Karl Adolph Haus Nummer 37 Ein Wiener Roman Wiener Verlag Wien und Leipzig 1908. Erstes Kapitel (Vermittelt uns die Bekanntschaft einiger Herren, die der Mäßigkeitsbewegung in keiner Weise Vorschub zu leisten geneigt sind.) Jetzt stand er auf der Straße und schimpfte fürchterlich gegen das geschlossene Fabrikstor: »Ös Hundling, ös Falotten, ös Bagasch verfluchte. An Arbeiter außischmeißen? Ös graupert's Burschoag'findel, ös Tagdiab, Bluatsauger! An Famülienvodan zun behandeln wia an Püls ? Pfui Teufü! So Gaunerbuam mitanand. Oba spült's enk net! Sunst, wann m'r die Gall überlauft, bring i so an Sauhund um. Heunt wüll scho' jeder so a Lausbua an Werkführer außisteck'n und Leut' mattan , dö was das schon lang verlurn hab'n, wo so a Hundsbua erst hinschmecken muaß.« Man möge das Befreiende des Sichaustobens noch so hoch einschätzen, man wird dennoch zugeben müssen, daß diese Anhäufung von Verbalinjurien in einem Atem die Grenze des Erlaubten weit überschritt. Man wird weiters fragen, wem das ganze Lexikon von Kraftausdrücken zugedacht war? Nun, ganz einfach dem Werkführer der Fabrik, weil er Herrn Blaschke, der in gänzlich unmöglichem Zustand seinen Arbeitsort betrat, kurzerhand vor das Tor setzen ließ. Es läßt sich nun gewiß vermuten, daß der schwergekränkte Mann nach vollständiger Erschöpfung seines Vorrates an Schimpfworten sich weiter getrollt hätte. Um 2 eine so einfache Lösung von Konflikten zu verhüten und dem Romanschreiber Gelegenheit zu geben, mehr oder minder spannende Kapitel auszuspinnen, hat das Schicksal für den Deus ex machina in Gestalt der wohllöblichen Polizei gesorgt. Diese war in dem konkreten Fall durch zwei Wachmänner vertreten. Der erste war ein sehr jovialer, rotwangiger, blaunasiger, bald pensionsreifer Herr. Er blieb im Vorüberschlendern für einen Augenblick stehn, klopfte Blaschke leicht auf die Schulter und sagte so gemütlich, als es die polizeiliche Würde zuließ: »Geh ham, leg di nieder und sag, es war nix! Hab'n s' di schon wieder außig'lahnt heut am Montag? Mit dem Dampf , was d' hast, kunnt'st leicht die ganze Fabrik allan treib'n.« Dabei lachte er über das ganze Gesicht, der Witz mit dem »Dampf« schien zu kostbar. Der Angeredete blickte mit trüben Augen den Wachmann an, und als er endlich zur Überzeugung gekommen war, für sein Leid eine teilnahmsvolle Seele und in Summa einen alten Bekannten gefunden zu haben, fing er zu schluchzen an. »Dös hat m'r vön dö roten Raubersbuam, Herr Wachmann. Dö Bombenwerfer, dö Aufwickler, dö an Famülienvodan unglückli machen, weil er in d' Arbat wüll. Herr Wachmann, Sö kennen mi« (er hatte damit in Anbetracht einiger Arretierungen zwecks Ausnüchterung nicht unrecht) »und wia S' mi kennen, wissen S', daß i a natraler Kerl bin . . .« »Is schon recht. Geh ham, alter Schwammertandler , 3 und mach d'r an kalten Umschlag aufs Hirn.« Mit diesen Worten wollte sich der scherzhafte Hüter der Ordnung wieder an seine Runde machen. In den Gefühlen Herrn Blaschkes schien sich jedoch eine vollständige Wandlung vollzogen zu haben. War sein Ehrgeiz verletzt, reizte ihn die herablassende Freundlichkeit oder die Uniform des Polizisten – kurz, er schlug aus seiner weichmütigen, trostheischenden Stimmung in deren Gegenteil um. »Ös Greandippler, wann mir ausrucken, habt's eh die Guri von hint , wie dö Spinatjuri auf eahnere Aufschläg'. Flohbentl, Zwieflkrowot verhatschter . . . !« Ich muß gestehen, daß ich den diversen Stimmungsumschlägen des grollenden Staatsbürgers ratlos gegenüberstehe, aber mehr noch der Geduld des biederen Wachmannes, der sich damit begnügte zu sagen: »No, wart nur, bis di dein' Alte in die Hand' hat, da wirst mehr derleb'n, als in unserm Flöhtrüherl .« Dann entfernte er sich ruhig. Der abermals in den tiefsten Tiefen seines Unmutes Aufgeregte hatte sich wieder gegen das Fabrikstor gewendet, als von einer Seitengasse ein anderer, noch ganz junger Wachmann auftauchte, den seine Runde in die Nähe des beschimpften Objektes führte. Unter Runde versteht man jene Spaziergänge des staatlichen Organes, die sich mit denen eines Kollegen kreuzen, bei welcher Gelegenheit einer den andern befragt, was sich Neues ereignete; die Anlaß geben, sich um Dinge zu bekümmern, die weit außer seiner Interessensphäre liegen 4 und bei Anlässen, die seine Anwesenheit zu einer Sache der Dringlichkeit machen würden – abwesend zu sein. Als der junge Wachmann sich dem bedrohten Fabrikstor näherte und den gottsjämmerlich schimpfenden Blaschke erspähte, erklärte er sich gleich mit ersterem solidarisch. Er vernahm eben folgende lästerlichen Worte: »Ölendige Sauhütt'n! A paar Schab Stroh und a Flasch'n Petroleum und a hundert Kila Dynamit, daß d' in d' Luft gehst, wia a Praterballon. Saujud, preußischer Haderlump . . .« »Entfernen Sie sich oder ich muß einschreiten,« unterbrach der Wachmann die staatsverbrecherische Periode. Blaschke schien durch den Anblick der neuen Uniform sich des Respektes bewußt zu werden, den jeder Staatsbürger ohne Ausnahme jeglicher Uniform entgegenzubringen hat. Er, als ehemaliger, gedienter Soldat, empfand plötzlich die Neigung, seine militärische Vergangenheit ins beste Licht zu setzen. Daher salutierte er stramm. Die Strammheit war nur durch die Geste vertreten, während der Mann an und für sich bedenklich schwankte. »Herr Wachmann,« begann er in rapportierendem Tone, »i, a alter Kaiserlicher von dö Vierer Hoch und Spleni , unterm Herrn Hauptmann Greifinger dient, verheirat't, unbescholten . . . .« »Entfernen Sie sich, sag' ich, machen S' keine G'schichten, oder ich muß Sie arretieren«, war die nochmalige herrische Aufforderung. Inzwischen hatten sich schon Passanten und viele zur Schule ziehende Kinder zum Stehenbleiben bemüßigt gesehen. »Mi arretiern?« war die verwunderte Frage. » Mi 5 woll'n S' arretiern? Mi? Dös gibt's sein Lebtag net. Hab' i Ihner was tan? Han?« »Machen S' kein Aigsehn und schaun S', daß S' weiterkommen, sonst erleb'n S' was!« »Sie armer Batschachter vom Juriregiment (vergnügtes Schmunzeln der Passanten und laute Ausbrüche der Heiterkeit seitens der Schuljngend), gengen S' erst ham und lassen S' Ihnere Baner numerieren, dann kummen S' wieder, i wart' da am Fleck auf Ihner, da am Fleck, wo i steh'.« Und der im Stadium ironischer Gemütlichkeit gelandete Herr Blaschke bemühte sich, den angedeuteten Fleck dadurch kenntlich zu machen, daß er sich bückte und mit dem Zeigefinger an der Fußspitze vorbei auf den Erdboden tippte. Zu gleicher Zeit versetzte ihm eine unsichtbare Macht einen Stoß, so daß er fast wie aus einem Geschütz geschnellt, in der Art schädelkämpfender Neger, gegen den Wachmann anrannte, so verhängnisvoll, daß dieser umfiel und unter Blaschke zu liegen kam. Das Hallo war ein allgemeines. Die Knaben führten förmliche Indianertänze um die Helden dieses ergötzlichen Schauspieles auf. Nun folgte die dramatische Steigerung. Der bis zur Wut erzürnte und beschämte Unterlegene befreite sich so rasch als möglich, riß den noch immer am Boden liegenden Betrunkenen empor und erklärte ihn für verhaftet. Dieser fing an, sich aus Leibeskräften zu wehren. Jedermann amüsierte sich köstlich bei dieser Balgerei. Ein eben hinzugekommener Passant rief: »Je, das is ja der Blaschke. Herr Wachmann, lassen S' den gehn, der tuat kan Menschen was, 6 nur schimpfen kann er wia a Rohrspatz, wann er sein Klamsch hat. Dafür kriagt er von seiner Alten Birn , daß er zwa Täg net stehn kann.« »Mischen Sie sich in keine Amtshandlung und schaun Sie, daß Sie weiterkommen!« war die Antwort des vor Zorn und Aufregung purpurroten Sicherheitsorganes. Zu gleicher Zeit bemühte er sich vergeblich, seinen Arrestanten vorwärts zu bringen. Die Menschenmenge schwoll immer mehr an. Verdächtige, sehr defekt gekleidete Bursche machten sich das Vergnügen, gellende Pfiffe und Hooo!-Rufe auszustoßen, gelegentlich einen Schulknaben mit einem Fußtritt beehrend, daß er an das ringende Paar anflog, kurz, die Stimmung war eine famose und äußerst animierte. Jetzt ertönte der schrille Ton des Signalpfeifchens. Von ferne kam Antwort und alsbald war der erstbeschriebene, humoristische Wachmann zur Stelle, seinem Kollegen Hilfe zu bringen. Als er sah, um wen es sich handelte, konnte er eine Äußerung des Unmutes nicht unterdrücken. – Der Übereifer dieser Jungen! »Das hätt' i mir denken können, daß S' an Patzen machen,« knurrte er seinen Amtsgenossen an. »Wann i woll'n hatt', hätt' i den Kerl ah arretieren können. Jetzt hab'n m'r an Auflauf und weg'n nix und wieder nix.« Dann wandte er sich an den Arretierten, der beim Anblick seines wohlwollenden Bekannten plötzlich ganz ruhig wurde: »Gengen S' ruhig mit den Herrn Wachmann und machen S' kane Dummheiten! Sonst hat's der Ochsenzehmt gnädig, verstengen S'? Schlafen S' Ihner aus und san S' froh, wann nix nachkummt! Bei Wachebeleidigung und Renitenz gibt's kane Würstln. Allo, marsch!« 7 Und diese kurze, kernige Epistel machte einen merkwürdigen Eindruck auf den eben vorher so zornwütigen Blaschke. Zerknirscht und geduldig wie ein Lämmchen nahm er die Begleitung seines Feindes an, der, um allen Eventualitäten vorzubeugen, seinen Gefangenen am Ärmel hielt. Gefolgt von einer johlenden, sich drängenden Menschenmenge, schritten die beiden dem Kommissariate zu. – – – – Unter den Zusehern, denen die Szene unstreitig alle Emotionen einer gesunden und harmlosen Heiterkeit verschaffte, befanden sich zwei Herren, die in ihrem Äußeren und Gehaben verrieten, daß sie, um den Anblick des Sonnenaufganges nicht zu versäumen, schon vierundzwanzig Stunden vorher den Flaum des Bettes von sich abgeschüttelt. Der eine stak in vollständiger Balltoilette, um von einer näheren Beschreibung seines Habitus abzusehen. Nur sei erwähnt, daß die, vorige Nacht wohl blendend weiße Hemdbrust deutliche Spuren von Gulasch und Bierresten aufwies, sowie daß der am Vortage gewiß frisch gebügelte Zylinder den Verdacht nicht ausschloß, es hätte irgend jemand aus Vergeßlichkeit ihn als Sitzgelegenheit benützt; und nachdem er zum Bewußtsein gelangt, der Gegenstand eigne sich nicht zu solcher Verwendung, hätte er mit geballter Faust und steifem Arme versucht, den früheren Zustand der Form von innen nach außen wieder herzustellen. Der andere hüllte sich in einen Überzieher, dessen Farbe zwischen der von Segelleinwand und der eines grauschillernden Kanarienvogels die Mitte hielt. Der Hut, mit einer Krempe von der Breite eines Fingers, balancierte mit dem hinteren Rande auf dem Hemdkragen, sonst wäre wohl allen Vermutungen Tür und Tor geöffnet gewesen, als schwebe er in der Luft, oder es sei nur die materialisierte Form einer astralen Kopfbedeckung. 8 Hatte der erstere Herr Gestalt und Gesicht eines vollkommen normalen, erwachsenen und, was die Weiber nennen, »bildsaubern« Menschen, so reichte ihm sein Begleiter, die aufgestellte vordere Hutkrempe inbegriffen, gerade bis zum schwertförmigen Fortsatze des Brustbeines. Keinen Millimeter höher. Das Gesicht machte den Eindruck, als sei es im Zustande der fötalen Weichheit durch irgendeine mechanische Gewalt in der Richtung von oben nach unten zusammengequetscht worden. Im Munde hielt er eine Virginiazigarre, deren Kürze den Gedanken nahelegte, sie wäre so weit abgeraucht. Das war aber keineswegs der Fall, sie stak vielmehr mit ihrer Spitze tief im Halse ihres Eigentümers, allem Anscheine nach dessen Wohlbefinden in keiner Weise beeinträchtigend, zumindesten nicht die Ausbrüche heitersten Lachens hindernd. »Geh, Huxtl, wia der den Poli ang'rennt hat, war do zum Hinwerd'n. Geh, Bruader, da steht nix mehr auf«, meinte er mit allen Anzeichen günstigster Unterhaltungslaune. »Kenn 'hn jo eh«, sagte der andere, »wohnt mit mir in an Haus. Jetzt waßt, wann i die reanscherte Karnali hätt', sein' Alte, i gangt überhaupt nimmer ham. Ehender an Strick. – A so a Weiberl is a Freud, Jessas na!« sang er vor sich hin. »Habe die Ehre, Herr Wachmann!« wendete er sich zu dem blaunasigen Gesetzeshüter. »Morg'n, Herr Huxtl«, erwiderte dieser. »Na was is, wieder Fruah wurd'n mit der Produktion?« »Was S' net glaub'n. Das is schon die zweite Fruah. Gelt, Tschickerl?« Die zur Bestätigung auffordernde 9 Frage galt dem Gefährten, der statt aller Antwort zu krähen anhub: »Weil i a alter Drahrer bin, A so a Au–ufdrahrer bin . . .« indem er sich bemühte, zur Vervollkommnung der Schönheit dieser Liederperle auf das verdoppelte U des Diphthonges einen Nachdruck zu legen, daß es sich anhörte, als hätte der Sänger das Aufstoßen, eine künstlerische Pointierung, die durch Guschelbauer förmlich Tradition geworden. »Bist net stad, Tschickerl?« warnte mit vieler Gravität der mit Huxtl Angesprochene, der bezirksbekannte Volkssänger, Liederdichter und Gesangshumorist, seinen lustigen, drahrerbegeisterten Genossen. »Wann di der Herr Wachmann mitnimmt, wirst schaun. Geht's d'r wia 'n Blaschke, dann kannst im Kammerl singen soviel als d' willst. Geln S' Herr Wachmann, Sie sperrn den Hundling ein? Verdienen tät' er's.« Tschickerl, dessen bürgerlicher Name wohl nur den Registern des Meldeamtes vertraut sein mochte und der sich an seinen Spitznamen ungefähr so gewöhnt hatte, wie ein Azorl, der aber seit einigen Jahren den ursprünglichen Rufnamen mit dem eines Flockerl vertauschte, geriet durch die Aussicht, eventuell »eing'naht« zu werden, in einen Zustand, den nur die spaßhafteste Vorstellung an uns zu bewirken vermag. »Gehst net doni? Hörst, da legst di nieder, Bruader. Meiner Seel, dös war a Hetz. In Tschickerl einnahn! Geh' a so a Gaudee war no net da g'wesen. Dös müaßt' do' in d'Zeitung kummen. In Tschickerl . . .« Wie gesagt, diese Vorstellung hatte ohne Zweifel in Beziehung auf ihre Absurdität etwas so Bestechendes, daß 10 von dem heiteren Lachen sogar der biedere Wachmann und der durch das ausgiebige Drahn etwas melancholische Vertreter der Volksmuse angesteckt wurden. »Geh, Bruader, auf dös hin schau'n mer jetzt, wo's a guat Fruahstuck-Golasch gibt. A Viertel mit Gis dazua, – höher geht's nimmer, Bruader. Herr Wachmann, wann S' beim Stiegl vurbeikumma, so sagn S', der Wirt soll Ihna a Viertel von dem geb'n, den si der Tschickerl nur an sein' Namenstag vergunnt. Wissen schon, was?« Diese etwas dunkle Hindeutung galt dem Umstand, daß Tschickerl sich in ebenso zarter, als durch den Umgang mit Behörden gebotener Weise für die kitzelnde Vorstellung zu revanchieren versuchte, der Wachmann könnte ihn – den Tschickerl! – arretieren wollen. Zur Belohnung dieses, das Wohlbefinden des kleinen Mannes äußerst fördernden Heiterkeitsanlasses gebührte dem Wachmann ein in besagter diskreter Form angebotener Gratisliter. Eine salutierende Geste bestätigte die Annahme dieser liebenswürdigen Spende. Dann entfernten sich nach herzlicher Verabschiedung die zwei nacht- und schlafmordenden Gesellen, um durch ein saftiges Golasch und einen Gespritzten die Lebensgeister für eine weitere Bierreise in den Zustand der Tauglichkeit zu versetzen. Tschickerl, der seinen Spitznamen der Kleinheit und Gedrücktheit seiner Gestalt verdankte, die ihn einem zerkauten »Tschick« (Zigarrenstumpf) selbst nur noch in dessen Diminutivform ähnlich erscheinen ließ, war ein liederlicher Junggeselle, unverbesserlicher Nachtschwärmer und begeisterter Verehrer seines sangeskundigen Freundes. Da er zugleich als Anteilhaber eines vierstöckigen Hauses ein durch keinerlei Arbeit geschändetes, auskömmliches Leben zu führen 11 imstande war, benützte er seine Zeit zu ausgedehnten Exkursionen und eingehenden Alkoholproben jeglicher Form und jeglichen Gehaltes und war Wirten und Nachtkaffeebesitzern ebenso bekannt, wie Branntweinverschleißern und Würstelmännern. Sein Freund und »Zweschbenröster«, wie die scherzhafte Bezeichnung für ein so inniges Verhältnis lautete, ließ sich im Bewußtsein seiner künstlerischen Vollkommenheit ungeniert freihalten und nahm die Bewunderung des zwerghaften Mannes als einen ihm gebührenden Zoll der Anerkennung gnädigst hin. In einer Art jedoch war er ihm unter. Soviel Huxtl auch an Konsum von Alkoholika und Abbruch des Schlafes zu ertragen vermochte, Tschickerl war ihm noch immer vorbildlich für die Art geblieben, wie man ein »fermer Drahrer« ist. – – – – – Lassen wir die beiden würdigen Gestalten auf ihrer Rundreise nach Sensationen des gröbsten Suffes allein und wenden uns dem Schicksale des arretierten Blaschke zu, den der Wachmann mit allen Anzeichen einer eben bestandenen gefährlichen Waffentat den Augen der mitfolgenden Gaffer durch einen Schwubs in das Wachzimmer entzog. Der Herr Kommissär runzelte bei Einlieferung des bezirksbekannten, aber harmlosen Trunkenbolds und Krakeelers die Brauen. Teufel! Wollte man an einem Montag früh alle Elemente dieser Sorte einliefern, man brauchte ein drei Stock hohes Haus allein für Arreste. Nun ließ sich nichts mehr machen als ein Protokoll aufnehmen, im ganzen aber die Sache auf »Unzurechnungsfähigkeit im Zustande der Volltrunkenheit« hinausspielen. »Wann uns der B'suff d'Pritsch'n anspeibt, soll er nix z'lachen hab'n«, sagte einer der Wachmänner, als man den nun vom Schlafe Halbbezwungenen mit einigen Püffen 12 in das Loch expedierte. »Wann's wenigstens a halbwegs urndlicher Einbrecher war! Aber so Frischg'fangte glaub'n, wann s' nur arretiern. Wird Ihnen schon mit der Zeit vergehn«, wandte er sich an den pflichteifrigen, von seiner Autorität durchdrungenen Kollegen, der ob des Undankes für seine Tat ganz verblüfft dastand, »wird Ihna schon vergeh'n, wann s' es anmal mit andre z'tuan hab'n, die Ihner hinterrucks mit an Feitl a bißl kitzln, daß 's Bluat kummt.« Als nach einigen Stunden Herr Blaschke in seinem buen retiro mit schmerzendem Kopf und hämmernden Schläfen erwachte, blickte er erst erstaunt um sich. Bald jedoch hatte er sich über die Örtlichkeit vergewissert, und an Stelle der früheren Berserkerwut war eine tiefe Niedergeschlagenheit getreten, eine Mattigkeit und Trostlosigkeit erfüllte ihn, daß man ihn mit einem nassen Fetzen hätte niederschlagen können. Nur langsam reihte sich Erinnerung an Erinnerung. Wenn das seine Alte erfuhr! Er zuckte förmlich zusammen. Lieber sollten sie ihn für längere Zeit einsperren. Ein Räuspern, von der anderen Seite des »Gemaches« kommend, belehrte ihn, daß er einen Mitbewohner habe. Von der Pritsche richtete sich jemand empor und kam auf ihn zu. Eine herabgekommene, verwahrloste Säufergestalt, gekrönt durch einen Kopf mit ungepflegtem Haupthaar, längere Zeit unrasiertem Kinn und einer Trinkernase. »Meiner Seel«, gröhlte der Verkommene, »das is ja der Blaschke. Na so was! Hab'n s' di a wieder anmal da einig'steckt? Das is a seltenes Vergnüg'n. Hast bisher immer a Glück g'habt mit die He , wannst ah d' Goschen ausg'laart hast, wia a alte Koberin .« 13 »Hätt mr's denken können, daß du's bist, Fischer. Hast wohl alle Woch'n dein Quartier da?« »Dösmal wir i jedenfalls no a anders kriag'n, vielleicht Alserstraßn .« »Was hat's denn geb'n?« »An Wirbel beim Grünzweig. I kumm d'r eini, an klan' Klamsch hab' i schon g'habt, will m'r der nix einschenken. I mach' an Bahöll, und hast es net g'segn und sixt es net ah, hat d'r Jud ane auf d' Gluahn , daß eahm für a Zeitlang 's Schaun vergehn wird. Dann hab' i no extra all's umdraht, a zwa'n a paar Fotz'n geb'n, bis der Poli kumma is.« Blaschke saß eine Zeitlang sinnend da. Dann meinte er: »Hast so was notwendi?« »Notwendi?« lachte der andere. »Hast es du notwendi? Du kummst nur immer guat draus, weil's d' a so Griasler bist trotz deiner großen Gosch'n, und net um an Kreuzer Guri hast. Warum saufst denn? Der Sunntag und d'r Montag g'hörn immer dir. Kannst nocha über wem andern red'n? Wann i sauf', wir i hamurisch, und a unrechts Wurt – so hab' i an beim Würgl .« Blaschke stützte den Kopf auf seine zitternden Hände. Wieder schwieg er eine Weile still. Und über sein verwüstetes, verschwelgtes Gesicht rann eine Träne. »I glaub' gar, du zaunst?« frug Fischer. »Hörst so a Mannsbild wia du g'hört unter d'alten Weiber in d'Versurgung. Geniert's di eppa, daß d' wieder anmal da herin dunsten muaßt? Ha? Was sollt' denn i dann sag'n?« 14 »Du hast recht, i treib's net besser wia du, hab' aber mehr Grund dazua. Mein' Alte kennst. So a Bisgurn müaßt' 'n besten Menschen zu an B'suffn mach'n. Anmal is s' a Alzerl älter wia i und dann is s' überhaupt kan Auskummen mit ihr.« »Warum binderst s' dann net anmal urndli o? I an deiner Stell' hätt' dös Krokodül schon halbert derschlag'n. Frag', ob si mein' Alte nur zum Muxn trauet.« Blaschke hob erregt den Kopf empor. »Du, vergleich' dein Weib net mit mein'! Is a Kunst, so a arms Ding wia die deine z'haun. Und zwa herzige Kinder hast. Bei dir war anmal all's net notwendi.« »Geh, Tepp! Willst di vielleicht am Heilg'n außihaun? Was geht di mein' Alte am und dö Bankerten, die eh net von mir san? Dein Drach war m'r no liaber, als dö zaunerte Karnalli. Soll unserans ka Vergnüg'n habn? D'ganze Woch'n arbat'n und dö paar Netsch hamtrag'n? Jetzt wird s' schon a alte Klesch'n , hint nix, vurn nix, und i brauch' was zun Anhalt'n. Dö deine hat wenigstens, was m'r a Füll haßt. Und auf all's andre wird . . .« Es ist unnötig, den Satz zu vollenden, um so mehr, als in dem Augenblick die Türe aufging und Blaschke aufgerufen wurde. Der Kommissär ließ ihn vor sich führen. War es der trost- und hilflose Ausdruck im Gesichte des armen Sünders, war es die leise Furche, die die einzige Träne der Reue und Selbstqual verursacht, oder die ganze, nun verzehnfacht zum Ausdruck kommende Harmlosigkeit des einer kurzen Kerkernacht Entstiegenen – der Beamte fühlte sich fast zur Rührung geneigt. Und doch war eine allzumilde Auffassung der 15 Sachlage sehr schwer, wenn nicht ganz unmöglich. Die unanfechtbare, dienstliche Anzeige des Wachmannes lag vor, die Affäre hatte unendlich viele Zeugen besessen, dann, der Mann war als Trinker und Lärmmacher unverbesserlich. Im übrigen Leben ein ehrlicher, auch fleißiger Arbeiter, war er nur zu sehr dem Schnaps zugetan. »Na, Blaschke, Sie sollten sich aber schämen! Wissen Sie, was für Nichtswürdigkeiten Sie wieder angestellt? Diesmal gibt es keinen Pardon. Wir können nur berücksichtigen, daß Ihr Urteilsvermögen durch schwere Betrunkenheit herabgesetzt war. Aber dem Wachmann den Ringkragen herabzureißen . . . .« Und der arme Blaschke hob bittend die Hände. »Spirrn S' mi ein, Herr Kommissär, so lang als's geht. Nur vur zwa retten S' mi: vur meiner Alten und vur 'n Branntweiner.« – 16   Zweites Kapitel. (Vermittelt die Bekanntschaft einiger weiterer Personen und zeigt die Kehrseite der humoristischen Lebensauffassung des Drahrerordens.) Es war das letzte Haus der erst zum vierten Teile ausgebauten Straße in dem sich mächtig vergrößernden Fabriksbezirke; ein vorgeschobener Posten der Großstadt gegen die noch durchaus ländlichen Charakter aufweisende Gegend. Von allen Seiten stand es frei, umgeben von wüsten Bauplätzen, die ihres spärlichen Grasbestandes wegen vom Volke »Wiesen« genannt wurden. Obwohl an die Feuermauern schablonierte Inschriften vor »jeglicher Verunreinigung, Ableeren von Mist, Schutt und dgl.« warnten, bildeten diese sogenannten Wiesen mehr oder weniger bloße Schuttablagerungsplätze. Freilich hinderte dieser Umstand die armen Bewohner der umgebenden Häuser nicht, diese Plätze als Erholungsstätten zu benützen. Die Mütter suchten sich irgendeinen, mit staubigem Gras versehenen Fleck zum Niedersitzen aus, und mit irgendeiner Flickerei oder dem Strickstrumpf beschäftigt, leiteten sie die ziemlich belanglose Aufsicht der spielenden Kinder. Zerrissene, verlumpte Trunkenbolde suchten im Schatten der Mauer ein Plätzchen, an dem sie, das Gesicht mit dem Hute bedeckt, den in einem Branntweinladen erkauften Rausch verschliefen. Ab und zu suchte sich einer auch den Ort als Bedürfnisanstalt aus, unbekümmert um die 17 neugierig umherstehenden und gaffenden kleinen Mädchen. Wie ungeschützt die Kinder des Volkes auch sein mögen, die größte Schutzlosigkeit, der sie preisgegeben sind, ist die auf dem Gebiete der Moral. An den Sommerabenden bildete die Wiese auch den Zusammenkunftsort der vom Tagewerk heimkehrenden müden Arbeiter mit ihren Familien. Eine halbe oder ganze Stunde verrastete wohl auch der Vater den oft sehr weiten Marsch von der Arbeitsstätte, dann zog alles heim zum Abendessen. Die neue Gasse lag ziemlich abseits von der zur Feierabendzeit äußerst belebten Bezirkshauptstraße, und nur ein winziger Bruchteil der mächtigen Arbeiterlegion hatte hier seine Behausungen. Das erwähnte, einsam dastehende Haus war erst vor kurzem vollendet worden und hauchte dem Vorübergehenden fast noch den kühlen Duft frischen Kalkes entgegen. Nichtsdestoweniger war es schon vollständig bewohnt, und selbst die im Parterre befindlichen Geschäftslokale hatten bis auf ein, für ein Gasthaus bestimmtes, ihre Mieter gefunden: den unerläßlichen Greisler, einen Branntweinschenker und einen Pferdefleischausschrotter, der auch eine »Kosthalle« hielt, in der man um wenige Kreuzer undefinierbare Speisen vorgesetzt bekam, die sich aber trotzdem vortrefflich rentierte. Besonders zur Abendzeit war das Lokal dicht gefüllt und offenbar schmeckte es den Gästen ganz ausgezeichnet. Der Magen ist ein Despot, heißt es. Aber er ist auch das feigste, anpassungsfähigste Ding der Welt. Und Optimist ist er ebenfalls. Wie eine launische Herrin mag er wählerisch beim Überfluß sein, aber bescheiden und dankbar ist er zur Zeit des Mangels. Ihm wird Fleisch zu Fisch und Fisch zu Fleisch, je nachdem es die Einbildung erfordert. – 18 Ein Wirt konnte die Konkurrenz noch nicht aufnehmen. An diesem abgelegenen Posten war nicht daran zu denken, ein besseres als konsumtionsloses oder zahlungsunfähiges Publikum anzulocken. Der Greisler stellte in Flaschen ein dünnes Bier, der »Roßfleischhacker« ein fragwürdiges Menü bei. Wer sollte da den Wirt in Anspruch nehmen? Aus der Richtung der Hauptstraße kamen zwei junge Leute, deren einer einen Handkoffer trug und den zugereisten, stadtfremden Provinzler nicht verkennen ließ. Der andere in Arbeitsbluse war der Typus des autochthonen Bewohners der Kaiserstadt. Die beiden waren im Begriffe, den Hausflur zu betreten, als ein kleiner, hübscher, aufgeweckter Knabe daraus hervorkam. Von Bekleidung desselben war kaum zu sprechen. Ein Hemd und ein kurzes Höschen war alles. Übrigens die Normalbekleidung aller Knaben und Knäblein in weitem Umkreise. »No, Franzerl,« sprach der junge Arbeiter den Kleinen an, »wia geht's denn?« Der zuckte die Achseln und blickte mit traurigen Augen auf den Fragenden. »Sag's nur, Franzerl, schenier di net, ös habt's an Hunger daham. Hab' i Recht?« Der Ausdruck des schmalen Kindergesichtes war sprechend genug, um eine Bejahung überflüssig zu machen. »D'r Voda is schon wieder a paar Täg net hamkumma, was?« »Schon seit'n Samstag net, und mir wissen ah net, wo er is. D'Muatta fürcht't, daß eahm eppa a Malör g'scheg'n is.« »Na, das kunnt's schon g'wöhnt sein, daß er net ham 19 kummt. War net dös erstemal. Aber habt's gar nix daham zum Beißen?« »Seit gestern hab'n m'r nix g'essen«, schluchzte der kleine Kerl. »Was? Seit gestern? Du und d'Mutter und d'klane Lintschi? Ja, sagt's m'r, werd't's denn ös no Hungerkünstler? Da, kumm her, Franzerl, daß i di net länger aufhalt.« Und der junge Arbeiter zog seine Geldbörse hervor. »Vurige Woch'n hab' i an guaten Akkord g'habt, so kann i ah a bißl was springen lassen. So! Da hast an Guld'n. Geh da zum Greisler und kauf an Lab Brot und an Butter. Beim Ihaha holst a Wurst.« »Ja, wann i zum Greisler geh', nimmt er mir 's Geld weg und gibt m'r nix, weil m'r eahm schon schuldi san«, äußerte das Kind bedenklich. »Und liaßt enk verhungern, gelt ja? No wart, i hol' dir's außi. Bleib da derweil beim Haustur stehn. I kumm glei.« Ohne sich um seinen Begleiter zu kümmern, trat der Arbeiter in den Greislerladen. Der Zurückbleibende sah mit einem Blick, der Mitleid und ein gewisses Staunen ausdrückte, den kleinen Franzerl an, der sich scheu in die Ecke des Haustores drückte und geduldig wartete. »Wie, mein Kleiner, seit gestern hungert ihr?« frug er ergriffen. Franzerl blickte scheu zu dem Fremden auf. »D'r Voda hat nix hambracht, und d'r Greisler leicht uns nix.« »Aber um Gotteswillen . . . . nun, was hilft da alles Reden und Fragen. Wenn ich auch nicht zu viel entbehren kann, da, nimm auch von mir eine Kleinigkeit, gib das Geld 20 deiner Mutter! Vielleicht kommt der Vater heute noch. Was ist er denn?« »Kutscher, a Schwerfuhrwerker. Aber, wann er ah heut kummt, so bringt er sicher kan Geld, das hat er wahrscheinli schon verdraht .« »Wie?« fragte der junge Mann, dem die Wiener Ausdrücke nicht geläufig waren. Franzerl wollte sich gerade verwundern, daß der Herr ihn nicht verstehe, als zwei Frauen aus dem Hausflur auf die Straße traten. Eine trug einen Bierkrug, die andere einen Milchtopf. »A so a öde Gegend da, Frau Wachtler, i sag' Ihna, was mein' Mann ein'gfall'n is, daß mir uns daher hab'n ziag'n müassen? Jetzt kann i allweil a halbe Stund um's Bier laufen. Das G'wascht in die Flaschen, was der Greisler hat, trinkt er net, er will überhaupt nur a Lager und umadum is ka urnd'lichs Wirtshaus.« »Bei d'r Mülli hams grad ah dasselbe. Um Ihna teures Geld kriag'n S' nix, wia a G'schlader. Freili für dös G'lumperthaus is all's guat, denkt si d'r Greisler. Was er bei der Bagaschi mit'n Aufschreib'n draufzahlt, solln mir eahm einbringen.« »Na, Franzerl,« wendete sie sich, als sie den Kleinen erblickte, an diesen, »auf wem wart'st denn?« »Am Herrn Brenner, er holt m'r a Brot vom Greisler außi. An ganzen Guld'n hat er mir g'schenkt, und der Herr da hat m'r a was geb'n,« sagte der Bub im Überquellen der Dankbarkeit und Freude über so außerordentliche Freigebigkeit. »So? Na, da hat's der Herr Brenner, wann er 21 so mit dö Guld'n umhau'n kann. Sollt enker Voda liaber hamkumma und net sein Geld beim Branntweiner versauf'n.« Obwohl beide Frauen angelegentlich den andern Wohltäter Franzls gemustert hatten, fiel ihnen nicht ein, mit einem Worte seiner Güte für das unschuldige Kind zu gedenken. Sie ahnten offenbar nicht das Verletzende ihrer Rede in Gegenwart eines Menschen, der sich derselben Offenbarung eines mitleidsvollen Herzens schuldig gemacht, wie derjenige, dem ihre absprechende Äußerung galt. »Da plagt si so a junger Mensch die ganze Woch'n,« nahm die Frau mit dem Bierkrug in unerbetener Vertretung fremder Interessen das Wort, »und dann unterstützt er d'Faulheit und dö Lumperei von an Falotten, der selber für seine Leut' sorg'n sollt'. I sag' Ihner, das wird ka guats End mit dem Fischer nehmen. Soll aner ka Famüli gründen, der s' net derhalten kann oder will. Mein Gott und Herr! Da kunnt' unseraner net gnua tuan, wann m'r für so Leut' ah no sorg'n sollt'. Unseraner muaß sie's ah einteil'n. No adje, Frau Wachtler, mein Alter wart't schon auf sein Bier.« »Adje, Frau Zlamal!« Im selben Augenblicke trat der für sein Samariterwerk so wenig Bedankte mit einem mächtigen Laib Brot aus dem Laden. »Da hast a Brot, Franzerl, und an Butter. Da nimm das Geld, was übriblieb'n is. Und wann bei enk d'r Hunger wieder anmal z'groß is, geh nur zum Greisler. Auf a paar Laberln wird's eahm net ankumma, so weit hab' i schon g'redt. Servas!« »Da hab' i no was von dem Herrn«, sagte Franzerl 22 schüchtern und wies auf der flachen Hand die paar Silberstücke vor. »So? Da hast ja heut' dein' Geldtag. Und hast di schon schön bedankt?« »Na,« gestand der Kleine, »i hab' mi net traut.« Die beiden jungen Leute lachten. »So bedank di halt jetzt und tummel di zu der Muatta.« »I dank' schön«, flüsterte Franzl. »Ist schon gut, mein Kind. Werde nur recht brav!« sagte der fremde Wohltäter. Der Dank für den jungen Arbeiter bestand in keinem Worte, aber Kinderaugen sprechen deutlicher als der beredste Mund. Die jungen Männer traten ins Haus und erklommen den dritten Stock, der heute gemeiniglich ein viertes oder fünftes Stockwerk ist. – Mittlerweile harrte Frau Ernestine Ambros schon seit reichlich einer Stunde in der kleinen Küche und lugte hinter dem Vorhange des Fensters auf den Gang hinaus. Die Ambros war die Wohnungsgeberin Anton Brenners, der sich als »Kammerherr« deklarieren konnte, im Gegensatze zu der überwiegenden Mehrzahl seiner Arbeitsgenossen, die nur »Bettgeher« waren. Heute sollte er mit seinem Vetter erscheinen, der von nun ab auch sein Wohnungsgenosse wurde. Dieser Verwandte war Student, und schon der Titel eines solchen verlieh ihm das Anrecht auf weitgehendere Neugierde und Teilnahme, als sie sonst einem neuen Einmieter entgegengebracht worden wäre. Dem seltenen Ereignisse entsprechend war die ganze Wohnung in einen viel 23 netteren Zustand versetzt worden, als zu gewöhnlichen Zeiten. Auch das Äußere der noch jungen, begehrenswerten Witwe, der Delila des Hauses, hatte eine Umwandlung erfahren. Hübsche Frauen vertragen gewöhnlich das Odium einer gewissen Schlampigkeit. Man zürnt manchmal gar nicht einem abgesprungenen Knopf, einem aufgerissenen Hemde, wenn diese Defekte der Kleidung eine frische weiße Haut zum Vorschein bringen. In diesem Sinne kam die Ambros den Ansprüchen schönheitslüsterner Augen oftmals zu sehr entgegen. Sie hatte Anlaß zu vermuten, daß der junge Student ein hübscher gebildeter Mensch sei. Gewisse Titel und Beschäftigungen decken sich immer auch mit einem gewissen Bilde. Aristokraten besitzen stets eine lässige, zierliche Vornehmheit, Studenten sind muntere, lockere Sausewinde, die das Zinsquartal nicht respektieren und denen man trotz aller übermütigen Streiche nicht böse sein kann. Daß sich ein Arbeiter einer Manikure anvertrauen könnte, würde niemandem auch nur im Schlafe einfallen. Kurz, Frau Ambros träumte von einem großen, flaumbärtigen, flotten jungen Mann mit lachenden Augen und burschikosen Manieren. Jetzt näherten sich Schritte. Zweimal ließ sie die Ankommenden klopfen und einmal anläuten. Als sie öffnete, tat sie dies mit dem Gehaben einer Frau, die in dringlichen häuslichen Arbeiten gestört wurde. Delila hatte aber auch diesmal nicht verabsäumt, ihrer häuslichen Tracht jene Korrektur zu verleihen, die geeignet ist, 24 Männer mit Entzücken für ein gewisses Derangement zu erfüllen. Die junge Frau ließ diesmal viel weniger sehn, als ersehnen. Beinahe enttäuscht schloß sie hinter den Eingetretenen die Türe. Anton Brenner hatte kurz und abweisend gegrüßt. Der Andere – mein Gott! wo blieb das Studentenideal? – ließ einen Blick an der Erwartenden haften und nach einem gleichfalls kurzen, fast schüchternen Gruß verfügte er sich mit seinem Verwandten durch das Wohnzimmer der Ambros in das Kabinett. Darin angelangt, ließ vor allem Anton einen erstaunten Umblick über die neue Ordnung gleiten. Alles nett und sauber, einmal seinen Anforderungen entsprechend, wirkliche Ordnung. Der Begleiter wiederum vergewisserte sich, daß das Fenster des kleinen Raumes eine unbegrenzte Aussicht ins Freie bot, und er richtete sich in Gedanken blitzschnell in seinem künftigen Heime ein. Die Türwand verschaffte günstigen Raum zur Anbringung eines Schreibtisches, die entgegengesetzte zum Aufhängen eines Bücherregals. Mehr hatte Ludwig nicht erwartet und erhofft. Er betrachtete seinen künftigen Wohnraum mit dem Ausdruck des Behagens, das jedermann empfindet, der seine Erwartungen erfüllt oder übertroffen sieht. Von früheren Studiengenossen, die schon die Universität bezogen, hatte der junge Provinziale die denkbar schlechtesten Schilderungen über Wiener Wohnungsverhältnisse erhalten. Finstere, ungemütliche Häuser – turmartiger Aufstieg – trostlos dunkle, zellenartige Zimmer – mit der Aussicht in einen trübseligen Hof – so hatte sich seiner Phantasie ein künftiger Aufenthalt in der Reichshauptstadt eingeprägt. Wie angenehm jedoch mutete ihn sein neues Heim an. Kein Wunder. Ludwig hatte sich nicht im Quartier latin eingemietet, sondern im zehnten Bezirke, fast mitten unter Feldern. Den Ausblick aus seinem Kabinettfenster begrenzte keine Hofmauer, sondern weit über den Laaerberg hinaus konnte sein Blick die weite grüne Natur überfliegen. Und wie bei unserem Eintritt in neue Verhältnisse oft verschiedene Dinge zu einem harmonischen Ganzen verfließen, so hatte auch auf Ludwigs Empfinden die junge, hübsche Frau mit ihrem prachtvollen Blondhaar im Vereine mit dem freundlichen, sonnigen Eindruck seines nunmehrigen Wohnortes ein Gefühl freudigen Behagens erzeugt. Anton hatte mit sichtlicher Genugtuung bemerkt, wie vorteilhaft sein Stübchen auf den Studenten wirkte. Mit Stolz wies er auf die armseligen Schätze der Einrichtung, Überbleibsel aus der ehemaligen einfachen Elternwohnung. »Alsdann, jetzt mach m'r uns z'erst kommod. Dann werd'n m'r was essen und trinken.« »Was das Essen anbelangt, so habe ich hier im Koffer Schinken und Bäckerei und Verschiedenes.« »Is recht. Dann laß i was zum trinken hol'n. Willst Bier oder Wein?« »Eigentlich bin ich weder das eine, noch das andere gewohnt. Es ist mir daher ganz gleich.« »So soll uns die Ambros an Wein hol'n.« Anton ging hinaus, um der Frau den Auftrag zu geben. Er fand sie schmollend und unzufrieden in der Küche. »Weil's wahr is, dürft' i der Neam'nd sein. Es war do a G'hörtsi g'wesen, daß d' mi eahm vorstellst.« Anton fuhr sie barsch an. »Hör mir mit dö Dummheiten auf. Und wann i d'r glei an Rat geb'n kann, den 26 Menschen laß in Ruah! Der hat andre Sach'n z'denken, als si von dir 'n Kopf verruck'n z'lassen. Jetzt geh, nimm an Kruag und tummel di. Teller, Gläser und Eßzeug trag' schon i derweil hinein.« Die Frau gehorchte, wenn auch noch immer maulend und unwillig. Anton suchte in der Küche Eßgeschirr und Trinkgläser zusammen und kehrte zu Ludwig zurück, der mit dem Auspacken seines Handkofferchens beschäftigt war. Ein halber Schinken, ein halber Laib Brot, einige »Wuchteln«, »Gollatschen«, dann Äpfel und Nüsse wanderten ans Tageslicht. »Du siehst, wie Mutter um mich besorgt war,« sagte der junge Mann lächelnd. »Da kann m'r si's schon guat g'scheg'n lassen,« gab der andere heiter zurück, »den ersten Abend in Wean muaßt a bißl einweich'n.« Anton deckte den kleinen Tisch, ordnete die Eßwaren und die beiden begannen zu essen. Als diese Tätigkeit beendet, zündete sich Anton eine»Sport« an. Dann erzählten sich beide von ihren Verhältnissen. Die Vettern hatten einander bisher noch nicht persönlich gekannt. Ludwig, der als armer Stipendist und Freitischler in seiner Vaterstadt das Gymnasium absolviert, mußte, um die Universität der Residenz beziehen zu können, sich der größten Sparsamkeit befleißen. Seine Mutter, eine Wäscherin, hatte mit vieler Zähigkeit und einem großen Talente Leute für ihren Sohn zu interessieren gewußt und es erreicht, diesen einem Handwerk zu entreißen. Ihrer Schwester (Antons Mutter) entgegengesetzt, besaß sie einen energischen Charakter und die arme Witwe, die für sich und ihr Kind durch Waschen in den 27 Häusern sorgen mußte, tat an diesem mehr, als viele bessersituierte Eltern es imstande gewesen wären. Nun es hieß, in Wien das angefangene Studium zu vollenden, stand Ludwig ganz auf sich allein angewiesen. Er hatte Empfehlungen an verschiedene Persönlichkeiten, mochten sie ihm nun durch Zuweisung von Lektionen oder Freitischplätzen nützlich werden. Tante Anna hatte sich auch ihres Neffen in Wien erinnert und ihn gebeten, seine Wohnung mit ihrem Sohn zu teilen. Anton war ohne Besinnen auf die Bitte eingegangen. Damit war Ludwig wenigstens gegen die eine Eventualität geschützt, vielleicht gleich in den ersten Wochen, falls er keine Lektionen auftrieb, ohne Obdach zu sein. Der Sparpfennig der Mutter war sehr gering und es hieß haushalten, mit der Willenszähigkeit des armen Studenten. Jeder dieser jungen, einfachen Leute besaß eine rührende Verehrung für die Mutter. Der eine für die verstorbene, deren schlichte Güte und Sanftmut noch aus dem Grabe auf den Sohn fortwirkte. Der andere für die lebende, sorgende, tatkräftige, nur für ihr Kind bedachte. Das verband die in ihrem Äußern, in ihren Lebensbedingungen und Berufen so verschiedenen Männer. Mittlerweile war die Ambros mit dem Weinkruge zurückgekommen und stellte ihn mit einem gewissen Zögern auf den Tisch. Ludwig, der sich seiner Höflichkeitsverpflichtung gegen seine Hauswirtin bewußt wurde, bat sie, für sich auch ein Glas zu füllen und mit anzustoßen. Also folgte die Frau der Einladung und nahm sogar den angebotenen Platz. Die Gläser klangen zusammen. 28 »Auf an guaten Eingang ins neuche Leb'n. Hoch! Hoch! Hoch!« rief Anton. »Auf unsere neue Freundschaft und dein stetes Wohlergehen. Und Sie, Frau . . .« Ludwig zögerte. »Ambros, junger Herr. Also auf recht viel Glück in der Liab.« Anton blickte finster, Ludwig lächelte verlegen. » Das wird für sehr lange Zeit keine meiner Sorgen sein. Sagen Sie, auf ein glückliches Studium!« Jetzt hatte die Ambros Gelegenheit, den neuen Hausgenossen genauer ins Auge zu fassen. Sie konstatierte, daß er schöne warmbraune Augen, einen entzückenden Schnurrbart und blendend weiße Zähne besaß. Dazu bei viel Freundlichkeit ein gewisses Selbstbewußtsein, das die sonst kleine Gestalt größer erscheinen ließ. Sie war sich darüber im klaren, daß trotz Antons Verbot, ihre Absicht auf den jungen Mann zu richten, diese schon fest bestand. Und bei dem Gedanken lächelte sie leise, was ihr sehr gut stand und was auch Ludwig finden mochte. In dem Augenblicke, da er sie ansah, sah auch sie auf und wie es in solchen Fällen zu geschehen pflegt, erröteten sie heftig. »Er ist noch ein sehr unschuldiger Mensch,« sagte sich das Weib. »Sie scheint sehr anständig zu sein,« sagte sich Ludwig. »Hübsch ist sie jedenfalls.« Anton war, wie aus dem kurzen, in der Küche abgemachten Dialog hervorgeht, der Geliebte seiner Quartiergeberin, wie bisher noch jedes männliche Wesen, das in der Wohnung der Ambros längeren oder kürzeren Aufenthalt genommen hatte. Aber schon zu Lebzeiten ihres Mannes, während einer 29 kurzen, nur dreijährigen Ehe, hatte es Frau Ernestine mit der ehelichen Treue nicht sehr ernst genommen. Sie war eines jener Geschöpfe, die von Sinnlichkeit und Liebebedürftigkeit gleichmäßig beherrscht werden und die nur ein unbestimmtes Gefühl der Ehrenhaftigkeit, auch besondere Umstände davor bewahren, ihre Liebe erkaufen zu lassen. Anton, im übrigen gegen die hübsche Witwe gleichgültig, fühlte sich nur aus einem Grunde zu ihr hingezogen, weil er sie noch aus seinen Knabenjahren kannte, und ihre Gegenwart ihn an eine Jugendgespielin erinnerte, an der er mit inniger, aber aussichtsloser Liebe hing. Seltsamerweise stieß ihn eine frappante Ähnlichkeit, die letztere mit der jungen Frau gemein hatte, mehr ab, als daß sie seine Zuneigung vergrößert hätte. Er konnte der Ambros diesen Umstand fast nicht verzeihen. Aber er war nicht umsonst zwanzig Jahre alt und der Wohngenoß eines hübschen, heißblütigen Weibes. In kurzem war er dessen Geliebter in dem Sinne, daß die Liebe an diesem Verhältnisse gar keinen Anteil hatte, bei dem männlichen Teile wenigstens, und nur die gewöhnliche Sinnenbefriedigung auf ihre Kosten kam. Im ganzen Hause galt jeder neue Bettgeher oder »Kammerherr« der Ambros als deren legitimer Geliebter. Man nahm das ohne Anstoß als ganz selbstverständlich hin. Zur Zeit war das Kabinett an Anton Brenner, das Zimmer an vier Bettgeher vermietet. – Ein junges Liebespaar, das sich »zusammengezogen« hatte und die Förmlichkeit eines kirchlich gesegneten Bundes für unbestimmte Zeit hinausschob, schlief in dem einen Bette rechts von der Eingangstüre. Der männliche Teil, ein Tapezierer, hatte aus Latten und Tapetenresten eine 30 spanische Wand verfertigt, gewissermaßen das Feigenblatt der Illegitimität. Im Falle einer Verehelichung wäre das Ganze unnötig geworden. Sicher ist, daß das Papiergerüste auf keinen Fall mehr eine Nachfolgerin erhalten wird. Das Gewohnheitsrecht ersetzt die Legitimität. Der dritte Bettgeher war der fidele Volkssänger Huxtl. Dieser, der oft genug Tag und Nacht durchschwärmte, aber niemals vor zwei Uhr früh nach Hause kam und bis gegen Mittag oder auch länger schlief, hatte sich seinen Schlafraum gleichfalls partikuliert. Er schuf sich eine Abteilung mittels eines alten, großen Stehspiegels, wenn von einem Spiegel gesprochen werden konnte, da jedes Splitterchen Glas schon längst verschwunden war. Bilder von Damen im Trikot, Photographien von Bühnenkünstlern und diverse Anschlagzettel schmückten die dem Bette zugewendete Seite des Toilettmöbels, das einen ziemlichen Teil des keuschen Junggesellenlagers verdeckte. Als vierter Zimmerbewohner, resp. Bewohnerin, hauste in unbestimmbaren Zeitläufen eine alte Krankenpflegerin. Ihr Bett befand sich auf der linken Langseite, dem des Volkssängers entgegengesetzt. Die Inhaberin der Wohnung selbst schlief in der Küche. Die friedliche Unterhaltung der drei Leute wurde plötzlich durch ein fürchterliches Geschrei und Geschimpfe, das vom Gange bis herein schallte, unterbrochen. Die Stimme einer keifenden Frauensperson übertönte das Gemurmel einer angesammelten Menge. »Was gibt's denn?« frug Anton. »Das is ja d'r Blaschkin ihr' Stimm'. Was hat denn dö Luftzauberin wieder?« Die Ambros eilte hinaus und kam gleich wieder mit der Botschaft zurück: 31 »Na denken S' Ihner (das Du-Wort galt nur unter vier Augen), d'r Polizeimann war da und hat d'r Blaschke amtlich mit'teilt, daß ihr Mann eing'spirrt is. Als a Bsoffener hat er 'n Wachmann um d'Erd g'haut, 'n Ringkrag'n aberg'rissen und g'schimpft. Jetzt macht die Blaschkin an Murdsbahöll und streit't mit 'n Wachmann.« Anton lachte. »Der war anmal g'scheit, der Blaschke. Kann a paar Monat' wenigstens a Ruah hab'n.« Das Geschrei der geifernden Megäre war ein derartiges, daß alle Leute aus den unteren Stockwerken emporgeeilt waren und nun erregt die Neuigkeit diskutierten. Auch die zwei Cousins traten in die Küche, um zu hören, wie die redegewaltige Nachbarin die Wortschlacht schlug. »B'suffene Sau, Lackl behmische, Haderlump, wann er hamkummt, kriegt er Futz'n, Hundling elendige. Und den gibte net, daß er bleibt einspirrt, wegen ane Rausch und weil Wachmann g'scherte, patscherte sich herumrafen mit so b'suffene, dumme Kedl. I werd' ich seg'n, i hau' ihnen Sauhütten z'samm und werd' mi selber Richter machen.« Der Wachmann hatte einige Male versucht, den Redestrom zu unterbrechen. Vergebens, er hätte ebensogut mit seinen Armen den Niagara aufzuhalten versuchen können. So entfernte er sich achselzuckend und frug eine der am Gange herumstehenden Frauen um den Namen Fischer. »Marrand Anna, Herr Wachmann, is der vielleicht ah . . .?« »'s wird so was sein«, brummte der. »Nur a bißl ärger. Also wo is sein' Familie?« »In Keller unten. Mein Gott und Herr, dös arme Weib, die armen Kinder!« Diese Nachricht hatte sich rasch herumgesprochen. Man bekümmerte sich um die schimpfende Frau Blaschke nimmer, 32 alles drängte dem Wachmanne nach, der sich zur Behausung der Fischerfamilie begab. In kurzer Zeit brachte die Ambros, die ebenfalls mit hinuntergeeilt war, die Nachricht zurück, daß Fischer, der Vater des kleinen Franzl, wegen schwerer körperlicher Verletzung eines Branntweinschenkers und anderer Exzesse dem Landesgerichte eingeliefert war. Anton war erschreckt aufgefahren: »Und was hat das arme Weib g'sagt?« »O du lieber Himmel, sie hat nur den Wachter ang'schaut und is wia a Stückl Holz umg'fall'n, ohne an Laut. Ja, wo woll'n S' denn hin?« frug sie Anton, der Miene machte fortzueilen. »Hinunter? Is eh das ganze Zimmer voll Leut'. I werd' schon frag'n gehn, wie's mit ihr steht. Da is der Wein.« »Is wahr, helfen kann i eahna nix. Laß m'r uns den Abend net verderb'n«. Aber ein über das anderemal murmelte er: »Dös Elend – dös Elend!« und er trank seinen Wein mit weit geringerem Behagen als einige Augenblicke zuvor. Nichtsdestoweniger kam nach kurzer Zeit die Unterhaltung der drei wieder instand. Ludwig bat die Ambros, die Unterbrechung als nicht geschehen zu betrachten und wie es schon kommt, daß bei gewissen, außergewöhnlichen Gelegenheiten selbst die Mäßigsten etwas des Guten zu viel tun, so ließ auch Anton eine nochmalige Auflage des, beiläufig erwähnt, nicht besonders feurigen Rebenblutes holen. Der junge Arbeiter sah mit einem Blicke, der Wehmut und Heiterkeit zugleich ausdrückte, in dem kleinen Raume umher. »Das erinnert mi heut an frühere Zeiten,« meinte 33 er. »Nur zwa fehl'n die ane kummt nimmer z'ruck und die andre . . . .« Er schloß mit einem leisen Seufzer. Und als wäre über diesen Punkt schon zu viel gesprochen gewesen, hüllte er sich in den Dampf seiner Zigarette und begann über die Ambros zu brummen, daß das »Weibsbild a Ewigkeit net mit den Wein kummt.« Endlich hörte man von der Küche her ihre Stimme und die lallende eines Mannes. »Mein Gott und Herr,« sagte die Ambros, »mit so an Rausch und dem Aufzug! Ja sag'n S' mir nur, schamen S' Ihner denn gar net? Zwa Nächt' drahn S' scho um, das is ja a Schand und Spott.« »Tinerl, stad sein – net schimpfen!« lallte die männliche Stimme, »jetzt leg' i mi – nieder und schlaf' – mi – mi aus. Heut – wird nix am Brettl – g'standen, der Huxtl mag net.« »Schauert liab aus, Sie und heunt am Brettl! Recht war's schon, daß Ihner alle Leut' secherten, was S' für a Lump als san.« »Tinerl – net – net schimpfen!« hörte man den Unglücklichen flehen. »A Gaudee war das, – ah! höcher geht's – nimmer. Denk – nur, in Tschickerl – ham s' richti arretiert – in Sim – Simmering, weil er – mit an Poli keck war – und an offnen Anspanner – an Spanner für a – Pissoir ang'schaut hat – haha!« »San S' stad, Sie ordinärer Mensch,« sagte die Ambros etwas gedämpft, »und leg'n S' Ihner anmal nieder. Hätten S' nur heut erlebt, was mit dem Saufen und Umdrahn berauskummt. Aber das war ja b'sunders heut zu an Stückl Holz g'redt.« »An Durst hätt' i, Tinerl . . .«, sagte die Stimme wieder, die, wie man ersieht, Herrn Huxtl angehörte. 34 »Draust is d' Bassena, wird Ihner guat tuan.« Man hörte nimmer, was Huxtl zu diesem demütigenden Vorschlage äußerte, denn die Ambros kam jetzt zur Tür herein und stellte den Wein auf den Tisch. Ihr Gesicht war vor Entrüstung und Verlegenheit gerötet, was ihre Reize nur erhöhte. Ludwig blickte sie und Anton fragend an. »Der Huxtl, a Volkssänger,« erläuterte Anton, »a fescher Kerl, aber a Drahrer wia's höcher nimmer geht. Zu d'r ganzen Welt segt er ›Du‹. Er schlaft im Zimmer draußt.« »I hatt' eahm schon kündigt,« schob die Ambros ein, »wann er net zu andrer Zeit so a liaber Kerl war. A so tuat er ah nix, wann ma si mit eahm net einlaßt, legt er si ruhig nieder und schlaft bis murg'n nachmittag.« Jetzt drang von draußen das Geräusch auf den Boden fallenden Schuhwerks herein, dann vernahm man einige Takte eines Liedes, jedenfalls als letzte Ausläufer der famosen Stimmung, die Herrn Huxtl seit mehr als achtundvierzig Stunden beherrscht hatte, und ein Gemurmel, das deutlich auf Tschickerl endigte. Die kleine Gesellschaft unterhielt sich noch ein wenig, bis der Wein getrunken war; und als die Ambros ihren neuen Mieter verließ, war sie überzeugt, noch keinen reizenderen Mann jemals kennen gelernt zu haben. 35   Drittes Kapitel. (Läßt uns in kurzen Zügen die Bewohner des Hauses Nr. 37 kennen lernen und handelt von Wohltätigkeit.) Es gibt Häuser, die ihre Schicksale haben wie die Menschen, Schicksale, die des Erinnerns wert sind. Man braucht nicht zu denken, daß ein hohes, ehrwürdiges Alter die conditio sine qua non ist, um erzählen zu können. Wie viele hochbetagte Menschen gibt es, deren Erlebnisse über eine glücklich temperierte Alltäglichkeit nicht hinausgehen und wie viele Kinder, deren kurzes Dasein schon eine Tragödie bildet von grauenvoller Größe. Das Haus Nummer 37, seinen Lebenstagen nach ein Wickelkind gegen viele seiner Genossen im großen Wien, hatte schon eine erkleckliche Anzahl von aufregenden Vorfällen zu erleben Gelegenheit gehabt. Schon, als noch nicht das Dach aufgesetzt war, mußte es sich gefallen lassen, daß dem ersten Stock einige Dippelbäume entfernt und durch neue, bessere ersetzt wurden. Dann stürzte ein Teil des Gerüstes ein und begrub drei Maurer. Später gab die Stiege nach und erschlug einen armen, mit seinem Frühstück beschäftigten Bauwächter. Drei Zimmermalermeister hatten einer nach dem andern ihre Kunstfertigkeit versucht. Der letzte hatte nach hoffnungslosem Bemühen, auch nur einen Kreuzer Geld zu erlangen, wie die zwei andern die Arbeit eingestellt und großmütigerweise die Ausfertigung der angefangenen Piecen einem eventuellen Nachfolger hinterlassen. 36 Ein Tischlermeister, der sein ganzes Vermögen in Holz und Arbeitslöhnen dem Neubau geopfert, hatte sich an dem Pfosten einer noch uneingemauerten Türe erhängt. Dann ruhte die Arbeitstätigkeit ein halbes Jahr, bis wieder angefangen und ohne sonderliche Beschleunigung, aber auch ohne weitere Zwischenfälle das Haus fertig gebaut und zum Vermieten tauglich gemacht wurde. Jetzt stand es stattlich da mit seinem Mezzanin und drei Stockwerken und hatte bisher noch keinerlei Reparatur bedurft, trotzdem es schon länger als ein halbes Jahr bewohnt war. Im dritten Stockwerke wohnte außer der Ambros und dem schon bekannten Blaschke noch ein Stückschneider samt Frau und biblischer Kinderzahl. Das kleine Gangkabinett war an ein altes Ehepaar vermietet, das bei Tage Lumpen sammelte und trank und abends raufte. Die vierte Wohnung hatte ein Drechsler inne, der seine Werkstätte am Küchenfenster aufgeschlagen. Zu beschreiben, wer außer ihm und seiner Frau die Wohnung noch bewohnte, ist unmöglich. Man kann getrost annehmen, daß er es manchmal selbst nicht wußte. Seine beiden Appartements, Zimmer und Küche, bildeten ein wahres Bienenhaus, oder besser gesagt, ein Rattennest. Jede Woche neue Bettgeher und Bettmädchen. Wohngenossen, deren polizeiliche Anmeldung meistens unterlassen wurde, da dies gar nicht der Mühe wert war. Den ganzen Tag wurde gekocht, gelärmt, getanzt, gesungen und wenn die Türe sich zeitweise öffnete, quoll dem eben Vorübergehenden eine Flut von übeln Gerüchen und ohrzerreißenden Tönen entgegen, daß man sich am liebsten Nasen und Ohren zugleich verhalten hätte. Das zweite Stockwerk hätte beinahe etwas Patrizisches gehabt, wäre dieser Eindruck nicht durch 37 eine Partei gestört worden, deren Einzug selbst in diesem Hause Sensation erregte. Die »Einrichtung« bestand aus einem bettähnlichen Gestell, vier oder fünf Strohsäcken und einer einstmaligen Kommode. Die Partei setzte sich aus zehn oder zwölf Personen, Männern, Weibern, Kindern, zusammen, und verlieh dem ganzen Gange augenblicklich ein fast italienisches Gepräge. Alle Vorgänge spielten unter den Augen der Öffentlichkeit. Der Korridor wurde förmlich mit der Wohnung vermählt und die Wohntüre schien das überflüssigste Ding der Welt. Das ganze Konglomerat bildete eine Familie; doch die Verwandtschaftsgrade waren nicht zu ermitteln. Es schien, daß eigentlich niemand zum andern in streng verwandtschaftlichem Verhältnisse stehe, mit Ausnahme eines Ehepaares samt Kind. Ob jedoch ein wirklicher Ehebund vorlag, wußte keine Seele. Die Beteiligten wollten es glauben machen. Aus all den Originalköpfen dieses Clans ragte besonders einer hervor, der des Herrn »Kapral.« Er behauptet, vor Jahren Korporal gewesen zu sein und schätzte diese Stufenleiter der militärischen Hierarchie so hoch ein, als dürfte er General gewesen sein. Zum Beweise seines einstigen Befehlshabergrades trug er eine alte, verschossene Militärmütze. Einige Parteien behaupteten einmütig, den »Kapral« eines Tages vollkommen – nüchtern gesehen zu haben. Da die Aussage dieser streng moralischen Leute nicht in Zweifel gezogen werden kann, mag sie als geschichtlich erwiesene Bestätigung eines abnormalen Zustandes des Korporals gelten. Das erste Stockwerk war (wie das zweite mit erwähnter Ausnahme) vollkommen farblos. Lauter Parteien, die den »Zins« als Heiligtum erklärten. Brave Arbeiter, die zur Bestreitung der Mietskosten ebenfalls einige Aftermieter hielten. 38 Das Mezzanin war leer. Es war zur dereinstigen Aufnahme von Geschäftsräumen bestimmt, und verlangte kein Trockenwohnen . Das Souterrain, vielmehr Keller, enthielt einen einzigen Wohnraum. Er war durch einen weißgetünchten Vorplatz vom Zugange zu den eigentlichen Kellerräumen geschieden. Die Fenster gingen auf die Straße. Es waren jedoch nur zwei verglaste Öffnungen, an Größe den üblichen Kellerfenstern gleich. Hier hauste die Familie Fischer. – – – – – Anton verabsäumte am nächsten Morgen nicht, sich um seine Schützlinge zu bekümmern. Noch bevor er zur Arbeit ging, suchte er, mit dem Überrest des Schinkens, den Bäckereien und dem Obst versehen, die arme Frau heim. Als er eintrat, fand er sie auf einem Schemel sitzend vor dem einzigen Bette, in dem noch die Kinder schliefen. Ein Blick genügte, um die ganze jämmerliche Besitzlosigkeit, das ganze trostlose, niederdrückende Elend dieser Behausung zu konstatieren. Die geweißten Wände zeigten große, dunkle Flecken: die Feuchtigkeit, die unablässig den Mörtel durchdrang und dem Raum eine dumpfe, dunstige Atmosphäre verlieh. Es war, wie gesagt, nur ein Bett vorhanden. Ein anderes Lager war auf rohen, zusammengestellten Kisten errichtet und mit den verschiedenartigsten Lumpen bedeckt, die nur sehr notdürftig die lose Strohlage verhüllten. Ein wackliger Tisch, der jedoch noch auf bessere Zeiten hindeutete, die er in irgendeinem Bürgerhaus gesehen haben mochte, ein ebensolcher Stuhl und ein Küchenstockerl waren im Verein mit den erstbeschriebenen »Möbelstücken« die ganze Ausstattung des Zimmers. Ein Ofen fehlte ganz, und wäre der unnötigste 39 Einrichtungsgegenstand gewesen, da er auch nicht das mindeste Stückchen Kohle als Fütterung erhalten hätte. Anton war von öfteren Besuchen her dieses Bild gewohnt und dennoch griff ihm der Anblick desselben heute stärker ans Herz als sonst. Er verglich die unbekümmerte, lachende Armut der Familie des Kapral mit dem widerlichen, faulenden, trostlosen Elend, das ihm hier entgegengrinste. Kein einziger Lichtblick in der öden Nacht der Verkommenheit. Nicht einmal der Anblick der Kinder gewährte ihn, wie sie so bleich und kränklich aneinandergeschmiegt dalagen. Und erst das unglückliche Weib, dem eine feiner organisierte Natur und schwächliche Gesundheit wehrten, die Schicksalsschläge mit tapferem Arm zu mildern. Baum und Blüten vom Verfall angenagt, jener siech bis ins Mark, diese welk und vertrocknet, und nicht bestimmt, zur reifen Frucht zu werden. Eine Weile stand Anton in den traurigen Anblick versunken da. Er vermeinte, die Frau wäre eingeschlafen. War dieses auch nicht der Fall gewesen, so mußte doch der Bann einer schläfrigen Müdigkeit auf ihr liegen, so daß sie dem Eintritte eines Fremden kein Interesse entgegenbrachte. Als sie den Blick auf den Besucher richtete, grüßte sie ihn mit einem flüchtigen, traurigen Lächeln und streckte ihm die magere Hand entgegen. Sie war dem Freunde dankbar um ihrer Kinder willen, die ohne seine bescheidene Hilfe manchen Abend öfter, als es ohnehin geschah, hätten hungrig zu Bette gehen müssen. Anton grüßte ebenfalls schweigend mit einem stummen Druck der Hand und legte die mitgebrachten Speisereste auf den Tisch. 40 »O, mein Gott, Herr Brenner, wia guat Sie san!« murmelte Frau Fischer. »Wia kann i Ihner denn danken?« »Von dem is ka Red. Aber mir scheint, Sie san die ganze Nacht so dag'sessen?« Als die Frau müde nickte, fuhr sie Anton unwillig an: »Das is a förmlichs Verbrechen, muaß i Ihner sag'n. Schon weg'n die Kinder. Wann Sie so forttan und über alles Ihner so alteriern, bleibn S' no anmal lieg'n, dann is 's Elend erst firti. San S' froh, wann S' anmal für a Zeit von dem Menschen derlöst san. Jetzt kann er Ihner und die Kinder nimmer malträtiern. Aber aus derer Lucken müassen S' anmal heraus, die is ja z'schlecht für an' Hund. – Nur net gar so nachgeb'n! Sie wissen, i man' Ihner's guat, mir derbarmen halt dö zwa Hascherln so viel.« Die Frau hatte ergeben, fast teilnahmslos zugehört. Ihre Gedanken schienen gar nicht in der Gegenwart zu sein. Sie flüsterte nur, als ob sie einen einzigen Sinn aus Antons Worten herausgelöst: »Der Mensch! der unglückselige Mensch!« »Ja, mein Gott, is denn schad' um eahm? Hungern hat er Ihner eh gnua lassen, das bißl, was er dann und wann hambracht hat, war fürs Leb'n z'weni, fürs Sterben z'viel. Und dö Marterei – i sag' Ihner, san S' froh. Sie werd'n Ihner do so halbwegs durchbringen, nur a bißl anpackn muaß m'r d'G'schicht' können.« »O, Herr Brenner, wann i arbeiten kunnt', glaub'n S', a Minuten hätt' i den Jammer mitg'macht? Na, na! Mir wär' nix z'wider g'wesen. Schaun S' die Arm' an,« sie zeigte ihm zwei Arme, die dürr und gebrechlich wie morsche Holzstücke aussahen, »schaun S' es an, horchen S', wann mi 's Huasten packt, schaun S' mir zua, wann i an Stock steig' – – – o du mein liaber, liaber Herrgott 41 im Himmel! Wann i allan wär', i fürchtet mi net der Sünd'n und machert a End.« »Schaun S', das hat gar kan Zweck. Sie san eb'n net allani. I wir nachdenk'n, vielleicht fallt m'r was ein, daß wenigstens für d' erste Zeit a Hülf is. Dö Leut' in den Haus können selber net viel tuan – no, mir werd'n ja seg'n.« Jetzt erwachte auch der kleine Franzerl und grüßte Anton mit einem freudigen Blick. »No, Franzerl, schon auf? Da schau am Tisch, was i enk bracht hab'. Es is eigentli von dem Herrn, der dir gestern schon das Geld geb'n hat. Jetzt schickt er euch das ah no. Und was macht denn 's Lintscherl?« Das Lintscherl, das noch schlief, war ein vierjähriges, kränkliches Mädchen mit gelbem Gesicht, scharfen Zügen und mit von der Rachitis verkrümmten Gliedmaßen. Gewöhnlich saß es teilnahmslos auf dem zerlumpten Lager oder von Franzl behütet auf einem Erdhaufen der »Wiese«. Das stärkt die Knochen, behaupteten alle Nachbarinnen. Kräftige Kost und eine gesunde Wohnung hätten diesen Dienst sicher besser verrichtet. Aber der Erdhaufen war umsonst, also mußte der genügen. Franzerl blickte, im Bette knieend, mit leuchtenden Augen auf die Schätze. Er hätte gerne gleich das Schwesterchen geweckt, was Anton jedoch verhinderte. »Net verzweifeln, Frau Fischer«, mahnte er dann nochmals, als er sich empfahl. »Es packt Ihner hart an, i six ja, aber denken S', daß S' für die Kinder da san, net für Ihner allan. Also adje.« Und im Hinaufschreiten murmelte er immer für sich hin: »Das Elend! das Elend! Wer kann da helfen?« Der junge Arbeiter war keineswegs eine sehr weichmütige 42 oder gar sentimentale Natur. Jedoch die herben Erinnerungen an eine in strenger Zucht verbrachte Kindheit meldeten sich, wenn er ein Kind leiden sah. Ein zuzeiten ungezügeltes, rohes, gewalttätiges Temperament, das Erbteil seines Vaters, vermochte nicht, die edelsten Regungen menschlichen Erbarmens zu ersticken. Er konnte im Zorne eine fast bestialische Roheit entwickeln, aber ein Blick aus einem kranken, verwelkten, grausam gezeichneten Kindesantlitz konnte ihn zur Weichmütigkeit besänftigen. Wie viel Menschenliebe war in diesem einsamen, verschlossenen Burschen aufgehäuft! Er blieb dem Hasse nichts schuldig, noch weniger der Liebe. In ihm waren Tugenden und Fehler der Eltern zu gleichen Teilen gemischt. Der heftig aufbrausende Jähzorn, die Härte des Vaters, verband sich mit der Weichheit und Güte der Mutter. Die Einsamkeit unter lauter ihm innerlich fremden Naturen prägte sich seinem Gehaben auf. Es lag etwas Verschlossenes, Hochfahrendes in seinem Wesen, das ihn keine Freundschaft erringen ließ. In der Werkstätte, wo er arbeitete, vermochten einmal vier Männer ihn kaum zu bändigen, als er sich auf einen Beleidiger werfen wollte. Der Mann wäre verloren gewesen. Eine unbedachte Neckerei hatte die Ursache abgegeben. Fischer haßte er aus tiefstem Grunde seines Herzens. Dieser mochte das stets gefühlt haben, denn der bei aller Brutalität dennoch feige Säufer hätte nie gewagt, eine Ursache zum Anbinden mit dem jungen, starken, durch keinerlei Laster geschwächten Arbeiter zu geben. Nichtsdestoweniger vergalt er den ihm entgegengebrachten Haß – an seinem Weibe, dem er, so absurd es in Anbetracht des frühgealterten, ausgemergelten Frauenkörpers scheinen mußte, unerlaubte Beziehungen zu dem 43 uneigennützigen Freunde vorwarf. In diesem dumpfen Grolle äußerte sich nichts als die berechtigte Scham über sein vertiertes Wesen, die er in keiner anderen Weise einzugestehen vermochte. Als Anton seinen Arbeitsort betrat, war er sich im klaren darüber, daß dreißig, vierzig, fünfzig Menschen mehr zu leisten im Stande seien, als einer, und wenn er sich noch so anstrengte. Er beschloß, unter seinen Arbeitskollegen eine Kollekte zu veranstalten. Es wurde schon bemerkt, daß sein einsames, verschlossenes Wesen ihn keine Freunde finden ließ. Dies gilt nur mit der Einschränkung, daß sich niemand an ihn intimer anschloß. Sonst jedoch brachte man Anton die Achtung entgegen, die seine Rechtlichkeit, Gutmütigkeit und Ruhe verdienten. Seiner wortkargen Art gelang es besser als der wortreichsten Rede, das Schicksal der drei Personen, seiner Schützlinge, zu illustrieren. Man warf ihm in den Hut nach Maßgabe des Könnens, des guten Herzens und der größeren oder geringeren Freigebigkeit, ohne Kollektebogen oder Bescheinigung zu verlangen, mit der festen Überzeugung, sein Geld für den geeignetsten Zweck dem geeignetsten Manne übergeben zu haben. Über Auftrag Antons hatte mittlerweile die Ambros im Hause den Appell an das »goldene Wienerherz« versucht. Man gab gern und wenig. Der letztere Umstand ist aber nicht geeignet, den Gebern zum Vorwurf zu gereichen. Die Frauen armer, schwergeplagter Fabriksarbeiter, deren kärgliches Wocheneinkommen den Verlust jeden Kreuzers fühlbar macht, konnten mit bestem Willen nur das Entbehrlichste aufwenden. Wie Frau Ambros Anton bei seiner Heimkehr erzählte, war die Familie des Kapral am eifrigsten bemüht, mit ihrem Scherflein Ehre einzulegen. 44 Der wackere Veteran selbst, der, mit der leeren Branntweinflasche im Rocksacke, im Begriffe war, das Haus zu verlassen, um eine neue Füllung zu besorgen, kämpfte einen schweren, jedoch kurzen und siegreichen Kampf mit seinem Gelüst, seufzte einmal tief auf und ließ das für seinen Lieblingstrunk bestimmte Geldstück in die Hand der Sammlerin gleiten. Wenn es wahr ist, daß jede gute Tat ihren Lohn findet, läßt sich vermuten, daß dem braven Kapral dieser noch am selben Abend ward und irgendein Wohltäter seiner Klasse die Stelle der belohnenden Gerechtigkeit vertrat. Denn abends kam der Kapral, dessen wahren Namen zu erforschen bis heute keiner Bemühung gelungen ist und wohl nie mehr gelingen wird, in einem Zustand nach Hause, der eheste Bettruhe als geeignetstes Mittel erscheinen ließ, dem aus den Fugen geratenen Gleichgewichte zu Hilfe zu kommen. Und noch diesen Abend sendete Anton den Ertrag seiner Bemühungen in das finstere, kalte Kellerloch. Als Franzerl das viele, viele Geld ersah und erfuhr, durch wen es geschickt sei, meinte er: »Sag', Mutter, wann i groß wir und brav und fleißig lerna tua, wir i ah so reich wia der Herr Brenner?« Anton traf bei seiner Heimkehr Ludwig mit dem Auspacken des eben angekommenen Koffers beschäftigt. Mit der ihm anerzogenen und natürlichen Korrektheit hatte der junge Student den Tag so gut als möglich benützt, einige Gänge verrichtet und sich so viel als möglich die Stadt angesehen. Voll Entzücken sprach er von dem Eindrucke, den diese auf ihn gemacht, so daß Anton ganz verwundert solchen Lobeserhebungen zuhörte. Ihm selbst mangelte, wenn nicht der Sinn, so doch die Erziehung, sich für Dinge zu 45 begeistern, die ihm als ganz selbstverständlich dünkten, weil sie einmal da waren, aber deren Schönheit ihn zu keinem weiteren Nachdenken veranlaßte. Es zeigte sich, daß er als richtiger Durchschnittswiener von den meisten Sehenswürdigkeiten gar keine Idee hatte. Sein Leben verfloß zwischen Arbeitsort und Heim, sogar die sonntägigen Spaziergänge erstreckten sich nicht sehr über den nächsten Umkreis des Bezirkes. Seine Ungeselligkeit vermied den Anschluß an irgendeine Gesellschaft, ja selbst an eine Person. Eine gewisse Ausnahme machte er nur Huxtl, dem liderlichen Volkssänger und Schwerenöter, gegenüber. So verschieden dessen Persönlichkeit und Anlagen von den seinen waren, so fühlte Anton dennoch eine fast freundschaftliche Zuneigung für den flotten Sohn der Volksmuse. Jeder Mensch erwartet ja instinktiv von einem andern die Ergänzung des eigenen Wesens. Auch war Huxtl in Antons Augen der Vertreter einer Kunst, die selbst zu dem Ungebildetsten spricht: der Kunst des Gesanges. Und was keiner vermocht hätte, den ernsten, pedantischen, nüchternem sparsamen Arbeiter zu bewegen, gelegentlich eine kleine Bierreise zu unternehmen, das gelang dem liebenswürdigen, leichtherzigen Wesen Huxtls. Daß in solcher Gesellschaft dem jungen Arbeiter keine höheren Anregungen geboten wurden, liegt auf der Hand. Mit dem schönen Eifer der Jugend und des angehenden Lehrers hatte Ludwig, nachdem er sich über die verwahrlosten Kenntnisse seines Verwandten klar geworden, beschlossen, in der grenzenlosen Wüste der Ungelehrtheit desselben einige grüne Oasen der Gelehrsamkeit anzulegen. Er ahnte in seinem edlen Bestreben keineswegs, daß er dem Freunde ein Leid angetan, dessen sich dieser 46 plötzlich mit aller Heftigkeit bewußt wurde. Wie im Leben es nur oft sehr geringfügiger Ursachen bedarf, um lange verborgen schlummernde Gaben plötzlich zu erwecken, so genügt oft die Helligkeit einer sekundengleichen Erleuchtung, uns über eine jahrelange Vernachlässigung einer Ausbildung klar zu werden. Anton erkannte mit erschreckender Deutlichkeit, was er geworden und was er bei einiger Anleitung hätte werden können. Wie, dem Sohne einer armen Wäscherin standen vermöge seiner Studien Wege offen, die der einfache Arbeiter nie zu betreten denken durfte? Zwei Dinge brachten somit sein sonst so ruhiges, teilnahmsloses Leben in Schwankung. Die Liebe zu seinem Jugendideal, die bisher etwas Schwärmerisches, Resigniertes besaß, erhielt eine unangenehme Ergänzung durch einen gleich in seinen Anfangsstadien verbitterten und fruchtlosen Ehrgeiz. Ludwig, der von den Gemütsbewegungen seines Cousins keine Ahnung hatte, verbreitete sich anschaulich über das Schaffen und Sorgen der ersten Zeit, bis seine Verhältnisse ins Gleichgewicht gekommen. Für heute beschäftigte er sich noch, die Vorbereitungen zu den morgigen Vorstellungen bei einigen hohen Gönnern zu treffen. Ein halb Dutzend Empfehlungsschreiben ordnete er nach ihrer Wichtigkeit und frug Anton um die verschiedenen Entfernungen der Bezirke von seinem Wohnort. »An Herrn Lazar Tänzinger, Hochwohlgeboren, in Wien, X, . . . . Straße Nr. 60,« las er laut eine Adresse. »Ein künftiger Gönner, auf den ich am meisten Wert lege. Ich wurde ihm durch den Kultusvorstand bei uns empfohlen. Er soll sehr reich und wohltätig sein,« fügte er erklärend hinzu. Anton, trotzdem er meistens ernst und verschlossen 47 erschien, hatte nichtsdestoweniger Sinn für Drastik. Daher lachte er jetzt wirklich sehr herzlich. »Was, der Tänzinger, der wamperte Jud, der kaner schreierten Katz was gibt? Mit sein' Branntwein richt' er den halberten Bezirk z'grund. Reich is er, da hast recht, aber a Wohltäter? – Wer is der Kultusvorstand? Ah richtig, die jüdischen Geistlichen, net? Na, das will i glaub'n. A Jud haßt den andern nur das Allerschönste. Der Tänzinger – habe die Ehre! Wannst di auf den verlaßt . . .« Der junge, enthusiastische, unerfahrene Provinzstudent war bei dieser Rede erblaßt. Er konnte den Worten seines Verwandten nicht mißtrauen, der doch wohl imstande war, eine Bezirksgröße, wenn auch nur vom Hörensagen, zu kennen. Auf seine weiteren dringenden Fragen wußte Anton nur von einem schmutzigen, geizigen, herzlosen, wucherischen Schnapsschenker zu erzählen, und machte ohne Willen dem Freunde die Hölle heiß. Mit bedeutend anderen Gefühlen als gestern legte sich der arme Ludwig heute zu Bette und fühlte eine Hoffnung zusammenbrechen, die er so fest gehegt, wie junge Leute nur eine Hoffnung hegen können. 48   Viertes Kapitel. (Zeigt Ludwig, daß der Teufel nie so schwarz ist als er geschildert wird, und läßt ihn eine Gönnerin finden.) Herr Lazar Tänzinger hatte mit der Frühpost einen Brief erhalten, dessen Inhalt er eben mit etwas mehr Interesse studierte, als es sonst vielen andern Briefen gegenüber der Fall war. Er enthielt die Schilderung eines jungen, hilfsbedürftigen Studenten, der sich seinerzeit, vielmehr ehestens, mit einem Empfehlungsschreiben vorstellen würde. Besondere Rücksichtnahme auf bewußten Jüngling anempfohlen. Herr Tänzinger sonderte den Begriff Rücksichtnahme in drei Kategorien: In Beziehung auf seinen Vorteil. In Beziehung auf den Kultus. In Beziehung auf seine verschiedenen Geschäftsfreunde (gewissermaßen schon in der ersten Kategorie enthalten). Der Brief schien auf den Empfänger einen günstigen Eindruck gemacht zu haben und offenbar streckte dieser die Persönlichkeit des ihm noch unbekannten Musensohnes auf das Prokrustesbett seiner Kategorisierung, denn etwas wie Befriedigung huschte über das Gesicht Herrn Tänzingers, als er das Schreiben in der Brusttasche seines schmierigen Rockes verbarg und dann mit der Rechten einige Kupfermünzen in Empfang nahm, die ihm eine Hand über die Barriere entgegenstreckte. 49 Wer Herr Tänzinger war? Ein Bezirkskrösus, wie schon einmal erwähnt wurde, Eigentümer einiger vierstöckiger Häuser, dreier in verschiedenen Bezirken zerstreuter Branntweingeschäfte, deren einem er persönlich vorstand, Aktionär einiger Unternehmungen und . . . die Art noch vieler anderer Geschäfte zu bestimmen, hätte nur er selbst vermocht oder irgendeine mit dem Buchfache vertraute Person, der er seine Bücher zur eingehenden Durchsicht vorgewiesen. Seine Tageszeit verbrachte Herr Tänzinger mit wenigen Ausnahmen von 5 Uhr morgens bis 10 Uhr abends in seinem Lokal. Zwei Aufwärter, die sich mit ihm in die Ehre teilten, sehr herabgekommenen Gentlemans Feuerwasser gegen schmierige Kupferstücke zu vertauschen, verdienten auf den Kreuzer so viel, als der Chef ihnen kontraktlich bewilligt hatte. Ob er sich scheinbar einem Schläfchen hingab, ob er mit Geschäftsleuten unterhandelte oder sich mit seinen Kunden herumstritt – »Vatta Danziger« oder »Vatta Tränzinger« , wie ihn letztere in einer Art Vertraulichkeit benannten, hatte seine Augen in jedem Winkel des Lokales. Es schien, als wären die Knöpfe und Nähte seiner Unaussprechlichen, seines Gilets, seiner Hemdärmel nichts als Augen, begabt, dicke Mauern zu durchdringen. Herr Lazar Tänzinger schwitzte förmlich Fett, Fusel, Geld, Bonhomie, Tätigkeit, Faulheit, Geifer, Wachsamkeit, Arroganz, Schmierigkeit, Behäbigkeit, Schlafsucht – kurz, er triefte von allem. Ein von einem halben Kreuzer begleitetes »Saujud« 50 quittierte er schmunzelnd. Einem von »gnä Herr« begleiteten Anbohrungsversuche in der Höhe desselben Betrages wußte er mit würdiger Verachtung zu begegnen. Schlägereien ereigneten sich in seinem Lokale nur selten. Auch dann konnten sie ihm weder persönlich noch pekuniär irgendwelchen Schaden zufügen. Eine fast mannshohe Barriere trennte ihn und die flüssigen Schätze von den verehrten Gästen, die durchwegs der Art waren, daß er keinem auch nur über den Weg getraut hätte. Kam es zeitweilig einmal zu einer Balgerei, so setzte es höchstens für die Beteiligten blutige Köpfe. Einem größeren Rummel machten die beiden kräftigen Aufwärter mit gelegentlicher polizeilicher Assistenz ein rasches Ende. Bei barer Bezahlung, dieser Punkt verstand sich von selbst, mochte der »Vatta« mit seinen »Kindern« manchmal recht angenehm plaudern, besonders wenn diese das gebrannte Wasser nicht schonten. Doch nie vergaß er seine Würde, wenn es sich darum handelte, die momentan günstige Stimmung für ein Gratisstamperl auszunützen. Stets stand ihm ein Heer ganz achtungswerter, freiwilliger Helfer zur Verfügung, wenn es Holz zu schneiden und in den Keller zu bringen, Gänge zu machen, Hofreinigen und dergleichen galt. Die Entlohnung all dieser freiwilligen Verrichtungen geschah in Form der bewußten, gebrannten Flüssigkeit, je nach dem Grade der Arbeitsleistung. So geschah es, daß Leute, die nicht »um die Burg« zu irgendwelcher Tätigkeit zu bewegen gewesen wären, sich für den zehnten Teil dessen mühten, was sie sonst bei halbwegs gutem Willen anderwärts in barem Gelde erhalten hätten. Ludwig hatte sich am nächsten Tage, nach einer von düsteren Träumen erfüllten Nacht, in seine besten Kleider geworfen, um mit viel Resignation und wenig Hoffnung 51 im Herzen dem Gefürchteten seine Aufwartung zu machen. Es läßt sich aus diesem Stimmungsumschwunge entnehmen, wie wenig dazu gehört, die Welt der Tatsachen mit einem Scheine zu erfüllen, der, von Tausender Herzen zurückgestrahlt, die Realität der Dinge gehörig verändern kann. Genug, Ludwig begab sich auf den Weg, in der festen Überzeugung, sich der Macht eines brutalen, wucherischen Tyrannen zu überantworten. Vor dem Hause Herrn Tänzingers angelangt, drang ihm aus der geöffneten Türe des Branntweinladens ein wüster Lärm und erstickender Fuselgeruch entgegen. Mit einem Blicke größten Abscheues eilte er daran vorüber in den Hausflur und stieg klopfenden Herzens die Stiege zu Herrn Tänzingers Privatwohnung empor, die eine leuchtende Messingtafel im Vestibül als im 1. Stock befindlich anzeigte. Vor der Türe hielt er einen Augenblick inne, strich sich mit der Hand über die Kleider, drehte seinen schön entwickelten Schnurrbart, klopfte mit dem Taschentuche seine Schuhe ab, dann läutete er beherzt an. Ein Dienstmädchen mit mehlbestaubten Händen und Gesicht vergewisserte sich erst durch einen Blick aus dem Guckerl über die Persönlichkeit des Besuchers, dann öffnete es und frug Ludwig, zwischen der Türe stehen bleibend und die Schnalle in der Hand behaltend, um sein Begehr. Ludwig frug um den Hausherrn. Ob er schon zu sprechen wäre. Die Maid grinste. »Schun? Ise schun seit fünf Uhr in G'schäft. Mussen S' abischau'n.« Da Anton bei Schilderung aller Schändlichkeiten Tänzingers den gänzlich unwichtigen Punkt vergessen hatte, daß dieser mit eigener Hand die Gläser fülle und kredenze, war Ludwig einigermaßen in Verlegenheit, wo er das Geschäft 52 zu suchen habe, dem Herr Tänzinger seit so früher Morgenstunde seine Tätigkeit widmete. Er erbat sich daher diesbezüglich nähere Auskünfte. »Alle wann S' vun Einfahrt gengens, rechts in Türl, in Branntweineg'schäft, sitzte unten und bediente durt Gäst. Fragen S' nur um Herrn, sitzte bei Budel am Eck, ganz hintere.« Diese unendlich einfache, sprachgerechte und mit einem stets vergnügter werdenden Grinsen seitens der mehlbestaubten Jungfrau vorgebrachte Auskunft hätte allein, ohne entsprechende Vorbereitung, genügt, den armen Petenten aus allen Himmeln zu stürzen. Dies war jedoch schon gestern in gründlicher Weise besorgt worden. Nichtsdestoweniger übte die Nachricht, daß der reiche Wohltäter (von noch gestern Nachmittag) in dieser abscheulichen Butike die Gäste bediene, noch niederschmetternde Wirkung genug aus. In seinem Geiste begannen die wirrsten Vorstellungen über seine künftigen Obliegenheiten Platz zu greifen. Er sah sich Ziffern schreibend, Flaschen schwenkend, Gläser füllend am Schankpulte und wurde am Ende des Monates mit einigen Kupfer- und Silberstücken aus der Schanklade entlohnt. Der arme Ludwig sah so verwirrt und geistesabwesend drein, daß das Dienstmädchen ebenfalls auf höchst abenteuerliche Vermutungen bezüglich des Geisteszustandes des vor der Tür Stehenden geriet. »Darf i net su lang uffnlassen,« sagte sie besorgt, »sunst krieg' i Schimpfens von Fraln.« Ludwig wollte sich mit einem kurzen Dank für die Auskunft entfernen, gleichzeitig den Vorsatz hegend, von ihr keinen Gebrauch zu machen, als aus der Mitteltür des Vorzimmers ein Mädchen gestürmt kam. »Agnes! Agnes!« 53 Die Kleine, dem Anscheine nach vierzehnjährig, obwohl in Wirklichkeit noch zwei Jahre dazu fehlten, erblickte den Besucher, der eben mit schwerem Herzen den Rückweg antreten wollte. »Agnes, was will der Herr?« »Waß i net, will mit gnä Herrn reden.« Ludwig fühlte sich veranlaßt, stehen zu bleiben und die junge Dame höflich zu grüßen. Diese fixierte ihn starr mit ihren großen brennenden Augen und mußte von dem Anblick des netten, bescheidenen, interessanten jungen Mannes befriedigt sein. »Sie wünschen mit Papa zu sprechen? Bitte, treten Sie gefälligst ein. – Agnes, gehen Sie in die Küche! – Was wünschen Sie von Papa? Er ist im Geschäfte, wissen Sie das wohl? – Agnes, warum gehorchen Sie nicht? Ich befahl Ihnen, in die Küche zu gehn.« »Darf i nit fremden Mannsbild hereinlassen, hat gnäHerr g'sagt,« murrte Agnes. »Agnes,« kreischte das kleine Fräulein in höchster Entrüstung, »Sie müssen immer widersprechen. Ich werde aber schon Papa sagen, wie ungehorsam Sie sind. Gehen Sie! gehen Sie . . . . .!« und sie stampfte wild mit dem Fuße auf den Boden. Das Mädchen entfernte sich brummend und achselzuckend und warf zur Beschwichtigung ihrer erregten Gefühle die Türe zu. »Sie verzeihen,« wandte sich die kleine, strenge Hausherrin wieder an Ludwig, »aber man muß sich mit den Dienstboten so ärgern. Was wünschen Sie von Papa?« Ludwig machte die Fragerin mit dem Zwecke seines Besuches bekannt. »Also empfohlen sind Sie Papa worden? Dann handelt 54 es sich um Waldemar, der einen Hauslehrer braucht. Papa hat in letzter Zeit schon einige Male davon gesprochen. Sie muß er nehmen,« entschied dann energisch das Fräulein. Ludwig wagte zu bemerken, daß dies wohl von der persönlichen Vorstellung bei Herrn Tänzinger abhängig sei, sprach aber nicht davon, wie nahe er daran war, von besagter Vorstellung ganz abzukommen. »O gewiß, Papa muß Ihnen die Stelle geben. Ich werde es ihm sagen.« Und ihre Augen funkelten Ludwig an, der mit einem Gemisch von Staunen und Bewunderung die kleine, herrische Person betrachtete. Schön war das Mädchen mit seinem prachtvollen Rothaar, dem tadellos weißen, schön geschnittenen Gesicht und den Augen, so schwarz und herausfordernd, daß sie imstande waren, andere zum Niederschlag zu zwingen. Ein Mund, kirschrot und voll, drückte so viel Energie und Verachtung jeglicher Autorität aus, daß man vermuten konnte, niemand habe bisher sich ihr zu widersetzen versucht, und allem Anscheine nach am wenigsten Papa selbst. »Sie gefallen mir sehr gut,« fuhr die Kleine fort, »mir gefallen hübsche, schwarze Männer überhaupt, wenn sie gut gekleidet sind und nicht nach Tabak riechen. Juden mag ich nicht – wirklich, ich mag sie nicht. Papa lacht zwar darüber, aber es ist mir ernst. Gehen Sie gleich hinunter und stellen Sie sich Papa vor. Bei Tische werde ich mit ihm reden, und wissen Sie, was ich will, das will er auch. Sie sind ein hübscher Mann, wissen Sie? Morgen werden Sie Waldemar auch sehen. Also gehen Sie nur!« Während der ganzen abgehaspelten Rede, die den jungen künftigen Hauslehrer fast betäubte ob ihres seltenen Freimutes, ihres herrischen Tones und der naiven Schmeicheleien, hatte die Kleine den dreisten, funkelnden Blick nicht 55 von ihm abgewandt. Selbst Ludwigs klares, ruhiges Auge vermochte ihm kaum zu begegnen. Andere würde die drollige Frechheit ergötzt haben, Ludwig aber fühlte etwas wie Abneigung gegen den rothaarigen Kobold, wie sehr sein Sinn für Schönheit auch durch ihn gefesselt wurde. Er empfahl sich jetzt dem »Fräulein« und schritt die Stiege hinab, Herrn Tänzinger in seinem Geschäfte aufzusuchen. Als er die vom Hausflur dahin führende Tür geöffnet, tat er einen Schritt hinein und blieb dann stehen wie ein Mensch, der zum ersten Male die Dunstkammer eines Dampfbades betritt. Welch scheußliche Luft, welcher Gestank von Schnaps, Schmutz, schlechtem Tabak, welches Stimmengewirr, Getöse, welche Bäche Speichel auf dem Boden, kurz welch höllisches Chaos von Dingen, deren eines schon geeignet war zum Brechen zu reizen! Kopf an Kopf gedrängt standen die Menschen, die Bänke waren von Schlafenden okkupiert. Und an der schon geschilderten Barriere drängten sich die Gäste, in den erhobenen Händen die Gläser oder Flaschen, neue Füllung von den Schankknechten heischend, die wie gehetzt von einem Fasse zum andern rannten und deren jeder statt zwei, zehn Hände benötigt hätte. Ludwig stand da wie vor den Kopf geschlagen. Es war ihm unmöglich, sich auch nur annähernd den Ort denken zu können, an dem er den Inhaber dieser Höllenbutike erspähen konnte. Endlich lenkte er die Blicke eines noch nicht ordnungsgemäß betrunkenen Gentlemens auf sich. Der näherte sich ihm, nachdem er durch einige Püffe die Dazwischenstehenden auf die Seite gedrängt und grüßte höflich, indem er den Hut zog. 56 Ludwig dankte verlegen. Er fühlte sich so plötzlich in ein Milieu versetzt, welches er bisher nicht einmal vom Hörensagen kannte, daß er keinen Ton zu einer Anrede fand, um sich Auskunft zu erbitten, wo er den Inhaber dieses Etablissements zu sehen bekommen könne. Doch der andere eröffnete auf ungemein geschickte Weise die Konversation. »Geln S', Sö san net aus d'r Lepoldstadt?« Eine verneinende Kopfbewegung. »I hab' g'mant, i muaß Ihner schon wo g'seg'n hab'n. Kenna tan m'r uns b'stimmt, ober jetzt waß i faktisch net, wo i Ihner hintuan soll. Kummen S' epper zum Liachtblau?« Ludwig mußte sich zu dem Geständnis entschließen, weder Herrn Lichtblau, noch den Frager jemals getroffen noch gesehen zu haben. »Segn S', dann hab' i mi g'irrt. I bin sunst a taker Kerl, aber meiner Seel, Ihner hätt' i jetzt verkennt. Sie schaun so viel an' Bekannten von mir gleich.« Da eine solche Verwechslung höchstwahrscheinlich schien und eine andere Erklärung für den sonderbaren Irrtum sich nicht finden ließ, so würgte der an diesem Schuldtragende einige Laute hervor, die als Zustimmung gelten konnten. Tatsache war, daß sich Ludwig erbärmlich schlecht fühlte. Seine Nase remonstrierte ganz gewaltig gegen die ihr aufgedrungenen Zumutungen und verleitete auch den Magen zur Revolution. »Mir scheint gar, Ihner is schlecht,« nahm der neue Bekannte das Wort, offenbar froh, dem Gespräche eine Wendung gegeben zu haben, die sich ausnützen ließ. »Warten S', i wir Ihner glei was bringen, was Ihner hilft. Hab'n S' 57 vielleicht a Klangeld bei Ihner? Geb'n S' her, Sö werd'n seg'n, was für a Mischung i kenn'.« Ludwig hatte die Regung des Ekels doch mit Mühe niedergekämpft. Nase und Magen schienen mit ihrem Eigner Waffenstillstand geschlossen zu haben. Nichtsdestoweniger verlangte ihn bald hinaus. Er fand endlich soviel Worte, sein Begehren auszusprechen. »In Danzinger woll'n S' hab'n? Na, do kumman S'. Aber da brauchen S' an' wia i bin. Nehmen S' Ihner aber liaber a Sechserl außi, denn trinken müassen S' was, sunst schaut Ihner der wamperte Hundling net anmal an. Wann Sö nix trinken, so geb'n S' es halt mir, nur daß dös Kind an Nam' hat,« schloß der Ratgeber und Führer treuherzig. Ludwig nahm mechanisch das verlangte Geldstück aus seiner Börse und reichte es seinem Geleitsmann. »Jetzt passen S' auf!« sagte der moderne Virgil, seinen Dante am Rockärmel packend. Mit dem freien Arm teilte er Stöße aus, packte einen oder den andern beim Rockkragen oder dem, was die Stelle eines solchen vertrat, und »tauchte« ihn zur Seite, fortwährend schreiend. »He, Platz. Platz! – Geh doni, g'scherter Henkl ! – Wimmerl, hülf m'r, daß i den Herrn durchbring', – Saubehm, hast kane Aug'n? – Halten S' Ihner an an mi! – G'flickter Kaleßpolster, geh doni, sag' ich d'r oder . . .!« Durch die Menge gezogen, die hinter ihm wieder zusammendrängte, am Rockärmel festgehalten, mit verschobener Krawatte, zerdrücktem Kragen und ins Genick verschobenem Hute, landete Ludwig mit seinem resoluten Führer an jener Stelle der Barriere, hinter welcher der Gesuchte thronte. »Vatta Danzinger, a Flaschl Rostopschin mit Rum. Oba vül Rum, für den Herrn da.« »Vatta« erkannte auf den ersten Blick, daß er eine zahlungsfähige Kundschaft vor sich habe, schenkte daher das Verlangte ein und stellte es vor Ludwig hin, der eine ablehnende Gebärde machte, die sein Begleiter als Aufforderung betrachtete, zuzulangen. »Soll'n leb'n! Auf Ihner G'sundheit!« sagte er und leerte die Flasche auf einen Zug. Dann war er plötzlich – verschwunden. »Fünf Kreuzer,« mahnte Herr Tänzinger den vermeintlichen Gast. »Ich habe ihm ja schon das Geld gegeben,« stammelte Ludwig, dem angst und bange wurde, dachte er an die Weise, wie er sich vorzustellen gezwungen war. »Hm! Das ist möglich,« sagte der Geschäftsmann gleichmütig, »der hat Sie beschwindelt. Müssen eben noch einmal zahlen.« Die Umstehenden lachten vor Vergnügen über den guten Witz. »D'r Kanal-Poldl is do a Hundling,« meinte einer anerkennend. Selbst »Vatta« schmunzelte. Er kannte seine Kinder. Da war ein Grüner hineingefallen. Ludwig war flammend rot vor Beschämung, diesen Leuten als Zielscheibe ihrer Heiterkeitsausbrüche zu dienen. Er entnahm seiner Börse das Geld und legte es auf das als Pult dienende Brett, das die Barriere nach oben abschloß. »Wie kommen Sie dazu, sich von dem Menschen betrügen zu lassen? Kennen Sie ihn?« Ludwig faßte Mut. »Er hat sich nur angeboten, mich zu Ihnen zu führen,« 59 sagte er, gleichzeitig zog er sein Empfehlungsschreiben aus der Tasche und reichte es Herrn Tänzinger. Der nahm den Brief entgegen, erbrach ihn und kaum hatte er einen Blick in den Inhalt getan, als er die Durchgangstüre des Schankpultes öffnete und den Studenten in den abgetrennten Raum ließ. »Da sind Sie in die richtigen Hände gekommen,« meinte er, »und ist nur ein Gottswunder, daß Sie noch haben Ihre Börse. Sie hätten müssen vom Gange hereingehen, aber das konnten Sie nicht wissen. Jakob!« wandte er sich zu einem der Aufwärter, diesen durch eine Geste auf einen baumlangen Slowaken aufmerksam machend, der mit unermüdlicher Beharrlichkeit eine voluminöse Flasche emporhielt und dabei rief: » Um desset Kraizari Palinka, prossim, desset Kraizari .« »Schauen Sie doch auf die Gäste. An was denken Sie nur?« Der Getadelte beeilte sich, dem stets sein desset Kraizari Singenden die Flasche abzunehmen und zu füllen, währenddessen die Augen Tänzingers halb auf dem in seiner Hand befindlichen Brief, halb auf einem Manne ruhten, der sich mit dem andern Aufwärter herumzankte, weil ihm ein halber Kreuzer fehlte und er deshalb nichts eingeschenkt bekam. »Geben Se ihm nix!« rief er zu den Streitenden hinüber, »wenn er hat kein Geld, soll er nach Haus gehn.« Der Mann rief etwas herüber. »Nix, Nix!« wiederholte Herr Tänzinger, »keinen halben Kreuzer. Er soll später kommen, bis er ihn hat zusammengebettelt.« Dann nahm er endgültig das Schreiben vor und vertiefte sich angelegentlich in dessen Inhalt, den er, wie der Anfang des Kapitels beweist, schon genau genug kannte. 60 Man darf deshalb nicht versucht sein zu glauben, daß diese Beschäftigung all seine Geisteskräfte während der Dauer der Lektüre vollständig absorbiert hätte. Unter den stets gesenkten Lidern, die dem ganzen Gesicht den Ausdruck einer immerwährenden Schläfrigkeit gaben, wie denn das ganze Gehaben und die langsame, geifernde Sprechweise Tänzingers ihm den Habitus des Faulen, des Schläfrigen verliehen, lugten nichtsdestoweniger die Augen mit nie ermattender Schärfe in dem ganzen Raume umher. Wie jeder Despot, jeder Schmutzian und jeder Ausbeuter stets Kreaturen besitzt, die trotz der vollständigen Aussichtslosigkeit ihrer Speichelleckerei eine Art Ehrengarde bilden, und unbekümmert um Fußtritte und Angespieenwerden in feiger, kriechender Aufdringlichkeit sich um den jeweiligen Machtmenschen sammeln, so fand auch Tänzinger in den ihn Umlagernden eine unerbetene Schutzwache. »Geht's, halt's d'Goschen da hinten, wann aner lest! Macht's kan so an Wirbl! Wia soll denn nur aner was verstehn bei dem Krawall?« In dieser Art bemühten sich diese Wackeren ein gänzlich unfruchtbares Wohlwollen des Lesenden für ihre armselige Persönlichkeit wachzurufen, obgleich sie im nächsten Augenblick, wenn es unbeachtet geschehen konnte, bereit gewesen wären, ihre Zähne in die Waden desjenigen zu schlagen, um dessen Zufriedenheit sie sich jetzt so ergebenst bewarben. Für diesen selbst waren die Ehrenmänner weder im Sinne der Schmeichelei noch der Gefährlichkeit vorhanden. Nur Bargeld mußten sie haben. Jetzt drängte ein neuer Besucher herzu, ein Mann mit weißen Janker (der ließ nämlich die ursprüngliche Farbe vermuten), einem grünlichgrauen Hut (Form ebenso undefinierbar wie Farbe), einem Flinserl im Ohr und einem strickartig gedrehten Halstuch, dessen Knoten 61 und flatternde Enden die rechte Halsseite schmückten. Gesicht blatternarbig, Zähne braune Stumpfen, fehlendes Auge, rote Nase, fehlendes Fingerglied der Rechten, verkürzter Fuß. Das waren so gleich auf den ersten Blick die Merkmale dieser schönen Persönlichkeit. Als er an das Pult trat, verlangte er »an Kurn mit Rum um vieri«. Einer der Schankburschen brachte ihm das Gewünschte. Er leerte das Glas und sah den Lesenden. »Was lesen S' denn da Schön's, Vatta?« frug er mit einer weichen Vertraulichkeit, die der kindlichen Zärtlichkeit sehr nahe verwandt erschien. Keine Antwort selbstverständlich. »Mir scheint, da hab'n S' an schön Liabsbriaf kriagt, weil Ihner der Trenzerling gar so aus'n Mund rinnt. A Bild von an Mann san S' ja. Wann i a alte Jüdin mit neunz'g war, Ihner nehmert i glei.« Und höchlichst ergötzt animierte er mit einem Zwinkern des einzigen Auges die Umstehenden sich den Kundgebungen seines Humors anzuschließen. »Sö, Vatta, i wußt' Ihner ane, a Pracht von an Weib. No, es is wahr, d'Sparkassa hat's am Buckel und nur an Zahnd, aber keppeln kann s' damit mehr wia zehn andre. In Leb'n hat s' si no net die Füaß g'waschen, weil s' schon fünfundzwanz'g Jahr auf d'Fußwaschung wart't. 's Alter hätt s' schon, sie is grad in die besten Jahr. Wann s' a Kind mit Ihner kriagt, muß dös in a paar Jahrln ausschaun, wia die Miß Pastrana beim Präuscher in Prater.« Jetzt fing der Schäker an, die Geduld zu verlieren. Der Beifall, den er aus dem Gelächter Vereinzelter zu ziehen berechtigt war, genügte ihm noch nicht. Außerdem ärgerte ihn die verächtliche Ruhe, mit der ihn Tänzinger schwatzen ließ. 62 Dieser las den Brief offenbar nur deshalb so ruhig und aufmerksam, um ihn zu ärgern. »Kannst net reden, wamperter Saujud?« änderte er die anfänglich zärtliche, später neckende Tonart. »Alter Vitrioltandler, wann a Gast mit dir red't, so kannst do dein Gosch'n aufmachen.« Das wirkte für die übrigen schon belustigender. Am meisten unter allen lachte Ludwigs famoser Führer, der, durch die Heiterkeit der andern angelockt, sich wieder in die Nähe des Ortes wagte, den er vor kurzem so rasch zu verlassen Anlaß hatte. Es gelüstete ihn, auch seinen Senf dazuzugeben. »Geht's, laßt's 'hn! Wann er lest, kann er do net red'n, sunst müaßt' er d'Gluahn zuadrahn, und dann siecht er nix zun Les'n, dös müaßt's do einseg'n.« »Geh, Vatta, wannst a Stamperl herreibst, steck' i d'r zwa Spreizln unter d'Aug'n, daß d'r net zuafall'n,« meinte ein anderer. Noch einer: »A Knopf beim Hosentürl war g'scheiter. Paßt's auf, da werdt's anmal was fliag'n seg'n.« »Geh, Tepp! Seit wann fliag'n denn Regenwürm'?« Ein erschütterndes Gelächter sämtlicher »Herren« begleitete diesen Witz. Der»krumpe Seppl« oder »d' g'flickte Polizeipritsch'n« oder kurz gesagt, Josef Wimmer, der vorbeschriebene Ankömmling mit den verschiedenen Schönheitsmerkmalen, fuhr in erhöhter Stimmung fort: »Ans möcht' i wissen, wia si dö blade Mastsau dö Heahneraug'n schneid't?« »Und wiar ah zu seiner Kalle ins Bett kräult ?« 63 warf der schon wieder ganz couragiert gewordene Leitstern Ludwigs ein. Ein betrunkenes Weib, in einem Zustande, der baldige Mutterschaft verkündete, drängte nun herzu. »No, G'füllte, hast scho wieder dein Kitt'l ? Wann dös Kind net aus Rostopschin is und zum brenna anfangt, wann m'r d'r a Zündhölzl hinhalt, haß' i Feitl.« »Grauperter Hundling, wann's von dir war, müaßt's schon lang in d'Luft 'gangen sein. Aber du bringst eh kans mehr z'samm, Taub'nschnaster hatscherter. Wann dein Muatta g'wußt hätt', was s' für an Wechselbalg herumzahrt, hätt's di auf aner G'stätten verlurn. G'flickte Polizeipritsch'n, häng di auf!« »B'soffene Saug'stätten! Di und den wamperten Juden z'sammspirrn, daß's fangt, dös müaßt' a Zucht geb'n. Sag, wo hast d' den Bankerten z'sammklaubt? Der Mann muaß ah an Gusto g'habt hab'n, wia a Banlstierer oder Kanalrama.« »Schöner war er wia du. So ane, dö di möcht', möcht' i kinna. D'r Graus'n kunnt an ankumma. Du g'hörerst ins Museum zu dö Mißgeburt'n!« Ludwig hatte längst nimmer acht auf sich selbst, noch auf den seit kurzer Zeit wieder seinen Regalen zugewandten Hausherrn. Mit maßlosem Erstaunen hörte er diese Sammlung von Ekelhaftigkeiten an, aus dem Munde von Menschen kommend, wenigstens Geschöpfen, die dafür galten, aber in dem schauervollen Chaos von Fusel, Niedrigkeit, Unflätigkeit den letzten Rest ihrer armseligen Menschenwürde vollständig begraben hatten. 64 Und jenes Weib mit den gedunsenen Zügen, den verschwommenen, ausdruckslosen Augen, der zum Brechen reizenden Ausdünstung des ganzen verwahrlosten, lumpenbehangenen Körpers, dieser wie durch ein Wunder zusammengehaltene Moder – sollte in kurzer Zeit Mutter werden. Ließ sich dieser geheiligte Name in Zusammenhang mit einem solchen Scheusal bringen? Und wie vertiert, wie namenlos herabgesetzt noch unter dieses Weib mußte der Mann sein, der sich einem solchen Wesen mit einiger Neigung zu nähern vermocht hatte, daß sich die Sinnlichkeit nicht erbrach angesichts solcher Abscheulichkeit! Man kann es getrost verraten. Der Vater des zu erwartenden Kindes war niemand anderer, als der im Gefängnis sitzende Fischer. Wie er schon seinem Arrestgenossen gestanden, liebte er etwas zum »Anhalten«. Tänzinger hatte mit gutem Bedacht sich den Anschein gegeben, als lese er das Schreiben wie einer, der dessen Inhalt genau studiere. Dann tat er, als wäre dieser kein besonders dringlicher, für ihn wenigstens nicht, und andere kamen erst in zweiter Linie. Also hatte er sich mit Bedienung einiger Gäste zu tun gemacht. Obwohl er zur Aufnahme des Mentors seines hoffnungsvollen Sprößlings entschlossen war, bevor ersterer die empfehlenden Zeilen überreicht, fand der geriebene Geschäftsmann es geraten, seine Entschließung noch nicht dem harrenden Bewerber kund zu tun. Der junge Mann mußte auf diese Art belehrt werden, daß ihm mit seiner Akzeptierung ein Los zugefallen sei, das andere als den Inbegriff alles Erstrebenswerten gepriesen hätten. Zweitens wirkt ein kleinerer Gehalt, mit großer Geste bewilligt, in den Augen eines schüchternen, vielmehr 65 eingeschüchterten Menschen mehr als ein doppelt so großer, den man ohne bewußte Geste verleiht. Drittens wurde ihm vor Augen geführt, daß nur die Empfehlung seitens des Kultusvorstandes andere, qualifiziertere Bewerber aus dem Felde zu schlagen vermocht hatte. Herr Tänzinger ahnte zur Stunde noch nicht, welch mächtigen Protektor sich sein Hauslehrer ohne Absicht errungen. Dieser selbst gab auf das Gerede eines verzogenen, verwöhnten, herrischen Kindes auch nicht das geringste. Wie erstaunten daher beide, als plötzlich durch die Türe des Nebenraumes, der halb als Comptoir, halb als Magazin diente, das Mädchen hervorschoß und mit einer Flut von Worten den alten Herrn völlig wirblig machte. »Siehst du, Papa, ich habe es ja gewußt, daß du den Herrn aufnehmen würdest. Ich habe es ihm auch gleich versprochen (nicht wahr, mein Herr) aber ich wollte nicht erst bis zu Tische warten, um dich zu fragen. Waldemar weint und schreit jetzt oben, er wolle keinen Lehrer. Ich habe es ihm aber gezeigt. Papa, Waldemar benimmt sich ungezogen, daß es nimmer zum Aushalten ist. Auch Agnes will nicht gehorchen, wenn man ihr was sagt. Sie brummt immer nach; findest du nicht, Papa, daß der Herr was sehr Feines hat? Ich mag keine Leute, die nicht passend angezogen sind, auch dürfen sie nicht nach Tabak riechen. Du weißt, ich vertrage Tabakrauch nicht . . .« So ging es in abermals einem Atem ohne Absetzen, wobei es nur ganz wunderbar scheinen mußte, daß Fräulein Sidonie, welche keinen Tabakrauch zu vertragen vorgab, die verpestete Luft des Lokals so wenig zu verspüren schien, als befände sie sich in einem Laubwald. Herr Tänzinger warf auf den Schützling seines 66 Töchterchens einen fragenden Blick. Ludwig erklärte in kurzen Worten den Sachverhalt. »Wenn mein kleines Goldkind so auf Sie versessen ist, kommen Sie morgen nachmittags um drei Uhr in meine Wohnung, damit wir das Nähere besprechen. Nimmer da herein,« setzte er schmunzelnd hinzu. Dann nahm er eine Flasche herunter, schenkte ein Gläschen mit einer grünen Flüssigkeit voll und reichte es Ludwig. »Das trinken Sie, ich sehe Ihnen an, daß die Luft hier für Sie nicht gut ist. Das wird dem Magen aufhelfen. Nur unbesorgt, von dem trinke ich selbst.« Es war wirklich ein köstlicher Tropfen und verdankte seinen Ursprung nicht den weiten Kellermagazinen des Hauses. Der nunmehrige Hauslehrer und Gnadensonner des redegewandten Fräulein Sidonie empfahl sich mit Danksagung und Verbeugung und verließ schleunigst durch die rückwärtige Türe den Ort, den jemals wieder zu betreten er mit heiligen Eiden verschwor. 67   Fünftes Kapitel. (Ludwig macht eine fidele Bekanntschaft und bereichert seine Kenntnisse über das »Weana G'müat«.) Der junge, eben akzeptierte Hauslehrer Herrn Tänzingers war von leicht begreiflicher Freude über seinen Erfolg erfüllt auf die Straße gelangt und besah nun das Haus mit den Gefühlen eines Menschen, dem sich die Verhältnisse sehr günstig erwiesen und der nun bereit ist, ebenfalls alles mit günstigen, teilnahmsvollen Blicken zu betrachten. Es fehlte nicht viel und er hätte Anton fast für einen Verleumder erklärt. Dieser echt menschliche Zug erklärt in der Geschichte die Möglichkeit des Tyrannenwesens. Da nun sein Magen allen bestandenen Fährlichkeiten zum Trotz, vielleicht angeregt durch den wunderbaren Likör aus Herrn Tänzingers Privatflasche, ungestüm sein Recht auf Nahrung verlangte, begab sich Ludwig in ein auf dem Wege gelegenes Restaurant, in dessen Extrazimmer er sich auf einem noch freien Platz, an einem langen, weißgedeckten Tische niederließ. Es war Mittagzeit und das Lokal ziemlich voll besetzt. Die mit Essen beschäftigten Tischnachbarn Ludwigs erwiderten dessen Gruß mit der Liebenswürdigkeit, die ein kauender Mensch gerade aufzubringen vermag. Nur einer, der abwechselnd die Gabel zum Munde führte, dann wieder in eine Zeitung blickte, deren Rahmen er in der Linken hielt, grüßte in einer Art wieder, welche an die eines Menschen erinnert, der einem guten Freunde ein Rendezvous gegeben, das dieser mit einiger Verspätung 68 eingehalten hat. Um dem Ankömmling genügend Platz zu verschaffen, rückte er seinen Stuhl bereitwilligst etwas zur Seite und lächelte so vergnügt und vertraut, als wäre Ludwig sein Sohn, über den väterliches Wohlgefallen zu äußern er allen Grund hätte. Sein rotes behagliches Gesicht, seine blau angefärbte Nase verscheuchten alle Zweifel, daß der biedere Mann dem Trinken nicht weniger zugetan sei als dem Essen. Wenn er, um die Aufregung des Essens zu beschwichtigen, einen Schluck Wein nahm, so war mit diesem einen Schluck das Glas zur Hälfte geleert. Ludwig aß sein Rindfleisch nebst Gemüse mit dem guten Appetit der Jugend und schlürfte etwas von seinem Achtel mit Wasser vermischten Wein. Nachdem er die nicht allzugroße Essensportion bewältigt, nahm er vom Haken eine Zeitung und begann darin etwas zu blättern, aber ohne weiteres Interesse, und hing sie nach kurzer Zeit wieder auf. Der essende, trinkende und lesende Herr wandte sich nach Wiener Art, die sich über die Förmlichkeiten feierlicher Vorstellung, sowie über den Begriff des Fremdetuns hinwegsetzt, unvermittelt an Ludwig. »No, steht nix drin, was Ihner intressiert?« Ludwig verneinte. »Ich bin kein passionierter Zeitungsleser, werde es wohl mit der Zeit werden. Im Augenblicke habe ich auch zu wenig Ruhe dazu.« Der Herr schob nun den Teller von sich, legte sein Blatt ebenfalls beiseite und wandte das Gesicht so voll seinem jungen Nachbar zu, daß dieser nicht zweifeln konnte, er sei dazu bestimmt, in eine längere Unterredung verflochten zu werden. Einstweilen führte der diskussionslustige Herr das Glas zum Munde, trank es leer und faßte einen vorbeihuschenden Kellner am Schoße seines Fracks, nötigte ihn zur Mitnahme 69 des leeren Glases und schärfte ihm eheste Füllung desselben ein. Erst als er von dem frisch gebrachten Weine gekostet, als sei er über die Qualität desselben im Unklaren, was zum mindesten eine grobe Vergeßlichkeit, wenn nicht eine raffinierte Heuchelei war (denn er hatte bisher am Konsum dieses »Tropfens« wacker mitgeholfen), wandte sich der freundliche Nachbar wieder zu Ludwig: »Hab'n S' die Telegramm heut g'lesen? Net? Die san aber int'ressant, nur muaß m'r zwischen die Zeil'n lesen können. Schaun S', i les' alle Zeitungen, mi wird aber kane für an Narr'n halten. Und warum? Weil i das les', was net drin steht. Das is der ganze Witz.« Der so zum Mitwisser in die Kunst des Zeitungsstudiums Eingeweihte nickte höflicherweise stumm, ohne zu wissen, wie er seinem freundlichen Belehrer auf das Gebiet des hohen politischen Disputs folgen könne. Der fuhr fort. »Die Judenblatt'ln hör'n ord'ntli 's Gras wachsen und manen, mir san so dumm und fliag'n auf ihnern Pflanz. Die werd'n schon von der Regierung zahlt, daß mir net die Wahrheit hör'n. Jetzt schreib'n s' a so , in aner Stund anders . Am besten war's, man schauert gar ka so a Schmierblatt'l an. Sie san g'wiß von der Handlung oder a Beamter, net?« forschte er dann ungeniert. »Nein, Student.« »Ah! Student? Da müassen S' ja eh all's wissen, wia's in der Welt zuageht. Na, und Sie werd'n m'r do recht geb'n? In all'n beschmier'n an die Juden und mit ihnere Zeitungen am meisten. Sie san aber g'wiß kan Hiesiger. Das sicht m'r Ihner an.« »Ich bin Mährer.« »Mährer? Das san ganz take Kerln. In Brünn war i anmal. D'r Wein haßt nix, aber d'Leut' san ganz 70 anständige. He, Schau!« wandte er sich wieder an einen vorübereilenden Kellner, »a Viertel no.« Und mit einem weiteren Schluck leerte er das Glas, das er dem Kellner hinhielt. »Ja bitte! Dem Herr auch noch g'fällig?« frug dieser auf Ludwigs geleertes Glas deutend. Der verneinte. »Ich möchte bezahlen.« »Zahlen, gleich bitte! Zahlen auf vier. Ein Viertel sechzehner,« leierte der Kellner, ging und erschien bald wieder mit dem gefüllten Glas. »Sie werd'n's no net so versamen«, sagte der diskussionslustige Herr zu Ludwig. »Wissen S, die Zeit nach'n Essen, bei an Viertel Wein und an anständigen Diskurs is mir d'liabste. Mit'n Red'n kummen d'Leut' z'samm'. Und auf was studier'n S eigentli? Doktor, Inschener – – –« »Moderne Philologie.« »Das versteh' i net, das moderne . . .« »Moderne Sprachen. Englisch, Französisch.« »Ah so, alsdann a Sprachlehrer. Da können S' nacher parlier'n?« »So ziemlich,« sagte der Inquirierte lächelnd und sah sich um, ob der Zahlkellner noch nicht erscheinen wolle. Der wollte aber wie gewöhnlich nicht, da er am anderen Ende des Saales stehend, den Rechnungszettel in der Hand eben einen Gast abfertigte und die dringendsten Rufe: Zahl'n! überhörte. »Seg'n S', d'r Kellner hat's net so gnädi wia Sie. Da is am g'scheitesten, man schafft si no ans an, wird an 's Warten net so lang. Auf die Art bin i schon manchmal auf fünf Vierteln kommen. G'schad't hab'n s' mir net, also war's guat. Wissen S', sonst bin i z' Mittag nia in Gasthaus, aber i bin no allweil Strohwitwer. Meiner Alten g'fallt's, mir scheint, so viel guat am Land, wo s' bei die 71 ihrigen is. Kinder hab'n m'r kan', so soll s' halt bleib'n. Wissen S', warum soll m'r si 's Leb'n net so schön machen wia's geht? Mein G'schäft tragt so viel als i und mein Alte brauch'n. I bin d'r Kürschnermaster von vis a vis, wissen S', wann S' anmal was brauchen sollten . . . . He, Schan! Himmellandon no anmal, wia lang soll i am Glas läuten? He, Pikkolo daher! Schau net lang. Was d' bringen sollst? An Wein, natürli. Das Viertel nimm weg, bring zwa Stutz'n und an Liter Salmiak ! Den Achtz'ger, versteht si. Zu was sag' denn i Salmiak? Han? Fliag, fliag, Raubersbua, sonst mach' i d'r Füaß!« Mit Windeseile stob der Junge von dannen und erschien gleich darauf mit einer Flasche Wein und zwei Gläsern. Beides setzte er mit so feierlicher Miene auf den Tisch, wie wohlerzogene Pikkolos zu tun pflegen, wenn sie einen Liter, gewöhnlich der Vortrab vieler anderer, zu kredenzen haben. Offenbar gestattete die Schicklichkeit erst in diesem feierlichen Momente eine Vorstellung in aller Form. Der Kürschnermeister schenkte beide Gläser voll, erhob sich und sagte. »Mei' Nam' is Holzinger.« Ludwig nannte, gleichfalls aufstehend, seinen Namen. »So und jetzt stöß'n m'r z'samm'«, erklärte Herr Holzinger, nahm sein Glas und bot das andere Ludwig an. Der machte ein erstauntes Gesicht. Die kurze Bekanntschaft rechtfertigte doch nicht die Bestgabe. Aber um nicht unhöflich zu erscheinen, tat er mit einem Schluck Bescheid. Der Wirt erschien in der Türe und sah mit dem lächelnden Wohlwollen aller Wirte, die einen guten Gast bechern sehen, nach dem Tisch. »Das is halt a Tropferl, was, Holzinger? Da kannst 72 in der ganzen Weanerstadt umrennen und find'st nix solches mehr.« Man konnte auf die Vermutung kommen, daß der Wirt seinem Gaste gegenüber zum ersten Male den besonderen Tropfen zu rühmen genötigt sei. Dem war aber nicht so. Ungeachtet, daß der wackere Kürschner schon manchen Liter in die durstige Kehle gegossen, er mit der Qualität also schon aufs innigste vertraut war, unterließ der Wirt niemals, besonders vor fremden Gästen, auf die besonderen Vorzüge seines Kellers hinzuweisen. Die meisten Anwesenden rüsteten zum Gehen. Das Ende der Mittagspause nahte. Auch Ludwig wollte nach kurzer Danksagung und Gruß desgleichen tun, nachdem er den Zahlkellner endlich zur Abrechnung vermocht hatte. Aber sein neuer Bekannter zog ihn am Rockaufschlag auf den Sessel zurück. »Sie werd'n do nix versamen, oder ja?« »Gewiß, ich habe noch viele wichtige Gänge zu verrichten.« »No – – –! Net beleidig'n! I hab' an Ihner an Menschen g'funden, mit dem si diskurier'n laßt. An Korb laß i mir net geb'n. Also no anmal Prost!« Die beiden gefüllten Gläser klangen abermals zusammen. In einiger Entfernung standen die beiden Kellner und der Pikkolo. Alle drei hüllten sich in eine gewisse Ehrfurcht. Sie kannten Herrn Holzinger, der, besonders seit seiner Strohwitwerschaft, für den Wirt eine»schwere Wurzen« abgab. Der eine Liter war dank der eigenen Tätigkeit Herrn Holzingers und der freundlichen Mithilfe des Wirtes bald geleert. Ein Wink des letzteren veranlaßte den Pikkolo ohne 73 weitere Frage die leere Flasche wegzunehmen und gefüllt wieder zu bringen. Der Kürschner, als ob sich die Sache von selbst verstünde, füllte alle drei Gläser voll (ungeachtet des Protestes Ludwigs, der mit seinen zwei schon vollkommen genug hatte) und stieß abermals an. Dann ließ er Zigarren kommen, nötigte dem nichtrauchenden Studenten einige Virginia auf und war so lustig, kreuzfidel und lärmend, daß auch dem zerstreutesten Beobachter sich die beruhigende Gewißheit aufdrängen mußte, Herr Holzinger sei mit seinem Leben äußerst zufrieden. »Prosit! Hoch Österreich! Nieder mit die Juden!« schrie er ein ums anderemal. »Das is a Mensch, der a Büldung hat, das is a G'studierter, mein Freund«, indem er Ludwig zärtlich auf die Schulter klopfte. Der Wirt breitete sein » Hangerl « auf dem Tische aus, stützte darauf beide Arme und glich an dem Ausdrucke vollkommensten innersten Gleichgewichts seinem biederen Gast und Freunde Holzinger. Noch einige schüchterne Versuche machte das unglückliche Opfer wienerischer Gastfreundschaft, sich aus dem Staube zu machen, doch vergeblich. »Jetzt sei ka fader Kerl«, sagte sein Gönner mit sentimentaler Miene. »Schau, wia i so jung war als du, bin i glei drei Täg net hamganga. Waßt, du bist mein Freund und so jung kumman m'r nimmer z'samm'. Wann mein' Alte z'ruckkummt vom Land, muaßt bei uns essen. Da wirst wissen, was a Papperl is, net so a Schlangenfraß, wia in der Butik.« Da eine direkte Umkehrung der Tatsachen in ihr 74 Gegenteil, sowie die Andichtung verschiedener abscheulicher oder kriminell zu ahndender Verbrechen einer befreundeten Person gegenüber als Zeichen geläutertsten und unwiderstehlichsten Humors gilt, folgte der Wirt sogleich seinem Freunde auf dieses heitere Gebiet. »Geh' du wamperter Einbrecher, tuast als ob's d' so was b'sunders g'wohnt warst. In Stan werd'n s' d'r die Schnitzerln und Henderln aufg'wart't hab'n. Da hast hübsch Fisoln und Lins papperlt.« Herr Holzinger stimmte mit seinem schlagfertigen Gastgeber ein Lachduett an. »Schau d'r 'hn an!« wendete er sich an Ludwig, »hast a Idee, daß der weg'n Giftmischerei schon dreimal in Landesgericht g'sessen is? So a verdächtiger Weinpantscher, so a ausg'hauter! Waßt, wia der Wein einkaufen geht? In d'r Fruah um a achte geht er furt, um zehne kummt er mit an Packel unterm Arm ham. Was manst, was da drin is? Zehn Ema Wein. Natürli 's Wasser kost' eahm nix. So a krauperter Hundling.« Und außerstande, seinem Entzücken darüber, daß er den Wirt»a bißl steig'n« ließ, den gehörigen Ausdruck zu geben, gab er diesem über den Tisch einen mächtigen Schlag auf die Schulter, warf sein Weinglas um und behauptete, daß »so a Hetz« noch nicht da war. Auch die Wirtin kam jetzt aus der Küche, in der obligaten weißen Brustschürze, den Schlüsselbund an der Reversseite, die obligate weiße Haube auf dem Kopf und nahm ihren Platz bei der fidelen Gesellschaft ein. Ihre Ankunft lenkte die Scherze Herrn Holzingers von dem Gebiete des Kriminellen auf das des Pikanten. 75 »Du, Bräuner, sag, was hast denn mit deiner Alten g'habt? Schau dir's nur anmal an.« »Gengan S', Sie alter Narrntatt'l, was soll er denn g'habt hab'n?« sagte die Wirtin mit verstelltem Unwillen und nippte von dem Weinglase ihres Mannes. »Sie, Sie,« drohte schalkhaft Herr Holzinger, »Sie g'fall'n m'r gar guat. Schaun S' Ihner anmal von der Seiten in Spieg'l. Schaun S' den Bachhend'lgottsacker an! Da habt's wieder anmal Adam und Eva g'spielt. No, mir kann's recht sein, nur daß's net anmal haßt, i war die Schuld.« »No freili, Ihner hätt' m'r dazua notwendig, Sie alter Krauterer. Denken S' auf Ihner Elend und Ihnere krumpen Füaß. Gelt, Alter, wann m'r was brauchen, san mir zwa no tak gnua.« Die Vorstellung, daß Holzinger sich anmaßte, seine Persönlichkeit zur Komplettierung des bekannten Dreieckes in Verbindung mit dem Ehepaar zu bringen, wirkte auf alle drei fast katastrophal. Herr Holzinger »verkutzte« sich dermaßen, daß ihm die Tränen nur so herabliefen. Ludwig, der weit entfernt davon war, die Witzigkeit des Gespräches zu begreifen, bemühte sich aus Höflichkeit krampfhaft einiges zu lächeln und paßte nur auf den günstigen Wind, abfahren zu können. Er hatte schon mehr getrunken als ihm bekömmlich war, und sehnte sich an die frische Luft. Überdies waren noch einige wichtige Gänge zu tun und einem jungen Manne seines Schlags däuchte das Hinmorden der kostbaren Tageszeit in einem Gasthause eine Todsünde. Er erhob sich daher abermals und wollte einige Worte 76 des Dankes und der Verabschiedung anbringen. Aber war sein freundlicher Bekannter vor einer halben Stunde nicht geneigt, seinen Schützling so ohneweiters fahren zu lassen, jetzt wäre gar nichts imstande gewesen, ihn zu einer Trennung zu veranlassen. »Das gibt's net, Bruader. Jetzt'n, wo's so fesch is, möchst hamgehn? Versamst was? Ha? Was di' dös kost, zahl' i. Wann dein Master was net recht is, gib eahm a Watsch'n und nimm dein Büachl.« Herr Holzinger hatte nämlich im Augenblicke ganz den Beruf seines neuen Freundes vergessen und war der Ansicht, dieser sei als Arbeiter bei dem Leistenerzeuger Mrzal, den er nicht leiden konnte, beschäftigt. Um seinem Gefangenen jegliche Aussicht zu benehmen, dem goldenen Käfig zu entkommen, wäre er imstande gewesen, ihm den Rock auszuziehen, hätte sich Ludwig nicht resigniert in sein Schicksal ergeben mit der Hoffnung, baldige Gelegenheit zu finden, ohne Empfehlung davonzukommen. Mittlerweile war der Zahlkellner zum Tische getreten und berichtete, daß im Schankzimmer draußen eben ein Gast die Geschichte eines interessanten Diebstahls erzählte. Der betreffende Gast, ein Hausbesorger, habe gelegentlich des Toraufsperrens einen Mann abgefaßt, der diesen Moment zum Entschlüpfen benützen wollte. In seinem Besitze fanden sich einige Sachen, die der Hausbesorger sogleich als aus einem im Hause befindlichen Geschäfte entwendet erkannte. »Z'erst hat er eahm«, fuhr Schan in seiner Erzählung fort, »links und rechts a paar saftige Fotzen geb'n, daß er in an Winkl tamelt is, dann hat er g'schwind es Haustor von draußen zuag'spirrt und an Wachmann g'holt. Der Falott hat si aber schon wieder derfangt g'habt, und hat si in Hof 77 hinter a paar Fasseln versteckt. Da hab'n s' 'hn aber außikitzelt und dann is er g'salzen wurd'n – – – – –« Schans Gesicht strahlte bei dieser erhebenden Vorstellung, »daß der a zweit'smal 's Stehln vergessen wird. Der Wachmann, a fescher Kerl, hat nur g'sagt: derschlag'n därft's 'hn net. No, wann er ah net umbracht is wurd'n, aber a halberte Leich hat der Wachmann aufs Kommissariat bracht.« Es war ein Genuß, den Ausdruck freudigen Aufhorchens in den Mienen des Wirtspaares, Herrn Holzingers und der die Gruppe umstehenden Kellner und Pikkolos zu betrachten. Es lag eine Art gerührter Heiterkeit auf jedem Gesichte, die einen Tauben, der von der Erzählung nichts verstand, aber ein guter Physiognomiker war, zu der Überzeugung gebracht hätte, er lebe in der besten aller Welten. Einen solch strahlenden Glanz auf ein menschliches Antlitz zu zaubern, konnte doch nur die Erzählung irgendeiner erhebenden, göttlich schönen Tat des Wohltuns vermögen. »Mein Gott,« nahm die Wirtin das Wort, »Leut' gibt's heutzutags, daß 's an' graust. Hätten s' den Falotten glei derschlag'n, war ka Schad net g'wesen. Auf der Polizei sollten s' eahm erst recht 's Lederzeug anstreichen.« »Geh, red net!« sagte ihr Mann in einem Tone, als ob er ihr das Ungereimteste nachwiese, »glaubst, dö tan durt so an Kerl was? Den wickeln s' no in Watta ein, und dann wird er guat versorgt, daß er ja kan Hunger leid't und er's recht schön warm hat. Mir G'schäftsleut' kinnan für dös G'lumpert zahln. An jeden so an Gaunerbuam aufhenken – war glei a Ruah.« »Sixt, Bräuner, da hast recht,« rief entzückt über diese Ansicht eines summarischen Gerichtsverfahrens Herr Holzinger, »das hast recht. Auf an G'schäftsmann schaun s' net, ob er was z'beißen hat, wer gibt eahm was, wann er z'grund 78 geht? Ha? Kummen s' net zu dir um d'Steuer, um d'Gas, muaßt ka G'nossenschaft zahln? Und der Hausherr stagert di von an Viertel aufs andre. He, Schan, bring no an Liter, aber an von Bessern.« Schan nahm respektvoll die Flasche an sich und Herr Holzinger fuhr fort: »Wann ma's recht bedenkt, zahlt si heut nix besser aus, wia Einbrecher oder Taschelziager z'werd'n. Hat aner sein Logis und sei guat's Essen. Steuern solln dö andern zahln. No, gibst m'r recht?« »Ganz recht ham S', Herr Holzinger«, stimmte die Wirtin bei. »Das san eben Leut', dö von der Arbeit g'fressen ham, eh s' es nur seg'n. Wann's auf mi ankummert, i tat an, der g'stohln hat, was anders an.« Allgemeine Spannung wegen des Radikalmittels der wackern Frau. Holzinger wagte ein aufmunterndes: »Na??« »D'Aug'n ausstechen«, sagte mit stillem Triumph das holde Wesen. »Glaub'n S', daß da no aner stehl'n möcht'?« Die Einfachheit und schmucklose Darstellung dieses Universalmittels gegen Diebstahl, sowie die Vorstellung, welchen Eindruck so ein augenloser Verbrecher bei seinen Versuchen, weiter zu stehlen, machen müßte, zwangen Herrn Holzinger zu immer erneuten Ausbrüchen von Hahahas und Hohohohos. Der Wirt, der mit stolzem Schmunzeln den seiner treuen Ehehälfte gespendeten Beifall quittierte, warf noch ruhig ein. »D'Fingerspitzeln o'hau'n, is a net schlecht,« (er bog die Fingerglieder seiner Rechten ein und imitierte somit den Stumpf einer Hand) »soll aner greifen damit!« Der lächelnde Ausdruck seines Gesichtes schien sagen zu wollen: Das Unkomplizierte, Naheliegende ist doch stets das Verblüffendste. Ludwig hatte streng vermieden, sich auch nur mit einem Worte an dem ganzen Gespräch zu beteiligen. Er fühlte das 79 Demütigende, Peinliche seiner Lage, unfreiwilliger Zechgenosse und Dubruder des Herrn Holzinger zu sein, der in großem Ansehen stand, weil er hohe Zechen machte, indes sein jeweiliger Schützling (Ludwig wußte trotz seiner Unerfahrenheit gut genug, daß ein andersmal ein anderer seine Stelle ausfüllen würde, wie vielleicht schon mancher zuvor) von den andern mit Einschluß des Pikkolo als reine Luft betrachtet wurde. Bei der selbstgefälligen Darstellung einer bestialischen Strafausübung, die Gott sei Dank nur in der rohen Phantasie der Wirtsleute existierte, konnte er jedoch ein entrüstetes. O Pfui! nicht unterdrücken. »Was ham S' g'mant, junger Herr?« frug der Wirt. »Ich finde Ihre Idee abscheulich,« erwiderte Ludwig mutig, »ein harmloses Verbrechen, wie es der Diebstahl ist, mit so fürchterlichen Strafen belegt zu wissen. Augenausstechen, Händeabschlagen – leben wir denn im Mittelalter?« »Dös waß i net, wo mir leb'n, im Mittel oder obern und untern Alter, aber mir scheint, Sie halten zu so aner gottverlassenen Bagaschi. A harmloses Verbrechen – dös is guat. Wann jetzt aner hergeht, und nimmt Ihner d'Uhr und 's Geldtaschl und ziagt Ihner den Rock aus, werd'n S' ah sag'n: no, a ganz a harmloses Verbrechen?« Man sieht, der Wirt schätzte Ludwigs unfreiwillige Rolle ganz richtig ein. »Iß und trink – im übrigen halt d'Pappen«, schien der Auszug seiner Gedanken zu sein. Er wußte genau, Ludwig war ein Vorbeiläufer, der einmal in dieses Gasthaus kam und nimmer wieder. Auch war er überzeugt, daß ihn sein Gönner von heute schmählich abfallen ließ, wenn sein Mitteilungsbedürfnis versiegt, oder der Wein ihn gänzlich denkunfähig gemacht hatte. Darin hatte er sich nicht getäuscht. Herr Holzinger sah Ludwig mit glühenden Blicken an und lallte (denn dieses Stadium war schon erreicht). »Du bist 80 a guater Bruader, hörst, haltst es du mit die Taschelziacher und Einbrecher?« Ludwig war viel zu wenig mit dem Milieu vertraut, in dem er sich jetzt befand, um vorsorglicherweise vielleicht zu sagen: »Ich? Was fällt dir ein! Mit so Gaunern« usw. Er war ungeschickt genug zu sagen: »Mich empört eben schon der Gedanke an eine solche Grausamkeit, deren man sich selbst gegen die schwersten Verbrecher nicht mehr bedienen möchte.« »Hörst und da bleibst no bei den Tisch sitzen und saufst mein' Wein?« frug Holzinger in einem solchen Tone ironischer Entrüstung, daß alle vergnügt grinsten. »Da geh auf d'Schmelz oder am Laaer-Berg zu deine Freund'. Dös is guat, meine Herrn,« wandte er sich an die Kellner, »der Herr da mant, dö Gauner san die Ehrenmänner und mir – mir san Gauner. Da hört si schon alles auf. Dös hätten S' ah früher sag'n können, bevur S' Ihner da ang'soffen ham, verstengen S'? Sö, Sö Philokrowot oder was S' san. Dös is guat, Bräuner, was? Mir san Gauner, mir san Diab'.« Das Merkwürdige war, daß alle, obwohl sie Ludwigs wenige Worte genau vernommen und verstanden hatten, fest überzeugt waren, er hätte die ihm von Holzinger imputierten Ausdrücke gebraucht, obwohl weder die Gedankenfolge, noch auch nur ein Wort dieser Überzeugung einige Berechtigung verliehen hatten. Der arme Ludwig! Mit einem irren Lächeln blickte er bald Herrn Holzinger, dann das Wirtspaar, dann die einander angrinsenden und bedeutungsvoll winkenden Kellner an. Der erste sah ihn mit Blicken tödlicher Feindschaft an, die zweiten blickten mit solch einem Ausdruck beleidigter Würde an ihm vorbei in die Luft, daß man meinen konnte, sie wollten einem Deklassierten seinen Standpunkt klar machen; und die letzten – in deren Angesicht stand all der brutale 81 Hohn, den die Menschen einem Fallengelassenen entgegenbringen. »Erlauben Sie,« konnte der wie vor den Kopf geschlagene Student endlich hervorbringen, »Sie behaupten, ich hätte das alles gesagt?« »Na, epper net?« fuhr Holzinger auf. Der Wirt drückte ihn sachte zurück, wie man einen guten, treuen Freund zurückhält, daß er nicht in berechtigtem Zorne sich einer Tat schuldig mache, die für ihn verhängnisvolle Folgen haben könnte. »Habe ich Sie veranlaßt, diesen Wein kommen zu lassen? Habe ich Ihnen meine Gesellschaft aufgedrängt?« fuhr Ludwig in voller Erregung fort. »Jetzt halten S' d'Pappen und schaun S, daß S' fortkommen, Sö Hochstapler«, erklärte der Wirt aufstehend. »Z'erst umasunst mitsaufen, und dann an G'stank machen, dös kenna m'r. Gengan S' zu Ihnere Brüaderln, gengan S', gengan S'! Allo marsch! Schan, hat er sein' Sachen zahlt, was er früher g'habt hat?« Schan bestätigte. »Na, dann soll er gehn. Wo hat er sein' Huat?« Der Pikkolo brachte denselben. »So pfiat Ihner g'sund!« Wie ein von einem schwerem düstern Traum befangener Mensch wankte Ludwig so mutlos und gebrochen fort, daß er sich später gar oft bitter einer unmännlichen Feigheit bezichtigte. Es war aber sein guter Genius gewesen, der ihm die Flügel eines Mutes beschnitt, der nur böse Folgen gehabt hätte. Die Gesellschaft sah ihm lachend nach. »So a G'sell«, sagte der resche Wirt. »Wo du aber ah nur immer so a Bekanntschaft auftreibst? Dir wird's no anmal schlecht gehn, weils d' mit an jeden glei anhängst.« »Haßt mi der an Gaunerbuam«, lallte Holzinger. »Mi 82 an Gaunerbuam. Hätt'st mi net z'ruckg'halten, Bräuner, dem hätt' i an Gaunerbuam zagt!« Es muß, um Herrn Holzinger und dem wackeren Wirtspaar Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, nochmals betont werden, daß sie sich im guten Glauben befanden, Ludwig hätte wirklich diese Beschimpfung ausgesprochen. Zu der geringen Nüchternheit des ersten gesellte sich der Autoritätsglaube an seinen Freund, den Wirt. Dieser und seine Frau hatten nur klar die Erinnerung, daß ihren Anschauungen über Justiz widersprochen wurde. Von da zu einer Solidaritätserklärung mit Dieben und Einbrechern fehlte nur ein Schritt und dieser Schritt führte leicht weiter zu einer vollständigen Verdrehung der anfänglichen Äußerung des Malefizianten. Nach einem stundenlangen Spaziergang kehrte Ludwig heim, mit einem so bleichen entstellten Gesichte, daß die Ambros tödlich erschrak. Anton war ebenfalls in der heftigsten Besorgnis. Er vermutete, daß seinen Prophezeiungen gemäß sein Vetter bei Herrn Tänzinger erbärmlich abgefallen sei. Nur mit Mühe ließ sich Ludwig endlich bewegen, ihm die Abenteuer des heutigen Tages zu berichten. Bei Schilderung der Irrfahrten in »Vatta Danzingers« Lokale mußte Anton lachen. Ebenfalls bei der Einleitung der Bekanntschaft mit dem Kürschnermeister. Dann aber geriet er in heftigen Zorn und wäre am liebsten gleich in das unwirtliche Gasthaus gegangen, um dem Wirte das » Wilde abiz'ramen «. Aber Ludwig wollte dem heißblütigen Freunde keine Gelegenheit geben, irgendeine vielleicht verhängnisvolle Szene 83 heraufzubeschwören und sagte, er wisse nimmer, wo das Lokal sei. Nur fügte er bitter hinzu: »Wie viel Roheit und Niedrigkeit fand ich nicht gleich in den ersten zwei Tagen in der Stadt, die man als die Stadt der Gemütlichkeit preist!« Anton zuckte die Achsel. »Du hast halt Pech g'habt, grad so Leut' kennen z'lernen, dö net zur Weaner Gmüatlichkeit beitrag'n. Im übrigen tröst' di, daß die G'schicht' mit'n Tänzinger guat ausgangen is. Meiner Seel, da kannst von Glück sag'n, und i man, es hat d'r viel g'nützt, daß d' dem rotschädlerten Bankert'n g'falln hast.« Anton befleißigte sich ebensowenig zarter umschreibender Ausdrücke, als viele Helden, die wir bisher kennen gelernt, überdies konnte er die Juden nicht leiden. 84   Sechstes Kapitel. (Der fesche Huxtl übt ein angenehmes Stellvertreteramt aus und Ludwig ist gezwungen, sich den Schutz seiner Gönnerin zu verbieten. Er findet, daß Herr Tänzinger seiner Gerechtigkeit wegen zu loben sei.) Drei Wochen befand sich Ludwig am Orte seiner neuen Studentenlaufbahn und führte ein Leben wie ein gehetztes Postpferd. So drückte sich nämlich Frau Ernestine Ambros aus, wenn sie ihren Mieter in aller Frühe davonjagen und spät abends heimkehren sah. Und bis zwölf oder zwei Uhr früh lugte der Lichtschimmer durch die schmale Türritze in das Zimmer. Wie die Ambros dessen gewahr werden konnte, da sie doch ihr Witwenlager in der Küche aufgeschlagen hatte? Ganz einfach, sie ließ die Türe zum Zimmer offen und ersah auf dem Fußboden den dünnen, grellen Lichtstreifen. Ja, sie war mit der Lage der Dinge äußerst unzufrieden. Das heißblütige, sinnliche Weib war gezwungen, sich die größte Entbehrung aufzuerlegen. Anton war stets ein ziemlich widerwilliger Liebhaber gewesen, von einer Herbheit seiner Liebkosungen, die diesen Namen kaum verdienten. Wenn ein Weib sich den Mann erringt , trägt die Hingabe ihre Strafe in sich. Der Mann wird eines Besitzes überdrüssig, der ihm beinahe aufgezwungen ward. Nun waren es schon viele Wochen, daß sie vergeblich auf den leisen, tappenden Schritt eines unbeschuhten Fußes lauschte, obwohl sie vorsorglicherweise nach wie vor die Angeln der Türe ölte und diese während der Nacht halb geöffnet ließ. Wie oft fuhr 85 sie aus einem von heißen, sinnlichen Träumen erfüllten Schlafe auf, wähnend, sie ruhe an der Seite des Geliebten! In letzter Zeit hatte sich in ihren Gefühlen eine Umwandlung vollzogen und die Gleichgültigkeit Antons ward auch ihr gleichgültig. Wie sehr sie ihm auch zugetan war, trotz seiner eigentümlichen Schroffheit und seines kurz angebundenen Wesens oder vielmehr wegen desselben, so hatte ihre Neigung seit Ludwigs Ankunft eine bedeutende Abkühlung erfahren. Ja, Frau Ernestine war in ihren jungen Mieter verliebt oder, was für sie dasselbe war, sie wünschte ihn zu besitzen. Das ideale Moment ihrer Liebe erstreckte sich auf die feinen, gewählten Manieren Ludwigs, auf den Nimbus, der in ihren Augen den Studenten umgab, ihre reale, derbe Liebe galt seinem hübschen Gesicht, dem schwarzen Schnurrbart und den braunen Augen. Ein wenig fühlte sie ihre Eitelkeit verletzt, da sie zu bemerken glaubte, daß sich der junge Student nicht viel aus ihr mache. Darin täuschte sie sich jedoch. Auf Ludwigs unerfahrenes, bisher streng behütetes Jünglingsherz hatte die reife, hübsche und anmutige Frau einen starken Eindruck gemacht. Seine Bewunderung zu zeigen, hielt ihn aber eine fast knabenhafte Schüchternheit ab; dann umwob in seinen Augen alle Frauen, besonders junge und hübsche, ein gewisser Zauber der Würde und Unnahbarkeit, den zu zerstören er nicht den Mut besaß. Über die moralischen Qualitäten seiner begehrenswerten Quartiergeberin war er vollständig im unklaren. Anton, der der einzige gewesen wäre, ihn darüber aufzuklären, vermied jedes Gespräch über die Frau, die ihm mit jedem Tage unleidlicher wurde, je mehr er sich in eine fast krankhafte Sehnsucht nach ihrem jüngeren, schöneren Ebenbild verbohrte. 86 Einmal hatte Ludwig mit bemerkbarem Erröten die Sprache auf ihre gemeinsame Quartiergeberin gebracht und der Meinung Ausdruck gegeben, Frau Ambros sei eine selten hübsche und liebenswürdige Frau. Anton hatte darauf seinen Cousin fest angeblickt und ihm geraten, sie für weniger hübsch und liebenswürdig zu halten. Mochte die Ambros eine Witterung davon haben, daß ihr untreuer Geliebter seinen Verwandten gegen sie in Schutz nehme, mochte ihr Unmut darüber ein größerer oder geringerer sein, das ändert nichts an der Tatsache, daß sie sozusagen zwischen zwei Stühlen auf der Erde saß und ihr Bett so lange wie noch nie seit dem Absterben ihres seligen Gatten wirklich den Namen eines Witwenbettes verdiente. Dieser Zustand war auf die Dauer unhaltbar. Frau Ernestine war nicht geschaffen zum Entsagen. Für sie war alles, was in ihre Netze kam, Fisch, und da ein Liebhaber sich von ihr schnöde abgewendet, der andere sozusagen noch in der Luft hing, gedachte sie der Beweise einer rührenden Zuneigung und Verehrung seitens eines dritten, der auch nicht zu verachten war. Daher lugte sie eines Nachmittags behutsam durch die Türspalte in das Zimmer, um den günstigen Augenblick für ihr Auftreten nicht zu versäumen, gleich einer Schauspielerin, die das Stichwort erwartet. Huxtl, der schon bekannte Volkssänger und Liederdichter, hatte schon seit langem seine begehrlichen Blicke auf Frau Ambros geworfen. Nicht im mindesten schüchtern und vollständig vertraut im Umgange mit Weibern, machte er ganz unzweideutige Anspielungen. Er dutzte seine Quartiergeberin wie beinahe alle Menschen, mit denen er mehr als einmal zusammentraf. Er war kein übler Bursche, so Mitte 87 zwanzig, aber schon ein klein wenig verlebt. Abends, wenn er am Brettl stand und einem ebenso dankbaren als geschmacksarmen Publikum seine Couplets entgegenschmetterte, war er wirklich das, was man einen verfluchten Kerl nennt. Er hatte auch viel Glück bei den Weibern, einer gewissen Sorte nämlich, böhmische Dienstmädchen, Fabriksarbeiterinnen, Animiermädchen der Nachtkaffees und ähnliche. Er ließ in seinem Äußeren mehr einen Schauspieler vermuten und tat sich darauf viel zugute. Er ahmte auch die lässige Würde eines Bühnensternes gerne nach und ließ bei Gelegenheit durchblicken, daß er das Brettl mit den Brettern zu vertauschen gesonnen sei. Möglicherweise hätte es ihm nicht an Talent gefehlt; woran es ihm aber ganz bestimmt fehlte, war – Fleiß. Das Auswendiglernen eines Couplets oder einer kleinen Rolle in den bei den Volkssängern »eine Szene« benannten, ulkigen, meist zotigen »dramatischen« Darbietungen verursachte ihm Kopfweh. Und wie auch anders, da er stets bis zum Morgengrauen zechte, natürlich auf fremde Kosten, sei es auf die merkwürdiger Kunstenthusiasten, oder die eines verliebten Fabriksmädchens, oder einer betrunkenen Dirne, deren geistige und andere Bedürfnisse der fesche Huxtl (so nannte man ihn) zu befriedigen wußte. Daß ihm bisher gerade die eine widerstand, deren Eroberung sonst keine allzurühmliche war? Das frug sich der fidele Charakterkomiker und Liedersänger so manchesmal. In dieser tiefpsychologischen Erwägung begriffen, langte er eines Nachmittags genau zur Stunde, als die Ambros durch den Türspalt spähte, nach seinen Kleidern und schickte sich an, den unteren Teil seines Menschen für die Blicke der Mitwelt tauglich zu gestalten, als die Ambros hereintrat. 88 »Kumm nur zuwi, Tinerl!« rief der keineswegs genierte Huxtl seiner Wirtin zu, die eben eintrat. »Gengan S', in den Aufzug trau'n S' Ihner no, a Frau'nzimmer anz'rden?« »Stad sein, Tinerl! Laß anmal a g'scheit's Wörterl mit dir reden.« »Wie oft hab' i Ihner schon g'sagt, daß mir no lang net per du san?« war die Entgegnung. »Das kannst halten wia's d'willst, i sag' anmal »du« zu dir. Paßt si ah besser, wann die Frau'nzimmer vor an Mann an Respekt zag'n. Wann i heut anmal verheirat't sein wir, wir i zu meiner Alten du sagen und sie zu mir: Sie. Is am End' d'r G'hörtsi. Also was i mit dir reden will. Kumm a bißl her.« Was die Tinerl ihrem ungenierten Verehrer sonst hartnäckig abgeschlagen – heute trat sie an sein Bett, und, aus Vergeßlichkeit jedenfalls, ließ sie die Röte edler Schamhaftigkeit in der Küche zurück, aus der sie eben hereingetreten. »Geh, sag m'r, Tinerl, warum bist denn geg'n mi so g'schamig? Hab' i d'r was tan?« »Erst richten S' Ihner her, wia's si g'hört, sonst bleib' i net da. Decken S' Ihner zua mit d'r Tuchat.« »Guat, aber setz di zu mir her, aufs Bett. Das ane Pratzerl lass' m'r – so – waßt, daß du a Frau'nzimmer bist, die i gern hab'n kunnt?« »Gengan S' weiter, wem hab'n denn Sie net all's gern?« »Was m'r gern hab'n haßt. Di aber wirkli, ganz aufrichti und ehrli. Na, so lass' do dein' Hand, i beiß' dir's net o. Ja richtig, daß i net vergiß, du hast ja am Kaminet an zweiten Zimmerherrn, hab' i g'hört?« »So? Das ist schon drei Woch'n her.« 89 »No, mein Gott, i kann ja do von an Tag zum andern net wissen, was für a G'lumpert bei dir Unterstand hat.« »G'lumpert?« fuhr die Ambros auf. »Mit Ausnahm' von Ihner wußt' i ka G'lumpert in meiner Wohnung. Der Herr is a Cousin vom Anton und a Student.« »Huiii!!« machte der Volkssänger. »So nobel gibst es du? No, dann waß i, warum d'r unseraner net guat gnua is. Aber merk d'r's, so Leut' san nix für a Frau'nzimmer wia du bist. Es bild't's enk glei a Massa drauf ein, und was is so a Student? Nix. I waß, i spiel' manchmal an, da kunntst di krump lachen, wia i da als armer Student am Brettl umaranandschiab, halb ausg'hungert, mit lange Haar und an alten Frack – – –« »Da werd'n S' Ihner täuschen. Der meine is a ganz andrer. Jung, sauber, pickfein anzog'n – – –« »Geh, hör auf! Und der logiert si da ein in dem Haus? – Da hast eahm also schon zagt, wo d'r Adam 'n Apfel z'suachen hat.« »Schamen S'Ihner, glaub'n S', alle Männer san so nixnutzi wia Sie?« »Pst! stad sein, Weiberl! Mir machst nix vur. I bin ka heuriger Has'. Daß du a Heilige bist, wirst a net behanpten woll'n. Also red'n m'r g'scheit,« fuhr er gemütlich fort, »und laß m'r den Studenten Studenten sein, oder was er wüll. I wir a Couplet auf di dichten: ›D'fesche Tini‹, oder ›Sie, das is was für's G'fühl‹. Jetzt red nix mehr! A Weiberl, wia du bist, is für ka Kloster gebur'n.« »Sie, jetzt wir i aber bald harb. Lassen S' mei' Blusen in Ruah! Na, so a Frechheit – geb'n S a Ruah, sag' i Ihner oder – – – –«^ »Aber Tschapperl, jetzt halt anmal ruhig!« 90 Und die Ambros ließ alle weiteren Einwendungen, als nutzlos und der Sachlage unangemessen, ruhen – – –. Ihre Sehnsucht aber weilte bei Ludwig, der es durchaus nicht verstehen wollte, daß man schöne Frauen durch Nichtbeachtung in die Arme des »schönen Huxtl« zu treiben vermochte, selbst wenn sie diesen als minderwertigen Ersatz eines Besseren betrachteten. Unterdessen plagte sich dieser Bessere mit dem verzweifelten Vorsatz, Herrn Tänzingers Leibeserben zu einer künftigen Zierde des Barreaus zu präparieren. Für nichts geringeres hatte ihn der Papa ausersehen. Als Ludwig nach Erledigung aller Formalitäten sich endlich als Mentor des jungen Herrn Waldemar betrachten durfte, war der kleine Schüler anfänglich nicht zu bewegen, seinen Lehrer als Autorität zu behandeln. Aber jegliche offene Auflehnung wurde von Fräulein Sidonie vermittels einiger Püffe, Zerren an den Ohren (die kurzgeschnittenen Haare gestatteten ein anderes nicht) im Keime erstickt. Waldemar hatte ein typisches Hebräergesicht. Große, runde, äußerst schlaue Augen, große Ohren, wulstige Lippen und pechschwarzes, so kurz in die Stirne geschorenes Haar, daß man nicht wußte, ob es glatt oder gekraust sei. Man konnte vermuten, daß in fünfzig Jahren Waldemar ganz gut Lazar Tänzinger heißen könnte; und wenn das Schicksal einen der Stammgäste des letzteren bis dahin konservieren wollte, der Stammgast sich beim Anblicke des Sohnes gerührt an den ehemaligen »Vatta« zu erinnern vermöchte. Wußte Fräulein Sidonie auch den aktiven Widerstand ihres Bruders gegen seinen Lehrer zu bezähmen, so war der passive, auf den sich der hoffnungsvolle Jüngling beschränkte, 91 desto erfolgreicher, um den armen Hauslehrer schier zur Verzweiflung zu bringen. Herr Tänzinger hatte bei Abschluß des Vertrages folgendes gesprochen: »Mein Waldemar ist ein sehr aufgewecktes, aber etwas verschlossenes und stütziges Kind. Ich bezahle Sie, daß Sie ihm alles Nötige beibringen, damit er vorläufig ans Gymnasium kommen kann. Wie Sie das machen, ist Ihre Sache. Ich kann mich darum nicht bekümmern. Ich bin bei Dingen, die meine Kinder betreffen, kein Knauser (tatsächlich fand Ludwig seine Erwartungen bezüglich des Salairs übertroffen), aber ich verlange auch etwas für mein Geld. Ich halte mich nur an das Resultat. Daß man für anständige Bezahlung auch anständig arbeiten muß, werden Sie einsehn.« Der unglückselige Lehrer! Engelsgeduld gehörte dazu, die störrische Art zu überwinden, mit der Klein-Waldemar sich der Vervollkommnung seines Wissens entgegenstemmte. Bruder und Schwester führten einen erbitterten Kinderstubenkrieg um die Person des Lehrers. Eines Tages platzte der männliche Teil der Kombattanten heraus: »Du bist verliebt in Herrn Hrdliczka, weil er keine roten Haare hat wie du, und – – weil du ihn immer so – so – anschaust,« schloß der kleine Logiker, wenn auch nicht im streng wissenschaftlichen Sinne. Ein, zwei, drei Ohrfeigen, einige Püffe, ein bedenkliches Ziehen an beiden Ohren war die Antwort. »Warte! Ich werde Papa erzählen, was für unanständige Dinge du sprichst. Du bist zornig auf Herrn Ludwig, weil er deine Faulheit nicht dulden will, gelt ja? (noch eine Ohrfeige) und weil er aus dir etwas machen soll, daß du einmal ein Musterschüler wirst (noch immer mit der Rechten das Ohr haltend, mit der Linken Püffe austeilend). Papa 92 muß mit dir strenger sein, ja, das werde ich ihm sagen. Nichtsnutziger Fratz, sage das noch einmal, was du gesagt hast! Ha? Trau dich doch! Was hast du eigentlich gesagt? Wiederhole es! Wie, ich bin verliebt? Da!« (noch eine Ohrfeige) – und als dürften sich alle ausgeteilten, körperlichen Mißhandlungen auf ihre Person vereinigt haben, stob Fräulein Sidonie aus dem Zimmer, schluchzend und trostlos, von der ernsten Absicht erfüllt, bei Papa bittere Klage über Waldemar zu führen. Ludwig befand sich in einer äußerst peinlichen Lage. Einerseits die aufdringliche Protektion der Schwester, andererseits die versteckte Feindseligkeit des Bruders. Und mit keinem der Geschwister sollte er es sich verderben. Sidonie regierte in Wahrheit das ganze Haus. Ihr dreister Blick, ihre befehlende Stimme allein genügte schon, selbst den Unerschrockensten einzuschüchtern. Ihr Vater war ihr blindlings ergeben, denn die Tochter glich der geliebten, frühe verstorbenen Frau. Sidonie hätte den kühlen, nüchternen Geschäftsmann sogar in Dingen des Handels beeinflussen können, außer seiner Familie und dem Kultus das heiligste Gebiet für Herrn Tänzinger. Er befand sich seinem Kinde gegenüber in einer Art Hypnose. Wie manches brave, erprobte Dienstmädchen, wie manche Gouvernante ließ er seinethalben ziehen! Die Person, die jetzt den Namen Erzieherin führte, war ein armes, geduldiges, stets demütig lächelndes Wesen und daher das geeignetste Werkzeug für die herrischen Launen ihres sogenannten Zöglings. Sidonie hatte aus eigener Machtvollkommenheit, unbekümmert um die zarte Mahnung des »Fräuleins«, sich ihren Platz neben dem Bruder gewählt, wenn dieser von seinem Lehrer unterrichtet ward. War es Absicht, war es kindlicher Unverstand, häufig 93 streifte ihr Haar das seine, drängte sich ihre Brust an seinen Arm, oder sie verstand es mit den Gebärden reizendster Kindheit ihr Knie mit dem seinen in Berührung zu bringen. Und immer fühlte sich Ludwig durch den dreisten, auffordernden Blick gebannt. Wie rein auch sein Gemüt, sein Gewissen war, er lernte allmählich mehr seinen Blick vor den auf ihn gerichteten Augen niederzuschlagen. An demselben Tage, da die Ambros ihrem Ideal durch Stellvertretung des fidelen Huxtl ein Schäferstündchen gewährte, kam Herr Tänzinger in das Zimmer seiner Wohnung, wo der rudimentäre Ansatz des künftigen Juristen unter Assistenz zweier unerbittlicher Zwangsvollstrecker väterlichen Willens gepflegt wurde. Ludwig stand, hochrot, inmitten des Raumes, und Fräulein Sidonie als vollstreckende Gewalt des lehrerlichen Zornes bemühte sich zur Abwechslung einmal das kurzgeschorene Haar des Bruders dem Bereich ihrer Finger einzuverleiben. Papa schien die Szene nicht befremdlich zu finden. Ein Wink – und die kämpfenden Geschwister verließen den Schauplatz ihrer Auseinandersetzungen. Herr Tänzinger ließ sich auf das breiteste Fauteuil nieder, kreuzte die Hände über den dimensionalen Bauch und ließ seine Blicke mit fast gutmütigem Interesse auf dem Lehrer ruhn. »Wie? Der Waldemar! – Nun wie tut er sich? He?« Ludwig brach jetzt los. »Es tut mir leid, Herr Tänzinger, aber ich habe berechtigte Klage gegen Ihren Sohn zu führen. Güte und Strenge versagen bei ihm. Ich will keinerlei Verantwortung tragen . . .« »Nu, nu! Sind das Sachen, die mich interessieren? Wenn ich eine Lieferung übernehme und zahle darauf – 94 nützt mir das Lamentieren was? Was für Verantwortung übernehmen Sie? Daß er ins Gymnasium kommt, mein Waldemar. Oder haben Sie mehr versprochen? – Nu? Mehr verlange ich nicht. Das ist Ihre einzige Verantwortung.« »Wenn es auf meine Tätigkeit allein ankäme, ich übernähme die Verantwortung. Ich stoße aber auf Hindernisse, die ich nicht im entferntesten erwarten durfte. Der Knabe ist aus einem mir unbekannten Grunde mein Feind. Ich bin mir nicht bewußt, diese kindliche Feindseligkeit verdient zu haben. Ich weiß nicht, ob er einem anderen Lehrer mehr Zutrauen, mehr Liebe entgegenbrächte, aber ich weiß, daß ich unter solchen Umständen außerstande sein werde, das in mich gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen.« Herr Tänzinger spielte mit seiner messingenen Uhrkette. Im Geschäft trug er nur eine solche als Fessel einer gewöhnlichen Water-bury. Da er seine »Kinder«, wie schon betont, äußerst genau kannte, hielt er den Besitz einer halbwegs versilberbaren Uhr und Kette für sträflichen Luxus. »Nu, und – – – ? betonte er einigermaßen erstaunt. »Ich verlange,« fuhr Ludwig fort, »daß Ihre väterliche Autorität mir zu Hilfe komme. Das werden Sie mir nicht versagen, im Interesse Ihres Kindes.« »Ich Ihnen zu Hilfe kommen? Mit was?« fragte gedehnt der immer erstauntere Papa. Ludwig überlegte eine Weile und sagte dann zögernd: »Meine Forderung mag Sie vielleicht verletzen, aber ich beharre darauf: Ganz einfach Ihren Sohn durch eine väterliche Züchtigung daran zu erinnern, daß sein Vater nicht gesonnen ist, ein schönes Stück Geld an einen Lehrer für einen unfolgsamen, boshaften Schlingel zu verschleudern. Hier meine Meinung, ganz einfach und ungeschminkt. Die schwesterliche Autorität, die mein Wirken unterstützt, genügt 95 mir nicht, im Gegenteile, ich mag nicht mehr länger Zeuge der Balgereien beider Geschwister sein, so verbunden ich mich auch Ihrem Fräulein Tochter für ihre freiwillige Assistenz erachte.« Ludwig schwieg erschöpft und wartete den endgültigen Entscheid des aufgerufenen Vaters und Schiedsrichters ab. Dieser hatte ganz ruhig, fast teilnahmslos zugehört, selbst das Spiel mit der Uhrkette eingestellt. Nach einer Pause nahm er das Wort. »Das heißt, Sie können mit Waldemar nicht fertig werden?« »So wenig wie mit einem durchlöcherten Fasse, wenn ich es voll Wasser füllen sollte.« Ludwig erinnerte sich im Augenblicke der Danaiden, die er fast beneidete. »Und Sie wären bereit, den Posten fahren zu lassen, aus, sagen wir, aus Ehrlichkeit?« »Gewiß. So sehr ich den Verlust meines Einkommens beklagen würde. Es wäre die Hälfte meiner Einnahmen, die ich verlieren müßte.« Herr Tänzinger sah eine Zeitlang sinnend vor sich hin. Dann frug er unvermittelt: »Sie sind auch Musiker?« »Jawohl.« »Was spielen Sie?« »Welche Instrumente?« »Ja.« »Violine, Cello, Klavier, Orgel . . .« »Püh! Genug, genug. Also Klavier. – Gut, wir werden ein paar Worte reden in aller Güte. Sie werden Waldemar weiter unterrichten. Nix unterbrechen!« und er erhob wie beschwörend beide Arme. »Sie werden Waldemar ans Gymnasium bringen – unterbrechen Sie mich nix, ich weiß, was ich sage. Ich werde mit ihm ein Wort in aller Güte 96 reden und Waldemar wird ein folgsamer Junge sein. Mit dem wären wir fertig. Damit Sie noch haben ein Nebeneinkommen, will ich Ihnen eine Empfehlung an ein Fräulein geben, die will etwas Französisch und Klavierspielen lernen. Sie ist eine Bekannte von mir und hat mich gebeten, ihr einen Lehrer zu verschaffen. Da ich ihre Geldangelegenheiten besorge, werden Sie durch mich das Salair beziehen, sagen wir zehn Gulden monatlich, die Woche zwei oder drei Stunden Unterricht. Teilen Sie sich die Zeit ein, wie Sie können. Nu und jetzt sind wir fertig. Ich muß ins Geschäft hinunter.« Ludwig war verblüfft über die unzerstörbare Ruhe des Mannes, der im Gegensatze zu den meisten Vätern die unhöfliche, im gereizten Tone gegebene Anregung, das Hinterteil seines Lieblings zu zerbläuen, mit keinem Hinauswurf beantwortete. Mechanisch notierte er sich Namen und Adresse seiner neuen Schülerin und da die Unterrichtsstunde noch nicht beendet war, erwartete er den Wiedereintritt Waldemars. Nach zehn Minuten ungefähr erschien dieser allein, mit geröteten Wangen und Spuren eben getrockneter Tränen. Mit einer Willigkeit, die nicht zu übertreffen war, folgte er dem Unterrichte, ab und zu einen scheuen Blick auf seinen Lehrer werfend, der einen ganz besonderen unheilvollen Einfluß auf den sonst so nachsichtigen Papa ausüben mußte. Und dieser konnte in seiner wortfaulen, kurz zugreifenden Art auch dem kleinen Waldemar begreiflich machen, daß noch ein Herr im Hause sei. Sidonie war zur großen Erleichterung Ludwigs heute nicht mehr im Zimmer erschienen. Als er jedoch bei seinem Weggange durch den dunklen Korridor zum Vorzimmer schritt, öffnete sich eine Türe und das Mädchen stand vor ihm. In seiner stürmischen, hastigen Art sprudelte es hervor: 97 »Papa behauptet, ich störe Sie beim Unterrichtgeben, und wünscht, ich solle nimmer zu Ihnen kommen. Er behauptet, Sie hätten es gesagt – ist das wahr? Es ist nicht wahr, was? Und ich wollte nur Waldemar lehren, artig zu sein. Aber ich werde das nächstemal doch wieder kommen. Sie haben doch nichts dagegen, nicht wahr? Was? Ich werde Papa sagen, ich wolle Latein lernen. Gewiß, warum soll ich nicht Latein können? Waldemar hat von Papa zwei Ohrfeigen bekommen, weil er Ihnen nicht gehorcht. Das war sehr vernünftig. Es ist das erstemal, daß Papa Waldemar geschlagen hat. Das hat er nur Ihnen zuliebe getan. Ja, nur Ihnen zuliebe. Papa hält viel auf Sie und er hat das letztemal zu Herrn Diamant gesagt, Sie wären ein unbezahlbarer, junger Mann. Oder vielleicht können Sie mir Violinspielen lehren. Sie haben ja selbst gesagt, daß Sie es können . . . . .« Als Ludwig nach Verlauf einer Viertelstunde beim Haustor stand, lag auf seinem Gesichte ein so ratloser Zug und sprach sich in seinen Zügen eine solche Verwirrtheit aus, wie sie alle empfanden, die von Fräulein Sidonie in das zermalmende Räderwerk ihrer Beredsamkeit gezogen wurden. 98   Siebentes Kapitel. (Beweist Herrn Tänzingers guten Geschmack in bezug auf Schönheit. Ludwig ist bezaubert und gibt unbedenklich ein Versprechen. Das goldene Wienerherz zeigt sich in schöner Weise.) Der junge Hauslehrer überlegte, noch auf der Straße stehend, welche Verrichtungen sich heute wohl abtun ließen und beschloß in Ermanglung von etwas Dringenderem, sich bei seiner neuen Schülerin vorzustellen. Er war jetzt mit Stundengeben beinahe überladen, bedachte jedoch, daß der monatliche Zuschuß für seine Verhältnisse kein geringer sei und Herr Tänzinger als sein Mäzenas den wärmsten Anspruch besaß, daß seine Wünsche genau erfüllt würden. »Fräulein Milly Zögler, Mariahilferstraße Nr. . . ., 3. St., 20,« las er nochmals von seinem Notizbuch ab. Im dritten Stockwerk des betreffenden Hauses klingelte er an der bezeichneten Türe. Ein ältliches Dienstmädchen öffnete und frug umständlich nach dem Begehren des Besuchers. Ludwig nannte seinen Namen und fügte gleichzeitig den Herrn Tänzingers hinzu, als denjenigen, auf welchen er sich als Empfehlung stützte. Das Mädchen besah sich den Fremden noch einmal genau, jedenfalls um zu der Überzeugung zu gelangen, ob die Persönlichkeit desselben sein Vertrauen rechtfertige, wenn es ihn einige Minuten allein im Vorzimmer ließ. Die Musterung schien ein günstiges Resultat erzielt zu haben, 99 denn die treue Hüterin übernahm die ihr gereichte Visitkarte und erstattete die Meldung. Durch die halbgeöffnete Türe hörte Ludwig eine helle Frauenstimme im reinsten Dialekte fragen: »No hörn S', Sie Urschl, warum machen S' denn so G'schichten und führ'n eahm net glei eini? Sie wissen ja do, daß i schon a paar Täg auf eahm wart'. Sie ham ah nix als lauter Einbruch und Raubmord in' Kopf. Sie san a rechter Batschachter Lini, das muaß i sag'n.« Dann ward die Türe vollständig aufgerissen und in ihr erschien ein junges, blondes Mädchen im reizendsten Negligé, das seinem Besucher ungeniert und herzlich entgegenrief: »Kummen S' nur herein! Sie san jedenfalls der Herr, der mir Klavierspieln und Französisch lerna soll?« Ludwig verbeugte sich zustimmend und sprach einige gewählte Begrüßungsworte, indem er dem Mädchen in den kleinen, allerliebsten Salon folgte. Die Augen des Fräuleins ruhten mit lächelnder Prüfung auf dem neuen Lehrer. »Nehmen S' Platz, ja? Herr, Herr . . . Jetzt hab' i den Namen vergessen.« »Hrdliczka, gnädiges Fräulein«, sagte Ludwig. »Hrdliczka,« lachte diese. »Hörn S', wia kummen Sie zu dem Namen? An Böhm schaun S' net gleich.« Ludwig errötete. Der Name war in seinem Leben ein fataler Punkt, ein unangenehmes Vermächtnis seines Vaters, der sich nicht minder gekränkt hatte, als sein Sohn, mit solch einem Makel behaftet zu sein. Fräulein Milly in ihrer Gutherzigkeit merkte den üblen Eindruck ihrer harmlosen Spötterei, denn sie fügte sogleich hinzu: »Namen hin, Namen her. Auf den kummt's net an, wann nur d'Person was wert is. Und i muß Ihner sag'n, 100 daß S' net übel ausschaun. Auf so an feschen Lehrer hätt' i net denkt.« Ludwig, vollkommen versöhnt, dankte für die günstige Meinung und blickte nun seinerseits die neue Schülerin näher an. Er war für den Augenblick frappiert durch die Ähnlichkeit, die sie mit einer Bekannten besaß, welche Bekannte niemand anderer war als Frau Ambros. Fräulein Milly bemerkte den Zug der Überraschung auf dem Gesicht des jungen Mannes. »Segn S' so was B'suuders an mir, oder kennen S' mi vielleicht von wo?« frug sie lächelnd. »Wenn nicht Sie, gnädiges Fräulein, so doch ein Ebenbild von Ihnen, ich muß aber gleich bemerken, weniger jung und weniger schön als Sie.« »Hörn S', daß Sie net guat schmeicheln können«, quittierte Milly lachend das Kompliment, aber anscheinend sehr freudig berührt. »Möchten S' vielleicht a klane Jausen? Ja? An Korb dürfen S' m'r net geb'n. Lini!« rief sie hinaus, »bringen S' an Wein und Schinken und a Bacherei.« Das Mädchen erschien nach einer kleinen Weile mit einer Tablette, auf der sich eine entkorkte Flasche, zwei Gläser, ein Teller mit Fleisch und eine Glastasse mit Konfitüren befanden. Milly nötigte ihren Gast zu ungeniertem Zugreifen, füllte die Gläser und benahm sich als Wirtin so reizend, mit soviel Freimut, Heiterkeit und Herzlichkeit, daß Ludwig sein junges, unerfahrenes Studentenherz unrettbar gefangen genommen fühlte. In kurzer Zeit war eine lebhafte Unterhaltung im Gange. Das junge Mädchen hörte mit vielem Anteil zu, als Ludwig von seinem kleinen, ereignislosen Provinzdasein erzählte, und von den Umständen, unter denen er die 101 Bekanntschaft Herrn Tänzingers gemacht. Er überwand seine Eitelkeit und berichtete auch von seinem Gasthausabenteuer sehr wahrheitsgetreu. In den Zügen seiner Zuhörerin wechselte Heiterkeit mit tiefster Entrüstung. »Das san G'schäftsleut' heutzutag,« rief sie ehrlich empört, »die an Gast, weil er net zwölf Stunden im Tag im Wirtshaus herumlahnt, auf a so a Art behandeln. I hätt' guate Lust, i kehret anmal in der Butik ein und leichert mir den Wirt und sein' Frau samt dem b'soffenen Kürschnermaster aus.« Der junge Lehrer lächelte erfreut über den schönen Eifer der jungen Dame für seine Sache. »Ich war im Anfange so empört, daß ich wie ein Nachtwandler in den Straßen umherirrte. Aber dann ist mir nur das Komische der ganzen Szene im Gedächtnis geblieben. Der Kluge lacht am besten.« »Da ham S' recht,« sagte Milly, »so Leut' stengen net dafür, daß man si ärgert. Es ist a rohes, ungebüldetes Volk, a zehnte Bezirkerraß.« »Mir ist nur eines verwunderlich,« nahm nach kurzem Bedenken Ludwig wieder das Wort, »wie Herr Tänzinger bei seinem Vermögen noch Lust daran finden kann, den ganzen Tag in einer solchen Höhle voll der ärgsten Abscheulichkeiten zu verbringen. Ich würde es um keinen Preis auch nur eine Stunde vermögen.« »Gengen S', der blade Wastl,« sagte Milly unbekümmert, »um an halben Kreuzer steckt der d'Nasen in a Kanalloch.« Ludwig sah erstaunt auf. »Er ist doch ein guter Bekannter von Ihnen . . .« meinte er zögernd. »Mein Gott, ja,« antwortete das Mädchen mit einem 102 flüchtigen Erröten der Verlegenheit, »was man so halt an guaten Bekannten haßt. Er hat si um mi ang'nommen, wie meine Eltern g'storb'n san, und meine Erbschaft, die i g'macht hab', tuat er für mi verwalten.« »Ich hege alle Hochachtung für ihn und habe auch Anlaß es zu tun.« »Batscherl,« sagte Milly, froh, über ein Thema hinweg zu gelangen, das ihr peinlich schien, »segn S' denn net, daß er Ihner guat brauchen kann? Umsonst tuat der nix, da können S' Ihner verlassen drauf.« »Mögen seine Beweggründe welche immer sein, ich bin ihm zu sehr zum Danke verpflichtet, um ihnen nachzuspüren.« Und mit einem Vertrauen, über welches er sich keine Rechenschaft zu geben vermochte, berichtete Ludwig von der heutigen Szene in der Wohnung Herrn Tänzingers. »Das is sehr guat«, beteuerte Milly unter Ausbrüchen lebhaftester Heiterkeit. »Sie schaffen eahm an, daß er dem Buam 's Lederzeug anstreicht, wia wann das so was Klanes wär', und er folgt Ihner. Das hätt' i dem bladen Sechter net zuatraut. Denn auf seine Kinder halt' er was. Da ham S' Ihner ord'ntli eintegelt bei ihm. Und der rote klane Teufel is, scheint mir, verliabt in Ihna. No, werd'n S' net so rot desweg'n, es is ja nix Unrechts, aber a Geduld g'hört dazua mit so Fratzen.« Millys Freimütigkeit und die Ungeniertheit ihrer Ausdrücke setzten Ludwig in höchstes Erstaunen. Es stand ihr aber alles so gut und die Liebenswürdigkeit ihres Wesens versöhnte mit allen Unliebenswürdigkeiten, die sie sprach, daß der bezauberte junge Mann sich gestand, noch niemals ein entzückenderes Wesen gesehen zu haben. Wäre letzteres weniger der Fall gewesen, hätte er sich zweifelnd gefragt, wie sich die Urwüchsigkeit des schönen 103 Mädchens mit dem Luxus vertrage, der es umgab. Die Erbschaft bildete wohl eine ziemlich plausible Erklärung, aber dem Kenner mußte sich ein Eindruck aufdrängen, der die ganze Erbschafts- und Vormundschaftsgeschichte als unwahrscheinlich erscheinen ließ. Doch Ludwig war kein Kenner, und wenn er einem jungen, schönen Mädchen mehr Vertrauen entgegenbrachte als dieses ein alter Jurist oder ein Lebemann getan hätte, war das an der Bezauberung seines unerfahrenen Herzens gelegen. »Jetzt sagen S' mir anmal,« frug Fräuleiu Milly plötzlich, »Sie ham was von aner Person g'redt, die mir so ähnlich schaun soll, daß S' im Anfang ganz paff drüber war'n. Wer is das?« »Ich meinte meine Hauswirtin, eine junge, hübsche Frau, die in der Tat soviel Ähnlichkeit mit Ihnen besitzt, als es der Unterschied an Jahren und der Umgebung zuläßt.« Milly blickte rasch, wie erschrocken, den Sprecher an. »Wo wohnen S' eigentlich?« Ludwig nannte die Gasse. »Hausnummer . . . .?« »Siebenunddreißig.« »Und die Frau heißt Ambros?« »Sie kennen Sie?« frug Ludwig erstaunt. Milly beantwortete die Frage nicht sogleich. »Sie ham mir ah erzählt, daß Sie mit Ihnern Cousin z'sammen wohnen,« forschte sie weiter, »wie haßt der?« »Anton Brenner«, antwortete Ludwig, verwundert über die Fragen. »Anton – Anton«, murmelte Milly vor sich hin und es schien, daß sie etwas lange und peinlich überlegte. » 104 Natürlich kenn' ich die Ambros,« sagte sie nach einer Weile unvermittelt, »bin ja auf dem Grund aufg'wachsen. Es is ka feine Gegend, und wundert mi, daß Sie's dort aushalten.« »Es sind zweierlei Rücksichten maßgebend,« sagte Ludwig verlegen, denn Millys Bemerkung war sehr berechtigt. »Ich bin zu großer Einschränkung genötigt und kann kein Geld für ein teures Quartier aufwenden. Kann ich etwas erübrigen, so fühle ich mich verpflichtet, so bald als nur möglich meiner Mutter einen Teil dessen zukommen zu lassen, was sie durch harte Arbeit aufgebracht und auf mein Studium verwendet. Sie wird alt und bedarf schon der Ruhe.« »Das is schön von Ihner«, anerkannte Milly. »Und das zweite . . . .?« »Die andere Rücksicht ist die auf meinen Verwandten, der mir mit soviel Freundschaft und Herzlichkeit entgegengekommen, daß ich es ihm nicht genug danken kann. Wäre Herr Tänzinger mir weniger wohlwollend erschienen, so bin ich versichert, an Anton einen Helfer gefunden zu haben, der in seinen Wohltaten nicht ermüdet wäre.« Milly sah gedankenvoll vor sich hin und nickte wie zustimmend. »Und deswegen möcht' i Ihner do raten, von dort wegaziag'n. Es ist wegen der Ambros,« setzte Milly auf einen fragenden Blick Ludwigs hinzu, »ja, just weg'n der. Um Ihner wär' do schad', für die Frau passen Sie gar net.« Ludwigs anscheinende Verständnislosigkeit belustigte sie. »O, Sie liabe, liabe Unschuld,« rief das schöne Mädchen lachend aus, »hat denn die Ambros no gar net nach Ihner g'fischt? Die muaß do an jeden Mann hab'n, der in ihr' Näh' kummt. Und auf d'jungen, feschen, da is s' ja gar 105 aus. Ihre Bettgeher san ihre Liabhaber . . . . Ja, sag'n S' mir nur, Kinderl, von wo kummen denn Sie her?« brach sie los, als Ludwig mit einem Ausdruck so unfaßbarer Verwunderung die Sprecherin ansah, als hörte er etwas, wofür ihm jegliches Verständnis mangelte. Milly bereute fast diese Worte. So unbegreiflich ihr die Harmlosigkeit des Studenten vorkam, soviel Achtung zollte sie ihr und es regte sich auch in ihr Scham, daß sie als Weib dem Manne als der undelikatere, ja rohere Teil gegenüberstand. Sie beschloß so viel gutzumachen, als nur anging. »I hab' Ihner do a bißl in Verlegenheit bringen woll'n. Aber was i da g'sagt hab', is net so g'mant. I wollt' nur sag'n, daß die Ambros hübsch gnua is, daß S' Ihner in sie verliab'n könnten.« »Sie können um mich unbesorgt sein,« log Ludwig, denn bevor er Milly gesehen, war er wirklich ziemlich ernstlich in seine hübsche Quartiergeberin verliebt, in der Weise, wie eben ein junger, wohlerzogener Mann verliebt sein kann. Millys Versuch, ihre erste Äußerung auf das Gebiet des Scherzhaften zu ziehen, gelang dem unerfahrenen Menschen gegenüber so ziemlich vollständig, obwohl sich Ludwig gestand, in seinem Vertrauen auf die Tugendhaftigkeit der Ambros doch etwas wankend geworden zu sein. Er wollte nun wissen, wie die Bekanntschaft zwischen der Frau und dem Mädchen bestand. Milly erzählte, daß sie schon als Kind die Ambros gekannt, da diese noch unverheiratet war, wie sie Nachbarn gewesen und wie sie sich später flüchtig noch einige Male gesehn. Wenn sie nicht viel dazulog, so verschwieg sie wohl manches, befriedigte aber ihren Zuhörer vollkommen. Zum 106 Schluß meinte sie: »Net wahr, aber an G'fall'n werden S' mir tuan?« »Was Sie nur befehlen«, beeilte sich Ludwig zu versichern. »Hörn S' auf, befehl'n! I bitt' Ihner nur drum, daß S' der Ambros nix sag'n, daß mir uns kennen. Und ah geg'n Ihnern Cousin erwähnen S' nix. Überhaupt geg'n niemand, is am sichersten.« »Kennen Sie vielleicht Anton auch?« forschte Ludwig. »Ah woher. Aber er könnt' doch geg'n d'Ambros a Wort fall'n lassen und wissen S', i hab' Grund, daß i nimmer mit ihr z'sammkommen will. Also ja?« und sie hielt ihm die Hand hin, in die er unbedenklich einschlug. »Das Versprechen kann ich Ihnen um so leichter geben, als ich mit Frau Ambros nur das absolut Notwendigste bespreche und mein Cousin keine besonders neugierige Natur ist. Erzähle ich einmal etwas von meinen Angelegenheiten, hört er mit so viel Teilnahme zu, daß ich glaube, er hat es während des Sprechens wieder vergessen. Überhaupt besitzt er ein so verschlossenes, mitteilungsarmes Wesen, wie ich es selten noch bei einem Menschen seines Alters gefunden. Fast wäre ich versucht zu glauben, er trüge ein Leid in sich, das er niemandem gestehen will.« »Wirklich?« frug Milly mit einer Teilnahme, die für einen Fremden zu warm erschien. »Man würde nicht glauben,« fuhr Ludwig begeistert fort, »welch gutes mitleidiges Herz er besitzt, wollte man aus seinem gewöhnlichen Wesen schließen.« Er schilderte nun die Lage der armen Frau und der Kinder Fischers, und wie hilfsbereit Anton ihnen begegne. In Sinnen versunken hörte Milly den Schilderungen des tiefen Elends und des schönen Mitleidens zu. So 107 bewegt und alle Eindrücke spiegelnd sonst ihr Gesicht war, jetzt lag darauf eine träumerische Vergessenheit, die einem Beobachter nichts zu sagen imstande war. Endlich fiel es Ludwig ein, nach der Uhr zu sehen. Er hatte volle zwei Stunden hier verbracht und ihm schien es kaum der vierte Teil dieses Zeitraums. Er vereinbarte noch mit seiner Schülerin Tage und Stunden des Unterrichts und empfahl sich. Auf dem langen Heimwege wußte er nichts Besseres zu tun, als sich Gestalt und Wesen des jungen Mädchens zu vergegenwärtigen und ertappte sich auf so ungereimten Gedanken, wie es gewöhnlich Leuten seines Alters geht, die im Begriffe sind, sich rettungslos zu verlieben. Als er gegen seine Wohnung zuschritt, bemerkte er von weitem schon eine Kindergestalt, die sich am Boden an der einen Feuermauer zu schaffen machte, offenbar was suchend. Nahe gekommen erkannte Ludwig den kleinen Franzerl. Der hatte sich beim Nahen der Schritte rasch erhoben und umgewandt und stand erschrocken, wie einer bösen Tat sich bewußt. In der Rechten hielt er eine verfaulte Weintraube. Der Greisler hatte einen halben Korb voll derselben, da sie ihm übriggeblieben und ungenießbar geworden waren, kurzerhand an die Mauer hingeleert unter den Mist, die Abfälle und die menschlichen Exkremente, die trotz einer verbietenden, an die Mauer schablonierten Aufschrift dennoch dort abgelagert wurden. Aber unbekümmert um den ekelhaften Ort, wo er sie fand, hatte Franzerl die ihm so köstliche, sonst unerreichbare Frucht aus all dem Unrate ausgelesen und war dabei von Ludwig überrascht worden. Ein Blick hatte diesen über die Tatsache belehrt. In einem Tone, der Abscheu und Mitleid zugleich ausdrückte, 108 befahl er dem Kleinen, das aufgeklaubte, verfaulte Zeug schleunigst wegzuwerfen. Mit schamgeröteten Wangen und doch auch wieder zögernd gehorchte das Kind. »Um Gottes willen, Franzerl, du hast doch nicht die Absicht gehabt, das zu essen!« rief Ludwig erschüttert aus. Franzerl hielt die Hände vors Gesicht und begann zu weinen. Erst leise, dann aber so qualvoll, wie es nur Kinder können, deren armer, ungesättigter Magen seine Leiden dem kleinen, begehrenden Herzen mitteilt. Was konnte er dafür, daß es ihn außer dem ohnehin karg zugemessenen Brot nach irgend etwas gelüstete, was unsere Hygieniker als zum Aufbau des Körpers absolut notwendig bezeichnen! Die kindliche, natürliche Sehnsucht nach Obst, Süßigkeiten konnte der arme kleine Kerl nur auf die Art befriedigen, daß er diese aus Kot und Jauche hervorholte. Minder zufriedene und minder forschende Naturen, als jene, die in der Armut entweder die göttliche Vorsehung oder die Macht des Kapitals vermuten, würden sich einfach gefragt haben, ob dieser halbe Korb Weintrauben nicht einem besseren Zwecke zugeführt werden konnte, als zu verfaulen. Zwei Tage vorher noch und der kleine Franzl hätte sich das wirklich Genießbare herausholen können. Jeder Geschäftsmann hat mit einem bestimmten Prozentsatz Verlust zu rechnen. Könnte dieser nicht auch noch, wenn nicht geschäftlich, so doch menschlich nutzbar gemacht werden? Besser, eine noch so unnütze Kreatur zu speisen, als etwas verderben zu lassen; geschweige denn ein Kind zu nötigen, wie die Hunde des Orients verwesenden Abfall zu verschlingen. – – – – – – – – – – – – – In dem Augenblicke, als der über solches Elend im 109 tiefsten erschrockene und empörte junge Mann beruhigend das Haupt des schluchzenden Kindes streichelte, trat der Greisler aus dem Laden und ließ vergnügt die Blicke straßab und straßauf wandern. Er war ein mittelgroßer, untersetzter Mann mit kleinen, im Augenblick vergnüglich schmunzelnden, sonst aber kalten, erbarmungslosen Augen und einer geröteten Nase. Den Kopf zierte eine runde Geschäftsmütze, der Oberleib stak in einem sogenannten Ärmelgilet, unter dem wohlgemästeten Bauche war das blaue Fürtuch gebunden. Offenbar fühlte er sich sehr behaglich, denn das Händereiben war sicherlich mehr auf Rechnung einer vorzüglichen Stimmung als der linden Herbstkälte zu setzen. Als er Ludwig erblickte, grüßte er mit der Höflichkeit eines soliden Geschäftsmannes, der kleinste zahlungsfähige Kunden zu schätzen weiß. Tatsächlich war ihm der Student durch einige abendliche Einkäufe bekannt. Nun fiel sein wohlwollendes Auge auch auf den Knaben und die Wirkung dieser Kenntnisnahme war, daß der Blick ein minder freundlicher war. »Warum blatzt denn der Bua?« frug er. »Weil ich ihn veranlaßte, das widerliche Zeug, das Sie offenbar hier ausgeleert hatten, wieder wegzuwerfen. Das arme Kind wollte sich aus dem Unrat einige Weintrauben herausholen.« »Der Hurmbankert, der ölendige,« entrüstete sich Herr Schwarz (so hieß der ehrenwerte Geschäftsmann), »i hab' eahm scho anmal g'sagt, wann i wieder dö Schweinerei siech, reiß' i eahm dö Uhrwasch'ln aus. Drecksau, verfluchte,« wandte er sich an Franzerl, »graust's d'r net, in dem Dreck herumz'stier'n? A Bagasch gibt's do (zu Ludwig), daß's an in Mag'n umdraht. Weinbeer' fress'n will er. Soll froh 110 sein, wann er a Laberl hat. Dös is a Bruat von so Leut', der Voda im Landesg'richt, d'Muatta a Filoutiererin, die nix arbeit'n wüll, und d'Bankerten werd'n ah anmal nette Pflanzerln, wann s' schon jetzt als a Klauer nix Besser's wissen, als wia a Banlstierer in jed'n Haufen umaranandkrabbeln.« Franzerl hatte sich bei Annäherung des gefürchteten Mannes näher an seinen Freund gedrückt und starrte mit vor Entsetzen aufgerissenen Augen den Zürnenden an. Der Hausinspektor und der Greisler – das waren die zwei Elemente, die er in ihrer Unerbittlichkeit zu fürchten gelernt hatte. Ludwig, gereizt durch die Brutalität des herzlosen Mannes, wandte sich gegen diesen: »Gönnen Sie dem armen Knaben die Überreste, die für Sie unbrauchbar sind, – nicht daß er für die Stillung seines Hungers – für eine Stillung, die einem Schweine zukommen würde – Ihre niederträchtigen Beschimpfungen in Kauf nehmen muß.« Herr Schwarz hatte beide Hände, indem er sie rieb, auf seinem angemästeten Bauche vereinigt und hörte der empört herausgestoßenen Strafpredigt ruhig zu. Seine grauen Äuglein blickten nicht mehr zufrieden und wohlwollend den unberufenen Anwalt des kleinen »Sünders« an, sondern mit einem Ausdruck, so erbarmungslos und höhnisch, daß sie ganz gut an Stelle der Danteschen Lapidarschrift gelten konnten: Laßt alle Hoffnung fahren. »Sie hab'n leicht z'reden, junger Herr, weil Sö net wissen, was a G'schäftsmann is. In aner Wochen kunnt' i mein' Laden zuaspirr'n. Zag'n S' derer Bagasch in klan Finger, hat s' Ihner glei als a Ganzer. I brauch' meine Kreuzer, d'r Hausherr und die von d'r Steuer frag'n mi 111 a net, wo i s' hernimm. A zwa Guld'n fufz'g oder sechz'g stengan no auf d'r Tafel, verd'n Sie m'r dö zahl'n? G'wiß net. I hab' a Famülie und muaß für se arbeit'n, sunst kunnt's verhungern wia s' wüll. »I bitt' Ihner, wann S' da wollten dem ganzen notigen Volk helfen, müßt'n S' an Geldscheißer hab'n. Soll si' d'r Magistrat kümmern. »'s Weib soll ins Spital und d' Kinder in d' Kost. Wann der Raubersbua a bißl vifer war, kunnt' er mit Planeten oder Zündhölz'ln hausiern gehn. Andre machen's ah so. Mi geht die ganze G'schicht nix an, i wüll nur mein Geld hab'n. Wann dö Bankerten so g'naschtig san, daß s' durchaus Weinbeer' essen wöll'n, soll'n s' si z'sammklaub'n von mir aus. I wir do net meine guaten Körb' voll hergeb'n, die i m'r in d'r Fruah von Hof oder von Naschmarkt hamführ'. Leben S' nur a Zeitlang in dem Grätzl, so werd'n S' schon anders reden. Adjes, i man', i hab' Ihner mein' Manung g'sagt.« Nach diesen Worten begab sich Herr Schwarz in seinen Laden zurück in der glücklichen Überzeugung, einen Anschlag auf seine lautere, unanfechtbare Gesinnung als Geschäftsmann gebührend zurückgewiesen zu haben. Ludwig gebot dem Kinde ihm zu folgen und führte es auf die Hauptstraße. Dort trat er mit ihm in ein Obstgeschäft, kaufte einen ganzen Pack Weintrauben, Äpfel und Birnen, gab ihn dem kleinen Franzerl nebst einigen Kupfermünzen für Brot, und geleitete den Knaben wieder heim. Auf dem Rückwege frug er ihn um das Befinden der Mutter und der kleinen Schwester. Die zögernden, knappen Antworten des armen Burschen enthüllten dem vor Mitleid und Staunen fast erstarrten Manne ein Bild so krassen Elends, daß er an der Wahrheit der Schilderung fast 112 gezweifelt hätte, würde sie ihm nicht durch die vorerlebte Szene schlagend bewiesen worden sein. Er verhieß beim Haustore zum Abschied noch dem Knaben, er wolle sich bemühen etwas ausfindig zu machen, was eine ausgiebigere Hilfe verspräche, und entließ das überglückliche Kind mit seinem köstlichen Geschenk. Die Ambros und Anton, denen er zu Hause das kleine Ereignis mitteilte, waren außer sich über die schnöde Herzlosigkeit des Geschäftsmannes und Lebensmittelwucherers Schwarz, der sich aus den Kreuzern der Allerärmsten ein schönes Einkommen zu schaffen wußte, und der wegen seiner Brutalität und seines Geizes allgemein gehaßt und gefürchtet war. »Net um an luckerten Heller wird mehr bei eahm kauft«, entschied Anton. 113   Achtes Kapitel. (Berichtet von den Familien Antons und Millys, und von der raschen Karriere der letzteren.) In einem der typisch nüchternen Häuser einer dadurch architektonisch bedeutungslosen Straße, die den Aufschwung moderner Städte symbolisieren helfen, hausten die Eltern Antons, da dieser noch ein Schuljunge der vierten Volksschulklasse war. Der Vater war ein nüchterner, fleißiger Arbeiter; streng, wortkarg, pedantisch. Als er seine Frau genommen, ließ er sich weniger von Erwägungen sinnlichen Wohlgefallens, als der Anhoffnung einiger hundert Gulden Mitgift leiten, die das schon stark abgeblühte Dienstmädchen in Jahren harter Arbeit zusammengespart. Die Ehe war eine, im landläufigen Sinne genommen, glückliche. Der Mann brachte seinen verdienten Wochenlohn mit Abzug einiger Kreuzer für ein oder zwei Glas Bier, die er sich nach der Auszahlung vergönnte, regelmäßig heim. Ein Mensch, der keinerlei Leidenschaft kannte, noch verstand, war er von ungewöhnlicher Strenge gegen jegliche Art von Geldverschleuderung. Eine kleine Schatulle mit einigen Fächern war zur Aufnahme der Beträge für die jeweiligen Wochenerfordernisse bestimmt. Kein Kreuzer durfte fehlen und Brenner hätte sich selbst des kargen Abendessens enthalten – aber das Heiligtum, die kleine Kasse, durfte nicht das geringste des für den nächsten Tag bestimmten Anteils vorschießen. 114 Der kleine Anton verlebte im Elternhause eine durch überstrenge Zucht seitens des Vaters verbitterte Kindheit. Die sanfte Mutter vermochte niemals oder höchst selten den Kleinen vor einer gerechten oder ungerechten, aber immer exemplarischen Strafe durch den rauhen, finsteren Mann zu schützen. Brenner liebte seine Familie in der rein instinktiven Weise, die die meisten, durch angestrengte Arbeit abgestumpften Arbeiter ihr zuwenden. Hausgötze war neben einem verstaubten, rein formalen Religionskultus das Geld. Mitleiden, verzeihendes Verstehen irgendeines Fehlers mangelte ihm vollkommen. Für die Fortschritte des Sohnes tat er nicht das geringste aus eigenem. Das vierteljährige Schulzeugnis genügte ihm vollkommen, sich über das Wissen seines einzigen Leib- und Namenserben zu orientieren. Eine schlechte Note wurde barbarisch bestraft; geradezu grausam jedoch, wenn es sich um die Rubrik Religion handelte. »A Mensch, der nix glaubt, is noch schlechter wia a Jud,« war das Axiom des Familiendespoten. Worin das »glauben« bestand, vermochte er sich eigentlich selbst nicht zu sagen. In allen Dingen, deren Realität unanzweifelbar war, verließ er sich auf seine zwei gesunden Augen und Ohren. Eine Vergeßlichkeit, durch ein ›ich hab' 'glaubt‹ entschuldigt, korrigierte er bei seinem Sohne durch ein von Schlägen begleitetes ›Glaub'n haßt nix wissen.‹ Sein einfacher Stolz beruhte auf zweierlei: erstens, daß er niemandem was schuldig sei, zweitens, daß er noch niemals mit einer Behörde in Konflikt geraten. Schuldenmacher und todwürdige Verbrecher standen bei ihm auf gleicher Stufe. Er war Patriot im hergebrachten Sinne, das heißt kaisertreu und Feind jeglicher Art von Umänderung des 115 Bestehenden. Alles, was Uniform trug, verehrte er, die Priester betrachtete er mit ehrfürchtiger Scheu, ohne sich deshalb einem derben Witz über jene unzugänglich zu erweisen. Über Juristen, soweit sie nicht als Behörde eine Rolle spielten, urteilte er verächtlich. Von den Männern der Kunst und Wissenschaft mit Einschluß der Ärzte sprach er im Tone tiefster Geringschätzung. Wer sich seine Achtung erringen wollte, mußte ein ebenso finsterer, trauriger Pedant sein wie er selbst. Jugendirrtümer waren verbrecherisch, Leidenschaften revolutionär in seinen Augen. Für die verliebten Zärtlichkeiten der Jugend fand sich im Lexikon seiner Lebensanschauung kein übersetzendes Wort. Trottelei, Schweinerei oder ähnlich lauteten seine Ausdrücke dafür. Und dieser Mann, dem Leidenschaften so fremd waren wie sanfte Gefühle, wurde dennoch von einer beherrscht: von grimmigem Jähzorn. In Verbindung mit einer oft unverstandenen und falschen Gerechtigkeitsliebe ward diese einzige bürgerliche Untugend sein Verhängnis. Gallig, daher über jedes noch so harmlose Wort erbost, das er auf sich gemünzt glaubte, vergaß er sich zeitweise und wurde ein brutaler Raufer, der vermöge seiner Körperkraft sich einigen Gegnern überlegen zeigen konnte. An einem Samstagabend wartete die Familie vergeblich auf den Vater. Erst einige Tage später sahen ihn Frau und Sohn in der Leichenhalle des allgemeinen Krankenhauses. Ein wohlgezielter, heimtückischer Messerstoß hatte nach einem heftigen Wortwechsel und kurzer Rauferei seinem Leben ein jähes Ende gemacht. Den einen Fehler, dem der nüchterne, ernste Mann untertänig war, büßte er mit der höchsten Strafe, die er 116 sonst für schwere Verbrecher als die einzig maßgebende bezeichnet hatte. »Allgemein war das Bedauern um den geachteten Mann«, würde ein Lokalnekrolog gelautet haben, ohne derjenigen Eigenschaften zu gedenken, die für Weib und Kind eine Wüstenei des Familienlebens bedeuteten. Der Mann hatte für seine Familie gesorgt, war niemals betrunken gewesen und lebte nach jenen Anschauungen, die man als praktisches Christentum bezeichnet. Zugleich war er das Opfer des Raufhandels und diesem galten die Sympathien der Nachbarn und Bekannten. In falsch verstandener Pietät opferte die Witwe den größten Teil ihrer Ersparnisse einem für ihre Verhältnisse viel zu prunkvollen Leichenbegängnisse und fühlte in den ihr deswegen gemachten Schmeicheleien beinahe einen Ersatz für den erlittenen Verlust. So brachen denn, trotz des nachbarlichen Mitleidens und trotz der »schönen Leich«, die zwei Tage das Leitgespräch der engeren Umgebung bildete, harte Tage der Entbehrung für die Frau und den Knaben an. Aber die Witwe begann entschlossen die Jagd nach Verdienst. Wie diesen beschaffen? Wer vermöchte die Irrgänge zu schildern, die das Jagen nach dem täglichen Brot bedingt? Kurz, die sanfte, schwache Frau nahm den Kampf mit dem Leben mutig auf und schaffte für sich und ihr Kind den nötigen Unterhalt. Tür an Tür mit der Familie Brenner hatte ein junges Ehepaar samt Töchterchen gewohnt. Der Mann mit seinem sorglosen Leichtsinn und der souveränen Nichtachtung des Geldes, bildete den größten Gegensatz zu dem finsteren, sparsamen Vater Antons. Die Frau war seine würdige Gefährtin in allen Dingen, die Lebensgenuß betrafen. Was 117 verdient wurde, gab man auch gewissenhaft aus und die Tage des Mangels wurden zum mindesten nicht durch eine trübe Laune verbittert. Lustig gelebt! war die Devise, wer wollte sich um die Zukunft bekümmern? Das kleine, um zirka drei Jahre jüngere Mädchen war Antons einziger Spielgefährte. Der ernste Knabe, auf dessen Anlagen sich etwas von dem Harten, Strengen, Nüchternen des väterlichen Charakters vererbt hatte, bewunderte nichtsdestoweniger mit staunender Zärtlichkeit das kleine, goldigblonde, zierliche, stets heitere Wesen und den liebenswürdigen Leichtsinn von dessen Eltern. Millys Vater war ein stets gutgelaunter Spaßvogel, die hübsche junge Mutter eine immer zu Trällern und Lachen aufgelegte Frau. Und wenn es einmal in der Wohnung hoch herging und der Spielgefährte des Töchterchens geladen war, verglich sein kindlicher Sinn die beiden Haushalte. Daheim gab es niemals ein Glas Bier, niemals etwas anderes als das einfache Essen, das zum Überflusse noch gänzlich stillschweigend und hastig eingenommen wurde. Der Vater zündete sich auch nie eine Pfeife an oder scherzte mit Weib und Kind, wie das bei Millys Vater der Fall war. Ja, dieser verflocht oft in tollem Übermut Frau und Tochter in einen unendlich drolligen Raufhandel und das gab dann ein Jubeln und Lachen, daß allen die Tränen in den Augen standen. Freilich bemerkte der kluge Knabe auch Unterschiede zwischen den beiden Haushaltungen, die sehr zugunsten des eigenen sprachen. Wie nett, fast behäbig sah es daheim aus, trotz des ärmlichen Arbeiterhausrates, wie sauber und reinlich war seine Mutter gekleidet und erst der Vater an einem Sonntage, da er vom » Bolwierer « kam und in dem Feiertagsanzuge fast einem Kavalier glich. 118 Indes sah es in der Nachbarwohnung immer unordentlich aus. Das Sofa hatte Risse und ließ die Sprungfedern hervorragen. Der Tisch war wackelig, die Furnierung der Platte aufgestanden oder weggebrochen; die Schränke, es gab deren zwei verschiedener Fasson, verloren beinahe die Türen, ihr Inhalt war ein Wust von hineingestopften Wäsche- und Kleiderstücken; Vorhänge, Bilder, Haussegen, Weihbrunnkessel fehlten gänzlich. Die Wände waren nicht bemalt wie bei ihm zu Hause, sondern grün getüncht, mit abgestoßenen Ecken und Löchern. Statt einer politierten, gravitätischen Standuhr befand sich auf der Kommode ein Wecker mit papierenem Zifferblatt, der überdies die Laune hatte, nur dann für höchstens eine Stunde seine Funktion als Zeitmesser auszuüben, wenn man ihn einige Male heftig herumschwenkte oder gegen die Tischkante stieß. Das alles waren wohl Dinge, die den an strenge Ordnung gewöhnten Knaben abstießen, aber schließlich sagte er sich, daß Heiterkeit und Lebensfreude der Menschen geeignet sind, auch unschöne tote Gegenstände und einen kahlen, häßlichen Raum zu vergolden. Seine kleine, übermütig lustige Freundin verehrte er mit wahrhaft anbetender Zärtlichkeit. Sie war ihm der Inbegriff des Schönen, Heiteren, Köstlichen. Frau Brenner hätte den lieblichen Kobold tagsüber gern in ihrer Wohnung geduldet, schon um ihres Sohnes willen, dem sie für seine traurige, unter der väterlichen Zucht erstickte Jugend einen heiteren Sonnenstrahl wünschte. Aber Milly hatte nach einmaligem Besuch gesagt. »Bei euch ist's grauslich. So viel traurig und m'r därf si' net traun wo anz'kommen. Gengan m'r liaber zu uns oder auf d'Wiesen. Wann heut d'r Vata kummt, spiel'n m'r ›Rauber und Poli‹«. 119 Dieses heitere, in Antons Erinnern unauslöschlich eingegrabene Verhältnis fand ein jähes und schreckliches Ende durch den unvorhergesehenen, gewaltsamen Tod seines Vaters. Die Mutter war nach Erhalt der erschütternden Nachricht auf den Schemel, ihren gewöhnlichen Sitz bei einer Handarbeit, gesunken und schien blind und taub gegen alles, was um sie vorging. Anton, der sich in seinem ratlosen Bemühen um die Mutter nicht mehr helfen konnte, schlich hinaus auf den Gang und weinte. Da ging die benachbarte Türe auf, herausgeschlichen kam Klein-Milly und als sie den Freund so trostlos weinen sah, eilte sie auf ihn zu, umschlang seinen Hals und weinte mit. Ihre aufgelösten Haare umwallten sein Gesicht, die beiden kleinen Geschöpfe einigte ein großes Leid, dessen volle Tragweite sie zwar nicht zu ermessen wußten, aber ihnen drängte sich eine dunkle Überzeugung auf, daß alle Freuden dieser Welt einen unerbittlichen Feind besäßen: den Tod. Millys Eltern mühten sich in herzlichem Eifer um die arme Witwe. Zwar taten sie dieses in ihrer Weise, die mit einem fast festlichen Schmause in inniger Berührung stand. So etwas half doch gegen jede Art von Traurigkeit. Sie erreichten mindestens so viel, die unglückliche Frau aus ihrer ersten, dumpfen Betäubung zu erwecken. Für die beiden kleinen Spielkameraden war die Zeit der Trennung gekommen. Eine anscheinend geringfügige Änderung ihrer Beziehungen, ein Ändern des Wohnortes im selben Bezirk – aber jeder weiß, daß damit oft eine Trennung auf Nimmerwiedersehn eingeleitet wird. Die Witwe verkaufte einen Teil des nun überflüssigen Hausrates, mietete sich in einer weit entfernten Gasse mit dem Sohne in ein Kabinett ein und begann den 120 unbewunderten Krieg mit den Sorgen um des Lebens Notdurft. Die Kinder sahen sich von nun an seltener, wenngleich Anton nicht verabsäumte seine freien Stunden bei Milly zu verbringen. Deren Mutter ward eines Tages von einem Husten befallen, der sich nicht bessern wollte, dann kam ein blutiger Auswurf dazu. Täglich nahm die Schwäche überhand, der Schluß war Spital und – Leichenkammer. Das kleine Mädchen jammerte entsetzlich um die liebe, lustige, schöne Mutter. Von niemandem, nicht einmal von seinem erschütterten Gefährten wollte es sich trösten lassen. Und der spassige, zu so vielen Narreteien aufgelegte Vater war auf einmal wie verwandelt. Im Vereine mit der Frau hätte er allem Unglück ins Gesicht gelacht. Welches Leid wäre so mächtig gewesen ihn zu beugen? Nun war es gekommen, das einzige, schwerste. Er hatte mehr zu beklagen als den Verlust der Gattin, der Mutter seines Kindes. Was er verloren, war sein lustiger Kumpan, ein Teil seines Ich, seine zweite Seele. Mit brennenden Augen stierte er in dem kleinen, unordentlichen Zimmer umher. Er wollte essen und trinken wie früher, er ließ sich durch sein Töchterchen das Beste heraufholen, wie in den Tagen ausgelassenen Glückes. Aber ein Schatten nahm den Platz ein, den sonst ein lebensfrohes, übermütiges, geliebtes Weib besessen, und das Glas berührte nicht seinen Mund, die Speisen blieben, wie sie gebracht worden waren, erkalteten, wie das Herz des gebrochenen Mannes. Und nachts, als Milly aus einem durch viele Tränen und Erschöpfung erzwungenen Schlummer erwachte, hörte sie vom Bette des Vaters her Laute, die wie ein Schluchzen klangen. Milly schloß wieder die Augen. Das konnte nicht der Vater gewesen sein. Der konnte doch nicht weinen! 121 Die Ereignisse des Lebens gleichen dem Wallen des Morgennebels. Ein Winden, Gleiten, Drehen, Sichverdichten und Auflösen, allmähliches Senken und Verschwinden. Oft grüßt dann ein goldener Morgen, oft aber bleibt der Tag traurig, finster und regenschwer. Für Millys leichtes, kleines Kinderherz kam nach Tagen wieder die Bläue des Lebens. Für den mit einem so ungeahnten Streiche betroffenen Vater nimmer. Seine Gänge ins Spital glichen noch Feiertagen. Was er seiner Frau nur Angenehmes zu bereiten vermeinte, er tat es. Dazu kam noch immer die leise Hoffnung, daß eine Genesung möglich sei, trotz des Ernstes der Lage. Wenn auch krank, hoffnungslos krank, sein Weib lebte doch noch, sie grüßte ihn beim Eintritt mit großen, brennenden Augen und einem leisen Lächeln. Wenn er und sein Kind an dem Bette der rasch dahinschwindenden Lieben saßen, diese in jeder Hand eine von Mann und Tochter haltend, zärtlich von dem einen zur andern blickend – o! das waren ja noch Stunden, Minuten des Glücks, eines letzten, traurigen zwar, aber doch noch Glück. Er war mehr Geliebter als Gatte und Vater gewesen. Die Existenz seines Kindes, das so sehr der Mutter glich, war nicht imstande, die schwarze, finstere Lücke auszufüllen. Die Kleine litt es ebensowenig mehr in der verödeten, stillen, stets mehr verfallenden Wohnung, wie den Vater. Milly hielt sich jetzt nach den Schulstunden auf der Gasse oder bei irgendwelcher Familie auf. Frau Brenner wurde häufiger mit Besuchen bedacht, zur großen Freude Antons, der am liebsten gewünscht hätte, an Milly einen ständigen Hausgenossen zu haben. Als »Bettgeherin« bei der Frau, die an Antons Mutter das Kabinett vermietet hatte, befand sich eine Fabriksarbeiterin, ein junges, schönes Mädchen von ungefähr zwanzig Jahren. 122 Seine hauptsächlichste Zierde bildete ein wundervolles Blondhaar, so lang und schwer, daß es beinahe eine unangenehme Last für das Haupt wurde. Die Gestalt war voll und üppig. Sie kam abends auch manchmal zu Frau Brenner hinein und lernte dort Milly, die nun schon ein ziemlich naseweises Ding wurde, kennen. Auffallend war die große Ähnlichkeit der beiden Mädchen. Ernestine, so hieß die Ältere, fand viel Gefallen an der Kleinen und bewog sie, öfter des Abends zu kommen und länger zu verweilen. In solchen Stunden war es recht anheimelnd in der kleinen Kammer, besonders an Winterabenden, wenn Frau Brenner mit einem kaffeeähnlichen Gebräu aufzuwarten pflegte und in dem kleinen, eisernen Ofen ein behagliches Feuerchen knisterte. Eines Nachmittags wollte Milly wieder zu ihren Freunden, fand aber das ganze Haus in einer gewissen Aufregung. Als sie in die Wohnung trat, kam ihr Anton mit verweintem Gesicht und trostlosem Ausdruck entgegen. Sie wollte ihn fragen, was es denn gäbe? Der nahm sie stillschweigend an der Hand und führte sie ins Kabinett. Einen Blick warf das entsetzte Mädchen nach dem Bette. Darauf lag jemand von einem Leintuch verhüllt. Es war Antons Mutter, die vor einigen Stunden, von plötzlichem Unwohlsein und Atemnot befallen, in den Armen des jammernden Sohnes jäh verschieden war. Das letzte bescheidene Stück häuslicher Idylle war den beiden jungen Menschenkindern geraubt. Von nun an war ihre Trennung eine vollkommene. Anton war schulfrei geworden und trat bei einem Schlossermeister als Lehrling ein. Den armseligen Hausrat hatte Fräulein Ernestine aus dem Nachlaß an sich gebracht. Sie beschloß, ein nicht mehr ganz waschechtes Jungfrauenleben in den Hafen der Ehe zu landen, und da ihr Erwählter 123 außer zwei arbeitsschweren Händen nichts besaß, Ernestine gerade nur ein klein wenig mehr, so hieß es für den Anfang klein beigeben und bei der Wahl des Mobilars sich weniger von Erwägungen des Stiles und der Modernität, als denen der Wohlfeilheit leiten lassen. Also gründete die künftige Frau Ambros ihren Hausstand. Milly wuchs nun, von keiner sorgsamen Hand mehr geleitet (Frau Brenner hatte sich ihr sehr mütterlich erwiesen), in vollster wilder Freiheit heran. Den Vater sah sie kaum öfter als in der Frühe. Oft kam er spät nachts nach Hause. Der Abend sah ihn immer in der Branntweinschenke des Herrn Tänzinger, wo er inmitten der schreienden, johlenden Gesellschaft stumm dasaß und seinen Schnaps hinabschüttete. Er sprach mit niemandem, kümmerte sich um niemanden und war froh, wenn man ihn ruhig vor sich hinbrüten ließ. Seine Tagesarbeit verrichtete er mechanisch, teilte den Wochenlohn in die Bedürfnisse für sein Kind und sich. Der letztere Teil ward zumeist in Branntwein angelegt. Indes trieb sich das sich selbst überlassene Mädchen auf der Straße herum, meist mit halbwüchsigen Burschen, mit denen es von Nachbarn manchesmal in den bedenklichsten Situationen betroffen wurde. Sie wuchs rasch heran und lockte das Begehren der herumstrolchenden, vor den Haustoren lungernden jugendlichen Tagediebe. Vergebens suchten einige wohlmeinende Nachbarinnen das Kind zu warnen. Sie ernteten dafür nur kecke, schnippische Worte. Der täglich mehr dem Trunke verfallende Vater hörte manchmal in der Frühe, wenn er außer Haus ging, den Bericht einer Frau über die Aufführung seines Kindes an, geriet wohl auch in Zorn und untersagte seiner Tochter das Herumtreiben auf der Straße. Aber die väterliche Autorität war eine zu kraftlose geworden. Überdies verabscheute 124 ihn sein eigenes Kind immer mehr. Vielleicht aus unbewußtem Instinkt wegen der unmännlichen Art, wie er sich dem ersten Schicksalsschlag gebeugt. Jedes Aufrichten aber, das fühlte er in trostlosen Stunden der Nüchternheit selbst, war unmöglich geworden. Der tolle Schalk von einst war nun ein lebensmüder, mit sich zerfallener Mann. Der Alkohol hatte mit rasender Schnelligkeit unbestrittene Herrschaft über ihn gewonnen. Eines Abends kehrte er nicht heim wie gewöhnlich, aber auch bei Nacht nicht, noch am nächsten Tage, noch überhaupt. Was aus ihm geworden? Niemand vermochte es zu sagen, er blieb verschollen. Für Milly kam nun eine böse Zeit. Sie wurde von Gerichts wegen bis zum Austritt ans der Schule gegen geringes Monatsgeld einer Familie übergeben, bei der sie zu angestrengtester Arbeit verhalten wurde und außerdem keine rücksichtsvolle Behandlung erfuhr. Als die Schuljahre vorüber, die sie bis zur fünften Volksschulklasse gebracht, trat sie in eine Fabrik als Arbeiterin ein. Dort gefiel es ihr immerhin besser als in der vormundlichen Zwangsanstalt. Sie begriff leicht, war geschickt und verdiente sich nach einem Jahre so viel, als sie zum Unterhalte und zur Bestreitung ihrer kleinen Luxusbedürfnisse gebrauchte. Milly war so eitel als schön geworden. Nach ihrem Besitze strebten viele junge Arbeiter, die sie beim Nachhausegehen von der Fabrik mit ihren Anträgen verfolgten. Sie wußte sich bei aller Einfachheit verführerisch zu kleiden und das schöne Haar in entzückender Weise zu ordnen. Die Bewerbungen der jungen Leute schmeichelten zwar ihrer Eitelkeit, doch war sie keineswegs gesonnen, einen zu erhören. Die Ambros, die sie einmal getroffen und in letzter 125 Zeit einige Male besucht hatte, warnte das junge Mädchen eindringlichst vor der Dummheit, die sie begehen würde, bände sie ihr Los mit dem eines armen Arbeiters zusammen. »Du bist schön, Milly, und das muaß a junges, armes Madl ausnützen. I hab's net verstanden, mit 'n ersten, nächstbesten Pülcher hab' i mi einlassen, weil er a sauberes G'frieß g'habt hat. Und mein Mann – kann i das an Fang haß'n? Wia i so jung und sauber war wia du, hätt' m'r ana a herrschaftliche Wohnung eing'richt't, wann i woll'n hätt'. I hab' ihn aber net leiden können, weil er alt war und i grad damals in an verliabt g'wesen bin. Und was hab' i jetzt davon? Rackern därf i mi, daß Meiner im Wirtshaus sitzen kann. Unter an goldenen Schmuck gib di net her. Wer mehr gibt, der hat di. Dö paar schönen Jahrln san bald tschali und gar wannst verheirat't bist, mit an Schüppl Kinder, so is mit der Schönheit habe die Ehre. Dumm a jed's Frau'nzimmer, die ihr G'frießl net zum benutzen versteht.« Milly war zu klug, um diese Warnung nicht zu beherzigen. Sie dachte an ihre Mutter, die trotz einer glücklichen Ehe nicht das beste Los gezogen. Und Ehrenhaftigkeit? Pah. Sie wußte, daß ehrenhafte Frauen aus armem Stande hungern können. Zu diesen praktischen Bedenken kam noch, daß Milly weder verliebt noch sinnlich war. In ihren Adern rollte kühleres, man möchte sagen reineres Blut als in denen der Ambros. War diese von einer schrankenlosen Lüsternheit beherrscht, so war das junge Mädchen von einer fast keuschen Zurückhaltung. Gewiß, es hatte beschlossen, sich zu gelegener Zeit zu ergeben, aber wie man für gelegene Zeit einen Einkauf beschließt. 126 Die Fabrik, in der Milly arbeitete, beschäftigte fast meistens Frauen. Mit ihren Kameradinnen stand sich das wegen seiner Schönheit etwas hochmütige Mädchen nicht am allerbesten. Von seiten der anderen war es Neid, der sie ihre Sticheleien an der unbeliebten Genossin erproben ließ, besonders als man zu bemerken glaubte, daß der gefürchtete Fabriksleiter dieser einzigen Arbeiterin Vergünstigungen zuteil werden ließ, deren sich keine andere rühmen konnte. Obwohl die Bevorzugte tat, als merke sie das nicht, merkte sie es dennoch nur zu gut. Dieser Mann war weder im Bösen noch Guten zu verachten. Sonst unbestechlich und von eiserner Strenge, war dennoch der alte Adam im Menschen geneigt, ihm einen Streich zu spielen. Fast unmerklich geschah seine Annäherung, und es gehörte der Neid und die Eifersucht von fünfzig Saalgenossinnen dazu, diese Allmählichkeit zu bemerken und hämisch zu kommentieren. In aller Gemütsruhe ließ das Mädchen die Ereignisse an sich herankommen. Es war entschlossen, nicht nur keine Ermutigung zu geben, sondern im Gegenteile durch wohlberechnete Sprödigkeit das Höchsterreichbare für sich herauszuschlagen. Der erste Schritt, den der Fabriksleiter auf seinem Eroberungsausfluge machte, war, Milly in eine bessere Abteilung zu versetzen. Außer leichterer und besser bezahlter Arbeit traf es sich manchmal für die Arbeiterinnen dieser Abteilung, daß sie eine Stunde früher Feierabend machen konnten, als die der anderen. Waren es auch nicht außergewöhnliche Benefizien, die mit der vorgerückten Stellung verbunden waren, schienen sie für ein armes, angestrengt arbeitendes Fabriksmädchen groß genug, um ihm den Weg zu weisen, wo es der vollen 127 Gnadensonne entgegenging. Zudem konnte der Leiter als ein stattlicher, fast schöner Mann gelten, dessen Blicke auf sich zu ziehen gewiß die meisten hübschen Mädchen gerne ertragen hätten. Selbstverständlich wurde diese auszeichnende Versetzung seitens der früheren Saalgenossinnen mit großer Entrüstung aufgenommen. Jahrelang mußte so ein armes, in der Fabrik fast altgewordenes Mädchen warten, bis an sie die Reihe zum Vorrücken kam. Die ganze Entrüstung war aber in ihren Folgen eine rein platonische, ohne die mindeste praktische Wirkung. Milly kümmerte sich auch nicht im mindesten darum. Ihr konnte aller Neid nichts anhaben. Herr Tell, so hieß der mächtige Arbeitstyrann, hatte durch die Versetzung zwei Fliegen mit einem Schlag getroffen. Zum ersten konnte die Auszeichnung von dem Mädchen nicht mißverstanden werden, zweitens war es nunmehr in seiner Nähe und Gewalt. Zu jeder beliebigen Stunde konnte er einen Auftrag erteilen, dies oder jenes in dem oder jenem Magazin zu suchen. Die Magazine waren sehr weitläufig, manche äußerst selten besucht, und hatten einem Werkführer schon oft Gelegenheit zu einer Liebesstunde mit einer Arbeiterin gegeben. Hatte Tell auf eine rasche Eroberung gerechnet, so sah er sich zunächst sehr enttäuscht. In unnachahmlicher Weise spielte Milly die Gekränkte, in ihrer Tugend Beleidigte. Dabei blieb noch genügend an Hoffnung für den Mann übrig, um seines Sieges für eine spätere Zeit sicher zu sein. Einstweilen nahm die Spröde dankbar die verschiedenen Geschenke an, die ihr der Fabriksleiter an heimlichen Orten mit halben Worten überreichte. Ein Mädchen, das Geschenke nimmt, ist dem Spender sicher, so dachten sich beide in ihrer Art. Von Milly war es eine indirekte Aufforderung an 128 den Mann, in seiner Geduld nicht wankend zu werden, für Tell die Gewißheit, daß zum letzten Angriffe ein schweres Geschütz, das heißt ein Geschenk nötig sei, das allen tugendhaften Bedenken ein Ende machen müsse. Wäre der verliebte Mann imstande gewesen, durch Herauskehrung seines Standes als gefürchteter Vorgesetzter auf das Mädchen einzuwirken, er hätte es versucht. Aber er mußte sich sagen, daß auch dies wohl bei Milly nichts genützt hätte, daß sie im Vertrauen auf ihre Schönheit den Posten leichten Herzens verlassen hätte und daß es in ihrer Macht gelegen wäre, ihn vor allen zu blamieren. Ein abgeblitzter Liebhaber, der, um sich zu rächen, einem Mädchen die Arbeit raubt, trägt außer dem Fluche der Brutalität noch den der Lächerlichkeit. So hieß es denn, sich in Geduld zu fügen und die kluge Kokette mit dem einzigen Mittel zu bezwingen, das Mephisto Faust anriet: Schmuck. Das kostete Geld, viel Geld, und ein Fabriksleiter ist noch lange kein Millionär. Aber der Besitz eines so schönen, blutjungen, noch unberührten Dinges war die Kosten wert. Auch in der neuen Abteilung hatte der Eindringling manch hämisches Wort zu vernehmen. Man machte es dem »Flitscherl« fast zum Vorwurf, hier unter lauter gesetzten, alten Arbeiterinnen mittun zu wollen. Eine machte einmal die Bemerkung. »Müass'n in' Herrn Fabriksleiter damisch viel aufzagt hab'n mit Ihnerer G'schicklichkeit. Se san a Glückskind. Andere brauchen zehn, fufzehn Jahr, bis s' so viel können wia Se. Über a ›G'schicklichkeit‹ steht nix auf.« »Ja mein Gott,« antwortete Milly, »im vorigen Jahrhundert war m'r no net so weit, wie heutingtags, und wann m'r früher mit die Keppelzähnd g'arbeit't hat, so arbeit't m'r jetzt mit die Händ'.« 129 »Na, wenn nur die Händ' so g'schwind gangten wia 's Züngerl. Am meisten, glaub' i, gengan bei Ihner die Aug'n im Kras, wann wer hereinkummt und Ihner ins Magazin schickt.« Milly sprang auf. »Halten S' Ihner z'ruck und denken S' ehnder nach, bevor S' a jungs Madl schlecht mach'n woll'n. Wann i wem g'fall', so is des net mein Sachen. I hab' m'r mein G'sicht net ausg'suacht und g'fall'n kann i an jeden, der will. Sunst aber is aus mit'n G'spaß. An mi hat si no kaner traut und wird si ah kaner trau'n und wann's d'r Herr Pamsti is.« Niemand wagte mehr eine Bemerkung, das Mädchen sah zu kriegerisch aus. Eines Tages erteilte ihr Tell wieder einen Auftrag, in einem Magazin Dinge in Ordnung zu bringen, die dem Erinnern der ältesten Angestellten nach ihr Lebtag nie in irgendwelche Ordnung zu bringen waren. Die Kolleginnen lächelten hämisch und nickten einander verstohlen zu. Das lag doch aufgelegt da mit dem »Ordnen«. Milly selbst zögerte einen Augenblick. Dann aber warf sie trotzig den blonden Kopf zurück und ihren Widersacherinnen einen verächtlichen Blick zu und begab sich hinaus. Was sie erwartet, ereignete sich wieder. In dem Magazine angelangt, trat ihr Tell entgegen. Ihrem rasch spähenden Blicke entging nicht, daß in dieser Abteilung, für Säcke und Kisten bestimmt, eine gewisse Anordnung getroffen war, geeignet genug, die Situation als eine entscheidende anzusehen. Einige Kisten waren so zusammengestellt und mit wohlzusammengelegten Säcken bedeckt, daß sie ganz gut ein Lager darstellen konnten. 130 Tell ließ aber dem Mädchen nicht viel Zeit zum Nachdenken. Mit den ihr bekannten, halben, gestammelten Worten überreichte er ihr ein Etui. Es war ziemlich groß und ließ einen gediegenen Inhalt vermuten. Milly öffnete es scheinbar so teilnahmslos, wie sie bisher all die kleinen Geschenke besehen hatte. Aber ein Blick auf die in ihrem Sinne unerhörte, goldene Pracht entlockte ihr einen Ausruf der Freude. Ein Ring, ein Armband, ein Medaillon und ein Paar Ohrgehänge – goldig und blitzend von Steinen. Und ein zweiter Blick voll Verheißung dem Spender, der die Wirkung seines Geschenkes wohl berechnet hatte. – Milly wehrte sich nimmer gegen seine Umarmungen, nimmer gegen seine Küsse. »Aber gengen S, wann wer kummt und siecht uns a so?« stammelte sie. »Niemand, niemand, mein Kind, niemand, o komm'! Ich habe dich so lieb – so lieb –« Er drängte sie nach dem improvisierten Lager hin. Im Zurücksinken klammerte sie sich an seinen Hals. »O, net – net – wann das wer wüßt' . . . .« In Wirklichkeit wußte es alles und jedes. Man sprach in der Fabrik ganz offen und ungescheut davon, solange man sich aus der Gehörweite des Gefürchteten wußte. Dieser hatte nach endlichem Siege dem Mädchen ein geräumiges, vom Gange direkt zugängliches Kabinett gemietet und eingerichtet. Noch weit von der Erfüllung seiner Träume entfernt, hatte Milly den gegenwärtigen Zustand als Erlösung aus dem drückenden Verhältnis als schlechtentlohnte Arbeiterin und als erste Stufe auf der Leiter zum »Unnumerierten« aufgefaßt. Tatsächlich war die Stellung 131 Millys in der Fabrik nur mehr eine bloße Sinekure geworden. Die gerechte Gereiztheit der anderen Arbeiterinnen und Arbeiter ließ sich nimmer länger zurückhalten. Eine besonders bösartige unter ihnen, die »g'flickte Anna«, schürte den Haß gegen das Paar mit allen Mitteln. Als ihr eines Tages Herr Tell eine Partie fertiggestellter Ware voll Mißachtung als unbrauchbar zurückwies, gab sie dem Nörgler ganz einfach eine schallende Ohrfeige. Dies war das Signal für die anderen. Man stürmte auf ihn ein und hieb auf den vor Überraschung fast gelähmten Mann los. Die »g'flickte Anna« hatte sich eines Kistendeckels bemächtigt, damit herzhaft zuschlagend. Als männliche Hilfe herbeikam, ward Tell, ohnmächtig, von den wütenden Arbeiterinnen umringt, aus ihrer Nähe befreit. Das Ereignis machte die Runde in allen Fabriken des Bezirkes. Man hatte eine unendliche Freude an diesem Akte von Selbstjustiz. Selbstverständlich kam die wirkliche Ursache der allgemeinen Unzufriedenheit zur weitgehendsten Erörterung. Man wollte das Liebespaar auf allen Korridoren, in allen Kellern und Schlupfwinkeln in flagranti ertappt haben. Ja, man schuf sich förmliche Schlagworte, um die Liebesbrunst des Paares zu illustrieren, wie: »In so an Magazin – liegt was drin!« Der Chef, der trotz aller Abneigung gegen Zwischenträgerei und Werkstättenklatsch endlich doch Notiz von dem Vorfalle nehmen mußte, spürte der Sache nach. Durch private Einvernahme einiger alter Arbeiterinnen kam er auf die Vorfälle, die sich in den Magazinen abgespielt haben sollten, in Wirklichkeit sich jedoch nur ein einzigesmal ereignet hatten. 132 Er ließ sich daher einmal zu einem Gang durch die Abteilung herbei, die Schön-Milly zierte. Acht Tage später erhielt Tell die Kunde von seiner Versetzung nach einer Filiale in einem Kronland der Monarchie, bei verbesserten Bezügen. »Ich nehme nur Rücksicht auf Ihre Familie«, bemerkte der Chef in einer Art wohlwollender Strenge. »Sie haben es so getrieben, daß Ihre schleunigste Transferierung geboten erscheint. Ich darf den Ruf meines Etablissements nicht durch solche Dinge herabsetzen lassen. Wir sind Männer und verstehen derlei. Aber wir sind auch Geschäftsmänner genug, um zu wissen, daß der Betrieb ganz gehörigen Schaden erleiden kann, durch – durch – nun, Sie wissen, durch solche Abenteuer.« Am selben Tage war Milly von ihrem Arbeitsorte verschwunden und besaß eine ziemlich luxuriös eingerichtete Wohnung im neunten Bezirke. Sie hatte Tell nimmer gesehen. Der moralische Chef litt dies nicht. Der Tausch war ein angenehmer, insofern es sich um die Erfüllung eines Traumes handelte, die eine vornehme Wohnung und die zeitweise Benützung eines »Unnumerierten« in die rosigste Nähe gerückt hatte. Aber war sie zuvor wirklich eine Geliebte gewesen, – jetzt war sie eine bezahlte Ware. Der Chef, ein Norddeutscher, schon ziemlich in Jahren, behagte persönlich dem leichtlebigen, graziösen Wienerding gar nicht. Er behandelte sie fast wie ein preußischer Korporal seine Rekruten. Den kapriziösen Launen seiner Maitresse setzte er einen so nüchternen, geschäftsmäßigen Widerstand entgegen, daß mit allem bengalischen Feuer einer erheuchelten Zärtlichkeit und Liebesseligkeit »kein Jota nich« zu erreichen war, wie das ständige Sprichwort des trockenen Galans lautete. Er hatte sich genau berechnet, was ihn der 133 »Mumpitz« kosten dürfe und war zu der glücklichen, geschäftsmäßigen Tarifierung gelangt, die eine selbst gesuchte und geschätzte Ware noch immer nicht überzahlen läßt. Eines Tages war es zwischen den zwei so grundverschiedenen Temperamenten zur heftigsten Auseinandersetzung gekommen. Eigentlich buchte der Begriff »Heftigkeit« nur im Konto des weiblichen Teiles. Der Mann wurde wenn möglich noch um einige Thermometergrade eisiger als sonst, und setzte den saftigsten Invektiven, die jemals aus dem Munde einer schönen Wienerin kamen, nur seine gewöhnliche Geschäftsmiene entgegen, wie zuzeiten, wo seine Arbeiter mit dem Streik drohten. »A so a preußischer Heiland«, zeterte Milly. »Du bist ja schlechter wia zehn Jud'n. Nimm d'r Ane, die – waßt eh. Auf dös Glump' pfeif' i d'r. Da davon kann i nix abbeißen. Den Wag'n kann i eh nur alle Monat' auf zwa Stund' hab'n. Net anstehn auf an so an notigen Beut'l, wia Sö san. D' Leut' schind'n bis aufs Bluat, a Geliebte habm woll'n, der m'r net anmal das Notwendigste gibt – so a Kavalier, pfui Teufel! Schaun S', daß S' weiterkummen, Sö alt's Talmigigerl. Suachen S' Ihner unter Ihnere Mad'ln aus d'r Fabrik ane aus, die schon 's fünfundzwanzigste Rackerjubiläum bei Ihner feiert. I find m'r no an andern und wann's der schäbigst' Jud is, is er mir liaber, wia a so a preußischer Fallot.« Das Ende war, daß der so Apostrophierte mit ruhiger Hand nach seiner Brieftasche griff, seiner Maitresse auf der Stelle kündigte und ihr einen vollen Monat ausbezahlte, geradeso, wie er seinen Angestellten gegenüber zu tun pflegte, wenn er einen Knall und Fall entließ. Er tat es diesmal nicht ohne Bedauern und wäre nicht die dringende Mahnung des Arztes gewesen, auf gewisse 134 Sensationen, die nur der Jugend gebühren, zu verzichten, so wäre der schöne Bund noch lange Zeit nicht gelöst worden. Milly packte noch selben Abends ihre Wäsche, Wertsachen und Geld zusammen, nahm einen Einspänner und fuhr zur Ambros, die sie schon seit langem nicht besucht hatte. Sie wollte sich für kurze Zeit bei ihr einmieten und hoffte das Kabinett besitzen zu können. Es traf sich wirklich so günstig, daß dieses schon einige Tage frei war und Milly nichts hinderte, es sogleich zu beziehen. Als das junge Mädchen sich in seinem provisorischen Heim umsah, kam ihm vieles so bekannt und vertraut vor. Besonders eine alte Kommode mit einem, unter Glassturz befindlichen vergoldeten Christus rohester Schnitzerei, dessen Kreuz auf einer Art ultramarinblauer Weltkugel oder etwas ähnlichem stand. Da es diese Beobachtung der Ambros gegenüber äußerte, meinte die: »Kannst di nimmer erinnern? Das san ja die Sachen von die Brennerleut', die i nach'n Tod von der Frau kauft hab'. Lang wirst ah net bei mir bleib'n können, denn in a acht Täg ziagt si d'r Anton zu mir. Er nimmt das Kabinett, weil die Sach'n von seine Eltern da san.« »D'r Anton?« rief Milly erfreut, »o Gott, den hab' i jetzt schon vielleicht – no, a sechs Jahr werd'n 's sein, daß i 'hn net g'seg'n hab'. Ja, was macht denn er? Möcht' 'hn do gern wieder anmal seg'n.« »Das kannst vielleicht heut oder murg'n. Er is a fescher Kerl word'n, groß und stark. In d'r Fabrik bei'm Meißler und Söhne arbeit't er. Und weil er von da nächender hinhat, ziagt er zu mir.« Dann kamen sie auf Millys Streit mit deren Aushälter zu sprechen, auf ihre ferneren Aussichten und darauf, was sie schon erreicht habe. 135 »I wär' an deiner Stell' net so g'schmissi g'wesen,« tadelte die Ambros. »Jetzt kannst am End' langmächti' passen, bis si wieder wer find't und in a Arbeit wirst do nimmer gehn woll'n.« »Warum net? Zur Abwechslung. Das ewige Faulenzen tuat ah net guat und so viel hab' i überhaupt, daß i a Zeitlang net von dem allan leb'n muaß, was i verdien'. Und übrigens – mir hat g'rad das, daß i in aner Arbeit war, Glück bracht. Die Männer fliag'n mehr auf ane, die s' für a Mad'l halt'n, das schwer z'hab'n is. Schad um 'n Tell,« fügte sie melancholisch hinzu, »i glaub', den hab' i beinah' wirkli gern g'habt. Er mi ganz sicher.« Abends, Milly hatte es sich schon ganz bequem gemacht, hörte sie im Zimmer eine Stimme, die sie noch nach Jahren wiedererkannte. Sie öffnete hastig und freudig die Türe – die ehemaligen Jugendgespielen standen einander gegenüber. Als Anton seine Freundin erkannte, war er im Anfang vor freudigem Staunen sprachlos. Aber diese fiel ihm ohneweiters um den Hals und eine Träne kindlicher Rührung feuchtete ihr Auge. »Toni, Toni, kennst mi no? Jessas, wia lang hab'n m'r uns net g'seg'n. Und was für a Mann als d' word'n bist! Aber für mi bleibst allweil der liabe, liabe Bua vom Nachbarn. Es is mir akrat so, als wär's no wia damals, wo's d' zu uns kummen bist und mir daham ›Vaterl‹ g'spielt hab'n.« Anton sah immer und immer wieder das schöne Mädchen an und konnte sich lange nicht zu der Unbefangenheit desselben entschließen. Ob er sie noch erkannte! Und ob er an sie gedacht! Nein, die Erinnerung an diesen glänzenden Schmetterling seines rauhen Kinderfrühlings hatte er nie verloren. 136 Nun standen sie wieder einander gegenüber, er fühlte noch den harmlosen Kuß, den die Jugendfreundin ihm in der ersten Aufwallung der Wiedersehensfreude gegeben. Wie schön, wie über alle Maßen schön sie geworden war! Dem rauhen, ernsten Burschen schlug das Herz vor aufregendem Entzücken. Und sie war ihm gegenüber die Alte geblieben, mit derselben treuherzigen Zuneigung von einst. Der Abend vereinigte in Millys einstweiligem Wohnraum die drei, wie zu jenen Zeiten, da man sich's noch bei Mutter Brenner behaglich machte. Selbstverständlich weihten die beiden Frauen den jungen Mann nicht in die näheren Lebensschicksale der jüngeren ein. Anton war's zufrieden, daß es seiner Freundin gut gehe, und ihr ganzes blühendes, jugendfrisches Aussehn bestätigte ihre Versicherung. Seit langem kamen die beiden verwaisten Menschen zum ersten Male wieder zu einer ernsten Erinnerung an ihre Familien. Antons tiefer angelegter Charakter verweilte länger dabei als der des lebenslustigen, leichtsinnigen Mädchens. Als er Abschied nahm, sagte ihm Milly: »Kumm alle Abend, solang i no da bin; wann i furtgeh', wer waß, wann m'r uns wieder seg'n.« »Hoffentli von jetzt an recht oft, Milly,« antwortete zärtlich Anton; »verlier'n m'r uns nimmer für so lang! Wann m'r's recht nimmt – hab'n nur wir zwa uns allan.« Einen Monat dauerte dieses glückliche Verhältnis, da die junge Postenwerberin behauptete, nirgends unterkommen zu können. Einen schüchternen Vorschlag des Freundes, ihr mit Geld dienen zu wollen, lehnte sie lachend ab, belohnte aber seine Absicht mit einem Kusse. Eines Abends, da beide allein waren, gestand Anton seine langgehegte Absicht, mit ihr einen gemeinsamen Haushalt zu beginnen, bis die Umstände eine Heirat zuließen. 137 »Net weiter, Toni,« sagte das Mädchen mit seltsamer Entschiedenheit. »I hab' schon lang g'wußt, auf was d' hinaus willst, aber so was kann i dir und mir net antuan. I will geg'n di net falsch sein. A Leb'n, wia's die meisten Weiber von Arbeitern führ'n, mag i net. I bringert's net z'samm'. Liaber tua i d'r anmal, das erstemal weh, als später vielleicht für's ganze Leb'n. I hab' a anders Bluat g'erbt, wia du. San m'r so guat, wia m'r uns immer war'n, i hab' di ja so gern, aber das ane verlang' net!« Als sie das Erblassen des aus seinen süßesten Hoffnungen geweckten Burschen, das Zucken seiner Lippen, den tieftraurigen Ausdruck seiner Augen bemerkte, tätschelte sie ihm freundlich die Wangen. »Tschapperl! Kannst mir a Wohnung einrichten mit g'schnitzte Möbeln, Samtsesseln, Teppich', Badezimmer? Kannst m'r wenigstens an Dienstboten halt'n? Kannst m'r an Unnumerierten zahl'n, daß i ausfahr'n kann, wann's m'r paßt? Wann m'r Kinder hätt'n, kunnt'st m'r a Ammel, a Kindsfrau halt'n? Und das andre all's was drum und dran hängt: Essen, Trinken, schöne Klader, Unterhaltungen – kannst m'r das all's verschaffen? Dann sag' i glei, kan' andern als di. – No sixt, es geht net. Also san m'r g'scheit! Wann m'r uns ans oder 's andre anmal brauchen, mir halten z'samm'. I wir di immer gern hab'n, denn wia's d' g'sagt hast, mir ham niemand mehr außer uns. Nur g'scheit sein, Tonerl! Wannst a Prinz warst und i a Prinzessin – na«, lachte sie, »wannst an Haupttreffer macherst oder i an, da brauchert m'r kane Prinzen z'sein. So, da hast a Busserl und sag', es war nix.« Antons Blick hatte sich fest auf ihr liebliches Gesicht geheftet. »Du hast recht – sag'n m'r, es war nix. Daß du 138 schon so a Schul' mitgemacht hast, hab' i net wissen können. Is ah ka Wunder bei dein' G'sichtl – – –! Schon guat, i wir d'r nix in Weg leg'n woll'n.« Und aufrecht gehalten durch den Stolz, der das bitterste Liebesleid des Mannes vor Spott oder Mitleid zu schützen weiß, ließ er dieses Thema fallen und spielte später, als die Ambros heimkam, einen leidlich guten Gesellschafter. Und heute zum ersten Male fand er, wie ähnlich sich diese beiden Wesen sahen. Es war wie eine erst aufgedämmerte Erkenntnis. Die Ambros in ihrer Frauenhaftigkeit nach einer kurzen Ehe (sie war seit einem Jahre Witwe) bildete zu dem jungen, übermütigen Mädchen halb einen Kontrast, halb eine Ergänzung. Anton grübelte darüber nach, warum er die eine liebe und die andre ihm gleichgültig sei? Schön waren sie beide, auch gleich liebenswürdig in ihrer besonderen Art. War es vielleicht nur die Kindererinnerung, die natürliche Anhänglichkeit an seine erste und einzige Jugendfreundin? Wirkte die Helligkeit, die das sylphidenhafte Mädchen in seine trübe Kindheit gebracht, noch jetzt herüber? Er seufzte leise und empfahl sich bald. Der Zeitraum von einer Woche, den Milly für ihre Einmietung beansprucht, war auf einen Monat gediehn. Um keinen Preis hatte Anton die Geliebte auch nur um eine Minute ihres Aufenthaltes verkürzen wollen. Hoffte er doch, daß aus dem provisorischen ein dauernder werden würde. Die Liebessehnsucht solch junger Paare des arbeitenden Volkes kennt keine unfruchtbare Sentimentalität und kein Zögern. Man zieht ganz einfach zusammen auf ein Kabinett, lebt kürzere oder längere Zeit, oft auch für's ganze Leben in dieser Gemeinsamkeit und schließt auch manchmal den vom Priester gesegneten Bund am Sterbelager in irgendeinem Spital oder einer Zelle des 139 Gefängnisses. Vor allem kennt man nicht die Hindernisse der guten Gesellschaft, wo man oft auf das selige Hinscheiden einer steinreichen Tante oder gar der eigenen Erzeuger warten muß, auch nicht die Verzögerung, die das Avancement oder die Beschaffung der Offizierskaution bereitet. Man zieht zusammen und ist deshalb nicht weniger geachtet, als ob er seinen Referendar gemacht und sie ihr Pensionat verlassen und nun beide ein glückliches Ehepaar geworden wären. Als der junge, unglückliche Liebhaber am nächsten Abend wiederkam, vermißte er das Mädchen. »Jetzt is Ihner Kamenet frei,« sagte ihm die Ambros, »d'Milly hat heut an Briaf kriagt, und is außer Wien in an Posten, hat s' m'r g'sagt. Wo, waß i aber selber net.« Anton blickte die Frau ernst an. »Den Marker glaub'n S' aber ah selber net, was? I bin ah kan heuriger Has net. Das Madl und an Posten? – Mir kann's recht sein, i wünsch' nur, sie möcht' si net anschmiern. Im Anfang geht's recht schön, aber später oft – – no guat, am Montag ziag' i ein. Das z'Bett Umkugeln hab' i schon bis daher,« und er fuhr mit der Handseite an die Kehle. Die neue Quartiergeberin, die ihren »Kammerherrn« schon als Knaben gekannt, war in kurzer Zeit bis über die Ohren in den jungen, ernsten, ja schwermütigen Burschen verliebt. Seelische Leiden bewirken, daß selbst ein rohes Antlitz veredelt wird und Anton war sogar ein hübscher Mensch mit einem wohlgeschnittenen Antlitz von feinem fast mädchenhaftem Ausdruck. Die junge Frau besaß die Gabe, die Eroberung eines ihr genehmen Mannes ohne jeden Schein der Aufdringlichkeit zu machen, andererseits sich so erobern zu lassen, daß der beglückte Sieger vermeinen mußte, der einzig Auserwählte zu sein. – – – 140 Als sich Anton nach Verlauf von kurzer Zeit in ihre Arme warf, umarmte er aber nicht die hübsche Frau Ambros, sondern das Ebenbild derjenigen, die er nicht besitzen konnte und die er unaussprechlich liebte. Unterdes prüfte Milly halb kritischen, halb entzückten Blickes ihr neues Nest. Das war einmal was, das sich sehen ließ. Geradezu entzückend. Ein Salon, ein Schlafzimmer, Baderaum (Vorzimmer, Küche, Dienstbotenzimmer gar nicht gerechnet). – Die neuakquirierte Maitresse Herrn Tänzingers stellte sich vor dem hohen Toilettespiegel in Position. Sie fühlte, sie war ihr Geld wert. Und als ihr fettiger, geifernder, wortfauler Galan ins Zimmer trat, flog sie ihm an den Hals und nannte ihn ihr »Mausi«. * * * Wieso kam der ehrenwerte, vielfach verstockte Hausherr, konzessionierte Fuselausschenker, brave Vater und trauernde Witwer dazu, sich ein so holdes Wesen fast an die (bei festlichen Gelegenheiten obligate) schwergoldene Uhrkette förmlich anzuhängseln? Alles an Herrn Tänzinger widerstritt diesem unnatürlichen Verhältnis. Fusel und eau de cologne oder parme violette oder usw., Schmerbauch und engelhafte Zartheit, Geifer und Honigseim, Faulheit und graziöse Beweglichkeit, Pfennigfuchserei und wilde Verschwendungslust, Schläfrigkeit und tolles Zärtlichtun, Kröte und Lilie – – – O Herr Tänzinger! Wer warf Ihnen dieses reizende, liebliche Geschöpf in Ihre Arme? Wer gab Ihnen das Recht, mit Ihren vor lauter Kupferheller-Zählen fast grünspanigen Fingern diesen Leib auf seine geheimsten Schönheiten hin prüfend zu betasten? Wer gab Ihnen, nicht nur das Recht, 141 sondern mehr als das beinahe, die Macht , all dieses zu tun? Hatte der Vater Ihrer Maitresse nicht einen um den andern schwer verdienten Kreuzer in Ihre Hände gelegt, um seine Tochter einst das Werkzeug Ihrer Greisengelüste werden zu lassen? Ward nicht jeder seiner Schweißtropfen ein Fetttropfen an Ihrem Körper? Milly spielte ihrem schmerbäuchigen Seladon gegenüber die liebenswürdigste Tyrannin. Daheim ließ sich Herr Tänzinger von seiner Tochter, in seinem buen retiro von seiner Geliebten hunzen. Schlauerweise hatte er erfaßt, daß diese noch Neuling genug war, um mit ihren Forderungen nicht allzu anspruchsvoll zu sein. Er konnte sich in seinen alten Tagen einen Luxus wie diesen erlauben. Seit dem Tode seiner Frau gab es keine Gesellschaften mehr, seine sonstigen Privatbedürfnisse waren im Vergleiche zu seinem Vermögen lächerlich geringe. In den letzten Wochen hatte ihm seine Geliebte unter Liebkosungen und zärtlichem Schmollen das Versprechen abgerungen, ihr einen Lehrer für Französisch und Klavierspielen, sowie einen schönen Flügel zu verschaffen. Der geriebene Geschäftsmann hatte auch diesesmal ein Mittel gefunden, die ganze Sache zu verbilligen. Er mietete ein Pianino, dessen Hauptvorzug die glänzende, neue Politur war. Und als Lehrer hatte er, wie gezeigt, in Ludwig den geeigneten Mann gefunden. Ob ihm nicht Bedenken aufstiegen, zwei so jungen Leuten förmlich die Gelegenheit zu einem Liebeshandel zu geben? Nein. Herr Tänzinger kannte die Welt und kannte seine Leute. Bis ins kleinste war er durch die Personen, denen Ludwig seine Empfehlung verdankte, über die Eigenschaften sowie den Charakter des jungen Hauslehrers unterrichtet. Seine Ehrlichkeit, Gewissenhaftigkeit und provinzlerische 142 Unverdorbenheit waren den scharf prüfenden Augen Tänzingers kein Geheimnis geblieben. Der würde den weitestgehenden Avancen des jungen Mädchens nicht entgegenkommen, wenn diese es überhaupt versuchen wollte. Denn Milly vermochte den erfahrenen Mann mit ihren erheuchelten Zärtlichkeiten nicht darüber zu täuschen, daß sie, abgesehen von der Komödie ihm gegenüber, ein nichts weniger als verliebtes, heißblütiges, sondern eitles, berechnendes und vergnügungslustiges Ding sei. Und nahm man die Sache wirklich in ihren letzten Konsequenzen – pah! Ludwig wäre nicht der unangenehmste Nebenbuhler gewesen. Und was man nicht weiß – – –! Seinem Phlegma dankte Herr Tänzinger alles: Reichtum, Glück, Gesundheit. Sollte er diese köstliche Naturgabe wegen eines bezahlten, hübschen Dinges riskieren? 143   Neuntes Kapitel. (Ludwig findet, daß seine Schülerin ein besseres Herz, als Ausdauer für Studien besitzt. Er trifft einen Freund unter Umständen wieder, die ihn als Helden erscheinen lassen.) Nach getroffener Vereinbarung begann Ludwig schon in den nächsten Tagen mit dem Unterrichte bei Fräulein Milly. Einer unergründlichen Vorstellung zufolge gedachte diese, ihr Lehrer müßte, mit einer Art Zauberkunst begabt, ihr in der ersten Stunde die Exekutierung eines Liedes beibringen. Die ziemlich nebelhaften Vorstellungen, die sie vom Klavierspielen einerseits, vom Lehren andererseits besaß, sowie die kindische Freude an dem eingelangten, tadellos politierten Instrumente ließen sie vor Ungeduld kaum den Augenblick des ersten Unterrichtes erwarten. Skeptischer stellte sich Milly schon dem Französischen gegenüber, da dieses in Verbindung mit einem Buche und Schreibhefte stand. Die arme Milly stützte ihre Kenntnisse des Lesens und Schreibens auf einen so unvollkommenen, mangelhaften Volksschulbesuch, und hatte im Laufe der Jahre von den Elementarkenntnissen dieser schönen Künste so viel eingebüßt, daß ihr gelindes Grauen sehr verständlich ist. Sie stand nicht so vereinzelt mit ihrer Verachtung bedruckten und gebundenen Papiers. Wie viele Leute gibt es nicht, die behaupten, sie hätten schon »g'fressen, wenn sie ein Büachl sehn«? Doch auch diese Klippe hoffte sie mit Hilfe ihres Lehrers zu umschiffen. Wozu hätte er sonst einen so schönen 144 Schnurrbart und so warme, dunkle Augen besessen. Er mußte überdies als Lehrer die geeignetsten Mittel kennen, auch den unfruchtbarsten Köpfen das Wissen beizubringen. Als sich Lehrer und Schülerin zum ersten Unterrichte trafen, verabsäumte die junge Dame nicht, ihre Wünsche bezüglich eines rasch zu erwerbenden, reichhaltigen Repertoires bekanntzugeben. »Warten S', am liabsten möcht' i z'erst das Couplet können«, und sie sang ihm mit klarer Stimme einen eben in Mode stehenden Gassenhauer vor. Ludwig schüttelte bedenklich den Kopf, eröffnete eine mitgebrachte Rolle und bewies ihr an der Hand einer Klavierschule die Art und Weise des Studiums. Millys Gesicht verlängerte sich. »Was, die Punkteln und Stricheln und Kraxen soll i verstehn lerna?« »Wie denn nicht? Das wäre, als verlangten Sie ein Buch lesen zu können, ohne die Bedeutung der einzelnen Buchstaben zu verstehn.« Die Einführung Fräulein Millys in die Mysterien der Töne nahm ihren Anfang. Nach der ersten halben Stunde Übung und Erklärung rief sie erschreckt: »Ja sag'n S' mir, das soll so fortgehn?« »Monatelang«, versicherte vollen Ernstes der Lehrer, ohne vor den trostlos auf ihn gerichteten Augen vor Scham und Reue in den Boden zu sinken. »Gengan S', hörn S' auf!« hatte sich Milly wieder gefaßt, nachdem ihr die Eröffnung für einige Zeit die Rede verschlagen; »wann werd' i denn nachher was Ordentlichs spiel'n können?« 145 »Das hängt von Ihrem Fleiß, Ihrer Ausdauer und dem Talente ab. Kunst will gelernt sein.« »Aber a Künstlerin will i ja do gar net werd'n, nur . . .« und die ungeduldige Schülerin erklärte nochmals sehr eingehend ihre Vorstellungen vom Klavierspiel. Ludwig in seiner Ehrlichkeit wagte eine Berufung auf Herrn Tänzinger, dem er sich für die Erfolge seiner Lehrbestrebungen gewissermaßen verantwortlich fühle. »Lassen S' Ihner net auslachen!« unterbrach Milly seine mit viel Ernst und Gravität vorgebrachten Einwände. »Hörn S', san Sie a Kinderl. Was schert si der drum, ob i so lern' oder so. Das is ja nur zu mein' Vergnüg'n, und der alte Plumpsack versteht vom Klavierspiel'n so viel wie a Pflasterer vom Feinsticken. Lernen S' m'r nur a paar fesche Liader, und wann's ah a bißl happert, so sing' i ja dazua. Sie nehmen die G'schicht' gar so schwer. I will do net a Konservatoristin werd'n, die mit der Taschen und d'langen Zöpf' umeranander rennt.« Diese Vorstellung schien ihr unendlich belustigend, und indem sie mit den Fingern wahllos in den Tasten umherfuhr, zwang sie das Instrument zu den greulichsten Disharmonien. »Segen S', a so spiel'n die Fuchteln,« erläuterte sie ihre Demonstration, »anmal aufi, anmal abi, daß an' der Schiach angeht.« Ludwig, dessen Rechtlichkeitsgefühl und Lehrerehrgeiz zu ausgebildet waren, begann sich mit seiner unbotmäßigen Elevin gehörig herumzuzanken. Er war wirklich ein klein wenig Pedant. Auf ihn paßte das Sprichwort: »Was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten.« Welche Perspektive muß sich seinen glücklicherweise noch ahnungslosen und noch in Schlitzhöschen herumlaufenden künftigen Zöglingen eröffnen! Wie viele Folterinstrumente der Konjugation und der Syntax wird der einstige Professor in Anwendung 146 bringen, um manches Bubengesicht zu veranlassen, sich mit einem, durch abgewischte Tränenbäche verschmierten Backenpaar zu präsentieren? Fräulein Milly, die durch die heutigen Fingerübungen hinlänglich ermüdet war, beschloß, den Frieden anzubahnen und schlug Schluß des Unterrichtes sowie der Debatte vor. »Für heut hab' i in Gusto aufs Klavierspiel'n schon verlurn,« meinte sie, »im Anfang is die G'schicht' a bißl schwer. Nächstesmal aber fangen m'r ord'ntli an. Ah mit'n Französischen, wissen S', aber heut hab' i Kopfweh.« Dieses große Argument aller Frauen, ob vornehme Dame oder Waschweib, wenn es sich darum handelt, eine unangenehme Sache abgebrochen zu wissen, nötigte auch Ludwig zur Resignation in der von ihm verfochtenen guten Sache. Er wollte sich daher empfehlen. »Was fallt denn Ihner ein?« frug Milly erstaunt, »jetzt werd'n m'r do erst jausnen.« Die ziemlich schwachen Proteste Ludwigs überhörend, bestellte sie wieder Wein und nötiges Zubehör. Zum Schlusse zündete sie eine Zigarette an und nötigte ihren Lehrer ein gleiches zu tun. Dieser, der sonst unter keinen Umständen zu einem solchen Versuch zu bewegen gewesen wäre, stürzte sich heute in dies Abenteuer und fand, daß es vortrefflich ging. Aber es war auch eine köstliche, leichte, duftende Sorte, und besser geeignet, einem Neuling in der Rauchkunst zu behagen, als Herrn Holzingers Virginia, die Ludwig am nächsten Tage zerbrochen in seiner Brusttasche gefunden hatte. Im Laufe des Gespräches kam er auf die Szene mit dem kleinen Franzerl zu sprechen, und konnte Fräulein Milly herzlich lachen, so vermochte sie auch ausgiebig zu weinen. 147 »Mein Gott, so a armes Hascherl!« rief sie voll ehrlichsten Mitleidens. »Und der grausliche Mensch, der schimpft dös Kind no z'samm? So schlecht geht's derer Frau mit die armen Batscherln? Ja, um Gotteswilln, da muaß ma do was tuan. Warten S' . . .!« Sie eilte zu ihrem Schreibtisch, der diese Bezeichnung wohl wegen seiner charakteristischen Form, aber nicht wegen seines Gebrauches verdiente, kramte allerlei Zeug heraus, das in einen Schreibtisch ungefähr mit demselben Rechte hineingehörte wie eine Bibliothek auf ein Backstubenregal, bis sie eine Brieftasche gefunden, der sie eine Banknote entnahm. »Da hab'n S',« sagte das gutherzige Mädchen, Ludwig die Note überreichend, »vorderhand, daß das erste Elend a bißl wegg'ramt is. Und sagn S der armen Frau, daß i schon schaun werd', daß i ihr immer a bissel was zum Flicken z'sammenrichten kann. I z'reiß ja do hübsch was mit der Zeit. Segn S', Sie san a guater Mensch, das g'fallt mir von Ihner. Ham S' dem Buam schöne Weimber kauft – Sie, wann das d'r Schwarz wußt', der möcht' grün und gelb werd'n, daß er sein G'fraßt net ums teure Geld hat verkaufen können.« Und dabei die letzte Träne ihrer schönen Augen trocknend, war sie gleich bereit, sich das von Neid entstellte Gesicht des menschenfreundlichen Greislers vorzustellen, was natürlich nur von befriedigendster Wirkung sein konnte. Dann schenkte sie Ludwig ein neues Glas voll, nötigte ihn, es auf einen Zug zu leeren, sich eine frische Zigarette anzuzünden und ihre Wißbegierde bezüglich vieler, ganz unwissenswerter Dinge zu befriedigen. »Sag'n S', was tan S' immer am Sunntag?« wollte sie wissen. »Sonntags? Mit Ausnahme eines kleinen Spazierganges arbeiten. Meine Zeit ist so strenge eingeteilt, daß ich keinen Tag entbehren kann. Die Unterrichtsstunden bei 148 meinen Schülern, die ich meinem Studium entwende, wollen wieder eingebracht werden.« »Jessas, und i mit meiner dummen Plauderei halt' Ihner vielleicht ah no ab? Dann können S' vielleicht bis in der Nacht aufbleiben?« »Das ist ohnehin stets der Fall. Vor zwölf Uhr, oft vor zwei komme ich nicht zu Bette.« »Ja, das wär' ja recht schön, wann S' nur net dabei studieren müaßtn. I kriaget an Kopf wia a Wasserschaffel. Tanzen bis in der Fruah könnt' i schon aushalten. Aber so in die Büacheln lieg'n . . . .« »Nun heute zum Beispiel wird es wohl ziemlich spät, ohne daß ich ein Buch zu Gesicht bekomme. Man hat mich genötigt, einem Kommers beizuwohnen, von dem ich mich nicht gut ausschließen kann. Ich fürchte nur, morgen ein gehöriges Kopfweh zu bekommen.« »Kommers?« frug Milly. »Was is das?« »Ein studentischer Unterhaltungsabend,« erklärte Ludwig, »an dem in gewöhnlichen Fällen viel gesungen und noch mehr getrunken wird. Es sind Landsleute und da habe ich gewissermaßen die Verpflichtung, einmal mitzuhalten.« Ein längeres Schweigen trat ein. Die Dunkelheit war jäh hereingebrochen und der junge Mann glaubte die Augen des Mädchens auf sich gerichtet zu fühlen. Er hatte wohl die Empfindung, daß sein längeres Verweilen mancher Auslegung fähig war, die weder zu seinen noch zu Millys Gunsten zu deuten war. Aber in diesem schönen, traulichen Beisammensein lag soviel zauberhafter Reiz, daß er fürchtete, die schöne Stimmung durch einen jähen Aufbruch zu stören. Was Fräulein Milly dachte? Jedenfalls waren ihre Gedanken nicht minder angenehmer Natur. Sie war zu jung und ihr Gegenüber zu anziehend, als daß sie nicht zu 149 ganz bestimmten Vergleichen hätte angeregt werden sollen. Daß bei diesen Herr Tänzinger eine keineswegs schmeichelhafte Rolle spielte, mag dahingehen, denn bezüglich seiner war von Anfang an auch nicht die kleinste Illusion möglich. Aber ein Anderer trat auf den Plan, ein Anderer, der Milly in letzter Zeit wieder eingehend beschäftigt hatte, und sie dachte, ob ihre Antwort minder ablehnend, minder klug und minder schwesterlich gewesen, wenn er die Züge seines Vetters getragen hätte. Als sie dem Mädchen läutete, um ihm aufzutragen, die Lampe anzuzünden, erhob sich Ludwig zum Aufbruch und ließ sich durch keinerlei Vorstellungen mehr zurückhalten. Er empfand vor dem eintretenden Dienstmädchen eine unbestimmte Scham und dachte, sie müsse seinem Gesichte Gedanken ablesen, die er sich selber nicht zu gestehen wagte. – Um die Zeit, die ihm noch übrig blieb, etwas nützlich zu verwenden, ging er nach der Bibliothek, verbrachte dort zwei Stunden und lenkte dann seine Schritte nach dem Kneiplokale der Verbindung, deren Einladung er angenommen. Mit ziemlich benommenem Kopfe brach er von dort spät nachts auf. Der weite Weg, den er bis nach Hause zurückzulegen hatte, tat jedoch seine Wirkung, und der junge, nicht trinkfeste Studiosus fühlte die Nebel von seinem Hirn schwinden. Es war eine klare, sternerhellte Nacht, und für eine Bummelei wohl geeignet gewesen. Aber Ludwig fühlte nur das Bedürfnis zu schlafen, und versuchte deshalb seinen Weg so weit als möglich abzukürzen. Das konnte einigermaßen beträchtlich geschehen, wenn er quer über die Felder und Wiesen schritt, so daß er die Diagonale der Hauptstraße und der Gasse nahm, in der er wohnte. Auf diesem Wege 150 gelangte er an der Planke eines Materialplatzes vorbei. Ein schmaler, ausgetretener Fußpfad trennte sie von dem zirka einen Meter tieferliegenden Feld. Jemand, der Nachts diesen Weg ging, befand sich in vollster Dunkelheit, nichts trennte seine Gestalt von dem grauen, vermorschten Bretterwerk. Plötzlich hielt Ludwig inne und horchte gegen die Felder zu. Nicht allzuweit von ihm, linker Hand, ertönte eine Stimme, die dem Horcher nicht unbekannt dünkte. »Püls, Rauber, Diab! Was, aussackeln willst mi? Da hast a Watschn, laß d'r's weichen , daß d' was Heiligs hast. Was, mein Uhr . . . .?« Nun folgte ein entsetzlicher Aufschrei, so fürchterlich, daß der sonst nicht unerschrockene einsame Wanderer wie gelähmt sich an die Planke lehnte und keiner Regung fähig war. Zu seinem Heile, wie ihm später klar wurde. Noch hielt er sich an das graue, dunkle Holz gedrückt, als von der Stelle, aus der der Schrei erklungen, eine Gestalt sich in eiligem Laufe der Planke zu näherte. Doch nahm sie nicht den Weg, auf dem sie mit Ludwig unbedingt hätte zusammentreffen müssen, sondern in gerader Richtung an der anderen Seite der Umzäunung vorbei gegen den erhellten Horizont zu. Scharf hob sich hiebei die Silhouette des Flüchtenden davon ab. Ludwig nahm den Eindruck derselben mit der Treue eines Photographenapparates auf. Es war wie ein scharf aufgeworfenes Schattenbild. Eines merkte der ungesehene Beobachter noch, daß die Gestalt hinke. Einen Augenblick überlegte er, ob er nicht den Flüchtenden verfolgen solle. Doch mahnte ihn der noch in seinen Ohren nachgellende Schrei an das vielleicht schwerverletzte Opfer des Verbrechers und darum eilte er der Richtung zu, 151 in der er die begangene Tat vermutete. Die Stelle lag nicht allzuweit hinter dem Hause Nr. 37. Als er ungefähr dort angelangt war, bemerkte er eine wohlbeleibte Gestalt, die sich mühsam erhob, einige Schritte wankte und gleich darauf wieder zu Boden sank. Mit ein paar Sprüngen war Ludwig bei dem Unbekannten. Er beugte sich nieder. Ein dumpfes Röcheln drang ihm entgegen. Als er nach dem Liegenden niedertastete, fühlte er, wie seine Hände von etwas Warmem, Flüssigem überflutet wurden. Schaudernd erkannte Ludwig Blut. Was tun mit dem Schwerverletzten, vielleicht Sterbenden? Hilfe holen und den armen Mann allein lassen? Vielleicht dreihundert Schritte wären nach seinem Hause zurückzulegen gewesen. Der Erstochene röchelte immer noch; von Zeit zu Zeit schüttelte es ihn. Der Ratlosigkeit Ludwigs wurde ein Ende bereitet, als er von der Straße her Schritte und die Stimme eines Singenden vernahm. »Holla!« schrie er. »Holla! Hilfe! Rettung!« »He? Was gibt's?« rief es herüber. Ludwig beeilte sich dem Antwortenden entgegenzueilen und mit beiden Armen Eile zu signalisieren. »Kumm schon, kumm schon,« ertönte die beruhigende Antwort und im nächsten Augenblicke war mit einigen mächtigen Sätzen der Helfer zur Stelle. »Eilen Sie!« drängte Ludwig, den Unbekannten mit sich ziehend, »ein Verbrechen ist geschehen, man hat jemand erstochen.« »Ui!« dehnte der andre, »das is da nix Neuchs. A Püls vielleicht, jedenfalls weg'n an Schlitt'n . No, schau'n m'r halt, Mensch is Mensch.« 152 »Der Erstochene dürfte keiner dieser Klasse sein. Ich glaube, es handelt sich um einen Raubmord. Aber da sehen Sie selbst!« Die beiden waren an der Stelle angelangt, wo noch immer, wenn auch leiser röchelnd, der Erstochene lag. »Warten S', i werd' mein Wachsstöckl anzünden, a so is's do zu finster.« Und rasch ein Zündholz anstreifend, setzte der zweite Retter eine der kleinen Kerzen in Brand, die spät Heimkommende benützen, den Weg über die Stiege zu erleuchten. Bis jetzt hatte Ludwig sich nicht Zeit genommen, in das etwas zur Seite geneigte Gesicht zu schauen. Aber als der Schein des Wachslichtes darauf fiel, fuhren sowohl Ludwig als sein Genosse mit einem Rufe des Erstaunens zurück. »Der Holzinger, meiner Seel!« entfuhr es Huxtl, denn er und niemand anderer war der zur Hilfe Herbeigerufene. »Sie kennen ihn auch?« frug Ludwig. »Na, hör'n S', i und neamd kennen in der Weanastadt . . . .!« »Was tun?« drängte Ludwig. »Er lebt no, da lieg'n lassen können mir 'hn net. Mir trag'n 'hn mitanander in mein Haus zum Hausmaster und i fab'l dann g'schwind zur Polizei. Packen S' vielleicht unterm Kopf an, recht langsam, und i nimm eahm vurn.« Als Ludwig sorgsam seinen Arm unter das Haupt des Verwundeten schob und sich bemühte, ihn dann unter den Schultern zu fassen, schlug dieser die Augen auf. Huxtl, der noch das brennende Licht hielt, glaubte am besten zu tun, Herrn Holzinger einen guten Abend zu wünschen und 153 ihn um sein Befinden zu befragen. Er tat dies einesteils in der guten Absicht, den Schwerverletzten über die Gefährlichkeit seiner Lage zu täuschen, andernteils in dem gedankenlosen Bestreben, die unheimliche Stille, die die Nähe des Todes mit sich bringt, zu beleben. Holzinger aber starrte in das Gesicht des über ihn gebeugten Ludwig. In seinen brechenden Augen spiegelte sich das Erkennen. Es war zu wetten, daß unter andern Umständen der Kürschner seinen Eintagsfreund am nächsten Morgen nimmer erkannt hätte. Aber, schärft das Ende die Sinne der Menschen, oder sehen sie wirklich schon aus einer klareren Welt – Holzinger hatte den jungen Studenten erkannt, den er noch vor kurzer Zeit so schnöde seiner Freundschaft beraubte. Schier dankbar und um Verzeihung flehend war der Ausdruck, mit dem er seine Blicke auf den Samariter richtete. Auch Huxtl erkannte er, und wohl in Erinnerung an dessen heiteren Beruf, den Holzinger sehr zu schätzen gewußt hatte, irrte in die Augen ein flüchtiges Lächeln, dann aber öffneten sie sich unnatürlich weit, den Körper durchbebte ein Zucken – und in demselben Augenblicke, als das Kerzchen erloschen aus Huxtls Hand fiel, war der fidele Kürschnermeister nimmer. »Aus is's mit eahm,« sagte Huxtl tief ergriffen, ein Zustand, der sehr, sehr selten den famosen Liederdichter streifte. »Aus is's. Jetzt hat's kan Zweck mehr, daß mir 'hn forttrag'n. Aner von uns muaß jetzt bei eahm bleib'n, und aner auf d' Polizei, oder er find't vielleicht wo an Wachter. Aber dö san ah nia z'hab'n, wann mar an braucht. Wolln Sie dableib'n, oder ham S' a Angst?« Ludwig verneinte und trug Huxtl auf, nur sobald als möglich die Polizei zu verständigen. Nun kniete er allein neben dem Toten und vor seinen 154 Augen stand die Szene, da der ihm fremde Kürschner ihn mit aller Gewalt zum Duzfreunde machte. Wie ein Augenblick alles so von Grund aus verändern konnte! Niemals mehr hatte Ludwig gehofft oder gewünscht, den Mann zu sehen, der ihm eine, damals so brennend empfundene Schmach zugefügt. Und in seltsamer Umkehrung aller Gefühle kam es über Ludwig wie ein Lächeln über seine damalige Empörung. Armer Holzinger! Zwei Bursche standen plötzlich wie aus der Erde gezaubert vor der schweigsamen Gruppe. »Was gibt's denn da?« frug der eine. Ludwig sah auf. In der Nähe des Toten fühlte er keine Angst vor den Lebenden. »Ein Ermordeter «, antwortete er mit Bedeutung. »Es ist nur zu hoffen, daß den Mörder sein Schicksal erreicht.« »Was?« nahm der andre das Wort, »umbracht?« »Und beraubt ,« setzte Ludwig hinzu. »Die Polizei kann jeden Augenblick eintreffen.« »Druck'n m'r uns«, sagte der erste leise. »Mit die Henkerer möcht' ich heut ka Hand anhängen.« Und im Augenblicke waren sie verschwunden. Schritte störten Ludwig nach einer Weile wieder aus seinem Sinnen. Es war ein Wachmann. Fast wäre er über den Toten gestolpert. »Ah, da bin i ja recht«, wandte er sich an den Studenten, der aufgesprungen war. »Ham Sie a Courage, das muaß m'r Ihner lassen. Auf dem Feld da is wirkli a G'fahr. Und bei an Toten ah no . . . .« »Der Tote war mein Schutz,« entgegnete Ludwig, und berichtete von der kurz zuvor stattgehabten Begegnung. »Da müaßt' m'r unser fufzig herumstrafen, um das 155 G'sindel in Schach zu halten«, brummte der Wachmann. »Sollt ah niemand so spät über die Felder gehn. Merken S' Ihner den Rat!« »Was ich heute erlebt, wird mich künftig vorsichtiger machen«, versicherte Ludwig. »Also der Holzinger is', hat mir der Huxtl g'sagt. Is wirkli selber schuld dran mit sein' Umdrahn. Wo er nur herkommen is? Wia ham S' eahm denn g'funden?« frug er dann. Ludwig berichtete den ganzen Verlauf. Wie er Herrn Holzinger schimpfen hörte, dann von dem Schrei, und wie er den Täter an sich vorbeiflüchten sah. »Was, Sie ham ihn g'segn?« warf der Wachmann ein und faßte in der Erregung den Erzähler am Rockärmel. »Ganz deutlich, natürlich nur in der Silhouette. Das Gesicht konnte ich nicht erkennen.« »Hm, hm! das is was wert, vielleicht könnten Sie viel dabei helfen, daß m'r den Mörder derwischt. Aha! Kummen schon.« Der Ausruf galt einer Gruppe, die von der Straße herbeikam. Wachleute, Detektive, ein Kommissär und ein Arzt. Den Beschluß bildeten zwei Männer mit einer verdeckten Tragbahre. Auf einen Wink des Kommissärs wurden mitgebrachte Fackeln in Brand gesetzt. Vor allem neigte sich der Arzt zu dem Toten, öffnete den Rock und das Hemd, betrachtete die Wunde, horchte auf den Herzschlag und erklärte den Toten für wirklich ganz gerichtsordnungsmäßig tot, was um so anerkennenswerter erschien, da man sonst vielleicht in dem Wahne leben konnte, 156 daß ein Mann mit einer sieben Zentimeter tiefen Brustwunde und mit gebrochenen Augen Scheintod simuliere. Unter Fackelbeleuchtung wurde die Blutspur zurückverfolgt, bis an den Ort, wo die Tat stattgefunden haben mußte. Zur Vorsicht wurden gleich einige sichtbare Fußspuren ausgemessen, dann wurden die Zeugenaussagen Ludwigs und Huxtls angehört. »Es läßt sich heute, das heißt im Augenblicke, nichts tun«, sagte der verhörende Beamte. »Ich werde die Herren um ihre Adresse ersuchen, und bitte Sie, sich bereit zu halten, morgen, das heißt noch heute, einer Vorladung auf die Polizei Folge zu leisten. Ihre Beobachtung«, wandte er sich an Ludwig, »kann besonders von Wert sein, da Sie, wenn auch nur flüchtig, den Täter gesehen. Ich bitte jedoch dringend, vor dem polizeilichen Verhör niemandem etwas von dem mitzuteilen, was die Person des Mörders betrifft, das heißt, Sie haben gar keinen gesehen, verstanden, meine Herren? Also Ihre Adressen bitte.« Huxtl nannte die seine zuerst mit allen nötigen Einzelheiten. Ludwig blickte überrascht auf, als er den Namen hörte. Als sich der Beamte an ihn wandte, sagte er daher seinen Namen und: »Ganz genau dieselbe Adresse wie der Herr.« Huxtl sah mit einem solchen Blick der Verblüffung seinen unbekannten Wohnungsgenossen an, daß der Kommissär mit Schreiben inne hielt und mißtrauisch frug. »Die Herren bewohnen, wie ich höre, eine Wohnung und kennen sich nicht?« »Ah, dös is net ohne, da legst di nieder und stehst nimmer auf!« brach Huxtl los. »Sie san also der Student, der mit'n Tonl wohnt? Jetzt leb'n mar beinah zwei Monat' in an Quartier und kennen uns net. Is grad ka Wunder,« 157 fügte er hinzu, »denn, wann i hamkumm, fangt schon der Hahn zum krahn an. Aber meiner Seel', die G'schicht' is guat.« Da sich auf diese Weise der Sachverhalt vollkommen geklärt hatte, stand den beiden Mietern der Ambros frei, ihre Wohnung aufzusuchen. Sie verweilten indessen noch so lange, bis die Leiche des Ermordeten auf die Tragbahre gebettet und fortgetragen wurde. Im Hause war aber schon die Bewegung auf dem Felde bemerkt worden, der Fackelschein drang in die der Straße entgegengesetzten Wohnungsfenster. Die Ambros, die in der Küche schlief, war durch das beim Küchenfenster einfallende Licht aufmerksam geworden, hatte sich rasch angekleidet und auf den Gang begeben, von wo sie die ungehinderte Aussicht auf die nächtliche Szene hatte. Wie erstaunte sie, Ludwig und Huxtl gemeinsam ankommen zu sehen! Ihr Staunen und ihr Entsetzen bei der Nachricht von dem Verbrechen aber kannte keine Grenzen. Ludwig stand in ihren Augen als ein vollkommener Held da. »Mit an Erstochenen am freien Feld, bei stockfinsterer Nacht, so was war no net da.« »Plausch net, Tinerl,« sagte der unverwüstliche Huxtl, »weil's d' schon auf bist, koch glei an Kaffee. Es geht eh schon auf vieri, und meiner Seel', an Schlaf hab' ich kan' mehr. No pfiat di g'sund, die Ausfragerei auf d'r Polizei hab' i g'fressen, und von Ihner erst«, sagte er zu Ludwig, »werd'n s' den Raubmörder am Präsentierteller verlangen. Soll'n die ganzen Pülcher, wia s' san, z'sammenfangen, in d' Donau schmeißen und der Mörder is sicher dabei. Um die andern war ah net mehr schad'. Geln S', Sie trinken ah an Schwarzen mit.« Ludwig dankte für die Einladung und beschloß ebenfalls 158 wach zu bleiben. Die heute empfangenen Eindrücke hätten ihn ohnehin nicht schlafen lassen. Er ging nach seinem Kabinett, um das blutige Gewand abzulegen, welches der Ambros, als sie es bemerkte, fast eine Ohnmacht eingetragen hätte. In der Türe stand Anton, der, durch die Stimmen erweckt, fragen kam, was es gebe. Er ward blaß, als Ludwig sein Abenteuer erzählte. »Um Gottes willen,« sagte er nur, »das hätt' ah di treffen können.« 159   Zehntes Kapitel. (Ludwig fängt an, einzusehen, daß jegliche Popularität ihre Schattenseiten hat, wenn sie auch Feinde zu Freunden macht.) Die Nachricht von dem Morde verbreitete sich mit Windesschnelle (wie es im Reportertone heißt) nicht nur im Bezirke, sondern in der ganzen großen Residenzstadt. Kein Wunder! War es doch eine Tat, begangen an einem geachteten Geschäftsmann, Bürger, Armenrat \&c. \&c. Ein Totschlag war in diesen Gegenden nichts Neues. Das Messer spielt in den Niederungen der Gesellschaft immer eine bestimmende Rolle, gewissermaßen als die ultima ratio der in ihrem Liebesempfinden oder in ihrem hochentwickelten Ehr- und Selbstgefühl gekränkten Herren »Püls«. Aber in dem Falle lag die Sache ganz anders und die beleidigte Gerechtigkeit rief laut nach Sühne. Die Polizei tat ihr möglichstes, denn es war, wie man sagt, ein Primafall, bei dem die Nüchternheit der Gerichtspraxis sich zum effektvollsten Pathos aufschwingt. Die Zeitungen, diese ewig hungrigen Schakale auf der Spur nach »Sensationen«, bemächtigten sich besonders eifrig dieses Spaltenfutters. Welche Macht haben sie, im Empfinden einer Millionenbevölkerung eine unnatürliche, gewitterhafte Spannung zu erregen! Es genügt, der gedankenlosen Lesermasse schwarz auf weiß zu suggerieren: das ist ein Sensationsfall, und unter tausend springen neunhundertneunundneunzig hinein. Wäre Herr Holzinger bei einer solennen Wirtshauskeilerei am Platze geblieben, er wäre nicht minder tot, nicht minder tragisch tot 160 gewesen, wenn anders das Totsein jemals etwas Belustigendes hat. Im Gegensatze zu dem irgendeiner anderen obskuren Persönlichkeit hätte sein Ende noch immer genügend Aufsehen gemacht. Was aber dem Verbrechen die, wenn man so sagen darf, richtige Weihe gab, war der Umstand, daß der Messerstecher sich der Uhr und Börse seines Opfers bemächtigt hatte. Kurz, es war ein Raubmord, herausstaffiert durch alle Elemente des Sensationellen und Mysteriösen. Das Gerücht, dieses vom Schneeball bis zur Lawine anschwellende Unding, erfand die abenteuerlichsten und albernsten Beziehungen des Getöteten zu seinem Mörder. Herr Holzinger war gewiß nicht das, was man einen ernsten, sittlichen Charakter nennt; er war ein Schlemmer und Verschwender, sonst aber nichts. Eine Durchschnittsfigur des »alten Drahrers«, dem sein gutgehendes Geschäft erlaubte, das Wirtshaus als sein zweites Heim zu erwählen. »Schad' is net um eahm«, sagten viele. »Glaub'n S', daß dös a Raubmord war? Auf verheirat'te Weiber und klane Madeln hat er g'spitzt, die no in d'Schul' gangen san.« – »Sein Weib waß, was s' ausg'standen hat. Pfänd't hätten s' bald werd'n soll'n, weil er alles durch d'Gurgel g'jankt hat.« – »Mein Gott, wann S' mi frag'n – ma soll an Toten nur Guats nachreden, so war er ja a natraler Kerl, aber halt der Wein und die Karten. Nimmer literweis sondern fasselweis hat er g'soffen.« Wenn es jedoch einen Ort gab, an dem das Andenken des ermordeten Kürschners mit den Gefühlen reinster, heiligster Pietät geehrt wurde, war es das Stammgasthaus, das dieser noch gestern um eilf Uhr nachts verlassen hatte. Die fürchterlichste Bestürzung hatte sich des Personals und sämtlicher Stammgäste bemächtigt. Das Lokal war, 161 seit sich die erste Kunde von dem Morde verbreitet hatte, dicht gefüllt. Man drängte mit stummem Grausen um den Stuhl, den der »tote Gast« gestern noch mit seinem stattlichen Lebendgewicht beschwert hatte. Niemand durfte sich seiner bedienen und so sah er in der Tat aus wie der leere Stuhl Banquos beim Königsmahle. Der Wirt wandelte mit ernsten, leisen Schritten einher, als dürfte der Tote im Extrazimmer aufgebahrt liegen. Bei jedesmaligem Einlangen eines Stammgastes drückte er diesem die Hand mit einer feierlichen Ergriffenheit und sah ihm mit einem Blicke in die Augen, wie wohl ein Bruder dem andern, aus der Ferne zum Leichenbegängnisse des Vaters herberufenen. »Der Holzinger hin! was sagst?« »I bin d'r krank – i sag' d'r, wia i dös g'hört hab', obst es glaubst oder net, i hab' g'mant, i fall' um. Und bei dir war er no gestern . . . .« Worauf der Wirt in wortlosem Schmerz sich begnügte, mit den Achseln zu schupfen und sich abzuwenden. Am meisten fühlten sich, die gestern noch an demselben Tisch mit dem unglücklichen Holzinger gesessen und sich seiner letzten Worte und Weisheitssprüche erfreut hatten. »Meiner Seel,« sagte einer, »wann i an eahm denk', wana kunnt' i wia a klans Kind. So a rarer, fescher Mann! Den Hundling wann s' nur derwischerten, für den is der Galing längst z'weni.« Einer, der nachweislich sich darauf berufen durfte, mit Holzinger den letzten Schnapser, den allerletzten , wie er mit traurigem Stolz betonte, gespielt zu haben, konnte nicht genug Worte und Zuhörer finden, diese Partie bis in ihr unwesentlichstes Detail zu schildern. Die beiläufig dreiunddreißigste Erzählung dieser 162 historischen Schnapspartie lautete annähernd folgendermaßen: »Segn S', meine Herr'n, durt sitzt der Holzinger (abermaliges Bestaunen des leeren Stuhles), da sitz' i. ›Waßt was,‹ mant er, ›wannst a Schneid hast, schnapsen m'r uns an Liter außi, Brandl. Von siebene abi, net nachzähln, zwanz'g und vierzig aufschreib'n. Vergeb'n, zwa bei'n andern obi.‹ Is guat, sag' i. Der Schan hat no selber d'Karten bracht und mit'n Hangerl 's Taferl putzt, weil 'hn der Holzinger a ölendige Drecksau g'haßen hat und 's Wirtshaus a verfluchte Waschblauhüttn, wo's net anmal reine Aufschreibtaferln gibt.« Alles lachte gerührt mit dem Erzähler, der fortfuhr: »Von siebene, wia g'sagt, is abigangen. 's erstemal macht er an Schnapser, i geh' am Strich; dann macht er an Anser, ich geh' wieder am Strich. Gib i m'r, weil i beim Teiln war, in Vierz'ger, a fremd's Aß und an Zwanz'ger. Er is zum Ausspieln . . .« Man konnte unmöglich sich ehrfürchtigere, belehrungshungrigere, gespanntere, verständnisvollere Zuhörer vorstellen, als sie in diesem denkwürdigen Momente dem Erzähler wurden. Der ließ eine ganz kleine, raffinierte Kunstpause entstehn, ehe er fortfuhr: »und i denk' m'r, jetzt kannst in Scherm a aufhab'n, mein Liaber. Wann der Holzinger Aß und Zehner von die Atout hat, und er z'reißt m'r mit sein' Aß mein' Zwanziger, schaust g'sund aus, Pepperl. No, er spielt aus – was glaubt's, was? « Stummes Beratschlagen mit sich selbst, niemand wagt voreiligerweise eine Meinung. Nur einer meinte schüchtern: »Ja, wann i wüßt', was der andre im Blatt hat g'habt – – –« »Sö, 'tschuldigen schon, Herr, i kenn' Ihner net und waß ah net, ob Sö scho a Karten außer aner von d'r 163 Tramway in d'r Hand g'halten hab'n. Die Dam'von mein' fremden Aß spielt er aus, i stich und drah zua. In Zwanz'ger von die Pick sag' i an, spül' die Dam' aus, legt er m'r die Treffdam' darauf. I spiel' in Köni noch, legt er m'r in Treffköni zu. Hat er an Zwanz'ger z'rissen. I spül' mein Vierz'ger an, muaß er mir an blanken Zehner draufgeb'n, no, mehr hat der Peppi net braucht. So war d'r Holzinger a anmal g'schnapst. Meine Herrn, was ich Ihner g'lacht hab', d'r Wirt was, no und erst der Holzinger selber. ›Du Hundling du verdächtiger‹, mant er, ›glaubst, daß i dös Bummerl schnabeln wir, da hast di groß täuscht, schaut's so an Galingstrick an‹. Aber richti hat er's g'schnabelt, ob er wölln hat oder net. Meiner Seel und Gott, wann i da a Idee g'habt hätt', nur a Spur von aner Idee, daß mar den armen Hascher nimmer seg'n werd'n, i hätt' eahm dös Bummerl g'winna lassen, daß er no d'letzte Freud g'habt hätt'.« Mit dieser wehmütigen Pointe schloß der Erzähler seinen lichtvollen, fesselnden Vortrag. »Und i«, nahm der Wirt das Wort, »hätt' 'hn gar net weglassen soll'n. Waß i, was m'r gestern eing'fall'n is,« meinte er kopfschüttelnd, »aber i hätt' auf mein' Ahnung hör'n soll'n. Wia er geht und pfiat si von mir, gibt's m'r quasi an Riß, als hätt' was in mir g'sagt: pfiat di Gott, du guater, alter Freund, i siech di nimmer.« Und der wackere Wirt stäubte tief ergriffen das Tischtuch mit dem Hangerl ab, dann wischte er sich über die Stirne, als lauerten darunter gar böse, gottlose Gedanken, die nur eines geringen Anlasses bedurften, um sich in eine Tat der Verzweiflung umzusetzen. Mit fiebernder Begierde wurde das Anlangen der Abendblätter erwartet. In friedlichen Zeitläuften, das heißt, 164 wenn sich nichts besonderes Lokales ereignet, vermag der Durchschnittswiener sich des Zeitungslesens wie eines überflüssigen Luxus zu enthalten. Er verlangt starke gewürzte Kost, Aufregendes, besonders mit ihm in irgendwelcher Verbindung Stehendes. Sei es ein Blumenkorso, bei dem ihm gestattet wurde, Spalier zu bilden, eine »schöne Leich«, eine belanglose Gerichtsverhandlung, in der er oder eine Hauspartei Zeugenschaft abzulegen genötigt war; sei es ein Jubiläum, eine goldene Hochzeit, ein Veteranen- oder Feuerwehrfest: soweit die äußersten Kreise reichen, die ein solches Ereignis nach sich zieht, soweit reicht das unverminderte Interesse daran, und wäre es nur vermöge einer äußerst losen Stammgasthausverbindung. Nun erst ein Mord! Der politische Indifferentismus der breiten Masse der Wiener Bevölkerung gestattet ihr die heißeste Anteilnahme an Ereignissen, die in Wirklichkeit aller Berechtigung entbehren, das Interesse mehr als flüchtig zu erregen. Das Entsetzen der Masse über eine Mordtat hat nichts gemein mit dem des Menschenfreundes. Es ist nicht der Abscheu vor dem Unnatürlichen, der Abscheu vor dem Morde an und für sich, nein, es ist die loyale, sakrifizierte Bestialität, die sich darin Luft macht, Strafen für ein Verbrechen zu erörtern, die unsere Optimisten und Fortschrittsenthusiasten sehr energisch nötigen müßten, klein beizugeben. Gestattet der Menge die Freiheit der Selbstjustiz, die Form des Lynchens – Menschenfreund, verbirg vor der Scheußlichkeit dieser Vorstellung rasch dein Haupt! Die Zeitungsausträgerin erschien mit ihrem Pack, und dem Gedränge nach zu schließen, das sich um sie entwickelte, mochte man darauf schwören, das Weiblein würde um irgendeines abscheulichen Verbrechens wegen gelyncht. »Vurles'n! Vurles'n!« schrie der Chorus der Gäste. 165 Keiner wollte eine Sekunde später als der andere von den offiziellen Einzelnheiten unterrichtet sein. Der Wirt, der das Blatt in der Hand hielt, räusperte sich und begann »hochdeutsch« zu lesen: »Raubmurdt im zehnten Bezircke! Äuin hochgeochdetter Wiener Birger, der Kirschnär Hehr Friderich Hohlzinger, wurde gestern Nochd das Obfer ännes Raubadentattes. Die Stehle, an der der Murdt geschah, is dos sogenahnte Sauföld im zehnden Bezirg . . . .« Kein Laut regte sich im Verlaufe der weiteren Vorlesung, die über die schon bekannten Vorfälle unterrichtete. Plötzlich hielt der Leser, der einen Absatz vorher überflog, bevor er ihm das klassische Ausdrucksmittel seiner Stimme lieh, inne, als dürfe er entweder nicht seinen Sinnen oder den gedruckten Zeilen trauen. »Entschuldigen die Herren,« wandte er sich an seine Gäste, »nur an Moment. Hol' g'schwind d'Frau obi«, befahl er dem mit aufgerissenem Munde dastehenden Pikkolo, der mit größter Eile dem Auftrage folgte, denn er wollte kein Wort der Fortsetzung versäumen. Nach einigen Minuten kam er mit der vor Aufregung fassungslosen Wirtin wieder. Er mochte sie in gedrängter Weise von der Veranlassung seines Auftrages unterrichtet haben, denn die Frau rief, ehe sie sich ihrem Gatten gegenübersah, aus: »Is schon 's Abendblatt da?« »Hurch zua, Resl,« sagte der Wirt, »da wirst spitzen. So a Zufall war ah no net da.« Er fuhr mit der Vorlesung fort, die keine geringere Tatsache ans Licht brachte, als daß ein fixer Interviewer von Ludwig die Art und Weise erfahren hatte, in der er mit Herrn Holzinger bekannt wurde. Sei es, daß Ludwig in Beobachtung des Sprichwortes: man solle den Toten nur das Beste 166 nachsagen, sei es, daß er aus irgendeinem andern Grunde den Ausgang der kurzen Bekanntschaft verschwiegen, – kurz, der Ermordete ward in der Beleuchtung des biedersten, wackersten, menschenfreundlichsten Despoten geschildert, der je sich herausnahm, über das Wohl eines jungen Musensohnes zu entscheiden. Bezeichnend ist, daß die absichtliche Gedächtnisschwäche Eines, die so vieler Anderer nach sich zu ziehen vermochte. Der Wirt eilte, mit der Vorlesung zum Schlusse zu kommen und unterrichtete seine Zuhörer über die bekannte Szene in so eingehender Weise, daß jeder, der die ursprünglichen Vorkommnisse nicht kannte, sich Herrn Ludwig Hrdliczka als den nettesten, gebildetsten und belehrendsten jungen Mann, Herrn Holzinger und das Wirtspaar als die wohlwollendsten, humansten, der Wissenschaft geneigtesten Leute vorstellen mußte. Die menschliche Narrheit besitzt soviel Kanäle, durch die sie ungehinderten, harmlosen Abfluß erleidet, daß unter zehn Handlungen irgendeines beliebigen Menschen ungeniert neun als Don Quijoterien bezeichnet werden können. Den Höhepunkt erreichte diese Suggestivnarrenstimmung, als der Pikkolo mit allen Anzeichen höchster Aufregung durch das Fenster auf die Straße wies und ausrief: »Durt'n geht er.« In der Tat, dort ging er, Ludwig der Held des Tages, der bisher so unberühmte junge Mann, dessen Bild nun bestimmt war, die Titelseite aller oder mindestens der meisten illustrierten Tages- und Wochenblätter zu zieren. Wenn er imstande gewesen wäre, seinen Samaritanerdienst von Herzen zu bedauern, so wäre dies heute der Fall gewesen. Einvernahme beim Lokalaugenschein inmitten einer ungeheuren Menschenmenge und eines unerhörten Wacheaufgebotes, Einvernahme auf der Polizei, Konfrontation mit einem Haufen 167 wahllos aufgegriffener Verdächtiger – kurz, Ludwig war heute abgespannt und gehetzt, als wäre er der flüchtende und verfolgte Mörder gewesen. Wie sehr erstaunte, vielmehr erschrak er nicht, als er sich plötzlich von einer Menschenschar umringt sah, von zwei Schwalbenschwänzen unter den Armen gefaßt fühlte und sich zu seiner ungemessenen Verwunderung, ohne daß er wußte wie, in demselben Lokale befand, das zu meiden er mindestens so viel Anlaß hatte, als einst Sancho Panza die Schenke, in der er geprellt worden war. »Dös is er, meine Herrn, schaun S' Ihner an!« rief der Wirt. Beiläufig gesagt, eine unnütze Aufforderung, denn alle Augen waren mit einem solchen Ausdruck der Neugierde auf den unglücklichen, jungen Mann gerichtet, als sei er eine neuentdeckte Art von Lebewesen. Das Bedrohlichste jedoch war ein wüstes »Hoch!«-geschrei und die angsterweckende Nähe vieler Liter-, Halbliter-, Viertellitergläser, deren einige direkt mit Ludwigs Nase in Berührung kamen. Jeder der Gäste verlangte von dem seltenen Schaustück, es solle von seinem Glase herzhaft Bescheid trinken, eine Anforderung, der vielleicht Huxtl mit Vergnügen nachgekommen wäre. (Nebenbei erwähnt, nützte dieser an anderem Orte seine doppelte Popularität weidlich aus, und gab niemandem Anlaß, über eine vermeintliche Zurücksetzung gekränkt zu sein.) »Geht's, seid's denn alle Narren wurdn?« schrie der Wirt. »Wia kann denn der Herr da von Euchern Gwascht trinken? Was eahm guat tuat, wird er von mir kriag'n. Der wird an Fensterschwitz saufen? Nix da, der Herr is mein Gast.« Und er enteilte, um wieder mit einer gesiegelten Flasche zu erscheinen, die allerdings einen köstlichen Inhalt vermuten ließ. Vielleicht hätte das wohlwollende Vorhaben des Wirtes 168 ein günstiges Resultat erzielt, aber plötzlich sah man, wie der geehrte oder erst zu ehrende Gast bleich im Gesichte wurde und in die geöffneten Arme von mindestens zehn Personen sank. Ludwig war in aller Form ohnmächtig geworden. Die Aufregungen der Nacht, Mangel an Schlaf und Ruhe, geringe Nahrungsaufnahme und zum Überfluß die ungewohnten Ovationen in gerade diesem Gasthaus – kurz, alles zusammen hatte sogar die starken Nerven des jungen Provinzlers angegriffen. Als er zu sich kam, troffen Haare und Kleider von Wasser und Essig, es mag dahingestellt bleiben, ob nicht der eine oder der andre im Eifer die Ölkaraffe erwischt hatte. Man schrie hin und her, was zu tun sei. »Ausziag'n und künstlichen Atem schöpfen lassen!« rief einer. »Nix da, frottiern und an haßen Wein eintropfen«, ein anderer. Ein dritter riet an, Eisbeutel »aufs Hirn« zu legen, und ein vierter wollte sich der Mühe unterziehen, dem Opfer den Finger in den Rachen zu stecken, »daß's eahm reckt zum Speib'n.« Wie es jedoch unter hundert Narren mindestens einen gibt, dem zum vollen Maß noch einige Prozent fehlen und der mit diesem Manko ganz kluge Sachen zu verrichten imstande ist, also fand sich auch einer, der Energie genug besaß, mit folgendem vernünftigen Vorschlage durchzudringen: man solle den jungen Herrn ganz einfach in einen Wagen stecken und nach Hause führen. Das Notwendigste werde ihm wohl Bettruhe sein. »Dö Fuhr mach' i!« rief ein herkulischer Fiaker mit einem so rotbraunen Gesicht, daß dieses eher einem polierten Kupferkessel glich als dem Antlitz eines Angehörigen der weißen Rasse. »Dö Fuhr mach' i!« wiederholte er noch einmal. »Muaß aber wer mit eahm fahr'n,« fügte ein Gast 169 besorgt hinzu, »wer waß, was eahm im Wag'n g'scheg'n kann.« Wäre es nach dem Sinne aller, die sich anboten, gegangen, so hätten sich drei oder vier mit dem Opfer in den Wagen gesetzt, zwei zum Kutscher auf den Bock und zum Überflusse hätten noch zwei sich auf die rückwärtige Wagenachse postiert. So gelang jedoch die Auswahl von nur zwei, aber sehr vertrauenswürdigen Begleitern, und Ludwig wurde trotz lebhaften Protestes mit einer Sorgfalt in den draußen harrenden Fiaker getragen, als wäre er eben von einer schweren Operation in sein Bett zurückzubringen. Zu seiner maßlosen Beschämung mußte er sich, zu Hause angelangt, dieselbe liebevolle Prozedur gefallen lassen. Der Kutscher erklärte der vor dem Tore rasch angesammelten Menge ganz laut und energisch, daß er »so a Fuhr immer um a Vergelt's Gott« mache, und es war hundert gegen eins zu wetten, daß er wußte, seine Tat, sein Name und seine Nummer würden am nächsten Tag »in an Blattl« verzeichnet stehn. Die Ambros war nicht wenig entsetzt, als ihr von einigen Kindern die eilige Mitteilung gemacht wurde, wie man ihren Mieter heimbringe. In der noch fortwährend nachwirkenden Aufregung dieser Nacht dachte sie nichts weniger, als daß an Ludwig vielleicht ebenfalls ein Mordanschlag vollführt worden sei. Als sie jedoch die wahre Ursache erfuhr, war sie nicht wenig außer sich über die Rücksichtslosigkeit und Schamlosigkeit dieser Leute, die sich nach dem, was vor kurzem stattgefunden, noch getrauten, dem jungen Menschen ins Gesicht zu sehn. Ludwig eilte, sein Bett aufzusuchen, und die mildtätige, besorgte Frau Ernestine nötigte ihn dann, eine Schale Tee zu sich zu nehmen. Und wenn ihre Hände das Kissen des 170 Studenten glätteten oder ihm die Schale reichten, oder seine Hände ergriffen, um zu konstatieren, daß diese sehr heiß seien – war es kein Wunder, daß Ludwig sich gestand, er möchte einmal sehr lange nicht allzugefährlich krank sein, um von einer schönen Frau oder einem schönen – Mädchen gepflegt zu werden. Als er endlich so allein in seinem Bette lag, alle Ereignisse überdenkend, die sein kurzer Wiener Aufenthalt ihn erleben ließ, ging ihm neben dem Gefühl für den furchtbaren Ernst des Lebens das Gefühl für den Humor desselben auf. Er war ein scharfer Geist, und beschloß für künftig, um sich nicht ärgern zu müssen – lieber zu lachen. Endlich schlief er ein und wachte nicht eher auf, als bis der Lichtschein der brennenden Lampe ihn erweckte und er an seinem Bette Anton sitzen sah, der mit besorgter, brüderlicher Miene um das Befinden seines Verwandten frug. Selbstverständlich lautete die Antwort beruhigend genug und Ludwig beteiligte sich an dem gemeinsamen Nachtmahle mit dem Appetit eines Menschen, der einmal außer seiner gewöhnlichen Lebensregel gehandelt hat und das Versäumnis einzuholen gewillt ist. Etwas fiel dem fleißigen Studenten aufs Herz, die Versäumnis eines ganzen Arbeitstages, bei seiner karg berechneten Zeit schwer ins Gewicht fallend. Fast war er geneigt Fräulein Milly für morgen abzuschreiben, doch nein! da hätte er sich jener köstlichen Stunden beraubt, deren er fast nimmer entraten konnte. Als er am nächsten Tage zu Herrn Tänzinger kam, war dieser (ein Ausnahmefall) in der Wohnung. Er bemerkte dem Lehrer gleich, daß er für heute von einem Unterricht absehen möge, forderte ihn dafür auf, eine Erzählung der gestrigen Ereignisse zum besten zu geben. »Haben Sie mir alles genau erzählt?« frug der Hausherr. 171 Ludwig sann nach: »So genau ich mich erinnern kann.« »Haben Sie von dem Gesichte des fliehenden Mörders nichts bemerkt?« »Es war nur der Eindruck einiger Sekunden, zudem finstere Nacht. Wie die Figur eines Schattenspieles schwand die Gestalt an mir vorbei.« »Ich stellte diese Fragen nicht so aus Neugierde,« sagte Herr Tänzinger, »aber ich glaube, einiges dazu beitragen zu können, daß man den Mörder erwischt. Er kann sich jetzt bei mir im Lokale herumtreiben. Sonst wissen Sie kein Kennzeichen?« »Es mag sein, daß ich mich täusche, aber mir schien es, als ob der Flüchtling hinke. Wie gesagt, das war nur ein Eindruck, und ich wollte nicht, daß eine Untersuchung zu viel Gewicht auf dieses Moment legte. Man muß bedenken, der Mann eilte über ein Feld voller Ungleichheiten, auch mag er sich den Fuß verletzt haben.« »Hm! Hm! Also krumm. Es gibt gar nicht so wenige, aber auch nicht sehr viele, die einen krummen Fuß haben. Ins Geschäft kommen zum Beispiel drei oder vier. Der eine hat einen Klumpfuß, der andre ein verkürztes Bein, der dritte . . . . hm! Schade, daß Sie Ihrer Sache nicht so sicher sind. Aber eines möchte ich Ihnen sagen, ich bin erst durch diese Affäre daraufgekommen, wo Sie wohnen. Bis jetzt hatte mich der Gegenstand gar nicht beschäftigt. Aber diese Gegend ist kein Wohnort für Sie. Ich denke, aus Sparsamkeit allein werden Sie doch nimmer Rücksicht nehmen müssen.« Ludwig unterrichtete Herrn Tänzinger kurz von seinen Verhältnissen und sagte, daß er dieses Studienjahr noch verweilen möchte. Auch locke ihn die freie Aussicht und vor 172 einem künftigen Heimgange über die Felder in später Nacht wolle er sich hüten. »Gut, wie Sie wollen,« sagte Tänzinger, »ich habe Sie gewarnt. Also heute lassen Sie den Unterricht. Der gestrige Nachmittag hat Ihnen übel genug bekommen.« Auf das erstaunte Gesicht Ludwigs hin setzte er schmunzelnd hinzu: »Weiß alles, weiß alles. Für mich gibt's nichts Verborgenes. Jeder Gast ist bei mir eine lebende Zeitung.« Ludwig empfahl sich, herzlich froh, der heutigen Quälerei mit seinem Schüler und dessen Schwester enthoben zu sein. Ach, er ahnte nicht, Papa hatte beide für die kurze Dauer der Unterredung eingesperrt, da er aus Erfahrung wußte, daß Sidonie, sein Goldkind, dem Lehrer mit ihren Fragen mehr Qual verursacht hätte, als gestern die ganze neugierige Wirtshauskorona. Wäre Ludwig Wiener gewesen, hätte er wohl behauptet, die ganze Sache wachse ihm nachgerade schon zum»G'nack« heraus, denn als er um eine Stunde früher als sonst zu Fräulein Milly kam, wartete diese schon in fieberhafter Erregung auf ihren Lehrer. Sie kam ihm schon im Vorzimmer entgegengestürzt und wollte ihm fast nicht Zeit lassen, den Überrock abzulegen. »Jetzt kummen S' nur g'schwind eini und derzähl'n S' m'r alles. Hörn S', was Sie für a Kampl san! Hätt'n S' Ihner das vor a paar Wochen denkt? Gengen S', an Stich hat er nur g'habt? D'Leut' sag'n wieder, er soll ausg'schaut ham wia a Nudelsieb. Aber Sie ham eahm ja g'segn, is's wahr?« Wider Willen mußte Ludwig lächeln. »Ich kann Sie versichern, Fräulein, der eine Stich hat genügt, um aus dem kräftigen, lebensfrohen Mann binnen einer Viertelstunde einen Toten zu machen. Schenken Sie ihm die andern Stiche.« 173 »Gengen S' net zum Klavier heut,« rief Milly als sie sah, daß ihr Lehrer das Instrument öffnen wollte, »heut bin i zu kan parlez-vous und zu kan Umerklempern aufg'legt. 's Madl richt' die Jausen und Sie setzen Ihner nieder, dann erzähl'n S' m'r alles, vom Anfang bis zum End. Hu! das Ganze is so schauerlich, wia i's gern hab'. Aber an Ihnerer Stell' hätt' i do net sein mög'n. Mein Gott, mitten in der Nacht auf so an verruafenen Feld mit an Erstochenen! Wia i das gestern im Abendblatt les, dann Ihnern Nam', hab' i glaubt, i fall' um.« Was wollte Ludwig tun, und wer in der Welt wäre gewesen, dem er weniger etwas abzuschlagen geneigt gewesen wäre? Er begann also mit der Erzählung seines Abenteuers und in den Mienen seiner Zuhörerin spiegelten sich alle durch den Bericht hervorgerufenen Eindrücke wider. »Das also ist alles, womit ich Ihre Neugierde befriedigen kann,« schloß er, »und bitte ich von diesem Thema künftig absehen zu wollen. Sie glauben gar nicht, welche Folgen es nach sich zieht, wenn man mit einem Sensationsfalle in Verbindung steht.« Um diese Folgen recht anschaulich zu gestalten, fügte er die Schilderung seines gestrigen Erlebnisses im Gasthause bei. Wider Erwarten lachte Milly jedoch nicht. Sie starrte vor sich hin und frug ganz jäh und unvermittelt. »Glaub'n S', daß das Erstechen was recht Furchtbares is? Wann an' das Messer so hineinfahrt – dann das viele, viele Bluat . . . . . . .« »Kommen wir von dem Thema ab«, bat Ludwig. »Von den Lippen eines so schönen, heiteren Mädchens sollte nur Heiteres kommen. Spielen Sie mir einige Übungen vor, sonst müßte ich bedauern, den ganzen Nachmittag verloren zu haben.« 174 »I mag net heut die faden Skalen spielen, aber warten S', i hab' mir was g'lernt, das is fescher.« Sie sprang auf, eilte zum Klavier und indem sie sich etwas unbeholfen begleitete, sang sie: »Wann i anmal stirb, stirb, stirb, Müassen mi d'Fiaker trag'n Und dabei Zithern schlag'n. Allweil fidel, fidel, fidel, Allerweil kreuzfidel, Ja, meiner Seel.« Das is schon a alt's Liad, i glaub', das hat no der Großvota als klaner Bua g'sungen. Sag'n S', möchten S' mit meiner Leich gehn, wann i anmal erstochen wurd'?« »Welche Ideen Sie haben!« rief Ludwig fast erschreckt. »Wer möchte den traurigen Mut haben, Ihnen ein Leid zu tun.« »Geln S', mir kann niemand harb sein?« und sie lächelte so siegessicher und verführerisch, und dünkte in diesem Augenblick Ludwig so kindlich und unberührt, daß er murmelte: »Nein! Gar niemand, gar niemand. Es gehörte ein verhärtetes Herz dazu . . . . .« 175   Eilftes Kapitel. (Blaschke verblüfft die Welt durch Anwendung eines uralten Hausmittels. Er findet Verurteilung und Anerkennung zu gleichen Teilen.) Es ist mit den Sensationen wie mit einem Feuerwerk: Aufflammen, Strahlen, Bewundern und Vergehn. Diese vier Phasen eines Feuerwerks lassen sich auf alle Dinge anwenden, die die Menschheit als epochal, hervorragend, faszinierend und wie die Bezeichnungen lauten mögen, ansieht. Die letzte Scholle war von berufenen und unberufenen Händen auf den Sarg des mit vielem Pompe begrabenen Kürschnermeisters geworfen worden, als sich auch das Interesse an ihm und allen mit seiner Person verbundenen Vorgängen als schlafenslustig erklärte. Es entwickelten sich allerorten neue Keime, neue Ansätze zur Aufregung der nächsten Woche. Jedes Haus hat seine Spezialitäten. Das Haus Nummer 37 konnte sich rühmen, deren mehr als eine zu besitzen. Kaum hatte die gewitterhafte Spannung der Gemüter etwas nachgelassen, als sich unter den Parteien die Nachricht verbreitete: »Heut kummt der Blaschke ham aus'n Kriminal.« Die Frau hatte es einer Nachbarin im Vertrauen mitgeteilt, und die Folge war, daß männiglich sich auf die Auseinandersetzung des wiedervereinigten Ehepaares freute. Das heißt, von Auseinandersetzung im gewöhnlichen Sinne konnte keine Rede sein, da der männliche Teil wegen seiner unmännlichen Schwäche von vorneherein bestimmt schien, schweigend zu dulden. Man hatte sich im Laufe der Zeit abgewöhnt, über 176 seine Feigheit und die unnatürliche Beschränkung seiner Willenskraft noch einige Entrüstung zu äußern. Zwei Monate einfachen Kerkers – hatte das Urteil für Blaschke gelautet. Dasselbe, nur verschärfte Ausmaß hatte Fischer erhalten. Wenn man die Roheit, Bösartigkeit und Gefährlichkeit des letzteren gegen die Harmlosigkeit und Gutmütigkeit Blaschkes ansah, war er mit einer sehr gelinden Strafe davongekommen. Als mildernd kam seine bisherige Unbescholtenheit und der Zustand arger Trunkenheit während des Exzesses in Betracht. Dann war Fischer so schlau gewesen, sich an dem ihn arretierenden Wachorgan nicht zu vergreifen, ein Umstand, den der unselige Blaschke nur zu sehr außer Auge gelassen. Dessen Verteidiger hatte gegen die dezidierten Zeugenaussagen des Wachmannes einen harten Stand gehabt, aber seine Waffen waren auch keine rostigen. Mußte man aus den Aussagen der beleidigten Obrigkeit über den Angeklagten den Eindruck eines Bildes von Verworfenheit, Gewalttätigkeit und Unverbesserlichkeit erhalten, so versäumte der Verteidiger nicht, in einer flammenden Rede Blaschke als das Opfer vernachlässigter Erziehung, widriger Lebensverhältnisse und geringer Widerstandskraft gegen Feuerwasser zu bezeichnen. Er war ein junger, ehrgeiziger Mann, der mit diesem Falle die Sporen zu verdienen hoffte. Aus seiner Rede nur einen kurzen Auszug: »Ich darf mich auf das Zeugnis sehr ehrenwerter Personen berufen, auf das Zeugnis aller Herren Wachmänner, sowie der Hausnachbarn des Angeklagten, daß mein Klient in seinen nüchternen Stunden ein argloser, braver, friedfertiger Mann ist, und selbst im Zustande der Trunkenheit als nichts weiter denn als ein lauter, aber durchaus 177 ungefährlicher Krakeeler bezeichnet werden muß. Ich kann dem Herrn Zeugen bei aller Achtung vor seinem Stande als Organ der öffentlichen Sicherheit den einen Vorwurf nicht ersparen, daß er in seinen Anschauungen über Störung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit zu summarisch vorging. Eine gewisse Spezialisierung ist da am Platze, wo es sich darum handelt, die leicht verpuffende Krakeelsucht und Aufregung eines noch mit seinem Sonntagsrausche behafteten Quartaltrinkers von der Exzessivität eines gefährlichen, brutalen, verkommenen Gewohnheitstrinkers und Gewohnheitsskandalmachers zu unterscheiden. »Hoher Gerichtshof! Unsere moderne, humane Zeit unterscheidet sehr wohl das Delikt von seiner Absicht und von dem Milieu, aus dem es herausgewachsen. »Sehen Sie in meinem Klienten das Opfer – (Schluchzen im Zuhörerraum, es kommt von der anwesenden Frau Blaschke) ich sage, sehen Sie in meinem Klienten das Opfer seines traurigen Familienlebens. Der Zustand der Trunkenheit darf gewiß keinen Freibrief für Verbrechen bilden, mögen diese leichter und schwerer, und möge erstere eine fast bis zur Besinnungslosigkeit erhöhte sein. Ja es möge diese krankhafte Schwäche ihre, wenn auch bedeutend gemilderte Bestrafung finden, wenn sie eine der Allgemeinheit schädliche Tat zeitigt. »In diesem Falle kann aber meinem Klienten als Strafausschließungsgrund der Umstand zugebilligt werden, daß er anfänglich keine Neigung besaß, gegen das behördliche Organ eine Auflehnung zu versuchen. Seinem geschwächten Urteilsvermögen mochte die barsche, rauhe Art der Aufforderung, sich zu entfernen, als eine Beleidigung erschienen sein . . . .« Dann kam der Verteidiger auf das Familienleben des Angeklagten zu sprechen und als er die liebenswürdigen 178 Seiten Frau Blaschkes zu schildern anhub, malte er al fresco ein Bild dieser Megäre, daß allen Zuhörern das Blut in den Adern gerann und der arme Blaschke auf seinem Sitze noch mehr zusammensank, als es bisher der Fall war. Da aber warf Frau Blaschke dem Verteidiger einige so saftige Invektiven an den Kopf, daß ihm jegliches weitere Wort im Munde stecken blieb und er diesen nur als Ausdruck maßlosesten Erstaunens geöffnet halten konnte. Das Publikum amüsierte sich vortrefflich über ein Impromptu, das für die strengen Räume der heiligen Justitia eine köstliche Neuerung bildete. Der Vorsitzende vermochte erst nach Minuten den lähmenden Bann abzuschütteln, der sowohl auf ihm als auf dem ganzen würdigen Gerichtshof lag. Dann raffte er sich auf, indem er der noch immer keifenden und scheltenden Frau Blaschke eine Ordnungsstrafe diktierte und sie gleich abführen ließ. – Vielleicht noch niemals im Leben hatte der gebrochene Gatte mit mehr Staunen und Bewunderung auf einen Mann gesehen als in diesem Augenblicke, da ein verwegener Justizsoldat sich anschickte, dem Befehle des Vorsitzenden zu gehorchen. Und siehe, der Saal stürzte nicht ein, der Kühne bildete keine formlose Masse. Nein, er wagte es, mit rauher Hand nach der Ruhestörerin zu greifen und diese so mir nichts dir nichts hinauszuzerren. Ein uneruierbarer Spaßvogel rief laut: »Freisprechen den armen Kerl! Der is g'straft g'nua. Oder glei lebenslängli, is no besser!« Wurde der Gerichtshof durch diese Szene wirklich milder für den Angeklagten gestimmt, oder handelte er in einem Zustande der Sinnesverwirrung – kurz, Blaschke kam, entgegen dem Antrage des Staatsanwaltes auf halbjährigen 179 schweren Kerker, nur mit zwei Monaten einfachen Kerkers davon. Mit Rücksicht auf das Kapitalverbrechen, daß er den Wachmann beim Ringkragen gefaßt und diesen herabzureißen versucht hatte (so sagte der Zeuge nämlich unter Diensteid aus), eine sehr milde Bestrafung. Nun, da er heute zurückkehren sollte, war alles im Hause gespannt, welche Entwicklung die wieder angeknüpfte eheliche Vereinigung nehmen werde. Frau Blaschke hatte es sich nicht nehmen lassen, in echt weiblicher Besorgnis und in Erfüllung ihrer vor dem Altare beschworenen Pflichten, den Gemahl abzuholen. War sie von der unbestimmten Ahnung erfüllt, dieser könnte vielleicht die weite Welt seinem traulichen Heim vorziehen und ohne mit den Gefühlen seiner Frau zu rechnen einem verwerflichen Freiheitsdrange nachgeben – kurz, Frau Blaschke beschloß, das Band, welches sie mit ihrer schlechteren Hälfte auf immer unlöslich verband, nicht im mindesten locker werden zu lassen. Als sie nun mit dem glücklich wieder Errungenen an den neugierigen Nachbarn vorbeischritt, lag auf ihrem Gesicht ein Ausdruck erhabener Festigkeit, der zu sagen schien: das Gesetz hat das Seine getan – nun werde ich das Meine tun. Am meisten verwunderte sich jedermann über das gefaßte, ja sorglose Benehmen des Opfers, das zu seiner früheren Schwächlichkeit und Gedrücktheit einen äußerst wohltuenden Kontrast bildete. »Schau'n S' Ihnern an! Den Fum, was er si gibt, als wann er net wußt', was jetz'n kummt. A Kuraschi hat er, das muaß m'r eahm lassen; oder macht's die G'wohnheit. Mein Gott! Jeder Hund g'wöhnt die Schläg'. I an seiner Stell' gangt liaber drei g'sunde Zähnd reißen lass'n, wia mit dem Drachen allan in die Wohnung,« bemerkte eine Nachbarin zur andern. 180 Als das Ehepaar in seiner Behausung verschwunden war, bei welcher Gelegenheit der weibliche Teil, in schönem Verzicht auf alle Vorteile der Galanterie, dem männlichen den Vortritt ließ, jedenfalls um im letzten Augenblick einem Fluchtversuch vorzubeugen, strömte fast lautlos die ganze Horcherschar auf dem Gange zusammen, lauschend, nach der geschlossenen Türe horchend, flüsternd, wispernd oder sich pantomimisch verständigend. Die erwartete Symphonie begann alsbald. Man hörte Herrn Blaschke vor allem sagen: »Hol' m'r was z'essen und an Liter Bier! I bin voller Hunger und Durst. Die Kost war m'r a bißl zu anfach.« Jetzt, als wären diese Worte das ersehnte Zeichen gewesen, begann Frau Blaschke in der alten, schon bekannten Tonart. »Gauner, Lump, Fallut, Kerl elendige, Zuchthausbrude, Schnapssaufe, Pilge, i werden dir geb'n Piwo und Rostbratl, daß de vergeht Hunge und Durst. Da hast ane . . .« ein klatschender Schall . . . . Doch was war das? Alles sah sich betroffen an. War solches möglich? Blaschke sagte: »So, böhmische Bisgurn, Teufelsbraten, Mistvieh! Das war d' letzte, die du mir g'schmiert hast. Heut fang' i an. Das hast als a conto ane , da a zweite , wart', der Stecken lahnt da grad recht – huit! Tuat's wohl? Gelt ja, da kannst singen. Das wird jetzt so lang für di Fruahstuck, Mittagmahl und Nachtmahl sein, so lang's dein Mäul anmal aufmachst, ehnder als i di frag'.« Das Geräusch, das der niederfallende Stock verursachte, nötigte manche der Zuhörerinnen rein sympathetisch den Rücken zu krümmen und die Schultern einzuziehn. Und jetzt 181 hörte man zum ersten Male Frau Blaschke Angst- und Schmerzensrufe ausstoßen und – bitterlich weinen. Dann ward die Türe aufgerissen. Und vor der vor Schreck und Überraschung erstarrten Horcherschar stand Blaschke – noch immer das Exekutionsinstrument in der Rechten –, blickte siegestrunken und höhnisch zugleich die Versammlung an, und hielt folgende kurze Ansprache: »So, meine verehrten Herrschaften, heut ham S' erlebt, daß i den Spieß umdraht hab', und mein' Alte abbindert hab' nach Noten, wia i's schon lang hätt' tuan soll'n. Wann unter dö hochverehrten Damen ane is, dö an derselben Krankheit leid't wia mein Hauskreuz, so soll s' ihr'n Mann zu mir schicken und i gib eahm's Rezept samt der Medizin gratis, weil i so a verfluacht guater Kerl bin. Und no ans, meine verehrten Herrschaften: sollt' i anmal a Wurt, a klane Äußerung hör'n, oder lassen S' ane geg'n mein' Alte fall'n, weg'n dö zwa Monat', dö i – eh schon wissen –, so merken's Ihner, daß das strafbar is und i schon waß, was i z' tuan hab'. Jetzt ham S' a Idee, wia die Sach'n stengan, daß S' ruhig schlafen können. So, pfiat Ihner g'sund, gengan S' ham und sag'n S', es war nix. Küss' die Hand allerseits.« Und noch einmal einen spöttischen Blick auf die wie begossen dastehende Gesellschaft werfend und den Stock einigemal hin- und herschwingend, ging er in die Küche zurück, die Türe mit nicht mißzuverstehender Deutlichkeit allen vor der Nase zuschlagend. Jetzt hob ein Lärmen und Schnattern an, die Zungen wurden mit einer Rührigkeit in Bewegung gesetzt, daß man meinte, das Mundwerk der vorhin noch so schweigsamen Damenwelt sei ein Mechanismus, der erst aufgezogen, jetzt mit aller Gewalt abschnurre. 182 »So a Kerl,« zeterte eine Frau Trnka, die wohl mit gutem Recht die kleine, boshafte Rede hauptsächlich auf sich bezog, »so a abg'strafter Püls, der Schnapsbruader, schamt si net, a Weib z'schlag'n wia an Hund, und dann prahlt er si no damit, anstatt daß er si in an Winkel versteckert, daß eahm neamd siecht. Soviel Schand' hätt' i, daß i in dös Haus nimmer kummert. Dös arme Weib kann guate Zeiten mitmachen mit dem Falotten, der unter seine Zuchthausbrüaderln no dazuag'lernt hab'n wird, was er no net g'wußt hat. Passen S' auf, wann heut wieder in derer Gegend a Murd vurkummt, sag'n S' i hab' Ihner's g'sagt, mehr will i net g'sagt hab'n.« Die Familie des »Kapral«, die sich selbstverständlich vollzählig als Auditorium eingefunden, fühlte sich durch die eben stattgehabte, ebenso unerwartete als sensationelle Exekution höchlichst amüsiert. Der Herr Kapral selbst meinte, daß für jeden Hausdrachen von der Qualität und Intensität der Blaschke die Prügelstrafe zu Recht bestehen sollte und verquickte seine Ansicht über diesen Gegenstand mit vielen Beispielen aus seiner Militärzeit, wo er die Rekruten nach Noten geprügelt, bis sie anständige Soldaten wurden. Er erregte mit seinen Ausführungen lebhaften Widerspruch seitens der Damenwelt, die ihm zu bedenken gab, daß zwischen einem Rekruten und einem schwachen, zarten Weib ein gehöriger Unterschied bestehe. »Schwache Weibsbild? Hohoho!« hohnlachte der Kapral. »So Kürassier, so Bisgurn böhmische, die wann möchte in Höll' kummen, möchte selbst Teufel und seiner Großmutter Höll' haß machen. Ware schön, daß Weib hat g'schlag'n Mann? Nix, nix, Frau Nachbar. Weib muß halten Guschen oder kriegen Buck'l vull Wichs. To je dobro .« 183 »Sö ham's notwendi, von aner böhmischen Bisgurn z'reden,« nahm die erste Frau wieder das Wort, »schlagt eahm selber der Böhm ins G'nack als wia. Wann i hör' ›Pane Kapral‹, hab' i eh schon g'fressen.« »Bin i Weane, Frau Nachbar, und geburn am Juri . . .« sagte tiefgekränkt der Kapral. »Hat 'hn schon. Da hört si alles auf. Am Juri is er gebor'n, der Bamschabl! Am Turi hat er sag'n woll'n. Durt hätten s' Ihner brauchen können. Sag 'n S' lieber am Tabor, Sie Powidlschädl Sie.« Es war die verwundbarste Stelle des Kapral, wenn man ihn an seine nichts weniger als deutsche Abstammung erinnerte. »Hab' i mi ang'wöhnt vielleicht bei Militär,« suchte er diesen Defekt zu entschuldigen, »wo hab' i kummandiert lauter su G'sindel, behmisches, herg'rastes. Aber Sie, Frau Nachbar, san a net auf deutsches Bam g'wachsen, denn wann kummt Ihne Frau Mutter am Besuch mit Häfen Powidl und zwa Lab Brot . . .« Diesesmal lag in den Worten des Exkommandeurs ein Stachel, der nicht verfehlte, sich tief in das ehrgeizige, stolze Herz der Frau Trnka einzubohren. Sie als Frau eines Lokomotivführers, sie, die Zimmer, Küche, Kabinett hielt und letzteres nur an einen Herrn (der überdies ebenfalls Lokomotivführer war) vermietete, wollte nicht an die Tatsache gemahnt sein, daß ihre Mutter ein schlichtes Bauernweib aus einem kleinen kerntschechischen Dorfe war. Ihr Urwienertum verdankte sie dem Umstand, daß eine in der Residenz wohnhafte, verheiratete, aber kinderlose Tante sie zu sich genommen und erzogen hatte. Bei dem lächerlichen Verhältnisse der zwei 184 stets sich in den Haaren liegenden Volksstämme bezüglich der Namen, die oft kerndeutsch klingen, während die Träger ultratschechisch sind, und wieder umgekehrt, kam es, daß Herr Trnka ein leibechter, fescher Wiener war und an der »böhmakelnden« Schwiegermutter nicht allzuviel Gefallen fand. War dieser Umstand dem Kapral bekannt oder nicht, sprach er aus einfältiger Bosheit oder boshafter Einfalt, kurz, es gelang ihm, mit seiner Bemerkung Frau Trnka aus dem Felde zu schlagen, die nicht kurzerhand ihre Mutter verleugnen konnte. Sie begnügte sich, den Kapral mit einem Blick tiefster Verachtung zu strafen, und den Kampf wieder auf das Gebiet zu lenken, dem er seinen Anfang verdankte. »Um das handelt si's net, sondern nur um die Roheit von euch Männern, euchern Zurn und euchere Branntweinräusch an an Weib ausz'lassen. A jeder Mann a Schuft, der si an aner Frau vergreift. Das is ah a Kunst? Pfui Teufel!« »Ah, wer wird Weibsbild schlagen?« frug im Tone ehrlichster Verwunderung der Kapral. »Wann is Weibsbild a Weib, wird me nit hau'n. Was aber is Teufel und Drachen, dann haut me, bis is Engel, so wie jetzt Blaschkin. Hörn S' no ane Laut? No is do gut.« Der Hausbesorger, der wie der Kapral den ganzen Tag über wenig mehr zu tun hatte, als bei allen Gelegenheiten »dabei« zu sein, dann noch zwei oder drei Nachbarn, die ihr Beruf zu Hause hielt, die jedoch bei erwähnten Gelegenheiten bereit waren, die Arbeit für die Dauer des interessanten Ereignisses zu unterbrechen, repräsentierten das starke Geschlecht der zungenfertigen Versammlung. Die drastischen Ausführungen des Redners fanden ihren vollen Beifall und wurden mit herzlichem Gelächter belohnt. »Da gibt's ah was z'lachen,« meinte eine andere, sehr 185 energisch aussehende Frau höchst empört. »Ös Männer seid's aner wia der andere. 's Weib soll arbeiten, spar'n, Kinder erziag'n und ös wollt's nur faulenzen, saufen, Kinder machen und zum Schluß 's Weib prügeln. Schamt's enk, über so was zum lachen.« »Es is net so arg, wia Sie's machen, Frau Hochfellner,« nahm der Hausmeister das Wort. »Wann's der Mann versteht, braucht eahm nur an für allemal d'Hand auskumma, nacha is guat. Segn S', mein' Alte hat ihr erste Fotzn kriagt, wia m'r g'heirat' hab'n. Das war ihr' Brautnacht. Zwa Stund' lang hat s' ganz teppert g'schaut, daß i meiner Seel scho a Angst g'habt hab', i hätt' ihr im Hirnkastl was lädiert. Aber g'holfen hat die Medizin, a zweit'smal hab' i's nimmer notwendi g'habt.« Diese, das Erziehungssystem wie die maßvolle Männlichkeit des ehrenwerten Hausbesorgers gleich ehrende Erklärung gab Anlaß zur Flucht der angesammelten Damenwelt. »Gengan m'r!« sagte Frau Trnka, »glaub'n S', geg'n so Mannsbilder kummen's auf? Es wird ja allweil schöner. Gott sei Dank, daß's do no Ausnahmen ah gibt. I bedankert mi für so an Mann. Für heut hab' i schon g'fressen, So was muaß m'r no ruhig anhören ah.« Sie schritt würdevoll die Stiege hinab, gefolgt von einigen anderen, und in kurzem war der Gang so leer und friedlich, als wäre er niemals Zeuge so merkwürdiger, historischer Ereignisse gewesen. Einige Stunden später sah man Herrn Blaschke mit allen Anzeichen einer guten Laune das Haus verlassen. Er hatte sich in Gala geworfen, wie die hinter den Küchenfenstervorhängen herauslugenden Frauen bemerkten, und tat 186 sich offenbar viel zugute darauf, als Sieger paradierend einherschreiten zu dürfen. Man mag über die Charaktereigenschaften der Frau Blaschke gänzlich ungeteilter Meinung sein und mancher im innersten Herzen eine tiefe Befriedigung empfinden über die wenig zärtliche Art, wie ihr Gemahl die ewig streitbaren Gelüste seiner schwächeren Hälfte zu bändigen wußte, eines muß ihr zugestanden werden: sie war eine wackere, arbeit- und sparsame Frau, die einen wohlgeborgenen Notgroschen besaß und bemüht war, ihrem Manne das ihm Zukömmliche zu beschaffen. Unermüdlich tätig, von peinlichster Sauberkeit, Akkuratesse und Pflichtbewußtsein, hatte ihr nur des Weibes schönste Zier gefehlt: Sanftmut. An und für sich nicht sehr mit weiblichen Reizen begabt, bedeutend älter als ihr Mann, hätten dennoch ihre guten Eigenschaften in Verbindung mit einem nachsichtigen, gütigen weiblichen Wesen hinreichend genügt, sie mit dem geduldigen und braven Blaschke ein harmonisches Eheleben führen zu lassen. Also dieser schritt leicht und tändelnd und von keinerlei Gewissensbissen und Anfechtungen beschwert dahin. »Jetzt geht er sicher in ane von seine Butiken und prahlt si mit seiner Heldentat«, meinten einige jener Weiber, die Zeit genügend zu besitzen scheinen, um sich nicht das kleinste Vorkommnis entgehen zu lassen. Aber sie irrten diesesmal gewaltig. Blaschke lenkte seine Schritte nach dem Polizeikommissariate. Dort erregte sein Erscheinen kein geringes Aufsehen. Der Lage der Dinge nach mußte er doch diesem Orte auf die Entfernung einer Stunde ausweichen. Blaschke wünschte unverzüglich dem Kommissär vorgeführt zu werden. »Ja, was woll'n S' denn von eahm?« hieß es. 187 »Dös wir i eahm schon selber sag'n. Nur g'schwind, i hab' net viel Zeit zum Umeranandreden.« »Na ja, für Ihner wird m'r g'schwind a Extrawurst braten« sagte der Wachmann, dessen Erscheinen vor einigen Wochen für Blaschke so verhängnisvoll gewesen. »Sie ham's ah Not, gar so wichtig z'tuan.« Blaschke faßte den Sprecher scharf ins Auge und sagte mit Betonung: »Was Sie manen oder net, is für mi ganz gleich. I kann Ihner nur ans sag'n und an guaten Rat geb'n. Je ehnder als von der Gegend da wegkummen können, desto besser is für Ihna. I sag' das nur, weil i verschiedenes derhurcht hab' und dö, dö auf Ihna an Pick hab'n, san g'fährliche Leut'. Dö werd'n mit Ihner net herumrafen.« »Sie, wann S' mir drohn woll'n.« »I Ihner drohn? Lächerlich! An guaten Rat hab' i Ihner geb'n woll'n, ob S' folg'n oder net, steht bei Ihner. Übrigens hab' i ka Mandat, weiter z'reden, schaun S' nur, daß i bald 'n Herrn Kommissär siech.« Diese durchaus würdige Rede verfehlte wenigstens bei den andern Wachleuten ihren Zweck nicht, und bald stand Blaschke vor dem Begehrten. Der Kommissär blickte erst dem Angemeldeten erstaunt entgegen. »Ja, Blaschke, was führt Sie zu mir?« frug er überrascht. »Meld g'hursamst, daß i meine zwa Jahrln, ah Pardon! Monat' abig'rissen hab'«, meldete Blaschke, in hnmoristischer Weise seine militärische Erziehung zum besten gebend. »Hörn S' auf!« lachte der Kommissär. »Sie haben's notwendig gehabt. Jetzt ist Ihnen wohl leichter?« 188 »Und ob, Herr Kommissär! Wia neugeburn fühl' i mi. Seg'n S', ich glaub' für manche Leut' is das Anser-Haus a urndliche Wohltat. Die Reichen spaziern weg'n eahnere angegriffenen Nerven in a Heilanstalt oder Sanaturium, wia m'r's haßt, und unsereraner, no, Sie wissen eh.« »Blaschke, Blaschke! Aber Sie müssen bedenken, nun sind Sie einmal bestraft. Jetzt ein zweitesmal . . .« »Passiert so was nimmer. Und dann is dös, was i ang'stellt hab' ka Schand, wia m'r sagt. Ja, wann i g'stohl'n oder einbrochen hätt' – aber so. – Ja richtig, weil i beim Stehl'n und Einbrechen bin, i hätt' Ihner was zum sag'n, wo S' Aug'n machen werd'n. Und das soll Ihner ah a Beweis sein, daß i trotz meiner Straf' ka schlechter Kerl bin.« »Das weiß ich. An Ihrer Rechtlichkeit habe ich nie gezweifelt. Nur der unselige Branntwein . . .« »Jetzt hörn S' zua, Herr Kommissär. Ans nach'n andern. Hent' hat mein' Alte die ersten Salz kriagt,« berichtete Blaschke mit stolzer Genugtuung, »aber schon aus'n Haringfassel.« »Ah! was Sie nicht sagen?« und der Gestrenge sah den Erzähler mit Blicken an, die so viel uneingeschränkten Beifall und eine Art Achtung ausdrückten, daß Frau Trnka in Ohnmacht gefallen wäre bei diesen Zeichen der Billigung seitens einer gebildeten und Respektsperson. »Geln S', Herr Kommissär, da schaun S'. No und für's zweite: a Branntweiner sieht mi nimmer.« »Jetzt, Blaschke, wenn Sie den einen, nicht leichten Sieg errungen haben, will ich hoffen, daß der zweite, viel, viel bösere Feind von Ihnen auch bezwungen wird.« 189 »Mein Wurt drauf. Wissen S', ans hat die Schuld am andern g'habt. Jetzt wann mar beim Wirbel anmal den richtigen Faden find't, nocha geht's schon leicht. Also weg'n dem allan bin i net herkumma. San mar allani? Hört uns neamd?« »Ja – ja. Aber was soll das Geheimtun?« »Na, soviel Herr Kommissär. Sie wissen, bevur i zum G'richt kummen bin, bin i mit a paar in Untersuchung g'sessen. Schlecht pflanzt ham s' mi net, weil i gar so niederprackt und musidamisch war. Weil mi dös verdrossen hat, hab' i meistens g'schlafen, das haßt manichsmal hab' i nur so tan, als wann i's tan hätt'. Verstengan S'?« – »Hm! Ich glaube, ich fange an, zu verstehn.« »Seg'n S', da hab' i manches derhurcht und aufg'fangt und weil mi die G'schicht' interessiert hat, hab' i immer mehr g'schlafen. I sag' Ihner, das reinste Murmeltier bin i wurd'n. Jetzt, bevur i Ihner was anvertrau, geb'n S' mir Ihner Wurt Herr Kommissär, daß S' mi bei kaner G'legenheit nia und nirgends verraten. I möcht' ka Zeugenschaft um kan Preis der Welt ableg'n, denn bei dö Leut', von denen i Ihner derzähl, kummt's auf an Stich mehr oder weniger net an.« »Weiß ich, weiß ich«, sagte nachdenklich der Kommissär. »Erst vor einigen Tagen hat es einer verspüren müssen.« »Ah, Sie manen den Raubmurd am Holzinger? Seg'n S', seit i heut in der Fruah außikumma bin, hab' i mit neamd g'red't, wie mit meiner Alten, und der ihr erst's und anzig's Wurt war nur: ›No, kumm nur ham!‹ Wissen S', sie hat halt an Zurn auf mein' Verteidiger g'habt, der wirklich mehr aus der G'schicht' g'macht hat als 190 dran war. Der hat s' ja als 'n ledigen Drachen herg'stellt aber all's, was recht is, sie is do a brav's Weib und seit die ersten und letzten Hieb' werd'n m'r leb'n wia die Täuberln. I bin ganz abkumma von dem, was i hab' sag'n woll'n. Ob S' es glaub'n oder net, mir ham drin dö ganze G'schicht' g'wußt, daß der Holzinger is umbracht wurd'n. Heut hab' i no ka Wort drüber g'hört und g'redt, außer jetzt mit Ihna.« Der Kommissär nickte, als höre er die Bestätigung einer alten, längst bekannten Tatsache. »Und i glaub', a jeder von dö, von dö i Ihner erzähl'n will, kunnt' beizeiten ganz guat sein Messer spiel'n lassen, wußt' er, wer Ihner do an Deuterer geb'n hat. Also, jetzt losen S' zua.« Und in gedämpftem Tone berichtete Blaschke dem hoch Aufhorchenden von Dingen, die jedenfalls eine große Wichtigkeit besitzen mußten, denn der Hörer konnte sich nicht enthalten, dem Erzähler warm die Hand zu drücken. »Blaschke, Sie haben uns einen Dienst erwiesen, der Ihnen nicht hoch genug angerechnet werden kann. Aber zu Ihrer Sicherheit, nehmen Sie mein Wort, daß Ihr Name niemals in Verbindung mit diesen Sachen genannt wird. Ich wäre fast versucht an Fügungen zu glauben. Also halten Sie im Hause Augen und Ohren gut offen. Wenn Sie etwas zu melden haben, kommen Sie nicht hieher, sondern benachrichtigen Sie mich brieflich, und wir treffen uns irgendwo in einem Gasthause, sonst möchte man gleich Argwohn schöpfen. Es läßt sich einstweilen noch nichts unternehmen, denn wir müssen das ganze Gesindel auf einen Schlag in die Falle bekommen. Schau, schau, wer hätte das gedacht? Auf den Mann hätte ich geschworen, denn er leistete Konfidentendienste. Man lernt doch niemals aus.« 191 Und der Kommissär schüttelte fortwährend in maßloser Verwunderung den Kopf. »Und no ans, Herr Kommissär, der Wachmann, Sie wissen eh – der hat auf mi an größern Pick, wia'hn i ham kunnt. I hab' eahm an guten Rat geb'n, für den er mir dankbar sein sollt'. A so aber will er si no reib'n an mir. Er mant, er allan kann's zwingen. Sag'n S' eahm, zu scharf macht schartig. 's san net alle so wia i. Wann eahm anmal was passiert – i waß, wia er bei die Heraußtrigen ang'schrieb'n is.« »Ich versichere Sie, daß ich ihm bezüglich Ihrer Person die geeigneten Ansichten beibringen werde. Also adjö, lieber Blaschke, merken Sie unsere Verabredung. Nur schreiben, nimmer herkommen.« Wenn etwas geeignet war, das jäh erwachte Selbstbewußtsein Blaschkes zu stärken und festigen, war es die stattgehabte Unterredung. Er ging mit so hocherhobenem Haupte, so triumphierender Miene an den Wachleuten vorüber, grüßte so leutselig, vertraulich, fast herablassend, daß sich der Älteren und Erfahreneren sofort der Gedanke bemächtigte, der entlassene Sträfling, der er doch war, müsse sich der ausgezeichnetsten Gunst seitens des Herrn Kommissärs erfreuen. 192   Zwölftes Kapitel. (Schildert ein ergötzliches Ereignis bei »Vatta Danzinger«. Anton macht einen seltsamen Fund und der kleine Franzerl bringt seinen Vater so in Verwirrung, daß er sinnlose Aussprüche gebraucht.) Auch die Gäste bei»Vatta Danzinger« konnten sich rühmen, ihre Aufregung gehabt zu haben, und bei der liebevollen Pflege, die die Stammkunden dem Humor angedeihen ließen, war es nicht zu verwundern, daß sie während und nach dem gleich geschilderten Ereignisse behaupteten, sie hätten sich beinahe zu Tod gelacht. Diese Leute, die vor einer Beschäftigung welcher Art immer eine geradezu fanatische Abneigung hegen, deren geschwächte sittliche wie körperliche Kraft schon bei dem Gedanken an irgendeine ernste Betätigung erlahmt, werden von einem Hang nach Zerstreuung beherrscht, der sie oft das Geringste und Unwichtigste mit breitspurigster Aufmerksamkeit behandeln läßt. Da hatte sich nun heute eine höchst merkwürdige, ungewohnte, und für den Geschmack der Besucher dieses gesegneten Etablissements äußerst komische Szene ereignet. Am gestrigen Nachmittage war das aus einem früheren Kapitel durch seinen lustigen Streit mit dem »krumpen Seppl« bekannte Weib hereingekommen, hatte sein gewohntes Quantum mit bewußter Mischung getrunken und war plötzlich unter krampfhaften Zuckungen zu Boden gestürzt. Die andern Menschen nicht ganz klar zutage tretende Komik des Vorfalles lag nach Ansicht der meisten 193 Augenzeugen darin, daß das unselige Geschöpf, von plötzlichen Geburtswehen ergriffen, coram publico – einem Kinde das Leben gab. Welche Aufregung, welche Geschäftigkeit und welcher Schwall von zündenden Witzen, einer zynischer und gefühlloser als der andere. Zur teilweisen Ehrenrettung dieser armen Gemeinschaft sei es gesagt, es gab auch menschliche, mitleidende Glieder derselben, die es sich wenigstens zur Pflicht machten, die vertierten Spötter zur Ruhe zu weisen und deren Mitgefühl für den unschuldigen neuen Weltbürger zu erwecken. Vergeblich. In diese von Branntwein verwüsteten Gehirne fand die Vernunft keinen Eingang mehr. Besondere Heiterkeitsausbrüche erregte der Hinweis auf eine, mit poetischer Freiheit als Tatsache angenommene Vaterschaft Herrn Tänzingers. »Vatta! Vatta! Schau d'r dein klan Moritz an! Gott über de Welt, schön wie der Tate.« »Vatta, d'r Sturch is da. Du Schlankl du. Die saubersten Frauenzimmer suacht er si aus, daß s' eahm zum Vodan mach'n.« »Trara!« imitierte einer die Feuerwehr. »Jessas, jetzt kummt d' Madam' Maier mit der Dampfspritz'n.« Als polizeiliche »Assistenz«, dann später die avisierte Rettungsbahre erschien, wollte das Gejohle kein Ende nehmen, da die Räumung des Lokales angeordnet wurde. Dasselbe war von einer riesigen Menschenmenge umlagert, die das sonderbare Geschehnis erörterte. Schulmädchen besprachen unter sich den Fall mit den Mienen erfahrener Frauen. »So a Beschti!« meinte eine der lieblichen 194 Menschenblüten, »wann i heut anmal waß, es is so weit, geh' i do net zum Branntweiner.« Eine andere meinte ernsthaft: »I waß net, was das für Weiber san? Wann d' Muatta in d'r Hoffnung is, waß s' es bis auf d' Stund, und dann is d' Madam da. – No freili, bei so an Schlitten . . . .« und sie spuckte verächtlich aus. Ein kleiner Knirps, offenbar »Hörer der dritten Volksschulklasse«, machte gegen die Mädchen einen Witz. Die eine fuhr ihn an: »Sauschnabl kecker! Du brauchst ah schon was von dö Sach'n z'wissen. G'hörst selber no zu der Tuttl bei der Muatta, Hundsbankert, so a Mistkerl geht no in d' Taferlklass'.« »Halt d' Goschen, Sauschlampen. So viel wia du versteh' i ah no. Vierter-Klasserhatschen.« – »Das san Kinder heut, da kann m'r a Freud hab'n«, meinte eine Frau zur andern, mit der sie bisher im eifrigen Gespräch gestanden und die geheimsten Details des interessanten Ereignisses verhandelt hatte, ohne Rücksicht auf die sie umstehenden Kinder. »Wann dö mir g'höreten, die Bankerten d'rschlagert i«, sagte beistimmend die andere. »Geht's ham, Mistfratzen, und lernt's 'n Katechismus«, wandte sie sich zu den jugendlichen Ohrenzeugen. Einige trollten sich unmutig, andere aber verhöhnten die Frauen. »Alte Kleschen, mach' an Buckl. – Zaundürre Koberin, kannst mi . . . .« und andere Titulaturen regnete es nur so von seiten der hoffnungsvollen Staatsbürger. Kurz, es war ein Ereignis gewesen, bei dem alle Beteiligten und Unbeteiligten auf ihre Kosten kamen. 195 Die zweite Sensation bildete das Erscheinen Fischers, den man in herzlichster Weise beglückwünschte, daß die so böse aussehende Affäre einen so unerwartet günstigen Verlauf genommen. »Sixt, Fischer,« sagte ein Freund, »wannst dös g'wußt hätt'st, hätt'st kinna dem Grünzweig alle zwa Gluahn einhaun. A Kerl wia du hat meiner Seel a Glück. Übrigeus«, setzte er ganz leise hinzu, »hätten schon an' um di g'fragt. Halt aber d' Goschen, waßt, das nähere wirst schon no hör'n.« Selbstverständlich ward nicht verabsäumt, den glücklich Wiedergekehrten von den Ereignissen der letzten Zeit zu unterrichten. Vor allem von dem Morde an Holzinger. Eigentümlicherweise fühlte sich Fischer von der Nachricht mehr berührt, als ihm zuzutrauen war. Längere Zeit saß er stumm vor sich brütend da, dann begehrte er ein volles Glas stärksten Branntweines und leerte es auf einen Zug. »So, dös tuat guat«, meinte er aufseufzend, und seine Augen nahmen augenblicklich ein eigentümliches Flackern an. »Was, wann mar zwa Monat' nix als dös ölende Hochquellg'schlader hat saufen müassen«, sagte der Freund. »Hundling,« rief Fischer, »red' mar nix mehr von der Zeit, sunst hau' i d'r a Läufel o!« »Na, tua d'r nix an. Besser no als lebenslängli oder am Galing«, versetzte lachend ein anderer. Wenn es möglich war, durch einige Worte einen Mann zu veranlassen, ein fast blutig gerötetes Antlitz mit einem aschfahlen zu vertauschen, war es in diesem Augenblicke der Fall. »Hörst, Fischer, man siecht, daß d' kan' Brannti mehr 196 vertragst. Dir wird ja urndli schlecht drauf. Renn' außi und steck an Finger ins Mäul, wird dir besser.« Fischer aber, wie plötzlich erholt, lachte auf und nannte seine Freunde eine »Saubagasch, a ölendige« und ließ sich nun das Ereignis des gestrigen Tages erzählen. Er wälzte sich fast vor Lachen. »Schaut's d'r nur an, jetzt ham m'r do scho a Findelhaus! Die Welt is do bucklert.« Er selbst dachte wohl nicht daran, daß es sein Fleisch und Blut gewesen, dem er in einem seiner besinnungslosen Augenblicke das Dasein gab, die verfluchte Anwartschaft auf ein Leben voll vererbten Elends. Anton erinnerte sich, schon geraume Zeit seinen Schutzbefohlenen keine Aufmerksamkeit entgegengebracht zu haben und begab sich daher am Abend desselben Tages, der Fischer im Kreise seiner Getreuen bei »Vatta« sah, zu dessen Familie. Als er in das durch eine Lampe sehr spärlich erleuchtete Kellerloch trat, fand er die Kinder nicht anwesend. Auf seine diesbezügliche Frage schluchzte die Frau. »'s Lintscherl hab'n s' mir vor drei Täg ins Spital trag'n. Hamkummen wird s' nimmer, Herr Brenner, i waß, hamkummen wird s' nimmer. O, Gott! wia sie's wegg'holt hab'n, hat mi das Tschapperl so ang'schaut . . . . i kann den Blick nimmer vergessen, Herr Brenner. Sie hab'n ja das klane arme Würmerl guat kennt – net wahr, niemals net, daß's g'raunzt oder lamentiert oder g'want hätt'. Geln's ja, es hat an' nur mit seine Guckerl so trauri ang'schaut. Aber dasmal – das hat mir ins Herz g'schnitten, wia s^ mi ang'schaut hat, grad als wollt's sag'n: Muatter, Muatter, was woll'n s' denn mit mir, daß s' mi wegnehmen von dir?« 197 Die Stimme der armen, schwergeprüften Frau erstarb in übermächtigem Schmerze. Ein tiefes, erschütterndes Schluchzen machte ihren Körper erbeben, daß der alte, wackelige Stuhl schier rhythmisch knarrte. Anton, der ergriffen von dieser traurigen Neuigkeit dastand, wagte kein Wort des Trostes. Erst nach langer Pause frug er um den Knaben. »Der is mit aner Wäsch liefern gangen, die i zum Ausbessern kriagt hab'. Ihner Herr Cousin hat mir's zuabracht, es is, glaub' i, a Bekannte von ihm, wo er Stunden gibt. Anmal hat er mir ah zehn Gulden bracht, denken S' Ihner. O, Herr Brenner, tausendmal Vergelt's Gott, was Sie und die andern schon für uns tan hab'n. Aber mein Gott, ganz vergessen hätt' i, daß i Ihner an Sessel antrag'n hätt'. Da steht no aner, in Schlaf dürfen S' mir net austrag'n.« Ach! wie sollte ihr der Schlaf kommen, wo vielleicht zur selben Stunde ihr sterbendes Kind nach der Mutter rief, die nicht kommen konnte. Auf dem Stuhle, der Anton angeboten ward, befand sich unter anderen Dingen eine alte Pappeschachtel mit dem armseligen Spielzeug der Kinder als Inhalt. Diese Schachtel stellte Frau Fischer auf den Tisch, zu dem sie auch den Sessel hinschob, Anton zum Sitze nötigend. Dieser, dem Drängen nachgebend, setzte sich und begann mechanisch in der sogenannten »Spielerei« umherzuwühlen. Es war wirklich allerwertlosester Kram, dem eben nur die Phantasie eines Kindes irgend welchen Wert verleihen konnte. Stoffläppchen, Knöpfe, ein sogenanntes »Krowotenpferd« mit zwei Beinen, eine »Puppe« selber Provenienz, wie sie nämlich die herumziehenden »Juri« um einige Kreuzer feilhaben. Dann viele Dinge, die direkt von der Straße aufgelesen 198 sein mußten. Plötzlich blitzte etwas im Lichte der kleinen Lampe auf. Es waren die metallenen Initialbuchstaben einer zwar alten, abgegriffenen, aber noch sehr gut erhaltenen Börse. Anton nahm sie zur Hand und betrachtete sie genauer. Wo mochte er dieses Stück schon gesehen haben? Es erschien ihm wie eine Erinnerung an eine ferne Zeit, das Initial war seltsam geformt, und schien aus Silber zu sein. Es war kein Fabrikat letzter Zeit, die Börse mochte ein Alter von vielen Jahren besitzen. Wo nur konnte er sie gesehen haben? Lange mußte es schon sein. Aber so sehr er nachdachte, es fiel ihm nicht ein. Er fragte Frau Fischer über die Herkunft des Gegenstandes. »Das Geldtaschl? Ja, wann S' mi da frag'n – – – es liegt schon a paar Jahr' umeranander, i glaub', mein Mann hat's anmal hambracht, vielleicht hat er's g'funden. Viel wert war's schon damals net, und i waß, daß er's nia braucht hat. 's is immer in an Winkel wo g'leg'n, bis die Klan' g'funden und als Spielerei g'nummen hab'n.« Anton wollte die Börse wieder achtlos zurücklegen, bedachte sich noch und öffnete sie. Die erste Abteilung bildete nur eine Art Visitiere und man mußte die Finger fest dazwischenzwängen. Ein Papier knisterte. Er zog es mit einiger Mühe heraus. Es bildete nur die Umhüllung von etwas. Als Anton dieselbe aufschlug, fand er darin eine feine schmale Locke goldhellen Haares. Er zeigte Frau Fischer den Fund. »Das is ja grad, wia wann's die Haar von wem Toten war'n. Entweder von aner Frau oder an Kind.« »Kunnten ah von aner Geliebten sein«, meinte Anton nachdenklich. »A Andenken an wem jedenfalls. Kann i m'r das Börsl g'halten? Vielleicht kumm i do no drauf, wo i's 199 schon g'seg'n hab'. Denn bekannt is's mir, aber halt von wo, von wo?« »G'halten Sie's. Wann schon als nix anders so als Andenken an d'klane Lintscherl. Sie hat oft damit g'spielt.« Anton steckte mit einem Dank das Geschenk zu sich, nachdem er früher dessen Inhalt an alter Stelle versorgt hatte. »Was is denn mit eahm? « frug er nach einer Weile mit Beziehung auf Fischer, den er weder mit Namen noch mit seinem Titel als Gatte zu bezeichnen pflegte. »Muaß do ah schon bald herauskummen oder er is schon heraus, wia der Blaschke, von dem ich heut an Stückl g'hört hab', das mi wirkli g'freut.« Frau Fischers Gesicht überzog ein ganz leises, flüchtiges Lächeln, dann wurde es sehr traurig. »I g'freu mi net, wann er wieder kummt. Vielleicht is er a andrer Mensch word'n drin', aber i kann's net glaub'n. Jetzt fangt der alte Jammer von vorn an.« Anton erkannte die Anspielung. »Frau Fischer, wann er nur anmal si wieder an Ihner vergreift, nur anmal – verschweigen S' es net. Aber dann, unser Herrgott soll eahm gnädi sein.« »Na, na!« fuhr die Frau entsetzt empor. »Sie woll'n weg'n meiner mit dem Menschen anbinden? O, Sie glaub'n net, wia g'fährlich er is. Tan S' das net, i bitt' Ihner, denn sein Zorn liaßt er dann wieder nur an mir aus, und was da g'schehert – i will gar net dran denken.« Der junge Arbeiter saß stumm da. Er würdigte nur zu gut die Befürchtungen des gemarterten Weibes, das wohl die furchtbare Brutalität des verkommenen Menschen mehr an seinem Leibe verspürt, als es zu sagen wagte. 200 Nichtsdestoweniger nahm er sich vor, bei einer passenden Gelegenheit den Unhold in einer Weise zu züchtigen, die er sich lange merken würde. »Aus an' Grund«, fuhr die Frau fort, »bitt' i Ihner, fangen S' nix an mit eahm. I wollt' drüber nia was sag'n, denn die G'schicht' is zu dumm, daß m'r von ihr red't, aber bei so an Menschen muaß ma auf alles g'faßt sein. Denken's Ihner nur,« und eine flüchtige, feine Röte trat auf ihr verwelktes, kummervolles Gesicht, »er wirft mir vur – – i – i haltet mit Ihner.« Anton blickte einige Sekunden mit verständnisloser Miene auf die Sprecherin, als hätte diese etwas gänzlich Unverständliches, Sinnloses gesprochen. Dann, als er auf den Sinn ihrer Äußerung kam, klopfte er sich mit voller Gewalt auf den Schenkel und sprang auf. »Dr Branntwein muaß eahm a damisches Loch in'n Schädel brennt hab'n, wann er auf so a Idee kummt. I glaub', der g'hört in a Narrnhaus und das war ah 's g'scheiteste, da hätten S' vur eahm endli a Ruah. So a Idee . . .!« Hätte sich ein junger Mann einer sechzigjährigen Dame von Stand gegenüber mit solchem Eifer über die Absurdität einer solchen Vorstellung geäußert, er hätte trotz der Berechtigung seiner Abwehr derselben einen kleinen Stachel in dem Busen der Dame zurückgelassen. Sie würde im umgekehrten Falle den jungen Mann selbst tüchtig ausgelacht haben, aber der süße Reiz des Schmeichelhaften wäre geblieben. Frau Fischer war trotz aller Verwüstung, die Krankheit und Elend an ihrem Körper verübt, eine noch junge Frau, die gewiß mit Bedauern das Zeugnis ihrer Reizlosigkeit hätte entgegennehmen können. Aber Armut, Sorge, Krankheit 201 lassen keinen Raum für derartige, echt weibliche Empfindsamkeiten. Sie ermöglichen erst das Verständnis für eine durchaus uneigennützige, menschenfreundliche Handlungsweise. Darum verehrte die Frau um so mehr den jungen, edelmütigen Schützer ihrer Kinder und sie rechnete es ihm hoch an, daß er sie selbst für unbegehrenswert und die angedeutete Vorstellung für abgeschmackt hielt. Anton streckte nun Frau Fischer die Hand zum Abschied entgegen. »Wegen der Lintscherl machen S' Ihner kane Sorg'n, san S' froh, daß Sie s' von da außibracht ham. Passen S' auf, wia si di Klane erhol'n wird! Dort hat s' a guate Pfleg', a guat's Essen und die Dokter werd'n si schon Müah geb'n, daß sie s' außireißen. Es hat ihr ja nix g'fehlt als Luft, Pfleg'und 's Papperl. Das g'freut mi vom Ludwig, daß er Ihner so hat helfen können. Mir hat er gar nix davon g'sagt. No, san S' fürs erste do wieder a bißl aus'n Wasser. Unser Herrgott wird's schon machen, schon weg'n die Kinder. Adje!« Als er die Türe öffnete, stand in ihrem Rahmen eine Gestalt. Es war Fischer, aus dessen gerötetem Gesicht mit aller Deutlichkeit das Unmaß des genossenen Branntweins herabzulesen war. Anton stutzte eine Weile, dann, ohne dem Mann einen Gruß zu gönnen, ging er an ihm vorbei. Fischer trat nun vollends ins Zimmer vor sein erschrockenes und verstörtes Weib. »Na, Karnalie,« begann er boshaft, »jetzt hast dein guate Zeit g'habt, was? War d'r recht, wann i so ganz furtblieb'n war, gelt ja? Waßt, wann i dazua aufg'legt war, und mir mehr an deine Baner g'leg'n war, i hauert di jetztr, daß d'r für zwa Monat' dö Lust auf dein Liabhaber 202 vergangt. Muß di eh schon juck'n dein Buckl, nach so aner langen Zeit. Schau mi net so an, Kalbl, sunst vergiß i mi do no am End. A Tern oder a zwa täten d'r net schaden. Wo san d' Kinder, ha? Laßt es vielleicht herumstrabanzen, daß aus eahna nix wird?« »^s Lintscherl is im Spital«, wagte die unglückliche Frau zitternd zu gestehen. »Im Spital? Im Spital? Du – Du . . .« Er erhob schon die Faust. Dann aber, als ob er sich besänne, ließ er sie wieder fallen. »Is ah recht. Mein Schuld is's ja net. Wann dir an den Bankerten net mehr liegt, mi geht er nix an. Wo is aber der Bua, den, glaub' i, hab' i do ganz allani g'macht, den laß i m'r net abstreiten.« »Liefern is er gangen, mit aner Wäsch ausbessern. I bin grad ferti wurd'n und mir brauchen a Geld.« »So, da bringt er a Geld?« sagte Fischer, den das Wort plötzlich besänftigt zu haben schien. »Wia geht's eahm denn, is er wenigstens g'sund?« Obwohl sich das gemarterte Weib über den Umschwung in der Gesinnung des heimgekehrten Gatten und Vaters klar war, obwohl es wußte, daß er sich des Geldes bemächtigen und dann weggehen würde, fühlte es doch, wie seinem Herzen eine Last genommen wurde. Wenn nur ein geringer Teil des Verdienten übrigblieb, daß sie morgen dem Knaben etwas zu essen kaufen konnte! Gleich darauf trat Franzerl mit geröteten Wangen und vor Freude blitzenden Augen ein. Er bemerkte im Halbdunkel des Zimmers erst gar nicht den Vater. »Mutter, Mutter,« rief er beim Eintritt, »da schau, 203 wia viel Geld als i kriagt hab'. Du, durt is schön, sag' i d'r. Wia dö Tür offen war, hab' i ins Zimmer g'schaut, da war's wia im Himmel.« Er legte das Geld, eine Banknote und einige Silbermünzen, auf den Tisch. »He, Franzl, kannst dein' Vodan net a Grüaß Gott sag'n?« tönte es fürchterlich dem vor Glück fassungslosen Kinde entgegen. Das eben noch so gerötete Gesichtchen erblaßte wie vor tiefem Schrecken und die Augen richteten sich zaghaft auf den Vater. »Grüaß di Gott, Voda«, kam es zögernd über seine Lippen. »No, und d'Hand kannst m'r do ah geb'n? Oder hat d'r d'Muatta g'sagt, du därfst es net tuan?« Fischer sandte einen stechenden Blick nach seiner Frau. »O na«, sagte Franzerl bestimmt und gab dem Vater die Hand. »Jetzt sag', von wo hast denn das viele Geld? Was soll d'Muatter verdient hab'n?« Dem Kleinen, dem bei der Erinnerung an die schöne Wohltäterin wieder ganz warm wurde, erzählte: »Das is von aner Fräul'n, die wia a Engel is. Sie hat vom Herrn Ludwig g'hört, daß uns so schlecht geht . . .« »Wer is der Herr Ludwig? Da find' i ja lauter neuche Bekannte.« »A Student,« nahm die Frau für den Knaben das Wort, »er is a Verwandter vom Brenner Anton und wohnt mit ihm bei der Ambros. Bei der Fräul'n, für die i die Wäsch' ausbessern tua, is er Klavierlehrer, und er hat bei ihr für uns g'redt. Mein Gott, von was hätt'n m'r denn g'lebt?« »Da habt's aber schon besser g'lebt wia i. Hörst, das is ja a Zehner, da zahlt die Fräul'n net schlecht. Bei der muaß i mi bedanken. Wie haßt s' denn und wo wohnt s' denn? Ha?« »Das därf i net sag'n«, entrang es sich Franzerl mühsam. »So? Dein' Vodan därfst es net sag'n? Und warum denn net?« »In Herrn Anton ah net.« »Den ah net? Das bleibt si mir gleich, obst es dem sagst oder obst es bleib'n laßt. Möcht' wissen, warum die G'schicht' so hamli is. Da steckt was dahinter.« »O na!« rief Franzerl, der im Eifer für die Verteidigung der gütigen Fee seinen Mut zusammennahm. »Die Fräul'n is herauskumma, hat den Binkel vom Dienstmadl aufmachen lassen und die Wäsche ang'schaut. Dann hat s' g'sagt, daß alles sehr gut g'macht is und daß d'Muatter recht g'schickt sein muaß. Sie hat mi um manches ausg'fragt, um'n Herrn Anton, um d'Frau Ambros, und dann hat s' g'mant, sie will net hab'n, daß wer was erfahrt von dem, was s' für uns tuat. I soll nur brav sein und d'r Muatta a Freud machen (Fischer lächelte boshaft seine Frau an) sie hat ah ihr Muatta gern g'habt und ihr'n Vodan ah, sie is no klan g'west, wie sie s' verlurn hat und dann hat s' a bißl g'want, drauf wieder g'lacht und dann hat m'r 's Dienstmadl was zum essen geb'n und dann hab' i das Geld kriagt.« Nachdem sich Franzerl dieser seiner schönen, durch die jeweilig eingestreuten »danns« reich verzierten oratorischen Leistung entledigt, schwieg er diplomatisch, in der Voraussetzung, soviel gesagt zu haben, daß der Vater vielleicht vergessen werde, über den Hauptpunkt weiter zu fragen. Darin täuschte er sich aber, denn Fischer hub an: 205 »Bei dem all'n siech i net ein, warum Neamd davon wissen soll, wann s' a unglückliche verfolgte Famülie unterstützt. So viel i heraushör', kennt s' den Brenner und die Ambros. Von woher, geht m'r net recht ein. Sie will jedenfalls net, daß die wissen, wo s' wohnt. Und wannst eahna a Wurt sagst, reiß' i d'r d'Uhrwaschln aus, denn dann war's habe die Ehre mit'n Geld«, wandte er sich an den Kleinen. »Aber mir kannst es schon sagn, mir, dein' Vodan.« Der Appell an die schuldige kindliche Offenheit war von einer so drohenden Gebärde begleitet, daß es eines festeren, als dieses verschüchterten, kleinen Kinderherzens bedurft hätte, um den Mut zu standhafter Weigerung zu finden. Überdies begriff Franzerl, daß ihm doch nur das Verschweigen vor Anton und der Ambros zur Pflicht gemacht wurde. Fühlte er aber keinerlei Gewissensbisse, gerade seinem treuesten Wohltäter gegenüber etwas geboten Verschwiegenes zu hegen? Nein! Man müßte den Einfluß unterschätzen, den ein gütiges, schönes, weibliches Wesen auf ein Knabenherz ausübt. Es lähmt schon in dem Kinde die Urteilskraft wie später und oft mehr im erwachsenen Manne. Also gab er sein Geheimnis preis. »Fräulein Milly Zögler, Maria . . .« Weiter kam er nicht. Er starrte nur mit entsetzten, weit aufgerissenen Augen den Vater an. Der war auf das Bett gesunken und so sitzend bot er einen Anblick so schreckhaft und grauenerregend, daß dem Knaben das Herz pochte vor Furcht. Er dachte, jeden Moment müsse sich der Vater auf ihn stürzen und ihn erwürgen. »Jessas, Maria und Josef!« schrie Frau Fischer auf, »was hast denn? Is dir net guat?« Fischers Lippen murmelten unhörbar einen Namen, man erkannte es nur an seinen fahlen Lippen, daß er 206 unaufhörlich ein und dasselbe Wort herauszustoßen bemüht war, um es wieder zurückzudrängen, als wäre es mit einem bösen unheilvollen Ereignis verknüpft. Endlich schien er sich die Herrschaft über sich selbst langsam zurückzuerringen. »Was gluaht's mi denn so an?« fuhr er heiser Weib und Kind an. »Schlecht is m'r auf anmal wurd'n, i bin nix mehr g'wöhnt und hab' a bißl was trunken.« »Geh, i schick' in Buam um was z'essen und vielleicht trinkst a Glasl Wein dazua, dann legst di nieder«, riet mit noch vor Angst bebenden Lippen die Frau ihrem Mann. O seltsames Rätsel, Herz der Gattin und Mutter! In diesem Augenblicke sprach nur das Mitleid mit dem unseligen Manne. »Was willst denn mit mir,« schrie er aufspringend, »bin i a klaner Bua? I wir d'r was sag'n, i geh' jetzt furt und wir no öfters furtgehn und spät oder gar net hamkummen bei d'r Nacht. I rat' d'r aber, wann's d' g'fragt wirst, ob i jetzt bei d'r Nacht immer daham bin, sagst ja. Verstehst? Ja, i bin immer in mein Bett – sunst, du kennst mi.« »Um Gott^s will'n, was hast denn vur?« Statt aller Antwort trat der Unhold so nahe an sein Weib heran und hob die Faust so dräuend, daß ihr jedes weitere Wort auf den Lippen erstarb. Sie frug nur, als er schon bei der Türe stand: »Sag', brauchst net a Geld? Nimm d'r was mit!« »Na, i brauch' nix, i hab' m'r drin was derspart, i hab' gnua derweil. Das Geld g'halt's enk.« Dann ging er hinaus. 207 Oben angelangt, schritt er zur Türe der Hausmeisterwohnung, klopfte an und öffnete. »Mein Gott, der Fischer,« sagte eine weibliche Stimme, »was woll'n denn Sie da? Für so Leut' is ka Platz in unsern Quartier.« » D'Hex sagt gradaus und d'Katz bellt «, war die Antwort Fischers auf den freundlichen Empfang. Man hörte einen leisen Schrei der weiblichen Stimme, ein Männerarm zog den noch in der Tür Stehenden in die Küche und erstere schloß sich rasch hinter dem Besucher. 208   Dreizehntes Kapitel. (Huxtl hat ein Benefiz, das infolge verschiedener Umstände nicht eintönig verläuft und Ludwig Gelegenheit gibt, seinerseits ein angenehmes Stellvertreteramt auszuüben.) Im Gegensatz zu Ludwig, dem die Folgen seiner Verbindung mit dem blutigen Ereignisse jener bekannten Nacht sehr unangenehm deuchten und der froh war, daß die Sache einigermaßen ins Einschlafen geriet, war Huxtl unausgesetzt bemüht, dadurch seine Popularität zu erhöhen. Er konnte zufrieden sein. Bei den Interviews nahm er großmütig den heroischen Teil Ludwigs auf seine Schultern und erlebte die Genugtuung, in einem illustrierten Blatt seinen Charakterkopf zu finden mit der Überschrift: »Unser fescher Huxtl als Samaritaner.« Er hätte kein Künstler sein müssen, wäre bei ihm nicht die Eitelkeit und der Sinn für Pose höchst entwickelt gewesen. Um diese momentane, in Verbindung mit seiner langerworbenen Popularität günstige Stimmung auch praktisch auszubeuten, beschloß er im Einvernehmen mit dem »Direktor« seiner Gesellschaft ein Benefiz auf gleiche Teilung zu geben, das heißt sein Anteil sollte so groß sein, wie der der übrigen Mitglieder zusammen. Der Lizenzinhaber ging darauf bereitwillig ein, da er wußte, bei einem Huxtl-Benefiz auf seine Rechnung zu kommen. Der Liederdichter und Charakterdarsteller – wie er sich am liebsten nannte und nennen hörte – legte sich bei solcher Gelegenheit, die seinen Finanzen aufhelfen sollte, 209 gewaltig ins Zeug. Er zog das Publikum, bildlich gesprochen, bei den Rockkrägen und Kittelfalten zur Produktion. Seine Verehrer und Verehrerinnen waren Legion. Überall verknüpften ihn zarte Liebes- und Freundschaftsbande mit Leuten, die aller Welt zum Trotz behauptet hätten, Huxtl sei der Einzige, der Anspruch auf den Lorbeer des Darstellers, Sängers und Dichters besäße. Der famose Künstler war in der Auswahl seines Publikums nicht kleinlich. Jedermann, der den Betrag für ein Billet oder seinen Besuch garantierte, war willkommen. Er lauerte den die Arbeit verlassenden Fabriksmädchen nach Feierabend auf, besuchte Nachtcafés, beschwatzte Kutscher und Straßenkehrer zum Besuch seiner einzigen Produktionen; besuchte Damen, die bis nachmittag zu schlafen pflegen, überfiel in den »besseren« Straßen des Bezirkes vom Einkauf heimkehrende Dienstmädchen, rannte von einer Tanzschule zur andern, die er ohne Bezahlung einer Gebühr mit der Absolvierung eines Walzers beehrte und frequentierte den Besuch aller im weiten Umkreis bekannten Branntweinschenken, wobei er jedoch weniger auf deren Kunden als deren Besitzer und Schankgehilfen reflektierte. Bei den Honoratioren erschien er im Kostüm und mit der Miene eines Komiteemitgliedes für einen erlesenen Wohltätigkeitsball, nannte Greislerstöchter »gnädiges Fräulein«, Fleischhauers- und Kaufmannsgattinnen »Gnädigste« und einflußreiche Hausmeister »Herr von . . . .«. Er verstand es, einen bissigen, widerborstigen Köter ein »schön's, brav's Hunderl« zu nennen, einen knieschwachen Militärveteranen ob seiner ritterlichen Haltung bei der letzten Leich zu bewundern und vor der bekannten Hauskatastrophe Frau Blaschke ein süßes Zuckergoscherl und armes Hascherl zu nennen. 210 Er verstand es ferner, bei den Wirten nebst Absatz eines Billetts einen Gratispfiff Gespritzten zu erreichen und die am Aufschreibepult beschäftigte Kassierin durch einen Blick oder ein gehauchtes Wort tödlich mit den Pfeilen Amors zu verwunden. Wie einst Wallenstein seinem kaiserlichen Herrn eine Armee aus dem Boden zu stampfen versprach, so auch Tschickerl seinem Busenfreund, aber eine kleine Armee von zahlenden Zuhörern. Tschickerl war außer sich vor Freude über das Benefiz, das ihm Veranlassung gab, sich öffentlich als Intimus und Mäcenas des berühmten Volkslieblings zu zeigen. »Hörst d'r, Bruada, da müass'n mar was Ferms machen. Pass' auf, da soll'n d' Leut' spitzen. Du muaßt dar a paar haarneuche Coupleterln ausdenken, a paar saftige Schlager, verstehst das?« »Wia's d' in Komfortabler . . . . – waßt eh no, und wia's d' arretiert bist wurd'n.« »Geh, net!« flehte Tschickerl, den die Erinnerung an jenes Abenteuer immer mit unbehaglichen Empfindungen erfüllte. »Lass' dö Tanz, braucht ka Mensch was z'wissen davon! Es war do übrigens nix dabei, auf d'r Polizei die drei Staner Straf', und 'n Anspanner hab' i an Fünfer geb'n. Der hätt' mi drum no was anders neintuan lassen. – Na, waßt, was i man'? A Couplet, wia's d'r in Holzinger bei d'Haxen anpackst und wollt's 'hn hamzahrn, so was Ähnlich's, verstehst, Huxtl? Dann an harben Refrain, den singen alle mit, i fang' allerweil an. So, waßt dar. »Seg'n S', das is das End vom Liad!« Bruada, der Refrain is net ohne, pass' auf, der schlagt ein.« 211 Und nach einer Melodie eigener Erfindung sang Tschickerl mit seiner krähenden Stimme die tiefsinnigen Worte einige Male dem Freunde vor, der versprach, von dem schönen Gedanken Gebrauch zu machen. – – – Abends zu ganz ungewöhnlicher Stunde sprach zu beider Erstaunen Huxtl im Kabinette der zwei Verwandten vor. Anton riet gleich auf einen Ausnahmsfall, während Ludwig dem seltenen Besucher die löbliche Absicht unterlegte, er wolle die bei einem traurigen und ganz ausnahmsvollen Fall geschlossene Bekanntschaft erneuern. Huxtl machte dem Widerstreite beider Versionen ein rasches Ende. »Tonl,« sagte er schlicht, »i hab' am Samstag mein Benefiz.« Anton, dessen bisheriger einziger Freund Huxtl gewesen und der ein Verehrer der urwüchsigen Volksmuse war, rief ein befriedigtes »Gehst net doni?« aus. Der Wiener pflegt in einen gewöhnlichen Ausdruck verschiedene Grade der Empfindung zu legen. Das »Gehst net doni?« vermag den Wunsch auszusprechen, irgendein geehrter Gegner möge schleunigst vor einer angedrohten, fürchterlichen Rache Reißaus nehmen; es mag einen vorwitzigen Straßenjungen auf eine besondere Fährlichkeit aufmerksam machen; es mag als kosende Abwehr gelten, wenn der Wiener Jüngling einer Wiener Jungfrau allzu stürmisch in seinen Herzensattacken erscheint. Aber es kann auch als Ausdruck höchsten Erstaunens, gemischt mit höchster Befriedigung, gelten, und in dieser letzten Art war das »Gehst net doni!« Antons zu nehmen. »No, und ös seid's do sicher dabei?« forschte Huxtl, indem er seinen Blick auf Ludwig konzentrierte, als vermöge dieser in seiner schlichten Person das »ös« zu 212 repräsentieren. Es lag auch noch etwas anderes in diesem Blicke, nämlich die Frage, ob es angezeigt sein möchte, den Studenten, dessen Bekanntschaft keine unrühmliche zu nennen war, gleich heute zu duzen. Jedenfalls schlug die Erwägung zugunsten dieses Vornehmens aus, denn Huxtl wandte sich an Ludwig: »Lernst wenigstens an Weana-Schan kennan. A Gaude wird's geb'n, daß 's höcher nimmer geht. Und wannst d'r in Tschickerl seg'n wirst . . . .« Sicherlich von der tiefinnersten Überzeugung ausgehend, daß jegliche nähere Beschreibung der Qualitäten Tschickerls eine Abschwächung der Wirklichkeit bedeuten würde, brach Huxtl dieses Thema ab und sagte zu Anton: »Alsdann, Tonl, ös zwa, die Ambros, der Tschickerl und a meiniger Cousin mit seiner Kleschen werd's am Ehr'ntisch sitzen. – Geh, g'halt d'r deine paar Dübeln !« sagte er, als Anton Miene machte, die Börse zu ziehen. »I sag' d'r nur, pickfein wird dö G'schicht'. A ganz extraneuchs Programm, ferme Schlager, und 's Lokal nimm i beim »lustigen Kampl«, gengen mehr als vierhundert Personen eini.« »Fix no' mal!« sagte erfreut Anton, der es stets vorzog, seinen Stimmungen einen sozusagen extraktlichen Ausdruck zu verleihen. Ludwig, den es interessierte, einmal einer Volkssängerproduktion beizuwohnen, sagte sein Erscheinen zu und Huxtl entfernte sich, den Kopf voll von Adressen illustrer Persönlichkeiten, die seinem Benefiz ein Relief zu verleihen imstande wären. Sehr erfreut war die Ambros über die Aussicht auf den Festabend, denn sie sagte sich nicht mit Unrecht, daß 213 bei dieser Gelegenheit eine Annäherung zwischen ihr und Ludwig stattfinden könne. Gleich nach Weggang des Volkssängers trat sie bei den zwei jungen Leuten ein und frug sie, ob Huxtl wegen der Einladung zu seinem Ehrenabend dagewesen sei? Sie konnte kaum die hohe Befriedigung verhehlen, als ihr Ludwig von dem getroffenen Arrangement berichtete, und daß er entschlossen sei, der Einladung Folge zu leisten. Anton, der der hübschen Frau gegenüber jetzt noch wortkarger und kürzer zu sein pflegte als sonst, aus Gründen, für welche er sich selbst keine Rechenschaft abzulegen vermochte, schien die Verlegenheit nicht zu bemerken, die sich Ludwigs bemächtigte, als er einen vollen, feurigen Blick der schönen Witwe auffing. Der Student pflegte nicht allzuoft zu träumen; aber in dieser Nacht war es ihm, als wäre Fräulein Milly und die Ambros eins, und er wurde von einer geküßt, ohne sich sagen zu können, von welcher. Dank der unermüdlichen Agitation des für sein Benefiz tätigen Huxtl, war der Saal des Gasthauses zum »lustigen Kampl«, ein großer, häßlicher, schreiend dekorierter Bau mit Riegelwänden, bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Die Anwesenden sahen mit sichtlicher Spannung den Vorträgen entgegen. Das Hauptinteresse konzentrierte sich selbstverständlich auf den Helden des Abends, der in tadellosem Frack, blendend weißer Hemdbrust, ditto Krawatte, durch den Saal strich, jede entgegengestreckte Hand drückend, manchmal die einer Schönen galant küssend, aus jedem dargereichten Bier- und Weinglas herzhaft Bescheid tuend – kurz, der Inbegriff erhabener, schöner Männlichkeit, des Künstlers und Herzenbrechers. Das Publikum war das denkbar gemischteste. Da saß 214 ein Arbeiter im blauen Hemd, fadenscheinigen, lichten Werktagsrock, ohne Weste, in den geschwärzten, derben Händen das Programm haltend, dessen Inhalt er seiner Geliebten in der langsamen, zögernden Art eines Menschen vorlas, dessen starke Seite ein fließendes Lesen gerade nicht ist. Sein Nachbar war ein Gigerl des Standes nichtstuerischer Taugenichtse in lichtgelbem Sako, karrierten Hosen, grellbunter Weste, von der sich eine schwere, silberne Uhrkette mit vielen Anhängseln sehr wirkungsvoll abhob. Die Haare waren glatt an die Kopfhaut gepickt, mit einer so regelrechten, geraden Teilung, daß auch nicht ein Härchen die ihm angewiesene Richtung verließ. Das linke Ohr zierte das obligate Flinserl und die magere, arbeitsunbekannte Hand einige massive, feuervergoldete Ringe. Aus der Art, wie er sich gab, erriet man, daß er eine Persönlichkeit sein müsse. Und dem war in der Tat so, das bewies Huxtls respektvolle Vertraulichkeit dem gefürchteten »Verdächtigen« gegenüber, für dessen unsichtbare Geschäfte sich die Polizei sehr interessierte, um so mehr, als der Kavalier strenge Wahrung seines Geschäftsgeheimnisses sich angelegen sein ließ. Tatsache war ferner, daß er mit den Vertretern der heiligen Hermandad anscheinend auf bestem Fuß stand, ein liebenswürdiges, durch gegenseitiges Mißtrauen genährtes Verhältnis, das dem geehrten Anwärter einer Zuchthauszelle zu dem Luxus verhalf, der Polizei mehr in der Rolle des wohlwollenden Beobachters gegenüberzustehen. Nach einem besonders gelungenen Einbruche, der die intensivste Tätigkeit aller behelmten und zivilistischen Sicherheitsorgane in Anspruch nahm, verfehlte der Herr mit dem Flinserl im Ohr und der schweren Uhrkette über der Weste niemals, gelegentlich den auf besonders exponiertem Posten auf- und abpatrouillierenden Wachmann mit nachlässig 215 wohlwollender Vertraulichkeit zu befragen, ob er »no kan' von dö Diabshund derwischt« hätte. Dann pflegte der Befragte verlegen zu schmunzeln, dem Kavalier kameradschaftlich auf die Schulter zu klopfen und mit einem bezeichnenden Augenzwinkern zu sagen: »Schurl – wann Sö wollten . . . drei, vier Jahrln kummerten anmal z'guat. Ewig geht's do net. Net?« Aber Schurl wollte nicht . Er sagte höchstens einmal: »Schaun S', daß S' dö Banda derwischen. Unseraner kann si abends net anmal außitrau'n. Is ja ka anständiger Mensch seines Lebens sicher.« Dann lachte zuerst der Wachmann, später der biedere, um Sicherheit und Eigentum besorgte Staatsbürger. – Weiters saß da an dem Tische ein korpulenter Herr mit sogenanntem Kaiserbart, listigen, kleinen, aber unbarmherzigen Augen, mit einem Ärmelgilet als markantestem Toilettestück, eine mächtig große, beinahe schwarz angerauchte Bernsteinspitze im Munde, sparsam an einer Zigarre rauchend. Das war Herr Schwarz, der Greisler und Menschenfreund des Hauses Nr. 37. Dann zwei Fabriksmädchen, das eine groß, schlank, von beinahe auffallender Schönheit mit schwarzen, träumerischen Augen, den ganzen Eindruck jedoch durch eine geschmacklose, turmähnliche Phantasiefrisur störend. Das andere, klein, etwas verwachsen, überhaupt unscheinbar bis auf einen lieblichen, frischen Mund von köstlichster Zeichnung und klarem, zu Herzen dringendem Blick. An einem andern Tische saß eine ganze Kollektion von Damen in Toiletten, deren schreiende, imitierte Kostbarkeit hinlänglich ein Pendant zu den geschminkten Gesichtern und dunkel unterstrichenen Augen ihrer Besitzerinnen bildete, um jedermann zu versichern, diese Damen seien die Hingabe und 216 Liebenswürdigkeit selbst. Sie tranken mächtige Quantitäten Bier oder Wein, aßen Backhühner mit Kompott und rauchten Zigaretten. Ihnen begegnete Huxtl mit kavaliermäßiger Galanterie. Es waren Damen aus besseren Bezirken, und, wie sie versicherten, erst um ein Uhr gewillt, ihrem Berufe nachzugehen, Besucherinnen von Lokalen, die bis in die Frühstunden offen halten. Dann hatten sich hier Rendezvous gegeben: Dienstmädchen, die Ausgang hatten, mit ihren Geliebten, meist Arbeitern oder Kommis bei Kaufleuten dritter, vierter Sorte; vazierende Kellner, Fleischhauergehilfen, kenntlich an ihren roten Gesichtern und Händen, ihrem riesigen Appetit, den goldenen Ringen an den wurstförmigen Fingern und last not least an ihrem selbstbewußten nichts scheuenden »Mir san mir«-Wesen; kleine Beamte, mit Familie, die den ganzen Abend vor zwei Glas Bier verbrachten; und in der Menge verstreut Leute, denen man die Art ihrer Beschäftigung nicht ansehen konnte. Gut gekleidete Strolche und Zuhälter, die auf ihre erst später erscheinenden »Damen« warteten. Verwegene, bleiche, gezeichnete Gesichter mit boshaften, kalten Augen, die auf die geringste, unbeabsichtigte Beleidigung hin drohend aufblitzten, der Schrecken aller Lokalbesitzer und nächtlichen einzelnen Passanten, auch der Wachleute, die in einsamer Nacht in noch einsamerer Gegend die Runde zu machen hatten; diese modernen Raubritter und Wegelagerer der Großstadt, deren sich die Gesellschaft nur durch die drakonischsten und unbedenklichsten Mittel erwehren könnte. An einem Tische mit einem Angehörigen dieser Gilde lebhaft aber leise plaudernd saß Fischer. Seit er aus der Haft entlassen war, trieb er sich den ganzen Tag herum, unbekannt wo; lebte ganz gut, unbekannt wovon, und kümmerte sich um Weib und Kind gar nimmer. Das Lintscherl war einige Tage 217 nach seiner Einlieferung ins Spital gestorben und er hatte darüber keinerlei Erregung gezeigt, als ihm seine Frau weinend und gebrochen vor Mutterleid die Mitteilung von dem Tode des armen Wesens machte. Er hatte nur etwas gebrummt wie: »Ist gut aufg'hob'n, verplatzte, narrische Nocken« und war nach flüchtigem, seltenem Aufenthalt in seiner Wohnung wieder gegangen. Nun saß er in der Erwartung eines vergnüglichen Abends da und vertrieb sich einstweilen die Zeit mit einem offenbar anregenden Gespräche, das er mit häufigen Zügen aus dem Weinglas anfeuchtete. An einem Tische, unmittelbar vor dem Podium, mit dem Vormerk »reserviert« saßen am Ehrenplatze die Ambros, Ludwig und Anton neben einem jungen Paar, auf den ersten Blick als Liebesleute kenntlich, deren männlicher Teil sich der Ehre einer nahen Verwandtschaft mit dem Volksdichter und Liedersänger rühmen durfte. Tschickerl, der selbstverständlich auch der Gesellschaft angehörte, befand sich höchst selten auf seinem Platze, solange die Vorstellung noch nicht begonnen. Man sah ihn im ganzen Saale herumstreichen, wichtigtuend und beweglich wie ein Hampelmann. Alle Augenblicke verschwand er in der Garderobe der Künstler, zu der ihm seine Eigenschaft als »Wurzinger« ungehinderten Zutritt verschaffte. Dann wieder hielt er lange, eingehende Besprechungen mit dem Wirt und den Kellnern, ab und zu einen zärtlichen Blick auf den Kranz werfend, der in einem kleinen Nebenzimmer auf dem Tische lag. Er war im letzten Momente von Tschickerl am Naschmarkt gekauft worden und sollte ein Lorbeerkranz sein. Allein seiner Form und ursprünglichen Bestimmung nach war er für ein Leichenbegängnis eher geeignet, denn als ein Zeichen der Huldigung für einen Lebenden. Daran änderten selbst die knallroten Schleifen nichts, auf denen mit schwarzen 218 Buchstaben die Inschrift gedruckt war: »Hoch der fesche Huxtl!« Dann: »Ham's an Idee?«, mit welcher Frage gemeinhin einem Jubilar oder Geburtstagskinde nahegelegt wird, den Spender irgendeines Geschenkes oder eines Glückwunsches zu erraten. Die Ambros hatte sich heute stattlich herausgeputzt, wie eine Prinzessin (so hatte ihr Huxtl bewundernd gestanden), und präsentierte sich so recht als die schöne Frau, die sie war, wohl geeignet, an der ihr zugewiesenen, exponierten Stelle Ehre einzulegen und die Bewunderung aller Männer zu erwecken. Vor ihr auf dem Tisch stand ein ungeheures, einem riesigen bunten Kohlkopfe nicht unähnliches Bukett in der graziösen Anordnung der berühmten Hochzeits- und Namenstagsbuschen. Eine sinnige Aufmerksamkeit Huxtls für seine hübsche Quartiergeberin, denn er war nicht gesonnen, die Rolle eines verschwiegenen Ritters zu spielen. Nein! alles sollte sehen, welch schöne Geliebte und Gebieterin seines leicht entzündlichen Herzens er zurzeit besaß. Selbst Antons Blicke ruhten mit einem Ausdrucke des Staunens und Wohlgefallens auf ihr, denn er sah sie zum ersten Male in einem ganz neuen Licht und es regte sich etwas in ihm von eifersüchtiger Anwandlung. Die Freude über die ihr zuteil werdende Bewunderung und über die Nähe Ludwigs, der seinen Platz ganz dicht neben ihr hatte, verlieh ihrem Äußern einen fast keuschen, jungfräulichen Reiz. Endlich! Der Klavierspieler setzte sich an sein Instrument und exekutierte einen rauschend sein sollenden Eingangsmarsch. Das Stimmengewirr verstummte ein wenig, und man begann sich zurecht zu rücken. In diesem Augenblicke drängte Tschickerl, der um nichts von der Produktion zu versäumen, zu seinem Tisch zu gelangen suchte, ungestüm zwischen den Stühlen nach vorwärts. 219 Da er dabei nicht allzu rücksichtsvoll vorging und die an ihren Tischen Sitzenden sich's so behaglich als möglich machten, konnte es nicht anders kommen, als daß Tschickerl an einige Gäste sehr unsanft anrannte. »Raubersbua, verhatschter,« sagte einer der weniger Geduldigen, »wannst nomal an mi anstößt, hau' i dar 's Hirn ei'.« »Sö an' 's Hirn einhaun? Bruada, in Tschickerl aner 's Hirn einhaun! Sö Affentoni, Sie g'scherter, spüln Ihner mit Ihnerer Großmuatta, net mit mir, Pintsch verdepschter, Spitalbojazza . . . . . .« Im selben Momente fühlte er jedoch seinen Schmalranftler, den er trotz der Hitze im Saale aufbehalten hatte, bis über die Augen von einer wuchtigen Faust eingedrückt. Es dauerte geraume Zeit, bis er mit Mühe die mißhandelte Kopfbedeckung in ihre normale Lage zu bringen vermochte. Er ärgerte sich rasend, als von allen Tischen der nächsten Umgebung ein beifälliges Lachen erscholl und man auf seine Kosten die unerhörtesten Witze riß. »Schaut's den klan' Stößl an, den z'sammg'matschten. Wia der frech war!« – »A so a Damerling, mir scheint, a Vetschina raukt er ah schon? Du, das sag' i deiner Muatta und 'n Herrn Lehrer.« – »Keck is er wia a Wanzen, und schimpfen möcht' er ah. Du, 's Hemat hängt d'r hintn außi . . .« Wer weiß, wie die Sache geendet hätte, denn Tschickerl, der gewichtige Freunde in der Nähe wußte, wollte in seiner Art zu remonstrieren anfangen, da ertönte das Glockenzeichen zu Beginn der Vorstellung. Und diesen hätte er um keinen Preis versäumt. Er machte nur rasch gegen die feindliche Gruppe ein Zeichen mit der Hand nach seinem Halse, womit er andeuten wollte, er stelle es den Herrschaften frei sich 220 aufzuhängen, und nach einigen nochmaligen Anläufen gelangte er endlich an seinen Platz. Die Zugehörigkeit zu diesem Tische schien ihm die köstlichste Revanche für die erlittenen Kränkungen und er dachte mit einem Gefühl des Triumphes an den Neid und das Staunen seiner Beleidiger, wenn sie ersehen mußten, mit wem sie es zu tun gehabt hatten. Der arme Tschickerl bedachte jedoch nicht, daß niemand, außer aus allernächster Nähe, von seiner Anwesenheit Notiz nehmen konnte, denn wegen seiner Kleinheit ragte er mit dem Kopf nur um ein Unbedeutendes über den Tisch. Die erste, wenn man die Klavierpiece einrechnet, zweite Nummer begann mit dem Entreechor. Dieser gibt allen Mitgliedern der Volkssängergesellschaft Gelegenheit, unisono dem Publikum zu versprechen, stets für den »Hamur« die »G'müatlichkeit« und für »Wean« mit seinem legendären goldenen Herzen, seiner»Resch'n« und »Patzwachheit« einzutreten. Drei Herren und drei Damen traten auf, stellten sich in Reihe und warteten die einleitenden Takte der Klavierbegleitung ab. »Bravo! Bravo!« erscholl es stürmisch und die Hände gerieten in solche Flackerbewegung, daß man mit dieser nutzlos aufgewendeten Kraft den größten Motor hätte ins Treiben bringen können. Diese Huldigung galt selbstverständlich in erster Linie dem Benefizianten, der mit der lächelnd starren Miene des geschmeichelten Bühnensternes auf die zu seinen Füßen wogende Menge blickte. Das Entreelied ist eine Kunstform, die von vornherein verhütet, daß man sich erst mit jeder einzelnen Person des Chores auseinandersetzen muß. Abwechselnd im Zusammenklang, dann jedes einzeln, lassen alle Mitglieder ihre Persönlichkeit hervortreten, es ist 221 gewissermaßen das künstlerische Kreditiv, welches einem wohlgesinnten Publikum überreicht wird. Den Haupteffekt bildet der Schluß, wobei die größtmögliche Stimmentfaltung, von dem Klavierspieler durch den größten Aufwand seiner Händetätigkeit verstärkt, unerläßliche Notwendigkeit ist. Das Ensemble bestand außer Huxtl aus dem Direktor, einem großen starken Manne mit von vielem Schminkgebrauch faltigem, bleifarbigem Gesicht; dem Komiker und dummen Liebhaber, einem jungen, unscheinbaren Menschen, dessen einzige komische Seite durch eine aufgestellte, schnuppernde Nase erklärt schien; ferner aus der Frau des Direktors, so groß wie er, aber von der Dicke einer Kletterstange; dann aus zwei jungen Mädchen, das eine hochbusig, dekolletiert, brünett, frech, sonst nicht übel, das andere zart, blond, mit einem lieben, schüchternen Wienergesicht und einfach weiß gekleidet. Nachdem der Chor unter obligatem Beifall geendet, kam wieder eine Klaviereinlage, dann längere Pause, die nur durch das Auftreten des Direktors unterbrochen wurde, der mit heiserer Stimme in die lärmende, um das Klavierspiel unbekümmerte Menge schrie. »Als dritte Programmnummer folgt das Auftreten des Liedersängers und Benefizianten Herrn Arnold Huxtl.« »Hoch! Hoch! Bravo, Huxtl!« ertönte es allseits. Endlich erschien der Erwartete. Eine Viertelstunde war es ihm unmöglich, zu beginnen. Der wie rasend sich gebärdende Klavierspieler schien auf ein Instrument ohne Saiten einzuschlagen. Man schrie unausgesetzt Bravo! strampfte mit den Füßen, klatschte sich die Hände rot, daß diese in ihrer bewegten Masse aussahen wie in der Luft boxende Mohnblumen. Die Weiber winkten mit Taschentüchern und Servietten, die Männer mit Bier- und Weingläsern, und oben stand der Gefeierte, sich unausgesetzt verneigend, der 222 Versammlung gerührt zuwinkend – kurz, es war ein unsagbar schöner Moment, der das Leben wert machte, gelebt zu sein. Endlich trat die für einen seriösen Vortrag wünschenswerte Ruhe ein und Huxtl begann. Mit einer sehr hübschen, klangvollen Baritonstimme sang er einige der gangbaren Dutzendcouplets über Schwiegermütter, Juden, gemütvolle Ehemänner, dann etwas Sentimentales, das die Tränendrüsen des weiblichen Publikums in Aktion versetzte, und einiges sehr, aber schon sehr Gepfeffertes. Als er abtrat, wiederholte sich der demonstrative Beifall. Die Ambros war rot über und über vor Befangenheit. Denn der Sänger hatte mit nicht mißzuverstehender Bedeutsamkeit öfter nach dem Ehrentische geblickt, manche zarte, heißt höchst eindeutige Pointierung einer geschmalzenen Strophe, von einem humoristischen Augenaufschlag und einem feurigen Blick begleitet, an sie gerichtet, daß die Glückliche bereits aller Augen auf sich zu lenken begann. Die Männer schauten mit Bewunderung oder verständnisvollem Lächeln, die Weiber mit Neid und Eifersucht auf des feschen Huxtl Herzenskönigin. Man möge ihre geringe Feinfühligkeit nicht verdammen, wenn die hübsche Frau Stolz und Freude empfand und sie in der ungeschickten Art des Volkes äußerte. Soweit und solange es Weiber gibt, wird, wenn auch auf verschiedene Art, die Bewunderung eines gefeierten Helden der Frau schmeicheln, weil dadurch ein Abglanz der hundertfältigen Huldigung des Helden auf sie fällt. Ohne ihn zu lieben, fühlte Frau Ernestine, daß sie dem losen Volkslieblinge gut sei, und daß ihre gewohnheitsmäßige Hingabe in diesem Falle einen reichen Lohn gebracht. Wenn noch jemand von ähnlichen Gefühlen erregt wurde, waren es Anton und Tschickerl. Ersterer in seiner 223 ruhigen Art, wo nur die freudig glänzenden Augen den Anteil an den Triumphen des Freundes bewiesen, der andere dadurch, daß er auf den Stuhl stieg, unausgesetzt »Bravo, Huxtl« schreiend und so intensiv paschend, daß er zum Schluß halb ohnmächtig von seinem erhöhten Standpunkte wieder den sicheren Boden erreichte. Ludwig, dem der größte Teil der zotigen Anspielungen unverständlich war und der überhaupt den Vorträgen keinen Geschmack abgewinnen konnte, war nur ein teilnahmsloser Zuhörer. Ihn interessierte mehr die Beobachtung des Milieus, der Urwüchsigkeit und Ungeniertheit des Auditoriums. In steter Reihenfolge wechselten nun die verschiedenen Darbietungen, es folgten humoristische Vorträge des Komikers, Duoszenen, Vorträge der Sängerinnen. Dann lautete abermals die Ankündigung: »Originalcouplets, gedichtet und vorgetragen von Herrn Arnold Huxtl.« Diesesmal war alles still und voller Erwartung, denn man kannte die Spezialität Huxtls, Aktualitäten und bekannten Vorkommnissen der letzten Zeit in vollstem Maße Rechnung zu tragen. Huxtl ließ, nachdem er aufgetreten, eine kleine, raffinierte Kunstpause vorübergehen. Dann begann er mit dem Vortrage von Couplets, voll witziger Andeutungen und Hinweise auf lokale Ereignisse, von denen er wußte, daß sie seinem Publikum geläufig waren. Unter anderem sang er: »Daß ein Verschleißer von Likör Und Rum ausschenkt an Fusel, Daß d' »Kinder« si beim »Vatta« hol'n An mugelsendstrumm Dusel – Das kann uns alles net schenieren, Das san bekannte Sachen. Die soll'n, wie s' woll'n die Gurgel schmier'n, Da kann m'r gar nix machen, 224 Doch mit'n Findelhaus d' Konkurrenz Sollt' man net angehn lassen. Z'was brauch'n wir bei uns heraus A zweite – Alserstraßen ?« Die Anspielung auf das Ereignis in Herrn Tänzingers Lokal war eine zu verständliche, um nicht lauteste Heiterkeit, besonders bei den weiblichen Zuhörern zu erwecken, die aus lauter Kichern und einander Zuwinken nicht herauskamen. Am meisten brüllte Fischer, der schon ziemlich angetrunken war, vor unbändigem Lachen. »Is do a Sauhundling der Huxtl«, sagte er zu seinem Nachbar. »Is scho recht,« gab der flüsternd zur Antwort, »wannst aber den G'stank anfangen willst, muaßt di tummeln. Unsre Leut' passen schon. Schau, der Gawlier-Gustl scheankelt schon d'längste Zeit umi.« »Jetzt glei«, erbot sich Fischer. »Aber na wart jetzt no, vielleicht singt er was, über dös du di beleidigt stelln kannst. Aber nur an Wirbl, kan Raserei, das sag' i d'r. Du waßt, was m'r wölln.« Mittlerweile hatte Huxtl, um dem fortwährenden Verlangen nach neuen Zugaben zu genügen, ein neues Couplet begonnen. »Seg'n S', das is das End vom Liad« sprach er den Titel. Diese Ankündigung überwältigte Tschickerl derart, daß er aufspringend in die erwartungsvolle Stille mit einem krähenden »Bravo, Huxtl, Bravo! Jetzt kummt's!« hineinplatzte. Unwilliges Zischen und Murren ertönte. Von einem Tische erscholl es: »Schmeißt's die klane Krot' außi. Allweil hat er d'Goschen offen. So a Mißgeburt.« Ludwig meinte 225 vor Scham in die Erde sinken zu müssen, als er sah, wie sich aus allen Enden des großen Saales die Aufmerksamkeit auf den Ehrentisch richtete. Anton faßte ruhig Tschickerl beim »G'nack« und nötigte ihn mit einigen barschen Worten zur Ruhe. Huxtl, um die Erregung zu beschwichtigen, begann nochmals. »Seg'n S', das is das End vom Liad.« Es war der Refrain eines sentimentalen Liedes, in der Manier jener geschraubten, halb hochdeutschen, halb Dialektlieder, die, wenn sie populär werden, die reine Pest sind. Das Volk hat ein unklares, ungeleitetes Bedürfnis nach reiner Poesie, und erblickt sie in Darbietungen, aus denen das possenhafte und zotige Element ausgeschaltet erscheint, und die, mit einem sentimentalen Mäntelchen umhängt, an das »patzwache« Herz des Wieners greifen. Aber auch in diesen Liedern findet man Spuren einer wirklichen Poesie und die Holprigkeit des Textes verbessert die Kunst des Vortragenden. Sogar der automatische Klavierspieler bemüht sich, mit seiner Begleitung dem Poem eine künstlerische Note zu geben. Dazu eine atemlos horchende, naive, urwüchsige Zuhörerschar – und es ergibt sich im ganzen oft ein rein künstlerischer Effekt. Nach zwei aktuell belanglosen Strophen folgte nun die pièce de résistance , denn Huxtl wäre, wie gesagt, kein Künstler gewesen, hätte er ein Ereignis unbesungen gelassen, bei dem er eine Rolle gespielt. Nur diesem Sinn für Ausschrotung der eigenen Popularität verdankte es Ludwig, daß es nicht abermals zu einer Szene kam, wie in dem Gasthaus zweifach unseligen Andenkens. Denn hätte das Publikum eine Ahnung davon besessen, welcher Held den heutigen Abend durch seine Anwesenheit verherrliche, es hätte ihn 226 vielleicht gezwungen, das Podium zu besteigen und sich anstaunen zu lassen. Also Huxtl kam zu der Strophe, die nicht etwa die rührende Szene behandelte, wie er den schwer verwundeten Holzinger bei »d'Haxen« packte – sehr zum Leidwesen Tschickerls – die aber nicht im mindesten geeignet war, den Anteil zu verschleiern, den der Vortragende an dem traurigen Ereignis gehabt. Er sang. »'s war a Mann vom alten Schlage Ehrlich, bieder, brav und guat. Hat kan' Menschen nia nix z'lad tan, War a g'sundes, harbes Bluat. Aber in der Nacht, so dunkel, Schleicht der Mord an ihn heran; Und beim bleichen Sterngefunkel Findet sterbend man den Mann. Der vor kurzem noch voll Wonne G'jubelt hat – ein Herz voll G'müat – Nimmer grüßt er d' Morgensonne. Segn S', das is das End vom Liad.« Der Beifall nahm bedrohliche Dimensionen an. Fischer saß da, mit so unheimlichem Ausdruck, daß sein Gefährte besorgt war, er möchte an unrechter Stelle mit seiner Rolle herausplatzen. »Jetzt do net, sei g'scheit! Kummert ja rein außi, als hätt'st du den Mann umbracht.« In den flackernden Augen des Gemahnten leuchtete etwas, das den andern betroffen machte und das er auf Rechnung des reichlich genossenen Weines setzte. Übrigens blieb sich's ihm gleich, bei welcher Gelegenheit Fischer den bestellten Skandal provozierte. Fühlte er sich, oder äußerte er sich als beleidigt, so konnte ihm die Sache nicht gefährlich, höchstens als Ausdruck einer hochgespannten Empfindlichkeit angerechnet werden, denn zur Zeit 227 der Ermordung Holzingers saß Fischer noch im Landesgerichte. Soeben begann Huxtl wieder: »In an' Kellerloch voll Jammer Sitzen Weib und Kinder z'samm', Weil die Armen schon seit gestern Keinen Bissen z'essen ham. Denn der Vota, der zu sorgen Hätt' die Pflicht, schert si net drum, Wankt bis Abends schon seit Morgen In den Branntweinhäus'ln um. Eines Tages geht ins Wasser 's Weib mit d'Kinder, lebensmüad. Und der Voter tobt im Narrnhaus – Segn S', das is das End vom Liad.« Es war wohl nur ein Zufall, daß Huxtls Blick gerade bei dieser Stelle sich auf Fischer richtete, denn er hatte bis nun keine Ahnung von seiner Anwesenheit gehabt. Der obligate Beifall wurde durch eine heiser brüllende Stimme übertönt. Denn ohne weitere Nötigung seines Kameraden, so rein impulsiv war Fischer aufgesprungen, daß der Stuhl mit lautem Gepolter umfiel und eine volle Weinflasche umgestürzt wurde, deren Inhalt sich über das Tischtuch ergoß. Die Faust gegen den Sänger geballt, brüllte er unausgesetzt. »Soll dös eppa mi angehn? Ha? Bin i da g'mant?« »Ruhig! Ruhig!« ertönte es von allen Seiten. »Stad sein!« – »Schmeißt's 'hn außi den Falloten!« – »Außi mit eahm!« – »Gebt's eahm a paar Watschen!« »Ob das mi angeht? frag' i nomal« brüllte der von Wein und Zorn Erhitzte. »Was hat der mit meiner Famülie z'tuan? Wann i aufisteig, gib i dem Hundling a Fotz'n, daß eahm d'Zähnd beim G'nack außischaun.« 228 »Stad sein! – Außi!« tönte es abermals im Chorus. Der Nachbar Fischers wollte diesen scheinbar beruhigend auf den mittlerweile aufgehobenen Stuhl drücken, doch der rohe Krakeeler spielte jetzt keineswegs eine eingelernte Rolle. Er gab seinem Beruhiger einen Stoß, daß der niederfiel und wollte gegen das Podium eilen. Man warf sich ihm entgegen. Das bei Raufereien Unmittelbare, Blitzschnelle, für schwache Nerven Entsetzliche, spielte sich in einem Augenblicke ab. Das Klirren von Gläsern und Eßgeschirr, das Gepolter stürzender Stühle, das Keuchen ringender Männer, das Kreischen und hysterische Weinen erschreckter Frauen und Kinder, dazwischen einige gellende, markdurchschütternde Pfiffe – alles vereinigte sich mit den Hilfe!- und Polizei!-Rufen des Wirtes und der Kellner zu einem grauenhaften Chorus. Um Fischer hatte sich ein Knäuel ringender Menschen gebildet. All die verdächtigen, lauernden Elemente, die offenbar nur dieses Zeichen zum Beginne erwartet hatten, vergrößerten den Wirrwarr durch unausgesetztes Stoßen und schrilles Pfeifen. »Er hat a Messer in der Hand!« riefen einige aus der kämpfenden Gruppe. »Stechen will der Hund? No wart! Derschlagt's eahm.« Die Unbeteiligten und Ängstlichen standen auf den Tischen und Stühlen, plötzlich verbreitete sich der Ruf: »D'Polizei, d^Polizei!« Ein Wacheaufgebot in der Stärke von sechs Mann drängte rücksichtslos in den Saal. Sein Erscheinen wirkte etwas ernüchternd, man begann innezuhalten und versuchte der uniformierten Gruppe Platz zu machen. Von allen Seiten wurde mit Erklärungen auf die Wachleute eingedrungen, man schilderte den Anfang des Skandales und wollte dessen Urheber den Händen der Gerechtigkeit ausliefern. Doch wo war dieser? Verschwunden im Vereine mit noch vielen anderen, 229 deren Tätigkeit es zu danken war, daß die Aufregung eine so ungeheure wurde. Die Polizisten stellten nun einige Fragen, wer alles an dem Exzesse beteiligt war, und hatten nicht übel Lust, zur Betätigung ihres Amtseifers einige ganz harmlose Gäste, denen im Gedränge die Hemdkrägen heruntergerissen worden waren, als Exzedenten mitzunehmen. Unter allen Gästen am ungehaltensten über die Störung war der Elegant mit der schweren silbernen Uhrkette und dem Flinserl im Ohr. Ganz in der Nähe der amtierenden Wachmänner äußerte er, daß er von diesen gehört werden mußte. »Zeit war's scho anmal, daß die Luft rein wurd't von derer Bagasch. Seines Lebens is m'r net sicher. Herentgeg'n, i ziag' weg von da auf d'Ringstraßen oder in d' Kärntnerstraßen, i kann meine Renten wo anders ah verzehrn.« Es war in diesen Worten eine unerhörte Fopperei der Wache gelegen, die ihren Mann als den mutmaßlichen Chef einer organisierten Verbrecherbande nur zu gut kannte. Doch hieß es gute Miene zum bösen Spiel zu machen, bis einmal die Zeit kam, anders mit dem witzigen Herrn zu reden. Nach einigem Verweilen entfernten sich die Polizisten wieder und die Gemüter beruhigten sich allmählich. Huxtl, der seinen Festabend nicht mit einer schrillen Dissonanz geschlossen wissen wollte, gab dem Klavierspieler ein Zeichen, der mit frischem Mut und frischen Kräften die Tasten zu bearbeiten begann. Das wirkte elektrisierend. Alles bestellte frische Füllung der Gläser, die Kellner räumten die Scherben der zerbrochenen hinweg und die Vorstellung nahm ihren Fortgang, indem Huxtl noch einige Zugaben gewährte. Während des Tumultes waren die an dem Ehrentisch 230 sitzenden fünf Leute in größter Gefahr gewesen, erdrückt zu werden. Alles hatte instinktiv gegen die Estrade als erhöhten Ort hingedrängt. Tschickerl fand, daß unter dem Tische der sicherste Ort sei. Als Ludwig jetzt aufatmend die Ambros ansah, erschrak er über ihr Aussehen. Sie war totenbleich und kämpfte augenscheinlich gegen eine Ohnmacht. Der selbst von seinem Erschrecken kaum noch erholte junge Mann goß rasch Wasser auf die Hand und rieb ihr die Schläfen, dann nötigte er ihr einen Schluck Wein auf. Anton war der Zustand der Frau entgangen. Er stand da, finster und mit zusammengebissenen Zähnen. Er bereute, nicht mit einem Sprunge sich unter die Kämpfenden geworfen und ihnen den Mann entrissen zu haben, für sich allein. Ihm wäre er nicht aus den Händen gekommen. Er bedachte nicht, daß es eine Unmöglichkeit war, aus dem Winkel, in den er gedrückt war, sich um Handbreite hervorzurühren. Aber das bisher träge fließende Rauferblut, das Erbe seines Vaters, war ins Wallen gekommen. Er ballte die Fäuste und blickte wie visionär in die Leere. Kampf, Kampf, Blut, Verwundung, Tötung – er wußte nicht, was alles. Nur die unbestimmte Lust der Vernichtung, seiner selbst oder eines andern, beherrschte ihn. Wie aus einem Traum erwachend fuhr er mit der Hand über Stirne und Augen und fand sich wieder. Jetzt sah auch er die Ambros an, die sich wohl schon einigermaßen erholt, der aber dennoch der Schrecken über das Erlebte deutlich in den starren, aufgerissenen Augen stand. Sie hatte sich an Ludwig gelehnt, der beruhigend auf sie einsprach. »Was is denn?« frug Anton mit so ehrlicher Verwunderung, daß ihn Ludwig betroffen anblickte. »Mein Gott! so derschrocken? Richtig. Na, da san S' kane von 231 die Festen. Schaun S' die Fräul'n an«, und er wies auf die Tischnachbarin, die schon wieder munter mit ihrem Liebhaber plauderte und sich die Nadeln in dem verzausten Haar befestigte. »Was, Fräul'n, da därf m'r net so verzagt sein?« »A Hetz war das«, gab diese lachend zur Antwort. »Nur a bißl fest z'sammdruckt bin i wurd'n, i hab' glaubt, der Pepi (ihr Geliebter) kräult m'r in' Mag'n.« »War net ohne,« sagte dieser mit einem zärtlichen Blick auf seine mutige Gefährtin, »wann's schon haßt z'sammdruckt werd'n, so glei mitanander.« »Werd's enck scho no gnua z'sammdrucken,« sagte der eben herbeigetretene Huxtl, »no mehr als gnua, und 's Merkwürdigste is, ans davon wird dicker.« »Gengan S', Sie graußlicher Mensch, nix als so Sachen können S' reden, Urndlichs net«, schmollte lachend das Mädchen. »Tua net so, als ob's net wahr war. Jessas, Tinerl,« rief er beim Anblick der Ambros ehrlich erschrocken, »wie schaust denn du aus? Ganz weiß is's ja!« »I geh' z'Haus«, flüsterte diese. »Z'Haus? Warum net gar! Jetzt, um halber zwölfe. Wann die Vurträg' aus san, geht erst die Hetz' an. Heut wird draht, daß 's höcher nimmer geht. Zu was war denn mein Benefiz? He! Kellner,« wandte er sich an einen eben vorüberschießenden Aushilfsaufwärter, »g'schwind an Liter Gumpers und a Flaschen Gis .« »Ja, ja, dablieb'n wird,« rief Tschickerl, der unter dem Tisch hervorgekrochen war, »alle, wia m'r san, dann ruck'n m'r mit a paar Spezi im Extrazimmer z'samma und a G'stanz soll's geb'n, wia m'r no kane g'habt hab'n. Weg'n 232 den klan Wirbel da vielleicht? Da hab' i schon andre mitg'macht, da hat's Bluat geb'n. Die Leut' hätt'n 'hn nur soll'n zu mir kummen lassen, da hätt's g'seg'n, wia i mit dem umganga war. A Balling hätt' sie ah net mehr draht. Also g'scheit sein und dableib'n.« »Na, auf kan Fall, i kann net. Mir is so schlecht.« »Aber a Glasl Wein und guat is«, drängte Huxtl. »Nix als an d'Luft,« flüsterte die zitternde Frau, »mir is soviel net guat.« Es wäre auch ohne den erlebten Schrecken kein Wunder gewesen, denn von dem Lärmen, Schreien, Applaudieren, dem dicken Tabaks- und Menschendunst konnte sich ganz gut ein erklärliches Unwohlsein einstellen. »Aber allan wirst do net hamgehn, wann d'r was g'schiecht«, gab Huxtl zu bedenken. »Das soll auch nicht sein,« nahm Ludwig das Wort, »meine Absicht ist ebenfalls nach Hause zu gehn, ich bin das lange im Gasthaus bleiben nicht gewohnt und muß morgen frisch sein. Ich werde Frau Ambros wohlbehalten heimbringen.« Gegen diesen Vorschlag war vernünftigerweise nichts einzuwenden, der junge Mann war ja Aftermieter bei der Frau und wie ihr stand es ihm frei zu gehen, wann ihm beliebte. Ein Aufleuchten, kurz wie ein Augenblick, belebte das Auge der Ambros. Aber sie hütete sich wohl, ihre Freude zu verraten. Sie fühlte durch die Aussicht, allein mit dem begehrten Manne heimzukehren, alles Unwohlsein und alle Nachwehen des überstandenen Schreckens behoben. Sie rüstete sich zum Aufbruch und hatte nur die 233 Befürchtung, daß Anton ebenfalls den Vorsatz fassen könne mitzugehn. Doch der dachte überhaupt nicht daran, und Huxtl hätte eine größere Verringerung seiner intimen Gesellschaft nicht zugegeben. Merkwürdigerweise verdroß ihn nur, daß die Ambros fehlen sollte, ohne daß sich eifersüchtige Befürchtungen an ihren Weggang mit dem Studenten geknüpft hätten. Dessen Gesellschaft selbst bedauerte er nicht, aufgeben zu müssen. Es lag eine zu große Kluft zwischen diesen beiden, an gesellschaftlicher Stellung, Temperament und Lebensanschauung verschiedenen Leuten. Ludwig taxierte: Verbummelter Mensch. Huxtl taxierte: Öder Bimpf . Der Volkssänger mußte sich beeilen, in der letzten Nummer, einer komischen Szene, betitelt »Hund und Katz« (nebstbei gesagt, ein an Zoten überreiches Literaturerzeugnis), mitzuwirken. Es blieb ihm daher nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen und die beiden nach flüchtigem Abschiedsgruß ziehen zu lassen. Es war für ihn die höchste Zeit, der Direktor winkte schon ungeduldig. Bald darauf verließen Ludwig und die Ambros das Lokal. Die kalte Winterluft tat beiden unendlich wohl. Es war eine schöne, sternenklare Nacht. Die Ambros hängte sich in den angebotenen Arm des galanten Begleiters und sie fühlte ein Zittern, gleich einem jungen Mädchen, das in stiller, menschenleerer Gasse allein mit dem Geliebten geht. Der Weg, den beide vor sich hatten, war ziemlich bedeutend, denn das Gasthaus befand sich am entgegengesetzten Ende des Bezirkes. »Wie fühlen Sie sich?« fragte Ludwig, als sie einige Schritte gegangen waren. 234 »O, schon viel besser. Die Luft in dem Lokal, der Schrocken und dann das Drucken – i hab' glaubt, mein letzt's End' is da.« »Es war wirklich schrecklich. Diese Leute sind ja Wilde. Um eine Erfahrung am Wiener Leben bin ich wieder reicher. Mich sieht aber kein Volkssänger mehr und wenn weiß Gott wer sein Benefiz hätte! Übrigens muß ich sagen, daß ich während meines kurzen Wiener Aufenthaltes eine Enttäuschung um die andere erlebe. Ich hörte immer so vieles von der Wiener Gemütlichkeit, daß ich mir diese ganz anders vorstellte. Ich habe mein Leben noch nicht soviel an Elend und Roheit erlebt, wie diese wenigen Monate.« »Weil das ah das größte G'lumpertviertel is. Und dann san das meistens alle kane echten Weaner, dö Pülcher. D' Eltern meist lauter zuag'rasts Volk, das bei d'r Taborlina einikummen is. Mein Urgroßvota war no a alter Bürger vom Schottenfeld, da is uns no guat gangen, das haßt, i waß von die Zeiten nix mehr. Aber d' Großmuatta, die i no kennt hah', hat's immer erzählt.« »Sie mögen recht haben, man darf für den Auswurf der Großstadt nicht diese als solche verantwortlich machen. Wo gäbe es keinen Pöbel? Aber ich kann mich eines Gedankens nicht erwehren, daß die ganze Szene etwas Gemachtes hatte. Zu welchem Zweck, kann ich mir nicht vorstellen. Dieser wüste Trunkenbold . . . . .« »Wissen S', wer das war? Der Fischer, der Vota vom klan Franzerl.« Ludwig hielt einen Moment im Weiterschreiten inne. » Das also ist er? Arme, unglückliche Frau! Jetzt erst kann ich den Jammer voll verstehn.« »Der hat sicher glaubt, das war direkt auf eahm 235 g'macht, was der Huxtl g'sungen hat. Paßt hat's auf eahm, das is wahr.« »Ich möchte dennoch behaupten,« sagte Ludwig, sich mit seiner Begleiterin wieder in Bewegung setzend, »der ganze Auftritt hat nichts Spontanes, Unmittelbares gehabt. Ich hatte Gelegenheit, Beobachtungen zu machen, die mir bewiesen, daß da andere Elemente daran beteiligt waren. Ich muß mich nur über das Phlegma und die Geistesgegenwart Herrn Huxtls wundern, den die ganze Affäre scheinbar so wenig beunruhigte, als ob sie ihn nichts angegangen wäre.« »Jessas,« lachte die Ambros, »der is so was g'wohnt. Unter welchem G'sindel is der net schon herumkugelt. A Volkssänger! Sie kennen die Leut' no net.« »Er hat Ihnen heut vor aller Welt den Hof gemacht,« neckte Ludwig, »daß Sie stolz sein dürfen auf die Aufmerksamkeit, die Ihnen allseits zuteil wurde.« »Gengan S', der Narrntattel!« sagte die junge Frau, und die Finsternis verbarg ihrem Begleiter das jähe Erröten, von dem sie befallen wurde. Es war wunderbar, daß dieses sinnliche, zur leichtesten Hingabe bereite Weib so oft und schamhaft erröten konnte. »Ich dachte beinahe,« fuhr der arglose, gegen Frauenlisten noch so unbewehrte Student fort, »Sie hätten auf ihn einen starken Eindruck gemacht, und er benütze den Augenblick seiner Triumphe, um auf Ihr Herz Sturm zu laufen.« Die Ambros war kein ränkevolles, kein verschlagenes und kein scharfsinniges Weib. Sie besaß nur die Durchschnittsschlauheit und den Instinkt ihres Geschlechtes. Sie glaubte aus Ludwigs Worten eine Äußerung schlecht verhehlter Eifersucht ableiten zu dürfen. Diese Wahrnehmung 236 verursachte ihr fast Herzklopfen. So konnte entweder nur volle Teilnahmslosigkeit sprechen oder – eine unschuldige Diplomatie, die auf kürzestem Wege die Wahrheit erforschen will. Da sie ebensowenig gewandt in galantem Wortgeplänkel war als derjenige, der so unmittelbar eine delikate Sache angriff, da zudem ihre stets begehrende, heiße Sinnlichkeit ihr alle Vorteile eines unbedenklichen Entgegenkommens gewährte, frug sie. »Täten Sie's an seiner Stell' net ah? Aber gengen S', Sie san ja a Weiberfeind, das waß i.« »Ich ein Weiberfeind?« frug Ludwig erstaunt, »ich denke, zu der Vermutung noch keinen Anlaß gegeben zu haben. Viel eher läßt sich dieses von Anton sagen, und ich gestehe, daß mich sein Benehmen gegen Sie öfter in Erstaunen versetzt, ja mich geradezu empört hat.« Das war ein Gebiet, auf das Frau Ernestine dem jungen Manne zu folgen nicht bereit war. Es störte sie, daß im Augenblicke von Männern die Rede war, die ein Anrecht auf sie besaßen, denen sie sich förmlich als Sklavin ergeben und in deren Belieben es zu jeder Stunde lag, ihre Rechte geltend zu machen. Wenn es die Ambros jemals bereut hatte, mit ihren Gunstbezeigungen allzu freigebig gewesen zu sein, so in diesem Augenblicke, da sie fühlte, auf ein junges, unverdorbenes Gemüt Eindruck gemacht zu haben; da sie zum ersten Male seit Jahren wünschte, noch unschuldig zu sein. Sie wich dem heiklen Thema aus, so gut es anging, indem sie sagte, Ludwig täusche sich in seinem Cousin, dieser liebe ein Mädchen, das er niemals besitzen könne (Antons Absichten auf Milly waren ihr kein Geheimnis) und daß er deshalb gegen andere Frauen so schroff sei. »Da hat er mir gegenüber noch niemals davon gesprochen,« 237 sagte Ludwig überrascht und ergriffen, »ich will ihn darum befragen.« »I bitt' Ihner, net!« bat die Ambros erschreckt, »da möcht' i liaber nix g'sagt hab'n. Sie kennen ihn net, an der Sach därf m'r net anrühr'n. Versprechen S' mir, über das mit ihm nix z'reden.« Ludwig versprach es, obwohl verwundert. »Geln S',« nahm sie nach einer Pause wieder das Wort, »Sie war'n no net verliabt?« »Ich habe bis jetzt weder die Zeit noch den Mut gehabt, an derlei zu denken. Bis ich einst so weit bin, es tun zu dürfen . . . .« »Gengan S', machen S' net so, als ob S' no a klaner Schulbua wär'n. Net denken därfn!« »Hm!« lächelte Ludwig, »wenn man's genau nimmt, nicht viel mehr. Hinter dem Schuljungen stand der Lehrer, hinter dem Studenten steht die Pflicht.« »Da g'falln Ihner gar kane feschen Frauenzimmer?« »Gefallen? O, ich bewundere sie und in meiner Heimat habe ich keine einzige so hübsche Frau gesehen, wie man sie hier täglich zu Hunderten sieht. Sie sind gleich ein Beweis für Wiener Frauenschönheit.« »O, Sie!« machte die Ambros, »Sie woll'n m'r nur was Schönes sag'n. I bin oder werd' schon bald a alte Frau. Bei mir dürfen S' an Schönheit net denken.« »Warum nicht?« sagte der junge Mann feuriger, als er selbst dachte, es zu sein. Manchmal, wenn sich seine Begleiterin fester an ihn preßte, kam er mit dem Ellbogen an ihre Brust, und diese Berührung verursachte ihm Schwindel. Er fühlte die Aufregung, ohne sie sich recht erklären zu können. Aber es kam ihm zum erstenmal zum Bewußtsein, wie köstlich es sei, mit einer schönen Frau 238 allein zu sein und über Liebe zu reden. Dabei war ihm jeder sinnliche Gedanke vollkommen ferne. Er kannte Sinnlichkeit ja noch gar nicht. »Warum net?« antwortete sie, »weil's do viel, viel Schönere und Jüngere gibt als mi. Sie wolln m'r schmeicheln.« »Nein, ich meine es im vollsten Ernste. Und wie Sie heute der Gegenstand der Bewunderung aller Männer waren – o ich habe es wohl bemerkt! – ist der Beweis, daß ich mit meinem Urteil nicht allein dastehe. Übrigens dürfte dieses nicht allzu wertvoll sein für Sie, ob ich Sie nun für schön finde oder nicht . . . .« »Grad was Sie sag'n, hat an Wert«, sagte die geschmeichelte Frau lebhaft. »Sie san ganz anders wia alle Männer, die i kenn', viel feiner und verstengan mehr und können alles so schön sag'n. Und wissen S',« fügte sie naiv hinzu, »mir Frau'n hörn das gern, und gar von an feinen, gebildeten Herrn. Sie san besser wie alle andern mitanand.« Diese Schmeichelei, so ehrlich und gut gemeint sie war, brachte den schüchternen, jungen Menschen in Verlegenheit, sie widerstritt seinen Anschauungen, nach denen die Frauen nur das Recht haben, Verbindliches anzuhören. »Sie haben eine zu vorteilhafte Meinung von mir,« sagte er fast beschämt, »wenngleich ich es mir nicht zur besonderen Ehre anrechnen brauche, von Leuten diesen Schlages, wie ich sie heute gesehn, vollständig verschieden zu sein.« Die Ambros war klug genug, um zu merken, daß ihre Vergleichung eine Unbedachtsamkeit, ja Dummheit war. Im Bestreben, diese gut zu machen, lenkte sie das Gespräch wieder zu dem vorangeschlagenen Thema. »I wir a bißl batschert g'redt hab'n, aber was tuat's, 239 wenn S' nur glaub'n, daß i's guat g'mant hab'. Wo san m'r denn stehn blieb'n? Ja, richti, also g'falln Ihner d' Fraunzimmer! Da sollten S' do a klane Liabschaft hab'n. A Student und so sein wia a Klosterfrau!« »Zu einer Liebschaft gehört vor allem etwas sehr Notwendiges.« »Und was denn?« »Lust daran und ein weibliches Wesen.« »So möchten S' Ihner gar net verliab'n?« Die Frage klang enttäuscht und zu gleicher Zeit begierig. »Und wenn ich auch wollte, ich verstehe gar nicht die Kunst, eine Liebeserklärung zu machen. Kenne auch niemand, von der ich annehmen dürfte, sie würde mir keinen Korb geben.« Die Ambros blieb plötzlich stehen. Sie waren schon bald in der Nähe ihrer Wohnung. Links und rechts von der Straße öde, finstere Felder. »Ich wüßt' ane«, sagte sie mit gepreßter, von Aufregung etwas heiserer Stimme, und ihr Atem berührte fast Ludwigs Gesicht. Der fühlte in unbestimmter Ahnung fast sein Herz stille stehn. Das Verhängnis des Jünglings, die reife Frau, trat ihm so lockend, so sinnbetörend entgegen, dazu die tiefe, lautlose Stille dieser schönen Winternacht – er fühlte sich wie im Fieber. Aber er war zu unerfahren, zu wenig eitel, um nicht wieder zu zweifeln, ob er recht verstanden und begriffen habe. Also stand er still und regungslos mit ihr, und beide hörten einander schwer atmen, dann hatte das Weib ihn mit beiden Armen fest umschlungen und flüsterte: »Die ane wär' i. Wannst mi möcht'st, o! wannst mi möcht'st!« 240 Ihre Lippen preßten sich an seine, Ludwig, erschüttert von diesem ihm Neuen, Unbekannten, Mächtigen, seufzte tief auf und küßte zum ersten Male in seinem Leben ein Weib. – – – Als sie in die kleine Küche traten, zu der die Ambros den Schlüssel unter der vor der Türe liegenden Strohmatte hervorgeholt hatte, standen beide in dem finsteren Raum eine Zeitlang ruhig, kaum wagend, Atem zu holen. Die Frau horchte nach dem Zimmer. Die Türe war geschlossen, nichts war zu vernehmen. Das junge Ehepaar darinnen schlief schon fest. Eine eigentümliche Scheu, wie sie solche nur als ganz junges Mädchen empfunden, befiel sie, als stünde sie mit dem ersten Erwählten ihres Herzens in der Küche, besorgt, daß die im Zimmer schlafenden Eltern nicht erwachten und sie hörten! Dann griff sie bebend nach der Hand des Geliebten und umschlang ihn aufs neue. Lange standen beide so, aneinandergepreßt, lautlos, glücklich, und in der völligen Dunkelheit und Stille träumte die sündige Frau sich um Jahre zurück. Als hätte ihre Jugend mahnend an sie gerührt und gesagt: »mich bringt nichts, nichts wieder,« übermannte dieses leichte Wesen eine niegekannte Wehmut, und stille schluchzend hing es eine kurze Weile an dem Halse des ratlosen Mannes. Dann drängte die Ambros nach einem langen Kusse ihn nach der Türe. Ludwig ging durch das Zimmer in sein Kabinett, entkleidete sich im Dunkeln und lag wohl eine Stunde mit offenen Augen. Sein Blut wallte erregt, die Phantasie, dieses Kind der brünstigen Nächte, zauberte ihm Bilder und Gedanken vor, die er noch nie, niemals gedacht. Plötzlich ging leise die Türe, jemand kam herein. Ehe er sich vollständig erheben und fragen konnte, verschloß ein Mund den seinen, eine entblößte Frauenbrust rang sich ihm 241 entgegen und zwei Arme drückten den nur zu Willigen zurück in die Kissen. »Sei stad! I bleib' bei dir, heut san m'r allani«, flüsterte es in sein Ohr. Und Ludwig zog in überquellendem Verlangen die nächtliche Besucherin an sich. 242   Vierzehntes Kapitel. (Huxtls Benefiz nimmt eine heitere Fortsetzung. Anton macht einen tiefen Eindruck auf jemand, dessen Besitz ihm jedoch angefochten wird.) Nach beendigter Vorstellung begab sich die Künstlergesellschaft mit ihren intimen Freunden und Gönnern in ein Extrazimmer, wo auf gedeckten Tischen ein festliches Mahl bereit stand. Vorher hatte es noch viel Lärm, Geschimpfe, Aufregung, Auseinandersetzungen und Rufe nach der Polizei gegeben. Als nämlich gegen Ende der Produktion viele Gäste den Zahlkellner anriefen und ihre Geldbörse suchten, war diese verschwunden. Wären von dieser Tatsache nur zwei oder drei Leute betroffen worden, hätte man dem Verlust eine ganz natürliche Deutung gegeben. Da aber diese Börsensucherei eine geradezu epidemische wurde, kam man endlich darauf, welchen Zweck die Provokation des betrunkenen Krakeelers gehabt. Er hatte den »G'stanken« nur verursacht, damit die ihm befreundeten Langfinger saubere und unbeachtete Arbeit verrichten konnten. Der Wirt, dem in Erinnerung solcher Vorgänge die Wendung der schon halb vergessenen Raufszene nichts Neues sagte, zuckte zu allen Rekriminationen die Achsel und erklärte, für solche Vorfälle keine Verantwortung übernehmen zu können. »'s haßt halt aufs Geld aufpassen, i kann do net vielleicht in Schad'n trag'n«, sagte er bedauernd. Am gottesjämmerlichsten fluchte und tobte Herr Schwarz, dem nicht nur die Börse, sondern auch seine Uhr, ja selbst 243 die schwarz angerauchte Bernsteinspitze, sein höchster Stolz, den er vor dem Beginn der Feindseligkeiten auf den Tisch gelegt, gestohlen wurde. »Himmelherrgottssakrament!« fluchte er, »Diabsbande ölendige, mein Geldtaschl ham s' mr putzt, meiner Seel – Jessas! wo is denn meine Uhr? Und mein Mirfamspitz ? Raubersbagasch verfluachte! D'Polizei muaß her; ka Mensch därf außi. Das hat mr davon, wann m'r in a so a Diabshütten, so a gottverfluachte, nur einerschmeckt, in so a verruafens Beisel. Der Wirt muaß m'r alls ersetzen, der is verantwurtli. Zahl'n soll er, daß er schwarz wird.« »Gengan S, Sö Aff, Sö halberter, der Wirt wird Ihner was . . . . . Und wer is denn da a Diabsbagasche bei Ihna? Ha? Eppa manen S' dö ganzen Gäst'? Passen S' a bißl auf, ehnder als Ihner Pappen aufmachen, Surm, g'scherter!« Der also sprach, war ein Mann, der in der nächsten Nachbarschaft Herrn Schwarz' seinen Platz gehabt, und da ihm nichts gestohlen wurde, besser gesagt nicht viel hätte gestohlen werden können, entrüstete er sich über die pauschalöse Art und Weise, wie der tobende Greisler das Lokal und seine Insassen beleidigte. Der Wirt, der zufällig in der Nähe stand, entrüstete sich ebenfalls ungemein. »Erlaub', daß i mi vurstell. I bin der Wirt von der Diabshütten , wann S' nix dageg'n ham. Sö ham wohl nix dageg'n, net? Oder vielleicht ja? Was sag'n S', ham S' Ihner putzt, Geldtaschl, Uhr und in Spitz? Hör'n S', Sö ham das reine Patent zum Ausg'raubtwerd'n. Wer waß, ob Sö a Uhr und a Geldtaschl g'habt ham. Schaun S' liaber no amal nach. Mein Gott, es gibt Leut', dö, 244 wann's zum Zahln kummt, davon tramen, sö hätten 's Geld in der andern Hosen daham oder ös war eahna g'stohln wurdn. Und wann, so is mein Lokäul no lang ka Diabshütten net, verstanden? I kann's net an jeden, der einikummt, am G'sicht ansegn, ob er a Taschelziacher is oder net. Hätten S' besser aufpaßt! Mir ziagt kaner a Uhr oder a Briaftaschen. Wia g'sagt, wann aner schreit, eahm hätten s' was g'stohl'n, so san glei a paar andre da, dö ah schrein. A so hätten s' eh net g'wußt, wia s' mit der Zech durchbrennen soll'n. Wann S' maner, daß Ihner der Kellner desweg'n so mir nix dir nix laufen laßt, täuschen S' Ihner groß. Dö Tanz kennen m'r, mein liaber Mann, aber dös ham m'r net.« »So, i wir da ausg'sackelt wia a Postwag'n in Bakonerwald,« schrie der empörte Herr Schwarz, »und Sö ham no a Angst weg'n Ihner g'sch . . . . . . . Zech? I bin a G'schäftsmann vom Grund, verstengan S', und lass' mi von Ihna nöt beleidinga.« Der Wirt, der ganz genau wußte, daß die Angaben des ausgeplünderten Gastes auf Wahrheit beruhten, hatte alle die ehrenrührigen Mutmaßungen nur vorgebracht aus Rache wegen der beleidigenden Ausdrücke, die Herr Schwarz gegen sein Lokal gebraucht. Er war zu sehr Menschenkenner, um in ihm nicht den protzigen Spießer vom Grund zu erkennen. Dennoch sagte er: » Wer S' san, geht mi nix an. Von mir aus der Papst Pamsti. I sag' Ihner nur, wann m'r ka Geld net hat, soll m'r stad sein und net d'Pappen ausreißen. He, Schan,« rief er dem Zahlkellner zu, der eben vorbeikam, »passen S' auf den Herrn da auf! Der dazählt, daß er anmal bei d'r Firmung a Uhr z'schenken hat kriagt. Vielleicht leichen S' eahm was drauf.« 245 Damit entfernte sich der biedere Wirt und überließ die langwierigen und unerquicklichen Zahlungsverhandlungen dem herbeigerufenen Kellner. Da Herr Schwarz sich im letzten Momente seiner Bekanntschaft mit dem Benefizianten entsann und erklärte, derselbe sei ein Hausgenosse von ihm, ward derselbe gesucht. Mittlerweile erspähte der Greisler Anton, der, obwohl er dem hartherzigen, geizigen Manne nicht sonderlich gewogen war, dennoch dessen Nationale bestätigte und ihm zugleich seine Börse zur Verfügung stellte. Der Kellner erschöpfte sich jetzt in Entschuldigungen. Huxtl, der noch zum Überfluß dazu kam und sich das Malheur seines Hausgenossen, sowie die tadelnswerte Aufführung von Wirt und Kellner berichten ließ, »ramte« letzterem ordentlich »das Wilde obi«. Der Ganymed war sehr zerknirscht und schob die ganze Schuld auf seinen Herrn. Dieser nahte sich wieder der Gruppe. »Na, was is?« sagte er zum Kellner, der ihn über den bedauernswürdigen Irrtum aufklärte. Der Wirt ließ sich umständlich das Nationale des verkannten Gastes wiederholen, meinte dann treuherzig und wohlwollend: »alsdann san m'r wieder guat,« und wollte Herrn Schwarz die Bruderhand reichen. »I pfeif' Ihner drauf«, lehnte dieser die Aussöhnung ab. »Sö woll'n a G'schäftsmann sein und können Ihnersgleichen net von an Gauner unterscheiden? Dös Wirtshaus hat mi zum letztenmal g'segn.« Und er verließ grollend die ungastliche Stätte. Als sich die erlesene Gesellschaft in dem Extrazimmer versammelte, bemerkten alle einen Kranz, der auf einem Seitentischchen lag. »Jessas,« rief ein junges Mädchen mit kohlschwarzen, 246 feurigen Augen und einem zierlichen Stumpfnäschen, »wer hat denn da den Totenkranz herg'legt? Ham m'r denn a Leich?« Tschickerl, dem der Kranz eben erst bei dessen Anblick wieder in Erinnerung kam, raufte sich fast den dünnen Flachs aus, der sein Haupt bedeckte. »Bruada, da hört si alles auf«, jammerte er. »Dö ganze Freud' is ins Wasser g'fall'n. Den Kranz hätt'st soll'n aufs Brettl aufikriag'n, waßt d'r so als Huldigung. Meiner Seel, wann dös wer in Tschickerl g'sagt hätt', daß er dös vergißt . . . . .« »No, so heb 'hn halt auf bis zu meiner Leich«, beruhigte Huxtl. »Bruada, mach kane Tanz!« sagte Tschickerl gerührt. »Meiner Seel, das war d'r heut was g'wesen. I hab' wöll'n, wia's d' mit'n letzten Liad firti bist, mit den Kranz aufs Brettl aufikräuln und dir 'hn geb'n. Dann hätt' i a paar Wurt' g'redt . . . . . Jetzt is z'spat.« »Aber gengan S',« sagte die junge, schwarzäugige Dame, »der Kranz g'hört ja für'n Zentraler, net für an Lebendigen. Sollt' nur no drauf stehn: Ruhe sanft!« »Dös verstengen Sö net, Fräuln,« sagte Tschickerl gekränkt, »solchene Kränz' werd'n in Theater ah aufs Brettl g'schmissen, dös hab' i schon g'seg'n.« Der kleine Streit fand ein baldiges Ende, als die Weingläser gefüllt wurden und der Klavierspieler am Pianino die ersten Takte anschlug. Bald war alles in der heitersten Stimmung. Nur ab und zu warf der um seinen schönsten Coup betrogene Tschickerl einen Blick auf das nun unnütze Zeichen einer beabsichtigten Huldigung. Dann murmelte er für sich: »Dös is guat, dös muaß i sag'n. I, der Tschickerl, vergiß auf so was. Da war nur der Wirbl schuld. Bruada, 247 den Hundling möcht' i jetzt in die Händ' ham. Dank schön, den gangts guat.« Fischer wußte gar nicht, welche Gefahr ihn bedrohte. Als die Lustigkeit ihrem Höhepunkte zustrebte, fiel Huxtl, der unter den Ausgelassenen noch immer der Ausgelassenste war, plötzlich etwas schwer aufs Herz. Es war ihm die Ambros eingefallen. »Du, Tonl, waßt, mir leucht' a ganzer Flambo auf.« »Wiaso denn?« »No, mit der Tini. Dö G'schicht' g'fallt m'r net.« »Mmh!« machte Anton gleichmütig. »Waßt, wann mar an Merks hat – – – – dö Begleitung von dein' guat'n Bruadern – verstehst?« »Mir scheint, du eiferst?« lachte der andere. »Kennst do dö Ambros. Aber wannst am Ludwig denkst, bist am Holzweg. Der is für so Tanz net.« »Glaubst?« frug Huxtl halb zweifelnd, halb beruhigt, »wann aber do?« »Ja, mein Gott, willst s' am Schnürl führ'n? Ihr Mann bist ja net. Hab' i eppa dir was g'sagt? Tät m'r si nur blamieren. Wann i was dagegen hätt' weg'n dö zwa, war's m'r nur um eahm z'tun. Er is d'r no wia a jungs Madl und dö Ambros soll si um andre umschaun.« »Mir scheint, dir liegt verflucht wenig an ihr.« » Mir? – An ihr was lieg'n? Da war i a schöner Tepp. Hat sie si um ihr'n Mann g'schert? Sie hat tan was's woll'n hat. Wannst d'r vielleicht was einbild'st auf dö Liabschaft.« »Ah woher!« »No also. Do warst d'r Henkl.« »Mir stieret's nur ans,« meinte nach einigem Sinnen Huxtl wehmütig, »daß i grad an mein Benefiz d'Hörndln 248 sollt' kriagn. Es is d'r z'blöd. Jetzt bin i vielleicht schon d'r Kren .« Anton lachte. »Du hast dein Benefiz g'habt, vergunn's an andern ah.« Huxtl, dessen Besorgnisse, Kümmernisse, Traurigkeit nie länger als höchstens fünf Minuten andauerten, lachte ebenfalls. Die Unterhaltung im »Gemütlichen« ward bald eine wahrhaft tolle. Man spielte Klavier, sang, trieb Scherze mit den anwesenden Mädchen, die just nicht immer sehr zarter Natur waren, und ließ den Wein in Strömen durch die Gurgel rinnen. Der Wirt überdachte schmunzelnd die Einnahmen des heutigen Abends und, da er diese nur auf Rechnung des feschen Huxtl setzen konnte, so war er bedacht, sich einigermaßen erkenntlich zu zeigen, um den Volksbarden für ein anderesmal warm zu halten. Abgesehen davon, daß dieser vollkommen zechfrei blieb, ein Umstand, der nicht Huxtl, sondern einem seiner Gönner zugute kam, drückte er ihm bei schicklicher Gelegenheit eine Zehnerbanknote in die Hand, die Huxtl mit dem unbekümmertsten Gleichmut in die Hosentasche schob, dann schlug er dem Wirt auf die Achsel und nannte ihn einen »fermen Kerl«. Endlich war doch die Sperrstunde angebrochen und nun ging es in ein Kaffeehaus. Der Cafetier, der in einem benachbarten Bezirke sein Lokal hatte, war in wohlerwogenen Geschäftsabsichten Teilnehmer der fidelen Gesellschaft gewesen und hatte manchen Liter zum besten gegeben. Es war die beste, zinskräftigste Anlage seines Geldes. Die ungefähr dreißig Personen brachten es ihm in der heutigen 249 Nacht zehnfach ein, denn es waren Leute dabei, die einige Gulden nicht anzuschaun brauchten. Er setzte sich an die Tete des Zuges und nach einem halbstündigen Marsch, der die bösen Dünste des Weines ein wenig vertreiben half, hielt er als erster seinen Einzug in sein Lokal, gefolgt von so lustigen, zecheifrigen und zehrfähigen Gästen, als er nur wünschen konnte. Es war ein Nachtcafé sogenannter besserer Sorte, in dem eine Damenkapelle konzertierte. Einige Geigerinnen, eine Klavier und eine Harmoniumspielerin. Bleiche, übernächtig aussehende Mädchen, die während des Abspielens längst eingedrillter Musikstücke von den Noten weg auf das Gewühl der Gäste sahen, entweder mit teilnahmslosen oder neidischen Blicken. An verschiedenen Tischen, einzeln zerstreut, saßen die traurigen Priesterinnen der Lebenslust, für jeden nüchternen, halbwegs ästhetischen Beurteiler ein niederdrückender Anblick. Es war nur verwunderlich, daß sonst sehr ehrenhafte, für das Ansehn ihrer Familie gewiß besorgte Leute nicht Abstand davon nahmen, ihre Schwestern, Bräute oder Frauen an diesen Ort mitzunehmen. Aber eine offizielle Festlichkeit, wie ein Ball oder dergleichen, die für einen ausgiebigen »Drahrer« der Vorwand ist, gestattet soviele Überschreitungen der sonst streng gezogenen Grenzen, daß man nicht das mindeste Anstößige am Besuch selbst eines Nachtcafés findet. In solchem Falle heißt es: »Heilige san m'r jo eh nöt,« dann: »A Hetz muaß a jeder Mensch mitmachen« und: »Mir san ja eh dabei.« Huxtl war zur Damenkapelle getreten, hatte zwei Gulden auf das Pianino geworfen und gerufen: »Spielt's, Madeln, 250 aber was ferms! So jung kummen m'r nimmer z'samm. Juchhe! Verkauft's mein G'wand, i fahr' in Himmel.« Nun ging es los. »Bier – Schwarzen mit Rum – Kaffee – Schokolad – Kracherl – G'frurns«, so tönte es unaufhörlich. Tschickerl war von geradezu bedenklicher Ausgelassenheit. Er schritt auf ein Mädchen der Damenkapelle los, nahm einen Fünfer aus der Brieftasche, gab dem Mädchen einen Kuß und pickte ihr die Banknote auf die vor Schweiß glänzende Stirn. »Spielt's, Madeln, daß enk d' Klebeln abifalln« haranguierte er die Kapelle, die ihr möglichstes tat, um diese nobeln Gäste zufriedenzustellen, um so mehr, als auch andere ab und zu einen Gulden auf das Pianino warfen und überdies Bier und andere Getränke den Musikantinnen hintragen ließen. Wenn etwas geeignet ist, sonst ganz kluge Menschen um alle Vernunft zu bringen, so ist dies Musik im Verein mit einem Gelage. Anton, der stets mäßig war und dessen Ernst in letzter Zeit fast zum Trübsinn geworden, schien sich heute übertäuben zu wollen. Er war einer derjenigen, gewöhnlich bedürfnislosen, sparsamen Arbeiter, die auf eine schöne Kleidung, hübsche Uhr und eine gespickte Brieftasche halten, welch letztere nur an Sonntagen eine Art Paraderolle spielt, und deren Besitzer aus dem Geleise der Sparsamkeit nicht zu bringen ist, möge er auch eine bedeutende Summe bei sich tragen. Aber heute schien es Anton nicht aufs Geld anzukommen. Er kaufte bei dem herumwandelnden Blumenmädchen Buketts für die weiblichen Mitglieder der Gesellschaft, schickte den Musikantinnen Bier und Kracherln und trank ein für seine sonstige Mäßigkeit schier bedenkliches Quantum an Bier und Schnäpsen. Am ärgsten trieb es Huxtl, dem es darauf anzukommen 251 schien, seine nicht unbeträchtliche heutige Einnahme noch in dieser Nacht zu verjuxen. Es muß jedoch gleich betont werden, daß ihm dies nicht einfiel. Es gab ja einige für seine Kunst begeisterte »schware Wurzen« hier, denen er zum Schlusse ruhig die Begleichung seiner Zeche überließ. Ähnlich dachten die übrigen Mitglieder der Volkssängergesellschaft, denn sie kannten ihre Leute. Wie im großen Bühnenleben, so gibt es auch für das Brettl begeisterte Verehrer, denen aber die schlichte Rolle als Publikum nicht genügt, sondern die ebenfalls einen Blick hinter die Kulissen tun wollen. Sie haben das Privileg, in der Garderobe erscheinen zu dürfen, sie lassen den weiblichen Mitgliedern bei offener Szene durch den Kellner ein Bukett überreichen und sind höchlichst beglückt, wenn ihnen coram publico ein Knix und ein dankbares Lächeln seitens der Schönen wird. In ihrem Auftrage schleppt der Kellnerjunge Bier und Wein in die Garderobe. Sie haben das Recht, den Liebling des Publikums laut zu duzen, und ihm, wenn er an ihrem Tisch vorbeikommt, ein »Trabukerl« anzubieten. Sie dürfen nach beendeter Vorstellung der jugendlichen Liedersängerin vor der Garderobe die falsche Pelzboa um den Hals schlingen, ab und zu wird ihnen auch ein Küßchen. Ob noch mehr, bleibe unentschieden. Sie erfreuen sich, ungestört vom gewöhnlichen Publikum, einer intimen Geselligkeit im Kreise der Künstler. Sie fühlen, man betrachtet sie mit Neid, aber das ist eben der höchste und fast einzige Genuß. Manchmal geht ein ganzer Wochen- oder halber Monatslohn auf für die Ehre, der Hahn im Korbe bei den Künstlern zu sein. Was tut's? Welch reine Freude jedoch, vom Komiker während der Vorstellung mit ulkigen Fragen beehrt zu werden, auf die man laut antworten und durch gewisse Feinheiten seine Intimität mit dem Fragenden dokumentieren darf. 252 In den Beziehungen der zechenden Gesellschaft unter sich waren mannigfache Änderungen eingetreten. Man fühlte sich vollkommen frei und berechtigt zu tun, was einem beliebte. Die Männer der Gesellschaft hatten bis jetzt die Dirnen vollständig ignoriert. Jedoch in dem Maße, als sich Köpfe und Sinne erhitzten, fingen einige, die kein Ritterdienst bei der Gesellschaft zurückhielt, mit den »Damen« zu fraternisieren an, setzten sich endlich an deren Tischchen und wurden sehr bald aus Bewirtern Begleiter. Niemand kümmerte sich viel um ihre Abwesenheit. Anton war schon im Gasthause Gegenstand sichtlichster Teilnahme seitens des jungen Mädchens mit den schwarzen Augen gewesen. Dasselbe befand sich in Gesellschaft seines Bruders und Bräutigams, kümmerte sich jedoch um einen so wenig als um den andern. Sie hatte mit Anton ein Gespräch begonnen und seine Wortkargheit und ihre Redseligkeit glichen sich vortrefflich aus. Der hübsche Bursche, der trotz aller Lustigkeit und Freigebigkeit eine gewisse Schranke zog zwischen sich und den wüsten Zechbrüdern seiner Gesellschaft, hatte es der impulsiven Schönen angetan. Eine gewisse Schwermut seines Wesens bezauberte sie vollends und sie gestand sich, es würde bei einer Wahl zwischen ihm und dem Bräutigam keinerlei Zögern oder Verlegenheit sein. Wenn es nur möglich war, suchte sie an seine Seite zu gelangen, denn der eifersüchtige Geliebte, der meist von seinem zukünftigen Schwager mit Beschlag belegt wurde, begann allmählich unruhig zu werden und das Mädchen aufzufordern, an seiner Seite sitzen zu bleiben. Dabei feuchtete er seinen Groll mit gehörigen Schlucken an, die ihm, der an Größe mit Tschickerl in eine Reihe zu stellen war, unbedingt nicht gut taten. Seine Braut beobachtete mit steigender Befriedigung, daß ihn bald der Schlaf zu überwältigen drohte. Dann 253 hatte sie Ruhe vor ihm. Jetzt begann nach längerer Pause die Kapelle zu spielen. Ein Potpourri von Volks- und Wienerliedern, eine der gewöhnlichen Zusammenstoppelungen von Melodien, ohne irgendwelche logische und künstlerische Verbindung. Aber diese Art hat das Gute, den verschiedenen Geschmacksrichtungen der Zuhörer Rechnung zu tragen. Man sang mit, je nachdem das Lied mehr oder minder populär war. Im Verlaufe folgte »Verlassen, verlassen« von Koschat. Huxtl, der allein imstande war, die hohen Töne des Schlusses zu nehmen, sang so hübsch und innig, daß alles still wurde und aufhorchte und die Wiederholung begehrte. Anton saß im Augenblicke ganz allein an seinem Tische und barg den Kopf in die Hände. Es schien, als ob er schliefe. Jedoch er schlief nicht, er horchte und brennend heiß liefen ihm die Tränen durch die Finger und benetzten den kalten Marmor der Tischplatte. Er empfand eine Verlassenheit und Öde, in seinem Herzen schrie eine Stimme sehnsüchtig und ungestüm nach der einen, die er nicht erreichen und erringen konnte. Er wußte nicht, daß ein Paar feuriger Augen mit dem Ausdruck der liebevollsten Teilnahme auf ihm ruhte, und wohl mehr aus seiner Haltung erraten haben mochte, als diese erraten lassen sollte. Als Anton den Kopf erhob, war außer einer verräterischen Röte der Lider nichts zu sehen, was darauf hätte schließen lassen, daß er geweint habe. Bis spät in den Morgen dauerte die Zecherei derjenigen, welche, nicht vom Schlaf bezwungen, wie einige andere in einem Sessel lehnten. Es war überhaupt nur ein kleiner Rest allzeit Getreuer, der noch geblieben war. Unter ihnen der Bruder des schwarzäugigen Mädchens, der hübschen Poldi. Er war so in eine Kartenpartie vertieft, daß er weder seiner 254 Schwester noch seines Schwagers in spe gedachte. Das Mädchen saß in einer geborgenen Ecke mit Anton und schlummerte, den Kopf an seine Brust gelehnt, indessen dieser, den rechten Arm um ihre Schulter geschlungen, sinnend dasaß. Der unansehnliche, kleine, weißhaarige, wimpernlose, hohlwangige Bräutigam, der dem »Schwager« zuliebe die Exzesse mitgemacht, lag in seiner ganzen Kleinheit und Unbedeutenheit auf dem nächsten Polsterbankl und schnarchte laut. Es war ein harmloser, schwacher Futteralmachergeselle, der seinem Körperchen etwas zu viel zugemutet hatte und nun besinnungslos der Stunde entgegenschlief, zu der ihn der »Schwager« wecken würde. Unterdes war seine Braut nicht knickerisch mit Küssen und Liebesbeteuerungen an ihr gefundenes Ideal gewesen. Ganz plötzlich hatte sie sich dem jungen, gleichmütigen, keineswegs entgegenkommenden Burschen an den Hals geworfen. »Glaub'n S', daß i Ihner gern hab? – Machen S' ka so a traurigs G'sicht – a bißl lachen S' anmal – i – i – hab' Ihner so gern, so gern . . . .« und sie küßte ihn. In der geborgenen Ecke hing sie an seinem Halse und ihre Glut teilte sich dem jungen Manne mit, der dieser Leidenschaftlichkeit und Zärtlichkeit nicht zu widerstehn vermocht hatte. Jetzt hatte sie der Schlaf bezwungen und ihr bestes Kissen deuchte sie die Brust des Geliebten. Der Cafetier trat heran und mahnte die verschiedenen Gruppen, daß die Zeit der Lokalsperre gekommen sei. Der Zahlmarkör trieb sich mit Bleistift und Rechnungsblock umher, einzelne Gasflammen wurden verlöscht, so daß es selbst den unermüdlichsten Nachtschwärmern bewußt wurde, es sei Ernst mit dem Aufbruche. Das schwarzhaarige Mädchen an Antons Seite fuhr mit einem verwirrten Blicke 255 empor. Es empfand, daß die Schönheit dieser Nacht wohl unwiederbringlich verrauscht sei. Mit einem leisen Händedruck weckte sie Anton, der, auch schon eingenickt, einige Mühe hatte, sich zur Besinnung seiner Lage zu bringen. Die größte Mühe kostete es, den kleinen Futteralmacher zu erwecken, der in der festen Meinung, seine Quartierfrau wecke ihn, unwillig murmelte, seinen Kaffee befahl und im übrigen konstatierte, es sei noch Zeit, in die Arbeit zu gehen. Erst als der »Schwager« daranging, durch ein ins Gesicht geschüttetes Glas Wasser die Lebensgeister des Trunkenen zu erwecken, blickte dieser mit leeren, verständnislosen Augen um sich, erhob sich und duldete es, daß man ihn in sein Winterröckchen pfropfte, ihm den Kragen bis über die Ohren empor und den Hut bis ins Genick herunterzog. Mittlerweile hatte das Mädchen Anton gedrängt, ja ihre Adresse zu merken und ehestens eine Zusammenkunft zu veranstalten. »Schaun S' den grauslichen Affen an,« meinte sie mit Beziehung auf ihren bejammernswürdigen Bräutigam, der am Arme des Bruders bedenklich schwankte, »mit so an Menschen sollt' i a Freud' hab'n. Grad weil er 'hn Bruadern sei Spezi is und vierzehn Guld'n d'Woch'n verdient, soll i eahm heirat'n. Aber i mag net, i will an Mann, ka so Krispindl, den der Wind davontragt. Pfui Teufel! was heutzutags für Mannsbilder gibt. Net anmal an Drahrer halten's aus.« Huxtl, der von allen wohl das meiste getrunken, geplaudert, geschrien, gesungen, den Hof gemacht und den verfluchten Kerl ganz und voll gespielt hatte, deshalb aber noch immer der Frischeste und Unverwüstlichste schien, kam herbei. »Tonl hast schon zahlt? Kumm, jetzt schaun m'r, wo 256 a Branntweiner offen halt, da trink' m'r a paar guate. Die Fräul'n«, wandte er sich galant und mit vielsagendem Blick an die schwarzäugige Schöne, »wird ah a paar Tröpferln Kaiserbirn vertrag'n, net?« »Was fallt Ihner ein, Sie Murdslump, kriag'n S' denn gar net gnua?« zürnte diese lächelnd. »Ah was! Der Herr Bräntigam muaß si erst a bißl nüacht trinken. Der Bruader halt' ah mit. Heut is anmal a Tag, den m'r feiern müaßn. Zum Ausschlafen hab'n S' ja nachmittag ah no Zeit. Und G'schäft is ja heut kans. Also tummel di, Tonl!« Der zögerte. »I für mein Teil hätt' heute grad gnua, du waßt, i bin für so Sachen net. 's war heute nur dir zuliab, jetzt möcht' i aber schon liaber ins Bett.« »Geh, da legst di do nieder. Hörst net auf! Jetzt geht die Hetz erst an. Die Fräul'n geht do ah mit. Schamst di net?« Ein zärtlicher Druck auf Antons Arm brachte den Zögernden endlich zur Einwilligung. Er erledigte mit dem Zahlmarkör die Begleichung der ziemlich großen Zeche und Arm in Arm mit dem Mädchen schloß er sich der schon auf ein winziges Häufchen zusammengeschmolzenen Gesellschaft an. Die kalte Wintermorgenluft schlug bei der Türe mit erfrischendem Hauch entgegen. Um einen ambulanten Würstelverkäufer scharten sich vorerst alle. Man hatte großartigen Appetit. Die übernächtigten, überschwemmten Mägen verlangten dringend nach Eßbarem. Nun fanden die Schnäpse wieder eine gute Unterlage. Der kleine Futteralmacher, der am Arme seines Schwagers bisher teilnahmslos dahergetorkelt, erinnerte sich plötzlich 257 seiner Geliebten. Mit einem jähen Ruck blieb er stehn, suchte sich verzweifelt aus dem Arm seines Führers auszuhenken, und schrie in einem fort. »Wo is denn d'Poldi? Wo is dös Madl? Dö g'hört zu mir her. Wo is dös Madl? Hardex fix!« »Mach kan Wirbl. Weiter hinten geht's mit an Herrn. Glaubst, sie is d'r g'stohln wurd'n?« »Himmelfix-Laudon! Was hat die mit an andern z'gehn? Geh', zag mar's! A paar Fotzn kann's ham von mir, daß s' Stern siecht am helliachten Tag.« »Tua dar nix an. Hätt' s' di soll'n mit dein' Klamsch daherzarr'n? G'spür i mein' Arm nimmer, wia's di eing'hackelt hast in mi und nachzarr'n laßt wie a Sack.« Doch der eifersüchtige Liebhaber war nicht zu beruhigen. Er lief nach rückwärts und sah in einiger Entfernung, getrennt von allen, als letztes Paar seine Geliebte am Arme Antons daherkommen. »Poldl!« kreischte er so energisch, als er vermochte, »Poldl, da gehst her! Was is das für a Manier, ha? Schau, daß i net unrecht versteh', sunst . . . . .« Aber die Poldl nahm von ihrem Bräutigam so wenig Notiz, als wäre er gar nicht vorhanden gewesen. Sie ging an ihm ganz einfach vorbei. Der Futteralmacher, der perplex eine Weile stehen geblieben, eilte dem Paare nach und wandte sich an Anton: »Sö, lassen S' das Madl stehn, ehnder als was passiert. Verstanden?« Anton sah sich den kühnen Knirps an. »Was wolln S' von mir?« frug er ruhig. »Das Madl lassen S' stehn! Dös g'hört mir. I leid's anmal net.« »Reden S' mit mir?« 258 »Ja freili. Mit wem denn? Wann S' net augenblickli das Madl auslassen, werd'n S' seg'n, was derleb'n.« Der Wortwechsel hatte die Vorangehenden veranlaßt stehen zu bleiben und die Streitenden, wenn von solchen in Zweizahl die Rede sein konnte, herankommen zu lassen. Auch der Schwager war herbeigeeilt. »Was is? Was gibt's denn?« erkundigte er sich. »Schau, daß d' den dummen Buam da auf d' Seiten ramst«, sagte Poldi zu ihrem Bruder. »A andersmal soll er dahambleib'n und si kalte Umschläg' aufs Hirn machen, wann er nix vertrag'n kann. Z'erst schlaft er vor lauter Rausch, dann möcht' er fremde, anständige Leut' beleidigen.« »Geh', kumm her« sagte der Bruder gemütlich, faßte seinen Schwager in spe unter den Arm und zog ihn mit sich, »was machst denn für Tanz? Glaubst, der beißt dem Madl was o?« Doch der kleine Wüterich, bei dem der Alkohol in der frischen Luft erst zu wirken begann, tobte wie ein Hampelmann mit dem freien Arm und beiden Füßen. »Laß mi aus, daß i den in Mag'n eintritt. I reiß' eahm d' Haxen und Uhrwascheln aus. Was, hat s' g'sagt, bin i? Ar Bua? Laß mi aus, sag' i, daß i ihr a paar Tetschen einihau. So a Ruaß . Geh' i bitt di, mach' mi net rebellisch und lass' aus! Aner von uns zwa muaß hin werden. Der Kerl muaß a Leich sein.« Man lachte herzlich über den bramarbasierenden Bräutigam, der jemanden zur »Leich« machen wollte. Mittlerweile war man bei einer Branntweinschenke angelangt und bald genug dabei, den Magen zu »wärmen«. Die Schnäpse flossen gleich Öl durch die Gurgel und übten auf den vorher so 259 mordgierigen Futteralmacher eine derart besänftigende Wirkung aus, daß er sich in aller Form die Freundschaft seines Nebenbuhlers erbat, ja er trieb das Gefühl für edle Versöhnlichkeit soweit, daß er zugunsten seines einzigen und besten Freundes zurücktreten zu wollen erklärte. – – – – – – – – Endlich einigten sich doch alle zum Auseinandergehn, bis auf Tschickerl, der unaufhörlich betonte, es sei eine Schande, man finde keine Männer mehr, dem aber schließlich ein Glas stärksten Branntweins, das er sich vermaß zur Probe seiner Riesenkonstitution zu leeren, den Rest gab, so daß man um einen Einspänner schicken mußte, der ihn nach seiner Wohnung brachte. Zum Abschied drückte Poldi Anton noch einmal die Hand und flüsterte: »Net vergessen!« Arme Poldi! Es kommt in gewissen Dingen nicht auf einen Vorsatz an. Zwei blauen strahlenden Augen können die deinen, so hübsch und feurig sie auch sind, keine Konkurrenz machen. 260   Fünfzehntes Kapitel. (Der fesche Huxtl hat einen tränenvollen Augenblick seines Lebens zu verzeichnen. Wohin eine Ausnüchterungsreise ihn und Anton führt und welches Ende die besten Vorsätze durch eine unvermutete Begegnung finden können.) Um neun Uhr vormittags kehrten Anton und Huxtl heim. Ludwig war vor einiger Zeit schon weggegangen, einen Spaziergang zu machen, wie die Ambros erklärte. »Tinerl,« nahm der Volkssänger in inquirierendem Tone das Wort, »Tinerl, laß di auf d'Nasen greifen! Sag' m'r aufrichti, war was los heut Nacht, wia's hamkuma seid's? Net laugna, du waßt, i bin a guater Kerl, nur anlüag'n därfst mi net.« Er sagte das in so bedächtiger, durch manchmaliges Glucksen unterbrochener Art, daß Anton, der vollkommen nüchtern war; über die wichtige, fast ehemännische Miene des keineswegs nüchternen Volksbarden lachen mußte. Ein Zustand, der sehr selten war und in den ihn nur Huxtl zu versetzen vermochte. Die Ambros hingegen war errötet wie ein junges Mädchen. Gerade über diese Liebesnacht wollte sie sich in keusches Schweigen hüllen, und vergaß ganz darauf, wie sie ihre Rechte an diese beiden Männer hingegeben, so daß jeder in seiner Art zu einer Aufklärung sich berechtigt fühlen konnte. Anton fiel dies nicht im Traume ein. Dazu war ihm die Frau zu gleichgültig. Anders Huxtl, der, unter denselben 261 Einflüssen stehend wie vor wenigen Stunden der Futteralmacher, alle Geister des Alkohols und der Eifersucht in sich rumoren fühlte. Er fühlte jedoch auch, daß er vor allem sicheren Boden brauchte und setzte sich daher vorsichtig auf den nächsten, ihm erreichbaren Stuhl. »So, da kumm her, Tini, und beicht jetzt urndli. Es hört uns niemand als unser Herrgott, und da der Tonl, der wissen wird, wia mir mitanand stengan.« Aber die Ambros war für diesen feierlichen Akt der Beichte zur Stunde nicht sonderlich eingenommen. »Schaun S', daß in Ihner Bett kumman und reden S' net so g'schwollene Sachen! Stinkt aus'n Mund wia a Kanalloch von lauter Wein und Bier und Schnaps und will, i soll eahm beichten. Dürft eahm was angehn, was i tuan oder lassen soll. Zahl'n S' liaber das Bettgeld für a paar Wochen, fünf von vurher, ans für die Wochen und a paar vuraus. Jetzt wird das Geld am Schädl g'haut und dann is langmächti Schmalhans Kuchelmaster. So a b'soffens Mannsbild g'höret meiner Seel derschlag'n. Hau'n S' Ihner in Ihner Nürschl durt eini und schlafen S' den Dampf aus!« Huxtl horchte auf die entrüstete Strafrede mit der Miene eines Menschen, der, von einem einzigen großen Gedanken erfüllt, die Andern schwatzen läßt und nur besorgt ist, den Faden seiner Ausführungen nicht zu verlieren. Er schüttelte ab und zu das Haupt, blickte Anton an wie im Zweifel, ob dieser denn wirklich die geeignete Persönlichkeit sei, vor dem solche Art ehelicher Streitigkeit auszutragen wäre und begann in Verfolgung seiner fixen Idee neuerdings: »Tinerl, du hast a große Sünd' begangen, die unser Herrgott anmal an dir hamsuachen wird, a große Sünd'.« 262 Huxtl trug zu solchen Stunden eine fast kindliche Gottesfurcht zur Schau. »Sixt, i bin a natraler Kerl, alle sag'n das, waßt, aber i bin ah a Mensch, der – der wild wer'n kann. Und wann i anmal wild bin, wir i a Viech, a groß' Viech, waßt? A Geld willst ham? Da hast!« Er zog seine Brieftasche hervor und stöberte mit ungelenken Fingern darin herum. »So, da hast a Geld. Fünfe, zehne, fuchzehn, zwanzg – – – da hast. Zu was brauch' i a Geld? Da nimm, ziag mi aus, verkauf dö G'luft! Da hast meine Stiefletten . . . . .« Dann faßte ihn das graue Elend und er schluchzte: »Grad an mein' Benefiz, Tonl, Bruader, grad an mein' Benefiz! Himmelkruzifix, bin i a Mann oder net? Weg'n den Weibsbild wan' i, i – der Huxtl, wan' wia a Kind. Da tuat's weh,« er klopfte sich an die Brust, »da einwendig, das muaß aner verstehn, was das haßt. Verraten und verkauft an mein' Ehr'nabend, Bruader, an dein' Ehr'nabend verraten und verlassen. Hörndln wia a Hirsch, g'schamster Deana, i bin verpflegt nach d'r Noten.« Anton hatte herzlich gelacht über die Leiden und Bekümmernisse des guten Huxtl. Zugleich war er boshaft genug, sich an der Verwirrung der Ambros zu freun, der die Offenherzigkeit ihres einmal begünstigten Bettgehers in Gegenwart Antons äußerst unbequem war. Sie hatte das Geld an sich genommen und beschloß, es für den leichtsinnigen Volkssänger zu verwahren, dann verließ sie das Zimmer. Anton erinnerte sich bei der Tränenseligkeit des sonst so lustigen, liederlichen Tuches seiner eigenen Tränen, die er diese Nacht vergossen, und die flammende Röte der Beschämung bedeckte sein Gesicht. Er beschloß, ein für allemal diese unmännliche Schwäche von sich abzutun und an der Seite eines andern braven Mädchens die törichte Leidenschaft zu vergessen, die 263 ihn an ein Wesen kettete, das seine treue, reine Bewerbung ausgeschlagen, von dem er nichts wußte, als daß es seiner Liebe unwürdig sei. Wie hübsch, wie anmutig war seine neue Bekannte, mit welcher Liebe würde sie an ihm hangen. Er würde ein Heim, eine Familie besitzen, und die Erinnerung an die andere mußte dann für alle Zeiten verblassen. Einstweilen beschloß er eine Auffrischung seines äußeren Menschen, wusch sich, zog frische Wäsche an, bürstete sein Gewand sauber, eine Reihe von Verfahren, die Huxtl zur Nachahmung aneiferten, sehr zum Vorteil für seinen Körper und sein Gemüt. Dann ließen sich die beiden Nachtschwärmer zwei Häringe mit Sauerkrant bringen, tranken einige Gläser Wein mit Sodawasser, so daß binnen kurzem die Folgen der durchtollten Nacht überwunden waren. Und als sich Huxtl danach eine Zigarre anzündete, lag alle Erinnerung an seelischen Schmerz, Eifersucht, Tränen wie hinter einem dicken Nebel verborgen. »Waßt was, Tonl, i zahl' jetzt an Anspanner, fahr'n mar a bißl umerananda, dann kauf mar uns wo a g'sunde Jausen. Der Nachmittag kummt auf mi, du därfst kan Kreuzer mehr anbringen, i hab' dö Nacht eh nix braucht. Sei net fad und halt mit! Allani g'freut mi der Sunntag net. D' Produktion fangt eh erst um achti an, da kann i vurher no a Stund, a zwa schlafen.« Anton, der den Vorschlag nicht unannehmbar fand, willigte ein und bald rollten die beiden Sonntagskavaliere der inneren Stadt zu. »Waßt,« erläuterte Huxtl, er begann jede Anrede mit diesem Wort, »waßt, mir können uns die Fuhr in a paar Stationen einteil'n. Z'erscht halten m'r beim Grandhotel, da kauf' m'r uns a frisch Krüagl Lager, dann fahr'n mar 264 zur Birn auf an urndlichn Hacklputz , dann auf an Schwarzen, und dann nach Ottakring, wo i heut spiel'.« »Aber mi kriagst heut net mehr dazua, daß i bis zwa aufbleib'. Die Nacht haßt's schlafen. I begreif' di gar net, wia's d' so glei zwa, drei Nacht am Schädl haun kannst? I hab' übrigens g'mant, du willst ah a bißl tunk'n?« »Ja, nocha in d'r Garderob, bevur's angeht. Wart, daß i 'n Kntscher sag', wo er hin soll, sunst mant er, er hat a Porzlanfuhr.« Er beugte sich weit beim Coupéfenster hinaus und gab dem Kutscher den Bestimmungsort an. Die erste Station wurde absolviert, nur mit dem kleinen Unterschied, daß aus einem Krügel deren fünf für Huxtl wurden. Der Einspännerkutscher schmunzelte vergnügt, denn es ward nicht vergessen, ihn als dritten dem Saufkollegium beizuziehen. Hätte er die so errungene, feurige Stimmung auf sein »Bräunl« übertragen können, dasselbe wäre dahergesaust wie ein edler Renner. So aber trollte es nach wie vor durch die Straßen unbekümmert um alle Aufmunterungsversuche seines Herrn, der diesesmal selbst das sonst so verpönte und lästerliche Wort: »ölendiger Gasbock« zur Kennzeichnung der Rennqualitäten seines Rößleins in den Mund nahm. Das Mittagessen bei »der Birn« gab Huxtl Anlaß, sich als Kavalier comme il faut aufzuspielen. Der Rosselenker verzehrte in der Schwemme ein kolossales Banfleisch und ließ sich dazu den Wein köstlich schmecken. Bei der angebrannten Virginia ließ er die Fahrgäste der letzten Zeit vor seiner Erinnerung Revue passieren und konstatierte, daß 265 er schon lange keine so »tacke Fuhr« gehabt wie heute. Er beschloß, Huxtl zum Baron avancieren zu lassen, denn das obligate »Gnaden« war er genötigt, jedem »stiern Beutl« zuteil werden zu lassen. Die behagliche Umgebung, das gute Essen, der starke Wein, hatten auch bei Anton ein sonst schlummerndes Mitteilungsbedürfnis angeregt, und er erzählte dem Freunde von seiner Eroberung, die er heute früh an dem hübschen, schwarzen Mädchen gemacht, und von seiner Absicht, unbekümmert um ältere Rechte des Futteralmachers, es mit dem Madl » alt z'machen «, eine Absicht, die Huxtl höchlichst billigte und in Hinblick auf den abgetanen Bräutigam für sehr ergötzlich fand. »Waßt, Tonl, für di is gar net schlecht, wannst di um was Urndtlichs umschau'st. Verdienen tuast d'r dein Geld, a Lump bist kaner, an Menschen hast ah net, um den's di kümmern braucherst, in a andre bist net verliabt, also pack' s' z'samm und heirat'. Hast zwar no a Stellung, no, mein Gott, auf acht Wochen höchstens, daß d' einrucken muaßt. Vielleicht net anmal das, wann's d' auf den an Aug 'n schlecht siechst, können s' di eh net brauchen. (Anton hatte durch einen eingedrungenen Metallsplitter ein in seiner Sehkraft stark geschwächtes Auge.) Bei mir is die G'schicht anders. I kann, brauch, und will net heirat'n. Madln gnua – auf jeden Finger a Schock, daß s' m'r beinah schon z'wider san. Geh, trink aus, daß m'r an andern kriag'n. D'r Wein is net ohne, was?« »Meiner Seel', i hab' schon g'nua«, gestand Anton. »I bin das Nachtschwärmen und Trinken net g'wohnt, i fürcht' rein, es könnt' m'r net guat werd'n.« 266 »Gehst net doni? Der Wein riegelt a bisl auf, der schad't d'r gar net. Nacher gehn m'r ins Kaffeehaus und trinken an Schwarzen mit Kognak, wirst glei wieder frisch werd'n.« Anton begnügte sich, lächelnd zu versichern, er würde für alle Folgen seinen Verführer verantwortlich machen, der, wie alle Dinge dieser Welt, auch diese Verantwortlichkeit auf die leichte Schulter nahm und eine neue Flasche Wein bestellte. In demselben Augenblicke ging die Türe auf und von dem Wirte, sowie zwei Kellnern ehrfurchtsvollst hereinbekomplimentiert, erschien eine junge, elegante Dame, bei deren Anblick Anton jeder Blutstropfen aus dem Gesichte wich. Er starrte die Eingetretene an wie eine Erscheinung und hörte nicht einmal Huxtl, der einige Male ausrief. »Na, was hast denn? Bist teppert word'n?« Die Dame war niemand anderer als Milly, die jeden Sonntag in diesem Restaurant zu Mittag zum Speisen erschien. Die Art, wie sie auf einen dem der beiden Freunde benachbarten Tisch zuschritt, bewies, daß dort ihr Stammplatz war. Sie ließ sich von den Kellnern die schwere Pelzjacke ausziehn, nahm das kostbare Hütchen ab, durchstach es mit der Hutnadel und übergab es ebenfalls dem Kellner zur Aufbewahrung. Dann, nachdem sie Platz genommen, studierte sie die Speiskarte, gab ihre Anordnungen, alles mit den Allüren der Dame aus der Gesellschaft. Huxtl, der jetzt Gelegenheit gefunden, aus nächster Nähe das Gesicht der Angekommenen zu studieren, stieß beim ersten Anblick einen leisen Pfiff der Verwunderung aus: »Du, Tonl, schau d'r dös Frau'nzimmer an! Dö 267 reinste Ambros, nur jünger und säuberer. A so muaß s' vur zehn Jahrln ausg'schaut hab'n. Jessas, was hast denn? Bist ja kasweiß. Is d'r eppa wirkli net guat?« Anton winkte abwehrend mit der Hand. Er zitterte dem Augenblick entgegen, da Milly ihn bemerken mußte. Wie würde sie sich stellen? Ihn verleugnen oder ihn erkennen als ihren alten, geliebten Jugendfreund? Wie schön sie war, wie vornehm, wie begehrenswert! War das noch die alte Milly, die er vor einem Jahre zum letzten Male gesehn? Welche Veränderung! Und die letzte Hoffnung, die er vor Stunden noch gehegt haben mochte, sank dahin. Diesem Mädchen konnte er sich nimmer nahen mit seiner einfältigen Bitte, ihm zu gehören. Sie mochte gefallen sein, aber sie war weich gefallen; an die Pforten dieses Herzens pochte man nur mit dem Talisman: Gold. So unerfahren der junge Mann über die Macht des Dämons sein mochte, dem jegliches Weib am leichtesten als Beute wird: des Tandes – soviel gestand er sich, daß das getreueste und aufopferungsmutigste Herz nicht in Betracht kommen konnte gegen die Schönheit und Üppigkeit eines Daseins, dessen Bodenständigkeit nur das Geld – Geld und wieder Geld verbürgte. Er kannte weder Montecuccoli, der dieses Allmittel als einzig notwendig zum Kriegführen erklärte, noch die Philosophen, die jeglichen Besitz und alle Menschenwünsche als eitel erklärten. Er war Weiser auf empirischem Weg geworden, einer der Philosophen, die die Kunst verstehn, aus der Not eine Tugend zu machen, wie alle Armen und Entbehrenden. Die Spekulation hatte ihn nie beschwert, die Frage: muß es so und nicht anders sein? hatte ihm nie geklungen. Er nahm die Verhältnisse wie er sie fand, und stellte sich zu 268 ihnen als kluger Mann, der ein Hindernis übersteigt oder umgeht oder vor ihm – umkehrt, niemals jedoch das Begehren empfindet, es wegzuräumen. Vermochte er es, den Kampf aufzunehmen gegen eine Macht, die er seit frühester Jugend verehren gelernt, die Macht des Geldes? Nein! Es hieß sich bescheiden. Wäre der Nebenbuhler Fleisch und Blut gewesen, dann war der Kampf zu wagen. Aber gegen Samt, Spitzen, wallende Federn, zarte Parfüms, gegen den unsichtbaren, unnennbaren, nicht zu fassenden Gegner gab es keine Auflehnung. Er hätte ein Narr sein müssen, sie zu versuchen. So dachte er wenigstens im Augenblick. »Mehlspeise?« flötete Milly sinnend und sah träumerisch den harrenden Kellner an, »was hab'n S' denn?« Und sie lauschte der Aufzählung der verschiedenen Arten, von Linzertorte bis Milchrahmstrudel. Dann warf sie, noch immer in Sinnen verloren, einen Blick auf die sie umgebenden Erdgeborenen und sprang plötzlich mit einem leisen Schrei, der Freude oder Schreck verraten konnte, auf. Aber im nächsten Augenblicke rief sie, unbekümmert um ihre Umgebung und den etwas perplexen, würdevollen Kellner, mit allem Ausdruck der Zärtlichkeit: »Toni!« Möge ihr vieles vergeben sein um den einen Ruf, mehr noch um den Ton, in dem er ausgestoßen wurde und um das leuchtende, frohe, kindliche Gesicht, das ihn ergänzte! Sie wartete nicht, bis ihr Spielgefährte und Genoß lustiger Jugendtage mit hocherrötetem Gesicht ihr entgegenkam, nein, einen im Weg stehenden Stuhl wegstoßend, eilte sie auf ihn zu, und seine Hand ergreifend, blickte sie den Freund mit gerührtem Lächeln an. Und einige Sekunden standen sie sich gegenüber, eines 269 des andern Hände haltend, wie zwei Gefährten, die einen Nachmittag vom gemeinsamen Spiel getrennt waren und nun im stummen Entzücken ihrer Wiedervereinigung die kindlichste und menschlichste Sprache sprechen, die der Augen. »Ah, so was, Toni!« nahm Milly das Wort, »so a Überraschung. Überall hätt' i di eher z'finden glaubt als da. Und wia nobel«, sagte sie in ehrlicher Verwunderung, indem ihr Blick mit weiblicher Prüfung an seinem Äußeren haftete. »Bist so a fescher Kerl, daß man a Freud an dir hab'n muaß. Der Herr is dein Freund?« fügte sie hinzu, da Huxtl in kavaliermäßiger Haltung dastand, gewärtig, seine Persönlichkeit als würdiges Pendant seines Freundes der Beachtung der Schönen zu präsentieren. So sehr der fesche Huxtl die Weiber kannte und sich durch süße Blicke nicht aus dem Gleichgewichte bringen ließ, das reizende Lächeln, mit dem ihm Milly die Hand reichte und seine etwas geschraubte Hochdeutschvorstellung entgegennahm, wirkten sogar auf den flotten, liebenswürdigen Zyniker und Windbeutel wie die Herablassung einer Fürstlichkeit. »Ohne Umständ',« sagte Milly, »entweder setz' i mi zu euch, oder noch besser, ös zu mir. Ja, Toni?« Der Tisch, den sie als ihren Stammplatz behauptete, war leer, und der Kellner schien es sich zur besonderen Ehre anzurechnen, den Wein der beiden Herrschaften von dem einen Platz auf den andern zu stellen. Als die drei beisammen saßen, klärte Anton den noch immer »baffen« Huxtl über die Umstände seiner Bekanntschaft mit Milly auf. Man muß es diesem lassen, daß er so taktvoll war, auf jede weitere Erklärung zu verzichten, und das junge 270 Mädchen durch keine unbesonnene Frage in Verlegenheit brachte. Anton war selig. Er konnte die leuchtenden Blicke gar nicht abwenden von der so unvermutet Wiedergefundenen. Milly aß, trank, plauderte und lachte, daß sogar über das strenge Diplomatengesicht des ernsten Kellners etwas wie ein vergnügtes Schmunzeln zog. Ab und zu hatte der in der Schwemme kampierende Einspännerkutscher den Kopf hereingesteckt, offenbar von der seltsamen Idiosynkrasie von Leuten seines Standes befangen, die zwei Kavaliere möchten das Weite gesucht haben. Einmal ersah ihn Huxtl. »Fix Laudon! Unser Anspanner. No i dank', der wird si a Fuhr anrechnen. Soll'n mar'n fahr'n lassen, was manst, Tonl?« »Jessas, ja. Zu was brauchen mir überhaupt an Wag'n? Mir san ja kane Grafen.« »Was, so nobel gibst es du?« lachte Milly. »Habt's recht, laßt' 'n allani hamfahr'n. Mir fahrn nacha mitanander mit an' fescheren Zeugl.« Huxtl ging hinaus, entlohnte den Kutscher und sagte ihm, er und sein Freund würden so bald nicht das Lokal verlassen. Er schnitt ein einigermaßen saures Gesicht bei der Forderung des Rosselenkers, der beteuerte, nicht einmal die ganze »Tax« berechnet zu haben. Noch ein längeres Gesicht machte Huxtl jedoch, als der Kutscher dem Kellner ansagte, was er auf Kosten seiner Fahrgäste gezehrt. »An Banfleisch mit Kren, drei Brot, an Gorgonzola, an Kaiserschmarrn, vier Krügeln Lager, zwei G'spritzte mit Gieß, zwa Wertschina und a Trabukerl. Sunst nix«, fügte er naiv hinzu. Huxtl mußte wider Willen lachen. »Sö, wann S' bis abends da war'n auf meine Kosten, brauchert i a zweit's Benefiz.« 271 Zu Anton und Milly zurückgekehrt, berichtete er von dem gesegneten Appetit des Rosselenkers. Beide mußten lachen. »Dafür bin i von heut an d'r › Baron ‹ Huxtl«, sagte der Volkssänger, »no a paar Portionen und a paar Liter, und i bin Fürscht.« »So, jetzt bleib'n S' da sitzen!« forderte ihn Milly auf und winkte dem Kellner, der mit ehrfürchtiger Miene dem Auftrage lauschte, den ihm das Mädchen mit leiser Stimme erteilte. Wie staunten Anton und Huxtl nicht, als nach einer Weile der würdevolle Kellner als Vortrab erschien, die Serviette zeremoniell über den linken Arm geschlagen, einige Gläser von eigener Form in der Rechten, ihm folgend ein anderer Kellner mit zwei gesiegelten Flaschen in einem zinnernen Kübel und der Zigarrenschani mit einer Schachtel, die offenbar Spezialitätzigaretten enthielt. »Jetzt stoß'n m'r an,« sagte Milly, als der Champagner in den Gläsern perlte. »auf unser G'sundheit und daß uns alles guat ausgeht.« Antons Hand zitterte, da er mit seinem Glase anstieß. »Soll's d'r immer guat gehn, Milly. Trinken m'r no auf die Erinnerung, wia m'r klan war'n und –« seine Stimme senkte sich, »glückli«. »Batsch,« lachte Milly, »allweil können m'r net wia d' Kinder sein. Aber hast recht,« fügte sie sinnend hinzu, »schön war die Zeit.« Huxtl, der unter gewissen Umständen was auf Kavaliermäßigkeit hielt, bemühte sich in gewählter Sprache einen Toast auf die schönste aller Frauen auszubringen, wofür ihm Milly mit ihrem strahlenden Lächeln und einem Blick ihrer schönen, lachenden Augen dankte. 272 Anton schnitt dieser Blick ins Herz. Ach! er sagte ihm, daß Millys glückliches Lächeln jedermann strahle wie die Sonne, die aufgeht über Gerechte und Ungerechte. Doch warum sich die köstliche Stunde des Wiedersehens verbittern? Nein! Lieber sie anschauen, ihr Bild aufnehmen, daß es mit unverwischter Deutlichkeit in Stunden der Einsamkeit und der Trennung vor seinen Augen stünde. Huxtl, der sich der Führung der Unterhaltung bemächtigte, erzählte von dem gestrigen Abend, seinen Triumphen und vielen Dingen, die ausschließlich mit seiner erhabenen Person in Verbindung standen. Unter anderem auch von der heldenhaften Rolle, die er in schauerlicher Mordnacht gespielt, frug Milly, ob sie nicht sein Bild in der Zeitung gesehen, was diese bejahte, dann bewog das strenge Rechtlichkeitsgefühl Huxtls auch Ludwigs zu gedenken, der in besagter Nacht auch eine Art Rolle mitgespielt. »A Cousin von mir,« erklärte Anton, »denk nur, er wohnt bei mir am Kabinett. A fescher Kerl, a liaber, wannst den seg'n möcht'st, der tät' d'r g'falln. Wirkli der beste Mensch, den's gibt.« Regte sich ein Bedauern in dem schönen Mädchen, daß es diese Einfachheit und Arglosigkeit täuschte im Verein mit demjenigen, der zu vollster Aufrichtigkeit verpflichtet war? Milly empfand es peinlich, daß Anton seines Cousins mit den Ausdrücken des Lobes und Stolzes erwähnte. Sie errötete leicht und suchte von dem ihr unbehaglichen Thema abzukommen, indem sie Anton über verschiedenes befragte, sich von allen Hausereignissen unterrichten ließ, obwohl sie die wichtigsten kannte, und zum Schluß, um sich über die Gefühle Antons zu vergewissern, ihn neckend frug, ob er denn keine Geliebte habe? »Und ob,« mischte sich Huxtl ein, »an harben Kerl, 273 Aug'n wia die Kohl'n und an Züngerl wia a Schwert.« Und unbedenklich gab er Antons junges Geheimnis preis, schilderte den Eifersuchtsanfall des kleinen Futteralmachergehilfen, dann wie er, Huxtl selbst, ganz wohl nach der verborgenen Ecke des Kaffeehauses gespäht und die rührendste Liebesszene beobachtet habe. Anton war vor Verlegenheit und Zorn über diese Indiskretion abwechselnd rot und bleich geworden. Was fiel Huxtl nur ein, über diese Geschichte zu sprechen? Für Anton war sie in dem Momente abgetan gewesen, als Milly hereingetreten war. Er konnte sich keine Rechenschaft darüber ablegen, warum ihm das Abenteuer dieser Nacht so peinlich war, und ob er denn von Milly überhaupt noch etwas hoffe. Eines nur fühlte er, außer ihr gab es für ihn kein Weib, und sein Vorsatz, den er noch vor kurzem Huxtl gegenüber geäußert, kam ihm jetzt unsäglich abgeschmackt und lächerlich vor. Milly hatte mit lächelnder Teilnahme der Erzählung des schon wieder beschwipsten Volkssängers gelauscht und Anton mit einem Blick schwesterlicher Zärtlichkeit ansehend frug sie:  Geh, is das wahr? Schau, das macht m'r a große Freud.« Tatsächlich fühlte sie eine unendliche Erleichterung bei dem Gedanken, ihren Freund glücklich zu wissen, ohne daß sie mit ihrer Person dazu beitragen mußte. »Unsinn,« sagte Anton finster, »a klans Techtlmechtl in an Kaffeehaus, wo schon kan's mehr recht nüachtern war. Das Madl hat si mir ja förmli am Hals g'worfen.« »Na hörst . . . . .« wollte Huxtl einwenden, doch eine Geberde Antons befahl ihm Schweigen. 274 Milly, die mit dem Instinkt des Weibes die Wahrheit erriet und sich bewußt war, daß nur ihr Erscheinen den Entschluß des jungen Arbeiters umgestoßen, sah mißmutig drein. »Das is net schön von dir, Toni, daß d' an Madl erst was versprichst und dann am nächsten Tag reut's di. Wann du ihr besser g'fallst als der andre, der grad kan Bild von an Mann sein soll, is das net ihr Schuld. I an deiner Stell' möcht' dem armen Ding mein Wort halten. Jung und sauber soll s' sein . . . .« »Und wia!« schob Huxtl mit Kennermiene ein. »No also! Überleg' dir's no, Toni«, schloß Milly. »Hör'n m'r auf mit der G'schicht,« sagte Anton unmutig, »i bin net dazua aufg'legt, verdirbt m'r nur'n Hamur.« »Ja, recht hat er, nur kan Dischkur, der a Traurigkeit aufbringt, obwohl i net waß, was i denken soll. Bin i d'r Narr, oder a andrer? Is guat, Prosit! D'r Hamur soll leb'n«, und Huxtl benützte diese Gelegenheit, sein vollgeschenktes Glas zu leeren. Dabei verpaffte er unaufhörlich eine Zigarette um die andere und erwog in seinem Herzen, ob er nicht wohl daran täte, Fräulein Milly an den Triumphwagen seiner Eroberungen zu ketten. Da man ein Thema glücklich verlassen, das in seiner weiteren Verfolgung nur zu Mißstimmungen Anlaß gegeben, geriet man bald wieder in eine flotte, lebhafte Unterhaltung. Es ist bezeichnend, daß weder Milly sich befangen fühlte, vor ihrem einfachen Jugendgenossen als die Dame der Demimonde zu paradieren, noch daß dieser den geringsten Anstoß daran, sondern ihre Verhältnisse als etwas ganz Selbstverständliches nahm. Huxtl, der die Welt kannte wie nur einer, war keinen Augenblick im Zweifel darüber, 275 wem er die Ehre der neuen Bekanntschaft danke, doch wäre er der letzte gewesen, deshalb irgendeine Bedenklichkeit zu äußern. Im Gegenteil stand ihm Milly dadurch nur um so näher, sie war förmlich sein weibliches Gegenstück. Hätte Anton Milly nicht geliebt, vielleicht würde sich die Abneigung geregt haben, die arbeitende, ehrliche Leute gegen die elegante Maitresse hegen. Er vergaß jedoch über dem glänzenden Schein die schmutzige Quelle und versenkte sich nur in fraglose, uneingeschränkte Bewunderung der Geliebten. Er war mit Huxtl in der Annahme einig, Milly sei die Geliebte eines Fürsten oder Grafen. Und Milly? – Mochte man über sie denken wie man wollte, mochte ihr kaltes, unsinnliches Gemüt sie jeden Vorteils einer Entschuldigung berauben, die herzliche, liebevolle, schwesterliche Art, in der sie dem Freunde ihrer lachenden Kindheit entgegengetreten war, der Anteil, den sie an ihm nahm, läßt nur das Bedauern darüber aufkommen, daß diese Kindheit eine so ungeleitete, durch ein trauriges Verhängnis aus ihrer Bahn gelenkte gewesen. »Wann's wollt's, fahr'n m'r mit mei'n Wag'n a bißl nach Hietzing oder wo's hin wollt's. Um sieb'n muaß i z' Haus sein, i wart' auf jemand«, sagte Milly. Zum ersten Male setzte Huxtl den bisher beobachteten Takt beiseite und meinte schlau: »Aha! der Herr Graf . . . . .« Das Mädchen errötete doch unwillkürlich und warf dem kecken Frager einen zürnenden Blick zu, der diesen aber nicht aus der Fassung brachte. Anton biß die Zähne auf die Unterlippe und wurde blaß. Die Unmittelbarkeit von Huxtls Anspielung brachte ihn jäh zum Bewußtsein der traurigen Rolle, die er im Augenblicke spielte. Er sollte sich im Wagen des 276 Nebenbuhlers herumführen lassen und daran denken, daß binnen kurzem das Mädchen in dessen Armen ruhen würde. Diese Vorstellung und der natürliche Stolz des jungen Mannes geboten ihm, den Vorschlag abzulehnen. »Waßt,« sagte der überraschte, ja empörte Huxtl, »di begreif' i heut scho gar net. Mir scheint, du bist von gestern her do a bißl teppert. In an fein' Wagerl fahr'n können und net mög'n, da hört si alles auf.« »Tua was d' willst«, sagte Anton kurz. »Geh', Toni, i begreif' di ah net,« nahm verwundert Milly das Wort, »was hast denn auf anmal?« »Nix, aber i fahr' net. So was is net für mi.« Er griff in die Tasche, um seine Börse herauszuholen, denn er wollte den Kellnern wenigstens ein gutes Trinkgeld geben, da sonst gar nichts auf seine Rechnung kam. Er brachte wohl eine Börse zum Vorschein, doch die unrechte. Es war diejenige, die er von Frau Fischer erbeten und erhalten hatte. »Wia kummt denn nur das in dös G'wand?« frug er verwundert. »Hat m'r sicher die Ambros einig'steckt«, und wollte den Gegenstand wieder in die Tasche zurückschieben. »Geh, was hast denn da? Lass' anschau'n!« rief Milly, deren Blick darauf gefallen war. Anton reichte ihr die Börse. »Um Gottes will'n,« rief das junge Mädchen erstaunt und erfreut aus, »wie kummst du zu dem Taschl?« »Kriagt hab' i's vor aner Zeit, die Fischerkinder ham s' als Spielerei braucht. Weil's mi interessiert hat, hat m'r's die Frau geb'n.« »Waßt, von wem's is? Das haßt, wem's anmal g'hört hat?« 277 »Bekannt is m'r,« sagte Anton kopfschüttelnd, »i glaub', i hab's schon anmal g'segen, 's muaß aber schon hübsch lang sein.« Milly betrachtete unverwandt mit tränengefüllten Blicken die leblosen, stummen und doch so beredten Zeugen ihrer Jugendtage. »'s Börsel von mein' Votan«, sagte sie gepreßt vor Aufregung. Anton schlug sich vor die Stirne. »Daß i da net draufkummen bin! Wie guat kann i mi jetzt erinnern. Milly, wia oft hat dein Vota 's Geld herausg'nummen aus dem Börsl, wann er uns um a Bier g'schickt hat. Wia oft ham m'r uns dö Buchstab'n ang'schaut und wia oft ham m'r drauf an Kreuzer kriagt, daß m'r uns Zuckerln ham kaufen können.« Mochte das leichtherzige Mädchen das Gedenken an seine Eltern schon lange abgetan haben, in diesem Augenblicke brach es mit aller Macht hervor. »Und no was,« sagte Anton lebhaft, sich auf etwas besinnend, »gib her anmal.« Er nahm Milly das Täschchen aus der Hand, zwängte die Finger in die vorderste Abteilung und brachte das darin verwahrte Papier hervor. »Da hast!« und er schlug dieses auseinander und reichte Milly die Haarlocke ihrer verstorbenen Mutter. Wenn etwas geeignet war, das Mädchen zu erschüttern, so dieses Andenken an die teure Verstorbene, dieses schlichte Zeichen einer treuen Pietät des Vaters für die entrissene Gattin. Milly hielt die Hände vors Gesicht und weinte. Welch seltsamer Kontrast! Auf dem Tische die geleerten Flaschen und Gläser, der Hinweis auf eine heitere 278 Zechgesellschaft, und an dem Tisch ein weinendes Mädchen und zwei ernste, stumme, teilnahmsvolle Männer. »Mein Gott und Herr, i bin do recht patschert«, sagte Milly nach einer Weile, ihre Augen mit einem feinen Spitzentuche trocknend, »wan' i, weil i das Taschl siech. Aber net wahr, Tonl, es war a schöne Zeit damals, wia unsre Leut' no g'lebt ham.« »Das war's ja«, sagte Anton mit Überzeugung. »Und wia lustig war's bei uns, was war d'r Vota für a fideler Mensch! Und mein' arme Muatta erst . . . . . die hat nur den ganzen Tag g'sungen und g'lacht.« Anton nickte, versunken in die Erinnerung jener Tage, die er niemals, ach gar niemals vergessen konnte. »Gelt, Toni, das Taschl laßt m'r, was?« »Selbstverständli. Dir g'hört's do.« Er hätte gern noch hinzugefügt, daß er selbst ihr ganz angehöre mit seinem ganzen Leben. »Hast gar ka Idee, wia das zu so fremde Leut' kummen is?« forschte Milly. »I kunnt wirkli net sag'n. Vielleicht hat's dein Vota anmal verlurn, und wia das schon geht, – a so a Ding kummt oft von aner Hand in d' andre.« »Also was is, Toni, willst wirkli net a bißl mitfahr'n? I möcht' weg von da, die Kellner schau'n alle her, weil s' mi wanen ham seg'n. Mir is das heut so nah gangen, daß i a bißl hinaus möcht' ins Freie. Gengan m'r durch Schönbrunn! Wird uns net schaden die frische Luft.« »I werd' d'r was sag'n, Milly,« entgegnete Anton leise, aber bestimmt, » jetzt grad net. Sei net harb, aber i kann net, mi halt was z'ruck, was i net erklär'n kann. Wannst a armes Madl warst und sagerst: Tonl, gehn m'r mitanand, so weit uns d' Füaß trag'n, i nehmert di bei 279 der Hand und fragert net wia weit und wohin. Milly – Milly,« er flüsterte ihr die letzten Worte erregt zu, »glaub' m'r, du bist am Holzweg. Nimm's als a Zeichen, das Haar von deiner Mutter, nimm's als a Zeichen, daß d' umkehrn sollst! Du waßt, was i d'r anmal antrag'n hab'. I tua's heut no anmal – überleg' d'r's!« »No, Tonl,« mischte sich Huxtl ein, »was is denn? Fahrn m'r oder net? Tua net lang umadoktern! Sag' ja und semper d'r Fräul'n net so an.« »Der Tonl sagt na«, war die nochmalige, bestimmte Antwort. »Batschachter!« war alles, was Milly auf diese Weigerung zu erwidern hatte. Dann rief sie den Zahlkellner, berichtigte trotz des Sträubens der beiden jungen Leute deren ganze Zeche und erhob sich. »Pfiat di Gott, Toni,« sagte sie zum Abschied ihm beide Hände hinstreckend, »pfiat di Gott!« Dann flüsterte sie, so daß ihre Worte von Huxtl nicht gehört werden konnten: »Schlag' d'r das aus'n Kopf! Was i anmal g'sagt hab', gilt no heut. I kann in das alte Leb'n nimmer z'ruck, därfst m'r's net für übel nehmen.« »Willst m'r net sag'n, wo i di wieder treffen kann?« frug Anton erschüttert über den Abschied der ihm bewies, daß seine Hoffnungen sich nie erfüllen würden. »Zu was? I siech, du hast ka Achtung für mi, und i – i kann d'r net helfen, mit'n besten Will'n net. Nimm an Rat von mir an. lass' das Madl net aus! Es war' schad' um di. Du brauchst a bravs Weib, das net sein Kopf waß Gott wo hat, nur net bei d'r Familie. Pfiat di Gott, Toni! Adje, Herr Huxtl«, und sie reichte diesem mit 280 einem Lächeln die Hand, die Huxtl kavaliermäßig an die Lippen führte. Anton ließ sie ziehen mit einem so bitteren, tödlichen Gefühl, daß er vermeinte, alles, alles wäre nun zu Ende; als solle der graue Wintertag keinem Frühlingstage mehr Platz machen können, kurz, es beherrschte ihn jene verzweifelte, trostlose Stimmung, deren sich der gereifte Mann entweder mit einem bedauernden Lächeln oder der Empfindung erinnert, er habe einmal an etwas unsäglich Kindisches seinen Schmerz verschwendet. Von Gefühlen gleicher Intensität, nur ganz anderen Inhaltes, ward Huxtl bewegt. Das konnte er Anton nicht verzeihen. Wie? Das schönste Weib der Erde und der fescheste Mann im Umkreise des Stephansturms waren daran gehindert, im lauschigen Coupé unsichtbare Fäden von eines zu des andern Herzen zu spinnen, nur aus dem Grunde, weil es einem unberechenbaren Dritten gefiel, störend und hemmend einzugreifen? Sobald Milly, gefolgt von den dienernden Kellnern hinausgerauscht war, wandte er sich empört an seinen Begleiter. »Waßt dar, Tonl, an so an Tepp'n hab' i mein Lebtag no net g'seg'n. So a Murdsviech . . . . .« »Huxtl,« sagte Anton eindringlich, »red' m'r nix mehr, oder du lernst mi kennen. I waß, was i tua. I kenn' das Madl länger wia du, und lass' m'r net vorschreib'n, was i machen soll oder net. Alsdann, sei so guat und halt di z'ruck!« So wenig gewählt und freundschaftlich diese Worte klangen, genügten sie doch, Huxtl, der in der Tat ein fescher Kerl war, insoweit aufzuklären, daß zwischen seinem Freunde und dem schönsten Weib der Erde andere, geheimnisvollere Beziehungen walteten, als er bisher vermutet. Und da er 281 weder ein Spielverderber noch ein Schnüffler war, begnügte er sich, Anton nur »an öden Zipf« zu heißen, der unmöglich verdienen könne, mit Leuten von Huxtls Schlage in Parallele gebracht zu werden. Nachdem auf diese Art ein Bündnis gegenseitiger Schweigsamkeit geschlossen, wollten sich die zwei so unähnlichen Drahrer nach Verabreichung eines glänzenden Trinkgeldes an die vor Hochachtung fast ersterbende Kellnerschar entfernen. Doch was war das? Vom Schankzimmer ertönte eine, Huxtl nur zu bekannte Stimme. »Bruada, dös is guat. Gehst net doni? In Tschickerl wollt's darzähln, daß dös a Pülsner is? Meiner Söl', wann m'r's dö G'schicht net stiern möcht', tat i denen Rössern draußt damit dö Huf o'waschen, wann's denen armen Hund nöt eh so kalt war. In Tschickerl a so a Pülsner z'geben! Meine Herrn . . . . .!« »Tschickerl, Serwas,« sagte Huxtl durch die geöffnete Glastüre, »sag' m'r nur, alter Schwasser, wia kummst denn du daher? – hab' glaubt, du schnarchst in dein Nürscherl daham?« »Seg'n S', dös is das End vom Liad«, krähte Tschickerl, denn bei Gelegenheiten höchsten Entzückens versagten ihm seine gewöhnlichen Stimmittel, besonders wenn es sich um den Versuch handelte zu singen. »Huxtl, Serwass, Bruada! Ah, habe die Ehre, g'schamster Diener«, wandte er sich an Anton. »He, Wirt, drei Pülsner, aber a urndlich's, daß 's d'r Tschickerl saufen kann.« »Nix da,« lehnte sogar Huxtl ab, »mir ham g'nua. Auf an Schampus werd'n m'r a Bier trinken. Ins Kaffeehaus, wannst willst, weg'n meiner.« 282 »Gilt,« rief Tschickerl, »draußt steht a harb's Zeugerl, fahrt's mit. Bruader, a Wagerl vom Grab'n. Heut liegt m'r nix dran und wann d' Welt auf Fransen geht. Also kummt's, fahr'n m'r!« Auf diese Worte Tschickerls hin stürzte ein Mann mit einem Stößer, in Samtrock und karierter Hose schleunigst ein noch volles Glas Wein hinunter und erklärte sich bereit, die andern Herrschaften gegen Auszahlung einer noch näher zu bestimmenden Taxe in seinem Wagen aufzunehmen. »Wannst no a Wurt red'st,« erklärte Tschickerl, »so kannst allan hamfahr'n. Dös is guat, meine Herrn,« wandte er sich in der Runde an alle Anwesenden, »in Tschickerl sag'n, was er z'tuan hat. Bruada, da legst di nieder und stehst nimmer auf. Kräul aufi am Bock und lass' dö Gasböck renna, als wann's in d' Freudenau gangt. Weg'n Zahl'n hat's mit 'n Tschickerl no nia a G'wiaxt geb'n.« Wie es kam, daß der unermüdliche Zechbruder und Busenfreund des Volkssängers diesem förmlich auf die Spur gekommen war? Offenbar von einem Instinkt getrieben, der in der unerhörten Freundschaft, die ihn mit Huxtl verband, seine Quelle hatte, war er etappenweise genau dieselben Wege gewandelt, wie dieser, hatte im Grand Hotel eine Bierprobe vorgenommen, war in einem Fiaker, dessen er wegen seiner Beine, die alle Kraft verloren hatten, sehr benötigte, in der Stadt herumgefahren, und war also mit seinem Gefährten vereinigt, den er heute nimmer zu verlieren beschloß. So kam es, daß also Huxtl trotz allem sich in dem weichgepolsterten Coupé eines Fiakers befand, nur mit dem Unterschiede, daß statt der weichen, molligen Knie Millys, die spitzen, harten Tschickerls sich gegen die seinigen preßten. 283 Und Anton? Er schien heute alle Prinzipien der Mäßigkeit und Solidität von sich geworfen zu haben. Er war bei allem dabei und saß noch um zwei Uhr nachts mit Tschickerl und Huxtl in einem Kaffeehause, zur größten Besorgnis Ludwigs, der noch bei seiner Studierlampe wachte und sich mit der Frage abquälte, ob Anton nicht ein Unglück zugestoßen sei. 284   Sechzehntes Kapitel. (Ludwig zeigt, daß er nichts als ein junger Mann ist und steigt trotz dieses Umstandes sehr in Herrn Tänzingers Gunst.) Acht Tage nach dem denkwürdigen Benefiz erklärte Ludwig seiner von Überraschung und Schmerz überwundenen Quartiergeberin, daß er auszuziehen gesonnen sei. »Ja, warum?« brachte die arme Frau endlich mühsam heraus. »Ich gehorche einem Wunsche Herrn Tänzingers,« sagte Ludwig, »der sich für mich verwendete, so daß ich in nächster Nähe der Universität ein Zimmer mit voller Pension zu fast lächerlichem Preise erhalte. Natürlich habe ich den Sohn der Familie, der ich jetzt förmlich als Mitglied angehöre, für die Matura vorzubereiten und soll ihm künftig als eine Art Mentor dienen.« Die Ambros verstand von allem, was Ludwig vorbrachte, ungefähr so viel, als hätte er ihr einen hochoffiziösen »Leiter« der »Neuen Freien Presse« oder des »Fremdenblatt« vorgelesen, sie wußte nur – und für eine liebende Frau überdies genug – daß sie ihn verlieren solle. Anton war bei der Nachricht dieser Aufkündigung weniger überrascht und weniger erschüttert gewesen, als die arme Frau Ernestine. Erstens war er ein Mann, zweitens mehr auf einen solchen Wechsel vorbereitet, und drittens nagte an seinem Herzen ein Leid, das ihn allen Veränderungen, so sehr sie an liebgewordenen Verhältnissen rüttelten, kälter gegenüberstehen ließ. Man denke nicht, daß ihn die Trennung von seinem 285 Vetter nicht schmerzte. Er fühlte einige Grade jener Kälte mehr, die uns die Vereinsamung erleiden läßt. Sein treues, mitteilungsarmes Herz litt unter dem Gedanken: nun bist du ganz allein. Weder die Aussicht, von den Fittigen der Liebe der Ambros im Notfalle geborgen zu sein, noch die tröstliche Versicherung Huxtls, daß es zwischen ihm und Anton ewig »alt« bleiben werde, genügten, um den Verlust ganz wettzumachen. Anton hatte zu Ludwig bei dessen Eröffnung gesagt: »I hab' nia an Bruadern g'habt, nia g'wußt, was dös haßt. Aber seitdem du bei mir warst, hab' i's kennen g'lernt. I kann m'r's denken, daß d' nia daherpaßt hast, und wünsch' d'r nur, es möcht' d'r recht guat gehn wia si's g'hört. In aner Art is 's ah besser so, denn . . . . . .« Anton brach ab, er wollte Ludwig nicht merken lassen, daß er wisse, wie auch dieser in die Netze der unersättlichen Ambros sich verfangen. Tatsächlich büßte Ludwig das bekannte Ende jener Nacht, da ihm Huxtls Benefiz verleidet ward, mit mancherlei Gewissensanfechtungen. Der Rausch war verflogen und da ihn der Alltag wieder in seine Arme nahm, vermeinte er mit seiner Unerfahrenheit den besten Teil seines Selbst dahingegeben zu haben. Er vermochte die ersten Tage vor Scham gar nicht der Frau ins Antlitz zu blicken, die ihn in ein ersehntes und doch so frivoles Mysterium eingeweiht. Die Ambros war danach geartet, mit ihrem Gewähren den letzten Schleier sinken zu lassen, der Frauenwürde deckt. Armes Weib! Sein Instinkt wurde von den Männern benützt, ihre Instinkte ausleben zu lassen, und dann in schnöder Abkehr ihm zu verstehen zu geben, daß es nicht mehr sei, als ein Werkzeug momentaner Lust. Woran das lag? – Jedenfalls in erster Linie daran, daß sich das sinnliche Geschöpf, von 286 einem unheilvollen Triebe erfaßt, jedem Manne in die Arme warf, so daß der Unerfahrenste diesen unerquicklichen Eindruck erhalten mußte. Weiters, daß es in den Mitteln seiner Liebkosungen nicht Maß zu halten wußte und dem Manne schon in der ersten Umarmung eine Übersättigung schuf, der auch eine gröber organisierte Natur auf die Dauer nicht standzuhalten vermochte. Der Ambros fehlte jene Art kalter Koketterie, die einem Weibe gestattet zu entzücken, ohne sich auszugeben und genügend Genuß für sich selbst zu bewahren. Ludwig fühlte von nun an eine peinliche Verlegenheit in Gegenwart der Frau, die ihm die erste Liebesnacht gewährte. Und seltsamerweise stieß auch er sich an der Ähnlichkeit mit Milly, so sehr diese Ähnlichkeit von allen benützt wurde, das junge Mädchen vermittels der Phantasie in der andern zu liebkosen. Sie deuchte ihm fast eine Entweihung. So fand die Ambros eine Nebenbuhlerin an Milly, ohne daß weder die eine noch die andere eine Ahnung davon hatte, in welchen seltsamen Reigen sie miteinander verflochten waren. Ludwig fühlte eine Art Erleichterung, daß ihm nun der Quartierwechsel gestatte, ein Verhältnis abzubrechen, das ihn nur bedrückte. Er schämte sich jetzt fast seiner früheren keusch-verliebten Empfindungen für diese Frau. Also Ludwig war zur Zeit bereits ein Vierteljahr von seinem ersten Heim, das ihm die Großstadt mitleidig geboten hatte, getrennt. Er logierte jetzt im quartier latin , wie sich's gehörte, hatte ein schönes, helles, geräumiges Zimmer und stand mit der Familie (einer Judenfamilie, wie wohl nicht erst erwähnt zu werden braucht) auf dem besten Fuße, lebte in vollster Freundschaft mit seinem Zögling und besuchte in gewissen Zeitabständen Anton. Trotz der dringenden Einladung Frau Ernestinens hatte er bis nun es vermieden, 287 zu einer Stunde zu kommen, in der sie, wie er wußte, allein zu Hause war. Aber Jugend bleibt Jugend und je mehr die Erinnerung an die bei der hübschen Frau genossenen Freuden antiquierte, desto reizender erschien sie, wie es ja mit allen Erinnerungen der Fall zu sein pflegt. Da ihn heute sein Weg wieder nach dem Hause Herrn Tänzingers führte, um klein Waldemars etwas stützigen Kopf für die Aufnahme des nötigen Wissens zu präparieren, beschloß er, früher bei der Ambros vorzusprechen, um, wie er sich vorlog, an Anton eine kleine Post zu bestellen, die er seinem Hirn erst mühsam abquälen mußte und die im letzten Momente noch immer mit einer plausibleren vertauscht werden konnte. Die Ambros, auf den überraschenden Besuch nicht gefaßt, befand sich in einem Zustande der Toilette, der mit der Zurschautragung von rosigem Fleisch nicht kargte. Wie man weiß, besaß diese Frau eine Gabe, die wir uns nur in Verbindung mit Unschuld und Jugend und Schamhaftigkeit denken können. Sie vermochte bei passenden und unpassenden Gelegenheiten zu erröten. Möglich, daß sie in gewissem Sinne wirklich Schamhaftigkeit besaß. Von den Qualitäten einer Jungfrau war sie gewiß nicht. Auch ihr junger Besucher befand sich im Banne einer Verlegenheit, die ihn nicht minder erröten ließ, wie seine Empfängerin. Er vergaß daher auch den so mühsam einstudierten Vorwand und blickte, obwohl er es nicht wollte, auf das rosige Fleisch, das allerorten durch die zerrissene und aufgetrennte Bluse hervorlugte. Die Frau war die erste, die zur Beherrschung der Situation gelangte. Sie bat Ludwig nach der ersten Begrüßung um Entschuldigung, bot ihm einen Stuhl an, und wechselte 288 hinter der geöffneten Schranktüre das zerrissene Kleidungsstück mit einem tadellosen anderen. Die Unterhaltung schleppte sich erst mühsam fort. Ludwigs Auge konnte sich nimmer so leicht an den Anblick von Ärmlichkeit und Unordentlichkeit gewöhnen. Auch fand er, daß die Ambros doch nimmer in der ersten Jugendblüte stünde und im Geiste verglich er sie mit Milly, die denn freilich in ihrem vornehmen Heim, in ihrer gewählten Kleidung und im Liebreize ihrer achtzehn Jahre einen ganz anderen Eindruck zu machen imstande war. Frau Ernestine bot Ludwig an, einen Jausenkaffee mit ihr zu sich zu nehmen. Er konnte die Einladung nicht gut abschlagen. Nach einer halben Stunde saßen sie nebeneinander auf dem kleinen Sofa, und da jegliche Bewirtung eine Stimmung gleich zum Besseren lenkt, hatte auch Ludwig bald das erste Unbehagen abgetan. Er erkundigte sich zuerst um die ihm bekannten Hausgenossen, auch um Huxtl, von dem er erfuhr, er sei schon acht Tage im Spitale, da sich einige nicht unbedenkliche Folgeerscheinungen seiner maßlosen Drahrereien zeigten. Besondere Angst habe er wegen seiner Kehle, die so rauh und heiser sei, wie nur eine Trinkerkehle. Da Ludwig sich nun doch eines Vorwandes entsann und der Frau eine belanglose Bestellung an Anton auftrug, schüttelte diese bei Erwähnung desselben bedenklich den Kopf. »I waß net, was i von eahm denken soll,« sagte sie»er g'fallt m'r die letzte Zeit gar net. Seitdem Sie weg san, is er no finsterer und menschenscheuer wia sunst. Es druckt eahm was, und i man' allweil, er kann das Madl net vergessen.« Ludwig erbat sich nähere Aufklärung. »Er hat a Madl kennt,« berichtete die Ambros, »die er 289 gern g'habt hat und die er heirat'n hätt' woll'n. Aber zu dem war s' net z'hab'n. A anfacher Arbeiter war ihr do z'minder und wo s'jetzt is, waß er net. Aber denken, glaub' i, tuat er no allweil an sie, wenn er ah drüber nix redt. I man', i hab' Ihner 's letztemal, damals – wissen S,'« sie errötete abermals mit Ludwig um die Wette, »a Andeutung g'macht. I waß net, ob i mi net am Ende täusch'. Aus eahm is ja ka Wort herausz'bringen.« Ludwig saß sinnend da und überlegte im Geiste den Geschmack, den sein Verwandter in bezug auf ein Weib haben könne. Das so Naheliegende, bei einiger Kombinationsgabe Unausweichliche erriet er nicht. Es ist die Folge der Sprunghaftigkeit aller Gespräche, daß sie eine Spur zu irgendeiner Offenbarung gleich im Anfange zerstören. Einige Worte über diesen Gegenstand mehr, und wie eine Erleuchtung hätte es über den Studenten kommen müssen, welche Beziehungen zwischen Milly, Anton und der Ambros bestanden. So jedoch erinnerte er sich nicht einmal mehr der Beziehung zwischen ersterer und letzterer, hatte selbst an das Versprechen, das er gab, vergessen, da nichts ihn mahnte es zu halten. Die Ambros lenkte geschickt das Gespräch auf andere Dinge, die ihr geeignet als Übergang zu einem Thema erschienen, das allein ihre Gedanken beherrschte. Da sie als erfahrene Strategin der Liebe wußte, daß einem solchen Gegner wie Ludwig gegenüber der Angriff die beste Taktik sei, ließ sie es nicht daran fehlen, erst vermittels des alten, bewährten Mittels der Erinnerungen das Gedenken an eine bewußte Nacht aufleben zu lassen, und dann, als die Augen des jungen Novizen in einem eigentümlichen Glanz zu leuchten begannen und das Rot der Verlegenheit dem Purpur des Verlangens wich, das Beste und Einfachste 290 zu tun was möglich war. Sie umschlang Ludwig wie das erstemal, preßte ihre Lippen an die seinen und ließ sich auf das alte, knarrende Sofa zurücksinken. – – – – Viel zu früh für die Bedürfnisse der sinnlichen Frau nahm Ludwig Abschied, nachdem er alle möglichen Eidschwüre geleistet, nun öfters und so bald als möglich wiederzukommen. Merkwürdig, heute war dieses Gefühl des Unbehagens von ihm gewichen. Eine gewisse Geckenhaftigkeit, eine Art Don Juanlust hatte ihn ergriffen. Er war auf dem besten Wege, nun selbst Weiber zu verführen und nicht sich wie ein Knabe verführen zu lassen. Mit einiger Verspätung langte er im Hause Herrn Tänzingers an. Schon außen war ihm eine gewisse Verwirrung aufgefallen. Ein Wagen hielt vor dem Tore, die Hausbesorgerin sprach äußerst aufgeregt mit einigen Frauen der Nachbarschaft. Vor dem Lokale standen Gruppen von Stammgästen, die, auf den Wagen deutend und lebhaft gestikulierend, jedenfalls verschiedene Meinungen verfochten, wie dies ja das einzige Tagewerk all der Herrschaften war. Ludwig, von dem niemand Notiz nahm, gelangte zur Wohnungstüre und fand daran einen Zettel mit dem Inhalte: »Nicht läuten, leise klopfen!« Er befolgte diese Anordnung und als das Dienstmädchen öffnete, tat es dieses sehr leise und vorsichtig. Sie zog Ludwig bei der Hand in das Vorzimmer, flüsterte ihm zu, ein wenig zu warten, man habe seinem Erscheinen schon mit Ungeduld entgegengesehen. Jetzt sei der Arzt da und er werde wohl bald weggehen. Bevor der erstaunte Lehrer noch eine Frage tun konnte, was das alles zu bedeuten habe, war das Mädchen davongehuscht und er stand da im Vorzimmer, ohne sich dessen bewußt zu sein, was er unter so fremdartigen Umständen hier zu suchen habe. 291 Nach einer Weile ertönten gedämpfte Schritte und Herr Tänzinger nahte sich mit einem alten Herrn, allem Anscheine nach der Arzt, von dem das Mädchen gesprochen. Tänzinger grüßte Ludwig mit einem Winken der rechten Hand und ihn dem Arzt vorstellend, sagte er: »Das ist er.« Der Doktor sah den jungen Studenten mit einer zerstreuten Art der Prüfung an und nickte. »Wie gesagt,« wandte er sich abschiednehmend an Herrn Tänzinger, der sehr bleich, trostlos und bekümmert aussah, »vor allem strengste Ruhe, absolute Stille und Geräuschlosigkeit. Es wird sich empfehlen, wenn Sie nicht aus gewissen Gründen etwas dagegen haben, eine barmherzige Schwester an das Bett zu rufen. Ich komme morgen früh wieder und werden meine Anordnungen genau befolgt, so will ich Ihnen Hoffnung machen. Ich kann nicht verhehlen, daß der Zustand des kleinen Fräuleins ein ernster ist. Sollte das Irrereden so fortdauern, möge man der Patientin von der Medizin geben. Und dann Umschläge, stetig mit peinlicher Gewissenhaftigkeit.« Nachdem er dem trostlosen Vater die Hand geschüttelt und die Verbeugung Ludwigs erwidert, entfernte er sich. Dieser hatte aus den Worten des Arztes entnommen, daß Sidonie sehr schwer erkrankt sei. Herr Tänzinger winkte Ludwig schweigend zu, ihm zu folgen, und ging voran in dasselbe Zimmer, in dem sonst der Unterricht erteilt wurde. »Herr Herdlicka,« sagte Tänzinger, nachdem er dem jungen Mann einen Platz angeboten, während er selbst unruhig im Zimmer auf- und abwandelte, in gepreßtem Tone, »mein Goldkind, meine kleine Sidonie ist sehr schwer krank.« Ludwig vermochte augenblicklich nicht eine tröstende Phrase auszusprechen, das Ereignis kam so überraschend und stand in so grellem unangenehmem Gegensatze zu Ludwigs 292 augenblicklicher Stimmung, daß er nur Herrn Tänzinger anzustarren vermochte, der fortfuhr. »Sehr krank, sage ich, und wenn Gott mich strafen will, hat er das Mittel gut ausgewählt. Meine kleine Sidonie, mein liebes Kind, mein Stolz, kann morgen als Leiche daliegen und ich werde ein einsamer Mann sein.« Sonderbar, daß der alte Mann sich im Augenblicke nicht seines männlichen Namenserben erinnerte. »Der Arzt sagt, es sei ein Nervenfieber. Ach, Herr Herdlicka, wer hätte es vor drei Tagen noch geahnt? Fiel Ihnen etwas auf an meiner Kleinen?« Ludwig besann sich und sagte, er glaube, das Fräulein sei stiller gewesen als gewöhnlich. »Hat sie mit Waldemar herumgezankt?« »Nein, ich glaube – nein, ganz bestimmt nicht. Jetzt fällt mir ein, daß es bei meinem letzten Hiersein nicht der Fall war. Ich glaube, ich war sogar verwundert darüber.« Herr Tänzinger nickte so trübe beistimmend, als wollte er sagen, daß ihn die Krankheit seines Kindes nun nicht mehr in Erstaunen versetze. »Sie phantasiert und tobt«, nahm er dann wieder das Wort. »Sie liegt im Zimmer gegen den Hof zu, dort ist es still und kein Lärmen kann sie stören. »Und, Herr Herdlicka, Sie phantasiert von Ihnen und ruft Sie immer. Dann streitet sie mit Waldemar, weil er Ihnen nicht folgen will. Nur von seinem Papa spricht mein Goldkind nichts . . .« Er hielt inne, und der Zuhörer merkte zu seiner Erschütterung, daß Tränen die Stimme des Vaters brachen. »Nur von seinem Papa nichts,« und Herr Tänzinger achtete dessen nimmer, daß seine Worte ein einziges Schluchzen waren. Er hatte jedenfalls seinen Schmerz zu sehr 293 zurückgedrängt und er brauchte einen Teilnehmer desselben. Wer hätte diesem kalten, schläfrigen Geschäftsmanne eine solche Heftigkeit der Empfindung zugetraut? »Sie haben es meinem Goldkinde angetan«, fuhr nach einer Pause Herr Tänzinger gefaßter fort. »Sie ruft nach Ihnen und Ihr Name ist immer auf ihren Lippen. Sie sind unschuldig daran und ich weiß, was die Schuld daran trägt. Ich habe mich meinen Kindern zu wenig gewidmet und habe sie immer fremden Händen überlassen, während ich im Geschäfte Geld einstrich. Für wen aber habe ich es getan? Nur für meine Kinder, nur für sie, aber es trägt mir jetzt Kummer ein und Selbstvorwürfe. Meine arme, kleine Sidonie ließ ich heranwachsen, wie es nicht hätte sein sollen. Wann sah ich sie jemals? Nur eine kurze Zeit des Tages, und ich hätte sollen den ganzen Tag in ihrer Nähe sein. Aber sie mußte etwas zum Lieben haben, dann in ihrer Einsamkeit sind Sie aufgetaucht, und ohne Ihr Wissen haben Sie ihrem alten Papa, der sie so lieb hat, das Herz seiner kleinen Sidonie entwendet.« Ludwig wollte auf die seltsamen Vorwürfe etwas erwidern, doch Herr Tänzinger winkte ihm noch zu schweigen. »Es ist noch ein kleines, unschuldiges Kinderherz, aber da Sie einen Platz darin haben, will ich Sie daraus nicht verdrängen. Mein Vertrauen zu Ihnen ist ein großes. Sie wissen gar nicht, wie groß, dazu müßten Sie mich besser kennen. Hoffen wir, daß meine kleine Sidonie gerettet wird. Nun kommen Sie mit mir, um das arme Kind zu sehen.« Er ging wieder Ludwig voran, und mit der äußersten Vorsicht und Behutsamkeit betraten beide das verdunkelte Krankenzimmer. Erst konnte Ludwig nichts gewahr werden als eine Flut goldroten Haares auf der weißen Decke. Eine Frau, jedenfalls aus der Nachbarschaft, in der Eile 294 als Wärterin aufgetrieben, legte in Eiswasser getauchte Tücher auf die Stirne der Kranken. Diese lag im Momente still da, das Gesicht war verzerrt, die Augen blickten starr ins Leere. Allmählich ward sich Ludwig, der aus einiger Entfernung nach dem Krankenlager starrte, der Veränderung bewußt, die in dem schönen Gesichte der kleinen Sidonie sich ausdrückte. Die Kranke begann wieder zu reden. »Papa, Papa!« rief sie und dann folgte eine Flut unzusammenhängender, wirrer Worte, die allmählich sich zum Schreien steigerten. Aber Herr Tänzinger stand mit feuchten Augen da, und flüsterte Ludwig zu: »Sie hat doch an ihren Papa gedacht, mein Goldkind.« Jetzt folgte Ludwigs Name, so sehnsüchtig, daß der Lauscher wie gebannt nach dem Bette hinhorchte und vermeinte, einen solchen Klang noch nie vernommen zu haben. Jedenfalls mußten die Fieberphantasien Sidoniens von einem Kampf mit Waldemar erfüllt sein, und wie einmal, rief sie auch jetzt in ihrer Bewußtlosigkeit. »Was sagst du? Ich bin verliebt? Sage es noch einmal! Was hast du gesagt?« Und wieder folgte die Anrufung Papas, der dazu ausersehen war, in dem Kampfe zwischen Waldemars Unbotmäßigkeit und Sidoniens Autoritätsansprüchen, den Schiedsrichter zu spielen. Nach einem kurzen Aufenthalt im Krankenzimmer gingen Herr Tänzinger und Ludwig wieder leise hinaus. »Ich weiß nicht, ob ich es nicht besser verschwiegen hätte,« sagte ersterer im Vorzimmer zu dem jungen Lehrer, »aber sie ist ein Kind und ihre Zuneigung nichts Unrechtes. Sie kenne ich als wackeren, jungen Mann, der gewiß zurzeit vergessen haben wird, was er heute gehört und gesehen. 295 Die Liebe zu Kindern macht ernste Männer sehr schwach und weibisch. Bitte, kommen Sie jetzt jeden Tag. Wenn mein Goldkind zum Bewußtsein kommt, meint der Doktor, daß Ihre Nähe ihr große Freude machen wird. Sie haben es der Kleinen angetan, und ich weiß nicht, wie das kommt.« Er schüttelte schwermütig den Kopf. Ludwig, dem die Worte, die er von Sidonie eben vernommen, eine Erinnerung an den Nachmittag wachriefen, da Waldemar wegen seiner Behauptung, seine Schwester sei in Herrn Herdlicka verliebt, von dieser gepufft und gezaust worden war, bemühte sich, durch Erzählung dieser Szene die ganze Harmlosigkeit der Worte und scheinbaren Zuneigung, die sich in den Fiebergesprächen äußerte, darzulegen. Er versprach, jeden Tag zu kommen und sich um den Zustand der kleinen Patientin zu erkundigen. Seine Lehrtätigkeit entfiel natürlich einstweilen, bis eine sichere Genesung Sidoniens in Aussicht stand. Als Ludwig dann durch die lärmenden Straßen schritt, war er sich nicht im klaren darüber, was er eigentlich dachte. Das sonderbare Benehmen Herrn Tänzingers, sein Vertrauen zu ihm, das ein geradezu familiäres genannt werden mußte, die ganz ungereimte Vermutung, Sidonie sei in ihn verliebt, eine Art von Stolz, die er über diese Entdeckung hegte, (die Eitelkeit jedes jungen Mannes läßt noch weit dümmere Deutungen zu), verwirrten seine Gedanken dermaßen, daß er sich für heute zu keiner Tätigkeit mehr bereit genug fand und er sich irgendwo in die Stille zu flüchten vornahm. Er beschloß, einen Spaziergang in der ländlichen Peripherie der Stadt zu unternehmen und seine Entdeckungsreisen in der Umgebung des Bezirkes um eine neue zu vermehren, indem er die Richtung gegen »die Spinnerin am Kreuz« einschlug. 296 Wenn etwas seine leichtverzeihliche Genugtuung über die Verliebtheit des schönen Kindes in seine Person herabzustimmen vermochte, war es der Umstand, daß er in Sidonie eben nur ein Kind sah. Er wußte nicht, wie rasch sie vermöge der dem Geschlecht ihrer Rasse eigenen Entwicklung heranreifte, daß sie als Kind auf das Krankenlager geworfen wurde, von dem sie als Jungfrau wieder erstehen sollte. Die Ereignisse der letzten Stunde hatten seinen Geist dermaßen eingenommen, daß er des kurz vorher stattgehabten Schäferstündchens ganz vergaß, und als er sich dessen erinnerte, dieses wieder nur mit allen Anzeichen der Scham und des Widerwillens tun konnte. 297   Siebzehntes Kapitel. (Der krumpe Seppl beweist, wie sogar erhabene Geister einer süßen Schäferstunde wegen, alles aufs Spiel setzen können, und zeigt seine schöne Person unvorsichtigerweise als Silhouette.) Josef Wimmer, der »krumpe Seppl« oder die »g'flickte Polizeipritsch'n«, dessen ebenso glücklichen als feinsinnigen Humor kennen zu lernen das zweite Kapitel Gelegenheit gab, da er in reizender Abwechslung »Vatta Danzinger« und die »G'füllte« zur Zielscheibe seiner Neckereien erkor – also der »krumpe Seppl« schlenderte, vielmehr humpelte über die Wiesen, deren einer er offenbar im Schatten einer Feuermauer seinen Schlaf anvertraut hatte, dafür zeugten einige »Schliafhanseln« an seiner Bekleidung, überhaupt ein gewisses Derangement der Toilette. Der Frühling echot nicht nur in der Brust der Dichter und Sonntagskinder, nein, er hielt auch Einzug in das Gemüt Seppls, der mit glänzendem Auge in den sonnigen Nachmittag sah. Im übrigen haderte er auch ein weniges mit der Welt. Seit einiger Zeit verfolgte ihn bei allen Unternehmungen ein gewisses Pech. Gestern beim »Kopf- und Wappenspiel« hatte er eigensinnigerweise stets auf »Kopf« gehalten und ebenso eigensinnigerweise war immer der Adler obenauf. Bei »Vatta Zeigefinger« (wie ein Spirituosenhändler geschmackvollerweise benannt wurde, da ihm einst ein wütender Betrunkener den Zeigefinger glatt weggebissen) hatte er weder mit einem Anlehen auf einige »Unblachte« noch mit dem Kaufangebot eines »gefundenen« Gegenstandes Glück gehabt. 298 Es lohnte sich wirklich nimmer der Mühe, seines Lebens halbwegs anständig froh zu werden. Zu allem Überfluß mußte er die Gesellschaft seiner Herzenserkorenen entbehren. Diese hatte nämlich, in Unkenntnis eines Paragraphen des Strafgesetzbuches, gegen denselben gefehlt, und war deshalb, wie Herr Wimmer seit der Zeit oftmals grollend zu bemerken liebte, »ganz unschuldi eindraht« worden. Seiner Darstellung der Sachlage nach sollte es sich um den » Pick « handeln, den ein Wachmann, eine Quartiergeberin, verschiedene andere Personen, und in weiterer Übertragung der Staatsanwalt, Richter usw. auf seine Erwählte hatten. Wie jedoch die Polizei, Staatsanwaltschaft und alle Übrigen die Sache zu verdrehen beliebten, handelte es sich um einen Diebstahl an der Quartiergeberin. Der Gerichtshof einigte sich schließlich dahin, die Auffassung des »Pick« zu akzeptieren und Herrn Wimmers bessere Hälfte durch einige Monate den Anfechtungen mißgesinnter Personen und Behörden zu entziehen. Daß ein gänzlich Unbeteiligter die Folgen dieser Weltenthaltsamkeit zu teilen hatte, kam dem Gerichtshof nicht in den Sinn. Der»krumpe Seppl« äußerte schon im ersten Viertel der seiner Geliebten zudiktierten Strafhaft, daß er sich irgendwie, irgendwann und irgendwo was » aufreißen « müsse. Unbeschadet aller Treue, die zu wahren er versprochen hatte, verlangte die Natur doch ihre Rechte. Der alte Adam ließ sich nicht ertöten. So in der Auseinandersetzung zwischen Gewissen und Menschentrieb begriffen, gelangte er auf die staubige Landstraße. 299 Auf ihr kam der Stadt entgegen ein junges Mädchen in der Tracht der niederösterreichischen Landbewohnerinnen. Am linken Arm trug es ein Bündel, jedenfalls seine Habseligkeiten enthaltend. Die Kleine, allem Anschein nach höchstens fünfzehn Jahre zählend, blieb einen Augenblick rastend stehn. »He, wohin, Schatzerl?« frug Wimmer die Wanderin. Diese sah verschüchtert auf den nichts weniger als Vertrauen erweckenden Burschen. Aber offenbar im Gefühle höchster Verlassenheit, das den Menschen wieder zu Menschen drängt, und wären sie noch so unliebenswürdig, antwortete sie der Frage. »Z'Wean zua, auf d' Alserstraßen.« Der »krumpe Seppl« meckerte vergnügt, was er und noch einige Freunde lachen zu nennen beliebten. »Geh, hörst! Auf d'Alserstraßen? Tragst do dein Binkl auf der Seiten, net, wia si's g'hört, vurn, wannst auf d' Alserstraßen willst.« Das arme Ding sah ihn überrascht und verständnislos an. Es vermutete wohl einen Scherz, konnte ihn aber in Seppls Worten nicht finden und ward darum um so ängstlicher. Obwohl nur wenige Bahnstunden weit herkommend, war das Kind armer, schwergeplagter Taglöhnerleute mit Städtern fast in keine Berührung gekommen. Es war wie so viele andere in die Großstadt gesendet worden, dort sein Fortkommen zu finden oder, wie es heißt, »sein Glück zu machen«. Und angesichts des ersehnten Ortes an der äußersten Grenze der mächtigen Stadt trat dem harmlosen Mädchen, wie als Mahner umzukehren, niemand Geringerer entgegen als Josef Wimmer, der sich unter vielen andern 300 Hervorragenden seines Standes zweier ebenso schöner als bezeichnender Spitznamen rühmen durfte. Dieser grinste noch vor Vergnügen über die Bestürzung des »Landknödels«, wie er die Kleine bei sich titulierte, und da sein Humor von ausführlicher, epischer Breite war, und der »Witz« mit der Alserstraße ihm der Fortsetzung wert dünkte, fuhr er fort: »I hab' ah a Bekannte auf d'r Alserstraß'n, auf Nummero ans . Sie tuat durt, scheint m'r, Stiag'n und Gäng' reib'n, zur Abwechslung Kartandln pick'n und g'fallt's ihr so weit recht guat auf ihr'n Platz, nur daß die Kost so anfach is. Und kan Ausgang gibt's. Sie möcht' desweg'n gern furt, aber die Herrnleut' lassen s' net aus. Hat ah sein Schlechts, wann mar denen Herrnleut'gar so guat g'fallt.« »Mir wär's nit z'weg'n vieler Arbeit, und Ausgang braucht i just a net, wann nur zun verdeana war«, meinte die Gefoppte harmlos. »Und wo willst denn du hin auf d' Alserstraßen?« forschte Seppl. »Auf Nummer vierzig, zu oana Bas vom Vodan. Bei der kann i a Weil wohna, bis i oan Deanst g'fund'n han wir.« »No, und wia haßt denn, Schatzerl?« »Kathl. – Kathl Umlauft.« »Von wo kummst denn?« »Von . . . .« Kathl nannte ein Dorf in der Nähe Wiens. »Und da bist z' Fuaß gangen? Um a paar Sechserln hätt'st mit der Eisenbahn fahr'n kinna.« »O, oa schöns Trumm bin i mit an Wag'n von 301 Eislerbauern g'roast. Sel hat mi nix kost't, z' Fuaß geh' i erst seit der Fruah. Um drei bin i von *** wegmarschiert.« »Da mußt aber schon damisch müad sein. Jetzt hast extra no an weiten Weg vur dir.« »Is wahr?« fragte Kathl erschrocken, »da bin i do schon z'Wean.« »Dös schon, Herzerl, aber Wean is so groß, daß d'ganz guat no a drei, vier Stünderln hast, bis d' in d' Alserstraß'n kummst. Du derbarmst mi, waßt, und i wir d'r an Weg zag'n, der um d' Halbscheid kürzer is. Gib her, i trag d'r a bißl dein Binkl. Schwar is er grad net,« meinte er, nachdem er das Bündel prüfend gehoben, das ihm die ahnungslose Kathl gereicht, »schwar is er net, aber er muaß di do net klan druckt hab'n. A so a schwach's Ding wia du! Muaßt no net lang aus d'r Schul sein, was?« »Zwoa Jahr schon«, sagte Kathl. »Was hast denn alls in dem Binkel?« »No – a Wäsch, was zan essen und a Flasch'n guat'n Wacholder für d' Bas.« Seppl spitzte die Ohren. Alles Spirituose hatte für ihn sozusagen einen guten Klang. Trieb ihn anfänglich die Langeweile, eine Unterredung mit dem Mädchen zu beginnen, in weiterem Verlauf eine gewisse Gutmütigkeit, so war das vorerst unbewußte Verlangen, das arme Landkind zu bestehlen, jetzt zu reifem Vorsatz erwacht. Vor allem hieß es, dasselbe an eine einsame Stelle zu locken. Seppel wies daher auf das freie Feld, in die Gegend, wo sich ein welliges Terrain befand, das erst in weiter Ferne von Neubauten und Fabriksschloten überragt wurde. »Durt is d' Alservurstadt«, sagte er. »Wannst auf dem Weg da weitergangen warst, war's g'wesen wia mit d'r 302 Kirch'n um's Kreuz. Da schneid'n mar in ganzen Bod'n ab. So kumm mit!« In allernächster Nähe vor sich sah Kathl die ersten Häuser, die Ausläufer der Wienerstadt. In der von Seppl angegebenen Richtung aber nur Felder, weiter Hügelland, und ganz, ganz weit wieder Häuser. Ihr anfängliches Zutrauen wich einer unbestimmten Befürchtung. Man hatte ihr den Weg so genau beschrieben, und unter anderen Verhaltungsmaßregeln, wie die, beim Eintritt in die Stadt den nächstbesten Wachmann zu befragen, war die am meisten eingeprägte, sich nicht mit einem Manne in ein längeres Gespräch einzulassen, jede Begleitung abzulehnen, überhaupt möglichst allein, oder in zahlreicher Gesellschaft ihren Weg fortzusetzen. Kathl wendete daher gegen den Vorschlag Seppls schüchtern ein, sie wolle nur so rasch als möglich in die Nähe von Häusern kommen, und der Weg über die Felder sei ihr zu »ent'risch«. »Von mir aus«, sagte Seppl in der Art eines gekränkten Biedermanns. »Wannst aber vier, fünf Stunden in Wean herumg'hatscht bist, und muaßt d'r eppa zan Schluß an Komfortabler nehmen, der di zwa Guld'n kost't – – mir kann's recht sein.« Das sparsame Kind des Landes horchte hoch auf. Zwei Gulden für etwas ihm Unbekanntes! – – – »Zwa Guld'n? Ja, warum denn?« »Waßt, Madl, dös is a so«, explizierte der freiwillige Cicerone. »Jetzt gehst du weiter und kummst zu an Wachter. Der mant: Gengan S' dö Straßen furt, so weit als kinna, dann rechts, die zweite Gass'n nmi, dann die erste Gass'n rechts, dann wieder links, so weit als geht – und dann fragen S' wieder! Und mit dem rechts und links und gradaus, 303 umi, hintri und füri wirst so damisch, rennst umaranand, bis d' in zwa Stund' wieder zu dem Bojazza kummst, der d'r dann dö G'schicht a zweitsmal so patschert derzählt, nur sagt er dann wieder ganz was anders. So stehst da und platzt, weil's di schon gar nimmer auskennst, no so bleibt nix übri, als du nimmst an Anspanner, der di auf d' Alserstraß'n führt. Manchmal tan s' es ah umsunst, aber da braucherst no a Jahrl zu so aner Gratisfuhr.« Man wird zugeben, daß der »krumpe Seppl« eine gewisse Anschaulichkeit in Beschreibung von unangenehmen Situationen entwickelte. Man hält aber auch nicht ungestraft an einer Idee fest, und wäre diese ursprünglich noch so harmlos scherzhafter Natur. War anfänglich eine komische Ideenverbindung durch das einfache Wort »Alserstraße« nicht ganz unabweisbar – durch dessen öftere Wiederholung mußte sie die Reihe von Wirkung bis zur Ursache zurücklaufen. Merkwürdig genug, daß die Ideenassoziation sich nur auf das eine Gebiet beschränkte, und der inhaltsreiche Name der Straße die Perspektive nicht erweiterte. Kurz, die Absichten des hilfreichen Beraters gewannen an Breite, ohne in der Tiefe zu verlieren. Er kalkulierte: das eine hindert nicht das andere. Ergo treffe ich zwei Fliegen auf einen Schlag. Das Mädchen war unschlüssig und ängstlich geworden. Aber die Aussicht, durch die Begleitung des Burschen eine Weg- und Geldersparnis zu erzielen, machte alle Bedenken verstummen. Kathl erklärte sich bereit, ihrem Führer zu folgen. Wohl über eine halbe Stunde waren die beiden gegangen, als sie zu einem langgestreckten Hügel gelangten. Ringsum war alles still. Die Gegend einsam und wenig begangen. Plötzlich erklärte Seppl, eine kurze Rast schiene sehr 304 angezeigt. »I bin erst aus'n Spital kummen,« machte er seiner Begleiterin weiß, »und no a bißl schwach. G'essen hab' i heut ah no weni, und so packt's an halt so für'n Augenblick . . . .« Des Mädchens Teilnahme wurde durch diese plausible Erklärung des Rastbedürfnisses geweckt. Es besaß ja in seinem Bündel noch Eßvorräte und es war nur natürlich, seinem uneigennützigen Begleiter, der trotz seiner angeblichen Spitalschwäche das Bündel rüstig trug, einen Imbiß anzubieten. Kathl schlug daher dem Burschen eine kurze Rast vor, und erklärte ihre Absicht, einige Eßwaren zu gemeinsamer Stärkung zu verwenden. Seppl folgte natürlich ungesäumt der Einladung. Beide ließen sich ins Gras nieder und Kathl öffnete ihr Bündel. Es war wenig genug, was sie zum Vorschein brachte. Einen dürftigen Anzug, einige Wäschestücke, ein Stück Selchfleisch, einen halben Laib schwarzes Brot, etliche Kolatschen mit Powidl und Topfen. Was am meisten die begehrlichen Blicke Seppls auf sich zog, war die Flasche mit Wacholderbranntwein. Im übrigen war er enttäuscht, es hatte sich wahrlich nicht gelohnt, wegen solcher Lappalien so viel Kriegslist aufzubringen. Seine weiteren Absichten richteten sich von nun an nur auf die Branntweinflasche und – die Person der armen unschuldigen Kathl. Nichtsdestoweniger ließ er sich das Angebotene gut schmecken. Es gibt Dinge im Leben, die so natürlich sind, daß wir den Einrichtungen zu deren Erledigung auf Schritt und Tritt begegnen, ohne jemals auch nur das mindeste Erstaunen über ihr Bestehen zu empfinden. Dieses wird erst geweckt, wenn man gezwungen ist, auf eine nähere Erörterung des 305 Bedürfnisses einzugehen, das an zivilisierten Orten oft ganz umfangreiche Einführungen erfordert. Im freien Felde, ohne das forschende Auge eines Zeugen verschiedenen Geschlechts auf sich gerichtet zu fühlen, erledigt man die heikle Angelegenheit manu brevi . In diesem beneidenswerten Falle befand sich Kathl augenblicklich nicht. Mit einem besorgten Blick auf ihr Besitztum und ihren Begleiter, erbat sie sich die Erlaubnis für kurze Zeit, über den Rasenwall zu steigen. Ihr errötendes Gesicht und die hilflose Art, wie sie ihre Entfernung plausibel machen wollte, veranlaßten den »krumpen Seppl« auf eine Weise zu grinsen, daß das Mädchen im ersten Augenblick einen Krampfanfall vermutete. Kaum allein, zog Seppl sein Taschenmesser und mit einer Virtuosität ohnegleichen hatte er die festverkorkte Flasche geöffnet und ließ in vollen Zügen die brennende Flüssigkeit durch die ausgepichte Kehle rinnen. Beides spielte sich so rasch ab, daß Kathl bei ihrer Rückkehr nicht das mindeste bemerkte. Die Flasche lag ebenso wohlverkorkt wie zuvor da. Mit Wimmer war aber eine eigentümliche Veränderung vor sich gegangen. Sein Gesicht glühte, und die Augen leuchteten in dem eigentümlichen, nur Trunkenen eigenen Glanze. Das Mädchen, welches die Dämmerung herannahen sah, drängte zum Aufbruch und machte sich daran, das Bündel wieder zu schnüren. Aber ihr Begleiter, bei dem trotz seiner Ausgepichtheit der rasche Trunk des starken Naturbranntweins seine Wirkung getan, suchte sie mit lallender Zunge zu längerem Bleiben zu bewegen. Dabei hafteten seine Blicke mit funkelnder Begehrlichkeit an dem erst in Entwicklung begriffenen Körper des Landkindes, das, von plötzlicher 306 unheilvoller Ahnung ergriffen, sich mit seinen Vorbereitungen beeilte. »Laß stehn, Schatzerl,« lallte Seppl, »leg'n m'r uns a bißl nieder, auf d' Alserstraß'n kummst allweil zeiti' g'nua. Bist eigentli a sauberer Kerl, muaß i d'r sag'n. Hast eppa schon an Liabhaber, ha?« Kathl nestelte, ohne eine Antwort zu geben, fieberhaft an den Schnüren. »Wirst do schon wissen, daß's zwaerlei Leut' gibt. Tua net so! Zu was war'n s' denn auf der Welt? Geh, kumm zuwa a bißl, siecht uns eh ka Katz da.« Dabei zog er das Mädchen am Arme neben sich nieder. »Ruah geb'n,« flehte dieses, »lassen S' mi gehn! Es wird schon so spot, mein Gott, und i woaß gar net, wo m'r san.« »Im Himmel, Mauserl. Wirst spitzen, wia schön als im Himmel is. Da is guat. No was ruckst denn allweil weg? Bleib nur da. So leg' di schön nieder.« Und indem er das zitternde Mädchen um die Schultern faßte, warf er es der Länge nach zur Erde. Kathl, der das Entsetzliche ihrer Lage zum Bewußtsein kam, schrie laut um Hilfe und versuchte sich aufzurichten. »Was schreist denn, blöde Karnalli? Halt di ruhig, sag' i, sunst . . . .« Aber die vor Angst Verzweifelte schrie um so stärker, je brutaler Seppl in seinen Angriffen ward, der sich übrigens um die Hilferufe wenig zu bekümmern schien. Hier war seine Domäne. Wenn wer kam, konnte es höchstens ein Genosse sein, der dann mit denselben Absichten dieselbe Ausführung des Verbrechens verband. An aller Rettung verzweifelnd, starrte das arme Opfer um sich, die letzten schwachen Kräfte versagten, ein gellender 307 Ruf noch . . . . Da, hob sich nicht, auf dem Walle stehend, eine Gestalt dunkel ab von dem rosigen Abendhimmel? Kathl hatte noch die Empfindung daß diese Gestalt sich loslöste und von ihrem erhöhten Standpunkte sich herabzustürzen schien. Ein Ringen über ihr, das Geräusch von schallenden Schlägen, ein wüstes Fluchen – und als Kathl sich aufsetzte und empor sah, stand ein hübscher junger Mann an ihrer Seite, der vorerst wie hypnotisiert dem flüchtigen Seppl nachblickte. Eine geraume Weile dauerte es, bis das arme, auf den Tod erschrockene Ding fassen konnte, es sei ihm ein Retter entstanden. Kathl zog rasch das zerknitterte, zerrissene Kleid über die Beine und versuchte aufzustehen. Es gelang ihr aber nicht. Sie zitterte am ganzen Körper und lenkte erst nach einiger Zeit die Aufmerksamkeit ihres Retters auf sich, der ihr freundlich in die Höhe half und beruhigend auf sie einsprach. Endlich fand Kathl Worte und, was für ein Weib noch wichtiger ist – Tränen. Sie erzählte ihrem Retter von der Begegnung mit dem wüsten Burschen, wie er sich erbötig gemacht, als Führer zu dienen, von der kurzen Rast und ihren Folgen, die dem armen Kinde die Röte in die Wangen trieben. Dann wollte Kathl ihr Bündel aufnehmen, aber es war verschwunden. Diese Entdeckung rief neuerliche Bäche von Tränen hervor, und die Verzweiflung des armen Landmädchens erreichte ihren Gipfelpunkt. Ludwig, denn er war der heldenmütige Retter in höchster Not gewesen, den sein Spaziergang zu rechter Zeit hergeführt hatte, ließ sich den Inhalt beschreiben und als er über das Inventar im Reinen war, tröstete er die Weinende, indem er Ersatz versprach. Diese Zusage konnte in Anbetracht der Armseligkeit der geraubten Schätze keine übereilte genannt werden. 308 »War es Zufall, war es Fügung,« sprach Ludwig mehr zu sich als zu dem Mädchen, »nun werde ich meinen Mann nimmer verkennen. Gesehen habe ich ihn schon einmal, denn Leute wie er vergißt man nicht so bald. Aber wo war es das erstemal? – Ich führe Sie jetzt auf dem kürzesten Wege zurück und wir werden die Anzeige bei der Polizei erstatten«, wandte er sich an Kathl, die noch immer zur Erde starrte, als ob diese in unrechtmäßigem Appetit ihr Bündel verschlungen hätte und nur durch starres, hypnotisierendes Fixieren zur Rückgabe zu bewegen gewesen wäre. Plötzlich bückte sie sich und hob ein Messer auf. »Do is sein Messer. Mit dem hat er 's Brot und 's G'selchte g'schnitten. Er muaß's rein verlurn hab'n bei der Rafferei.« So war es tatsächlich, nur fand der Verlust früher statt, sonst hätte Ludwig wohl einige Zoll Eisen zwischen den Rippen gehabt, denn es war, wie sich dieser bei näherer Betrachtung überzeugte, ein wackeres Klappmesser mit langer geschweifter Klinge und scharfer Spitze. Vergeblich hatte der überraschte »Pülcher« während des Ringens nach der Tasche gefühlt. Zu Ludwigs Glück hatte er nach der Manipulation an der Wacholderflasche in der Eile »danebengesteckt« gehabt und so war es ins Gras gefallen. Den Schlägen des andern gegenüber hatte er keine Widerstandskraft besessen und, das Bündel mit seinem kostbaren Schnapsinhalt aufraffend, hatte er »Pali angesagt«, das heißt, das Weite gesucht. Sehr zu seinem Nachteil, denn wie er so dahinfloh und seine Silhouette sich vom brandroten Horizonte abhob, hatte Ludwig niemand anderen erkannt als die Gestalt, die nach Herrn Holzingers Ermordung mit derselben Eile zu entkommen strebte . Dieser, an Schnelle 309 blitzartige, unverwischbare Eindruck des dahinhumpelnden Schattenbildes hatte seine Auferstehung gefunden. Ludwig, in der nicht ungerechtfertigten Besorgnis, der verwegene Bursche könne mit Assistenz zurückkehren, in welchem Falle das Abenteuer eine bedenkliche Wendung für ihn wie für das Mädchen nehmen konnte, trieb zu schnellem Verlassen des Ortes. Erst als sie die ersten Häuser hinter sich hatten, atmeten beide erleichtert auf. Im Polizeikommissariate angelangt, legte Ludwig den Vorfall dar. Wenn er gehofft hatte, man werde sich beeilen, unverzüglich die Ausforschung des Täters anzuordnen, täuschte er sich. Ehe die zwei noch vor den Kommissär gelangten, ließen ihn die anwesenden Wachmänner den Tatbestand erzählen. »Das Madl is aber ah z' blöd'« meinte einer, »wann's auf so an Marker fliagt, daß d' Alserstraßen bei dö Ziagelöfen liegt. Siecht die Häuser vur ihr und laßt si so was einreden. Und dann so an Strotter no derzähln, daß s' an Schnaps im Binkel hat. War rein notwendi, daß m'r so a Weibsbild von daham abholert, daß ihr ja nix z' Weandorf g'schiecht.« Auch der Kommissär nahm sich des Falles nicht so heiß an, als es den Umständen nach anzunehmen war, wenigstens Ludwig glaubte. Endlich machte dieser Gebrauch von seiner Entdeckung. »Herr Kommissär,« sagte er, »es handelt sich in diesem Falle noch um ein anderes Verbrechen, das bisher ungesühnt geblieben.« Der Beamte, der noch nicht lange an Stelle des früheren 310 Kommissärs an diesem Posten amtierte, und dem Ludwig persönlich unbekannt war, forderte nähere Aufklärung. »Ich spielte vor einiger Zeit«, fuhr Ludwig fort, »in einem nächtlichen Drama eine gewisse Rolle als Augenzeuge. Ich meine den Mord an Herrn Holzinger.« Der Kommissär fuhr erregt von seinem Sitze empor und starrte Ludwig überrascht an. »Was wollen Sie damit sagen?« »Daß der Mann, der heute das Attentat an diesem Mädchen versuchte, und der Mörder Herrn Holzingers . . .« »Eine Person sind?« rief der Beamte. »Gewiß. Ein seltener Zufall brachte mich auf diese Entdeckung.« Nun erzählte Ludwig von der Flucht des Verbrechers, und wie er diesen an dem eigentümlichen Laufen und in der so oft erwähnten Silhouette wieder erkannte. Dann zog er das von Seppl verlorene Messer hervor und überreichte es dem Polizeibeamten, der fast mit Gier die Klinge aufschnappte und nach Spuren des Blutes suchte, die aller Voraussicht nach an diesem Messer zu finden sein mußten. »Und nun eine Hauptfrage,« nahm der Kommissär das Wort, »würden Sie den Mann wieder erkennen? Ich meine von Gesicht aus.« »Ich kenne ihn schon längere Zeit, bin mir nur nicht bewußt, wo ich ihn gesehen habe. Es ist eine Gestalt und ein Gesicht, die man nur einmal zu sehen braucht, um sie für immer im Gedächtnis zu behalten. Der Mann ist geradezu abschreckend häßlich, blatternarbig, einäugig . . . . . .« Immer qualvoller ward Ludwig das Nachsinnen darüber, bei welcher Gelegenheit er den Burschen schon gesehen. »Solcher Leute wird es nicht allzuviele geben, und ihn zu finden ist nur eine Frage der Zeit.« 311 Ein Wachmann trat ein und erstattete mit halblauter Stimme eine Meldung. Während des Gespräches schlug an Ludwigs Ohr das Wort: » Pritschen .« Und als ob es der Zauberschlüssel gewesen, in die unklare, dämmernde Erinnerung zu dringen, stand auf einmal vor seinen Augen in voller Klarheit die Szene, die sich in Herrn Tänzingers Lokal abgespielt, als er sein Empfehlungsschreiben überreicht hatte. Noch hörte er die Worte des betrunkenen, scheußlichen Weibes: »G'flickte Polizeipritsch'n, henk' di auf!« Das einzige Wort, das aus des Wachmannes Meldung ihm wie etwas Bekanntes entgegengedrungen war, in Verbindung mit dem Begriffe Polizei hatte Seppl ans Messer geliefert. »Hallo! Ich hab's, Herr Kommissär!« tönte Ludwigs Stimme in die Unterredung der zwei Sicherheitsorgane. »Der Bursche nennt sich, oder man nennt ihn den »krumpen Seppl« oder »g'flickte Polizeipritsch'n«.« »Ah!« rief der Beamte mit solchem Tone der Befriedigung und rieb sich so vergnügt die Hände, daß man annehmen konnte, Seppl sei ein sehr guter Bekannter, dem glücklich ein Bein zu stellen gelungen war, »jetzt haben wir ihn einmal fest. Dem läßt sich so was zutrauen.« In dieser neuen Beleuchtung erhielt auch der »Fall« Kathls eine erhöhte Wichtigkeit. Um das Mädchen vor weiteren Fährlichkeiten zu schützen, wollte man ihm sogar ein Sicherheitsorgan in Zivil zur Begleitung mitgeben. Ludwig jedoch, der ohnehin in nächster Nähe des Hauses wohnte, das Kathl als ihr Ziel bezeichnet, beschloß, seinen Ritterdienst zu Ende zu führen und das Kind wohlbehalten den Händen seiner Verwandten auszuliefern. Auf viel kürzerem und sichererem Wege, als die 312 fruchtbare Phantasie des »krumpen Seppl« ersonnen, nämlich mittels der Pferdebahn, gelangte Kathl in die Alserstraße, die für Herrn Wimmer bisher nur geeignet war, sehr lächerliche und kitzelnde Vorstellungen auszulösen, und die jetzt bereit schien, ihm auch deren Reversseite zu zeigen. Ludwig überdachte, zu Hause angelangt, auf seinem Diwan liegend, die heutigen Ereignisse, und mußte sich gestehen, daß er für einen so kurzen Aufenthalt in der Residenz der aufregenden Erlebnisse mehr als genug gehabt. Eine unangenehme Empfindung überkam ihn bei dem Gedanken, wie er nun wieder, im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehend, das Opferlamm des Molochs Sensation werden würde. Wenn das dem feschen Huxtl passiert wäre, der zur Stunde in seinem Spitalkittel das Zimmer des Krankenhauses durchschlürfte und sich vergeblich bemühte, seiner Kehle auch nur einen reinen Ton zu entlocken! 313   Achtzehntes Kapitel. (Seppl setzt seine Dummheiten fort und sieht zu spät ein, daß er gefoppt wurde.) Man war in letzter Zeit in Polizeikreisen wie in den Kreisen der anständigen Bewohnerschaft des Bezirkes äußerst nervös geworden. Die öffentliche Sicherheit litt in bedenklichem Maße. Die Fälle standen förmlich auf der Tagesordnung, daß bald hier, bald dort ein raffinierter Einbruch verübt, eine ahnungslose Gesellschaft von verdächtig aussehenden Burschen belästigt, ein einsamer Passant oft fast unter den Augen der ohnmächtigen Polizei angefallen wurde. Ausräumung von Geschäftslokalen, Beraubung von einsam die Straße ziehenden Güterwagen, Überfall von Frauen und kleinen Mädchen, die ihr Weg über ein Feld führte, ausnahmsweise sogar eine Brandstiftung, regten das Publikum wie die Polizei gleicherweise auf. Wüst aussehende, verkommene Burschen lungerten im Verein mit aufsichtslosen Schulknaben an allen Ecken und Enden umher, die Großen als unheilvolle Berater des heranwachsenden Verbrechergeschlechtes. Schulpflichtige Mädchen begleiteten diese Vaganten und in der Roheit und Niedrigkeit ihrer Ausdrücke überboten sie so manche erfahrene, langgediente Dirne. Es war unangenehm einer solchen Horde zu begegnen, und unmöglich ihr auszuweichen. Irgendein kleiner Knirps ward ausgesendet, einen des Weges daherkommenden Passanten zu molestieren. Es hielt 314 schwer, angesichts der Beleidigungen und Schmähungen eines so verwahrlosten, kleinen Bösewichts die Hand nur im Sacke zu ballen. Wehe, wenn einer seinem ehrlichen Zorn Luft zu machen versuchte! Dann bekam er es mit den Großen zu tun, die irgendeinen an den Haaren herbeigezogenen Anlaß benützten, ihrer Roheit freiesten Lauf zu lassen. Aus gewöhnlicher Langeweile eröffneten sie, in einem Graben verborgen, gegen eine vorbeiwandelnde Person ein Steinbombardement, unbekümmert darum, daß nicht selten sehr gefährliche Verwundungen dessen Folge waren. Die kleineren Mitglieder dieser strolchenden Banden waren das Entsetzen der Lehrer, die angesichts der ganzen Klasse die unflätigsten Beschimpfungen anhören mußten und, wie die Polizei in ihrem Wirkungskreis, vollständig machtlos waren. Es gibt nichts, das annähernd so rasch um sich greift, so zerstörend und verwüstend wirkt, als Verrohung. Die kleinen Buben werden anläßlich irgendeiner brutalen Tat von den Großen belobt – und dieses Lob immer aufs neue zu verdienen ist das Bestreben des Taugenichtses. Weniger wundern konnte man sich allerdings über die Verderbtheit der kniehösigen, ohrfeuchten, künftigen Zierden der Gerichtssäle, als sehr, sehr oft über deren Erzeuger und Ernährer. »Hast schon recht, Peppi,« sagt so eine Mutter oder ein Vater, »lass' d'r von dem Tepp'n nix g'fallen. (Gemeint ist der Lehrer.) Wann er di no anmal hierbleib'n laßt, geh' i hin und gib eahm a Watschen.« Oder der Junge erzählt von einem recht verderbten Streich, den er dem Lehrer gespielt. Der Vater schmunzelt und sagt anerkennend: »Da hast scho recht g'habt. Wann er dir was tuan will, sag' m'r's nur, dann 315 wir i eahm's zag'n. Gehst überhaupt net in d' Schul, is am besten.« Also die Polizei war sich klar geworden darüber, daß etwas zu geschehen habe, der Verbrecherbande (um eine solche und wohlorganisierte handelte es sich) habhaft zu werden. Ohne die werktätige Hilfe des so schwer gekränkten und ungerecht beurteilten Blaschke wäre dieses Vorhaben wohl noch lange nicht zu verwirklichen gewesen. Seit dem Tage, da er in so energischer Weise seinen Ruf als schmählicher Pantoffelheld und unverbesserlicher Trunkenbold Lügen gestraft und die wichtige geheime Unterredung mit dem Kommissär gehabt, war er mit der Polizei in steter Verbindung geblieben, und dort einlangende Briefe enthielten mit kurzen Worten und ohne orthographische Bedenklichkeiten die wichtigsten Nachrichten. Bei seiner damaligen Einlieferung ins Polizeigefangenhaus hatte Blaschke durch Zufall ein Gespräch zweier Mitgefangenen erhorcht. Was ihm daran besonders auffiel, war der Name eines sehr guten Bekannten, der in der Auseinandersetzung der beiden eine ziemliche Rolle zu spielen schien. Die Sprechenden hatten auf den scheinbar fest Schlafenden wenig Rücksicht genommen und noch weniger den Verdacht gehegt, daß sie belauscht würden. Es waren zwei Taschendiebe, die im Moment betreten wurden, als sie ihre Finger in fremde Säcke versenkten. Wenngleich sie an verschiedenen Orten und nicht zu gleicher Zeit operiert hatten, waren sie doch gute Bekannte und erzählten sich nun von ihren widrigen Schicksalen. Das ganze Gespräch hätte den mit sich selbst genug beschäftigten Blaschke nicht weiters interessiert, wäre ihm nicht der bewußte Name aufgefallen. In weiterer Folge erfuhr er auch, welche Bedeutung derselbe hatte. Es war mit 316 einem Wort die Rede von dem biederen, wackern Hausmeister des Hauses Nummer 37, der mit den Geschicken der Verbrecherbande in ganz eigenartiger Weise verflochten erschien, die später geschildert werden soll. Die Behörden waren sich über die Mitglieder der Kompagnie keiner Täuschung bewußt. Man kannte sie so ziemlich alle, wie den Dandy mit der silbernen Uhrkette und dem Flinserl im Ohr. Man traute ihnen nicht mit Unrecht jedes Verbrechen zu, und hatte nur keinen Anlaß, jemals einzuschreiten. Die höhnischen, lauernden Blicke der herumlungernden Tagediebe drängten sich den vorüberschreitenden Wachleuten förmlich als Zeugen auf, aber die moralische Überzeugung genügte nicht, wo die Beweise fehlten. Immer mehr häuften sich in letzter Zeit nach längerer Pause die verwegensten Anschläge auf Eigentum und Sicherheit. Blaschke hatte einige Male Besuch gehabt, entweder war es ein Arbeiter mit rußigen Händen im blauen Werkstattanzug, oder ein anscheinend etwas alkoholisierter Bauarbeiter, und jedermann würde sich verwundert haben über die Wichtigkeit des Gegenstandes, der in ziemlich gedämpfter Sprechweise beraten wurde. Einmal ging sogar Blaschke mit seinem Besucher in den Keller, und beim Heraufkommen trugen beide die Teile einer alten Bettstätte, die der letztere wohl zur Vermehrung seines Wohngerätes dem Freunde abgekauft. Unter anderen, die sich auf der polizeilichen Liste sehr Verdächtiger befanden, nahm seit langem der »krumpe Seppl« eine keineswegs untergeordnete Stellung ein. Der verschlagene, heimtückische Bursche, der noch niemals in irgendeinem Einverständnisse mit einer ehrlichen Arbeit betroffen wurde, lebte zuzeiten ganz kavaliermäßig, insofern sich dieser Ausdruck auf verhältnismäßig große Ausgaben anwenden läßt. Jedenfalls viel größere Ausgaben, als sie ein arbeits- und 317 einkommenloses Dasein erklärlich machte. Bei aller sonstigen Schlauheit hatte sich diesmal Wimmer im wahrsten Sinne des Wortes die Schlinge selbst bereitet. Bedeutend schneller, als er nur ahnen konnte, war er ausgeforscht und am Rückwege von »Vatta Danzinger« von drei Geheimpolizisten in unauffälligster Weise in einer stillen Seitengasse festgenommen worden. Die Vorsicht war auch keine überflüssige. Denn als die Detektivs ihren Fang in dem sie langsam begleitenden Einspänner wohlgefesselt untergebracht hatten, tauchten auf den schrillen, eigentümlichen Pfiff, den Seppl, ohne daß man ihn hindern konnte, ausgestoßen hatte, wie aus dem Nichts einige Bursche auf, die mißtrauisch die Straße auf- und abspähten. Unterdes rollte der Wagen rasch davon. Auf der Wachstube fand man es geraten, den nicht sehr nüchternen Arrestanten sofort einem Verhör zu unterziehen, das sich vorerst nur auf das harmlosere Sündenregister Seppls beschränkte. Von dem Morde war gar keine Rede, um vor allem Geständnisse zu erhalten, die auf die Diebs- und Einbruchsgenossenschaft sich bezogen. Man hoffte, die erste Überraschung, die Trunkenheit würden Seppel vielleicht manches ausplaudern lassen, was er bei kühler Überlegung wohlweislich für sich behalten hätte. Man ignorierte auch die Schimpfworte, in denen sich der aufgebrachte Seppl gegen die Detektivs, die Wachleute, den Kommissär, die ganze Institution der Polizei bis auf die »Großschädlerten« hinauf erging und bemühte sich nur, ihm den Glauben beizubringen, er sei das Opfer der Denunziation irgendeines Genossen und er würde durch Offenheit und Vermeidung aller Winkelzüge mit einem blauen Auge davonkommen. Da seine Beteiligung an verschiedenen 318 Einbrüchen als eine mehr oder minder belanglose dargestellt wurde, mußte Seppl wirklich glauben, irgendein Schuft habe ihn »verzunden«. So schlau und verschlagen der Verbrecher auch war, seine augenblickliche Stimmung machte ihn den Einflüsterungen der gewohnten Klugheit minder zugänglich. Sein Rausch, die durch so schnelle Überrumpelung erzeugte Verblüfftheit, der erste Schreck, es könne sich vielleicht um ganz andere, ernstere Dinge handeln – die Wahrscheinlichkeit einer Denunziation –, das Bestreben, durch Eingeständnis kleinerer Delikte die Enthüllung der großen, schweren zu verhüten – alles wirkte zusammen, ihn Dummheiten begehen zu lassen, für die er sich nachträglich am liebsten den Schädel eingerannt hätte. Am wenigsten dachte er, merkwürdig genug, an die Geschichte mit dem »Landknödel«. Es war ja ein so geringes Verbrechen in seinen Augen, das er begangen und begehen wollte, daß ihm die Erinnerung daran keinerlei Beschwernis verursachte. Wohl aber herrschte im Augenblick ein Gefühl vor, das alle anderen überwog: Rachsucht. Er reservierte einstweilen im Kontobuche seines Hasses dem ihm noch unbekannten Namen des Denunzianten den gehörigen Platz. Es war keine Kleinigkeit, mit bloßen Andeutungen und hingeworfenen Namen etwas halbwegs Zusammenhängendes aus dem verschlagenen Burschen herauszulocken. Aber dem scharfen Beobachter entging nicht, wie bei Erwähnung gewisser Personen sein eines Auge tückisch aufblitzte (das andere war gelegentlich einer Rauferei eingeschlagen worden), und wie die Lippen ein hämisches Lächeln umflog, als wollten sie sagen: auch ich kann zurzeit mit Auskünften dienen. »Schaun S', Wimmer,« sagte der verhörende Kommissär, sich gemütlich zurücklehnend und Seppl so gütig wie einem 319 kranken Roß zusprechend, wobei er sich jovialerweise des Wiener Dialektes bediente, »ich werd' Ihnen was sag'n. Geht's so oder so, anmal kommen wir doch auf eure G'schichten. Zünd't der nix, so der andre . Übrigens stehn mir auf eu're G'ständnisse gar net soviel an, es san noch andre Leut', die a bissel was wissen, grad g'nug für manchen von euch.« Seppl beschränkte sich auf die Versicherung, daß ihm die ganze Welt was tun könne, was er für seine Person keinem zweiten angedeihen lassen mochte. »Ja, ja, mein lieber Wimmer,« die Jovialität fing an, dem Beamten Beschwerden zu verursachen, »is alles recht. Wann Ihnen an der Welt so wenig liegt, so der Welt mehr an Ihnen. Und passen S' auf! Ein, zwei Jahrln und sieben oder zehn – Sie, das is a Unterschied.« Wieder beschränkte sich Seppl auf die vorhergegangene Versicherung. »No, mir is recht. Sie springen eini, und d' andern lachen si den Buckel voll. Mir tut's lad um Ihnen, wirklich, Sie san grad net der Schlechteste und . . . . .« Der Sprecher hielt inne und merkte, daß er sich arg verrannt. Denn Seppl grinste ihm mit so vielem Hohn ins Gesicht, daß der Inquirierende sich gestehn mußte, die Sache beim verkehrten Ende angefaßt und den hartgesottenen Sünder mit einem plumpen Kniff auf die Gefahr aufmerksam gemacht zu haben. »No, es is guat,« verbesserte er sich, »von Euch is anmal nix herausz'bringen. Führ'n S' ihn ab,« wendete er sich an zwei bei der Türe harrende Wachleute, »und bringen Sie dann Herrn Brinka herein. Der wird wohl von den Streichen Herrn Wimmers mehr wissen. Gehn S', gehn S'!« 320 drängte er den vor Staunen fast mit offenem Munde dastehenden Seppl. »Wos?« schrie der, »dös is der Hund? Aha! denkt hab' i so was. – Der hat mi verwamst? D'r Brinka?« »Ein Ehrenmann, der uns schon manchmal einen Fingerzeig geben konnte«, sagte der Herr Kommissär, der sich vorsichtig der Jovialität entledigt hatte wie eines unbequemen drückenden Schuhes. Die glückliche Tatsache war, daß Brinka , der Hausmeister des Hauses Nummer 37, einmal mit Wimmer in einen freundschaftlichen Austausch der Empfindungen geraten, bei welchem einer dem andern den Rat erteilte, »seine Baner zu nummeriern,« und der damit endete, daß Seppls glattes, liebreizendes Antlitz die Spuren sehr entwickelter Fingerzeige trug. Bei seiner rachsüchtigen, nievergebendem rohen Natur genügte der Hinweis auf die an und für sich absurde Möglichkeit, Brinka wäre der Denunziant, um Wimmer in ein Chaos von Dummheiten zu verwickeln, für die er, wie schon gesagt, später sich gerne den Schädel eingerannt hätte, wenn, was jedoch hinzuzufügen vergessen war, – ihn diese Dummheiten noch weiter beschäftigen konnten. Seppl, in dem die Geister des Alkohols noch immer einen Rundtanz aufführten, und dessen Bosheit wahre Orgien zu feiern bereit war, nahm nun keinen Anstand, Enthüllungen zu machen, die von größter Wichtigkeit waren, und die gestatteten, das lange eingefressene Übel mit der Wurzel zu entfernen. Was Blaschke ziemlich nur als Mutmaßung mitgeteilt hatte, fand durch die Aussagen Wimmers ihre Bestätigung. »Und wann i meine zwa Jahrln sitzen muaß,« rief Seppl triumphierend, »und wann's dreie, viere war'n, liegt m'r nix dran. D'r Brinka, der Schuft . . . no wart!« 321 »Jetzt noch eines, Wimmer,« begann der Kommissär behaglich, als erinnere er sich im Gespräche mit einem vertrauten Freunde irgendeines heiteren, liebenswürdigen Vorfalles aus langvergangener Zeit, »wir sind noch nicht ganz fertig. Hm! Erklären Sie mir, was war das für eine Geschichte vor zwei Tagen mit dem Landmädchen, das Sie mit Ihrer Liebe beglücken wollten und dem Sie als teures Andenken seinen Binkel mitgehn ließen?« Jetzt riß Seppl das eine Auge auf, so weit er es vermochte, und starrte den Sprechenden an. Er ahnte, daß er in eine Falle gelockt worden war, und daß seine Lage eine schlimmere sei, als er bisher vermutet. »Nun?« drängte liebevoll der andere. »Nix war's«, sagte endlich Wimmer mit einem süßen Lächeln. »I wollt' das Mädl auf an kurzen Weg in d'Stadt führn, no, dann hab' i a Bußl verlangt dafür, und da is die blöde Gans davong'rennt und hat den Binkel vergessen. War' überhaupt dafür g'standen,« fügte er verächtlich hinzu, »kane zwanz'g Kreuzer war dös Glumpert wert.« »Bis auf den Wacholder, der sehr gut geschmeckt zu haben scheint, nicht?« »Dös is wahr«, gab Seppl zu und blickte forschend in das ruhige Gesicht des Polizisten. »Aber Sie haben einen etwas bösen Tausch gemacht«, fuhr dieser fort und spielte harmlos mit einigen Papieren. »Sie haben bei dieser Gelegenheit etwas Wichtiges, sehr Wichtiges sogar verloren, das ich an Ihrer Stelle längst in das tiefste Wasser geworfen hätte. Da schaun Sie!« Und er zog unter den Papieren, mit denen er bisher wie absichtslos gespielt, das Messer hervor, das Seppl vor zwei Tagen so ungeschickt neben die Tasche gesteckt. Dieser erbleichte einen Augenblick. Stets beunruhigender 322 ward der Verlauf des Verhörs. Aber noch immer hatte er keine Ahnung des Letzten, Schrecklichen. Die Sache mit dem Landknödel, so kalkulierte er blitzschnell, verschlechterte seine Angelegenheit, aber war nicht so arg, um deshalb den Mut und die Fassung zu verlieren. Das Messer war ihm entfallen und von dem unerwarteten Retter, dem er die Klinge bis ans Heft ins Herz gewünscht hätte, gefunden worden. Daß eine halbwegs eingehende Personsbeschreibung auf seine Spur geführt haben mußte, war ganz klar. Wenn an vielen kleinen menschlichen Schwächen, so an einer litt Wimmer nicht. Eitelkeit war ihm fremd, und er war sich der verschiedenen, nicht zur Verschönerung beitragenden Merkmale seiner Persönlichkeit bewußt. Bis jetzt war also noch kein Grund zu irgendwelcher Besorgnis gegeben. »Das ist ein Messer,« fuhr der Kommissär noch immer in dem leichten, tändelnden Plaudertone fort, »mit dem man sich recht gut wehren kann, wenn man augegriffen würde.« Seppl nickte beifällig. Das war eine Ansicht, die Kopf und Fuß hatte. »Wann mi aner anpackert, dem gangt's net guat«, versicherte er aus Herzensgrunde. »Man kann jedoch auch damit selbst anpacken, nicht?« Und die Augen des Verhörenden ruhten fest auf dem Gesichte des »krumpen Seppl,« der nun, die letzte, schreckliche Gefahr blitzschnell begreifend, von einem Zucken der Kinnladen befallen wurde. »Sagen wir, in einer dunkeln, einsamen Nacht, auf freiem Felde, begegnet mau jemandem, dessen heitere Stimmung der unsrigen verdrießlichen nicht angenehm ist. Überdies trägt der Mann eine goldene Uhr bei sich, die man selbst nicht hat, dann besitzt er Geld, das einem selber gerade 323 ausgegangen ist. Aber man hat dafür was Besseres, man hat – ein langes, scharfes, spitzes Messer. Nun, habe ich recht?« Wenn ein einziges, aufgerissenes, entsetztes, boshaft schimmerndes Auge eine ganze Geschichte erzählen kann, so war es das Auge Seppls. Aber mit keinem Laut unterbrach er die Schilderung eines Vorganges, den er nur zu gut kannte. »Also, man verlangt von dem einsamen, in rosiger Weinlaune befindlichen Manne Geld und Uhr. Der will nicht, er streitet und wehrt sich. Da, in solchem Falle ist ein wackeres Messer das beste Beruhigungsmittel. Natürlich eilt man nachher, sobald als möglich, von dieser Stelle wegzukommen, denn man könnte Ungelegenheiten haben, die Leute könnten sagen, man habe einen Mord begangen. Man läuft also davon, wird aber von einem Beobachter gesehn. Blitzschnell nur, Sie wissen das aus den Zeitungen. Nicht?« Noch immer blieb der Angesprochene stumm. »Nach einer Zeit hat der Beobachter Gelegenheit, ein Mädchen aus den Händen eines Mannes zu retten, der dem armen Kinde Gewalt antun will. Hätte der Mann sein Messer nicht verloren, sondern in seiner Tasche gehabt, wäre der Helfer in der Not eine Leiche gewesen. Der Mann muß aber entfliehn, denn der andere ist jung und stark, und wie er dem Fliehenden nachblickt, weiß er: das ist ja derselbe, den ich schon einmal für einen Augenblick auf der Flucht sah, als – Herr Holzinger ermordet wurde. Nun, ist die Geschichte nicht int'ressant?« Der Kommissär war auf der Hut, denn er kannte genug seine Leute, um zu wissen, wie gefährlich ein in die Enge getriebener Verbrecher sein kann. Er hatte sich nicht getäuscht. Mit einem Sprunge wollte 324 sich Seppl auf den Beamten stürzen, mit wilden Flüchen und Ausbrüchen sinnlosen Zornes. Aber im Nu war er von den Wachmännern erfaßt und gefesselt worden. »Hamtückischer Hund!« rief er. »Schuft! Mi so ausbratln, daß i dö andern in d'Tinten bracht hab? Wart nur wann nöt i, aber a andrer tunkt d'r's ein . . . . .« Ein Wink, und Seppl wurde hinausgezerrt. Der Kommissär lehnte sich erschöpft, aber doch behaglich in seinen Stuhl zurück und zündete eine Zigarre an. Das war einmal ein ereignisreicher Tag gewesen. Die Bekanntgabe von der Habhaftwerdung des Mörders Herrn Holzingers erweckte allgemeine Befriedigung und man konnte sich nicht genugtun in Erörterung der seltenen Umstände, die an dem Unhold zum Verräter wurden. Überall wurde das Ereignis diskutiert und wie bei solchen Gelegenheiten immer, fanden sich Leute genügend, die dem Mörder die Außerachtlassung der einfachsten Vorsichtsmaßregeln sehr zum Vorwurf machten. Daß jedes Gasthaus ein solch Konventikel von Besserwissern beherbergte, steht außer aller Besprechung. »Wann nur a so Murdsviech net dran denkert, an umz'bringen«, sagte ein Fleischhauer am Stammtisch,« wann er net anmal waß, was er nocha z'tuan hat. Das Messer g'halt i ja gar nimmer. Da nimm i a Strickl, bind's an an Stan und trag's in d'Donau.« Bei dieser gewiß außerordentlich bemerkenswerten Darlegung der technischen Fehler in Wimmers Vorgehn fallen einige Punkte besonders auf. Vor allem, daß der Kritiker die Mordabsicht unbewußt mit dem Vorhaben, ein Schwein abzustechen, zu verwechseln schien; dann eine Art von Bedauern 325 darüber, daß der Mörder in die Hände der Gerechtigkeit fiel, und schließlich die Besorgnis, daß das Messer ohne den Ballast eines angebundenen Steines die Neigung besessen hätte, an der Oberfläche des Donauspiegels umherzuschwimmen. »Zu was braucht er do erst d'Donau?« nahm ein anderer das Wort, »da mach' i a Landpartie und vergrab's wo im Wald, durt soll'n s' es suach'n.« Auch dieser Vorschlag, der für Seppl leider allzusehr post festum kam, verblüffte einesteils die Zuhörer durch seine Einfachkeit, erregte aber auch Widerspruch. »S'Messer war 's wenigste g'wesen,« sagte ein dritter, »a Messer hat bald a jeder. Aber renna hätt' er net soll'n, dös war's ja. An dem hat eahm ja der derkennt. Hätt' er si schön langsam g'schlichen, war's guat g'wesen. Aber na, rennt der Trott'l grad a so, wia er damals g'rennt is. Dös bricht eahm 's G'nack.« »Und was braucht er denn ah grad durt mit dem Madl anz'fangen? Der blöde Hundling! Da zahr i's ehnda am Laacher-Berg«, fiel ein Gemütsmensch ein. Es kam keinem in den Sinn zu sagen: Gut, daß eine Bestie unschädlich gemacht wurde, gut, daß sein Vorhaben an dem Kinde unausgeführt blieb, nein, es war nichts als ein unfruchtbares Interesse vorhanden, Mittel und Wege zu ersinnen, die den Mörder vor einer Entdeckung bewahrt hätten. »Na, hat d'r Scharfrichter wieder anmal a Arbeit. Kann er si in d'Händ' spucken. Seit'n Hackler war eh nix mehr los«, wechselte einer das Thema. »Meiner Seel, wann i a Karten kriagert, das schauert i m'r an, wann s' den Hund aufhenken tan.« »Dös is ja z'blöd mit dö Karten. Wer kummt denn da dazua? A paar Zeitungsjuden und a paar Hochgsch . . . . . 326 's Volk hat von gar nix was. Wia s' no bei der Spinnerin am Kreuz g'henkt ham, war's besser. Wenigstens ham d'Leut' a G'schäft g'macht.« »Da kunnt er von den Höchen grad überi schaun, wo er dös Mensch hat drankriag'n wöll'n, is gar net weit davon« lachte der Fleischhauer. Dieser Witz fand so allgemeinen Beifall, daß jeder in anderer Weise das Bild ausmalte, wie der Gehenkte nach der Stelle starren mußte, an der er ein Liebesstündchen zu erzwingen vorhatte. Ludwig, der sich zu seinem größten Unbehagen abermals als Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit und Neugierde betrachtet fühlte, verfluchte den Mörder schon aus diesem Grunde. Bei seinem Hang für vornehme Zurückhaltung war ihm die, wenn auch schöne Rolle in einer Vorortetragödie äußerst zuwider. Rascher, als er gedacht hätte, war die Erinnerung an die Zeit, wo er noch Bewohner des Hauses 37 war, geschwunden. Er wollte fast nimmer daran denken, daß er gezwungen war, mit einem schlichten Arbeiter sich in ein Kabinett zu teilen. Er wich auch diesem Gegenstande soviel als möglich aus, wenn besonders Universitätskollegen die Rede darauf brachten. Die menschliche Eitelkeit macht sich jeden Stand, jedes Geschlecht und jedes Alter tributär. Aber die Tage vergingen und das Interesse an dem Falle verlor sich nach kurzem wie das erstemal, um aller Voraussicht nach noch zweimal aufzutauchen: bis zur Gerichtsverhandlung und zum letzten traurigen Akt. – Ludwig war jetzt fast ständiger Gast im Hause Herrn Tänzingers. Fräulein Sidonie war außer Gefahr und fand, als sie 327 zum ersten Male zu Bewußtsein gekommen war, ihren Papa und Ludwig beim Bette stehen. Sie vermochte nur beide lächelnd anzublicken und ihnen die abgemagerten Hände entgegenzustrecken. Mit dem Sprechen war es noch nichts, dazu war sie viel zu matt und schläfrig. Hätte Sidonie Kraft zu prüfen und sich zu verwundern besessen, sie hätte staunen müssen, wie herabgekommen ihr sonst so mit Leibesumfang gesegneter Vater geworden. In diesen wenigen Tagen hatte Herr Tänzinger viel von seinem angesammelten Fette verloren. Tag und Nacht war er in Gemeinschaft mit der wartenden Klosterfrau an dem Bette seines in Delirien liegenden Lieblings gesessen, hatte beinahe keine Nahrung zu sich genommen, und die wenigen Viertelstunden, während deren er seinen Platz am Krankenlager verließ, benützte er dazu, im Geschäft nach dem Rechten zu sehen, die Aufwärter wegen Pflichtverletzung und Unaufmerksamkeit abzukanzeln, einige seiner Gäste zu bedienen und mit unendlichem Hochgefühl ihre Kreuzer in Empfang zu nehmen. Erst als seine Tochter außer Gefahr war, ließ er sich von Ludwig die näheren Umstände erzählen, unter denen er den »krumpen Seppl« als Mörder erkannte. »Dem hab' ich's vom ersten Moment zugetraut«, sagte Herr Tänzinger, »und kenne noch einige, denen ich es zutrauen würde.« – »Vatta« kannte wirklich seine »Kinder«. – In dem Maße, als Sidonie in der Rekonvaleszenz fortschritt, mußte Ludwig um so länger bei ihr sein. Sie verlangte, er solle ihr vorlesen, mit ihr Domino spielen und schließlich sogar in der Krankenstube Waldemar unterrichten, der während der ganzen Zeit der Krankheit seiner Schwester Tage verlebt, von denen er nicht wußte, wie er sich zu ihnen stellen solle. Einesteils liebte er seine Schwester trotz ihrer Tyrannei sehr und weinte, wenn er hörte, sie könne vielleicht 328 sterben. Andererseits aber hatte er jetzt Tage der köstlichsten Freiheit gehabt, denn er brauchte weder zur Schule zu gehen, noch die verhaßten Hauslektionen mitzumachen. Kaum erlangte nun seine Schwester ein wenig die Fähigkeit, sich über die bisherige Vernachlässigung der Studien Waldemars klar zu werden, als ihr energischer Geist sie antrieb, dies Versäumnis gutzumachen. Jedoch solchem Verlangen widersetzten sich Papa wie Ludwig ganz energisch, denn es war vorauszusehen, daß die alte Störrigkeit Waldemars die Patientin zu unerhörten Aufregungen veranlassen würde. »Ich war wohl sehr krank?« frug sie einmal Ludwig. »Danken Sie Gott« sagte dieser, »daß Sie noch dieses fragen können. Ihr armer Papa war trostlos, denn Sie machten ihm viel Schmerz und Sorge.« »O! Papa hat mich sehr lieb, ich weiß es. Und ich ihn auch. Hat Waldemar geweint?« forschte sie. »Ich muß ihm alle Ehre widerfahren lassen, er hat sich als liebender, besorgter Bruder gezeigt.« »Ich werde nimmer so garstig zu ihm sein,« gelobte das Fräulein mit vielem Gefühl, »und ihn nimmer an den Ohren ziehen und schlagen.« Ludwig erklärte diese Vorsätze für äußerst löblich, um so mehr, als er, wie er jedoch nicht gestand, viel dabei profitierte. »Und haben Sie sich auch um mich geängstigt, ja?« frug Sidonie und blickte Ludwig forschend an. »Wir alle taten es, ich bin selbstverständlich nicht ausgeschlossen.« »So haben Sie mich also auch so lieb, wie Papa und Waldemar?« Zum Glück für Ludwig kam in diesem Momente Herr 329 Tänzinger herein, der seinem Goldkinde verschiedene Überraschungen gekauft und mit glänzenden Augen, die gegen deren sonstigen schläfrigen Ausdruck sehr kontrastierten, auf die muntere Patientin sah. Ludwig erhob sich zum Aufbruch. »Sie gehen schon?« frug Sidonie bedauernd. »Ich habe eine Stunde zu geben«, erklärte der junge Mann. »Bei wem?« frug so nebenbei und ganz achtlos Herr Tänzinger. »Nun bei Fräulein Zögler.« »Ah so!« und Ludwig glaubte zu merken, daß die Nennung dieses Namens einen unangenehmen Eindruck gemacht. »Wie ist's, ich habe mich, glaube ich, noch nie erkundigt – macht das Fräulein Fortschritte?« Ludwig gestand offen, daß die Fortschritte keine so gewaltigen seien, daß es der Rede wert wäre. »Wer ist das Fräulein?« frug Sidonie neugierig. »Mein liebes Kind, eine Waise, deren Eltern ich gekannt, und die ich ein wenig beaufsichtige« log der alte Sünder. »Ist sie arm?« »Nein – sie hat nach dem Tode ihrer Eltern eine Erbschaft gemacht, die ich ihr verwalte.« Selbstverständlich waren diese Lügen, die er in Gemeinschaft mit Milly ausgesonnen, mehr für den jungen Lehrer als für seine Tochter bestimmt. In Wahrheit schämte sich Herr Tänzinger angesichts seines unschuldigen Kindes vor sich selbst. Es stand zu erwarten, daß der alte, grauköpfige Seladon in sich ging und 330 Milly bald sich um einen anderen Verehrer umzusehen gezwungen war. »Ich lasse das Fräulein grüßen«, rief Sidonie noch beim Abschied Ludwig nach, der an der trostlosen Miene des ausschweifenden Papa abermals zu erkennen glaubte, dieser aufgetragene Gruß sei ihm sehr verdrießlich. In seiner Unschuld richtete er aber, bei Milly angelangt, dennoch das Aufgetragene aus und fand, daß das Fräulein darüber sehr belustigt sei. »Kennen Sie die kleine Sidonie nicht?« frug er. »Ah, woher soll i s' kennen?« »Kommen Sie denn niemals in das Hans Herrn Tänzingers?« Milly sah die arme Unschuld mit dem dicken Schnurrbarte eine Weile sehr angelegentlich an, dann lachte sie wieder und nannte Ludwig mit ihrem Lieblingsausdruck ein »Kinderl«. Darauf folgte eine Art »Unterricht« wie gewöhnlich, später die obligate Jause mit Plauderstündchen und als Ludwig sich empfahl, flüsterte Milly ihm eine Bitte zu. »Geln S', Ihner wird das net so schwer sein, wenn die Verhandlung kummen wird, daß i a Karten dazua kriag.« »Ich weiß nicht, welchen Einfluß ich geltend machen könnte. Und welches Interesse nehmen Sie an so Schauerlichkeiten? Sie, so jung und lebensfreudig, geeignet nur für alles Schöne und Heitere. Ich bedauere, daß ich durch Verhältnisse gezwungen ward, eine Rolle in diesem traurigen Drama zu spielen und fürchte die Gerichtsverhandlung, bei der ich leider der Hauptzeuge sein werde, wie etwas ganz Abscheuliches.« »Gengan S', Sie san selber abscheulich, weil S' an gar ka Freud' vergunnen«, schmollte Milly. 331 »Aber Fräulein«, rief Ludwig entsetzt, »das nennen Sie Freude? « »No, so sag'n m'r was anders. Aber mi interessiert so was. Wissen S', i schauert ah gern zua, wann s' eahm aufhenken, hu! Das muaß schrecklich schön sein.« Arme Milly, auch du mit deinem mitleidigen Herzen hegst jene schreckliche legitime Bestie in dir? Aber deine Sehnsucht nach diesem Nervenkitzel, die du übrigens mit sehr, sehr feinen Damen, wirklichen Wohltätigkeitsbazardamen teilst, soll sich nicht erfüllen. Denn zur Stunde als du das sprichst, hat sich Wimmer alias der »krumpe Seppl,« oder die »g'flickte Polizeipritschen« selbst gerichtet. Er hat Gelegenheit gefunden, während seines Ganges zum Untersuchungsrichter sich aus einem Fenster des Korridors in den Hof hinabzustürzen, wo er mit gebrochenem Genick liegen blieb. Damit sind für die Welt wie für dieses Buch die Akten über den »krumpen Seppl« abgeschlossen und seine anziehende Persönlichkeit taucht nimmermehr auf. 332   Neunzehntes Kapitel. (Familienleid und Familienglück können in einem Hause ganz gut nebeneinander bestehen, was nicht erst zu beweisen ist. Der Kapral zeigt sich als strenger Tugendrichter.) Wenn ein Haus imstande wäre, Memoiren zu schreiben oder von seinen Erlebnissen und Erinnerungen zu plaudern, so müßte das Haus Nummer 37 bekennen, daß es während der kurzen Zeit seines Bestehens schon manche ganz bemerkenswerte Dinge erlebt. Es war ein ganz tüchtiger Ansatz zu einer Chronik gegeben. Aber werden in unserer Zeit noch Chroniken eines Gebäudes geschrieben? Wenn in früheren Tagen in einem Hause sich ein Verbrechen ereignete, kam es nicht selten vor, daß es jahrelang, ja oft lebenslang keine Bewohner mehr erhielt. Unsere Gegenwart ist da, ich will nicht sagen robuster, sondern zerstreuter. Höchst selten wird es einmal einem Menschen einfallen zu sagen, in dem und dem Hause ist vor Jahren dieses und dieses Verbrechen vorgefallen. Die Nomaden, die durch die Zelte von Eisen und Ziegeln schwärmen, kennen die Geschichte derselben gar niemals. Wer wäre auch da, sie zu erzählen? Höchstens das Haus selbst, und das ist stumm bis zu dem Augenblick, da sich zeigt, es habe Neigung, jedem der einzelnen Teile, aus dem es besteht, volle Freiheit der Bewegung zu gewähren. Ja, es wird, wie gesagt, keine Chroniken mehr geben, die in früheren Zeiten ein Gebäude interessant machten. Wenn heute eines den Ansatz zu halbwegs ehrwürdigem 333 Alter besitzt, wird es, das schon schwindsüchtig zur Welt kam, lebensmüde, und endet sein Dasein als junger Greis. Es sei also nichts weiter mehr gesagt, als daß das Haus Nummer 37 an einem Tage Zeuge mehrerer hochbedeutsamer Ereignisse war. Plötzlich, wie durch die milde Frühlingsluft herangeschwebt, war ein trauriger, schwarzer Gast erschienen, der Schrecken aller Väter und Mütter. An die Ärmsten kam er zuerst heran, Blüte um Blüte vernichtend – der sogenannte Würgeengel der Kleinen. Die staatliche Prophylaxis steckte damals in den Kinderschuhen. Man hatte noch keine blasse Ahnung von der epochalen Erfindung des hygienischen Spucknapfes, der in unseren Tagen dem staunenden Fremden sofort in jedem öffentlichen Lokale in die Augen fällt, wenn er geneigt ist, in dem hintersten Winkel unter einer Wandbank Nachschau zu halten. Aber man war durch Spekulation darauf gekommen, daß die Fliegen vermöge ihrer Neigung herumzuschwärmen, sich bei Verrichtung ihrer Leibesbedürfnisse an einen bestimmten Ort gebunden erachten. In weiterer Konsequenz dieser Erfahrung ward den Lebensmittelverkäufern aufgetragen, auf strengste Sauberkeit in ihren Lokalen zu achten und die vor dem Geschäfte aufgestellten Lebensmittel durch Glasstürze und Organtindeckel gegen die Einflüsse der Straße zu schützen. Selbstverständlich mußte auch Herr Schwarz sich bequemen, die behördliche Vorschrift als auf sich angewendet zu betrachten. Der über diese obrigkeitliche Einmischung ergrimmte Greisler kam der Aufforderung insoferne nach, als er einige alte, ungereinigte Quargelstürze über etliche zermürbte 334 und bestaubte Bäckereien stülpte und verschiedene andere Lebensmittel mit alten Organtinfetzen verhängte. Während dieser halbamtlichen Tätigkeit fluchte er ganz schauerlich, und ließ es vor allem an dem staatsbürgerlichen Respekt vor einer vorgesetzten Behörde fehlen. »Dös is, weil's denen Herrn drin z'guat geht«, schimpfte er. (Unter »drinn'« versteht jeder Wiener die Bureaus irgendeiner staatlichen Körperschaft.) »Weil s' nix Bessers z'tuan ham, dö Paragraphenhutscher, als an G'schäftsmann zun sekiern, der was sein' Zins und seine Steuern zahl'n muaß. Weg'n dö paar ölendigen Hundsbankerten, dö a Straukn und a bißl Halsweh ham, kann si unseraner malträtiern lassen. Natürli, do drin zuzeln si alle Tag was anders aus'n Finger, nur daß s' mehr Papier verschmiern kinna und eahna d'Zeit vergeht. Soll'n hergehn und dö ganzen Fliag'n o'fanga, wird eahna glei d' Zeit net z'lang werd'n. Herentgeg'n, mir soll so aner von der Steuer kumma, den wir i drüber aufklär'n, wer mir eigentli san! Sein' Zins und sein' Steuer muaß unseraner pünktli zahln, da gibt's nix. Und dann soll m'r si weg'n derer Saubagasch, dö eh nix als aufschreib'n lassen möcht' und nochend nix zahl'n, sekiern lassen? Eppa wir i a jed's Quargl in Stanniol und Seidenpapier einwickeln und a Zertifikat vom Quarglb'schauer beileg'n, daß ka Fliag'n drauf . . . . . bald hätt' i was g'sagt.« Zu den Eigentümlichkeiten der meisten ehrenwerten Staatsbürger gehört es, jedes Ansinnen an die gemeinbürgerliche Opferwilligkeit als ein Attentat auf sich zu betrachten, insbesondere wenn es sich um einen pünktlichen Zins- und Steuerzahler handelt. Dieser verbindet mit dieser Pünktlichkeit den Begriff höchster Menschentugend. 335 Außer solcher ziemlich unfreiwilligen Tugend ist er zu keinerlei Opfern bereit, und wären sie noch so geringe! Herr Schwarz (es gibt im gemütlichen Wien leider sehr viele solcher Herren Schwarz) hatte vorsorglicherweise seine Kinder beizeiten, gleich bei Auftreten der Seuche, zu einer Verwandten seiner Frau aufs Land gegeben. Sie waren geschützt und die andern bekümmerten den Greisler nicht. Das Haus Nummer 37 war bisher von den schwarzen Fittigen des Kinderwürgers verschont geblieben. Mag sein, weil es so isoliert lag. Aber der grause Engel nahte auch ihm und vielleicht, weil er gleich von unten beginnen wollte oder weil ihm schon so wacker vorgearbeitet worden begann er in der Wohnung Fischers sein Werk. Franzerl hatte jetzt, da wegen der Ansteckungsgefahr die Schließung der Schulen angeordnet war, fast kein anderes Geschäft, als seine kleine Persönlichkeit zu amüsieren. Darum lief er barfuß und barhaupt, nur mit dem gewohnten Hemd und Höschen bekleidet auf den Wiesen und Feldern umher und lachte mit der Sonne um die Wette. Er fand, daß die Welt im Ganzen sehr schön sei und es sich lohne, ihr ein freundliches Gesicht zu zeigen. In letzter Zeit ging es ihm wirklich herrlich. Er konnte sich beinahe alle Tage sattessen, was für einen kleinen, hungrigen Kindermagen gerade soviel bedeutet wie für den eines Großen, ja noch viel mehr. Der Vater kam nur mehr äußerst selten nach Hause und tat dann nichts Gutes, aber auch nichts Böses. Er schimpfte und schlug die Mutter nimmer, nötigte auch Franzerl nicht, ihm auf den schnapsduftenden Mund einen Kuß zu geben, – auf welche Betätigung kindlicher Zärtlichkeit Fischer im Zustande der Trunkenheit manchmal bestand – und vor allem war er jetzt frei. Sogar das 336 Lintscherl, das früher seinem Bewegungsbedürfnisse ein manchmal recht stark empfundenes Hindernis war, konnte ihm dieses nicht mehr sein, denn es war ja im Himmel, wie alle Nachbarinnen in einer Anwandlung sentimentaler Trösterlaune versichert hatten. Ein ganzer Entdeckerdrang hatte ihn erfaßt. Was bargen auch die »Wiesen« für Schätze, nun der Schnee endgültig verschwunden, und volles, sprossendes Grün sich zeigte! Verschiedenfarbige Glasscherben funkelten im Sonnenlicht, ein abgebrochener Regenschirmgriff, ein halber, fast vermoderter Fächer, – aus einer Bernsteindrechslerei die Abfälle und viel dergleichen Dinge, mit denen die Wiese beehrt wird. All das war wunderhübsch, und wenn es auch nicht zum Essen tauglich war, so doch zum Spielen. So war es einige Tage gegangen, bis vorgestern. Da kam er, wie übermüdet vom Spiele heim, klagte der Mutter, daß ihm der Kopf so brenne, und der ganze Körper sei so kalt – und heute lag der kleine, arme Kerl ganz kalt auf seinem Lumpenlager und spürte nichts mehr von Hunger und Angst vor dem Greisler, nichts mehr vom blendenden Lichte der Frühlingssonne und dem dumpfen Odem des Kellerloches. Zu rasch hatte es ihn hingerafft, noch ehe der gerufene Armenarzt erscheinen konnte, so rasch, daß die von fürchterlicher Angst und qualvoller Hoffnung zermürbte Mutter es noch immer nicht zu fassen vermochte und sie sich vergeblich bemühte, einen winzigen Funken von Leben zu neuer Flamme zu entfachen. Der Armenarzt, an den sie sich mit rasenden Bitten hing, vermochte kaum seinen Abscheu über diese feuchte Mörderhöhle zu unterdrücken. Er beschloß, unverzüglich über den sanitätswidrigen Zustand dieser »Wohnung« zu berichten. 337 Der armen Mutter konnte er nur einige vage Trostworte bieten, verstärkt durch die Ankündigung, daß die kleine Leiche binnen einiger Stunden nach der Totenkammer gebracht würde. Es war nachmittags, als sämtliche Parteien des Hauses durch ein so gellendes Geschrei erschreckt wurden, daß alle sich schleunigst auf die Korridore begaben, um der Ursache desselben nachzuforschen. »Der kleine Fischerfranzl ist gestorben und wird jetzt in die Totenkammer geführt«, lief es von Mund zu Munde, und man eilte hinunter auf die Straße, wo der einfache, schwarze Fourgon stand. In einem Särglein war er schon geborgen, der kleine Franzerl, als er in den Wagen zur Fahrt nach der Leichenhalle gehoben wurde. Und diese Zeremonie ward begleitet von einem so fürchterlichen, herzzerreißenden Schreien der Mutter, daß ihr alles entsetzt Platz machte und niemand sie zu hindern wagte, als sie sich an die zwei Männer hing, deren trauriges, trostloses Handwerk es war, die Leichen gestorbener Elendsanwärter von ihrem Heim nach der Totenkammer zu bringen. »Franzerl, mein Franzerl! Mein Anzigs, mei' Bua, mein liaber. O Gott, o Gott! Franzerl, bleib' da, bleib' bei deiner Muatta! Geh net weg von mir, mein armes, armes Batscherl! O, du liaber Himmel! Alls nimmst m'r weg, das Letzte, das Anzige – – –« »Gengan S', Frau, san S' g'scheit,« tröstete einer der Männer, indem er hinter dem geborgenen Sarg die Tür schloß, »es nutzt Ihner alls nix. B'halten können S' 'hn ja eh net. Denken S' Ihner, er is guat aufg'hob'n. G'habt hat er eh nix, soviel ham m'r schon g'seg'n. Mir is ah ans vur drei Wochen g'sturb'n und i waß, wia's tuat. Muaß halt dreinbeißen in den sauern Apfel, also trösten 338 S' Ihner, Frauerl. – Fertig, aufsteig'n.« Damit schwang er sich mit seinem Gefährten auf den Kutschbock, und in kurzem war der Wagen davongerollt. Es gibt ein Leid, das so katastrophal wirkt, daß selbst ein verhärtetes Gemüt sich seiner Wirkung nicht entziehen kann. Alle Hausbewohner, die erst nur stumpfneugierige Zeugen dieser schlichten und doch so fürchterlichen Tragödie waren, weinten, und zur Ehre der anwesenden Männer sei es gesagt – auch ihnen rollten die Tränen unaufhaltsam über die Wangen. Die Kinder schmiegten sich fester in die Rockfalten der Mütter, als ahnten sie etwas von jener fürchterlichen Macht, die stündlich auch sie in ihr schwarzes, unbekanntes Reich zwingen konnte. Mit scheuen Blicken sah man auf das schwache, durch Entbehrung und Sorgen, Leid und Entsagen ausgemergelte, frühgealterte Weib, diese Niobe, die in millionenfacher Wiederholung aus der klassischen Zeit der Sage bis in unsere Zeit des nüchternen, prosaischem schönheitsbaren Weltleides ragt, aber dem Urbild gleichend an Größe und erschütternder Wahrheit des Mutterschmerzes. Mit einem irren, verständnislosen Blicke sah Frau Fischer dem davonrollenden Gefährte nach, auf die tobenden Ausbrüche ihres Jammers folgte eine fast unnatürliche Abspannung. Still wandte sie sich und ohne jemanden anzublicken, ohne auf eines der vielen mitleidigen Worte zu reagieren, begab sie sich in ihr trostloses, verödetes, unheimliches, durchkältetes Zimmer. »Bescheide dich!« sagte das neue Haus und roch noch stärker nach Kalk, und die Wände schienen noch feuchter, als weinte das Gebäude mitleidig mit der armen Mutter. »Wir sind die Produkte einer leichtherzigen und doch harten Zeit, bestimmt zu frühem Verfall. Denke nicht daran, daß 339 ich mit Schuld daran tragen mußte an dem Tode deines Kindes. Schuld drückt auf Schuld, bis sie den unschuldigen Wehrlosen erdrückt. Bescheide dich! Nicht uns ist es gegeben, die Zeit zu bestimmen. Entstehn und Vergehn! Ich, wie du und deine Kinder, sind zu einem raschen Verfalle vor der Zeit bestimmt gewesen, ehe wir noch ins Leben traten. Rasch! heißt heute die Losung. Wer nicht mitkann und zu schwach ist, fällt. Siehe, in eine meiner Stuben ist ein neues Leben eingezogen, als das deines Kindes endete. Getröste dich! Alles ist Wechsel und Vergehn. Ja, es ist eingezogen mit dem Unrecht der Schwachen unserer Zeit. Wer weiß, wie schnell, und auch dieses kleine Leben schwindet wie ein Stämmchen, dem die Hast der Welt verwehrt ein Baum zu werden.« Das brave, neue, schwindsüchtig gebaute Haus mochte mit dem Mitleid des Todeskandidaten, der im fremden Leid das seine ehrt, so gesprochen haben. Aber, da es keine Sprache für Menschenohren besaß, konnte die unglückliche Frau die gutgemeinte, tröstende Philosophie nicht vernehmen. Sie saß nur regungslos auf dem einzigen wackeligen Stuhl und starrte immer und immer auf das Lager, als müsse ein Wunder die Gestalt, den warmen, lebenden Körper ihres Lieblings, vor ihren Augen erwecken. Stunde um Stunde verrann, es kam die Dämmerung, es kam die Nacht. Endlich wie ein Schatten löste sich etwas von dem Bette und wankte nach vorne. Die Türe öffnete sich und schloß sich nimmer hinter der Gestalt, die herausgehuscht war, um nie, niemals wieder zurückzukehren. Ja, in einer Wohnung des Hauses herrschte freudige 340 Aufregung, obwohl das Ereignis, das sich vollzogen, die Vermehrung um eine winzige Persönlichkeit des ohnehin nicht kleinen Clans des wackeren »Kapral« bedeutete. Man hatte keinerlei Vorbereitungen zum Empfang des neuen Ankömmlings getroffen, aus dem einfachen Grunde, da keine zu treffen waren. Kleidung, Windeln? Man zerriß und zerschnitt, was nur irgend auf dem Leibe eines Familienmitgliedes entbehrlich war. Nahrung? Die Brust der Mutter bot sie hinlänglich. Und so umstand alt und jung das Lager und blickte mit sichtlichem Vergnügen das Bündel verschiedenfärbiger Flicken und Fetzen an, dem nur das rote Gesicht, welches daraus hervorguckte, zu der Ehre des Namens »Wickelkind« verhalf. Die Mutter war dasjenige der weiblichen Mitglieder, welches zum Vater des Kindes in einem legitimen Verhältnis zu stehen vorgab. Der »Kapral« hatte das freudige Ereignis zum Anlaß genommen, in der Früh außer Haus zu gehen und gegen mittag in einem schier unmöglichen Zustande zurückzukehren. Beim Anblick des stillen Familienglückes auf dem Lager am Fußboden, in einem Winkel des Zimmers, da der kleine Erdenwurm in vollen Zügen an der Mutterbrust lag, übermannte ihn die Rührung. Er schwankte nicht nur bedenklich zwischen Lachen und Weinen, er schwankte unfigürlich, absolut, wie eben ein Mann, den nebst dem Freuden- noch ein Alkoholrausch bezwungen. »Hihihihi!« lachte er. »Klane Wuzl, g'scheite, liebe. Schmeckte, he? Wie e anzahrt, hate guten Zug, wirde Kampl fesche, lustige.« »Fall' m'r net eppa auf das Kind!« mahnte die 341 Wöchnerin. »An Rausch hat er wie a Kanon, daß er si net halten kann. Geh a bißl doni!« »Abe na!« machte der »Kapral« erschrocken, »möcht' ich do net den klane Pampeletschen z'sammendrucken. Wie trinkte, wird ganz Vatta. Pf, pf, pf, pf!« imitierte er das Geräusch des Säugens. Jedenfalls durch das Beispiel des unschuldigen, kleinen Trunkenboldes angeregt und sich seiner Verpflichtung als Mensch, der den Tag zu feiern beschlossen, bewußt werdend, zog er aus dem Rocksacke die für alle Fälle gefüllte Flasche, nahm einen tüchtigen Zug, gab sie dann der stillenden Mutter, die auch einen Schluck nicht verschmähte. Sodann wanderte sie im Kreise herum, daß jedes seinen Anteil an dem köstlichen Tropfen hatte, und als der »Kapral« mit freudig glänzenden Augen um sich gesehen und konstatiert hatte, daß alles zufrieden und in nötiger Feststimmung sei, suchte er sein Liegerplätzchen auf dem Fußboden, drehte sich in hockender Stellung einige Male um sich, wie es Hunde zu tun pflegen, wenn sie sich ein gutes Lager bereiten wollen, und bald darauf schnarchte er, daß es ein Vergnügen war. Selbst sein gesegneter, durch die nötige Bettschwere erzeugter Schlaf wurde durch etwas gestört, was einem Schreien sehr ähnlich klang. Als er die Augen öffnete, war er mit Ausnahme von Mutter und Säugling allein im Zimmer. Noch halb verschlafen sah er um sich. »He, was ise?« frug er. »Waß net,« antwortete die Wöchnerin, »a Weib schreit so. Wird do nix g'scheg'n sein?« Mit einem Ruck, der jeden Schlaf abschüttelte, wie ein Baum, der geschüttelt wird, seine reifen Früchte, stand er auf den Füßen. Von unten herauf drangen Stimmen. Er eilte zum 342 Fenster und war nun Zeuge der vorbeschriebenen Szene. Zu den wenigen löblichen Eigenschaften, die den »Kapral« zierten, gehörte ein starkentwickelter Familiensinn, Liebe zu Kindern und Achtung für Mütter. Dazu gesellte sich eine natürliche Weichherzigkeit. Mit erblaßtem Gesichte, schreckhaft geöffneten Augen, starrte er hinunter. Jedes Wort der Wehklage traf sein Herz wie ein zermalmender Schlag. Und als sich alles verloren und der Wagen mit der kleinen Leiche verschwunden war, wankte er zurück, setzte sich neben die vor Neugierde schon lange ungeduldige Frau und erzählte ihr, von Schluchzen unterbrochen, den traurigen Auftritt. »Also d'Fischerin war's? Jetzt is ihr der Bua ah g'sturb'n. Desweg'n hab' i allerweil Franzerl ruafen g'hört. Was hat eahm denn g'fehlt?« Mittlerweile kam wie ein Bienenschwarm in den Stock die ganze »Familie« hereingeschwärmt. Die Kinder wollten ein jedes mit voller Ausführlichkeit erzählen. »An was is er denn so g'schwind g'sturb'n?« »An der Diphtheritis«, riefen alle wie aus einem Munde. »Mein Gott, mein Gott! Das is a böse Krankheit. Kinder, daß's acht gebt's. Wann das wo anfangt . . . . . . . .« »Bei der Frau Ziegler san ah die zwa Madln krank«, sagte ein Junge. »Alle, was jetzt krank werd'n, kumma ins Choleraspital.« Man sah förmlich, wie jeder bei Nennung dieses grauenvollen Namens zusammenzuckte. Der »Kapral« war rasch zur Hand, diese ungewohnte, trübselige Stimmung zu zerstreuen. 343 »Ah was, wann is Blut g'sund, gibt nix Difritis. Nur kan Fürchtmich ham. Fischerbu war imme krank und kasweiß, ise ganz was anders g'west. Abe wir ich jetzt sein Vatta suchens, sitzt bei Branntweine ganz vull Rausch grußmächtigen, wer ich ihm sagen, geh ham! jetzt ise zweite Kindl ah futsch, Tagdieb grausliche, bsuffene, geh' ham zu arme Weib.« Man stimmte lebhaft dieser löblichen Absicht zu, und der »Kapral«, nachdem er die Flasche behufs neuer Füllung wieder in der Rocktasche geborgen und sämtliche Kupferkreuzer für diesen Zweck zusammengesammelt hatte, machte sich auf den Weg, mit dem bestimmten Versprechen, baldigst wiederzukommen. Er traf Fischer in einer Schenke besserer Sorte, sofern es sich um die Besucher handelte, welche nicht alle Stunden des Tages dort verbrachten. Der wüste Trunkenbold befand sich in einem Zustande, daß sogar der »Kapral«, welcher in Beziehung auf Gesellschaft sicherlich nicht verwöhnt und dem der Schnaps ebenso sehr Bedürfnis war wie Fischer, eine Regung des Abscheues nicht zu unterdrücken vermochte. Die leere Flasche zwischen den Knien, saß er auf einer Bank und gröhlte halblaut einen Gassenhauer vor sich hin. Das blaugedunsene Gesicht, die verglasten Augen, das verwirrte Haar, der zottige, über den Mund hängende, strohgelbe Bart, die verwahrloste Kleidung – alles trug zur Erhöhung des scheußlichen Aussehens des verkommenen Menschen bei. Der Ankömmling ward von einigen herumstehenden Gästen jubelnd begrüßt. »Serwas, Pane Kapral! Kummst ah wieder z'ruck? Hast dein Kittl schon ausg'schlafen? Geh', sauf amal!« – »Da von mir ah, trink nur fest, kost't nix, d'r Fischer zahlt 344 all's.« – »Der muaß an Geldtag g'habt ham, schau' 'hn nur an, der hat's heut kinna.« So tönte es von allen Seiten auf den »Kapral« ein, der sich nicht weiter zum Bescheidtun nötigen ließ. »Halt's d'Goschen, ös Hund. – Wer – waß was von mir? Ha? – Singt's – liaber, heut san m'r lustig . . . .« ließ sich Fischer vernehmen, indem er die Augen aufzureißen sich bemühte, um die verschwommenen Gestalten zu erkennen. »Wer is denn dös da?« lallte er, mit zwinkernden Blicken den »Kapral« anstarrend. »Kennste mi nit, Fischer? I bine kumma, di suchen, mußt hamkummen, schwind.« »Ah du – bist's, Pane Ka–p–ral, wia kummst denn – du her? Hamkumma soll i, zu meiner Alten? – Han? – Dö hat – di eppa herg'schickt, daß d' – mi suachst? Han? No wart, Karnalie, i geh' ah ham, dann – aber – hast nix z' lachen – gar nix – i geh' jetzt zitta ham, erst no a Flaschl . . . .« »Es wird schon genug sein, Herr Fischer«, wagte das Schankmädchen einzuwenden. »Sie sind ohnehin schon seit vormittag hier . . . .« »Jüdische Klesch'n, a Flaschl no, sag' i, oder i reiß' d'r d' Zoten aus. Da für meine Freunde ah no, für – alle, da is Geld, schuldi bleib' i nix – einschenken! Sunst drah i dö Gifthütten um.« »Schenken's eahm ein,« sagte einer, »wann er recht gnua hat, geht er so wia so, soll er auf d'r Gassen lieg'n bleib'n. Sunst aber macht er an Bahöll, daß's höcher nimmer geht, Sie kennen 'hn ja.« Die erschreckte Kellnerin tat, wie ihr geraten. Auf einen glucksenden Schluck rann die brennende Flüssigkeit hinunter. Man darf von dem biederen »Kapral« keineswegs 345 erwarten, daß er etwa das angebotene Getränk ausgeschlagen und sich seiner Botschaft unter Anwendung allen Vorrates sittlicher Entrüstung entledigt hätte. Nein, die Gelegenheit, auf Regimentskosten zu zechen, kam nicht allzu häufig. Deshalb ließ er sich wohlweislich erst einige Füllungen geben, ehe er an Fischer herantrat, der wieder stumpfsinnig vor sich hingrölend dasaß. »Ja, Fischer, wie i g'sagt hab', mußt hamkummen zu Weib, abe nit schlag'n, waßte, is arme Batsch, hat schrien und wante, o jekusch, daß i hab' ah want. Mußte wissen, Kind is hin von dir, is sturben heute der klane Franzel, is schun in Tutenkammer . . . .« Fischer, in dessen verwüstetes, umnebeltes Gehirn die zwei Begriffe Franzerl – gestorben Eingang gefunden haben mochten, bemühte sich neuerdings, die Augen aufzureißen. Es lag etwas wie Schreck in den verblödeten Blicken. »D'r Franzerl? – Was – du sagst, d'r Franzerl is – g'sturb'n?« »Sturben und mastot«, bestätigte der andre mit einem betrübten Kopfnicken. Für eine kurze Zeit schien die Nachricht den betrunkenen Mann etwas ernüchtert zu haben. »Mein Franzl g'sturb'n, mein Kind, mein Bua?« »Mußte dir tresten!« sagte der mitleidige Hiobsbote. »Dös Luada hat den Buam sterb'n lassen, mein' Buam, mein' Franzl? Dös Hirn haur i ihr ein.« »Hate nit sie sterb'n lassen, red' nit su, is allani sturb'n, so schwind, o so schwind, hame nix wußt ganze Haus. Hab' i su schön schlafen, hör' i su in halbe Schlaf schrein, wia wann wirdte Schwein abstuchen. Hör' i: Franzl, Franzel! schau' i bei Fenster hinaus, stehte unten schwarze Wagl und bringen Manne klane Truchl mit Franzl. O 346 Jeschisch, Maria, Jusefe! hat arme Weib macht Spetakl, hat rafte mit Manne, was ham gnummen ihr Kindl und wante, daß alle Leut' hab'n ah wante, meiner Seel, wie ich steh' da am Fleck.« »Dös is nöt wahr«, fuhr Fischer aus einem dumpfen Brüten auf, in dem Schreck und Schlafbedürfnis gleichermaßen um die Herrschaft rangen. »Dös is – nöt wahr, sag' i d'r. I werd' jetzt – glei ham schau'n, dös gibt's net, wo sollt' – der Bua so g'schwind – sterb'n? Hast d'r an Bärn aufbinden lassen – alter Schwammatandler, behmischer. Wann's aber wahr is – wann's wahr is – und mein' Alte hat m'r – den – Buam wirkli sterb'n lassen, dann soll s' si anschau'n – dann – hilft ihr ka Herrgott net, ka Herrgott, sag' i.« »Rabiate Kedl! Was kann Weib arme davur? Haste du Schuld, nit sie. Arme Batsch hate arbeitn und wanen und du biste in Branntweinhäusl kugelt umerenanda, he? Hab' i nit recht? Sag', hab' i nit recht? Pfui, scham di. Möcht' Weib schlag'n, weil Kind is g'sturben.« Zu jeder anderen Zeit hätte Fischer den unberufenen, obwohl harmlosen Moralprediger zu Boden geschlagen. Jetzt jedoch achtete er gar nicht auf ihn, sondern brütete nur vor sich hin, dann erhob er sich schwerfällig und taumelte hinaus, bei welcher Gelegenheit er beinahe den geschlossenen Flügel der Doppelglastüre mit sich genommen hätte. Niemand kümmerte sich um sein Fortgehen, um so mehr, als er zuvor einen Gulden auf das Schankpult geworfen hatte, und daher für die Gesellschaft noch reichlich zu trinken blieb. Der »Kapral« nützte die Gelegenheit nach Herzenslust aus, und da er fühlte, seine Botschaft mit aller nötigen Feinheit ausgerichtet zu haben, blieb er so lange, als noch ein Gratiströpfchen zu haben war, ließ sich seine Flasche füllen und wankte dann hochbeseligt heimwärts. 347   Zwanzigstes Kapitel. (Das Ende einer Genossenschaft, die im Begriffe war erst richtig zu prosperieren. Fischer erinnert sich einer kleinen, verjährten Angelegenheit.) Fischer war nach dem Verlassen des Lokales durch die Straßen getaumelt, zwischen zwei Bedürfnissen schwankend. nach Schlaf und weiterer Befriedigung seiner unersättlichen Trunksucht. Es lag etwas Unstetes in der Art, wie er trank. Von leiblichem Genuß konnte keine Rede sein, es war die Sucht nach Betäubung. Irgend etwas Schauerliches, Geheimnisvolles, das er zu hüten hatte, und das er hütete, selbst in den Stunden ärgster Volltrunkenheit, meldete sich in letzter Zeit unausgesetzt, fürchterlich mahnend, zum Wahnsinn treibend. Wenn er für einige Stunden vergessen wollte, mußte der Fusel seine Sinne umnebelt halten, daß er dalag wie ein Toter, gleichviel wo, nur fest, tief, unweckbar mußte er schlafen können. Wenn er dann erwachte und allmählich sich Ring um Ring zur Kette seiner grauenvollen Erinnerungen fügte, fuhr er mit entsetztem Schrei auf, von der Angst gepeinigt, er könnte vielleicht doch im Schlafe etwas verraten, oder er könnte im Rausche der gestrigen Nacht irgendwas verbrochen haben. Er traute sich alles zu, ohne daß ihm die Erinnerung des nächsten Tages vielleicht Kenntnis seiner Tat gebracht. Wenn er oft nach einem in irgendwelchem Felde verschlafenen Rausche die brennenden, verklebten Augen aufzureißen sich bemühte, war sein nächster Blick der auf Hände und Kleidung, ob nicht Blut daran klebte. In letzter Zeit, wenn er daheim 348 schlief, hatte seine Familie Ruhe von ihm gehabt, da er angekleidet auf die sein Lager bildenden Lumpen fiel und in einen todähnlichen Schlaf versank, nach dem Erwachen aber gleich das Haus verließ, um die Branntweinschenken aufzusuchen und dort in ordinären Zoten, wüsten Schimpfworten und hitzigen Debatten über nichtige Dinge sich der Täuschung hinzugeben, sein Leben sei wirklich von keinen anderen Interessen erfüllt als denen eines gewöhnlichen Trunkenboldes. Heute traf ihn ein neues Erschrecken in der Botschaft vom Tode seines Kindes. Das einzige zärtlichere Gefühl, dessen diese verwüstete Natur noch fähig war, wandte sich dem Knaben zu, wenngleich die Zuneigung noch sehr weit von einer väterlichen war, wenigstens in ihren Äußerungen. Ganz plötzlich kam ihm das Bewußtsein einer grenzenlosen Vereinsamung. Nun hatte er kein Kind mehr, nichts, das ihn noch ein wenig mit der Menschheit, der Gesellschaft verband. Etwas wie Reue wallte in seinem verhärteten Herzen auf, aber die Reue fürchtete er wie ein schreckliches Gespenst. Nein! Nicht daran denken! Ändern ließ sich nichts mehr. Da Fischer jedoch für jeden Unfall, für alles Unangenehme, für alle Laster und Verbrechen jemanden mit der vollen Verantwortlichkeit belasten mußte, mit Ausnahme seines Selbst, wandte er allen Groll gegen die unglückliche Frau, deren schwerstes Verhängnis die Zugehörigkeit zu diesem Manne war. Hatten sich mildere Gefühle geregt, die dumpfe Rachsucht, der erstickende Groll löschten sie für immerdar. Die Abendluft hatte die Fuseldünste etwas vertrieben und das Gehirn geklärt, deshalb mußte dieser abnormale Zustand in sein richtiges Geleise gebracht werden und der Besuch weiterer Spelunken war etwas Unerläßliches. 349 So kam es, daß nach kurzer Zeit der Tod seines Kindes und die beabsichtigte Mißhandlung dessen Mutter bald vergessene Dinge waren. Ärger taumelnd als zuvor, johlend und zeitweise stehenbleibend (von Stehenbleiben nur in allgemeiner Wortanwendung gesprochen), um ein Bedürfnis zu verrichten, gelangte er in ganz andere Straßen, als er vielleicht anfänglich beabsichtigt, und plötzlich fand er sich schon weit entfernt von den letzten Ausläufern des Bezirkes, jäh an den Abgründen der »Lahmlacken«, wie die Ziegelofenteiche genannt wurden. Welche Macht hatte ihn gerade hiehergetrieben? War es die lose Macht des Rausches, die unbestimmbare des Zufalls, die unentrinnbare des Verhängnisses? An alle Orte der Welt, selbst die fürchterlichsten, wäre er lieber gelangt, nur an diesen einzigen nicht. Wie mit verbundenen Augen hatte er sich hiehertreiben lassen, zu einer bösen Stunde, zu einer bösen Zeit, wie einmal vor Jahren. Geradeso hatte der Mond in dem Wasser gespiegelt, die Rufe der Unken hatten geradeso durch die Stille getönt. Und auf der Oberfläche der »Lahmlacken« waren die vom Mondlicht beleuchteten Kreise die einzigen, schnell enthuschenden Künder einer eben begangenen Kainstat. Es gibt ein Entsetzen, das nur das Fieber, die Delirien des Säufers und die Todesangst zu verursachen vermögen. Jenes fahle Entsetzen, dessen Grundstimmung ödeste Hoffnungslosigkeit ist, das die Gesichter der Leichen verzerrt und das dem Tode wehrt, mit versöhnender Hand sein Opfer zu segnen. Und von diesem unsagbaren, nicht zu schildernden, markdurchkältenden Entsetzen fühlte sich Fischer erfaßt, da er auf die spiegelnde Oberfläche des Teiches starrte. Denn auf ihr wiegte sich ein menschlicher Körper, ein fahles, 350 eingesunkenes Gesicht hob sich von dem blaublitzenden Grunde ab und fürchterlich geöffnete Augen starrten zum ruhigen Monde empor. Kein Schrei vermochte sich den verzerrten Lippen des vor Entsetzen wahnsinnig gewordenen Säufers zu entringen. Er hätte sonst zu grauenhaft unmenschlich geklungen. Das Übermaß einer menschlichen Empfindung erstickte jede, selbst die tierischeste Äußerung. Und immer mußte er wie mit gebannten Blicken hinab in das schimmernde Wasser starren. Tief zwischen den abgegrabenen Böschungen lag es und mit der stets gleichbleibenden furchtbaren Regungslosigkeit sah das bleiche Antlitz daraus empor. – – – – – – – – – – Eine Frau, die vor Torschluß noch rasch einen kleinen Einkauf bei Herrn Schwarz besorgen wollte, prallte im untersten Korridor gegen einen Mann, der unverständliche Worte lallend und mit den Händen scheinbar etwas abwehrend in der Luft herumfechtend nach dem Zugang zum Keller wankte. Die Frau hatte im ersten Moment die Gestalt Fischers erkannt, der offenbar nach alter Gewohnheit stark betrunken wieder einmal heimkam. Aber bei dem schwachen Schein der Laterne, die Gang und Hausflur zugleich sehr spärlich zu erhellen bestimmt war, hatte sie einen Blick in das Gesicht des Taumelnden getan. Und was dieses dem flüchtigen Blick offenbarte, bewies in fürchterlich deutlicher Schrift, daß der Mann gezeichnet war. »Kain, wo ist dein Bruder Abel?« – Nimmer ein Trunkener, nein, ein Wahnsinniger suchte die Schwelle seines Heims auf, das, durch seine Schuld verödet und verfinstert, ihm durch die geöffnete Türe entgegenstarrte. 351 Wo waren seine Kinder? Ach! und wo war sein Weib? – Öde Finsternis außen und unerhellbare, ewige Finsternis innen. Dieses armselige, trostlos elende Heim – was es noch an guten Geistern beherbergt hatte, sie waren ausgezogen, unwiederbringlich dahin. Das kinderlose Ehepaar, das die Hausbesorgerstelle bekleidete, unterschied sich in keiner Weise von dem Typus des Durchschnitts-Haustyrannen. Eine gewisse Jovialität und Gutmütigkeit zierte diese zwei Leute und ihre Regierung war eine mild autokratische. Bei Zinsnöten ihrer Untertanen (kein seltenes Ereignis) vermittelten sie bei dem Hausverwalter stets zugunsten der bedrängten Partei und erwirkten ihr die Erlaubnis, die schuldige Miete in Wochenraten abtragen zu dürfen. Die Kinder wurden nicht mehr als billig bei ihren Spielen sekiert, und da die »geöffnete Hand« weder bei dem einen noch bei dem andern Mieter auf irgend etwas gestoßen wäre, das einigem Metallwert geglichen hätte, stellte sich das Ehepaar Brinka auf den Standpunkt der Unnahbarkeit und Unbestechlichkeit, welche Tugenden es nie verfehlte, in das gehörige Licht zu rücken. Der Mann war Maurer und einige Tage im Jahre konnte man ihn im weißen »Janker« und ditto »Fürta« das Haus verlassen sehen. Es schien jedoch, als ob bei ihm ein neidisches Schicksal unablässig bemüht gewesen wäre, der bürgerliche Tugend der Arbeit Hindernisse entgegenzustellen. Einmal fiel dem wackeren Brinka ein Ziegel auf die Hand, ein anderesmal verletzte ihm ein vom Stiele losgesprungener Hammer das Auge, ein drittesmal fiel er vom Gerüst und verrenkte sich die Hüften oder verstauchte sich 352 den Knöchel; dann wurde wieder zu wenig gebaut, so daß zwischen Angebot und Nachfrage bezüglich von Arbeitskräften ein bedauerliches Mißverhältnis herrschte, das seine schärfste Spitze ausgesucht gegen Brinka kehrte. Die Frau mit ihren 85 Kilogramm Lebendgewicht behauptete, es »auf der Brust« zu haben, so daß sie sich nur mit leichteren Hantierungen begnügen mußte. Für die schweren und gröberen war ein altes Weiblein als Aushilfe aufgenommen, das bedenklich hustete und infolge einer überstandenen Nervenkrankheit unablässig mit dem Kopfe wackelte. Bei jedem Huster, den es ausstieß, meinte Frau Brinka: »Mein Gott, Sie hab'n S' guat, Mahlerin, Sie können Ihna aushuasten, während i glaub', mi derwürgt's. Kan Megerzer bring' i außi, bei mir geht die Krankheit einwendi.« Diese seltsame »einwendige« Krankheit hinderte die Frau nicht, mit vorzüglichem Appetit eine ganz gediegene, substantielle Krankenkost zu verzehren. Im übrigen, wie gesagt, waren die beiden Leute nicht unleidlich und standen bei sämtlichen Parteien in großem Ansehen. Die arme Frau Fischer hatte manchmal Gelegenheit, für die rauhe Gutmütigkeit der Hausbesorgerin dankbar zu sein. Sonst lebten sie in einer gewissen Abgeschlossenheit, wie Leute, die sich ungern die Geheimnisse ihrer Häuslichkeit beschnüffeln lassen. Was sämtlichen Parteien am meisten auffiel, war die große Not an Hauskellern. Die meisten mußten sich mit einem einzigen Loche begnügen, manche besaßen gar keinen. Das Ehepaar Brinka verweigerte die Herausgabe von Kellern unter den nichtigsten Vorwänden. Darauf aufmerksam gemacht, daß doch einige sehr große Räumlichkeiten, die stets 353 mit schweren Schlössern versperrt waren, frei sein müßten, erwiderten sie, daß der Hausverwalter verschiedenes darinnen eingelagert, und andere unglaubwürdige Ausreden mehr. An dem heutigen Abend nach Torschluß saßen Brinka und seine Frau im Zimmer bei Tische und führten ein sehr lebhaftes, aber leises Gespräch. Ab und zu stärkten sie sich durch einen Schluck aus den vor ihnen stehenden Weingläsern. »Waßt, Alte,« sagte der Mann, die eben gestopfte Pfeife in Brand setzend, »i bin gar net damit einverstanden, mit dem Fischer. Es ist wahr, er is tüchti, und an Strafwag'n abrama versteht er net ohne. Aber er wird mit jedem Tag tepperter vor Saufen.« »Das machert m'r weniger Sorg'n,« sagte seine Frau sinnend, »aber der unglückselige Wimmer. Tuat der so was! I möcht' net guatsteh'n, daß er am Ende plaudert, wo's eahm eh schon alles aus sein muaß.« »Da hast es ja, alles geht schief, weg'n dem ölendigen Schnapssaufen von dö Leut'. Kan Mensch hätt' anmal a Idee g'habt von dem  . . . .,« er deutete mit dem Daumen zum Fenster hinaus nach der Richtung des Feldes, wo der Mord geschehen, »kan Mensch, am wenigsten d' Polizei. Wo d'r Teufel was einbrenna will, schickt er a Frau'nzimmer hin. Und muaß dös Mensch no an Schnaps mithab'n! Für'n Seppl grad g'nua, daß er d' größten Patzen macht. Jetzt vorderhand hab' i no ka Sorg'. Der und d' Polizei ham ka Zeit auf dö Klanigkeit z' denken, dö mir da ausmachen.« »Sixt, daß d'r Fischer was ausplauscht, glaub' i grad am wenigsten«, lenkte die Frau das Gespräch auf seinen ursprünglichen Gegenstand. »Der hat was am G'wissen. 354 Wann er ah manchmal beinah' vom Sessel g'fall'n war vor Rausch, i hab' eahms ankennt, daß eahm was druckt. Aber anmal nur a Alzerl, daß er verraten tät – das gibt's net. Der is g'wöhnt, auf a jed's Wartl aufz'passen. I verlass' mi mehr auf eahm, wie auf an andern.« »I waß net, i kann nix Rechts sag'n, aber i g'spann was, daß dö G'schicht' g'fehlt ausgehn kunnt. Wann i nur schon d' Keller laar hätt' – wann amal da d' Polizei was g'neißt , san m'r d'rin im Wakschaffel.« »Heut kummt ah no was dazua. D'r blade Heanzer hat an Wind g'schickt.« »Einikumma! Einikumma tuat g'nua, wia aber wegabringa? A Möbelwag'n war z'weni. Und mit dö Keller is dös a eigens Zeug. Dö Leut' g'spannen m'r scho' z' viel, daß da was net richti is.« »Denk' d'r nur,« sagte die Frau, »gestern macht m'r net die Blaschke an Bahöll, weil ihr d'r Keller z'klan is? Und wann i aner net trau', so is's dö Bisgurn. Seitdem, als sie si net über ihr'n Mann mehr traut, hat s' ihre Goschen überall.« »Der Mann g'fallt m'r ah net«, ergänzte Brinka den Gedankengang seiner Frau. »Der is zu viel ausg'wechselt, als daß er mir g'fall'n tät. Was der damals auf d'r Polizei z' tuan hat g'habt, geht m'r heut no net ein. Und das Bett, was er si aus sein' Keller g'holt hat mit den Fremden, kann ah a Maker sein.« »Ah! den Teppen fürcht' i gar net.« »Lern' m'r meine Leut' net kennen. Grad vur dö, wo m'r am wenigsten an was denkt, muaß m'r si hüat'n.« 355 Plötzlich ertönte über den Häuptern des Ehepaars die Glocke. »No, wer wird denn dös sein jetzten? Anmal a Spirgeld? Das war was Seltsames,« meinte Brinka, indem er den Haustorschlüssel vom Schlüsselbrett nahm und eine Kerze anzündete. »Is m'r eh liaber jetzt wia später geg'n d' Fruah. Muaß aus heut aufbleib'n, und 's Haustur spirr i ah nimmer zu.« Er schritt hinaus und öffnete das Tor. Ein ihm gänzlich unbekannter Mann drängte herein. Ehe Brinka noch seiner Verwunderung oder Mutmaßung, daß es sich um einen Irrtum bezüglich des Hauses handle, Ausdruck geben konnte, fühlte er sich gepackt, der Torflügel ward aufgerissen und im Nu standen einige Wachleute und Zivilbeamte im Hausflur. »Kein Aufsehen machen«, flüsterte einer dem vor Überraschung starren Hausmeister zu. »Tor nicht zusperren,« sagte ein anderer, als Brinka den Schlüssel umzudrehen versuchte, »es bleibt so, wie es ist. Und jetzt in Ihre Wohnung!« Der Schrecken Frau Brinkas war kein geringerer als der ihres Mannes, da die Wachleute, diesen in der Mitte, hereinkamen. Mit aufgerissenen Augen starrte sie bald auf die Organe der Sicherheit, bald auf ihren Eh'gemahl, dem einer der Detektive eben Handfesseln anlegte. »Bei Ihnen will ich bezüglich der Fesselung eine Ausnahme machen,« wandte er sich an die Frau, »rate Ihnen aber im Guten, sich vollkommen ruhig zu verhalten. Zwei Mann werden hier zu Ihrer Überwachung bleiben und jedes Zeichen einer Verständigung unter sich wie mit jemand anderem zu verhüten wissen.« In kurzem glich das Haus einer kleinen Festung, die einen Ausfall beabsichtigt. Zwei Mann wurden vor die Kellertüre 356 postiert, zwei bewachten den Stiegenaufgang, die andern begaben sich in den Hof und behielten durch die Glasfenster des Windfanges das Tor im Auge. Lange mußten sie so in vollkommener Stille ausharren. Niemand von den Parteien durfte eine Ahnung von der seltsamen Einquartierung besitzen, bis auf eine, die bei Inszenierung des Kriegsplanes eine Rolle zugeteilt erhalten hatte. Es war dies niemand anderer als Blaschke, der erst nach langem Zögern und Widerstreben sich dazu bereit gefunden hatte. Man hatte ihm die bindendsten Zusagen machen müssen, daß sein Name unter keinen Umständen mit den Ereignissen der heutigen Nacht in Verbindung gebracht würde. Nicht ohne Grund befürchtete er, daß er die Rolle, die ihm aufgedrungen worden, mit seinem Leben bezahlen könnte, kam eines der Bandenmitglieder auf seine Mitwirkung. Sein Amt war, im dunkeln Zimmer bei geöffnetem Fenster zu sitzen und auf nahende Schritte und eventuelle Pfiffe zu horchen, dann rasch vom Gangfenster in den Hof zu husten. Damit war seine Tätigkeit zu Ende. Endlich um drei Uhr früh vernahmen die vor Aufregung fast zitternden Wachleute von oben ein starkes Husten. Man stand in Bereitschaft. Das unversperrte Tor wurde schnell und leise und nur sehr unvollständig geöffnet. Vier Gestalten hoben sich undeutlich von dem schwach vom Mondlicht erhellten Hausflur ab. Auch ihnen ward nicht Zeit gelassen, sich in die Situation zu finden. Einige Bündel, die sie trugen, verhinderten überdies eine richtige Gegenwehr. Sie wurden gefesselt in die Hausmeisterwohnung gebracht, wo zwischen dem Ehepaar und seinen Gästen ein keineswegs erfreuliches, stummes Wiedersehen stattfand. »D' Polizeipritsch'n«, sagte nur einer. Das Wort 357 genügte, um die Ursache der Überrumpelung auszudrücken. Niemand als ein Verräter konnte der Polizei die umfassenden Aufklärungen gegeben haben, daß diese solche wohlvorbereitete Anstalten treffen konnte. Und wer mochte der Verräter sein? Seppl, dessen Kopf oder lebenslängliche Freiheit verwirkt waren, und der keinen Rächer mehr zu fürchten hatte. Wachmänner legten sich abermals auf die Lauer. Nur stand einer bei dem zu einem kleinen Spalt geöffneten Tor. Plötzlich ertönten vom weiten schrille Signalpfiffe und bald darauf stürmte ein Trupp Bursche gegen das Haus, deren einer in ganz eigentümlicher Weise an der Glocke anriß. Ein Eingeweihter konnte wissen, daß dem draußen Harrenden Gefahr drohe und Brinka würde sich sicher mehr als gewöhnlich beeilt haben, seine Pflicht als Hauscerberus zu erfüllen. Der Wache stehende Polizist hatte gleich, nachdem er die Signalpfeifen seiner Razzia haltenden Genossen vernommen, das Tor gänzlich geschlossen und nach einigen Augenblicken geöffnet. Herein stürmten sechs Gestalten, die es eilig zu haben schienen, die Hausmeisterwohnung zu erreichen. Keiner hatte des den Torwart vertretenden Wachmannes geachtet, der sich fürsorglich tief in den Winkel zurückgezogen hatte. Die Bändigung dieser Gesellen war eine schwerere als man gedacht. In dem halbdunklen Hausflur begann ein schweigender aber erbitterter Kampf. Zwei Wachleute bluteten bereits, andere lagen mit den Verbrechern zu einem Knäuel geballt. Endlich nahte Verstärkung in einem starken Trupp von Wachleuten, die eine Razzia auf die im Freien herumlungerndem Strolche unternommen und sie zum Scheine 358 verfolgt hatten, um sie nach ihrem gewöhnlichen Zufluchtsort zu treiben. Die gefährlichsten Köpfe der Bande nebst dem Hehlerpaar waren nun für längere Zeit unschädlich gemacht. Die geheimnisvolle Tätigkeit der Verbrecher, ihr spurloses Verschwinden bei Verfolgungen, die Unmöglichkeit, jemals der gestohlenen Waren ansichtig zu werden – alles hatte seine einfache Lösung gefunden. Der schrille Pfiff eines Wachmannes, auf der Straße ausgestoßen, ließ bald ein massiges Gefährte vor dem Hause erscheinen, das sich als ein Zellenwagen entpuppte. Dieser nahm die ganze illustre, gefesselte Gesellschaft auf, um sie nach dem einstweiligen Arreste zu überführen, indes ein Teil der Wachleute zu Fuß die Nachhut bildete. Nur einer fehlte noch, dessen Aufenthalt ein so ungewisser war, daß man seine Inhaftnahme für morgen aufschieben mußte. Es war Fischer, der als zur Bande gehörig und als berüchtigter Streifwagendieb gleichfalls arg kompromittiert war. Einen oder den anderen zu erwischen und zu überführen, wäre schon früher gelungen. Aber es hieß, sich mit einem Schlage der ganzen Gesellschaft zu bemächtigen und sie in ihrem Schlupfwinkel aufzuspüren, sonst wären die Allergefährlichsten gewarnt worden, und man hätte Zeit gehabt, die Spuren zu verwischen, die zu den Hehlern führten. Die bei der Kellerstiege postiert gewesenen Wachleute machten die Mitteilung, daß sie unten eine Stimme und ein Geräusch gehört hätten, als ob Gegenstände zertrümmert würden. Das konnte nur aus Fischers Wohnung kommen. Man ward besorgt um die Frau, die sich mit dem Wüterich allein in der Wohnung befand. So war er also heute doch 359 daheim! Da hieß es, sich mit der Festnahme des gefährlichen Trunkenboldes zu beeilen. Lichter wurden angezündet und ein Detektiv, von zwei Wachmännern gefolgt, begab sich leise über die Stiege hinab. Plötzlich hielt er, vor der Türe angekommen, inne und winkte den Polizisten zurück, sich möglichst stille zu verhalten. Aus der Wohnung Fischers drangen heisere Töne hervor, drohend gesprochene Worte und zeitweiliges Auflachen. Die drei Lauscher hörten ganz deutlich jedes Wort, das der Mann darinnen sprach. Unzusammenhängendes Zeug, die Paroxysmen des Fieberwahnsinns; Beschwörungen, an eine unbekannte Person gerichtet, zärtliche Worte an seine toten Kinder, schreckliche Drohungen gegen sein Weib. Hin und wieder ein gellendes Auflachen, ein Gebrüll wie in fürchterlicher Todesnot, dann wieder Flüstern und Murmeln. Die drei Männer sahen sich bedeutsam an, sie kannten die Delirien des Säuferwahnsinns und wußten, was bevorstand. Eine bange Frage lag in ihren Blicken: was ist mit der Frau geschehen? Vor allem bedurfte man zur Bändigung des Wahnsinnigen Stricke und die Assistenz noch einiger Männer. Ein Wachmann eilte nach kurzer, leiser Beratung hinauf in die Hausmeisterwohnung und kam bald wieder mit einem glücklich gefundenen Seil und in Begleitung von drei Kameraden zurück. »Tauch unter,« sprach Fischer drinnen eine imaginäre Persönlichkeit an, »tauch unter wia's erstemal! Jetzt erst kummst aufi aus'n Wasser? Du kannst net sag'n, i hätt' di 'neing'worfen, und niemand hat's sunst g'seg'n. Soviel Staner hab' i in deine Säck' gefüllt, soviel schware Staner. Wer hat's herausg'nummen, daß d' wieder in d' Höh kummen 360 bist und jetzt ob'n am Wasser umerenand schwimmst? Ah! den Durst, den Durst! Ganz brennert bin i einwendi. Franzerl – Franzerl, hörst, oder schlafst schon? Geh', sei brav, hol' dein Votan an Schnaps. – He! Franzerl, was is? Du bist tot? Und dein Muata hat di sterb'n lassen? Karnalie, wart, i wir d'r's zag'n. Wo is d'r Bua? Wo is 's Lintscherl, he? Wo is d'r Bua? Luader, elendigs, wannst di ah versteckst, i find' di do. Wo bist denn, Hundling, kumm her! Da, da hast, so, da hast – no ane – no ane . . . . – und krachend schlug ein Gegenstand auf die Erde, dann noch einer – – – – Auf einen Ruck war die Türe geöffnet. Die Lichter erhellten den Raum, der ein Bild sinnloser Zerstörung bot. Der ganze armselige Hausrat lag vernichtet da, das Lager war in kleine Fetzen zerrissen; und mit blutigrot geränderten Augen, einer scheußlichen Bestie ähnlicher als einem Menschen, stand Fischer allein in der Mitte des Zimmers und suchte die Trümmer noch einmal zu zertrümmern. Er hatte sein zerstörendes Werk in vollständigster Dunkelheit verrichtet. Das einfallende grelle Licht blendete ihn im ersten Augenblick. Aber bald hatte er die gefürchteten Uniformen erkannt. Man kam ihn zu holen, in den Kerker, zum Galgen . . . . Ein Schrei ergellte, so wütend, daß die Männer einen Augenblick zurückbebten, dann begann das Schreckliche. O Menschheit, möge nicht allzu oft ein Kampf dich schänden, wie er nun geführt ward, ein Kampf, der an Wildheit und Abscheulichkeit das härteste Gemüt erbeben machte. Zehn Leute, die ihre Freiheit nachdrücklich genug verteidigt hatten, waren kurz zuvor mit verhältnismäßig leichter Mühe unschädlich gemacht worden. Ihre Festnehmung war Kinderspiel gegen die dieses einzigen Menschen. Auf einen einzigen Sprung hatte der Tobende zwei Männer zur Erde 361 geschmettert, daß sie sich kaum zu erheben vermochten. An den andern vorbei mit der Gelenkigkeit einer Wildkatze raste er über die Kellerstiege hinauf. Ein Klirren zerschlagener Fensterscheiben, das Krachen splitternden Holzes – er hatte den Windfang im Anpralle aus den Angeln gerissen, und nun raste er in dem durch eine Mauer gegen die Felder abgeschlossenen Hofe umher. Ein unmenschliches Brüllen und Wutgeheul, die stille Nacht erfüllend, entfloh unablässig seinen Lippen und scheuchte die Schläfer von ihrem Lager. An den Gangfenstern erschienen die erschreckten Bewohner, oder kamen mit Lichtern über die Stiegen herabgerannt. So oft man sich des Tollen bemächtigte, er riß sich los, fuhr den Wachleuten an die Kehle, biß sich in ihre Hände fest, fetzte ihnen die Uniform in großen Stücken vom Leibe, wälzte sich mit ihnen auf der Erde, bis es endlich gelang, ihn förmlich in das Seil einzuschlingen und ihn zu binden, wie man keinen Simson hätte fesseln brauchen, um ihn unschädlich zu machen. Ein Wachmann stürzte von der Aufregung übermannt ohnmächtig nieder. Die ganze Einwohnerschaft des Hauses stand in Nachtkleidung um die Gruppe, erblaßt und bebend. Einige Frauen bekamen bei dem abscheulich brutalen Schauspiel hysterische Weinkrämpfe – in Verbindung mit dem Gebrüll des Gefesselten, den unwillkürlichen Flüchen der Wachleute und den erregten Auseinandersetzungen der männlichen Bewohner eine Symphonie von höllischer Wirkung. »Marrand Josef,« schrie plötzlich eine Frau auf, »wann der mit sein' Weib unt' beisamm' war – – – –« »Sie is net unten,« keuchte einer der Wachmänner, denn von einem ordentlichen, zusammenhängenden Sprechen war für längere Zeit keine Rede, »waß niemand, wo s' is?« 362 Kein Mensch konnte Auskunft geben. Man atmete nur im ersten Moment erleichtert auf, daß sie nicht in Gemeinschaft mit dem Wahnsinnigen sich in ihrer Wohnung befand, denn sie wäre von diesem buchstäblich in Stücke zerfetzt worden. »Is das a Unglück, was über a Familie kummt,« sagte eine andere Frau, »heut die Aufregung mit dem Buam, wie s' eahm abg'holt ham, das war beinah so schrecklich wie das jetzt . . . . mein Gott und Herr«, unterbrach sie sich. »Was is? Was gibt's?« frug man. »Mir is a schreckliche Idee kommeu«, fuhr sie schluchzend fort. »Das arme Weib – hat si sicher was antan. War ka Wunder, nach dem heutigen . . . . .« Der Blick eines Hausnachbarn fiel in diesem Moment auf den »Kapral« der auf dem Randsteine des Hausflurs saß und dessen Kinnlade auf- und zuschnappte wie die eines Nußknackers. »Was is denn, Kapral?« schrie er ihn an. »O Jekisch, Maria, Josefe,« brach dieser los, »o i dumme Kerl, i Viech b'soffene . . . .« »Was hat er denn?« tönte es durcheinander. »Fischerweib arme is gangen nach Ziegelofen, hab' i begegn't, fallt mi erst ein. Is gangen, i hab' i ihr seg'n, wie bin i kummen abends ham, weil i hab' g'holt Fischer. Hat nix g'habt am Kupf, kane Tichl, nix, gar nix, hat mi net anschaut und is rennt schwind – o Jekusch, Jekusch, Jekusch! waß i jetzt, wo is. Am Lamlacken, ertrunken . . . .« Der Detektiv und die Wachleute sahen sich betroffen an. Jetzt ward ihnen klar, was die Delirien Fischers bedeutet hatten. Er hatte sein ertrunkenes Weib gesehen – und sie für jemand gehalten, den er wohl einst in das stille, entlegene Wasser gestoßen. Das Opfer hatte sich an seinem Mörder furchtbar gerächt. 363   Einundzwanzigstes Kapitel. (Beweist, daß Festigkeit und Würde allein eine gefallene Größe zieren. Ludwig fühlt sich genötigt, ein Wort zu brechen und übernimmt eine heikle Mission.) Ein geschlagener Feldherr, dessen Truppen die Walstatt bedecken oder den Siegeseinzug des Feindes zieren helfen, mochte mit geringerem Schmerze die Wetterwendischkeit des Kriegsglückes beklagen, als der Gentleman mit der schweren silbernen Uhrkette samt vielen Anhängseln und dem goldenen Flinsel im Ohr. Wie durch höhere Fügung war ihm eine schmähliche Gefangennahme erspart geblieben. Ein nicht näher interessierender Umstand hatte ihn verhindert, mit den Genossen das bisher schutzbereite Haus zu erreichen, und ihm verdankte er, das Haupt des edlen Bundes, seine Freiheit. Ach! es war eine teuer erkaufte Freiheit und »Ehre verloren alles verloren« war auch hier Wahlspruch. Zu nicht geringem Staunen und grenzenloser Empörung des am nächsten Tage in der Nähe des Hauses patrouillierenden Wachmannes erschien mit den alten Allüren biederer Sorglosigkeit der armeelose General auf der Bildfläche und mit einer, seine seltene Geistesgegenwart ins schönste Licht setzenden Ungeniertheit redete er den Posten an. »Also ham m'r s' endli? Gott sei Dank! Sö glaub'n gar net, was für a Trumm von an Stan mir vom Herzen g'fall'n is. Das war a Kapitalstückl von Ihna, dös hätt' i unserer Polizei gar net zuatraut. I bin froh, sunst hätt' i aus derer Geg'nd müassen wegziag'n, und mir is nur um 364 dö frische Luft da heraus z' tuan. I bin nämlich ziemli schwach auf der Brust, können m'r 's glaub'n, soviel schwach. Aber wann m'r si ah um seine paar Netsch do heraußt sorg'n muaß, da ziag' i mi do lieber eini. Gott sei Dank, jetzt leb' i wieder auf.« Es lag soviel Unverfrorenheit, soviel Hohn und soviel kränkende Beleidigung für eine im staatlichen Dienst stehende Person in diesen Worten, daß der mit der Persönlichkeit des frotzelnden Herrn wohlvertraute Wachmann die Geduld und Selbstbeherrschung verlor, die bisher er und seine Kollegen an den Tag zu legen für gut befunden. Einem unterlegenen Feind gegenüber fühlt man sich nimmer zur Selbstverleugnung verpflichtet. »Schaun S', daß S' abfahr'n, Strotter elendiger, sunst nimm i Ihner mit. Am besten war's, Sö verschwinderten überhaupt, denn es wird nimmer lang dauern, werd'n S' g'suacht werd'n und daß m'r Ihner finden, können S' sicher sein.« »So?« Und der Verbrechergeneral zwinkerte sehr verdächtig mit einem Auge. »Glaub'n S' wirkli? I möcht' nur wissen, weg'n was i sollt' g'suacht werd'n.« »Halten S' mi net für an Narrn und schleichen S' Ihner. Mit so Bürscherl mach'n mir kane G'schichten. Und wann m'r Ihner anmal bei uns drin hab'n – brauchen S' Ihner net umschaun, wia's do der Haslinger gnädi hat.« »Gehst net doni!« schrie der andere und tat unendlich erschrocken. »I bitt Ihner, san S' wieder guat, i wir schon wieder brav sein!« Und er faltete mit einer kindlich neckischen Art die Hände und tat so, als wollte er jeden Augenblick auf die Knie fallen. Dem Wachmann mochten angesichts solcher Frechheit und Verruchtheit doch Bedenken darüber aufsteigen, ob es 365 geraten sei, diesen gefährlichen Burschen durch einen Akt der Autorität zu einem unversöhnlichen Feind zu machen. Er begnügte sich, ihm einen verächtlichen Blick zuzuschlendern und dann – Kehrt zu machen und seine Runde nach der entgegengesetzten Seite hin aufzunehmen. Der Zurückgebliebene sah ihm mit einem höhnischen Grinsen nach. Ihm schmeichelte die Anerkennung seiner Macht, die sogar jetzt noch in ihrer Verblaßtheit genügend wirkte, daß man seine Feindschaft vermied. Dann jedoch, sich seiner Stellung als depossedierter Heerführer bewußt werdend und mit Gefühlen, die einst Napoleon auf seinem Felseneiland bewegt haben mochten, wandte auch er sich und verschwand in der Richtung des Laaerberges zu, um unter einem Gebüsch mit sich selber Rats zu pflegen, was unter gegebenen Umständen am besten zu tun wäre. Daß die Behörden diesem Burschen nicht ankonnten, lag daran, daß er von einer Schlauheit war, die aller Schlingen spottete. Obwohl der Anführer und das geistige Haupt einer gefürchteten Rotte von Verbrechern, brauchte er nicht einmal zu besorgen, daß ihm ein Verrat schaden könne. Niemals persönlich tätig an einem inszenierten Einbruch oder Überfall, vermochte keines der Mitglieder seiner Bande behaupten, ihr Chef hätte dies und jenes am Gewissen; abgesehen davon, daß es im Interesse eines jeden einzelnen lag, ihn nicht zu verraten, denn seine Freiheit bedeutete mehr als die jedes andern. Sein Spürsinn, die Genialität seiner Leitung, die Finten und Schliche, deren er sich bediente – all das kam denjenigen zugute, die nach verbüßter Haft ihr gewohntes Fortkommen sichern wollten. – Selbstverständlich hatte die Aufhebung des Verbrechernestes allenthalben die freudigste Sensation erregt. Die 366 allergefährlichsten Strolche waren für längere Zeit unschädlich gemacht. Es befanden sich darunter manche, die nicht zum ersten Male die Bekanntschaft mit dem Strafhause gemacht, und bei der Untersuchung mochten sich Dinge ergeben, die ihnen nun lange Jahre »Stein« eintrugen. Allenthalben rühmte man den Spürsinn und die Energie der Polizei, der diese Tat gelungen. Blaschke hüllte sich in bescheidenes Schweigen. Herr Schwarz, der alle Ereignisse nur unter dem Winkel ansah, in dem sie zu seinem persönlichen Interesse und Wohlergehen standen, äußerte sich nichtsdestoweniger sehr mißbilligend über genannte Institution. »Alls recht schön,« sagte er, indem er einer Kunde Butter abwog und bemüht war, von dem armseligen Stück mit dem Messer winzige Fragmente abzustechen, da die Wage (die von unerhörter Feinfühligkeit sein mußte) die Neigung nach der Warenseite zu bewahren schien, »alles recht schön, jetzt'n ham s' ös. Aber wia lang ham s' ös net g'habt? Während der ganzen Zeit hätten s' unseran ausraub'n und waß Gott was no können. Auf wem verlaßt m'r si nocha no, wann schon d' Hausmasterleut' mit dem Raubersvolk in an Bandl san? Gebert m'r die Polizei was dafür, wann i ausg'raubt war wurd'n ehnder, bevur s' no die Haderlumpen derwischt hat? Seg'n S', für so was zahlt mar pünktli seine Steuern, daß an so was passiern kunnt. Rechnen S' Ihner z'samm, was seit kurzer Zeit alls in und um den Haus vurgangen is. Sö, da vergeht am der Gusto, wissen S', und i wir schaun, daß i so bald als mögli weiterkumm. Zu was i m'r ah da heraus, in dem Haus, a G'schäft g'numma hab', waß i wirkli net.« Herr Schwarz wußte es aber wirklich sehr gut. Er war auf einem weiten Umkreis der einzige Gemischtwarenverschleißer 367 und man kam in sein Geschäft aus ziemlicher Entfernung. Dann wußte er, daß in absehbarer Zeit die umliegenden Gründe verbaut würden, und was ließ sich da verdienen an den bei den Bauten beschäftigten Arbeitern! Drittens hatte er dann schon einen alten Posten, dem eine zahlreiche Kundschaft aus den neuerbauten Häusern zuflog und der eine später auftauchende Konkurrenz nimmer zu fürchten hatte. Allgemein wurde das traurige Ende der Frau Fischer bedauert, deren Leiche man noch am selben Morgen aus dem Wasser gezogen hatte. In überraschender Weise betätigte sich das Mitgefühl bei dem Leichenbegängnisse der erlösten Dulderin. Hunderte von Menschen folgten dem Sarge, eine eingeleitete Sammlung ermöglichte ein anständiges Begräbnis bei Tage und unter den Zeichnern für einen Kranz seitens der Hausparteien waren der »Kapral« und – Herr Schwarz vertreten. Am erschütterndsten hatte der endliche Ausgang dieser Familientragödie auf Anton gewirkt, obwohl er sonst seit einiger Zeit allen Vorkommnissen um ihn mit einer Gleichgültigkeit gegenüber stand, die sich nur daraus erklären ließ, daß sein Geist mit irgend etwas Besonderem intensiv beschäftigt sei. Dem war in der Tat so. Seit seinem letzten Zusammentreffen mit Milly versank er in Grübeln und Sinnen, das den schon früher keineswegs wortreichen und lebhaften Menschen vollständig zum düsteren Sonderling werden ließ. Er zog sich in gänzliche Vereinsamung zurück, und scheuchte auch die Ambros noch mehr von sich, als er es bisher getan hatte. Ihr Anblick schien ihm geradezu widerwärtig zu sein. Ihre verhängnisvolle Ähnlichkeit mit dem jungen Mädchen lag, so sonderbar es scheinen mochte, dieser Abneigung zugrunde. In sein Kabinett gebannt, nachdem er von der Arbeit heimgekommen, hing er den unfruchtbarsten Gedanken 368 nach, und so durch gar nichts abgelenkt, mußten sie eine Gewalt über ihn erringen, die endlich zu seinem Verhängnis wurde. Wäre Anton ein Wirtshausgänger gewesen, oder hätte er seinen Geist durch Lektüre zu beschäftigen vermocht, wäre die Intensität seiner Gedanken an Milly eine bei weitem schwächere gewesen. Immer vermeinte er den Duft des feinen Parfüms einzufangen, glaubte ihr süßes Lächeln auf sich gerichtet zu fühlen und ihre klare, heitere Stimme zu hören. Männer aus dem Volke hängen zäher und leidenschaftlicher an dem Gegenstande ihrer Liebe, als Männer der besseren Stände. Sie haben noch den naiven, unabgestumpften Sinn für das, was sie als schön und liebenswert erklären, und fühlen vor allem nicht die Furcht vor Lächerlichkeit. Wie in all ihren Leidenschaften, sind sie auch in der Liebe von natürlicher Urwüchsigkeit, durch keinerlei Spekulationen beschwert und wie Kinder, in ihren Absichten nur dem Ziel zugewandt, ohne sich zu fragen, ob dessen Erreichen der Mühen wert sei und vor allem was die Welt dazu sagen möge. Wie es so geht – wenn zwischen zwei noch so guten Freunden eine räumliche Trennung eintritt, erblaßt allmählich bei einem das Bild des andern, und wie heilige Versprechen man sich gegeben haben mochte, sich recht oft wiederzusehen, der Besuchseifer kühlt allmählich ab. Auch Ludwig hatte nun schon seit Wochen keine Gelegenheit gefunden, Anton aufzusuchen, ebensowenig als er die Ambros mehr mit einer Tagesvisite beglückt hätte. Einesteils war seine Zeit wirklich beschränkt, andernteils wollte er sich nicht in die Netze der hübschen Witwe verstricken und vor allem war es ihm peinlich, an das Milieu erinnert zu werden, in dem er einige Zeit 369 hindurch eine so hervorragende Rolle gespielt. Wie einstens Lord Leicester der Mortimer, so war Ludwig der »krumpe Seppl« sehr gelegen gestorben. Es war vielleicht der klügste Einfall seines Lebens, den dieser je gehabt. Schade übrigens, daß er ihm so spät gekommen. Eines Tages schickte sich Ludwig an, eben vom Hause Herrn Tänzingers den Weg nach der nächsten Tramwayhaltestelle anzutreten, als er merkte, daß ihm eine Frau zuwinke. Diesem Zeichen folgend und auf die Person näher zutretend, erkannte er zu seinem größten Unbehagen die Ambros, deren in das Gesicht gezogene Kopftuch ein Erkennen von weitem erschwert hatte. Es wäre ihm unangenehm gewesen, so in unmittelbarer Nähe des Hauses mit der Frau im Gespräche betroffen zu werden, deshalb lenkte er seine Schritte in eine Seitengasse, wohin ihm Frau Ernestine folgte. »Haben Sie mir etwas zu sagen?« frug er nach der ersten, etwas steifen Begrüßung, in der er seine Freude ausgedrückt hatte, seine ehemalige Quartierfrau wiederzusehen. »Warum lassen S' Ihner denn gar nimmer anschaun bei uns?« fragte diese mit einem vorwurfsvollen Blick. »Liebe Frau Ambros, bei meiner Überhäufung mit Arbeit kann Sie das wirklich nicht wundern und ich muß schon um Entschuldigung bitten.« »Mein Gott, anmal kunnten S' Ihner do um Ihnern Freund umschaun. Weg'n mir is eh net, was werd'n Sie Ihner ah viel um a Person kümmern, wia i bin.« Es lag soviel weibliche Entsagung und Untertänigkeit in diesen Worten, daß Ludwig fühlte, er sei sehr undankbar gegen diese Frau, die ihm nur Zuneigung entgegengebracht, und daß er kein Recht habe, durch ein fremdes, verletzendes Wesen ihr Kränkung zuzufügen. Er beeilte sich daher zu versichern: 370 »Sie irren sich, wenn Sie glauben, ich würde nicht Ihretwegen allein mich zu einem Besuche gedrängt fühlen. Ich machte mir in letzter Zeit schon oftmals selbst Vorwürfe, so nachlässig zu sein, wenn man es so nennen kann. Was wird sich Anton denken?« »Grad weg'n dem is, daß i mit Ihner reden will, i hab' m'r beiläufig g'merkt, um welche Zeit als Sie von da weggengan . . . .« »Wie,« sagte Ludwig erschrocken, »ist ihm etwas passiert, ist er vielleicht krank?« Die Ambros schüttelte den Kopf. »Das net, obwohl's vielleicht no besser wäre, als das andre. Sie glaub'n gar net, wia er si in aner kurzen Zeit verändert hat. Er is wia ausg'wechselt, net zum derkenna.« »Bitte, sagen Sie rasch, was es gibt! Ich bin ganz außer mir vor Besorgnis«, drängte Ludwig. »Die G'schicht is dö,« fuhr die Frau fort, »daß er gemütskrank is. Und jetzt waß i ganz bestimmt, warum, wia i m'r's früher dacht hab', Ihnen hab' i's ja ah g'sagt – Sie erinnern Ihnen do, damals . . . .« So weit das vorgeschobene Kopftuch es gestattete, sah man, daß die der Ambros eigene Röte wieder ihr Gesicht überzog. Heute fand aber der junge Mann keine Zeit, es ihr gleichzutun. Er forschte nur hastig. »Also die Liebesgeschichte mit diesem jungen Mädchen soll . . .?« »Richtig. Er hat s' vor aner Zeit g'seg'n. Der Huxtl, der damals mit war, es war am Tag nach sein' Benefiz, hat mir's erzählt. Wissen S', i kenn' die zwa Leut', 'n Anton und das Madl, schom wia s' no Kinder war'n. Sie san für a paar Jahr ausananderkummen und wia sie si wieder g'seg'n hab'n, war beim Anton 's Malör firti. Seit derer Zeit denkt 371 er nur immer an sie, und jetzt, seit'n letztenmal, is gar aus. Wann m'r an Menschen so lang kennt, hat m'r an Blick für so was. Denken S' Ihner, in letzter Zeit fangt er an zum Trinken.« »O, nicht möglich!« rief Ludwig erschüttert. »Ich kenne ihn doch als ganzen Mann, der nicht eine Leidenschaft durch eine andere, so schreckliche aufheben wird wollen.« »Ui je,« sagte die Ambros mit der Miene einer Person, die ihr Stück Welt kennen gelernt, »da müassen S' erst wissen, was a verliabter Mensch imstand is. I kann mit eahm gar nix reden, er mag mi net anmal anschaun. Ich möcht' wissen, warum?« fügte sie mit Bitterkeit hinzu. »Aber Sie, wann S' mit eahm reden möchten, auf Ihner halt' er was. Sag'n S' eahm, wia patschert er is, wann er si an das Madl anhängen will . . .« »Ich denke,« unterbrach sie Ludwig, »das Geeignetste wäre, man könnte ihm die Verbindung mit dem Mädchen verschaffen. Vernunftgründe dürften in einem solchen Falle nur eine sehr schwache Wirkung haben.« » Das Madl? O na, die is für eahm verlurn. Da kenn' i's z' guat. Sie hat eahm ja gern, aber heirat'n – na! Da dürft er ka armer Fabriksschlosser sein. Alles tät s', nur das net.« »So, Sie kennen das Mädchen? Haben Sie denn keinen Einfluß auf dasselbe?« »I? O Gott na! Villeicht hab' i selber viel Schuld, daß 's jetzt so is, das hab' i aber net wissen können, und dann hab i 's nur guat g'mant mit ihr.« »Sei die Sache wie immer, hier können wir das Nähere nicht besprechen, ich komme heute abends. Selbstverständlich braucht Anton nicht zu wissen . . .« »Um Gottes will'n net!« rief die Frau erschreckt. 372 »Wann der a Idee hätt« – Nach Art weicher, liebebedürftiger, sinnlicher Frauen hegte sie eine fast sklavische Furcht vor ihrem Geliebten. »Gewiß, das soll auch nicht sein, er würde sich beschämt fühlen. Also abends, ich muß mich heute schon beeilen, denn ich habe noch zu tun.« Ludwig verabschiedete sich mit einem Händedruck und nahm von dem zärtlich vorwurfsvollen Blick der hübschen Frau heute nicht mehr Notiz, als von dem irgendeiner gleichgültigen Person. Er war im Augenblicke wirklich nicht gelaunt, zärtlichen Regungen nachzugeben, wo ihn die Eröffnung, welche ihm eben gemacht wurde, noch allzu sehr beschäftigte. – – – Abends traf er seinem Versprechen gemäß bei Frau Ernestine ein. Anton war noch nicht zu Hause. Ein Alleinsein mit seiner ehemaligen Quartierfrau und Geliebten behagte Ludwig indessen bei seiner jetzigen Stimmung durchaus nicht. Er liebte seinen Vetter aufrichtig und war in großer Besorgnis um ihn. Früher wäre es niemals der Fall gewesen, daß Anton um diese Zeit nicht daheim war. Es lag etwas fast Pedantisches, Nüchternes in der Pünktlichkeit, wie er seine Zeit einteilte. Die Ambros wäre übrigens über dieses Ausbleiben heute nicht sehr böse gewesen. Für sie gab es keine Gelegenheit, die ernst genug gewesen wäre, ihre girrende Sehnsucht zurückzudrängen. Aber Ludwigs ernstes Wesen, eine gewisse energische Weise, in der er ihr befahl, in dem Kabinett Licht anzuzünden, bewogen sie von weiteren Versuchen, die alten Liebesstunden zu erneuern, abzusehn. Sie brachte das Licht und nach einem letzten bedauernden Blick zog sie sich zurück. 373 Ludwig blieb in tiefes Nachsinnen versunken sitzen und bedachte gar nicht, wie schnell die Zeit verrann. Endlich störten ihn Schritte, die sich der Türe näherten, auf. Wie eine schwere Last befiel es sein Herz, als er dem Takt dieser Schritte lauschte. War das der feste elastische Gang Antons? Die Türe ging auf und in ihr stand dieser. Es bedurfte nur eines raschen Blickes und Ludwig wußte, daß die Ambros leider nur zu wahr gesprochen. Anton blickte erschreckt und beschämt seinen Besucher an. Er war sich seines Zustandes bewußt, und noch nicht gegen ein Gefühl abgestumpft, das ihn bisher stets beherrscht hatte, das Gefühl der Anständigkeit. Sein Gesicht war unnatürlich gerötet und der Gang schwankend. Mit weinschwerer Zunge grüßte er Ludwig, und sogar in diesem Zustande bemühte er sich, sein Geheimnis zu bergen, indem er mit einem traurigen Lächeln ihm die Hand reichte und versicherte, heute ausnahmsweise ein wenig verunglückt zu sein. Wortlos sah der Student seinen armen Vetter an. Ihm war so schwer ums Herz, wie es jedem ist, der einen Lieben auf einen Weg gebracht sieht, zu dem diesen ein verborgenes Leid nötigt. Anton setzte sich an den Tisch mit der offenkundigen Bemühung, seinem Gegenüber einen gleichgültigen Ausdruck zu heucheln. Als er jedoch Ludwigs Augen mit so schmerzlichem Vorwurf auf sich gerichtet fühlte, hielt er beide Hände vors Gesicht und verharrte in dumpfem Schweigen. Minutenlang saßen sich die beiden jungen Leute stumm gegenüber, ein jeder befürchtend, die Stille zuerst zu unterbrechen. Endlich ermannte sich Ludwig und dem andern die Hände von den Augen ziehend, sprach er: »Anton, mein Lieber, höre mich an! Schäme dich nicht vor mir! Du gehst entweder einen schweren oder bösen Weg, aber in jedem Falle bin ich deines Vertrauens wert. Bedenke, daß wir Brüder sind, und daß ich dir helfen will, soviel ich vermag.« Anton ließ sich einen Augenblick die Hände von seinem Gesicht trennen und heftete den unstäten Blick auf den Sprecher. Dann barg er wieder den Kopf. »Ich lasse nun nimmer von dir ab«, fuhr Ludwig fort, indem er seinen Stuhl neben Anton rückte und brüderlich den rechten Arm um dessen Schulter schlug. »Es ist schon lange etwas mit dir nicht in Ordnung, aber ich bemerkte es früher nicht, ich kannte dich zu wenig. Anton, mein Bruder, ich denke daran, wie brüderlich du mir fremdem, armen Studenten entgegenkamst, wie deine Freundlichkeit und Güte mir das Leben in dieser großen Stadt erleichterten und jetzt mache ich mir Vorwürfe, einige Zeit dir ferngeblieben zu sein, so daß ich nicht gleich im Anfange dir zurufen konnte: Halt ein! Aber die Zeit da wir uns nicht gesehen, hat mir den Unterschied klar gemacht, der zwischen dem Anton von damals und dem von heute herrscht. Ich bin mir nur nicht ganz bewußt, was dich bedrückt. Etwas Böses hat über dich keine Macht. Also ist es die unfruchtbare Zuneigung zu einem Weibe. Jetzt gestehe mir einmal alles!« »Du hast recht,« sagte Anton, ohne sein Haupt zu erheben, »i bin selber a alt's Weib word'n und bin jetzt am besten Weg mi zum verlier'n. Schau, soviel kann a Madl aus dir machen, daß d' aner wirst, den m'r mit'n nassen Fetzen niederschlag'n kann. I hab' mi bis heute g'schamt, von der G'schicht' mit dir z'reden, i siech's ja ein, sie is zu dumm, zu dumm, aber was kann i machen, es is stärker 375 wia i. I will d'r anmal all's erzähl'n, wannst m'r ah net helfen kannst. »Wer weiß? Zum mindesten dir einen vernünftigen Rat geben, wird mir wohl gelingen. Kopf hoch, Anton! Sei dein Unglück ein wirkliches oder eingebildetes, so bitte ich dich dennoch, sei ein Mann! Willst du einem Dämon dich ergeben, dessen Macht du nur zu sehr an andern kennen gelernt? Du, der edelmütige brave Bursche, willst nur gegen dich allein wüten in einem Schmerze, der zu töricht ist, als daß du ihn binnen kurzem nicht selbst belächeln solltest?« »Leicht g'sagt, Ludwig,« sagte Anton müde, »aber mit dem allen wird mir net leichter. Es is net um a Liebschaft z'tuan, wia m'r g'wöhnli ane anfangt und bald wieder vergißt. Da schau di um,« und er deutete auf die paar ärmlichen Möbelstücke seiner Behausung, »das alles erinnert mi an sie, an Zeiten, so schön, wia s' niamals, gar niamals mehr kummen werd'n. I hab' z'Haus ka leicht's Leb'n g'habt, d'r Voda war a finsterer Mensch, streng, daß's nimmer schön war, mein arme Muatta hat mit mir vur eahm zittert – und da, da is wia a Engel vom Himmel die klane Milly von Nachbarn mir beig'standen. Ja, das war's, sixt, weil m'r uns schon von klan auf kennt hab'n, und weil s' mi an mein Muatta g'mahnt, die s' gern hat g'habt wia a eigenes Kind. War s' net so bald gangen, war alles anders wurd'n, b'sunders für das Madl.« Empfand Ludwig einen schnellen, blitzartigen Verdacht, wie er sich dem Menschen manchmal aufdrängt, wie eine kurze, rasch entschwindende Erkenntnis, er vermochte sich selbst nicht zu sagen, warum ihn der Name Milly so erschreckte. Er wartete indes ruhig, bis Anton fortfuhr. »Lang hab' i's auß'n G'sicht verlurn g'habt, aber vur 376 aner Zeit is s' m'r wieder begegn't, schöner und liaber als jemals.« Dann erzählte er Ludwig die ganze Geschichte seiner Kindheit und der Zeit, als er Milly nach Jahren wiederum getroffen. Wie er von ihr nichts anderes wußte, als daß sie um ihrer Schönheit willen Hände gefunden, die sie in Seide kleideten. Den Beschluß bildete die Schilderung des Zusammentreffens mit ihr, da er und Huxtl den bekannten »Generaldrahrer« gemacht. »Also die Ambros kennt das Mädchen?« frug Ludwig, nachdem er zwischen dieser Frage und Antons Mitteilungen eine lange Pause gewahrt hatte. »Selbstverständli. Und wannst d'r die Ambros anschaust, hast die Milly. Nur was der Unterschied vom Alter und 'n G'wandl ausmacht.« »Und du sagst, das Mädchen sei eine – eine – Ausgehaltene, wie man hier sagt? Was willst du dann von ihr? Kannst du ihr Ersatz bieten für das, was du ihr an Existenzmöglichkeit nehmen willst?« Er frug dieses rein mechanisch, ohne Teilnahme. Anton warf einen stolzen Blick auf seinen Verwandten, dann sagte er einfach. »An ehrlichen, rechtschaffenen Namen als Weib möcht' i ihr geben, guat g'halten wurd' s' von mir, wia nur ane verlangen kann, und arbeiten möcht' i für sie, daß s' niamals a Not kennen lernet. Mehr kann unseraner net tuan.« Ludwig, den die Eröffnung Antons in einer Weise erschüttert hatte, daß er ganz seines Vorsatzes, wegen dessen er gekommen war, vergaß, blickte schweigend vor sich hin. Nun war ihm mit einem Male klar, daß er selbst Milly liebte, daß er eigentlich ein Nebenbuhler desjenigen sei, den 377 zu trösten und ihm zu helfen er gelobt hatte. Zu gleicher Zeit war seiner Eigenliebe ein mächtiger Schlag versetzt worden. Verliebt in die Geliebte Herrn Tänzingers, wie ein dummer Junge, dem man ein beliebiges Märchen aufbinden konnte! Er fühlte sich gefoppt und in seiner Manneswürde tödlich beleidigt. Zugleich war er böse auf sich selbst, daß er diese durchsichtigen Lügen nicht als das genommen, was sie waren. Aber wenn ihm das Bild Millys vor Augen erschien, fühlte er, wie natürlich Antons Leidenschaft und sein Liebeskummer waren. Wie bereute er seine erst gemachte Äußerung über ein Leid, das Anton binnen kurzem selbst belächeln sollte. Auch ihm war nicht danach, seine Schmerzen allzubald belächeln zu können. Was ihn jedoch trotz aller Bitternis noch mit Erstaunen erfüllte, war die Selbstverständlichkeit, mit der sein Cousin von der schnöden Stellung der Geliebten sprach. Wie, er wußte von ihrer Schmach, und dennoch begehrte er sie zum Weibe? Eine Gefallene, eine Dirne – trotz alledem, was sie von den Dirnen gewöhnlichen Ranges unterschied? Anton mißdeutete das Schweigen seines Vetters. »Jetzt hast all's g'hört, und wirst selber sag'n, die G'schicht' hat kan Hintergrund. Du kannst das net verstehn, Ludwig, du waßt net, wia's an im Innern is.« Der war aufgestanden und machte in dem kleinen Raum so viele Schritte, als sich durch oftmaliges Umkehren machen ließen. Dann hielt er vor Anton und sagte. »Wir sind alle zwei das Opfer dieses Mädchens. Seinetwegen habe ich dich unwissentlich belogen. Verzeihe mir, aber ich hatte keine Ahnung des Verhältnisses, in dem ihr zueinander standet. Ich kenne Milly seit längerer Zeit, ich bin ihr Lehrer und sie ist – du brauchst nicht zu raten, 378 es würde dir niemals beifallen – die Maitresse Herrn Tänzingers.« Kein Ausdruck von Haß und Leidenschaft würde in diesem Momente dem geglichen haben, der Antons Gesicht verzerrte. Wohl, er wußte, daß Milly die Geliebte eines reichen Mannes sein müsse. Aber ihretwillen, um ihrer Schönheit und ihrem Werte die gebührende Achtung zu zollen, war in seinen Augen der Aushälter ein Kavalier, ein schöner begehrenswerter Mann, dem zum Überflusse noch der nötige Reichtum zur Verfügung stand. Er haßte bisher diesen Unbekannten instinktiv, mit dem Hasse des Nebenbuhlers. Aber diese Nebenbuhlerschaft hatte nichts Schmähliches, Entehrendes, sie vermochte das Mädchen seiner Liebe nicht herabzusetzen, ihren Geschmack nicht als verirrten zu brandmarken. Und jetzt? – Anton konnte das Ungeheuerliche fast nicht begreifen. Er kannte Tänzinger, wer hätte diese Persönlichkeit nicht gekannt, wenn auch nur vom Sprechen? Anton jedoch hatte Gelegenheit gehabt, ihn dank Huxtls Verführungskünsten leiblich, unmittelbar zu sehen. Und wenn je eine Kröte auf einem Rosenblatt gehockt, war es dieser schmierige, fettige, schmerbäuchige Branntweinverkäufer. Nun forderte Anton seinen Cousin auf, zu erzählen. Ludwig berichtete von seiner Bekanntschaft wahrheitsgetreu und fand sich auch nicht bewogen, das Versprechen zu verschweigen, das er geben mußte, um Millys Spur verborgen zu halten. Es lebte eine ehrliche Empörung in ihm, die freilich auch ein gut Teil auf seine gekränkte Eigenliebe zu setzen war. Anton, dem die Aufregung selbst den letzten Rest seiner Trunkenheit genommen, horchte aufmerksam, aber trübe gestimmt dem Berichte zu. 379 »Arm's, arm's Madl,« murmelte er, »aus dö Händ' muaßt herausg'rissen werd'n.« »Was hast du vor?« frug Ludwig, als er geendet und diese Worte vernommen. »Was i vurhab'? Das, was i früher woll'n hab', und jetzt mehr als sunst.« »Du wolltest – – sie dennoch heiraten?« frug der Student mit einem Staunen, das dem andern fast ein Lächeln entlockte. »Warum net? War a schlechte Liab', dö si an dem stoßen möcht'. Und wann i ah auf mi schaun wollt' – das Madl kann i do net so verkummen lassen! Wann's jetzt scho so weit is, was wird denn später werd'n? Schau, mi kümmert's nix, was war, sundern was sein kann. Bisher hab' i net mit ihr allan reden können, daß i ihr so recht hätt' vorg'halten, wo das Leb'n hinführt. Heut oder morg'n muaß ihr do der Grausen davor kummen. I waß, was du dir denkst. So a Madl, mit dem Ruaf möcht' er heiraten, eahm sein ornd'tlichen Nam' geb'n! I bin allan, hab' auf neamd aufz'passen und wann das Alte von mir vergessen wird, möcht' i an kennen, der no dran denkt, solang i dabei bin. Ludwig, schau, tua m'r den anzigen G'fall'n und red' mit der Milly. Sie möcht' m'r nur anmal G'legenheit geb'n, daß i mit ihr z'sammkummen kann. Sie wird vielleicht mehr auf di hör'n wia auf mi selber. Sag ihr, wia's um mi steht. Sie hat mi immer gern g'habt, i waß's, und wann is' könnt' in Spitzen und Seiden g'wanden, so hätt' s' gar niamals na g'sagt. Daß i s' b'hüaten tät vor der klansten Sorg' und vor'n Armsein – Ludwig, du kennst mi. Mit dem Madl wir i a ehrlicher, fleißiger Mann, ohne ihr a Lump. Tua m'r den G'fall'n!« Es lag in der klaren Anerkennung der Tatsachen und 380 in der Bereitwilligkeit, ihre Folgen trotzdem auf sich zu nehmen – in der edelmütigen Art des Verzeihens und Sichentäußerns eine so schlichte Würde, daß Ludwig trotz aller widersprechenden Gedanken sich mit der ihm zugemuteten Rolle des Vermittlers zu befreunden begann, zumal Anton noch hinzusetzte: »Därfst's dem Madl net für übel nehmen, wann's am unrechten Weg kummen is. Ihre Leut' a leichtsinnigs G'lumpert, seelenguat, aber für a Erziehung gar nix. Nach d'r Muatta ihr'n Tod is d'r Vota a B'suff word'n, der si um sein Kind gar nimmer kümmert hat und wia i d'r erzählt hab', auf anmal verschwunden is. Wer hätt' soll'n auf das Madl aufpassen? Als a verwilderter is s' auf der Gassern umeranand g'rennt, und die einzige, die aus ihr was richten hätt' können, war mein' Muatta g'west. Und wia s' in d'Fabrik kummen is, das arme Ding; a jung's, saubers Madl – unter die alten Neidschachteln einpreßt, die all's verzeihn können, nur net, daß ane jünger und fescher is – san m'r ehrli, es war a Wunder g'wesen, wann s' si da g'halten hätt', wo s' nur zuagreifen hat brauchen. I kann ihr in aner Art net unrecht geb'n. Was sie bisher g'seg'n hat vom Familienleb'n, war, wann's guat gangen is, ewige Entbehrung und Not. Und für an Mann, der s' net zum schätzen waß, war sie viel zu guat. Wann ah der alte Branntweinjud a abscheulicher Kerl is, so waß er, was er an ihr hat und wickelt s' in Gold ein.« Diese freimütige, einfache Art, die Geliebte von dem ärgsten Makel der Feilheit und Käuflichkeit zu reinigen, bewirkte, daß Ludwigs Urteil ein minder hartes und verdammendes wurde, obwohl er das Erwachen aus einem lieblichen Traum nach wie vor schmerzlich genug empfand. Die größte Sorge machte ihm der Umstand, Milly als ein 381 Vertrauter ihres ganzen bisherigen Lebens entgegenzutreten. Es gehörte seinerseits große Selbstüberwindung und Takt dazu, um über diese gefährliche Klippe zu kommen. Nach allem, was er von des Mädchens Charakter wußte, hegte er für seinen Cousin nicht viel Hoffnung. Es war absurd anzunehmen, das an Wohlleben, Trägheit und Luxus gewöhnte, seichte und nur dem Tage lebende Ding würde ohneweiters, einer schönen Rede willen, alles im Stiche lassen und dem Jugendfreunde in einfache, ja ärmliche Verhältnisse folgen. Nein, da kannte er Milly zu gut. Nichtsdestoweniger, um Anton zu trösten, versprach er, sein möglichstes zu tun, und verließ ihn nach einiger Zeit betrübter und sorgenvoller als er gekommen. 382   Zweiundzwanzigstes Kapitel. (Beweist den alten Satz, daß jede Freundschaft brüchig wird, wenn ein Weib seine Hände ins Spiel bringt.) Einen qualvolleren Nachmittag glaubte Ludwig noch niemals verbracht zu haben, als den heutigen. Zum ersten Male war er mit ganzem Herzen nicht bei seiner Aufgabe, klein Waldemar in die Geheimnisse verschiedener erhabener Wissenschaften einzuweihen. Der Gedanke an sein bewußtes Vorhaben bei Milly quälte ihn unablässig und er formte sich in seinem Kopfe eine passende Einleitung. So sehr er sonst seiner Ruhe sich versichert halten konnte, heute machte ihn das obligate Gezänk zwischen Sidonie und Waldemar nervös bis zur Verzweiflung. Das kleine Fräulein hatte ihr voreilig getanes Gelübde wegen der künftigen Behandlung ihres Bruders nur zum Teile erfüllt. Es muß der Wahrheit gemäß konstatiert werden, daß Waldemars Ohren einer ungeahnten Schonzeit genossen. Sidonie hatte das Versprechen gegeben, den unlenksamen Schlingel nimmer zu mißhandeln. Was die körperliche, handgreifliche Weise anbelangt, hielt sie getreulich ihr Wort. Aber die kleine, schlaue Evastochter hatte ein neues Verfahren der Folterung und Mißhandlung entdeckt, wozu ihr des Bruders seinerzeitige, unbedachte Anteilnahme an ihrem Schicksal (das bekanntlich nur an Fadensdünne hing,) die geeignete Handhabe bot. Es war mit Rücksicht auf die Beharrlichkeit der 383 Rekonvaleszentin unmöglich gewesen, ihren Wunsch, an dem Unterricht teilzunehmen, zu versagen. Also beherrschte sie nach wie vor Lehrer und Bruder. Zeigte letzterer eine Anwandlung der alten Störrigkeit, so versäumte Fräulein Sidonie niemals, alle Anzeichen besorgniserregender, hysterischer Anfälle zu äußern und dem anfangs erschreckten, mit seinen runden, glotzigen Augen fassungslos dreinschauenden kleinen Bösewicht zu versichern, daß seine Aufführung sie nötigen werde, nochmals krank zu werden, dann jedoch unnachsichtlich, ohne Gnade und Barmherzigkeit zu sterben. Anfänglich hatte diese moralische Streckfolter die erwünschte Wirkung. Waldemars schlautrotziger Ausdruck bekam einen Zug ins Weinerliche, und in einer Art Zerknirschung, die seinem Herzen alle Ehre machte, versuchte er seine moralische Läuterung, indem er sich bemühte, dem Lehrer zu folgen. Aber wenn man einem Vogel täglich eine Feder rupft, gewöhnt er sich schließlich auch an diese Prozedur. Kaum erkannte der kleine, spekulative Zukunftsdoktor das Attentat auf seine schwache, ungeschützte Stelle, als er diese mit einem wahrhaft ehernen Panzer gegen alle weiteren Angriffe versicherte. Er hatte es am Ende gewagt zu sagen: »So werde doch krank, wenn du Lust hast! Gelt ja, du willst selber nicht krank werden. Und es war damals viel schöner, da brauchte ich keinen Unterricht anzuhören. Von mir aus magst du wieder krank werden, ich kümmere mich nicht darum. Und ich werde jetzt Herrn Herdlicka sagen, daß du im Fieber . . . . . .« Es hätte nur ein weniges gefehlt, und Ohren, Haare, Backen, Rippen und noch einige heikle Teile wären das Opfer dieser versuchten Indiskretion geworden. Aber etwas, 384 worüber sich Fräulein Sidonie keine Rechenschaft zu geben vermochte, hielt sie zurück, in ihre alte Leidenschaftlichkeit zu verfallen. Dann errötete sie über das ganze feine, weiße Gesicht, daß man es fast kaum von der leuchtenden Haarkrone unterschieden hätte und plötzlich brach sie in Tränen aus und verließ das Zimmer. Hätte Papa in diesem Augenblicke doch sein Goldkind geschehen! – Möge auch noch ein anderer Umstand Erwähnung finden, der unsere arme, von allen äußeren Einflüssen beherrschte Menschheit ins wahre Licht stellt. Er behandelt die Gelübde an Krankenlagern, die Ausbrüche der Reue und Verzweiflung an Sterbebetten. Ach, sie sind alle durchwegs inhaltlos! Die Erdenschwere besiegt all diese luftigen, leichten, in ihrer Erhabenheit doppelt beschwingten Gedanken. Auch der Aar und die Lerche müssen zurück auf den braunen, kahlen, schmutzigen Grund und ihre Nester haften nicht in der himmlischen Bläue. Statt aller Begründung dieser Ansicht drei Fragen: Warum sitzt nach wie vor Herr Tänzinger in seinem übelriechenden Laden und zählt Kupferstücke? Warum hatte Sidonie schon wieder das Bedürfnis, nach den Ohren ihres Bruders zu langen? Warum ward Ludwig die Gegenwart seines rothaarigen Unterrichtskibitzes schon aufs neue zuwider? Endlich war Ludwig mit seiner Eröffnung herausgekommen und fand Milly erregter, als dieses sonst der Fall bei ihr war. Mit zusammengezogenen Brauen, ungeduldigen Bewegungen schritt sie in ihrem Salon auf und ab. »Seg'n S', das hat m'r davon,« brach sie endlich 385 los, »wann m'r a guater Batsch is. I hab' ja g'wußt, wia das Ganze kummen wird, wann er waß, daß mir uns kennen. Desweg'n hab' i Ihner versprechen lassen, daß S' von mir nix erwähnen. Der unglückselige Mensch! Kann er denn net aufhör'n, auf so a Dummheit z' denken? Die ganze G'schicht' hat ja so gar kan' Sinn.« Sie blieb plötzlich vor Ludwig stehen. »Wann Sie zwa schon über mi g'red't hab'n, werd'n S' do wissem daß i nix hab', was mir g'hört, verstengan S', gar nix. Sie wissen jetzt, wia S' mit mir dran san.« Ludwig schwieg, was mehr sagte, als nur Worte vermocht hätten. »I waß g'nua, und wann S' ka so a Kinderl g'west war'n, hätten S' müassen schon früher draufkummen. I war a arm's Madl und meine Leut' war'n a armes G'lumpert vom zehnten Bezirk. Was verdient is word'n, is ah bis am Kreuzer draufgangen, denn bei uns is immer fidel zuagangen. Recht ham s' g'habt, meine Eltern, ham wenigstens a paar Jahrln was genossen. Also, daß i auf mi zurückkumm'. I bin in a Fabrik kummen, hab' brav und ehrli g'lebt. Hab'n S' aber a Idee, was das haßt, a saubers Madl unter so neidige, bissige, ordinäre Fraunzimmer z'sitzen? I hab' immer was auf a guat's Leb'n g'halten, auf schöne Klader, mein Gott! i bin net die anzige, die so was gern hat. Jetzt stell'n S' Ihner vur, i heirat' an Arbeiter, der an Verdienst von heut auf morg'n hat. I kenn' das Leb'n, in a paar Jahrln is 's schönste Frauenzimmer a alt's Weib. Kinder an Schüppel, a vazierender Mann, der sein' Zorn do an wem auslassen will – an sein' Weib, das jetzt allani arbeiten muaß, um alle zu derhalten. Im besten Fall gang's m'r wia d'r Ambros, no, und daß mein Mann nach zwa Jahr'n stirbt, möcht' i do ah net. 386 Glaub'n S', die is besser wia i? Um ka Haarl, nur ärmer is s' und muaß von Bettgeher leb'n, mit die sie's alle halten tuat. A so is die Sach', i waß, was i tua, und wann d' Leut' schlecht über mi denken, kann's mir recht sein. War's Ihner liaber, Sie secherten mi als a herabkummenes Ausreibweib, die von ihr'm b'soffenen Mann alle Jahr a Kind kriagt? Wann an unser Herrgott sauber erschaffen hat, muaß m'r ah drauf schau'n, daß m'rs bleibt. Rennen eh gnua schiache Leut' auf der Welt umeranand.« Ludwig bewunderte diesen Freimut, diese Offenheit, die keine Spur von Zynismus an sich trugen, nein, die wie eine Anerkennung des Dienstes der Schönheit klangen. O, Milly hatte so recht! Es wäre ein Frevel gewesen, diese entzückende Schönheit ihres Leibes zu zerstören. Wiegt die sogenannte Sittlichkeit den Verfall der Ästhetik auf? Sie wäre in der Ehe genötigt gewesen, Kinder zu gebären, was sie jetzt vermeiden konnte. Ich frage einen der Schwärmer für Moral und Ehetugend: hat er nicht schon oft die Anwandlung gehabt, in berechtigter Entrüstung so ein herabgekommenes, verlumptes, halbverhungertes, häßliches und frühgealtertes Weib von seinem Bettelplatz zu verjagen, an dem es sich mit einem halb Dutzend Kinder postiert, während dieser scheußliche Leib von einem neuen Leben Kunde gibt? »Ich hätte nie gewagt,« sagte Ludwig, »Ihre Offenheit herauszufordern. Da Sie mir diese indessen so freiwillig entgegengebracht, will ich auch nicht mit meiner Meinung zurückhalten. Mich schmerzt dieses Verhältnis in mehr als einer Art. Einmal um Ihretwillen, da ich Sie so liebgewonnen um Ihrer schönem natürlichen Eigenschaften willen, dann Antons wegen, dessen Kummer ich teile, und drittens wegen Herrn Tänzinger, dem ich die Achtung fast 387 eines Sohnes entgegengebracht, und für den ich bei seinem Alter dieses Verhältnis unschicklich finde. Um so mehr, als er Vater einer schon fast erwachsenen Tochter ist.« »Da hat m'r's,« rief Milly unwillig, »die g'scheitesten Leut' woll'n oft Sachen net begreifen, die ganz anfach san. I wir Ihner jetzt frag'n: was war's, wann i mit'n Tänzinger verheirat' wär'?« »O, das wäre doch ganz was anderes!« »Glaub'n S'? Wär' er da weniger alt und schiach als heut? Und i weniger jung und sauber? Und glaub'n S', daß es si weg'n dem jungen Madl, das beinah' mein' Schwester sein kunnt, mehr schicken tät' als jetzt, wo's mi gar net kennt? Wissen S', daß i als a verheirat'ter mehr a Ausg'haltene, a Sklavin wär' als jetzt? Heute bin i frei. Wann's mir net paßt, geh' i weg, und wann's eahm net paßt, schickt er mi weg. Ohne Streit, ohne Unfrieden, seine Kinder wissen von nix, und in sein' Haus bleibt alles rein. Denken S', i wär' die junge Mama von der Sidonie. Glaub'n S', a so a Madl denkt net über Verschiedenes nach? Manen S', der Respekt vor ihr'n alten Papa wär' größer als heut, wo s' nix anders in eahm siecht als 'n Vater, und kan alten Esel, der a jung's Weib hat? Die Dienstboten wispeln ihr schon manches zua, was si net g'hört. Seg'n S', so fass' i die G'schicht' auf.« Ludwig konnte nicht leugnen, daß sehr viel in dieser Auffassung lag. Dennoch wollte er noch einmal versuchen, Milly für Antons Hoffnungen günstig zu stimmen. »Sie haben mit einem Scharfsinn, der Ihnen Ehre macht, Ihre Verhältnisse verteidigt. Aber dennoch möchte ich Ihnen noch einmal dringend nahelegen, entziehen Sie sich ihnen sobald als möglich. Es gibt etwas Klareres als alle scharfsinnige Rabulistik, das ist das Gebot der Moral. Dieses 388 verbietet den Verkehr zweier so ungleichartiger und ungleicher Wesen. Ich bin mir bewußt, an Herrn Tänzinger eine Art Verrat zu üben, denn mir am allerwenigsten steht es zu, seine Taten zu kritisieren. Er bezahlt nicht nur, er behandelt mich gut, und da ich weiß, was ein armer Hauslehrer in anderen Familien gilt, so kann meine Dankbarkeit für seine Güte nicht groß genug sein. Liebte ich Sie minder (ich kann dies mit gutem Gewissen versichern) und wäre mir Anton weniger teuer, ich würde mich wohl hüten in Verhältnisse dreinzusprechen, die mich nichts angehn. Sie würden an Antons Seite ein zwar einfaches, aber keineswegs notdürftiges, dafür aber reines, geachtetes Leben führen. Die treue Hausfrau und Mutter ist kein lächerlicher Begriff. Folgen Sie Ihrem sonst so klugen Sinn und guten Herzen und Sie werden es nicht bereuen!« »Na, na, na, und no tausendmal na!« rief Milly aus. »I wir Ihner was sag'n, i kann net. Es wär' m'r grad so, wia wann a leiblicher Bruader das von mir verlangert. Wann's ihm schlecht geht und er braucht was, und er sagt, Milly, verkauf, was d' kannst, i brauch's notwendig, da,« und sie riß ihre kostbare Uhr aus dem Busen, streifte die Armbänder ab und legte sie auf den Tisch, »da, Toni, hast, wann's mehr sein muaß, no mehr, was i hab'. I hilf d'r um jeden Preis. Aber das net, das ane net, um kan' Preis der Welt!« Sie hatte mit außergewöhnlicher Erregung gesprochen, so daß das Mädchen, im Glauben, es würde gerufen, den Kopf zur Türe hereinsteckte. »Aber nix is, dumme Urschl,« sagte Milly unwillig, »wann i was brauch', länt' i und strapezier' mi net mit'n Schrei'n.« Das Mädchen verschwand. Ludwig saß sinnend da. 389 »Es sind schlechte Aussichten für den armen Anton. Wenn die Dinge so stehn, kann ich nichts weiter tun. Ich habe meine Pflicht erfüllt.« »Und wia ah no! Wenn S' schon für an andern so reden können, wia dann erst für Ihner, das haßt, bis S' die Courage ham.« »Eben deshalb. Ich glaube, ich wäre für mich ein schlechter Liebeswerber«, mußte Ludwig bekennen. »Und in der Hitz, ham S' Ihner do verraten? Soll i no dran denken oder soll i's vergessen?« sagte Milly mit lieblicher Schalkhaftigkeit. »O! Ich mich verraten?« rief Ludwig verwirrt und errötend aus. »Batscherl!« flüsterte ihm das schöne Mädchen zu, »glaub'n S', i bin blind? Sie san no zu unschuldig, als daß S' Ihner verstell'n kunnten. Was S' heut für'n Toni g'red't ham, war um so braver und darum – darum sag' i dir, i hab' di gern, di ganz allani, verstehst? Du bist der erste Mann, den i gern g'habt hab'.« Und ehe Ludwig das Wunderbare, Unerwartete fassen konnte, fühlte er sich von den lindesten Armen umschlungen, fühlte die süßesten Lippen auf den seinen brennen und mit geschlossenen Augen, wie ein junges Mädchen, ließ er sich Liebkosungen gefallen, deren Seligkeit er nie geahnt. War es noch die bezahlte Maitresse Herrn Tänzingers, die er in seinen Armen hielt? War es dasselbe Weib, welches dem Freunde zu erwerben er versprochen? Hält denn gar keine von allen Tugenden, die man als die höchsten preist: Freundschaft, Treue, Dankbarkeit vor einem schönen Weibe stand? – 390 »Verrat!« war Ludwigs erste Empfindung, »Verrat!« sagte er dumpf vor sich hin. Was hatte er getan? Was – was hatte ihn verleitet, an den gütigsten Freunden Verrat zu üben? Wie sollte er vor Anton hintreten, wie vor den, dessen zwar unreiner, aber rechtmäßiger Besitz dieses Weib war? Mit welchem Vertrauen von beiden ausgestattet – und dennoch . . . Milly bemühte sich in ihrer klaren, scharfsinnigen Weise die moralischen Bedenken des Geliebten zu zerstreuen. Wenn jemand verräterisch gehandelt (so man dieses Wort anwenden durfte) war sie es gewesen. Er nicht. Mit immer neuen Küssen erstickte sie die letzten Regungen seines Gewissens. Die Bibel sagt, daß Adam und Eva sich nach dem Sündenfall ihrer Nacktheit bewußt wurden. Und Ludwig ward sich der Nacktheit seiner Seele bewußt. Von diesem Momente an befürchtete er, das Dienstmädchen könne eine Spionin Herrn Tänzingers sein. Bis nun war er oft so lange mit seiner Schülerin in der Dämmerung gesessen, daß diese ganz gehörige Finsternis ward, ehe das Mädchen den Auftrag erhielt, mit dem Lichte zu erscheinen. Und heute? Es standen dem armen Lehrer fürchterliche Beängstigungen seitens Herrn Tänzingers vor Augen. Ach ja! Je mehr ein Mensch zu verlieren hat, desto feiger und schuftiger wird er in seinen Übertretungen. Anton, der einfache, ehrgeizlose, unstrebsame Arbeiter, würde nichts gefürchtet haben. Und wenn sein Chef der Nebenbuhler gewesen, er hätte ihn bei gelegener Zeit ein paarmal niedergeworfen und seine Siegesbeute ruhig mitgenommen. Milly redete Ludwig seine Besorgnisse wegen des Mädchens aus, dasselbe sei ihr treu, verschwiegen und sei 391 nicht von Herrn Tänzinger beigestellt worden, denn eine solche Bevormundung ihres Geschmackes hätte sie sich nie gefallen lassen. »I gib ihr heut an Ausgang und schenk' ihr an Huat, auf den s' schon lang spitzt.« Mit dieser tröstlichen Versicherung verscheuchte Milly die Bedenken bezüglich ihres alten Galans. »Aber Anton!« seufzte Ludwig, »was soll ich ihm sagen?« »Sei ka Narr! Du waßt, i hab' dir g'sagt, es is unmögli zwischen nus zwa. Du hast eahm kan Schaden tan. Was kannst du dafür, daß i net mag. Ob a so oder so – i hätt' nia mög'n. Aber wart', i sag' d'r was. Der Toni soll zu mir kummen, wia er verlangt. Brauchst eahm nix weiter z' sag'n als das. Du kannst do net wissen, was i mit eahm zum reden hab'. Wann er bei mir is, kann i eahm alles recht klar auseinandersetzen, und wann er siecht, daß all's umsunst is, wird er do g'scheiter werd'n. Jessas! Daß er jetzt a paarmal tiafer ins Weinglasel schaut als früher? – er wird's schon wieder aufgeb'n. Und an Mann schaden a paar urndliche Räusch' nix. Is g'scheiter, als er wurd' a so trüabsinnig. Mi derbarmt er ja, das is g'wiß, aber i kann eahm net helfen, mit'n besten Will'n net – und gar seit heute .« »Ich sage ihm also einfach, er möge kommen«, ergriff Ludwig begierig dieses Auskunftsmittel. »Natürli, und i werd' schon mit eahm fertig werd'n. Er is ja so a guater Batsch und wird si mit der Zeit z'frieden geb'n. Lass' nur alles mir über, i waß, wia i'hn zum behandeln hab'. Wann er siecht, wia i eing'richt' bin, was i für a Leb'n g'wohnt bin, gibt er nach. Er hat an großen Stolz, muaßt wissen; denk' d'r, damals hat er net 392 wolln mit mir im Wagen fahr'n, weil er von »mein' Grafen« is, wia der narrische Volkssänger und sein' Freund g'mant hat.« Zu langem Kusse warf sie sich noch in seine Arme, ehe er sie verließ. Ludwig begnügte sich auf dem Heimwege in eine Trafik einzutreten und einen Brief zu schreiben, der in kurzen Worten die Mitteilung enthielt, Milly erwarte Anton an einem bestimmten Abende! Als er das Schreiben in den Postkasten warf, fiel ihm der Uriasbrief Davids ein, und es war ihm, als zöge etwas seine Hand zurück, den trügerischen, papierenen Boten nicht seinem weiteren Laufe anzuvertrauen. Ach, es war ein letzter Rest von Scham und Reue! Vor seinen Augen erstanden künftige, herrliche Stunden voll sehnsüchtigem Begehren und glühendem Gewähren. Und diese Aussicht erstickte alle Gefühle, die ihn vor kurzem noch gequält. Er fühlte sich schuldlos und sein Mitleiden mit Anton begann sich in einen gerechten Unwillen über dessen unsinnige Starrköpfigkeit zu verwandeln. Man biegt doch kein Rohr so leicht als einen Sinn, der gebogen sein will. 393   Dreiundzwanzigstes Kapitel. (Anton zerstreut seine Bedenken wegen Millys Zukunft auf sehr gewaltsame Art. Milly endet ihre Karriere, um sie niemals wieder aufzunehmen. Der Leser nimmt Abschied von einem liebgewordenen Bekannten.) Was soll das, Milly, daß du dich heute so schön gemacht, wie nur zu Zeiten, wo du siegen wolltest? Oder war es gar nicht deine Absicht? Auf jeden Fall, ob mit oder ohne bewußten Willen, du bist so schön, daß du in das Herz deines sich verzehrenden Anbeters nur neue Gluten werfen wirst und das ist nicht gut. Es könnte sein, daß die verstärkte Flamme ihn und dich versengt. Wenn man einen törichten Verliebten auf den Weg der Vernunft führen will, macht man sich häßlich und mißlaunig. Du aber lächelst wie der Morgen, duftest nach Reseda, und deine Kleidung gleicht einem losen, süßen Gedicht. Du vermeinst, dem verliebten Narren den Abstand zu zeigen, der deine Ansprüche von seiner Armut trennt? Als dürfte die Liebe derlei achten! Nur glühender wird sein Auge an dir haften, nur vermessener werden seine Wünsche, und böse, bisher ungedachte Gedanken werden sich in sein Hirn einnisten. Was tust du, Milly? Fliehe ihn mit deiner Schönheit, verbirg dich, sonst – o! wer weiß, was sonst . . . Milly trippelte auf und ab, deckte mit ihren schönen Händen selbst den Tisch und lächelte dabei so frohgemut, als erwarte sie den Erwählten ihres Herzens. Glücklicher und unseliger Leichtsinn, das Erbteil ihrer Eltern, ließ sie keinen Augenblick die Tragweite ihres heutigen Vorhabens 394 übersehen. Fast hatte sie daran vergessen, zu welchem Zwecke sie den Jugendfreund zu sich geladen. Er war ja bisher so fügsam, so ergeben gewesen, daß nicht daran zu zweifeln war, er würde ihren Vernunftgründen, durch schwesterliche Zärtlichkeit unterstützt, sich endlich unterordnen. Einstweilen dachte sie nur daran, ihm eine köstliche Bewirtung zu bereiten, das andere fand sich wohl nachher im Verlaufe des Abends. Die Klingel ertönte. Milly, welche für heute ihr Dienstmädchen beurlaubt hatte, eilte hinaus und öffnete. Anton trat, die Wangen freudig gerötet, ein und begrüßte das Mädchen mit einem zärtlichen Händedruck. In dem kleinen Salon angelangt, blieb er einen Augenblick überrascht stehen. Ihm, der niemals ein kokettes Damenzimmer gesehn, dünkte der Raum etwas äußerst Kostbares, was er in Wirklichkeit ja auch war. Milly beobachtete zufrieden den erwünschten Eindruck. »Na g'fallt's d'r bei mir, Toni?« »Mehr als m'r recht is, Milly«, antwortete der junge Mann, der seine Überraschung bald überwunden. »Freilich,« setzte er mit Bitterkeit hinzu, »so was kunnt' i d'r net schaffen und das is für di die Hauptsach'.« Milly wünschte nicht so rasch an das angeschlagene Thema heranzutreten. Der erste Eindruck war nach ihrem Wunsch und konnte später dazu dienen, dem Gespräche die nötige Unterstützung zu verleihen. Sie nötigte vor allem ihren Gast, an dem gedeckten Tische Platz zu nehmen. Es war unsagbar behaglich in dem schönen Raum. Die Gegenwart des reizenden Geschöpfes belebte erst vollkommen das Ganze und hätte jeden gleichgültigen Besucher in einen süßen Bann gezwungen. 395 Milly legte Anton vor und schenkte ihm ein, kurz, sie spielte die Wirtin in entzückender Weise. Ach, wie schön, wie begehrenswert erschien sie ihm in diesem Augenblicke! Tausendmal mehr als jemals. Ihn störte nicht der ungewohnte Glanz, die vornehme Eleganz des Raumes. Das alles fiel ab gegen seine Bewohnerin, der einst selbst das armselige Kittelchen des Straßenkindes und die einfache Bluse des Fabriksmädchens so gut gestanden, wie heut das duftige Negligé. Anton frug sich im Augenblicke nicht einmal, was er da wolle. Das stille Behagen dieser Stunde machte ihn fast wunschlos. Mit dem Optimismus des Hoffenden und Liebenden hatte er dieser Einladung einen Sinn unterlegt, den ihm nur der eigene Wunsch verlieh. Er hatte gerechnet, daß Milly ihm keineswegs dieses Wiedersehn gewährt hätte, wären ihre Absichten ihm nicht günstig gewesen. Was wollte er eigentlich? Meinte er, im besten Falle werde Milly alles liegen und stehen lassen und ihm in sein Kabinett bei der Ambros folgen? Nein, dazu war Anton zu verständig. Er verlangte einstweilen ihre Liebe, sonst nichts. Er hoffte, daß die Verbindung mit Tänzinger keine allzulange sein würde. Ehe sich nun das Mädchen einen neuen Souteneur fand, wollte er dann seinen Einfluß geltend machen, daß sie das unterließ. Einstweilen wollte er und sollte Milly sparen, daß ihr Heim ein angenehmes würde. O Anton, wie vieler Sympathien beraubst du dich in diesem Momente! Doch nein, ich weiß, du denkst nur ihretwillen so, die den Luxus zu sehr liebt, als daß sie ihn jemals ganz missen könnte. »Du prostituierst dich, Milly, für diesen verächtlichen Tand. Könnte ich ihn dir bieten, ich legte ihn dir zu Füßen,« willst du sagen, Anton, »aber raffe davon zusammen, soviel du magst, ich erlaube dir ihn mitzunehmen, 396 und er soll kein Anstoß für mich sein, wenn er mich täglich erinnern wird, wem du ihn verdankst.« Ich muß der Dolmetsch der Gefühle dieses armen Burschen sein, sonst möchte er vielfach arg mißverstanden werden. Nein, ihn leitete keine schnöde Absicht, sich mit dem Sündengelde der Geliebten zu bereichern. Er war stolz, wie es nur ein einfacher Sohn des Volkes zu sein vermag. Stolz auf seine schwieligen Hände, auf seine Ersparnisse, auf seinen ehrlichen Namen und – nein! auf seinen Stand insoferne nicht, weil er wußte, daß er ihn nicht so ausfüllte, wie er es wohl hätte tun sollen. Aber das war erst seit letzter Zeit, da ihn ein wenig der Teufel des Ehrgeizes erfaßt, da er sah, wie sein ebenso armer Verwandter die Aussicht hatte, auf der Stufenleiter gesellschaftlicher Anerkennung eine hohe Stellung zu erklimmen. Nur aus diesem Grunde und nur aus Liebe zu Milly achtete er seinen Beruf nimmer so, wie einst. Aber im übrigen, wie gesagt, besaß er den Stolz eines Granden, was seine Person anlangte. »Auf dein Glück, Toni!« brachte Milly ihr Glas aus und stieß mit Anton so stark zusammen, daß ihr Wein herausspritzte und dunkelrote Flecken auf das weiße Tischtuch machte. »Hu!« lachte sie übermütig, »das is ja 's reine Bluat! Stoß m'r nomal an, auf dein Glück!« »Sag'n m'r auf unseres , Milly, möchst net?« erwiderte Anton. »Schau, wia schön war's halt do und es wird ah werd'n, kannst dir's ja no immer überleg'n. Und auf dein Glück, soll's dir immer, immer guat gehn!« Milly begann die Ahnung aufzudämmern, wie verhängnisvoll zweideutig die Art war, in der sie Anton eingeladen. Es war unmöglich zu verkennen, in welcher Sicherheit er sich 397 befand und welche Nahrung sein zähes Festhalten an seiner Leidenschaft durch ihre Unbedachtsamkeit erhielt. Nichtsdestoweniger plauderte sie unbefangen und wie sie dem Weine zusprach, war sie auch bemüht, ihren Gast durch fleißiges Nötigen in gute Stimmung zu versetzen. Sie bedachte wohl freilich nicht, welche Folgen sich aus dem Kontrast zwischen seliger Trunkenheit und plötzlichem Herausreißen aus schönen Illusionen ergeben konnten. »Wart, Toni!« sagte sie plötzlich und trat an das Pianino, »jetzt sollst hör'n, was i schon kann. I und Klavierspieln, wer hätt' si das anmal denkt, gelt na?« Sie schlug einige Akkorde an, und so unbeholfen und anspruchslos ihre Kenntnisse des Klavierspielens waren, so sehr befriedigten sie den noch anspruchsloseren Zuhörer. Das ganze, sehr kleine Programm bestand aus einigen Volksliedern und zurzeit gangbaren Couplets. Einige Fehlgriffe oder unfreiwillige Pausen störten weder den Eifer der Pianistin noch das Zuhörervergnügen ihres Gastes. Als die Produktion, die Milly gerötete Wangen und einen fliegenden Atem eingetragen, geendet war, wandte sich diese zu Anton: »Wia hat's d'r g'fallen, Toni?« »Meiner Seel,« entgegnete der Gefragte verklärt, »das hätt' i m'r net denkt, dürfst schon von klan auf g'lernt hab'n. Sag m'r nur, du hast g'wußt, daß d'r Ludwig mein Verwandter is?« »Ah woher!« log Milly. »Sag's nur, aber du hast net woll'n, daß i waß, wo du wohnst. War net notwendi g'wesen, Milly, wann du mi net ruafen hätt'st lassen, i hätt' d'r kan Besuch g'macht, und wann i drüber g'sturb'n war. Soviel Charakter hab' i no immer.« »Es war m'r mehr weg'n der Ambros«, gestand Milly zu. 398 »D'Ambros?« frug Anton kopfschüttelnd. »Die war d'r net nachg'rennt, außer du warst a Mannsbild g'wesen.« »O Gott! da gibt's ganz andre Sachen, weg'n die i nimmer mit ihr z'sammkummen möcht'. Aber zu was die dumme Ausfragerei? Hat ja kan Sinn. Du siechst, daß i d'r net ausweich'. Aber a ernst's Wort möcht' i do mit dir reden. I hab' g'hört, du fangst jetzt Dummheiten an, trinkst d'r Räusch' an, bist ganz verlor'n. Und das all's weg'n mir? Schau' Toni, das is rein lächerlich. I will do so was net hab'n und möcht' ka Schuld trag'n an so Affentandlerein.« »Das is all's, was d' m'r zum sag'n hast, Milly? Du waßt es, wia i fast gar net leb'n kann ohne di und wia's m'r sunst gleich is, was aus mir wird. O Milly, sunst hast m'r nix zum sag'n?« »Aber geh, Toni, red do net immer so daher – i begreif' di gar net. Mit dir is halt immer an und dasselbe. Du kannst net z'frieden sein. Wia oft hab' i d'r g'sagt, laß die Sekiererei, und mir san guate Freund' wia immer. Wann m'r anmal mitsamm' war'n, hast nia können was reden, ohne daß d' net die alte G'schicht' aufs Tapet bracht hätt'st.« Endlich war das gefürchtete Thema in Anregung gebracht. Milly wollte um jeden Preis einmal volle Klarheit schaffen, sollte sie auch den Jugendfreund verletzen. So leid ihr dies getan haben würde, es mußte sein. Und doch wandte sie jetzt den Blick scheu zur Seite, als sie in Antons erregtes Gesicht gesehn hatte. »Milly,« sagte er, »sunst hast m'r heut nix anders zum sag'n?« Seine Stimme bebte wie vor Angst. »Ja, was hast denn woll'n, daß i d'r sag'n soll? Waßt es ja eh so lang und anmal muaß die G'schicht' zwischen uns ins Reine kummen. Kannst es denn immer no net einseg'n, wia unmöglich als 's is, daß i alles lieg'n und 399 stehn laß und a Dummheit mach', die uns später alle zwa reu'n müaßt'? Bist sunst so g'scheit und das ane willst net begreifen? Schau, i gib ja zua, daß m'r mein Leb'n grad ka große Ehr' macht. Denn am End, was bin i weiter als a Ausg'haltene? Aber zuruck kann i nimmer. So was g'wöhnst, wia bald nix anders.« »Hast nachdenkt, was später anmal? Wia lang bleibst denn jung, und was nocha? Sixt, Milly, i halt' was auf dös, was man Ehrbarkeit haßt. Du hast meine Leut' kennt, wia streng die all's g'nummen ham, und desweg'n – i verwind' do dein' Vergangenheit. I frag' net, durch wia viel Händ' als d' schon gangen bist, i frag' net, wem's d' wirkli gern g'habt hast, i will di nur herausreißen aus dem nixnutzigen Leb'n, das kan Wert, kan Halt hat. A paar Jahrln no und dann – dann geht's bergab. Kannst a Lavendlweib oder a Koberin werd'n. Is das a Aussicht? Denk' nach, Milly, wann net weg'n mir, so weg'n dir. Unser Auskummen werd'n m'r hab'n, o'gehn soll d'r nix bei mir, nur kehr' um, so lang's no Zeit is.« »Leicht g'sagt' Toni, aber du an meiner Stell' möcht'st d'r's ah überleg'n. Da haßt's immer, mir schränken uns ein, wann m'r nur z'frieden is. Was aber haßt einschränken? Wann i heut an Parfüm net kriag', den i m'r einbild', bin i schon unglückli. Hast a Ahnung, was mein Leb'n kost'? Sicher net. Schau, das Klad für z' Haus kost't allani mehr, als du in an Monat verdienst. I kann net z'ruck, auf kan Fall. So a Liab', wia m'r in die Roman' lest und wia's ah wirkli vorkommen soll, kenn' i überhaupt net. Du versprichst m'r jetzt alles und i glaub' d'r ah, daß d' es halten willst. Aber es kummt g'wöhnli ganz anders. Hunger leiden, arbeiten, a Kind um's andre, i wurd't d'r mit der Zeit so z'wider wia jede andre, denn wann mein fesch' G'sichtl in 400 an paar Jahr a alte Larven war, hätt' die Liab von deiner Seiten a End. I bin die Vernünftige für uns alle zwa, mach' m'r's net schwerer als m'r eh is.« Anton heftete den funkelnden Blick fest auf sie. »War's notwendi, daß d' mi acht Täg lang glaub'n hast lassen, du hätt'st d'r's überlegt? Desweg'n sitz' i bei dir, oder hast glaubt, wannst d' mir die Ehr' erweist, anmal bei dir nachtmahln z'dürfen, jetzt is all's guat?« »Toni, du bist a grauslicher Mensch. I hab' nur woll'n anmal ganz allani recht guat mit dir reden. I hab' d'r gar ka Hoffnung g'macht, meiner Seel, net. Wie m'r d'r Ludwig (sie errötete unwillkürlich und verbesserte sich augenblicklich), wia m'r dein Cousin erzählt, daß d' so an andrer word'n bist und schon zum Trinken anfangst weg'n meiner, kurz wia er draufkummen is, daß mir zwa uns schon so lang kennen und i die Schuld hab'n soll an deiner Desparation, hab' i eahm ganz anfach auftrag'n, du sollt'st heut zu mir kummen, das is alles.« »I six. Das is alles. Es sagt si so leicht, nur hört si's so schwer. Und er, auf den i so g'rechn't hab', so baut und vertraut, er hat m'r nix anders als z'schreib'n g'wußt. geh hin! A letztes Na, und i hätt' m'r die dumme Blamage derspart g'habt. Es is nix, Anton, hätt' er sag'n brauch'n, und i hätt' g'wußt, jetzt is aus, ganz aus, ganz . . .« Er hatte sich erhoben und schritt erregt auf und ab. Ein schön geschnitztes vergoldetes Tischchen stand seiner Wanderung etwas im Wege. Er schob es mit dem Fuße achtlos beiseite, daß das dünne, zierliche Gestell in seinen Fugen krachte. »Zerbrich m'r do net das Tischerl, du Wildling!« zürnte Milly, die zwischen Verlegenheit und Unwillen schwankte. 401 Die nicht unverdiente Zurechtweisung empörte ihn, sein Groll suchte einen Ausweg. »Das G'lump?« er stieß das Möbel mit einem Stoß um, daß die darauf stehende Zigarettenschachtel ihren Inhalt auf die Erde entleerte, »das kann i d'r no zahl'n. Aber von an ehrlichen Geld. Waßt, aus was das Tischerl g'macht is? Aus dö gottverfluchten Schnapsstamperln, mit dö dein Aushalter d' Leut' vergift. A Familie hat müass'n ruiniert sein, bis das Tischerl zu deiner Schand' kauft word'n is. Arme, zu Tod g'rackerte Weiber, verhungerte Kinder, verlumpte, im Spital krepierte Männer hängen an dem armseligen klan' Tischerl. Schau di um und denk nach, wieviel Tausende Kreuzer dein' Einrichtung kost't hat, Kreuzer, um die si a paar hundert Kinder anmal sattessen hätten können, die die Väter in d'Butik trag'n hab'n, daß si d'r »Vatta« Häuser bau'n und seiner Hur a elegante Wohnung halten kann. Da an den Tischerl hängt vielleicht a Wochenlohn, den dein armer Vater in Schnaps vertrunken hat, hängt a Familie: d'Kinder im feuchten Loch verfäult, d'Muatta in d'r Lahmlack'n dertränkt und d'r Vota wia a winniger Hund mit der Schlingen g'fangt. Das geniert di net, du unterhalt'st di desweg'n in dein' Bett mit dein' Aushalter. Wann i 'hn begeg'n, wisch' i m'r in Rock o, als wann i an eahm ang'straft war. Auf zehn Schritt stinkt er von Schnaps, mit den er andre vergift'! Pfui Teufel! Und du, du – – – – – –« Er hatte sich in einen maßlosen Zorn hineingesprochen. Aller lang angehäufte, unbestimmte Groll gegen den Aushälter Millys, aller Haß gegen die Juden, alle Bitterkeit gegen die blutsaugenden oder unbekümmert dahinlebenden 402 Reichen verdichteten sich in Milly zu einem Bild: der, um ausgepreßtes, erbeutetes, erschwindeltes Geld dienstbaren Wollust. Das fürchterliche Ende der Familie Fischer stand plötzlich mit greifbarer Anschaulichkeit, als Schulbeispiel des grauen Dämons Alkohol, vor seinen Blicken. Wie viele Frauen mußten in der Ehefrohn verderben, von deren Ende keine heroische Tat der Selbstvernichtung Kunde gab, wie viele Männer verdarben in den Irrenhäusern, wie viele Kinder auf ihren Lumpen. Wie viele erbettelte, verdiente, gestohlene, erschlichene Kreuzer mußten zusammenfließen in dem kleinen Becken der Schanklade, um dann das große, mächtige Reservoir zu speisen, das aus grünspanigen, schmutzigen Kupferstücken die Wohnungseinrichtung und die Toilette einer Dirne schuf. Sie übertäubten den Ekel eines schönem jungen Mädchens vor der Berührung mit einem schmerbäuchigen, grauhaarigen, geifernden Mann. Aus der erschreckenden Lust Tausender sickerte der erst kupferne, dann goldene Regen unaufhörlich, wie die Tropfen der Kalksteinhöhle; unaufhörlich, wie das Laster, das alle Ansätze einer höheren Kultur im Keime vernichtet. Zum ersten Male, seit sie ihren Jugendgespielen kannte, zitterte Milly vor ihm. Das war nicht mehr der gutmütige, zärtliche Genosse früherer Tage, nicht mehr der demütige, schüchterne Liebhaber der letzten Zeit. Wie sie zu oberflächlich war, seine uneigennützige, reine Liebe zu verstehen, so war sie es, um seinen Zorn zu begreifen, der nicht einer Person, sondern dem Grund des Lasters und seinen Nutznießern galt. Zugleich aber fühlte sie sich durch seine Ausbrüche aufs tiefste verletzt. Das Recht auf zornige Aufwallungen räumt man nur dem Geliebten ein, und Milly liebte Anton nicht. Was ihn ihr bisher wert gemacht – es war nur 403 die Erinnerung an ihre Jugend, an ihr glückliches Heim, ihre geliebten, stets lustigen Eltern. Seine Gegenwart brachte ihr den Duft einer langbegrabenen, unschuldigen Zeit, er umfaßte in seiner Person alles, was nicht an die beschmutzte Seite ihres (wie sie so manchmal dumpf fühlte) verlorenen Lebens heranstrich. Seinem vergeblichen Liebeswerben hatte sie ein schwesterliches Mitleiden entgegengebracht. Ihre Zuneigung galt dem ehemaligen Kindheitsgefährten; dem Manne , wenigstens dem liebenden Manne nicht. Sein heutiger Zornesausbruch erweckte ihren Trotz. Wie kam er dazu, sich ihr stets hemmend in den Weg zu stellen? Wer gab ihm das Recht dazu? Vor allem empörte sie das häßliche Wort, das er ihr entgegengeschleudert. Eben weil es nicht unverdient war, erschien es um so beleidigender. »Wann i di besser kennt hätt', so wie i di jetzt kenn', wärst m'r net hereinkommen«, sagte sie mit vor Entrüstung bebender Stimme. »Bis jetzt hast mi nur derbarmt und mein Will'n war a guater. Aber daß i deine Gemeinheiten einsteck' und di wia an Wilden da hausen lass', wirst net von mir verlangen. Hoffentli hab' i jetzt anmal a Ruah.« »Du a Mitleid mit mir?« Der stolze Sinn des jungen Mannes hatte einen argen Stoß erhalten. Die Beschämung des heutigen Abends lastete schwer auf ihm, er fühlte sich verhöhnt und gedemütigt. »Du a Mitleid mit mir?« wiederholte er nochmals. »I waß net, an wem's mehr liegert, das Derbarmen. A Ruah sollst hab'n vor mir. Es kummt no anmal die Zeit, wo's d' mi z'ruckruafen möcht'st, und i wir net da sein, merk' d'r's! So wia du, hab'n schon viele ang'fangt und aufg'hört hab'n s' am Mist. I sag' d'r's voraus, wia 's End is, zeitli g'nua wirst no auf meine Wörter kummen.« 404 Die ordinäre Natur, die Mitgabe unerzogener, ungebildeter, wenn noch so gutherziger Menschen, durchbrach zügellos alle Schranken bei den zwei jungen Leuten, die sich auf verschiedene Art so sehr geliebt. Auf Anton wie auf Milly hatte der reichlich genossene Wein seine Wirkung ausgeübt. Wäre das Mädchen verliebt gewesen, hätte sich diese in glühenden, brünstigen Umarmungen geäußert. Statt Kränkung, Zorn, Trotz zu einem gewaltsamen Ausbruch zu treiben, hätte der Wein einem süßen Rausch der Sinne seine Eigenschaften dienstbar gemacht. »Wer eher am Mist krepiert, fragt si erst«, stammelte Milly mit vor Wut bleichen Lippen. »I sicher net, und schon gar net, weil's d 'mir's du prophezeist. Das hat m'r, wann m'r si mit so Leut' einlaßt, die glaub'n, sie hätt'n a Recht, ordinär z'sein, weil s' anmal als a Klaner mit an g'spielt hab'n. Natürli, von an Schlosserg'sell'n kann m'r kane Manier'n verlangen.« »'s fehlt d'r nix mehr als 's Büachl und du bist firti. In Anfang hast scho hinter dir. Vielleicht lad'st mi bald ein, um an Stan mitz'kummen. Pfui!« Es ist ein bitteres Gefühl, Menschen, die man um irgendeiner oder vieler Eigenschaften willen lieb gewann, plötzlich vom Geiste des Gemeinen und Niedrigen erfaßt zu sehen. Wie viel Edelmut, Güte, Liebenswürdigkeit, Liebe verschlingt eine einzige böse Stunde! Was unsichtbar, tief verborgen im Innersten des Menschen an Gewalttätigem, Rohem, Unflätigem ruht – steigt in einem Augenblick an die Oberfläche, wie eine Sumpfblase alles beschmutzend und vergiftend. Das heitere, lächelnde, trotz seiner Irrtümer liebenswerte 405 Mädchen, der ernste, brave, mitleidige junge Arbeiter – nun standen sie sich entgegen wie eine keifende Straßendirne und ein wüster Zuhälter. Erbitterung, Wut, Unversöhnlichkeit stand in beider Züge geschrieben. Auf Milly hatte die letzte Beschimpfung gewirkt wie ein Peitschenschlag. »Zu dir? Glaubst? Net anmal wann i zum Verhungern war. Alle von mir aus nehmet i mit, den lumpigsten Branntweiner, den grauslichsten Pülcher. Nur di net. Das is halt dein Zurn, was? Was du d'r nur einbild't hast, i soll't mi dir nur so am Hals werfen? Schnecken, fixt. A so a ordinäre Schlosserhaxn möcht' i ah scho.« Und in ihrer sinnlosen Erbitterung gab sie ihr Geheimnis mit Ludwig preis, mit echt weiblicher, verletzender Schärfe den Kontrast schildernd, der zwischen dem jungen, gebildeten Studenten und dem brutalen, rohen Arbeiter bestand. Hätte sie es nicht gesagt, das eine nicht! Sie kannte den Freund ihrer Kindertage zu wenig, sie ahnte nichts von der Entsetzlichkeit des Schlages, den sie dem in seinen heiligsten Empfindungen, seinem tiefsten Vertrauen, an der verwundbarsten Stelle seines Stolzes getroffenen Mann versetzt. Mit einem Satz war Anton bei ihr, hatte ihr Handgelenk ergriffen und mit einer einzigen rohen Bewegung sie zur Erde gezwungen. Ein Wunder, daß er ihr nicht den Arm zerbrochen. Der Unselige vermutete eine absichtliche Verhöhnung seiner Liebe und so unfaßbar ihm der Gedanke erschien, um so fürchterlicher deuchte ihm der Verrat der zwei geliebtesten Wesen. Es gehörte die ganze Überreizung seiner Sinne durch Wein, Aufregung und Zorneshitze dazu, um auf eine so unglaubliche Vermutung zu verfallen. Nun lebte es auf in ihm, das jähzornige, bis zur Besinnungslosigkeit erregbare Element, das Erbteil seines Vaters. 406 Wo war der Anton, dessen Güte ein Kinder- und ein Mutterherz einst dankbar segneten? Wo war er, der milde Helfer, der treue Freund, der ernste, besonnene Arbeiter, der zärtlich Liebende? Milly, nachdem der erste Schrecken vorbei, erhob sich ungestüm aus ihrer knieenden Lage und entriß sich mit aller Gewalt der umklammernden Hand. Sie stand beim Tische. Ein Messer ergreifend, stellte sie sich Anton gegenüber. Eine kurze, entsetzlich bange Pause, ein kurzes, keuchendes Ringen, und das Messer, das sie beschützen sollte – stak in ihrer eigenen Brust. Mit einem Schrei sank sie zu Boden. Ein Blick traf den wie geistesabwesenden, vor Schreck gelähmten Täter. »O – Toni – –!« hauchte sie noch. Der Stich hatte zu gut getroffen. »Milly, Milly! O Gott! Milly, das hab' i net woll'n . . . . . .« Zu spät. An dem gedeckten Tische hatten fremde schaurige Gäste Platz genommen und kredenzten sich die Gläser mit – Blut. Der Haß, der Tod, die Verzweiflung, die Reue, sie stießen an, tranken sich zu und nickten. Wohl bekomm's! Unsere Tafel wird stets gedeckt sein, so lange noch zwei Menschen sich den Raum streitig machen, zwei Herzen noch in Leidenschaft schlagen. Anton war wie gehetzt von der unseligen Stätte hinweg über die Stiegen gerannt, von niemand gesehen. Eine Weile irrte er auf der Straße umher, sich weder der erst vollbrachten Tat, noch der Richtung bewußt, nach der er abirrte. Alle Erinnerung, alles Bewußtsein schien wie hinweggewischt. Erst nach und nach kam dem unglücklichen Menschen das Bewußtsein des Vollbrachten. Wie in einer 407 instinktiven Vorahnung, zog er mit mächtigen Zügen die frische Nachtluft ein und blickte zum Himmel auf, der in wundervollem Sternenschimmer erglänzte. Würde er so bald oder jemals wieder nach jenen unendlichen Fernen blicken können? Dann schritt er wieder stadteinwärts, frug einen Wachmann um das nächste Polizeikommissariat und dort angelangt, machte er Mitteilung von seiner Tat. Der Aufschlag seines Rockes, ein Ärmel und die Bruststelle waren blutgetränkt. Vollkommen ruhig und gefaßt ließ er sich in den Arrest abführen. Eine Kommission begab sich schleunigst an den Tatort. Zu retten gab es nichts mehr. Milly war in das Land hinübergegangen, in dem es keine Toiletten, keinen Schmuck und keinen Ununmmerierten gibt. Die Tat erweckte durch die Seltsamkeit der Umstände das größte Aufsehen. In welchem Verhältnis stand das Mädchen zu seinem Mörder? War es dessen Geliebte? Was war das Motiv? Antons schlichte Aussagen bei seinem ersten Verhör brachten wohl Licht in die Affäre, aber eben die Einfachheit und Ungekünsteltheit der veranlassenden Ursache war schuld, daß man allgemein daran zweifelte. Man fand den Grund in einer mißglückten Erpressung, die der ehemalige Liebhaber an dem jetzt in guten Verhältnissen stehenden Mädchen versuchte. Unter den vielen, die die Tat Antons kommentierten, gab es Niemand, dessen Empörung eine sittlichere und geläutertere war, als Herrn Schwarz. » Dem hab' i so was immer ang'seg'n«, behauptete er. »Wundert mi gar net. Da heraus derlebt m'r überhaupt 408 was. No, dö Bagaschigegend hab' i jetzt schon g'fressen. Da kann aner von heut auf muring g'faßt sein, daß er ausg'raubt und d'rschlag'n wird. Der Mensch hat schon so quisi quasi a G'schau g'habt, daß mar si hat fürchten müass'n. Is zwar net schad um das Flitscherl, was er o'g'murxt hat, muaß a g'sundes Ban g'wesen sein. Is halt a Beinl weniger, rennen eh no gnua umeranand. Aber allweil waß ja so a Messer net, wo's hing'hört. 's kunnt' ja an urndlichen Menschen ah treffen, an G'schäftsmann, der seine Steuern pünktli zahlt. Dös kummt aber davon her, daß heutingstags die Leut' um kan Kreuzer a Religion hab'n.« Herr Schwarz, wir nehmen an dieser Stelle Abschied voneinander, das heißt nur im vorliegenden Buche. Denn sonst im täglichen Leben treffe ich Sie ja doch aller Ecken und Enden, so daß Ihre werte Bekanntschaft mich bis an das Ende meiner Tage verfolgen wird. Sie machen sich überall breit, nicht nur an dem Stammtische Ihres Gasthauses, in dem Sie eine große Rolle spielen, da Sie niemals unterlassen zu betonen, daß Sie pünktlich Ihren Zins und Ihre Steuern bezahlen und eo ipso mit Religion um tausend Gulden vollgepfropft sind. – – – – – – – Ludwig erfuhr die Schreckensnachricht wie alle Leute durch die Tagesblätter. Was er empfand? Er wußte lange nichts davon, denn drei Wochen lag er in den schrecklichsten Fieberdelirien. Als er genesen war, machte er mit Herrn Tänzinger, Waldemar und Sidonie eine Erholungsreise. Herrn Tänzingers Anteil an der Affäre beschränkte sich auf ein Achselzucken allen Personen gegenüber, die munkeln gehört haben wollten, er habe Milly galant protegiert. In den Blättern erschien 409 seine Persönlichkeit als die eines Wohltäters, der, durch frühere Bande der Freundschaft mit dem Vater verbunden, eine nach dessen Verschwinden seiner Tochter zugefallene Erbschaft verwaltet und die phänomenalen Stimmittel des jungen Mädchens am Konservatorium ausbilden zu lassen beabsichtigte. Herr Tänzinger kam der Welt gegenüber niemals in Verlegenheit. Nur einmal: als seine Tochter bei der Nachricht von der Erkrankung Ludwigs fast in Krämpfe verfiel und an sein Krankenlager geführt werden mußte. Waldemar fand, daß jede Krankheit, – traf sie nun die Schwester oder den Lehrer, – ihm die ungeahntesten Vorteile brachte. Und da im letzteren Falle nicht die Gefühle der Brüderlichkeit in Betracht kamen, so kann man mit gutem Gewissen annehmen – er freute sich königlich. Die Ambros wurde bei Erhalt der Nachricht von Antons Tat ohnmächtig. Dann weinte sie tagelang, aber nicht auf dem Gange oder auf der Straße, sondern in ihrem Zimmer eingeschlossen. Sie hatte Anton und Milly herzlich geliebt, wie sie ja voll war von Liebe, deren Urgrund nachzuspüren unnötig wäre. War ihre Liebe auch oft zu realer Natur, – aber sie war da; und wenn es an der Zeit war, geläutert, wie die Liebe es nur sein kann. Huxtl, der brave Huxtl, hatte »geheult wie ein Schloßhund«, wie er später etwas beschämt gestand. Anton war sein Freund gewesen, und die arme, schöne Milly – wenn er daran dachte, wie er sie zum ersten und zugleich letzten Male gesehn. Und Anton, der unglückselige Anton selbst? Er lag in seiner Zelle und starrte stumpf vor sich hin. Er dachte und fühlte nichts, und fürchtete weder das Gericht noch die Folgen. Ihm dröhnten unablässig die letzten Worte ins Ohr. »O – Toni – –!«   Vierundzwanzigstes Kapitel. (Darinnen spielen eine Equipage sowie ein Handwagen eine gewisse Rolle; handelt von einem rührenden Wiedersehn alter Freunde, und nimmt ein nicht aufregendes, schlichtes Ende.) 410 Zehn Jahre! Was bedeuten sie dem Freien und was dem Gefangenen? Jenem ein rasches Vergleiten, diesem das endlos traurige Verrinnen ungeduldig gezählter Minuten. Zehn Jahre! – Es liest und hört sich so leicht. Der human denkende Zeuge einer Gerichtsverhandlung atmet freier auf, wenn das Verdikt der Geschworenen die Todesstrafe ausschließt. Nur zehn Jahre! sagt er befriedigt, und in der nächsten Minute ist er im Einvernehmen mit seinem staatsbürgerlichen Gewissen im klaren darüber, daß zehn Jahre gerade die richtige Sühne seien für ein Verbrechen, das den Tod eines Menschen verschuldet, für ein Verbrechen, das der Augenblick gezeugt und geboren. Zehn Jahre! Eine Generation ist gegangen und eine neue emporgetaucht. Die Männer von damals haben sich dem Greisenalter genähert und die einstigen Säuglinge tragen den Schulranzen. Das neue Haus, das Haus Nummer 37, ist nun unter seinen Nachbarn ein altes Haus geworden, das, einem alten, immerwährend kränklichen Menschen gleich, stete Anforderungen an Aufmerksamkeit stellt. Es gibt bei den verschiedensten Anlässen zu erkennen, daß es des Daseins müde ist und in all seinen Teilen nicht recht zusammenhalten mag. Seine Fassade will auch nicht mehr unter die seiner neuen Brüder 411 passen und verliert sich sozusagen selbst. Jeder Sturmwind trägt ein Stück des mehligen, zerrinnenden Mörtels weg. Auch seine alten Bewohner haben sich verflüchtigt, neue haben ihre Stellen eingenommen. Die modernen Nomaden der Großstädte verlernen immer mehr, sich an ein bestimmtes Heim gefesselt zu fühlen. Der alte, lustige »Kapral« war ein Opfer seines Freundes, des Feuerwassers, geworden. Aber gemäß seinem, allem Lärm und Streiten abholden Gemüte war sein Ende kein tobsüchtiges Delirium, sondern ein stilles blödsinniges Erschlaffen. Obwohl er samt seinem Elan schon lange einige Dutzend anderer Wohnungen »trocken gewohnt«, endete er dennoch, an das Haus Nr. 37 geschmiegt, an dessen Feuermauer. Blaschke mit seiner gezähmten Widerspenstigen hat kurz nach den geschilderten Ereignissen, die mit der Aushebung des Diebs- und Hehlernestes endigten, das Haus und den Bezirk verlassen. Niemand von den neueren Bewohnern ahnte mehr etwas von den Tragödien, die sich an dem Orte abgespielt, der ihre Heimstätten barg. Die Abgestumpftheit der Großstadtleute. Die Ringstraße, dieses Wunderbild eines modernen Straßenzuges, dieses Konglomerat verschiedenster Baustile in seltenster Übereinstimmung; dieses wahrhafte Titanenwerk eines Jahrzehnts und einiger Künstler, die, von einer Intuition beherrscht, die architektonischen Vorstellungen räumlich und geistig getrennter Epochen zu einem wundersam harmonischen Gesamtbild vereinigten, war an dem schönen Herbstnachmittage erfüllt von Bummlern und hastenden Menschen und Personenfuhrwerk aller Art. Auf einer Bank hatte es sich ein Mann von wohl dreißig Jahren oder mehr bequem gemacht und ließ 412 teilnahmslos die Blicke auf dem vorüberwogenden Menschenstrome ruhen. Der Mann war nett, ja gut gekleidet, wenngleich in einem Schnitt, der mit der Mode nicht Schritt gehalten zu haben schien. Sein Gesicht war bleich und von sehr hübschem Ausdrucke. Das Kinn blank rasiert, der Schnurrbart gut aufgedreht, – alles in allem bot der einsam Sitzende ein angenehmes Bild. Nur der Ausdruck der Augen war von fast tötlicher Schwermütigkeit, wie bei gewissen Menschen, die ihr Leben niemals gelacht haben. Er schien mehr aus Müdigkeit als aus Teilnahme für den Korso Platz genommen zu haben. Der Blick, der ab und zu eine Persönlichkeit oder einen vorüberrollenden Wagen streifte, verriet völlige Gleichgültigkeit. Aber plötzlich belebte die unnatürlich bleichen Wangen ein Anflug von Röte und wie gebannt verfolgten die Augen eine Equipage, die in nicht zu schnellem Tempo herankam. Die Insassen waren eine entzückend schöne Frau mit schwerem, prachtvoll rotem Haar, das in unserer Zeit erst Mode geworden, ein Herr mit tief schwarzem Voll- und Schnurrbart und dunklen träumerischen Augen. Dem Paare gegenüber saß ein dicker, alter Herr mit völlig weißem , zugestutzten Vollbart und kleinen, schläfrigen Augen; die Hände hielt er nach typischer Hebräersitte unter dem Kragen des schwarzen Straßenrockes, mit den Daumen im Ärmelausschnitt des Gilets. Der Mann hatte sich unwillkürlich von der Bank erhoben und starrte den jungen, männlichen Insassen der Equipage an. War es Zufall, war es eine Art Suggestion, auch dieser blickte herüber, und zwei Augenpaare begegneten sich für einen Moment. Als wäre in den Blicken der beiden ein Fluidum enthalten gewesen, das schwellende Hitze zu 413 vermitteln imstande war, also erglühten die Wangen der zwei Männer im tiefsten Purpur. Was mochte der eine, Aufrechtstehende erhofft haben? Als er ersah, wie die Augen des in dem Wagen Sitzenden sich mit einem scheuen Ausdrucke abwandten, fiel er wieder auf die Bank zurück und legte die Hand an die Stirne. Es mußte ein tiefer, gewaltiger Schmerz sein, der diese einfache Bewegung verursachte. Zwei schwere Tränen tropften über die Wangen, sich auf dem Rocke überkollernd, nieder auf den Kies. Das Gefährte war längst verschwunden und noch immer verharrte der Einsame in seiner Lage. Dann erhob er sich müde und schritt von dannen. Wie unbewußt setzte er Fuß vor Fuß und geriet im Weiterschreiten gegen die Wieden. Auf der Wiedener Hauptstraße kam ein Mann vor einen Handwagen gespannt, lustig pfeifend daher. Auf dem Wagen befanden sich drei Körbe von beträchtlicher Größe und jedenfalls mit einem Inhalt von ebenso beträchtlicher Schwere. Vor einem Gasthause hielt der Mann, warf das »Scheibbandl« von der Achsel auf den Wagen zurück, nahm das Kapperl ab und wischte mit dem Handrücken die schweißbedeckte Stirne. Es mag im Leben vielerlei Zufälle geben, wie wir gleich ersehen werden, aber daß der schwitzende Mann gerade vor dem Gasthause hielt, um seine heiße Stirne zu kühlen, mag getrost auf eine höhere Überlegung gesetzt werden. Denn er machte alle Anstalten, über die Schwelle des einladenden Lokals zu treten, als er vor ihr mit einem Passanten zusammen prallte, der niemand anderer als der einsame Wandrer war, den wir vor kurzem auf der Ringstraßener Bank gesehen haben. »He, Schurl, kannst net aufpassen, daß d' in d'Leut' 414 einirennst? – – – Jessas! Dös is do net – – meiner Seel'! Tonl! Tonl! bist es du wirkli?« Der Wagerlmann starrte dabei unverwandt mit allen Zeichen der Verwunderung und Erkennensfreude denjenigen an, der ihm fast noch immer in den durch eine schützende Reflexbewegung geöffneten Armen lag. »Tonl,« fuhr er fort, »du bist's, meiner Seel und Gott! I, und in Tonl net kennen nach hundert Jahr!« »Huxtl!« konnte nur Anton stammeln, denn er war der einsame, traurige Spaziergänger. »Ja, der Huxtl, hast recht, alter Spezi. Jetzt red' derweil kan anders Wurt und kumm da mit eini. No, dö Tinerl wird schaun – ka aber! Mit gehst, mit mir do eini, i laß di net aus, und wann i di aufs Wagel leg'n und anbinden müaßt'.« Anton gehorchte dem willkommenen Zwang und bald saßen die beiden an einem einsamen Tisch. »Z'erscht was jausna, Bruada. Dann red'n m'r weiter. He, Wirtshaus! A G'selchts, zwa Portionen, aber große, und an Liter Marker. Schau net lang, Raubersbua, und bring her, was i sag'.« Der Kellnerjunge, dem anfänglich der Mann mit dem Kapperl nicht sonderlich imponiert zu haben schien, beeilte sich, das Gewünschte herbeizuschaffen. »So,jetzt ham m'r den klan' Hackelputz unten,« erklärte nach einer Weile befriedigt Huxtl, »jetztn können m'r reden. Net von dir armer Hascher! Wirst net viel mitg'macht hab'n durt'n. Herrgott nomal, Tonl, was is dir damals eing'fall'n? I will d'r kan Vorwurf machen, was g'scheg'n is, is g'scheg'n, und d'r Huxtl war nia aner von dö, dö an armen Tenfel no Staner nachwerfen wöll'n. Ich sag' nur, das Madl war's net wert. Jetzt, dös is vorbei und g'scheg'n. 415 Hin und weg is a Dreck, sagt m'r. Aber spitzen wirst, wannst hörst, mit wem i z'sammg'spannt bin. Rat'st was? Han?« Anton schüttelte den Kopf. »I hab' m'r's Denken ganz abg'wöhnt in die Jahr, Huxtl, denn das is was Fürchterlich's. Die erste Zeit wohl, da hab' i nur denkt und denkt, Tag und Nacht, da ham s' mi müassen z'ruckhalten, weil i m'r was antun hab' woll'n. Aber später – da wirst a Maschin, dö nix denkt und red't, nur arbeit't.« Der brave, leichtsinnige Huxtl sah den Freund mit Blicken so innigen Mitgefühles an, daß dieser plötzlich weich wurde. »Lach mi net aus, aber m'r wird so schwach und z'mörschert da drin, durt treib'n s' an die Wildheit gründli aus,« schluchzte er leise, bemüht, die Tränen unauffällig zu trocknen. »Du, Wasserabschlag'n is in den Lokal verboten,« sagte Huxtl mit einem schwachen Versuch zu scherzen, »das heb' d'r auf, wannst zu meiner Alten kummst, dö hilft d'r dann mit. Daß d' net drauf kummst, wer dö is, mein' Alte? D' Ambros , mein Liaber, da schaust, gelt ja?« »Dö Ambros? Ja, da hätt' i do wirkli draufkommen soll'n«, sagte Anton mit mehr Anteilnahme, als er bis jetzt für die Welt gezeigt, »sie war a guater Kerl und wirst wohl mit ihr glückli sein.« »Und ob«, bestätigte der andere nicht ohne Stolz. »Natürli hat s' müassen in die richtigen Händ' kummen, du waßt do no, sie war a bißl a Kalfakter und kannst ah a Liad davon singen.« Anton errötete flüchtig und sagte dann mit traurigem 416 Lächeln: »Dö Zeiten san vorbei, brauchst di nimmer z'fürchten.« »Geh, du Tepp, glaubst, i hab' so a Idee? Und wann a, d'r Huxtl is grad net neidi. Wirst schau'n, wannst es sixt. Blad is wurd'n, da wirst spitzen, aber no immer so sauber wia früher.« »No immer wia früher« wiederholte Anton sinnend, »dann – dann schaut s' derer ah no ähnli,« fügte er zögernd hinzu. »Ah was, net soviel,« schnippte Huxtl. »Jetzt schaut s' aus wia a Muatter, schad', daß s' kane werd'n kann, dö Doktorn sag'n, es geht net. Sunst, wann's auf mi ankummert, am Huxtl, he!« Und der Ex-Volkssänger lachte vergnügt. »Sag' m'r nur,« frug Anton, sich plötzlich besinnend, »du bist nimmer bei dein G'schäft?« »Volkssänger manst? Na, da is scho lang gar damit. Mir zwa ham jetzt a Wäscherei und Feinputzerei. Mein' Alte arbeit't mit a paar Mad'ln, fesche Kampln dabei,« unterbrach er, sich die Fingerspitzen küssend, »und i fahr' liefern, daß m'r d' Zeit vergeht und mir an Hausknecht dersparn. Ja mein Liaber, mit'n feschen Huxtl is aus und g'scheg'n. Der is schon lang bei an Tandler ausverkauft wurd'n. I hab' mein' Stimm' verlur'n, no, 's viele Drahn, verstehst? und bin a Zeitlang in Spital g'leg'n. Dann war's nix mehr mit'n Singen, kannst d'r denken. In der Zeit stirbt d'r d'r Tschickerl. Z'viel g'soffen und draht. Meiner Seel', Tonl, um den hat's mir lad tan. Hätt'st hör'n soll'n, was er vor sein' Tod' no g'sagt hat. Urndli red'n hat er nimmer kennen, 's Schilé war total hin, kan Unterfuatta und kan 417 richtigen Fad'n, der no g'halten hätt'. Tuberkulose. Zerrissenes Gilet = zerstörte Lunge. Im Spital hab' i 'hn no hamg'suacht, an Tag bevur er g'sturb'n is. Mant er no: »Hörst, Bruader, dös is guat. Der Tschickerl sterb'n! Höcher geht's nimmer, du, der Tschickerl sterb'n! So was gibt's net.« Das hat er nur so ganz stad und schwerfälli sag'n könna. Am nächsten Tag war's aus. Denn alles, was der arme Tschickerl anmal g'sagt hat, es kann net sein, is do g'scheg'n. Und er muaß si's selber denkt hab'n, daß's sein kann, denn er hinterlaßt m'r in Testament zwatausend Guld'n. Kannst d'r denken, daß i's brauchen hab' können. Weil i aber do a bißl g'scheiter bin wurd'n und i m'r g'sagt hab', so geht's net weiter, verdienen kann i m'r bei der Volkssängerei nix, hab' i halt die Ambros g'fragt, ob sie's mit mir alt machen möcht'. Sie hat natürli net na g'sagt und so ham m'r g'heirat'. Um das Gerstl vom Tschickerl hab' i unter der Hand a guats Wäscherg'schäft kauft und so leb'n m'r jetzt ganz schön mitanand.« Anton hatte diesem Berichte schweigend gelauscht, und welch bittere Gedanken ihn auch bewegen mochten angesichts eines Glückes, das er auch einst an der Seite eines geliebten Mädchens erhofft, er äußerte kein Wort, sondern starrte nur vor sich hin. »I hab' heut wem g'seg'n,« begann er nach einer Weile mit einem bitteren, fast verächtlichen Lächeln, »der mi nimmer hat kennen woll'n.« »He, wem manst?« »An, den du a kennt hast und der mir anmal liaber war, wia a rechtschaff'ner Bruader.« »Ah, i waß scho. Dein Cousin, was? Sixt, der hat a 418 Glück g'macht. Hat 'n Tänzinger sein Madl g'heirat't, die ganz verschossen war in eahm. I sag' d'r, so a Hochzeit war no net am Grund, wia die im Judentempel.« So teilnahmslos Anton bis jetzt das Gespräch geführt, jetzt fuhr er aus seiner gedrückten Stellung empor. »Was?« rief er, und seine Augen blitzten, »g'heirat't und jüdisch ah no? Is er a Jud word'n?« »Natürli. Glaubst, d'r Alte hätt' sunst die Heirat zualassen? I hab's so zuafällig erfahr'n, das soll erst an Höll'nspektakel geb'n hab'n. Aber der rote Teufel hat net nachlassen. Also hat d'r Alte endli eing'willigt unter der Bedingnis, daß dein Cousin a Jud wird.« »Und er hat woll'n? Er is aner wurd'n?« »Na, net wird er woll'n. Bei dem Geld! Hat a Haus mitkriagt vom Schwiegervotan, und so ah no hübsch a bißl was. Da nimmt aner scho was mit in Kauf. War eh seit jeher a halberter Jud. Bitt di, hör m'r auf! Was macht denn 's liabe Geld net alles.« »Und er war schuld an all'n«, flüsterte Anton halb für sich. »Auf ihm hab' i so traut und baut. Wia si die besten Leut' ändern können.« »Geh, denk net an dö Sachen. Kann m'rs vorstell'n, daß er di net hat kennen woll'n. Gebert a schöns Dunnerwetter vom Schwiegervotan. Waßt, ich glaub' net, daß der Junge grad a schlechter Kerl wurd'n is. Aber – – no, i brauch' net mehr z' sag'n. Er g'hört net zu unseran und wann er si früher anmal mit uns verstanden hat, so is das schon lang wieder vergessen. I hab' nur heut no an Pick auf eahm weg'n der G'schicht nach mein Benefiz, waßt eh no, obwohl's meine Alte immer no ablaugn't. Jetzt, das is ah vorbei, red'n m'r drüber nix. Waßt, jetzt brech'n m'r auf. I liefer nur net weit von 419 da mein' Wäsch' ab und dann fahr'n m'r ham nach Ottakring. Bleibst vorderhand bei uns, ohne Widerred'. Tät d'r schwer fall'n, glei wo anz'kummen. Müassen erst beraten, was g'scheg'n soll. Glaubst gar net, wia oft i und mein' Alte von dir g'redt hab'n und a guater Kerl is s' do immer g'wesen, das steht.« Anton, von dem leichtbegreiflichen Schamgefühl aller aus der Strafhaft Zurückgekehrten erfüllt, so lange sie nicht hartgesottene, oft bestrafte Verbrecher sind, weigerte sich erst beharrlich. Aber endlich mußte er sich dem Zureden, noch mehr den vorgebrachten Gründen Huxtls fügen. Also brachen die beiden auf und nachdem der Geschäftsmann seine Agenden erledigt, begaben sie sich nach dessen Wohnung. »He, Tinerl,« rief Huxtl in die Türe eines Raumes, dem ein starker Bügeldunst entströmte, »kumm überi in d' Wohnung. I hab' an Bekannten mitbracht. So kumm nur Tonl ins Zimmer«, fügte er, zu Anton gewandt, hinzu. Der folgte dem Voranschreitenden. Es war ein gemütlicher, sehr behaglicher Raum, zwar in der primitiven Art von Noblesse ausgestattet, der dem Volke als der Inbegriff aller Möblierungskunst erscheint, aber dabei sehr traulich und anheimelnd. Nach einer Weile erschien die Ambros, vielmehr die jetzige Frau Huxtl. Sie war wirklich bedeutend stärker geworden, aber nicht in dem Maße, wie ihr Gemahl für gut befunden, ihre Dicke zu schildern. Das Gesicht war aber noch immer das schöne, freundliche der ehemaligen Quartiergeberin, das Haar noch immer so leuchtend blond, und sie war trotz allem noch immer das alte Ebenbild der unglücklichen Milly. Das mochte Anton finden, als er der Eintretenden entgegenstarrte. Im ersten Momente hatte Frau Ernestine Anton nicht 420 erkannt. Dann aber, als dieser sich erhob und ihr unsicher entgegenschritt, stieß sie einen Schrei halb der Verwunderung, halb des Schreckens aus. »No, Tinerl, was sagst?« frug Huxtl, äußerst befriedigt von dem, seiner Meinung nach sehr gelungenen Coup. Aber rasch hatte Frau Huxtl die erste Überraschung überwunden. Sie ergriff die ihr schüchtern gebotene Hand und blickte Anton in das bleiche Gesicht. Als sie die so tottraurigen Augen auf sich gerichtet sah, übermannte sie ihre natürliche Güte und Liebe, von der sie bekanntlich einen reichen Fond besaß. Im Überströmen ihrer Empfindung schloß sie den in die Welt Zurückgekehrten in die Arme und schluchzte herzbrechend. »Toni, Toni, – o! warum hat das so kommen müassen?« Anton blickte höchst hilflos darein und zwang sein Gesicht zu einem krampfhaften Lächeln. »War m'r wohl bestimmt,« murmelte er, »bin nur froh, daß mein' Mutter das net erlebt hat.« »Gott sei Dank, ja, Toni, aber – es is – es is uns ah schwer – gnua g'fall'n. I hab' damals – glaubt – mi trifft der Schla–a–ag . . .« »Geh, Tinerl, mach eahm net 's Herz schwer, desweg'n hab' i'hn net herg'führt. Mir woll'n eahm a bißl hamurisch machen, net no tramhaperter . Mach di kommod, Tonl, tua als ob's d' daham warst. Nur kan Schenierer. War jo nix so Unrechts, was d' ang'stellt hast. Mein Gott, dein Natur war halt a gache. I waß eh all's. Hätt' dös dumme Ding net erst nach'n Messer griffen! Am End' hätt' ihr's ah passiern können.« 421 Anton, als ob die fürchterliche Szene aufs neue vor seinen Augen stünde, blickte finster vor sich hin. Dann drängte er die weinende Frau Huxtl von sich. »Rühr'n S' mi' net an, solang i in der G'luft steck'. Huxtl, wannst m'r a G'wand leichen kannst, i möcht' nur das von mir bringen. Da, – da,« und er zeigte auf verschiedene Stellen seines Rockes, »überall war – ihr – ihr Bluat drauf. O Milly, Milly!« schrie er in so fürchterlicher Qual auf, daß sich die zwei Eheleute erschüttert anblickten. Aller lange zurückgehaltene Schmerz, die ganze, so lange abgestumpfte Erinnerung brach aufs neue hervor beim Anblick dieser Frau, die ihn mit ihren Zügen an die tote, ermordete Geliebte, an einige glückliche Kindertage und an die Zeit langer verborgenen Leiden gemahnte. Mit einem Zartgefühl, das nur seinem harmlosen, gutmütigen Herzen entsprang, entfernte sich auf einen stillen Wink Huxtls das Ehepaar. Beide fühlten, daß sie im Augenblicke nur störende Zeugen eines Schmerzes sein würden, der zehn Jahre, einer schleichenden Krankheit gleich, in diesem unglücklichen Herzen gehaust. Ja, es waren echte Kinder jenes einst vielgepriesenen, heiteren, leichtsinnigen, gutmütigen Wiens, auf die in Wahrheit das Wort vom goldenen Herzen paßte. Ich habe sie geschildert mit voller Liebe, wenngleich in allen Schwächen und Fehlern, die einesteils das Erbe der Menschennatur, andernteils das Produkt der übermächtigen Verhältnisse sind. Der wortkarge, jähzornige aber grundgute Anton; die leichtlebige, aber warmherzige Milly; der liederliche, nachtschwärmende, jedoch großmütige Huxtl, die sinnliche, untugendhafte Ambros, deren einziger Fehler war, daß sie alle Register der Liebe zu jeder Zeit aufzog, nicht zu vergessen 422 des armen, schlemmenden, schwatzhaften, aber treuen und dankbaren Tschickerls – sie sind eben Wiener aus jenem Blute, das heute beinahe im Zerrinnen begriffen ist. Als die Dunkelheit herangebrochen, erschienen Huxtl und Frau Ernestine mit Licht im Zimmer und fanden Anton auf einem Stuhle sitzend, vor Müdigkeit und tränenbenetzt eingeschlafen. Bei ihrem Eintritt fuhr er empor und starrte erst eine Weile verwundert um sich. Er vermeinte sich in seiner Zelle. »No, Tonl,« sagte Huxtl ermunternd, »Zeit zum Nachtmahl'n is. Mir werd'ns uns recht g'müatli machen. Waßt, abgehn laß m'r uns nix, wann m'r si in ganzen Tag plagt, haßt's abends guat leb'n. Geh, Alte, deck auf und bring 's Essen eini!« In kurzem war der Tisch gedeckt und dampfende Schüsseln und volle Biergläser erhöhten die Traulichkeit des Gemaches. Als dann die Zigarette in ihre Rechte getreten war und die drei Personen Zeit zu einem gemütlichen Gespräche fanden, lenkte Huxtl dasselbe auf die Zukunft und die ferneren Absichten Antons. »I waß selber net, was i tuan soll. I hab' no net drüber nachdenkt. Für d'erste Zeit hab' i Geld, was i von mein' Verdienst außikriagt hab', dann hab' i woll'n auswandern von da. Irgendwohin, wo mi niemand kennt.« »Nix da,« sagte Huxtl, »i und mein' Alte ham scho mitanander g'redt, was g'schegn soll. I möcht' d'r ah net raten, da in a Werkstatt z'gehn. I waß, wia dö Leut' san. Kummt d'r aner auf dein Klampfl, so san glei a paar da, dö d'r ka Ruah gebn. Und wia i di kenn', is scho a Rafferei firti, vur so was muaßt di hüat'n. Alsdann manen m'r so: 423 Du bleibst bei uns. Arbeit Schock , mir hätten jetzt eh bald an no aufnehmen müassen, mir wird's z'viel. Nimmst d'r a Kaminet im Haus und du hast die Kost und an Lohn bei uns. Wia's d'r's später ändern wirst, kann m'r no net sag'n. 's anzige is, bei uns hast a Ruah. Du kennst'n Huxtl. Wann da nur ans 's Maul aufmachert, liegt's scho draußen. Is guat? Sag' ja und d' Gschicht' is g'spitzt . Und du Alte, bringst dann an Liter Marka, daß m'r drauf anstößen. Gilt's, Tonl?« Der konnte, nichts tun, als wortlos die Hand dem Freunde hinzustrecken. »Also is guat. Muring geht's an, wirst dann glei auf andere Gedanken kummen. Geh, Tinerl, schiab umi zum Wirt, kannst glei zwa Liter mitnehmen. Dr Wirt soll d'r Flaschen leichen . . .«   Ende .