Fritz Grünbaum Die Hölle im Himmel und andere Kleinkunst     LV Löcker Verlag Wien • München 1985     Inhalt         Nieder mit mir!     Kabarettmonologe Gauklerheimweh Vom Küssen Das Rendezvous Die Verlobung Weiberkauf Die Perle der Schöpfung Die Sache mit dem Storch Das Baby Grünbaum Meine Genealogie Mein Sohn Monolog über die Kinder Zahnschmerzen Ode an die Hühneraugen Ich möcht' mir so gern die Beine brechen! Vom Teufel Das Paradies Die Hölle – im Himmel! Mein Selbstmord Nieder mit mir! Du sollst der Kaiser meiner Seele Sein     Operetten- und Revuetexte Der Favorit Die Dollarprinzessin Total Manoli Ich hab' das Fräul'n Helen' baden 'seh'n     Lieder und Chansons Das Malheur von Venedig Elsa Meyer und die drei Freier Familie Wessely Ich hab' das Fräul'n Helen' baden 'seh'n Das schöne Fräul'n Helen' soll nicht mehr baden! In Schönbrunn Da san mir net scharf drauf in Wien Die Pest und das Lachen     Prosa und Theaterkritik Brünner Theaterbrief Die Pest und das Lachen Wenn Dichter lieben . . . Der Vorhang hebt sich     Fritz Grünbaum / Karl Farkas: Doppelconférencen Der Vorhang hebt sich . . . Nyon und der Tag des Pferdes Geredet ist nicht gesprochen Von William Shakespeare bis Hjalmar Schacht Heureka – nichts gefunden! Lautes und Leises Lord Halifax und seine unerreichten Europa-Girls Wiener Weihnachtswochen-Witze Immer die alten Neuigkeiten! Der alte Staub und der neue Besen Fahrten ins Blaue, Weiße, Gelbe und Braune Standpunkte und Nullpunkte Kabinette, Kinderstuben und Brautzimmer! Nordlicht, Nordlicht, aber sonst wenig Licht! Grönbaum und Firnkas Gespräch über Einstein     Nieder mit mir! Kabarettmonologe Gauklerheimweh                     Heissa, ich bin ein entsprungener Sträfling, Entfloh'n aus dem Lande der Bourgeois! Jetzt bin ich unter den Ersten: ein Höfling Im strahlenden Reich der Bohème. Hurrah! Ich habe zerbrochen die eisernen Ketten, Ich schwamm nach dem Eiland der Freiheit hinaus. Ich hab' keine Schranken, kann wagen und wetten, Bin Herrscher im eigengezimmerten Haus! Ich brauch' nicht nach bleierner Rücksicht zu fragen! Kein Band, das im Ungestüm jäh' ich verletz'! Darf wagen und siegen und siegen und wagen, Und was mich gelüstet, das ist mein Gesetz! – – – Bisweilen aber – kannst du's verstehn? – Da muß ich mir tiefst in das Innerste seh'n – – – Und da seh' ich die Heimat, da seh' ich das Glück, Da sehn' ich mich heiß – in den Kerker zurück, Da möcht' ich gern wieder nach Rücksichten fragen, Möcht' still meinen Wünschen »Das schickt sich nicht!« sagen, Da sehn' ich nachhaus hinter'n Ofen mich hin, Könnt' schluchzen, daß ich kein »Philister« mehr bin, Möcht' nichts von Freiheit, vom Wagen mehr wissen, 14 Bei Muttern nur sein und die Hände ihr küssen, Und ruh'voll ins friedliche Leben seh'n – –! – – Kannst du's versteh'n? 15   Vom Küssen         Eins intressiert mich sehr: ich möcht' gern wissen, Warum die Leut' versessen sind aufs Küssen! Bei Frau'n, ich bitte, kann ich das verstehn: Es ist der Leim, auf den die Gimpel gehn! Denn kriegt die Frau den Mann erst bis zum Kuß, Dann weiß sie schon, daß er dran glauben muß; Sie reicht ihm diplomatisch ihre Lippe, Und denkt der Mann: »Was kann da sein? Ich nippe!« Erwischt sie ihn beim Kragen und sagt flink: »Du hast nur nippen woll'n? O nein, da trink'!« Zum Traualtar schleppt im Triumph sie ihn Und – requiescat, hin ist hin! Bei Frauen also wird die Sucht nach Küssen Der Philosoph begreiflich finden müssen; Denn allbekannt ist's, wie ich glaub', Die Weiber leben ja vom Raub! Sie rauben Boas, Straußenfedern, Pariserschuh' aus feinsten Ledern, Theaterkarten, Pralinés, Parfüm, Banknoten und Soupers, Die Frau raubt einem Mann die Ruhe, Brillanten, Pferde, Goldlackschuhe, Und wenn gar nichts mehr zu rauben schon, Dann raubt sie ihm die – Illusion! Und was verschafft ihr den Genuß? 16 Das macht sie alles durch den Kuß! Die Männer woll'n gefangen sein, Und durch den Kuß fängt sie sie ein! Drum wird man jetzt begreifen müssen, Warum sie küßt. Nicht wird sie küssen! Was aber treibt den Mann dazu, Der leben könnt' in schönster Ruh'! Was untergräbt der Idiot Sein schönes Leben – ohne Not? Was ist denn schon an einem Kuß, Daß man sich so drum reißen muß? Man sagt, ein Kuß schmeckt wunderbar, Na schön! Gesetzt den Fall, 's ist wahr, Daß er sogar sehr gut selbst tut – – Ein Gulyasch schmeckt doch auch ganz gut, Und doch fiel es noch keinem ein, So dumm und hirnverbrannt zu sein, Und, um ein Gulyasch zu erstreben, Die schöne Freiheit aufzugeben! Oder: hat man einen schon gesehn, Um zwölf Uhr nachts im Freien steh'n Beim Regenguß im finstern Garten, Und geduldig auf ein – Gulyasch warten? Na also, jeder lächelt da. Beim Küssen aber tut man's ja!! Und doch weiß jeder Gulyaschesser: Die Küsse schmecken auch nicht besser! Dann muß man sagen auch ganz ehrlich: Ein Gulyasch ist nicht so gefährlich! Man braucht sich bloß vor Augen führ'n: 17 Was kann beim Gulyasch schon passier'n! Bin ich schon sehr vom Pech geschlagen, Verderb' ich mir dabei den Magen! Na, da ist man noch nicht desparat, Man macht drei Wochen Karlsbad, Und kehrt man heim zum alten Fleck, Sind alle Gulyaschfolgen weg! Doch einer, der, vom Kuß betrogen, Sich eine Gattin zugezogen, Der ist mit Recht wohl desparat, Denn, Freund, da nutzt kein Karlsbad! Und suchst du doch dorthin zu eilen, Um von der Gattin dich zu heilen, Dann läßt du höchstens Geld zurück, Sonst aber hast du dort kein Glück; Du kommst nach Haus, vergrämt und grau Und – inklusive deiner Frau! Denn gegen's Gulyaschattentat Hilft allerdings noch Karlsbad, Doch gegen Kuß und Weiberfaxen Ist noch kein Karlsbad gewachsen! Nun könnt' ein ganz Gescheiter sagen: »Muß denn ein Kuß die Folge tragen, Daß sich ein Eheband draus flicht? Ich nehm' mir vor, ich heirat' nicht! Ich lass' mir antun nicht Gewalt, Ich küsse nur mit Vorbehalt! Ich frag' das Mädchen unbefangen: ›Wie hoch beläuft sich Ihr Verlangen?‹ Ich zahle alles unverdrossen, Nur Heiraten ist ausgeschlossen! 18 So hab' ich weiter nie Verdruß, Ich küss' und zahl' und dann ist Schluß!« No, ist das ein Rhinozeros, Das absichtlich die Augen schloß? Es ist doch nicht die Eh' allein, Die einen Kuß läßt schmerzhaft sein. Man weiß doch, in den Konsequenzen Läßt ein Malheur sich nie begrenzen, Und so ist's auch beim Kuß genau: Das Pech ist nicht so sehr die Frau, Nein, der Effekt vom Kußvergnügen Ist leider meist auch 's Kinderkriegen, Wobei es gleicherweise schmählich, Ob's eh'lich oder ob's nicht – eh'lich! Ob legitim, ob ungesetzlich, Ein Kind bleibt Kind, und ist entsetzlich! Denn ist's nicht – eh'lich, weiß man nie, Ob's nicht wird schaden der Partie, Weil für die künft'ge Schwiegermutter Ein früh'res Kind gefundnes Futter, Indem es ihrer bösen List Ein Grund zum Mitgiftdrücken ist! Und kriegt man Kinder ehelich, Ergeben noch mehr Sorgen sich! Denn ist's ein Bub, dann geht man stumm Den ganzen Tag in Angst herum, Daß er vom graden Weg abirrt Und einmal Wechsel fälschen wird! Und ist's ein Mädel, sagt man sich, Die Möglichkeit ist fürchterlich, Daß in bezug auf einen Mann 19 Das Kind sich nicht beherrschen kann! Dann blüht auf einmal mir der Name Des Vaters einer – Lebedame! Die Möglichkeit ist sicher kläglich Und ist bei jeder Tochter möglich! Ja, schlägt sie nach dem Vater ein, Dann ist es eher ja wie nein! Da hast du also die Bilanz: Die Gattin macht dir einen Tanz, Die Tochter schlecht, der Sohn mißraten, Und immer nur in Sorgen waten, Wobei man sich noch sagen muß: Das alles kommt von einem Kuß! Drum bitte ich dich, sage mir, Steht wirklich dieser Kuß dafür? Das redest du mir doch nicht ein, So gut kann gar kein Bussel sein! Und glaubst du, solche harte Nüsse Sind etwa nur die Liebesküsse? Ich sag' dir, Küsse jeder Art Sind gut, wenn man sie sich erspart! Zum Beispiel gleich der Tochter Kuß, Den auf die Stirn man drücken muß. Mit diesem Kusse lass' mich aus, Dein Kind macht sich ja doch nichts draus! Denn von dem Bussel auf die Stirn Kann so ein Mädel nicht viel spür'n! Und einer, quer den Mund herüber, Ist ihr von jüngern Leuten lieber! Dann gibt's auch noch den Bruderkuß, 20 Den ich als blöd bezeichnen muß. Was brauchst du deinen Bruder küssen? Daß du ihn gern hast, muß er wissen! Die Schwägerin jedoch küss' nie! Ganz überflüssig wär' die Müh'! Denn sollte Küsse sie vermissen, Dann soll sie doch dein Bruder küssen, Der ist ihr Mann, du aber nicht, Und deshalb ist es seine Pflicht! Was red' ich denn noch überhaupt, Wenn du mir's nicht schon längst geglaubt: Es lebt kein Mensch auf dieser Welt, Der deinen Kuß für nötig hält! Ist er gesunden Angesichts, Sagt er doch selbst: »Es fehlt mir nichts!« Und fehlt ihm nichts in diesem Leben, Was brauchst du ihm noch Küsse geben? Und ist er wieder krank ein bißchen, Dann braucht er doch erst recht kein Küßchen, Denn wenn die Glieder Schmerzen machen, Hat man den Kopf auf andere Sachen! Du wirst jetzt einseh'n, jeder Kuß Ist schädlich – oder Überfluß. Drum küsse nie zum Zeitvertreib, Besonders aber küss' kein Weib! Und wenn du schon vor Sehnsucht brüllst, Küss' deine Pölster, wenn du willst. Das ist bequem und viel gesünder Und – Pölster kriegen keine Kinder! Doch da bei einem Weibe man 21 Ein gleiches schwer behaupten kann, So küsse nie ein Weib zum Schein, Denn es könnt' doch – geladen sein. 22   Das Rendezvous Eine kritische Studie mit dem Versuch einer wissenschaftlichen Einteilung                 Was für den Tischler das hölzerne Kistel, Was für den Esel die dornige Distel, Was für das Landesgericht der Filou – Das ist für die Liebe das – Rendezvous! Die Rendezvous' oder Stelldichein Teilt man in mehrere Klassen ein; Die meisten sind solche, die etwas erstreben, Aber – es soll auch platonische geben; Die letzteren haben keinerlei Zweck, Von denen bleibt man am besten weg! Solche Sachen soll man vermeiden. Das heißt doch wirklich nur Zeit vergeuden! Zu so einem Rendezvous geht man nicht hin, Das Schmusen allein hat doch gar keinen Sinn! Solche Sachen hab' ich gefressen, Wenn eine Dame mir sagt nach dem Essen: »Sie wollen von mir ein Rendezvous? Na schön, lieber Freund, ich sag' Ihnen zu, Wenn Sie versprechen, hübsch artig zu sein!« In solchen Fällen sag' ich glatt: »Nein! Artig bin ich bei meinem Vater Oder aber im Burgtheater, Aber mit Ihnen beim Rendezvous? Gnädige Frau, wie kommt das dazu? Sei'n S' mir nicht bös', ich sag' Ihnen schlicht: 23 Auf dieser Basis verhandel' ich nicht!« Darauf sagt sie gewöhnlich erschrocken: »Mein Freund, Um Gottes willen, so war's nicht gemeint . . .« Oder – sie hat es gemeint, wie sie's spricht, Dann dreh' ich mich um und kenne sie nicht! Wir können demnach die platonischen Fälle Ganz übergehen an dieser Stelle, Und sprechen also in diesem Rahmen Nur von entgegenkommenden Damen, Sei es ätherischen, sei es junonischen. Wir bleiben also beim Nichtplatonischen! Aber auch diese Stelldichein Können wieder verschiedene sein, Je nachdem, ob sich abspielt der Traum Im freien oder geschlossenen Raum', Die letztere Gattung streif' ich nur hier. Man nennt sie gemeinhin nur Absteigquartier, Und ein läng'res Verweilen dabei Vermeide ich gern als Detailmalerei. Wir kommen demnach zu dem Fall, wo zu zweien Man in liebender Absicht zusamm'kommt im Freien. Also über die Liebe im Blumenflor Sage ich nichts wie: »Ich warne davor!« Die Nachtluft ist kühl, die Gesellschaft gemischt, Und außerdem wird man fast immer erwischt, Man sitzt auf der Bank und flüstert vom Lieben. Und eh man es denkt, ist man aufgeschrieben Vom Wächter des Parkes, der uns vertreibt, Die Liebe muß fort, nur die Bank, die bleibt! Dann wankt man nach Hause in schamhafter Scheu – – – 24 Kurz ist die Bank, und lang ist die Reu'! Jeder Vernünftige sieht also ein: Überall trefft euch, nur nicht im Frei'n! Zwar – die Natur ist offen und ehrlich. Aber für Liebe ist sie gefährlich! Hier wär' eine Abart zu flechten jetzt ein: Das ist die Begegnung zu dritt statt zu zwein. Diese entsteht, wenn ein Mädchen vergißt, Daß der Mann ihrer Liebe verheiratet ist, Und ihm ein zärtliches Billet-doux Ins eheliche Logis sendet zu, Worin sie ihm mitteilt: »Es bleibt dabei, Wir treffen uns also morgen um drei!« Und richtig, es bleibt dann auch wirklich dabei, Nur treffen sich morgen um dreie dann – drei! Das Mädchen, der Mann, wie besprochen, genau, Und – nicht, wie besprochen! – überraschend die Frau! Solcherlei Stelldicheins wohnt evident Inne ein originelles Moment, Improvisiert, faszinierend und keck – – In der Hauptsache aber verfehl'n sie den Zweck. Denn nur weil sich nach Abwechslung sehnte der Mann, Hat mit dem Mädel gebandelt er an, Daß um den Hals sie das Händchen ihm legt, Was ihn zu Hause schon längst nicht erregt! Die Hand um den Hals, das lockt ihn so sehr, Der Abwechslung wegen nur kam er hieher, Jetzt spürt er die Hand statt am Hals im Gesicht – Na, Abwechslung ist's, aber schön ist es nicht! Es zeigt sich da eben mit Deutlichkeit: 25 Für Rendezvous' ist drei Uhr keine Zeit! Wenn man erwischt wird nur zwei Stunden später, Kann man doch wenigstens hoffen peut-être, Weil es doch finster geworden inzwischen, Unbemerkt eventuell zu entwischen, Aber um drei, wenn noch die Sonne prangt, Ist das ein bissel zu viel verlangt! Zwar – Liebe ist blind, wie der Volksmund spricht, Aber die Gattin ist es doch nicht! Drum soll man vermeiden Skandal und Geschimpf, Vernünftige Leute bestell'n sich um fünf! Das soll man sich merken bei zärtlichen Festen: Für solche Sachen ist finster am besten! Übrigens steht auf diesem Gebiete Seit jüngster Zeit etwas Neues in Blüte, Über die Kino-Stelldicheins Ist das Entzücken ein allgemein's! Und wirklich, da stimm' ich begeistert zu, Ich lob' mir im Kino das Rendezvous! Warum? Das brauch' ich nur flüchtig zu streifen, Seine Vorzüge sind nämlich wirklich – zum Greifen! Spannende Dramen mit Räubern und Flinten, Sie sitzt vorne, und ich sitz' hinten. Die Bilder verfolgt sie mit Schwärmerei, Erst packt sie der Film, dann – bin ich so frei, Mit einem Wort, es ist zum Entzücken . . . Nur peinlich ist es – danebenzuzwicken, Und direkt entsetzlich, wenn Amor sich wendet, Und heißes Begehren mit Watschen endet! In solchen Fällen wird keiner bestreiten: 26 Das Finst're hat auch seine Schattenseiten! Meine Verehrten, ich hatte die Ehre, Heute vor ihnen die Stelldicheinlehre Kurz zu skizzieren in flüchtigen Zügen. Fest steht nur eins: es ist kein Vergnügen! Wie man es wendet und wie man es dreht . . . Bald ist es zu früh, und bald ist es zu spät, Da ist's zu finster, und dort ist's zu licht . . . Wer klug ist, der tut so was überhaupt nicht! Glauben Sie mir, und Sie werden sich freu'n, Reden Sie gar nicht von Stelldichein! Schau'n Sie doch mich an! – Sehn Sie, ich tu's, Ich rede niemals von Rendezvous'! Das heute war nur eine Ausnahme hier Und nur, weil ich eben gezahlt krieg' dafür! No, soll ich's nicht nehmen? Da wär' ich doch dumm! Und wer ist der Zahler? Das Publikum! Da sieht man halt wieder den Leichtsinn der Welt, Auf solche Sachen haben Sie Geld! Ich steh' hier oben, und Sie hör'n mir zu, Wie ich erzähle vom Rendezvous, Und bezahl'n noch dafür, daß Sie dableiben können . . . No, wissen Sie, soll da der Zorn nicht entbrennen? Sie sind ja schon wieder gefallen hinein – Der Teufel hole das Stelldichein! 27   Die Verlobung             Man kann, wenn man Lust hat, stundenlang pfeifen. Man kann, wenn man will, auch in Brennessel greifen. Man kann sogar heiraten (oft ist es Pflicht!), Aber verloben soll man sich nicht! Ich hab' schon gehört, daß sich einer erhängt hat, Weil er sich über ein Unglück gekränkt hat; Oder es hat ihn was derart verdrossen, Daß er sich postwendend deshalb erschossen. Kurz, wer sich ermordet, ist übel daran, Aber – es geht keinen Menschen was an! Wenn aber einer Spagat sich kauft Und – Wochen! – damit in der Stadt herumlauft, Um jedem die Mitteilung aufzudrängen: »Da schau'n Sie, mit dem werd' ich nächstens mich hängen!« – Dann ist das doch wohl eine Aufdringlichkeit, Welche imstand' ist, zu ärgern die Leut'; Ich wenigstens möcht' solche Selbstmordsitten Bei meinen Bekannten mir energisch verbitten! Nun fragt ein Naiver vielleicht desparat: »Wie kommt die Verlobung zu diesem Spagat?« Also ich seh' dieser Frage entgegen mit Ruh': Pardon, aber wie kommt sie nicht dazu? Es ist doch bekannt wohl im Publikum, Daß jede Verlobung ein Vorstadium 28 Zu einer Handlung, die jedermann Füglich als Selbstmord bezeichnen kann. Ich hoffe, daß keiner mich mißverstehe, Ich denke natürlich dabei an die Ehe; Denn daß sich die Ehe als Selbstmord nur zeigt, Ist derart bekannt, daß man darüber schon schweigt. Da sich nun eine Verlobung zumeist Als Ouverture einer Ehe erweist, So läuft das bei einem Bräutigam, Den man wochenlang sieht mit der Braut zusamm', Ungefähr auf dasselbe hinaus, Wie wenn lebensmüd einer von Haus zu Haus Bei seinen Bekannten möcht schreien herum: »Sie! Pst! Nächste Woche bring' ich mich um!« Und dabei hält in die Höh' er das Mordwerkzeug grad – – – Und da sind wir auch schon wieder bei meinem Spagat! Außerdem ist es auch fürchterlich dumm, So als Verlobter zu rennen herum. Wer nicht gebildet ist, soll lieber schweigen, Und einer, der blöd ist, der braucht's doch nicht zeigen; Da aber zweifellos jeder Mensch blöd, Der offenen Aug's in den Ehestand geht, So muß so ein Bräutigam dumm nicht nur sein, Sondern er gesteht's auch noch öffentlich ein! Er stellt sich quasi eheschwanger Öffentlich wochenlang an den Pranger. Also von ihm ist das dumm, aber dem fremden Beschauer Zittert das Herz, indem es mit Trauer 29 Flüstert und seufzt unterm Futter des Rocks: »Armer Teufel! . . . Schon wieder ein Ochs!« Ich glaub', es bedarf keiner weiteren Proben. Taktlos und dumm ist es, sich zu verloben. Denn läßt sich der Mensch schon auf Dummheiten ein (Womit ich jetzt wieder das Heiraten mein'!), Dann gibt's eine einzige Entschuldigung bloß: Er tat's überstürzt und gedankenlos! (Welchem Prinzip aber der widerstreitet, Der Dummheiten wochenlang vorbereitet!) Übrigens wundert auch eins noch mich sehr: Spür'n denn die Leut', die verlobt sind, nichts mehr? So täglich die künftige Gattin zu seh'n, Muß eigentlich sehr auf die Nerven doch geh'n! Denn ist sie sehr mies, sagt der Mann sich mit Beben: »Und so was hab' ich engagiert mir für's Leben!« Und wenn sie sehr schön ist, genau wie man's möcht', Dann ist doch's Verlobtsein erst recht wieder schlecht! Was fängt mit dem reizendsten Mädchen man an, Bei dem man nicht darf, wie man möchte und kann? Wozu die Verlobung, wenn Liebe zu rauben, Die Bräute erst knapp nach der Hochzeit erlauben? Denn wenn sie als Gattinnen lieben erst wollen, Dann hätt' man sie gleich eben heiraten sollen, Und sind sie auch ledig hiezu schon erbötig, Dann war doch auch schon die Verlobung nicht nötig! Kurz, welchem Prinzip auch die Damen da huldigen – Verlobtsein ist, wie man's dreht, nicht zu entschuldigen! 30 Ich hätte ja jedem, der drum mich befragt, Am liebsten den einzigen Ratschlag gesagt: »Es ist so egal, wie die Sehnsucht du stillst, Nur heirate nicht, sonst tu, was du willst; Aber ich weiß ja, du wirst nicht parieren, Weil ja die meisten zur Eh' sich verirren; Die Ehe ist grad wie die Cholera: Man kann ihr nicht weglaufen, wenn sie einmal da; Doch mußt du schon unbedingt fallen hinein, Dann soll sie auch ganz wie die Cholera sein: Da gibt's kein Herumzieh'n, du bist nicht marod, Heut steckst du dich an und bist morgen schon tot! Und auch bei der Eh' ist's das nämliche Ding, Wenn du schon heiratest, heirate flink, Merk' dir die Weisheit, so einfach und schlicht, Heirate, aber verlobe dich nicht!« 31   Weiberkauf         Wie schön wär's, wenn Frauen zu kaufen wär'n! Ich meine natürlich in allen Ehr'n, Der Mann müßt' bezahl'n und die Frau gehört ihm, Und selbstverständlich ganz legitim; Ich will da nicht rütteln an der Moral, Die Frau wär' die Gattin, der Mann der Gemahl, Es würde alles wie früher verlaufen, Nur – wenn man schon kauft, könnt' man mehrere kaufen! Schöne Sache, die Vielweiberei! Glauben Sie mir, es ist was dabei! Skandal, daß noch keiner darauf gekommen! Bis heut' hat sich jeder ein Weib nur genommen, Zum Beispiel: Man nimmt sich ein Weib, welches blond ist. Das ist ja ganz schön, aber – wenn man's gewohnt ist?! 's ist grad, wie wenn einer gern Gulasch genießt: Er freut sich schon, wenn er's am Speiszettel liest, Und es schmeckt ihm, selbst viermal per Woche gegessen, Aber jeden Tag kann man kein Gulasch essen! Und wenn man die Schönste der Blonden hat, Grad wie beim Gulasch: zum Schluß wird man's satt, 32 Wenn sie auch noch so gekränkt und erstaunt ist, Weil man nicht immer auf Blonde gelaunt ist! Was kann man da machen? Man schämt sich zu Tod, Aber manchmal hat man ein Gusto auf Rot! No, wenn man normal jetzt verheiratet lebt, Kann man nichts machen, die Blonde klebt! Man sitzt an die Blonde gebunden zu Haus Und sehnt nach der Roten das Herz sich heraus! Doch wenn die Reform unsrer Ehe tritt ein, Dann kann uns die Blonde gewogen hübsch sein, Die Seele allein gibt dann unsre Gebote, Man geht auf den Markt und – kauft sich die Rote! Sie sehn jetzt, mein Vorschlag ist praktisch und fein, Zu kaufen müssen die Frauen sein! Es wird dann die Sache direkt ein Vergnügen. Körbe wie früher wird man nicht kriegen, Die Dame des Herzens, die einem behagt, Wird einfach gekauft und nicht lange gefragt! Zweitens werd'n dann die Frauen nicht nur williger, Sondern – und das ist die Hauptsach' – auch billiger! Man kauft sie nur nicht auf laufendes Konto, Sondern per bar gegen Kassaskonto! Ja, wenn man sie gleich im Dutzend bezieht, Kriegt man noch gratis die Dreizehnte mit! Außerdem nimmt auch die Heirat auf Kauf Einen viel sich'reren, solidern Verlauf. Stell'n Sie sich vor, wie bis heute das war: Erst bei der Heimkehr vom Traualtar Findet vom Mann die Besichtigung statt, Was er sich eigentlich angeschafft hat. Bevor er die Braut nicht als Frau nimmt zu sich, 33 Kennt er sie immer nur äußerlich; Er sah, daß im ganzen sie fesch und famos ist, Was aber noch im Detail bei ihr los ist, Erfährt nach der heutigen Ordnung ein Mann, Wenn definitiv er zurück nicht mehr kann. Doch wenn man die Frau'n wird erwerben durch Kauf, Hört sich sofort jedes Anpofeln auf. Man sucht sich nach Wunsch die Gemahlin erst aus Und nimmt sich hierauf sie zur Probe nach Haus. Entpuppt sie sich dort als Entzückende –, schön! Entpuppt sie sich nicht, dann läßt man sie stehn, Man schreibt nur: »Indem daß die Ware mißfällt, Wird sie zur Disposition gestellt; Ich hab' etwas Feines verlangt, das ist nix. Hochachtungsvoll Ihr ergebener X.« Dieses Geschäft ist ehrlich zu nennen: Stornieren muß man die Hochzeit können! Erprobt sich die Gattin, dann ist es ein Glück, Erprobt sie sich nicht, geht die Sache zurück! Lassen Sie ruhig von mir sich beweisen, Die Liebe wird reizend – bei festen Preisen; Als kommerziell-merkantiles Objekt Leistet die Frau, was mit ihr man bezweckt! Die Liebe ist schön, wenn die Frau für mich süß ist Was dann aber, wenn mir vor ihr später mies ist?! Wie schrecklich erging es bis heut' solchem Paare: Man pickt bei der Gattin und rauft sich die Haare! Nach meiner Methode läßt man sie laufen: Man braucht die Gemahlin nur weiterverkaufen, Sehr häufig auch trifft sich was unter der Hand. Zum Beispiel, mir wär' eine Dame bekannt, 34 Die meinem Gefühle nach reizend und süß ist, Wogegen sie ihrem Gemahle schon mies ist, Mit einem Worte, es wäre genau Derselbe Fall wie mit meiner Frau! Da braucht sich dann keiner die Haare zu raufen, Er braucht nicht verkaufen, ich brauch nicht verkaufen, Wir kommen zusammen und nehmen im Plausch Uns gegenseitig die Damen in Tausch! Des weiteren hört mit der Liebe auf Kauf Das Ehebrechen sofort sich auf; Bis heute war so etwas unsittlich, Ab morgen versteht es von selber sich. Erwischt mich der Mann unter wütendem Fluch Mit seiner Gemahlin beim Ehebruch, Dann sag' ich ihm ruhig: »Wozu diese Sorgen? Ein Ding, das man kaufen kann, kann man auch borgen? Was schrei'n Sie herum? Sei'n Sie unbesorgt, Ich hab' mir die Frau Gemahlin geborgt! Ich hab' nichts gebrochen, ich hab' nichts beschädigt, Da hab'n Sie s' retour und die Sach' ist erledigt!« Doch wenn er vor Ärger dann immer noch schnauft, Dann sag' ich: »Sie hab'n die Madam' doch gekauft, Ich bitte, ich will Ihren Schaden gern tragen, Ich glaube zwar nicht, ich hab' was zerschlagen, Es ist nichts verbogen, es ist nichts verrostet, Aber bitte sehr, was hat die Dame gekostet? Sei'n Sie so freundlich, mir sachlich zu sagen, Bitte, wie viel hat der Kaufpreis betragen, Rechnen Sie auch noch die Zinsen dazu, Da ist das Geld, aber jetzt will ich Ruh'!« 35 Glauben Sie mir, wenn die Dinge so liegen, Dann wird der Ehebruch erst ein Vergnügen. Die Sache geht ruhig, die Sache geht schnell, Und vor allem: die Sache geht ohne Duell! Kein Zeugenschicken, kein Wortedrechseln, Man wechselt nicht Schüsse, man schießt mit den Wechseln! Kurz, wie man die Frage der Frauen auch dreht, Man sieht, daß am besten in bar es noch geht. Mein Vorschlag verdient nicht, daß drüber man lache, Ich bitt' und beschwör' Sie, probier'n Sie die Sache, Sie sichern dadurch sich ein ruhiges Leben, Die Ehe als Gugelhupf mit lauter Zibeben, Erst kauft man die Gattin, dann liebt man sie heiter, Dann liebt man sie nicht , dann verkauft man sie weiter; Man kann mit ihr kosen, man kann mit ihr plauschen, Man kann sie verborgen, man kann sie vertauschen, Man weiß, was man hat, denn man läßt sich sie schätzen, Im Falle von Schulden kann man sie versetzen, Und fühlt man sich ohne sie besser im Haus, Dann soll sie verfall'n und man löst sie nicht aus! Drum gibt's gar nichts Besseres, passen Sie auf, Als Liebe und Ehe und Weiber auf Kauf! 36   Die Perle der Schöpfung               Das Edelste, was Gott erschuf Zu opferfreudigem Beruf, Die Holdesten der Menschenkinder, Die schon mehr Engel sind als Sünder, Wo sich das Gute häufte an Derart, daß man's nicht messen kann, Im Meter nicht und nicht im Liter . . . Das sind die – süßen Schwiegermütter! Nur Idioten können schimpfen, Um einen Haß dort einzuimpfen, Wo nur Verehrung ist am Platz. Die Schwiegermutter ist ein Schatz, Den man nur drum nicht heben kann, Weil meistens zu viel Fleisch daran. Gewiß ist, daß sie wundernett ist . . . No, wenn sie schon ein bissel fett ist!? Nach ihren Kilos frag' ich nicht, Nur das Gemüt fällt ins Gewicht, Und das ist bei der Schwiegermutter So weich und rein wie frische Butter. Man schau' sich diese Frau nur an, Wenn man mich nicht begreifen kann: Das Aug' ist treu, der Mund ist zart, Und auf dem Mündchen wächst ein Bart . . . 37 Was lachen Sie in sich hinein? Soll sie vielleicht auch schön noch sein? Sie hat die Tochter anzubringen, Zu mehr kann sie kein Herrgott zwingen! Du hast kein Recht, sie auszulachen, Wenn's ihr nicht paßt, sich schön zu machen, Sie kann so mies sein, wie sie will, Und meistens will sie. Drum sei still. Das Alter ist kein Grund zur Scham. Die Schönheit ging, der Schnurrbart kam. Ist es ein größeres Vergnügen Bei Männern, wenn sie Glatzen kriegen? Wer denkt so viel ans Haar? Was frommt's? Der Mann verliert's, die Frau bekommt's! Der Bart ist da, drum lasse ihr ihn. Wenn er dich stört, dann ignorier' ihn. Nur dann, wenn sie dich küssen möcht', Da weig're dich. Da hast du recht! Sonst aber ist sie tadelfrei, Wie immer auch ihr Aussehn sei, Und ob ihr auch die Schönheit fehle, Die Hauptsach' ist ja doch die Seele, Die Seele, die im Busen thront, Im Busen, wo die Milde wohnt! No, den Busen, wo die Milde drin, Den hat sie auch, schau' nur gut hin. Er hat die größten Dimensionen. Da hat die Milde Platz, zu wohnen! Weil wir grad bei der Milde sind, Will ich was feststell'n noch geschwind. Bekanntlich ist die Schwiegermutter 38 Für Boshafte das liebste Futter. So hört man häufig auch erwähnen, Sie habe – Haare auf den Zähnen. Wo soll'n denn diese Haare stehn? Gewöhnlich hat sie keine Zähn'! Und hat sie manchmal Zähne gar, Dann hat sie wiederum kein Haar. Und hat sie Zähne und Geflecht, Dann sind sie alle zwei nicht echt; Denn echt an ihr ist nur mehr heut Der eine Zahn: der Zahn der Zeit! Drum spare dir als Schwiegersohn Auf deines Weib's Mama den Hohn. Was braucht die Mutter dich entzücken? Dich hat die Tochter zu beglücken. Und wem verdankst du dieses Glück? Das fällt auf die Mama zurück. Als Mädchen hat die Gute schon Gedacht an dich, den Schwiegersohn. Sie hat geopfert ihre Scham, Und als dein Schwiegervater kam, Hat sie, trotzdem sie sehr beklommen, Ihn deinetwegen doch genommen. Zu schenken deiner Frau das Leben, Hat sie die Unschuld hingegeben, Die sich, so frisch, so rein und blank, Gehalten hätt' noch jahrelang! Sag' nicht, sie hatt' selbst Freude dran, Das hat sie nur für dich getan. Sie trug die Schmerzen des Ballastes, Du hast das Glück . Sei froh, du hast es. 39 Doch wenn du in der Ehe siehst, Daß deine Gattin sich vermiest, Dann schimpf' die Schwiegermutter nicht, Die nur getan hat ihre Pflicht! Ich frage dich jetzt aufs Gewissen: Hätt'st du nicht selbst bemerken müssen, Als du die Mutter schautest an, Was aus dem Kind noch werden kann? Als Braut sind alle Mädeln süß, Nur später werd'n sie leider mies, Und für dies ungewisse Später Ist die Mama das Barometer. Drum leg' ich sie auch nicht in Bann, Ich schau' nicht weg, ich schau' sie an! Und wenn ich dann aus nächster Näh' Die umfangreichen Massen seh', Die ihr zum Zweck des Sitzens nützen, Dann – – laß ich ihr Kind drauf sitzen. Dann mach' ich rasch mich aus dem Staub, Ihr aber wind' ich Ruhmeslaub, Die mich bewahrt, zu sagen »Ja!« Ein dreifach Hoch der Schwiegermama! 40   Die Sache mit dem Storch                 Ich kann mir nicht helfen, ich glaub' an den Storch. Und wenn ich auf alle Methoden horch', Wie angeblich Kinder zur Erden reisten, Das mit dem Storch gefällt mir am meisten! Z. B. sagt man, ein Kind wird geboren, Wenn sich zwei Leute Liebe geschworen Und der Mann mit der Frau, wenn es Abend wird . . . spät . . . Ich red gar nicht weiter, es ist zu blöd! Denn abgeseh'n davon, daß es gemein, Müßt das doch furchtbar umständlich sein: Da muß sich der Mann erst Handschuh' anzieh'n, Dann muß er zum Vater des Mädchens hin, Muß vorlegen alle Finanzunterlagen, Dann muß der Vater »Da ham Sie se« sagen, Dann setzt in Bewegung man sämtliche Hebel, Besorgt sich die Ausstattung, kauft sich die Möbel, Zwei Betten, ein Sofa, die Nippes-Etagere, Die Tagtöpf', die Nachtkästchen und was sonst mehr, Dann kommt noch die Hochzeit, die ich nicht schilder' (Onkel David frißt wie ein Wilder); Die Zahlung der Mitgift (es fehl'n zwei Prozent), Der Abschied des Brautpaars, die Brautmutter flennt, »Adieu, liebe Tochter« – »Adieu, lieber Vater«, 41 Tränen, Ermahnungen, großes Theater, Bis dann die Brautleut' so weit endlich sind. Und alles das um so ein winziges Kind? Hör'n Sie mir auf, sonst wird mir noch übel, Das mit dem Storch ist mir viel mehr plausibel! Wozu die entsetzliche Plage und Müh'? Ist Kindererzeugung Hausindustrie? Im Gegenteil: Kinder sind Fertigwaren, Die man komplett mit Haut und mit Haaren Gegen Bestellung und ohne Müh'n Laut Muster direkt ab Storch kann bezieh'n! Und selbst wenn ich wirklich es möglich find', Daß man zuhaus fabriziert sich ein Kind, Wie kann schon ausseh'n ein Fabrikat, Wo man doch keinerlei Fachkenntnis hat? Weiß ich denn, was man dazunehmen muß, Daß es z. B. zwei Füß' hat zum Schluß? Oder was muß man tun, daß der Schädel nicht hohl? Kann man das machen aufs Gratewohl? Beim Storch kann man alles das abwarten still: Man ruft sich den Vogel, sagt, was man will, Der ist doch vom Fach, man wünscht, man bestellt, Und paar Monat' später kommt's auf die Welt! Eins freilich muß ich gestehen sogleich: Was an dem Storch mir mißfällt, ist der Teich! Oder glauben Sie wirklich, es ist ein Vergnügen, Neun Monate lang im Teich zu liegen? Ohne Theater, ohne Konzerte, Keine Geschäfte, keine Offerte, 42 Zeitungen sind überhaupt nicht zu seh'n, Man weiß nicht einmal, wie die Kurse steh'n! Man liegt im Schlamm, im Wasser, im kalten, Ist nicht imstand', sich zu unterhalten, Immer dieselbe Gesellschaft bei Tisch: Noch ein Fisch und wieder ein Fisch! Zum Überfluß sind auch die Brüder noch stumm, No sagen Sie: ist das ein Publikum? Ich schwör' Ihnen zu, ich bin ganz beklommen, Wenn ich schon seh' die Herren Karpfen kommen! Schwimmen daher in langen Zügen, Nicht ein Wort ist herauszukriegen! Wenn sie so kommen von jedem Geschlechte, Heringe, Aale, Lachse und Hechte, Ohne zu reden, in endlosem Marsch, Denkt man sich wütend: »Jetzt fehlt noch der Barsch!« Man könnte schrei'n vor langer Weile, Aber dann überlegt man sich's doch in Eile, Denn macht man den Mund auf, um wirklich zu schrei'n, Kommt so ein Fisch und – legt Eier hinein! Mit einem Wort: im Teich ist es fad, Aber was noch entsetzlicher ist, ist das Bad! Da muß man doch schärfsten Protest erheben: Nicht genug, man badet im Leben, Soll man sich überdies dazu bequemen, Noch vor der Geburt ein Bad zu nehmen! Bei Lebzeiten baden ist schon sehr bös, Aber vor der Geburt ist es skandalös! Das ekelt doch einen von Herzensgrund! 43 Außerdem aber ist's ungesund: Denn schließlich muß man doch Schnupfen kriegen! Im kalten Wasser herumzuliegen Tage-, wochen- und monatelang, Bevor man noch kommt auf die Welt, ist man krank! Und ist man gesund und kommt dann zur Welt, Wird man gewöhnlich falsch zugestellt. Ich bitt' Sie, der Storch kann doch nicht einmal lesen! Ich bin z. B. bestimmt gewesen, Zu werden vom reichen Mayer der Sohn, Und er liefert mich ab daneben bei Kohn! No meinen Sie, daß das den Vogel geniert, Wenn bei dem Schnorrer er mich deponiert? Das macht ihm doch nicht den geringsten Schreck, Ich heiß' Kohn, und er fliegt weg! Jetzt sagen Sie ehrlich: für dieses Vergnügen Hab' ich neun Monat' im Teich müssen liegen, Um einen Schnorrer zum Vater zu kriegen? Dazu hat man erst einen Storch engagiert? Bei der Mutter wär' mir dasselbe passiert! Glauben Sie mir, man hat nichts davon, So oder so, das Ende heißt Kohn! Ob muttergeboren, ob teichgefischt, Den reichen Papa hat noch niemand erwischt! Mit Ach und Krach kommt der Mensch auf die Welt, Erst kauft er Devisen, dann hat er kein Geld, Und das steckt er dann in eine Pleite hinein, Am besten wär's, gar nicht geboren zu sein! 44   Das Baby Grünbaum Ein autobiographischer Essai                   Achtzehnhundertachtzig, am sieb'ten April, Montag, wenn man's genau wissen will, Hab' ich, vom Schöpfer der Erde geschickt, Wie man sagt, »das Licht der Welt erblickt«. Das heißt, »erblickt« ist nicht richtig erzählt, Denn ich kam nicht sofort mit den Augen zur Welt, Indem ich vielmehr – was soll mir die Scham! – Auf die Welt erst mit jenem Körperteil kam, Auf welchem sich, weil er am Leibe liegt hinten, Bekanntlich keine Augen befinden. Ich erschien also erst nur zu fünfzig Prozent, Sie versteh'n, also nur mit dem hinteren End', Doch im nächsten Moment schrie mein Vater »Hurra«, Da war das vordere auch schon da! Für das jüngste Schwesterlein meiner Mutter War die ganze Geschichte ein Futter. Sie war wohl noch ledig, doch riesig gescheit, Stand an der Wiege die ganze Zeit, Und nachdem sie, da sie vor Neugier getrieft hat, Meine Bestandteile sorgsam geprüft hat, Sah sie sich um voll Triumph in der Stub' Und sagte: »Kinder, es ist ein Bub!« Da hat ihr mein Vater eine 'runtergeschwappt. Aber eigentlich hat sie doch recht gehabt. 45 Ich bin nämlich faktisch ein Bub gewesen. Meine Tant' hat sofort gesagt: »Da spart ihr Spesen! Denn wenn erst der Bub einmal groß wird und schön, Braucht ihr mit ihm nicht auf Bälle geh'n, Braucht nicht auf Freier zu warten mit Beben Und – notabene – nicht Mitgift zu geben!« Während mich so meine Tant' hat gesegnet, Hat es in meiner Wiege geregnet. Versteh'n Sie mich recht, ich umschreibe das, Es war nicht g'rad Regen, es war aber naß. Da hab' ich begonnen entsetzlich zu schrei'n, Die Tante jedoch hat verlangt etwas Wein (Es war ihr die Kehle zu trocken vielleicht!), Kurz, sie war trocken, und ich – war feucht! Hierauf hab' ich frische Wäsche bekommen, Indes sich die Tant' ihren Wein hat genommen, Und so war das Doppelziel einfach erreicht: Ich war jetzt trocken, und sie – war feucht. Jetzt haben die Leute Knochen und Haut Und was sonst an mir dran war, näher beschaut. Da war auch ein Nachbar, Herr Löbel, mit drunter, Wie man so sagt, »ein Flegel« mitunter, Der hat da erklärt: »Der Bub is ja süß, Aber ich glaub, er hat krumme Füß'!« Da hat meine Tante gesagt sehr pikiert: »Soll'n die Füß' krumm sein! – Was das geniert! Sie wissen doch, Grünbaum hab'n einen Stolz, Die Möbel von Thonet, gebogenes Holz. Soll'n seine Füße nur krumm sein, Herr Löbel, 46 Wenigstens paßt dann der Bub zu die Möbel!« Aus dieser Bemerkung entstand ein Streiten Zwischen der Tant' und den Nachbarsleuten, Doch als man dann schließlich zu End' hat gerauft, Hat man mich feierlich »Friedrich« getauft. Das heißt, »getauft« ist nicht richtig zu sagen, Man gab mir einfach den Friedrich zu tragen. Man gab mir den Namen nach unseren Sitten, Das heißt, man hat mir – die Sache beschnitten, Versteh'n Sie mich richtig, das ist kein Witz, Man hat mir verkürzt den »Friedrich« in »Fritz«. So wurde ich also im Polster gehutscht, Hab' Fritz geheißen und Daumen gelutscht. Ich war ja ein Baby und durfte hübsch ruh'n. – Ich bitt' Sie, was hat so ein Baby zu tun? – Höchstens probiert' ich nach Art der Toren, Mit der großen Zeh' in der Nase zu bohren! (Wie unfein benimmt man sich doch, wenn man jünger! Dazu nimmt doch der Mensch, der korrekt ist, den Finger?!) Aber ich war halt noch Baby und dumm, Und so nahm man mir meine Entgleisung nicht krumm. Ich hab' in der Wiege gemütlich gespielt, Und trotzdem: ich hab' mich nicht wohl gefühlt! Erstens allein schon die Konversation, Die man mit mir hat geführt, war ein Hohn. Ich hätt' gern gewußt, was es Neues gibt, Wie sich die Lage im Osten verschiebt, 47 Was sich so tut zwischen Rom und Paris – – Aber da packt meine Tant' mir die Füß' Und schreit mir gellend herein in die Wiegen: »Atschatscha wird jetzt sein Milcherl kriegen!« Ich will erfahr'n, was politisch geschah, Und sie – erzählt mir von Atschatscha. Aber kaum will ich mich von dem Blödsinn erholen, Kitzelt mir wieder mein Onkel die Sohlen, Klatscht mir hierauf auf den Bauch und lacht: »Mutschutschu hat sich doch naß gemacht!« Nu, sagen Sie, ist der Diskurs zu ertragen? » Mutschutschu « soll man zum Grünbaum sagen!? Entsetzt bin der Amme ans Herz ich gesunken Und hab' aus Verzweiflung die Milch getrunken, Seliger Kindheit gesegneter Schmaus . . . Wenn ich dran denk', geht die Gall' mir heraus! Achtmal im Tag ist die Amme gekommen, Hat mich sanft aus der Wiege genommen, Hat mich, und wenn ich sie noch so gezwickt, An ihre Drillichbluse gedrückt, Hat mich mit Zärtlichkeiten umsponnen, Hat sich hierauf – zu entknöpfeln begonnen, Und ihrer Bluse, weiß wie die Lilien, Entnahm sie – die Nahrungsutensilien. Da hab' ich gesagt mir in alter Erfahrung: »O weh, schon wieder flüssige Nahrung! Aber«, so hab' ich mir weiter gesagt, »Hat denn die Amme nur Milch im Kontrakt? Was kann man wissen bei so einer Frau, Möglicherweis' gibt sie einmal – Kakao!« 48 No, ich fasse mich kurz, ohne Federlesen: Es ist also kein Kakao gewesen! Natürlich, wenn man sich einläßt mit Drillich, Was kommt heraus dabei? Höchstens Millich! So hab' ich denn bald auch das Baby-Leben, Von Ekel erfüllt, endlich aufgegeben. Erstens sagt' ich mir widerwillig: »Milch wie Milch . . ., aber nix wie Millich . . .?!« Zweitens war mir das Wiegengered', Das »Atschatscha – Mutschutschu« schließlich blöd Ich fand's in der Wiege gehirnerweicht, Und drittens – war mir das Klima zu feucht! Man will sich nicht immer in Nässe bewegen, Ich bin halt kein Freund von – Niederschlägen! Drum hab' ich gesagt mir in bitterer Qual: »Die Wiege ist für mich kein Lokal.« Ich hab' meine Tante hinausgeschmissen, Ich hab' mir die Zeh' aus der Nase gerissen, Und der Amme, die sich g'rad aufknöpfeln wollte, Hab' ich gesagt, daß sie zulassen sollte, Und so hab' ich mich endlich, von Ekel erregt, Auf ewige Zeiten – trocken gelegt! 49   Meine Genealogie                 Sagen Sie selber: ist es kein Jammer, Zu sitzen allein so wie ich in der Kammer Zuhaus und keinerlei Kinder zu haben? Weder ein Mädel, noch einen Knaben!? Sonst geht's mir ja gut, ich bin nicht ohne Geld, Geliebt von den Frau'n, geehrt von der Welt, Und trotzdem, ich schwör's, sitz' ich traurig zuhaus' Und hab' die Empfindung: jetzt sterb' ich aus! Mein Wort, es ist wirklich was Bitt'res dabei, So auszusterben auf eins, zwei, drei Und, wo man gewesen ist einer der Feschen, Von heut' auf morgen glatt zu erlöschen. Die Grünbaumische Dynastie, Ich soll so gesund sein, vergißt mir das nie! Gott, und außerdem ist doch die Sache so schön: Man hat von dem Kind schon Plaisier im Entsteh'n, Weil, eh' noch zur Welt dieses Kinderl kam, Die Sache bereits für den Herrn und die Dam', Die für sein Entstehen zusamm' sich gefunden, Mit einem gewissen Vergnügen verbunden! Und ist das Kind da , dann hat man's im Haus, Man zieht es hübsch an, und dann zieht man es aus, Man schickt es zur Schule in sämtliche Klassen, Man kann es taufen und impfen lassen – 50 Das heißt, bei meinem wär' taufen nicht Brauch, Aber impfen lassen könnt' ich es auch! Vielleicht daß ans Baden sogar ich gewöhn' es . . . Mit einem Wort, so ein Kind ist was Schönes! Stell'n Sie sich vor, ich hätt' einen Sohn. (Meine Frau war' natürlich eine geborene Kohn – Was denn soll sie sein? Ob Kohn oder Popper, Das ist doch egal! Die Hauptsach' ist: propper Und schön muß sie sein, und Geld muß sie haben Und soll mich beschenken mit einem Knaben, Dann ist es egal, ob sie Beer hieß, ob Kohn!) Also stell'n Sie sich vor, ich hätt' einen Sohn. Wie schön wär' der Bub! . . . Die Leut' müßten schrei'n: »Das Kind muß der Sohn eines Großherzogs sein!« So fein und so nobel, die Schultern so breit, Und die Lippen so rot, und das Aug' so gescheit, An Geist und an Körper ganz außergewöhnlich . . . Ich nehm' nämlich an, der Bub wär' mir ähnlich! Denn wenn er mir ähnlich ist, ist er wie ich, Und wenn er wie ich ist, kann er stolz sein auf sich, Und wenn er dann stolz in sein Fäustel sich lacht, Dann ist er wie ich – und dann ist er gemacht! Geachtet wär' er . . .! Noch mehr als sein Vater! Ich lass' ihn natürlich nicht geh'n zum Theater, Ich bück' mich genug vor den Zuschauern krumm, Mein Sohn soll pfeifen aufs Publikum! Ich möcht' doch den Buben, er soll mir nur leben, Zum freiwilligen Automobilkorps geben. Da hat er doch Uniform, da ist er Held, 51 Da ist er Soldat und – braucht nicht ins Feld! Oder: ich lass' ihn studier'n Mediziner. Er kommt dann als Doktor in irgend ein Wiener Besseres Sanatorium. Schön wie er ist, kann er, eh' ein Jahr um, Die Tochter des Hauses als Gattin umarmen. Was meinen Sie, wie er da sitzt hübsch im Warmen? Da können Sie ruhig sein, mir gesagt, Was so ein Sanatorium tragt! Mein Sohn kann sich freu'n, da ist mir nicht bang! So gesund soll er sein – und die Leute krank! Oder der Bub könnt' auch ohne Beschwerden Schließlich und endlich Schriftsteller werden! Sie brauchen nicht fragen, ob er das könnt', Und ob er Talent hätt'? Was braucht er Talent? Ich weiß es doch selber, wie man es macht. Man sagt etwas jüdisch, und das Publikum lacht! Und fällt mir schon gar nichts ein, sag' ich nur »Dalles«, Und das Publikum lacht. Es lacht über alles! No seh'n Sie, das ist doch ein Platz für den Sohn Von Grünbaum und der geborenen Kohn, Die Schriftstellerlaufbahn steht sicher ihm frei, Den Dialekt, den bring' ich ihm bei! Kurz, stell'n Sie sich vor, wie mein Sohn stünde da! Eine schöne Mama, ein berühmter Papa, Eine gediegene Position . . . Reden wir lieber gar nicht davon! In diesem Sohn könnt' sich alles vereinen. 52 Aber leider Gottes hab' ich doch keinen! Mein Ehrenwort, ich wär' schon zufrieden, Wäre mir nur eine Tochter beschieden! Zwar möcht' dann erlöschen das Grünbaumgeschlecht, Doch wenn sie ein Rosenbaum heiraten möcht' – (Wer denn soll sie nehmen? Ich wüßte es kaum, Allenfalls noch der Herr Mandelbaum –) Dann wär' das dieselbe Mixtur und Mechanik, Der Grünbaum vergeht, doch es bleibt die Botanik! Und wenn ich dann sehe den lieblichen Traum, Meine Enkel, die Kinder vom Rosenbaum, Von allen vergöttert, von jedem gelitten Und mir wie aus dem Gesicht geschnitten, Dann setzt sich in denen dann fort mein Genie, Dann seh' ich gerettet die Genealogie . . . Dann sag' ich mir still im bewegten Gemüt: »Der Grünbaum verwelkt, doch der Rosenbaum blüht!« 53   Mein Sohn               Ich möcht' Ihnen was sagen unter Diskretion: Ich hasse meinen eigenen, leiblichen Sohn! Ich bin mir darüber vollkommen klar, Daß dieses Gefühl jeder Menschlichkeit bar, Ich habe mir selber in schlafloser Nacht Die bittersten Vorwürfe längst schon gemacht, Und renn' wie verzweifelt bei Tag durch die Stuben, Aber ich kann mir nicht helfen: ich hasse den Buben! Dabei aber weiß ich, daß andere Leute Gott würden danken, wenn sie nur heute, Selbst unter bitteren Sorgen und Bürden So einen reizenden Sohn haben würden! Der Bub ist nämlich nach meiner Meinung Glatt eine klassische, edle Erscheinung: Blitzende Augen, lockige Haare, Zähne, schneeweiße, wunderbare, Kurz, seine Schönheit ist außergewöhnlich – – Was soll ich Ihnen sagen? Er sieht mir ähnlich! Und sehn Sie, trotz allem, so schlecht es auch schien, Ich kann mir nicht helfen, ich hasse ihn! Der Haß hat eigentlich schon seinen Anfang genommen, Eh' noch der Bub zur Welt ist gekommen. 54 Da war ich nämlich noch Gymnasiast Und hab' in der Schule nicht aufgepaßt, So daß, als das Semester sein Ende nahm, Ich ein hundeelendes Zeugnis bekam! Na, ich nahm's also nolens und volens nach Haus, Und da brach bei meinem Vater die Tobsucht aus! Er schrie: »Dieses Zeugnis ist unerhört, Aber was mich dabei noch am meisten empört, Das ist deine elende Schamlosigkeit; Alles, was recht ist, aber das geht zu weit! Ich begreife nicht, wenn du dich derartig führst, Daß du dich nicht vor deinem Sohne genierst, Wie soll sich der einmal ein Beispiel an dir nehmen? Du hättest dich vor deinem Sohn müssen schämen!« Also ich glaube, ich war wie vom Donner gerührt. Ich dachte zuerst, ich hätt' mich geirrt, Denn abgeseh'n davon, daß ich vorderhand Noch gar nicht im Besitz eines Sohnes stand, Befand ich mich außerdem zu jener Zeit Im Stadium rosiger Unklarheit, Indem ich mir nämlich noch nicht einmal klar, Über die Mittel und Wege war, Welche auf Grund von langem Probieren Zu der Geburt eines Sohnes führen! Man denke sich meine Verblüffung demnach, Als jetzt mein Papa von meinem Sohne sprach! Ich konnte mich also vor Zorn gar nicht fassen, Und damals begann ich den Burschen zu hassen! Man merke demnach in bezug auf meinen Sohn: Er war noch nicht da, und ich haßte ihn schon! Lachen Sie nicht, sonst werde ich bitter. 55 Die Sache ist grad wie bei einem Gewitter: Bevor noch der Guß die Erde befeuchtet, Weiß man, er kommt – es wetterleuchtet! Die Luft ist mit Spannung zum Bersten erhitzt, Und – genau so hat damals mein Sohn geblitzt! Ich überspringe jetzt einige Jährchen, In denen die Liebe mir immer noch Märchen, In denen ich bloß mich mit Büchern befaßte Und selbstverständlich die Damen haßte Und niemals in weiblichen Umgang mich mischte, Bis eines Tags mich mein Vater erwischte! (Und zwar bei einer Gelegenheit, Welche schon immer seit uralter Zeit Allgemein als geeignet erschienen, Um als Ursache eines Sohnes zu dienen!) Also die Sache nahm einen bösen Verlauf. Die Dame sprang auf, und ich sprang auf. Der Vater schrie, das wäre Gemeinheit, Jetzt könnten wir beide uns suchen die Reinheit, Wir würden sie aber aus mancherlei Gründen Und nach menschlicher Voraussicht kaum je wieder finden, Denn ein unwiederbringliches Gut sei die Reinheit, Und dann überhaupt, so eine Gemeinheit – – – Und an dieser Stelle des Wortgefechts Versetzte er mir eins links und eins rechts. Und wie so der Schlag mir im Angesicht sitzt, Da hat zum zweiten Male – mein Sohn geblitzt, Denn der Vater schrie: wir könnten uns schämen! Wenn wir jetzt einen Sohn bekämen! 56 Jetzt wurde mir aber zu dumm diese Sache, Und ich schwor meinem Sohne bittere Rache! Nachdem man sich aber an einem Mann, Der gar nicht da ist, nicht rächen kann, Beschloß ich, um Rache für mich zu erzwingen, Ad hoc einen Sohn hervorzubringen. Ich kaufte mir also einen Rosenstrauß Und ging hierauf auf Verlobung aus! Es wohnte zu jener Zeit mir vis-à-vis Ein General der Kavallerie, Also ein ehrenwert-vornehmer Mann, Bei diesem nun klopft' ich entschlossen an. Ich war wohl ein bissel befangen, indes Ich ging sofort in medias res, Und bat ihn, sein Kind mir zur Gattin zu geben, Indem ich sie liebte, wie mein eigenes Leben. Der General hat zuerst so seltsam gelacht, Dann aber kurzen Prozeß gemacht, Indem er mir sagte, er müßt' mir bedeuten, Die Sache stieße auf Schwierigkeiten, Die, gar nicht zu reden von meiner Statur, Außerdem konfessioneller Natur! Ein Stabsoffizier könne schwerlich fürs Leben Seine Tochter einem Manne, der Grünbaum heißt, geben! Ich wandte hierauf bescheiden ein, Wenn dieses der Grund seiner Weigerung allein, Dann ließ' sich das ändern sehr leicht und vergnüglich, Indem ich bereit wäre, unverzüglich Um Namensänderung einzukommen. 57 Dann aber blieb' es mir unbenommen, Mich Eduard Sterneck, Kurt von der Pleißen Oder Romuald Ottokar Felseck zu heißen. Da hat der Herr General guter Dinge Gesagt, allerdings, er denke, es ginge, Und daß eventuell der Vorname Kurt Maskieren könne meine Geburt, Kurz, daß seine Tochter zur Verfügung mir bliebe, Wofern ich sie wirklich so inniglich liebe! Da schrie ich vor Freude, erregt wie noch nie: »Was heißt ich liebe? Ich vergöttere sie! Sie seh'n doch, wie sehr ich vor Wonne vibriere, Ich liebe die Süße, die Holde, die Ihre!« Da warf mich der Alte hinunter die Stiegen (Ich sage Ihnen: So was von Fliegen!) Und schrie: »Jetzt machen Sie aber geschwind, Sie wagen zu sagen, Sie lieben mein Kind? Meine Tochter, die Süße, die Holde, die Meine? . . . Sie elender Lausbub, ich hab' ja gar keine!« So stürzt' ich hinunter, so saust' ich vom Thron . . . Und wer war dran schuld? Mein feiner Herr Sohn! Da hab' ich mir schnaubend die Aufgabe gestellt: Kost's was es kost'! Jetzt muß er auf die Welt! Aber ich sagte mir zuerst mit schlauem Gesicht, Beim zweiten Schwiegerpapa passiert mir das nicht! Bevor ich noch geh' zu dem Manne hinein, Muß alles bereits in Ordnung sein: Feststeh'n soll es, um mich sicher zu schützen, Der Mann muß eine Tochter besitzen Und – ob nun aus Bayern, Tirol oder Preußen, Mindestens Salomon Silberstein heißen, 58 Damit dann beim Kreuzen unserer Wege Meine Herkunft keinen Anstoß errege. Und richtig, ich fand auch nicht allzuspät Einen Mann von gewünschter Qualität, Inhaber von einem Töchterlein, Er hieß allerdings nicht Silberstein, Dafür aber nannte er sich Rosenblatt, Was ja die gleiche Bedeutung hat. Ich trug ihm also mein Anliegen vor, Und Rosenblatt lieh mir ein williges Ohr. Er sagte: »Nun also, Herr Grünbaum, Sie Kind, Sie, Erst muß ich doch wissen genauer, wer sind Sie? Was ist Ihr Geschäft? Wie sind Sie gestellt? Auf welche Art verdienen Sie Geld?« Ich meinte, ich wäre beim Cabaret. Drauf sagte Herr Rosenblatt nur: »Oi weh! Machen Sie keine langen Geschichten, Reden Sie deutsch: Sie leben vom Dichten! Haben Sie sich kein anderes Geschäft gewußt, Ausgerechnet dichten haben Sie gemußt!?« Ich gab ihm zur Antwort, er müsse gesteh'n, Das Dichten sei immerhin auch ganz schön, Schon mancher hätte sich über Nacht Durch diese Kunst einen Namen gemacht. Er möge seinen Blick auf die Klassiker lenken Und beispielsweise an Schiller denken. Da sah mich Herr Rosenblatt mitleidig an: »Und wenn Sie der Schiller schon sein werd'n, was dann? Den Adel hat er gehabt und zwei Dutzend Orden, Aber Millionär ist er doch nicht geworden! Mein lieber Herr Grünbaum, mit Ihren Gedichten 59 Werden Sie bei mir keine Wunder verrichten. Aber ich glaube, daß man mit Ihrem Talent In der Textilbranche was ausrichten könnt! Wollen Sie wirklich mein Schwiegersohn sein, Dann folgen Sie mir, und schlagen Sie ein; Machen Sie zu Ihr Dichterheft Und treten Sie ein in mein Geschäft!« Da hab' ich ein trauriges Gesicht gemacht, Aber dann, dann hab' ich an meinen Sohn gedacht, An den Sohn, an dem ich mich rächen wolle, Und der zu diesem Behuf auf die Welt kommen solle, Und da hab' ich dem Alten die Hand hingestreckt Und gesagt: »Ich bitte, das Geschäft ist perfekt. Wann ist die Hochzeit, das will ich erfahr'n!« Da sagte der Alte: »In siebzehn Jahr'n. Ich hoffe, das ist Ihnen nicht zu bald, Meine Tochter ist nämlich – zwei Jahre alt!« Da sah man einen Dichter die Hände erheben Und Herrn Rosenblatt eine Ohrfeige geben, Worauf ich beschimpft und beleidigt entfloh'n – Und wer war dran schuld? Mein feiner Herr Sohn! Da hab' ich in schäumender Wut mir gesagt: »Jetzt hab' ich mich aber genug geplagt! War's mir unmöglich, mich rasch zu verloben, Dann werd' ich die Sache anders erproben. Was kann da schließlich dran schmählich sein? Wird höchstens mein Sohn nicht ehlich sein!« Gesagt, getan! Es läßt sich leicht denken, Daß, um auf mein Bitten, die Gunst mir zu schenken, Bei meinen beträchtlichen äußeren Reizen Junge Damen sich nicht lange spreizen, 60 Weshalb ich denn auch eine Dame fand, Die sich zu meinem Projekte verstand, Die Lösung des schweren Problems zu probieren Und in meinem Interesse einen Sohn zu konstruieren. Ich betonte sofort, daß ich dankbar ihr wär', Sie sagte aber: »O, bitte sehr, Kommen Sie nur mit mir nach Haus, Ich mache mir ein Vergnügen daraus!« Da bin ich vor Freude beinahe gesprungen Und nach einem Jahr war das Werk gelungen. Ich hab' eines Tags im Kaffeehaus vernommen, Der Sprößling sei endlich angekommen! Ich zahlte und stürzt', was ich konnte, nach Haus, Dort aber war's mit dem Jubel aus. Denn mein Sohn, der ersehnte, ich kann es kaum sagen, Der hat wohl geblitzt, doch nicht eingeschlagen, Denn als meine Freundin des Kindes genesen, Da ist dieser Sohn – eine Tochter gewesen! Da hab' ich den Kampf um des Sohnes Leben Wortlos und endgültig aufgegeben. Wortlos verließ ich den verlorenen Posten, Wortlos bezahlt' ich die üblichen Kosten, Der Mutter des Kindes die entsprechende Rente, Der Tochter usancegemäß die Alimente, Dem Doktor, der Amme et cet'ra den Lohn, Und wer war dran schuld? Mein feiner Herr Sohn! Aber den Gedanken an Rache und ähnliche Fakta Legte ich definitiv jetzt ad acta Und habe beschlossen, von nun ab beim Hassen 61 Einzig allein es bewenden zu lassen, Indem ich mir sagte: So eine Rache Ist eine so teure wie schwierige Sache, An Geld und Erfolgen schließlich gebricht's, Der Haß aber, sehn Sie, der kostet nichts. Wer wollte sich drum meiner Logik entzieh'n: »Ich hab' keinen Sohn, aber ich hasse ihn!« Indem ich nunmehr mit dem Sohneshasse, Verehrtes Publikum, jetzt Sie entlasse, Ersuche ich Sie um Nachsicht und Schonung Und lege Wert auf die folgende Betonung: Ich hoff', daß es jedem von Ihnen doch klar ist, Daß alles, was ich erzählt hab', nicht wahr ist. Und daß ich den Haß wie den Sohn in 'n paar Stunden Zu Vortragszwecken habe erfunden. Denn, wenn auch das Thema des Vortrags verblödet, Das wichtigste ist ja doch, daß man was redet, Ich habe nicht einen Moment dran gedacht, Einen Sohn zu bekommen und zu hassen mit Macht. Ich schwöre es Ihnen, ich bin nicht so dumm, Aber was tut man nicht alles fürs Publikum! 62   Monolog über Kinder                 Ich glaube nicht, daß ich Kinder habe. So tief ich in meiner Erinnerung grabe, Ich wüßt' nicht, wieso? Zwar hab' ich geliebt, Doch hab' ich das immer platonisch geübt, Und wissenschaftlich ist festgestellt: Man kann – also bisher – in dieser Welt, In keinerlei Orten oder Bezirken Auf platonischem Wege Kinder bewirken. Das kann man nur im Gegenteil; Und dieser Pfad war mir zu steil! Nun aber kommt das tollste Theater: Was sagen Sie jetzt? Ich bin wirklich Vater! Zwar nicht reell, historisch, geschichtlich, Aber – was will man da machen? – gerichtlich! Ich habe mich nie an Frau'nreiz gelabt, Aber der Richter hat zu mir das Vertrauen gehabt. Kam irgendwo zur Welt ein Prinz – Schwupps, sagte der Richter sofort, ich bin's! Und bitte: der Fall ist der dritte schon, Ohne daß ich was gehabt hätt' davon! Das ist doch peinlich! Es haben drei Damen Beansprucht bereits für ihr Kind meinen Namen. Wollt' Vater ich werden , dann drückten sie sich, Beim Vatersein aber packten sie mich! Das wird schließlich fad, wenn das dreimal passiert, 63 Ohne daß ich mich hätt' früher amüsiert! Schließlich bezahlt man ja gern am End Für ein Amüsement sein Äquivalent, Aber für nichts und wieder nichts? Ob Sie mir's glauben, das Herz mir bricht's! Kunststück, so ein Richter! Der urteilt sehr bald: »Sie bezahlen den Damen den Unterhalt!« Ich aber frag', ob's zu Recht so geschah: Amüsier'n darf ich sie nicht, aber unterhalten ja? Daß mich doch alle mit Kindern bedenken! Erstens lass' ich mir überhaupt nichts schenken, Und zweitens grad Kinder, die ich so meide! Ist denn ein Kind überhaupt eine Freude? Kinder sind höchstens ein Resultat Von Freuden, die man genossen hat; Eine Quittung über Vergnügen, Die chronologisch noch vor dem Kind liegen; Respektive: ein jeder sieht Zwischen Freuden und Kindern den Unterschied Wie zwischen Frühling und Wintersgrau. (Auch arithmetisch stimmt das genau: Denn wenn im März etwas Liebes geschah, Ist im Dezember ein Kind schon da!) Und wie ist es da?! Nach meiner Meinung Tritt selbst ein Unglück nicht so in Erscheinung. Beim Unglück haben stets Dichter geschrieben: » Kein Auge dabei ist trocken geblieben! « Nun, möchten Sie mir sagen, was trocken bleibt, Sobald sich im Hause ein Kind herumtreibt? 64 Wo man es anfaßt, ist es naß. Beim Kind endet wirklich schon jeder Spaß, Denn so einem Engel im weißen Hemd Ist jegliche Selbstbeherrschung doch fremd! Ein Wesen, das sich aus Instinkten zusamm'setzt Und seinen Empfindungen keinerlei Damm setzt, Das tobt sich doch nicht nur auf Windeln aus! Na, das hat mir grad noch gefehlt in mein' Haus, Daß so ein Geschöpf zum Zeitvertreib In kindlich-fröhlicher Harmlosigkeit Auf meine Gedichte und Manuskripte Seinen inneren Drang nach Befreiung verübte! Meine Gedichte sind tränenfeucht! Der Kraft meiner Tränen gelang es vielleicht, Den Kummer so mancher Leser zu mindern; Feuchtigkeit aber von kleinen Kindern, Die statt auf Windeln auf Gedichten passiert, Halte ich einfach für deplaciert! Hat man aber endlich den Bengel so weit, Daß er das Quantum von Feuchtigkeit, Welches organisch er produziert, Korrekt am gehörigen Ort eliminiert, Dann hat die Nahrungs abfuhr vielleicht Ihre definitive Ordnung erreicht; Die Sorge für Nahrungs zufuhr , mein Lieber, Ist aber lange noch nicht vorüber! Zu diesem Behuf existiert eine Rasse, Eine besondere Menschenklasse, Jeder kennt und fürchtet den Namen: »Ammen« nennt man die jungen Damen. Diese Damen also entfalten Durch ihr – meist voreheliches – Verhalten 65 Für Babys, die ihrer Obhut geweiht, Eine überströmende Zärtlichkeit! Sie repräsentieren in ihrem Berufe Sexuell eine Zwischenstufe, Indem sie durch ihr berufliches Walten Sozusagen die Mitte halten Zwischen Frauen und Mädchen ungefähr: Frau'n sind sie noch nicht und Mädchen – nicht mehr! Hast du also ein Kind bekommen, Respektive, genau genommen, Ist deiner Frau dieses Faktum passiert, Dann wird eine Amme ins Haus zitiert, Und mit dieser schließest du einen Kontrakt, Welcher juristisch beiläufig besagt, Daß sie in Form einer Kombination Von Miete und Werkvertrag deinem Sohn Einen Platz zunächst ihrem Herzen vermietet Und ebendaselbst ihm Nahrung bietet, Wogegen ihr eine Vergütung gebührt, Die postnumerando zahlbar wird. Nun sollt' man doch meinen, das Resultat Einer solchen Übereinkunft wär' einfach und glatt: Man zahlt am Ersten präzis ihren Lohn Und die Amme bedient, wie besprochen, den Sohn! So? Meinst du? Na wart auf die Praxis nur! Eine Amme ist nämlich – Künstlernatur; Die muß man zu ihrem beruflichen Walten In einer gewissen Stimmung erhalten; Denn fühlt eine Amme die leiseste Trauer, Dann wird im Moment ihr das – Leben sauer, Und das empfindet in kurzem schon 66 Mit tiefer Betrübnis dein eigener Sohn. Er brüllt und schreit durchs ganze Haus, Und du, du raufst dir die Haare aus! Du mußt also, um seine Trauer zu lindern, Bei der Amme jede Gereiztheit verhindern! Was immer sie wünscht im Stillen beim Stillen, Du bist dazu da, den Wunsch zu erfüllen: Verlangt sie nach Sekt, sie braucht bloß zu winken, Und du, du gibst ihr Heidsieck zu trinken; Empfindet sie Sehnsucht, im Auto zu fahren, Empfehl' ich dir, hol' es, du kannst da noch sparen! Sei froh, und dein Schöpfer sei vielmals bedankt, Daß sie nicht noch Äroplane verlangt! Am Sonntag empfängt dann die Amme Soldaten. Da kocht deine Frau einen Gänsebraten – (Es wär' denn, es schmeckt ihm was anderes besser; Weil auch sogar ein Soldat oft als Esser In seinem Gusto empfindet persönlich; Aber das sagt er schon selber gewöhnlich!) Gib ihm also zu rauchen und essen, Denn seine Stellung ist nicht zu vergessen.- Schließlich sind es ja doch die Soldaten, Welche die Ammen beruflich beraten; Denn hätten wir keine Soldaten mehr, Wo nähmen wir so viele Ammen denn her? Drum nimm des Soldaten dich liebevoll an, Es gilt deinem Sohn doch; denke daran! Tu überhaupt, was die Amme nur will, Beiß in die Zähne, und denke dir still: Die Stunde muß kommen, wo alles versöhnt ist, Die Amme fliegt, wenn dein Bengel entwöhnt ist! 67 Jetzt glaub aber ja nicht, die Plage sei aus, Sobald nur die Amme verlassen dein Haus! Denn diese Befreiung von Ammenbeschwerden Ist lange kein Grund noch, um üppig zu werden! Es nahen vielmehr sich jetzt Rachegestalten, Die dich samt Gemahlin in Atem halten, Die Freude und Frohsinn und Ruh dir zerfasern. Was soll ich dir sagen? Es kommen die Masern! Du schaust eines Tags deinen Sohn an, den Engel, Und denkst dir dabei: »Was kratzt sich der Bengel?« Der Hausarzt erscheint, um zu sehn, was dein Sohn macht, Sagt »Masern!«, drauf wälzt deine Frau sich in Ohnmacht, Deine Freunde, die weichen im Bogen dir aus, Sie haben doch selber ein Kind zu Haus Und können daher kein Gespräch mit dir wagen. (Selbstverständlich! . . . Auf Masern zu sagen!) Die Dienstboten schrei'n bis zum Küchenmädel, Da wird dir ganz übel, es brennt dir der Schädel, Du bist der Tobsucht, dem Selbstmorde nah . . . Und am nächsten Tag – ist die Amme wieder da! Sie hat es vor Sehnsucht nicht ausgehalten, Und das Engerl kriegt einen Umschlag, einen kalten, Vorausgesetzt, daß man sie hält wieder da, Deine Frau schreit: »Ja, ja!« und die Amme sagt: »Ja!« Und heute ist Freitag, und zu Ehren des Tags Bittet sie um etwas Rotwein und Lachs, Und Sonnabend abends spielst du mit ihr Skat, Und Sonntag, da klopft's – und es ist der Soldat! 68 Und jetzt fängt die Sache von vorn wieder an, Nur kommen statt Masern die Keuchhusten dann! Hab' ich es nötig, noch mehr zu berichten? Nein! Es gehört zu den ält'sten Geschichten: Nachkommenschaft bringt keinen Genuß, Kindererzeugen erzeugt Verdruß! Drum hab' ich es eidlich mir vorgenommen, Absichtlich niemals ein Kind zu bekommen; Ich hab's überlegt (man sagt so was schnell nicht!), Ein Kind verursach' ich prinzipiell nicht! Und schenkt meine Frau mir dann trotzdem ein Kind (Man weiß doch, wie rücksichtslos Frauen oft sind!), Dann kann dieser Engel, so hold und rein, Mir noch so sehr geschnitten sein Von vorn oder rückwärts aus meinem Gesicht – Das eine beschwör' ich: Von mir ist er nicht! 69   Zahnschmerzen               Die herrlichste sämtlicher Gottesgaben, Das Schönste auf Erden ist – Zahnweh zu haben! Erstens einmal, das wird Ihnen willig Jeder gesteh'n gleich: Zahnweh ist billig. Andere Krankheiten kosten schon Geld, Lange bevor man dieselben erhält, Z. B. ein Husten: In unseren Zeiten Bekommt den ein besserer Mensch doch vom Reiten! No seh'n Sie? Das kostet doch gleich Geld in Haufen: Erst muß man laufen, ein Pferd sich kaufen, Dann kauft man sich Stiefel, dann kauft man sich Spor'n, Dann Breeches für hinten und Handschuh für vorn, Dann reitet man hin über Stock, über Stein, Die Hügel hinauf, in das Wasser hinein, Über Bretter und Zäune und Stangen und Kisteln, Und wenn man zurückkommt, dann tut man – hüsteln. Und das hat, wenn man's ausrechnet Post für Post, Geschlagene zweitausend Kronen gekost'! Zahnweh hingegen kost' nicht so viel, Und außerdem ist es ein Kinderspiel: Man braucht sich nur einfach begeben vors Haus, Und stellt sich draußen in' Wind hinaus, Dort bleibt fünf Minuten man gegenwärtig, 70 Dann kommt man nachhaus, und das Zahnweh ist fertig! Und was das Vergnügen macht doppelt groß: Zahnweh ist absolut kostenlos; Der Wind macht doch draußen umsonst sein huhu, Und du brauchst nicht einmal – Breeches dazu. So weit also wär' der Gedanke gesponnen: Der Zahnschmerz wird vollständig gratis gewonnen. Doch wenn er schon einmal gewonnen ist faktisch, Wie, fragt sich's, verwertet den Zahnschmerz man praktisch? Die Antwort darauf ist: Zu allerhand Sachen. Ich bitt' Sie, was kann man mit Zahnweh nicht machen? Man kann damit geh'n spazier'n in den Prater, Man kann besuchen den Schwiegervater, Man kann damit fahr'n über Mähren nach Böhmen, Man kann eine Loge in die Hofoper nehmen . . . Und all das, wie logisch wir fest schon gestellt, Gratis, umsonst und ganz ohne Geld. Das heißt, auf der Bahn zahlt man freilich 's Billet Und ebenso in der Oper 's Entree, Aber das ist für die Kunst und die Fahrt, Und nicht für den Zahnschmerz, der ist apart, Den nimmt man vollständig gratis in' Prater, In die Oper, nach Mähr'n und zum Schwiegervater. Jetzt soll einer sagen, der all das ermißt, Ob Zahnweh nicht billig und praktisch ist. Keine von all diesen reizenden Sachen Kann man mit anderen Krankheiten machen; 71 Ob Rheuma, ob Masern, ob Husten, im Grund Ist alles das gegen den Zahnschmerz ein Hund. Man kann nicht mit Rheuma spazier'n in den Prater Und geht nicht mit Masern zum Schwiegervater, Und Bronchitis bei »Siegfried« ist etwas Blödes! Oder wollen Sie mit Husten sich anhör'n den Schmedes? Man schmeißt Sie hinaus, daß der Fuß Ihnen bricht, Aber Zahnschmerzen, seh'n Sie, die hört man nicht. Und wenn sich vor Weh Ihre Haare stell'n auf, Die Oper nimmt ungestört ihren Verlauf. Das ist nur beim Zahnschmerz so prachtvoll gescheit: Ihnen tut's weh, und der Sänger schreit! Die schönste Funktion von erkrankten Zähnen Ist aber der Kampf gegen jene Hyänen, Die unter dem harmlosen Namen der Bräute Auf ahnungslos-wehrlose männliche Leute Unter Anwendung aller verworfenen Gaben Mit Raffinement es abgesehen haben; Ich meine die süßen, ätherischen Nymphen, Die uns mit seid'nen, durchbrochenen Strümpfen, Mit Battist und mit ähnlichen dünneren Sachen Den Kopf verdreh'n und meschugge machen, Die Elfen, die holden, die Feen, die edeln . . . Was brauch' ich viel reden? Sie wissen: Die Mädeln! Im Kampf also gegen die Fräuleins Elfen Können uns nur die Zahnschmerzen helfen. Das ist ein Mittel, das ist erprobt: Mit Zahnweh hat sich noch keiner verlobt! Stell'n Sie sich vor, Sie hab'n einen Schnupfen. 72 Der Kopf brummt, man könnt' sich die Haar' herausrupfen, Man kann mit der Nase nichts schmecken und spür'n, Also was kann man da machen? Man geht spazier'n. Aber kaum daß vors Haus man nur steckt seinen Schädel, Pech wie man hat, schon trifft man ein Mädel. Also da ist nichts zu woll'n. Als galanter Mann Fängt man da geistreich zu plaudern an. Erst sagt man, »der Zufall ist wirklich ein netter«, Dann sagt man, »was sagen Sie heut zu dem Wetter?« Dann red't man vom Kleid, das sie anhat, mit Tupfen, Und eh' man sich umschaut, red't man vom Schnupfen. Auf das hinauf schaut dann das Fräulein den Mann Sofort von der Seit', à la Hausmütterlein an, Und streichelt ihm seine geschwollenen Nüstern Und redet schon nicht und beginnt schon zu flüstern. Und flüstert dann hin, und dann flüstert sie her, Und wie schön es wär', wenn er verheiratet wär', »– und schaun Sie, es braucht jeder Franz seine Franzi, Und jeder Konstanz braucht seine Stanzi, Und jeder Ignaz braucht seine Ines, Und wer ist Ihre Ines? Sie Schlimmer, ich bin es!« Und dann küßt sie Sie zart und – hinter die Ohr'n Und Sie – sind ein Trottel und sind schon verlor'n! Dann können Sie heiraten das Kleid mit den Tupfen. Solche Sachen kommen vom Schnupfen! Sie seh'n, wohin andere Krankheiten führ'n. 73 Mit Zahnweh kann Ihnen das niemals passier'n. Denn wie so ein Mädel beginnt ihr Gequacke, Hält man sofort sich die schmerzende Backe, Und wenn sie dann anfängt vom Franz und der Franzi, Und daß jeder Konstanz bedarf seiner Stanzi, Und Ignaz der Ines –, da leistet Verzicht man Auf weitere Schmonzes, und dann unterbricht man Den reißenden Strom ihres Liebesgemütes: »Pardon, liebe Ines, ich geh', denn hier zieht es! Ich darf nicht in Zugluft mit schmerzenden Zähn' . . .« Und dann zieht man den Hut, und dann läßt man sie steh'n. Hier seh'n Sie den Unterschied, klar, ohne Schwankung, Zwischen Zahnweh und jeder anderen Erkrankung: Ob Schnupfen, ob Krämpfe, ob Stürze vom Zweirad – – – Am Schluß steht ein Mädel und zwingt Sie zur Heirat, Wenn Schnupfen Sie hab'n, zieht sie Sie mit sich fort, Bei Zahnschmerz jedoch steht sie heute noch dort. Drum will ich gesund sein vom Fuß bis zum Kopf, Am Herzen, am Magen, im Mund und im Kropf, Ich will sogar damit zufrieden mich geben, Mit einer gesunden Leber zu leben, Aber das will ich täglich vom Himmel erfleh'n: »Ich bitt' dich um eines: um schlechte Zähn'!« 74   Ode an die Hühneraugen             Mein höchstes Gut sind meine Hühneraugen. Man möcht' nicht glauben, wozu die taugen. Sie sind meine Freude, sie sind meine Lust, Ich möchte sie ziehn, wenn ich könnt', an die Brust, Doch weil ich bis jetzt noch kein Schlangenmensch bin, So nehm' ich am Fuße sie überall hin, Ja ich schlepp' sie sogar zu den Rendezvous mit, Kurz, ich mach' ohne Hühneraug' nicht einen Schritt! Zunächst behüte und pflege ich sie Aus einer gewissen Philosophie. Ich denk' mir, das Schimpfen hat so keinen Zweck, Durch Schrei'n ging noch niemals ein Hühneraug' weg! In Dinge, die da sind und niemals verschwinden, Muß jeder Kulturmensch sich irgendwie finden, Und Hühneraugen verschwinden nie – – Das ist die Basis der Philosophie! Man soll nicht naiv von dem Hühneraug' glauben, Es sei ihm durch Schneiden das Dasein zu rauben. Denn jeder, der unter dem Glauben gelitten, Er könne es schneiden, der hat sich geschnitten; Sich selber, das Hühneraug' aber blieb ganz 75 Und leuchtet wie früher in schimmerndem Glanz! Zum Operateur aber gehn wiederum, Ist logischerweise doch doppelt so dumm! Denn sei'n wir doch ehrlich! Ganz offen und schlicht: Ein Hühneraug' nehmen, das kann er gar nicht! Und wenn er es kann, dann wird er sich hüten, So gegen das eig'ne Interesse zu wüten. Denn ein Operateur muß doch grade den Sinn Und Grund seines Daseins erblicken darin, Die Hühneraugen zu konservieren, Denn in dem Moment, wo sie nicht existieren Und endgiltig alle herausgeschält, Hat er den Zweck seines Lebens verfehlt! Er wird also trachten, daß immer sie blühten Und wie seinen Hühner-Augapfel sie hüten! Man komme mir nicht mit den Hühneraugringen, Der Einwand kann mich zum Rasen bringen. Denn nur für den Händler hat so ein Ring Zweck. Die Wirkung ist sicher: die Ringe gehn weg, Doch das, was die Leut' so fürchterlich plagt, Das Hühneraug' bleibt! – – Nu, was hab' ich gesagt? Die Hühneraugen sind grad wie die Frau: Man kann sich in acht nehmen noch so genau Und wird fast aus Vorsicht des Lebens nicht froh, Aber auf einmal, da hat man's und weiß nicht wieso. Doch wenn man sich dann mit dem Schicksal versöhnt hat Und sich resigniert an die Gattin gewöhnt hat, Erwacht eines Tags man in freudigem Schreck Und siehe: das Hühneraug' ist wieder weg! 76 Vor Wonne errötet man über die Ohren, Man glaubt seine Gattin, Gott geb's, schon verloren, Doch wer da vor Seligkeit leichtfüßig springt, So – hühneraugfrei und so leicht beschwingt, Der hat sich in schmählichem Irrtum befunden, Das Glück, lieber Freund, zählt höchstens nach Stunden. Denn bricht dir die Frau auch die Treu' stets aufs neu, Zum Schluß wird sie immer dir wiederum treu, Das ist der Refrain unsrer Schicksalslieder: Die Frau und das Hühneraug' kommen stets wieder! Drum tritt jetzt an einen vernünftigen Mann Gebieterisch die eine Erwägung heran: Es hat keinen Zweck, über Dinge zu weinen, Welche naturnotwendig erscheinen. Darum heißt meine Hühneraugphilosophie: Ich schimpf nicht auf sie, ich bin stolz auf sie! Denn wär' ich nicht stolz auf die Hühneraugen, Dann würde mir das doch nicht viel taugen. Ich müßte genau so sie nehmen in Kauf – – Also bin ich doch lieber gleich stolz darauf! Außerdem seh' ich auch wirklich nicht ein, Warum ich ihnen böse soll sein. Wozu soll ich machen ein finsteres Gesicht? Die Hühneraugen genier'n mich doch nicht! Ja, wenn man am Vormittag geht übern Ring, Zugegeben, da schmerzt das Ding! Aber wer schafft mir, von neun bis zehn Vormittag über den Ring zu gehn? 77 Ich kann doch genau so gut bleiben zuhaus, Und, sehn Sie, da zieh' ich die Schuhe mir aus! Dann können mir Hühneraugen nichts tun. Die schmerzen auf der Straße und unter den Schuhn, Doch geh' ich durchs Zimmer in Strümpfen spaziern, Da soll'n sie probieren, mich zu genier'n! Nun kann Einer sagen: »Ja, aber vom Haus Ruft das Geschäft doch den Menschen heraus. Da muß man doch schließlich hinaus in die Gassen Und ist dann dem Hühneraugschmerz überlassen; Denn über die Straße in Strümpfen zu geh'n, Dazu werden schwerlich sich viele versteh'n!« Das hab' ich gefressen, das blöde Gered'! Wer spricht denn vom Gehen? Wer sagt denn, er geht? Wer kann Einen hindern, zum Weg durch die Gassen Sich einen Fiaker holen zu lassen? Und sitzt man bequem dann in einem Coupé, Tut Einem im Leben kein Hühneraug' weh! Ja, macht man die Wege auf eigenen Sohlen, Da kann einen freilich der Teufel holen! Doch wenn Einer gar so ein ärmlicher Mann, Daß er sich das Auto nicht leisten kann, Dann ist er schon so mit Schmerzen beladen, Da kann ihm das Hühneraug' auch nicht mehr schaden! Ich aber schätze das kleine Ding sehr Und gäbe es selbst um ein Schloß nicht mehr her. Denn da die statistische Wissenschaft lehrt, Daß irgend ein Unglück zu jedem gehört, Und daß das Malheur keinen Menschen vergißt, Weil jedermann irgendwie fehlerhaft ist, 78 So bin ich schon selig und völlig zufrieden, Sobald mir kein größeres Unglück beschieden, Als daß ich als Anteil am menschlichen Weh Ein Hühneraug' hab' auf der kleinen Zeh'! Zum mindesten ist es mir sicherlich lieber, Als Konkurs oder gastrisches Fieber, Na und gegen Verluste beim Pferderennen Ist ein Hühneraug' noch eine Wohltat zu nennen! Mich könnte sogar selbst der Vorschlag nicht quälen, Zwischen dem Hühner- und Frau'naug' zu wählen! Selbstverständlich würd' ich mit Freuden Nur für das Hühneraug' mich entscheiden, Denn nur von dem letzteren hat man Genuß, Und dies zu erklären, sei für heute mein Schluß: Das Frauenaug' will, man soll treu sich erproben, Mit dem Hühneraug' braucht sich kein Mensch zu verloben; Das Frauenaug' lügt, doch das Hühneraug' – nie . . . Das ist meine Hühneraugphilosophie! 79   Ich möcht' mir so gern die Beine brechen!               Ich zögere nicht, das auszusprechen; Und hält man mich auch für geistesgestört . . . Auf das Urteil der Welt hab' ich niemals gehört! Ich geh' sogar noch weiter: ich bin bereit, Sofern es gewünscht wird, jederzeit (Da ich doch einmal schon angefangen!) Für mein vorhin gestelltes Verlangen (Betreffs der zu brechenden Beine eben) Eine rationelle Erklärung zu geben. Vielleicht läßt sich's negativ leichter besprechen: Warum soll ich mir nicht die Beine brechen? Nein, also wirklich, warum nicht? Sagen Sie eins , was dagegen spricht! Das Argument, daß ein Beinbruch schmerzlich, Belächle ich a priori herzlich. Schmerzen hab' ich nie hoch gewertet. Ich bin nämlich ungemein abgehärtet! Vor Schmerzen hab' ich niemals gebebt . . . Gott, ich bin doch verheiratet , und hab's überlebt! . . . Es wird einer lächeln und sagen, er finde Gegen den Beinbruch ästhetische Gründe, 80 Weil so ein Defekt in seiner Schwere Einen peinlich-unschönen Eindruck gewähre. Also da ist der Streit sofort geschlichtet: Wo steht denn geschrieben, ich bin verpflichtet, Mit meines Körpers Reizen und Blüten Einen ästhetischen Anblick zu bieten? Mit Freiheiten geht's uns ja allerdings schlecht, Aber das ist zumindest mein Staatsbürgerrecht: Ich kann so schön sein, wie mir's beliebt! Und wenn mir das keine Genugtuung gibt, Und ich will lieber mies sein, darf ich es auch! Und vom letzteren Rechte mach' ich Gebrauch! Aber selbst, wenn die Gesetze geböten , Meine ästhetischen Qualitäten Streng zu bewahren vor Unfall hermetisch: Sind meine Beine denn gar so ästhetisch? Ich muß gestehn, ich glaube sehr, Daß ich ohne Beine ästhetischer wär'! Ich brauch' mir doch keine Illusionen zu machen. Also das mit der Ästhetik ist wirklich zum Lachen! Das macht mich nur frech, und zur Offensive Geh' ich jetzt über ins Positive. Ich will Ihnen sagen, warum ich im Recht, Wenn ich mir die Beine gern brechen möcht'! Sie haben bisher immer höhnisch gekichert. Jetzt passen Sie auf: Ich bin doch versichert! Haben Sie Worte? Zehntausend Mark Bezahlt die Gesellschaft für diesen Quark! Bitte: fünf Mille pro Exemplar, Zahlbar am Tage des Beinbruchs in bar! 81 Ich hab' mich ja nie über meine Beine beschwert: Aber das sind sie auch unter Brüdern nicht wert! (Wer über diese Bemerkung lacht Und sich über meine Beine lustig macht, Den bitt' ich, daß er sich im Stillen nur frag', Ob er nicht gerne den gleichen Betrag Für seinen Kopf hätt' entgegengenommen! – Ich glaub' nur nicht, daß er so viel hätt' bekommen. –) Also: wenn man es sachlich bedenkt, Daß ich die Beine doch kriegte geschenkt Und sie – nachdem ich sie gratis gewann – Mit zehntausend Mark wieder abgeben kann . . . Dann möcht' ich den sehn, der den Nachweis mir führt, Daß das ein Geschäft ist, das sich nicht rentiert! Denn außer den Policegewinnen Kann ich doch nichts mit den Beinen beginnen. Ich hab' sie nur nutzlos im Haus herumliegen. Spazier'n damit gehen? Auch ein Vergnügen! Die ganze Skala der Annehmlichkeiten Verpflicht' ich mich, ohne ein Bein zu bestreiten. Zur Liebe brauch' ich die Beine doch nie. Zwar scheint es zuerst, als benötigt' ich sie, Um, wie es üblich im Sexualleben, Mich zu dem Rendezvous hinzubegeben. Denn allerdings: dieser Usus besteht, Daß der Liebende liebend zur Liebenden geht, Und bei diesem Geh'n, das will ich gesteh'n, Sind leider die Beine – kaum zu umgeh'n! Aber soweit ich das Weibervolk kenn', Brauch' ich mein Gehwerk trotzdem nicht. Denn: 82 Fahr' ich im Auto zum Rendezvous, Fliegen sie doppelt begeistert mir zu. Also ergibt sich da deutlich und schlicht: Zur Liebe braucht man die Beine nicht. Der aber, der nur im Haß kann entbrennen, Wird sie noch leichter entbehren können. Es sind zwar beim Hassen die Fußtritte Brauch, Aber eine anständige Ohrfeige tut es doch auch! Braucht fürs Gefühl drum die Beine man schwerlich, Im Geschäftsleben sind sie vollends entbehrlich! Außer daß einen ein Ziel nur erfreu': Nämlich die Laufbahn als Messenger-boy; Aber (das sieht wieder jedermann ein) So krankhaft ehrgeizig muß man nicht sein! Gibt es nicht andre Berufe in Menge, Daß nach der Laufburschkarriere man so dränge? Andre Berufe, die auch ganz schön Und nicht so sehr in die Beine gehn? Man kann als Minister ganz anständig leben. Ein Minister braucht sich nicht Mühe zu geben, Er sitzt bequem auf seinem Portefeuille, Beziehungsweise Ministerfauteuil, Hat nichts zu tun und lebt seiner Ruh' Und das Schönste: er braucht keine Beine dazu. Im Gegenteil: es wird ohne Bein Ein Minister bedeutend sicherer sein. Das kann nur die Chancen des Rücktritts verkürzen; Denn wenn er nicht gehn braucht, kann er nicht stürzen! 83 Eins nur konzedier' ich sofort: Zu einem braucht man die Beine – zum Sport! Es sagt mir z. B. ein Hochtourist: »Schau, was du für ein Esel bist! Du willst frivol dir brechen die Beine. Dabei vergissest du aber das eine: Wird's dich nicht reu'n, wenn du nie über Wiesen Steigen mehr kannst zu den Bergesriesen?« Darauf sage ich: »Lieber Hochtourist, Schau, was du für ein Esel bist! Paß einmal auf und hör mir zu: Ich will genau dasselbe wie du! Du kletterst von mir aus über die Wiesen, Über gefährliche Bergesriesen, Gletscher, Geröll und felsigen Pfad. Und was ist schließlich das Resultat? Ich kenn' doch die Sache von außen und innen . . . Erst kommen Spalten, und dann kommen Rinnen, Kamine, Lawinen und fallende Steine Und . . . einmal brichst du ja doch die Beine! Und dann hast du alles, wonach dir gebangt, Und . . . genau dasselbe hab' ich verlangt! « Meine Verehrten, ich bin am Ende. Aber bevor ich von Ihnen mich wende, Möcht' ich bezüglich des »Beinebrechen« Etwas mir noch vom Herzen sprechen. Seh'n Sie, mir selber ist es ja klar, Wie furchtbar blöd mein Vortrag war. Doch wenn ich auch selbst diesen Unsinn verlache – – – 84 Mit dem Publikum ist es so eine Sache. Nämlich manchmal – pardon! – ist etwas sehr dumm, Und trotzdem – gefällt es dem Publikum! Das Kabarett bleibt ein Nachtgeschäft, Wo man nur fesseln kann, wenn man blufft! Daher also wagt' ich's, vom Beinbruch zu sprechen, Und zwang Sie, sich drüber den Kopf zu zerbrechen. Aber – – Sie dürfen nicht böse sein! Seh'n Sie, ich war doch nur halb gemein: Denn während Sie sich den Kopf nur zerbrochen, Wünschte ich mir doch – zerbrochene Knochen . Und ihrer Verachtung wär' ich nur wert, Wenn ich's gewünscht hätt' – umgekehrt! 85   Vom Teufel!                 Ich hab' einen innigen Wunsch, einen frommen: Ich möcht', wenn ich sterb', in die Hölle kommen! Schütteln Sie nicht so Ihr weises Haupt, Die Hölle ist reizender als man es glaubt! Bedenken Sie, bitte, vor allem nur Die angenehm-mollige Temperatur! Wie bös ist's z. B. im Winter auf Erden, Wenn uns die Fröste so peinlich werden! Die Schererei'n, die man hat mit dem Feuer, Bald gibt's keine Kohlen, bald sind sie zu teuer, Die Füß' sind eiskalt und die Nas' wie gebeizt – – In der Hölle dagegen ist – eingeheizt! Die Preise der Kohl'n sind uns dort keine Fessel, In der Früh' kommt der Teufel und setzt uns in'n Kessel! Das siedende Öl, in das man gelehnt ist, Brennt freilich ein bissel, bevor man's gewöhnt ist, Und sicherlich schmeckt das im Anfang nicht süß, Aber – man hat seine warmen Füß'! Verglichen demnach mit dem Erdenproblem Ist sicher die Hölle nur angenehm: Im Winter erwärmt uns ihr glühender Bauch, Und im Sommer – schwitzt man auf Erden doch auch! 86 Ich glaube, Sie sagen mit mir drum: »Famos, Das Klima der Hölle ist tadellos!« Doch eins ist von allem der herrlichste Lohn: Man hat in der Höll' – eine Position! Man ist was, man stellt etwas vor ohne Zweifel, Man hat eine Stellung, man ist – ein Teufel! Ich bitt' Sie, das ist doch noch wenigstens was, Auf Erden, da ist man doch nicht einmal das! Was ist man dort wirklich schon? Arzt, Advokat, Oder – wenn man getauft ist – Regierungsrat! Die übrigen Leute schimpfen auf Einen, Und nur, wenn man stirbt, tun pro forma sie weinen. Als Teufel ist man Respektsperson. Die Menschen auf Erden laufen davon, Man stinkt wohl ein bissel nach Schwefel und Pech, Aber – dafür werd'n die Leute nicht frech! Ein Vorteil dabei ist noch ganz enorm: Man hat eine reizende Uniform . Bekanntlich geh'n doch die Leut' in der Höll' Als Teufel herum, bekleidet mit Fell; Vorn hängt herunter bis über die Lunge – Unberufen! ein Meter Zunge , Und außerdem sind dort noch angebracht ferner Unten zwei Hufe und oben zwei Hörner. Ich weiß nicht, warum über alle die Sachen Die Menschen auf Erden so lustig sich machen! Also schön, wenn dem Teufel die Zung' heraushängt, Geb' ich zu, daß die Sache zum Lachen uns drängt! Doch wenn auf der Erde die Männer in Haufen 87 Den reizenden Frau'n bis zur Wohnung nachlaufen, Und wenn sie dann atemlos steh'n vor dem Haus, Hängt ihnen auch die Zunge heraus! No, und über die teuflischen Hörnersachen Hab'n's die Menschen erst recht nicht nötig, zu lachen! Wahrscheinlich hat Gott es genau bedacht, Warum er dem Teufel hat Hörner gemacht; Hat also der Teufel von Gott das Geweih, So ist auch vermutlich nichts Böses dabei, Und der Mensch soll nicht spotten auf das empor. Warum? Bei ihm kommt das gar nicht vor? Der Mensch wie der Teufel hab'n Hörner zur Zier, Aber der Teufel kann wenigstens nichts dafür! Sie hab'n alle zwei den Geweihüberbau, Der Teufel von Gott und der Mann – von der Frau! So ist, wenn die Hörner in Rechnung man zieht, Zwischen Menschen und Teufeln kein Unterschied, Denn ein Mann mit Geweih ist doch ganz ohne Zweifel Schließlich und endlich – ein armer Teufel! Dem wirklichen Teufel gleicht er genau, Nur gehört in die Hölle statt seiner – die Frau! Doch das, was man nirgends so fesch sich und schnell schafft, Wie nur in der Hölle, das ist – die Gesellschaft! Schau'n Sie z. B. den Himmel sich an, Was verkehr'n dort für Leute? Die Gutes getan! Briefträger, würdig, verhungert und grau, Ein Deutsch-Professor mit seiner Frau , Gebildet vom Kopf bis herab in die Füß', 88 Er hat Normalwäsch', und sie ist mies! Sonst aber sind sie korrekt und bieder, Sitzen auf Wolken und singen Lieder. Dann kommen dazu noch sechs Amtsgerichtsräte, Die lesen Zeitung und spiel'n auf der Flöte! No seh'n Sie, das ist die Gesellschaft im Himmel, Von edlen Verstorb'nen direkt ein Gewimmel, Leut', die Verdienste besitzen unzählige, Feine Entschlafene, bessere Selige, Alles korrekt und verläßlich probat, Riesig solid, aber gräßlich fad! In der Höll' aber ist's grade umgekehrt, Da wird die Temperamentswelt verehrt. Damen gibt's da, so entzückend gebaut, So eine Mitte von Witwe und Braut . Man weiß zwar, da ist keine Wohlgebor'n, Das sind keine Frauen von Deutsch-Professor'n, Sie sind ordinär und entsetzlich galant, Schrecklich verlumpt, aber – amüsant! No, und die Männer sind fesch erst und munter! Freilich sind Mörder und Diebe darunter, Aber ich bitte Sie, sei'n wir doch ehrlich, In der Hölle sind alle zwei – ungefährlich! Der Mörder, sobald in der Höll' er in Not ist, Kann keinen mehr morden, weil alles schon – tot ist; Und ein Taschendieb hat in der Höll' nix zu naschen, Denn die Leut' sind dort nackt und hab'n keine Taschen; Und stiehlt er die Dinge, die frei herumliegen, Hat er dabei doch erst recht kein Vergnügen; Denn die Sachen der Hölle sind heiß eminent, 89 So daß er beim Stehl'n sich die Händ' verbrennt! So hab' ich bewiesen an dieser Stelle, Das Schönste auf Erden ist doch die Hölle: Die Leut' haben Temperament dort und Charme, Das Klima ist angenehm, milde und warm; Die Kleidung ist praktisch, kein Schneider will Geld, Es ist eine reizend-gemütliche Welt, Drum seufz' ich im Stillen oft: »Gott befohl'n, Möcht' mich nur endlich der Teufel hol'n! « 90   Das Paradies                 Weinen könnt' ich bittere Tränen, Wenn ich so denk' an mein nutzloses Sehnen Nach einem Orte, der einst so süß Und heute gesperrt ist : das Paradies! Gott, wie hat man da ruhig gelebt, Man hat nicht gezittert, man hat nicht gebebt, Die wilden Tiere sind zahm gewesen, Unter Tigern hat man die Zeitung gelesen! Und ist ein Löwe vorübergegangen, Ist man nicht bleich geworden vor Bangen, Sondern man hat ein Gespräch angefangen. Gesagt hat man, ohne zu fassen erst Mut sich: »Habe die Ehre, Herr Löw'! – Wie geht's denn? – Was tut sich? Was macht die Frau Löwin? – Was? Wirklich? – Schon wieder? Und sechs gleich auf einmal? – Ah, da legst d' dich nieder!« Drauf hat sich der Löwe freudig erregt Tatsächlich also niedergelegt, Er hat nicht gestoßen, er hat nicht gequetscht, Er hat nicht gebissen, er hat nicht gepätscht, Nicht einmal hat er die Zähne gefletscht! Das nenn' ich Takt im Benehmen des Viehs. 91 No, war's nicht gemütlich im Paradies?! Heut' sollt' man's wagen, mit Löwen zu reden, Auffressen möcht' er Sie wie einen jeden! Entweder der Löw' stammt aus Afrika her, No, dann sind Sie sicher für ihn ein Dessert; Oder der Löw' ist ein Löw hier aus Wien, Dann sind Sie erst recht doch ein – Futter für ihn! Er hat ein Geschäft vis-à-vis von der Bahn Und hängt Ihnen glatt seinen Pofel an! Drum sag' ich ja stets: »Was mir lieber is' Der Löw' aus dem seligen Paradies!« Auch sonst ist, soviel man darüber gelesen, Im Paradies es viel schöner gewesen. Schau'n Sie z. B. die Eva sich an! Das war doch noch ein Vergnügen für'n Mann! Erstens einmal in puncto der Kleider: Eva hat gar nichts gebraucht für den Schneider . Sie wissen doch, wie sie gekleidet sich hat: Hinten war gar nichts, und vorn war ein Blatt! Das Blatt war befestigt in mittlerer Höh', Und alles andre war – Dekolleté! No, war dieser Adam nicht stark zu beneiden? Gratis konnt' seine Frau er bekleiden! Er hat nur geschaut, wo ein Feigenbaum nah, Ein Sprung und ein Riß, – und das Kleid war da! Einfach heruntergerissen vom Baum! No, kann man das schöner sich denken im Traum? Leider vorbei ist die Zeit für das Träumen, 92 Wo, bitt' Sie, hängen heut' Kleider auf Bäumen?! Und während den Adam die Frau samt dem Blatt Eine einzige Rippe gekostet hat, Inklusive den Kosten fürs Haus, Nimmt sie ihm heute – das Beuschel heraus! Apropos, Beuschel! Nicht zu vergessen, Im Paradies war ein glänzendes Essen! Und alles ganz gratis von der Natur! Vom »Schweiße des Antlitzes« nicht eine Spur! Die Milch und der Honig sind stromweis geflossen, Man hat sie umsonst und ganz müh'los genossen, Alles war da, was man gern hat gemögt, Die Hühner hab'n kostenlos Eier gelegt! Den Überfluß kann man heut' nicht einmal träumen, Gullasch mit Saft ist gewachsen auf Bäumen! Kurz, was man verlangt hat, und was man gemöcht' hat, Hat man gekriegt, ohne daß man geblecht hat, Direkt franko Magen und gratis, von Gott. Nur eins war verboten: das Apfelkompott! Aber wer ist schon auf Äpfel versessen? Wo steht geschrieben, ma' muß Äpfel essen? Es steht nicht geschrieben, und 's muß auch nicht sein, Nur wenn man ein Trottel ist, bild't man sich's ein. Denn ausgerechnet auf dieses Obst Ist der selige Adam hineingehopst. Wo doch noch ausdrücklich per Zirkular Der Apfelgenuß streng verboten war, 93 Hat sich der Esel, der Adam, vergessen Und – ohne Bezugschein Äpfel gegessen! Freilich hat eigentlich nicht so der Mann Wie sein Weib und die Schlange die Schuld gehabt dran, Die solange geschmust mit ihm schmeichelnd und nett hab'n, Bis sie den Apfel ihm eingeredt't hab'n. Da hat dann der Adam betäubt sein Gewissen Und hat in den – sauren Apfel gebissen. Und da hat ihn Gott dann hinausgeschmissen. Er hat auf den Adam gesendet empört Sofort einen Wachmann mit feurigem Schwert, Der hat ihn gepackt beim Krawattel stark Und hat ihn gefeuert hinaus vor den Park. Dort hat sich der Adam gefragt mit Bangen, » Was hab' ich mir da mit dem Obst angefangen?« Denn jetzt sind die Augen ihm aufgegangen. Zu spät war es aber für seine Ruh': Die Augen war'n auf, und der Park war zu! Mir, sehn sie, wär' das gewiß nicht passiert. Ich, wenn man mir Äpfel hätt' offeriert, Hätt' Zweie heruntergehaut auf die Wange, Eine der Eva und eine der Schlange, Ich hätt' unserm Herrgott gelassen den Will'n Und hätt' anstatt Äpfel gegessen – Marill'n! Ich hätt' mir gesagt eben streng nach der Bibel: »Friß keine Äpfel, sonst wird dir übel.« Streng diätetisch hätt' ich gegessen Und wär' heute noch im Paradies drin gesessen. Und nicht allein ich, sondern Sie alle auch, 94 Und statt Kammgarn hätt'n wir heut' Blätter am Bauch! Dann möchten die Damen, ob häßlich, ob schön Mit dem Leibblatt allein als Gewand herumgeh'n, Und wir, statt zu ahnen nur, wie sie gebaut sind, Wüßten genau, wie sie bis auf die Haut sind! Danach könnt' man sich richten, bevor man ihr Mann ist, Indem man genau weiß, was an ihr dran is. Dann könnte man ferner beim Essen den Mann stell'n, Man braucht keine Karten, man braucht sich nicht anstell'n, Statt der Gastwirte, die uns die Haut abzieh'n, Gäb's Bäume, auf denen Kalbsschnitzeln blüh'n. So aber leben wir voller Beschwerden – Der Schlag soll den Adam treffen! – auf Erden; Wir hüllen in teuere Kleider die Leiber, Und leider nicht Männer nur, sondern auch Weiber, Man sieht nichts, man merkt nichts, man weiß nicht, was dran, Und wenn man dann heiratet, schmiert man sich an. Im Wirtshaus bekommt man für's Geld keinen Platz, Und wenn man schon Platz kriegt, gibt's Gullaschersatz, Das ist der Ersatz für das Prachtparadies, Der Park ist verschwunden, und uns geht's mies! 95   Die Hölle – im Himmel!                     Ehrlich gesprochen, ich pfeif' auf mein Leben! Ich hätt' nichts dagegen, es hinzugeben Und gleich zu verlassen das Erdengetümmel, Aber ich fürcht' mich, ich komm' in den Himmel! Wenn ich bedenk': vom irdischen Stengel Reißt man mich ab und macht mich zum Engel, So hoch in der Luft, . . . im ätherischen Saal – – Für mich ist der Himmel bestimmt kein Lokal, Da bringen mich keine zehn Rösser hinein, Gott soll mich schützen, ein Engel zu sein! Stell'n Sie sich vor, das Leben hört auf, Man ist gestorben und fliegt hinauf! . . . Schon die Gemeinheit, von toten Gerechten, Die doch jetzt endlich schon Ruh' haben möchten, Zu verlangen, daß gleich sie im Äther sich wiegen Und etliche zehntausend Meilen hoch fliegen . . .! Ich bitt' Sie um alles, was sind das für Sachen: Als Toter soll ich noch Kunststücke machen?! Ich bin doch gestorben, um Ruhe zu haben, Hab' ich mich dazu lassen begraben, Daß ich als Flieger mich produzier'n soll Und noch einmal mein Leben riskier'n soll?! Statt mich zu legen bequem in die Gruft, Soll ich auf einmal jetzt geh'n in die Luft, 96 Steigen hinauf und fliegen davon? Bin ich ein Vogel? Ein Luftballon? Wenn ich so mühsame Sachen soll treiben, Hätt' ich doch gleich können – leben bleiben?! Aber schön, ich bin tot und flieg' schon nach oben, Und – Gott soll es geben! – zum Schluß bin ich droben. No schön . . . Und was dann? . . . No was soll dann sein? Ich klopf' an den Himmel und geh' hinein. Das heißt, ich habe mich ausgedrückt schlecht nur: Ich geh' nämlich gar nicht hinein, ich möcht' nur. Ich putz mir erst ab meine staubigen Schuh', Dann klopf' ich ans Türl, mach' auf – is's zu! Das Haustor vom Himmel ist zugemacht! Und ich – steh' draußen in bitterer Nacht. – – Kalt ist's da droben – – und zieh'n tut's zum Weinen, Hausschlüssel hab' ich ja leider noch keinen – Ich muß also läuten und warten dann hier, Bis der Portier endlich aufmacht die Tür! No, kommt Ihnen das nicht sehr komisch schon vor: Wozu hat der Himmel jetzt wirklich ein Tor? Kommen nur ehrlich Menschen hinein, Könnt' er doch auch in der Nacht offen sein; Und dürfen hinein auch verdächtige Lümmel, Ist doch das Ganze wieder kein Himmel!? Aber lassen wir diese Erörterung sein, Sonst kommen wir nie in den Himmel hinein! Das Haustor ist da, – was es immer bedeutet – 97 Und nehmen wir an, daß, nachdem ich geläutet, Der Portier mit dem Schlüssel zur Himmelstür schwebt Und endlich also zu öffnen erlebt; Sperrsechserl hab' ich ihm auch schon gegeben Und geh' also ein in das ewige Leben! Es bleibt aber wieder nur bei dem Versuch, Denn vor dem Hineingeh'n kommt's Fremdenbuch. Hier trag' ich mich ein im Scheine der Lichter: »Fritz Grünbaum, verstorbener, seliger Dichter, Geboren zu Brünn, verendet in Wien, Derzeit Engel im Himmel drin.« Erst wenn ich das tat, werd' ich weitergebeten Und bin also endlich – hineingetreten. Erst ist es ganz schön: Die Luft ist so rein, Wo man nur hinschaut, steh'n Engelein, Die kommen gleich freundlich herangeflogen, Und man fühlt sich von ihnen – angezogen, Aber komische Leut' hat das himmlische Haus: Erst zieh'n sie mich an , dann zieh'n sie mich aus . Denn alles Malheur war bis heute nur Probe, Jetzt kommt erst die Qual mit der Himmelsgard'robe. Denn ich kann doch nicht so in den Erdengewändern In der Ewigkeit droben als Mensch herumschlendern; Vergessen Sie nicht, daß ich nicht mehr in Wien, Sondern im Himmel und Engel dort bin! Oder haben Sie schon einen Engel geseh'n In Lackschuh'n, mit Frack und Spazierstock 'rumgeh'n? 98 Ich darf also weiter nicht Zeit verlier'n Und muß mich sofort als Engel maskier'n. Zunächst also werd'n mir die Strümpf' ausgespannt, Weil bloßfüßig dort nur herum wird gerannt; Das ist der Beginn schon vom Paradies, Daß ich sofort mir soll waschen die Füß'!! Hierauf bekomm' ich ein weißes Gewand, Und statt dem Spazierstock krieg' ich in die Hand Anderthalb Meter Lilienstengel – – Und das Ganze heißt: Grünbaum im Himmel als Engel! No, bitte sehr, können Sie vorstell'n sich dies: Grünbaum, Lilien und nackte Füß'?! Nicht um ein Schloß möcht' ich schau'n in den Spiegel, Aber das Schrecklichste sind erst die Flügel! Sagen Sie mir, was soll das bezwecken, Sich hinten Federn hineinzustecken?! Halten wir einmal nur ehrlich Gericht, Wozu braucht man Flügel? Zum Fliegen doch nicht! Denn da ich sie doch erst hab' oben bezogen, Wie bin ich dann bis in den Himmel geflogen?! Bei der Abfahrt hab' ich noch keine gehabt, Und trotzdem hat doch die Reise geklappt; Vom Erdball zum Himmel hinaufzugelangen, Ist also ganz ohne Flügel gegangen, Und jetzt, nach der Ankunft im Himmelreich da, Brauch' ich die Flügel auf einmal ja? Die einfachste Logik mithin also spricht: Zum Fliegen braucht man die Flügel nicht; 99 Sie dienen somit nicht so sehr für den Schwung, Sondern vielmehr zur Verschönerung! – No, ist das so schön, mit Flügeln zu geh'n? Die Gans macht das auch und ist doch nicht schön! Ich lass' mich nicht zwingen, Flügel zu tragen. Lachen möchten die Leut' und sagen, Wenn sie mich in diesem Aufzug erblicken: »Da geht der Grünbaum mit Federn am Rücken!« Kurz, wo man es anpackt, man merkt doch zum Schluß, Im Himmel hat man nichts wie Verdruß. Was einem aber im Magen liegt, Ist die Beschäftigung, die man dort kriegt. Zur Marter z. B. der Himmel wird, Wenn man als Schutzengel funktioniert. Wissen Sie, was das für Qualen sind, Schutzengel spielen bei einem Kind? – – Wenn sich herabsenkt des Abends Kühle Und ich kaum steh'n kann und schläfrig mich fühle, Begibt sich das Kindlein, das holde, zur Ruh', Und ich soll ihm drücken die Augen zu; Ins Ohr soll ich flüstern ihm Wiegenlieder, Ich bin müd' und der Fratz legt sich nieder! Aber früh', schon um sechs, wenn er ausgeruht ist, Und mir von der Nachtwach' schon mehr als nicht gut ist, Klettert der Balg über Felsen und Stein, Und ich muß als Schutzengel hinter ihm d'rein. Statt ihm herunterzuhauen zwei Watschen, Hab' ich die Ehre, ihm nachzuhatschen. No, möchten Sie sagen mir, wie man das macht: 100 Klettern bei Tag und singen bei Nacht? Bergpartie'n tags, daß mir krachen die Glieder, Und dann bei Nacht wieder Wiegenlieder? Klettern und Singen und Wachesteh'n? . . . Wann darf ich eigentlich schlafen geh'n? Und wenn ich schon schlafen darf, schlaf' ich nicht süß, Weil es mich friert auf die nackten Füß'; Und schlaf' ich schon ein auf dem Wolkenhügel, Stör'n mich beim Liegen am Rücken die Flügel; Und leg' ich sie ab samt dem Lilienstengel, Bin ich doch wieder ein Mensch und kein Engel; Und wenn ich ein Mensch und kein Engel bin, Was such' ich dann wieder im Himmel drin? Für mich wär' der Himmel die schlimmste Erfahrung, Denn erstens sind Wolken für mich keine Nahrung, Dann zweitens sind Flügel für mich kein Gewand, Und drittens ist das für mich kein Stand, Auf einen Lausbuben aufzupassen, Welchen die Eltern herumkriechen lassen! Drum muß ich erklären hier feierlich: Der Himmel ist kein Kaffeehaus für mich, Da bringen mich keine zehn Rösser hinein, Gott soll mich schützen, ein Engel zu sein! 101   Mein Selbstmord                   Gestern am Abend um dreiviertel acht Hab' ich auf einmal bitter gelacht Und hab' mir gesagt: »Jetzt ist mirs zu dumm, Nächste Woche bring' ich mich um!« Und seh'n Sie, seit ich dem Tod mich verschworen, Fühl' ich direkt mich wie neugeboren! Ich bin die fidelste, lustigste Nummer, Erstens macht mir das Geld keinen Kummer, Denn seit ich beschlossen hab', abzufahren, Hat es ja doch keinen Zweck mehr zu sparen. Früher bin ich im Wirtshaus gesessen, Hab' Wasser getrunken und Käse gegessen. Und so um den Ersten da wird man nervös, Hab' ich noch weggelassen den Käs'! Denn ich hab' überlegt in bitteren Qualen: Nächste Woche ist Miete zu zahlen! Was geht mich heute die Miete an? Heute bin ich ein freier Mann. Ich geh' in die Bar und trink' meinen Sekt, Und wenn er mir ganz besonders schmeckt, Und es fällt mir die Miete ein, sag' ich mir: »Quark, Nächste Woche wohn' ich im Sarg!« Zweitens habe ich eine Geliebte! Für jeden Treubruch, den sie verübte, Möcht' ich heut' haben zwei tschechische Kronen. 102 Da könnt' ich mein Lebtag im Bristol wohnen! Großer Gott, wie mich das gequält hat, Nämlich zweimal wöchentlich, abends um neun, Hab' ich doch Sitzung im Kegelverein. Und sie, die Geliebte, hat stets meine Sitzung Benützt zu illegitimer Erhitzung. Sie hat da einen Russen gehabt, Mit dem hat die Sache prachtvoll geklappt. Stets, wenn ich Sitzung hatte, um neun, Hat sie den Ivan gelassen herein. Sie hat keine einzige Sitzung vergessen, Und so sind wir jahrelang beide gesessen: Ich bei der Sitzung und sie bei dem Ivan, Ich im Verein und – sie auf dem Divan! Nächste Woche sitzt sie nicht hier! Und wenn, nicht mit Ivan, sondern mit mir! Jawohl, mit mir, und ich bin nicht dumm, Nächste Woche bring' ich mich um! Dann muß sie herauswerfen, leider, den Ivan, Denn dann lieg' ja ich , wenn auch tot, auf dem Divan! Und nicht genug damit, ich werd' ihr das Balzen Auch noch zwei Tage nach meinem Tode versalzen. Da gibt es noch immer kein Liebeserlebnis, Denn zwei Tage später ist mein Begräbnis. Dann kann sie unmöglich bleiben zu Haus, Sie muß doch mit auf den Friedhof hinaus! Ich seh' schon, wie sie die Lippen zerbeißt, Während in Nichts zerflattert mein Geist. No, was meinen Sie, was mir das Freude bringt, Ich zerflatter' und sie zerspringt! Solche Effekte, seh'n Sie, gelingen, 103 Wenn man den Mut hat, sich umzubringen. Und ich werd' es auch tun, nächste Woche ganz früh, Leider weiß ich noch gar nicht, wie. Ich hab' schon an einen Revolver gedacht, Nur hab' ich da schreckliche Angst, daß es kracht, Denn wie ich mich kenn', wird die Hand mir beben, Ich bin doch kein Jäger, ich schieß' daneben! Außerdem, auf die Gefahr zu erröten, Ich kann mich gar nicht mit Kugeln töten. Ich bin so weich, daß mirs Herz dabei bricht: Auf lebende Menschen schieß' ich nicht! Aber wenn ich das Feuer so perhorreszier', Wie wär' es, wenn ichs mit Wasser probier'? Allerdings braucht man da eiserne Ruh', Es gehören ja wirklich Nerven dazu, Wenn man z. B. nach heftigem Ringen Beschloß, nächsten Montag ins Wasser zu springen, Vorher am Ufer des Teichs zu spazieren Und den Fröschlein, die lustig im Wasser sich rühren, Zuzurufen hinein in den Teich: »Kinder, Montag bin ich bei euch!« Außerdem ist mir mitgeteilt worden, Daß Leute, die sich durch Wasser selbstmorden, Wenn sie dann wieder gezogen ans Licht sind, Nicht nur naß, sondern blau im Gesicht sind, Und blau sein, seh'n Sie, das möcht' ich nicht. Blau nämlich steht mir nicht zu Gesicht. Schließlich und endlich, wer kann mich zwingen, Wenn ich nicht will, ins Wasser zu springen? Ich will mich ja morden, sogar möglichst früh, Aber ich lass' mir nicht vorschreiben, wie! Muß ich mich grad zum Ertrinken drängen? 104 Ich kann mich ja ebenso gut auch erhängen! Ja, so mach' ichs; das Schicksal ruft, Ich weiß wie ich sterbe, ich geh' in die Luft! Ein Meter Spagat ist mein letzter Traum, Ich such' mir jetzt einen sympathischen Baum, Ich bringe mich um als mein eigener Henker – – Nur wenn ich denk', wie oben ich dann schlenker', Vergeht mir die Lust, mich so hoch zu versteigen. Ich glaub', ich verzicht auf den Tod in den Zweigen. Schon die Idee ist so fürchterlich: Da hängt ein Apfel, und da häng' ich. Und dann hopst so ein Spatz her, hält mich für Äpfel, Setzt sich auf mich und pickt mich ins Kröpfel! Nein, Kinder, laßt mit dem Baum mich in Ruh'! Und dann überhaupt, wie komm' ich dazu, Über die Art, wie ich aufhör' zu leben, Bindende Zusagen abzugeben? Ich habe versprochen, der Welt zu entflieh'n, Aber freibleibend punkto Form und Termin, Ich weiß, man muß halten, was man verspricht, Ich sterb', aber drängen lass' ich mich nicht! 105   Nieder mit mir!                   Hör'n Sie mich an – aber nicht erschrecken! –: Ich kann mich seit Jahren selber nicht schmecken! Ich weiß ja, die Sache ist fürchterlich, Aber ich hab' eine Aversion gegen mich; Ich hab' gegen mich eine Antipathie, Daß ich mir manchmal sag' selber, »du Vieh«, Ja, manchmal, bevor ich noch morgens bin munter, Hau' ich – im Bett noch! – mir eine herunter. Sie lächeln? No, meinen Sie, 's ist ein Vergnügen, Mit seinem Todfeind im Bett zu liegen? Wo man gefaßt sein muß jede Nacht, Daß man mit zwei bis drei Watschen erwacht? Und was der Gipfel der Situation: Ich kann mir nicht selber laufen davon! Denn, wo ich auch immer am Schlusse wär', Bin ich selber hinter mir her. Doch das ist das Allerentsetzlichste hier: Rächen kann ich mich auch nicht an mir! Ich hab' schon probiert, in den Spiegel zu gucken Und – mir selbst ins Gesicht zu spucken. Doch, wenn mir vor Lachen dann wackelt der Bauch, Lacht und wackelt mein Feind drin auch! Und tret' ich zur Seite, bemerk' ich mit Schreck: 106 Das Glas ist bespuckt, und mein Feind ist weg! In dieser Form macht's mir gar keinen Spaß, Ich hab' nämlich gar keinen Haß auf das Glas. Die Sache bezieht sich doch nur auf mich, Was ich hab' anspucken woll'n, war ja ich! Ich hab' schon versucht in den mildesten Tönen Mich mit mir selbst wieder auszusöhnen. Aber da war ich ja so gemein Und gab mir zur Antwort: »Ich geh' nicht drauf ein!« Ja, einst sogar hab' ich mich angeschrie'n barsch: »Du kannst, wenn du willst . . . mit einem Wort, marsch!« Ich wollt's sogar tun, doch es endete kläglich, Es war aus technischen Gründen nicht möglich! Sie werden mich fragen, warum ich mir bös' bin. No, hab' ich nicht recht, bitte, wenn ich nervös bin? Hab'n Sie die Güte und schau'n Sie mich an: Wie seh' ich aus? Wie ein feiner Mann! Mit diesem Geist und dem Exterieur Hätt' ich gepaßt zum Staatssekretär! Das wär' so gewesen ein Posten für mich, Und ich wär's auch geworden! Was aber tu ich? Minister war mir zu wenig auf Erden, Schriftsteller hab' ich müssen werden, Noch dazu auf dem Kabarett! Ich muß steh'n bei der Nacht auf dem Brett, Ich – ein Gentleman, soll man sagen! – Muß den Leuten Gedichte vortragen! Und was für Leuten?! Den Mindersten, wo . . . 107 Ach so . . .! No, ich sag' nichts, ich mein' ja nur so! Innen bin ich so furchtbar fein, Daß ich könnte Minister sein. Aber statt in der Regierung zu sitzen, Befass' ich mich lieber mit blöden Witzen. So sitz' ich mit einer Hälfte im Pfuhl, Mit der andern jedoch – im Ministerstuhl. Und erfahrungsgemäß kann es doch nichts nützen, Mit einem – Dings auf zwei Stühlen zu sitzen. Begreifen Sie jetzt, warum ich nervös? Mein Inneres ist auf mein Äußeres bös . Ich bin eine Mischung von Ehrfurcht und Spott: Innen Minister und außen Fallott! Am liebsten ließe ich mich von mir scheiden. Ich kann nämlich Menschen mit Glatzen nicht leiden! Die Glatze war immer ein Bild, das mich quält: Sie ist wie Salat, wo der Essig drauf fehlt. No, soll ich vielleicht herumgeh'n als Tropf Mit Essig und Öl auf dem Hinterkopf? Oder soll ich ihn vielleicht mit Zwiebeln belegen? Glauben Sie mir, ich muß mich erregen: Im Innern bin ich direkt ein Poet, Welcher im Glanz seiner Goldlocken steht! No, sagen Sie selber, bei solchen Beschwerden Muß man doch schließlich zum Selbstmörder werden! Innerlich trag' ich den Lockenschatz Und äußerlich scheint mir Sonn' auf die Glatz'! Was mir jedoch auf die Nerven geht, 108 Das ist das Gefühl, ich bin mir zu blöd' . Ich sag' es in größter Verlegenheit hier: Ich kann mich nicht unterhalten mit mir, Mir geht, wenn ich manchmal so sitze, zu Haus', Direkt vor mir selber die Gall' heraus. Das kommt wohl daher, daß die Langweil' so groß ist: Wie ich den Mund aufmach', weiß ich, was los ist! Oft hab' ich Lust, zu studieren Geschichte, Was aber mach' ich? Blöde Gedichte! Und will ich Klavierspiel'n in traulichem Heime, Sitz' ich schon dort und mach' jüdische Reime! Glauben Sie mir, ich geh' mir bis daher, Aber ich bin mein Verwandter, mein naher, Immer nur ich und immer nur ich? Das ist keine Gesellschaft für mich! Ich hab' mir die Lippen schon blutig gebissen, Aber dann ist mir doch die Geduld gerissen, Und aufgesucht in meinem Jammer Hab' ich zum Schluß die bewußte Kammer. Dort hab' gehofft ich, allein zu sein. Ich floh in die stille Kammer hinein (»Still«, weil ich still' dort geheimes Verlangen!), Richtig bin ich mir nachgegangen!!? Es nutzt mir kein Riegel, kein Schloß, keine Tür, Wo ich mich hinsetz', sitz' ich bei mir! So will ich denn schließen, verdächtige Gemeinde. Lebet wohl, allerwerteste Freunde, Ich kann nicht mehr bleiben, denn ich bin hier, Und glauben Sie mir: mir ist mies vor mir! 109     Du sollst der Kaiser meiner Seele sein Operetten- und Revuetexte Der Favorit Duett Manon Ich weiß ein Land, das ohne Schranken – Ich weiß ein Reich, worin sich ranken Wohl tausend zärtliche Gedanken Um meiner Liebe Rosenpfad. Das ist das Land, worin ich lebe – Das ist das Reich, das ich dir gebe, Auf dessen Thron ich dich nun hebe – Ist meines Herzens freier Staat! Du, – du, – du sollst der Kaiser meiner Seele sein! Du, – du, – du sollst den Purpur tragen ganz allein! Du, – du, – du sollst das Zepter führen, Du, – du, – nur du darfst drin regieren – Du, – du, – ziehst dort als Sieger ein! Valerio Wenn du mich liebst, hast du zum Lohne In meinem Herzen deine Krone, Und schaltest frei auf goldnem Throne, Den meine Liebe dir gebaut! Du bist der Kaiser, den ich wähle 112 Und deine Wünsche sind Befehle, – Gehorchen wird dir meine Seele, Die sich so ganz dir anvertraut . . . Du, – du, – du sollst die Herrin meiner Seele sein! Du, – du, – du sollst den Purpur tragen ganz allein! Du, – du, – du sollst das Zepter führen, Du, – du, – nur du darfst drin regieren – Du, – du, – ziehst dort als Sieger ein! Tanz-Terzett Pauline Hat ein Mädel kleine, feine Elfenbeine, so wie ich, Kann's ihm niemals schlecht ergehen, Sicherlich! Alle drei Sicherlich! Fiori Solche zuckersüße Füße Grüßt man mit Bewunderung! Jeder Mann kommt da in Schwung, Ob er alt, ob jung! Alle drei Ja! 113 Peter So ein Bein kann Operetten Retten, die zu retten nie! Mancher triste Librettiste Wünscht sich die! Alle drei Wünscht sich die! Pauline Wenn ich heim komm', wird die Kritik Schreiben, daß ich glänzend bin? Furchtbar schnell wird man verrissen In Berlin! Fiori Wirst ein Name Durch Reklame, Geld und Ruhm dort dein harrt! Peter Inszenierung Unter Führung Von Professor Reinhardt! Fiori Du trittst auf, man horcht, du singst – Peter Und zu Ruhm dein Lied du bringst –: 114 Fiori und Peter (imitieren Gongschläge) Tam! Tam! Tam! Tam! Tam! Tam! Pauline (tritt ganz an die Bühnenrampe vor und singt in der Art der typischen Berliner Vorstadtsoubretten, derb im Dialekt) Linchen, Linchen, Linchen, Linchen, Linchen, erhöre mir! Ach, ik schrei' es laut: Werde mein Braut! Bin vor Gier nach dir Janz meschugge schier! Linchen, Linchen, Linchen, Linchen, Wenn dich mein Flehn nicht rührt, Nehm' ik eene Braut, Die dir ähnlich schaut, Na, und dann biste blamiert. Alle drei (wiederholen den Kehrreim, mit Tanz) 115   Die Dollarprinzessin Chor mit Lied Alice Chor Schreibmaschinenmädel muß Schnell die Hände rühren, Darf bei ihrer Arbeit nie Müdigkeit verspüren. Sorgsam soll sie immer wachen, Keinen Lapsus je zu machen, Keine Zeile doppelt bringen, Keine Seite überspringen. Fleckenlos und fehlerfrei, Sauber ihre Arbeit sei, Immer fleißig – immer zu Ohne Ruh'! Tick tick tack Mit geschäft'ger Miene! Tick tick tack Macht die Schreibmaschine! Sitzen hier Ach, den ganzen Tag, Immer Müh' und Plag', Tick tick tick tick tick tack! 116 Alice Guten Morgen, meine Damen! Chor Guten Morgen, Miß Alice! Alice Sehr verspätet heut' sie kamen, Ungehörig find' ich dies! Chor Ach! Ach, verzeih'n Sie das Versehen, Denn der Weg ist ziemlich weit, Und vom Haus hieher zu gehen, Dazu braucht man wahrlich Zeit! Alice Ach, ja mit Dandys geh'n spazieren, Lieblich flirten, kokettieren, Ei, das macht den Weg wohl weit, Ei, da braucht man wahrlich Zeit! Doch so etwas duld' ich nicht, Hört, was Euer Chef jetzt spricht: Einem Herrn nur jede dien': Eurer ist die Schreibmaschin'! Wer aufs Wort mir nicht pariert, Wird – expediert! Chor Wird – expediert! 117 Lied Alice I. Ein echtes Selfmademädel Von echter Yankeerass', Dem machen die Thadädel, Die Dandys, keinen Spaß. Sie läßt die Gecken gucken, Und denkt sich nur dabei: Ich pfeif' auf diese Mucken Und auf die Flirterei! Schwört einer ihr beim Himmel, Daß er sie liebt so heiß, Was von dem Bamelbimel Zu halten ist, sie weiß. Sie mißt das feine Herrchen Mit einem scharfen Blick Und sagt: All right, mein Närrchen, Ich kenne diesen Trick! Wigl wagl wigl wak my monkey, Go on my good old donkey, Ein Hampelmann, wigl wagl wak, Ouh! Das ist mein Geschmack! Chor Wigl wagl wigl wak my monkey, Go on my good old donkey, Ein Hampelmann, wigl wagl wak, Ouh! Das ist mein Geschmack! 118 II. Ein wahres Selfmademädel Hier in der neuen Welt, Die hat in Herz und Schädel Verlangen nur nach Geld! Sie schindet sich und rackert Im Tag' so manche Stund', Bis sie sich hat ergattert Ein Sümmchen nett und rund! Und kommt die Laune just ihr, Den Eh'stand zu probier'n, So sagt sie sich: Du mußt dir Ein Mannsbild akquirier'n! Da ist nicht viel vonnöten, Man kauft sich so ein Schaf, Hat man genug Moneten, Ist's ein Baron, ein Graf. Wigl wagl wigl wak my monkey etc. Alice Jetzt geht er los! Fredy Famos, famos! – Ich lache! Alice Ei? Was gibt es? Erregt Sie so heftig der harmlose Brief? Er hat Sie erzürnt offenbar! 119 Fredy Sie halten mich wirklich für äußerst naiv! Was Sie mir diktiert, ist nicht wahr! Alice Nun, wenn Sie es wünschen, schick' ich ihn nicht fort, Verbrenn' ihn wie unnützes Stroh! Nun sagen Sie mir nur ein einziges Wort! – – Fredy Behüte! Ich meinte nur so! Fredy Wie gerne sagt' ich ihr, was mir im Herzen ruht: Bin Dir gut, bin Dir gut! Ach so gut! Zu meinen Füßen muß sie erst um Liebe fleh'n, Dann, ja dann mag's gescheh'n! Mag's gescheh'n! Kann es nimmer über mich bringen – Fredy, nein! Es darf nicht sein! Alice Kann es nimmer über mich bringen! Fredy Bleibt sie stolz, so bleib' ich stumm! Alice Bleibt er stolz, so bleib' ich stumm! 120 Beide Zu meinen Füßen muß sie/er erst um Liebe fleh'n, Dann, ja dann mag's gescheh'n! Ja, dann mag's gescheh'n! Dann mag's gescheh'n! Mitgift-Duett I. Daisy Paragraph eins: Die Mitgift Zehn Millionen bar – Hans Davon kann ich ja leben, Wenn ich nur ein bißchen spar'! Daisy Paragraph zwei: Die Scheidung – Bleibt Ihnen das Geld Hans Das ist wirklich sehr verlockend – Daisy Wenn man die Punkte hält! Paragraph drei: im Verkehr nur Bruder – Schwester, Zwei Kajüten auf der See – 121 Hans Im Hotel getrennte Zimmer, Auf der Bahn kein Schlafcoupé! Daisy Sind per »Du« wie Ehegatten Nur den Leuten vis-à-vis, Hans Doch zu Hause ungezwungen Sagen wir einander »Sie«! Daisy Versprichst Du mir, lieb Brüderlein, Auch sittsam stets zu bleiben? Hans Wir werden's, liebes Schwesterlein, Nur wie die Kinder treiben – Hans Wir tanzen Ringelreih'n Einmal hin und her – Daisy Dem Hänsel und der Gretel Fällt das gar nicht schwer! Beide Und streut der Sandmann dann Aus seinem Sack den Schlaf, Dann singen alle Englein: »Gott, wie sind die brav!« 122 II. Hans Weg mit allen Hochzeitsfaxen, Nicht mir Amor fad gescherzt! Schmachten, drücken, Daisy Küssen, Schnäbeln – Beide Das wird einfach ausgemerzt! Daisy Vormittags da wird gebummelt, Dann ein Frühstück exquisit – Hans Denn auf Hochzeitsreisen ist man Immer stark bei Appetit! Daisy Nachmittags in ein Museum, Hans Bildend wirkt der Kunstgenuß – Daisy Abends Loge im Theater, Hans Und dann ins Maxim zum Schluß! 123 Daisy Aber dann? dann heißt es scheiden, Hans Blieb' zu zweit man noch so gern – Daisy Bitte, dieses ist mein Zimmer, Dort das andre – für den Herrn! Hans Nun gute Nacht, lieb Schwesterlein, Darf ja nicht länger säumen – Daisy Schlaf' wohl, mein liebes Brüderlein, Und denk' in Deinen Träumen: Wir tanzen Ringelreih'n Einmal hin und her – Hans Dem Hänsel und der Gretel Fällt das gewiß nicht schwer! Beide Und streut der Sandmann dann etc. 124 Quartett Dollarprinzessinnen I. Hans Kennt Ihr die Mädchen schimmernd in Glanz, Strahlend in Freude und Licht – Denen das Leben ein lachender Tanz Oder ein keckes Gedicht? Fredy Kennt Ihr die Schönen, reizend und hold, Glitzernd von Edelgestein? Kennt Ihr die Schönen, wühlend in Gold? Sagt mir, wer mögen die sein? Hans Wo sie Feen gleich erschienen, Huldigt ihnen alle Welt, Fredy Hei, da gibt's was zu verdienen, Alle vier Diese Mädels haben Geld! Alice Können jeden Spaß sich leisten Ohne Zögern, das ist klar! 125 Daisy Können alles sich erdreisten, Zahlen jede Laune bar! Alice Das sind – Daisy Das sind – Hans Das sind – Fredy So nennt sie augenblicks! Alice Das sind – Daisy Das sind – Hans Das sind – Fredy Das sind die Kinder des Glücks! Alice Das sind die Dollarprinzessen, Die Mädchen aus purem Gold, Mit Schätzen ungemessen, Sie haben das Glück im Sold! 126 Fredy Sie können nie es vergessen Ihr vieles, vieles Geld – Das sind die Dollarprinzessen, Die kühnsten Schönen der Welt! II. Fredy Kennt Ihr die Mädchen, herrisch und kalt, Haben ein Herze von Stein? – Daisy Leugnen vergeblich der Liebe Gewalt, Leben dem Stolze allein! Hans Kennt Ihr die Schönen ohne Vertrau'n, Wähnend, man liebt nur ihr Geld? Alice Immer beschleicht sie heimliches Grau'n, Wenn ihnen einer gefällt! Hans Holdes Finden junger Seelen, Süßer Neigung Paradies, Fredy Heiß wie Flammen sich vermählen, Stolze Mädchen, kennt Ihr dies? 127 Trautes Glück im engen Kreise, Wo das Herz zum Herzen spricht – Klingt Euch diese süße Weise? Alle vier Nein, sie tönt uns/Euch Armen nicht! Alice So sind – Daisy So sind – Hans So sind – Fredy Man weiß es augenblicks – – Alice So sind – Daisy So sind – Hans So sind – Fredy So sind die Kinder des Glücks! 128 Alle vier Das sind die Dollarprinzessen, Die Mädchen aus purem Gold, Mit Schätzen, ungemessen, Sie haben das Glück im Sold! Sie können nie es vergessen, Ihr vieles, vieles Geld – – Das sind die Dollarprinzessen, Die kühnsten Schönen der Welt! 129   Total Manoli Feine Herrn . . . Die Kavaliere Einmal war auch ich Jungfrau vollständig, Fand küssen zu müssen gemein, Doch als dann ein Gent Übern Weg mir rennt, Da liebt' ich, da übt' ich mich ein! Ach, er küßte so heiß Und ich gab ihm preis Die Jugend, die Tugend und so . . .! Doch vom Aliment Drückte sich der Gent, Man kennt es: die Gentes sind roh! Feine Herrn . . . die Kavaliere . . .! Ich kenn' den Zimmt genau, Ich weiß Bescheid: Lieben gern bis früh um viere, Versprechen goldne Berge ihrer Maid! Ach wie war der Meine süß und frech, Doch auf einmal war er weg . . . Feine Herrn . . . die Kavaliere, Die goldnen Schwüre, Die sind aus Blech! 130 Wird der Gent dann grau, nimmt er sich 'ne Frau, Sagt kessen Maitressen Adieu! Führt vom Hochzeitsschmaus Seine Frau nachhaus, Sagt: »Schlafe, du brave, ich geh'!« Fährt dann in den Klub, Wo ein ganzer Trupp Von Zokern beim Pokern ihn neppt, Bis um vier Uhr früh, Wenn sein Geld perdü, Herr Krause nach Hause sich schleppt. Feine Herrn . . . die Kavaliere . . .! Ich kenn' den Zimmt genau, Ich weiß Bescheid: Spielen gerne bis früh um viere, Die kleine Frau zu Haus hat Wartezeit! Endlich kommt er, sie hört auf zu schmoll'n, Weil ihr Küsse blühen soll'n . . . Feine Herrn . . . die Kavaliere, Des nachts um viere – Is' nischt zu woll'n! Wird der Gent dann weiß, ist er kalt wie Eis, Die Liebe, die Triebe sind futsch! Höchstens mal im Mai, Sagt er sich: »Ei, ei, Probierst mal, riskierst mal 'nen Putsch!« Sucht sich eine Maid, Geht mit ihr nicht weit, Kaschemmchen mit Bemmchen tun's auch! Wozu Pulle Sekt, 131 Wenn die Pulle schmeckt?! Er buhlt heiß bei Schultheiß im Rauch! Feine Herrn . . . die Kavaliere . . .! Ich kenn' den Zimmt genau, Ich weiß Bescheid: Knutschen gern bis früh um viere Mit einem Mädchen und mit Sparsamkeit! Ach die Kleine träumte von Buffets, Bars und schicken Cabarets . . . Feine Herrn . . . die Kavaliere, Beim Pilsner Biere Und Schweizerkäs'! 132     Ich hab' das Fräul'n Helen' baden 'seh'n Lieder und Chansons Das Malheur von Venedig I. Dort von den Lagunen, da steht ein Palast Umklammert, umklammert! Ein Mädel am Fenster hat Posto gefaßt Und jammert, und jammert! Es schäumt die Lagune im Wettergebraus, O Götter, o Götter, Da kann keine Gondel heran an das Haus Bei dem Wetter, bei dem Wetter! Das liebliche Kind, Es weint sich halb blind, Ihr Liebster ist pünktlich und wacker, Doch heut ist es schwer, Kein Gondelverkehr Und Venedig hat keine Fiaker! Das ist das Malheur von Venedig, Die Freuden der Liebe sind rar, Und wenn dort ein Mädel noch ledig, Dann kann sie sich raufen das Haar! Das ist von Venedig die Schande, Vergeblich sucht Liebe ihr Spiel, Wie soll man sie knüpfen, die Bande, Die Gondeln, die schaukeln zu viel! 136 II. Da plötzlich kommt doch eine Gondel vor's Haus, Es dünkt ihr, es dünkt ihr, Es schaut ihr Geliebter zur Gondel heraus Und winkt ihr, und winkt ihr! Da klagt das Mädchen: »Du darfst nicht herein, Mein Vater, mein Vater Wird wieder zuhause im Augenblick sein Vom Theater, vom Theater!« Gekommen zu spät, Begossen da steht Ihr Schatz wie ein Pudel, ein nasser: »Die Gondeln, die sind Sehr rar bei dem Wind Und es fahr'n keine Autos im Wasser!« Das ist das Malheur von Venedig etc. III. Da sagte das Mädel: »Du darfst nicht zu mir In's Zimmer, in's Zimmer! Das macht nichts, ich fahr' in der Gondel mit dir Intimer, intimer! 'S ist auch in der Gondel ein Liebesband fein Zu knüpfen, zu knüpfen!« Und richtig, man sah in die Gondel hinein Sie schlüpfen, sie schlüpfen! Doch fanden die zwei Ihr Glück nicht dabei 137 Im Gondelraum unter dem Teppich! Als wieder sie kam, Und Abschied dann nahm, Da sagte zum Liebsten sie: »Nebbich!« Das ist das Malheur von Venedig etc. 138   Elsa Meyer und die Freier I. Die schöne Elsa Meyer, Die hatte sehr viel Glück; Sie hatt' nicht einen Freier, Sie hatte gleich drei Stück: Der eine war ein Leutnant, Der andere ein Bohème, Der dritte war ein Krösus Und schwitzte außerdem! Didldum dei, Eins zwei drei, Und schwitzte außerdem! II. Die schöne Elsa Meyer Zum Weihnachtseinkauf schritt, Sie nahm nicht einen Freier, Sie nahm sie alle mit; Der eine wählt' die Waren, Der andere sagte: »Schön!« Der dritte mußt' bezahlen, Und dann ließ sie ihn steh'n! 139 Didldum dei, Eins zwei drei, Und dann ließ sie ihn steh'n! III. Die schöne Elsa Meyer War lieb und schlau dabei, Sie liebt' nicht einen Freier, Sie liebte alle drei! Den einen wild dämonisch, Den andern bei der Nacht, Den dritten nur platonisch, Der hat's nicht weit gebracht! Didldum dei, Eins zwei drei, Der hat's nicht weit gebracht! IV. Die schöne Elsa Meyer Bekam ein Töchterlein, Verursacht durch die Freier, Das heißt, durch zwei von drei Der eine war der Vater, Der andere der Papa, Der dritte, der war gar nix, Und der grad sagte: »Ja!« Didldum dei, Eins zwei drei, Und der grad sagte: »Ja!« 140 V. Die schöne Elsa Meyer Ist heute nicht mehr schön. Der eine ließ sie sitzen, Der and're ließ sie steh'n; Der eine war gerieben, Der andere, der war schlau, Der dritte war ein Rindvieh, Und der nahm sie zur Frau! Didldum dei, Eins zwei drei, Und der nahm sie zur Frau! 141   Familie Wessely I. Wessely war in Neutitschein Im Gesangsverein, Außerdem mit dem Aktuar Er befreundet war! Mit dem Schuldirektor war er sehr intim, Kurz, die Hautevolée verkehrt mit ihm! Seine Gemahlin überdies, Die Alice, war so süß! Doch, ob ihr's glauben wollt's, Die Kinder war'n sein größter Stolz! Seine Anni, seine Fanni, Romuald und Hanni Und der Willi! Anni stellte sich als Erstgebor'ne ein, Fanni aber war sein Lieblingstöchterlein, Die zwei und die ander'n liebt ganz Neutitschein, Schuldirektor, Aktuar, Gesangsverein! Annerl, Fannerl, Romuald, Hannerl, Willibald! 142 II. Zuckerln bracht', wenn Sonntag war, Der Herr Aktuar, Kaum daß er wieder Abschied nahm, Der Direktor kam! Nach den Kindern seh'n wollt' der Gesangsverein, Kurz, es stellt sich ein ganz Neutitschein: Swoboda, Dostal, Pospischil, Dokoupil, Nawratil! Wessely grüßte sie Ganz stolz, die Kinder auf dem Knie! Seine Anni, seine Fanni, etc. III. Wessely mit den Kinderlein Hat nicht lange Schwein, Sah, daß er auf dem Holzweg war, Und sein Stolz weg war! Denn ein guter Freund, der sprach einst zu ihm da: »Schau, du bist ein Ochs und kein Papa! Pack' deine Gattin, die Alice, Wie sie is', bei die Füß'! Schmeiß sie heraus, die Kinderlein Sind alles, nur nicht dein! Deine Anni, deine Fanni, Romuald und Hanni Und der Willi! 143 Anni ist die Tochter von dem Aktuar, Fanni aber von dem Schuldirektor gar, Wessely, die ander'n drei sind auch nicht dein, Denn da ist der Vater der Gesangsverein! Annerl, Fannerl, Romuald, Hannerl, Willibald! 144   Ich hab' das Fräul'n Helen' baden 'seh'n . . . I. Immer wenn man sieht den guten Friedrich, Jammert er: »Das Leben ist so widrig!« Aber gestern nacht, Hat er so gelacht, Als hätt' einen Treffer er gemacht! Gemacht! Gemacht! Gemacht! Wie er ins Hotel nach Haus' gekommen, Hat er eine falsche Tür' genommen, Wo das schöne Fräul'n Helene g'rad' im Bade saß. Da rief er in heller Ekstas': Ich hab' das Fräul'n Helen' Baden 'seh'n, Das war schön! Da kann man Waden seh'n, Rund und schön Im Wasser steh'n! Und wenn sie ungeschickt Tief sich bückt So, Da sieht man ganz genau Bei der Frau, Oh! 145 Ich hab' das Fräul'n Helen' Baden 'seh'n, Das war schön! Da kann man Waden seh'n Rund und schön im Wasser steh'n! Man fühlt erst dann Sich recht als Mann, Wenn man beim Badengeh'n Waden seh'n kann! Ich hab' das Fräul'n Helen' etc. II. Wie verwandelt ist der Friedrich heute, Freundlich grüßt er unbekannte Leute. Auch beim Business Ist er voll Noblesse, Will man ihn betrügen, sagt er: »Yes! Oh yes! Oh yes! Oh yes!« Er, der punkto Reinlichkeit ein Hasser, Schwärmt begeistert plötzlich nur für Wasser. Die Gemeinde seiner Freunde weiß nicht aus noch ein. Doch er lacht in sich nur hinein: Ich hab' das Fräul'n Helen' etc. 146 III. Unser Freund, der nahm zur Frau Helene; Doch die Waden, welche einst so schöne, Schlank und zart und süß, Wurden später mies Und so dick wie vom Klavier die Füß'! Die Füß', die Füß', die Füß'! Geht die Gattin heut' ins Badezimmer, Schaut der Mann sich nicht mehr an die Trümmer, Sondern weise schließt er leise hinter ihr die Tür'. Und spielt am verstimmten Klavier: Ich hab' das Fräul'n Helen' etc. 147   Das schöne Fräul'n Helen' soll nicht mehr baden! I. Könnt ihr euch erinnern? Vor'gen Jahres Zirka gegen Sommeranfang war es, Da sah ein Herr Von ungefähr Steh'n das schöne Fräul'n Helen' im Meer. Alle Freunde hat er eingeladen, Anzuschau'n vom Fräul'n Helen' die Waden Und beim Sichbücken Zu erblicken An ihr das und dies . . . Schließlich sprach ein jeder: Mir ist mies! Das schöne Fräul'n Helen' Soll nicht mehr baden! Ich hab' genug geseh'n Von ihren Waden! Sie soll auch zeigen Nicht mehr so Beim Sichverneigen Ihren oh! Das schöne Fräul'n Helen' soll nicht mehr baden! Von mir aus kann sie steh'n im Wasser drin, Sie kann gebückt sein, gespickt sein mit Waden! 148 Ich hab' genug geseh'n, ich schau' nicht hin! Das schöne Fräul'n Helen' soll nicht mehr baden! II. Wenn ein Mensch ums Baden nur sich kümmert, Kommt's, daß sein Geschäft sich bald verschlimmert. Baden zu geh'n, Waden zu seh'n, Bringt nichts ein und macht nur lange Zähn'! Und so ging's auch unserm jungen Manne, Pleite ging er an der Badewanne! Noch eine Träne Um Helene Ihm vom Auge rann, Dann verkaufte er die Badewann'. Das schöne Fräul'n Helen' etc. 149   In Schönbrunn Wiener-Lied I. Hörst' Marie, Was ist heut? Sonntag früh? Was mach' ma' Nachmittag, Geh', Schatzerl, sag'? Weißt' Marie, Ich erwart' Dich am Glacis Um viere nachmittag Im blauen Frack! Und vom Schorschi aus'm Achtzehnerhaus Leich' ich mir den neuchen Landauer aus, Mir fahr'n fort und weißt', wohin, mein Spatz? Für so ein Sonntagsglück gibt's nur an'n Platz: In Schönbrunn, in Schönbrunn, Scheint um fünf herum noch allerweil die Sunn', In Schönbrunn, in Schönbrunn, Hat der liebe Gott dann furchtbar viel zu tun! Er gibt acht, er gibt acht, Daß ihm kein verliebtes Paar a Dummheit macht, Denn wenn die Sunn' amal schlafen geht, gleich ist die Liebe dann aufgewacht, Ja in Schönbrunn, in Schönbrunn, bei der Nacht! 150 II. Lieber Schursch, Du bist ein braver Bursch, Drum fahr' ich auch mit Dir Ins Waldrevier! Hörst', Marie, Mit Dir a Landpartie Ist meine größte Freud Zur Frühlingszeit. Auf der Wiese unter der Gloriett' Macht Gott Amor für Verliebte ein Bett; Lächelnd neigt sein Haupt der Fliederbaum Und rauscht sein altes Lied im Blütentraum: In Schönbrunn, in Schönbrunn, etc. 151   Da san mir net scharf drauf in Wien Ein Lied von der Wiener Seele I. Mir in Wien san eine sonderbare Rasse, An Charakter ham ma net, dös strengt uns an; Aber trotzdem san ma eine eigne Klasse, Mir san mir und hab'n an ganz besondern Schan! Wann die andern Völkerschaften von Professern Sich erfinden lassen Fortschritt und Kultur, Mir in Wien, mir woll'n a Ruah hab'n und nix verbessern, Mir san halt wienerisch, dös is uns g'nua. Und wenn die Andern voller Kraft Geh'n vorwärts Schritt um Schritt, Mir san a wilde Völkerschaft, Und machen dös net mit . . . Da san mir net scharf drauf in Wien, Is net wahr? Mir schau'n, ob die Trauben hübsch blüh'n, Aber klar! Mir hab'n ja an Herrgott, der macht uns schon g'sund, Und wann er es nicht macht, na, geh'n ma halt z'Grund, Aber arbeiten und uns bemüh'n, Seh'n S'! Da san mir net scharf drauf in Wien! 152 II. Kolossal, zum Beispiel, san doch die Berliner, Die san tüchtig, ja, da gibt's kein Hindernis! Doch was ganz besonders int'ressiert den Wiener, Is das Essen, was bei denen möglich is! Ihre Mehlspeis is zum Beispiel nur für's Auge, Rot und grün is sie und heißt sich Flammerie, Gehst net weg! Doch schmecken tut s' wie von der Seif' die Lauge, Und nachher frag'n s' uns noch: Nu, wat sag'n Sie?! Erst hab i lang herumgedruckt Ganz gegen mei Natur, Dann hab i'n Mehlpapp ausgespuckt Und hab' gesagt: Hör'n S' zua! Da san mir net scharf drauf in Wien, Is net wahr? A Mehlspeis is ka Medizin, Aber klar! Mir machen an Knödel, es ist ja net fein, Aber's schmeckt und wir geben kan Schuasterpapp 'nein, A Mehlspeis, was rot is und grün, Seh'n S'! Da san mir net scharf drauf in Wien! 153 III. In Amerika hat neulich ein Erfinder, Wie die Zeitungen gemeldet hab'n in Wien, Patentier'n sich lassen, wie man kleine Kinder Kann erzeugen mittels Dynamomaschin'! Riesig einfach is die G'schichte, gleich versteht man's, Und sehr billig is, denn's kostet nur paar Neetsch, Bissel Kohl'n, a bisserl Eiweiß und nachher dreht man's Und fertig is der ganze Pamperletsch! Da fall'n mir Wiener net drauf 'rein, Denn mir san net für Tricks, Das Resultat kann prachtvoll sein, Doch das Verfahr'n is nix! Da san mir net scharf drauf in Wien, Is net wahr? In dem Punkt bemüh'n wir uns gern, Aber klar! Mir hab'n ja a Bluat und dös gibt uns ka Ruah Und Bankerln im Stadtpark drin hab'n mir aa gnua, Aber in der Fabrik, per Maschin, Seh'n S'! Da san mir net scharf drauf in Wien! 154     Die Pest und das Lachen Prosa und Theaterkritik Brünner Theaterbrief Brünner Theaterbriefe sollte man nicht mit geringschätzigem Lächeln als »Provinztheaterberichte« quittieren. Es ist nicht gekränkter Lokalpatriotismus, der sich trotzig in die Brust wirft und Beachtung für das Brünner Stadttheater verlangt. Denn vor allem darf nicht übersehen werden, daß gerade diese Bühne als deutsches Kunstinstitut in einer Stadt des vordringenden Tschechentums ein wichtiger Kulturträger ist. Überdies aber und im Vertrauen gesagt, haben wir in Brünn ein sehr gutes Theater, das unter der artistischen Leitung des Direktors A. C. Lechner, zugleich eines vornehmen, feinfühligen Regisseurs, zu respektablen Kunstleistungen gedieh, was die heurige Saison neuerdings beweist. An der Spitze ihrer literarischen Premieren steht Otto Julius Bierbaums stimmungsprächtiges Erstlingsdrama »Stella und Antonie«, in dem Frau Försters pikante und kapriziöse Kunst glänzte, während die im ganzen recht gelungene Leistung des Herrn Bolten dennoch eine leise Sehnsucht nach dem noch immer unvergessenen Willy Malcher (Wiesbaden) nicht zu unterdrücken vermochte. Bierbaums Stück, eine feine Ziselierarbeit in Barock, ist ein äußerst wirksames Drama, dem nur ein etwas wunderlicher Schluß Abbruch tut. Die 158 Brünner Aufführung (die erste in Österreich; das Wiener Burgtheater täte gut, sich dieses Dramas zu versichern) begegnete dem wärmsten Verständnis des Publikums. (. . .) Das verhätschelte Lieblingskind des Brünner Publikums, die Operette, verfügt in dem Ensemble unserer Bühne über eine schlagfertige Armee lustiger Geister. Schade, daß es im Generalstab dieser Armee an einer Stelle bedenklich hapert! Denn leider krankt unsere Operette an der chronischen Unbeholfenheit der Operettentenöre seit Jahren. Die drei Premieren der diesjährigen Saison waren »Bruder Straubinger«, »Wiener Blut« und »Frühlingsluft«. Eyslers melodiöses, liebenswürdiges Werk fand den größten Beifall, der freilich auch der köstlichen Darstellung des Frl. Rainer (Oculi) und des Herrn Charle (Bruder Straubinger) galt. »Wiener Blut« ging den Weg aller schlechten Libretti von heute, eine Niederlage, an der die ewig-junge Straußmusik ebenso unschuldig ist, wie Herr Kapellmeister Stolz, der sein liebenswürdiges Temperament in den Dienst einer verlorenen Sache gestellt hatte. Fast hätte er mit »Frühlingsluft« gleich verlorene Liebesmüh' gehabt, hätten sich nicht Frl. Rainer und Herr Müller (Nazi) die Aufgabe gestellt, durch tolle Laune und Beweglichkeit diesem unsäglich traurigen Libretto zur Existenzmöglichkeit zu verhelfen. Früher halfen sich die Autoren aus Verlegenheiten, indem sie ihre überflüssig gewordenen Bühnenmenschen – sterben ließen. Die Verfasser der »Frühlingsluft« verbannen solche Unglückliche nach Orten, die man zur Not 159 andeutungsweise aussprechen kann. O tempora, o mores! Die Theaterstücke von gestern waren Mördergruben, heute sind sie – Senkgruben. Quae mutatio rerum! 160   Die Pest und das Lachen Ein Geleitwort Es war einmal Pest in Wien. Mehr hat den Wienern nicht gefehlt, die doch raunzen, selbst wenn ihnen gar nichts fehlt. Also war ein großes Wehklagen in der Stadt. Nur einer hat gelacht: der liebe Augustin. Eigentlich hieß er gar nicht »Der liebe Augustin«. Er hieß Augustin schlechtweg. Aber man nannte ihn »Der liebe Augustin«, weil er lachte, und weil die Wiener das Lachen lieben. So zwiespältig ist die Wiener Seele: sie liebt das Raunzen und das Lachen. Sie lächelt unter Raunzen. Sie hat eine kritische Natur, und darum ist ihr gar nichts recht. Sie muß alles analysieren, um den faulen Kern bloßzulegen. Sie ist ein umgekehrter Mikado, sie sucht nicht »den Humor in jedem Fall hervor«, sondern spioniert nach dem Ärgerlichen in allen Dingen. Sie sammelt Manki und Defizite. Was man halt so Raunzen nennt! Aber sie ist nur eine brummige und keine giftige Seele. Ihr Nährboden ist die weiche Wienerwaldluft, und deshalb kennt sie keine Verzweiflung. Wenn sie das Minus gefunden hat, ist sie nicht außer sich, sondern – lacht! Sie freut sich, daß ihr Pessimismus recht behalten hat. Das genügt ihr als Wahrheitsfanatikerin. Aber verzweifeln? Lächerlich! Sie ist eben voll Weisheit, diese Wiener Seele. Läßt 161 sich auf der einen Seite nicht in einen albernen Optimismus einlullen, weigert sich aber auf der andern, sich wegen der Schlechtigkeit der Welt aufzuhängen. Die Erde, sagt sie, ist eine schiache Wohnung; da es aber keine andere Welt gibt, wo man sich niederlassen könnte, muß man sich eben in dieser miserablen Wohnung nach Möglichkeit einrichten! – – – Ist euch jetzt das Rätsel der Wiener Seele klar? Begreift ihr nun, daß in einer und derselben Brust Platz für Raunzen und Lachen ist? * Der liebe Augustin ist vor etlichen hundert Jahren gestorben. Aber weil er ein Teil der Wiener Seele war und die Seele bekanntlich unsterblich ist, lebt er heute noch. Er ist eben wieder auferstanden. Als echter Wiener natürlich in einem Caféhaus. Also im Café Prückel haust jetzt (seit mehr als tausend Tagen) der neue »Liebe Augustin« und erfreut die Wiener wie sein Vorgänger durch seine ungebrochene Fröhlichkeit. Und er lacht über die Pest auch dieser Zeit, weil er weiß, daß sie nur eine Krankheit ist, die vorübergehen wird. Oh, er kennt die Wahrheit, dieser liebe Augustin. Und er sagt sie auch. Denn er hat lauter junge Menschen angestellt, mit denen er den Wienern das Lachen beibringt. (Und junge Menschen sagen immer die Wahrheit; sie sind noch nicht so bequem wie die Alten, die vor den häßlichen Dingen die Augen zudrücken, »daß man sei' Ruah hat!« Sie hassen die Ruhe, diese Jungen, und lieben den Kampf gegen die Unsauberkeiten der Welt.) 162 Wenn ihr also echte Wiener seid, die nur die Wahrheit hören wollen, wenn ihr zu raunzen wünscht, um dann befreit lachen zu können, wenn ihr ein fröhliches, freies Wort liebt und die Ungebundenheit des Geistes: Dann besucht den Lieben Augustin! 163   Wenn Dichter Lieben . . . Wenn einer acht Gymnasialklassen gemacht hat, wenn einer die Maturitätsprüfung abgelegt hat, wenn einer gar Jurist geworden ist, so möchte ich hundert gegen eins wetten, daß dieser Mann Gedichte macht. Hundert gegen eins setze ich, daß ein solcher Jüngling den Beruf in sich fühlt, sich lange Haare wachsen zu lassen, auffallende Kravatten zu tragen, großgeblumte Westen spazieren zu führen, mit einem Wort: ein deutscher Dichter zu sein. Gott, schließlich das ärgste ist das nicht. Kartenspiel und Alkoholgenuß sind viel schlimmer, denn sie geben ein öffentliches Ärgernis; die Gedichte aber braucht ja niemand zu lesen! Nicht wahr? Leo Haberlandt war Gymnasiast gewesen, hatte die Matura gemacht und war Jurist geworden. Also? Also war er ein Dichter. Schön! Das heißt, nein! Nicht schön! Denn die Leute stellen sich den Beruf eines Dichters viel zu einfach vor. Sie kalkulieren so: ein Dichter braucht zum Schreiben nichts weiter als Feder, Tinte, Papier und Radiermesser, so wie der Schuster für seine Werke Leder, Pech, Zwirn und Ahle benötigt. Basta! Aber ich meine, man kann sich doch das Dichter- und Schusterhandwerk trotz Hans Sachsen nicht so ohne weiteres zusammenkoppeln. Denn wenngleich auch 164 einmal ein Dichter Pech bei seinen Gedichten haben kann, ledern dürfen sie niemals sein. Die Leute aber kalkulieren trotzdem weiter: Außer dem Handwerkszeug braucht der Schuster nichts mehr, also auch der Dichter nicht. Das erste Paar Schuhe ist noch nicht tadellos, das zweite schon besser, das dritte gut, das vierte sehr gut usw. Also, das ist doch ganz falsch. Total. Das heißt, beim Schuster stimmts noch. Der braucht zu seinem Handwerksgerät nur mehr Kundschaften. Der Dichter aber? O, o! Ich will schon nicht sagen, daß er auch Talent haben muß, weil das eine veraltete Ansicht ist. Aber Anregung braucht er, Anregung, verstehen Sie das? Wie schaut nun so eine Anregung aus? Sehr einfach. Faustdicke, schwere, blonde Zöpfe muß sie haben, blaue Augen und rote, rote kußdurstige Lippen. (Es können übrigens auch schwarze Zöpfe und braune Augen sein. Farbe ist hier mehr oder weniger Nebensache. Aber von den roten, roten, kußdurstigen Lippen kann ich nicht einen Strich abhandeln lassen.) Die Scharfsinnigen unter meinen Lesern, beziehungsweise Zuhörern werden vielleicht bereits erraten haben, daß die geschilderte Anregung in nichts anderem besteht als in dem sogenannten »süßen Mädel«, das – wie Sie ja aus den deutschen Romanen und Novellen der Jetztzeit wissen werden – notwendigerweise zu dem Metier eines modernen Dichters gehört. Diese Notwendigkeit leuchetet auch unserem Freunde Leo Haberlandt ein, und so sah er sich mit großer Gewissenhaftigkeit nach einem süßen Mädel 165 um, selbstverständlich nur aus Liebe zur Dichtkunst. Mit welchem Erfolg, das wissen alle Klatschbasen der Stadt. Und das kam so: In der Herrengasse hatte Leo nämlich eine Junggesellenwohnung, mit streng separiertem Eingang natürlich. Aber dieser Eingang zum Paradies führte an der Hausmeisterswohnung vorbei, somit auch an den glänzenden, neugierigen Augen des Hausmeistertöchterleins Ritschi. Hausmeistertöchter von Junggesellenlogis sollten eigentlich immer blind sein. Leider traf das bei Ritschi nicht zu und so erzählte sie jedem, der es hören wollte, folgendes: »Alsdann dos is schon nit mehr schön mit'n Herrn Haberlandt. Jojda mamenko, Herschoften, dos is a Feiner. Jed'n Tog gehta mit aner andern. Und imma a Frailn mit ondere Hoor! So a Grasl sakra! Der holt was auf Abwechslung!« Aber der Schein trügt. Wir werden sehen, daß es absolut nicht Leos Hang zur Polygamie zugeschrieben werden konnte, wenn er seine süßen Mädeln so häufig wechselte wie eine sekkante Hausfrau die Dienstboten. Nämlich: Ja wie fang ich denn nur an? Die nachfolgende Geschichte habe ich nämlich von Fräulein Ritschi, die mir folgendes anvertraute: »Wissens, die vorigen Weihnächten gibt ma da Herr Haberlandt zehn Ranischeln und sagt a ma: Frailn Ritschi, sogt er, kaufens an schön' Chrisbaum und gebens holt a poor Ketten un silberne Nuss'n un Pomarantschn und so drauf, ich krieg heut Obns Besuch. No, Sie kennen sich denken, wie schrecklich neigierig doß ich wor. Ich homma gedenkt, so Weihnächten, die wos a Dichter feiert, die müssen ganz was extras sein. Hob ich mich holt in 166 Vorzimmer hintan grosen Speiskosten vasteckt und homma Obacht geb'n.« Es ist leicht ersichtlich, daß ich meine Erzählung nicht in diesem wohlklingenden Jargon fortsetzen kann. Ich habe also aus Ritschis Erzählung das Wichtige herausgeschält und gebe hiermit diese Rekonstruktion wieder. Also es war um die Weihnachtszeit und zwar im Dichterwallen Leo Haberlandts jene Zeit, in der er gerade bei der siebzehnten Muse hielt, welche hinwiederum die fünfte in der Reihe jener unter seinen Freundinnen war, die blonde Haare und blaue Augen hatten. Mit einem Wort: es war die Zeit der Antschi. 24. Dezember, abends. Unruhig wandelt Leo das Zimmer auf und ab. Seine Seele hat Feiertag, sein Körper trägt das Festgewand. Erstens die Kravatte; der neueste englische Schlager von Goldmann \& Salatsch mit einem Dessin! Mit einem Dessin! Es wird mir grün und gelb vor den Augen. Zweitens: ein Gehrock. Dieser Gehrock war vielleicht das schönste Gedicht unter Leos Gedichten. Natürlich Glockenfasson, wie es sich für einen Dichter geziemt. Wenn Leo darin wandelte, wunderte man sich unwillkürlich, daß es nicht zu läuten anfing. Drittens: eine französische Weste mit einem Reliefmuster, Weintrauben mit Rebenranken. Diese Weste geht über jede Schilderungskunst. Es ist am besten, man spricht nicht von ihr. Sie läßt sich ja doch nicht beschreiben. Ich bin überzeugt, wenn ein Bauer diese Weste gesehen hätte, er hätte die Sprache verloren. Und wie es hier roch! Zwei Worte: Französisches Parfüm! Ein Wort: Famos! Es roch nach jenem 167 verderblich duftenden Wasser, für das der deutsche Dichter, der etwas auf sich hält, unter dem Namen Trèfle Incarnat die wahnsinnigsten Preise zahlt. Ein mystisches, feierliches Halbdunkel lag im Zimmer. Keine Kerze, keine Lampe brannte, nur das Bogenlicht eines Geschäftsladens gegenüber in der Straße warf einige dämmernde Strahlen durchs Fenster, die das Mobilar des Gemachs in schwachen Umrissen erkennen ließen. Auf einem Tischchen, mitten in einem Bücherhaufen stand ein dunkler Tannenbaum und zitterte mit den Zweigen. Eine kichernde Glocke ruft plötzlich: Bimbimbimbim! Das ist Antschi. Mit langsamen, priesterlichen Schritten bewegt sich Leo zur Vorzimmertüre. Er ist ganz Weihnachten. Das Fest des Herrn! Noch immer hörte man das übermütige Läuten, bis die Tür geöffnet wurde und ein fröhliches, klingendes Lachen erscholl. Da verstummte die Glocke vor Neid und Scham, denn das Lachen war wie ein verirrter Frühlingstag im Winter, wie ein lustiger Sonnenstrahl, der aus grauen Regenwolken bricht. Gleich darauf wirbelte etwas Lichtes ins Zimmer, man sah einen weißen wehenden Schleier und einen braunen Sammthut, der wie ein Komet durch die Luft fuhr und auf ein Fauteuil fiel. Strengte man ein wenig die Augen an, so erblickte man nun eine Feuergarbe von hellblondem, wildzerzaustem Haar, in dem tausend winzige Schneeflöckchen glitzerten. Dieser Wirbelwind – muß ich es erst verkünden? – war Antschi. 168 Antschi, die siebzehnte Muse! Ich glaube nicht, daß Antschi eine Goetheforscherin war. Ich glaube auch nicht, daß sie mit ihren Eingangsworten Goethe zitieren wollte. Vielmehr bin ich der Ansicht, daß Goethe das deutsche Wörterbuch keineswegs gepachtet hat, und daß Antschi instinktiv aus dem deutschen Sprachschatze jene zwei Worte zusammenklaubte, die vor ihr Goethe schon gesprochen. Ihr erster Ausruf nach ihrem Eintritt war nämlich: Mehr Licht! Mehr Licht! Das war ein Wunsch, den jeder vernünftige Mensch für völlig berechtigt erklären mußte. Nicht so ein deutscher Dichter, nicht so Leo Haberlandt. Mit müder Stimme lispelte er zur Erwiderung: »Mein Kind! Es soll finster um uns sein, wenn es in unserer Seele leuchtet. Und ist doch heut ein besonderes Leuchten. Der Tag des Herrn!« Er faßte Antschi bei den Fingerspitzen und geleitete sie bis zum Kanapee, wo beide sich niederließen. Und er begann zu sprechen. Mit eindringlichen Worten sprach er über das Weihnachtsfest vom religiösen, philosophischen, sozialen und ästhetischen Standpunkt. Da er bei jedem dieser Standpunkte zirka 20–25 Minuten verweilte, ergibt eine einfache mathematische Operation, daß Leos Weihnachtsvortrag ungefähr 1½ Stunden Zeit in Anspruch nahm. Als er geendet hatte, sprang Antschi kurz entschlossen auf, zog ein Zündhölzchenschachterl aus der Tasche und zündete die vielen Kerzen des Christbaums an. Als das Licht aufstrahlte und fröhlich hin und her durchs Zimmer schoß, sah man 169 einen müden Zug um Antschis Mund. Na ja! Vom sozialen, ästhetischen, religiösen und philosophischen Standpunkt! Kein Wunder! »Gestattest du, daß ich meine Jacke ablege?« Leo gestattete. Unglaublich großherzig, nicht wahr? Antschi war ein Gotteswunder. Süß, duftig, blond, zart und lieb! Lieb! Zum Totküssen. Wir werden sofort sehen, wie Leo das zu würdigen wußte. Als sich nämlich das Gotteswunder auf seinen Schoß setzen wollte, sagte er: »Pardon, mein Kind, ich dachte mir nun, es wäre recht passend, wenn wir unsere heutige Christfeier mit einer kleinen Weihnachtsdichtung einleiteten.« »Bitte«, sagte das Gotteswunder und setzte sich wieder verschüchtert auf das Kanapee. Leo begann seine Vorlesung. Die kleine Novelle war etwas länglich geraten, aber schließlich sind ja auch ¾ Stunden keine Ewigkeit, und so ging auch das vorüber. »Gestattest du, daß ich meine Handschuhe ablege«, kam es fast klagend von ihren Lippen. Leo gestattete. Zynische Leute werden zwar sagen, ein Anderer hätte Antschi schon vor 2 Stunden die Glacés von den süßen, weißen, kleinen Händchen gezogen. Aber was verstehen die Leute von Poeten? »Nun, mein Kind, wollen wir Bescherung halten«, sagte Leo mit Gönnermiene. Antschis Engelsgesicht heiterte sich auf. Ein Seufzer der Erleichterung durchzitterte ihr schlankes Figürchen, und in ihren Augen standen zärtliche Vorstellungen von bunten Seidenbändern, duftigen Spitzen, durchbrochenen 170 Strümpfen, frivolen Lackstiefelchen und anderem göttlichen Unsinn. Wie ein Hohenpriester trat Leo an den Tisch, auf dem um den strahlenden Tannbaum die Geschenke lagen. »Zunächst, mein Kind, nimm hier: Goethes Gedichte. Wenn deine Seele stille, friedsame Feierstunden hält, sollst du diese Gedichte lesen. Aber wenn Freude an Kampf und Spiel dich durchbebt, sollst du unsern lieben Liliencron zu Hand nehmen, mit dem ich dich hier gleichfalls beschenke. Und wenn ein leises Weinen durch dein Herz geht, lies diesen Heine hier!« Ohne Antschis Zustimmung abzuwarten, begann er, ein Goethe-Gedicht vorzulesen. Dann ein zweites, dann ein drittes. Antschis stille Duldermiene war zum Erbarmen. Nach dem vierten Gedicht fiel eine große Träne auf ihren Schoß: »Mich drückt der Schuh so schrecklich«, sagte sie und durch den Tränenschleier traf ihn ein angstvoller Blick, der sagen wollte: »Ja verstehst du denn nicht?« Jeder andere an Leos Stelle hätte Antschi mindestens den Schuh ausgezogen, eventuell bei dieser angenehmen Gelegenheit einen raschen Kuß auf ihr Füßchen gepreßt, mit einem Worte gewußt, wo sie der Schuh drücke. Denn jeder halbwegs vernunftbegabte Mann weiß, wenn ein Mädchen der Schuh drückt, ist es nie der Schuh, der dran Schuld ist. Aber Dichter sind halt eine eigene Rass', und so sagte Leo nur mit leisem Tadel: »Siehst du, mein Kind, das kommt davon, wenn man so kleine Stiefel trägt.« Hierauf wollte er darangehen, die unterbrochene Vorlesung wieder aufzunehmen. Aber der Himmel, von dem jetzt ein 171 Wolkenbruch niederging, wollte es nicht. Wenn die großen Tropfen fallen, so ist auch der Regenguß nicht fern. Frauen sind ja viel imstande, was das Weinen betrifft, aber was sich Antschi jetzt leistete, war beispiellos. Ratlos stand Leo, der Dichter, da und sagte endlich: »Ja Kind, was hast du denn? Was fehlt dir eigentlich?« Da kam es, erst schüchtern klagend, dann immer heftiger und schließlich brausend wie die Wogen einer Sturmflut aus Antschis Mund: »Da – da – da sitz ich jetzt scho – o – o – n zwei Sch – Stunden hier, u – u – und du hast mir noch nicht einmal ein Bussel gegeben. Ich glaub zweieinhalb Stunden, länger braucht man nicht zu warten. Ja was glaubst du denn, du Fadian! Wer steht sich um deine talketen Bücheln! Keiner! Da hast!« (Bum! Goethe kam auf die Erde zu liegen!) »Ha! Was der sich vorstellt! Ich pfeif dir auf deine Gedichte!« (Krach! Liliencron teilte Goethes Schicksal.) »Hätt' ich nur der Hannerl, der Trudel und der Miltschi gefolgt. Die haben mir von dir abgeraten. Mit aufgehobenen Händen haben sie mich gebettelt, ich soll nur mit dir nichts anfangen. Da hast du deine dummen, dummen Scharteken.« (O Schmerz! Heine war im Bunde der Dritte!) Flammend vor Zorn stand Antschi mitten im Zimmer, und während das entzückendste Karminrot der Empörung sich auf ihr bildhübsches Gsichtel legte, setzte sie ihren Hut auf, zog ihre Jacke an, bastelte ein bissel an den Handschuhknöpfchen herum und warf einen letzten Blick auf den Dichter. Noch 172 hätte Leo Zeit gehabt, Antschi war doch so bescheiden! Ich bin überzeugt, drei Küsse wären ihr genügend gewesen. Kann man weniger verlangen als drei Busseln? Meiner Ansicht nach ist dies sehr wenig! Hätte sich Leo zu dieser tapferen Tat aufgerafft, Antschi wäre ihm um den Hals gefallen, und alles wäre gut gewesen. Aber nichts dergleichen! Wie eine Henne, der man die Jungen rauben will, stürzte sich Leo auf die am Boden liegenden Bücher, und während Antschi wortlos das Zimmer verließ und dröhnend die Tür zuschlug, legte er schmerzlich lächelnd den Goethe, den Liliencron und den Heine auf den Tisch zurück. * Das ist die Geschichte des großen Don Juans Leo Haberlandt. Sie zeigt, daß die Frauen der Literatur höchst bedauerlicherweise ein geringes Verständnis entgegenbringen. Sie beweist klar und unzweifelhaft, daß es die »süßen Mädeln« zwar sehr gern haben, wenn ein Dichter sie liebt, daß sie aber, wenn er sie liebt, alles von ihm verlangen, nur keine Gedichte. Im lauschigen Zimmerwinkel soll er sie in Ruh lassen – das heißt mit den Gedichten. 173     Der Vorhang hebt sich Doppelconférencen von und mit Fritz Grünbaum und Karl Farkas Der Vorhang hebt sich oder Murillo und die Nichteinmischung Karl Farkas (stürzt in Grünbaums Arbeitszimmer, fällt über den Schreibtisch her und legt sich das erste beste Blatt Papier zurecht) : Du, Grünbaum, ich habe eine fabelhafte Idee – Fritz Grünbaum : Ich auch: geh' hinaus, klopf' an, komm wieder herein, und grüß'! Farkas : Dazu ist jetzt keine Zeit, heute müssen wir endlich anfangen, unsere neue Revue zu schreiben. Also: der Vorhang hebt sich – Grünbaum : Bist du verrückt? Auf die Rückseite einer Meisterzeichnung willst du die neue Revue schreiben? Farkas : Ich hab's für Konzeptpapier gehalten. Laß den Mist nicht herumliegen! Grünbaum : Eine Skizze von Murillo nennst du Mist? – »Ruhendes Zigeunermädchen« . . . 2000 Schilling habe ich dafür gegeben. Farkas : Das sieht dir ähnlich! . . . 2000 Schilling für ein Zigeunermädchen! Ich hab' zu Hause den Kaiser Napoleon für 8 Schilling! Grünbaum : Das sieht dir wieder ähnlich! Wenn man nichts von Bildern versteht, soll man keine kaufen. Übrigens ist dies meine Privatsache und geht dich nichts an. Misch' dich nicht hinein, wir sind nicht in Spanien. 176 Farkas : Wieso Spanien? Ah, wegen Murillo? Grünbaum : Nein, wegen Franco. Farkas : Du hast ihm geschrieben? Grünbaum : Wem? Farkas : Dem Murillo. Grünbaum : Wieso? Farkas : Weil du »franko« sagst. Grünbaum : Franco ist doch ein General. Farkas : Und der Murillo hat ihn gemalt? Grünbaum : Aber der Murillo ist doch schon tot – Farkas : Warum schreibst du ihm dann? Grünbaum : Ich bitte dich, mach' mich nicht wahnsinnig! Ich habe dich gebeten, nicht mehr von Malerei zu sprechen; du verstehst nichts davon, also misch' dich da nicht hinein! Farkas -. Gut, gut, aber was hat das mit Spanien zu tun? Grünbaum : Dort mischt man sich eben hinein! Farkas : Wer? Grünbaum : Der Nichteinmischungsausschuß. Farkas : Der mischt sich hinein? Grünbaum : Ja. Farkas : Wieso heißt er dann Nicht einmischungsausschuß? Grünbaum : Weil er den Staaten verboten hat, sich in Spanien hineinzumischen. Farkas : Sie mischen sich aber doch hinein! Grünbaum : Ja! Aber ohne Erlaubnis! Farkas : Und in China ist auch so ein Ausschuß? Grünbaum : Nein. Farkas : Dort ist es also erlaubt? Grünbaum : Ja! 177 Farkas : Und grad dort mischt sich niemand hinein! Grünbaum : Weil es zu weit ist. Deshalb heißt es auch »der Ferne Osten«. Farkas : Also, wo es erlaubt ist, mischt sich keiner hinein, und wo es verboten ist, jeder? Grünbaum : Nicht jeder! Nur die mischen sich hinein, die sich trauen! Farkas : Und die sich nicht trauen? Grünbaum : Denen ist es verboten! Farkas : Aha! Grünbaum : Verstanden? Farkas : Nein! Was geht das alles den Murillo an? Grünbaum : Schluß – Aus! – Kein Wort von Bildern, nichts von Politik! – Erzähl mir deinen Revuestoff, auf was anderes bin ich nicht neugierig! Farkas : Ich doch auch nicht! Du bist ja immer derjenige, der vom Hundertstel ins Tausendste kommt! – Aber jetzt fangen wir definitiv mit der Revue an! Also: der Vorhang hebt sich – Grünbaum : Einen Augenblick! Farkas : Keinen Augenblick! Jetzt wird gearbeitet! Man müßte einmal deine Gespräche während unserer Revuearbeit auf Schallplatten festhalten – Grünbaum : Danke! Ich habe nicht den Ehrgeiz, bei der Ravag gratis mitzuwirken! Bei mir wird sie sich die Spesen für den Bau ihres neuen Funkhauses nicht hereinbringen! Farkas : Die Ravag hat ein neues Funkhaus? Wozu hat sie das gebraucht? Grünbaum : Sie hat schon soviel Schallplatten gehabt, daß in der Johannesgasse kein Platz mehr dafür war! 178 Farkas : Du fängst auch schon damit an? Seit sich der Reichsbrückenbau seiner Vollendung nähert, haben sich sämtliche Wiener Komiker auf die Schallplattensendungen der armen Ravag gestürzt. Dabei ist das pure Verleumdung: Die Ravag sendet nicht lauter Schallplatten! Grünbaum : Gewiß nicht! Hie und da sendet sie auch Grammophonmusik! Farkas : Sei nicht boshaft! Wahrscheinlich liebt das Publikum die Schallplattensendungen. Sonst hätte es sich längst über sie beschwert. Grünbaum : Es hat sich beschwert! Farkas : Und die Ravag? Grünbaum : Steht auf dem Standpunkt, das Publikum hat außer den Wunschkonzerten keine Wünsche zu haben. Die Ravag bestimmt das Programm, und das Publikum hat sich nicht hineinzumischen. Farkas : Genau wie der Franco. Grünbaum : Um Himmelswillen, was willst du jetzt von Franco? Farkas : Der darf sich auch nicht hineinmischen! Grünbaum : Aber der Franco ist doch selbst Spanier! Farkas : Eben: in Spanien haben sich nur die anderen hineinzumischen! Grünbaum : Vor allem misch' du dich nicht schon wieder in Dinge, die du nicht verstehst! – Erzähl' deinen Revuestoff, das ist das einzige, wobei du auf meine Aufmerksamkeit zählen kannst. Farkas : Über diese Bemerkung werde ich mich beleidigen. Aber erst morgen! Heute müssen wir endlich mit der Revue weiterkommen. Also, paß auf: der Vorhang hebt sich – 179 Grünbaum : Das hab' ich schon gehört. Farkas : Was hast du schon gehört? Grünbaum : Daß der Vorhang sich hebt. Ich habe es sogar schon dreimal gehört. Farkas : Soll ich vielleicht die Revue hinterm geschlossenen Vorhang spielen? Grünbaum : Keine schlechte Idee! Man würde sie vor dem Vorhang nicht hören! Das Publikum wäre dir sicher dankbar dafür! Farkas : Ich habe keine Lust, mich mit dir herumzukriegen, ich bin nicht Japan, und du bist nicht China. Grünbaum : Wie kommst du auf Japan und China? Farkas : Weil die Krieg miteinander haben. Grünbaum : Wer? Farkas : Japan und China. Grünbaum : Haben was? Farkas : Krieg. Grünbaum : Wer hat dir denn wieder diesen Bären aufgebunden? Farkas : Liest du denn keine Zeitungen? Täglich gibts Schlachten in China, Tausende sind schon gefallen ... Grünbaum : Stimmt, aber wo ist da der Krieg? Krieg ist, wenn einer ihn erklärt! Das ist eben die geistvolle Errungenschaft der modernen Diplomatie: der ewige Friede durch Vermeidung der Kriegserklärung! Man führt Krieg, ohne ihn zu erklären! Farkas : Da wüßt' ich eine noch geistvollere Errungenschaft: man erklärt den Krieg, ohne ihn zu führen! Grünbaum : Unerfindlich, daß du dich bei so viel Geist 180 mit Revuen abgibst! Farkas : Revue! Richtig! Ich muß dir ja meinen Stoff erzählen! Also, paß auf: der Vorhang hebt sich – Grünbaum : Im Gegenteil: ich paß nicht auf, und der Vorhang hebt sich nicht! Farkas : Warum denn nicht? Grünbaum : Weil es acht Uhr ist! Höchste Zeit, daß wir in den Simpl zur Vorstellung fahren! Farkas : Wir haben also heute keine Zeile geschrieben! Grünbaum : Leider! Aber am nächsten Montag muß die Revue unbedingt geschrieben sein! Und jetzt komm', ich nehm' dich mit, unten wartet mein Wagen! Farkas : Oh! So nobel? Dein Wagen? Grünbaum : Ja, der 63er! 181   Nyon und der Tag des Pferdes Fritz Grünbaum : Servus, Karl. Karl Farkas : Servus, Fritz. Grünbaum : Du, auf dem Weg hierher habe ich über das Problem des schöpferischen Einfalls nachgegrübelt, und da ... Farkas : Halt! Kein Problem, kein Grübeln, kein schöpferischer Einfall, heute wird die Revue geschrieben. Grünbaum : Dazu bin ich ja hier. Ich möchte aber für diese Revue einen Stoff aus dem Leben ... Farkas : Das Leben ist ein schlechter Dichter, seine Stoffe beginnen recht spannend, verlaufen aber dann so banal! Grünbaum : Unsinn, hast du noch nie etwas Dramatisches erlebt? Farkas : Doch! Erst vorgestern nachts – Grünbaum : Erzähle! Farkas : Ich gehe um halb acht durch die menschenleere nächtliche Kärntnerstraße – Grünbaum : Fängt schon gut an! Farkas : – plötzlich ein gellender Pfiff, ein Mann in jagender Hast an mir vorbei ... Grünbaum : Hochinteressant! Farkas : – trägt einen Frauenhut ... Grünbaum : Auf dem Kopf? 182 Farkas : Aber nein! In der Hand! Hinter ihm die Polizei ... Der Mann hatte nämlich in dieser Nacht viermal in einem und demselben Modesalon einen Einbruch verübt ... Grünbaum : Wunderbar! – – Da muß er ja den ganzen Laden ausgeräumt haben? Farkas : Nein! Einen einzigen Hut hat er gestohlen – für die Frau, die er liebte. Grünbaum : Prachtvoll: der Dieb aus Hörigkeit! Aber warum mußte er wegen eines Hutes viermal einbrechen? Farkas : Sie hat ihn viermal zurückgeschickt – umtauschen! Grünbaum : So ein Blödsinn! Farkas : Ich sage ja, das Leben ist kein Dichter. Grünbaum : Du siehst, das Mysterium des schöpferischen Einfalls ist ... Farkas : – etwas, das nicht hierhergehört! Heute wird nicht philosophiert, sondern Revue geschrieben. Aber so machst du es immer: erst lädst du mich zur Arbeit ein, und dann wird zwecklos herumdebattiert. Grünbaum : Schön! Geben wir uns gegenseitig das Ehrenwort, heute ausschließlich beim Thema zu bleiben. Farkas : Einverstanden, Ehrenwort. Grünbaum : Ehrenwort. Farkas : Also, der Vorhang hebt sich – Grünbaum : Pardon, ich möchte nur feststellen, daß die Abirrungen vom Thema immer von dir ausgehen. Farkas : So? Wer hat das letztemal davon 183 angefangen, daß die in Spanien sich herumprügeln? Grünbaum : Herum»schlagen« meinst du – Farkas : »Schlagen« und »prügeln« ist dasselbe. Grünbaum : Falsch! Der Geist der Sprache differenziert die beiden Ausdrücke. Du kannst doch nicht sagen, »mein Herz prügelt nur für dich«. Die Hypertrophie der Sprache – Farkas : – hat mit unserer Revue nichts zu tun, Schluß! – Also: der Vorhang hebt sich – Grünbaum : Ha – Farkas : Was gibt's? Grünbaum : Die Finken prügeln, der Lenz ist da! Farkas : Was soll das wieder heißen? Grünbaum : Weil du sagst, »prügeln« und »schlagen« ist dasselbe! Farkas : Es ist zum Verzweifeln! So unkonzentriert warst du schon lange nicht. Was hast du denn heute? Grünbaum : Namenstag. Farkas : Heute? Der war doch vorige Woche? Grünbaum : Wieso? Farkas : Der Tag des Pferdes. Grünbaum : Hei, du wirst witzig. Fangen wir schnell an, die Revue zu schreiben, bevor sich der Anfall legt. Farkas : Du hast recht. Aber apropos: Tag des Pferdes; was war das eigentlich für eine Veranstaltung? Grünbaum : Das Pferd ist auch eine Kreatur Gottes. Und dennoch wird es geschlagen, mißachtet und ausgebeutet. Daran sollten wir erinnert werden. Farkas : Sehr schön! Und wann wird der »Tag des Menschen« abgehalten? 184 Grünbaum : Seit wann bist du unter die Philosophen gegangen? Jetzt wird Revue geschrieben. Farkas : Verzeihung. Also der Vorhang hebt sich – Grünbaum : Jetzt hebt sich der Vorhang schon zum viertenmal und die Bühne ist noch immer leer wie das Mittelmeer seit Nyon. Farkas : Wieso ist das Mittelmeer leer? Grünbaum : Weil jetzt die Piraten endlich verschwunden sind. Es waren nämlich Schiffe versenkt worden, und man wußte nicht, wer schuld ist – Farkas : Wer schuld ist? Wenn es nicht im Wasser wäre, hätte ich gesagt, die Radfahrer! Und jetzt weiß man also, wer schuld ist? Grünbaum : Ja! Aber man sagt es nicht. Denn, wenn man sagte, wer schuld ist, wären die, die schuld sind, beleidigt und kämen nicht auf die Konferenz zur Bestrafung derjenigen, die nicht schuld sind. Farkas : Sehr verzwickt! Grünbaum : Das ist die Technik und Methode der Diplomatie: sie ist bestrebt, einen Fall so rettungslos zu komplizieren, daß man zum Schluß mit der primitivsten Lösung zufrieden ist. So ist's auch mit den U-Booten. Farkas : Jetzt hör' schon auf, wir haben zu arbeiten. Deine U-Boote können mir gestohlen werden. Grünbaum : Schon gescheh'n. Farkas : Was? Grünbaum : In Brest hat man ein U-Boot gestohlen. Farkas : Wie stiehlt man eigentlich ein U-Boot, das kann man doch nicht in die Tasche stecken? Grünbaum : Nein, die Leute wollten die Besatzung bestechen, ihnen das U-Boot gegen eine Million 185 Peseten zu übergeben. Farkas : Dann war es doch ein Kauf? Grünbaum : Aber das U-Boot ist doch viel mehr wert. Farkas : Mehr als eine Million? Grünbaum : Viel mehr. Farkas : Und wie viele U-Boote hat so a Staat? Grünbaum : Hunderte. Farkas : Ein horrendes Geld. Grünbaum : Und dazu kommen noch die Schlachtschiffe! Farkas : Also, genau genommen, kostet doch so ein Krieg ein Vermögen. Grünbaum : Natürlich. Farkas : Und was kostet der Frieden? Grünbaum : Gar nix. Farkas : Da wär's doch praktischer, Frieden zu halten. Grünbaum : Die Völker sind eben mehr für den Luxus. Du kannst sie alle Revue passieren lassen ... Farkas : Revue, fangen wir um Gotteswillen endlich an. Der Vorhang hebt sich. Ein Gongschlag. Grünbaum : Ha – Farkas : Was denn? Grünbaum : Warum sagst du nicht Gong-»Prügel«, wenn »schlagen« und »prügeln« dasselbe ist? Farkas : Ich beschwöre dich, bleiben wir bei der Sache. Also der Vorhang hebt sich – Grünbaum : Zu spät! Wir müssen zur Vorstellung in den Simpl, soeben hat es acht Uhr – geprügelt! Farkas : Erstaunlich gut aufgelegt bist du! Wo wir heute nicht eine einzige Zeile geschrieben haben ... Grünbaum : Nächste Woche! 186 Farkas : Und unser Ehrenwort, nicht vom Thema abzuschweifen, haben wir auch gebrochen! Grünbaum : Macht nichts, nächste Woche geben wir uns – ein frisches Ehrenwort! 187   Geredet ist nicht gesprochen Fritz Grünbaum : Servus, Karl. Entschuldige ... Karl Farkas : Nein, ich entschuldige nicht . Warum kommst du wieder so spät? Grünbaum : Ich hatte ein schreckliches Erlebnis: Als ich an der Wohnung meines Portiers vorbeikam, stand die Tür offen. Was sehe ich? Der Hausmeister steht mitten im Zimmer, weiß im Gesicht, Schaum vor dem Mund, ein Messer in der Hand – Farkas : – Und? Grünbaum : Und rasiert sich! Farkas : Du sprühst schon wieder. Aber zu früh. Beginnen wir, die Revue zu schreiben, da kannst du sprühen. Grünbaum : Mir ist heute gar nicht so sprüherisch. Ich habe mir gestern abend »In der Nacht« angesehen. Farkas : Was soll das heißen, du hast dir gestern den Abend in einer Nacht angesehen? Grünbaum : Das Stück »In einer Nacht«, die Reinhardt-Inszenierung. Farkas : Und wie war es? Grünbaum : Alea jacta est. Farkas : Was heißt das? Grünbaum : Der Werfel hat gefallen. Farkas : Du sprühst schon wieder. Grünbaum : Im Gegenteil, ich bin deprimiert. Nach 188 einem Drama, mag es noch so schön dichterisch sein, bin ich immer so niedergedrückt. Ich bin gegen Dramen: immer die Toten ... Wenn schon hohe Kunst, dann lieber Oper! Zum Beispiel »Aida« – Farkas : Aber die wird doch zum Schluß lebendig begraben? Grünbaum : Ja, aber sie singt wenigstens dazu. Farkas : Gesprüh Nr. 3! Grünbaum : Musik ist immer versöhnend. Die in musikalischer Untermalung dargestellten Unlustgefühle erfahren ... Farkas : Geschenkt! Keine Malerei, keine Psychologie ... jetzt kommt die Revue. Heute muß sie fertig werden. Grünbaum : Das predige ich dir seit Wochen – Farkas : Predigt will ich auch keine. Ich will endlich die erste Szene sehen, dein Gerede ist überflüssig. Also der Vorhang hebt sich – Grünbaum : Es irritiert mich, daß du gesagt hast, ich rede. Wieso rede ich? Bin ich der Roosevelt? Der redet. Farkas : Der darf reden, weil er nicht stört. Grünbaum : So? Frag' die Japaner, ob er sie nicht gestört hat. Farkas : Wo, ich bitte dich, soll ich jetzt einen Japaner hernehmen? Also, der Vorhang hebt sich, auf der Bühne erblickt man – – Warum sagst du übrigens, daß der Roosevelt redet? Die anderen reden doch auch? Zum Beispiel in Genf! Grünbaum : Das ist aber nicht dasselbe: der Roosevelt hat gesprochen und in Genf wird geredet. 189 Farkas : Und was wird dort geredet? Grünbaum : Das sagen sie nicht, sie sind Diplomaten. Farkas : Roosevelt ist doch auch ein Diplomat? Grünbaum : Nein. Roosevelt ist – ein Staatsmann! Der Staatsmann macht Ernst, und der Diplomat – eine Konferenz! Farkas : Da bin ich auch ein Staatsmann: ich mache jetzt Ernst und fange die Revue an. Also der Vorhang hebt sich, auf der Bühne erscheint eine Dame – Grünbaum : Ich will nicht wissen, was erscheint, mich interessiert nur, was geschieht! Ohne Stückstoff kann der Dramatiker nicht leben. Farkas : Jetzt kommst du mir gar mit Chemie! Grünbaum : Warum nicht? Die Chemie hat der Revue schon große Errungenschaften geschenkt. Farkas : Nämlich? Grünbaum : Die Wasserstoff-Blondinen. Farkas : Genug! Erst bist du kosmisch, dann bist du kosmetisch; jetzt sei endlich einmal komisch und schreib einen witzigen Dialog. Grünbaum : Wie soll ich schreiben, wenn ich die Daumen halten muß? Farkas : Für wen? Grünbaum : Für Österreich. Farkas : Was ist denn schon wieder passiert? Grünbaum : Weißt du nichts vom Ländermatch Österreich–Ungarn? Farkas : Interessiert mich nicht. Diese Sportpsychose ist mir unverständlich: da kämpfen zweiundzwanzig Manderln, und fünfzigtausend Menschen schauen zu. 190 Grünbaum : Spiegelbild der Weltgeschichte: beim Ländermatch Japan–China kämpfen Millionen, und die ganze Erde schaut zu. Schaut zu und tut nichts. Beim Sportmatch schreien doch die Zuschauer wenigstens, aber beim Krieg schauen sie nur zu. Farkas : Pardon, Roosevelt hat geschrieen! Grünbaum : Allerdings! Farkas : Und Genf auch! Grünbaum : Zwischen amerikanischen und Genfer Erklärungen ist aber leider ein großer Unterschied: In Amerika wird beschlossen, was zu geschehen hat, und in Genf wird beschlossen, wann man, um zu beschließen, was zu geschehen habe, sich das nächstemal wieder treffen wird. Farkas : Wie bei dir und mir: jeden Samstag kommen wir zusammen, um eine Revue zu schreiben, und jeden Samstag beschließen wir dann nur, uns nächsten Samstag, um die gleiche Revue zu beginnen, wieder zu treffen. Aber heute darf das nicht wieder passieren, also vorwärts! Der Vorhang hebt sich, auf der Bühne erscheint eine reizende junge Dame – Grünbaum : Da liegt schon die erste Schwierigkeit: wie besetzt man diese Rolle? Du weißt doch, bei den Wiener Theaterdirektoren herrscht jetzt der Schrei nach den neuen Gesichtern. Farkas : Aber damit meinen die Theaterdirektoren doch nicht neue Schauspieler! Grünbaum : Sondern? Farkas : Neue Geldgeber! 191 Grünbaum : Dieser Schrei ist erst in der vorgerückten Saison fällig, im September reicht das Betriebskapital noch auf Ideale, da wollen sie neue Schauspielergesichter – Farkas : Über die Besetzung spricht man erst, wenn das Stück fertig ist. Vorläufig haben wir noch nicht die erste Szene. Also der Vorhang hebt sich – es erscheint eine reizende Dame – Grünbaum : Weder hebt sich ein Vorhang, noch erscheint eine Dame, vielmehr ist es acht Uhr, und wir müssen in den Simpl zur Vorstellung. Farkas : Na also: schon wieder um keine Zeile weitergekommen! Grünbaum : Ich glaube, ich bin überarbeitet! Das kommt daher, daß ich in diesem Sommer keinen Urlaub nahm. Farkas : Das kannst du doch jetzt noch nachholen. Verreise! Grünbaum : Wohin denn? Bei den heutigen Devisenschwierigkeiten? Ich möchte nach Schottland – wo soll ich die Pfund hernehmen? Ich möchte an den Lido – wo soll ich die Lire hernehmen? Ich möchte an die Riviera, wo soll ich die Francs hernehmen? Farkas : Geh doch in einen Österreichischen Kurort! Grünbaum : Wo soll ich die Schillinge hernehmen? 192   Von William Shakespeare bis Hjalmar Schacht Karl Farkas : Servus Fritz! Kein Gerede ... kein Geplauder ... Stoff bereits vorhanden ... hochaktuell ... spielt in China ... Also paß auf: ein Neger, der freiwillig in der chinesischen Armee dient, hat es bis zum General gebracht ... Gut? Fritz Grünbaum : Jedenfalls sehr bunt: ein Schwarzer, der bei den Gelben die roten Borten bekommt. Was weiter? Farkas : Der Krieg mit Japan bricht aus, und der Obermandarin von Schanghai ersucht den Neger, das Kommando zu übernehmen. Der Neger willigt ein, aber er stellt eine Bedingung: er liebt Mo-Nah, des Obermandarinen Tochter, deren Hand er von ihrem Vater fordert. Nun – Grünbaum : Erlaube – Farkas : Unterbrich nicht im Moment der dramatischen Spannung! Also der Neger kehrt siegreich heim, da setzt ihm sein Fähnrich, namens Ja-Go, einen Floh ins Ohr: Mo-Nah hätte ihren Gatten mit einem Leutnant, einem gewissen Ka-Si-Oh, betrogen. Hier ist der dramatische Höhepunkt, wenn der Neger seine Frau, bevor er sie erwürgt, fragt, ob sie zu Nacht gebetet habe, und – Grünbaum : Moment! Wie soll eigentlich der Titel der Revue lauten? 193 Farkas : »Der Neger von Schanghai«. Grünbaum : Und wie heißt dieser Neger? Farkas : Echt afrikanisch: O'Tel-Loh! Grünbaum : Du, der Mann heißt nicht »O'Tel-Loh«, sondern Othello, und das Ganze ist nicht von Farkas, sondern von Shakespeare. Farkas : Bist du doch draufgekommen? Ich hab' geglaubt, man wird's nicht erkennen – wegen Schanghai! Grünbaum : Also stehen wir jetzt wieder ohne Stoff da! Farkas : Oho! Ich habe noch hundert andere! Grünbaum : Mir genügt einer. Nenne mir einen einzigen! Farkas : Schanghai! Grünbaum : Fängst du schon wieder an? Farkas : Aber Schanghai ohne Neger! Nur mit Chinesen und Japaner! Das ist hochaktuell! Grünbaum : Im Gegenteil: es ist eine alte Geschichte, daß sich die Chinesen und Japaner – mit schiefen Augen ansehen! Farkas : Also welchen Schauplatz schlägst du vor? Grünbaum : Einen ruhigen: Europa! Farkas : In Europa gibts doch auch Zusammenstöße! Grünbaum : Wer sagt das? Farkas : Der Edthofer! Grünbaum : Das war nicht in Europa, sondern im »Europe«! Farkas : Europe und Europa ist dasselbe. Ich kann doch Französisch. Grünbaum : Seit wann? Farkas : Seit vierzehn Tagen. Ich studier jetzt 194 »1000 Worte Spanisch«, jedes Wort in einer andern Sprache! Grünbaum : Danke für Witze! Kommen wir zur Revue! Farkas : Bitte! Also der Vorhang hebt sich – – – Wie kommst du übrigens dazu, Europa für einen ruhigen Schauplatz zu halten? Grünbaum : Weil sich dort die Diplomaten bemühen, alle Konfliktstoffe aus dem Wege zu räumen. Farkas : Das kenn' ich! Diplomatie ist ein Schachspiel, bei dem die Völker mattgesetzt werden. Grünbaum : Witzig, aber falsch! Eben erst ist es der Diplomatie gelungen, die feierliche Anerkennung der Neutralität Belgiens durchzusetzen. Farkas : Und was hat Belgien davon? Grünbaum : Sehr viel! Eingekeilt zwischen Deutschland und Frankreich ist Belgien dauernd geschützt, in allfällige Streitigkeiten seiner beiden Nachbarn hineingezogen zu werden. Die Neutralität ist vergleichbar der Situation dreier Menschen, die in einem Bett liegen: Zieht der Rechte die Decke an sich, ist es dem Linken kalt; zieht der Linke die Decke an sich, ist es dem Rechten kalt; nur dem in der Mitte ist immer warm, der hält sich im gefährlichen Moment abseits, das ist der Neutrale! Farkas : Nämlich Belgien? Grünbaum : Nein: England! Farkas : Genug Politik! Wir wollen doch weiterkommen! Also der Vorhang hebt sich, europäischer Schauplatz, festliches Milieu – Grünbaum : Warum? Farkas : Damit wir eine bunte Szenerie bekommen ... Fahnen ... Guirlanden ... griechische Feuer ... 195 Grünbaum : Aber wieso? Wozu Feste? Wofür Fahnen in Europa? Farkas : Jeden Augenblick kommt doch jemand zu Besuch ... also der Vorhang hebt sich, ein Gast kommt an – Grünbaum : Einer kommt an, einer fährt weg – Farkas : Wieso? Grünbaum : Der Dr. Schacht! Ich habe gelesen, daß er wieder einmal wegen einer Anleihe fortgefahren ist. Farkas : Dieser Schacht ist eine der seltensten Erscheinungen Mitteleuropas – Grünbaum : Sehr richtig! Wer sonst heißt noch »Hjalmar«? Farkas : Der Mann hat die größten Geschäfte ins Rollen gebracht: er war in Warschau, da ging es den Polen gut; er war in Belgrad, da ging es den Jugoslawen gut; dann war er in Bukarest, da ging es den Rumänen gut ... Grünbaum : Und dann in Belgien? Farkas : Also in Deutschland hat er halt Pech gehabt! Das kann einmal passieren! Grünbaum : Und jetzt wackelt er und kann nicht vorhersehen, ob sein Übergang vom Demokraten zum Anhänger des herrschenden Regimes ein Geschäft oder eine Spekulation war. Farkas : Was ist da der Unterschied? Grünbaum : Wenn man bei einem Geschäft verloren hat, war es eine Spekulation, und wenn man bei einer Spekulation gewonnen hat, war es ein Geschäft! Farkas : Und du hast dich verspekuliert, wenn du 196 glaubst, daß wir mit einer ungeschriebenen Revue ein Geschäft machen können. Grünbaum : Aber wer hindert uns, sie zu schreiben? Also bitte, der Vorhang hebt sich – Farkas : Jetzt? Nein, jetzt müssen wir in den Simpl zur Vorstellung. Aber das nächstemal muß die Revue fertig werden! Grünbaum : Ich schwör es – beim Baß der Zarah Leander! Farkas : Ich habe meinen Wagen unten, fährst du mit? Grünbaum : Danke, ich gehe zu Fuß. Ich muß noch in der Kärntnerstraße etwas besorgen. Farkas : In der Kärntnerstraße? Grünbaum : Ja! Zwischen der Sirk-Ecke und der Mahlerstraße ist ein Bildergeschäft; dort muß ich im Fahrplan nachsehen. Farkas : Im Bildergeschäft willst du dir den Fahrplan anschauen? Grünbaum : Warum nicht? Im Reisebureau nebenan schauen sich die Leute das Bild an! 197   Heureka – nichts gefunden! Karl Farkas : Servus, Fri – Fritz Grünbaum : Geschenkt! Ich nehme mir nicht einmal die Zeit, auf deinen Gruß zu danken. Heute muß die Revue fertig werden! Farkas : Goldene Worte. Ich habe übrigens einen herrlichen Stoff – Grünbaum : Wieder von Shakespeare? Farkas : Nein, heute von Molnar. Grünbaum : Shakespeare wäre mir lieber gewesen. Der kann sich nicht wehren. Aber Molnar wird Krach schlagen, wenn wir seinen Stoff verwenden. Farkas : Warum? Er hat mir ihn doch überlassen! Ein wirklich erstklassiger Stoff, drei Meter – Grünbaum : Akte, meinst du? Farkas : Nein, Meter, echt englisch, rein Wolle, Fischgrätenmuster, 53 Schilling per Meter. Grünbaum : Wovon sprichst du? Vom Revuestoff? Farkas : Nein, vom Hosenstoff. Grünbaum : Seit wann verkauft der Molnar Hosenstoffe? Farkas : Seit vierundzwanzig Jahren! Molnar \& Co. Grünbaum : Und mit diesem Blödsinn hältst du jetzt unsere Arbeit auf? Farkas : Wieso? Wir haben doch noch gar nicht angefangen. Aber bitte, beginnen wir: Der Vorhang 198 hebt sich, auf der Bühne sieht man prachtvolle Beine – Grünbaum : Aha, Tibbett? Farkas : Nein, Ballett! Wie kommst du auf Tibbett? Grünbaum : Weil er einen Sensationserfolg hatte. Farkas : Ich weiß: mit seiner Stimme! Grünbaum : Auch! Aber beim Damenpublikum hauptsächlich mit seinen Beinen. Farkas : Er hat also perlende Töne und girlende Beine? Grünbaum : Ja, er ist eine Kreuzung zwischen Schaljapin und Tillergirl. Farkas : Womit wir schon wieder von unserer Arbeit abgelenkt sind. Ich hab's gezählt: hundertneunundvierzigmal hast du mich bei der Arbeit unterbrochen, du stehst knapp vor dem Jubiläum. Grünbaum : Jubiläen sind jetzt hochaktuell: am 30. Oktober wird Armin Springer fünfzig Jahre Schauspieler gewesen sein, am 8. November sind's fünfunddreißig Jahre, seit Edmund Eysler seine erste Operettenpremiere hatte, und übermorgen findet die 75. Eroberung Madrids durch General Franco statt. Farkas : Gratuliere herzlichst. Grünbaum : Dem Franco? Farkas : Nein, dir zum Jubiläum: Soeben hast du zum hundertfünfzigstenmal gestört. Grünbaum : Du entfesselst eben meine Phantasie, statt sie durch Einfälle zu fesseln. Farkas : Hast du denn Einfälle? Grünbaum : Ich schüttle sie aus dem Ärmel. Farkas : Schön, schüttle! 199 Grünbaum : Mit Vergnügen. Also der Vorhang hebt sich, chinesische Landschaft! Farkas : Das ist alles? Chinesische Landschaft! Wo ist da der Einfall? Grünbaum : Den machen die Japaner. Farkas : Wieso? Grünbaum : Sie fallen ein – in China. Farkas : Warum? Grünbaum : Weil sie Scherereien in der Innenpolitik haben. Farkas : Und das müssen die Chinesen büßen? Grünbaum : Natürlich, nach dem Rezept: »Wenn's einem nicht klappt, wird man ausfällig!« Wenn die Staatsmänner keinen Einfall haben , dann machen sie einen. Farkas : Ich verstehe. Und wenn du keinen Einfall hast, redest du von China. Grünbaum : So! Ich werde dir gleich das Gegenteil beweisen. Also der Vorhang hebt sich, auf der Bühne sieht man eine Tanzgruppe – – hm! Farkas : Warum brichst du ab? Woran denkst du? Grünbaum : An die Besetzungsschwierigkeiten. Farkas : Aber wir haben doch alle Damen bereits engagiert. Grünbaum : Ich meine nicht die Damen, sondern die Chinesen. Farkas : Wieso? Grünbaum : Die machen den Japanern Besetzungsschwierigkeiten. Farkas : Schluß! Genug Ferner Osten. Bitte um etwas Revue! Grünbaum : Aber gern. Also der Vorhang hebt sich – 200 übrigens im Nahen Osten ist ja auch viel los: Jetzt ist der Mufti aus Palästina nach Syrien geflohen. Farkas : Interessiert mich nicht. Grünbaum : Hast du Recht. Durch diese Flucht wird sich nicht viel ändern. Höchstens gehen jetzt die Berliner Postanweisungen statt nach Jerusalem nach Beirut! Farkas : Uns schickt aber niemand Postanweisungen. Daher müssen wir arbeiten. Also der Vorhang hebt sich – Grünbaum : Genau genommen, geht es in Europa auch nicht ruhiger zu als in Asien. Scheinbar versagen sämtliche Regierungsformen. Denn es herrschen in Europa Kaiser, Könige, Führer, Parlamente und Militärdiktatoren, und nur eins herrscht dort nicht: Ruhe! Farkas : Richtig! Das einzige, was in Europa wirklich herrscht, sind Übelstände. Grünbaum : Es scheint, daß die Regierungskunst früherer Zeiten verloren gegangen ist. In jedem Land hat es so ein Regierungsweisheitssprücherl gegeben. Zum Beispiel bei uns das berühmte Wort: » Tu felix Austria, nube! « Farkas : Was heißt das? Grünbaum : »Wenn schon ein Blödsinn geschehen soll, dann lieber – heiraten!« Farkas : Gar keine üble Idee! Soll der Franco die Tochter vom del Vago heiraten, wird in Spanien Ruhe sein! Grünbaum : Du siehst, wie weise die alte Regierungskunst war. Oder zum Beispiel das Ideal Heinrichs von Frankreich, daß jeder sein Huhn im Topf 201 haben solle! Farkas : Also in der Tschechoslowakei hat er sich damit blamiert: ich weiß nicht, ob die mit ihrem – Henlein sehr glücklich sind. Grünbaum : Ich bezweifle es auch. Speziell nach den letzten Henlein-Krawallen in Teplitz! Farkas : Dort soll's ja heiß zugegangen sein. Grünbaum : Henleins Schuld. Er hätte nicht persönlich kommen, sondern den Rutha als Vertreter schicken sollen. Farkas : Da wär's nicht heiß zugegangen? Grünbaum : Nein! Farkas : Sondern? Grünbaum : Hm, hm?? Farkas : Und mir wird heiß und warm, wenn ich an unsere Revue denke. Grünbaum : Überflüssigerweise! Ich habe mir alles überlegt, paß auf: Der Vorhang hebt sich, auf der Bühne sieht man eine Burg, die Fahne weht – Apropos Burg: hast du gehört, daß das Burgtheater geschlossen wird? Farkas : Bist du bei Trost? Die Heimstätte unserer Klassiker? Grünbaum : Das ist es eben: man kann die Klassiker nicht mehr spielen. Farkas : Warum? Grünbaum : Damit sich das Ausland nicht beleidigt. Farkas : Verstehe ich nicht. Warum sollte man zum Beispiel »Die Jungfrau von Orleans« nicht geben? Grünbaum : Wegen England. Es soll nicht gezeigt werden, daß Engländer eine Jungfrau hinrichten. Farkas : Und »Don Carlos«? 202 Grünbaum : Mit dem Franco willst du dir's verderben? Im »Carlos« sieht man zu viel spanischen Hofskandal. Farkas : Und »Hamlet«? Grünbaum : Dasselbe in Grün mit Dänemark. Farkas : Und »Egmont«? Grünbaum : Die braven Holländer als Rebellen gezeichnet? Ausgeschlossen! Farkas : No, und »Fiesko«? Grünbaum : Verschwörung in Genua? Mehr fehlt uns nicht! Farkas : Wie wär's mit »Räuber«? Grünbaum : Um Gottes willen! Farkas : Aber »Die Räuber« richten sich doch gegen keinen einzigen Staat? Grünbaum : Und jeder Staat fühlt sich betroffen, weil sie alle Butter auf der Stirn haben. Farkas : Aber aus solchen politischen Erwägungen müßte man die Oper doch genau so sperren. »Carmen« beleidigt die weibliche Ehre der Spanierinnen, »Butterfly« verletzt die amerikanische Marine, »Die Afrikanerin« könnte als Anspielung auf Abessinien Anstoß erregen, »Palästrina« würde als politischer Druckfehler gedeutet werden ... kurzum, warum hat man bei der Oper nicht die Angst vor ausländischer Empfindlichkeit? Grünbaum : In der Oper kann sich niemand über den Text beleidigen, weil man die Sänger eh nicht versteht. Aber lassen wir Burg und Oper und kehren wir zur Revue zurück! Also der Vorhang hebt sich, man sieht – Farkas : – daß es fünf Minuten über acht ist. Wir 203 müssen in den Simpl zur Vorstellung. Grünbaum : Und wann wird die Revue fertig? Farkas : Wenn der Mufti in der Wochenschau dem Dr. Weizmann die Hand schüttelt. 204   Lautes und Leises Karl Farkas : Servus, Fritz. Fritz Grünbaum : Servus, Karl. Etwas spät kommst du. Farkas : Bös? Grünbaum : O nein, nur eine Konstatierung. Farkas : Wie geht's? Grünbaum : Danke, gut. Farkas : Bist etwas einsilbig, heute. Grünbaum : Wieso einsilbig? Ich heiß' noch immer Grünbaum. Farkas : Herrliches Wetter draußen. Grünbaum : Ja, die ganze Woche schon. Sehr günstig für die Geschäftsleute. Farkas : Wieso? Grünbaum : Wenn's schön draußen ist, gehen die Geschäftsleute viel spazieren, und bei den heutigen Zeiten ist es noch immer lukrativer, spazieren zu gehen als im Geschäft zu sein. Farkas : Oh, welch ein Esprit! Grünbaum : Berufsgewohnheit. Aber was ist heute mit dir los? Du kommst und grüßt höflich. Nimmst sogar den Hut vom Kopf und die Zigarre aus dem Mund, bist nicht aufgeregt und nervös. Was hast du? Farkas : Ich bin gut gelaunt. Grünbaum : Und dies warum? 205 Farkas : Weil ich das sichere Gefühl habe, daß heute unsere Revue endlich fertig wird. Grünbaum : Wieso gerade heute? Farkas : Weil in den letzten Tagen in der Welt nichts passiert ist, worüber wir ins Plaudern kommen könnten. Grünbaum : Du hast recht. So was von einer ereignislosen Woch'n! Stell' dir vor, wir wären Journalisten und hätten für unser Blatt ein humoristisches Wochenfeuilleton zu schreiben – Farkas : – über die Wochenereignisse, die sich nicht ereignet haben? Ein fürchterlicher Gedanke. Grünbaum : Ich bewundere diese Leute, die jede Woche die Tagesneuigkeiten beblödeln müssen. Was werden sie dieses Mal machen? Farkas : Mir fiele schon was ein. Grünbaum : Aber worüber? Es ist doch gar nichts Neues passiert? Farkas : No zum Beispiel ist jetzt der belgische Premier van Zeeland zurückgetreten. Grünbaum : Wird sich der Rex freuen. Farkas : Was geht das den Hund an? Grünbaum : Was für ein Hund? Farkas : Rex ist ein Hund. Grünbaum : Du, der wird dich auf Ehrenbeleidigung klagen. Rex ist ein Politiker. Farkas : Pardon. Grünbaum : Er ist der große Gegenspieler van Zeelands. Farkas : Was spielen die? Grünbaum : Demokratie oder Faschismus. Farkas : Und wer gewinnt? 206 Grünbaum : Die letzte Partie hat van Zeeland gewonnen. Aber jetzt hat wieder der Degrelle Chancen. Farkas : Sie spielen zu dritt? Grünbaum : Wieso? Farkas : Der Degrelle, der Zeeland und der Rex. Grünbaum : Aber Degrelle und Rex ist doch eine Person. Farkas : Mit zwei Namen? Grünbaum : Warum nicht? Der Kaspar Brandhofer heißt doch auch Leo Reuß. Farkas : Ah, Schauspieler ist der Rex? Grünbaum : Unsinn. Er ist ein Komödiant, aber kein Schauspieler. Farkas : Aha, und jetzt freut er sich über Zeelands Rücktritt? Grünbaum : Ja. Farkas : Und mit wem wird jetzt der Zeeland spielen, wenn er zurückgetreten ist? Grünbaum : Mit seinem Leidensgenossen Dr. Schacht aus Berlin. Farkas : Ist der also doch gestürzt? Grünbaum : Ja. Farkas : Trotzdem er der Karriere seine Gesinnung geopfert hat? Grünbaum : Trotzdem. Farkas : Daß so einem gewiegten Finanzmann ein falscher Wechsel durchschlüpfen kann! Grünbaum : Was meinst du? Farkas : Seinen Gesinnungswechsel! Grünbaum : Heute sprüht's aber wieder aus dir! Farkas : Witzigsein ist eben meine Schickung auf Erden. 207 Grünbaum : »Sendung« willst du sagen. Farkas : »Senden« und »schicken« ist dasselbe. Grünbaum : Aha! »Sehr geehrter Herr! Im Besitze Ihrer werten Schickung vom 16. d. ...« Farkas : Jetzt sprühst aber du! Da ist es mir doch lieber, daß wir die Revue schreiben. Also, der Vorhang hebt sich und man sieht – Grünbaum : – den Bisamberg mit dem Großschicker! Farkas : Zähme deinen Humor! Also der Vorhang hebt sich – Grünbaum : Weil du gesagt hast, »senden« und »schicken« ist dasselbe. Farkas : Ruhe! Also, der Vorhang hebt sich, auf der Bühne herrscht allgemeine Unruhe – Grünbaum : Sehr aktuell! Farkas : Wieso? Grünbaum : Marokko! Dort sind die neuesten Unruhen. Palästina und Indien haben schon nicht mehr interessiert. Farkas : Mich interessiert auch Marokko nicht. Momentan interessiert mich nur die Revue. Also, der Vorhang hebt sich – Grünbaum : Marokko ist sogar sehr interessant. Wie überhaupt der ganze Orient. Die exotischen Völker beginnen, sich vollständig ... Farkas : Dafür benehmen sich die Europäer wie die Wilden. Grünbaum : Ja, die Europäer haben so lange Kultur zu den Wilden getragen, bis ihnen selbst keine übrig geblieben ist. Farkas : Bitte, weniger Kulturgeschichte und mehr Revue! Also, der Vorhang hebt sich – 208 Grünbaum : Ha! Farkas : Was hast du? Grünbaum : Se. Exzellenz der Herr Geschickte von England. Farkas : Was soll das? Grünbaum : Weil du sagst, »senden« und »schicken« ist dasselbe. Farkas : Schluß! Wir betreiben hier keine Sprachstudien. Überhaupt, es wird viel zu viel geredet. Grünbaum : Das sag' ich auch. Alle reden! In Rom, in Berlin, in London, in Paris ... Dabei schlägt jeder auf den Tisch, rasselt mit der Kanone und erklärt zum Schluß, er will den Frieden. Farkas : Das ist der Jargon der Staatsmänner! Sie geben uns in den kriegerischsten Ausdrücken die Hoffnung, daß der Friede erhalten bleibt. Grünbaum : Was hat das aber mit unserer Revue zu tun? Farkas : Du hast recht. Schreiben wir! Grünbaum : Also los, was zögerst du? Farkas : Ich denk' an die Besetzungsschwierigkeiten. Für die Charakterrolle brauche ich eine witzige, scharf karikierende Frau – Grünbaum : Nimm doch die Tini Schickers. Farkas : Kenne ich nicht. Grünbaum : Wenn »schicken« und »senden« dasselbe ist, mußt du wissen, wer Tini Schickers ist. Farkas : In solchen Augenblicken bedaure ich es immer, daß man für Mord ins Landesgericht kommt! Grünbaum : Welche Voreingenommenheit gegen das Landesgericht? Neulich wurden doch die Wiener Journalisten bei einem Presseempfang durch das 209 Landesgericht geführt. Alle waren begeistert. Ich möchte es mir gern ansehen. Farkas : Ich nicht. Man trifft dort zu viel Bekannte. Grünbaum : Es ist wahr. Heute, bei der Hypertrophie der Gesetzgebung steht jeder Mensch mit einem Fuß im Kriminal – Farkas : – und acht Tage später sitzt er mit beiden drin. Wer heute den Maschen des Gesetzes zu entgehen weiß, muß schon ein geschickter Kerl sein! Grünbaum : Ha! Farkas : Was denn? Grünbaum : Ein gesendeter Bursch. Farkas : Was ist das? Grünbaum : Ein geschickter Kerl! Farkas : Jetzt hab' ich's aber satt! Diese ewigen Witzeleien! Arbeiten wir! Also, der Vorhang hebt sich – Grünbaum : Aber geräuschlos. Farkas : Natürlich geräuschlos. Warum erwähnst du das besonders? Grünbaum : Wegen der Anti-Lärm-Propaganda! Wenn unser Vorhang Lärm macht, boykottiert die den Simpl. Farkas : Wen geniert eigentlich der Lärm? Mein Großvater ist 94 Jahre alt geworden, und damals hat's noch keine Anti-Lärm-Propaganda gegeben! Grünbaum : Heute haben wir schwächere Nerven! Darum weg mit allem, was Lärm macht. Farkas : Aha! Weg mit den Autos, weg mit der Eisenbahn, weg mit den Fabriken ... was wird eigentlich zum Schluß übrigbleiben? Grünbaum : Die Anti-Lärm-Propaganda. Und die muß 210 zuletzt sich selbst umbringen, weil sie in der Öffentlichkeit so viel Lärm macht. Farkas . Ernsthaft: es sollte wirklich weniger laut zugehen. Grünbaum : Das geistige Niveau der heutigen Menschheit verträgt nur den Lärm! Schreien kann jeder, da hört man seine Worte nicht. Spräche er ohne Lärm, dann würde man sofort hören, daß er Blödsinn redet. Farkas : Aber es gibt doch einzelne, die Gescheites zu sagen hätten. Grünbaum : Das verstehen wieder die Hörer nicht. Farkas : Zeitalter der Technik: es gibt viel zu viel Lautsprecher und viel zu wenig Kopfhörer! Grünbaum : Und außerdem ist es acht Uhr! Auf in den Simpl! Farkas : Und die Revue ist wieder nicht fertig geworden. Dabei muß sie nicht nur fertig, sondern auch besonders gut sein! Das Publikum, abgelenkt durch Sport und Politik, wird immer kritischer. Grünbaum : Nur die Wiener nicht! Wenn im Theater ein gutes Stück ist, da interessiert sich der Wiener nicht für Politik und nicht für Sport, da geht er – ins Kaffeehaus! 211   Lord Halifax und seine unerreichten Europa-Girls Karl Farkas : Servus, Fritz! Fritz Grünbaum : Servus, Karl! Sprechen wir gleich von unserer Arbeit! Farkas : Einverstanden. Also, der Vorhang hebt sich – Grünbaum : Und? Warum stockst du? Hast du keinen Einfall? Farkas : Doch, aber woher soll ich wissen, ob er dem Publikum gefallen wird? Grünbaum : Darauf muß man es ankommen lassen! Farkas : Schrecklich, wie groß beim Theater das Risiko ist: man engagiert Schauspieler, läßt Dekorationen malen, kauft Kostüme, und dann, wenn die Premiere ein Durchfall war, kann man alles wegschmeißen! Das kommt daher, weil wir die Wünsche unserer Kundschaft erraten müssen. In anderen Berufen macht die Kundschaft ihre Bestellungen und der Geschäftsmann braucht sie bloß auszuführen! Grünbaum : Das ist im Handel möglich, aber doch nicht in der Kunst! Farkas : Oho, bei der Ravag wird jetzt der Radiobeirat eingeführt. Der wird also bei der Ravag quasi Bestellungen machen. Die Ravag braucht daher künftig die Wünsche des Publikums nicht mehr zu 212 erraten, sondern läßt sich sie bei-raten. Grünbaum : Erwartest du dir etwas von dieser Neuerung? Farkas : Im Gegenteil! Früher konnte die Ravag machen, was sie wollte, und die Abonnenten hatten nichts dreinzureden. Grünbaum : Und von jetzt ab? Farkas : – werden die Abonnenten was dreinreden! Aber die Ravag wird doch machen, was sie will. Grünbaum : Immerhin wird sie etwas machen, während wir gar nichts tun! Also, der Vorhang hebt sich, auf der Bühne ist ein Fest im Gange – Farkas : Was ist das für ein Stumpfsinn? Entweder ist das Fest auf der Bühne oder im Gange. Im Gange ist es aber zwecklos, weil man es dann auf der Bühne nicht sieht. Grünbaum : Wenn ich sage »im Gange«, so meine ich nicht »auf dem Korridor«, sondern »im Verlauf«, das Fest hat also bereits begonnen, fünfzig Tänzerinnen in prunkvollen tibetanischen Goldkostümen – Farkas : – das Stück zu 350 Schilling, ergibt eine Summe von 17.500 Schilling Ausstattungskosten nur für das erste Bild. Woher nimmst du 17.000 Schilling. Wer soll sie uns schenken? Grünbaum : Frankreich. Farkas : Warum sollte uns Frankreich Kostüme schenken? Grünbaum : Es hat uns doch auch Bücher geschickt. Hast du nicht davon gelesen? Vor acht Tagen hat der französische Gesandte den Österreichischen Bibliotheken 15.000 französische Bücher 213 überwiesen. Eine hochherzige Spende! Farkas : Hochherzig, aber leider nicht komplett! Grünbaum : Wieso? 15.000 französische Bücher! Was hätte Frankreich noch schicken sollen? Farkas : 15.000 Franzosen, die diese Bücher lesen können! Grünbaum : Jetzt handelt's sich nicht um Lesen, sondern um Schreiben! Also, der Vorhang hebt sich, wir befinden uns in Tibet – Farkas : Nein, in St. Wolfgang. Grünbaum : Warum? Farkas : Dirndln sind billiger! Grünbaum : Meinetwegen! Also fünfzig Dirndln – Farkas : Nein, fünf! Mehr als fünf Kostüme kann ich nicht bewilligen. Das Theater muß sich den schlechten Zeiten anpassen. Reduzierung, das ist das Schlagwort unserer Tage. Ja ja, Abbau. Daran mußte ich auch denken, als ich gestern durch die Praterstraße ging – Grünbaum : Jetzt sind wir nicht in der Praterstraße, sondern in St. Wolfgang. Farkas : Wieso? Ist er denn auch nach St. Wolfgang gefahren? Grünbaum : Wer? Farkas : Der Halifax. Grünbaum : Nein, der ist nur nach Berlin gefahren. Man will jetzt die schlecht funktionierenden Kollektivberatungen des Völkerbundes durch Einzelverhandlungen von Staat zu Staat ersetzen. Das Haus der Nationen in Genf hat ja leider versagt. Farkas : Eben! Das ist mir in der Praterstraße eingefallen. 214 Grünbaum : Schon wieder Praterstraße! Also, was ist dir eigentlich dort eingefallen? Farkas : Daß es im Gemäuer rieselt. Grünbaum : Kein Wunder, es gibt zu wenig Persönlichkeiten, die das Haus stützen könnten. Farkas : Zu wenig? Gar keine! Und deshalb muß jetzt das Haus niedergerissen werden. Warum auch nicht? Gespielt wird dort nicht mehr, also weg damit! Grünbaum : Wovon redest du? Wo wird nicht mehr gespielt? Im Völkerbund? Farkas : Nein, im Carl-Theater! Ich sagte doch »auf der Praterstraße«! Grünbaum : Das Carl-Theater ist mir unwichtig. Aber unser Simpl ist mir wichtig. Und dort wird bestimmt auch nicht gespielt werden, wenn wir nicht bald mit der neuen Revue fertig werden. Farkas : Das kommt daher, daß wir mit dem Schreiben immer zu rasch beginnen. Du hast deine Sonderwünsche bezüglich der Revue und ich habe die meinigen. Beide müßten aufeinander abgestimmt werden, bevor wir zu schreiben beginnen. Man muß sich erst zusammensetzen, um sich auseinanderzusetzen, ehe man sich hinsetzt, um zu schreiben. Grünbaum . So wie der Halifax in Berlin. Farkas : Der schreibt eine Revue? Grünbaum : Gewissermaßen. In Berlin soll jetzt zwischen England und Deutschland das große europäische Spiel konzipiert werden. Farkas : Also sind England und Deutschland die Regisseure dieses Spiels. 215 Grünbaum : Richtig. Farkas : Und jetzt informiert sich das eine über die Absichten des anderen? Grünbaum : Jawohl. Und was sich dann herausstellt, sind Englands und Frankreichs politische Wünsche. Farkas : Und was sind die Wünsche der übrigen Nationen? Grünbaum : Fromme Wünsche. Farkas : Aha, in der europäischen Revue sind die anderen Nationen die Statisterie, sozusagen die Girls? Grünbaum : Ja. Farkas : Und Rollen spielen nur England und Deutschland. Grünbaum : Mhm. Farkas : Und zu dieser Rollenverteilung ist jetzt Lord Halifax nach Berlin gefahren? Grünbaum : Ja, er will Deutschlands Wünsche hören und Englands Wünsche Deutschland zur Kenntnis bringen. Farkas : Und was wird das Ergebnis sein? Grünbaum : England wird Deutschlands Wünsche erfüllen. Farkas : Na, und – Grünbaum : – und sonst nichts! Farkas : Du bist ein merkwürdiger Mensch: vom politischen Spiel kennst du schon das Finale, aber von unserer Revue weißt du noch nicht einmal, wie die erste Szene beginnt – Grünbaum : Oho! Der Vorhang hebt sich, man sieht die Dirndln von St. Wolfgang und hört, wie sie rufen – Farkas : Acht Uhr ist's, wir müssen in den Simpl. 216 Grünbaum : Na also, wieder eine Sitzung mit Gewäsch vertratscht! Farkas : Wir müssen eben mehr Sitzungen haben als nur eine einzige in der Woche. Grünbaum : Ausgeschlossen. Bei mir ist schon jeder Tag besetzt. Du ahnst nicht, wie viel ich zu tun habe. Ich arbeite fünfundzwanzig Stunden täglich! Farkas : Unsinn, der Tag hat doch nur vierundzwanzig Stunden?! Grünbaum : Ja, aber ich stehe eine Stunde früher auf! 217   Wiener Weihnachtswochen-Witze Karl Farkas : Servus, Fritz! Fritz Grünbaum : Servus, Farkas! Farkas : Kann ich eine Zigarette haben? Grünbaum : Natürlich. Bitte – Farkas : Danke. Vielleicht auch ein Glas Wasser? Grünbaum : Gern. Ich läute schon. Farkas : Danke. Grünbaum : Was ist denn eigentlich mit dir los? Sonst »hebt sich der Vorhang«, noch bevor du bei mir eingetreten bist, und heute bleibst du stumm? Dir ist etwas passiert. Farkas : Ich habe eine schlaflose Nacht hinter mir. Grünbaum : Sorgen? Farkas : Nein, falsche Fußschmerzen. Grünbaum : Falsche? Farkas : Ja, ich dachte die ganze Nacht, ich hätte Fußschmerzen, aber beim Aufwachen bemerk' ich, ich lieg' verkehrt im Bett und hab' Kopfweh. Grünbaum : Du bist überarbeitet. Wenn du gescheit bist, nimmst du Urlaub. Farkas : Weil ich gescheit bin, nehme ich keinen Urlaub: die Kosten sind zu sehr der Landschaft angepaßt. Grünbaum : Landschaftliche Preise? Farkas : Ja, im Gebirge sind sie zu hoch, und am 218 Meer zu gesalzen. Grünbaum : Also dann vorwärts. Der Vorhang hebt sich langsam – Farkas : Langsam, wie die englische Armeerekrutierung. Grünbaum : Man sieht, du weißt nichts von Hore Belisha, dem neuen englischen Minister. Farkas : Was kann der? Grünbaum : Allerhand. Während die Engländer früher das größte G'frett hatten, die nötige Anzahl der freiwilligen Soldaten zusammenzubringen, geht jetzt die Rekrutenaushebung flott vonstatten. Farkas : Wie ist das dem Hore Belisha gelungen? Grünbaum : Er hat für die Armee eine geradezu kaufmännische Reklame gemacht. Und hat gezeigt, es geht auch so. Jetzt tragen eben die Soldaten den Säbel nicht links, sondern – auf der Soll-Seite. Farkas : Sehr schön, aber daraus kann man keine Revue machen. Grünbaum : Stimmt. Also der Vorhang hebt sich – Farkas : – über der Pariser Weltausstellung und zeigt das erschütternde Ergebnis eines Defizits von achthundert Millionen. Grünbaum : Wieso erschütternd? Hast du noch nie vom »unsichtbaren Export« eines Landes gehört? So nennt die Volkswirtschaft das Erträgnis des Fremdenverkehrs, und man hat ausgerechnet, daß die Weltausstellung Milliarden ins Land gebracht hat, also dem sichtbaren Defizit der unsichtbare Export gegenübersteht. Farkas : Wunderbar! Warum machen wir das den Franzosen nicht nach? Man soll achthundert 219 Millionen Schilling investieren und wird damit Milliarden verdienen. Grünbaum : Ausgezeichnet. Aber wo nimmt man die achthundert Millionen her? Farkas : Vom Weihnachtsgeschäft. Gestern war silberner Sonntag. Der und der kommende goldene bringen sicher Unsummen ins Rollen. Grünbaum : Täuschung. Ich war gestern in der Kärntnerstraße: viel Bewegung, wenig Umsatz. Farkas : Wieso? Grünbaum : Weil die Leute, die in die Auslagen schauen, die Auslagen scheuen! Farkas : Trotzdem hört man von großen Umsätzen in einzelnen Branchen. Grünbaum : Große Umsätze können auch schlecht enden: die Leute kaufen en gros und zahlen – en detail. Farkas : Bravo, aber wie steht's mit dem gehobenen Vorhang? Der hängt jetzt in der Luft. Also was spielt sich nun auf der Bühne ab? Grünbaum : Etwas ganz Aktuelles: Friedensfest in Tokio! Farkas : Es ist doch noch gar nicht Frieden. Grünbaum : Aber es wird bereits darüber verhandelt. Hast du nicht gelesen: die Japaner verlangen als Preis für den Frieden die Absetzung des chinesischen Oberkommandanten. Farkas : Da kommen die Chinesen sehr billig weg. Grünbaum : Billig? Farkas : Ja. Weil sie nicht in bar zu bezahlen brauchen. Grünbaum : Wieso? 220 Farkas : Die Japaner begnügen sich mit einem Tschiang-kai-Scheck! Grünbaum : Der Vorhang senkt sich entrüstet. Farkas : Woran er sehr gut tut, denn die chinesische Revue wäre ein Versager gewesen. Wen interessiert der Ferne Osten? Lokalkolorit tut not. Grünbaum : Es ist aber nichts los in Wien. Das Malheur der »Srbija« auf der Donau und die Theaterfeiern beim Gerhart-Hauptmann-Besuch, das ist alles. Farkas : Also stand die Woche im Zeichen des Schiffsbruchs: »Ratten« und das sinkende Schiff! Grünbaum : Übrigens: war unsere Feuerwehr nicht geradezu heroisch bei ihren Pumpversuchen? Farkas : Pumpversuche in Wien sind immer heroisch! Grünbaum : Wieso? Farkas : Weil sie zwecklos und gefährlich sind. Wenn du in Wien einen anpumpst, kriegst du nichts und hast noch die Chance, daß er dann dich anpumpt. Grünbaum : Da bekommt er erst recht nichts, denn ich kann ihm sagen: »Meine nächste Einnahme kommt von der Revue, die ich mit Farkas schreibe, und die wird nie fertig!« Farkas : Weil du keine Einfälle hast! Grünbaum : Kann ich dafür, daß sich in Wien nichts ereignet, was meine Phantasie beflügeln könnte? Farkas : Man muß nur Zeitungen lesen! Zum Beispiel brachten sie gestern die Nachricht, daß eine »Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der schlechten Zähne in Wien« gegründet wird. Grünbaum : Das ist eine halbe Maßnahme. Farkas : Welches ist die andere Hälfte? Grünbaum : Die Gründung einer »Arbeitsgemeinschaft 221 zur Ergreifung von Vorkehrungen, daß die gesunden Zähne – etwas zum Beißen haben!« Farkas : Das wäre ja eine Herkulesarbeitsgemeinschaft, deren Aufgabe schwieriger wäre als das komplizierteste Schachproblem. Grünbaum : Apropos, Schachproblem! Was wohl Aljechin gesagt haben mag, als er jetzt neuerlich Schachweltmeister wurde? Farkas : Das kann ich dir verraten. Er hat gesagt: »Dieser Dr. Benatzky soll mir leben und gesund sein.« Grünbaum : Warum gerade Benatzky? Farkas : Weil Aljechin mit dem »weißen Rössel« Erfolg gehabt hat. Grünbaum : Sehr gut! Und was hat Dr. Euwe gesagt? Farkas : Oi weh! Grünbaum : Apropos »oi weh!« Es ist acht Uhr, wir müssen in den Simpl zur Vorstellung. Farkas : Wir haben noch gut zwanzig Minuten Zeit zum Arbeiten. In meinem Wagen sind wir in fünf Minuten beim Simpl. Grünbaum : Ich will aber mit der Elektrischen fahren. Ich habe eine Permanenzkarte, schließlich muß ich sie doch ausnützen. Farkas : Permanenzkarte? Dazu könnte ich mich nie entschließen. Es ist so unhygienisch! So eine Permanenzkarte geht durch eine Unzahl von Händen: der Drucker greift sie an, dann der Straßenbahnkassier, hierauf nimmst du sie in die Hand, von dir nimmt sie der Schaffner, hierauf der Kontrollor ... stell' dir vor, was da Bazillen übertragen werden! Grünbaum : Ausgeschlossen! Auf der Karte steht ausdrücklich: »Unübertragbar!« 222   Immer die alten Neuigkeiten! Karl Farkas : Servus, Fritz! Fritz Grünbaum : Servus, Karl! Der Vorhang hebt sich – Farkas : Wenn's nur der Vorhang wäre! Mir hebt sich leider der Magen! Grünbaum : Unpäßlich? Farkas : Nein, aber der Gedanke an die Weihnachtsgeschenke macht mich krank! Woher nehm' ich das Geld dafür? Grünbaum : Du hättest dir etwas weglegen sollen. Farkas : Habe ich doch: jeden Tag einen Schilling. Grünbaum : Macht 365 Schilling! Farkas : Ja, aber ich hab' mit dem Weglegen erst im November begonnen. Grünbaum : Aha, dein alter Fehler: du beginnst mit allem zu spät. Farkas : Du meinst die Revue? Also paß auf: der Vorhang hebt sich, Donaulandschaft – Grünbaum : Den Vorschlag hab ich dir schon vorige Woche abgelehnt – Farkas : Ich habe schon einmal die Donau vorgeschlagen? Grünbaum : Ja, als die »Srbija« kenterte. Das war wenigstens aktuell. Farkas : Heute ist es eben wieder aktuell. 223 Grünbaum : Wieso? Farkas : Die »Srbija« ist schon wieder gekentert. Grünbaum : Nicht möglich. Macht sie das aus Trotz? Farkas : Ich glaube an volkswirtschaftliche Hintergründe. Unsere Donau-Dampfschiffahrt wurde so glücklich saniert. Jugoslawien ist doch an der Donauschiffahrt gleichfalls interessiert, also vielleicht wollte die »Srbija« einmal unserer Sanierung – auf den Grund gehen. Grünbaum : Einmal! Wieso aber zweimal? Farkas : Aller guten Dinge – Grünbaum : – sind nicht zwei, sondern drei. Farkas : Woher weißt du, daß sie nicht noch ein drittesmal kentert? Grünbaum : Meinetwegen kann sie kentern, so oft es ihr Freude macht! Was ist mir die »Srbija«? Wichtig ist nur, daß uns Grinzing erhalten bleibt. Farkas : Um Gottes willen, hat man uns es abgefordert? Grünbaum : Unsinn! Wieso soll man uns Grinzing abfordern? Farkas : Als Kolonie! Es werden doch jetzt Forderungen nach Kolonien erhoben! Grünbaum : Aber die richten sich vorwiegend an England. England kann doch nicht fremdes Land hergeben? Farkas : Nur fremdes! Das ist seine Spezialität. Grünbaum : Und was ist deine Spezialität? Ein Vorhang, ohne, wenn er sich hebt, etwas dahinter! Ich glaube, eher werden die Chinesen mit den Japanern fertig als wir mit unserer Revue. Farkas : Du hast recht, beginnen wir! Der Vorhang 224 hebt sich, man sieht Grinzing – Grünbaum : Durch-, um- oder unterfahren? Farkas : Das ist von der Behörde leider noch nicht entschieden. Grünbaum : Bis unsere Revue fertig ist, wird es entschieden sein! Farkas : Eins ist aber schon heute sicher: alle baulichen Schönheiten bleiben erhalten, die Technik soll die Tradition nicht besiegen. Grünbaum : Sehr richtig, der Weingeist triumphiert über den Ungeist. Farkas : Gott sei Dank! Was täten denn die Wiener ohne ihr Grinzing? Wo möchten sie dann wieder einmal sein beim Wein, beim Wein, beim Wein? Und was würde man ihnen dann antworten, wenn sie bange fragten: »Wo ist denn heut ausg'steckt?« Grünbaum : »Beim Furtwängler!« Farkas : Furtwängler? Grünbaum : Im Konzerthaus, bei der Weinkost! Farkas : Genug, kehren wir zu unserer Revue zurück. Grünbaum : Das ist die Höhe: du bist es, der nie einen Einfall hat; du bist es, der von dem Einfall, den du nicht hast, immer abschweift; du bist es – – Farkas : Bombardiere mich nicht mit Vorwürfen! Grünbaum : Wieso bombardiere ich? Bin ich ein Japaner? Farkas : Nein, denn sonst hättest du dich schon entschuldigt! Übrigens finde ich das reizend von den Japanern: sie überfallen alles, was ihnen in den Weg kommt, aber dann – entschuldigen sie sich. Ihr Außenminister kann ihre vielen Entschuldigungen gar nicht bewältigen. 225 Grünbaum : Ich habe gehört, sie werden jetzt ein eigenes »Ministerium für öffentliche Entschuldigungen« errichten, welches sich bereit erklären wird, sich schon jetzt für alle Völkerrechtsverletzungen der nächsten vier Jahre im vorhinein zu entschuldigen. Farkas : Jetzt hab' ich dich! Mir wirfst du vor, von der Revue abzuschweifen und jetzt erwisch' ich dich beim Völkerrecht? Was hat Politik mit Revue zu tun? Grünbaum : Mit der meinigen sehr viel! Paß auf: der Vorhang hebt sich, man sieht – Farkas : Nun? Grünbaum : Gar nichts. Es herrscht Schneegestöber. Farkas : Seit wann stöbert's bei uns? Grünbaum : Nicht bei uns! Die Revue spielt in Rußland. Farkas : Dort herrscht jetzt Schneegestöber? Grünbaum : Nur Schneegestöber! Alles, was dort sonst noch geherrscht hat, ist bereits beseitigt. Farkas : Sprich nicht so! Die Russen haben soeben durch die lückenlose Wahl der Regierungsliste bezeugt, daß sie über das System dort glücklich sind! Grünbaum : Traut sich denn in Rußland jemand unglücklich zu sein? Er zieht es eben vor, seine Stimme ab-, statt seinen Geist aufzugeben. Farkas : Bei dir hingegen habe ich oft das Gefühl, du ziehst es vor, deinen Geist aufzugeben. Grünbaum : Bei welcher Gelegenheit? Farkas : Beim Dichten! Grünbaum : Wundert dich das? Wo ich doch meist in deiner Gesellschaft dichte? Große Geister 226 vertragen bei der Arbeit nicht die Anwesenheit eines anderen. Deshalb hat zum Beispiel der Bridge-Forscher Culbertson jetzt die Scheidungsklage eingereicht. Er ist erst in der Ehe draufgekommen, daß ihn die Frau beim Bridge stört. Farkas : Das ist noch gar nichts! Mein Mathematikprofessor hat seinerzeit auf Scheidung geklagt und ist erst bei Gericht daraufgekommen, daß er gar nicht verheiratet war. Grünbaum : Oh, daß ich doch zu Gericht gehen könnte, um dort zu erfahren, daß es keinen Farkas gibt! Dann sänke der Vorhang über einem seligen Grünbaum! Farkas : Apropos: Vorhang und Grünbaum! Jetzt hab' ich's: der Vorhang hebt sich über einen grünen, silberfunkelnden Weihnachtsbaum. Wir sind im Heim eines Wiener Gemeindebeamten, der selig im Kreise seiner neun Kinder sitzt – Grünbaum : Stumpfsinn, Widerspruch in sich selbst! – – Wie kann einer fixbesoldet sein, neun Kinder haben und gleichzeitig sich glücklich fühlen? Farkas : Hast du nicht gelesen, daß die Gemeinde Wien ihren Angestellten eine Weihnachtszuwendung von fünfzig Schilling für das zweite und von hundert Schilling für jedes weitere Kind gewährt? Neunkindrige erhalten also siebenhundertfünfzig Schilling. Grünbaum : Wunderbares Wien! In anderen Ländern wird man für seine Gesinnung bestraft, Wien belohnt die – Überzeugung! Farkas : Freudenstrahlend blickt die Familie zu den schimmernden Zweigen des Christbaumes empor, 227 dessen silberne Glöckchen der Welt verkünden – Grünbaum : Daß es acht Uhr ist. Komm, sonst können wir nicht mehr mit der Elektrischen in den Simpl fahren und müssen ein Taxi nehmen, um zurecht zur Vorstellung zu kommen. Farkas : Nie wieder Elektrische! Gestern stand ich auf der überfüllten vorderen Plattform neben dem Fahrer, der fortwährend statt auf den Klingelknopf auf meinen Fuß trat. Grünbaum : Warum hast du ihn nicht aufmerksam gemacht? Farkas : Weil es verboten ist, mit dem Fahrer zu sprechen! 228   Der alte Staub und der neue Besen Karl Farkas : Servus, Fritz. Fritz Grünbaum : Servus, Karl. Wieso aber eigentlich »servus«? Heute sagt man »Prosit Neujahr«. Farkas : Verzeih! Also Prosit Neujahr! Grünbaum : Wieso »Prosit Neujahr«? So etwas ärgert mich. Wie kann ein gebildeter Mensch so einen konventionellen Stumpfsinn reden? Farkas : Also das ist stark. Du selbst hast es von mir verlangt. Hast du nicht gesagt: »Heute sagt man Prosit Neujahr«? Grünbaum : Ja! Aber bist du »man«? Du zählst dich doch zur geistigen Oberschicht? »Man« aber ist die Personifikation der trägen Gedankenlosigkeit. »Man« sagt zum Beispiel »guten Tag«. Warum? Wenn du auf der Straße einem Mann begegnest, den du kennst, ist er entweder eine gleichgültige Bekanntschaft oder ein guter Freund. Ist er dir gleichgültig, hast du keinen Anlaß, ihm einen guten Tag zu wünschen; ist er aber dein Freund, warum rationierst du ihm sein Wohlergehen mit einem Tag? Warum sagst du nicht »gute Woche«? Oder wünsch' ihm doch gleich ein gutes Jahr! Farkas : Eben habe ich es getan, habe dir ein gutes neues Jahr gewünscht und du hast das eine träge Gedankenlosigkeit genannt. Du bist ein Sophist. 229 Grünbaum : Ich bin kein Sophist, sondern ein Pessimist. Ich habe nichts dagegen, daß du mir ein glückliches neues Jahr wünschest; gedankenlos ist es nur, daß du glaubst, dein Wunsch könnte in Erfüllung gehen. Das Leben wird von Jahr zu Jahr ärger. Warum bist du also zu Neujahr so gut gelaunt? Farkas : Weil ich mich freue, daß es nicht schon das nächste Neujahr ist. Denn dann beginnt – Grünbaum : – unsere neue Revuearbeit. 1938 wird sie ja ohnehin nicht fertig! Farkas : Wie kannst du das sagen? Ich habe beschlossen, im kommenden Jahre einen radikalen Tempowechsel in unserer Arbeit eintreten zu lassen. Jetzt steht ja alles im Zeichen des Wechsels: im Kalender ist Jahreswechsel, bei der britischen Flotte Kommandantenwechsel, in Rumänien Regierungswechsel und zwischen Japan und England Notenwechsel – Grünbaum : – und vorgestern in der Silvesternacht hab' ich auf dem Stephansplatz einen bekannten Geschäftsmann getroffen, der beim Mitternachtsläuten seufzend ausrief: »Jetzt wird ein 8000-Schilling-Wechsel von mir fällig.« Farkas : Da haben wir noch einen Wechsel vergessen: den Besitzerwechsel der Weihnachtsgeschenke. Man fragt längst nicht mehr, »was hast du für Weihnachtsgeschenke bekommen?« Man müßte – – Grünbaum : Kümmere dich nicht darum, was man müßte! Denk' daran, was wir müssen! Wir brauchen eine neue Revue. Wenn wir die alte noch lange weiterspielen, streikt das Publikum. Farkas : Wir sind ja in Wien, da gibt's keinen Streik. 230 In Paris ist das jetzt hochmodern. Dort ist doch im Augenblick Generalstreik. Grünbaum : Generalstreik interessiert mich nicht. Aber sehr einverstanden wär' ich mit einem – Generäle-Streik. Stell' dir das vor: Ausstand sämtlicher Heerführer der Welt ... Stillstand der Kriegsunternehmungen in Spanien und Ostasien ... Ausbruch des Weltfriedens! Farkas : Laß mich mit dem Frieden zufrieden. Grünbaum : Kriegerisch, Herr Farkas? Farkas : Nein, nur arbeitswütig! Also paß auf: Der Vorhang hebt sich – Grünbaum : – und es zieht. Farkas : Ich meine die Kurtine, nicht die Portiere. Auf der Bühne sieht man das heitere Hollywood – Grünbaum : Hat sich was, heiter. In heller Aufregung ist Hollywood momentan. Die Garbo und der Powell sind der republikanischen Partei beigetreten. Farkas : Aus Überzeugung? Grünbaum : Nein, aus Wut! Weil man Myrna Loy und Clark Gable zum Königspaar des Films ernannt hat. Farkas : Ja, der Film ist eben eine nervöse Branche. Grünbaum : Und das Theater vielleicht nicht? Jede Woche gibt's eine andere Aufregung, die dann im Sande verläuft. Vorige Woche zum Beispiel hat's geheißen, der Tautenhayn, gestützt auf eine politisch maskierte Gruppe, übernimmt das Raimund-Theater, und jetzt wird's auf einmal ein Marionettentheater. Farkas : Ob politische Geldgeber oder Marionettentheater, das ist ein und dasselbe: die Drahtzieher sind hinter den Kulissen. 231 Grünbaum : Apropos, Kulissen! Kehren wir zur Revue zurück. Aber laß sie nicht in Hollywood spielen. Filmstücke waren schon zu oft da. Ich möchte etwas anderes. Farkas : Du möchtest! Muß ich mich nach dir richten? Du legst dir da ein Wahlrecht zurecht – Grünbaum : Bin ich ein Ungar? In Budapest, höre ich, legen sie sich jetzt ein neues Strafrecht zu. Farkas : Worauf läuft das hinaus? Grünbaum : Ich kenne mich in politischen Dingen nicht aus. Von Wahlen weiß ich nur eins: man wähle von zwei Kandidaten – das kleinere! Farkas : Mich interessiert von allen Wahlen nur eine: die Stoffwahl für unsere nächste Revue. Also paß auf: der Vorhang hebt sich, man sieht eine Flucht – Grünbaum : Die armen Chinesen! Farkas : – eine Flucht von Zimmern meine ich, eine moderne Luxuswohnung. Darin wohnt ein armer Maler – Grünbaum : Ein armer Maler in einer Luxuswohnung? Du weißt wohl nicht, was du redest. Farkas : Im Gegenteil, ich trage dieses Motiv schon sehr lange mit mir herum. Grünbaum : Ich verstehe: du gehörst zu jenen seriösen Menschen, die sich einen Blödsinn sehr lange überlegen, bevor sie ihn aussprechen? – Wie kann sich ein armer Maler den Luxus einer Luxuswohnung leisten? Er kann nicht einmal die Colonia-Gebühr bezahlen, geschweige denn die Ablöse! Farkas : Ich sehe, du hast die Zeitung nicht gelesen. Der Ablöse wird jetzt definitiv der Garaus gemacht! 232 Grünbaum : Höchste Zeit! Man hat sich ja nicht mehr getraut, einem Hausherrn unter die Augen zu treten! Wenn sich so ein armer Mieter nach einer Wohnung erkundigte, hat ihm der Hausherr das Götz-Zitat zugerufen. Farkas : Nicht möglich! Grünbaum : Doch! Er hat ihm gesagt: »Das Gute zahlt man nie zu teuer!« Farkas : Du bist also gegen die Luxuswohnung als Revue-Schauplatz? Macht gar nichts, ich habe tausend andere Ideen – Grünbaum : So viele brauchen wir nicht, eine genügt. Farkas : Also paß auf: der Vorhang hebt sich – Grünbaum : Aber nicht mehr heute! 8 Uhr! Wir müssen in den Simpl zur Vorstellung. Vergiß übrigens nicht, wir müssen heute dort Neujahrstrinkgelder geben. Farkas : Wieviel willst du geben? Grünbaum : Ich richte mich nach dir. Farkas : Wird das nicht zu wenig sein? Grünbaum : Wir können das im Wagen besprechen. Du hast ihn doch unten? Farkas : Ja, aber mein Chauffeur ist krank. Also fahr' ich selber. Grünbaum : Hm. Ich glaube, ich fahre mit der Elektrischen. Farkas : Mir scheint, du hast kein Vertrauen zu mir. Hast du mich schon fahren gesehen? Grünbaum : Natürlich! Neulich. Du bist gefahren wie der Blitz. Farkas : Schnell? Grünbaum : Nein, im Zick-Zack! 233   Fahrten ins Blaue, Weiße, Gelbe und Braune Karl Farkas : Servus, Fritz! Fritz Grünbaum : Servus, Karl! Wie gewöhnlich, zu spät! Farkas : Du mußt entschuldigen, ich hatte im Kaffeehaus eine Debatte. Ich kann Pessimisten nicht leiden. Da hat einer von Teuerung gesprochen, so was bringt mich auf. Wo gibt's eine Teuerung? Stell' dir vor, wie billig das ist: ein Borsalino, ein Übergangsmantel, ein Sportanzug, zwei Hemden, zwei Paar Socken – achtzig Schilling! Grünbaum : Wo kriegt man das? Farkas : Nirgends! Aber stell' dir vor, wie billig! Grünbaum : Du bist ein Idiot. Farkas : Nein, ein Optimist. Der stellt sich das Unmögliche möglich vor und ist glücklich. Grünbaum : Also stelle ich mir unsere neue Revue fertig vor. Farkas : Dazu brauchst du kein Optimist zu sein, die wird heute bestimmt fertig. Also paß auf: Der Vorhang hebt sich, wir befinden uns in einer Zeitungsredaktion. Grünbaum : Schon dagewesen: »Journalisten«! Farkas : Aber keine gewöhnliche Redaktion! Eine besondere! Ich betone – Grünbaum : Ich verstehe: betont ...! Aber da können 234 wir nicht mitspielen: wir sind da nicht genehm. Farkas : Unsinn! Grünbaum : Wieso? Sind wir plötzlich genehm? Ah, du meinst wahrscheinlich eine rumänische – Farkas : Wie kommst du auf Rumänien? Grünbaum : Weil man dort einen Tag genehm und den nächsten unangenehm ist. Heute machen sie dort drei Schritte zurück und morgen, wenn die Franzosen runzeln, einen Schritt vorwärts! Farkas : Ich rede nicht von Rumänien, sondern von einer idealisierten Redaktion! Da tritt ein Mann auf – Grünbaum : Wie alt? Farkas : Das ist nebensächlich. Grünbaum : Im Gegenteil, bei der Zeitung bestimmt sich der Charakter nach dem Alter. Farkas : Was ist das schon wieder für ein Stumpfsinn? Grünbaum : Das ist ein rassebiologisches Phänomen! In der Zeitung hat der Mensch in jedem Alter einen anderen Charakter: bei der Geburt ist er »ein kräftiger Junge«, bei der Wohnungssuche »ein solider Junggeselle«, auf der Brautschau »ein charaktervoller, akademisch gebildeter Dreißiger« und in der Verlustanzeige »ein armer Angestellter«. Farkas : Genug Zeitungspsychologie! Wir sind also in einer Redaktion – Grünbaum : Schon wieder! Die hab ich dir schon abgelehnt. Du wirst mich noch in Hitze bringen! Farkas : Schlecht? Sei froh, daß dir warm wird: diese Kältewelle gegenwärtig – Grünbaum : Ja, es ist schrecklich! Alles ist krank durch diesen Frost – 235 Farkas : Vor allem die Wirtschaft! Grünbaum : Was hat die Wirtschaft mit der Kälte zu tun? Farkas : Sehr viel: die Kredite frieren ein! Und vor allem leidet die Kunst. Grünbaum : Natürlich, bei diesem Frost muß man die Theater – wattieren! Farkas : Sehr richtig! Und die Premieren finden – eine kühle Aufnahme! Grünbaum : Auch die Ravag zeigt Kälteerscheinungen. Farkas : Wieso? Grünbaum : Die Abonnenten bekommen kalte Füße und die Einnahmen sinken auf Minus. Farkas : Und der Schnupfen grassiert auch in der Politik: England ist verschnupft über Japan, das ihm seinerseits etwas hustet. Grünbaum : England schnupft, Japan hustet und ich – fiebere auf die Fortsetzung der Revue. Farkas : Also paß auf: Der Vorhang hebt sich – Grünbaum : Falsch! Erst kommt die Ouvertüre des Orchesters – Farkas : Sprich mir nicht von Orchester, sonst muß ich an das europäische Konzert denken, und das ist sehr verstimmt. Grünbaum : Warum? Farkas : Wenn man fiebert, ist man immer verstimmt. Grünbaum : Europa hat Fieber? Farkas : Rüstungsfieber! Neun Milliarden Schilling gibt England für seine Verteidigung aus! Grünbaum : Neun Milliarden für die Verteidigung , dafür könnt' es sich die ganze Österreichische Anwaltskammer nehmen. Warum ist es übrigens 236 angeklagt? Farkas : Aber ich meine doch »Landesverteidigung«. Weißt du nicht, daß jetzt alle Völker rüsten? Sowohl zu Lande wie zu Wasser. Grünbaum : Die Flottenrüstung ist ja die Sparkassa der Nationen: sie legen Kreuzer auf Kreuzer. Farkas : Nicht zu vergessen die Luftrüstung. Grünbaum : Von der verspricht man sich am meisten. Farkas : Aber zu Unrecht! Früher hat's geheißen: »Doch das Gute kommt von oben«, in der Zeit der Bombenflieger kann man das nicht mehr behaupten. Grünbaum : Genug Politik. Farkas : Wieso? Politik ist der Zug der Zeit. Grünbaum : Der Zug kommt uns teuer zu stehen! Da sind mir die Bundesbahnen lieber, da gibt's Ermäßigungen. Farkas : Vorausgesetzt, daß man sich darin auskennt. Jetzt ist doch in Österreich eine neue Wissenschaft entstanden: die Bundesbahnermäßigungstarifkunde. Grünbaum : Ja, ohne Tarifgelehrten traut man sich heutzutage auf keinen Perron. Da wollte ich neulich auf den Semmering. Bis Liesing hab' ich den Kurzstreckentarif benützt, von dort bis Wiener Neustadt bin ich mit Weekendermäßigung gefahren, von Wiener Neustadt bis Gloggnitz hab' ich ein kombiniertes Ausflüglerzertifikat gehabt, und von dort bis auf den Semmering ist mir ein Rundreisetouristenbegünstigungsschein mit Familienrabatt bewilligt worden; so kommt mich die ganze Strecke Wien–Semmering nur um vier Schilling 237 teurer als eine Gesellschaftsreise Saloniki–Wien. Farkas : Wunderbar! Die Bundesbahnen scheinen sich an der Tarifpolitik der Wiener Theater ein Beispiel genommen zu haben. Dort gibt's erstens die Kassenpreise, bestimmt für Ortsfremde und naive Einheimische; zweitens die Hotelpreise, gewidmet den Wohlfahrtseinrichtungen der Portiers; drittens die Kunststellenpreise für die Bevölkerung und viertens die Freikarten für die Majorität. Grünbaum : Fehlt noch eins: die Umsteigkarte! Wenn man sich bei einer Oper langweilt, steigt man auf eine Prosabühne um und kommt zuletzt bei einem Revuefinale an. Farkas : Apropos, Revue! Der Vorhang hebt sich – Grünbaum : Um acht Uhr? Zu spät, wir müssen zur Vorstellung in den Simpl. Farkas : Soll ich dich in meinem Wagen mitnehmen? Grünbaum : Danke, nein! Du bist ein zu unvorsichtiger Fahrer. Farkas : Ich habe seit heute einen Chauffeur. Der ist sehr vorsichtig. Grünbaum : Wieso weißt du das schon? Farkas : Er hat den Gehalt im voraus verlangt. 238   Standpunkte und Nullpunkte Karl Farkas : Servus, Fritz! Fritz Grünbaum : Servus, Karl! Nun? Farkas : Wieso nun? Grünbaum : Ich warte. Farkas : Worauf? Grünbaum : Auf deine heutige Ausrede fürs Zuspätkommen. Farkas : Deine Ironie hat ein falsches Gebiß. Ich habe keine Ausrede, aber ich habe einen Grund: ein Kleidertrödler hat mich so lange aufgehalten, er wollte durchaus meinen alten Anzug kaufen, es dauerte so lange, bis ich ihn endlich an die Luft setzte. Grünbaum : Warum hast du ihn hinausgeworfen? Was machst du denn mit deinen alten Anzug? Farkas : Am Abend hänge ich ihn schön über einen Sessel und in der Früh – ziehe ich ihn an. Grünbaum : Spar' dir deine Witze für unsere Vorstellung, ich bin kein Publikum! Sag' lieber die Wahrheit, es ist Fasching, und du hast gestern gedraht. Farkas : Und wenn's so wäre? Der Tanz ist, wie schon Descartes sagt ... Grünbaum : Genug! Hör' auf, Werke zu zitieren, die du nie gelesen hast! Farkas : Warum? Glaubst du, daß alle Leute, die den 239 Götz zitieren, ihn auch gelesen haben? Grünbaum : Das mußte kommen! Aber den heutigen Götz will ich wirklich deiner Faschingslaune zugute halten. Obwohl mir der politische Fasching heuer gar nicht gefällt. Farkas : Schon wieder pessimistisch? Grünbaum : Die Völker tanzen in Ermangelung eines besseren Lokals auf dem Vulkan. Farkas : Immerhin tanzen sie. Grünbaum : Aber was? Den Verständigungstanz: einen Schritt vorwärts und vier zurück! Farkas : Und das regt dich auf? Man darf nicht wehleidig sein. Wir bekommen schon ruhigere Zeiten. Ich bin da Realpolitiker. Grünbaum : Ich verstehe! Realpolitiker ist ein Mensch, der alles in Ordnung findet, bis – es ihm selber passiert. Farkas : Der Vorhang der Weltgeschichte – Grünbaum : – ist im Augenblick weniger wichtig als der Revuevorhang. Farkas : Gut, daß du mich daran erinnerst. Also der Vorhang hebt sich, man sieht eine beratende Versammlung – Grünbaum : Aha, Rußland! Farkas : Wieso? Grünbaum : Da beraten sie. Farkas : Worüber? Grünbaum : Über die Neubildung des Ministeriums. Farkas : Und was geschieht mit den alten Ministern? Grünbaum : Denen werden anläßlich der Pensionierung – Kränze aufs Grab gelegt. Farkas : Deine Unterbrechung war ganz zwecklos, 240 die beratende Versammlung meiner Revueidee ist gar keine russische, sondern – Grünbaum : – eine japanische. Farkas : Wieso? In Japan wird auch beraten? Grünbaum : Natürlich. Die Japaner wollen jetzt den Chinesen den Krieg erklären. Farkas : Und was war die Zerstörung von Schanghai? Die Eroberung ganzer Provinzen? Grünbaum : Das waren freundschaftliche, vom Geist der Versöhnung getragene Auseinandersetzungen. Jetzt soll aber den Chinesen der Krieg – erklärt werden. Farkas : Na, wenn sie ihn nach den bisherigen praktischen Erfahrungen nicht verstanden haben, wird die theoretische Erklärung auch nichts nützen. Grünbaum : Vielleicht interessieren sich die Chinesen gar nicht für den Krieg. Warum erklären ihnen die Japaner nicht lieber den Frieden? Farkas : Weil die Japaner nicht für den Frieden sind. Grünbaum : Im Gegenteil: Japan will den Frieden, und wenn er mit noch so großen Opfern – für China verbunden ist! Farkas : Wir können da eigentlich nicht mitreden, weiß man denn, was hinter den Kulissen der hohen Politik vorgeht? Grünbaum : Eben! Wir wissen ja noch nicht einmal, was vor den Kulissen der Revue geschieht! Farkas : Sehr einfach: Der Vorhang hebt sich – Grünbaum : – wie unser Export! Farkas : Wohin? Grünbaum : Nach Bayern! Farkas : Und was exportieren wir? 241 Grünbaum : Den Kabasta nach München. Farkas : Und was kriegen wir dafür? Grünbaum : Das Auto des Passauer Bürgermeisters. Farkas : Halt mich nicht wieder auf! Also, der Vorhang hebt sich, man sieht – Grünbaum : Quatsch! Farkas : Wieso? Du weißt doch noch gar nicht, was ich sagen will? Grünbaum : Ich meine ja auch nicht den Quatsch, den du sagen willst, sondern den, der jetzt auf der Straße zu sehen ist. Farkas : Eine natürliche Folge der Witterung: die Temperatur nähert sich jetzt von den Gefriergraden dem Nullpunkt. Daher der Quatsch – Grünbaum : Meinst du den Professor Debye? Farkas : Hat der gequatscht? Grünbaum : Nein, aber über den Nullpunkt hat er gesprochen. Farkas : Wieso weiß der, daß ich kein Geld hab'? Grünbaum : Aber über den absoluten Nullpunkt hat er doch gesprochen. Farkas : Ja, absolut kein Geld hab' ich. Übrigens hab' ich mit dem Quatsch das Tauwetter gemeint, schauderhaft, dieses europäische Klima: Erst fällt der Schnee, dann der Regen und jetzt der Franc. Was sagst du übrigens zu Chautemps? Grünbaum : Was ist denn mit dem los? Farkas : Er ist gegangen. Grünbaum : Warum? Farkas : Weil er gestürzt ist. Grünbaum : Das versteh' ich nicht: Man stürzt, weil man geht, aber geht nicht, weil man stürzt. 242 Farkas : Du meinst Glatteis und ich mein' die Politik. Die Sache ist ganz einfach: Der Franc ist gefallen, darauf ist die Opposition gestiegen, die hat den Chautemps gestürzt und da ist er gegangen. Grünbaum : Haben denn die Regierungsparteien kein bindendes Abkommen gehabt? Farkas : Ja, aber in der Politik hält man sich nicht immer an ein Abkommen. Im Leben übrigens auch nicht. Ich habe mit dir das Abkommen, daß heute nur über die Revue gesprochen wird, und jetzt halten wir bei Chautemps! Wenn das so weitergeht, wird die Revue in sechzig Jahren auch noch nicht fertig. Grünbaum : Na und? Franz Molnár hat auch sechzig Jahre gebraucht, bis er »Delila« geschrieben hat! Farkas : Er hat aber auch schon vorher manches geleistet! Den Gardeoffizier hat er zum Sieg geführt, er hat den Teufel erfolgreich an die Bühnenwand gemalt, eine Fee hat ihm das Märchen vom Wolf erzählt ... sein ganzes Oeuvre war elegant und nobel: ein Spiel im Schloß. Grünbaum : Telegraphier' ihm das alles morgen nach Cannes! Heute – Farkas : – muß die Revue fertig werden! Also – Grünbaum : – auf in den Simpl zur Vorstellung, es ist acht Uhr. Nimmst du mich im Wagen mit? Farkas : Ich hab' ihn gar nicht hier. Momentan bin ich so nervös. Ich fürchte immer, es rennt mir ein Passant in den Wagen. Grünbaum : Kannst du denn nicht hupen? Farkas : Hupen schon! Aber nicht fahren! 243   Kabinette, Kinderstuben und Brautzimmer! Karl Farkas . Servus, Fritz, der Vorhang hebt sich – Fritz Grünbaum : Servus, Karl, der Vorhang ist in der Höhe, die Türe hast du offen gelassen, es zieht. Farkas : Bravo, also wird unsere Revue ein Zugstück. Grünbaum . Ich will wissen, warum du schon wieder zu spät gekommen bist. Farkas : Weil ich nicht zu früh kommen wollte. Ich war schon vor einer halben Stunde an deinem Haustor, das war mir zu zeitlich, also bin ich noch ein bißchen herumgeschlendert und habe mir so meine Gedanken gemacht. Grünbaum : Herr Farkas – ein Pythagoreer! Was für ein Lehrsatz ist dir denn eingefallen? Farkas : Ich ging durch die Wollzeile und suchte mir einen Platz, wo man einmal das Grünbaum-Denkmal aufstellen wird. Grünbaum : Unsinn – Farkas : Wieso? Du bekommst es bestimmt einmal! Grünbaum : Du meinst? Farkas : Ganz bestimmt. Und kein Mensch wird vorübergehen, ohne stehen zu bleiben. Grünbaum : Glaubst du wirklich? Farkas : Sicher! Und jeder Mensch wird sagen – Grünbaum . Was? Farkas : »Wer ist das eigentlich?« 244 Grünbaum : Das wird man ja im Baedeker lesen können: »Fritz Grünbaum, Schriftsteller und Komiker, war verurteilt, mit Karl Farkas Revuen zu schreiben: starb über der ›Unvollendeten‹, nach jahrelanger Nichtarbeit.« Farkas : Fängst du schon wieder an? Eben war ich dabei, dir den Anfang zu erzählen. Also paß auf: der Vorhang hebt sich – großes Gelage – Grünbaum : Krötenschmaus? Farkas : Was ist das für ein Unsinn? Grünbaum : Das ist kein Unsinn, sondern das heute übliche politische Menü. In Frankreich ist der Chautemps gestürzt, darauf ist er wieder aufgestanden und regiert jetzt weiter. In Rumänien ist der Tatarescu gefallen – Farkas : – und wieder aufgestanden? Grünbaum : Nein, vorläufig liegt er noch dort. Aber die neue Goga-Cuza-Regierung weiß sich keinen Rat und hat das Parlament aufgelöst. Dann wird ein neues gewählt werden, und zuletzt wird sich's wieder auf Tatarescu ausgehen. Also wozu ist er gefallen? Und wozu ist der Chautemps gestürzt? Das ist die Politik der gefressenen Kröten. Farkas : Tatsächlich, wenn in der Politik der Vorhang fällt, ist wieder alles, wie es früher war. Grünbaum : Laß den fallenden Vorhang, und sprich lieber von dem, der sich hebt. Das ist jetzt aktueller. Farkas : Aktuell ist jetzt der überhaupt nicht vorhandene Vorhang: Opernball! Da war die Bühne durch keinen Vorhang vom Zuschauerraum getrennt. Ausverkauft! Und ein Bombengeschäft. 245 Grünbaum : Da gäb's doch ein einfaches Mittel, die Staatsoper defizitfrei zu machen. Farkas : Nämlich? Grünbaum : Man gibt das ganze Jahr täglich einen Opernball und nur im Fasching einen Abend eine Opernvorstellung. Farkas : Zerbrechen wir uns nicht den Kopf über die Oper, die Revue ist uns wichtiger – Grünbaum : Plötzlich hast du's eilig? Sonst bin doch immer ich der Dränger. Farkas : Und heute bin eben ich der Stürmer! Grünbaum : Oh, du willst konfisziert werden? Farkas : Wieso? Grünbaum : Den »Stürmer« hat man jetzt konfisziert, weil er für Rassenschande Todesstrafe verlangte. Farkas : Bah, der wird mit Diskussionsthemen nicht in Verlegenheit kommen. Er hat immer ein reichhaltiges – Pogrom! Grünbaum : Übrigens hat ja auch der amerikanische Senator Ellender für die Lynchjustiz an Negern gesprochen. Farkas : Ja, diese Rede ist ein ins Schwarze übersetzter »Stürmer«. Grünbaum : Das ist die vielgerühmte Zivilisation! Wann wird sich endlich unsere Gesittung heben? Farkas : Zuerst soll sich unser Revuevorhang heben! Also, paß auf! Ich habe schon vorhin gesagt, man sieht auf der Bühne ein Gelage, und zwar handelt sich's um ein Hochzeitsgelage – Grünbaum : Wer hat geheiratet? Farkas : Wahrscheinlich das Brautpaar – Grünbaum : Endlich ein aktueller Stoff, jetzt, wo der 246 König Faruk von Ägypten geheiratet hat – – Farkas : Warum? Grünbaum : Vermutlich aus Liebe! Farkas : Vielleicht auch, um keine Ledigensteuer zu zahlen! Grünbaum : Der zahlt doch keine Steuer! Farkas : Rückstände hat er? Da werden sie ihn doch pfänden? Grünbaum : Ein König wird doch nicht gepfändet. Farkas : Ah, er läßt alles auf die Frau schreiben? Deshalb hat er geheiratet? Grünbaum : Er hat geheiratet, und Schluß! Seine Motive kenn ich nicht. Farkas : Aber eine schöne Hochzeit hat er doch gehabt? Grünbaum : Natürlich! Alle waren da, die Regierung, die Parlamentsvertreter, die Familie, der Bräutigam – Farkas : Und die Braut? Grünbaum : – mußte zu Hause bleiben. So will's das Zeremoniell. Farkas : Wer hat dann für sie unterschrieben? Grünbaum : Der Schwiegervater. Farkas : Und wer hat den Hochzeitskuß bekommen? Grünbaum : Die Schwiegermutter. Farkas : Ein grausames Zeremoniell! Grünbaum : In Fürstenhäusern ist eben alles im Privatleben anders. Ist es dir zum Beispiel nicht aufgefallen, wie lange das holländische Königskind auf sich warten läßt? Farkas : Aus Zeremonialgründen? Grünbaum : Natürlich: Fürstlichkeiten lassen immer 247 auf sich warten! Farkas : So? Ich dacht', das Kind kommt solange nicht, um möglichst spät die – Finsternis dieser Welt zu erblicken. Grünbaum : Wenn schon geistreich um jeden Preis, Herr Farkas, warum dann nicht in der Abfassung der Revue? Farkas : Wie du wünschest. Also der Vorhang hebt sich – Grünbaum : Falsch: in den Simpl gehen wir! Zur Vorstellung! Es ist acht Uhr. Farkas : Komm mit, ich habe meinen Wagen unten. Grünbaum : Ist das der frischlackierte vor dem Fenster? Farkas : Jawohl! Grünbaum : Komische Farbenzusammenstellung! Warum ist er auf der einen Seite schwarz und auf der anderen weiß? Farkas : Damit sich bei Unfällen die Zeugenaussagen widersprechen ... 248   Nordlicht, Nordlicht, aber sonst wenig Licht! Karl Farkas : Servus, Fritz! Fritz Grünbaum : Servus, Karl! Bevor sich der Vorhang hebt, wüßte ich gern, warum du so spät kommst. Farkas : Du hältst mich wohl für faul? Grünbaum : Stimmt. Farkas : Irrtum. Ich bin seit fünf Uhr früh auf den Beinen. Grünbaum : Wo warst du also? Farkas : Beim Angeln. Grünbaum : Dumme Ausrede! Farkas : Im Gegenteil: volle Wahrheit. Der Arzt sagt, ich mache zu wenig Bewegung. Deshalb hat er mir befohlen, Sport zu treiben. Das soll mich aufpulvern. Grünbaum : Und da suchst du dir ausgerechnet das Angeln aus, den phlegmatischesten Sport? Farkas : Phlegmatisch? Gerade im Gegenteil: Angeln ist die aufregendste aller Sportarten. Grünbaum : Das mußt du mir erklären. Was regt dich beim Angeln auf? Farkas : Die Angst, daß ein Gendarm kommt. Ich habe nämlich keine Anglerkarte. Grünbaum : Deine Anglerkarte interessiert mich nicht. Offenbar hast du aber auch keine Revue-Idee? 249 Farkas : Wieso? Du läßt mich nur nicht zu Wort kommen. Schon beim Hereinkommen wollte ich dir sagen, daß mir ein Licht aufgegangen ist. Grünbaum : Du meinst das Nordlicht? Gott sei Dank, daß es nur einen Tag gedauert hat! Ein schrecklicher Gedanke, daß jetzt der Himmel auch schon aufgenordet würde! Farkas : Warum? Hochzeitsreisende und Schuldner wären mit der Mitternachtssonne sehr einverstanden! Grünbaum : Wieso? Farkas : Im Lande der Mitternachtssonne ist es sechs Monate Nacht. Stell' dir das vor! Grünbaum : Und was haben die Schuldner davon? Farkas : Wenn sie ein Darlehen »bis morgen« aufnehmen, brauchen sie sechs Monate nicht zu zahlen! Grünbaum : Du verkriechst dich sogar auf den Nordpol, um dich von der Revue zu drücken! Aber jetzt mache ich kurzen Prozeß und – Farkas : Apropos: Prozeß! Hast du von dem Vivisektionsprozeß gelesen? Grünbaum : Was war das? Farkas : In einer Schule wurden Experimente an einem lebenden Frosch gemacht. Grünbaum : Und das ist verboten? Farkas : Natürlich! Nur ein Arzt darf das! Grünbaum : Ist denn der Jerger von der Staatsoper ein Arzt? Farkas : Wieso? Grünbaum : Weil er zu Silvester mit dem Frosch experimentiert hat! Farkas : Au! Au! Das hättest du dir ersparen sollen. 250 Also paß auf: Der Vorhang hebt sich, es ist stockdunkel, von der Bühne sieht man zunächst gar nichts. Grünbaum : Aha! Du meinst die »Deutsche Bühne«. Von der sieht man gar nichts, aber man hört viel von ihr – Farkas : Unsinn. Der Vorhang hebt sich, die Bühne ist erst finster, dann aber wird es licht, und man erblickt einen Hain – Grünbaum : Einen Tautenhayn, davon rede ich doch. Farkas : Du redest! Er macht schon selbst von sich reden – durch seine Wanderbühne. Grünbaum : Wieso »Wanderbühne«? Farkas : Weil sie schon wandert, bevor sie noch zu spielen begonnen hat. Der Tautenhayn wandert mit seinem Projekt von einem Bezirk in den andern, ohne mit seiner Kabale auf Liebe zu stoßen. Grünbaum : Stimmt. Angefangen hat er im Raimundtheater als Verschwender seiner Zeit; dann mußte sein Plan im Stadttheater versanden, aber jetzt scheint sich im Philadelphiatheater ein Tauber gefunden zu haben, der ihn auch nicht erhört. Farkas : Wenn du mit deiner Wanderung beim Simpl angekommen bist, verständige mich. Dann erzähle ich dir meine Revue-Idee. Grünbaum : Ich bin nicht neugierig darauf, ich habe selber eine Idee: eine Napoleon-Revue. Farkas : Jetzt fängst du auch noch an? Man kann sich ja vor Napoleons auf der Bühne nicht retten! Eben grassiert wieder einer von Bruckner. Grünbaum : Dagegen ist schon ein Mittel gefunden. 251 Statt der projektierten Doppelschillinge 1938 mit dem Bild Bruckners sollen jetzt solche mit Napoleons Porträt geprägt werden. Erfahrungsgemäß hamstert das Publikum die neuen Doppelschillinge, und so wird Napoleon endlich aus dem Verkehr verschwinden. Farkas : Ha! Grünbaum : Was gibt's? Farkas : Jetzt ist mir der richtige Anfang für unsere Revue eingefallen: Der Vorhang hebt sich, auf der Bühne heftiger Schneesturm – Grünbaum : Sehr aktuell bei dem Frühlingswetter dieses Winters! Die Bevölkerung sieht sich ja vor das schrecklichste Dilemma gestellt. Sonst war es jedem eine liebe Gewohnheit, im Winter den Überzieher zu versetzen und den Winterrock auszulösen; mit Frühlingsbeginn wieder versetzte man den Winterrock und löste den Überzieher aus. Bei den jetzigen Temperaturschwankungen aber weiß kein Mensch, was er versetzen, und was er auslösen soll! Farkas : Ja, es ist ein Katastrophenwinter! Auf den Bergen bröckelt der Schnee ab, in Genf der Völkerbund, in Paris der Franc, in Bukarest – alles wackelt, nichts hebt sich . . . Apropos »heben«: Also, der Vorhang hebt sich – Grünbaum : Laß ihn unten, es ist acht Uhr, wir müssen in den Simpl zur Vorstellung. Nimmst du mich in deinem Wagen mit? Farkas : Den habe ich eingestellt! Ich bin daraufgekommen, daß ein Wagen seinen Besitzer verweichlicht: man gewöhnt sich das Gehen ab, wird 252 bequem, verliert die Initiative und büßt seinen moralischen Elan ein – Grünbaum : Ich verstehe dich, ich habe auch kein Geld! 253   Grönbaum und Firnkas Grönbaum und Firnkas (zwei Eskimos in Originaltracht von rechts) Grönbaum : (schüttelt sich) Kühl ist heut', Herr Firnkas! Firnkas : Dafür sind wir ja in Grönland, Herr Grönbaum ... Grönbaum : Leider. Das Klima ist schrecklich aufgenordet. Ein bißchen Wärme wär' ganz gut. Ich werd' zu Weekend auf den Südpol fahren. Firnkas : Ich war auch schon unterwegs dahin. Aber auf dem Weg ist mir ein Eisbär begegnet. Grönbaum : Warum haben Sie ihn nicht geschossen? Firnkas : Er hat nicht den richtigen Gesichtsausdruck für einen Bettvorleger gehabt. – Kommen Sie einen Sprung zum Eisvogel? Der hat einen heurigen Lebertran. Auslese ... Grönbaum : Aber – schlecht eingekühlt. Und außerdem – (blickt plötzlich nach links) Sie – ist das dort nicht die Aina! Die aus dem Nachbarzelt? Firnkas : Moment! (zieht ein Fernrohr heraus) Ja. Sie ist's. Ich kenn' ihren Jumper. Und ein Herr neben ihr. Jetzt biegen sie ums Eck. (Er biegt das Fernrohr um) Die ist scheinbar durchgebrannt ... Grönbaum : Können Sie ihr's verdenken? Ich möcht' gleich auch abfahren. Seit die Parole ausgegeben 254 worden ist: »Lappland den Lappen!« ist für einen Eskimo nichts mehr zu wollen. Wer nicht seine läppische Abstammung nachweisen kann, hat keine Position. Firnkas : Na ja – es ist schwer, heut' ein Eskimo zu sein! Nehmen Sie z. B. die Steuern – Grönbaum : No – die Steuern sind ja bei uns seit jeher durch die Lappen gegangen. Aber die Rechte! Vorgestern hab' ich meine Harpune aus dem Versatzamt geholt und hab' einen herrlichen Wal erlegt. Glauben Sie, die Nordpolischen haben mir allgemein das Recht zugestanden, ihn zu behalten? Firnkas : Tja – das allgemeine Walrecht ist nicht für die Minoritäten da! Grönbaum : Und dabei war es ein herrliches Tier! So eine Leber! Firnkas : Ich hab' das Junge gern ... Mit Pilzsauce. Ich pflanz' mir die Pilze selber. Hab' einen eigenen Küchengarten: Pilze, Algen, Flechten – so eine Bartflechte hab' ich jetzt – herrlich! Grönbaum : Haben Sie auch Moos? Firnkas : Nicht einen Heller. Und trotzdem möcht' ich so gerne von hier fort. Glauben Sie nicht, daß das zu machen ist? Grönbaum : Ich bin gleich dabei. Wir setzen uns in meinen Wagen – Firnkas : Was für einen Wagen haben Sie? Grönbaum : Einen Fjord. Aber wohin soll's gehen? Firnkas : Ich würde Ihnen die Österreichisch-ungarische Monarchie empfehlen. Grönbaum : Von der hat man aber schon lang nichts gehört. 255 Firnkas : Hört man denn hier überhaupt etwas, was in der Welt vorgeht? Grönbaum : Ja – wie isoliert ist man! Firnkas : Vor 30 Jahren hat aber ein Österreichischer Forscher noch meinem seligen Vater ein Buch über die Monarchie dagelassen. Ich trag's immer bei mir herum. (Nimmt es aus dem Ranzen) Da werden Sie sehen, daß das das Richtige für uns ist. (Blättert) 1905 – Grönbaum : Seither kann sich doch nicht viel verändert haben – Firnkas : Natürlich nicht. (Liest) »Österreichisch-ungarische Monarchie. Im Reichsrat vertretene Königreiche und Länder – im Gegensatz zum russischen Absolutismus Demokratie auf parlamentarischer Grundlage« – – Sagen Sie, was ist absolutistisch? Grönbaum : Das weiß ich zufällig. Absolutismus ist, wenn die Regierung macht, was sie will, und das Volk nicht dreinreden darf. Firnkas : Und Demokratie? Grönbaum : Da darf das Volk dreinreden – aber die Regierung macht trotzdem, was sie will ... Firnkas : Danke. (Liest weiter) »Die volkswirtschaftlichen Bestrebungen dieser Großmacht gehen dahin –« Grönbaum : Pardon, daß ich unterbreche. Jetzt bin ich uninformiert. Was ist Volkswirtschaft? Firnkas : Das weiß wieder ich! Volkswirtschaft ist, wenn eine Generation die Schulden der vorigen Generation mit Wertpapieren bezahlt, die die nächste Generation einlösen muß ... Verstehen Sie? 256 Grönbaum : Ein bisserl kompliziert ... Firnkas : Ist es auch. Aber das scheint dort Spezialität zu sein. Grönbaum : Na ja – jede Nation hat halt ihre Eigentümlichkeiten. Die Holländer haben ihren Humor – Firnkas : Sehr richtig, die Engländer ihr Temperament – Grönbaum : Die Schotten ihre Verschwendungssucht – Firnkas : Ja. Aber ich bin nach wie vor für Österreich. Man sollte geradezu eine Auswanderungsaktion dahin in die Wege leiten. Grönbaum : Das würden die Lappen nie zugeben! Firnkas : Wir können's doch geheim machen! Grönbaum : Hier? Ausgeschlossen. Am Nordpol wird man zu leicht – entdeckt ... Nein – schauen wir bloß, daß wir weiterkommen. Firnkas : Schön. Wir wollen Europa entdecken. Die berühmte Zivilisation, die edle Politik. Das geniale Wirtschaftssystem – die ganze große Kultur, von der wir armen Naturvölker hier keine Ahnung haben! Grönbaum : Wunderbar. Nur bräuchte man dazu etwas Geld. So vanderbiltartige Sachen. Firnkas : No – und was würden Sie tun, wenn Sie das Geld vom Vanderbilt hätten? Grönbaum : Interessanter wär' zu wissen, was der Vanderbilt täte, wenn er mein Geld hätt'! Firnkas : Dafür wird auch noch Rat werden. Wir machen einfach Station in Christiania. Dort hab' ich zwei Cousins. Zwei Dänen. Die kann man anpumpen wie nichts! Grönbaum : Dänen? Und wie geht's denen? Firnkas : Danke. Der eine ist verheiratet. 257 Grönbaum : Und der andere? Firnkas : Dem geht es gut ... Grönbaum : Wissen Sie, wenn wir einmal in Wien sind, hab' ich ja keine Sorge mehr. Mein seliger Vater hat dort einen Milchbruder, der ist Präsident der Bodenkreditanstalt ... (Beide ab links) 258   Gespräch über Einstein Fritz Grünbaum : (stürzt im weißen Kittel rechts herein, eine Kulissenwand geschultert. Er ruft hastig) Farkas! Halloh – Karl! Karl Farkas : (von rechts, eine Zeitung in der Hand) Was willst du? Grünbaum : No was kann ich wollen? Umbauen! Schnellen Dekorationswechsel, damit es weitergehen kann! Jetzt kommt das Bild in Kitzbühel! Also – vorwärts! Farkas : Eben jetzt, wo ich Zeitung les'? Grünbaum : Sofort gibst du das weg! Ich bitte endlich um Vehemenz! Endlich Schwung! Endlich Elan! Farkas : »Endlich allein« heißt das. Laß mich wenigstens den Artikel zu Ende lesen. Tante Klotilde baut ohnehin inzwischen rückwärts um. Grünbaum : Die kann doch das nicht! Farkas : Du meinst, sie ist nicht mehr jung genug für die körperliche Anstrengung? Grünbaum : Was heißt das, nicht mehr jung genug? Asbach-Uralt ist ein Kind gegen die! Was liest du denn da übrigens so krampfhaft? Etwas Lustiges? Farkas : Ah! Wer schreibt heut' was Lustiges? Grünbaum : Na ja, da hast du recht. Es gibt meines Erachtens überhaupt nur drei ernstzunehmende Humoristen in Wien. 259 Farkas : So? Und wer ist der dritte? Weil – seriöse Menschen gibt es genug. Da les' ich z. B. grad – Grünbaum : (nervös) Na – was? Sag' schon endlich! Farkas : Da steht – der Einstein ist nach Amerika gefahren. Grünbaum : Aha! Wahrscheinlich hat die Kassa nicht gestimmt. Farkas : Wie? Grünbaum : No ja – weil er hat ja schon einmal so eine Sache gehabt. Farkas : Wer? Grünbaum : Der Weinstein. Farkas : Was für ein Weinstein? Grünbaum : Der Weinstein aus der Rotensterngasse. Der Textilhändler. Farkas : Aber der ist doch kein Textilhändler. Das ist doch ein Mathematiker. Grünbaum : Und deshalb hat er wegmüssen? Farkas : Ja. Grünbaum : Warum? Was hat er gemacht? Farkas : No – was macht ein Mathematiker? Gerechnet hat er. Grünbaum : Und es hat nicht gestimmt? Farkas : Natürlich hat es gestimmt. Grünbaum : Warum hat er dann wegmüssen? Farkas : Man hat ihn eben geholt. Grünbaum : Auf die Polizei? Farkas : Auf die Universität. Weil – er hat eine neue Theorie aufgestellt. Grünbaum : Wo hat er aufgestellt? Auf der Messe? Farkas : Aber woher denn! Kennst du denn seine Theorie nicht? 260 Grünbaum : Nein. Ist das so eine Blonde? Muß eine Neue von ihm sein. Der Weinstein ist ein großer Steiger. Farkas : Aber nein! (Faßt ihn am Kinn) Paß auf – – Rasiert bist du auch nicht! Grünbaum : Doch. Erst vor einer Stunde. Farkas : Dann geh' das nächstemal näher an den Rasierapparat heran ... Also paß auf – der Einstein hat gesagt, Zeit und Raum sind nur relative Begriffe. Grünbaum : Wem hat er das gesagt? Dir? Farkas : Nein!! Im allgemeinen hat er gesagt – alles ist relativ. Setz dich z. B. eine Minute lang nackt auf eine glühende Herdplatte – Grünbaum : Fällt mir nicht im Traum ein! Farkas : Aber doch nur zum Beispiel! Grünbaum : Zum Beispiel setz' du dich! Ich bin doch nicht blöd! Farkas : Aber nicht du – der Einstein! Grünbaum : Der setzt sich drauf? Das muß ein Fakir sein! Farkas : Aber ich mein' doch nur beispielsweise. Wenn du eine Minute auf der glühenden Herdplatte sitzst – Grünbaum : Nicht eine Sekunde! Farkas : Ruhe! Er sagt eben, wenn man eine Minute nackt auf einer glühenden Herdplatte sitzt, kommt einem das vor wie eine Ewigkeit! Grünbaum : Und wegen dem blöden Witz ist er nach Amerika gerufen worden? Farkas : Aber – ist ja noch nicht fertig – Grünbaum : Was? Noch länger sitzt der drauf? 261 Farkas : Aber nein! In seinen Ausführungen setzt er fort – Grünbaum : Natürlich setzt er sich fort! Wer kann denn das aushalten? Farkas : Ich meine – er setzt fort, indem er sagt, – wenn man hingegen ein hübsches Mädel am Schoß hat – Grünbaum : (schalkhaft drohend) Ah so! Du bist ein Gauner! Farkas : Aber nicht ich! Der Einstein! Grünbaum : Und seine Frau weiß das? Farkas : Was für eine Frau? Grünbaum : Vom Weinstein! Farkas : Wenn du nur einmal richtig zuhören wolltest! Also – wenn er ein hübsches Mädel am Schoß hat – Grünbaum : Die Sitzkassierin vom Café Sedlaczek – Farkas : Was für eine Sitzkassierin? Grünbaum : No ja – die hält er immer am Schoß. Farkas : Wer? Grünbaum : Der Weinstein. Farkas : (schreit) Der Einstein!! Grünbaum : Der auch? Farkas : Nein! Nur der Einstein!! Grünbaum : Nur der? Hast du eine Ahnung! Mindestens sechse hat sie. Farkas : Wer? Grünbaum : Die Sitzkassierin vom Café Sedlaczek. Farkas : (wütend) Laß doch endlich diese tepperte Sitzkassierin in Ruh! Grünbaum : Aber ich laß sie ja in Ruh! Der Weinstein ist doch derjenige, du verkennst die Sachlage. 262 Farkas : Ich verkenne deine Auffassungsgabe – sonst nichts! Also – wenn er das Mädel auf dem Schoß hält – Grünbaum : Verlangt sie 20 Schilling. Farkas : Wer? Grünbaum : Die Sitzkassierin vom Café Sedlaczek. Farkas : (brüllt) Nein! Grünbaum : Ja! Ich kenn' sie doch! Einmal bin ich ihr schuldig geblieben, hat sie mir einen Wirbel gemacht! Farkas : Du! Es handelt sich jetzt doch um den Einstein! Der wird sich doch nicht mit der Sitzkassierin was anfangen? Grünbaum : Warum? Relativ ist sie noch schön genug. Farkas : So was von geistig minderbemittelt! Ich will dir doch die Theorie von dem Einstein auseinandersetzen. Der faßt rechnerisch die verschiedensten Größen in eins zusammen. Grünbaum : Aha! Farkas : Hast du verstanden? Grünbaum : Nein. Farkas : Paß auf. Z. B. wieviel macht das? 4 Wachleute, 5 Rasierklingen, 3 Kommunisten, 1 Zahnarzt, 1 Vegetarianer? Grünbaum : Moment. 4 Wachleute und 5 Rasierklingen sind 9, 3 Kommunisten, 1 Zahnarzt, 1 Vegetarianer – macht 14! Farkas : Falsch! Das macht Null! Grünbaum : Wieso? Farkas : Na – Ein Wachmann gibt acht, mal 4 sind 32. Fünf Rasierklingen werden abgezogen, bleiben 27. Drei Kommunisten teilen was zu teilen ist – 263 also durch 3 geteilt – ist 9, der Zahnarzt zieht die Wurzel – sind drei, der Vegetarier frißt die Wurzel – ist gleich Null! Na? Grünbaum : Und deshalb ist der nach Amerika gefahren? Farkas : Aber nein, das ist doch nur ein Beispiel, das mit dem Zahnarzt und dem Vegetarier! Grünbaum : Mit einem Zahnarzt hat sie auch was gehabt. Farkas : Wer? Grünbaum : Die Sitzkassierin vom Café Sedlaczek! Farkas : Du!! Willst du jetzt Ruhe geben? Der Einstein sagt also, Zeit und Raum sind relative Begriffe. Z. B. wir glauben, daß da unten Publikum sitzt. Derweil ist es gar nicht da. Grünbaum : Heute ist es da. Nächste Woche wird es schon nicht mehr da sein. Farkas : Nein! Du glaubst nur, daß es da ist! Grünbaum : Und das Geld in der Kasse? Farkas : Ist auch nicht da. Grünbaum : Das hab' ich ja gewußt! Wie man dich eine Sekunde allein bei der Kasse läßt – Farkas : Wieso denn? Relativ ist es ja da! Absolut ist es nicht da. Grünbaum : Also – ich sag' dir, du bist relativ ein absoluter Trottel. Wie kannst du sagen, das Publikum ist nicht da? Farkas : Das sagt doch der Einstein! Grünbaum : Ein schlechter Mensch! Der muß von der Konkurrenz angestiftet sein. Farkas : Aber woher denn? Laut Theorie ist überhaupt niemand da. 264 Grünbaum : Wozu spielen wir dann? Farkas : Wir wissen wenigstens nicht absolut, ob jemand da ist. Grünbaum : Ich weiß. Farkas : Du? Du bist doch auch nicht da! Grünbaum : Ich bin nicht da? Farkas : Nein! Grünbaum : So? (Gibt Farkas eine Ohrfeige) Farkas : Du Liliputanerkönig! Was ohrfeigst du mich? Grünbaum : Ich? Ich bin doch gar nicht da! (Rasch ab)