Heinrich Schaumberger. Umsingen.     Wolfenbüttel. Verlag von Julius Zwißler. 1881. (Gesammelte Werke, Zweiter Band.)     An einem stürmischen Dezembernachmittag kurz vor Weihnachten saßen wir, eine Anzahl junger Lehrer, in der warmen Wirthsstube zu Ebenfelden so recht behaglich zusammen. Wie es unter Lehrern zu geschehen pflegt, lenkte sich unser Gespräch bald auf die Angelegenheiten unseres Standes; wir gedachten unserer Bestrebungen, Hoffnungen und Wünsche für die Zukunft, auch die alten, leider immer neuen Klagen wurden laut. Bald fiel uns auf, daß unser lieber Freund, der alte Kantor von Ebenfelden, so schweigsam unter uns saß und, ganz in sich versunken, theilnahmlos in das Schneegestöber draußen starrte. Auf unsere Frage strich er langsam über Stirn und Augen, blies eine mächtige Rauchwolke hinaus und sagte: »Ihr habt Recht, ich war nicht bei der Sache. Das wilde Wetter und eure Gespräche brachten mich auf mancherlei Gedanken und erweckten Erinnerungen aus längst vergangenen Tagen. Du lieber Himmel! – welche Veränderungen habe ich mit erlebt, wie ist es so ganz anders geworden, seit ich Lehrer bin! Ich kenne mich kaum selbst mehr, solche Wandlungen mußte ich durchmachen, und – und – nun ja! – in der neuen Welt, die um mich entstanden ist, fühle ich mich nicht heimisch, 2 ich komme mir oft recht einsam und verlassen vor. – Ja, ja, schüttelt nur die Köpfe! – Es mag Thorheit sein, so fest am Alten zu hängen, aber ich kann's nicht ändern, bei mir ist es nun einmal so.« Der alte Herr stärkte sich durch einen tiefen Zug, reichte sein leeres Glas dem Wirth und fuhr dann fort: »Ihr dürft mich nicht falsch verstehen. – Ich bin kein Feind des Fortschritts, erkenne gern das Gute an, wie und wo ich es finde, erfreue mich der Hebung unseres Standes, wie wir sie erlebt und noch erstreben, bin demnach keineswegs blind gegen die Vorzüge der Neuzeit – aber mein Herz gehört einmal der Vergangenheit, und ihr werdet mich darum nicht schelten.« »Es waren freilich jammervolle Zustände, da die jungen Leute gleich nach der Konfirmation, ohne jede Vorbildung, wie sie eben aus der Volksschule kamen, als ›Präzeptoren‹ – welcher Titel etwa unserem ›provisorischer Lehrer‹ entsprechen mochte – auf die Dörfer geschickt wurden. Unbeirrt von grauer Theorie, unbelästigt von des Wissens Dunst und Qualm traten sie unter ihre Kinder, selbst noch halb Kind mochten sie nun zusehen, wie sie zurecht kamen. Hatten sie sich nach vielen verfehlten Versuchen einige Erfahrung in der edlen Kunst des Schulhaltens erworben, waren sie lange genug von Dörfchen zu Dörfchen im Lande herumgeworfen worden, so mit achtundzwanzig bis dreißig Jahren fanden sie endlich, wenn sie nicht vorher auf Abwege geriethen und zu Grunde gingen oder die Lust am Schulhalten verloren, eine feste Anstellung und ernteten nun als ›wirkliche Schulmeister‹ die Früchte ihrer Beharrlichkeit. Besondere Glückskinder erstiegen auch wohl die höchste Staffel schulmeisterlicher Ehren, bekamen zu allen übrigen Aemtern 3 und Würden noch den Titel ›Kantor‹ – der ihnen freilich nichts eintrug als Neid und Zorn der weniger begünstigten Kollegen. Auf welcher Stufe dieser Himmelsleiter aber auch der Lehrer stehen mochte, es war gesorgt, daß er nicht üppig, nicht übermüthig wurde; Bedrückung und Noth sind böse Lebensgefährten, und der Schulmeister ward sie nie los. Ich selbst habe noch diesen Weg durchlaufen, habe als Präzeptor unter den Leiden des ›Wandeltisches‹ geseufzt, als wirklicher Schulmeister Bedrückung von oben, Quälerei, bösen Willen von unten erduldet, und als Kantor harte Kämpfe bestehen, schwere Sorgen tragen müssen. Aber davon erzähle ich euch vielleicht ein andermal, heute beschäftigten meinen Geist nicht solche trübe Erinnerungen. – Ach, es war in alter Zeit auch gar schön; bei allen Leiden, allem Hunger und Kummer war unser Leben reich an Freuden, im Ganzen waren wir vielleicht glücklicher als ihr. »Ihr seht mich erstaunt an? – Ja, es ist mein Ernst, und die Erklärung auch einfach genug. Wir Lehrer waren ein frisches, lebensfrohes Völkchen; für unsere bescheidenen Bedürfnisse reichte zur Noth unser Gehalt aus, und ging es einmal knapp her, nun so ertrugen wir auch das, ein leichter Sinn, ein zufriedenes Gemüth half über Vieles hinweg. Dazu waren wir noch nicht durch eine verfeinerte, erweiterte Bildung vom Volke getrennt, seine Freuden waren auch die unseren, wir nahmen herzhaft Theil an den Vergnügungen der Bauern und erschraken nicht vor einem derben Wort oder Witz. Die Kirmse war für uns das höchste Fest des Jahres; Hochzeiten, Taufen, Leichenschmäuse, Schlachtfeste, bei denen der Lehrer nie fehlen durfte, unterbrachen erfreulich die einförmigen Tage. Besonders einige 4 althergeorachte Ordnungen und Gebräuche, die, aus dem Volksleben herausgewachsen, ein gut Theil Volksgemüth, seine unverwüstliche Laune, seinen Humor, seine übersprudelnde Fröhlichkeit, zum Ausdruck brachten, wurden ein Trost in engen Verhältnissen, richteten den bedrückten Geist auf, machten das Herz frisch und fröhlich. »So hatte zum Beispiel jede größere Pfarrei ihren Kirchenmusikchor, der unter der Leitung des Lehrers stand und durch Aufführung von Kirchenmusiken den Gottesdiensten an hohen Festtagen eine besondere Weihe geben sollte. Diese Chöre – mit Vorliebe Choradstanten-Institute genannt – waren in gleicher Weise der Stolz der Lehrer wie der Gemeinden und wurden so zu einem trefflichen Bindeglied zwischen Beiden. Dem Lehrer, dessen Tüchtigkeit damals fast allein nach seinen musikalischen Leistungen bemessen wurde, bot der Kirchenchor erwünschte Gelegenheit, seine Ehre, sein Ansehen zu vermehren; die Gemeinden dankten ihm jede Bemühung, lauschten mit Wonne den Aufführungen, und es störte nicht, wenn sie auch noch so unkirchlich klangen. Die Musikanten dagegen standen mit dem Volk in vielfachen, nahen Beziehungen. Sie geleiteten – natürlich wenn es bezahlt wurde! – den Säugling bei der Taufe zur Kirche, schritten dem Brautpaar auf dem Weg zum Altar voran und trugen bei Leichenbegängnissen durch jammervolle Arien zur Vermehrung der Wehmuth bei – wie mir denn eine alte Bäuerin einst versicherte: ›Die Leichenmusik heut war aber zu schön, Herr Kantor! das Heulen ist dabei gleich viel leichtlicher gangen!‹ Das war aber noch nicht die Hauptsache; ohne die Musikanten gab es gar kein wahres volles Vergnügen, bei Taufen und 5 Hochzeiten durften sie auch in den Häusern nicht fehlen, ohne ihre lustigen Tanzweisen war vollends die Kirmse gar nicht denkbar. Sie standen aber auch in allgemeiner Gunst, und vielleicht war das eine Ursache mit, daß die tüchtigsten Männer es sich zur Ehre rechneten, den Choradstanten anzugehören. Aus Liebe zur Musik trat wenigstens selten Jemand in den Verein – war es doch auf große musikalische Leistungen durchaus nicht abgesehen, zu den nöthigen Proben fehlte Zeit und Lust, dagegen entwickelte sich in ihrem Kreise eine frische Geselligkeit; stets guter Laune, immer aufgelegt zu Scherz und Possen, ging von ihnen mancher kernige Kraftspruch, manch' treffender Witz aus. Wir Lehrer standen mit den Choradstanten selbstverständlich in engster Verbindung; als Präzeptoren waren wir ihre Kollegen; rückten wir dann zu wirklichen Schulmeistern und Chordirektoren auf, so that dieß dem herzlichen Verhältniß keinen Eintrag, nach wie vor blieben wir Freunde und verlebten zusammen glückliche Stunden. »Habe ich euch nun von einer schönen Einrichtung der Vorzeit berichtet, so darf ich auch eines lieben, sinnigen Gebrauches nicht vergessen, der eng mit dem Lehrerleben und Musikantentreiben verwachsen war. Am Weihnachtsfest zogen wir Lehrer mit vollem Chor durch die Pfarrei und sangen – vielleicht zur Erinnerung an den Engelsgesang zu Bethlehem – vor jedem Haus ein frommes Lied. – Dieses ›Umsingen‹, wie wir es nannten, von Haus aus freilich ein religiöser Gebrauch, wurde allerdings nicht immer mit dem rechten Ernst und der gehörigen Andacht vollführt, es mischte sich viel weltliche Lust und Fröhlichkeit hinein, aber gerade deßwegen wuchs es uns – Lehrern, Musikanten, 6 dem Volke – so recht in's Herz hinein, war es doch gerade so ein echtes Stück Volksleben. »Die Choradstanteninstitute sind aufgelöst, das Umsingen ist abgeschafft, kaum noch hie und da lebt in einigen Greisen die Erinnerung an diese schönen, volksthümlichen Einrichtungen fort – in kurzer Zeit wird auch das letzte Gedächtniß daran verschwunden sein. Ich aber kann weder das Eine noch das Andere verschmerzen, empfinde bitter: wir Lehrer sind ärmer geworden und auch das Volk hat sich beraubt. Wenn ich dann das hastige, gemüthlose Treiben um mich betrachte, kommen mir ernste Zweifel, ob das jetzige Geschlecht im Stande sein wird, durch neue Schöpfungen das Alte, das es so pietätlos bei Seite warf, zu ersetzen – bis heute habe ich wenigstens keinen Anfang bemerken können. – – Seht, darum bin ich in der Gegenwart nicht mehr recht heimisch, fühle mich oft einsam und verlassen; und wenn nun Weihnachten naht und der Nordsturm um's Haus heult, dann erwacht Erinnerung auf Erinnerung – ich hoffe, ihr werdet mir diese Schwäche zuguthalten.« Unsere Neugierde war rege geworden. Da und dort hatten wir vom Umsingen reden hören, ohne doch etwas Rechtes zu erfahren. Auf unsere Bitten, mehr zu berichten, lächelte der alte Herr: »Zu berichten ist allerdings nicht viel, macht es euch jedoch Vergnügen, will ich euch erzählen, was ich selbst auf einem bergheimer Umsingen vor langen Jahren erlebte. Ich thue es gern, ihr werdet mich um so besser verstehen, und dann ist besagtes Umsingen für mein ganzes Leben gar verhängnißvoll geworden.« »Richtig, Herr Kantor!« fiel der alte, weißköpfige 7 Schultheiß ein, der bisher aufmerksam zugehört hatte und jetzt mit freundlichem »Verlaubt!« seinen Stuhl an unseren Tisch zog. »Richtig, auf einem bergheimer Umsingen habt Ihr ja – –« »Stille, Alter, nichts verrathen!« fiel ihm der alte Herr in's Wort. »Voraus bemerken will ich, daß es wohl manchmal ein wenig wild unter den Choradstanten zugegangen sein mag; es dürfte auch nicht Alles zu loben sein, was ihr hören werdet – vergeßt aber nicht, es ist eben ein Stück heiteres Volksleben, das ich euch vorführen will. Trotz aller Streiche waren die Choradstanten durchweg ehrenhafte Männer.« Wir rückten enger zusammen, auch die Nachbarn kamen näher; nachdem sich der Kantor durch einen Schluck gestärkt und seine Pfeife in Brand gesetzt hatte, begann er seine Erzählung.   1. »Da ist er ja!« rief mein Pathe und Pflegevater, der alte, dicke Kantor von Bergheim, wie ich am Weihnachtsheiligabend, gerade als das Fest eingeläutet ward, dickbeschneit in die Stube trat. »Sagt' ich's nicht, er kommt? Wußt' ich doch, der Junge hat seine Pflegemutter und den einzigen Bruder seines Vaters nicht vergessen! – Na, Gertrud, erdrücke ihn nur nicht, will auch noch was von ihm übrig behalten. – Sei herzlich willkommen in der Heimat, Karl! – Und nun mache Dir's bequem, Du bist ja zu Haus!« Die Wahrheit zu gestehen, so hatte ich allerdings daran gedacht, die Weihnachtsfeiertage in Blumenroth, wo ich seit 8 drei Jahren als gestrenger Präzeptor über die Schuljugend herrschte, zu verleben. Ich erwartete täglich das Regierungsdekret mit meiner Ernennung zum wirklichen Schullehrer in Großgarnstett und wollte vor seinem Eintreffen meinen Wohnort nicht verlassen. Als nun aber ein Brief von meinem Pflegevater ankam, worin er mich gar so herzlich einlud, die Ferien im Elternhaus zuzubringen und ihm beim Umsingen beizustehen – da war mein Entschluß gefaßt. Das Dekret läuft mir nicht davon! dachte ich, schmierte meine Stiefeln, packte mein Seminaristenränzel, übergab meiner alten Nachbarin meine wenigen Blumenstöcke zu treuer Pflege, und am Weihnachtsheiligabend in der Frühe wanderte ich durch dichtes Schneegestöber Bergheim zu. Freilich, die Liebe zu den Pathenleuten, die mich nach dem frühen Tod meiner armen Eltern zu sich genommen und gehalten hatten wie ein eigen Kind, war es, ich muß es gestehen, doch nicht allein, was mich so rasch umstimmte. Noch etwas Anderes zog mich nach Bergheim. Schon als Schulknabe war ich der stillen, sanften Wagnersmargareth gar herzlich zugethan gewesen, und sie erwiderte meine Freundschaft. Nach der Konfirmation kamen wir, wie das so zu geschehen pflegt, auseinander, und als mir auf dem Seminar neue Welten, ein neues Leben aufging, ja, da vergaß ich das stille Mädchen gänzlich. Die Base sprach wohl öfter von ihr, lobte ihr sittiges, sanftes Wesen, rühmte ihren Fleiß, ihr Geschick auch in feineren weiblichen Arbeiten, die sie bei ihr erlernte, ihre Häuslichkeit und Güte; ich achtete jedoch nicht darauf. Erst später als ich auf eigenen Füßen stand und an die Gründung eines Hausstandes denken durfte, ward ich aufmerksam und begann das Mädchen in der Stille zu 9 beobachten. Margareth war zur Jungfrau erblüht, ihre Schönheit erschreckte mich fast, ich begriff nun selber nicht, wie ich das bis heute hatte übersehen können. Aber nicht bloß äußere Vollkommenheiten entdeckte ich, das Lob der Base bestätigte sich in allen Stücken – genug, bald stand es in mir fest, Margareth, keine Andere, wird einmal meine Frau. Trotzdem fand eine Annäherung nicht statt; von der Base und meinem lieben Freund, dem Mühljohann, wußte ich, daß Margareth noch keinen Schatz hatte, dagegen war es gewiß, daß sie mich gerne leiden mochte: das war mir vorläufig genug. Da ich ohnedieß als Präzeptor nicht heirathen konnte, verschob ich ernstliche Bewerbung von einer Zeit zur andern. Nun schrieb mir aber der Mühljohann vor wenigen Wochen: der mühldorfer Präzeptor, Richard Schmidt hieß er, habe ganz unerwartet die gersdorfer wirkliche Lehrerstelle bekommen und nun gehe das Gerede, er wolle die Wagnersmargareth freien. Zwar sei er schon früher einmal von der Margareth und ihren Eltern abgewiesen worden – aber jetzt habe er eine gute Stelle, man könne darum nicht wissen, was geschehe. Begreiflich machte mir diese Nachricht viel Sorgen, aber die Reue über meine Zurückhaltung besserte nichts an der Sache. Als nun die Einladung vom Vetter kam, nahm ich das für einen Wink des Himmels, beschloß meinem Nebenbuhler womöglich zuvorzukommen und eben als Präzeptor mein Heil bei dem Mädchen zu versuchen. Und so war ich jetzt wieder in der Heimat, bei den guten, kinderlosen Pathenleuten! Ei, wie wohl ward mir im trauten Stübchen, wo jedes Eckchen liebe Erinnerungen aus der goldenen Jugendzeit erweckte, jedes Geräthe, das die Base so festlich herausgeputzt hatte. Den blankgescheuerten 10 Fußboden deckte schneeweißer, knirschender Sand, an den Fenstern waren frische Vorhänge aufgesteckt, auf dem Tisch prangte die feine Wollendecke – der Stolz der Base! – und die Kissen des alten Kanapes blickten in ihren neuen, buntfarbigen Ueberzügen fast ein wenig hochmüthig drein. Dazu war es tief still, nur die alte schwarzwälder Uhr ging ihren gleichförmigen Gang, und unter dem Ofen schnurrte die Katze. Der Vetter saß im bequemen Schlafrock, das gestickte Hauskäppchen auf dem ehrwürdigen Haupt, im Sessel zur Seite des warmen Ofens; er lachte so herzlich über meine Schnurren, daß ihm fast die lange Pfeife erlosch, und die Base den Kopf zur Küchenthür hereinsteckte, zu fragen, was es gebe. Aus der Küche drang ein köstlicher Duft in die Stube, der Tisch ward an den Ofen gerückt, in behaglichster Stimmung schlürften wir den Nachmittagskaffee. Nur die Base blickte besorgt hinaus in das Schneegestöber, und als der Wind immer wilder um das Haus heulte, sagte sie ängstlich: »Ach, du meine Güte, ist das ein Wetter! Keinen Hund jagt man vor die Thür – und morgen geht das Umsingen an! Gottlieb dießmal wirst Du Dir schon was holen, gib nur Acht! – Was gäb' ich darum, würde einmal das Umsingen abgeschafft!« »Gertrud, Gertrud! Das laß mich nicht noch einmal hören!« drohte der Vetter, halb im Scherz, halb im Ernst. »Gott verhüte, daß es jemals abkäme, wenigstens will ich das nicht erleben. Mit dem Wetter ist es nicht so schlimm, als es aussieht; steckt man nur erst mitten drin, dann geht's schon. Wird es aber einmal gar zu bös, vertritt eben Karl meine Stelle!« 11 »Nu, nu, Alterle, so arg schlimm war es nicht gemeint!« begütigte Gertrud. »Mir ist das Umsingen auch in's Herz gewachsen und ich würde es schwer genug vermissen!« Damit war der Friede hergestellt. Eben trat der Mühljohann in die Stube; er hatte mich kommen sehen und konnte den Abend nicht erwarten, mich zu begrüßen. Die Base bot ihm ein Schälchen Kaffee, aber Johann »zierte« sich sehr und griff erst zu, als der Vetter sagte: »Genir' Dich nicht, Johann, Du sollst den Kaffee nicht umsonst haben, kannst nachher helfen, Noten schreiben.« Als dann der Vetter seine Musikalien herbeibrachte, fand sich viel Arbeit. Da gab es Stimmen und Textzettel für die Feiertagsmusik zu schreiben, besonders in den Liederbüchern, die beim Umsingen gebraucht wurden, waren viele Lücken zu ergänzen. Der alte Herr ließ es sich gern gefallen, daß wir seinen Beistand ablehnten, mit der geliebten Pfeife machte er es sich im Lehnstuhl bequem und las in einem Buch. Eine Zeitlang hörte man nichts als das Knirschen unserer Federn. Endlich stieß mich Johann an und sagte leise: »Gehst doch heut Abend auch in die Lichtstube? – 's gibt ein grausames Vergnügen!« »Weiß nicht!« entgegnete ich gleichgültig. »Du – die Wagnersmargareth kommt auch!« Als ich roth wurde lachte er: »Ja, meinst Du, ich merke nicht, wie's um Dich steht? – Drum hab' ich Dir's ja auch geschrieben, was der Schmidt vorhat. Warum bist Du nicht eher gekommen?« »Ist es schon so weit?« 12 »Ja, 's heißt, die Feiertage wolle er kommen und die Sache fest machen.« Die Noten glichen plötzlich schwarzen Teufelchen, die voller Spott und Schadenfreude wild durcheinander tanzten. »Und Margareth?« fragte ich kleinlaut. »Ja, die will ihn freilich nicht und der Wagnersjörgnickel war ihm auch nie grün – aber er ist doch nun einmal wirklicher Schulmeister und hat eine gute Stelle, das kann viel ändern.« »Da fang' ich lieber gleich gar nicht an!« seufzte ich. »Hätt's auch gedacht! Mach' nur jetzt keine dummen Geschichten! – Im Vertrauen: die Margareth gestand meiner Dorthee, sie hätte Dich lieber, wie jeden Andern. Wenn Du Dich freilich noch lange zurückhälst, und ihr nicht zeigst, wie Du gesonnen bist – dann kann's dennoch sein, daß sie zuletzt den Schmidt anhört. – Also: soll ich Dich abholen?« Es war gut, daß unsere Arbeit zu Ende ging, denn auf dem Papier vor mir wimmelte es durcheinander wie in einem Ameisenhaufen. Die dumme Glut im Gesicht zu verbergen, begleitete ich Johann vor die Hausthür und ärgerte mich, daß er nochmals fragte, ob er mich abholen solle. »Ei freilich doch, braucht es da noch eine Frage?« rief ich und Johann ging lachend davon. Nach dem Abendessen schmückten wir einen kleinen Christbaum; während die Lichter angezündet wurden, holte ich von meiner Kammer die Geschenke für die Pathenleute. Dem Vetter hatte ich eine seltene Kirchenmusik von Naumann, nach welcher er schon lange getrachtet, sauber abgeschrieben, die Base bekam ein Paar bunte Hausschuhe. War das eine 13 Freude! Mit leuchtenden Augen rief die Base: »Ich sage ja immer, der Karl ist ein treues Gemüth!« Nun kam aber das Staunen an mich. Unter den mir bestimmten Gaben stach mir zuerst in die Augen eine nagelneue, prächtige Tabakspfeife. Den fein bemalten Kopf zierte ein silbernes Beschläg und das Rohr war eine ächte Weichsel. Daneben – ich wußte kaum mehr, ob ich wache oder träume! – daneben lag wahrhaftig das Ziel meiner heimlichen Wünsche, ein herrlicher Mantel! Ich war sprachlos; dem Vetter fiel ich so stürmisch um den Hals, daß er brummte: »Nun, nun, erstick' mich nur nicht!« Der Vetter setzte sich an das Klavier, nach kurzem Präludium leitete er in den Choral ein, und fröhlich sangen wir: Vom Himmel hoch da komm' ich her,     Ich bring' euch gute neue Mär.     Der guten Mär bring' ich so viel,     Davon ich sing'n und sagen will. Euch ist ein Kindlein heut gebor'n     Von einer Jungfrau auserkor'n.     Ein Kindelein so zart und fein,     Soll eure Freud und Wonne sein!         —   —   —   —   —   — Das Nachspiel war verklungen; die Base hatte schon vorher zwei große Bündel für die Armen bereitet; als sie sich jetzt mit Annedorl, der alten, treuen Hausmagd, zum Ausgang rüstete, sagte der Vetter: »Grüße mir Deine kleinen Schützlinge und sage ihnen, wenn sie hübsch brav und fromm blieben, dann wollte ich nächstes Jahr wieder ein gutes Wort für sie beim heiligen Christ einlegen.« Darnach, als wir allein im Stübchen waren, meinte der Vetter: 14 »Karl, wie wäre es, wenn wir im Wirthshaus die neue Pfeife anrauchten?« – ich sagte natürlich nicht Nein. Kaum hatte ich dort jedoch meine Pfeife kunstgemäß in Brand gesetzt, so flüsterte mir der Johann auch schon zu: »Komm', sie ist da!« Der Vetter bemerkte meine Ungeduld. »So, so!« nickte er. »Hätte mir denken können, daß es Dich wo anders hin zieht. Geh' nur, mache Dich recht vergnügt!« Mit hellem Jubel ward ich in der Lichtstube empfangen; die Bursche, fast lauter Schulkameraden, begrüßten mich mit derber Herzlichkeit, von den Mädchen ward ich gelobt, daß ich nicht stolz sei und sie nicht verachte. Nur Margareth hielt sich schüchtern zurück, aber die höhere Röthe, die ihre Wangen färbte, so oft sich unsere Blicke begegneten, sagte mir genug. Die Bursche warfen die Karten in's Schubfach, die Mädchen rückten enger zusammen, selbst der Ungersbauer zog seinen Sessel in unsern Kreis, und als die Bäuerin den Lampendocht weiter hervorgezogen hatte, sollte ich erzählen. Ehe ich jedoch beginnen konnte, sagte der Bergkasper, auch ein Musikant und Schulkamerad von mir, ein guter Junge, der aber das R nicht aussprechen konnte, zu dem Mädchen an seiner Seite: »He, Majgba (Margthbar, Abkürzung von Margaretha, Barbara), ich will ein paar Stellhölzle für Deine Augen schnitzen, daß sie offen stehen bleiben; vielleicht schläfst Du nachher nicht gleich ein!« »Ach was!« lachte der Schustershanjörg. »Die Margthbar ist wie ein Has, die schläft auch mit offenen Augen!« Das Gelächter verdroß das lange, hagere Mädchen; scheltend sprang sie auf und setzte sich auf die Ofenbank. »Du, Margthbar,« begann der lustige Ungersbauer, 15 »thu' mir den Gefallen und such' Dir ein ander Eckele. Wenn Du an zu schnarchen fängst, könnt' am End' mein Ofen Schaden leiden!« »Schäm' Dich, Alter!« schalt die Bäurin. »Mußt Du auch noch das Mädle quälen?« »Bäujeje (Bäuere – Bäurin), zu spaßen ist nicht!« sagte der Bergkasper ernsthaft. »Auf dem Schneidesjangen sind alle Jatten und Mäus' ausgewandet – mein Wolfenvette hat's mit angesehen. Ganze Züg' – vojaus die gjoßen, hintedjein die kleinen – sind über den Dojfmüllessteg nüber in's Dojf. Wenn die Majgba schnajcht, zittet de Edboden, und dä mag's den Jatten und Mäusen angst und bang gewoden sein!« »Du bist ein unartiger Dingerts!« überschrie die weinende Schneidersmargthbar das Gelächter. »Es ist eben noch einmal wahr, wie's in dem Sprüchle heißt: Zigeuner, Schwaben und Musikanten Sind schlimme Gesellen in allen Landen!« Jetzt kam der Aerger an Kasper; ehe er jedoch seine Musikantenehre retten konnte, gebot der Bauer Ruhe, und ich erzählte die Geschichte vom Fortunatus und seinem Wünschhütlein. Das war eine Lust, wie die Gesellschaft aufhorchte; ehe die Geschichte nur halb zu Ende, waren den Burschen die Pfeifen erloschen und die Strickzeuge der Mädchen ruhten müßig im Schooß. Margareth saß wohl in der entferntesten Ecke, hatte sich auch noch halb hinter ihre Freundin, die Hänslesdorthee, versteckt, aber mir entging doch nicht, wie ihre Augen an meinen Lippen hingen. 16 Ich war lange noch nicht zu Ende, als mich ein wunderliches, fast unheimliches Geräusch unterbrach. Der Mühljohann bemerkte meine verwunderten, suchenden Blicke und sagte: »Laß Dich nicht stören, die Margthbar ist eingeschlafen und schnarcht. Es wird noch besser kommen. Zu ändern ist da nichts, denn das Mädle bringt jetzt kein Mensch munter!« Das Sägen, Knarren, Schroten und Brausen war freilich sehr unangenehm, doch brachte ich glücklich meine Erzählung zu Ende und erheiterte darnach die Gesellschaft noch durch die lustigen Schnurren des Till Eulenspiegel. Endlich steckten die Mädchen athmend ihre Strickzeuge zusammen, die Burschen legten ihre Pfeifen fort, räumten Tische und Bänke aus dem Weg, die lustigen Spiele nahmen ihren Anfang. Das war ein Jubel! – Mir gefiel die Sache besonders darum, weil ich Gelegenheit fand, Margareth zu haschen und ihr beim Pfänderauslösen Küsse zu rauben. – Trotz des Getümmels und Lärmens saß die Schneidersmargthbar in ihrer Ecke; den Kopf zurückgebogen, den Mund weit geöffnet schnarchte sie wie die Säge einer Schneidemühle. Der Bergkasper meinte: »Nun sagt selber: wär's ein Wunder, wenn vor solchem Jumpeln – und Kjachen die Jatten und Mäus' auf und davon laufen?« Selbst derbe Stöße erweckten die Schläferin nicht; Kasper's Behauptung, die Margthbar könne man mit sammt dem Bett stehlen, bis Bautzen führen, ohne daß sie es merke, fand Beifall. Die Bursche schienen nicht übel Lust zu haben, gleich jetzt einen Versuch anzustellen, nur die ernste 17 Einsprache des Bauers hielt sie von muthwilligen Streichen ab. In Bergheim ist es uralte Sitte, daß die Lichtmädchen ihre Lichtburschen am Weihnachtsheiligabend mit Kaffee und Kuchen bewirthen, wofür diese dann am Neujahrsabend die Lichtstube mit Bier und Wein zu versehen haben. Bald prasselte denn auch ein gewaltiges Feuer im Ofen auf und in der Küche ward die Kaffeemühle laut. Unter dem Vorwand, helfen zu wollen, drangen die Bursche in die Küche, richteten jedoch nichts als Unheil an und störten die Mädchen in ihrer Arbeit. Es dauerte denn auch eine gute Weile, ehe der Kaffee fertig wurde, endlich kam er doch, und auch an Kuchen fehlte es nicht. Nun sollte die Margthbar erweckt werden; das war aber ein schweres Stück Arbeit, lange Zeit blieben alle Versuche, sie zu ermuntern, eitel. Endlich griff der Bergkasper zu einem Gewaltmittel: er hielt ihr Mund und Nase fest zu. – Das wirkte. Schnaubend sprang das lange Mädchen auf und schrie: »Ach du lieber Gott im Himmel und auf Erden! Ihr Leut', ihr Leut'! – Fallen mir da die Augen zu – nicht so lang, daß man ›papp‹ sagt – gleich hockt mir der Alp auf der Brust und hätt' mich schier erwürgt! – Ihr Leut', ihr Leut'! war das ein Schrecken!« »Das ›Papp‹ war ein bisle lang, Mädle!« sagte der Ungersbauer, dem die Lachthränen über's Gesicht liefen. »Das Schlafen im Sitzen wird Dir eben nicht gut thun, merk' das für ein andermal! Jetzt such' Dir einen Sitz, der Kaffee wartet auf Dich!« Die Margthbar machte nun erst große Augen. Beschämt zog sie sich zurück, der ›Alp‹ hatte sich natürlich zu 18 rechter Zeit aus dem Staub gemacht; als aber endlich die Gesellschaft zur Ruhe kam, saß zur großen Verwunderung Aller die Margthbar doch wieder neben ihrem Quälgeist. Mir gelang es nicht, neben Margareth zu kommen; das schelmische Mädchen wußte geschickt Dorthee zwischen uns zu bringen und lachte recht herzlich darüber. Günstiger war nur das Geschick später. Als das junge Volk seine Lieder anstimmte, gelang es mir, für Margareth und mich ein heimlich-trauliches Eckchen zu erobern, wo wir ungestört schwätzen konnten. Ich benützte die Gelegenheit auf's Beste, erinnerte das Mädchen an die Jugendzeit, an die glücklichen Stunden, die wir bei traulichem Spiel in der Schule, bei ihren Eltern verlebt hatten, und bedauerte, daß wir später so aus einander gekommen waren. »Ja – ist das aber auch Dein Ernst?« fragte Margareth und spielte mit ihren Schurzbändern. »Und warum sollte es nicht mein Ernst sein?« »Ja – sieh, wer ist denn schuld, daß es so geworden ist?« »Margareth, Du hast Recht!« sagte ich und nahm ihre Hand. »Aber Du mußt mir das nicht so arg zur Last legen. Ich kam ja bald nach der Konfirmation in die Stadt, dort gab es so viel Neues zu sehen, ich mußte tüchtig arbeiten, machte so viel neue Bekanntschaften, daß ich wohl eine Zeit seltener an die Heimat dachte.« »Freilich, freilich!« lächelte Margareth. »Und über den schönen, vornehmen Stadtfräulein war das arme Bauernmädle bald vergessen. – Gesteh's nur!« »Ich will mich nicht besser machen als ich bin – ja, die hübsch gekleideten Stadtmädchen gefielen mir recht gut, 19 manch eine machte mir auch dann und wann Herzklopfen – aber vergessen habe ich Dich nicht, das weiß ich jetzt. Du hast Deinen Platz in meinem Herzen immer behauptet!« »Geh'!« sagte das Mädchen und senkte das Köpfchen. »Darnach hätte ich mich freilich mehr um Dich kümmern sollen – verzeih' mir, Margareth, ich will's jetzt gut machen und das Versäumte nachholen!« Eben tutete der Wächter auf der Straße und rief die Stunde an. Ganz bleich vor Schrecken sprang Margareth auf und rief: »Ach Gott im Himmel – schon elf! – Dorthee – komm', wir wollen heim!« Dorthee saß bei dem Mühljohann und hatte nicht im Geringsten Eile. Schon aber hatte sich Margareth in ihr Tuch gehüllt, und als ihr das Wasser in die Augen kam, sagte die Bäuerin: »Geh' nur mit, Dorthee, die Margareth läßt sich doch nimmer halten. Ich dächt', es wär' überhaupt Zeit zum Heimgehen, morgen ist erster Feiertag!« Das war ein deutlicher Wink; ehe sich jedoch die Gesellschaft zum Aufbruch bereit machte, waren die beiden Mädchen längst verschwunden. Im Hof war noch großes Gelächter, bis sich alle Liebespaare zusammengefunden; nur die »Einspännigen« huschten rasch nach Hause. Als wir endlich allein waren, fragte Johann, der meinetwegen seine Dorthee nicht heimbegleitete: »Nun, wie steht's? seid ihr einig?« »Ja, einig!« entgegnete ich recht verdrießlich. »Nu? – war die Margareth etwa nicht freundlich?« »Ach, das schon! Die Margareth ist gar ein herzgutes Ding! – Grade, wie ich ihr sagen will, daß ich ihr 20 gut bin, kommt der einfältige Wächter dazwischen, und nun war kein Haltens mehr!« »Und hat sie gar nichts gemerkt?« »Ich denke doch!« sagte ich und mußte mit Johann lachen. »Was willst mehr? – Dann ist's ja gut!« »Ja – von dem Schmidt habe ich noch kein Wort gesagt – nun weiß ich so viel als zuvor, wie sie mit ihm steht!« »Närrischer Mensch! – Das will ich Dir sagen: der Gersdorfer thät' am besten, er bliebe zu Haus!« »Weiß nicht, Johann! – Der gar so plötzliche Aufbruch will mir nicht recht gefallen!« »Du bist mir aber Einer! – Thu' der Margareth nicht Unrecht! Sie mag nicht schlecht erschrocken sein, das glaub' ich. Ihr Vater, der Wagnersjörgnikel, ist ihr gar arg streng; pünktlich um Zehn muß sie alle Nacht im Haus sein! – Wenn es so bleibt, gibt's kalte Feiertage! Mich friert, ich geh' heim! – Laß Dir was Schönes träumen!« Der Himmel hatte sich geklärt, hell leuchtete der Mond, die Sterne flimmerten und glitzerten – Johann konnte Recht haben mit der Kälte, aber ich merkte nichts davon, wie im Traum wanderte ich durch das stille Dorf. An der Hausthür traf ich mit dem Vetter zusammen, der eben vom Wirthshaus heimkehrte. Freundlich fragte er. »Vergnügt gewesen?« – Als ich nickte, fuhr er fort. »Weißt noch? Morgen um fünf Uhr wird auf dem Thurm gesungen. Das war stets eine Freude für mich! Aber ich werde alt, das Thurmsteigen will nicht mehr gehen. Möchtest Du für mich hinauf?« 21 Mit Freuden sagte ich Ja und eilte auf meine Kammer. Lange konnte ich nicht einschlafen, erst gegen Morgen fielen mir die Augen zu.   2. Ein wundersames Klingen und Brausen weckte mich; als ich die Augen öffnete, blickte ich in das freundliche Gesicht der Base, die mit einem Licht vor meinem Bett stand. Leise strich sie mir mit der Hand über die Stirn und sagte: »Armer Junge! 's ist schade um Deinen Schlaf! Aber hörst Du? – es läutet schon eine Weile, die Choradstanten werden gleich da sein; willst Du für den Vetter auf den Thurm, darfst Du Dich zurecht machen! – Weißt Du noch, Karl, wie andächtig Du sonst gebetet hast, wenn ich Dir sagte: jetzt wird das Christkindlein in den Himmel geläutet? Ich hatte meine liebe Noth mit Dir, durchaus wolltest Du das Christkind und sein goldenes Kütschlein sehen. Lieber Gott, wie die Zeit vergeht! – Aber komm' jetzt, der Vetter wird sonst ungeduldig!« Damit schlüpfte sie aus der Thür. Die Worte der Base, das fortklingende Geläute erweckten Erinnerung auf Erinnerung aus meiner glücklichen Kindheit. Das Weihnachtsfest ward von jeher mit besonderer Liebe im Schulhaus gefeiert; die Pathenleute verstanden es, diesen Tagen eine eigene, schöne Weihe zu geben. Das hatte sich tief in meine Seele gesenkt, und all' die schönen, schönen vergangenen Festtage machten mich in der Erinnerung unbeschreiblich glücklich. Aber nun war es Zeit zum Aufstehen. Rasch fuhr ich in die Kleider und eilte frierend hinab in die Wohnstube. 22 Der Vetter war schon auf, saß im Lehnstuhl und lauschte dem Geläute, das in vollen Wellen durch ein halboffenes Fenster hereinflutete. Nach und nach rückten auch die Choradstanten ein. War es, weil der Vetter so ernst drein sah, oder waren sie selber ernst gestimmt – sie setzten sich stille nieder, nur über die grimmige Kälte klagten Alle. Besorgt verpackte mich die Base in Mantel und dicke Tücher, dann ging es mit zahlreichen Laternen hinaus in die Nacht; ein eisiger Morgenwind pfiff durch die öden Gassen, in allen Häusern ward jetzt Licht. Fast eine halbe Stunde hatten die Glocken geklungen; als wir den Thurm betraten, verstummten sie. Ueber halsbrechende Leitern, wacklige Treppen, bei fast greifbarer Finsterniß stiegen wir in dem alten Gemäuer zum Glockenstuhl empor; trotzdem wir oben im scharfen Luftzug zusammenschauerten, verlohnte es sich der Mühe heraufzuklettern. Durch die hohen Bogenfenster strahlten die Sterne hell herein, aus den Häusern zu unsern Füßen funkelten und glänzten die Christbäume herauf, von nahen und fernen Dörfern blitzten die Lichter wie rothe Sterne durch die Nacht und der Wind trug leise Glockenklänge aus den Nachbarorten herüber. Auf der dunkeln, einsamen Höhe waren wir nicht allein; ringsum, so weit der Blick trug, in der Nähe und Ferne begegneten wir Herzen, die von den gleichen Gefühlen bewegt waren als wir selbst! O heilige, weihevolle Nacht! In den offenen Fenstern tief, tief unter uns lauschten dunkle Gestalten; während die Glocken neben uns noch zitterten und verhallend tönten, stimmten wir mit Trompetenklang und Posaunenhall den Choral an: 23 Er kömmt, er kömmt, der starke Held voll göttlich hoher Macht.     Sein Arm zerstreut, sein Blick erhellt des Todes Mitternacht. Wert kömmt, wer kömmt? wer ist der Held voll göttlich hoher Macht?     Messias ist's! Lobsinge Welt! Dir wird Dein Heil gebracht. Dir, Menschgewordener, singen wir Anbetung, Preis und Dank;     An Deiner Krippe schalle Dir der Erde Lobgesang! Feierlich klangen die Akkorde über das stille Dorf dahin; tief ergriffen blickte ich sinnend hinaus in die Nacht und merkte nicht, wie die Choradstanten die Treppen hinabpolterten, wie drunten ein Licht nach dem andern erlosch. »Willst allein oben bleiben?« fragte der Mühljohann und zeigte auf die Laternen der Musikanten, die wie Irrlichter über die Straße huschten. Rasch kletterten auch wir nun hinab und eilten frierend heim. Das war der Beginn des Umsingens, gewiß ein schöner Anfang. An eine stille Feier des Festes war in der Schule nicht zu denken, der erste Feiertag war für den Kantor ein mühevoller Arbeitstag. Kaum zog der Weihnachtsmorgen leuchtend herauf, so riefen die Glocken den Vetter und mich zur Hauptprobe der Kirchenmusik in's Gotteshaus. Mit Tagesanbruch war es noch kälter geworden, die Choradstanten, von denen viele aus den umliegenden Dörfern herbeigekommen waren, konnten sich der Kälte nicht erwehren, Lippen und Finger versagten oft den Dienst, und an den Blasinstrumenten froren die Klappen und Ventile ein. Es war ein böses Stück Arbeit, diese Musikprobe; der Vetter ward seine Sorgen nicht los wegen der Aufführung. Zum Glück blieben trotz aller verdrießlichen Störungen die Choradstanten guten Muthes. So gab es ein großes Gelächter, als der kleine sulzdorfer Schneidershannikel seinem Nebenmann, 24 dem himmellangen Michelsveit – seiner rothen Haare wegen und weil er am Wasser wohnte, gewöhnlich »Wasserfuchs« genannt – seine Klarinette zum Halten übergeben wollte. »Ja, was fällt Dir ein?« zankte der Michelsveit. »Bin ich Dein Bedienter? Ich hab' an meiner Klanett genug zu halten!« »Nu, nu!« entschuldigte sich der Kleine, »ich hab' nur gemeint, droben bei Dir wär's vielleicht wärmer als da unten, und meine Klanett würd' nicht so gleich einfrieren!« Nach der Probe füllte sich die schöne Kirche rasch und der Gemeindegesang brauste herrlich durch die weiten Räume. Bei der Musik ward mir die Ehre, auf der Orgel »Generalbaß« spielen zu dürfen; als der Wagnersjörgnikel von seinem »Kirchenstand« auf der obern Empore gleich neben der Orgel aufmerksam mein Spiel beobachtete und mir freundlich zunickte, ward ich fast ein wenig stolz. Die Aufführung der Musik gelang musterhaft; schmunzelnd die Hände reibend gestand mir der Vetter: »Karl, jetzt, da die Musik so gut gegangen ist, jetzt gehen meine Feiertage erst an!« Ich theilte seine Freude, und die Choradstanten waren glücklich, daß ihr verehrter, zu Zeiten auch gefürchteter Herr Kantor so zufrieden dreinschaute. Als nun der Pfarrer die Kanzel betrat, wickelten wir uns fester in die Mäntel und lauschten andächtig, dabei von Herzen fröhlich, der Predigt, wir hatten ja das Unsrige gethan! Nach der Nachmittagskirche – kaum blieb uns Zeit, den Kaffee zu trinken – rückten die Choradstanten wieder im Schulhaus ein. Fast war das Stübchen zu klein für diesen Schwarm – wohl an zwanzig Männer und ein Haufe Diskantbuben fanden sich zusammen. Nachdem die 25 Instrumente gestimmt, ging es mit Lust hinaus in Schnee und Eis, in den leise herabdämmernden Winterabend. Kalt funkelte und glitzerte das rothe Sonnenlicht an den Eiszapfen der Dächer, an den Eisblumen der Fenster; aus den Schornsteinen qualmten dichte Rauchsäulen in die Luft, und der Schnee knisterte und heulte. Im Pfarrhof ward zuerst Halt gemacht. Während der Pfarrer den Vetter freundlich in die Stube nöthigte, wo die Töchter schon hinter den Vorhängen lauschten, tönte unser erstes Umsinglied mit Trompetengeschmetter und Posaunenklang fröhlich hinein in den Winterabend: Jauchzet, ihr Himmel, frohlocket, ihr Engel, in Chören!   Singet dem Herrn, dem Heiland der Menschen, zu Ehren!   Sehet doch da: Gott will so freundlich und nah'             Zu den Verlornen sich kehren. Jauchzet, ihr Himmel, frohlocket, ihr Enden der Erden!   Gott und die Sünder, die sollen zu Freunden nun werden.   Frieden und Freud' wird uns verkündiget heut;             Freuet Euch Hirten und Heerden! König der Ehren, aus Liebe geworden zum Kinde,   Dem ich auch wieder mein Herz in der Liebe verbinde,   Du sollst es sein, den ich erwähle allein!             Ewig entsag' ich der Sünde! Menschenfreund Jesu, Dich lieb' ich, Dich will ich erheben!   Laß mich doch einzig nach Deinem Gefallen nur leben!   Gib mir auch bald, Jesu, die Kindesgestalt,             Völlig mich Dir zu ergeben! Von G. Tersteegen. Ei, wie stimmte die erstarrte Natur um uns und die Christfreude im Herzen so gut zusammen, Abendsonnengold und Jubelgesänge über den anbrechenden Morgen der 26 Menschheit! Gerührt dankte uns der Pfarrer, der Vetter gesellte sich zu uns, ohne Aufenthalt wendeten wir uns dem nächsten Haus zu. Nicht bloß die Pfarrfamilie erfreute sich an unseren Liedern. Trotz Wind und Kälte öffneten sich die Fenster, wenn wir uns einem Hause näherten. Dann nahm der Hausvater sein Käppchen ab und that die Pfeife aus dem Mund, die Mutter faltete die Hände und legte sie auch dem Kinde zusammen, das in ihrem Schooß stand; selbst das junge Volk stand ernst hinter den Eltern. Rührung, Freude leuchtete aus allen Augen. Da war es eine Lust zu singen! Ich wunderte mich nicht mehr, daß dem Vetter das Umsingen in's Herz gewachsen war, hatte er doch noch das Beste dabei für sich allein. War ein Lied zu Ende, dann kam der Hausherr, gewöhnlich aber die Hausfrau oder ein schmuckes Töchterlein und übergab mit herzlichen Worten dem Vetter das »Umsinggeld«. Das war nicht etwa eine entwürdigende Gabe, das Umsinggeld galt als ein ehrwürdiges Herkommen, es ehrte Geber und Empfänger. Oft ward der Vetter auch in's Haus genöthigt, sich zu erquicken und aufzuthauen. Und das war ihm zu gönnen. Trotz aller Hüllen ging der eisige Wind durch Mark und Bein, selbst der Schnee war besonders feindselig, biß grimmig durch die dicksten Stiefeln und Strümpfe und heulte bei jedem Schritt laut auf. Besonders der kleine Schneidersnikel konnte sich nicht erwärmen. Nach jedem Gesang steckte er die ›Klanett‹ unter den Arm, die Finger in den Mund und hüpfte mit hoch heraufgezogenen Schultern wie toll von einem Bein auf's andere zum großen Ergötzen seiner Kollegen. 27 Dennoch waren wir nicht allein im Freien, die gesammte hoffnungsvolle Jugend Bergheims folgte uns unermüdlich auf Schritt und Tritt. Zwar waren die Gesichtchen verhüllt in gewaltige Pelzkappen und dicke Tücher, dennoch glühte manches Stumpfnäschen im feurigsten Rubinroth, die blitzblauen Mäulchen popperten vor Frost. Besonders die Mädchen empfanden die Kälte bitter. Wie die Küchlein drängten sie sich zusammen, tief zogen sie die Köpfchen zwischen die Schultern, wickelten die Händchen in die Schürzen. Standhafter hielten sich die Buben, freilich vergaßen sie wohl in ihrem Eifer die Kälte. Konnte es eine bessere Gelegenheit geben, die musikalischen Instrumente, mit denen sie der heilige Christ bedacht, all' die Trompeten, Pfeifen und Harmonikas, in Anwendung zu bringen, als eben bei dem Umsingen? Die kleinen Künstler vollführten oft einen gräulichen Lärm, aber wer hätte ihnen die Freude verderben mögen? Behandelten doch die Bursche ihre Instrumente mit einem Ernst, einer Ausdauer, als hinge das Heil der Welt allein von ihren Pfeifen und Trompeten ab. Die Wagnersmargareth fuhr erröthend vom Fenster zurück, als ich ihr zunickte, der Wagnersjörgnikel dagegen stimmte vernehmlich in unser Lied mit ein: Lobet den Herrn! Der Welten Meister     Waltet ewig nach und fern!     Singet ihm! Dem Geist der Geister     Weihet Lieder! Lobet den Herrn! Lobet den Herrn! Vereinigt loben     Land und Meer ihn nah und fern!     Singet ihm! Er wird erhoben     Hoch im Chore! Lobet den Herrn! 28 Lobet den Herrn! Auch schwache Lieder     Hört der gute Vater gern.     Singet ihm! Empor, ihr Brüder,     Herz und Stimme! Lobet den Herrn! Lobet den Herrn! Des Lebens Freuden     Gönnet uns der Vater gern.     Singet ihm! Er führt durch Leiden     Uns zur Weisheit! Lobet den Herrn! Statt uns weiter zu begleiten, folgte der Vetter Margarethens Einladung und ging mit ihr in's Haus. Er ahnte natürlich nicht, welche tiefsinnigen Betrachtungen über die Verkehrtheiten der Welt ich anstellte, nur Johann errieth meine Gedanken und neckte: »Wärst jetzt auch lieber Dein Vetter, nicht?« Die Kälte machte die Choradstanten wohl ausgelassen lustig, aber es war ihnen doch nicht wohl dabei. Auf den Abend blies der Wind schärfer, schneidender, es war kaum mehr auszuhalten im Freien, dazu waren die Instrumente fast nicht mehr aufzuthauen, Finger und Lippen versagten den Dienst – wir Alle athmeten auf, als wir unser heutiges Ziel, das Zieglershäuschen, einsam droben am Berg gelegen, erreichten. Während wir auf der Höhe schon im Schatten standen, im Dorf zu unsern Füßen hie und da Lichter aufblitzten, brannten die Fenster der hochgelegenen Dörfer jenseits der Wertha, vom letzten Strahl der untergehenden Sonne getroffen, in rother Glut, und auf dem fernen Waldgebirge lag wie ein rosiger Duft der Widerschein der Abendröthe. Da erklang unser letztes Lied: Es ist so still geworden,     Verrauscht des Abends Weh'n,     Nun hört man aller Orten 29     Der Engel Füße geh'n.     Rings in die Thale senket     Sich Finsterniß mit Macht –     Wirf ab, Herz, was dich kränket     Und was dir bange macht! Es ruht die Welt im Schweigen,     Ihr Tosen ist vorbei,     Stumm ihrer Freude Reigen     Und stumm ihr Schmerzensschrei.     Hat Rosen sie geschenket,     Hat Dornen sie gebracht –     Wirf ab, Herz, was dich kränket     Und was dir bange macht! Nun steh'n im Himmelskreise     Die Stern' in Majestät;     In gleichem festen Gleise     Der gold'ne Wagen geht.     Und gleich den Sternen lenket     Er deinen Weg zur Nacht –     Wirf ab, Herz, was dich kränket     Und was dir bange macht. Von G. Kinkel. Leise verschwammen die Akkorde. Als das Echo den letzten Posaunenhall zart verklingend zurücktrug, klang es fast wie ein Friedensgruß aus dem Jenseits. In lichter Klarheit stand der Mond am Himmel, sein mildes Licht glitzerte auf den Schneeflächen, die Schlittengleise funkelten wie Silberstreifen, daneben warfen die Häuser und Scheunen tiefschwarze Schatten, als wir rasch nach Hause eilten. In großen Aengsten kam uns die Base entgegen; die Ohren oder die Nase, die Fußzehen wenigstens müßten wir erfroren haben, klagte sie, und es dauerte lange, bis wir sie beruhigen konnten. 30 »Viele Grüße von den Wagnersleuten, Gertrud!« berichtete der Vetter, während wir uns das Warmbier schmecken ließen. »Wenn Du Hülfe brauchst, soll Dir in den nächsten Tagen die Margareth an die Hand gehen!« »'s ist schön von den Wagnersleuten, daß sie auch daran denken!« sagte die Base. »Ihr geht nachher doch in's Wirthshaus, da will ich selber gleich mit der Wagnerschristel reden.« Nach dem Essen saßen wir still zusammen im traulichen Stübchen. Das Licht war gelöscht, der Mond leuchtete hell herein und seine Strahlen blinkten seltsam in den Eisblumen am Fenster, die dem knisternden Feuer im Ofen zum Trotz immer höher an den Fensterscheiben emporklommen. Die behagliche Wärme, das Knistern des Feuers, die trauliche Dämmerung, der eigenthümliche, märchenhafte Glanz des Mondlichtes – das Alles lockte zu stillem Sinnen und Träumen. Meine Gedanken weilten längst bei dem geliebten Mädchen. Wie war es so sittig und bescheiden, so mild und herzensfreundlich; wie zeugte jeder Blick, jedes Wort von seiner Sanftmuth und Güte! Die Dorfburschen warfen ihr freilich Stolz und Hoffart vor, ich wußte das; aber dieß geschah doch nur aus Zorn, weil sie an ihrem wilden Treiben keinen Gefallen fand, lieber still für sich blieb. Ob sie mich liebte? – Gewißheit hatte ich nicht; aber je mehr ich über ihre gestrigen Worte, über ihr ganzes Verhalten nachsann, desto gewisser ward meine Hoffnung, desto größer meine Freude. Als sich die Base zum Ausgang in's Wagnershaus rüstete – wie beneidete ich sie! – meinte der Vetter: »Komm, 31 Karl, wir wollen in's Wirthshaus, die Musikanten und die Nachbarn erwarten uns gewiß längst.« Er hatte Recht gehabt! Die Choradstanten, der Wagnersjörgnikel, der Herrnbauer und noch mehr Nachbarn wären fast ungeduldig geworden über unser langes Ausbleiben. Sie redeten eben vom Umsingen, und nachdem wir den Nachbarn die Hände geschüttelt, allen Bescheid getrunken, unsere eignen vollen Gläser vor uns stehen hatten, auch unsere Pfeifen brannten, nahm der Zimmerdick, ein genauer Freund des Vetters und eine Art natürliches Oberhaupt der Musikanten, das unterbrochene Gespräch wieder auf: »Ja, ich bleib' dabei, ohne Umsingen gibt es kein rechtes Weihnachten!« »Das ist rechtschaffen wahr!« stimmte ihm der Martinsschneider bei. »Wo blieb nachher die Feierlichkeit? Mir wird's erst wahrhaftig heilig zu Muth, wenn ich die Singer hör'.« »Eiskalt läuft mir's alleweil den Buckel nunter!« sagte der alte Schäferspeter. »Grad so muß's den Hirten gewesen sein, wie die Engel gesungen haben.« »Ja freilich!« nickte der Wagnersjörgnickel. »Durch das Singen wird man erst daran erinnert, was die Feiertage bedeuten, was man für Ursache hat, sich zu freuen und Gott zu danken. Es wird Einem das freilich in der Kirch' auch gesagt und der Gottesdienst bleibt immer die Hauptsach'. Aber wenn dann Nachmittag im Dorf die Musik losgeht, man hört die Lieder singen: ›Jesus ist gekommen, danket ihm ihr Frommen, dankt ihm, daß er kam!‹ – ›Vom Himmel kam in dunkler Nacht, der uns des Lebens Licht gebracht!‹ – ›Dich preisen, Herr, Gesang 32 und Lieder, aus allen Winkeln der Natur!‹ – und wie all' die schönen G'sätz' heißen: ach, da wird's Einem im Herzen so wunderlich, 's ist nicht zu sagen, und das Wasser kommt Einem in die Augen, man weiß nicht wie.« »'s Donnerwetter, so is – auf's Haar so is!« knurrte der Schmiedsjakob, auch ein Musikant, sonst allgemein » Willer « genannt, wischte sich die Augen und that einen tiefen Zug. Die Nachbarn nickten bestätigend. »Ueber mein Leiblied geht doch keines!« sagte der Schäferspeter eifrig. »Ich mein' das: ›Die frommen Hirten lauschten still und harrten, was noch werden will!‹ – Herr Kanter, das Lied müßt Ihr mir singen lassen, hört Ihr wohl? Kann ich einmal Nachts bei meinen Schafen nicht einschlafen oder steht ein Wetter am Himmel, dann summ' ich das Lied so vor mich hin und hab meine Freud' dabei, daß wir armen Schäfer wenigstens im Himmel noch was gelten – zu den Hirten sind doch die Engel zuerst kommen.« Das Gespräch ward bewegter. Alle Nachbarn hatten in ihrer Jugend ebenfalls mit umgesungen und kannten die Gesänge genau; jeder nannte nun sein Lieblingslied und wußte meistens eine lange Geschichte zu erzählen, warum er gerade das allen anderen vorzog. »Eure Meinung in Ehren, ihr Nachbarn!« begann endlich Hansaden, auch ein Musikant, mit Würde. »Aber die alten Umsinglieder reichen doch den neuen Arien, die der Herr Kanter einübt, das Wasser nicht!« »'s Donnerwetter! ich wollt' gleich, der Teufel holt 33 die neuen Arien mit'nander!« schrie der Schmiedsjakob, lenkte aber sogleich wieder ein: »Nichts für ungut, Herr Kanter! Aber die Donnerwetters Hornsolo, die müßt Ihr 'raus thun, die bringen mich noch unter die Erden! – 's ist ja wahr, die Millionenracker, die Hornsolo, muß der Teufel extra aufgebracht haben, die Musikanten zu plagen. Nichts für ungut, Herr Kanter, 's ist halt so meine Meinung, und wenn Ihr Horn blasen müßtet, Ihr machtet gewiß keine Solo mehr in die Arien!« Als sich das Gelächter über diesen Zornausbruch des unglücklichen Hornisten, der nun einmal kein Solo fertig brachte, legte, meinte der Wagnersjörgnikel: »Was die Musik betrifft, davon verstehe ich nichts. Aber – hör' Kanter, Du darfst mir's nicht übel nehmen – die alten Lieder sind mir doch lieber, wenn sie gleich nicht so schön sein mögen, als die neuen Arien. Wenn ich ein Lied hör', das ich als Bub' selber mitgesungen hab', da ist mir's grad, als begegnet' ich einem alten guten Bekannten; da geht mir gleich das Herz auf und die guten Gedanken kommen ganz von selber. Wenn ich so ein Umsinglied selber leis mitsingen kann, dabei wird mir's erst so heilig, wie der Martinsschneider gesagt hat.« »Ein gutes Wort!« sagte der Vetter und gab dem Jörgnikel die Hand. »Glaube nur, mir sind die alten Gesänge auch in's Herz gewachsen; so lange ich Kantor in Bergheim bin, soll keiner vergessen werden. Aber es muß doch auch mit der Zeit Neues hinzukommen, damit sich der Nachwuchs daran gewöhnt. Wir wollen reicher, nicht ärmer werden!« Das leuchtete den Musikanten wie auch den Nachbarn 34 ein. Wer ihn erreichen konnte, schüttelte dem Vetter die Hand, und der Herrnbauer sagte: »Ja, unser Herr Kanter, das ist einmal ein Mann! Solch' einen trifft man weit und breit nicht wieder.« Die Unterhaltung wendete sich nun andern Dingen zu, ich kam mit dem Wagnersjörgnikel in ein Gespräch. Der Mann hatte Anno zwölf den unglücklichen Feldzug in Rußland mitgemacht und war auf dem Rückzug in Gefangenschaft gerathen – zu seinem Glück! – Wahrscheinlich wäre er sonst auch im Eis und Schnee umgekommen, wie alle seine Kameraden aus der Heimat. Weit ward er in dem ungeheuren Reich herumgeworfen, sah viele Länder, mancherlei Völker, und als er endlich die Freiheit wieder erlangte, reiste er noch durch die Türkei, sah Konstantinopel und kehrte nun erst über Ungarn und Oesterreich in die Heimat zurück. Da gab es nun viel zu erzählen, ich ward nicht müde zuzuhören und hätte den Mann liebgewinnen müssen, wäre er auch nicht Margarethens Vater gewesen. Unsere frühere Freundschaft ward heute erneuert, und als wir uns ziemlich spät in der Nacht trennten, mußte ich ihm einen baldigen langen Besuch versprechen. Auf dem Heimweg sagte der Vetter: »Hab' mich gefreut, daß Du mit dem Wagnersjörgnikel so bekannt geworden bist. Das ist ein braver Mann und mein bester Freund!« Heimlich lächelnd, im Herzen glücklich, drückte ich dem Pathen die Hand und eilte auf mein Kämmerchen.   3. In der Nacht hatte sich die Kälte gestoßen, der Wind 35 war umgesprungen, eine dünne, weiße Wolkenschicht begann den Himmel zu umziehen – den Vetter erfüllten diese Vorzeichen eines nahen Witterungswechsels mit großen Sorgen. Gerne überließ er mir allein die Leitung des Gottesdienstes – es standen ihm ja große Beschwerden bevor. Heute sah man wenig ältere Personen in der Kirche, nach alter Sitte füllte das Jungvolk in buntfarbigen Gewändern Schiff, Empore und Chor. Auch Margareth trat ein, so frisch und schön! Mir klopfte das Herz; als mich gar ein flüchtiger Blick ihrer Blauaugen streifte – ja da setzte ich mich auf die Orgelbank und mag wohl die Orgel zu allerlei Ungehörigkeiten mißbraucht haben. Der liebe Gott wird mir das gewiß verzeihen, hat ja mein Spiel der Andacht nicht geschadet; wenigstens rühmten die Bergheimer mein heutiges Eingangspräludium so über die Maßen, daß der Vetter verwundert den Kopf schüttelte. Er würde ihn noch mehr geschüttelt haben, hätte er meine Phantasie gehört! Nach dem Mittagsessen rückten die Umsinger in hellen Haufen an. Am Mittag sang und spielte es sich doch anders als am kalten Abend, bald erklang fröhlich unser Lied: Zu des Lebens Freuden schuf uns die Natur,     Aber Gram und Leiden machen wir uns nur;     Kümmern uns und haben unsre große Noth,     Und doch gibt den Raben täglich Gott ihr Brod. Nur durch seinen Segen keimt und reift die Saat,     Er gibt Sonn' und Regen ihr ohn' unsern Rath;     Kleidet auf dem Felde seine Blümchen an,     Was mit allem Gelde doch kein König kann. Jagt doch alle Sorgen, Freunde, weit von euch,     Lebet nicht für morgen, lebet heute gleich! 36     Auf dem Pfad des Lebens blüht manch' Blümchen still,     Keines blüht vergebens, wer's nur pflücken will!                         —   —   —   —   — Um die äußere Ordnung beim Umsingen kümmerte sich der Vetter wenig, das Regiment überließ er seinem Freund, dem ernsten Zimmerdick, der auch streng die Ordnung aufrecht erhielt. Die Alten, der Wasserfuchs, der Hanshenner, der Hansaden thaten zu Zeiten auch ehrbar, aber sie hatten den Schalk im Nacken. Nur der Schneidershannikel von Sülzdorf legte sich keinen Zwang auf und trieb nichts als »Dummheiten«, wie der Hansaden mißbilligend bemerkte. Stillere friedfertigere Gesellen als die beiden Hornbläser konnte es nicht geben und dennoch rief Niemand so viel Unfug hervor, als eben sie. Den Einen kennen wir bereits. Der Schmiedsjakob verdankt seinen Namen »Willer« bloß seinem rauhen, grimmigen Aussehen und seinem groben Wesen – im Herzen ist er der gutmüthigste Kerl, daheim ein musterhafter Ehemann und Vater. Ein geplagter Mensch, der Schmiedsjakob! So will er es durchaus nicht leiden, wenn er »Willer« gerufen wird, und doch, so oft es geschieht, kann er gar nicht anders, er muß schleunigst herumfahren und fragen: »Wos is?« Dieser Fehler seiner Natur, die sich nun einmal an diesen Namen gewöhnt hat, das endlose Gelächter, das stets seinem: »Wos is?« auf dem Fuße folgt, bringen ihn fast zur Verzweiflung. Noch größer ist sein Zorn, ruft ihm ein Kamerad zu: »Jakob fall' ei' – einszweidrei!« Sein Elend voll machen die Hornsolis; – wie er sich auch plagt, er bringt eben keines fertig; bloß wegen der Hornsolis steht er zu Zeiten mit dem Herrn Kanter auf gespanntem Fuß. Doch leistet ihm hierin 37 sein Nebenhornist, der sulzdorfer Schneiderskasper, treulich Gesellschaft; wenn es überhaupt möglich ist, haßt dieser die Soli noch ärger als selbst der Jakob. »Unsere Hornisten muß der Herrgott im Zorn extra für einander erschaffen haben!« sagte einstmals der Schneidersnikel; noch zutreffender war Hansadens Ausspruch: »Von unsern Hornisten ist immer einer garstiger als der andere; man weiß nicht, welchem der Vorzug zu geben ist, was Garstigkeit betrifft!« Abgesehen von dieser unergründlichen Verschiedenheit waren sich die beiden wortkargen Gesellen innerlich und äußerlich zum Verwechseln ähnlich. Auf den kleinen Gestalten saßen unverhältnißmäßig dicke Köpfe; was an den Beinen zu kurz, war an den Armen zu lang gerathen, und bei der Bildung der Füße und Fäuste mußte die Natur den Köpfen nachgearbeitet haben, was Größe betrifft. Alles an ihnen war grob zugeschnitzt, eckig, knorrig; tief herabhängende buschige Brauen gaben den Blicken etwas Unheimliches, Bissiges, und die vertrocknete, runzelvolle Haut vollendete den finstern, grimmigen Ausdruck. War aber schon der Jakob nicht so bösartig als er aussah, so war es der Schneiderskasper erst recht nicht; hatte man sich an ihr Aeußeres, an ihre kurz abgebrochene, in Worten eben nicht wählerische Sprechweise gewöhnt, so konnte man die drolligen Käuze wohl liebgewinnen – ein gutes Gemüth bleibt eben immer das Köstlichste am Menschen, und das besaßen ja die beiden »Schwarzen«, wie sie sich selber gerne nannten, in reichem Maße. Um aber die Aehnlichkeit zwischen den beiden wunderlichen Gesellen zu vollenden, hätte dem Schneiderskasper auch ein Spitzname gehört – und auch dieses Anhängsel fehlte 38 ihm nicht. Als sülzdorfer Tropfhausbesitzer – Hintersitzer heißen die Glücklichen! – hatte er nicht das Recht, Hühner oder Gänse zu halten, dieß stand bloß den Bauern und Gemeindeberechtigten, den Vollbürgern, zu. Nun stand aber Kasper's Häuschen dicht an der Wertha, sein einziges Wieslein stieß an den Gemeindegänsrasen – jahraus, jahrein mußte der unglückliche Schneider die Gänse sich auf dem Rasen und im Fluß tummeln, mußte sie zu stattlichen Braten heranwachsen sehen, mußte ihr Geschnatter und Geschrei anhören und sich über ihre räuberischen Einfälle in sein Eigenthum ärgern. Das stieg Kasper endlich zu Kopf; die Plage ward er nun einmal nicht los, so wollte er wenigstens den Vortheil mit den Nachbarn theilen. Ohne die Gemeinde um Erlaubniß zu fragen, schaffte er sich ein Heerdchen Gänse an und trieb es auf den Gänsrasen. Natürlich klagte die Gemeinde; Kasper mußte die Thiere abschaffen und Strafe zahlen. Schon jetzt klagte er: »Die Gäns', Alte, die Gäns' sind ein Nagel zu meinem Sarg!« Von der Zeit an warf er einen grimmigen Haß auf die unschuldigen Thiere; auf seinem Schneiderstisch lagen immer Prügel und Steine bereit; wehe der Gans, die es wagte, die Grenze seines Grundstückes zu überschreiten – ehe sie sich's versah, ereilte sie ihr Geschick! Durch die Uebung erlangte Kasper mit der Zeit eine wundersame Fertigkeit im Werfen, selten verfehlte er sein Ziel; das machte ihn übermüthig, er begann auch unschuldige Gänse zu morden, und als dann der Gänshirt dahinter kam, setzte es böse Händel mit den Besitzern. Kasper kam aus den gerichtlichen Klagen und Strafen nicht mehr heraus, und jetzt klagte seine Alte: »Die Gäns', Kasper, die Gäns' sind unser Untergang!« 39 Das Wort verbreitete sich rasch durch's Dorf, die Kinder riefen es ihm auf der Gasse nach, im Wirthshaus reizten ihn die Gäste damit. Zuletzt kürzte man und nannte den Schneider einfach: »Gänskasper!« Und der Name blieb ihm, auch als sein Zorn über die schnatternden Thiere sich längst gelegt, als er den Krieg gegen sie aufgegeben und sie ungestört auf dem Rasen und im Fluß herumtummeln ließ. Obgleich die Schwarzen selten ein Wort redeten, trugen sie doch das Meiste zur Erheiterung der Musikanten bei; sie waren es auch schon gewohnt, daß auf ihre Kosten gelacht wurde, und kümmerten sich nicht mehr darum. Nur ihre Spitznamen wollten sie nicht dulden und von den Hornsolis nichts hören – rührte ein Kamerad daran, dann hatte er es aus bei ihnen; die Abfertigung, die er dann erfuhr, war nicht fein, aber saftig! Das Loos, Hansnarren der Musikanten zu sein, theilte mit ihnen nur noch der Bergkasper, den wir noch von der Lichtstube her kennen. Sein Sprachfehler war eine unversiegbare Quelle des Vergnügens. Wunderlicher Weise glaubte der Bergkasper selber durchaus nicht an den Mangel seiner Sprachwerkzeuge, das Gelächter seiner Kollegen schrieb er allein auf Rechnung seines Witzes und hielt sich zuletzt selbst für einen »grausamen Spaßvogel«! Zwischen ihm und den Schwarzen bestand grimmige Feindschaft. Von den übrigen jungen Musikanten war der Schneidersheiner der seines Vaters würdige Sohn des Schneidershannikel, der Schulzenhanjörg von Tiefenort, kurzweg Schülzle genannt, ein »Racker«, wie sich der Gänskasper ausdrückte, und der Mühljohann eine gute, lustige Seele. Der Eckenpeter zeichnete sich durch eine langsame Bedächtigkeit aus. 40 Es war, als läge ihm eine ewige Müdigkeit in den Knochen. Nur wenn es zum Trinken kam, dann war er gar nicht langsam. Die übrigen Musikanten waren stille Leute, die sich weder im Guten noch Bösen hervorthaten und eben so mitliefen. * * * Heute waren die Musikanten viel lebendiger denn gestern. Der Zimmerdick mußte scharf aufpassen, und doch geschahen der losen Streiche genug. Als wir vor dem Hänsleshaus sangen, blickte die Dorthee selbstvergessen nur auf ihren Johann. Heimlich warf der Schülzle eine Hand voll Schnee an die Scheiben; heftig erschrocken, mit lautem Aufschrei fuhr das Mädchen zurück. Der Vetter drohte dem Thäter, mußte aber auch mitlachen. Auf dem Schneidersrangen lugte die Schneidersmargthbar durch die Scheiben und verwendete kein Auge vom Bergkasper, was diesen gewaltig verdroß. Auch ihr Vater, der kleine, gelbe Laubschneider stand gravitätisch im Fenster. Das war auch ein wunderliches Menschenkind, der Laubschneider! Ursprünglich zum Lehrer bestimmt, aber wegen mangelnder Mittel gezwungen, Schneider zu werden, hatte er mehr gelernt, als seinem gesunden Verstand gut war, und doch wieder zu wenig, um was Rechtes zu sein. Die Schneiderprofession hatte ihm nie behagt, darum waren auch seine Leistungen nicht weit her; als er nach seiner Verheirathung die ersten Proben seiner Geschicklichkeit in Bergheim ablegte, schrieen die Betroffenen Ach und Wehe über ihn, und von Stund' an vertraute man ihm nicht einmal mehr alte 41 Lumpen zum Ausflicken. Der Schneider legte sich nun auf Landwirthschaft und bearbeitete mit seinen beiden Weibsleuten sein einziges Grundstück, einen Acker mit einem Wieschen und einem Streifen Schrotholz, das er selber »seine vierte Bitte« nannte. Da er sich nun den lieben langen Sommer auf »der vierten Bitte« herumtrieb, während seine Weiber auf Taglohn gingen, in Feld, Wiese und Wald mühselig genug das Futter für seine Kuh zusammensuchte, dabei auch die Linden- und Haselbüsche keineswegs verschonte, legte ihm der Dorfwitz den zutreffenden Namen bei: Laubschneider! Neben andern Sonderbarkeiten hatte der wunderliche Mann auch noch die eigenthümliche oberländer Mundart beibehalten. Um ihn zu necken, fragte nach Schluß des Gesanges der Wasserfuchs: »Nu, Schneider, hat's Euch gefallen?« »Eiwer (euer) Lied war nicht schlecht,« entgegnete der Gefragte mit Selbstgefühl, »nur die Posaune hat falsch geblasen! – Was, was, was? – Ich versteh' nichts davon? – Ich bin ein Mann bei der Spritz', hab' Schulen genossen und heiwt (heute) noch Orthographie im Kopf! Ich will eiwch (euch) sagen, wo's g'fehlt hat: mein Herr Nachbar, der Hansaden, hat seine Posaune nicht g'schmiert. Herr Nachbar, geht rein, ich geb Eiwch ein Stückle Speck für Eiwren Posaunenzug!« Hansaden kränkte das Lachen um so tiefer, da er wohl wußte, daß er öfter anders geblasen hatte, als es im Buch vorgezeichnet war; besonders wurmte ihn die Anspielung auf den schlechten Zustand seiner Posaune. Sehr verdrießlich sagte er darum: »Mit Euch mag ich mich gar nicht einlassen, so ein Laubschneider ist mir viel zu einfältig!« 42 Damit ging er verächtlich davon. Der Schneider aber drohte ihm mit geballten Fäusten aus dem Fenster nach und schrie wie ein Zahnbrecher: »Was, was, was? – Laubschneiwder? – Ich will Eiwch, ich will Eiwch! – Laubschneiwder – Potz Blitz Feiwerzeiwg (Feuerzeug)! Ich bin ein gelernter Schneiwdermeiwster, hab' Schulen genossen und heiwt noch Orthographie im Kopf! Ich will Eiwch! – Heiwt noch lauf' ich zum Herrn Amtmann und verklag' Eiwch!« Der Vetter beruhigte den zornmüthigen kleinen Mann, wir aber hatten längst vor dem nächsten Haus unser Lied vollendet, ehe der Schneider endlich sein Fenster zuwarf. Im Herrenhof beschlossen wir unser heutiges Tagewerk. – Sonderbar die Musikanten trampelten lachend durch einander, Niemand machte Anstalt zum Fortgehen, auch das Umsinggeld blieb aus. Endlich öffnete sich droben ein Fenster, der hemdärmelige Herrnbauer blickte, die kurze Tabakspfeife im Munde, vergnüglich in das Gewühl und meinte endlich: »Nu, wie wird's? – Wollt ihr nicht einkehren?« »O Herrjele, Bauer,« schrie der Schneidersnikel und fuchtelte mit seiner ›Klanet‹, »am Wollen liegt's nicht!« »Ha – auf was wartet ihr denn noch?« fragte der Bauer, anscheinend sehr verwundert. »Wir haben gedacht,« begann der Zimmerdick, »Ihr hättet uns fährden überdrüssig kriegt, weil uns Niemand nein heißt!« »Ach was, das ist ja dummes Zeug, macht keine Präambeln, geht rein!« nickte der Bauer und schloß das Fenster. Darauf hatten die Musikanten gewartet, jubelnd und 43 lachend prasselte der Schwarm in die helle, große Bauernstube, umdrängt und gefolgt von der gesammten lauffähigen Jugend, die sich sofort in die Hell drängte und die Ofenbänke in Besitz nahm. In der Ecke hinter dem Familientisch zogen sich grüne Tannenäste an der Decke weit in die Stube herein, statt eines Christbaums mit Zuckerwerk, rothen Aepfeln, goldenen Nüssen und blitzenden Glaskugeln sinnig geschmückt. Der Tisch darunter brach fast unter der Last der aufgehäuften Speisen; da gab es: Kuchen, Weiß- und Schwarzbrod, Braten, Schinken, Wurst, Butter und Käse. Dabei stand in hellen Gläsern Bier und Branntwein, selbst der geliebte Tabak fehlte nicht. Dieser erfreuliche Anblick machte tiefen Eindruck auf die Schwarzen; kaum nahmen sie sich Zeit, Mäntel und Hörner abzulegen, dann fuhren sie ohne Gruß, wie Geier, hinter den Tisch auf die besten Plätze und stopften die Pfeifen. Die andern Musikanten waren manierlicher und begrüßten freundlich den Hausherrn. Der Vetter unterhielt sich mit der Bäurin, die ihrem Töchterlein, der sechzehnjährigen Lisbeth, zuflüsterte: »So red' auch ein Wort mit dem Herrn Kanter, zier' Dich nicht so dumm, Dein Mundwerk ist doch sonst immer vorndran.« Das machte das Mädchen vollends verlegen, blutroth vor Angst steckte es den Schürzenzipfel in den Mund und lief davon. Lachend tröstete der Vetter die scheltende Bäurin, und als er sich an den Tisch setzte, sahen sich auch die Choradstanten nach Plätzen um. Der Wasserfuchs, Hanshenner und Hansaden tauschten einen Blick, wie zufällig stellten sie sich hintereinander – rutsch! 44 saßen die Schwarzen in der hintersten Ecke und konnten sich kaum rühren. »'s Donnerwetter, was ist das für 'ne Art?« fluchte der Wille, der unsanft an die Wand gefahren war. Darauf tröstete der Gänskasper sich und ihn: »So – nun ham wir's!« Draußen hatte sich ein heftiges Schneegestöber erhoben, da war es nun so recht behaglich in der warmen Stube unter dem Christbaum zu sitzen, inmitten einer wohlwollenden Familie, umgeben von ehrlichen, lustigen Gesichtern. Ein ehrbares Gespräch kam in Gang. Die Musikanten klagten ernsthaft über die einreißenden schlechten Zeiten, verhandelten mit dem Hausherrn über Krieg und Frieden, Vieh und Getreidepreise, über die Ernteaussichten auf's nächste Jahr, und gingen mit der Bäurin gründlich die Familiengeschichte des Herrnbauers und ihrer Verwandtschaft durch. Darnach vertheilte der Vetter die Noten und Liederbücher, ermahnte zur Aufmerksamkeit, und einige von den neuen Arien wurden vorgetragen. Der Herrnbauer lauschte andächtig in seinem Sessel, die Bäurin wischte sich die Augen und nickte ihrem Alten glückselig zu, daß der Valtin, ihr einziger Sohn, beim Herrn Kantor stehen durfte und so schön singen konnte. »Nummer neunundvierzig!« sagte der Vetter. »'s Donnerwetter, nu hat m'r die Pasteten!« knurrte der Schmiedsjakob und der Gänskasper begann zu schwitzen. »Die Solo, ihr Männer, die Solo!« sagte der Vetter ein wenig neckisch. »'s wird gemacht, Herr Kanter; seid ganz außer Sorg', 's wird gemacht!« versicherte der Gänskasper zuversichtlich, indem er sich mit dem Jackenärmel den Schweiß von der Stirn wischte. Nachdem die Hörner gründlich ausgegossen waren, 45 Gänskasper dem Willen zugeflüstert hatte: »Paß auf, wenn's kömmt!« begann das Lied. Als der erste Vers zu Ende ging, wurden die Schwarzen unruhig. Der Gänskasper stieß den Willen in die Seite: »Jakob, fall' ei'!« »Eins, zwei, drei!« zählte dieser. »Ja, was fällst Du nicht ein?« knurrte Gänskasper. »'s Donnerwetter! – hab' mich rein verzählt!« entschuldigte sich Jakob. »'s wird noch, Herr Kanter, 's wird noch!« beruhigte der Gänskasper den Vetter vor Beginn des zweiten Verses. Beim Nahen der bösen Stelle stieß der heftiger schwitzende Gänskasper seinen Nachbar abermals an: »Jakob, fall' ei'!« »Eins, zwei, drei! – 's Donnerwetter, was fällst Du nicht ein?« schrie Jakob erzürnt. »Komm' mir nicht so rund!« begehrte Kasper auf. »Hab' ich nicht auf Dich gewartet?« »Aber ihr Männer, was ist das?« sagte der Vetter verdrießlich. »'s kümmt noch, Herr Kanter!« beruhigte ihn Kasper. »Hinzig kümmts ganz gewiß!« Die Hörner wurden angegossen, die Schwarzen wischten sich die Schweißtropfen aus den Augen, dann begann der letzte Vers. Wieder stieß Kasper den Willen an: »Jakob, fall' ei'!« »Eins, zwei, drei!« zählte dieser gewissenhaft, dann fuhr er auf: »'s Donnerwetter, mit dem verfluchten Geknuff! Hab' ich's jetzt so fein gehabt, kommt mir der Schafskopf in die Seiten – weg ist's!« »Was, Schafskopf?« schrie der Gänskasper. »Du dummer Jakob, Du bist ja nicht einmal einer!« 46 »'s Donnerwetter! – was? ich wär' kein Schafskopf? – Sag's noch einmal, Du – Gänskasper!« »So! Derjenige bist Du?« sagte der Kasper tief gekränkt. »So, so! – Merk's, Du Grobschmied; aus ist's zwischen uns!« Und soweit es sich bei ihren beschränkten Plätzen ausführen ließ, drehten sie sich den Rücken zu. Der Vetter konnte nicht tadeln, er mußte auch mitlachen. Als sich der größte Sturm gelegt, sagte der Bauer: »Herr Kanter, laßt's gut sein und ärgert Euch nicht, ich hab' wahrlich Respekt kriegt vor den neuen Arien. – Nun ist's genug, legt die Instrumente weg und langt zu!« Das ließen wir uns natürlich nicht zweimal heißen, die Berge von Lebensmitteln schmolzen sichtbar zusammen. Besonders erfreute mich, daß die Bäurin auch unter die Kinder Brod und Kuchen vertheilte; ihre verlangenden Blicke nach uns hatten mir fast wehe gethan. Als darnach die Pfeifen brannten, der Streit der Schwarzen nochmals gründlich belacht worden war – zu ihrem großen Verdruß! – fragte der Wasserfuchs die Herrnbauersmagd, die noch nicht lange aus dem Nachmittagsgottesdienst zurückgekehrt war: »Hat der Herr Pfarrer wieder Christenlehr' gehalten, weil die Kirch' so ewig lang gedauert hat?« Der Schneidershannikel war eben im Begriff, seine Pfeife anzubrennen; als die Magd bejahte, hielt er mit Rauchen inne und rief: »Hört, bei der Christenlehr' fällt mir eine Geschicht' ein!« »Paß auf, 's kommt wieder eine, daß sich die Balken biegen!« rief der Hanshenner und stieß den Hansaden so 47 heftig an, daß diesem vor Schreck fast die Pfeife aus dem Mund gefallen wäre. »So? – was Du nicht Alles weißt!« schrie der Hannikel und brannte seine Pfeife an. »Hast Du schon eine Lüge von mir gehört?« Als sich das Gelächter gelegt, begann er: »Also der Kreuzmannsjakel von Grumbach war – –« »Holla,« jubelten die Musikanten durch einander, »'s ist vom Kreuzmannsjakel, da wird's gut!« »Wenn ihr nicht gleich still seid, erfahrt ihr kein Wort!« sagte der Schneider trocken, und erst als gänzliche Ruhe eintrat, begann er wieder: »Also der Kreuzmannsjakel war einmal in der Christenlehr'. Kommt der Pfarrer zu ihm und fragt: ›Weß Glaubens ist Er?‹ – Ernsthaft sagt der Jakel: ›Ich bin von Grumbach!‹ – ›Ach was!‹ meint der Pfarrer, ›ich habe Ihn gefragt, weß Glaubens Er ist!‹ – Herzhaft gibt der Jakel zur Antwort: ›Nu ja, ich bin von Grumbach!‹ – Jetzt wird der Pfarrer ärgerlich und fährt ihn an: ›Ist Er bei Trost? was soll das heißen?‹ – – ›Ja was soll das heißen?‹ fährt nun auch der Jakel auf. ›Ihr wißt so gut, wie ich, daß 's in Grumbach keine Katholiken, keine Juden, Türken und Heiden gibt – so werd' ich auch keiner sein!‹ »Ihr seid ein gottloser Mensch!‹ lachte die Bäurin. »Wie Du nur immer auf solche Geschichten kommst!‹ wunderte sich der Wasserfuchs. »Wie ich drauf komm'!« höhnte der Schneider. »Kann ich dafür, daß der Kreuzmannsjakel nicht so auf's Maul gefallen ist wie Du?« »Dahinter steckt noch was!« rief der Herrnbauer und 48 wischte sich die Lachthränen aus den Augen. »Raus damit, Hannikel, Ihr sollt nicht an Herzdrücken sterben!« »Glaub' nicht, daß mir das Unglück bevorsteht, Bauer!« lachte nun auch der Schneider. »Also – aber ihr müßt's nicht glauben, wenn ich gleich die Geschicht' verbürgen kann! – also wie einmal eines Sonntags in der Frühe der Kreuzmannsjakel auf dem Weg zur Kirch' ist, begegnen ihm ein Haufe Studenten oder sonstige lustige Stadtherrle. Die müssen über Jakel's Anzug lachen; närrisch genug mag auch der alte Kerl ausgesehen haben in seinen weißen Strümpfen, gelben Lederhosen, mit seiner brennfeuerrothen Weste, dem grasgrünen Kirchenrock und dem hohen schwarzen Hut auf dem Kopf. Genug, die Herrle lachen über den ›alten Stieglitz‹, und um ihn zum Besten zu haben, geht einer zu ihm und fragt: ›He, Alter, um was trauert Ihr?‹ Der Kreuzmannsjakel, den das Lachen schon verdrossen hat, gibt zur Antwort: ›He, um was? Um euern Verstand trauer' ich, weil ihr gar so dumm fragt!‹« »'s ist aus der Weis' mit dem Hannikel!« rief die Bäurin, die vor Lachen ganz außer Athem kam. Derweil wurden die übrigen Musikanten auch warm, die Geschichten jagten förmlich einander, eine immer lustiger als die andere. Die Bäurin bat: »Ihr Männer, um Gotteswillen hört auf, das Lachen bringt mich rein um!« Nur die Schwarzen saßen trübselig in ihrer Ecke, aßen nicht, tranken nicht, rauchten nicht und kehrten sich noch immer den Rücken zu. Endlich konnte der Schmiedsjakob die Feindschaft, Hunger und Durst nicht länger ertragen. Wehmüthig knurrte er: »Kasper!« »Jakob?« fragte dieser ebenso. 49 Jakob drehte sich ein wenig herum. »Kasper, so thut's nicht gut, meiner Seel', 's thut nicht gut!« Kasper machte nun ebenfalls eine Achtelswendung. »Du hast zuerst geschimpft – und ich hab's so gut im Sinn mit Dir!« »Die verfluchten Hornsolo bringen mich noch unter die Erden!« »Die Racker sind am ganzen Unglück schuld.« Dabei machten die Gegner wieder eine Wendung. »Kasper – verzeih' mir!« schrie Jakob mit plötzlichem Entschluß, drehte sich ganz herum und streckte die Hand aus. »Ist's Dein Ernst?« fragte Kasper. Darnach drückten sich die Hornisten die Hände und fielen mit Hast über Speisen und Getränke her. Unterdessen hatten sich noch einige Kamerädinnen der Lisbeth eingefunden, und als der Vetter ihre Ungeduld bemerkte, gab er den Musikanten einen Wink. Seufzend legten die Alten ihre Pfeifen weg und griffen nach den Instrumenten. »He – Willer!« rief plötzlich eine Stimme. »Wos is?« fuhr Jakob herum; als aber ein lautes Gelächter ausbrach, schrie er: »'s Donnerwetter, wer hat mich Willer geheißen?« »Du bist ein Narr!« beruhigte ihn der Gänskasper. »Da, nimm Dein Horn und sei still!« Während sich die Musikanten fertig machten, that der Schneidersnikel einen tiefen Zug aus dem Bierglas, zwinkerte mit den Augen und begann: »Auf der buchbacher Kirmse kommt der gießhübler Buttermann und sagt: ›He, mein 50 Jung' ist auch Musikant, aber er geigt links; wenn er auf die klein' Saiten kömmt, meint m'r, er wird 's Teufels!« Ohne das Gelächter zu beachten, fuhr er mit der ›Klanett‹ in den Mund und stimmte einen lustigen Walzer an. Dem Herkommen nach hätte nun der Vetter mit der Bäurin den Tanz eröffnen müssen; da das nicht anging, trat ich an seine Stelle. War das ein lustiges Durcheinander! Die Dienstboten zogen ihre Herrschaft in den Reihen, die jungen Musikanten schwangen sich mit der Lisbeth und ihren Kamerädinnen herum, zuletzt bekamen sogar die Diskantbuben Muth und vermehrten das Gewühl. Dabei ward es Nacht, ehe wir uns dessen versahen; trübe Talglichter erhellten spärlich die Stube, von der Decke blitzten die goldenen Nüsse halb verloren durch den Dunst, wie Sterne durch Nebel. Ermüdet und nach Luft schnappend saßen bald Bläser und Tänzer an den Wänden; noch einmal trug die Bäurin frisch auf, der Bauer füllte die Gläser und nöthigte zum »Zulangen«. Dem Vetter und mir aber ward durch einen Kaffee eine besondere Ehre angethan. Als wir endlich nach herzlichem Dank und Abschied aufbrachen, haftete mancher Blick wehmüthig auf den erst halb geleerten Biergläsern. Aber – hu! – das Wetter! Linder Südwind brauste hohl durch die blätterlosen Baumwipfel, Schnee und Regen durcheinander peitschte er uns in's Gesicht; dazu war eine Finsterniß, daß man die Hand nicht vor den Augen sah. Nur aus den Fenstern des Herrenhauses fluteten breite Lichtströme, und wenn die Flocken durch den Lichtkreis wirbelten, glänzten sie wie Sterne. Trotz Sturm und Wetter 51 brachten die Musikanten den Herrnbauersleuten noch ein Abschiedsständchen. Aber das Wetter! Der Vetter und die Alten jammerten – morgen sollte ja das Umsingen in den kleineren noch zur Pfarrei gehörigen Dörfern, die eigentliche Arbeit beginnen. Wir Jungen kümmerten uns wenig darum, uns lag nur das nächtliche Tanzvergnügen droben im Wirthshaussaal im Sinn. Mir war es freilich kein Gefallen, als mich die Musikanten aufforderten, Nachts mit zum Tanz aufzuspielen; aber da sie sich theilen mußten, mochte ich es ihnen nicht absagen, zumal mir auch der Vetter zuredete. Daheim fiel mir ein Stein vom Herzen, der Gersdorfer Schmidt war nicht gekommen, jedenfalls hielt ihn das Umsingen in seinem Dorf zurück. Mein unruhiges Wesen veranlaßte die Base zu der Bemerkung: »Was ist Dir? – Man könnte denken, Du hättest was Besonderes vor!« »Wer weiß?« lachte ich, und eilte mit meiner Geige davon. Auf dem Tanzboden erwarteten mich schon der Zimmerdick, der Mühljohann, Bergkasper, Eckenpeter und die Schwarzen. Wir sieben Mann bildeten das ganze Orchester, die Uebrigen spielten in Sülzdorf. Mir ward bange, was sollte das für eine Musik geben? – Lachend tröstete mich der Zimmerdick: »Streich' nur tüchtig auf, wir thun auch was wir können! Sollst einmal sehen, wie die Schwarzen Horn blasen! Das macht, weil es bei der Tanzmusik keine Solo gibt!« Unterdeß hatte der Bergkasper seine Klarinette in Ordnung gebracht; sie schnappte freilich oft über, doch das schadete nichts, kaum erklangen die ersten Akkorde eines 52 Galopps, so füllte sich rasch der Saal und der Tanz begann. Das Gefühl der freudigen Sicherheit, mit dem ich anfangs dem Tanz der jungen Leute zusah, weil mein Nebenbuhler nicht zugegen war, erlitt bald einen argen Stoß. »Wer ist der hochmüthige Bursche, der in Einem fort mit der Wagnersmargareth tanzt und so arg vertraut mit ihr thut?« fragte ich den Bergkasper. »Das ist der Gjafengottfjied (Grafengottfried) von Gottsmannsgjün djunten,« belehrte mich der Bergkasper, »ein jämmelich jeiche Kel!« So! – Und ich saß auf dem Orchester! Eine Wuth auf die ganze Musik kam über mich, die unschuldige Geige hätte ich am liebsten mit Füßen getreten. Mit jedem neuen Tanz wuchs meine Unruhe; endlich erklärte ich meinen Freunden, sie sollten zusehen, wie sie ohne mich zurecht kämen, ich müsse hinab auf den Tanzboden. Der Mühljohann lachte und sprach zu meinen Gunsten; da auch der Bergkasper erklärte, er getraue sich ohne mich wohl durchzukommen, waren denn die Anderen mit meiner Entfernung einverstanden. Natürlich wollte ich sogleich zur Margareth, doch ging das nicht so schnell, meine Schulkameraden umdrängten mich mit vollen Biergläsern und ließen mich nicht durch, bis ich ihnen Bescheid getrunken hatte. Darüber begann ein neuer Tanz – richtig, dort führte der Gottfried die Margareth wieder in den Reihen. – Wie der Bursche so hochmüthig, so selbstbewußt dahin tanzte, jeder Blick, jede Miene, jede Bewegung schien zu sagen: »Bin ich nicht der reiche Gottfried, und der schöne Gottfried, und der gescheite Gottfried? Wer thut mir's gleich auf dem Tanzboden? – Ich bin der erste 53 Bursch überall!« Vor Zorn und Eifersucht ballte ich die Fäuste. Dort in der Ecke sah ich Margarethens Mutter neben der Base sitzen, ich drängte mich nach ihnen durch und traf dabei mit der glühend aufgeregten Margareth zusammen. »Du machst Dich ja recht vergnügt!« sagte ich nach kurzem Gruß, nicht ohne einige Bitterkeit. Margareth sah mich verwundert an. »'s macht sich!« sagte sie leichthin und wendete sich an die Wagnerschristel: »Mutter, wir wollen heim!« »Ach, Mädle, bist Du bei Trost?« rief diese verwundert. »Wo denkst Du hin, der Tanz ist ja kaum angegangen!« »Margareth«, sagte ich, »die Musik beginnt, willst Du nicht einen Reihen mit mir tanzen?« Margareth stand unschlüssig; als die Mutter verwundert ausrief: »Nu, Mädle, was soll das sein? Kannst Du nicht reden?« begann sie leise bittend: »Karl, Du weißt, wie gern ich's thät'! Ein andermal – heut' nicht, Karl, heut' nicht!« Sie mochte wohl bemerken, wie mir das Blut in das Gesicht schoß; als nun auch ihre Mutter und meine Base fast böse wurden, sagte sie mit tiefem Seufzer: »So komm'!– Du wirst sehen, was geschieht!« Wie hatte ich mich darauf gefreut, mit Margareth zum Tanz anzutreten – und nun! Als ich Gottfried auf uns loskommen sah, wandelte mich die Lust an, Margareth zuzurufen: »Verstell' Dich nicht, ich kenn Dich doch! Tanze nur mit dem eiteln Narren, wenn er Dir lieber ist, als ich!« Doch hielt ich an mich, und als ich Gottfried's Enttäuschung bemerkte, seinen Zorn, kam die Lust über mich, ihm und ihr zum Trotz nun recht viel mit Margareth zu tanzen. Ich 54 wollte auch freundlich mit Margareth thun, aber so weit reichte weder meine Selbstbeherrschung noch meine Verstellungskunst. Kaum traten wir einmal aus der Reihe, Athem zu schöpfen, so stand auch schon Gottfried vor uns, legte dreist seinen Arm um das Mädchen und sagte barsch: »Komm', jetzt wird Solo getanzt!« »Oha!« rief ich wild lachend und stieß ihn heftig zurück. »Da hab' ich auch ein Wort mit drein zu reden!« »Ho ho! Will sich das Präzepterle patzig machen?« schrie Gottfried und riß das weinende Mädchen an sich. »Her gehst Du, nun erst recht tanze ich mit Dir!« Das war doch zu stark; außer mir über solche Beschimpfung, gab ich dem Burschen eine Ohrfeige aus dem Salz und sprang zwischen ihn und Margareth. Unser Streit hatte unterdessen Aufsehen erregt, der Tanz war unterbrochen, die bergheimer Bursche, erbost über die Frechheit eines Fremden, sammelten sich um mich, die Gottsmannsgrüner um Gottfried – eine Hauptprügelei schien unvermeidlich. Nun wurden aber auch meine Musikanten aufmerksam, der Wilde schrie: »'s Donnerwetter, wos is mit unerm Präzetter? – Laßt mich nunter komm'!« Der Eckenpeter schrie; »Nur nicht grrrrand gethan!« und drängte sich mit dem Mühljohann und dem Bergkasper zu mir durch. Aber auch der Zimmerdick schob sich jetzt durch die immer enger zusammendrängende Menschenmasse. Mit lauter Stimme gebot er Ruhe; als Gottfried trotzdem fortkrähte, gab er ihm eine Ohrfeige daß er taumelte, und schrie: »Wer sich jetzt noch zückt, den werf ich mit eignen Händen die Treppe nunter! – Ihr bergheimer Schlafkappen, wollt ihr euch von den fremden 55 Lausbuben verspotten lassen? – – Ordnung muß sein. Fällt noch eine Unart vor, ist der Tanz aus, merkt das!« Das wirkte! Alle Bursche standen plötzlich gegen die Gottmannsgrüner, die, in Betracht ihrer Minderzahl, knirschend nachgaben. Als ich mich aus dem Menschenknäuel herausgearbeitet, sah ich Margareth mit ihrer Mutter den Saal verlassen. In tausend Aengsten kam die Base auf mich zu und wollte mich durchaus mit heimnehmen, nur mit Mühe ward ich sie los. Die tückischen Blicke Gottfried's kümmerten mich wenig, die Tröstungen, das Lob meiner Freunde beachtete ich nicht, mir war unbeschreiblich wehe; zu hart war ich aus meinen Glücksträumen gerissen worden. Begreiflich war mir die Lust zum Tanzen vergangen, an meiner Stelle blieb der Mühljohann im Saal, um Ordnung zu erhalten und tanzte flott mit seiner glückstrahlenden Dorthee. Als der Bergkasper gar so trübselig in das bunte Gewimmel blickte, sagte ich: »Geh' hin, Kasper, mach' Dir Dein Vergnügen, meine Geige wird schon durchdringen, auch ohne Klarinette!« »Mag nicht!« entgegnete Kasper und schüttelte sich. »Ja, wenn die Laubschneidersmajgba nicht wär'! Laß ich mich djunten blicken, wed ich das Weibeleut nicht los!« Was war das doch für eine verkehrte Welt! Da wartete ein Mädchen vergeblich auf einen Burschen, und ich hing an einem Mädchen, das mich offenbar verspottete! Verstimmt geigte ich die lustigen Tanzweisen herunter, ärgerte mich, daß die Menschen so vergnügt sein konnten, und sann mich immer tiefer in meine Verstimmung hinein. Manchmal kam mir freilich die Empfindung, ich thue Margareth großes Unrecht an, aber mein Mißtrauen war nicht so leicht zu 56 besiegen. Es konnte wohl sein, daß sie heim wollte, dem Gottfried aus dem Weg zu gehen; es war möglich, daß sie mir den Tanz verweigerte, weil sie Zank und Streit voraussah – allein wer gab mir Gewißheit? War nicht wahrscheinlicher, daß sie mein Verlassen des Orchesters erschreckt, daß sie mich fern zu halten wünsche, um Gottfried's Eifersucht nicht zu erregen? Das Wort: »das ist ein jämmerlich reicher Kerl!« summte mir unaufhörlich in den Ohren. Was hatte ich, ein armer Präzeptor und Schulmeister, gegen großen Reichthum zu setzen? Trübselig verbrachte ich die Nacht. Allmälig leerte sich das Orchester; der Zimmerdick schlich zuerst heim, den Wilden holte seine Alte ab, da er Händel suchte, der Gänskasper saß wahrscheinlich in der Wirthsstube hinter einem Schnaps, und der Mühljohann tanzte lustig mit seiner Dorthee. So blieben bloß der Bergkasper, der sich vor der Schneidersmargthbar scheute, der Eckenpeter, der nicht vom Biergießer loskommen konnte, und ich übrig, und unsere zwei Geigen sammt dem Baß vermochten den immer größer werdenden Lärm nicht zu durchdringen. Als das Lachen und Singen im Saal in Zank und Streit auszuarten drohte, packten wir unsere Instrumente zusammen, theilten den Verdienst und machten Feierabend. Zum Umfallen müde kehrte ich heim – eben schlug es drei Uhr.   4. Als mich am andern Morgen die Base weckte, lag mir eine entsetzliche Müdigkeit in den Gliedern, der Kopf brummte und die Augenlider waren bleischwer; erst nach gewaltsamer Anstrengung gelang es mir, den Schlaf abzuschütteln. Die 57 gemüthliche Wohnstube erkannte ich nicht wieder, an Stelle des Hausgeräthes waren lange, kahle Tafeln, hölzerne Stühle und Bänke getreten, nur der Sorgenstuhl des Vetters behauptete seinen Platz am Ofen, als alleiniger Vertreter wohnlicher Behaglichkeit. »Ja, ja, Herr Kanter,« sagte Annedorl, die soeben durch das Gebetläuten den Musikanten das Zeichen gegeben hatte, sich zum Frühstück einzufinden. »Ja, ja, Herr Kanter, es regnet g'rad nieder!« Verstimmt legte der Vetter die lange Pfeife weg, öffnete ein Fenster und blickte hinaus in die Finsterniß – richtig, die Dachrinnen rauschten wie Mühlbäche. Das war eine schöne Aussicht! Pudelnaß traten der Zimmerdick und der Hansaden ein, setzten sich verdrießlich in eine Ecke und meinten, bei solchem Wetter sei nicht an's Fortgehen zu denken. Auch der Mühljohann und der Gänskasper bestätigten das. Gern hätte ich dem Mühljohann mein Leid berichtet, aber die geistige und körperliche Abspannung war so groß, daß ich selbst das Reden scheute. Der Bergkasper berichtete: »De' Wind hat sich gedjeht, e' kommt vom Wald, de' Jegen läßt schon nach. Paßt auf, wir kjiegen noch das schönste Wetter!« Die Stimmung besserte sich etwas, aber das eintönige, endlose Plätschern der Dachrinnen schien die kühne Prophezeiung zu verspotten, der Unmuth war größer als zuvor. Ein häßlicher Morgen! Zuletzt verfielen wir Alle in einen unerquicklichen Halbschlaf, aus dem wir jede Minute auffuhren, um nach den Dachrinnen zu lauschen. Endlich – schon dämmerte der Morgen grau und trübe herauf – ward es draußen lebendig, lustiges Lachen und 58 Plaudern erweckte die Schläfer, schlaftrunken murmelte der Bergkasper: »Schmeißt ihn 'naus, wenn e' nicht Juh gibt!« und der Zimmerdick meinte gähnend: »Potz Wetter! Die Sülzdorfer sind ja mordlustig! Wird's vielleicht ander Wetter?« »Ein freies Leben führen wir, Ein Leben voller Wonne, Der Wald ist unser Nachtquartier, Der Mond ist unsre Sonne!« sang der Hanshenner mit seiner hohen Fistelstimme, – und, kaum in die Stube getreten, begann der Schneidersnikel: »Wohlauf nun getrunken     Den funkelnden Wein! Der Wind kommt vom Wald her,     Schön's Wetter muß sein!« »Pros't Bruder! – Ausgeschlafen? – Alleweil lustig, alleweil fidel? – Potz Blitz Feiwerzeiwg! sagt der Laubschneider! sitzt ihr nicht da wie kranke Maikäfer? – Holla, munter! Alleweil lustig, alleweil fidel! sagt der Kreuzmannsjakel!« Solche Fröhlichkeit verfehlte ihre Wirkung nicht; besonders als es sich bestätigte, daß der Waldwind stärker werde, hob sich die Stimmung, selbst der Vetter setzte sich halb getröstet zum Frühstück. Schon früher war einer der Diskantbuben nach dem Schmiedsjakob und Eckenpeter geschickt worden und eben berichtete der Bote: »Der Eckenpeter kommt gleich, aber die Schmiedin hat gesagt: ihr Alter schliefe seinen Rausch aus, sie brächte ihn nicht munter; wer ihn brauche, solle ihn selber holen!« Fast hätte sich der Vetter geärgert, als aber nun der Eckenpeter eintrat, legte er erschrocken den Löffel nieder und 59 rief: »Peter, um Gotteswillen, was ist mit Deiner Nase passirt?« »'s ist weiter nichts, Herr Kanter!« entgegnete Peter ruhig. »Der Bergkasper hat mir ein Klopferle geben, wie ich ihn 'naussteckte!« »Wie – was – wo?« lachten und schrieen die Musikanten durch einander und betrachteten verwundert den unförmlichen, grünen, gelben und braunen Klumpen in seinem Gesicht. Der Bergkasper zankte: »Du hättest mich 'nausgesteckt? – Wee' sagt das? – Du bist ein misejable' Ke'l Du!« »Nur nicht grrrrand gethan!« entgegnete Peter gleichmüthig; ohne den Lärm weiter zu beachten, setzte er sich an den Tisch und ließ sich das Warmbier wacker schmecken. Eben stürmte der fast vergessene Schmiedsjakob mit kurzem: »Morgen!« herein und folgte Peter's Beispiel. Als er sich vollständig gesättigt hatte, wischte Peter den Mund und begann gemüthlich: »Nur nicht grrrrand gethan! und macht kein solch' Aufhebens um die Kleinigkeit! Was ist's weiter? – Hat sich gestern – eigentlich wird's wohl heut gewesen sein – nach dem Tanz der Gottmannsgrüner Grafengottfried schlecht aufgeführt, einen Heidenlärm verführt und uns Bergheimer Lumpen und Hungerleider geschimpft. Deßwegen nisteln sich der Bergkasper und sein Anhang an ihn, richten aber gegen die Gottsmannsgrüner nichts aus. – Potz Geier, Du bist gleich still, Kasper! – Das steigt dem Gottfried zu Kopf, er stülpt jetzt seine Aermel auf und schreit: »Um Gotteswillen, ihr Brüder, haltet mich, ich schlag' sonst Alles zusammen!« Das hat mich geärgert. Ich sag': »Nur nicht grrrrand gethan!« erwisch' den Gottfried bei der Gurgel, mit der andern Hand den Bergkasper – 60 und räum' so die Stube. – Die Gottsmannsgrüner sind ausgerissen, den Gottfried hab ich 'naus in den Schnee geworfen – nun war Ruh'! Aus Versehen hat mich der Kasper in's Gesicht geschlagen, gekonnt hat er nichts dazu. So ist's, nun macht keinen Lärm weiter drum, und Du, Kasper: nur nicht grrrrand gethan!« Ich bin sonst nicht schadenfroh, dießmal freute ich mich jedoch aus Herzensgrund, daß der verhaßte Bursche für seinen Uebermuth gestraft worden war. Während die Musikanten noch über die Geschichte lachten und ihre Bemerkungen machten, den Bergkasper zu reizen, drückte ich Peter dankbar die Hand. Die Base jammerte, aber das half nichts! Die Hosen in den Stiefelschäften, Mantelkragen hoch empor gezogen, brennende Pfeifen im Mund, so ging es hinaus in den Nebel und Sprühregen. Voraus die jungen Leute; das Wetter störte ihre Laune nicht, ihr Lachen nahm gar kein Ende. Ich hielt mich zu den Alten, die schweigend in langer Reihe durch den wässerigen Schnee schritten. Bald trafen wir in Altenhausen zusammen. Als die Instrumente gestimmt waren, trat der Vetter in unseren Kreis und sagte: »Es ist ein schönes, ernstes Werk, das wir beginnen, bedenkt das und betragt euch darnach. Ich lege dem Frohsinn keinen Zwang auf, aber Alles zu seiner Zeit; außer Dienst habt ihr volle Freiheit, darum verlange ich auch strenge Ordnung und Aufmerksamkeit bei den Gesängen. Verstanden?« Die Worte verfehlten ihre Wirkung nicht; obgleich wir bei dem fortwährenden Sprühregen kein Buch öffnen konnten, klang unser Lied zart und rein durch das stille Dorf: 61 »Es lebt ein Gott, der Menschen liebt, ich seh's zu meinem Glücke,     Am Nebel, der den Himmel trübt, sowie am Sonnenblicke. Nicht nur wo Frühlingslüfte wehn durch Laub und junge Blüte,     Nicht nur wo reife Saaten stehn, seh' ich des Schöpfers Güte: Ich seh's, wenn sternenleer die Nacht, die Flur sich mir verhüllet,     Und seh's, wenn mit bescheidener Pracht der Vollmond sich erfüllet.« Ernst und still wanderten wir von Haus zu Haus, Thüren und Fenster gingen weit, weit auf, helle Augen, fröhliche Gesichter lachten uns entgegen, Jung und Alt lauschte mit Lust. Die dankbare Freude war noch größer als in Bergheim. Mit Grund! denn ohne unsere Gesänge wäre das schönste Fest des Jahres eben so klanglos an dem einsamen Dörfchen vorübergezogen, als die übrigen stillen Tage des Jahres. Auch die Jugend war fast tapferer noch als die Bergheimer; es wollte wahrlich für solch' kleine Füßchen etwas heißen, stundenlang im unergründlichen, wässerigen Schnee herumzupatschen. Als wir das letzte hochgelegene Haus erreichten, zerrissen die Nebel, und aus den Lücken der träge thalab ziehenden Wolkenmassen blickte der ditterswinder Schäfershof stattlich zu uns herüber. Der Mühljohann und Eckenpeter traten an den Rand des Hügels und schmetterten lustige Trompetenweisen über das Thal hin, bis drüben aus dem Schäfershof eine mächtige Rauchsäule in die Luft stieg. Dieß verheißungsvolle Zeichen begrüßten die Musikanten mit lautem Jubel, dann eilten sie über Stock und Dorn den Hügel hinab; lange ehe ich und der Vetter auf gewöhnlichem Wege das Thal erreichten, war die ganze Gesellschaft im Wirthshaus verschwunden. Schreckliche Verwirrung herrschte in dem kleinen 62 Wirthsstübchen, wild schrieen die Musikanten nach Häringen und bitterem Schnapps, zerrten und rissen von allen Seiten an dem Wirth, der vollständig den Kopf verloren hatte und durch verkehrte Befehle den Wirrwarr noch vermehrte. Nach und nach gelang es endlich Frau und Tochter, die Ungeduldigen zu befriedigen, an Stelle des Lärmens trat eine tiefe, tiefe Stille. Mit barbarischem Vergnügen zogen die Männer den Häringen die Häute über die Köpfe – manche halfen sich allerdings kürzer – mit grausamer Lust würgten sie den Bittern hinab. »Brrr! – Donnerwetter!« schüttelten sie sich, stromweis liefen ihnen die Thränen über die Backen! – Ja, der Kater ist ein grausamer, unerbittlicher Tyrann; ehe ihm nicht ein salziges, bitteres, thränenreiches Opfer gebracht ist, läßt er seine unglücklichen Opfer nicht los. Mit ganz anderen Empfindungen als von Daheim brachen wir nach Ditterswind auf, die Stimmung hob sich noch wesentlich, da daß Wetter sich wirklich zum Besseren wenden zu wollen schien. Ein kräftiger Nordwind warf die Nebelmassen wild durcheinander und trieb sie rasch nach Süden, schon zeigte sich da und dort ein Stückchen blauer Himmel. In dem kleinen Ditterswind war die Arbeit bald vollbracht, zuletzt kamen wir in den Schäfershof. Die uralte Schäferskunnel, die Mutter des Bauern, hatte uns schon lange aus dem Fenster beobachtet; ohne auf unsere Grüße zu hören, befahl sie barsch: »Laßt das Singen und geht 'rein, das Essen wird kalt!« Zugleich schrie sie ihrem in der Thür stehenden Sohn, dem bejahrten Schäfersbauer, zu: »Hansnikel, wo hast einmal wieder Deine Gedanken! – Flugs bind' den Hund an!« Als der Bauer erschrocken ihr Gebot 63 vollführte und wir trotz ihres Verbotes ein Lied anstimmten, nickte sie zufrieden und schloß das Fenster. Als ich mich endlich in die Stube drängte, hatte die Greisin schon mit dem Vetter ein wichtiges Gespräch »eingefädelt«, nöthigte ihn auch »grausam« zum Sitzen, weil sie aber fortwährend den für ihn bestimmten Holzstuhl mit der Schürze abwischte, konnte er natürlich nicht dazu kommen. Ohne die Unterredung mit dem Vetter fallen zu lassen, begrüßte sie dazwischen die Musikanten, examinirte mich in aller Eile über die Hauptumstände meines Lebens, überwachte den Haushalt und befahl ihrer Enkelin: »Kathrin, flugs hol' für den kleinen Schulmeister 'nen Zinnteller und such' Messer und Gabel!« Ganz roth vor Eifer eilte Katharine hinaus. Vor Schrecken wußte der Bauer augenscheinlich nicht mehr, gehörte seine Pelzmütze in den Mund und die Tabackspfeife auf den Kopf oder umgekehrt, als ihn seine Mutter anfuhr: »Hansnikel, was sperrst Du schon wieder das Maul auf? – Flugs zerschneid's Fleisch, aber ordentlich!« Während die Bäurin riesige Schüsseln Sauerkraut auftrug und ganze Brodlaibe daneben legte, flüsterte der Zimmerdick dem Hansaden zu: »'s Beste, den Schnapps, haben sie doch vergessen!« Athemlos stürzte Kathrin herein und klagte weinend: »Fräle, ne Gabel find' ich nicht!« »Was? – Das wäre mir ne schöne Sach'! 's muß noch eine da sein, flugs fort und gesucht!« entschied Kunnel; darnach wendete sie sich barsch an die Musikanten, die erwartungsvoll an den Wänden standen: »He, was guckt ihr noch? – Flugs hinter den Tisch und zugelangt, Messer habt ihr selber und Gabeln braucht ihr nicht!« Ich, der kleine Schulmeister, wie mich die Kunnel 64 umgetauft, bekam noch zu rechter Zeit eine Gabel; sie hatte freilich nur zwei Zinken, aber das schadete nichts. Die Musikanten halfen sich so gut sie konnten, spießten Brodschnitte an die Messer und beförderten darauf das Sauerkraut zum Mund; verunglückte eine Ladung, so mußte eben die natürliche Gabel aushelfen. Großer Schöpfer, welche Massen Sauerkraut sah ich verschwinden! Trotzdem der Bauer arbeitete, daß ihm der Schweiß von der Stirne rann, rief ihm seine Mutter alle Minuten zu: »Hansnikel, ha was machst Du denn? Flugs tummle Dich doch, die da haben schon wieder kein Fleisch mehr!« Endlich waren die Musikanten satt, aufseufzend wischten sie ihre Messer am Tischtuch ab und steckten sie ein. Bedeutende, vielsagende Blicke wurden gewechselt; plötzlich rief der Schneidershannikel, als könne er sein Staunen nicht mehr bemeistern: Ihr Leut', war das ein Fleisch! So hab' ich noch keines gegessen!« »Ja, die Schweine hätt' ich sehen mögen!« stimmte ihm Gänskasper aufrichtig bei. »Ja, ja!« sagte der Zimmerdick würdevoll. »Da sieht man eben gleich, was ein richtiger Haushalt ist!« – Die Kunnel spitzte die Ohren und ihre Augen glühten wie Kohlen. »Auf solchem Hof ist's auch 'ne Kunst, fett zu schlachten!« meinte der Hansaden dagegen. »Das Futter ist da, ein paar Simmern Getraide auf oder ab, wer fragt darnach?« »Als wenn's das Futter allein thät!« fuhr ihn der Zimmerdick entrüstet an. »Rechnest Du die Ordnung und die Pfleg' für nichts? – Hab' ich's nicht getroffen, Kunnel?« 65 »O Du Herrjedig, Vettermann!« rief die Kunnel und lachte den Zimmerdick glückselig an. »Ihr seid ein Mann und versteht was.« – Der Hansaden schwieg beschämt. Der Wasserfuchs kraute sich indessen die Haare und lamentirte: »'s ist schon recht, das fette Fleisch; alle Leut' können's aber doch nicht vertragen!« »Drum ist's gut,« belehrte ihn der Schneidersnikel, »man setzt ein Schnäppsle drauf!« »Herrjele, Euch ist noch kein Schnapps angeboten worden?« rief die Kunnel, und als die Musikanten wehmüthig die Köpfe schüttelten, schrie sie ihren erschrockenen Sohn an: »Hansnikel, Hansnikel, Du denkst ja auch an gar nichts mehr! Ich will nur sehen, wie's in dem Haus zugeht, bin ich einmal gestorben! – Flugs! Droben hinter meiner Lade steht ein Krug echter Korn; hol' ihn runter, aber flugs!« Die Musikanten grinsten, selbst Hansnikel machte große Augen, als er von diesem heimlichen Schatz seiner Mutter hörte, der gewiß nicht für die Umsinger hinter die Lade gestellt worden war. Aber ein erneuertes »Flugs!« der Kunnel trieb ihn nach oben; bald kehrte er mit dickbauchigem Kruge zurück. »Nun flugs aufgespielt, meine Tichterle wollen tanzen!« befahl die Alte; den Vetter belehrte sie: »Aus dem Singen mache ich mir nichts, hergegen an einem recht Lustigen habe ich meine Freud', wenn ich gleich verwichen in der Herbstsaat achtzig Jahr alt worden bin!« Als ich mit der Kathrin tanzte, funkelten ihre Augen, beifällig nickte sie 66 demVetter zu: »Kein unebener Mensch, der klein' Schulmeister, gar kein unebener Mensch!« Nachdem der Krug Korn geleert, die Kunnel dem Vetter noch ein großes Hauskreuz gründlich dargelegt, brachen wir auf. Zum Abschied sagte sie zum unsäglichen Vergnügen der Musikanten: »He, wie wär's denn, Herr Kanter? – Die Kathrin ist nicht leer, das Rackermädle mag so immer nichts arbeiten, die passet sich zu einer Schulmeisterin! He – was meint Er? – bringt einmal den kleinen Schulmeister mit, daß's fertig wird!« * * * Wolkenlos blaute der Himmel über uns, die rothen Strahlen der Abendsonne vergoldeten Bergheim, das sich uns gegenüber so traulich in den Schooß seiner Berge schmiegte, als wir vor dem ersten Häuschen des hochgelegenen Dörfchens Windsberg sangen: Seid fröhlich, singt ihm Lobgesang,     Bringt, Christen, ihm mit Freudentränen Dank,           Preist ihn, den Herrn des Lebens!     Von Gottes Thron kam er herab,     Der uns das ewige Leben gab:           Die Freud' ist nicht vergebens! O welche segensvolle Nacht!     Sie hat den hellsten Tag der Welt gebracht,           Er kam, das Licht des Lebens!     Die Sonne der Gerechtigkeit     Erleuchtete die finstre Zeit:           Die Freud' ist nicht vergebens! Erhöhet hat uns Jesus Christ,     Der unter Menschen Mensch geworden ist,           Er zeigt den Werth des Lebens!     O welches Glück, ein Mensch zu sein, 67     Sich dieser Menschenwürde freu'n:           Die Freud' ist nicht vergebens! Aus den Fenstern des Schulzenhauses lugten ein paar frische Mädchenaugen nur nach dem Schneidersheiner, der auch eine merkwürdige Unruhe zeigte und öfter aus dem Takt kam. Beim Weggang rief der Schülzle zum Fenster empor. »Heda, Karline, hast nichts an den Schneidersheiner zu bestellen? – Ich komm' heut noch zu ihm und richt's gern aus!« Das Mädchen verschwand erröthend vom Fenster, der Schulz, ihr Vater, der eben dem Vetter das Umsinggeld übergeben hatte, rief lachend vom Treppenvorbau herab: »Potz Velten und Bastel! Hat mein Mädle was zu bestellen, wird sie's selber auszurichten wissen, ist mir doch der Heiner lang recht als Schwiegersohn! In's Haus kann ich euch nicht heißen, mein Stüble ist zu klein, da ich aber, so zu sagen, auch zu euch gehöre, geht in's Wirthshaus, ich komm' nach! Potz Velten und Bastel, ich bin der Schulz von Windsberg, ein Mann und bedeut' was! – auf ein paar Maas Bier kommt mir's nicht an!« Damit war meine Hoffnung auf baldige Heimkehr gründlich zerstört. Im Wirthshaus machten sich's die Musikanten bequem und der Vetter folgte seufzend ihrem Beispiel. Kaum war der Schulz erschienen, so tauchten Pfeifen mit Porzellanköpfen auf, deren Gemälde ein kleines Männlein darstellte, das vor einer Heerde Gänse floh. Der Gänskasper war ganz außer sich über dieses Bild, drohte mit Verklagen und schlug einen schrecklichen Lärm auf – natürlich zum größten Vergnügen der Musikanten, die das nur gewollt hatten. »Potz Velten und Bastel!« schrie der Schulz. 68 »Verfluchte Kerle, die Musikanten, verfluchte Kerle. Ich wollt' weiter nichts, als sie probirten bei mir einmal einen Streich!« »Schulz, Schulz!« warnte der Vetter lachend. »Fürcht' mich nicht, Herr Kantor!« rühmte sich der Schulz. »Potz Velten und Bastel, ich bin der Schulz von Windsberg, ein Mann und bedeut' was – ich wollt' sie schön ablaufen lassen!« Alle Musikanten lachten und reizten durch Spott Gänskasper's Zorn, nur der Eckenpeter saß in beschaulicher Ruhe in einer Ecke, rauchte aus unschuldigem, weißem Pfeifenkopf und beschäftigte sich ausschließlich mit seinem Bierglas. Allein gerade diese Stille kam dem Gänskasper verdächtig vor, ein schwarzer Verdacht stieg in seiner Seele auf, plötzlich schrie er: »Hol' Dich der Geier, Peter, kein anderer Mensch, Du allein hast mir den Schimpf angethan und die Köpfe malen lassen!« Peter's verächtliches Knurren nahm er für ein Geständniß, überhäufte den Erstaunten mit Schimpf- und Schmähreden, ja, er verstieg sich sogar zu Drohungen und ballte in sicherer Entfernung die Faust. Jetzt regte sich auch Peters Blut; langsam legte er die Pfeife auf den Tisch, spuckte in die Hände und sagte: »Nur nicht grrrrand gethan! Ihr seid ein verrückter alter Narr! Was kümmern mich die einfältigen Pfeifenköpfe? Krakehlt Ihr mich noch mit einem Wort an, geb' ich Euch 'ne Schellen, daß Ihr nimmer wißt, seid Ihr ein Büble oder ein Mädle!« Schon da Peter die Pfeife aus dem Mund nahm, hatte sich der Gänskasper hinter den Zimmerdick verkrochen und wagte sich lange nicht hervor. Seinen Verdacht gegen Peter hielt er natürlich aufrecht, um so mehr, da ihn die Musikanten 69 heimlich in seiner Meinung bestärkten; weil er sich aber an Peter selber nicht getraute, schwur er wenigstens den verhaßten Köpfen den Untergang. Heimlich führte er mit seinem Ladenschlüssel einen Schlag nach des Schülzle's Pfeifenkopf, erreichte aber seinen Zweck nicht völlig, aber das kleine Würzelchen sprang doch klirrend ab. Mit lautem Halloh! begrüßten die Musikanten diesen gelungenen Streich, sofort begann eine allgemeine Jagd nach den kleinen Dingern. Durch diesen Erfolg fast stolz gemacht, hielt der Gänskasper übermüthig seinen Maserkopf dar und rief: »Schlagt mir doch mein ›Wörzele‹ runter, wenn ihr könnt!« Wupp! hatte er auch einen Klopfer auf die Finger, der ihn belehrte, daß hier nicht zu spaßen sei. Als er den gefährdeten Stummel schleunigst in Sicherheit brachte, lachte Schülzle: »Kasper, bis wir nach Bergheim kommen, ist Euer Würzele doch weg!« Kasper bereute seinen Vorwitz und knurrte, Unheil ahnend: »Wollen's abwarten!« Bei hellem Mondschein sangen wir in Sülzdorf für heute unser letztes Lied. Auf dem Heimweg gesellte ich mich zu Johann und klagte ihm meine Noth. »Werd' selber nicht aus dem Mädle klug!« sagte Johann verdrießlich. »Und doch ist's gewiß, sie hat Dich über Alles gern!« »So sagst Du immer!« »Weil ich nicht anders kann! Aber freilich, der Sache auf den Grund kommen mußt Du! Willst heute noch einmal mit in die Lichtstube?« Ich nickte, damit trennten wir uns. Aufgeregt eilte ich in die Schule. War vielleicht auch noch der Gersdorfer Lehrer gekommen? – Diese Sorge war vergeblich gewesen, kein Schmidt hatte sich sehen lassen; und wie es öfter zu 70 geschehen pflegt, dieser an sich so unbedeutende Zufall half mir nun auch über meine sonstigen Sorgen hinweg. Ei, wie wohl that uns Wegmüden, dem Vetter und mir, die liebevolle Sorgsamkeit der Base, und welche angenehmen Erwartungen erregte die schneeweiß gedeckte, mit blitzenden Zinntellern belegte Tafel. Viel pünktlicher als am Morgen fanden sich auch die Musikanten zusammen; in bequemen Hausgewändern stellten sie sich ein, der Zimmerdick und der Hansaden sogar mit langen Pfeifen, was nicht wenig Verwunderung erregte. Recht behaglich ward es erst nach dem Essen, als die Pfeifen brannten und der Vetter ein Fäßlein Bier ansteckte. Der Wasserfuchs setzte sich mit dem Hanshenner, dem Veitennikel und dem Wilden zu einem Solo, das junge Volk trieb sich anscheinend zwecklos in der Stube umher, die lustigste Gesellschaft sammelte sich um den Vetter und die Base: »Ja, Frau Kantern,« sagte der Zimmerdick, nachdem er unsere Erlebnisse im Schäfershof berichtet hatte, »die Kunnel ist eine Schlimme! Der Schäfersbauer erschrickt, wenn sie nur krumm nach ihm guckt!« »Und ein Mundwerk hat sie,« fiel Hansaden ein, »das muß besonders todtgeschlagen werden, stirbt sie einmal, sonst steht's nicht still!« »Bei der Kunnel muß ich immer an die grumbacher Schmiedskäther denken!« sagte der Schneidersnikel nachdenklich. »Mit der wurde auch kein Mensch fertig, nur der Kreuzmannsjackel hat ihr einmal das Maul gestopft!« »Holla, der Kreuzmannsjackel!« lachte der Vetter. »Was wird nun wieder kommen?« »Eine wahre Geschichte, Herr Kanter, auf mein Wort!« 71 bekräftigte der Schneider und begann dann: »In den grumbacher Bergen ging ein Wolkenbruch nieder, und die wilden Wasser rissen im Dorf ein Stück vom Schmiedsgarten, gleich daneben die Dorfbrücke fort. Nach dem Wetter sammelt sich die halbe Gemeinde vor der Schmiede, den Schaden einzusehen. Hat die Käther wegen ihrem Stückle Garten geflucht und gelästert zum Erbarmen! Die Männer verweisen ihr das, aber nur um so ärger hat sie's getrieben. Da meint der Jakel: ›Dasmal möcht' ich der Herrgott auch nicht sein!‹ – ›Warum?‹ fragen die Nachbarn, selbst die Käther horcht, was er vorbringen wird. – ›Daun!‹ gibt der Jakel zur Antwort: ›Die Käther ist im Stand und zeigt den Wolkenbruch beim Gendarm an, und wenn die und ein Gendarm zusammenhalten, nachher geht's dem Herrgott schlecht!‹ – Drauf ist die Käther mäuslestill ins Haus geschlichen!« »Die hatte ihren Theil!« lachte der Vetter. »Sagt einmal aufrichtig, Hannikel, hat der Kreuzmannsjakel die Reden, die ihr ihm in den Mund legt, auch wirklich gethan oder sind sie Eure Erfindung?« »Was werd' ich, Herr Kanter?« vertheidigte sich der Schneider. »Glaubt mir, so was erfindet sich nicht, das muß die Gelegenheit geben, und auch dann bringt's eben nur ein Kerl wie der Kreuzmannsjackel fertig. Denkt doch an die Geschichte von der Gais und dem Pachtbrief!« »Was ist das wieder?« fragte der Vetter lachend. »Das kennt Ihr noch nicht? – Nu sag' ich in aller Welt nichts mehr!« rief der Schneider verwundert. »Das ist ja grad seine Hauptgeschichte!« »O du meine Güte!« sagte die Base voller Staunen. »Was wird nun wieder kommen?« »So, das wollte er bloß hören!« fiel der Vetter 72 belustigt ein. »Ihr seid ein Schelm, Hannikel! Aber nun macht voran, schießt los, bin wahrlich selber neugierig!« Hannikel räusperte sich geschmeichelt und begann: »Hat sich der Jakel einmal vom grumbacher Herrn ein Wiesle gepachtet und eine Ziege angeschafft. Mit der Gais aber ist er schlecht ankommen, das war ein arg unfräßiges Vieh, 's beste Futter hat sie verstreut und verzettelt. Der Jakel probirt Mancherlei, wie er ihr das aber durchaus nicht abgewöhnen kann, sagt er: ›Nun hilft's nichts, sie will's ja nicht anders haben!‹ – Drauf nimmt er Hammer und Nagel, geht in den Stall und nagelt der Gais den Pachtbrief so recht vor die Augen an die Wand. Die Gais guckt nicht schlecht. ›Ja, guck nur!‹ fährt sie der Jakel grimmig an. ›Gelt, das hast du nicht gedacht, daß mich das Linsele Futter solch' Sündengeld kostet? – He – nun wird dir's Zetteln vergehen? – Ja, guck mich nur an! Der Pachtbrief bleibt da, und wenn Du die Angst kriegst!« Wilder Lärm unterbrach den Erzähler. Der Schneidersheiner, Schülzle und Bergkasper waren auffällig um den Gänskasper herumgegangen, trugen Taback und Licht bei und redeten ihm eindringlich zu, er solle doch nicht blöde sein und seine Pfeife stopfen. Dem Gänskasper ging eine Ahnung auf, blitzschnell riß er seinen Stummel aus der Tasche, sprachlos starrte er den geschändeten Pfeifenknopf an – das Würzelchen war wirklich verschwunden. Heimlich winkten und blinzelten die Schelme nach dem harmlos am Ofen lehnenden Eckenpeter. Der noch in seiner Seele liegende frühere Verdacht kam ihren Absichten zu Hülfe; überzeugt, daß Peter auch diese neue Unthat auf dem Gewissen habe, fuhr der Gänskasper wie ein tückischer Köter 73 lautlos um die Ofenecke nach Peters Gurgel. »Nuuu! – Nur nicht grrrrand gethan!« sagte dieser erstaunt, nahm mit der Linken seine Pfeife aus dem Mund, hob mit der Rechten den Gänskasper ein wenig vom Boden und warf ihn gelassen, als schüttle er eine Fliege von sich, unter den Kartentisch. »Himmel Schwenselens!« schrieen die Spieler und sprangen erschrocken auf, als diese Bombe zwischen ihre Beine prasselte. Mühsam raffte sich der so unerwartet zu Fall Gekommene auf; als er jedoch schimpfen und lärmen wollte, sagte Peter mit unbeschreiblich verächtlichem Seitenblick nach ihm: »Ihr seid ein grober Mann, Ihr und Eure Frau!« Der Zimmerdick wollte über solche Unart zanken, davon hielt ihn der Vetter, der vor Lachen fast erstickte, zurück. Peter's Vorwurf hatte den Gänskasper ohnedieß hart genug getroffen. Niedergeschlagen setzte er sich zur Annedorl auf die Ofenbank und klagte ihr: »Guck, Mädle, daß er mich nen groben Mann geschimpft, darüber wollt' ich nichts sagen, aber daß er meine Alte, meine arme Alte! auch so geheißen, das thut gar zu weh!« »Frau Kantern,« meinte der Schneidersnikel, »bei dem Lärm fällt mir auch 'ne Geschicht' ein!« »Wieder vom Kreuzmannsjakel?« nickte die Base. »Dießmal nicht, Frau Kantern! – Hab' eben an meinen Vetter, den Schneiderslorz in Meuselbach denken müssen. Das war euch ein Raucher – solchen gibt's heutzutag nicht mehr. Oefter wie einmal sagt er zu mir: ›Nikel, wenn ich noch beim Essen und im Schlaf rauchen könnt', wollt ich mir auf der Welt nichts mehr wünschen!‹ Wie er in seiner letzten Krankheit lag, raucht er den lieben langen Tag kalt 74 im Bett. Das erbarmt endlich seine Alte, sie stopft ihm die Pfeife und gibt ihm auch Feuer. Mit Wasser in den Augen sagt der Lorz: ›Alte, das vergelt' Dir unser Herrgott!‹ Er mag so die Pfeife halb ausgeraucht haben, da ruft er: ›Alte, nimm die Pfeife, mir wird so wunderlich!‹ Die Frau greift zu, der Lorz holt einen tiefen Seufzer – er war todt, ehe seine letzte Pfeife ausgegangen war.« Die Base ward in die Küche gerufen, der Vetter setzte sich nun auch zum Spielen und mir klopfte der Mühljohann auf die Achsel: »Komm', 's ist Zeit!« Wir eilten durch das Dorf, kamen aber zu spät, eben kehrten die Lichtburschen und Lichtmädchen heim. Margareth war schon voraus, noch erblickten wir sie im hellen Mondschein an der Hausthür – Gott im Himmel, wie ward mir! Im eifrigsten Gespräch stand ein Bursche bei ihr! Der Mühljohann stieß einen Fluch aus und rannte vorwärts, der Bursche wandte sich erschrocken nach uns – richtig, es war der Grafengottfried! Margareth schlüpfte in's Haus, Gottfried floh in weiten Sprüngen die Schmiedsgasse hinaus. Johann wollte nach, ich hielt ihn zurück – wozu hätte es genützt? – Ich muß wohl verstört genug ausgesehen haben, denn der Johann drückte mir mitleidig die Hand. »'s ist wahrlich ein infamer Kram, weiß selber nimmer, was ich sagen soll!« rief er. »Aber der Geschichte auf den Grund kommen müssen wir, und das heute noch. Habe nur Geduld, wir wecken die Margareth auf!« Davon wollte ich nichts hören; war es gleich Sitte, Nachts mit den Mädchen durch's Fenster zu reden – mir wollte das doch nicht passen. Allein Johann ließ nicht nach, bis ich dennoch einwilligte. Vorsichtig umschlichen wir das 75 Haus – plötzlich ward der Wagnersjörgnikel laut, scheltend fuhr er durch die Hinterthüre uns nach – da galt es schnell sein. »Mit dem Aufwecken ist's nun nichts!« sagte Johann ärgerlich. »Was fangen wir an? – Weißt was? – ich rede noch mit meiner Dorthee, vielleicht erfahren wir da gewissen Grund!« Niedergeschlagen willigte ich in Alles; obgleich ich vor der Entscheidung zitterte, sehnte ich mich doch noch mehr aus der peinvollen Ungewißheit hinaus. Durch die Mergelgasse eilten wir in's Dorf zurück. Beim Spritzenhaus hielt mich der Johann plötzlich am Arm fest: »Halt! Droben auf dem Schneidersrangen ist was los, das müssen wir abwarten!« Der Mond erleuchtete das Dorf taghell; ohne Mühe erkannten wir den Bergkasper, den Schülzle und Schneidersheiner, die in voller Arbeit waren, den Mistschlitten des Laubschneiders auf dem First seines Schuppens zu befestigen und droben wieder mit Mist zu beladen. Während der Bergkasper noch rittlings auf dem Dach saß und den Schlitten mit seiner Ladung vollends in Ordnung brachte, trug der Schülzle heimlich die Leiter vom Schuppen weg, der Heiner aber klopfte an das Kammerfenster des Laubschneiders und rief: »Schneider, steht geschwind auf, es sind Spitzbuben im Hof, sie stehlen Euch den Schlitten mit sammt dem Mist!« Wie der Blitz riß der Gerufene das Fenster auf; da er Niemand mehr erblickte, schrie er: »Potz Blitz Feiwerzeiwg! Ich will eiwch! Alte – Alte – steh' auf! – Spitzbuben im Hof! Wo ist mein Gewehr? – Wart, ich will eiwch, will eiwch! – Alte! mach' Licht! – Wo ist das Feiwerzeiwg? – Spitzbuben im Hof! – Hülf! – Mordjo! – Alte, das Feiwerzeiwg und mein Gewehr!« 76 Dabei war er in seine Kleider gefahren und plötzlich erschien er in der Hausthür. Als er den Bergkasper erblickte, der in großer Bedrängniß neben dem Schlitten auf dem Schuppendach saß und laut seine ungetreuen Helfer verwünschte, ballte er beide Fäuste und schrie: »Potz Nadelbüchsen und Bügeleisen! Was hast Du auf meinem Schuppen zu thun? – Und – ha potz Blitz Feiwerzeiwg! Das ist doch aus der Weis'! – Mein Schlitten und mein Mist ist auch droben? – Dich soll ja gleiwch ein Donnerwetter! – Was sind das für Streiwch? Geht man so mit einem Mann um, der Schulen genossen und heiwt noch Orthographie im Kopf hat? – Willst gleiwch runter? – gleiwch im Augenblick? – Wart, ich will Dich, Du nichtsnutziger Dingerts!« »Wenn Ihr zu mir wollt, geht doch jauf!« schrie jetzt der Kasper in verzweiflungsvollem Trotz, da er nirgends einen Ausweg zur Flucht entdecken konnte. »Vejückte Ke'l – macht doch den Läjm nicht ga zu ajg!« »Was, was, was? Verrückter Kerl? – Ich verklag' Dich, Kasper, daß Du's weiwßt! Und wenn Du zehnmal mein Schwiegersohn werden willst – heiwt noch lauf' ich zum Herrn Amtmann und verklag' Dich!« »Eue Schwiegesohn? – Hätt's auch gedacht! Das müßt' mich gjad beißen! Ich hust' Euch was und wed Eue Schwiegesohn!« »Was was, was? – Das geht an meine Ehr! Potz Blitz Feiwerzeiwg! Heiwt noch verklag' ich Dich, Du sollst an mich denken! – Und willst Du jetzt gleiwch runter? – gleiwch im Augenblick runter!« »Ich sitz lang gut!« trotzte Kasper. »Geht doch jauf, wenn Ihr Euch ga so ajg nach mi sehnt!« 77 »Wart, ich will Eiwch! – Ich mach' Dir Beiwn!« schrie jetzt der Schneider, lief nach seinem Reisighaufen, riß die Prügel heraus und warf damit nach Kasper. Dieser deckte sich hinter den Schlitten und bombardirte seinen Gegner mit festgefrorenen Mistbrocken. Dieß dauerte, bis Beiden die Waffen ausgingen; als darnach aber der Schneider nach einer Leiter lief, rutschte der Kasper in seiner Verzweiflung vom Dach herab, erreichte glücklich den Boden und riß aus. Der Laubschneider hörte den Fall, kehrte um und verfolgte scharf den Flüchtling. Neben seiner Hausecke rannte er an den Schneidersheiner, der sich über den gelungenen Streich todtlachen wollte, und ritz, ratz! – brannte er dem Verblüfften ein paar Ohrfeigen auf, daß es nur so knallte! Das war dem Heiner außer Spaß, er stellte sich; bald rannte der Laubschneider auf seine Hausthür los und brüllte: »Hülf – Hülf! – Spitzbuben – Räuber – Mörder! – Feiwer, Feiwer!« In den Nachbarhäusern ward es lebendig, darum zog es Heiner vor, sich aus dem Staub zu machen; in seiner Stube begann aber der Schneider erst recht zu lärmen, fort und fort rief er nach seinem Gewehr, obgleich er kaum ein Taschenmesser besaß, geschweige eine Flinte. Johann kam lange nicht zu sich vor Lachen; endlich meinte er: »Der ganze Schneidersrangen ist rebellisch, da wird's kaum gehen, daß ich die Dorthee aufweck'. Doch will ich mein Möglichstes thun! – Gut' Nacht, Karl; gib die Hoffnung nicht auf, ich sag' Dir, es wird noch Alles gut.« In der Schule rechneten eben die letzten Spieler ab und verließen das Haus; kummervoll schlich ich auf meine Kammer, trotz aller Müdigkeit floh der Schlaf meine Augen. 78   5. »Herein!« rief der Vetter. Die Thüre ging auf, der Bergkasper und Schneidersheiner verfärbten sich, denn in die Stube trat der Laubschneider. »Guten Morgen allerseits!« sagte der kleine Mann. »Laßt Eiwch im Frühstück nicht stören, ich habe alleiwn mit dem Herrn Schulmeiwster zu reden!« »Thut mir leid, Meister Roth,« entgegnete der Vetter. »Heute habe ich wahrlich keine Zeit, Euch allein anzuhören, wir haben einen starken Marsch vor uns!« »Weiwß schon, Herr Schulmeiwster!« sagte der Schneider, der hartnäckig den Titel Kantor verschmähte, weil er behauptete, ein »Schulmeiwster« bedeute mehr als ein Kantor. »Ich wollt' auch nicht heiwmlich mit Eiwch reden, die da dürfen's auch anhören! – Ja, Herr Schulmeiwster, ich muß mich über Eiwre Musikanten beklagen: Eiwre Musikanten führen sich nicht gut auf, sie machen nichts als schlechte Streiwch!« Der Vetter legte den Löffel nieder und sagte ernst: »Meister Roth, bedenkt was ihr sagt!« »Ist nichts zu bedenken! Ich weiwß was ich red' und ich verantwort's. Ich bin ein Mann bei der Spritz', hab' Schulen genossen und heiwt noch Orthographie im Kopf! Und ich lass' mir's nicht gefallen! Helft Ihr mir nicht zu meinem Recht, Herr Schulmeiwster, lauf' ich heiwt noch zum Herrn Amtmann und verklag'!« Das Staunen des Vetters war nicht gering; nachdem er den Bericht des Schneiders über die gestrigen Vorfälle zu Ende gehört, warf er seinen Löffel zornig auf den Tisch und wollte gegen die Uebelthäter losfahren. »Herr Kanter, hör' 79 mich nur einen Augenblick!« flüsterte ihm der Zimmerdick zu. »Es ist ja freilich eine dumme Geschichte, aber 's ist eben ein Musikantenstreich! Stehst Du jetzt dem Laubschneider bei, stellt sich der Racker gar auf die Hinterfüße und nun wird der Kram erst schlimm. Ueberlaß die Sache mir, mein Wort. darauf, ich bring' sie in's Gleiche, und es gibt noch einen Hauptspaß obendrein. Was dem Kasper und Heiner gebührt, kannst Du ihnen ja einmal unter vier Augen zu Theil werden lassen!« Nach einigem Sinnen nickte der Vetter und sagte: »Meister Roth, so schnell kann ich nicht entscheiden. Wie Ihr die Sache darstellt, habt Ihr freilich Recht, aber meine Musikanten muß ich doch auch erst hören. Wie wär's, Zimmerdick, wenn Du nachher im Vorbeigehen mit dem Michelslang, dem Schmiedsjakob und Schneiderskasper die Geschichte an Ort und Stelle genau ansähest? Ich nehm' unterwegs die Bursche vor – am Abend könnten wir dann die Sache in Ordnung bringen. Wie?« Die Musikanten, die des Vetters Absicht sofort erkannten, waren einverstanden, die geschmeichelten Schwarzen konnten kein Ende finden, ihren Beifall auszudrücken. Auch der Laubschneider rief: »Herr Schulmeiwster, das ist eiwn Wort! Ihr seiwd eiwnmal meiwn Mann!« »So, so!« lärmte jetzt der Schneidershannikel. »Ja das glaub' ich! Aber himmelschreiendes Unrecht ist's, daß der Herr Kanter seinen Musikanten so wenig beisteht!« »Gerechtigkeiwt geht über Freiwndschaft!« erklärte der Laubschneider. »Hab' ich's getroffen, Herr Schulmeiwster?« Der Vetter hatte nicht Zeit beizustimmen, denn schon schrie der Schneidershannikel: »Komm' mir nur mit 80 Gerechtigkeit! Was mein Jung' gethan, das war ein Spaß, obendrein hat er Dir die Sach' noch gesteckt – und zum Dank willst Du ihn verklagen? – Wart' nur! Jetzt will ich Dir auch einheizen! Auf offener Straße hast Du meinen Heiner überfallen, geohrfeigt – ja Du hast gar nach Deinem Gewehr geschrieen! Weißt, was das bedeutet? Das ist Ueberfall, Mord, Straßenraub! Darauf steht das Zuchthaus in Eisen – verstehst's: in Eisen! Und 's ist mir nichts zu viel, ich lauf' heut noch zum Herrn Amtmann und verklag' Dich!« »Herr Schulmeiwster, Herr Schulmeiwster!« schrie der Laubschneider, »steht mir beiw!« Auf die bittenden Blicke des Zimmerdick ließ sich endlich der Vetter bewegen, achselzuckend den Hülfesuchenden abzuweisen. Voller Angst wendete sich dieser selbst an seinen Gegner: »Herr Kollege – Du wirst doch das nicht thun? – Gott, gerechter! – Hat mich nicht Deiwn Heiwner auch wieder geprügelt nach Noten? – Und mit dem Gewehr – meiwn Herr Nachbar, der Hansaden, muß mir bezeiwgen, daß ich gar keiwn Gewehr im Haus hab'!« Der Streit ward allgemeiner; während der Zimmerdick, die Schwarzen und der Wasserfuchs den Laubschneider unterstützten – die Schwarzen aus vollster Ueberzeugung – schlugen sich der Hansaden, der Hanshenner, der Eckenpeter und Mühljohann zur Partei des Schneidershannikel. Dem armen Laubschneider ward zuletzt himmelangst, er sah sich schon im Zuchthaus und hörte im Geist seine Ketten klirren. Er wollte seine Beschwerde zurücknehmen, das verhinderte jedoch der Zimmerdick, und seinen kräftigen Tröstungen gelang es auch, den Verzagten wieder aufzurichten. 81 Später als wir gewollt, brachen wir auf, der Zimmerdick, Wasserfuchs und die Schwarzen mit dem Laubschneider nach dem Schneidersrangen, wir Andern nach Lindenthal. Als der Zimmerdick schnaubend den Vetter eingeholt, wurden der Bergkasper, Schneidersheiner und Schülzle zu ihnen gerufen – mit langen Gesichtern kehrten sie zurück und der Bergkasper meinte wehmüthig: »De He Kante! – de vesteht's!« – Was? – das sagte er nicht. Sobald es anging, nahm ich Johann bei Seite: »Hast Du mit Dorthee geredet?« »Ja freilich!« »Nun? – Wie steht's?« »Ja, 's sind böse Mädle! Ausgelacht hat mich die Dorthee! Du wärst doch auch so'n G'studirter und sonst nicht dumm, aber auf die Mädle müßtest Du Dich schlecht verstehen, mehr könnt' und dürft' sie nicht sagen. Das war ihre Antwort.« »Und was soll ich daraus nehmen?« »O Herrje! – 's Beste, was sonst? Du solltest's einrichten, daß Abends in der Schule getanzt wird, trug sie mir noch auf; sie selber wolle sich bei den Wagnersleuten verhalten, Du und ich sollten sie dort abholen, das Uebrige würde sich finden! – Bist zufrieden?« Jetzt erst bemerkte ich die Herrlichkeit des klaren Wintermorgens! In stiller Majestät stieg die Sonne über das Gebirge empor, die weiten Schneefelder blitzten in allen Farben des Regenbogens, und die Eisnadeln an Bäumen und Sträuchern funkelten wie Diamanten. Fröhlich klang unser Lied in Lindenthal hinein in den stillen Morgen: 82 Komm', schöner Tag,         Aus deinem Schlafgemach!         So herrlich golden aufgeschlagen,         Dort wo die fernen Berge ragen!         Komm', schöner Tag, zu uns herab! Wir grüßen dich         Gar herzensfreudiglich!         Und heller Jubel klingt durch Wälder,         Gesang durch Auen, Triften, Felder!         Wir fallen drein in Flur und Hain! Du siehst uns an         So hold von deiner Bahn,         O Sonne! Deine hellen Strahlen         Uns Feld und Au und Hain bemalen.         So laßt uns sein so klar und rein! Nicht bloß Kinder folgten, heute schlichen uns auch die Erwachsenen heimlich nach, um ja keinen Gesang zu versäumen. Dort, wo der Weg nach dem Pachthof Hohenstein in den Wald einbiegt, fiel mir ein behauener Stein in die Augen, unter dessen Moosdecke ein halbverwittertes, roh eingemeißeltes Kreuz kaum noch zu erkennen war. Auf meine Frage erzählte der Zimmerdick: »An dem Ort, wo der Marterstein steht, hat sich vor mehr denn hundert Jahren gar eine grausige Geschichte zugetragen. Damals ging eine Magd ihres Burschen wegen im Winter allnächtlich mutterseelenallein durch den Wald von Hohenstein nach Lindenthal in die Lichtstube. Ihre Herrenleute haben sie oft gewarnt, auch die Bauersleute in Lindenthal, denn auf dem Weg war es von jeher nicht richtig, schon manchem ehrlichen Christenmenschen ist da greulicher Teufelsspuk aufgestoßen. Das Mädle verlacht die Warnung, ja in der heiligen Zeit hat sie sich gar 83 vermessen: sie wollt', der Teufel begegnet ihr leibhaftig, sie getraue sich mit ihm wohl fertig zu werden. Darüber sind alle Leut' arg erschrocken, ihr Bursch besonders hat sich entsetzt und ihr gleich die Lieb' aufgesagt! Vor Gott und nach Gott hat der Bauer das Mädle gebeten, sie sollt' doch nur die eine Nacht in Lindenthal bleiben, aber sie hat sich nicht halten lassen und kein Mensch hat sich mit ihr zu gehen getraut. Die ganze Lichtstube greift nach den Gesangbüchern und singt und betet für das Mädle, aber das war zu spät! Kaum war das Mädle aus dem Haus, so erhebt sich ein Sturm, wie ihn noch kein Mensch erlebt, die stärksten Bäum' hat er umgerissen, in der Luft war ein Krachen und Brausen, Heulen und Wehklagen, als ging' die Welt unter, und die wilde Jagd ist über's Dorf weg nach Hohenstein zugezogen, voraus der feurige Drach, so groß wie ein Haus! – Am andern Tag sind die Lindenthaler dem Mädle nachgangen, dort beim Stein haben sie sein Leich' gefunden und das Gesicht stand ihr im Genick! – Seit der Zeit ist's an dem Ort erst nicht richtig, das Mädle geht um – kein Mensch betritt gern Nachts den Weg!« Der Vetter meinte: »Eine echte, rechte Teufelsgeschichte! Nur Eines gefällt mir nicht dabei!« »'s Donnerwetter, Herr Kanter, nichts für ungut!« fiel der Schmiedsjakob ein. »Was wär' das?« Der Vetter lachte: »Mir ist nicht recht, daß ihr sie heute noch glaubt! Braucht man den Teufel zu bemühen, um den Tod des Mädchens zu erklären? Jedenfalls hat sie sich selbst gefürchtet, dazu der Sturm – ist's da zu verwundern, wenn sie im wilden Wald am steilen Berghang verunglückte?« – Die Musikanten wagten zwar diese Erklärung 84 nicht anzufechten, heimlich schüttelten sie desto betrübter die Köpfe über diesen »sündlichen Unglauben« ihres Herrn Kantors. Nur der Hansaden, ein belesener Mann, war in tiefes Sinnen versunken. Plötzlich fuhr er auf: »Herr Kanter, ich muß Euch Beifall geben! Hätt' der Teufel dem Mädle wirklich das Gesicht in den Nacken gedreht, so wär' solch sichtbarlich Zeichen seiner Gewalt gewiß auch in die Bücher kommen, ich hab' aber noch in keiner Chronika was davon finden können. Nein, nein! – Ich hab's ja immer gesagt, der Spuk kommt von den beiden Schweden her, die im dreißigjährigen Krieg bei der Plünderung den Teufelsschatz durch Zauberkünst' vorn im alten Schloß gehoben haben, bei der Theilung uneins wurden und sich erstachen. Dagegen ist nichts zu sagen, 's steht in meiner alten Chronika daheim, und einmal beim Wegbau sind ja auch ihre Gerippe funden worden!« Der Vetter, der solche Gespräche nicht leiden mochte, war unbemerkt zurückgeblieben; kaum konnte der Hanshenner, auch ein sehr belesener Mann, das Ende von Hansaden's Rede erwarten, als er auch schon dreinfuhr. »Was? – Schweden? – Dreißigjähriger Krieg? – Laß Dich doch nicht auslachen, Hansaden! – Die Schweden sind ja im siebenjährigen Krieg nach Deutschland kommen!« »Was denn!« sagte Hansaden überlegen. »Guck in die Bücher, wirst's finden: der alte Fritz hat sich an die dreißig Jahr mit dem Gustav Adolf und seinen Schweden rumgeschlagen!« »Laß Dich begraben mit sammt Deinen Büchern!« höhnte Hanshenner. »Jedes Kind weiß, daß der alte Fritz 85 den Wallenstein im siebenjährigen Krieg Anno – Anno – nu Anno dazumal – bei Lützen auf's Haupt schlug!« Die Musikanten ergriffen Partei, der Streit ward hitziger. Endlich rief Hanshenner mich zur Entscheidung auf und freute sich auf die Demüthigung seines Gegners. Als ich jedoch in meiner Auseinandersetzung weder dem Hausaden noch ihm Recht gab, schüttelte er verdrießlich den Kopf und sagte zum Wasserfuchs: »Solch ein Präzepterle weiß auch nicht Alles!« Da man einmal vom Krieg redete, kam das Gespräch natürlich auch auf Napoleon und die Franzosen. Der Hanshenner machte ein geheimnißvolles Gesicht und rief plötzlich: »Spiegelfechterei ist's mit dem Lui Philipp! Zum Schein haben ihn die Franzosen zum König gemacht! Eine faule Geschichte wird's! Und wer wirds wieder ausfressen müssen? – kein andrer Mensch als wir selber!« Keiner der Musikanten wußte, wo eigentlich Hanshenner hinaus wollte, um so größeren Eindruck machten natürlich seine Worte. In völliger Ueberzeugung stimmten sie ein. »Freilich! – wir müssen's ausfressen!« »Spiegelfechterei ist's mit Lui Philipp!« begann Hanshenner nochmals. »Und wer steckt dahinter? – kein andererer Mensch als der Napolium! – Paßt auf, in 'nem halben Jahr haben wir die Franzosen im Land, den Napolium vorndran!« »Ach Du gerechter Gott!« jammerte der Wasserfuchs. »Also wirklich der Napolium? – Gott sei uns gnädig!« Ich mußte lachen und sagte: »Beruhigt euch! Der Napoleon kommt nicht wieder, der ist lange gestorben auf der einsamen Insel Helena.« 86 Damit kam ich aber schlecht an; ganz roth im Gesicht schrie der Hanshenner: »Gestorben! – Helena! – Ja, 's beißt mich was gestorben! – So steht's in den Büchern, das weiß ich auch! – Aber das ist blauer Dunst! Der Napolium ist so gesund wie ein Fisch im Wasser, und er wird da sein, ehe wir uns dessen versehen!« Ganz verblüfft über solche Bestimmtheit fragte ich: »Woher wißt Ihr das?« »Man weiß Manches, wenn man gleich nicht studirt ist!« fertigte mich der Hanshenner grob ab. »Guckt nur in die Bibel, drin steht's haarklar!« »O Herr, mein Leben!« lamentirte der Gänskasper, »'s steht in der Bibel! – Nu ist's aus, rein aus!« »Nun hört auf,« sagte ich ärgerlich, »der Spaß ist nicht fein!« »Was Spaß!« schrie Hanshenner. »Ihr wollt ein Präzepter sein und wißt so schlecht Bescheid in der Bibel? – Heißt's nicht in der Offenbarung St. Johannes, Kapitel 9, Vers 11: Und hatten über sich einen König, einen Engel aus dem Abgrund, deß Name heißt auf Ebräisch Abbadon, und auf Griechisch hat er den Namen Apollyon? – Ist das nicht sonnenklar? – Apollyon – auf Deutsch: Napolium? – Weiter heißt's Vers 7: Und die Heuschrecken sind gleich den Rossen, die zum Krieg bereitet sind; Vers 8: Und hatten Haare wie Weiberhaare; Vers 9: Und hatten Panzer wie eiserne Panzer. – Herr Präzepter, das sind die Franzosen, wie sie leiben und leben! Kenn' sie noch von Anno Sechs her! Ihre Gäule waren alle auf den Krieg dressirt, die Reiter haben eiserne Panzer angehabt, und von ihren Helmen hingen ganze Pferdeschwänze, daß es von Weitem 87 aussah wie lange Weiberhaare. Ist's nicht so, ihr Nachbarn?« »Ja, ja,« bestätigten die Männer traurig, »so haben die Schelmfranzosen ausgesehen!« »Aber,« rief ich, ernstlich ungeduldig und ärgerlich, »wie hängt das mit dem Leben und Sterben Napoleon's zusammen?« »Habt doch nur Geduld!« sagte Hanshenner mitleidig, hielt mich an meinem Mantelknopf fest und flüsterte mir wehmüthig zu: »Und Vers 10 heißt's: Und ihre Macht war, zu schaden die Menschen fünf Monate lang!« »Ich verstehe nicht, was Ihr wollt!« rief ich und begann erstlich an Hanshenner's Verstand zu zweifeln. »O Herrje!« schrie nun auch der Hanshenner dagegen, »ich meinte doch, das wäre leicht genug zu verstehen! Also der Apollyon ist der Napolium, die Heuschrecken sind die Franzosen, und die Menschen das sind wir. Nun sind fünf Monate beinahe ein halbes Jahr, fünfzig Jahr aber sind die Hälfte von hundert Jahren. Drum ist's klar: dem Napolium und seinen Franzosen ist fünfzig Jahre Macht gegeben, uns zu plagen. Nun rechnet selber aus, ob er schon gestorben sein kann!« Als ich auch diese gründliche Beweisführung anfechten wollte, sagte der Zimmerdick: »Man muß ihm seinen Unglauben zu gut halten, er ist noch gar jung. Hätte er die Franzosenkriege mit durchgemacht, er würde nicht solch' lästerliche Reden führen! Herr meines Lebens! die Haare stehen mir zu Berg, denk' ich an jene Zeit, da die Franzosen zwischen Bergheim und Sulzdorf ein Lager schlugen! – Bergheim war rein ausgeplündert. Kein Körnlein Getreide, kein Mehl, kein Brod, kein Erdapfel aufzutreiben, im ganzen Dorf war 88 kein Schwanz, keine Klaue, keine Feder mehr zu finden. Und während uns vor Hunger die Nägel blau wurden, lag der feinste Weizengries schuhhoch im Lager, Ochsen wurden blos der Zunge und der Nierenstücke wegen niedergeschlagen; das beste Fleisch und Brod verdarben die Unmenschen muthwillig und machten es unbrauchbar.« »Unsere ganze Schäferei raubten die Schufte, dreihundert Schafe an einem Tag!« fuhr Hansaden fort. »Wie Garben schichteten sie die lebendigen Thiere auf Leiterwägen und spannten Heubäume darüber. Allgerechter Gott! Armslang hingen den Schafen die Zungen heraus, das jämmerliche Blöken kann ich heut noch nicht vergessen! Und wozu all' der Jammer? – Bis sie nach Schottendorf kamen, waren drei Viertel der Thiere erstickt, mit Lachen haben die Soldaten die Kadaver vom Wagen geworfen und am Weg liegen lassen.« »Am greulichsten haben sie bei uns, in Tiefenort, gehaust!« sagte Hanshenner. »Wie schon der Hauptzug vorüber war, kommen eines Abends die Weißkittel (Marodeurs) in's Dorf, und da sie nichts zu plündern finden, verlangen sie von meinem Vater, er war Schulz, Geld. – Wo sollt's mein Vater hernehmen? So haben ihn die verfluchten Hunde mit ihren Ladstöcken so lange geschlagen, bis er zusammenbricht, ist auch acht Tage darnach gestorben! – O Herrgott, wenn ich an die Zeiten denk'!« »Nun ist's genug!« fiel der Vetter ein. »Die Zeiten sind ja vorüber, und die Franzosen haben in Rußland, bei Leipzig und Waterloo ihren Lohn empfangen. Auch das Prophezeien aus der Bibel laßt sein, das ist ein sündlicher Mißbrauch des Buches. Napoleon kommt nicht wieder, der 89 schläft ruhig im Invalidendom zu Paris, wohin ihn die Franzosen von der Insel St. Helena geholt haben. – Verderbt euch doch den schönen Tag nicht durch solche unnütze Sorgen!« »Mir war die Sache gleich nicht recht zu deuten!« fiel der Hansaden selbstbewußt ein. »Ich mocht' nur nichts sagen, gegen den Hanshenner richtet man doch nichts aus!« Die Musikanten athmeten erleichtert auf; Hanshenner zog sich gekränkt zurück und sagte zum Wasserfuchs, von dem die Rede ging, er besitze das sechste und siebente Buch Moses mit Dr. Faustus' Höllenzwang und könne darum auch mehr als Brod essen: »Der Herr Kanter weiß so gut wie ich und Du wie's steht, er darf's nur nicht sagen!« Eben bog der Weg um einen bemoosten Felsen; der Wald, durch den wir bisher gewandert, trat zurück und eine wundervolle Fernsicht that sich vor uns auf. Zu unsern Füßen breitete sich ein heiteres Thal, selbst im Winter angenehm belebt durch zahlreiche Höfe, Dörfer und Schlösser. Von der Landstraße tönte fröhliches Schlittengeläute herauf, und die Sonne spiegelte sich auf den Eisflächen des vielfach gewundenen Flusses und stattlicher Teiche. In blauer Ferne, von duftigen Dunstwölkchen fast verhüllt, verkündeten ragende Thürme und Giebel die große Stadt, daneben leuchteten auf hohem, kegelförmigen Berge die Mauern und Thürme der alten Veste stattlich in's Land hinein. Die Aussicht schloß ein Kranz von bewaldeten Bergen, von denen Ruinen, Schlösser, Kirchen und Klöster herübergrüßten, darüber schauten die blauen Spitzen des Fichtelgebirgs und der hohen Rhön, kaum noch erkennbar, herein in diese liebliche, kleine Welt. Mir ward das Herz weit, und nicht mir allein – alle Augen glänzten, jede Brust athmete tiefer. Ei, wie lustig 90 schmetterten die Trompeten von der Höhe hinab in das Thal, wie klang das Echo von den gegenüberliegenden Waldbergen so fröhlich, so weich, so lockend zurück; ei, und wie kam jetzt das Lied so recht aus vollem Herzen: O herrliche Natur! – In deines Tempels Hallen     Muß ich mit Staunen stille steh'n!     Entzückend ist dein Lied! Die Wälder widerhallen     Von wonnigem Getön! Vor der Hausthüre des stattlichen Pachthofes, der sich an die altersgrauen, moosbedeckten, eupheuumrankten Ruinen lehnte, stand der Pachter, nahm die Strumpfkappe ab und ließ während des Gesanges die Daumen kreisen. »Kommt rein!« rief er, als wir schlossen. »Hab' lange auf euch gewartet; ist mir doch eine wahre Sehnsucht nach meinem Lied und euch ankommen!« In der hellen Pachterstube fühlten wir uns bald behaglich, zumal ein Paar flinke, nette Töchter gar freundliche Wirthinnen machten. Ein Korb Wallnüsse gab dem Jungvolk Veranlassung zu mancherlei Scherzen und Possen. Derweil saßen die Alten ehrbar zusammen, redeten über dies und das, natürlich auch über den Geist droben im Schloß, einem grauen Mönchlein mit Spinnwebgesicht, dessen Erscheinen stets einen Todesfall oder sonstiges Unglück in der Pachtersfamilie anzeigte. Das brachte die Musikanten auf Ahnungen und Geistererscheinungen überhaupt, sie erzählten Geschichten, daß Einem am lichten Tag die Haare zu Berg stiegen. Um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, sagte der Vetter: »Hier oben ist's wohl schön, aber, besonders im Winter, ein bischen einsam, nicht?« 91 »Das wohl, Herr Kanter!« sagte der Pachter. »Dafür brauche ich mich nicht über böswillige Nachbarn zu ärgern!« »Auch wahr! Da Ihr Schulz und Gemeinde in einer Person seid, sind Verdrießlichkeiten nicht möglich!« »Hm, hm, so ganz glatt geht's freilich auch nicht ab!« lachte der Bauer und rieb mit der Kappe den Wirbel. »Die Herren droben wissen's einzurichten, daß man seines Lebens nicht allzufroh wird. Besonders das Schulzenamt ist eine rechte Last!« »Ja, ich wenigstens möchte nicht Schulz sein!« meinte der Schneidershannikel. »Denkt nur, wie's dem Sulzdorfer verwichen ging. Als der Amtmann den neuen Weg nach Schottendorf einsieht, war er mit dem Bau zufrieden, nur noch Kwâckschterschbâm (Zwetschgenbäume) müßten gepflanzt werden, hat er befohlen. – So geschieht's denn auch. Der Bericht ist aber kaum in's Amt, wird mein Schulz auch vorgeladen. Da ich am selben Tag geladen war, gingen wir zusammen. Kaum erblickt der Amtmann den Schulz, so zerreißt er den Bericht, tritt ihn mit Füßen und brüllt den Schulzen an: ›Er Ochs, Er Esel! Habe ich nicht befohlen, es müßten Zwetschgenbäume gesetzt werden? Wie kann er sich unterstehen und Aepfelbäume pflanzen?‹ Meinem Schulz steht der Angstschweiß in haselnußgroßen Tropfen auf der Stirn, kaum bringt er heraus: ›Herr Amtmann, halten zu Gnaden, am Weg stehen Kwâckschterschbâm, aber schreiben kann ich das widerwärtige Wort nicht, drum hab' ich Aepfelbäume in den Bericht gesetzt. Ich hab' gemeint, so ein studirter Herr, halten zu Gnaden Herr Amtmann, wird schon wissen, wie der Has läuft!« – O Herrgott von Bentheim!! hat darnach erst der Amtmann einen Lärm aufgeschlagen! Acht 92 Tage wollte er den Schulzen in's Loch stecken lassen, aber es ging noch gnädig genug ab, er hat ihn bloß zur Thür hinausgeworfen.« »Ja ja, so gehen die Herren mit uns um!« lachte der Pachter. »Aber der Schulz hätte auch gescheiter sein können!« »So? – taugte er dann zum Schulz?« fiel der Zimmerdick ein. »Das ist ja ein alter Frack: zu dem Amt werden blos die Dümmsten genommen! – Ihr müßt das nicht auf Euch beziehen, Pachter. – Unserem Schulzen fehlen auch blos die Hörner und das Rindvieh ist fertig. Kommt er verwichen in's Wirthshaus, schimpft und wettert: ›Da möchte man doch rein des Teufels werden über die Herren von der Regierung! Haben sie schon wieder fünfundzwanzig neue Grafen gemacht! Wo soll das naus? – Geht's so fort, fressen uns die Grafen noch rein auf!‹ Damit wirft er das neueste Amtsblatt auf den Tisch. Und was war's? – Die Regierung hatte eine Verordnung mit fünfundzwanzig Paragraphen ausgehen lassen!« »Du schneidest auf! – So was ist ja gar nicht möglich!« rief der Pachter, der sich vor Lachen schüttelte. »Kein Buchstabe ist zuviel, ich hab's selber mit angehört!« sagte Hansaden. »'s ist wahr, die Schulzen werden oben arg gehudelt, aber in der Regel verdienen sie's nicht besser. Grob sind sie von Haus aus, und ihr Verstand reicht nicht weiter als zum Schimpfen, Fluchen und – –« »Halt da!« fiel ihm der Schneidershannikel in's Wort. »Am Gerichtstag wartet in Schottendorf vor dem Amt ein ganzer Himpel Schulzen auf den Amtmann, der Kreuzmannsjakel zufällig auch. Kommt eine Waldfrau vorbei mit einer klipper-hagel-rassel-dürren Gais. Fragt der Jakel: ›Was ist 93 mit Eurer Gais?‹ – ›Ja, sie saift nit!‹ klagt die Frau. – ›Da laßt sie Schulz werden,‹ gibt der Jakel zur Antwort, ›nachher säuft sie gewiß!‹« * * * »Holla, wo brennt's – wo hinaus?« rief der Vetter, als die Musikanten, statt vor dem ersten Haus Halt zu machen, spornstreichs nach Mühldorf hinein rannten. »Herr Kanter,« sagte der Schneidersnikel, »das Singen und Blasen dörrt die Lunge gar arg aus. Hält man sie nicht richtig feucht, kann sich gar zu leicht die Schwindsucht anspinnen.« Damit verschwand der Kleine sammt seinen Kameraden im Wirthshaus. In der Wirthsstube saß Lehrer Schmidt von Gersdorf und erklärte – man denke meinen Schreck! – er gehe mit nach Bergheim. Den Zimmerdick nahm er sogleich bei Seite und redete lange heimlich und eifrig auf ihn ein – da wußte ich, was die Glocke geschlagen hatte. Johann flüsterte mir zu: »Der Gersdorfer macht Ernst, gewiß bestellt er den Zimmerdick zum Freiersmann! Nur ruhig, er kommt doch zu spät – heut Abend muß Alles in Ordnung kommen!« Ziemlich spät erst nahmen wir unsere Arbeit wieder auf, auch Schmidt schloß sich auf die Einladung des Vetters uns an. Trotz meiner Unruhe und Sorge mußte ich doch vor dem Rikelshaus herzlich in das allgemeine Gelächter mit einstimmen. Schon während des Gesanges hatten die Rikelsrik und ihr nichts weniger als schönes Töchterlein, die Rikelsev, ihrem Vetter, dem Eckenpeter, gar überaus freundlich und eifrig zugeblinzt und gewinkt. Da Peter nicht darauf achtete, von allen Musikanten zuerst zum Gehen sich wendete, stürzten plötzlich beide Frauenzimmer wie Drachen aus 94 dem Haus und hingen sich fest an den Vetter, den sie mit einem Schwall von Worten und Schmeicheleien zum Eintritt in's Haus, zum Dableiben nöthigten. Peter war zuerst vollständig verblüfft, plötzlich aber schüttelte er die zwei Kletten von sich und schrie im Weitergehen: »Nur nicht grrrrand gethan! – Ihr widerwärtigen Weiberleut', laßt mich in Frieden!« Vor dem schallenden Gelächter der Musikanten flohen die Weiber scheltend in's Haus. Wieder stand der Mond am Himmel, als wir vor dem letzten Haus sangen: Der Mond ist aufgegangen,     Die goldnen Sternlein prangen     Am Himmel hell und klar;     Der Wald steht schwarz und schweiget,     Und aus den Wiesen steiget     Der weiße Nebel wunderbar. Wie ist die Welt so stille,     Und in der Dämm'rung Hülle     So traulich und so hold!     Als eine stille Kammer,     Wo ihr des Tages Jammer     Verschlafen und vergessen sollt. So legt auch denn, ihr Brüder,     In Gottes Namen nieder!     Kalt ist der Abendhauch.     Verschon' uns Gott mit Strafen,     Und laß uns ruhig schlafen,     Und unsern kranken Nachbar auch! Von M. Claudius. Auf dem Heimweg rief mich der Vetter zu sich, ich mußte meine Pfeife mit ihm stopfen, und nachdem er Feuer geschlagen, begann er: »Karl, ich muß Dir was sagen. Sieh', 95 ich und Deine Base hatten uns in der Stille ausgedacht, die Wagnersmargareth solle einmal Deine Frau werden. Wir kennen das Mädchen von Jugend auf, Deine Base hat sie so zu sagen mit erzogen und in Allem unterwiesen, was einer tüchtigen Hausfrau zu wissen und zu können nöthig ist, darum darf ich ja wohl sagen: eine bessere Frau wie die Margareth wirst Du nirgends finden. Nun wollte Deine Base schon lange deßwegen mit Dir reden, allein ich habe sie stets abgehalten, ich kann dieses Ehemachen, dieses Zusammenkuppeln einmal nicht leiden, hoffte aber auch, Du würdest von selbst auf Margareth aufmerksam werden, um so mehr hoffte ich dieß, da ihr als Kinder so gut Freund waret. Meine Hoffnung hat sich leider nicht erfüllt, Du hast das schönste und beste Mädchen nicht beachtet, fast möchte ich nun selber beklagen, daß ich die Base abgehalten habe, Dir da und dort einen Wink zu geben – denn leider, unsere liebste Hoffnung wird nun wohl für immer zu Wasser werden.« Der gute Vetter! Vor Bewegung konnte er nicht weiter reden. Er machte sich mit seiner Pfeife zu schaffen und erst nach einiger Zeit fuhr er fort: »Mich dauert Deine Base! Es ist ein harter Schlag für sie, daß nun Margareth wahrscheinlich Frau Schulmeisterin von Gersdorf werden wird, – sie wird sich lange nicht darein finden können. – Und mir – ja, mir geht es nicht besser, das gute, liebe Kind ist mir fast so sehr in's Herz gewachsen, als Du selber! Ach, und wie herrlich hätte es sein müssen, wären wir mit den guten Wagnersleuten durch euch noch fester verbunden worden! – Das ist kein Vorwurf für Dich, Karl; unsere Liebe bleibt unverändert, das bist Du auch überzeugt. Ich sage das auch nicht, um Dir etwa nachträglich das Herz 96 schwer zu machen, ich thu's bloß, um Dich auf das vorzubereiten, was nun kommt. Deine Base wird im ersten Schreck Dir die Schuld beimessen und Dich entgelten lassen, daß sich ihre Hoffnung nicht erfüllte. Trag' ihr das nicht nach, Karl, sie wird auch bald ihr Unrecht einsehen, Du weißt ja doch, wie lieb sie Dich hat. – – So, das wollt' ich Dir sagen! Gott verzeih' mir die Sünde, kann ich gleich jetzt dem Gersdorfer meine Margareth noch nicht gönnen, so ist mir doch leichter um's Herz; geht daheim der Jammer los, werde ich wenigstens den Kopf oben behalten.« Meine Beichte störten die alten Musikanten, die, vom Jungvolk abgeschickt, den Vetter um die Erlaubniß zu einem Tänzchen im Lehrzimmer angingen, und als diese der Vetter freundlich ertheilt, ein ernsthaftes Gespräch mit ihm anknüpften. Wie klopfte mir das Herz! Zwar konnte das Lob des Vetters meine Liebe nicht verstärken, aber mit meiner Achtung vor dem Mädchen wuchs auch meine Sehnsucht nach Vereinigung mit ihm. * * * Heute zogen wir nicht still in unser Dorf ein, wie gestern; ein feuriger Marsch lockte die Bergheimer an die Fenster, und von allen Seiten schloß sich Jungvolk uns an. Beim Anblick des Lehrers Schmidt verblaßte sich die Base; wie gut war es, daß mich der Vetter vorbereitet – so gleichgültig, fast unfreundlich war meine Pflegemutter noch nie gegen mich gewesen, als eben jetzt. Die Noth der Guten schnitt mir in's Herz, wie gerne hätte ich ihnen geholfen! Aber konnte ich? War es nicht thöricht, jetzt erst noch Hoffnungen in ihnen zu erwecken, die so unsicher, so trügerisch waren? In der Stille seufzend schwieg ich. 97 Die Stille der Vettersleute fiel außer mir Niemand auf, waren doch auch die Musikanten ausgelassener denn je. Wenige hatten sich erst zusammengefunden, da rief uns schon jammervoller Hülferuf der Annedorl in die Küche. Wir kamen noch zu rechter Zeit! Trotz aller Proteste der Annedorl wollte der Schneidersnikel durchaus die Klöße ballen helfen. Mit Gewalt wurde der lärmende Missethäter in die Stube geführt und in der Ecke scharf bewacht. Auch der Laubschneider fand sich ein. Nach langen, lebhaften Verhandlungen, bei denen es mehrmals fast zu heftigen Auftritten gekommen wäre, da sich besonders der Wilde seines Schützlings mit wahrem Feuereifer annahm, ward die Versöhnung unter der Bedingung in's Werk gesetzt, daß der Laubschneider den Schneidersheiner, den Bergkasper und Schülzle um Verzeihung bitte und bei erster Gelegenheit für die Musikanten zwanzig Maas Bier bezahle. Der Laubschneider wehrte sich bis auf's Blut, als aber der Schneidershannikel immer bedrohlicher von Zuchthaus und Ketten redete, gab er seufzend nach. Schon reichte er dem Schneidersheiner die Hand, da unterbrach der Vetter, der sich mit keinem Wort in die Verhandlungen gemischt, den Jubel der Musikanten: »So! Das war ja nur ein Scherz der Musikanten, Meister Roth, sie wollten nur erfahren, ob Ihr wirklich der versöhnliche, verträgliche Mann seid, für den Ihr geltet. Mit den zwanzig Maas Bier ist's nichts, umgekehrt, der Schneidersheiner, der Bergkasper und der Schülzle lassen sich's nicht nehmen, Euch in nächster Zeit einen ganzen Abend im Wirthshause zu bewirthen. Seht nur – sie können auch die Zeit gar nicht erwarten, Euch in aller Ordnung um 98 Verzeihung zu bitten! Und weil Ihr Euch so wacker gezeigt, Meister Roth, so seid Ihr heut Abend mein lieber Gast!« Dieses Erstaunen – diese Augen – diese langen Gesichter! Als aber auf einen drohenden Blick des Vetters die drei Bursche wie begossene Pudel zum Laubschneider schlichen, um Verzeihung baten, zu halten versprachen, was der Vetter ihnen aufgelegt – da regte sich das Gefühl der Männer. Mußten sie gleich über die betretenen Sünder lachen, so stimmten sie doch ein in den Ruf des Schneidershannikel: »Was unser Herr Kanter sagt, hat immer Händ' und Füß'! Unser Herr Kanter soll leben, vivat hoch!« Mit Würde verzieh der Laubschneider seinen Gegnern, dann aber trat er zum Vetter und sagte, indem er sich die Augen wischte: »Herr Schulmeiwster, das vergeß' ich Eiwch all meiwn Lebtag nicht! Ihr seiwd eiwnmal meiwn Mann! Potz Blitz, Feiwerzeiwg! auf Eiwch laß ich nichts kommen! Und passirt Eiwch eiwnmal was an eiwern Zeiwg – schickt's nur mir! Ich flick's aus und stell's Eiwch her, daß Ihr Eiwch selber drüber verwundert!« Nur der Gänskasper nahm an dem neu ausbrechenden Jubel keinen Antheil. Die Versöhnungsscene war ihm schwer auf's Herz gefallen, da der Eckenpeter noch immer ihm grollte, und, das war das Schlimmste! – ihm mit Recht grollte. Heute war es an den Tag gekommen, daß er wirklich unschuldig Beleidigungen erlitten hatte, denn die Pfeifenköpfe hatte Kasper's Bruder, der Schneidershannikel, malen lassen, das Würzelchen aber hatte der Bergkasper und Schülzle abgeschlagen. So saß jetzt der Gänskasper auf der Ofenbank und grämte sich über den Starrsinn Peter's, der alle Annäherungsversuche barsch abwies; dazu regte sich auch sein 99 Gewissen und sprach: der Peter hat Recht, du bist wirklich ein grober Mann! Beschämt drehte Gänskasper den Kopf nach der Wand, getraute sich keinen Menschen mehr anzublicken und mochte von der ganzen Welt nichts wissen. – Aber der Sauerbraten roch gar so gut, gleich mußten auch die Klöße kommen – sollte er sie vorbeigehen lassen und hier sitzen bleiben? Gänskasper kämpfte einen schweren Kampf, endlich siegten doch die Klöße, noch einen Versuch wenigstens mußte er machen. Mit ausgestreckter Hand ging er auf Peter los und bat: »Peter, ich seh's ein, ich bin ein grober Mann! – Aber sag's nicht vor allen Leuten und laß wenigstens meine Alte aus dem Spiel! – Ich hab' Dir groß Unrecht gethan, Peter, verzeih' mir!« Davon wollte der Peter auch jetzt noch nichts hören, erst auf einen Wink des Vetters gab er dem Bittenden die Hand mit den Worten: »Meinetwegen mag's sein, ich verzeih' Euch! Thut Ihr aber noch einmal grrrrand, geht's Euch schlecht!« Damit war der Gänskasper auch vollständig einverstanden. Der Laubschneider und der Gänskasper waren gewiß die zufriedensten, glücklichsten Menschen am Tisch. Du lieber Gott, schmeckte das kräftige Essen dem Laubschneider, und wie hieb er ein! Mit vollen Backen kauend versicherte er dem Vetter mehr denn einmal: »Herr Schulmeiwster, die Ehr' und die Gutthat vergeß ich Eiwch all meiwn Lebtag nicht! Um den Preiws ließ ich mir alle Tage meiwn Schlittle auf's Dächle schaffen!« Sobald es unbemerkt geschehen konnte, schlichen wir aus der Gesellschaft, mit klopfendem Herzen eilte ich neben Johann dem Wagnershaus zu. Die vier Personen, die im traulichen Stübchen um die 100 Oellampe saßen, machten – die Dorthee ausgenommen – große Augen über den unerwarteten späten Besuch. Margareth beugte das erglühende Gesicht tief auf ihr Spinnrad, die Hausfrau schlug vor Verwunderung die Hände zusammen, nur der Hausherr ließ sich nicht aus seiner Ruhe bringen. Bedächtig nahm er seine Brille ab, barg sie im Lederfutteral, legte dieses gewissenhaft als Zeichen in das Buch, aus dem er vorgelesen, und verwahrte Buch und Brille sorgfältig in der Tischlade. Nun erst drückte er mir die Hand und hieß mich mit aufrichtiger Freude willkommen. Die Wagnerschristel hatte sich unterdeß von ihrem Staunen über den »seltsamen Zuspruch« erholt, zog geschäftig Stühle für uns an den Tisch, und während wir dem Hausherrn zu Gefallen – ich that es nicht anders, er mußte aus meinem Tabaksbeutel stopfen – unsere Pfeifen in Brand setzten, gab sie den Mädchen einen Wink, die darauf mit ihr die Stube verließen. Bald rasselte in der Küche die Kaffeemühle, die Hausfrau trug Kuchen und Tassen auf, und Johann fragte heimlich: »Na, bist Du mit der Aufnahme zufrieden?« Wäre ich es nicht gewesen, ich hätte es wohl werden müssen, als mir dann Margareth gegenüber saß, mich so herzig anblickte, so liebreich und freundlich mit mir redete. Die Dorthee mußte unsern Wunsch schon ausgesprochen haben, denn während sie den Tisch abräumte, sagte die Hausfrau: »Hör' Alter, die Musikanten wollen in der Schule tanzen, sie sähen's gern, wenn die Mädle auch hingingen. Du hast doch nichts dawider?« »Was soll ich dawider haben?« entgegnete der Wagnersjörgnikel, dabei sah er mich heimlich lachend an, als wollte er sagen: »Will's da hinaus? – Hab ich mir doch sowas 101 vermuthet!« Die Christel leuchtete uns auf den Hausflur und schärfte uns ein: »Haltet die Mädle ja nicht zu lang auf, das kann mein Alter nicht leiden!« Unterdeß eilten die Mädchen voraus, trotz aller Mühe holten wir sie nicht ein – und so konnte ich Margareth nicht einmal sagen, daß der Gersdorfer Lehrer ihretwegen gekommen sei. Verstimmt, voll trüber Ahnung trat ich in das Lehrzimmer, wo der Tanz schon begonnen hatte, – richtig, dort stand Margareth erschrocken, bleich in der Ecke und der Gersdorfer ging eben lachend von ihr. Verlegen suchte ich ihr näher zu kommen, allein hastig wendete sie sich ab, eilte zur Base und weinte bitterlich. Was war das? – Die Trostgründe der Base halfen wenig, schluchzend verbarg das Mädchen sein Gesicht an der Schulter der mütterlichen Freundin; erst der Hinweis auf das allgemeine Aufsehen vermochte bei Margareth die Thränen zurückzudrängen. Süßlich lächelnd tänzelte Schmidt herbei und forderte Margareth zum Tanze, nun war es aber auch mit der Haltung der Base zu Ende. Aufstehend und ihre Schürze glatt streichend sagte sie: »Sie sind unser Gast, daran denke ich, sonst redete ich anders mit Ihnen. Aber wie Sie, nachdem was schon vorgefallen, noch einmal das Herz haben, dem Mädchen unter die Augen zu kommen, das begreife ich nicht! Wenn Sie sich nicht mehr schämen, so sollten Sie doch wenigstens daran denken, was Sie dem Mädchen für Ungelegenheiten machen – nichts für ungut!« Damit ließ sie den verblüfften Schmidt stehen und ging mit Margareth hinaus. Kurze Zeit darnach folgten ihnen Schmidt und der Zimmerdick, blieben lange weg, bei ihrer Rückkehr rieb sich der Zimmerdick heimlich lachend die Hände, Schmidt dagegen blickte trotzig und wild 102 um sich. Er mußte sich aber bald anders besonnen haben, denn plötzlich stürzte er ein Glas Bier auf einen Zug hinab, lachte überlaut und führte die Herrnbauerslisbeth in den Reihen. »'s ist Alles in Ordnung!« wisperte mir Johann in's Ohr. »Der Gersdorfer ist gründlich abgeblitzt. Ich hab's vom Zimmerdick!« »Jawohl, Alles in Ordnung!« sagte ich grimmig und stampfte mit dem Fuß. »Die Margareth versteht's, die Schulmeister ablaufen zu lassen! O – und ich renn' ihr erst noch in's Haus! – Was guckst Du? – Siehst Du nicht, wie auch ich abgeblitzt bin? – Ha ha ha! – Sie wird sich freuen, nun ist ja das Feld rein, ihrem Gottfried steht Keiner mehr im Weg!« »Ha, Himmel Schweden auch!« rief Johann bestürzt. »Was ist vorkommen? – So red' doch – ich weiß nicht, steh' ich auf dem Kopf oder auf den Füßen? Red' doch!« »Red' doch! – Was ist da zu reden? – Hast nicht gesehen, wie sie mir auswich, wie sie mir keinen Blick, geschweige denn ein Wort gönnte?« »Das war der Schrecken wegen dem Gersdorfer!« »Was geht mich der Gersdorfer an? – Hab' ich ihn herbestellt? Hab' ich sie etwa seinetwegen in die Schule geholt? – O, ich könnt' die Wand hinan laufen! Laß mich – jetzt ist's klar! Hat sie jemals an mich gedacht, so war's nur, um ihren Spott mit mir zu treiben!« »Da werd' ich selber irr!« sagte Johann kleinmüthig. »Ich häng' mich nimmer in die Geschicht', thu', was Du denkst, daß 's Beste ist!« Das war ein Trost! Eben trat die Base ein. Sah 103 sie gleich auch nicht aus, als sei bei ihr viel Trost zu finden, wagte ich es doch; so gleichgültig als nur möglich stellte ich die Frage: »Wo ist die Wagnersmargareth?« »Wo sie hingehört – daheim!« Nun wußte ich's! Trotz dieser Abfertigung begann ich: »Und warum ist sie so bald fort?« »Karl, laß mich heute in Ruhe, morgen will ich Dir mehr sagen. Mir wirbelt noch der Kopf, weiß nicht, soll ich mich mehr ärgern oder freuen! – Mit Dir aber bin ich ganz unzufrieden, daß Du's nur weißt, morgen wirst's erfahren warum.« Damit ließ sie mich stehen. Sollte ich auf meine Kammer gehen und meine Noth in der Einsamkeit ausseufzen? – War mir damit geholfen? Ward dadurch mein Schmerz gemindert? – Nein, die Nacht war gar zu lang, die Einsamkeit vermehrte gewiß meine Noth. Ha, wie lustig sich Schmidt mit den Mädchen herumschwenkte! Wer das auch so könnte! Doch freilich, wenn ich das vermochte, dann hatte ich eben Margareth nie geliebt, dann war überhaupt Alles, Alles anders. – Aber wie die Zeit hinbringen? Wie den Schmerz im Herzen übertäuben, wie die quälenden, nagenden Fragen zum Schweigen bringen? – Ha, hing dort nicht des Vetters Geige? War mir die Musik nicht oft schon zum Trost geworden? Und wenn mich auch die simpeln Tanzweisen nicht aufzurichten vermochten, so war das Geigen wenigstens eine Arbeit! Ohne Säumen stimmte ich die Violine und sagte zum Bergkasper: »Leg' Deine Klarinette weg, geh' und mach' Dich vergnügt!« »Vergnügt?« entgegnete der Kasper und kraute sich die Haare. »Siehst nicht, wie die Majgba auf mich laue't?« 104 Den Kopf schüttelnd über diese verkehrte Welt, drängte ich mich an Kasper's Platz; richtig, kaum hatte er seine Klarinette aus der Hand gelegt, so hing die Margthbar auch schon an ihm, wohl oder übel mußte er mit ihr tanzen. Darnach lobte ihn der Laubschneider: »Das gfreiwt mich von Dir, Kasper! Nun zeiwg endlich Ernst?« »E'nst? – wojin denn?« »Brauchst Dich nicht zu zieren, weiwß schon lang, daß Du meiwner Margthbar nachleiwst!« »Da wißt Ihr meh wie ich!« »Potz Blitz Feiwerzeiwg! Ich hab' Schulen genossen und heiwt noch Orthographie im Kopf – mach' mir doch nichts vor! Zeiwg Ernst, Kasper, schenir' Dich nicht, Du bist mir als Schwiegersohn lieb und angenehm, ich sag nicht neiwn, verlaß Dich drauf!« »Ich bin zu jung zum Heijaten!« wendete Kasper ein, dem der helle Angstschweiß auf der Stirn stand. »Zu jung? – Dummes Zeiwg! – Wenn's an weiwter nichts fehlt, schlag' eiwn, Kasper, sag' ja!« »Und ich will nicht heijaten!« schrie Kasper. »Warum denn nicht? – Guck' an, Kasper; eiwne Gelegenheit wie meiwne Margthbar und mich findest Du nicht wieder. Da bin zum ersten ich, eiwn Mann, hab' Schulen genossen und heiwt noch Orthographie im Kopf, eiwn gelernter Schneiwdermeiwster dazu und versteh' mich auf Oekonomie; zum zweiwten bist Du eiwn gelernter Zimmermann und kannst Musik, darnach sind die Weiber auch nicht zu verachten von wegen dem Taglohn und so weiwter, darnach ist noch meiwn Heiwsle (Häusle) und zuletzt die vierte Bitt'! – Was willst Du mehr? – Sag ja, Kasper!« 105 »Laßt mich in Fjieden!« lärmte Kasper, als sich die Musikanten um ihn sammelten und den Heirathsantrag belachten. »Ich mag nicht heijathen!« »Ausflüchte, Kasper! Ueberleg' nur erst die Sach' gründlich! Sag' Ja, Kasper! – Potz Blitz Feiwerzeiwg! warum kannst Du nicht Ja sagen?« »Weil ich Euje Majgba nicht mag!« platzte Kasper, da er sich nicht anders zu helfen wußte, verzweiflungsvoll heraus. »Mejkt's Euch; und wä'e sie mit Gold behängt, ich mag Euje Majgba nicht!« »Frau Kanter, wollt Ihr nicht eins mit mir tanzen?« fragte der Schneidersheiner höflich. »Ach geh', Du bist nicht bei Trost! – Ich und tanzen – gar noch heut!« sagte die Base halb lachend, halb ärgerlich. Nach kurzem Besinnen meinte sie jedoch: »Aber warum denn nicht? – Komm', wollen wenigstens probiren, ob's noch geht!« »Nun sag' ich in aller Welt nichts mehr! Was fällt Dir noch ein auf Deine alten Tage?« rief der Vetter verwundert, der eben eintrat, als die Base athemlos auf einen Stuhl sank. »Was alten Tage! – 's geht noch, Alter!« rief die Base, die sich um dreißig Jahre verjüngt fühlte. »Und jetzt tanzen wir zusammen, wie sich's für Eheleute geziemt!« »Gertrud, Gertrud!« rief der Vetter mißbilligend und schüttelte das graue Haupt. Aber heute war Gertrud unerbittlich, die geliebte Pfeife wanderte in die Ecke und der Vetter mußte trotz seiner Korpulenz mit in den Reihen. »Alle Tausend! – jetzt kriegt die Sache ein Ansehen!«schrie der Zimmerdick und lehnte den Baß in die Ecke. »Solo, 106 ihr Jungen, und marsch an die Instrumente, jetzt kommen wir d'ran!« In den Hüften sich wiegend, mit den Fingern schnalzend wie ein Planbursche, holte er seine Fränz aus der Ecke; der Laubschneider forderte Hansaden's Frau, wofür dieser die weinende Margthbar beruhigte und in den Tanz zog. Der Wasserfuchs befolgte das Beispiel des Zimmerdick und der Hanshenner erwischte die Annedorl, die ihm an Alterthum nicht nachstand. Die Schwarzen, die den Kartentisch nicht verlassen wollten, wurden von ihren Weibern gewaltsam herbeigeführt, der Schneidershannikel dagegen wählte die Herrnbauerslisbeth zur Tänzerin; »denn,« meinte er, »eine Alte habe ich daheim alle Tage!« Gleich nach dem ersten Reihen führte der Gänskasper seine Ehehälfte dem Eckenpeter zu. »Da, tanz' mit meiner Alten, Peter, daß alle Leut' sehen, was wir für Freund zusammen sind!« Die alten Herren thaten nun ihr Möglichstes, recht leicht und anmuthig zu tanzen, brachten aber nur ein wunderseltsames Durcheinander fertig. Takt hielten sie nicht, langsam oder schnell trippelten sie herum, wie es eben ihre Körperbeschaffenheit mit sich brachte. Führte das Schicksal zwei allzu ungleichartige Größen zusammen, dann entstanden vollends ganz neue, nie gesehene Tanzarten. Während zum Beispiel der Zimmerdick in ruhiger Langsamkeit sich um sich selbst drehte wie ein Fixstern, zwirbelte, zappelte und hüpfte seine magere Fränz um ihn wie ein wild gewordener Planet. Lange reichte jedoch der Athem nicht aus, auch die Glieder versagten bald den Dienst. »Alte,« keuchte der Zimmerdick, »dabei merkt man, daß man zu Jahren kommt. Ich hab' das Tanzen auf drei Tage satt!« Ein Ehepaar nach 107 dem andern zog sich in stille Ecken zurück und überließ der Jugend das Feld. Spät erst trennte sich die Gesellschaft. »Meine Dorthee will auf dem Kopf stehen! Steif und fest behauptet sie, Du müßtest Dich irren, die Margareth habe noch keinen Bursch gern gehabt außer Dir, und den Gottfried könne sie nun gar nicht leiden!« »Laß gut sein,« entgegnete ich finster. »Zuerst müß ich meinen eigenen Augen trauen. Und selbst wär's an dem, daß sie mich gern sieht – die Art, wie sie mit mir umgesprungen ist, verträgt sich nicht mit meiner Ehre. Das Mädchen, das ich gerne haben soll, muß mich auch für was achten – davon spür' ich bei Margareth nichts. Das ist's, was uns auf alle Fälle scheidet! – Gute Nacht!« So war es heraus, das schwere, entscheidende Wort! Ich erschrak selbst davor, mir war, als habe ich damit eine undurchdringliche, unübersteigliche Schranke zwischen mir und Margareth aufgerichtet. Dahin war mein Glück! – Mit gesenktem Haupt schlich ich in meine Kammer, in der Schmidt schon schnarchte. Wie beneidete ich ihn um seinen Leichtsinn, seinen Gleichmuth! Lange, lange standen mir die Augen offen, es waren schwere Stunden, die ich durchkämpfte. Endlich verlangte die Natur ihr Recht, ein sanfter Schlaf brachte Erlösung vom Leid, heitere Träume spiegelten mir ein Glück vor, das mir für immer verloren war.   6. Schmidt schnarchte noch, als ich die Kammer verließ. Es war mir lieb, daß mir Vetter und Base auswichen, ich bedurfte noch der Sammlung, mußte mir noch klarer werden, ehe ich über meine Zukunft reden konnte. Schmidt blieb 108 zurück, wir Umsinger brachen früher auf als Tags vorher. Das Wetter war abermals umgeschlagen. Ein wilder West heulte und brauste in den Tannen des Kulm und peitschte uns einen feinkörnigen Schnee in's Gesicht, als wir auf ungebahnten Wegen durch fußtiefen Schnee die Mergelgasse nach Einzelberg hinaufwateten. Das Wetter paßte gut zu meiner Stimmung, Sturm außen und innen! Langsam wich die Nacht einer grauen Dämmerung. Trostlos einsam, wie verloren in der traurigen Schneewüste lag das Dörfchen vor uns. Die Hecken am Weg waren über Nacht zu Schneewällen geworden, der Weg dazwischen zur grundlosen Hohlgasse. Die Obstbäume streckten ihre schwerbelasteten Aeste wie Gespensterarme uns drohend entgegen, und die Häuser schienen zu schlafen, zu träumen, so tief, tief hatten sie die Schneehauben über das Gesicht hereingezogen. Kein Licht schimmerte uns entgegen, tiefes Schweigen lag auf dem verschneiten Dörfchen, nicht einmal ein Hund begrüßte uns, als wir im langen Gänsemarsch einrückten. Vor dem ersten Haus bildeten wir einen Kreis und stimmten in kräftigen Akkorden das Lied an: Mein erst Gefühl sei Preis und Dank,     Erheb' ihn meine Seele!     Der Herr hört deinen Lobgesang,     Lobsing' ihm meine Seele! Gelobet seist Du Gott der Macht,     Gelobt sei Deine Treue,     Daß ich nach einer sanften Nacht     Mich dieses Tags erfreue. Laß Deinen Segen auf mir ruhn,     Mich Deine Wege wallen, 109     Und lehre Du mich selber thun     Nach Deinem Wohlgefallen. Das brachte rasch Leben in das verschlafene Dorf; Hunde bellten, Thüren knarrten, an den Fenstern erschienen Gesichter mit verquollenen Augen, und aus den Schornsteinen wirbelte der Rauch empor. Wunderschnell waren die Kinder auf den Beinen, hier wie überall waren sie unsere Begleiter. Ein fremdes, ungewohntes Leben trugen unsere Töne in das stille Dorf, das nur aus wenigen großen Bauernhöfen bestand. Aus den Ecken und Winkeln der gewaltigen Scheunen prallten die Klänge wunderlich zurück, bald wie heimliches Raunen und Aechzen, bald wie finsteres Murren und Drohen. Oder waren das die Stimmen der Kobolde und Hausgeisterchen, die, jahraus jahrein nur an den Knall der Peitsche, nur an das Klappern der Flegel gewöhnt, durch die Musik aus ihren Träumen aufgeschreckt wurden? – Sie hätten sich beruhigen können, die unmuthigen Wesen! Der letzte Akkord zerflatterte bald in den sausenden Stößen des Windes, und als ich mich im Weiterschreiten nach dem Ort umsah, lag er so still, so verlassen und trübselig unter dem Schnee wie vorher. Doch ja – der eintönige Taktschlag der Drescher klang herüber; manchmal scheinbar erlöschend, schwoll er sogleich wieder zu einem mächtigen Knattern an. – Oder waren das die Abschiedsgrüße der zürnenden Hausgeister? Wiederum zogen wir durch pfadlose Schneewüsten, an Wäldern und Teichen vorüber, thalab nach Tiefenort. Der Sturm ließ nach, und die Musikanten feierten diese Wendung zum Bessern durch eine wilde Kanonade mit Schneeballen. Niemand war sicher vor den Geschossen, selbst des Vetters Cylinder trug eine tiefe Beule davon; wäre es ein 110 modischer Seidenhut gewesen, er hätte gewiß sein Grab im Schnee gefunden. Ich betheiligte mich nicht an dem fröhlichen Kampf, auch Johann's erneute Tröstungen wies ich fast heftig ab. »Laß mich!« rief ich. »Es ist entschieden! Wie auch ihre Gesinnung sein mag – die Art, wie sie mich behandelte, kann ich nimmer vergessen, das muß uns scheiden!« »Mich dünkt, da bist Du auf einem Holzweg! Ist's auch recht, einen Menschen zu verdammen, ehe man seine Gründe kennt? Und Du hast ja mit Margareth noch kaum zehn Worte gewechselt! Karl bedenk', was Du mit Deinem Trotz anrichten kannst. – Es handelt sich nicht um Dich allein! – Ich will mich weiter nicht in die Geschichte mischen, aber der Meinung bin ich: Du bist es der Margareth und Dir selber schuldig, noch einmal vernünftig mit dem Mädle zu reden!« Ich ward stutzig, und daß ich's nur gestehe, mit Freuden stimmte ich diesem Rath bei, der mir doch wieder ein Recht gab – zu hoffen! »Aber wann, wo soll ich mit ihr zusammenkommen?« »Ich dank' Dir, daß Du Lehr' annimmst. Heute Abend wecken wir sie auf!« In Tiefenort fielen die Musikanten im Wirthshaus beim Freund Hannshenner ein und rüsteten sich zu längerem Aufenthalt. Die Mäntel wurden um den Ofen gehängt, die Stiefel zum Trocknen darum gestellt, die Füße aber wärmten die Gäste in allen möglichen Socken und Lappen, die sie den Eigenthümern entwendeten. Ein wichtiges Geschäft kam hier zur Erledigung: der Schneidershannikel nahm seinen Kollegen die wilden Bärte ab. 111 Mir ward angst und bang über die tollen Possen, die dabei getrieben wurden. Zuletzt kam der Wilde an das Messer. Schon hoffte ich, er würde ohne Neckerei durchkommen, da – die eine Hälfte des Gesichtes war glatt – wendete sich Hannikel an den Hausherrn: »Hast Du noch ein scharfes Messer?« »Nein! – Warum?« »Dann kann ich den Willen nicht fertig machen, an seinen ›Stupseln‹ ist das Messer ganz stumpf worden!« Sprach's, setzte sich hinter den Tisch und stopfte seine Pfeife. »'s Donnerwetter!« lärmte der Schmiedsjakob. Allein Hannikel ließ sich nicht erweichen; wollte der Gefoppte nicht mit halbem Bart herumlaufen, mußte er sich wohl oder übel selbst an's Werk machen. Lieber Gott, war das ein Stück Arbeit! War das Messer wirklich stumpf, verstand Jakob die Sache nicht, oder verwirrte ihn das Gelächter seiner Kameraden: es floß viel Blut und dennoch war der Erfolg nur sehr gering. Wie in einem schlecht bewirthschafteten Wald wechselten in der einen Gesichtshälfte dunkle Stoppeldickichte mit lichteren Stellen und öden Blößen; dieß und die musterhafte Glätte der anderen Gesichtsseite gab dem Wilden ein unbeschreiblich lächerliches Aussehen. Es war weit über Mittag, als wir endlich aufbrachen, um über die hohe, bewaldete rothe Kehre nach Dammsbrück an den Rottensteiner Grund hinabzusteigen. Dem Wasserfuchs hatte der Schneidersnikel beim Ausmarsch heimlich einen Fuchsschwanz an den Mantel geheftet; im Wald nun drängten sich die Spottvögel um den also Ausgezeichneten und zankten: »Den Weg hat auch der Fuchs gemessen und seinen Schwanz dreingeben!« 112 »'s ist wahr!« stimmte dem der Wasserfuchs treuherzig bei. »Man meint nicht, daß er ein End' nimmt! Im Wald war es herrlich! Dicke Schneelasten lagen auf den Fichtenbüschen, die ihre Aeste wie in stiller Trauer über das harte Joch tief herabsenkten. Da und dort schnellte plötzlich ein Ast ohne sichtbare Ursache empor und streute den Schnee weit umher; noch lange nickte und grüßte er dann nach rechts und links, als wollte er seinen grünen Geschwistern zuflüstern: Habt nur Geduld! Ehe sich's der rauhe Geselle, der Winter, versieht, schütteln wir seinen häßlichen Rock ab! Der Wasserfuchs würde seinen Fuchsschwanz zum Ergötzen der lieben Jugend harmlos durch ganz Dammsbrück getragen haben, hätte ich ihn nicht auf einen Wink des Vetters heimlich entfernt. Sehr übler Laune sagte der Vetter: »Es ist gut, daß das Umsingen zu Ende geht, es ist kein Ernst mehr unter den Leuten. – Da horch nur! – Ich möchte gleich aus der Haut fahren!« Das war freilich arg! Vor einem stattlichen Haus, aus dessen Fenster ein freundlicher Graukopf lugte, stimmten die Musikanten statt des frommen Liedes einen lustigen Walzer an. »Der war recht!« nickte der Alte. »Einen Zwanziger geb' ich euch extra, wenn ihr mir noch einen »Willen« (Galopp) macht!« »Von Herzen gern!« nickte der Zimmerdick, und ein Galopp brauste los, daß es in allen Ecken schallte. »So geht es stets zum Schluß!« zankte der Vetter und blickte zornig auf die fröhlich im Schnee tanzenden Kinder. »Der 113 Unsinn steckt an – nun macht selbst der Zimmerdick mit!« »Achtung jetzt!« rief darnach der Vetter, »daß wenigstens das letzte Lied in diesem Jahr ordentlich geht!« Die Musikanten nahmen sich denn auch zusammen und mild tönte die ernste Weise durch's Dorf:     Du bist, o Gott, der Herr der Zeit Und auch der Ewigkeiten! Drum will ich jetzt mit Freudigkeit Dein hohes Lob verbreiten. Ein Jahr ist abermals dahin, Dir dank ich's, Gott, daß ich noch bin, Des Lebens noch mich freue.     Du hast auch im verfloss'nen Jahr Mich väterlich geleitet Und wenn mein Herz voll Sorgen war, Mir Hilf und Trost bereitet. Von ganzer Seele preis' ich Dich, Und übergeb' auf's Neue mich, Gott, Deiner weisen Führung. Der Fensterflügel des Forsthauses mußte sehr verquollen sein, denn so sehr man auch daran riß und zerrte, er öffnete sich erst, als sich die Musikanten traurig zum Gehen wendeten. Eine helle Frauenstimme rief sehr entrüstet: »Aber Herr Lehrer, was soll das sein? Wollen Sie mein Haus verachten und vorbeigehen?« Der Vetter kam nicht zum Wort, die Musikanten rissen die Mützen vom Kopf und schrieen überlaut: »Guten Abend, Frau Förstern, guten Abend!« Schon erschien auch die flinke Frau in der Hausthür, schob den Vetter den hinter ihr lauschenden Fräulein zu und nickte freundlich nach uns heraus: 114 »Nun macht nur keine Umstände und kommt herein, ihr wißt, daß ihr herzlich willkommen seid!« Dem Zimmerdick gab sie die Hand; Hansaden stieg mit Würde an ihr vorbei in's Haus, die Försterin blickte ihm wohlgefällig nach und sagte: »Ein schöner Mann, der Hansaden! – ist es nicht so, Meister? Wahrlich, ein schöner, Mann!« Der Zimmerdick nickte lächelnd. Die gute Frau ahnte nicht, daß ihr Lob dem Hansaden einen neuen Namen gab: Schönermann hieß er fortan bis an sein Ende! Die Frau Försterin geleitete uns in die Gesindestube, wo eine lange Tafel gedeckt stand, hieß uns zulangen und unterhielt sich leutselig mit den Männern. Die ehrbare Würde Hansadens erwarb ihm das Zutrauen der Hausfrau, sie setzte sich zu ihm und verwickelte ihn in ein weitläufiges Gespräch. Vor lauter Verwunderung vergaßen die Schwarzen fast Essen und Trinken, sie begriffen nicht, woher Hansaden die Keckheit nahm, der vornehmen Dame, die sie kaum anzublicken wagten vor lauter Respekt, stets so gleichmüthig zu antworten: »Ja wohl, Frau Förstern!« Ihr Erstaunen sollte noch größer werden! Denn als sich die Försterin mit der Frage an ihren Günstling wendete, ob er auch manchmal ein Buch lese, hatte sie Hansadens starke Seite getroffen. Er warf sich etwas in die Brust und sagte: »Ja wohl, Frau Förstern! Alle Wochen zwei aus der Leihbibliothek, heißt das, natürlich im Winter. Und lauter Ritter-, Räuber- und Geistergeschichten! Ist immer eine schöner als die andere. Jetzt bin ich bei einer: Konrad mit der blutigen Hand oder der geschundene Ritter! – Mir schauert die Haut, wenn ich daran gedenke! Auf jeder Seite Mord und Todtschlag, und doch 115 die helle Unschuld, Tugend und Edelhaftigkeit, wie's am Ende 'rauskommt! – Frau Förstern, das Buch sollte Sie auch lesen! – Ich will's Ihr 'rüber schicken, thu's gern!« »Um Gotteswillen, Mann, was macht Ihr doch?« rief die Försterin, ohne das Anerbieten zu beachten. »Wer wird an solch schändliches Zeug seine Zeit verschwenden? Von dem Titel allein wird Einem ja übel! Laßt Euch doch vernünftige Bücher schicken, zum Beispiel: Die Geheimnisse von Paris! oder: Der ewige Jude von Eugen Sue. Das wäre was für Euch, und durch die Bücher bekommt Ihr doch Bildung!« »Na, die Titel sind nicht schlecht!« nickte Hansaden mit Kennermiene. »'s ist freilich ewig schad', daß kein »Oder« dabei ist, das gibt einem Buch gleich ein Ansehen. – Geheimnisse kommen in den Geistergeschichten auch vor und Juden genug, aber von einem ewigen Juden habe ich noch nichts gehört, d'rum will ich mir die Bücher einmal mitbringen lassen!« Ein Fräulein trat ein und flüsterte der Mutter in's Ohr, darauf wendete sich die Frau Försterin an mich: »Bitte, Herr Präzeptor, kommen Sie hinüber in das Familienzimmer.« Ich wäre wohl lieber bei den Musikanten geblieben, aber die Einladung konnte ich nicht abweisen und in der hellen Stube mit den dunklen Hirschgeweihen an den Wänden, den Schränken voll blitzender Gewehre, gefiel es mir auch recht gut. Bald kam auch der Förster, ein lustiger alter Herr, aus dem Wald zurück. Mit wahrer Löwenstimme schrie er hinaus auf den Hausplatz: »Heda, ihr Musikanten, habt ihr Bier?« »Kein Tröpfle, Herr Förster!« schallte es zurück. 116 »Geschieht euch recht, ihr Schafsköpfe, warum regt ihr euch nicht! – He Lies' – Lies'! – Potz Himmelheidenschwerenoth, wo steckt das alte Thier! – Lies' – Lies'! – Der Teufel soll Dir's Licht halten, was schaffst Du nicht Bier bei?« »Ich bin ja drüber!« zankte die Gescholtene, die athemlos vom Bierkeller herkam. »Das ist eine Gesellschaft! Ein Gießer Bier ist wie ein Tropfen auf einen heißen Stein!« »Zum Geier, 's ist auch der Haufe darnach!« lachte der Förster. »He, ihr da droben, wollt ihr ein Fäßchen Bier?« »Von Herzen gern, wenn wir eins kriegen!« »So holt euch eins! – Lies', weise sie an!« Damit kehrte er in die Stube zurück. »Flink, Mädchen, das Essen, nachher wird getanzt!« befahl er und blickte vergnügt den davon eilenden Fräulein nach. »Gesindel das! – Hört's was vom Tanz, ist's wie Wiesel!« Während die Mädchen den Tisch deckten, erklang Musik, wir eilten an das Fenster, und der Förster schrie: »Verfluchte Kerle, ich sag's ja, verfluchte Kerle!« Ein wunderlicher Zug bog eben um die Scheune in den Hof. Voraus schritt der Mühljohann, durch einen flächsernen Bart fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt, in der Hand, statt der Fahne, eine Stange mit wehendem Fuchsschwanz. Hinter ihm zogen die Schwarzen einträchtig den Schlitten mit dem Bierfaß, auf welchem die Försterslies' in wunderlichem Aufputz und großem Zorn thronte. Scheltend wollte sie den Kranz von Tannenreisern, der ihr um den Kopf starrte, abreißen, und bedrohte den Wasserfuchs und 117 Schneidersnikel, die sie bewachten, mit geballten Fäusten. Die Musik, umdrängt von der jubelnden Jugend, schloß den Zug. Vor der Hausthür gebot Johann Halt! Der Liese, die sich endlich in ihr Schicksal fügte, ward ein großer Schlüssel in die Hand gegeben, den Schwarzen das Fäßchen feierlich auf die Schultern gehoben. Johann stieß seine Stange in den Schnee, spuckte in die Hände und begann: »Herr Förster, hier bringen wir Euch den Kellerschlüssel mit der Lies', und uns dieß Fäßlein Bier. Ist's Euch so recht, so sprechet ein lautes Ja und enthaltet Euch jeglicher Einrede!« Als der Förster zustimmend nickte, schwenkte Johann seine Mütze und schrie: »Unser Herr Förster soll leben und seine Familie auch daneben, vitvat hoch, und noch einmal vitvat hoch, und abermal vitvat hoch!« Die Klarinetten quiekten, die Trompeten schmetterten, die Posaune schallte, Hühner gackerten, Kinder und Gänse schrieen, Hunde heulten, und der Förster lachte, daß er in einen endlosen Husten verfiel und fast erstickte. Als der Schwarm in die Gesindestube zurückgekehrt war, rief der Förster aus der Thür: »Jetzt haltet Ruh' und stopft euch die Mäuler mit Essen!« »Zu Befehl, Herr Förster!« entgegnete Johann unter der andern Thür und legte die Hand militärisch an die Mütze. Den Fräulein dauerte unser Essen freilich zu lang, aber der Rehbraten war so köstlich, es wäre Sünde gewesen, hätten wir etwas übrig gelassen. Darnach brannten wir unsere Pfeifen an und schritten hinüber in die Gesindestube, aus der uns lautes Lachen entgegentönte. »Der Schneidersnikel erzählt gewiß wieder Geschichten!« meinte 118 der Förster, und so war es auch. Nachdem wir Platz genommen, fuhr der Erzähler auf einen Wink des Hausherrn in seinem Bericht fort: »– – also nehme ich alle Pflöcke aus der Bettstatt und erwarte das Ende. Nicht lange, so kommt mein Wasserfuchs hundemüde angeschlichen, wirft sich auf sein Bett, und – pumps! – prasselt der Kasten auseinander. Hat der Wasserfuchs gelärmt! Zuletzt war er nur froh, daß ich ihn zu mir in's Bett nahm!« »Wo war das?« fragte der Förster. »Auf der buchbacher Kirmse, bei meinem Gevatter, dem Zipfelschneider. Aber die Hauptsach' kommt erst! – Nachts drauf leg' ich mich in aller Unschuld nieder, denk' an nichts Arges, bin auch gleich eingeschlafen. Da ist mir's im Schlaf, wie wenn in dem Bett sich was regt, dann sticht mich's an den Fuß, daß ich aufwache. »Donnerwetter, das Stroh stachelt doch infam in dem Bett!« brumme ich und drehe mich auf die andere Seite. Da – Himmel Schweden! – da tippt ein eiskalter Finger an mein Bein! – Ich fahr' zusammen, und wie der Todtenfinger wieder kommt, bin ich völlig munter. – Herr meines Lebens, der Finger kommt wieder – wieder; langsam tippt er an meinem Bein herauf! – Die Haare stiegen mir zu Berg! Das war ja sicher und gewiß der Erdgeist, der suchte nach meinem Herzen, und tippte er mit seinem Eisfinger darauf, dann war's aus mit mir! Ich wollt' fort, aber alle Glieder waren wie gelähmt – und jetzt – jetzt kam der Finger wieder an's Bein und – bei meiner Seele! – er tippte nicht bloß, er machte Ernst und strich aufwärts nach dem Herzen!« »Nikel, Nikel!« lachte der Förster. 119 »Ich wollt' um Hülfe schrei'n, aber der Hals war wie zugeschnürt; trotzdem mir der Schweiß in dicken Tropfen auf der Stirn stand, schüttelte mich der Frost. Endlich bring' ich's so weit, mein Bein anzuziehen – o Schwerenoth, nun war's erst gefehlt! – Eine glühende Kralle packt's und hält's fest! – ›Alle guten Geister!‹ hab' ich herausgeklappert, dann aber war ich mit einem Satz aus dem Bett und drüben beim Wasserfuchs. – Ich zittere am ganzen Leib wie Espenlaub, vermein' ich doch nicht anders, die glühende Kralle muß mir jeden Augenblick an's Bein fahren, der Todtenfinger auf's Herz tippen. Dazu ist auch der Wasserfuchs nicht zu ermuntern, ächzt und stöhnt, als sitze ihm der Alp auf der Brust. – Da – –« »Ich laufe auf und davon!« stöhnte die Försterin. »– Da platzt der Wasserfuchs los und lacht: So, Nikel, das war für den Streich gestern. 's ist weiter nichts Unrechtes, sieh' nach, so wirst Du den Geist gleich finden!« – – Was war's? – Hatte mir der Racker einen Igel in's Bett gesteckt, 'nen richtigen Hundsigel!« »Ja!« vervollständigte den Bericht der Bergkasper, »und seit de Zeit heißt de Hannikel übejall de Igelsschneide!« Der Gänskasper nahm das als eine Herabwürdigung seines Bruders auf und schnauzte seinen alten Gegner grimmig an: »'s ist auf der Welt nichts widerwärtiger, als wenn junge Lecker 's Maul überall vorndran haben. Kehr' Du vor Deiner Thür! Wenn's drauf ankommt, wär' man für Dich auch nicht um einen Namen verlegen!« »Uebe Euch lach' ich!« höhnte der Bergkasper. »Ih' wollt einen Namen fü' mich aufbjingen, Ih'? – Ih' wä't 120 mi' gjad d' Jechte dazu! – Sagt's doch, wenn Ih' was wißt, sagt's doch!« »Wenn Dich's gar so arg darnach gelüstet, sollst's erfahren! Wer so mit Mist um sich wirft wie Du, der ist ein rechter Mistkasper!« Kasper war vollständig geschlagen; der Jubel, mit dem der Ausspruch Gänskasper's allerseits aufgenommen wurde, sagte ihm, daß er wahrscheinlich lange Zeit der Mistkasper bleiben werde. Um sich zu rächen, schimpfte er »Gänskasper« und redete anzüglich von den Hornsolis. Das konnte sich der Angegriffene nicht gefallen lassen, er verhöhnte Kasper, daß er nicht einmal seinen Namen Truckenbrod richtig aussprechen könne. Das brachte wieder den Kasper vollends in Wuth, er bedrohte den Gänskasper, und da dieser in seiner Ecke festsaß, schrie er übermüthig: »Geht doch jaus, Gänskasper! – Geht doch jaus, wenn Ih' Euch an mich getjaut!« Der Förster, der fast umkam vor Lachen, hätte dem Streit gerne noch länger zugehört, aber der Vetter versöhnte die Gegner und forderte die Musikanten auf, einige Tänze zu spielen. Der Bergkasper hatte Unglück. Statt zu tanzen, genirte er sich vor den Fräulein und that blöde, selbst die drohenden Blicke des Zimmerdick beachtete er nicht. Unversehens steckte darnach dieser dem Arglosen eine gesalzene Ohrfeige. Zwar riß Kasper die Augen gewaltig auf, holte aber sogleich ein Fräulein in den Reihen und tanzte flott. Als er nach Schluß des ersten Walzers die brennende, glühende Backe rieb, bat seine lächelnde Tänzerin: »Ach, 121 Kasper, nicht wahr, Sie bestellen einen Galopp und tanzen ihn recht flott mit mir?« Dienstwillig lächelnd versetzte Kasper: »'s is scho jeecht, Fjäulein, 's is scho jeecht!« Auch ich that meine Schuldigkeit, wenn gleich mit schwerem Herzen. Margareth kam mir nicht mehr aus dem Sinn, eine mir selbst unbegreifliche Bangigkeit, eine dunkle Ahnung, als stehe mir schweres Unheil bevor, drückte mich nieder; Johann's Trost wollte nicht mehr verfangen. Von Herzen dankte ich Gott, als wir endlich aufbrachen. Schon lange war es Nacht und ein wilder Sturm heulte und brauste in den Tannen des Waldes, durch welchen unser Weg führte. Baumwurzeln, Steine und Löcher brachten Manchen zu Fall, wir hatten von Glück zu sagen, daß wir Alle heil und ganz die Höhe der rothen Kehre erreichten. Hanshenner war schon lange in rosigster Laune gewesen; in aller Stille hatte er sich ein artiges Räuschchen angetrunken. Schon in Dammsbrück umgaukelten ihn die heitersten Bilder; nun er die Mühe des Steigens glücklich überstanden, brach sein innerer Frohsinn hervor. Trotz Wind und Regen sang er lustig mit seiner dünnen Fistel: Mädle ruck, ruck, ruck an meine grüne Seite, Bin Dir gar zu gut und kann Dich leide. Dabei strampelte er mit seinen kurzen Beinen so rüstig vorwärts, daß wir ihn bald aus dem Gesicht verloren. Plötzlich verstummte der Gesang; ein dumpfes Rollen, Kollern, Brummen und Knurren ließ sich vernehmen, dann ward es still. Lachend rief Johann: »Hab' ich doch gedacht, so wird's kommen! Der Hanshenner ist gewiß den 122 Abhang hinab in die Dornhecke gefallen!« Wie zur Bestätigung rief es auch eben unweit von uns: »Himmelkreuz, was ist das für ne Art? – Macht doch Platz, ich kann mich ja nicht regen. – Pros't Bruder!« – Gleich darauf sang es zu unsern Füßen: Ein freies Leben führen wir, Ein Leben voller Wonne! Der Wald ist unser Nachtquartier, Der Mond ist unsre Sonne! »Ein schönes fjeies Leben, in de Döjnejheck'!« meinte der Bergkasper, während wir dem Gesang nachgingen. Bald standen wir an einem ziemlich steilen Absturz und erkannten drunten undeutlich einen dunklen Körper. »Das ist der Hanshenner!« lachte Johann; zugleich rief es drunten: »Donnerwetter! wer sticht mich schon wieder? – Wer zerrt an meinem Mantel? – Laßt los, ich muß heim!« Die Klarinette unter dem Arm, beide Hände in den Taschen, stürmte der Schneidersnikel daher; trotz Wind und Regen sang auch er lustig: Denn su Zwee, wie wir Zwee, die find't m'r nit leicht, Wir sind ja die ordentlichen Leut'! Leider vergaß er auf den Weg zu achten, pautz! – lag er neben Hanshenner in der Hecke. »So! nun sind zwei ordentliche Leute beisammen!« rief der Schneidersheiner. Während wir noch beriethen, wie wir den Verunglückten zu Hülfe kommen könnten, bemerkte der Schneidershannikel seinen Unglücksgefährten und rief erstaunt: »Ha, um tausend Gotteswillen! – Bruder, wie kommst Du daher?« »Werd' 'reingefallen sein!« entgegnete Hanshenner kläglich. »Wo bin ich eigentlich!« 123 »Wo? – O du gerechter Strohsack! – In einer Dörnerheck, wie groß!« »Drum sticht's überall! – Bruderherz, hilf mir auf, ich halt's so nimmer aus!« »Bin ja drüber, aber Du mußt Dich auch stäupern. Himmel Schweden! was knuffst mich?« »Au weh! – daß Dich alle Teufel!« schrie Hanshenner, und plötzlich flog der helfende Schneider weit weg in den Schnee. Auf sein Lärmen und Schelten entgegnete Hanshenner gereizt: »Du bist und bleibst ein Hansnarr! Das ganze Gesicht hast Du mir schändlich zerkratzt! – Was zerrst mich an den Füßen herum? Wenn Du da anpackst, komm' ich mein Lebtag nicht wieder auf die Beine!« »Ja, da war's freilich nichts!« lachte Hannikel versöhnt. Wahrscheinlich griff er nun die Sache praktischer an, denn nach einigem Aechzen und Krächzen brachte er Hanshenner glücklich zum Stehen. Um uns hatten sich unterdeß die meisten Musikanten versammelt, lachend kletterten auch wir den Abhang hinab und wurden noch Zeuge, wie sich Hannikel und Hanshenner gerührt umarmten. Ohne uns zu beachten, stimmten sie, natürlich jeder in besonderer Tonart, das Lied an: Denn su Zwee, wie wir Zwee, die find't m'r nit leicht, Wir sind halt die ordentlichen Leut'! und stiefelten Arm in Arm Bergheim zu. »Gott sei gelobt und gepriesen!« rief die Base, indem sie den Vetter aus seinen feuchten Hüllen schälte. »Gott sei gelobt und gepriesen, daß endlich das Umsingen wieder einmal zu Ende ist. So, Alterle, nun mache Dir's bequem und ruhe Dich rechtschaffen aus!« 124 »Ja, Gertrud, ich bin selber froh!« erwiderte der Vetter und dehnte sich behaglich im Lehnstuhl. »Aber über das Umsingen geht doch nichts in der Welt!« Still ging das Essen vorüber; mich besonders ängstigten die ernsten, kummervollen Blicke der Base, ihr gemessenes, zurückhaltendes Wesen gegen mich. Erstaunt fragte ich, als sie mir wie jedem Musikanten zwei Viertel schneeweißen Kuchen auf den Teller legte: »Was soll ich damit?« – Lachend meinte der Zimmerdick: »Frag' auch, der gehört Deinem Schatz!« Wer nicht kartete, suchte darnach ein stilles Eckchen und schlief bald ein. Der Schneidersheiner schwärzte die Schläfer, besonders die Schwarzen zeichnete er durch lächerliche Striche und Bärte aus. Ich machte mich zur Base und fragte ängstlich, was vorgefallen sei. »Karl, Karl! was hast Du gemacht!« klagte die Base, und das Wasser stand ihr in den Augen. »Im Wagnershaus ist eitel Jammer und Herzeleid. Der Wagnersjörgnikel ist ganz außer sich vor Zorn, die Christel weiß ihres Elends kein End', und die Margareth – ja die sitzt dort, red't nicht, deut't nicht und weint, daß Einem das Herz brechen möcht'! – Karl, wie kannst Du Dich nur zu solchen Dingen hergeben?« »Du siehst meinen Schrecken! – Von all' dem versteh' ich kein Wort! Was soll ich gethan haben?« »Hast Du nicht gestern die Margareth in die Schule bestellt?« »Was ist Unrechtes dabei?« »Verstell' Dich nicht, gegen mich nicht, Karl! – Weißt 125 Du denn nicht, wie der Schmidt zu den Wagnersleuten steht, was da vorkommen ist?« »Nichts weiß ich, Base! – Aber was kümmert mich der Schmidt?« »So hast Du nichts gehört, wie der Schmidt das Mädchen durch schlechte Listen an sich bringen wollt'? Wie ihm darauf der Wagnersjörgnikel das Haus und der Margareth jeden Umgang mit ihm verboten hat?« »Base, mir wirbelt der Kopf! – Was geht das Alles mich an? – Erzählt, erzählt, was ist geschehen?« »Werde da Jemand klug! – Das ist ja das Elend! Die Laubschneidersmargthbar kommt heut Mittag in's Wagnershaus und erzählt in aller Unschuld, der gersdorfer Schmidt sei gestern auch in der Schule gewesen. Kannst Dir denken, wie der Jörgnikel auf die Margareth losfährt, da er meint, es sei eine abgekartete Geschichte zwischen ihnen gewesen. Mit Noth hält ihn die Christel ab, daß er sich an der Margareth nicht vergreift – so brav und gut der Jörgnikel ist, in der Hitze weiß er nicht, was er thut. Voller Herzensangst sucht das Mädle bei mir Hülfe, ich geh' auch mit ihr zu den Eltern. Was hab' ich hören müssen! In's Gesicht behauptet der Jörgnikel, der Vetter, Du und ich, wir wollten dem Schmidt zu seinen Schlechtigkeiten helfen. Ach, Du lieber Gott, mir zittert das Herz, denke ich an den Aufstand! – Endlich bring' ich den Wagner so weit, daß er mich anhört, und nun klärt sich die Geschichte freilich bald genug auf und meine wie der Margareth Unschuld kommt an das Licht. Aber was hilft das? Das Mädchen jammert ärger denn zuvor, vor Weinen ist kein Wort aus ihm herauszubringen. Aller Grimm der 126 Wagnersleute fällt nun allein auf Dich. Der Wagnersjörgnikel ist ganz außer sich. Vor Zorn und Kummer stand ihm das Wasser in den Augen, als er zuletzt sagte: ›Das ist das Härteste, was mir passiren konnt'! War ich gestern Abend so glücklich, weil ich denk', er hat nun doch die Margareth gern, und er wird noch mein Schwiegersohn! – Aber nun ist's aus zwischen uns, sagt's ihm, er soll mir aus dem Weg gehen und mein Haus nimmer betreten!‹ – So steht's! Wie mir dabei zu Muth war, will ich nicht sagen; war's doch auch meine liebste Hoffnung, Du und Margareth solltet einmal ein Paar werden! – – – Red', Karl! Und wenn Du nicht wußtest, wie Schmidt zu den Wagnersleuten stand – sag': wie kannst Du Dich für ihn zum Boten hergeben?« »Die Margareth weint?« sagte ich, ohne auf die letzte Frage zu achten. »Base, sagt mir nur das Eine: habt Ihr eine Ahnung, warum sie weint?« »Karl!« – »Antwortet, Base!« drängte ich. »Habt Ihr keine Ahnung?« »O Herr des Himmels! Wie ist mir? Was ist das? – Karl! – So hab' doch Geduld mit mir! – Was braucht's Ahnungen? Ich weiß aus ihrem Mund, sie kann es nicht verwinden, daß Du sie betrogen, hintergangen hast!« »Sie weint – meinetwegen! – – Laßt mich, Base, morgen sollt Ihr genau erfahren, wie Alles zusammenhängt, jetzt kann ich nicht! Laßt mich, da ist keine Zeit mehr übrig, heute noch, jetzt gleich muß ich selber mit der Margareth reden!« Damit verließ ich die erstaunte Base und 127 schon nach wenigen Sekunden befand ich mich mit Johann auf dem Weg nach dem Wagnershaus. Der Wind heulte um die Giebel, klappernd warf er die Läden auf und zu, die Aeste des alten Nußbaums im Hausgarten knarrten und ächzten, als wir die Leiter anlegten. Johann stieg zu dem Fenster hinauf, allein alles Klopfen und Flüstern war umsonst, in der Kammer blieb es still. Da rüttelte Johann stärker und sagte so laut, daß ich unten jedes Wort verstehen konnte: »Margareth, wenn Du jetzt nicht aufmachst und vernünftig mit dem Schulkarl redest, dann weiß ich, was ich von Dir zu halten habe; werd' auch sorgen, daß es weiter bekannt wird, wie Du zweierlei Reden führst! Was ist das für eine Art von Dir? Heulst Dir die Augen aus, grämst Dich halb zu Tod um nichts und wider nichts – und bist doch an dem ganzen Lärm selber schuld. Ja, ich sag's klar und deutlich, Du – Du ganz allein! Warum hast Du den Karl am Heiligenabend nicht ausreden lassen? Warum bist Du am zweiten Feiertag davon gelaufen, als möchtest Du's weder mit dem Schulkarl noch dem Grafenrudolph verderben? Und wer Teufel heißt Dich und die Dorthee gestern Nachts vollends wie wild und toll vor uns herlaufen, daß man nicht ein Wörtle mit euch reden kann? – Ja, flenne nur, dafür geb' ich jetzt keine drei Batzen, und wenn Du jetzt nicht im Augenblick aufmachst und mit dem Karl redest, nachher weiß ich, daß Du mit dem Grafenrudolph heimlich im Einverständniß bist. Meinst vielleicht, ich weiß nicht, daß er Dir am dritten Feiertag bei der Lichtstube aufgepaßt hat? – Jetzt nur keine Sperranzen, Dein Vater wird uns 128 nicht gleich merken, und wenn auch, dann ist auch nichts weiter dabei!« Das Fenster klang wirklich. Johann verließ die Leiter und ich stieg hinauf. Wie mir zu Muth war, kann ich nicht sagen; noch nie hatte ich ein Mädchen aufgeweckt, und die Angst vor Entdeckung, vor Spott und Gelächter, war nicht gering. Größer jedoch war noch die Liebe, die Sehnsucht und Sorge – und so wagte ich es denn und stieg empor. Wie lange ich im Sturmesbrausen auf der schwankenden Leiter stand, was wir redeten – ich weiß es nicht. Nur soviel kann ich sagen, es ward Alles, Alles gut, alle Widersprüche lösten, alle Zweifel hoben sich, mit einem langen, langen Kuß gab sich mir Margareth für immer zu eigen. Wohl stand noch der Zorn der Eltern zwischen uns und unserm Glück – aber wie hätte uns das ängstigen können, da wir unserer Liebe, unserer Treue gewiß geworden waren! Johann's Ungeduld riß uns auseinander. Wie berauscht von all' dem Glück, all' der Seligkeit kehrte ich heim; der ängstlich harrenden Base konnte ich nur die Hand drücken und zuflüstern: »Morgen!« Eben erwachten die Schläfer und erhoben sich, an allen Gliedern wie zerschlagen, von ihren unbequemen Plätzen. Großes Gelächter erschallte, als aus allen Ecken rußige, abscheulich entstellte Gesichter auftauchten. Noch einmal wurden die Gläser gefüllt, fast ein bischen wehmüthig gaben die Musikanten dem Vetter und der Base die Hand, und der Zimmerdick meinte beim Abschied: »Ist ein rechter Trost, daß wir am Neujahr nochmals zusammen kommen, und daß über's Jahr wieder umgesungen wird. Gute Nacht!« 129   7. »Ei Du Tausendsapperloter!« rief mir der Vetter entgegen, als ich am Morgen in das freundlich zusammengeräumte Stübchen trat. »Was sind das für Geschichten! Konntest Du es über das Herz bringen, Deine Base und mich so lange in Angst und Sorge zu lassen? Ei, ei, Karl! Ist eine gerechte Strafe, die Verwicklung, die Noth, in der ihr nun steckt. Hätte nicht ein Wort zu mir oder der Base all' den Lärm, die Thränen und den Unmuth verhütet? – Nun, laß nur gut sein, wollen uns freuen, daß wenigstens die Hauptsache so weit in Ordnung! – Komm', laß den Kaffee nicht kalt werden, und dann berichte, wie bei solch' einfacher, klarer Sachlage diese wunderlichen Verwicklungen eintreten konnten.« Der Vetter schüttelte oft den Kopf während meines Berichtes. »Und was sagte nun Margareth zu all' dem?« »Sie hatte nicht viel zu sagen. Am zweiten Feiertag wollte sie nicht mit mir tanzen, da sie Streit voraussah und mich, als Lehrer, davor bewahren wollte. Dann glaubte sie wirklich, ich habe mich von dem Schmidt als Boten brauchen lassen – das machte sie irr an meiner Liebe.« »Wunderlich, wunderlich! Warum redete sie nicht offen mit Dir? Ich begreife das Mädchen nicht!« »So fragte auch ich mehr denn einmal. Dann ward sie verlegen, das Wasser kam ihr in die Augen – zu sagen wußte sie nicht viel. ›Ich konnt' nicht – ich wollt' oft, aber ich konnt' nicht!‹ Dabei blieb sie!« »O über euch Männer!« rief die Base. »Versteht ihr die Schüchternheit eines Mädchens so wenig? Laßt mir nur meine Margareth, ich begreife sie ganz und gar. Sie war 130 von je ein gar absonderlich Wesen, ganz anders als ihre Kameradschaft, so verzagt, so ängstlich, so schämig. Laßt sie nur, ich sag' selber, sie hat nicht anders gekonnt!« »Ja, das wäre nun Alles recht und gut – was soll aber nun werden?« »Komm' an mein Herz, Junge!« rief der Vetter und zog mich fest an sich. »Die schönste, liebste Hoffnung unseres Lebens ist erfüllt, in Friede und Freude können wir nun abscheiden, da wir noch das Glück unserer Kinder gesehen, nicht, Gertrud? Sind uns auch eigne Kinder versagt geblieben, der Himmel hat uns reich, überreich entschädigt! Mein lieber, lieber Karl, der Herrgott segne Dich und Deine Margareth. Reichlich hast Du vergolten, was wir an Dir gethan, stets warst Du ein gehorsamer, guter Sohn, hast uns viele, viele Freude bereitet, jetzt darf ich Dir's auch sagen: wir sind schon lange gar stolz auf Dich! – Du warst ein guter Sohn, darum wirst Du auch ein guter Hausvater, ein rechter Mann werden. Halte nur fest an Deinen Grundsätzen, bleibe Dir selbst getreu, gedenke auch als Mann der Lehren, die ich und Deine Mutter Dir mit auf den Lebensweg gaben – und – und Karl – vergiß auch uns nicht! – – 's ist schon gut, Junge, jetzt mache mich nicht vollends weich, wir kennen und verstehen uns ja! – Die Sorgen wegen den Wagnersleuten gib auf, es kostet ja nur ein Wort, und auch dort ist Alles in Ordnung. Am liebsten nähme ich freilich gleich jetzt meine Alte und Dich an die Hand, um droben auch das Leid in Freude zu verwandeln – aber so mit der Thüre in's Haus fallen, das schickt sich bei so ernster Sache doch nicht, und dann wäre mir's auch lieb, wenn Du gleich als ordentlicher Schulmeister um Deine 131 Margareth freitest. – Karl, ich habe einen Vorschlag! Du wirst zwar noch müde sein von den letzten Tagen her, aber ein rüstiger Bursche darf Müdigkeit gar nicht achten. Also meine ich, Du gehst heute gleich nach Blumenthal und kehrst morgen mit Deiner Vokation, die sicher nunmehr angekommen ist, zu uns zurück. Ich selber werde heute noch die Wagnersleute über den wahren Sachverhalt aufklären, sie vorbereiten, und morgen Abend feiern wir, will's Gott, eine fröhliche Verlobung!« Wohl hätte ich Margareth gerne noch einmal gesehen und gesprochen, aber der Vorschlag des Vetters war so wohlgemeint und so klug – ohne mich lange zu besinnen, rüstete ich mich zum Marsch. Die gute Base machte Einwendungen, hätte mich so gerne im Haus behalten, gepflegt, sich meiner Anwesenheit erfreut, doch war auch sie zufrieden, als sie meinen Eifer sah. Rasch rüstete sie mir ein Essen, der gute Vetter selber brachte meine Stiefeln in Ordnung, um sie ganz wasserdicht zu machen – bald schritt ich durch Nebel und Wind rüstig dahin. Ein wunderliches Wandern! Dichte, schwere Nebel lagen auf der Erde, verhüllten Berg und Thal, Wald und Wiese in einen grauen, undurchdringlichen Schleier. Die Bäume zur Seite des Weges tauchten zuerst wie gewaltige, schattenhafte Riesen aus dem wogenden Grau auf, selbst noch in nächster Nähe zeigten sie sich geheimnißvoll verhüllt. Gespenstisch huschten die Wanderer vorüber, ebenso schnell verschwindend, wie sie unerwartet auftauchten. Dagegen klangen die Schlittenglocken hell durch den Nebel, oft übertönt vom Peitschenknall oder Fluchen der Fuhrleute, und aus den 132 unsichtbaren Dörfern an den Thalrändern vernahm man das Gebell und Gekläff der Hofhunde. War so recht ein Tag zu stiller Einkehr in sich selbst, zum Träumen und Sinnen. Eigenartige, wechselvolle Empfindungen bewegten mein Gemüth. Noch klangen mir die einfachen, und doch so anmuthigen Weisen der Umsinglieder in den Ohren, oft glaubte ich wirklich meine lieben Freunde, die Musikanten, um mich reden und lachen zu hören, ernste und heitere Erlebnisse der letzten Tage zogen an meinem inneren Auge vorüber und erweckten jenes Gefühl sehnsüchtiger Wehmuth, welches uns stets ergreift, wenn entschwundene glückliche Stunden so ernst an die Vergänglichkeit alles Irdischen mahnen. Aber doch ward diese Weichheit nicht zur herrschenden Stimmung. Ich liebte ja und ward wieder geliebt; eine heitere Zukunft voll Glück und Liebe hatte sich vor mir aufgethan, eine Zukunft, in der ich mich als Mann bewähren sollte, in der es galt, Hoffnungen zu erfüllen, durch Thaten der Welt und den Menschen zu nützen. Da konnte freilich die Trauer um vergangene schöne Tage nicht Stand halten, ein frischer, fröhlicher Lebensmuth quoll in mir auf, und aus tiefstem Herzen kam das Gelöbniß, Margareth glücklich zu machen und ein Mann zu sein allezeit! In Blumenthal war meine Vokation wirklich eingetroffen. Der Freude über diese ehrenvolle Beförderung fehlte auch ein bitterer Tropfen nicht. Das Leid meiner guten Blumenthaler über meinen Verlust war so aufrichtig, ihre Liebe und Anhänglichkeit kam jetzt so herzlich, so warm hervor – ich mußte an mich halten, nicht selbst weich zu werden. Desto größere, ungetheiltere Freude erregte die Nachricht von meiner baldigen Verlobung, war doch gar 133 mancher Blumenthaler gut Freund mit dem bergheimer Wagnersjörgnikel. Begreiflich hielt ich mich am nächsten Tag nicht länger, als unumgänglich nöthig war, in Blumenthal auf; mein Herz zog mich nach Bergheim. Wie vor acht Tagen am Weihnachtsheiligabend, wanderte ich heute durch dichtes Schneegestöber. Aber wie anders als vor acht Tagen! Was ich damals ersehnte, erstrebte, heute war es erreicht, all' mein Hoffen, wie überschwänglich hatte es sich erfüllt! Ich war so glücklich, so kindlich froh! Selbst der rieselnde Schnee vermehrte meine Freude; wie ich es als Knabe so oft gethan, rief ich in übermüthiger Lust: es schneit, es schneit! Auch ernste Gedanken blieben nicht aus; wie konnte es anders sein am letzten Tag eines scheidenden Jahres? Ward dieser Jahresschluß doch zu einem entscheidenden Wendepunkt für mein ganzes Leben! Allein aus dem Ernst quoll immer wieder siegreich die fröhlichste Hoffnung. Erwartungsvoll rief mir der Vetter entgegen: »Junge, wie steht's?« Statt der Antwort legte ich ihm meine Vokation in die Hand, und der Vetter zog mich stürmisch an seine Brust mit den Worten: »Gott segne Dich, Junge! – Willkommen, Herr Kollege von Garnstett!« »Setz' Dich und iß!« drängte die Base lächelnd, »wir wollen Margareth nicht unnöthig warten lassen!« Lieber wäre ich allerdings sogleich nach dem Wagnershaus aufgebrochen, allein meine Betheuerungen, ich fühle ganz und gar keinen Hunger, wies die Base mit den Worten zurück: »Sei mir nur gleich still! Ein junger Magen ist immer hungrig, zumal nach solchem Marsch! Setz' Dich 134 nur an den Tisch, von Liebe ist noch Niemand satt geworden!« Schon war im Wagnershaus Licht, als wir um Einlaß pochten. Die Wagnerschristel kam selbst, zu öffnen, in der weitgeöffneten Stubenthür stand der Hausherr und streckte mir die Hand entgegen – ich aber sah nur Margareth, das in holder Schüchternheit erglühende Mädchen. Willig ließ sie sich an meine Brust ziehen, zum ersten Mal verschlangen sich ihre Arme um meinen Hals. Und die Eltern blickten mit feuchten Augen auf uns, legten segnend die Hände auf uns und sagten: »Gott gebe seinen Segen zu eurem Vorhaben!« Und nun gab es viel zu fragen, viel zu erzählen; dazwischen küßte ich Margareth, auch die Eltern konnten es nicht lassen, ihre Kinder immer und immer wieder zu umarmen, ihre Hände zu streicheln und zu drücken. Dabei kam eine große Wehmuth über die Mutter meiner Margareth; es fiel ihr plötzlich schwer auf's Herz, daß sie nun ihr einziges Kind verlieren sollte und laut weinend klagte sie: »Ach du liebste Zeit! – hat man das Mädle mit Angst und Sorgen groß gezogen, und meint nun, man will sich ihrer erfreuen, man hofft's leichter zu kriegen auf seine alten Tage: so muß man sie ganz von sich lassen, und 's ist nicht anders, als hätt' man kein Kind! Ach Du lieber Gott im hohen Himmel droben! Und wenn man nur wenigstens noch wüßt', wo sie einmal ihr Unterkommen fänd', das wär' doch noch ein Trost, aber so – –« »Ei der Tausend! Hätt' ich doch das fast vergessen!« unterbrach der Vetter den Jammer der Mutter, holte meine 135 Vokation hervor und sagte: »Da, alter Freund, lies und dann beruhige die Mutter!« Erstaunt entfaltete mein Schwiegervater das Papier, nahm seine Brille vor und studirte den Inhalt. Seine Hand begann zu zittern, mit großen Augen sah er bald den Vetter, bald mich an, dann faltete er das Papier sorgfältig zusammen, steckte seine Brille in das Futteral und sagte tief bewegt: »Alte, nun bist Du mir gleich ganz still und hörst mir auf zu barmen ! – Denk' nur um's Himmels-Erdenswillen an – der Karl da – ha, sagt mir nur, ist's denn die Möglichkeit? – der Karl da – merk' auf, Alte– der Karl da ist wirklich und wahrhaftig ordentlicher Schulmeister von Garnstett!« »Ach Du lieber Gott im hohen Himmel droben!« rief die Mutter und schlug die Hände zusammen. »'s wird doch nicht wahr sein? – Meine Margareth Schulmeisterin von Großgarnstett? – An mir zittert und springt Alles!« »Ja ja, Alte, es ist so, da steht's schwarz auf weiß! Alte – wir wollen den Herrgott loben, der Alles so schön gefügt! – Dir aber, Herr Kanter, Dir dank' ich, daß Du davon vorher nichts sagtest, auch ohne die gute Stelle war mir Karl der liebste Schwiegersohn, und mußten die Kinder mit der Heirath noch ein paar Jahre warten, hätte das auch nichts geschadet. Nun ist ja freilich die Freude doppelt! – Meinetwegen können nun die Kinder Hochzeit machen, wann sie wollen, denn im großen Garnstetter Schulhaus wird es Karl auf die Länge allein nicht gefallen!« »Ach du liebste Zeit!« rief die Mutter auf's Neue 136 erschreckt. »Das wird doch nicht gar so geschwind gehen. Wie soll ich der Margareth ihre Mitgab' zusammenbringen? – Und leer können wir doch um Alles in der Welt das Mädle nicht aus dem Haus lassen?« »Sei still, Alte!« entgegnete der Vater. »Die Kanters wissen so gut wie ich und Du, daß die Mitgab' der Margareth seit Jahren fix und fertig in der Oberstube beisammen steht! – Geh' jetzt, trag' auf, mach' einen ordentlichen Kaffee! – Herr Gott! Ist Freierei und wir sitzen so trocken zusammen wie die Kirchenmäus'!« Margareth wollte der Mutter helfen, die Base hielt sie zurück. »Bleib'! Heute gehörst Du Deinem Bräutigam, ich und Deine Mutter werden fertig werden ohne Dich!« Der Johann mit seiner Dorthee trat ein und wünschte von Herzen Glück. Auch die Nachbarn fanden sich mit Weib und Kindern zusammen, um in gewohnter Weise die letzten Stunden des Jahres im Wagnershaus zu verleben. Groß war das Erstaunen, noch größer die Freude über diese unvermuthete Freierei. Für die Weiber war es von besonderer Wichtigkeit, daß das »Margarethle« Frau Schulmeisterin ward, gereichte doch dieß der ganzen Nachbarschaft zur Ehre. Sie wurden darum nicht müde, das Glück der Wagnersleute zu preisen, und das that der guten Alten gar wohl, wenn sie auch oft mit dem Schürzenzipfel nach den Augen fuhr und nur immer den Verlust des einzigen Kindes beklagte. Das Geplauder der Nachbarn half überhaupt über die wehmüthige Stimmung hinweg, die bei so ernstem Ereigniß einer Verlobung in den letzten Stunden eines Jahres gewiß nicht ausgeblieben wäre. Der Schäferspeter, ein eisgraues, 137 zusammengeschrumpftes Männchen, dessen faltiges Gesicht wie ein leibhaftes Märlein in die Gegenwart blickte, wußte eine Menge Geschichten zu erzählen, wie sonst, in der guten alten Zeit, die Neujahrsnacht zu mancherlei unheimlichen Verrichtungen benützt wurde. So hatte sich einst sein eigener Vater in der letzten Stunde des Jahres unter einen nach Osten gerichteten Dachsparren gestellt. Nach wunderlichen Gebetsformeln und Zaubersprüchen that sich ihm wirklich die Zukunft auf. Feurige Zungen sah er aus den Dächern Bergheims gen Himmel schlagen, sich selbst erkannte er unter den Rettenden, Löschenden. Sein eigenes Häuschen blieb verschont. Während aber die verbrannten Häuser größer und schöner aus Schutt und Asche erstiegen, zog ein langer, langer Leichenzug vor sein Haus, und in dem Sarg, der auf die Bahre herausgetragen ward, lag er selbst, kalt und todt. Voll Schrecken sprang er unter dem Sparren hervor. Zum Glück schlug es eben auf dem Kirchthurm zwölf Uhr; hätte das nur noch eine Minute gedauert, wäre er auf ewig der Hölle verfallen gewesen. Von dem Augenblick war aber alle Freude von dem alten Schäfer genommen, er allein wußte ja, was dem Dorf und ihm selber bevorstand, und durfte doch um seiner Seelen Seligkeit willen mit keinem Menschen darüber reden. Im Frühjahr brach dann wirklich der große Brand aus, der halb Bergheim in Asche legte, und auf den Herbst starb auch der alte Schäfer. Auf dem Sterbebette entdeckte er seinem Sohn das unheimliche Neujahrsgesicht. »Ja,« sagte der Wagnersjörgnikel, »man soll dem Herrgott nicht vorgreifen und sich nicht auf Dinge einlassen, 138 die über unsere Kräfte hinausgehen. Es ist immer ein Aber dabei!« »Schad' ist's doch, daß die geheime Wissenschaft und Kunst so abkommt!« meinte dagegen der Schäfer. »Aber ist's ein Wunder? Die Welt ist zu verderbt, 's ist kein Glaube mehr unter den Leuten, darum haben sie auch keine Macht mehr über die andere Welt!« »Ich weiß nicht, Peter, ob was Wahres an der Zauberei jemals gewesen ist,« entgegnete Jörgnikel. »Aber das weiß ich, es ist ein Glück, daß der Aberglaube immer mehr abkommt. Zu was Gutem hat er nie geführt, aber Elend und Plag' genug über die Menschen gebracht. Denkt nur an meinen Bruder, den Musikanten! Was war das für ein Staatsbursch und ein Kerl – vor dem Teufel hätte er sich nicht gefürchtet. Sitzen einmal die Musikanten am Weihnachtsheiligabend zusammen und reden auch von so dummen Geschichten. – Mein Bruder macht sich groß, lacht sie aus und glaubt nichts. Und zum Beweis, daß er sich wirklich nicht fürchtet; erbietet er sich, in selber Nacht um zwölf die Chortrompeten aus der Kirche zu holen. Zuerst ist er lustig, je näher aber die Stunde kommt, desto stiller und bleicher wird er. Die Kameraden mahnen selber, er soll den Gang lassen, vergeblich. Schlag Zwölf geht er in die Kirche. Richtig bringt er die Trompeten, aber kein Mensch erkennt ihn wieder, so verfallen und verstört sieht er aus. Von Stund' an hat er kein Sterbenswörtchen mehr geredet, Niemand hat erfahren, was ihm in der Kirche aufgestoßen ist – vier Wochen drauf war er todt!« »Das ist ja ein klarer Beweis, daß es mehr gibt, als was wir mit unserem Verstand begreifen!« rief der Schäfer. 139 »Vergeblich ist Dein Bruder nicht verstummt, dem ist was Besonderes passirt!« »Er hat gefrevelt und dafür ist er bestraft worden. Wenn er's auch leugnete, der Aberglaube steckte doch in ihm, mit Furcht und Zittern ging er in die Kirche; in seiner Angst, in der Dunkelheit, in der stillen Kirche mag er vor was erschrocken sein, was er bei ruhigem Blut nicht beachtet hätte. – Zuletzt war's eben doch der Aberglaube, der ihn in's Unglück brachte!« »Das ist auch meine Meinung,« sagte der Vetter und drückte dem Wagner die Hand. »Wir wollen hoffen, daß der Aberglaube bald ganz verschwindet!« Es war spät geworden, der Hausvater holte das Starkenbuch vom Sims, las ein schönes, kräftiges Gebet, und als der Kukuk der Schwarzwälderuhr den Beginn des neuen Jahres verkündete, drückten wir uns kräftig die Hände. Aus allen Ecken und Enden krachten und knallten Schüsse, feierlich begannen die Glocken zu läuten und auf den Gassen ward es lebendig. Der Vetter, die Base und ich nahmen Abschied, Johann und seine Dorthee begleiteten uns zur Dorflinde. Dort war schon die halbe Gemeinde mit Laternen und Gesangbüchern versammelt, auch die Musikanten stellten sich mit ihren Instrumenten ein, wir bildeten einen großen Kreis, und brausend erklang der Gesang: Nun laßt uns gehn und treten mit Singen und mit Beten     Zum Herrn, der unserm Leben bis hierher Kraft gegeben. Wir gehn dahin und wandern von einem Jahr zum andern,     Wir leben und gedeihen, vom alten bis zum neuen! Denn wie von treuen Müttern in schweren Ungewittern     Die Kindlein hier auf Erden mit Fleiß bewahret werden: 140 Gewiß so und nicht minder läßt Gott auch seine Kinder,     Wenn Noth und Trübsal blitzen, in seinem Schooße sitzen. Gelobt sei Deine Treue, die alle Morgen neue!     Lob sei den starken Händen, die alles Herzleid wenden! Laß ferner Dich erbitten, o Vater! und bleib' mitten     In unserm Kreuz und Leiden die Quelle unsrer Freuden. Schleuß zu die Jammerpforten und laß an allen Orten     Nach manchem Blutvergießen die Freudenströme fließen. Sei der Verlassnen Vater, der Irrenden Berather,     Der Unversorgten Gabe, der Armen Gut und Habe. Hilf gnädig allen Kranken, gib fröhliche Gedanken     Den hochbetrübten Seelen, die sich mit Schwermuth quälen. Und endlich, was das Meiste: füll' uns mit Deinem Geiste,     Der uns hier herrlich ziere und dort zum Himmel führe. Dieß Alles wollst Du geben, o meines Lebens Leben!     Mir und der Christenschaare zum sel'gen neuen Jahre! Fröhliche Bewegung durchlief die Versammlung, herzliches: »Prosit Neujahr!« tönte von allen Lippen; Freunde drückten sich stumm die Hände, Liebende blickten sich tiefer in die Augen. Aber auch an heiteren Zwischenfällen mangelte es nicht; kamen doch nicht wenige Nachbarn aus dem Wirthshaus, wo sie die letzten Stunden des Jahres benützt hatten, sich eine angemessene Begeisterung aus dem Bierglas zu holen. Tiefgerührt umarmten sie nun Alles, was ihnen in den Weg kam, und erschreckten durch ihre Zärtlichkeit manchen ernsten Hausvater, manches Mädchen nicht wenig. Nachdem der Gratulationssturm verbraust, zog das aus den Lichtstuben beigeströmte Jungvolk, begleitet von den meisten Nachbarn, die das herkömmliche Freibier nicht versäumen wollten, mit der Musik in das Wirthshaus, um mit Spiel und Tanz den Antritt des neuen Jahres zu feiern. Vetter und Base gingen mit den Alten heim, ich schloß mich an. Am Neujahrsfest umdrängten mich die Choradstanten 141 und wünschten mir Glück zur Verlobung. Jeder hätte mir gern etwas besonderes Gutes und Schönes gesagt, leider gelang es nicht Allen. Die Wilden brachten es nur zu einem dumpfen Murren und Knurren, aber ihr warmer Händedruck, die freundlich blinzelnden Augen sagten genug. Bei der Kirchenmusik nickte mir mein Schwiegervater glücklich zu; auch Margareth war in der Kirche, aber heute störte sie meine Andacht nicht. Nachmittags sammelten sich die Choradstanten zum letzten Mal in der Schule. Besonders sorgfältig wurden die Instrumente gestimmt, dann schlossen wir unter der blätterlosen Dorflinde einen weiten Kreis. Aus den Fenstern lugten freundliche Gesichter, auf der Gasse standen Männer und Weiber in dichten Gruppen, näher zu uns sammelten sich Burschen und Mädchen, die Kinder drängten sich fast in unsern Kreis – da gab der Vetter das Zeichen und nach kurzem Vorspiel erklang das Lied: Dich preisen, Herr, Gesang und Lieder, Aus allen Winkeln der Natur, Und Erd' und Himmel tönt hernieder, Nicht die geweihten Hallen nur: Dein großer Tempel ist die Welt, Ist jedes Herz, das Dir gefällt. Doch reicher noch fließt uns Dein Segen, Der auch den stillen Beter lohnt, In Gnad' und Wahrheit hier entgegen, Wo Deines Namens Ehre wohnt; Wo Greis und Jüngling, Mann und Kind Zu Deinem Ruhm versammelt sind; Da, wo beseelt von gleichem Triebe Ein Lobgesang den andern hebt, Und Alles voll von Deiner Liebe In einem Geiste lebt und webt: 142 – Hilf' unsre Herzen Dir zu weihn, Dein Tempel überall zu sein. Eine Pause, dann stimmte die Musik in vollen Aktorden an, und Alle, Greis und Jüngling, Mann und Kind, stimmten mit ein in den herrlichen Choral: Nun danket Alle Gott, mit Herzen, Mund und Händen. Damit war nun das Umsingen beendet; »Abdanken« nannten die Bergheimer sinnig diesen schönen Schluß. Die Menge verlief still, die Musikanten kehrten ernst in die Schule zurück. Das Umsingen war zu Ende, doch noch ein festlicher Abend erwartete uns: die Musikanten feierten heute ihren Jahrestag. Der Zimmerdick legte Rechnung über die Choradstantenkasse, deren geringe Einnahmen – Ausgaben kamen nicht vor – gerade hinreichten, eine Mahlzeit herzurichten und ein Fäßlein Bier aufzulegen. Heute waren der Vetter und ich Gäste der Musikanten, natürlich galt trotzdem der Vetter als Wirth. Margareth half der Base beim Kochen. Ich und sie hatten viel gutmüthige Neckereien zu ertragen, oft eilte mein Bräutchen erglühend aus der Stube. Endlich meinte der Vetter: »Laßt's genug sein, ihr verschüchtert mir das Kind ganz und gar!« Heiter saßen wir zusammen, mancherlei Scherz und Possen verkürzten die Zeit. Schon war es ziemlich spät, als zwei Greise in die Stube wankten, die wir aber, da die Gesichter nicht verhüllt waren, bald für den Schneidersnikel und Hansaden erkannten. Bald ward mir klar, daß Hansaden die Sprache des bergheimer Todtengräbers Hansnikel nachahmte und der Schneidersnikel dessen Freund, den 143 sulzdorfer Krackenjakel darstellte, so genannt, weil er weit und breit die Rabennester ausnahm und die jungen Vögel verzehrte. Die Musikanten rückten unruhig auf ihren Stühlen umher, denn hinter diesem Scherz verbarg sich bitterer Ernst. Alle wußten, daß jetzt ein scharfes Gericht über sie ergehen würde. Zuerst beklagte sich der Pseudo-Todtengräber Hansnikel bitter, daß ihn Pfarrer und Schulmeister nicht zur Geistlichkeit rechneten, und beschwerte sich, daß ihm der Schulmeister das Obst aus dem Gottesacker nicht zulasse. Sodann ward dem Jungvolk, dem Schneidersheiner, Eckenpeter, Schülzle, Bergkasper und Mühljohann tüchtig der Kopf gewaschen, dann bekamen die Schwarzen ihr gehörig Theil. Zuletzt meinte Hansnikel: »He, Jakel, im Grund sind's doch gute, kreuzbrave Kerle, und geplagt sind sie auch genug von wegen den infamen Hornsolos. Hab' manchmal von Herzen Bedauerniß mit den armen Schluckern – denk' an: nicht einmal im Grab haben sie dereinst Ruhe!« »Ha ja, wie denn?« fragte Jakel verwundert. »Meinst, der Gänskasper geht einmal als Gansert ohne Kopf um?« Hansnikel : »Sua, sua? – Ha, warum denn nicht? – Aber ich mein' was Anders. Denk' an, wenn's einmal in der Kirch' oder auf dem Gottesacker heißt: Achtung! Nummer neunundvierzig! – da kann doch der Wille nicht anders, er muß im Grabe schreien: 's Dunnerwetter, nu hat m'r die Pasteten! Und der Gänskasper wird –an seinen 144 Sargdeckel klopfen und sagen: Paß auf, 's kömmt ein Solo! – Jakob, fall' ei'!« Jakel : »Daß Dich –! Aber so ist's, kein Haar anders! – Hansnikel, die Schwarzen jammern mich selber, möcht' nicht in ihrer Haut stecken. Da hat's einmal der Hanshenner besser. Den stört nichts. Bei Hinzig schon darf der Himmel einfallen, er wacht deßwegen nicht vom Schlaf auf.« Hansnikel : »Sua? – Der? – Der erst hat keine Ruh'! Ja, wenn er in seinem Bierkeller begraben würd' – nachher könnt's gehen!« Jakel : »Ha, was Du sagst! – Hat er einen Schatz dort vergraben?« Hansnikel : »Sua? – Der 'nen Schatz vergraben? Wo soll's bei ihm herkommen? – Trägt er nicht seinen Schatz im Gesicht rum? – Vergraben hat er nichts in seinem Keller, aber geholt hat er sich was! – Du wirst gar nicht glauben, wie viel heimliche saure Gäng' es ihm kostet hat, bis seine Nas' so schön verkupfert ist. – Drum kann er auch von dem Keller nicht lassen.« Jakel : »Ha ja, das ist ihm auch am End' so arg nicht zu verdenken, der Hanshenner ist doch ein Mann, der weiß, warum und wozu! Dagegen der Hansaden! – sag' mir um tausend Gotteswillen, ist's wahr, daß er halb übergeschnappt ist?« Hansnikel : »Sua, sua! – Mein erstes Wort! – Wer sagt das?« Jakel : »Ich hab's vom Schneidersheiner. – Seit ihn die dammsbrücker Förstern ›Schönermann‹ geschimpft, soll er nimmer wissen, geht er auf dem Kopf oder den 145 Füßen. Und – 's ist nicht zu glauben! – er soll auch mit einer langen Pfeif' im Dorf herumstolziren!« Hansnikel : »Sua, sua! – Pfff!! (dabei spuckte er heftig, ein Zeichen seines Zorns.) Vom ›Schönermann‹ weiß ich nichts! – Seine lange Pfeife, wen geht die was an? – Sua? – Pfff! – Hat der Zimmerdick vielleicht das Recht gepachtet, 'nen großen Hansen zu spielen? Pfff! – Darf der allein seine lange Tabakspfeife spazieren tragen? – Potz Blitz! Was der Zimmerdick kann, kann der Hansaden auch! Das sag' ich: Hansnikel Völker, Todtengräber und Calicant von Bergheim! – Sua!! – Pfff!! – Und was den Windbeutel, den Schneidersheiner betrifft, der darf gar's Maul halten; er soll nur dran denken, was die Leut' von seinem Alten, dem Igelsschneider, erzählen! – Pfff!!« Jakel : »Ha ja! – Doch nichts Unrechtes?« Hansnikel : »Sua? – Aber schön lautet's nicht! – Pfff!!« Jakel : »Ha, Hansnikel, so red' doch! – Was wär's?« Hansnikel : »Sua? – Kann's auch sagen, pfff! – Kömmt verwichen der Teufel, den Igelsschneider zu holen. Der aber, nicht faul, flunkert gleich so arg, daß der Teufel Maul und Augen aufreißt. Endlich schreit er: ›Ha Schwenselens auch nein, ich versteh' mich doch auch auf's Lügensagen – aber vor dem Igelsschneider besteh' ich nicht! – Den Kerl kann ich nicht brauchen, der brächt' mich um Ehr' und Kredit in der Höll', 's guckt mich zuletzt kein Teufele mehr an!‹ – Damit ist er zum Schlot 'naus und hätt' um ein Haar den Wasserfuchs mitgenommen!« 146 Jakel : »Ha ja! – Und warum hat er ihn nicht genommen? Das ist doch so 'n alter Hexenmeister?« Hansnikel : »Sua? – Du Narr! Mit sammt seinem Hexenbuch ist der Wasserfuchs so dumm, daß es selber den Teufel gejammert hat!« Die Schauspieler verließen rasch die Stube. Das Lachen, das ihnen nachtönte, kam doch nicht Allen aus dem Herzen; zwar das Poltern der Schwarzen wollte nichts besagen, allein Hanshenners und des Wasserfuchs Gesichter zeigten Spuren ernstlicher Verstimmung. Der Zimmerdick wendete das drohende Ungewitter, indem er den Verstimmten zeigte, wie kein Scherz ohne kleine Aergernisse abgehe, und wie Hansaden und Nikel Gerechtigkeit geübt und sich selbst nicht verschont hatten. Als die Beiden selbst zurückkehrten, war die Eintracht vollständig hergestellt, und einstimmig ward das gelungene »Stückle« gelobt. Darnach begannen die Alten von der Vergangenheit zu reden, und wir Jungen horchten auf, als sie berichteten, wie früher, zu »ihrer Zeit«, das Umsingen noch ganz anders begangen wurde. Nicht fünf – acht bis zehn Tage dauerte es damals; keine vermögliche Familie ließ die Sänger unbewirthet vorüber ziehen, in manchem Dorf wurden sie Haus für Haus zur Einkehr geladen. Da war es freilich ein rechtes Volksfest gewesen, und die Klagen über einreißenden Verfall der schönen Sitte waren nur zu sehr begründet. Traurig nickten der Vetter und die Musikanten, als der Zimmerdick sagte: »Es ist nicht mehr wie sonst! Eines nach dem Andern kommt ab; auch das Umsingen wird kürzer und kürzer – zuletzt wird's gar aufhören! 147 Gott verhüt's! Soll's aber doch so sein – wenn's dann wenigstens besteht, so lang ich leb'!« Einmal bei solchen Betrachtungen konnte es nicht fehlen, daß man auch der Freunde und Kameraden gedachte, die früher dem Choradstantenverein angehört hatten, und die nun schon schliefen im stillen Kämmerlein droben bei der Kirche. In dankbarer Liebe ward ihr Andenken erneuert und befestigt. Es war recht still geworden in dem sonst so lebendigen Kreise, und je näher die Scheidestunde heranrückte, desto ernster wurden die Gesichter. Zuletzt füllte der Zimmerdick noch einmal alle Gläser bis zum Rand – das Fäßlein mußte seinen letzten Tropfen dazu hergeben – und sagte: »So wär' denn wieder ein Umsingen vorüber! Wer wird das nächste Mal noch dabei sein? – Unserm Herrn Kanter und der Frau Kantern sagen wir unsern schönsten Dank für die Bewirthung. So lange wir leben, wollen wir in rechten Treuen zusammenstehen und fröhlich zusammen umsingen. Das walte der liebe Gott! Und nun soll unser Herr Kanter und sein ganzes Haus leben – dreimal hoch!« Hell klangen die Gläser zusammen. Bewegt entgegnete der Vetter: »Ich danke Euch von Herzen! Ja, in treuer, in alter Liebe wollen wir zusammenstehen, nur der Tod soll uns scheiden. Der bergheimer Kirchenchor soll gedeihen, blühen und wachsen, und über's Jahr ein neues, fröhliches Umsingen!« »So soll's sein!« jubelten Alle. »Ueber's Jahr ein neues, fröhliches Umsingen!« Der Vetter zog die Base an sich, Margareth verbarg 148 ihr erglühendes Gesicht an meiner Schulter, als ich begann: »Und weil ich unter euch, als Choradstant, meine liebe Braut gewonnen habe, lade ich euch Alle im Voraus auf meine Hochzeit! Da wollen wir in Fröhlichkeit der acht Tage, die wir zusammen verlebten, des schönen Umsingens gedenken!« »Es gilt!« jubelten die Musikanten und zerdrückten mir fast die Hände. »Und wir wollen sorgen, daß es eine rechte, lustige Musikantenhochzeit wird! – Der Karl und seine Braut soll leben, vivat hoch!«