Ludwig Tieck. Das alte Buch und die Reise ins Blaue hinein. Eine Mährchen-Novelle. 1835.   Berlin, Druck und Verlag von Georg Reimer. 1853.   Es war ein alter Freund, ein Bekannter aus meiner frühesten Jugend, der mich vor ungefähr drei Jahren verließ, um sich wieder einmal in den Gebirgsgegenden umzuschauen und zu ergötzen, die er immer wieder besuchte, wenn es ihm möglich war, eine Reise zu unternehmen. Niemals bereisete er zum Vergnügen ein ebnes Land, noch weniger richtete er seinen Zug jemals nach Norden. Dies waren seine Eigenheiten, deren er viele hatte, und manche so wunderliche, daß seine Freunde unter diesen Capricen oftmals litten. Was am schwersten zu übertragen war und was uns Andere am meisten störte, war sein unerschütterlicher Prosaismus, wie man wohl seit manchem Jahre die Unfähigkeit, durch Poesie, oder seltsame Verhältnisse sich erhitzen oder begeistern zu lassen, hat nennen wollen. Philisterei ist seit 1774, in welchem Jahre Göthe's Werther erschien, noch mehr als Bezeichnung ruhiger, verständiger und brauchbarer Menschen beliebt worden, die eben kein heißes Herz, keinen Enthusiasmus haben, oder die das Geheimniß in der menschlichen Natur, den Adel der Leidenschaften, die Naivetät und Großheit ächter Simplicität nicht sehen und anerkennen wollen; denn dieses alles wird immer von jenen, die halbgebildet sind, durch Altklugheit und frühreife Weisheit, so wie voreiliges Abschließen der schwierigsten Fragen und Zweifel auf immer vertilgt. Die Worte Philister und Philisterei sind 6 uns geblieben, ja unserer Sprache nothwendig und unentbehrlich geworden. Doch hat sich unvermerkt der Begriff, den Göthe zuerst damit bezeichnen wollte, in diesen funfzig Jahren so geändert, daß altdeutsche, oder liberale, politische, religiöse Alberts , gegen welche der Albert von 1774 wohl genial, enthusiastisch und abergläubig zu nennen ist, im Jahre 1834 den damaligen Werther einen kleinlichen, sentimentalen Philister nennen würden, der sich weder für Staat, Menschheit, Freiheit noch Natur begeistern könne, sondern der nur einer armseligen Liebe lebt und stirbt. Mich dünkt, dergleichen ist auch schon (schlimmer als es im Jahre 1775 Nicolai aussprach) in frommen oder begeisterten, sowie auch politischen Büchern, Journalen und Recensionen gesagt worden. Nach dieser Sprachumkehrung nannten wir aber nicht unsern Beeskow einen Philister, weil er etwa dem Werther zu ähnlich gewesen wäre, sondern in der Bedeutung, mit welcher Göthe zuerst jene Anti-Enthusiasten, Unpoeten, die Kinder und Schüler des Herkommens und der Gewöhnlichkeit bezeichnen wollte. Und so war denn Freund Beeskow ein geordneter, rechtlicher Mann, der anständig von seinem mäßigen Vermögen lebte, immerdar ruhig, beständig vernünftig war, gewöhnlich im Nachtrabe hinter der Zeit, ihr niemals vorauseilend, stets mäßig in Gedanken und Worten, und ein solcher Liebhaber der Beschränkung, daß er nicht nur jeden tiefsinnigen, kecken, sondern selbst oberflächlichen Gedanken gerne noch beschnitt und moderirte, um ihm alles noch etwanig Anstößige zu nehmen. Kam also unsere Gesellschaft, welche viele Unwissende die gelehrte nannten, zusammen, so war er, wenn er nicht stritt, ruhig und schweigsam. Stritt er aber, so war er wirklich unleidlich, indem er Alles verneinte, er mochte es kennen, oder nicht, sei es 7 nun Philosophie oder Kritik und Poesie, und gegen Fichte, Kant, Schelling war er eben so ein unerbittlicher Widersacher, wie gegen Jean Paul oder Jakob Böhme, gegen Jakobi, Göthe oder Schiller, gegen die Nibelungen und Tristan oder Titurell, wie gegen Bader, la Mennais oder St. Martin. Auch Krug oder der menschenfreundliche deutsche Lafontaine, wie Tiedge und Raupach, oder wer es immer sei, auch der schuldloseste vergessene berühmte oder ganz unbekannte Selbstdenker und große Autor fand keine Gnade vor ihm, so daß seine vieljährigen Freunde nicht wußten oder sagen konnten, was er denn eigentlich wolle; weshalb auch der jüngste an unserer Meistersängertafel einmal dreist aussprach, unser Beeskow sei eigentlich ein Fanatiker für das Nichts, diesem nur wolle er leben und sterben. Seltsam war es freilich, daß dieser fast noch junge Mann (der aber auch vielleicht seiner Unreife wegen der Wahrheit nicht ganz treu geblieben ist) uns versicherte, er habe jenen in seiner Wohnung überrascht, indem Beeskow nicht ohne Wohlgefallen ein Buch von Clauren, ja sogar die Uebersetzung eines neuen Pariser Lustspiels, Melodrams, oder Schauspiels gelesen habe. Wie gesagt, diese Anzeige glaubte die gelehrte Gesellschaft nicht, wohl aber waren wir alle davon überzeugt, daß es unserm ehrbaren, verneinenden Beeskow an Sinn für Poesie, Humor und Kunst mangle, und daß er in der Welt, wie so Viele, mitlaufe, ohne von sich oder Andren über das Bedeutsame ihrer Bestrebungen irgend Rechenschaft zu fordern. Freude an der Natur mußten wir ihm wohl zugestehen, da er so oft Reisen unternahm und immer fröhlich und gesund wiederkehrte. Bei seiner letzten Reise war es auffallend, daß er von einem Buche, Gedichte oder einer Erzählung sprach, welche 8 er in einem Dorfe, dem höchst gelegenen des Gebirges, aufsuchen wolle, und die er schon in seiner Jugend dort angesehen, aber nicht gehörig beachtet habe. Er behauptete, die sonderbare Legende sei gewiß um die Zeit des Hans Sachs und der Schule der Meistersänger niedergeschrieben worden, es scheine ihm aber ein älteres Gedicht, welches man nur verändert habe, und in welchem manches fehlende Blatt durch spätere, sonderbare Prosa sei ersetzt worden. So zöge sich, seiner verwirrten Beschreibung nach, der Ursprung der Erzählung wohl bis in die ächt poetische Zeit des Mittelalters hinaus, und sei verstümmelt, ergänzt, und durch neue Zusätze von Schulmeistern, Predigern, oder fahrenden Schriftstellern in Grund und Boden verdorben worden. Wir kümmerten uns Alle nicht sehr um diese seine unkritische Kritik, um so weniger, da unser Forscher von dem eigentlichen Inhalte des Gedichtes oder Romanes gar nichts anzugeben wußte. So reisete er ab, schrieb nur selten, und nach einigen Monaten meldete er mir, daß er jene Legende kopirt und das Fehlende auf seine Weise ergänzt, auch manche zu grobe Unrichtigkeiten und Widersprüche verbessert habe. Nach einem halben Jahre erschraken wir Alle, als wir die Nachricht seines Todes vernahmen. Jeder Bekannte, an welchen wir uns seit Jahren gewöhnt haben, macht im Kreise der Freunde eine schmerzliche Lücke, sollten auch Alle immerdar mit ihm gestritten haben, sollte er selbst der Umgebung oft lästig gefallen seyn. Sieht man doch selbst nicht ohne Wehmuth den Zahn seine Stelle verlassen, der uns Monden lang gemartert hat. Ich war nicht wenig erstaunt, als ich nach einigen Wochen fünf Hefte, als das Vermächtniß des alten unpoetischen Beeskow empfing. Denn es zeigte sich nun (wie es so oft geschieht), daß wir ihm Alle Unrecht gethan hatten. Er war 9 im Innern nicht so ohne Poesie gewesen, wie unser eigensinniger Widerspruch angenommen hatte. Ich las erfreut jene alte Geschichte, die er wollte im Gebirge abgeschrieben haben. Sie schien mir vielmehr ganz und gar von ihm umgearbeitet, wenn nicht selbst erfunden zu seyn. Mir ward es ungewiß, ob die Nachricht von jenem Manuscripte, von dessen Lücken, alten Fragmenten und Aenderungen und Zusätzen der spätern und neuesten Zeiten nicht alles nur ein Mährchen sei. Indem ich las und über das Gelesene sann, entwickelten sich auch in meiner Phantasie neue Vorstellungen, Zusätze, Aenderungen drängten sich mir unwillkührlich auf, und ehe ich noch gewiß war, ob es erlaubt sei, das bunte Geflechte eines fremden Geistes noch mit andern Farben und Bändern zu bereichern oder zu verderben, war in heitern Stunden die Arbeit schon vollendet. Ich theilte sie in dieser, ihrer letzten Gestalt den harmlosen Freunden mit, die mit mir die sogenannte gelehrte Gesellschaft bilden. Ich sage aber nicht, welche Wirkung auf diesen Kreis diese Erzählung hervorgebracht hat, um auf keine Weise irgend einer wohlwollenden oder zankenden Kritik vorzugreifen, die jetzt Gelegenheit findet, mit Scharfsinn zu sondern, was mir, dem letzten Bearbeiter, dem ehrlichen Beeskow, dem Mittelalter, der Zeit des Hans Sachs, oder der des Gottsched angehört. – Ich lasse nun den Bericht des Erzählenden folgen. Auch er giebt eine Einleitung, die aber epischer ist, als die hier geschlossene. Für ein so konfuses Jahr war das Wetter noch ganz leidlich. Die Barometer und Thermometer, diese stammelnden Propheten, waren in beständiger Unruhe. Ja, könnte 10 man noch außer Schwere und Wärme alle die feinen Gifte, Schauder, fatalen Empfindungen messen und anzeigen, die sich in der Atmosphäre unerwogen herum treiben, so dürfte man mit etwas mehr Verstand über diesen Wirrwar unserer Welt und das vielfältige Durcheinander sprechen, das wir die kosmischen Verhältnisse nennen, in welchen wir befangen sind, und auf die wir, je nachdem wir wollen, stolz seyn können, oder uns um so mehr als mißhandelte Sklaven fühlen. So bin ich denn wieder unter meinen lieben Bergen, in den grünfrischen Thälern, hier wo Echo antwortet, wo die Wälder rauschen und Bäche und Ströme in der Einsamkeit und Stille der Nacht ihr altes, vieldeutiges Lied unermüdet singen. Wer recht zu hören versteht, begreift den Inhalt wohl auf seine eigenthümliche Weise, wie Alles, was des Verstehens und Verständnisses würdig ist. In dieser naiven Rührung und Sabbathstille vernimmt meine Seele von diesen Predigern eben so viel von Entstehung der Welt und Erde, einem Geiste der Natur und seinen erhabenen Launen, von den Erinnerungen, Fabeln und Geschichten uralter Vorzeit, als mir Geognosten, Naturforscher und Naturphilosophen nur immer verrathen können. Ich verstehe die Natur nehmlich auf meine Weise, und bin eben so ein Mensch, wie der weinerheiterte Antonius dem trunkenen, nicht mehr forschenden Lepidus das Krokodil beschreibt. Die unterhaltendsten Spaßmacher sind die Wolken, von denen die Bewohner der Ebene eigentlich nichts wissen und erfahren. Vom Berge bei Athen und über das Meer hin müssen sie auch von je herrlich figurirt haben, da der ausgelassene Aristophanes sie so unvergleichlich hat schildern können. Wenn man ihnen fast täglich die Hand reicht und ihre 11 poetische Erfindsamkeit im Wechsel der Gestalten vor sich sieht, wie sie sich gar nicht geniren, und Hund, Pferd, Kameel, Thurm, Festung, Mensch und Alles werden, so ist es sehr verständig, daß der Dichter sie als weit verschleierte Weiber auftreten läßt, die nach und nach als Körper sichtbar werden. Oft heben sie sich als unverkennbare Silhouette der hiesigen Bergzüge und Felsengruppen ab, und eben so kommen sie wohl als Umrisse entfernter Gegenden herüber. Mitten in ihrem Reiche zu stehen und in ihren spanischen Schlössern einzukehren, hat nichts Erfreuliches; aber über ihren krausen Gestalten zu wandeln um so mehr, wenn alsdann der rein blaue Himmel über unsern Häuptern glänzt, und unten wie ein halbverständlicher Traum die Landschaft da und dort grün hervorblitzt und leuchtet. Die Bewohner dieser Gegenden haben mich wieder recht freundlich aufgenommen. Um den Menschen kennen zu lernen, sind die ächten Kleinstädter wirklicher kleinen Städte viel ergiebiger, als die ausgestopften, abgerichteten Stubenmenschen der Residenzen. Wenn es gelehrte Hunde und Ferkel giebt, deren Kunststücken und Lese- und Sprechvermögen ich immer aus dem Wege gehe, so ist es fast noch langweiliger, diese Phrasen jener menschlichen Sprechmaschinen anzuhören, oder jene rechthabenden Selbstdenker, die hier und da Dinge vorbringen, die den Ignoranten originell vorkommen, weil Gottsched schon nicht mehr jene Schwätzer zu widerlegen brauchte. So ist die Etikette eine herrliche Erfindung. Und hier in dem kleinen Capellenburg ist sie weder so lästig noch so lächerlich als in dem großen London. Und am Ende hört der Mensch, der nicht irgendwo Pedant ist, auf, ein Mensch 12 zu seyn, so wie der, der nicht, wo es auch stecke, etwas abergläubig wird. Das wollen solche gelehrte Gesellschaften aber nicht annehmen, von welchen einer ich ebenfalls ein Mitglied zu seyn die Ehre und das Unglück habe. Beim Bürgermeister bin ich wegen meiner Kenntnisse des Flachses und der Leinwebereien sehr gut angeschrieben. Der Mann wohnt auf der einen Seite des kleinen, regelrecht viereckten Marktes; von diesem laufen auch vier kurze Straßen aus, und diese Masse macht, wenige einzeln stehende Fabrikgebäude abgerechnet, das Städtchen aus. Vorgestern war eine Hochzeit bei einem Vetter des Bürgermeisters; dieser war natürlich als Hauptgast, und ich als dessen Hausgenosse eingeladen. Höchst unschicklich wäre es gewesen, zu Fuße hin zum Nachbar zu gehn, da man gewohnt war, schon bei geringeren Festlichkeiten mit einem Wagen vorzufahren. In meiner Jugend erlebte ich in L . . . ., einer trefflichen, reichen und ziemlich großen Stadt in Niedersachsen, einen Ball. Diese geräumige Stadt besaß damals nur eine einzige Miethkutsche, vor welche ein alter, verdrossener Fuhrmann zwei nicht junge, zweideutige Pferde spannte, wenn sein Beistand (was nur selten geschah) gefordert wurde. Dann fuhr er sehr langsam und schläfernd vorsichtig mit der ihm anvertrauten Ladung zum Ort der Bestimmung, und weder er, noch die Rosse, gaben sich die Mühe, umherzusehen, theils um sich nicht zerstreuen zu lassen, theils weil sie die Wege und Richtungen genau kannten. Geschah die Fahrt mit diesem mürrischen Führer etwa über Land, so hatten die Spazierenden es auch wohl erlebt, daß sie vor einem Wassertümpel, den ein kürzlich gefallener Regen gemacht hatte, aussteigen mußten, um wie gut oder böse durch den See hindurchzukommen, weil der Führer sich nicht getraute, mit seinen ehrbar stillen Pferden durch diesen Sumpf zu 13 gelangen. Diese Lohnfuhre stand dort mit den wilden Hengsten, die man aus der Post erhielt, und die die Fuhrleute des Landes und die reichen Bauern brauchten, fast in demselben Contrast, wie die Fiakres in London mit den Post- und Reisekutschen dort. Auf jenen obenerwähnten Ball, der auf dem alten Rathhause abgetanzt werden sollte, durften die Honoratioren der Stadt, die Damen wenigstens, mit ihren Blumen und gestickten Kleidern, weißen atlassenen Schuhen, ebenfalls nicht zu Fuße hinwandern. Der einzige langsame Kutscher mußte also alle jungen Mädchen, Frauen und Mütter, so wie die zierlichsten Tänzer, die die Straße scheuten, aus ihren verschiedenen Wohnungen nach dem Ballsaale führen. Es war die Aussicht vorhanden, daß, da es Viele waren, die letzten grade ankommen würden, wenn die Meisten mit Tagesanbruch wieder nach Hause eilten; diese also, welche es traf, die Letzten zu seyn, mochten nur gleich, so wie sie vorgefahren waren, wieder umkehren. Das gränzte, wie Alle fühlten, an das Lächerliche, das Verdrüßliche abgerechnet. Wie aber in einem gut polizirten Staat von humanen Bürgern sich für alles Beschwerliche ein Mittel findet, so hatten die verständigen Häupter auch hier sogleich einen verständigen Ausgang ausgemittelt. Die Jüngsten ließen es sich gefallen, schon am Morgen Schmuck und Kleidung anzulegen, um, nachdem man früh zu Mittag gegessen hatte, gleich nach Tische als die Tanzlustigsten dem Saale abgeliefert zu werden. So fuhr man denn mit dem Fortfahren fort, bis Alle eben zum Anbeginn des Balles an den Ort der Bestimmung gelangt waren. Um aber nicht die Hälfte des folgenden Tages mit Rückfahren zuzubringen, entschlossen sich die meisten der Damen, da jetzt der Putz seine Dienste gethan hatte, nach aufgegangener Sonne sich in ihre Häuser zu begeben. Wie es also hier für den weiten Raum und die 14 langen Gassen an Fuhrwerken gebrach, so hatten im Gegentheil nun hier in dem kleinen Capellenburg die Equipagen keinen Raum, um mit Anstand zu fahren und sich zu bewegen. Denn um die Festlichkeit mit Anstand zu begehn, die Brautleute auch und deren Eltern nicht zu beleidigen, hatte der wohlhabende Bürgermeister seine vier stattlichen Rosse, lang gespannt, vorlegen lassen. Der Zug brauste heraus, der stämmige Kutscher auf seinem Bock, die langen, farbigen Leinen spielend in der Hand haltend. Und sowie die Kutsche aus dem Thorwege kam, lenkte, und der Schlag des Wagens vor der Hausthüre hielt, standen die vordern Rosse mit ihrem Kopfe schon brausend und stampfend vor der Thür und den Fenstern des Hochzeithauses. Ich hatte vorgeschlagen, man solle vorerst eine kleine Spazierfahrt simuliren, um dann, um die Ecke lenkend, mit schäumenden Pferden donnernd vor die Thür des Hauses ansprengen zu können. Die Frau Bürgermeisterin aber meinte, und nicht mit Unrecht, daß dergleichen die Hochzeiter alle sehr übel empfinden müßten, als wenn der nahe Verwandte und das Oberhaupt der Stadt nur so gelegentlich bei ihnen einspreche; die Vermählung sei ein so wichtiger Tag, daß an einem solchen nichts Weltliches vorgenommen werden dürfe. Der Gemahl selbst aber warf meinen andern Vorschlag, diesen und jenen vorerst noch abzuholen, noch weiter weg, indem jeder der Honoratioren, wenn auch nicht mit vier Pferden, doch mit seiner eignen Equipage einsprechen werde; würde dieser und jener Fußgehende etwa zugelassen, so sei ein solcher viel zu geringe, um feierlich vom Bürgermeister abgeholt zu werden. Ich bat um die Erlaubniß, vor dem Einsteigen die Equipage perspectivisch in Augenschein zu nehmen. Das wurde mir bewilligt. Ich ging der Kutsche und den Pferden entlang und traf im Hochzeithause unten auf die Köpfe der 15 jungen Handlungsdiener, welche aus dem Fenster schauten, sich aber doch zurückziehen mußten, weil die muthigen Pferde zu heftig sprudelten. Als ich mitten auf dem Markte war, bemerkte ich an den obern Fenstern Vater und Mutter der Braut, sowie einige Gäste, die schon angelangt waren; Alle sahen auf die Equipage nieder. Der Anblick war wirklich sehr malerisch. Die Bürgermeisterlichen winkten mir mit einiger Ungeduld, und es war wirklich die höchste Zeit einzusteigen und die wenn auch nicht weite Fahrt zu vollenden, da der Kutscher überdies die übersatten, muthigen Pferde nicht mehr bändigen konnte. Die Familie stieg herab, die Frau Bürgermeisterin natürlich betrat zuerst den Wagen, ihr folgte die Tochter; beiden half ich mit zierlichen Geberden auf den Tritt. Nun aber complimentirte ich mich, wie es ziemte, einigermaßen mit dem ehrwürdigen Bürgermeister um den Vortritt. Dieser denkende Mann meinte aber, dergleichen sei kleinstädtisch und gar nicht mehr unter Gebildeten Sitte. Mit der Rede schob er mich etwas gewaltsam in die Kutsche und ich saß schnell seiner Gemahlin gegenüber. Der corpulente Herr, vom Bedienten unterstützt, gab sich einen Schwung und stand auf dem Tritt, aber – Ein Ruck, und wir waren mit Blitzesschnelle vor dem Hochzeithause. Die Pferde hatten die Geduld, der Kutscher die anhaltende Kraft verloren, der Bediente hatte nicht Zeit gehabt, hinten hinaufzuspringen, und der Bürgermeister mußte vom Tritt, den er beinah wieder verloren hätte, der complimentirenden Familie entgegentreten. Er hatte uns, wie die ehemaligen Heiducken oder Hofpagen an der Seite stehend begleitet, sagte mir aber heimlich, er wünsche nur, daß diese Unziemlichkeit der neuen Ehe kein Unheil bedeuten möge. Der Kutscher ließ seine vier Rosse im schnellen Galopp sechsmal rund um 16 den Markt rennen, damit er den Uebermüthigen doch einige Bewegung verschaffen möge. Ich konnte es dem Bürgermeister nicht verdenken, daß er einigermaßen verstimmt war, und es schien nicht unbillig, daß er am späten Abend der Erste war, welcher in seine Kutsche stieg, um nicht wieder als Beisteher vor seiner Hausthür abzusteigen. Man erlaubte mir, zu Fuß das hochzeitliche Haus zu verlassen, um mich bei der schönen Sommerwärme im Freien noch etwas zu ergehen. Auch ist der Fremde ja niemals der Etikette und Convenienz so strenge, wie der Einheimische unterworfen. Am folgenden Tage gedachte ich abzureisen, um mir jenes oft besprochene Manuscript von dem alten Küster, dem jetzigen Besitzer, abzuholen. Bei Tische sprach man noch über den gestrigen Vorfall, und die Frau des Hauses war hierüber weniger betreten, als darüber, daß ich es vermocht habe, einen Butterschnitt von der Tafel des Hochzeiters hinunter zu bringen. Man hat nehmlich in der Familie des Bürgermeisters zuerst das Beispiel gegeben, einige Kühe zu halten, um Milch und Rahm zum Hausbedarf in der höchsten Vortrefflichkeit zu erzeugen. Der Versuch gelang; die andern reichen Kaufleute beneideten erst und ahmten bald darauf diese Erfindung nach. Angefeuert durch den allgemeinen Beifall und immer höher strebend, versuchte es die Regentin der Familie jetzt, auch Butter zu fabriciren. Auch dieses schlug ein und zwar so, daß es die kühnste Erwartung übertraf. Wie aber Bedürfniß und Einsicht sich gegenseitig hervor bringen, so geschah es, daß in den ersten Familien der Stadt nach wenigen Wochen, selbst Tagen, die Inhaber (wie man jetzt gern sagt) der Zungen ihren Geschmack so fein und zärtlich ausbildeten, daß ihnen alle Butter außer 17 der selbst verfertigten nur, wie rohes, grönländisches Wesen, widerwärtig und abstoßend vorkam. Ich war nun schon seit Wochen ein verzärtelter Butterzögling gewesen, und doch war mein Gaumen so ungehobelt, ungefirnißt und unlackirt geblieben, daß ich von jenem seltsamen Artefact, welches man dort, im Hause des Hochzeiters, Butter zu nennen sich herausnahm, hatte genießen können. Denn dort, wie in allen guten Häusern des Städtchens, wurde einheimische Butter verfertigt, und jede Familie, da die Hausfrau die Aufsicht führte und selbst mit arbeitete, glaubte die beste zu besitzen. Da ich den heftigen Tadel, der mir zugetheilt wurde, erst gehörig erwogen hatte, erwiederte ich nach einer Pause ohngefähr Folgendes: Werthe Gesellschaft! Verehrte Frau Bürgermeisterin, deren hoffnungsvolle Kinder, Vettern, Muhmen und Seitenverwandte! ich ersuche Sie allerseits, Nachkommendes zu erwägen, zu berücksichtigen und zu beachten. Wenn Apis als kälberner Gott in Aegypten vergöttert wurde, wenn die aufgeklärten, feinfühlenden Braminen in Ostindien noch heutzutage, wie vor uralten Zeiten, die Kühe verehren, so ist es für den denkenden Beobachter begreiflich genug, daß Milch und Sahne, und gar die gekernte, ausgequetschte, rein gewaschene, silberglänzend emporquellende Butter etwas Ausgenommenes und Ausnehmendes sei und zum Einnehmen durch ihre Annehmlichkeit bestimmt und auserkohren. Ein Indier hat sich daher gern das Paradies von Butterströmen umflossen gedacht, und in Butter zu baden und zu schwimmen ist diesem hochgebildeten und frommbegeisterten Orientalen eine entzückende Vorstellung. Auch wir weniger ernst gestimmten Europäer nehmen von der Milch gern die Bilder der Reinheit, Weiße, Unschuld und Milde her. So ist es also nicht zu tadeln, sondern im Gegentheil zu loben, wenn in unserm lieben Vaterlande sich auch nach 18 und nach ein Buttercultus erhebt, und unsern geläuterten Zungen das Ranzige, Molkensaure, Scharfe und Herbe jener schlechten Fabrikate verabscheuen lernt, das in Gasthäusern, bei Thee und Kaffee uns oft so störend und dissonirend in die feinsten Gefühle zart gesponnener Geselligkeit hineinschreit und kratzt. Seh ich nun überdies unter meinen Landsleuten einen edlen Wetteifer entstehen, unter wessen Stampfe die gebuttertste Butter, die geblümte Blüte des Nektar hervorgehen wird, so kann ich nur freudig mit den Händen klatschen und Loblieder anstimmen, daß uns auch auf diesem Wege indische Poesie eingeflößt werde. Nur, meine Verehrten, hat dieser Fortschritt der Bildung, wie es denn geschichtlich nicht anders seyn kann, auch seine bedenkliche und selbst gefährliche Seite. Wir stehen gegenwärtig in der großen Waage der Weltgeschichte in der Schaale, die immerdar überzuschwippen und die andere unbillig in die Hohe zu schnellen droht. Was kann ich anders meinen, als jenen Liberalismus, der uns so anlacht, daß es die schärfern Augen für Grinsen und Zähnefletschen erklären? Wir haben unser Vaterland nach einem großen Kampfe wieder gefunden, wir haben uns selbst und unsre heiligsten Rechte dem Feinde abgewonnen; aber seitdem suchen und erschwärmen so Viele unter uns etwas, das keinen Namen hat, und das sie selbst nicht zu bezeichnen wissen. Jener heimathlosen Landläufer, die so wenig Religion, wie Eigenthum und Meinung haben, will ich gar nicht einmal erwähnen, denn sie sind so ranzig, daß die Nennung ihrer Namen diese vor uns stehende goldblühende Butter ungeschmack und abgeschmackt machen konnte. Schlagen wir nun die ungeheuern Blätter der Weltgeschichte auf, so findet unser begeistertes Auge als eine der glänzenden Epoche jene, wie die kleinen Waldcantone der Schweizer aufstehen, ihre tyrannischen Vögte verjagen und erschlagen und sich gegen das 19 mächtige Oestreich in Freiheitsgesinnungen auflehnen. Ihnen gelingt das Wagestück, mehr und mehr Städte und Landschaften schließen sich an, und Oestreichs Ritterheere erliegen, und des übermächtigen prahlenden Burgund Königskrone wird von ihnen, indem sie geschmiedet wird, zertreten. Man hat diese großen Begebenheiten sehr würdig erzählt, und auch nicht verschwiegen, wie die erst Gedrückten hoffärtig und auch oft meuterisch wurden, auch für die böse Sache aufstanden und gegen einander kämpfend manchmal im leeren Schwindel ihr Blut vergossen. Hat man also diese Vorfallenheiten scheinbar vielseitig ergründet, so ist es doch von allen Forschern bisher übersehen worden, daß die Butter großentheils die Ursach dieses Freiheitstaumels war. Noch jetzt verspeist der ächte Oestreicher keine Butter in ihrer natürlichen Gestalt, er hat vielmehr einen Widerwillen gegen dieses Erzeugniß, und die biedern Tiroler, Steirer und Kärnthner schmelzen das gewonnene Produkt sogleich ein, um es für die Dauer in Massen zu bewahren. Daher, daß diese Menschen niemals Butter essen, die unerschütterliche Legitimität dieser Völker. Sehen wir die Nationen der pyrenäischen Halbinsel an, auch nur mit oberflächlichem Blick, so werden wir wenigstens so viel gewahr, daß sie keine Butter verspeisen. Die Olive, die Frucht der Weisheit spendenden Pallas, erhält alle diese südlichen Gemüther schmeidig und fügsam, das Oel macht sie nachgiebig und einsichtsvoll, und sie sind immerdar dem Guten und der Ordnung zugänglich. Aber jene Butter essenden und fabricirenden Holländer und Niederländer führten einen langen, unversöhnlichen Krieg mit diesen Verehrern der Olive. Und gleich ist von Republiken die Rede, von Volksherrschaft, von Niederhaltung des Adels und Denkfreiheit. O meine Werthen, eßt Butterbrot, doch mit Bescheidenheit, mit frommer, einträchtiger Gesinnung. 20 Was hat von je die Engländer so halsstarrig gemacht, allen Neuerungen so zugänglich? daß sie nicht Gesetze und Maschinen genug erfinden können? Von früh bis Abend Butterschnitt, geröstet, gestrichen, getrocknet, gefeuchtet, auf Brot, Kartoffeln, Toast, bei Thee, Kaffee, dem Mittagsmahl, dem Wein. – Wohin in Holstein, Schweden, Norwegen dieser Vorrang der Butter gedrungen ist: da allenthalben Schroffheit, Widerstand, Rechthaberei, Zank. Und wo man dies bösvortreffliche Wesen nicht selbst erzeugt, wird es von Holland und Holstein in die andre unfruchtbare, aber unschuldige Welt hineingesendet. Wahrlich, seit ich hörte, daß man hie und da in Italien angefangen hat, die Butter zu cultiviren, habe ich mich nicht mehr über die vielen Carbonari und geheimen Gesellschaften verwundert. Und wie es in unsern deutschen Landen, den nördlichern vorzüglich, Berlin, Hannover, Hamburg, Leipzig, um sich griff, daß man, wie in England, Thee und immer wieder Thee trank, und dazu fast unermüdet Butterschnitte in den Mund schob, da wußte ich auch, wie viel die Glocke geschlagen hatte. Unsere guten, treuherzigen Voreltern, Bürger, Magistrat und Adel, Gelehrter und Kaufmann, saßen beim Kruge Bier oder ihrem Glase Wein, an hergebrachte Zucht, an alte, ruhige Gedanken gewöhnt. Nun, chinesischen Thee, ostindische Butterverehrung, und alles gegen die alte Ordnung verschworen. Der Instinct und uralte Gesetze bestätigen auch meine Ansicht, oder vielmehr Ueberzeugung. Machte sich ein Patron zu mausig, wollte er weder Gott noch Menschen gehorchen, erkannte er, wie der St. Simonianer, kein Eigenthum an, so setzte man ihn immer, und zuweilen noch jetzt, fest bei Wasser und trocknem Brot. Könnte man es also nur dahin bringen, daß dem Volk die Butter entzogen würde, so wäre mir um das gute Princip der Legitimität nicht weiter bange. Ließe sich es einrichten, 21 vielleicht durch erhöhte Abgaben, daß nur der solide gesetzte Mann, der ächte Aristokrat Butter auf sein Brot streichen könnte, so wäre Europa gerettet. Warum sind nun die Bramanen bei ihrer Butterliebe so fromm und milde? Liegt es vielleicht darin, daß sie niemals das Fleisch der Wesen genießen, die ihnen die rebellische Butter liefern? Der Engländer, Holländer, Schweizer, Holsteiner ißt eher zu viel als zu wenig vom Rindfleische. Bestätigte sich der Argwohn, so sollte man den Unmündigen und Unruhigen vielleicht noch lieber alles Fleisch als die Butter entziehen. Und wunderbar, wie der Instinct wirkt, jene unsichtbare Weisheit, die verhüllte Pallas: haben nicht manche Regierungen schon oft dahin gearbeitet, wie damals unter dem verständigen Ludwig XV., dem gemeinen Manne Fleisch und Butter, nach Gelegenheit selbst das trockne Brot zu entziehen? Das letztere aber, wenn ich meine wahre Meinung sagen soll, heißt die väterliche Milde zu weit treiben. Aber, um mein politisches Glaubensbekenntniß zu schließen: die neuern Republiken haben nichts als Butter und Käse hervorgebracht; dessen haben wir genug; wozu also neue schaffen? Und liefert nicht Parma schon ohne das ziemlich guten Käse? Um aber auch nicht ohne Nutzanwendung gesprochen zu haben, so beschwöre ich Sie alle: achten Sie auf Ihr schwaches menschliches Herz, damit Ihnen nicht böse Gelüste, Zwietracht und demagogischer Hader aus der an sich unschuldigen Butter erwachsen. Man hatte mir nicht ohne Rührung zugehört, und alle gaben mir die Hand und das feierliche Versprechen, sie wollten in sich gehen und sich beobachten. Am folgenden Morgen brach ich auf, um mich auf die Höhe des Gebirges zu begeben. Man reiset zu Fuß ganz anders als im Wagen; ich meine, man steht mit der sogenannten Natur in 22 einem ganz andern Verhältniß. Der Reisende wird selbst in die Natur mit aufgenommen, und es wird ihm viel leichter, sie nicht als bloße Decoration zu genießen. Immer wollen wir frei und beständig seyn, und doch sind wir mit allem Großen nur einverstanden, wenn wir eins damit werden, darin aufgehen können. Sage ich mir nun auf meinen einsamen Wanderungen die Naturlaute unsers Göthe vor, so bin ich in der wahren Begeisterung handelnd und leidend zugleich, Object und Subject, wie die Gelehrten sagen. Nur keine Naturschilderungen, wie einige vielgelesene und berühmte Romanciers sie jetzt Mode gemacht haben. Ohne Stimmung ist keine Natur da, und ob der Nebel auf den Bergen oder auf meinem Gemüthe liegt, ist dasselbe. Diese zusammengesuchte Mosaik ist eben so lästig, wie die gelehrte Kleiderbeschreibung der Personen, oft der unbedeutenden. Man sieht nicht vor lauter Sehen, wie in manchen neumodischen Stuben, die nur aus Fenstern bestehen. Heilig und zart ist der Umgang mit der Natur, und sie spricht nicht in allen Stunden zu uns; aber wenn sie redselig ist, ist es auch das Lieblichste, was unsere Seele vernimmt. Wie war es aber mit dem alten Schulmeister? Er wollte eben jenes alte Gedicht zu Fidibus und allerhand Düten zerreißen und zerschneiden. Ich habe selbst daran gearbeitet, sagte er in seinem Eifer, folglich steht mir auch das Recht zu, alles damit vorzunehmen, was mir nur gefällt. Das kleine Buch hat mir schon tausendfältigen Verdruß gemacht. Ein altdeutscher Professor, wie er sich nannte, war vor anderthalb Jahren hier; ich glaube gar, er hat durch Sie von mir und meinem Buch erfahren. Der meinte, ich sei der größte Sünder auf Erden, daß ich die alte Fabel nicht buchstäblich so gelassen habe, wie ich sie vorgefunden, mit allen Schreibfehlern und unbegreiflichen Stellen, auch 23 die Lücken, wo Würmer in das Papier hinein gefressen hatten, wo Wasser ganze Stellen Moder erregt und viele Zeilen herausgefallen waren. Es half mir nichts, daß ich ausrief: Mein Herr Professor! ich habe das Büchel schon in meiner Jugend von einem uralten Priester erhalten, der hatte es schon völlig ruinirt, wie Sie es nennen würden; denn er hatte fast alle Reime schon in Prosa verändert und willkürlich weggelassen, was er nicht verstand, und hinzugesetzt, wo ihm etwas zu fehlen schien. Er, der Geistliche, wollte mich überreden, daß es jener reimende Poet aus dem sechszehnten Jahrhundert gewiß schon eben so gemacht habe. Nun war aber dieser mein alter geistlicher Herr ein wirklich unausstehlicher Mann, so fromm und gut er übrigens auch seyn mochte. Er schrieb noch jenen fatalen Kanzleistyl, von dem uns der alte Gottsched erlöste, dabei war der Priester noch in seinem hohen Alter ganz voll von Paracelsus, Jakob Böhme und Leuten dieses Gelichters. In der Jugend soll er nun gar ganz fanatisch diesen Schwärmern ergeben gewesen seyn. Nun hatte der Mensch (verzeih' mir der Himmel die Sünde, daß ich einen ordinirten würdigen Priester so nenne) allen diesen Unsinn in das Gedicht hineingebracht. Wie mir der Selige nun schon vor funfzig Jahren sein Opus schenkte, dankte ich ihm zwar herzlich und hatte auf der einen Seite meine Freude an der hübschen Erzählung, auf der andern aber hatte ich auch großen Verdruß an alle dem unchristlichen Aberglauben. So las ich halb in Aerger, halb mit Vergnügen; die Sache war ergötzlich und durch den abscheulichen Styl doch eigentlich auch wieder langweilig, Vieles verstand ich gar nicht; wo der Mann die alten Verse noch abgeschrieben hatte, mochten sie auch wohl ganz unrichtig und ihm selber unverständlich gewesen seyn: kurz dies mixtum compositum von Aberwitz und Poesie, nachdem ich 24 es etlichemal durchgelesen hatte, ward von mir in den Winkel geworfen, dann verkramt, es gerieth unter alten Plunder an eine feuchte Stelle, wo der Regen durch das Fenster schlug, und als ich vor ungefähr zehn Jahren auf den Gedanken gerieth, meiner seligen Frau an einem stürmischen Winterabend die Schnurre vorzulesen, fand ich das Manuscript im erbarmungswürdigsten Zustande wieder. Sie kennen gewiß die eigne Erscheinung an Büchern, wenn sich die Nässe hineingefressen hat, und halbe Seiten bei der Berührung in bläulicher Verwesung zerfallen. Dazu hatten sich einige Mäuse, die ich sonst in meiner Wohnung niemals dulde, darüber gemacht und manche der wichtigsten Stellen zernagt. Wollte ich also das ganz verstörte Wesen meiner Frau mittheilen, so mußte ich emendiren und neu erschaffen, was ich denn auch nach meinen geringen Fähigkeiten ins Werk gerichtet habe. – Der eigensinnige Professor war aber mit allen diesen Erklärungen noch nicht zufrieden und meinte, das Geschreibsel, wie es jetzt da liege, sei keinen Heller mehr werth. Ich verschmerzte diese Beleidigung, denn ohne mich waren die Bogen ganz verloren. – Nachher kam ein anderer Alterthumsforscher, oder Grammatikus, oder was er seyn mochte, blätterte und warf die Schreiberei verächtlich hin. Unsinn! rief er aus; das ganze Ding, mein lieber Schulmeister, rührt ganz und gar, Erfindung und Styl, von Ihnen her. Aus dem Mittelalter? Uebergearbeitet von einem Meistersänger? Auch kein Geruch, kein Atom früherer Jahrhunderte. Farbe, Styl, Ausschmückung, Alles ganz modern; dazu die ungeheuern Anachronismen! Nirgend wird Phelle, Kürsitt, Zimier, Zindel oder dergleichen nur erwähnt, weil der Ignorant diese Dinge nie hatte nennen hören. – Auch dieser grobe Mann verließ mich zornig, und ich mußte gelassen zurückbleiben. Was Anachronismen und 25 Kleidungsstücke! In einem träumerischen Mährchen, welches nur ergötzen soll! Ich habe in neuern Büchern, die mir der Professor von unten geliehen hat, nur zu viele und umständliche Kleiderbeschreibungen gelesen. – Seitdem habe ich das Büchel fast vergessen. Ein ältlicher Offizier rief mir es vorigen Sommer wieder ins Gedächtniß. Er stellte sich sehr begierig darnach, nannte es einen unbezahlbaren Schatz und setzte sich mit Degen und Ueberrock gleich an jenen Tisch, um es zu studiren. Er las sehr eifrig, und ich fühlte mich geschmeichelt, in meiner Stube doch endlich einmal einen ächten Bewunderer zu haben. Er las lange, als er geendigt hatte, setzte er hier in der Stube seinen Hut auf und sagte kalt und feierlich: Mein Herr! ist es Unwissenheit oder absichtliche Bosheit, daß in dem ganzen Poem nichts vom Christenthum vorkommt? Nicht ein einziges Mal, ich habe genau darauf Acht gegeben, wird der Name Christi genannt. Ich war erstaunt und replicirte etwas verblüfft: Gnädiger Herr Kriegsobrister, das Ding ist, was unsere Vorfahren eine Mähr, späterhin Mährlein, wir jetzt noch mit unbedeutenderm Ton ein Mährchen betiteln. – Was da! rief der erzürnte Mann; ohne den Heiland sind wir ein Nichts, es giebt keine Ergötzung, wenn sie nicht mittelbar zur Andacht und zum Glauben führt. Das Heilige, das Edle, Religiöse, Legitime, Hohe und Ewige muß jetzt mehr als je bestätigt werden, weil die Zeit eine ruchlose ist und ihre Jünger Alles zu zerstören suchen. Wer nicht für mich ist, ist wider mich, spricht die ewige Wahrheit. Alles muß in dieses universelle und höchste Bedürfniß einklingen. Früher fanden solche Schriften, zuweilen auch ihre Urheber, den Scheiterhaufen, als Ergänzung ihrer Unthat. Einen bösartigen Dichter ins Feuer werfen, ist unsrer Zeit nicht angemessen; aber daß man die Lästerer des Heiligen festnimmt, ist nicht unbillig. – 26 Und ein solcher Mann ist hier Schulmeister! soll Knaben und Mädchen des Christenthums fähig machen! Ich will schweigen, und das ist vielleicht schon mehr, als ich vor dem ewigen Richterstuhl verantworten kann. Nun war ich ganz verdrüßlich. Das fehlte mir noch, daß mich die Scharteke einmal um Amt und Brot brächte. – Seitdem lag das Zeug vergessen und nicht angesehen da kommt im Spätherbst ein junger Jäger und miethet sich bei mir ein. Er sucht nach Papier, um Kartätschen, Cartuchen oder Patronen zu machen (ich weiß nicht, wie man's nennt), und findet das Büchel. Ich bedachte mich doch etwas, ob ich es ihm zum Pulverbedarf so unbedingt übergeben sollte. Es war kein rechtes Jagdwetter, und der junge Mensch, eine wilde Hummel, der sich mit keinem Vorgesetzten vertragen konnte, fing an zu lesen. Donnerwetter! rief er in seiner ungezogenen Manier, – Alter! was seid Ihr zurück und so ganz und durchaus dumm geblieben! Was, Mensch, Ihr glaubt an Herkommen, König, Adel und dergleichen? Ihr wißt es gar nicht, daß wir Liberalen alles das Zeug längst abgeschafft haben? Das sind ja Feudalgedanken, und Ihr sprecht und schreibt wie ein leibeigner Knecht, wie ein Sklave. Kaum taugen solche Zettel, daß sich ein edler Selbstdenker Fidibus daraus macht. So riß er auch gleich ein Blatt heraus, und zündete seine Jägerpfeife damit an. Ich war eben nicht sehr böse; als er aber ausgegangen war, legte ich das Buch doch wieder an seinen alten Platz. Er muß es freilich nachher wieder gefunden haben, denn nachdem er uns verlassen hatte, fand ich es so verstümmelt, wie es jetzt ist, indem viele Blätter fehlen. Bei dieser Stimmung des alten Schulmeisters ward es mir nicht schwer, einen Handel mit ihm abzuschließen, den er für einen vortheilhaften erkannte. Ich las das Manuscript 27 und es erschien mir viel anders, wie vor mehreren Jahren. Jene Stimmung war mir verschwunden, und da ich den Inhalt fast ganz vergessen hatte, so las ich es jetzt kritisch, um mir das Wesentliche einzuprägen. War es den vorigen Rezensenten nicht gelehrt genug oder zu wenig christlich gewesen, hatte der letzte den Mangel liberaler Gesinnungen zu scharf getadelt, so stieß ich mich an dem Kunterbunten der Schreibart; bald war sie neu, bald alt, bald kamen Reime, und die Rede ging dann wieder unmittelbar in weitschweifige Prosa über. Schilderungen waren vermieden, dagegen triviale Reflexionen und Nutzanwendungen gewaltsam herbeigeschleppt. Am anstößigsten war mir aber, daß der neuste Umarbeiter die Figur eines Schulmeisters nicht nur zu sehr hervorgehoben, sondern mit einer unerlaubt zärtlichen Vorliebe bearbeitet hat. Dieser Mann war in der Schilderung Dasjenige, was der sinnige Leser so oft das höchste Ideal von Edelmuth nennt, indem ein solches Subject sich immerdar ohne Noth aufopfert, ungefragt die herrlichsten Lehren weitläufig ertheilt, mit dem Ersten Besten sein letztes Brot theilt, und grob wird, wenn dieser ihm nach Gelegenheit seine Armuth erleichtern will. Wie ich also abzuschreiben anfing, stellte sich im Copiren wie von selbst die neue Bearbeitung ein. Vielleicht meint die Welt und die gelehrte Gesellschaft, Alles sei ganz und neu von mir gedichtet; dem ist aber nicht so. Doch was kümmern mich hier im einsamen schönen Gebirge die kritischen Urtheile? 28 Die Reise ins Blaue hinein. So in der Mitte ungefähr des wahren ächten Mittelalters fand es sich, daß zwei junge Menschen oder Jünglinge, welche Freunde schienen, sich auf der Landstraße befanden. Beide waren schön und kräftig, heiter und anmuthig, vorzüglich aber doch Jener, welcher von Beiden der Reichere und Vornehmere seyn mußte. Athelstan, sagte Jener, der etwas kleiner war, kehren wir nun nicht bald zurück? Was wird Dein Vater, der strenge Freiherr, zu unserer Reise sagen? Unser Hofmeister, der gelehrte Mann, wird in Verzweiflung seyn, das Schloß und die ganze Familie ist gewiß in der größten Verwirrung. Was wird man von mir denken? Lieber Fritz, erwiederte Athelstan überaus heiter, ergieb Dich nicht diesen Aengsten, denn wir werden bei Gelegenheit und immer noch zu früh in unsre Heimath zurückkehren. Wir sind aber schon drei Wochen abwesend und treiben uns hier und dort ohne Zweck und Absicht herum. Und muß denn Alles, rief Athelstan mit einigem Unwillen aus, mit Absicht geschehen? Du weißt es ja, seit zwei Jahren schon quäle ich meinen Vater, mir einmal eine solche Reise zu gestatten, denn er behandelt mich, als wenn ich immer noch ein Kind wäre. Ja, mit Reichthum und unter Aufsicht will er mich in einigen Jahren, wenn ich erst reifer bin, wie er sich ausdrückt, in die Welt hinaussenden: ich soll alsdann die Höfe besuchen und mich den Großen und Fürsten vorstellen. Als wenn das Reisen hieße! Aber Deine schöne Muhme, die liebe Hedwig, wie wird es ihr indessen ergehen? sagte Friedrich mit einem Seufzer. Athelstan lachte laut und sprach dann mit flüchtiger Rede: Sieh, Herzensbruder, die Schönheit dieses Mädchens, ihre Zärtlichkeit zu mir, und die Absicht meines Vaters, mich 29 nur recht bald in diese Ehe zu schmieden, konnten mich bewegen, lieber als Kesselflicker durch das weite ferne Land zu laufen, als da auf meiner Hufe zu sitzen, die Lehn zu überkommen, mit dem Abte Sonntags im Brett zu spielen, und wenn mein Landgraf es verlangt, seine Züge mitzumachen. O Fritz, Du glaubst nicht, wie mir das das Herz zusammenschnürt, daß ich als ein solcher Freiherr in unsern engherzigen trostlosen Tagen habe geboren werden müssen! Wohin ich blicke, Fehde, und oft um nichts. Mißverstand, Zerwürfniß, und der große Kaiser giftig angefeindet, nur schwach von mißtrauenden, zweifelhaften Freunden unterstützt. Immerdar Händel mit der Kirche um Lehren, die ich nicht fasse, die mir gering erscheinen. O Freund! was man so von alten Zeiten singt und sagt, als Gottheiten zur Erde herabstiegen, als der ewig gerühmte Alexander siegend durch die Welt zog, als in Berg und Thal sich Wunder der Natur hervorthaten, als der große Poet Virgilius auch der größte Zauberer war, als der unverwundbare Siegfried Riesen und Zwerge überwand und den Gesang der Vögel begriff, als es dem Orpheus erlaubt war, in die Hölle hinabzusteigen, um seine Geliebte wiederzuholen – Bruder, fiel der Freund ein, Du sprichst von lauter Mährchen. Und soll denn unsre Zeit so viel schlimmer und nüchterner seyn? Man fabelt ja auch hie und da vom heiligen Graal, und die Siegfriedgeschichten werden gesungen: die Dichter, die Sänger ziehen ja auch umher und wetteifern oft mit ihren Liedern. Die Großen erfreuen sich dieser Kunst und ermuntern sie, und – Und Du bist ein Narr! fiel Athelstan zornig ein. Freilich, Mährchen! So nennt ihr Alles, was nicht alltäglich ist. Und unsere Sänger und Dichter! Die sitzen in ihren Stuben und lesen und schreiben emsig, lassen sich Bücher schicken aus 30 der Fremde und erleben nichts. Sind fast wie Capellane oder Pfaffen anzuschauen. Und viele von den Herumziehenden sind ja Spaßmacher und Thoren. Für Geld, ein Kleid, einen Becher Weins springen sie herum wie die abgerichteten Hunde. Und Ulrich, der Lichtensteiner, warf Friedrich ein, der dort im Lande Oestreich als Frau Venus herum zieht, eine Fürstin liebt und ihr zu Ehren ein unermeßliches Gold verschwendet, nur dichtet und liebt und prachtirt, – erlebt der etwa nichts? und wenn Du einmal der Phantasie einzig und allein leben willst, könntest Du es nicht in Zukunft vielleicht auf eine ähnliche Art anfangen, und die Leute auch von Dir reden machen? Der Ulrich ist ein Phantast! rief Athelstan aus. Und Du tadelst ihn darüber? warf jener ein. Weil seine Lieder mir zu trocken, seine Lebensart noch viel zu prosaisch ist, fuhr Athelstan in seinem Eifer fort. Er ist mehr eitel als verliebt, er kann sich keines ächten Glücks erfreuen, weil er es nicht sucht. Ich glaube nicht, daß ihm ein Sinn für das Wahre und Hohe aufgegangen ist. Prunk, Seltsamkeit und Aufsehn begeistern ihn. O Fritz, was mich lockt, ist die Einsamkeit, jene Süße, die uns aus Wald und Berg anredet, das Geheimniß, das uns der flüsternde Bach verrathen will. Soll ich einmal lieben, o so muß es etwas Anderes als eine solche verständige Hedwig seyn, die über Alles, was ihr seltsam dünkt, die schon zu großen Augen noch größer aufreißt. Ich habe auf der ganzen Reise schon bemerkt, daß Du mich auch nicht verstehst. Nein, sagte Friedrich mit einigem Erstaunen, ich begreife Dich wahrlich nicht. Wir gehen hin und her, bleiben beim Mondschein der Nacht im Freien, Du besteigst diesen und jenen Felsen, bist nie zufrieden, strebst immer weiter 31 und wirst böse, wenn ich Dir deutlich machen will, wie nöthig es ist, endlich einmal wieder umzukehren. Umkehren? Kann das Dein Ernst seyn, Du trockner, langweiliger Mensch, der Du mein Freund seyn darfst? sprach Athelstan im höchsten Unwillen; da unsre Wanderschaft kaum begonnen hat? Da wir uns jetzt erst dem herrlichen Gebirge nähern, von welchem wir schon als Kinder immer so schön geträumt haben? Lieber sterben, als meinen Vorsatz aufgeben. Sie gingen bei schönem Sommerwetter weiter, beide verstimmt. Endlich sagte Friedrich: Ich muß es Dir nur gestehen, Athelstan, ich habe Dich bloß deshalb begleitet, weil ich glaubte, Dich unterwegs von Deiner Thorheit oder Krankheit heilen zu können. Da ich sah, daß diese Reiselust bei Dir bis zum Wahnsinn gestiegen war, daß es kein anständiges Mittel gab, wenn man Dich nicht in Ketten legen wollte, Dich in der Heimath zu halten, so begleitete ich Dich, ging nur scheinbar in Deine Plane ein, um Dich zu bewachen, damit sich Deine Spur nicht verlöre, und Dein Vater und Deine Verwandten Dich wiederfänden. Jetzt bereue ich meinen Schritt, da ich sehen muß, daß meine Gegenwart nichts dazu hilft, Dich wieder vernünftiger zu machen. Ich dachte, wenn er recht ermüdet ist, sich erhitzt hat, wenn Hunger und Durst ihn plagen, wenn er sieht, daß es allenthalben im Freien ungefähr auf dasselbe hinausläuft, daß Wald Wald und Berg Berg ist, das Steigen aber eine unangenehme Beschäftigung, so wird von selbst die Sehnsucht nach der Bequemlichkeit seines väterlichen Schlosses wieder erwachen. Aber nun ich sehe, daß es mit jedem Tage toller mit Dir wird, daß Du Deine Gesundheit, wohl Dein Leben so leichtsinnig wagst, so erscheine ich mir selber wie ein Verbrecher, oder Wahnwitziger, daß ich Deine 32 Krankheit nicht Deinen Vorgesetzten und Anverwandten verrieth, damit Dich diese mit Gewalt zurückgehalten hätten. Nach dieser Erklärung stand Athelstan still, betrachtete seinen Begleiter eine lange Zeit und sagte dann mit einem schmerzlichen Ausdruck: Kennte ich Dich nicht seit der frühesten Kindheit, wüßte ich nicht, wie gut Du bist, wie liebevoll Du seyn kannst, so würde ich Dich unbeschreiblich verachten. So weit also kann Menschenfurcht und die Hochachtung vor dem Gewöhnlichen, Langweiligen, die besten Menschen führen! Ja, diese Gefühle und Schwächlichkeiten sind die bösen Geister, die den Menschen verfolgen, ängstigen und ihn täglich vom edelsten Thun, von den schönsten Aufgaben des Lebens zurückschrecken. So ist es denn entschieden, daß wir uns eben niemals, wenn wir uns auch lieben, verstehen werden. Es sei! man muß sich im Leben gewiß an vieles Traurige gewöhnen. Am besten so früh als möglich. Friedrich war gekränkt und wendete seinen Blick vom aufgereizten Freunde. Bald aber war ihr Streit unterbrochen, denn indem sie jetzt um einen waldigen Hügel bogen, welcher ihnen den Lauf der Heerstraße verdeckt hatte, sprengte ihnen ein Haufe von Reitern entgegen. Diese Männer, von denen einige gerüstet waren, sprangen alsbald von ihren Rossen und umgaben die überraschten Jünglinge. Ein ältlicher Mann wälzte sich zuletzt mühsam von seinem Pferde herunter, kam mit Keuchen und Seufzen näher und stellte sich dann vor die beiden jungen Reisenden mit ausgebreiteten Armen und hocherhobenen Händen hin. So haben wir sie doch endlich angetroffen, diese Wildfänge! rief er aus; ja, ja unsere Mühe ist nun doch belohnt, und mein saures Reiten war nicht vergeblich. Seid ihr noch meine Zöglinge? Wie Bettler, wie Räuber aus dem Schlosse laufen? Ohne Ursach, ohne Zweck? Ziemt dieses einem künftigen 33 Freiherrn? Wie wird sich der Herr Vater wieder besänftigen lassen? Er hat in seinem umherfahrenden Zorne sogar mir, dem tugendhaften Lehrer und Erzieher, die Schuld beimessen wollen, weil ich den jungen Herrn einige Seltsamkeiten aus der Geschichte erzählt habe; aber nie ist mir dergleichen im Traum beigekommen, daß ein junger künftiger Rittersmann so einen eichenen oder buchenen Stab, nicht anders wie ein Klausner, Pilgrim oder bettelnder Bruder, in die Hand nehmen könnte, um ohne Bedienung und Begleitung auf seinen eignen zarten, deß ungewohnten Füßen die Welt zu durchstreifen. Drei volle Wochen haben wir uns wie die Freibeuter in Busch und Wald umgetrieben, und nun begegnen wir den armen Verirrten hier, indem sie uns von der entgegengesetzten Seite so unverhofft entgegentreten. Was ist zu thun, Herr Caplan? fragte einer von den gepanzerten Reitern. Setzt den jungen Herrn, rief der Alte, auf euer bestes Pferd, welches den leichtesten Trab oder Schritt wandelt und schreitet, kommt nach der Herberge zurück, welche wir unlängst verlassen haben, dort wollen wir uns näher berathen, und der Herr Castellan Joachim wird uns dort auch seine Meinung sagen. Den jungen Fritz, den Bösewicht, nehme aber der stärkste von euch auf sein eignes Roß und halte ihn fest und packe oder binde ihn, wenn man es nöthig findet, denn er ist mit seiner Schwärmerei und Aberweisheit am ganzen Unheil schuld. Dergleichen jugendliche Freundschaften und Vertraulichkeiten schlagen immer dahin aus, das hat uns die Geschichte aller Zeiten bewiesen, daß der Reiche und Vornehme von dem Aermern verführt wird, damit dieser sich nur bei jenem in Gunst setzen könne. Es half nichts, daß Athelstan sich mit den heftigsten Einsprüchen vernehmen ließ. Friedrich wurde auf ein Pferd 34 hinter einem großen Geharnischten gebunden gesetzt, und so machte sich der Zug auf den Weg. Die vorübergehenden Landleute verwunderten sich über die jungen Räuber und Mörder, die man eingefangen habe, und Athelstan, der seinem Freunde die schimpflichste Behandlung ersparen wollte, auf dessen Einreden aber Niemand achtete, brach in seinem gesteigerten Zorne in Thränen aus. Man hielt vor der Herberge, welche einsam im Walde lag. Als man abgestiegen war, suchte man vorerst einen sichern Gewahrsam für den unschuldigen Friedrich, welchen der Hofmeister und Erzieher, ohne sich irren zu lassen, für gefährlich erklärt hatte. Als man diesen eingeschlossen hatte, entfernten sich die andern Reiter, um nach ihren Rossen zu sehen, und der alte Caplan blieb mit dem jungen Freiherrn allein im Zimmer. In einer langen und gelehrten Rede, auf welche sich der alte Lehrer sehr gründlich vorbereitet hatte, drang dieser jetzt mit hundert Ermahnungen und Figuren in den Jüngling, seinen thörichten Irrthum einzusehen, der Wahrheit zu folgen, und zu seinem väterlichen Heerde zurückzukehren. Athelstan hörte ihm ernsthaft und schweigend zu; endlich, nachdem er sich besonnen, sagte er mit einiger Feierlichkeit: Mein ehrwürdiger Freund und Lehrer, Eure Ermahnungen sollen auf keinen dürren, unfruchtbaren Boden gefallen seyn. Ich begreife, daß ich mich in schweren Irrthümern herumgetrieben habe, und da Ihr mir das Versprechen gebt, daß mein sonst unfreundlicher Vater mir und dem guten Fritz Alles vergeben will, daß von dieser kindischen Thorheit niemals wieder die Rede seyn soll, so kehre ich um so lieber mit Euch zu meinen Angehörigen zurück. Dort können wir denn wieder die Bücher von Moral und Philosophie lesen, Ihr erschließt mir mehr und mehr die Geheimnisse der 35 Religion, wir üben uns in schweren Rechnungen, und alle Freuden der Mathematik und Geometrie thun sich mir wieder auf. Das ist ein anderes Leben, als sich hier die Beine müde laufen, Hunger und Durst leiden, nichts als Wald, Berg, Wolken und Wasser zu sehen. Heute wird man naß und friert am Abend; morgen ist es unerträglich heiß, und man zerrinnt in Schweiß. In den Schenken elende Nahrung und noch schlechtere Betten, die Gesellschaft von lumpigem Gesindel ist oft unvermeidlich: welche Thorheit also, ja, welcher Aberwitz, möchte ich sagen, sein weiches bequemes Lager, seinen schmackhaften und reichlichen Tisch, schöne Gesellschaft von Mädchen und Frauen, die Liebe eines edeln Vaters und die unbezahlbaren Lehrstunden eines so würdigen Mannes, wie Ihr es seid, zu verlassen, um nichtigen Nebeln nachzujagen, so wesenlosen Gebilden, die fast ein Nichts sind. Der Alte hörte seinem Schüler mit inniger Freude zu. Nur, sprach Athelstan weiter, mögt Ihr meinem guten Fritz die Schuld meiner Verirrung nicht beimessen. Ich habe ihn mit Gewalt und Ueberredung zwingen müssen, mir zu folgen, als mich dieser schnöde Taumel ergriffen hatte. Er hatte niemals meine kranke, mir jetzt unbegreifliche Schwärmerei getheilt; er hat mich abgemahnt, und noch im Augenblick, als Ihr uns mit Eurer Schaar ergrifft, waren wir deshalb in Zank. Er ist viel vernünftiger, gesetzter als ich. Helft mir nur vorerst, dies meinem heftigen Vater recht deutlich zu machen, der mit dem Burgvogte und dessen Sohn Friedrich schon immer sehr unzufrieden war. Meine Verirrung muß das Schicksal der Unschuldigen nicht verschlimmern. Der Caplan gab alle Versicherungen, und als die Reiter zurückkamen, deren Wachsamkeit er vertrauen konnte, begab er sich zum eingesperrten Friedrich. Mein junger Bursche, 36 fing er an, Ihr sollt alsbald frei seyn und alle Vergebung, ja selbst Belohnung und auch vom Freiherrn zugesichert erhalten, wenn Ihr mir jetzt rein mit der ganzen vollständigen Wahrheit herausgeht. Daß dem jungen Athelstan deshalb nichts Schlimmeres widerfährt, wenn wir Alles wissen, könnt Ihr Euch wohl selbst an den Fingern abzählen. Heraus also mit dem Geständniß! In wen hat sich der Jüngling verliebt, wo lebt, wo wohnt die Verführerin oder Verführte? Ist sie zu hohen oder zu niedrigen Standes? Frau oder Mädchen? Witwe oder Dienerin? Denn ein Grund eures Weglaufens, eine Leidenschaft muß doch da seyn, und Du bist sein Vertrauter, vor dem er kein Geheimniß hat, ja Du bist höchst wahrscheinlich sein Verführer, denn es ist zu unnatürlich, daß ein junger reicher Mann so aus dem Hause rennen sollte, wo eine junge und schöne Muhme nur darauf wartet, daß der Ungetreue ihr Ehegemahl werden soll. Auch sieht es ihm wenig ähnlich, daß er wie der fromme Franziskus aus geistlichem Triebe sein väterliches Haus verlassen sollte. O mein verehrter Lehrer, erwiederte Friedrich in klagenden Tönen, wie thut Ihr mir doch so sehr Unrecht, wenn Ihr mir dergleichen Böses zutraut! Glaubt meiner heiligen Versicherung, meinem Schwure, daß nichts von alle dem, was Ihr befürchtet, die Ursach dieser seltsamen Flucht ist. Glaubt meinem Eide, daß mir diese sonderbare Krankheit meines Freundes eben so unbegreiflich ist wie Euch. Schon im vorigen Sommer lag er mich dringend Tag und Nacht an, mit ihm ins Freie zu laufen; es lasse ihm keine Ruhe, so sagte er, zwischen den vier Wänden, er müsse weit in die Berge hinein wandern, es zöge ihn, wie mit Ketten, wie mit Zauberei. Das Schloß, die Stadt unter diesem, alles sei ihm tödtlich verhaßt, Euer liebevoller, wohlmeinender 37 Unterricht ihm unerträglich; er müsse sterben, das fühle er, wenn er nicht diesem übermächtigen Triebe genugthun könne. Ich redete ihm zu, oft ganze Nächte hindurch, indessen er seufzte und weinte. So kam denn glücklich Herbst und Winter heran, und er schien beruhigt. Kaum aber waren die Schwalben heuer zurückgekommen, als ich dieselbe Qual mit ihm, ja noch eine viel größere mit ihm hatte. Er glaubte jetzt, es gehöre zu seinem und meinem Glück, daß ich dieselben unbegreiflichen Wünsche in meinem Busen erwecken müsse. Er drohte sich zu ermorden, wenn ich ihm nicht willfahre, oder wenn ich Euch und seinem Vater seine Absichten entdecke. So entschloß ich mich denn höchst unwillig, seiner Tollheit nachzugeben und sie mitzumachen. Als er nun sah, daß ich im freien Umirren mich nicht so glücklich fühlte, als er gehofft hatte, gerieth er außer sich. Ich bemühte mich, ihn zurückzulenken, aber er wies zornig alle Ermahnungen von sich. Ich blieb bei ihm, um ihn unter Aufsicht zu behalten, ich richtete es so ein, da er in seinem Taumel auf die Wege nicht sonderlich achtete, daß wir im Kreise gingen und schon, ohne daß er es wußte, der Heimath näher waren, als vor einigen Tagen. So kam es denn auch, daß Ihr uns entgegenrittet, weil ich hoffte, ihn unvermerkt in die Nähe seiner Heimath zu bringen. Ihr seid halsstarrig, erwiederte der Alte trocken, und sprecht mir lauter Unsinn vor. Ich kenne auch den Menschen und bin in der Beobachtung desselben alt geworden, ich habe in vielen Büchern geforscht und deren Lehren ergründet, und darum weiß ich auch, daß Dasjenige, was Ihr mir da beibringen wollt, völlig unsinnig und unmöglich ist. Zu Hause werden wir wohl Mittel finden, Eure Zunge zu lösen, und es trifft sich glücklich genug, daß Athelstan selber zur Vernunft gekommen ist und seinen Fehltritt aufrichtig bereut. 38 Der Alte verschloß den Jüngling wieder in sein Zimmer, und als er zur Gesellschaft zurückkehrte, fand er Alle sehr aufgeräumt, denn Athelstan hatte seinen Wächtern Wein geben lassen, und Alle sprachen und erzählten fröhlich durcheinander. Der Caplan nahm auf bescheidene Weise Theil am Gelage, und da die ungewohnte Reise ihn sehr ermüdet hatte, so aß und trank er mehr als gewöhnlich und legte sich dann zur Ruhe, überzeugt, daß die Reisigen ihre Pflicht nicht verabsäumen würden. Der alte Castellan ging auch schlafen. Die andern blieben noch lange munter und priesen die Güte und Freundlichkeit des jungen Herrn, der es nicht müde ward, eine Kanne nach der andern des guten Weins hereinbringen zu lassen. Und so kehren wir nun in guter Geselligkeit miteinander zurück, sagte der Anführer des Zuges, ein starker, vielerfahrner Mann. Es war, als wenn man mit den Netzen auf die Vogeljagd geht; ein ganz sonderbarer Streifzug. Man lernt nicht aus, wenn man auch noch so alt wird. Ja wohl, sagte Athelstan, Ihr, mein guter Kunz, habt mich nun eingefangen wie einen unerfahrnen Gimpel, der fortfliegt, ohne zu wissen, wohin, der betäubt und schwindelnd wird, wie er die freie Luft draußen fühlt, und nun werde ich auch gelinde wieder in meinen Käfig gesteckt, um meinen Hausgenossen mein altes Liedchen vorzuzirpen. Kunz lachte laut und die übrigen Knechte stimmten mit ein. Aber wo wolltet Ihr nur hin, junges Herrchen? begann Kunz wieder. Euer Ritterzug zu Fuß ist ja ohne Absicht und Kriegsplan. Aus dem Lande hinaus, nach keinem Verwandten hin, kein Gelübde zu lösen, keine Pilgerfahrt zu vollbringen, zu Hause nichts verbrochen, um Euch etwa durch die Flucht zu retten. Es muß denn doch so seyn, wie der 39 Herr Caplan sagt, daß Euch der junge Fritz bezaubert hat, oder daß Ihr einem Mädel nachrennt. Alte gute liebe Freunde, antwortete Athelstan fröhlich den halb trunkenen Knechten, wer in der Welt recht weit zu kommen denkt, muß gar nicht wissen, wo er hin will. Hinaus ins Weite, war meine Absicht, und je weiter, je besser. Immer der Nase nach, wie der Bauersmann zu sagen pflegt; nur muß man nicht vergessen, daß die Nase sich mit uns dreht nach allen Richtungen des Windes hin. Wer also seines Kopfes nicht mächtig ist, dem hilft die Nase, als solche, so viel wie nichts. Nicht wahr, meine Freunde? Sehr verständig, erwiederte Kunz, und ich habe zu Hause nicht denken können, daß Ihr ein so lustiger Kumpan wärt. Guter Mann, sagte Athelstan, dazu hilft ja das Reisen. Blieben wir nur etwa so eine kleine hundert Jahre beisammen, wir würden uns gewiß etwas näher kennen lernen. Die Knechte lachten wieder in ausgelassener Fröhlichkeit, und Kunz rief, nachdem er sich am Lachen gesättigt und in jeder Pause einen Becher geleert hatte: Doch nun heißt es: umgekehrt! Aber, Flaumbärtchen, warum lieft Ihr uns denn entgegen in unsere Klauen? Drei Wochen setzen wir Euch nach; diese Abtheilung nehmlich, die ich und der alte windschiefe Caplan anführen, der immer vom Rosse fallen wollte; Einige von uns rechts, Andere links, und kommen dann wieder nach dem Kriegsplan, den ich angab, zusammen; hatten aber immer geraden Strich, immer gerade aus. Nun wollen wir weiter rennen, gerade aus natürlich, und Ihr kommt uns entgegen, als wenn Ihr schon umkehrtet. Da Ihr immer ins Weite wolltet, recht weit in die Landschaft hinaus, so war dieser Euer Kriegesplan doch offenbar ein 40 ganz dummer. – Seid nicht so voreilig, alter Kunz, erwiederte der Jüngling, damit ich euch aber verständige Antwort geben kann, muß ich euch Alle bitten, etwas ernsthaft zu seyn, weil ihr die Sinne und den Verstand anstrengen müßt, um mich und meine Rede begreifen zu können. Darum trinkt Alle vorerst, um Euch zu stärken, einige Becher Weins, wer noch etwas zu lachen in sich hat, der lache sich erst aus und leer, und dann widmet mir eure Aufmerksamkeit. So geschah es: er schenkte Allen von dem starken Weine ein, und als sie mehrmals getrunken hatten, stemmten Kunz, Peter, Gottfried, Emmerich, Balthasar, Günther und Hansgürgen die Ellenbogen auf den Tisch, um recht zu begreifen, was ihnen der Freiherr, der ein ernsthaftes, selbst feierliches Gesicht machte, erzählen würde. Athelstan sagte mit milder Rede: Ihr seid nicht so glücklich, alle die Stunden des Unterrichts, die mir der alte Caplan gönnt, genießen und Theil daran nehmen zu können; folglich wißt ihr auch Vieles von Dem nicht, was mein Geist in mancher stillen Mitternacht gelernt und erfahren hat. Auch ist es vielleicht nützlich, manche dieser Naturgeheimnisse dem gemeinen Mann zu verbergen, dessen schlichter frommer Glaube dadurch erschüttert, oder seine stillwirkende Thätigkeit dadurch gestört werden möchte. Es ist euch also wahrscheinlich verborgen geblieben, daß Alles, was Schöpfung heißt, entweder rund ist, oder nach der Rundung hinstrebt. Die Rundheit der Flächen nennen wir Gelehrten Zirkel oder Kreis, das nach allen Seiten Abgerundete Kugel. So sind also nicht bloß Aepfel und Birnen, Eier und Kürbisse rund und rundlich, sondern unser Kopf, die Augen und Vieles an und im Menschen, so wie in der Geisterwelt nimmt ebenfalls diese Gestalt an. So auch die Himmelskörper, Sonne, Mond und alle Gestirne; aber ebenfalls die Erde, auf der wir wohnen, ist eine 41 Kugel, und als Kugel hat sie unzählige Zirkelausschnitte, Sinus, Tangenten, Sehnen, Bogen, Axen, Pole, Parallaxen, Koluren, Thesen und Antithesen, Postulate wie Axiomata, nicht minder dialektische wie logische Argumente und synthetische Constructionen, und was der Wunderdinge mehr sind. Reiset man also, versteht mich wohl, grade aus, so muß man, da man sich doch immerdar auf einem runden Wesen befindet, und nothwendig in einem von den vielen Zirkelausschnitten geht, nach einer gewissen Zeit dahin wieder zurückkommen, von wo man ausgegangen ist. Nicht wahr, das könnt ihr einsehen? Sehs curiös! sagte der tiefsinnende Peter. Wenn also ein Knecht weglaufen wollte, so muß er von selbst zurück, wenn er immer grade aus geht? Nothwendig, antwortete Athelstan, ihr seht ja, daß es uns eben so ergangen ist. Will man wirklich von der Stelle kommen, so muß man immer rechts und links von der Seite springen, in einen andern Bogen- oder Kreisausschnitt hinein, und so immer wieder in einen andern, um sich nicht im Zirkel zu drehen. Das ist zu begreifen, sagte Kunz lallend, so macht es ja der verständige Haase auch, sonst ein dumm Thier, wenn er gejagt wird, und jeder ächte Kriegsplan muß auch immer auf einen Kreisschnitt gegründet seyn, und wie Ihr sagt, Bogen und Armbrust ist dabei unentbehrlich. Das ist aber, fuhr Athelstan fort, noch nicht das ganze Geheimniß und Kunststück der Natur und Erde. Wie alles aus Kreisen besteht, so dreht sich auch Erde, Sonne, Mond und alle Gestirne hin und her und um einander in fortwährender Kreisschwingung. Wenn man also geht oder reitet, muß man immer dahin sehen, daß man die rechte Bewegung der Erde mitmacht: renne ich gegen den Strich, so 42 geht die Erde hinter mir ebenfalls, und ich stehe, wie ich auch laufe, auf dem alten Fleck, ja es kann sich treffen, daß ich hinter den Punkt gerathe, von dem ich ausgegangen bin. Das kam nun heute Morgen uns ebenfalls in die Queere, und so mußten wir euch, wir mochten wollen oder nicht, in die Hände gerathen. Das ist schon etwas schwerer zu verstehen, sagte Kunz, denn so könnte, wollte ich im Kriege nach gutem Plan arbeiten, der Bolzen, den ich abschieße, wenn die Erde sich grade ungeschickt dreht, auf meine Nase fliegen. Das geschieht ja oft, sagte Athelstan, die List fällt auf den Erfinder zurück, sagen wir darum im Sprichwort; wer Andern eine Grube gräbt und dergleichen. Drehen? rief Peter stammelnd; die Erde? Wie? Das müßte man denn doch sehen können, wenn die Augen nicht blind sind! Das erleben wir ja auch oft genug, sagte Athelstan; nur müssen Umstände obwalten, die wir nicht immer in unserer Gewalt haben. Alte Leute, wißt ihr, brauchen Brillen, um noch zu sehen, und so muß unser Auge aufgethan, gestärkt seyn, um dieses Umrennen der Erde gewahr zu werden. Manchmal in Krankheiten wird es uns so gut, oder wenn jener Zustand eintritt, den wir Schwindel nennen. Es ist schon später Abend; aber tretet einmal an das Fenster hier, mir scheint jetzt eine günstige Gelegenheit, das Geheimniß der Erde zu belauern und sie in ihrer Tücke auf der That zu ertappen, denn mir dünkt, Alles rennt und dreht sich. Die Knechte stürzten in taumelnder Eile an das Fenster. Richtig! schrie Peter, der junge Herr ist nicht so dumm, als wir denken; seht! Alles rennt, Bäume, die Erde, die Bäume – der Wald – die Bäume – 43 Wenn es uns nun Alles davon läuft! schrie Kunz. Ihr vergeßt, sagte Athelstan, daß wir uns, und die Stube hier, und das ganze Haus, mit drehen und bewegen. Richtig, sagte Hansgürge, indem er auf den Boden fiel, Alles dreht sich mit uns, ich will mich aber an dem Tisch festhalten, daß ich morgen früh noch hier bin. Athelstan, der das Temperament der Knechte kannte, hatte seinen Endzweck erreicht, Einer nach dem Andern legte sich nieder oder fiel auf den Boden hin, denn Alle hatte der starke Wein überwältigt. Als sie fest schliefen, indem es nun ganz finster geworden war, nahm Athelstan Wein und Speise und eröffnete das Zimmer, in welchem sein Freund, den man mit Vorsatz vernachlässigt hatte, gefangen war. Er betrachtete ihn mit Rührung, indem er ihm in das Gesicht leuchtete, und löste beim Schein der Laterne dessen Bande. Dann umarmte er ihn herzlich und sagte: Aermster, Alles dies leidest Du aus Liebe zu mir, der ich Dir jetzt diese Freundschaft noch nicht vergelten kann. Iß, Geliebter, trink und stärke Dich, unsre Wächter sind so fest vom Schlaf befangen, daß wir ungestört sprechen und thun können, was wir nur wollen. Der völlig ermattete Friedrich stärkte sich durch Wein und Speise; nachher sagte Athelstan: Jetzt komm, Freund, hörst Du wohl, wie uns die Nachtigall aus dem Walde ruft? Eilen wir in dessen Dickicht, dort soll uns Niemand finden. Nein, Athelstan, erwiederte der betrübte Friedrich, ich bin entschlossen, mit unsern Wächtern zurückzukehren, und wenn Du noch auf Deinem verkehrten Willen beharrst, so ist es meine Pflicht, sie zu wecken, oder wenigstens den nüchternen und verständigen Caplan, damit wir Alle Dich mit Gewalt zur Vernunft zurückbringen, und ich so Deinem Vater 44 beweise, daß ich es nicht bin, welcher Dich zu diesem wilden Treiben verführt hat. Athelstan wollte noch einige Einwendungen machen; da er aber den Ernst seines Freundes sah, begütigte er ihn wieder mit vernünftiger Rede: es war ja nur Scherz, mein Friedrich, denn da ich nun wohl sehe, daß mir nichts so geräth, wie ich es mir dachte, ist es auch mein fester Wille, zu meinem Vater zurück zu reisen. Dir, Lieber, Guter, muß es immerdar in diesem Leben nach Wunsch ergehen, denn Du bist so redlich und wahr, Du willst nur das Nützliche und Rechte. Lege Dich nun nieder, schlafe und ruhe aus bis morgen. Ich gehe zu meinen Wächtern. Er umarmte den Freund herzlich und mit Thränen. In der Thür kehrte er noch einmal um und schloß seinen Jugendgespielen wieder mit Rührung in seine Arme. Vergieb mir, sagte er schmerzlich, alle die Kränkungen, die Du meinetwegen hast erdulden müssen. Glaube mir, Theuerster, Dir wird das Glück dieser Erde, Ehre, Wohlfahrt, Reichthum, nicht entgehen. Statt zu den trunkenen Knechten zurück zu kehren, eilte Athelstan über den Hof, öffnete die kleine Pforte desselben und stürzte sich mit Eil und klopfendem Herzen in den dunkeln Wald. Er suchte die tiefste Einsamkeit und die dicht verwachsenen Stellen. Er achtete es nicht, daß ihn Dornen ritzten, daß er oft mit dem Kopf gegen die Bäume rannte. Er wanderte, so viel er vermochte, immer tiefer in den Forst hinein, und als der Morgen aufdämmerte, glaubte er seinen Verfolgern schon weit entrückt zu seyn. Er genoß die Speise und den Wein, die er mit sich genommen, und freute sich der Stille um ihn her, nur vom Gesang der Nachtigall, vom Laut des Baumspechts, vom wundersamen Aufklang des Pfingstvogels unterbrochen. Er vermied an diesem ganzen 45 Tage Menschen und die Landstraße und ruhte auch die folgende Nacht in den Schatten des Waldes, die ihn wie mit breiten dunkeln Flügeln beschirmten. In diesen beiden Tagen hatte sich Athelstan trotz aller Entbehrungen in seiner Einsamkeit sehr beglückt gefühlt. Oft war es ihm, als hörte er ferne Stimmen von Leuten, die ihn suchten, aber das Geräusch des Waldes und das Leben der Natur um ihn her übertönte jene unbestimmten Laute. Als er sich endlich völlig sicher dünkte, setzte er seine Wanderung nach ungewisser Richtung fort, um wieder Menschen anzutreffen und in jenes Gebirge zu gelangen, zu welchem seine Phantasie schon seit seiner Kindheit gestrebt hatte. Er traf endlich auf eine Köhlerhütte, und ein Greis sowie eine alte Frau verwunderten sich sehr über seine Erscheinung. Sie konnten ihm auf seine Erkundigungen keine Nachricht geben, denn zu diesem abgelegenen Waldplatz waren seine Verfolger nicht gedrungen. Auf seine Forschungen nach den Fußpfaden in das wunderbare Gebirge hinein, erbot sich ein junger Köhlerbursche, ihn auf Wegen, welche nur der Jäger kenne und betrete, in die innersten Schluchten zu geleiten. Als Athelstan am Abend mit der Familie des Köhlers beim einfachen Mahle saß, und vom Heerde das Feuer, von Fichtenholz angezündet, leuchtete, sagte der Jüngling: Wie lebt ihr, ihr stillen schwarzen Leute, hier auf eure Art glücklich. Kinder des Waldes, ohne Umgang, Vertraute des schönen Frühlings und des ernsten Winters, von allen den wandernden Vögeln umsungen, die alljährlich wiederkehren – ihr, wahre Zöglinge und Freunde der Natur, vermißt 46 hier gewiß nicht, wonach die Menschen in der Welt so gierig laufen. Wenn man's so anhört und sich wieder als was Neues denkt, antwortete der eisgraue Köhler, so ist viel Wahres darin. In der Art, wie es möglich ist, sind wir auch glücklich hier, ich wenigstens, das Alter in der Erinnerung und Traum, die Jugend in Träumerei und Hoffnung, wie denn die Buben an Heirath mit ihren hübschen Mädchen denken. Ich war in meiner Jugend Soldat, und das Mühsamste, Noth, Wunden und Gefahr, wenn ich jetzt mich deß erinnere, erscheint mir als eine Art Glück, so widerwärtig es mir auch im Erleben war. Als ich schon nicht mehr jung war, heirathete ich und fand diesen Arbeitsplatz. Meine Braut ist mit mir alt geworden, und kann ich nicht mehr viel beim Holzfällen und der Feuerung verrichten, so schwatz' ich denn mit der Frau und am Abend mit meinen Jungen, der Duft der Kohlen, der Ruch des Theers und Pechs, das Sausen des Waldes, der Dampf, der von den Meilern aufsteigt und durch die Wipfel der Bäume in gekräuselten Wolken zieht, selber das Schreien der Eule, wovor sich viele Menschen fürchten, Alles das ist mir zu meinem Leben nothwendig geworden. Nur Umgang mit Menschen fehlt uns, fuhr die Alte fort; nur selten spricht der Vetter, der Bergmann bei uns ein, und wir kommen denn auch mal zur Kirmse und Ostern oder Pfingsten nach dem schmucken Dorf hinunter. Dann schwatzt man sich einmal mit allen Gevatterinnen auf ein halbes Jahr satt, und ich bringe diese Neuigkeit, mein Alter eine andere Geschichte, und die Jungen erzählen wieder Wunderlichkeiten, die sie von Jungfern und Knechten erfahren haben. Da geht denn auch der Winter so hin. Dann haben wir Wind und Wetter, helle und finstre Tage, Regen 47 und Sonnenschein; bei den Meilern fällt etwas vor, auch etwas Unbegreifliches ereignet sich manchmal, und Geister und Gespenster, Vorspuk und Ahndungen melden sich. Da giebt es denn Winterstunden, wo wir uns in Erzählungen so recht herzlich fürchten und grauen; das ist nun auch in seiner Art recht hübsch. Und so erlebt ihr Abentheuer mit Geistern? fragte Athelstan sehr lebhaft; so begegnen euch hier Wunder? Lieber Junker, sagte der Greis, wer im Walde in der Einsamkeit lange lebt, der erfährt gewiß Manches, wovon die Leute in den volkreichen Städten, da unten in den kornreichen Ebnen nichts wissen. Wir sehen, hören und glauben, und davon ist es ja auch beinah sprichwörtlich, thörichte Mährlein, dumme Wundersagen, auf welche man doch schwört, mit dem Namen Köhlerglauben zu bezeichnen. Ein alter Sängersmann kam mal hier durch, er schlief die Nacht in unsrer Hütte, denn er hatte sich verirrt, der meinte, der gutgeartete Mensch sei mit seiner Harfe zu vergleichen, die ertöne, sowie eine Hand oder ein Finger nur sie anrühre, selbst der Hauch des Windes mache sie erklingen, oder ein laut gesprochenes Wort. Oft, im Saale hingelehnt, ertöne sie auch wohl, als wenn unsichtbare Geisterhände sie anrührten. Also auch, wenn wir mit Saiten bezogen sind, und diese die rechte Stimmung haben, klingt Alles in unserm Herzen und Kopfe wieder, wo Natur sich regt, wo Geister sich bewegen. Gefühle, Vorahndungen, das, was mit Namen und Worten nicht genannt werden kann, das finde sein Echo im Menschen. Das ist der Wunderglaube, und wenn dieser geübt und gekräftigt wird, so kann der so begabte Mensch das Seltsamste erleben. Die einsame Beschäftigung in Berg und Wald, so wie des Köhlers und Bergmannes, stimmen aber die Saiten am reinsten und schönsten, und die 48 Einbildung werde wie beflügelt und mit Zauberkraft begabt. Was nun ein auf die Weise dichtender Sinn empfinde, schaue oder erlebe, das sei ihm und andern Harfenseelen wahr, und denen, die unbesaitet und unbeflügelt sind, unwahr und Lüge. So ohngefähr, aber mit deutlichern Worten wollte jener alte Sängersmann unsern angefochtenen Köhlerglauben rechtfertigen. Man muß nur den dummen Leuten nicht Alles wieder erzählen, sagte ein krausköpfiger Bube mit schwarzen glänzenden Augen, und so macht ihr es immer, ihr alten Leute. So wie das Schönste und Wundervollste in die kalte nüchterne Luft so von Menschen kommt, die keinen Merks, kein Versteh ich dich davon haben, so wird es um so dummer, um so schöner es ist. So wie die Erzählung von der Wunderlinde und der Göttin oder Fee Gloriana. Und was ist das? sprich mein Junge! fiel Athelstan hastig ein. Erzähle ihm das, Gottfriedchen, sagte die alte Frau. Der junge Bursche stand auf, ging Athelstan näher, betrachtete ihn genau von oben bis unten, schüttelte den Kopf und sagte nach einer Pause: Mutter, der kommt mir auch noch dumm vor. Grober Bengel! rief der Alte, wie kannst Du unsern geehrten Gast so schelten? Laßt ihn, Vater, antwortete Athelstan freundlich, Euer Gottfriedchen wird mich morgen nach dem Gebirge begleiten, da werden wir uns unterwegs besser kennen lernen. Er ist ja bloß neugierig, der fremde Junge, rief Gottfried verdrüßlich aus: wenn er aus stillem Glauben früge, wenn er sich schon im voraus freute und aus solcher Erzählung wie eine Biene saugen wollte, ja dann hätte ich's ihm gerne vorerzählt; aber so eine Geschichte von Mord 49 und Todtschlag würde einem neugierigen Menschen eben so gefallen. Der Junge, bemerkte der Alte, wird mit jedem Tage eigensinniger und naseweiser. Der taugt für mein Gewerbe nicht, dem muß ich noch erst den Kopf brechen. Man legte sich zur Ruhe. Dem Fremden war eine Abtheilung angewiesen, wo man das Heu für die einzige Kuh aufbewahrte, die den kleinen Hausstand mit Milch versorgte. Beglückt wühlte sich Athelstan in den Duft seines Lagers. Er hörte noch die Stimmen von unten aus der Wohnstube, draußen sausten die Waldesbäume, ein munterer Bach rauschte melodisch dazwischen, und viele Nachtigallen wetteiferten fern und nah in wechselnden Liebesgesängen. Von Zeit zu Zeit ließ sich der wachsame Haushund mit Bellen vernehmen, ein vorüberflatternder Vogel schrie in wilden Tönen, und im Wehen des Waldes, im Plaudern des Baches, dem schläfrigen Rauschen der Lüfte, in den gurgelnden Tönen der befiederten Waldesorgeln glaubte Athelstan noch Geisterstimmen und prophetische Töne zu vernehmen, die in magischer Stimme aus der innersten Natur unmittelbar mit der Seele sprechen, Gefühl und Gedanke, Musik und Seligkeit, die sich in die gewöhnliche Redeweise der Menschen nicht übersetzen lassen. So taumelnd, schwärmend und träumend dämmerte er schlummernd ein und erweckte sich wieder, um durch die Spalten des Daches über sich den blauen Himmel und einige Sterne zu sehen; wieder schlief er ein, und seitwärts durch eine kleine Wandspalte kroch ein schmaler scharfer Streif des Mondlichtes zu ihm, und spielte und spiegelte mit den grünen Gräsern, auf welchen er gebettet lag. Jauchzend stand er am Morgen auf und schüttelte die Halmen aus den Haaren und von den Kleidern. So 50 glücklich, sagte er zu sich selbst, war ich noch niemals in meinem Leben. Er begrüßte die beiden Alten; die Söhne waren schon nach den Kohlenmeilern gegangen. Gottfried war reisefertig und schaute munter aus seinen Augen. Nachdem man Milch und Brot zum Frühstück genommen hatte, machte sich Athelstan mit seinem Begleiter auf den Weg. Als sie eine Weile gestiegen waren, fühlten sie Dampf und rochen den starken Duft des Harzes. Es waren zwei dampfende Meiler, die tief unter ihnen lagen, und bei welchen Athelstan Gottfrieds Brüder in eifriger Arbeit sahe. Gottfried schrie hinab und begrüßte sie, die Brüder dankten und nun begaben sich die Wandrer in eine enge Waldschlucht, durch welche der Fußweg zwischen Felsen nach den einsamsten Stellen des Gebirges hinauf führte. Athelstan sprang und hüpfte mehr, als er ging. O Gottfried! rief er aus, kannst Du mir vielleicht nachfühlen, wie überaus glücklich ich bin? Dieser Morgenduft, der wie aus der Unschuld des Paradieses uns hier aus frisch thauigem Moos, aus glänzendem Fels, aus den dichten schlanken Buchen anhaucht und mit dem Geruch der Blätter uns erfrischt, dies Echo der Steine, das den Klüften drunten, den Eichen drüben jeden unsrer Schritte ausplaudert, das vielfach verwirrte und doch harmonische Concert der tausend Wandervögel, die umher flattern und im dunkeln Nestchen sitzen, der Geieradler, der über uns kreist und im dunkelblauen Himmel so scharf sich abzeichnet, dort das Geschwirr der wilden Tauben, die geängstigt herabtauchen, das Girren der Turteln unter uns in den Bäumen, der klingende perlende Wasserfall dort von der Felswand, und die Prophetensage, die zauberisch über uns hinweht: daß die Seele dies Vieldeutige und Unaussprechliche in sanfte, schwellende Gestalt fassen möchte, um so das Edelste im 51 Menschen mit dem Göttlichen der Natur zu vermählen. Ja, so entsteht die Dichtung, diese Wonne, die Rührung, das Jauchzen, was ich jetzt empfinde, ist die Begeisterung, über die ich so viele unnütze Reden gehört habe. Gottfried stand still und sah seinen Gefährten mit Verwunderung an, denn Athelstan vergoß Thränen und weinte so heftig, als wenn ihn jetzt ein großes Leid betroffen hätte. Als er das Erstaunen seines Kameraden sah, sprang er auf diesen zu und rief lautlachend, indem er ihn umarmte: Nein, Junge, mir fehlt nichts, als daß ich gar so glücklich, daß ich entzückt bin; ja, das ist jetzt und mit Dir eine ganz andere Wanderschaft, als mit meinem Fritz, der immer müde und immer vernünftig war, der gegen Wind und Wetter, am meisten aber gegen den Regen Einwendungen machte. Du bist, Herzensjunge, das fühle ich lebhaft, ganz so wie ich; wir müssen Freunde seyn. Ihr seid halt wohl etwas confuse, erwiederte Gottfried. aber es ist einem wohl dabei; nicht wahr? Was ich so von Welt gesehen habe, das ist nicht viel, aber doch so viel: es sind die recht verständigen Menschen, die sich über nichts verwundern, recht erzlangweilig. Sie schritten immer noch empor. Oft lief ein flüchtig Reh bei ihnen vorbei, oder stand einen Augenblick still und schaute sie rührend mit den klugen braunen Augen an. Die Haasen sprangen seitwärts, Rebhühner, die schwerfällig wandelten, schnurrten empor, das gläserne Auge des Kaninchens starrte sie röthlich aus einem Sandhügel an, und der Hirsch, der Fürst des Waldes, stand beobachtend in der Ferne. Das ist wie eine große, schöne Schulstube, sagte Gottfried, wo Groß und Klein herzuläuft, um von Busch und Baum, von Tanne und Buche und dem alten ehrbaren Fels beten und Gottesfurcht zu lernen, der Fuchs schleicht durch 52 das Gras, um hinter die Schule zu gehn, der Geier hat schon sein Pensum aufgesagt und fliegt fröhlich wieder zu Hause, der große Hirsch da ist Primus und sitzt oben an, und die Karnikel kommen nicht längst von der Mutter Brust, die haben noch Naschwerk bei sich, um die Schule nur erst zu gewohnen. Wenn sie manchmal Alle zugleich aufsagen, so ist das ein Schnattern, Zwittern, Blöken, Brummen, Krischen und Bullern durcheinander, daß des Schulmeisters fromme Geduld dazu gehört, um nicht unwirsch zu werden. Die beiden Jünglinge wanden sich den Bergpfad wieder höher hinauf, nachdem sie einigemal thalab gestiegen waren. Die Sonne begann jetzt heißere Strahlen herabzusenden, und der Thau des Morgens war verzehrt. Das Gespräch war weniger lebhaft, und die Reisenden gestanden sich ihre Ermüdung. Aber auch dies Gefühl, sagte Athelstan, gehört zum Glück des Reisenden. Nur der Wanderer, der lange in der Hitze des Sommers gewandert und geschmachtet hat, weiß, wie die Ruhe schmeckt, was die frische Kühle eines über ihm rauschenden Baumes zu bedeuten hat. Findet er gar noch einen kühlen Brunnquell im Berge, daß er seinen Gaumen laben kann, so ruht er selig, an den Stamm gelehnt, indeß die Natur umher in feierlicher Stille schweigend harrt und lauscht. Bei uns, sagte Gottfried, gurren dann die Hühner und scharren ihren Bauch in den heißen Sand. Aber so hübsch, wie Du eben gesagt hast, kann es uns nach einer Viertelstunde werden. Wir kommen dann zu der großen mächtigen Zauberlinde, von der ich gestern Abend gesprochen habe, wo nicht weit davon die Fee Gloriana ihre Wohnung hat. Nach kurzer Zeit gelangten sie zu dem schönen alten 53 Baume, der sich duftend und schattend weit verbreitete. Ein sanft geschwungener Weg kam vom höhern Waldberge herab, und Alles war grün und anmuthig. Von oben dunkelten und rauschten die Wälder hernieder, die jetzt in der Mittagsstunde nur leise flüsterten, und von dem Rasensitze unter der Linde schaute man unten tief hinab in das Gemisch weit verbreiteter Waldungen und grüner einzelner Hügel und kleiner Wiesen. Ferne Schneegebirge zogen sich hellleuchtend rund um den ganzen Horizont. Der Reisende und sein jüngerer Führer setzten sich lächelnd und tiefaufathmend unter den schönen Baum. Man genoß von dem Vorrathe, den man aus der Hütte mitgenommen hatte. Das Murmeln des kühlen Baches, der zu ihrer Seite frisch aus dem Berge strömte, erhöhte ihre Freude, und sie schöpften die klare Woge mit dem hölzernen Becher, den sie bei sich führten. Wie ruhig, friedlich und süß schlummernd umgiebt uns hier die Natur mit ihren Träumen der Einsamkeit, sagte endlich Athelstan; was verlangt der unruhige Mensch noch, wenn ihm solche Minuten zu Theil werden, wie ich heut schon so viele erlebt habe? Ich weiß, diese Strömungen des Entzückens gehen vorüber, nur im Vorbeifliegen rühren die seligen Geister meinen Sinn an; aber weil ich es fühlte, weil es meine ganze Seele durchdrungen hat, ist es mir dadurch ewig und mein. So finden wir schon als irdische vergängliche Wesen die Seligkeit, und mein Schmerz, meine Wehmuth über dieses Verschwinden erhöht die Lust des Entzückens. Was in diesem Anschauen mein geworden ist, wird ein Unsterbliches. Ja, ja, sagte Gottfried, könnte man nur eben Alles verstehen, was uns einfällt, so würde man bald klüger werden. Aber das Beste rennt nur durch unsern Kopf wie ein 54 Blitz oder Sternschnuppe, oder flimmert nur so webend und still lichtend kurze Zeit, wie die kleinen Funken in der Sommernacht durch das feuchte Gebüsche, die sie die Johanniswürmchen nennen. Das sind die süßen, heiligen Geheimnisse unsers Gemüthes, sagte Athelstan, die wir nicht zu fürwitzig aufstören und durchforschen sollen. Das ist der Traum der Wollust, das himmlische Räthsel, die ewige Täuschung, die sich immer in neue Gestaltung wirft, und in welche die Sonne, die wir Sterbliche die Wahrheit nennen, nie hineinleuchten darf, wenn nicht die Blüthe unsers Glücks und die Wurzel unsers Lebens ganz zerstört werden soll. Ach ja! sagte Gottfried freundlich lachend, es mag wohl nur hübsche Lüge und wundersam schönes Mährchen seyn, was uns Natur und alles Leben, Nacht und Tag, Winter und Sommer, Schmerz und Freude vorerzählt. Wenn wir glauben, ist es gut, sträuben wir uns und ärgern uns am Erzähler, der nicht müde wird, uns angenehm zu hintergehn und hinters Licht zu führen, so geht der Zank los, bei dem wir Menschen immer zu kurz kommen. Junge, sagte Athelstan, indem er ihn wieder umarmte, Du solltest bei mir bleiben. Das geht nicht, erwiederte der Knabe, so gern ich auch länger solches Zeug mit Euch schwatzen möchte. Ich muß zu meinem Alten, arbeiten, ihm helfen und kann nicht so in die Welt hineinlaufen. Athelstan war schon auf eine Figur aufmerksam gewesen, die langsam den Fußsteig herauf wandelte, und sich ihnen näherte. Ein alter Mann, der nicht ganz das Ansehn eines Bauern hatte, stand jetzt vor ihnen, betrachtete den Baum und die beiden jungen Leute mit höchst bekümmerter 55 Miene, grüßte dann bescheiden und schickte sich an, weiter zu wandeln. Es ist sehr heiß, sagte Athelstan; gefällt es Euch, neben uns hier im kühlen Schatten Platz zu nehmen? Mit dem Ausdruck der höchsten Betrübniß schüttelte der Greis den Kopf und sagte: Danke, junger Herr, ich bin am liebsten allein. Wenn wir Euch stören, erwiederte der Jüngling, so wollen wir Euch Platz machen und weiter wandern, denn wir sind schon ausgeruht. Nein, nein, rief der Alte, ich habe hier nichts zu thun. Ob mir heiß wird, ob nicht, ist dasselbe. Er sah den Baum nachdenklich an, alsdann trat er einen Schritt näher und schaute lange dem Junker ins Angesicht. Armer Mensch! sagte er dann tief erseufzend, o unglückselige Creaturen, o tiefes, unaussprechliches Elend alles Geschaffenen! Er ging den Fußpfad weiter hinauf und verschwand bald hinter den Gebüschen. O mein Gott, rief Athelstan nach einer Weile aus, wer kann dieser Unselige seyn, was kann er meinen? Ich habe es bis jetzt nicht gewußt und nicht für möglich gehalten, daß das menschliche Antlitz eines so furchtbaren Ausdrucks ruhiger, ewiger Todesverzweiflung fähig wäre. Was können seine Worte nur bedeuten? Seit ich denken kann, hat mich nichts so erschreckt und tief betrübt, als der Anblick dieses sonderbaren Mannes. Wir kennen ihn wohl, sagte Gottfried, denn er ist auch einigemal zu uns in den Wald hinabgekommen. Er wohnt im Dorf dort, was aus den Birken vorragt. Er ist ein recht wohlhabender Bauersmann, der nur einen einzigen Sohn hat, der auch schon bejahrt ist und die Wirthschaft führt, so daß es dem Alten leicht wird, sich mit seinen traurigen 56 Redensarten in der Welt herumzutreiben. Er war, so sagt man, ein sehr schönes und lustiges Kind, der Sohn eines Schäfers. Der Vater war streng und hielt den ausgelassenen Knaben schon sehr früh zur Arbeit an. Am liebsten sah es der kleine Junge, wenn ihn der Vater mit den Schafen auf die Weide schickte, da konnte er mit dem klugen Hunde spielen, sich Rohrpfeifen und Stöcke zurechtschneiden, Lieder singen, die er schon früh gelernt hatte, und ganz nach seinem Sinne leben. Das gefiel Bauersleuten und andern Schäferknechten, die ihn wohl auf dem Felde besuchten; nur ließ er über die Späße seine Schafe aus der Acht, und das konnte der Vater, der ein sehr strenger Mann war, nicht leiden. Neben dem Verdruß gab es auch noch empfindliche Schläge, so daß der übermüthige Junge schon gedroht hatte, er wolle seinem Vater einmal ganz und gar davonlaufen. Es hatte sich wieder ein Schaf versprungen, oder war gestohlen worden, und als der Alte schon den Prügel zurecht gelegt hatte, kam es nun heraus, daß der junge Hirte auch verloren war. Man suchte, fragte, aber nirgend war eine Spur und Nachricht, und so mußte man glauben, der Junge sei aus Furcht in die sogenannte weite Welt hineingelaufen. Der Vater hatte das Kind beinah schon verwunden, als nach einem vollen halben Jahr der Junge an einem Abend in die Hütte zu seinen Eltern trat. Er war in der Zeit sehr gewachsen und beinah gar nicht wieder zu erkennen, denn er war ernst, traurig und sprach lauter nachdenkliche Sachen. Was er aber erzählte, war noch viel wunderbarer. Er sagte den Eltern nehmlich, er hätte zu seinem Schrecken bemerkt, daß ein Schaf wieder fehle, er habe es verzweifelnd in Berg und Wald, in allen Gebüschen gesucht, aber vergeblich. Hin und her rennend, schreiend und weinend, habe er sich endlich, um auszuruhen, hier unter diese schöne frische Linde gesetzt. Der 57 Duft der Blüthen, das ferne Blöken seiner Schafe, bei denen der wachsame Hund geblieben war, die liebliche Einsamkeit dieser Stelle, Alles, und die Furcht vor seinem Vater dazu, habe ihn so unbeschreiblich gerührt, daß er sich im Weinen nicht habe ersättigen können. In dem Gefühle sei ihm eine Art von Trost gekommen, und ohne daß er es bemerkt, habe ihn der Schlaf, und zwar ein recht tiefer Schlaf, überfallen. Wie er aufgewacht sei, sei es schon roth am Abendhimmel geworden, und ihm sei's vorgekommen, als fühle er wieder die alte Lustigkeit in sich, als habe er Schafe, Vater und Prügel vergessen. So springt er denn auf und rennt singend und pfeifend umher, ungewiß aber, was er thun soll. Indem er hier um die Ecke hüpft, der plaudernden, lachenden Quelle vorbei, sieht er plötzlich in dem grünen Hügel eine Oeffnung, über welcher Epheu sich im Abendwind bewegt. Die Höhle war nie dagewesen; er geht hinein. Wie er schon im dunkeln Schatten steht, sieht er Glanz und Licht in der Ferne. Er geht tiefer hinein und glaubt nun auch eine schöne Musik zu vernehmen. Es zog den Knaben nach, und wie er weiter schreitet, steht er plötzlich in einem hohen, hell erleuchteten prächtigen Saal; große Tafeln mit den seltensten Speisen sind ausgerüstet, Herren und Frauen in glänzenden Kleidern sitzen umher, schöne Kinder gehen als Bedienung hin und wieder, und Alles ist fröhlich und spricht und lacht. Anfangs wird er im Getümmel des Festes nicht bemerkt, dann läßt ihn eine der schönen Frauen herantreten und fragt ihn: Mein Knabe, wie bist Du herein kommen? Er erzählt, daß er den Berg offen gefunden habe und aus Neugier weiter gegangen, und so, ohne es zu wollen, in ihre Pracht hinein gerathen sei. Die andern Kinder nehmen ihn in ein Gemach, pflegen ihn, stärken ihn, er ißt und trinkt und schläft, und als er aufwacht, sitzt er wieder draußen 58 unter der Linde hier. Er meint, er sei nur eine Nacht abwesend, und sechs Monate und mehr sind seitdem verstrichen. Die Eltern hätten Alles lieber für eine Lüge gehalten, wenn der Junge nicht einen ganz kostbaren, unschätzbaren goldnen hohen Becher oder Pokal aus der Höhle mitgebracht hätte, nebst einem goldnen Untersatz, auf den man das große Trinkgeschirr stellte. Die Arbeit daran, Laub, Blumen, Kinder und Thiere, blau eingelegt, und mit funkelnden Edelsteinen und zarten weißen Perlen, Alles dies soll ein Wunder der Welt gewesen seyn. Der Junge hatte den schweren Becher kaum bis in das Dorf hinunter schleppen können. Den hatten ihm die Geister zum Angedenken an seinen Besuch mitgegeben. Nun regierte in der Herrschaft ein Graf, ein gar lieber Herr. Der hörte von der Geschichte, ließ die Leute mit dem Becher kommen und gab ihnen dafür etliche der allergrößten Güter hier in der Gegend, wovon sie nachher wie die Edelleute haben leben können, und für die reichsten Dorfleute im Lande galten. Wo der Becher nachher hingekommen ist, weiß man nicht. Ob der Graf ihn wieder verkauft, ob er ihn dem Kaiser geschenkt hat, ob er im Kriege ist weggeraubt worden. Der frohe Junge war aber seitdem wie verwandelt, denn man hat an ihm kein heiteres Gesicht mehr gesehn, ihn auch niemals wieder lachen hören. Er war nun reich, konnte es aber nicht genießen; er heirathete nachher ein hübsches Mädchen und hat Kinder und Enkel, aber er sieht sie kaum an. Er sagt immer, seit er in der Höhle gewesen und die überirdische Herrlichkeit dort, sowie diese wunderschönen Menschen oder Götter, oder was sie seyn mögen, gesehen habe, könne ihm auf Erden nichts mehr gefallen, Alles hier in Gottes Schöpfung sei nur finster, häßlich und dumm; er könne sich an nichts erfreuen, weil ihm jene himmlischen Gestalten immerdar vorschwebten. So läßt er 59 Wirthschaft und Alles liegen und läuft nur immer als ein Müßiggänger umher, um zu sehen, ob er nicht noch einmal den Berg hier wieder offen und seine alten Spielkameraden wiederfinden könne. So ist er alt und grau geworden und wird als ein widerwärtiger Murrkopf in sein Grab gehen. Athelstan hatte diesem Bericht mit der größten Aufmerksamkeit zugehört. Der wunderliche Greis! sagte er dann, um so heiterer müßte er ja werden und lebenslustiger, da es ihm einmal vergönnt gewesen war, das Ueberirdische anzuschauen, wenn er auch diesen Anblick niemals wiederfinden konnte. Da Du aber einmal im Erzählen bist, so sprich mir auch noch das Andere, von jener Gloriana, was Du mir versprochen hast. Das ist nun wohl eine ganz andere Sache, erwiederte Gottfried, denn die Geschichte mit dem Becher haben wir alle mit erlebt, da Du ja selber den alten reichen verdrüßlichen Bauer noch gesehen hast. Sie sagen, unsre Alten nehmlich, die Linde hier sei schon vor vielen hundert Jahren zum Andenken von einem Fürsten gepflanzt worden, der lange in dem Zauberberg mit allen den Geistern oder Feen herrlich und in Freuden gelebt habe, und dann wieder zur Welt und zu seinem Regimente zurück gekommen sei. Was es für Art mit den Feengeistern hat, und wie sie leben, davon weiß kein Mensch was Gründliches. Die Wenigen, die drin gewesen und wiederkommen, sprechen wohl nicht darüber. So sagen denn die Alten, die Alles wissen wollen, daß alle hundert Jahr aus dem Berg ein wunderbarer Zug von den schönsten Geistern herauskommt, hier herumzieht, wie auf die Jagd, und dann in den Berg wieder eingeht. Du hast doch gewiß schon die lieblichen Jagdinstrumente und auch Waldhörner gehört. Nun sollen aber Jäger dabei seyn, die auf so schönen goldnen Hörnchen blasen, daß Jeder, der es in 60 der Ferne vernimmt, diese entzückenden Töne Zeit seines Lebens nicht wieder vergißt. Die Königin Gloriana führt den herrlichen Zug an, reitend auf einem weißen Zelter, der mit Purpurdecken und Gold geschmückt ist; sie trägt einen Falken auf der Hand. Ein bunter Zug, allerhand Gestalt, Männer, Frauen, Mädchen, Kinder, Alle zu Pferde, Alle schön, folgen der Fürstin. Wer ihnen begegnet, ist glücklich; wer den Muth hat, sie anzureden, kann sich eine Gnade erbitten. Gloriana aber soll so in himmlischer Schönheit strahlen, daß jedem Sterblichen, welcher sie anschaut, das Herz entfällt, und er nur heftig zitternd in die Knie sinkt; dann ist Alles ohne Spur, wie ein Traum vorüber. Ich kann mir wohl vorstellen, daß weibliche Schönheit alle Kraft und allen Entschluß raubt; stehen wir doch schon vor Blumen, Bäumen, Wasserfällen mit Erstaunen. Oft schon suchte ich mir ein recht ausbündiges Mädchen, eine vornehme Dame im Glanz ihrer Schönheit vorzustellen. Das muß durch den grünen Wald wie Edelsteine strahlen und alle rothen und weißen Rosen mit Macht überglänzen. Dann ein Lächeln des Mundes, ein sanftes Wort gesprochen, die runden Schultern und vollen Arme in Bewegung: nicht wahr, Herr Junker, dies muß die Seele in Andacht, Liebe, Entzückung und Anbetung versetzen? Athelstan sah seinen jungen Führer mit Erstaunen an. Du bist wohl schon verliebt, fragte er ihn dann, – so jung Du auch noch bist? Ei bewahre! rief Gottfried lebhaft aus, indem er über und über roth geworden war; das verlohnte sich auch der Mühe! Meine Brüder sind verliebt, wie sie sagen, und wollen auch sobald wie möglich heirathen; aber diese runden, braunen, unbeholfenen Dinger, so wackelnd und schreiend, 61 können mir nicht gefallen. Da wäre das Lieben ein Elend, eine Verzauberung. Verzauberung, sagte Athelstan, muß wohl jede Liebe seyn; denn zum gewöhnlichen Leben gehört sie so wenig als Poesie und Musik. Doch laß uns weiter gehen, es ist schon kühler geworden. Es hatten sich Wolken vor die Sonne gezogen, ein frischer Wind wehte durch die Wälder. Man stieg noch höher und der Tag wurde trüber. Es wird ein Gewitter kommen, sagte Gottfried, die Wolken fangen an zu rennen. Noch ist der Wind unten im Thal am stärksten, aber noch vor Sonnenuntergang haben wir allenthalben Regen und Sturm. Mit der zunehmenden Finsterniß wurde es in der höhern Gegend des Gebirges kälter. Endlich fielen Regentropfen, und als man um eine Felsenecke bog, brausete ihnen Sturm und Gewitter entgegen. Ich weiß hier unfern eine sichere Höhle, sagte Gottfried, wo wir uns vor dem Wetter bergen können. Sie eilten durch Gesträuch und über bemooste Felsen eine steile Anhöhe hinauf, und nach wenigen Augenblicken fanden sie eine räumige Höhle, indem schon die rothen Blitze zuckten und ferne Donner rollten. Der weite Himmel riß plötzlich auseinander, die reine Bläue zeigte sich wieder, und ein blendendes Sonnenlicht schoß über Wiese, Wald und Gebirge schnell hinein. Die leichten Wolken senkten sich, ein eilender Wind trieb sie hinweg, und auf den schwarzen Flügeln des Sturmes flog ein tosendes Gewitter herbei. Nun verfinsterte sich der Himmel von Neuem, Blitz und Donner, der krachend tobte, folgte schnell auf einander, und ein vielfaches Echo hallte in den Bergen wieder. So wie das Gewitter näher zog, entband es sich mit jedem Schlage furchtbarer, und wie ein Wolkenbruch stürzte der Platzregen rauschend nieder. 62 Ist Dir bange? fragte Athelstan seinen Gefährten. Ich fürchte mich, antwortete dieser; aber mir ist in dieser Furcht doch wieder wohl. Es ist wie ein Krieg im Himmel, denn es wüthen jetzt drei Gewitter gegen einander. Wie die Drachen sind die Wolken grimmig herbeigezogen. Sie bargen sich, so gut sie konnten, vor dem Sturm und Regen, welche auch in die Höhle hineinschlugen. Immerdar und in allen ihren Gestaltungen, sagte Athelstan, ist die Natur groß und erfreulich. Wer sie nicht in allen ihren Stimmungen und jedem Wandel gern aufsucht und ihre Liebe sowie ihr Gemüth versteht, der kann sich noch nicht ihren Freund nennen. Wohl mir, daß ich dort den engen Zimmern entronnen bin, nur jetzt lebe ich frei und glücklich. Wollt Ihr denn immer so herumwandeln? fragte Gottfried. Das weiß ich nicht, sprach der Jüngling; ich weiß auch noch nicht, was aus mir werden soll. Das Alles wird mir ein gütiges Geschick erst auf dieser Reise offenbaren. In allen Ständen und Gewerben sind ja die Lehrjahre nothwendig, so auch für meinen Lebenslauf. Aber irgendwo, sagte Gottfried, muß jeder Mensch doch ankleben, sich fest bauen, eine Heimath haben. Das ist eben das Fürchterliche, erwiederte Athelstan, daß wir nicht ewig lernen und was Neues erleben können, daß sich das aufstrebende Gemüth endlich wieder zum Gewöhnlichen herabsenken muß. Alsdann ist es, – sieh diesen von Sturm und Regen auf den Boden hieher geworfenen Schmetterling – seine Flügel, die sich noch vor einer Stunde glänzend in allen Farben entfalteten, sind jetzt naß und beschmutzt, sie haben ihre sonnige Schwungkraft verloren, nun klebt er hier an der Erde und flattert mit den schweren Fittigen, um sich wieder zu erheben. Ueberdauert er auch 63 diesen Sturm, gelingt es ihm selbst, sich wieder aus dem nassen Lehm des Bodens zu befreien, so ist er doch niemals jene schöne fliegende Blume wieder. Besser, ihn gleich zu vernichten. Gottfried sah schweigend zu und schien tief nachzudenken. So kam die Nacht heran, das Gewitter wüthete nicht mehr so heftig, hatte sich aber noch nicht erschöpft. Die beiden Jünglinge suchten sich, so gut es sich fügen wollte, in der Höhle ein Lager einzurichten, den letzten Vorrath hatten sie schon vorher aufgezehrt. Athelstan schlief nur wenig, und wenn er von seinen Träumen erwachte, die ihm vorspiegelten, daß er wieder in seinem väterlichen Hause sei, so fühlte er sich glücklich, daß er den Sturm und Regen brausen hörte und die fernen Blitze noch dort und da am Gebirge aufleuchten sah; Frost und Schauder waren ihm nicht zuwider, so wenig wie der feine Regen, welcher manchmal vom Wind in die Höhle getrieben ward, denn sie waren ihm eine Bürgschaft seiner neu errungenen Freiheit. Als der trübe Morgen heraufkam, machten sich die Freunde durch Schütteln und hastige Bewegung munter. Sie waren nicht vom Schlaf erquickt, und Gottfried war nicht heiter gestimmt. Athelstan aber bezwang das Mißbehagen, welches in ihm aufsteigen wollte. Beiden war es empfindlich, daß sie ohne Frühstück ihre Wanderung nach der kalten Nacht fortsetzen sollten. Junker, sagte Gottfried, ich muß hier von Dir Abschied nehmen, denn meine Alten haben sich um mich vielleicht schon geängstigt; Du aber findest nach einer Stunde, wenn Du diesem Pfade folgst, ein einzelnes Haus auf der einsamen Höhe, wo Du Trank und Speise, wenn auch nur bäuerliche, antreffen wirst. Ich kenne die Leute auch, Du kannst von uns grüßen, aber ich muß nothwendig umkehren. 64 Da Athelstans Beredsamkeit, der gern den Knaben auf seiner Reise länger mit sich geführt hätte, vergeblich war, so umarmte er ihn noch einmal herzlich und dankte ihm für seine Gesellschaft, dann reichte er ihm zum Lohn einen kleinen Beutel, welcher mehrere Goldstücke enthielt. Gottfried sah ihn mit seinen dunkeln großen Augen an und sagte: Ist das Dein Ernst? So bleibt Dir ja nichts übrig, und Du wirst es doch auf Deiner Reise nöthig haben. Nein, sagte Athelstan, Du brauchst um mich nicht zu sorgen, denn mein Vorrath an Geld, an welchem ich seit Jahren gespart habe, wird nicht so leicht zu Ende gehen. Ich schenke Dir diese Goldstücke auch nicht für Deine Mühe und als einem Wegweiser, sondern als meinem Freunde, den ich auf unsrer kurzen Wanderschaft herzlich lieb gewonnen habe. Die Summe kann Dir zu irgend einem kleinen Besitz verhelfen, wodurch Dein Leben erleichtert wird. O bester Junker! rief Gottfried hocherfreut, ganz anders kann und soll es nun kommen. Mir hat das finstre Köhlerwesen da unten niemals Spaß gemacht, aber bei den vielen Kindern haben meine Eltern auf keines etwas wenden können. Ein Weltpriester in der nahen Stadt, der aber auch arm ist, hat mich immer zu sich nehmen wollen, daß ich lesen und schreiben, Gottesfurcht und vielleicht Latein oder sonst noch was lernen könnte. Mein Vater hätte uns gern den Gefallen gethan, aber der geistliche Herr verlangt etwas Unterstützung, wenn auch nicht viel, und das konnten wir bis jetzt immer nicht aufbringen. Mit dem Beutel komme ich nun zu meinem Vetter wie ein Engel vom Himmel. Der Mann, so viel es sein Stand erlaubt, liebt auch die Dichtkunst und die Meistersänger; er hat sich selbst mit eigner Hand einige schöne Geschichtchen abgeschrieben, die er mir nun gewiß vorlesen wird. Seht, was ich am meisten wünsche, 65 ist das. Wir haben einen Priester in unsrer Nähe, der sammelt und hascht alle Schmetterlinge, die er habhaft werden kann, und freut sich an den bunten Dingern. Im Kloster wendet der Abt viel auf Blumen und läßt sich manche selbst aus fernen Landen schicken. Der Graf drüben hat einen großen Saal voll schöner Waffenrüstungen. Aber wie herrlich muß es seyn, alle die Lieder, die in der Welt herumfliegen, kennen zu lernen, sich an allen den schön duftenden Liebesgeschichten, deren wohl viele sind, zu ergötzen, oder die Heldenthaten zu erfahren, die wohl in manchen großen Büchern in Büchersälen herumstehen. Auch von geistlichen Legenden, heiligen Sagen und Wundergeschichten mag es viele geben, die schön und erbaulich sind; himmlisch mag es seyn, selbst etwas Neues zu dichten, das den Menschen dann noch in Zukunft gefällt, oder wenigstens umzuschreiben und zu verbessern, oder aus fremden Sprachen in unsere deutsche zu übersetzen. Das begriff ich an dem alten Sangesmanne, der uns dazumal besuchte, am allerwenigsten, daß er nur einige Lieder auswendig wußte und sich um neue und fremde gar nicht kümmern mochte. Alles zu wissen und zu erfahren, was die großen Geister jetzt und in der Vorzeit gedichtet haben, scheint mir die größte Seligkeit auf Erden, und diese kann ich mir nun wohl durch Eure Freundschaft und gütige Beihülfe erringen. Sie trennten sich hierauf beide gerührt, und Gottfried eilte mit Freudensprüngen den Felsenabhang hinunter, um seinen Eltern recht bald sein neues Glück zu verkündigen. In Wind und Regen stieg Athelstan das Gebirge höher hinauf. Er trauerte um den Jüngling, der ihn verlassen hatte, und zürnte, ohne es sich zu gestehen, auf den Regen, der ihm schneidend entgegentrieb und sich immer dichter ergoß. Auf der kahlen dürren Höhe stürmte es so gewaltig, 66 daß Athelstan seinen Hut wahren mußte, um ihn nicht zu verlieren. Mit Freuden gewahrte er endlich das einsame Haus, er verdoppelte seine Schritte, und kaum war er in die Thür getreten, als wieder ein rauschender Platzregen niederstürzte. Die sichere Behaglichkeit einer Wohnung, auch einer geringen, war ihm so erfreulich, daß er sich sogleich an einem wärmenden Feuer, welches in einem großen Kamin brannte, niederließ. Die Frau des Hauses saß bei einer Wiege, in welcher ein schönes gesundes Kind schlummerte, der Hausherr ging geschäftig hin und wieder und bereitete für den Junker Glühwein, an welchem sich dieser erkräftigen und erwärmen wollte. Im Winkel kauerte eine wunderliche Gestalt, an welcher Athelstan nicht unterscheiden konnte, ob es ein alter Zwerg oder ein unerwachsener Knabe war. Das Wesen schielte auf beiden Augen, die Nase war schief und unverhältnißmäßig groß, der grinsende Mund reichte mit den dicken Lippen fast zu den Ohren, die auch von ungewöhnlicher Länge waren. Das Haupt der Mißgestalt war, gegen den Körper gehalten, zu groß, und die krummen Beine zu klein und dünn. Hannes, sagte der Wirth, hole für den Herrn einen Becher aus dem Schrank. Murrend erhob sich das seltsame Wesen, öffnete den Schrank, watschelte herbei und setzte den Becher vor Athelstan hin, indem er ihn grinsend mit seinen schielenden Augen anblickte. Die Frau begab sich nach der Küche, um den Glühwein zu bereiten; doch rief sie vorher eine große starke Magd herbei, die sich indessen zur Wiege setzen mußte. Hannes, der ungestalte Zwerg, wackelte wieder nach seinem Winkel und biß den Hund ins Ohr, der sich indessen dort niedergelassen hatte. Hannes! schrie der Wirth, als der Hund laut klaffte und heulte; immer ungezogen? Hannes aber sah den Hund mit Freuden an, 67 der sich winselnd das verwundete Ohr kratzte, und lachte dann laut. Nach einiger Zeit kam die Mutter wieder herein und setzte mit höflichen Worten das Frühstück vor Athelstan hin. Hannes erhob sich und kletterte mühsam auf einen Stuhl, um aus der Ferne hinüber zu schauen, welch ein Gericht der Junker verzehre. Indem rief der Wirth: Seht, das tolle Hexenwetter jagt uns auch den Griesgram, den alten Balthasar, in unser Haus herein! Zu Athelstan's Verwunderung erschien wirklich der alte Menschenfeind, der sein Leichenantlitz in die Stube hinein wendete und sagte: Verzeiht, Ihr wißt, es ist sonst nicht meine Art, bei Euch einzukehren, aber es ist draußen im Freien nicht auszuhalten. Gebt mir einen Becher Wein und etwas Brot zum Imbiß. So widerwärtig, ja entsetzlich dem Jüngling das Antlitz und der Blick des Alten war, so konnte er doch das Auge nicht von ihm abwenden, und als der alte Bauer dies bemerkte, rückte er seinen Schemel so, daß er dem Beobachtenden den Rücken zukehrte. Es währte nicht lange, so wurde die Hausthür wieder heftig aufgerissen, und eine lange hagere Figur stürzte in die Stube herein, von deren ganz durchnäßten Kleidern sich sogleich Ströme von Wasser auf den Boden verbreiteten. Ah! rief die Hausfrau, unser Schulmeister Wendelin; wie kommt Ihr bei dem Wetter ins Gebirge? Unglück und Schicksal, rief der hagere Mann, indem er sich das triefende Gesicht abtrocknete. Hat mich's doch noch erwischt, da ich schon Eures Hauses ansichtig war. Ihr wißt ja, daß ich dort auf dem Schlosse drüben immer dem Priester helfen muß, wenn er aus dem Besessenen den Teufel austreibt. Das sind jedesmal einige Meilen, und oft fruchtet unsre Mühwaltung nicht, wie denn heut der Teufel 68 wieder so mächtig und eigensinnig war, daß Weihwasser, Gebet, Stol' und Brevier nichts an dem Ungeheuer vermochten. Er lachte uns, aus dem Leibe des Wüthenden, nur aus. Hier schlug Hannes eine laute Lache auf. Der Schulmeister sah sich kurz um, warf dem Unhold einen wüthenden Blick aus seinen kleinen Augen zu und schrie im Zorn: Wechselbalg! hebe Dich hinweg, wo gläubige Christen athmen und sprechen! Der Wirth stand auf, faßte des Schulmeisters Hand, indem er sagte: Nicht Euch ärgern, würdiger, alter Mann. Hannes, geh in den Stall und lege den Kälbern Heu aus. Hannes verzog das Maul, sah den Schulmeister von der Seite an und wackelte brummend aus der Stube hinaus. Mit Verlaub, sagte der Alte, ich bin so triefend naß, daß ich nicht ausdauern kann. Ihr leiht mir wohl ein altes Wamms, um meine Kleider am Feuer trocknen zu können. Der Wirth brachte ihm sein Sonntagsgewand, das der Küster mit Wohlgefallen anlegte. Er hing hierauf seine Kleider an einen Nagel über dem Feuer auf, die Perücke daneben, indem er eine hohe wollene Mütze über sein kahles Haupt stülpte. Athelstan konnte ein Lächeln über diese sonderbare Figur nicht unterdrücken. Der Schulmeister setzte sich nun neben Athelstan an das große Feuer des Kamins, dessen Wärme an diesem kalten Tage den Reisenden sehr angenehm war. Nach einiger Zeit kam Hannes aus dem Stalle wieder zurück und machte sich beim Feuer zu schaffen, welches dem Schulmeister sehr unangenehm zu seyn schien. Jetzt am Licht konnte Athelstan die seltsame Figur näher beschauen, die fast etwas Gespenstisches hatte. Wendete er seine Blicke von diesem nur wie scheinbar belebten Klotz zur Leichengestalt des Balthasar, und von dem blassen Angesicht zum Schulmeister, 69 so mußte er fast, um von seiner ängstlichen Träumerei zu erwachen, die Augen auf die starke gesunde Frau des Wirthes richten, in welcher ihn ein erfreuliches wirkliches Leben wieder begrüßte. Als der Zwerg eine Weile herumgewirthschaftet hatte, verließ er die Stube, deren Thür er offen ließ. Nicht lange, so stolperte ein Kalb herein, das springend und staunend hin- und herrannte und endlich dem tiefsinnenden Balthasar zwischen die Beine gerieth. Als dieser erschreckt auffuhr, sprang das Thier über Stuhl und Schemel, warf einige Gefäße um und ward endlich von dem bellenden Hunde hinausgejagt, indem Alles im Zimmer in die größte Verwirrung gerieth und das Kind schreiend in der Wiege erwachte. Die Mutter nahm das blühende Wesen und drückte sein volles Gesicht an ihre Brust, um es zu tränken und so zu beruhigen. Der Wehrwolf! rief der Schulmeister erzürnt aus; man sollte ihn nur dem Ketzer- und Hexengericht übergeben, daß sie die Unthat mit Feuer aus der Welt schafften! Er hat seinen Busenfreund, das dumme Kalb, mit Vorsatz in die Stube hereingelassen, um hier Verwirrung zu stiften. Sein Dichten und Trachten sind nur solche Koboldsstreiche, um christliche Menschen zu ärgern. Wer ist das unglückliche Wesen? fragte Athelstan; wem gehört er an? Die Wirthsleute hier, antwortete der Schulmeister, müssen ihn für ihren Sohn anerkennen; er ist aber seiner eigentlichen Natur nach ein Wechselbalg. Athelstan sah Wirth und Wirthin bedenklich an; diese sagte: Mein junger Herr, Euch wird es unglaublich vorkommen, was der alte Herr da ausspricht, aber wir, ich und mein Mann, müssen es dennoch glauben. Wir hatten vor zwölf Jahren ein Kind, einen Knaben, der war groß und stark, gesund und freundlich, dabei noch viel schöner, als den 70 ich jetzt an der Brust habe. Es war unser erstes, und wir Eltern waren sehr glücklich. Der Herr Schulmeister erzählte uns schon, was er in zwei, drei Jahren dem Jungen Alles lehren wolle. Mein Mann war aus, um Holz einzukaufen, Gäste hatten wir nicht, ich war mit dem Kinde ganz allein. Seine Wiege stand in der Kammer da neben meinem Lager, und so wie die Sonne so schön über die Berge dort unterging, und es roth und dämmerig in der Stube wurde, lege ich mich ein wenig auf das Bett, denn ich war müde vom Backen und hatte die Nacht vorher auch nicht viel wegen des Flachsbrechens geschlafen, wie es denn immer für eine starke Frau im Haushalt vielerlei zu thun giebt. Da gerathe ich in einen Zustand wie in Rausch oder Betäubung, ich wußte, daß ich nicht schlief, und doch konnte ich auch nicht sagen, daß ich vollkommen wach sei. So kamen in der röthlichen Dämmerung drei kleine Frauengestalten herein, ohne daß ich die Thür hatte aufmachen sehn, sie trugen etwas Eingewickeltes und gingen ganz sacht auf die Wiege zu. Die Wesen, die altfränkische Weiberanzüge und widerliche Kopfzeuge trugen, nahmen mein schlafendes Kind aus der Wiege, wickelten es aus seinen Kleidern und Windeln und zogen ihm eine seltsame Art von Ueberzug, grau wie Spinneweben, um die Glieder, brachten das Eingepackte und thaten es mit den Kleidern meines Kindes an. Immer sahen mich die alten eingeschrumpften Gesichter, die über hundert Jahr alt seyn mußten, dabei an; ich wollte reden, aber ich konnte nicht, ich vermochte auch kein einziges Glied zu rühren, nicht einmal den Kopf, selber nicht die Augen zu bewegen. So gingen sie weg mit meinem Knaben und hatten mir statt seiner was Anderes in die Wiege gelegt. Ich war keines Gedankens mächtig. Um Mitternacht kam der Mann zurück, er dachte, ich schliefe, und ging still zu Bette, 71 um mich nicht zu wecken. Ich war noch immer wie mit Stricken festgebunden, nur war mir, als wenn etwas in der Wiege, ganz wie ein großer Mensch, schnarche. Am Morgen, als früh die Sonne herein schien, sahen wir nun die schöne Bescheerung, als ich munter war und das Kind tränken wollte. Ein Klumpen war's, unförmlich, fast ohne Gesicht, ganz, wie man sich die jungen unreifen Teufel denkt. Mein Mann war in Verzweiflung. Der Herr Schulmeister kam zu uns und meinte, wir sollten das Wirrsal nur gleich ins Wasser tragen. Der Beichtvater wollte aber meiner Erzählung nicht glauben, er meinte, in der Nacht könne das Kind wohl das Gefrais befallen haben, und die Krämpfe hätten es so zugerichtet, er sei gewiß noch immer unser Sohn und könne sich künftig einmal wieder ins Leidliche und Menschenähnliche hinauswachsen. Es sei Sünde und Mord, den verwachsenen Sohn, ohne sein Wachsthum abzuwarten, ins Wasser zu schmeißen. So haben wir ihn denn behalten und auferzogen, und da wir die Sache doch nicht mit ganzer Sicherheit wissen, so fühlen wir auch gegen den verdrehten Ungerathenen eine Art von elterlicher Zärtlichkeit. Der lange Umgang thut viel, man gewöhnt sich denn nach und nach an Alles. Nein, schrie der Schulmeister, er ist kein Mensch, sondern ein simples untergeschobenes Gespenst. Wir kennen ja hier zu Lande das Treiben dieser Unterirdischen, die, wo sie nur können, die schönen Christenkinder rauben, um ihre einzulegen, die nur Bälge von Fleisch, Haut und Knochen sind, und die man nicht mehr zu respectiren hat, als wenn sie mit Heu und Stroh ausgestopft wären. Diese Feen, Elfen, oder wie sie sich sonst noch nennen, sind von Gott abgefallene Geister, halb teuflisch, halb elementarisch, diese rauben aus Bosheit die getauften Kinder, um ihnen die Seligkeit zu 72 entreißen, und schieben ihre ungerathenen Teufelsfrüchte, diese madigen, wurmstichigen Alraunen und Krokodile unter, um Hexerei und Teufelei unter dem Menschengeschlechte zu verbreiten. Und wenn das die zu milden Geistlichen zulassen, so kann auf diesem Wege noch das ganze Christenthum untergehn, und wir alle unvermerkt und nach und nach zu solchen Unholden werden. Hannes, welcher sich indessen wieder hereingeschlichen hatte, brach wieder in jenes gellende, schadenfrohe Gelächter aus, über welches Alle erschraken. Balthasar wendete sich zum Zwerg, betrachtete ihn aufmerksam und sagte dann mit dumpfen Ton: Der Knirps da aus dem Feenreich? O Ihr dummer, ganz unwissender Mann, der Ihr Euch einen Schulmeister nennt und Euch anmaßen wollt, andere, klügere Sterbliche zu unterrichten: die Feen, Elfen, Götter dort sehen gar anders aus als dieses Wurzelgeflecht, das krummgebeinte, höckerbelastete Kürbisgesicht. Da würdet Ihr, ich, und Wirth und Wirthin, auch die Mägde hier im Hause, ja die meisten Menschen auf der Welt nur eine schlechte Figur spielen, kaum der junge Herr dort könnte mit Anstand in die Versammlung treten, so ausbündig herrlich, so himmlisch glänzend, so edel gebildet sind dort Alle, bis auf die niedrigsten Diener hinab. Blendwerk! schrie der Küster, wenn Ihr dergleichen gesehen habt, Ihr altes Leichenhuhn. Wem die ganze Hölle zu Gebote steht, für den ist es eine Kleinigkeit, sich und seines Gleichen herauszuputzen, um den Augen der Leichtgläubigen etwas vorzumachen. Nun wagen wir es nicht, fing die Mutter wieder an, die Wiege nur einen Augenblick zu verlassen, damit uns nicht wieder einmal ein fremdes Unthier hineingelegt werde. In der Nacht lösen wir uns ab, Knechte und Mägde, 73 damit immer ein Gesunder munter bleibt, und des Morgens wache ich doch mit Zittern auf, ob ich auch noch mein schönes Kind noch ebenso wiederfinde. Werden mal die alten Weiber den Küster neinlegen! schrie Hannes stotternd mit einer widerlichen Stimme und lachte laut dabei. So viel, sagte der Vater verwundert, hat er seit Jahren nicht gesprochen; wir glaubten Anfangs, er würde gar nicht reden lernen. Manchmal ist es auch, als wenn er kein Gehör hätte; man mag sprechen, was man will, auch mit ihm, er merkt nicht darauf, und nach Monaten weiß er doch Alles, so daß man sich vor ihm in Acht nehmen möchte. Bosheit! nichts als Bosheit! rief der Schulmeister, er hat's hinter den Ohren. Der Hund war wedelnd durch die Stube gegangen und hatte endlich am Kamin Platz genommen. Jetzt sprang er zwei, drei Mal empor und riß mit dem letzten Sprunge des Schulmeisters Perücke vom Nagel, die alsbald ins Feuer fiel und lichterloh brannte. Der Spitz lief mit dem übrig gebliebenen Zopf unter den Tisch und schien diesen schmatzend zu verzehren, als man aber zusah, war unten an diesen ein großes Stück Wurst gebunden, welches der Hund gewittert und mit seinem letzten Sprunge erobert hatte. Der Schulmeister stand wie versteinert, die dürren Hände über den Kopf vor Schrecken zusammengeschlagen, der Vater suchte nach einem Knüttel, denn es war kein Zweifel, daß der ungeberdige Hannes die verlockende Wurst dem Haarzopfe angebunden hatte. Auch der Schulmeister ergriff jetzt ein Scheit Holz, und die beiden Männer verfolgten schreiend den häßlichen Zwerg. Dieser, der sonst nur langsam hinkte und watschelte, rannte jetzt mit der größten Behendigkeit in den 74 Stall, die Beiden ihm nach, er sprang wie eine Heuschrecke auf Krippe und Raufe, und von dort kletterte er wie eine Katze mit der größten Sicherheit zu den Sparren des Daches hinauf. Er fand eine Luke offen und flüchtete sich auf das Strohdach ins Freie. Der Küster, der ihn durchaus abgestraft haben wollte, rannte hinaus und legte außen eine Leiter an, um ihn einzufangen, indessen der Vater sich mit dem Prügel in der Hand zu dem Sparren hinauf dem ungerathenen Sohne nach quälte, um ihm den Rückweg zu versperren. Schon hatte der Küster das Dach erreicht und haspelte sich im Stroh hinauf, als der Zwerg, unbegreiflich wie, unten stand und plötzlich die lange Feuerleiter vom Hause hinwegriß. Der Vater, neugierig, kroch jetzt mühsam aus der Luke, da er den Küster schreien hörte, schwang er den Prügel heftig, und traf den Schulmeister, ohne es zu wollen, so stark, daß dieser in der Erboßung ebenfalls mit seinem Holze sich vertheidigte. So arbeiteten die beiden Alten schreiend und schimpfend mit Schlägen aufeinander, und der Bucklichte stand unten und lachte so heftig und laut, indem er sich hinten über warf, um das Schauspiel zu genießen, daß er das Gleichgewicht verlor und in den Brunnen stürzte. Alles erschrak, die auf dem Dache oben Kämpfenden stießen ein lautes Geschrei aus. Aus dem Hause stürzte die Mutter und Athelstan, um zu sehen, welch Unglück geschehen sei. Vom Dache riefen die Beiden herunter, der Zwerg sei in den Brunnen gestürzt. Alle Gefühle gegen ihr unglückliches Kind regten sich im Herzen der Mutter, sie weinte laut und um so heftiger, da sie aus der Tiefe des Brunnens keine Antwort erhielt, als sie hinab gerufen hatte. Die beiden Aeltesten hatten indessen den Weg vom Dache herunter gesucht, und der Küster kroch lamentirend und 75 scheltend auf allen Vieren durch die Luke zurück. Athelstan stand am Brunnen und ließ den Eimer herunter, der bleiche Balthasar war ihm gefolgt, hielt sich aber entfernt, um sich nicht dem Regen, der etwas schwächer geworden war, auszusetzen. Mit aller Anstrengung seiner Stimme schrie Athelstan in die Tiefe hinab, daß sich der Unglückliche in den Eimer setzen möge, wenn er lebe und den Ton vernehme. Jetzt kam der Vater mit einer Laterne herbei und leuchtete hinab. Alles schrie und fragte, aber aus dem Brunnen selbst ließ sich nichts vernehmen. Als das Seil zu Ende war, drehte Athelstan das Rad zurück und beruhigte die Klagenden, weil er eine Last im Eimer fühle. Das wird nur das Wasser seyn, klagte die Mutter. Je mehr Athelstan zog, je schwerer ward die Last. Jetzt stürzte der Vater, der wieder in das Haus getreten war, herbei und schrie: Unser Kind ist weg! Ach! die Unterirdischen, heulte die Mutter, haben es uns am hellen Tage gestohlen! Balthasar und der Vater rannten mit der Mutter in das Haus. Athelstan arbeitete immer eifriger, er durfte seinen Kräften vertrauen, doch ward die Last endlich so groß, daß von der Anstrengung ihm der Schweiß vom Haupte floß, und er nach Beistand rief, um den unnatürlich schweren Brunneneimer aus der Tiefe zu erheben. Jetzt konnte er schon den Zwerg unterscheiden, und der Schulmeister kam auf sein Rufen herbei, ihn zu unterstützen. Das Kind ist da, sprach dieser, die Magd hatte es vorsorglich mit in die Küche genommen, damit es die Unterirdischen nicht stehlen möchten. So wie die Last wuchs, an welcher jetzt beide arbeiteten, um sie herauszuziehen, um so bestimmter konnten die Ziehenden den Zwerg unterscheiden, der ganz wohlgemuth und guter Dinge zu seyn schien. Athelstan beugte sich jetzt mit dem ganzen Leibe hinüber, um dem Ungestalten die Hand zu reichen, daß er 76 auf die nur niedrige Lehne des Brunnen steigen könne. Hannes sah seine Befreier mit einem grinsenden Lächeln an, sprang im heftigen Schwunge auf den Brunnenrand, gab seinem Erlöser Athelstan, der noch weit übergebeugt stand, im Aufspringen einen heftigen Stoß und rannte laut lachend, ohne sich umzusehen, in das Haus hinein. Der Schulmeister stand jetzt händeringend und laut schreiend an dem Brunnen, rief hinab, stampfte mit den Füßen und schalt auf den Unhold, denn dieser hatte gewandt seinen Befreier, der nichts argwohnte, in die Tiefe geworfen. Der Küster ließ den Eimer wieder hinab rollen, aber er war zu schwach, den Jüngling heraufzuarbeiten. Der Wirth kam herbei und mit seiner Hülfe gelang es, das aufwindende Rad in schnellere Bewegung zu setzen. Wir hätten das Ungeheuer nur sollen ersaufen lassen, sagte der Küster während der Arbeit, da das Schicksal selbst ihn einmal in das Wasser gestürzt hatte. Wir Menschen sind zu gut und hülfreich, das hat der Junker entgelten müssen, der nun wenigstens durchnäßt ist, und dessen Kleider verdorben sind. Meine Perücke ist vom Feuer verzehrt, Ihr, Matthes, habt mir da oben auf dem Dache einen tüchtigen Schlag beigebracht, und so ist von diesem Krüppel Unheil durch Unheil hervorgebracht. Jetzt sprang Athelstan leicht aus dem Eimer und dankte den Helfenden, die ihn aus der Tiefe heraufgefördert hatten. Er ging mit ihnen in das Haus und legte sich in ein Bett, damit seine Kleider getrocknet werden konnten. Als er wieder aufstand, war das Wetter heller geworden, und der blasse Balthasar hatte sich nach seiner Heimath gewendet. Der Küster sagte: Diesem Manne haben die Unterirdischen auch einen Theil seiner Seele gestohlen; das ist im 77 Grunde ein dummer Tiefsinn, über welchen der Unglückselige immerdar brütet. Tiefsinn? sagte Hannes, indem er aus seinem Winkel hervorkam. Ja, Zwerg, antwortete der Küster und sah ihn verachtend von der Seite über die Schulter an; warum mengt sich das Ungethüm in das Gespräch vernünftiger Menschen? Kann er nicht mit den Kälbern und Stieren draußen seine Conversation führen? Besser noch mit Dornen, Disteln und stachlichtem Unkraut im Felde, mit dem giftigen Binsengewächs, welches die Menschen wahnwitzig macht. Was geht den Klotz die Tiefe der Betrachtung an, in welche der unsterbliche Geist hinabsteigt? 'Neingefallen in die Tiefe ist der blanke Junker! rief Hannes, und ich war auch unten. – Will die Kälber besuchen – besser blöken und singen können die, wie Küster. Er ging fröhlich hinaus, und die Eltern wunderten sich, daß ihrem mißgeformten Sohne seit heut die Zunge wie durch ein Wunder gelöset sei, denn er hatte bis dahin immer nur einzelne, unzusammenhängende thierische Töne hervorgestoßen, niemals aber Worte hervorgebracht. Der Küster sagte: Die Allmacht ist groß und läßt sich nichts vorschreiben. Haben doch auch zu Zeiten Bilder von Holz und Stein gesprochen; vielleicht wird er noch ein Mensch, aber es wäre auf alle Weise besser, daß ihn die Unterirdischen wieder in ihr Reich abholen, da unten ist jedenfalls so etwas besser zu gebrauchen. Man setzte sich zum Abendessen nieder, und Athelstan war so fröhlich, daß er Alle erheitern, selbst den Küster über den Verlust seines Haarschmuckes trösten konnte. Er beschenkte den Alten und nahm am Morgen von seinen 78 freundlichen Wirthen Abschied, denen er ebenfalls Gelegenheit gegeben hatte, seine Großmuth zu rühmen. Die Sonne schien wieder auf die Gebirge herab. Athelstan fühlte sich, jetzt ganz einsam, so glücklich, so übermüthig und stark in allen seinen Kräften, wie er es noch nie erlebt, wie er es selbst in seiner träumenden Ahndung nicht für möglich gehalten hatte. So lange er auf der Höhe war, übernachtete er in einzelnen Hütten, bei Hirten, die ihm von ihrer Beschäftigung erzählten; zuweilen fand er die kleinen Häuser ganz verlassen, dann richtete er sich ein, suchte Lebensmittel und ließ Geld auf dem alten Tische zurück. Als er sich wieder in die niedrigern, schönern und wärmern Gegenden begab, verschmähte er es nicht, die Nacht im Walde zuzubringen, oder auf einer Felsenbank im Schein des Vollmondes zu ruhn und von dort dem Spiel des Lichtes auf den Wellen des Flusses tief unter ihm zuzusehn. Dann lebte er wieder in den Dörfern unter Bauern, oder auf Meierhöfen; mit den Förstern ging er auf die Jagd und lernte die Wildbahnen kennen; von Jedermann war er geliebt, da er immer freundlich und dienstlich war. Die Ebene vermied er, um nicht die Kunde von sich zu verbreiten, die dann wohl bis in seine Heimath reichen konnte. Der Sommer war auf diese Weise durchschwärmt, und durch die Freundschaft, die ein junger Edelmann, den er auf der Jagd hatte kennen lernen, mit ihm verband, gerieth er auf jenes Schloß, in welchem der Besessene lebte, von welchem der Küster früher schon erzählt hatte. Dieser Besessene, wie ihn Alle nannten, war der Oheim des jungen Mannes, dessen Vater dem reisenden, poetischen Athelstan mit vieler Güte entgegenkam. Auf dem Schlosse des alten Ritters fand der dichterische Jüngling zu seinem Erstaunen alte Bekannte wieder, den 79 Küster nehmlich und den mißgestalten Hannes. Es waren seitdem mehr als zwei Monate verflossen, als er die Beiden oben in der einsamen Bergschenke hatte kennen lernen, und hier bei dem Freiherrn Brandenfels erfuhr Athelstan erst, wovon das Land umher schon seit einer Woche erfüllt war. Der Freiherr sagte nehmlich, nachdem sie vom Mittagsessen aufgestanden waren: Ihr kommt zu einer wunderbaren Begebenheit in mein Schloß, im Saale nehmlich wird Verhör gehalten. Der Abt vom nahen Kloster und ein Weltpriester sind zugegen, um die Anklage gegen einen Küster zu vernehmen, der bisher für einen unbescholtenen Mann gegolten hat. Sie traten ein, im Saale fand sich ein ehrwürdiger Greis, der Abt nehmlich, von dem gesprochen war, ein Weltpriester, der armselig und unbedeutend aussah, und der Bruder des Gutsherrn, der Besessene, der gerade seine gute Stunde hatte und ganz verständig sprach. Der Ritter Brandenfels sagte: Morgen erwarten wir noch einen eigentlichen Hexenrichter, der mit Processen der Art noch mehr Bescheid weiß, wie unser lieber Abt, indessen soll von diesen geistlichen Herrn doch der Anfang eingeleitet werden. Ein Wunder nehmlich hat sich in unsrer Provinz ereignet. Droben auf dem Gebirge – man kann bei ganz hellem Wetter das Haus von hier unten unterscheiden – lebte seit dreizehn oder vierzehn Jahren ein Zwerg, der immerdar stumm schien, auch taub, und der jetzt so geläufig wie ein Procurator redet. Man setzte sich und der Besessene sagte: Ja wohl geschehen noch Wunder. Der gute Küster hat uns oft besucht, und hat dem Herrn Pfarrer dort beschwören helfen, wenn ich von dem bösen Feinde zu leiden hatte. Freilich, sagte der bedächtige Pfarrer, wie oft habe ich 80 nicht an Euch gearbeitet, Herr Ritter; Ihr wißt es, immer vergeblich, denn der Feind war uns zu stark. Aber ganz natürlich, wenn mein Hülfreich, ein Küster, wie man jetzt fast glauben muß, selbst nichts Besseres als ein Teufel ist. Der Abt strich seinen langen weißen Bart und sagte: Meine Freunde, junge sowohl als alte! die Sache ist noch nicht ganz klar und evident, und ein geistlicher Mann, wie der Küster einen vorstellt, muß erst nach allen seinen Rechten vernommen und verstanden werden, auch ist die Präsumtion für ihn, daß er am wenigsten mit Teufeln in Verbindung geräth, da er zwei Drittheile seines Lebens in der Kirche und mit heiligen Functionen zubringt. Die Thür öffnete sich und mit Wächtern trat der Küster herein, und bald darauf in anständigen Kleidern und mit einem ganz ehrbaren Wesen der krüppelhafte seltsame Hannes. Der Küster verbeugte sich zitternd vor dem Abte und sagte dann erfreut: Ach, lieber Junker! Ihr seid da? Vielleicht könnt Ihr mir aus meiner Schmach helfen, in welche mich das Scheusal da gebracht hat, das Euch damals in den Brunnen stieß. Hier wird fürs Erste nicht geschimpft, sprach der Abt, fürs Zweite spricht man nur, wenn man gefragt wird, und ich denke, man wird mit der eignen Verantwortung genug zu thun haben. Man setzte sich und der krummbeinige Hannes neigte sich gegen die Richter und sagte dann: Daß mir die Zunge gelöst ist, auf wunderbare Weise, das ist im Lande bekannt. Das geschah durch göttliche Einwirkung. Wie ich aber die Sprache verlor und so verzaubert wurde, wie ich mich gegenwärtig immer noch befinde, das geschah durch höllische, satanische Kniffe und Künste, und wie dies zugegangen ist, weiß man noch nicht, weil ich bis dahin der Rede nicht fähig war, 81 auch die Besinnung und Erinnerung ebenso, wie meine geraden Beine, die Schönheit meines Angesichts, den edlen Wuchs, den reizenden Ausdruck meiner Mienen, kurz, alles Einnehmende schon seit Jahren verloren hatte. – Verehrte Männer, stammelte der Küster, sieht man nicht deutlich, daß der Unflath ein Kobold ist? Kann ein Kind von eilf Jahren so reden? Ihr hättet Recht, Ihr Schalk, antwortete Hannes, wenn der Himmel nicht an mir ein Wunder hätte offenbaren wollen, um das Reich der Gespenster zu vernichten und die Hexen zu verderben. Ich fahre also fort. – Ich war schon getauft, und war, wie ich schon bemerkte, und wie meine Familie es bezeugen kann, ein sehr schöner Knabe. Die Mutter hatte mir eben noch die Brust gegeben, und ich befand mich in jenem anmuthigen Zustand, der den Sterblichen so behaglich ist, gesättigt, aber nicht übersatt, nicht schlafend, doch im Uebergang zum leichten Schlummer. In dieser süßen Abwesenheit erwachen dem Menschen die besten und klügsten Gedanken, aber er weiß es noch nicht: der Geist fabricirt sie spielend und phantasirend in der geheimsten Werkstätte, und so freute ich mich schon im Voraus, was mir alles Gescheidtes und Merkwürdiges beifallen würde, wenn ich erst meine dreißig Jahre auf dem Buckel haben würde. Auch war ich schon eitel, wie schön ich mich aus der lieblichen Knospe, die ich jetzt war, herauswachsen würde. Summa Summarum, mir war so recht kregel zu Muthe, so was man hundewohl nennen könnte. Athelstan konnte sich nicht entbrechen, auszurufen: Herr Abt! Ist dies nicht ein Spuk, ein Gespenst, welches redet? Mir scheint der arme Küster Hülfreich mit Unrecht angeklagt, denn er spricht schlicht und einfach. Und dumm! rief Hannes. Soll das ein Kennzeichen 82 der ächten Menschheit seyn, wenn ein Kerl ein Simplex ist? Schöne Empfehlungen für den unsterblichen Geist. Der Abt strich sich wieder den langen weißen Bart und sagte bedächtlich: Durch ein Wunder ist der stumme Knabe ein Redner geworden und spricht, so wie ihm die Zunge nur frei wurde, wie ein Buch: unbegreiflich freilich, wenn es kein Wunder wäre, da es aber ein Wunder ist, so muß nothsächlich Alles bei ihm jetzt unbegreiflich seyn, sonst verdiente er gar keinen Glauben. Auch denuncirt er das Höllenreich, und aus dem Munde des Unmündigen will sich der Ewige, wie er selber spricht, Lob zubereiten. Der Besessene nahm das Wort: Erlaubt mir, meine Herren, daß ich etwas aus der Schule schwatze. Da der Teufel so oft leibhaftig in meinem Leibe steckt, so muß ich endlich wohl mit derlei curiosen Geschichten etwas Bescheid wissen. Ich war immer ein schlichter frommer Mann und seit meiner Besessenheit inclinire ich zum gottlosen Wesen. Mein Bruder weiß, daß ich von Jugend auf auf gewisse Weise dumm war: so wie der Teufel in mich fährt, bin ich witzig, wie die Leute sagen. Ich bin von Natur sanft, aber dann tobe ich und brauche vielerlei seltsame Flüche. Ein andermal rede ich tiefsinnige Sachen und erlaube mir Zweifel über die beliebtesten Sätze unserer Religion. Manchmal habe ich schon fremde Sprachen geredet. Jetzt habe ich Respect vor dem Herrn Pfarrer und noch mehr vor diesem ehrwürdigen Abt: kommt nun die Besessenheit über mich, so lache ich über diese trefflichen Geistlichen, denn sie kommen mir ganz komisch vor. Ja, der Schwarze handthiert manchmal so in mir herum und klettert wie eine Katze durch alle Stockwerke meines innern Wesens, daß mir Leben, Essen und Trinken, Schlafen und Wachen, Berg und Wasser, und was man von Hölle und Himmel, Geist und Element aussagt 83 und fabelt, ohne allen wahren Zusammenhang erscheint, und ich mir in dieser Verblendung vornehme, Alles neu zu untersuchen und durchzudenken. Läßt mich dann Beelzebub plötzlich los, so bin ich wieder ein vernünftiger Mensch wie jetzt, und weder Zweifel stören mich, noch andere Gedanken beunruhigen mich. Ich wollte also nur sagen, wenn der böse Geist gewissermaßen an mir solche Wunder thut, der doch nur, gegen den Himmel gehalten, der schwächere Geist ist, so muß der Himmel in dem scheinbaren Zwerge, in welchem eigentlich innerlich ein schönes Kind steckt, noch weit mehr thun können, und ich sehe gar keinen Grund, warum wir uns verwundern sollten. Athelstan hatte aufmerksam zugehört, diese Schlußfolge und Nutzanwendung schien ihm aber gar keinen Zusammenhang zu haben, er schüttelte bedenklich mit dem Kopfe, der Abt aber sagte: Sehr richtig beobachtet und klar auseinandergesetzt. Der Knabe Johannes oder Hannes fahre nun weiter fort. Hannes räusperte sich und sprach: Ich lag also beschriebner Maßen in meiner Wiege, und die Mutter schien zu schlafen. Mit meinem prophetischen Blick sah ich in das Abendroth, das so appetitlich in unsere Stube herein schimmerte, denn es sah aus wie eine schöne Weinsuppe von rothem Wein, die in einer vergüldeten Schüssel schwimmt, wie die, Junker Athelstan, die Ihr letzt genoßt, nur aßet Ihr sie aus einem zinnernen Teller. Da kam ein Haufe gespenstischer alter Weiber, kleiner Unterirdischen, in die Stube, eine lange dürre Bohnenstange mit kahlem Kopfe unter ihnen, dieser Küster Hülfreich, den sie aber nicht so nannten, sondern er ist von den Gespenstern bei seiner Geburt, da sie alle Gebräuche unserer heiligen Religion 84 nachäffen, Langmichel Grinsemaul getauft worden. Müßt Ihr es nicht eingestehn, Michel? Der arme Küster kreuzigte sich vor Erstaunen und Schmerz, er konnte jetzt kein Wort hervorbringen, und der Zwerg fuhr fort: Die fatale Gesellschaft trat zu meiner Wiege, und Alle sahen mich mit ihren grünen Katzenaugen an, Langmichel Grinsemaul aber sagte mit boshafter Feierlichkeit: seht, meine unterirdischen Spielgenossen, ihr meine Verbündeten zum Bösen und zum Verderben der Menschheit, da liegt nun das Wunderkind, Johannes getauft, mit seinem Familiennamen Püstrich genannt. Das Schicksal hat beschlossen, den allerschönsten Mann, den allerweisesten aus ihm zu formen, vorzüglich aber soll er ein Pfeiler der Kirche werden. Darum wollen wir ihn jetzt durch unsere Zauberkünste in einen Unhold verwandeln; er muß bucklicht und krummbeinig werden, damit man ihn niemals zu einem Dechanten, oder gar zu einem Abt erwähle, er soll ein höchst widerwärtiges Angesicht erhalten, damit er keinem Menschen gefalle, und soll dabei stumm und taub werden, damit er unser Geheimniß nicht verrathe. Das geschah denn auch Alles, und so hat sich diese Geschichte zugetragen, und nicht auf die Weise, wie sie meine gute Mutter vorzutragen pflegt, die sich einbilden möchte, daß ich ein sogenannter Wechselbalg sei. Nun war ich mitunter sehr verdrüßlich, daß man mir Beine und Maul so verdreht hatte, und ich wünschte oft und flehte zum Himmel, daß ich aus der Haut fahren könnte und dürfte. Das wurde mir versagt, aber vor kurzem hatte ich in der Nacht eine Erscheinung, und da wurde mir die Zunge gelöst, und mein Verstand, der bis dahin auch ein Zwerg gewesen war, gerieth in ein plötzliches Wachsen, und so bin ich nun heut zu Tage der, der ich bin, und klage den sogenannten Küster, der aber ein eigentlicher Unterirdischer und Kobold ist, an, 85 peinlich und criminell, daß man den Unhold so bald als möglich zum Scheiterhaufen verurtheile. So wird es wohl kommen müssen, sagte der Abt ganz gelassen, und der ruhige nachsprechende Pfarrer gab auch seine Meinung dahin ab. Der Besessene stand auf und betrachtete den zitternden Küster in der Nähe und sagte: Natürlich haben bei solchem Küster und Sakristan die Beschwörungen des Herrn Pfarrers nichts Sonderliches an mir fruchten können. Der weinende Küster vertheidigte sich, so gut er es vermochte, doch fanden seine Gründe nur wenig Eingang, weil das Vorurtheil schon gegen ihn war. Er erzählte von seiner Familie und Auferziehung, von dem Kloster, in welchem er unter der Leitung der frömmsten Männer seine Studien gemacht habe, wie lange er den gegenwärtigen Pfarrer schon kenne und von diesem wie von seiner ganzen Gemeine immer als ein ächter Christ sei anerkannt worden. Nun schilderte er die unnatürliche Bildung des Zwerges, wie eine so ausdrückliche Häßlichkeit doch wie ein Fingerzeig des Himmels zu betrachten sei, wie dieser Kobold, denn das sei er gewiß, schon früh einen Haß auf ihn geworfen habe, weil er ihn immer Wechselbalg genannt und als solchen erkannt habe, er habe auch gefürchtet, daß er, der Küster, einmal das Ungeheuer beim geistlichen Gerichte anklagen würde, denn Alles, was er begangen, sei Bosheit oder Schalksnarrenposse gewesen, wie Eltern, Bekannte und Jeder bezeugen müsse, der die Schenke gekannt und besucht habe. Nun solle dieser garstige Zwerg plötzlich ein ächter Mensch, er, der alte Geistliche, aber ein Unhold seyn. Daß der Boshafte jetzt so geläufig rede, beweise nur, daß er sich bis dahin aus Tücke taub und stumm angestellt habe, oder daß ihm die Rede durch Zauberei gekommen sei. Das Letzte müsse man glauben, 86 denn sei selbst die stumme Zunge durch ein Wunder gelöset, so würde sie doch mindestens wie die eines zwölfjährigen Knaben sprechen müssen, nicht aber wie das Organ eines alten erfahrenen Mannes. Da Abt, Priester und Besessener ungläubig die Köpfe schüttelten, konnte sich Athelstan, dem der Küster ein inniges Mitleid einflößte, nicht länger zurückhalten, er erhub sich und erzählte, wie vielen Spuk und Schabernak der ungestalte Zwerg nur an dem Tage, an welchem er ein Bewohner der Schenke gewesen sei, angestiftet habe, wie boshaft er sich erwiesen, und wie, wenn man irgend Kobolde annehmen könne oder wolle, dieser seltsame Hannes sich am besten zu einem solchen qualificire, er, der ganz lahm sei und doch schneller wie Andere zum Dach hinauf und von dort hinunterklettern könne, der, so klein er erscheine, im Brunneneimer sich so ungeheuer schwer erwiesen habe, daß Athelstans Kräfte nicht hingereicht hätten, ihn heraufzuziehen, daß er endlich jetzt, obgleich er Knabe sei, nicht nur zusammenhängend, sondern klüger spreche, wie sie Alle, er der stammelnde Blödsinnige. Gemach! rief Hannes, daß Ihr den Zauberküster vertheidigt, ist natürlich, denn Ihr seid ja unterwegs, die Zunft der Unterirdischen und Feen aufzusuchen, Ihr seid ja deshalb Euern Eltern entlaufen, Ihr wollt Euch ja der Magie und allen übernatürlichen Kräften weihen und gäbt viel Geld darum, wenn Ihr nur das Mauseloch im Berge finden könntet, um in die Zunft der Gefeiten zu gerathen. Ihr müßt freilich Langmichel Grinsemaul vertheidigen, denn Ihr seid von demselben Gelichter. Athelstan war so verlegen und erschrocken, daß er, mit glühender Röthe und Todtenblässe wechselnd, keine Antwort hervorbringen konnte. Er stand auf, zitterte aber so heftig, daß er sich wieder niedersetzen mußte, so hatte ihn der 87 Schreck, daß dieser Zwerg um ihn und seine Flucht aus dem väterlichen Hause zu wissen schien, erschüttert. Nach diesen Anzeichen verlangte der Abt, der Herr des Hauses solle den jungen Mann in irgend eine sichere Stube seines Hauses verschließen, um ihn dem Hexen- und Ketzerrichter, welcher morgen ankomme, vor Gericht zu stellen. Der Freiherr mußte dem Verlangen nachgeben, und so sah sich Athelstan zu seinem innigsten Verdruß in diesen aberwitzigen Handel verwickelt und mußte fürchten, das Gelindeste, was ihm geschehen könne, würde seine Auslieferung an seinen Vater seyn. Um Mitternacht öffnete sich die Thür seines verschlossenen Zimmers, und Eduard, der Sohn des Freiherrn, trat herein. Ich kenne Dich nicht näher, sagte der freundliche Jüngling, aber Du sollst durch den Unsinn dieses Zwerges nicht leiden. Folge mir, daß ich Dich aus der Burg geleite und Dich auf jene Fußpfade führe, die Dich in den sichern Wald geleiten. Athelstan folgte dem freundlichen Jüngling, und die beiden jungen Leute umarmten sich herzlich, als sie sich trennten. Im tiefen ruhigen Walde ließ sich Athelstan, als die Sonne heraufgekommen war, an einer schönen Stelle nieder und genoß von dem süßen Wein und den Gerichten, die ihm Eduard zur Stärkung mitgegeben hatte. Die grüne Natur, das Rauschen der Bäume erfreuten sein Herz um so inniger, als ihm noch jener Aberwitz in den Ohren klang, den er kürzlich hatte anhören müssen. Frohgemuth und singend wanderte er über die frischen Berglehnen hin, von denen er von Zeit zu Zeit den Ausblick auf die schönen Felsen hatte, die sich ihm bald rechts, bald links in aller Herrlichkeit offenbarten. Es war am Abend des folgenden Tages, als Athelstan 88 vom röthlichen Himmel herab und durch die lauen Winde angehaucht, ein Entzücken über sich kommen fühlte, als wenn ein Wesen mit großen Zauberfittigen zu ihm heranrausche, um ihn der süßesten Wunder theilhaftig zu machen. Als er sich umsah, stand er wieder vor jener schönen, alten, blätterreichen Linde, wieder murmelte der klare Bach vom Hügel herunter, er setzte sich wieder auf den Rasen, wo er vor einigen Wochen sich vom Köhlerbuben Gottfried so Manches hatte erzählen lassen. Er breitete die Arme in seligen Gefühlen den unsichtbaren Geistern entgegen, die ihn zu umschweben schienen. Da ertönte ein so wundersamer Ton, ein so liebliches süßes Klingen, wie er noch niemals vernommen hatte, und sein tiefstes Herz erzitterte. Er stand auf, trat an die Ecke des Hügels, und vom höhern Walde hinab glänzte und spielte durch das grüne Laub ein Lichtschein, der näher funkelte, indessen die süßen Töne lauter musicirten. Plötzlich trat ein Zug aus dem dämmernden Waldschatten in die Abendröthe. Voran zog auf weißem Zelter, der mit Purpurdecken, mit goldnen Blumen durchwirkt, behangen war, eine weibliche Gestalt, so schön und glänzend, daß Purpur, Gold und das Funkeln des Abends vor ihrem leuchtenden Schein erblaßte. Ihr folgten Jünglinge und Mädchen, alle zu Roß, alle schön, alle überirdisch. Manche hielten gewundene, künstlich gearbeitete goldene Hörner an den Mund, aus welchen diese Wundermelodien quollen. Das ist die Jagd der himmlischen Gloriana! sagte Athelstan zu sich selbst und trat noch mehr aus den Weg hinaus. Jetzt kamen sie näher. Gloriana sah in ihrer Herrlichkeit mit feuchtem Glanzblick und lächelndem Mund auf den entzückten Jüngling nieder. Gegen die Röthe dieser Lippen dünkten ihm des Rubines Flammen matt und bleich, der Blick der Göttin drang durch sein Auge in sein Herz, er richtete sich 89 hoch auf, und seiner selbst nicht mehr bewußt, umarmte er Gloriana und drückte einen langen innigen Kuß auf ihren Mund. Der Zug stand still, die Musik verstummte, mit Hülfe Athelstan's stieg Gloriana von ihrem Zelter. Das hat noch kein Sterblicher gewagt, sagte sie mit bewegter Stimme. Manchen habe ich wohl angelächelt, Mancher hat am Wege gekniet, und Alle, wenn auch nur mein scheidender Blick sie streifte, sind durch mich glücklich geworden. Aber Du! Mir einen Kuß auf meinen Mund zu drücken! Du weißt es wohl nicht, Sterblicher, schöner Jüngling, daß Du mir dadurch auf immerdar und unbedingt als mein Diener, mein Ergebner, mein Gemahl zugehörst? Will ich etwas Anderes? erwiederte Athelstan; diese Erfüllung fliegt noch über meine kühnsten Wünsche hinaus. Der grüne Berg stand weit offen, drinnen schimmerten in Wunderpracht die weiten Säle, Alle neigten sich vor Athelstan als ihrem Herrn, und von der weißen Hand der schönen Gloriana geführt trat der Jüngling in den Hügel hinein, der sich alsbald, als er Alle aufgenommen hatte, wieder verschloß. Nun aber werde ich wieder Einiges von mir selbst, nehmlich von mir Gottlieb Beeskow, einschalten. Jener junge dumme Jäger kam zu meinem Küster zurück (auch in meinem abgeschriebenen Gedicht heißt zdumm , tumm jung, ein Beweis, daß Vieles darin alt ist) und trieb Unfug über Unfug. Ich war auf einem Spaziergang, und er riß das alte Buch von meinem Schreibetisch weg, steckte es ein und lief damit in den Wald, der Schulmeister mochte protestiren, so viel er wollte. Als er wiederkam und ich ihn mit einiger Heftigkeit 90 zur Rede stellte, meinte er, er hätte den Küster nicht verstanden, weil dieser undeutlich spreche und oft zu sehr stammle und daher nicht gewußt, daß das Manuscript jetzt mein Eigenthum sei, indem ich es für baares Geld erkauft habe. Außerdem habe er nothwendig Patronen machen müssen, um auf die Jagd gehen zu können, und von seinem Standpunkt oben nach allen Richtungen schnell zu schießen, und er habe nirgend anderes Papier angetroffen. Der Küster wurde auch eifrig, ich war verdrüßlich und der junge liberale Jäger, seiner Bestimmung nach, grob. Er schien große Lust zu haben, mich noch obenein auf Pistolen zu fordern und mich selbst zum Beschluß des Spaßes todtzuschießen. Wie so viele Menschen, die nicht wissen, was Ehre ist, sprach er unaufhörlich von seiner verletzten Ehre. Ich erhielt endlich das von neuem verstümmelte Buch von ihm zurück, ich dankte ihm dafür, und auch, daß er sich nicht an meiner neuen Abschrift und Ueberarbeitung vergriffen hatte. Auf den Antrag, oben auf dem Berge aus den Gebüschen die einzelnen verschossenen Patronen und Papierstreifen wieder zusammenzusuchen, nahm ich keine Rücksicht, weil ich dachte, daß ich das Fehlende so gut wie manches Vorige aus meinem eignen Ingenio ersetzen könne. So verließ ich den alten Schulmeister, meinen bisherigen Wirth, und stieg wieder wohlgemuth nach dem kleinen Städtchen, meinem lieben Capellenburg, hinunter, wo ich denn auch am folgenden Tage gegen Mittag gesund und fröhlich anlangte und mein Zimmer im Hause des Bürgermeisters wieder bezog. Bei Tische war der Bürgermeister nicht zugegen. Alle schienen verstimmt, die Frau sagte mir, ihr Gemahl sei unwohl. Es ward wenig gesprochen, denn auch die Kinder schienen traurig, Fremde waren nicht zugegen. Ich mußte glauben und fürchten, daß das Haus seinem Untergange 91 nahe sei, daß auswärtige Bankerutte vielleicht den Sturz der hiesigen Handlung veranlaßten. Nach aufgehobener Tafel ging ich eilig zum Herrn des Hauses hinüber. Er saß in seinem Lehnstuhl und las. Freundlich empfing er mich, und als ich ihm die traurige Verstimmung seiner Familie und meine Besorgnisse mittheilte, ließ er mich ruhig aussprechen und blieb ganz gelassen. Darüber kann ich Sie beruhigen, sagte er dann, unsere Geschäfte sind überhaupt von der Art, wir sind so wenig mit auswärtigen Häusern verwickelt, daß ein solches Unglück unser Städtchen nicht leicht betreffen kann. Nein, es ist ein häuslicher Verdruß, der mich accablirt, und der mir mein ganzes Leben verbittern wird. Sie hatten wohl Recht, als Sie uns neulich die gutgemeinte Oration hielten, daß in der unglückseligen Butter ein böser Geist, ein Geist der Widerspenstigkeit und des Aufruhrs, ein Gelüst zur Empörung sich entwickelt. Sie wissen, daß wir jetzt selbst Butter machen, sie ist schmackhaft und vortrefflich, meine Frau führt selbst die Aufsicht darüber, und so wie sie resolut in allen Dingen ist, deren sie sich annimmt, so versteht es sich von selbst, daß das Erzeugniß nicht schlecht, sondern ungemein vorzüglich sich zeigt. Diese Neuerung ist nun in unserm Städtchen Mode geworden, alle Hausfrauen haben Kuhwirthschaft und eigne Milch und Butter; allenthalben gut und reinlich, wie sich das annehmen läßt. Ob die Butter in dieser, in jener Familie besser sei, ist schwer zu entscheiden. Nun hat sich aber bei uns über diesen Gegenstand ein wahrer Fanatismus gebildet, der mir, in meiner Nähe entstanden und ausgewachsen, Alles erklärt, was ich ehemals nicht in der Geschichte der Religionsstreitigkeiten begreifen konnte. Jede Hausfrau in der Stadt verlangt nun, man solle nicht nur ihre Butter für die beste anerkennen, sondern für die einzige, die der andern Familien erklärt sie nicht nur 92 für schlecht, sondern für abscheulich, schmutzig, ekelhaft; und wie Jede es mit Gewalt durchsetzt, daß man von der ihrigen genießt und viel genießt, so nennt sie jeden ihren Feind, der von dem Product eines andern Hauses auch nur kostet. Darüber ist nun Zank und Zwietracht in allen Familien. Der Commerzienrath, dessen Sohn meine Aelteste heirathen soll, war neulich mit der Familie bei uns. Als zum Beschluß der Mahlzeit die schöne, frische Butter aufgesetzt wurde, sah ich, wie die Räthin dem Manne und der Tochter bedeutend zuwinkte, der Sohn, der Verlobte, war auf Reisen und nicht zugegen. Meine Frau nöthigte zur Butter, aber Räthin, Mann und Tochter dankten, anfangs höflich, nachher aber, als meine gute Frau immer zudringlicher, endlich sogar heftig wurde, versagten jene auch mit zunehmender Empfindlichkeit und erklärten zuletzt, sie könnten es unmöglich über sich gewinnen, anderswo als im eignen Hause ein Product, welches so viele Aufmerksamkeit und Reinlichkeit erfordere, zu genießen. In der Bosheit aß meine Frau desto mehr, und wir, die Familie, mußten des Hausfriedens wegen ihr nicht nachstehn, so daß wir uns Alle nachher unwohl befanden. Nachher waren wir bei dem Commerzienrath. Meine Frau hätte uns gern einen Eid abgenommen, Gleiches mit Gleichem zu erwiedern, und dort bei den hochmüthigen Leuten ihre Butter keines Blickes zu würdigen. Es war eine Scene, fast wie die, als Hamilkar den Hannibal seinen ewigen Haß gegen Rom beschwören läßt. Als wir dort eintraten, war alles Freundlichkeit und Liebe, man schien gegen uns so zuvorkommend, wie noch niemals. So ging es auch bis zum Nachtisch, und wir waren Alle ganz kordial geworden. Nun wandelte sich aber die Scene, als die Butter, und zwar eine ganz vortreffliche, auf den Tisch gesetzt wurde. Die Hausfrau wurde noch zehnmal freundlicher und liebevoller, aber 93 die meinige machte so ernste und verschmähende Mienen, daß ich zitternd erbangte. Des Nöthigens der Räthin war kein Ende, und ich, der ich nicht unhöflich seyn wollte und die Unartigkeit meiner Frau wieder gut zu machen suchte, aß von der Butter, und da meine Brigitte vollends eine Uebelkeit affectirte, immer mehr und immer hastiger. Endlich schien es gar, meine Frau fiel in Ohnmacht, und die Töchter führten sie in ein anderes Zimmer. Meine Angst erreichte den höchsten Grad, und ich verspeiste so viel Butterschnitte, daß ich schon bei Tisch die Indigestion verspürte. Zu Hause gab es nun großen Lärm, Zank, Bitterkeit, Haß, alles bis zur Wuth und Verzweiflung gesteigert. Es war von nichts Geringerm die Rede, als daß man sich von allen Gesellschaften zurückziehn, und allen Umgang im Städtchen aufheben wolle. So der Bürgermeister. Alles dies erschien mir furchtbar. Ich dachte, auf welchen Wegen man dieser so revolutionairen Butter entgegenarbeiten könne, und ging nach Mittag in das ganz nahe liegende Haus des Commerzienrathes. Ich fragte nach dem Sohne, der seit vorgestern von seiner Geschäftsreise zurückgekommen war. Es hieß, er sei krank, und ich fand ihn wirklich im Bette liegen. Wie geht's Ihnen, lieber Ferdinand? fragte ich besorgt; woran leiden Sie? Ach! seufzte der blasse Jüngling, wie wohl ist mir, daß ich Ihr freundliches Angesicht wieder sehe! Setzen Sie sich zu mir und lassen Sie uns etwas schwatzen. Ich erfüllte seinen Wunsch, und da ich ihn so krank sah, bezeigte ich ihm mein Mitleid. Es ist, fing er an, traurig, aber auch zugleich lächerlich, und Sie, der Sie in einer großen Stadt leben, werden das Komische der Sache um so lebhafter empfinden, wenn ich gleich darunter leide. Bald nach Ihrer Abreise von hier begab ich mich in Geschäften meines Hauses mit dem Herrn Wandel, der auch in 94 Handels-Absichten reisete, in das Gebirge unsers Nachbarlandes hinein. Schon vorher war, wie Sie ebenfalls wissen, eine Buttercultur, eine Verfeinerung der Sitten und des Geschmacks hier eingerissen. Wohin wir kamen, waren unsre Handelsfreunde sehr wohlwollend, und der dicke Wandel ließ sich die gute Aufnahme allenthalben sehr gut gefallen. Ich, arglos wie ich bin, war vergnügt und freute mich, daß ich hier und dort für das Haus meines Vaters einen vortheilhaften Contract abschließen konnte. Diese Wochen, in denen ich mich im Freien so arglos umtrieb und dabei für meine Familie in der Fröhlichkeit etwas Nützliches ausrichten konnte, gehören zu den glücklichsten meines Lebens, die Aussicht so nahe vor mir, meine mich liebende Braut wieder zu sehn, wenn ich zurück kam, und sie bald zu meiner Frau zu machen. So komme ich mit dem dicken Duckmäuser, dem Wandel, wieder hier an. So wie wir zu Tische uns setzen, examinirt mich meine Frau Mutter hin und her, dies und jenes, und als wir bald wieder vom Tische uns erheben wollen und noch mit der Butter und dem Käse beschließen, fragt sie mich, ob ich auch unterwegs von dem abscheulichen ekelhaften Zeuge irgendwo etwas genossen habe, das man dort frech genug mit dem Namen der Butter gegen alles Gewissen und alle Religion belege. Ich mußte über diese Frage und die Feierlichkeit, mit der sie an mich gethan wurde, laut lachen, und sagte, so viel ich mich erinnern könnte, hätte ich bei den Handelsfreunden gute und mittelmäßige Butter genossen, oder auch, wenn ich schon gesättigt war, stehn lassen. Ist es wahr? fragte meine Mutter den albernen Wandel. Wie es kam, antwortete dieser; mein junger Freund scheint mir überhaupt in diesem Punkt sehr freigeistig, denn er hat selbst in Wirthshäusern die Butter nicht verschmäht. Meine Mutter stand auf, wie von einem Entsetzen 95 ergriffen. Ist es möglich? rief sie mit tragischer Stimme aus; kann ein Sohn von mir so aus der Art schlagen? Giebt es denn kein Gefühl, kein Gewissen mehr, nichts von Dem, was unsere bessern Denker und Schriftsteller jetzt Pietät nennen? O ich Unglückliche! Welche Kinder habe ich zu meinem Entsetzen zur Welt gefördert! Der Würdigste unsers Senats, der höchst gelehrte Andres, ist jetzt auf der Reise nach Hamburg, und sogar bis in England hinein, und dieser hat, ohne sich nur zu weigern, seiner Frau Bertha in ihre Hand feierlich geschworen, nirgend, nirgend, selbst in den besten Londner Häusern keine Butter anzusehn, und er bekennt, daß ihm dieses als kein Opfer erscheine, da er durch die vortrefflichste Kost seines Hauses zu sehr verwöhnt sei: – und Du, bei unsern elenden Bekannten, die Alles Butter nennen, was nur schmierbar ist, in elenden Wirthshäusern, hast Dich so vergessen können! Die Mutter fiel in Krämpfe: ich konnte nichts thun, sie zu beruhigen. Ich mußte es zugeben, daß unser Doctor Heinzelbauer mich curirte und purgirte, um als ein Gereinigter wieder zu erscheinen. Heinzelbauer thut in solchen Fällen lieber zu viel als zu wenig, und so, ich versichere Sie, fühle ich mich seit sechs und dreißig Stunden so elend und matt, wie nur dem Fisch in der Sommerhitze auf dem trockenen Sande seyn muß. Aber das ist noch nicht die ganze Summe meines Elends. Ich höre, die Frau des Bürgermeisters will meine Verbindung mit Wilhelmine zertrennen, wenn ich mich nicht eidlich anheischig mache, niemals anderswo, als nur in ihrem Hause etwas von Butter zu genießen; meine Mutter aber setzt ihren Fluch dagegen und schwört, nehme ich nur eine Messerspitze dort, so gebe sie nie ihre Einwilligung. Der Doctor hat mich mit seinen Mitteln so mürbe gemacht, daß ich lauter Furcht bin, die 96 Weiber rasen, Wilhelmine weint, der Bürgermeister wagt nicht zu sprechen – und Alles ist in chaotischer Verwirrung. Ich ging zum Herrn Wandel. Diesen traf ich mit dem Stock in der Hand und den Hut auf dem Kopf. Seine Frau stand neben ihm, und beide sprachen eifrig. Nachdem ich sie begrüßt und sie mir gedankt hatten, fragte ich, ob ich den lieben Freund nicht auf seinem Spaziergange begleiten könne, denn das Wetter sei sehr schön. Es handelt sich nicht darum, sagte die Frau erboßt, mein Alter hat ein sehr nothwendiges Geschäft mit dem reichen Bellan, und er kann jetzt nicht hingehn, obgleich es die höchste Zeit ist. Die Frau verlangt, sagte Wandel, daß ich durch unsern langen Garten, dann hinten durch die kleine Pforte gehe, dann soll ich mich zwischen den Pfaffenhügeln herum schleichen, um in das Gehölz zu kommen und von da in den Garten des Herrn Bellan, wo es dann noch die Frage ist, ob ich die Thür dort offen finde, die der vorsichtige Mann fast immer verschlossen hält. Aber warum, fiel ich lebhaft ein, da der Herr kaum dreißig Schritt von Ihnen wohnt? Das ist es ja eben, rief die Frau und wurde glühend roth im ganzen Gesicht, der Commerzienrath und der großthuige Lembert liegen da weit aus ihrem Fenster und schauen sich um, wie es ihre Art ist, da sie so wenig zu thun haben; die Madame Eisenberg sitzt gar mit allen ihren Töchtern hinter den vergoldeten Stäben ihres Balkons, da kann mein Mann unmöglich vorbei und die Straße hinuntergehen, denn er müßte ja doch alle diese Menschen grüßen, und das ist von allen Unmöglichkeiten die unmöglichste. Weshalb? fragte ich erstaunt; was ist denn vorgefallen? Alte bekannte und befreundete Mitbürger zu grüßen, ist doch so natürlich, daß man es selbst nicht unterlassen kann, wenn 97 uns der Feind begegnet, oder ein Mensch, den wir verachten müssen, den Hut vor ihm zu rücken. Ach! Sie sind so lange nicht hier gewesen, antwortete die Gattin, daß Sie auch alle die Schrecklichkeiten nicht wissen, die seitdem hier im Orte vorgefallen sind. Alle diese Leute waren neulich bei uns auf einem großen Gastgebot, das wir jährlich geben, und kein Einziger von Allen, weder Mann und Frau, noch Sohn und Tochter, Kind und Kegel, hat von meiner Butter nur den kleinsten Bissen genommen oder gekostet, ja wenn sie ihre Hunde und Katzen mitgebracht hätten, so würden es die neidischen Weiber auch diesen verboten haben, einen Butterschnitt anzurühren, da es doch weltbekannt ist, daß die Butter meines Kellers die allerbeste und feinste in der ganzen Stadt ist. Und lieber mag mein Mann das vortheilhafte Geschäft nicht abschließen, lieber soll er vor Nacht nicht aus dem Hause gehn, wenn er nicht jenen Umweg nehmen will, als daß er jetzt irgend eine Notiz von allen diesen undankbaren Menschen nimmt, denen wir in frühern Zeiten so viele Gefälligkeiten erwiesen haben. Ich erstaunte über den Zwiespalt, der das ganze Gebirgsstädtchen aufzulösen drohte: den angenehmen Ort, wo fast alle Einwohner sehr befreundet, oder nahe verwandt waren. Ich kann aber nicht umhin, sagte ich endlich, alle diese Leute freundlich zu begrüßen. Sie sind auch nicht gekränkt und beleidigt, sprach die Frau, ob Sie gleich in der Neutralität zu weit gehn und sich gegen Ihre wahren Freunde etwas zweideutig benehmen. Sie essen bei Allen und loben bei Allen ohne Unterschied, was erscheint, und haben entweder über Butter gar keine Stimme, oder verletzen die Rechtschaffenheit und Wahrheit, die ein edler Mann immerdar zur Schau tragen sollte. Ich entfernte mich tief bewegt, und mannichfaltige 98 Gedanken in meinem Innern hin und her wälzend. Bald hatte ich mit einem vertrauten kühnen und verständigen Diener einen Plan entworfen, durch den es mir vielleicht gelang, die zerrissenen Gemüther wieder zur alten schönen Einheit zusammenzufügen. Ich bestellte ein festliches Gastmahl in dem Gartenhause des nächsten Dorfes, von wo man den weitesten Blick über das ganze Gebirge hat. Es war so eingerichtet; daß jede Familie glauben konnte, sie sei nur allein von mir eingeladen worden, und da aller Umgang im Städtchen aufgehoben war, so konnte ich sicher darauf rechnen, daß Keiner mich dem Andern verrathen würde. Auch war die Einrichtung getroffen, daß jede Familie eine Viertelstunde später als die vorige eintraf, und auch hierin konnte es mir nicht fehlen, da die Kleinstädter in Ansehung der Stunden, welche ihnen bestimmt werden, äußerst pünktlich sind. Ich hatte das ganze Haus gemiethet und alle Zimmer für die Aufnahme der Einzelnen, sowie den Saal für die allgemeine bei Tische einrichten lassen. Die Bürgermeisterlichen kamen zuerst, dann die Familie des Commerzienrathes, und so nach und nach die übrigen. Alle befanden sich wohl in den niedlich ausgeschmückten Zimmern, und die Equipagen wurden vom Wirthe sogleich untergebracht, so daß keiner noch andere Gesellschaften vermuthen konnte. Als Alle versammelt waren, ließ ich sie in den Speisesaal treten, und indem das Erstaunen und eine Art von Grauen alle Gemüther zu sehr fesselte, um Zorn oder Zwist aufkommen zu lassen, benutzte ich geschickt diese weltgeschichtliche Pause zu folgender feierlichen Rede: »Verehrteste allerseits! Redliche Männer, gebildete Frauen, hoffnungsvolle Jugend, vielerprüfte, tugendhafte und edle Gemüther! Euch zu sagen, was Freundschaft sei, oder was Feindschaft bedeutet, warum es gut ist, wenn Brüder 99 einträchtig bei einander wohnen, und der Haß erst Andern schadet, um sich selber am Ende den größten Nachtheil zuzufügen, Alles dieses jetzt erörtern wollen, hieße diese vortreffliche Stummheit, welche euch durch meine Anstalten befallen hat, nur schlecht nutzen oder vielmehr gänzlich mißbrauchen, denn dergleichen wird besser in den herkömmlichen Lehrbüchern der Moral abgehandelt. Nein, dieser ästhetisch-ethische Schreck, der jetzt eure Nerven in Spannung hält, muß für das Edlere und Nothwendige angewendet werden. Und auch ich bin, so wie ihr, ein guter Bürger, so müßig ich auch scheinen mag; erfüll' ich nicht das schwerste Gesetz, ehr' ich es nicht? Der Trochilus ist ein kleines unbedeutendes Thier, und wagt sich in den Rachen des ungeheuern Krokodils, wozu uns Allen, wie wir da sind, der Muth fehlen würde, um dem Sultan die Zähne zu reinigen: Lohn genug, nicht wahr, wenn das Viehchen nur unbeschädigt zwischen den Pallisaden wieder hervorkommt? So ich, ein schwacher Zahnstocher, werfe mich zwischen euren knirschenden Zorn, um eure Werkzeuge des Essens vor Beschädigung zu wahren, und den Weisheitszähnen zum Wachsthum zu verhelfen, oder, wo sie schon entsprossen sind, sie vor Wurm, Brand und Aushöhlung zu beschützen. War das goldne Zeitalter irgendwo sichtbar, hätte man die Stelle wieder kennen mögen, wo das Paradies gestanden hatte, so war es hier, wo die Umrisse noch fast wie eine Silhouette der Physiognomie jenes Gartens bemerklich waren. Und wohin ist dieser Friede entflohen, diese holdselige Eintracht? Braucht nicht die Ausrede, fromme Bürgersleute, der Teufel habe das Alles geholt, oder ein unabweisliches Fatum es zum Angedenken mitgenommen, denn ich kann hier so wenig das sogenannte böse Princip, als ein vornehmes, zu verehrendes Schicksalsgewebe wahrnehmen. Es sind menschliche Schwächen, 100 es ist Eigensinn, und diese lassen sich durch starken Willen besiegen. Wenn die Städte und Dörfer, welche am Fuße des Aetna oder Vesuv liegen, plötzlich von verwüstenden Flammen und Feuerregen heimgesucht werden, so dürfen sie über ihr Schicksal klagen; wenn Bürgerkriege und Religionshändel, große Interessen und Eigennutz Menschen mit Menschen entzweien, so kann man sie beklagen oder über sie zürnen; doch mildert die Größe des Gegenstandes unser hartes Urtheil, und die Wichtigkeit des Zweckes entschuldigt etwas die Leidenschaft. Aber hier, im fernen Gebirge wollt ihr die Zwiste der Ghibellinen und Welfen, der Weißen und Schwarzen, der Montecchi und Capilletti, an denen Romeo und Julia zu Grunde gingen, die Kriege der Albigenser erneuern? und zwar um einen Gegenstand, der fast an das Komische, wenigstens einigermaßen gränzt, um die Frage, welche Kuh und welche Familie die beste Butter hervorbringt? So tief habt ihr euch schon in das nichtige Unwesen hinein gebuttert, daß ihr Alle, wie Fliegen, die in die Sahne gefallen sind, nicht mehr schnell und anständig in euern Lebensverhältnissen euch fortbewegen könnt, und in der Butter- und Milchschüssel werdet liegen bleiben und verkommen müssen, so schleppen euch klebrig und hemmend falsche Ambition nach, fanatisirte Eitelkeit, mißverstandener Stolz, und Jeder, selbst schon im Verscheiden, will seinen Nachbar, Freund und Bruder proscribiren. Schon ist die Rede davon, das Glück zweier Liebenden zu trennen, den Vortheil bedeutender Geschäfte zu vernachlässigen, die Wohlfahrt der Stadt zum Sinken zu bringen. Und sind es etwa böse thörichte Menschen, die dergleichen unternehmen? Neidharte, gehässige Wesen? An denen wäre nicht so gar viel verloren. Nein, es sind im Gegentheil die edelsten Menschen, die sich so wunderlich selbst verblendet haben, großmüthige Männer und weise Väter der Stadt, 101 wohlthätige, gefühlvolle Mütter, Frauen, die mit dem ächten Adel der schönsten Weiblichkeit geschmückt einherwandeln, weltkluge und menschenkennende Kaufherren, kurz, Leute, die ich, so oft ich konnte, mühsam aufsuchte, weil das Herz mich zu ihnen trieb. Hier ist Arkadien, wenn irgendwo. Eine schöne Natur, fruchtbare Aecker, frischgrüne Wälder, erhabene Felsen. Bewohner mit allen Tugenden des Gemüthes ausgerüstet, werth, die Segnungen des Himmels, die er ihnen reichlich spendet, zu genießen, und die nur eine kleine, kleine Laune, welche an Thorheit streift, aufgeben dürfen, um wieder als ein Blumenstrauß aller häuslichen und bürgerlichen Tugenden zu glänzen: ich sehe, durch edle Thränen wird das Bouquet schon erfrischt und getränkt.« Es war mir gelungen, alle Herzen durch meine eindringliche Rede tief zu bewegen. Alle Feinde umarmten sich in schöner Rührung und schworen sich eine neue und unerschütterliche Bruder- und Schwesterliebe. Sogleich wurden die jungen Verliebten mit einander verlobt, und man beschloß zugleich, daß die Hochzeit in acht Tagen seyn sollte. Dieses Fest sollte aber zugleich als eine Versöhnungsfeier einen eigenthümlichen Charakter annehmen, man wollte nehmlich einen großen Pickenick veranstalten, Jeder sollte dazu auserwählte Lieblingsgerichte und vortreffliche Weine geben, so konnten die Hausfrauen sich auszeichnen, die Männer ihren Kellern Ehre machen, und doch sollte man nicht erfahren, wer die Weine oder Schüsseln geliefert habe. Mit denselben republikanischen Gesinnungen wollte jede Hausfrau Butter absenden, um sie in ein gemeinsames Gefäß zu thun und zu vermischen, auch ward schon jetzt die unbedingteste Butterfreiheit proclamirt, jeder Gatte, Sohn, Tochter, Nichte oder Vetter durfte Butter, so viel er wolle, in einem fremden Hause ohne Nachtheil an Ruf oder Liebe genießen. – Es 102 war ein schöner, ein großer Augenblick und wir setzten uns, stolz auf uns selbst, an den langen, reichlich besetzten Tisch, ich am glücklichsten, dem Camillus nicht unähnlich, da ich die Römer bestimmt hatte, den alten Wohnsitz nicht zu verlassen. Man war an der Tafel sehr fröhlich, und ich, um das Vorige ganz in Vergessenheit zu bringen, erzählte von meiner Reise im Hochgebirge, und von dem Mährchen, das ich als Manuscript von dort heruntergebracht und neu abgeschrieben und bearbeitet habe. Der Bürgermeister sowie noch einige Senatoren wunderten sich, daß ich, als ein gescheidter und gelehrter Mann, einem Mährchen so viele Aufmerksamkeit widme; ja, wenn es noch eine Erzählung wäre, oder ein Punkt aus der vaterländischen Geschichte, oder ein moralisches und erhebendes Werk. Da konnte ich mich nicht enthalten, Folgendes zu erwiedern: »Das ächte Mährchen, so sagte ich ungefähr, erschließt mit seinem Kinderton und dem Spielen mit dem Wunder eine Gegend unsers Gemüthes, in welche die übrige Kunst und Poesie nicht hineinreicht. Unsre ersten und heiligsten Verhältnisse zur Natur und der unsichtbaren Welt, die Basis unsers Glaubens, die Elemente unsers Erkennens, Geburt und Grab, die Schöpfung um uns her, die Bedürfnisse unsers Lebens, Alles dies ist wie Mährchen und Traum und läßt sich nicht in Das auflösen, was wir vernünftig und folgerecht nennen. Darum die Heiligkeit und das Wunderliche, Unbegreifliche aller alten Sagen. Die Schöpfung, die Entstehung des Guten und Bösen, der Fall der Engel, die Erlösung, man nenne, was man will, bei Griechen, Heiden, Juden oder Christen, das Ursprüngliche der Legende sowohl wie unsers nächsten alltäglichen Lebens ist, wenn wir das Wort heilig und ernst nehmen, ein Mährchen. Wer nun durch Erfindung sich auf diesen ersten Standpunkt des Lebens versetzen kann, dem klingt das innerste Gemüth 103 der Menschen entgegen, aller Derer, die sich nicht schon ein einseitiges System von Kunst und Kritik auferbaut haben. Wir werden an unsre räthselhafte Stellung und Bestimmung durch diese erinnert, und zwar in einer lieblichen Gestaltung, in der das Gemüth nicht sogleich jene tiefsinnige Hinweisung erkennt. Alles Geschichtliche, Politische, Historische ist schon, wenn auch edel und groß, ein Abgeleitetes; hier werden schon jene ersten Urbestimmungen der Menschheit als etwas Unerschütterliches, das sich von selbst versteht, vorausgesetzt, als etwas, das keine Verwunderung, keine Untersuchung mehr erregen soll. Dieses blitzende, sehnsüchtige oder kindliche Hinweisen auf die Natur und die frühsten Bedingungen der Existenz geschieht, und so vielleicht am lieblichsten, auf kindliche, spielende Weise, indem sich eine süße Rührung mit dem Schauer vermählt, der jeden durchzieht, der zum ersten Mal die Alpen oder das Meer erblickt. Es kann aber auch witzig, neckend, geistreich geschehn. Jetzt sind die Mährchen des Hamilton und ihre besten Nachahmungen fast vergessen, aber der Scherz dieser Wunder ist ein viel besserer, als der des Musäus. Auch in der Entartung, im Mißverstehn und Uebertreiben wirkt dies unbesiegbare Element oft. So hat der gewiß nicht vollendete Hoffmann bei den Franzosen eine neue Literatur erregt. Und wären Hoffmann, Fouqué und Aehnliche da, ohne den gestiefelten Kater, Zerbino, getreuen Eckart, blonden Eckbert, die verkehrte Welt und andere frühere Anklänge, die in die Weite, oft unbegriffen, hineintönten, und erst in nachahmender Uebertreibung von den Zeitgenossen verstanden und beantwortet wurden?« Ich wußte auch, daß ich an dem langen Tische nicht verstanden wurde, konnte es aber doch nicht unterlassen, diese unnütze Rede zu halten. 104 Hic Rhodus, hic salta. Oft verdroß es mich, wenn man in neuer Zeit diese alte Sprichwörtlichkeit falsch anwendete, um eine Schwierigkeit anzudeuten, die schwer zu überwinden war. Das Sprichwort beschämt jene Prahler, welche so oft rufen: da hab' ich Das, dort Jenes gethan! Hier ist Rhodus! kann man ihnen dann antworten, nun tanze hier! – Ich habe aber nirgend gesagt, daß ich im Stande sei, das Schwerste dieser Erzählung, und wo sich die bedeutendsten Lücken finden, aus eigner Kraft wieder herzustellen, oder schon hergestellt zu haben. – Es ist sehr verdrüßlich, daß Mäuse, Schimmel, Jäger u. s. w. sich gerade hier an dem Gedicht am schlimmsten versündigt haben, wo es am interessantesten und am meisten poetisch werden wußte. Der gute Schulmeister hatte hier Blätter eingelegt, die gar nicht zu brauchen waren, denn er schildert ziemlich weitläufig das unter- oder überirdische Reich der Feen und Geister wie eine hübsch eingerichtete reinliche Dorfschule, wo die gutgearteten Kinder dem Küster gar keinen Verdruß machen. Also denn: – mit Gunst irgend einer Muse – – Im glänzenden Saale wimmelte es von lichten, schönen Gestalten. Auf goldnen Leuchtern brannten Kerzen, Musik ertönte durch den Raum, und nachdem sich Athelstan noch etwas umgesehn hatte, setzte er sich an Gloriana's Seite zum Mahle nieder. Du bist nun mein Gatte, sagte sie zu ihm mit ihrer süßen Stimme, und als dieser wirst Du Dich nach und nach von dem gröbern irdischen Stoffe, der euch Sterbliche drückt, befreit fühlen. Jung und blühend wirst Du Jahrhunderte hindurch bleiben und erst spät in das Alter treten. Wie Du diese Vorzüge durch mich erhältst, so wird auch 105 mein Leben durch die Verbindung mit Dir erhöht und veredelt. Die zu zarte und geistige Existenz erhält mehr Kraft und Innigkeit, die flatternden Gedanken und Vorstellungen, die wie Zugvögel schwärmen, wachsen wie heimathlich der Seele mehr ein und bringen mehr Frucht und Genuß, und meine Seligkeit wird mir dadurch mehr bewußt, daß ich sie mit Dir theile, daß Du mein zweites Ich wirst. So hat es mir meine Mutter gesagt, die vormals als Fürstin diese Geisterreiche beherrschte. Sie erzählt noch immer in ihrer stillen Grotte, wo sie jetzt wohnt, von dem Glücke, das sie mit ihrem Manne, dem Fürsten genossen, der sie durch seine Kühnheit erwarb; dieser sehnte sich aber nach seinem Reiche und seinen Unterthanen zurück, und sie mußte es gestatten, daß er sie verließ und ein Sterblicher blieb. Solche Leiden müssen wir Feen oft erdulden. Schon vor vielen Jahren verließ auch ein berühmter Sterblicher, Held Ulysses, eine Freundin meiner Mutter, die geheimnißreiche Elfe Kalypso. Diese lebte und webte am liebsten oben in der Einsamkeit nahe am Meere, als verbunden mit diesem Element. Das müssen große Schmerzen seyn, die uns der Verlust geliebter Sterblichen erregt, denn meine Mutter war seitdem nicht mehr fröhlich, als der König von ihr schied. Nach dem Mahl begaben sie sich in die Hochzeitkammer, und am Morgen fragte sie den beseligten Athelstan: Bist Du ganz glücklich? So, rief der Jüngling, wie keine Worte es aussagen können, nur in meinen Blicken kannst Du es vielleicht lesen, in diesen Thränen, welche ein überirdisches Entzücken aus meinen Augen preßt. Noch nie, sagte Gloriana, hat ein Sterblicher den Muth gehabt, eine Königin unsers Reichs, indem er sie erblickte, auf den Mund zu küssen, und deshalb bin ich Dir mehr 106 unterthan, als jemals eine Fee es einem Manne der Erde war; aber auch Du gehörst mir mehr und inniger zu eigen, als sonst dergleichen Verbindungen bei uns sind geschlossen worden; Du kannst mich niemals verlassen, ich darf mich niemals von Dir entfernen. Wenn dies nicht Dein Wunsch ist und bleibt, so sind wir Beide unglücklich. Geht Dein Sehnen nach einer andern Bahn, so ist Dein Schicksal ein klägliches. Nein! rief Athelstan aus, auf Dich, ohne daß ich Dich kannte, waren alle Träume meiner Jugend gerichtet; Du bist der Spiegel, in welchem meine Seele ihre Gestalt erst hat kennen lernen. Besinne Dich aber, fuhr Gloriana fort, was etwa noch weiter zu Deinem Glücke nöthig seyn könnte. Jede Fee hat ihre Bestimmung, ihre Arbeit und ihr Spiel; die verschiedenen Geister der Erde, Luft, des Lichts, Feuers und Wassers sind auf ihre Weise beschäftiget. Unser Gewebe hier scheint unsichtbar, und knüpft sich doch in vielen tausend Fäden an die Schicksale und Arbeiten der Sterblichen. Der Geist der Elemente ist bei uns reiner und heiterer, die Abbilder hier von den Sachen droben erglänzen mehr und haben ein richtiger Verhältniß: unser Reich ist die edlere Wurzel jener sonderbaren Welt dort oben, und so muß auch jeder Sterbliche, der hier verweilt, auch wenn er, wie Du, vergeistigt und der rohen Materie entrissen wird, an dem lichten Webestuhl des Verhängnisses Platz nehmen, um das Getriebe lebendig und thätig zu erhalten. Ich werde Eure Einrichtungen kennen lernen, antwortete Athelstan, aber was ich mir immer wünschte, war, das Innere der Welt, den Zusammenhang aller Begebenheiten zu verstehn und zu fühlen, selbst das im Herzen zu erleben, was den Menschen nur als Historie oder Fabel vorübergeht, 107 das Wunderbare wie ein Natürliches zu fassen, und im Gewöhnlichen, was das blöde Auge so nennt, das Wunder zu sehn. Mit einem Worte, das Herz der Welt in meinem eignen Herzen zu fühlen, daß ein Mitleiden und Mitfreuen aller Art als Bekannte durch meinen Busen ziehen. Gloriana umarmte ihn mit erneutem Liebesfeuer. O Geliebtester, rief sie aus, daß diese Wünsche in Dir lebten, daß sie sich so stark in Deinem jugendlichen Herzen meldeten, ist es, was uns zu einander gezogen, was uns auf ewig verbunden hat. Das, was Du meinst und sinnst, das, was Du liebtest, bevor Du mich kanntest, bin ich: dieses Durchdringen, Verstehn der Natur und des Gemüthes, dieses Lieben der Liebe ist mein Beruf, und darum bin ich die Fürstin dieses herrlichen Reiches. Ja, das ist es, was der blöde Sterbliche so oft mit verdämmerten Sinnen die Poesie nennt, die Dichtung, die schaffende Kraft der Phantasie. Das ist Dein Beruf, mein Gemahl, an meiner Herrschaft Theil zu nehmen. Als es in der wunderbaren Landschaft Tag geworden war, kleideten sie sich in glänzenden Schmuck, und ein heitrer Geist in buntfarbigem Anzug leistete ihnen Gesellschaft. Das ist, sagte Gloriana fröhlich, der Philosoph unsers Hofes. Ja wohl, rief Filbert aus, dermalen, um euch Scherz und Spaß vorzutragen: ich arbeite an der Kosmologie und Geognosie, der Einsicht über die Entstehung der Welt und ihrer periodischen Veränderungen. Darin, sagte König Athelstan, habe ich ehemals bei meinem alten Caplan auch schon viel geleistet. Wir wußten genau von der Geschichte der Schöpfung Bescheid. Wenn die Mittel nur nicht abgingen, hätte man nach dem Recept selbst eine neue Erde bauen können. Nun also, fuhr Athelstan fort, sage mir, gelehrter Filbert, wo lag eigentlich das 108 Paradies? Denn darüber haben die Gelehrten auf Erden vielen Streit geführt. Und doch ist das gerade leicht einzusehen, rief Filbert lachend: gerade über uns. Alles, was euch oben die Erdkugel weist und darstellt, haben wir hier im verjüngten Maßstab, denn auch unsre Erde ist rund, und eure Herrschaft erstreckt sich über diesen ganzen feinern und edlern Erdglobus. Der Umfang des alten Paradieses war natürlich sehr groß, und es ist fast kindisch, wenn Reisende etwa noch die Stelle aufsuchen wollen, oder in die Nähe desselben zu gelangen wähnen. Denn kaum waren die sündigen Eltern hinaus gewandert, um jene Welt der Unschuld niemals wieder zu finden, als auch das Paradies verschwand. Es ist verschwunden? fragte der König. Freilich, fuhr der Philosoph fort, davon wird Euch der alte Caplan nichts haben melden können. Ihr müßt Euch die Sache so denken. Jemand hat einen Leberfleck, ein Muttermal am Körper, einen kleinen Ausschlag auf der Stirn, ein rosiges Mädchen einen Tüpfel auf der Wange oder der Nase, die Folge einer Erhitzung, des Tanzes, oder eines zu hastigen Trunkes. Giebt es doch auch wohl Sterbliche, denen die ganze Nase wie eine Purpurrose in glänzender Blüthe steht. Diese Personen brauchen etwas gegen diesen Ueberfluß, oder sie erkälten sich auch nur, und plötzlich verschwindet der falsche Zierrath, noch schneller, als er gekommen ist. Auf solche Weise geschah es mit dem Paradiese. Das Wesen war so zarter Natur, daß, wie sich eure Erde einmal erkältet hatte, und der Mensch den Rath der Schlange angehört, die ganze Lieblichkeit wieder in das Innere des Körpers hineinschlug, und man uns nun diesen sublimirten Paradiesescorpus zum Wohnsitz angewiesen hat. Das hängt mit der Lehre von der Transmutation zusammen, der die 109 wirren Menschen auch, weil sie das Gold zu sehr schätzen, gerne nachhängen. Filbert empfahl sich mit vielen komischen Verbeugungen und stieg über den Berg mit Windesschnelle in den blauen Aether hinauf. Das ist ein narrirender, schwatzhafter Luftgeist, sagte Gloriana, der in seiner Behendigkeit eigentlich nichts versteht, sondern nur von plötzlichen Einfällen lebt. Sie kommen ihm wie Wind und Wetter, und er wird von den Elementen regiert, statt daß er sie beherrschen sollte. Sie bestiegen die glänzende Gondel, welche von großen Schwänen über den klaren See gezogen wurde. Nymphen tauchten, in Jugend blühend, aus den Wogen, und schmückten mit Wasserlilien, Corallen und purpurrothen Muscheln das Fahrzeug. Am jenseitigen Ufer empfingen sie die geschmückten Jäger, die auf den goldenen Hörnern die lieblichen Waldmelodien bliesen. Der Zelter der Gloriana ward vorgeführt, und Athelstan bestieg ein schönes braunes Pferd, das kostbar ausgeschmückt war. So zogen sie durch die Wälder und erlegten manches Wild. Der Jagdruf, die Musik, der Gesang der Jäger ertönte wunderlieblich durch die schöne grüne Wildniß. Das Echo, das Brausen des Waldes, das Bellen der Hunde und das Geschrei des Wildes ertönte bezaubernd hin durch die schattige Einsamkeit. Im Walde ward auf einer grünen frischen Wiese das Mittagsmahl eingenommen, dann ging die Reise weiter, ohne daß man noch der Jagd gedachte. Als es Abend wurde, ging der Zug langsamer fort. Ein lieblicher Wind bewegte die duftenden Frühlingswälder, und tausend Nachtigallen besangen das Glück der Liebe und des Daseins. Eine süße Dämmerung verschattete allgemach die Gegend, und Finsterniß blickte aus dem Walde, indessen noch die letzten Schimmer der Abendröthe hie und dort durch 110 die dichtvergatterten Zweige flimmerten. Da erhoben sich glimmende Wolken von Johanniswürmchen in der träumenden Dunkelheit und leuchteten magisch und wie in nächtlichen Regenbogen der Schaar der Reisigen. Als die Nacht mehr hereinbrach, erglänzten Fackeln und Windlichter und so setzte sich der Zug in Bewegung. Alte Liebes- und Heldenlieder wurden gesungen, und durch alle Windungen des vielverschlungenen Waldes glänzten die Flammen der Fackeln; es dünkte Athelstan zauberhaft, hie und dort, nah und entfernt die schönen Gestalten der Mädchen, Pagen und reitenden Jungfrauen zu erblicken, und beseligt fühlte er sich, wenn er dann die Augen auf Gloriana warf, die als die Schönste von Allen blendend hervorleuchtete. Jetzt kamen sie in einen Orangenhain, und die goldnen Früchte funkelten zitternd und schwankend in dem dunkelgrünen Gehölz, indem sie vorüber ritten. Bald zeigte sich das lächelnde Gesicht eines Mädchens, bald ein Jüngling mit ernstem feurigen Blick, bald schimmerte ein goldner Apfel zwischen den Zweigen hindurch, und Alles athmete Wollust, Liebe und Poesie. Wo endigt das Wunder, wo beginnt es? sagte Athelstan zu sich selbst, und hatte völlig seinen Vater, das einheimische Schloß, seinen Freund Friedrich, geschweige seine schöne Base und den verständigen Caplan vergessen. Auf ihrer Reise gelangten sie in eine sonderbare bergige Gegend, in welcher zerrissene, unzusammenhängende Hügel, auf welchen einzelne Tannen dunkel standen, ein verworrenes Bild darstellten. Hier ist es melancholisch, sagte der König. Freilich wohl, antwortete Gloriana, hier hausen die Zwerge und Gnomen. Viele unter diesen sind schadenfrohe und 111 tückische Wesen, die an Verdruß und Unglück ihre Freude haben. Indem wimmelte es aus allen Hügeln hervor, und die Mißgestalten beeilten sich, dem neuen Herrscher ihren Willkommen zu bringen. Ein widerwärtiges Geheul erfüllte die Gegend, welches Gesang und Musik bedeuten sollte. Athelstan fühlte sich unbehaglich und ward ängstlich, als er sich so von allen Seiten umdrängt sah. Noch mehr ward sein Verdruß erhöht, als die Massen der Gespenster sich zu Tänzen anschickten, und das weite traurige Feld von den wackelnden Gestalten in widerwärtigen Gruppen belebt und durchtobt wurde. Zwischen zwei häßlichen voreilenden Alten fiel um so mehr die außerordentlich schöne Gestalt eines Jünglings auf, der mit schwermüthigem Antlitz alle diese Bewegungen nur gezwungen und widerwillig mit zu machen schien. Die Königin war immer heiter und betrachtete auch diese wilden Gesellschaften mit holdseligem Lächeln. Als eine Pause entstand und die Gespenster auszuruhen schienen, winkte sie den Jüngling und seine beiden alten Begleiter zu sich heran. Ich versprach Dir neulich, sagte sie, Dir beim nächsten Fest Deine Freiheit zu schenken; es sei heut, kehre zu Deinen wahren Eltern zurück, Ferdinand. – Der Jüngling war dankbar, aber die beiden Alten fingen an zu heulen und zu schreien. Er ist unser Sohn! krächzten sie, und wir haben uns nun seit Jahren an ihn gewöhnt: er ist hübsch und groß geworden, und es ist eine wahre Freude, den Bengel nur anzusehn. Er hat aber, wie ihr es wißt, antwortete Gloriana, niemals zu eurem Stamm gehören, noch sich für einen andern einweihen lassen wollen. Er findet keine Freude daran, nach Gold und Silber in der Erde zu wühlen, oder in euren Bergwerken zu arbeiten, er wünscht sich zu den Menschen 112 hin, die er noch nicht hat kennen lernen, und die Zeit seiner Prüfung soll nun zu Ende seyn. Ferdinand ließ sich dankbar auf ein Knie nieder. Die königliche Fee steckte mit ihrer weißen Hand einen einfachen Goldreif an den Finger des Jünglings. Durch die Berührung dieses Goldes, sagte sie, hast Du nun Alles schon vergessen, was Du hier in diesem Reiche erlebt und gesehen hast. Du wirst dort oben von den Geheimnissen unsrer Haushaltung nichts ausschwatzen können. Beim Ausgang der Höhle soll Dir aber ein Kleinod gegeben werden, was Dich und Deine Eltern, die auf der Höhe des Gebirges wohnen, reich machen wird. Dafür kauft euch in einem fremden entfernten Lande an, und lebt dort glücklich, damit eure Nachbarn und Richter und Priester nicht forschen, woher euch dieser Schatz komme. Indem sich Ferdinand, von zwei Geistern in Gestalt von Jägern begleitet, schnell entfernte, schrien und heulten die beiden Alten auf die widerlichste Weise. So wollen wir doch wenigstens unsern guten klugen Hannes wieder haben! zankte die Mutter, der muß wieder hergeschafft werden; denn wenn er auch bei den Menschen nichts Vernünftiges wird gelernt haben, so ist er doch von unserm Blut und Geist. Aber das sage ich Euch, Frau Gloriana, die Ihr uns heut dies große Unrecht thut, wenn ich wieder, wie ich es denn hoffe, von meinem Alten hier ein rechtes Scheusal zur Welt bringe, so vertausche ich den Balg gegen den allerschönsten Prinzen, der nur auf Erden zu finden ist. Indem erhob sich ein ungeheures Geschrei von allen Zwergen, und die ganze große dunkle Masse erhob sich jauchzend in Sprüngen, denn der hinkende übelgestaltete Hannes kam schon herbeigerannt. Die beiden Eltern umarmten ihn und musterten dann seine Gestaltung. Er hat doch ordentlich 113 etwas Menschliches angenommen, sagte der Vater, er hat so einen vornehmen Blick gekriegt, gleichsam etwas Gebietendes. Ich denke, wir machen ihn zum Prinzen von Geblüt bei der Arsenikspinnerei, da unten in dem Bleibergwerke, wo die recht boshaft giftigen neuerfundenen Libelle und sogenannten Scharteken gewirkt werden, die wir nachher mit ihren dreckigen Farben und Schmutz den sterblichen Menschen verkaufen, die so große Freude daran haben. Es lebe der Arsenikprinz! schrien die Zwerge. Hannes wollte sich bedanken und die Feenkönigin begrüßen, als er jetzt erst den König bemerkte. Ei! ei! der Herr Vetter Monarch! sprach Hannes, also seid Ihr hier, glorreichster Kaiser, zum Oberon geworden? Das hätt' ich vor einiger Zeit nicht denken können, als ich Euch in den Brunnen auf unserm Hofe hinabstieß. O Geliebte, sagte Athelstan, befreie auch einen unglücklichen Greis, den dieser boshafte Zwerg bei dessen Vorgesetzten angegeben hat, und so viel ich sehen konnte, war bei jenen Blödsinnigen der arme Schulmeister in Gefahr. Ja, rief Hannes mit grinsendem Lachen aus, sie wollten ihn ganz simpel auf einen brennenden Holzstoß als einen Zauberer setzen, und das kann ein solcher dürrer Mann nicht aushalten. Uebrigens, Herr Vetter Oberon, verbitte ich mir alle Anzüglichkeiten und persönliche Injurien! Wer ist ein Zwerg? hier sind alle meine Landsleute wie ich gewachsen, und die Menge hat immer Recht. Sei ohne Sorge, mein Gemahl, um jenen Sterblichen, sagte Gloriana, er ist schon gerettet und für seine Angst entschädigt. Das plötzliche Verschwinden des Arsenikprinzen hat den alten Mann gerechtfertigt und die Bosheit der Anklage erwiesen. Sie haben ihm jetzt eine bequeme und einträgliche Priesterstelle gegeben, in welcher er sein Alter 114 pflegen kann. – Auch der sogenannte Besessene dort ist geheilt, denn er sieht jetzt mit den Uebrigen ein, daß ihm nichts fehlte. Dem simpeln Mann erwachte zuweilen ein besserer und hellerer Geist, er sprach verständiger als gewöhnlich, und seine noch einfältigern Verwandten meinten, er müsse besessen seyn; da er es immer wieder hörte, ward er selbst davon überzeugt, und ließ seinen Verstand, als wenn ein böser Dämon aus ihm spräche, von Priestern beschwören. Man zog weiter, und das Gemüth Athelstans erheiterte sich wieder, als sie in schönere Gegenden gelangten. Du verstehst noch nicht, mein Oberon, sagte Gloriana, Dich ganz in Dein erhöhtes Wesen zu finden. Du giebst noch den Zufälligkeiten Raum, und bist nicht so glücklich in meiner Nähe, wie ich in der Deinigen, denn ich verlange nichts, wie Dich und Deine unwandelbare Liebe. Was auf Erden die verschiedenen Stimmungen der Menschen sind, ihre Launen, Trauer und Freude, geheimnißvolle Ahndung und witzige Lust, Alles das findest Du hier in Wirklichkeit und Wahrheit. So Vieles, was erst in Zukunft auf der Welt einheimisch werden kann, wächst und gedeiht hier im Voraus und entsprießt erst spät in mannichfaltiger Gestaltung und That dort auf der Erde. Hier ist das geistige Vorrathshaus für die Zukunft der Sterblichen. Aber das Häßliche! rief Athelstan, wie kann man sich damit befreunden? Doch, antwortete Gloriana, indem es als Erscheinung auftritt und unbewußt den Witz darstellt. Es ist nicht mehr ganz häßlich, wenn wir es scherzhaft nehmen und das Gemeine durch unsern Witz adeln. Alle Ordnung, mein Geliebter, ist nur dadurch, daß es auch das Ungeregelte giebt und geben darf, und wenn man nur nicht das Häßliche selbst für schön nimmt und sich darin vergafft, so erläutert durch 115 ihren Gegensatz die Häßlichkeit die Schönheit. Außerhalb der Kunst darf und muß sich eine Unkunst bewegen, und je genialer, größer und poetischer, um so besser und zum Gewinn für die Kunst. Und glaubst Du denn, daß jene häßlichen und abscheulichen Wesen, die Dir so unangenehm sind, so seyn würden, wenn sie nicht aus freier Wahl so seyn wollten? Wie, rief Oberon erstaunt, aus freier Wahl? Das ist eben das Geheimniß der Geisterwelt, antwortete die holdselige Gloriana mit feierlichem Ton. Seit ewigen Zeiten geschieht es, daß in den höchsten und zartesten Geschöpfen sich oft ein Keim entwickelt, der uns Allen zu unserm Dasein nothwendig ist, der Keim eines Gelüstes, sich selbst zu zerstören, aus den heiligen, süßwollüstigen, beseligenden Schranken zu treten, in denen nur unsre Freiheit möglich ist, und diese ächte beglückende Freiheit, in welcher alle unsre Kräfte ihre Flügel entfalten, mit einer unsinnigen Willkühr, mit nichtiger Unbedingtheit, mit sklavischer Schrankenlosigkeit zu vertauschen. Selbst im Glück des Erkennens blitzt auch in den Seligen ein Taumel des Entzückens auf: wie es geschieht, daß so oft die Seele dann aus der Begeisterung freiwillig in die Leidenschaft stürzt, ist das ewige Räthsel und Geheimniß. Nun rennt der Geist, wie sich selber zum Trotz, auf der Bahn des Feuers fort, verschmäht das Licht als ohnmächtig und versenkt und vertieft sich in Das, was seinem Wesen das Widerwärtigste ist, indem er jetzt erst glaubt, im Wilden, Schroffen, Unverständigen seine Eigenthümlichkeit angetroffen zu haben. Nun wohnt er in der Lüge und Unwahrheit und lästert auf Schönheit und Heiligkeit, als wenn diese die Lüge wären. Aus übermäßigem Freiheitstaumel muß der Geist nun ein Sklave der Häßlichkeit werden, und je enger ihn die Ketten schnüren, je mehr 116 pocht er hohnlachend auf seine Ungebundenheit. Solche aus ihrer ersten Bestimmung tief gesunkenen Geister sind diese Zwerge und Mißgeburten, diese widerwärtigen Gnomen und Kobolde. Manche sind erst nach vielen Verwandlungen ihres Irrthums in diese Unformen gerathen, die heftigsten sind mit Blitzesschnelle aus der schönen Form hinein gestürzt. Finden sie in entzündeter Sehnsucht die Wahrheit wieder, so steigen sie schneller oder langsamer zur Schönheit wieder empor: doch ist es unendlich schwer, daß dieser Eigensinn wieder gebrochen werde, der jetzt die Wurzel ihres Wesens ist. Und doch, sagte Athelstan, werfen sie ihre Kinder den Menschen hin und holen sich die schönen Gestalten. Aus Schadenfreude, antwortete Gloriana, um die Menschen zu betrüben, und in der Hoffnung, daß ein solcher Wechselbalg in der Familie recht viel Unglück anrichten wird. Auch ist ihnen, zu ihrem Mißbehagen, noch ein Rest von Schönheitssinn geblieben, so daß sie oft wie mit Gewalt zu einem solchen Raube getrieben werden. Machen es bei euch die Menschen und sogenannten Poeten anders? Wie mancher dürftige Zwerg, der nur das kümmerlich Häßliche hervorbringen kann, reißt dem ächten Dichter eine glänzende Stelle diebisch weg, und fügt sie seiner Dummheit ein. Du sprachst auch, Titania, fing Oberon wieder an, von Geistern, die aus ihrem Beruf und aus der Bahn der Schönheit sich stürzen, und dennoch groß bleiben. Du wirst es immer mehr fühlen, je länger wir beisammen leben, erwiederte Titania, daß es kein anderes Erkennen giebt, als indem sich ein Geheimniß in ein höheres auflöst. So wie Wahrheit, Schönheit, Glaube und Kunst das Höchste sind, und sich Alles, was Kraft, Glück, Begeisterung, Andacht und Liebe in hunderttausend und unzähligen Gestaltungen in diesen Regionen formt und immer 117 vollendet ist: – so wohnt dem Jenseitigen, dem wilden Garten der Unkunst und Nichtliebe solch Wunder bei, so kräftige und glänzende Pflanzen entwachsen dieser Wildniß, daß sich immer von Zeit zu Zeit ein himmlischer Geist in diese unauflösbare Räthselwelt vergafft, hier einheimisch wird, und Riesenkräfte entwickelt, die in so frecher Gewalt niemals im Garten der Kunst sichtbar werden können. Bleiben die Geister in dieser düstern Region, welche gegen Liebe und Schönheit anstürmt, so erwächst aus diesem Kampfe, welcher die Wahrheit zu vernichten scheint, dieser, sowie der Liebe eine neue Kraft und frisches Vertrauen. Es bilden sich dann zwei Welten, die einander unentbehrlich sind: aber nur selten, selten nur verharren diese großstrebenden Geister in dieser schauerlichen Wildniß, wo sie ganz neue Wunder entdecken köunten, sie lüstern wieder zur Schönheit und Kunst hinüber, und doch haben sie selbst in ihrem riesenhaften Bestreben die zarten Flügel zerbrochen, die sie hinüber tragen konnten. O Titania, holdselige Göttin aller Poesie, meine Gattin, meine Braut, meine Geliebte, Freundin und Lehrerin, welch Leben hast Du mir vergönnt! rief Oberon in seligem Entzücken. Auch Du, antwortete Titania, bist jetzt der König aller Poesie. So laß uns denn in jene Gefilde hinüberschweben, wo die Dichter leben und glücklich sind. Sie erhoben sich leicht und fast unsichtbar bis zum Aether und sanken als lichte Wolken wieder in einen frisch grünenden Wald hinab. Sie sahen und sprachen die großen Dichter des Alterthums. Viele, deren Namen und Schriften erloschen sind, 118 fanden sie in diesen geweihten grünen Hallen, unter Felsen und Blumen, an rinnenden Bächen und Quellen, oder auf der Höhe der Berge, indem Alle sangen oder still dichteten. Holdselige Nymphen und reizende Jungfrauen waren zu ihrer Gesellschaft geschäftig und scherzend gegenwärtig. Die süßeste Musik schwang sich durch die Haine, in denen die Sommerlüfte sich summend schaukelten, und das Echo und Nachtigallen antworteten den Gesängen. Oft, sagte Gloriana, kehrt einer dieser Geister zur Erde zurück und bewohnt eine neue Gestalt, um die Menschen zu erheben und zu entzücken, andere Wohnplätze sind hier für Diejenigen bereitet, die in Zukunft die Erde verlassen werden. So geschieht es auch, daß, wenn ein Sterblicher boshaft und schlecht ist, daß er Alles verwirrt und seine Nächsten beschädigt und kränkt, daß er alsdann, in einen häßlichen Zwerg verwandelt, die Gesellschaft jener widerwärtigen Gnomen vermehrt. Es ereignet auch wohl, daß diese Gnomen, wenn sie immer verkehrter und böswilliger werden, um noch tiefer zu sinken, in Menschengestalt verwandelt werden, um dort auf Erden ein recht nichtswürdiges Leben zu führen; die meisten besinnen sich dann, und können nach ihrem Tode wieder eine höhere Region einnehmen. Oberon und Titania durchreisten alle Theile des großen und schönen Reiches. Athelstan lernte es bald, die Gestalt der Geister auf Zeiten anzunehmen, und so scherzten sie in mondhellen Nächten, nicht größer als die Blüthen der Aurikel und Vergißmeinnicht, mit ihren Elfenchören auf den grünen duftenden Wiesen, schaukelten in den Wipfeln der Bäume und glitzerten fliegend in den Funkenwolken der schwärmenden Johanniswürmchen. Dann ließen sie sich wieder vom göttlichen Homer die Begebenheiten erzählen, die seine Gedichte nicht aussagen; 119 der ungestalte Thersites, der schon einmal zum Gnomen geworden war, aber seine Strafzeit überstanden hatte, kam mit den griechischen Helden und lästerte noch wie ehemals. Alles, was die Welt Großes und Schönes gedichtet hatte, ging in wechselnden Gestaltungen ihnen vorüber. So lernte Athelstan Alles kennen, was auf Erden Glänzendes vor seiner Geburt geschehen war. Im Anschauen und Gefühl besaß er Alles, wouach der Sterbliche in vergeblicher Sehnsucht ringt, und im Besitz der schönen Gattin, in ihrer Liebe war Alles erfüllt, was Phantasie und Wirklichkeit, das Mögliche und die Poesie gewähren können. Jetzt, sagte nach einiger Zeit Titania zu ihm, kennst Du Alles. Du hast als Herrscher Deine Provinzen und Unterthanen gesehn, die edlen Geister sowie die niedrigen kennen lernen; Du darfst strafen und belohnen nach Deiner Ueberzeugung oder Deinen Wünschen gemäß, denn die Macht meines Scepters ist auf Dich übergegangen, ich weiß es, Du wirst Deine Gewalt niemals mißbrauchen, sondern die Geisterwelt eben so gern wie die Menschen beglücken. Welche Sprache, antwortete König Oberon, könnte mein ganzes Glück aussprechen, ich wünsche nichts als Dich, Deine Nähe ist mein Himmel; aber ist es mir vergönnt, wenn vielleicht einmal die Sehnsucht mich treibt, auf kurze Zeit zur Erde zurückzukehren? So oft Du willst, antwortete Gloriana; hast Du doch gehört und gesehn, daß ich selbst zu Zeiten mit meiner fröhlichen Jagd hinaus ziehe. Du bist unumschränkter Gebieter, und Dein Wille ist Dein einziges Gesetz, doch kannst Du die Verhängnisse nicht brechen, die unser Reich in ewigen Schranken bewahren und sein Glück sichern. Erkennst Du diese nicht mehr an, so bist Du wieder Mensch und unglückselig und stirbst im Elend. Wenn Du auf Erden wandelst, 120 so kannst Du eine Gestalt annehmen, welche Du willst; Du kannst dort Deine Menschen, die Du als Deine ehemaligen Brüder immerdar lieben wirst, beglücken, Noth und Elend lindern, die Armuth erleichtern, und wen Du mit der Absicht anblickst, ihn berührst, oder ihn gar umarmst, dem wird die Gabe der Dichtkunst mitgetheilt. Wenn ich dann aber zu Dir sende, da darfst Du Dich nicht entziehn, schnell zurückzukehren, denn diese Sendung ist ein Zeichen, daß ich Dein bedarf, daß mir ein Drangsal, unserm Reich eine Gefahr nahe kommt. Keine Eide kann und will ich Dir schwören, antwortete Oberon, aber Du bist meiner so gewiß, wie ich meiner Seele, und mit demselben Glauben weiß ich es, daß Du mir bleibst: unser Glück ist unzerstörbar, was die fernsten Zeiten bringen und noch verhüllen, sei uns, wenn die Jahrhunderte verflossen sind, auch dann willkommen. Alles wird auch dann Glück und Freude seyn, antwortete Gloriana, wie Welt und Erde sich einmal anders gestalten mag, welchem neuen Gesetz dereinst die Geisterwelt gehorcht, wir selbst können uns niemals wieder verloren gehn. Dein Reich, Titania, sagte Oberon, indem er sie umschlang, wird sich immerdar vermehren, und mir liegt es jetzt ob, mit neuen gläuzenden Geistern die schöne Provinz der Dichter hier zu bevölkern. Wie viele Gewächse in den Thälern, sprach Titania, wie viele Bäume in schönen und sonderbaren Wäldern, die Wundergegend an den Wasserfällen, die Zauberwände, an denen immerdar die Regenbogen spielen, der lichtgrüne Hain voll seltsamer fremder Vögel, jene Tiefe, die ernst wie Verzweiflung von oben anzusehn, und in welcher die weinenden Bächlein fließen, die wolkenhohen Paläste mit den blanken Zinnen, alle diese und viele andre Zauberorte stehn noch 121 unbewohnt, alle diese Poesie muß sich noch in menschlicher Dichtung entwickeln und die erstaunte und trunkene Welt durchdringen. Sind auch nur wenige dieser Geister zur höchsten Vollendung berufen, so schlummern doch noch tausend und tausend entzückende Melodien in jener großen Naturharfe, deren klingende Saiten die Welt durchtönen sollen. Eine neue Zeit wird durch Dich erwachen, die der Wunder und der Liebe; Gesänge werden die Welt durchströmen, wie sie noch niemals gehört waren, und ein Kampf der Poesie wird mit jenen alten ewigen Heroen entbrennen, daß der forschende Sinn zweifeln wird, welcher Schönheit er den Kranz reichen soll. Meine Geister haben mir schon Manches von diesen Wunderereignissen zugeflüstert, und mein scharfes Auge dringt in die Fernen der Zukunft. Der Kaiserstamm der Hohenstaufen, welcher jetzt auf Erden herrscht, wird diese Kraft entbinden und den Sinn begeistern, Religion, Andacht, Liebe, Alles wird unter dem Schutze großer Kirchenfürsten die geistigen Flügel weit ausbreiten, und dann – dann – wie alles Sterbliche, wie alles Schöne, erbleicht auch diese Herrlichkeit, und Italien wird, Spanien nachher, später ein nordisch Volk die Harfe schlagen, und Dein geliebtes Deutschland fast vergessen seyn, bis dann freundlich der Jüngling Dir im einsamen Walde begegnen wird, dem Du die Weihe ertheilst, dem jugendfrischen Helden, dem sich die Geister der Vorzeit und der Nachwelt neigen werden. – O mein Oberon, o mein schöner Athelstan! welche Freuden werden wir noch mit einander genießen! Alle diese Unsterblichen, und er, der deutsches Wort am höchsten adelt, sind dann glückselig hier bei uns, und wir sind in ihrem Glück beglückt und lernen von denen, die unsre Schüler waren. Geschichte, Natur, Andacht, Liebe, Thorheit, Weisheit und Scherz, Alles spricht uns verständlich und wir fühlen in jedem 122 das Ganze und sind die Fürsten und geliebten Freunde dieser seligen Geister. Es waren viele Jahre seit diesen Begebenheiten verflossen, als an einem schönen Sommertage drei bejahrte Männer das schöne Gelände hinaufstiegen, um sich behaglich in das Gebirge zu begeben. Der älteste von ihnen ein Freiherr von Braunstedt, der im Lande und bei den Fürsten sehr in Ansehn stand, war reich und milde, und deshalb von hoch und niedrig geliebt. Ob er gleich alt war, so bewegte er sich dennoch sehr rüstig und schritt oft seinen jüngern Begleitern voran. Der zweite in der Gesellschaft war ein Gelehrter, den seiner Kenntnisse und Talente wegen der Freiherr beschützte, und den man, seinem Wohnort nach, nur Meister Gottfried von Straßburg zu nennen pflegte. Der dritte Mann war ein Geistlicher, ein Abt, der heiter und vergnüglich lebte, und jetzt, indem er seine Freunde begleitete, zugleich eine Capelle besuchen wollte, die einem Priester, der als uralter Greis gestorben war, geweiht wurde, indem das Volk glaubte, der Verstorbene habe mehr als ein Wunder verrichtet. Schreitet mir nur voran, sagte der Freiherr, indem er ruhend stille stand und die Schönheit der Natur umher, und die frischen Thäler und Wälder unter sich betrachtete, ich war noch niemals in diesem Bezirk, ihr Freunde seid aber, wie ihr mir erzählt habt, hier gewissermaßen einheimisch. Wie wunderbar schon ist doch unser deutsches Vaterland, wie reich und mannichfaltig in seiner Herrlichkeit, und wie wechselnd in allen Gestaltungen. Und viel, erwiederte der Abt, ist hier verbessert, angepflanzt und durch Häuser und Bevölkerung vermehrt, seit ich 123 nicht hier war. Damals war manche Stelle noch wüst, und so sagt man mir, daß oben auf der letzten Höhe des Gebirges, wo ich geboren wurde, jetzt ein stattliches Kloster prangt. O meine lieben Freunde, sagte lächelnd der gelehrte Meister Gottfried, ist es doch mit der Natur fast wie mit einem lieben Freunde. Ich kann mich über nichts freuen, das hier verbessert und verschönert ist; ich sehe, wie unbillig meine Erwartung ist, aber ich wünsche, ich hätte Alles so wiedergefunden, wie ich es in der Jugend hier verlassen habe. Ich habe im Stillen darüber geweint, daß in den lieben Thälern hier so Vieles anders erscheint. Es giebt fast keinen Vorschritt ohne einen Rückschritt, sagte der verständige Freiherr: es ist aber natürlich, daß, wenn wir eine schöne heimathliche Gegend wie ein Gemälde oder ein Gedicht zu betrachten gewohnt sind, wenn unsre Liebe das Wesen zu einem vollendeten Kunstwerk für unsre Phantasie gestempelt hat, wir nachher von jeder Aenderung und Verbesserung in der Landschaft schmerzlich gestört werden. Mit unserm Leben, fuhr Gottfried fort, ist es ja ebenso. Wer möchte nicht alle Weisheit und alle seine Erfahrungen hingeben, wenn er dafür die frische unbefangene Jugend wieder erobern könnte: jene Ahndungskraft, die in jedem Mondschein, Sonnenuntergang und jeder Morgenröthe ein Wunder erwartet, den Anbeginn eines neuen und unerhörten Zauberlebens. Sonderbar ist es auch, sagte der Abt, was uns vor wenigen Tagen Wolfram von Eschilbach und Hartmann von der Aue erzählten. Ihr meint, nahm Meister Gottfried das Wort, von jenem wundersamen Jünglinge, der ihnen im einsamen Walde begegnet ist. Wie er sie begrüßt, sie mit seltsamen Worten 124 angeredet, und ihnen gleichsam durch eine feierliche Umarmung eine geheimnißreiche Weihe ertheilt hat? Wohl meine ich diese Erscheinung, sagte der Abt, deren Schönheit und eigenthümlichen Zauber uns diese Herren nicht genug zu schildern wußten. Aber darüber vergessen wir, rief der Freiherr, die einzige Schönheit dieser reichen, herrlichen Gegend zu genießen. Auch ist es heiß geworden, und so gern ich wandle, fängt mir das Schreiten doch an beschwerlich zu fallen. Ihr sagtet uns, Herr Gottfried, von einem Baum, in dessen Schatten wir ruhen könnten. Sie kann nicht mehr weit entfernt seyn, diese Wunderlinde, erwiederte Gottfried, denn wenn mich mein Gedächtniß nicht trügt, so führt uns dieser Fußsteig bald in ihren kühlenden Schatten, und an den frischen Brunnen, der mit anmuthigem Geräusch aus dem grünen Berge springt. Ich war freilich fast noch ein Kind, als ich diese Gegend verließ, und ich bin seitdem nicht wieder in dieses Gebirge gekommen, aber die Eindrücke jener Jugendtage sind noch so frisch in meinem Gedächtniß, daß ich mich nicht irren kann. – Und, ihr Herren, vernehmt ihr das Rieseln der Blätter und das Geschwätz des perlenden Brunnens? Da kommen mit ihnen meine liebsten Jugendträume zurück. Noch zwanzig Schritte aufwärts, und wir sind gewiß an Ort und Stelle. Wirklich kamen jetzt die drei freundlichen Wanderer, nach einer Biegung des Weges, ganz in die Nähe des Baumes, der weit und breit in der dortigen Gegend berühmt war. Indem sie sich umwendeten, fuhren alle Drei mit einem lauten Ausrufe des Erschreckens zurück, denn auf dem Rasen saß im Schatten der Linde eine Gestalt, welche sie alle zu kennen glaubten. Der fremde Jüngling stand auf, ging ihnen freundlich entgegen, und der alte Freiherr war 125 der erste, welcher die Sprache wieder fand, indem er ausrief: wie Athelstan, könnte es möglich seyn, solltest Du nach so vielen Jahren meinen Augen wieder erscheinen, und zwar in derselben Gestalt, in welcher Du mir damals verloren gingest? Und warum nicht möglich? sagte Athelstan lächelnd, indem er den bejahrten Ritter herzlich in seine Arme schloß. Athelstan! rief Meister Gottfried, ja wohl Ihr seid es, Theurer, Verehrter! Aber wie kommt Ihr in dieser Jugendgestalt vor unsre Augen? Erinnert Ihr Euch des Köhlerbuben, des kleinen Gottfried noch? Wohl erinnere ich mich des lieben Gefährten, antwortete Athelstan, indem er dem Meister mit Herzlichkeit die Hand schüttelte. Der Abt war scheu zurückgetreten und murmelte für sich, indem er ein Kreuz schlug: Oberon! Ja, mein geliebter Friedrich, o Du mein Fritz, mein Jugendfreund, fing Athelstan wieder an, ja, ich sehe Dich mit tiefer Rührung wieder, ich kann mich an Deinem Anblick nicht ersättigen, denn ich bin, in Deiner Nähe, wieder Knabe und Jüngling, und alle Leiden und Freuden jener Tage ziehen mit verjüngter Kraft durch meinen Busen. Die erstaunte Gesellschaft stand sich betrachtend und mit den Augen messend eine Weile still, bis Athelstan sagte: man hat dort seit zehn Jahren ein großes Haus gebaut, wo man mit allen Bedürfnissen des Lebens versehn ist. Dorthin, wie ich weiß, habt ihr eure Diener beschieden, laßt uns hin wandeln, damit ihr Euch erquicken könnt, und dann erzählen wir uns, was uns zu wissen nöthig ist. Dein Leben, mein lieber Fritz, obgleich ich Einiges davon weiß, ist mir am wichtigsten. Die Gesellschaft begab sich nach dem bequemen Hause, 126 welches mit Wein und Speisen reichlich versehn war. Ein jüngerer Sohn führte die Wirthschaft für seinen greisen Vater und die alte Mutter, und dieser jüngere Geschäftsführer begrüßte den Abt mit großer Ehrerbietung als seinen ältern Bruder. Dieser Abt war Niemand anders, als jener Ferdinand, den die Unterirdischen aus der Wiege geraubt hatten: der Jüngling hatte damals den beglückten Eltern die Reichthümer übergeben, die er aus dem Reiche der Elfen mitgebracht hatte, sie waren erst, um sich den Nachforschungen zu entziehn, in ein fremdes Land gegangen. kamen aber nach einiger Zeit zurück, um sich wieder in ihrer ehemaligen Heimath niederzulassen. Der fromme Abt ging zu den greisen Eltern, die sich sehr glücklich schätzten, von einem so vornehmen Sohne die Segnung zu empfangen. Bei Tische erzählte der Freiherr: mein geliebter Athelstan, seit ich mich etwas von meinem Erstaunen erholt habe, gewöhne ich mich allgemach an Deine Jünglingsgestalt, die mir noch ganz so erscheint, wie in jener Zeit, als wir uns auf die abentheuerliche Wanderung begaben. O mein geliebter Freund, als ich damals zu Deinem zürnenden Vater wiederkehrte, mußte ich viele Kränkungen erdulden, weil man immer noch glaubte, ich allein sei die Ursache Deiner Flucht. Ich ward lange gefangen gehalten, und weder die Bitten meines Vaters, noch aller seiner Freunde vermochten etwas über den halsstarrigen alten Mann. Die Zeit heilte endlich, so viel als möglich war, seinen Zorn wie seinen Gram. Du erschienst nicht wieder, nirgend war eine Kunde von Dir zu erlangen. So warf er denn alle seine Liebe, da er keine Kinder außer Dir hatte, auf die schöne Base, welche Dir bestimmt war, und sonderbar genug, auf mich, als wenn er durch fast übertriebene Zärtlichkeit sein Unrecht gegen mich wieder gut machen wollte. In einem 127 Kriegeszuge gelang es mir, mich vor den Augen meines Landesherrn auszuzeichnen, dieser gab mir den Adel und schlug mich im Felde selbst zum Ritter. Jetzt zeigte sich die Liebe Deines Vaters noch deutlicher: mit Bewilligung des Landgrafen und unsers gnädigen Kaisers nahm er mich an Sohnes Statt an, ließ mich in alle Deine Rechte treten und vermählte mich mit Deiner schönen Nichte. Er sprach nur selten von Dir und war überzeugt, Du seist verunglückt und irgendwo von Räubern erschlagen. Er starb nach einigen Jahren in unsern Armen. Ich war ganz glücklich, nur sehnte ich mich oft nach dem so ganz verschollenen Jugendfreunde. Ich habe Söhne und Töchter, die mir Freude machen, meine Gattin ist noch rüstig und gesund, und seit ich mich zu alt fühle, um Krieges- und Ritterdienste zu thun, lebe ich auf meinen Schlössern und in schöner Natur, bei Gelagen mit Freunden, auf Wanderungen und bei Gesängen ein behagliches Leben. Denn ich freue mich unsers deutschen Meistergesanges, und viele der wackern Dichter kennen mich, kommen auf Wochen und Monden zu mir und lesen mir und den Meinigen ihre schönen Bücher vor. Jetzt erst, geliebter Athelstan, verstehe ich etwas mehr, was Du in Deiner ungestümen Jugend suchtest. Diese Gestaltungen der Phantasie, diese wunderbaren Bewegungen des Gemüthes, die sich nur in der Dichtung erregen lassen und in süßer Täuschung unsern Sinn gefangen nehmen, daß wir darüber auf kurze Zeit die Wirklichkeit vergessen, wolltest Du eben in dieser unpoetischen Wirklichkeit selbst aufsuchen. Wir sind aber nur in dieser anmuthigen Täuschung glücklich, und um so mehr, weil wir uns ihrer bewußt sind. Handfest, greiflich, unsern Fragen stille haltend, können wir diesen Träumen und Wahngebilden niemals begegnen. Athelstan lächelte auf eine sonderbare Weise, und indem 128 der Freiherr sich diesen seltsam wehmüthigen Blick, der doch auch Spott auszudrücken schien, nicht deuten konnte, ward er verlegen und sagte mit etwas beklemmter Stimme: Mein edler Freund, so ist meine Lage, so mein Geschick; aber ich weiß, daß Dir von Rechtswegen Alles gehört, was ich besitze, und so wie Du auf Deine Güter einziehen willst, räume ich Dir den Platz, und zwar mit frohem Sinn, und Alles ist wieder das Deinige. Athelstan gab ihm die Hand und sagte: Mein lieber Jugendfreund, sei ohne Sorge und bewohne Deine Schlösser und genieße, was Dir und Deinen Nachkommen für ewige Zeiten bleiben soll: ich bin so glücklich und reich, daß ich keinen König und Kaiser zu beneiden brauche. – Aber, mein Gottfried, wie wohl seht Ihr aus als Mann und ältlicher Mann; nie kann ich es vergessen, welch ein munterer Geselle Ihr wart, als Ihr, ein Knabe damals, mich durch dies Gebirge führtet, und mir die schönen Geschichten erzähltet. O mein Wohlthäter! rief der Meister Gottfried aus, wie glücklich machte mich damals Euer so reiches Geschenk! Meine Eltern segneten Eure Großmuth und man schickte mich sogleich zu jenem Weltpriester, unserm Vetter, von welchem ich Euch damals sagte. Er unterrichtete mich und ließ mich nachher die großen Schulen besuchen. So lernte ich manchen Vornehmen kennen, der mich beschützte, so auch in spätern Jahren den edlen Freiherrn, den ich Freund nennen darf. So ward es mir vergönnt, mich den Schriften und der Kunst des Gesanges zu widmen, und in diesem meinen Treiben fühle ich mich ganz glücklich. Athelstan stand auf, nahte sich mit einer Art von Feierlichkeit dem Meister und schloß ihn herzlich in seine Arme. Er wiederholte dreimal diese Umarmung und sagte dann mit der freundlichsten Stimme: Ich weiß, lieber Bruder, Du 129 wirst den holdseligsten Tristan singen: es ist kein Frühlingswind so lieblich und erquickend, wenn er durch das erste funkelnde Laub der Birkenwipfel säuselt, keine Nachtigall schlägt so inbrünstig, keine Morgenrose duftet im Schatten so süß, wenn der Thau noch in Perlen auf ihren Rubinlippen steht, als Deine deutschen Worte, Deine spielenden und springenden Reime klingen, duften und schimmern werden. Aber auch der Nachtigall Sehnsuchtsklage, das Weinen des einsamen Baches, den unnennbaren Schmerz der Liebe wirst Du, Meister, in die weichste, zarteste Rede kleiden. Sei glücklich, so wie Du andere beglückst. Gottfried konnte sich der Thränen nicht enthalten. Bist Du denn etwa der, fragte er dann furchtsam, der den Walther, auch der den von der Aue, und unsern lieben Eschilbach mit geheimnißvollem Gruße angesprochen hat? Derselbe, sagte Athelstan: alle Sänger und Dichter sind mir befreundet, und mein Wohlwollen kommt ihnen zu gute, indem es ihren Geist beflügelt. Jetzt stand der Abt auf und nahte sich verlegen: Ich sah Euch ebenfalls, so dünkt mir wenigstens, vor vielen Jahren in einem sonderbaren Reiche, wo sie Euch den Oberon nannten. Ihr solltet wohl Alles vergessen haben, antwortete Athelstan: war nicht so der Vertrag? Und tragt Ihr nicht noch jenen Ring am Finger? Der Abt suchte sich zu sammeln, setzte sich wieder nieder und sagte dann: Mir ist freilich Alles nur so, wie ein Traum, wie Nebel und Dämmerung, aber Eure Gestalt, so wie die glänzende der Gloriana kann ich noch heraussehn und erkennen. Nun war Gottfried neugierig geworden, aber Athelstan 130 unterbrach das Gespräch, und Alles ward geschwätzig und vielfach redselig, als die greisen Eltern des Abtes in das Zimmer traten. Die Söhne und Töchter kamen auch von der Arbeit des Feldes zurück, und Alles beeiferte sich, dem ältern Bruder, dem Abte, Ehrfurcht zu beweisen. Die Alten erkannten auch Athelstan wieder, und auch von dem Wechselbalge, dem Zwerge Hannes, war wieder die Rede, welcher damals auf eine unbegreifliche Weise verschwunden war, indem er eben vor dem Ketzergerichte seine Anklagen und Aussagen gegen den alten Schulmeister erhärtete. Sonderbar ist es in der Welt hergegangen, bemerkte der greise Wirth, unsern ächten Sohn, Hochwürden Gnaden, erhielten wir so unvermuthet zurück und mit ihm Geld und Gut, der Wechselbalg, unser Hannes, war wie in alle Winde verstoben. Das Alles ist fast wie so ein Kindermährlein, und doch haben wir es selbst erlebt, und Hochwürden Gnaden sitzt noch da und ist unser leibhafter Sohn, und der Junker Athelstan ist auch wieder gekommen und hat nach so vielen Jahren noch dasselbe Gesicht und die nehmlichen Augen wieder mitgebracht. Wir sehn das Alles und sind mitten drunter, und begreifen es nicht und müssen es doch annehmen und glauben. Ja, und dieser alte Schulmeister, der damals wohl zu uns kam, setzte die alte Frau das Gespräch fort, es war ein guter alter Mann, aber er war doch simpel und galt dafür in der ganzen Gegend. Nun wollten sie ihn verbrennen, weil er ein Kobold seyn sollte, wofür ihn unser Sohn, der Hannes, ausgegeben hatte. Wie der Zwerg nun nicht mehr in der Welt zu finden war, so ließen sie den Küster wieder frei und weihten ihn auch zum Priester. Nun hat derselbe Mann nachher, wie sie sagen, Wunder gethan, und die 131 gemeinen Leute sehn ihn wie einen Heiligen an, so daß man ihm nun auch eine Capelle gebaut und eingeweiht hat, wo viele Hunderte von Frommen beten, und Processionen zu ihm aus der Ferne wallfahrten. So sehn wir, was aus den Leuten werden kann, denen man es am wenigsten ansieht. Da kam ein Diener herein, blaß und verstört. Was giebt es, Balzer? fragte der Freiherr. Gnaden, sagte der Diener stammelnd, ich sollte freilich sagen, was ich jetzt gesehen habe, aber ich weiß es nicht vorzubringen, weil Ihr mir nicht glauben werdet. Sprich nur, rief der Freiherr, das Wunderbare und Unbegreifliche ist uns so nahe getreten, daß wir über nichts mehr erstaunen werden. Der Diener fuhr fort: Einige von uns waren dort höher hinaufgegangen, der Stelle nach, wo die große sogenannte Zauberlinde steht. Die Zeit der Nachtigallen ist vorüber, aber plötzlich fing eine an zu singen, gegenüber eine zweite, die laut antwortet und im Widerstreit die erste übertreffen will. Mit einemmal wird der ganze Lindenbaum wie lebendig, jedes Blatt scheint eine Nachtigall, so schmettern, als wenn es Tausende wären, die vielen lauten Gesänge durcheinander. Der sprudelnde Quell wird plötzlich stark und groß, er quillt und hebt sich schnell mit einem vollen Strahl als Springbrunn in die Höhe, drinnen im Berge musicirt es, wie Waldhorn, Flöte und Trompete, der Hügel ist wie lebendig und wie aus einer Thür kommen zwei große Hirsche hervor. Man sieht im Berge fern und ferne schöne Jäger und Mädchen in kurzer knapper grüner Tracht stehn, die alle auf goldnen Hörnchen blasen. Die Hirsche aber haben goldnes Geweih und dazwischen goldne Schellen und 132 Glöckchen, die lieblich erklingen, so wie sich die klugen Thiere langsam vorwärts bewegen. Das gilt mir, rief Athelstan, indem er sich erhob, ich werde abgerufen, lebt wohl, Freunde, vielleicht sehen wir uns noch einmal wieder. Er umarmte die Freunde schnell, und verließ dann das Haus. Alle sahen ihm nach: die Hirsche standen, wie ihn erwartend, still, und wie er zwischen ihnen war, kehrten sie um, sie gingen weiter und verschwanden, da die Dämmerung schon eingetreten war, in dem grünen Hügel. Nun war Alles still, die Musik schwieg und die Vögel verstummten. Die Uebrigen blieben draußen und sprachen noch viel über das Wunder, welches sie gesehn hatten. Der Freiherr, Meister Gottfried und der Abt kehrten nachdenkend in das Zimmer zurück. Der Abt sagte endlich: Nein, meine Freunde, dieser Athelstan, wie er sich ehemals nannte, ist den bösen Geistern verfallen. Das ist eine ähnliche Geschichte wie die mit dem Tannenhäuser, und es ist entsetzlich, daß es hier, unsrer lieben Heimath so nah, einen Eingang in diesen verruchten Venusberg giebt. Er ist selbst, der so täuschend sich als ein schöner Jüngling darstellt, zum bösen Geist geworden; darum wollte er auch nichts von unsern irdischen Speisen genießen: habt Ihr es wohl bemerkt, daß er kaum etwas, ein Geringes nur, von unserm guten Wein trank? So siegen die Hexen, Kobolde und Höllenkünste denn immerdar. Schweigt, rief Meister Gottfried, Ihr unnütz eifernder Abt, und sprecht nicht so thöricht, wie die Ketzerrichter. Von der herrlichen Fee Gloriana sprechen ja seit lange die Sagen dieses Landes; ich sehe, er hat sie gefunden, und sie liebt ihn, darum ist ihm Jugend, Reichthum und Macht verliehen. Sie ist es, die ihn jetzt durch diese wundersamen Herolde in 133 ihr Reich zurückruft. Erzählen uns doch so viele Gedichte von den Rittern des Artushofes, wie Dieser und Jener die Gunst einer Elfe, oder Wasserfeie gewann; deuten wir nur diese süßen Wunder mit unserm stumpfen Witze nicht zu höllischen Legenden um. Er wohnt im Reich der Poesie, und die Poesie ist himmlischen Ursprungs. Der Abt sprach noch Manches von der Kirche und ihren Verwerfungen, doch Gottfried, der sich auch ein frommer Mann dünkte, ließ sich nicht irre machen. Der Freiherr meinte, ein so heiterer poetischer Sinn, wie er ihn immer an seinem Athelstan gekannt habe, könne niemals zum Bösen führen. Seitdem ward Athelstan oder Oberon in jenen deutschen Landschaften nicht wieder gesehn, aber in Italien begegnete er nachher dem großen Dante; Petrark, Boccaz und Ariost erzählten auch wohl später von einem seltsamen Mann, welcher sie begrüßt und umarmt habe. In der Einsamkeit von Warwikshire, dort in den schönen Wäldern begrüßte Athelstan manchen Jüngling. am innigsten umarmte er jenen William, auf welchen sich alle unsre neuere Poesie stützt und lehnt. Chaucer war früher schon von ihm anerkannt, sowie der liebliche Spencer, und wie er durch Italien, England und Spanien streifte, um dort Heroen, vor Allen Cervantes, Camoens, Lope und Calderon zu grüßen, so schien er lange unser Deutschland zu vergessen. Der Sänger des Messias erzählte so, es habe ihm ein seltsamer Greis die Hand gedrückt, und dann warnend den Finger erhoben. Unser Schiller meinte: es bedürfte dergleichen Fratzen nicht, wenn die eigne Kraft ausreicht, etwas Großes hervorzubringen. Aber wenn er auch diesen Oberon 134 leugnete, so hat er ihn doch sehr wohl gekannt und hat eine vertraute heimliche Stunde mit ihm zugebracht. Da Wieland sich von diesem Athelstan, als dieser ihm die Hand gab, geneckt glaubte, so hat er von ihm als von einem Kinde gedichtet und ihm den Ernst und das Deutsche ganz abstreifen wollen. Aber als der Athelstan, der nun endlich doch zum Greise geworden war, sich wieder einmal seiner Jugend erinnerte, und ihm das Herz ganz frisch aufging, als er seines geliebten Köhlerbuben, der nachher der Meister Gottfried von Straßburg wurde, wieder gedachte, und wie dieser ihm zuerst von seiner Gloriana erzählt hatte, die noch immer in verklärter Schönheit glänzte und ihn stets, wie in den ersten Tagen liebte, da ging Athelstan nach Straßburg, um die herrliche Gegend wieder einmal zu beschauen. Beim Abschiede hatte Titania zu ihm gesagt: Du warst neulich entzückt über das Wonnethal, das so frisch blüht und grünt, so schön von Waldströmen durchrieselt, so entzückend von Nachtigallen durchsungen ist, daß Du meintest, so edel, groß und lieblich zugleich, so rein in allen seinen schönen Verhältnissen von Berg und Wald, so schlanke Buchen seien Dir noch nicht in unsern Reichen vorgekommen. Ist es nicht Zeit, daß sich endlich dies in Poesie zeige? Dir, einem gebornen Deutschen, war dieser Völkerstamm sonst fast der liebste, jetzt scheinst Du Deine Landsleute beinah vergessen zu haben: geh und handle, daß dieses edle Blut sich wieder erfrische. Da traf in stiller Nacht in feierlicher Einsamkeit Oberon den Jüngling, der, wie er uns selbst so schön erzählt, von Zabern nach Straßburg wiederkehrend sich im Anschaun seines Genius vertiefte. Er setzte sich zu ihm und gab ihm in Umarmungen die höchste Weihe. – 135 – Es versteht sich von selbst, daß ich, der Beeskow, diesen Schluß der alten Mähr ganz hinzugefügt habe, so wie ich oben schon die zu große und grobe Lücke habe ergänzen müssen. Es werden jetzt fast vierzig Jahre verflossen seyn, als ich, ein junger Bengel, mit einem andern jungen Burschen auf einer sogenannten poetischen Reise mich befand. Damals waren die Fußreisen noch nicht so etwas Alltägliches, wie sie es seitdem geworden sind. Jetzt haben sich fast Knaben schon buchstäblich das an den Schuhen abgelaufen, was vor vierzig und funfzig Jahren nur mühsam entdeckt und erlebt werden konnte. – Also, dieser mein junger Freund war mit mir. Er ist seitdem im Alter der Präsident unsrer, nicht nur in der Umgegend, sondern auch im ganzen Deutschland völlig unbekannten gelehrten Gesellschaft geworden. Das heißt, so wie wir zusammenkommen, setzt er sich, unter dem Vorwande, er sei müde und könne das Stehen nicht vertragen, gleich in seinen großen bequemen Lehnsessel: und so ist er, durch diesen demagogischen Kunstgriff, ohne irgend wen weiter zu fragen, unser Präsident geworden. Dieser also, damals noch ein junger Mann, kletterte mit mir in schöner Sommerhitze eins der vielen deutschen Gebirge hinauf. Er war damals viel umgänglicher, denn er ging mehr, was für einen stubensitzenden Gelehrten in Deutschland immer schon eine große Tugend ist. Man hatte uns allerhand confuses Zeug vorgeschwatzt, von einer großen Zauberlinde, einem Elfenfürsten, Sachen, die nicht gehauen und nicht gestochen waren, wie die meisten Legenden dieser Art in Deutschland. Wer hier Poesie sucht, der wandelt auf einem schlimmen Wege. Indessen hat man in der Jugend den übertriebenen Hang, das Schlechteste in dieser Gattung noch immer für 136 besser zu halten, als das Beste in der verständigen Art. Und besonders litt mein Reisegefährte an diesem Fieber und Friesel, welches sich oft als Hautkrankheit zurückschlagend auf die Nerven und die edlern Theile wirft, so daß schon mehr als Einer, der das Volksbuch von den Haimonskindern oder den gehörnten Siegfried übermäßig und unbillig schätzte, nachher selbst den Shakspeare nicht mehr leiden mochte, und sich an einem moralischen Lehr- oder leeren Gedicht erbaute. Kurz und gut, oder gut und lang, denn ich finde mich aus mir selber nicht wieder heraus, dieser damals noch nicht Präsident der unbekannten gelehrten Gesellschaft seiende Freund kletterte mit mir in jenes Gebirge hinauf. Wie die Hitze zunahm, wurden wir immer dummer und müder. Sie hatten uns auch von einer großen Linde erzählt; diejenige, die in dem vorigen Mährchen vorkommt, war längst weggehauen, ein empfindsamer Förster der Vorzeit hatte aber wieder eine neue an dieselbe Stelle gepflanzt. Wie wir oben waren, und uns in der recht hübschen Gegend umschauten, saß wirklich ein alter Kerl mit einem langen Bart unter der Linde. Da sitzt der ewige Jude! sagte ich zu meinem Reisegefährten. Still! sprach dieser mit seinem poetischen Accent und Dialekt, das ist gewiß jener Athelstan oder Oberon, von dem die alte Mähr erzählt. Wir gingen näher, der alte Mensch stand von dem Rasensitze unter der Linde auf und kam auf uns zu. Indem ging die Sonne unter, und ein ganz schräger Strahl, zwischen den fernen Bergen hindurchschießend, traf horizontal mein Auge, welches damals etwas krank war. Nun frage ich jeden empfindsamen Menschen, ob ein Mann, der nur etwas Sinn für schöne Natur hat, nicht unter solchen Umständen einer Blendung bei Sonnenuntergang wird niesen müssen. So geschah es mir denn auch, und zwar 137 dreimal hintereinander, so daß ich in diesem Niesen-Staccato weder meinen Freund, noch jenen mythenartigen Menschen, der wie ein Perser oder Jude aussah, weiter beobachten konnte. Man verliert beim Niesen immer, wie beim Erscheinen der Idee, das äußere Bewußtsein, aber es war mir doch vorgekommen, als wenn der bebartete Irrgänger auch in den Schein der Abendsonne hinein hätte niesen müssen. Als ich wieder zu mir kam, war der alte Zauberer verschwunden, aber mein Freund, der nachherige Präsident, war in einer närrischen Extase. Hast Du gesehn, rief er begeistert aus, wie mir dieser Athelstan, oder Oberon, oder Dichter und Elfenkönig die Hand gedrückt, ja mich sogar umarmt hat? – Ich war, antwortete ich, in der Nieserei so vertieft, daß, wie der von der Sonne Geblendete allenthalben Sonnen sieht, ich nur Niesende erblicken konnte: mir kam es vor, als wendete er sich von Dir, um gehörig auszuprusten. – Nein, rief jener, umarmt hat er mich, und wie! – Und wirklich schrieb dieser nachherige Präsident bald darauf den Sternbald, die Genoveva und den Octavian. Den kühlen Kritikern überlasse ich es, diese hier vorgetragene Thatsache auf ihre Art zu erläutern. ( Anmerkung des letzten Herausgebers und Ueberarbeiters dieser Geschichte . »Gern hätte ich diesen letzten Perioden und Paragraphen gestrichen und vernichtet, denn mein alter Schulfreund geht hier etwas zu unbillig mit mir und meinen Gefühlen um. Der Alte hat mich, das kann ich versichern, damals 138 wirklich umarmt: doch könnte der Greis sich geirrt haben, wie jeder sterbliche und unsterbliche Geist. Noch mehr, es könnte ja auch der ewige, oder sogar ein Perser oder anderer Jude gewesen seyn, und gewiß wird man weder den Einen noch den Andern für den ächten Musageten anerkennen wollen. Sei es, wie es sei, genieset hat jener Unbekannte damals gewiß nicht. Dergleichen Insinuationen sehn dem guten Beeskow sonst nicht ähnlich, denn er war redlich, aber eine kleine Rancune gegen mich konnte er nicht verleugnen. Vielleicht weil ich so viel drucken ließ, was er nicht leiden mochte, da er selber träge war.«) In den neuesten Zeiten, so sagt man, ist Byron, auch W. Scott von dem wunderlichen Dichtergeist umarmt worden, inniger aber als diese Manzoni in Italien, dessen Roman: »Die Verlobten«, wohl einige Jahrhunderte überdauern, und unsern Nachkommen unsre Gesinnungen überliefern wird. Jetzt, so behauptet und spricht und erzählt eine unverbürgte Sage (die Cabinette und Diplomaten wissen wenigstens nichts davon), der gute Dichterfürst Athelstan oder Oberon sei doch wirklich gestorben. Von Rußland aus will man wissen (ich begreife aber nicht, wie es dahin gelangte), Oberon und Titania haben sich entzweit, leben in Zank und wollen sich nach siebenhundert Jahren ihrer Ehe vom Consistorium wieder scheiden lassen. Einige Engländer sagen aus, alle Geister seien im Aufstand und verlangten für alle die Spinnereien in Sentimentalität und Humor, für den Dampf des Witzes und die Oefen der Religiosität erhöhten Arbeitslohn, da es dort immer theurer werde, weil die Lebensmittel, 139 Poesie, Spaß, Lust und Scherz, nebst der Andacht und Liebe immer seltner eingeführt würden, unverstandnerweise auch an der Gränze einen unverhältnißmäßigen Zoll zu entrichten hätten. – Diese Sachen gehören für den Bundestag und können hier nicht erörtert werden. Wahrscheinlicher ist jene Nachricht, die uns durch die Preußische Staatszeitung überkommen ist. Vorausgesetzt, Athelstan sei todt, und Gloriana bekümmere sich in Schmerz und Trauer nicht mehr um die Poesie unsers etwas veralteten Europa, so habe sich im Gegentheil, um keine Lücke einreißen zu lassen, das Heer der Gnomen dieser nicht unwichtigen Sache angenommen. Einige melden, dem aber Andere widersprechen, der uralte Thersites sei vor mehrern Jahren in einen gewissen Herrn Müllner hineingefahren, der ganz in der Weise des berühmten Alten gedichtet und kritisirt habe. Ich frage nun ganz einfach: wodurch hätte der uralte Schalk denn dergleichen verschuldet? Er müßte sich doch übermäßig versündigt haben, um ein so hartes Schicksal zu verdienen. Ein ausgezeichneter Gnome (man will sogar Hannes nennen) soll als ein Hoffmann Deutschland entzückt und sogar die Franzosen, die große Nation, neu revolutionirt haben. Ich sage: unwahrscheinlich. Hoffmann, als ächter Deutscher, war viel zu sehr redlich und selbst sentimental in Kobolde und Teufelslarven verliebt, um selber Kobold seyn zu können. Aber in Frankreich erhebt sich ein neues großes Jahrhundert, was, den Musen zum Trotz, von jenen Gnomen und Kobolden zu einer wundervollen Höhe hinauf getrieben wird. Unter diese hat man wirklich (Talleyrand und andere wahrheitsliebende große Männer haben es ihren Freunden, diese haben es ihren Bekannten, und einer dieser Bekannten hat es mir gestanden) den 140 Arsenikprinzen Hannes und seine Freunde losgelassen, um ein neues großes Säculum zu stiften. Romantische Schule! Das ist ein Wort, vieldeutsam, unverständlich, nach Gelegenheit dumm. In Brandenburg, meinem Vaterlande, heißt manschen oder mantschen etwas Widriges und Ekelhaftes durcheinanderwerfen und mischen, wie im Blut des geschlachteten Viehes handthieren, mit Dem, was der Verwesung gehört, sich gemein machen; wenn die Kinder in schmutzigen Pfützen mit den Händchen plätschern: alles dies garstige Treiben nennt der gemeine Mann in Berlin, Brandenburg, Havelberg, in der Priegnitz und Altmark, und ich weiß nicht, wie hoch nach dem Norden hinauf, mantschen . Wenn dies nun recht gemein und roh, unmenschlich und kannibalisch geschieht, so hätten wir, etymologisch erklärt, das rohe Mantschen . – O ihr zarten Geister und feinen Gedichte des Gottfried von Straßburg, du heiliger Parcival, mystischer Titurell, du edler, geistig witziger Ariost, glänzend gutmüthiger Tasso, o du hellstrahlender Camoens, du in Gesellschaft aller Musen schalkhaft lächelnder Cervantes, du Calderon, mit dem Strauß der dunkeln Purpurblumen in der Hand, einziger W. Shakspeare, vor dem die Musen und Apollo selbst sich neigen, du, deutscher Göthe, der als Glanzgestirn den ewigen Frühling die Sonnenbahn heraufführst, – ihr Romantiker, ihr ächten Romantischen seid also die Vorbilder und begeisternden Muster jener Schamlosen, die das Laster, die Verwesung, das Scheusal und die Werke der Finsterniß singen? Nein, man muß jener Nachricht glauben, daß jene chaotischen Gnomen und wüsten Zwerge sich dieser Armen bemächtigt haben, von denen jetzt die große, französische Nation elektrisirt wird. Jener merkwürdige Hannes soll jetzt als Victor Hugo alles Edle mit Füßen 141 treten, in der Verwesung des Lasters schwelgen und vom Ekelhaften trunken seyn. Ist es denn möglich, daß ihr, die Bessern, Balzac, Nodier und wenige Andere, diesem kranken Gelüste folgt? Unseliges Volk! Welcher Messias wird euch von dem lauen Wasser eures Racine erlösen, wenn die Heilungsmittel, die man euch bietet, schlimmer als die Krankheit sind? Und doch verehren sie jetzt Shakspeare und Göthe und wissen sich viel damit, daß sie nicht mehr in dem gewöhnlichen, alltäglichen Sinne Franzosen sind. Und die schönen Talente, die der Mode gemäß jetzt auf der Straße des Wahnsinns taumeln! Wir Deutschen bleiben nun auch mit Recht nicht zurück und erheben uns im patriotischen Enthusiasmus und rufen: wie, der große, krummbeinige, einzige Hannes soll ein Franzose seyn? Nein, ein Deutscher ist er, das dürfen wir uns nicht nehmen lassen! Daß der sogenannte Börne kein Individuum ist, ist ja klar: denn könnte ein solches in der Wuth so blödsinnig werden? Der Zorn, wie schon Juvenal sagt, hilft ja den Vers machen. Dieser B. lebt gar nicht, hat niemals gelebt, er ist nur Schatten, Scheme, aber Hannes zankt und krakeelt aus ihm heraus, über Dinge, die zwar Hannes nicht versteht, aber auch nicht zu verstehn braucht, denn was gehn einen unterirdischen, bucklichten, krummbeinichten, stotternden Gnom die europäischen Verhältnisse, ihre Fürsten und Gesetze an? Er schimpft, um zu schimpfen; er stellt sich so dumm, weil er doch eigentlich pfiffig ist. Nein! rufen andere, unsern Hannes wollt ihr so wegwerfen? Der Verfasser der Reisebilder ist er ja offenbar, in den sich sogar alte abgelebte Diplomaten noch auf ihrem Sterbebette vergaffen! Zeigt doch einmal den Dichter alter und neuer Zeiten auf, der das vermocht hat. Junge 142 Mädchen entzücken, Jünglinge hinreißen, poetisch Gesinnte entflammen, die Andächtigen zum Beten bringen – welcher Pinsel vermag dergleichen nicht? Aber die legitime, officielle, durch alle Lebensepochen abgeschwächte blasirte Blasirtheit noch erwärmen und aufreizen, das, so glauben wir, kann kein Peter Aretin, kein – kein – \&c. \&c. – – – Ach! mir ist unwohl von allem diesem Getreibe und Geschreibe. Und ich, Beeskow! was denke ich denn? Wenn Du nun noch leben bliebest, und alle die klaffenden nichtswürdigen Hunde aus den christlichen, jüdischen und heidnischen Höfen auf Dich herbeihetzen ließest! Kennst Du denn nicht Dein Vaterland, Dein edles Deutschland? – Aber, wie gesagt, mir ist recht fatal zu Muthe. – – – Ich war neulich ein Gast auf dem vielbesprochenen Pickenick. Meine edlen Freunde, sagte ich, als wir versammelt waren, ich hoffe, daß ich, wie weiland Curtius in Rom, den Pestgolf verstopft habe, ohne mich selbst hineinstürzen zu dürfen, als Schlußstein des Gewölbes, oder als ein Verzweifelter, der sich in den Abgrund wirft, um andere zu erretten. Nein, ich liebe euch, und ihr mich, und keine Liebe wird eine andere zu vernichten streben. Wie gesagt, ihr Edlen seid versöhnt und habt die Prüfung überstanden. Rechnet mich immer zu euren Freunden und gedenkt auch nach meinem Tode wohlmeinend meiner. Et voluisse sat est. Das heißt: Madame, ich bin eigentlich schon satt, und nehme diese vortreffliche Pastete für genossen. – Ich sehe, ich kann nur als Essender Ihr Freund seyn, und als solcher Ihr Vertrauen erwerben, – sei's: steckte doch M. Scävola die Hand ins Feuer, ich meine Zunge in 143 diesen heißen Pudding, – man kann nicht mehr thun, schönste Freundin, da ich außerdem zu Hause niemals Mehlspeisen genieße. – Aber weder Ernst noch Scherz half etwas, weder Depreciren, noch stehendes Bitten, weder Bitterkeit noch Süße. Jeder Theilnehmer des Pickenicks hätte geglaubt, ich sei sein persönlicher Feind, wenn ich nicht wenigstens eben so viel von seiner Speise, als von dem Gerichte seines ehemaligen Gegners genossen hätte. Nicht anders war es mit den Weinen. Ich hoffte immer, meine mich tödtenden Freunde würden bald vom vielen Trinken die Besinnung verlieren, und ich würde sie dann hintergehn und Wasser statt des Weins verschlucken können. Aber sie waren dem Strauß mehr gewachsen als ich. Alles war noch erträglich; als aber der Nachtisch kam, und die Versöhnungsbutter aufgesetzt wurde, die in einem großen Gefäße prangte, in welchem vermischt und unkenntlich der Beitrag einer jeden Haushaltung glänzte, – da war es um mich geschehn. Ich mußte essen, und immer wieder essen. – Der Großstädter hat keinen Begriff von der Kunst des Nöthigens, welche ein Kleinstädter auszuüben versteht, – auch ein todter Leichnam würde noch seinen Mund öffnen, um einen Bissen zu verschlingen. – – Ja, ich wurde elend, man mußte mich nach Hause fahren. – Ich kann jetzt nicht weiter schreiben und erzählen – Lebe wohl, mein lieber Präsident, – ich schicke Dir die neue Bearbeitung des alten Buches – die fatale Buttergeschichte – morgen mehr – 145 Aber es folgte nichts mehr von seiner Hand, sondern nur eine Nachschrift vom Bürgermeister und dem Stadtarzt, daß mein alter Freund an einer Indigestion verschieden sei, die er sich unvorsichtigerweise bei einem großen Familienfeste zugezogen habe. – Und so möge denn die alte und neue Mähr unsere Freunde begrüßen und eine gute Stätte finden. Ob ich dem guten Beeskow, der immer so friedfertig war, nicht die polemischen Stellen des Schlusses hätte wegstreichen sollen? Denn was nützt dergleichen? In wenigen Jahren sind die Namen vergessen: indessen mögen auch diese Worte, wie alle, in die Welt hineinfahren, und sehn, ob sie Aufnahme finden. –