht: deine Mutter – sondern deine Liebe zur Mutter, denn deine Mutter ist geschaffen durch deine Liebe, und auch diese Liebe ist noch Bild einer ganz anderen Liebe, über die nichts zu sagen ist, denn was man noch sagen kann, das ist sie nicht, sondern auch höchstens Bild von ihr.« Jubal hörte voll Ehrfurcht diese Lehren. Er folgte ihnen und betrachtete in der Frühe die Morgenröte und seinen Haß und seine Liebe. Er betrachtete seine arme Vergangenheit, das kurze Spiel mit den Mädchen am Teich und die Fülle seiner Gegenwart zwischen dem verehrten Greis und der geliebten Mutter, aber das, was Bensidech erwartete, trat nicht ein. Wohl lebte sein Geist zwischen Bildern, aber je inniger er sie betrachtete, desto tiefer glühten sie auf, desto heißer umarmte er sie, desto weniger vermochte er zu denken: »dies bin ich nicht.« Eines Tages aber sagte er zu Bensidech: »Längst bin ich am Ziel. Nicht bedarf ich des Umweges der Entfremdung der Bilder, denn schon jetzt fühle ich: dies alles ist mein, die Sonne im Felsentor, deine Güte und Weisheit und die Liebe meiner Mutter. O Bensidech, dank deinem Schutze bin ich glückselig und will nichts sonst. Und zu meinem Glück gehört auch der Haß gegen den Vater; wie könnte ein Mensch der Liebe und Sonne so genießen, der nicht früher die Wüste und den Schatten gekannt hätte?« Bensidech lächelte und sagte: »Aus dir spricht die Verblendung der Jugend. Da hilft keine Lehre. Gehe hin und sei fröhlich, aber du wirst viel leiden müssen. Dein Glück steht auf schwachen Füßen. Ich werde bald sterben, wo bleibt dann dein Schutz? So lange deine Liebe am Bild der Mutter haftet, hängt sie am verweslichen Fleisch. So lange deine Blicke die aufgehende Sonne brauchen, um das Unendliche zu schauen, bedarfst du des klebrig-wässerigen Dings, das man Auge nennt. Alles dies aber ist Schein. Ich weiß eine Geborgenheit über allem Schutz, eine Liebe über allen Bildern und eine Erkenntnis über allen Sinnen. Der Unterschied deines früheren und deines jetzigen Lebens ist nicht so groß wie du wähnst. Noch stehst du auf derselben Kugel, nur am andern Pol. Dein Vater Iktar lehrte dich die Macht, bei deiner Mutter Kettara fandest du die Liebe; aber in beiden Fällen lebtest du in den Bildern. Ziel war erst Macht über die Bilder, nun ist es Liebe zu den Bildern. Vielleicht wirst du eines Tages wieder in die Macht und dann wieder in Liebe zurückfallen und so fort, aber auf diese Weise gibt es keine Erlösung. Wer über den Bildern ist, der schwankt nicht mehr, sondern er hat Liebe und Herrschaft zugleich. Bis du das verstehst, mußt du dich wohl noch lange gefreut und noch lange gelitten haben. Nun plage dich nicht länger, dem Unendlichen ein Geheimnis abzutrotzen, für dessen Besitz du noch zu jung bist. Mein Werk ist getan, wenn ich dir für immer ins Gedächtnis gegraben habe, daß es diesen Weg zum Heile gibt, und du wirst dich seiner erinnern, wenn um dich einmal die Bilder zu schwanken beginnen.« So sprach Bensidech. Jubal aber lebte noch zwei Jahre fröhlich zwischen ihm und der Mutter und las mit ihm die Dichter. Diese begriff er besser als die Lehren Bensidechs selbst. »Sie besitzen die halbe Wahrheit,« sagte Bensidech, »wohl vermögen sie die Bilder aus sich herauszustülpen und sich einen Augenblick als ihre Schöpfer zu fühlen, aber dadurch, daß sie die Bilder in Werke gießen, haften sie sich selbst wieder fest an sie. So vermehren sie nur die Bilder und das Feste um sich und halten sich immer wieder zurück vor dem Sturz ins ewig Fließende. Wohl sind die Dichtwerke Stufen zum Heil, aber auch zugleich Mauern, die es verhüllen. Wer über sie hinaus kommt, dem sind die Dichter führende Genien, wer aber bei ihnen verweilt, dem sind sie fesselnde Dämonen.« Als Iktar am Abend des Fluchttages vergeblich auf Jubal gewartet hatte, und dann noch einen Tag nach dem andern, da ergrimmte er, und sein Groll sann, wie er diejenigen schlüge, die dem Sohn Aufnahme gewährten, und wie er seiner selbst wieder habhaft werden könnte. Dies alles konnte Iktar, dessen geheim wirkende Hand weit verzweigtere Ereignisse gelenkt hatte, keine schwere Aufgabe dünken, aber so groß auch sein Zorn war, der ihn zu schnellem Handeln drängte, noch größer war in den einsamen Nächten die stille Verzweiflung, welche die Härte seines Willens wie in Schleim auflöste. Hatte er gegen Morgen auch einige Stunden Schlaf gefunden, so erwachte er doch in solchem Trübsinn, daß er, im Schatten sitzend, den Kopf vornüber neigend, keines Entschlusses fähig war. Wohl hörte er die Berichte der Späher an, die bald zu melden wußten, daß Jubal bei Bensidech an den Mondteichen lebe, täglich seine Mutter Kettara sehe, im übrigen die Dichter lese und von blühender Gesundheit sei. Es wäre Iktar ein Leichtes gewesen, den alten Bensidech und Kettara zu beseitigen und den in einem offenen Gartenhaus schlafenden Jubal rauben zu lassen; einige Getreue erboten sich, dies alles in einigen Nachtstunden zu schaffen; bis zum nächsten Sonnenaufgang, – so versuchten sie einen Entschluß aus Iktar herauszulocken – konnte der Sohn wieder beim Vater sein; aber Iktar winkte ihnen ab und schüttelte nur den müden kleinen Kahlkopf. Hatte er auch nur in den Bildern gelebt, über die er Macht ertrotzt, so baute er doch nicht allein auf Fleisch und Blut und das, was im Raume ist. Zu wohl durchschaute er, daß der etwa morgen zurückkehrende Jubal nicht mehr derselbe war, den er großgezogen und der ihn verlassen hatte. Sein Werk war gescheitert. Der Sohn war nicht mehr. Eines Nachts beschloß er, auch dessen irdisches Bild durch einen Meuchler vernichten zu lassen, aber am andern Tag gab er auch diesen Plan wieder auf. Was lag ihm noch daran, was für Gebein, von Menschenfleisch umkleidet, in der Welt lebte? Zwei Jahre war Iktar versunken in seinen Gram. Er sprach fast zu niemand, doch während es anfangs eine undurchdringliche Härte war, welche alle abwies, die ihn ansprechen wollten, wurde es in der letzten Zeit eher eine stille Verklärung. Vielleicht hatte auch er, nachdem sie ihm schwankend geworden, den Sinn der Bilder durchschaut. Eines Morgens fand man den mächtigen Iktar tot auf seinem Lager. Schon seit einiger Zeit besaß einer seiner Getreuen ein Schreiben, das er nach dem Hinscheiden des Herrn sofort zu Jubal zu bringen gelobt hatte. Dieser erhielt es in einem kleinen Hain, wo er zwischen zwei Gazellen an einem Bach lagerte und gerade ein Saitenspiel stimmte. Er las: »Jubal, werde, der Du bist, denn noch bist Du es nicht, so lange Du alles, auch Deine Liebe, fühlst vom Haß aus, den Du gegen den Vater hegst. Nun ist der Vater tot, begrabe ihn selbst in der Einsamkeit des Waldes und wirf Deiner einstigen Lieben zu ihm auch Deinen Haß in die Grube nach. Dann gehe frei in die Welt. Iktar.« Zum ersten Mal schwankten nun um Jubal die Bilder seines Lebens, auf die er so sehr vertraut hatte. Ein namenloser Schmerz überfiel ihn, aus dem ihn der Bote nur schwer herauszureißen vermochte. Bensidech erstaunte, daß er den Jüngling so völlig verändert sah. Jubal folgte dem Boten, kaum seiner Sinne mächtig. Als er die scheinbar verhaßte Mauer der väterlichen Besitzungen wiedersah, da kam sie ihm vertraut und teuer vor. Er dachte seiner kindlichen Ritte und Jagdabenteuer unter den Bäumen, der kargen Mähler bei Jägern und Hirten und der ehrfürchtigen Scheu, mit der er stets Iktar genaht, und die nichts anderes als ins Unaussprechliche gefesselte Liebe war. Als er in die Kammer trat, wo die Leiche lag, da überwältigte ihn fast das Erbarmen. Vertrocknet, bräunlich und dünn, wie eine Kindermumie, lag der einst Mächtige hilflos da, die kleinen sehnigen Hände über der Brust gefaltet, die Augen geschlossen wie in kindlichem Schlummer. Ein Ausdruck fast von Einfalt, wie ihn Iktar einst so schlau als Maske zu benutzen verstand, erschien nun auf dem Totenantlitz als sein wahres unbeherrschtes Gesicht, von allen Masken befreit. Jubal war erschüttert. Hatte er dieses verborgene Vaterantlitz nicht stets im Innersten geschaut und geliebt? Sagte es ihm, der den Vater zu hassen geglaubt hatte, etwas Neues? Nein, gerade das heimlich-unheimliche Vertrautsein mit diesem fast einfältigen Gesicht, das alle andern an dem toten Iktar heimlich erstaunte, ließ ihn mit Schrecken die Irrtümer seines ganzen bisherigen Lebens erkennen. In der Nacht wurde er nicht müde, immer wieder die ihm hinterlassenen Worte des Vaters zu lesen, besonders die Stelle: »... so lange du alles, auch deine Liebe, fühlst vom Haß aus, den du gegen den Vater hegst.« Ja, das war so. Liebte er etwa Bensidech? Nein, nein, den Vater liebte er; da sich aber zwischen ihn und seine Liebe das Gespenst eines vermeintlichen Hasses gestellt hatte, da irrte seine Liebe haltlos umher und klammerte sich mit unnatürlicher Heftigkeit an andere: erst an jene fremde Frau, die sagte, sie habe ihn geboren, dann an jenen Alten. Ein Augenblick stieg in ihm Hohn auf gegen Bensidech und seine Lehren. Wie lauteten sie doch? Aber als Jubal sie sich prüfend wiederholte, siehe, da erschien das, was ihm jetzt geschehen, gerade ein Beweis für deren Wahrheit. Waren jetzt nicht alle Bilder in ihm schwankend geworden? Durchschaute er sie nicht nun selber? Bedeuteten sie nicht etwas anderes, als sie schienen, genau wie Bensidech gesagt? Was sich als Haß gegeben hatte, war Liebe, was wie heftige Liebe aussah, war nur Flucht aus dem Haß, und jetzt, wo dies alles durchschaut war, erschien Hohn gegen Bensidech und Fremdheit gegen Kettara, die scheinbar Geliebten, aber auch dieser Hohn und diese Fremdheit waren wieder nur Schein, nur Antworten auf die vorher zu krampfhaft gewollte Liebe zu ihnen. Wahrlich alles schwankte, Liebe und Haß, Bild und Leere, bald waren sie zwei, bald eins, bald nichts, woran sollte man sich da noch halten? »Jubal, werde, der du bist!« begann das, was der Vater schrieb. »Aber wer bin ich?« spähte er in sich hinein. Und da lag klar die Antwort: der, welcher alle jene Bilder um sich erstehen, schwanken und verschwinden, aber sich dennoch von ihnen narren ließ, als wäre auch er nur Bild unter Bildern und nicht Schöpfer von alledem. Jubal fragt, an was er sich nun halten soll? »Jubal soll sich an Jubal halten,« raunt es wie mit der Stimme des Vaters. »Werde, der du bist.« Und Jubal betastete seinen Leib und fühlte, genau wie Bensidech gelehrt: »Dies bin ich nicht,« und dann spähte er wieder in sein Inneres und fühlte: »Ich bin nicht das Bild, sondern der Bildner, ich bin nicht das Werk, sondern der Wirkende, ich bin nicht das Geschehende, sondern die Ursache, daß geschieht. Nicht liebenswerte Bilder machen mich lieben, nicht böses Geschick macht mir Furcht, sondern, weil ich Liebe bin, entstehen liebenswerte Bilder in Raum und Zeit. Wenn ich mich fürchte, ballt sich böses Geschick, bin ich voll Vertrauens, dann blaut die Luft. Wie, wenn es möglich wäre, so Herr seines Innern zu werden, daß man mit Wissen die Bilder beherrscht, und sich nicht mehr narren läßt von seinen eigenen Geschöpfen?« Am folgenden Tag war Jubal sehr leicht zu Mute. Er erwachte und sah den Menschen Jubal im Bild des Sohnes, der seinen lieben Vater zu begraben hat, mit dem er indessen manchen Widerstreit gehabt, wie es unter Menschen Brauch ist. Der Mensch Jubal aber grämte sich nicht mehr allzu sehr, nahm den Sarg, der nicht schwer wog auf seine starke junge Schulter und trug ihn stille in die Mitte des Waldes. Dort grub er ihm ein Grab und versenkte ihn. Nochmals las Jubal, der Mensch, den Brief, den ihm Iktar geschrieben hatte, besonders die Worte: »begrabe ihn selbst in der Einsamkeit des Waldes und wirf Deiner einstigen Liebe zu ihm auch Deinen Haß in die Grube nach; dann gehe frei in die Welt.« Als Jubal heimgekehrt war, warteten die Getreuen seines Vaters auf seine Befehle. In ihm aber stieg das Bild seiner Mutter auf und er besuchte sie im Tempel. Sie ließ sich von ihm alle Vorfälle berichten; Jubal erzählte ihr alles äußere, aber er erwähnte nichts von seinem früheren Haß gegen den Vater, dessen Äußerungen Kettara bisher nicht zuwider gewesen waren, aber auch nichts von seiner plötzlich hervorgebrochenen Liebe, die Kettara kaum verstanden hätte. Vielmehr blickte er ihr ruhig in die Augen und erklärte ihr, daß er nun zum König gehen und ihm seine Dienste anbieten wolle. Kettara wurde betrübt, denn sie fühlte, daß die Zeit vorüber war, während der sie den Sohn täglich nahe gehabt hatte und der gemeinsame Haß gegen Iktar ihrer Liebe eine in Anklagen gegen den Unterdrücker schwelgende Gefühlsseligkeit gegeben hatte. Nun war Jubal plötzlich ein Mann geworden und in seiner Festigkeit war etwas Neues, das Kettara peinlich an Iktar erinnerte. Erst war ihr der Sohn ganz genommen und dann ganz gegeben worden, und jetzt sollte sie seinen Besitz teilen mit jemand, der niemand war, mit etwas, einer unbestimmten Macht, in der sie nichts anderes sah, als den Geist Iktars, des verhaßten Vaters, der mit dem Tod des leiblichen Iktar erst gesiegt zu haben schien. »Ach,« seufzte sie auf, »das Schicksal des Weibes ist Leid von Anbeginn, und keine Seligkeit, die es sich vorübergehend stehlen kann, vermag dies zu ändern.« Jubal umarmte die Mutter, ohne sie ganz zu verstehen. Wollte er sie denn verlassen, blieb sie nicht seine geliebte Mutter, auch wenn er dem König diente? Sie blickte ihn prüfend an. »Es ist wahr,« sagte sie, »ich bin töricht. Will ich denn, daß du dein Leben über den Dichtern und zwischen Gazellen verträumst? Es ist besser, du gehst nun frei in die Welt.« »Dasselbe hat mir der Vater geschrieben in einem letzten Brief.« Kettara las die Zeilen, die ihr der Sohn gab. »Es ist gut,« sagte sie, »nun sind wir alle versöhnt. Gehe deinen Weg und vergiß dabei nicht deine Mutter.« Jubal küßte sie still, dann ging sie, die Tränen beherrschend, in den Tempel zum Dienst. Hierauf besuchte Jubal den alten Bensidech und dankte ihm für seine Lehren. »Zur rechten Zeit habe ich mich ihrer erinnert,« sagte er, »und sie haben sich als wahr erwiesen. Nun will ich in die Welt gehen, und von innen heraus die Bilder beherrschen!« Bensidech schüttelte zweifelnd das Haupt, aber er gab ihm voll Liebe seinen Segen. König Makarek freute sich, als ihm Jubal seine Dienste anbot, denn schon hatte er gefürchtet, dieser würde mit junger Kraft, aber von der alten Klugheit seines Vaters unterwiesen, die geheime Gewaltherrschaft im Reiche fortsetzen. Jubal ließ sich nun einweihen in alle Teile der Staatsverwaltung; zunächst saß er als Zuhörer im Kaiserlichen Rat. Dank Iktars geheimen Einflüssen war das vordem arme und kleine Reich groß und blühend geworden. Die Reiche gen Norden und Osten waren nun eng mit ihm zu einem verbunden, schwer beladene Kauffahrteischiffe fuhren über die See, und kein Pirat wagte sie anzugreifen aus Angst vor den kaiserlichen Fregatten, die dauernd die Meere kreuzten. Die Heere des Kaisers erregten den Schrecken der Nachbarn, die fürchteten, es könne ihnen gehen wie den Reichen gen Nord und Ost. Zulix, der wohlhabende Besitzer von 10 Webstühlen, hatte einen klugen Gesellen; der vermeinte, wenn man ein Mittel fände, sie durch die Kraft des Wassers zu bewegen, könne ein Mann gleichzeitig mehr als 100 Webstühle laufen lassen, oder noch besser nur einen großen, der aber mehr Arbeit verrichtete als 100 kleine. Zulix schickte den vorlauten Gesellen fort, im geheimen aber verwirklichte er dessen Gedanken, und wurde zum reichsten Mann des Landes. Ähnliches geschah in andern Gewerben. Die Handwerker konnten sich bald nicht mehr halten, denn die großen Maschinenbesitzer überschwemmten das Land planmäßig mit billigen Waren, weckten Bedürfnisse nach neuen Genüssen, hielten dann wieder die Waren zurück und gaben sie nur noch zu höheren Preisen her. Die früheren Handwerker und ihre Söhne mußten für sie arbeiten. Immer mehr Hände gewannen die Reichen für diese Knechtsarbeit. Sie boten Löhne, welche auch die heranlockten, die bisher genügsam die Erde bebaut hatten. Die Masse der Lohnarbeiter wuchs und wuchs, und dieselben, deren Hände die Waren hervorbrachten, vermehrten das Heer der Käufer. Was verschlug es, daß der Ackerbau zurückging? Schiffe brachten Getreide genug aus fernen Ländern. Dadurch wurden die Reeder reich und die Getreidehändler. Das Land verödete, die Städte schwollen an, ganz neue Städte entstanden. Mit großem Gewinn bauten Unternehmer unabsehbare Straßen von Riesenhäusern auf, in denen sich jene Massen in Unsauberkeit und Lärm zusammenpferchten, immer in einem Übergang zu etwas anderem befindlich und auf Veränderungen wartend, heute bei diesem Gewerbe, morgen bei jenem; denn ein Handwerk brauchte keiner mehr zu erlernen, es galt nur noch, die Räder der Maschinen in Bewegung zu halten, und dabei halfen selbst schlaffe schwangere Weiber und Kinder. Wohl waren viele enttäuscht. Sie fanden nicht den hohen Verdienst, den sie erhofften, und die Genüsse, die man damit kaufen konnte, aber zu verhungern brauchte keiner. So zeugten sie ohne Beschränkung Kinder, ehelich und unehelich, ohne viel zu denken, denn auch sie würden gewiß Arbeit finden und damit sogar Geld ins Haus bringen; und diese Kinder, die selbst nie das Feld und den Wald gesehen hatten, vermischten sich wieder in kaum halbwüchsigem Alter und zeugten eine schlaffe blutlose Brut. Es gab Gelehrte, die dieses Leben genau untersuchten und mit Stolz ungeheure Zahlen herausrechneten. Sempil, der Oberrechnungsmeister, ein fast haarloser Mensch mit Gesichtszügen so scharf wie eine mathematische Figur, drängte sich oft mit seinen langen Verzeichnissen an Jubal heran, dessen verstorbenen Vater er hoch verehrte. Was verdankte man ihm nicht alles? Die Bevölkerung hatte sich – so bewies Sempil dem verwunderten Jubal an der Hand von Listen – in 20 Jahren mehr als verdoppelt, die Grundfläche des Reiches fast verdreifacht, die Warenherstellung vervierfacht usw. War das nicht Aufschwung, Fortschritt, Größe? Und wenn es nicht die Zahlen bewiesen, dann bewiesen es die Furcht und der Neid der Nachbarn. Diese Zahlen wußten alle auswendig, sie wurden in den Schulen bereits den Kindern eingeprägt, in einem Fach, das Heimatlehre hieß und früher von bunten Landschaften, Bergen, Flüssen und Wäldern gehandelt hatte. Dies alles machte die Menschen des Reiches vom König Makarek bis hinunter zum bescheidensten Hafenarbeiter so ruhmredig, daß dem an Stille gewohnten Jubal davon die Ohren gellten. Ungeheuer schienen ihm allerdings die Werke, welche die Menschen schufen, ihre Bauten und das netzartig verwickelte Ineinandergreifen all' der arbeitenden Hände, aber die Menschen selber waren innen kalt und hohl, gierig und voll Haß, übermüdet von Arbeit, die stets nur der Erhöhung von irgendwelchen Zahlen diente, und erhitzt in Genüssen, die sie überreizten und aufrieben. Jubal war es ein Leichtes die Unwirklichkeit zu durchschauen, die in all diesen Zahlen lag. »Alles tun sie von außen,« dachte er, »nichts von innen. Darum sind sie innen nichts, und ihr Selbst ist verknechtet an das äußere Werk.« Jubal glaubte, sein Werk im Staat müsse damit beginnen, diese Irrtümer aufzudecken und dadurch das Reich vom Niedergang zu retten; aber da erfuhr er bei den ersten bescheidenen Einwänden, die er versuchte, etwas ganz Sonderbares. Alle, die Oberen höflich oder mit feiner Spötterei, die Mitteleren unwirsch und etwas verlegen, die Unteren plump und fast beleidigend, gaben ihm alle dem Sinne nach dieselbe Antwort: »Wie kann sich einer ein Urteil anmaßen, der aus einer anderen Welt kommt und nicht die rastlose Arbeit aus eigener Erfahrung kennt?« Jubal durchschaute auch diese Lüge sofort: »Wer ihre Erfahrung hat, der ist in den Bildern befangen, wer aber die Bilder durchschaut, der kann nach ihrer Meinung nichts erfahren haben.« Und immer deutlicher sah er, daß im Reiche weder Weisheit noch Gerechtigkeit herrschten, sondern diejenigen, die sich ihrer Erfahrung rühmten im Herstellen und Verhandeln von Waren. Jubal sagte zu König Makarek: »Die, welche ihres Eigennutzes wegen am strengsten beaufsichtigt werden müssen, die, welche das Volk in Arbeit knechten und zugleich ihm seinen Bedarf zumessen, diese gerade hast du zu Herren werden lassen. Das muß dein Reich untergraben. Die Zahl der Menschen wächst, aber ihr Blut wird immer schlechter, ihr Herz immer leerer.« Makarek lächelte und dachte: »Dieser gute Jubal! ihn habe ich gefürchtet, als den Sohn seines Vaters, aber in ihm ist wahrlich nichts von dem furchtbaren Iktar;« und weil auch Makarek schnell merkte, daß Jubal von den wichtigen Dingen, die dem Land Reichtum und eine starke Macht schufen, nichts verstand und wohl auch nicht fähig war, diese Zusammenhänge trotz seinem guten Willen noch zu lernen, machte er ihn zum obersten Aufseher der schönen Künste und Wissenschaften. Jubal war dies recht. Für ihn bedeuteten ja die Bilder nicht, was sie schienen. So versanken denn vor ihm wieder die Zahlen, die Sempil ihm täglich gezeigt, und vor ihm erschien das Bild der hohen Schulen und Akademien des Landes. Er freute sich der vielen helläugigen Jünglinge, die hierher strömten, um die Schriften der Weisen und Dichter zu den Füßen ihrer Lehrer zu lesen. Als er aber diese Männer mit Bensidech verglich, mußte er lächeln. Sie waren Sempil, dem Oberrechnungsmeister, nur zu ähnlich. Wie jener Zahlen, so verkündeten sie Worte, die sie verglichen und auswendig lernen ließen. Die voll Hoffnung herbeigeströmte Jugend höhlten sie zuerst aus durch die seelentötende Gehaltlosigkeit ihrer Reden und dann füllten sie die so geschaffene Leere behutsam und schichtweise wieder aus mit sorgfältig zusammengetragenem Wortkram. War dies gelungen, so wurde der Erfolg durch Prüfungen bestätigt und die Jünglinge wurden selbst als künftige Diener des Staates oder Lehrer der Jugend entlassen. Jubal beschloß Abhilfe zu schaffen. Es gab in der Hauptstadt kleine Kreise von Jünglingen, die, der hohen Schulen satt, sich auf eigene Faust um jüngere Gelehrte und Dichter scharten, welche ähnlich wie Bensidech den Geist statt den Buchstaben der Schriften lehrten. Von diesen berief Jubal einige an die hohen Schulen des Landes, ließ ihnen Lehrfreiheit und gab ihnen dazu die äußere Ordnung des Amtes und ihren Schülern die Regelmäßigkeit des Unterrichts. Allmählich glaubte er so alles, was an quellenden und suchenden Geisteskräften im Lande war, herbeizuziehen zu gegenseitiger Befruchtung. Damit aber erregte er allgemein die größte Unzufriedenheit unter den Eltern der lernbegierigen Jugend. König Makarek lächelte nicht mehr über Jubal, als er die Mahnungen seiner nächsten Ratgeber, des Oberrechenmeisters Sempil, des Getreidehändlers Njeneschi, der Fabriksherrn Zulix und Quiribal und des Heerführers Grunisch hörte, der ein besonderes Auge auf die Gesinnung der Jugend haben mußte und auf ihre stete Bereitschaft, begeistert für die Gewalt und den Reichtum des Staates ihr Blut zu opfern. Des Königs Ratgeber befürchteten, daß die neuen Schulen eine müßige, dem Erwerb fremde Jugend erziehe. Schon hörte man bei ihr Worte wie diese: Reichtum sei einem Volke eher schädlich, als von Nutzen, oder: wenn Reichtum nötig wäre, so hätten ja die Väter hinlänglich dafür gesorgt, das neue Geschlecht aber könne sich höheren Dingen zuwenden. Jubal wurde auch seines neuen Amtes entsetzt und zog sich lächelnd über seine irrende Hoffnung in die Felsenburg zurück, in der er groß geworden war. »Habe ich nicht selbst versucht die Bilder von außen zu bewegen? Wohl hätte es eine Zeitlang gelingen können, aber ich bin zufrieden, daß es nicht gelang; denn ein flüchtiger Erfolg hätte mich nur über die verborgene Wahrheit getäuscht, daß man nur von innen heraus wirken kann.« Jubal lebte nun einige Wochen in völliger Selbstversenkung, und er erkannte dies: War es ihm schon nach des Vaters Tod klar geworden, daß nicht die Bilder unsere Gefühle hervorrufen, sondern die Gefühle erst die Bilder schaffen, so hatte er doch die Gefühle selbst noch nicht zu meistern verstanden. Ohne Zweifel haßte er Sempil, Zulix, Njeneschi und alle die, welche den König und das Volk verblendeten, aber schuf denn nicht nach seiner nun noch vertieften Erkenntnis sein Haß selbst erst diese Popanze? Wie aber dieses Hasses Meister werden? In seiner Selbstversenkung prüfte nun Jubal alle Gefühle, die er in jenen Jahren des Wirkens in der Welt gehabt hatte, und stellte sie im Bild vor sein inneres Auge. Er fand außer dem Haß gegen die Widersacher zärtliche Liebe zu der Jugend, die wie einst er selbst nach wahrem Geist dürstete. Er fand Hoffnung auf das Gelingen seines Werkes, Furcht vor seinem Mißlingen, Reue über manches im Handeln Versäumte, Triumph über manches Geglückte. Wohl hatte er während seines Wirkens in der Welt besonders Liebe und Hoffnung in sich gepflegt, aber nun erkannte er noch deutlicher als einst, da sein Haß gegen den Vater in Liebe umschlug, daß der, welcher Liebe setzt auch den Haß mitsetzen muß, daß Hoffnung immer nur die Kehrseite der Furcht ist, und daß man – ohne Blindheit – nicht das eine pflegen kann ohne das andere. Immer wieder kam das Zurückgedrängte an einer geheimen Stelle hervor. Waren nicht alle, die offen und entschieden das Gute erstrebten, stets im geheimen irgendwie widerwärtig, kalt und lieblos, und verlockten und rührten nicht die, welche ganz ins Böse verstrickt schienen, stets heimlich sein Herz? Überließ er sich der menschlichen Liebe zu der lernbegierigen Jugend, notwendig mußte er die Berater des Königs hassen. Hoffte er auf Gelingen seines Werkes, so war das doch nur möglich, weil die Furcht in ihm war, es könne mißlingen. Nun aber erkannte Jubal, versenkt in seine Tiefe, daß diese trostlose Zersplitterung in Gegensätze auch nur ein Schein war und daß im innersten Seelengrund eine unzersplitterte Einheit west, die nichts weniger ist als Alleinsein, vielmehr eine Liebe, die zwar kühl scheint gegen alle in Unterschieden Zersplitterte, aber um so wärmer ist in ihrem Kern, so warm, daß sie den Widersacher umfangen muß wie den Freund. Als Jubal im Walde sitzend, dies verstand, schlug er plötzlich die Augen auf und siehe vor ihm lag ein Stück gemeinen Tierkotes, und seine Augen füllten sich mit Tränen vor Rührung über dieses Geringste, Niedrigste, und es dünkte ihn so herrlich wie Makareks Macht und Größe. Zugleich entsann er sich der Stunde, da sich ihm vordem zum letztenmal die Augen mit Tränen gefüllt hatten. Es war an einem Abend in dem Festspielhaus der Stadt. Eine junge Sängerin von duftiger Schönheit und schmelzendem Stimmklang stand auf der Bühne, und ihre hingerissenen Freunde sandten ihr Blumen, Juwelen und Süßigkeiten hinauf, die um sie geradezu Wälle bildeten, höher als sie selbst. Sie verging fast vor dankbar lächelndem Glück zwischen all dieser sieghaften Herrlichkeit. Die Zuhörer jubelten, schrien, klopften, klatschten, stiegen auf die Bänke, und es war als ob das Leben in Schönheit, Wohlklang, Farben und Jauchzen sich nicht herrlicher entfalten könne. Nur Jubal war von unsäglicher Traurigkeit erfüllt. Er sah, wie das junge Wesen, gerade weil es so schön war und so süße Gefühle hatte und übertrug, dem Heil ferner war, als alle die sonst Verbitterten, Häßlichen, die sich in dieser Stunde einmal an der Schönheit labten. War sie nicht gerade in ihrer Lieblichkeit unwiderstehlich verführt, ganz in ihrem süßen Leib zu leben? Mußte sie nicht wähnen, das, was ihr eben widerfuhr, sei die Seligkeit, und mußte sie nicht, wenn in wenigen Jahren ihr Reiz verflogen war, desto bitterer jene Undankbaren verklagen, die ihr einst zugejauchzt hatten und sie nun beiseite warfen, wie ein verblichenes Tuch? Und würde jene Bitterkeit nicht dasselbe sein, wie die Seligkeit dieses Augenblicks: der Irrtum, ihr Leib, der sei sie, mit ihm sei sie herrlich, mit ihm sei sie elend. Jubal aber hatte vor jener rosigsten Menschenblüte dasselbe gefühlt wie jetzt vor dem Stückchen Tierkot, daß das Schönste zugleich das Kümmerlichste ist, das Kümmerliche zugleich alle Schönheit in sich hat. Und nun ging Jubal noch eine Zeit lang ganz und gar müßig und abgeschieden, aber im stillen umfaßte er die Welt. Bald kamen die Jünglinge und ihre Lehrer, die er an die Schulen berufen hatte, von selber zu ihm, um ihm zu danken und zu huldigen. Er hörte ihnen zu, antwortete, was ihm einfiel, aber ohne die Absicht zu lehren, und doch gingen sie belehrt von dannen. Besuchte er seine Mutter im Tempel oder den alten Bensidech, oder ging er in die Stadt, überall leuchteten ihm die Augen entgegen, überrascht durch den weltliebenden Blick des Jubal. Und er erfuhr in sich selbst noch dies: Unsere innerste Liebe schafft nicht nur die Dinge um uns; wird sie bewußt, dann erlöst sie sie erst zu höherem Selbstsein. Jubal weigerte sich, der Berater der Menschen zu heißen, denn nichts wollte er mehr von außen tun. Wer ihm aber von ungefähr begegnete, dem antwortete er, im jeweiligen Bilde bleibend, und so wirkte er von innen heraus. Der geschundene Knecht fühlte sich unter seinem Blick wieder als eine Person, der kein Heil verschlossen ist, und der in Haß verhärtete Machthaber, dem alle fluchten, fühlte in Jubals Gegenwart, daß sein Machtpanzer nicht sein Alles ist. Niemand vergriff sich an ihm. Waffenlos hätte er unter Räuber gehen können, und selbst der Arm der Polizei wäre vor seinem Blick gesunken, falls etwa ein Machthaber, der ihn selbst nicht kannte, ihn zu fahnden befohlen hätte. Jeder, der ihn sah, vergaß im Augenblick, was er selbst sich und andern schien, und ahnte was er eigentlich war. Wer aber dies ahnt, der vermag in dieser Stunde nicht zu richten, noch zu schlagen. Auch König Makarek hörte von der geheimen Wirkung, die von Jubal ausging und lud ihn ein. Wahrhaftig: Jubal war nicht mehr der Überkluge und zugleich Weltentfremdete, der er ihm einst geschienen. Er sprach wie ein einfacher Mann von Regen und Wind, vom Stand der Saaten und des Viehs. Als ihn einst Makarek um Rat fragte, wie er sich gegen den und jenen Mächtigen im Reich verhalten solle, da sagte er wie gleichgültig: »Lasse sie kommen und gehen, ihre Mäuler müssen gefüttert werden, aber sie sollen nicht alles verschlingen.« Kaum war Jubal hinausgegangen, da erschienen diese alltäglichen Worte, die auch einem verständigen Bauer hätten einfallen können, Makarek als der Gipfel aller Weisheit, und seltsam: er gewann wieder mehr Wirkung auf die, welche ihm schon über den Kopf gewachsen waren. Unter Jubals Augen wuchs ein neues Geschlecht heran. Die, welche ihm vom Geist begnadet schienen, unterwies er, wenn es das Gespräch so fügte, in seiner Lehre selbst, zuerst verhüllt, später immer mehr entschleiert, und langsam wandelte sich jener gellende, ruhmredige Ton, der unter Iktar im Lande geherrscht hatte. Wieder gab es einen geheimen Lenker im Reich, wieder hauste er abseits in der Felsenburg Iktars, aber er gab keine blutigen Zeichen, sondern rührte leise die Herzen und nicht zum wenigsten das des alternden Königs Makarek selbst. Freilich gewann Makarek noch nicht die ganze Weisheit. Von Macht und Glanz geblendet blieb er bis ins Alter, und er belog sich selbst, als er, die Gelegenheit eines Thronwechsels benutzend, um auch noch das Land gen Westen zu erobern, wähnte, dies tue er nur, um auch jenem Land den Segen seiner erfahrenen Weisheit zu spenden. Makarek wurde besiegt und verlor auch noch einiges von den früheren Eroberungen. Nun aber gewann Jubals Wirken erst seine volle Stärke. Wohl murrte das Volk über den fehlgeschlagenen Krieg, aber nur eine Minderheit begehrte, ihn grollend zu erneuern, die Schmach der Niederlage durch neue Gewalttat zu löschen. König Makarek hingegen löschte die Schmach seiner Gewalttaten durch die Erkenntnis. Er war nun ganz weise geworden. Er verbot, unter der Jugend den Haß gegen die Sieger zu schüren. Nicht länger durften in den Schulen die großen Zahlen gelehrt werden. Diese sollten vielmehr ausschließliche Angelegenheit der Fabrikherrn und Händler bleiben, die er gewähren ließ, ohne ihnen aber noch Einfluß auf die Regierung zuzugestehen. Von selbst schloß sich das Volk ohne Zwingherrn zu gemeinsamen Arbeitsbünden zusammen, die sich freiwillig unter den Schutz des Königs stellten. Zulix, Njeneschi und alle die andern Reichen rauften sich die Haare und bestürmten den König, die Bünde aufzulösen. Sempil rechnete genau aus, in wieviel Jahren beim Bestehen jener Bünde das Volk verhungert sein würde. Der greise Makarek aber schickte die Warner lächelnd nach Hause, und nichts von dem so klar berechneten Unheil traf ein. An vielen Orten des Reiches lebten in der Einsamkeit Weise, gleich Jubal. Teils hatten sie zu seinen Füßen gesessen, teils waren sie auf eigenem Weg zur Erkenntnis der Bilder gekommen. Als Makarek starb, ging Jubal zu dessen Sohn, der die Feuer im Tempel hütete und fragte ihn: »Kennst du den Sinn der Dinge?« »Ich vernehme«, erwiderte jener, »was in der Stille diese Feuer reden, sie sehen so aus und so«. »So kennst du die zwei Gesichter der Welt. Geh' hin und nimm die Krone.« Der Jüngling hielt sich im Herrschen zurück und das Volk wußte nur, daß er da war; dennoch wurden alle Werke vollbracht und alle Arbeiten getan. Weil er nichts von außen wirken wollte, wurde die Welt von selber recht. Das Volk wurde wieder einfacher und ehrlicher, und ohne daß es Gier zeigte, wurden süß seine Speisen, schön seine Kleider, friedlich seine Wohnungen, fröhlich seine Sitten. Dies alles erlebte noch Jubal vor seinem Tod. Kettara und Bensidech waren ihm lange vorausgegangen. Wohl hatte er sie kurz beweint, aber seine große Liebe bedurfte nicht mehr des Bildes Einzelner. Später kamen dann wieder andere Könige, die Jubals Weisheit in den Wind schlugen, nach kurzen Machthandlungen das Reich in Krieg und Not brachten. Aber nie wurde Jubals Vorbild ganz vergessen. Immer wieder standen in der Not Weise auf, gingen in seinen Fußstapfen, zogen durch das Land oder lockten Jünger in die Abgeschiedenheit der Berge, lehrten, den Wahn der Bilder zu durchschauen, und wer wollte, der folgte ihnen nach. Ihr stilles Wirken aber rettete immer wieder das Reich vor dem Untergang. Der Mensch in der Kugel Ein Mysterium »Der Berufene lebt in der Welt ganz still, aber er macht sein Herz weit für die Welt; die Leute alle starren auf ihn und horchen. Der Berufene behandelt sie alle als seine Kinder«. Laotse , 49. Spruch. 1. Kapitel Nachdem eine Seuche die Eltern des 19jährigen Florian am selben Tage hingerafft hatte, fand er Aufnahme in dem Haushalt einer entfernten mütterlichen Verwandten, der Gräfin Delosea. Diese war eine verblühende magere Frau von etwa 40 Jahren mit lebhaften Augen und einem ungemein beweglichen Geist. Mit demselben Heißhunger verschlang ihre Phantasie Landschaften, Kunstwerke, Bücher und Menschen. Des schönen Knaben Florian hatte sie sich längst bemächtigt, als sie erfuhr, daß er Verse machte. Noch zu Lebzeiten seiner Eltern pflegte sie ihn in ihren Park zu rufen, ihn in ein kleines mit alten blassen Fresken bemaltes Sommerhaus zu setzen, eine schöne Kanne oder Vase oder Elfenbeinschnitzerei vor ihm aufzustellen und zu sagen: »Versenke dich erst in die Schönheit und dann sprich selbst.« Bei jeder Gelegenheit schenkte sie ihm schön gebundene Bücher mit den Versen der alten Dichter. Die Blätter, auf die er seine Dichtungen schrieb, bewahrte sie sorgfältig. Florians Dichtversuche hatten nicht die Billigung seines strengen Vaters gefunden, eines reichen Handelsherrn und Konsuls in einer morgenländischen Stadt. Nicht daß er Florian hätte zwingen wollen, durchaus sein Nachfolger im Geschäft zu werden; wenn dies seiner Art nun einmal nicht zusagte, dann mochte er wählen zwischen dem Dienst im Staat oder Heer. Das hatte im letzten Jahr Florian in einen schmerzlichen Gegensatz zu dem schwärmerisch verehrten Vater gebracht. Dieser stand schon an der Schwelle des Greisenalters. Ein grauer Bart fiel ihm, sorgfältig gepflegt, über die Brust. Die Stirn war hoch und klar, das Auge blau und kühl, die Stimme klang immer ruhig, sein Wort besonnen. Alle beugten sich vor seiner Herrschergebärde. Was hätte ihn mehr freuen können, vermeinte Florian, als ein Sohn, der sein Leben der Schönheit weihte und ihm Verse zu Füßen legte? Denn daß diese dem Vater geweiht sein sollten, das stand ganz außer Frage. Wie erstaunte daher Florian, auf dem Antlitz des Vaters zum ersten Mal ernste Unzufriedenheit zu sehen, als er ihm die ersten Sonette zeigte. Ja, eine Zornesader schwoll dem Vater auf der Stirn, als der Sohn zu seiner Rechtfertigung vom Ruhm der Dichter sprach, und es stellte sich heraus, daß der göttliche Vater deren Namen kaum kannte und nicht wußte, wie sich ein Sonett von Terzinen und Stanzen unterschied. Weniger das Verbot des Dichtens, als die Enttäuschung über des Vaters Wesen erschütterte Florians Gleichgewicht so sehr, daß man ihn für einige Monate auf ein nahes Weingut zur Erholung schickte. Die Mutter, die bisher sein Dichten hatte gewähren lassen, gleichfalls ohne zu ahnen, daß darin etwas so verwerfliches liegen könne, schrieb ihm besorgt, falls es zu seiner Wiederherstellung diene, möge er es ruhig fortsetzen. Florian aber war in der Einsamkeit unter den griechischen Winzern, die ihrem jungen Herrn alle Wünsche von den Augen absahen, viel zu sehr mit Grübeln beschäftigt über seine bisherige, nun aus den Fugen geratene, glänzende und gemessene Welt, daß sich ihm keine Verse mehr gestalten wollten. In Träumen quälten ihn tierische Ungeheuer, vor denen er sich zu dem angebeteten Vater flüchtete, und, wenn er erwachte, erinnerte er sich unter Tränen, daß es diesen Vater gar nicht mehr gab. Die Mutter aber, so zärtlich er sie liebte, konnte hier nicht helfen, da sie niemals verstehen würde, um was es sich eigentlich handelte. Wahrhaftig nicht um das bißchen Dichten, das sie ihm heimlich gestattete. Aus diesem Brüten rief Florian die Nachricht vom plötzlichen Tod der Eltern. Er war so sehr in die Fragen verstrickt, die ihm sein Leben, schier unlösbar, aufgegeben hatte, daß ihn dieses Unglück nicht im tiefsten zu treffen vermochte, vielmehr bildete sich um sein Innerstes, als sei es schutzbedürftig gegen äußere Stürme, etwas wie ein Panzer, der ihm eine starre äußere Ruhe gab. So wohnte er der Beerdigung bei, der alle Würdenträger der Stadt folgten, an der Spitze der Pascha selbst. Florian erfüllte alle Pflichten des einzigen Sohnes genau, innerlich wie erfroren. Die Aufnahme in den Haushalt seiner Verwandten Delosea war ihm anfangs genehm gewesen. In seinem Zimmer fand er eine Zusammenstellung der schönsten Totengesänge berühmter Dichter. Nach einigen Tagen fragte ihn die Gräfin nach seiner Muse. Er war etwas betreten, und plötzlich wurde ihm klar, daß sie von ihm ein Gedicht auf den Tod der Eltern erwartete. Dies erschien ihm wie ein Greuel, ohne daß er sagen konnte warum, denn in der Tat hatten viele Dichter solche Anlässe besungen. Der Panzer, den er um sein Inneres schloß, wurde immer härter, aber die Verwirrung im Innern selbst immer größer. Die Gräfin fühlte zu fein und war wohl auch zu klug, um ihn irgendwie zu drängen, doch eines Tages gab sie ihm einige seiner früheren Verse – die, welche ihr die besten dünkten – und bat ihn, sie ihr noch einmal zu schreiben. So hoffte sie, in ihm durch Erinnerung die Muse wieder zu erwecken. Florian konnte sich aus Höflichkeitsgründen nicht entziehen. Er ging auf ihr Geheiß in das Gartenhaus. Dort fand er einen feurigen Wein in schlanker Flasche. An der Wand hing ein Bild seiner Mutter aus der Zeit ihrer Jugend, schön mit tiefentblößten Schultern, wie Florian sie in Wirklichkeit nie gesehen hatte. Erschüttert versenkte er sich in ihren Anblick und brach zum erstenmal, seitdem er die Todesnachricht hatte, in Schluchzen aus. Die Dämmerung drang schon ein, als er mit zitternden Fingern die Verse abschrieb. Er tat es eilig und zwang sich dazu, um es schnell hinter sich zu haben. Bei dieser Gelegenheit erschienen ihm seine Gedichte selbst als das Hohlste, Unwahrste, was je ein Mensch zu schreiben sich unterstanden, ja wie niederträchtige, eitle Lügen. Mit einem Gefühl der Rache gegen die Gräfin, schwur er sich, niemals mehr zu dichten, aber als er an den harten, herrischen Vater dachte, da fiel ihm doch nicht ein, dem Feind seiner Verse im Stillen Abbitte zu leisten, nein, er glaubte ihn nun zu hassen, weil sein gleißnerisches Äußere ihn einst verführt hatte, für ihn jene Verse zu schreiben. * Einige Tage später schlenderte der nun erst völlig vereinsamte Florian in der Nachmittagsdämmerung durch die alten Gassen der Europäerstadt. Vor der kleinen gotischen Kirche begegnete ihm eine bescheidene Prozession mit verblichenen Fahnen und vielleicht einem Dutzend brennender Kerzen, die in die graue Luft fluteten. Er stand einen Augenblick still und sah zu, wie die Prozession in die alte Kirche hineinströmte. Plötzlich war ihm, als flute das bewegte Abendleben des Platzes durch sein Inneres, den Panzer schmelzend, der ihm während seines Aufenthaltes auf dem Weingut gewachsen war. Es war ein Gefühl des Jubels, der Jugend, des brünstigen die Welt umarmenden Wollens und zugleich der Frömmigkeit, als sei Gott in ihm. Es trieb ihn, der Prozession in die dunkle Kirche zu folgen, die von einem heimkehrenden Kreuzfahrer gestiftet war. Florian besuchte sie gern. Er war zwar im protestantischen Bekenntnis erzogen, aber er hatte das so hingenommen, wie die Regeln des guten Betragens, und niemand, am wenigsten der Vater, verlangte je eine tiefere Anteilnahme. In die katholischen Kirchen aber war er aus Lust am Ungewohnten gegangen wie in die Moscheen, um zu schauen und zu lauschen. An diesem Tage nun war in der gewölbten Kirche alles anders als sonst. Die ganze Seite, wo der Hochaltar und daneben in Kapellen zwei kleinere Altäre standen, war mit rohen Holzlatten überzogen. Diese Holzwand wurde durch eine Galerie in zwei Stockwerke geteilt. Florian befand sich, ohne zu wissen, wie er hinaufgekommen war, plötzlich auf der Empore genau gegenüber jener Holzgalerie. Durch das Gewölbe rauschte eine zauberhafte Musik in nicht mehr irdischer Fülle. »Dies habe ich ja gut getroffen«, dachte Florian. Im ersten Stockwerk der Holzwand stand, ihm gegenüber, aus einem Büchlein lesend, ein großer magerer mohammedanischer Priester mit dunklem schmalem Gesicht und kurzem spitzen Bart. Seine bohrenden Augen hatten den Ausdruck der erbarmungslosen Askese. Er trug ein weißes talarartiges Gewand. Neben ihm schwenkte ein untersetzter russischer Mönch ein Weihrauchfaß. Dieser war in allem das Gegenteil des Mohammedaners. Sein bärtiges blauäugiges Antlitz hatte den Ausdruck einer fast kindischen Gutmütigkeit. Voll Verehrung und mit verklärtem Lächeln hüpfte er um den Andern. Sein Gesicht war braun behaart wie das des Hundemenschen, den Florian einst in einer Schaustellung gesehen hatte, und nun entdeckte er plötzlich, daß es kein anderer, als jener Hundemensch selber sein konnte. Der Bart war so lang, daß er ihm bis auf die Füße reichte. Nun hielt es ihn plötzlich nicht länger in seiner Verzückung, er hob die ungeheure Haarflechte in die Höhe, stürzte sich in die Luft und schwebte selig in der Kirche umher, wie von den Wogen der schwellenden Musik getragen, den Riesenbart als Segel benutzend. Florian sah neben sich andere Personen stehen, gleich ihm in tiefster Andacht vor den heiligen Vorgängen versunken. Unter jenen erkannte er sich selbst als vierzehnjährigen Konfirmanden in engem schwarzen Anzug mit starrem Gesicht. »Der hat es schön,« dachte er, »wer in so frühen Jahren am katholischen Gottesdienst teilnimmt, der muß ja ein Dichter werden.« In diesem Augenblick sah Florian, daß die Holzwand versunken war. Man blickte in eine grüne Fels- und Hügellandschaft mit blaßblauem Frühlingshimmel. Auf einer Anhöhe standen drei leere Kreuze. Noch immer hörte man die schnarrenden Gebete des mohammedanischen Priesters, aber im Vordergrund schwebte der russische Mönch in seraphischer Seligkeit über einer blumigen Au; sein braunes Haarsegel umflatterte ihn wie ein Engelskleid. »Ite, missa est!« schloß der Mohammedaner seine Gebete. Durch die ganze Kirche ging eine Bewegung der sich nach dem Ausgang Wendenden. Florian stieg in das Schiff hinab und ließ sich von ihnen treiben. Da sah er wie bei einem alten Grabstein nahe der Tür die Mutter Gottes aus dem Rahmen getreten war und sich unten auf die Steinstufe gesetzt hatte. Sie war schön mit tiefentblößten Schultern, wie Florians Mutter auf ihrem Jugendbildnis, das nun in dem Gartenhaus der Gräfin Delosea hing. Als Florian auf sie zukam und sie küssen wollte, sah er, nicht ohne Lust, doch etwas betreten, daß sie aufs Haar einer anderen Frau glich, der einzigen, die er jemals im Leben so entblößt gesehen hatte, nämlich einer gewissen Miß Wanda. Diese war eine sehr gefeierte Luftkünstlerin, die in jener selben Schaustellung aufgetreten war, wo Florian den Hundemenschen gesehen hatte. Sie pflegte sich bis an die Decke des Raumes emporziehen zu lassen, sich dort mit den Kniekehlen festzuhalten, so daß ihr Kopf nach unten hing, und mit den Zähnen ihren Gatten in der Luft zu tragen. Man erzählte, daß sie schon zwei Männer habe fallen lassen, so daß sie am Boden zerschmettert seien; zur Zeit zeigte sie sich mit dem Dritten. Diese Miß Wanda, die dem heranwachsenden Florian einst einen unverlöschlichen Eindruck gemacht hatte, war nun eins mit seiner toten Mutter, die dort aus dem Muttergottesbild hervorgetreten war und auf dem Grabstein saß. Sie drängte ihn sanft zurück und sagte: »Sieh dich um, ich habe deinen Vater in drei Stücke zerschmettert.« Florian wendete sich und sah in der leeren Kirche den Mohammedaner noch immer in strenger Haltung auf der Galerie stehen, den Mönch in der Luft schweben und einen bärtigen vornehmen Herrn in schwarzem Frack mit einem Ordensstern an der Seite, etwas mißmutig die Kirche verlassen. Als Florian sich um Erklärung wieder an die Mutter wenden wollte, sah er, daß sie die Frau eines Kaufmanns war, die sich zur großen Mißbilligung von Florians Eltern vor einiger Zeit von ihrem Manne hatte scheiden lassen. Es war ihm damals aufgefallen, daß auch sie Wanda mit dem Vornamen hieß. Jetzt hatte sie an der Hand ihren Buben in schwarzem Rock, der heute gefirmt worden war, und, vorhin noch neben Florian so andächtig auf der Empore gestanden hatte. * Am selben Abend noch erklärte Florian der Gräfin Delosea, es halte ihn nicht länger in der Stadt, er begehre auf das Weingut zurückzukehren. Sie hielt ihn nicht zurück. In der Nähe jenes Besitzes befand sich seit einem halben Jahrhundert eine baumbeschattete Siedlung süddeutscher Bauern, die vollkommen einem heimatlichen Dorf um einen spitzen Kirchturm glich. Florian, der die Sommermonate seiner Kindheit meist mit der Mutter auf dem Gut verbracht hatte, war zusammen mit den Töchtern des Pfarrers und des Lehrers jenes Dorfes groß geworden. Noch während seines letzten Aufenthaltes auf dem Gut, hatte er harmlos mit den beiden verkehrt, wenn er ihnen zufällig in der Dorfstraße oder zwischen den Feldern begegnete. Während er dieses Mal nach dem Gut reiste, überraschte er sich, auf dem Pferd sitzend, bei dem Gedanken an sie. Zum ersten Mal wurde er sich bewußt, wie schön es sei, daß dort jene beiden strohblonden Mädchen lebten und daß er sie so gut kannte und sich mit ihnen Du sagte. Während sein kleiner türkischer Diener, der ihm auf einem Maultier folgte, langgezogene Gesänge in die rote Abendluft ertönen ließ, näherte er sich dem von dunklen Zypressen umgebenen Gut. Die Kirchenuhr des Dorfes in der Nähe schlug 7. Er gebot dem jungen Hassan zu schweigen, hielt sein Pferd an und lauschte. Aus dem nahen Dorfe tönte mehrstimmiger, wehmütiger Mädchengesang. »Hier werde ich bleiben, dies ist meine Heimat,« sagte sich Florian, auf den wohlbekannten staubigen Wegen zwischen den Weinbergen entlang reitend. Über die Mauern grüßten ihn vereinzelte Winzer. Am Tor kam ihm der alte Verwalter entgegen, zu dem er freudigen Herzens vom Pferd herabsprang. Am folgenden Tag war Sonntag. Florian wartete das Ende des Gottesdienstes ab und ging dann über die Felder nach einer schattigen Quelle in einem Olivenhain. Er brauchte nicht lange zu warten, da kamen die beiden Mädchen. Nun wußte er bestimmt, daß er nur um ihretwillen hierher gereist war und ging auf sie zu in einem ganz ungewohnten Glücksgefühl. Ihm war, als müßten sie ihn auch erwartet haben. Aber wie groß war sein Erstaunen, als er gewahrte, daß sie ihm auswichen! Er eilte ihnen nach, trat von rückwärts zwischen sie und hörte sich mit Selbsthaß zu, wie er eine lange, hohle Rechtfertigungsrede begann. ».. Ihr wißt wohl gar nicht, wie ich hier diesen Boden liebe .. dies ist doch meine einzige Heimat .. ich habe nichts sonst .. und ihr .. ihr seid meine Kindheit, meine Jugend .. Was habe ich euch denn getan, daß ihr mir nun ausweicht?« Er konnte es gar nicht glauben, daß sie sich so vor ihm verschlossen und versuchte zu scherzen. Keck hängte er sich in beider Arme ein, aber sie entzogen sich ihm schnell. »Dann sagt mir wenigstens, was ihr gegen mich habt,« drängte er, »und ich lasse euch sofort los .. für immer.« »Wir haben einige von deinen lügenhaften Versen gefunden,« sagte die eine. »So einer bist du? Zu uns gehörst du nicht, du Redner!« sagte die Andere. Beide entwandten sich ihm. »Aber hört doch .. ein Wort ..« rief er erregt, als entschwinde ihm im Augenblick das Glück, »ich bin ja nicht so einer, diese Verse habe ich längst abgeschworen .. ich hasse sie selbst .. ich bin anders ...,« aber schon waren die Mädchen zwischen den Oliven verschwunden. Florian stand allein. Einen Augenblick wollte ein tiefer Schmerz in ihm aufsteigen, aber dann wurde sein Gesicht hart und er sagte sich: »Es muß auch so gehen.« Auf dem Gut hielt es ihn nicht lange. Voll Unruhe ritt er sich müde in der eintönigen Umgebung. Blieb er aber zu Hause, so vermochte er kein Buch zu lesen. Es trieb ihn, durch die kühlen Räume des weißen Hauses auf und ab zu wandern, dann wieder in den Oleandergarten oder in die Weinberge zu gehen. Mit halbem Ohr hörte er nur hin, wenn ihn einer seiner Leute ansprach, und es wurde ihm klar: diese Einsamkeit ertrug er nicht. So beschloß er zu wandern. 2. Kapitel Nachdem Florian einen ganzen Tag durch steiniges, verbranntes Land geirrt war, kam er am Abend in ein armseliges Dorf, dessen Bewohner in Erdhöhlen und dürftigen Lehmhütten wohnten. Von dem dünnen Minareh der niedrigen Moschee aus hatte eben der Muezzin die Stunde zum Abendgebet ausgerufen. Vor den Höhlen und Türen sah man einzelne Männer knien und sich auf ausgebreiteten Teppichen gen Osten neigen. Hinter dem Dorf lag ein niedriger Lehmhügel, auf dem eine einsame Hütte stand. Vor ihr hockte ein Mann in der gelben Abendsonne. Als er Florians ansichtig wurde, winkte er ihn herauf. Dieser folgte dem Wink und erkannte den mohammedanischen Asketen, den er neulich in der Kirche in dem Büchlein lesen gesehen. Der Hockende erhob sich. Seine lange magere Gestalt umgab ein gelbes Leinengewand. »Ich habe dich erwartet,« sagte er. »Bleibe bei mir. Meine Lehre ist so, daß ein verständiger Mensch, nachdem er den Widersinn der Welt erfahren, sie erkennen und darin Meister werden kann.« Was sollte Florian tun? Seine Füße waren müde, sein Geist verworren und seine Seele wund. So teilte er die Hütte des Scheichs, nährte sich wie er von dem harten Brot und den dürftigen Gewächsen, welche die Dorfbewohner in frommer Scheu brachten, schlief auf hartem Lager, ließ sich im Sommer von der Sonne dörren und wusch sich im Winter in einer eiskalten Quelle. Die Lehre des Scheichs aber war so: »Es gibt nur Eines, das ist Gott, und dieses Eine kann jeder erkennen und bekennen, der die Finger zur Faust zusammenschließt und nur den Zeigefinger emporhebt. Auf der flachen Hand liegen Wollust und Streitlust, diese müssen von den Fingern erdrückt werden. In den Fingern selbst aber liegt Sehnsucht und Berechnung, Schöpferlust und Vernichtungstrieb; darum muß sich auf sie die Handfläche pressen. Nur der eine Zeigefinger rage frei empor, denn in ihm ist die Einheit Gottes.« Drei Jahre lang saß Florian mit zusammengekrampften Händen neben dem Scheich auf dem Gebetsteppich, und richtig, es gelang ihm alles dessen, was früher seinen Geist verwirrt und sein Herz gequält hatte, Meister zu werden, in der Erkenntnis, daß alles Vielfältige der Erscheinung eines ist im Sein Gottes. Aber im geheimen dachte er: Der Scheich kennt nicht die ganze Lehre. Eines Tages sagte er: »Durch mich selbst wird mir etwas offenbar, was ich nicht mit den Fingern und der Handfläche erdrücken kann, weil es göttlich ist, und was doch auch nicht in der Einheit des erhobenen Fingers ausgedrückt wird. Wie willst du das erklären?« »Es kann nur teuflisch sein,« erwiderte der Scheich schnell, »wenn es nicht begriffen ist im Zeichen des aufgehobenen Finger.« »Es ist nicht teuflisch,« erklärte Florian. »Deine Lehre führt nur zur Beherrschung der Gedanken und Begierden, nicht zur Seligkeit.« Und Florian verließ den Scheich und wanderte weiter nach dem Fuß des Gebirges, das bläulich am Rande des gelben Wüstenlandes hinzog. * Nach einigen Tagen vernahm Florian seit langer Zeit zum erstenmal wieder das Rauschen eines Hains und das Flüstern kleiner zwischen den Stämmen hinquellender Bäche. Langsam stieg er aufwärts über den lockeren Waldboden, während er dem Gezwitscher der Vögel und dem Summen der Insekten lauschte. »Wie habe ich doch alles dies bei dem Scheich vergessen können?« fragte er sich, und ihm wurde plötzlich wieder zu Mute wie in jener Dämmerstunde vor der alten Kreuzfahrerkirche. Jubelnde, brünstige Lust zum Dasein erfüllte ihn, und zugleich wußte er, daß es Gott war, den er vernahm, aber nicht der Gott des Scheichs, der nur im Zeigefinger lebte und alle anderen Finger in die Fläche der Hand zu pressen befahl. Während Florian verzückt und wie fragend in das Waldinnere schaute, war ihm plötzlich, als fügten sich die braunen Zweige und das Blätterwerk zu einem bärtigen Menschenantlitz, das ihn still betrachtete. Er erschrak heftig, aber schnell beruhigten ihn die freundlichen blauen Augen des fremdartigen Antlitzes und der breit lächelnde rote Mund. Er trat näher und sah hinter den Bäumen eine kleine Holzhütte und davor einen viereckigen gerodeten Platz, auf dem sorgfältig Gemüse und Blumen angebaut waren. An einem Stamm war eine Ziege gebunden, die jener bärtige Mann molk. Florian erkannte in ihm den russischen Mönch, der in der Kirche den betenden Scheich selig umschwebt hatte. »Ich habe dich erwartet, Väterchen«, sagte jener, »das Mahl ist gerade bereit, setze dich dort vor die Hütte. Ich komme gleich zu dir.« Florians anfängliches Erstaunen wich einem plötzlichen Erinnern, als habe er dies alles schon einmal vor Urzeiten erlebt, oder als sei es ihm längst so vorausgesagt worden. So folgte er dem Mönch, ohne ein Wort zu sagen, als spiele er eine ihm wohlbekannte Rolle in einem Bühnenspiel. Der Mönch brachte ein zinnernes Becken, in dem sich Florian die Hände wusch. Dann aßen sie von den Erzeugnissen des Gartens, Brot und Käse und tranken einen leichten Wein. Der Mönch war lustig und pries seine Gaben mit kindischer Freude. Nach dem Essen schlug er Florian auf die Schenkel und sagte: »Während der heißen Nachmittagsstunden wollen wir ruhen, Väterchen. Später, wenn es kühl wird, legen wir uns unter die Bäume, und ich sage dir meine Lehre. Sie ist so, daß ein verständiger Mensch, nachdem er das unnütze Leid dieser Welt erfahren, sie erkennen und darin Meister werden kann.« Florian legte sich auf ein einfaches Lager und schlummerte ein unter den heimlichen Geräuschen der Waldbäume. Er schlief traumlos und tief, wie niemals in der Hütte des Scheichs, wo sein Schlaf stets unruhig und von Träumen gequält gewesen war. Beim Erwachen aber war ihm zu Mute, als sei er während der zwei Stunden durch die kühle Tiefe der sommerlichen Erde gefahren und habe den Gott berührt, den der Scheich ihm verschwiegen hatte. Der Mönch brachte ihm schwellende Früchte an das Lager, bot sie ihm an, und biß selber mit seinen starken Zähnen in das kühle süße Fleisch, so daß der Saft ihm in den langen braunen Bart perlte. Florian blieb bei dem Mönch, nährte sich mit ihm von den Gewächsen seines Gärtchens und der Milch der Ziege. Häufig brachten fromme Wallfahrer dem heiligen Mann ein Huhn, einen Fisch oder andere Leckerbissen, die der Mönch, lachend vor Lust über Gottes gute Gaben am Feuer des Herdes sorgsam zubereitete. Solange der Sommer währte legten sich beide täglich entkleidet in die Sonne einer Waldblöße und kühlten sich dann in dem Bach; der etwas fette behaarte Mönch brüllte und stöhnte vor Wonne, wenn ihn das lebendige Wasser überrieselte, und die Vögel flatterten erschreckt auf. Im Winter verbrannte er Baumstämme in dem Ofen und bereitete Thee, den gläubige Verehrer auf langen Pilgerfahrten gebracht hatten. Oft setzte er sich abends an eine Orgel und sang dazu mit tiefem Baß, weltlich und geistlich, und Florian war, als schwebe er mit ihm über schründiges Felsenland und blumige Auen, so wie er ihn einst in der Kreuzfahrerkirche durch die Luft fahren gesehen hatte. Am Vorabend der Feste sperrte er sich mit Florian in eine überheizte Zelle, und wenn sie beide in Schweiß gebadet waren, dann schöpfte er aus einem dunklen Faß kaltes Wasser und übergoß Florian, der dann ihn übergießen mußte, und dabei sprang er wie im Sommer im Bad brüllend vor Lust umher, daß die ganze Holzhütte durch den winterlichen Wald dröhnte, als sei hier ein wilder Bär gefangen. Die Lehre des Mönches aber war so: »Es gibt nur Eines, das ist Gott, und dieses Eine kann jeder erkennen und bekennen, dessen Seele rein ist wie die eines Kindes. Seine Seligkeit preist die Gaben Gottes, und die Streitenden überwindet er durch sein freundliches Auge. So hält er in sanft geschlossener Hand die bösen Geister der Wollust und der Streitsucht gefangen. Statt Sehnsucht und Berechnung hat er Vertrauen, und Gott gibt ihm stets gerade das, was er braucht, wie den Lilien auf dem Feld. Statt zu schaffen und zu vernichten, schaut er Gott an in seinen Werken, und alles was geschehen soll, geschieht von selbst; statt über Gottes Wesen zu grübeln, lobsinget er um die Wette mit den Vögeln.« Drei Jahre blieb Florian bei dem Mönch und pries mit ihm Gott in täglicher Freudigkeit und genoß seine Gaben reichlich. Es gelang ihm der Zweifel Meister zu werden, die ihn bei dem Scheich gequält hatten. Nicht länger brauchte er die Hände zusammenzukrampfen, um über dem Vielfältigen der Welt nicht den Einen zu vergessen. Die Seligkeit des Mönchs teilend, lernte er vielmehr den Einen gerade im Schauen der von ihm geschaffenen Vielfalt zu erfassen, und nicht mehr bedurfte er seines Zeigefingers, um ihn zu bekennen. Aber im geheimen dachte er: »Der Mönch kennt nicht die ganze Lehre.« Eines Tages sagte er: »Durch mich selbst wird mir etwas offenbar, was nicht in der Vielfalt der Dinge liegt, weil es eines und göttlich ist, und was doch auch nicht jenseits der Dinge ist, weil ich es in mir selbst trage. Was kann das wohl sein?« »Hühnchen,« erwiderte der Mönch lachend, »du bist auch nur ein Ding, ein Gottesgeschöpf.« »Aber was ich fühle, ist nicht Geschöpf, sondern Schöpfer,« erklärte Florian, »deine Lehren führen nur zur Kindschaft, nicht zur Gottheit selbst.« Und Florian verließ den Mönch und wanderte weiter in eine große Stadt, die jenseits des Waldgebirges lag. * Während Florian durch die Schluchten zog, sagte er sich: »Die Einsiedler haben nur die halbe Wahrheit, weil sie sich der Welt entziehen. Wahrlich zu früh habe ich mich von der Welt abgekehrt. Mag sie eitel sein, nun will ich auch den Mut zur Eitelkeit haben und sie ergründen, damit mir das Leben nicht Stückwerk bleibe, sondern rund werde.« In der Stadt lebte ein Oheim Florians, den er nie gesehen hatte, ein Bruder seines toten Vaters, und wie einst jener, ein reicher Kaufherr. An dessen Palast klopfte Florian eines Abends an. Er trug ein bestaubtes Mönchsgewand. Der Diener, der ihm öffnete, sah ihn prüfend an. Florian hatte etwas auf ein Papier geschrieben, das er dem Hausherrn zu bringen befahl: der schnelle Tod der Eltern habe ihn einst so sehr verwirrt, daß er allein auf Reisen gegangen sei; nun aber gedenke er irgend etwas zu unternehmen und wie andere Männer seines Standes zu leben. Er bitte den Oheim um seine väterlichen Ratschläge. Dieser empfing ihn in einem üppigen Teppichgemach mit Höflichkeit, doch nicht ohne ein kühles Mißtrauen. Florian erkannte in dem alten Mann sofort den weißbärtigen Herrn, den er in der kleinen Kreuzfahrerkirche gesehen hatte. Wie damals trug er einen schwarzen Frack und einen Ordensstern an der Seite. Er hatte für den Abend Gäste geladen, die bald kommen mußten. Etwas unschlüssig blickte er auf Florians Kleidung. Dieser lachte und sagte mit einer weltlichen Sicherheit, die er als Knabe, da er noch in der Welt lebte, nicht besessen und noch weniger beim Scheich oder beim Mönch erworben haben konnte: »Lieber Oheim, ich sehe, meine Kleidung setzt dich in Verlegenheit; aber vielleicht leiht mir einer meiner Vettern einen Anzug, und dann werde ich deinem Tisch keine Unehre machen.« Diese freie Art gefiel dem Alten. Er ließ Florian in ein Zimmer für Gäste bringen. Bald darauf kamen seine zwei ihm ziemlich gleichaltrigen Vettern mit Kleidern zu ihm, voll Neugier nach dem seltsamen Verwandten. Die beiden halfen in dem blühenden Geschäft ihres Vaters und wurden von ihm gut gehalten. Sie hofften bei Florian Gelegenheit für ihre Spottlust zu finden, aber der Vetter empfing sie mit überlegener Fröhlichkeit und versprach gleich, ihnen nächstens zu erklären, warum er in so seltsamem Aufzug reise, so daß sie vorsichtig schwiegen. Bald war er angekleidet wie sie selbst und sah genau aus wie ein anderer junger Mann seines Standes. Nur die ausgeprägten Linien seines Gesichtes und die hohe Stirn unterschieden sich von dem nichtssagenden Gesichtsausdruck der beiden hübschen Vettern. Als sie den Speisesaal betraten, ging Florian zwischen ihnen und hielt sie beide untergefaßt. Während er sie bat, seine Unwissenheit aufzuklären über alle weltlichen Dinge, die ihm in den sechs Jahren seiner Einsamkeit entgangen sein mochten, und es schien, als habe er von sich selber die geringste Meinung, hatten sie sich ihm in ihren sonst hochmütigen Herzen bereits unterworfen. In der Gesellschaft gefiel der junge Verwandte ausnehmend. Er erzählte bescheiden einiges von seinen gelehrten Studien, die er auf seiner langen Reise, besonders in Klöstern, gemacht habe, und die ihn in gefährlichen Gegenden zwangen, um vor Räubern sicher zu sein, Mönchskleider zu tragen; aber dies alles sei er jetzt überdrüssig, er wolle sich nun irgendwie betätigen. Dies fand den größten Beifall der Anwesenden, die meist große Handelsgeschäfte betrieben; sie wußten wohl, daß Florian der alleinige Erbe seines Vaters war. »Unsere Geschäfte sind so,« sagte der Oheim, »daß ein verständiger Mensch, der sich etwas in der Welt umgetan hat, sie leicht erlernt und durch sie Reichtum erwerben kann.« Schon in den nächsten Tagen erklärte Florian sich bereit, sich mit Geld an den Geschäften des Oheims zu beteiligen, und von nun an lebte er wie ein Sohn im Hause. Sieben Jahre blieb Florian bei den Kindern der Welt. Er freite Rosabella, seine schöne Base, die ihm zwei Kinder gebar, und führte für den alternden Oheim bald die wichtigsten Geschäfte. Dessen Lehre aber war so: »Meistere die Natur, so bist du, der Mensch, der Erbe und Nachfolger des abgesetzten Gottes, den du nicht länger in der Verborgenheit zu suchen brauchst. Sei nützlich durch deine Arbeit, unterlasse Schädliches, so bedarfst du keines Gewissens, denn du förderst die Zeit und die kommenden Geschlechter.« Es gelang Florian, die Untätigkeit zu überwinden, die ihn bei dem Mönch gelähmt hatte. Nicht länger brauchte er wie ein Kind zu warten, bis ihm der Zufall Früchte in den Mund wachsen ließ; vielmehr lernte er, selbst zu säen und das zu ernten, was er aus besonderer Ursache gesät hatte. Aber im geheimen dachte er: »Die Kinder der Welt kennen nicht die ganze Lehre.« Eines Tages sagte er zu seinem Oheim: »Durch mich selbst wird mir etwas offenbar, was nicht tätiges Handeln und doch Wirken ist. In eurer Arbeit ist es nicht. Wohl verändert euer Werk selbstherrlich das Antlitz der Erde, ohne nach dem Willen Gottes zu fragen. Wohl habt ihr mit Arbeit und Pflicht, Geld und Maschinen die Welt von der früheren Gottesknechtschaft befreit, aber ihr habt sie entgöttert. Ich indessen kann nicht ohne Gott leben. Ist der alte Gott tot, dann müssen wir selber Götter sein.« »Aber das sind wir ja,« rief der Oheim heiter. »Nein, das seid ihr nicht. Wohl seid ihr nicht mehr des Schöpfers Knechte, aber ihr seid Knechte eures eigenen Geschöpfs. Was kann da wohl die Ursache sein?« »Das weiß ich nicht,« erwiderte der Oheim erstaunt; »aber erkläre du mir, Neffe, wie es möglich ist, daß jemand, der so überflüssigen Fragen nachsinnt, dabei so ersprießliche Handelsgeschäfte macht, wie du. Man merkt doch wohl, daß du nicht wie wir mit Herz und Seele dabei bist.« Florian lächelte und sagte: »Ich habe, als hätte ich nicht; ich besitze, doch ich werde nicht besessen. Aber nun bin ich auch des äußeren Scheins überdrüssig, ich will wieder in die Verborgenheit gehen.« Der Oheim erschrak. Um diese Zeit wollte die Regierung seines Heimatlandes eine große Eisenbahn quer durch die Länder des Ostens bauen. Er selbst gab den größten Geldanteil dazu, und Florian führte die Geschäfte mit der heimatlichen Regierung und den Behörden des Sultans. Er überwandt ebenso leicht den Übereifer seiner Landsleute, die taten, als hinge ihre Seligkeit von dem Bau der Bahn ab, wie die Trägheit der heimischen Behörden, die taten, als brächte die Bahn ihre Seligkeit in Gefahr. Wenn sich Florian jetzt von den Geschäften zurückzog, dann konnte wieder alles scheitern. »Jetzt in dieser entscheidenden Stunde willst du uns verlassen?« sagte der Oheim. »Aber freilich, dir sind ja alle diese Dinge gleichgültig, darum versuche ich es gar nicht erst, dich zu erinnern, daß ich für dich ein zweiter Vater bin, daß von diesem Unternehmen das Schicksal meiner und deiner Kinder abhängt, daß die Dankbarkeit ... die Pietät ... die Pflichten gegen unser fernes Vaterland ...« »Genug, genug, lieber Oheim,« rief Florian lachend, »gerade weil mir alle diese Worte gleichgültig sind, ist es mir auch gleichgültig, ob ich sie noch einige Zeit länger höre oder nicht. Keine Angst, ich werde dieses Geschäft zu Ende führen, eben weil es mir nichts wichtiges ist.« »Nun, ich danke dir,« atmete der Oheim auf. »Aber was ist dir eigentlich wichtig? Ich fürchte, nur dein Ich.« »Gerade für mein Ich will ich nicht das Geringste,« schloß Florian das Gespräch. Die Geschäfte machten eine große Reise Florians notwendig. In der Nacht vorher sprach er so zu seiner Gattin: »Dein Sinn weiß sich eins mit dem Schein dieser Welt. Du liebst Feste und Bewunderer, schönen Schmuck und Lustfahrten. Ich tadle dich darum nicht. Jeder ist was er sein will. Nur wünsche ich dir: wann das Leid zu dir kommt, daß es dich mutig zur Erkenntnis des Weges finde. Heute ist es zu früh, dir mehr zu sagen, du würdest nicht verstehen und darum streiten. Du bist nun frei, denn ich scheide mich von deinem Bett. Nichts bindet dich als die Gesetze dieses Hauses deines Vaters und deiner Kinder. Ich bin nicht dein Feind, nur bin ich dir hinfort fremd.« Die schöne Rosabella erschrak ein wenig ob des Ungewohnten solcher Sprache; als sie sich aber vergewissert hatte, daß sich nichts ändern sollte es sei denn dies: sie schlief künftig allein, daß sie keine der gewohnten Freuden zu opfern brauchte, ihnen eher freier nachgehen konnte, da sagte sie zu Florian: »Ich danke dir für deine Offenheit. Menschen von Vernunft verständigen sich leicht.« Florian lächelte über ihre kühle Ruhe und küßte ihr zum Abschied die Hand. Dann trat er an das Lager seiner schlummernden Kinder, betrachtete sie lange und flüsterte: »Wenn die Zeit gekommen ist, werde ich euch begegnen und euch führen. Ihr werdet früh leiden« – er warf einen Blick auf Rosabella, die in einem Handspiegel ihre morgendliche Gesichtsfarbe prüfte – »und darum auch früh erkennen.« Einige Tage darauf befand sich Florian in der Stadt seiner Kindheit, wo er die Geschäfte des Oheims bald zu Ende führte. Er sann, wenn er abends durch die wohlbekannten alten Gassen wanderte, viel nach über das letzte Gespräch mit dem Oheim. »Es ist wahr,« sagte er sich, »wenn man sich von allem befreit hat, was die Menschen für wichtig halten, dann steht man vor ihnen in seiner nackten Selbstsucht und wird ein Grausen für die Andern, deren Selbstsucht nicht geringer ist, nur besser bekleidet. Es gibt keine andern als selbstsüchtigen Gedanken und Taten. Jeder will das Beste für sich und kann es erringen, nämlich das, was er für das Beste hält. Es sind nichts als Irrtümer, das Beste im Reichtum, im Genuß, in der Pflicht, in der Liebe zu Geschöpfen zu sehen. Der Erkennende, der es in Gott sucht, muß der größte Selbstsüchtige sein. Seiner Seligkeit muß er alles opfern. Ich will in der Verborgenheit leben, nichts als mich selbst besitzen, aber nichts für mich haben, und scheine darum durch meine Selbstliebe und meinen Verzicht gleich unmenschlich.« An einem andern Abend, als alle die lärmend, trinkend und lachend beisammen saßen, welche das große Geschäft abgeschlossen hatten, und nun glaubten bis auf weiteres ihre Seligkeit erreicht zu haben, schlich sich Florian hinaus in die holprigen mondbeschienenen Gassen und sagte sich: »Wirklich in mir ist etwas, was nicht von Menschenart ist. Was dieser Art das Gut des Lebens scheint, Eltern, Heimat, Liebe, Reichtum, Wissen, Glaube, erfolgreiches Tun, Genuß, Weib und Kind, habe ich ebenso schnell ergriffen wie von mir geworfen, aber nicht aus Lauheit, sondern weil etwas anderes in mir offenbar werden will, was nicht von Menschenart ist. Es hat mich vom Scheich und vom Mönch fortgetrieben, und nun auch wieder von den Kindern der Welt.« Während er so sann, kreuzte die Gasse eine kleine Prozession mit einigen Fahnen und Kerzen. Florian folgte ihr. Bald befand er sich auf dem kleinen Platz vor der alten Kreuzfahrerkirche. Er folgte der Prozession unter die dunkle Wölbung. Während sie hinter dem düsteren Gestühl des Hochaltars verschwand, blieb Florian bei der Muttergottes am Eingang stehen. Vor ihr brannte ein einsames Licht. »Ob sie wieder wie damals aus dem Rahmen treten und mir mütterlich etwas offenbaren wird?« Er vertiefte sich in ihre Züge, die ihm immer einzigartiger lebendig wurden. War es Sinnestäuschung, daß sie sich bewegten oder war er nicht vielmehr plötzlich frei von aller bisherigen Täuschung seines Wesens durch die Schleier der Sinne? Was war wirklich, was nicht? Was war zeitlich, was ewig? Ein Schritt auf den Steinfließen der Kirche klang wie durch Äonen im Weltenraum, der Weihrauchduft stieg aus dem Abgrund lebendiger Vergangenheit auf, und in der flammenden, flackernden Kerze zerschmolz die Zeit. Die Muttergottes trat nicht aus dem Rahmen und blieb auch nicht wie ein Bild darin, denn es gab kein außerhalb und innerhalb mehr, nicht mehr im Bild gefesseltes Sein. Sie hielt das Kind in ihren Händen und ließ es gleichzeitig zerrinnen, und Florian war selbst dieses Kind und noch viel mehr und er fühlte: Es braucht mir nichts offenbart zu werden, denn alles ist nun offenbar. In der Goldkuppel unter dem Hochaltar leuchtete durch Kerzendämmerung das weiß bärtige Antlitz Gottes, des Schöpfers, und das Kind schaute aus den Armen der Mutter zu ihm, und er zu dem Kind. Da rollte sich unter dem Auge Gottes das Muttergottesbild nach innen zu einer Kugel zusammen und die äußere Wand der Kugel war das Bild des Schöpfers aus der Kuppel. So wurden Vater und Kind eins in der Kugel von außen und von innen und Florian schwebte mitten in der Kugel und die Kugel schwebte zugleich in ihm, und nicht länger war er leidendes Geschöpf sondern zugleich bewegender Schöpfer. Die Kugel leuchtete auf und strahlte nach allen Seiten und verschwebte durch die Kirchentür in die Stadt. Als Florian heimkehrte, gab es keine Fragen mehr für ihn. Nachdem ihm erst das Leben Bild und ganz fremd geworden war, hatte er plötzlich die Zeichen erkannt, welche die Bilder, außer ihrem Inhalt, noch waren. Das aber, was diese Zeichen bedeuteten, war ihm eben so vertraut, wie unsagbar, das war er wiederum selbst in Nähe und Ferne, in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Er lebte wieder freundlich mit Weib und Kindern im Haus des Oheims und seiner Vettern, die er, wenn sie ihn fragten, weiter beriet. Ob er in der Welt weilte, er blieb in der Verborgenheit der Kugel, ob er in der Einsamkeit wohnte, überall und jeden Augenblick spiegelte ihm die Kugel die Welt. Der frühere Florian war nur der Punkt auf der Kugel, wo sich Gott auf eine seiner unzähligen Weisen im Endlichen bewußt wird, und der erlöste Florian ließ Gott still liebend gewähren, ohne sein Wirken wie die Kinder der Welt durch Handeln, oder durch erzwungenes oder träges Nichthandeln wie die Einsiedler zu stören. Die Kinder der Welt aber mußten sich die Ehrfurcht und Liebe irgendwie erklären, die Florian allen einflößte, die ihm nahten. So priesen sie ihn den heranwachsenden Söhnen als Muster eines tüchtigen Bürgers und pflichttreuen Gatten und Vaters, der auf den bewährten Wegen seiner verdienten Vorfahren wandelte. Florian aber fühlte sich unter ihnen in dieser Maske, die sie ihm auflegten, noch verborgener vor der Welt, als er es je beim Scheich und beim Mönch gewesen war. Herr von Hiergeist hat einen Gast Novelle »Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.« Goethe Faust II. Der kaiserliche Gesandte Josef von Hiergeist war von dem kleinen nordischen Hof, bei dem er bisher beglaubigt gewesen, zurückgerufen worden, und befand sich gerade einige Tage in der Hauptstadt, auf der Durchreise nach seinem neuen Posten im Orient. Seit etwa 10 Jahren war ihm alles nach Wunsch gegangen; der Aufstieg seiner Laufbahn, eine glückliche Heirat, drei vielversprechende Kinderchen, alles das war Schlag auf Schlag gekommen, und nun wurde der knapp Vierzigjährige für eine der verantwortungsreichsten Stellen bestimmt, wo man von ihm das Besondere verlangte. Schnell hatte er die Familie an die Küste gebracht, wo sie den Rest des Sommers verweilen sollte, um ihm erst im Herbst an seine neue Wirkungsstätte zu folgen. Alles war aufs beste geordnet, und dennoch hatte sich des Herrn von Hiergeist seit der neuen Ernennung eine Schwermut bemächtigt, die ihm zuerst als etwas ganz Fremdes erschien, sich bald aber als eine alte Bekannte herausstellte, die ihn in der Zeit der Jünglingsreife, und dann wieder am Ende seiner zwanziger Jahre heimgesucht hatte, als es sich fragte, ob er wirklich sein Leben dem Staatsdienst widmen oder in der Einsamkeit auf seinem fränkischen Gut vergraben solle. Zu dieser Möglichkeit des Entscheids trieben ihn seine Jagd- und Naturliebe, sowie ein ausgesprochenes philosophisches Bedürfnis, als er sich in eine junge Baltin verliebte, die hübsche, gesellschaftliche Erika von Pforten, die bald seine Frau wurde; um ihrer Neigungen willen erhielt für ihn das weltliche Leben einen neuen mittelbaren Sinn. So entschloß er sich zum diplomatischen Dienst. In dieser Lebensluft entwickelte sich Erika bald durch Liebenswürdigkeit und Takt zu dem Typus der Diplomatenfrau, wie sie zum Nutzen der Heimat sein soll. Fehlte es den stets freundlichen Beziehungen der beiden Gatten etwas an engvertrauter Herzlichkeit, so machten das die drei munteren blonden Kinder wieder gut. Herr von Hiergeist galt für einen der glücklichsten Menschen, der über alle inneren und äußeren Nöte hinaus war. In der Tat quälte ihn kein Ehrgeiz, noch sonst ein hitziges Verlangen; er hatte die Gaben des Glückes stets in Ruhe hingenommen und darum neidlos auch jedem Anderen das Seine gegönnt. Klatsch und Ränke der ihn umgebenden Welt, die er klug übersah, reichten nicht an ihn heran. Trotz alledem hatte ihn nun wieder jene frühere Schwermut überfallen. Als er in ihr das alte Gespenst erkannte, erschrak er heftig. Einst hatte er es gut zu bannen gewußt, das erstemal durch das bunte Leben, das den Jüngling in der akademischen Freiheit bald reich umfing, das zweitemal durch seine Liebe zu Erika von Pforten. Welche Kraft sollte ihm jetzt zu Hilfe kommen, da er doch alles schon besaß, was man wünschen konnte? In der Nähe der Linden gab es einen halb verborgenen Gasthof, den die Hauptstädter nicht kennen, da er ihnen in seiner prunklosen Vornehmheit »power« erscheinen würde. Dort stieg vorzugsweise süddeutscher, österreichisch-ungarischer und polnischer Adel ab und die höhere katholische Geistlichkeit; zu den Mahlzeiten erschienen mehrere Herren der verschiedenen Bot- und Gesandtschaften. In diesem Haus wohnte auch Herr von Hiergeist in einem graugrünen, eiförmigen Zimmer mit weißen Halbsäulen an den Wänden, wie es wohl in der ganzen Hauptstadt kein zweites gibt. So bequem alles eingerichtet war, dem modernen Geschmack hatte man keinerlei Zugeständnisse gemacht. Ein heller Porzellanofen, breite Tüllvorhänge, ein hoher Empirespiegel zwischen den Fenstern und das alte Mahagonibett, alles dies versetzte in die vorbismärckische Zeit. Dazu trug ein verblichenes Ölbild bei, das den König Wilhelm mit der Königin Augusta in Krinoline darstellte. Sie glichen einem gemütvollen Ehepaar, das selten seinen stillen Landsitz verläßt, in der Stadt zwar wohl weiß, was sich in Haltung und Kleidung schickt, aber ohne im mindesten tonangebend zu sein. In dieses eiförmige Gemach drang der Großstadtlärm in ferner Dämpfung, da es in einem Bogen über einem nur dem Fußgängerverkehr geöffneten Hofe lag. Dorthin war nun Herr von Hiergeist in einer nassen Augustnacht heimgekehrt, die schon die Vorahnung des Herbstes wachrief. Beim Pförtner lagen drei Briefe für ihn. Gleichgültig las er sie. Erika schrieb glücklich aus dem Bad über die Gesundheit der Kinder, über sich selber und einige gerade für den neuen Wirkungskreis wertvolle Beziehungen, die sie angeknüpft hatte. Der zweite Brief war von dem Gut in Franken und berichtete von einer überraschend guten Ernte. Der dritte enthielt die Mitteilung eines Bekannten, daß Herrn von Hiergeist vor seiner Abreise noch ein hoher Orden zugedacht war. Er warf die drei Briefe auf den Tisch, voll Grauen vor seinem Glück, das den in ihm brütenden Trübsinn zu höhnen, ja herauszufordern schien. Als er wieder aufblickte, sah er sich selber in ganzer Gestalt im Spiegel. »Was ist das für ein Mensch?« fragte es in ihm, und je mehr er dem hohen Spiegelbild ein vortreffliches Aussehen, geschmeidigen Wuchs, edle Gesichtszüge, eine klare Stirn und lichte warme Augen zusprechen mußte, desto weniger schien sein Selbst damit zu tun zu haben. »Was ist das für ein Mensch?« fragte es wieder in ihm. Da trat das Bild aus dem Spiegel heraus, setzte sich auf einen der dunkelgrünen Polstersessel und sagte: »Plaudern wir ein wenig.« »Warum nicht?« antwortete Herr von Hiergeist und nahm seinem Gast gegenüber Platz. »Sie sind nicht zufrieden?« begann jener. »Nein, das bin ich nicht.« »Was wollen Sie eigentlich?« »Ich will gar nichts.« »Das ist allerdings tragisch, wenn man alles hat und nichts will. Häufiger kommt das Gegenteil vor.« »Mag sein. Sagen Sie einmal, sind Sie eigentlich wirklich?« »Das ist eine indiskrete Frage,« erwiderte der Gast lächelnd, »besonders für einen Diplomaten.« »Ich bin kein Diplomat«, erklärte Herr von Hiergeist entschieden, doch ohne Trotz. »Auf einmal also nicht?« »Ich war es nie. Sie sind einer und wollen mir nur einreden, ich sei einer, ich sei Sie ...!« »Nun, das sind Sie doch auch,« erwiderte der Andere mit herzlos spöttischer Überlegenheit. »Nicht im geringsten, mein Lieber.« Der Andere wurde unsicher. Herr von Hiergeist schwieg und verfolgte die Verwirrung auf dem Antlitz des Gastes aufmerksam. »Merkwürdig«, dachte er, »man braucht es ihm nur einmal entschlossen ins Gesicht zu sagen, und schon wird er schwankend. Nun aber nicht mehr locker lassen! Wer weiß, wann er mir wieder einmal so fest in die Hände gerät?« Der schweigende Blick des Herrn von Hiergeist schien den Andern immer mehr aus der Fassung zu bringen. Er versuchte es, durch Geschmeidigkeit die Lage für sich zu retten, und schien sich vertragen zu wollen: »Woher wissen Sie denn das auf einmal, daß ich nicht Sie bin, bisher hat es doch darüber keinen Zweifel gegeben?« »Zweifel hat es allerdings gegeben. Das erstemal, ehe ich auf die Hochschule zog, das zweitemal vor meiner Ehe, das drittemal seit etwas 14 Tagen; nur die Gewißheit hat mir gefehlt, daß Sie und ich nicht derselbe sind.« »Und jetzt?« fragte der Gast ängstlich. »Jetzt habe ich die Gewißheit, seitdem dieser Spiegel Sie aufgefangen hat und Sie Ihren letzten Trumpf auszuspielen gedachten, indem Sie heraustraten, um mich ...« Herrn von Hiergeist wurde plötzlich so bang, daß er kaum mehr sprechen konnte. Erst jetzt, beim Antworten, merkte er, in welcher Gefahr er geschwebt, aus der er sich mit unbewußter Instinktsicherheit gerettet hatte. Er faßte sich an die Kehle und machte eine Bewegung, die das Würgen ausdrückt. »Wie?« schrie der Andere auf, »Sie wollen doch nicht behaupten, daß ich Sie ermorden wollte?« »Doch,« sagte Herr von Hiergeist mit plötzlich wieder gefundener Ruhe, »das behaupte ich.« »Unerhört!« antwortete der Gast und beteuerte seine Unschuld, aber seine Aufregung verriet das schlechte Gewissen. »Machen wir uns nichts vor«, fuhr Herr von Hiergeist fort. »Ich behaupte nicht, daß Sie mich erwürgen wollten. Ihre Mittel zum Morden sind das Geschwätz, die Überredung, die Täuschung, die Verblendung.« »Ah«, rief der Andere befreit, »darüber läßt sich reden. Alles, was Sie da sagen, sind einseitige Urteile, die eben so gut falsch wie richtig sein können. Erörtern wir also redlich, wer recht hat, Sie oder ich.« »Nein, das werden wir bleiben lassen; wenn ich Ihnen den Gefallen täte, dann hätten Sie bald wieder Oberwasser. Das ist aber gerade mein Vorteil, daß ich Sie nun durchschaut habe, ihre Advokatenzunge kenne. Daß Sie alles Schwarze weiß und alles Weiße schwarz machen können, ist mir bekannt. Was beweist also Ihr Schwarzes und Ihr Weißes? Es kann ja manchmal richtig sein, aber die bloße Tatsache, daß es von Ihnen kommt, macht es unbrauchbar. Ich werde künftig überhaupt nicht mehr auf Sie hören, sondern meiner eigenen Eingebung folgen.« »Wenn Sie das können, versuchen Sie es,« lachte das Gespenst, »aber Sie werden mich nur zu nötig brauchen. In einer Viertelstunde werde ich Sie meine Müdigkeit fühlen lassen. Wie werden Sie mich dann anflehen, Ihnen den Schlummer zu geben! Morgen werden Sie den Hunger meines Leibes spüren. Werde ich Ihnen nicht für Nahrung und Verdauung sorgen müssen ...?« »Nicht für mich, sondern für Sie. Sie sind der Schläfer, der Fresser, mit einem Wort: Das Tier.« »Mag sein, mag sein,« lächelte der Andere wieder ganz überlegen; aber nur durch Sie werden meine Lüste und Nöte bewußt, und darum ist es für Sie von höchster Wichtigkeit, ob ich Lust oder Not empfinde.« Herr von Hiergeist fühlte sich in einer Sackgasse. »Nun sehen Sie«, sagte das Gespenst, »wie ich der Herrscher bin. Überlasse ich Sie jetzt sich selbst, dann bringen Sie sich am Ende heute Nacht vor Verzweiflung um. Damit ist aber weder Ihnen noch mir gedient: mir nicht, denn dann wäre das mir sehr erhaltenswerte Band zwischen uns allerdings durchschnitten, Ihnen nicht, denn sofort werden Sie mich mit jemand anders verknüpft sehen, da Sie ja allein unmöglich existieren können, und weiß Gott, was für einen Teufel Sie dann als Genossen bekommen! Da können Sie mit mir noch recht zufrieden sein. Weder bin ich ein Fresser noch ein Schläfer, wie Sie sagen, vielmehr nur ein Feinschmecker und ein Freund des Behagens. Ich habe gar keine ungewöhnlichen Leidenschaften; weder bin ich ein Wollüstling, noch ein Ehrgeiziger, vielmehr zeichnet mich Maß in allen Dingen aus. Wir sind ja auch bisher immer gut miteinander gefahren. Wenn nicht Ihr unseliges – wie soll ich sagen? – metaphysisches Bedürfnis wäre, könnte unser Verhältnis geradezu für vorbildlich gelten, und es gilt auch so bei allen, die uns zusammen sehen. Nun werde ich Ihnen gleich wieder einen Beweis meines Wohlwollens geben. Ich fühle eine große Müdigkeit in mir heraufziehen; sehen Sie, Sie gähnen auch schon. Wir werden in diesem behaglichen Mahagonibett herrlich schlafen. Morgen früh schreiben wir an Frau Erika und die Kinderchen, loben in einem Brief den Gutsverwalter und stellen einmal fest, was es mit dem Orden auf sich hat. Wir speisen im Klub. Nachmittags besuchen wir die hübsche Fürstin Z., die schon telephonisch nach uns gerufen hat. Welch ein Zufall, daß sie um diese Zeit in der Stadt ist; und woher sie nur weiß, daß wir hier sind? Abends gehen wir in die Oper – nein, wir warten lieber erst ab, wie der Nachmittag mit der Fürstin verläuft. Man soll den Abend nicht vor dem Tag festlegen.« »Sie sind ein alter Spitzbube!« lächelte Herr von Hiergeist, während er sich entkleidete. Der Gast war wieder in den Spiegel zurückgetreten und lächelte gleichfalls. Herr von Hiergeist schlief ein. Die Fürstin Z. war Polin von leidenschaftlichster Überzeugung. Den größten Teil des Jahres lebte sie im Osten des Landes als gesellschaftlich-politischer Mittelpunkt eines unruhigen, kleinen Kreises von Gutsbesitzern ihrer Nationalität an der Seite eines schweigsamen jagdliebenden Gatten, der ihre Überzeugungen im stillen teilte und sie daher äußerlich völlig gewähren ließ. Alle paar Wochen jagte sie, von einer Jungfer und einem Diener begleitet, in die Hauptstadt, wo sie nahe dem Tiergarten ein kleines Absteigequartier von 3 Zimmern mit ein paar Nebengelassen hatte, ihr »pied à terre« , wie sie es nannte. Dort verbrachte sie zunächst Stunden in erregten Gesprächen am Fernsprecher; bald fuhren Automobile vor, Abgeordnete erschienen, katholische Geistliche, fremde Diplomaten. In einem der Nebengelasse klapperten nun während einiger Tage von früh bis spät zwei ahnungslose Berliner Fräulein auf Schreibmaschinen, empfingen Botenjungen und Briefträger. Dazwischen erschienen Schneiderinnen und Putzmacherinnen mit Bergen von Kästen aus buntgeblümter Pappe. Mit ihnen verschwand die bewegliche kleine Fürstin, politische Verhandlungen schnell unterbrechend, in dem winzigen goldgelben Schlafzimmerchen, um nach 10 Minuten, obgleich es vielleicht Vormittag war, in ausgeschnittener Abendkleidung vor ihren Besuchern wieder zu erscheinen, um deren Gutachten über ihre neue Hülle entgegen zu nehmen, als gehöre das zu der eben abgebrochenen Angelegenheit; und jeder fühlte, daß dies auch wirklich dazu gehörte, denn der persönliche Einfluß der bezaubernden Fürstin auch auf die politischen Feinde war groß; da war der Sitz eines neuen Kleides ebenso wichtig wie die richtige Wortwahl in einem folgenschweren politischen Schriftstück. Die Fürstin pflegte sich nicht zu beeilen, ein solches Abendkleid wieder mit dem Tagesgewand zu vertauschen; sie führte gern, so wie sie war, die Besprechung zu Ende, saß mit ihren bloßen, schlanken Armen an ihrem Bouleschreibtischchen, warf mit ihren runden entschlossenen Händchen leidenschaftliche Schriftzüge auf einen seegrünen Papierblock, während die Herren hinter ihr standen, gebannt von den etwas widerspenstigen dunklen Nackenhärchen und den beiden schneeweißen Kugeln, die das Abendkleid gleich einer Fruchtschale halb sehen ließ. Dann entließ sie plötzlich alle Besucher auf einmal, zog sich mit ihrer Jungfer in ihr Schlafzimmerchen zurück und stieg nach einer Stunde in ein Auto in strengem Schneiderkleid, kleinem Hütchen und Schleier, »dezent« von oben bis unten, um beim Frühstück in einem der großen Gasthöfe, wo sie an irgend einem Ecktischchen erwartet wurde, wieder andere Verhandlungen zu pflegen. Hier traf sie häufig Ausländerinnen, die mit deutschen hohen Beamten oder Offizieren verheiratet waren. Die in der Regel französischen, bisweilen auch englischen Gespräche begannen meist damit, daß man sich über die Unmöglichkeit in Berlin zu leben einigte. Es lohne sich nicht einmal sich »anzuziehen«, sagte die kleine Fürstin oft, und gab zu verstehen, daß ihre äußerst »angezogene« Schlichtheit gar nicht als »Angezogensein« zu gelten habe. Damit bezauberte sie alle Frauen. Das schwere Kaliber der Toilette richtete sie nur auf Männer. Unter Frauen schien sie sich selbst auszustreichen. So schützte sie sich vor deren Eifersucht und erfuhr alle ihre Geheimnisse, auch die politischen, die sie von ihren hochbeamteten Gatten herausgelockt hatten. Dadurch war die niedliche kleine Fürstin immer genau unterrichtet über alles, was in den Reichsämtern, den Ministerien, im Bundesrat, in den Ausschußsitzungen des Reichstages und des Landtages vorging. Kein Wunder also, daß die ganze fremde Diplomatie bei ihr vorfuhr, sobald sie in ihrem Berliner »pied-à-terre« erschien. Von allen diesen Dingen wußte man in dem amtlichen Berlin nichts. Wohl kannte man die kleine Fürstin als eine glühende Nationalpolin, aber diese Schwärmerei hielt man ihr zu gut. Man belächelte sie gönnerhaft, ohne sie im Mund der reizenden Frau ernst zu nehmen; da, wo solche Auffassungen gefährlich werden könnten, würde die Regierung schon das nötige tun. Dabei war diese kleine Frau so gutmütig und ließ sich jeden Spott von den Herren der Schöpfung gefallen, die doch alles besser wissen, und sie hütete sich wohl, durch zu ernste Betonung ihrer Grundsätze bei ihren Partnern im Gespräch die abweisende Dünkelhaftigkeit wachzurufen, die so dicht bei jenem gönnerhaften Wohlwollen der Besserwisser liegt. Der einzige Mensch, der alles dies durchschaute, war Herr von Hiergeist. Da seine Gattin Erika von Geburt Ausländerin, Deutschrussin, war, fiel sie naturgemäß gleich in den Kreis der Berechnungen der Fürstin. Kaum war sie einmal in Berlin, so wußte es die Fürstin und verfehlte nicht, am Fernsprecher oder in Briefchen Erika durch Liebenswürdigkeiten, ja durch Schmollen zu gewinnen, obwohl Erika fast l0 Jahre jünger war und an gesellschaftlichem Rang unter der Fürstin stand. Aber diese hatte sich nun einmal in das blonde junge Frauchen vernarrt. Sie mußte sie sehen, wenn auch nur auf eine Viertelstunde, und so war die gesellschaftlich ehrgeizige Erika ein paarmal in jenen Kreis von Ausländerinnen gekommen, der sich unzufrieden spottend um die Fürstin scharte. Erikas Ehrgeiz galt aber nicht ihrer eigenen Person, sondern ihrem Gatten. Mit ihm wollte sie steigen, und so erzählte sie ihm getreulich alles, was sie sah und hörte. Ihm wurde immer klarer, daß es sich um eine nicht unbedenkliche ausländische Verschwörung handelte, welche uns zum mindesten nicht ganz freundliche Regierungen dauernd über geheime politische Vorgänge auf dem Laufenden hielt. Dies schien Herrn von Hiergeist um so gefährlicher, als er zu den Wenigen gehörte, die trotz dem allgemeinen Optimismus eine schwere Kriegsgefahr heraufziehen fühlten. Er bestärkte daher zu Erkundungszwecken Erika in dem Verkehr in jenem Kreis, der alles Deutsche herabsetzte und im selben Maße neue Anhänger gewann, als die deutsche Öffentlichkeit in ihren Äußerungen richtungsloser wurde, zwischen willfähriger Schwäche vor dem Ausland und überbetonter Schroffheit hin und her schwankend. Immer lächerlicher wurde in der Hauptstadt die Anbetung alles Fremden und zugleich immer anmaßender das Selbstlob und die Übertreibung deutscher Ansprüche. Unsere Politik wagte sich abwechselnd viel weiter vor, als sie verantworten konnte, um dann wieder viel weiter zurück zu weichen, als eines großen Reiches würdig ist. Durch ihre Leere wie durch ihre Lautheit gleich beleidigende Worte lagen in der Luft, die Genußsucht und die Gier nach Reichtum wurden im ganzen Land immer roher. Die scheinbar künstlerische »Aufmachung« des Lebens verbarg den Abkömmlingen älterer Kulturen nicht die Taktlosigkeiten und den Ungeschmack, die diesem Treiben zu Grund lagen. So kam es, daß die Urteile jenes ausländischen Klüngels nicht ganz unbegründet waren und auch von Männern wie Herrn von Hiergeist teilweise, wenn auch mit Betrübnis, anerkannt wurden. Trotzdem überschritt sein Urteil nicht einen Augenblick die Grenze, bis wohin man in jenen Tadel einstimmen konnte. Er unterschied sehr wohl den mit Recht verabscheuten neuen Berliner Geist von dem alten deutschen Wesen. Aus Erikas Berichten aber erkannte er wohl, daß es sich bei jenen Fremden nicht nur um eine ästhetisch-gesellschaftliche Ablehnung der tatsächlichen Geschmack- und Taktlosigkeiten des hauptstädtischen Lebens handelte, sondern daß irgend etwas gegen Deutschland selbst im Anzug war. Hier merkte er auf. Vor allem: was war an alledem mehr schlechte Laune, was Plan, was nur zufällige, aber nicht verschmähte Nebenwirkung? Noch suchte er nach einigen Anhaltspunkten für eine geheime Denkschrift, die er für einige maßgebende Personen ausarbeiten wollte, als er seine Berufung in den Orient erhielt. Wie ein Schicksalswink erschien es ihm daher, daß die Fürstin bereits am Fernsprecher nach ihm gerufen hatte. Daß er als vielleicht Einziger ihr politisches Köpfchen nicht für ungefährlich hielt, hinderte ihn nicht, sich von ihr als Frau bezaubert zu fühlen. Dadurch aber, daß sie sich von ihm ernst genommen fühlte, wenn auch als Gegnerin, fiel er für sie gänzlich aus dem Kreis der anderen Herren heraus. Er pflegte, wenn auch ablehnend, stets mit großem Wohlwollen, ja Verständnis für das Psychologische auf ihre polnischen Beweisgründe einzugehen und ihr die deutschen in einem angenehmen Ton vorzutragen, wie etwa die Enzyklopädisten des 18. Jahrhunderts ihren Zuhörerinnen im Salon wissenschaftliche Belehrung gaben. »Excellence«, rief dann die Fürstin aus »quel charmant causeur que vous êtes ... si tous les Allemands étaient comme vous, il y aurait moyen de s'entendre!« Auch in ihr war außer der politischen Berechnung, diesen aufsteigenden Stern und Gatten einer Ausländerin für ihre Zwecke recht nahe zu betrachten, noch etwas anderes lebendig: der weibliche Wunsch zu erfahren, ob denn dieser Herr von Hiergeist, »obwohl ein Deutscher«, wirklich so viel klüger sein sollte, als die andern; ja ihr verwundertes Herzchen gestand sich, daß Herr von Hiergeist als Mann in jeder Hinsicht, »sous tous les rapports,« in Frage kam. Darum rüstete sie gegen ihn ihre stärksten Geschütze. Als Herr von Hiergeist am Nachmittag bei der Fürstin eintrat, fiel ihm an einem Haken im Vorzimmer der schwarze, rot gesäumte Mantel eines päpstlichen Kammerherrn auf. Schon fürchtete er, zu unrechter Zeit zu kommen, da wurde die Tür des Empfangszimmers von innen geöffnet, und Herr von Hiergeist hörte, wie sich eine weibliche Stimme von der Fürstin verabschiedete. Man lachte sich über irgend etwas halb tot und konnte mit Schwatzen gar nicht zu Ende kommen. So wurde Herr von Hiergeist zum unfreiwilligen Lauscher und hörte wie die abschiednehmende Dame triumphierend schilderte, daß es ihr gelungen sei, in ihrem Berliner Heim alles zu russifizieren: russische Küche, das war das erste, russische Bedienung, ja zum Teil in der lustigen bunten Nationaltracht. Jetzt fühle sie sich erst wieder zu Haus. »Und wissen Sie«, schloß die Sprecherin, »die Deutschen haben gar nichts dagegen. Sie fühlen ganz gut, daß das besser ist, als ihre enge kleine Art zu leben.« »Ich finde sie überhaupt zivilisierbar«, fügte eine andere weibliche Stimme mit ausgesprochen amerikanischem Tonfall hinzu. »Als wir heirateten, stellte ich meinem Mann die Bedingung, daß der Haushalt in unserer Art geführt und stets englisch gesprochen werden müsse. Er hat sein Versprechen immer ehrlich gehalten, und so kann ich mich nicht beklagen.« Als die drei Damen heraustraten, begrüßten sie lebhaft Herrn von Hiergeist, der in der Russin die Prinzessin L., die Gattin eines deutschen Botschafters erkannte, in der Amerikanerin die Milliardärstochter Jane F., die mit einem preußischen General verheiratet war. »O, Herr von Hiergeist,« rief die Botschafterin, eine kleine üppige Frau gegen Vierzig, mit gutmütigem grübchenreichem Gesicht, »eben sprachen wir von Ihnen.« »Hoffentlich nicht zu boshaft?« erwiderte Herr von Hiergeist. »O nein, Exzellenz«, versicherte die Russin, indem sie ihm ihr von Ringen blitzendes Patschhändchen reichte, »wir stellten fest, daß Sie der einzige Mann von Geist hier sind.« »Sie sehen wirklich nicht im geringsten wie ein Deutscher aus«, fügte die welke Amerikanerin in ahnungsloser Unverschämtheit hinzu. »Warum wollen Sie mich kränken, chère Madame ?« sagte Herr von Hiergeist in gespielter Demut. »Kränken, Exzellenz? Ich wollte Ihnen schmeicheln, es ist ganz mein Ernst.« Damit rauschten die beiden Besucherinnen hinaus. Die Fürstin führte Herrn von Hiergeist in ihr Empfangszimmer. Dort saß in einem Sessel der päpstliche Kammerherr, ein dünner blasser Mensch mit etwas scharfem Gesicht, und lächelte über einem Blatt Papier mit Zeichnungen. »Ist es erlaubt mit Ihnen zu lächeln, Monseigneur?« fragte die Fürstin. Der Geistliche gab ihr das Papier, eine Seite aus einem Witzblatt, »Der Deutsche auf Reisen« überschrieben, das einen vollbärtigen Mann in Jägerhemd in allerlei kläglichen Lagen zeigte. »O, das müssen wir vor Herrn von Hiergeist verbergen,« sagte die Fürstin, »der ist ein furchtbarer Chauvinist.« »Ich ein Chauvinist?« lächelte der Gesandte, »aber bemühen Sie sich nicht, ich habe das Blatt schon erkannt. Ich lächle mit Ihnen, nur finde ich es ärgerlich, daß darüber steht ›Der Deutsche auf Reisen‹, statt etwa ›Herr Meyer auf Reisen‹. Einen solchen Herrn Meyer könnte ich mir gefallen lassen, aber wenn dies der Deutsche überhaupt sein soll, dann ...« »Sehen Sie, daß Sie ein Chauvinist sind ...« rief die Fürstin triumphierend. »Aber Durchlaucht, was würden Sie sagen, wenn man Ihre Nation immer nach den niedrigsten Vertretern beurteilen wollte?« »Aber das tut man ja«, sagte die Fürstin, plötzlich mit einem düsteren Feuer in den vorher noch lustigen schwarzen Augen. »Beurteilen uns nicht fast alle Deutschen nach dem Bild von Krapülinsky und Waschlappsky?« Herr von Hiergeist war betreten. Er errötete für seine Landsleute. Dann fiel ihm ein: »Die Deutschen verstehen im allgemeinen die fremden Völker am tiefsten. Die Kehrseite davon ist freilich, daß sie in der Behandlung des einzelnen Fremden sich leicht vergreifen; das gebe ich selbst zu.« »O mit Ihnen, Exzellenz, kann man sich immer verständigen«, rief die Fürstin aus, die ihren Gast nicht hatte beleidigen, nur ein bißchen necken wollen. Schon glaubte sie etwas zu weit gegangen zu sein, und nun war sie voll naiver Bewunderung und Dankbarkeit für die Art, wie Herr von Hiergeist Herr der Lage blieb und ihr damit einen heiklen Augenblick ersparte. »Vous êtes vraiment un homme d'esprit, Excellence«, sagte sie. »Übrigens, die Elite versteht sich überall«, schloß der Kammerherr das Gespräch und empfahl sich. »Und nun reden wir von Ihnen, mein Freund«, sagte die Fürstin, Herrn von Hiergeist zum Sitzen nötigend und dann so dicht vor ihn hintretend, daß sich ihre Knie bisweilen leise berührten. »Was macht Ihr entzückendes Frauchen, wie geht es dem kleinen Volk ... O, Ihre Karriere ist erstaunlich, mein Freund ... Und immer den Blick geradeaus ohne Protektion, ohne Intrige ... alles verdanken Sie nur Ihrem Verdienst ... O, sagen Sie nichts ... Solche Männer sind selten.« Der Diener brachte Thee. Die Fürstin schenkte ein. Als die Zuckerzange ihr nicht gleich gehorchen wollte, warf sie sie beiseite und rief: »Ach was, ich darf Ihnen den Zucker doch so in den Thee werfen?« »Vous lui donnerez la saveur de vous jolis doigts«, erwiderte der Gesandte in aufrichtigem Entzücken. Da gewahrte er sich plötzlich gegenüber in einem hohen Spiegel, der sich im Rücken der Fürstin befand. Ein Schauer durchzuckte ihn. Er dachte an das Erlebnis der vorigen Nacht. Das Spiegelbild trat wie gestern heraus, setzte sich der Fürstin gegenüber, plauderte mit ihr, streifte bisweilen ihre Hand und die Person des Herrn von Hiergeist schaute verwundert zu. »Was wollen diese beiden voneinander?« fragte er sich, »ist es Liebe oder Politik? Warten wir ab!« »Feinde sind wir?« fragte die Fürstin, in lieblichem Lächeln ihre Katzenzähnchen entblößend, »politische Feinde, sagen Sie?« Sie ließ ihm ihre Hand, deren innere Fläche er plötzlich leidenschaftlich küßte, während er mit der rechten am bloßen Arm hinaufstrich. »Aber es heißt ja: liebet eure Feinde«, flüsterte er. Ihre Lippen lagen aufeinander. Noch immer wußte die aufmerksam zuhörende Person des Herrn von Hiergeist nicht, was hier zwischen dem Gesandten und der Fürstin vorging. Fürs erste sah es mehr wie Liebe aus, als wie Politik. Nach einiger Zeit wurde der Diener hereingerufen und ihm ein Zettel übergeben mit einer langen Liste von Besorgungen in der Stadt, was ihn mehrere Stunden in Anspruch nehmen mußte; die Jungfer hatte heute ohnehin frei. Die Fürstin und ihr Gast waren nun allein in der Wohnung; die Türflügel nach dem goldgelben kleinen Schlafzimmer wurden geöffnet, die schweren Vorhänge der Fenster, durch welche die Augustdämmerung eindrang, zugezogen, und eine warme Herbstbehaglichkeit verbreitete sich; aber von Politik vernahm die lauschende Persönlichkeit des Herrn von Hiergeist nichts, um so mehr aber Gekicher, Seufzen und Küsse. – Im Westen der Hauptstadt gibt es ein kleines, fast unscheinbares Speisehaus mit einem grünen Teppich, einem Dutzend Tischen, ein paar Spiegeln und einigen kleinen Sonderräumen. Ein heute regierender Bundesfürst hat es als Thronfolger einst seinem Leibkoch eingerichtet, um in der Hauptstadt eine angenehme Zuflucht zu haben, wenn er dort mit seiner Geliebten unauffällig und auserlesen speisen wollte. Dieser Koch war eine majestätische Persönlichkeit aus Frankfurt a. M. von starkem etwas rundlichem Wuchs. Über einem langen, schwarzen Vollbart glänzte ein Paar wohlgenährter Wangen. Die hohe weiße Stirn und das üppige zurückgestrichene Haar schienen einem Künstler zu gehören. Trotzdem oder vielmehr gerade darum verschmähte er es nicht, selbst in der Küche zu stehen und nur hie und da, nach Pariser Art, in seiner weißen Berufstracht an den Tischen seiner Vorzugsgäste zu erscheinen, um mit ihnen verwickelte kulinarische Fragen zu erörtern. In seinen verschwiegenen Räumen waren schon Minister gemacht und gestürzt, Ehen zerstört und Vermögen begründet worden. Benachrichtigte man rechtzeitig den geschickten Besitzer, so konnte man leicht durch einen rückwärtigen Eingang ungesehen in einen kleinen Raum schlüpfen und in aller Verschwiegenheit mit wem man wollte sein Nachtmahl verzehren. Die wenigen, aber um so treueren Gäste hatten Kennworte ausgemacht, durch die sie sich am Fernsprecher leicht mit dem Besitzer dieser nützlichen Anstalt verständigen konnten. Hier saßen nun der Gesandte und die Fürstin gegen ½ 10 Uhr beim Essen in einem kleinen Kabinett unter orangefarbig umschleierter Lampe. Die Persönlichkeit des Herrn von Hiergeist erkannte, daß hier zwei Menschen wie irrende Sterne aus verschiedenen Himmelsrichtungen einander begegnet waren und während einiger unvergeßlicher Stunden ihr Licht miteinander vermischt hatten. »Und du reisest wirklich schon in den nächsten Tagen in diesen dummen Orient?« fragte die Fürstin, als ihr Freund nach Tisch zu ihr auf das Sofa gerückt war und lächelnd in ihre rätselhaften schwarzen Augen blickte, die etwas feucht schimmerten. »Ich kann es nicht ändern.« »O, es ist gräßlich einen Deutschen zu lieben«, schmollte die Fürstin, ihre etwas fleischige Unterlippe vorschiebend, »immer ist ihm die Pflicht das Erste; ich hasse die Pflicht, die man wegen einer angebeteten Frau nicht übertreten darf.« »Ein paar Tage darf ich vielleicht zugeben, Liebste«, erwiderte der Gesandte leichthin. In diesem Augenblick blitzte ein boshafter Glanz des Triumphes in den Augen der Fürstin. »Also du bist doch auch von Fleisch und Blut?« sagte sie spitz, »das hätte ich gar nicht erwartet. Wirklich, er opfert mir ein paar Tage!« Dies alles bemerkte die genau beobachtende Persönlichkeit des Herrn von Hiergeist sehr deutlich. Sie ergriff den Gesandten am Arm, stieß ihn nach dem gegenüberliegenden Spiegel, der sein Bild sofort aufnahm, und die Person des Herrn von Hiergeist riß mit unerwarteter Gewalt die überraschte Fürstin an sich. »Du gehörst mir, Henriette,« flüsterte er, »ganz und gar mir, weißt du das? Ich werde dich lieben, aber du mußt alles tun, was ich befehle, versprichst du das?« Sie sah seine lichten Augen klar und tief über ihrem heißen Antlitz leuchten. »Versprichst du es mir?« drängte er. »Ich verspreche was du willst,« lallte sie, »ich bin dein, ganz dein, du bist der Einzige, mache mit mir, was du willst.« »Das werde ich tun,« sagte Herr von Hiergeist. »Noch frage ich mich, ob ich dich nicht lieber vernichten soll, denn ich kenne das ganze Gewebe, das deine Fingerchen gesponnen haben.« »Vernichte mich, Geliebter, wenn es dir gut scheint«, flüsterte die Fürstin, überwältigt ohne jede Furcht, »aber wenn du mich verschonst, dann mußt du mich lieben.« Er hielt sie eine Zeitlang im Arm und schaute prüfend in ihre gar nicht mehr rätselhaften, sondern kindlich frommen Augen. »Also du schwörst mir, daß du, ehe ich abreise, auf dein Gut zurückkehrst und niemals, niemals wieder deine Händchen in die Politik steckst. Das Netz, das du hier gesponnen hast, blase ich fort, sobald du es nicht mehr hältst.« Die Fürstin brach in Tränen aus. »Ich schwöre dir, was du willst«, sagte sie, »ich habe das alles ja nur getan, weil ich so unglücklich, so einsam, so ohne Liebe war.« »Gut, ich glaube dir. Das zweite was ich verlange, ist leichter zu erfüllen. Wir werden uns unsere Kreise gegenseitig nicht stören. Du bleibst bei deinem Gatten und bringst mir den Frieden meiner Familie nicht in Gefahr. Ich liebe Erika nicht, ich gebe ihr nichts, was nur der Geliebten, der Angebeteten gebührt, aber du wirst die Mutter meiner Kinder ehren.« »Und die Geliebte, die Angebetete bin ich?« lächelte die Fürstin, wie ein Kind, das hören will, daß es die Eltern am liebsten haben. »Die bist du!« flüsterte er und erstickte sie fast in einem Kuß, »aber gerade darum laß ich dich nicht leben, wenn du ...« »Nichts weiter ... ich habe geschworen ... und wann sehen wir uns ...?« »Wann ich nur immer kann. Du wirst stets wissen, wo ich bin.« Als er sie heimbrachte und sie beseligt in seinem Arm lag, sagte sie: »Nein, ich habe mich geirrt, du bist kein fürchterlicher Deutscher, du bist viel fürchterlicher, du bist ein Teufel!« »Kann denn der Teufel lieben?« »Oder bist du vielleicht ein Gott?« * Als Herr von Hiergeist nach diesen klärenden Ereignissen wieder sein grünes eiförmiges Zimmer betrat, war er seinem Gast völlig gewachsen. Er winkte ihm selbst und forderte ihn auf aus dem Rahmen des Spiegels herauszutreten. Während jener ihm die Stiefel und Kleider auszog, sagte er zu ihm: »Unsere Beziehungen sind wohl jetzt klar?« »Gewiß, Exzellenz.« »Dummes Zeug! Sie haben mich nicht Exzellenz anzureden! Sie selber sind die Exzellenz, meine Person hat damit nichts zu tun, sie kann sich ebensogut in einem Brahmanen wie in einer abendländischen Exzellenz, in einem Holzhacker oder einem Freudenmädchen verkörpern. Sie sind zufällige Inkarnation, das haben Sie sich nun ein für allemal zu merken!« »Jawohl, Exzellenz!« »Schon wieder? Ich wiederhole Ihnen, Sie sind die Exzellenz, seien Sie es nur ganz und gar; aber das scheint Ihnen schwer zu fallen. Bald sind Sie voll Anmaßung und meinen wunder, was eine Exzellenz bedeutet und dann sind Sie wieder lächerlich klein und reden meine metaphysische Person mit Exzellenz an, als wäre das für sie ein Ehrentitel. Also Sie sind die Exzellenz, dabei bleibt es. Ich selbst bin über allen Titeln und werde überhaupt nicht angeredet. Sie haben nun alles nach bestem Wissen und Gewissen auszuführen, was ich Ihnen aus meinem für Sie unerforschlichen Ratschluß auftrage.« »Und das wäre?« »Zunächst werden Sie noch eine Zeitlang Gesandter bleiben und Ihre Pflicht tun; Orden und Ehren mögen Sie annehmen, so viel Sie wollen; ich schaue Ihnen dabei lächelnd zu; Sie werden Erika gegenüber weiter ein guter Gatte und den Kindern ein besorgter Vater sein. Verstanden? Dieser kleinen Fürstin werden Sie die Glut Ihrer abenteuerlichen Leidenschaft widmen, aber Sie müssen das süße Ungeheuer stets etwas im Zaum halten. Es muß zahm bleiben und darf keine Politik mehr treiben, womit ich nicht gesagt haben will, daß Sie sie nicht doch bei Gelegenheit sich etwas vorwagen lassen dürfen, um sie dann plötzlich mit kühnem Griff zu fassen und, wenn es sein muß, niederzuzwingen. Das alles machen Sie, wie es Ihnen Vergnügen macht! Nur verbitte ich mir ein für allemal, daß Sie je wieder metaphysisch zu werden trachten. Darum ist Ihnen vor allem das Studium der deutschen Philosophie mit Ausnahme Nietzsches, bis Sie gegen ihre Fallen gesichert sind, streng verboten. Sie sind mit all Ihren schönen Gefühlen, Idealen, ethischen Grundsätzen, welche die deutsche Philosophie durch Anleihen bei meiner Kraft in Ihnen hervorbläht, rein physisch, der Vergänglichkeit unterworfen. Metaphysisch d. h. ewig und göttlich bin allein ich, die Person. Solange Sie die in Ruhe lassen, ist Ihnen alles erlaubt!« »Aber was bin ich denn nun eigentlich!« fragte der Gast kleinlaut. »Bin ich überhaupt jetzt noch etwas?« »Ja und nein. Sie sind mein Ich, mein gewordenes und darum auch sterbliches Ich, das sich die Person in ihrer göttlichen Einsamkeit erschuf, um zwei zu sein, um sich im Spiegel selbst zu erleben; ohne schöpferisches Gestalten wäre Gott ein erhabenes Nichts. Darum zerreißt er allaugenblicklich seine Einheit ins Werden und Vergehen der Vielgestalt, die sehnsüchtig in ihn zurückwill, aber zugleich blind an der Vereinzelung festhält und sie dadurch immer schmerzhafter macht. Doch wem sage ich das? Wer kennt diese Hölle besser als Sie? In dem heutigen Erlebnis aber habe ich Sie von Ihrem eigensinnigen Willen erlöst, der Ihrer Sehnsucht zu dienen bisher im Weg stand. Sie sind nun etwas, soweit Sie von meinen Gnaden sind; Sie sind ganz und gar nichts, soweit Sie von sich aus etwas zu sein meinen. Sie sind mein Erlebnis und darum ewig; Sie sind nur ein buntes Spiegelbild und darum zugleich nichtig, Sie sind ein Gespenst, aber ein farbiges. Ich spiele mit Ihnen wie Gott mit dem Leviathan. Ich lasse Ihnen das Seil locker, aber das Ende behalte ich doch stets in der Hand, bis es mir gefällt, Ihre Form im Abgrund des Todes zerschellen zu lassen. Sie sind Ich; der eben zu Ihnen spricht aber ist Gott. Nun wissen Sie alles, und jetzt stören Sie meine schauende schöpferische Seligkeit nicht mehr. Dies war unser letztes Gespräch, künftig verkehren wir nur noch in Zeichen, Bildern, Symbolen.« Der Leib Seiner Exzellenz, des Kaiserlichen Gesandten Herrn Josef von Hiergeist schlief ein und erwachte am folgenden Tage heiter, befreit von der Schwermut, die ihn in den letzten Wochen heimgesucht hatte. Er blieb noch eine Zeitlang im diplomatischen Dienst. Später lebte er meist zurückgezogen auf seinem Gut, wo ihn Frau und Kinder oft besuchten. Im Winter kam er auch manchmal zu ihnen in die Hauptstadt, wo er die Gesellschaft weder suchte noch scheute. Jeden Tag war ihm nun, als sähe er die Welt zum erstenmal. Ein Kind kommt aus dem Haus, die Sonne blitzt in einer Glaskugel, beim Nachbar kräht ein Hahn oder bellt ein Hund, blutrote Blüten quellen aus dem Fenster, ferne tost ein Zug. Herr von Hiergeist lebte über allem Jauchzen und aller Müdigkeit seines Ichs. Göttlich liebte er sich selbst in der Welt und die Welt in sich selbst. So liebte Herr von Hiergeist Erika und die Kinder und die Bauern und die Häusler um seinen Besitz und die Tiere des Waldes und des Feldes und die hauptstädtischen Straßenverkäufer und Kutscher und unter allen diesen liebte er natürlich auch die kleine Fürstin Henriette, die still und fromm geworden war und nun niemals mehr ein Unheil anrichtete. Heimliche Geschichte Hans Eichhorn, ein philosophischer Kopf, ging vor der Schlehdornhecke seines Landsitzes Belfried auf und ab. Die eben noch durchsichtige, fast nordische Abenddämmerung eines hellen Julitages hatte sich verdüstert. Rings über den Berghalden, die den selbst hochgelegenen Landsitz im Kreis umgaben, ließen sich graue Wolkenvorhänge herab, die Belfried und die umliegenden Täler wie einen Stern für sich gegen das Weltall abgrenzten. Hans Eichhorn blieb unter einer Linde stehen, aus der Duftströme auf die Wiesen quollen und deren Krone wie die Memnonsäule einen tausendfachen Klang vernehmen ließ: eine Welt von Bienen und Brachkäfern durchsummte erregt die süßen Blütenpfade in dem schwarzen Blätterdickicht. »Welten überall,« dachte Hans Eichhorn, während er lauschte und voll Lust atmete, »und doch: was veranlaßt mich zu glauben, daß jenseits der Berge und Wolkenvorhänge die Welt noch lebt, wie ich sie zum letztenmal sah oder – wer weiß? – vielleicht nur träumte: die Erde, grünes deutsches Hügelland, wimmelnde Städte, der Rhein, Paris, das Weltmeer? Was ist überhaupt Wirklichkeit? Was besitze ich so gewiß, daß es mir nicht unter den Händen zerrinnt? Alles, was ich hier gewahre, liebe, ist nur die Kräftespannung eines Augenblicks, eine bunte Perlenkette, deren Faden jeden Augenblick reißen kann, so daß die Perlen in alle Himmelsgegenden zerstäuben. Nichts ist wirklich, nichts ist mein.« Wie erschreckt drehte er sich auf dem Absatz herum und blickte auf sein weiß zwischen den Kastanienbäumen des Gartens leuchtendes Haus, als müsse er sich von dessen Dasein überzeugen, und dann eilte er, beseligt von der noch immer greifbaren Welt, nach dem Gartenpförtchen, betrachtete dankbar das rauhe, noch tagwarme Holz und trat ein. Er ging über den weichen, wildgelassenen Rasen; ein zahmes Reh, das er hielt, huschte geheimnisvoll an ihm vorbei, streifte ihn sacht. In dem Dachgebälk der Laube hatte sich ein Vogel verfangen. Seine Flügel schlugen unruhig ans Holz. Hans Eichhorn öffnete die Haustür; ganz leise zitterte die Klingel. Er schauerte zusammen unter dem ihm aus vielen Wintern und Sommern wohlbekannten heimischen Klang, dann sprang er fast lautlos die dunkle Treppe hinauf und schlich ins Schlafzimmer. Beim bläulichen Schimmer eines Nachtlichts sah er, daß seine Frau schon schlief. Leise, aber innerlich frohlockend über das wiedergefundene Dasein, über sein, noch junges, volles Leben entkleidete er sich und warf sich ins Bett. Einige Augenblicke beobachtete er die regelmäßig neben ihm atmende Frau, dann küßte er vorsichtig, um sie nicht zu wecken, aber voll Überschwenglichkeit ihre Hand und schlief ein. Als er erwachte, waren die Vorhänge der Schlafzimmerfenster weit geöffnet, ein trüber Tag schien herein. Daß seine Frau nicht mehr neben ihm lag, wunderte ihn nicht. Sie war eine Frühaufsteherin. Aber daß ihr Bett bereits gemacht war, erstaunte ihn. Hatte er so fest geschlafen, daß er die Geräusche der Magd nicht gehört? Außerdem war das gegen die Hausgewohnheiten. Er kleidete sich träge an, etwas verstimmt darüber, daß die lange Reihe sonniger Tage nun beendet schien. Als er durch das Vorhaus ging, fiel ihm die Stille auf. Im Garten vermißte er das Reh, das dort bei Sonne und Regen zu grasen pflegte. Der Hof, den sonst sieben phantastische Perlhühner belebten, war wie ausgestorben. Wie eine morgenländische Gesandtschaft pflegten die schmucken, etwas geziert wirkenden Tiere, stets in einer Gruppe zusammengedrängt, feierlich umherzuziehen. Jetzt lagen nur noch ein paar weißgetupfte, braune und graue Federn auf dem reingescheuerten Ziegelpflaster. In der Küche befand sich kein Mensch, alles war musterhaft aufgeräumt, wie vor einer Abreise. In der Fensterlaibung standen ein paar bescheidene Feldblümchen in einem Schnapsglas, als einzige Erinnerung an eine junge blonde Magd, die sonst hier flink zwischen den Geschirren zu schalten pflegte. Kopfschüttelnd betrat Hans Eichhorn das Eßzimmer. Dort stand wie immer in der getäfelten Ecke unter einem hängenden Geweih der Frühstückstisch. Während er sich den noch ganz heißen Tee eingoß, gewahrte er neben der Tasse ein vergilbtes, am Rand etwas zerfetztes Blatt. Es sah aus, wie aus einem alten Buch gerissen, und war etwas stockfleckig. In der Mitte stand, zusammengedrängt wie ein Bibelvers: »Fürchte Dich nicht, Du bist der letzte Mensch; die Übel sind vorüber. Weiter wird Dir nichts geschehen. Leben und Gesundheit, Deine geistigen und körperlichen Kräfte sind geschützt. Dreimal täglich wirst Du auf diesem Tisch die gewohnte Mahlzeit vorfinden. Die Ordnung im Haus vollzieht sich von selbst. Die Verwitterung des Stoffes ist, wenn auch nicht aufgehoben, so doch derart gehemmt, daß Du sie kaum spüren wirst. Klage also nicht!« Hans Eichhorn las und las wieder, ohne zu verstehen. Wie war dieses rätselhafte Blatt hierhergekommen? In zitternder Unruhe durchsuchte er das leere Haus bis zum Speicher. Als er in den verlassenen Garten trat, fiel ein erster Sonnenstrahl durch das lastende Gewölk. Er rief laut »Irene«, den Namen seiner Frau. In der Laube lagen ein paar Bücher, in denen sie noch gestern in den heißen Nachmittagstunden gelesen hatte. Er rief ihren Namen in den Gemüsegarten, wo er oft ihr Sommerkleid zwischen den Bohnenhecken und Sonnenblumenwänden mit den Blicken verfolgt hatte. Kein Laut war vernehmbar, als das Gesumm der dem Menschen fremden Insektenvölker und das Zwitschern von Vögeln. Sonst hatte man bisweilen einen Hund aus dem Tal heraufbellen, beim Nachbar eine Gais meckern oder ein Pferd wiehern hören. Nicht nur die Menschen, auch die Tiere schienen verschwunden zu sein. Hans Eichhorn eilte hinaus. An dem Berghang lagen ein paar Hütten, vor denen sonst barfüßige, flachshaarige Kinder in der Wiese spielten, während die Weiber in rotbraunem Kopftuch herumwirtschafteten. Auch hier war alles still, jede Tür fest verschlossen. Hans Eichhorn klopfte an einem der Häuser an. »Lechnerin, Lechnerin!« rief er laut einer der Häuslerfrauen; aber er erhielt keine Antwort. Inzwischen hatte stechender Sonnenschein die Wolken zerteilt. Hans trat an ein Fenster und sah hinter den Geranien in die saubere Stube mit dem hohen Bauernbett und dem Kochherd. Alles war aufgeräumt, aber kein Mensch zu sehen. Verzweifelt sank er auf die von Kletterrosen überlaubte Holzbank vor dem Häuschen und lauschte in das Tal. Aus dem nächsten Dörfchen, von dem ein Teil mit dem weißen Kirchturm unverdeckt war durch die gegenüberliegende Berglehne, hörte man keines der gewohnten Geräusche, keinen Hahn, keine Glocke, keinen Pfiff der Eisenbahn. Hans nahm das geheimnisvolle Blatt aus der Tasche und las es noch einmal: »Fürchte Dich nicht, die Übel sind vorüber ...« Das hieß also, daß er als letzter Mensch nun ungestört in der leeren Welt walten und schalten könnte. Menschenleer! Welch ein unfaßbarer Begriff! Jenseits einer grünen Mulde lag der Hof des Unterbauern. Wie es wohl bei dem aussah? Hans eilte über den Wiesenpfad, sprang über einen Bach und kam zu dem stattlichen Hof. Wie immer waren dort Tongefäße und Gießkannen auf die Pfähle des Zauns gestülpt. Ein heller, bösartig stechender Sonnenschein fiel auf die grellen Bauernblumen, spiegelte sich in der vergoldeten Kugel mitten im Garten, dem Stolz des etwas großspurigen Unterbauern. Aber weder er war da, noch seine Familie, noch das Gesinde. Alles Rufen vergeblich. Das Tor war fest verschlossen. Hans Eichhorn brach der Schweiß aus allen Poren. Um hinunter in das Dorf zu eilen, war er schon zu abgespannt. Auch konnte er sich schon denken, wie es da aussah. Es war ganz klar, es gab keine Menschen mehr, außer ihm, sonst aber war die Welt unversehrt und zu seiner Verfügung, so wie der Garten Eden Adam und Eva gehörte. »Eva«, der Name des ersten Weibes ließ ihn erschauern, ihn, den letzten Mann, und von plötzlichem Schluchzen geschüttelt warf er sich ins Gras und dachte an Irene. Wo war die? Mit ihr wäre ihm die ganze menschenleere Welt nicht zu weit gewesen. Aber so? Gab es nicht doch noch eine Beziehung zu ihr? Wer weiß, welche Wunder sich noch erfüllen sollten! Vielleicht fand sich ein Mittel, sie wieder in die Wirklichkeit zu rufen. Da gewahrte er, daß eine menschliche Gestalt vor ihm stand. Er wollte aufspringen und dem Wesen um den Hals fallen, aber es war eine Vogelscheuche mit einem verschabten alten Jägerhut, die der Unterbauer auf seinem Kartoffelacker aufgestellt hatte. Erschreckt und wie gedemütigt taumelte Hans ins Gras zurück. Er dachte an seine Gedanken von gestern abend. Was ist Wirklichkeit? Nichts ist ganz wirklich, und alles ist möglich. Lauschen, aufmerksam hinhören auf alle Stimmen der verzauberten Welt! Das galt es nun. Vielleicht, vielleicht würde der hingegeben Gläubige rettende Stimmen vernehmen! Hans war plötzlich, als ob diese in ihm auftauchenden Gedanken rings in der Natur mit einem Widerhall beantwortet würden. Düfte, Summen, Leuchten drang auf ihn ein; beseligt rief er »Irene«, und wenn er sie auch nicht sah, ihm wurde auf einmal Gewißheit, daß sie noch in dieser Welt war. Stundenlang mochte er so gelegen haben. Die Sonne stand gerade über ihm. Er fühlte Hunger, und da packte ihn eine ganz gemeine Neugier, ob die Worte des Blattes, das die drei gewohnten täglichen Mahlzeiten verhieß, sich erfüllen würden. Er eilte heim. Im Eßzimmer stand unter dem Hirschgeweih der vertraute, dampfende Suppentopf. Hans ließ es sich schmecken. Mit einem gewissen überlegenen Humor fand er sich in seine Lage. Ohne daß er sich's versah, stand Fleisch und Gemüse vor ihm, dann ein Teller mit Himbeeren, von denen jener heiße Sommer eine Überfülle bot. Nach Tisch erhob sich Hans; nachdem er ein paar Töne auf dem Klavier angeschlagen, wendete er sich wieder nach dem Zimmer. Der Tisch war abgeräumt. Seine ihm so teure tägliche Ordnung schien in nichts gestört. Er ging, wie jeden Tag, hinaus in die Laube, um dort der Mittagsruhe zu pflegen. Die Bücher Irenes trieben ihm wieder die Tränen in die Augen. Er versuchte darin zu lesen. Es waren Romane. Aber was war das? Welcher Unsinn! Konnte man denn noch Romane lesen, wo es keine Menschen mehr gab? Was hatte es für einen Sinn, jetzt noch den Erlebnissen irgendeines Eduard und einer Marie zu folgen? Es gab ja nur noch Wiesen und Wälder, Himmel und Sonne und Wolken. Mit ihnen mußte man nun leben, ihre Schicksale teilen. Hans erschauerte einen Augenblick. Es hielt ihn nicht länger in der Laube. Er eilte davon zu dem nahen Wald. Am Rain lief ein heißer, buntbegraster Weg, an dessen Seite schon erstes Grummet trocknete. Wo waren die Hände, die es vor einigen Tagen gemäht hatten? Würden sie wiederkommen und es einbringen? Aus der unerträglich werdenden Schwüle trat Hans in dunkeln, feuchten Wald, einer halb verzweifelten, halb beglückten Hoffnung hingegeben, dort durch keine Menschenspuren an das Verlorene erinnert zu werden, zum erstenmal ganz ungestört durch Menschliches den Stimmen der Natur zu lauschen. Ein kühler Anhauch stieg aus der schwarzen, von einem Bach durchflossen Erde, die fettes Grün von Farn, Nesseln, Huflattich und Sauerklee üppig hervorsprießen ließ. Die dunkeln Stämme waren wie vollgesogen von Feuchtigkeit. Wie fern war alles schwüle Menschenleben! Hans fühlte sich schon von einem Urhauch umweht; da sah er auf einem Stamm ein rotes kreisförmiges Mal, daneben einen grellgelben Tupfen und ein himmelblaues Dreieck. Es waren die ihm wohlbekannten und verständlichen Wegzeichen des »Vereins der Wanderfreunde«; da gewahrte er auch, daß der grüne Weg die Furchen von Bauernwagen zeigte und teils von sorgsam geschichteten Tannenstämmen künstlich gestützt war. In einzelnen Bäumen waren Buchstaben und Herzen eingeschnitten; noch ganz frisch leuchtete das rosa Fleisch einer jungen Birke durch die weiße seidige Rinde. Hans krampfte sich das Herz zusammen, und sein Geist verfluchte alle Erinnerungen, die in diesem Augenblick wirklicher zu sein beanspruchten, als die sichtbare, hörbare, riechbare Welt um ihn. Nein, er wollte vergessen, nur mit dem sonnedurchzitterten Buchenlaub und dem schwarzen Tannengelock leben, aber da gemahnten ihn die rötlichen Sonnenkringel, die sich am Boden malten, an die Lichtschimmer, die durch bunte Fenster auf die Steinfliesen von menschenerbauten Domen fielen in geliebten alten Städten. Er trat in ein bemoostes Felsenviereck, an dessen Wänden Schlinggewächse mit blauen und gelben Blüten emporkletterten. »Dies ist das Heiligtum«, sagte etwas in ihm. Hier wollte er verweilen, in diese unentweihte Stille nun täglich pilgern. Hier würde er Stimmen vernehmen, die ihn lehrten, ohne Menschen zu sein. Trotz der reinen Kühle des feuchtigkeitgesättigten Waldes, in dem selbst der Sonnenschein wie perlende Flüssigkeit wirkte, fühlte Hans noch fiebernde Unruhe in sich. Es stach ihn etwas am Fuß. Er zog Schuhe und Strümpfe aus und stellte die heißen Füße in den Waldbach. Das beruhigte. Er saß am Ufer, und ihm war, als ob der Schlammboden des Baches seinen Gliedern etwas von der Ruhe und Unerbittlichkeit der Natur mitteilte. Kaum konnte er die Füße auf dem Boden des schnell strömenden Wildwassers festhalten, aber diese Anstrengung und das lange Blicken auf den flirrenden Spiegel nahmen ihn so sehr in Anspruch, daß er an nichts mehr dachte und seine Seele ganz ruhig und frei wurde. Als er den Kopf wieder erhob, sah er zwischen den Felsen durch in das schimmernde Waldinnere. Da fiel ihm auf, daß die Bäume nicht regellos durcheinander standen, sondern immer in Gruppen von zwei und drei; oft wuchsen zwei aus demselben Stamm hervor und gabelten sich wie eine schlanke Leier. Da war auf einmal wieder alle seine Sammlung jenseits der Menschennöte dahin, und unwillkürlich flüsterte er: »Irene.« Und nun erinnerte plötzlich alles an sie. Einige Stämme waren zerbrochen, die Kronen schleiften am Boden, zweifellos die Folgen eines abendlichen Gewittersturmes, der vor wenigen Tagen die Gegend heimgesucht hatte. Er war während jener Stunde der aufgerührten Natur mit Irene in der Laube seines Gartens gewesen. Das Dach schützte sie gegen Regen, eine große Reisedecke, in der sie sich zusammengeschmiegt, gegen den Wind, und so beobachteten sie aus sicherem Versteck, wie sich die Baumkronen beugten und dazwischen senkrechte Blitze gleich umgekehrten Raketen herabfuhren. Ein paarmal schlug der Donner tosend in der Umgegend ein, und dann sah man eine Feuersäule jenseits auf einer Hügelhalde aufsteigen. Das Reh aber, so ängstlich vor Menschenlärm, graste unbeirrt zu ihren Füßen in der regendurchpeitschten Dämmerung. Hans zog, von dieser Erinnerung traurig, die Füße aus dem Bach und während er Schuhe und Strümpfe wieder anzog, dachte er in kindlicher Verdrossenheit: »Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.« Verzweifelt ging er weiter und seine Beobachtung klammerte sich ratlos an jede Kleinigkeit. Auf dem Waldpfad lagen Scherben eines Mineralwasserkrugs und schließlich stand mitten im Weg ein alter Schuh. Hans verweilte sinnend lange davor und stocherte mit dem Stock in diesem verwitterten Andenken an verschwundenes Menschendasein. Dann gewahrte er weißbraune Pilze. Gewohnheitsgemäß riß er sie aus und stellte fest, daß sie eßbar waren. Sonst pflegte er gern von seinen Waldspaziergängen Irene Pilze zum Abendessen mitzubringen; aber heute warf er sie mißmutig weg; seine drei Mahlzeiten waren ihm ja gesichert, pünktlich wuchsen sie aus dem Holz des Tisches in der Eßzimmerecke unter dem Geweih. Der Waldweg stieg etwas an. Von einer sonnigen Wiese her drang Hitze durch die Bäume. Der Bach war verschwunden, mit ihm die feuchtschwarze Erde. Aus dem trockenen Boden voll gelben Laubes starrten von grauem Moos bedeckte Stämme. Eine welke, heiße Luft verbreitete sich. Hans setzte sich zwischen ein paar dünnen Tannen nieder und schaute einem Ameisenkrieg in der hellen bröckelnden Erde zu. Es packte ihn eine Wut gegen die Überzahl der nackten roten Ameisen, die in den Bau der viel größeren, langsameren schwarzen Ameisen eingedrungen waren und diese mit einer erbarmungslosen Gründlichkeit vernichteten, deren Geheimnis immer die gemeine Masse gegen die edle Minderheit besitzt. Hans vertiefte sich in diesen ihm gewohnten Gedankengang, sann über Weltentwicklung, ja über Politik und wurde erst durch das Geschrei eines Hähers aufgeschreckt; ihm war, als verhöhne ihn der Vogel, ihn, der in der menschenleeren Welt noch über derartige, nun endgültig erledigte Fragen nachsann und sich dabei sogar erregte. Hans ging einige Schritte weiter und kam nach einem Försterhaus, wo er oft auf seinen Waldgängen ein Glas frischer Milch getrunken hatte. Es erstaunte ihn nicht weiter, daß auch hier keine Menschenseele zu finden und die Tür des Holzhauses fest verschlossen war. Noch standen dort die alten Gartenmöbel aus Holz und Eisen. Oh, sie würden noch lange halten, dachte Hans mit Selbstverhöhnung, die Verwitterung des Stoffes sollte ja verlangsamt werden. Er setzte sich nieder und genoß den geliebten Blick hinab in die weite Flußebene mit einer burg- und domgeschmückten Stadt und dahinter einem hohen sanftgeformten blauen Gebirg. Das Försterhaus war sonst ein Ausflugsziel für die Besucher jener blühenden Stadt gewesen. An Freitag-Nachmittagen – heute war gerade Freitag – pflegten ein Herr Rat, ein Herr Rendant sowie Seine Hochwürden zusammen heraufzukommen. Hans hatte sich oft über ihre treuherzigen harmlosen Gespräche gefreut, die stets in der Feststellung gipfelten, daß die Zeiten schwer sind. Wo waren jetzt der Rat, der Rendant und Seine Hochwürden? Ein Schauer erfaßte Hans, als er sich die menschenleere Stadt vorstellte, er beschloß, den etwa zweistündigen Weg nicht zu scheuen, und ging in das Tal hinab. Silberblaue Haferfelder erstreckten sich längs des Weges. Der rote Roggen lag halb gemäht in der Nachmittagssonne. Neben den schweren, gebeugten Halmen standen schon Garben, in Mandeln gehäuft. Hans betrat die öde Vorstadt. Da erstreckte sich unter der Sonnenglut ein leerer Kasernenhof, wo noch vor wenig Tagen kurze Kommandorufe die Mannschaften in Drillichröcken in abgezirkelte Bewegung gebracht hatten. Jedenfalls war jetzt die Frage Weltfriede oder Kriege zugunsten des Friedens entschieden. Aus der Kaspelreiterschen Brauerei drang säuerliche Feuchtigkeit. Der schattige Wirtsgarten mit den langen Holzbänken war leer. Sogar das Storchennest auf dem Schornstein, das Hans nie verfehlt hatte, beim Vorübergehen liebevoll zu beobachten, war verlassen. Im Schuppen standen Wagen in allen Formen, bäuerliche und städtische, geflochtene und lackierte; über alle diese Fuhrwerke hätte Hans verfügen können, aber die Pferde waren fort. Ein gelber Kraftomnibus frommte ihm ebensowenig, denn er verstand nicht damit umzugehen. Die nachmittägliche Julihitze brannte auf die staubigen Stadtstraßen. Die Obststände waren verlassen, wo es sonst unter Leinwandzelten bunt geglüht und heiß gesummt hatte. Hans flüchtete sich unter die kühlen Steinlauben, die schwarz und leer längs der weißen Häuser hinliefen. Verödet lagen die blanken Gasthausküchen. Wo waren die vielen weißen Arme, die sich hier sonst zwischen bewegtem Geschirr schwangen? Er erreichte die alte Steinbrücke mit dem schwerfälligen Standbild eines selbst tief bedrückten und doch hilfreichen heiligen Johannes von Nepomuk. Hans blickte in die grünlichgraue Flut des starken Stroms, der sich an den Brückenpfeilern brach. Am Ufer stand aus weißem Holz die Schwimmanstalt, das Paradies glühender Sommernachmittage. Nur etwas zu voll war es dort manchmal für Hansens Geschmack gewesen; bekanntlich genügt ja ein halbes Dutzend wilder Buben, um eine Riesenschwimmanstalt für beschauliche Menschen unbenutzbar zu machen, die gleich Schwänen die Flut durchfurchen möchten. Heute war dort gewiß volles Schwanenglück möglich. Hans ging hinunter. Mit einem Fußtritt bewältigte er die verschlossene Tür. Der ihm wohlbekannte angenehme Geruch von sonnebeschienenem Holz und Teer empfing ihn, als er über das weite, leere Becken blickte, das von vielen Ankleidehüttchen umgeben war. Heute mußte er nicht ungeduldig warten, bis eines frei würde, auch brauchte man es nicht erst auszulüften, daß der Menschengeruch wich. Hans entkleidete sich und ging über den schwankenden, laut dröhnenden Bretterboden. Aus einer bewußten Ecke der Anstalt drang vertrockneter, heißer Gestank. Ungestört durch allzu wilde Buben und durch eine allzu strenge Sittenpolizei konnte er sich ohne Badehose in die starke Strömung werfen, gegen die er mit den Armen ankämpfte. Er schwamm an dem Holzspalt vorbei, durch den man in die Damenabteilung spähen konnte. Dieser Spalt hatte schon zu Hansens Schulzeit bestanden und war, hochberühmt bei allen Buben, stets von den älteren den jüngeren Geschlechtern gezeigt worden, die ihre dünnen Ärmchen und Rücken dort vorüberschoben und durchzublicken suchten, weil es forsch und verboten war, indessen ohne noch recht den Reiz dieses Spiels zu verstehen. Aber die Älteren drangen nun einmal in männlicher Geschlossenheit gegen »die Weiber« darauf, daß kein Auge keusch blieb. Hans konnte sich's nicht versagen, heute einen wehmütigen Blick durch den Spalt zu werfen, durch den er früher manches in sonnigen Tropfen glitzerndes Wassernixchen in bunter Bademütze und mit flatternden Achselhärchen beobachtet hatte. Er schwamm weiter. An der Querwand der Anstalt hing ein schräger Spiegel, in dem der Schwimmer sein Bild wahrnehmen konnte. Oft war Hans dies aufgefallen, aber heute schauerte er, als er das Bild des letzten Menschen sah, dessen Arme die Flut zerteilten. Nach dem Bad ging er den Fluß entlang bei den alten Patrizierhäusern in sanft welligen Barockformen. Beim Notar, dem Medizinalrat, dem Bürgermeister – überall dasselbe Schweigen. Die grünen Läden waren geschlossen wie bei einer langen Abwesenheit, die Gärten mit ihren bunten Zelten und Korbmöbeln standen leer. Nur die Insekten summten in den Obstbäumen. Hans ging durch die engen schattigen Gassen. Auf dem Markt befand sich ein Kaffeehaus, das er bisweilen besuchte, um Zeitungen zu lesen. Die Tür war zu fest, um sie ohne weiteres zu durchstoßen; an die großen Scheiben aber traute er sich nicht. Er drückte die Stirn an das Glas und erkannte die Tische und Stühle im dämmrigen Raum. Auf dem vordersten Marmortisch lag noch eine große in Holz eingespannte Zeitung, ein gestriges Abendblatt. Er kannte seinen Inhalt nicht, da er Abendblätter auf seinem Landsitz erst am nächsten Morgen zu erhalten pflegte. Heute war begreiflicherweise keine Post gekommen. Jenes letzte Abendblatt der Menschheit mußte eine wichtige Entscheidung darüber enthalten, ob zwei Staaten im Osten miteinander Krieg führen oder sich friedlich einigen würden. Mit gespanntester Neugier hatte Hans bis gestern die Entwicklung der Ereignisse verfolgt, und – so unwichtig dies nun alles geworden war – Hans hätte doch gern wie bei einer fremden Schachpartie, deren Anfang er verfolgt hatte, auch den Ausgang gewußt. Es war ihm aber unmöglich, durch das Fenster den kleinen Druck zu lesen. Er ging weiter und blieb an den Geschäften stehen, die ihre alten Auslagen zeigten. »Das alles ist nun mein,« dachte Hans, aber er wußte nicht, was er hätte entnehmen sollen. Selbst in der Buchhandlung sah er nichts, was er gerade brauchen konnte. Halt! In einem Notengeschäft lag ganz vorne die prachtvolle soeben erschienene Neuausgabe eines italienischen Tonsetzers aus dem 18. Jahrhundert. Für solche Musik besaß Hans eine besondere Vorliebe, doch war ihm jene Luxus-Ausgabe bisher zu teuer gewesen. Schnell entschlossen suchte er einen Stein, warf ihn nach der Scheibe, die in tausend Scherben zerbrach. Nun brach er in der Auslage ein und bemächtigte sich des Bandes. (Auch juristisch gehörte er ja ihm, denn da letzten Endes alle Menschen verwandt sind, war er der Erbe der ganzen Menschheit; als einziger Überlebender stellte er zugleich die Allgemeinheit dar, ja er war sogar der Fiskus, falls der Erbansprüche haben sollte.) Hans drang in die Handlung, in deren dämmrigem Hinterzimmer der Besitzer eine kleine Sammlung alter sonderbar geformter Instrumente angelegt hatte. Sie war Hans wohl bekannt. Einen Augenblick schwankte er, ob er eine alte Geige mitnehmen sollte, aber er hatte noch einen langen Heimweg. Was bedeutete all der Reichtum, wenn es keine Gelegenheit gab, ihn dahin schleppen zu lassen, wo man ihn brauchte! So begnügte sich Hans mit dem Notenband, der ihn schwer genug dünkte. Er ging weiter. Vor der Auslage eines Juwelierladens dachte er an Irene. Wie reich hätte er sie jetzt beschenken können! Die bläulichen Schatten des Spätnachmittags fielen in die Gassen und gemahnten Hans an den Heimweg. Der kürzeste Weg führte ihn durch ein sanft ansteigendes Wiesental zwischen Hängen hinauf. Der Anfang des Tals war noch von den letzten Giebelhäusern einer Vorstadt erfüllt, den ältesten Gebäuden der Stadt, die von zweideutigem, diebischem Gesindel bewohnt gewesen waren. Diese Verstoßenen lebten von Waschen, Gerben und Färben. Der Bach war daher dauernd milchig-trüb; scharfe Gerüche beizten die Luft. Auch jetzt war diese Unsauberkeit noch nicht verschwunden. Viele hölzerne Häuschen waren in Niederungen unterhalb der Straße zwischen allerlei Grün verkrochen. In zerbrochenen Töpfen gewährten ein paar kümmerliche Pflanzen ein bißchen Schönheit, die hier nicht recht gedeihen wollte. Einige zweideutige Buden befanden sich an den Ecken. Dort gab es allerlei schmierige Waren in giftigen Farben, minderwertige Süßigkeiten zum Lutschen, und wohl auch Fusel. Offene Aborte aus Holz standen in den verwahrlosten Gärten zwischen Kohlpflanzungen. An den Zäunen hingen stinkende Häute neben Weiberwäsche in grellen Farben. Auffallend waren auch die vielen zerbrochenen Nachttöpfe, die überall herumlagen. In den Büschen an der Hügelwand – ein Dorn im Auge des geistlichen Herrn – pflegten sich nachts die Töchter dieser Gerber und Färber, die tags wuschen, den Burschen der umliegenden Bauerngemeinden gegen Münze preiszugeben. Diese ganze Vorstadt war in ihrer Menschenleere besonders grauenhaft. Nun schien alles früher halb Verborgene, Gemeine, was ihre Bewohner seit undenklichen Zeiten geübt hatten, offen zu liegen. Fest verschlossen – wie grollend – kauerte die kleine Kapelle am Ende der Vorstadt, dann begann unentweihtes Wiesenland. In diese Kapelle hatten die Bewohner ihre schmutzigen Sünden getragen, vielleicht dort ihre Lieblingsheiligen um Förderung ihrer dunklen Pläne angefleht. Hans war oft hier gegangen und hatte diese Welt als eine Merkwürdigkeit beobachtet. Heute, wo doch das Schlimmste in ihr, die Menschen fehlten, ertrug er dieses versteinerte Entsetzen nicht. Er atmete auf, als ihn wieder reine Wiesenluft umfing. Bald befand er sich oben auf der Landstraße. Dort stand ein altes Muttergottesbild. Vor ihm kauerten sonst in der Dämmerung die Bauernweiber, zündeten Kerzen an und murmelten unaufhörlich Gebete. Den Alten und Bresthaften wurden kleine Hocksitze hingestellt. Die heilige Jungfrau schien ihren unsichtbaren Mantel durch die trostreichen Abende zu breiten über alles im dämmernden Land, was hilfsbedürftig war. Hans stand lange stumm vor dem Muttergottesbild. »Was ist ein Gott in Menschengestalt,« dachte er, »wenn es nur noch einen Menschen auf der Erde gibt, der obendrein unglücklicherweise ein Philosoph ist?« In der Dunkelheit kam Hans nach Hause. Es hatte fast etwas Aufreizendes, daß der Eßtisch pünktlich die Abendmahlzeit in der gewohnten Weise von sich gab. Hans warf unwillig den schweren Notenband auf die Tischplatte, so daß die gezauberte Mahlzeit klirrte. Er aß traurig. Dann legte er sich zu Bett, wie zerschlagen von seinem langen Gang. Am nächsten Morgen weckte ihn das Rauschen eines der erbarmungslosen Regen, die in der Gegend viele Tage zu dauern pflegten. Der Sommer, der noch gestern durch offene Türen und Fenster blau und golden in das Haus gezogen war, schien wie ein Prinz Karneval vertrieben. Hans setzte sich im Eßzimmer neben den Kachelofen und starrte auf den einsamen, pünktlich gedeckten Eßtisch in der Ecke gegenüber. Sonst war ihm solche Aschermittwochstimmung mitten im Sommer, wenn sie nicht zu lange dauerte, zur Abwechslung ganz recht. Sie fesselte ihn mehr an das Behagen des Hauses, an die Bücher, an den Schreibtisch, das Klavier und vor allem an Irene, der nur in ihren vier Wänden wohl wurde, die nur dort ganz sie selbst war und ihre stille Holdheit zu entfalten vermochte. In der Natur konnte Hans ihrer bisweilen auf Stunden vergessen, aber das Haus ohne sie war ein Gefängnis. Hans saß fast den ganzen Tag wie erstarrt in seiner Ecke neben dem kalten Kachelofen. In der Dämmerung ging er durch den Vorraum und öffnete Irenes Schränke. Er wühlte den Kopf in ihre Kleider und umfaßte sie, ihre entschwundene Form, ihren zarten Duft suchend. Tagelang schlich er müßig im Haus umher; manchmal flüchtete er in die Laube, der Regen rann unaufhörlich ins Gras. Als die Dunkelheit eintrat, entzündete sich von selbst die Lampe im Eßzimmer. Hans ging hinein und setzte sich zu seiner trüben Mahlzeit. Schon überlegte er eines Abends, ob noch genug von dem Schlafmittel da war, das Irene vorigen Winter während einer Krankheit hatte einnehmen müssen. Ein paar Pulver genügten wohl für den ewigen Schlaf. Da gewahrte Hans neben seinem Teller wieder ein vergilbtes Blatt, wie vor einigen Tagen. Hastig griff er danach und las erstaunt: »Fünf Worte sind erlaubt.« Plötzlich fiel die Einsamkeit wie ein Mantel von ihm ab. Also man kümmerte sich um ihn, man wollte ihn sogar zu Wort kommen lassen? Eine ungewohnte Lustigkeit schüttelte ihn plötzlich, er sprang auf, pfiff und tanzte: »Fünf Worte! Offenbar darf ich etwas wünschen! Es gilt nur, diesen fünf Worten wie einer Zauberformel den mächtigsten Inhalt zu geben.« Er dachte an die einfältigen Wünsche im Märchen, deren Erfüllung schließlich dem Wünschenden so unerträglich wurde, daß er sie wieder wegwünschen mußte. Nein, er, Hans Eichhorn, wollte klüger wünschen. Sinnend und beglückt durchmaß er das Zimmer. Im Büfett stand noch eine angebrochene Flasche Burgunder. Hans begann zu trinken, um seine Gedanken zu beflügeln. Halt, dachte er, ich werde noch gar nicht gleich wünschen. Der Zustand, noch alles vor sich zu haben, über das ganze Leben zu verfügen, ist zu schön. Alle Wünsche seiner Jugend tauchten auf: Weite Reisen, stärker als alle sein, Ruhm, zuzeiten auch Reichtum. Nein, nein, das alles galt ihm, dem Gereiften und vom Glück Gesegneten, heute nicht mehr viel. Er setzte sich an das Klavier und stellte die Flasche mit dem Glas neben sich. Wie an den schönsten Winterabenden, die er mit der lauschenden Irene verbracht hatte, begann er zu phantasieren und dazwischen bisweilen einen Schluck Burgunder zu trinken. Seine Kraft bestand hauptsächlich darin, Volkslieder aus allen Teilen der Erde auf dem Klavier wiederzugeben. Von vielen wußte er auch die Worte, und oft fiel seine Baßstimme singend ein. In solchen Stunden pflegte er das Leben am tiefsten zu fühlen, und wenn er dann aufsprang und sein ebenso hingerissenes Weib in den Arm nahm, dann verlangte sich ihre Liebe und sie fühlten sie wieder, wie sie tief und süß aus den alten Liedern klang. Dann dachte Hans oft des Lutherschen Spruches: »Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang.« Auch heute ging ihm der wieder durch den Kopf. Er sprang auf, Irene war nicht da; aber da lag doch das alte Blatt, das von ihm fünf Worte verlangte. Schnell entschlossen schrieb er darauf: »Gebt Wein, Weib und Gesang.« In diesem Augenblick wuchsen einige verstaubte dicke Burgunder Flaschen und einige schlanke Rheinweinflaschen aus der Tischplatte; von der Decke herab aber tönte reich wie aus der Kuppel von Sankt Peter der Chor: »Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium.« Die Lampe verlöschte. Hans fühlte ein paar Lippen auf den seinen und weiche Arme, die sich um seinen Hals schlangen. Die Nacht ging wortlos hin unter Trinken, Küssen und Gesang. Gegen Morgen flüsterte eine Stimme: »Ich komme wieder, wenn es dunkel wird.« Dann war Hans allein. Die erste Frühdämmerung drang durch die Fenster. Hans war unfähig, über irgend etwas nachzudenken. Trunken ging er durch das dämmernde Vorhaus und tastete sich in sein Bett, wo er sofort in schweren Schlaf verfiel. Spät erwachte er und gleich wiederholte sich in ihm das Wort: »Ich komme wieder, wenn es dunkel wird.« Er stand auf. Er sah weder den Himmel, noch die Bäume, er wußte nicht, ob die Sonne schien, oder ob es noch regnete, ob er gegessen hatte oder nicht. Er saß lange in der Laube und wiederholte nur immer: »Ich komme wieder, wenn es dunkel wird.« Gegen Mittag kam ihm der erste folgerichtige Gedanke, er fragte sich: »Wann wird es denn dunkel?« Und dann verwünschte er die langen Sommertage, an denen erst um neun Uhr die Nacht eintritt. Sein Geist erwachte langsam: Wer war dieses Weib, vielleicht der Teufel, oder war es gar – er erschauerte – Irene selbst? Das mußte er herausbekommen. Auf Wein würde er heute nacht verzichten, tunlichst auch auf Gesang; vielmehr wollte er seine Genossin zum Reden bringen. Er wurde immer kühner in seinen Gedanken: hatte er nicht früher manches spröde Frauengeheimnis keck erforscht? Mit beflügelten Schritten eilte er ins Schlafzimmer, denn dort wollte er sie heute erwarten, und schloß alle Läden in der Hoffnung, die Dunkelheit früher zu erzwingen. Leider aber drang immer noch genug Licht herein, um ein Antlitz erkennen zu können. Gegen acht Uhr wurde es endlich merklich finster. Hans war so kühn, sich zu Bett zu legen. Bald darauf trat in dem Zimmer völlige Nacht ein. Er fühlte Frauenglieder in seinen Armen. »Wer bist du, woher kommst du? steh mir Rede!« rief er. Das Weib kicherte leise. »Was sind das für törichte Fragen für einen Philosophen! Wußte man denn sonst, was der Mensch ist, woher er kommt, wohin er geht? Weißt du denn, was du selber bist?« »Ich bin ein Mensch, aber du? Vielleicht bist du der Teufel.« Das Weib ergriff im Dunkel Hansens rechte Hand und ließ ihn ihre Stirn berühren. »Habe ich Hörner?« Hans fühlte glatte, frische Haut und volles duftiges Haar. Dann führte sie seine Hand an ihre schlanken Füßchen. »Habe ich einen Pferdefuß? Rieche ich vielleicht nach Schwefel?« Hans warf sich berauscht in ihre Arme, wie in einen feuchten Rasen voll zarter Frühlingsblumen. Nach einiger Zeit begann er von neuem: »Warum wird mir dies entsetzliche Schicksal zuteil?« »Was fehlt denn dem alleinigen Herrn der Erde?« Hans überlegte, was er sagen sollte. Das einzige, was ihm ernstlich gefehlt hatte, war Irene, aber dies jetzt zu sagen, verbot ihm doch der ritterliche Anstand. Ja, was fehlte ihm eigentlich? Um nur irgend etwas zu sagen, antwortete er: »Nun, als ich vor einigen Tagen in der verlassenen Stadt war, hätte ich doch gern eine Tasse Kaffee getrunken, wie sonst.« »Ist das alles? du wirst künftig das Kaffeehaus geöffnet und dort alle die Erfrischungen finden, die du zu nehmen gewohnt warst. Selbst Zeitungen sollst du finden von ebenso buntem, bewegtem Inhalt wie früher. Hast du weitere Wünsche?« Hans wurde keck. Es reizte ihn, gerade das Unmögliche zu verlangen. »Gewiß. Am Donnerstag pflegte mein Freund Dr. Specht vom Land in die Stadt zu kommen. Dann trafen wir uns meistens in dem Kaffeehaus.« »Gut, morgen ist Donnerstag, er wird wieder dort sein.« Hans traute seinen Ohren nicht. Durch die Läden drang erste graue Dämmerung ins Zimmer. »Auf Wiedersehen, mein Lieber,« flüsterte eine zärtliche Stimme. »Ich komme wieder, wenn es dunkel wird.« Hansens Arme tasteten ins Leere. Zuerst war er unwillig, aber dann mußte er sich sagen, daß das Wesen doch recht verständig war. Nichts von dem alten Märchenschnack, keine von den abgedroschenen Drohungen: »Falls du Licht anzündest, bin ich dir auf ewig verloren.« Wenn es hell wurde, entschwand sie einfach von selbst, ihrer nächtlichen Natur gemäß. Ob sie wirklich ihr Versprechen halten würde, den Dr. Specht in das Kaffeehaus zu zaubern? Den Tag verbrachte Hans in freudiger Unruhe. Am Nachmittag ging er in die leere Stadt hinunter. Die Straßen unterschieden sich in nichts von dem öden Anblick, den sie neulich geboten hatten. Als er aber auf den Markt kam, stand wahrhaftig die Glastür des Kaffeehauses offen. Das rot und graue Zelttuch zum Sonnenschutz war herabgelassen. Hans trat ein, und da sah er auch schon das gelbliche bartlose Gesicht des etwas fetten Freundes Specht an dem gewohnten Platz über eine Zeitung gebeugt. Mit den Fingern zerbröselte er einen Zigarettenstummel. Er blickte auf. »Grüß Gott, Eichhorn, schön, daß du kommst.« Hans war etwas betreten und hielt die Hand des Freundes ungläubig in der seinen. Sie war schwer und weich wie immer. »Was sagst du zu dieser Erfindung?« lachte Dr. Specht; die fleischigen Lippen zeigten zwei Reihen kerngesunder Zähne. »Welche Erfindung?« fragte Hans, fast ärgerlich über Spechts unbefangenen Ton. »Nun, wenn das kein Sieg der exakten Naturwissenschaft ist ...« sagte Specht. Er schien die alte, zwischen den Freunden stets schwebende Streitfrage zwischen metaphysischer und naturwissenschaftlicher Welterklärung sofort in seiner gutmütig frozzelnden Art aufnehmen zu wollen. Hans setzte sich an den Marmortisch. Vor ihm stand der gewohnte Milchkaffee. Auf einem Tellerchen lagen zwei mürbe Kipferln. Er wollte nicht weniger Fassung zeigen als sein Freund. »Wie lebst du?« begann er. »Na, meine Praxis ist natürlich eingegangen. In dem ganzen Nest lebt keine Menschenseele mehr. Aber ich habe jetzt Zeit, mich ausschließlich mit Naturwissenschaften zu beschäftigen.« »Bist du auch ganz allein?« »Ganz, das heißt, wie man's nimmt ... So wie früher.« Die braunen, mandelförmigen Augen des Dr. Specht schienen zu lachen, so wie einst, wenn er Mädelgeschichten erzählte. »Kommt auch zu dir eine Frau?« fragte Hans fast schüchtern. »Du weißt, ich war nie monogam veranlagt.« »Also kommen mehrere?« »Wie du nur fragst. Ich habe – bis auf die ausgefallene Praxis – mein Leben in nichts geändert.« Hans konnte sich vor Staunen kaum fassen. »Was hat dich denn heute hierher geführt?« fragte er weiter. »Es ist doch Donnerstag.« »Ja, wußtest du denn, daß ich da sein würde – trotz allem?« »Trotz allem ist gut,« lachte Dr. Specht. »Ich habe dich doch kommen lassen.« »Wa–as?« rief Hans fast erschrocken. »Du mich? Ich dich!« Der Doktor schüttelte sich vor Lachen. »Wie hast du denn das angestellt, Philosoph?« »Ich habe einfach dein Erscheinen gewünscht.« »Bei wem denn, wenn ich fragen darf?« Hans kam in Verlegenheit. Er suchte nach Worten. Er wollte doch sein zartes Geheimnis nicht preisgeben. Dann sagte er entschlossen: »Nun, bei der metaphysischen Kraft, die mich umgibt.« Das runde Gesicht des Doktors wurde immer aufgeräumter und zeigte beständig die gesunden Zähne des fast kreisrunden dicken Mundes. »Ja, bist du denn immer noch nicht geheilt von deiner Metaphysik?« fragte er. »Ich, der letzte Mensch, habe ein ganz einfaches Naturgesetz entdeckt, das mir ermöglicht, alle Formen – natürlich nur solche, die im Leben einmal vorgekommen sind, natura non facit saltus – mit Hilfe von Strahlen neu zu beleben, und so, Freunderl, bist du soeben entstanden.« »Ich?« rief Hans empört. »Ja, du,« sagte der Doktor und begann immer lebhafter sein Steckenpferd zu reiten. »Also meine Erfindung ist so: links stell' dir vor ... eine riesenhafte radioaktive Platte, daran schließt sich ein breites Gestänge ...« »Um Gottes willen ... hör auf,« rief Hans, der Worte wie Gestänge nicht vertragen konnte. Aber der Doktor ließ sich in seinem Eifer keinen Einhalt gebieten. »Über dem Gestänge ist ein Gebläse mit einem Riesenkolben ...« Hans sprang auf und schrie: »Genug von dem Unsinn ... ich kann das nicht hören.« Der Doktor aber lächelte gutmütig und sagte: »Dir fehlt eben die exakte naturwissenschaftliche Vorbildung – was ich immer gesagt habe. Also setz dich wieder hin.« Hans setzte sich – dann sagte er trocken: »Ich habe dich ohne Gestänge und Gebläse durch die geistige Kraft meines Wunsches hier entstehen lassen, dich genau wie diese zwei Kipferln. Das alles ist mein Geschöpf.« »Da erkenne ich wieder den Hochmut des Philosophen,« rief Dr. Specht und schlug auf den Tisch, hochbefriedigt, den Gegner nun da zu haben, wo er ihn ins Herz treffen könnte. »Geschöpf! Nichts können wir schaffen. Ich bin so wenig dein Geschöpf, wie du meines. So anmaßend sind wir schlichten Naturwissenschafter nicht. Wie ich schon gesagt habe: wärst du nicht bereits in der Welt der Erscheinung vorgekommen, so hätte ich dich mit meinem Gebläse (Hansens Gesichtsnerven zuckten) ebensowenig beleben können, wie diesen Kaffee. Die Naturwissenschaft erstrebt nichts anderes, als das Vorhandene zu erkennen, zu ordnen und zu nutzen. Nur dieser bescheidenen Tätigkeit verdankst du dein Dasein. Geschaffen habe ich dich nicht.« »Aber ich habe dich geschaffen. Ich bin der letzte Mensch und ich werde weiter schaffen.« »Bitte, laß dich nicht stören, laß mich sehen, was du kannst.« »Ich muß erst wieder zu meinem ... Gebläse zurück,« erwiderte Hans sarkastisch; dann rief er: »Kellner, zahlen!« Aber schon im nächsten Augenblick bemerkte er seine Zerstreutheit. Es gab ja keinen Kellner. Plötzlich erschrak er aber. Wenn es am Ende doch einen gab? Den hätte dann Dr. Specht mit seinem Gestänge hergezaubert. Das wäre freilich ein Beweis gegen die metaphysische Weltanschauung gewesen. Aber auch das sonst so selbstsichere runde Gesicht des Dr. Specht schien ungewisse lauernde Angst zu verraten. Offenbar dachte er Ähnliches. Auch er hatte versäumt, die Form eines Kellners vorzubereiten, und wenn nun doch auf Hansens Wunsch einer kam, so wäre es ein Sieg der Metaphysik über die Naturwissenschaft gewesen. Aber es kam keiner. Wieder einmal stand die große Frage dicht vor der Lösung und blieb schließlich wie immer ungelöst. Hans reichte seinem Freund die Hand zum Abschied. »Nichts für ungut,« sagte dieser. Hans lachte. »Aber keine Spur,« erwiderte er. »An solche Streitereien sind wir doch nachgerade gewöhnt. Also, Servus.« »Servus,« rief der Doktor. »Kommst du nächsten Donnerstag?« »Falls bis dahin das beiderseitige Gebläse nicht versagt,« spottete Hans, der schon in der Tür war. Dr. Specht lachte pfiffig, als sei er seiner Sache wieder gewisser als je. Hans kehrte nachdenklich nach Belfried zurück. Er beschloß die Kraft seines Wunsches zu versuchen und in der Nacht von seiner Geistergattin das Unwahrscheinlichste zu verlangen; die Metaphysik mußte dieses Mal über die Naturwissenschaft siegen. Um acht Uhr lag er im Bett, bald darauf fühlte er das Weib in den Armen. »Warst du mit deinem Tag zufrieden?« fragte die ihm schon vertraute Stimme. »Nicht ganz. Diese unbelebte Welt ist gräßlich. Beleben wir sie.« »Gerne, ich tue für dich alles, was ich kann.« »Lasse die alten Bewohner in die Stadt zurückkehren,« wagte Hans zu fordern. »Morgen werden sie dort sein.« Er glaubte sich verhört zu haben. War denn das alles so leicht? »Dann belebe auch wieder das Dorf, den Garten, gib mir das Reh zurück, die Hühner, das Gesinde, die – –« Hier stockte Hans. Er hatte die Liebe jenes Geisterwesens genossen. Vielleicht konnte es ihm alles geben, die Gattin aber würde es ihm gewiß vorenthalten. »Das Dorf, das Gesinde, das Reh, die Hühner, den Garten – alles wirst du morgen wiederfinden.« Voll überschwenglichen Dankes umarmte Hans das Wesen und schlief in seinen Armen ein. Aber im Schlaf setzten sich die Ereignisse fort. Ihm war, als wisse er, daß er träumte, und er vermochte den Traum zu lenken. »Ich habe aber noch einen Wunsch,« begann er heimlich. »Ich weiß ihn wohl,« erwiderte das Wesen. »Dann erfülle ihn mir.« »Nicht ehe du ihn ausgesprochen hast.« »Warum ist das nötig?« »Bist du so feige?« In diesem Augenblick nahm Hans sich zusammen und schrie aus Leibeskräften: »Irene.« Er fühlte, wie sich das Wesen über ihn beugte, umarmte und erschreckt fragte: »Was ist dir ... Da bin ich ja.« »Nein,« rief er, sich wehrend, »dich will ich nicht. Ich will meine Frau.« »Hier bin ich ja, hier bin ich ja,« rief die Stimme. Hans erwachte und er sah, daß er in Irenens Armen lag. * Als Hans am Abend wieder vor Belfried spazieren ging, gedachte er seines gestrigen verzweifelten Gedankens: »Nichts ist wirklich, nichts ist mein.« War es nicht vielmehr umgekehrt? Gerade wie alles, was er wahrnahm, fühlte, erlebte, nur in ihm war, war es sein. Gerade weil es keine eigene Wirklichkeit besaß, war es ihm ganz und gar wirklich. Jede Nacht schuf sein Traum die Welt neu und jeden Morgen fand er sie wieder in gleicher Fülle, bald trüb, bald heiter; so lange Liebe in ihm war, würde er immer wieder Geliebtes schaffen, wenn es auch eines Tages vielleicht nicht mehr Irene hieß; und so lange noch die Lust der leisen Ungewißheit in ihm stach, die zu dialektischer Verteidigung Standpunkte gegen Widersacher einnahm, würde auch immer wieder irgendwo ein Dr. Specht sitzen, der sich auf Gestänge oder Gebläse berief. Der Traum des Kommandeurs Der Korpskommandeur Graf von Schaller-Breteuil lag seit Monaten mit mehreren Herren seines Stabes im Schloß Aiglefort in Quartier. Nach dem Nachtmahl pflegten die Herren in dem weißen, im Stil Ludwigs XV. gehaltenen Salon unter gelb verschleierten Lampen bei der Zigarre die Ankunft des Kreistelegramms zu erwarten, das allabendlich an der ganzen Front die Tagesereignisse der Kriegsschauplätze in Satztrümmern bekanntgibt. Viel hatte man sich nicht mehr zu erzählen. Obwohl in dem Stab Männer fast aller Fakultäten und höheren Berufe, weitgereiste und witzbegabte, vertreten waren, hatten sich die Gespräche im Verlaufe des langen Stellungskrieges erschöpft. Nur ein Stoff kehrte naturgemäß von Zeit zu Zeit immer wieder: unser Verhältnis zu den Franzosen. Daß ihnen, die uns jahrhundertelang mit Raubkriegen überzogen haben, durch diesen Krieg der Vergeltungsgedanke mit Stumpf und Stil ausgetrieben werden müsse, darüber war man sich einig, sonst aber gingen die Meinungen weit auseinander. Der Generalstabsoffizier bewunderte Joffre und den französischen Soldaten im einzelnen. Oberst Schulz, ein alter Pionier, meinte, die ganze Bande »sei nischt wert«, und er, der Gutmütigste von allen, versuchte seinem runden, geröteten Gesicht vergeblich einen Ausdruck von Grausamkeit zu geben, als wollte er am liebsten das ganze Land von der Flanke Deutschlands wegsprengen. »Wenn ich zu bestimmen hätte,« sagte er, »aber leider hört man ja nicht auf mich, dann müßte ganz Frankreich deutsches Reichsland werden, meinetwegen unter dem Namen Elsaß-Lothringen, und in Paris müßte ein deutscher Statthalter sitzen.« Alle lachten. Der Verpflegungsoffizier, ein schmaler, sehniger Sportsmensch, im Privatleben Großkaufmann in Schanghai, erklärte die Franzosen für ein niedergehendes Volk. Er hatte in den meisten Häusern viel Unsauberkeit gefunden, aber überall große Vorräte an Wein und Schnaps, an Betäubungsmitteln und Gegenständen, die den Bevölkerungsrückgang des Landes verständlich machen. Der Ortskommandant des nahen Städtchens, zu dem Schloß Aiglefort gehört, war dagegen des Lobes voll über die Umgänglichkeit der Bevölkerung. Er war Notar im Rheinland und hatte früher viele Vergnügungs- oder Studienreisen nach Frankreich unternommen. »Ich sage Ihnen, wenn es ein Mittel gäbe, die französische Provinz von dem Einfluß der Pariser Schwätzer und Schwindler zu befreien – was uns ja im Augenblick hier gelungen ist –, dann wären die Franzosen die vernünftigsten, lenksamsten Leute. Kein dummer Trotz ist in ihnen und ebensowenig gesinnungslose Biegsamkeit. Die Leute haben die Lage völlig richtig erfaßt. ›Ihr seid im Augenblick die Stärkeren‹, hat mir neulich eine brave Gasthofbesitzerin gesagt, ›und da heißt's, sich mit euch vertragen, und es geht ganz gut, denn ihr seid ja keine Ungeheuer, wie uns die Zeitungen glauben machen wollten. Oh, überhaupt die Zeitungen, mein Herr, die sind an allem schuld.‹ Nun, ich finde, diese Frau hat den Nagel auf den Kopf getroffen.« »Ich würde es bedauern,« sagte der Graf von Schaller-Breteuil, »wenn die Franzosen zugrunde gingen oder auch nur auf den Rang Spaniens hinabsänken. Europa braucht sie als Kulturvolk. Das hat schon unser Treitschke gesagt. Hat nicht Friedrich der Große auch gegen sie Krieg geführt, sie scharf beurteilt, und schließlich hätte er sie nicht missen mögen? So geht es mir auch. Wenn sie für uns unschädlich geworden sind, will ich sie wieder als Freunde haben, aber, meine Herren, Sie wissen, ich bin Partei, ich habe ja selbst Verwandte in diesem Land.« Der Graf erhob sich. Trotz seinen 65 Jahren streckte sich unter dem feldgrauen Tuch die aufrechte Gestalt eines Dreißigers. Er strich sich den noch kaum ergrauten dunkeln Kinnbart, verbeugte sich und begab sich auf sein Zimmer. Als er sich unter dem dunkelblauseidenen, goldverzierten Himmel in dem breiten französischen Bett ausgestreckt hatte, dachte er lächelnd: »Merkwürdig, daß die Menschen in alles ihre persönlichen Gemütsbewegungen tragen müssen. Dieser gute Oberst Schulz glaubt gewiß, er würde schlechtere Sprengungen machen, wenn er sich nicht mit Haß gegen den Feind erfüllte; und vielleicht ist es auch so; am Ende braucht gerade er diesen Haß als Schutz gegen seine Gutmütigkeit, die ihm aus den Augen lacht.« Noch vorigen Sommer war der Graf in einem ähnlichen Schloß wie Aiglefort, ganz in der Nähe, als Gast bei einer Base gewesen, und heute wohnte er hier nach dem Recht des Eroberers. Er ließ seine Gedanken schweifen, die langsam in Schläfrigkeit verdämmerten. Er bemerkte nicht, daß die Kerze niedergebrannt war und die letzten Male aufflackerte. Da öffnete sich plötzlich neben ihm eine Tapetentür. Der Graf überblickte ein trauliches, hellerleuchtetes Kabinett, von dessen Dasein er bisher nichts gewußt hatte. Dort saß eine alte Dame mit mehreren jüngeren Frauen und ganz jungen Mädchen um einen runden Tisch unter der Lampe. Die Mädchen, schwarzlockig und zum Teil sehr hübsch, waren mit Rahmenstickereien beschäftigt. Der Graf befand sich, entzückt, plötzlich mitten unter den Damen. »Also hierher haben Sie sich versteckt?« sagte er lächelnd. »Ja, was sollten wir denn tun, lieber Graf?« fragte die alte Dame und warf ihm einen freundlichen Blick aus noch warmen, dunklen Augen zu, »wenn Sie alle Räume mit Ihren schrecklichen Leuten besetzen! ... Haben Sie es denn jetzt wenigstens bequem bei uns?« Der Graf lobte das Schloß über die Maßen. Als er einen Gobelin im Speisesaal, einen Gaspard Poussin in seinem Arbeitszimmer und zwei reizende Bouletischchen in dem weißgelben Salon erwähnte, erkannte die Familie geschmeichelt den Kenner, und nun öffnete man Wandschränke, holte Kupferstiche, Miniaturen, Fächer, alte Tassen hervor, die der Graf in seine alten, schlanken Hände nahm und liebevoll betastete. Auch mehrere ledergebundene Erstausgaben von Balzac und Victor Hugo, auf Velin gedruckt, wurden gebracht. Dann führte man den Grafen über geheime Treppen, von denen mehrfach kleine Türen in ähnliche zierliche Kabinette führten, wie das, in dem er die Familie versammelt gefunden hatte. Es war klar, daß hier zwischen den ihm bekannten großen Räumen des Schlosses ein ganzes System verborgener Zimmer eingebaut war, wo die Familie des Besitzers sich versteckt hielt. Der Graf fand das alles reizend. Er hatte sich mit seinen liebenswürdigen Führerinnen schon recht angefreundet, als Georgette, die älteste der Töchter, eine junge Frau in voller Blüte, sagte: »Nun, lieber Graf, zeigen Sie uns auch Ihre Welt!« »Wenn Sie keine Angst vor Granaten und Schrapnells haben?« »Französinnen haben niemals Angst.« Sie gingen durch den Schloßpark. Der abnehmende Mond hing rötlich zwischen zerflatternden Wolken. Die Landstraße war verödet, rechts und links in den Feldern sah man fast hausgroße Granatlöcher. Man ging durch ein zerschossenes Dorf. Mauern mit geschwärzten Fensterrahmen standen um Schutthaufen. An den inneren Wänden hingen Fetzen von Tapeten. Der Mond beleuchtete diese Verwüstung. Gespenstische alte Leute irrten dazwischen umher und suchten nach ihren verschütteten Habseligkeiten. Hinter dem Dorf führte der Graf seine Damen von der Landstraße ab über das Feld und dann über eine Anhöhe, jenseits deren die Sappe begann; ein mannshoher in den Lehmboden geschnittener Gang, der zu den Schützengräben bis in die vordersten Reihen führte. Von Zeit zu Zeit hörte man Kanonendonner. »Haben Sie keine Angst,« sagte der Graf lächelnd, »Ihre Landsleute sind ordentliche Menschen. So genau, wie sie ihre Essenszeiten einhalten, so pünktlich sind sie im Schießen. Um diese Stunde fällt es ihnen ebensowenig ein, eine richtige Beschießung vorzunehmen, wie zu Mittag zu essen!« Seine Begleiterinnen lachten. »O, Sie kennen die französischen Sitten!« sagte die alte Dame, die mit ungewöhnlicher Rüstigkeit vorwärts kam. Sie hatte ihren schwarzen Seidenrock etwas hochgenommen, und nun trippelten die noch zierlichen Füße durch die lehmige Sappe; ihre Töchter folgten ihr. Man war gerade in eine Ausbuchtung des Ganges gekommen. Der Graf wollte eben der alten Dame die Hand reichen, um ihr auf eine kleine Bodenerhöhung zu helfen, von der aus man hinter einem Schutzschild einen Blick auf die französischen Stellungen werfen konnte. Da kam ihnen plötzlich jemand aus der Sappe entgegen. »Was ist denn das? Hier wird ja Französisch gesprochen!« rief eine Stimme. Der Pionieroberst Schulz stand, von einem jungen Leutnant aus dem Schützengraben begleitet, plötzlich vor dem Kommandeur. »Ah, Sie sind es, lieber Schulz? Das hier sind unsere liebenswürdigen Schloßdamen ...« »Was?« rief der Oberst außer sich, »Exzellenz zeigen den Feinden unsere Gräben?« »Keine Aufregung, Herr Oberst, liebenswürdige Damen, Verwandte von mir, die einmal sehen wollten ...« »Da hören Rangunterschiede auf, Herr General, meine Pflicht ist, Sie sofort zu verhaften!« Entschlossen griff nun die alte Dame ein und sagte: »Herr Oberst, Ihr Eifer ist löblich, aber Sie befinden sich in einem Irrtum. Lassen Sie mich alles in zwei Worten erklären. Der Graf von Schaller-Breteuil ist –« Hier unterbrach sie der Graf Schaller-Breteuil selbst und sagte: »Genug, Madame. Wie? Sie bitten für einen Verräter seines Landes? Als Französin könnten Sie wissen, was Disziplin ist. Hat nicht Ihr Joffre selbst neulich zwei Generäle erschießen lassen? Ich bitte, kein Wort mehr. Geben Sie mir Ihren Arm!« Die jungen Damen gingen voran, dann folgte Graf Schaller-Breteuil, am Arm die Schloßherrin, und hinter ihnen ging Oberst Schulz mit seinem jungen Leutnant. Man gelangte auf die Landstraße. Im Schloßpark wurden die Damen von dem Leutnant abgeführt. Der Graf ging in sein Schlafzimmer, das der Oberst Schulz bewachen ließ. Als der Graf wieder in sein Bett steigen wollte, fand er sich bereits selbst darin liegend. Er warf sich in unruhigen Morgenträumen umher, manchmal redete er aufgeregte Worte, auf die er selbst antwortete. »Erschießen muß man den Kerl!« »Aber, ich bitte, was hat er denn getan, eine kleine Freundlichkeit gegen seine alte Base, ganz ungefährlich.« »Ganz Frankreich muß von der Karte verschwinden – deutsches Reichsland werden –« »Aber, ich bitte, selbst Treitschke ... Friedrich der Große ...« Der Graf wollte den Verräter, der im Bett lag, aus dem Schlaf rütteln; der aber zog ihn an sich, immer dichter. Der eine rüttelte, der andere zog. Während dieses Zweikampfes erwachte der Graf, Morgenlicht fiel ins Zimmer. Der Generalstabsoffizier stand an seinem Bett und meldete: »Die französische Artillerie bereitet einen Sturmangriff vor.«