Briefe deutscher Frauen Herausgegeben von Fedor von Zobeltitz Berlin – Wien bei Ullstein \& Co 7 \& 8 Tausend Amerikanisches Copyright 1909 by Ullstein \& Co. Berlin. Frau Rath Goethe Katharina Elisabetha, die Tochter des angesehenen Schultheißen Johann Wolfgang Textor, geboren am 19. Februar 1731, war über zwei Jahrzehnte jünger als der Mann ihrer Wahl. Vielleicht war »Ihro Römisch Kaiserlichen Majestät Würcklicher Rath« Herr Johann Kaspar Goethe gar nicht einmal der Mann ihrer Wahl. Er hatte um die frische Patriziertochter angehalten, um sich »zum Gleichen der Obersten« zu machen, und sie hatte eingewilligt, weil er als vermögender Mann galt, der ihr denn auch in seinem Hause am Hirschgraben ein wohnliches Heim einzurichten verstand. Vielleicht auch, daß ihr der Mann gefiel. Sie hatte eine Durchschnittserziehung mäßiger Art genossen und liebte wohl die bequeme Ruhe, die der Wohlstand erlaubt. Ihre Ambitionen gingen nicht hoch, und wenn es dem Kaiserlichen Rat auch nicht gelungen war, in Frankfurts Beamtenaristokratie sich eine maßgebende Stellung zu schaffen – immerhin, er war ein studierter Herr, war viel gereist und von äußerem Ansehn recht stattlich. So wurde denn am 20. August 1748 die Ehe geschlossen. Es sind uns keine Tatsachen überliefert worden, auf deren Grund man sie für unglücklich hätte halten können. Ein kleinlicher Nörgler und Haustyrann, wie man ihn zu zeichnen versucht hat, war der Rat Goethe keineswegs. Aber allerdings: zu der temperamentvollen Elisabeth paßte er wenig. Es mag sein Unglück gewesen sein, daß der gebildete und kenntnisreiche Mann sich ohne festen Beruf behelfen mußte und dadurch allzu sehr an das Haus gefesselt wurde. Er war an Bildung seiner Frau weit überlegen und versuchte, auch sie für Kunst und Wissenschaft und ebenso für die Politik und seine Jurisprudenz zu interessieren und mag in seiner doktrinären Behaglichkeit manchmal herzlich langweilig geworden sein. Er war auch sicher ein besserer Pädagoge als Elisabeth, die dem »Hätschelhans« Wolfgang alle jugendlichen Dummheiten leichten Herzens verzieh: aber er war bei aller Rechtlichkeit des Denkens keine liebenswürdige Natur. Und diesen Mangel an frohem Sichgeben mag Frau Elisabeth oft genug schmerzlich empfunden haben. Die beiden Kinder, die ihr aus größerer Schar verblieben, erzog sie auf ihre Art. In späteren Jahren hat sie selbst gelegentlich über ihr geringes erzieherisches Talent gespöttelt. Aber Köster hat zweifellos recht, wenn er meint, daß sie eine »ungewollte« Autorität besessen habe, und auch der Ansicht Felicie Ewarts kann man zustimmen, daß selbst der gestrenge Hausherr ihr unbefangenes Urteil zu schätzen wußte, öfters finden wir den Sohn, der den »Vaterton« wenig vertragen konnte, ihre Vermittlerrolle anrufen, und noch zu einer Zeit, da Wolfgangs Ruhm bereits gefestigt war und er eine hohe Staatsstellung einnahm, berät sie ihn in klug mütterlicher Weise. Der literarische Denkstein, den er ihr zu setzen gedachte, ist nicht zur Ausführung gekommen. Aber die Liebe zu dem Sohn, der das Herrlichste seiner Wesensart der Mutter verdankte, hat tausend andere Federn begeistert. Was das keusche Empfinden Goethes nicht vermochte, der Frau poetisch zu huldigen, deren Schoß ihn geboren hatte: das deutsche Volk hat es nachgeholt. Dem Kranze, den Bettina ihr geflochten, sind in Fülle duftige Blüten entsprossen; und sie werden nicht welken, so lange wir an das Heiligste glauben: an das Mutterherz. Die »Frohnatur« – der köstliche Ausdruck, den Goethe für sie geprägt – war der Grundzug ihres Wesens. Auch in ihrer schlichten, unzerstörbaren Frömmigkeit offenbarte sich diese Fröhlichkeit ihres Gemüts. »Ich freu mich des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht«, schreibt sie, »suche keine Dornen, hasche die kleinen Freuden – sind die Türen niedrig, so bücke ich mich – kann ich den Stein aus dem Wege tun, so tue ichs – ist er schwer, so gehe ich um ihn herum – und so finde ich alle Tage etwas, das mich freut – und der Schlußstein, der Glaube an Gott! Der macht mein Herz froh und mein Angesicht fröhlich ...« Die »Frohnatur« hat Goethe selbst als sein Erbe von der Mutter bezeichnet; ihr kindlicher Glaube wandelte sich bei ihm in das Metaphysische um; ihre Abneigung gegen alles unangenehm Störende war auch dem Sohn eigen. Die »Lust zu fabulieren« – wie spürt man sie in den Briefen der Frau Rat! Die »lebendige Darstellung aller Dinge«, die sie gelegentlich als eine ihrer besten Gaben rühmt, wurde unter ihrer Hand zu einer Kunst, an der nichts Gekünsteltes war; ihre wundervolle Naivität gab ihr Ausdruck und Form. Das im besten Sinne Autodidaktische war ihr Vorzug. Sie behielt immer die beneidenswerte Frische ihres Urteils, und so konnte es kommen, daß auch der große Sohn ihre Kritik schätzte, und daß Wieland ihr seine Dichtungen schickte, um in »Frau Ajas Manier« ein Wort darüber zu hören. Man kann ohne weiteres unterschreiben, was Heinemann sagt: daß der Mangel an Schulbildung bei dieser glücklichen Frau zur Tugend wurde. Gerade das »unverbildete Gefühl«, das ein reicher Schatz an Humor und Laune beseelte, verleiht ihren Briefen einen so unauslöschlichen Zauber. Die vollständigste Sammlung dieser Briefe hat Albert Köster veranstaltet (Leipzig, Carl Ernst Poeschel). Aber auch die hier, in der originellen Schreibweise der Frau Rat wiedergegebenen werden genügen, um einen vollen Einblick in das Empfindungsleben der Mutter Goethes zu gestatten. Sie beginnen mit einem Schreiben an Maximilian Klinger , den Dichter des Ungestümen, dessen ärmliche Jugend Goethe zu reichen Unterstützungen veranlaßte, und der als russischer Generalleutnant starb. Der mitgeteilte Brief, der im Original nicht mehr existiert, den Klinger aber in einem Schreiben an seinen Freund, den Musiker Philipp Christoph Kayser, wiedergibt, ist nach Gießen gerichtet, wo Klinger studierte. Goethe hatte als junger Triumphator seinen Einzug in Weimar gehalten, und der geniale Lenz, für den Frau Aya immer große Sympathien fühlte, hatte ihr eine begeisterte Schilderung von Weimar gesandt, wo er vom April bis Dezember 1776 in Goethes Nähe weilte. Der zweite Brief ist an Salzmann gerichtet, den Straßburger Aktuar und Tischgenossen ihres Sohnes. Die »herrliche moralische Abhandlung«, die sie erwähnt, sind die »Abhandlungen über einige wichtige Gegenstände aus der Religions- und Sittenlehre«, die auf Goethes Veranlassung soeben erschienen waren. Mit Schönborn, der Goethe 1773 besuchte, hatte auch Frau Aya herzliche Freundschaft geschlossen, wie aus vielen ihrer Briefe hervorgeht. Es folgt ein längeres Schreiben an Lavater in Zürich, schmerzdurchweht über den Tod ihrer Tochter Cornelia, seit dem 1. November 1773 Joh. Georg Schlossers Frau, der damals Oberamtmann in Emmendingen war. Schlosser heiratete schon ein Jahr später Johanna Fahlmer, die Vertraute Goethes in seiner Sturm- und Drangperiode, die Elisabeth gleichfalls in ihrem Briefe an Lavater erwähnt, der seit seinem Besuche in Frankfurt einen starken Einfluß auf sie ausübte. Nun beginnen die Beziehungen zwischen dem Goethehause am Hirschgraben und dem Weimarischen Fürstenhause. Wieland und der Musikus Kranz hatten die Frankfurter casa santa im Dezember 1777 besucht, und da brach dann in Weimar ein förmlicher »Aya-Kultus« aus, so daß auch die Herzogin Anna Amalia sich entschloß, auf ihrer Reise nach dem Rhein in Frankfurt Station zu machen. Am 15. Juni 1778 durften Goethes Eltern die Herzogin und in ihrer Begleitung den Kammerherrn von Einsiedel und das »Thusneldchen« des Hofkreises, Fräulein von Göchhausen, in ihrem Heim empfangen. Wie glücklich die Frau Rat, deren ganzem Wesen die kernige Frische der Herzogin entsprach, über diesen Besuch war (der bei der Rückreise übrigens wiederholt wurde), davon zeugt der Brief vom 17. August 1778. Auch Melchior Kraus, der Weimarer Maler, ein Frankfurter Kind, hatte die Herzogin begleitet und wohl die Anregung zu der Übersendung des »Höllen-Breughel« gegeben, der in der neueingerichteten »Weimarer Stube« aufgestellt werden sollte. In dieses Heiligtum kommt auch das Porträt ihres Sohnes »im Frack«, für das sie sich am 30. November desselben Jahres bedankt, zugleich mit einem Dank für die Zeichnungen aus dem »Jahrmarktsfest zu Plundersweilen«, das die Herzogin am 20. Oktober auf dem Schlosse Ettersburg hatte aufführen lassen, wobei Goethe selbst den Marktschreier, Haman und Mardochai darstellte. Noch weitere Briefe an die Herzogin folgen. In dem vom 25. März 1779 nimmt Elisabeth Bezug auf die edelste poetische Frucht des Liebesbundes zwischen ihrem Sohn und Charlotte von Stein, auf die »Iphigenie«, deren erste Aufführung für den Dienstag nach Ostern, den 6. April, bevorsteht. Zu einem Jubel-Hymnus aus begeistertem Herzen aber wird der Brief vom 24. September desselben Jahres, der von dem Besuche des Herzogs erzählt. Auf der Reise nach der Schweiz mit Goethe, dem »schönen« Kammerherrn von Wedel und einiger Dienerschaft, in der sich auch Wolfgangs getreuer Seidel befindet, macht der Herzog in Frankfurt Halt, um die Mutter seines Freundes kennen zu lernen. »Goethes Mutter ist eine herrliche Frau«, berichtet Karl August an Anna Amalia, »ich habe sie erstaunlich lieb bekommen, und ich denke, sie mich auch«. Den Sohn hat sie vier Jahre lang nicht gesehen – und nun geht die Stubentür auf, und der »Hätschelhans« fällt ihr um den Hals, und der Herzog sieht lächelnd der mütterlichen Freude zu – ein unbeschreiblicher Jubel klingt aus dem Briefe. Und doch schlichen damals durch die casa santa am Hirschgraben schon trübe Schatten. Der alte Rat siechte an schwerer Krankheit dahin. Man darf in der Beurteilung dieses Mannes nicht nur auf Mercks ätzenden Spötterton hören: Felicie Ewart ist dem Vielverleumdeten in ihrer prächtigen kleinen Studie gerechter geworden. Schon im Juni 1781 hatte Elisabeth an ihren Sohn geschrieben: »Der Vater ist ein armer Mann – körperliche Kräfte noch so ziemlich – aber am Geiste sehr schwach ...« und ein paar Monate später an Lavater: »Gedächtnis, Besinnlichkeit, eben alles ist weg. Das Leben, das er jetzt führt, ist ein wahres Pflanzenleben ...« Am 25. Mai 1782 erlöst ihn der Tod. Die Herzogin sendet an Elisabeth herzliche Beileidsworte, auf die Frau Aya am 11. Juni erwidert: »Ihm ist wohl, denn so ein Leben wie die letzten zwei Jahre, davor bewahre Gott einen jeden in Gnaden.« Im selben Briefe aber wendet sich ihr Interesse auch schon wieder dem Sohne zu, dem die Gnade seines Fürsten das bisher von Herrn von Kalb verwaltete Direktorium der herzoglichen Kammer übertragen hat, und sie hofft, sich bald einmal zu einer Reise nach Weimar aufschwingen zu können und »auf Flügeln des Windes an den Ort zu eilen, der für mich alles enthält, was mir auf diesen Erdenrund hoch, teuer und wert ist«. Noch ein paar weitere Jahre hindurch wird die Korrespondenz zwischen ihr und der Fürstin fortgesetzt; dann schläft sie allmählich ein. Dazwischen gesetzt, nach der chronologischen Anordnung des Ganzen, habe ich zwei gereimte Epistel an Fräulein von Göchhausen . Frau Aya behauptete zwar, sie könne nur in Prosa schreiben, aber die Knittelverse liebte sie gerade so wie Fräulein Thusneldchen. Einmal bedankt sich Elisabeth für einen Weihnachtswunsch, und dann wieder schenkt sie Luise ein Medaillonbild mit artigen Verslein. 1784 beginnen die Briefe an Fritz von Stein , Charlottens Sohn, den damals erst elfjährigen Liebling Goethes, der von nun ab mit zu den Weimarischen Korrespondenten der einsam gewordenen Frau Aya gehört. Sie rät ihm, ein kleines Tagebuch anzulegen, und Fritz erfüllt diese Aufgabe so gut, daß Elisabeth ganz glücklich darüber ist, weil sie nun »im Geiste alles das mitgenießt, was in Weimar getan und gemacht wird«. Sie schickt ihm zwei Schattenrisse – »freilich ist an dem großen die Nase etwas zu stark und der kleine zu jugendlich« – und beschreibt ihm, wie sie aussieht: »ziemlich groß und ziemlich korpulent, habe braune Augen und Haar und getraute mir, die Mutter von Prinz Hamlet nicht übel vorzustellen«. Sie ruht auch nicht eher, bis Fritz sie (Anfang September 1785) besucht hat, und erinnert ihn dann an diese fröhlichen Tage, da man auch Cherubims Romanze nach der Melodie »Marl'broug s'en va-t-en guerre« mitsammen gesungen hatte. Zu gleicher Zeit schickt sie ihm ein Exemplar des »deutschen Figaro«, vielleicht in L. F. Hubers Übersetzung; nach dem Riesenerfolge der Komödie Beaumarchais' in Paris am 2. April 1784 waren zahlreiche Verdeutschungen des »Tollen Tag« erschienen – mir liegen allein vier vor, die 1785 in Berlin, Leipzig, Regensburg und Kehl herauskamen. Der Besuch Fritzens in Frankfurt war auch die Ursache eines Briefwechsels zwischen Elisabeth und Frau von Stein, der schließlich eine persönliche Bekanntschaft der beiden Frauen folgte. Eingefügt sind Briefe der Frau Rat an die Schlosserschen Kinder : an Luischen, die Tochter der armen Cornelia, dann aber auch an ihre Schwester Julie und die Stiefgeschwister Henriette und Eduard, die Kinder Schlossers aus seiner zweiten Ehe mit Johanna Fahlmer – großmütterlich liebe Worte, die man nicht ohne Rührung lesen kann. Ihr erster uns erhaltener Brief an den Sohn in Weimar datiert vom 23. März 1780. »Wenn es kein Weimar und keine so herrlichen Menschen drinnen gäbe, und keinen Hätschelhans, so würde ich katholisch und macht's wie Maler Müller«, schreibt sie: um Weimar dreht sich all ihr Lieben und jeder ihrer Gedanken. Die Briefe sprechen für sich selbst. Als er ihr das erste Buch von »Wilhelm Meisters Lehrjahren« zuschickt, wird seine Kindheit in ihr lebendig und sie sieht ihn wieder umhertollen und Elisabeth Bethmann (die Tochter des Bankiers von Bethmann-Metzler) von Max Moors, dem Bürgermeisterjungen, verprügeln. Sie freut sich auch darüber, daß er das Buch nicht in Antiqua habe drucken lassen, die sie »nicht ausstehn« kann, und erinnert ihn immer wieder an die Zusendung der Fortsetzung. Die Schilderung ihres Umzugs in die neue Wohnung im Goldenen Brunnen am Roßmarkt nimmt einen breiten Raum ein; dann folgen die Kriegsberichte, ein interessantes Gegenstück zu den lebhaften Beschreibungen der Johanna Schopenhauer aus Weimar, die wir in einem späteren Abschnitt bringen. Dem Bombardement weicht sie aus und fährt zu Sophie von la Roche nach Offenbach, kehrt aber nach der Kapitulation nach Frankfurt zurück, freilich unter Schwierigkeiten: Johann André, der Jugendfreund ihres Sohnes und Komponist von »Erwin und Elmire«, der nun als Musikverleger in Offenbach lebt, muß ihr erst einen Wagen schaffen. Auch diese schweren Zeiten gehen vorüber. Goethe besucht die Mutter, am längsten 1797, und in ihrem Briefe vom 4. Dezember gedenkt sie dieser prächtigen Wochen. Ihre Schreiben sind ihm immer eine köstliche Erquickung. Wie Köster richtig bemerkt, sind ihre gern gebrauchten Wendungen von »Krieg und Kriegsgeschrei« und ihr Lieblingsausdruck »musterhaft« sogar in den »Faust« eingedrungen – es war nur natürlich, daß der große Dichter an der ungesucht volkstümlichen Sprache der Mutter sein Wohlgefallen fand. Und wie mütterlich zeigt sie sich! Nie fehlen die Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke; sie schickt ihm »Türkenblut«, Konfekt, Kastanien, Spaawasser; sie fragt zärtlich nach seiner Gesundheit und freut sich, daß Karlsbad ihm gut bekommen ist. Sie spart für ihn, zahlt seine Kriegskontributionen, und oft genug fliegt auch blankes Geld von Frankfurt nach Weimar. Ihre Leidenschaft für das Theater ist die alte geblieben. Immer spricht sie von Oper und Schauspiel, von Kostümen und Dekorationen und sendet regelmäßig die Komödienzettel nach Weimar. Direktor Großmann und Unzelmann gehören zu den täglichen Gästen ihres Hauses, und beide schätzen ihr sicheres Urteil und ihren guten Geschmack. Als Goethe sie 1793 besuchte, hatte er ihr offenherzig von seinem Verhältnis zu Christiane Vulpius gesprochen. Als Realpolitikerin fand sie sich ohne weiteres mit der Tatsache ab. In ihrem Briefe vom 19. Januar 1795 läßt sie in ihrer naiv derben Art noch den »Bettschatz« grüßen. Aber Christianens gute Eigenschaften, vor allem ihre Liebe zu Goethe und die Zärtlichkeit, mit der sie ihn umgibt, führt sie ihr rasch näher. Sie wird ihre »Freundin« und bald ihre »liebe Tochter«, und als sie Christiane auch persönlich kennen gelernt hat, schreibt sie ihr die herzlichsten Worte: »Das Vergnügen, so ich in Ihrem lieben traulichen Umgang genossen, macht mich noch immer froh, und ich bin meinem Sohn vielen Dank schuldig, daß er mir solches verschafft hat. So kurz unsre Zusammenkunft auch war, so vergnügt und herzlich war sie doch ...« und unterzeichnet »mit wahrer Liebe und Herzlichkeit dero treue Freundin und Mutter«. Rührend ist ihr Dankbrief vom Januar 1801, als sie von der Erkrankung Goethes an der Gesichtsrose und der aufopfernden Pflegschaft Christianens erfahren hatte. Wolfgang selbst hatte ihr darüber berichtet: »Wie gut, sorgfältig und liebevoll sich meine liebe Kleine bei dieser Gelegenheit erwiesen, werden Sie sich denken, ich kann ihre unermüdete Tätigkeit nicht genug rühmen. August hat sich ebenfalls sehr brav gehalten ...« Der »liebe Augst« ist im Briefwechsel nun an die Stelle von Fritz von Stein getreten. Wie die Frau Rat Kindern gegenüber immer den rechten Ton zu treffen wußte, das zeigen besonders die Briefe an August, die mit der Einladung vom 28. März 1808 abschließen, auf seiner Reise nach Heidelberg, wo er die Universität besuchen sollte, bei der Großmutter Quartier zu nehmen. In diesem Briefe erwähnt sie auch »Betina« – Bettina Brentano , die damals zu Gast bei ihr war, nachdem sie Goethe zum ersten Male besucht hatte. Die schlicht natürliche Frau Rat und die phantastische Bettina – größere Gegensätze sind kaum denkbar! Aber hinter Bettinas Exzentrizität sah Elisabeth doch ihr für alles Schöne begeistertes Herz, und ihre vergötternde Liebe zu Goethe, die zu dem köstlichen »Briefwechsel mit einem Kinde« führte, veranlaßte Frau Aya schließlich zu der Bitte: »Nenne mich künftig mit dem mir so teuern Namen Mutter ...« In dem Briefe, da sie dies schreibt (vom 13. Juni 1807) teilt sie Bettina auch eine Besprechung aus Wachlers »Theologischen Annalen« mit über die von Goethe für den »Wilhelm Meister« überarbeitete Selbstbiographie ihrer alten Freundin, des Fräulein Susanne von Klettenberg, der »schönen Seele«, die er nie vergessen hat. Wenige Monate nach ihrem letzten Briefe an August schloß die Siebenundsiebzigjährige für immer die Augen. Das war am 13. September 1808. Sie ging dahin, wie sie gelebt hatte: in ihrem festen Glauben und ihrer ruhigen Heiterkeit, die auch der bittere Tod nicht trüben konnte – eine glückliche Frau, die zu beglücken verstand. Goethe erfuhr ihren Tod am 17. September. »Nach Tische mußte es ihm gesagt werden, er war ganz hin«, schreibt sein Schwager Vulpius darüber an August nach Heidelberg. Christiane reist zum Zwecke der Erbschaftsregulierung nach Frankfurt und findet dort bei Verwandten und Freunden durch ihr Benehmen allgemeine Anerkennung, so daß Goethe schon daran denkt, sich in seiner Heimatsstadt ein festes Quartier zu mieten und Frau und Sohn in das Bürgerrecht aufnehmen zu lassen. Aber die Formalitäten stören ihn. Was ihn an Frankfurt fesselt, ist nur noch das Grab der Mutter. Briefe der Frau Rath Goethe. An Klinger. [Gegen Ende Mai 1776.] (Nach einem Brief Klingers an Kayser vom 27. Mai 1776.) Der Doktor ist vergnügt u Wohl in feinem Weimar, hat gleich vor der Stadt einen herrlichen Garten welcher dem Hertzog gehört bezogen, Lenz hat denselbigen poetisch beschrieben, und mir zum Durchlesen zugeschickt. Der Poet sizt auch dort als wenn er angenagelt wäre, Weimar muß Vors Wiedergehn ein gefährlicher Ort seyn, alles bleibt dort, und wenns dem Völklein wohl ist, so gesegnes ihnen Gott. – Nun lieber Freund leben Sie wohl, so wohl sichs in Gießen leben läßt. Ich meine immer das wäre vor Euch Dichter eine Kleinigkeit alle, auch die schlechtesten Orte zu Idealisiren, könnt ihr aus nichts etwas machen, so müßt es doch mit dem sey bey uns zugehen, wenn aus Gießen nicht eine Feen Stadt zu machen wäre. Darinnen habe ich zum wenigsten eine große Stärcke, Jammer Schade! daß ich keine Dramata schreibe, da sollte die Welt ihren blauen Wunder sehn, aber in Prosa müßte es seyn, von Versen bin ich keine Liebhaberin, das hat freylich seine Ursachen, der poetische Kannengießer Kolbergs »politischer Kannegießer«. 5. Aufzug. hatte den nemlichen Haß gegen die Lateinische Sprache. Grüßen Sie Schleierm. Ernst Schleiermacher. von uns u. sagen Ihm, er würde künftige Messe Ihnen doch nicht allein hierher Reißen laßen, u dann versteht sich das andre von selbst, daß wir Ihn u. Sie bey uns sehen, manch Stündchen vergnügt verschwazen, allerley schöne Geschichten erzählen u. s. w.   An J. D. Salzmann. Frankfurt, den 25. July 1776. Lieber Herr und Freund! Tausend Danck für Ihr gütiges Andencken an uns, für die überschickte, herrliche moralische Abhandlung. Mein Mann |: welcher sich Ihnen gehorsamst empfiehlt :| und ich haben die Früchte Ihres Geistes mit Erbauung und Vergnügen durchgelesen. Gott erhalte Sie, Ihren Mitmenschen zum besten, fahren Sie fort, die Geschöpfe Gottes zu belehren, zu bessern, und ihre Wercke werden Ihnen in die Ewigkeit nachfolgen. Bester Mann! dürfen wir sie nun ersuchen beikommendes Päckgen mit sichrer Gelegenheit nach Marseille zu schicken, damit es von da weiter an unsern Freund Schönborn Friedrich Ernst Schönborn, dänischer Gesandtschaftssekretär in Algier. nach Algier übermacht werden könnte. Sie können Sich unmöglich vorstellen, was für Freude der ehrliche Schönborn fühlt, wenn von Zeit zu Zeit etwas von teutschem Genie den Eingang in seine Barbarey findet. Daß unser Sohn beym Herzog von Weimar als geheimer Legationsrath in Diensten ist, werden Sie längst wissen. Gestern hörten wir sehr viel schönes und gutes von ihm erzählen. Ein Curier vom Herrn Herzog, der in Carlsruh wegen glücklicher Entbindung der jungen Frau Markgräfin seines Hofes Glückwünsche überbringen mußte, kam, als er hier durchging, zu uns. Ich bin überzeugt Sie freuen Sich unsrer Freuden, Sie, ein so alter Freund und Bekannter vom Doktor, nehmen allen Antheil an seinem Glück, können als Menschenfreund fühlen, wenn der Psalmist sagt: »Wohl dem, der Freude an seinen Kindern erlebt!« – wie wohl das Eltern thun muß. Gott regiere ihn ferner und lasse ihn in den Weimarschen Landen viel Gutes stiften, ich bin überzeugt Sie sagen mit Uns: Amen. Leben Sie wohl und vergnügt, behalten uns und die uns angehören in gutem freundschaftlichem Andencken und seyn versichert, daß wir alle |: in's besondere aber ich :| mit Grund der Wahrheit uns nennen werden, Ihre ganz eignen Freunde. C. E. Goethe   An Lavater. Franckfurth den 23ten Juni 1777. Er gibt den müden Kraft und Stärke genung den ohnvermögenden – was Er zusagt hält Er gewiß. Ein neuer, lebendiger, dastehender Zeuge sind wir, die mir unsre Cornelia †10 Mai 1777, Georg Schlossers Frau. unsere eintzige tochter nun im Grabe wissen – – und zwar gantz ohnvermutet, Blitz und Schlag war eins. O lieber Lavater! die arme Mutter hatte viel viel zu tragen, mein Mann war den gantzen Winter kranck, das harte zuschlagen einer Stubenthüre erschröckte ihn, und dem Mann muste ich der Todes Bote seyn von seiner tochter die er über alles liebte – mein Hertz war wie zermahlt, aber der Gedancke, ist auch ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht thut hielte mich daß ich dem Schmertz nicht erlag. Ohne den Felsenfesten Glauben an Gott – an den Gott, der die Haare zehlet dem kein Sperling fehlet – der nicht schläfft noch schlummert, der nicht verreißt ist – der den Gedancken meines Herztzens kent ehe er noch da ist – der mich hört ohne daß ich nöthig habe mich mit messern u Pfriemen blutig zu ritzen, der mit einem Wort die Liebe ist – ohne Glauben an den wäre so etwas ohnmöglich auszuhalten – – freylich fühlt sich der Mensch Paulus sagt: alle Anfechtung wenn sie da ist, düncket uns nicht Freude zu seyn – aber ein anders ist fühlen, ein anders ist mit Gottes führung unzufrieden seyn – und sich denen gleichstellen die keine Hoffnung haben – – aber wir! die wir wissen daß über den Gräbern unsterblichkeit wohnet, und daß unser spannenlanges Leben auch gar bald am Ziel seyn kan – uns ziemt die Handt zu küssen die uns schlägt, und zu sagen |: zwar mit 1000 thränen :| der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen, sein Nahme sey gelobet! Lieber Sohn! Euer Brief hat mir sehr wohl gethann, Ihr seyd böße auf Euch daß Ihr nicht trösten könt – wenn ich Euch aber sage daß er mir Labsahl war, daß ich Euer gantzes warmes, gefühlvolles, Freundschaftliches Hertz Offen vor mir hatte, da wenn ich nur eine Zeile von Euch sehe mir alle die seeligen Augenblicke einfallen, da wir zusammen an einem tische assen, da Ihr unter meinem Dach ward, da Ihr Abends um 9 Uhr in meine Stube kamt, da ich Euch kaum eine minute sahe, und doch gleich wuste, auf welche Staffel von der großen Leiter worauf meine Söhne stehen ich Euch stellen solte, daß ich mich nicht geirret – wie ich bey Eurer Abreiße einen gantzen tag geweint habe – – alles das komt mir ins Gedächtnüß wann ich nur Eure Handt auf einer Adresse sehe. Verzeiht mir lieber Sohn, daß ich Euch so ein geschreibe daher schreibe – – wißt es ist jetzt eins meiner liebsten Beschäftiungen an die Freunde so meinen Hertzen nahe sind die Schmertz u Vergnügen mit mir theilen Briefe zu schreiben, ich lebe in dieser großen Stadt wie in einer Wüste, von meinem Geschlecht habe ich nur eine Fahlmern Johanna Fahlmer die mich versteht |: und die ist jetzt zum Unglück in Düsseldorf :| Nun mein Bester! Lebt wohl! Grüßt Eure liebe Frau, Pfenniger Pastor Pfenninger |: Ach der singt auch nicht mehr mit dem Engel :| Frau Schultz, Lentz und alle gute Seelen – – noch eins, ich habe zwey herrliche Briefe von meinem lieben Sohn Schlosser bekommen Er duldet wie ein Christ u Mann und – – glaubt an Gott. nun der Allmächtige seegne Euch und die Euch angehören, behaltet mir Eure Liebe, die meinige soll währen, biß an Grab ja drüber hinaus, solches sagt und wills halten Eure treue Mutter Aja.   An Louise von Göchhausen. [Undatirt. Nach Köster von Anfang Januar 1779.] Dein guter Wunsch auf grün papier Hat mir gemacht sehr viel pläsir, Im Verse machen habe nicht viel gethan Das sieht mann diesen Warlich an Doch hab ich gebohren ein Knäbelein schön Das thut das alles gar trefflich verstehn Schreibt Puppenspiele kutterbunt Tausend Alexandriner in einer Stund Doch da derselbe zu dieser Frist Geheimdter Legations Rath in Weimar ist So kan Er bey bewandten sachen Keine Verse vor Frau Aja machen Sonst solldest du wohl was bessers kriegen jetzt mußt du dich hieran begnügen Es mag also dabey verbleiben Ich will meinen Danck in prosa schreiben.   An die Herzogin Anna Amalia. Franckfurth, den 25ten Mertz 1779. Durchlauchdigste Fürstin! Die Freude und den Jubel wenn nun so ein Brief ankommt wo Hand und Pettschafft gleich verkündigen, daß, daß er von unserer Besten Fürstin ist, die Freude und den Jubel |: ich muß es noch einmal sagen :| Sollten Ihro Durchlaucht nur einmahl mit ansehn. tausendt Danck Theuerste Fürstin vor jede Zeile vor jedes Wort – Es ist vor Mutter Aja jederzeit eine erquickung in ihrer Wallfahrt durch die Sandwüste dieser Werckeltags Welt. Ja Große Fürstin! Erhalten Sie uns Dero Gnädiges Andencken, und Senden uns von Zeit zu Zeit – nur eine Lienie – nur den Theuren Nahmen Amalia – und unser Hertz wird voll Freude, und unsere Seele voll Jubel seyn. Dem Herrn geheimdten Legations Rath wünsche von Hertzen eine glückliche Entbindung und freue mich im voraus auf das liebe Enckelein, Nämlich die »Iphigenie«. in der guten Hoffnung daß es seinen übrigen Kindern gleich sehen und wir daran |: wie an den vorigen :| große Freude und Wonne erleben mögen. Wer doch den dritten Feyertag Am 6. April, dem Tage der Erstaufführung der »Iphigenie«. in Weimar wäre!!!! Wen die Büsquittger guten abgang finden, so stehen sie zu gantzen Schaaren zu befehl. Es hat mich unendlich gefreut daß doch nur etwas mir vergönt worden ist an Ihro Durchlaucht zu überschicken, den wer unterstünde sich sonst so was! So oft ich nach Weimar schreibe, es sey nun an Ihro Durchlaucht, oder an sonst jemandt, so muß ich von meiner herrlichen Dose reden – ich wüste nun in der Welt nicht was mich mehr hätte freuen können – O Beste Fürstin! Den Jubel hätten Sie hören sollen! Wie die Dose auf einem Silbern presenttier Teller in der Samstags Gesellschafft herumging, und was noch Tag täglich mit vorgenommen wird, und was noch alles mit vorgenommen werden soll. Da Sie vortreffliche Fürstin, nun als ein wahrer abglantz der Gottheit, Sich der Freude der Menschen freuen, so haben Sie Sich dadurch Selbst eine Freude zu bereittet – Wenn mann den Schattenriß ansieht mögte mann gleich niederfallen – Wer hats nur gemacht? Wer hats nur gemacht?? Wolten Ihro Durchlaucht die gnade haben, und der gnädigen Freulein Thusnelde meinen besten und schönsten gruß vermelden, wenn wir doch nur einmahl wieder zusammen lachen könnten, nun – wer weiß was Gott weiß – der Vater empfieht sich zu fernern Hohen gnaden und Frau Aja ist und bleibt biß der Vohrhang fält Ihro Durchlaucht Unterthänigste treugehorsambste Dienerin C. E. Goethe.   An die Herzogin Anna Amalia. Durchlauchtigste Fürstin. Der 18te September war der große Tag da der alte Vater unb Frau Aja, denen seeligen Göttern weder Ihre Wohnung im hohen Olymp, weder Ihr Ambrosia noch Nectar, weder Ihr Vocal noch Instrumentthal Mucick beneideten, sondern glücklich, so gantz glücklich waren, daß schwerlich ein sterblicher Mensch jemahls größre und reinere Freuden geschmeckt hat als wir beyde glückliche Eltern an diesem Jubel und Freuden Tag – Niemahl hat mich mein Unvermögen eine sache gut und anschaulich vor zutragen mehr belästigt als jetzt da ich der Besten Fürstin |: von der doch eigentlich alle diese Freude ausgeht, die doch eigendlich die erste Ursach aller dieser Wonne ist :| so recht aus dem Hertzen heraus unsere Freude mittheilen mögte – Es gerade nun wie es wolle, gesagt muß es nun einmahl seyn. Ihro Durchlaucht unser gnädigster und Bester Fürst, stiegen |: um uns recht zu überraschen :| eine strecke von unserm Hauße ab kamen also gantz ohne geräusch an die Thüre, klingelten, traten in die blaue Stube u.s.w. Nun stellen Sich Ihro Durchlaucht vor, wie Frau Aja am runden Tisch sitzt, wie die Stubenthür aufgeht, wie in dem Augenblick der Häschelhanß ihr um den Hals fält, wie der Herzog in einiger Entfernung der Mütterlichen Freude eine weile zusieht, wie Frau Aja endlich wie betrunken auf den besten Fürsten zuläuft halb greint halb lacht garnicht weiß was sie thun soll wie der schöne Cammerherr von Wedel auch allen antheil an der erstaunlichen Freude nimbt – Endlich der Auftrit mit dem Vater, das läßt sich nun garnicht beschreiben – mir war Angst er stürbe auf der stelle, noch an dem heutigen Tag, daß Ihro Durchlaucht schon eine zimmliche Weile von uns weg Sind, ist er noch nicht recht bey sich, und Frau Aja geht's nicht ein Haar beßer – Ihro Durchlaucht können Sich leicht vorstellen wie vergnügt und seelig wir diese 5 tage über geweßen sind. Merck Kriegsrath Johann Heinrich Merck, der Kritiker und Schriftsteller. kam auch und führte sich so zimmlich gut auf, den Mephistoviles kan Er nun freylich niemahls gantz zu Hauß laßen, das ist mann nun schon so gewohnt. Wieder alle Gewohnheit waren dieses mahl gar keine Fürsten und Fürstinnen auf der Meße, das war nach Unsers Theuresten Herzog Wunsch, Sie waren also garnicht genirt – Am Sontag gingen Sie in ein großes Concert das im Rothen Hauß gehalten wurde, nachdem in die Adliche Geschellschafft ins so genandte Braunenfels, Montags und Dinstags gingen Sie in die Commedie, Mittwochs um 12 uhr Mittags ritten Sie in bestem wohlseyn der Bergstraße zu, Merck begleidtete Sie bis Eberstadt. Was sich nun alles mit dem schönen Cammerherrn von Wedel, mit dem Herrn Geheimdten Rath Goethe zu getragen hat, wie sich unser Hochadliche Freulein gäntzger brüsteten und Eroberungen machen wolten, wie es aber nicht zu stände kam u. d. m. das verdiente nun freylich hübsch dramatisirt zu werden. Theureste Fürstin! Sie verzeihen diesen kalten Brief der gegen die Sache sehr zu kurtz fält – es ist mir jetzt gantz ohnmöglich es beßer zu machen – ich bin den gantzen Tag vor Freude und Wonne wie betrunken, wen sichs etwas zu Boden gesetzt hat wird meine Vernunfft auch wieder zu Hauße kommen – biß dahin Bittet Frau Aja daß Ihro Durchlaucht Gedult mit ihr haben mögten. Uns ist jetzt nichts im Sinne, als die Freude des wieder Zurückkomens, da soll der jubel von neuem angehn. Gott bringe Sie glücklich und gesund zurück, dann soll dem alten Reihnwein in prächtigen Pocalen mächtig zugesprochen werden. Wüsten Ihro Durchlaucht wie oft wir mit Freudenthränen an Ihnen dachten, von Ihnen redeten, wie Frau Aja den Tag seegnete da die Beste Fürstin Ihrem glücklichen Land einen Carl August gebohren hat, der wie es nun am Tage ist, nicht Seinem Land allein zum Heil gebohren worden, sondern auch dazu um auf unsere Tage Wonne Leben und Seeligkeit zu verbreiten – Wie dann ferner Frau Aja sich nicht mehr halten konte, sondern in ein Eckelgen ging und ihrem Hertzen Luft machen mußte; so weiß ich gantz gewiß die Beste Fürstin hätte Sich unserer Freuden gefreut – dann das war kein Mondschein im Kasten, Vergl. Goethes »Triumph der Empfindsamkeit«. sondern wahres Hertzens gefühl. Dieses wäre nun so ein kleiner Abriß von denen Tagen wie sie Gott |: mit dem seeligen Werther zu reden : | feinen Heiligen aufspart, man kan hernach immer wieder was auf den Rücken nehmen und durch diese Werckeltag Welt durchtraben und sein Tagewerck mit Freuden thun, wenn einem solche erquickungs stunden zu theil worden sind. Nun Durchlauchtigste Fürstin! Behalten Sie uns in gnädigsten Angedencken – der Vater empfiehlt sich gantz besonders – und Frau Aja lebt und stirbt als Ihro Durchlaucht unterthänigste treugehorsambste Dienerin C. L. Goethe. Frankfurth d. 24ten September 1779   An Goethe. den 23ten Mertz 1780. Lieber Sohn! Diesen Augenblick bringt mir Herr Paulsen Kommerzienrath J. J. Heinrich Paulsen, Bürgermeister von Jena. zwey Briefe, die mich so in einen Freuden und Jubelthon gestirnt haben, daß es garnichi ausgesprochen werden kan. Unser Bester Fürst! hat mich mit einem gantz herrlichen schreiben begnadig, und unsere Theureste Fürstin Amalia that des gleichen. O thue mir die einzige liebe und dancke unterthänigft auch vor diese der Frau Aja gemachte Freude. Wenn es aber auch kein Weimar und keine solche herrliche Menschen drinne gäbe – ferner keinen Häschelhanß – So würde ich Catholisch und machts wie Mahler Müller. Der Dichter und Maler, der 1780 zum Katholizismus übertrat. Da uns aber Gott so begnadig hat, so freuen wir uns auch dieses Erdeleben |: nach unserer Fason und wie wirs eben haben können :| sehen den 3ten Feyertag den Julius von Tarendt Das Drama von Leisewitz. u.s.w. In deinem Garten muß es jetzt wieder schön seyn, wiewohl heut bey uns noch garstig kalt wetter im Schwang geht. Der Vater und alle Auserwählte grüßen dich – der Postwagen will fort, lebe wohl1 Ich bin ewig Deine treue Mutter Aja. P.S. viele hertzliche Grüße an Wieland – Seinen Oberon erwarte ich und mehr gute Seelen mit Schmertzen.   An Louise von Göchhausen. Geliebtes Freulein, – Die Mode es ist, Daß frommen Kindern der heilige Christ Wann sie das Jahr hübsch brav gewesen, manch schöne Gabe hat auserlesen. Torten, Rosinen, Gärten mit Lichtern, Herrn und Dammen mit höltzern Gesichtern, Apfel und Birn, Geigen, u Flöten, Zuckerwerk, Ruthen, Mandlen, Pasteten, Reuter mit Pferden, gut ausstaffirt nachdem ein jedes sich ausgeführt. Da nun Frau Aja wohlgemuth – Den alten Gebräuchen ist hertzlich gut Und Freulein Thusnelde in diesem Jahr gantz auserordtenlich artig war. So schickt sie hier ein Bildnüß fein, Das Ihnen wohl mögte kentlich seyn; und bittet es zum Angedencken, An Ihren Schwannen Hals zu hencken. Dadurch ihm dann große Ehre geschieht Sist aber auch drauf eingericht! Eitel Gold von vornen von hinten, Das müßen Sie freylich treflich finden. Dafür verlang ich ohn Ihr beschweren Daß Sie mir eine Bitte gewähren. Mit Ihnen mein Freulein zu discuriren thu ich oft großen Lusten verspühren Doch ist der Weg verteufelt weit Zum Reißen ists jetz garstige Zeit Drum thu ich Ihnen zu Gemüthe führen, mit meinem Gesicht eins zu parliren Antworten wird Ihnen freilich nie Allein wer läugnet wohl Simpatie! Da wird sich mein Hertzlein vor Freude bewegen Daß mein Gedächtnüß blüht im Segen Bey Menschen die Bieder, gut und treu, voll waarer Freundschafft ohn Heucheley Den heut zu Tag sind Freundschafftthaten so rahr wie unbeschnittne Ducaten – Doch ist Frau Aja auserkohrn in einem guten Zeichen gebohrn kent brave Leute deß ist sie froh, und singt In dulci jubilo. Auch freut sie sich Hertzinniglich daß sie kan unterschreiben sich Dero wahre Freund und Dienerin, Die ich gewiß von Hertzen bin. C. E. Goethe.   An die Herzogin Anna Amalia Franckfurth d 11 Juni 1782. Durchlauchtigste Fürstin! Den Antheil den Ihro Durchlaucht an dem Ableben meines Mannes zu nehmen die Gnade gehabt, hat mich sehr gerührt – Freylich war eine Beßerung ohnmöglich, vilmehr mußte man das was am 25 May erfolgte täglich erwarten – Doch so schnell vermuthete ich mirs doch nicht – Ihm ist wohl, den so ein Leben wie die letzten zwey Jahre, davor bewahre Gott einen jeden in Gnaden! Mit Herrn Krauße, Georg Melchior Kraus, der Maler, ein geborener Frankfurter. und dem sehr gesprächigen Herrn Paulsen habe ich mich schon sehr ergötzt – Ihro Durchlaucht können leicht dencken wovon wir reden – Ich Catechisire die guten Leute so arg, daß Ihren Lungenflügeln so lang Sie hir bleiben, eine so starcke Bewegung bevorsteht. Theureste Fürstin! Aus einem Schreiben von meinem Sohn ersehe mit Erstaunen, daß Unser Bester und Gnädigster Fürst, zu allen, nun bald an die 7 Jahre erzeigten Gnaden und Wohlthaten, noch eine mir gantz ohnerwartete Die Ernennung Goethes zum Kammerdirektor. hinzugefügt hat – Über so was kan ich nun gar nichts sagen, denn der größte Danck ist stumm – Gott segne und erhalte unsern Liebens würdigen Fürsten – Unsere Vortrefliche Fürstin Amalia, Die uns diesen wahren Fürsten-Sohn gebohren hat – Das gantze Hochfürstliche Hauß müße grünen und blühen biß ans Ende der Tage – dieß ist der heißeste, eifrigste und hertzinnigliche Wunsch, von Mutter Aja Amen. Durchlauchdigste Fürstin! Jetzt verzält sich Frau Aja die prächtigsten Mährgen, von einer Reiße nach Weimar – jch hoffe zuverläßig, daß mir der Himmel diese auserordentliche Freude gewähren wird – so geschwind kan es aber freylich noch nicht seyn – Doch Gedult! Wollen schon unsere sieben sachen suchen in Ordnung zu bringen, und dann auf Flüglen des Wind es an den Ort eilen, der vor mich alles enthält, was mir auf diesem Erdenrund hoch, theuer und werth ist. In diesen süßen Gedancken will einstweilen Leben, und mich unserer Besten Fürstin zu fernern Gnaden empfehlen biß der angenehme Zeitpunct herbey komt, da ich mündlich versichern kan, daß ich ewig seyn und bleiben werde Durchlauchdigste Fürstin Dero unterthänigfte treugehorsambste Dienerin Goethe.   An Fritz von Stein. Franckfurt, den 9. Jenner 1784. Lieber Sohn! Vielen Dank vor Ihren lieben Brief, er hat mir große Freude gemacht, – es geht Ihnen also recht gut bei meinem Sohn, – o, das kann ich mir gar wohl vorstellen. Goethe war von jeher ein Freund von braven jungen Leuten und es vergnügt mich ungemein, daß Sie sein Umgang glücklich macht. Aber je lieber Sie ihn haben, und also gewiß ihn nicht gern entbehren, je zuverläßiger werden Sie mir glauben, wenn ich Ihnen sage, daß die Abwesenheit von ihm mir ofte trübe Stunden macht. Sie, mein kleiner Freund, könnten nun da ein großes gutes Werk thun – zumahl da Sie mich lieb haben, so wird es Ihnen gewiß nicht sauer ankommen, hören Sie, lieber Freund, meinen Vorschlag, – da Sie beständig um meinen Sohn sind, also mehr von ihm wissen, als Jeder andere, wie wäre es, wenn Sie so ein kleines Tagebuch hielten, und schickten es mir alle Monath, – viele Arbeit soll das Ihnen gerade nicht machen, nur ohngefähr auf diese Weise; »Gestern war Goethe im Schauspiel, Abends zu Gaste, – Heut hatten wir Gesellschaft«, u.s.w. Auf diese Weise lebte ich gleichsam mitten unter Euch, – freute mich eurer Freuden, – und die Abwesenheit verlöre viel von ihrer Unbehaglichkeit, – eine kleine Zeile Morgens oder Abends geschrieben, – macht Ihnen wenig Mühe, mir aber würde es unbeschreiblich wohl thun, – überlegen Sie die Sache einmahl, ich glaube, es geht. Wenn mein Sohn einmahl nach Franckfurt kommt, müssen Sie mitkommen, an Vergnügen soll es dann nicht fehlen, wenigstens wollte ich Alles zur Freude stimmen. Nun, das kann ja wohl einmahl geschehn, – Inzwischen behalten Sie mich lieb, ich verspreche Ihnen desgleichen, Grüßen Sie meinen Sohn, und seyn versichert, daß ich ewig bin Ihre wahre Freundin und treue Mutter Elisabeth Goethe. Fr. den 30. März 1784. Lieber Sohn! Sie können nicht glauben, wie mich Ihr Schattenriß gefreut hat. Nun kann ich mir doch eine Vorstellung von meinem lieben Korrespondenten machen, ich danke recht sehr davor. Es wäre mir gar lieb, wenn Sie mit meinem Sohn nach Eisenach gingen, da erführe ich doch auch wie es da herginge, und Ihre Briefe lese ich mit vielem Vergnügen. Ich wünsche von Herzen, daß der ewige Schnee einmahl aufhören wollte, damit Sie in Ihrem Gärtchen sich recht erlustiren könnten, – bei uns ists noch dicker Winter, heut kann fast kein Mensch aus dem Haus vor entsetzlichem Schnee und Wind – vor einigen Tagen ist ein kleiner Luftballon von zwei Schuh in die Höhe gestiegen, es war spaßhaft anzusehn. Vor heut muß ich schließen, die Post will fort und doch lasse ich nicht gern einen Brief von Ihnen, mein lieber Sohn unbeantwortet, besser ists doch immer, ein wenig als gar nicht; seyn Sie versichert, daß ich unverändert bin Ihre treue Mutter Elisabeth Goethe«.   An Louise Schlosser. Den 21ten Aprill 1784. Liebes Enckelein! Mich hat dein Brief sehr gefreut. Der Eduart, Stiefbruders Louisens. das muß ja ein ganzer Bursche sein! Der kan dir schon die Hände drücken – Aber was wird das vor ein spaß sein, wenn Er mit dir und deinen zwey Schwestern im Garten herum laufen kan – hübsch achtung muß du freylich auf ihn geben, daß er nicht auf die Naße fält. Wegen der schönen Strümpfe die du mir gestrickt hast, schicke ich dir hiemit einen Strickbeutel – dem Julgen Julie, Louisens Schwester. auch, damit es auch fleißig wird – die Bilder sind dem Henriettgen. Stiefschwester Louisens. Der Strickbeutel und die sielbernen Maschigen mit dem rothen Band sind dein, die mit blau dem Julgen. Jetzt Lebe wohl und behalte mich Lieb. Ich bin immer, deine treue Großmutter Goethe.   An Fritz von Stein. Franckfurth den 9 September 1784 Lieber Sohn! Ungeachtet Sie dieses Schreiben durch die Post ehnder würden erhalten haben, so konnte es dem Überbringer dieses ohnmöglich abschlagen, der mich sehr ersuchte, ihm etwas mitzugeben. Ich dancke Ihnen von ganzem Herzen vor die Schilderung Ihrer mir so lieben und interessanten Person – besonders freut es mich, daß Sie Ihr Gutes und Nichtgutes schon so hübsch kennen. Bravo! lieber Sohn! Das ist der einzige Weg, edel, groß, und der Menschheit nützlich zu werden; ein Mensch, der seine Fehler nicht weiß, oder nicht wissen will, wird in der Folge unausstehlich, eitel, voll von Pretensionen, – intolerant, – niemand mag ihn leiden, – und wenn er das größte Genie wäre, ich weiß davon auffallende Exempel. Aber das Gute, das wir haben, müssen wir auch wissen, das ist eben so nöthig, eben so nützlich, – ein Mensch, der nicht weiß, was er gilt, der nicht seine Kraft kennt, folglich seinen Glauben an sich hat, ist ein Tropf, der keinen festen Schritt und Tritt hat, sondern ewig im Gängelbande geht und in seculum seculorum – Kind bleibt. Lieber Sohn, bleiben Sie auf diesem guten Wege, und Ihre vortrefflichen Eltern werden den Tag Ihrer Geburt segnen. Es ist ein großes Zeichen Ihrer Liebe und Freundschaft, daß Sie eine genaue Beschreibung von meiner Person verlangen, hier schicke ich Ihnen zwei Schattenrisse, – freilich ist an dem großen die Nase etwas zu stark, – und der kleine zu jugendlich, mit alle dem ist im Ganzen viel Wahres drinnen. Von Person bin ich ziemlich groß und ziemlich korpulent, – habe braune Augen und Haar, – und getraute mir die Mutter von Prinz Hamlet nicht übel vorzustellen. Viele Personen, wozu auch die Fürstin von Dessau gehört, behaupten, es wäre gar nicht zu verkennen, daß Goethe mein Sohn wäre. Ich kann das nun eben nicht finden, – doch muß etwas daran seyn, weil es schon so oft ist behauptet worden. Ordnung und Ruhe sind Hauptzüge meines Charakters, – daher thu' ich Alles gleich frisch von der Hand weg, – das Unangenehmste immer zuerst, – und verschlucke den Teufel |: nach dem weisen Rath des Gevatters Wieland :| ohne ihn erst lange zu bekucken; liegt denn Alles wieder in den alten Falten, – ist Alles unebene wieder gleich, dann biete ich dem Trotz, der mich in gutem Humor übertreffen wollte. Nun, lieber Sohn, kommen Sie einmal und sehen Sie das Alles selbst mit an, – ich werde Alles anwenden, um Ihnen Freude und Vergnügen zu verschaffen. Seyn Sie versichert, daß ich ewig bin Ihre wahre Freundin und treue Mutter E. G.   An die Schlosserschen Kinder. An Meine Liebe Enckeleins Louise, Julie, Henriette, u Eduardt Mich freuts ihr Lieben, daß mein Christkindlein Euch wohl gefallen hat – fahret fort so geschickt und brav zu seyn wie bißher, das wird Eure Lieben Eltern und die Großmutter hertzlich freuen – auch soll der Heilige Crist |: wen ichs erlebe :| Euch wieder viele hübsche sachen mitbringen. Dancke auch vor Euer liebes Schreiben, es hat mir große Freude gemacht zu sehen, wie geschickt meine Louise und Julie sind. Vergeßt die Großmutter nicht, die Euch alle hertzlich liebt. Elisabet Goethe.   An Fritz von Stein. Fr. den 18. Dezember 1785. Lieber Fritz! damit ich hübsch im Gedächtniß meines lieben Sohnes bleibe und er auch seine gute Mutter nicht vergißt, so schicke ich ihm hier ein kleines Andenken, dabei kommen auch die zwei Lieblingslieder und da ich nicht weiß ob der deutsche Figaro Von Beaumarchais in Hubers Übersetzung. in Weimar Mode ist, so folgt hierbei das Liedchen Cherubims Romanze. auch; – lieber Fritz, erinnert Er sich noch, wie wirs zusammen sangen, und dabei so fröhlich und guter Dinge waren. Fröhlichkeit ist die Mutter aller Tugenden, sagt Götz von Berlichingen, – und er hat wahrlich recht. Weil man zufrieden und froh ist, so wünscht man alle Menschen vergnügt und heiter zu sehen und trägt Alles in seinem Wirkungskreis dazu bei. Da jetzt hier Alles sehr still zugeht, so kann ich gar nichts Amusantes schreiben – ich thue also besser, ich schreibe das Lied von Figaro ab. Ich wünsche vergnügte Feiertage und bin und bleibe Ihre wahre gute Freundin E. G. * * * Fr. den 22. Februar 1788. Lieber Sohn! Vor die Pandora Bertuchs Taschenbuch. und den Hofkalender Den Gothaischen Hofkalender. danke aufs Beste. Ich habe einen Brief vom 3ten d. aus Rom, wo mein Sohn schreibt, gegen Ostern wollte er mir kund thun, ob ich ihn dieses Jahr zu sehen bekäme oder nicht, – ich glaube daher, daß es noch höchst ungewiß ist, ob er über Frankfurth zurück geht; – daß er gegen seine Freunde kalt geworden ist, glaube ich nicht, aber stellen Sie sich an seinen Platz – in eine ganz neue Welt versetzt, – in eine Welt, wo er von Kindheit an mit ganzem Herzen und ganzer Seele dran hing, – und den Genuß, den er nun davon hat. Ein Hungriger, der lange gefastet hat, wird an einer gutbesetzten Tafel bis sein Hunger gestillt ist, weder an Vater noch Mutter, weder an Freund noch Geliebte, denken, und Niemand wird's ihm verargen können. Ich muß Ihnen noch einmal vor die Pandora danken, – es ist die Königin aller andern Calender, Almanache, Blumenlesen u.s.w., es sind ganz vortreffliche Sachen darin. Leben Sie wohl und behalten in gutem Andenken Ihre Freundin E. G.   An Goethe. den 19ten Decemb. 1792. Lieber Sohn! Hir schicke ich Christkindleins bon bon mit Bitte dem jungen Herder Augst August. benamset etwas in meinem Nahmen davon zu komen zu laßen. Hir Leben wir in Furcht und Erwartung der Dinge die kommen sollen – Die Höchsten und Hohen Herrschaften versichern uns zwar daß alles gut gehen werde, das ist verdolmescht daß die Francken nicht wieder kommen würden – so lange aber Maintz nicht in deuschen Händen ist – dürfen wir noch nicht Vicktoria rufen – und die Wolfhaut noch nicht feilbieten. Du wirst dich jetzt von deinen gehabten Strapazen in deinem neuen schönen Hauß und unter deinen Freunden erholen – daran thuts du nur sehr gescheidt. Ihro Durchlaucht die Frau Herzogin Amalia haben die Gnade gehabt mich wegen der Kriegsunruhen nach Weimar zu invitiren – dancke Hochdenenselben in meinem Nahmen – und sage dieser vortreflichen Fürstin – Ich hätte guten Muth der Gott der mich biß hieher gebracht, würde weiter sorgen. Ihro Durchlaucht der Herzog befindet sich wohl und vergnügt – deßgleichen Ihro Königliche Majestät von Preußen – Gott gebe dir ein fröliges Neuesjahr – und uns den edlen Frieden – diß ist der Wunsch deiner treuen Mutter Goethe. * * * den 15ten Mertz 1793. Lieber Sohn! Es ist Raum genung in der Frau Aja ihrem Häußlein, kome du nur – freylich mußt du dich mit dem zweiten Stockwerck begnügen – aber einem Mann der eine Cammpangne mitgemacht und dem die Erde sein Bett und der Himel sein Zelt war, verschlägt nun so was nichts – Übrigens sols an nicht fehlen was zur Leibes Nahrung und Nothdurft gehört. Ich habe jetzo eine sehr brave Einquartirung – und ich rechne es mir vor ein wahres Unglück, daß sie in ein paar Tagen fortgeht – was ich hernach bekomme muß in Gedult erwartet werden. Aber daß der König die Meße |: wie mann mich gestern vor gewiß versichert hat :| hir bleibt das ist mir und der gantzen Stadt ein wahres Jubelfest – den so wie der König von uns allen geliebt wird, ist wohl schwerlich noch ein Monarch geliebt worden – wenn Er einmahl weg geht; so weine ich dir gewiß 8 Tage, und vergeßen wird Er von uns allen Zeitlebens nicht. Den andern Monath wird es nun wahrscheinlich über das bedauerungswürdige Maintz hergehen! Wir können Gott nie genung dancken, daß wir noch so zu rechter Zeit von den Freiheits-Männern sind befreit worden! Wenn wir sie nur nicht wieder zu sehen kriegen! Gantz bin ich noch nicht beruhigt, so lange Maintz–Worms und Speier in ihren Händen und sie nicht über den Reihn gejagt sind; so lange ists imer noch so, so. Alles was nun noch zu sagen wäre – wollen wir aufs mündliche erzählen verspahren – denn ich schwatze ohnehin lieber als ich schreibe – Herr Gerning Der spätere homburgische Gesandte in London. läßt sich dir bestens empfehlen – und freut sich einen Brief von dir zu erhalten. Lebe wohl! Gott! Schenke uns eine fröhliche Zusammenkunft! Dieses wünschet hertzlich Deine treue Mutter Goethe. * * * den 19ten Jenner 1795. Lieber Sohn! Den besten und schönsten Danck vor deinen Willhelm! Wilhelm Meister. Das war einmahl wieder vor mich ein Gaudium! Ich fühlte mich 30 Jahre jünger – sahe dich und die andern Knaben 3 Treppen hoch die preparatoien zum Puppenspiel machen – sahe wie die Elise Bethmann brügel vom ältesten Mors Max Moors, Goethes Kinderfreund. kriegte u.d.m. Könte ich dir meine Empfindungen so klahr darstellen – die ich empfand – du würdest froh und frölig seyn – deiner Mutter so einen vergnügten Tag gemacht zu haben – Auch die Romantzen die Reichart Kapellmeister. zum Glück vor mich in den Clavier schlüßel gesetzt hat machten mir große Freude besonders was hör ich draußen vor dem Thor – was auf der Brücke schallen? die wird den gantzen Tag gesungen – also noch einmahl vielen Danck. Freund Stock Frankfurter Rathsherr. war über deine Güte und Höfflichkeit sehr gerührt auch in seinem Nahmen dancke ich – Schlossern habe sein Exemplar so gleich überschickt – dem wird es auch wohlgethan haben, nun noch etwas vom äußern – was ist das vor herrlich Papier was vor vortrefliche Lettern!! das ließt sich mit Lust – Tausendt Danck daß du das herrliche Werck nicht mit Lateinischen Lettern hast drucken laßen – ich habe dir es schon einmahl geschrieben daß ichs nicht ausstehn kan. Jetzt von meinem Thun und laßen nur so viel, daß ich Gott Lob bey der entsetzlichen Kälte auser einem Cathar mich wohlbefinde – daß ich meinem Oberauditor nebst Ehegemahlin noch zur Einquartirung habe, daß es vor jetzt hir gantz ruhig ist |: versteht sich wegen der Franzosen :| denn sonst ist Lerm und Romur genug bey uns – die gantze Armme wird von hieraus versorgt 500 Wagen gehen beständig hin und her – mann weiß weder obs Sonn oder Werckeltag ist – Wenn nicht Friede wird, so fürchtet mann sehr aufs Frühjahr – Ich habe mich Gott sey Danck noch nie gefürchtet – und jetzt mag ich nicht anfangen – müßens abwarten – nehmen einstweilen die guten Tage mit – und grämen uns nicht vor der Zeit – Ein einziger Augenblick kan alles umgestalten. Schlosser lebt jetzt in Anspach – Ihm gefälts wohl – aber die Schlossern der ist ihr Mährgen in Brunen gefallen – alles war drauf angelegt in Düsseldorf den Frieden abzuwarten – nun sind die Jacobis Friedrich Heinrich. selbst nach Wansbeck emigrirt. Noch eins! die Fortsetzung vom Willhelm wird doch nicht lange ausenbleiben – denn ich habe ihn noch nicht binden laßen – laße einem nicht so lange auf die Forsetzung harren – denn ich bin gar begirig drauf. Lebe wohl! Küße den kleinen Aug[u]st – auch deinen Bettschatz Christiane Vulpius von deiner treuen Mutter Goethe. * * * den 24ten Augst 1795. Lieber Sohn! Schon längst hätte ich dir eine Beschreibung meines Aus und Einzugs überschickt – aber ich wollte erst deine Rückkehr nach Weimar abwarthen – Gott sey Danck! der dir das Carlsbad so wohl hat gedeihen laßen – auch freuts mich, daß ich etwas dazu habe beitragen können. Die Lüster wirst du wohl erhalten haben? Auch ist ein Fuhrmann unterwegs der dir 12 Bouteillien vom alten Tyrannen Blut – und 6 ditto von verschiedenen Sorten |: wovon der Preiß hir bey kommt :| von Zierat Blum Weinhändler. der unser Hauß gekauft hat überbringt – solte bey Hoff oder in der Stadt sich jemandt finden dem er behagte; so solte mir es lieb seyn ... Schon 6 wochen wohne ich in meinem neuen Quartir – mein Aus und Einzug ging so glücklich von statten, daß ich wenig oder gar keine Ungemächlichkeit davon empfunden habe – zwey Preußische Soldaten haben mir alles hin getragen – weder Schreiner noch Fuhrwerck habe ich nöthig gehabt und nicht das mindeste ist beschädigt worden. Freuen wirst du dich wenn du einmahl herkomst – wenn du mein niedliches logiegen sehen wirst. Eingerichtet bin ich gantz exelentz – ich habe gerade so viel als ich brauche – 3 gar schöne Stuben in einer reihe, eine von 4 Fenster die auch wohl einen Saal vorstellen könte ist so lange mann noch nicht einzuheitzen braucht, meine Wohn und Besuch Zimmer – die zweyte von 3 Fenster ist mein Schlafzimmer – die von zwey Fenster haben meine zwey Mägde – ich habe letzere so hübsch eingerichtet, daß wann ich die Freude habe, dich bey mir zu sehen – es dein Zimer wird – meine Leute will ich schon Hintenaus verstecken – Ferner ist ein schöner geräumiger Vorplatz hinter den Zimmern wo alle meine Schränke stehn – eine schöne helle Küche – alles auf einem Platz auch noch Speißekamer – Holtzplatz – so daß ich die Treppe nicht zu steigen brauche, als wenn ich ausgehe – das ist das innre – aber nun die Aussicht – da ists ohne allen streit das erste Hauß in Franckfurth – die Hauptwache gantz nahe – die Zeil da sehe ich biß an Darmstädter Hof – alles was der Catharinenporte hinein und heraus kommt so mit der Bockenheimerstraße u.s.w. und denn das jetzige Soldaten weßen! So eben werden die Anspacher auf dem Paradeplatz gestelt – um 11 uhr die Wachtparade mit treflicher Kriegerischer Musick alles an mir vorbey – und Sontags wenn die Catharinenkirche aus ist – und die Wachtparade dazu kommt so siehts auf dem großen Platz aus wie am Krönungstag – sogar an Regentagen ist es lustig die vielen hundert Paraplü vormiren ein so buntes tach – das lustig anzuschauen ist – ich muß dir auch noch sagen wie ichs mit der Einquartirung habe – das Hauß ist auf gemeine eingeschrieben jetzt hat es 4 Mann vom Regiment Taden – 2 hat der Haußherr – die andern 2 haben wir nehmlich Herr Bernus – Frau Rittern und ich – Frau Rittern gibt die Stube, Bettung – ich gebe täglich dem einen vor Kost 8 Xr Herr Bernus dem andern ebenfalls 8 Xr – weiter hören und sehen wir von ihnen nichts und bleiben im übrigen ruhig. Ich bin mit einem Wort sehr vergnügt – bereue meinen Tausch gantz und gar nicht und dancke dir noch vielmahls daß du mich auf den guten Gedancken gebracht hast. Nun ich weiß daß du wieder in Weimar bist, soll auch der Judenkram Frankfurter Ausdruck für allerhand Schnittwaren. bald erscheinen – das beste davon sind zwey Neßeltüchern Kleider wovon das eine recht hübsch ist – sage aber noch nichts davon – damit es mehr Spaß macht. Den Brief habe bestelt – Gerning grüßt dich – Noch etwas! Ich habe von meinen Möbel die ich nicht mitnehmen konte noch wolte einen Ausruf im alten Hauß gehalten – was draus gelößt worden weiß ich noch nicht – ich hoffe doch so viel um die Tapeten im neuen Hauß umsonst zu haben. Jetzt lebe wohl! Auf die Fortsetzung des Romans freue mich sehr. Grüße alles von deiner treuen Mutter Goethe. * * * den 22ten Juli 1796 Lieber Sohn! Aus den Zeitungen wirst du die jetzige Lage deiner Vatterstadt erfahren haben – da aber das Tagebuch von Frau Aja zuverläßig nicht darinnen steht und ich doch mit Zuversicht glaube daß es dir nicht gleich gültig ist wie ich diese Epoche überstanden habe; so werde ich eine kleine Relation davon abstatten. Vor denen Frantzosen und ihrem hereinkommen hatte ich nicht die mindeste Furcht daß sie nicht plündern würden war ich fest überzeugt – wozu also einpacken? ich ließe alles an ort und stelle und war gantz ruhig – auch glaubte kein Mensch daß die Kay[s]erlichen sich hir halten wollten – es war wie die Folge auch gezeigt hat wahrer Unsinn – da sie es aber doch thaten; so fing die Sache an bedencklich zu werden – das Hauß wo ich wohne ist in Zeiten der Ruhe eins der schönsten in der Stadt – aber desto fürchterlicher in solchen Tagen wie die vergangenen wahren – der Kay[s]erliche Commandtant wohnte gegen mir über, nun sahe ich all den Specktackel – die Frantzosen mit verbundenen Augen – unsern Burgemeister – alles in Furcht was das werden solte u. s. w. den 12ten gegen Abend fing das Bombardement an wir setzen uns alle in die untere Stube unsers Haußherrn wie es etwas nachließ ging ich schlafen – gegen 2 uhr früh morgens fings wieder an wir wieder aus den Betten – nun fing ich an auszuräumen nicht vor den Frantzosen aber wohl vor dem Feuer – in ein paar Stunden war alles im Keller biß auf die Eißerne Kiste die uns zu schwer war – ich ließ meines Schwager Major Schuler Goethes Oheim. seinen Fourirschutz nebst noch einem starcken Mann, holen – die brachten sie denn glücklich in Keller. Biß an diesen periodt war ich noch gantz beruhigt – jetzt kamen aber so schreckliche Nachrichten wie der wie jener |: es waren Leute die ich kante :| der von einer Haupitze Todt geschlagen dem der Arm dem der Fuß vom Leib weg u.d.g. nun fing mir an Angst zu werden und ich beschloß fortzugehn freylich nicht weit – nur dem Bombardement auszuweichen – da war aber kein Fuhrwerck ums Geld zu haben – endlich hörte ich, daß in meiner Nachbahrschaft eine Familie nach Offenbach führe – ich ließe sie bitten mich mitzunehmen – und es wurde mit vieler Höfflichkeit bewilliget. Ich bin keine von den verzagten Seelen, aber diese schreckliche Nacht die ich gantz ruhig in Offenbach bey Mama la Roche Sophie de la Roche. zubrachte, hätte mir in Franckfurth vielleicht Leben oder doch Gesundheit gekostet – den 12ten 13ten und 14ten bliebe ich also in meiner Freystadt – den 15ten früh kam die Nachricht daß die Capitulation geschloßen und nichts mehr Leib und Leben betrefendt zu befahren sey – nur müßte mann machen den Tag noch zurückzukommen weil den 16ten die Frantzosen einrücken würden und alsdann die Thore geschlossen seyn würden – nun wäre ich um keinen Preiß in Offenbach geblieben – einmahl weil mann mich vor Emigrirt hätte halten können – zweytens weil meine schöne Zimmer als gantz lehr stehend |: denn meine Mägde hatte ich auch mitgenommen :| hätten weggenommen werden können. Nun war wieder Holland in Noth! war wieder kein Fuhrwerck zu haben – da erbarmte unser alter Freund Hans Andre Johann André, der Komponist von Goethes »Erwin und Elmire« über mich, gab mir sein artiges Kuschgen und rasch war ich wieder im goldenen Brunne danckte Gott von gantzem Hertzen vor meine und vor die Bewahrung meiner Wohnung. Es ist gantz begreiflich daß ein größerer Unglück das kleinere verdrängt – wie die Canonade aufhörte – waren wir wie im Himel – wir sahen die Frantzosen als Retter unsers Haab und Beschützer unserer Heußer an – denn wenn sie gewolt hätten so stünde kein Hauß mehr – und zum löschen spantten sie ihre Pferde vor die Spritzen die von den Dorfschafften zum löschen herbey eilten. Gott! Schencke uns den Frieden! Amen! Lebe wohl! Grüße alles in deinem Hauße, und behalte lieb deine treue Mutter Goethe. * * * den 1ten Augst 1796. Lieber Sohn! Du verlangst die näheren Umstände des Unglücks unserer Stadt zu wißen. Dazu gehört eine ordentliche Rangordnung um klahr in der Sache sehen zu können. Im engsten Vertrauen sage dir also, daß die Kay[s]erlichen die erste ursach geweßen sind – da sie nicht im stande waren die Frantzosen zurück zu halten – da diese vor unsern Thoren stunden – da Franckfurth keine Festung ist – so war es Unsinn die Stadt ohne daß sie den minsten vortheil davon haben konnte ins Unglück zu bringen – mit alledem wäre allerwahrscheinlichkeit nach kein Hauß gantz abgebrannt – wenn der fatale Gedancke : den sich niemand ausreden ließe : die Frantzosen würden plündern – nicht die Oberhandt behalten hätte – das war das Unglück von der juden gaße – denn da war alles ausgeräumt – beynahe kein lebendiges weßen drinnen – der Unsinn ging so weit, daß sie vor die lehren Häußer große Schlößer legenten. Da es nun anfing zu brennen, so konte erstlich niemandt als mit Gewalt in die zugeschloßenen Häußer – zweytens waren keine juden zum löschen da – drittens waren gantz nathürlich in den Häußern nicht die minstefte anstalt – wenn es die Christen eben so horndumm angefangen hätten, so wäre die halbe Stadt abgebrannt – in allen Häußern – waren die größten Bütten mit Wasser oben auf die Böden der Häußer gebracht – so wie eine Kugel zündete waren naße Tücher – Mist u.d.g. bey der Hand – so wurde Gott sey Danck – die gantze Zeil – die große und kleine Eschenheimer gaße – der Roßmarckt – die Tönges und Fahrgaße gerettet – daß nicht ein Hauß gantz niedergebrandt ist – ja beßer zu sagen gar nichts das der Mühe werth wäre zu sehen – Der andre Theil der Stadt der Römerberg Maynzergaße und so weiter kamme ohnehin wenig hin – und that garnichts. Auf der Frieburger gaße ist unser ehemahliges Hauß abgebrandt – auch der gelbe Hirsch hintenhinaus. Von unsern Bekannten und Freunden hat niemandt etwas gelitten – nur ein Bekandter von mir Kaufman Graff der in unserm Sonntags kräntzen bey Stocks Rathsherr. ist – hat durch die Einbildung es würde geplündert einen großen Verlust gehabt – Er glaubte nehmlich wenn er sein gantzes Waaren lager bey jemandt der in Preußischen Dinsten wäre und wo der Preußische Adler über dem Eingang angebracht wäre; so seye alles gerettet. In unserm alten Hauß auf der Frieburger gaße wohnte nun ein preußischer Leutenant – also brachte der gute Mann seyn Haab und Fahrt in dieses Haus in höltzerne Remisen – nun ist ihm alles verbrandt – und die vielen Öhlfäßer – der ungeheure vorrath von Zucker |: er ist ein Spetzerey Händler : machte zumahl das öhl das Feuer noch schrecklicher – noch andre Leute folgten dem unglücklichen Beyspiel – trugen aus ihren sicheren Wohnungen alle ihre Sachen – Geld – Silber – Betten – Geräthe Möbel – in dieses unglückselige Hauß – und verlohren alles. Überhaubt hat der Gedancke der Plünderung der Stadt mehr Geld entzogen – als selbst die Brandschatzung – denn es sind Häußer die das Packen – fortschicken 600–1000 und noch mehr gekostet hat – daß der gute Hetzler Frankfurter Schöffe. und Schlosser Bruder von Johann Georg Schlosser. als Geißlen sind mitgenommen worden, wirst du aus den Zeitungen wißen. Unsere jetzige Lage ist in allem Betracht fatal und bedenklich – doch vor der Zeit sich grämen oder gar verzagen war nie meine Sache – auf Gott vertrauen – den gegenwärtigen Augenblick nutzen – den Kopf nicht verliehren – sein eignes werthes Selbst vor Rranckheit /: denn so was wäre jetzt sehr zur Unzeit : zu bewahren – da dieses alles mir von jeher wohlbekommen ist, so will ich dabey bleiben. Da die meisten meiner Freunde Emigrirt sind – kein Comedienspiel ist – kein Mensch in den Gärten wohnt, so bin ich meist zu Hauße – da spiele ich Clavier ziehe alle Register paucke drauf loß, daß man es auf der Hauptwache hören kan – leße alles unter einander Musencalender die Weltgeschichte von Voltäre – und so geht der gute und mindergute Tag doch vorbey. So wie weiter was wichtiges vorgeht – das sonderlich bezug auf mit hat, solts du es erfahren. Küße deinen Lieben Augst in meinem Nahmen – Grüße deine Liebste – von deiner treuen Mutter Goethe. N.S. Aber wo bleibt der Willhelm?   An August von Goethe. den 15ten October 1796 Lieber Augst! Das ist ja vortreflich daß du an die Großmutter so ein liebes gutes Briefelein geschrieben hast – nimmermehr hätte ich gedacht, daß du schon so geschickt wärest – wenn ich nur wüßte womit ich dir auf kommenden Christag eine kleine Freude machen könte – weißt du was? sage was du gerne haben mögstet deinem Vater – und der soll mir es schreiben – besinne dich, denn es hat noch Zeit – Zur Belohnung deines schönen Briefes, schicke ich dir hir etwas bon bon – Aber den Christag soll eine große große Schachtel voll ankommen – du mußt brav lernen und recht geschickt seyn – da wirst du bald groß werden – und dann bringt du mir die Journahle und Mercure selbst. Lebe wohl! Grüße Vater und Mutter von deiner dich hertzlich liebenden Großmutter Elisabetha Goethe.   An Christiane Vulpius. den 24en Augst 1797. Liebe Freundin! Das Vergnügen so ich in Ihrem Lieben traulichen Umgang genoßen macht mich noch immer froh – und ich bin meinem Sohn vielen Danck schuldig daß Er mir solches zu verschaffen die Güte hat haben wollen. So kurtz unsere Zusammenkunft war, so vergnügt und hertzlich war sie doch – und die Hoffnung Ihnen meine Liebe einst auf längre Zeit bey mir hir zu sehen erfreut mich zum voraus – Da wir nun einander kennen; so wird die Zukunft immer vergnügter und besser vor uns werden – behalten Sie mich in Liebevollem Andencken – und von meiner seite glauben Sie das nehmliche. Die Gründe die mir mein Sohn von seiner Reiße vorgestelt hat konte ich nicht wiederlegen – Er geht also in die Schweitz – Gott Begleite Ihn und bringe Ihn so gesund und heiter wieder zu uns als Er weg geht; so wollen wir uns über seine Abweßenheit beruhigen, und Ihm dieße Freude das schöne Schweitzer land nach so viel Jahren einmahl wieder zu sehn von Hertzen gönnen – und wenn ich Ihn bey seiner Rückkunft wohl genährt und gepflegt habe – Ihnen meine Liebe wohlbehalten wieder zurück spendiren werde – das wiedersehn wird uns allen große Freude machen – das soll denn einstweilen unser Trost sein. Vor Ihren Lieben Brief dancke Ihnen hertzlich – auch dem lieben Augst dancken Sie durch einen hertzlichen Kuß von der Großmutter vor den seinen auch sagen Sie Ihm, daß das Mädelgen mit den Schellen sich als noch hören ließe – und daß ich Infanteri und Cavaleri aufs Christkindlein bestellen wolte. Leben Sie wohl! Behalten diejenige in gutem Liebevollen Andencken, die mit wahrer Liebe und hertzlichkeit ist und sein wird dero treue Freundin und Mutter Elisabetha Goethe.   An Goethe. Den 4ten December 1797. Lieber Sohn Das erste ist, daß ich dir dancke daß du diesen Sommer etliche Wochen mir geschenckt hast – wo ich mich an deinem Umgang so herrlich geweidet – und an deinem so auserordentlichen guten an und Aufsehen ergötzt habe! Ferner daß du mich deine Lieben hast kennen lernen worüber ich auch sehr vergnügt war, Gott erhalte Euch alle eben so wie bißher – und Ihn soll dafor Lob und Danck gebracht werden Amen. Daß du auf der Rückreiße mich nicht wieder besucht hast that mir in einem Betracht leid – daß ich dich aber lieber den Frühling oder Sommer bey mir habe ist auch wahr – denn bey jemand anders als bey mir zu wohnen – das ertrüg ich nicht – und bey schöner Jahres Zeit ist auch Raum genung vorhanden – mit entzücken erinnre ich mich wie wir so hübsch nahe beysammen waren – und unßer Weßen so miteinander hatten – wenn du also wieder kommst wollen wirs eben wieder so treiben nicht wahr? Deine zurückgebliebenen Sachen würden schon ihren Rückmarsch angetreten haben, wenn ich nicht die Gelegenheit hätte benutzen wollen – ein Christkindlein zu gleich mitzuschicken – packe also den Kasten alleine aus damit weder Freundin noch Kind vor der Zeit nichts zu sehen bekommen den Confect schicke wie nathürlich erst in der Christwoche nach. Solte das was ich vor meine Liebe Tochter gewählt habe nicht gefallen – indem ich unsere Verabredung bey deinem Hirseyn gantz vergeßen habe; so schicke es nur wieder her und ich suche etwas anders aus – mir hat es sehr wohl behagt – aber daraus folgt nicht daß es derjenigen vor die es bestimmt ist auch gefallen muß – heute wird noch vor den lieben Augst allerley zusammen getribst – und ich hoffe, daß künftigen Freytag den 7 dieses die Raritäten auf den Postwagen gethan werden können – wenigstens will ich mein möglichstes thun – Was Herrman und Dorothea hir vor große Wirkung verursacht hat – davon habe schon etwas an meine Liebe Tochter geschrieben. Hufnagel ist so gantz davon belebt daß Er bey Copulationen und wo es nur möglich ist gebrauch davon macht – zur Probe dienet innliegendes – Er behauptet so hättest du noch gar nichts geschrieben ... Vor den Frieden sey Gott Tausendmahl gedanckt! Wenn das wieder losgegangen wäre – was wäre aus unserer guten Stadt geworden!!! Jetzt prepariren wir uns auf das Friedensfest – unser vortreflicher Theater Mahler Fuentes? mahlt Decorationen dazu – der Singsang ist auch fertig – Paucken und Trompeten sind auch bey der Hand – das wird ein Jubel werden – an der Hauptwache wird er ausposaunt! alle meine Freunde wollen aus meinen Fenstern den Jubel mit ansehn auf so viele Angst verdient mann doch wieder einmahl einen fröhligen Tag zu haben. Seit dem du weg bist hat unser geschickter Mahler 3 neue Decorationen gemacht – ein sehr schönes Zimmer – eine Stube vor arme Leuthe die ganz vortreflich ist – und einen Garten der zum erstenmahl im Don Juan sich presentirt hat – alles mit großem Ablaudisement. Ich schicke dir auch alle Comedien Zettel mit, über die eingeführten kleinen wirst du lachen – solte man glauben daß das ein Ersparnüß jährlich von 700 f ist! Dein Looß ist mit 50 f heraus gekommen 5 wurden abgezogen vor die übrigen 45 f habe wieder ein neues zur 13ten Lotheri genomen 728 ist die No: Das wäre so ohngefähr alles vor diß mahl. Lebe wohl! Behalte mich in gutem Andencken – Grüße deine Lieben von deiner treuen Mutter Goethe.   An Christiane Vulpius. den 15ten Februar 1798. Liebe Tochter! Sie haben mir durch die überschickten Bücher eine große Freude gemacht besonders war ich entzückt Angnes von Lilien Den Roman der Karoline von Wolzogen, zuerst in den »Horen« gedruckt. jetzt gantz zu besitzen, die ich mit großer Begirden in der Horen suchte aber immer nur stückweiß fande – ich machte mir also ein rechtes Freudenfest und ruhte nicht biß ich damit zu Ende war – so viel ich mich erinnere von meinem Sohn gehört zu haben ist die Frau Verfaßerin eine Schwägerin von Schiller – – O! laßen Sie dieser vortreflichen Frau meinen besten Danck vor dieses herrliche product kund und zu wißen thun. Auch Julie hat mir sehr behagt wer ist denn die Verfaßerin davon? Ja meine Liebe! Sie können kein beßeres und verdinstlicheres Werk an Ihrer Sie liebenden Mutter thun, als daß Sie die Güte haben, wenn Ihnen solche liebliche Sachen zukommen mich in meiner Geistesarmuth theil darann nehmen zu laßen – auch verbinde ich mich im Fall Sie Ihre Bibliotheke mit ausschmücken wollen – das was Sie etwann verlangen sollten wann ich es geleßen wieder zurück zuschicken. Wir haben hir das Thirische Leben betrefendt an nichts mangel – aber dem Geist geht es wie Adonia dem Königs Sohn im Alten Testament 2. Buch Samuelis 13, 4. – von dem geschrieben steht wie wirst du so mager du Königs Sohn. Also nochmahls meinen besten Danck, vor die gute und genüßbahre Speiße womit Sie mich erquickt haben. Es freut mich überaus daß alles was mir in Weimar lieb und theuer ist sich wohlbefindet – Auch das ist recht und brav daß Sie sich den Winter in Ihrem häuslichen Circul als außer demselben Vergnügen machen – denn die heiligen Schriftsteller und die profanen muntern uns dazu auf, ein fröhliges Hertz ist ein stetes wohlleben sagen die ersten – und fröhligkeit ist die Mutter aller Tugenden steht im Götz von Berlichingen. Wegen des Krieges wachssen mir auch keine grauen Haare – das was ich neulich an Ihnen schriebe – daß wenn es in Weimar gut mit meinen Lieben geht und steht mich das lincke und rechte Reinufer weder um Schlaf noch appetit bringt – ist noch heut dato meine Meinung. Künfigen Montag wird seyn der 19te ist mein Geburthstag – da trincken Sie meine Gesundheit – das werde ich durch Simpathi spüren und fühlen und wird mir wohl thun. Leben Sie wohl! Grüßen meinen Lieben Sohn – und glauben daß ich ewig bin Ihre Sie von hertzen liebende Mutter Goethe.   An August von Goethe. den 21ten July 1798. Lieber Augst! So ofte ich ein so schön und deutlich geschriebenes Heft von dir erhalte; so freue ich mich daß du so geschickt bist die Dinge so ordentlich und anschaulich vorzutragen – auch schäme ich mich nicht zu bekennen, daß du mehr von diesen Sachen die von so großem Nutzen sind weißt als die Großmutter – wenn ich so gerne schriebe wie du; so könte ich dir erzählen wie elend die Kinder zu der Zeit meiner Jugend erzogen wurben – dancke du Gott und deinen lieben Eltern die dich alles nützliche und schöne so gründlich sehen und beurtheilen lernen – daß andre die dieses Glück der Erziehung nicht haben im 30 Jahr noch alles vor Unwißenheit anstaunen, wie die Kuh ein neues Thor – nun ist es aber auch deine Pflicht – deinen Lieben Eltern recht gehorsam zu seyn – und Ihnen vor die viele Mühe die Sie sich geben, deinen Verstand zu bilden – recht viele viele Freude zu machen – auch den Lieben Gott zu bitten Vater und Mutter gesund zu erhalten damit Sie dich zu allem guten ferner anführen können. Ja lieber Augst! Ich weiß aus Erfahrung was das heißt Freude an seinem Kinde erleben – dein Lieber Vater hat mir nie nie Kummer oder Verdruß verursacht – drum hat Ihn auch der Liebe Gott gesegnet daß Er über viele viele empor gekommen ist – und hat Ihm einen großen und ausgebreitnen Ruhm gemacht – und er wird von allen Rechschaffenen Leuten hoch geschätzt – da nim ein Exempel und Muster dran – denn so einen Vater haben und nicht alles anwenden auch brav zu werden – das läßt sich von so einem Lieben Sohn nicht dencken wie mein Augst ist. Wenn du wieder so Intreßante Nachrichten gesammelt hast; so schicke sie mir – Ich bin und bleibe deine treue u. gute Großmutter Goethe.   An Christiane Vulpius den 19ten Jenner 1801 Liebe Tochter! Preiß – Danck und Anbethung sey dem Gott! der vom Tod erretten kan, und der Hülfe gesendet hat, damit unser Glaube an Ihn auf neue gestärcket – und wir mit neuem Muth immer auf Ihn hoffen und Ihm allein vertrauen! Er stärcke meinem geliebten theuren Sohn! Schencke ihm die verlohrne Kräffte, und setze Ihn ferner zum Seegen zur Freude uns und allen die Ihn lieb und werth haben Amen . Aber meine Liebe Liebe Tochter! wie soll ich Ihnen danken, vor alle Liebe und Sorgfalt die Sie meinem Sohn erwiesen haben – Gott sey Ihr Vergelter – Er hat Ihn Ihnen jetzt aufs neue geschenckt – Sie werden jetzt ein neues Leben mit Ihm Leben – und wird Ihr beyder Wohlseyn zu meinem größten Trost biß in die spätesten Zeiten erhalten Amen. Nun meine Liebe Tochter! Jetzt eine Bitte – ich muß nun |: will ich ruhig und meine Tage nicht in Sorge unb Angst hinleben :| ehestens wieder Nachricht haben, wie es aussieht – ob die Beßerung anhält – und was es denn eigendlich vor ein Übel war – das uns so schrecklich unglücklich hätte machen können – Sie sollen nicht schreiben, erholen stärcken von der großen Mühe und von der noch größeren Angst das sollen Sie, nicht Schreiben, auch mein Sohn nicht der soll sich pflegen und erholen – Aber entweder dictiren Sie Geisten Geist, Goethes Schreiber. – oder Augst oder laßen Sie Ihren Herrn Bruder Christian August Vulpius. die Mühe übernehmen – nur ein paar Zeilen mit der ersten Post!!!! Die Kranckheit muß doch erst nach neujahr gekommen seyn, denn die Christtage habe ich Briefe die gut lauten von Ihnen und von Ihm – Nochmahls Tausend Danck vor alle Liebe – treue und Besorgung – auch vor den Brief an mich – wie leicht hätte ich es von Frembten auf die schreckhaftest art erfahren können – Leben Sie wohl! Grüßen meinen mir von Gott auf neue geschenkten Sohn – auch den Lieben Augst von Eurer aller treuen Mutter und Großmutter Goethe.   An Goethe. den 2ten December 1803. Lieber Sohn! Dein Liebes schreiben vom 21 November hat mir viele Freude gemacht es herschte so ein froher Geist darinnen der mir wohl that – Jetzt vom Christkindlen! Künftigen Montag den 5ten December geht das päckgen mit dem Postwagen an Euch ab, ich hoffe Freude damit zu verbreiten – öffne es allein damit der spaß dem Christag nicht entzogen wird – vor meinen Lieben Augst war die Sache etwas unbestimt angegeben – Blau Tuch aber nicht ob hell oder dunckel – da aber hir kein Mensch hell blau trägt; so kommt dunckel blau – ferner war nicht bestimmt zu was ob zum Kleid oder Überrock oder sonst was – ich nahm daher ein mitteltuch – im Fall es nicht recht ist; so wasche ich meine Hände in Unschuld. Meine Liebe Tochter schriebe mir neulich Sie würde etwas Corpulent die Kleider würden zu enge – da hat nun das Christkindlen davor gesorgt und bringt zwey schöne neue Kleider das eine von Taffend die Farbe Egyptische Erde und einen Catun der sich vortreflich waschen läßt – und den Jedermann vor Seidenzeug ansieht – mit einem Wort schön schön – In das kommende päckgen habe auch auf dein Begehren einige Comedien Zettel beigelegt – künftig sollen sie alle Monathe ordentlich erscheinen. Ich hoffe daß das Theater Jetzt eine beßre Gestalt erhalten wird – da ein thätiger Mann an der Spitze steht – und der hoffentlich der Sache gewachsen ist. Vor die überschickten Journalen und Mercure dancke schön – besonders aber vor die zwey Taschen büglein – die Natürliche Tochter und das andre da die mir so lieben Nahmen Wieland und Goethe beysammen stehn – Sage Schiller daß am Neuen Jahrtag seine Jungfrau von Orleang bey uns zum erstenmahl aufgeführt wird – der Erfolg soll von mir treulich berichtet werden. Die Castanien werdet Ihr erhalten haben – und damit Gott befohlen! Grüße an deine Lieben Hauß geister von Eurer treuen Mutter Goethe. N.S. Daß zu rechter Zeit prächtiger Christags Confect erscheinen wird – darauf gebe ich Euch mein Ehren Wort. * * * Franckfurth d. 2ten May 1805. Ich endes unterzeichnete bekenne öffendtlich mit diesem Brief, daß Vorzeiger dieses Julius Augst von Goethe Sich währendt seines hiesigen Aufenthalt brav und Musterhaft aufgeführt; so daß es das Ansehn hat, als habe Er den Ring im Mährgen |: Nathan des Weisen :| durch Erbschaft an Sich gebracht der den der ihn besitzt angenehm macht vor Gott und Menschen – daß dies bey oben erwähnten Julius Augstus von Goethe der fall ist bestätigt hiermit Seine Ihn Liebende Großmutter Elisabetha Goethe.   An Bettina Brentano. den 13ten Juni 1807. Liebe – Liebe Tochter! Nenne mich ins künftige mit dem mir so theuren Nahmen Mutter – und du verdinst ihn so sehr, so gantz und gar – mein Sohn sey dein inniggeliebter Bruder – dein Freund – der dich gewiß liebt und Stoltz auf deine Freundschaft ist. Meine Schwieger Tochter hat mir geschrieben wie sehr du Ihm gefallen hast – und daß du meine Liebe Bettina bist muß du längst überzeugt seyn Auf deine Herkunft freue ich mich gar gar sehr, da wollen wir eins zusammen Schwatzen – denn das ist eigentlich meine Rolle worinn ich Meister bin – aber Schreiben! so Tintenscheu ist nicht leicht jemand – darum verzeihe wenn ich nicht jeden deiner mir so theurcn Briefe beantworte zumahl da ich weiß, daß Nachrichten von meinem Sohn dir das angenehmste und liebste sind und ich von seinem jetzigen Thun und wirken so wenig weiß – aber überzeugt daß sein Lob obgleich aus frembtem Munde dir auch theuer ist; so schicke ich hir eine Recenzion aus den Theologischen Anaalen Von L. Wachler 1807, 19 Stück. die dir wohlthun und dich ergötzen wird. Bekentnüße einer schönen Seele im 3ten Band von Goethens Wercken. Dieses in das Fach der religiösen Schrieften einschlagende Kunstwerk, ein mit Liebe gearbeitetes Meisterstück unsere größten Dichters, der Klahrheit mit Tiefe, Einfalt mit Erhabenheit wunderbahr verbindet, wird zugleich mit Iphigenie von Tauris und mit den Leiden des Jungen Werders in den Tempel der Unsterblichkeit eingehn. Vielleicht ist es nicht allgemein bekandt daß der Verfaßer mit diesen Bekentnüßen einer schon seit länger als 30 Jahren zu Franckfurth am Main entschlafenen Freundin seiner noch lebenden Frau Mutter, einer Freulein von Klettenberg die Er wie eine Mutter verehrte, und die Ihn wie einen Sohn liebte, ein beyder Theile würdiges Unvergängliches Denckmahl gesetzt hat. Je öfftert man diese geistreiche Bekentnüße Liest, um so mehr bewundert man sie, und der Verfaßer dieses kurtzen Anzeige wird sich, so lang ein Odem in ihm ist, jedes der hohen Achtung, die einem solchem mit Gottes Finger als einzig bezeichnetem Geiste gebührt – so weit ists vor dich – wenn du her kommst reden wir ein meheres – Etwas beßereres kan ich dir vordißmahl nicht zu kommen laßen – denn obiges ist gantz herrlich und was ich noch drauf hervor bringen mögte – wäre Wasser unter den vortreflichen Wein. Lebe wohl! Behalte lieb deine dich hertzlich Liebende Mutter Goethe.   An August von Goethe. den 28ten Mertz 1808. Lieber Augst! Werthgeschätzer Herr Enckel! Ich schreibe dir gleich mit umlaufender Post – damit du erfährts wie es mit dir gehalten werden soll – du Logiers bey keinem Menschen als bey mir – dein Stübgen ist vor dich zubereitet – das wäre mir eine saubre Wirthschaft meinen Lieben Augst nicht bey mir zu haben – Incomodiren solst du mich nicht – dein Vater hat ja sein Wesen drinnen gehabt – deine Mutter ebenfalls – und du ditto vor zwey Jahren – Wir wollen recht vergnügt seyn – ich freue mich drauf – daß nicht viel Raum in der Herberge ist das wüst Ihr ja von je – wir loben doch die Christel und die Salome. Auf deine Herkunft freuen sich hertzinniglich Betina – Stocks – Schlossers – und noch viele andre brave Menschenkinder – die Großmutter ist auch diesen Winter gantz Alegro – sie steckt aber auch wegen ihrem Todtfeind dem Nord Ost wie in einer Baumwollenen Schachtel – ist den gantzen Winter nicht ins Comedien spiel gegannen – bey gute Freunde desto mehr – aber in Peltz gehült von oben an biß unten aus – und wenn es so fortgeht so triefts du mich gesünder an als deine Liebe Mutter mich vorm Jahr gesehen hat – da war ich an Leib und Seele sehr Contrackt und gähnte die Leute an im Tackt. Wenn ich so gerne schriebe als schwätzte; so soltet Ihr Wunder hören – dieses Glück soll dir beschieden seyn – freue dich einstweilen drauf – Wir haben jetzt auch ein Museum – da steht deines Vaters Büste neben unserm Fürsten Primas seiner – der Ehren Platz zur Lincken ist noch nicht besetzt, es soll von Rechts wegen ein Franckfurther seyn ja könt eine weile warten – bey so einer Occasion oder Gelegenheit fält mir immer das herrliche Epigram von Kästner ein Ihr Fürsten – Graffen – und Prelaten – auch Herrn und Städte ins gemein – vor 20 Spesies Ducaten – denck doch!!! soll einer Goethe seyn. Grüße deinen lieben Vater! ditto Mutter. Vivat die erste Woche im Aprill. Behaltet mich lieb Goethe. Charlotte von Stein Ende der vierziger Jahre erschienen zum ersten Male »Goethes Briefe an Frau von Stein«, ein für seine Zeit musterhaftes Werk, für das man dem Herausgeber, Adolf Schöll, aufrichtig dankbar sein konnte, denn nun erst wurde uns ein klarerer Einblick in die Jugend Goethes und die ersten Weimarer Jahre möglich, für die wir bis dahin auf Anekdotisches und allerhand Klatsch angewiesen waren. Die Veröffentlichung erregte naturgemäß ungeheures Aufsehen und entfesselte zugleich einen ziemlich törichten Meinungsstreit. Man erörterte lebhaft die Frage, ob der Liebesbund zwischen Goethe und der Stein ein rein platonischer, ein ideal-freundschaftlicher gewesen sei, und ob an dem Bruch des Verhältnisses er oder sie die Hauptschuld getragen habe. Inzwischen hat die Sammlung der Goethebriefe eine erhebliche Verstärkung gefunden. W. Fielitz sorgte zunächst für eine genauere Wiedergabe des Goetheschen Textes durch Vergleichung mit den Handschriften. Die Briefe aus Italien kamen hinzu und die allerdings nur wenigen, die sich von Frau von Stein an Goethe erhalten haben; J. Wahle ordnete sie seiner Neuausgabe ein. Endlich legte E. v. d. Hellen für die vierte Abteilung der Weimarischen Goetheausgabe den Text nach den Originalen nochmals fest, und Jonas Fränkel hat diesen Gewinn in seiner vortrefflichen dreibändigen Sammlung benützt und auch eine neue Einordnung der undatierten Briefschaften versucht, die frühere, Auffassungen korrigiert und mannigfach richtig stellt. So besitzen wir denn heute in diesen Briefen ein Material, das uns den einzig dastehenden Liebesbund Goethes in blühenden Farben wiederspiegelt und zugleich das Bild jener Frau, deren Einfluß wir das Herrlichste zu danken haben, das Goethe geschaffen hat, in dem Lichte seiner Augen festhält. Charlotte von Stein, am 25. Dezember 1742 geboren, war die Tochter des Weimarischen Hofmarschalls von Schardt und wurde in ihrem sechzehnten Lebensjahre Hofdame der Herzogin Anna Amalia. Die Bilder, die von ihr erhalten sind, zeigen uns keine hervorragende Schönheit, aber anmutige und sympathische Züge. 1764 vermählte sie sich mit dem Besitzer des Gutes Kochberg bei Rudolstadt, dem herzoglichen Stallmeister Josias Friedrich Freiherrn von Stein, einem ehrlichen und tüchtigen, aber geistig ziemlich unbedeutenden Manne, dem sie sieben Kinder schenkte, von denen nur drei Söhne am Leben blieben: Karl, Ernst und Fritz. »Ihr Gesicht«, so schildert Schiller die Fünfundvierzigjährige, »hat einen sanften Ernst und eine ganz eigene Offenheit. Ein gesunder Verstand, Gefühl und Wahrheit liegen in ihrem Wesen«. Fritz Stolberg nennt sie »ein allerliebstes, schönes Weibchen«; Charlotte von Lengefeld rühmt ihr in einem Briefe an Schiller »viel angenehme Talente und Kenntnisse« nach. »Sie hat überaus große, schwarze Augen von der höchsten Schönheit«, schreibt Zimmermann an Lavater, »ihre Stimme ist sanft und bedrückt. Ernst, Sanftmut, Gefälligkeit, leidende Tugend und feine, tiefgegründete Empfindsamkeit sieht jeder Mensch beim ersten Anblick auf ihrem Gesicht ... Ihre Wangen sind sehr rot, ihre Haare ganz schwarz, ihre Haut italienisch wie ihre Augen ...« Der »Werther« spann die ersten Freundschaftsfäden zwischen den beiden. Mitte November 1775 begann der Briefwechsel, von dem Heinemann sagt: »Wer diese Hunderte von Briefen und Zetteln, den reinen und wahren Ausdruck innigster Liebe in dichterischer Prosa oder herrlichster Poesie unbefangen gelesen hat, der wird die hier und da noch laut werdenden Verleumdungen des Freundschaftsbundes mit Verachtung zurückweisen«. Goethe machte aus seiner Zuneigung für Charlotte vor der Weimarer Welt kein Geheimnis, und diese unbekümmerte Offenheit in seinen Huldigungen mag auch Herrn von Stein bewogen haben, seiner Frau Szenen der Eifersucht zu ersparen. Wahrscheinlich neigte er überhaupt nicht zur Eifersucht; eine gewisse laxe Auffassung der ehelichen Verhältnisse lag in der Moral der Zeit. Der Dienst fesselte ihn tagsüber an den Hof, und dort gehörte er anfänglich zu jener Clique, die Goethes wachsenden Einfluß auf den Herzog gern hintertrieben hätte, bis auch er sich schließlich nicht mehr dem Zauber seines liebenswürdigen Gastes entziehen konnte und ihm in späteren Jahren sogar ein »wertgeschätzter Freund« wurde. Das leichte Spiel der ersten Zeit wandelt sich bald in leidenschaftlichen Ernst. »Wanderers Nachtlied« mit seinem ergreifenden Schluß »Süßer Friede, komm, ach komm in meine Brust« verrät der Freundin den schweren Kampf. Sie weist ihn zurück; das eigene Gewissen fordert gebieterisch von ihm, Maß zu halten. »Weil's denn so sein soll – sollst Ruhe vor mir haben.« Er möchte vergessen, aber er kann es nicht. Der Besitz des Gartenhauses, in dem er das herzogliche Paar und die Freunde empfängt, ermöglicht ihm, auch Charlotte bei sich zu sehen. Er wird kühner, und wieder dringt Charlotte auf Rücksicht. Der Plan zu dem Drama »Der Falke« entsteht, in dem er Lili Schönemann und Charlotte zu einer Gestalt verschmelzen will. In den »Geschwistern« deuten zahlreiche heimliche Beziehungen auf das sich immer fester verschlingende Verhältnis hin; in der »Lila« wird Charlotte zur Marianne. Corona Schroeter, die in dieser Dichtung ihre ersten Triumphe feiert, hat es auch Goethe angetan. Doch Charlotte weiß ihn von neuem zu fesseln; in Kochberg verlebt er frohe Tage mit ihr. Auch nach Cornelias Tode sucht er Trost bei ihr; von der winterlichen Harzreise 1777 aus fliegt Brief um Brief an sie zurück: aber es sind nicht mehr stürmische Huldigungen, sondern die Berichte eines wahrhaften Freundes, der seiner Herzensvertrauten die Seele preisgibt mit allen ihren in die Tiefe tauchenden Stimmungen. Und diese rein friedliche Stimmung hält an. Er sieht in ihr den Halt seiner Seele, die »Schleife über ihm«, die ihn »als Gemähld« im Rahmen Weimars festhält, und immer wieder fordert er von ihr, sich ihm nicht zu entziehen um gleichgültigerer Freundschaft willen. In den folgenden Jahren bilden die »Briefe aus der Schweiz« (zweite Abteilung), im Druck bis zum zweiten Abschnitt fast wörtlich den Berichten an die Freundin entnommen, weitere Blüten des Liebesbundes, der in der »Iphigenie« und im »Tasso« seine reifsten Früchte treibt. Wie der »Tasso« in seiner ersten Fassung auf das Innigste mit dem Liebesleben seines Dichters verknüpft ist, zeigen die Briefe von 1780 an Charlotte. Auch am Weitergedeihen des »Egmont« nimmt die Freundin regen Anteil, und die verschollene Entgegnung auf Friedrichs II. »De la littérature allemande« gibt er zuerst ihr zur Lektüre. Lange sind »Wilhelm Meisters Lehrjahre« das Thema der Unterhaltung mit ihr. »Wenn ich schreibe, denke ich, es sei auch Dir zur Freude ...« »An Wilhelm habe ich fortgefahren – ich denke immer dabei an die Freude, die ich Dir damit machen werde ...« Das »Tiefurter Journal«, das Anna Amalia nach dem Muster des »Journal de Paris« begründete, ist gefüllt mit Goetheschen Beiträgen, die für die Geliebte geschrieben wurden. Gemeinsam werden astronomische und physikalische Studien betrieben, wird im Herbst 1784 Spinozas Ethik gelesen. Von Charlottens Söhnen war Fritz, der jüngste, von jeher Goethes Liebling. Er will ihn ganz in sein Haus nehmen und will »ihm alles sein, was ich kann«. Er schickt ihn nach Frankfurt zu seiner Mutter und nimmt ihn auf seinen Reisen nach Leipzig, Kassel und in den Harz und den kleinen Ausflügen in die Weimarer Umgebung mit: für Fritz die »glücklichste Zeit des Lebens«. 1785 weilt Goethe in Karlsbad und trifft dort Charlotte, der er vorher noch das Mignonlied »Nur wer die Sehnsucht kennt« gesandt hat. Auch im folgenden Jahre treffen die beiden sich in der böhmischen Badestadt und er begleitet die abreisende Freundin bis Schneeberg, ohne ihr ein Wort von seiner bevorstehenden italienischen Reise zu sagen. Daß diese Reise keine »Flucht« vor ihr war, beweisen seine Briefe und das Tagebuch aus Italien. Sie aber, daran ist nicht zu zweifeln, ahnte, daß das Verhältnis zu Ende ging. Wochenlang läßt sie ihn ohne Antwort, und wenn sie ihm schreibt, sind es sicher nur schmerzliche Anklagen. Als er endlich wieder heimkehrt, findet er eine gealterte, melancholische Frau, die ihn kalt und unfreundlich aufnimmt. Der Bruch wird unheilbar, als Charlotte von Goethes »Gewissensehe« mit der Christiane Vulpius erfährt, dem frischen Mädelchen, das seine Sinne reizte, das ihm aber wahrlich nicht geben konnte, was er vom Leben und Geschick hätte beanspruchen können. Die Bitterkeit Charlottens ist menschlich und weiblich. Auch Edmund Höfer, der sie sonst wenig in Schutz nimmt, gesteht zu: »Daß sie nach ihrer Natur und Gesellschaftsstellung auf ein Wesen wie Christiane tief hinabsah; daß ihr selbst die rein äußerliche Stellung eines Mannes wie Goethe zu einer solchen Persönlichkeit, sei es unwürdig, sei es unmöglich erschien; daß sie endlich, gerade nach ihrer eigenen Verbindung mit diesem Manne, den stets begehrten und zuletzt verlangten Alleinbesitz desselben, wenn sie ihn überhaupt aufgeben sollte, am allerwenigsten, auch nur äußerlich, an Christiane Vulpius verlieren wollte und konnte – das bedarf keiner Erklärung und Entschuldigung: es versteht sich von selbst ...« Ein neuerer Literarhistoriker hat versucht, in gefälligem Gegensatz zu der kristallreinen Christiane Charlottens Bild schwarz auf schwarz zu malen und den wundersamen Liebesbund als die »größte Selbsttäuschung« Goethes darzustellen. Gegen solchen Unsinn braucht man sich ebensowenig zu wenden wie gegen den Übereifer Düntzers und anderer, die aus Charlotte eine Heilige machen wollen. Eine Heilige war sie nicht; sie war ein sterbliches Wesen auch in ihren großen Schwächen: ein Gemüt voll Tiefe und Reinheit und voll äußerster Gereiztheit; von großer Gutmütigkeit und harter Unduldsamkeit; opferungsfähig, voll bestechender Liebenswürdigkeit und wieder kühl, herb und selbstisch – und war in ihrer Liebe und Leidenschaft ganz Weib. Ein paar Stimmen anderer mögen ihren Gemütszustand bezeichnen. Karoline von Beulwitz an Schiller (13. September 1789): »Die St. ist aufgerieben in sich – arme Seele, sie schmerzt mich, vielleicht ist sie ein sehr gutes Wesen, das ein besserer Genius hätte leiten sollen ...« Dieselbe an Schiller (24. Oktober 1789): »Die Stein sprach mir heute lange über G. Es sind böse Reminiszenzen in ihr geblieben ...« (2. November 1789): »Sie war in eine stille Trauer über ihr Verhältnis mit G. gesunken, und da schien sie mir wahrer und harmonischer als in der widernatürlichen von Gleichgültigkeit oder Verachtung. Ein zwölfjähriges zärtliches Verhältnis kann sich nicht in so niedrige Empfindungen auflösen, ohne die besten Kräfte des geistigen Lebens zu vernichten. Viele Schwächen muß G. haben, und zur Freundschaft gehört Stärke«. Frau Herder an ihren Gatten (7. November 1788): »Wie sie (Charlotte) mit Goethe steht, weiß ich nicht; sie sprach sehr kalt von ihm, und ich hüte mich jetzt, diese Seite zu berühren ...« (23. Februar 1789): »Das Verhältnis ist noch immer nicht im Gleis. Sie will nicht verzeihen und er nicht um Verzeihung bitten. Ich denke, er sei's wohl wert, daß man um ihn etwas leidet ...« (2. März 1789): »Sie ist zu selbstisch, kurz, ich gehöre nicht in ihr Reich ...« Aus Liebe und Haß wurde allgemach wieder eine freundlichere Gesinnung, der dann und wann auch ein herzlicherer Unterton nicht fehlt. Daß Goethe trotz aller Bitterkeiten, die ihm die verlassene Geliebte nicht erspart, ihrer bis zu ihrem Tode in treuer Anhänglichkeit gedenkt, ist wohl der beste Beweis dafür, daß das Gefühl für die Bedeutung ihrer Persönlichkeit in ihm immer lebendig geblieben ist. Aus diesem Empfinden heraus konnte er auch 1820 die Verse schreiben: Einer Einzigen angehören, Einen Einzigen verehren, Wie vereint es Herz und Sinn! Lida! Glück der nächsten Nähe, William! Stern der schönsten Höhe, Euch verdank' ich, was ich bin. Tag und Jahre sind verschwunden Und doch ruht auf jenen Stunden Meines Wertes Vollgewinn. Lida ist Goethes dichterische Bezeichnung für Charlotte, William ist natürlich Shakespeare; Goethe denkt zurück an die letzten siebziger Jahre. Und als er Charlotte als Dank für ihre Glückwünsche zum 28. August 1826 das Gedicht »Den Freunden« zuschickt, fügt er hinzu: »Beyliegendes Gedicht, meine Theuerste, sollte eigentlich schließen: Neigung aber und Liebe unmittelbar nachbarlich angeschlossen lebender, durch so viele Zeiten sich erhalten zu sehen, ist das allerhöchste was dem Menschen gewährt werden kann. Und so für und für!« Charlotte starb nach Vollendung ihres fünfundachtzigsten Jahres am 6. Januar 1827. Goethe ließ sich bei ihrem Begängnis durch seinen Sohn vertreten. Es wäre kleinlich und ungerecht, sagt Jonas Fränkel in der Einführung zu seinen Briefen Goethes an Charlotte, neben dem idealen Bilde, das von der geliebten Frau in der Seele des Dichters gelebt, das andere erwecken zu wollen, wie es sich dem kalten Blick auf Grund sonstiger Zeugnisse darstellt. Wir lehnen es als nichtig ab: nur des Liebenden Augen sehen wahr. »Wie sie ihr Recht auf Unsterblichkeit nur aus diesen Briefen des Dichters zieht, so lebt sie auch im Lichte derselben fort, der Zufälligkeiten des einstigen Daseins entkleidet – als eine Schwester der Prinzessin Leonore und der Iphigenie ...« Es heißt, Charlotte selbst habe ihre Briefe an Goethe zurückgefordert und vernichtet. Von den späteren, nicht gerade bedeutsamen, aber für das Wiederaufleben der alten Freundschaft immerhin charakteristischen hat Wahle eine Auswahl publiziert. Die Briefe an Frau von Lengefeld, an die Schwägerin Frau von Schardt, an Schiller und seine Frau und vor allem an Fritz hat Düntzer aus den Familienarchiven gezogen. Viele Briefe an Fritz konnte ich selbst in der »Zeitschrift für Bücherfreunde« aus ehemaligem Zobeltitzschen Besitz noch ergänzen. Dieselbe Quelle benützte Ludwig Rohmann in seinen »Briefen an Fritz von Stein« (Leipzig 1907). Zu diesen Briefen an Fritz sei noch eine kurze Erläuterung gestattet. Fritz wurde am 26. Oktober 1772 geboren (nicht am 27., wie Ebers und Kahlert mitteilen) und von seinem zehnten Jahre ab bei Goethe erzogen: »die glücklichste Periode meiner Jugend«, wie er in seiner kurzen Selbstbiographie schreibt. Aber »dieses Glück hatte nur zwei Jahre gedauert, als Goethe eine Reise nach Karlsbad und von da nach Italien unternahm, ohne es jemand anderem als dem Herzog anvertraut zu haben. Ich blieb noch, weil man stets seine Rückkehr erwartete, fast ein halbes Jahr in seinem Hause, zog jedoch zuletzt wieder zu meinen Eltern, weil es mir in dem Hause zu einsam war«. Fritz studierte in Jena, wo er in engste Beziehungen zu Schiller trat, unternahm dann Reisen nach England und Schottland, weilte kurze Zeit in Weimarischem Hofdienst, ließ sich aber gegen den Willen seiner Mutter in preußischem Staatsdienst anstellen. Als Kriegs- und Domänenrat in Breslau kaufte er das nahegelegene Gut Strachwitz, wo Charlotte ihn im Frühjahr 1803 besuchte. Im Oktober desselben Jahres verlobte er sich mit Helene, der einzigen Tochter des Freiherrn von Stosch auf Gustau und Gleinig in Schlesien. Die Ehe wurde leider schon nach vier Jahren durch den Tod Helenes getrennt; sie starb nach der Geburt ihres jüngsten Kindes Marie. Auch seine beiden Söhne Lothar und Guido verlor Fritz durch frühen Tod, konnte sich aber noch an dem Herzensglück seiner Marie erfreuen, die sich mit dem Hauptmann Karl Theodor von Zobeltitz vermählte. Seine zweite Ehe mit der jungen Gräfin Amalie von Schlabrendorff-Seppau verlief nicht glücklich; er trennte sich nach freundschaftlicher Übereinkunft von ihr. Die Briefe Charlottens an ihn sind auch für die Kenntnis seines Charakters von Interesse. Er war ein durch und durch vornehmer Mann, empfänglich für alles Gute und Schöne, aber »ohne Enthusiasmus«, wie Körner, »ohne Genialität«, wie Schiller ihn beurteilte. Der Höhenflug reiner Begeisterungsfähigkeit war ihm versagt, und diesen Mangel an zündender Wärme mag er selbst schmerzlich gespürt haben: das zeigen mir manche seiner Briefe an seine ihn vergötternde Tochter Marie. Schwere Prüfungen wurden ihm nicht erspart: der Verlust seines Vermögens durch die Drangsale des Krieges, die Unglücksfälle in seinem Hause. »Das trug er mit Ruhe und Ergebung«, sagt Dr. Ebers nach persönlicher Kenntnis; »nie hörte man von ihm auch bei tiefem Schmerz die Klage des Unmuts. Aber auch des Schönen und Herrlichen war ihm viel von der Vorsehung beschieden. Trefflicher Jugendunterricht, Bildung des Geistes unter glücklichen Verhältnissen; Beruf zu mannigfachem Geschäft; heilbringende Erfolge seiner Tätigkeit; Genuß des Schönen, Wahren und Guten und glückliches Erkennen desselben; viele Liebe, treue Freundschaft, ruhiges Alter, sanfter Tod«. Briefe Charlottens von Stein. An Frau von Schardt. Kochberg, 15. August 1788. Dein Brief hat mich sehr gefreut und besonders, daß Du mit Deinem Manne und meiner Schwester mich besuchen willst. Komm ja recht bald! Ich hoffe, das Wetter soll auch mit dem Vollmond sanfter werden. Die Ahnung, daß der Kreis der Lieben zerrissen und das Häuflein zerstreut wird, schwebt auch mir im Herzen. Goethe hat auf seinem Gewissen, den ersten Schritt dazu gemacht zu haben. Doch hoffe ich, wir bleiben uns; die Bande der Verwandtschaft werden die der Freundschaft fester knüpfen ...   An Fritz von Stein. Frankfurt, 13. Mai 1789 Ich habe mich hier recht wohl amüsirt. Die Räthin Goethe hat mir ausnehmend gefallen, und ich könnte sie recht lieb haben und mit ihr leben; sie war zeither an einem bösen Geschwür am Backen krank. Sie hat Dich recht lieb, schreib ihr ja fleißig, denn von ihrem Sohn zu hören ist ihr ganzes Leben. Der Ring mit seinem Goethes. Kopf Den Fritz ihr geschickt hatte. hat sie ausnehmend gefreut, sie hatte ihn am Finger. Madame La Roche und viele von ihrer Familie habe ich kennen gelernt; ich war gestern den halben Tag bei ihr in Offenbach. Sie erzählt gar hübsch und interessant und würde Dir gewiß gefallen. Sie hat mich bis halben Weg in die Stadt begleitet, es war ein prächtiger Abend und die Luft voller Blütengeruch. Ich bin Dir getreu mit meiner Liebe; ich möchte noch dazu setzen: »Liebe mich!« aber ich habe Piks gegen diese Art zu schließen bekommen.   An Charlotte von Lengefeld. Weimar, 29. März 1789. Ich war den Winter immer nicht wohl, und da wird man geneigter zum Nachdenken, das einen im Leben nicht glücklich macht; der andere mir mühsame Begriff von meinem ehemaligen vierzehn Jahre lang gewesenen Freund liegt mir auch manchesmal wie eine Krankheit auf, und ist mir nun wie ein schöner Stern, der mir vom Himmel gefallen; wenn ich Sie sehen werde, will ich Ihnen mancherlei darüber erzählen, das ich nicht schreiben mag ...   An Fritz. Weimar, 27. Mai 1791. ... Schreib ja dem Goethe, man hat ja mehr Briefe der Lebendigen an die Todten. Das Mitleid bemächtigt mich manchmal über ihn, daß ich weinen könnte ... * * * Weimar, 27. Juni 1792. ... Wenn man kein liebendes Herz hat, verdient man mehr Mitleiden als Vorwurf, denn es ist die schönste aller Empfindungen, lieben zu können, die dem Unglücklichen, der sich in sich zurückzieht, nicht mehr zu theil wird. Das ist doch Dein Fall nicht; Du bist zwar früh von einem Freund Goethe. hintergangen worden, es ist aber besser früh als spät, wo sich die Wunde nicht wieder auswächst ...   An Schiller. 10. Sept. 1794. Ich bitte Sie, mein bester Herr Schiller, beikommenden Tisch in Abwesenheit unserer Lollochen in ihre Stube zu setzen. Ein guter Freund von Ihnen beiden hat mir den Auftrag gegeben, und ich habe es mit Vergnügen besorgt. Goethe war letzt bei mir und hat sehr gut von Ihnen gesprochen, es stimmte mit dem überein, was Sie von Ihrer neulichen Unterredung von ihm sagten, und es freute mich, daß es bei Goethe kein nur flüchtiger Eindruck war.   An Charlotte Schiller. 25. Febr. 1795. Daß Goethe sich Schiller immer mehr nährt, fühle ich auch, denn seitdem scheint er mich wieder ein klein wenig in der Welt zu bemerken. Es kommt mir vor, er sei einige Jahre auf eine Südseeinsel verschlagen gewesen und fange nun an, auf den Weg wieder nach Hause zu denken ...   An Fritz. 14. April 1796. Was Du von Deinen Idealen schreibst scheint, Du bist bestimmt, daß sie sich immer selbst entschleiern, wie es Dein hiesiger Freund Goethe. auch that. Sein kleiner August kommt jetzt oft als Spielkamerad vom kleinen Schiller zu mir. Es scheint ein gutes Kind. Ich schenkte ihm einige Spielereien, die ihn sehr freuten und nach drei verschiedenen Pausen, wo er vermuthlich einzeln die Geschenke in seinem Köpfchen recapitulirte, sagte er allemal ein recht ausgesprochenes: Ich bedanke mich. Ich kann manchmal in ihm die vornehmere Natur des Vaters und die gemeinere der Mutter unterscheiden. Einmal gab ich ihm ein neu Stück Geld, er drückte es an seinen Mund vor Freuden und küßte es, welches ich sonst am Vater auch gesehen habe. Ich gab ihm noch ein zweites dazu und da rufte er aus: Alle Wetter! Vor einigen Tagen schickte mir Goethe durch den Kleinen ein dick Packet Kochberger Akten, oder warens Kammerakten, die Du bei ihm hattest liegen lassen und schrieb ein recht papiernes Billet dazu. Hat er Dir wohl auf die drei Briefe, die Du ihm nacheinander schriebst geantwortet? Schillers sind nun beinahe vier Wochen hier Zu Ifflands Gastspiel. und Goethe macht Anschläge, im Fall er Ifflanden nicht hier fürs Theater engagiren kann, dem Schiller die Theaterwirtschaft, welche er zeither verwaltet, zu übergeben, da er nach Italien geht ... Lolochen Charlotte Schiller. ist von früh bis Abend bei mir; sie ist doch eine wirtliche Hausfrau worden, mehr als ich ihr zugetraut. Ich wünschte, sie wäre es mit ein bischen mehrerer Grazie. Sie ist ein engelgutes Wesen, ihre ganze Stiftung scheint ihr nur um des Mannes und Karlchens willen da zu sein ... * * * 12. Januar 1801 Ich wußte nicht, daß unser ehemaliger Freund Goethe mir noch so theuer wäre, daß eine schwere Krankheit, an der er seit neun Tagen liegt, mich so innig angreifen würde. Es ist ein Krampfhusten und zugleich die Blatterrose. Er kann in kein Bett und muß in einer immer stehenden Stellung erhalten werden, sonst will er ersticken. Der Hals ist verschwollen so wie das Gesicht und voller Blasen inwendig. Sein linkes Auge ist ihm wie eine große Nuß herausgetreten, und läuft Blut und Materie heraus, oft phantasirt er. Man suchte vor eine Entzündung im Gehirn, ließ ihn stark zu Ader, gab ihm Senffußbäder, darauf bekam er geschwollne Füße und schien etwas besser, doch ist diese Nacht der Krampfhusten wieder gekommen, ich fürchte weil er sich hat rasieren lassen. Entweder meldet Dir mein Brief seine Besserung oder seinen Tod, eh laß ich ihn nicht abgehen. Die Schillern und ich haben schon viele Thränen die Tage her über ihn vergossen, sehr leid thut mirs jetzt, daß als er mich am Neujahr besuchen wollte, ich leider weil ich am Kopfweh krank lag absagen ließ, und nun werde ich ihn vielleicht nicht wiedersehen.   An Goethe. (Ende Januar 1801). Ich habe heute so viel Traurige zu trösten, daß ich mich nicht ganz der Freude überlassen kann Sie gesund wieder zu sehen. Wenn es Ihnen recht ist, lieber Goethe, komme ich morgen früh oder nach Tisch. v. Stein. Tausend Dank, lieber bester Geheimderath für die Mittheilung der Miscellen, Eine neue Cottasche Monatsschrift. aber besonders für die zwey an Körper und Geist appetitlichen Bücherchen, »Die natürliche Tochter« und das mit Wieland herausgegebene »Taschenbuch« für 1804. die, wie ich mir schmeichele, Sie mir als Geschenk bestimmen, ich habe mich sehr darüber gefreut, und der Schillern gestern Abend aufgetragen es Ihnen zu sagen da ich Ihnen meinen Dank nicht gleich zuschicken konnte; so gar war mirs, wenn gleich in einem dunkeln Gefühl, ein angenehmer Eindruck Ihren und Wielands Namen vereinigt zu finden ... Adieu lieber Goethe! Hier einen herzlichen Händedruck in Gedanken. den 29. Octob. 1803. v. Stein geb. v. S. * * * Ich höre Sie sind krank, lieber Geheimderath; da alles so um mich herum stirbt, so wird mirs Angst für alles was mir lieb ist, sagen Sie mir ein frundlich Wort, daß Sie leidlich sind ... den 8. Jan. 1804. von Stein.   An Fritz. (Weimar) 19. September 1805. Wie sehr wünschte ich lieber Fritz, Deiner Frau nützlich sein zu können, aber da ich vielleicht noch kränklicher bin als Deine Schwiegermutter, würde ich ihr nur Sorge machen. Sorge Du nur, daß Deine Frau sich die ersten 14 Tage ihrer Niederkunft recht still halte, an nichts denke, sich um nichts bekümmere. Du hast mir gar eilig Deine Schuld gesendet und zwar beinahe zwey Louisdôr mehr wie mir gehört, wer weiß ob Dichs nicht incomodirt hat, denn nie antwortest Du mir ob Du die versprochene Mitgabe bekommen, und möcht sich beynahe glauben es sey nicht. Jageman Der Maler. zaudert recht mit dem Bild, ich werde es endlich jemand anderes auftragen, auch will ich gern der Gore Frau von Gore, Gattin eines reichen Engländers in Weimar. Goethes Büste abschwatzen, genug die Louisdôrs sollen vor Dich angewendet werden. Ich schicke Dir hier eine Abschrift von einen Vermächtniß, so in meinen Schreibtisch hier liegt, und bitte mir das, was ich in Strachwitz gelassen, mir wieder zu senden oder zu verbrennen, weil ich einiges geändert habe und da Du nun verheyrathet, Deine Frau mit nichts von meinen Sachen bedacht hatte. Ich bin seit einigen Monathen recht leident und auf den linken Ohr taub, dieses mögte nun so hingehen, aber dabey habe ich das unsäglichste Lermen, Sausen und pochen im Kopf und meine eigne Worte machen mir einen so unerträglichen Klang im Kopf daß ich von meinen Worten nicht mehr gewiß bin und mögte mich besser im ordre de la trappe schicken wo man nichts mehr zu sagen hat als memento mori . Eine Sorge habe ich um Dich und die armen Schlesier wegen den anscheinenden Krieg ... Gestern Abend ging ich mit Prinzeß Caroline im Park und wir sahen den schön gestirnten Himmel an, und ich sehnte mich in einen Planeten, wo ewiger Friede wäre, und keine Eroberer oder sogenannte Helden. Lebewohl, mein guter Fritz, und grüß Deine liebe Frau aufs schönste von mir. * * * (31. Oktober 1805). Unendlich erfreut mich das kleine neue Enkelchen, Marie. sag das der jungen Mutter und daß es mir lieb wäre, noch ein Töchterchen neben ihr zu haben. Schreib mir bald wieder, lieber Fritz, wie sich Mutter und Kind befindet und auch wie es mit Deiner Gesuntheit steht, es ist gar zu kalt schon, und Du hast nicht die Gabe Dich warm zu halten, und wenn ich beym niederlegen an die armen Soldaten denke mit Wunden in der Witterung, kann ich gar nicht schlafen: Ich mag die Poeten nicht mehr, welche die Eroberer besungen haben, meine letzte Montags Gesellschaft war recht traurig, ja wir haben alle geweint über die unglücklichen Nachrichten. Es sind so Viele hier, welche Brüder Freunde und Verwande bey der Oestreichischen Armee haben, besonders war die Wedeln Hofdame Henriette von Wedel. ganz außer sich. Immer fält mir der alte Friedrich ein, wie er gesagt hat von die Franzosen ces superbes tirans entrant dans vos etats Vous feront payer leur funeste assistance . Das Französische des damaligen Weimarer Hofes ließ zu wünschen übrig. Morgen komt der Russische Kayser unsre Erbprinzeß zu besuchen, ich habe eine heimliche Angst, die Franzosen könten ihn in ihre Hände bekommen ... Daß der arme Herzog von Oels Bruder der Herzogin-Mutter, der bei dem Sohne der Erbprinzessin Pate stehen sollte, aber am Tauftage starb. hier sein Grab gefunden hat uns allen sehr leid gethan, der Erbprinz frug mich ganz traurig ob dies nicht von übler Vorbedeutung vor sein Kind sein würde, mir wars auch in den Bezug fatal, doch was sind endlich die Dinge der Erden, mir deucht es wäre alles nur um Kräfte zu üben, vielleicht erfahren wir einst zu was für einen Bezug ... * * * (20. Dezember 1805). Heute früh beym Anbruch des Tags bekam ich Deinen lieben Brief vom 13t. Schon lang hatte ich gefürchtet, daß auch Dich die Last des Kriegs drücken würde, es ist mir unbegreiflich wie Du Dein Guth Strachwitz. wirst erhalten können, da Du es mit so viel Schulden übernommen. Sag doch Deiner guten Frau, sie solle sich doch auch um meinetwillen schonen, sie müsse blühend und fröhlich sich zu der ersten Zusammenkunft mit der alten Mutter erhalten: schreib mir bald wieder etwas vom Kind, es wird gewiß leben bleiben, hier hat man die Regel, einem stillenden Kinde wenigstens nicht so bald die Kuhpocken einzuimpfen. Unßre arme Großfürstin ist recht um ihre zwey Brüder in Angst gewesen, wir bekamen erst Nachricht von einem Sieg der Russen, aber sie blieb schwermüthig, es ahndete ihr das traurige Schicksal ihrer Landsleute. Lies doch Deiner Frau den Cid vom seeligen Herder aus dem spanischen übersetzt vor. Es steht im 3t. Theil von seinen Werken, ich wollte, die Russische Armee hätte den Cid zum General gehabt, der edle brave russische Kayser dauert mich recht schmerzlich, den er wolte nur die gute Sache. ... Ich werde suchen die schlesischen Provinzial Blätter zu bekommen, es scheint, man legt gern was unparteiisch und gerecht seyn soll in Deine Hände ... Ich möchte wissen was Mariechen Fritzens Tochter. macht, ob das liebe Kind besser ist? Du machst es doch nicht wie ein gewisser Herr von Soten, der, als seine Frau um die Kinder sorglich war, ihr sagte, du hast mich ja geheyrateth und nicht die Kinder. Ich lese jetz Garbes Briefe an Weise, und Soltikofern mit großem Interesse, vielleicht hast Du sie schon gelesen ... Ich bringe den Winter wegen ewigen Kopfschmerz meist zu Hauß zu, doch bin ich nicht Bettlägerig, ich könte auch wie Einsiedel, Der Oberhofmeister. als ihm der Herzog nach seiner Gesundheit fragte, antworten, erträgliche Schmerzen überall; mich interessiren Garbes Briefe Gemeint sind die 1801–1804 veröffentlichten Briefe des ewig kränklichen Philosophen Christian Garve auch, weil ich seine Leiden begreifen kann. Deiner Frauen Charakter kommt mir gar liebenswürdig vor, wir schickten uns recht gut zusammen, ich in der ruhigen Ergebung des Alters in den Schicksalen der Welt, und sie in den jugendlichen Wiederstreben gegen die Uebels. Eben war Goethe bei mir, ich las ihn einige Stellen aus Deinen letzten Brief die ihm gefielen. Er freute sich auch Deiner wohlangebrachten Blumen Stöcke, ich muß beynah allen Blumen in der Stube entsagen, ich bitte Dich ja keine in Dein Zimmer zu setzen, die lieblichen Gerüche dieses anmuthigen Geschlechts müssen den Lüften des freyen Himmels dienen. * * * Weimar den 15. Jan. 1806. Lieber Guter Fritz. Ich danke Dir für Deinen Antheil an meinen Geburthstag, gern hätte ich Dich auch dabey gehabt, daß Du ganz glücklich wärst; trennte mich nicht der weite Weg und mein nicht geschicktes Alter zu einer zweyten Reise nach Schlesien, ich glaube ich könnte Deiner Frau dort nützlich seyn. Ich habe mir auch in meiner Jugend ein phantastisches Bild gemacht, wie ein Ehe Mann ganz anders sein müsse als ihn die Natur gemüthet hat, und schwerlich geht ein Mann in alle unßre Leiden ein; mit der Zeit, wenn Helenchen die romanhafte Begriffe über die Männer wird abgelegt haben, wird sie gewiß besser mit Deiner ernsthaften Natur simpathiesiren; da sie Verstand hat, muß es eine Seite geben wo man ihr beykommen kan. Sollte es möglich seyn daß wir uns den Sommer sähen, so schreib ich Deiner Frau und bitte sie das Kind nicht mitzubringen, da sie es unter guter Aufsicht zurück lassen kann, aber die entsetzliche Theuerung, da die Armeen alles aufzehren, läßt es kaum hoffen reisen zu können, und nun noch dazu Deine Kriegs Abgaben, die Märkter haben es gescheut gemacht den König gleich ein Geschenk zum mobil machen seiner Armee zu geben, da könte jeder nach seinen würklichen Vermögen geben, anstatt daß mancher Schlesier von Gütern zahlen muß, wo drey Theile davon nicht seine sind. Die Amalie von Stein, geb. von Seebach, Gattin Karls, ältesten Sohnes der Charlotte. schreibt mir von Kochberg sie käme sich jetzt wie eine Gastwirthin vor, zum Glück sind ihre Einquartirung artige bescheidene Leute, die meisten Preusen betragen sich bey ihren Wirthen hülfreich, auser einzelne ... Die Theater Casse ist wohl die einzige, die bey der Einquartierung gewinnt, der armen Schillern kostet es wohl schon auf 50 Rth. Die Gräfin Barkoff Backow, Gattin eines Diplomaten. will ihr Hauß drüber weg geben, es drückt alle, die etwas Vermögen haben, hingegen die Armen essen mit die Soltaden welch letztere ihr Brod mit ihnen theilen dafür, daß sie ihnen den Soltaden etwas kochen. Die Preusische Beckerey ist jetz in Belvedere, unßre Becker konnten vorher wegen den unendlich backen gar nicht mehr zu bette kommen. Goethens Vorlesungen gehen alle Mittwoche ihren Weg, ein Viertelstündchen wird der Politik gewidmet oder viel mehr den jetzigen Begebenheiten, doch hat er das nicht gern. Vor 8 Tagen war eben seine Schwägerin, die jüngere Schwester seiner demoiselle Vulpius. gestorben und zwar wie wir eben da waren, aber alle todesfälle in und außer seinen Hauß läßt er sich verheimlichen, bis er so nach und nach dahinder komt, doch soll er sie beweint haben, sie war schon lang an der Auszehrung krank, sein Bube komt mir auch nicht vor als könte er lange leben, gebe der Himmel, daß er nicht vor ihm stirbt, seine demoiselle sagt, man betrinkt sich alle Tage, wird aber dick und fett, der arme Goethe der lauter edle Umgebungen hätte haben sollen! doch hat er auch zwey Naturen. Er ließt uns jetzt über die Farben, sagt daß sie in unßern Augen liegen, drum verlange das Auge die Harmonie der Farben wie das Ohr die Harmonie der Töne usw. Unser Erbprinz mit seiner Gemahlin ist noch in Berlin, unßre par force Jagd ist endlich abgeschafft, da unser Herzog ins Feld zieht, ich hoffe die Lämmer zu weiden, denn nun wärs doch wohl zu spät zuzuschlagen, ein Augenzeuge hat uns hier erzählt wie die armen 18 tausend gefangen Russen abscheulich behandelt werden, manchmahl werfe ich die Zeitung vor Zorn auf die Erde, sage mir denn, daß es mich nichts angeht – aber die Menschheit ist doch ein Ganzes. Leb wohl, der Himmel beschütze Dich, grüß Helenchen, küß Marie und die Mutter von mir. * * * 18. November (1806). Endlich ist eine Sorge wieder überstanden. Möge nur Deine liebe Frau mit ihrem neugebohrenen Söhnchen Lothar. nichts vom Schrecken einer Belagerung leiden, und nichts von den losgelassenen Deufeln aus der Hölle der Plünderers. Wenn ich jetzt nur ein französische Stimme höre, so schaudert mirs, und noch kann ich nicht einschlafen noch aufwachen, ohne daß mir diese Schreckensbilder vorschweben, und in diesen Zustand sind so viele tausende mit mir, die armen Lübecker haben auch dieses Schicksal gehabt. – Wie dauert mich der arme König! Möge der neugebohrene Sohn glücklichere Zeiten erleben als wir; Deiner Frau tausend Glückwünsche. Es ist mir sehr lieb, wenn die Ältern vom Hautcharmoy Einem ihr von Fritz anempfohlenen verwundeten preußischen Offizier. kommen, so habe ich eine Sorge weniger, aber einen traurigen Anblick haben sie zu erwarten. Lebewohl guter Fritz; unser Erbprinz geht heute nach Berlin und er hofft seinen Vater auch dort zu finden, das Schicksal vom Hohenloh hat mir weh gethan. Wenn unser Herzog zurück komt, wissen wir nicht, er wird seine Unterthanen als Bettelleute wieder finden, denn die Dörfer sind auch ausgeplündert und nun die unmenschliche Contribution, sie müssen all davon gehen. Ich freue mich immer auf Deine Briefe, Gott beschütze Euch. Deine treue Mutter. * * * Am 19. Novbr. (1806). Ich hoffe bald wieder auf Nachricht, wie es der Wöchnerin geht und was mein Enkelchen macht, ob Du auch noch in Besitzthum von Deiner Habe bist. Vorgestern kamen Briefe von des Hautcharmoy Ältern, auch ich bekam einen von der Mutter. Was es mich schmerzt, daß sie nicht ahnden, daß er wohl nicht zu retten ist: bis ins Frühjahr könne er vielleicht sein Leben erhalten, sagt Hufeland Der Arzt ... Viel Ordnung ist bei der französischen Armee, die Plünderers müssen die gestohlenen Sachen alle ihren Obern abliefern und bekommen einen Schein darüber ... In den Zeitungen schreibt man nichts von den Greuelthaten, stell Dir vor, daß die alte Mundschenken, des Kästners Schwester, eigendlich ein Abscheu zur Lust, auch die ist mißhandelt worden. Kästner Der erste Erzieher Fritzens, Pagenhofmeister in Weimar. hat mirs selbst erzählt, der arme Kästner ist auch recht ausgeplündert, er hat noch immer junge Leute bey sich, die er erzieht, dem einen haben sie seine Flöte weggenommen, die er sehr hübsch bläßt, ich hatte noch zwey von Deinem seeligen Vater, wollte sie ihm geben, aber sie waren auch weg ... Grüß Deine liebe Frau, ich küsse Marie und das neugeb. Söhnchen in Gedanken, Gott segne sie. In Deinem letzten Briefe war kein Dadum, ich weiß also nicht eigentlich den Tag, da dieses liebe Enkelchen geboren ist, vermutlich der 11te oder 12te. Lebt wohl, gute Kinder Deine treue Mutter. Goethe läßt Dir Glück wünschen zum neugebohrnen Sohn, es schien ihm zu freuen, seine Besuche sind mir nicht wohlthätig, ich kann nicht offen gegen ihn seyn, manchmal ist er ganz wie verrückt ... * * * den 26. Juli (1808). Ich kann mir das liebe junge Wesen Fritzens am 16. Juli im Wochenbette verstorbene Frau Helene. gar nicht im Grabe denken, es zerreißt mir das Herz, und nun fallen mir tausend Sorgen ein, ob etwas versäumt worden ist; Hatte sie denn ausgerechnet? oder kam sie zu frühzeitig nieder? ... Du schreibst so gefaßt und so gelassen wie jemand, der sich selbst aufgegeben hat, sag mir ja bald von Deiner Gesundheit, wie gern käme ich zu Dir, hätte ich die Kräfte dazu, nun bin ich so alt und kann niemand mehr nüzlich seyn, was wird aus den armen Kindern werden, die Großmutter ist wohl zu kränklich, um sie zu sich zu nehmen – die armen Großältern ihr einzig Kind zu verlieren, wie werden sies ertragen können. Die gute Mlle. Gerstmeyer Erzieherin der Kinder Fritzens. ist noch mein Trost, ihr mögte ich etwas Gutes erweisen können, ich hoffe sie nimmt sich Deiner an ... Könntest Du bey mir seyn um Dich wieder zu erholen, ich gäbe Dir etwas zum Reisegeld, aber wie bey jezigen Zeiten sein Hauß verlassen, alles alles wird jetzt unglücklich was nur irgend Ruhe und häußliches Glück genoß. Ich schließe mit einer Stelle aus Goethens Pandora, wo er mir den ersten Theil in Manuscript neulich aus Carlsbad zugeschickt: Was zu wünschen ist, ihr unten fühlt es, Was zu geben sey, die wissen's droben, – – – – – – – aber leiten Zu den ewig Guten, ewig Schönen Ist der Götter Werk; die laßt gewähren. Es nehmen hier so viele Menschen Antheil an den Tod der guten hingegangenen daß mein Schmerz nur immer mehr aufgereizt wird. Lebewohl guter Fritz schreib mir ja bald wieder ... Goethe trägt mir in seinen Brief auf, Dir für die Abtrücke von sehr interessanten Medaillen zu danken und zwar aufs beste, was Du darüber zu wissen begehrst will er Dir schreiben wen er wieder nach Hauß komt. * * * den 27. Juli (1808). Wen man alt wird fühlt man recht wie nothwendig einen der Tod ist, um von allen Schmerzen auszuruhen, die man im Leben hat ertragen müssen. Indessen ist der guten Helene auch wohl im Grabe, denn sie fühlte sich doch nicht glücklich, was auch der Himmel vor vielen andern für Gutes ihr beschert hatte, hübsche Gestalt, Vermögen, einen rechtschaffnen Mann usw., aber ein inneres Unbehagen welches wohl eine schwache Gesundheit verursachte, lies ihr dies nicht geniesen. Die Welt ist auf gesunde Menschen calculirt; ich habe mir viele Gefühle des lieben Wesens wohl erklären können, ich muß ihr nun viele Thränen weihen, aber ich fühle, daß ich solche Schmerzen nicht die Kraft mehr habe zu ertragen; ich bin nun äußerst um Deine Gesundheit besorgt, könnte ich Dir nur noch nüzlich seyn, meine Gedanken kommen gar nicht von Dir, schreib mir ja bald wie Du Dich einrichten wilst und ob Dir die Franzosen noch etwas zu leben lassen. * * * 15. August 1808. Ich habe die Denckrede der guten Helene an die Freunde vertheilt, sie hat mir sehr gefallen und ich wundre mich nur über Deine Fassung, so alles haben besorgen zu können. Ich komme auf alten Volksglauben zurück. Den Sterbetag von Deiner Frau hat mich eine ungewöhnliche Traurigkeit überfallen, eine kleine Gesellschaft ladede mich ein zum Mitglied, der Prinzeß Caroline in ihrem Gärtchen ihren Geburtstag zu feyern, denn sie ist noch in Wilhelmsthal – auf den andern Tag, welches der 18. war – ich weigerte mich erst und gestand, ich hätte einen unüberwindlichen Hang, einsam zu seyn, endlich ging ich doch, um nicht absurt zu scheinen, es war hübsche Musik im Garten, schöne Kuchens pp., aber von allen genoß ich nichts und ich ging endlich fort. Es war meine Traurigkeit nicht auszuhalten, so daß die Gesellschaft es bemerkte und sich nun jetzt diese Ahndung zu erklären weiß. Ich weiß nicht, war es einige Nächte darauf oder dieselbe Nacht, als ich grad um Mitternacht mit Schrecken aufwachte von dem Schrey einer Eule, die mir zum Fenster, das ich aufgelassen hatte, weil es sehr heiß war, herein schrie; die Bose Fräulein v. Bose, die bei Charlotte wohnte. hörte es auch, es hatte uns beyden geschauert, denn nie halten sich Eulen da auf. Ich konnte nicht unterlaßen, mir zu sagen, der Weisheits Vogel bedeutet mir nichts gutes. Ein Traum hatte mir schon längst gesagt, daß mir ein Verlust, der Dich anginge, bevorstünde, aber nimmermehr fiel mir ein, daß es die arme Helene seyn könnte; sich ähnliche Geister wissen sich in geheimnisvoller Sprache etwas zu sagen, das habe ich oft erfahren. Deine Briefe habe ich besorgt. Noch ist alles abwesend, den 23ten heißt es, kommen die Herrschaften von Wilhelmsthal ... * * * 31. Dezember 1809. Den lezten Tag im Jahr will ich noch mit einen Brief von dir endigen mit den Wunsch, daß das künftige Dir möge glücklicher erscheinen als so manche es nicht waren, seitdem Du Dein Vaterland verlassen hast. Ich habe manche schlaflose Nacht um Dich, besonders seit einem Brief von Deinem Schwiegervater, in welchem er schreibt, er werde suchen Deiner Kinder Vermögen zu retten, übrigens machten Deine zerrütteten Umstände Deinem Charakter Ehre; ich sehe also, daß er nichts vor Dich thun wird im Fall einer tringenden Noth; verkaufts Du Dein Guth so kanst Du ja nicht mehr Landschaftsrepresentant seyn, also auch da ein Verlust, und es zu behalten ist auch ohnmöglich weil beinahe nichts mehr dran Dein ist nach allen Kriegsverlust ... * * * Weimar, den 27. April (1810). In 14 Tagen ohngefähr wird das Kästchen mit Münzen Ein Geschenk Goethes für Fritz. durch Gelegenheit des Buchführers Hoffmann hier abgehen. Ich habe lange nichts von Dir gehört, wie geht Dirs lieber Fritz? bist Du wohl und glücklich? ... Unser Herzog ist jetzt in Dresden; die Prinzes Amelie von Baden ist zu Ihrer Mutter gereißt mit 5 Wagen von Petersburg, wo sie 6 Jahre war, hat sich einige Tage hier aufgehalten. Künftigen Sonnabend erwarten wir Prinzes Wilhelm von Preußen. Ich lebe in der Stille, sehe nur Prinzes Karoline von Weimar. so viel als möglich, da wir uns bald trennen müssen. Goethe hält sich schon lange in Jena auf, schreibt mir nicht ein Wort, aber er ist wohl, hat sogar in Drachendorf Drackendorf. bei Ziegesars Der Familie des Altenburgischen Ministers v. Z., mit dessen jüngste Tochter Silvie Goethe befreundet war. getanzt, wurde aber schwindlich, fiel hin, es hat ihm aber nichts geschadet, es ist schade, daß eine so ausgezeichnete Natur nicht immer jung bleiben kan. Was macht Deine Braut Gräfin Amelie von Schlabrendorff. wird sie sich vor glücklicher halten als Helene sich hielt? Das Blatt mit die bunten Bilderchen so ich Dir mitschicke gieb Mariechen von mir, grüß alle meine alte schlesische Bekannte ... Deiner Braut sag aber vorzüglich recht viel liebes und Gutes in meinem Namen. Ich hoffe sie noch kennen zu lernen und freue mich drauf ... * * * Am 8. Februar (1811). Ich muß Dir gestehen, lieber Fritz, daß mir ganz sonderbar vorkommt, wie Du die Begebenheiten, die das Glück, Wohlstand, und Ruhe unßers Lebens ausmachen, mit einen Leichtsinn behandelst, der doch Deinen ernsthaften Charakter gar nicht angemessen ist, und mich endlich über Dich ganz besorgt macht, so hast Du es seit der unglücklichen Zeit, als Du den hiesigen Dienst verliesest, mit Deinen Güthererkauf und Deinen Heyrathen gemacht usw. Alles, was Du mir von Deiner zweiten. Frau sagst, ist noch keine Ursache, sich von ihr trennen zu wollen, vielmehr solltest Du suchen sie zu erziehen, sie mit Liebe zu gewinnen ... und Du thätest ein gutes Werk an ihr, da Du nun einmal Dich mit ihren Charakter nicht vor der Heyrath hast vorgesehen. Diese Trennung wird Dir wieder viel Geld kosten, und endlich wirst Du den panquerot gar nicht entgehen können; Dein Gut zu verkaufen bringt Dir auch den Verlust Deiner jetzigen Stelle, da Du nicht mehr Landstand bist und endlich wird man das Zutrauen zu Dir verliehren, da Du Dir Deine eigene Sachen nicht besser zu machen weißt; und jetzt, da Humbold nicht mehr in Berlin ist, hast Du nicht einmahl einen Freund, der vor Dich spräche; Du wirst vielleicht hart finden was ich Dir sage, und ist etwas wahres dran, daß die Unglücklichen immer unrecht haben, also Du armer Fritz mußt auch dieses leiden, doch hielt ich vor meine Pflicht, Dich drauf aufmerksam zu machen, Deinen Schicksal nicht zu trauen, vielmehr immer lieber das sicherste als gewagtes zu nehmen. Von Jugend auf waren alle Hände aufgehoben, Dein Glück zu machen, bald wolte Dich der eine adoptiren, Dir sein Vermögen mit einer reichen Nichte geben – es wurde nichts, bald wollte Dich ein anderer adoptiren Goethe. und nie von seiner Seite lassen und wurde nichts – hier machte man allerhand Entwürfe, was Du werden soltest – Du bliebst weg, in Schlesien gabs manche hübsche Aussicht, abermahls wurde nichts erfüllt, also hat Dich das Glück immer getäuscht, traue ihm nicht mehr, sondern rette nur ein kleines sicheres Glück, Du hast den Seegen Deines Vaters, der Dich vorzüglich liebte, den meinigen, denn Du betrübtest mich niemahls, er hat nicht gewirkt, das gehört zu den jetzigen Zeiten wo man allen Glauben ans Gute verliert. Du wirst Dich erinnern, daß ich das Capital, wovon ich mein Withum bekomme, nicht auf Dein Guth wolte gesetzt haben, weil ich Dein gewagtes Handeln voraus sah, ich erinnerte auch, nicht ein so großes Guth zu kaufen, denn es könnte Krieg kommen, aber Du kontest Deinem Schicksal nicht entgehen; wärst Du ein rechter Erdenmensch, es wäre Dir gelungen, aber es ist ein besseres Streben in Dir, gieb Dich also den Erden Glück nicht mehr preis, wage nichts mehr, es läßt Dich stecken. Nun hast Du auch wieder Dein Pferd verlieren müssen, vielleicht hat ihm die Reise nach Glogau geschadet; Hat denn Deine Frau Dir gar nichts ins Haus gebracht als den Dax und den Vogel? ... An der Herzogin Geburthstag hat man den standhaften Prinz von Chalderon aus den spanischen vom Schlegel übersezt gegeben, mir und sehr vielen hat es außerordentlich gefallen, aber freilig den grösern publikum nicht, die Schauspieler spielten vortrefflich, Goethe war ganz mit jugendlichen Feuer dabey; ich werde ihn an die Münzen erinnern ... Du hast wohl recht, nichts ist den Gedächtniß verderblicher als ein sorgliches sorgenvolles. Leben. Ich habe vor verschiedenen Jahren schon einmahl einen Professor, Gemeint ist vielleicht der sächsische Landgeistliche Kästner, ein bedeutender Mnemotechniker, der gern seine Kunst bewundern ließ. dessen Nahmen ich vergessen, hier gesehen, der nach den Regeln der Mnemomik zum erstaunen alles behielt, was wir, eine große Gesellschaft, ihn aufgaben, aber im Leben selbst glaub ich nicht, daß es anwendbar ist, es gehört schon selbst zu einen guten Gedächtniß dazu, die Preparate zu lernen. Wenn Du Lust hast zu vergessen, was ich vor Dich ausgelegt, so will ich Dirs gern lassen, aber ich kann dann nichts ferner mehr auslegen, habe auch allerhand extra Ausgaben dies Jahr, als die Tapeten zu erneuern und die zerrissene Kleidung meiner Stühle, Canape, Deckbette usw., vielleicht brauch ich bald von alledem nichts mehr, und wäre mir um so viel lieber Dir alles zu lassen, denn Du mußt Dich doch noch eine Zeitlang mit dem Leben herumstreiten. Wie wunderbar, daß ein einziger Mensch in der Welt die Gewalt hat, uns alle um unßere Existenz zu bringen, diese Unsicherheit verdirbt einen recht das Leben. Lebe nur in der Hoffnung, verdirb nicht selber was an Deinem Schicksal, vielleicht hat es Dich ausersehen, die Stütze der Amelie zu seyn, Du verspracht's ihr ja vor den Altar. Deine treue Mutter.   An Goethe. Gesiegelt mit dem f. Z. von Goethe geschenkten Petschaft mit der Inschrift »Alles um Liebe«. Das Zettelchen, lieber Geheimerath, sollen Sie morgen früh bekommen; aber ich kann jetzt dem Drang nicht wiederstehen es heute Abend noch zu schreiben, da ich eben aus dem Tasso komme, den ich immer himmlischer finde je mehr ich ihn sehe, und alles wo mir nur ein Laut zukam fühlte es ebendso. Gern wäre ich noch selbst heute Abend gekommen um es Ihnen zu sagen, wenn ich nicht gefürchtet hätte Sie in Ihrer Ruhe zu stören. Der Amiant oder Asbest hat Ihnen zu Ehren den ganzen Tag in meinem Cabinet gebrannt wie vor einer Gottheit, nur schade daß ich keine goldne Lampe dazu habe, dann hätte ich sie heute Abend vor Ihr Schlafzimmer gestellt. Von der Großfürstin soll ich Ihnen die schönsten Grüße sagen, ich kam gestern noch zu rechter Zeit in die Gesellschaft. Mögen Sie die Nacht ja recht wohl schlafen und nicht etwa durch eine Art von Galvanismus Anspielung auf die physikalischen Vorträge Goethes. durch die viele heute Abend mit Enthusiasmus an Sie Denkenden beim Einschlafen gestört werden. Ihre treue Verehrerin v. Stein. Mittwoch Abends halb 10 Uhr den 20. März 1811. Etwas zum Frühstück kommt mit. * * * 24. Dez. 1811. Mir deucht es wäre so ein altes Recht, das Sie, bester Geheimerath, auf einen Wachsstock von mir zum Weihnachtsgeschenk haben; hier brennt mein Stöckchen also ganz dehmüthig, da ich eigentlich nichts sinnigeres zu geben weiß das Ihrer würdig wäre, es ist doch noch immer ein Flämmchen das auf den Ihnen errichteten Altar lodert. Sie haben wohl den Brief von der Helvig Nichte der Stein, die Dichterin Amalie von Helvig. den ich Ihnen heute Früh schickte erhalten, seien Sie doch nicht grausam und sagen auch dieser Verehrerin ein Wort. Haben Sie der Arnim Bettina. noch nicht gedacht? v. Stein.   An Fritz. Weimar den 1. May (1812). ... Ich hoffe, Du bist jetzt wohl, wenngleich durch neue Lasten mit Sorgen überhäuft. Wie gehts mit Deiner Frau? Wäre ich nur nicht so alt und der Krieg und Theuerung überall (bey uns wird das Brod immer theurer) so käme ich diesen Sommer nach Breßlau ... Goethe kann das Abschied nehmen nicht leiden, er ging ohne Abschied neulich von mir, nun reißt er heute von Jena aus, wo er einige Tage war, nach Carlsbad ab, in der kalten Witterung: Er eilte so entsetzlich geschwind zu meiner Thür hinaus, daß es mir wunderbar vorkam, ich glaube ich sehe ihn nicht wieder ... Mlle. Jagemann Die Geliebte des Herzogs. hat die fürstliche Familie wieder mit einen Töchterchen vermehrt, man sagt, sie werde das Palais von der Hertzogin Mutter künftig beziehen oder bekommen, man hat Stroh in die Straßen gestreut, wo sie in Wochen lag um das Lerm der Fuhren zu dämpfen, darauf fand man ein Pasquill an ihren Hauß – die Policey nahms geschwinde ab; dieser kleine Hof soll mehr kosten wie der große, es macht im allgemeinen einen bösen Eindruck. Ich lege einen Arbeitsbeutel bey, den schenk in meinem Nahmen entweder Deiner Frau oder Mariechen. Deine Dich herzlich liebende Mutter.   An Fritz 18. September 1802. ... Goethe ist zurück, war gleich bey mir, er sieht gut aus, aber seine Augen sind nicht mehr die alten. Es ist, als wenn er keine Ruhe habe, es treibt ihn immer fort, jetzt will er nach Jena. Zu mir ist er höflich und freundlich, manchmal als drücke ihn was und dann wieder von schöner Heiterkeit ...   An Goethe. Gesiegelt mit dem Petschaft »Alles um Liebe«. 23. Jan. 1814. Recht innigsten Dank, lieber bester verehrter Meister, für Ihr Geschenk das mir ein freundlicher Sonnenblick durch mein schon viele Tage umwölktes Haupt war. Wenn der Schnee sich nicht zu dick zwischen uns legt, so brech ich doch noch durch so bald es geht, und mache mir Bahn zu Ihnen, denn ich bin geizig auf Sie, und muß dem Autor auch persönlich Dank sagen. Für die gestrigen Rübchen schließ ich Ihnen, oder vielmehr der lieben Hausfrau, den schönsten Dank bei, das Gericht war sehr gut. Ihre treue Verehrerin v. Stein.   An Karl von Stein. 7. Jan. 1817. Hier ist gestern eine schön geputzte Braut bei Hof präsentiert worden, nämlich Fräulein Ottilie von Pogwisch mit dem jungen Goethe. August. Die Braut nebst Mutter und Großmutter Gräfin Henckel-Donnersmarck. haben mir diese glückliche Begebenheit ihrer Familie gemeldet. Zweite Neuigkeit. Der Staatsrath Kotzebue zieht nach Weimar, mit dem Titel, sagt Seebach, Oberstallmeister von Seebach. literarischer Spion. Künftigen Donnerstag, nämlich übermorgen, gibt die Großfürstin einen Ball. Lieber Sohn, ich war bisher immer krank.   An Goethe. Den 14. Juli 1825. Lieber verehrter Geheimderath! Für das schöne Medaillon mit Ihrem Bildniß, Von Antoine Bony in Genf 1824. das mich samt den kleinen allerliebsten Überbringers Walter und Maximilian, Goethes Enkel. sehr erfreut hat, wollte ich Ihnen gleich herzlich danken, aber ich wurde durch viele Besuche gehindert und so fort durch mancherlei, bis mir in den Augenblick eine ruhige Stunde erscheint. Könnte ich Ihnen nur etwas Gutes dafür erweisen! vielleicht wenn wir uns in dem großen Weltall wo wiederfinden –. Ich schließe Fritzens Brief hierbei. Wenn er sie amüsieren könnte – Ihre treue Verehrerin v. Stein. * * * Tausend Glück und Segen zum heutigen Tag. Mögen die Schutzgeister auf dem himmlischen Reichstag befehlen daß alles Liebliche und Gute Ihnen, geliebter Freund, erhalten werde und mit aller Hoffnung aufs Künftige ohne Furcht verbleibe, mir aber erbitte ich, verehrter Freund, Ihr freiwilliges Wohlwollen auf meiner noch kurzen Lebensbahn. d. 28. August 1826 Charlotte v. Stein geb. v. Schardt.   An Fritz. (Anfang September 1826). Lieber Fritz! Die gute Präsidentin Schwendler nimt sich meiner möglichst an, ich seh nicht mehr recht, kann nicht mehr sprechen, bin voller Schmerzen vom Kopf bis zum Fuß, wenn mein gutes Mariechen bey mir seyn könte, ginge mirs besser, tausend Dank für ihre schöne Arbeit, ich schrieb ihr gern, aber es wird zu schwer. Deinen Brief an Amelie Amalie von Stein. habe ich ihr nach Kochberg geschickt, was Dir die Schwendlern geschrieben, kont ich nicht lesen, noch ein rechtes Leiden daß ich stark taub bin. Lebe wohl guter Fritz Gott segne Dich. Deine Dich herzlich liebende Mutter. * * * (November 1826.) Lieber Fritz! Wie sehne ich mich dich zu sehen! wäre es gutes Reisewetter und bekäme ich mein Geld ordentlich, denn die Pachters zahlen nicht, so erböte ich mich die Reisekosten für dich zu bezahlen, so werde ich dich nicht wiedersehen und das rätselhafte Dasayn bald vollendet haben. Der versprochene Besuch vom Professor Professor Steffens. auf seiner Rückreise nach Breßlau ist nicht erfolgt und der arme Guido (hat) durch diese Gelegenheit sein Kästgen mit die Frühstückstassen also nicht bekommen ... Louisgen ist jetzt bey mir, aber auch nur halb, denn die vielen guten Freundin(nen) reißen sich um sie. Der arme Fritz Sohn von Karl von Stein. von Berlin war tödlich krank, hat mir einen allerliebsten Brief geschrieben zum Zeichen seiner Besserung. Grüß freundlich die beyden Stosch Schwiegereltern von Fritz. Papa und Mama, die Großfürstin grüßt dich gar freundlich.   An Fritz. (Anfang Dezember 1826). Ich wünsche, daß Du meinen Brief, an den ich schon 3 Tage schreibe, mögest lesen können ... Dies die letzten Zeilen Charlottens; die Fortsetzung stammt aus der Feder ihres Enkelchens Luischen, ihrer treuen Pflegerin. Bis hierher schrieb die gute Großmutter. Seit dem ist sie aber krank geworden und liegt im Bett, an welches sie mich eben rief, um mir aufzutragen, an Dich, geliebter Onkel Fritz, diese von ihr mit schwacher Hand geschriebenen Zeilen ab zu senden und Dich noch schön zu grüßen. Großmutters Fuß ist recht geschwollen und hat eine offene Stelle bekommen an der Ferse; dabey hat sie im ganzen Körper viel Schmerzen und Übligkeit; ihr Wunsch ist Ruhe, nach welcher sie sich sehnt; mit unendlicher Geduld erträgt sie die Leiden welche sie täglich zu ertragen hat. Recht bald werde ich Dir wieder schreiben um Dir zu sagen wie es geht. Fräulein Staff Wilhelmine v. Staff, Tochter des Oberforstmeisters. welche mit mir vereint der kranken Großmutter zur Seite stehet, läßt sich Dir schön empfehlen. Wenn Du an Mariechen schreibst, so bitte ich Dich sie recht herzlich zu grüßen – wir sind so lange von einander getrennt gewesen daß ich garnicht mehr weiß wie ich mir mein Cousienchen denken soll. Die Präsidentin Schwendler hat eben ein Blättchen zur Einlage an Dich geschickt. Die Ankunft des preußischen Gesandten Jordan setzt alles hier in Bewegung, eben kam Gräfin Schulenburg Oberhofmeisterin seit 1816. mit einer langen Schleppe von Tafel, um sich nach den Befinden der Großmutter zu erkundigen, sie schläft recht sanft und fühlt wenigstens so lange keinen Schmerz. Lebe wohl, mein guter Onkel, tausend Dank für Deinen freundlichen schönen Brief und vergiß nicht zuweilen zu gedenken Deiner getreuen Nichte Louise v. Stein. Charlotte von Schiller Charlotte wurde am 22. November 1766 als zweite Tochter des Landjägermeisters Karl Christoph von Lengefeld zu Rudolstadt geboren. Ihre Mutter, eine geborene von Wurmb, die über ein Vierteljahrhundert jünger war als ihr Gatte, mit dem sie aber trotz dieses Altersunterschieds in überaus glücklicher Ehe lebte, leitete ihre erste Erziehung und die der Schwester Karoline. Während Karoline ihren Vetter, den Kammerherrn von Beulwitz, heiratete, wurde Charlotte durch die dem Hause Lengefeld befreundete Frau von Stein in die Weimarer Hofkreise eingeführt. Die Herzogin hätte sie gern als Hofdame um sich gesehen; da es ihr aber an Sprachtalent gebrach, so beschloß die Mutter, ihre Töchter zunächst auf einige Zeit in die französische Schweiz zu begleiten. Dies geschah im Frühling 1783. In Stuttgart führte eine Freundin, die alte Baronin Wolzogen, die Reisenden zu Schillers Eltern auf die Solitüde. Ihr Sohn Wilhelm war von der Karlsschule her ein Jugendfreund Schillers, aber bei diesem Besuche auf der Solitüde dachte wohl Keiner daran, daß Wilhelm von Wolzogen einmal der zweite Gatte Karolinens und daß Friedrich Schiller der Gatte Charlottens werden würde. Ein Jahr hindurch blieb man am Genfer See. Auf der Rückreise konnte man Schiller in Mannheim, dessen Herz damals zwischen Charlotte von Kalb und Margarethe Schwan schwankte, Grüße von den Wolzogens bringen. Den nächsten Winter verlebte Lotte von Lengefeld in Weimar bei Frau von Stein, durch die sie einen jungen Engländer kennen lernte. Nun kam das erste Frühlingslieben; aber sei es, daß ihre Familie der Verbindung mit Kapitän Heron widerstrebte, sei es, daß Anderweitiges dagegen sprach: das Verhältnis löste sich bald, und Charlotte kehrte zu ihren Eltern zurück. Hier erhielt sie – am 6. Dezember 1787 – den Besuch Schillers, der mit seinem Freunde Wolzogen über Rudolstadt nach Weimar wollte. Schillers Herz schwankte wieder: Karoline erschien ihm so anmutig und anziehend wie Charlotte. Im Frühjahr 1788 trat er mit den Schwestern in Briefwechsel. Er schrieb Verse in Charlottens Stammbuch und beschloß auch, in ihrer Nähe zu verbleiben. Er mietete sich in dem Dörfchen Volkstädt bei Rudolstadt ein, wo er an seinem »Abfall der Niederlande« arbeitete und die Abende dazu benutzte, auf seinen Spaziergängen mit den beiden reizenden Schwestern zusammen zu treffen. Nun wußte er freilich, daß sein Herz Charlotte gehörte; aber eine Aussprache wagte er noch nicht. Erst als er durch die Empfehlungen der Frau von Stein an Goethe den Lehrstuhl für Geschichte in Jena erhielt und seine Zukunft ihm dadurch einigermaßen gesichert erschien, kam es zur Entscheidung. Im Sommer 1789 verlobte er sich in Lauchstädt heimlich mit Charlotte. Karoline bildete die Fürsprecherin, die Mutter – die »chere mere« – erfuhr erst später davon, gab aber mit Freuden ihre Einwilligung. Am 22. Februar 1790 fand in dem Kirchlein von Wenigenjena die Trauung in aller Stille statt. Kurz vorher hatte der Herzog von Meiningen ihn zum Hofrat befördert und der Herzog von Weimar ihm 200 Taler Jahresgehalt gegeben. Mit dem Hofratstitel und den 200 Talern fing die Ehe an. In Jena richtete man sich unendlich bescheiden ein. Die chère mère hatte noch 150 Taler Extrazuschuß bewilligt; für alles übrige sollten die fleißige Feder und die Verleger Göschen und Cotta sorgen. Die Junggesellenwohnung Schillers war durch ein viertes Zimmerchen ergänzt worden, und als man drei Jahre später eine geräumigere Wohnung bezog, empfand man fast etwas wie Sehnsucht nach dem dürftigen Heim, das das erste Glück ihrer jungen Liebe umschlossen hatte. Krankheiten trübten häufig den Frieden der Ehe. Ende 1790 war Schiller mit Charlotte nach Erfurt gereist, um dort den Coadjutor von Dalberg zu besuchen. Hier warf ihn ein heftiger Katarrh auf das Krankenlager, der von neuem ausbrach, als er über Weimar nach Jena zurückgekehrt war. Lotte war die liebevollste und zärtlichste Pflegerin; da aber die Krankheit nicht weichen wollte, so wurde eine Kur in Karlsbad nötig. Damals verbreitete sich das Gerücht von Schillers Tode und die Folge war jene großherzige Unterstützung, die er von dem Augustenburger und dem dänischen Minister Grafen Schimmelmann erhielt. Erst in Weimar kamen bessere Jahre. Nun brauchte Lotte nicht mehr beständig zu rechnen und sich über ihr Haushaltungsbuch Sorgen zu machen. Zwei Kinder hatte sie Schiller bereits geschenkt: Karl und Ernst. »Jetzt also kann ich meine kleine Familie anfangen zu zählen«, schrieb er nach Ernstens Geburt an Goethe; »es ist eine eigene Empfindung, und der Schritt von Eins zu Zwei ist größer, als ich dachte«. Es kamen auch noch die Schritte zu Drei und Vier: 1799 wurde Karoline, 1804 Emilie geboren. Wie glücklich diese Dichterehe war, beweist der Briefwechsel, den Emilie zuerst veröffentlichte. »Ich könnte die ganze Welt aufbieten, um Dir Glück zu geben«, schreibt Lotte einmal an Schiller. Und in der Tat: sein Glück war das ihre. Häufig ist sie von ihm getrennt, aber ihre Gedanken überbrücken die Ferne. »Niemand kannte ihn wie ich«, heißt es in ihren »Fragmenten«, »kannte den Reichthum seines Herzens. Er sprach wenig von den Gefühlen, die er uns bewahrte; aber sein heiterer Blick, seine Äußerungen der Liebe ließen mich oft tiefer in das liebende Herz schauen, als eine lange Folge von Handlungen bei anderen Menschen es würde verrathen haben ... Ein solches Wesen, von allem Gemeinen fern und entfremdet, giebt es wohl nicht mehr. Man mochte den hohen Geist zu fassen vermögen oder nicht, man fühlte seine Hoheit und eine gewisse Scheu, etwas Unedles in seiner Nähe zu dulden.« Der ganze Briefwechsel Charlottens zeugt von der treuen und hingebenden Liebe dieser Frau. »0, ich könnte die ganze Welt aufbieten, um Dir Glück zu geben«, schrieb sie als Braut an den Geliebten, und später wieder einmal: »Arm und leer wäre mein Herz ohne Dich – mein besseres Leben lebe ich nur bei Dir« ... Ihre Tochter Emilie hat dem Deutschen Volke durch die Veröffentlichung dieser Briefe ein teures Vermächtnis geschenkt. Noch einundzwanzig Jahre überlebte Charlotte den Gatten. Sie starb am 9. Juli 1826 in Bonn, wohin sie zum Besuch ihrer Söhne gereist war, an den Folgen einer Augenoperation, und liegt auch dort auf dem alten Friedhof begraben. Briefe von Charlotte von Schiller. An Fritz v. Stein. Rudolstadt den 11. Juli 1785. Wir wurden letzt recht in Angst gesetzt, denn wir hörten, der Herr Geheimerath Goethe. wäre so sehr krank in Neustadt; Neustadt an der Orla. recht gut ist's, daß die Krankheit nicht so gefährlich war, als man sie bei uns machte. Ihre liebe Mutter kommt nun wohl bald wieder, von Karlsbad zurück. ich freue mich so sehr, sie wieder zu sehen. Ach, ohne sie in unsrer Gegend zu wissen, ist es doch weniger hübsch hier! und im Sommer sind wir ihrer lieben Gesellschaft so gewohnt, aber nun ist ja die Zeit bald verflossen. Den 20sten will sie, habe ich gehört, wieder kommen. * * * Rudolstadt, den 17. Juni 88. Wie geht es Ihnen? Sind Sie wohl recht froh jetzt? Das Rollen jedes Wagens macht Ihnen wohl Freude, weil Sie denken, es wäre der Geheimerath. – Ich erwarte eigentlich recht ungern Menschen, die mir lieb sind, weil sie mir immer nicht bald genug kommen können, und da werde ich am Ende ungeduldig. So weit wird es aber Ihr männlicher ernsthafter Geist nicht kommen lassen; ich weiß gar wohl, daß ich die Dinge als ein Mädchen ansehe; wir haben einmal lange keine Lanze über die Vortheile unsres Geschlechts gebrochen. Schreiben Sie mir, wenn Sie können, bald wieder und recht viel vom Geheimerath. – Ich freue mich, daß er nun wieder in Deutschland ist, und nun wohl auch bald bei Ihnen; er wird Sie recht groß finden ... * * * Rudolstadt, den 30. Nov. 1788. Wie leben Sie und mit was beschäftigen Sie sich eben? ... Ich lese so gern Reisebeschreibungen; es macht eine angenehme Empfindung, wenn man von dem kleinen Fleck Erde auch einen großen Teil der Welt sehen kann und sich dahin versetzen. Ich denke, Sie werden noch einmal hören, daß ich mit einem Schiff abgehe, um die Welt zu umsegeln; aber vorher denke ich doch, wir sehen uns noch. Es wird noch mancher Tropfen Wasser ins Meer fallen; wäre ich aber von Ihrem Geschlecht und fände nicht, was ich suchte, in unserm Weltteil, ich bedächte mich nicht einen Augenblick ...   An Schiller. Weimar den 22. (Januar, 1790) gegen 4 (Freitag). Du wirst heute früh auf einen Brief von uns gewartet haben. Es thut mir gar weh, daß wir nicht schrieben, mein Lieber, aber der unglückliche Postzettel war nicht bei der Hand, und wir sahen erst heute, als wir dachten, wir wollten Dir heute etwas sagen, daß es zu spät war. Morgen, denke ich, kommt das Botenmädchen von Jena. Es wird mir gar unheimlich, wenn ich denke, Du hast heute einen Brief erwartet. Morgen kommt Nachricht von Dir; mein Herz bedarf ihrer. Noch eine Schwägerin hat gestern geschrieben und sich gefreut, so einen würdigen Mann, wie Du, zum Schwager zu haben. Die beiden Beulwitzens Karoline von Beulwitz, Charlottens Schwester, und ihr Mann. werden Dich gar zu lieb kriegen. Es wäre gut, wenn die Fragerin ein intérèt du cœur für Dich hätte; da fragte sie nicht so viel; denn seit sie ihren Onkel lieb hat, fragt sie weniger. Gestern hat uns Knebel gar schön einladen lassen, ein Mädchen zu hören, das auf der Harfe spielt. Die beiden Kalbschen Familien Frau Charlotte mit ihrem Mann und Eleonore, die Gattin des Präsidenten Knebel mit seiner Schwester. waren dort, Herders, die Stein und G. und Schardts. Die Steinschen Verwandten. Da war Knebel recht in seinem Glanz; es war aber artig bei ihm. In seinem Hause ist er mir erträglicher wie wo anders, weil er nicht so viel spricht. Wir, K.(alb)'s und die I.(mhoff) blieben zum Essen bei ihm und waren recht munter, denn die Herrn erzählten Gespenstergeschichten. Ich dachte fast, ich würde ein Gespräch mit der K.(alb) haben müssen, aber die Unterhaltung war immer allgemein, und wir waren Alle friedlich und einträchtig zusammen. Nein gewiß Lieber; sie ist nicht gemacht Dir zu gehören, sie hat so viel Härten in ihrem Wesen, die Dich nicht glücklich gemacht hätten. Unsre Verbindung wäre bei einem näheren Verhältnis mit Dir ganz zerstört worden; Du wärst gar nicht mehr für uns da gewesen. Wir wären uns fremder geworden und zuletzt ganz getrennt, denn sie hätte uns nicht in Deinem Herzen wissen mögen. Ein guter Genius bildete mein Wesen, um einst wohlthätig auf das Deine wirken zu können. Meine Stimmung, meine Art die Dinge anzusehen, wird Dich nie anstoßen, Dir nie widrige Gefühle geben; dies weiß ich gewiß; es ist nicht eine Hoffnung die mich täuschen wird und kann. Ich muß jetzt aufhören, weil ich Anstalten machen muß, mich zu putzen; es ist heute Klubb und wird getanzt. * * * W(eimar), Dienstag den 2. Februar 1790 gegen 12. Da ich jetzt Zeit habe, so muß ich Dir einiges über den Brief unsers Körner Körner hatte Schiller am 19. Januar 1790 einiges über Charlotte geschrieben, u. a.: »Ich sage bloß, daß ich kein competenter Richter über den Werth deiner Gattin bin, daß ich sie zu wenig gesehen habe, und daß ich mich jetzt bloß freue, weil Du Dich freust , nicht aus eigener Überzeugung ...« sagen, was mir, als ich ihn las, wohl gleich klar wurde, aber ich konnte es nicht so sagen, weil mein Kopf zu dumpf war. Ich glaube nicht, mein Geliebter, daß der Fall oft kommen könnte, daß ich Dich verkennen sollte . Ich habe schon oft seine Bemerkungen auch bei Dir gemacht und finde diese Züge so in Dein Wesen verflochten, daß sie unzertrennlich mit Dir sind; wenn Du auch Fehler hättest, würde ich nachsichtig sein. Es ist nicht Liebe, wenn man sich nur ein schönes Bild in der Seele entwirft und diesem selbst alle Vollkommenheiten gibt, sondern dieß ist Liebe, die Menschen so zu lieben wie wir sie finden, und, haben sie Schwachheiten, sie aufzunehmen mit einem Herzen voll Liebe. Meine Phantasie führt mich bei Dir gewiß nicht irre, mein Geliebter, Dein Bild steht klar und hell in meiner Seele, und auch Du hast, hoffe ich, das meinige so aufgefaßt; denn verlieren möchte ich nicht, wenn Du mich näher kennest. Auch ich habe in mir bemerkt, wie meine zuweilen zu große Ernsthaftigkeit, eine gewisse Ruhe in mir und dann doch auch wieder ein Hang zur Schwermut, wie dies alles vielleicht zuweilen Dir das Bild meiner Liebe nicht so hell und wahr zeigen könnte, als ich sie im Herzen trage. Aber auch Du wirst Dich von den abwechselnden Gestalten meiner Seele nicht verführen lassen. Ich habe doch schon manches gelitten im Leben, manche schöne Hoffnung war mir geraubt; ach es gibt so manches, das einen betrüben kann! Die Erfahrungen, die ich gemacht habe, haben diesen Hang zur Schwermut in mir entwickelt; und nun kann ich's nicht ändern, wenn in manchen Momenten diese Seiten berührt werden, daß ich traurig bin. Ich möchte Dir meine Art zu sein recht vor Augen legen. Denn ich habe gern, wenn mich Menschen, die ich liebe, so kennen, wie ich bin ... * * * Abends gegen 8. Guten Abend, theurer Lieber; was machst Du jetzt? O es wird schön sein, wenn ich Dir diese Frage thun kann, und nur eine Thür zu öffnen brauche. Ich wäre heute Abend recht glücklich, wenn ich mich recht pflegen könnte und ein interessantes Gespräch lesen oder hören könnte. Mein Kopf selbst ist nicht gut; er thut mir weh, und die feuchte Luft breitet ein Wehsein durch den ganzen Körper aus. Wie wohl wird der Frühling thun! Die Natur sprach mir lange nicht ans Herz; jetzt da ich glücklich und ruhig sein werde, wird sie mir viel geben. Seit zwei Jahren war ich immer zu viel mit meinem Herzen beschäftigt, und ich vernahm ihre Schönheit nicht so. Warst Du mit mir, so vergaß ich gern das Andere um mich her; warst Du fern, so erfüllte nur Sehnsucht mein Herz. Jetzt da ich weiß, daß wir einander gehören und Trennung nicht mehr uns immer nachfolgt, so wird es ganz anders fein, und die Welt wird in neuen Gestalten vor mir auftreten. Sage Paulussens Professor Heinr. Gottl. Eberhard Paulus und seine schriftstellernde Gattin Karoline. viel schöne Grüße; es ist mir recht heimlich unter ihnen und ich denke, wir werden manchen vergnügten Abend mit einander zubringen. Morgen hoffe ich von Dir zu hören. Leb wohl, mein theurer Lieber! * * * (Weimar) Sonntag früh (7. Februar 1790). Guten Morgen, mein Teurer! Unsre Zeilen von gestern hast Du wohl richtig erhalten? Wir haben gestern Kabale und Liebe aufführen sehen, und es hat mich bewegt und recht unruhig gemacht. Sie haben es leidlich gegeben. Es war mir ein eigenes Gefühl, etwas von Dir zu hören. Aber fast erkennt dich mein Herz nicht in der Sprache, die darinnen herrscht, und jetzt könntest du nichts mehr so schreiben, glaub ich gewiß; schönere, sanftere Bilder erfüllen deine Seele jetzt; der Ton deiner Farben ist milder. Wie unterschieden ist nicht Karlos von diesem früheren Produkte deiner Muse! und wie viel mehr greift er ans Herz! Die Ackermann hat die Lady Milford sehr gut gespielt, und ihr Anstand war edel. Diesen Charakter hab' ich sehr lieb. Ich möchte wohl, wir könnten einmal nach Hamburg oder Mannheim reisen, um eins von deinen Stücken geben zu sehen ... * * * Mittwochs Nachmittag 2 Uhr (Juli 1790). Mein Herz sehnt sich nach diesem Abend. Nur ein Laut vor dir mein Liebster, und es wird mir wohl! Was machst du bei der entsetzlichen Hitze? Mir ist so warm; ich bin so kraftlos; aber Kräfte des Geistes bedarf man hier nicht, und ich bin so stille und lasse mich gehen, und lasse die Andern reden. Welch ein anderes schönes Leben ist es mit dir, du Liebster! O daß du immer fühlen könntest, wie viel du mir gibst! Ich kann dieß so wenig sagen, denn meine Gefühle sind so still; ich denke oft, wie viel ich dir zu sagen hätte, dich zu fragen, und ich sage doch so wenig, aber ich lebte immer so einsam; was ich dachte, theilte ich nur mit aus Furchtsamkeit, und daher wird es mir oft schwer, über die Dinge zu sprechen; es wird sich aber geben, der längere Umgang mit dir wird mir mehr Selbstvertrauen geben ...   An Schillers Vater. Jena, den 24. Juli 1790. Es ist recht lange, mein bester Vater, daß wir nichts von Ihnen und der lieben Mutter hörten, und wir sehnen uns herzlich, erwünschte Nachrichten von Ihnen zu erhalten. Daß wir vor einigen Wochen die Freude hatten, unsre liebe Reinwald Christophine Reinwald, geborene Schiller. zu sehen, wissen Sie. Es waren ein paar sehr angenehme Stunden, die wir miteinander verlebten; wie haben sie den Wunsch so stark und lebhaft wieder in meiner Seele erregt, Sie alle, meine liebsten Verwandten, einmal vereinigt zu sehen, wie schön wäre das! Doch der Himmel wird uns einst günstig sein und uns diese Freude geben, hofft mein Herz. So manche meiner Wünsche hat mir das Schicksal gegönnt, daß ich ihre Erfüllung gesehen habe, und sollte dieses allein nie möglich sein können? ... Ich schreibe Ihnen heute nur, bester Vater, mein Schiller hat noch sehr viel zu tun; er schreibt die Geschichte des dreißigjährigen Kriegs für den historischen Kalender. Da dieses zu bestimmter Zeit fertig sein muß und er überdem seine Vorlesungen zu machen hat, so kann er jetzt gar keine Zeit zu seinem Vergnügen anwenden. Er ist aber wohl und vergnügt. Bester Vater, wie schön verfließt uns das Leben, möchten Sie mit uns sein, Sich unsres Glückes freuen! Lassen Sie bald von Sich hören und sagen Sie uns, daß Sie und die teure Mutter wohl sind; diese Nachrichten werden uns so innig freuen. Sagen Sie der besten Mutter viel, viel von uns beiden und auch den liebsten Schwestern. Ich werde ehestens der lieben Louise Luise Schiller, die spätere Frau Pfarrer Frankh. selbst schreiben; heute erlaubt es die Zeit nicht ...   An Schiller. R.(udolstadt), den 27. Juli 90 gegen 12. Alles schläft schon um mich her, aber ich kann nicht eher ruhen, bis ich dir, theurer Liebster, einen guten Abend gesagt habe, jetzt schläfst du wohl; ach mir ist's immer als müßte ich dich aufsuchen, als hörte ich den Laut deiner Stimme. Ohne dich ist das Leben mir nur ein Traum; ich bin nie da, wo ich scheinbar bin, sondern meine Seele, meine besten wärmsten Gefühle sind nach dir hin gerichtet. Wie lebst du? Um unsrer Liebe willen strenge dich nicht zu sehr an, mein einziger Lieber, arbeite nicht zu viel ; es kann mir so angst werden, daß du dir doch wirklich schaden könntest.   An Christophine Reinwald. Rudolstadt, den 23. Mai 1791. Ich würde gewiß nicht so lange angestanden haben Ihnen zu schreiben, liebste Schwester, wenn nicht ein trauriger Zufall mich daran gehindert hätte. – Denselben Abend, nach Empfang Ihres lieben Briefes, wurde mein geliebter Schiller von einer so heftigen Beklemmung auf der Brust befallen, daß wir befürchteten, es wäre ein Stickfluß. Er selbst verlor den Mut, und wie mir nun sein mußte, können Sie fühlen. Er bekam darauf einen Fieberanfall, starken Frost u.s.w. Endlich entwickelte es sich, daß Krämpfe aus dem Unterleib herrührend der Grund des Übels waren. Noch einmal über den andern Tag kam ein heftiger Anfall, der noch schmerzlicher für mich war, weil er lange gewiß glaubte, seine Kräfte würden sich erschöpfen müssen, weil er sich so übernatürlich anstrengen mußte, um Luft zu haben. Aber auch dies ging vorüber, und wir hoffen nun, daß kein so heftiger Anfall wird wieder kommen können, weil jetzt alle Mittel angewendet sind dem Übel vorzubeugen. Unser hiesiger Arzt Conradi. ist sehr geschickt; auch ließen wir unsern Freund Hofrath Stark holen, der ihn schon in der vorigen Krankheit so meisterhaft behandelt hat. Der versichert bei Allem was heilig ist, die Gefahr wäre so nahe nicht bei dem vorigen Anfall gewesen, als Schiller, als wir es geglaubt hätten, und er sagt auch, daß es keine Folgen haben würde. Da er es so offen sagt, so glaube ich ihm sicher. Er sagt es nicht nur, um mich zu beruhigen, sondern es ist ihm Ernst. – Gestern vor 14 Tagen war der traurige Anfang der Krankheit. Seit dem Dienstag darauf ist kein so heftiger Anfall mehr gekommen, und nun bleibt es schon lange ganz aus; der Athem wird zuweilen noch unvermerkt kürzer; sonst spürt er gar nichts mehr. – Heute ist er zum erstenmal wieder mit uns im Garten gewesen, und es war in mir ein tiefes Gefühl des Dankes, daß ihn mir der Himmel wieder gegeben, daß ich mich wieder mit ihm der schönen Welt freuen kann. – Den lieben Eltern habe ich Mittwoch geschrieben. Ein Freund von uns, Herr von Adlerskron (der schon in Jena bei Schillers Krankheit so thätig war und ihn auch hier gepflegt hat und ein wahrer Trost für uns war), ist nach Stuttgart gegangen; der wird unsre Briefe selbst überbringen, und viel von uns erzählen; er hat versprochen, oft zu den lieben Eltern zu gehen.   An Fritz von Stein. Erfurt, den 1,5. September 91. Ich habe Ihnen schon lange schreiben wollen, aber es fand sich keine Zeit, denn ich habe mächtig viel Geschäfte, Vor Allem wollte ich Ihnen sagen, daß ich es gleich so ausgedacht hatte, daß Sie sollten in die letzte Stube, wo Schiller war, einquartiert werden. Sie haben mich nur nicht recht verstanden, merke ich. – Es ist mir gar lieb, daß wir Ihnen das Zimmer abgeben können; da sind Sie gut und bleiben uns nahe. Das große Zimmer haben wir im vorigen Winter gar nicht gebraucht; da kann es also jetzt recht gut Schillers Stube sein, überhaupt findet sich wenig Gelegenheit es sonst zu brauchen, weil wir keine Gesellschaften haben; die so bei uns sind, kommen doch in das Wohnzimmer. Wir sind vielleicht bald bei Ihnen, aber gewiß Anfang des Oktobers. Jetzt hat Schiller Geschäfte, weil der Carlos gespielt wird. Eben erhalt' ich Ihren Brief. Wenn Sie Ihre Gesellschaft nicht so gewiß arrangiert haben, so können Sie ja bei uns essen. Doch machen Sie das, wie es Ihnen am liebsten ist.   An Schillers Mutter. Jena, den 19. September 1796 Liebste Mutter! So sehr wir leider voraus sehen mußten, solche traurige Nachrichten wie die heutigen zu erhalten, so weh haben sie uns doch getan. So ist denn unser lieber, guter Vater der lieben Nanette Nanette Schiller, die jüngste Schwester, war am 8, September 1796 gestorben. so früh nachgefolgt! Ich fühle lebhaft auch ihren Verlust aufs neue mit. – Erhalten Sie, liebe, gute Mutter, sich Ihren Kindern recht lange, pflegen Sie Ihre Gesundheit recht und vertrauen Sie der Vorsehung. Ihre Kinder werden alles tun, was in ihren Kräften steht, Ihnen Ihren schmerzlichen Verlust zu erleichtern durch Trost und Teilnahme. Möchten Sie die beiden kleinen Enkel sehen und sie Sie aufrichten können. Karl hat nun sein drittes Jahr zurückgelegt und macht uns mit jedem Tage mehr Freude; auch der kleine Ernst fängt an stärker zu werden und munter, und ich hoffe, er soll nach und nach immer mehr zunehmen; er war sehr schwächlich und ist's noch, aber doch ist er munter. Die gute Christine steht mir treulich bei und ist mir viel Trost! Die lieben Schwestern umarme ich herzlich; auch dem Herrn Franckh Vikar in Gerlingen, der spätere Gatte von Luise Schiller. sagen Sie viele Empfehlungen von mir; er soll mir ein lieber Schwager sein, wenn er die gute Louise glücklich macht, wie sie es verdient.   An Schiller.   (Weimar) Sonnabend früh (17. Mai 1800). Ich freue mich heute sehr, von dir zu hören, Schiller war im Jagdschloß Ettersburg, um dort »Maria Stuart« zu vollenden. denn diese kleine Abwesenheit dauert mir schon sehr lang, und mein Herz vermißt dich, Lieber. Bei uns geht alles wohler als es sollte, denn die Kleine will keine Blatternfieber bekommen, gestern hätten sie sich heben müssen, Die Impfpocken des Kindes. , und Huschke wollte, ich sollte ihr Wein geben, und ich gab ihr zwei Löffel Caravallos, aber es scheint heute, wo sie noch schläft, sich nichts gezeigt zu haben von Bedeutung. Stark kommt heute, der wird entscheiden, ob es Blattern sind, die gelten können. Goethe ist gestern Mittag gekommen, Von der Reise zur Leipziger Messe. ich ging durch Zufall an seinem Garten spazieren. Da kam er heraus und wir gingen mit einander, die Herzogin aufzusuchen, die beim Barre-Spiel war und uns schon von weitem gesehen hatte. Goethe ist recht zufrieden von seiner Reise und sehr gesprächig und hat vielerlei erzählt. Morgen wird er dich besuchen. Die Herzogin hat mir viel über Macbeth gesprochen, sie ist sehr davon erfreut und liebt überhaupt Shakespeare, sie eifert sehr gegen die, die sich über das Stück aufhalten und es gegen Mahomet stellen wollen und überhaupt die Franzosen dagegen erheben ... Das Ernstchen Der 1796 geborene Sohn. ist gestern mit mir herumgezogen und ganz ernsthaft und feierlich neben der Herzogin hergegangen, sie hat ihn ins römische Haus geführt, das hat ihn gefreut. Es spricht sehr oft von Papa, und wenn es eine Kutsche sieht, denkt er du kommst wieder. Der gute Karl Der 1793 geborene älteste Sohn. hat eine große Sehnsucht, dich zu besuchen, und ich habe ihm gestern den Wald gezeigt, wo du wohnst. Da freute er sich sehr. Cottas Paquet habe ich erbrochen, weil ich dachte, daß ein Brief seine Ankunft bestimmen wurde. Morgen über acht Tage käme er, denke ich. Das Geld habe ich in die Chatulle geschlossen, ich denke wohl, du läßt nicht alles hinkommen... So wenig ich mich hier allein fühle, so sehr vermisse ich dich doch, Lieber, und die leeren Zimmer, wo ich dich nicht finde, sind mir gar traurig. Adieu, Adieu! * * * Mittwoch, den 9. Juli 1800. Nur einen Gruß schreib' ich dir, Lieber, denn zu vielem läßt einem die Hitze nicht Zeit. Es ist erschrecklich warm bei uns, und wir verleben die Morgen und Mittage ganz ruhig und des Abends machen wir große Spaziergänge und fahren auch den Berg herauf, da ist es nicht zu angreifend. Die Gegend ist vortrefflich schön! ich genieße sie jetzt von neuem, da alle Wege so gut gemacht werden. So wohl es mir hier ist, so fehltst du mir doch, Lieber, und mein Karl und das kleine liebliche Kind. Der Er Der Sohn Ernst. ist wohl und artig, er bleibt recht in seiner eignen Natur, und wenn er noch so viel Kinder sieht, so spielt er allein oder nur mit einem. Er ist sehr umgänglich und folgt recht. Du wirst, denke ich mir, seine Entwickelung auch fühlen. Denn die fremden Menschen und Dinge haben ihn gebildet ...   An Fritz von Stein. Weimar, 17. Februar 1801. Daß Goethe so krank war, wissen Sie. Wir haben viel Angst seinetwegen gehabt. Es war eine Hirnentzündung nahe, und Stark hat ihn allein durch seine Schnelligkeit gerettet, hat eine starke Aderlaß thun lassen, die ganz entscheidend war. Wenn ich auch nicht fühlen könnte, was wir an Goethens Geist verloren hätten, so würde mir sein Verlust unendlich schmerzlich gewesen sein um Schillers willen, der in seiner Freundschaft durch die Nähe seines Geistes so reich ist, und der niemand wiederfinden könnte, an den er sich so anschlösse. Auch liebe ich Goethe so herzlich, daß ich mir die Welt ohne ihn schwer denken kann. Ob ich ihn hier gleich weniger sehe als in Jena, so lebe ich doch mit seinem Geist durch Schillers Mitteilung. Schiller ist fast täglich bei ihm. Daß wir Frauen nicht so sans façon in seinem Hause Eintritt haben können und wollen, hängt von seinen inneren Verhältnissen ab. Obgleich Schiller selbst nie die Dame des Hauses Christiane Vulpius. als Gesellschafterin sieht und sie nie bei Tisch erscheint, so könnten doch andere Menschen es nicht glauben, daß sie sich verberge, wenn unsereins auch diese Gesellschaft teilte. Sie wissen am besten, wie die Menschen hier sind, wie sie lauern u.s.w. Man wäre vor tausend Erdichtungen nicht sicher.   An Schiller. Jena den 20. August 1804. Die ersten Zeilen, die ich jetzt schreibe, sind an dich, Lieber, gerichtet! Ich muß mein Gefühl zusammenhalten, um die Ruhe mir zu erhalten, die mir jetzt noch nötig ist, denn es liegt so manches Trübe hinter uns, seit wir hier waren, Nach dem harten Krankheitsanfall Ende Juli. das vorüber ist, Gottlob! – Du fehlst mir jetzt wie immer, doch hoffe ich, daß es dir besser war, den Ort zu verändern, da du auch so manche Erinnerung an vergangene Übel in deinem Zimmer hattest; so begreife ich, wie deine jetzigen Umgebungen dir heilsamer sind und will gern die Trennung der wenigen Tage (die ich doch im Stillen oft zähle) ertragen. Ich hatte Sonntag Abend noch arges Reißen im Kopf und Zähnen und schlief die Nacht wenig, gestern war der Kopf wohl ein Bischen angegriffen, aber Tropfen vom Stark haben mir eine ruhige Nacht gemacht, und heut ist nur der Backen noch ein bischen dick, aber kein Schmerz mehr. Ich könnte ausgehen, wenn die Luft nicht so scharf wäre, und ich möchte mich auch gern für Donnerstag schonen. Die Familie ist wohl, die kleine Emilie Geboren am 25. Juli. schläft ruhig und schreit weniger und ist behaglich, Karoline ist wohl und plappert nach ihrer weise ...   An Fritz von Stein. Weimar, den 9. October 1804. Daß wir Ihren Hochzeitstag Fritz hatte sich mit Helene von Stosch vermählt. auch gefeiert haben, hat Ihnen die liebe Mutter erzählt. Dieses Jahr war sehr stürmisch für mich, und ich sehe mich zuweilen verwundert um, ob es auch wahr sei, daß ich noch da bin und noch Alles besitze und sogar noch meinen Reichthum durch ein kleines liebes Wesen vermehrt sehe, das mir seit ihrem Eintritt in die Welt durch sich selbst nur Freude gemacht hat; denn es ist ein liebliches Kind, so brav und ruhig und freundlich, wie ich wenig Kinder sah. Die kleine Emilie ist auch Ihrer Liebe empfohlen. Schillers Krankheit war schrecklich, gerade in dem Moment, wo ich am schwächsten war! (Es ist mir, als sei ich an einem Abgrund vorübergegangen. Er hat sich sehr erholt, seinen geistigen Kräften nach; aber muß sich doch sehr schonen, und jetzt hat er so leicht Disposition zum Katarrh, daß er sich gleich erkältet; er hat auch jetzt den Husten und darf bei diesen kalten feuchten Tagen nicht ausgehen. – Er freut sich herzlich Ihres Glücks und sieht nun auch einen seiner liebsten Wünsche erfüllt, daß er Sie nicht so isoliert mehr weiß; er meint, Sie hätten so viel Sinn für eine häusliche glückliche Existenz, daß Sie es verdienen sie zu fühlen. – Kommen Sie beide nur bald zu uns! Ich sehe Helenchen schon im Geist aus der goldenen Tasse trinken; sie soll wie eine liebe Schwester empfangen werden. Große schöne blaue Augen, und ein freundliches, heiteres Gesicht; aber doch ein bischen ernsthaft dabei; sie hat eine elegante Gestalt und ist zierlich in Allem, was sie vornimmt. So lebt sie in meiner Imagination, und ich glaube, ich habe Recht in der Wirklichkeit ... * * * Weimar, den 27. Dezember 1804. ... Schiller grüßt Sie herzlich, lieber Freund, und bittet Sie, dieses kleine Andenken Den »Wilhelm Tell«. auf den Tisch Ihrer lieben Frau Gemahlin zu legen, und ihr dabei zu sagen, wie sehr wir beide Sie lieben und ehren und welche Rechte der Freundschaft wir auf ihr Herz auch legen, dadurch daß sie Ihre Frau ist und daß sie Sie glücklich macht. – Nehmen Sie den einfachen Sohn der Schweiz auf. – Ich liebe den Tell auf eine wunderbare Weise; ich finde die Schweiz so lebendig darin wieder, daß ich aus Sehnsucht weinen mußte, als mir Schiller die ersten Szenen vorlas. Wir waren beide krank in den letzten Wochen, seit ich Ihnen schrieb, und Schiller hat noch einen hartnäckigen Husten. Wir waren eben mit der lieben Mutter, ich und meine Schwester und kleine Tante bei Goethe, wo die Herzogin Louise auch war, wo wir uns an den Abguß der Minerva von Velletri ergötzt haben; Goethe hat ihn bekommen und aufgestellt. Es ist ein eigner hoher Geist darin und dabei so lieblich und rein. Es ist das in dem Sinn, nur als Charakter der Minerva gedacht, wie die große Juno; mit dieser Art Eindruck kann man es vergleichen, den jene aufs Gemüt macht; nur ist doch die Minerva menschlicher als die Juno ... * * * Weimar, den 22. August 1805. Ihr Anteil, Ihr Gefühl für Schiller ist das rechte; Antwort auf Fritzens Beileidsbrief zum Tode Schillers. so sollten alle seine Freunde für ihn fühlen. Einen solchen Menschen kann man nicht genug beweinen, sein Andenken nicht heilig genug bewahren. Lassen Sie ihn ewig unter Sich leben. Ihre Kinder noch sollen unsern geliebten, ihnen unbekannten Freund ehren als ein gutes wohlthätiges Wesen. Theilen Sie Ihnen Ihre Gefühle für Schiller mit. Er lebt uns, auch da wo er von uns ist. Seine Stimme, sein Geist erscheint uns in seinen Werken. Ich habe mir oft schon Trost aus Stellen geschöpft, die ich für mein Gefühl anwendete, und die lebendig an mein Herz sprachen. – Ich möchte sagen von mir, je länger ich ohne Schiller leben muß, je tiefer fühle ich die Entfernung; diese tiefe innige Sehnsucht nimmt zu. Mein Geist sucht vergebens etwas, an das er sich halten könnte, und die Dunkelheit ist so schrecklich! Ich verliere ihn immer von Neuem. – Aber ich habe an Muth fürs Leben doch gewonnen; ich halte mich an das Geistige und Unsichtbare mit meinem Gemüth und lebe das gewöhnliche Leben mit stiller Resignation. – Die Welt ist mir nicht fremd; durch meine Kinder muß ich mit ihr leben, muß ihretwillen Verbindungen suchen und festhalten. Der ewige Anblick meines Schmerzens würde meine Kinder, die doch gerne froh sind, denen ich das Leben leicht machen muß, von mir entfernen; ich würde ihnen fremd werden, wenn sie mir ihre Stimmung verbergen müßten. Dies alles sind meine Gründe, die mir Muth einflößen fürs Leben, und es ist mir oft, als erhebe eine unsichtbare Gewalt mein Gemüth. – An dem Ende meiner Laufbahn hofft mein Herz das wieder zu finden, was mich hier so glücklich machte. – Ich kann mich oft recht sehnen nach dem Tod; aber doch fühle ich wieder, daß ich suchen muß für meine Kinder mich zu erhalten ...   An Zacharias Becker in Gotha. Rat Becker hatte einige Aufführungen zum Besten der Hinterbliebenen Schillers veranlaßt Weimar, den 6. April 1806. Obgleich meine Schwester Ihnen, verehrter Mann! meine Gefühle der Dankbarkeit ausgedrückt hat und Ihr Herz sich die Empfindungen des meinigen deuten kann, ohne diese Versicherung, so danke ich Ihnen auch dafür, daß Sie mir Veranlassung gaben, Ihnen schreiben zu dürfen. Ich danke Ihnen für den schönen Willen, das heilige Andenken meines geliebten Schiller auf eine Art für die Nachwelt zu gründen, die seinem Herzen auch die liebste sein würde, denn die zärtliche Vorsorge für seine Familie war seinem Geist oft nahe. Es freut mich, daß Sie meine Kinder durch die Bande der Dankbarkeit an ihr Vaterland und ihre Nation knüpfen wollen. Sie werden sie anfeuern, ihre Kräfte dazu anzuwenden, dieser Nation zu zeigen, daß sie des Namens, den sie tragen, nicht unwerth sind. Der Geist ihres Vaters wird auf ihnen ruhen, und obgleich sich solche Naturen nicht so schnell einander folgen können, so wird sein Gemüth das Erbtheil seiner Kinder sein. Wofür ich Ihnen aber mit inniger herzlicher Wehmuth danke, mein verehrter Freund, dieses ist für Ihre Thränen um Schiller. Ihre gütigen, freundlichen Bemühungen für meine Familie, für Schillers Kinder, werden mir durch diese Thränen noch lieber, ich fühle tiefer, welchem Herzen ich die einzige Beruhigung verdanke, die ich noch hier finden kann nach dem Bestreben, meine Kinder zu guten Menschen zu bilden, sie in keiner ganz ungünstigen Lage zu wissen. Wenn auch Ihr Plan nicht so gelänge, als Ihre Freundschaft es wünschte, so ist der lebhafte Antheil einiger guten Menschen schon ein Gut für meine Kinder, daß sie gern Ihnen verdanken werden, und der Glaube, daß man ihren edlen Vater anerkannte, daß seine Nation seinen Verlust so fühlte, wird sie zur Übung ihrer eigenen Kräfte anfeuern ... * * * Weimar, den 1. August 1806. Ich hatte recht auf dem Herzen, werther Freund, Ihnen zu schreiben und Ihnen noch zu sagen, wie erfreulich uns Ihr Besuch war, und wie heilig mir das Gefühl Ihrer thätigen Freundschaft für Schiller im Herzen lebt! wie ich Ihnen nicht mit Worten dafür danken kann, fühlen Sie. Sie haben mir ein Gefühl lebendig erweckt, das mich aufrichtet, mir Muth zum Leben gibt, denn ich kann nur noch in Andern leben und die reine edle Freundschaft, die dem Trieb eines wohlwollenden Herzens folgt und sich durch That zeigt, ist mir eine so schöne Erscheinung, die ich doppelt fühle, wie wert sie mir sein muß, da der rege Eifer, mit dem Sic für das Liebste sorgen möchten, was mir geblieben, für Schillers geliebte Kinder, auch mich doppelt rühren und ergreifen muß. Ihr Herz ist Ihnen schon eine Belohnung, und ich hoffe, dieses Herz soll auch immer den ungestörten Genuß haben im Leben, daß das Gute anerkannt wird. Ich hätte Ihnen früher geschrieben und Ihnen gern recht ein lebendiges Gefühl meiner Dankbarkeit geben mögen, aber da kam Ihr Brief und meldete uns Ihre Reise nach Pyrmont, zu der mir aus vollem Herzen allen Segen wünschen; ich fürchtete, Sie dort zu verfehlen und sende also die Einlage gerade nach Gotha, wo Ihre liebe Familie Ihnen den Brief aufheben wird, der Sie recht freundlich begrüßen soll und Ihnen unsre guten Wünsche aussprechen. Mein Schwager, der nun recht lebhaft an Krücken herumwandelt, so daß man meint, er braucht sie nur aus Scherz, wenn er fest steht, wird vielleicht die Freude haben, Sie zu besuchen, denn er muß ein Bad brauchen zur Stärkung. Ich denke, wenn die Gegenden ruhig bleiben, so kann er gegen Mitte dieses Monats abreisen. Ich gehe nächste Woche auf einige Wochen nach Rudolstadt mit meiner ganzen Familie ... * * * Weimar, den 8. Juni 1818. Das Gefühl, daß ich Schillers Werke Ihnen geben konnte, ist mir selbst ein Genuß des Herzens, denn ich kann nur durch den Willen bezeigen, wie meine Dankbarkeit für Sie stets dauernd in meinem Gemüt lebt. Gott segne Sie mit Ihren Lieben nah und fern.   An Fritz von Stein. Weimar, den 8. Mai 1821. Ihre liebe Tochter Marie von Stein, spätere Frau von Zobeltitz hat die Großmama nicht so angegriffen gefunden, als ich befürchtete, und das freut mich. Auch weiß ich wohl, daß die Jugend einen andern Maßstab hat, und wo mir noch im späteren Alter einen Nachlaß der Kräfte empfinden, hält dies die Jugend, die uns schon selbst älter nimmt, als wir uns selbst, für den Lauf der Natur. Auch weiß ich wohl, daß ich bedenken soll, daß Ihre geliebte Mutter nahe an achtzig ist, und daß ich sie oft noch vergleiche mit den Zeiten, wo sie noch alle Kräfte besaß. Geistig ist sie aber öfter sehr kräftig, und Alles, was ihr Nachdenken erweckt und ihren Geist beschäftigt, kann sie lebendig interessieren. Auch für Poesie ist sie sehr empfänglich, wenn der Körper nicht gedrückt ist. So freut sie sich sehr an Herders philosophischen Gedichten. Dieser Hang zu höheren, ernsteren Ansichten hat ihr ihre Jugend, wie ihr Alter verschönert. Schiller liebte diesen Zug ihres Lebens so und hat mir es oft gesagt ...   An Karoline von Humboldt. Rudolstadt, den 6. Julius 1822. Ich danke es der lieben Fürstin gerne, daß sie mich bestimmt dir jetzt zu schreiben, theure Geliebte! Denn ich bin so oft im Geiste bei dir, ohne es zu sagen, daß ich regelmäßige Mitteilungen zur Größe der Freundschaft nicht nothwendig halte, doch ist eine freundliche Begegnung, wo wir uns wieder fest an einander schließen und fühlen, daß der beste Teil unseres Wesens nie getrennt werden kann, doch auch tröstlich. Mein Gefühl sagt mir auch, daß wir uns niemals fremd werden, noch werden können. Ich bin seit acht Wochen beinahe hier und fand die liebsten Umgebungen leidend, abgestumpft und schwach, seit dem Jahr, wo ich nicht hier war. Die gute Mutter an der Spitze; freilich bei einem Alter von 79 Jahren muß man sich über die lichthellen Momente erfreuen, aber es schmerzt doch auch, diese verschwinden zu sehen und nicht mehr auf Wiederkehr des Verschwundenen rechnen zu dürfen. Die Fürstin hingegen, deren Kräfte durch Kränklichkeit entschwinden, ist geistig kräftiger, belebter als je und ist sehr empfindlich für alles Große und Schöne. Ich verstehe es recht an ihr wie an mir, was Herder sagte, als er sich sterbend fühlte. Eine einzige große Idee würde mich wieder stärken, wieder aufleben lassen. Mich ermüdet so vieles jetzt, und raubt mir die freie Bewegung meines Geistes, daß ich diese Zustände recht begreife; doch bin ich froh, daß ich manches nicht thun muß im äußern Leben, was an die Existenz einer Prinzessin geknüpft ist. Wäre ich es nicht meinen Töchtern schuldig, sie noch durch Gesellschaft, durch Menschenbeobachtung auszubilden, so wünschte ich für mich selbst recht ganz still zu leben in der Welt meines Herzens. Die schöne Entwicklung seiner Kräfte und Fähigkeiten, die Ernst in seiner jetzigen Laufbahn zu Theil wird, ist mir eine rührende Erscheinung gewesen, als ich vorigen Sommer in Köln war. Daß ich dabei mit Rührung und Dank an Humboldt dachte, dessen Antheil und Streben ich dieses Gefühl verdanken muß, hoffe ich, versteht dein Herz? ... Charlotte von Kalb Charlotte von Kalbs Namen ist tragisch mit dem dreier großer deutscher Dichter verknüpft: Schiller, Hölderlin und Jean Paul. Sie war eine geborne Marschalk von Ostheim und wurde ohne Neigung mit einem Offizier in französischen Diensten, dem Major Heinrich von Kalb, vermählt. Die Ehe bot, ohne gerade unglücklich zu sein, doch ihrer reich und etwas phantastisch veranlagten Natur keine volle Befriedigung. Sie verfolgte die aufblühende deutsche Literatur mit großem Interesse und liebte den Dichter der »Räuber« und des »Fiesco« lange, bevor sie ihn kennen lernte, was bei Gelegenheit eines vorübergehenden Aufenthaltes in Mannheim geschah. Auf Schiller, dem damals die eleganteren Kreise noch nicht offen standen, machte die junge, schöne, geistvolle und seelisch feinfühlende Frau sofort den tiefsten Eindruck. Sie wurde die Muse, die seinem Feuer den vornehmen Schwung hinzufügte, die ihm für seine Werke den höfischen Ton, für seine Person die höfische Gesellschaft öffnete. Er verdankte ihr viel und hat es ihr wenig gelohnt. Charlotte dachte an eine Trennung von Herrn von Kalb, um Schiller zu heiraten; aus seinen Gewissensqualen glaubte sich Schiller durch seine Flucht nach Leipzig retten zu können, doch ein späteres Zusammentreffen in Weimar warf alle Vorsätze wieder über den Haufen. Die Bekanntschaft mit den Schwestern Lengefeld lenkte Schillers Interessen in eine neue Bahn. Bei der Natur Schillers ist es auch nicht unmöglich, daß die erneute Erwartung eines legitimen Sprößlings bei Frau von Kalb den Dichter stark ernüchterte. Jedenfalls wandte er sich mehr und mehr von der bedauernswerten Frau ab, die in ihrem zügellosen Schmerz bald jedes Maß verlor und ganz Weimar zum unfreiwilligen Zeugen ihres Liebesleids machte. Es dauerte Jahre, bis sich zwischen den beiden Häusern wieder leidliche äußere Beziehungen neu knüpften. Leider hat sich der Briefwechsel aus dieser jungen heißen Zeit nicht erhalten. Charlotte selbst hat ihn in einer eifersüchtigen Regung vernichtet. Der zweite deutsche Dichter, zu dem Charlotte in enge Beziehungen trat, war Hölderlin. Er kam als Erzieher ihrer Kinder in ihr Haus und wußte bald ihr Interesse in ungewöhnlichem Maße zu fesseln. Wieviel diese herzenswarme, gemütstiefe Frau zu geben hatte, ersehen wir erst aus ihren Briefen an Jean Paul und seine Frau, die Dr. Nerrlich herausgegeben hat und von denen einige diesem Bande als Illustration einer vornehmen Dame jener Zeit beigegeben sind. Sie sind so gewählt, daß sie in knappen Umrissen eine Skizze des Auf und Ab ihres Lebens bieten: von der schüchternen Schwärmerei zur aufflammenden Leidenschaft, zur abgeklärten Freundschaft, zur schmerzlichen Resignation aller Lebenshoffnungen, und gleichzeitig den in jener Periode so häufigen Höhensturz von der verwöhnten, reichen Aristokratin zur ärmlichen Petentin, die die ehemaligen Freunde und hohen Gönner um allerhand Gefälligkeiten angehen muß. Denn das Schicksal hat der in ihrer Jugend so vielbeneideten Beauté nichts von allen Bitternissen erspart, die das Leben bringen kann. Auch Jean Paul hat ihren Glückstraum nicht erfüllt. Er hat ihren eigenartigen Zauber eingeschlürft und ist dann von ihr gegangen, sich eine weniger komplizierte, behaglichere Frau zu wählen. Diesmal war Charlotte imstande – sei es, daß sie älter geworden, sei es, daß ihre Leidenschaft nicht so groß wie die erste gewesen, – ihre Gefühle in aufrichtige Freundschaft umzuwerten, die das Richtersche Ehepaar lebenslänglich umgab. Nach diesen Stürmen der Sinne kamen Stürme des Herzens: Major von Kalb erschoß sich, und nicht lange darauf auch Fritz, ihr ältester Sohn. Und Stürme des Lebens: teils durch die unglücklichen Jahre nach Jena, teils durch die Manipulationen ihres Schwagers verlor Charlotte ihr Vermögen; jahrelang blieben sogar die Revenüen, die sie aus Kalbsrieth, dem Familiengut, bezog, aus. Sie versuchte aus Stickereien, die sie anfertigen ließ und an ihre Freunde absetzte, und aus kleinen Gelegenheitsverkäufen von Waren, die sie im Großen erstand, ihren desolaten Verhältnissen ein wenig aufzuhelfen. Ihre Tochter Edda war mittlerweile als Hofdame der Prinzessin Marianne von Preußen versorgt worden. Endlich der letzte Sturm, der sie – die Folge eines jung vernachlässigten Augenübels – in ewiger Nacht des Erblindens zurückließ. In einer der geräumigen Mansarden des Berliner Schlosses barg die Prinzessin Marianne schließlich ihren Schützling vor der Not des Alltags. Dort lebte sie noch über zwei Jahrzehnte: eine letzte Zeugin der großen Goethezeit, starb sie erst 1843 als zweiundachtzigjährige, von der Welt vergessene Greisin, sie, die einem Schiller zur Eboli, einem Jean Paul zur Titanide als Urbild gedient hatte. Briefe von Charlotte von Kalb. An Jean Paul. Weimar (Freitag), den 13. Mai (1796). Zwei Drittel des Frühlings sind vorüber (wie ich eben im Kalender sehe), die Bäume stehen noch unbelaubt im schönen Park, die Nachtigall hat noch nicht gesungen, und Sie waren noch nicht hier. Alle Zeichen des Frühlings bleiben aus. Welches erwartet die andern? Er könnte kommen mit allem Reiz, der Bäume Pracht, der Blüten Duft, der Vögel Liebgesang, der Lüfte lindem Fächeln – für Ihre Freunde wär' er nicht gewesen, wenn Sie uns nicht erscheinen! O, lassen Sie mir Ihnen von Ihren Freunden sagen oder von Sie! Sie sind der Geist unserer Verbindung. Reich sind wir alle durch die Achtung, Bewunderung und Hoffnung, die Ihre Schriften erregt. An ähnlicher Anerkennung Ihres Wertes erkennen wir, die unsere Freunde sind oder werden können. – Keines weiß und darf es wissen , daß Sie mir geschrieben und ich an Sie, als mein Mann; der auch jetzo trauret, daß er vergeblich Sie erwartet hat, in acht Tagen muß er verreisen. Iffland ist fort und Wieland reist in wenigen Tagen nach der Schweiz, im September will er wieder hier sein. Herder, Knebel, Karl Ludwig von Knebel, der bekannte Übersetzer und »Urfreund« Goethes. , Einsiedel Friedrich von Einsiedel, Oberhofmeister der Herzogin Anna Amalie. sind hier, drei Wesen, die einer unbefangenen, hohen Freude über die Vollkommenheit eines andern fähig sind. Sie sind ein tiefer Forscher, ein ferner Seher in Zeit und Zukunft, ein Phänomen in dieser Zeit, die Sie bedarf. Krieg und Kampf ist überall, oder ödes, totes, kaltes Nichts; schale Form, kein Inhalt. In Ihnen erscheint uns aber ein Geist, Herz und Seele, der Tausende, die schlafen, aus ihrem Todesschlummer wecken könnte. Unsere Erwartungen sind nicht zu kühn. Viele unter uns wünschten ein Schauspiel von Sie bearbeitet zu wissen. Leicht muß es Ihnen sein, von diesem reichen, hohen Stamme einen Ast hinüber zu biegen in jenes Gefild. Das war es, was ich schon bemerken ließ. Verzeihen Sie meiner Schreibseligkeit, und damit ich nicht wieder frage, so schenken Sie dieser Frage ein Wort. Starr wird meine Hand, wenn ich mir Sie als einen satirischen Schriftsteller denke, und mir ist's selbst ein Rätsel. Aber leider vergesse ich immer über den schönern Genius, der Sie begleitet, den mächtigern, durch den Sie herrschen! Charlotte. * * * (Weimar, December 98.) Ich sende die Briefe, die ich immer mit zärtlicher Aufmerksamkeit und Innigkeit lese, und hätte ich ein besseres Auge, so müßte ich vieles vielmals lesen. Jacobi, Friedrich Heinrich Jacobi, der Philosoph und Schriftsteller. dieser Agathodämon, will Sie auch zu sich ziehen. Ich merke wohl, es hat mit dem Reich des Glaubens ein Ende, alle wollen schauen von Angesicht zu Angesicht. Baggesens Jens Baggesen, der deutsch-dänische Dichter. Brief hat mich belustigt, war aber doch recht froh, wie ich den mysteriösen, dithyrambischen, ausgelassenen Brief von dem berauschten Menschen geendigt hatte. Ich kenne ihn persönlich, und er gefällt mir viel; er belebt, aber man muß ihn in eine reine Luft versetzen, damit er nüchtern werde; dann ist er weniger, aber besser. – Dieser Emanuel Nathanael der Israelit, in dem kein Falsch ist. Emanuel Osmund, ein israelitischer Geschäftsmann in Bayreuth. Jean Paul war mit ihm vom Jahre 1794 bis zu seinem eigenen Lebensende auf das innigste befreundet. Wären alle Christen wie dieser Jude, und alle Juden wie dieser Christusgesinnte, so wäre die Zeit vollendet, von der gesagt ist: sie sollen nur bleiben, bis der Herr kommt, das Reich der Vernunft und Liebe, wenn das Stückwerk aufhört und wir ihn erkennen, wie er ist, und in seinem Sinne wandeln. Ich war gestern ein Stündchen bei Herders. Sie waren gegen mich verschlossen und gespannt; sie faßten meine Hand nicht, wenn ich die ihrige hielt. Ich kann es mir erklären und werde es Ihnen erzählen, vielleicht vermehrt's auch häusliche Sorge und Kränklichkeit ... * * * (Undatiert.) »Daß ich meine Lippen auf die Wunden Deines Herzens legen werde. Sei still, liebe Seele!« Ich habe seit gestern um 10 Uhr nichts anderes gedacht. »Werde ruhig und hoffend!« Bei der ewigen Wahrheit, bei meiner Seligkeit, ich will es werden. Prüfe Dich nur, was Deine Liebe für mich Dir ist. Ob sie Deinem Herzen unentbehrlich ist, ob sie unendlich ist. Es ist mir, als hörte ich nur meine Liebe. Von einem mächtigen Geist vernichtet zu werden ist viel erhabener, als die höchste Ehre, Genuß und Fülle, so die Welt geben kann. O nimm mich auf, damit ich sterben kann, denn ich kann entfernt von Dir nicht leben und nicht sterben. Heiliger Gott, gieb deinem Unsterblichen alles – alle die Seligkeit, die deine Erschaffenen entbehrten, alle die Seligkeit, die sie verkennen! Gieb ihm mein Herz, gieb ihm meine Wonne! Laß mich nur in seiner Nähe, daß ich sein Antlitz schaue! Laß mir den Schmerz, laß mir die Thränen um ihn! * * * (Anfang Januar 1799.) Das menschliche Leben ist ein Traum, der Frauen Leben sind zwiefache Träume. Ist nicht das stärker, was doppelt ist? Und verlohnt es sich der Mühe zu wachen, wenn man so träumen kann, wie Deine gewonnene Seele? * * * (Sonnabend, den 5. Januar 1799). Auch ich habe geträumt. Schnell ging ich durch einen dichten Nebel. Ich konnte keine Gegenstände unterscheiden, eine unnennbare Beklemmung erschwerte mir das Atmen, und die Schwermut verdunkelte mir mein Auge. So trat ich in ein Zimmer, ich kannte den Ort nicht. Als ich so in Gedanken verloren war und von meiner Bestimmung nichts wußte, erschienen mir drei Wesen. Ich erkannte sie, sie wurden mir bei ihrem Namen genannt, aber wir vergaßen die Namen und kannten nur einen: die geliebten Liebenden . Die Ruhe, das süße Lächeln, der herzliche Scherz, die Anmut des Geistes, die Bangigkeit der erregten Liebe und das Entzücken der Wehmut. Die süßen Thränen – war es nicht immer ein Zeichen der Verheißung, wenn die Sonne durch Regentropfen schien? – diese Verkünder der Seligkeit, der Augenblick, wo kein Tod mehr ist und die Seele in Gott und in der Liebe ruht. So verging eine Zeit, vielleicht eine lange Zeit. Zwei der Geliebten verschwanden, und nur die weiblichen Herzen blieben beisammen und die Erinnerung und die Zärtlichkeit und der Einklang einer heiligen Harmonie! Es war ein Flüstern unter ihnen; es war ein Bekennen der Jugend, der Sehnsucht, der Vorsätze , der Hoffnungen ! Der Tag verging, die Nacht kam, die Morgenröte bestrahlte wieder den Horizont, und immer noch schaute ein Auge in das andere Auge , um sein eigenes Selbst, seine Liebe, seine Trauer, seine Rettung zu ahnden. Sie waren innig vereint, und beide dachten: in Ewigkeit . Da erschien der geliebteste Geist. Als er mich sah, wollte er mich umfassen und seine Lippen auf meine Lippen legen. Aber ich schloß mein Auge, ich verbarg mein Angesicht, ich hielt fest mein Herz. Da neigtest Du Dein Haupt, da zuckte die Wehmut über Dein Angesicht, da erblicktest Du den sehnsuchtsvollen, glänzenden Blick der mir Getrauten . Deine Seele erkannte die ihre. Ihr waret eins, sie war Dein! Als ich Eure Gelübde vernahm und von dem Anschauen dieser Vereinigung entzückt war, da bewegte sich wieder mein Wesen, und ich umfaßte sie, und Du sahst meine Thränen fließen und mein inniges Glück, und Du riefst: die Liebe ! Ja, die Siebe, sagte ich, aber nicht die verlangende, die gestillte, die seligste ! Und ich legte meine Hand auf ihr Herz, auf ihr Auge, und sagte: mein Herz, meine Seele! Da verschwand die Täuschung , der Irrtum , der Wahn . Die Sonne der ewigen Liebe leuchtete uns, sie leuchtete immer, sie wärmte immer mehr, Wir erblickten noch zerstreut die Lilien- und Rosen-Bande , aber sie waren schon verwelkt vom heißen Strahl und viele ganz verschwunden. So war't Ihr Eins, und die Allmacht selbst konnte Euch nicht trennen! Die Liebe, und es war ein heiliges Schweigen! Da erschien Dein Getrauter , und er erblickte nun auch das Licht der Wahrheit, und erhaben wie Du stand er vor Dir und sagte: Sie ist Dein! Als Du wie ein Gott ihr erschien'st, als Du mit zerstörender Innigkeit und Gedankenmacht um ihr schwebtest, als Du, Genius der Liebe, Dich mit einem Herzen vermählen wolltest, da verschwand es Dir. »Nur ein Sterblicher konnte der Sterblichen Seufzen fassen«. »Ich nahm Deine Liebe auf und pflegte sie, aber keine sterbliche Lippe heilt die Wunden der göttlichen Liebe«. Sie ist gereift. Ich habe ihr Herz gehalten, als es vergehen wollte. Nimm stärker, rein und heilig wieder, was Du mir gegeben hast. Die Täuschung schwindet, die Sehnsucht zerrinnt, die Liebe vereint uns. Da ward ich bleich und bleicher, und sie sagten: Ist das der Tod oder ist sie verklärt? Und Du tratst mir näher und sagtest: Es ist die Liebe! die Liebe stirbt nicht . Und sie faßte meine Hand und Du mein Auge; da ward es heller und ich sah Dich auch verklärt. Daß meine Seele gerettet wurde, umschlang mich die Zauberei. Sie ist gelöst. Du befreitest mein Herz von den Banden des Todes, Du gabst mich dem Göttlichen wieder. Bleibe bei uns, sagte sie. » Ich bin nichts ohne Dich «. Nur von den Liebenden wird die Liebe erkannt. Sie ist der göttliche Atem, der die Gestalten belebt. * * * Kalbsrieth (Sonntag, den 16. Juni (99). Als ich allein auf der Landstraße fuhr, war mein Gedanke mit wenigen Personen beschäftigt. Ich dachte an Paul zweimal, und den dritten Teil meiner Zeit erfüllten die andern Bekannten meiner Seele. Auch ich war mir eines solchen freien, ruhigen, voll Liebe und Gedanken erfüllten Gemütes bewußt, daß ich selbst von meinem willenlosen und hoffnungslosen Wesen innigst bewegt war. Ach nein, doch hoffnungsvoll, denn Du wirst mich immer lieben, und was fehlt mir dann zum höchsten Glück, als Deine Gegenwart? Keine Gegenwart hat Bedeutung ohne die Liebe. Kein Wesen hört, keines versteht das andere ohne die Liebe . Sie ist das Licht, ohne das kein sterbliches Wesen eine Seele erkennen kann. Es giebt nichts Schmerzlicheres, als die gleichgültige Gegenwart eines Wesens, das sonst uns nahe war, das einst zu unserm Herzen sagte: Du bist mein. »Die Zeit ist vorbei, in der wir nicht liebten, uns nicht kannten, – jetzo ist die Ewigkeit, in der wir's thun«, das ist die schönste Zeile Deiner Hand, die ich besitze. Am 24. Juni 1796 hatte Paul ihr geschrieben: »Ich reiche Dir die Hand über Zeit und Raum, es war eine Zeit, ehe ich Dich kannte und liebte; die Ewigkeit beginnt für den Liebenden«, so erwähnt Dr. Nerrlich in den von ihm herausgegebenen »Briefen.« Als ich neulich Deine Briefe wieder las, haben diese Worte einen hohen Mut mir gegeben, und Du hättest schwören können, ich liebe Charlotte nicht – ich hätte geschworen, er liebt mich dennoch. Wir werden die Welt verlassen, in der wir uns nicht erkennen und lieben konnten. Du wirst die Geliebten Deines Herzens zu Dir rufen und unter ihnen auch mich; meine Liebe wird erscheinen dürfen, leicht, gefällig, innig und thätig, huldigend und belohnend. Du wirst mich nicht mehr verkennen, und in dieser Stimmung liegt alles, was meine Seele verlangt ... Du hast mir oft tiefe Schmerzen gegeben! Dichterbiographen wie Du, das heißt, wie Du allein bist, sehen, fassen, bilden, zeichnen und schaffen tief die Menschheit. Aber die Wirklichkeit eines festen, unzerstörlichen, liebenden Gemüts fassen sie nicht. Ich glaube fast, sie sind besorgt, daß in den Zügen, in der Seele der Menschen etwas ist, was Ihren Idealen gleicht. Sie sind eifersüchtig auf die Kinder ihres Gemüts und ihrer Phantasie. Die Wirklichkeit darf ihre Begeisterung nicht erfüllen, sie sind zu stolz und zu mutlos. O, das Herz des Menschen, welch' ein stolzes und verzagtes Ding! Ich verzage nicht an meinem Herzen, aber verstummen, erstarren wird es wohl müssen, denn das Herz, die Liebe bildet hier auf Erden nur den Geist zu höheren Begriffen, und mangelnd und unbeseligt wird mein Geist das Leben verlassen. Ja, mein Teurer, ich sage Dir jetzo nicht, wie oft ich gelitten habe, wie zerstörend, so daß ich mein Herz Deiner Gewalt entziehen müßte, (wenn Du es nicht haben willst ) als länger den Tod der Liebe so oft zu schmecken. Denn sie erwacht immer wieder in Deiner Gegenwart, ach, leider auch durch Deine Bücher, und ich muß mit St. Preux Aus Rousseaus »Julie«. sagen: On veut te fuir le fantome est dans ton coeur. Du bist nicht schuld daran, ich weiß es wohl, verzeih also meiner Klage. – Du bist nicht Schuld daran – Du bist, das weiß mein Herz, und darum will es zu Dir! – Wenn einst glücklicher ich neben Dir ruhe, will ich Dir vieles erzählen, und dann wird die Thräne der Wehmut sich mit den Thränen der Freude mischen, dann küssen wir die letzten Zeichen unserer vergangenen Leiden innig von den Wangen, und keine ähnlichen Klagen erpressen wieder diese Zeugnisse einer ewigen Liebe! ... * * * den 19. Juni. ... Ich will heute über Ihr Buch Jean Pauls »Briefe«. schreiben, was mir einfällt. Die Vorrede hat schöne Gedanken. Es kann sich eine bessere Zeit in stillen Gemütern verbreiten, aber sie wird es schwer, wenn der Mann für sich das Evangelium in dem selbstsüchtigen Eigennutz will, aber für die Frauen das strenge Gesetz. Auch giebt's Ansichten der Dinge, die nichts wirken. Keine Karikatur bessert oder kann moralische, das heißt ruhige, glückliche Menschen machen. Die »Wandernde Aurora« Alles aus den »Briefen« von Jean Paul. hat mir sehr gefallen, so die Abhandlung über den Traum und fast auch ganz der Philosophie-Brief, ich hab' darüber an den Herder geschrieben; dann Luna am Tag und die Neujahrs-Nacht. Der Hutverein ist gut; ich ahnde die feine Satire und ihre Gestalten. Das Testament für die Töchter ist eine zu leichte Arbeit für sie. Ich muß einmal ein Testament für Töchter schreiben, wenn ich einmal so dumm bin, meine eigenen Irrtümer zu bekennen. Das Testament der Männer an die Töchter lautet ungefähr so: Ihr habt kein Recht [an]s Leben, keine Liebe giebt's für euch, ihr werdet verachtet oder genossen. Ihr müßt lieben und einen einzigen beglücken, aber ihr dürft weder Verstand noch Willen haben; keinen Wunsch, keine Freude und Teilnahme dürft ihr bezeigen, nicht euer Verlangen allein, auch das unsere wird euch in der Erinnerung als Schuld angerechnet. Aber wenige Männer in gebildeten Ständen haben diese Vorstellung, und Jean Paul wird solche Stellen, die ihn zu einem Falk gesellen, in andern Auflagen vermeiden. Ich kenne nichts Schwächeres und Lächerlicheres an einem Manne, als wenn er solche Offenbarungen des weiblichen Herzens bekennt und gewiß nicht vertilgen, sondern uns kund thun möchte. * * * Berlin, d.14. Jenner (1806). ... Sie wissen, wie alt mein Wille ist, mich der Erziehung zu widmen. Als Jacobi hier war, wollt' ich ihm davon sagen, ich sah ihn aber nur den letzten Tag, ich habe mehr darüber gedacht und einiges darüber zu Papier gebracht. Ich gehöre aber ins practische Leben mit Spekulation , nicht diese zum Schreiben – denn meine Augen werden täglich matter. Die Gesellschaft vermeide ich, so viel ich kann, ich will einsam bleiben mein Lebe lang, wenn ich nicht für die Jugend leben soll. Diese Idee zu einer Erziehungsanstalt wollte ich der Königin überreichen, es geschieht vielleicht noch, denn wie es auch sei, mein Plan wird wahrscheinlich ausgeführt. Heute las ich, daß für die Töchter der Ehrenlegionäre in Paris drei Anstalten, jede zu hundert Kindern, errichtet werden. Dies brachte, mich dahin zu eilen, damit meine Meinung bekannt werde, denn die Idee ist nun aufgeregt, Früher hätte man vielleicht das Heilsamste für Unsinn und lächerlich gehalten ... Ich will die Direktion einer solchen Anstalt; an der Einnahme, für meine Person nämlich, liegt mir nicht. Ich will nicht[s] haben, aber frei und gut wünsche ich handeln zu können. In Bayern wird durch den Verlust der Klöster das Bedürfnis für die Erziehung jetzt mehr anschaulich, dann sind auch schon Lokale [und] Gebäude vorhanden und Gärten, die dazu können verwandt werden. Das Klima ist besser und die Menschen kräftiger als im nördlichen Deutschland, wenn man ihnen vergönnt, gut und gebildet zu sein. Aber ich bitte Sie, eilen Sie, diese Blätter nach München zu schicken, seien Sie nicht saumselig und handeln nach Laune, sondern nach dem Gesetz Ihres Geistes und Herzens! ... Eine jedem denkenden Wesen wichtige Beobachtung ist jetzo die Beschaffenheit des Zustandes für den Unterricht und die Pflege der weiblichen Jugend in den reichen, wohlhabenden Ständen, aus der Kindheit bis zum jungfraulichen Alter ... Die meisten, wohl alle vorsorgenden Anstalten, die in Deutschland für Töchter zu finden, sind deutsche oder französische Privatfamilienpensionen, die wohl meistens durch viele gute Eigenschaften dieses vertrauen wert sind; aber sie können nicht mit dieser wichtigen Pflicht ihren Geist und (ihr) Gemüt ausschließend, einzig beschäftigen, und nie kann eine solche einzelne Privatunternehmung die Gaben vereinigen, deren Wohltätigkeit die Jugend beglücken könnte. Einiges, was im allgemeinen die Mode betrifft, die man bei dem Unterricht und der Erziehung hier und da anwendet, dürfte bemerklich sein. Besonders bei denen, die französische Erzieherinnen haben, könnte es noch der Fall sein, daß die Kinder lange nicht die Erzieher, und diese hinwieder nicht die Lehrer verstehen, die für den Unterricht sorgen sollen. Unsere reiche, schöne Sprache wird nicht frühe den Kindern eigen. Es verhindert gewiß die Entwicklung des Geistes, wenn es Kindern nicht gestattet wird oder nicht möglich ist, ihr Wünschen und Meinen mit den Lauten ihrer ursprünglichen Neigung auszusprechen. Der Geist des Individuums lebt meistens nur in einer Sprache; selten ist das Genie, welches mehrere Sprachen gleich mächtig ist. Man kann viele Sprachen kennen und doch keinen Sprachreichtum besitzen. Der Jugend zwar ist der Unterricht in fremden Sprachen anständig, nur darf er nicht die eigene verdrängen wollen, wo dadurch die Fähigkeit selbst geraubt wird, die Schönheiten einer fremden zu fassen. Diese Bemerkung könnte heute überflüssig scheinen, da die Zeit vorüber, wo zuweilen Wesen verbildet wurden, die in keiner Nation heimatlich waren ... Sollte nicht auch die in unsern Tagen so sehr betriebene Schreibfertigkeit den meisten Frauen undienlich sein? Oft soll gegeben werden, wo noch nicht gesammlet ist, Diese öde Spannung des Gemüts wird selbst dem Talent nachteilig. Vor hundert Jahren wurde von den Frauen gesagt, sie schrieben die schönsten Briefe; es ist die Frage, ob, wenn diese Schreibeiligkeit dauert, man dies noch von ihnen rühmen würde ... Viel ist für des Mannes Bildung gethan, für uns , die Jungfrauen , nicht genug. Er hat alles durch sich , Zufriedenheit, Ehre und Ruhm, aber das Glück? – das Glück sind wir! Deutschland hat noch keine Anstalt, die allbekannt, wo wohlhabende Eltern jedes Standes selbst mit den besorgtesten Forderungen ihre Töchter vertrauen könnten. In Berlin ist diese Idee am möglichsten ausführbar. Eine große Stadt vereinigt alles, auch alles Gute. Hier aber ist das Vortrefflichste, das Höchste und Mächtigste, unser König, unsere Königin. Mit diesen schönsten Gedanken, den die hoffende Menschheit haben kann, ist alles beseelt, was ich hier sagen werde. Unsere Königin, die würdigste Frau, sie nur allein kann eine Verfassung stiften, die vielleicht nach Jahrhunderten noch gesegnet wird. In Rußland, in Frankreich, in allen Teilen Europens vielleicht, aber in Deutschland ist noch kein Tempel jeder jungfräulichen Tugend geweiht und allen Grazien, und von einer Regentin gestiftet und beschützt. Ein solches Vorbild kann nur Luise, Preußens Königin, geben dieser Zeit und der künftigen ...   An Karoline Richter. (Berlin, d. 6. Februar 1806.) ... Das Leben ist eigentlich etwas Unbequemes; mehr noch, wenn es nicht von dem Geist getrieben, erfüllt, erhalten ist , den wir kennen und anbeten. In meinem Alter achtet wohl keine innige Seele die Gesellschaft mehr, wenn sie für uns die einzige thätige Aufmerksamkeit des Geistes sein soll. Blumen darf sie streuen und Früchte darbieten, aber auf diesem Boden wachsen sie nicht und werden auch nicht erhalten. Dafür muß der Geist eine andere Stätte suchen. Wie gesagt, die nur strahlenden, glänzenden Seifenblasen des Geistes in dem gesellschaftlichen Leben haben gewiß für viele etwas Ermattendes, ohne Folge, Lohn und Erholung. Ich meine , der hohe, reiche Geist der Welt sollte auch Strahlen und Ströme ableiten zur regen Sorge, zur herzlichen That für die Jugend und die weibliche Jugend. In Farbe und Form können wir auch heute sagen: das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu worden. – * * * (Berlin), 10. Juli 1809. In langer, langer Zeit hatte ich nichts Erfreuliches vernommen. Die erste angenehme Nachricht war, daß Richter durch die Sorgfalt und Achtung des Fürstprimas Freiherrn von Dalberg. einen Gehalt von der Akademie zu Frankfurt erhält. So ist endlich einmal einer meiner Wünsche erfüllt worden, und der letzte! Denn für mich wünsche ich nichts, mit dem Wünschen, Hoffen usw. schadet man immer der Gegenwart, denn die Zukunft ist immer ein anderes, als wir ahnden und meinen. Der nun bald ein halbes Jahrhundert mit so trüben Ereignissen erfüllt ward, das Wesen wird nicht zagen noch die letzten Scenen des Lebens fürchten. Sie werden nun mehr südlicher ziehen, sobald der Landesfriede die Wahl eines Aufenthalts in jenen Gegenden gestattet. Wer in jenen Gegenden wohnt, hat zwiefach gelebt, die mildeste Frucht der Genüsse labt ihn. Die Gesellschaft ist im allgemeinen wie überall zu vermeiden. Ach, aber es ist immer der Hauptgewinst , wenn sich der Pilger eine Heimat schafft und ein Glück. In uns ist alles, und das außer uns muß er zu genießen verstehn. Einen leichten Gang hat nur das sorgenfreie Herz – – Nichts mehr von diesem Wissen und dieser Mühe. Sagen Sie mir nur ja bald, wie es mit Ihnen steht in der Gegenwart und Ihrem notwendigen Vorhaben...   An Jean Paul. Berlin, 18. Juli 1810. ... Ich habe noch kein Buch oder Gegenstand von einem Weibe verfaßt gelesen, welches den Wunsch in mir erregt hätte, ich möchte diese geschrieben haben; dieses ist mir sogar à l'horrend , wenn ich mich als Verfasserin dessen gedenken sollte. Frau v. Stael hat Genie und Tiefsinn, sie gehört zu denen, die einen Einfluß auf die Geisterwelt gehabt haben und haben. Bei andern war dies nicht der Fall oder es ist schon vorüber. Manches in ihren Schriften ist mir zuwider. Doch thut es bei mir der Bewunderung der andern herrlichen Offenbarungen der tiefsten, dem Leben der Welt abgenommenen concentrirten Menschenkenntnis keinen Abbruch. Ihre Nebenfiguren, die Intriguants des Stückes, sind immer die besseren Zeichnungen; am wenigsten mag ich die Paradescenen, doch diese sind bei einer Improvisatrice ja unentbehrlich und sind das Wesentliche. Es werden einige meiner Freunde fast bedauern, daß ich keine Versuche machen konnte, um durch Schriftstellerei mir etwas zu erwerben. Ich weiß auch nicht, welcher Dämon mich fesselte ; an Ideen fehlte es nicht, aber an Form, Unleserlich. Lust und Streben, denn es hat eher stets was Widriges für mich. Früher war ich zu zerstört, zu erdrückt in meinem inneren Leben; das Unglück hat jetzo etwas Bestimmteres, und daher bin ich auch ruhiger; freilich kommt mir das Alter zu Hülfe und meine gute Gesundheit. Wenn jetzo ein Mann wie Jean Paul an demselben Ort mit mir lebte, mit seinem umfassenden Geist, seiner Kenntnis meiner Individualität (jetzo von so manchem Wahn befreit, den er wohl ehemals im Guten und Schlimmen haben konnte) so könnte es wohl möglich sein, daß ich ihm Briefe und allerlei zuschickte, was ich geschrieben; er möchte es dann einschalten in Bücher oder Journale. Denn solches Zeug geht mitunter und ist selten besser, als wie ich es auch geben könnte, Unleserlich. aber es wird doch bezahlt und wenn das wäre, das ist das einzige, was ich dabei ehren und schätzen würde. Ich muß leider mich noch immer mit solchen Modelumpereien abgeben. Wäre es nur mit schleunigem Absatz verbunden, so wäre es allgut; ich könnte leben, bezahlen und meinem Sohne wohlthun; so ist aber das erste schlecht, und das andere kann nicht stattfinden ... * * * Kalbsrieth, den 29. Mai 1816. Ich bewohne für diesen Sommer diese Auen, wo ich vor 18 Jahren am Campanerthal, dem Hesperus mich erfreute, wo ich Ihre Briefe mit Sehnsucht erwartet, mit Innigkeit beantwortet habe. Alles Erkennen und Wollen, das aus dem Geist frei hervortritt, ist zwar in seiner Erscheinung bedingt nach Neigung und Alter, aber es erzeugt gleichsam einen neuen Zweig des Lebens, die wir im Geisterreich wachsen. Die Indivitualität teilt einer andern diese Kraft mit, kollektiv, nach Pestalozzi zu reden, und außer diesem Anschaun. Absichtlich darf ein solches Band nicht sein, ohne sich zu schaden. So ist es in allen höheren Verhältnissen der Gesinnung, ohne Unterschied der Geschlechter, Wenn wir auf dem Punkt sind, wo wir das Leben verlassen könnten, so fragen wir uns: Was hat dir den Mut und die Klarheit gegeben, es zu überwinden, zu überschauen? Obgleich nur solchen die tiefsten Schmerzen entstanden, denn nur ein Lebendes kann leiden, so auch wieder dadurch Erneuerung und Stetigkeit im Streben nach einer seligen Ruhe, der Friede Gottes, der höher wie alle Vernunft, den Heiden eine Thorheit, den Juden ein Ärgernis war und es leider den Nationen noch ist. In so alten Jahren war ich des Sommers nicht gewärtig, nicht froh geworden, aber länger konnte ich nicht entbehren. Es würde mein Befinden zerstört haben und von mir vernunftwidrig gewesen sein, hätte ich diesen ländlichen Aufenthalt nicht aufgesucht, obgleich selbst meine Kinder [meinen], es werde mir Unannehmlichkeiten bringen, weil dieses Gut so sehr verschuldet ist. Doch sie reden, ich finde hier manche Bequemlichkeit und die unentbehrlichen Genüsse. [Man] könnte meinen, ein Familien-Entscheid hätte mich hierher geführt, wenn meine Sorgfalt künftig durch die Thätigkeit anderer unterstützt würde ... Wir erleben nun das erste Friedensjahr; der Himmel wolle, daß es nicht wieder das letzte sein möge. Ich möchte es gern anwenden, um das Wort, den Grund einer würdigen Existenz für unsere ökonomischen Verhältnisse zu legen ... Ich finde hier viel litterarische Novitäten, Journale, Zeitungen aller Art. Wer achtzehn Jahre in einer Gegend nicht war, erkennt die Veränderung der Bewohner. Was man ehemals nicht hat nennen dürfen, (wie eine fremde Sprache) ist jetzo gewöhnlich bald allgemein ... Caroline Herder Nach dem Tode ihres Gatten, der eine Amtmannsstellung inne gehabt hatte, sah Frau Caroline Flachsland sich mit ihren acht unversorgten Kindern der bittersten Not anheimgegeben. Es gab damals für Töchter höherer Stände kaum eine Möglichkeit, sich ihr Brot zu verdienen. So mußte sie es denn als ein besonderes Glück ansehen, als Geheimrat Hesse aus Darmstadt sich die schönste ihrer Töchter zur Frau erkor und später auch noch einen Sohn und eine Tochter in sein Haus aufnahm. Diese, die junge Caroline, aß oft unter Tränen das Gnadenbrot, denn Hesse war ein jähzorniger und tyrannischer Mann, der seinem Weib, seinen Kindern und Angehörigen das Leben nach Möglichkeit verbitterte. Als Herder 1770 mit dem Prinzen von Holstein nach Darmstadt kam, lernte er im Hause des Geheimrats auch die kleine, scheue, gedrückte Caroline kennen. Unter den Strahlen seines liebevollen Interesses, das sich bald in Liebe selbst verwandelte, blühten auch alle liebenswerten Eigenschaften ihrer Seele auf. Herder verließ Darmstadt als ihr Verlobter. Aber noch war für Caroline die Zeit des Glückes nicht gekommen. Wohl veränderte sich unter dem Druck der Verlobung mit dem damals schon berühmten und mit allen großen Geistern seiner Zeit bekannten Herder die Behandlung im Hesseschen Hause zum Bessern; aber der schwankende, zögernde, grübelnde und zum Trübsinn neigende Charakter des jungen Herder ließ es jahrelang zu keinem festen Entscheid kommen. Diese drei Jahre Wartezeit haben ein Konvolut von Brautbriefen geboren, die, entsprechend der Zeit der »empfindsamen Genies«, in der sie entstanden, von seiner Seite bald übermütig, bald hangend und bangend und mißverstehend, von der ihren vom feinem, tiefem, allzusensiblem Gefühl in inniger Form getragen sind. Sie klagt beweglich über seine Unentschlossenheit; sie zeigt sich auch mit den bescheidensten Verhältnissen einverstanden – Herder, obwohl vermögenslos, hatte in Bückeburg, wo er als Hofprediger angestellt war, immerhin schon ein festes Gehalt – sie ist bereit, ihm, wohin es auch sei, zu folgen. Viele ihrer Briefe sind ein einziger Schrei nach Befreiung aus den sie umgebenden Verhältnissen, der ungehört durch ihn verhallen muß. Trotzdem bleibt ihr Glaube an ihn, ihr »sweet temper«, unerschüttert. Auf Herders Stimmungsschwankungen, in denen er bald die Geliebte ersehnt, bald glaubt als »Schwester« an ihr Genüge zu finden, hat sie rührende kleine Liebesworte; naive Zärtlichkeiten, die von ihrer heißen Leidenschaft zu dem Manne ihrer Wahl sprechen. So schreibt sie ihm gelegentlich: »Ich kann nichts anders mehr denken als bloß bei dir zu sein, Engel meines Lebens, und des Nachts träume ich davon! – der Frühling ist so schön zu einer so seligen Zusammenkunft! wir wollen mit der ganzen Natur aufwachen und zusammenleben – ist das nicht heilig?« ... bis sie endlich im April 1793 – am 2. Mai war die Hochzeit – den letzten »Brautbrief« schließen kann: »Ich sehe nur die Gegend und den Himmel, wo Du herkommst« ... Der Bückeburger Periode folgte, dank Goethes freundschaftlicher Vermittlung, die Berufung Herders als Generalsuperintendent und erster Prediger der Hofkirche nach Weimar. Hier blühte das freundschaftliche Verhältnis der Beiden zu Goethe noch einmal auf das Schönste auf. Bald aber begann die hypochondrische Reizbarkeit Herders und sein Mißtrauen sich über die Lauheit der höfischen Kreise zu ereifern. Er bildete sich allerhand gesellschaftliche Zurücksetzungen ein und ließ sich besonders durch die wachsende Intimität zwischen Goethe und Schiller verstimmen. Frau Caroline suchte auszugleichen, stand aber im Herzen stets auf Seiten ihres Mannes. Trotzdem gelang es ihr häufig, die Gegensätze zu überbrücken und dem äußeren Verkehr die Gereiztheit zu nehmen; die liebende Frau konnte auch eine kluge Diplomatin sein. Pekuniäre Sorgen, zu denen sich ein schweres Leberübel bei Herder gesellte, das auch durch eine mehrmonatliche Reise nach Italien nicht gehoben werden konnte, trübten dem Paare viele Stunden. Die strikte Ablehnung Kantscher Lehrsätze schreckte auch so manchen glühenden Bewunderer Herderscher Polemik. Im Jahre 1802 verlieh der Kurfürst von Bayern dem Ehepaar den erblichen Adel; die etwas früher erfolgte Ernennung zum Präsidenten des Oberkonsistoriums war Herders letzte irdische Freude. Er starb 1803. Caroline überlebte den Gatten nur um sechs Jahre. Sie blieb in dem trotz aller Bitternisse lieb gewordenen Weimar und ordnete sorgsam seinen literarischen Nachlaß. In ihren »Erinnerungen aus dem Leben Herders« hat sie nicht nur dem deutschen Denker und Dichter, sondern auch unbewußt sich selbst ein schönes Denkmal liebevollster Pflichterfüllung gesetzt. Briefe von Caroline Herder. An Herder. Darmstadt den 26. Aug. (1770). Nachts 11 Uhr. Nein! ich will nicht länger mein Herz dem redlichsten besten Freunde verhehlen, eben so stark, und, wenn es möglich ist, noch stärker liebe ich Sie, wie Sie mich lieben, wie freue ich mich, daß Sie mein ehrliches gutes Herz kennen, wie ganz in einer Minute haben sich unsere Seelen gekannt; was ich an dem glücklichen Sonntag empfunden, und von Tage zu Tage mehr empfunden, kann ich nicht sagen, es ist mir Alles neu, dies, dies ist allein die wahre himmlische Freundschaft, vergessen Sie mein wunderliches Mißtrauen! guter, liebenswürdiger Freund, es muß Ihr rechtschaffnes Herz beleidigt haben, aber denken Sie auch, wieviel sich ein armes Kind zutrauen darf, das seine Schwäche so gut kennt. Loben Sie mich nicht, mein Lieber; ich bin froh, ich bin glücklich, daß unsre Herzen sich kennen. Könnten Sie doch diesen Augenblick bei mir seyn, und das gerührte Herz, das nur für Sie gemacht ist, sehen: ganz, ganz haben Sie meine Erwartungen übertroffen; darf ich jemals an eine ewige himmlische Freundschaft unter uns gedenken, ist das nicht zuviel für ein armes Kind? o ich darf diese göttliche Scene nicht denken. Werden Sie dann mein Schutzengel seyn? ... Schreiben Sie mir oft, süßer, feuriger Freund, so oft Sie an Herrn Merk Kriegsrat Merck, der Schriftsteller und Kritiker. schreiben, daß ich nur Ihre Abwesenheit ertragen kann, ich werde Niemand Ihre Briefe zeigen. Eben fällt mir Klopstock und seine Meta Geborene Moller, die »Cidli« seiner Oden. ein, glauben Sie, daß ich wie eine Meta Sie liebe? Freilich fehlt mir zu einer KIopstockin noch viel, aber hierin Nichts mehr. O göttliche, sympathetische Freundschaft, wie glücklich machst du! – Machen Sie sich recht glücklich und ruhig, Bester, Liebenswürdiger, die Güte Ihres redlichen Herzens, die Sie Jedermann gleich mittheilen, wird Ihnen viel Freude geben. – Wenn nur der morgende Tag bald vorüber geht! O schrecklicher Tag, der mir meinen Freund wieder nimmt und vielleicht auf ewig! Gott! du mußt mich stark machen. Und sehen wir uns hier nicht mehr, so sehen wir einander gewiß im Himmel, und dann – dann trennt kein Schicksal mehr die Seelen, die du, Natur einander bestimmtest. Ich muß aufhören, ich zerfließe in Thränen, ewig Ihre treueste Flachsland. * * * Guten Morgen, bester H., Sie kommen doch heute, ja Sie kommen und lesen im Klopstock; wenn nur der heutige Tag ganz unser wäre! o wie kostbar sind mir jede Augenblicke! Wir gehen in den Wald, wenn uns Jemand stören will. Die ganze Nacht war das feurige Bild meines süßen Freundes bei mir, immer war es bei mir und ewig wird es bei mir bleiben, wie tief und mit welchen Zügen ist es in meinem Herzen eingegraben! Kommen Sie, empfindsame Seele, noch heute, heute. – Ach leben Sie ewig wohl! * * * Darmstadt, 9. Sept. 1770. Jetzt bei der nächtlichen Stille, die allein mir gegönnt ist, und die ich immer ganz Ihnen, Vortrefflichster! weihe, kann ich ungestört schreiben; mein gestriger Brief mußte ganz im Fluge geschrieben werden, und von mir so voller entzückender Unruhe, daß ich Mühe hatte mich zu bergen, und noch jetzt kann ich kaum Ihre großmüthige, edle Denkart, Ihr redliches, rechtschaffenes Herz, und Ihre süße zärtliche Liebe gegen mich fassen! so viel Ehrlichkeit, so viel himmlische Freundschaft! bin ich das Alles werth? O sagen Sie mir's doch, ewig Geliebtester! wie ich Ihnen so ganz nach Ihrem Herzen gefallen und ewig gefallen kann! es wird ein göttliches Geschäft für mich seyn, mich nach Ihrer so liebenswürdigen, schönen Seele zu bilden. O wie segne ich den Tag, da wir uns gekannt und geliebt haben, wissen Sie's noch? nach der Predigt im Tannenwalde? Am 19. August 1770, nach einer Predigt in der Schloßkirche. ich weinte wie ein Kind, als ich nach Haus kam, aus Kummer, niemals von Ihnen geliebt zu werden, wie ich Sie, Redlichster, da liebte, und so – ich muß es nur sagen – brachte ich die Nacht fast schlaflos und mit Weinen zu, jeder Tag war mir dunkel, und dunkel bis zur letzten Minute fast, aber diese letzte Minute war Wonne! ... Die Minna von Barnhelm hab' ich gelesen, aber heißen Sie mich nur eigensinnig oder was Sie wollen, auch diese Komödie gefällt mir nicht und hat mir noch keine gefallen; ob es der Ton ist, oder was es ist, das mir nicht gefällt, ich weiß es nicht; es ist wahr, es sind einige frappante Handlungen darin, die ich wünschte gethan zu haben, oder thun zu können, und der Charakter des Tellheim's und Minna ist wirkliche Großmuth: aber im Ganzen und wie die Leute reden, kommt es mir unnatürlich vor, und daß das Kammermädchen, Soldat und Wirth sich in die delikate Situation der Liebe mit einmischen, gefällt mir durchaus nicht. Hätte Herr Lessing nicht etliche Freunde oder Freundinnen der Minna und Tellheim's dazu nehmen können, und die hin und wieder niedre Ausdrücke ausstreichen können? ich will sie noch einmal lesen, es hält aber schwer, mich an den Ton der Komödie zu gewöhnen ... * * * (Darmstadt) den 4. Juni 71. Ich bin noch in einem süßen Traum von Freundschaft; Gleim und Wieland waren hier; sie brachten einen Nachmittag bis nach Mitternacht bei uns zu. O könnte ich Ihnen einige Scenen davon beschreiben, die meine ganze Seele bewegten! Merck, Leuchsenring Monsieur Liserin, wie er sich gern nannte, empfindsamer Literat und Unterhofmeister des Erbprinzen von Darmstadt. und ich schlangen uns in einer Ecke des Fensters um den alten, guten, sanften, muntern, ehrlichen Vater Gleim und überließen uns unsrer vollen Empfindung der zärtlichsten Freundschaft ... Gleim hieß mich ein gutes Mädchen, Psyche, und hat mich lieb und will mir ein Liedchen machen ... Er ist zur Freundschaft gemacht und was er sagt, ist redlich. Ich spreche so viel von Gleim, daß ich Wielanden vergesse. Er ist im ersten Anblick nicht einnehmend: mager, blatternarbicht, kein Geist und Leben im Gesicht, kurz, die Natur hat an seinem Körper nichts für ihn gethan; tritt kalt in die Gesellschaft, spricht ziemlich viel, insonderheit wenn er Laune hat. Man muß ihn lange sehen, ehe man ihn kennt: erst eine Stunde vor dem Abschied habe ich gesehen, daß er warm und empfindsam sein kann; und ich liebe ihn, da ich ihn als Freund hab' kennen gelernt. Nur sein Autorenstolz und Eitelkeit, die er in ziemlicher Dose besitzt, möchte ich von ihm wegwischen. Ich kann die Eitelkeit an keinem Menschen, er mag sein, wie er will, ausstehen, nehme er sich dafür Würdestolz der Menschheit , so viel er kann, die Eitelkeit lasse er den Narren ... * * * (Darmstadt, Ende Juni 1771) Ach, was haben Sie zu Ende Ihres Briefes gesagt: »ich hätte Sie nicht mehr so lieb, wie im Sommer.« Ach Gott! dich nicht mehr so lieb? mein Einziger, mein Ewiggeliebtester! o sage das nicht mehr! Du verkennst mir, mein Lieber, Lieber! Wen in der Welt habe ich sonst lieb? wenn ich Dich nicht lieb habe. O warum kann ichs Ihnen nicht so sagen, wie Sie der einzige Gedanke meiner Seele sind! ... Ich weiß nicht, welcher böse Geist sich in unsre Liebe mischt? Ich war seit Ihrer Abreise so heiter und vergnügt und ohne Sorge, wie ein Vogel, und da mußte die Stunde kommen – in einem steinernen Augenblick schrieb ich das Ende meines Briefs; aber kaum wars auf dem Papier, so mußte ich hingehn und bitterlich weinen. Es war aber geschrieben ... Du selbst warst es, der mir Ruhe und Freude wiedergab. – Aber nur keine Plane unserer Zusammenkunft gemacht! Ich zittre vor jedem Plan; denn die meinigen alle sind mir noch immer verflogen. Laßt Winter und Frühling und wieder Winter und Frühling kommen und gehen, wir können unsre Jugend doch genießen, sind immer beisammen und lieben uns, wie sich in der Welt wenige lieben. Lege also den Schleier auf die Zukunft, mein Liebster, sie mag ruhen in Frieden, die unsichtbare! vielleicht einst unsre Wohlthäterin! ...   Drei Bruchstücke über Goethe. I. (Darmstadt) den 9. März 72. ... Ich habe vor einigen Tagen Ihren Freund Goethe und Herrn Schlosser, Georg Schlosser, Goethes Schwager. von dem ich Ihnen schon geschrieben, kennen gelernt. Sie haben Merck besucht auf etliche Tage, und wir waren zwei Nachmittage und auch beim Mittagessen zusammen. Goethe ist ein so gutherziger, muntrer Mensch, ohne gelehrte Zierrath, und hat sich mit Mercks Kindern so viel zu schaffen gemacht, und eine gewisse Aehnlichkeit im Ton oder Sprache oder irgendwas mit Ihnen, daß ich ihm überall nachgegangen. Der erste Nachmittag wurde uns verdorben durch ein Trisettspiel und Leute aus der Stadt. Nur einen Augenblick saßen Goethe, meine Schwester und ich der Abendsonne, die sehr schön war, gegenüber und sprachen von Ihnen. Er hat sechs Monat in Straßburg mit Ihnen gelebt und spricht recht mit Begeisterung von Ihnen. Ich habe ihn von diesem Augenblick an recht lieb gewonnen. Den zweiten Nachmittag haben wir auf einem hübschen Spaziergang und in unserm Hause bei einer Schale Punsch zugebracht. Wir waren nicht empfindsam, aber sehr munter, und Goethe und ich tanzten nach dem Clavier Menuetten, und darauf sagte er uns eine treffliche Ballade von Ihnen her, die ich noch nie gehört: Dein Schwert, wie ists von Bluth so roth? Edward, Edward! Er hat sie mir auf meine öftere Bitte den andern Tag nach seiner Rückkunft in Frankfurt, aber ohne Brief geschickt ... * * * II. (Darmstadt Anfang April 1772). ... Unser Freund Goethe ist zu Fuß von Frankfurt gekommen und hat Merck besucht. Wir waren alle Tage beisammen, und sind in den Wald zusammengegangen, und wurden auch zusammen durch und durch beregnet. Wir liefen alle unter einen Baum, und Goethe sang uns ein Liedchen, das Sie aus dem Shakespeare übersetzt: »Wohl unter grünen Laubes Dach«, und wir sangen den letzten Vers mit: »Nur eins, das heißt auch Wetter!« Das zusammen ausgestandene Leiden hat uns recht vertraut gemacht. Er hat uns einige der besten Scenen aus seinem »Gottfried von Berlichingen«, das Sie vielleicht von ihm haben, vorgelesen. Meinen Liebling, den Geist unsrer alten Deutschen, habe ich da wieder gesehen, und der kleine Georg, wie er um einen weißen Schimmel und Harnisch bittet, ist mein Georg. Wir sind darauf auf dem Wasser gefahren, von dem ich Ihnen neulich gesagt, es war aber rauh Wetter. Goethe steckt voller Lieder. Eins von einer Hütte, die in Ruinen alter Tempel Gebaut, »Der Wandrer.« ist vortrefflich ... Hier theile ich Ihnen etwas aus seinem Herzen mit, das er an einem schönen Frühlingsmorgen, da er allein in dem Tannenwald spazieren ging, gemacht hat. Der arme Mensch erzählte meiner Schwester und mir den Tag vorher, daß er schon einmal geliebt hätte, aber das Mädchen hätte ihn ein ganzes Jahr getäuscht und dann verlassen; er glaubte, daß sie ihn liebte, aber es kam ein Andrer ... Käthchen Schönkopf in Leipzig. * * * III. (Darmstadt) den 27. November 72. Unser guter Goethe ist hier, lebt und zeichnet und wir sitzen beim Wintertisch um ihn herum und sehen und hören. Es ist bei Merck eine Academie; sie zeichnen und stechen in Kupfer zusammen. Mir hat er ein Landschäftchen gezeichnet mit einem Bergschloß und unten am Berg ein Dorf. Wärst Du doch darin Landpriester und ich Dein Weib! – * * * 5. December 72. Goethe ist noch hier und lehrt Merck zeichnen. Mich dünkt, er ist überhaupt etwas stiller und geläuterter worden ... Er denkt noch ein Maler zu werden, und wir riethen ihm sehr dazu. »Da ihm doch alle Tugenden fehlten«, sagte er, »so wolle er sich auf Talente legen«. Aus dem Kopf könnte da was werden. Uns Mädchen und Weibern ist er auch besser als sonst, und ist uns herzlich gut; aber überhaupt lieben – dazu ist noch zu viel Asche von seiner ersten Liebe in seinem Herzen, und das scheint natürlich. Wir haben ihn hier alle lieb ... * * * (Darmstadt, Ende April 1772). Endlich ist Madame de la Roche bei uns erschienen ... Stellen Sie sich vor, wie uns auf den Kopf geschlagen wurde, für unser vielleicht zu großes Ideal eine feine zierliche Frau, eine Hofdame, eine Frau nach der Welt mit tausend kleinen Zierrathen ohnerachtet sie keine Blonden trägt, eine Frau voll Witz, voll sehr feinem Verstand zu sehen. Sie tritt sehr leicht auf, wirft jedem, wem sie will, einen Kuß mit der Hand zu; ihre schönen, schwarzen Augen sprechen rechts und links und überall, und ihr Busen wallt noch so hoch, so jugendlich, daß – kurz, sie hat uns mit ihrer allzuvielen Koketterie und Repräsentation nicht gefallen ... Mir hat sie etlichemal mit einem recht silbernen Ton, den ich den Ton ihres Herzens nannte, gesagt, daß sie mich liebte, daß ich ihr gefiele, und ich sollte so bleiben; aber, mich dünkt, es war Almosen, und ich hörte ihren Silberton, der mich so rührte, bei jeder andern zu erscheinenden Gelegenheit. Ich kann auch nicht stolz auf ihr Lob sein: denn in öffentlicher Gesellschaft sagte sie zu Doctor Leuchsenring: Vous êtes un aimable homme ; und gleich darauf, als sie nach Hause ging, zu Madame Merck: C'est un homme sur une tapisserie . Was für eine Leichtigkeit mit Menschen umzugehen! Sie hat, wie ich höre und fest glaube, große Verdienste um ihre Kinder und ihren Mann; aber wir sind noch im ersten Unmuth über ihren Auftritt in unserm Freundecirkel, daß ich nichts an ihr loben kann. Ueberhaupt man sieht überall, daß sie ein Geschöpf von Wieland ist, und hiemit Gott empfohlen ... Dein Mädchen, lieber Herder, spielte eine sotte Figur in der Gesellschaft. Madame de la Roche und ihre Tochter Maximiliane, spätere Frau Brentano, Mutter Bettinas. regierten die Gesellschaft mit Witz und ich saß so einfältig dabei und hatte nur Augen und Ohren; denn diese Erscheinung war mir unerwartet und selten ... * * * (Darmstadt Ende Mai 1772). ... Aber was denken Sie, liebster Freund, daß Sie das wahre, menschliche, glückliche Leben ein mühselig Streben heißen? Ich habe mir niemals das glückliche Menschenleben als eine romanhafte Wiese gedichtet, die mit lauter Blumen besät ist, und worauf man nur hingeht, Jacobische Kränze Anspielung auf das anakrontische Getändel Joh, Georg Jacobis. zu binden, und mit ein paar Dutzend Liebesgötter und Grazien und allen den schönen Sachen herumzutändeln und zu flattern! O nie war das die Illusion meiner Glückseligkeit! Meine ganze, große, hohe Würde wird in der süßen Bestimmung bestehen (wenn ich sie jemals erlebe!) dereinst gute Gattin und gute Mutter zu sein! O was für eine Glückseligkeit liegt in diesen zwei seligen Bestimmungen! Sie müßten ein weibliches Herz haben, wenn Sie das ganz mit mir fühlen wollten! Kann in dieser Glückseligkeit mühselig Streben sein ! und wenn es auch mit noch so viel Schmerzen verbunden wäre? Kinder zu erziehen nach dem Bilde eines guten Vaters – ach, über diese Glückseligkeit geht nichts! ... * * * (Darmstadt) den 7. August 72. ... Wenn ich nicht sähe, daß ich mich noch nicht so ganz aus meiner Familie loswinden kann und daß Sie noch keine Hütte haben, die Ihnen gefällt, so könnte ich's kaum ertragen, daß wir noch so entfernt sind ... Sein Sie also ohne Sorgen, daß ich darüber unruhig oder gar melancholisch bin. O wenn Sie mich so ganz kennten, Sie dächten das nicht von mir – ob der Weg lang oder kurz zur glücklichen Hütte ist. Weiß ich doch, daß es einmal eine für uns gibt, und ist nicht der Weg schön dazu? Sie müssen nicht oft zu Fuß gegangen sein, und das Vergnügen nicht wissen, wenn man durch einen langen Weg erst an den Ort kommt, wo man Milch und Brot ißt. Nun denken Sie, wer wird auf dem Weg müde werden. Wenn meine Briefe so lang ausbleiben, so denken Sie doch niemals, daß ich müde bin. – Sie nehmen das, was Goethe geschrieben, Goethes Brief Nr. 6 »ihr so viel melancholische Stunden machen zu können, als Herder nur wolle« und Herders Antwort darauf Nr. 72, dritter Band des »Nachlasses«. auch in zu weitem Umfang ... Daß ich nicht so leicht und lustig bin, wie Goethe, das ist wahr, und daß irgendwo in meinem Gesicht oder Seele eine schwermüthige Falte gelegt ist, ist auch wahr, und leider fühle ich sie, aber der gute Goethe weiß nicht woher. Sie, mein lieber Herder, wissens ja viel besser, daß ich hier im Hause nicht in meiner Assiette bin, daß alle die Hoffnung und Aussicht wegen meinem ältesten Bruder fast ganz verdunkelt ist, und mir das wegen Schwäche der Gesundheit (krank bin ich nicht, aber doch auch nicht gesund, wie viele Menschen) oder, was weiß ich, schwerer als jemals auf's Herz fallt. Ich bin auch hier im Hause so müde, die beständige Schulmeisterei von Dummheit des Geheimeraths, Hesse. daß ich mir alle Mühe gebe, wegzukommen, und vielleicht geschieht's bald ... Denken Sie doch um Gotteswillen nicht, daß Sie mir melancholische Stunden machen! Das hat Goethe gewiß auch nicht so gemeint, ich ergreife alle Freuden, die um mich sind und gemacht werden, mit beiden Händen – nur lebe ich freilich für mich süßer und himmlischer, wenn ich allein bin und an Dich, guter Engel, ungestört denken kann. Und ist das Melancholie? ... * * * (Darmstadt Ende Januar 1773). So komm', Frühling, o komm', o komm' und bring' meinen Jüngling in meinen Arm! So geh' denn, Winter! Ich hatte gestern, da ich Deinen süßen, goldnen Brief bekam, zum ersten Mal meine grau und blau ausgeschlagene Bequesche an, die ich zum Reiserock bestimmte, Wie mir zu Muthe war, das laß Dir Dein Herz sagen, mein Einziger, mein Bräutigam! Ich war kaum mehr auf der Erde, und es war mir nicht anders, als müßte ich zu Dir fliegen – Dich zu mir holen. Ach wann? Siehe, ich bin schon reisefertig, aber noch ist's Winter. Ich kaufe bald meine Brautsachen ein, die mir immer im Kopf herumgehen und mache jetzt Filet, ein Négligé zu garniren. Aber bist Du klug? was willt Du mir geben? was soll ich Dir geben? Sind wir denn armen Elenden, die ein Ring oder Geschenke zusammenknüpft? Bringe mir nichts mit, als Dich selbst, Dich ganz; Dein Herz will ich, sonst nichts; ich werde Dich nicht freundlich ansehen, wenn Du was Anderes bringst; dann werd' ich denken, daß Du mir nicht Dein ganzes Herz geben, sondern was daran fehlt, durch Geschenke ersetzen willst. O mein Herder, mein Trauter, mein Bräutigam, wirst Du das thun? Sieh, ich gebe Dir auch nichts, nur mich selbst, mein ganzes Herz, wie es ist, arm und klein, aber ganz. Das hab' ich nur, das geb' ich Dir und nichts, nichts mehr. Willst Du damit zufrieden sein? Ach wozu Geschenke, uns zu binden? Anderes heiliges Band hat schon lange unsere Herzen ewig vereinigt! wozu das Äußere und unter uns zwei? Sind wir einmal beisammen, so ist alles Gemeinschaft, alles unser! Ach nichts mehr davon! Komm', bring' Dich mir ganz und so findest Du Deine Lina, Dein glückliches Mädchen. Bettina von Arnim Als es um die Frau Rat Goethe in ihren letzten Jahren einsamer wurde, fand sie in einem enthusiastischen jungen Mädchen eine neue Vermittlerin für ihren Verkehr mit dem Sohne in Weimar: das war Bettina, »das Kind«, die am 4. April 1785 in Frankfurt geborene Tochter der früh verstorbenen Jugendfreundin Goethes Maximiliane Brentano. Von ihrer Kindheit und Jugend wissen wir hauptsächlich aus ihren eigenen Werken. Ihr Vater Pietro Antonio Brentano war in jungen Jahren aus seiner italienischen Heimat ausgewandert und hatte sich in Frankfurt angesiedelt. Nach dem Tode seiner ersten Frau heiratete der ernste Mann die siebzehnjährige weltfrohe Maximiliane von La Roche, Sophiens Tochter; Goethe hat einzelne Züge der beiden auf Albert und Lotte im »Werther« übertragen. Bettina wuchs inmitten einer zahlreichen Kinderschaar auf, wurde dann mit zwei Schwestern im Kloster Fritzlar untergebracht und kam hierauf zu ihrer Großmutter nach Offenbach. Hatte die Einsamkeit des Klosterlebens Bettinas Neigung für die Natur begünstigt, so fand sie bei Sophie von La Roche ein Haus, das für die Bildungselemente des damaligen Deutschland seit langem ein begehrter Mittelpunkt war. Hier wurde denn auch zuerst die Liebe für Goethe und seine Dichtkunst in ihre junge schönheitsdurstige Seele gepflanzt. Schon durch ihren Bruder Clemens, der ihr den zweiten Teil seines »Godwi« widmete, war sie mit manchem jungen Talente in Verbindung getreten. Savigny, Arnim, später auch Tieck wurden ihre Freunde; die unglückliche Karoline von Günderode, deren tragisches Ende von starkem Eindruck auf ihr empfängliches Gemüt war, gesellte sich hinzu. Nach dem Tode Karolinens trat sie mit Goethes Mutter in Frankfurt in Beziehung, und bald verging kein Tag, an dem sie nicht den Erzählungen der Frau Rat gelauscht hätte. Sie schrieb alles auf und bewahrte es treu in ihrem Herzen, und so war sie denn auch die erste, die uns das Charakterbild dieser einzigen Frau entworfen hat. Nach kurzem Aufenthalte in Kassel bei ihrer Schwester Lulu konnte sie im April 1807 auf der Reise nach Berlin in Weimar Station machen und nun endlich ihr vergöttertes Idol auch von Angesicht zu Angesicht schauen. Noch viermal traf sie in späteren Jahren mit Goethe zusammen, der mit seiner glühendsten Bewunderin aber rückhaltlos brach, als sie für seine Christiane ein beleidigendes Wort gefunden hatte. 1824 sahen die beiden sich zum letzten Male, und damals fiel die harte Äußerung über sie: »Was sie in früheren Jahren sehr gut kleidete: die halb Mignon-, halb Gurlimaske, nimmt sie jetzt nur als Gaukelei vor, um ihre List und Schelmerei zu verbergen.« Ihre Ehe mit Achim von Arnim, den sie im Frühjahr 1811 heiratete, war eine glückliche. In das stille Landhausleben zu Wiepersdorf brachten nur Reisen oder längere Aufenthalte in der Hauptstadt Abwechslung. Erst als Achim 1831 den schönen sanften Tod gefunden hatte, den er sich einst in den »Kronenwächtern« erbeten, begann für Bettina ein neuer Lebensabschnitt. In der Einsamkeit wurde die Vergangenheit wieder in ihr wach. Sie hatte sich ihre Korrespondenz mit Goethe durch Vermittlung des Kanzlers von Müller zurückgeben lassen und schuf nun, auf Grund des vorliegenden Materials, doch auch aus nachdichtender Erinnerung, jenen wundervollen Roman, den sie »Goethes Briefwechsel mit einem Kinde« nannte. Zwei ähnliche Werke folgten: das Buch »Die Günderode« und »Clemens Brentanos Frühlingskranz«. An dieses Trio knüpft sich der Nachruhm Bettinas, den überkritische Forschung vergeblich zu zerpflücken sich bemüht hat. Sie hat freilich noch mehr geschrieben. Sie ist in »Ilius Pamphilius und die Ambrosia« auf ihren Ende der dreißiger Jahre mit Philipp Nathusius, dem konservativen Politiker, gewechselten Briefverkehr zurückgegangen und hat in ihrem »Königsbuch« und den »Gesprächen mit Dämonen« ihre Stimme zugunsten der Bedrückten und Elenden erhoben. Aber keines ihrer Bücher fand den ungeheuern Erfolg und drang so tief zum Herzen der Deutschen wie ihr »Briefwechsel«: ein ragendes und unvergängliches Denkmal. Goethe selbst hat noch ihre ersten Aufzeichnungen, die »Auszüge aus einer Hauschronik«, verwenden können, die als »Aristeia der Mutter« in »Dichtung und Wahrheit« eingeschaltet werden sollten, hat auch Motive aus ihren Briefen für einige seiner Sonetten benutzt. Bettina wollte ihm mit eigner Hand einen Denkstein formen. Bis in ihre letzten Lebenstage hinein schuf sie an einem Goethe-Monument; der Dichter sollte auf einem reichen Throne sitzen, neben ihm eine die Lyra spielende Psyche. Bei ihrem letzten Zusammensein gab sie Goethe die Zeichnung zu ihrem Entwurf. »Feierlich die Hände mir auf den Kopf legend, sprach er: ›Wenn die Kraft meines Segens etwas vermag, so sei sie dieser Liebe zum Dank auf Dich übertragen‹. Es war das einzige mal, wo er mich segnete anno 24 am 5. September«, schreibt Bettina. Eine andere Hand hat ihr Modell ausgeführt; aber sie hat ein weit herrlicheres Denkmal für Goethe hinterlassen als dieses Monument aus Gips. Am 20. Januar 1859 starb sie in ihrer Berliner Wohnung in den Zelten und wurde im Schloßpark zu Wiepersdorf neben ihren Gatten beigesetzt. Briefe von Bettina von Arnim. An Frau Rath Goethe. [Cassel] am 20. März 1807. ... Jetzt rath' Sie einmal was der Schneider für mich macht. Ein Andrieng? – Nein! Eine Kontusche? – Nein! Einen Joppel? – Nein! Eine Mantille? – Nein! Ein paar Boschen? – Nein! Einen Reifrock? – Nein! Einen Schlepprock? – Nein! Ein paar Hosen? – Ja! – Vivat – jetzt kommen andre Zeiten angerückt, – und auch eine Weste und ein Überrock dazu. Morgen wird alles anprobirt, es wird schon sitzen, denn ich hab' mir alles bequem und weit bestellt, und dann werf' ich mich in eine Chaise und reise Tag und Nacht Courier durch die ganzen Armeen zwischen Feind und Freund durch; alle Festungen thun sich vor mir auf und so geht's fort bis Berlin, wo einige Geschäfte abgemacht werden, die mich nichts angehn. Aber dann geht's eilig zurück und wird nicht eher Halt gemacht bis Weimar. O Frau Rath, wie wird's denn dort aussehen? – mir klopft das Herz gewaltig, obschon ich noch bis zu Ende April reisen kann, ehe ich dort hinkomme. Wird mein Herz auch Muth genug haben sich ihm hinzugeben? – ist mir's doch, als ständ' er eben vor der Thür! – Alle Adern klopfen mir im Kopf; ach wär' ich doch bei Ihr! – das allein könnt' mich ruhig machen, daß ich säh', wie Sie auch vor Freud' außer sich war'; oder wollt' mir einer einen Schlaftrunk geben, daß ich schlief bis ich bei ihm erwachte, was werd' ich ihm sagen? – ach nicht wahr, er ist nicht hochmüthig? ... Bettine. Aber das muß ich Ihr doch noch sagen, wie's gekommen ist. Mein Schwager Der Mann ihrer Schwester Culu Jordis. kam und sagte, wenn ich seine Frau überreden könne, in Männerkleidern mit ihm eine weite Geschäftsreise zu machen, so wolle er mich mitnehmen, und auf dem Rückweg mir zu Lieb' über Weimar gehen. Denk Sie doch, Weimar schien mir immer so entfernt, als wenn es in einem andern Weltteil lag', und nun ist's vor der Thür. Sie traf am 23. April 1807 zum erstenmal mit Goethe zusammen. * * * [Weimar] am 16. 4. 1807. ... In Weimar kamen mir um 12 Uhr an; wir aßen zu Mittag, ich aber nicht. Die beiden legten sich auf's 5opha und schliefen; drei Nächte hatten wir durchwacht. Ich rathe Ihnen, sagte mein Schwager, auch auszuruhen; der Goethe wird sich nicht viel draus machen, ob Sie zu ihm kommen oder nicht, und was Besondres wird auch nicht an ihm zu sehen sein. Kann Sie denken, daß mir diese Rede allen Mut benahm? – Ach ich wußte nicht, was ich thun sollte, ich war ganz allein in der fremden Stadt; ich hatte mich anders angekleidet, ich stand am Fenster und sah nach der Thurmuhr, eben schlug es halb 3. – Es war mir auch so, als ob sich Goethe nichts draus machen werde mich zu sehen; es fiel mir ein, daß ihn die Leute stolz nennen; ich drückte mein Herz fest zusammen, daß es nicht begehren solle; – auf einmal schlug es 3 Uhr. Und da war's doch auch grad' als hätte er mich gerufen, ich lief hinunter nach dem Lohnbedienten, kein Wagen war da, eine Portechaise? Nein, sag' ich, das ist eine Equipage für's Lazareth. Wir gingen zu Fuß. Es war ein wahrer Chokoladenbrei auf der Straße, über den dicksten Morast mußte ich mich tragen lassen, und so kam ich zu Wieland, nicht zu Ihrem Sohn. Den Wieland hatte ich nie gesehen, ich that als sey ich eine alte Bekanntschaft von ihm, er besann sich hin und her und sagte: ja, ein lieber, bekannter Engel sind Sie gewiß, aber ich kann mich nur nicht besinnen wann und wo ich Sie gesehen habe. Ich scherzte mit ihm und sagte: jetzt hab' ich's herausgekriegt, daß Sie von mir träumen, denn anderswo können Sie mich unmöglich gesehen haben. Von ihm ließ ich mir ein Billet an Ihren Sohn geben, ich hab' es mir nachher mitgenommen und zum Andenken aufbewahrt; und hier schreib' ich's Ihr ab. » Bettina Brentano, Sophiens Schwester, Maximilianens Tochter, Sophie La Rochens Enkelin wünscht Dich zu sehen, l. Br., und giebt vor, sie fürchte sich vor Dir, und ein Zettelchen, das ich ihr mitgebe, würde ein Talisman seyn, der ihr Muth gäbe. Wiewohl ich ziemlich gewiß bin, daß sie nur ihren Spaß mit mir treibt, so muß ich doch thun, was sie haben will, und es soll mich wundern, wenn Dir's nicht eben so wie mir geht«. * * * Den 23. April 1807. Mit diesem Billet ging ich hin, das Haus liegt dem Brunnen gegenüber; wie rauschte mir das Wasser so betäubend, – ich kam die einfache Treppe hinauf, in der Mauer stehen Statuen von Gyps, sie gebieten Stille. Zum wenigsten ich könnte nicht laut werden auf diesem heiligen Hausflur. Alles ist freundlich und doch feierlich. In den Zimmern ist die höchste Einfachheit zu Hause, ach so einladend! Fürchte Dich nicht: sagten mir die bescheidnen Wände, er wird kommen und wird sein, und nicht mehr sein wollen wie Du, – da ging die Thür auf und da stand er feierlich ernst, und sah mich unverwandten Blickes an, ich streckte die Hände nach ihm, glaub' ich, – bald wußt' ich nichts mehr, Goethe fing mich rasch auf an sein Herz. Armes Kind, hab' ich Sie erschreckt , das waren die ersten Worte, mit denen seine Stimme mir in's Herz drang; er führte mich in fein Zimmer und setzte mich auf den Sopha gegen sich über. Da waren wir beide stumm, endlich unterbrach er das Schweigen: Sie haben wohl in der Zeitung gelesen daß wir einen großen Verlust vor wenig Tagen erlitten haben durch den Tod der Herzogin Amalie. Ach! sagt' ich, ich lese die Zeitung nicht. – So! – ich habe geglaubt, alles interessire Sie, was in Weimar vorgehe. – Nein, nichts interessirt mich als nur Sie, und da bin ich viel zu ungeduldig, in der Zeitung zu blättern. – Sie sind ein freundliches Kind. – Lange Pause – ich auf das fatale Sopha gebannt, so ängstlich. Sie weiß, daß es mir unmöglich ist, so wohlerzogen da zu sitzen. – Ach Mutter! kann man sich selbst so überspringen? – Ich sagte plötzlich: hier auf dem Sopha kann ich nicht bleiben –, und sprang auf. – Nun! sagte er, machen Sie sich's bequem; nun flog ich ihm an den Hals, er zog mich auf's Knie und schloß mich an's Herz. – Still, ganz still war's, alles verging. Ich hatte so lange nicht geschlafen; Jahre waren vergangen in Sehnsucht nach ihm, – ich schlief an seiner Brust ein; und da ich aufgewacht war, begann ein neues Leben. Und mehr will ich Ihr diesmal nicht schreiben. * * * September 1807. ... ich schwieg still, legte mich im Wagen auf drei Selterskrüge unten am Boden, und schlief einen herrlichen Schlaf, bis bei Mondschein, wo der Wagen umfiel, ganz sanft, daß niemand beschädigt ward. Eine nußbraune Kammerjungfer flog vom Bock ... zwei Schachteln mit Blonden und Bändern flogen etwas weiter und schwammen ganz anständig den Main hinab; ich lief nach, immer im Wasser, das jetzt bei der großen Hitze sehr flach ist, alles rief mir nach, ob ich toll sei, – ich hörte nicht, und ich glaub' ich wär in Frankfurt wieder sammt den Schachteln angeschwommen, wenn nicht ein Nachen hervorgeragt hätte, an dem sie Halt machten. Ich packte sie unter beide Arme und spazierte in den klaren Wellen wieder zurück ... In Aschaffenburg legte man mich mit Gewalt in's Bett und kochte mir Kamillenthee. Um ihn nicht zu trinken, that ich, als ob ich fest schlafe. Da wurde von meinen Verdiensten verhandelt, wie ich doch gar ein zu gutes Herz habe, daß ich voll Gefälligkeit sei und mich selber nie bedenke... Ach! sie wußten nicht was ich wußte, – daß nämlich unter dem Wust von falschen Locken, von goldnen Kämmen, Blonden, in rothsammtner Tasche ein Schatz verborgen war, um den ich beide Schachteln ins Wasser geworfen haben würde, mit allem was mein und nicht mein gehörte, und daß, wenn diese nicht drinn gewesen wär', so würde ich mich über die Rückfahrt der Schachteln gefreut haben. In dieser Tasche liegt verborgen ein Veilchenstrauß, den Ihr Herr Sohn, in Weimar in Gesellschaft bei Wieland, mir heimlich im Vorübergehen zuwarf. – Frau Mutter, damals war ich eifersüchtig auf den Wolfgang und glaubte, die Veilchen seien ihm von Frauenhand geschenkt; er aber sagte: kannst Du nicht zufrieden sein, daß ich sie Dir gebe? – ich nahm heimlich seine Hand und zog sie an mein Herz, er trank aus seinem Glas und stellte es vor mich, daß ich auch draus trinken sollte; ich nahm es mit der linken Hand und trank, und lachte ihn aus, denn ich wußte, daß er es hier hingestellt hatte, damit ich seine Hand loslassen sollte. Er sagte: hast Du solche List, so wirst Du auch wohl mich zu fesseln wissen mein Leben lang. Ich sag' Ihr, mach' Sie sich nicht breit, daß ich Ihr mein heimlichstes Herz vertraue; – ich muß wohl jemand haben, dem ich's mittheile. Wer ein schön Gesicht hat, der will es im Spiegel sehen, Sie ist der Spiegel meines Glücks, und das ist grade jetzt in seiner schönsten Blüthe, und da muß es denn der Spiegel oft in sich aufnehmen... * * * Winckel [undatirt]. ... Ich habe freilich einen Brief vom Wolfgang hier im Rheingau erhalten, er schreibt: Halte meine Mutter warm und behalte mich lieb. Diese lieben Zeilen sind in mich eingedrungen wie ein erster Frühlingsregen; ich bin sehr vergnügt, daß er verlangt, ich soll ihn lieb behalten; ich weiß es wohl, daß er die ganze Welt umfaßt, ich weiß, daß ihn die Menschen sehen wollen, und sprechen, daß ganz Deutschland sagt: unser Goethe . Ich aber kann Ihr sagen, daß mir bis heute die allgemeine Begeisterung für seine Größe, für seinen Namen noch nicht aufgegangen ist. Meine Liebe zu ihm beschränkt sich auf das Stübchen mit weißen Wänden, wo ich ihn zuerst gesehen, wo am Fenster der Weinstock, von seiner Hand geordnet, hinaufwächst, wo er auf dem Strohsessel sitzt und mich in seinen Armen hält; da läßt er keinen Fremden ein, und da weiß er auch von nichts als nur von mir allein. Frau Rath! Sie ist seine Mutter, und Ihr sag' ich's: wie ich ihn zum ersten Mal gesehen hatte, und ich kam nach Haus, da fand ich, daß ein Haar von seinem Haupt auf meine Schulter gefallen war. Ich verbrannte es am Licht, und mein Herz war ergriffen, daß es auch in Flammen ausschlug, aber so heiter, so lustig, wie die Flammen in blauer, sonnenheller Luft, die man kaum gewahr wird, und die ohne Rauch ihr Opfer verzehrt. So wird mir's auch gehn: mein Leben lang werde ich lustig in die Lüfte flackern, und die Leute werden nicht wissen, woher sich diese Lust schreibt; es ist nur, weil ich weiß, daß wenn ich zu ihm komme, er allein mit mir sein will und alle Lorbeerkränze vergißt ... * * * Winckel (undatirt). Ich will nicht lügen: wenn Sie die Mutter nicht wär' die Sie ist, so würd' ich auch nicht bei Ihr schreiben lernen. Er hat gesagt, ich soll ihn vertreten bei Ihr, und soll Ihr alles Liebe thun was er nicht kann, so soll sein gegen Sie, als ob mir all' die Liebe von Ihr angethan wär' die er nimmer vergißt. – Wie ich bei ihm war, da war ich so dumm und fragte ob er Sie lieb habe, da nahm er mich in seinen Arm und drückte mich an's Herz und sagte: berühr eine Saite, und sie klingt, und wenn sie auch in langer Zeit keinen Ton gegeben hätte. Da waren wir still und sprachen nichts mehr hiervon, aber jetzt hab' ich sieben Briefe von ihm, und in allen mahnt er mich an Sie; in einem sagt er: Du bist immer bei der Mutter, das freut mich; es ist also ob der Zugwind von daher geblasen habe, und jetzt fühl ich mich gesichert und warm, wenn ich Deiner und der Mutter gedenke; ich hab' ihm dagegen erzählt, daß ich Ihr mit der Schere das Wachstuch auf dem Tisch zerschnitten hab', und daß Sie mir auf die Hand geschlagen hat, und hat gesagt: grad' wie mein Sohn – auch alle Unarten hast Du von ihm! –   An Goethe. Wartburg, den 1. August in der Nacht. Freund, ich bin allein; alles schläft, und mich hält's wach, daß es kaum ist, wie ich noch mit Dir zusammen war. Vielleicht, Göthe, war dies das höchste Ereignis meines Lebens; vielleicht war es der reichste, der seligste Augenblick; schönere Tage sollen mir nicht kommen, ich würde sie abweisen. Es war freilich ein letzter Kuß, mit dem ich scheiden mußte, da ich glaubte, ich müsse ewig an Deinen Lippen hängen und wie ich so dahinfuhr durch die Gänge unter den Bäumen, unter denen wir zusammen gegangen waren, da glaubte ich, an jedem Stamme müsse ich mich festhalten, – aber sie verschwanden, die grünen, wohlbekannten Räume, sie wichen in die Ferne, die geliebten Auen, und Deine Wohnung war längst hinabgesunken, und die blaue Ferne schien allein mir meines Lebens Rätsel zu bewachen; – doch die mußt' auch noch scheiden, und nun hab ich nichts mehr als mein heiß Verlangen, und meine Tränen flössen diesem Scheiden; ach, da besann ich mich auf alles, wie Du mit mir gewandelt bist in nächtlichen Stunden, und hast mir gelächelt, daß ich Dir die Wolkengebilde auslegte und meine Liebe, meine schönen Träume, und hast mit mir gelauscht dem Geflüster der Blätter im Nachtwind; der Stille der fernen, weitverbreiteten Nacht. – Und hast mich geliebt, das weiß ich; wie Du mich an der Hand führtest durch die Straßen, da hab ich's an Deinem Athem empfunden, am Ton Deiner Stimme, an etwas, wie soll ich's Dir bezeichnen, da es mich umwehte, daß Du mich aufnahmst in ein inneres geheimes Leben, und hast Dich in diesem Augenblick mir allein zugewendet und begehrtest nichts als mit mir zu sein; und dies alles, wer wird mir's rauben? – Was ist mir verloren? – Mein Freund, ich habe alles, was ich je genossen . Und wo ich auch hingehe – mein Glück ist meine Heimat ... * * * 19. Juni 1807. Gestern Abend wars so, lieber Goethe; plötzlich riß der Zugwind die Thür auf und löschte mir das Licht, bei dem ich Dir geschrieben habe. Meine Fenster waren offen und die Pläne waren niedergelassen; der Sturmwind spielte mit ihnen; – es kam ein heftiger Gewitterregen, da ward mein kleiner Kanarienvogel aufgestört – er flog hinaus in den Sturm, er schrie nach mir, und ich lockte ihn die ganze Nacht. Erst wie das Wetter vorüber war, legt' ich mich schlafen; ich war müde und traurig, auch um meinen lieben Vogel. Nun ist er fort, gewiß hat ihm der Sturm das Leben gekostet; da hab' ich gedacht, wenn ich nun hinausflög', um Dich zu suchen, und kam' durch Sturm und Unwetter bis zu Deiner Tür, die Du mir nicht öffnen würdest, – nein, Du wärst fort; Du hättest nicht auf mich gewartet, wie ich die ganze Nacht auf meinen kleinen Vogel; Du gehest andern Menschen nach, Du bewegst Dich in andern Regionen; bald sind's die Sterne, die mit Dir Rücksprache halten, bald die tiefen, abgründlichen Felskerne; bald schreitet Dein Blick als Prophet durch Nebel und Luftschichten, und dann nimmst Du der Blumen Farben und vermählst sie dem Licht; Deine Leier findest Du immer gestimmt, und wenn sie Dir auch frischgekränzt entgegen prangte, würdest Du fragen: Wer hat mir diesen schönen Kranz gewunden? – Dein Gesang würde diese Blumen bald versengen; sie würden ihre Häupter senken, sie würden ihre Farbe verlieren, und bald würden sie unbeachtet am Boden schleifen. Alle Gedanken, die die Liebe mir eingibt, alles heiße Sehnen und Wollen kann ich nur solchen Feldblumen vergleichen; – sie tun unbewußt über dem grünen Rasen ihre goldnen Augen auf, sie lachen eine Weile in den blauen Himmel, dann leuchten tausend Sterne über ihnen und umtanzen den Mond, und verhüllen die zitternden, tränenbelasteten Blumen in Nacht und betäubenden Schlummer. So bist Du Poete ein vom Sternenreigen seiner Eingebungen umtanzter Mond; meine Gedanken aber liegen im Tal, wie die Feldblumen, und sinken in Nacht vor Dir, und meine Begeisterung ermattet vor Dir, und alle Gedanken schlafen unter Deinem Firmament. Bettine. * * * Cassel, den 13. August 1807. Wer kann's deuten und ermessen, was in mir vorgeht? – Ich bin glücklich jetzt im Andenken der Vergangenheit, als ich kaum damals in der Gegenwart war, mein erwachtes Herz, die Überraschung, bei Dir zu sein, dies Kommen und Gehen und Wiederkehren in den paar Tagen, das war alles wie eindringende Wolken an meinem Himmel; er mußte durch meine zu große Nähe zugleich meinen Schatten aufnehmen, so wie er auch immer dunkler ist, wo er an die Erde gränzt; jetzt in der Ferne wird er mild und hoch und ganz hell. Ich möchte Deine liebe Hand mit meinen beiden an mein Herz drücken und Dir sagen: wie Friede und Fülle über mich gekommen ist, seitdem ich dich weiß. Ich weiß, daß es nicht der Abend ist, der mir jetzt ins Leben hineindämmert; o wann er's doch wäre! Wann sie doch schon verlebt wären, die Tage, und meine Wünsche und meine Freuden, möchten sie sich alle an Dir hinauf bilden, daß Du mit überdeckt wärest und bekränzt, wie mit immergrünem Laub. Aber so warst Du, wie ich am Abend allein bei Dir war, daß ich Dich gar nicht begreifen konnte; Du hast über mich gelacht, weil ich bewegt war, und laut gelacht, weil ich weinte, aber warum? Und doch war es Dein Lachen, der Ton Deines Lachens, was mich zu Thränen rührte, so wie es meine Thränen waren, die Dich lachen machten, und ich bin zufrieden und sehe unter der Hülle dieses Rätsels Rosen hervorbrechen, die der Wehmut und der Freude zugleich entsprießen. – Ja, Du hast recht, Prophet: ich werde noch oft mit leichtem Herzen Scherz und Luft durchwühlen, ich werde mich müde tummlen, so wie ich in meiner Kindheit (ach, ich glaub, es war gestern!) mich aus Übermut auf dem blühenden Felde herumwälzte und alles zusammendrückte, und die Blumen mit den Wurzeln ausriß, um sie ins Wasser zu werfen, – aber auf süßem, warmem, festem Ernst will ich ausruhen, und der bist Du, lachender Prophet. – Von diesem steilen Fels, auf den sich meine Liebe mit Lebensgefahr gewagt hat, ist nicht mehr herunter zu klettern, daran ist gar nicht zu denken, da bräch' ich auf alle Fälle den Hals ... * * * Landshut, 18. Dezember 1808. Da ich Dir zum letztenmal schrieb, war's Sommer, ich war am Rhein und reiste später mit einer heiteren Gesellschaft von Freunden und Verwandten zu Wasser bis Köln; als ich zurückgekommen war, verbrachte ich noch die letzten Tage mit Deiner Mutter, wo sie freundlicher, leidseliget war wie je. Am Tage vor ihrem Tod war ich bei ihr, küßte ihre Hand und empfing ihr Lebewohl in Deinem Namen. Denn ich hab' Dich in keinem Augenblick vergessen; ich wußte wohl, sie hätte mir gern Deine beste Liebe zum Erbteil hinterlassen. Sie ist nun tot, vor welcher ich die Schätze meines Lebens ausbreitete; sie wußte wie und warum ich Dich liebe, sie wunderte sich nicht drüber. Wenn andre Menschen klug über mich sein wollten, so ließ sie mich gewähren und gab dem Wesen keinen Namen. Noch enger hätte ich damals Deine Knie umschließen mögen, noch fester, tiefer Dich ins Auge fassen, und alle andere Welt vergessen mögen, und doch hielt dies mich ab vom Schreiben. Später warst Du so umringt, daß ich wohl schwerlich hätte durchdringen können. Jetzt ist ein Jahr vorbei, daß ich Dich gesehen habe, Du sollst schöner geworden sein, Karlsbad soll Dich erfrischt haben. Mir geht's recht hinderlich, ich muß die Zeit so kalt hinstreichen lassen, ohne einen Funken zu erhaschen, an dem ich mir eine Flamme anblasen könnte. Doch soll es nicht lange mehr währen, bis ich Dich wieder seh'; dann will ich nur einmal Dich immer und ewig in meinen Armen festhalten ... Leb wohl, bleib mir geneigt, schreib mir wieder, daß Du mich lieb hast; was ich mit Dir erlebt habe, ist mir ein Thron seliger Erinnerung. Die Menschen trachten auf verschiedenen Wegen alle nach einem Ziel, nämlich glücklich zu sein – wie schnell bin ich befriedigt, wenn Du mir gut und meiner Liebe ein treuer Bewahrer sein willst. * * * (Landshut)11. März (1809). Ach, wenn mich die Liebe nicht hellsehend machte, so wär ich elend, ich sah die gefrornen Blumen an den Fensterscheiben und den Sonnenstrahl, der sie allmählich schmilzt, und denke mir alles in Deiner Stube, wie Du auf und niederwandelst und diese gefrornen Landschaften mit Tannenwäldchen und diese Blumenstücke sinnend betrachtest. Da erkenne ich so deutlich Deine Züge, und es wird wahr, daß ich Dich sehen kann; unterdessen geht die Trommel hin unter dem Fenster von allen Straßen her und ruft die Truppen zusammen ... * * * 6. Juni (1809). ... Gold und Perlen habe ich nicht, der einzige Schatz, nach dem ich gewiß allein greifen würde bei einer Feuersbrunst sind Deine Briefe, Deine schönen Lieder, die Du mit eigener Hand geschrieben, sie sind verwahrt in der rothen Sammettasche, die liegt Nachts unter meinem Kopfkissen, darin ist auch noch der Veilchenstrauß, den Du mir in der Gesellschaft bei Wieland so verborgen zustecktest, wo Dein Blick wie ein Sperber über allen Blicken kreiste, daß keiner wagte aufzusehen. Die junge Muse giebt es auf, die Opfer, die der Kronprinz ihr, in Dichterperlen geweiht, zu Füßen legte, unter dem Wust von falschem Schmuck und Flitterstaat wieder zu finden, und doch waren sie im Zauberhauch der Mondnächte bei dem Lied der Nachtigall erfunden, Silb um Silbe; Klang um Klang aufgereiht, Wer Silb um Silbe nicht liebt, nicht diesen Schlingen sich gefangen giebt, der mag von Himmelskräften auch nicht wissen, wie zärtlich die von Reim zu Reim sich küssen ... * * * 28. November (1810). Schön wie ein Engel warst Du, bist Du und bleibst Du, so waren auch in Deiner frühesten Jugend aller Augen auf Dich gerichtet. Einmal stand jemand am Fenster bei Deiner Mutter, da Du eben über die Straße herkamst mit mehreren andern Knaben; sie bemerkten, daß Du sehr gravitätisch einherschrittest und hielten Dir vor, daß Du Dich mit Deinem Gradehalten sehr sonderbar von den andern Knaben auszeichnetest. – Mit diesem mache ich den Anfang, sagtest Du, und später werd' ich mich mit noch allerlei auszeichnen; und das ist auch wahr geworden, sagte die Mutter. Einmal zur Herbstlese, wo denn in Frankfurt am Abend in allen Gärten Feuerwerke abbrennen und von allen Seiten Raketen aufsteigen, bemerkte man in den entferntesten Feldern, wo sich die Festlichkeit nicht hin erstreckt hatte, viele Irrlichter, die hin und her hüpften, bald auseinander, bald wieder eng zusammen, endlich fingen sie gar an, figurierte Tänze aufzuführen; wenn man nun näher drauf los kam, verlosch ein Irrlicht nach dem andern, manche taten noch große Sätze und verschwanden, andere blieben mitten in der Luft und verloschen dann plötzlich, andre setzten sich auf Hecken und Bäume, weg waren sie, die Leute fanden nichts, gingen wieder zurück, gleich fing der Tanz von vorne an; ein Lichtlein nach dem andern stellte sich wieder ein und tanzte um die halbe Stadt herum. Was war's? – Goethe, der mit vielen Kameraden, die sich Lichter auf die Hüte gesteckt hatten, da draußen herumtanzte. Das war Deiner Mutter eine der liebsten Anekdoten, sie konnte noch manches dazu erzählen, wie Du nach solchen Streichen immer lustig nach Hause kamst und hundert Abenteuer gehabt usw. – Deiner Mutter war gut zuhören! ... Johanna Schopenhauer Kein größerer Gegensatz ist denkbar, als der zwischen Arthur Schopenhauer und seiner Mutter Johanna. Düntzer schildert sie uns als eine kleine, in der Jugend überaus schlanke und späterhin sehr dicke, durch eine etwas vortretende Hüfte leicht entstellte, aber doch behende Erscheinung mit schönen blauen Augen und braunen Haaren, die sie von ihrer Mutter hatte: heiter, gesellig, Optimistin vom Scheitel bis zur Sohle, wie ihr Sohn Pessimist war. Sie war eine geborene Trosiener, eine Danziger Patrizierstochter, und reichte dort einem viel älteren Manne die Hand zum Ehebund. Während sie in ihren »Jugendleben und Wanderbildern« des Lobes über den Gatten, seinen Zartsinn, seine Bildung und das Glück ihrer Ehe voll ist, klingen aus den Briefen an ihren Sohn andere, bittere Untertöne über jene Zeit mit. Die Blockade Danzigs durch die Preußen veranlaßte den antimonarchisch gesinnten Heinrich Floris Schopenhauer, ihren Gatten, nach Hamburg zu fliehen. Diese Entfernung von den Ihren – die sie denn auch häufig besuchte, – und Mißhelligkeiten bei der Erziehung Arthurs mögen das Verhältnis der beiden getrübt haben, das materiell trotz großer Verluste durch die Flucht ein überaus gesichertes geworden war. So bricht in der wundervollen Epistel vom 28. April 1807: »ich weiß, was es sagen will, ein Leben zu leben, welches unserem Inneren widerstrebt«, eine schmerzvolle Klage seelischen Unbefriedigtseins hervor. Sie spricht da vom »Ersatz für ihre verlorene Jugend«, von »grausamer List«, »grausamer Täuschung«. Damit ist die List gemeint, mit der Heinrich Floris seinen Sohn von dem ersehnten Studium fortlockte; er ließ ihm die Wahl zwischen sofortigem Eintritt in das Gymnasium oder einer großen Reise mit den Eltern, an die sich dann die Handelskarrière anschließen sollte. Der Knabe wählte natürlich den augenblicklichen Genuß, ohne zu bedenken, wie viele nie wieder zu vergessende unglückselige Stunden die »schöne Reise« ihm im späteren Leben bereiten würde. Ein großer Teil seiner Schroffheit, die zuletzt zu völligem Zerwürfnis mit der Mutter führte, hat hier seinen Ursprung. Der letzte der hier abgedruckten Briefe an Arthur schlägt schon eine schärfere, vielleicht allzuscharfe Tonart an. Johanna war sehr erbittert, weil er infolge von Spottversen auf die Philister von Gotha seines griechischen Privatunterrichts verlustig gegangen war. Den Tod ihres Gatten veranlaßte ein Unglücksfall, der wahrscheinlich nicht ganz unbeabsichtigt war. Er stürzte aus einer offenen Speicherluke in einen Kanal und ertrank. Ein starker Reisedrang war Frau Johanna von jeher eigen. Schon während ihrer Ehe hatte sie England, Schottland, Holland, Flandern besucht und war auch mehrfach in Paris gewesen, wo sie ihre Kenntnisse in der Miniaturmalerei vervollkommnete. Der Sohn begleitete stets die Eltern; er »sollte aus dem Buch der Welt lesen lernen«. Als Witwe folgte sie der Lockung des Geistes und siedelte nach Weimar über. Es war im Herbst 1806; schon warfen die Ereignisse ihre Schatten voraus. Aber man verstand sich nicht auf politische Wetterguckerei. Der Musenhof von Weimar war für das geistige Deutschland wichtiger als der ganze Napoleonsstaat. Um Jena wurde die schandenreiche Schlacht geschlagen; aber die führenden Geister »klebten Ofenschirme«. Aus der Zeit ihrer Übersiedlung und Akklimatisierung stammen die Briefe an ihren Sohn, die ich folgen lasse. Sie sind teilweise in dem Bande »Schopenhauers Briefe« von Ludwig Schemann gesammelt worden, teils in Düntzers »Abhandlungen zu Goethes Leben und Werken« zu finden. Ich habe mich auf solche Auszüge beschränkt, die das Zeitkolorit und auch die Wesenseigentümlichkeit Johannas am besten wiedergeben. Etwas Sonniges, Zuversichtliches, Menschenfreundliches wohnt in der Frau, das sie die Armen »von dem an Gott und den Menschen zu verzweifeln«, retten läßt, das ihr Worte diktiert, wie »je mehr Unglück ich in der Welt erlebe, je besser bin ich mit den Menschen zufrieden«, oder wie bei Gelegenheit des ersten Besuches der Christiane Vulpius bei ihr: »ich empfing sie, als ob ich nicht wüßte, wer sie vorher gewesen wäre. Ich denke, wenn Goethe ihr seinen Namen giebt, können wir ihr wohl eine Tasse Thee geben!« So farbig ihre Schilderungen der Jenaer Schlacht und des Kriegsgetümmels auch in den Briefen anmuten, sie waren nicht »litterarisch« gedacht, wenn sie auch teilweise in ihrem Buche »Jugendleben und Wanderbildern «Verwendung gefunden haben. Erst spät erwachte in ihr die Lust zum Schriftstellern. Auf Cottas Wunsch schrieb sie die Lebensgeschichte ihres hochverehrten Freundes Fernow, die 1810 in Tübingen erschien. Reisebeschreibungen und kunsthistorische Bücher folgten; die Romane »Gabriele«, »Die Tante«, »Sidonie«, machten sie zu einer der beliebtesten Schriftstellerinnen ihrer Zeit. »Jugendleben und Wanderbilder« war die letzte ihrer abgeschlossenen Arbeiten, denn die Autobiographie, die sie mit 71 Jahren begann, ist Fragment geblieben. Wenn ich es mir nicht versagen kann, auch längere Berichte aus der Kriegeszeit wiederzugeben, die doch wenig genug mit Johannas innerem Wesen zu tun haben, so geschieht es, weil sie deutlich zeigen, woran es den Menschen des zerstückelten Deutschland jener Tage so ganz gebrach: an Vaterlandsempfinden. Das militärische Gepränge »reißt sie unwiderstehlich mit fort«, die Kriegsgreuel »engen ihr das Herz ein«. Von dem großen Atemzug, der sieben Jahre später ganz Deutschland durchwehen sollte, war noch nichts zu spüren im geistigen Herzen Germaniens. Ja, selbst als 1813 das Volk zu den Fahnen strömte, war Goethe außer sich und verzweifelt, August nicht den Auszug verbieten zu können; er vermochte den Herzog, durch einen Auftrag den Sohn an Weimar zu fesseln. Nichts gibt den Standpunkt Europas dazumal besser wieder, als der Ausruf Johannas: »Ich begreife nicht, wie man sich noch dem Unbesiegbaren entgegenstellen mag; er geht seinen Gang, und was ihm in den Weg kommt, wird zertreten, wie ist es möglich, dagegen ankämpfen zu wollen?« – oder wie sie ohne jede Empörung konstatiert, daß der Friedensschluß im Theater mit Pauken und Trompeten verkündet worden und man dabei laut »Vive Napoléon« gerufen habe. Mitten im Kugelknattern, im Stöhnen der Sterbenden und im Verarmen der Lebenden behält Johanna ihren Gleichmut, von dem sie auch ihrem Arthur in das bedrängte Herz zu gießen versucht. Schon damals machten eine gewisse Schroffheit und Unduldsamkeit es schwer, mit Arthur zu leben. Die Mutter erklärte diese Eigenschaften bald mit der Sturm- und Drangperiode, bald als unselige Erbschaft des schwermütigen und jähzornigen Vaters, von dem der Sohn auch das Ohrenleiden, das ihn früh schon peinigte, übernommen hatte. Bei aller Muttersorge lehnte Johanna es denn auch stets ab, ihn zu sich nach Weimar zu nehmen. »Es ist zu meinem Glück notwendig, dich glücklich zu wissen, aber nicht ein Zeuge davon zu sein ...« Sie hatte es sich in der Musenstadt recht behaglich gemacht, bewohnte an der Esplanade eine schöne geräumige Wohnung, heute das Werthersche Haus am Theaterplatz 1, das vor ihr Herder innegehabt hatte, für den damals hoch genannten Mietpreis von 170 Talern und bildete bald den Mittelpunkt eines angeregten Kreises, »dem trotz einfacher Aufnahme, wie Thee und Butterbrot Männer wie Goethe, Wieland, Tischbein, Tieck treue Gäste waren«. Stephan Schütze hat in seinem Aufsatz: »Die Abendgesellschaften der Hofräthin Schopenhauer in Weimar« ein fesselndes Bild ihres gesellschaftlichen Sichgebens gegeben. Aus dieser Zeit stammen die ergötzlichen Schilderungen des Olympiers, die ich in Briefen an Arthur folgen lasse; sie sind der wertvolle Niederschlag der geistreich vertändelten Zeit einer »Geistesweltbürgerin« der Goethezeit. Natürlich wird auch die Frau Hofrätin von dem Zauber des großen Mannes ergriffen. »Wer kann sich Goethen so denken?« ruft sie aus, nachdem sie geschildert, wie er ihre Blumenschnitte bewundert und ihr mit wenigen Strichen seine Idee zu einem Ofenschirm skizziert hat. Wie unsagbar traurig berührt es dann, nach diesen Tagen der allgemeinen Anbetung aus ihren Briefen an Holtei die Verlassenheit des Achtzigjährigen zu erfahren! Die muntere, gastfreie Frau war viel umschwärmt. Darob kamen dem Sohne manche Sorgen, einmal wegen der Ausgaben, dann wegen einer etwaigen Wiederverheiratung der noch sehr ansehnlichen, wohlhabenden Mutter. So erwähnt sie denn häufig die »Billigkeit« dieses oder jenes Ankaufs, betont auch, daß ihr ihre Unabhängigkeit viel zu lieb sei, um einen der ernsthaften Epouseurs, an denen es ihr nicht fehlte, zu erhören. Nächst Goethe, den sie über die übliche Rauschdauer hinaus verehrte, spielte Dr. Fernow, ein feinsinniger Kunstgenießer, aber mäßiger Schriftsteller, die größte Rolle in ihrem Leben. Sie verdankte ihm viel. Laura Frost sagt in ihrer Biographie der Johanna von ihm: »Er ward ihr Freund und Lehrer, ordnete ihre ungeregelten und mangelhaften Kenntnisse, lehrte sie das Verständnis der Antike«. Er war, als sie ihn kennen lernte, ein Vierziger, mit einer Römerin verheiratet, die nie das Haus verließ und die Johanna auch nie sah. Ein tiefes Gefühl verband die beiden Freunde. Johanna tat für ihn während seiner langen Krankheit, was nur in ihren Kräften stand. Er starb in ihrem Haus, von ihr leidenschaftlich beweint. In die vornehme Abgeklärtheit dieses schöngeistigen Lebens trat nun 1813 der bittre Feuergeist, Arthur Schopenhauer. Es kam, wie Johanna in ihrem Briefe geweissagt hatte. Obwohl sie gelobt, zu tun »was ich ohne meine eigne Freiheit und Ruhe aufzuopfern tun kann, um dir deinen Aufenthalt hier recht angenehm zu machen«, beginnen die Mißhelligkeiten, sobald er die Schwelle überschritten hatte. Laura Frost erzählt, daß Johanna, als er ihr ein Exemplar seiner Doktorarbeit »Philosophische Abhandlung über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde« überreichte, lächelnd gemeint habe, das sei wohl etwas für einen Apotheker. Er hatte ihr verletzt entgegnet, man werde seine Arbeiten noch lesen, wenn von ihren Schriften kaum mehr ein Exemplar in einer Rumpelkammer stecken werde. Schlagfertig war seinem Spott die Antwort erfolgt: »Von den Deinigen wird die ganze Auflage noch zu haben sein!« Widerwärtige tägliche Reibereien, bei denen wieder die pekuniären Fragen eine große Rolle spielten, folgten. Johanna hatte in einem Herrn von Gerstenbergk einen neuen Freund und Hausgenossen gefunden. Die gefügige Tochter duldete schweigend die stete Gegenwart des Eindringlings, der trotzig-stürmische Sohn forderte seine Entfernung, Johanna stellte sich auf des Freundes Seite. Arthur litt tief unter der Entfremdung von der Mutter, ohne doch die Unduldsamkeit und Schroffheit aus seinem Charakter bannen zu können, die sogar drohte, den »Theezirkel«, den Stolz seiner Mutter, zu sprengen. Schon 1814 verließ er ihr Haus; er hat es bis zu ihrem Tode nicht mehr betreten, hat sie auch nicht mehr wieder gesehen. Die anfänglich als Liebhaberei betriebene Federarbeit wurde späterhin die Rettung des Schopenhauerschen Haushalts. Nach Einbuße des größten Teils ihres und ihrer Tochter Adelens Vermögen, kamen ihr ihre guten schriftstellerischen Einkünfte sehr zu statten. Trotzdem wurde Johannas Lebensführung so reduziert, daß sie vorzog, das geliebte Weimar zu verlassen und nach kurzem Aufenthalt in Mannheim nach Bonn zu ziehen. Ein paar Sommer lang fesselte ein reizendes kleines Landhaus bei Unkel die Rastlose, dann siedelte sie sich mit Adele völlig in Bonn an. Aus dieser Zeit stammen die Briefe an Karl von Holtei. Arm, kränklich, gealtert, behält die eigenartige Frau ihre Heiterkeit, ihr offnes Herz für ihre Freunde bei. Den Rest ihrer Tage beschloß Johanna endlich in Jena, durch eine Pension des Großherzogs vor effektiver Not geschützt; sie liegt dort auf dem alten Friedhof prunklos und ziemlich vergessen begraben. Briefe von Johanna Schopenhauer. An Arthur. Undatirt (22. September 1806?) Du bist eben fortgegangen; noch rieche ich den Rauch von deiner Cigarre, und ich weiß, daß ich dich in langer Zeit nicht wiedersehen werde. Wir haben den Abend recht froh miteinander hingebracht; laß das der Abschied sein! Lebe wohl, mein guter, lieber Arthur! Wenn du diese Zeilen erhältst, bin ich vermuthlich nicht mehr hier; aber wenn ich es noch wäre, komm' nicht! Ich kann das Abschiednehmen nicht aushalten. Wir können einander ja wiedersehen, wenn wir wollen; ich hoffe, es wird nicht gar zu lange währen, so wird uns auch die Vernunft erlauben, es zu wollen. Lebe wohl! Ich täuschte dich zum erstenmale; ich hatte die Pferde halbsieben bestellt. Ich hoffe, es wird dir nicht zu wehe thun, daß ich dich täuschte: ich that es um meinetwillen; denn ich weiß, wie schwach ich in solchen Augenblicken bin, und wie sehr mich jede heftige Rührung angreift. Lebe wohl! Gott segne dich. Deine Mutter J. Schopenhauer. * * * (Weimar) 6. October 1806. Ich bin hier mitten im Kriege, aber gutes Muthes. Das Schicksal spielt wunderlich mit mir, daß ich mich grade in diesem stürmischen Zeitpunkt hierher versetzt finde, in ein Land, welches wahrscheinlich der Schauplatz eines blutigen Krieges wird. Doch da Niemand vermuthen konnte, daß das geschehen würde, was jetzt geschieht, so ergebe ich mich in Geduld und mache mir auch keine Vorwürfe darüber; denn ich that, was ich für mich und die Meinigen für's Beste hielt... Der Anblick alles dieses militärischen Wesens ist mir höchst interessant. Gestern zog die sächsische Armee unter dem Kommando des Prinzen Hohenlohe durch, ehegestern war der König, der Herzog von Braunschweig und das ganze Hauptquartier hier. So geht's alle Tage; alle Abende kommen neue Truppen, alle Morgen ziehen sie fort, machen neuankommenden Platz. Alles dies macht den kleinen Ort sehr lebendig. Die schönen großen Soldaten in den glänzenden neuen Uniformen, die Officiere, alle die Prinzen und Fürsten, denen man auf jedem Schritte begegnet, die Pferde, die Husaren, die kriegerische Musik, es ist ein so großes gewaltiges Leben, daß es mich unwiderstehlich mit fortreißt. Nur wenn ich die unvermeidliche Folge des Krieges bedenke, und wie viele von diesen Menschen, die jetzt voll Lust und Leben hinziehen, bald tot oder verstümmelt da liegen werden, dann engt es mir das Herz ein. Die Soldaten, besonders die gemeinen, sind voll Enthusiasmus; sie wünschen nur, daß der Augenblick erst da wäre ... * * * [Weimar] 19. October 1806. Das waren schwüle Stunden, mein Arthur, die Kanonen donnerten von fern, alles war in der Stadt wie ausgestorben, die Sonne schien auf die grünen Bäume vor meinem Fenster, alles war Ruhe von außen, und welcher Sturm, welche Angst des Erwartens in unsern Herzen! ... O mein Arthur, die Erinnerung allein macht mich jetzt beben. Jetzt rasten die Kanonen, der Fußboden bebte, die Fenster klirrten. O Gott, wie nahe war uns der Tod, wir hörten keinen einzelnen Knall mehr, aber das durchdringende Pfeifen und Zischen und Knattern der Kugeln und Haubizen, die über unser Haus und 50 Schritt davon in Häuser und in die Erde flogen, ohne Schaden zu thun. Gottes Engel schwebte über uns, in mein Herz kam plötzlich Ruhe und Freudigkeit, ich nahm meine Adele auf den Schooß und setzte mich mit ihr auf den Sopha, ich hoffte eine Kugel sollte uns Beide tödten, wenigstens sollte keine der Andern nachweinen. Nie war mir der Gedanke an den Tod gegenwärtiger, nie war er mir so wenig fürchterlich ... Allmählich wird hier Ordnung gemacht, die Todten werden in großen mit Kalk ausgefüllten Gruben, die von der Stadt entfernt liegen, begraben, die in der Schlacht fielen sind alle schon begraben, und aus den Lazarethen werden sie auch gleich fortgeschafft und liegen nicht mehr, wie zu Anfang, hoch auf einander gethürmt, Tage lang auf der offnen Straße, von diesen Gräueln des Krieges hat man nur einen Begriff, wenn man sie, wie ich, in der Nähe sieht. Ich könnte dir Dinge erzählen wofür dir das Haar emporsträuben würde, aber ich will es nicht, denn ich kenne ohnehin wie gerne du über das Elend der Menschen brütest . Du kennst es noch nicht, mein Sohn, alles was wir zusammen sahen, ist nichts gegen diesen Abgrund des Jammers. Was mich beim Anblick alles Entsetzlichen was man sich denken kann noch hielt, ist, daß ich half wo ich konnte, um den Jammer zu lindern. Mein Landsmann Falk Joh. Daniel Falk, der Satiriker. gab mir die Wege an, und so habe ich mich einer Stube im Alexanderhofe, in der an 50 Verwundete lagen, meistens Preußen, angenommen. Ich schickte ihnen altes Leinen zum Verbinden, Wein, Thee, der erst bey mir in einem großen Kessel gekocht wurde, Suppe, einige Bouteillen Madera, wovon jeder nur ein kleines Glas bekam und doch über dieses Labsal in lauten Jubel ausbrach und mich segnete, Brod und was ich konnte. – – Es war im Ganzen wenig, und half doch viel, besonders da ich die erste war. Ich rettete die Armen vor dem Unglück, an Gott und Menschen zu verzweifeln. Göthe und andere haben davon gehört und sind meinem Beispiel gefolgt... Lieber Arthur, wie hartherzig macht das Unglück, ich freue mich jetzt, wenn ich höre, daß 4,500 mit ihren zerschmetterten Gebeinen weiter gefahren werden, ich, die noch vor wenig Wochen den Jungen, der vor unserm Hause den Arm brach, um keinen Preis ohne Hülfe fortgelassen hätte! Meine Existenz wird hier angenehm werden, man hat mich in 10 Tagen besser als sonst in 10 Jahren kennen gelernt. Göthe sagte heute, ich wäre durch die Feuertaufe zur Weimaranerin geworden, wohl hat er recht. Er sagte mir, jetzt da der Winter trüber als sonst heranrücke, müssen wir auch zusammenrücken, um einander die trüben Tage wechselseitig zu erheitern. Was ich thun kann, um mich froh und mutig zu erhalten, thue ich. Alle Abende, so lange diese Tage des Trübsals währen, versammeln sich meine Bekannten um mich her, ich gebe ihnen Thee und Butterbrod im strengsten Sinn des Wortes, und doch kommen sie immer wieder, und ihnen ist wohl bei mir ... Viele die ich noch nicht kenne, wünschen bei mir eingeführt zu werden. Alles, was ich sonst wünsche, findet sich so von selbst; und ich verdanke es bloß dem Glücke, daß meine Zimmer unversehrt blieben, und daß ich Gelegenheit fand, mich zu zeigen, wie ich bin, daß meine Heiterkeit ungetrübt blieb, weil ich von Tausenden die Einzige bin, die keinen herben Verlust zu beweinen hat, und nur das allgemeine Leiden, kein eigenes, mein Herz preßt. Ich fühle es wohl, wie egoistisch alles dieses klingt, und dieses ist eben die entsetzlichste Seite des allgemeinen Unglücks, daß es auch die Besseren unter uns zu diesem Egoismus herunterstimmen kann ... * * * [Weimar] 14. November 1806. Ich begreife wohl, daß mein Brief Eindruck auf dich gemacht haben muß, aber ich denke, er muß auch deinen Mut erheben, du siehst wie man durch große Gefahren sicher gehen kann, wenn uns das Glück eben wohl will, und wir nur den Kopf nicht verlieren. Je mehr Unglück ich in der Welt erlebe, je besser bin ich mit den Menschen zufrieden, sie sind wahrlich so böse nicht, jetzt da Anekdoten mancherlei Art zum Vorschein kommen, finden sich Züge von Edelmuth, Fassung, Herzensgüte, die mich bis in's Herz rühren, freylich auch Schlechtigkeit, Egoismus, Kleinheit des Gemüths, aber der Drang der Zeit entschuldigt diese und setzt jene in ein um so helleres Licht. Ich lebe jetzt ganz nach meines Herzens Wunsch, still, ruhig, geliebt von vortrefflichen Menschen, und in einem zwar kleinen, aber höchst interessanten Kreise ... Ich bin immer zu Hause, aber Künste und Wissenschaft theilen sich in meine Zeit. Die Musik treibe ich mit Macht. Alles dies ist hier sehr wohlfeil. Ich gebe hier dem ersten Meister täglich 6 Gr., und er läßt Grund in der Lehrmethode hinter sich ... Die Gesellschaft Bei Goethe. war klein ... Ich kann Goethen nicht genug sehen; Alles an ihm weicht so vom Gewöhnlichen ab, und doch ist er unendlich liebenswürdig. Diesmal habe ich ihn einmal böse gesehen. Sein Sohn, eine Art Tapps, der aber im Äußern viel vom Vater hat, zerbrach mit großem Geräusch ein Glas; Goethe erzählte eben etwas und erschrak über den Lärm so, daß er aufschrie. Ärgerlich darüber sah er den August nur einmal an, aber so, daß ich mich wunderte, daß er nicht unter den Tisch fiel. Ein ausdrucksvolleres, mobileres Gesicht habe ich nie gesehen. Wenn er erzählt, ist er immer die Person, von der er spricht. Der Ton seiner Stimme ist Musik. Jetzt ist er alt, aber er muß schön wie Apoll gewesen sein ... * * * [Weimar] d. 28. Nov. 1806. ... Der Zirkel, der sich Sonntags und Donnerstags um mich versammelt, hat wohl in Deutschland und nirgends seines Gleichen; könnte ich dich doch nur einmal herzaubern! Goethe fühlt sich recht wohl bei mir und kommt recht oft. Ich habe einen eignen Tisch mit Zeichenmaterialien für ihn in eine Ecke gestellt ... Wenn er dann Lust hat, so setzt er sich hin und tuscht aus dem Kopf kleine Landschaften, leicht hingeworfen, nur skizzirt, aber lebend und wahr, wie er selbst, und alles, was er macht. Welch' ein Wesen ist dieser Goethe! wie groß und wie gut! Da ich nie weiß, ob er kommt, so erschrecke ich jedesmal, wenn er in's Zimmer tritt; es ist, als ob er eine höhere Natur als alle übrigen wäre; denn ich sehe deutlich, daß er denselben Eindruck auf alle übrigen macht, die ihn doch weit länger kennen und ihm zum Theil auch weit näher stehen als ich. Er selbst ist immer ein wenig stumm und auf eine Art verlegen, wenn er kommt, bis er die Gesellschaft recht angesehen hat, um zu wissen, wer da ist. Er setzt sich dann immer dicht neben mich, etwas zurück, so daß er sich auf die Lehne von meinem Stuhle stützen kann; ich fange dann zuerst ein Gespräch mit ihm an, dann wird er lebendig und unbeschreiblich liebenswürdig. Er ist das vollkommenste Wesen, das ich kenne, auch im Äußern; eine hohe, schöne Gestalt, die sich sehr grade hält, sehr sorgfältig gekleidet, immer schwarz oder ganz dunkelblau, die Haare recht geschmackvoll frisirt und gepudert, wie es seinem Alter ziemt, und ein gar prächtiges Gesicht mit zwei klaren braunen Augen, die mild und durchdringend zugleich sind. Wenn er spricht, verschönert er sich unglaublich; ich kann ihn dann nicht genug ansehen. Er spricht von allem mit, erzählt immer zwischendurch kleine Anekdoten, drückt niemand durch seine Größe. Er ist anspruchslos wie ein Kind; es ist unmöglich, nicht Zutrauen zu ihm zu fassen, wenn er mit einem spricht, und doch imponirt er allen, ohne es zu wollen. Letztens trug ich ihm seine Tasse zu, wie das in Hamburg gebräuchlich ist, daß sie nicht kalt würde, und er küßte mir die Hand: in meinem Leben habe ich mich nicht so beschämt gefühlt ... er sieht so königlich aus, daß bei ihm die gemeinste Höflichkeit wie Herablassung erscheint, und er selbst scheint das garnicht zu wissen, sondern geht so hin in seiner stillen Herrlichkeit, wie die Sonne ... * * * [Weimar] den 19. Dezember 1806. Wenn du mir schreibst, so siehe doch zu, daß du in der Wahl deiner Ausdrücke ein wenig vorsichtiger bist, es ist den Posten nicht ganz zu trauen, und man kann sich Unheil zuziehen, du weißt ja, daß ich auch ein halbes Wort verstehen kann ... * * * [Weimar] Nach Weihnachten 1806. ... Er (Goethe) ist ein unbeschreibliches Wesen; das Höchste wie das Kleinste ergreift er. So saß er den ersten Feiertag Abend eine lange Weile im letzten Zimmer mit Adelen und der jüngsten Conta, einem hübschen, unbefangenen, sechzehnjährigen Mädchen. Wir sahen von weitem der lebhaften Konversation zwischen den Dreien zu, ohne sie zu verstehen; zuletzt gingen alle drei hinaus und kamen lange nicht wieder. Goethe war mit den Kindern in Sophiens Zimmer gegangen, hatte sich dort hingesetzt und sich Adelens Herrlichkeiten zeigen lassen, alles Stück vor Stück besehen, die Puppen nach der Reihe tanzen lassen, und kam nun mit den frohen Kindern und einem so lieben milden Gesicht zurück, wovon kein Mensch einen Begriff hat, der nicht die Gelegenheit hat, ihn zu sehen, wie ich. Ihn freut alles, was natürlich und anspruchslos ist, und nichts stößt ihn schneller zurück als Prätension ... Mit einemmale kam man, ich weiß nicht wie, dort auf den Einfall, die Bardua, Die Malerin. die sich ohnehin leicht graut, mit Gespenstergeschichten angst zu machen. Goethe stand gerade hinter mir. Mit einemmale machte er ein ganz ernsthaftes Gesicht, drückte mir die Hand, um mich aufmerksam zu machen, und trat nun gerade vor die Bardua und fing eine der abenteuerlichsten Geschichten an, die ich je hörte; daß er sie auf der Stelle ersann, war deutlich, aber wie sein Gesicht sich belebte, wie ihn seine eigne Erfindung mit fortriß, ist unbeschreiblich. Er sprach von einem großen Kopf, der alle Nacht oben durchs Dach sieht; alle Züge von dem Kopf sind in Bewegung; man denkt die Augen zu sehen, und es ist der Mund, und so verschiebt sich's immer, und man muß immer hinsehen, wenn man einmal hingesehen hat. Und dann kommt eine lange Zunge heraus, die wird immer länger und länger, und Ohren, die arbeiten, um der Zunge nachzukommen, aber die könnens nicht. Kurz, es war über alle Beschreibung toll, aber von ihm muß man's hören und besonders ihn dazu sehen. So ungefähr muß er aussehen, wenn er dichtet ... * * * [Weimar] Ende Januar [1807]. ... Es ist eine herrliche Sache um solche gemeinschaftlichen Arbeiten, die man mit Lust und Liebe anfängt und ausführt; es giebt kein schöneres, festeres Band fürs gesellige Leben. Ich habe immer mit meinen Freunden etwas vor, und das giebt ein Zusammenkommen, ein Berathen, ein Überlegen, als hinge das Wohl der Welt daran; am Ende wird es ein Ofenschirm. Aber es ist nicht der Ofenschirm, es ist die einzige ewige Kunst, die ewig die Form wechselt und doch stets eine und dieselbe bleibt, die uns zusammenführt, und daß mir das Glück ward, die Kunst zu fühlen, zu lieben und auch nicht ganz ungeschickt zu üben. Das ist's, was mich jetzt in der Liebe dieser vorzüglichen Menschen so glücklich macht. Klugen, vernünftigen Leuten muß unser Beginnen fast thöricht erscheinen. Wenn so ein Senator oder Bürgermeister sähe, wie ich mit Meyer Heinrich Meyer, der Maler. Papierschnitzel zusammenleime, wie Goethe und die andern dabei stehen und eifrig Rath geben, er würde ein recht christliches Mitleid mit uns armen kindischen Seelen haben; aber das ist eben das Göttliche der Kunst, sagt dein Liebling Tieck, wenn ich nicht irre, daß ihr Beginnen, ihre Werkzeuge fast kindisch und einfältig aussehen ... Goethe ist seit einiger Zeit nicht recht wohl, er ist nicht krank, aber er fürchtet krank zu werden und schont sich ängstlich, doch kommt er zu mir, wenn er irgend kann, und läßt sich in der Portechaise zu mir tragen. Er kommt mir bisweilen etwas hypochondrisch vor; denn seine Krankheit verschwindet, wenn er nur ein wenig warm in der Gesellschaft wird, und das geschieht so leicht ... Du meinst es sei unmöglich, vis-à-vis ihm nicht ein wenig scheinen zu wollen. Sähest du ihn nur, du würdest fühlen, wie unmöglich es ist, ihm gegenüber sich anders als natürlich zu zeigen. Er ist ganz Natur, und seine klaren hellen Augen benehmen alle Lust sich zu verstellen; man fühlt, daß er doch durch alle Schleier sieht, und daß diesem hohen, reinen Wesen jede Verstellung verhaßt sein muß ... * * * [Weimar] d. 10. März 1807. Schilt mich nicht wegen meiner Saumseligkeit, ich denke viel und mit rechter Liebe an dich, ich wünsche dich oft zu mir, und wenn Fernow und St. Schütze Stephan Schütze, der bekannte Schriftsteller, Verfasser der »Abendgesellschaften bei der Hofrätin Schopenhauer in Weimar«. mir erzählen, wie sehr spät sie zum Studieren gekommen sind, und ich doch sehe was beyde werden, so fliegt mir so manches Projekt durch den Kopf, aber freylich, beyde brachten Schul- und mühsam selbst erworbene Kenntnisse auf die Akademie, die dir bey der eleganten Erziehung, die du erhieltst und in unserer Lage erhalten mußtest, mangeln. Beyde, in sehr beschränkter Mittelmäßigkeit an einem kleinen Ort geboren, konnten manchen Genuß ohne ihn nur zu wünschen entbehren, der dir wenigstens für die Zukunft unentbehrlich sein muß, also mußt du wohl in der Laufbahn bleiben, zu der du dich einmal bestimmt hast. Hier, wo niemand reich ist, sieht man alles anders, bey euch strebt man nach Geld, hier denkt niemand daran, nur leben will man, die Freude findet man in dem, wodurch man die Notwendigkeiten des Lebens sich erwirbt, ich bin hier in einer ganz andern Welt, aber ich weiß wohl, daß die Welt, in der du lebst auch seyn muß, obgleich ich mich herzlich freue daß ich ihr entronnen bin, indessen kann es doch nicht fehlen, daß meine Ansichten dir bisweilen wunderbar vorkommen müssen, und ich verarge es dir nicht ... Daß dir in der Welt und in deiner Haut nicht wohl ist, würde mir bange machen, wenn ich nicht wüßte daß es gerade jedem in deinem Alter so ist, den die Natur nicht von Haus aus zum Klotz bestimmte, du wirst bald mit dir selbst in's Reine kommen, und dann wird die Welt dir auch gefallen, wenn du nur immer Frieden mit dir selbst zu erhalten weißt, freylich, mein armer lieber Arthur, dir wird in deiner isolirten Lage der Übergang in's wirkliche Leben schwerer als Andern, ich allein vielleicht verstehe dich und könnte dich geduldig anhören und dir rathen und dich trösten, und fehle dir gerade jetzt, da du ein Wesen, an das du dich mit vollem Vertrauen wenden kannst, am nötigsten hast, aber das ist nicht zu ändern, habe Geduld, es kommen dir schönere Zeiten. Gerade in der Zeit, in der Du jetzt lebst, lieber Arthur, schwindet die bunte Kinderwelt, die erste Frühlingszeit des Lebens, in der neuen Welt, die sich dir öffnet, weißt du noch nicht Bescheid, du schwankst und weißt selbst nicht recht wohin du gehörst, das wird sich ändern, dein Unmut wird schwinden, und du wirst gern und froh leben. Es kommt dir jetzt vor, als ob ich Unrecht hätte, auch das ist natürlich und wird sich geben, wenn dir vielleicht nach einem Jahr diese Zeilen wieder in die Hände fallen ... * * * [Weimar] d. 20. Februar 1807. Mein Leben dreht sich im schönen engen Kreise; je schöner es ist desto weniger läßt sich davon schreiben ... Am Montage wurde »Tasso« zum erstenmale auf einem Theater hier gegeben, und vortrefflich. Ich habe beim Lesen keinen Begriff von dem hohen Interesse gehabt, das man auf der Bühne auch an der Handlung dieses dem Ansehen nach so thatenlosen Stücks nehmen kann. Aber freilich muß es gespielt werden, wie es hier gespielt ward. Ehegestern las Einsiedel Kammerherr von Einsiedel. Goethen, mir und einigen, die deshalb mich besuchten, eine Komödie aus dem Lateinischen des Plautus vor; sie heißt das Gespenst (die Mostellaria). Einsiedel hat es gar hübsch übersetzt. Goethe war so bezaubert davon, daß er sie ehestens hier spielen lassen will. Trotz des Abweichenden der Sitten ist das Ganze so durchaus unterhaltend, die Situationen so komisch, daß die alte Ludecus, die oben nervenschwach auf dem Sopha liegt, ganz unruhig über den Jubel ward, den wir unten trieben. Die Alten, lieber Arthur, sind doch unsere Meister, doch du bist in diesem Artikel ein Ungläubiger ... Ich lese jetzt wenig, ich lebe mehr; der Buchstabe ist doch immer ein totes Wesen. * * * [Weimar] d. 10. März 1807. ... Seit ein paar Abenden liest Goethe selbst bei mir vor, und ihn dabei zu hören und zu sehen, ist prächtig. Schlegel August Wilhelm von Schlegel. hat ihm ein übersetztes Schauspiel von Calderon »Der standhafte Prinz« im Manuskripte geschickt; es ist Klingklang und Farbenspiel, aber er liest auch den Abend keine drei Seiten, sein eigner poetischer Geist wird gleich rege: dann unterbricht er sich bei jeder Zeile, und tausend herrliche Ideen entstehen und strömen in üppiger Fülle, daß man alles vergißt und den Einzigen anhört. Welch ein frisches Leben umgiebt ihn noch immer! Der arme alte Wieland kommt mir gegen ihn vor, wie der alte Kommandant von Eger, wenn Wallenstein ihm sagt: »An meinen Locken zogen die Jahre leicht vorüber« ... Auch fühlt Wieland sich durch Goethes Gegenwart gedrückt; deßhalb kommt er nicht in meine Gesellschaft, so gern er möchte; denn wo er mich zu treffen weiß, geht er gerne hin. Letzt besuchte ich die Göchhausen, Hofdame Fräulein von Göchhausen. er kam gleich auch ... Diesmal interessirte er mich wirklich; er war traurig, denn er hatte den Tag vorher die Nachricht bekommen, daß seine erste und einzige Liebe, die alte Laroche Sophie von La Roche. gestorben wäre. Er sprach viel von sich, seiner Jugend, seinem Talente. »Niemand«, sagte er, »hat mich gekannt oder verstanden. Man hat mich in den Himmel gehoben, man hat mich in den Koth getreten; beides verdiene ich nicht.« Dann erzählte er, wie er der Laroche zu Gefallen die ersten Verse gemacht hätte; wie er eigentlich nicht zum Dichter geboren wäre; nur Umstände, nicht die Macht des Genies hätten ihn dazu gebracht; er habe seine Laufbahn verfehlt. Er hätte Philosophie studieren sollen oder Mathematik, da wäre was Großes aus ihm geworden; er hätte immer so gerne gerechnet, nun aber hätte er müssen Jura studieren. Nachher wäre er Registrator oder so etwas bei einem Archive in einem kleinen Städtchen geworden; da hätte er nun Verse gemacht, um sich von der jämmerlichen Aktenkrämerei zu erholen. »Nie«, sagte er, »hatte ich einen Freund, dem ich meine Arbeiten mittheilen oder darüber sprechen konnte; immer war ich alleine; niemand verstand mich, niemand kam meinem Herzen entgegen.– – Hernach kam ich hierher in's vornehme Leben, und da mußte alles eben bleiben, wie es war. Jetzt bin ich alt und stumpf, und werde wohl nicht mehr lange bei Euch bleiben, und ich tauge auch nicht mehr unter Euch.« Die Göchhausen und ich trösteten tüchtig drauf los und widersprachen was wir konnten. Ich führte ihm – Voltaire zu Gemüthe; ich weiß, er hört sich gern mit ihm vergleichen. »Ach«, sagte er, »Voltaire war ein ganz andrer Mensch! Was schrieb der noch in meinem Alter! Ich habe keine Phantasie mehr; mit mir ist's vorbei!« Indessen übersetzt er doch noch den Cicero sehr emsig und mit großer Freude daran ... * * * [Weimar] Mai 1807. ... Du siehst, wie es mit deiner eingebildeten Menschen- und Weltkenntnis steht: Was geschehen ist, sagte ich dir vorher; du siehst, wie sehr du irrtest: Dies ist die erste Lektion, welche die dich umgebende Welt dir gibt. Sie ist hart, aber wenn du dich nicht änderst, wird es noch härter kommen, du wirst vielleicht sehr unglücklich werden, und weder das Bewußtsein, es nicht verschuldet zu haben, noch die Teilnahme der Besseren wird dich trösten ... Du bist kein böser Mensch, du bist nicht ohne Geist und Bildung, du hast alles, was dich zu einer Zierde der menschlichen Gesellschaft machen könnte, dabei kenne ich dein Gemüt und weiß, daß wenige besser sind; aber dennoch bist du überlästig und unerträglich, und ich halte es für höchst beschwerlich, mit dir zu leben: all' deine guten Eigenschaften werden durch deine Superklugheit verdunkelt und für die Welt unbrauchbar gemacht, blos weil du die Wut, alles besser wissen zu wollen, überall Fehler zu finden außer in dir selbst, überall bessern und meistern zu wollen, nicht beherrschen kannst. Damit erbittertest du die Menschen um dich her, niemand will sich auf eine so gewaltsame Weise bessern und erleuchten lassen, am wenigsten von einem so unbedeutenden Individuum, wie du doch noch bist. Niemand kann es ertragen, von dir, der sich doch auch so viele Blößen giebt, sich tadeln zu lassen, am wenigsten in deiner absprechenden Manier, die im Orakelton gerade heraus sagt: so und so ist es ohne weiter eine Einwendung nur zu vermuten. Wärst du weniger als du bist, so wärst du nur lächerlich, so aber bist du höchst ärgerlich ... Alles, was ich dir schrieb, soll kein Vorwurf sein, nur ein Versuch, dich dir einmal zu zeigen, wie die Welt dich sieht, wie ich, deine Mutter, die dir so manchen Beweis ihrer Liebe gab, dich leider sehen muß, und nun siehe daraus was für ein Resultat du kannst ... Ich würde dich gleich herkommen lassen, aber teils weiß ich dich jetzt nicht gut auf längere Zeit zu beherbergen, teils würde mich auch deine Gegenwart und dein ewiges Einreden hindern, ordentlich für dich zu forschen und zu wählen, und mich bald ärgerlich, bald verwirrt machen, besonders wenn deine edle bekannte Unentschlossenheit dazu käme und überdies kann ich diesmal nicht dafür stehen, daß der Unwille über dich, der doch bei Lesung deines Briefes in mir aufwallte, nicht meiner Herr würde und es zu heftigen Auftritten käme, die wir beyde besser thun zu vermeiden. Also ist's besser, Du bleibst noch dort und wartest ruhig meinen nächsten Brief ab, der dir vielleicht schon etwas Entscheidendes bringt. Glaube mir, du dauerst mich, ich weiß, du bist nicht bösartig, und gelingt's mir nur einmal, dir anschaulich zu machen, wie und wo du fehlst, so bist du geborgen...   An Karl von Holtei. Weimar den 13. März 1828 bei einer wahren Hundekälte am warmen Ofen. Hier, caro amico , das Opus der Voigt, Erste Gattin des Geheimrats von Voigt, des Freundes Goethes. Ich wünsche und hoffe, daß Sie es werden brauchen können. Die darin vorkommenden Geschichten sind alle toll genug. »Stella« verbürgt sich für die Wahrheit derselben; und ich, die ich die kleine alte, sehr rechtliche Heldin noch persönlich gekannt habe, möchte es ebenfalls thun. Goethe hat mir erzählt, daß sie damals wirklich Furore gemacht, und wie er als Student zum Sterben in sie verliebt gewesen, und sich im Leipziger Parterre die Hände fast wund geklatscht habe, wenn sie in dem Weiße'schen Trauerspiel Romeo und Julie. als Juliane auftrat, und in der Scene, ehe sie den Trank nimmt, die Ottern und Schlangen und Kröten von ihrem weiß atlassenen Reifrock herabschleudert, die sie in ihrer Phantasie daran heraufkriechen sah... * * * Weimar, den 26. September 1828. ... Wie Weimar aussieht? – Eigentlich sieht es gar nicht aus, alles ist noch in Schwebe; der neue Großherzog wird mit seiner Gemahlin erst in einigen Tagen von Karlsbad erwartet... Auch Goethe ist heitrer, gesünder, wohlaussehender als seit Jahren; er trägt den Verlust seines fürstlichen Freundes mit der allen Alten eigenen stillen Ergebenheit. Uebrigens hat der Tod hier fürchterlich die Sense geschwungen und, ohne daß die Sterblichkeit deshalb größer gewesen wäre wie sonst, lauter bekannte Häupter aus unserer Mitte getroffen. Die fast täglich einlaufenden Todesnachrichten erschreckten mich so, daß ich schon einmal so lange ausblieb, als ich mir anfangs vorgenommen; denn am Ende, dacht' ich, nimmt der Tod en compagnie mich mit weg, wenn ich in Weimar ihm so unversehens über den Weg laufe... Und nun zu Ihnen, lieber Holtei, daß Sie aus freien Stücken auf den Gedanken kommen sollten, hierher zu ziehen, um in Weimar zu leben, wagte ich kaum zu denken. Sie äußerten einen freilich gerechten Wiederwillen gegen das hiesige Theaterwesen. Aber freilich hat jetzt alles eine andere Wendung genommen, oder wird sie eigentlich nehmen; denn für jetzt ist noch nichts gethan, nichts beschlossen, obgleich den 1. Oktober die Vorstellungen wieder anfangen... Frau von Heigendorf Karoline Jagemann. hat allen Einfluß aufs Theater verloren. Sie wird nie wieder auf demselben erscheinen und wahrscheinlich Weimar verlassen; doch ist letzteres nur eine Vermutung. Sie selbst habe ich noch nicht gesprochen, auf jeden Fall ist sie aus dem Spiele. Hummel , Der Kapellmeister. der Liebling der jetzigen Großherzogin, ist der Oberherrschaft Stromeyer's Des Sängers Stromeyers, Oberdirektors des Theaters. entzogen, selbständiger Direktor der Oper geworden. Stromeyer hat um Entlassung von der Direktion des Theaters gebeten und hat weislich daran getan, denn sie wäre ihm sonst genommen worden. Der jetzige Großherzog war sehr gegen diese wunderliche Intendanz. Er wollte anfänglich ganz abgehen, wird aber, vor der Hand wenigstens, doch als Sänger bleiben; und so ist das ebenfalls fürs erste in Ordnung und wir brauchen einen neuen Intendanten. Wagner Schauspieler. hat durch Gottes Schickung in Dresden Furore gemacht als Tell, man hat ihm 1400 Thaler Gehalt geboten, und er hat sie angenommen, Contract und Alles unterzeichnet; es bleibt nur noch die Rückkunft des Großherzogs abzuwarten, um diesem die Wahl zu lassen, ob er ihm dieselben Vorteile gewähren will, welche die Dresdener ihm bieten, um ihn zu erhalten. Daß solches aber nicht geschehen wird, versteht sich von selbst. Wagners Contract geht mit einigen Monaten zu Ende und einen Regisseur werden wir also auch los. Um die Besetzung der letzteren Stelle kümmert man sich im Publikum aber noch nicht. Alles ist auf den Intendanten gestellt. Man ist sehr darauf gespannt und meint, der Herzog werde sie einem Hofherrn übertragen. Dem Oberhofmarschall von Spiegel. Nach Goethes Abgang vom Theater trat erst ein Interregnum ein, bei dem wenig Kluges herauskam. Dann wurde ein Liebling des verstorbenen Großherzogs, Graf Edling, Intendant. Als dieser nach einigen Jahren Weimar und seinen fürstlichen Freund eben nicht auf eine lobenswerte Art verließ, übernahm der Kammerherr von Vitzthum die Stelle, legte sie aber aus Ueberdruß nach Jahr und Tag nieder. Dann schleppte sich das Theater noch eine Weile so fort, bis Stromeyer durch den Einfluß seiner Freundin Jagemann. Oberdirektor wurde. Das ist nun vorbei. Jetzt werden verschiedene Namen genannt, die zu dieser Ehre kommen sollen, Herr von Beulewitz hat sie ausgeschlagen; einige andere auch. Nun nannte man die Herren von Vitzthum, von Gerstenbergk, von Groß und von Holtei. Vitzthum hat erklärt, daß er sie nicht annehmen wird, so sagt man wenigstens. Gerstenbergk kann es nicht, weil er mit eigenen und Staatsgeschäften überhäuft ist; auch wird er Ihnen nie in den Weg treten wollen. Groß schwankt. Er sagte mir gestern, daß er sie nicht wünsche, obgleich er auf unserm Liebhabertheater einer der besten Darsteller war. Läuft er indessen dem Herzog zur rechten Stunde in den Weg, so stehe ich für nichts. Dann aber brauchen wir immer noch einen Regisseur. Viele Stimmen wünschen, daß Sie beide Stellen in Ihrer eigenen Person vereinigen möchten. Ich könnte fast sagen: die meisten; wenn nicht der Adel, namentlich Spiegels befürchteten, daß Sie die Rechte Ihrer Geburt geltend machen und bei Hofe erscheinen wollten. Selbst der Herzog würde darin keine Ausnahme machen, wenn der Gedanke ihm bei seiner Ankunft eingeblasen würde. Denn Sie haben doch nun einmal das unverzeihliche Verbrechen begangen, nicht durch Herumschranzen, sondern durch eigene Kraft und eigenes Talent Ihr Fortkommen in der Welt zu suchen, ja sogar selbst auf der Bühne gestanden ... Ottilie Ottilie von Goethe, geborene von Pogwisch. will den Alten Goethe. für Sie gewinnen und hofft es zu können, dessen Wort freilich das kräftigste wäre. August August von Goethe. ist ganz für Sie. Ihn werden Sie in Berlin sehen, wohin er den 11. Oktober reisen will ... Und nun lassen Sie mich auch die Kehrseite des von Ihnen und uns gewünschten Glückes darstellen. Wahr ist es, Sie gewinnen eine sichere Anstellung, die für Sie das Wünschenswerteste ist, aber diese wird keineswegs brillant von finanzieller Seite sein. Denn wir sind gewaltig ökonomisch und müssen es sein, malgré nous . Sie werden zu litterarischen Arbeiten Zeit behalten, Sie werden zwei Monate im Jahr zu kleinen Reisen übrig behalten, Sie werden Ihren Sohn zu sich nehmen und ihm hier ohne große Kosten eine gute Erziehung geben können. Dies alles ist schon etwas wert ... Aber, mein Freund, Sie opfern einen bedeutenden Teil Ihrer Freiheit auf, Sie werden nicht mehr arbeiten, wie Sie wollen, sondern wie Sie müssen. Und tausend Unannehmlichkeiten sind mit dem Geschäfte, das Sie übernehmen wollen, enge verbunden, die Sie besser kennen als ich. Sie werden Launen, Thorheiten, alberne Zumutungen von allen Seiten zu bekämpfen, zu befriedigen, zu beseitigen haben. Doch jeder Stand hat seine Last! Aber Sie verlassen Berlin, das dortige freie, heitre, unbeschränkte Leben, an das Sie einmal gewohnt sind, um in einer kleinen Residenz sich niederzulassen, die trotz ihrem Vornehmthum ziemlich kleinstädtisch ist, wenigstens gegen Berlin gehalten ... * * * Weimar, den 25. Oktober 1828. ... Der Großherzog hat gestern Abend mich zum ersten Mal besucht. Er kam unangemeldet und fand mich allein, er war freundlich wie immer. Ich hütete mich wohl, Sie oder das Theater sogleich zu erwähnen. Er kam aber von selbst darauf ... Denken Sie sich mein frohes Erstaunen, als er mir sagte, wir brauchen vor allem einen gebildeten Regisseur und Sie dabei lobend erwähnte. Ich nahm das natürlicher Weise auf, ließ mich über die Eigenschaften, die Sie besonders hier wünschenswert machen, aus, ließ dabei ein Wort fallen, daß Sie am Hofe die Vorrechte Ihrer Geburt durchaus nicht geltend machen würden ... Das Ende meines Gesprächs mit dem Herzog war, daß er meinte, Sie kämen doch wohl bald her? Ich erwiderte, Sie wären jetzt in Berlin, wenn S. Kgl. Hoheit aber beföhlen ... usw. Er bat mich, die Besuche, die er jetzt hier habe, erst fortgehen zu lassen; wenn mehr Ruhe wäre, könne man alles reiflicher überlegen und besprechen. Und das war dann das Ende vom Liede. Gern möchte ich darauf Hoffnungen für uns bauen, aber ich wage das nicht und bitte Sie, es auch nicht zu thun; denn ich kenne die Welt, besonders die hiesige, die kleine, die alle Fehler und wenig Vorzüge der großen hat ... * * * Weimar, den 15. November 1828. ... Tieck war hier mit seinem ganzen Gefolge; Gräfin Gräfin Henriette Finckenstein. Frau, Dorothee Seine Tochter. und alles. Ich hatte ihn schon früher in Godesberg gesehen und fand ihn unglaublich wohl. Hier schien er mir leidend und gedrückt. Der Alte war sehr freundlich gegen ihn, aber doch nicht so recht von Herzen. Er blieb drei Abende hier und drei Mal habe ich ihn lesen gehört; denn sowie es ½7 schlägt, muß er beginnen; es geht ihm damit, wie andern Leuten mit der Tabakspfeife. Den ersten Mittag aß er bei Goethe, den Abend war er bei mir, auf Goethes ausdrückliches Verlangen, weil dieser der Vorleserei ausweichen wollte, die er einmal im Sommer, wie ich nicht hier war, aushalten mußte ... Den zweiten Abend waren wir bei Ottilien; der Alte sollte heraufkommen, kam aber nicht. Tieck las den Clavigo, die Scene mit Clavigo und Carlos vortrefflich, sonst ... je nun, im Trauerspiel stehen Sie über ihm. Das ist kein leeres Compliment. Den dritten Abend war er wieder bei mir. Auf seinen Wunsch hatte ich niemand gebeten, als Ottilie und Riemer, Professor Riemer, Goethes literarischer Gehilfe. und nun forderte er selbst den Gozzi und las »die glücklichen Bettler« mit unendlichem Humor, improvisierte in den Scenen, die der Dichter dazu eingerichtet, und ergötzte uns außerordentlich ... Was Tiecks Vorlesungen so etwas ganz eigen hinreißend Angenehmes giebt, ist sein schönes Organ, das er noch immer behalten und seine durchaus reine Aussprache. Er hat keine Spur von irgend einem Dialekt ... Im Tragischen predigt er ein wenig, das thun Sie nie; überhaupt ist sein Vortrag gemäßigter, man vergißt bei ihm selten, daß er liest, bei Ihnen vergaß ich es immer ... * * * Weimar, den 19. Februar 1829. Wie danke ich Ihnen, lieber, guter Holtei, für das Vertrauen, das Sie seltsam nennen, das ich aber so natürlich und für mich wahrhaft ehrend finde. Auch danke ich Ihnen herzlich, daß Sie in dieser Angelegenheit, Holteis Liebe zu der Schauspielerin Julie Holzbecher, seiner zweiten Frau. von deren Entscheidung denn doch nicht nur Ihre Zukunft, sondern die eines liebenswürdigen Mädchens abhängt, meinen Rat nicht verlangen. Ihr Herz und Ihr Kopf müssen hier Ihre einzigen Ratgeber sein und bleiben und mit Beiden ist es gottlob noch so gut bestellt, daß sie vereint Sie unmöglich irre führen können... Wie gut kennen Sie mich, wie so ganz haben Sie mein Schweigen über ein Gerücht verstanden, das freilich auch mir von allen Seiten zugetragen wurde. Ich wußte ja, daß Sie mir alles sagen würden, sobald Sie selbst mir etwas zu sagen hätten. Neugier ist nicht Freundschaft und von jeher war mir nichts verhaßter, als jene zudringlichen Freunde, die da wollen, man soll ihnen Dinge vertrauen, über die man sich selbst noch nicht im Klaren ist, die man sich selbst kaum gesteht... Ihren Brief an August August von Goethe. habe ich gelesen und dann besorgt. Daß Sie sich die Mühe gegeben, das Erscheinen Ihres Melodramas »Faust« zu erklären, ist ein neuer Beweis Ihrer Herzensgüte. Sie hätten dies nach der Art, wie der alte Herr Goethe. sich in der Sache benommen, kaum nötig gehabt. Aber der alte Herr ist 80 Jahre alt, und da ist es kein Wunder, daß er oft kaum begreift, wie andere sich unterstehen können, auch existieren zu wollen. Adele, Johannas Tochter. die er zuweilen zu einem diner tête-à-tête einladet, war eben bei ihm, als ein Brief ankam, der über Ihren Faust aburteilte; was darin stand, wollte sie nicht beichten, doch so viel ist gewiß, daß es Ihnen schlecht ergangen ist, und daß der Alte seine Freude daran hatte. Also machen Sie sich nur darauf gefaßt, ihn, wenn Sie wieder herkommen, ein wenig unzugänglicher zu finden, als früher. Er ist es überhaupt, er fühlt, daß ihm in seinem Hause nicht wohl bereitet ist. Und diniert deshalb schon seit ein paar Monaten in seinem Zimmer ganz allein oder mit einem einzelnen Gast, den er sich einladet... Das wird aber auch wieder anders. Er hat fast alle Winter solche Sonderbarkeiten, die wenn die Tage länger werden, und die Kälte abnimmt, ihn wieder verlassen... * * * Köln am Aschermittwoch 1831. Schon der Anblick dieses Bogens erzählt Ihnen Alles; daß ich zum lustigen Fasching hergekommen bin (denn einmal im Leben mußte ich doch eine ganz toll gewordene Stadt sehen), daß ich mir alles Lustige angesehen und mitgemacht habe, soviel mein lahmes Bein mir erlaubte, daß ich mit Narren ein Narr war, drei volle Tage lang, und daß ich endlich an diesem frommen der Reue und Buße geweihten Tage in mich ging, meine Sünden bedachte, die hauptsächlichst in Unterlassungssünden bestanden, daß Sie dabei mir sehr aufs Herz fielen... Denn ein so herzlicher lieber Brief wie Ihr letzter, hätte wohl verdient, augenblicklich beantwortet zu werden. Und daß ich nun die erste freie Stunde ergreife, um meine Sünde zu bekennen und Sie daher bitte, wieder einmal Gnade für Ungnade gelten zu lassen... Doch wer kann gegen seine Natur? Ich bin einmal eine träge Korrespondentin. Und eigentlich war Ihr Brief selbst Schuld, daß ich nicht gleich wiederschrieb. Er ist zu gut. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie mich alles tief in der Seele bewegte, was Sie mir über den Tod des beklagenswerthen August sagen... Auch Adele war betrübt um ihn, so sehr sie Ottilien liebt und so aufgebracht sie oft über das Betragen des Verstorbenen gewesen. Und was für Berichte hatten wir dagegen aus Weimar erhalten! Der Kanzler von Müller. hatte mit Vogel Leibarzt. übernommen, dem Vater Goethe. die Trauerpost Vom Tode Augusts. kund zu thun. Der Alte hat sie nicht ausreden lassen; »als er fortging gab ich ihn schon verloren«, hat er gesprochen, hat sie verabschiedet, und die Herren konnten mit sich selbst nicht einig werden, ob er sie wirklich verstanden. Zu Ottilien sagte er: »August kommt nicht wieder, desto fester müssen wir Beide an einander halten.« Und sie ...? An uns schrieb die Pogwisch in ihrer Tochter Namen: Der Alte schloß seinen Schmerz in sich wie er immer thut. Die Kinder bekommen Vormünder, sie sind dereinst, Gott gebe, so spät als möglich, des Großvaters einzige Erben. Auf welche Weise er für die Mutter sorgen will, hängt von ihm ab. Gewiß geschieht es nicht auf die Weise, daß er ihre Wünsche ins Ausland, besonders nach England zu ziehen, befriedigt werden können. Wenigstens werden die Vormünder nicht zugeben, daß sie die Kinder mitnimmt ... solange indessen der Großvater lebt, bleibt alles vor der Hand beim Alten. Ottilie wohnt bei ihm, und beträgt sich sehr gut gegen ihn. Uebrigens ist sie, wie sie war, was soll man weiter darüber sagen. Ihr Brief, lieber Freund, kam gerade in einer Zeit des Herbstes, wo unser sonst stilles Unkel, von allerlei Leuten und Besuchen wimmelte. Dann kam mein Umzug nach Köln in die Winterquartiere, der immer etwas tumultuarisch ausfällt. Zur Ruhe endlich gelangt, wollte ich Ihnen schreiben, da kam Goethes gefährliche Krankheit. Und daß diese mir allen Mut benahm, begreifen Sie wohl. Der wunderbare Greis erholte sich wieder, vierzehn Tage, nachdem er der Todesgefahr entgangen, traf ein Brief von ihm ein an Adelen, die hier seine Geschäftsträgern ist. »Nach großem Verlust und drohender Lebensgefahr, habe ich mich wieder auf die Füße gestellt,« heißt es in diesem, freilich wie immer von fremder Hand geschriebenen Brief; aber einige von ihm selbst mit gewohnter Festigkeit am Ende hinzugefügte Zeilen machten uns große Freude. Adele schickte ihm eine Zeichnung von unserer ländlichen Wohnung in Unkel und noch einiges, das ihn freute. Seine Antwort folgte sehr schnell. Et ließ sich, offener als sonst, über sich selbst darin aus, sprach von der Art, wie die Natur des Menschen nach jeder großen Erschütterung im Innern auf irgend eine Weise das Gleichgewicht wieder herzustellen sucht; seine Krankheit sei die Folge davon gewesen. Jetzt wolle er also alles thun, um nach gewohnter Weise auf dem Wege des Wissens und der Kunst fortzuschreiten. Dabei habe er auch von Neuem die schwere Rolle des deutschen Hausvaters wieder aufzunehmen, wenngleich, wie er dankbar erkenne, unter den günstigsten äußeren Umständen. Auch unter diesen Brief hatte er mit eigener Hand ein paar herzliche Zeilen geschrieben. Am folgenden Tag erhielten wir die Nachricht, C... Cotta? sei bankerott. Wir wissen, wie tief er noch bei Goethe in Schulden steckte. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr es mich schmerzte, daß Goethen am Spätabend seines Lebens auch noch dieser harte Schlag treffen sollte ... Gottlob, die Gefahr ist vorüber. Die Könige von Bayern und Württemberg haben den Papierkönig in ihre Mitte genommen, und ihn kräftig unterstützt und so bleibt alles beim Alten ... * * * Bonn, den 4. Januar 1832. ... Wie mirs geht, wollen Sie wissen? Eben wie Ihnen und allen Andern auch. Gut und schlecht! Gesund bin ich, wie man in meinem Alter irgend sein kann. Sorgen mancherlei Art in dieser wahrlich nicht sehr tröstlichen Zeit fehlen zwar bei mir auch nicht. Aber meine angeborene Geistesheiterkeit verläßt mich dennoch nicht. Vielfältige Lebenserfahrung hat mich zu der Überzeugung gebracht, daß nichts in der Welt so vortrefflich, aber auch nicht so arg wird, als man es hofft oder fürchtet. Und so ist es mir gelungen und wird mir noch ferner gelingen, den Kopf immer oben zu behalten und mir – wenigstens im Innern – immer gleich zu bleiben. Das ist Alles, was ich von mir sagen kann, denn eigentlich lebe ich immer nur noch ein inneres Leben. Mein äußeres fließt im Sommer auf dem Lande, im Winter in der Stadt so gleichförmig als möglich hin. In Unkel leben wir sehr einsam. In Bonn so ziemlich gesellig. Wir amüsieren uns leidlich, sind mitunter viel zu Hause, was mir sehr wohl behagen würde, könnte ich mir nur ein paar meiner Freunde aus früherer Zeit an meinen Theetisch citiren. Zwar kommt gewöhnlich Einer oder der Andere, aber, wie Lina Egloffstein Eine Weimarische Freundin. einmal recht geistreich sagte: »Es ist immer der Andere!« * * * Bonn, den 27. Oktober 1832. ... Wenn man so auf dem Lande in paradiesischer Gegend einen Tag wie den andern hinlebt, hinträumt, sollt' ich sagen, versinkt man endlich in eine Art geistiger Lethargie, die freilich einen eigenen Reiz hat. Das selige far niente ! Eigentlich taugt es für unsereins nicht, daß man keinen andern Gedanken habe, als ob das Wetter morgen so schön sein wird, wie es heute war? Stundenlang sitzt, den Schwalben zuzusehen, wie sie ihre Kleinen füttern, und den Wolken, wie sie ihren goldenen, purpurnen Abendputz anlegen. Das habe ich dann ernstlich bedacht und so, mit Gott, mich entschlossen, Unkel aufzugeben, so wehe es mir auch thut. Die fast ununterbrochene Einsamkeit, in der ich die Hälfte des Jahres verlebte, war auf gutem Wege, mir die Gesellschaft gänzlich zu verleiden und auf Adele denselben Eindruck zu üben. Das zweimalige Umziehen, im Frühling und Herbst wurde uns Beiden immer lästiger. Und kamen wir im Spätherbst wieder nach Bonn, so waren wir wieder wildfremd geworden, und mußten herumfahren, und Visiten machen, als kämen wir aus fernen Landen ... Ich bilde mir ein, daß Sie gern wissen werden, wie es jetzt, da ich endlich einen festen Wohnplatz habe, um mich her aussieht, und daß es Sie freuen wird, wenn ich Ihnen sage: Fast ganz wie in Weimar. Als zweiten Beweis, wie sehr es mit meiner Besserung mir ernst ist, muß ich Ihnen sagen, daß ich eine Zeichnung von Goethen und ein durchaus von seiner Hand geschriebenes Billet an mich hervorgesucht habe, und Beides mit diesem Briefe zugleich auf die Post geben werde, für Ihre Freundin in Darmstadt. Die Julie Holzbecher, z. Z. am Darmstädter Theater. Erstere Die Zeichnung. ist zwar nur eine Klexerei, wie er deren an meinem Theetisch an einem Abend zuweilen 3–4 »anfertigte", – – sagt der Berliner. Er wollte sie mir zerreißen und ich erhielt sie nur, weil ich behauptete, sie wäre auf meinem eigenen Papier mit meiner eigenen Tusche gezeichnet, er habe folglich kein Recht daran. Wäre das Geschmiere von anderer Hand, es hätte längst im Kehricht den Untergang gefunden, und ich schäme mich, nichts Besseres geben zu können. Aber ich bin bis jetzt zu splendid gewesen, von den eigentlichen Zeichnungen Goethes ist mir nur eine geblieben. Von diesen Schmieralien, die denn doch als augenblickliche Erzeugnisse seiner Phantasie vielleicht um so interessanter sind, habe ich noch einige und schicke der Frau Ministerialrätin Halwachs eine der besten. Desto merkwürdiger ist das Billet. Ich habe es zehnmal überlesen, in der Hand herumgedreht, es wieder weggelegt, es wieder aufgenommen, ehe ich mich dazu wirklich entschloß, mich davon zu trennen... Ich höre, daß die alte Fabel sich wiederholt: Als der Löwe tot war, gab der Esel ihm kühn einen Fußtritt. Man soll unglaublich frech mit Goethes Andenken in Journalen und Tageblättern schalten. Ich weiß wenig davon, als was ich so von Andern im Gespräch vernehme, denn ich lasse keins dieser Klatschblätter über meine Schwelle... Von den gleich nach unseres Meisters Tode herausgegebenen Broschüren habe ich doch Einiges gelesen: Falck's Buch Johannes Falk, »Goethe aus näherem persönlichem Umgange dargestellt«, Leipzig 1832. ist ein Gemisch von Lügen, in denen hin und wieder etwas von Wahrheit eingeflickt ist. Er selbst hat Goethe nie nahe gestanden, der ihn eigentlich nie leiden konnte. Selten erhielt er Zutritt, vom Januar 1806 an hat er ihn nur bei mir gesehen und wir Alle, Goethes nähere Freunde, bildeten so eine Phalanx, um den unerträglichen Schwätzer wenigstens zehn Schritt entfernt zu halten. Goethes Schwelle durfte Falck vom 14. Oktober 1806 an nicht mehr betreten. Sein Herumziehen mit den Franzosen und sein Brandschatzen in den kleinen Fürstentümern hat ihn gar zu verächtlich gemacht. Sie können also leicht erachten, wie es um die Gespräche, die er im Garten Goethes mit diesem gehalten haben will, steht. Ungefähr wie um den prachtvoll blühenden Feigenbaum, unter welchem er Goethe gefunden. Sie wissen, daß der Feigenbaum nie blüht, sondern gleich Früchte ansetzt. Die Broschüre von Dr. Müller ist Bedientengeschwätz. Müller selbst, ein obskurer Mensch, kam nie in Goethes Nähe. Die Sterbestunde ist indessen wahr beschrieben. Ich habe Ursache zu glauben, daß sie Goethe nicht unerwartet beschlich, obgleich er, um die Seinen, wohl auch um sich selbst zu schonen, nichts davon merken ließ; auch Ottilie und die Kinder haben keine Ahnung davon. Ich aber habe, von jemand (dem ich trauen darf) erfahren, daß er Vogeln befragte, ob er noch Hoffnung habe und dieser antwortete, wie er in diesem Falle mußte: Keine! ... Goethe schwieg eine Weile: »Nun, dann muß man sich schon drein ergeben«, sprach er gelassen und nun war nicht weiter die Rede davon. Wie so ganz in Goethes Geist und Sinn ist diese Antwort, dieses männlich gefaßte durchaus natürliche Benehmen! Sophie Brentano Ein reifes und auch gefallsüchtiges Weib, das mit sinnlichem Zauber einen Schwärmer betört, das seine Eroberungslust reizt wie seine Phantasie, das mit dem jugendfrischen Romantiker spielt, bis es sich in den eigenen Netzen fängt; kurze Liebesglut, poetische Stunden und viele Tränen, denen der Tod ein Ziel setzt, ehe sie ungetrocknet bleiben: das ist der Roman Sophie Mereaus mit Clemens Brentano. Jung an einen ungeliebten Mann gefesselt, hatte die hübsche Sophie Schubart in ihrer neuen Heimat wenig Befriedigung, aber desto mehr Anbeter gefunden. Die Gesellschaft von Jena, wo ihr Gatte eine Bibliothekarsstellung einnahm, kristallisierte sich um die kleine, anmutige und geistreiche Frau, die den ihr gespendeten Weihrauch mit Entzücken einatmete. Sie war glücklich, bewundert zu werden. »Gelt«, schreibt ihr Clemens einmal, nachdem es ihm zum Bewußtsein gekommen ist, daß seine Leidenschaft erwidert wird, »Du reitest nicht mehr, Du schminkst Dich nie wieder – mich lieben, mich beglücken, das soll Deine ganze Lust sein...« Sie hat ihn ehrlich geliebt, sie hat ihn ganz gewiß auch beglückt; denn in der Tat konnte nur ein Weib wie Sophie seine widerspruchsvolle Natur fesseln. Aber zwischen einem Beglücken im Rausche taumelnder Sinne und dem dauernden Glück der Ehe ist ein Unterschied. Vielleicht hätte das Leben der Beiden sich anders gestaltet, wenn Sophie seine Geliebte geworden wäre. Doch in dem romantischen Sonderling, der in freischwebender Stimmung sein Höchstes suchte, lebte doch auch ein ganz gesundes Empfinden. Die Geliebte seiner Sehnsucht sollte nicht abseits der Gesellschaft stehen. Sophie mag von Anbeginn an ihr Schicksal geahnt haben. Sie hat sich nach der Scheidung von ihrem Manne durch einen längeren Aufenthalt in Kamburg den Huldigungen Clemens' zu entziehen gesucht. Sie hat Monate der Prüfung zwischen ihn und seine Wünsche gelegt, und als schließlich ihr Zustand sie zwang, auch vor der Welt seine Frau zu werden, schrieb sie noch: »Ich werde mit Dir glücklich sein , das weiß ich; ob ich es bleiben werde, das weiß ich nicht«. Sie heirateten am 29. November 1803. Sophie war damals dreiunddreißig Jahre alt; dennoch wirkte sie viel, viel älter als der fünfundzwanzigjährige Clemens. Auch an dieser Differenz mag sich das Glück der Beiden zerrieben haben. Anfänglich geht alles gut. In einem Briefe vom Juni 1804 schildert er Sophie: »Meine Frau ist ein tüchtiges Weib, an Leib und Seele gesund, und mehr noch rüstig, gewandt, und bis zur Kunst an beiden gelangt durch Anlage, Lust und Übung; wenn man sie auf den Kopf stellt, fällt sie immer wieder auf die Füße. Es macht mir oft einen großen Spaß, daß sie bei mir ist, sie ist ein allerliebster Kamerad, wenn sie vergnügt ist ... Bis jetzt weiß ich noch nicht, wo ich meine Heimat finden werde. Ich möchte gern meinem Vaterlande nah oder auch in meinem Vaterlande wohnen, aber die Teuerung! Alles andere ist in Frankfurt für mich beinahe besser als sonst wo, und auch für Sophien, welche Gesellschaft und Vergnügungen bedarf, denn ihr Element ist Freude, und in der Freude ist sie auch wie ein Kind, und oft wie ein Engel.« Aber bald wird es anders. Das Zusammenleben mit Clemens, schreibt Sophie an Charlotte von Ahlefeld, umfasse Himmel und Hölle, doch die Hölle sei vorherrschend. Und gerade in dieser Periode, der Marburger Zeit, fand Clemens Muße, eines seiner schönsten Werke, die »Chronika«, zu arbeiten. Der Tod ihres ersten Kindes verbitterte ihnen Marburg. Sie siedelten sich in Heidelberg an, wo Sophie sofort einen neuen Freundeskreis um sich scharte. »Die Madame Brentano«, so skizziert sie ein Heidelberger im Herbst 1804, »ist eine niedliche kleine Figur. Einigen Reiz hat die Zeit schon von ihrem Gesicht abgestreift. Sie hat ein freundliches Wesen, spricht gern von literarischen Produktionen, doch ohne Ziererei und ohne sich darauf etwas einzubilden« ... Wie tief im übrigen schon damals das wachsende Zerwürfnis ging, beweist eine Briefstelle von Clemens an Achim von Arnim vom 3. Oktober: »...Glaubst Du wohl, Arnim, daß es schmerzt, mit einem kalten Wesen täglich zusammen zu sein, das die Häuslichkeit verachtet, ohne zu einem andern Dasein Talent zu haben. Man kann nur mit zweierlei Weibern leben, entweder mit der frommen häuslichen begränzten Frau, oder mit der beflügelten, gedankenerweckenden, phantastischen, und beide müssen unergründlich sein. Sophie ist immer traurig, launenvoll und hart, ihr poetisches Streben, welches nie ein ächtes war, ist mit ihrem Leiden und meiner Nähe zu Grunde gegangen, sie glänzte unter den Studenten, und war eine Mythe des jenaischen glänzenden Enthusiasmus, mit dem sie unterging, ich glaubte, sie sei ein Kind, und an der Gränze ihres Sturzes, den sie mit der sentimentalen Epoche in ihrer Ehescheidung begründete, kam ich ihr entgegen, aber sie gab sich mir nicht hin, ihre vorige sehr schlechte Welt ging nicht in dem großen Liebesmeere unter, das ich, mich selbst auflösend, um ihre Brust ergoß. Stirb, stirb in mir, so rief ich ihr im Anfang zu, aber die Götter verwandelten sie in eine kalte, nordische Insel, ein traurig Feld, um das ich mein begehrend Herz bewegte. Alles wendete ich auf, rastlos hoffend, alle meine wunderbaren südlichen Feenschlößer riß ich ein, und spielte die glänzenden Krystalltrümmer hin auf den Sand, ich warf alle reichbeladenen Schiffe auf die Bank hin, und was mein Schooß verbarg, alles, alles gab ich hin. Arnim, öde ist das Feld, muthlos, trüb, und liebt mich nicht. Sie fühlt das, so wie ich, wir haben oft ruhig darüber gesprochen...« Freilich: es muß schwer gewesen sein für jede Frau, sich in die Stimmungen Brentanos zu finden. Es waren die Stimmungen seiner Generation, wie Walzel treffend bemerkt: der faustische Sehnsuchtstrieb romantischer Art, über alle Grenzen des Erlebbaren zu einem Höheren zu dringen, das hinter dem Erlebnis liegt. Clemens reist viel umher. Er besucht Arnim in Berlin, und ist glücklich, ihn im Frühjahr und Sommer 1805 bei sich in Heidelberg zu wissen, wo das Trio gemeinsam am »Wunderhorn« arbeitet. Sophie hat inzwischen auch ihr zweites Kind verloren; aber ihr Gemüt ist doch ruhiger geworden. »Ist es der Einfluß freier, freundlicher Beschäftigungen, ist es der ruhige, über weite Felder herabfließende Schimmer des Mondes, oder hat das Herz in dem Studium der Menschengeschichten Trost gefunden, da gefehlt zu haben, wo viele fehlten, auch Vortreffliche« – so schreibt sie um diese Zeit in ihr Tagebuch. In der Tat scheinen die Stürme der Ehe nachgelassen zu haben. Im Sommer 1806 bittet Clemens Freund Arnim, zum dritten Male bei ihm Pathe stehen zu wollen und erzählt bei dieser Gelegenheit, in welcher »wunderschönen einigen Ehe« er jetzt lebe. Die Stimmung war wieder einmal auf der Höhe, die Seele flog der Sonne entgegen. Aber der armen kleinen Sophie sollte die Mutterschaft, die ihr den Ring an den Finger gezwungen hatte, nichts als Tränen bringen. Von ihren beiden Kindern erster Ehe war ihr nur eins geblieben, ihre Tochter Hulda. Die beiden, die sie Clemens geschenkt, starben bald; das dritte sollte die Mutter töten. »Sie war froh und gesund den 30. Oktober 1806«, schreibt Clemens an Arnim, »wir waren auf dem Schloß. Sie sah in die Sonne mit den Worten: ›Ich will Dir einen Jungen gebären, wie die Sonne so feurig! er soll uns so lieb werden wie Arnim, wenn er im Kriege untergeht!‹ Aber die Sonne ging unter. Hinten im Schloßgarten wurden grade die schönen Linden durch Gatterer abgehauen: ›Ach, wenn nur die nicht umfällt, die wir aus unserem Fenster sehen!‹ Sie eilte hin, sie bat, aber der Baum war schon unterwurzelt. Die Stricke zogen, er schlug vor ihren Füßen nieder. Da faßten wir uns in den Arm und gingen sehr erschüttert und sehr liebend, aber traurig nach Haus« ... Daheim findet er Besuch vor: Joseph Görres, der in Heidelberg Philosophie lesen will, mit seiner Schwiegermutter, der alten Frau von Lassaulx. Sophie ist »wie eine Heilige froh«; sie bittet Clemens, mit Görres und der kleinen Hulda auf das Schiff zu gehen, das den Besuch gebracht hat, bis alles vorüber sei. »Da ich wieder nach Haus kam, hörte ich Sophie jammern: ›Lieber Clemens, rufe mir den Arzt! ach Gott, ach Gott, stärke mich!‹ Ich rief den Doctor Mai. Um zwölf Uhr kam die Mutter Lassaulx und sagte: ›Das Kind ist da, man sucht es zu beleben, es ist ein Mädchen.‹ Und ich sprach: ›Lebt mein Weib? ich habe keine Freude an Kindern, sie sterben.‹ – ›Ihr Weib ist sehr schwach!« – Da hörte ich Sophien schwer, schwer athmen; sie sagte: ›Lebt mein Kind?‹ und starb, und die Erde starb, alles starb! und ich schrie ›Arnim! Arnim!‹ und rang die Hände nach Deinem Bild. Und Schwarz und Zimmer und Fries Schwarz, Professor der Theologie in Heidelberg; Zimmer, Mitinhaber der Verlagsbuchhandlung Mohr und Zimmer ebendaselbst; Fries, Professor der Philosophie und Mathematik. trugen mich zu Görres auf das Schiff, und Görres drückte mich fest, fest ans Herz, und ich schrie immer: ›Sophie, das Herz ist zerbrochen!‹ – Den andern Tag brachte mich Görres bis Darmstadt ...« Brentanos Schmerz war fassungslos; war auch sicher ein ehrlicher: was er an Glück empfinden konnte, hatte Sophie ihm gegeben. Seine zweite Ehe mit Auguste Bußmann, einer Nichte der reichen Frankfurter Bethmanns, wurde bald wieder getrennt. Die arme Sophie aber war bald vergessen: als Frau wie als Dichterin. Brentano hat nie viel von ihrem poetischen Talent gehalten, und doch war sie mit ihren Altenburgischen Freundinnen »die schöne Quelle seines Enthusiasmus« für den »Godwi«, hat er ihren Namen als Herausgeberin vor seine spanischen und italienischen Novellen gesetzt, hat sie ihm für die Märchen, die Chronika und die Romanzen vom Rosenkranz fruchtbare Anregung gegeben. Er hat auch an ihrem »Kalathiskos«, an der »Bunten Reihe kleiner Schriften« und an ihrer Übersetzung von Boccaccios »Fiammetta« mitgearbeitet. Schiller hat ihrer Begabung liebevolle Pflege zuteil werden lassen, ihre Gedichte haben viele Freunde gefunden, und heute greift man auch wieder nach ihrem Briefroman »Amande und Eduard« und sucht nach dem verschollenen »Kalathiskos «. Ihr Briefwechsel mit Clemens gelangte durch Bettina von Arnim in den Besitz Varnhagens, dessen Nachlaß der Berliner Königlichen Bibliothek zufiel. Reinhold Steig konnte in seinem Werke »Achim von Arnim und Clemens Brentano« einiges daraus mitteilen, aber das Hauptmaterial blieb auf Hermann Grimms Bitte hin sekretiert. Erst kürzlich ist es einem jungen Germanisten, Heinz Amelung, gelungen, unter Mithilfe der Professoren Erich Schmidt und Roethe die Lösung der Sekretierung zu veranlassen, und hat nun den Briefwechsel im Leipziger Insel-Verlag erscheinen lassen. Auf diese ausgezeichnete Publikation, der wir einen Auszug entnehmen konnten, sei besonders hingewiesen: es sind Dokumente heißflutenden Menschentums – und für die Zeit der Romantik, die ihre poetischen Theorien in das Leben zu übertragen versuchte, Zeugnisse von unschätzbarem Wert. Briefe von Sophie Brentano. An Clemens Brentano. (Jena, den 4. Februar 1799.) Sie sind zu scharfsichtig und ich zu wahr, als daß Sie sich über den Grund meiner gestrigen Bewegung irren könnten. Sie haben nicht meinen Stolz, sondern mein Gefühl beleidigt, und daß Sie dies konnten , daß ich dabei fühlte, was ich empfand, dies verbreitet für mich eine große Klarheit über uns beide. Es hat mich ganz unabänderlich bestimmt, eine Idee aus meinem Herzen zu reißen, die, mir selbst unbewußt, dunkel aber innig darinnen lebte. Lassen Sie uns nicht weiter davon sprechen. Alles übrige bleibt unverändert. * * * (Jena, November 1799.) Es ist ein sonderbares Gefühl, sich auf dem Papier jemand nähern zu wollen, und ich habe Ihre Entfernung nie mehr gefühlt als jetzt, da ich Ihnen schreiben will. Ich hasse alle Briefe an vertraute Wesen, ob ich sie gleich um keinen Preis missen möchte. – Ein Brief ist mir immer wie ein Roman, – und ich mag lieber zu wenig als zu viel sagen. Das Papier ist ein so ungetreuer Bote, daß es den Blick, den Ton vergißt, und oft sogar einen falschen Sinn überbringt, – und doch ist selbst der Kampf mit Irrungen besser als die fürchterliche Oede, die kein Ton durchhallt. Ich habe jetzt wochenlang einer freien poetischen Stimmung genossen; mancher Reim ist aus meiner Feder geflossen, und manchen glücklichen Nachmittag habe ich in meiner Einsamkeit verlebt, bis bei dem kalten Hauch der Notwendigkeit alle die süßen Blumen meines Herzens erstarrt sind. – Ich kämpfe im Leben einen sonderbaren Kampf. Eine unwiderstehliche Neigung drängt mich, mich ganz der Phantasie hinzugeben, das gestaltlose Dasein mit der Dichtung Farben zu umspielen und unbekümmert um das Nötige nur dem Schönen zu leben. Aber ach! der Nachen meines Schicksals schwimmt auf keiner spiegelhellen Fläche, wo ich, unbekümmert, mit Mondschein und Sternen spielend, das Ruder hinlegen könnte, indes ein schmeichelndes Lüftchen den Nachen leicht durch die kräuselnden Wellen treibt – durch Klippen und Wirbel, von Stürmen erschüttert schifft es umher, und ich muß das Ruder ergreifen oder untergehn. * * * (Hamburg, Dezember 1801.) Es war eine Zeit, wo Sie mir oft und viel von Ihrem innigsten, ganz absichtlosen Wunsch sprachen – den nämlich, mich befreit und ruhig zu wissen. Dann, sagten Sie, würden alle Schranken niederfallen, die Ihnen das Leben verhüllten, und eine segensvolle Welt würde in Ihnen und durch Sie erschaffen werden. Ich glaubte an dies Gefühl; ich hielt Sie der schönen Innigkeit fähig, das Unglück eines fremden Wesens so tief zu fühlen, daß wir nur mit der Aufhebung desselben auch uns befreit und lebend fühlen können. Ist denn dies so, warum klagen Sie? was begehren Sie noch von dem Leben? – Die Zeit ist gekommen, wo das Gemüt derjenigen, die Sie unglücklich sahen, auf ewig Eins mit sich selbst ist, und sich wohl traurig aber nicht mehr elend fühlen kann. Dies ist die Ansicht für unser Verhältnis. Alles andre vergessen Sie – vor allem Ihre Liebe, damit ich vielleicht auch Ihren Haß vergessen könne. – Sehen kann und will ich Sie nicht, und gegen meinen Willen werden Sie mich gewiß auch nicht sehen wollen ... * * * (Weimar, ca. 20. Januar 1803.) Ihr Brief, junger Mann, hat mir Veranlassung zu mannigfaltigen reflexionen gegeben. Ich muß auf der einen Seite Ihren Scharfsinn bewundern, obgleich ich auf der andern Ihren strafbaren Mutwillen beseufzen muß, der freilich Ihrer Jugend zuzuschreiben ist. – Ich danke Ihnen, daß Sie mir Gerechtigkeit wiederfahren lassen, und meinen Carakter anerkennen. Ja, es ist wahr, daß ich ein ganz andres Wesen geworden bin, das immer streng nach Grundsätzen handelt, und alles Unwillkührliche verabscheut. Sonst freilich, lieber Himmel! – gab es viele Augenblicke, wo mir das Unwillkührliche im Menschen als das einzig Göttliche erschien, ja ich hatte sogar Momente der Begeisterung, wo ich mich mit unsichtbaren Mächten auf das innigste verbunden fühlte. Schwärmerei! Nein, jezt geht mir der Verstand über Alles, und ich würde mich schämen, etwas zu glauben, was ich nicht begreifen könnte. Ein paar Jahre können freilich viel zur Reife unsers Geistes beitragen und es war auch hohe Zeit, wie Sie, lieber, junger Freund, auch zu fühlen scheinen, da Sie mich an mein Alter erinnern. Ehedem hatte ich freilich den Wahn; die Jahre bestimmten das Alter gar nicht, das läge nur im Gemüth, und es gäbe Menschen, die alt gebohren würden, und Andre, die jung stürben, sie möchten noch so lange leben. Was Sie mir über die weiblichen Schriftsteller, und ins besondre, über meine geringen Versuche, Bisher waren von ihr erschienen: Beiträge zu Schillers »Thalia«, »Horen« und »Musenalmanachen«, zu Beckers »Erholungen«, zum »Taschenbuch für Damen«, dem »Roman-´´ und »Damenkalender«, ferner »Gedichte« (Berlin 1800-1802) und »Kalathiskos« (Berlin 1801-1802), an dessen Arbeit Clemens bereits Anteil hatte. Der Roman »Amanda und Eduard«, aus dem einige Briefe schon in den »Horen« von 1797 abgedruckt worden, war in Vorbereitung, ebenso die Übersetzung eines englischen Romans »Die Margarethenhöhle«. sagen, hat mich recht ergriffen, ja erbaut. Gewis ziemt es sich eigentlich gar nicht für unser Geschlecht und nur die außerordentliche Grosmuth der Männer hat diesen Unfug so lange gelaßen zusehen können. Ich würde recht zittern wegen einiger Arbeiten, die leider! schon unter der Preße sind, wenn ich nicht in dem Gedanken an ihre Unbedeutsamkeit und Unschädlichkeit einigen Trost fände. Aber für die Zukunft werde ich wenigstens mit Versemachen meine Zeit nicht mehr verschwenden, und wenn ich mich ja genöthigt sehen sollte, zu schreiben, nur gute moralische, oder Kochbücher zu verfertigen suchen. Und wer weis, ob Ihr gelehrtes Werk, auf deßen Erscheinung Sie mich gütigst aufmerksam gemacht haben, mich nicht ganz und gar bestimmt, die Feder auf immer mit der Nadel zu vertauschen ... Sollten Sie mir wieder schreiben, Clemens, so verlange ich, daß Sie mir die artigsten Sachen schreiben, die übrigens gar nicht wahr zu sein brauchen. Ihre Wahrheiten sagen Sie nur Ihrer Geliebten, die ich, wie Sie selbst sagen, gar nicht kenne; aber da meine Persönlichkeit, die Sie gar nie geliebt haben, und gar nicht genug herab zu setzen wißen, doch Ihre Briefe lesen mus, so ist es billig, daß Sie ihr entweder gar keine, oder angenehme Briefe schreiben. Sie nennen mich Psiche – warum das verstehe ich nicht, das kümmert mich auch nicht, aber der Name gefällt mir. Denn ich leugne nicht, daß, obgleich ich jezt auf der Welt kein andres Leiden habe, als daß es einen Winter giebt, und daß ich nicht schön bin, doch – aber was geht das Sie an? – Leben Sie wohl, Clemens. * * * Dresden. Mitwochs, (den 24. August 1803.) Nun sind wir hier! – Ach! Clemens, wie sehne ich mich nach Dir! wenn ich nicht bald Briefe von Dir habe, wird meine Liebe Hungers sterben. – Ich bin ganz erschöpft von Nachtluft, Fahren und Bekannten. Ueberall stößt man auf welche – ich habe mir schon bald den Kopf an ihnen eingestoßen, und ich finde daß das Leben nur intreßant ist, wenn es unbekannt ist. Auch eine Art von Abentheuer, ein Art von Anbetern fand sich, ich bin aber heute zu verdroßen um es zu erzählen ... * * * Donnerstags. Abend. Guten Abend, lieber Clemens! ei! wie froh bin ich, daß ich bei Dir bin! Ich bin aus einer Gesellschaft, wo die andern noch sind, fortgegangen, ich sagte ganz naiv: ich müße schreiben, ließ mich von einem garstigen Hofrath, der mich immer neckt und mir ganz pedantisch die zärtlichsten Sachen sagt, nachhauße führen, wo ich mich aufs Sopha warf, mir von einem artigen Markeur das Abendeßen bringen ließ, und nun zum erstenmal frei athme, und Dir schreibe. – Die Menschen hier gefallen mir gar nicht. Ich habe noch keinen einzigen Mann gesehen, mit dem ich nur ein Wort hätte sprechen mögen, und keine Frau, in die Du Dich nur einen Augenblick hättest verlieben können. – Den Morgen waren wir auf der Gallerie, wo wir nun täglich hingehen. Die Menge Eindrücke betäubt mich ganz und ich weis für diesmal nichts, als daß ich ein Gemälde sah, von dem Du mir viel gesprochen. Ein spanischer König hat seine Geliebte als Venus mahlen laßen und sich selbst vor ihr, auf der Laute spielend. Des Mittags waren wir in Gesellschaft, ich glaube es war sehr langweilig, aber ich habe nicht viel an das gedacht, was mich umgab... Ich will Dir noch ein Liedchen schreiben, welches ich schon unterwegs in Gedanken dichtete. Ich dachte an unsern lezten Spaziergang in Weimar, und wie ich nun allein den Bach besuchen würde, und dabei fiel es mir ein. In Tränen geh ich nun allein, am Quell – Du kennst ihn wohl. Ich blicke in den Bach hinein, daß er mich trösten soll. Du freundlich Liebesangesicht, wie bist Du doch so fern! Dich bringt mir nun kein Tagelicht, bringt nicht der Abendstern. Mein Leben schließt die Augen zu, weil es Dich nicht mehr sieht, indeß in Träumen ohne Ruh mein Herz stets zu Dir zieht. Die leise Welle rinnet klar, und zeigt den grünen Grund. O! Welle mache offenbar, was wohl mich macht gesund! Die Welle schweigt und fliehet bald, doch unten frisch und hell grünt wundervoll ein Pflanzenwald bedeckt vom klaren Quell. Und aus dem frischen Wasserreich steigt hell der Trost zu mir: »es grünet so der Hofnung Zweig auch unter Thränen Dir!« Gute Nacht, Clemens! – strafe mich für meine schlechten Briefe bald mit einer guten Critik, aber setze sie, ich beschwöre Dich, keiner fremden aus, – Die Augen fallen mir zu, und ich eile in Träumen zu Dir! * * * (Weimar) Montags. (5.) September. (1803.) Endlich bin ich gestern wieder hier angekommen und fühle mich recht glücklich. Meine Seele hat gleichsam von ihren Fenstern alle Vorhänge weggezogen und die Lebenssonne stralt hell und lachend in die freundliche Wohnung herein. Die Zeit erscheint mir gar nicht wie ein krummgebückter Alter, der die Blumen der Jugend abmäht, sondern wie ein Engelchen mit Flügeln, das die Puppe von einem Schmetterling herabstreift. – Ich ruhe auf Deinem Brief, wie auf einem Rosenbett; er ist der erste, worinn mir alles, alles lieb ist, und gar nichts mich stört und erschreckt. Könnte ich nur gleich die Flügel ausbreiten und zu Dir fliegen! aber daran darf ich jezt noch gar nicht denken; ehe ich Anstalten zur Reise mache, muß ich vorher meine litterarischen Angelegenheiten, die, im Vorbeigehen, ein sehr günstiges Ansehen gewonnen haben, völlig anordnen und zum Theil vollenden – Doch wird dies alles, wenn ich so einsam und still, wie ich wünsche und Hofe, fortlebe, bald zu berichtigen sein, und ich rechne noch immer darauf, zu Ende Novembers reifen zu können. – Meine Reise von Dresden hat mir vielen Spas gemacht, den Weg bis Altenburg abgerechnet. Ich mußte die ganze Nacht durch fahren, es war sehr kalt und schauerlich, ich fuhr oft durch Wald und der Mondschein schuf seltsame Gestalten. Bald sah ich am Weg einen kleinen aschgrauen Einsiedler sitzen, mit einer ellenlangen weißen Nase, bald trat ein schwarzer vermummter Riese mir im Weg, bald stand ein Sarg mit weißen Creuz mir zu Seite. Der Aufgang der Sonne verwandelte alles. Ich betete innbrünstig zu dem Quell des Lichts, das auch mich mit feinen Stralen im Innern erleuchtet, sobald ich still und ergeben bin, und mein Leben zum Gebet wird. O! blicke mich immer an, so betete ich, heiliges, beschüzendes Auge! laß mir nie das Vertrauen auf Dich schwinden, so bleibt mein Leben schön und kindlich, denn nur wer fest vertrauen kann, der ist wahr und bleibt ewig! ... * * * (Weimar) Dienstags. (6.) September. (1805.) Ich habe nun Deinen zweiten Brief, und muß es freilich billig und natürlich finden, daß in meine helle Stimmung nun wieder ein Schatten fällt. Da ich thörichterweise Deine lezte Stimmung für gediegner hielt, als sie war, so war mir Deine jezige Unzufriedenheit befremdlich, ja ich empfand auf einen Augenblick jenes grauenvolle Zurückbeben vor Dir, was ich sonst wohl zuweilen gefühlt habe. Aber, Du kennst mich und weißt, wie schnell mein Muth erwacht. »Es ist nichts«, rief es in meinem Innern, das ist alles nicht wahr! und beherzt gieng ich auf die Gespenster los, die mir die Bahn meines Lebens zu verfinstern drohten, sie verschwanden alle, ich sah Dich wieder rein, und konnte Dich wieder lieben, ohne unglücklich zu sein. Ja, Clemens, es ist nicht möglich, daß dieser gottlose Mismuth, der ganz andre Menschen, ein ganz eigen, eingerichtetes Leben begehrt, der gar keinen Sinn für die Mannigfaltigkeit, gar keinen Ueberblick dultet, von keinem Vertrauen auf Gott weis, daß dieser Mismuth wirklich in Dir sein kann, – in Dir , den ich anbeten mus, weil ihn die Natur so herrlich ausgestattet. – Glaube mir, Lieber, es ist Krankheit, ich beschwöre Dich, frage einen Arzt, lerne pflügen und holzsägen wenn es sein muß, Du bist wirklich krank, ein gesunder kann in Deiner Lage nicht so fühlen. Ich habe oft eine sonderbare Empfindung. Es ist mir als stünde Dein Geist noch im Schatten einiger beschwerlicher Vorurtheile, als fesselten ihn noch einige dunkle Bande, die ihm den freien Blick in's innre und äußre Leben hemmten, und dann ist mir, als müßte ich Dich auf eine Stufe heben, worauf ich selbst nicht stehe, wo Du frei und herrlich über das Leben hinschauen könntest, wo Du die Menschen liebtest, auch wenn sie Dir nicht gefielen, wo Du nichts über Dir hättest als den Himmel, und die ganze Erde unter Dir. Ach! Clemens, wenn ich nichts für Dein Glück thun könnte, so müßte ich ja verzagen, denn wie sollte ich Dir dann vergelten, was Du an mir gethan? – Ja, Du hast mich geweckt, Du hast mir den dichtenden gottliebenden Sinn wieder gegeben, ohne dem das Leben mir nur eine unendliche Last ist. Es ist ein herrlicher Muth in mir, und wenn es auch nicht immer so bleibt, so kann es doch nie ganz vergehen. Mir ist, als reichte ein Arm aus den Wolken, der mich führte, und von allem was ich unternähme, könne nichts mislingen. Nun von Geschäften. Die Wohnung muß recht schön sein, und ... ist auch der Preis nicht zu hoch. Doch schreibe mir, ob ich für die Meubles, die ich einstweilen im Gebrauch habe, noch besonders bezahlen mus. In diesem Fall wäre es freilich beßer, wenn die neuen bis zum November fertig werden könnten, sonst aber hat es mit der Bestellung Zeit, bis ich komme. Auf jedem Fall bitte ich Dich, mir drei Betstellen zu besorgen; zwei davon so hübsch als möglich, die dritte schlechter. Die Länge 3½ Elle. Auch eine Strohmatraze wünschte ich, weil ich meine Sophakißen mitnehmen will. Sie muß 3¼ Elle lang, 1¾ breit und etwas über ½ Elle hoch sein, von ganz grober Leinwand, sehr fest mit Stroh gefüllt. Wegen des Holzes und des Transports will ich das nächstemal schreiben; auch wegen der spanischen Novellen, Spanische und italienische Novellen. Herausgegeben von Sophie Brentano (sie sind aber eine Arbeit von Clemens), Penig 1804–1805. worüber ich erst noch einen Brief erwarte, um Dir dann zu sagen, was ich damit angefangen. Jezt nur noch eins. Da ich eine ziemliche Menge Gedichte habe, so könnte ich jezt für das nächste Jahr, einen Almanach accordiren, den ich den Namen: romantischer Almanach, geben möchte. Doch müßtest Du mir einige Deiner Lieder dafür geben, weil ich durchaus keine fremden Beiträge nehmen werde. Kannst Du das? schreib mir es bestimmt und bald. Der Plan zerschlug sich. Ihre Gedichte veröffentlichte sie in der »Bunten Reihe kleiner Schriften«. Frankfurt a. M. 1805. Vom Heurathen sprich mir nicht. Du weißt, ich thue alles alles, was Du begehrst, und wovon Du glaubst, es könne Dich glücklicher machen, aber wolle nichts, was Dich nicht zufriedner macht, – und mich auch nicht. Sag jezt den Leuten, was Du willst, und überlaß mir das übrige ganz; ich werde alles schon einzurichten wißen. Vertraue mir ganz, ich verdiene es, liebe die Menschen und sei lustig. Was soll ich mit einem so unzufriednen Liebhaber anfangen? ... * * * (Weimar, den 13. September 1803). Ich bin heute ernster als gewöhnlich, und deswegen schreibe ich Dir. Lieber Clemens, laß mich mein Leben in Marburg so still und einfach anfangen als möglich. Die Sorge für Dich wird nur Sorge für mein Vergnügen sein, und wie gern will ich sie übernehmen! aber gönne mir Zeit, mich in der neuen Lage erst selbst zurecht zu finden. – Bei allem was Du von mir begehrst, nimm Deine Gründe stets nur von Dir selbst her, mischest Du andre mit hinein, so empörst Du mein Gefühl unausbleiblich. – Es giebt Augenblicke wo ich für Dich, für Dein Glück mit Freuden sterben könnte; ich opferte Dir mein Leben, ein reines Opfer, denn es geschah aus Liebe – willst Du aber meine Gabe für den Dienst fremder Götter gebrauchen, so entweihst Du das Opfer, die Flamme der Andacht verlischt, und ich bin um meine Seeligkeit betrogen. Die Zucht Deiner Geschwister, der Ruf Deiner Schwester! – erst erfordert ihre Ruhe , daß ich Dich nicht heurathe – jezt will ihr Ruf das Gegentheil! – Clemens, erinnere Dich daß ich für Dich lebe, für niemand anders als für Dich! – Deine Familie würde nichts dagegen haben! – mein Blut kocht, wenn ich mir das sage. Diese Menschen, die mir nichts sind, die mir ewig fremd sind – o, Clemens bist Du wirklich mündig? – ich schweige, dis ist die Klippe, wo meine Sanftmuth scheitert. * * * (Weimar, 14. September 1803). Gestern schrieb ich wegen meines Stücks Sie hatte den »Cid« des Corneille übersetzt. an Schiller; er kam selbst zu mir, und brachte den ganzen Nachmittag bei mir zu. Wir lasen das Stück und er sagte, daß es in einigen Wochen aufgeführt werden sollte. Wir besezten die Rollen gemeinschaftlich und waren sehr lustig; doch hat er mir versprochen, meinen Namen zu verschweigen, und außer ihm und Dir soll niemand etwas davon wißen. Ich muß nun aber wegen der Aufführung Es kam weder zur Aufführung noch zum Druck. noch manches darin zu verändern und daß ist mir leider wieder eine neue Arbeit ... * * * (Weimar, den 20./21. September 1803). Clemens! Gott verzeihe Dir die Stunden, die ich soeben erlebt habe, die brennenden Tränen, die ich geweint, die qualvollen Schmerzen, die mein Innres zerrüttet haben! – Ich bin zu sehr vernichtet, als daß ich mich verstellen könnte. Jezt, jezt erst trefen mich die tödlichen Pfeile, die Du, verhüllt von dem Zauber der Gegenwart, auf mich abdrücktest. O! ich war noch nie unglücklich – jezt bin ich es erst geworden! Beschimpft zu sein von dem was man liebt, das ist das einzige, größte Unglück des Weibes – die einzige Schande, die einzige üble Nachrede, die sie trefen kann! Ich erfuhr es noch nie, bis jezt, jezt. – O! warum war ich, Unselige, bestimmt alle Schmerzen des Lebens zu erfahren, auch diesen, ach! den größten von allen! Durfte kein bittrer Kelch der Erde mir vorüber gehen? – Gott, wie hast Du mein Leben vergiftet, die Einsamkeit giebt mir keine Ruhe und die Menschen fliehe ich – nicht aus Stolz, aus Freude, wie ich es zu thun hofte, nein! weil ihr Anblick mich verwundet, weil mein Sinn gebrochen ist, weil ich keine Freiheit, keinen Muth mehr fühle. – Gestern vertheidigte ich Dich noch, wegen einer Beschuldigung, mit leidenschaftlicher Wärme, – heute aber sagt man mir mit fühlloser Genauigkeit Worte, die Du von mir, von meiner Liebe gesagt – ach! ich erkannte sie zu gut diese schneidenden, verachtenden, schrecklichen Worte, die niemand gehören können , als Dir! aber ich glaubte sie allein zu kennen, nun tönen sie von fremden Lippen mir wieder – o! und das thatest Du zu eben der Zeit, wo ich Dich so rein, so innig liebte, wo ich gern mein Leben für Dich gegeben hätte! was ein redlicher Mann selbst gegen Fremde sich nicht erlaubt, das thatest Du an Deiner Freundin! – Aber nicht Worte allein, auch Züge müßen es mir sagen. »Das ist nun auch vorbei, schriebst Du Deiner Schwester, ich habe die M geliebt, ich liebe sie nicht mehr; an Heurath ist gar nicht zu dencken, aber sie will meine Freundin – dies Wort zweideutig unterstrichen – sein, und sie wird mir durch die ganze Welt nachlaufen. – Hättest Du nur wahr , nicht schonend sein wollen, so mußtest Du schreiben: Sophie will nicht daß wir uns heurathen, sie meint es sei für mich beßer und ich gebe ihr Recht. – Aber auch jenes – wenn es Dir angenehmer war – ich hätte es leicht verschmerzt, ja gutmüthig hätte ich Dir die Freude gegönnt gegen Menschen die Dir werth sind, Deiner Selbstliebe auf meine Kosten kleine Opfer zu bringen. Aber mich hingeopfert zu sehen für Alle, ein Triumpf für alle die mich beneideten, das Ziel schmähsüchtiger Reden, die nun sagen: seht! sie hat sich ihm an den Hals geworfen, und er verschmäht sie – sie verfolgt ihn mit ihrer Liebe und er verachtet sie. – ... Gut machen kannst Du nichts, denn so arm ist der Mensch, daß er das nicht zurücknehmen kann, was er gethan, aber um gotteswillen schreibe gleich. – Ach! so groß ist mein Unglück, daß ich es niemand klagen kann, sondern nur bei der Quelle deßelben auch Trost suchen mus. Schreibe mir das treuherzigste, einfachste was Du weißt, nur nichts was mich an Witz und Genie erinnert. Mache, daß ich lachen muß; damit ich wieder begreifen lerne, ich sei noch daßelbe Wesen, wie vorher, und wieder an mich glauben kann. Ach! stünden nur Deine gottlosen Reden nicht feurig in meinem Gehirn! ... ... Ich schreibe Dir wieder mit versöhntem, stillen friedlichen Gemüth. Ich habe Dir vergeben, ganz, aus reinem Herzen, noch ehe ich Deine Antwort auf meinen Brief erhalte. Nein! Clemens, der Schmerz, den Du mir gabst, kam nicht aus Deinem Herzen, und soll ich wegen solcher Zufälligkeiten die kurze Zeit des Lebens mit feindseligen, traurigen Gedanken anfüllen? ach nein, laß mich mein Herz, so lang es noch schlägt, leicht, wahr und liebend zu erhalten streben ... * * * (Weimar) d. 11ten 8ten (1803). O! Du Ungeheuer, Genie, Bösewicht, Lügner, Verläumder, Räuber, Schriftsteller, Comediant – ach! Du Teufel – ich bin außer mir, ich sterbe, ich bin schon todt. Betraure mich, weine ein paar verführerische Tränen, um damit das Lächeln eines weichfühlenden Mädchens zu gewinnen, schreibe die rührendsten Trauerlieder auf Deine arme Geliebte, um Dir neue Freude damit zu erkaufen – ach! wie intreßant wirst Du sein in Deinem heuchlerischen Schmerz, Deine Coquetterie lockt mich von den Todten zurück, ich kehre noch einmal ins Leben, um mich von neuen in Dich zu verlieben – Doch nein! ich nehme mich zusammen, wir sind getrennt, und ich sage Dir ein ewiges Lebewohl! Lieber Clemens, Du siehst wohl, daß ich Deinen lezten Brief erhalten habe. Ach! Du hast Deinem armen Freund einige sehr harte Worte gesagt, und er hatte es nicht verdient, die treue Seele! bereuen kann er nichts, denn er sagte Dir keine Lüge, und daß er unglücklich war und kranck, hättest Du so streng nicht rügen sollen. Aber er, er ist Dir drum nicht böse, er ist nur still, und sieht Dir nach, Du kühnes, göttliches Licht, das ihn mit fernen Stralen nach dem Himmel lockt. Dort sucht er Dich, mit dem hellen Blick der Liebe, (nicht mit dem Augenglaß, durch welches Ama Deine Tugend sehen sollte, als könnte diese mit bloßen Augen nicht erkannt werden, wie bescheiden!) er betet still zu Dir, und hat sich nie mit Dir vergleichen wollen. Ach! was in seinem armen treuen Herzen redlich glüht, ist ohne Stral und Glanz, doch kennen es die Himmlischen wohl, sie lieben es und wissen daß es einstens Eins mit ihnen wird ... Reise nun bald nach Marburg zurück, denn ich komme bald – ob ich es gleich selbst noch nicht glaube – und ich schicke vorher noch Bücher und Betten. Doch erwarte ich erst einen Brief von Dir und schreibe Dir noch einmal – dann geht hinab die dunkle Zeit, auf geht des Glückes Stern, ich trage gern das größte Leid, bist Du mir nur nicht fern! ... Bei alle dem, Brentano, betragen Sie sich doch sehr unzart gegen mich. Bei der geringsten Veranlassung werfen Sie gleich die Maske der Liebe und Bescheidenheit weg, und machen sich mit Ihrer Vortreflichkeit so breit, wie Mauers Rücken, den ich doch immer noch lieber sah, als sein Gesicht. Da heißt es gleich »Doch das verdienst Du nicht! Das kannst Du nicht verstehen! Das wirst Du nie erreichen!« hören Sie, mein Herr, eine solche Geringschäzung verzeiht kein Weib, daß Sie es nur wißen! – Beleidigt hast Du mich, ich habs geschworen, ich räche mich, nahst Du dich mir, so bist Du gleich verlohren, ich warne Dich, in Liebesworten will ich mit Dir rechten, vernimms und schweig, die Arme sollen feßelnd Dich umflechten, Verbrechern gleich, wie Pfeile sollen meine Blicke sincken, in Deine Brust den Hauch will ich von Deinen Lippen trinken, mit Rache Lust, empfehle mich Ihnen – * * * (Weimar, ca. 28. Oktober 1803). Clemens, ich werde Dein Weib – und zwar so bald als möglich. Die Natur gebietet es, und so unwahrscheinlich es mir bis jetzt noch immer war, darf ich doch nun nicht mehr daran zweifeln. Meine Gesundheit, Deine Jugend, meine jezige Kränklichkeit – ist Dir, Unbefangnen, denn nie etwas dabei eingefallen? – Ich weis nicht, warum es mir kostet, Dir zu sagen, und doch kann ich nicht länger schweigen. – Wärest Du bei mir, so wollt' ich Dir es sagen, mit einem Kuß, doch will die Feder nicht zu schreiben wagen, den Götterschluß. Geheimnisvollstes Wunder, so auf Erden, die Götter thun, was nie enthüllt, nie kann verborgen werden – so rathe nun! denk Schmerz, Lust, Leben, Tod, in Einem Wesen verschlungen ruhn, denk, daß ein ahndungsvoller Sänger Du gewesen – erräthst Du's nun? Wärst Du in Deine vorigen Grausamkeiten zurückgefallen, so war ich fast entschlossen, eine Diebin zu werden, und mit Deinem Eigenthum an einen Ort zu flüchten, den ich mir schon ersehen hatte, wo Du mich nie, nie wieder gefunden hättest; so aber, da Deine Briefe in schönen Zusammenhang sich wie eine Kette von goldnen Blumen um mich geschlungen, und mich ununterbrochen immer näher zu Dir geführt haben, will ich Dir Dein Eigenthum zurückbringen, und sorgsam bewahren. Mein Herz ist jezt so frei, so leicht, so muthig, daß ich kaum noch weis, ob ich eins habe – und meinen Kopf entführen mir Menschen, Geschäfte und Briefe. Ich habe diese Woche eine Menge Besuche gehabt – wie froh will ich sein, wenn ich nur Einen Menschen sehen, nur ein Geschäft haben, und gar keine Briefe mehr schreiben werde! ... Ich weis nicht, ob es Dich beleidigt, wenn ich Dich bitte, meine Gründe, nun gleich Dein Weib zu werden, jezt vor Allen Andern ein Geheimniß bleiben zu laßen; es kann sein, daß es sich von selbst versteht, aber ich verstehe mich nicht genug auf die Feinheit des männlichen Tackts um dies zu wißen. So eilet ihr Tage, mit klingenden Schwingen, mir schnell den Erwünschten, den Liebsten zu bringen, verschwunden sind Stunden voll finstrer Schmerzen, nur festliche Kerzen erhellen die Herzen. O! laßt mich nicht sterben, ich kann nicht vergehen! Er ist es, ich habe den Liebsten gesehen! er ist mir erschienen im goldnen Gewande, ein Engel, zu lösen die irdischen Bande ... Gute Nacht, meine Zukunft, mein Gebieter – und doch mein Eigenthum! * * * (Weimar) Freitags d. 4ten Novembe 1803). ... Alles liegt klar und bestimmt vor mir, ich handle Deinem Willen gemäß, erfülle eine heilige Pflicht, ich handle recht, unschuldig, natürlich – und habe folglich alle Ursache, mich ganz dem Leichtsinn, der Lustigkeit hinzugeben, was ich denn auch von Herzen thue. Freilich steht mir eine sehr ernste Stunde bevor, die Stunde, wo ich Dir wirklich den Namen Gatte geben werde, ich weis es im voraus, ich werde gerührt sein, vielleicht weinen, denn wie es auch sei, aber ich fühle es tief in meinen heiligsten Momenten, da, wo die Herrlichkeit einer andern Welt, die sich nicht in Worten, nur in Tränen spiegelt, in meine Seele scheint, das Wort Gatte, Vater, sind geheimnisvolle, heilige Simbole von höhren Verhältnißen, die wir nur ahnden, nicht begreifen können. – Aber dann macht das Erdenweib, die leichtgeschürzte, leichte Pilgerin des Lebens, wieder ihre Rechte geltend, sie steht einen Augenblick still und schaut lächelnd zurück auf die buntgerathne Zeichnung ihrer Reise, und freut sich dann, mit kindischem Muthwillen vorwärts blickend, daß sie im Begrif steht, den kecksten, lustigsten Streich ihres Lebens, aus dem Clemens einen Ehemann zu machen! laut muß sie lachen, und kann gar nicht begreifen, was dabei bedenkliches, schwerfälliges und ernstes sein soll; rasch und muthig sezt sie ihre Reise weiter fort, und fest überzeugt, daß sie da, wo sie ermüdet auch schnell ihre Heimat finden wird ... * * * (Heidelberg) d. 17ten (November 1804.) Soll ich weinend oder lachend auf Deinen lezten Brief antworten? – einen größern Don Quichote wie Dich, trug gewis nie die prosaische Erde! Zuhauße sizt sein treues Weib, liebt ihn, lebt eingezogen arbeitsam, trägt ihn in und unter dem Herzen, und ist ganz zufrieden – er reißt ganz lustig durch die Welt, zu einem geliebten, wunderholden, einzigen Freund, er könnte ganz ruhig und glücklich sein, aber weil er nun gar nichts weis, ihm gar nichts fehlt, so kämpft er gegen Windmühlen, und trägt sich mit den unwesentlichsten Grillen! – Ich bitte Dich, nimm doch das Gute wahr, das Dein ist, es nicht genießen, ist auch Sünde, und bekämpfe diesen unbeschreiblichen Hang, stets nach dem Fernen Dich zu sehnen. Diese ewige Sehnsucht gehört nur Gott. – Meine Liebe, meine ich, müßte Dich umgeben wie ein warmes, weiches Kleid, das Du überall mit Dir trägst und in dem Du Dich wohl befindest, aber es scheint, als bedürfe Dein Gefühl, um zu fühlen, öfters einen Reiz, der, wie spanische Fliegen, Blasen zieht. Du bist es, nicht ich, der ewig nach der Fremde trachtet. Deine Begierde nach mir ist eben das, was Du oft bei mir empfunden, was Dich jezt zu mir zieht, zog Dich oft von mir weg, es ist ein allgemeines Gefühl, ein stetes Sehnen nach dem entferntem, das mich eigentlich ins besondere gar nichts angeht. Ich bitte Dich, lieber Fremdling, kom doch endlich einmal nachhauße, Du bist stets nicht bei Dir, und es ist so hübsch bei Dir; versuch es nur, und kom zu Dir selbst, Du wirst die Heimath finden, sie lieben, und dann immer mit Dir tragen! – Es ist wahr, ein Gefühl ist in mir, ein einziges, welches nicht Dein gehört. Es ist das Gefühl der Freiheit. Was es ist, weis ich nicht, es ist mir angebohren, und Du verletzest es zuweilen. Verteidigen kann ich es nicht, denn wer sich vertheidigen muß, ist nicht frei, betrügen kann ich nicht, denn Betrug ist Zwang, kannst Du es also mehr schonen, wie bisher, so bin ich zufrieden... * * * (Heidelberg, den 20. Juli 1806.) Ich kann Dir es nicht leugnen, Clemens, daß mich Dein Brief ganz unendlich gerührt hat. Eine heilige Flut von glauben, hofen und lieben drang so gewaltig in mein Herz, daß ich in süßer Wehmut vergehen zu müßen glaubte. Ich weis nicht, wie ich das nennen soll, was zuweilen aus Dir spricht, mit wunderbarer Stimme aus Dir heraus schreit, aber es mag wohl etwas göttliches sein, weil es so viel Gewalt hat, und man so viele Schmerzen darum vergeßen kann. Und wenn es auch in der Erscheinung vorüber gehend ist, so weis ich doch so gewis daß es wahr, und eigentlich unvergänglich ist, daß ich darauf sterben wollte. – Ich gönne Dir es recht herzlich daß Dir so friedlich zu Muthe ist, und Du dort mit den Deinigen lebst, wie die seligen Götter, denen irrdische Sorge und Schmerz nicht nahen darf. Theile diesen Zustand, so lange es Dir möglich ist, denn er ist selten und stärkt auf lange. Ich habe Dich herzlich lieb, und freue mich recht, Dich wieder zu sehen. Dann will ich Dir sagen, daß ich in Deiner Abwesenheit noch oft habe weinen müßen, aber auch, was für neue Hofnung ich habe ... Rahel Varnhagen ... »Es erschien eine leichte, graziöse Gestalt, klein aber kräftig von Wuchs, von zarten und vollen Gliedern, Fuß und Hand auffallend klein; das Antlitz, von reichem, schwarzem Haar umflossen, verkündigte geistiges Übergewicht, die schnellen und doch festen dunkeln Blicke ließen zweifeln, ob sie mehr gäben oder aufnähmen, ein leidender Ausdruck lieh den klaren Gesichtszügen eine sanfte Anmuth. Sie bewegte sich in dunkler Kleidung fast schattenartig, aber frei und sicher, und ihre Begrüßung war so bequem als gütig. Was mich aber am überraschendsten traf, war die klangvolle weiche, aus der innersten Seele herauftönende Stimme, und das wunderbarste Sprechen, das mir noch vorgekommen war ...« So schildert Varnhagen von Ense 1803 in seinen »Denkwürdigkeiten« die Person der Rahel Levin , die damals in ihrem vierunddreißigsten Lebensjahre stand. Es muß ein eigenartiger Zauber von ihr ausgegangen sein, der alle Geistesheroen ihrer Zeit zu ihr zwang, der ihr, der wenig bemittelten Tochter aus jüdischer Familie, lange vor der Emanzipation die vornehmsten Zirkel öffnete und der einen Prinzen Louis Ferdinand, einen Goethe in ihr Haus führte. Einen Teil des Zaubers finden wir in ihren Briefen wieder, deren es Legion gibt, denn, gänzlich eine Tochter ihrer Zeit, ergoß sie jedes Gefühl, jeden Gedanken, jedes Erlebnis in Briefe an ihre Freunde. Selbst hochgemut, ohne tollkühn zusein, voll werktätiger Menschenliebe und energischem Organisationstalent, wenn es galt, den Opfern des Krieges oder unverschuldet ins Unglück gekommenen Nebenmenschen zu helfen, hat sie – ein merkwürdiges Beispiel der Seelenergänzungstheorie – ihr großes und heißes Herz dreimal an Schwächlinge, an Männer ohne festen Charakter verschenkt; alle drei waren wesentlich jünger, als sie selbst. Ihre erste und größte Leidenschaft galt dem jungen Grafen Karl von Finckenstein, dessen blonde Siegfriedserscheinung und tiefe musikalische Empfindung sie entzückte. Er erwiderte ihre Liebe, war aber nicht fähig, seiner adelsstolzen Familie gegenüber eine Heirat durchzusetzen. Er legte schließlich die Entscheidung in Rahels Hände; sie verschmähte es aber, irgendwelchen Zwang auszuüben. Vier Jahre lang zog sich das unselige Verhältnis hin, dann erst erkannte Rahel die ganze Dürftigkeit seiner Natur und machte sich frei. Sie reiste mit ihrer Freundin, der Gräfin Schlabrendorff, auf einige Zeit nach Paris und kehrte ruhiger zurück. »Ich bin ohne Freund, und beinah ohne Herz«, schreibt sie 1802 an den jungen Veit, ihren Jugendfreund. Kurz darauf lernte sie in einem jungen Spanier, Don Raphael d'Urquijo, den Mann kennen, der unter glänzenden Formen eine völlige innere Roheit verbarg und dessen Temperament die »femme de trente ans« durch ihre sinnliche Veranlagung zu seiner Sklavin machte. Er ersparte ihr keine Demütigung; er riß sie aus Eifersucht aus ihrem großen, anregenden Kreise und zwang sie, ihm ganz allein zu leben. Er quälte sie in jeder erdenklichen Weise nach dem Grundsatz »Je t'aime, mais je ne t'estime pas«, und trotzdem konnte sie sich von ihm nicht frei machen, bis es 1804 zum völligen Bruch kam. Um jene Zeit lernte Varnhagen sie kennen und auf dieses Abenteuer spielt er an, wenn er sagt: »Man hatte mir von einer grade jetzt waltenden Leidenschaft gesprochen, die, nach den Erzählungen, an Größe und Erhebung und Unglück alles von Dichtern Besungene übertraf ...« Rahel mußte den Kelch bis auf den Grund leeren: widrige Geldverhältnisse beraubten sie in den kommenden Jahren ihrer Mittel und brachten sie in peinlichste Abhängigkeit von den Ihren; Krankheit und Vereinsamung umgaben die einst Gefeierte, in deren »Salon« die Ersten ihrer Zeit ein- und ausgegangen waren. 1808 trat Varnhagen wieder in Verkehr mit ihr. Er selbst, der noch an den Folgen seiner Neigung zu Frau Fanny Herz, der schönen Mutter seiner Hamburger Zöglinge, litt, wirkte in seiner weichen Jugendlichkeit wie Balsam auf ihr schmerzendes, vereinsamtes Herz. Trotzdem war gerade der Anfang ihres Liebesbundes nicht ohne Stürme. Die unendliche Verschiedenheit der beiden an Charakter, Bildung, Alter, Herkunft mußte erst durch die Zeit ausgeglichen werden. Sieben Jahre dauerte der sonderbare Brautstand, bis Rahel dem durch mancherlei Erlebnisse zum Manne gereiften Freunde die Hand vor dem Altare reichte. Die Ehe muß – selbst wenn man die vergötternden Übertreibungen jener Zeit in Abzug bringt – trotz aller Unterschiede eine sehr glückliche gewesen sein. Freilich gab Rahel ebensowenig ihre persönliche wie ihre geistige Freiheit auf. Varnhagen war so klug, beides nie anzutasten. Er ist zeitlebens der Nehmende, sie die Gebende geblieben. Einzelnen Briefen an ihn während der Wartejahre, wie auch während des Ehestandes stelle ich als Kontrast-Auszüge Einiges aus der Korrespondenz der jungen Rahel mit David Veit, dem früh verstorbenen geistreichen Arzte, entgegen. Zwischen beiden liegen die eigentlichen Entwicklungsjahre des Weibes. Rahel steht einzig in der Geschichte ihrer Zeit da. Ohne selbst produktiv zu sein – und darin unterscheidet sie sich von einer Madame de Staël, einer Johanna Schopenhauer u. a. – wirkte sie eminent befruchtend auf viele produktiven Denker und Dichter ein. Obwohl sie ihr Leben lang mehr mit dem Herzen folgerte als mit dem abstrakten Verstand, hätte sie einem Fichte, einem Schelling, einem Humboldt, großen Staatsmännern wie Gentz, dem Fürsten von Ligne, dem Prinzen Louis Ferdinand eine ebenbürtige Gefährtin sein können. Beethoven hat ihr vorgespielt, Heine ihr Sonette gewidmet, alte Haudegen haben ihr Paß- und Bewegungsfreiheit verschafft, wenn sie in stürmischen Zeiten Lazarette einrichtete und um Hemden und Wein bettelnd von Haus zu Haus zog. Was bereitete sie auf solche Vielseitigkeit, auf solche Verschwendung im Geben ihrer Geistes- und Herzensschätze vor? Sie war 1771 als ewig kränkelndes, wenig glückliches Kind des Levin Markus geboren und in der doppelten Enge eines kleinbürgerlichen und jüdischen Haushalts aufgewachsen. Ihre Bildung war höchst lückenhaft. Ihren jüngeren Geschwistern, drei Brüdern, die später den Namen Robert annahmen und deren Nachkommen dann den Namen Robert-tornow führten – sie selbst nannte sich nach des Vaters Tode ebenfalls Rahel Robert – und einer Schwester brachte sie eine fanatische Zuneigung entgegen. Ohne Varnhagen zu glauben, der die Brüder gelegentlich mit einer Auswahl von Schimpfworten belegt, scheint es uns doch nicht, daß diese Zuneigung sonderlich herzlich erwidert wurde. Besonders im Punkte der jährlichen Einkünfte wie der Bevormundung hat sie viel Ärger gehabt. David Veit war vielleicht der erste, der die herangewachsene Rahel auf gewisse Mängel ihrer Bildung hinwies und sie zur Selbsterziehung anhielt. So moniert er des öfteren ihre Orthographie, besonders im Französischen. Wir können ihren zahlreichen Briefen nur entnehmen, daß sie mit ihrer Zeit mitgegangen ist und wie der große Mendelssohn »autodidaktisch nachdenkend« war. Auf Spuren klassischer Bildung, umfassenderer Kenntnisse auf den Gebieten der Geschichte oder Literatur stoßen wir nicht. Der helle Leitstern ihres Lebens ist Goethe, von dem sie sich, aus dem dunklen Gefühl heraus, daß Nähe die Großen verkleinert, persönlich stets fern hielt. Nur zwei- oder dreimal ist sie mit ihrem Idol zusammengetroffen. Das eine Mal hat Goethe sie besucht und da hat sich die bekannte rührende Szene abgespielt, daß Rahel, um »Ihn« nicht warten zu lassen, im Negligé mit unförmlichem Wattrock vor ihn trat: ein Heroismus weiblicher Eitelkeit, der ihr später bittres Leid verursachte. Alles maß sie an Goethe und befand gar vieles zu leicht, was nur andersartig war. Ihren Freunden gab sie stets mit übervollen Händen; sie stützte die Schwachen, Schwankenden, sie schärfte den Geist der Energischen an dem ihren. Das ist alles viel, doch es erklärt ihre Ausnahmestellung noch nicht. Wohl aber dies: sie war die erste große Patriotin, die das Judentum hervorgebracht hat. Hatte Moses Mendelssohn wenige Dezennien vorher den Juden deutsche Bildung erschlossen, so erschloß sie ihnen den Gedanken des Vaterlandes. Sie fühlte sich als Deutsche, sie hing selbst an dem armen, zerstückelten, mißhandelten Deutschland nach Jena mit glühender Liebe. Anfeuernd und begeisternd flogen ihre Briefe in alle Welt, als 1813 das Volk aufstand. Ihre Zeilen an Varnhagen, der als Husar im Felde stand, sind ein einziger Schrei der Ermutigung. Ich brauche nicht zu erwähnen, daß die Juden ihrer Zeit ihr dies weniger dankten als die Aristokraten, in deren Kreisen sie sich heimisch gemacht hatte, lange ehe sie als Varnhagens Gattin die Taufe empfing. In ihren vaterländischen Bestrebungen standen ihre Brüder übrigens auf gleichem Boden mit ihr und haben während der Zeit tiefster Not doch immer noch ihr Schärflein für das Land übrig gehabt. Das Gute, das Rahel andern getan, den Funken der Begeisterung, den sie in ihnen geschürt, die moralische Festigkeit, die sie ihnen gegeben hat, sind das einzige positive Ergebnis ihres Lebens gewesen. Sie, die so viel von sich, von ihren Leiden, ihrem Selbst spricht, ist die vollendetste Altruistin gewesen. Die Spannkraft, die sie auf die Nebenmenschen übertrug, sei durch den blinden Despotismus ihres Vaters in ihr selbst auf ewig gebrochen worden, meint sie verschiedentlich, und Varnhagen meint es mit ihr. Sie hat sie nie besessen. Sie ist auch hierin ganz Weib gewesen: nur als ergänzende Hälfte einer andern Individualität ein Ganzes bilden zu können. Briefe von Rahel Varnhagen. An Veit. Berlin, Dienstag, den 2. April 1793. Sie wissen doch sonst immer gern so genau was ich denke, und das ist auch ein Vergnügen zu wissen; wenn man Leute fände, die einem das sagten, dann könnte man klug werden. Ich will Ihnen aber diesmal über Ihren Brief alles so sagen, Sie sollen Ihre Freude dran haben. Ich fange mit einer gräßlichen Thorheit an, zeige Ihnen also mein Innerstes; ich habe nicht geglaubt, daß Goethe so subaltern antik (Sie sehen, ich weiß kein Wort) angezogen geht, denn ein Mensch, der alles weiß, weiß auch dies, und warum sollt' er sich nicht ein bischen apprivoisirter kleiden, noch dazu da er am Hof lebt, und in den neuesten Gesellschaften ist, das käme ganz natürlich von selbst, so wie ich jetzt glauben muß, er geht mit Bedacht anders, und das begreif' ich nicht ... Was Sie mir übrigens schreiben, ist mir gar nicht aufgefallen; die Leute machen einen immer irre, und wenn die einen nicht zurecht weisen wollten, wär' man schon längst klug. Natürlich hat man sich ihn ungefähr so denken müssen, und warum sollt' er anders sein? Wer hat ein größeres Privilegium zum Mies-sein, als er? Aber da kommen die gleich mit ihren Quersachen von Stolz und andrem Dummen, kurz, so dumm als sie selbst sind. Das ›zur linken Hand antrauen‹ versteh ich auch nicht; vielleicht hat die Person Christiane Vulpius. gewollt; und überhaupt versteh ich den Werth und die Wirkung dieser Zeremonie nicht. Ignorance, mais tout de bon . Ich hab' Ihnen so geglaubt, ganz erschrecklich; glauben Sie mir, ich hab' Ihnen die Mühe der ringsum abgehauenen Vorurtheile aller Art angelesen, und Sie haben so simpel nur erzählt , was da war, wie Goethe's Karneval. Das ist eine erschreckliche Mühe, ich weiß es, weil man da nur thut, was man schon gethan hat, was das einzige ist, was man thun muß; sehen , und ehe man vorurtheilt, und sich etwa ver urtheilt; das muß ein jeder thun, und dies noch einmal zu thun, ist sehr ennuyant ... Wie können Sie aber nur so grausam sein, und mich ermahnen, ich sollte oder müßte das sehen; wissen Sie denn nicht, daß ich vergehe, ganz vergehe, wie etwas, das aufhört? Ist es einem ordentlichen Menschen möglich, Berlins Pflaster sich für die Welt ausgeben zu lassen? Dies abscheuliche windige Klima nur (seit vorgestern hat's zum erstenmale geregnet, und heut ist gut Wetter), und kann ein Frauenzimmer dafür, wenn es auch ein Mensch ist? Wenn meine Mutter gutmüthig und hart genug gewesen wäre, und sie hätte nur ahnden können, wie ich würde, so hätte sie mich bei meinem ersten Schrei in hiesigem Staub ersticken sollen. (Ein ohnmächtiges Wesen, dem es für nichts gerechnet wird, nun so zu Haus zu sitzen, und das Himmel und Erde, Menschen und Vieh wider sich hätte, wenn es weg wollte (und das Gedanken hat wie ein andrer Mensch), und richtig zu Haus bleiben muß, und das, wenn's mouvements macht, die merklich sind, Vorwürfe aller Art verschlucken muß, die man ihm mit raison macht; weil es wirklich nicht raison ist zu schüttlen; denn fallen die Gläser, die Spinnrocken, die Flore, die Nähzeuge weg, so haut alles ein ... * * * Berlin, d. 13. December 1793. ... Was mir Lessing's Lebensgeschichte Karl Gotthelf Lessing, G. E. Lessings Leben. Berlin 1793–95. für ausnehmendes Plaisir macht, sollten Sie nicht glauben, denn wer sollte sich einbilden, was meinen verrückten Kopf interessirt; wovon ich gar nichts weiß, – das kann mich nun so recht an spannen! so zu sehen, was für theologische Schriften es giebt; was manche Leute ihr ganzes Leben durch wollen, u. dgl. ist was prächtiges für mich. Ich bin auf dem achtzehnten Blatt. Sie können sich vorstellen, daß ich nicht ganz dem Biographen folge, weil ich keinem – unwitzigen, ich meine hier was Lessing oft unter Witz verstanden hat, mehr als den gewöhnlichen Witz, – Mann zutraue, Lessing immer schnell und präzis darzustellen und zu fassen; denn er sagt wirklich manchmal schreckliche Sachen, als zum Beispiel: ›Moses würde wohl nicht immer mit ihm gespielt haben‹; der Vergleich »der Adler fände in der Nähe der Sonne keine Nahrung«; ein anderer Vergleich mit dem Bergwerkswesen, Gold und Silber, und wer weiß was; und unzählige dergleichen un glaubliche Wässrigkeiten, die einem auch nicht ein Stückchen Idee übrig lassen, daß er irgend etwas gesund beurtheilen könnte, und die einem in dem Erstaunen nur noch unbegreiflicher machen, wieso er Gottlob! so gesund von Poesie spricht, was eine solche plötzliche und völlige Genesung anzeigt; mich dünkt's wenigstens so; denn ich glaube, es beweist nicht etwa völlige gesunde Kraft, sondern ein ordentliches langes exercice damit. Der Vater aber hat mich über alle Erwartung amüsirt, das ist ein prächtiger Mann; ich habe die Vorrede, die von ihm angeführt ist, nicht genug bewundern können, solche ganz richtigen Bemerkungen trotz seiner Vorurtheile zeigen keinen kleinen Verstand an, den er auch so grad und gesund hat, daß es eine Lust ist; mich dünkt, man kann die Dinge nicht klüger nehmen, wenn man die Zeiten so recht eingesogen hat, worin man mal lebt. Dabei fällt mir etwas ein, was ich Ihnen mittendrin sagen muß, und woran ich jetzt entsetzlich oft denke, daß man nämlich, und schlimmlich, weder über sein Zeitalter hinaus kann noch über sein Alter, Geschlecht, noch sogar – Stand, noch Temperament, (darunter versteh' ich nur wässeriges oder feuriges); darum sind das auch berühmte Männer, die das einigermaßen thun! das weiß ich. – Wie mich aber Lessing selbst amüsirt, können Sie sich denken! Den – sich den noch mal so recht zu vergegenwärtigen, und sich alles dabei zu wiederholen, was man jemals von ihm gehört und gelesen, ist das schrecklichste Vergnügen. Wie man aber dann zuletzt immer ernst wird, so hat's mir so recht leid gethan, wie die eigentlichen Menschen, um es zu werden, und weil sie es sind, mit Elend zu kämpfen haben, und das Schönste, was wir von ihnen kennen, eigentlich die Ausrufungen dabei sind, ich rechne so das Streben nach Kenntnissen, das Durchsuchen aller Dinge, den allgemeinen Drang, und all das Bessre und Schlechtere mit dazu; – so mitten raus stirbt man –, Andre rezensiren unsre Rezensionen, bestimmen wozu wir gehören, ersetzen unsre äußerliche Stelle, die wir für Mittel ansahen, die sich aber in förmlichster Form für den Zweck festsetzen. – Wir sind uns mittendrin weggekommen, haben unser halbes Leben mit Aussuchen zugebracht, das Erwählte unter blutigem Kampf und Widersetzung nicht ausführen können, und fahren lassen müssen, waren endlich müde, – und gezwungen was andres zu thun, sind darin nicht weniger gestört worden, und müssen auch das halb und offen stehen lassen, weil gar der Tod kommt, – nun tadlen und beurtheilen erst die Andren! – O! heiliger Gott! und dabei ist's den letzten Tag nicht gleich, wie man hingekommen ist ›Ade was soll der Mensch verlangen‹; Goethe – lebt noch! Courage! * * * Den 17. ... Das Kind Hannchen, Tochter ihres Bruders Markus. wird nach und nach ein Mensch, und ist gesund. Im Anfang kamen mir bei jedem Blick darauf die Thränen in die Augen; jetzt hab' ich meine Parthie genommen, und betracht' es wie jedes Nachbars Kind; das ist noch immer sehr gut. Weil ein Kind das verehrungswürdigste Geschöpf bei mir ist, so werd' ich's mit seiner Erziehung und ganzen künftigen Leben machen. Sie wissen, daß ich mich zu halb und halb nicht stimmen kann, und die härteste Wahl ergreife, nur bald! Ungewißheit ist der eigentliche Tod, und nur in dem Betracht halt' ich das Sterben für etwas. Unser Bedienter ist ein ehrlicher, dienstwilliger, respektvoller, ziemlich unintelligenter und ungehobelter und uneleganter fellow ; wär er gehobelt und elegant, so würd' er uns nicht respektiren, wäre kommoder und also nicht so dienstwillig, auch weil er nicht so viel Furcht hätte, und paßte in unser ganzes Haus nicht; dabei ist er wie alle dumme Dienstboten etwas taub; alle diese (Eigenschaften können wohl zur Ungeduld Anlaß geben, daher grunsen und schreien sie ihn genug an, wie man das auch füglich thun kann, wenn man nicht genug bedenkt, was ich hier schon angeführt habe, und daß für unser Haus ein eleganter noch weniger paßte, und die Fehler eines Tölpels zu ertragen sind, wenn man erwägt, wie schwer unter dem gebildeten Abschnitt Menschen solide Elegance zu finden ist, und welche Klasse dient. Der Ungeduldigste platzt also am öftersten raus, und das ist meine Schwägerin; ich halte ihm aber die Stange, mit Aufzählung der Gründe, die ich eben angeführt habe. Markus unterstützt mich, und es gelingt mir, weil meine Schwägerin hinwiederum sehr gelassen ist, und bald vernunftanhörig wird (besonders wenn sie keine Antworten hat), und wirklich sehr vernünftig ist. Mama besinnt sich auch geschwinde, und freut sich endlich noch mit ihren soliden Kindern, die nicht so auf das Flatterige sehen und mit Ehrlichkeit zufrieden sind. Den Kindern imponir' ich gar – mit allerhand – ich erklär' ihnen den Zustand der Dienstboten, wie sie es alle Tage werden können, wie die gar nichts wissen und gelernt haben, und wie unschicklich es ist jemandes Verdruß zu aggraviren; und lasse es mich nicht verdrießen, sie sogar sehr zu beschämen, wenn's drauf ankommt. So steht er denn fest bei uns, und wird wirklich immer besser. * * * Berlin, den 16. Oktober 1794. ... Unter meinen » Ruf angehen « verstehen Sie doch, wenn einer von sich oder von Andern erzählte, er hätte faveurs von mir erhalten, um die man kniet, oder, noch schlimmer, ich hätte vergeblich gekniet: Sie werden sich wundren, wenn Sie hören werden wie ich darüber denke. Aus Fakta mach' ich mir gar nichts ; denn, sie seien entweder wahr oder nicht, so kann man sie abläugnen; hab' ich also was gethan, so that ich's, weil ich's wollte; und will's mir einer übel nehmen, so vertheidige ich's nicht lange, und streit' es ab, hab' ich's nicht gethan, und es will mir's doch einer übel nehmen, oder mich belügen, so bleibt mir wieder nichts als »Nein«, und ich sag's auch. Aber meinen Karakter will ich verteidigen, und gegen die Beschuldigung andrer schlechten Streiche, an Menschen, und so was, wo man mir was beweisen muß , wenn man mich anklagen will; aber keine Scene unter vier Augen; wenn Sie von einer solchen hören, so bin ich zufrieden, wenn Sie sagen: »Ich glaub' es nicht, es ist nicht wahr.« Andre Sachen muß man Ihnen beweisen, und da müssen Sie streiten, wie ich selbst thun würde, und besser: denn ofte, ofte, ofte, streit' ich nicht, und laß mir nichts beweisen! Ich bin mit ein paar Menschen zufrieden. Confessions de J. J. Rahel. ... * * * Berlin, d. 31. Oktober 1794. ... Ich weiß ordentlich nicht, was ich Ihnen schreiben soll: oder vielmehr, nicht wie, und mit was ich anfangen soll. Wenn Sie alles das hätten, was mir seit Ihrem Goethe-Brief und dem, den ich vorgestern erhielt, in dem Kopf wie Wolken hin und her gezogen ist, so hätten Sie einen artigen Brief mit wirklich manchen Gedanken. Jetzt aber scheint mir jedes Einzelne, was ich Ihnen sagen konnte, vage, nichtig, und ganz unbestimmt; und es alles zusammenzufassen, so viel Kunst besitze ich nicht. Jetzt werd' ich ordentlich stolz; es ordnet sich in mir alles mehr , ich zernage, zerlege, und untersuche das Untersuchte, so daß mir das, was ich drüber sagen kann, immer dümmer und unbestimmter vorkommt: will ich was Weitläufiges sagen, so muß ich vieles mit ein paar Worten voraus bestimmen; und wollt' ich mit ein paar Worten was bestimmen, so müßt' ich vorher sehr weitläufig werden. Aber Dummzeug! Ich werde suchen Ihre Briefe nach der Reihe zu beantworten. Über Ihre Konversation mit Goethe weiß ich wirklich, wie ich Ihnen schon vorher annoncirte, nichts zu sagen: nicht einmal beneiden kann ich Sie; denn wenn ich ihn auch kennte, so könnt' er doch mit mir das nicht reden. Ich habe mich also purement gefreut! Ihrentwegen, und so rasend als man nur kann! und dann meinetwegen, denn Sie sind doch nur der Einzige, bei dem ich das mitgenieße in der ganzen Welt: und der's mir zu Gefallen doppelt goutirt und verschlingt. Noch abgerechnet, was es Göttliches hat, diese entrevue – und wohlgesprochen, wie Sie sagen: »es kommt Ihnen vor, als kennten Sie alle großen Männer der Vorzeit« –, so ist es wirklich noch außerordentlich schön, daß er sich Ihrer gewissermaßen annimmt und so gütig gegen Sie war. Alles was er Ihnen gesagt hat, leuchtet mir sehr ein, und seine Bonmots (möcht' ich sagen), als die »Rechenmaschine«, das »kleine Publikum«, waren wahre Delicen für mich. Und das ist ganz neu , was er Ihnen gesagt hat, daß sie immer nach dem Effekt eine Piece machen; und auch das noch, daß man, wenn man über Kunst schreibt, nur immer festsetzen kann, was man machen soll, aber nicht wie: das ist wohl gut; aber ich glaube doch mit Maimon, von dem Sie mir einmal erzählt haben, er habe gesagt, wenn man über Schönheit oder Geschmack spricht, so müsse man nicht zeigen was schön ist, nur immer was häßlich ist, und da würde das Schöne schon von selbst übrig bleiben. So, glaub' ich auch, kann man dem größten Genie zeigen, was es nicht machen muß, und es wird sich schon von selbst überschreiten, und die verbotenen Quinten in einer Kunst schon einmal als höchste Vollkommenheit stehen zu lassen wissen; wie Goethe gesagt hat: »Mian muß wissen, wie viel unangenehme Theile dazu gehören, bis ein Ganzes angenehmen Effekt macht." Aber ich glaubte, er fühlte sich nur, als er von Genie sprach; er hat nicht allein welches zu schaffen, sondern ist Genie im Wählen, Richten, Tadeln, im Welt haben und kennen, kurz er ist Antonio, Tasso, und alles was es sonst noch giebt: aber es giebt auch noch Genie zu einzelnen fächern, und für die kann geschrieben und festgesetzt werden, denn mit was allem gränzt nicht jede einzelne Sache, und mit was allem vermischt sie sich nicht; und das große Publikum muß ja auch immer mehr wissen, was es will, und was es liest: für ihn ist nichts zu schreiben, und nichts geschrieben, und daran mag er wohl gedacht haben ... »Der Mensch kann sich gar nicht ausgeben, wie er ist« – [aus einem Briefe Veits aus Jena vom 23. Oktober 1794] ich gar nicht , und wenn ich einen großen Dichter lese, so hält fast der Ärger über das, was er doch nicht sagen und zeigen kann, der Freude über das, was er sagt, das Gleichgewicht. Man muß sich unglaublich »vollkommen kennen« und »Muth« (auch wie Sie sagen) »dazu haben«, und besonders »die Kunst der höchsten Simplizität«, wenn man sich ganz offen und wahr einem Menschen soll darstellen können. Denn : machen sie einen denn nicht von Jugend auf verrückt? Hat man nicht Mühe sich selbst oft zu finden; und zu finden was man will? geben sich viele Menschen diese Mühe? kann man sich endlich andren antrauen, als solchen? haben andre Menschen Menschenkenntnis als die sich selbst kennen? können andre nachsichtig und verständig sein, als die Menschen die den Menschen kennen? kann ein andrer als ein solcher, die Ursach und folglich die Entschuldigung für jede Bewegung in uns, die sie Mangel und Fehler nennen, mitfühlen? und wer sich nicht aus Spaß von einem Dummem, als er ist, tadlen und ertragen lassen will, wird der nicht bis am jüngsten Tag – wo denn alles raus kömmt und egale Portionen Verstand ausgetheilt werden, – lieber lügen? Man kann nicht veränderlicher als ich sein; sag' ich Ihnen. Dagegen sind Sie nichts ! Was nennen Sie aber Veränderlichkeit? mich dünkt, sie ist nichts als die suchende Treue (wenn Sie dieses Wort brauchen wollen). Da sie nun aber nichts Rechtes findet, so wäre sie ein Narre, nicht weiter zu suchen, und noch ein größerer, dieselbe Unruhe beizubehalten, wenn sie schon etwas gefunden hat. Natürlich sind die treusten Menschen die suchendsten, denn die wissen so recht, was sie wollen, und was alles nicht Treue ist; denn Treue sucht Treue u. s. w. Ich komm' mir ordentlich lächerlich vor! – Auch mein Dank auf Ihre Komplimente klingt besser, und ist besser gemeint, wenn Sie's besser meinen. Besser zu höflich als zu grob; Sie haben Recht. Sie wissen, was ich auf Lebensart halte. ich erinnere mich nur Einmal, Sie Freund genannt zu haben, und auch nicht geradezu, sondern ich sagte, Sie könnten es sein, oder frug, warum Sie's nicht wären; das anderemal weiß ich gar nicht. Auch nenne ich, wie Sie, keinen Menschen so, nämlich anredend: façon de parler wohl, wie: mon ami . Weit eher nenn' ich mich Freundin, denn ich bin's auch oft. Kurz, Sie wissen wie ( ohne Großmuth ) ich aus Haß und Ennui wenig fordere ... * * * Töplitz, den 21. September 1796. Was ist Ihnen, Lieber? Warum antworten Sie mir nicht? Sind Sie verstockt? Ich meine nicht, wie ein Sünder; wie eine Quelle, wie ein Schmerz im Herzen, meine ich. Sind Sie abgekommen von der Stimmung, in der Sie an mich denken, in welcher Sie mir schreiben? Ich bebaute Sie; und kann doch nichts anderes vermuthen. Ich habe Ihnen zwei Briefe geschrieben, einen in der Mitte – ungefähr – vorigen Monats, und den andern von Berlin. Warum! antworten Sie mir nicht? ... Wissen Sie mir nichts mehr zu sagen, da ich Ihnen nicht schreibe? Wissen Sie nicht, daß ich nicht konnte? Ich habe es Ihnen ja gesagt. Und müsse Sie eben so schlecht sein als ich? – – – – oder, ist es wahr , und möglich, daß Sie unzufrieden mit mir sind – aus wer weiß welcher Ursache – können Sie es dennoch, irgend jemanden besser sagen, mich gerechter , für Sie, soulagirender, bei irgend einem Wesen als bei mir selbst verklagen? – Schweigen Sie aber, wie es wohl kommt, eben weil man angefangen hat zu schweigen, so ist das auch sehr unrecht. War Ihnen nicht sonst wohl, fühlten Sie sich nicht aufgelöst, wenn Sie zu mir sprachen? Und sollte man sich das wohl versagen, oder vernachlässigen? ... Ich werde – doch noch – alle Tage empfindlicher; und Goethe und ich sind so konfundirt in mir, daß ich mit seinen Worten empfinde – so falsch es ist –, nicht einmal denke. Ja, ja, es geht noch immer crescendo : der weiß es, was ich meine, er kann alles sagen . Es ist ein Gott! Lesen Sie die Idylle. Glauben Sie nicht, daß ich wegen der Idylle so frisch rase. Nein, Iphigenie lasen wir gestern, und Tasso vorher ; wie die Iphigenie ist! Nun goutire ich sie erst recht. Millionenmal! hab' ich an Sie dabei denken müssen, alles was ich auswendig wußte, wußte ich von Ihnen (»Frei athmen macht das Leben nicht allein u.s.w.) und dabei dacht' ich wieder, wenn er das wüßte, müßte er sich doch freuen ... Sie wissen, ich kann sehr umständlich sein, quoique je manque quelque fois, de me trouver mal d'une Umständlichkeit. Wie gerne käm' ich nach Leipzig! Unabhängig davon, daß ich die Idee habe, daß Goethe wohl dahin geht; und was heißt hier unabhängig! Kann man gewisse Dinge trennen? Aber ich bin arm, ich hasse diese Ohnmacht! und doch »übt sie meine Geduld, wie ein Freund«. Morgen früh reis ich zur Gräfin Pachta nach Prag. Ich mache, zum erstenmal, einen von den Streichen, die Sie mir immer wünschen ; und vielleicht billigten Sie diesen doch nicht. Aber ich will auch nichts von Billigkeit wissen, sie hat mich zum Grabe gereift, soll mich aber mit meinem Willen nicht begraben helfen. Ich bin – wie ich war, lieber Veit, nur ausgebildeter, wenn Sie wollen. Ja ich habe viel gewonnen seit dem Winter ... * * * Berlin, d. 28. Nov. 1795. ... Recht, Veit, loben Sie mich als Frau , das hab' ich am liebsten. Das streiten mir Alle am liebsten ab; weil sie mich nicht verstehen; und man ist doch gerne verstanden. Sie wissen, daß ich Klassen nicht leiden mag, und mich zu keiner gerne einschränken lasse, als zu den Menschen. Aber gehören thut man doch zu einer, und »Edel sei der Mensch, hülfreich und gut«, besonders das Weib, sag' ich, und darum soll man mir anmerken, daß ich zu ihnen gehöre; denn was können denn die weiter? Das Beste muß man doch thun, von dem was man kann. (Ich bin auch groß genug an meine fautes , nicht défauts , nicht zu denken sonst.) Muß mir hier mein Fehler wieder einfallen! Aber er rührt mich wahrhaftig nicht: ich weiß ihn nur. »So wunderbar ist dies Geschlecht verwickelt«, Iphigenia. Leben Sie wohl! und besuchen Sie sich fleißig in sich. Sein Sie versichert, daß ich immer, wie auch der Schein darwider sein sollte, Ihre beste Freundin bin. Warum auch nicht! Sie wissen es selbst. Hören Sie nie ! andere Leute und Menschen über mich. Nur immer sich, und mich. R. L. * * * Paris, den 2. April 1801. Veit, das ist nicht wahr! aber Sie irren sich bloß. Als ich noch in Berlin war, konnt' ich mir, und hatte ich mir schon ausgerechnet, wenn du in Paris bist, schreibst du Veit; und was ist natürlicher oder vielmehr gewöhnlicher, als daß ich's doch nicht that. (Die gewöhnliche Faulheit und Nachlässigkeit ist's doch nicht.) Aber seitdem ich alle Tage, auf Wiesen, Feldern und Zimmern, beständig, und wie ich mag, von Ihnen spreche, wäre es sündlich, mein Freund, nicht auch zu Ihnen zu sprechen; und alle diese herzlichen (herzliche treue Meinung, sagt Goethe) Gedanken wie Götterdank, bloß im Herzen zu behalten, oder so umsonst auffliegen zu lassen. Daß man Liebe zu Schüssen und Wunden vergleicht, ist einfacher, als man denkt; man fühlt sie bloß, das ist ihr Wesen; und da bleibt einem denn nichts, als das Vergleichen. So hat Bokelmann Ein junger Hamburger Kaufmann, den Veit ihr empfohlen hatte. meine ganze Liebe zu Ihnen aufgeregt: und ich fühle sie wirklich, wie einen alten Schaden; wie ich mir Wunden mit verhaltenen Kugeln denken muß, und wie ich wirklich oft alte Krankheiten erregt fühle. Glauben Sie denn , daß irgend etwas Wichtiges, Gescheidtes, Gutes so vor mir vorüber gehen kann, wie bei andern Leuten – wie Wolken über dem Wasser – wäre zu hübsch gewesen, um es hier anzuwenden. – Unmöglich! Das ist mein einziger Werth, durch den ich mich, als ich erkenne, und von Andern unterscheide. Das thun Sie auch! Ich bitte Sie, trauen Sie mir ganz; Sie verlören sonst zu viel dabei! Eins seien Sie noch gewiß – und wie sollte ich dabei schlechter werden? – es hat noch immer keines Menschen Meinung, in keiner Sache, unter keinen Umständen Einfluß auf meine Gedanken und hat es bis jetzt niemand gehabt. Das kann ich mit der heiligsten Untersuchung versichern! Damit müssen Sie zufrieden sein: und mich ewig lieben. Ich bin auch von Ihnen so überzeugt, wie von mir selbst. Nur sehen möcht' ich Sie wieder! Sie mich auch? ganz besonders gern? Sie sollten. Könnt' ich Ihnen nur gegenwärtig werden, wie Sie mir! ... Auch glaub' ich steif und fest, gewisse Menschen müssen sich kennen lernen; nicht allein, wenn sie zusammen sind; sondern, die Umstände müssen sie zusammen besorgen. Mein Aberglaube! Sie werden mit scharfem Geiste und geordneten Worten, genau zu bestimmen wissen, welch ein himmelweiter Unterschied zwischen unsern Anlagen und unserer Ausbildung ist, ich weiß es, auch ohne es sagen zu können oder sagen zu mögen – abfragen könnt' ich's mir meisterhaft lassen – und doch kann ich vortrefflich mit Bokelmann leben. Er hat so ein solch liebenswürdiges braves Gemüthe, ... daß auch kein Irrthum jugendlicher Unwissenheit oder Beschränktheit bei ihm ist, sondern alles Reinheit und Gesundheit. Und meinem Alter ist nichts besser, als seine Jugend. Urtheilen Sie, ob ich ihn liebe. Wenn wir nicht einer Meinung sind, so kommen wir gleich auf den Punkt, wo wir eigentlich scheiden, und wir scheiden in Frieden und mit Bedacht: welch ein Vorzug, welchen hellen, unbefangenen, regsamen Geist setzt das voraus. Sie wissen wie ich das Gegenteil hasse und wie man damit in diesem Jammerthal zu kämpfen hat! – oder, wie das vielmehr der ächteste , eigentlichste Jammer in diesem beliebten mir beliebten Erdenthale ist. Ich kann mir nicht vorwerfen, daß ich das Schlechte nur hasse: ich liebe das Gute, was ich finde, mit der leidenschaftlichsten, tiefsten Verehrung, mit dem deutlichsten Bewußtsein; – und das ist mein Glück! – meine Schönheit, die mir der Himmel gab, das Geschenk der Götter! Ich darf nicht einmal murren . Veit! Sie haben zu Bokelmann gesagt, »unser Verhältniß sei Ihnen das liebste gewesen, und es sei doch auch nichts«. Nein! mein Galeerensclave, Bezieht sich auf einen Ausspruch Veits: »Nur Galeerensclaven kennen sich«. das ist nicht wahr! Oft mag es seine Grazie verloren haben; seine Würde und seine Ewigkeit – bis Sie mir ein anderes Wort schaffen – nie! Und wie wir besser werden, wird es auch besser. Ich werde wirklich besser: also bin ich es von Ihnen überzeugt und alles ist gut. Nur der Zweifel kann uns dieses Glück rauben! ich leid' es nicht: und ich zweifle nie. Ist das erhaben, so bin ich es. So, denk' ich mir, ist Religion; man bedarf sie, und dann hat man sie gleich. Wer braucht Geschichte: brauchen wir Beweise? Wir wollen Stifter sein, mögen uns Andere nachglauben. Dabei bleibt's; ich kann Sie zwingen; ich fühl's und ich thu's. Ich werde die erste Gelegenheit ergreifen, nach Hamburg zu kommen; das sein Sie gewiß. Ihrenthalben. Und ich ergreife jetzt gut. Ich bin verwundet nach Frankreich gereist, und kehre gefaßt zurück. Wer ohne Panzer seinen Busen in der harten Welt umherträgt, der muß verwundet werden; das wußt' ich nur nicht: der Schreck ist das Meiste, und wenn man das Bluten noch für Sterben hält. Wunden werden immer kommen, aber nicht unerwartet. »Er komme und sage es mir zum zweitenmale«, sagt Gräfin Orfina. Ich schrieb mir letzthin in ein kleines Büchelchen: »Lange existiren die guten Dinge, ehe sie ihr Renommee haben, und lange existirt ihr Renommee, wenn sie nicht mehr sind." Das ist alles, was ich Ihnen über Paris sagen möchte. Lange, dünkt mich, ist es und kann es nicht mehr Paris sein; nachdem seit Jahrhunderten ganz Deutschland Paris geworden ist. Denn mir kömmt Paris vor , wie ein zusammengedrängtes Deutschland, und wenig verschieden. Das könnt' ich sehr ausspinnen: ein andermal! thun Sie's selbst, derweile. Eine Nation, die Vaudeville's haben kann, kann keine Musik haben. Die große Oper ist tragisch , und das Tragische hat viel von der ©per. Ich bin unpartheiisch: das würden Sie mir bei jedem einzelnen Urtheil zugestehen; aber für unbedingtes Lob zu deutsch. Daraus machen Sie nun, was Sie wollen! Steif, bornirt usw. wie Sie wollen.   An Varnhagen. Berlin, den 24. Mai 1808. Als Sie mich gestern Abend ganz zerschlagen und abgemattet verließen, hatte ich Ihnen hundert ganz deutliche und gutzuverstehende Dinge zu sagen: zu schreiben nämlich. Aber vergebens! ich konnte nicht mehr. Es hätte mich die Nacht gekostet. Ich fühle aber doch noch eine Verdrießlichkeit in mir und das soll nicht sein. Ist es nicht verdrießlich, wenn ich eine dunkle Angst vor dem Abend fühle? wenn ich mir gar nicht richtig erklären kann, woher sie kommt, da Sie mir lieb sind, und noch tausendmal lieber sein sollten: ich sehe meinem Tag nicht mehr heiter und unbefangen entgegen! Es ist nicht mehr, als ob er mir gehörte; dies Göttergefühl, dies mein einziges Glück, ich liebe es nicht mehr. Nicht mehr wie einen »Gleichgesinnten« sehe ich Sie kommen, nicht als solche können wir mehr neben einander und mit einander leben; wie ein auf mich wirkendes, mich angreifendes Wesen nähern Sie sich mir, und gleichsam wie meinen innern Augen auch zu nah. Ich bin auch nicht mehr frei in Ihrer Gegenwart, bei allem denke ich, es könnte Sie, oder es ist Ihnen zuwider. Sie selbst sind in keiner natürlichen unbefangenen Gemüthslage. Entweder eine Uebellaune macht, daß Sie mich necken wollen, oder Sie verstummen, oder Sie vergehen in Traurigkeit. Ich bin nicht mehr ich: ich bin ein kluger, wenigstens bemühter Schiffer, der mich selbst zu lenken sucht: aber auch das vergeblich. Sind wir allein, so geht's an Berichtigung des Tages; und dann, an's Ringen, Bosheit, Beschämung, Klage. Ich möchte jetzt aus Beschämung vergehen! Sie sollen dies lesen! Die süßesten Liebesworte, die Worte der süßesten Liebe sollten von einer Jugendgöttin, an Herz und Leib, zu Ihnen strömen ! Und vielleicht weiß ich, noch mehr als Sie, welche Horizonte von Glück sich Ihnen erschließen könnten. Betrübt, beschämt, und gelähmt zugleich bin ich. Und gerührter sogar könnt' ich sein, säh' ich Ihr reiches festes Gemüthe auf ein anderes Weib gerichtet: mich verwirrt es, auch in den Gedanken; ich denke, ich bin es nicht: es ist ein Irrthum, nur die Empfindung ist wahr. – Ich kann es gar nicht sagen! – Ich kann der Richtung gar nicht folgen, die entzückend wäre – da sie bei mir still steht. Ich bin un würdig. Fühlen das Andere nicht so deutlich, wenn sie es sind? Ich könnte zu Ihren Füßen stürzen, um eine andere Ordnung in Ihrem Herzen zu machen. Besinnen Sie sich, Varnhagen, eh' Sie zu mir kommen! Und lassen Sie mich wieder unbefangen sein! Denken Sie deutlich vorher: es sollen solche Scenen nicht wieder kommen: Sie haben diese Kraft, ich weiß es. Denn ich hatte sie bei der größten Leidenschaft. Und Sie haben mehr, als ich. Ich halte es nicht aus, glauben Sie das. Ihren Werth kann schwer jemand besser auffassen, als ich, noch konnte ich es Ihnen nie in guten Worten sagen: wie ich beinah nie kann, aber Sie würden's erleben mit der Zeit, wodurch alles nur eine sichtliche Gestalt bei mir gewinnt; Ihren ganzen Werth, den für ein verliebtes Herz, denke ich mir auch hinzu; und der redlichste tapferste Freund kann in seinem Herzen keine stärkere Empörung für Sie fühlen, wenn Ihnen Unwürdiges begegnet, als die ist, die in meinem arbeitet. Ich zeige es Ihnen sogut ich kann: dies ist aber schlecht. O! ich fühle es wohl. Es ist mir so wichtig, was mit Ihnen jetzt vorgeht; Sie überwiegen mich hierin so sehr; daß mir beinah kein Blick für mich bleibt: aber bei der ersten Ruhe find' ich wohl die Beleidigung, die auch für mich, in diesem Vorfall – wie soll ich es nennen – liegt. Sie verstehen mich nicht; und würden in Zorn entbrennen, wenn Sie wüßten, was ich sagen wollte, aber nicht, wenn Sie mich wirklich verstünden. Wir denken verschieden: und darauf achten Sie nicht einmal. Heißt das nicht ehren? mehr sage ich nicht! und schelten Sie mich nicht »schwer«; sagen Sie nicht, ich müsse alles nur so haben, wie ich es schon gesehen habe; vielleicht würden sie selbst nicht so weich, so gewandt, und leicht nehmen, als ich, wenn Sie Fremdes so überwältigt! Ich kann ihm liebevoll zusehn; nie kann es mich umkehren. Adieu, Varnhagen. * * * Sonntag Vormittag um 10, den 30. Oktober 1808. Du entzückst mich ja! zu Geliebter! Worauf soll ich denn nun zuerst antworten!... Du wirst es gewiß nicht rathen, worauf ich nun doch zuerst antworten muß! »Daß sie es so geformt und ausgestellt haben, das, was mir sonst im ›Meister‹ gefiel, ist mir jetzt zum größten Mißfallen«. Solche Worte, mein geliebter Knabe, mein rechtmäßiger Liebling, schreibst Du mir! Was ich jahrelang in mir verheimliche; oder eigentlicher, was keine Worte zum Kleide finden konnte, und keinen Platz zum Auftreten, spinnst du mir hervor, du bildsamer Kunstverständiger! ... Und das ist es nicht, was mich entzückt! Nein, was mir den Trost in's Herz gießt, ist, die große Freude über diese schwer zu findende Wahrheit! Jeder solche Fund, jedes solches Wort, diese Fähigkeit, macht dich mir gewiß; versichert dich mir. Sieh mein ganzes Herz! Ich bin ganz selbstsüchtig: wie zur Beute geht's in mir her, da du einmal weg von mir bist: da Trennung möglich war! Als gestern deine Lobströme aus deinem geliebten Brief über mich kamen, frug ich am Ende, warum ich nicht bescheidener wäre, nicht beschämt? Ich fühlte nichts von dem; nur Befriedigung; ich freute mich. Nein, nein! Da unser Leben nun einmal äußerlich getrennt ist; da es hat sein können, da ich dir mein Herz und seine Liebe doch nicht reichen kann, da es das Element der Lebenstage zusammengebracht, doch nicht aufnehmen will; mußt du eingenommen von mir sein! Treibhaushitze muß vorzeitig, verwirrt, matter, oft in Winterluft stärker scheinend, hervorbringen, was große Sonne beachten und gedeihen lassen sollte, zu ihrer eignen Freude. Teurer, Teurer! vielgeliebter! Es war falsch, daß wir uns trennten. Wir mußten – umgekehrt, wie es Andre machen – nicht wie sehr wir vereinigt sind: wie groß die Vereinigung war; aus jedem unsrer Worte bricht's hervor; aus jedem Augenblick des Entferntseins entwickelt sie sich: in Schmerzen arbeitet sie sich aus unserm Innern hervor. Laß es dir sagen, mit nichts zu theuer erkauftes Gut! Nur deine Schmerzen stillen meine: wenn du mich liebst, ist es mit meinen auch so. Wenn mir uns auch einander ermahnen, ruhig zu sein, und zu leben! Nur Einen uneigennützigen Gedanken habe ich gehabt, seit du weg warst. Vor meiner Krankheit ging ich in unsrer Gegend; die Stadt war zu ruppig; eine erstickende Leere; Angst befiel mich – wie am meisten auf der Gasse – und da rief ich zuerst aus wahrem Herzen: »Nein, es ist gut, daß er wenigstens weg ist, und dieser tötende Anblick und Eindruck ihn nicht treffen kann!" Das war das einzige Mal. Es ist uns beiden gleich zu Muthe, meiner Seele Geliebter! .. * * * Montag früh nach 11 Uhr, den 31. Oktober. ... Ich dachte, Jean Paul wüßte nichts mehr von mir! und das Bischen, was er wissen könnte, wäre böse. Ich schrieb ihm zuletzt über die Weiber, die er immer vorkommen läßt, und verlangte andere. Das, dacht' ich, hätte ihn gebissen! nämlich mich für dumm und vorwitzig zu halten. Er ist aber ganz gut ... Daß seine Meinungen sich so biegen, steht hell und klar in seiner Aesthetik und Levana: »Vorschule der Aesthetik«. 3 Bände. Hamburg 1804: »Levana, oder Erziehungslehre«. 3 Bände. Braunschweig 1807. schlechte Bücher . Anpochende, aufhauende Meinungen fürchtet er; und daher imponiren sie ihm auch. Und da die letzten gerade so waren, so fügte er sich unter, mit zu vieler Liebe, wie ein bestraftes fürchtendes Kind. Dabei ist sein Arbeiten spinnenartig, und gleich kommt jeder Vorrath in sein neuestes Gewebe. So hat ihm auch die führte Richtung der neumodischen Empfindsamkeit, nach Altmodischem, als Katholizism und dergleichen, erschreckt; und seine kriecht ihr etwas nach, ihr eignes natürliches Gehege vergessend. Der muß sich für allein halten, um original zu bleiben; jedes, viel, alles, kann er mit dieser Gabe nicht ergreifen. Sein Traum einer Wahnwitzigen ist göttlich; und seit recht lange mal wieder acht. Wie schön gleich geschrieben! Da sieht man recht, wenn er sich versenken, isoliren will, was er dann ist; Umgang mit noch lebenden Schriftmenschen, auch nur ihre Bücher, ihre Kritiken nun gar! – ist ihm totschädlich. Wie so er mich nur für humoristisch hält; mich dünkt, ich habe nie etwas in seiner Gegenwart gesagt: aber ich weiß schon, weil ich sein Komisches so rasend goutire. Und das weiß er. Dazu gehört auch Humor... Daß er sagt, ich müßte unverheiratet bleiben, da thut er mir nicht sowohl Unrecht, als den Ehen. Denkt er noch an vorräthige, abzulebende, und sollen die nicht, wie das Leben, eben gelebt werden? Es ist wahr, ich bin so auch gut: weil ich gut bin. Aber wie schlecht könnte man auch da gedeihen! Und will er mir Kinder absprechen? Oder hat er mir ein Fürstenthum in der Unordnung für Bastarde zu geben? Darin hat er Recht: einer schlechten Ehe würd' ich mich nie fügen; denn wer meinen innersten Beifall und meine Neigung verletzt, behält mich nur als Gefangene; und das müßt ich sagen, weil ich's wüßte; und da nicht lügen würde, wo nichts als Wahrheit schön sein kann, und wo ist Schönheit zu Hause!... * * * Berlin, Sonnabend, den 14. Januar 1809. ... Du, mein Theurer, Geliebter, Du reisest nach Hamburg. In jedem Fall. Du mußt sie sehen, die Frau; mußt mit ihr leben; mußt genau wissen und erfahren, wie Eure Herzen sich entwickeln. Frau Fanny Herz, deren Söhne Varnhagen erzog und in die er beim Beginn seiner Bekanntschaft mit Rahel verliebt war. Sind Wunden da, müssen welche gerissen werden, so müssen sie rein ausheilen: entweder durch glückliches Zusammenleben, oder reine Trennung. Ich, Lieber, Guter, mag Dich nicht eher wiedersehen. Stärker, baumfester, reiner, entschlossener, leichter einsehend, in mich selbst eindringender, werd' ich mit jeder Nacht; nichts Schwächliches, Verwundetes, Zweideutiges, Krankes, Hinhaltendes, Erbärmliches, Panari-artiges Panaritium, eine Art Klauenseuche. in Seelen, kann ich mehr dulden. Du weißt das, und Du weißt, wie lieb Du mir bist. Mein Entschiedenes wird Dich entschieden machen, und Dein Entschiedenes Fanny'n. Wo hin Du Dich nur entscheidest, ist Glück: ohne Dein reines, kann mir von Dir keines kommen. Nicht einmal Ruhe zu einem edlen, freien, natürlichen Umgang. Etwas war schief mit Fanny; gleiche es zu ihrem Glücke, wenn es geht, mit ihr aus: oder so schmerzlos als möglich. Ich mag hinfort mit keiner neuen Frau – ist sie nicht wie ich – etwas zu schaffen haben; sonst würde ich Dir sagen, zeig' ihr alle meine Worte: aber im Gegentheil! ich verbiete es Dir! Ich habe, und will mit niemand zu schaffen haben, als mit Dir; und nicht einmal, nur negativ ... Du, Lieber sei ruhig! Ich bin es auch. Und lasse Dich in Hamburg nicht abwinseln! Ich kenne Frauen; das Edle in der Mischung hält grade den Wahnsinn zusammen und den Unsinn ... * * * Berlin, Montag den 12. November 1810. Ich kann gar nichts Besseres thun, als heute Abend gleich auf der Stelle auf Deinen Brief aus Steinfurt antworten. Ich weiß aber nicht wie! – beinah zum erstenmal im Leben, – Du wirst es schwer glauben wollen; ich habe die Grazie verloren; ich kann nicht mehr leiden und lieblich schweigen. Das konnt' ich sonst, und habe es, so wahr ein richtender, wissender Gott lebt, lang geübt, und wie kein Erdenmensch! Man kennt seine Kräfte nicht, so wie man nicht weiß, wenn man sterben soll; nun kann ich es, mir selbst plötzlich, nicht mehr. Ich kann Unrecht haben, in Beurtheilung – ich habe es gewiß – der Erscheinung Deines äußeren Seins: aber daß Du mich Zeit, Geld und Behagen, und Ruhe gekostet hast, bleibt wahr, wie es wahr ist. So wisse auch Du, daß Du es nicht missen konntest, ohne es zu rathen; weil ich es Dir mit meiner jugendlichen Grazie verschwieg, verbarg. Weil unser Zusammensein – laß es mich so nennen – ein paar Jahre mein Ziel, mein Zweck war. Daß ich Dir die unbedingte Freiheit vorhielt, verführte Dich. Das war recht, muß ich noch einmal sagen: es war recht, daß Du Leben, Welt, Krieg, Existenz aus Deinen Mitteln suchtest, begehrtest, fandest. Was aber in der Welt, soll ich dabei machen, als Dir gratuliren. Wär' ich jung, und Europa kindisch, oder jung, oder jetzt eben reizend, so sucht' ich mir auch ein Schicksal in der Welt. So aber bin ich nur auf die Natur verwiesen; und das Glück, was ich habe, besteht noch in der Einsicht darüber. Sonst war ich gar lächerlich, und in Agitation; elend. Du hast weise gesehen. Ruhe will ich haben. Lieber ! Wie hast Du dies Wort aussprechen können, und noch so viele andere?! Und wie kommt es, daß Deine Worte so in Liebe gedacht und geschrieben mir das Herz aufreißen und drücken? Wieso versteht alle Deine Liebe mir nicht wohl zu thun? Laß mich in der Ruhe, die mehr als Schlachten mir endlich eingedrückt hat! Laß mich, bis wir uns sehen! Ich habe nach Dir einen Menschen gekannt, von dem ich nichts mehr weiß, mit dem ich's auch scharf nahm. Ich kann nicht mehr anders. Ich habe gebüßt genug auf der Erde, mit dem ganzen Erdenleben – ... für die Lüge, daß ich nicht forderte, was ich verlangte, und gab ... Nach der großen Verunglückung meiner Geburt und des Lebens dacht' ich: die sagen, sie lieben mich, zu denen könnt ich sprechen; auch nicht. Nun, gut! Der Schmerz war nichts gegen die anderen. Auch ist für mich alles Schicksal, Entwickelung, Geschichte. Ich schiebe nichts auf Menschen. Ein höheres Gebiet regiert dies. Dies ist meine ganze Religion; darin leb' ich. Aber laß' mich endlich. Ich habe viel Unglück erlebt: dazu hatte ich Talent: der größte Virtuos bin ich darin. Heraus bin ich aus der Sphäre; mein Loos ist raus aus dem Lotto; am Körper kann ich nur noch torturirt werden: mit der Natur hab' ich noch zu schaffen ... Sehen mir uns, so findest Du mich lebendig wieder; nicht allein nicht begraben, sondern, zum Weiterleben mit Geist und Verstand, und aller redlichen, lebendigen Theilnahme fertig ... * * * Berlin, den 27. April 1813 Mittags 1 Uhr. Heller, warmer Sonnenschein, und doch Wolken und Wölkchen am Himmel. Lerchen in den Straßen übertönen Alles jetzt . Blüthen strotzen vor Frische und Jugend des Moments. ... Zwei Tage waren sehr schöne, muntere Kosacken in unserm Viertel, die Ostern hatten und nicht wenig tobten. Sie sangen und schrieen, und pochten an den Häusern bis 2 Uhr nachts, und um 5 stellten sie sich schon unter meinem Fenster, wo sie ihre Pferde anbanden. Meine Scheiben glaubt ich entzwei: ließ aber doch die Laden bis 9 Uhr zu, wo sie abritten. Diese Nacht um halb 4 klingelte Mad. Rieß bis ich erwachte; ein Koboldslärm ging los: sie schrie wie Mord, Stühle fielen, viele andere Weiber, zwei Männer schrieen, er (?) schwernothet; zuletzt drunter, um 5 höre ich einen Wagen: ich, zu krank nachzusehen, klingele Dore Das Dienstmädchen. und lasse nachsehen ... Es ist der Miethsfuhrmann von drüben; und sie fahren mit allen Vorräthen nach Spandau, wo heute Berlin hinzieht: denn es ist über. Heute zogen sie aus: siebentausend Gewehre, viele hundert Zentner Pulver, hundertfünfzig Stück großes und kleines Geschütz. Ein Baurath, der wegen der Dämme schon gestern draußen war, hat meinen Brüdern versichert, solch ein Zerschießen geschähe nur selten. Noch wenige Fuß, und alles Pulver, Spandau, Stadt, Besatzung, Menschen, und vielleicht Belagerer, wären in der Luft gewesen. Drum zogen sie ab: und darum wurde es bewilligt. Ein Kapitän Ludwig soll Wunder gethan haben und einer der ersten Artilleristen sein. Nur sechzig haben sie Todte und Verwundete zusammen. Reil Johann Christian Reil, Mediziner, geboren 1759; seit 1813 Direktor der preußischen Lazarette auf dem linken Elbufer. hat zwölf im Klinikum; Einer davon stirbt nur. Mit zerhacktem Blei schossen sie heraus! das soll Unrecht sein. Man sieht's an den Wunden ... Meine Seligkeit kannst Du Dir denken, daß der Gräuel aus ist ... Ich habe die Mädchen beschenkt. Line Kleid, Dore Tuch; eins meiner besten, für sie ein unerreichbares, ein turkisch Shawl. Könnt' ich nur auch Gutes thun, da dies Gräßliche noch so glimpflich ging ... * * * (Berlin), Sonnabend, den 1. Mai 1815. Mein wichtigster Tag im ganzen Jahr: als des Jahres Geburtstag: (ich begriff sonst nie – jetzt denk' ich, es ist wegen Christus – wie es einem einfallen konnte, im Januar das zu veranstalten;) als meinen – dies war aber eine große Nebensache: außer, daß ich mir dachte, solche Luft schöpftest du zuerst, solche Gegenstände kamen deinen Augen entgegen; und daß ich daher meine Sommerliebe leitete – weil ich nie den Tag, aber wohl den Monat wußte. Nun aber haust Krieg in Gras, Milde und Blüthen. O! besänftigen heute des Himmels Mächte der Kaiser Herzen! ... Aus meinem Dienstagsbrief wirst du sehen, daß der Geheime Staatsrath Niebuhr Barthold Georg Niebuhr, der Staatsmann und Geschichtsforscher. schon weg war ... Man sagt hier – ... Schleiermacher schriebe sein Blatt ... und der Milde nach ist es auch von Schleiermacher: der, der schlechten Gesellschaft wegen, glaub' ich leiser sattelt, wenn auch nicht um ... Was soll ich aber über A. W. Schlegels Schrift »Sur les systême continentale« sagen? Erstlich, lahm geschrieben: in französisch, und ein paarmal, daher unverständlich . Dann so ohne Überzeugung, ohne Meinung. So geflissentlich, und doch so schlecht auswendig gelernt, und er studirt; in den neuesten Büchern, Aufsätzen, Zeitungen und Meinungen. Er hat so wenig Scham als Urtheil! Er entblödet sich ja nicht, Emigrantensprache zu führen: und das Heiligste in unserer Sprache, in unserem Sinn und Sein: »Denker«, mit dem Wort zu bezeichnen, welches die Franzosen noch vor dem Abscheu von der terreur her, zum Schimpfwort entstellt haben, mit ihnen es »Philosophe« zu nennen. Das Königswesen, welches aus ganz anderen Kräften und Kombinationen des menschlichen Zusammenseins hervorgeht, und heilsam hergeleitet werden kann, läßt er, als von den » philosophes « benagt, in seichten persönlichen Voraussetzungen schweben! und schwört, er ist ein braver Deutscher. (Er wäre ein braver Mann, wenn er sich mehr zu sein unterstünde; und ein Mensch zu nennen, wenn er das dringende Bedürfnis dazu in sich fühlte ... * * * Frankfurt a. M., Dienstag, den 28. Oktober 1817. ... Theremin Franz Theremin, protestantischer Kanzelredner, später Wirklicher Oberkonsistorialrat und vortragender Rat im Kultusministerium. kenne ich: d. h. von dem wundert es mich weniger als von manchem Anderen, wie allerlei aus ihm werden konnte: aber ich sehe doch nun erst, daß das, was ich in ihm für eine Seelenblüthe, für Milde hielt, auch nur Biegsamkeit aus Schwäche war: er pflegte meine Äußerungen schon auf eine Art zu bewundern, die den höchsten Widerspruch in ihm offenbarte, und mich nur stutzig oder ungeduldig machte; er gab mir bewundernd zu, was ich behauptete, und reservirte sich einem nicht mit Gründen zu belegenden Widerspruch; ein dunkles Bedürfnis, etwas zu vergöttern, ließ sich bei ihm spüren, wozu ihm die Macht fehlte, einen Gegenstand zu finden; weil das Bedürfnis der Vernunft und der Sinn für das, was da ist, der Wahrheitssinn, bei ihm nicht scharf genug ist. Der faule Punkt im Geschlecht, woraus sich alle Geistesepidemieen, Schwächen und Erhitzungen bilden: all jene Krankheiten! in all ihren ekelhaften und merkwürdigen Nüancen. Solche Elende können auch grausam werden; wie man längst darthat, daß Grausamkeit sich aus Schwäche erzeugt. Dieses ganze Gelichter von epidemischen Geisteskrankheiten wurde, in der verschrieenen Aufklärungsepoche, von den braven Aufklärern, heilsam und unschädlich durch Lächerlichmachen gehemmt; man sieht: nicht auskurirt; doch hoffe ich, eine Stufe tiefer im Volke. Ich wollte nur von Theremin sprechen, und spreche von Allen; sie empören mich zu sehr; und mein neuester Gedanke drängt sich auch hier wieder ein. Jeden großen Irrthum, nämlich der in seinen Folgen so groß werden kann, werden Nationen nur durch Blutvergießen los. Je mehr in Massen gehandelt wird und geschieht, je schwerer wirken menschliche Gedanken: alsdann nur immer die der Natur; die sich aber immer nur ganz materiell für uns ausdrücken, wie sie in jedem Augenblick thut und wirkt, und wir sie gar anders nicht kennen. So sieht mein Geist ein reelles Unheil voraus, wenn die Narren noch länger fortarbeiten: und gelingt ihnen ihr läppisches Schulknabenwerk, oder auch nur etwas davon, so werden Schwerter geschwungen werden, Knüppel, Hacken: und beide Partheien an Wunden leiden: aber an den Wunden wird's genug sein, wie am Blitz, wenn er auch trifft: die Luft wird für eine Zeit gereinigt. Gelehrte Männer, Gesetzgeber, Männer der Regierung, können nur wie große Ärzte, naturkundige Geburtshelfer, die Entbindungen des Menschengeschlechts sanft begünstigen; ihm seine großen Schmerzen erleichtern, vorschreiben wie es sich betragen darf; aber die Art der Geistesgeburt können sie so wenig vorschreiben noch bestimmen, wie jene. Natur, Klima, alles wirkt dort wie hier. Und Theremin und Konsorten wollen Religionen, Ueberzeugung usw. alles nur so herbeiempfindlen! Der Handel z. B., der den ganzen Weltverkehr mit all seinen Entdeckungen und Bedürfnissen zum Grund und zur Folge hat, ist schlechtweg sündhaft: und mehr dergleichen Dictons : ich kenne sie alle. O! armer Novalis, armer Friedrich Schlegel, der gar noch leben bleiben mußte; das dachtet ihr nicht von euren seichten Jüngern. Großer, lieber, ganz blind gelesener Goethe, feuriger ehrlicher Lessing, und all ihr Großen, Heiteren, das dachtet ihr nicht: konntet ihr nicht denken. Eine schöne Säuerei! Aber auch wir sehen sie zu befangen, weil sie uns grad ärgert: welche kleine Biegungen im ewigen Strom des Seins; das heißt , des Werdens! ... Henriette Herz Henriette Herz Neben dem Rahelschen »Salon« gab es einen zweiten, nicht minder berühmten in Berlin, das damals noch kein »W« kannte: den der sehr schönen, sehr kalten, sehr klugen Gattin des beliebten Arztes Markus Herz, der Frau Henriette. Auch ihr, die im Gegensatze zur Rahel als halbes Kind verheiratet worden, waren Kinder versagt. Daher blieb auch ihr genug Zeit und überschüssiges Mitgefühl, um ihren ganzen Freundeskreis sentimental zu versorgen, obwohl sie ihrem vornehmen, gebildeten und grundgütigen Gatten bis zu seinem Tode eine mustergiltige Frau war. Als Tochter eines Mediziners portugiesischer Herkunft, de Lemos, geboren, wurde sie sich ihrer außerordentlichen Schönheit – die ihr später den Rufnamen der »tragischen Muse« eintrug – nur allzufrüh bewußt. Ich glaube nicht fehl zu gehen, wenn ich einen großen Teil ihrer späteren Vorsicht und starren Tugend auf Kosten des Schönheitskultus schreibe, den sie zeitlebens mit sich trieb und der sie im hohen Alter – sie starb als dreiundachtzigjährige Greisin – sogar ein wenig der Lächerlichkeit preisgab. Henriette Herz war ein eminentes Sprachtalent; sie beherrschte nicht nur französisch, englisch, schwedisch, hebräisch, sondern versuchte auch sich das Türkische und den Sanskrit zugänglich zu machen. Da ein praktischer Nutzen daraus niemals zu erwarten war, ist die ernste Beschäftigung mit diesen Sprachen wohl als Beweis ihrer Lernfreudigkeit anzusehen. Ihre Kenntnisse lebender Sprachen kamen ihr, als sie nach dem Tode ihres Gatten und der durch die Kriegsleiden bedingten Einstellung der Zahlungen der Witwenkasse gezwungen war, sich ihr Brot selbst zu verdienen, sehr zu statten. Im Hause ihrer Freundin, der Frau von Kathen auf Rügen, und später bei der Herzogin Dorothea von Kurland lebte sie, mit der Erziehung der Kinder betraut, als hochgeehrte Hausgenossin, bis die langsam sich wieder ordnenden politischen Verhältnisse ihr zu einer kleinen Rente verhalfen. Hierzu kamen später regelmäßige Zuschüsse aus der Privatschatulle des Königs, der sie persönlich kannte und ihre patriotische Tätigkeit während der Kriege schätzen gelernt hatte. »Sie neigte ihrer Natur nach nicht zur Politik hin«, sagt Fürst in seiner Lebensbeschreibung von ihr, »es war lediglich Folge ihrer Vaterlandsliebe, wenn sie sich zur Zeit fremder Unterdrückung mächtig zum lebhaftesten Anteil an allen Bestrebungen getrieben fühlte, welche auf die Erweckung des deutschen Sinnes hinzielten« ... Und weiter: »Die Geselligkeit, welche für Henriette Herz nicht bloß ein Element der Wirksamkeit, sondern ein wahrhaftes Lebenselement war, gestaltete sich trotz ihrer langen Abwesenheit von ihrem Wohnorte um so schneller wieder um sie, als die mannigfachen Anschauungen, mit welchen die Reise sie bereichert hatte und ihre verschiedenen interessanten Erlebnisse auf derselben ihrer Unterhaltung neuen Reiz verliehen ...« Henriette war, nachdem sie sich nach dem Tode ihrer Mutter still und unauffällig in Zossen hatte taufen lassen, nach Italien gereist und hatte dort die glücklichsten Jahre ihres Lebens verbracht. Zu ihrem Berliner Kreise gehörten u. a. die Humboldts und die Grafen Bernstorff und Dohna; sie kannte Chamisso und Rückert; Goethe und Schiller besuchten sie. Der erwählte Freund ihrer Seele aber war und blieb Schleiermacher, der milde Philosoph und versöhnliche Kanzelredner, der »kleine Mann mit der Laterne im Knopfloch«, der, schon zu Lebzeiten von Markus Herz mit diesem innig befreundet, auch im strengen Winter allabendlich durch Schnee und Finsternis in das gastfreie Haus in der Neuen Friedrichstraße gestapft kam. Natürlich blieb es nicht aus, daß ein gewisser Konkurrenzneid zwischen den beiden großen jüdisch-germanischen Salons entstand. Varnhagen und Rahel haben viel häßliches über die schöne glanzsüchtige Frau gesagt. »Madame Herz lebt geputzt, ohne zu wissen, daß man sich ausziehen kann und wie einem dann ist«, so klingt noch eins der mildesten Urteile. Henriette hat leider ihren ganzen Briefwechsel vernichtet. Unter den wenigen erhaltenen Blättern findet sich ein Billet der Rahel mit der bezeichnenden Bitte: »Verwahren Sie diese Karakteristik«, und darin heißt es: »Einen Fehler haben Sie und hatten Sie von je: Ihre zu große Bescheidenheit, die Ihnen nicht alle Selbsttätigkeit erlaubt, deren Sie durchaus fähig sind. Aber Ihnen schadet das weniger bei Ihren hohen Tugenden, denen Sie mit dem größten Talente Folge leisten«. Es wurde eben überall mit Wasser gekocht. Außer dem Billet der Rahel wird in der Börne-Administration zu Frankfurt a. M. eine Reihe Briefe an den jungen Börne aufbewahrt, von deren Existenz Fürst – sein Buch erschien 1850 – noch nichts wußte. Erst Ludwig Geiger hat sie zusammen mit den dazugehörigen Kopien von Briefen Börnes veröffentlicht. Börne kam, ein Siebzehnjähriger, als Pensionär in das Herzsche Haus. Er verliebte sich wahnsinnig in die zur Zeit fast vierzigjährige Frau, die, ohne seine Gefühle zu erwidern, sich doch durch seine Leidenschaft geschmeichelt fühlte; sie machte ihn in ihren Augen »interessant«. »Sprach ich es aber meinen Freunden aus, daß er ein interessanter junger Mensch sei, so sahen diese mich ziemlich befremdet an. Er erschien als ein kleiner selbstzufriedner Faullenzer«, und »was er tat und unterließ, sollte nächstdem den Anschein haben, als geschähe es aus Grundsatz ... Er gebehrdete sich daher auch nie, als wenn er irgend fleißig sei und seine Kenntnisse zu vermehren strebe, vielmehr gab er zu verstehen, daß er seine Trägheit und Gleichgültigkeit in dieser Beziehung nicht überwinden könne, es aber auch nicht wolle, daß jedoch diese Zeit seines Lebens deßhalb doch keine verlorene sei« ... Nach zwei beabsichtigten Selbstmordversuchen und etlichen leidenschaftlichen Liebesepisteln, mußte Henriette sich entschließen, ihn aus ihrem Hause zu entfernen und besorgte ihm zunächst bei ihrem Freunde, dem Arzte Joh. Christ. Reil, der in Halle eine Professur inne hatte, angemessene Unterkunft. Sie blieb während eines Vierteljahrhunderts mit ihm in steter Verbindung, zuerst mütterlich tröstend und scheltend, später auf dem Fuße der Gleichheit diskutierend. Dem zersetzenden Wesen Börnes waren Anhänglichkeit und Dankbarkeit ziemlich unbekannte Faktoren. So wie er aus Reils Hause nach vierjährigem Aufenthalt »kalt verlassen, kalt entlassen« schied, so findet er, als er die alt gewordene Frau wieder besucht und sie ihm die runzliche Wange zum Kusse reicht, lediglich das häßliche Witzwort: »Ich liebte sie und durfte damals (vor 25 Jahren) nur ihre Hand küssen. Und jetzt: Il vaut mieux jamais que tard.« Sie hat seine Lieblosigkeit nie erfahren, sondern ist immer voll für das Wertvolle an ihm eingetreten. In der ihrer innersten Natur entsprechenden vorsichtig abwägenden Art und ihrer herzenskühlen Güte ist sie stets eine vortreffliche Freundin gewesen. Bezeichnend für sie ist der beinah komisch wirkende »Tugendbund«, den sie trotz des gutmütigen Spöttelns ihres Gatten und des beißenden von »tout Berlin« begründete und dem u. a. auch Wilhelm von Humboldt und seine spätere Gattin, Caroline von Dachröden, ferner Carl von La Roche, der Sohn der Sophie, Dorothea Mendelssohn-Schlegel, eine Tochter des großen Philosophen Moses, und Caroline von Wolzogen angehörten, während Rahel Levin von vorn herein ablehnte, sich an dem sie unwahr dünkenden Freundschaftskultus zu beteiligen. Briefe von Henriette Herz. An Börne. Auf der Rückseite von Börnes Hand: »1803. 3. May«. Ich muß wiederholen was ich Ihnen schon unzählige male gesagt habe, mehr als freundlich kann ich Ihnen nicht sein. Lügen mag u werde ich nicht, ich muß also Ihr [ sic ] für mich sehr drückende Verdrießlichkeit ertragen, wenn das Bekanntwerden mit der Gränze meines Wohlwollens sie nicht endlich heben wird. Ich halte Sie bei Gott weder für schlecht noch gemein, das könnte ich Ihnen beweisen wenn ich Briefe hier hätte in welchen ich von Ihnen geschrieben; könnte ich Sie aber durch eine Lüge zum herrlichsten Menschen machen, ich würde dieser Lüge mich nicht schuldig machen. Daß Sie mich übrigens mehr als viele Menschen intereßieren gegen die ich auch freundlich bin, das liegt in unserm ganzen Verhältniß. Verderben Sie sich und mir das Zusammensein nicht. Müßen Sie mir denn ewig von dieser unseligen Leidenschaft sprechen. * * * Lanke, den 12. August 1803. ... Ich war sehr unzufrieden mit Ihrem Briefe weil es Ihnen eigentlich schlecht geht Louis, innerlich wenigstens, wiederum aber muß ich sagen, was ich Ihnen schon oft gesagt, daß es Ihnen nur dann gut gehn kann wenn Sie selbst es ernstlich wollen, hier wie durch Ihr ganzes Leben. Wären Sie ein gewöhnlicher Mensch der weder über sich noch über die Dinge denkt so würde ich jedes Wort für verloren halten, so aber werde ich nicht aufhören Ihnen zuzurufen bis Sie mich hören; ich werde die Geduld lange nicht verlieren, sehr lange nicht, sagen Sie mir aber nach all meinem langen Zurufen noch immer, ich bin unfleißig u. unthätig, das heißt, ich bleibe u werde ein sehr gewöhnlicher Mensch, dann Louis, höre ich auf zu rufen, aber auch überhaupt in Verbindung mit Ihnen zu sein, so wie im Gegentheil, wenn Sie das werden was in Ihren Kräften steht, Sie für Ihr ganzes Leben eine wahre treue Freundin an mir haben werden. Ihre Seele u Geist gehn zu Grunde wenn Sie sich nicht sehr bald ernstlich anstrengen um etwas tüchtiges zu lernen u wie Ihr Körper durch den Müßiggang, oder doch durch das wozu er führt schon gelitten hat das wißen Sie u ich wußte es lange. Glauben Sie nicht, lieber Louis, daß ich einen zu großen Werth auf die Weltverhältnisse lege, nein, ich weiß sie gehörig zu würdigen, aber eben weil ich das weiß deshalb lebe ich wie ichs thue u will daß jeder der nicht den Muth u die Kraft hat sich davon los zu reißen, so thue. Nicht der Menschen willen sollen Sie das was andere vor Ihnen entdekt und erklärt haben sich zu eigen machen, sondern allein Ihrer selbst willen. Denn Sie haben Sinn u Kräfte, benuzen aber sollen Sie es zum besten Ihrer armen unwißenden Nebenmenschen. Bitten, flehen könnte ich Sie nicht so gewißenlos mit sich zu verfahren u Ihre Kräfte gegen sich selbst zu wenden. Sie wißen alles was ich Ihnen sagen könnte, doch aber sage ich es Ihnen um Sie selbst zuweilen zum Bewußtsein zu bringen ... * * * Berlin, den 29. 8br. 3. Ich bin nicht zu streng, ich kann aber keine Fehler verzeihen, die aus Gemeinheiten entstehen. Leidenschaften können die Taugenichtse nicht vorwenden, da es eigentlich nur Eine giebt um derentwillen ich dumme Streiche verzeihe weil sich wenigstens etwas Geistiges damit verbinden läßt, obschon es leider selten damit verbunden wird. Jede Art von Ausschweifung ist mir in tiefster Seele verhaßt u es kann kein guter Mensch sein, kaum einer werden , der seine Seelen- und Körperkräfte vergeudet am Spiel, Trunk oder platter Sinnlichkeit ... Ich nenne einen guten Menschen den welcher bei einer schönen Natur alle Kräfte aufbietet die Kräfte zu gebrauchen u wer von Natur wenig Gaben hat mit Kraft sie sich aber verschafft hat der ist beßer noch als gut und vor dem beuge ich mich. Ein guter Mensch sind Sie beinah, aber ein besserer müßen u könnten Sie werden Louis, u mit Schmerz würde ich Ihre wirklich gute Natur zu Grunde gehen sehen, u ermannen Sie sich nicht bald so fürchte ich daß es der Fall sein wird. Kräfte wollen geübt sein, ungeübt schlummern sie ein u oft so tief, daß sie durch nichts wieder zu erwecken sind. Laßen Sie, lieber Louis, es dahin nicht mit sich kommen u vermögen Sie es nächstdem über sich die erbärmlichen Gewöhnlichkeiten des Lebens nicht zu verachten denn sie rächen sich gewaltig u man unterliegt ihnen nicht selten. Ihr Vater hat mir in seinem lezten Briefe, durch den er alles berichtigte, sehr traurig über Sie geschrieben, er meint daß wenn Sie nicht bald fleißig würden, er Sie vom Studieren wegnehmen würde – verdenken kann ich ihm das nicht – u was wollen Sie thun wenn er wort hält? Es ist mir wirklich unbegreiflich wie man so schwach sein kann daß beßere nicht zu ergreifen das einem so nahe liegt u das man erkennt. * * * Berlin den 14. Jenner 1804. ... Sie haben mich mißverstanden oder ich mich falsch ausgedrückt, wenn es aus meinen Reden hervorgeht als ob ich wünschte daß das Menschengeschlecht ohne Leidenschaft sei – so meinte ichs wohl gewiß nicht, mein guter Louis, ich will nur daß der beßere Mensch sich lieber verzehre u zu Grunde gehe als daß er etwas unedles u unrechtes aus Leidenschaft thue. Unter allen Leidenschaften sind mir diejenigen am meisten verhaßt an welchen sich auch nicht das allergeringste sentimentale anknüpfen läßt, oder wenn der Mensch die, an welchen es geschehen könnte durch sein ihr fröhnen sie so herabwürdigt u sich mit ihr daß sie ihren Character verlieren muß u der Mensch nie einen hatte. Zu den ersten gehören Spiel und Trunk, die lezte ist die Ausschweifung mit Frauen. – Dabei geht das beßere im Menschen zu Grunde u das Schlechtere der Körper leidet dabei auch am meisten, die schönsten Empfindungen werden entheiligt weil wohl zuweilen – ja oft, ein plattes Gefühl für ein erhabenes genommen wird u so wird das Schönste im Mann u in der Frau in seiner Blüte zerknikt ... ... Sie sehen aber, daß es Ihnen mit den Gesellschaften in Halle wie mit denen in Berlin geht, es ist sehr schwer für einen so jungen Menschen hineinzukommen u für andere ihn hinein zu führen, auch sind in der That diese Jahre die Lernjahre. – »Ein Talent bildet sich in der Stille, ein Character in dem Strom der Welt;« das Talent muß erst ausgebildet sein ehe der Character es werden muß u das kann nur in etwas späterer Zeit geschehen. Reil Der Hallenser Professor. fühlt u weiß das eben so gut wie wir es wußten u fühlten; das können Sie glauben. Was ich übrigens für Sie hoffte ist eingetroffen, die Langeweile treibt Sie zum Fleiß u die Gewohnheit wird Sie hoffe ich so lange darin erhalten biß die eigne Lust, der eigne Trieb in Ihnen erwachen wird. Reil hatte Sie richtiger beurtheilt als ich, er machte Ihnen den Umgang mit Studenten unmöglich dadurch daß er Sie auf die Schule gehen ließ – Sind Sie dann von der Schule, u die Herren halten Sie ihres Umgangs würdig so werden Sie in Ihrem Gemüth u in Ihren Gesinnungen schon so weit sein, daß Sie nur mit einer Auswahl jener wüsten rohen Menschen umgehen werden ... * * * Berlin den 20. März 4. Ich bin nicht Ihrer Meinung, daß die Menschen im Grunde alle gleich wären. – Es liegt wohl nicht bloß in der Unmöglichkeit, unser Innerstes vor einander aufzuschließen daß unsere Empfindungen u Gefühle oft so sehr von einander abweichen, warum wollen Sie innere Verschiedenheit leugnen da Sie doch eine äußere zugeben müßen? übrigens weiß ich nicht weshalb das Leben bei völliger Übereinstimmung freudenleer wäre – jezt giebt es uns das größte Glück, den höchsten feinsten Genuß wenn wir ein mit uns übereinstimmendes Gemüth finden u es sollte uns lästig sein wenn wir mehrere fänden? – Wohl ist es die gefundene Wahrheit die uns Freude macht, unmittelbar sie die uns erhebt – denn – reduciren Sie es nur auf etwas ganz gewöhnliches – ganz gemeines und Sie werden sehen, daß es auch die Sache u nicht bloß die Fähigkeit sie zu entdeken ist. Die gemeine Neugierde zum Beispiel – die erhöht doch Lehrbegierde ist – was ist der Zweck dieser Empfindung anders als zu wißen, was wir nicht wißen –. Wir haben freilich beim Streben nach Wahrheiten – nach Wißenschaften – nicht dieses peinigende ängstliche Gefühl das wir bei der gemeinen Neugier haben; – das ist aber auch natürlich denn wir sind völlig leidenschaftslos und ruhig bei der Lehrbegierde, unser Streben mag auch nach dem Höchsten gehen – u daß wir dieses sind, das spricht für die Reinheit u Schöne dieser Begier – die eine ist der ερως ουρανιος die andere πανδημος darüber möchte ich daß Sie Platos Gastmahl läsen, was ich jezt lese, da würde Ihnen ein Licht darüber aufgehen. – Ich halte den nicht nur für sehr unweise, der Lebensluft einathmet um schneller zu leben, sondern ich verachte ihn auch wenn er es nicht mit völliger Freiheit des Willens thut – wenn er dem gewaltsamen Triebe es zu müßen nachgiebt so ist er gemein u es läßt sich nichts darüber sagen – thut ers weil er will so läßt sich manches dafür u dagegen sagen. So lange wir Menschen sind – das heißt so lange unser beßeres Wesen eingeschloßen ist in Sinne – müßen wir ihnen mehr oder weniger fröhnen u der beßere innere Mensch ist der welcher dieses weniger thut als er von seiner schlechteren Natur dazu getrieben wird ... * * * Dresden den 23. Juli 05. ... Meine Aufrichtigkeit muß Ihnen lieb sein u ist sie es nicht so ist es Ihre Schuld, mit dem Inhalt Ihres Briefes bin ich recht eigentlich unzufrieden. Lieber Louis Sie sind auf schlechtem Wege, wählen ihn selbst u wollen sich darauf erhalten. Das was Sie als Spas betreiben sollte Ihr heiligster Ernst sein. Sie nennen Philistereien was Rechtlichkeit ist, ja was zur inneren Bildung eines Menschen unbedingte Nothwendigkeit ist. Im spaßigsten Ton sprechen Sie von Ihrem unerhörten Müßiggang von Ihrer Geldverschwendung u von Ihrem falschen Bestreben sich lächerlich zu machen. Über den ersten sage ich Ihnen nichts mehr so weh es mir auch thut, daß die schönen Anlagen die in Ihnen sind zu Grunde gehen, über die andern schweige ich auch, weil ich schon zuviel vergeblich gesprochen habe, das lezte aber ist so höchst unsinnig daß ich Ihnen doch ein Wort darüber sagen will besonders da es so ganz in Ihr übriges Leben eingreift. Sie werden es mir zutrauen daß ich Welt und Menschen beßer kenne als Sie, denn mehr habe ich in ihr gelebt u mehrere Menschen geprüft, von mehreren hart geprüft worden, ich kenne sie u mich, vielleicht jezt mehr als vor einigen Jahren. Das was Sie bezweken ist sehr leicht, lächerlich findet der Haufen leicht u gern besonders den Beßeren auch ohne sein Hinzuthun, wie viel mehr nicht mit seinem Willen. Wenn Sie sich u mir klar machen können was Sie daran freut wenn die Menschen Sie für halb toll halten so thun Sie es u wir können dann weitläufiger darüber sprechen. Nicht ganz neu ist mir dieses wunderliche Wesen an Ihnen doch habe ich es zuerst bei Ihrer letzten Anwesenheit in Berl– gemerkt u am auffallensten einen Abend bei Reimers, Reimer, der bekannte Berliner Buchhändler, Freund Schleiermachers, schon damals Mittelpunkt des patriotischen Kreises in Berlin. wo es nicht mir allein sondern allen auffiel. Warum wollen Sie nicht auch scheinen was Sie sind? Wollte Gott Sie wären, was Sie sein könnten oder würden es noch! Sein Sie einfach u still u reden Sie nur wenn Sie es der Mühe werth achten u Sie bedürfen der übrigen Höflichkeit nicht. Louis wie entsetzlich verkennen Sie sich u die Menschen u wie viel geht in Ihnen zu Grunde wenn Sie sich nicht bald erheben, nicht bald erwachen aus dem kindischen jämmerlichen Schlummer in den Sie so muthwillig sich einwiegen. Wie ich zu Ihnen spreche so sprach zum Theil Schleiermacher über Sie zu mir u da er natürlicherweise weniger Intereße an Sie hat als ich so hat er Sie losgelaßen, denn nachdem was er durch mich von Ihnen wußte u was er in den Briefen an mich gelesen, sah er wohl daß Sie etwas lernen u werden konnten, u er nahm es sich ernstlich vor Sie oft zu sehen u zu sprechen, als er Sie aber leben sah, verschleudern oder doch nicht benuzen sah die Gabe Gottes da wurden Sie ihm natürlich weniger lieb – Grund sich gegen Sie zu verstellen hat er nicht, werden Sie wie Sie werden können u dieser treffliche Mensch wird Ihnen freundlich sein ... * * * Berlin den 24. März 06. Nein Louis warten Sie nicht, ziehen Sie herbei was Sie faßen können u laßen Sie nicht wieder los – das Leben vergeht mit dem warten u kömt am Ende etwas so ist es zu spät, für den Körper wenigstens. Wäre ich ein Mann geworden, so hätte ich das was ich als Frau im kleinen trieb ins Große getrieben. Mit Mühe hätte ich mir u mit Fleiß eine bürgerliche Existenz geschafft wie ich das Kleid zur Bedeckung mir machen laße, u so wie bei diesem Farbe u Schnitt mehr oder weniger dem Auge wohl gefällig ist, so hätte ich auch bei jener für das Bequemere und Erfreulichere gesorgt. Meine innere Welt hätte ich mir gesichert durch das äußere Leben in der äußeren u so wäre jene auf keine Weise gestört worden durch die Jämmerlichkeiten mit welchen diese, vernachläßigt, sich rächt. Jeder sollte so thun der ein inneres Leben hat u es führen will u die meisten versäumen das – daher eben das Klagen u das ewige sich gestört fühlen worin die beßeren selbst verschmachten u wozu auch Sie gehören. – Noch ist es Zeit mein guter Louis, noch können Sie das beßere in sich retten ehe es ganz versinke u kommen Sie auch mit Wunden bedekt aus dem Kampf so wird doch jeder Sie erinnernde Schmerz Sie an die Kraft mit zugleich erinnern die Sie in jenem Kampfe angewandt u wodurch Sie ihn bestanden haben ... * * * Berlin den 14. Jänner 8. ... So wie nichts in der Welt ganz gut u ganz schlecht ist so sind es auch die Menschen u die Zeiten nicht. Kummer u. Elend hat man geglaubt müße in Berlin herrschend werden u noch ist es nicht so, man sieht noch viel froliche Gesichter obschon die meisten Menschen klagen, im ganzen wird man arm u im einzelnen reich, äußerst wenige können ihre Reichthümer vermehren aber keiner stirbt eigentlich Hunger, man geht spazieren u man tanzt u doch ist jezt schon viel Elend, wird aber noch viel mehr werden; es hält sich alles eine Zeit lang aus u während des Aushaltens wird es oft beßer oder es hält sich nicht aus, nun dann ist es vorbei. Sehen Sie lieber Louis ich sage Ihnen hier mit meiner gewöhnlichen Freimütigkeit daß man Sie lieb haben muß um Sie leiden zu können u daß man manches Äußere oder vielmehr manche Äußerungen ganz abrechnen, ganz vernichten muß, um Sie lieb zu haben. Es ist eine sonderbare Disharmonie in Ihrem Wesen, Sie haben etwas Tiefes, fast melancholisches in Ihrem Blik, etwas Schweres in Ihrem ganzen Sinn und doch haben Sie die Eigenschaften eines solchen Characters nicht, weder Stätigkeit noch Fleiß noch Mäßigkeit u gar nicht vorher sehen kann ich es wie wunderlich sich das alles in einer späteren Zeit an u in Ihnen gestalten wird – noch immer kann ich die Hoffnung nicht aufgeben daß Sie doch noch etwas Gründliches lernen werden, u nicht meinen werden mit dem Anfang schon das Ganze zu haben ... Dorothea Schlegel Schon in der Einführung der Rahel Levinschen Briefe geschah des großen Einflusses Moses Mendelssohns auf die Juden und das deutsche Geistesleben seiner Zeit im allgemeinen Erwähnung. Mit seiner Tochter Brendel (Veronika), die später die Gattin Friedrich Schlegels wurde, schließt sich der Kreis der drei geistvollen Jüdinnen Berlins: Rahel, Henriette Herz, Dorothea. Sonderbar genug mutet uns die Kurve an, die von dem nüchternen philosophischen Vater Moses über die ultraphantastische, in ihren Religionsäußerungen beinahe überspannte Dorothea zu deren Neffen Felix Mendelssohn-Bartholdy führt, der, ein intimer Freund Schumanns, dennoch weit weniger dem romantischen Lager angehörte als dieser. Dorothea war äußerlich durchaus reizlos; sie war auch an und für sich unproduktiv. Ihr Roman »Florentin« und einige andere dichterische Arbeiten sind nur unter der steten Nötigung Friedrich Schlegels entstanden; sie hat sich sonst damit begnügt, dem angebeteten Manne Handlangerdienste zu leisten, wo und wie sie nur konnte. Henriette Herz widmet in ihren Erinnerungen auch ihrer Freundin Dorothea einen Abschnitt. Unter anderem erzählt sie über Dorotheas erste Ehe: »Mendelssohns Scharfblick sah in dem Manne, den er ihr bestimmt hatte, dem Bankier Veit, schon all' die trefflichen Eigenschaften im Keime, welche sich später in ihm entwickelten, aber der Tochter genügte eine Anweisung auf die Zukunft nicht, und der Vater irrte, wenn er meint, daß sie einen Mann so erkennen würde, wie er es vermochte.« Dennoch war die Ehe keine unglückliche, und die Lösung, nachdem Friedrich Schlegel in Dorotheas Leben getreten war, eine durchaus friedliche. Simon Veit und Dorothea haben bis an ihr Ende in liebe- und achtungsvollem Verkehr gestanden, und die Briefe, in denen kurz nach ihrer Trennung die Bestimmungen betreffs ihrer beiden Söhne Jonas (Johannes) und Philipp getroffen wurden, sind ein Beweis hoher Herzensbildung auf beiden Seiten. Friedrich und Dorothea trafen sich im Salon der Henriette Herz zum ersten Male. Schon bei diesem ersten zufälligen Begegnen »machte sie einen so gewaltigen Eindruck auf ihn, daß er selbst mir bemerkbar wurde; nicht lange, und das Gefühl war ein gegenseitiges, denn Schlegel konnte in der Tat ein liebenswürdiger Mann genannt werden und mußte allen Frauen gefallen, welchen er gefallen wollte«, so bemerkt Henriette, die auch später die schwierige Rolle der Vertrauensperson spielte. In die Jahre 1798–99 fällt der Beginn des Briefwechsels, den Dr. S. M. Raich im Auftrage der Familie Veit in zwei starken Bänden herausgegeben hat. Unter den Adressaten figurieren neben Friedrich und seinem Bruder August Wilhelm Schlegel besonders Dorotheas beide Söhne Jonas und Philipp Veit, dann Sulpiz Boisseré, ein Freund aus der Kölner Zeit, mit dem sie mannigfache literarische Interessen verbanden, Rahel Levin, Tieck, Caroline Paulus, Schleiermacher, und letzterer ist es denn auch, der die beiden allzu romantisch Liebenden in bürgerliche Lebenswege zurückleitet. Dorotheas Brief vom 11. April 1800 illustriert seine Ansichten. Die Romantiker, als deren Vater Friedrich Schlegel oft genannt wird, vertraten nicht nur den rein ästhetischen Grundsatz gesetzlosen Auslebens des Künstlers in seinem Werke und den moralischen oder, wenn man will, unmoralischen der Berechtigung unbeschränkter Sinnlichkeit, sondern sie waren vielleicht die ersten, die die geistige Emanzipation des Weibes forderten. Friedrich Schlegel hatte sich schon früher mit der Stellung der Frau im Altertum und der Neuzeit viel beschäftigt. Er und die gleichstrebenden Genossen suchten neben der Geliebten auch die Kameradin heranzubilden. Dorothea, die ihr Leben lang Friedrich stark überschätzt, aber treu geliebt hat, hatte es zu einer geistigen Selbständigkeit nie gebracht. Sie blieb sein Echo, sein Instrument. In ihrem Tagebuch finden sich häufig Bemerkungen wie: »Ob mir mein Bestreben wohl gelingen wird, Friedrich sein Geselle zu werden? Nämlich das in seinem Sinne auszuführen, was er für mich angelegt?« Literarischer Ehrgeiz lag ihr fern; ein anderer Ausspruch ihres Tagebuchs illustriert besser als ganze Bände, wie sie trotz romantisch freier Allüren doch ganz »Eheweib« geblieben war: »In einer schönen Ehe ist es nothwendig, daß die Frau gerade so viel Verstand besitze, um den des Mannes zu verstehen; was darüber ist, ist vom Übel!« Sie hat, um ihm Geldmittel zu verschaffen, Übersetzungen angefertigt, hat für ihn gearbeitet und gespart und sich in seiner vermeintlichen Genialität gesonnt, und es ist durchaus unzutreffend, wenn Henriette Herz sagt, daß sie im Jahr 1811 in Wien »ein zufriedenstellendes Verhältnis« gefunden hätte, aus dem die Poesie entschwunden gewesen wäre, »welche das frühere von der Welt so verpönte durchdrungen hätte«. Auch trug der Verkehr zwischen Schlegel und Dorotheas Söhnen stets den Ausdruck großer Herzlichkeit. Will man die erste große Periode in Dorotheas Leben bis zu ihrer Trennung von Simon Veit rechnen, so findet die zweite, an Schlegels Seite, mit ihrer Konversion in Köln ihren Abschluß. Die Schlegels waren von Köln – nach längerem Aufenthalt Friedrichs in Paris und auf dem Landgut der Madame de Stael, mit der damals sein Bruder August Wilhelm eng liiert war – nach Wien übergesiedelt. Friedrich gelang es nach sorgenvollen Jahren, die Stellung eines Hofkriegssekretärs während des unseligen Feldzugs von 1809 zu erhalten und ihn im Hauptquartier mitzumachen. Die Freiheitskriege lockten Dorotheas jüngeren Sohn Philipp unter die Waffen, während der ältere, Jonas, nach der Taufe Johannes genannt, durch seine Studien in Rom der Heimat ferngehalten wurde. Philipps Briefe aus dem Feldzuge 1813, in denen viele, uns allen liebe und vertraute Namen genannt werden, sind von großer Herzensfrische. Währenddessen fliegen auch schon die ersten anknüpfenden Zeilen von daheim über die Alpen: »Vielleicht besuchen wir dich bald«. Künstlerische wie religiöse Gründe mußten ihr ja diese Wallfahrt nach der ewigen Stadt wie eine letzte Krönung ihres Lebens erscheinen lassen. Doch sollten bis dahin noch Jahre vergehen und der Wiener Kongreß mit aller seiner Buntheit und seinem Bombast an ihr vorüberrauschen. 1814 schreibt sie darüber an Fouqué: »Aber nun kommt die Wasserprob (die Feuerprobe des Muthes sei schon bestanden), nämlich der Kongreß und das Austheilen und Administriren; hier gebe Euch der Gott aller Gaben Mäßigung, so wie er Euch in der Probe der Schlacht Heldenmuth verlieh!« Gar manches weiß sie von den Festlichkeiten zu erzählen wie von der »großen Musik« Händels, die von Kaisern und Königen in dem eigens dazu geschmückten Reitsaal aufgeführt werden soll, und von dem »Samson«, den sie mit Händels » Alexanderfest« vergleicht: »wie dieses lyrisch, heroisch und brillant, so jenes dramatisch, ernst und rührend, äußerst religiös, obwohl nicht christlich«. Einen Brief über die Feier der Schlacht bei Leipzig habe ich in gekürzter Form wiedergegeben. Dorotheas Leben nimmt nun einen günstigeren Aufschwung. Nicht nur, daß sie die Freude hat, ihre Kinder prächtig einschlagen zu sehen, auch pekuniär bessern sich ihre Verhältnisse: sie kann den Söhnen ihre »zwei Augen« in Gestalt zweier Ringe senden und ihnen mitteilen, daß Friedrich von Seiten Österreichs als Legationsrat nach Frankfurt zum Bundestag geschickt wird. Sie schildert die schöne Mainstadt sehr reizend, mit ihrer breiten Promenade, ihren Villen im Grünen und erwähnt – was auch heutigen Tages noch so geblieben ist – daß die Kleidungen der Personen, sowie die Möbel meist alle aus Frankreich »oder was noch öfter der Fall ist, Fabrikerzeugnisse hier aus der Gegend unter dem Namen ›englisch oder französisch‹ und unter diesem Namen exorbitant theuer« seien. Im Jahr 1818 erst erfüllte sich Dorotheas Sehnsucht: sie konnte ihre Söhne in Rom besuchen, als Schlegel mit Metternich nach Italien reiste. Schlegel starb 1829; Dorothea überlebte ihn noch zehn Jahre, die sie bei Philipp in Frankfurt verbrachte. Ihre Frömmigkeit, die in Rom unter Gleichgesinnten sich noch gesteigert hatte, verblieb ihr bis zum Tode. Henriette Herz erzählt, daß sie auf Dorotheens Wunsch ihren ganzen Briefwechsel mit der Freundin habe verbrennen müssen und nur einen Brief behalten habe, den letzten; darin heiße es: »Alles, was wir Weltkinder sonst Poesie des Lebens genannt haben, das ist weit, weit! – Ich könnte sagen, wie Du, ich bin es satt. Aber ich sage es dennoch nicht, und ich bitte und ermahne Dich: sage auch Du es nicht mehr! Sei tapfer! Das heißt, wehre Dich nicht, sondern ergieb Dich in tapferer Heiterkeit ... Jeder Tag ist ein Kleinod der Gnade, ein Kapital, das Du weder vergraben noch von Dir werfen darfst ...« Briefe von Dorothea Schlegel. An eine Freundin in Berlin. Montag (Berlin 1798). Ich bin in der Stadt, habe Geschäfte, Schleiermacher wird hier essen; bis er kömmt, will ich Dir erzählen, daß ich gestern Reichardt's Oper gesehen habe Johann Friedrich Reichardt, der Musikschriftsteller und Komponist. Seine Oper hieß »Die Geisterinsel«, nach Shakespeares »Sturm« von Friedrich Wilhelm Gotter umgearbeitet ... Ich wollte Dir schreiben, wie sie mir gefällt, aber ich weiß doch blutwenig darüber zu sagen. Während man es hört, kann man wohl eher sagen, dies und jenes ist schön, auch habe ich mir wirklich einiges angezeichnet, was mir wohl gefiel, aber wer behält den Eindruck wohl noch so lange, daß er etwas darüber nachsagen könnte – besonders das erstemal. So eine bunte Musik muß man mehr als einmal hören. Einen bestimmten Totaleindruck kann diese Oper schon darum nicht machen, weil sie im ganzen keinen bestimmten Charakter hat; aber einzelne Stücke von großer Schönheit sind darin, die wohl schwerlich irgend ein anderer noch so machen wird. Die Leute sagen, es wäre zu viel Musik darin. Das habe ich nun nicht gefunden, mir war zu wenig darin, Musik nämlich; aber freilich zu lang ist alles – tädiös ... Schon daß sie nicht recitirt wird, ist ein großer Mangel. Diese Art von Opern, halb Prosa und halb nicht Prosa , unterbricht das Ganze immer unangenehm. Die Musik scheint jedesmal entweder unnöthiger Weise anzufangen oder mal-à-propos aufzuhören, und es klingt nichts so lahm und so ganz gegen das poetische Wesen einer Oper als die ersten gesprochenen Worte nach einer Arie. Hingegen ist das Recitativ hohe, bedeutende Prosa, die sich sehr leicht und ohne Härte in einer höheren begeisterten Stimmung zur Poesie des Gesangs erhebt. Doch hier ist es mehr Gotter's als Reichardt's Fehler. Diese Musik hat weder so viel Grazie, noch so viel edle Zärtlichkeit, so viel Liebe, so viel Witz, Laune und Fröhlichkeit als seine »Claudine von Villa-Bella«. Für alledem hat er hier Vaudevilles mit und ohne Variationen; diese bedeuten denn auch Naivheit, Brutalität – in manchen originellen Stellen wird man an die Hexenscene in »Macbeth« erinnert ... Was mich aber ordentlich ärgert, das ist: daß er seinen eigentümlichen Genius zu verlassen anfängt und theils in der Mozart'schen Manier, theils nach neuen italienischen Componisten arbeitet und das doch nur aus Eitelkeit, um in der Mode zu sein und dem Publicum zu schmeicheln – denn ich habe ihn sonst jene Meister sehr herunter machen hören – und das ist einem Künstler, wie Reichardt wohl sein könnte, sehr übel zu nehmen. Was aber die Oper selbst betrifft, so ist es himmelschreiend, wie man mit dem »Sturm« umgegangen ist ... Reichardt hat mit allen erdenklichen Blasinstrumenten nicht vermocht, nur einen Theil des Zaubers wieder hinein zu wehen, den der Dichter so ehrlich heraus gefegt hat. Prosper ist so zahmmüthig, daß er sich nicht zu zaubern getraut und sich für seine eigne Zaubereien fürchtet; Miranda hat sich sehr naiv in Gurli »Gurli« in Kotzebues »Indianer in England«. verwandelt; Fernando hört nicht auf, sich über sich selbst zu wundern; Caliban? – ein Regenfeuer auf's Theater? – da würden die Damen erschrecken – ein brutaler betrunkener Holzhauer ist weit natürlicher; Ariel hat Equipage bekommen, seitdem er so korpulent ist, und macht nur kleine Wege im Hause herum, zu Fuß ...   An Schleiermacher. Jena, den 11. October 1799. ... Denken Sie sich, ich war auf dem Wege von Leipzig hierher einen Mittag in Weißenfels. Ein gewisser Doctor Lindner, der mit mir fuhr, besuchte Hardenberg Novalis. und ich habe nichts dazu gethan, ihn zu sehen, so begierig ich auch war ... Er kommt mir erschrecklich paradox und eigensinnig vor nach allem, was ich von ihm höre; er ist ganz toll in Tieck und in seine Frau Eine Tochter des Predigers Alberti. als Tiecks Frau, verliebt und verachtet alles übrige. Alles übrige sagt man. Wie lange dieses Delirium anhalten wird, weiß man nicht zu sagen ... Ungeheuer aber ist es, daß Goethe hier ist, und ich ihn wohl nicht sehen werde. Denn man scheut sich, ihn einzuladen, weil er, wie billig, das Besehen haßt, und er geht zu niemandem als zu Schiller, obgleich Schlegel's und Schelling's Der berühmte Philosoph, der später Caroline, A. W. Schlegel's erste Frau heiratete. ihn täglich auf seiner alten Burg besuchen, in der er haust ... Zu Schiller geht man nicht; Wegen seiner Krankheit. also werde ich in Rom gewesen sein, ohne dem Papst den Pantoffel geküßt zu haben. Es ist unrecht und was noch mehr ist, dumm, und was noch mehr ist, lächerlich. Aber man kann mir nicht helfen ... Mit Friedrich, der mir immer lieber wird, je mehr ich andre neben ihm sehe, will es mir nicht so recht fort. Das Arbeiten wird ihm immer schwerer und er selbst dadurch immer betrübter. Ich hüte mich, ihm meine tiefe Besorgniß blicken zu lassen, weil das ihn völlig niederdrücken würde ... Es scheint, die Berliner können nicht ruhen; sie können ebensowenig ein Leben als einen Roman sich ohne geschlossenen Schluß denken und nehmen nun gar bei mir die heilige Taufe als völligen Ruhestand und Auflösung an. Wie wäre es, wenn sie mich todt sein ließen? So wären sie aus der Ungewißheit, und mir geschähe auch kein kleiner Dienst damit ... * * * Jena, den 15. November 1799. ... Hardenberg ist hier auf einige Tage. Sie müssen ihn sehen; denn wenn Sie dreißig Bücher von ihm lesen, verstehen Sie ihn nicht so gut, als wenn Sie einmal Thee mit ihm trinken. Ich rede nur von der reinen Anschauung, zum Gespräch bin ich garnicht mit ihm gekommen, glaube aber, er vermeidet es; er ist so in Tieck, mit Tieck, für Tieck, daß er für nichts anders Raum findet. Enfin, mir hat er's noch nicht angethan. Er sieht aber wie ein Geisterseher aus und hat sein ganz eignes Wesen für sich allein, das kann man nicht läugnen. Das Christenthum ist hier à ordre du jour ; die Herren sind etwas toll. Tieck treibt die Religion wie Schiller das Schicksal; Hardenberg glaubt Tieck, ist ganz und gar seiner Meinung; ich aber will wetten, was einer will, sie verstehen sich selbst nicht und einander nicht. Nun hören Sie! Gestern Mittag bin ich mit Schlegel's, Caroline, Caroline Schlegel. Schelling, Hardenberg und einem Bruder von ihm, dem Leutnant Hardenberg, im Paradiese (so heißt ein Spaziergang hier) – wer erscheint plötzlich vom Gebirg herab? kein andrer als die alte göttliche Excellenz, Goethe selbst. Er sieht die große Gesellschaft und weicht etwas aus, wir machen ein geschicktes Manöver, die Hälfte der Gesellschaft zieht sich zurück, und Schlegels gehn ihm mit mir grade entgegen ... Wilhelm stellt mich ihm vor, er macht mir ein auszeichnendes Compliment, dreht ordentlicher weise mit uns um und geht wieder zurück und noch einmal herauf mit uns und ist freundlich und lieblich und ungezwungen und aufmerksam gegen Ihre gehorsame Dienerin. Erst wollte ich nicht sprechen. Da es aber gar nicht zum Gespräch zwischen ihm und Wilhelm kommen wollte, so dachte ich, hol der Teufel die Bescheidenheit, wenn er sich ennuyirt, so habe ich unwiederbringlich verloren! Ich fragte ihn also gleich etwas über die reißenden Ströme in der Saale, er unterrichtet mich und so ging es lebhaft weiter. Ich habe mir ihn immer angesehen und an alle seine Gedichte gedacht; dem »Wilhelm Meister" sieht er jetzt am ähnlichsten ...   An Schleiermacher. (Jena) den 11. April 1800 ... Sie behaupten, Sie hätten keinen Respect für die Gründe, mich nicht taufen und trauen zu lassen, Wie so das? Verdiente die Absicht, wenigstens noch mittelbar Einfluß auf die Erziehung meiner Kinder Jonas und Philipp Veit. zu haben keine Achtung, so weiß ich doch nicht, wodurch ich sie sonst bei Ihnen erhalten könnte, besonders da ich ein solches Glück mir versage blos dieser Absicht zu Gefallen. – Auch mit Ihnen und mit unseren besten Freunden würden wir wohl wahrscheinlich mehr einig werden, wenn es geschähe; Sie sind ja alle dafür. Also wenn Sie es für recht und in unserer Lage für das beste halten, so mag es geschehen. Aber unter keiner andern Bedingung, als daß Sie beide Handlungen verrichten, weil das allerstrengste Geheimnis dabei nothwendig ist, das nur zu feiner Zeit offenbar werden muß. Fichte Der Philosoph. und Alexander Dohna Graf Dohna, der spätere Minister. sehe ich nächst Ihnen als meine besten Freunde an, und diesen beiden mögen Sie alles mittheilen und mit ihnen überlegen, wie es am besten zu veranstalten fei. Ihr alle würdet Euch doch besser in uns finden, wenn wir getraut werden, auch Hardenberg und Charlotte; Charlotte Ernst, Schlegels Schwester. wer wird nun solchen Freunden nicht zu Liebe thun, was man auch sonst vielleicht nicht gethan hätte?   An Friedrich Schlegel in Köln. Paris, 2. Mai 1804. ... Gestern war ich im Tribunat, habe für den Kaiser votiren und Carnot Republikanischer Staatsmann, Großvater des Präsidenten Sadi Carnot. dagegen, ihn allein dagegen sprechen hören ... Meinem Gefühl nach gehört mehr Muth dazu für das, was Carnot hier that, als dazu gehört, in eine Schlacht zu gehen. Ich erinnere mich lange nicht, ein so lebhaftes Interesse für eine mir eigentlich so fremde Sache empfunden zu haben. Die Stimmung des Volks, das zahlreich sich zudrängte, war merkwürdig genug, aber es durfte nicht laut werden. Carnot sprach mit ernster Freimütigkeit und stark ; wie sehr seine Rede gegen die andern abstach, die sklavisch immer nur dasselbe wiederholten, das kannst Du Dir denken. Es war zum ersten Mal, daß ich eine solche öffentliche Debatte hörte; ich kann Dir unmöglich beschreiben, wie heftig man aufgeregt wird; ich fühlte bestimmt, wie man in einem solchen Moment sich selbst vergißt und Leben und Gut und Blut für die Sache hingiebt; man ist wie im Fieber. – Wunderbares Volk? Wie ich sie so alle ansah, diese Menschen, die gleichsam die Geschichte überlebt haben, fiel mir der jüngste Tag von Tieck »Das jüngste Gericht«, eine Vision in Tiecks poetischem Journal. ein, wie alles plötzlich schneller geht, die Jahreszeiten wie die Tagszeiten, alles weit schneller sich dreht und sich verzehrt, bis alles von der gewaltsamen Anstrengung und zu früher Reife verderben muß. Wozu sonst Jahrhunderte gehörten, das haben sie alles während zehn oder zwölf Jahren durchrannt; man wundert sich sie noch so jung zu sehen, da sie so vieles durchlebt ...   An Caroline Paulus. Schriftstellerin unter dem Namen Eleutheria Holberg, Gattin des Theologen Professor Paulus. Köln, 16. October 1804. ... Von unserm Friedrich hab' ich erst einen Brief aus Coppet. Verbannungsgut der Staël. Von der Staël schreibt er gutes. Er meint, sie sei zwar ganz und gar Französin, aber doch von der besten Gattung, die ihm noch vorgekommen sei; sie schiene sinnlich und veränderlich zu sein, aber nicht von der wüsten Coquetterie, die sonst bei ihnen so gewöhnlich ist. Im letztern, glaub' ich, irrt der gute Friedrich. Der »Delphine« Roman der Staël. nach zu urteilen gehört sie zu den Eitelsten der Eiteln. Sie scheint den Wilhelm August Wilhelm Schlegel. noch sehr zu lieben, ... obgleich sie in Meinungen und Grundsätzen sehr verschieden von den seinigen ist; denn sie soll voll von französischen Vorurtheilen stecken. Wilhelm soll sanfter geworden sein. Die Stati schreibt dies ihrer Erziehung zu. Friedrich meint aber, es sei weit richtiger dem angenehmen Gefühl seiner günstigen Lage zuzuschreiben. Ist es Dir nicht auch verhaßt, wenn die Frauen sich so viel auf die Erziehung ihrer Liebhaber einbilden? Mich dünkt, darin thut die allerunbefangenste Frau das beste. Die Liebe, die nicht an und durch sich selber den Mann bildet, die wird es mit der prächtigsten Absicht gewiß nicht thun. Wie viele Frauen haben nun schon den Wilhelm erzogen? Eigentlich wird er aber nur, wie eine Springfeder, einmal von dieser, dann von jener Seite zusammen gedrückt. Hört nun der Druck einmal auf oder läßt nach, so fährt die Springfeder wieder ganz natürlich auseinander ... * * * Köln, 13. Juli 1805. ... Den »Winkelmann« von Goethe habt ihr doch gewiß schon gelesen? Was sagst Du zu diesem sächsisch-weimarischen Heidenthume? Ich gestehe Dir, mir kömmt das Ganze sehr flach, ja gemein, Goethe's Styl unerhört steif und pretiös und die Antipathie gegen das Christenthum sehr affectirt und lieblos vor, und wahrhaftig, wenn man alt ist, ist man noch lange nicht antik . Aber wenn man sich so gewaltsam versteinert und durchaus antik sein will, dann wird man vielleicht alt ... Schreib' doch, Geliebte, was das Buch von Goethe in Deutschland für ein Art von Wirkung hat? ... Ist Schelling nicht in aller Eil' wieder zum Hegelthum bekehrt? Nach unserer Berechnung predigt er jetzt den Mahmud. Wir werden noch neue Kreuzzüge erleben und gegen die Hegelinge fechten ...   An Friedrich Schlegel in Aubergenville. Schloß Accosta in der Normandie, Frau von Stael gehörig. (Köln 1806). ... Also Freimaurer-Einfluß bei euch? Das ist uns neu! Nach der Antwort auf das preußische Manifest und aus manchen einzelnen Aeußerungen glaubten wir an ein Uebergewicht des ancien régime . Da haben wir uns also geirrt ... Mein Verdacht wegen Magdeburg muß doch noch nicht ganz ungegründet sein. In einer deutschen Zeitung wird dem widersprochen, als hätten die Bürger die Übergabe gefordert; im Gegentheil waren sie erstaunt und lehnten sich gegen die ganze schnelle Uebergabe auf ... Sehr erfreulich ist es zu sehen, wie die deutschen Blätter, die Jenaer »Litteratur-Zeitung« an der Spitze, in Vergötterung, Anbetung und liebkosender Schmeichelei sich überbieten gegen ... Ich möchte wissen, ob es gut von den Officiren ist, daß sie sich auf ihr Ehrenwort nach Hause schicken lassen, während ihre Gemeine in's Elend wandern müssen. Vielleicht ist es gut, vielleicht erlaubt es ihnen die Ehre; mir aber empört sich all mein Blut dagegen, wenn ich sehe, wie die armen Menschen behandelt werden und leiden müssen. Wir haben nicht von einem gehört, der es vorgezogen hätte, mit seinem Corps Glück und Unglück zu tragen. Das gefällt mir schlecht. – In Berlin, heißt es, werden eine Menge Eide abgelegt ...   An Schleiermacher in Halle. Köln, im December 1806 (oder Januar 1807). Ich schrieb Ihnen immer nicht, liebster theurer Freund, weil ich Ihnen so sehr vieles zu schreiben hatte; wo sollte ich da anfangen? Und immer mehr häuften sich die Gedanken, und immer voller ward mir das Herz! Zu Stunden lang gehe ich einsam in meinem weitläufigen Zimmer auf und ab und meine Seele weilt bei Euch. Ihr Armen, Zerstörten, Zertrümmerten, die ich so gerne trösten, so gern wieder einmal um mich versammeln möchte! In den Zeitungen suchte ich nichts so eifrig als die Namen Berlin, Jena, Halle; auf der Landkarte ruhten meine Augen auf diesen Orten, als hätte ich Euch selbst dort finden, (Euer Schicksal darin erfahren können. Hätten Sie mich so gesehen, es wäre Ihnen sicherlich viel lieber gewesen als ein Brief; wie können diese armen Zeichen Ihnen wohl eben so gut von meiner ängstlichen Sorge, von meiner unwandelbaren Liebe sprechen? ... Das Traurige Ihrer Lage, lieber Freund, ist mir ganz und gar bekannt. Ich kann diese mir desto deutlicher vorstellen, da ich auf meinen Reisen und bei dem dauernden Aufenthalte in den eroberten Ländern genugsam Gelegenheit fand, mich durch meine eignen Augen von dem unsäglichen Elend zu überzeugen, das sie allenthalben ausstreuen. Wo litten nicht unzählige Beamte aller Stände, jedes Alters und Geschlechts den bittersten Mangel? Und das schon seit länger als zwölf Jahren ! Und das mitunter Leute von entschiedenem Verdienst, Männer von unerschütterlicher Treue gegen ihr Vaterland; einer Treue, die beispiellos noch jenseit der Hoffnung fortdauert! Aber, mein lieber Freund, warum haben Sie den Ruf nach Bremen ausgeschlagen? Der Grund, welchen Sie angeben, kann nicht der wahre sein, Bremen ist ja auch Deutschland, so gut als Halle. Man nimmt hier auf eine wahrhaft rührende und belehrende Art Antheil an Preußens Schicksal, und man fürchtet wohl mit großem Recht, daß auch auf den letzten Fall die Aussichten für Lehranstalten und Universitäten dort so bald noch nicht wieder sehr erfreulich sein dürften. Alles, meint man, würde und könnte nicht anders als von dem Verhalten der Armee abhängen; und unter dem unausweichbaren Einfluß der Russen (und zwar der Urrussen) mürbe die zuerst notwendige und beschützte Bildungsanstalt wohl die sein müssen, wovon neulich bei Gelegenheit der Magdeburger Officiere die Rebe war. Wenn Bitten einer treuen Freundin etwas über Ihre vorgefaßten – Grundsätze vermögen, so nehmen Sie jenen Ruf an, wenn es noch Zeit ist. Retten Sie sich, theurer Freund, reiten Sie Ihren zukünftigen Einfluß auf die, nicht Preußen, sondern Deutschen! ...   An Friedrich Schlegel in Aubergenville. [Köln 1807]. ... Das Buch von Arndt habe ich noch nicht gelesen. Was mir die Freunde daraus erzählten, schien mir merkwürdig. Du mußt es Dir doch wohl schaffen, es heißt: »Geist der Zeit«. Zuerst erschienen 1806. Mir wird nicht wohl bei solchen Büchern, welche Empörung im Schilde führen. Je geistreicher sie sind, je schlimmer; vollends in einer so gefahrvollen Zeit, wo alles auf blinde Willkür hinführt. In Oesterreich bedarf das Volk solcher Bücher nicht, um seinen Kaiser zu lieben und zu gehorsamen ... * * * Köln, am Tage Johannes des Täufers 1808. ... Wir haben Goethes »Faust« hier, und ich habe ihn auch schon gelesen. Es sind viele neue Sachen darin, doch hängt es bei alledem nicht mehr zusammen, als auch das erste; es sind nur noch mehrere Fragmente. Die Walpurgisnacht ist zwar ausgelassen genug, doch dünkt sie mich nicht so leicht phantastisch und so bedeutend genialisch wie die Scene mit den Katzen und der Hexe. Das Bedeutende in der Walpurgisnacht ist störend, als ob es Persönlichkeit wäre: der Nicolai usw. ist auch wirklich dort mal-à-propos . Das Verhältnis des Menschen zum Bösen ist, meine ich, auch garnicht klar und bestimmt genug dargestellt; denn mich dünkt bei einer solchen besonnenen Überlegenheit des Menschen kann das Böse nicht siegen. Faust's Monolog über die ersten Worte des Evangeliums Johannes: »Im Anfang« usw. ist zwar recht schön, aber Calderon hat in seinem Monolog über denselben Gegenstand (die erste Scene in Los dos Amantes del cielo ) viel mehr Tiefe und Reichthum. Ergreifenderes aber und so bis in's tiefste erschütternd habe ich nie etwas gelesen als die letzte Scene von Gretchen im Gefängnis. In dieser Scene glaube ich ganz Calderon's Geist wehen zu fühlen, aber doch ganz deutsch, so daß es jedes deutsche Gemüth erschüttern muß; sie ist romantisch-tragisch im allerhöchsten Sinn. Mit welchen Worten soll ich mir nur den Unterschied deutlich machen zwischen der Rührung in dieser Scene und jener in der »Genovefa«, Wahrscheinlich in Tiecks Drama. wie sie sterben will im Walde und die Engel Gottes treiben den Tod von ihr fort. Wie kann zwischen der Bitterkeit und der Süßigkeit eine solche Verwandtschaft der Gefühle stattfinden? Hier die leidende Unschuld, gegen die ganze Hölle kämpfend, gebunden unterliegend; dort die erhabene Schuldlosigkeit, den Schmerz besiegend, ruhig ergeben; und beide gerettet durch den Ruf von oben! Es wird mir aber doch klar bei diesem »Faust«, daß Goethe wohl nicht so glücklich ist, als man in den Werken seiner mittleren Zeit ihn wohl halten möchte. Es ist doch eine rechte Bitterkeit darin, trotz der anscheinenden Lustigkeit ... Indessen ist diese Stimmung grade die rechte zur Darstellung der Hölle! ... * * * Wien, 28. April 1809. ... Sorgenvoll bin ich aber, das kann ich nicht leugnen, und das nicht um meinetwillen, sondern um der Sache willen, das Volk hier ist aber unbeschreiblich niedergedrückt und muthlos, und das nicht sowohl des Unglücks, Erzherzog Karl wurde von Napoleon über die Donau zurückgedrängt. als wegen der Art, wie man es bekannt macht. Um Gotteswillen, wer schreibt denn die Tagesberichte von der Armee? Seit sie nicht mehr aus dem Hauptquartier datirt sind, ist es ja ganz scandalös; als ob es ganz eigentlich darauf angelegt wäre, das Volk muthlos zu machen. Das kann nicht blose Dummheit sein, das ist ganz gewiß üble Gesinnung. Wenn Du diese Berichte noch nicht gelesen hast, so lies sie ja sogleich, und wenn Du irgend Einfluß darauf hast, so lasse es Deine angelegentlichste Sorge sein, diesen Unfug abzustellen; Friedrich Schlegel befand sich derzeit im Hauptquartier. ; Du kannst Dich durch nichts in diesem Augenblick verdienter machen. Es ist etwas ganz Unerhörtes, wie man mit dem Publikum verfährt, mit einem Volke, das vor Eifer brennt, das Gut und Leben dahingiebt. Wie lange wird man denn noch immer diese Leute für dumm halten und glauben, man könne mit ihnen spielen? Ich beschwöre Dich, Sorge dafür zu tragen, daß man nicht Versteckens mit ihnen spielt ... eine Confusion in den Ausdrücken und in den Berichten, die unbeschreiblich ist (in einem dieser Blätter steht gar, daß beide Armeen mit dem Gefühl ihres erhabenen Zwecks gestritten haben) – dann wieder gar kein Detail, wodurch man einen Begriff von der Stellung unsrer Armee sowohl, als der feindlichen hätte; nichts Unterrichtendes, nichts Tröstliches und nichts Anfeuerndes. Die Leute sind wie wahnsinnig über diese vermaledeiten Blätter ... Ferner warum werden den Leuten nicht die Adler vorgezeigt, die man in Italien erbeutete? Sie sind incognito nach dem Zeughause gebracht, und das Volk zweifelt, daß man wirklich welche habe, so wie auch an den gemachten Gefangenen, die man nicht hier durch die Stadt geführt hat, sondern sie gehen auf der Donau nach Ungarn. Es wäre sehr tröstlich für das Publikum, diese Gefangenen zu sehen; haben die Franzosen doch alle russischen Gefangenen durch die Stadt transportirt! – ... * * * Wien, den 11. Mai 1809. ... Die Wirkung jenes Aufrufs zum Landsturm war herrlich. Proklamation des Erzherzogs Maximilian. Zwar vorgestern war ... das böse Princip sehr herrschend, und es ging alles still und schläfrig; seit gestern früh aber ist alles elektrisirt und zwar durch die Franzosen selber. Gestern früh um 8 Uhr nämlich brachte man einige von ihnen hart verwundet herein in die Stadl, die ganz unbefangen haben hereinreiten wollen und den Unsrigen auf deutsch zuriefen, sie kämen als Freunde; einige Husaren von Lichtenstein haben ihnen aber zugerufen, daß man ihre Freundschaft noch im frischen Gedächtnis habe, und hauen brav ein. Es sollen ungefähr 200 gewesen sein, die sich gleich davon machten, und die 5 oder 6 (nach einigen 15) die voran geritten waren, wurden blessirt und gefangen. Ein Fleischerknecht in der Vorstadt hatte zu gleicher Zeit den Obersten vom Pferde gehauen und dieses sehr kostbare Pferd und die schwere Kasse des Obersten erbeutet. Wie dieser Fleischerknecht eigentlich mit in's Scharmützel kam, weiß ich nicht; genug, er ritt noch mit blutendem Gesicht, denn er hatte einen Hieb bekommen, auf dem schönen Pferde und mit dem Geldsack des Obersten durch die Straßen und haranguirte das Volk, während die übrigen übel zugerichteten Gefangenen herein gebracht wurden. Auch ein bayerischer Offizier war dabei, der keinen Pardon hatte annehmen wollen und der in Stücken gehauen war. Von diesem Augenblick an war Wien verwandelt, die Stimmung der höchsten Begeisterung trat an die Stelle der vorigen Niedergeschlagenheit, die Frechheit dieser Franzosen ward allgemein empfunden, und viele tausend Menschen jedes Alters und Standes waren in Zeit von einigen Stunden unter den Waffen und auf den angewiesenen Plätzen. Die Ankunft einiger Regimenter und des Generals Kienmayer, die allgemein verbreitete Nachricht, der Erzherzog Karl sei uns nicht mehr fern, machte alle Menschen wie freudetrunken. In meinem Leben habe ich keinen solchen Eindruck erlebt, und nie werde ich ihn vergessen; ich bedauerte gestern den ganzen Tag alle die, welche entfernt um uns trauerten und dies Leben nicht mit leben konnten. Ich habe es nun erst gesehen, wozu der Krieg gut ist für die Menschen, und warum er sein muß; denn alle diese Tugenden, die gestern wie auf einen Zauberschlag in den Gerzen der Menschen aufblühten, diese könnten wohl schwerlich durch ein anderes Motiv so erweckt werden; und ich habe Gottes ewige Güte angebetet. * * * Den 2. des Morgens. Alles war Spiegelfechterei und was weiß ich. Nach der schrecklichsten Nacht meines Lebens, nachdem ein Theil von Wien niedergeschossen und niedergebrannt ist, haben die Generale und der Erzherzog Maximilian uns verlassen; die Stadt kapitulirt und in wenigen Stunden ziehen die Franzosen ein. Andrassy Graf Karl Andrassy, Vater des bekannten Ministers. ist zum Gouverneur ernannt. Wo die Armee ist, weiß man nicht. Die schlechtesten unglaublichsten Anstalten wechseln mit den allerseltsamsten Gerüchten ...   An Johannes Veit in Rom. Heiligenstadt bei Wien, 4. Juni 1812. ... Insbesondere hat mich Dein letzter Brief gefreut, worin Du zufriedener zu sein scheinst als in Deinem vorletzten, der etwas trübsinnig war. Man sollte freilich auf solchen Ausdruck in Briefen gar nichts geben, denn es sind doch nur Stimmungen, die sich wie Gewölk am Himmel jeden Augenblick verändern und die wahrscheinlich (zumal in einer so großen Entfernung) völlig anders geworden sind, als sie im Augenblick des Schreibens waren; und dies ist nicht des Kleinstes Uebel bei dem Entferntsein, daß man sich bei Empfang eines Briefes über Dinge freut oder grämt, die gar nicht mehr so existiren. All' diesem Raisonement ungeachtet, freut uns doch jeder Brief so, als sähen mir die geliebte Person wirklich vor uns. Daß Du Portraits malst, ist gut; vor allen Dingen aber bitte ich Dich, Dir anzugewöhnen, daß Du die angefangenen Bilder, so gut du kannst, wirklich vollendest und nichts unfertig stehen lässest oder auf eine zu lange Bank schiebest, als was Du gleich von Anfang an als Skizze nur betrachtetest. Das Unvollendetlassen ist ein Geist der Unordnung, der meines Erachtens jedem Geschöpf in der Welt und also auch der Kunst Schaden thut, infofern die Kunst doch auch ein Geschäft ist und bleibt . Ich glaube überhaupt (je mehr ich die Werke unserer Vorfahren überdenke und anschaue, desto mehr werde ich davon überzeugt), daß diese alten Meister, in welcher Kunst es auch sein möge, ganz und gar nicht so von der augenblicklichen Lust und Laune sich haben regieren und begeistern lassen, wie die jungen Künstler jetzt von dem Genie glauben. Keineswegs! Die erste Idee, der Plan, gleichsam die Poesie eines Werks das ist wie ein Blitz und dann wie ein Traum der Begeisterung; ohne diesen Blitz kann überhaupt von gar keinem Kunstwerke die Rede sein. Aber die erste Idee ist ganz etwas anderes noch als die Ausführung, die Vollendung; an dieser muß ununterbrochen gearbeitet werden, mit Anstrengung, mit Selbstverläugnung; und hier giebt es gar kein Werk, garkeines , von der Staffelei bis zum Aktentisch, vom erhabensten Werk der Poesie bis zu irgend einem Handwerksgewerb, das nicht mühselig in der Ausführung wäre, sowie es erhebend in der ersten Anlage und Idee ist, und eben dadurch auch segenbringend für den Geist des Menschen; denn von diesen Regeln der Eingebung und der Ausführung ist kein Werk der Menschen ausgeschlossen, als nur die maschinengleichen Gewerbe, die ohne Freiheit, ohne freie Anstrengung und Selbstüberwindung, sowie ohne Blitz der Eingebung so anfangen, wie sie enden und immer wieder denselben Gang in der Mühle treten müssen. Daher auch diese maschinenmäßigen Fabrikarbeiten die einzigen sind, die den Geist des Menschen herabwürdigen, indem sie ihm den Gedanken der freien Vollendung unmöglich machen. Dieses sind die Erfindungen, womit unsere Zeit prahlt, worauf sie stolz ist, daß nämlich derjenige, der einen Haufen Gold besitzt, sich im Stande sieht, eine solche Industriemaschine in Bewegung zu setzen, wodurch er seine Goldhaufen mehrt und tausende seiner von Gott erschaffenen Brüder von der Gottähnlichkeit entfernt, wodurch wir denn so weit gelangen, daß nicht allein unsre Werke, durch welche wir unsern Durchgang bezeichnen sollen, ohne Gott und also leicht vergänglich wie wir selber sind, sondern auch unsre Seele, die in den Werken der Hände ein Abbild ihrer selbst und also Gottes, dessen Urbild sie trägt, abspiegeln sollte, unsre Seele selber dieses Urbild verliert, dieses Pfand der Hoffnung zur ewigen Vereinigung mit ihrem Schöpfer! Gewiß nicht dieses Treiben also meine ich, wenn ich von einem gleichmäßigen Arbeiten, einer Vollendung durch Stätigkeit und selbstüberwindenden Fleiß rede, sondern nur den Irrthum, den wir jetzt an vielen, auch sehr hoffnungsvollen jungen Geistern wahrnehmen, wenn sie meinen, die Anstrengung schade dem freien Genius, daß sie zur Ausführung , zur mühevollen Vollendung immerwährend jenen Blick und den halb unbewußten Traum erwarten, den sie beim Empfangen ihrer ersten Idee zu einem Werke der Kunst empfanden, und ohne diesen nicht arbeiten wollen, was sie dann nennen »nicht bei Stimmung sein«! ... Im Grunde ist dies doch ein Mangel der wahren Demuth, nach welcher kein Mensch sich ausgenommen dünken soll von jenem Fluch, der den Menschen traf, nachdem er die Erkenntnis auf verbotenen Wegen an sich gerissen. Oder meint man etwa, man dürfe nur irgend eine feine Kunst: ergreifen, um von dem ewigen Spruch ausgenommen zu sein? Hält man etwa das »Du sollst die Erde bauen« blos für das Geschäft des Landmanns, der die körperlichen Bedürfnisse des Menschengeschlechts hervorbringt und denkt nicht daran, daß es das Ziel jedes Geschäfts sein muß, die Erde bauen für die Ewigkeit und im Schweiße des Angesichts zu bauen ...   An A. Wilhelm Schlegel in Stockholm. W[ien], 12. Januar 1813. ... Der junge Körner aus Dresden ist k. k. Hoftheaterdichter geworden. Das wird nun wohl so viel heißen, als er wird früher noch, als sonst geschehen wäre, recht sanft wieder eindämmern in die allerkotzebueschste Gewöhnlichkeit. Ohne diese Fortune, die er wohl seiner Handfertigkeit und seinem familiären Umgang mit den Schauspielern verdankt, hätte er sich vielleicht doch noch um einige Stufen höher bringen können. Dies wäre ein vortreffliches Amt für einen ausgemachten Dichter gewesen, der sich des Theaters hätte annehmen wollen; für einen jungen Menschen wie Körner ist es aber geradezu ein Verderb, ohne daß die Bühne etwas dabei gewinnen wird. Er überschwemmt jetzt das Theater mit Dramen aller Art, die bei ihm wie Pilze aufschießen, in welchen, er mag nun sein Thema aus der Geschichte oder aus der Konversation, aus der Phantasie oder aus der Zeitung nehmen, ihm nichts deutlich vorschwebt als die Katastrophe, die manchmal eine wahre Explosion ist, wie in seinem »Zriny«, wo alles in die Luft gesprengt wird. Die drei, vier, auch fünf Acte vorher sind nichts als Zubereitungen zu einem solchen Feuerwerk. In Wien heißt er allgemein »der zweite Schiller«. Sie meinen ihn damit sehr zu ehren, eigentlich aber geben sie ihm diesen Beinamen, weil ihnen Schiller ganz natürlich bei diesen Dramen einfallen muß, da er aus lauter Reminiscenzen von Schiller besteht. Auch liest er nichts als Schiller und kennt außer Kotzebue keinen andern Dichter als höchstens Werner, Zacharias Werner. den er sehr beneidet um gewisse Grauslichkeiten, die ihm immer noch nicht so recht gelingen wollen.   An Varnhagen von Ense in Berlin. W(ien), 23. Februar [18]13. Wird dieser Brief Sie noch in Berlin antreffen? Werden Sie überhaupt dort bleiben? Wir hören Wunderdinge von der Stimmung und den Absichten dort und können uns, die mir den Winter 1808 und 9 hier gesehen, nicht gut denken, daß Sie oder sonst ein Gleichgesinnter nicht thätigen Antheil nehmen wird. Aber freilich sieht alles in der Ferne anders aus, besonders von hier aus gesehen, wo man wie eingesperrt seufzen muß. – Über Schande und Ehre Preußens, worüber Sie so seufzen, denke ich etwas anders als Sie, und das liegt wiederum in der großen Verschiedenheit unserer Ansichten, insofern ich eine Christin mich zu sein erfreue, und Sie noch in traurigem Heidenthum befangen sind. Nicht die Strafe ist Schande und nicht die Buße, viel weniger noch die mit Aufopferung und Selbstüberwindung errungene Besserung, sondern die Sünde allein. Damals als unsere Landsleute und Herrscher im Uebermuth des schlecht erworbenen Besitzes und der triumphirenden Sicherheit sich ihrer Herrlichkeit, Macht und Größe erfreuten, damals als sie den Fluch der betrogenen und verlassenen Verbündeten auf sich gelassen hatten, damals war die Zeit der tiefsten Schande nach unserer Ansicht, jetzt ist alles das überwunden, gebüßt und ganz vorüber und kömmt wohl nie wieder. Und im Grunde ist es wirklich kein Unglück, was sie jetzt erfahren; es war vielmehr nach allem, was vorgegangen ein zu starkes Selbstgefühl, zu glauben, daß man da allein sich frei machen würde können. Deutschland's Stamm ist ausgeschlagen, die Zweige liegen zerstreut und einzeln umher und müssen auf einen frischen Stamm geimpft werden, wenn sie nicht untergehen sollen. Umsonst hofft man, daß sie von selbst Wurzel fassen können. Ist es nun nicht besser, man wird auf eine recht starke Kerneiche geimpft, als auf jenen halbverschimmelten Lorbeer – der Raub der Köche und Zierde der Komödianten?   An Philipp Veit in Berlin. Ihr zweiter Sohn. Wien, 19. October 1814. Warum konntest Du gestern nicht bei uns hier sein! Es ist hier unter allen den glänzenden, herrlichen, einzigen Festen gestern das herrlichste von allen gefeiert worden, die Schlacht bei Leipzig! Im Prater, dem Panorama gegenüber, war ein Zelt auf einer Anhöhe errichtet; hier war ein Altar, ein großes Crucifix und Candelaber rings um das Zelt; die Monarchen und die ganze Fülle der anwesenden Generale, Fürsten und hohen Adels; in drei immer weiteren Kreisen die ganze Garnison, Infanterie, Cavallerie, Mineurs, Sapeurs und Artillerie; einen vierten, das alles umschließenden Kreis bildete die wahrhaft unermeßliche Volksmenge. Bis das Te Deum erscholl aus dem Zelte und während ihm war alles in der feierlichsten Stille, gerührt, bedenkend, viele Tausend mit schmerzlicher Rührung , viele Tausend mit dankbarer froher Rührung, zu denen ich glückliche Mutter mich zählen durfte ... Alle Wachen in der Stadt, auch in der Burg, waren schon am 17. durch Bürger besetzt; die ganze Garnison war draußen. Nach dem Te Deum ritten die Fürsten nach dem Lusthause auf der großen Wiese, dort hielten sie und ließen alle Truppen vorbei defiliren. Der Kaiser Alexander, als sein Regiment kam, stellte sich an die Spitze und salutirte unserm Kaiser und stand dann, den gezogenen Degen senkend, so lange, bis das Regiment vorüber war; Kaiser Franz ritt heran und faßte seine Hand, die er immerfort hielt. Ebenso ritt Großfürst Konstantin an der Spitze seines Regiments salutirend vorüber. Die Pracht der Umgebungen bei den Monarchen war unbeschreiblich. Dann ging es nach dem Lusthause; in allen Alleen waren Tische für Offiziere und Infanterie; unzählige Feuer, wo gekocht wurde und gebraten; herrliche Gruppen, freudige Gesichter. Am andern Ufer der Donau (Du weißt, wo die Franzosen 1809 herüber kamen), auf der sogenannten Simmeringer Wiese, waren im Halbzirkel gegen das Lusthaus gekehrt, Tische für die Militairpersonen; die Wiese, drei Schiffbrücken, die hinüber führten, die Alleen zum Lusthause, dieses selber, so wie der Kreis rings um, alles war mit Trophäen geschmückt, ganze Obelisken davor erbaut, über welche die Fahnen der Monarchie siegend darüber her wehten. Im Lusthause selber speisten die Fürsten, sie brachten, auf die Gallerie heraustretend, mehrere Gesundheiten aus, wo dann die ganze Garnison und das ganze Volk unter unaufhörlichem Kanoniren Vivat riefen, so daß man es bis zur Stadt hinein hören konnte, der ganze Prater bebte, und wie einem dabei zu Muthe war, kannst Du denken. Die Luft war, obgleich der Himmel bedeckt, dennoch mild und lau, die ganze Gegend in herbstlicher Schönheit, die bunte Menge, die Traurigkeit, die Ruhe – es läßt sich nicht beschreiben ... Der König von Preußen erobert hier alle, die ihn sehen, sein Anstand gefällt über alle Maßen, und den Damen gefällt seine Schönheit viel besser als die des Kaisers Alexander. So oft mir das eine sagt, gebe ich einem Armen etwas. Das ist ja wohl der schönste von den errungenen Kränzen, daß diese Gemüther sich immer mehr versöhnen. Wir wollen nicht aufhören, zu Gott zu bitten, daß er diese Eintracht immer enger schließen und die Geister erleuchten wolle, auf daß unser Kongreß Früchte trage, die seinen ewigen Segen herabziehen. Von diesem Kongreß weiß man übrigens gar nichts bedeutendes noch gewisses im Publikum; man hofft, man wünscht, man fürchtet, man raisonnirt und träumt und man muß sich gestehen, daß man nichts weiß ...   An die Söhne in Rom. Frankfurt, 19. März 1817. ... Die Ausmalung der Garnisonskirche hat wahrscheinlich ein ganz eigenes Bewandtniß, lieber Philipp, was Du vielleicht noch nicht erfahren hast. Nämlich der König von Preußen fühlt ein Religionsbedürfniß, was ihm sein Calvin Schleiermacher. nicht zu stillen im Stande ist. Er tappt umher, wie einer, dem die Augen verbunden sind. Jetzt hat er sich, man weiß nicht durch wessen Mithülfe Rasch nennt nach Bunsens Wittwe den General von Witzleben. eine Art von neuem Gottesdienst ausgedacht, eine neue Liturgie, wo die Predigt nicht die Hauptsache, sondern ein Gebet und viele neu componirte Gesänge und Chöre (aber sein Mysterium), wobei die sogenannten Priester Mützen auf und rothe Strümpfe anhaben und Lichter auf dem Altar brennen müssen. Alle Jahre ein allgemeines Todten-Gedächtniß Totensonntag. und noch viel mehr dergleichen zusammengetragene Dinge ohne rechte Bedeutung noch Autorität. Die Todtenfeier, glaubt man allgemein, sei durch den schmerzlichen Tod der Gr. J. Julie von Voß, als linkshändige Gemahlin Friedrich Wilhelm II. Gräfin Ingenheim. entstanden. Der arme, arme Herr! Mich rührt sein ganzes Wesen. – Gegen diese Neuerungen haben sich denn die Calvinisten (Schleiermacher an der Spitze) höchlichst empört, so daß der König sie für's erste blos in seiner Hofkirche und in der Garnisonkirche zu Potsdam eingeführt hat, wozu er dann auch nun wird Gemälde haben wollen – Symbole des gemilderten Protest's , wie neulich einer der Bundesgesandten den jetzigen Protestantismus genannt hat. Unser unmaßgeblicher Rath ist also, daß, wenn Du einen ordentlichen, ehrenvollen Ruf mit Namen und Vornamen erhältst, Du es nicht füglich ausschlagen kannst, einem solchen Rufe zu folgen ... Sind die Wände auch nicht katholisch, so möchten sie es doch sein; und was sie nicht sind, das können sie noch immer werden; und vielleicht wird eben Eure Arbeit auch eine Veranlassung dazu ... * * * Frankfurt, 25. Juni 1817. Ich schicke hier einen Zeitungsschnitzel; Ihr werdet daraus ersehen, was ihr vielleicht schon früher erfahren habt, daß man nämlich die Arbeit in der Garnisonkirche weislich den Protestanten aufgetragen hat; wahrscheinlich ist es diese Partei, die Euch Römischen diese Arbeit unterschlug; nun wir werden es ja erleben, was diese Niedlich's für niedliche Al-fresco's malen werden. Ich fürchte, liebe Kinder, Euer treffliches Vaterland kann alles eher von Euch brauchen als Eure gottergebene Kunst ...   An A. W. Schlegel in Paris. Frankfurt, 10. September 1817. Teuerster Bruder! Seit 8 Tagen sind wir wieder hier in unsrer fürstlichen Mansarde eingekehrt, nachdem wir während 7 Wochen uns in den Heilbädern des Taunus herumgetrieben haben, in Wiesbaden, Schwalbach und Schlangenbad. Friedrich haben die Bäder von Wiesbaden Wunder gethan. Er fühlt keine Beschwerde mehr, spaziert leicht und gern mehrere Stunden lang über alle Berge, und ich lebe der erneuten Hoffnung, daß, nun seine Beine wieder leichter sind, so wird er nicht länger säumen, sich den Kopf und das Gemüth zu erleichtern durch Vollendung der Werke, die er zur eignen Beschwerde immer mit sich herum trägt, ohne sie von sich zu geben. Was mich selber betrifft, so sagen alle Bekannte, ich hätte mich verjüngt in den Bädern und sehe sehr wohl aus. Dergleichen glaubt man gern und freut sich wenigstens, daß die Andern es glauben ... An Sie, geliebter Bruder, haben wir in dieser Zeit mehr und öfterer als jemals gedacht, mit innigster Theilnahme ... Wir konnten ja nur ahnden , was Sie gelitten, was Sie verloren haben und so kann auch alles, was wir Ihnen darüber sagen könnten, Sie kaum berühren; denn Sie wissen ja alles besser. Wohl dem, dem bei einem solchen Verlust die Überzeugung befestigt wird, daß die Ewigkeit uns nicht trennt , vielmehr uns, die wir uns in der Liebe schon hier vereinigten, ohne Trennung und ohne Ende vereinigt! Wenn Sie einmal mit Ruhe sich jener schmerzlichen Auftritte Beim Tode der Frau von Staël. erinnern mögen, so bitte ich Sie um die Liebe, mir die letzten Stunden, Augenblicke und die letzten Worte Ihrer verewigten Freundin mitzutheilen. Ich kann nicht leugnen, daß das Sterben der ausgezeichneten Personen anfängt, mir wichtiger und bedeutender zu werden, als selbst ihr Leben, das mehr oder weniger sich doch immer nur in dem magischen Kreis des Zeitgeistes auf gleiche Weise mit fortbewegt, wenigstens in so weit wir es im äußeren Thun wahrnehmen können. Das innere Leben des Menschen und in wie fern er seine Seele diesem Zeitgeiste zu entwinden oder sich ihm zu widersetzen gewußt hat, dies richtet ein andrer Richter! ... Philippine von Griesheim Vergilbte Blätter aus der Vergangenheit haben immer ihren eigenen Reiz. Vor Jahren stieß ich einmal bei der Ordnung alter Papiere auf ein Konvolut von Briefschaften, die ein Vetter von mir geschrieben hatte, der aus Lust am Abenteuerlichen unter Kaiser Max in die mexikanische Armee getreten war. Die Briefe waren nur schlichte Berichte an die Mutter und Schwester, aber es wehte mir aus der Lektüre doch etwas von dem Geist jener aufregenden Tage entgegen, die in dem Trauerspiel von Queretaro ihren Abschluß fanden – ein Hauch legitimistischen Heldenmuts und ein Ahnen echter Größe. Ähnlich mag es der Baroneß Edith von Cramm ergangen sein, als sie Einblick in die Briefe ihrer Großmutter, geborenen von Griesheim, bekam, die diese in den sturmbewegten Zeiten von 1804 bis 1813 an ihre liebste Freundin geschrieben hatte. Philippine von Griesheim war die jüngste, am 25. Juni 1790 geborene Tochter des Herrn August Heinrich Ernst von Griesheim, Offiziers in Braunschweigischen Diensten, und seiner Gattin Sophie Louise, einer geborenen Freiin von Cornberg aus dem Hause Lübbeke. Von ihrer Kindheit erzählt Philippine selbst in dem ersten ihrer Briefe, die Fräulein von Cramm, ihre Enkelin, mit pietätvoller Hand gesammelt hat und bei Egon Fleischel \& Co. in Berlin erscheinen ließ. Philippine wurde in ihrem Geburtsort Halberstadt erzogen, wo ihr Vater dem Regiment des Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand angehörte, jenes tapferen Fürsten, der im Feldzuge gegen Holland die Wiedereinsetzung Wilhelms V. als Erbstatthalter erzwang, in hohem Alter bei Auerstedt durch einen Schuß beide Augen verlor und bald darnach auf dänischem Gebiete, in Ottensen bei Altona, tief betrauert von seinem Volke, verstarb. Als zehnjähriges Kind kam Philippine infolge Versetzung ihres Vaters nach Braunschweig. »Aus meiner Jugendzeit«, schreibt sie, »hat sich vieles verwischt, nur soviel ist meiner Erinnerung geblieben, daß ich ein Ausbund von Wildheit und Häßlichkeit war, klapperdürr und gelb wie eine ausgepreßte Citrone. Meine erste Jugendgespielin war Julie Mahrenholz, in deren Haus ich die Abende verbrachte. Doch genügte ihr Umgang mir nicht lange, da sie 2 Jahre jünger als ich, nur Puppenspiel trieb, und ich die Knabenspiele meines Bruders und dessen Spielgenossen vorzog. Daß ich selten mit einem blauen Auge davon kam, war natürlich, denn mir war kein Spiel zu wild, kein Baum zu hoch und keine Leiter, womit die Festungen auf dem Heuboden erstürmt wurden, zu steil. Nichts trübte meine Kindheit als wenn mich der alte Philipp, unser Bedienter, des Pflaumenraubes in unserm Garten beschuldigte und ertappte, welches denn oft auf frischer That auf dem Bethe geschah, wo mein Fuß die Spur zurückgelassen und nun mit meinem Schuh verglichen wurde. Noch manches Geschichtchen könnte Dir das jetzt solide erwachsene vierzehnjähriges Mädchen erzählen, wenn sie mehr Ausdauer hätte und lange auf einem Gegenstand verweilen könnte. Denk nur, Liebe, ich habe Singstunde angefangen und mein Lehrer sagt, ich hätte eine wunderschöne Stimme, nun wirst Du epes rares hören, als Primadonna von Schöppenstedt betret ich nächstens die Bühne. Eine Gastrolle verunglückte mir schon vor mehreren Jahren dort, wo wir diesen weltberühmten Ort mit Fritzchen Asseburg auf einer Fahrt nach ihrer Eltern Guth passirten, uns für französische Emigranten ausgaben und dort allgemeines Mitleid erregten, doch ich mit meiner plumpen Lebhaftigkeit verrieth den Spaß...« In Braunschweig wird sie bald in das lebhafte Gesellschaftstreiben hineingezogen und spielt auch bei Hofe ihre Rolle. »Die Diners und Soupers jagten sich«, erzählt sie 1805, »ach es war eine himmlische Lust!« ... Sie amüsiert sich gern; kaum sechszehnjährig geworden, erregt sie bereits das Interesse eines Herrn von Korff und empfindet nach seiner Abreise auch »eine sonderbare Leere«, setzt aber sofort hinzu, daß sie ihn »wie einen Bruder lieben würde, wäre er noch länger hiergeblieben«. Sie ist sich noch nicht klar über ihr Empfinden, und als sie endlich erfährt, daß Herr von Korff bei ihrer Mutter um sie angehalten habe, aber vertröstet worden sei, da die Mutter sie noch für zu jung hielt, um schon an eine Ehe zu denken, ist sie ganz glücklich darüber: ein Fels sei von ihrem Herzen gewälzt, »denn ich denke mir das Heirathen eine entsetzliche Sklaverei. Jetzt flieg ich wie ein Vogel in freier Luft und als Frau denke ich mir mein Loos wie ein Maikäfer, dessen Flug von einem ungezügelten Knaben an einem Faden gehemmt wird«... Die meisten ihrer Briefe sind an ihre Herzensfreundin Charlotte von Münchhausen gerichtet, deren ältester Bruder Christian, Leutnant im Braunschweigischen Infanterie-Regiment Prinz Friedrich, im November 1804 ihre Schwester Auguste geheiratet hatte. Am 27. November 1806 erzählt sie der Freundin von den Aufregungen in Braunschweig nach Rückkehr des Herzogs. »Das herzzerreißendste, was ich je zu erleben glaube, war als man vorgestern unsern biedern Herzog mit durchschossenen Augen, seines Gesichts beraubt auf einer gepolsterten Bahre gegen Abend auf das Schloß trug. Tausende von weinenden Bürgern folgten schweigend – wie ein Leichenzug – dem geliebten, unglücklichen Fürsten bis zum Schlosse, wo er augenblicklich meinen Vater rufen ließ, ihm Verhaltungsbefehle zu geben, wenn die Feinde das Land besetzen sollten. Der Herzog wünscht, daß Vater mit dem Generalstabe ihnen entgegenreiten und sie freundlich bewillkommnen soll. Da die Truppen keinen thätigen Antheil an dem Kriege genommen und das Land neutral geblieben, so hofft unser theurer Landesvater, daß er allein als Opfer der Politik gefallen ist. Vater kam so erschüttert von dem betrübenden Anblick des hohen Kranken zurück, daß er sich gar nicht zu fassen vermochte. Ach, es ist zu schrecklich in einem Greisenalter des Gesicht's, des Ruhm's und vielleicht des Landes beraubt zu sein! ..« Einer Aufforderung des Herzogs von Anhalt-Köthen, als Oberhofmeister in seinen Dienst zu treten, gibt der Vater Philippinens um so lieber nach, als er in Köthen mancherlei Verwandte besitzt. Zwar hat König Jérome ihm die Ernennung zum Brigadegeneral anbieten lassen, aber Frau von Griesheim ist dagegen. »Der Ruf des Königs ist gar zu schlecht «, schreibt Philippine. Jérome ist über die Absage empört und rächt sich dadurch, daß er der Familie Griesheim befehlen läßt, nunmehr binnen acht Tagen Braunschweig zu verlassen. Im Januar 1808 trifft man glücklich in Köthen ein und lernt noch am Abend der Ankunft die Kusinen und den Vetter Albert von Wedell kennen, dessen Mutter eine Schwester des neu ernannten Oberhofmeisters von Griesheim war. Albert, der erst im Infanterie-Regiment Prinz Louis Ferdinand gestanden hatte und dann in den Dienst des Herzogs von Anhalt-Köthen getreten war, muß sofort Eindruck auf sie gemacht haben. Sie spricht von seiner Schönheit, seiner bezaubernden Anmut und der Ritterlichkeit seines Wesens, und schon in ihrem Briefe vom 26. April kommt ihre heimliche Liebe zu ihm beredt zum Ausdruck. Die Eltern sind anfangs nicht für eine Vereinigung der Beiden, geben aber schließlich nach. Und nun beginnt die Tragödie in dem Herzensleben Philippinens. Albert will wieder unter die Waffen treten. Eine vorteilhafte Anstellung in einem Husaren-Regiment ist ihm sicher, aber da sein Bruder Karl sich dem Schillschen Korps angeschlossen hat, so kann er es nicht über sich gewinnen, sich von dem geliebten Bruder zu trennen und wird gleichfalls Schillscher Offizier. Schill hatte sich nach dem Gefecht bei Dodendorf am 5. Mai 1809 durch die Altmark nach Mecklenburg gewandt, um nach Rostock und Wismar zu gelangen, wo er englische Unterstützung zu finden hoffte. Von holländischen und dänischen Truppen bedrängt, rettete er sich nach Stralsund, und fand bei der Einnahme der Stadt durch die vereinigten Dänen und Holländer den Heldentod. Etwa 200 Reiter und einige Jäger schlugen sich durch und erzwangen die Bewilligung freien Abzugs nach Preußen; eine andere Abteilung entkam von Rügen aus zu Wasser nach Swinemünde, der Rest des Korps aber blieb im Gefecht oder wurde gefangen genommen. Zu diesen Gefangenen gehörten auch die beiden Brüder Karl und Albert von Wedell. Noch am 7. Juni schreiben sie an ihren Schwager Herrn von Werder in hoffnungsfreudiger Stimmung. Von Stralsund aus wurden sie nach Braunschweig und dann nach Kassel transportiert; schließlich endete ihr Leidensweg in Wesel. Dort wurden die elf gefangenen Offiziere sofort in engere Festungshaft genommen. Ein Zeitgenosse erzählt: »Der Gouverneur von Wesel, Divisions-General Dallemagne , setzte die militärische Spezialkommission zusammen, welche die Untersuchung führen und das Urteil fällen sollte. Mit Mühe gelang es ihm, einen Präsidenten für das Blutgericht zu finden. Zuerst bestimmte er hierzu den Befehlshaber der Portugiesen, die sich in Wesel befanden, dann den Bataillonschef Jarin , beide aber meldeten sich krank. Die Spezialkommission versammelte sich zum ersten Male anfangs September im Saale der Citadelle, die Gefangenen wurden diesmal nur um Namen, Geburtsort und Dienstzeit gefragt. Ein Herr von Brinken , der dabei als Dolmetscher fungierte, sah bei dieser Gelegenheit das Dekret Napoleons wegen Verurteilung der 11 Offiziere, welches der Greffier der Kommission wohl absichtlich in der Stube des Gefangenwärters hatte liegen lassen, es lautete: ›Die 11 Offiziere des Schillschen Korps, welche mit den Waffen in der Hand gefangen wurden, sollen zu Wesel vor ein Kriegsgericht gestellt, als Räuber behandelt und gerichtet werden ‹. So war also deren Tod schon beschlossen, bevor noch die trügerische Form, in der sich die Gewalt mit dem Scheine der Gerechtigkeit umhüllen wollte, ausgespielt war. Der Kapitän-Rapporteur Carin vom 21. Regiment leichter Infanterie führte die weitere Untersuchung. Von dem Mute und der Jugend der Gefangenen gerührt, legte er ihnen im ersten Verhör nur Fragen vor, die ihre militärische Stellung betrafen, und machte einen für sie günstigen Bericht, auf den hin kein Todesurteil gefällt werden konnte. Der Präsident des Gerichtshofes aber, getreu dem Befehl, daß die Gefangenen für schuldig befunden werden müßten, wies diesen Bericht zurück und trug dem Kapitän-Rapporteur auf, die Untersuchung wieder zu beginnen und den Offizieren die Frage vorzulegen, wo Schill das Geld hergenommen habe, um während des Zuges seine Truppen zu bezahlen. Die Offiziere konnten nicht leugnen, daß sie beim Durchzuge durch fremde Gebiete im Königreiche Westfalen und im Mecklenburgischen auf Schills Befehl öffentliche Kassen weggenommen hatten. Das war genügend, um sie zu verurteilen, darum wurde auch auf dieses Geständnis hin sogleich die Voruntersuchung geschlossen. Sobald die Gefangenen erfuhren, daß man sie als Räuber anklage, suchten sie sich einen Rechtsbeistand. Herr Noel Perwez aus Lüttich, der sich in Wesel als Defenseur-Offizier befand, übernahm auf die edelmütigste Weise dieses gefährliche Amt; noch ehe er es aber üben konnte, kam schon aus Paris der Befehl des Polizeiministers, daß er Wesel zu verlassen habe, um in Lüttich unter Polizeiaufsicht gestellt zu werden. Mit vieler Mühe wurde es ihm gestattet, so lange in Wesel zu bleiben, bis das Kriegsgericht sein Urteil gefällt habe. Am 16. September um 9 Uhr des Morgens trat das Kriegsgericht auf der Citadelle zusammen ... Die elf Jünglinge wurden zum Tode durch Erschießen verurteilt, zufolge dem 1. Artikel des Gesetzes vom 29. Nivose des Jahres VI, welcher lautet: ›Diebstahl mit offener Gewalt oder durch Gewalttätigkeit auf öffentlichen Wegen und Straßen begangen, Diebstahl in bewohnten Häusern mit Einbruch von außen oder Einsteigen von Leitern, soll mit dem Tode bestraft werden‹.« Über die letzten Augenblicke der Brüder Wedell berichtet der Zeitgenosse (nach einem Gedenkblatt, das der »General-Anzeiger für Wesel« am 17. September 1889 veröffentlichte) folgendes: »Mit aufrechtem Haupte und einem Blicke, den Freude verklärte, als könnten sie in der fernen Zukunft schon den Tag erspähen, wo ihr Tod gerächt und das Vaterland befreit würde, gingen die elf Schlachtopfer, zu zweien und dreien mit dünnen Stricken an den Armen aneinander gebunden, in der Mitte der Kanoniere. Als man die beiden Brüder Wedell , die mit rührender Zärtlichkeit die letzten Schmerzenstage ihres jungen Lebens sich zu erheitern gesucht hatten, im Hofe der Citadelle aneinander binden wollte, sagte der eine: ›Ach! sind wir nicht schon durch die Bande des Blutes eng genug verknüpft, daß man uns noch auf eine so schändliche Art zusammenbinden muß?‹ Aber auch sie mußten gefesselt den Weg zu ihrem Grabe gehen ... Die zur Exekution bestimmten 66 Kanoniere traten den Elf gegenüber. Sechs Kugeln waren für jeden bestimmt. Eine Abteilung stand in Reserve. Die Trommeln schwiegen. Als der Adjutant vom Platze den Verurteilten noch einmal das Urteil verlesen wollte, weigerten sie sich, diese unnütze Entschuldigung des gewaltsamen Mordes anzuhören. Doch baten sie, mit offenen Augen die Todeswunde empfangen und selbst das Zeichen dazu geben zu dürfen. Diese letzte Bitte wurde ihnen gewährt. Noch einmal umarmten sie sich mit den freien Armen und vor allen das Brüderpaar Wedell , allen Zuschauern ein schmerzlicher Anblick. Noch einmal schauten sie voll Wehmut nach Osten, nach dem teuern Heimatlande und sandten den Geliebten den letzten Gruß, entblößten dann Hals und Brust und riefen den gegenüberstehenden Kanonieren zu, das deutsche Herz nicht zu fehlen. ›N'ayez pas peur, les canoniers français tirent bien!‹ erwiderte einer der Schützen; darauf riefen die Heldenjünglinge: in deren hochwallender Brust die Liebe für König und Vaterland zum letzten Male aufloderte, alle zugleich: ›Es lebe unser König! Preußen hoch!‹ In diesem Augenblicke warf Ernst von Flemming , der am Ende des linken Flügels stand, zum Todeszeichen seine Mütze in die Luft, da krachten die 66 Musketen, und Pulverdampf umhüllte wie ein graues Leichentuch die Gefallenen. Zehn lagen tot auf dem kalten Rasen; einer aber, Albert von Wedell , stand noch aufrecht, ihm war nur der Arm zerschmettert; mit fester Stimme rief er dem Kommando zu, besser auf das preußische Herz zu zielen. Da trat eine neue Sektion schnell vor, und ihre Kugeln streckten auch ihn danieder. So empfingen sie die letzte Wunde der Erde in ihre männliche Brust; kein Schmerz drängte sich zwischen ihr Sterben und die Unsterblichkeit. Ihr letzter Gedanke war das Vaterland ...« Ein dritter Wedell, Heinrich, war als Schillscher Offizier schon bei Dodendorf gefangen genommen worden. Er wurde zuerst nach Mainz, dann nach Montmédy gebracht und zur Galeere verurteilt. Acht Monate verbrachte er in Cherbourg unter den gemeinsten Verbrechern, wurde hierauf von Kerker zu Kerker geschleppt und erst 1812, nach dreijähriger Gefangenschafft entlassen. Während des Krimkrieges schickte ihn König Friedrich Wilhelm IV., zu dessen Generaladjutanten der ehemalige Galeerensklävling inzwischen ernannt worden war, in besonderer Mission nach Paris, und Napoleon III. verlieh demselben Mann, dem das entehrende T. F. (»Travaux Forçés«) auf die Schulter gebrannt worden war, das Großkreuz der Ehrenlegion, den höchsten Orden des Kaiserreichs. – Wir geben hier die Briefe Philippinens von Griesheim im Auszuge wieder, die sich auf die Entwicklung und das Drama ihrer Liebe beziehen. Nach dem Friedensschlusse von 1813 bot ihr Herzog Friedrich Wilhelm eine Pension an und veranlaßte sie, in Braunschweig ihren Wohnsitz zu nehmen. 1815 vermählte sie sich mit dem Kammerherrn Philipp Leberecht von Cramm, doch wurde die Ehe schon nach fünf Jahren durch den Tod des Gatten gelöst. »Die Liebe und Verehrung«, so erzählt die Herausgeberin ihrer Briefe, »die ihr von allen Seiten zuteil wurde, bereiteten ihr einen selten schönen Lebensabend. Die ›alte Kammerherrin‹ mit den regelmäßigen, feingeschnittenen Gesichtszügen und den freundlich blickenden Augen war in Braunschweig und in Harzburg, wo sie jeden Sommer zuzubringen pflegte, eine bekannte und beliebte Persönlichkeit. Ebenso wie sich in ihren Jugendbriefen ihr Charakter frei von Eitelkeit, Stolz und Hochmut zeigte, bewahrte sie sich auch im Alter eine schlichte Vornehmheit, die, gepaart mit einer seltenen Herzensgüte, ihr von hoch und nieder, jung und alt eine außergewöhnliche Verehrung und Rücksichtnahme eintrug. Bis ans Ende ihres langen Lebens pflegte sie die liebevolle Erinnerung an ihren ›unvergeßlichen Albert‹ und täglich, wenn die Witterung es irgend erlaubte, ließ sie sich im Rollstuhl nach dem in Braunschweig inzwischen errichteten Schillschen Museum fahren. Sie beschloß ihr inhaltreiches Leben im fast vollendeten einundneunzigsten Jahr, am 5. Juni 1881, von ihren Töchtern, Enkeln und Urenkeln tief betrauert.« Briefe von Philippine von Griesheim. An Charlotte von Münchhausen. Cöthen, den 26. April 1808. Verzeih, daß ich im Sturm und des Vergnügens Wortbrüchig geworden bin u Deinen Brief nicht gleich beantwortet habe, aber wir leben hier im ewigen Wechsel der Unterhaltung, bald kommt Besuch, dann folgen wir einer Einladung, denn ich kenne fast keinen geselligeren Ort. Die Abende, wo wir nicht ausgebeten werden vereinigen sich alle Verwandte bei uns, es wird gespielt, gesungen und getanzt und nur der schnelle Flug der Zeit dabei bedauert. Unsere Cousins – jetzt ist auch der ältere Carl von Wedell hier – sind wirklich sehr liebenswürdig und interessant. Wenn anfangs ihr Aeußeres nur besticht, so fesseln bei näherer Bekanntschaft ihre trefflichen Eigenschaften noch bei weitem mehr, denn der Jüngere vorzüglich ist witzig und genial und verbindet mit diesen seltenen Eigenschaften viel Herzensgüte und Verstand. Die Anspielungen Deines Briefes, liebe Lotte, beschämen mich, und ich wage kaum den Namen Albert wieder auszusprechen. (Er zeichnet mich nur aus vor meinen Schwestern, weil ich das treueste Ebenbild seiner Mutter bin, die er über alle Beschreibung geliebt, ich kann also nicht stolz auf einen Vorzug sein, den ich nur einer Aehnlichkeit verdanke! Dennoch müßte ich undankbar sein, wollte ich die vielen freundlichen Aufmerksamkeiten, die er mir bei jeder Gelegenheit beweißt mit Kälte erwiedern ... Die Ähnlichkeit mit seiner Mutter findet man so allgemein , daß wer sie gekannt und mich sieht, darüber erstaunt ist, daher frischen meine Züge das Andenken an die verstorbene lebhafter wieder auf. Sogar findet er eine Ähnlichkeit mit unsern Schriftzügen, denn Du mußt wissen, daß er mir Aufsätze, wie Schilderungen verschiedener Charaktere, Reisebeschreibungen u. d. m. aufgibt, in deutscher und französischer Sprache. Seine Zufriedenheit ist dann mein Lohn, daher ich mir rechte Mühe gebe. Auch liest er mir schöne Gedichte vor, hebt die schönsten Stellen darin recht hervor, um meinen Geschmack zu bilden. Ach, die Liebe – Freundschaft – wollt ich sagen, ist die beste Lehrerin. So muntert er auch meine Lust zum Gesang durch die Aufmerksamkeit, mit der er mich anhört, auf. Er hat selbst viel Talent und liebt mit Leidenschaft die Musik. Jetzt fülle ich überhaupt die Stunden viel nützlicher als sonst aus, wo ich die schönste Zeit des Tages vertrödelte. Morgens fünf Uhr, wenn er zum exerziren marschirt , lohnt ein freundlicher Gruß die Ueberwindung, mich des süßen Schlafs so zeitig entzogen zu haben. Oder wenn das Wetter trübe ist, eile ich auf den höchsten Boden um die Thöne des Waldhorns aus seinem Munde zu hören, denn gewöhnlich begrüßt er den Anbruch des Tages mit einem Choral , welcher sehr feierlich klingt und von seinem Lehrer secondirt wird. Diese Musik erhebt mich mehr zum Schöpfer, als der feierlichste Gottesdienst, ich muß unwillkürlich dann die Hände falten, das Knie beugen und zum Höchsten meine Bitten senden. Liebes Lottchen, lache nicht über diese Schwärmerei, früher war ich nicht so fromm, ich bin durch den Umgang dieses trefflichen Vorbildes viel viel besser geworden. Jetzt erst sehe ich ein wie unwissend ich war, die Schuppen fallen mir von den Augen, und ein Licht, welches zu früh erloschen, geht jetzt in meinem Gehirn auf. Früher dachte ich nur an Tanz, Putz und Spiel, jetzt hat dies nur unter gewissen Bedingungen Werth für mich. Jetzt möchte ich mich den ganzen Tag für und mit ihm beschäftigen, die Stunden wo er nicht da ist, schleichen so langsam, als ob ein Hemmschuh den Lauf der Zeit hindert und wenn er zugegen ist, läuft sie mit Extrapost . Doch vergieb mit Deiner langmütigen Geduld Deiner geschwätzigen Freundin. Ach könnt ich Dich nur einmal sprechen, ich habe Dir so viel zu sagen und weiß doch selbst nicht recht was. Ich habe ja alle meine Gedanken zu Papier gebracht, dennoch ist mein Herz so beklommen. Ich glaube fast ich bin krank, denn ich schlafe und esse nicht wie sonst und bin so sonderbar zerstreut! Sollte das vom vielen Studiren kommen, denn mein Sommerpalast ist zu einem Studirzimmer umgeschaffen, wo ich wie ein Bücherwurm mitten unter meinen Schriften sitze ... Dein zerstreutes, aber nicht minder glückliches Phinchen. * * * Cöthen, den 1ten Juny 1808. Morgens 5 Uhr. Nachdem ich den leichten Schlummer Arbeitsmüder Erschöpfung, von einem süßen Traum begleitet, ausgeschlafen, ziehe ich mit bewaffneter Hand zu Felde, dich zu einem Federkampf aufzufordern. Wie soll ich dieses Schweigen deuten! Vielleicht Eifersucht! Schon in deinem letzten Briefe fielen einige Spitzfindigkeiten, von neue Freunde , die sich dem Herzen eingeschlichen und die alte Freundin verdrängt hätten, vor. Ach nein, liebe Lotte, das Gefühl für Albert ist anders, ich weiß nicht recht, wie ich es nennen soll. Ich habe viel Vertrauen zu ihm und kann Ihm doch nicht sagen, was ich empfinde, ich bin so wohl und doch beklommen in seiner Nähe, ist er nicht da, so sind meine Gedanken bei ihm. Ich nehme ein Buch, will lesen, und ertappe meine Augen, daß sie nicht ins Buch, sondern nach der Kirchhofecke blicken, um die er biegen muß, um zu uns zu kommen. Ist er nun nah, so fühle ich es an die Doppelschläge meines Herzens, ohne Ihn zu sehen, sehe ich nun die liebe Gestalt, dann werde ich roth, verlegen, befangen und möchte entfliehen, bleibe aber dennoch. Auch er ist zurückhaltend, nicht mehr so munter und unbefangen wie sonst! Ich glaube wir haben beide das Wechselfieber! – Wärst du doch hier, liebe Lotte! Du warst stets mein treuester Wegweiser, jetzt ist mein Schridt so unsicher, ich bedarf eines Raths und weiß nicht an wen ich mich wenden soll, denn seine und meine Schwestern deuten unsern freundschaftlichen Umgang falsch. Sie glauben Albert sei – – ach ich schäme mich es auszusprechen – – in mich verliebt. Anfangs wurde ich von ihnen geneckt, seine Schwester Minette nannte mich eine Herzensdiebin, da ich Ihrem Bruder Kopf und Herz geraubt, sagte mir, nachdem er mich zum ersten mal gesehen, hätte er beim weggehen geäußert »Die Eine oder Keine .« Jetzt nun werde ich verspottet, verhöhnt, ja sogar verläumdet und verklatscht. Denn die Schwestern wünschen ihn mit einem reichen Frl. von Bieren zu verheirathen, die sich sehr für ihn interessiren soll. Daß dies unedle Betragen eine schroffe Scheidewand zwischen uns zieht und mich mit mir selbst entzweit, ist natürlich, jedoch fühle ich mich je weiter ich mich von ihm entferne jemehr zu ihm hingezogen, denn er bleibt sich stets gleich, beweist mir seine Aufmerksamkeiten, wo sich ihm Gelegenheit zeigt und wird mir täglich lieber. Auch lasse ich alle Schmähungen über mich ergehen, denn ich leide ja diese kleinen Kränkungen seinetwegen , und ist er mit mir zufrieden, so kümmert mich die Mißgunst seiner Schwestern nicht ... Ach, Lottchen, wo ist meine fröhliche Stimmung geblieben! Verläumdungen und Zweifel peinigen mich und dennoch bin ich oft so glücklich wie früher nie. Löse mir diesen Widerspruch, beneide und bemitleide Deine Philippine. * * * Cöthen, den 26ten Juny 1808. Sei tausendmal an dies glückliche Herz gedrückt, meine teuerste Lotte. Wie hat sich Alles um mich verändert, der Himmel hat sich mir aufgethan, ich bin zu glücklich . Alle Zweifel sind gelößt, denn ich liebe und werde geliebt ! – Ach, in diesen Worten liegt ja Seligkeit! Ich muß Dir alles schreiben, um einen Ableiter meiner Gefühle zu haben. Doch nein, es läßt sich nur empfinden, nicht in Worte einkleiden!! Das Betragen unserer Schwestern brachte unsere Empfindungen immer näher, gegenseitige Mitteilungen und Klagen über ihre unfreundliche Behandlung gab unseren Gedanken Worte. Er hatte aus Pflichtgefühl bisher geschwiegen und mich vermeiden wollen, doch die Zweifel an meiner Gegenliebe haben ihn fast getödtet, er hat nur Gewißheit haben, dann sich auf immer von mir trennen wollen. O laß mich immer ein wenig stolz darauf sein das edelste beste tugendhafteste Herz zu besitzen. Du glaubst es nicht wie gut er ist, wie herrlich seine Grundsätze sind! er ist in Allem so reich begabt! – – – Gestern, Theuerste, wo ich der Welt geboren wurde und mein 18. Wiegenfest feierte, hat er sich mir erklärt, und ich habe dadurch ein neues glücklicheres Dasein begonnen, denn mir scheint die ganze Schöpfung verherrlicht. Ich unerfahrene Thörin hielt lange das für Freundschaft, was der höchste Grad von Liebe war. O Lottchen, wärst du Zeuge meines Glücks ! der ganzen Welt möchte ich es verkünden und dennoch muß ich schweigen, da Niemand um unsere Liebe wissen darf ... Jetzt wacht gewiß, außer dem Höchsten dieses Städtchens, dem Thurmwächter – – und mir glücklichsten der Sterblichen , keiner im Oertchen, doch ich suche vergeblich Ruh, mein Gemüth ist zu sehr aufgeregt. Dennoch möchte mein nächtliches Schreiben auffallen, denn die Mitternachts-Glocke hat längst ausgethönt. So will ich denn versuchen, von ihm und dir zu träumen, denn Liebe und Freundschaft sind nah verbunden. Deine unaussprechlich glückliche Philippine. * * * Cöthen, den 2. August 1808. ... Meiner Cousine Minette, Minette von Wedell, Schwester von Albert und Karl, Hofdame in Köthen, verlobt mit Herrn Hans von Werder auf Petkau. die selbst Braut, scheint unsere Neigung zu bemerken und ihr nicht mehr entgegen zu sein, denn sie giebt uns öfter Gelegenheit uns allein zu sprechen. Wenn es möglich wär, so würde er mir täglich lieber, denn ich entdecke täglich mehr schätzenswerthe Eigenschaften an ihm. Durch seine witzigen Bemerkungen unterhält er oft eine ganze Gesellschaft, dabei ist er voll wohlwollender Gutmüthigkeit. Selbst sein bescheidenes zurückhaltendes Betragen gegen mich, macht ihn mir schätzenswerth. Denn Du weißt, wie sehr mir süße Zudringlichkeit und läppische Complimente verhaßt sind. Denn die Liebe besteht ja nicht in zärtliches Verschmachten und sich wie Roman Helden das Lebenslicht ausblasen wollen, ach nein, diese Art ist zu theatralisch, ich liebe das Natürliche, und sein ungekünsteltes Bekenntniß, daß ich seine erste Liebe bin und ewig bleiben werde hat mehr Werth für mich als tausend schöngewählte sentimentale Worte ... Seine Ansichten über die Zukunft und der Glaube an Verbindung getrennter Seelen steht so fest bei ihm, daß wenn ich je in diesem Punkt wankend gewesen, er mich überzeugt hatte. Er spricht gern über diesen Gegenstand, so wenig ernst er auch sonst ist. – – – – – Ueberhaupt giebt er meinen Gedanken oft Worte, denn er spricht so ganz aus meiner Seele; wenn wir gleich zuweilen verschiedener Meinung sind so sucht er sein , ich mein Recht zu verfechten und diese kleinen Abwechslungen geben immer neuen Stoff zur Unterhaltung, so daß mir nie wortarm sind und mir uns immer mehr zu sagen haben als es der schnelle Flug der Zeit erlaubt. Um vieles würde mein Glück noch erhöht, wenn Du dies liebe Ideal kenntest! Doch nein, da unsre Gesinnungen sich stets gleich sind, möchte sich dies auch auf unsern Geschmack übertragen und ich das Opfer davon sein, denn überleben würde dies Deine Philippine nicht.– – * * * Den 10. Oktober 1808. Ich sehe mich von Widerwärtigkeiten ereilt, ehe ich noch einen deutlichen Begriff von des Lebens und der Liebe Schattenseite hatte! Meine theuerste Lotte! Das betrübteste was Liebende treffen kann ist – Trennung – diese steht uns, mit bebender Hand schreibe ich es, bevor. Schon war ich entschlossen mich aus kindlichem Gehorsam gegen meine Eltern, die mißbilligend unsre Neigung bemerkten, von meinem Albert zu trennen, einen Zufluchtsort bei Dir, liebes Lottchen, zu suchen und Trost in den Armen der Freundschaft zu finden. Aber Albert war außer sich über diese Absicht, gab mir sein Ehrenwort, daß wenn ich mich entferne, er nicht 24 Stunden bliebe und mir nachfolge und wenn es ans Ende der Welt wäre. Nie hörte ich diese leidenschaftliche Sprache aus seinem Munde und doch sprach sich in jedem Wort seine Liebe aus. Jedoch in eine Trennung wollte er nicht willigen. Er versprach mich zu meiden, wenn ich es aus Pflichtgefühl gegen meine Eltern wünsche. Wir wurden bei dieser lebhaften Unterredung von der geheimen Polizei (seiner Schwester) belauscht und mußten sie abbrechen. – Eine Wedell war mit ihrem Bruder Karl mehrere Wochen auf ihren Guth Kriegsdorf, jetzt, nun sie zurück, haben wir eine scharfe Beobachterin mehr. Albert liebt diesen Bruder unbeschreiblich und hat nichts vor ihm verborgen, er ist still, fast tiefsinnig und scheint auch eine heimliche Qual zu bekämpfen, daher er uns wenigstens innigst bemitleidet und höchst theilnehmend und gütig gegen uns ist. Die Augen fallen mir zu. Schlafe Du besser und ruhiger als Deine Philippine. * * * Cöthen den –ten– Dieser Brief folgt seinen Vorgänger recht schnell nach, beste Lotte! und doch liegt in diesen kurzen Zeitraum eine Ewigkeit für mich. Die Freude des Wiedersehns nach einer Trennung weniger Tage war Verräther unserer Gefühle geworden; ein schweres Gewitter zog sich über uns zusammen, dessen Schläge nicht kalt an uns vorüberzogen. Bittere Stichelreden von Seiten der Schwestern und sanfte Vorwürfe meines Vaters, die das Innerste meiner Seele trafen, trübten meine ganze Zufriedenheit. Man ließ es meinen Albert empfinden, daß er kein willkommener Gast in unserm Hause mehr war, er vermied es daher, und wir sahen uns nur noch beobachtet und unter Zwang. Wenn er sich mir nährte war mein Betragen abgemessen und kalt, keine zusammenhängende Unterredung kam mehr in Gang. Das Mienenspiel unserer Blicke war nur schwacher Ersatz, es entstanden einige Spaltungen, ich nahm ihn in meiner verbitterten Stimmung manches übel. Es stand eine Maskerade bevor, wo mir aber nicht bewilligt wurde in einer Tyroler Quadrille seine Tänzerin zu sein. Er war gekränkt, niedergeschlagen und hat beim Herzog angehalten nach Roßlau versetzt zu werden, was ihm abgeschlagen ist – Was ich dabei leide, weiß Gott im Himmel allein! ... * * * Cöthen den 7ten Januar 1809. Wie unbeständig ist das Glück und wie sehr bin ich dem launenhaften Schicksal unterworfen, welches mich vom höchsten Gipfel des Erdenglücks in den tiefsten Abgrund wirft ... Nun sind alle schönen Hoffnungen begraben, denn denk nur, Lottchen, meine Hand ist einem andern bestimmt, Einem Grafen Siersdorf (Siersstorpff), der aber von seiner Werbung zurücktrat. ich soll auf ewig meinem Albert entsagen!! Kannst Du Dir jetzt den Umfang meines Kummers denken? – – – – Ich fühle mich heute zu sehr angegriffen, um weiter zu schreiben, die Hand zittert mir, und meine Gedanken verlassen mich!! – – – * * * Den 16. Februar 1809. In der zufriedensten Stimmung eile ich dir zu sagen, daß ich wieder mit meinem Albert vereint, folglich sehr glücklich bin... Alberts Aufnahme in unsern Hause war anfangs sehr steif und kalt, doch unsre stille Freude uns wieder zu sehen so groß, daß wir alle Nebenumstände übersahn und nur Glück empfanden. Wir fühlen und gestehen es uns täglich, daß wir nicht einen Tag ohne einander leben können. Man nehme mir Alles nur seine Liebe nicht. Ich habe mich auch jetzt mit Philosophie bewaffnet, trage das Unvermeidliche, thue nichts Unrechts, suche aus Liebe alle Untugenden abzulegen, denn je besser ich werde, je ähnlicher werde ich seiner schönen Seele. Wie arm bist Du an Freuden, gute Lottine, so lange Du nicht die Liebe kennst, weder Kummer, Leiden noch Sorgen vermögen dieses himmlische Gefühl auszurotten, verliebe Dich bald, liebe Alte, um so glücklich zu werden wie Dein Philippinchen. * * * Mittwoch den 29ten März. Mit zitternder Hand und der tiefsten Wehmuth im Herzen füge ich noch einige Zeilen zu meinem, gestern schon geendeten Brief hinzu. Das Misgeschick scheint wieder seine üble Laune an uns auslassen zu wollen, denn mein Albert hat seinen Abschied genommen und verläßt schon morgen Cöthen. Albert von Wedell hatte einen Günstling des Herzogs infolge eines Streits zum Zweikampf gefordert. Der Herzog stellte sich in dieser Angelegenheit auf die Seite des Geforderten, und Wedell erbat sich seinen Abschied, um in preußischen Dienst zu treten. Das Eintreffen des Schillschen Korps änderte seinen Entschluß. – – – Vergieb, ich kann nicht weiter schreiben die Thränen verwischen meine Schriftzüge. * * * Cöthen den 16. Mai 1809. ... Seit 3 Wochen war ich sehr krank an der reißenden Gicht im Kopf. Mein theuerer Vater litt so unbeschreiblich an diesem Kopfübel, daß ich Gott anflehte, mir doch an seiner Stelle diese Schmerzen zu übertragen, da ich sie geduldig tragen wollte, wenn ich meinen Vater davon befreit wüßte, denn was sind Körperschmerzen, gegen die der Seele. – – – Meine Bitte wurde bald erhört. Doch bei meinem Vater, bei dem die Gicht zu schnell vertrieben schien, stellte sich eine tödtliche Krankheit ein, die ihn dem Rand des Grabes zuführte. Am 3. Mai, dem Geburtstag des theuren Patienten, wurde er uns aufs Neue vom Himmel geschenkt, denn die Nacht erklärten ihn die Ärzte für gerettet... Am 3. Mai wurde nicht allein des theueren Kranken Geburtstag und Genesung, sondern auch die Ankunft des Schillschen Corps gefeiert. Viele Heldensöhne stehen mit an der Spitze dieses tapfern Unternehmens. Sie wollen in Vereinigung mit mehreren Frei Corps das unterjochte Vaterland erretten. Auch meine theuern Wedells und ihr Freund Zaremba sind entschlossen sich diesem Kriegszuge anzuschließen. Der Onkel Griesheim hatte Alberten eine vortheilhafte Anstellung in einem Husarenregiment bewirkt, doch er kann sich nicht entschließen, sich von seinem Bruder zu trennen, wird daher als heldenmütiger Patriot mit zum Kampfe ziehen, das Vaterland aus den Händen der Tyrannen zu befreien. Möchte ihr Unternehmen den glücklichsten Erfolg haben! – So kommen noch zu meinen vielen Sorgen und körperlichen Leiden die Angst um meines Alberts Leben. O, könnt ich ihn unsichtbar umschweben, ihn warnen wenn er tollkühn sein Leben auf das Spiel setzt oder ihn als barmherzige Schwester pflegen wenn er krank oder verwundet wird. Gern wollte ich alle Beschwerden, Gefahren und Mangel mit ihm theilen, könnt ich nur unerkannt bei ihm sein, ach, und mit ihm sterben wär ein beneidenswerthes Loos!! – – – – – * * * Cöthen den 8. Juny 1809. Eben, Mittwoch, traff die trostlose Nachricht hier ein, von der Niederlage des Schill'schen Corps. Den 31. Mai ist in Stralsund ein Gefecht gewesen, wo der tapfere Schill an der Spitze von einigen hundert Helden, gleich einem Leonidas, bedeckt mit tausend Wunden, sein Leben gelassen hat. Meine Angst um das Schicksal meiner theuern Wedells läßt sich nicht beschreiben, als ein Brief mit einigen flüchtigen Zeilen von M. von Rohr uns meldet, daß sie wie Verzweifelte gefochten, dennoch der ungeheuren Uebermacht hätten weichen müssen, entwaffnet worden, und Kriegsgefangene wären. Das Unternehmen des braven Schill schien von der Vorsehung nicht unterstützt zu sein, denn alle damit verwebten Unternehmungen sind mißglückt. In Cassel , das vom Obrist von Dörenberg Oberst von Dörnberg machte gegen König Jérome einen verunglückten Aufstandsversuch, flüchtete nach Böhmen und trat dann in das Korps des Herzogs von Oehls durch Verrath entdeckt, die Vereinigung mit dem Herzog von Oehls durch Umstände verspädtet, die Waffen und Gelder der Engländer ausgeblieben; sodaß er, zu schwach dieses kühne Werk allein zu verfechten, seinen Untergang fand. Friede sei mit des tapfern Helden Asche! So hat denn abermals die Hoffnung ihre beste Kunde an mir verloren. Jedoch will ich nicht murren, denn mein Albert ist ja da, wo so viele ihr Ende fanden, gerettet... * * * Cöthen, den 26ten Juny 1809. O, wär ich jetzt bei Dir, mein Lottchen, wie glücklich würde ich sein, vereint mit Dir und meinem Albert. Denn er ist in Deiner Nähe in Braunschweig! Meine Schwester Röder Karoline, Gattin des Freiherrn Philipp Roeder von Diersburg, Hauptmann im Braunschweigischen Infanterie-Regiment von Griesheim. schreibt, daß die Kriegsgefangenen viele Freiheit hätten und sehr gut behandelt würden!... Roeder und mehrere andere haben die beiden Brüder zur Flucht bereden und behülflich sein wollen, da man doch einen übeln Ausgang befürchtet. Jedoch Wedell's haben diesen Vorschlag nicht annehmen wollen, da sie 9 Kamaradten zurücklassen müßten, denen man ihre Flucht entgelten lassen und sie Mishandlungen aussetzen würde, auch hätten sie sich durch einen Schwur verbindlich gemacht, sich nicht einzeln durch Flucht zu trennen, dies nur anzunehmen, wenn sie zusammen dazu Gelegenheit fänden. – – – Sie werden hoffentlich nach einer französischen Festung transportirt ! Vergebens such ich mir dies einzureden, da man auch schon Beispiele hat, daß die Kriegsgefangenen zur Galeeren Sklaverei verdammt worden sind. O, weg mit diesen greßlichen Gedanken, sie zerrütten mein Gehirn! – – – * * * Cöthen, den 1ten Octobre . ... Unruhe erfüllt mich, dunkle Ahnungen Am 16. September waren KarI und Albert von Wedell in Wesel erschossen worden. zerreißen mein leidendes Gemüth. Ich sehe wachend und träumend schwarze Bilder und Todesgestalten vor Augen, oft höre ich deutlich von seiner Stimme meinen Nahmen rufen. – – Welch ein greßliches Vorgefühl zerschneidet wie ein Dolchstich meine Seele! – – – * * * Cöthen, Decembre 1809. Ein Zwischenraum von drei schmerzhaften Monaten liegt zwischen uns, liebe Lotte, in denen ich in gefühlloser Geistesabspannung oft die Feder ergriff, Dir mein tiefes Leid zu klagen! Du allein weißt was ich verlohren, Du allein kannst meinen gerechten Schmerz abmessen!! Warum mußte ich aus den langen Schlaf zur Erinnerung erwachen! Ach, vernichtet ist mein Dasein, ein offenes Grab ist meine Zukunft, der Kirchhof meine Heimath. Gott wie wird mir – – – – * * * Einen Tag später. Eine willkommene Ohnmacht raubte mir einen Augenblick meine zerrütteten Sinne und gab mich der glücklichen Vergessenheit hin! Mit dem traurigen Bewußtsein kehrt auch das meines Unglücks, mit zermalmender Gewalt wieder ein! – – – – O, warum gab mir die greßliche Nachricht nicht augenblicklich den Todesstoß, warum mußte ich die fürchterlichen Worte, die mein Ohr noch immer durchschneiden »Dein Albert ist nicht mehr, das Urtheil ward über ihn gesprochen, sein Loos war der Tod" überleben!! Vernichtet sank ich bewußtlos zusammen; mehrere Tage soll ich in diesem Zustand gewesen sein, als mir die bittende Stimme meines kranken Vaters die Besinnung wieder gab und ich zu einem fürchterlichen Dasein erwachte!! ... * * * Cöthen, den 28ten Décembre 1809. Der Arzt verordnet Luftveränderung und Trebnitz ward zu meinem Aufenthaltsort bestimmt. Mein guter Vater glaubt, daß Veränderung der Gegenstände wohlthätig auf meine kranke Seele wirken wird und zu seiner Beruhigung nehme ich jeden Vorschlag an. Doch mein heilbringendster Arzt ist mein Vater selbst, nur fürchte ich, daß er seine eigene Gesundheit durch seine Theilnahme aufreibt, darum reise ich lieber. – Er spricht oft mit dem rührendsten Antheil von meinen lieben Verschiedenen. Wie sie noch, bevor die tödtliche Kugel ihre Brust durchbohrt ein lautes Vaterunser gebetet – wie Albert, mit unverbundenen Augen seine Brust entblößt und mit dem Ausruf »es lebe der König" gefallen ist. Vier und zwanzig Stunden zuvor ist ihnen ihr Todesurtheil vorgelesen worden, welches sie im Bewußtsein ihrer Unschuld, mit Fassung angehört. Die wenige Stunden, die ihnen noch vergönnt waren zu leben, haben sie noch mit Abschiedsbriefen ausgefüllt. Albert schreibt meinem Vater einige sehr schöne Worte, in denen er für alle Liebe und Güte, die er ihm stets bewiesen dankt und um Vergebung anfleht für den Kummer, den er ihm nicht aus böser Absicht zugefügt, er tröstet die Seinigen, findet sein Loos beneidenswerth und ist stolz darauf als Opfer für sein Vaterland zu fallen, er fühlt sich erhaben über sein unverdientes Geschick, und bedauert den verblendeten Tyrann, der dies verschuldet. – Eine Stunde vor Alberts Tod hat die französische Bosheit noch ein Mittel ersonnen die Festigkeit seines Sinnes schwankend zu machen. Ein französischer Offizier vom Gouverneur gesandt, hat ihm seine Freilassung verkündet, da es wider die Gesetze stritte einen jungen Mann, der noch nicht sein 20tes Jahr erreicht, zu erschießen, – doch nur unter der Bedingung, daß er den französischen Kaiser den Eid der Treue leistete und in dessen Dienste trete, verächtlich hat Albert diesen Vorschlag abgewiesen und dem Abgesandten versichert, daß der martervollste Tod, einem Ehrlosen Dasein vorzuziehen sei, und er lieber unschuldig aus der Welt ginge, wie als Meineidiger auf der Erde bliebe. – Wie veredelt diese Denkungsart noch das Andenken meines unvergeßlichen Alberts, allerdings konnte er ruhig dem Tod entgegengehn, denn nie ist vielleicht unschuldigeres Blut geflossen! Ach, und dennoch gehört viel Religion dazu, um in der Blüthe der Jugendkraft sein Dasein abgekürzt zu sehen. – Deine Philippine. * * * Cöthen, den 26. Juny 1810. ... Gestern war mein Geburtstag! Ach, welch ein Unterschied zwischen damals und jetzt! In der Laube von duftenden Rosen, wo wir sonst, am lauen Sommerabend Luftschlösser für die Zukunft entwarfen, sitz ich allein ! Am Clavier, wo wir zweistimmige Lieder sangen, sing ich allein ! Die Canarienhecke, wozu Albert mir den Stammvater geschenkt, die uns zusammen gehörte, die wir zusammen pflegten und ihr Nahrung gaben, pfleg ich jetzt allein und habe keine Freude mehr daran! – – Ach überall bin ich jetzt allein , wo ich einst so glücklich mit ihm war. In der Einsamkeit suche ich mir sein Bild lebhaft zu vergegenwärtigen, dann ist mir, als umschwebt mich sein Geist, er ist mir auf Augenblicke wiedergegeben, ich fühle seine Nähe! – Doch wenn ich aus meinen Glücksträumen erwache und es mir klar wird, daß es nur ein Schattenglück war, dann bin ich in einer verzweiflungsvollen Stimmung und suche an der Ruhestätte unserer Väter – deren Grabeshügel nach dem Wunsche meines Vaters – dicht aneinander stoßen, Trost in den Gedanken, daß auch ich bald einen Platz an ihrer Seite finden werde, denn mein Glücksstern ist untergegangen, nie geht für mich die Sonne wieder auf. Deine Philippine. Caroline von Humboldt Aus dem empfindsamen Fräulein Caroline von Dachröden, das mit dem damaligen Jung-Deutschland schwärmt und schwört, entwickelt sich schnell an der Hand Humboldts die sehnsüchtige Braut, die verständnisvolle Gattin, die Mutter . Die Mutterschaft bildete die Krönung von Carolinens Charakter, nachdem sie Humboldts Gattin geworden war. Einige Zeilen aus einem Briefe von ihr an Alexander von Rennenkampf, den feinsinnigen baltischen Edelmann, können als Motto dieser kleinen Lebensskizze vorangestellt werden: »Ja, es liegt etwas Tieferes in dieser Sehnsucht, in diesem Verlangen. Wie es den Männern ist, weiß ich nicht, brauch's auch nicht zu wissen, aber die Frau, die den liebt, dem sie angehört, die muß, die kann nicht anders, als wünschen, sein Leben, seine Liebe unter dem Herzen zu tragen, zu hegen und wenn die Stunde gekommen ist, dem Lichte zu geben. Und sollte sie wissen, daß diese Stunde die letzte ihres Lebens sein werde ...« Caroline von Dachröden wuchs ziemlich einsam im Hause ihres Vaters, des preußischen Kammerpräsidenten in Erfurt, auf. Mutterlos geworden, lag ihre Erziehung in den Händen einer alternden, »unausstehlich prätenziösen« Französin, der Madame Dessaulx, und des Lehrers ihres Bruders Ernst. Durch Carl von Laroche, den Sohn der Sophie, der sie zärtlich liebte und später in hochherziger Weise zurücktrat, als er ihre Leidenschaft für Humboldt erkannte, wurde die junge Caroline mit dem »Tugendbund«, der sonderbaren, eigenwilligen Schöpfung der schönen Henriette Herz, befreundet, dem auch Humboldt kurze Zeit angehörte. Mit Wilhelm von Humboldts Eintritt in ihr Leben werden alle Banden der Konvention, der geistigen Einengung gelöst. Was bisher, oft unklar und verworren, in das mitempfindende Herz der schönen Caroline von Beulwitz, der Schwägerin Schillers, ihrer Intimissima, überfloß, richtete sich jetzt auf das Weltganze, dessen Mittelpunkt ihr wiederum Humboldt war. »Wir Frauen sind ein wunderbares Volk«, schreibt sie ihm, »alles, was wir je sein können, macht die Liebe aus uns, aber sie wirft uns auch in unser Nichts zurück – nie, deucht mir, hätt' ichs inniger empfunden, wie jetzt«. Und einige Wochen später: »Ich lese wieder den Plutarch. Man verliert sich selbst bei der Betrachtung dessen, was diese Menschen taten, was sie litten und trugen. Ach wenn man seine Existenz nicht zu genießen vermag, so ist vergessen seines Selbst die einzige Möglichkeit des Daseins – an Deiner Seite würde mir die Geschichte der Helden der Vorzeit die Seele wecken, fern von Dir wiegt sie mich ein, und ich fühle mich selbst nicht mehr!« Unter den Menschen, die Carolinens Kreis in ihrer Brautzeit bilden, ist vor allem Schiller und seine Lolo zu erwähnen, die sich anfangs aber keiner allzugroßen Beliebtheit bei ihr zu erfreuen scheinen. Caroline kann es Schiller nicht verzeihen, daß er die glänzende Caroline von Beulwitz um der bescheidnen Charlotte willen aufgab, nachdem ihr lange seine glühenden Huldigungen gegolten hatten, und erst, als neue Liebesbande die Freundin an den eleganten Coadjutor von Dalberg und später neue Ehebande an den Freiherrn von Wolzogen fesseln, vergiebt sie Charlotten die Zurücksetzung der schönen Schwester. Die einzigen Hindernisse in der Verbindung der Liebenden waren die Titellosigkeit Wilhelms, der erst Referendarius war, und die Schwerfälligkeit des Vaters Dachröden, der sein Töchterlein nur ungern hergab, um so mehr, als sein Sohn ihm wenig Freude machte. Im Jahr 1791 fand die Vermählung des jungen Paares statt, dessen unstetes Wanderleben sie bald von Paris nach Madrid, von Burgörner, der Dachrödenschen Besitzung, nach Rom führte. Von ihren acht Kindern ist nur Caroline, die älteste, in Erfurt geboren; zwei Kinder haben zu Jena, zwei zu Paris, zwei zu Rom und eins, die zarte Gabriele, die nachmalige Gattin Heinrich von Bülows, in Berlin das Licht der Welt erblickt. Ein Kindergrab in Paris – dessen kleine Bewohnerin Louise ihr Vater nie erblickt hatte – und zwei Gräber zu Rom bilden die Kreuzstationen auf ihrem Lebensweg. »Du hast mir aus der tiefsten Seele geschrieben«, gesteht Caroline ihrem Manne, »wenn Du in Deinem Brief sagst, es komme nicht darauf an, glücklich zu leben, sondern blos darauf, alles Menschliche zu erschöpfen und sein Schicksal zu vollenden. Geahndet hab ich es immer und es auch einmal ... ausgesprochen, aber tiefer und ganz, ganz hab' ich es seit unsers Wilhelms Tod empfunden. Die Tiefe und Unendlichkeit des Lebens hat sich seitdem vor mir auf getan, und das Großmenschliche erblüht, ersteht, wie soll ich sagen, gewiß und einzig nur da, wo das Individuum sich weder im Genuß des Glücks noch des Schmerzes schont ...« So führt ihr inneres Leben in schöner Linie von der Sehnsucht zur Liebe, von der Liebe zum Überwinden. Und Humboldt selbst fühlt beglückt inmitten des seelischen Gleichgewichtes, das er ihr verdankt, was sie ihm ist. »Du mußt immer gesehen haben, wie ruhig, wie zufrieden, wie mit Dir und den Kleinen glücklich beschäftigt ich mit Dir gelebt habe. Du hast mir nie einen Kummer gemacht und mir so viele und so große Freuden geschenkt, die größeste durch Deine bloße Existenz neben und mit mir ... Du hast aus jeder Epoche Deines Lebens auch immer das Beste und Höchste geschöpft ... Du bist immer ganz das gewesen, was Du in jedem Moment sein mußtest!!« – das ist die klingende Melodie, die sich durch alle Briefe Wilhelms an Caroline zieht. Die äußeren Verhältnisse des Paares waren stets günstige. Nach einem Jahrzehnt freien Lebens, das Humboldt zu den umfassendsten Studien auf linguistischem und astronomischem, auf künstlerischem und philosophischem Gebiet verwendet hatte, bewarb er sich wieder um eine staatliche Anstellung und wurde preußischer Gesandter in Rom, das damals noch unter päpstlicher Herrschaft stand. Hier verstrich wiederum fast ein Jahrzehnt, das »glücklichste und schmerzlichste zugleich«, so nennt es Caroline. Jedenfalls war ihr Rom eine zweite Heimat, die selbst der spätere Aufenthalt in Paris, von Humboldt so heiß ersehnt und »vorgeahndet«, nicht ersetzen konnte. »Ich habe ein unbeschreibliches Verlangen«, schreibt Wilhelm, als Caroline 1804 allein mit zwei kleinen Kindern und der Geburt des dritten entgegensehend, von Rom nach Frankreich reist, »Dich in Paris zu wissen... Amüsiere Dich nur recht, ich bitte Dich inständig; spare auch ja nicht. Wer weiß, wann Du wieder nach Paris kommst. Doch habe ich eigentlich eine Ahndung, daß wir noch auf lange in Paris wohnen werden. Es ist ordentlich närrisch damit. Ich glaube gar nicht, daß ich je Gesandter dort sein werde, ich wünschte es auch kaum. Allein es ist mir, als würden wir so lange da sein, und nach Rom wäre mir keine Stadt gleich lieb«... 1809 verließen die Humboldts Rom auf ewig. Aber ganz seßhaft sind sie nie geworden. Immer pendelt ihr Aufenthalt zwischen Berlin, Burgörner, dem weiblichen, und Tegel, dem männlichen Erbgut, hin und her. Anders stellen sich im Herbst ihres Lebens den Beiden diese Besitztümer dar, als im Lenz, wo wir häufig genug von der »Seccatur« des Landaufenthaltes mit den älteren Verwandten lesen können. In einem wunderschönen Brief an Rennenkampf spricht Caroline diese tiefe Liebe zur ererbten und unter schweren Opfern erhaltenen Scholle, auf der jeder Baum von vergangenen Zeiten spricht, klar aus. Aus den »Wickelnarren« sind erwachsene Menschen geworden; Caroline hat Kinder und Enkel um sich; unermüdlich pflegt sie die zarte Schwiegertochter Mathilde, die kleine zierliche Gabriele von Bülow, der ihr erstes Kind fast das Leben kostet. Sie hängt trotzdem mit fast fanatischer Liebe an ihren Freunden. Freilich, Schiller ist nicht mehr und Goethe hat sich alt und grämlich zurückgezogen, aber die schöne Caroline, die nunmehrige Freifrau von Wolzogen, der ein schweres Schicksal den einzigen Sohn durch ein Jagdunglück raubt. Rennenkampf und Schweighäuser, der kurze Zeit im Humboldtschen Haus als Erzieher der Knaben lebte, der schwedische Schriftsteller Brinkmann, Dorothea Schlegel u. A. m. bleiben in steter schriftlicher Verbindung mit ihr. Dann beginnt das Alter seinen Tribut zu fordern. Ein schweres gichtisches Leiden nimmt ihr wochenlang die Fähigkeit, zu schreiben, zu gehen, ja auch nur klar zu sehen. Teplitz, Karlsbad, Marienbad und Ems tauchen alljährlich am Horizonte auf. Caroline, die Älteste, konnte sich nicht entschließen, die Mutter zu verlassen, um einen eignen Herd zu gründen und folgt ihr überall hin. Eine gefährliche Unterleibsentzündung Ende des Jahres 1828 besiegelte ihr Geschick. Sie trug ihre Leiden, wie alles im Leben: sie »schöpfte das Beste und Höchste« daraus. »Ich habe auch in den kränksten Tagen, wo ich mich nahe dem Ziele glauben mußte, heitere Stunden inmitten eines großen Leidens gehabt. Das Gefühl allerbarmender Liebe, die uns zu sich zieht, und eines wundervollen Vertrauens zu dem, der uns väterlich auch im Leiden behandelt, ist oft recht tröstend und beruhigend mit mir gewesen.« Das sind ihre Zeilen an Rennenkampf. Acht Wochen darauf verschied sie. Es gibt kaum eine zweite Frau, die in ähnlicher Weise echte Weiblichkeit und Mütterlichkeit mit einer Abwehr alles Philiströsen verband, die ohne selbst zu produzieren, gleich anregend wirkte. Die hier wiedergegebenen Briefe Carolinens sind den Sammlungen von Anna von Sydow (Berlin 1906), von Albrecht Stauffer (Berlin 1904) und von Albert Leitzmann (Halle 1901) entnommen. Briefe von Caroline von Humboldt. An Wilhelm von Humboldt. Burgörner 1788, den 24. August abends. Als Du fort warst, mein Wilhelm, war eine fürchterliche Leere in meinem Herzen und eine Angst, ein Gefühl der Verlassenheit, des Alleinseins, so daß es mich forttrieb aus der Gesellschaft, in der ich war, denn ich fühlte, daß ich der Einsamkeit bedurfte und daß ich mich verraten würde, wenn ich bliebe. Ich ging gedankenlos in den Garten und kam so unvermerkt in den schattigen Pappelgang – da besann ich mich, daß ich bei Deinem Kommen den Postillon hatte blasen hören und daß ich Dich würde sehen können. Ich blieb an einen Baum gelehnt stehen, und mein volles, volles Herz erleichterte sich durch Thränen; so stand ich versunken in Erinnerungen und mannigfaltigen Gefühlen, bis mich das Blasen des Postillons aus dem wachen Traum ermunterte; wenige Augenblicke darauf sah ich Dich, o mein Wilhelm, Du rittest so schnell, so schnell – hättest Du wissen sollen, daß ich Dir nachsah, bis ich auch nicht das Mindeste mehr entdecken konnte – doch war es recht gut, daß Du es nicht wußtest, es hätte Dich nur traurig gemacht. Es regnete heftig, ich merkte nur erst beim Nachhausegehen, daß ich durchaus naß geworden war. B. Zacharias Becker, der Volks- und Jugendschriftsteller und Erzieher von Carolinens Bruder Ernst. und mein Vater lachten mich aus, als ich ankam, aber es merkte niemand, warum ich hinausgegangen war, und mir war es tief im Herzen süßer Trost, Dich noch einmal gesehen zu haben. Nenn es Kinderei oder wie Du willst – mir ist es eine beruhigende Empfindung davon im Herzen geblieben... Lieber Bester! daß man so lieben kann, wie wir uns lieben, das ist doch des Himmels bestes Geschenk, ist aller Thränen des Schmerzes, aller Leiden wert. Nur in solcher Liebe fühlt man sich lebendig in allen Kräften seiner Seele, erhoben über die Schläge des Schicksals und näher dem Urquell ewiger Liebe. Gott! ich danke, danke Dir für diese Stunden der Wonne, die Du Deinem schwachen Geschöpf gabest aus der Fülle meines Herzens. Dieses überströmen meiner Seele ist Dir, der Du die Liebe bist, der schönste Dank... * * * Den 25. ... Deine Ideen sind ganz übereinstimmend mit den meinen, meine Seele nährt sich mit diesen Hoffnungen der Zukunft, und sie allein geben ihr Ruhe und flößen ihr Stärke ein – ich weiß wohl, daß Carl nicht will, daß ich mich daran hängen soll, aber er hat unrecht, wenn er glaubt, daß ich über den Gedanken der Zukunft die Gegenwart vernachlässige. Es ist mein ernster Wille, treu und unbefangen die Pflichten zu erfüllen, die mir obliegen, ach, und ich würde ermatten, wenn man mir den Gedanken, die süße Hoffnung einer ewigen Vereinigung nähme – ich begreife nicht, wie Carl mit seinem unendlich liebenden Herzen den Gedanken ausdenken kann, ohne vor ihm zurückzuschaudern. Wenn ich ihn so oft in stummer Entzückung, wie gestern noch Dich, an meinen Busen schloß, und es mich dann auf einmal ergriff – dies Gefühl der reinsten Liebe diese unaussprechliche Wonne, diese Empfindung, nicht unwert eines höheren Wesens, sollst Du einst entbehren, und keine Rückerinnerung dieser namenlosen Freuden wird in Dir aufdämmern – so versank mein Geist in tiefe Trauer, und ich weinte oft im Genuß der reinsten Wonne die Träne des Schmerzes. Leb wohl, o mein Wilhelm, habe tausend Dank für Dein Kommen, für die glückseligen, ewig unvergeßlichen Augenblicke, die wir zusammen gehabt haben. Meine Seele ist bei Dir, und mein Herz umfaßt das Deine mit glühender Liebe. * * * (Erfurt), den 3. November 1788. ... Ich hatte, seitdem ich Dir nicht schrieb, Stunden unendlicher Freude und Trauer. Carl war bei mir. Ich habe Dir mit den wenigen Worten alles gesagt. Alle Seligkeit, die ich für jenseits hoffe, lag in dem namenlosen Gefühl, mit dem ich ihn in meine Arme schloß – aber auch der bitterste Schmerz. O Wilhelm, ich gehöre mir selbst nicht mehr – nur die Liebe zu Euch, meine ewig Geliebten, hob mich wieder über die Wellen, mit denen ich sonst auf Gefahr, in ihnen zu versinken, fortgeschwommen wäre. Aber auch besser, uneigennütziger, reiner stehe ich von diesem Kampf auf, mit dem besten Entschluß, jeden Moment meines Lebens nur dazu anzuwenden, eine Stufe der Seelenstärke zu erlangen, auf der mich der Sturm nicht mehr so ergreifen kann, mich herabzuwerfen in eine solche Tiefe des Jammers. – Ich sehe ein, daß ich bisher noch nicht den rechten Weg gegangen bin, obgleich mit reinem Herzen und Willen. Ich habe noch immer den Leiden, die einmal über mein Leben ausgegossen zu sein scheinen, die Oberhand gelassen – ich habe in dem Wahn gestanden, die höchste Tugend sei, sie mit stiller Ergebung zu tragen Caroline litt an Brustkrämpfen und Blutspucken. – aber ich komme davon zurück; ich sehe, sie werden mich so zu Boden drücken, daß keine sterbliche Macht mich wieder zu erheben vermögend sein wird, wenn ich nicht jeden Augenblick meines Lebens benutze, ihnen entgegenzuarbeiten. Ach nur noch einige solcher Scenen wie die letzte mit Carl, und Ihr habt mich verloren! – Ihr sollt mich aber nicht verlieren – sei ruhig, mein trauter, süßer Wilhelm – gieb mir Deine liebe Hand und hilf mir mit aufwärts – sieh, ich bin allein wieder aufgestanden aus dem fürchterlichen Strudel, der mich beinah mit fortgerissen hätte, denn ich liebte Euch zu sehr, um Euch zu sagen, in welchem Zustand ich war. Noch schaudert mir dafür, aber es ist vorbei, ich will nur vorwärts nicht zurück sehen, denn die Erinnerung würde mich in dem Laufe zum schönsten Ziele aufhalten, und ich bin es Euch, meine Verbündeten, bin es meiner Caroline Frau von Beulwitz. schuldig dahin zu gelangen. Du mußt dieses herrliche Weib sehen, wenn Du hierher kommst. Laß Dir von Carl sagen, wie er sie gefunden. Sie wird eine Zierde unsrer Vereinigung Des Tugendbundes. sein, unser aller Stolz und unser Liebling ... Die Hoffnung, Dich und Caroline Beulwitz zu sehen, sind die einzigen, die ich für den Winter habe, aber sie hellen mein Leben auf zu einem schönen Frühlingsmorgen ... * * * Freitag Abend. Wie süß hat mich Dein Brief aus Halle heut überrascht, er muß wo liegen geblieben sein ... Ich wollte schweigen über das, was in Weimar vorging, Dein Brief leitet mich noch einmal darauf zurück. Mein Herz soll sich mit derselben Wahrheit wie das Deine vor Dir entfalten. Du weißt, daß Caroline von Beulwitz. die Idee einer Verbindung mit Dir seit dem ersten Moment, wo sie Dich gesehen, aufgefaßt hatte. Ihre Briefe müssen es Dir gesagt haben. Ich fühlte, daß ich Dich lieben, daß ich glücklich sein würde, aber bestritt ihre Ideen, weil ich sie mit der Ruhe unseres teuren Carls de la Roche. unvereinbar glaubte. Als wir in Burgörner zusammen waren, beruhigte sie mich über diesen Punkt, da nahm eine andre Besorgnis die Stelle der ersteren, »wird Wilhelm ein höheres Glück in meinem Besitz als außer ihm genießen?" dachte ich – »wird nie ein drückender Gedanke, durch unsre sonderbar verschlungne Tage erweckt, in ihm rege werden?" – Wir reisten nach Lauchstädt. Carl kam. Ich überzeugte mich seiner Ruhe. Caroline sagte, Du liebtest mich, aber Du kenntest noch nicht den ganzen Umfang meiner Gefühle für Dich, Deine Briefe ließen dasselbe ahnen. Wie trug ich das alles in mir – Gott! – in wieviel schlaflosen Nächten, wo ich meinen Tod für ganz sicher hielt, habe ich darüber gemeint, daß ich sterben sollte, ohne es Dir zu sagen, wie innig ich Dich liebte. – Du kamst hierher, wir erklärten uns. Ich gestehe Dir, daß in dem Moment, wo Du zuerst mit mir sprachst, der Ort, die Menschen um uns, die Furcht gehört zu werden, mich so bestürzt gemacht hatten, daß ich Dich nur halb verstand. Wir sahen uns den andern Morgen, nicht allein – Du weißt, was Caroline mir ist, aber für diesen Moment fühlt ich, daß ich hätte allein sein müssen. Es war etwas Gehaltenes in Dir. Ich sagte es Caroline, sie antwortete, die Idee meiner Liebe sei Dir noch zu neu, Du müßtest einige Zeit haben, Dich an sie hinzugeben, es müßte mich nichts irren, Du liebtest mich. So vergingen ein paar Tage. Wir blieben allein. Einige Äußerungen in Deinem Gespräch fielen mir auf, vor allem aber, wie Du einmal über die Verbindung sprachst, sagtest Du zu mir, »ohne sie wäre ich doch ewig von Euch entfernt geblieben, hätte Euch nie gesehen oder Euch gesehen ohne Euch zu bemerken, mein Herz war eigentlich gemacht, einen andern Gang zu gehen". In Deinem Blick lag oft so etwas Trübes, mir schien es etwas Unerwidertes – selbst in den Momenten zu bemerken, wo ich Dir meine Seele hingab. Hundert Gedanken stiegen in mir auf, an keinem konnte ich mich festhalten. – Fragen wollte ich nicht – aus einer Menge kleiner Umstände dacht ich's mir doch endlich zusammen, mein Wilhelm liebt – wen? Mein Herz nannte die Forster. Therese Forster, Tochter des Philologen Heyne, zuerst mit Georg Forster, später mit C. F. Huber vermählt. Wie ich es mir erst einmal selbst gestanden hatte – ach vergib – so bestärkten mich eine Menge oft unnennbarer Kleinigkeiten immer fester darin. Mein Herz war sehr bewegt, sehr wund, doch schwöre ich es Dir bei jedem seligen Moment unserer Liebe, nicht um mich. Ich zitterte, Du möchtest mich als ein Wesen betrachten, das fordern könnte ... ... So kam ich nach W(eimar). Das Verhältnis zwischen Lotte Charlotte von Lengefeld. und Schiller und Caroline entlockte mir einige Worte, die Dir auffielen. Bei Gott, vergleichen wollte ich nicht. Nein, meine Seele, dazu kannte ich uns alle zu gut. Aber, daß Stärke dazu gehörte, sich von dem einzigen Manne verkannt zu sehen, den man so unaussprechlich liebte, von dem man ebenso geliebt zu sein einen Augenblick gehofft und der Hoffnung entsagt hatte, ohne daß er im Herzen weniger geworden wäre – das fühlt ich auch ... Nun ist das alles nicht mehr, nun drücken Dich und mich keine Gedanken mehr, die unsre Glückseligkeit stören könnten, ich fühle Deine Seele in mir, ich empfinde mich selbst nur in dem Bild, das Du in Dir von mir trägst ... Lotte und Schillers Hochzeit wird bald sein. Vielleicht ist sie gar hier. Ich arbeite daran, denn ich zweifle, ob mich mein Vater wird Hinreisen lassen, und es liegt mir unendlich viel daran, bei Caroline zu sein. Sie will dann ein paar Wochen bei mir bleiben, und ich glaube, das ist gut für beide Schwestern – wie sonderbar hat das Schicksal dieses verschlungen, doch nein, sie haben sich selbst vieles verwirrt. Es ist nun zu spät, etwas zu ändern, das Erträglichste, aus dem was ist zu machen, bleibt allein zu thun übrig. Caroline hat mir versprochen, es mit Beulwitz so gehen zu lassen, ohne eine Erklärung zu haben. Ich bin sehr froh, dieses über sie gewonnen zu haben, denn es hätte gewiß die undelikatesten Scenen mit Beulwitz gegeben, und Caroline hat eine laute Art zu empfinden. Lotte muß durchaus nicht fühlen, daß sie Carolinens einziger Zufluchtsort ist, sie wird nur schon zu sehr, fürchte ich, einen arroganten Ton gegen sie annehmen. Das sind die Früchte, wenn man die Pflanze nicht in dem Erdreich läßt, für welches sie bestimmt war. Lotte ist aus ihrer Sphäre herausgerissen. Sie war gemacht, in einem engen Kreis von Empfindungen zu leben, und sie wäre glücklich dabei gewesen und hätte nicht darüber gedacht. Man hat ihr das Höhere gezeigt, und sie hat danach gestrebt, ohne das innere vermögen zu haben, es zu genießen, das sich nie gibt. Ich bin sehr traurig um Carolinen. Sie ist unauflöslich an mein Herz gebunden und ich fürchte, sie geht noch an diesem Verhältnis zugrunde. Eine Unerklärbarkeit bleibt mir in Schiller. Hat er nie Carolinens Liebe empfunden, wie konnte er mit Lotte leben wollen? Hat er sie gefühlt, so nahm er die Verbindung mit Lotte nur als Mittel an, mit jener zu leben. – O, möge die Zeit dies freundlich lösen? ... * * * (Erfurt), den 12. Februar 1790. ... Wenn ein Brief von Dir kommt, sag ich immer dem Papa zu Mittag, denn eher sehen wir uns nicht – mein Bräutigam, oder Ihr künftiger Schwiegersohn, oder il mio sposo , manchmal auch alles dreies zusammen, empfiehlt sich bestens, angelegentlichst usw. Das tue ich mit Fleiß, um unser Verhältnis dem Papa oft ins Gedächtnis zurückzurufen, denn er traktiert es gar nicht comme une affaire de conséquence . Der Koadjutor von Dalberg. spricht hundertmal mehr davon wie der Papa und berührt nicht selten den Plan mit Mainz. Dalberg sollte Kurfürst von Mainz werden und den ganzen Freundeskreis an seinem Hof sammeln. Ja, übel wäre es gar nicht, wenn, um mit Caroline zu reden, der Himmel dort seine Heiligen versammelte. Auf Titel laß Dich nicht ein, wenn sie nicht zu einem reellen Zweck führen. Ich habe so eine Antipathie gegen die Kammerherren. An Rang und vornehmen Verhältnissen werde ich auch mein Lebelang keine Freude haben. Sollte ich auch mit Dir in Berlin leben, so müßte mir so der Hofschnack u. dergl. vom Halse bleiben, das ist zum Sterben langweilig, und Langeweile macht mich krank. Nein, ich will gar nichts wissen von andren Menschen, mit meinem Wilhelm will ich leben, allein mit ihm – ... * * * Erfurt, d. 14. April 1790. ... Ach wie könnte in diesem Herzen etwas Verschlungenes sein, das Deine Liebe nicht löste? Deine Liebe ist ihm ja Fülle des Lebens. O Wilhelm, Wilhelm, Du hast mir meine Seele neu erschaffen, was weniger und was mehr konnt' ich Dir geben, als sie selbst! ... nie hätte ich einen Mann gefunden, dessen Geist und Herz mir mehr gegeben, dessen Wesen mich mit höheren Gefühlen erfüllt hätte. Du allein konntest mein Herz diesem neuen Leben aufschließen, diese süße, beglückende Gewißheit, ganz verstanden zu werden, mir in die Seele legen, vor Dir existirt mein Geist fast einzig in all der Freiheit, der er bedarf, um sich lebendig zu fühlen in seinen besten Kräften, es ist auch so gar nicht eine entfernte Ahndung in mir, daß ich an Deiner Seite nicht den mannigfaltigen Gestalten meines Herzens und Geistes leben dürfte. Dies letzte, ich gestehe es, gehörte immer ausschließend zu meinem Glück. Es ist mir nichts so interessant zur Beobachtung, nichts so heilig im Zusammenleben, als die Individualitäten eines jeden Charakters. Sie in einem so engen Verhältnis wie die Ehe respektiert zu sehen, war das einzige, was ich bei dem Mann suchte, dem ich meine Hand geben wollte – was ich bei keinem fand, der mir diese Verbindung antrug. Auf Liebe hatte ich längst Verzicht gethan. Ich hatte mich fast überredet, sie für eine süße Illusion meines Herzens anzusehen. O ich könnte Dir stundenlang von den Träumen, den scheinenden Widersprüchen meines Herzens reden; wie manchmal schien mir dieser oder jener Mann angenehm, wohl gar interessant, so lange, als er mir keine Veranlassung gab, ihn mir in einem engeren Verhältnis zu denken, aber dann war's auch aus. Prätension, Indelikatesse, mißtrauisches Wesen überall, und diese hätten mein Leben vergiftet. Direkt Böses findet man gewiß selten unter den Menschen, aber Schwäche, eiserne Vorstellungen von Pflichten, Unglauben an andre, ungraziöses Wesen, Eitelkeit, Intoleranz für jede Idee, die außer ihrem Gesichtskreis liegt, dies alles ist mehr oder weniger in den meisten Menschen verwebt und da es mir an der Leichtigkeit, die meinem Geschlecht größtenteils eigen ist, fehlt, so hätte ich dies alles schwer aufgenommen und wäre gewiß unglücklich gewesen ... * * * (Erfurt), Mittwoch, den 28. April 1790. Von meinen Liebschaften soll ich Dir erzählen? – Ja, da wird's schlimm aussehen. Den ganzen Winter ist mir nichts vorgekommen, ein paar Freunde ausgenommen, die aber immer wieder fort mußten quand celà commençait à prendre . Es sind jetzt teure, klamme Zeiten. Doch ein Hannoveraner war letztens hier, der nicht uninteressant erschien, ein Herr von Berger. Wahrscheinlich Albrecht Ludwig von Berger, der 1813 von den Franzosen als Landvogt von Oldenburg erschossen wurde. Die Eroberung war gleich gemacht. Dalberg kann das so amüsieren, er hat einen eignen Ausdruck davor; wenn so etwas vorgefallen ist, sagt er immer, »nun, den haben Sie schon wieder kuriert". Eine schöne conquête ist mir diesen Winter im eigentlichen Verstande durch die Lappen gegangen, der Herr v. Salis, der die schönen Verse macht. Johann Gaudenz Frhr. v. Salis-Seewis, Generalinspektor der helvetischen Truppen und Dichter im Genre Matthissons. Caroline hat versäumt ihn mir zu schicken, elle s'en était éprise un peu elle même . Du glaubst nicht, wie mich das geärgert hat, vor fünf und sechs Jahren habe ich mich schon in den Herrn v. Salis verliebt und Verse an ihn gemacht, und nun er mir so nah war, krieg ich ihn nicht zu sehen. Caroline sagt, er sei schöner noch wie Carl, und so mild und graziös, und ich Arme seh ihn nicht. Ist das nicht ganz abscheulich? Apropos, da wir einmal von Eroberungen sprechen, Du schriebst mir letztens einmal von Leuchsenring, Der gleiche, der in der Liebesgeschichte Herders und der Caroline Flachsland eine so entzweiende Rolle spielte. der war auch einmal zum Sterben in mich verliebt. Sag ihm doch einmal etwas Schönes von mir, wenn er sich meiner noch erinnert, denn das ist schon lang her, daß er hier war, wenigstens acht Jahre. Ich erinnere mich sehr gut, daß es dazumal meiner Eitelkeit gewaltig schmeichelte, L. so verliebt in mich zu sehen, ich dünkte mich garnichts kleines mehr, wenn ich dergleichen Eroberungen machen konnte. Lieber Wilhelm, wir wollen einmal die Geschichte unserer Liebschaften treu und aufrichtig schreiben; aus denen, die um meine Hand geworben haben, wollte ich ziemlich das Alphabet komplett machen und darunter Figuren – nein, man hat keinen Begriff davon! ... * * * Burgörner, den 10. Juni 1790. ... Du fragst mich wegen Deines Herkommens und wie es mit Papa aussieht. Er läßt sich nicht viel ausholen, denn er entriert gar nicht viel auf die Gespräche, die auf unsere Verbindung Bezug haben, indessen garantiere ich Dir, daß er unserer Heirat im künftigen Sommer nichts im Weg legt. Ein einzigmal habe ich noch mit ihm über die Finanzen gesprochen, da kam denn so viel heraus, 500 Thaler könne und wolle er mir wohl geben, aber nur die Madame Dessauix. drücke ihn, 100 Thaler habe er ihr versprochen jährlich, und er sähe nicht ab, wie die Madame mit 100 Thaler auskommen wolle. Das ist nun alles sehr wahr. Ich habe mit Carolinen überlegt, ob wir sie nicht woandershin placieren könnten, aber es bleibt bei Plänen, und wem kann man mit gutem Gewissen so eine Last aufschwatzen? ... Sie selbst ist mir unbegreiflich; es macht ihr Niemand Hoffnung, sie zu behalten, sie kennt mein Verhältnis zu Dir, ... und dennoch denkt sie nicht an die Zukunft, und es entfällt ihr kein Wort darüber. Ich gestehe Dir, daß es mich ordentlich interessirt zu erfassen, woher diese Sorglosigkeit bei Madame kommt, denn die Art Indolenz, die manche Menschen für ihr künftiges Auskommen haben, hat sie nie gehabt, ganz das Gegenteil, und in ihrem Anzug hat sie sie noch nicht, denn sie kauft Kleider und Wäsche, als gedächte sie 100 Jahr alt zu werden ... ... Ich schreibe so confus und so unleserlich, da ist mein Hund daran schuld, der mir immer auf dem Schooß liegen will und Possen treiben. Das wird eine neue Bekanntschaft für Dich sein, er ist ungefähr so ungezogen wie Liebchen, aber dans tout un autre genre , es ist ein Windspiel, er bekommt aber so viel zu essen, daß er noch einmal so groß wird wie die gewöhnlichen. Wer kann da helfen? – Ich habe ihm einen Namen unter den Sternen gegeben, er heißt Mira , und ich empfehle ihn vorher Deiner Gunst. Wenn Du ihm Braten giebst, so ist alles getan, meiner Mira Braten und mir recht schöne Küsse et la besogne est faite ... * * * (Burgörner), den 2. Julius 1790 Freitag morgen. Gottlob, daß Du keinen Schlafrock trägst, denn sonst war's mit uns aus, lieber Wilhelm – die ganze Heurat wäre zurückgegangen, und das wäre doch schade gewesen. Schon als ein Kind von sechs bis sieben Jahren – denn damals hatt ich gewaltige Heuratsprojekte – nahm ich mir vor, keinen Mann zu nehmen, der im Schlafrock herumwanderte, und nun hatt ich Unbesonnene doch vergessen, mich danach zu erkundigen. Je l'ai échappée belle ! Meine Antipathie gegen diese Tracht ist ohne Maß. Der Himmel lohne die Forstern Therese Forster. – zwar aus dem Himmel macht sie sich nicht viel – also Du Ich vergesse meine unumschränkte Gewalt und den Brinkmann'schen Karl Gustav v. Brinkmann, der schwedische Schriftsteller. Orakelspruch: » Wenn sie es will !« mit dem ich freilich den Schlafrock auch ohne die Forstern hätte bannen können. Mais pour ne mettre jamais l'oracle en défaut, ne vaudra-t-il peut-être pas mieux ne pas vouloir, mon doux ami? – Ich studiere sonst viel die Physiognomik und erinnere mich, daß eine gewisse Art gerader Stirnen mir für das Zeichen eines sehr festen Sinnes galt. Sieh das Petschaft an, mit dem ich gesiegelt habe. Ist es nicht hübsch? Es ist eine Venus Victrix. Willst Du sie mir zur Schutzheiligen lassen? Ich ging heute früh mit Papa in dem Garten auf und ab und hatte die Schmidtin Die langjährige Haushälterin. mitgenommen. Am Ende ist eine Laube. Ich sagte zu Papa, wegen der hübschen freien Aussicht auf den Kirchberg möchte er doch eine Bank hineinsetzen lassen. Er versprach's. »Ich will«, sagte ich zur Schmidtin, als Papa ein paar Schritte entfernt war, »da des Morgens den Kaffee mit Humboldt trinken« – indem fiel es mir aber anders ein, und ich setzte ohne weitere Überlegung hinzu, »nein, doch nicht, die Laube ist zu frei, man kann sich nicht küssen!« Es war einmal heraus. Die Schmidtin lachte wie unklug, und Papa wollte wissen, was da gesagt worden wäre. Ich lies es ihr erzählen, weil es doch einmal sein sollte. Wahrhaftig, ich glaube, Papa hat da zuerst gemerkt, daß ich was aufs Küssen halte, denn er machte ein Gesicht wie zu einer neuen Entdeckung, und vorhin kam ich in sein Zimmer; er blätterte im Katalog der Rostischen Kunsthandlung. »Liebe Caroline«, sagte er, »hier einen notwendigen Hausrat in deine künftige Wirtschaft«. Als ich zusah, war es ein Opfer an die Liebe, ein Basrelief. Ich nahm es mit Dank an ... »Denn«, hat Papa gesagt, »um die Caroline ist's nun getan, wie ich wohl sehe, länger wie den künftigen Sommer habe ich sie nicht mehr.« ... Im Grund verliert er mehr an mir in der Einbildung als in der Realität, denn wenn man, die Essenszeit mit eingeschlossen, sich gewöhnlich täglich drei Stunden sieht und in diesen äußerst selten eine Unterredung hat, die man nicht auch mit jedem Andern haben könnte, so seh ich nicht ein, was man an einem hat. Aber mein Respekt für die Ligenheiten der Menschen geht bis auf ihre Chimären, wenn ich sehe, daß sie darin glücklich sind, und Papa schmerzt mich. Das Bild Ihr Bruder Ernst, spottend stets »das Bild« oder »das Sternbild« genannt. ennuyiert ihn eigentlich, Papa wird nun auch alt, ist schwächlich, und wird immer mehr durch Verzärtelung seines Körpers und beständiges Medizinieren – wenn er es ernstlich würde? – ich könnte den Gedanken nicht tragen, daß er blos bezahlte Wartung um sich hätte. Das Vernünftigste, was Papa tun könnte, wäre doch eigentlich mit uns zu ziehen und das Sternbild an den Zeitzischen Himmel zu versetzen. Im letzten Brief schreibt es, der jetzige Stiftsrat habe nun förmlich refignirt, er aber noch nicht mit dem Koadjutor gesprochen. Aus der einen Seite tentieren ihn die 800 bis 1000 Thaler, auf der andern hängt er sehr an Erfurt ... * * * (Erfurt), 21. Januar 1791 abends. ... Ach Bill, was einem für Menschen aufstoßen, und wie sie über Liebe reden. Heut mittag aß Loos Daniel Friedrich Loos, Medailleur. und ein Herr von Oertel bei uns, ein junger Mensch, den Du vielleicht hier gesehen hast, und der eben von einer Reise zurückkam, die er mit dem Herrn v. Kotzebue – dem Verfasser der vielen schlechten Schauspiele – nach Paris gemacht hat. Kotzebue war im vorigen Sommer mit seiner Frau aus Reval nach Weimar gereift. Sie kommt dort nieder und stirbt. Kotzebue – in dem Moment, wo ihm der Hofrat Starke aus Jena, Schillers Arzt. , den man wegen der vorhandenen Gefahr hatte kommen lassen, sagt, daß seine Frau nicht zu retten sei, wo sie aber noch lebte, verläßt sie, wirft sich in eine Postchaise, fährt nach Paris und schreibt seiner in Weimar lebenden Mutter, sie werde ihn nie wiedersehen; nun er seine Frau in Weimar verloren habe, würde er nie wieder hinkommen. Ich wußte diese Geschichte, hütete mich aber, sie aufs Tapet zu bringen, weil ich nicht gern von dergleichen rede. Oertel brachte mich aber endlich doch darauf, weil er so viel von des Herrn v. Kotzebue Traurigkeit um den Verlust seiner Frau sprach. – Mit was denkst Du wohl, daß Oertel dies Betragen entschuldigen wollte? Damit: Kotzebue hätte ihm geschworen, wenn er den Moment des Todes seiner Frau abgewartet hätte, so würde es ihm das Leben gekostet haben. Ich sagte ihm: »Aber, wenn er sie so liebte, wie er es vorgibt, so konnte ja das sein einziger Wunsch sein.« Oertel sah mich an, ich fühlte, daß ich etwas ihm Unverständliches gesagt hatte, und schwieg und ließ ihn alle Absurditäten ruhig vortragen, die er noch sagte ... Er räumte Loos ein, Kotzebue würde gewiß in einem Jahre wieder verheiratet sein, und blieb bei der Behauptung, er würde mit seiner Frau gestorben sein, wenn er nicht den Entschluß gefaßt, sich schnell zu entfernen ... * * * (Rudolstadt), Dienstag, 24. Julius [1792]. Noch einen Gruß meinem Bill, eh ich mich niederlege, ach könnt' ich in ihn alle die Sehnsucht hauchen, die mir die Seele füllt ... Wir waren ... nach Cumbach gefahren, es wehte eine so köstliche Luft – wie schweifte mein Blick umher in der lieblichen Gegend, auf dem reinen Spiegel des Wassers, dem frischen Grün der Wiesen, und welch' ein Zauberlicht umglühte die fernen Berge – die Sonne war untergegangen, und es flammte noch gleich einem Feuermeer der Himmel, – ich konnte still sitzen, indes die andern sprachen, die Seele entfloh mir in unaussprechlicher Sehnsucht, mein Herz bebte verloren im süßesten Schmerz und unendlicher Freude, denn hatte ich nicht Liebchen, Caroline, am 16. Mai 1792 in Erfurt geboren, 1837 unvermählt in Berlin gestorben. hielt ich das süße Geschöpf nicht in meinen Armen, drückt es nicht sprachlos an meinen Busen? Ach, wie versteht es mein Herz, Dich wiederzufinden in ihm, und doch – wie vermisse ich Dich mehr wie jemals ... Teurer, geliebter Mann, wenn in begeisterten, in den schönsten Momenten meines Daseins ich Dich ganz empfinde, allbelebend das Gefühl Deiner Schönheit sich über mich ergießt, neigt sich meine Seele vor Dir in heiliger Anbetung – so empfange ich Dich in meine Arme, aber Du ziehst mich hinüber zu Dir mit der Glut Deiner Seele – es strömt mein innerstes, geheimstes Leben Dir zu –, mein Wesen wagt es, Eins zu werden mit dem Deinen – Eins mit dem Urbild aller Schönheit und Größe, die ich so ewig in Dir empfinde ... * * * (Jena 1795) Freitag Nachmittag. ... Ich werde Sonntag mit den Kindern kommen Nach Weimar. und Dich abholen. Es war erst meine Meinung, Dir nur die Li... zu schicken, aber da Du mir versicherst, daß es Goethen gar keine Unbequemlichkeiten macht, mich einige Stunden im Hause zu haben, so will ich kommen, vielleicht – ich kann es nicht ändern, fährt Lolo Charlotte von Schiller. mit nach Weimar. Es ist nur für die paar Stunden fahren, denn sie will bei der Stein Charlotte von Stein, Goethes Freundin. essen, und die Baggesen Gattin des deutsch-dänischen Dichters Jens Baggesen. und Kalb Charlotte von Kalb. besuchen. Also wird sie uns bei Goethe nicht genieren. Noch eine andere Möglichkeit aber ist, daß gar Schiller und Lolo nach Weimar fahren. Schiller ist nämlich gestern den ganzen Nachmittag mit Lolo und dem Carl Schillers ältester Sohn. ausgefahren und hat sich so im Freien gefallen, daß er es nun ins große treiben will ... Mache nur, daß Goethe niemand anders bittet. Wir sind hübscher allein ... Ich bin leidlich wohl, aber traurig, da mir die schöne Zeit so mächtig zu (Ende geht und Brüderchen Wilhelm, geboren zu Jena 1794, gestorben 1803. so ganz der Mutter Brust entwächst. Ach, so tief hat mich kaum je etwas geschmerzt, wenn er nun schon für einen großen Jungen und für keinen Säugling mehr gelten wird. Der große Zunge wird nicht mehr so mein sein, wie es der Kleine war. Ich werde nichts, nimmer, nichts mehr haben, was in diesem Sinne mir mehr so gehören wird wie dieser Junge. Es ist mein bestes Rind, ich bin dessen so sicher, und vermag nicht, so kindisch ich auch fühle, daß es ist, vermag nicht, mich ohne tausend Tränen von ihm zu trennen. Ach, denn Trennung ist's doch, man mag auch sagen, was man will, Trennung von etwas mehr, als es beim ersten Blick aussieht – ...   An Karl Gustav von Brinkmann. Jena den 3ten December 96. ... Goethe schreibt eine Idylle in 6 Gesängen, von der die größere Hälfte fertig ist. Herrmann und Dorothea. Es ist etwas durchaus neues, weder er, noch sonst ein Dichter hat je etwas Ähnliches gemacht und eine Situation aus dem gewöhnlichsten Lebens- und Menschenkreise so behandelt. Göthens antike volle Menschheit atmet lebendig in dem Gedicht. * * * Jena, den 3ten December. Die Schlegels würden Ihnen bald ins klare kommen, wenn Sie sie eine Stunde sähen. Der ältere verheiratete, Bürgers junger Aar, ist der Sonettendichter und Uebersetzer des Shakespeares, der jüngere ist der Dresdner und scheint mir in jeder Rücksicht der vorzüglichere, nur daß er zu früh eine zu hohe Meinung von seinen Talenten zu bekommen scheint ... Die Xenien übers Theater sind alle – von Schiller. Doch, wünsche ich, daß Sie dies für sich behalten: Er und Goethe sehen es nicht ganz gern, wenn man in der Welt die Grenzen so scharf erkennt. Haben Sie Agnes von Lilien Den Roman der Caroline von Wolzogen, der zuerst in Schillers »Horen« 1796 erschien. in den Horen gelesen? und wen halten Sie für den Verfasser? Man zerbricht sich hier den Kopf darüber und viele nennen Göthe.   An Johann Gottfried Schweighäuser. Paris den 2ten September 15 Fruktidor (1800). Ich habe etwas länger gewartet Ihnen zu schreiben, mein theurer, lieber Freund, weil ich die Tage her durch mancherlei Dinge mehr als gewöhnlich beschäftigt war. Mademoiselle Levin ist mit der Gräfin Schlabrendorf, einer Nichte unsres hiesigen Freundes, vor 10 Tagen angekommen und wir haben diesen Damen bei zweimaligem Ein und Ausziehen geholfen, wir selbst haben auch eine Wohnung für den Winter genommen, die wir den 1ten Vendemiaire beziehen werden, Hotel Vauban Nro. 88, au second , fast dem Passage des Feuillans in der Rue Honoré gegenüber. Sie sehen, mein lieber Schweighäuser, Sie werden bei Ihrer Zurückkunft nicht mehr eine Stunde Zeit brauchen, um bis zu uns zu kommen. Allein ich fürchte Ihre Zurückkunft noch auf weit hinausgeschoben ... Was mich in diesen Tagen fast ausschließend beschäftigt, mich so eingenommen hat, daß ich keines andren Gedankens fähig war, ist der Wallenstein, den die Berliner Frauen Rahel Levin und Gräfin Schlabrendorff. mitgebracht haben. Ich kann Ihnen unmöglich ein Urteil darüber schreiben, mein Gemüt ist zu sehr davon erfüllt um schon jetzt darüber ruhig zu sprechen, eine Welt von Empfindungen und Gedanken muß Schiller in sich getragen haben, während er in dieser Arbeit lebte, denn er erregt in dem sinnigen Leser eine Welt von Empfindungen und Gedanken. Ich sage Ihnen aber, nach der Lektüre des letzten Stücks war ich wie zerstört – er hat das Haus Wallenstein wie ein Haus der Atriden endigen machen – überall, in dem ganzen Gange des Stücks, der drängenden Handlung das fürchterlich durchgreifende unerbittliche Schicksal. Wie in den alten Tragödien, wie im Shakespeare das ganze Leben in seinem unendlichen Kreis liegt, wie man es ermißt in seinen Höhen und Tiefen, so auch im Wallenstein steht es einem vor der Seele. Jede Natur ist in ihrer tiefsten und feinsten Individualität ganz entfaltet und mit wenig bedeutend Zügen ausgedrückt. Die Hauptcharaktere haben durchaus eine Höhe, die ihnen eine idealische Haltung giebt, neben den reinsten menschlichen Bewegungen des Herzens, die mit der ergreifendsten Wahrheit ausgesprochen sind. Die Geschichte, die Liebe des Max Piccolomini mit Thecla, Wallensteins Tochter, hat Schiller ganz aus sich genommen – er hat den vielgestaltigen Charakteren der Menschheit zwei durchaus neue und durchaus natürliche gegeben – die Liebe ist mit einer Größe behandelt, die sie für einen Strahl des Himmels erkennen macht – die beseeligende Kraft der Gemüter, die sie ganz einnimmt, fühlt man einzig als ihr Werk. Thekla ist von einer Mädchenhaftigkeit, einer Weiblichkeit, die der schönsten, rührendsten wahrsten, die Göthe je erschienen, nichts nachgiebt, und damit verbindet sie eine Größe, Klarheit, einen in sich gegründeten Sinn, den einem noch kein Dichter vor Schiller anzuschauen gab. Mit einem Worte, selbst mit dem Bekenntnis einiger Fehler im Wallenstein, einiger Geschmacklosigkeiten, vieler schlechter Verse, ist und bleibt das Stück doch das größte, was man in unsrer Sprache gemacht hat. Es ist die Frucht des gereiften Genies und ich gestehe, daß die Kälte, die in Deutschland über dies erstaunliche Produkt zu herrschen scheint, mir ganz niedrig und abgeschmackt vorkommt ... * * * Rom den 10ten Januar 1803. ... In Rom bin ich nun, wohin mir die ersten Gedanken seit meiner frühesten Jugend standen, da bin ich nun endlich in der Wirklichkeit, und Rom ist durchaus anders als ich mir, als wohl jeder es sich denkt ehe er es gesehen hat. Es heißt gewöhnlich, Rom liege in keiner schönen Gegend, und ich finde sie eine der schönsten, die man sehen kann. Die einzelnen Massen der Gebirge, die den Horizont von Rom begrenzen, sind groß und imposant und haben dennoch daneben etwas unaussprechlich Reizendes. Das ist überhaupt der Charakter der italiänischen Gegenden. Sie sind groß und lieblich zugleich, und durch diese seltne Verbindung atmen sie eine Stille, die ich mich nie entsinne je in einer andren Natur so tief und groß empfunden zu haben. Die Luft ist unaussprechlich mild, bis jetzt haben wir noch kaum 3 oder 4 Tage eigentliche Kälte gehabt, wo einem ein Kaminfeuer recht angenehm gewesen wäre, alle übrige Zeit war seit Ende Novembers, wo wir hier sind, eine milde, oft eine warme Frühlingsluft. Das Gras verbleicht, verwelkt hier nie im Winter, im Gegenteil, es ist dann schöner als im hohen Sommer – der Platz, den das hohe Coliseum umschließt, ist eine frische grüne Wiese, alle Gärten sind grün und voller Blumen, mit einem Wort man merkt kaum die unfreundlichste Zeit des Jahres. Das ist sehr viel, aber es ist nicht alles. Die Stadt, als moderne Stadt, ist unangenehm, die Gassen sind schmutzig, nicht durch die Menge der Menschen und Wagen, die sich darauf bewegen, sondern weil man autorisirt ist, allen Staub und Schmutz der Häuser, allen Abgang aus den Küchen auf die Straßen zu werfen, weil alle Häuser, ohne Unterschied, Paläste und Bürgerhäuser, mit Wäsche zum Trocknen behangen sind. Die meisten großen Plätze sind Trockenplätze der Wäscherinnen. Die schönen Häuser stehen meist versteckt, haben schlechte Eingänge und andre Unannehmlichkeiten. Nur 2 oder 3 Straßen sind eigentlich schöne Straßen und erwecken die Idee einer volkreichen Stadt – alles übrige verdient nicht genannt zu werden und Italien hat schönere Städte. Allein die wunderbarste ist es wohl, die existirt. Die nahe Verbindung eines großen und imposanten Altertums mit den Bedürfnis des Tages, tritt einem wohl nie so unter die Augen wie hier. Von einem elenden, schmutzigen, mit elenden Häusern bebauten und verbauten Platze erblicken Sie die Vorhalle des Pantheon, Sie treten hinein, und ich will den Menschen von Sinn und Gefühl sehen, den die Harmonie dieses einzig schönen Gebäudes, der lichte Glanz, der durch die geöffnete Kuppel hineinfällt, nicht in ein stilles Staunen versetzt. So ist alles in Rom. Dicht an die übrig gebliebenen Spuren menschlicher Größe drängt sich auch das letzte und niedrigste Bedürfnis der Notwendigkeit, und was einem, glaub' ich, hier in die Länge eine sehr ernste und vielleicht eine wehmütige Stimmung geben muß, ist die Frechheit mit der das geschieht und der Sieg des Niedrigen über das Hohe. Von Menschen haben wir bis jetzt noch wenige gefunden, die uns besonders interessiren und der beste vielleicht unter diesen, Fernow Karl Ludwig Fernow, der Kunstschriftsteller. verläßt im Frühjahr Rom, um nach Jena zu gehen. Sonst leben wir so häuslich und still, wie Sie es von uns gewohnt sind und das ist sehr gut an Rom, daß es einem wenig gesellschaftlichen Zwang auferlegt. Einige der Künstler, die in Paris täglich bei uns waren, sind auch hier, z. B. Schick und Graß. Gottlieb Schick und Karl Graß, Maler. Gropius Der Maler Karl Wilhelm Gropius. haben wir mit Herrn Salmon Ein reicher Mäcen, der Gropius zu den Reisen eingeladen hatte. in Livorno wieder gesehen. Sie haben dort, nachdem sie ihre sicilianische Reise vollendet haben, beinah drei Monate auf günstigen Wind geharrt um nach Smyrna zu gehen ... Tieck Friedrich Tieck, der Bildhauer. haben wir zuletzt in Weimar gesehen, wo wir noch drei Tage mit unsren Freunden verlebten, und wo er in mancherlei Arbeiten für das neue herzogliche Schloß begriffen war ... Mein Herz ist der Zukunft zugewandt, und doch lebe ich unaussprechlich in der Gegenwart. Auch ist die, die mich umgiebt, schön und beruhigend. Meine Kinder wachsen mir zur Freude heran und ihre physisch vollkommene Bildung verspricht mir auch einen immer gesunden und schönen Sinn ...   An Wilhelm von Humboldt. Augsburg, 28. März 1804. Ich habe entsetzlich getrieben, um hierher zu kommen, meine innigstgeliebte Seele, und nun wir hier sind habe ich keine Briefe von Dir gefunden und bin recht traurig und niedergeschlagen ... Ach, und wie unaussprechlich ich mich sehne, vermag ich Dir nicht zu sagen. Eine Tagereise hinter Verona wurde es so dämmrig, der Nebel zog um alle Spitzen der Berge so dick, daß er sie ganz verhüllte und sie sich mit den Wolken vermengten, und wie ich hinter mir sah, waren wir gerade auf einem Punkt, wo wir weit, weit hin den Fluß der Etsch verfolgen konnten, und die Ketten der Gebirge, und die Öffnung glänzte im lichtesten Abendrot; da umfing's mich so recht, wie Ihr Lieben da drüben wohnt in dem wärmeren Lande und unter dem schöneren Himmel. Ach, ich werde ja auch wiederkommen und bald, und für unser aller Gesundheit war, glaube ich, die Reise sehr gut. Theodor Das dritte Kind, geboren 1797, gestorben 1871. blüht recht wieder auf, seine Züge verlieren das ängstlich Gezogene, was mich so lange peinigte, seine Lebhaftigkeit ist grenzenlos ... Genährt sind wir sehr gut worden, mit dem Anastasio bis auf den letzten Augenblick zufrieden, es ist ein honnetter Mensch, und wann er in Rom zu Dir kommt, so nimm ihn ja freundlich auf. Die Maultiere sind indes etwas mager geworden und möchten die, die sie nach Florenz zurückbringen, nicht in 12½ Tag wie uns hierher bringen. Gestern mittag in einem Dorfwirtshaus sind unsre letzten Provisionen, ein Stück Parmesankäse und eine geräucherte Bologneser Wurst, alle geworden, und das war ordentlich noch ein Abschied ... * * * Erfurt, 18. April 1804. Ich wünsche sehr, daß der Mai so hinschlendere, denn das Gehen aufs Land mit Papa ist eine wahre Seccatur, indessen, tun kann ich eigentlich nichts dazu. Sonntag, den 15., aß ich mit Papa bei dem Gouverneur Graf Wartensleben. Es sollte ein Diner en mon honneur et gloire sein. Die alten wohlbekannten Stuben, die alten Gestalten mit einigen neuen verbrämt, machten mir, ich kann es nicht leugnen, einen sonderbaren Eindruck ... Montag vormittag kamen Caroline Caroline v. Wolzogen. und Lolo Charlotte v Schiller. aus Weimar herübergefahren, ganz allein ohne Kinder. Caroline sieht sehr wohl und munter aus und ist ordentlich jugendlicher und hübscher geworden, Die Ehe mit Beulwitz war 1794 geschieden worden und die Eheschließung mit dem Oberhofmeister v. Wolzogen bereits erfolgt. Lolo aber schien ungemein angegriffen und hatte um die Augen so tiefliegende Züge ... Es ist Schiller und Carolinen gewaltig bange, daß sie wieder einen Anfall von Verrücktheit bekomme, wie das vorige Mal, und sie sieht auch furchtbar aus ... * * * Burgörner, 20, Mai 1804. ... Donnerstag, nachmittags den 17., fuhr ich nach Naumburg und Freitag über Freiburg und Querfurt hierher. Hinter Freiburg begegneten wir Ernsten, Ernst v. Dachröden, Carolinens Bruder. der wohl eingepackt in seiner Chaise denselben Weg machte wie ich. Er lud mich mit den Kindern in seinen Wagen ein, und wir fuhren von Querfurt bis hierher miteinander, wo wir Papan sehr munter antrafen. Das Familienleben ist ganz das alte, wie Du es kennst, und Burgörner auch. Der Platz vor dem Hause ist noch immer so unaufgeräumt wie vor 12 Jahren. Die unteren Zimmer stocken wegen der Feuchtigkeit, die Schwellen faulen. Papa baut einen Schafstall und wird nie mit Bauen fertig werden. Ernst hat sich auffallend verändert, er hat äußerst gezogene Züge, sieht älter aus als Papa und ist grämlich und verdrießlich. Die Gattin, Eine geborene v. Carlsburg. der arme Narr, manchmal tut sie mir doch leid, wenn ich bedenke, wie freudlos ihr das Leben hingeht. Von einem andern Manne hätte sie doch wohl ein paar Kinder und fühlte sich in einer gewissen Tätigkeit ... * * * (Paris) 18. Julius 1804. Gottlob, daß ich wieder dazu kommen kann, Dir selbst zu schreiben! Meine liebe, teure Seele, wie hat mich danach verlangt, und wie haben Deine lieben, süßen Briefe mich in dieser Zeit so besonders noch gerührt und erquickt! Auch meine Entbindung und ihre nächsten Folgen sind nun vorüber, und ich bin dem Zeitpunkt mächtig nähergerückt, wo ich Dich, einzig liebes, teures und trautes Wesen, wiedersehen, Dich und die geliebten kleinen Mädchen tausend – tausendmal wieder und wieder an meine Brust drücken werde ... Die Kleine, die ich ... gewöhnlich Luise nenne, ist sehr hübsch. Schöne blaue dunkle Augen, die vielleicht wie die meinen werden, lichtbraune Härchen, deren Farbe indessen wohl noch wechseln wird, eine von der Stirn ziemlich gerade herabsteigende Nase – die Nase selbst liegt freilich noch im argen – und einen schön geschnittenen, aber nicht sehr kleinen Mund ... Übrigens ist sie schneckenfett und rund auf die Welt gekommen, trinkt ganz entsetzlich am Tage und schläft wie eine Ratz des Nachts. * * * (Paris), Sonntag morgen 21. Oktober 1804. Du ahndest nicht das Schicksal, das uns getroffen hat, mein geliebter Wilhelm, und Dein lieber Brief vom 2., den ich gestern empfangen habe, spricht mir so freundlich Mut ein ... Ach als ich die Zeilen las, lag Louise schon in der Ruhe des Grabes. Gott, bin ich bestimmt, sie auf derselben Brust sterben zu sehen, die sie mit so gänzlicher Hingebung und Treue, ach, mit so heißer sehnender Liebe und heiligen Hoffnungen nährte, und wohin aus meinen Armen, wohin führt sie der gewaltige Tod? Wohin ist nun ihr süßes Lächeln, ihr himmlischer Blick? Ist sie bei Wilhelm – pflegt er sie und liebkost sie, und freut sie sich des Gefundenen und hat der Tod sie schnell zu einem höheren Verständnis gereift? In der Nacht, Sie ihrem Tode voranging, hat sie oft, indem ihre Lippen mit Heftigkeit die Brust erfaßten, »Mammam« gesagt – vorher war nichts, was einem artikulierten Laute ähnlich gewesen wäre, von ihr gehört worden. Ach, Du hast sie nicht gesehen, mein geliebtes Herz, und gemeine Menschen werden glauben, daß ihr Verlust Dir darum weniger empfindlich sein wird ... Ich komme nicht reicher zurück, ärmer – mit so heiligen Hoffnungen ging ich hinweg, fühlte ihr zartes Leben in meinem Schooß, und in dem trüben Winter an Theodors Krankenbett, mit dem tödtlichsten Schmerz um Wilhelm im Herzen, hat sie mein Leben erhalten. Und ich konnte das ihre nicht halten. –   An Alexander von Rennenkampff. Tegel, den 28. Sept. 1820. ... Ich bin seit dem 7. hier, nachdem ich fünf ruhige Wochen in Burgörner, umgeben von vielen älteren Verwandten und Nachbarn in süßen Erinnerungen meiner Kinder- und Jugendjahre dort verlebt habe. Das Wohnhaus, das nach unserer ländlichen Sitte schön und geräumig ist und das mein Ältervater erbaut hat, als er vor 100 Jahren aus Italien kam, ist während unserer letzten Abwesenheit im Jahre 1818 repariert und die obere Etage ausgebaut, gedielt und in wohnlichen Zustand gesetzt worden. Meine Anpflanzungen fand ich gewachsen und einen Berg, der wenige Schritte vom Gute liegt und den ich immer kahl gekannt habe, grün und im Zug anzuwachsen. Die alten Linden vor dem Hause rauschten noch, wie, da ich blutjung war, und die wenigste Veränderung war an den alten Bäumen zu spüren. Sie kennen gewiß die Wehmut, die einen übernimmt, wenn man nach langer Entfernung die Gegenstände wiedersieht, die einen in der Kindheit und im ersten eigentlichen Erwachen des Lebens umgaben. Wenn nun gar ein geliebter Vater fehlt, der ziemlich alles noch so eingerichtet hat, wie es jetzt ist, so steigt diese Wehmut und wird wie ein dauerndes Gefühl, das neben allem andern besteht, eine Art Element, in dem man lebt und webt, von Burgörner kamen wir hierher; ich weiß nicht, ob Sie Tegel kennen, – eine Oase in einer Sandwüste. Humboldt hängt mit ähnlichen Jugenderinnerungen daran wie ich an Burgörner. Hier ist beinah kein Baum, den sein Vater oder seine Mutter nicht gepflanzt hätten, er hat das kleine, für den Ertrag sehr unbedeutende Gütchen mit großen Aufopferungen seit 1806–13 erhalten. Seit Adelheids Verheiratung bewohnt sie es im Sommer mit ihrem Mann, und Hedemann Herr v. Hedemann, Adelheids Gatte. hat die Aufsicht über den Park, die Gärten und alle reservierten Grundstücke übernommen, und die Anpflanzungen haben dadurch sehr gewonnen. Wir erwarteten hier unsere Kinder. Den 14. kam denn auch wirklich Theodor mit seiner lieblichen Mathilde Einer geborenen v. Heineken ... Den 15. kamen Adelheid und ihr Mann aus dem Holsteinschen zurück ... So ist das kleine Tegel voll, voll, ganz voll geworden, und von Berlin kommt häufig Besuch von Freunden und Bekannten. Bülow Heinrich v. Bülow, der spätere Staatsminister. ist auch aus England wiedergekommen, und mit Gabrielchen hat sich alles entschieden und bestimmt. Nach dem neuen Jahr werden sie heiraten. Caroline hat zwei annehmbare Vorschläge zu einem Etablissement gehabt, allein sie kann sich nicht entschließen, sich von hier zu trennen. Mein Gefühl dabei ist recht eigen. Keine meine Töchter würde ich mit mehr Schmerz von mir lassen, als grade sie; allein es peinigt mich doch auch wieder der Gedanke, daß ich hinsterben könne und sie denn doch sehr allein und vereinsamt stehe, und am liebsten sähe ich sie einem braven Mann verbunden, der unsere Häuslichkeit mit uns teilen möchte. Sie hat eine solche tiefe Liebe im Gemüt – sie liebt wohl auch sehr herzlich ihren Vater – allein so leben mit ihm, wie mit mir, das wäre doch nicht der Fall. Wie einsam stünde sie, wenn meine Augen geschlossen wären! – Ach verzeihen Sie, liebster Alexander, wie bin ich doch so ins Erzählen von mir und den Meinigen gekommen; fühlen Sie das, was wahrhaft darinnen ist, meine herzliche Liebe und Vertrauen zu Ihnen ... * * * Berlin, 1. Mai 1821 ...So gehen die Jahre hin, geliebter Freund, eins reiht sich still und ernst den andern an, und bald steht man vielleicht am Ziele, wie Gott will ... – In Tegel läßt Humboldt bauen. Haus und Flügel, dessen Sie sich vielleicht noch aus früheren Jahren erinnern, waren so baufällig, daß durchaus etwas dafür geschehen mußte. Das geschieht nun nach einem sehr schönen und zweckmäßigen Plane von Schinkel. Das kleine corps de logis wird beibehalten, neue Flügel angebaut, und das Ganze vereinigt sich in einem Raum, in dem wir unsere früher in Rom gesammelten Marmorfragmente aufstellen können. Ich hoffe, Sie kommen einmal nach Berlin und sehen es dann selbst. Fertig wird es erst im Jahre 1823. Wie soll ich Ihnen danken, mein Alexander, für Ihren Brief vom 23. Der Tag ist mir still im Kreise meiner Kinder, Humboldts und der Laroche'schen Familie vergangen, von ihm, dem Vater Laroche, habe ich Ihnen gewiß ehemals gesprochen. Er war mein Freund, wie er 18, ich 14 Jahre alt war. Er war auch Humboldt's Freund, mit dem er in einem Alter war, und meine erste Bekanntschaft mit Humboldt kam durch ihn. Er heiratete in eben der Zeit, in der ich heiratete. Seine Frau ist mir aber erst vor 7 Jahren bekannt geworden, nachdem ich hierher zurückkam, und wir lieben uns seitdem ... Mir ist es süß, mit ihm den Abend des Lebens zu verleben, mit dem mir der Morgen aufgegangen ist. Könnten Sie doch einmal diesen Freund sehen – seine schöne Physiognomie erklärt sein ganzes, hohes, reines, ernstes Wesen. Es giebt eine Liebe, die gleichsam nur hereinschaut in dies Leben, so ohne alle Affektion, ohne allen Anspruch ... Gabriele von Bülow Der Leser dieses Buchs weiß bereits aus den hier mitgeteilten Briefstellen der Frau Caroline von Humboldt, geborenen von Dachröden (oder Dacheröden, wie die ältere Schreibart lautet), daß ihr am 28. Mai 1802 als fünftes Kind ein Töchterchen geboren wurde, das in der Taufe den Namen Gabriele erhielt. Ihre erste Jugend verlebte Gabriele in Rom. Wilhelm von Humboldt war im Sommer 1802 als Geheimer Legationsrat zum Gesandten beim Vatikan ernannt worden. Am 25. November traf die Familie in der Siebenhügelstadt ein und bezog ihre Wohnung in der Villa Malta auf dem Pincio. Wie vorher in Madrid und Paris, so war auch hier das Humboldtsche Haus der Mittelpunkt schöngeistiger und künstlerischer Kreise. Humboldts eigene Tätigkeit war wenig politischer Natur und ließ ihm genügend Muße, sich selbst zu leben. Leider forderte das römische Fieber seine Opfer auch in der glücklichen Familie. Von den Kindern blieben Caroline, Adelheid und Gabriele leidlich gesund, aber Wilhelm erlag der Malaria und Theodor erkrankte so schwer, daß sich die Mutter entschloß, mit ihm nach Deutschland zurückzureisen. Humboldt blieb mit Adelheid und Gabriele allein in Rom, bis auch die Mutter mit dem völlig gesundeten Theodor wiederkehrte und ihrem Gatten am 7. Januar 1806 abermals ein Söhnchen schenkte. Nach der französischen Besatzung Roms 1808 verließ Humboldt die Stadt und nahm Theodor mit, um ihn in Deutschland weiter erziehen zu lassen. Nun blieben die drei Mädchen ausschließlich unter dem Einfluß der Mutter; Adelheid und Gabriele wurden damals von Gottlieb Schick gemalt, und wer dieses Bild jemals in Tegel gesehen hat, wird von der Lieblichkeit der Kinder entzückt gewesen sein. 1810 wurde Humboldt als Gesandter nach Wien versetzt, wo Theodor Körner seinen ersten kleinen dramatischen Versuch für die Kinder schrieb (vgl. den Brief von Ende Juni 1812, der wie die folgenden Briefe dem bei Mittler \& Sohn in Berlin erschienenen Lebensbilde der Gabriele von Bülow entnommen ist). Im übrigen waren die Wiener Jahre auch jene Zeit, da die ganz italienisch erzogenen Mädchen unter dem Einfluß der Befreiungskriege kerndeutsch fühlen lernten. Die Briefe der Frau von Humboldt an ihren Gatten im Hauptquartier sind ein Beweis für den richtigen Blick, mit dem sie die Bedeutung der Gegenwart erkannte. Während Wilhelm noch dem Pariser Kongreß beiwohnte, reiste seine Gattin mit den Kindern zuerst nach der Schweiz, wo sie u. a. auch Frau von Staël in Coppet besuchte, und sodann nach Berlin. Hier bezog man eine Wohnung Unter den Linden. 1815 kehrte mit dem Prinzen Wilhelm dessen Adjutant, Herr von Hedemann, wieder heim, ein Freund der Mädchen aus ihren Kindertagen und warb um die Hand der kaum fünfzehnjährigen Adelheid. Ein Jahr später wurde Gabriele in der Dreifaltigkeitskirche durch Schleiermacher eingesegnet. Bevor man nach Frankfurt aufbrach, wo Humboldt noch im Bundestage saß, war es Gabriele vergönnt, dem in Carlsbad eintreffenden Blücher ein Bukett zu überreichen. Den alten Haudegen erfreute die Gabe des hübschen Mädchens so, daß er drohte, »die Kleene zu entführen; meine Frau ist so alleene, da gab es doch was Niedliches im Hause – die schwarzen Oogen muß sie aber helle waschen, das ist Tagsbefehl« ... Humboldts Sekretär in Frankfurt war ein junger Mecklenburger, Heinrich von Bülow (geboren 1791), ein eminent tüchtiger, herzensbraver, etwas nüchterner und gern reservierter Mann. Er war ein Sohn des Oberhofmarschalls von Bülow und hatte eine ziemlich freudlose Kindheit verlebt. Nach absolviertem Studium auf der Jenenser Universität und in Heidelberg ging er nach Genf, trat dann in die Armee ein und nach dem Friedensschluß in preußische Dienste über. Als er in Frankfurt Gabriele kennen lernte, erwachte sofort eine herzliche Neigung für sie in seinem Herzen. Aber an eine Vereinigung war vorläufig noch nicht zu denken. Die zarte Gesundheit der Mutter machte eine neuerliche Reise nach dem Süden notwendig, während Bülow als Gesandtschaftssekretär mit Humboldt nach London ging. Erst als er zum vortragenden Rat im Ministerium des Innern ernannt wurde und somit sein ferneres Bleiben in Berlin gesichert erschien, stand der Heirat nichts mehr im Wege. Sie fand am 10. Januar 1821 durch Schleiermacher statt. Nunmehr begann ein heiter geselliges Leben, das nur durch gelegentliche Reisen nach Schwerin und kurzem Erholungsaufenthalt in Tegel unterbrochen wurde. Am 7. Januar 1822 wurde das Glück des jungen Paares durch die Geburt einer Tochter gekrönt, die den Vornamen ihrer Mutter erhielt; zwei andere Töchter, Adelheid und Caroline, folgten in den Jahren 1823 und 1826. Um diese Zeit wurde Bülow in Abwesenheit des Grafen Bernstorff die Führung der politischen Abteilung im Ministerium übertragen. Ein Jahr später erfolgte seine Ernennung zum Gesandten in London. Gabriele begleitete ihn etwas verzagten Herzens. Ihrem bescheidenen Sinn war die Aussicht, repräsentieren und in einer ihr fremden Gesellschaft eine große Rolle spielen zu müssen, förmlich erschreckend. Dennoch lebte sie sich in London schnell ein und wurde bald auch in Windsor ein gern gesehener Gast. Schwer traf sie die Nachricht vom Tode ihrer Mutter. Gabriele war im Jahre vorher in Deutschland gewesen, wohin sie auch 1833 wieder reiste, während die Pflicht ihren Gatten in England zurückhielt. Er konnte nur einen kurzen Urlaub nehmen, den er bei Frau und Kindern – dem Dreiblatt waren inzwischen noch zwei weitere Mädchen gefolgt – in Tegel verbrachte. 1835 schied Gabrieles Vater aus dem Leben und wurde am Palmsonntag zu Grabe getragen. Das letzte Jahr in London brachte Gabriele die Geburt des ersehnten Sohnes; aber das Glück währte nicht lange: das Kind starb schon wenige Monate später. Damals bereits trug Bülow sich infolge Überarbeitung mit dem Gedanken, seinen Abschied aus dem Staatsdienste zu nehmen. Nur die Hoffnung, als Bundestagsgesandter in Frankfurt größere Ruhe zu finden als in der auch gesellschaftlich aufreibenden Tätigkeit Londons, ließ seinen Plan noch verschieben. Aber der Frankfurter Sinekure hatte er sich nicht lange zu erfreuen: 1842 wurde er als Minister des Auswärtigen nach Berlin berufen, und nun nahm sein nervöses Leiden rapid zu. Er konnte sich noch des jungen Glücks seiner Tochter Gabriele erfreuen, die sich mit dem Leutnant Leopold von Loën verheiratet hatte – dann kam der Zusammenbruch. Als er bei Gelegenheit des Besuchs der Königin Viktoria nach Stolzenfels Ende Juli 1845 eingeladen wurde, ereilte ihn ein Schlaganfall. Eine traurige Zeit folgte für Gabriele. Im Laufe des Januars 1846 wiederholten sich die Schlaganfälle bei ihrem Manne, so daß der am 6. Februar erfolgende Tod als eine Erlösung angesehen werden mußte. Die Witwe siedelte nach Potsdam über, wo die Geburt einer Enkelin ihr neuen Sonnenschein brachte. Den Prinzen Wilhelm empfing sie nach seiner Flucht in den Märztagen Achtundvierzig mit Blumen und Illumination, mit der Prinzeß verband sie innige Freundschaft. Aufenthalt in Tegel, kleinere Reisen, ein Ausflug nach der Schweiz und ein Winteraufenthalt in dem geliebten Rom unterbrachen die Ruhe der Potsdamer Jahre. Aber als sie aus Rom zurückkehrte, fand sie ihre geliebte Tochter Gabriele im Sarge vor. Zwei Jahre später konnte sie ihre Konstanze mit dem Hauptmann von Heinz verloben. Der Lebensabend Gabrielens wurde durch mancherlei Familienleid verdüstert; doch auch frohe Tage folgten: Hochzeiten und Kindtaufen und die glückliche Heimkehr von Sohn und Enkel aus dem Feldzuge von 1870. Eine große Ehrung brachte ihr noch die Enthüllung der beiden Humboldtstandbilder vor der damaligen Universität im Jahre 1883. Sie wohnte der Feier bei, und der alte Kaiser, der zu Fuß aus dem Palais herübergekommen war, beglückwünschte sie in herzlicher Weise. Der Sommer 1886 war der letzte, den sie in Tegel verlebte. Am 16. April 1887 hauchte sie ihre edle Seele aus. Briefe von Gabriele von Bülow. An ihren Vater. Wien, Ende Juni 1812. Lieber Vater! Montag haben wir Deinen Geburtstag freudig gefeiert. Nämlich Adel und ich haben eine kleine Komödie In Wien verkehrte Theodor Körner viel im Humboldtschen Hause. Er ist auch der Verfasser der erwähnten kleinen Gelegenheitskomödie, die in den Werken keine Aufnahme fand, aber in »Gabriele von Bülow. Ein Lebensbild« (Berlin, Mittler \& Sohn) vollständig abgedruckt worden ist. gespielt, von Körner gemacht. Adelheid war die Donaunymphe und ich die Tibernymphe. Die Donaunymphe singt ein kleines Liedchen mit der Gitarre, dann sagt sie einen Monolog, und dann komme ich von Italien und bedauere, daß Du nicht mehr da bist, und wir winden einen Kranz für Dich.   An August von Hedemann. Herr von Hedemann, damals Adjutant des Prinzen Wilhelm, war am 24. April 1815 mit Adelheid von Humboldt, der Schwester Gabrielens, getraut worden, die am 17. Mai d. J. erst ihren fünfzehnten Geburtstag feierte. Am 30. Mai mußte Hedemann seinen Prinzen nach Paris in das Hauptquartier begleiten. Dorthin ist Gabrielens Brief gerichtet. Berlin, den 5. August 1815. Schon wieder, mein liebster bester August, schreibe ich Dir, doch glaube ja nicht, daß ich es darum thäte, um eine Antwort von Dir zu erhalten, denn ich weiß ja, daß Du so sehr viel Geschäfte hast und jeden freien Augenblick, den Du hast, dazu anwendest, um Deiner lieben guten Frau zu schreiben, was ich auch sehr natürlich finde, denn es muß Dir ja selbst eine große Freude und ein wahres Bedürfnis sein. Deine liebe Frau befindet sich so ziemlich. Es ist wirklich rührend, mit welchem frommen Sinn und Selbstüberwindung sie ihr hartes Schicksal, von Dir getrennt zu sein, trägt, und daß sie sich unaussprechlich nach Dir sehnt, kann sie gar nicht verbergen, denn selbst ihre Züge tragen das Zeichen der Sehnsucht. Sehr oft finde ich sie auch weinend. Ach, und wie es scheint, so sieht es doch sehr aus, als wenn der Krieg noch nicht beendet wäre. Das ist nun schrecklich, daß noch so viel Blut fließen muß, ehe wir einen langen und dauerhaften Frieden erlangen. Wenn ich bedenke, daß, wie doch die größte Wahrscheinlichkeit dazu da ist, der Vater als Gesandter nach Paris kommen könnte, so wird mir, ich weiß nicht wie; es wäre doch wirklich schrecklich, unter diesem Volke zu leben, was uns so viel Schmerzen und Leiden verursacht hat. Doch ich könnte es wirklich wünschen, daß der Vater hinkäme, wenn nur dadurch der Frieden erlangt würde, ach, das wäre ja wohl das kleinste Opfer, was man bringen könnte! ...   An Bülow. Die Verlobung mit Heinrich von Bülow hatte am 30. Oktober 1816 stattgefunden. Auf der Reise nach Rom, Frühling 1817. ... Der Himmel weiß es, daß es Augenblicke gibt, in denen mein Herz vergehen möchte in Sehnsucht und in Schmerz, besonders wenn ich so die Adel ansehe, die im Besitz ihres August so glücklich ist – es ist wahrhaftig nicht Neid, der sich in mir regt, und Gott weiß es, daß ich das Glück der lieben Adel von Herzen gönne, aber ich kann es dann nicht lassen zu seufzen, und ein schmerzliches Gefühl ergreift mich bei dem Gedanken, daß ich auch so selig und glücklich sein könnte, wenn es das harte Schicksal vergönnte. Doch es wird ja endlich auch für uns die Zeit kommen, wo wir einander ganz angehören werden, und dann soll mich nichts mehr von Dir, geliebtes Leben, trennen. Bis dahin wollen wir ausharren und den Muth und den Glauben nicht verlieren. Wie unendlich gütig hat mir der liebe Vater wieder geschrieben, wie ist er es auch zu Dir. O mein Heinrich, wie glücklich sind wir doch, solche lieben, herrlichen Eltern zu haben, die so voller Güte und Liebe gegen uns sind; gewiß, ihr Segen wird uns einstens recht, recht glücklich machen, davon trage ich die feste Überzeugung im Herzen. Und so Gott uns das Leben erhält, soll es stets gemeinsam unser größtes Bestreben sein, den lieben Eltern unsere tiefe Erkenntlichkeit für all ihr grenzenlose Güte und Liebe gegen uns zu erkennen zu geben, ihnen dafür zu danken, so viel als es in unseren Kräften steht. Ganz ihnen wieder zu vergelten, was sie uns gaben, ist nicht möglich, das fühle ich nur zu gut ... * * * Rom, den 3. Juni 1817. Tausend, tausend Dank, mein theurer, lieber Heinrich, für Deine lieben Briefe, die ich gestern erhielt. Wie gern hätte ich Dir gleich geantwortet und auch schon früher geschrieben, aber ich habe wirklich nicht gekonnt. Den ersten Tag hier waren wir vor- und nachmittags aus, den Abend, wenn ich mich gern hinsetzte, um Dir zu schreiben, muß ich zu Bett, da ich in einer Stube mit Caroline Älteste Schwester Gabrielens. wohne, die ich nicht stören mag. Heute bin ich ganz leise früher aufgestanden, um endlich einen ruhigen Augenblick zu finden und Dir zu wiederholen, wie unbeschreiblich ich mich über Deine Briefe gefreut habe, besonders da ich beinahe alle Hoffnung aufgegeben hatte. Ach, mir war Trost nöthig, denn diese Tage waren recht traurig, obgleich ich dem Äußeren nach froh erscheinen mußte, ohne Nachrichten von Dir, mein geliebter Heinrich, und sehend, wie entzückt die Meinigen über Alles waren, was mich für sie zwar freute, da ich es ihnen herzlich gönne, aber was mich doch auch mit traurigen Bildern erfüllte, ich brauche Dir das Warum nicht zu sagen ... ... Ach, wie Vieles hat sich, seit ich Italien verließ, verändert, wie viel ist in meinem Leben in dieser Zeit vorgegangen und wie hat sich mir das höchste Glück des Lebens aufgeschlossen! Ja gewiß, das höchste Glück des Lebens, denn es kann kein größeres geben als das, von einem Wesen geliebt zu sein, das man anbetet und das Einem über Alles geht, und daß ich dieses Glück erhalten, und ach, in so vollem und reichem Maß erhalten, dafür kann ich meinem Schöpfer nie genug danken und nur immer mit allen meinen Kräften dahin streben, dieses unendlichen Glückes würdig zu werden. So mancher Mensch muß aus dem Leben scheiden, ohne es empfunden zu haben, welch ein Glück die wahre tiefe Liebe ist; mir ist es in so früher Jugend schon geworden und ich möchte in die Kniee sinken und danken, ewig danken. Es schlägt jetzt acht, und ich muß jetzt also leider abbrechen, um mich anzuziehen, denn nachher gehen wir aus. Dieses ewige Ausgehen ist mir schrecklich, auch hoffe ich, daß es in einigen Tagen anders werden soll und wir doch wenigstens einige Stunden ruhig zu Hause bleiben werden, was mir ordentlich nothwendig ist. Adieu denn, mein Seelchen! den ersten ruhigen Augenblick wende ich an, um weiter zu schreiben ... Tegel, Der Brief ist nach London gerichtet, wo Bülow der preußischen Gesandtschaft als Legationsrat zuerteilt war. den 17. Oktober 1819. Es ist so still und ruhig rings um mich her, daß ich meinem innigen Verlangen, Dir, mein lieber, lieber Heinrich, zu schreiben, unmöglich nicht folgen kann. Ich habe einen wunderhübschen Tag hier verlebt mit der lieben Adel und dem guten August. Wir sind den ganzen Tag in Bewegung gewesen. Um acht sind wir von Berlin weggefahren, gleich nach der Ankunft hier machten wir einen großen Spaziergang im Park und an den See, den übrigen Morgen brachte Adel mit Wirthschaftsangelegenheiten zu, ich konnte nicht viel dabei helfen und wanderte noch allein im Park; hättest Du mit mir diese friedliche Stille theilen können! Die Feierlichkeit mit dem Erntekranz, die dann war, hat mich ordentlich gerührt. Die Leute kamen wie eine Prozession unter Spiel und Sang, vor dem Hause hielten sie still, wo wir dann auf der Treppe standen und Adelheid den Kranz, den ihr ein Mädchen mit einer Rede überreichte, würdevoll in Empfang nahm. Dann wurden viele Lebehochs ausgebracht, und dann tanzte man auf dem Hofe, was nun freilich nicht sehr schön auf dem Pflaster und mit Kavaliers wie der Gärtner und Milchmann ging, doch war Alles so gut gemeint, und es ist der freudigste Tag im Jahre für die armen, braven Menschen. Sie tanzen nun seit zwei Uhr und werden noch die Nacht durch tanzen. Morgen ist noch ein Festtag wegen der Schlacht von Leipzig, sie werden aber wohl etwas matt sein. – Trotzdem es sehr herbstlich schon ist, bliebe ich sehr gern noch einige Tage in dieser himmlischen Ruhe und Einsamkeit, die gerade zu dieser Jahreszeit, die ich mit all ihrer Wehmuth sehr liebe, sich eignet. Tegel ist zu hübsch, so unendlich heimlich und still...   An Adelheid von Hebemann. Berlin, den 12. Februar 1827. Meine theure, geliebte Adelheid! Dieser Brief bringt Dir eine Nachricht, die Du gewiß nicht erwartest, und die Dir mitzutheilen mir unendlich schwer wird, da ich weiß, daß sie Dich betrüben wird, so wie sie mich auf das Schmerzlichste bewegt. Es ist nämlich so gut als gewiß, daß Bülow zum Gesandten in London ernannt werden wird bei Gelegenheit der Veränderungen, die durch Hatzfelds Tod veranlaßt werden. Ach, meine Adelheid, nun weißt Du, ob ich Grund zu trauern habe. Du weißt es, wie ich immer vor einem Gesandtschaftsposten gezittert habe, wie ganz entgegen ein solcher meinem Geschmack und ganzen Wesen ist, wie ich für meine Person nie eine andere Stellung gewünscht, ja von jeher und für zeitlebens mit einer weit kleineren ganz zufrieden gewesen wäre, hätte sich das vereinigen lassen mit sonstigen Verhältnissen und Bülows Wünschen, die nur durch einen seinem regen und thätigen Sinn angemessenen Wirkungskreis befriedigt werden können. Mir erscheinen aber auch die Geschäfte eines Gesandten, außer in ganz außerordentlichen Fällen, so wenig wünschenswerth. Doch mag ich das nicht verstehen, und in mancher Einsicht muß ich mich über dieses Ereigniß freuen, es ist ein großer Schritt, mir aber ein zu großer. Die Auszeichnung, die Bülow dadurch wird, erkenne ich dankbar – aber das Alles hebt mich nicht über meinen Schmerz hinweg und über das Gefühl, wie ich so gar nicht in solche Lage passe. Ach, und dann die Trennung von Euch Allen, an denen mein Herz mehr hängt, als Ihr es vielleicht wißt, als ich es wenigstens äußern kann. Das jährliche Wiedersehen ist dann doch unmöglich, ach, und ich entbehre Dich, Geliebte, jetzt schon so unaussprechlich, und die Trennung von den Eltern, Carolinen, der Mutter – gerade in den nächsten Jahren – ach! Du, geliebte Adelheid, kannst meinen Schmerz ermessen, und ich weiß, daß Du ihn theilst. Aber sage mir es dennoch bald, ich bitte Dich. Die liebe Mutter ist wie immer unaussprechlich liebend und entsagend, aber freilich auch betrübt, so auch Caroline. Des Vaters Theilnahme und Güte kennst Du, sowie sein stetes Interesse, das er für Bülow hat, der ihm auch so viel verdankt. Bülow und der Vater versichern mich, daß ich, was Gesellschaft, Repräsentation und dergleichen betrifft, an keinem anderen Orte so ungeniert und angenehm sein könnte, aber gegen meine jetzige himmlische Freiheit und Ruhe wird es doch ein gewaltiger Unterschied sein. So angenehm, als ich bisher gelebt, werde ich's wohl nicht wieder. Ach, theure Adel, mir ist das Herz schwer, recht schwer ...   An ihre Mutter. London, den 20. Juli 1828. Meine theure, liebe Mutter! Hier sitze ich schon seit einer langen Weile, die Feder in der Hand, ohne mich entschließen zu können, sie zu gebrauchen, um Dir zu schreiben, Dir, mit der ich noch vorgestern hier zusammen war und von der mich nun schon das Meer trennt. O, es ist mir dies wie ein Traum, ein schwerer, trüber Traum. – Besonders gestern Morgen beim Erwachen, als ich mein Herz so unendlich schwer fühlte, war es mir, als hätten mich Träume geängstigt, ach, aber nur zu bald ergriff mich die Überzeugung der schmerzlichen Wirklichkeit, und mit Thränen begann ich den Tag, wie ich den vergangenen geendigt hatte. Von den Empfindungen, mit denen ich den Abend das öde Haus wieder betrat und die Stube, wo mich sonst beim Nachhausekommen Eure freundlichen und liebevollen Begrüßungen empfingen und wo nun Alles so stumm und todt blieb, davon laßt mich schweigen. – Ich eilte zu den Kindern, deren sorgloser tiefer Schlaf mich wieder auf das Tiefste ergriff, auch sie hatten so viel verloren und ahnten es nicht! Die Kinder erhöhen überhaupt meinen Schmerz über unsere Trennung, geliebte Mutter, denn durch die Liebe, die ich für sie hege, weiß ich es zu ermessen, wie Du mich und sie liebst, und was Du leidest durch diese schwere Trennung, und meine Freude an ihnen ist nun mit der tiefsten Wehmuth gemischt, da Du sie nicht mehr mit mir theilst. Wüßte ich nur erst, wie es Dir und Euch allen geht und besonders wie es Euch auf dem Schiff ergangen ist, wo ich Euch mit so schwerem Herzen verließ. Es ist mir aber ein großer Trost, Euch noch dorthin begleitet zu haben, so sehr auch das Schmerzliche des Abschieds durch die Umstände erhöht wurde, denn Dich in solcher Gemüthsbewegung dort zu verlassen, war wirklich höchst schmerzlich für mich. Es wurde mir ordentlich schwer, so sehr ich selbst der Ruhe bedurfte, diese in meinem Bett zu suchen, ich hätte so unendlich viel darum gegeben, Dir gleiche Ruhe verschaffen zu können, Du liebe, gute Mutter, die Du Dich so vielem Ungemach, so vielen Anstrengungen für mich ausgesetzt hast. O, meine geliebten Eltern, könnte ich es Euch nur so recht ausdrücken, wie innig dankbar ich Euch für Eure liebevolle Begleitung bin und für all Eure unendliche Liebe und Güte. Ihr habt wirklich nicht allein meinen ersten Eintritt hier außerordentlich erleichtert, sondern überhaupt mir für meinen ganzen hiesigen Aufenthalt eine bleibende Freude bereitet durch die lieben, wenn auch sehr wehmütigen Erinnerungen, die mich nun überall hier umgeben. Ich wollte Dir schon gestern schreiben, liebe, gute Mutter, aber ich vermochte es nicht, ich konnte durchaus nichts thun, ein Spaziergang mit Bülow und den Kindern in Kensington-Garden that mir sehr wohl. Heute ist ein solcher unmöglich, es ist ein so trostloses Wetter, wie wir es fast noch nicht hier gehabt haben. Die Kinder irren auch unglücklich im Hause umher, und es wäre gar nicht auszuhalten, wenn der liebe Bülow uns nicht viel von seiner Sonntagszeit schenkte, wie er überhaupt das Mögliche thut, mich zu erheitern und zu trösten. Hier wurde ich durch den Empfang des Briefes des lieben Vaters unterbrochen, für den ich Dich, liebste Mutter, bitte, ihm meinen innigsten Dank zu sagen. Ich habe ihn mit den wechselndsten Empfindungen gelesen und bin tief davon bewegt ... Nun lebe wohl, liebe, gute Mutter, ach! wie schwer wird mir das Lebewohl selbst auf dem Papier! Von Bülow und den Kindern tausend Grüße an Euch Alle, Carolinen und den Vater umarme ich so wie Dich mit der innigsten Liebe. Gott sei mit Euch und mit Eurer Gabriele.   An ihre Schwester Caroline. Broadstairs bei Ramsgate, den 15. September 1828. Ich sage Dir, meine geliebte Caroline, herzlichen Dank für Deinen lieben Brief; daß ich dies nicht aus London, sondern vom Meeresgestade aus thun würde, hätte ich bei seinem Empfange nicht gedacht. Unsere Reisepläne sind denn wirklich in Ausführung gekommen und seit Donnerstag sind mir hier in der himmlischen Einsamkeit und Ruhe. Unsere einzige Gesellschaft ist das Meer, aber das ist eine für mich so neue und anziehende, daß sie wirklich allein Schuld ist, daß ich diesen Brief nicht schon früher angefangen Hab. Ohne Spaß – ich kann wirklich stundenlang dem Spiel der Wellen zusehen und oft nur mit Gewalt mich davon losreißen. Es läßt sich so viel, so schön dabei träumen und sinnen – ach, oft sind meine Gedanken unbeschreiblich wehmüthig bei dem Anblick des unendlichen Meeres, das mich von Euch trennt, und doch ist mir wieder oft, als wäre ich hier nicht so von Euch getrennt wie in London in den beengten Räumen. Wie hier nichts den Blick beengt, so auch nichts die Gedanken, – dazu nun unsere schöne Einsamkeit, kurz, Alles trägt dazu bei, mir den hiesigen Aufenthalt unendlich angenehm zu machen. Eigentlich habe ich noch nie so einsam und ungestört mit Bülow gelebt seit unserer Heirath, denn in Tegel waren wir doch nie so ununterbrochen zusammen und so allein, wie es hier zu meiner größten Freude der Fall ist, und ich wünschte nichts mehr, als daß wir die ganze Zeit unseres Aufenthaltes wie diese ersten Tage zubringen möchten. Bis jetzt haben wir gar keine Bekanntschaften gemacht und gehen jeder Möglichkeit aus dem Wege. Bülow läßt sich die Zeitungen aus London kommen. Graf Dönhoff Legationssekretär, der spätere Minister des Auswärtigen. hält ihn au courant des sonst Vorfallenden, und so braucht er von hier nichts zu erfahren. Broadstairs ist ein sehr kleiner Ort, um die Mittagsstunde ist es indessen ganz belebt auf den Spaziergängen, auf der Höhe des Felsens und an seinem Fuß am Strande. Indessen ist es weniger die elegante Welt, die sich hier unten ergeht, als wie die Kinderwelt, und es ist, als zählten wir uns zu dieser, denn auch wir wählen diesen Gang am liebsten, besonders gegen Abend, wenn die Ebbe es erlaubt, immer eine Felsenecke nach der andern zu umgehen und in die stillen Buchten zu gelangen, die, von den hohen Kreidefelsen umgeben, vom Meer so glatt und rein gespült, mir eleganter als die glänzendsten Salons der Stadt vorkommen. Dem Geräusch der Wellen höre ich auch viel lieber als manchem Gespräch dort zu und verlasse stets ungern diese Plätze, denen nichts fehlt als eine Möglichkeit, sich ganz häuslich darin niederzulassen. Wollte man dies versuchen, so könnte es Einem wohl begegnen, daß man von dem bei der Fluth zurückkehrenden Meere einen etwas stürmischen Besuch erhielte. Die Kinder sind hier ganz überglücklich und versichern, sie möchten nie wieder nach London zurück. Während der Ebbe suchen sie Muscheln und ziehen dies Vergnügen bei Weitem den Spaziergängen oder Fahrten mit uns vor. Das Englische kommt nun aber mit Gewalt bei ihnen, und die beiden Ältesten wollen sogar mit uns englisch sprechen. Ich spreche aber immer deutsch mit ihnen, und Linchen versteht mich doch, wenn sie auch englisch antwortet. » I am very fond of you « ist jetzt ein Hauptsatz von ihr. Die Kinder essen hier wie in London um zwei Uhr, wir nehmen da auch unser Luncheon und machen dann weitere Spaziergänge oder Fahrten. Ich habe in Vorschlag gebracht, um zwei zu essen nach lieber Tegeler Sitte, allein noch hat sich Bülow nicht zu dieser Empörung gegen alle englische Sitte verstehen wollen, und es hat ja auch Manches für sich, es bei der späten Zeit zu lassen, das gebe ich zu. Aufstehen thun wir aber viel früher als in London, und die Kinder sind abends um sieben schon so müde, daß sie selbst nach Ruhe verlangen, wir suchen diese auch früher als in London, indessen doch nicht vor elf Uhr, und sind immer überrascht, wenn es schon so spät ist; so schnell vergehen uns die stillen Abendstunden bei angenehmer Lektüre. Unser Häuschen ist klein, aber niedlich und zierlich wie ein Putzkästchen. Wir fanden es durch die vorausgeschickten Leute schon ganz in Ordnung gebracht, und es hat meinen vollsten Beifall. Ein Garten ist zwar nicht beim Hause, allein da dieses ganz am Ende des Quais liegt, so ist man mit wenigen Schritten aus dem Bereich der Häuser und kann einsame Wege gehen. Der Gegend fehlen Bäume, und sie ist zu kahl, um schön genannt zu werden, allein das Meer macht Alles wieder gut. Bleibt man demselben nur nahe längs der hohen schroffen Felsenufer, so ist das doch der grandioseste Anblick, für den man schon manche andere Schönheit entbehren kann. – Wo mögt Ihr, meine Geliebten, nur jetzt sein? Wie viel habe ich am 13. unseres vorjährigen Wiedersehens gedacht! – Wann, ach, wann werden wir uns wohl wieder in dem lieben Tegel versammeln? – Wie schmerzlich Euch das Zurückkehren dorthin und nach Berlin sein muß, ach, liebe, gute Schwester, das fühle ich ganz, ganz mit Euch. Wahrlich, ich entbehre noch viel mehr als Ihr, darum gebt mir den möglichsten Trost, daß es mir nicht zu schwer werde; besonders von Dir, meine gute Caroline, erwarte ich ihn darin, daß Du mir versprichst, das Dir Mögliche zu thun, um das schon so schmerzliche dieser Trennung der lieben Mutter nicht noch zu erhöhen durch Deine zu große Betrübniß. Der Gedanke, daß Du nun von uns Allen allein so glücklich bist, um die geliebte Mutter zu sein, muß ja Deinem liebevollen Herzen den süßesten Trost und die innigste Ergebung in Gottes Willen verleihen.   An Adelheid. (London), Februar 1830. Wir leben jetzt hier leider schon in Saus und Braus, vorgestern Soiree bei der Ducheß of Conizzaro, gestern Diner bei uns und Soiree bei Esterhazys, morgen desgleichen bei Lievens, vorher Kinderball bei Münsters. Und einmal muß ich doch auch der Einladung der alten Lady Salisbury folgen, und das Alles ist nur ein Vorschmack der Season, es heißt, wir würden acht Drawingrooms und vier Hofbälle haben, das ist wirklich ruinös. Auf die meisten muß ich doch und kann doch nicht immer aussehen, als hätte ich im Keller gesessen. Mein Pariser silberner Anzug ist zum Glück noch ganz neu und trotz des Londoner Kohlenstaubes ganz vortrefflich erhalten und wirklich außerordentlich schön. Mein Berliner Goldkleid ist aber ganz unbrauchbar. Die rothe Sammetrobe wird dagegen noch sehr gute Dienste leisten. Du glaubst nicht, wie unangenehm und langweilig mir alle diese Toiletteangelegenheiten sind. Den Verkehr mit X.'s habe ich übrigens einschlafen lassen. Des lieben Vaters Wort: »Lieber gleich zu Anfang grob, denn einmal wird man's doch«, ist ein sehr beherzigenswertes in dergleichen Fällen. Die guten X.'s haben die Diner- und Soiree-Wuth und reißen Einen zu allen Jahreszeiten aus der schönen abendlichen Ruhe. Wozu? Um sich um den Ecarte-Tisch zu versammeln, was für mich schrecklich langweilig ist, da ich ja keine Karte kenne. Um sich solcher Seccatura preiszugeben, dazu ist das Leben zu kurz, und so beschränkt sich denn unser Umgang auf eine Visite des Jahres, die sie mir macht, wenn sie vom Lande wiederkommt, und die ich erwidere, die folgenden aber nicht. Begegnen wir uns irgendwo, so sind wir sehr freundlich zusammen. Bülow war zwei Tage in Claremont beim Prinzen Leopold. Er hat die Zeit her mehr als je zu tun gehabt, fast täglich Konferenzen, die gleich so von zwei bis neun oder zehn Uhr dauern. Neulich habe ich wirklich bis halb zehn mit dem Diner auf ihn gewartet. Es scheint aber wenigstens, daß die Anstrengungen nicht umsonst sind und der Frieden erhalten bleibt ...   An Bülow. Berlin, den 15. September 1833. Hier, hier bin ich, dem Himmel sei Lob und Dank, und Dir, innigst Geliebter, muß ich dies heute noch sagen, – ich bin so aufgeregt, so bewegt, daß ich ja doch nicht schlafen könnte, und es wird mir wohlthun, mich gegen dich auszusprechen. Ach! auszu sprechen, wäre das möglich, wie glücklich würde ich sein! Doch, denke Dir, ich bin seit heute Mittag halb zwei Uhr hier und habe den lieben Vater und Caroline noch nicht gesehen. Durch die Verspätung der Manöver wegen des Kaisers ist heute erst die Einquartierung nach Tegel gekommen. Diese Nachricht erhielt ich noch in Ludwigslust durch einen Brief vom Vater, der mir aber zugleich schrieb, daß er sein hiesiges Quartier für mich zurecht machen lassen würde. Er selbst würde mich jedoch nicht darin empfangen können, aber Adelheid. In Friesack fand ich einige Zeilen von ihr. Wir kamen überraschend schnell nach Charlottenburg, und von da waren die Kinder in steter Bewegung, um das Brandenburger Tor zu sehen, was sie denn auch bald entdeckten und sich sehr daran erfreuten, wie überhaupt der ganzen Einfahrt. Von der Ecke der Friedrichstraße an ließ ich blasen, was die harrende Adelheid auch bald hörte. Sie empfing mich an ihrer Tür- oder vielmehr Treppenschwelle, und wie ich mit allen Kindern aus dem Wagen gekommen bin, weiß ich noch nicht, denn mir versagten beinahe die Füße. Du weißt, mir fährt die Seelenmotion gleich dahin. Wir waren in einer Art Betäubung, wie wir uns endlich in den Armen lagen. Sie ist ganz die alte, liebe, himmlisch gute, man könnte wirklich sagen, zu gute Adelheid! – Ach! da tutet der Nachtwächter eben zwölf, und ich muß meine Erzählung unterbrechen, um Dir, Geliebtester, zu Deinem Geburtstage Glück zu wünschen. Mir fehlt es an Worten, Dir zu sagen, welche Empfindungen mich bewegen, aber Du wirst mich, hoffe ich, auch ohne solche verstehen. Die Feier Deines lieben Geburtstages wird morgen oder vielmehr heute, der Tag hat ja begonnen, uns Alle noch wehmüthiger bewegen. Der liebe Vater kommt um halb neun spätestens, um ein paar Stunden hier zu bleiben. Zu Mittag aber muß er zu seinen Gästen zurück, die bis Dienstag bleiben, so daß ich nicht vor nachmittags hinaus kann. Allein es ist dies, da das Hinderniß einmal war, vielleicht besser so, daß ich, wie der liebe Vater sich ausdrückt, »erst den Sturm vorüberziehen lasse«. Unser Wiedersehen wird weniger feierlich, möchte ich sagen, aber darum gewiß nicht weniger ergreifend sein. – Die Beschreibungen, die mir Adelheid von dem lieben Vater macht, erschüttern mich sehr. In Spandau fand ich seinen Gärtner mit einigen sehr rührenden eigenhändigen Zeilen, die ich Dir schicken werde. Ich wohne hier sehr gut, und die schönen Bilder lassen es mir so festlich erscheinen. Wie sie mich aber rühren, wie jedes Möbel, ich möchte sagen, tausend Erinnerungen in mir erweckt, kann ich nicht beschreiben. So sitze ich jetzt an dem großen runden Tisch, der sonst für uns Alle der Versammlungsplatz war, es ist mir, als blickte vom Sofa die liebe, liebe Mutter mich an, als müßte ich aus einem Traum erwachen, nicht erst einen suchen. Doch es ist so spät, Du schicktest mich gewiß zur Ruhe. Gute, gute Nacht! Seit der Abreise nach Karlsbad anno 16 habe ich nicht unter diesem Dache geschlafen, – dazwischen liegt mein eigentlichstes Leben, und ich muß Dir noch sagen, wie glücklich es durch Dich gewesen. Ich möchte Dir danken für all Deine Liebe und Güte, und zusammen wollen wir unseren Dank zum Himmel richten für all den reichen Segen, den er uns geschenkt und den er uns erhalten wolle. Ist Dir dies nicht auch der liebste Geburtstagswunsch, Geliebter? Ihm füge ich nur noch den baldiger Wiedervereinigung hinzu, denn ich muß Dir nun wirklich zum letzten Mal gute Nacht sagen. Meine Augen sind nicht von Schlaf, aber von Thränen schwer, – solche Thränen thun aber wohl in meiner Stimmung. Gottes Segen mit uns! – * * * Berlin, den 1. März 1837. Ich schrieb Dir schon vor acht Tagen, geliebtes Herz, daß Du mich durch Deinen lieben langen Brief unaussprechlich beglückt habest, was soll ich Dir nur vollends über Nr. 10 sagen, über all das Liebe, Süße, Feurige, – o, ich weiß nicht Worte zu finden, die ganz beschreiben, was jene Zeilen Alles enthalten, und was ich dabei empfinde. Ich kann Dir nur danken, innig und herzlich dafür danken, Du lieber, unaussprechlich guter, aber zugleich muß ich Dich inständigst bitten, dem Gefühl zu folgen, das Dir sagt, Dich nicht so ganz, so unbeschränkt Deiner Sehnsucht hinzugeben und jetzt doch unerfüllbare Wünsche nicht so mächtig in Dir aufsteigen zu lassen, denn es kann Dir dies nicht gut sein, in keiner Hinsicht. Ich möchte fast lieber, Du gedächtest meiner zu wenig als auf diese Weise zu sehr; das mag so schriftlich recht kalt klingen, besonders in Erwiderung auf Deine warmen Liebesworte, aber es ist wahrlich nicht Mangel an Liebe, der mich dies schreiben läßt, nein, es ist wahre, tiefe Liebe, innige Sorge für Dein Wohl, das mir so ganz am Herzen liegt, daß mir nichts darüber geht. Ach, Geliebter, erhöhe nicht die Sorgen, die unsere Trennung mir schon giebt, sie lasten schon schwer auf meinem Herzen! Gedenke meiner in treuer, inniger Liebe, aber mit der Liebe, die Dich so oft so zarte Schonung gegen mich ausüben, die Dich den herbsten Verlust so mild und ergeben tragen ließ. Habe ich diesen höchsten Beweis deiner Liebe schon oft mit tiefster Dankbarkeit empfunden, steht er jetzt eigentlich immer lebhaft vor meiner Seele, so war es mir doch unaussprechlich süß, daß Deine lieben Worte ihn mir wiederum ausdrückten, daß ich durch sie wieder ganz empfand, wie Du mich ganz verstanden in meinem Glück und meinem Schmerz. Aber je mehr mich dies erfreut, je tiefer ergreift mich auch die Wehmuth über unseren Verlust. Wilhelm, das jüngste Söhnchen, war wenige Monate nach seiner Geburt gestorben. Ach, halte sie fest, Geliebter, die Erinnerung an jenen Händedruck, – einen solchen werde ich Dir vielleicht, ja wohl wahrscheinlich nie wieder geben können, aber um daß ich es könnte, gäbe ich viel und litte gern weit mehr als damals. O, mein süßes Söhnchen, – oft erscheint mir sein kurzer Besitz wie eine wunderschöner Traum, und dann ist es doch wieder eine Wohlthat zu empfinden, daß es kein Traum war, daß wir ihn besessen haben, und daß die Wehmut um ihn ein dauernder Besitz ist, ach, ein schmerzlicher, aber doch unaussprechlich theurer, den ich jetzt nicht entbehren möchte. Unsere lieben Töchter, groß und klein, sind, Gott Lob, alle wohl. Ganz eigen rührend war es mir, mit diesem Deinen Brief, der an Liebesgluth nicht hinter denen zurückbleibt, die ich noch aus nun lang verflossenen Zeiten, aus Zeiten gehofften, aber noch nicht ganz besessenen Liebesglückes, kurz, aus jenen bräutlichen Tagen von Deiner Hand besitze, gleichzeitig die Fluth Deiner Briefe an die Kinder zu erhalten. Ich kann es nicht beschreiben, wie mich diese Betrachtung, dieser Vergleich rührte und bewegte, ach, ich kann überhaupt über dies Alles nicht schreiben. Das weiß ich, wir sollten nicht so getrennt sein, liebstes, bestes Herz, und wir müssen auf baldige und dauernde Vereinigung hinarbeiten auf irgend mögliche Weise ... * * * Tegel, den 31. Juli 1838. ... Inzwischen habe ich mich hier wieder einmal eingerichtet und bin nur froh, meinem süßen Kindchen Der am 8. Juni geborene Sohn Bernhard. so nahe zu sein und ihn gut gebettet in dem heimlichen, von Lärm und Zug entlegenen Thurmstübchen zu wissen. Aus diesem Jungen muß wirklich, so Gott will, etwas Besonderes werden, denn so logiert nicht leicht ein Wickelkind. Hier erst in meinem reizenden Thurmzimmer, dann im alten Schlößchen, wo die zwei Grazien-Torsen ihm Thürwache halten, nun im Christen- und Heidenthum zugleich, denn die Grablegung und Filippo Lippi sind jetzt vis-à-vis der Venus von Milo und der kapitolinischen. Draußen bewachen Faun und Amazone seinen Thurm, kurz non piccola cosa ! Ich glaube aber wirklich, daß die heidnischen Gottheiten dieses Hauses ihren Einfluß üben und der Taufe allerhand Schwierigkeiten in den Weg legen, denn es will damit gar nicht weiter mit den Gevattern gehen, und, ach, den Wunsch, ihn durch Hoßbach taufen zu lassen, muß ich aufgeben, denn der kommt nicht vor Ende August zurück, und das ist doch zu lange, – da auf Dich bis dahin ja auch nicht bestimmt zu hoffen ist. Ach, Geliebter, das ist traurig, dürfte ich hoffen, Du könntest Deines späten Kommens wegen um so viel länger im Winter bis zum Frühjahr bleiben, so wollte ich mich eher trösten, aber das hat ja nie geschehen können, also hoffe ich es nicht! Ein Brief vom Onkel Alexander von Humboldt. gestern Abend hat mich vollends bange gemacht. Ich schicke ihn Dir einliegend, denn er interessiert Dich gewiß höchlich. Hebe mir aber ja diesen Brief und den aus Teplitz auf, ich bitte Dich, er schreibt gar zu hübsch über das Heidenkind. Solch einen Onkel hat auch nicht ein Jedes, und ich will dem Jungen alle diese bezüglichen Merkwürdigkeiten aufheben. Es scheint mir bei ihm doppelt nöthig, denn Liebster, wir müssen es doch gestehen, eigentlich ist er ein später kleiner Sprößling, und wenn er ins wirkliche Leben tritt, sind wir schon sehr alt und grau. Apropos, wenn Du endlich kommst, mußt Du allen Leuten etwas mitbringen, sie sind alle ganz vortrefflich während meiner Wochen gewesen ... * * * Tegel, den 23. Oktober 1838. ... Sonnabend also war ich auch in Berlin, ein großer Entschluß! Klein Bernhardchen ließ sich meine Abwesenheit sehr gut gefallen, er schenkt mir überhaupt viel größere Freiheit, als ich sie mir zu nehmen erlaube. Ich fand ihn abends bei der Rückkehr schon längst in dem süßesten Schlaf, und es frappierte mich den ganzen Tag der Gedanke, wie es doch so eigen und eigentlich traurig ist, daß so ein Kindchen so lange unbewußt bleibt der Liebe, der Kräfte des so innigst mit ihm verwebt gewesenen und noch seienden Lebens, – und daß es dessen auch so unbewußt bleiben könnte . Doch wo gerathe ich hin! Je niedlicher er wird, je mehr wächst meine Sehnsucht, daß Du, geliebtes Herz, ihn doch endlich sehen möchtest. Möchte doch die französische Antwort nach Wunsch ausfallen! Wie wird erst die belgische sein, und werden diese guten Leute zufrieden gestellt, was sagt da wieder Holland! Das ist eine bodenlose Sache. Doch lache mich nicht aus, ich gerathe ja sogar mit Dir ins politisieren, das kommt aber davon, daß ich das jetzt mit den Kindern treibe, und deren Behauptung, daß ich ihnen die Konferenz-Geschichte so deutlich auseinandergesetzt hätte, daß sie ganz klar darin sähen, macht mich kühner. Doch Spaß bei Seite – mir ist gar nicht spaßhaft dabei zu Muthe, denn ich traue hier gar nicht so sehr auf die Dir werden sollende Unterstützung, obgleich ich Deinem Motto: »Wer nicht wagt, der nicht gewinnt« sehr beistimme ... * * * Mein theures, geliebtes Herz! Heute, am Geburtstage unserer lieben großen Gabriele, werfe ich alle langweiligen Rechnungen über den Haufen und will mich einmal wieder mit etwas mehr Muße mit Dir unterhalten, Geliebter ... ... Du kannst ganz unbesorgt um meine Gesundheit sein, liebste Seele, und ich kann dem Himmel nicht genug dafür danken, wie frisch und kräftig ich heutigen Tags noch bin, wenn ich bedenke, was seit heute vor siebzehn Jahren mein Körper alles durchgemacht hat. Siebzehn Jahre! (Es schwindelt einem wirklich dabei, und daß eine Tochter von diesem Alter Einem zur Seite steht und man sich doch eigentlich fast ebenso jung als damals fühlt, in geistiger Hinsicht wenigstens kann ich mich nicht anders empfinden, und in anderer hatte ich bis jetzt noch an keiner von Lellas Geburtstagsfeiern einen solchen Repräsentanten aufzuweisen wie heute an dem lieben kleinen Bernhard. Die Schwester heute siebzehn Jahre und er morgen sieben Monate! Es liegt darin etwas sehr Eigenes, für mein Gefühl vorzüglich, doch empfand ich das eigentlich vor einem Jahre noch weit mehr. So wie das liebe Kind heute da ist, könnte man es ebenso gut für meinen Enkel wie meinen Sohn halten ...   An Adelheid. Berlin, den 19. Januar 1840. ... Die Zeit unseres Hierseins kommt mir wie dreimal so lang vor, so vieles hat sich darin zusammengedrängt. Am meisten beschäftigte mich dabei das Ausgehen der Kinder und erforderte in vieler Art meine Aufmerksamkeit, obgleich ich gewiß keine größere Wichtigkeit darauf lege, als es nöthig ist. Weit mehr beschäftigt mich dieser neue Abschnitt in mir selbst in ganz anderen Beziehungen als den bloß äußerlichen, wie ich denn überhaupt finde, daß dieses sogenannte in die Welt Einführen eine viel größere Epoche für die Mutter als für die Töchter ist. In vieler Art ist mir schon die größte Freude daraus erwachsen, denn die lieben Mädchen sind ganz prächtig mit ihrem reinen Herzen und frischen, richtigen Sinn, womit sie sogleich das Richtige herausfinden in dem Benehmen der Anderen. Darin werden sie mir mehr zum Leitfaden werden, als ich es ihnen je sein könnte. Darin giebt es gewiß nicht viele so glückliche Mütter, wie ich es bin. Im Äußeren fehlt noch Manches und wird immer fehlen, das weiß ich auch ... * * * Tegel, den 3. Dezember 1840. Wenn auch nur wenige Worte, aber die muß ich Dir, geliebte Adelheid, noch sagen, ehe ich von dem geliebten Tegel scheide. – Ach, und das ist übermorgen, und morgen möchte es mir vollends an Zeit fehlen. Ich brauche Dir nicht zu schildern, wie mir ist bei diesem Scheiden. Jeder Aufbruch von hier ist so schmerzlich, aber dieser, wo ich mir mit Gewißheit sagen kann, daß es der letzte ist vor einem neuen Lebensabschnitt, daß vielleicht Jahre darüber hingehen, ehe ich so bleibend wieder hier sein werde, das bricht mir fast das Herz. Es ist zu himmlisch hier, und es ist doch unsere wahre Heimath, ja wenn es nicht zu eigen klänge, möchte ich sagen, es ist der Übergang von diesem Erdenleben zu jenem höheren, in das unsere hier ruhenden Lieben eingegangen sind. Du hast gewiß diese Empfindung schon oft hier gehabt und verstehst sie, so mangelhaft ich ihr auch nur Worte zu geben weiß. O, hättest Du doch und Ihr anderen Lieben diesen letzten Morgen noch hier erlebt, diese Klarheit des Himmels, wie die Verheißung alles Guten und Schönen, und diese Sonnenuntergänge! Ich behaupte, es ist noch viel schöner hier im Winter als im Sommer, den Sonnenaufgang und die ihm folgenden Beleuchtungen sieht man – unsereins wenigstens – dann nicht so beim Frühstückstisch. Es ist buchstäblich wahr, heute morgen sah ich über meine Tasse hinweg auf den glänzenden See, auf dem sich helle Segel bewegten, und die entlaubten Bäume verbargen auch nicht das Monument, das die ersten Sonnenstrahlen beleuchteten. Und das Alles verläßt man, um sich in der Wilhelmstraße einzukerkern!... * * * Frankfurt, März 1842. ... Du glaubst aber kaum, welch ein wunderbares Gefühl das ist, solch ein ganz selbständiges Leben sich fortbilden zu sehen in dem eigenen Kinde, Gabriele hatte sich mit dem Leutnant von Coën, einem Neffen des Herrn von Hedemann, verlobt. sich selbst so daran freuen zu müssen, daß Herz und Sinn so ganz anders hingewendet sind. Diese Freude daran, dieser Wunsch, daß dem so sei, ist doch aber, Gott Lob, auch wahrer Bürge für den Bräutigam, und ich habe keinen Begriff davon, wie manche Mütter jetzt sagen, sie könnten nicht anders als eifersüchtig auf ihre Schwiegersöhne sein. Gabriele entwickelt sich übrigens immer bedeutender und liebenswürdiger und wird dabei auffallend hübscher, sie kann wirklich schöne Momente haben, so wenig schön sie doch eigentlich ist ...   An Prinzeß Wilhelm von Preußen. Bülow hatte infolge seiner Erkrankung sein Abschiedsgesuch eingereicht, und die Prinzeß Wilhelm hatte an Gabriele geschrieben, er möchte noch den Verlauf seiner Genesung abwarten, ehe er sich definitiv entschiede, aus dem Staatsdienst auszutreten. Tegel, den 22. September 1845. Eurer Königlichen Hoheit meinen Dank für das so unendlich gnädige Schreiben so auszudrücken, wie ich ihn empfinde, vermag ich nicht. Dieses Bewußtsein erhöht noch die Wehmuth, mit welcher ich zu dessen Beantwortung schreite, da der Inhalt dieser Zeilen Höchstihren Erwartungen so wenig entsprechen wird. Hätte etwas den Entschluß meines Mannes, sein jetziges Amt niederzulegen, zu ändern vermocht, so wären es die ebenso einsichtsvollen als dringenden Worte Eurer Königlichen Hoheit gewesen, und ich kann betheuern, daß er nach deren Lesung noch einmal diesen Entschluß in die ernsteste Erwägung nahm und dessen Ausführung verzögerte. Dennoch hat diese nun stattgefunden, und heute wahrscheinlich wird Seine Majestät der König das untertänigste Entlassungsgesuch durch meinen Onkel erhalten ... Mit wehmüthiger Freude erfüllt mich die Hoffnung, vielleicht bald das Glück haben zu können, Eurer Königlichen Hoheit gnädigen Besuch hier zu empfangen, und mit innigster Verehrung verbleibe ich Eurer Königlichen Hoheit dankbarste und untertänigste Gabriele von Bülow.   An ihre Kinder in Montreux. Berlin, den 12. Mai 1859. So schreibe ich Luch also wieder nach dem großen schmerzlichen (Ereigniß, Alexander von Humboldts Tod. das (Eure Herzen wie das meinige so tief gerührt hat, und nachdem wir den lieben, lieben Onkel gestern zur stillen Ruhestätte gebracht haben ... Ach, wie habe ich (Euch vermißt in diesen traurigen Tagen, – der Himmel legt mir wirklich viel auf so fern von (Euch durchzumachen. Die gute Line hilft nach Kräften. So werdet Ihr gestern ihren Brief von Sonnabend erhalten haben. Die Gewißheit des erfolgten Todes aber doch gewiß früher? Ich sehne mich sehr nach (Eurer (Erwiderung, sehe aber aus Deinem vorgestern erhaltenen Brief, liebe Consti, daß ich doch gleich sehr besorgt geschrieben haben muß. Ich las den Brief erst ordentlich im lieben Tegel vorgestern Abend. L. und ich waren den Nachmittag Hedemann dahin gefolgt und brachten also die Nacht dort zu. (Es war ein schöner Schluß des hochfeierlichen Tages, denn das Begräbniß hier war wahrhaft erhebend, so großartig und so rührend zugleich, des verstorbenen ganz würdig. Ich kann heute nicht auf Näheres darüber eingehen, aber ich hoffe es noch thun zu können ... Annette von Droste-Hülshoff Westphalen, starrsinnig und orthodox, weite Haidestrecken und einsame Moore, eine Verhaltenheit des Daseins, die Bagatellen zu Erlebnissen werden läßt, in der Natur wie im Leben: das ist der Hintergrund, auf dem das Bild der größten Dichterin Deutschlands, der Annette von Droste-Hülshoff steht. Kränklich von Kindheit an, ihr ganzes Leben durch nervöse Schmerzen aller Art und Neigung zur Fettleibigkeit geplagt, wie sie alten Mädchen selten erspart bleiben, ist ihr Dasein ein stetes Dienen und Bereiten für andere gewesen. Sie hat sich die Zeit für ihre Dichtungen zuweilen stehlen müssen, sie jedenfalls erst hinter ihre andern Tagespflichten gesetzt. In Perioden der Muße und Gesundheit ist sie geradezu erstaunlich produktiv gewesen. Sie ist nie weit hinaus gekommen, immer unter Verwandten geblieben; der große umfassende Blick für das Weltbild ist ihr nicht aufgegangen. Eine starke religiöse Unterströmung ihres innersten Wesens mag da wohl auch hindernd gewesen sein. So wirkt ihre Philosophie etwas binsenmäßig, ist ihr Stoffgebiet beschränkt. Aber innerhalb dieses Gebietes ist sie Meisterin geworden. Das enge dumpfe bäuerliche Dasein, der bescheidene Opfermut der Landgeistlichkeit, die alten bodenständigen Edelingsfamilien, starr und aufrecht und kompromißunfähig wie ihre Buchenwälder; dann die mannigfach verschlungenen Pfade sagenreicher Romantik und abergläubisch-frommer Spukgeschichten: die blaue Blume und das Hausgerät, das ist die Welt, die unter den Fingern der Einsamen erstand und tönend weiter lebte, nachdem sie selbst gestorben war. Annette ist nicht nur eine fruchtbare Schriftstellerin, sondern auch eine ausgiebige Briefschreiberin gewesen. Ihre winzige Schrift gestattete ihr das damals noch recht teure Porto tüchtig auszunutzen; ihre Weltabgeschiedenheit lehrte sie das Plaudern mit der Feder, eine Technik, die heute völlig aus dem Briefstil geschwunden ist, denn hätte selbst der Absender Zeit zum Schreiben: dem Empfänger würde sicher die Zeit zum Lesen mangeln. Unter den vielen Korrespondenten aller Art sind es besonders zwei Männer gewesen, mit denen eine lebenslange Freundschaft sie verband, die aber zu gegebenen Zeiten ihres Lebens ihr mehr bedeutet haben, als sie selbst zugeben will oder die Beiden geahnt haben. Dem Briefwechsel mit diesen Beiden sind die Briefe entnommen, die ich ausgewählt habe, um den Menschen Annette – denn die Dichterin hat ja längst ihre Würdigung gefunden – zu zeigen, gutherzig und ein wenig eifersüchtig, voller Aufschwung und wieder bald ermattet, bescheiden und doch ihres Dichterwertes bewußt, leidenschaftlich und doch durch die Bienséancen schon vor sich selbst gehemmt. Ein Vogel Fliegehoch mit einem Faden am Füßchen. Unter damaligen Verhältnissen war für Annette – deren Mutter nach dem Tode des Vaters die Besitzung Hülshoff dem ältesten Sohne überlassen und nach dem noch einsamer gelegenen Rüschhaus übergesiedelt war – Münster das einzige bequem zu erreichende Geisteszentrum. Es scheint sich dort eine ganze Reihe von geistig regsamen Menschen zusammengefunden zu haben. Unter ihnen nahm die Familie Schlüter eine erste Stellung ein. Der Vater war Jurist, der Sohn, Christoph Bernhard, Professor an der Münsterischen Akademie; er und seine Schwester Therese traten schon früh in intime Freundschaftsbeziehungen zu Annette von Droste. Professor Schlüter hatte das Unglück, in seinem dreißigsten Jahr zu erblinden. Seiner Geistesfrische und der behaglichen Güte seines Wesens tat dieser Schicksalsschlag keinen Abbruch. Er blieb lehrend, helfend, stützend auf seinem Posten, seinen Freunden ein wahrer Hort. Mit ihm führte Annette einen anregungsreichen Briefwechsel. Er war ihr literarischer Beichtiger, ihr Mittler mit der großen Welt da draußen – was uns heute fast drollig berührt, wo wir Münster als malerische Kleinstadt bewerten –, der Blinde lehrte sie so manches sehen. Aus seinen Briefen geht hervor, daß er so etwas wie das berühmte in Paris verwahrte »Ur-Metermaß« in seiner Seele gehabt haben muß, an dem sich der wahre wie der relative Wert aller Dinge sofort feststellen ließ. Wenn man Annettens Briefe an Schlüter liest, ohne näheres zu wissen, so hat man die Empfindung, daß es sich um die Korrespondenz mit einem an Jahren bedeutend älteren Manne handelt, etwa wie Sprickmann, mit dem die Dichterin ja auch jahrelang viel korrespondiert hat. Sein Unglück mag ihn wohl vor der Zeit gereift haben. Übrigens findet man fast nie eine Andeutung darüber; seine Freunde scheinen die furchtbare Tatsache absichtlich ignoriert zu haben, wobei ihnen seine große Selbständigkeit sehr zu Hilfe kam. Er starb erst 1884 im achtzigsten Lebensjahre. Hermann Hüffer gibt in seiner vortrefflichen Monographie über Annette von Droste-Hülshoff das Jahr 1801 als Geburtsjahr an; somit wäre er 83 Jahre geworden; die erste flüchtige Bekanntschaft erfolgte 1829; die eigentliche Freundschaft aber datiert von 1834 an. Annette, die am 10. Januar 1797 geboren wurde, war also vier Jahr älter als er. Trotzdem blieb er ihr geistiger Führer und hat als christlicher Philosoph von sehr festen, klaren Überzeugungen so manche ihrer religiösen Zweifel gelichtet, mit denen sie sich seit ihrer Jugend allein nicht abzufinden verstanden hatte. Auch der zweite Mann, aus dessen Korrespondenz ich hier auszugsweise einige Briefe der Annette bringe, war jünger als sie. Viel jünger sogar und dennoch nicht jung genug, um der alternden Dichterin den schmerzlichen Dornenweg von der begehrenden zur mütterlichen Liebe zu ersparen. Sie hat ihn zurückgelegt mit Tränen und blutenden Füßen, und er hat sie in der Resignation, die ihr von Geburt an zuerteilt war, ein Stückchen vorwärts gebracht. Erst seit der Briefwechsel mit Levin Schücking durch Theo Schücking veröffentlicht worden ist, kennen wir diesen Lebensausschnitt der Annette, den sie selbst ihren Angehörigen und der Welt so gut und herb zu verschleiern verstand. Förderte Professor Schlüter sie seelisch, so verdankt sie Schücking – der auch ein strenger Kritiker war – ihre weltlichen Verbindungen. Er vermittelte zwischen ihr und den Verlegern, er sorgte dafür, daß sie angemessene Honorare erhielt, daß ihr Talent, an den richtigen Platz gestellt, auch das richtige Echo fand. Levin Schücking wurde 1814 geboren; sein Vater war hannöverscher Richter, später Arenbergischer Amtmann. Seine Mutter, eine geborene Busch, war dichterisch reich begabt und eine intime Freundin der Annette, die ihr – ein sonderbares Spiel der Natur – auch äußerlich sehr glich. Levin kam zum erstenmal, ein halber Knabe noch, nach Rüschhaus. Er schildert in seinem »Lebensbild« den Besuch folgendermaßen: »Wir fanden die Frau vom Hause und ihre beiden Töchter daheim, in einem Wohnzimmer neben dem Salon versammelt; die jüngere von diesen, eine kleine, zart und leidend aussehende Dame, empfing mich sehr freundlich, ein wenig mit der gemessenen Zurückhaltung, welche ihr stets die Gegenwart der Ihren auferlegte, fragte viel nach meiner Mutter und zeigte mir ihre Schätze, in Glasschränken aufbewahrte, kleine Naturaliensammlungen und ein paar runde Bleischeiben mit getriebenen Figuren, welche die Schmiede Vulkans darstellten, die Benvenuto Cellini gemacht haben sollte. Sie machte einen eigentümlichen Eindruck, das zarte, ätherische, äußerst schlicht in den einfachsten hellen Musselinstoff gekleidete Fräulein, mit der vorgebeugten Haltung und den großen wundersamen Augen. Sie war nicht schön und besaß doch so viele Züge, die sonst Schönheit geben, z. B. die mit anmutiger Feinheit gezeichnete Nase und den reizendsten Mund, den ich je gesehen habe. Aber die Stirn war zu mächtig, das Auge zur Häßlichkeit groß ... Im November 1831 hatte ich den Schmerz, meine gute Mutter zu verlieren ... Annette v. Droste sandte mir jedoch eine dringende Aufforderung, zu ihr herauszukommen, der ich mich nicht entziehen konnte. Ich ging zu ihr, um bei ihr die Ausdrücke einer tiefgerührten Teilnahme zu finden. Sie selbst fühlte sich eigentümlich durch die Tatsache erschüttert, daß sie, eben im Begriff, meiner Mutter zu schreiben, sich eine Zeitung als Unterlage dabei genommen und, ihre Gedanken zum Schreiben ordnend, absichtslos auf die Unterlage blickend, darin zu ihrem Schrecken die Todesanzeige meiner Mutter gelesen. – Sie sagte mir später oft, daß ich ihr von diesem Augenblick an wie ein Vermächtnis meiner Mutter gewesen.« Ihre Jung-Mutterrolle, die von Schücking – ob mit Absicht oder ahnungslos – stets ganz wahrhaftig genommen wurde, sollte ihr später das arme, liebebedürftige Herz wunddrücken. Ihr Vater war tot, ihre Mutter eine etwas abweisende, leicht herrische Dame. Ihre Schwester, an den gelehrten Freiherrn Joseph von Laßberg nach Meersburg am Bodensee – das hieß damals »weit weg« – verheiratet. So klammerte sie sich denn an den begabten Jüngling, an ihr »Pferdchen«, ihr »liebes Kind«. Levin erwidert die Liebe mit herzlicher, ritterlicher und auch praktisch werktätiger Freundschaft. Die beiden verbringen einen köstlichen Winter auf der Meersburg, wo Levin in der Laßbergschen Bibliothek beschäftigt wird. Mit der Trennung beginnt für Annette das Leid des Entgleitens, des Verzichtens. Die Briefe aus dieser Zeit und aus der folgenden, als der junge Schücking ein Mädchen, Luise von Gall, lieben lernt und heiratet – was er seiner »mütterlichen« Freundin natürlich in ohne Milderung seliger Stimmung schreibt – sind wahre Dokumente einer ringenden, schluchzenden Frauenseele, die ihr ganzes Glück im Geben sucht und schon übervolle Hände findet. Nach und nach werden die Briefe ruhiger, weniger krampfhaft herzlich; Levins ältester Sohn wird ihr Patchen. Sie rückt resigniert in die zweite Reihe. Die Briefe drehen sich mehr und mehr um literarische Angelegenheiten. Die Gefühle flauen ab. – Annette ist nach vielen Leiden 1848 auf der Meersburg still verschieden. Die Meersburg und besonders die Räume, die sie bewohnt hat, sind noch bis vor kurzem ziemlich unverändert erhalten gewesen. Sie, die die heimische Erde so heiß geliebt hat, liegt nicht in ihr begraben. Aber zwei Denkmäler hat ihr die Nachwelt gesetzt: das eine auf der Meersburg, das zweite zu Münster. Das schönste hat sie sich selbst geschaffen durch die Unvergänglichkeit ihrer Dichtungen. Schon in ihrem Erstlingswerke, den 1837 erschienenen »Dichtungen«, erregte ihre realistische Energie und ihr prachtvolles Schilderungstalent Aufsehen; in voller Reife zeigte sich aber ihre Begabung erst in den »Gedichten« (1844), denen schon zwei Jahre früher die im Gottaschen Morgenblatt veröffentlichte Erzählung »Die Judenbuche« vorangegangen war: ein Meisterstück der Erzählungskunst, ein Werk von packender Vollendung. Briefe von Annette von Droste. An Schlüter. Rüschhaus, 2. Jan. 1835. Tausend Dank, lieber Freund, für die Mittheilung dieses Werkes. Ancillon, Zur Ausgleichung der Extreme. Ich fühle, daß Sie es indessen sehr mögen entbehrt haben; es hat mir sehr viel nützliches Kopfbrechen verursacht, soviel, daß ich mal sehr geneigt war, während des allmäligen Durchlesens über jeden Abschnitt meine Gedanken niederschreiben und Ihnen zu senden ... Auch den Verfasser gewinnt man lieb, was mir nicht so ganz Nebensache bei einer Schrift ist; man muß ihn liebgewinnen um seiner religiösen Gefühlsreinheit willen und des milden Zweckes, dem jetzt herrschenden Übel der denkenden Klasse, den Extremen der Überspannung und der Erschlaffung mit ihren Begleitern oder Folgen, der Zerrissenheit und zunehmenden Gemeinheit, die sich nur zu sehr bewähren, vorzubeugen, oder wo dieses zu spät ist, als Arzt einzuschreiten. Ersteres möchte ihm eher gelingen als das Letzte; denn wer sich einmal in's Übel hineingedacht hat, denkt sich nicht so leicht wieder hinaus, um so mehr, wenn geraume Zeit die Tendenz schon in's Gemüth oder gar den nervenschwach oder schwerblütig gewordenen Körper übertragen hat, was zumeist dann der Fall ist. Wer jahrelang aus Grundsatz phlegmatisch war, versinkt am Ende im Fette, und bekommt ein Blut wie Schlamm, ebenso im entgegengesetzten Falle; man sieht das alle Tage ... Auch den »Walther« Ein erzählendes Gedicht der Droste. werde ich mitbringen; erschrecken Sie nicht! es sind nur einzelne Stellen, etwa in jedem Gesang drei oder vier Strophen, die ich Sie nochmals anzuhören bitten möchte. Es kommt mir fremd an, zu sagen, daß eine meiner Arbeiten von einem meiner Freunde zu scharf beurteilt ist; denn Freundesurteil ist sonst nur allzu milde und hat manches gute Talent verdorben. Doch wir waren damals noch nicht bekannt mit einander, und ich wünsche, Sie könnten sich, sobald ich das Heft zur Hand nehme, denken, es sei von einem Andern. Das Gedicht ist im Ganzen sehr mißglückt, im Einzelnen aber nicht immer. Ich arbeite jetzt nichts, gar nichts, so gerne ich dran möchte; die Tage sind zu kurz und die wenigen Stunden zu besetzt; wenn ich des Morgens mich gekleidet, gefrühstückt und die Messe gehört habe, bleibt mir bis Mittag kaum Zeit genug zum Unterricht meiner kleinen Cousine; da wird Geschichte, Französisch und viel Musik getrieben, bis wir beide ganz verduselt zu Tisch gehen. Nachmittags erst ein wenig spaziert, dann eine Stunde Klavier, eine Stunde nämlich Gesang, wieder Unterricht und dann ist's Abend, wo ich mein Zimmer verlasse und bei meiner Mutter bleibe. Das wäre nun wohl ein gutes löbliches Tagwerk, wenn ich es aus gutem Herzen vollbrächte, dem ist aber leider nicht so. Jede Arbeit, die ich nicht nach eigner Lust und zu eigener Ausbildung unternehme, wird mit ebensovieler Freundlichkeit und Anmuth verrichtet, wie ein Ackerpferd den Pflug zieht. Wenn's anders wäre, wär's besser, aber es wird nicht anders, wenn ich mich auch bei beiden Ohren nähme. Zudem sehe ich keinen Nutzen bei all' der Plage: meine Elevin ist ein gutartiges, fleißiges und auch nicht talentloses Kind und plagt sich ab, wie ein Hündchen im Schiebkarren, ganz ohne Lust und Liebe zum Dinge, nur aus Gehorsam, weil die Eltern gesagt haben: »Du mußt was lernen«; aber es war ihnen nicht bedacht, nur eine gebräuchliche Redeformel. Ich weiß, daß diese Eltern nicht gern sehen würden, wenn sie dergleichen Beschäftigungen späterhin fortsetzte; sie haben wenig Sinn dafür und eine große Haushaltung, die den Töchtern alle Hände voll giebt. Ich habe nichts gegen diese Ansicht unter diesen Umständen, nur gereut mich meine Zeit und die fruchtlose Plage des armen Kindes! ... * * * Rüschhaus, 28. März 1835. ... Also vorerst schicke ich Ihnen einige Veilchen in dem guten Glauben, es seien die allerfrühsten, schmählich würde es mich ärgern, wenn die liebe Gassenjugend mir schon zuvorgekommen wäre. Dann erhalten Sie Ihr Eigenthum zurück, Tieck, den phantasiereichsten aller Märchenerzähler, ja den eigentlichen Phantasus mit Fleisch und Blut. Mama las das Buch und nannte es eine angenehme leichte Lectüre; ich meinerseits habe es so träumerisch tief gefunden, selbst abgesehen von der mitunter hervorstechenden Allegorie, worüber ich absichtlich wegging, daß ich fürchtete darüber in den Zustand des guten Ritter Simon In Tiecks Blaubart. zu verfallen. Tiecks Nervensystem muß gewiß, wo nicht schwach, doch äußerst reizbar sein, weil er alle damit verbundenen Zustände von Halbwachen, Schwindel, seltsamen peinlichen fixen Ideen so genau darstellt, ja – als eigentliche Person des Dichters durch das ganze Werk gehen läßt, selbst wo es nicht hingehört; z. B. bei baumstarken Leuten, wie der Blaubart, wenn er vom Schwindel spricht. Glauben Sie mir, das Buch und im minderen Grade alles von Tieck ist höchst aufregend für diejenigen, welche es eigentlich ganz allein verstehen können, und bringt alle alten besiegten Flirren in Aufruhr. Auch Ihr Buch »Über die Schönheit« Von Adam Müller. kommt zurück. Ich habe es mit vielem Vergnügen gelesen; es scheint mir voll origineller Gedanken, artiger Vergleiche, von einem klaren, angenehmen, nur zu tändelnden Stile; aber, lieber Freund, das Wahre ist seltsam mit Sophismen, das Ernste und Weise mit dem Thörichten gemischt in diesen Blättern – – – wenn er nicht an jeder Hand wenigstens drei Ringe trägt, so soll man nicht Fideldümmchen heißen. Er ruft die Damen zu Zeugen, ob man es ihm anmerke, daß er die schönen Künste nur so nebenbei getrieben und spricht so gern davon, daß er eigentlich Staatsmann gewesen, ehe man ihn ammoviert ... Mir wird von alledem so dumm, als ging' mir ein Mühlrad im Kopf herum; nicht das dann die Idee schwer zu fassen, oder unklar klargestellt worden wär, im Gegentheil, jene schwirrenden, wirbelnden, durcheinanderwogenden Gedanken, vermöge deren ich kaum mehr weiß, ob ich nicht eins bin mit dem Rasen, auf dem ich sitze, oder dem Steine, der vor mir liegt, haben mich so in ihre Bewegung hineingezogen, daß ich zu wirbeln glaube wie ein Kreisel oder die Welten, was am Ende auch dasselbe sein mag. In der That, man kann sich da hineinphilosophieren, der schlechteste geschaffene Gegenstand ist der Wunder so voll, daß von ihm bis zum denkbar höchsten der Schritt nur leicht ist, aber von unten herauf bis zu ihm zu gelangen, dafür haben wir keinen Gedanken; – er ist fürs Ideenreich der kleine Punkt außer der Welt, den Archimedes verlangte, um das ganze Weltsystem zu beherrschen. Der Kampf zwischen der individuellen und geselligen Schönheit scheint mir übrigens nicht so gefährlich und des Schlichtens bedürftig als Herr Müller zu glauben scheint; ich wenigstens erinnere mich keiner Zeit, wo das Charakteristische und Originelle nicht seinen ehrenvollen Platz neben dem Idealen behauptet hätte ... Haben Sie je einen Menschen gesehen, der z. B. durch Ausbildung seinem früheren Geschmacke wahrhaft entsagt hat? Glauben Sie das ja nicht, aber wie mancher schämt sich dessen heimlich, und mancher täuscht sich auch selbst. Wer als Kind entzückt gewesen über den Scharlachrock eines Bedienten, steht jetzt mit lachenden Augen im Garten vor einer Lobelia Cardinalis, wo er endlich, endlich doch einmal frei athmen, sich und Andern sagen darf, wie schön, wie alles überstrahlend er den Scharlach findet. So liest mancher den Homer und Kotzebue'sche Gesellschafter, oder er sammelt Antiken und predigt die reinen Formen, während er im Leben durch die Wahl der Gegenstände seiner Neigung eine ganz abweichende Geschmacksrichtung darlegt. Ja, das freie Gefallen ist eine theure Naturgabe, fast so theuer, als der freie Wille, ihm noch verwandt und noch unzerstörbarer ... * * * Hülshoff, Sonntag, d. 13. Dec. 1838. ... Mir geht es nicht zum besten, ich leide wieder an Gesichtsschmerzen was mich auch sehr hindert, so daß ich höchstens eine halbe Seite in einem Flusse schreiben darf, und dann wieder meinen hartnäckigen Feind durch Auf- und Abgehn zu beschwichtigen suchen muß; daß unter diesen Umständen an keine ordentliche Arbeit zu denken ist, begreifen Sie; doch arbeite ich wenigstens in Gedanken, sinne mir allerlei aus zum nächsten Gebrauch und ordne es. Die vielfachen Bitten ... haben mich bestimmt, den Zustand unseres Vaterlandes wie ich ihn noch in frühester Jugend gekannt, und die Sitten und Eigenthümlichkeiten seiner Bewohner zum Stoff meiner nächsten Arbeit zu wählen, ich gestehe, daß ich mich aus freien Stücken nicht dahin entschlossen hätte, denn für erst ist es immer schwer, Leuten vom Fache zu genügen und in dieser Sache ist jeder Münsterländer Mann vom Fache. Ich erinnere mich, daß einst ein sehr natürlich geschriebenes Buch in einer Gesellschaft vorgelesen wurde, die einen Soldaten, einen Forstmann, einen Gelehrten und einen Diplomaten in sich schloß, jeder war entzückt über alles, mit Ausnahme der Stellen, die jedes Fach betrafen. Der Soldat fand Schnitzer in den Schlachtscenen, der Forstmann in den Jagdabenteuern, der Gelehrte in den philosophischen Tiraden, und der Hofmann in dem Auftreten und Benehmen der gekrönten Häupter; wie soll es mir nun gehen, der jeder Gassenbube im Lande die geringsten Verstöße nachweisen kann? Mein Trost ist, daß ich selbst hier aufgewachsen und somit so sehr Herrin meines Stoffes bin wie keines andern. Schlimmer ist es, daß die Leute hier zu Lande es noch gar nicht gewohnt sind, sich abkonterfeien zu lassen und den gelindesten Schatten als persönliche Beleidigung aufnehmen werden. In Paris und London ist es ein Anderes, da haben sich die Leute einen breiten Buckel zugelegt und die Schriftsteller sind so frech, daß eine Tracht Prügel ihnen mitunter wahrhaft heilsam wäre ... Ich weiß am besten, daß ich meinen Landsleuten weit weniger Unrecht thun als viel eher durch zu große Vorliebe und Idealisiren mancher an sich unbedeutenden Eigenschaft mich lächerlich machen werde, und dennoch fürchte ich gänzlich in Verruf zu kommen, denn Alles kann ich ihnen und meiner eigenen Liebe nicht aufopfern, nicht Wahrheit, Natur, und die zur Vollendung eines Gemäldes so nöthigen kleinen Schatten ... Ueber die Form bin ich noch unschlüssig und möchte Ihre Meinung hören, was meinen Sie? Soll ich jene des Bracebridge hall von Washington Irving wählen? Eine Reihenfolge von kleinen Begebenheiten und eignen Meditationen, die durch einen losen, leichten Faden, etwa einen Sommeraufenthalt auf dem Lande verbunden sind? Diese Form ist sehr ansprechend und giebt dem Schreibenden große Freiheit, bald erzählend, bald rein beobachtend und denkend aufzutreten ... Oder soll ich eine Reihe kleiner in sich geschlossener Erzählungen schreiben, die keinen anderen Zusammenhang haben, als daß sie alle in Westfalen spielen und darauf berechnet sind, Sitten, Charakter, Volksglauben und jetzt verloren gegangene Zustände desselben zu schildern? Dies ist schwieriger, bedarf weit reicherer Erfindung und schließt alle Meditationen und Selbstbeobachtungen fast gänzlich aus, dagegen ist es weniger verbraucht, läßt höchst poetische und seltsame Stoffe zu, die jener andern Form des täglichen Lebens unzugänglich sind und hat den großen Vortheil, in keinem Falle zu beleidigen, da lauter bestimmte Individuen auftreten, noch obendrein zumeist aus dem Bauernstande, als dem mir am genauesten bekannten und auch noch eigentümlichsten ... Ich habe eine neue Bekanntschaft gemacht, die sich jetzt ganz gut anläßt, ein Maler, Namens Sp., Sprick. der mich auch so eben gemalt hat und zwar schöner als ich mein Lebtag gewesen, – ob mich dies nun besticht? – kurz, er scheint mir eine sanfte gemüthliche Natur zu sein, hat saure blutarme Tage erlebt und ist eben dran, auf den grünen Zweig zu kommen, hat eine Frau und fünf Kinder, die er grenzenlos liebt und sich auf rührende Weise mit seinen sehr schwachen Augen für sie abarbeitet. Seine Gedanken sind immer bei ihnen und von keinem anderen Dinge spricht er so gern; dies hat mich sehr für ihn gestimmt, wie auch, daß er ein paar arme und von Andern zurückgewiesene Knaben von Talent umsonst unterweist; da kann man wohl sagen, »wenn ein Armer dem andern was gibt, dann lachen die Engel im Himmel«; mich dünkt, ein so guter Zug kann nicht allein stehen ...   An Schlüter. Apenburg, 22. Aug. 1839. ... Ich lese auch zuweilen oder durchblättere vielmehr, und was?, die alten Romane von Walter Scott – freilich ist's verlorene Zeit, aber sie haben für mich einen individuellen Reiz; fünfzehn Jahre find es nun hin, als diese Bücher, 2 Winter nacheinander, in unserem nun so gesprengtem Familienkreise, täglich abends vorgelesen wurden, und seitdem habe ich sie nicht wieder angesehen; wieviel wurde darüber nicht gesprochen, disputirt? Jeder hatte seine Lieblinge, Hunde und Vögel wurden nach den Helden genannt. Ich begreife nun sehr wohl, wie manche mit so scheinbar schlechtem Geschmacke, an den Schriftstellern ihrer Jugend hängen können, die ihnen Unwiederbringliches in der Erinnerung wiedergeben. Es liegt etwas sehr Herbes im Vergehen, in der Unmöglichkeit, Vergangenes auch nur für Augenblicke wieder ganz herzustellen. Ich erinnere mich, daß ich als Kind meinen seligen Vater fragte, ob er im Himmel auch seinen Leberflecken auf der Hand haben würde? er antwortete, dort werden wir glänzend von allen Flecken rein, und wenn er seinen Körper wieder annähme, werde er sein, wie mit 23 Jahren. Ich wollte mich damals wohl todtweinen, daß ich statt meines lieben Vaters einen ganz fremden jungen Menschen finden sollte; das ist albern, und doch ein sehr natürliches Gefühl ... Mein allertheuerster Freund, ich denke ja soviel an Sie, was mir Gutes zukommt, ein hübsches Buch, ein schönes Lied, alles freut mich nur halb, weil ich es Ihnen nicht mitteilen kann, was meinen Sie, Schlüter, sollte ein so klares Freundschaftsverhältnis wohl getrübt werden können, ich meine durchaus nicht – schlechte Streiche wird ja keiner von uns machen, und Schwächen und Mißverständnisse können uns nichts mehr thun; ich denke, wir haben auf einen guten Grund gebaut, dem einzigen, der nie einsinken kann. Ich stelle mir oft so lebhaft vor, wie ich die Treppe heraufkomme und Sie mich schon am Schritte kennen, Sie sitzen am Tische, Thereschen Ihnen gegenüber mit dem Strickzeuge, Mütterchen kommt durch die Alkoventhüre, und Ihr freut Euch alle miteinander, ebenso gut, wie ich; sogar der Vater zeigt sich in der Saalthür, wenn er meine Stimme hört und ruft, ei, siehe da, Fräulein, Willkommen! ... Man treibt mich zum Schließen, unter dem Fenster steht mein Onkel Fritz, ruft wie ein Nachtwächter und hält einen Hammer hoch über sich; das bedeutet, ich soll in die Luft und Versteinerungen losklopfen; denn Gehen soll nicht genug sein, wie der Doctor sagt, sondern körperliche Anstrengung im Freien. Wie verkehrt und eigensinnig doch Sie menschliche Natur ist! Ich habe dies Steinklopfen mit Passion betrieben, so lange es eigentlich Niemand recht war. Heimlich fortgestohlen habe ich mich, um in dem Steinbruche zu picken. Essen und Trinken habe ich darüber vergessen und nun muß man mich treiben, wie den Esel zur Mühle. Kein wahreres Sprichwort, als »des Menschen Wille ist sein Himmelreich«, aber auch fast kein Schlimmeres; in der Theorie lautet es noch ganz nobel und freisinnig, in praxi aber ist es aller Thorheit und Inconsequenz Ursprung. Ad vocem theorie , so halte ich hier auch sehr weise Reden und hoffe damit bei der That herzukommen; wären andere nicht klug an meiner Statt, ich setzte mich erst recht fest nieder, seit die Bewegung decretiert ist. Mich dünkt, ich begreife jetzt recht gut, wie ein Mann seiner Frau müde wird, da sogar meine Siebe zum Steinbruch den Zwang nicht hat überleben können.   An Herrn I. Apenburg 26. August 1839. Onkel Fritz führt nur eine kleine Junggesellenwirtschaft. Das Haus ist angenehm angefüllt mit alterthümlichen Gegenständen, wunderschönen geschnitzten Schränken und Möbeln, alten Kunstuhren, Familienbildern und so still, daß man den ganzen Tag die Heimchen zirpen hört. Ungefähr zweihundert Schritt vom Hause (nach der stillen Seite) ein sehr hoher und breiter Laubengang, in der Mitte abgebrochen, wo eine herrliche alte Linde steht, mit steinernem Tisch und Bänken drum her. Dies ist der Ort, wo ich meinen guten Onkel zuweilen betrüge und ganz ruhig schreibe, während er mich durch Feld und Wald rennend glaubt, um mir die überflüssige Körpermasse abzulaufen. Da höre in der Welt Gottes nichts als die Schafglocken in der Ferne und das Gesumme der Insekten, und sehe nichts als das grüne Laub, den Sonnenstrahl durch die Zweige, und die Fliegen auf meinem Tische spazieren. Am liebsten ist es mir in der Dämmerung, wenn das Gewölbe lebendig wird, und die Blätter anfangen zu discurrieren ... Zwischen meinen geistlichen Liedern ist mir eines, ohne meinen Willen, ganz demagogisch geworden. Der Onkel nennt es einen geistlichen Marsch; der Evangelientext war Schuld daran. Da sehen Sie, wie man noch jeden Augenblick die Bibel verkehrt auslegen kann ... Eine halbe Stunde von hier liegt Hellesen, ein sogenanntes Vorwerk von Apenburg, ... was ich oft zum Ziel meiner Spaziergänge mache, weil es gerade die rechte Entfernung hat, um eine Tour daran abzulaufen; so ein Vorwerk ist ein trauriges, und doch romantisches Ding. Mitten im endlosen Felde nichts als lange Scheuern und Stallungen und daran gebaut 2 kleine Kämmerchen, wo zwei Knechte jahraus –, jahrein, Winter und Sommer verbringen, ohne monatelang etwas anderes zu sehen, außer den Eseljungen und seine Tiere, die ihnen zweimal im Tage das hartgefrorene Essen bringen, das sie dann auf ihrem Öfchen aufwärmen ... Wie schläfrig und langweilig mögen sie über die Schneefläche ausschauen, nach ihrem Eliasraben! Da hätte einer Zeit, heilig oder gelehrt zu werden. Jetzt ist's ganz hübsch dort, das Feld voll Leben, auf der einen Seite brüllt das Vieh, auf der anderen Seite schwirren die Sensen, und eine halbgefüllte Scheuer giebt mir ein Ruheplatzchen auf Heubündeln und Garben, gerade wie ich es mag ... * * * Den 17. November 1839. ... Ein Schriftsteller um's liebe Brod ist nicht nur Sclave der öffentlichen Meinung, sondern sogar der Mode, die ihn nach Belieben rein macht, oder verhungern läßt; und wer nicht gelegentlich sein Bestes und am tiefsten Gefühltes, Überzeugung, Erkenntnis, Geschmack verleugnen kann, der mag nur sich hinlegen und sterben und der Lorbeer über seinem Grabe wird ihn nicht wieder lebendig machen ... * * * Sonntag 26. April 1840. Ich höre Nichts von Ihnen, ich sehe Nichts von Ihnen und noch dazu jetzt, wo »es ist die Zeit nun, daß im Wald der Nachtigallen Lieder schallen«, folglich die Zeit, wo man am wenigsten der mindestens geistigen Nähe werther Personen entbehren kann; so muß ich wohl schreiben, nicht damit Sie etwas erfahren, trägster aller Freunde, sondern mir selbst zu liebe, da auf einen Brief doch in der Regel eine Antwort zu erfolgen pflegt ... Ich war gestern Abend bis zehn im Garten, Sie glauben nicht, wie mild es war, wie duftig, dabei so sternenklar wie im Winter; ich saß auf der Bank am Hause, ließ mir von den Nachtigallen vorsingen, von der Luft zuwehen und war ganz und gar Sybarithisch gestimmt. Warum ist man wohl so ungeneigt zu poetischen Arbeiten in so höchst poetischen Momenten? Ich denke wohl, weil der Genuß den regelrechten Gedanken nicht aufkommen läßt. Ich tue gar nichts; seit Beendigung des »geistlichen Jahrs«, also seit drei Monaten sind zwei Balladen das einzige, was ich geschrieben; doch liegt dieses wohl zum Theil daran, des seit zwanzig Jahren bis zum Ekel wiederholten Redens über Mißkennung des eigenen Talent's müde, mich zu etwas entschlossen habe, was mir im Grunde widersteht, nämlich einen Versuch im Komischen zu unternehmen. So dränge ich denn jeden Trieb zu anderem gewaltsam zurück, und scheue mich doch vor jener gleichsam bestellten Arbeit, wie das Kind vor der Ruthe; nicht daß ich meine, sie werde völlig mißlingen; es fehlt mir allerdings nicht an einer humoristischen Ader, aber sie ist meiner gewöhnlichen und natürlichen Stimmung nicht angemessen, sondern wird nur hervorgerufen durch den lustigen Halbrausch, der uns in zahlreicher Gesellschaft überfällt, wenn die ganze Atmosphäre von Witzfunken sprüht und Alles sich in Erzählung ähnlicher Stückchen überbietet. Bin ich allein, so fühle ich, wie dieses meiner eigentlichen Natur fremd ist und nur als reines Produkt der Beobachtung unter besonders aufregenden Umständen in mir aufsteigen kann. Zwar, wenn ich einmal im Zuge wäre, würde meine Gesellschaft auf dem Papier mir vielleicht die Gegenwart wirklicher und die bereits niedergeschriebenen Scherze mir die Anregung fremder ersetzen; aber eben zum Anfang kann ich nicht kommen, und fühle die größte Lust zum Gähnen, wenn ich nur daran denke. Zudem will mir noch der Stoff nicht recht kommen, einzelne Scenen, Situationen, lächerliche Charaktere im Überfluß, aber zur Erfindung der Intrigue des Stücks, die diesen bunten Kobolden festen Boden geben muß, fehlt mir bishin, ich weiß nicht, ob die Lust oder das Geschick ... Wieder auf das Lustspiel in spe zu kommen, so habe ich noch mancherlei Scrupel, vorerst kann ich, wie jeder Schriftsteller wenigstens sollte, nur schreiben, was ich, wenn auch unter anderen Verhältnissen und in anderen Formen gesehen habe. So werden meine Personen immer Westfalen bleiben und sich, trotz aller Vorsicht hier und dort individuelle Züge einschleichen, d. h. nicht gerade Geschehenes, aber Manches, wobei einem dieses oder jenes Individuum unwillkürlich auffällt. Daß ich dieses aufs Äußerste zu vermeiden suchen würde, brauche ich Sie, liebster Freund nicht zu versichern. Aber ich glaube, daß darin Niemand für sich stehen kann, da das wirklich Gehörte und Gesehene seinen Einfluß nothwendig geltend macht, gegen unseren Willen und in der That auch das Einzige ist, was zu solchen rein objektiven Arbeiten befähigt. Dann sind die Schwächen der gebildeten Stände selten ganz harmlos, sondern haben zumeist ein Zusatz von Verkehrtheit, der mich leicht Bitteres könnte sagen lassen, was doch ganz gegen meine Absicht ist, da ich nur den Humor und keineswegs der Satyrs zu opfern gedenke, obwohl das Letztere, wenn es aus den ächten Gründen, und mit dem ächten Ernste geschieht, wohl das Edlere ist, weil das Nützlichere; doch schließen mich sowohl mein Charakter, als meine persönliche Lage von dieser Art zu wirken aus. Soll ich mich nun den niederen Klassen zuwenden? Das Landvolk zum Stoffe wählen mit seinen duseligen Begriffen, seltsamen Ansichten, lächerlichen Schlußfolgen, und andrerseits praktischem Verstande, in manchen Dingen Schlauheit und nationalem Humor. Obwohl sich hierbei außer dem vergnügen des Lesens, nicht wohl ein anderer Zweck absehen ließ, so wäre dieser Stoff nicht nur der bei weitem reichere und frischere, sondern auch der sowohl meinem Talente als meinen Erfahrungen angemessenere, da ich zwischen Bauern aufgewachsen bin und selbst eine starke Bauernader in mir spüre, – auch ganz harmlos wäre dies, da sich niemand den Kopf zerbrechen wird, ob ich Klas oder Peter gemeint; nur meine ich, mit dem Dialekte schwinde das Salz aus der Speise; denn der Bauer paßt nicht seine Gedanken der Sprache an, sondern er hat gemodelt und modelt fortwährend die Sprache nach dem augenblicklichen Bedürfnisse und gerade das giebt ihm das unnachahmliche Naive, was in der Übertragung einem wie Schnee unter den Händen zerrinnt, was man mit Verdruß inne wird, so oft man versucht, einem Ausländer eine echt vaterländische Anekdote verständlich zu machen, wo einem der Kabliau allemal zum Stockfisch wird. Dennoch muß ich die Idee meines Onkels H., ein Lustspiel im vaterländischen Dialekt zu schreiben, gänzlich verwerfen; wer wird es verstehen? Nicht mal der Eingeborene, da ihm die Buchstabenfügung zu fremd und manche Laute mit den vorhandenen Mitteln gar nicht wieder zu geben sind, viel weniger der Ausländer, der sich doch keinem Sprachstudium ergeben wird, um das Lustspiel einer obscuren Scribentin zu lesen. Doch paßt alles Gesagte nur auf den Dialog, folglich zunächst die dramatische Behandlung; zur bloßen Beobachtung und Darstellung durch einen Dritten, z. B. wie in Brace-bridge-hall, geben jene Volksklassen gewiß den frischesten und auf keine Weise hindernden Stoff, doch vom dramatischen ist ja eben die Rede. Ich gestehe Ihnen, lieber Freund, daß meine Neigung, mich auch in diesem Fache weit mehr zu einer, wenn nicht tragischen, doch ernsten und einen tieferen psychologischen Zweck im Auge haltenden Behandlung triebe, aber ich habe es mir mal anders vorgenommen, mislingt der Versuch, so haben meine Plagegeister ja den Beweis in Händen, daß der Irrthum auf ihrer Seite war ...   An Levin Schücking. Merseburg den 4ten Mai 1842. Es muß meinem guten Jungen, an den ich doch fortwährend denke, wohl sehr unerwartet sein, daß ich erst heute den ersten Brief an ihn beginne, und doch ist nichts Schuld daran, als der Wunsch, ihm nur einen recht guten, recht erfreulichen zu schreiben, worin ich von vielen langen und schönen Gedichten prahlen und aus dieser Ferne in einem hübschen Nimbus leuchten könnte. Bis jetzt habe ich aber nur ein sehr schwaches Scheinchen um mich, bin eigentlich erst in den letzten Tagen recht fleißig gewesen und darf mit der Antwort nicht warten, bis die Glorie sich gehörig ausgebildet hat. Weshalb ich so spät wieder an die Arbeit komme? Hör zu! In den ersten acht Tagen war ich todbetrübt und hätte keine Zeile schreiben können, wenn es um den Hals gegangen wäre; ich lag wie ein Igel auf meinem Kanapee und fürchtete mich vor den alten Wegen am See wie vor dem Tode; dann kam Louise Streng, die mich fast keine Minute allein ließ, mich immer hinauszog, und binnen der ganzen Woche, die sie hier blieb, mich auf eine freilich keineswegs angenehme Weise, durch ihre werthe Begleitung und aus endlosen Fragen bestehende Unterhaltung, über die schwersten Momente gewaltsam wegspazierte. Jetzt kam aber eine andere Noth: Dein Brief von Ellingen hätte längst da sein können – d. h. der versprochene, gleich nach der Ankunft – und du nachlässiger Schlingel bist es wirklich gar nicht werth, wie wir uns um Dich geängstigt haben. Jeden Morgen habe ich an der Treppe dem Postboten aufgelauert, und Jenny Die Schwester. und Lahberg Schwager Josef von Laßberg. waren fast ebenso bekümmert als ich. Letzterer war schon entschlossen, dem Fürsten Fürst Wrede, bei dessen Söhnen Schücking Präzeptor war. zu schreiben, bei seiner Umständlichkeit gewiß ein großer Beweis von Liebe und Sorge – »ob denn bewußter Jüngling wirklich angekommen sei, oder ob man seine betrübten Reste in einem See, Hohlwege oder sonstigem Mordloche aufzusuchen habe?« als Dein Ellinger Brief ankam. Da war denn große Freude im Hause! obwohl Laßberg wohl den ersten Brief für sich erwartet hätte; für den zweiten erwartete ich selber seine Adresse und sage Dir hiermit an, daß Du Dich nur auf der Stelle hinsetzen und das Versäumte nachholen magst; denn Du darfst nicht undankbar scheinen für die seltne Anhänglichkeit und wahrhaft väterliche Liebe, die dieser alte Mann Dir zugewendet hat. Deine Entschuldigung im vorigen Schreiben, wo Du Dich für simpel erklärst, hat er nur für den Augenblick gelten lassen, und wirklich kann Dich auch nichts von der Verpflichtung, ihm wenigstens einmal zu schreiben, lossprechen; also nur frisch und gleich ans Werk! ... Ob ich mich freue nach Haus zu kommen? Nein, Levin, nein – was mir diese Umgebungen vor sechs Wochen noch so traurig machte, macht sie mir jetzt so lieb, daß ich mich nur mit schwerem Herzen von ihnen trennen kann. Hör, Kind! Ich gehe jeden Tag den Weg nach Haltenau, setze mich auf die erste Treppe, wo ich Dich zu erwarten pflegte, und sehe, ohne Lorgnette, nach dem Wege bei Vogels Garten hinüber. Kömmt dann Jemand, was jeden Tag ein paarmal passirt, so kann ich mir, bei meiner Blindheit, lange einbilden, Du wärst es, und Du glaubst nicht, wie viel mir das ist. Auch Dein Zimmer habe ich hier, wo ich mich stundenlang in Deinen Sessel setzen kann, ohne daß mich Jemand stört, – und den Weg zum Thurm, den ich so oft Abends gegangen bin, – und mein eignes Zimmer mit dem Kanapee und Stuhl am Ofen – ach Gott, überall! – kurz, es wird mir sehr schwer von hier zu gehen, obendrein noch zweihundert Stunden weiter als wir jetzt schon getrennt sind. Solltest Du es wohl recht wissen, wie lieb ich Dich habe? Ich glaube kaum ... Ich gehe jetzt täglich ins Museum, setze mich auf Deinen Stuhl am Fenster und sehe, was das Morgenblatt bringt, vorgefunden: erstens Dein Gedicht auf die Meersburg, was mir aber schon eine schöne Verlegenheit zugezogen hat, und zwar eine wohlverdiente, da die Idee, den guten Laßberg nebst Uhland auszumerzen, zwar nicht von mir ausgegangen, aber doch approbirt worden ist; und jetzt fiel es mir wie ein Stein aufs Herz: Gott, das sieht ja ganz aus, als ob Levin sich öffentlich seiner schämte, als zu unbedeutend für ein Gedicht; und nun grade irrt Morgenblatt, das Laßberg gleich vor Augen kömmt! Es währte auch nicht lange, so waren die Puppen am Tanz; von allen Seiten wurde dem alten Herrn die schmeichelhafte Nachricht von Levin Schückings schönem Gedicht auf seine Dagobertsburg zugetragen, schriftlich und mündlich; Pfeiffer, Baumbach, Stanz, die Meersburger Honoratioren, – Jeder wollte ihn zuerst darüber becomplimentiren, und ich wußte mir nicht anders zu helfen, als indem ich gestand es gelesen und von der Redaction des Morgenblattes – die ja auch von Deinem »Jagdstreit« über die Hälfte eigenmächtig gestrichen – auf eine Weise verkürzt gefunden zu haben, daß alle Strophen, die sich nicht auf das bloß Landschaftliche und Historische bezogen, ausgelassen worden. Der arme Laßberg, der so kindisch froh war, sich vor aller Welt besungen zu sehen, daß er mich fast aus dem Bette ins Museum gejagt hätte, um »das Blatt feiner Glorie« zu holen, war, wie mir schien, fast dem Weinen nah, als er dies hörte, und sagte mit der kläglichsten Stimme von der Welt: »Wenn auf diese Art vielleicht Uhland und ich auch ausgemerzt sein sollten, so sollte mich das sehr freuen; denn ich mag nicht, daß man von mir spricht.« Er dauerte mich ordentlich, aber ich glaube nicht, daß er Verdacht auf Deine eigne lieblose Hand hat; Jenny eben so wenig, die auch ganz grimmig auf die perfide Redaction ist; ich weiß aber auch wirklich nicht, wo wir Beide unsre Gedanken gehabt haben, da wir doch Laßberg so gut kannten und dies Alles an den Fingern abzählen konnten. Um desto nöthiger ist es, daß Du ihm jetzt gleich schreibst, und zwar recht herzlich. Das menschliche Gefühl geht wunderliche Wege! Laßberg fühlt sich, aus Veranlassung Deines Gedichts, geärgert und gleichsam beleidigt, und ich meine, davon wird immer ein kleiner Schatten auf Dich zurückfallen, wenn Du dem nicht durch einen Beweis Deiner Hochachtung und anhänglichen Erinnerung zuvor kömmst. Am Besten wäre es, wenn Du das Gedicht, in seiner ersten Gestalt, noch einem andern Blatte, was Laßberg vor Augen oder wenigstens nach Meersburg kömmt, – z. B. dem Unterhaltungsblatt des Merkur oder der Didaskalia, – gäbst; dann wäre das Unglück ziemlich reparirt und allem etwa nachträglichen Verdachte vorgebeugt. Ferner fand ich im Morgenblatt mein Gedicht an Junkmann, was sich ganz gut macht; und dann füttert es seit 10-12 Tagen sein Publikum so unbarmherzig mit meiner Erzählung – von Hauff »Die Judenbuche« getauft –, daß alle Dichter, die sich gedruckt sehen möchten, mich verwünschen müssen; denn wir und noch ein andrer Prosaist haben vorläufig das Blatt unter uns getheilt und werden wohl in diesem ganzen Monat auch nicht ein fremdes Hälmchen aufkommen lassen. Ich finde, daß sich meine gedruckte Prosa recht gut macht, besser und origineller als die Poesie, aber anders wie ich mir gedacht, und Dein früheres Urtheil hat sich, im Gegensatz zu dem meinigen, bestätigt. Der Dialog – dem ich jetzt einsehe durch Betonung beim Vorlesen sehr nachgeholfen zu haben – ist gut, aber doch unter meiner Erwartung und keineswegs außerordentlich; dagegen meine eignen Gedanken und Wendungen, im erzählenden Stile, weit origineller und frappanter als ich sie früher angeschlagen, und ich hoffe darin mit einiger Übung bald den Besten gleichzustehn, – wenigstens nach meinem Geschmacke, der freilich immer ein Privatgeschmack bleibt, aber übrigens mir nicht schmeichelt, und nur mit dem zufrieden sein wird, was ihn auch bei andern völlig befriedigen würde. Lachst Du mich aus, impertinenter Schlingel? Wer zuletzt lacht, lacht am Besten! Es wird doch etwas Tüchtiges aus mir. Aber Du mußt zuweilen per Feder nachschieben – weiß der Henker, was Du für eine inspirirende Macht über mich hast; seit ich bei diesem Briefe sitze, brennte mir ordentlich in den Fingern, sobald das Siegel darauf ist, wie eine hungrige Löwin über die mir zugewiesenen Stoffe – Deutschland im 19ten Jahrhundert – herzufallen, und dann, meine ich, müsse es nur so in einem Strome fortgehen: Gedichte, Lyrisches, Balladen, Drama, was weiß ich Alles, – das leibhaftige Eiermädchen! Wärst Du noch hier, mein Buch wäre längst fertig, denn jedes Wort von Dir ist mir wie ein Spornstich ... * * * Den 5ten. Guten Morgen, Levin! Ich habe schon zwei Stunden wachend gelegen und in einem fort an Dich gedacht; ach ich denke immer an Dich, immer. Doch punctum davon, ich darf und will Dich nicht weich stimmen, muß mir auch selbst Courage machen und fühle wohl, daß ich mit dem ewigen Thränenweiden-Säuseln sowohl meine Bestimmung verfehlen als auch Deine Theilnahme am Ende verlieren würde; denn Du bist ein hochmüthiges Thier und hast Einen doch nur lieb, wenn man was Tüchtiges ist und leistet. Schreib mir nur oft, mein Talent steigt und stirbt mit Deiner Liebe; was ich werde, werde ich durch Dich und um Deinetwillen; sonst wäre es mir viel lieber und bequemer, mir innerlich allein etwas vorzurichten. Sobald ich diesen Brief geschlossen, gehts con furore ans Werk; ich bin wieder in der fruchtbaren Stimmung, wo die Gedanken und Bilder mir ordentlich gegen den Hirnschädel pochen und mit Gewalt ans Licht wollen, und denke Dir die Beiträge sehr bald schicken zu können, obwohl gewiß der Psalm wieder um zwei Drittel zu lang werden wird, die Du dann mit wahrer Chirurgen-Kälte amputirst. Mich dünkt, könnte ich Dich alle Tage nur zwei Minuten sehen, – o Gott, nur einen Augenblick! – dann würde ich jetzt singen, daß die Lachse aus dem Bodensee sprängen, und die Möwen sich mir auf die Schulter setzten! Wir haben doch ein Götterleben hier geführt, trotz Deiner periodischen Brummigkeit! Ob ich Dir bös bin? Ach Du gut Kind, was habe ich schon für bittere Thränen darüber geweint, daß ich Dir noch zuletzt so harte Dinge gesagt hatte! Und doch war viel Wahres darin. Aber mich vergißt Du doch nicht, was die Zeit auch daran ändern mag; wenn der eine Haken bricht, so hält der andre; Dein Mütterchen bleibe ich doch, und wenn ich auch noch vierzig Jahre lebe; nicht wahr, mein Junge? mein Schulte, mein kleines Pferdchen, – was hängen alles für Erinnerungen, die nie verlöschen können, an diesen Titeln! Schreib mir, daß Du mich lieb hast; ich habe es so lange nicht ordentlich gehört und bin so hungrig darauf, Du dummes, nichtswürdiges kleines Pferd! Laßberg hat mich nach Heiligenberg Schloß Heiligenberg, ehemalige Besitzung der Fürstin-Witwe Elisabeth von Fürstenberg, geborenen Fürstin von Thurn und Taxis. geführt, – eine kalte, schlechte Partie! – überall nichts Merkwürdiges dort zu sehen; daß Schloß recht schön, aber gewöhnlich, die Anlagen unbedeutend, Regenwetter, die Aussicht völlig bewölkt, in den leeren Sälen eine wahre Kellerluft, und obendrein mußte ich den ganzen Tag die Kinder hüten, weil Jenny zu Hause geblieben war ... Einige Tage später fuhren wir über Friedrichshafen nach Langenargen, acht Stunden von Meersburg, dieses Mal Jenny mit. Wie habe ich da an Dich gedacht, altes Herz, wie hundertmal habe ich Dich hergewünscht! Da hättest Du erst erfahren, was ein ächt romantischer Punkt am Bodensee ist. Von so etwas habe ich durch hier noch gar nicht mal eine Idee erhalten. Denk Dir den See wenigstens dreimal so breit wie bei Meersburg, ein ordentliches Meer, so breit, daß selbst ein scharfes Auge, Laßberg z. B., von jenseits nichts erkennen kann, als die Alpen, die nach ihrer ganzen Länge, sogar die Jungfrau mit, in einer durchaus neuen und pittoresken Gruppirung wie aus dem Spiegel auftauchen. Du sitzest auf dem sehr schönen Balkone eines stattlichen Hauses – früher Kloster, jetzt Gasthof –, hinter Dir die Flügelthüren des ehemaligen Refectoriums geöffnet, was seiner ganzen Länge nach mit den lebensgroßen Bildern der alten Grafen von Montfort, in schweren goldenen Rahmen, wie getäfelt ist; unter Dir, über ein Stückchen flachen Strandes weg, die endlose Wasserfläche, wo Du 10-12 Kähne und Fahrzeuge zugleich segeln siehst, denn hier ist die Fahrt anders belebt wie bei Meersburg; links der sehr reiche und städtisch elegante Marktflecken; tief im See ein Badehaus, zu dem ein äußerst zierlicher schmaler Steg führt, der sich im Wasser spiegelt, und gleich dahinter ein Seebusen, voll Segel und Masten, ganz wie ein Hafen, aber ohne das unangenehme Gemäuer; und endlich rechts, nicht zweihundert Schritte vom Gasthofe, der Hauptpunkt, die herrliche Ruine Montfort, auf einer Landzunge, die schönste, die ich je gesehen habe, mit drei Thoren, zackichten Zinnen und einer dreifachen Reihe durch ihre Höhe und Tiefe ordentlich imponirender Fensternischen, in denen die herrlichste Stuccaturarbeit dem Winde und Regen noch zum Theil widerstanden hat und man sie so mit einem Male, über die Nischen streifend, wie eine grandiose Stickerei übersehen kann. Die Ruine ist als solche noch nicht alt, obwohl sonst ein sehr altes Gebäude, vor fünfzig Jahren wohnte noch ein Schaffner darin; dann ward das Schloß zum Abbruch verkauft, und nachdem das Dach und die innern Mauern niedergerissen waren, kam ein Befehl von Stuttgart – es ist württembergische Domäne – damit inne zu halten. Seitdem steht es nun in seiner verfallenden Pracht und läßt sich nach und nach von den Wellen unterminiren, die schon viele Fuß tief in die Mauern gewühlt haben und, wenn man drinnen ist, wie unterirdisch brausen, weshalb auch ein Anschlag vor dem Hineingehen als gefährlich warnt; man thut's aber doch. Jetzt hat sich ein armer Blumenhändler mit Frau und Kind dort angesiedelt; in der nothdürftig hergestellten Pförtnerstube unter dem Thorgewölbe hockt die Familie zusammen; auf den Mauern und Basteien, wo nur ein Fleckchen Erde ist, steht alles voll Blumen in Beeten und Töpfen; aus einem der Kellerlöcher meckert eine Ziege und ein halbes Dutzend weißer Kaninchen schlüpft zu den untern Fensternischen aus und ein. Du kannst Dir das Malerische des Ganzen nicht denken; es ist so romantisch, daß man es in einem Romane nicht brauchen könnte, weil es gar zu romanhaft klänge, und ein fremder Kaufmann, den wir gestern beim Figel trafen, und der grades Weges aus dem südlichen Frankreich durch Italien und in letzter Station von Langenargen kam, war ganz entzückt davon und sagte, er könne es nur den schönsten Aussichten bei Genua und Neapel vergleichen ... Lieber Himmel, warum habe ich einen so schönen Tag ohne Dich genießen müssen! Ich habe immer, immer an Dich gedacht, und je schöner es war, je betrübter wurde ich, daß Du nicht neben mir standest und ich Deine gute Hand fassen konnte und zeigen Dir – hierhin – dorthin – – Levin, Levin, Du bist ein Schlingel und hast mir meine Seele gestohlen; Gott gebe, daß Du sie gut bewahrst. Aber Du hast mich auch lieb und denkst auch an mich an Deiner Donau, – suchst Muscheln, die wahrscheinlich nicht da sind, und hast schon Pflanzenabdrücke und zwei Steine für mich zusammen gehütet, – so ists recht! und wären es am Ende auch simple Kiesel, so soll man immer für einander denken und schaffen, um die Liebe in sich selbst frisch zu erhalten; ich will auch für Dich zusammenscharren, geschnittene Steine, Pasten, Rococo, wie ich nur kann. Sobald man soviel zusammen hat, daß man es auf die ordinaire Post geben kann, ist es das Porto immer leicht werth, und es ist eine gar zu große Freude, das Empfangen wie das Geben. Du altes Herz, Deine Müschelchen, die Du mir hier gesucht und in den Schwefelholzkästchen gegeben hast, kann ich kaum ohne Thränen ansehen, und sie sind mir lieber wie alle die schönen seltenen Meermuscheln in meinem Glasschranke zu Rüschhaus. Adieu, Levin, behalt Dein Mütterchen lieb, stelle Dir oft vor, daß ich bei Dir wäre und Du mir Alles erzähltest und vertrautest, wie da wir zusammen waren; bitte, denk das oft, so wird in Deinem Herzen nie eine Falte gegen mich kommen; ich will Dir auch immer Alles sagen. Adieu, lieb Herz. * * * Rüschhaus den 11ten September 1842. Endlich ein Brief von dem kleinen Pferde! Wissen Sie, Levin, daß ich ganz zürnig war? Obwohl ich es generöser Weise, vielleicht auch mit aus Hochmuth, in meiner königlichen Brust verschlossen hielt und that, als könne ich noch gar keinen Brief erwarten. Wer hätte denken sollen, daß der Klüngelpeter von Laßberg sein Breve, dem schon bei meiner Abreise nicht viel mehr als das Couvert fehlte, erst nach Wochen vom Stapel lassen sollte! Mein Junge darf sich also nicht wundern, daß ich mich wunderte, etwas ängstete und ziemlicher Maßen erzürnte; denn eine innere Stimme sagte mir, daß er gesund wie ein Fisch und rund wie eine Kegel sei, und bloß grenzenlos faul. Ich gäbe viel darum, liebes Herz, wenn Sie grade dieses Mal so recht offen und ausführlich geschrieben hätten, ganz wie zu Ihrem Mütterchen; denn ich sitze hier seit sechs Wochen mutterseelenallein, und weder Hahn noch Huhn kräht nach den Briefen, die ich bekomme, und mich verlangte so nach einem recht langen, warmen, lieben; aber das konnten Sie freilich nicht wissen, das Erstere nämlich. Von der Mitte dieses Monats an bin ich nicht mehr allein, also schon in der Woche, die heute beginnt. Daß Briefe an mich erbrochen würden, ist fortan gar keine Gefahr mehr vorhanden, selbst wenn ich grade abwesend sein sollte; aber ich wünsche dennoch dringend sie allein zu bekommen, um nicht genöthigt zu sein, sie vorzulesen, wo man dann, noch unvertraut mit dem Inhalte, beim Übergehen so leicht ungeschickt stockt, was allerlei Fatalitäten nach sich ziehn könnte ... NB . Richte Deine Briefe von jetzt an doch so ein, daß ich sie, wenigstens zuweilen, Elisen zeigen kann; es wird Dir nicht schwer werden, denn da sie einerseits Dein volles vertrauen besitzt und anderseits wohl weiß, wie lieb Du mich hast, so kannst Du Dich ja fast ganz gehn lassen, und willst Du mir eine Extrablatt einlegen, nun, so läugne ich nicht, daß dies mir um so lieber ist, und ich es wohl eher lesen werde als alles übrige. Mein altes Kind! mein liebes, liebstes Herz! Ich denke in meiner Einsamkeit alle Tage wohl zehnmal an Dich und wette, Du Schlingel denkst alle zehn Tage kaum einmal an mich; darum mag ich es Dir auch gar nicht sagen, wie lieb ich Dich habe, denn »Spiegelberg, ich kenne Dir!« Ich bin zwar eine unvergleichliche Person, und Rüschhaus ist ein höchst grandioses Schloß, aber die zuletzt aus dem Nile gestiegenen Kühe Pharaonis fraßen auch die alten auf, so hundsmager und schäbicht sie selbst waren, und so schön fett und gleißend die andern ... ... Zu meinen Gedichten ist noch manches recht Gelungene hinzugekommen, und die Pastete bald gar. Dann habe ich aber einen plan damit, den ich Dir nur im Vertrauen mittheile, und über den ich voraussehe, sehr ausgeschumpfen zu werden. Liebes Herz, die arme – freilich nicht besonders schätzbare – Bornstedt Die Dichterin Luise von Bornstedt, die bei ihr auf Besuch weilte. ist sehr, sehr unglücklich, von jedermann verlassen, in eine Melancholie versunken, daß man allgemein für ihren Verstand fürchtet, von ihrem Liebhaber fortwährend schändlich betrogen und geplündert – während man in ihrem jetzigen Zustande es nicht wagen darf, eine Aufklärung herbeizuführen – und gewiß in großer Geldnoth, vielleicht hungernd, obwohl sie alle dergleichen Andeutungen mit stolzer Empörung zurückweist; aber sie hat keine ruhige Stunde mehr. Nähern werde ich mich ihr nie wieder, aber ich müßte ein Stein sein, um kein Mitleid zu fühlen. Zum letzten Mittel, dem Erwerb durch Schriftstellern, ist sie jetzt auch unfähig, obwohl sie sich noch einmal zusammen gerafft und bei Anwesenheit des Königs ins Unterhaltungsblatt ein gar nicht schlechtes Lobgedicht hat rücken lassen, auf das sie die glänzendsten Luftschlösser von Gnade, Pension usw. baute, was ihr aber nichts eingebracht hat als Spott und einen dummen, unverdienten Ekelnamen vom Publikum. Nun hat sie sich, gewiß mehr aus Noth als Eitelkeit, an Velhagen und Klasing um eine zweite Auflage ihrer »Pilgerklänge« »Pilgerklänge einer Heimatlosen«, zuerst Berlin 1833. gewendet und die furchtbar demüthigende Antwort erhalten, »daß er dieses nicht anders übernehmen könnte, als wenn sie ein Empfehlungsschreiben von mir brächte«. (Ich bitte Dich, Levin, sei jetzt nicht malitiös, sondern setz Dich einmal in ihre Lage und was sie leiden muß.) Es versteht sich, daß die Bornstedt lieber erfriert und verhungert, als mir darum ankömmt. Was meinst Du nun, liebes Herz, – Du bist doch, Gottlob, auch einer von denen, die den glimmenden Docht nicht verlöschen und das geknickte Rohr nicht zerbrechen, – soll ich nicht, unter Forderung der strengsten Verschwiegenheit, Velhagen meine Gedichte umsonst anbieten, falls er der Bornstedt ein ordentliches Honorar zukommen läßt, ohne ihr den Grund anzugeben? Da mir dieses Rettungsmittel einmal eingefallen ist, glaube ich es, nach meinem Gewissen, nicht zurückweisen zu dürfen und gewissermaßen verantwortlich zu sein für Alles, was aus einem Übermaß von Bedrängniß entstehen könnte ... * * * Rüschhaus den 10(?)ten October 1842. Die bösen kurzen Tage sind jetzt gekommen, lieber Levin, und die noch schlimmere Heizungszeit, wo mein warmer Ofen – NB. nicht mehr der mit dem Loche, durch das man die Flamme so artig spielen sah, sondern ein ganz prosaischer, rund um zu, wie andre gemeine Öfen – mir jeden Augenblick Gäste bringt; so fange ich heute schon an, Ihnen zu schreiben, um durch alle Interruptionen, durch zahllose Stürme und Quarantainen diesen Brief doch sicher bis zum fünfzehnten in den Hafen der Poststube zu bringen. Wie es mir geht? Jetzt schon gut; ich habe mich wieder in's Clima eingeübt, qualifizire mich täglich mehr zur Schnellläuferin, gehe ganz bequem in einem Tage nach Hülshoff oder Münster und zurück und setze Alle außer Athem, die Schritt mit mir halten müssen. Qu'en dites-vous? Ich denke, die acht und achtzig Jahre, die Sie mir angewünscht haben, werden mir wirklich nach und nach auf den Rücken steigen. Was soll ich Ihnen von meiner Lebensweise sagen? Sie ist so einförmig, wie Sie sie kennen und sie mir grade zusagt: Rüschhaus in seiner bekannten melancholischen Freundlichkeit, im Garten die letzten Rosen, die mich immer rühren, wenn ich denke, wie ich sie Ihnen vor nun schon zwei Jahren beim Abschiede gab, als Sie Ihr Schultenamt niederlegten und ich nach Hülshoff zog, um den einen kleinen Ferdinand sterben und den anderen geboren werden zu sehn. – Lieber Levin, unser Zusammenleben in Rüschhaus war die poetischeste und das in Meersburg gewiß die heimischeste und herzlichste Zeit unseres beiderseitigen Lebens, und die Welt kömmt mir seitdem gewaltig nüchtern vor ... ... Meine Gedichte werden denn doch gegen Ostern erscheinen können. Bis vor Kurzem habe ich wenig daran gethan, aber seit es draußen kalt und kothig geworden ist, habe ich mich in meine Winterpoesie gehüllt; es ist doch sonderbar, daß zum Dichten eigentlich schlechtes Wetter gehört, – ein neuer Beweis, daß nur die Sehnsucht poetisch ist und nicht der Besitz ... * * * Rüschhaus, d. 15. Februar 1843. ... Die Fatalität Krankheit. kam recht mal à propos , mitten in der Arbeit, und ich habe sechs Wochen meines Lebens gleichsam in den Brunnen werfen müssen, vielleicht ists gut; denn ich fand des Dichtens und Corrigirens gar kein Ende, sehe jetzt aber wohl ein, daß ich mit dem vorhandenen vorläufig zufrieden sein und nur rasch die Vollendung der Abschrift besorgen muß, ein Entschluß, zu dem ich sonst wohl nicht so bald gekommen wäre ... ... Jenes angenehme Muster – die Bornstedt – hat wieder neue Schicksäler, die aber zu unserm Vortheile ausfallen; sie kömmt jetzt nicht nach Münster, sondern hat sich für den Winter eine Einladung von der Bocarmé Gräfin Bocarmé, einer Freundin der Bornstedt. zu procuriren gewußt, bei der sie wahrscheinlich schon in Paris sitzt; im Sommer will diese sie dann nach Luzern zurückbringen, wenigstens lautet ihr Brief an die Präsidentin Scheibler so. Ich wette, sie hofft dort auf eine Gelegenheit, ihren Nicolaus Ihren Geliebten. mit Vortheil zu vertauschen. Nach demselben Briefe soll die Tante Bismarck eine schriftliche Erklärung von sich gegeben haben, sie zu ihrer Erbin einzusetzen. Das kann allerdings Sensation machen, – wahr oder unwahr, wenn sie es nur geschickt ausbeutet – sowohl in Luzern als Frankreich, wo es Aventuriers genug giebt, die für zehntausend Thaler des Teufels Großmutter heurathen würden, und ich glaube jetzt wirklich, sie bringt ihr rostiges Räderwerk noch in Gang. Ich wünsche ihr all das Gute, das sie nicht verdient, nur weit weg! ... * * * Am 16ten. Guten Morgen, mein alter Levin, ich habe so eben das gestern Geschriebene nachgelesen, und es kömmt mir sehr abgerissen und dürre vor; ich war aber auch gestern hundskrank und ungefähr in der angenehmen Lage eines Halberdrosselten. Jetzt weiß ich, daß es in der Luft lag; denn in dieser Nacht ist eine dicke Schneedecke gefallen, und wir sind mit einem Male mitten im Winter. Die Blumen und gelben Schmetterlinge – denken Sie, deren gab es schon! – müssen alle erfrieren; das ist ein perfider Streich von unserm Herrgott! Wieder auf Ihren Fürsten Wrede. zu kommen: ich bitte Sie dringend, liebes Herz, nehmen Sie sich etwas mit ihm zusammen, sagen Sie ihm keine absichtlichen Anzüglichkeiten und zeigen sich nicht durchweg nachlässig gegen alle seine Wünsche, – ich meine auch solche, denen Sie bei einem achtungswerthen Hausherrn gewiß die feinste Berücksichtigung schenken würden. Sie gerathen sonst auch Ihrerseits ins Unrecht, und ich möchte doch gern, daß Sie so nobel als möglich aus diesem Conflict hervorgingen, und Ihre Delicatesse und taktvolle Haltung so leuchtend als möglich ihm gegenüber stände. Daß er Sie haßt, daran zweifle ich nicht, und auch nicht daran, daß er seine Augen schon lange nach einem Subject umher wirft, das Sie ihm entbehrlich machen könnte, und ich denke mir, wenn er sich wieder in's Ausland wendet, wo man sein Privatleben nicht kennt, werden sich talentvolle Leute genug finden, die diesen Antrag so gut für ein Glück halten, wie Freiligrath und Sie dies gethan haben. Es wäre aber nicht gut, wenn die Trennung von ihm ausginge, am Wenigsten, wenn Sie ihm durch absichtliche Grobheit oder Willkür zu einem Scheine Rechts verhülfen, da er gewiß so klug sein würde, seine Löwin usw. aus dem Spiel zu lassen und als Anlaß des Bruchs eine Gelegenheit zu benutzen, wo ihm vielleicht jeder Hausherr beistimmen würde. Lieber Levin, mein liebstes Herz, Sie haben noch immer alles freundlich aufgenommen, was Ihr Mütterchen Ihnen gesagt hat; Sie wissen wohl, daß es aus einem treuen, für Sie unablässig sinnenden und sorgenden Herzen kömmt. Nicht wahr, mein lieb Kind, Du wirst mir nicht tückisch? Wenn ich anfang, meine Sermone einzupacken, dann könnten Sie nur denken, daß es auch anfing mit der Liebe schlecht zu stehn; denn es ist mir immer hart, Ihnen dergleichen zu schreiben, und ich würde es schwerlich nur jemand Anderes thun; aber Du bist mein einzig lieb Kind, und ich will Dir lieber mal lästig und langweilig erscheinen, als mich durch Schweigen an der Treue zu versündigen. Noch Eins muß ich Dir sagen, und zwar wieder als Dein Mütterchen: wie ist's, daß Du so wenig Liebe zu den Kindern hast? Rühren Dich diese armen Geschöpfe nicht, deren einziger Halt und einziger moralischer Leitstern Du bist? Es kömmt mir vor, als sähst Du die Pflicht, ihre Unschuld zu überwachen und ihren Geist zu entwickeln, fast als eine unbillig aufgebürdete Last an, und doch bist Du deshalb da, und grade dies ist dasjenige, was Deine Stellung adelt und sie in allen honnetten Augen ehrwürdig und schön macht ... ... Nun zu der Gall; Luise von Gall, Schückings spätere Gattin, die er im Wredeschen Hause kennen lernte. ob sie zu meiner Schwiegertochter paßt? Das könnte ganz wohl sein; schön und geistreich scheint sie wenigstens unwidersprechlich, und ich wäre sehr begierig, sie zu sehn; wo steckt sie denn jetzt? Nach Darmstadt denkt sie schwerlich so bald zurück zu kommen, da sie ihren Flügel verkauft hat. Es ist mir äußerst erfreulich, Levin, daß Sie in Ihrer jetziger Verlassenheit einen geistigen Anhalt und Trost in ihr gefunden haben, und wenn es Gottes Wille ist, kann sie Ihnen allerdings dereinst vielleicht noch mehr werden. Dennoch muß ich Dich bitten, liebstes Kind, sei vorsichtig mit der Feder und hüte Dich vor jedem Worte, was Dich binden könnte; die Liebe wird weder durch Schönheit noch Talent noch selbst Achtbarkeit bedingt, sondern liegt einzig in den eignen Augen und eignem Herzen, und wo diese nicht das gewisse Unbeschreibliche finden, was sie grade anspricht, da hilft alle Engelhaftigkeit nichts. Was meinst Du, wenn Freiligrath Dir seine Franziska oder seine Frau hätte zufreien wollen? Von der Letzteren wenigstens ist er gewiß noch mehr begeistert gewesen wie von der Gall, und sie hat ebenfalls für bildschön passirt, ist geistreich, talentvoll, gut und schreibt gewiß vortreffliche Briefe ... Ich sage dieses nicht zum Nachtheil der Gall, von der ich mir das beste und liebenswürdigste Bild mache, sondern nur um Dich vor blinden Schritten zu warnen; denn sie kann vollkommen schön, überhaupt tadellos liebenswürdig sein und doch irgend einen kleinen Haken haben, – einen Zug um den Mund, Blick, Ton der Stimme, – der es Dir gänzlich unmöglich macht, sie zu heurathen; dergleichen kommt ja alle Tage vor. Übrigens ist mir Dein Verhältniß zu ihr sehr lieb, da sie schlimmsten Falls doch immer eine werthvolle Freundin bleiben muß. Aber mehr laß sie Dir um Gotteswillen vorläufig äußerlich nicht werden; – was sie Dir vielleicht schon innerlich ist, darüber habe weder ich ein Recht, noch Du selbst Macht – denn Du bist am wenigsten der Mann, der sich, einmal verwickelt, zu einer Ehe gegen seinen Geschmack resigniren und leidlich glücklich darin leben könnte. Doch wünsche ich mir nichts Besseres und Lieberes, als daß die Gall wirklich, nach Freiligraths Ausdruck, »die rechte Casawaika« sein möge ... * * * Hülshoff den 11ten Mai 1843. ... Sie sehn wohl schon aus meinen Federzügen, lieb Kind, daß ich wenigstens theilweise hergestellt bin; der Aufenthalt in Münster hat mit sehr wohl gethan, was ein halbes Wunder ist, unter den täglichen Erschütterungen, die ich am Sterbelager und Sarge des guten Täntchens mit Elisen theilte. Ich that mir über Macht Gewalt an und dachte, der hinkende Bote würde nachkommen; statt dessen hat diese Widersetzlichkeit gegen mein Nervenübel es gleichsam in Confusion gebracht, die so übel behandelten Anfälle sind es müde geworden, wieder zu kommen, und jetzt bin ich wohl noch schwach, schändlich reizbar, aber doch nicht eigentlich krank mehr. Freuts meinen Jungen nicht? Es ist mir ordentlich ein Fest, es ihm zu schreiben, da ich weiß, wie mir zu Muthe wäre, wenn ich ihn so elend wüßte ... ... Gott gebe, daß die Gall ist, wie wir sie uns ausmalen ... feurig ohne Exaltation, neben ihrem Geiste voll bon sens , und obwohl glänzend in Gesellschaft, doch ruhig, und wohlthuend im häuslichen Leben. Lieb Kind, Dein Mütterchen hat carte blanche , zu sagen, was es will, nicht wahr? So bitte ich Dich, wie ich Dich bitten kann, suche die Gall genau zu ergründen, ehe Dein Wort und Urtheil unwiederbringlich gefangen sind; es geht hier ums ganze Leben. Ich bin voll der besten Hoffnungen und so herzensfroh, daß Deine Neigung sich so ehrenvoll fixirt hat, und doch ist mir jetzt, wo die Entscheidung bevorsteht, so ängstlich und ernst zu Muthe, als sollte ich selbst heurathen. Sollte die Gall – ich hoffe es nicht, aber möglich wäre es, und Deine eignen Beschreibungen widersprechen dem wenigstens nicht – zu jenen Menschen gehören, denen das Bedürfnis steter Aufregung – ob sentimental oder leidenschaftlich, kömmt zu Einem aus – angeboren ist, so bedenk Dich zehnmal, ehe Du Dich bindest. Du bist ein Westphale, deshalb ein geborner Philister, und das Bedürfniß nach heitrer Ruhe ist bei Dir auf die Dauer das allervorherrschendste. Du bist zart von Nerven, deshalb auch kurzen Aufregungen sehr zugänglich, aber bald überreizt; eine derartige Frau würde Dich im ersten Vierteljahre vielleicht bis zur Vergötterung exaltiren, im zweiten und dritten bedeutend ermüden, und endlich würdest Du lieber in die erste beste Pfahlbürgerkneipe gehn, um nur mal eine ruhige ordinaire Stunde zu verleben. Auch ihre Anforderungen an die Welt sind, bei Deiner vorläufig bescheidenen Lage, sehr zu prüfen; sie scheint mir glänzend erzogen und an einen bewundernden Kreis gewöhnt; dergleichen entwöhnt sich nicht leicht. Ihre Unlust an Hofbällen und der großen Welt will nichts beweisen; sehr lebhafte und dabei, wie Du selbst sagst, etwas eitle Personen, die an einen engem Cirkel, wo sie die erste Rolle spielen, gewöhnt sind, fühlen sich nie wohl, wo sie sich schmählich geniren und mit so vielen pari gehn müssen. Aber diese täglichen kleineren Cirkel im eignen Hause sind grade das Geldfressende, und ich weiß kaum, was kläglicher ist: in Schulden gerathen oder jeden Mittag Wassersuppe essen, um Abends die Leute mit Zuckerbrezeln bewirthen zu können. Mein gutes Herz, Du darfst mir nichts übel nehmen und begreifst die Angst Deines Mütterchens, wo ihr einziges liebes Kind auf dem Punkte steht, über seine ganze Zukunft zu entscheiden. Beobachte die Gall zwischen Menschen, und wie sie Dir da zuerst erscheint, ehe sie sich noch ausschließlich mit Dir beschäftiget; nachher ists zu spät. Völlig verliebte oder gar Verlobte sind immer einsamer Natur und möchten nur in einer Hütte unter vier Augen leben; aber das hält nicht an, und die alte angeborne Natur kömmt über kurz oder lang immer wieder durch. Es sind noch zwei Umstände, die ich jetzt, wo Dein Geschick an einem Haare schwebt, nicht übergehn darf, magst Du meine Liebe darin nun erkennen oder verkennen. Die Gall ist protestantisch; das macht zwar mir wenigstens für ihre Person nichts aus; aber sie könnte fordern, daß ihre Kinder in gleicher Religion erzogen würden. Wärs möglich, Levin, daß Du in einem Augenblicke der Leidenschaft oder des Leichtsinns darauf eingingst? Ich weiß, Du bist kein orthodoxer Katholik, hast es aber doch oft gegen mich und Andre ausgesprochen, daß Du Deine angeborne Glaubensform bei Weitem für die bessere und der Moralität zuträglichere hältst. Darum bitte ich Dich, wie ich bitten kann, Levin, gieb kein solches öffentliches Zeichen einer Schwäche, die Dich in Deinen eignen und Andrer Augen herabsetzen müßte. Bedenk, was Du Alles für den Besitz eines Herzens aufgäbst: alle Deine hiesigen Lieben, die Du tödtlich betrüben und den freien Äußerungen ihrer Zuneigung fast unübersteigliche Hindernisse in den Weg wälzen würdest. Mein liebes, liebes Kind, Du weißt, daß dieses keine Drohung sein soll, nur ein Auffrischen des Dir wohl Bekannten, ein Erinnern an Verhältnisse, die Du vielleicht halb vergessen hast, deren Resultate aber wenigstens Einer fast das Herz brechen würden. Nun zu dem andern Punkte. Lieber Levin, Du bist leichtsinnig, oder vielmehr, wenn Du etwas lebhaft wünschest, so machst Du Dir selbst was weiß und siehst, im umgekehrten Sprichwort, ein Kameel für eine Mücke an. Du bist Deiner beiden Eltern ächtes Kind; ich will hiermit Deinem armen guten Vater nicht zu nahe treten, den ich vielleicht grade deshalb so liebe und begreife, weil ich an Dir sehe, wie man ihm in manchen Stücken ähnlich und doch großer Anhänglichkeit wert sein kann. Deshalb bitte ich, wie nur eine Mutter bitten kann, verlobe Dich, wann Du willst, heute – morgen – aber heurathe nicht ohne rechten festen Grund unter den Füßen, nicht auf einige hundert Gulden, die bei sparsamer Wirtschaft allenfalls für Zweie ausreichen. Gott kann Dir elf Kinder geben, wie meinem Bruder, und es ist nichts schrecklicher, wie Frau und Kinder darben zu sehn oder, in Schulden versunken, alle Tage erwarten, ausgepfändet zu werden; und hast Du einmal leichtsinnig angefangen, so mußt Du, wohl oder Übel, allen bittern Ernst mit durchhalten. Auf Deine Schriftstellern darfst Du nicht zuviel rechnen; jede Kränklichkeit kann Dich unfähig dazu machen, und grade Sorge und Niedergeschlagenheit würden diese Quelle gewiß sogleich verstopfen. Auch Dein eigentlicher Broterwerber, Dein Amt, muß sicher sein, von der Regierung oder sonst vermögenden Kräften garantirt; ich weiß nicht, ob Sie Augsburger Zeitung dies ist, aber jedenfalls würde ich faute de mieux , hier zugreifen, wenn die Bedingungen irgend annehmlich wären; du hast vorläufig für Dich und die nächste Zukunft zu sorgen, und diese ist jedenfalls eine Stelle, die Dich sehr an's Licht heben und eher wie jede andre den Weg zu einer wirklich genügenden Lage bahnen wird ... * * * Abbenburg den 24sten Juni 1843. Ihren Brief, liebster Levin, habe ich grade bei meiner Abreise empfangen, oder vielmehr auf der ersten Station, in Münster, habe ihn gleich Elisen ganz und Schlüters größtentheils mitgetheilt und Letztere in der Confusion theilnehmender Verwunderung stehn lassen, um mich durch zwei regnichte Reisetage und nachher ein solches Volumen von Besuchen, Erzählen, sogar sehr ernsten Geschäften zu arbeiten, daß eben heute der erste freie Augenblick, und auch nur zufällig, eintritt, wo ich wenigstens den Anfang zu einer Antwort machen kann. Sie sind also Bräutigam, und zwar einer höchst wahrscheinlich sehr guten und ganz gewiß höchst liebenswürdigen Braut, die nach Ihrer Beschreibung wirklich grade das zu besitzen scheint, was zu Ihrem innern Glück und äußeren Wohle Noth thut, und wonach mein Auge lange ängstlich für Sie umher gesucht hat. Nun, Gott segne Sie und gebe Ihnen alles Glück, was Ihr Herz so reichlich verdient; wenn meine Wünsche für Sie nur erfüllt werden, dann will ich auch nicht zanken, daß Sie meinen warmen, angstvollen Rath, wie gewöhnlich, mit aller Hochachtung bei Seite geschoben und dem Schicksal den Handschuh gradezu in's Gesicht geworfen haben ... Hat der Himmel es gnädig mit Dir gemacht, statt Deiner geprüft und gewählt und Dir in Louisen ein Kleinod gegeben, was Du wohl ahnen, aber durchaus noch nicht als ächt erkennen konntest – bei Deiner Verlobung –, so fordre ihn nicht zum zweiten Male heraus durch den Bau einer Häuslichkeit auf den armseligen lockern Triebsand bloß litterarischer Erfolge. Sieh Freiligrath an; Du sagst, er sei glücklich –, es mag sein; soviel weiß ich aber, daß er trotz seiner Pension, die Deiner Braut Vermögen ungefähr aufwiegt, und trotz seiner Kinderlosigkeit in sehr beengter Lage ist, und Alles, was Dich an ihm stört, seine veränderte Stimmung, sowie die bittre seiner Frau, sind ohne Zweifel theilweise, wo nicht ganz Folgen derselben ... Vergegenwärtige Dir nur einmal recht lebhaft Deine frühere Lage, und doch hattest Du da für keine Familie zu sorgen. Ich mag nicht mehr darüber sagen, mein letzter Brief enthält Alles, was sich darüber sagen läßt, und diesen hast Du wahrscheinlich schon verworfen oder mindestens gewiß vergessen, und so wird es diesem auch gehn, und ich finde mehr Trost in dem von Dir gerühmten praktischen Sinne Deiner lieben Braut, die von selbst meine Ansichten theilen muß, als daß ich hoffte, großen Eindruck auf Dich zu machen. Du wirst es natürlich finden, daß ich mich mit dem höchsten Interesse nach dem Gegenstande Deiner Wahl erkundigt habe, jedoch ohne Jemand treffen zu können, der mehr von ihr kannte als ihre Arbeiten im Morgenblatt; so bleiben außer Deinem Zeugniß, dem ich gern und freudig trauen will, ihre wenigen, aber Gottlob höchst herzlichen und einfachen Zeilen an mich das Einzige, was meiner Phantasie und den Hoffnungen für Deine Zukunft die Richtung giebt. Sag Louisen, daß ich ihr danke, daß ich sie schon jetzt herzlich liebe und das feste Vertrauen habe, sie immer mehr zu lieben, weil sie Dich immer glücklicher machen wird. Wann und wie uns das Schicksal zusammen führen wird, weiß Gott allein; aber der hoffentlich gegenseitige lebhafte Wunsch wird die Gelegenheit schon herbei zu führen wissen. Sag ihr, daß ich sehr viel an sie denke und ihr Bild mir so vertraut und lieb vor Augen steht, wie die vereinte Liebe eines Bräutigams und einer Mutter es nur malen können, und daß ich sie bitte, mir für das persönliche Zusammenfinden einen offnen Platz in ihrem Herzen zu bewahren, wie ich ihr mit aller Treue einen in dem meinigen bewahren werde. Du, Levin, mußt ihr bezeugen, daß dies keine leeren Worte sind, und wie wenig ich mich überall mit leeren Worten befasse. Und somit Gottes Segen über Euch Beide! * * * Meersburg, d. 14ten December 1843. ... Nehmen Sie dazu, daß ich schweren Herzens Sie an der Katastrophe Ihres Schicksals sah, mit dem Gefühl, bei meiner durchaus oberflächlichen Kenntnis aller äußeren und innern Verhältnisse, kein Wort – weder pro noch contra sagen zu können, was mich nicht vielleicht nachher bitter gereut hätte, d. h. falls es berücksichtigt worden wäre, was freilich unter diesen Umständen kaum zu erwarten war. So schwieg ich lieber und überließ Alles der Fügung des Himmels und dem Urtheile derer, die die Sache in der Nähe sahen – Ihnen, Ihrer lieben Braut und den vielen Freunden und Verwandten, deren Rath Ihnen so nahe zur Hand wie ihre Theilnahme unbezweifelt war ... Clara Schumann Wie macht einen die Liebe auch so empfänglich für alles Schöne; die Musik ist jetzt ein ganz anderes Ding für mich als ehemals. Wie selig, wie sehnsüchtig stimmt sie, es ist unbeschreiblich«, schreibt Clara Wieck im Jahre 1838 an Robert Schumann. Sie hat damit die beiden Leitsterne ihres Daseins genannt: die Liebe und die Musik. Beide sind in ihr gewachsen, ohne die schöne Form zu zerstören, aber sie erfüllend bis in jede Fiber. Wenn Professor Mensing in Erfurt von der kleinen Virtuosin sagen konnte: »Sie ist dazu bestimmt, das Erhabene in der Kunst selbst zu fördern«, so können wir hinzusetzen: und die Künstler. Nicht nur durch ihre meisterhafte Wiedergabe, mehr noch durch ihre teilnehmende, begeisterungsfähige Persönlichkeit, der es sehr früh gegeben war, Marktware vom Kunstwerk zu unterscheiden, in einer Zeit, in der ein Thalberg, ein Henselt mit ihren klavierequilibristischen Feuerwerken das Konzertpodium wie den Salon beherrschten. Ich habe aus dem reichen Material, das Berthold Litzmann in seinem ganz ausgezeichneten »Clara Schumann«-Buche gesammelt hat, zwei Briefreihen ausgewählt. Die erstere ist bis auf eine Ausnahme an Robert Schumann vor der Ehe gerichtet. Aus der Tochter des Lehrers – verdankt doch Robert Schumann der Fürsprache des alten Wieck zum großen Teil, daß seine Mutter ihren Widerstand gegen seine Musikcarrière aufgab – wird Clara die kleine Kollegin, dann die Schwärmerin, endlich die bewußt Liebende, die Braut, deren Seelenstärke mit jedem Hindernis wächst. Und der Hindernisse gab es schier unübersteigliche. Friedrich Wieck faßte plötzlich eine unbegreifliche Abneigung gegen den Bewerber, die selbst vor den Schranken des Gerichts nicht halt machte und der die gesetzlich erzwungene Einwilligung, ja die Geburt der ältesten Enkelin nur neue Nahrung gab. Ob sein Vaterherz instinktiv den schrecklichen Krankheitskeim geahnt hat, der schon damals in Robert lag und dem Zwanzigjährigen Wahnängste verursachte? Jedenfalls hat er diesen Grund vor Gericht nicht geltend gemacht; er hat aber auch keine Verleumdung gescheut, um dem endlich vereinigten jungen Paar Steine in den Weg zu schleudern. Hat er nun gefürchtet, sich selbst durch seinen sinnlosen Antagonismus unmöglich zu machen, hat Schumanns Genius ihn wirklich bezwungen: jedenfalls hat er selbst späterhin den ersten Schritt zu einer Wiederversöhnung getan. Um zu begreifen, was die arme Clara bis dahin gelitten hatte, wie sehr mit allem Fühlen ihres Herzens sie an Schumann hängen mußte, um zu handeln, wie sie es tat, muß man sich ihre Stellung zu ihrem Vater klar machen. Clara wurde am 13. September 1819 in Leipzig geboren. Mit diesem Tage beginnt ihr Vater – der Musikpädagoge und Instrumentenhändler war – ein »Lebensbuch« von ihr, in das sie selbst späterhin alles eintrug, was sie bewegte, was ihre Zeit brachte. Spät zum Sprechen, aber früh zum Hören erwacht, beginnt sie bei Friedrich Wieck in ihrem fünften Jahre eine Art Klavierunterricht nach einem eigens für sie erdachten System, das sie mit Hilfe ihrer Begabung und unter Daransetzung der ganzen Persönlichkeit des Vaters während zehn Jahren zu dem machte, was sie wurde: der ersten Klavierkönnerin ihrer Zeit. Mit elf, zwölf Jahren beginnen, von langen Ruhepausen unterbrochen, die Konzertreisen. Aus dieser Periode datiert die Bekanntschaft mit Schumann. Leise erblüht die Liebe in ihr und kommt ihr zum Bewußtsein, als Schumann sich mit ihrer Freundin und Vertrauten Ernestine von Fricken verlobt. Eine Zeit bitteren Leides folgte, bis Robert aus eigenem Antriebe die Verlobung löste. In seiner Beichte vom 11. Februar 1838, die mit den Worten beginnt: »Lege Deinen Kopf ein wenig auf die rechte Seite, wo Du so lieb aussiehst, und laß Dir manches erzählen«, – und in der er den Beginn seines Lebens erst von dem Augenblick datiert, wo er sich über sein Talent klar geworden, sich für die Kunst entschieden und damit seinen Kräften eine wirkliche Richtung gegeben hatte, streift er zum ersten Male, den »fürchterlichsten Gedanken, den je ein Mensch haben kann, den Verstand zu verlieren«. Diese Angst, die ihn von Ort zu Ort trieb, jagte ihm der Ernestine, »einem Mädchen so gut, wie die Welt je eines getragen, in die Arme«. Trotzdem entspricht es der inneren Wahrheit, wenn er später zu Clara sagen konnte: »Du bist meine älteste Liebe. Ernestine mußte kommen, damit wir vereint wurden.« Ihre künstlerischen Erfolge blieben Clara Wieck auch als Clara Schumann treu. Nicht so immer die materiellen. Es ist verständlich, daß sie fortan die Kompositionen ihres Gatten bevorzugte, in einer Weise, für die die Zeit noch nicht reif war. Das brachte ihr manche Enttäuschung und Schumann manche Bitternis, über die er jedoch mit den prophetischen Worten: »Lass' nur, in zehn Jahren wird das anders sein« mit dem innigen Glauben des Künstlers hinwegkam. In dieser Zeit kristallisierte sich ein Teil des deutschen Musiklebens in Leipzig. Man kann wohl Mendelssohn als den Mittelpunkt des kompositorischen Interesses betrachten. Das Ehepaar liebte ihn als Menschen wie als Künstler innig, während ihr Urteil über Franz Liszt – freilich nur zufolge seiner vielen Exzentrizitäten – außerordentlich schwankend ausfällt. Für das Morgenrot, das mit Richard Wagner heraufdämmerte, hatten beide noch kein Verständnis; er war ihnen auf allen Gebieten gleich unsympathisch. Ganz eigen berührt es, daß Clara zu einer Zeit, da Meyerbeer, den sie rechtschaffen verabscheute, in aller Mund war, Beethoven sozusagen für Europa entdeckte, und erst langsam mit seiner Musik in ihren Konzerten durchdrang. Von den großen Virtuosen, denen sie in ihrem Leben begegnet ist, hat sie Rubinstein, Bülow und Joachim näher gestanden; besonders der letztere hat sich ihr während der Todeskrankheit Roberts und der nachfolgenden schweren Zeit bis zu ihrem Tode als treuer Freund erwiesen. Da mir aus der Zeit ihrer Ehe seelisch bedeutsame Briefe an ihren Gatten nicht bekannt sind, habe ich mich darauf beschränkt, aus dieser lebensreichsten Periode ihres Daseins nur einen Ausschnitt ihres Tagebuchs zu geben, in dem sich gelegentlich der Schilderung des Ausbruchs von Roberts Geisteskrankheit noch einmal die ganze Innigkeit ihres Gefühls in wenigen Zeilen zusammenzudrängen scheint. Die zweite Briefreihe ist an Johannes Brahms , den besten Freund, den sie auf dieser Welt hatte, gerichtet. Ein weicher unfertiger Jüngling noch, kam er in das Haus der Schumanns, der ersten Menschen vielleicht, die sein Genie voll erkannten. Was er sowohl dem Kranken in seinem letzten Asyl, wie der vereinsamten, zum Broterwerb gezwungenen Frau war, geht weit über den banalen Begriff Freundschaft hinaus. Es ist schwer zu sagen, wer von beiden mehr gegeben, wer mehr verlangt hat. Brahms war eine spröde, gleichsam in sich selbst gesammelte Natur, Clara von jeher offen und anschmiegend und zur zärtlichen Übertreibung neigend. So konnte es denn nicht ausbleiben, daß es mit der Zeit zu kleinen Enttäuschungen und Reibungen kam, die, rein persönlicher Natur, die künstlerische Wertschätzung der beiden nie berührte. Selbst in den Zeiten größter Verstimmung hat Clara Schumann mit Begeisterung die Brahmsche Musik propagiert, hat sich Brahms als ihr musikalischer Berater gefühlt. So lange die Körperkräfte es ihr erlaubten, ja eigentlich über ihre Kräfte hinaus, hat die alternde Künstlerin das ewig rastlose Leben der Konzertnomadin geführt, um für ihre Kinder und später ihre Enkel des Tages Notdurft herbeizuschaffen. Auf große ergiebige Jahre folgten schmalere. Die Spanne Zeit, während deren sie am Frankfurter Raffkonservatorium, unterstützt durch ihre Töchter, als Lehrerin tätig war, sind noch verhältnismäßig ihre stabilsten zu nennen. Ein kleines Häuschen in Baden-Baden war ihr ein besonders lieber Besitz. Trotz mancherlei Leiden des Gehörs wie der Glieder war ihr ein selten hohes Alter beschieden. Drei ihrer Kinder und viele ihrer Freunde gingen vor ihr dahin. Liszt, Rubinstein, ihre liebste Freundin Lyda Bendemann (Gattin des Malers), die Schröder-Devrient u. A. m. mußte sie betrauern, doch war es ihr vergönnt, ihre beiden besten Freunde Brahms und Joachim bis zum letzten Augenblicke zu behalten. Am 26. März 1896 mahnte ein erster leichter Schlaganfall sie an die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens. Am 7. Mai sandte sie noch Brahms herzliche Worte zu seinem Geburtstag. »Tags darauf«, erzählt Litzmann in seinem großen Werke über Clara (Leipzig, Breitkopf \& Härtel), »durfte ihr Enkel Ferdinand ihr wieder vorspielen: aus Schumanns Intermezzi, dann die Fis-dur-Romanze. Schweigend hörte sie zu. Nach jedem Stück fragte er, ob er weiter spielen solle. Sie bejahte durch Nicken. Nach der Romanze sagte sie plötzlich: ›Es ist nun genug!‹ Das war der letzte Klang in ihrem Leben gewesen ...« Am 20. Mai starb sie in ihrem achtzigsten Jahre. Von ihren lieblichen Kompositionen aus der Mädchenzeit wird wenig mehr gespielt. Aus ihrer Ehe sind besonders die Lieder und Romanzen lebendig geblieben. Sie selbst hat früh genug erkannt, daß bei allen weiblichen Kompositionen »das Frauenzimmerliche gar so stark zum Durchbruch kommt« und hat sich damit begnügt, die tönende Glocke für die Harmonien der Größeren zu sein, denen sie dienen durfte. Briefe von Clara Schumann. An Robert Schumann. Dresden, am 8. Juni 1834. Lieber Herr Schumann! Heute, Sonntag, den 8. Juni, an dem Tage, wo der liebe Gott einen so musikalischen Funken vom Himmel fallen ließ und also Sie geboren wurden, sitze ich hier und schreibe an Sie, obgleich ich heute zweimal weggebeten bin. Das erste was ich schreibe ist, daß ich meine Wünsche anbringe, nämlich, daß Sie nicht immer von allem das Gegentheil thun möchten – weniger bayrisches Bier trinken – nicht sitzen bleiben, wenn andere fortgehen, – aus Tag nicht Nacht machen und umgekehrt, – Ihren Freundinnen beweisen, daß Sie an sie denken, fleißig componieren – mehr in die Zeitung schreiben, weil es die Leser wünschen. Die von Schumann begründete und von ihm redigierte »Neue Zeitschrift für Musik« war am 3. April 1834 ins Leben getreten. Ist das aber erlaubt, Herr Schumann, so wenig Aufmerksamkeit für eine Freundin zu haben und ihr nicht einmal zu schreiben? Jedesmal bei Ankunft der Post hoffte ich ein Briefchen von einem gewissen Herrn Schwärmerer zu bekommen, aber ach! ich war getäuscht. Ich tröstete mich damit, daß Sie doch wenigstens hierher kämen, aber eben schreibt mir der Pater, daß Sie nicht kommen würden, da Knorr Mitarbeiter an der Zeitschrift. krank ist ... An meiner Thüre ist ein Zettel geklebt, worauf steht »feierlichst erwählter Mitarbeiter der neuen musikalischen Zeitung Clarus Wieck«, nächstens kommen 6 Bogen von mir, da giebt es etwas zu bezahlen ... Nun, da darf ich mir doch auch ein originelles, aber nicht originell geschriebenes (d. h.) Briefchen ausbitten, nicht wahr, Herr Schumann? Dieser geistreiche, originelle und witzige Brief empfiehlt Ihnen in aller Langsamkeit (Eiligkeit lieben Sie nicht) Ihre Freundin Clara Wieck. »Clara Wieck Doppelgänger«. Dies bezieht sich auf einen Brief Roberts vom 13. Juli in dem er »den sympathetischen Vorschlag« macht, beide möchten zur gleichen Stunde das gleiche Adagio aus Chopins Variationen spielen und stark aneinander denken. Ihre »Doppelgänger« – angeregt durch E. Th. A. Hoffmanns Erzählung – würden sich dann begegnen. * * * Prag, Sonntag den 12. November 1837 abends. Lieber Robert, Dein Brief hat mir eine unaussprechliche Freude gemacht, ich bekam das Zittern im ganzen Körper vor Freude, als mir ihn Nanny ihre Reisebegleiterin. einhändigte. Doch nun erlaube mir erst ein wenig zu zanken und Dir zu sagen, daß Du ein ungenügsamer Mensch bist. Erst wolltest Du in 8 Wochen einen Brief haben, dann in 4 Wochen, und nun schreibe ich Dir in 3 Wochen, und Du beklagst Dich! – Ich glaub' fast, Du willst mich schon im voraus die Herrschaft des Mannes fühlen lassen – schon gut, ich denk', wir werden uns vertragen. – Aber was schreibst Du da von Hoffnungen sinken? Hast Du den Sinn aus meinen Briefen gezogen? Ach, Robert, das schmerzt! Leb' ich ja doch nur einer Hoffnung, nur ein Gedanke begeistert mich in meinem Thun und Treiben, und Du kannst so etwas sagen? Nein – schreiben? – Laß das nicht weiter gehn! – Und nun, was das verheirathen betrifft, das ist allerdings bedenklich. Wenn nun so ein Diamant käme, der mich so blendete, daß ich Eusebius Florestan Fingierte Personen aus den Davidsbündlern. und wie sie sonst noch heißen, vergäße, und Du läsest am Ende in Zeitungen »Verlobung des Fräulein Clara Wieck' mit dem Herrn von Perlenschnur, oder Diamantenkrone«. – Im Ernst aber, bin ich ein kleines Kind , das sich zu dem Altar führen läßt, wie zur Schule? Nein, Robert! Wenn Du mich Kind nennst , das klingt so lieb, aber, aber , wenn Du mich Kind denkst , dann tret' ich auf und sage: »Du irrst« . Vertraue mir vollkommen. Hab ich Dir nicht einmal geschrieben, »die Not bricht Eisen«; hilft nichts mehr, so suche ich Ruhe in liebenden Armen. Nun noch – was wollt ich doch gleich? Ich meine den Ring. Also Du wolltest ihn mir wiedergeben? Hm, das wäre halt zu schauen, will mal überlegen! – Du lächelst, ich auch . – Eben schaut der Mond herein, »schönen Gruß« –, nun, lieber Robert, nicht wahr, wir lassen es beim Alten, und Du nennst mich fortan Deine treue Clara, nie anders ... * * * Freitag, den 17. nachmittags. ... Glaub' nicht, daß es so leicht ist, denn bei unverschlossener Thüre muß ich Dir schreiben, da Vater sehr bös ist, wenn er das Zimmer verschlossen findet, und nun sein Verdacht; denk' Dir, er hat zur Nanny gesagt, »ich weiß schon meinen Pfiff, wie ich erfahre, ob Clara an Schumann geschrieben, lange bleibt es nicht vor mir verborgen ... doch nimm ja alles recht ernst, und dann meine inständigste Bitte, erwähne nichts mehr von Zweifel , das verwundet mich tief! Habe ich doch das Bewußtsein der schönsten und standhaftesten Liebe. Baue so fest auf mich, nun wie ich auf Dich – dann ist uns kein Hindernis zu groß, wir bieten Allem Trotz, wenn nicht höhere Mächte sich zwischen uns stellen. * * * Wien, den 15. Dezember 1837. ... Doch schmerzlich ist es mir, wenn Du auf Vater einen Stein werfen willst, weil er für seine vielen, mir gewidmeten Stunden nur einen kleinen Lohn verlangt. Er will mich glücklich wissen, meint das durch Reichtum zu erreichen, kannst Du ihm zürnen? Er liebt mich ja über alles und würde mich, sein Kind, nie verstoßen, wenn er säh', daß nur Dein Besitz mein Glück begründen könne, also verzeih ihm aus Liebe zu mir seine natürliche Eitelkeit. Denke, daß er nur aus Liebe zu mir, so an Dir gehandelt. Du liebst mich ja auch und beglückst mich, wenn Du ihm vergiebst, von Dir möcht ich ihn nicht verkannt wissen – jeder Mensch hat seine Fehler, ich und auch Du, wenn Du es mir nicht übel nimmst! ... * * * den 21sten. Heute war mein zweites Conzert und abermals ein Triumpf, unter vielem fand mein Conzert die beste Aufnahme. Du fragst, ob ich es aus eignem Antrieb spiele? Allerdings! Ich spiele, weil es überall so sehr gefallen, und Kenner, wie Nichtkenner befriedigt hat. Jedoch, ob es mich befriedigt, das ist noch sehr die Frage. Meinst Du, ich bin so schwach, daß ich nicht genau wüßte, was die Fehler des Conzertes? Genau weiß ich es, doch die Leute wissen es nicht und brauchen es auch nicht zu wissen. Glaubst Du, ich würde es spielen, wenn es überall so wenig anspräche, als in Leipzig? überhaupt wenn man hier gewesen, möchte man nie mehr nach dem Norden gehen, wo die Menschen Herzen von Stein haben. (Du bist natürlich ausgenommen.) Hier solltest Du einmal einen Beifallssturm mit anhören. Die Fuge von Bach und das Finale der Händelschen Variationen mußte ich wiederholen. Kein schöneres Gefühl, als ein ganzes Publikum befriedigt zu haben. Das war ich. – Nun zu Dir ... viel Spaß hat mir die Stelle in Deinem Brief gemacht, wo Du schreibst »und so zögen wir beladen mit Schätzen wieder in unser Häuschen ein«. Ach mein Gott, was denkst Du, Schätze sind mit der Instrumentalkunst jetzt nicht mehr zu erlangen. Wieviel muß man tun, um ein paar Thaler aus einer Stadt mitzunehmen. Wenn Du um 10 Uhr abends bei Poppe Leipziger Lokal. sitzest oder nach Hause gehst, muß ich Ärmste erst in die Gesellschaften und den Leuten für ein paar schöne Worte und eine Tasse warm Wasser vorspielen, komme um 11-12 Uhr todtmüde nach Haus, trinke einen Schluck Wasser, lege mich nieder, und denke, was ist ein Künstler viel mehr als ein Bettler! Und doch, die Kunst ist eine schöne Gabe! Was ist wohl schöner, als seine Gefühle in Töne kleiden, welcher Trost in trüben Stunden, welcher Genuß, welch schönes Gefühl, so manchem eine heitere Stunde dadurch zu verschaffen! Und welch erhabenes Gefühl, die Kunst so treiben, daß man sein Leben dafür läßt! – Das Letzte und alles Übrige habe ich heute getan und lege mich zufrieden und beglückt nieder. Ja, glücklich bin ich – und werde es aber erst vollkommen sein, wenn ich Dir an das Herz fallen kann und sagen »nun bin ich Dein auf ewig, – mit mir meine Kunst«. * * * Am Christabend. Wie sollt ich den Christabend schöner feiern, als mich mit Dir zu unterhalten, ich war heute sehr traurig, keinen Christbaum erblickt mein Auge. Wo magst Du jetzt sein? Ob Du recht glücklich bist? Doch ja – Dir brennt ja der Baum der Liebe! ... Von einer sehr zarten Aufmerksamkeit gegen mich hast Du vielleicht schon gehört. Schubert, Der Komponist Franz Schubert. hat nämlich unter mehreren Stücken ein Duo 4händig hinterlassen, was Diabelli jetzt gedruckt und mir gewidmet haben. Dies erschütterte mich sehr, ich kann mir kaum selbst sagen, warum. Es ist doch eigen, wie reizbar ich jetzt bin. Ich komme mir zuweilen sentimental vor ... Was soll ich Dir antworten? Sag ich »ich bin eifersüchtig«, so belüge ich Dich, und sage ich »ich bin nicht eifersüchtig«, so glaubst Du Dich belogen, so mußt Du Dich wohl noch ein wenig gedulden. * * * Den 26sten 11 Uhr. ... Vater hat gestern wieder zu Nanny gesagt »wenn Clara Schumann heiratet, so sage ich es noch auf dem Todtenbett, sie ist nicht wert meine Tochter zu sein«, Robert, schmerzt das nicht? Meine Empfindungen lassen sich nicht beschreiben, doch Alles will ich erleiden, wenn es für Dich ist. Ich theile Dir dies bloß mit, weil es mein Herz zu sehr bewegt, als daß ich es Dir verschweigen sollte ... Ich bin ganz außer mir, wenn ich den Vater abends noch zanken höre, wenn mich seine Flüche aus dem Schlafe stören, und ich nun höre, daß sie mein Liebstes betreffen ... Meinen Vater habe ich gar nicht mehr so lieb, ach Gott, ich kann nicht so recht von Herzen zärtlich sein, und möchte doch so gern – es ist ja mein Vater, dem ich alles danke ... Auf Deine Frage, ob ich mich durch Vater wieder einschüchtern lassen werde, die Antwort: Nein – nie.   An Friedrich Wieck. Paris, d. 1./5. 39. Mein geliebter Vater, Deine Briefe aus Dresden haben wir erhalten, und ich danke Dir für Deine lieben Zeilen; große Sehnsucht hätte ich, Dich, mein lieber Vater, wieder zu sehen und mit Dir so recht in aller Liebe und Eintracht einmal zu reden; so laß es mich jetzt wenigstens schriftlich thun. Ich las Deinen Brief an Emilie Emilie Leiser, eine Jugendfreundin. und gestehe Dir aufrichtig, daß Du Manches berührt, was schon längst in mir sprach, und worüber ich schon viel im Stillen nachgedacht. Meine Liebe zu Schumann ist allerdings eine leidenschaftliche, doch nicht blos aus Leidenschaft und Schwärmerei lieb ich ihn, sondern weil ich ihn für den besten Menschen halte, weil ich glaube, daß kein Mann mich so rein, so edel lieben und mich so verstehen würde, als Er, und so glaub ich auf der anderen Seite auch ihn mit meinem Besitz ganz beglücken zu können, und gewiß keine andere Frau würde ihn so verstehen wie ich. Du wirst mir verzeihen, lieber Vater, wenn ich Dir sage, Ihr Alle kennt ihn doch garnicht, und könnte ich Euch doch nur überzeugen von seiner Herzensgüte! Jeder Mensch hat ja seine Eigenheiten, muß man ihn nicht darnach nehmen? Ich weiß, was Schumann fehlt, das ist ein Freund, ein erfahrener Mann, der ihm beisteht und hülfreiche Hand leistet; bedenke, daß Schumann nie in die Welt gekommen war – kann es denn nun auf einmal gehen? ach Vater, wärest Du ihm ein Freund – Du solltest ihn gewiß nicht undankbar finden und würdest ihn gewiß achten; glaubst Du denn, daß ich Schumann so liebte, wenn ich ihn nicht achtete? glaubst Du nicht, daß ich wohl seine Fehler weiß? Aber auch seine Tugenden kenne ich. Uns würde zu unserem Glücke nichts fehlen als ein, wenn auch kleines, doch sicheres Auskommen, und Deine Einwiligung; ohne letzteres wäre ich ganz unglücklich, ich könnte nie Ruhe haben und Schumann, der ja so viel Gemüth hat, würde das auch unglücklich machen; ich sollte verstoßen von Dir leben und Dich unglücklich wissen! Das hielt ich nicht aus ... Nie kann ich von ihm lassen, und er nicht von mir – nie könnte ich einen anderen Mann lieben – ich bitte Dich versprich es mir, sage mir aufrichtig was Du verlangst, was Du in Deinem Innern denkst, mache mir keine Hoffnung, wenn es Dir nicht Ernst damit ist. Ach wie glücklich kannst Du uns machen! mein Herz ist so voll Liebe – willst Du es brechen? Das hätte ich nicht verdient! Du hältst mich nicht für gut, Du sagst mein Charakter sei verdorben, ich wisse nicht, wie Du mich liebst, ich sei undankbar – ach Vater, da thust Du mir doch gar zu Unrecht. Emilie und Henriette Henriette Reichmann, eine talentvolle Stuttgarterin. sind Zeuge, mit welcher Liebe ich von Dir spreche, immer, selbst nach Deinen vorwurfsvollen Briefen! oft meinte ich schon im Stillen von Dir getrennt zu sein, Dich auf Deinen Spaziergängen nicht begleiten zu können, mich von Dir undankbar genannt zu wissen und so Vieles noch! Hing ich je an Dir, so ist es jetzt. Du zanktest mich in Leipzig, daß ich nie heiter war; bedenke doch einmal in welchem Zustande ich in Leipzig war und wie man überhaupt ist, wenn man liebt, daß man da liebevoller, theilnehmender Umgebung bedarf – hatte ich die? Durfte ich Dir je von meiner Liebe sprechen? Mit wem möchte man wohl lieber darüber sprechen als mit den Eltern? und vollends mit Dir! wie oft versuchte ich es, Dich durch mein Vertrauen zu Dir teilnehmender zu machen, hingegen machte ich Dich immer zorniger; nichts durfte ich! im Gegentheil ich mußte meine Liebe in mich verschließen, und mußte, ach so oft! mich und den Gegenstand meiner Liebe verspottet sehen – das kann ein liebend Herz wie das meine nicht ertragen ... Ich bitte Dich, schreib mir gleich wieder, ich kann nicht lange in der Unruhe bleiben; Du solltest sehen, wie ich meiner Kunst leben würde; Du meinst, ich liebe meine Kunst nicht? ach Gott, giebt es Augenblicke wo ich ganz allen Kummer vergesse, so ist es am Clavier ...   An Robert Schumann. Am Sylvester (1839). Den Neujahrskuß laß Dir geben, mein geliebter Robert, mit welchen Gefühlen ich das neue Jahr betrete, kann ich Dir nicht sagen, es sind freudige, aber auch ernste. Ich soll Dir nun bald ganz angehören, das erregt mich freudig, mein ganzes Lebensglück liegt dann aber auch in Deiner Hand. Ein unbegrenztes vertrauen hab ich zu Dir, Du wirst mich ganz beglücken. Aber auch ich will Dir immer von ganzer Seele ergeben sein, mein ganzes Sinnen und Trachten ist ja Dein Glück. Gieb mir Deine Hand, mein Robert, treu will ich mit Dir durch's Leben gehen, Alles mit Dir theilen, und kann ich es, Dir auch eine gute Hausfrau sein ... Ach, Ich liebe Dich ja so innig, so ganz unendlich! Bald Dein glückliches Weib Deine Clara.   Aus Claras Tagebuch. Freitag den 10. ... bekam Robert eine so heftige Gehörsaffektion die ganze Nacht hindurch, daß er kein Auge schloß. Er hörte immer ein und denselben Ton und dazu zuweilen noch ein anderes Interval ... Alles Geräusch klingt ihm wie Musik. Er sagt, es sei Musik, so herrlich, mit so wundervoll klingenden Instrumenten, wie man auf der Erde nie hörte ... Freitag den 17. nachts, als wir nicht lange zu Bett waren, stand Robert wieder auf, und schrieb ein Thema auf, welches mir, sagte er, die Engel vorsangen. Nachdem er es beendet, legte er sich nieder und fantasierte nun die ganze Nacht, immer mit offenen, zum Himmel aufgeschlagenen Blicken; er war des festen Glaubens, Engel umschweben ihn, und machen ihm die herrlichsten Offenbarungen, alles das in wunderbarer Musik; sie riefen uns Willkommen zu und wir würden beide vereint noch ehe das Jahr verflossen bei ihnen sein ... Der Morgen kam und mit ihm eine furchtbare Änderung, die Engelsstimmen verwandelten sich in Dämonenstimmen mit gräßlicher Musik; sie sagten ihm, er sei ein Sünder, und sie wollten ihn in die Hölle werfen, kurz sein Zustand wuchs bis zu einem förmlichen Nervenparoxismus, er schrie vor Schmerzen ... die Ärzte brachten ihn zu Bett und einige Stunden ließ er es sich auch gefallen, dann stand er aber wieder auf und machte Correcturen von seinem Violoncellconzert. Er meinte dadurch etwas erleichtert zu werden, von dem ewigen Klang der Stimmen ... Soviel glaubte er, wenn ich ihm sagte, er sei krank, ... aber von dem Glauben an die Geister brachte ich ihn keinen Augenblick ab, im Gegenteil sagte er mir mehrmals mit wehmütiger Stimme, Du wirst mir doch glauben l. Clara, daß ich Dir keine Unwahrheiten sage! ... Montag den 20. verbrachte Robert den ganzen Tag an seinem Schreibpult, Papier, Feder und Tinte vor sich, und horchte auf die Engelstimmen, schrieb dann wohl öfter einige Worte, aber wenig und horchte immer wieder, er hatte dabei einen Blick voll Seligkeit, den ich nie vergessen kann; und doch zerschnitt mir diese unnatürliche Seligkeit das Herz ebenso, als wenn er unter bösen Geistern litt. Ach, es erfüllte ja dies alles mein Herz mit der furchtbarsten Sorge, welch ein Ende dies nehmen solle; ich sah seinen Geist immer mehr zerstört und hatte doch noch nicht die Idee von dem, was ihm und mir noch bevorstand ... Dabei aber hatte er soviel Klarheit des Geistes, daß er in dem wundervoll rührenden, wirklich frommen Thema, Gedruckt im Supplementband der kritischen Ausgabe unter Nr. 9 »Thema Es-dur für Pianoforte«. welches er in der Nacht des 10. niedergeschrieben, ebenso rührende, ergreifende Variationen machte ... In den Nächten hatte er oft Momente, wo er mich bat, von ihm zu gehen, weil er mir ein Leid antun könnte, ich ging dann wohl auf Augenblicke, um ihn zu beruhigen, kam dann wieder zu ihm, so war es wieder gut ... Er schrieb die Variationen ins Reine, noch war er an der letzten, da plötzlich ... verließ er sein Zimmer und ging seufzend ins Schlafzimmer, Marie Das älteste Töchterchen. glaubte, er werde gleich wiederkehren, doch er kam nicht, sondern lief nur im Rock im schrecklichsten Regenwetter ohne Stiefel und Weste fort ... Alle ... liefen fort, ihn zu suchen, fanden ihn aber nicht, bis 2 Fremde ihn nach etwa einer Stunde nach Hause geführt brachten ... Da war er in der Angst, im Fieberwahnsinn in den Rhein gesprungen, glücklicherweise aber gleich gerettet worden. Dies geschah am 27. Februar 1854. Ich ahnte es damals nur, erst jetzt habe ich es als gewiß erfahren. Nachdem fand ich Papiere, wo unter anderem stand: »Liebe Clara, ich werfe meinen Trauring in den Rhein, tue Du dasselbe; beide Ringe werden alsdann sich vereinigen.« Damals gab ich dem weiter keine Bedeutung, doch als man mir in Endenich Heilanstalt des Dr. Richarz. sagte, man habe nie den Trauring an seiner Hand gesehen, da fiel mir das gleich ein und ist mir jetzt zur schmerzlichen Gewißheit geworden. Sonnabend der 4. brach an, Oh Gott, nun stand der Wagen vor unserer Thür, Robert zog sich in großer Eile an, stieg in den Wagen, frug nicht nach mir, nicht nach seinen Kindern, und ich saß da ... in dumpfer Betäubung und dachte, nun muß ich unterliegen! ... Das Wetter war herrlich, so schien denn doch wenigstens die Sonne zu ihm. Ich hatte dem Dr. Hasenclever Dem begleitenden Arzt. noch ein Bukett für ihn gegeben, dies gab er ihm auch unterwegs. Er hatte es lange in der Hand gehalten, ohne daran zu denken, doch plötzlich roch er daran und drückte dem Hasenclever dabei lächelnd die Hand! Später schenkte er jedem im Wagen eine Blume daraus. – Hasenclever brachte mir die seinige, mit blutendem Herzen bewahrte ich sie ...   An Brahms. Wiesbaden, den Juli 1858. Wie sehr, mein lieber Johannes haben mich Deine Volkslieder erfreut! Dürfte ich darüber sprechen, wie mir's ums Herz ist! Doch ich fühle immer mehr, wie ich lernen muß, es in Fesseln schlagen. Daß ich es Dir gegenüber auch musikalisch soll, tut mir schrecklich weh, denn eigentlich solltest und müßtest Du wissen, daß nicht blinder Enthusiasmus für Dich aus mir spricht. Kam es nicht vor, daß ich mich durchaus für das Eine oder Andere von Dir nicht freudig stimmen konnte, und Dir entschieden entgegen trat? Thut das blinder Enthusiasmus? Und wenn Du gar glaubst, ich wolle den Meinigen anderen aufdrängen, da verkennst Du mich sehr. Ich spreche mich warm aus, wo ich Empfänglichkeit zu finden glaube, was ein weibliches Herz gar leicht herausfühlt, wohingegen Du mir viel zu theuer und hoch stehst, als daß ich Deinen Namen mißliebigen oder kalten Menschen gegenüber nur über die Lippen bringen könnte. Mit Solchen, wie Grimm, Julius Otto, der Komponist. Joachim, Der berühmte Geiger. Woldemar, Musiker. Kirchner Theodor Kirchner, der Komponist. u. A., da gebe ich meinen Empfindungen den freien warmen Ausdruck, wie er aus vollster Seele kommt, von denen verlange ich aber auch schnelles Erfassen des Genialen, das Du schaffest, und fand es auch bei allen, nur beim Woldemar etwas langsamer, weil der immer erst ahnet und dann findet. Ich wollte, Du legtest meine Empfindungen edler aus, als Du es oft tuest; wer läse was Du mir über meinen Enthusiasmus schreibst, müßte mich für eine äußerst exaltierte Person halten, die ihren Freund als Gott anbetet ... Daß ich aber oft mächtig erfaßt werde, von Deinem reichen Genius, daß Du mir immer erscheinst als Einer, auf den der Himmel seine schönsten Gaben herabgeschüttet, daß ich Dich liebe und verehre, um so vieles Herrlichen willen, daß das tief Wurzel in meiner Seele gefaßt hat, das ist wahr, liebster Johannes, bemühe Dich nicht, dies durch kaltes Philosophieren in mir zu ertödten ... * * * Den 8. Juni 1858. Ich muß Dich aber bitten, geliebter Freund, schüttle nicht so alles, was ich Dir über die Volkslieder gesagt, herab auf die Lieder selbst, man braucht sich ja doch nur einfach zu fragen, was sind die Lieder ohne Begleitung, was mit Deiner? Du selbst mußt ja am besten wissen, daß solche Begleitung, ein solches Aufgehen, solches Erfassen der Charakteristik eines jeden Liedes, ein solch inniges Ineinandergreifen von Melodie und Harmonie oft in so wunderbar fein und zarten Zügen, wo man sich bald nicht mehr Eines ohne das Andere denken kann, kurz, daß nur ein Genie, ein Gemüth, das ganz Poesie und Musik ist, Solches schaffen kann, und das bist Du, und weißt auch, daß Du es bist! Diese Überzeugung steht auf dem Grunde meiner Seele, wie ein Fels, unerschütterlich. Jetzt wirst Du wieder lächeln über meinen Enthusiasmus, wer aber schafft ihn anders, als Du selbst mit Deiner Musik? Ich las übrigens neulich etwas auf Enthusiasmus bezügliches, in einem Briefe Goethes an Schiller, wo er bei Gelegenheit einer Kritik Herders über deutsche Literatur sagt: » ... Lust, Freude und Theilnahme an den Dingen ist das einzig Reelle, und was wieder Realität hervorbringt.« Wenn nun Goethe das ausspricht, soll ich mich da nicht erhaben über Deinen Tadel fühlen? * * * 186 Picadilly. London d. 19. März 1868. Lieber Johannes! Es ist lang geworden, ehe ich dazu komme, Deinen Brief zu beantworten, und was Alles liegt dazwischen, Freudiges und Trauriges! – Eine schwere Zeit der Sorgen, wovon Du wohl etwas wirst in Berlin erfahren haben. Ich mag gar nicht davon anfangen, denn da ist dann kein Ende. Übrigens habe ich mit Felix Ihr jüngster Sohn, der sich der Musik widmete, später aber einem Lungenleiden verfiel. doch gute Hoffnung, daß er sich den Sommer bei uns ganz erholen wird, aber was noch mit Ludwig Ihr zweiter Sohn, der leider auch im Irrenhaus endete. werden wird, darüber bin ich ganz rathlos. Jetzt hat er nun wirklich doch wieder eine Stelle in Leipzig bekommen, aber wie lange wird es dauern? Wie verschieden das ist, der Eine macht mir Sorgen durch's Bummeln, nicht arbeiten wollen, der andere durch's überarbeiten! ... Julie Ihre mit dem Grafen Marmorito in Turin verheiratete Tochter. ist nun seit 3 Wochen in Frankfurt und scheint sich viel besser als vorigen Sommer zu befinden, so wogt es eben immer auf und ab und das arme Mutterherz kommt keinen Augenblick zur Ruhe. Daß mich die vielen Sorgen gerade hier trafen, war doppelt schwer, doch der Kampf erhöht auch wieder die Spannkraft, das habe ich hier wieder einmal erfahren. Ich schreibe aber gleich von uns und wollte eigentlich gern mit Dir von Dir plaudern ... Also wirklich in Wien willst Du Dich nun häuslich niederlassen? Ich finde es so übel nicht, möchte schon auch dort leben, fände ich dort, was ich brauchte ... Du scheinst eigentlich auch der Einbildung zu leben, ich hätte wohl eigentlich genug und reiste nur zu meinem Vergnügen, solche Anstrengungen muthet man sich denn doch nicht zum Vergnügen zu. Abgesehen aber davon, so wäre doch wohl jetzt inmitten meiner größten und erfolgreichsten Tätigkeit kaum der Zeitpunct, mich, wie Du mir räthst von der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Ich war gerade diese letzten Jahre mit solch' ner Wärme aufgenommen, und spielte ich immer mit ganz wenig Ausnahmen so glücklich, daß ich kaum wüßte, warum ich gerade jetzt aufhören müßte. Ich werde mir aber die Sache bedenken, kann jedoch erst prüfen, wenn ich überhaupt erst weiß, welche Gründe Dich bewogen, mir dies Alles zu sagen, und warum Du es zu einer Zeit thatest, wo es möglicherweise einen Eindruck auf mich machen konnte, der meine Thatkraft gänzlich lähmte ... das war unüberlegt von Dir, mehr will ich nicht sagen! ... * * * London d. 6. März 1870. Ich benutze eine freie Sonntagsstunde, Dir meinen schönsten Dank für Deinen Brief zu senden, dessen Fortsetzung aber doch wohl nicht von selbst erfolgt (wie Du am Schlüsse Deines Briefes es versprachest), wofür ich denn gern ein gutes Wort einlege. Also eine schöne Wohnung hast Du? Ich kann Dir nicht sagen, wie lieb mir das ist. Ich mochte Dir früher nichts sagen, aber ich fand Deine frühere Wohnung gar traurig und dachte mir Dich immer ungern darin. Nun könntest Du Dir eigentlich eine junge nette Frau nehmen mit etwas Geld nebenbei – dann würde es doch erst recht gemüthlich werden. Freilich kenne ich Deine Gedanken über all dies, doch, weil ich Dir so sehr ein home wünsche, möchte ich immer wieder davon sprechen – Wir Frauen sind nun mal so, wir fangen immer wieder von vorn an, wenn unser Herz dabei ins Spiel kommt ... Ich bin enthusiastischer denn je aufgenommen, und habe auch trotz aller Ängstlichkeit glücklich gespielt, ich bin aber schrecklich gequält mit allerlei Erscheinungen in Armen und Fingern; jeder Tag fast bringt mir einen neuen Schreck, immer kommt es wie angeflogen und immer schone ich mich von einem Conzert zum anderen so viel als möglich, was aber Höchst unbehaglich ist. Bis jetzt konnte ich aber doch immer spielen, nur die ersten beiden Conzerte mußte ich von Calais aus abtelegraphieren, denn dort saßen wir 3 Tage und konnten nicht herüber, weil wegen des furchtbaren Sturmes keine Schiffe gingen. Das waren fürchterliche Tage; keine Menschenseele, kein Buch, Nichts bei uns, mußten uns alles kaufen, ein Clavier nicht aufzutreiben, schließlich auch kein Geld mehr. Da bin ich mal recht bestraft worden, wenn ich sagte, die 2 Stunden zur See seien nicht mehr als zweie zu Land ... Schreib' mir was über die Meistersinger, aber nicht als Anti Wagnerianerin Ende Juli(?), 1888. Liebster Johannes was soll ich sagen auf Dein so freundschaftliches Anerbieten? ich konnte mich beim Lesen Deines Briefes der tiefsten Rührung nicht erwehren. »Während ich in Geld schwimme«, hatte Brahms ihr geschrieben, »ohne dies irgend zu merken und ohne irgend ein Plaisir davon zu haben ... Wenn du mich dagegen für einen so guten Menschen hältst, wie ich es bin und wenn du mich so lieb hast, wie ich wünsche, dann ... erlaubtest du ganz ohne Weiteres daß ich mit meinem sehr überflüssigen Mammon mich z. B. dieses Jahr an deinen Ausgaben für die Enkel mit etwa 10 000 Mark betheilige ...« Worte klingen arm gegen das, was man in solch' nem Moment empfindet, und so kann ich Dir nur innigst die Hand drücken und Dir gestehen, daß die von Dir gebotene Stütze meinem Herzen ein so beruhigendes Gefühl giebt, wie ich lange nicht empfunden. Aber annehmen kann ich Dein so liebes Anerbieten jetzt nicht, es wäre unrecht thäte ich dies, ohne wirkliche ernstliche Veranlassung. Durch die Verdienste in England voriges Jahr und dieses Jahr habe ich noch eine kleine Summe, ausreichend für dieses Jahr, disponibel ... Ferner stehe ich wegen des Verkaufes der Manuscripte Roberts noch immer in Unterhandlung, die doch endlich auch einen Abschluß haben wird, so daß ich vorläufig noch nicht in der Lage bin, mein Kapital angreifen zu müssen. Meine Sorge gilt meist der Zukunft, die Aussichten auf Verdienst durch concertiren werden immer geringer, die Ausgaben für Ferdinands Des ältesten Sohnes. Kinder immer größer. So komme ich denn zu dem Schlusse, daß, da ich Dich für einen so guten Menschen halte, wie Du bist, und Dich so lieb habe, wie Du wünschest, ich Dir verspreche, mich unbesonnen an Dich zu wenden, so bald die Sorgen wirklich ernstlich an mich herantreten. Bist Du es so zufrieden? Ich hoffe es und bitte Dich im Vertrauen auf dieses mein Versprechen nichts Weiteres jetzt zu thun. Ich schließe heute, bin zu bewegt, um plaudern zu können, ... Von den Kindern soll ich Dir sagen, wie auch sie deine Freundschaft für mich tief empfinden und so nimm denn dreier dankbarer Herzen wärmste Grüße. * * * Frankfurt a. M. 27. September 1892. Lieber Johannes! Deine guten Wünsche kamen mir in Interlaken zu, als wir im Begriff der Abreise standen, indessen sind wir noch etwas herumgereist und erst jetzt, hier in Ruhe, kann ich Deinen so inhaltsschweren Brief beantworten. »Ein Abseiten bin ich Dir leider mehr als jeder andere«, hatte Brahms geschrieben ... »konnte ich nur denken, es sei Dir nicht sympatisch, meinen Namen (gelegentlich der Schumann'schen Gesamtausgabe) dabei zu sehen ... Freunden gegenüber bin ich mir nur eines Fehlers bewußt. Ungeschicklichkeit im Umgang, es ist hart nach 40jährigen treuen Dienst (oder wie Du mein Verhältnis zu Dir nennen magst) nichts weiter zu sein, als »eine schlechte Erfahrung mehr«. Derselbe hat mich tief traurig gestimmt, es ist mir aber lieb, daß Du Dich offen aussprichst, so kann ich nun ein Gleiches thun. Du zürnst mir wegen einer Nichtachtung Deiner, gelegentlich der Schumann-Ausgabe, ich kann mich aber durchaus nicht erinnern, warum die Stücke nicht so erschienen sind, habe immer in dem Glauben gelebt, Alles in Bezug auf die Ausgabe nach Deinem Rathe gethan zu haben, sollte es aber sein, daß ich Dich gekränkt hätte, so hättest Du es mir gleich offen sagen sollen, nicht Raum geben einem solchen Verdachte, als sei mir Dein Name nicht sympathisch im Verein mit dem Roberts. Das muß Dir in einer schlimmen Stunde eingefallen sein, und ist es mir, nach so vielen Jahren künstlerischer Gemeinsamkeit ganz unfaßlich, wie Du so etwas aus mir heraussuchen konntest. Stimmt es doch gar nicht zu dem, was ich durch so viele Jahre hindurch bethätigt habe und auch nicht zu dem, was Du mir am Schlüsse Deines Briefes sagst ... »der liebende und verehrende Gedanke an Dich und Ihn wird immer hell und warm leuchten Deinem tief ergebenen J. B.« Wäre Dein Verdacht begründet, so könnte ich wirklich nicht mit zu den schönsten Erinnerungen Deines Lebens zählen. Wohl hast Du recht, wenn Du sagst, daß der persönliche Verkehr mit Dir oft schwer ist, doch hat mich die Freundschaft für Dich immer über Unebenheiten hinweggetragen ... Doch genug hiervon, mich macht nichts trauriger als solche Auseinandersetzungen und Zerwürfnisse – bin ich doch der friedfertigste Mensch von der Welt.   An Breitkopf und Härtel in Leipzig. Frankfurt, Febr. 93. Geehrte Herren! Dieser Tage besuchte mich Herr Brahms und teilte mir mit, daß er bereits die Stücke für den Schumann-Anhang an Sie abgesandt habe; er hoffe, Sie haben dieselben richtig erhalten, hätte freilich wohl gern eine Notiz von Ihnen darüber gehabt. – Ich habe es übernommen, Sie zu bitten, daß Sie die Correctur ihm zugehen lassen, nicht mir, denn er allein hat alles revidiert, daher ich auch bitte, daß sein Name als Herausgeber auf dem Titel genannt werde. Er hat sich einer großen Mühe unterzogen, was, von Ihnen anerkannt zu sehen, ich besonders wünschen muß ... Emma Herwegh Seiner Herausgabe des Briefwechsels von Georg Herwegh mit seiner Braut Emma Siegmund (München 1895 und 1896) stellt Marcel Herwegh zwei Motti voran; eines des Mannes: »Lieben = Nichts sein und eine Welt besitzen!« und eines der Frau: »Lieben = Musik der Seele«. »Nun hast du selbst geklungen«! sagt der Glockengießer Heinrich zu seiner Frau, als sie begeistert von seinem Werk spricht. Auch Emma Siegmund hat in diesem Sinne geklungen: leidenschaftlich, tief und voll. Kein zager Backfisch und keine blaßblütige Gouvernantenseele. In ihr verschmolz sich die körperliche Sehnsucht nach dem Geliebten mit der Verehrung für sein Streben. Emma fühlte sich dem Dichter des Völkerfrühlings zugehörig, als sie zum erstenmal seine »Lieder eines Lebendigen« in Händen hielt, zwei Jahre, ehe sie ihn persönlich kennen lernte. Ein einziger rauschender Akkord, bis zur Vereinigung, sind diese Briefe. Sie hat ihm später gewiß noch oft zu schreiben Gelegenheit gehabt. Diese Briefe sind aber meines Wissens nicht gesammelt worden; sie wären es wahrscheinlich auch nicht wert gewesen. Die Erotik im besten, menschlich höchsten Sinne, wie sie die Brautbriefe zu lesenswerten Dokumenten macht, mußte mit der Vereinigung erlöschen. Emma hat 32 Jahre an der Seite ihres Gatten verlebt, dann wurde er ihr genommen. Sie hat sich nicht getötet – wie sie das als Braut wahrscheinlich getan hätte – nach ihren Briefen zu urteilen: – »ohne dich in der Welt, mich durchschauderts, wenn ich es ausdenken will; lebe ich doch jetzt eigentlich nur in dir und durch dich« ... ihre Ehe soll, trotz der vielen Stürme von außen, eine durchweg glückliche gewesen sein. Emma Siegmund war die Tochter eines wohlhabenden Großkaufmanns. Schöne lebhafte Augen im sonst unregelmäßigen, aber sympathischen Gesicht, mittelgroß und schlank gewachsen, in jeder Beziehung reich begabt, war sie dennoch 28 Jahre geworden, ohne sich zu verheiraten. Ihre umfassenden literarischen und geschichtlichen Kenntnisse, ihre hübschen musikalischen und malerischen, gut ausgebildeten Talente machten sie zu einem reifen Vollmenschen, dem zur Erfüllung nur noch die Krone des Lebens fehlte. Vom ersten Augenblick der persönlichen Bekanntschaft an sprang der sympathische Funken, den Herweghs Verse in Emma entzündet, auf ihn über. Acht Tage später waren sie ein Brautpaar. Herweghs ganze Entwicklung war eine sprunghafte, im Zickzack aufwärts gehende gewesen. Als Kind krankhaften Anfällen unterworfen, als Jüngling vom dichtenden Theologen mit mächtigem Sprung zum freien Poeten aufsteigend, dessen Verse einen beispiellosen, heute nicht mehr ganz verständlichen Erfolg hatten, befand er sich gegen die dreißig hin auf der Höhe seines Dichterruhms. Seine Freiheitslieder waren auf aller Lippen, wie einstens die von Körner; er war Sänger des deutschen Volkes, nicht Vertreter einer einzelnen Partei. Der zweite Teil der »Lieder eines Lebendigen« verrät schon viel mehr den »Zweck« und verliert dadurch an rein poetischem Wert. Als Redakteur des »Deutschen Boten in der Schweiz«, der, zunächst ein schweizerisches Blatt, unter Herwegh der Tummelplatz aller großdeutschen Freiheitsgedanken werden sollte, kam er nach Berlin und in das Haus der Siegmunds. Man begreift das allgemeine Interesse, als es in Berlin verlautete, Herwegh sei zum König befohlen worden. Die liberale Partei erwartete Großes von Friedrich Wilhelm IV., aber die uralte Prinz Heinz-Wandlung hatte sich auch hier vollzogen. Die Audienz endete unbefriedigend, Herwegh fand keinen Philipp zu seinem Posa. Die seinerseits allerdings ungewollte Veröffentlichung eines Briefes von ihm an den König vollendete den Bruch. Herwegh begab sich in die Schweiz, den »wahren Herd der Freiheit«, zurück, aber auch hier waren Schillers Ansichten nicht mehr zutreffend: auf das engherzigste wurde der Freiheitssänger bedroht und vertrieben und mußte schließlich vom Kanton Zürich nach dem Kanton Baselland flüchten. In der kleinen Stadt Baden im Aargau konnte er sich endlich ein Jahr nach der Verlobung mit seiner Braut trauen lassen. Aus diesem Jahr datiert der Briefwechsel, dessen bräutliche Hälfte ich auszugsweise folgen lasse. Es sind nicht nur Liebesbriefe, obwohl reichlich viel von Liebe in ihnen vorkommt. Sie sind auch ein getreues Abbild der noch etwas vagen freiheitlichen Bestrebungen vor Achtundvierzig, der Zeit, in der die »Freiheitsliebe« noch nicht antinational zu sein brauchte, um ein begeistertes Echo im Volk zu erwecken, der Zeit, in der sie noch nicht Pachtung politischer Parteien war. Wie stets in solchen Fällen, ist die Frau »plus royaliste que le roi«; es tut der so feingebildeten Bourgeoise wohl, von »Menschenpack« und »Pfaffentum« reden zu können; es erleichtert ihr das von gezwungener weiblicher Zurückhaltung bedrückte Herz. Denn Emma Siegmund – und das ist der schwerwiegendste Grund für mich gewesen, sie dieser Sammlung einzureihen – ist durch und durch Weib nach Charakter und Sichgeben. Sie ist und bleibt die traditionelle Heldenbraut, die nie von der passiven Verehrung zur aktiven Selbständigkeit überzugehen imstande gewesen wäre, wie etwa eine Anita Garibaldi. – Herweghs feierten unter den schwierigsten Umständen in der Schweiz Hochzeit, sobald der große und der kleine Rat und die Seltsamkeit der einzeln regierten Kantone es zuließen. In jener Zeit ist Herwegh wohl an seiner Ansicht, daß die Schweiz der einzige Hort der Freiheit in Europa sei, irre geworden. Wenigstens blieb er nicht dort, sondern siedelte nach monatelangen Reisen in Italien und Südfrankreich mit seiner jungen Frau nach Paris über, wo er einen Kreis vertrauter gleichstrebender Männer fand und wo er neben dem Dichten sich auch ernsten fachwissenschaftlichen Studien der Botanik und Biologie, später in Nizza sogar der Meereskunde widmete. Er meinte, so sein Scherflein zur Überwindung des alten »Dualismus von Natur und Geschichte« beitragen zu können. Dann riß ihn die Politik mit sich fort. Der verunglückte Einfall der »demokratischen Legion« in Baden, an dessen Spitze er gestellt worden war, ist bekannt. Emma Herwegh begleitete ihren Gatten und floh unter tausend Gefahren, als Bäuerin verkleidet, mit ihm nach der Niederlage von Dossenbach in die Schweiz. Bald war ihr Salon in Zürich der Mittelpunkt des dortigen geistigen Lebens. Wagner, Liszt, Gottfried Keller, Semper, Moleschott verkehrten bei ihr; aber natürlich stand das Haus auch in erster Linie den politischen Verbannten aller Länder offen, und Garibaldis Erhebung fand nicht nur gespannte Teilnahme, sondern auch nach Kräften Förderung. Durch Lasalle gerieten die Herweghs mehr und mehr in das sozialdemokratische Fahrwasser; erst nach dessen Tod trat Georg wieder aus dem Arbeiterverein aus, um sich sprachliterarischen Studien, Shakespeareübersetzungen, kurz der Intimität zu widmen. Er starb in Baden-Baden und wurde auf seinen besonderen Wunsch hin nicht auf monarchisch deutschem, sondern auf republikanisch schweizerischem Boden beigesetzt. Frau Emma hat drei Kindern das Leben geschenkt. Ihre Tochter lebt in Brasilien als Gattin des Direktors der polytechnischen Schule, der als freiheitlicher Minister auch mehrfach politisch tätig war. Ihre beiden Söhne ließen sich in Frankreich naturalisieren. Der überlebende, Marcel, veröffentlichte nach dem Tode der Mutter den Briefwechsel seiner Eltern als Brautleute. Frau Emma starb als fast neunzigjährige Greisin; es ward ihr nicht mehr vergönnt, das nur sieben Monat nach ihrem Tode aufgestellte Denkmal für ihren Gatten in Liestal enthüllen zu sehen. [Buchseiten 465 – 480 aus anderem Exemplar ergänzt, da in dieser Augabe fehlend. Re] Briefe von Emma Herwegh. An Herwegh. [Berlin], 1. Dezember 1842. Eben wollte ich mich auf mein Roß schwingen, da kommt Dein Brief, und ich lasse den stolzen Rappen warten und fliege erst zu Dir. Wie ist mir doch jedes Deiner Worte so klar, so lieb, so heimatlich. Fürchte nicht, daß ich Dich nicht verstehe, wenn mir die Gabe des Ausdrucks auch fehlt, ich begreife Dich so ganz und gar, denn das Gefühl ist wundertätig in mir. Was Du über die Liberalen sagst, über den Mangel des Adels in der Erscheinung – finde ich auch, und hinge damit nicht auch ein innerer Mangel im Zusammenhang, würde es wenig schaden. Es kommt aber eben daher, daß sie mehr nach dem Tüchtigen, Materiellen, aber nicht nach der Verwirklichung und Verkörperung der ideellen Freiheit streben. Meine Bekannte haben mir oft den Vorwurf gemacht, daß ich zu viel auf Repräsentation gebe – ich finde jedoch, daß der Inhalt die Form notwendig bedingt, und daß eine harmonisch entwickelte, edle Natur fortwährend einen stillen Zauber tragen muß. Die gesellschaftliche Grazie ist Putz – die innere ist der unbewußte Adel, der sich auf jedes Wort, auf jede Bewegung überträgt ... Du hast das Meer gesehen, wie freut mich das! – Ich weiß, es muß Dich ganz begeistert haben; vielleicht hast Du Dich dabei meiner Worte erinnert: Lieber am Meer, als im Gebirg, wenn beides nicht zugleich sein kann. Ich werde nie jene Nächte an der Nordsee vergessen, wenn die Mondscheibe glutrot über den Wellen stand, kein Mensch am Strande, der Himmel tausend Sterne ausgesandt, unter den Wellen es leuchtete und dazu aus der Tiefe die Meereshymne heraufbrauste. Damals wußte ich noch nichts von dem Gefühl, was mich heute durchbebt, und dennoch war mir schon so groß, so weit, so schöpferisch! Laß uns auf dem Meer reisen, dort geht unsre Welt erst auf. Es scheint mir, als läge noch die ganze Urschöne der Schöpfung auf den Wellen ausgebreitet. – Fürchte doch nicht, daß ich Dich des Poeten wegen liebe, oder irgend einer Ursache halber, ich liebe Dich, weil es mein innerster Beruf, Dich zu lieben, weil – ach, weil es eben nicht anders geht, ich muß, es ist eben mein Leben, und daß ich lebe, macht Dich doch nicht ängstlich. Unfrei kannst Du nicht werden, und Du bist mir das verkörperte Bild der Freiheit, nach der ich, so lange ich lebe, mich gesehnt, darum gekämpft, ihr nahe zu treten. Ich kann jetzt nicht annehmen, daß vor Dir mir eine Seele nahe gestanden. Du bist's, und nichts anderes kann es sein. Woher wissen die Königsberger, daß ich reite? Gewiß durch Crelinger. Justizrat in Königsberg. – Es ist mir lieb, daß der Königsberger seinem Bruder unähnlich. Der hiesige ist kein Mann. Er ist ein Mischmasch von Aesthetik, Politik, Salonwesen und Popularität. – Alles, alles Kanonenfutter, nichts weiter. – Tust recht, die Könige zu bemitleiden, es sind wandelnde Mumien, deren Kronen von den entmarkten Köpfen der Völkersturm schon treiben wird. Ich muß auf mein Roß, adieu! * * * Berlin, den 2. Dezember 1842, abends. Du mein herztausiger Schatz! Ich möchte jetzt den ganzen Tag verträumen, nur um immer wie in den letzten Morgenstunden durch Deinen Gruß geweckt zu werden. So einen herzigen Brief wie dieser, den ich heut' empfangen, schreibt kein anderer, als mein Schatz, ach, ich hab' Dich auch so lieb, so unaussprechlich lieb dafür, daß Du von Glück sagen kannst, fern zu sein, ich glaub', ich drückte Dich zu Tode. Zehn Tage bist Du nun fort, das ist lange, und doch welch eine kurze Zeit im Verhältnis zu den vier vollen Monaten der Trennung, die uns bevorstehen. Dazwischen liegt freilich ein Wiedersehn, so sonnig, so schön, daß ich mich selbst darum beneiden könnte. Was Du mir über Königsberg schreibst, interessiert mich umso mehr, als ich bis jetzt vergebens in der Königsberger Zeitung nach einigen Worten über Dich gesucht hab'. – Wenn Du mir so schreibst wie heute über Deine heiligsten Interessen, dann gefällst Du mir am allerbesten. Wenn ich es jedem Deiner Worte anfühle, daß Du Mann bist, Mann des Volkes, der Freiheit! ich wollte, man könnte bei uns das Eine gleichbedeutend dem Andern finden. Nein, ich werde Dich nicht hemmen, ich könnte es nicht, denn Du bist ein Schweifstern, dessen Lauf ein Weib nicht hindern könnte; sei auch unbesorgt, Du wirst eine Marseillaise finden, wenn du willst, und mehr als diese. Einer von uns beiden schreibt sie, wenn nicht Du, so ich! Sieh mal, wie das kleine Persönchen sich breit macht, aber mir scheint's, ich könnte, seit ich Dich liebe, alles, mein Inneres ist jetzt so unbändig, da sieht man, daß der Liebeszustand der naturwahrste ist, denn er macht revolutionär. Die andern meinen, unsere Liebe gleiche der Schöpfung, die auch am siebenten Tage vollendet gewesen – vollendet ist sie aber noch nicht, o, es muß noch ganz anders werden, sie muß noch Taten erwecken – laß mich nicht denken, daß es bei Dir ein Schwächerwerden geben kann. Was wäre das für Liebe, die durch Gewohnheit beruhigt oder irgend beeinflußt würde. Ich hab' mich nie der Gewohnheit untertänig gemacht, sie hat in keiner Beziehung auf mich einwirken können, wird's und kann es nie zwischen Dir und mir. Ich bin diesen Morgen vor dem Zeichnen bei einer Braut gewesen, die eben getraut worden und dann nach dem Rhein reisen sollte, um dort zu bleiben. Die Braut war krank und sehr traurig. – Sie heiratet ihren Schwager. Mir machte dies alles einen schrecklichen Eindruck, ich dachte unwillkürlich an uns, ob Du wohl, wenn ich stürbe, Dir eine andere Frau nehmen würdest. Fort mit den Gedanken ... * * * Berlin, den Dezember 1842. Mitternacht. Mein geliebter Georg! Endlich finde ich eine ruhige Stunde, Dir zu schreiben; den ganzen Tag war ich wie ein gejagtes Reh, morgens von Visiten, mittags von einem Diner und abends wieder von Besuchen dergestalt heimgesucht, daß ich Mühe hatte, meinen Unmut zu bergen. Inmitten all' dieser Sonntagsunruhe trafen Deine beiden Briefe zu gleicher Zeit ein, und ich schickte mich augenblicklich an, die 15 Exemplare Deines Porträts unter Crelingers Adresse nach Königsberg zu befördern. In wie tausendfältige Stimmungen Deine Nachrichten mich diesmal versetzt, kann ich Dir kaum beschreiben. Die erste war eine unendliche Freude, denn mich dürstete nach einem Worte von Dir, so sehr, wie bisher noch nie. Ich glaube, wäre ich ohne diese Zeilen geblieben, ich wäre ganz melancholisch geworden. Wohl zehnmal hab' ich sie an die Lippen gedrückt, kamen sie doch von Dir. Als ich nun endlich las und wiederholte, konnte ich mich eines tiefen schmerzlichen Gefühls jedoch nicht erwehren. Du ahntest nicht, wie viel Bitteres es für mich hat, zu wissen, daß Du von allen Seiten wegen Deiner Verbindung mit mir leiden mußt, oder Dich einer schiefen Beurteilung aussetzest, verdenken kann ich es den Leuten nicht, wenn sie an mich den gewöhnlichen Maßstab anlegen, wodurch hätte ich denn ein günstigeres Urteil mir schon verdient, und sind nicht die meisten Frauen eher Blei als Flügel für die Männer? Du mußt deshalb auch gerecht sein und es ihnen nicht verargen, wenn alle, die ihr Hoffen bis jetzt auf Dich gesetzt, diesen Schritt nicht gut heißen. Glaube es mir, Georg, wäre meine unermeßliche Liebe und die innerste Teilnahme an denselben Interessen mir nicht eine Bürgschaft dafür, daß ich Dich der Welt noch schöner erhalten werde, ich sagte Dir noch heute: vergiß mich – laß jede Nebenrücksicht schwinden, denk' nicht zurück an das, was Du zurückläßt und wie es zurückbleibt. Was ist denn auch das Geschick des Einzelnen gegen den Mord, den Du an Deinem Volke begehst? Ich schreibe Dir dies, damit es Dir Erleichterung sein mag, wann selbst Dich ein Zweifel, ob Du gut getan, durchbeben sollte. Kommt er, und wäre er noch so leise, dann schicke mir diesen Brief, und ich werde Dich noch im tiefsten Grunde meines Herzens segnen, daß Du mich verstanden und nicht geglaubt, ich wolle Dich für mich, sondern mich ganz hingeben, damit die Welt Dich um so reicher besitzen möchte. Ein Weib kann viel, unendlich viel, wenn es liebt, und Deine Emma kann lieben, magst es schon glauben, mein Georg. Laß durch nichts in der Welt Dich binden, als durch Deine höchste innere Wahrheit – führt die Dich zu mir, glaubst Du durch mich ihr näher – dann bleib' bei mir bis zur letzten Stunde; entferne ich Dich von Deinem Ziel und wär' es nur um eines Zolles Länge – so schicke mich fort. Meine Liebe bleibt Dir, die kannst Du nicht mehr entfernen, Du müßtest mich denn zuvor erst töten und selbst dann, denke ich mir, müßte sie wie ein Phönix aus der Asche entstehen, verzeih', wenn ich so aufgeregt schreibe, aber ich kann nicht anders, ich bin es und mag Dir's nicht verbergen ... * * * den 5. Dezember. ... Ich will nicht für ein Ideal von Dir gehalten, noch als etwas Besseres von Dir geliebt werden, als ich bin. – Was wäre denn Liebe, wenn sie um dieser oder jener Eigenschaft wegen erstürbe? Gestern habe ich von einem Theologen eine Friedenshymne , uns beide betreffend, erhalten. Der gute Mensch freut sich, daß nun das Schwert in die sanfte Zither verwandelt wird. Das ist ein arger Irrtum! Ich kann dir's nicht genug aussprechen, wie lieb es mir ist, in die Schweiz zu kommen und all' dies Philistervolk zurücklassen zu können. Mir liegt Berlin auch schon wie Ballast auf dem Herzen. Ja, laß uns fort in das Alpenland. Zuweilen, wenn meine gute Stunde aufgegangen und ich mich mit Dir vereint träume, unser Leben nur Du und ich, dann wird mir so groß, so überselig, das ganze Glück überflutet mich. Wir wollen vereint die Blitze in die Welt schleudern, ach, und ich will ihnen beweisen, was eine Frau tun kann, wenn sie ihr eigen Ich beiseite setzt, mit andern Worten ist das wohl gleichbedeutend mit dem Einen – wenn sie liebt! ... ... Ich weiß nicht weshalb, aber ich habe jetzt eine starke Antipathie gegen die Schöngeister, gewöhnlich sind es so entmarkte Gesellen. Außerdem kann ich Vorlesungen für Frauen und Männer nicht leiden! – Es ist selten was Kluges, es ist immer von allem ein wenig, ich habe genug von dieser Art genossen ... Berlin, den 8. Januar 1843. * * * Mein lieber, teurer Georg! Eben komm' ich aus einem Konzert von Liszt. – Die Berliner sind rasend vor Enthusiasmus, – und einen Teil dieser Begeisterung verdient der Künstler auch sicher, nur schade, daß allein die Musik sie in Bewegung setzen kann, während die wichtigsten Lebensereignisse nicht imstande sind, den alten Michel aufzuwecken. Nach der heutigen Zeitung sollst Du binnen vier Wochen auch aus Zürich verwiesen werden, Die Bestimmung des Regierungsrats von Zürich, die Georg Herwegh den ferneren Aufenthalt in diesem Kanton verweigert und ihm als letzten Aufenthalts- Bewilligungstermin den 19. Februar ansetzt, ist vom 9. Februar 1843 und unterzeichnet: Hottinger. In der Sitzung vom 15.Februar 1843 bestimmte der Großrat durch 132 Stimmen gegen zur Tagesordnung überzugehen, ohne die zahlreichen Petitionen zu Herweghs Gunsten irgendwie zu berücksichtigen. ist die Nachricht wahr? Du kannst denken, in welcher Spannung ich mich befinde, und wie ich stündlich die Entfernung zwischen uns verwünsche. Außer Czybulski, Wojcick Czybulski, polnischer Literarhistoriker, 1808 geboren, an der Berliner Universität habilitiert. Dr. Ruge, Arnold Ruge, Herausgeber der Deutschen Jahrbücher. Mühlenfels L. von Mühlenfels, Freund von Caspari, dem Schwager Emma Siegmunds, heiratete später die jüngere Schwester. und Weill, Alexandre Weill (1811–t899), französischer Schriftsteller, Elsässer von Geburt, schrieb auch als Korrespondent für deutsche Zeitungen. Einer seiner Romane, »Emeraude«, erschien später von Emma Herwegh übersetzt unter dem Titel »Esmeralda« statt »Emmerode« bei Franckh in Stuttgart, doch hatte der Verleger den Titel wie erwähnt verändert und den Namen des Uebersetzers nicht einmal genannt. welcher heute seine französische Antrittsvisite machte und ganz Deiner Beschreibung entsprach, habe ich von den Bekannten keinen einzigen gesehen, Müller Dr. Hermann Müller-Strübing. fürchtete sich vor einer Strafpredigt, und die andern fliehen klugerweise unser Haus, um nicht von den antiroyalistischen Gesinnungen angesteckt zu werden. – Das ist ein Pack! Von den vielfachen Reden über Dich und unser Verhältnis kannst Du Dir keine Vorstellung machen. Ich bin nur glücklich, daß meine Alten sich nicht irre machen lassen und mit derselben innigen Freude Dich heute als ihren Sohn betrachten, als in jenen Tagen, wo jeder einzelne mit Neid auf sie blickte. Wo man Dich doch noch hinbringen wird! Mir gilt's gleich, vorausgesetzt, daß wir beisammen sind, denn das fühl' ich in jedem Moment klarer, daß ich eine lange Trennung schwer ertragen würde. Dir unter Deinen Freunden, fern von all' dem kleinlichen Getriebe, mitten in der großartigen Natur, Dir werde ich wenig fehlen, fast kann ich mir denken, daß Dir auf Augenblicke Dein Mädchen samt Deiner Liebe nur wie ein Traumbild erscheint, das Dich mitten in Deinen letzten Irrfahrten zuweilen heiterer gestimmt – mir – geht's aber anders, ich lebe so mit, so tief in Dir, daß Alles mich Umgebende mich nur schmerzlicher die Lücke fühlen läßt ... * * * Pakoslaw, Landgut ihrer Freundin Emilie Sczaniecka bei Posen. , den 15. Januar 1843. Mein lieber, teurer Georg! wahrend die andern sich aus den Gebetbüchern ihren Sonntag holen, suche ich meinen Gottesdienst bei Dir, und bin sicher, ihn schöner zu finden, als jene. Seit drei Tagen bin ich hier unter meinen alten Freunden, welche mich mit Jubel empfangen haben, aber das Leben hier ist so geräuschvoll, daß man kaum einen ruhigen Augenblick findet. Fortwährend ist man gewärtig, Besuchende empfangen und unterhalten zu müssen, und da die Gäste immer während ganzer Tage sich einnisten, hält es schwer, Geduld und gute Laune zu behalten. Heute rechne ich ganz bestimmt auf einen Gruß von Dir und weiß noch nicht recht, wie es werden soll, wenn meine Hoffnung betrogen wird. Zuweilen ist das Heimweh nach Dir so groß, daß es mir jeden Gedanken benimmt, dazu kommt, daß ich oft hier Karten spielen muß, um die alten Herrn zu amüsieren, eine Sache, die mich stets tödlich gelangweilt hat und jetzt rasend machen könnte. Man ruft, ich muß ausfahren nach einem fremden Gute und vielleicht gar zuvor noch in die katholische Kirche, wenn ich nicht während der Messe auf der Landstraße frieren will. Das wäre gar ergötzlich! ... Fürchte nie, daß ein Laut Deines Briefes an mir verloren geht, ein Wort mir unklar bliebe, wie flüchtig Du auch schreiben magst. Es geht mir mit Deiner Prosa wie mit Deinen Versen, sie sind mir beide der Schlüssel zu meiner eigenen Natur, und tausend Dinge, die noch unbewußt in mir lagen, weckt der heimatliche Klang Deiner Stimme gleich gereift ins Leben. Jetzt versteh' Du mich. Hätte ich nicht die einzige Zuversicht, daß zu Deiner höchsten Entwicklung Du eines Weibes bedürftest, so viel wie ich Deiner größeren, schöneren, stärkeren Seele, zur Ausbildung meiner Natur, sagte ich heute: vergiß Dein Mädchen und geh' allein Deinen Gebirgsweg, aber ich fühl's, wir bedürfen beide einander durch und durch, und keine Macht soll uns um eine Faser der Seligkeit betrügen, die uns miteinander, und in der Tatkraft durcheinander, werden muß. Schleud're Deine Blitze, denke an nichts, als an das eine, Dein Mädchen liebt die Gewitter, wenn sie rechter Art sind, und wird mitten in dem Feuer nur noch gestählter werden. Du liebst Deutschland, das weiß ich, wie entrüstet Du auch sein magst, oder vielmehr Deine Entrüstung zeigt es – nur was wir lieben , kann uns zur Verzweiflung bringen. Bin ich nur erst mit Dir, mich dünkt, ich könnte die Welt dann erobern, unsere Liebe scheint mir alles möglich machen zu können. – Denke viel an mich, aber weniger über mich, Du könntest Dir, wenn Du fern bist, Illusionen machen, die meine Gegenwart nachher bitter zerstörte, und das wäre entsetzlich für uns beide. Sei auf nichts stolz, als auf Deines Mädchens Liebe, darauf aber kannst Du nicht stolz genug sein, und auf ihre Gesinnung, was Eins ist. Freiheit, Liebe, trenn' es, wer es kann, bei mir ist's Eins. Wir beide werden einander treu sein, so lange wir uns selbst nicht untreu sind, denn von dem Augenblicke an würde jeder von uns das Wahrhafte in der falschen Form lieben ... Bakunin Michael Bakunin, der russische Revolutionär. grüße herzlich von mir. Gewiß werde ich in den nächsten Tagen eine ruhige Stunde auch für ihn finden, seine lieben Zeilen zu erwidern. Sage ihm nur einstweilen, mein Georg, daß seine teilnehmende Gesinnung für mich mich umso mehr freut, als sie ein aufrichtiges Echo in mir findet und ich die feste Ueberzeugung habe, daß es des langen Sehens nicht bedarf, um sich zu erkennen und zu sympathisieren; vorausgesetzt, daß etwas Verwandtes vorhanden, heut sind's elf Wochen, seit ich Dich zum ersten Male sah. Geahnt habe ich Dich, seit ich bin. Morgen in 14 Tagen bin ich in Berlin und will mich gleich malen lassen, es ist mir ja so lieb, daß Du es wirklich wünschest. Nimm dieses Mißtrauen nicht falsch, ich bin bisher im Leben immer mehr die Gebende, was das Gefühl betrifft, gewesen, als die Empfangende, und soll nun mit einem Male denken, daß ich dem Einzigen unentbehrlich bin, der es mir ist. Wenn sie nun in Zürich Dich nicht duldeten, welcher Schade? Gibt's nicht tausend Orte, wo wir leben können, leben für die Welt, und dadurch noch mehr uns. Ja, wir wollen nicht nur lieben, wie keine anderen, mein Georg, lieben und hassen, schon zum Schrecken der Philister; ich wenigstens fühl's von mir und auch von Dir. Geht's mit Dir in diesem Punkt gleich langsamer, es geht dennoch; bis ins Innerste ist mir's jetzt klar, daß Du einst mich noch lieben mußt und wirst, wie kein anderer es könnte. Nicht jeder Natur wird's so leicht wie mir, und Du gebrauchst Zeit, um davon durchdrungen zu sein, daß Du nichts aufzugeben, nichts zu vergessen, nur noch alles zu steigern hast, wenn Du wert sein willst, daß die Liebe über Dich kommt. Leb wohl, mein einzig Lieb. – Daß ich jetzt mit Dir auf den Alpen stehen könnte, so ganz allein mit Dir. Ich denke an keine Trennung, mit Dir gibt's nur ein Finden, denn wovon ich auch scheide, ich finde alles, alles, doch wenn es noch ein Drüber gibt, finde ich es in Dir. Gute Nacht, und bleib mir treu! ... * * * Pakoslaw, Donnerstag, den 19. Januar 1843. ... Du glaubst nicht, was ich Dir danke; wenn Du meinst, ich habe Einfluß auf Dich gehabt, so darf ich mit Recht ein Gleiches behaupten, und gewiß in größerem Maßstabe. Du hast, ohne es zu wollen oder zu beabsichtigen, meinen besten Bestrebungen eine weit edlere Richtung gegeben, und wenn sich früher in meine Wünsche für die Zukunft, meine geistige Entwicklung betreffend, nicht selten, wenngleich sehr unvermerkt der persönliche Egoismus hineinmischte, wenn bei dem Größeren, was ich erstrebte und zu erstreben mich laut berufen fühlte, ich nicht frei war von jener Eitelkeit der Person, welche durch das Gelingen stolzer Pläne genährt wird, so fühle ich jetzt im Innersten meiner Seele, daß das eigene Ich nur dann Wert hat, wenn es imstande ist, sich selbst über dem Wohl des Ganzen zu vergessen. Wohl soll unsere Liebe groß sein und ein Dorn in den Augen aller Feigen, sie soll unsere Kräfte verdoppeln und ich baue auf das Gelingen fest wie auf unsere Liebe. Das Volk soll erfahren, was es bedeutet, wenn ein Mann und ein Weib in der echten Bedeutung zusammentreten, denn was mir heute noch fehlt, so viel es auch ist, ich werde durch Dich es erlangen.... * * * Berlin, den 29. Januar 1843. ... Unsere Reise war so schrecklich, daß ich mich nicht enthalten kann, Dir einige nähere détails darüber zu geben. Um 12 Uhr mittags fuhren wir am Freitag auf unchaussiertem Wege mit eigenen Pferden aus, um nach Frankfurt zu gelangen und uns am andern Morgen per Eisenbahn weiter zu expedieren. Wir rechneten darauf, daß die selbst ungebahnten Wege in jetziger Zeit durch den Frost gut sein würden, und auf die Ausdauer der kleinen polnischen Pferde, die tüchtig laufen können. – Statt dessen hatte der einnächtige Regen alles verwüstet, den Schnee geschmolzen und den Boden dergestalt gefurcht, daß wir um die Wette rechts und links geschleudert wurden, in steter Gefahr, umgeworfen zu werden. Der Glanzpunkt trat jedoch erst in der Nacht ein. Ehe wir es vermuteten, hielt der Wagen in einer tiefen Wassergrube an, die Pferde waren trotz der jämmerlichen Hiebe nicht fortzubringen, und so saßen wir in stockfinstrer Nacht, während welcher der Wind und Regen uns förmlich durchpeitschten, drei volle Stunden fest. Der Wagen bis zur Deichsel im Wasser. Der Bediente, der Hilfe zu holen ausgesandt worden, kehrte erst nach dieser Zeit zurück, nachdem er nur durch Hilfe von Leuten vom Wassertode errettet worden; einige Minuten später, wäre er in einem nahen Gewässer ertrunken. Meine Freundin und ich waren die einzig Unbesorgten, unsere jungen Mädchen schrien abwechselnd und glaubten jeden Augenblick, von Räubern angefallen zu werden ... Die Leute Die Freunde in Deutschland. sind unklug. Sie denken, ich ziehe aus der Heimat, und ich weiß doch, daß ich hinein ziehe. Nicht so, Schatz? Die Wohnung, von der Du schreibst, ist mir ganz lieb, mein guter Georg; nur bitte Frau Schulz, daß sie die nähere Beschreibung der Höhe und Tiefe der Zimmer und Fenster übernimmt, denn sonst kann ich nicht gut auswählen. – Du sollst Dich damit nicht befassen. Auch möchte ich wissen, ob ein Stübchen für unsere Mädchen im Hause ist, denn ich bringe meine eine mit und will dort die Köchin nehmen, und möchte ihnen wenigstens den kleinen Raum ihrer Freiheit gemütlich machen. – Die Schlafstube laß denn nur für beide sein. – Morgen- und Abendstunden sind die schönsten, weil es die stillsten sind, nicht, Schatz? Da will ich lieber in einem Zimmer mit Dir sein. – Mir scheint, wir dürfen uns beide ohne Not nicht trennen, wird ohnehin mancherlei im Leben noch kommen, was uns äußerlich auseinander treibt. Auch ist es besser, das Haus allein, als noch fremde Leute hinein. Es soll kein Mensch uns belauschen können, als wenn wir wollen. Du glaubst nicht, wie selig ich bin in dem bloßen Gedanken unseres Beisammenseins. Liebe nur immer mehr, immer, immer zu, hab' nicht Angst, daß Dein Gefühl Dich überfluten wird, der Mensch kann nicht genug lieben, nur wo die Unendlichkeit Dir im Herzen aufgeht, da bist Du erst, was Du sein sollst. Was die Leute Liebe nennen, ist ein mir lächerlicher, skizzenhafter Seelenkitzel. Man sieht ja, was daraus wird, – Kinder höchstens – für die Menschheit aber nichts, keine Tat, keine Selbstverleugnung, nichts als eitle Sichwiederspieglung des jämmerlichen Subjekts, was man nicht gering genug anschlagen kann, wenn es gilt 0pfer zu bringen in rechtem Sinne des Worts. Mit dem Armen Jakob Gedicht Herweghs. hab' ich heute meinen Gottesdienst gehalten. O schreib' immer zu, das sind die Klänge, die bis ins Mark des Volkes dringen; daß ich imstande sein möchte, zu solchen Liedern Dich zu begeistern! Wenn man statt alberner Predigten solch' Gedicht dem Volke von der Kanzel vortrüge, es würde anders wirken, als tausend Sermone. Ja, mein Herz, Du kannst lieben, das fühl' ich. Nur wer das Elend der Menschheit in allen seinen kleinsten Bewegungen mit durchlebt, nur wer das jammervolle Geschick des einzelnen ganz mitzufühlen, ganz zu würdigen weiß, der kann lieben im Vollgewichte des Wortes ... * * * Berlin, den 8. Februar 1843, nachts. ... Auf Dein lieb Konterfei freue ich mich unendlich, wenngleich es seinen Zweck nimmer erreichen wird. – Hältst Du es wirklich für möglich, daß Du mir einst weniger sein könntest, und glaubst Du, daß in solchen Zeiten dies Bild mir angenehm als Erinnerung sein würde? Ich denke, Du glaubst weder das eine noch das andere, wohl aber, daß Dein Schatz wieder einmal keinen Humor gehabt hat, und darin hast Du teilweise recht. – Es gibt wenige, aber einige Dinge, die ich im Scherz mir selbst nicht ohne Schmerz bezweifeln lasse, dazu gehört denn obenan meine Liebe zu Dir. Nicht, daß der Zweifel meine Person verletzte, die kommt dabei durchaus nicht in Gefahr, aber ich kenne nicht Liebe, die der Wandlung fähig ist , schreib' also nie mehr, wir werden uns bleiben, was wir uns sind, schreib', wir müssen uns immer mehr werden, denn Stillstand ist nicht möglich. Ich doziere wohl wieder? Verzeih, mein Schatz. Wenn ich Dir doch so ganz sein könnte, was ich möchte. Zuweilen durchschauert mich eine große Angst, ich könnte vielleicht unfähig sein, Dich ganz zu beglücken und poetisch anzuregen. Eine Frau wie George Sand, wäre sie nicht besser für Dich gewesen? Freilich hätte sie Dich lieben müssen, wie aber wollte sie nicht, wie ich hätte sie es zwar nimmer gekonnt. – Wyß Wyß, der schweizerische Historiker. war heute abend hier, läßt schön grüßen und hat viel von der Bettina Bettina von Arnim. erzählt. Ein geniales Weib ist's sicherlich, und hätte ich nicht schöneres vor, würde ich sie zuvor noch aufsuchen. Ich denke mir nur, daß man das beste von ihr in ihren Büchern hat, und ihr Umgang auch manche Enttäuschung mitbringt. Sie soll sich ganz aus der Romantik in die Politik geworfen haben, und jetzt bald eine Schrift solchen Inhalts zu publizieren gedenken. Dein Entschluß, den 2. Band Gedichte früher zu veröffentlichen, macht mir Freude. Ich bin sicher, sie werden eine große Wirkung auf das politische Volksbewußtsein haben, und wer weiß, ob sie nicht die Vorläufer einer großen bewegten Zeit werden. Wenn der Eindruck eben nur Eindruck bleibt, nicht zur Tat wird, dann hol' der Kuckuck die ganze Schreiberei, aber Du wirst sehen, die kranke Lise und der arme Jakob Gedichte Herweghs. finden den Weg zu den Hütten der Aermsten, und ist erst das Volk gewonnen, dann kann man das beste erwarten. Nur aus den Massen der Proletarier ist jetzt ein Ostern zu erwarten, daß es aber kommt und wir es noch feiern helfen, steht klar in meiner Seele. Ich fühle es, wir werden noch, wenigstens ich, gewaltige Zeiten erleben, und ich erflehe sie mit der ganzen Glut meines Wesens. Dann sollst Du sehen, ob ich lieben kann, mein einziger Schatz ... denk' recht fest: »Mein Mädchen ist kein Philister!« Ja, pilgern wollen wir, Georg, recht tief hinein in die Waldnächte. Ich möchte die Stellen mit Dir durchstreifen, die noch kein anderer Mensch zuvor betreten, und auf denen noch die ganz jungfräuliche Urschöne der Schöpfung ruht. Wo aber wäre dieser Ort? Im Grunde überall – der Tritt der Menschen kann wohl die gewaltigen Tempel Gottes nicht entweihen ... * * * Berlin, den 10. Februar 1843. ... Je näher die Zeit unserer Vereinigung heranrückt, desto größer ist einerseits mein Verlangen nach Dir, aber auch wieder die Besorgnis, Dich dauernd fesseln und befriedigen zu können, wie ich es möchte und überhaupt ein Weib es soll, wenn sie Deiner würdig ist. Du glaubst nicht, wie viel mir noch fehlt, wie viel Geduld Du auch wirst mit mir haben müssen und wie arm meine Natur in geistiger Beziehung im Vergleich zu der Deinen ist. Nimm, was ich Dir schreibe, nicht für eine Superbescheidenheit, ich bin nie bescheiden gewesen und halte diese Eigenschaft für ebenso einfältig als die entgegengesetzte. Das beste in uns ist eine Gabe der Götter, und für Geschenktes kann man dankbar sein, aber sich nichts darauf einbilden, noch die Bescheidene spielen. So oft ich aber uns beide vergleiche, so oft ich mit einer wahren Andacht Dein ganzes tiefes Wesen still beschaue, kommt mir unwillkürlich das Bewußtsein eigener Armut und Kleinheit, und ich bedarf aller Kraft, mich durch mein Glück nicht beugen, statt stählen zu lassen. Wärst Du ein Mann wie die andern, welche sich freilich mit Unrecht so nennen, würde ich Dich nie geliebt haben, aber nun Du das bist, was ich als das Alleinwahre anerkenne, hinsichtlich Deines Strebens und Deiner ganzen Richtung, dünkt mich, müßte Dir auch etwas Ebenbürtiges werden. Diesen Morgen war Fräulein Miethe da, Du kennst mein Urteil über dies Mädchen. Wir sprachen viel über ihre Kunst, und was sie sagte, so unbefriedigend sie es auch äußern mochte, bekundete eine tiefe, innere Gewalt, die ihr ganzes Wesen erhebt und seinem bestimmten Rufe entgegenführt. Sie hat eine Sphäre, in der sie ganz heimisch ist. Ich bin unstet, überall bekannt, nirgends ganz zu Hause. Das einzige, was alle meine Kräfte und mein Interesse ungeteilt in Anspruch nimmt, ist das Geschick, eigentlich die politische Entwicklung meines Volkes und meine Liebe , in allem übrigen bin ich Stümper, Dilettant, und ich hasse den Dilettantismus. – Nur in der Liebe fühle ich mich ganz fertig und gestählt zu dem Größten. Ich fürchte, daß es besser gewesen wäre, Du hättest mich ein Jahr später kennen gelernt, der Mensch vermag viel in einem Jahr, und ich wäre imstande gewesen, Dir besseres bieten zu können, – mehr Dich fortwährend anzuregen und zu heben ... * * * Berlin, den 12. Februar 1843. Mein einziger Schatz! Brauchst nicht krank zu werden, um mich bald bei Dir zu haben, das merke. Wenn sonst nicht Dinge vorfallen, die nicht zuvor zu berechnen, reise ich am 1. März hier ab und fliege zu meinem Georg. Ich bin so glücklich durch Deine beiden Briefe, die gestern früh gemeinsam ankamen, daß ich sogar im Augenblick meines Glückes einen Philister umarmt hätte, und das will etwas bedeuten. Erstens ist das Umarmen mit andern Leuten außer – Du weißt schon, Schatz, mir zuwider, und dann die Braut eines Republikaners, einen Philister! Die Aufregung muß groß gewesen sein. – Die Eltern hindern mich gewiß nimmer an der Abreise und lieben und verehren Dich sehr, daran glaube fest, was auch das elende Pack wieder geredet haben mag. Was könnte sie auch wankend machen? Bist Du nicht derselbe, der Du warst, als sie mit solchem Stolz und solcher Freude Dich ihren Sohn nannten? Ruge hat mir nicht geschrieben, ich weiß also nicht, was man in Dresden schwatzen mag, aber arg muß es sein, und ich bin froh, von diesen elenden Gewaschen verschont geblieben zu sein. – Die Menschen sind zu erbärmlich, zu arm, um zu begreifen, daß zwei Menschen sich wahrhaft lieben, man sollte sie beklagen. Mir scheint's wirklich, als wären wir beide die zur Seligkeit Bevorzugten, Du siehst ja überall, wohin Du blickst, diese jämmerlichen Gefühlsfetzen, die einer dem andern auftischt und sich krampfhaft daran hält. Unsere Liebe ist wie das stolze, hehre Freiheitsbanner, unbefleckt von dem Schmutze der gemeinen Menge und unverletzt mitten im Zwiste und Kampfe der Völker, über ihnen wie ein ewig Gebot fortrauschend. Noch vier Sonntage, mein Herz, und ich bin bei Dir, Dein Weib vielleicht, Braut oder Weib, ist's nicht ganz einerlei, wenn wir nur eben beisammen sind? Schicke doch nur endlich die nötigen Scheine, kein Pfaffe proklamiert uns, ehe sie hier sind, und ehe dies nicht geschehen, können wir in der Schweiz nimmer getraut werden... Dolche und Pistolen werde ich mir schenken lassen; wie kannst Du doch meinetwegen die spanische Reise aufgeben wollen? Das geht nimmermehr, und sollte ich in irgend einem sicheren Flecken des südlichen Frankreichs allein zurückbleiben, Du müßtest hin. Du darfst Dich meinetwegen nie stören lassen. Du hast ja keinen ängstlichen Schatz, hast gewiß vergessen, daß ich mich auf das Waffenführen verstehe. Laß es uns besprechen , wohin wir reisen, sind wir nur erst beisammen, dann findet sich alles. Freue Dich nur ganz fürchterlich auf mich; ich kann oft vor Seligkeit in dem Gedanken gar nichts vornehmen... ... Nächsten Freitag denk' fein an mich, da wird mir eine Abschiedsfete gegeben, und Sonntag über acht Tage kommt das junge Volk noch einmal zu mir. Ich wollte, es wäre erst vorbei, und ich auf der Eisenbahn. Man wird verlangen, daß ich traurig bei jedem Abschiede bin, und mir leuchtet die Freude aus jeder Gesichtslinie. Du bist ein rechter Despot, Schatz, daß Du Dich dergestalt all meiner Liebe bemeistert hast... * * * Berlin, 15. Februar 1843. Mein Georg! In diesem Augenblick bringt mir Crelinger die Nachricht, daß im Baselerblatte Deine Verbannung aus Zürich wegen Deiner feindseligen Gesinnungen gegen Preußen usw. usw. stehe, und nur ein zehnjähriges Bürgerrecht gegen dergleichen Ausweisungen aus irgend einem der andern Kantone sichere. Ob dies Gerücht, ob Wahrheit, weiß ich nicht, wie es aber auch sein mag, treibt mich's, Dir zu schreiben, um Dir nochmals zu sagen, daß wohin zu ziehen Du Dich auch entschließen magst, mir jeder Ort ganz gleich ist, wenn er Dir zusagt. Wäre die Nachricht eine wahre... es wäre das Schimpflichste, Infamste, was in letzter Zeit von Elenden geschehen. Ich weiß, mein Georg, Du bedarfst nicht meiner Zusprache, um, wie es kommen mag, den Kopf oben zu behalten. Ja, laß sie es aufs äußerste treiben, Dich können sie eben so wenig stumm machen, als mich hörend auf das feile Geschwätz der Menge. Laß sie Dich verfolgen, o, diese freien Republikaner! sie werden fühlen, mit wem sie es zu tun haben, denn Dein Haß wird wachsen wie unsre Liebe, nicht so, Schatz? Warum kann ich im Augenblick nicht zu Dir? Ich bin Wut durch und durch, aber noch mehr als empört, in Liebe zu Dir. – Wollen sie Dich nicht in Zürich, nun wohlan, dann gehen wir in einen andern Ort, hat er nur Raum für Dich und mich. Ich weiß nun nicht, was Du beschließest. Sehen muß ich Dich bald, das fühle ich, selbst wenn wir noch nicht heiraten können. Schreib' bald Deinen Entschluß, denn ich zähle die Stunden bis auf einen Brief von Dir. Sei stark und froh, was auch geschehen mag, ich bleibe Dir bis an das Ende der Tage, und wenn ich Dich nie mehr sehen sollte, könnte ich Dir nur sagen, wie über alle Maßen ich Dich liebe, und wie kein Gedanke in mir ist, kein Pulsschlag, der Dich nicht segnete, nicht zu Dir flöge... Sophie Gräfin Hatzfeld Es war kurz nach seiner Rückkehr aus Paris, im Winter 1844/45, als Ferdinand Lassalle , derzeit schon mit Heine, Alexander von Humboldt, Frau Cosima von Bülow u. A. m. befreundet und als geistreicher Schriftsteller bekannt, mit der Gräfin Sophie Hatzfeldt-Wildenburg zusammentraf. Obwohl die Gräfin bereits vierzig Jahre zählte, war sie doch noch von entzückender Schönheit und schien ihm, dem Idealisten des Sozialismus, sehr rührend in ihrer Rolle der verfolgten Unschuld. Denn sie lag damals mit ihrem Gatten, dem Grafen Edmund von Hatzfeld-Wildenburg, in Ehescheidung. Da ihr Vater, Fürst Franz Ludwig, schon 1827 in Wien gestorben war, stand sie ziemlich vereinsamt, und Lassalle bot ihr in einer Aufwallung seiner Ritterlichkeit seinen Schutz wie sein Vermögen an, um die nun folgenden, sich durch zehn Jahre hinziehenden Prozesse führen zu können. Während dieser Prozesse ereignete es sich, daß der Geliebten des Grafen eine Kassette mit höchst wichtigen Dokumenten entwendet wurde. Der Verdacht der geistigen Urheberschaft fiel auf Lassalle, der sich aber davon in einer glänzenden Verteidigungsrede zu reinigen wußte. Seine Großmut hatte ihm in der Gräfin eine Freundin auf Lebenszeit gewonnen, die sich auch der Propaganda seiner Doktrinen auf das Leidenschaftlichste und über seinen Tod hinaus annahm. Die beiden Freunde verließen sich nicht mehr. Durch Ludmilla Assing, die Nichte Varnhagens, wurden Lassalle und Sophie dem Herweghschen Ehepaar näher gebracht. Bei der Empörung der Hatzfeldtschen wie der Lasallschen (denn Ferdinand allein schrieb sich erst seit seinem Pariser Aufenthalt ›Lassalle‹) Familie über die zu mancherlei Mißdeutungen Anlaß gebende fast mütterliche Freundschaft Sophies zu Ferdinand, ist natürlich nicht viel Material über das Thema in die Öffentlichkeit gedrungen. Einzig ein Teil der Briefe, die sie an Frau Emma Herwegh schrieb – es sollen in Wahrheit an dreihundert »allzu intimen Inhalts« sein, wie Marcel Herwegh bemerkt –, sind der Lektüre zugänglich gemacht worden. Sie sind mit Briefen von Lassalle, Herwegh, Rüstow u. a. zusammen in einem Bändchen von Marcel Herwegh veröffentlich und sehr interessant kommentiert worden. Es ist nur zu hoffen, daß der Herausgeber sich auch zur Edierung der »sehr intimen« Briefe entschließt, die mehr Licht hinter die Kulissen des Sozialismus werfen dürften, als vielleicht leidenschaftlichen Parteigängern genehm sein kann; im historischen Interesse würde die Veröffentlichung jedenfalls freudig zu begrüßen sein. Die hier wiedergegebenen Briefe sind an Frau Herwegh nach Lassalles Tode gerichtet. Bekanntlich wurde er von einem walachischen Edelmann namens Rakowitz im Duell erschossen, weil dessen Braut, Fräulein Helene von Dönniges, Lassalles Geliebte geworden war und ihm auch ein Eheversprechen abgerungen hatte. Sie heiratete kurz nach Lassalles Tode dennoch Herrn von Rakowitz, eine Ehe, die kurz und unglücklich verlief. Natürlich haßte Gräfin Sophie »die Person«, die ihrer Ansicht nach Schuld an dem Tode ihres einzigen Freundes trug, mit der ganzen Glut und Rachsucht, die nur eine alternde Frau – sie war zur Zeit an Sechzig – gegen das Weib empfinden kann, das uns den Freund raubt, und sie ließ kein Mittel unversucht, die verhaßte Ehe mit Rakowitz zu hintertreiben. Ihre Briefe atmen, neben tiefem, echtem Schmerz um den ihr so plötzlich Entrissenen und dem Wunsch, sein Lebenswerk fortzusetzen, nur tiefen Groll gegen Helene von Dönniges und gegen alle, in denen sie Feinde Lassallescher Ideen vermutete. Merkwürdig bleibt ihr Verhältnis zu Lassalles Mutter. Lassalle stand sehr schlecht mit seiner Familie. Sein Testament legte davon Zeugnis ab. Um die Vollstreckung dieses Testaments – die Gräfin Sophie zufallen sollte – entstanden die abscheulichsten Kämpfe. Sophie findet nicht Invektiven genug, »die alte Gans, die einen Adler ausgebrütet hat«, zu schmähen. Und doch dürften die Ansprüche der Mutter nicht so ganz unberechtigt gewesen sein, wenn Leute wie der Advokat Holthoff und Lothar Bucher sich gegen Sophies Willen zu einem Vergleich herbeiließen. Um so eigenartiger berührt ein Briefzitat Sophies: »Die Mutter schreibt mir unbegreiflicher Weise die höchsten Lobeserhebungen: ›keine Feder könne es beschreiben und keine Worte können es ausdrücken, was ich für ihren Sohn gethan hätte, ich sei die weit bessere Mutter und sein Schutzgeist gewesen, weshalb sie auch, als sie die unglaublichen Depeschen erhalten (über das Duell) nicht daran habe glauben können, daß ihm Unglück treffen könne – weil ich ihm gewesen‹...« Wenn auch manche Gefühlsübertreibung, manche gehässige Schwarzfärberei in bezug auf dies wie auf anderes mit unterläuft, so kann man doch nur mit tiefem Mitleid die Briefe dieser Frau lesen, der mit dem Manne zugleich das Steuer des Wollens entrissen wurde; die ein Leben voller Opferwilligkeit nutzlos vergeudet sah und deren »unglückselige Stahlnatur« sie doch zwang, ihr Schicksal noch sechzehn Jahre lang auszukosten. Sie starb erst 1881 in Wiesbaden. Briefe von Sophie Gräfin Hatzfeldt. An Emma Herwegh. Auf dem Dampfschiff, 12. September 1864. Liebe Frau Emma, ... Meine traurige Reise hat ihren Zweck vollständig erreicht; in Frankfurt – vorzüglich in Mainz, so großartig wie es keinem König erwiesen wird. Die ganze Stadt und Umgebung wogte um seinen Ferdinand Lasalles. Sarg, der, offen gefahren, unter Blumen und Lorbeerkränzen kaum gesehen, von Trauerfahnen, zwei Musikchören, Leuten mit umgestürzten Fackeln umgeben und von unabsehbarem Zuge gefolgt, den langen Weg durch die Stadt nach dem Dampfschiff zog ... An seinem Sarge wurden Reden gehalten. Die Redner konnten vor Thränen kaum sprechen. Die harten Arbeiter schluchzten wie die Kinder. Ich habe, so viel als möglich, den wahren Sachverhalt verbreitet. Dann wurde der Sarg von Arbeitern auf's Dampfschiff getragen, wo eine Ehrenwache bei ihm die Nacht verblieb. Es geht das Gerücht, daß ich genötigt werden solle, die Leiche direct nach Berlin zu befördern, wegen der Großartigkeit der Vorbereitungen und der Erbitterung in Düsseldorf. Wie ich das Alles aushalte – die schmerzliche Freude über den bitteren Schmerz – ich weiß es nicht, es scheint, ich soll mein letztes Tagewerk noch fertig bringen können. Ich fürchte mich entsetzlich vor der definitiven Trennung von dem Sarg und vor eintretender Ruhe. Mich hat die Kugel ebenso getroffen und mir das Herz abgerissen. Ich fühle mich gebrochen, unfähig. Ich hätte können, wenn ich ihn glücklich wußte, ohne das beständige Zusammensein existiren – obgleich schwer, so sehr waren wir verwachsen; aber diesen Verlust, so früh und auf solche Weise – Ich umarme Sie Beide herzlich. S. H. * * * Berlin, 5. Oktober 1864 Hotel Windsor. Liebe Frau Emma! Wohl zwanzig Mal habe ich angefangen zu schreiben und ich habe immer verzweiflungsvoll die Feder fortgeworfen. Was soll ich sagen, ich kann nicht mehr, ich bin nichts mehr, ich bin tot, das heißt, ich sterbe in jedem Augenblick. Die Zeit, das ist nichts für mich, ich bin ja eben so unglücklich constituirt, ich kann nichts vergessen, weder im Guten noch im Bösen. Erwarten Sie keinen zusammenhängenden Brief; ich weiß nicht einmal, ob ich ihn ausschreiben kann, nur einzelne Ideen kann ich aussprechen. Wohl hatte ich recht, als ich am Tag vor dem schrecklichen Tag zu Becker Philipp Becker, Präsident der Internationalen Arbeiter-Assoziation in Genf. sagte: nun wird mein wie sein Todesurteil entschieden. Dieselbe Kugel hat mich viel schlimmer, qualvoller getroffen. Und doch wußte ich es selbst in dem Augenblicke nicht, wie tötlich sie mich treffen würde. Ich war betrübt, der Gedanke seines Todes war mir doch ein nicht zu fassender, wie ich ihn jetzt noch nicht einmal fasse. Ein so herzzerreißendes Unglück erscheint, als könnte, dürfte es nicht wahr sein und daß eine ungeheure Kraft des Himmels von meiner und seiner Seite die unendliche Sehnsucht alles möglich zu machen, ihn wiederbringen müßte . Ich mache mir die heftigsten Vorwürfe, grüble und sinne immerwährend, wie er hätte gerettet werden müssen, wie ich, der er stets helfen konnte, nichts gewußt, nicht gekonnt habe, mit Blindheit und Unthätigkeit geschlagen war. Und jetzt kann auch ich nichts, nichts, nicht sein Andenken schützen und ehren, wie er es verdient, und nicht ihn rächen . Er sagt in einem Brief an das Scheusal: Helene von Dönniges. »Mein Blut komme über Dich, mein Fluch verfolge Dich bis zum Grabe", und ich mußte und kann seinen Willen nicht vollstrecken,– – – – Ich wollte ja gerne ertragen, ihn nie wieder zu sehen, wenn er nur lebte, sein furchtbar unglückliches, ungerechtes Schicksal erdrückt mich. – Jeden Morgen, wenn ich schlafe, erwache ich durch einen Schuß, wenn ich erschreckt auffahre, schreit eine Stimme: »Lassalle ist tot«; indem ich es schreibe, kann ich nicht daran glauben und jeden Morgen ist alles wieder neu , nur immer zehnfach schlimmer. Nun denken Sie sich bei diesem Zustand die Arbeit – seine Briefe und Papiere durchlesen, ordnen, besprechen zum Zweck der Publication; wie ich mich da zusammennehmen muß vor den Anderen, dann diese Schwierigkeiten, nüchterne Ausbesserungen, Verständigkeits- und Moralitätsrücksichten. Von anderer Seite das stürmischste Verlangen von allen Seiten seiner Anhänger, daß es die wärmste Partei- und Verteidigungsschrift, eine Apotheose und ein Racheschrei für ihn sein müsse; das ist ja nur zu sehr mein sehnlichster Wunsch und meine Überzeugung, aber ich erbärmliche Person kann ja wieder nichts selbstständig machen. Wenn Leute zu mir kommen, kann ich nicht erwarten, daß sie gehen; wenn ich allein bin, verzweifle ich. Lesen kann ich nicht; wo ist der, der mir alles leicht, faßlich, lebendig machte; Poesie erst recht nicht – er ist nicht da zum Lesen und mit demselben Geschmack und Beurteilung uns an denselben Stellen zu erfreuen. Wir sollten jetzt nordische Mythologie studiren. Er freute sich so darauf, es erfrische seinen Geist. Zeitungen darf man mir garnicht zeigen, nur die Artikel über ihn mir geben. Was geht mich von nun an die Politik an, ich hasse sie, sie hat mir den besten Freund gekostet. Ich habe mir von Düsseldorf eine alte Person mitgebracht, die zehn Jahre dort Köchin bei uns gewesen. Das ist meine beste Gesellschaft. Ich renne im Zimmer herum, von einem seiner Porträts zum andern, spreche von ihm und sie sitzt da und sagt Ja zu allem, erinnert mich an kleine gemüthliche Züge und weint bitterlich. Ich gehe nie aus meinem Zimmer seit seinem Tode außer der Eisenbahnfahrt mit ihm und von D. hierher. Wenn die Sonne scheint, denke ich, wie gern er sie gesehen, noch sehen würde; wenn es schlecht Wetter, so denke ich, daß er, den ich immer so behütet, jetzt in der kalten Erde friert; ich kann nicht mehr aus dem Zimmer gehen. Ich wohne wie immer hier, No. 13, und meine Zimmerthür trägt auch 13, und das Jahr 1864. hat mit einem Freitag angefangen. In seiner Wohnung hier sitzen seine Todfeinde und inventiren alles für den Trödel. Wenn ich seinen Sarg nicht wieder bekomme, werde ich verrückt. Lassalles Mutter hatte den Leichnam an sich gebracht. Nun, für verrückt haben wir Beide mehr oder weniger immer passirt; er würde mich aber jetzt nicht für verrückt halten, er würde ebenso sein, wäre ich gestorben. Glückliche Leute, die ein warmes, rücksichtsloses Fühlen für Verrücktheit halten ... Was aus mir wird? Gott weiß es. Morgen sind es fünf Wochen, daß er tot ist. * * * (Ohne Datum.) ... Schreiben Sie mir umgehend in Form eine Erklärung , daß Sie Zeuge gewesen, daß, nachdem Frau Lassalle das Versprechen abgegeben, mir die Bestimmung über die Reise der Leiche, sowie deren Beerdigung in Berlin zu übergeben, sich an mich wandte mit der Bitte, alle in Genf entstandenen großen Kosten sowie die Kosten der Reise für sie zu verauslagen, da sie kein Geld da habe, und an sie das Versprechen gab, daß sofort nach meiner Ankunft in Berlin mir alle von mir gemachten Auslagen ohne Weiteres durch ihren Banquier zurückerstattet werden würden. Schicken Sie aber gleich. Die Mutter benimmt sich in einer solchen Weise, ich werde derart ausgeraubt und geplündert, daß ich selbst, bei Allem, das auf mir lastet, da ich ja ganz allein dastehe, Lassalle zu vertheidigen, seinen Mord zu rächen, in allerhöchste Verlegenheit gerathe und nun am Ende dagegen losgehen muß . Also schicken Sie gleich. Den Mörder habe in Bucharest ermittelt, ebenso, daß er jetzt nach Deutschland zurück, seine Studien beenden soll, und fest entschlossen ist, die Creatur zu heirathen. Die Wallachen hier rühmen sich, es sei eine Ehre für sie, daß es einem Wallachen gelungen, solchen Menschen wegzuputzen, es sei auch gar nicht nöthig gewesen, daß R. [Kackowitz] sich eingeübt, denn er habe den Vogel im Flug mit der Pistole geschossen. Also der absichtliche Mord! ... * * * 18. Januar 1865. ... Ich kann nicht länger die Tage aushalten, in die man mich gebracht hat; meine Kräfte sind völlig aufgerieben, und alle meine Opfer und Arbeiten sind umsonst gewesen. Noch schlimmer, sie sind mit dem schwärzesten Undank und Verrat belohnt worden. Der Präsident Becker, Bernhard Becker in Frankfurt a. Main, Vorsitzender de» allgemeinen deutschen Arbeitervereins. der mir allein seine Ernennung verdankt, mir die heiligsten Schwüre gemacht hat, unverbrüchlich an der Organisation und Richtung des Vereins fest zu halten, hat den Verein prostituirt , indem er ihn an das Weib, die Mutter, Lasalles Mutter. für ein Geschenk von 200 Thalern verkauft hat; er hat Lassalle und mir in's Gesicht geschlagen, er verleugnet die Richtung Lassalles, geht zu den Fortschrittlern über, erklärt den Weg, den Lassalle in der Schleswig-Holsteinischen Sache so bestimmt vorgezeichnet hat, für reactionär , erklärt ihn also – da es die strenge Konsequenz seines Thuns war – selbst für reactionär. Das muß ich noch erleben! ... * * * 7. März 1865. Um den feindseligen Auslegungen vorzubeugen, die ich jetzt immer im Voraus annehmen muß, erkläre ich in Bezug auf das, was ich von Marx Karl Marx, der sozialistische Schriftsteller und Sozialökonom. sagte, daß ich mit den beliebten Schlagwörtern, die schon Lassalle immer um die Ohren sausten von »Mitgehn mit Bismarck«, »Regierungssozialismus« gar nichts zu thun habe, sie gar nicht beachte. Lassalle ging mit Niemand , stand auf Niemand als auf sich und seinen Ideen. Ich halte streng an ihm fest, Organisation wie Politik . Für Jeden, der dies als reaktionär verschreit, der mag, wie Lassalle sagte, schreien so lange bis er heiser ist, ich meinerseits habe dafür nur das Lächeln souveränster Verachtung, für Jeden und wäre er 100,000mal Marx. Das Urtheil: Lassalle und ich wären Reaktionäre, werde ich als die höchste Glorifizirung meiner Identität mit ihm begrüßen. Die Zeitung Der »Sozialdemokrat«. ist infam, aber nicht aus den Motiven Marxens, die nicht besser sind. Es wird auch nicht gelingen, »seine braven Rheinländer«, wie Lassalle sie nannte, stehen wieder auf dem Posten. Marx, der sich freilich während Lassalle's Leben nicht hervorgewagt hätte, erklärt jetzt , daß er Lassalle und sein Werk stets mißbilligt , daß der Verein zerstört in die Partei aufgehen müsse. Ivo war die Partei seit 14 Jahren? Wo ist sie heute ? In der Person Marx mit einigen Schreiern von Schlagwörtern, hinter denen nichts steckt; ihr Ideal die amerikanischen Zustände und die polnische Revolution. Gott schütze uns vor diesen Politikern! Gleich bei meiner Ankunft sind mir Eröffnungen und Anerbietungen hier gemacht worden für den Plan, Marx zum Präsidenten sofort zu machen; dann wäre der Verein sehr gut gewesen. Ich kannte aber Marx zu gut, der nichts kann als zerstören. Also auch auf diesem Terrain steht M. [Marx] irrt Gegensatz zu mir. Armer Lassalle! Sein Werk auch, für das er so viel gelitten! ... * * * (Wahrscheinlich Anfang April 1865.) Ich war, wie Sie wissen, vor sechs Wochen in Breslau, mit dem Entschluß, meine persönlichen Klagen, sowie Anzeige des Meineids usw. und die Sache wegen Wegschaffung der Leiche meines Freundes von dem verpesteten Ort beim Fürst-Bischof zu betreiben. Man bekam Furcht, versprach mir Alles, sofortige Anerkennung des Testaments [von Lassalle], Berücksichtigung aller meiner kleinen Wünsche, wie, daß die Bibliothek nicht verkauft werde, sondern eine Stiftung daraus gemacht, daß mir von Seiten der Mutter die Vollmacht gegeben werde, bei der Ausführung des Testamentes sie zu vertreten, weil ich weiß, wie viel an der Ausführung liegt. Vor Allem aber stellte ich die Bedingung , daß vorher alle verteilten Papiere herbeigeschafft und mir vorgelegt würden, damit ich mich überzeuge, ob sie vollständig da seien. Nichts begehrte ich für meine Person. – Was ist aber jetzt geschehen? Der Abgesandte der Mutter war mehrere Tage ohne mein Vorwissen hier, unterhandelte mit den Testamentsexekutoren und schloß einen Vergleich mit ihnen. Glücklicherweise erfuhr ich es zwei Tage vor der Unterzeichnung und zog in fliegender Hast Holthoff Aurel Holthoff, Rechtsanwalt in Berlin. die Vollmacht zurück, die ich ihm ganz zu Anfang gegeben und bis jetzt gelassen hatte, weil der Proceß noch nicht in der Lage war, wo es schaden konnte , und schrieb sofort an Bucher Lothar Bucher, der spätere Sekretär Bismarcks. zu kommen, und glaubte danach sicher zu sein, daß er in keinen Vergleich willigen, sondern sich streng auf dem Boden des Testamentes in allen Teilen halten würde . Ich protestirte energisch brieflich gegen alles Andere und bestritt den Leuten die Befugnisse zum Vergleich. Sie haben es dennoch gethan und Bucher ist beigetreten . Ich erhielt heute zugleich eine Ladung, vor Gericht am 7ten d. M. zu erscheinen, um meine Einwendungen zu erklären und einen dunkel gehaltenen Brief von Bucher, der mir seinen Beitritt erklärt und sich in Phrasen windet, weil ich zu sehr auf dem Boden des Sentiments stehe, und zugleich stellt er sich selbst einzig und allein darauf und giebt als einzigen Grund für sein Verfahren an, daß unter den gegebenen Konflikten, die der Erblasser nicht habe wissen können, er, Bucher, keinen andern Maßstab anlegen könne, als wie er wünschen würde, seine Mutter behandelt zu sehen. Als wenn Lassalle ihm ein Mandat gegeben hätte, in seiner Seele zu lesen; er hat seinen Willen ausgesprochen und ihm getraut, daß er ihn vollführen werde. Und wie grundfalsch beurtheilt er Lassalle. Bucher weiß, daß auch Lassalle – und wenn die Mutter vor seinen Augen zu Grunde gegangen – unerschütterlich geblieben wäre, gerade wegen der Konflikte. Als meine Processe anfingen, machte sein Vater, den er wirklich liebte, einen Versuch, ihn von mir abzubringen, und Lassalle sagte ihm: »Ich bin von ihrem Recht durchdrungen, und bin unerschütterlich entschlossen; opponire dagegen, und ich sehe dich nicht wieder und du hast keinen Sohn mehr; wenn du aber einsehen willst, daß ich Recht habe, so wirst Du einen dankbaren und guten Sohn an mir behalten. – So dachte Ferdinand Lassalle ... O Gott, o Gott, ist denn mit dem Tode dieses edlen Menschen alle Ehre, alles Gewissen, alle Rechtlichkeit, Liebe und Freundschaft aus der Welt geflohen! und ich muß das erleben! ... Ich weiß nun wirklich nichts mehr über die Fragen bezüglich der Zeitung zu beantworten. Hofstetten Baron von Hofstetten, früherer bayrischer Offizier, Mitredakteur des »Sozialdemokrat«. giebt das Geld. Bei Lassalle's Leben war schon von dem Unternehmen die Rede und er genehmigte es; allerdings stand es dann unter seiner Beaufsichtigung. Ich habe Ihnen die Namen der Mitarbeiter genannt, die auch eine Garantie bieten, daß es nicht schlecht geschrieben wird. Weiter weiß ich nichts und kann doch nicht den Prospektus von den Leuten zur Prüfung verlangen. Ob es mit Bismarck'schem Gelde geschieht? Liebe Frau Emma, diese Frage ist, wie Sie selbst einsehen werden, wenn Sie es bedenken, etwas sonderbar. Wenn es wäre und ich es nicht wüßte, könnte ich Ihnen ja doch keine Auskunft geben – und daß ich dies unmöglich weiß, wäre an sich unmöglich und geht ja schon hinlänglich aus der Art, wie ich geschrieben, hervor. Es liegt ein förmlicher Abîme zwischen folgenden zwei Sachen, sich an seinen Gegner verkaufen, für ihn arbeiten, verdeckt oder unverdeckt, oder wie ein großer Politiker den Augenblick zu erfassen, um von den Fehlern des Gegners zu profitieren, einen Feind durch den andern aufreiben zu lassen, ihn auf eine abschüssige Bahn zu drängen, und die dem Zweck günstige Konjunktur, sie möge hervorgebracht werden von wem sie wolle, zu benutzen. Die bloßen ehrlichen Gesinnungen, diejenigen, die sich immer nur auf den idealen, in der Luft schwebenden Standpunkt der zukünftigen Dinge stellen und darauf nur das momentane Handeln bestimmen, mögen privatim als recht brave Menschen gelten, aber sie sind zu Nichts zu brauchen, zu Handlungen, die auf die Ereignisse wirklich einwirken, ganz unfähig, kurz sie können nur in der großen Masse dem Führer folgen, der besser weiß... * * * 11. Mai 1865. ... Zuerst war ich Tage nicht hier, sondern in Breslau, wo ich auf seinem Grabe seinen Geburtstag feierte. Ich fand einen schon halb zerfallenen, verwilderten Hügel, jetzt ist er wenigstens ein Rosengarten; die Blumen, die wir beide so liebten ... Das sogenannte Monument ist abscheulich, der Kirchhof wie ein großer Bleichplatz. Bald aber fühlte ich eine Ruhe an seinem Grabe, wie nie vorher; es ist der einzige Ort, wo ich mich wieder heimisch, unter seinem Schutz und Schirm fühlte. Ich habe Nächte im Mondschein allein da zugebracht. Wer dürfte mir, wo er selbst todt zugegen, etwas thun! ... Ich bin nun wirklich genöthigt, »Die letzten Lebenstage Lassalles« schleunigst erscheinen zu lassen, nicht weil es nach dem furchtbaren Lärm, den man gegen mich gemacht hat, für mich nöthig wäre, sondern es wäre ein Verbrechen gegen Lassalle , das ich nicht auf mich nehmen will. Ich habe nämlich die zuverlässige Nachricht, daß die Delrath mit Rackowitz dennoch stattfinden soll, sobald die Person, Helene von Dönniges. die krank ist, wiederhergestellt ist. Lassalle sagt in seinem letzten Brief an die Person: »Mein Fluch verfolge Dich bis zum Grabe!« Und ich sollte nicht Alles anwenden, um diese schändliche Heirath zu verhindern? * * * 10. August 1865, Nachts. ... Die Feier des heutigen Tages, welche für mich immer mit Blumen und Kränzen, Liedern und Musik, mit der stürmischen Gratulation Lassalle's anfing, der sich nicht genug zu thun wußte, um jeden Augenblick zu einer Erheiterung zu machen, begann ich heute damit, daß ich um acht Uhr morgens ein Telegramm erhielt, daß hinter dem Rücken meines Advokaten die Habseligkeiten Ferdinand Lassalle's öffentlich verkauft worden sind. Vieles Eigenthum von mir, wie man wußte , und die Andenken jener Zeit, nach denen ich mich so gesehnt , um die ich so gebeten, in fremden Händen! Es ist die alte Geschichte, die sich in meinem Leben stets wiederholt hat, ich bin da immer am grausamsten verfolgt worden, wo ich am meisten verdiente, am schlimmsten bestraft worden, wo ich am edelsten gehandelt ... Ich habe nichts mehr zu vertheidigen , also hört die rastlose Unruhe auf ... * * * Berlin, 20. Oktober 1865. ... Es wäre abgeschmackt, zu sagen, ich hätte keine Zeit zum Schreiben gehabt, im Gegentheil; die Tage sind so lang jetzt für mich wie eine kleine Ewigkeit und die langen Nächte dazu, denn zu schlafen habe ich verlernt. Zeit also genug, aber keine Kraft mehr. Wenn ich nicht galvanisirt werde auf Augenblicke durch den höchsten Zorn über Angriffe und Beleidigungen gegen ihn, so lebe ich eigentlich gar nicht mehr; es ist nur noch ein dumpfes Hinbrüten, in welchem ich die Bilder der Vergangenheit an mir vorüberziehen lasse, und Alles, was mich darin stört, jede Beschäftigung, jede Bewegung selbst ist mir verhaßt, kostet mir die höchste Überwindung, hundertmal ergreife ich die Feder und lasse sie kraftlos wieder fallen. Wozu Alles, sage ich mir; ich bin ein todter Mensch, mit dem die Lebenden nichts mehr gemein haben. Sie sehen das ja auch wieder an diesem Brief, ich weiß und denke immer nur eine Sache und könnte eigentlich blos immer sagen: Lassalle, mein einziger Freund, ist tot und ich bin mit ihm gestorben, nur habe ich den Frieden nicht, wie er, ich leide noch immer... Überhaupt ist der furchtbare, verzehrende Durst nach Rache das einzige noch Lebendige in mir; könnte ich sie erleben, so würde ich noch einmal wissen, was Freude ist ... Mathilde Wesendonk Dies Leben, das so sehr der neuesten Zeit angehört – Mathilde Wesendonk ist erst 1902 gestorben – ist natürlich der planmäßigen Forschung noch nicht erschlossen. Viele der noch Lebenden kannten sie persönlich; aber außer in ihrer gastfreien Villa in Zürich hat sie eigentlich nie eine gesellschaftlich prominente Rolle gespielt. Anmutig und gedämpft, geschmackvoll und zurückhaltend, hat sie keine Gelegenheit zu den vielen »on dit's« gegeben, die einen Sagenkreis um die Musen großer Männer weben. Der Eintritt Richard Wagners in ihr Leben veränderte die äußeren Konturen ihrer Daseinsgebung nicht; sie war vorher und blieb nachher die vornehme und geachtete Frau des Kaufmanns Otto Wesendonk – auch ihr Vater, Kommerzienrat Luckemeyer, war Kaufmann gewesen –, der es nicht zuletzt durch die große Güte und die reichen Mittel ihres Gatten möglich gewesen war, einem unstäten, zerrissenen Genie auf kurze, inhaltschwere Zeit ein »Asyl« und damit sozusagen die Abschwungstelle zum weitausspannenden Höhenflug zu schaffen. Sie verstand es, ihm zuzuhören »wie Brünhilde dem Wotan«. Ihr feines Taktgefühl glich aus, wo Dissonanzen drohten; ihr enthusiastischer Glaube trug den Meister über sich selbst hinaus; ihre hohe innere Sittlichkeit gab der tiefen Leidenschaft, die Beide erfüllte, das Gegengewicht, das Katastrophen verhinderte. Wagner scheint selbst die Briefe von Mathilde vernichtet zu haben. Nur 14 Blatt sind erhalten und der Publikation angefügt, die zugunsten des Stipendienfonds in Bayreuth erfolgte (»Richard Wagner an Mathilde Wesendonk«. Tagebuchblätter und Briefe. Berlin, Alexander Duncker, 1904). Ihr sind die hier wiedergegebenen Brieffragmente entnommen, ebenso ihrer vortrefflichen Einleitung von Professor Dr. Wolfgang Golther einzelne Daten. Wir sind heute der Frau Wesendonk dankbar, daß sie nicht dem Wunsche Wagners folgte, auch seine Briefe zu vernichten. Mir scheint, daß der »Tristan« uns erst nach Lektüre dieser Briefe voll seine letzten Geheimnisse, seine schmerzlichen Schönheiten des »Sehnens und Sterbens « enthüllt. Er entstand im wesentlichen, nachdem die Eifersuchtsszenen Minnas – der ersten Gattin Wagners – ihn aus seinem »Asyl am grünen Hügel«, das Wesendonks ihm liebreich eingerichtet, vertrieben hatten. Einzelne der Skizzen haben ja noch in seinen »Fünf Gedichten«, den einzigen Liedern seiner Feder, zu denen Mathilde überdies den Text lieferte, Verwendung gefunden. So das Liebesnachtmotiv in den »Träumen« und die Sehnsucht im »Treibhaus«. Die Trennung von der geliebten Frau griff schmerzzerreißend in sein Seelenleben ein. Mathilde aber hat in den Zeiten schwerer seelischer Prüfung einen Helfer gehabt, wie er in der Geschichte unglücklicher Liebe wohl einzig dasteht: ihren Gatten. Nie hat ein Wort des Vorwurfs den Meister gestreift, dessen Genie er früh erkannt und dem er bis zu dessen Tode ein fördernder, warmer Freund geblieben ist. Die Größe des Mannes bildete die beste Schutzwehr der Frau, deren Wesenheit sich in den Satz offenbart: »Freud und Leid miteinander tragen, so bleibt uns immer noch viel«. Sie war Wagners »guter Engel«, und die drei Buchstaben, die er dem kurzen, ebenfalls im »Asyl« entstandenen Vorspiel zur Walküre voranstellte, darf man ruhig als Motto über ihre Lebenssilhouette setzen: G. S. M. »Gesegnet sei Mathilde!« Briefe von Mathilde Wesendonk. An Richard Wagner in Paris. Juni 24. 61. Ich habe in dieser heißen Zeit Sie oft bedauert, denn in Paris ist es dann erstickend schwül. Sie flüchten wohl wieder ins bois de Boulogne , allein es ist doch immer mühsam erkauft. Auf dem grünen Hügel ist es jetzt sehr schön, und die Mondschein-Abende sind unvergleichlich. Lange hatten wir keinen solchen Sommer, es ist Einem dabei auch ganz seltsam zu Muthe, und man fürchtet sich zu Bette zu gehen, sorgend, es könne den nächsten Morgen anders sein ... Ich freue mich, daß Sie nach Weimar gehen. Liszt ist bei alledem derjenige Mensch, der Ihnen am Nächsten steht. Lassen Sie ihn sich nicht verderben. Ich kenne ein schönes Wort von ihm: d. h. »ich schätze die Menschen nach dem, was sie für Wagner sind«. Was Wien betrifft, so wollen wir sehen, ob das Schicksal uns Gunst vergönnt. Wir denken gerne daran, von der Fürstin Wittgenstein. habe ich nun zum Erstenmale aus Rom gehört. Sie besucht dort nur die Nazzarener, die christlichen, kirchlichen Maler. Es dient ihren Zwecken, und sie führt es mit eiserner consequence durch, obschon sie sich schmählich dabei ennuyiren soll. Außer Cornelius und Overbecks Peter Cornelius und Joh. Friedrich Overbeck, die derzeit in Rom lebten. ist da nicht viel Genuß zu suchen; natürlich, ich meine unter den lebenden Künstlern. Und nun noch eine Bitte, die Sie mir gelegentlich einmal erfüllen sollen. Ich habe nämlich ein kleines Photographienbuch erhalten, und seitdem fand sich schon die eine oder andere Photographie von Bekannten hinzu, in Visitenkartenformat, wie das Meinige. In wenigen Sekunden macht man ein Dutzend. Nun besitze ich allerdings Ihre große Photographie, aber das kleine Buch möchte gar so gerne auch Eine haben, und der Platz dafür bleibt offen. Werden Sie dem kleinen Buche seinen Eigensinn verzeihen? Es will sich gedulden, und das Kind will auch geduldig sein, und den Meister nicht mit Schreiben quälen. Er muß es doch nur thun, wenn es Ihm Bedürfniß ist, denn früge Er nur das Kind, ich fürchte, Er hätte viel zu thun. Es sucht sich einstweilen zu stählen, durch stärkende Bäder, aber sie greifen an, und nehmen noch das bischen Kraft vollends hinweg. Doch der Erfolg soll gut sein. Nun ist es dunkel geworden, die Berge liegen bleich und leblos da, und alles ist so still. Ruhe, Ruhe, heilige Ruhe senke sich auch in Ihr Herz! * * * Decbr. 25. 61. Ihre letzten Zeilen haben mich traurig gemacht. Ich konnte lange nicht darauf antworten. Der Gedanke an unser Zusammensein in Wien war mir so nahe getreten, war mir nun endlich Zuversicht geworden. Ich hatte ja doch lange nicht daran geglaubt, nun glaubte ich, um es wieder zu verlernen. Was in die Hand der Zukunft gelegt wird, ist uns für den Augenblick, vielleicht für immer genommen. Der Augenblick gehört uns, doch was die dunkle Mutter in ihrem Schooße für uns birgt, wer weiß es? Die Schwierigkeiten, die der Geburt eines Tristan entgegenstehen würden, wohl ahnend, lag mir zunächst unser Zusammensein im Sinne, und hätten wir gewußt, daß Sie nur noch kurze Zeit in Wien bleiben würden, wir wären sicherlich früher gekommen. Es sollte nicht sein! Aber schlafen kann ich jetzt nicht. Die Mutter wollen wir belauschen, wo sie noch wach ist, in Venedig. Montag reifen Otto Mathildens Gatte. und ich dahin ab. Lange werden wir nicht dort bleiben; in 14 Tagen, drei Wochen spätestens, sind wir zurück. Es soll uns vor dem Winterschlafe eine Erfrischung, Stärkung und Anregung sein, wie ich sie von Wien gehofft hatte. Scheint auch das Leben hier und da eine Idylle, der richtige Blick fände bald den Stoff zur Tragödie heraus. Gegenseitige Kurzsichtigkeit schützt die Menschen vor dem Erkennen. Dann ist das »Sehen« an und für sich leidlos, das »Sein« aber immer leidend. Sie, Verehrer von Schopenhauer, sollten das wissen! Somit wären die Menschen, die viel sehen und nichts sind, gewiß am glücklichsten! Und auf das »glücklich sein« kommt's ja am Ende an, nicht wahr? Groß sein, Gut sein, Schön sein, genügt dem Menschen nicht, er will auch glücklich sein. Wunderliche Marotte! Mich däucht, wer Eines von jenen Dreien wäre, brauche den ganzen mühseligen Scheinapparat des Andern nicht mehr! Doch, was weiß ich davon? ... * * * Jan. 16. 62. Ich las in Schopenhauers Biographie W. Gwinner, Schopenhauer aus persönlichem Umgang dargestellt. Leipzig 1862. und fühlte mich unbeschreiblich angezogen von seinem Wesen, das mit dem Ihrigen so viel verwandtes hat. Eine alte Sehnsucht überfiel mich, einmal in dies begeistert schöne Auge zu blicken, in den tiefen Spiegel der Natur, der dem Genius gemeinsam ist. Unser persönlicher Verkehr trat mir ins Gedächtnis zurück, ich sah die große reiche Welt vor mir, die Sie dem Kindergeist erschlossen, mein Auge hing mit Entzücken an dem Wunderbau, höher und höher schlug das Herz vor innigem Dankgefühl, und ich fühlte, daß mir nichts verloren gehen könnte! Solange ich atme, werde ich nun streben, das ist Ihr Theil. Schopenhauer selbst sollte Sie nicht kennen und Ihre Tonschöpfungen blieben ihm unerschlossen. Was thut's, würde Er lächelnd heute sagen, wir Beide gehören dem Ganzen. Ein Einsamkeit blickendes Auge ist unser Loos! Das Buch enthält ein vortreffliches Bildnis des Verstorbenen, wo die krasse Nacktheit der Photographie durch die geistige Macht des Mannes verschönt und verklärt ist. Sind Sie einmal von Paris mir näher gerückt, so freue ich mich, Ihnen wenigstens dann und wann ein Buch mitteilen zu können, ohne Sie auf das Ministerium zu bemühen. Mein armes Kistchen ist zurückgekehrt, ich habe es traurig bei Seite gestellt. Mathilde hatte Weihnachtsgaben nach Wien adressiert, die Wagner dort nicht mehr erreichten. Sind Sie erst einmal wieder irgendwo niedergelassen so schleiche ich mich sicher abermals bei Ihnen ein, so sicher, wie die Wichtelmännchen den armen Bauer verfolgten! – Wie geht's mit der Gesundheit – und mit der Arbeit? Ihre von Herzen! * * * Jan. 19. 62. Der geflügelte Löwe Ein Briefbeschwerer mit dem Löwen von San Marco, ein Geschenk von Frau Wesendonk. auf Ihrem Schreibtisch ist erwacht! Kraft und Geist sind ein Symbol. Er rüttelt den schweren Traum von den Gliedern, und schüttelt die Mähne. Das macht mich froh, und weiter denke ich nichts. Dem Schicksal sei anheimgestellt, was von Außen kommt. Innen sitzt der Feind in der eigenen Brust. – Fast niemals, so will's mir scheinen, sprudelte der Quell Ihrer Dichtung Die Meistersinger. reicher und ursprünglicher als diesesmal. Auch ist es eine Art Gerechtigkeit gegen sich selbst, dem tiefen, unverwüstlichen Humor, einer so bedeutenden Ingredienz Ihres Charakters, einmal seine überwiegend entsprechende Deutung zu geben. Der göttliche Knabe stieg mit seinem Bruder, dem Amor, von den Höhen des Olympos in die Menschenbrust herab, und nur wo der Eine gerne weilte, kehrte der Andere ein. Mir ist, als habe ich eine Höhe erstiegen, und blicke nun in ein wundervolles Abendroth, den Hymnus der Schöpfung! Gruß und Lebewohl! * * * Schwalbach, August 9. 63. Ihr inhaltsschwerer Brief U. A. den Entschluß als »Virtuos« d. h. an der Spitze eines Orchesters seine »Zeit« zu gewinnen. sank mir heute recht schwer auf's Herz, das werden Sie mir glauben, Freund! Aber ich zürne jenen Sorgen nicht, die Sie mir dadurch bereiten, denn ich leide gern mit Ihnen. Mein ganzes Sein fühlt sich geadelt mit Ihnen leiden zu dürfen. So traurig mich diese Buchstaben anstarren, wenn ich sie nach ihrem Sinn befrage, so lieb und freundlich blicken sie mich an, wenn ich mir sage, sie sind von ihm und zwar für Dich geschrieben. Freund, ich fürchte, Sie könnten mir viel Böses sagen, und ich müßte Ihnen doch gut bleiben! Sie »freudehelfeloser Mann«, – ein Ausdruck, den ich einmal in Walther v. d. Vogelweide fand, und im innersten Herzen gleich auf Sie anwandte. Wer Ihnen zu helfen vermöchte, müßte sehr glücklich sein! Mir schwindelt der Kopf, wenn ich an all' die Trostlosigkeit denke, die Sie umgiebt. Einzelne schöne Momente ausgenommen, die dem gefahrvollen »Guten« gleichen, das Sie mir so reizend beschreiben, und die Ihnen mehr als jedem Andern zu Theil werben, bleibt das Schicksal Ihr Schuldner. Ich weiß das, und traure darum aus voller Seele, und habe kein leeres Wort des Trostes, weil ich auch keine Hoffnung habe, daß es einmal anders werden könnte. Wie entsetzlich es mir ist, Sie so in der Welt herumgehetzt zu sehen, um Conzerte zu geben, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Und wenn der Himmel vom Beifall der Menge widerhallte, es wäre ja doch kein Ersatz, Ihrem Opfer angemessen. Mit blutendem Herzen folge ich Ihren sogenannten » Triumphen « und kann fast bitter werden, wenn man mir diese als ein erfreuliches Ereignis darstellen will. Ich fühle dann nur, wie wenig man Sie kennt, das heißt, versteht , und – fühle dann auch – daß ich Sie kenne – und liebe! – Was der Einzelne vermag, ist so wenig, dem tausendköpfigen Ungeheuer gegenüber, das sich Welt nennt. Man könnte sein Herzblut vergießen und gewänne ihr nicht ein Bischen Liebe ab. So ist es und so war es wohl vor uns. Freud und Leid miteinander tragen, so bleibt uns immer noch viel! * * * Octob. 27. 63. Lieber Freund! Immer mehr beschäftigt mich der Gedanke, Sie nun bald in unserer Mitte zu sehen, und es soll mir ein rechter Sonntag des Herzens sein, es Ihnen so behaglich wie möglich zu machen. Ich glaube, unsere Häuslichkeit birgt die Elemente zu einem traulichen Zusammenleben in sich, ohne Gêne oder sonstige Opfer für den Einzelnen. La vie est une science , sagt ein geistreicher Franzose, sie muß erlernt werden. Wie auf dem Meere Windstille eintritt, wie der Himmel zuweilen wolkenlos erscheint, so auch giebt es im Menschen-Dasein Augenblicke, wo das Schicksal den Athem einhält. Möchte uns ein solcher Augenblick zu Theil werden! Was ich so innig wünsche und erstrebe, ist zugleich so wenig, daß es Ihnen vielleicht nur ein Lächeln entlockt. Nämlich, Sie wenigstens Einmal im Jahre bei uns heimisch zu sehen, so sehr, daß Ihnen jede Ecke des Hauses bekannt sei, und daß die Kinder Ihnen nicht entfremdet werden. Die Erinnerung an Ihr Zusammen-Leben mit uns, den Kindern frisch zu erhalten, war ich stets bemüht, und noch heute kennen sie das Asyl nur unter dem Namen: Onkel Wagner's Garten. Schmerzlich berührte mich der Gedanke, es in fremde Hände übergehen zu sehen. Jetzt erst erhalte ich hierin einige Sicherheit und Ruhe, da nun das Häuschen zu dem Uebrigen hinzugezogen worden ist, und mit dem großen Gute als zusammengehörend betrachtet wird, vermittelst Gemüse-Anlagen und dergleichen, dann aber auch, weil in den untern Räumen Carl's Lernzimmer und das Zimmer seines Lehrers eingerichtet wurde. Auf diese Weise kommt das Häuschen unter meine spezielle Aufsicht, und mir ist es gegeben, es vor Verfall oder Vernachlässigung zu schützen. Daß auch das mir eine Art wehmüthiger Freude gewährt, brauche ich Ihnen kaum zu sagen. Sie selbst wissen zu gut, welche Befriedigung das Herz in solchen Dingen sucht, die an und für sich nichts sind, und bei der Menge so gern mit dem Worte »nutzlos« bezeichnet werden. Dem Herzen ist hier Alles wichtig, es bleibt stets ideal, und die Welt kann ihm nichts anhaben. Es schließt mit goldenem Schlüssel auf, und ist entwischt, wenn sie glaubt, es recht gefesselt zu haben ... Hoffentlich höre ich nun bald von Ihnen und Ihren Plänen! Die schönen zauberhaft verklärten Herbsttage sind nun vorüber, und der frostige Freund Winter steht vor der Thüre. Innen aber wird es warm und hell. Jede Ihrer Nachrichten, geliebter Freund, ist ein Gedanke von Ihnen zu mir, und als solcher der liebste Gruß, den mein Herz ersehnt! Haben Sie Dank darum für jede, noch so kurze Mittheilung! Es bedarf unter uns ja nur noch der Notizen, gleichsam ein sichtbares Band uns durch das Leben zu leiten, der Unermeßlichkeit der Empfindungs-Welt gegenüber, der wir angehören. Die Wift der geheimnisvollen Weberin, die unsere Schicksalsfäden ineinanderschlang, ist unlösbar, sie kann nur zerrissen werden. »Wißt Ihr, wie das ward! –« Ihre Trauer, Ihre Erschöpfung begreife ich, und weiß, was es Sie kostet, nach Rußland zu gehen. Rettung und Rath finde ich nirgends, ob ich mir das Hirn darum zerquäle, es will nicht tagen. Da schweige ich lieber, als mit leeren Hoffnungen trösten zu wollen, an die ich selbst nicht glaube. Es ist der Menschheit traurigstes Verhängniß, ein Uebel zu erkennen, ohne es ausrotten zu können. Es wird mit uns geboren, und wir schleppen es wider Willen weiter, wie eine ansteckende Krankheit. Wohl that es mir zu wissen, daß Sie in Löwenberg und Breslau Frau v. Bissing hatten. Selig sind, die Liebes thun auf Erden! Sie sind in Wahrheit die einzigen Seligen! – Auch Christkindchen war da. Es sagte, es wolle nach Wien, dem Freunde die trauliche Wohnung zu schmücken. Ich fand das sehr hübsch und wäre am Liebsten gleich mitgegangen. Christkindchen aber hat in der Welt ein gewisses Vorrecht, und so bat ich denn nur, daß es ja den Rechten aufsuche, und gab ihm seinen Namenszug mit. Nun bittet es um freundliche Aufnahme! * * * Jan. 13. 65. Mein Freund! Frau v. Bülow Cosima, Wagners spätere Gattin. ersucht mich in einem Schreiben heute, um einige Ihrer literarische Manuscripte, die in meinem Besitz sind. Ich habe die Mappe durchblättert, allein es ist mir unmöglich etwas zu senden, es sei denn, auf Ihren persönlichen Wunsch hin. Da Sie wohl kaum noch sich erinnern werden, welche verlorenen Blätter und Blättchen sich in meiner Mappe zusammenfinden, so übersende ich Ihnen eine Kiste des gesammten Inhalts, und bitte Sie, mir zu sagen, ob und was ich schicken solle ... Louise von Francois Zu Herbstbeginn 1893 starb in einem kleinen Saalestädtchen eine Schriftstellerin, die das Schicksal so vieler Anderen teilte: ihr Nachruhm war groß, aber das Leben hatte ihr gerade in der Vollkraft ihres Schaffens keinen Lorbeer gereicht. Marie Louise von François wurde am 27. Juni 1817 zu Herzberg in Sachsen als Tochter eines Offiziers geboren, der in glänzenden Verhältnissen lebte. Schon ein Jahr nach ihrer Geburt starb ihr Vater, und nun wurde sie durch den Leichtsinn und die Treulosigkeit ihres Vormunds um ihr ganzes Vermögen gebracht. Sie erfuhr erst als junges Mädchen davon. Da hatte sie sich mit einem stattlichen und eleganten Offizier verlobt, der aber zurücktrat, als er von der Vermögenslosigkeit seiner Braut hörte. Der Schlag war hart; er würde eine Andere vernichtet oder grenzenlos verbittert haben. Aber Louise war kein Dutzendgeschöpf. Sie brach nicht zusammen; die Freudlosigkeit des Schicksals wirkte erzieherisch auf ihr großes und edles Herz. Ihre Mutter vermählte sich zum zweiten Male mit dem Gerichtsrat, späteren Hofrat Herbst. Bei ihr lebte sie, bis sie – nach den Angaben Brümmers – in das Haus des Vaters ihrer Kusine Klotilde von Schwartzkoppen zog. Klotilde war die Tochter des durch seine romantischen Jugendschicksale in weiteren Kreisen bekannt gewordenen Generals Karl von François, ihr Gatte zuerst preußischer Forstrat und später Hofkammerpräsident und Hofjägermeister in Berlin. Dem alten General hütete Louise nach der Verheiratung seiner Tochter bis zu seinem Tode (1855) getreulich das Haus; dann kehrte sie zu ihrer Mutter nach Weißenfels zurück – und hier in Weißenfels verblieb sie auch bis zum Ende ihres Lebens. Dies alte Fräulein war ein wundervoller Mensch. Die Lösung ihres Verlöbnisses mit dem Grafen G. hatte das lustige Mädchen, das nicht viel mehr gelernt als andere adlige junge Damen ihrer Zeit, in eine reife Frau verwandelt und zu tiefem Nachdenken über die sozialen Grundlagen unsrer Existenz angeregt. »Mit unablässigem Lesen und Lernen holte sie nach«, so charakterisiert sie Richard M. Meyer; »vor allem aber hatte sie eins gelernt: den Abscheu vor leeren hohlen Ansprüchen, den Respekt vor ernster Zuverlässigkeit«. Äußere Bedrängnis führte die klare und entschlossene Helferin der Ihren zur Schriftstellerei. Seit dem Tode des Generals von François schrieb sie für das damalige Cottasche Morgenblatt und verschiedene kleinere Journale eine Anzahl Erzählungen, die als »Ausgewählte Novellen« 1868 bei Franz Duncker in Berlin gesammelt erschienen. Inzwischen hatte sie aber auch ihren prächtigen Roman »Die letzte Reckenburgerin« vollendet und klopfte mit ihm vergeblich an mancherlei Türen an. Es war die Zeit, da die Familienblätter noch ganz in der Schablone steckten, da Ernst Keil als Herausgeber der »Gartenlaube« Otto Ludwig die Erzählung »Zwischen Himmel und Erde« mit dem guten Rate zurücksandte, sich erst einmal ein wenig an den Spannungsmotiven Balzacs zu bilden. Die »Reckenburgerin« wurde überall abgelehnt; sie segelte sogar über das Meer und fand auch drüben keine Heimstätte, bis es Otto Roquettes Vermittlung endlich gelang, ihr in der Jankeschen »Roman-Zeitung« einen Unterschlupf zu schaffen. »Das Honorar, das die Verfasserin für ihr Meisterwerk erhielt«, erzählt Frau von Ebner-Eschenbach, ihre treue Freundin, »würden die Franzosen dérivoire nennen. Die Kritik erwies sich als freundlich, die Lesewelt kaufte in nicht ganz zweiundzwanzig Jahren nicht ganz vier Auflagen.« Immerhin – es muß Otto Janke, der auch Willibald Alexis, Otto Ludwig und Spielhagen einführen half, als Verdienst angerechnet werden, daß er sich des irrenden Kindes annahm. »Die ›Letzte Reckenburgerin‹«, sagt Richard M. Meyer, »bleibt unzweifelhaft übrig, wenn man die Unmasse der deutschen Romane durch das engste Sieb schüttet; von den Romanen nach Goethe mag kaum ein Dutzend dies Schicksal theilen. Was vor allem imponirt, ist die Rundung der Gestalten. Mit vollster Deutlichkeit stehen sie vor uns: Hardine, die Starke, Strenge, Untadlige, deren moralischer Rigorismus doch von dem Zauber sündhafter Lieblichkeit in ihrer bestrickenden Jugendfreundin entwaffnet wird; die Eltern, der Vater gutmüthig, läßlich, die Mutter hoheitsvoll – das typische Edelmannspaar, wie etwa Annettens Eltern waren oder die von Fontanes ›Effie Briest‹ oder das Ehepaar in seinem Roman ›Unwiederbringlich‹. Dann das reizende Dorl selbst, unwiederstehlich auch in der Schilderung der sonst etwas kühlen Erzählerin, und der Doktor, wie manche Figur und manches Erlebniß nach Jugenderinnerungen der Dichterin gezeichnet, und was vielleicht am schwersten war: die Herrin der ›schwarzen Linie‹, deren fast gespenstische Figur durch gesunde realistische Züge von der üblen Romantik anderer Herrinnen in Thurmzimmern befreit ist; der Invalid und seine Gruppe. Dazu die mehr episodischen Gestalten wie der Prinz, der vornehme Bewerber. Man hat gemeint, bei Louise von François seien die Figuren ganz aus der Handlung herauskonstruirt; ich kann die Meinung nicht theilen. Die Komposition ist großlinig; besondere Künste hat die Erzählerin darin nie versucht, oder es sind altmodisch rückschauende Berichte in Brief- oder Beichtform, Antworten auf unmotivirte Fragen. Die Naturschilderungen sind zu merkbar mit ererbtem Apparat eingebaut; der Stil ist ganz der Mensch: knapp, klar, ohne überflüssigen Schmuck. Das Ganze aber durchdringt eine Poesie, die mehr werth ist als der üppige Bilderreichthum mancher vielgepriesenen Stilkünstler. Der herbe würzige Erdgeruch einer unbedingten Ehrlichkeit verschmilzt mit dem Hauch einer milden, ruhigen Menschenliebe, für die jede Lehre eine gute That und jede gute That eine Lehre ist.« Einen zweiten Roman der François, den ich der »Reckenburgerin« gleich stellen möchte: »Die Stufenjahre eines Glücklichen«, erwähnt Meyer in seiner Literaturgeschichte merkwürdigerweise gar nicht. Als sie das Buch ihrer Freundin Ebner zuschickt, tut sie es mit einer poetischen Warnung vor der »Langeweile« des Biedermanns, den sie geschildert hat. »Langweilen kann der Roman einen ernsten Leser schwerlich«, bemerkt Frau von Ebner dazu, »wer aber ein sogenanntes Unterhaltungsbuch sucht und die Stufenjahre in die Hand nimmt, wird seine Rechnung nicht finden. Es ist ein Erziehungsbuch und zwar ein Erziehungsbuch allerersten Ranges. Das Bild der Verfasserin tritt uns auch aus ihm ehrfurchtgebietend entgegen, und sich der Fähigkeit bewußt sein, diese Ehrfurcht zu empfinden, ist ein läuterndes Glück und gehört zu den unveräußerlichen Gütern, denen die genialsten Versuche einer ›Umwertung aller Werte‹ nichts anhaben können ...« Die »Stufenjahre« erschienen zuerst in der Wochenschrift »Daheim«, und die Redaktion machte mit dem Roman ähnliche Erfahrungen wie einige Jahre vorher mit einer anderen großen Arbeit: mit Fontanes »Vor dem Sturm«. Die Leser waren noch nicht reif genug, das Literarische dem »Spannenden« vorzuziehen. Frau von Ebner-Eschenbach hat in Velhagen \& Klasings Monatsheften nach dem Tode der François ein Erinnerungsblatt veröffentlicht, das vielerlei interessante persönliche Erinnerungen enthält. Sie schildert sie als eine im Alter imponierende und einnehmende Erscheinung. Groß, fast überschlank, mit tief dunkelbraunen Augen, die nicht bloß sahen , die schauten , deren Blick Herz und Nieren prüfte, die eigenes Licht zu haben schienen und leuchteten, wenn die lebhafte geniale Frau in Eifer geriet, wenn etwas ihre Bewunderung oder Entrüstung erweckte. Für eine »eigentliche Künstlernatur« hielt Frau von Ebner sie aber nicht. Der innigste Zusammenhang, den es gibt, der zwischen dem Künstler und seiner Schöpfung, bestand bei ihr nicht und konnte bei ihr nicht bestehen, denn sie ging nicht auf in ihren Werken: sie war um vieles größer als diese. »Erdacht, nicht erdichtet«, sagte sie selbst von ihren Büchern. Am meisten Vorliebe hatte sie für ihre Erzählung »Frau Erdmuthens Zwillingssöhne«, relativ das meiste Glück machten ihre letzten und nicht besten Novellen »Phosphorus Hollunder« und »Zu Füßen des Monarchen«. Als sie ihre kleine Novelle »Der Posten der Frau« dramatisiert hatte und das harmlose Spiel am Hoftheater zu Meiningen aufgeführt werden sollte, erhielt sie von der dortigen Intendanz eine liebenswürdige Einladung, der Première in der Hofloge beizuwohnen. Aber: »Lieber kröche ich in ein Mauseloch«, schrieb sie an Frau von Ebner; »es ist mir wieder einmal recht deutlich geworden, daß ich eine geborene Winkelnatur bin. Jede Berührung mit der Öffentlichkeit, das leiseste Streifen eines abenteuerlichen, waghalsigen Scheins ist mir von Grund aus zuwider. Nicht, daß ich darauf erpicht wäre, akkurat so zu sein wie alle Welt; aber was ich etwa Besonderes sein könnte, möchte ich in der Stille für mich und einige wenige sein. Und da wird nun, vielleicht noch ehe die Veilchen blühen, mein Name auf einem Theaterzettel figurieren und jeder für eine Mark Entrée das Recht haben, mich auszupfeifen« ... Zum Auspfeifen kam es freilich nicht; es blieb aber auch nur ein kühler Erfolg, den Louise übrigens begriff; doch lehnte sie die Vorschläge ab, das Lustspiel technisch wirksamer auszugestalten, weil sonst etwas Anderes daraus werden würde, als sie im Sinne gehabt hatte. Frau von Ebner wurde eine Anzahl kleiner Notiz- und Merkbüchlein ihrer Freundin überlassen, die mannigfache charakteristische Äußerungen enthalten. Gregorovius und Karl Hillebrand verehrte sie besonders. Goethe ist für sie der Inbegriff dichterischer Größe. Auch Tolstoi gewinnt sie lieb, und für Reuter hegt sie eine Schwärmerei. Unter den lebenden Schriftstellern aber stand ihr Conrad Ferdinand Meyer am höchsten. Ihre Korrespondenz mit dem Schweizer Poeten hat kürzlich Anton Bettelheim herausgegeben und bei Georg Reimer in Berlin erscheinen lassen. Bettelheim hat sein Buch, dem die nachfolgenden Auszüge entstammen, der Baronin Ebner gewidmet, die gelegentlich schon vor Veröffentlichung des Briefwechsels Einblick in die Briefe tun konnte, die von Kilchberg aus nach dem Saalestädtchen flogen und denen sie das Zeugnis edler Bescheidenheit des hochgefeierten Mannes der wenig bekannten Schriftstellerin gegenüber nachrühmt. Der Einsiedlerin in Weißenfels klingt der Name des Schweizers anfänglich ganz fremd; als er seinen ersten Brief an sie richtet, hat sie noch nie etwas von dem Verfasser des »Jürg Jenatsch« gehört. Aber dann wird sie rasch die Vertraute seiner Pläne. Immer ist ihre Ansicht für ihn von Wichtigkeit, wenn er ihr auch häufig widerspricht; er teilt ihr seine Ideen mit und erbittet ihren Rat, den sie ihm auch offenherzig erteilt. Denn Unaufrichtigkeit, auch die unscheinbare der sogenannten Höflichkeit, ist ihr versagt: »in aller freundschaftlichen Wärme für ihre Lieblinge bleibt die feine Kennerin stets eine unbeirrbare wahrhaftige Richterin«. Ihre Briefe an Frau von Ebner sind nur teilweise veröffentlicht worden. Baronin Ebner erzählt, daß aus denen der letzten Jahre häufig eine große Müdigkeit und Sehnsucht nach Ruhe gesprochen habe. »Ich lebe noch«, schreibt Louise, »ich spaziere oder richtiger, schleiche von Bank zu Bank, bei gutem Wetter ein Stündchen fast alle Tage, bin nicht eigentlich krank, nur altersmatt, das Augenlicht schwach. Vor einiger Zeit kam mein Landsmann und gütiger Freund, Geheimrath Graefe aus Halle, zu mir, um meine Augen zu untersuchen und mir zu einer Operation des rechten, längst staarreifen zuzureden; so lange ich aber auf dem linken noch einen sehr schätzbaren Schimmer habe, denke ich nicht an eine Operation. Ich stehe ja im siebenundsiebzigsten Jahr!..« Nach einem letzten Ausgang im August 1893 brach sie völlig erschöpft zusammen und verließ nun ihr Lager nicht mehr. Ihr Tod war ein sanftes Hinüberschlummern. »Sie hat gelebt«, so schließt Baronin Ebner ihren Nachruf an die Freundin, »um noch einmal ihre Worte zu gebrauchen, ›seit dem Erwachsensein siech; an Krankenbette gebannt, unter dem Eindruck und Einfluß kläglicher Verarmung, später als Todtenpflegerin und Bestatterin vieler Lieben, und ist sich selbst doch nie beklagenswerth vorgekommen‹ und hat Gestalten geschaffen, durch und durch gesund, voll Lebenskraft und Lebensfreudigkeit. Sie ist in der Abhängigkeit selbständig, im schwersten Daseinskampfe selbstlos geblieben, sie hat geliebt und ist geliebt worden; sie war ein altes Fräulein und hat mehr für die Ihren gethan als manche Familienmutter«. Briefe von Luise von François. An Conrad Ferdinand Meyer. Weißenfels d. 17. Mai 1881. Hochgeehrter Herr. Dank für Brief und Bild. Ich betrachte es mit Freude. Ich bin keine Lavater'sche, aber es muß ähnlich sein. Klugheit und feine Laune war von dem Dichter des Hutten vorauszusetzen, Gutmüthigkeit auch von Einem, der mit so viel Interesse sein Häuschen umbaut, und daß seine politischen Gewaltnaturen ihm die Leiblichkeit nicht verkümmern – ei, das lobe ich mir. Neulich hörte ich, Sie wären Arzt. Gar häufig ist die Verbindung von Physikus und Dichter ja nicht; aber sie kommt doch vor, von Ihrem Schweizer Haller Albrecht von Haller, der Botaniker, Anatom, Physiolog, Arzt und Dichter. ab, bis auf unseren Halleschen Richard Leander, Richard Leander war das Pseudonym des Hallenser Chirurgen Professor Richard von Volckmann, des Verfassers der »Träumereien an französischen Kaminen«. der durch und durch eine Künstlernatur ist. ... Die Frage über die Entstehungsgeschichte meiner alten Reckenburgerin war wohl nur Spott, nicht wahr? Ich will sie aber doch beantworten, als wäre sie Ernst gewesen. Ich habe niemals aus innerem Drang geschrieben, nicht wie viele andere, gute und schlechte Autoren, weil ich es nicht lassen konnte. Sonst würde ich mich wohl auch nicht den Vierzigen genähert haben, ehe ich mich, von Außen gedrängt, dazu entschloß. Das Heraustreten in die Öffentlichkeit war mit eine Widerwart. Die Geneigtheit des Redacteurs des Stuttgarter Morgenblatts – Hauff Hermann Hauff, der Bruder Wilhelms und sein Nachfolger in der Redaktion des Cottaschen Morgenblattes. – persönlich wie alle Schriftsteller, Redacteure, Buchhändler – mir durchaus unbekannt, – erleichterte mir nach dem ersten, jeden ferneren Schritt auch insofern, als meine Anonymität so ziemlich gewährt ward. Mit der Reckenburgerin, die in den ersten sechsziger Jahren geschrieben ward – in wie langer Zeit, weiß ich nicht mehr; ich habe allezeit langsam und mühsam gearbeitet, Gewissenhaftigkeit ist mein einziges Verdienst, – ging ich zum ersten Male über den Rahmen der kurzen Erzählung hinaus. Den Stoff gab, wie immer, ein Alltagsereigniß, beobachtet oder gelesen, das sich unter einem gewissen ideellen Brennpunkt zusammenfassen ließ. Ich wollte an zwei Frauengestalten zeigen, wie die beleidigte Natur sich rächt, die versäumte sich hilft. Nur der erste Vorwurf ist aber zum Austrag gelangt, da sein dramatischer Gehalt die mälige Entwicklung des zweiten nicht mehr aufkommen ließ. Da dieser zweite im Grunde aber mein Hauptanliegen war, mußte ich das Opus eigentlich als verfehlt ansehen. Das Morgenblatt nahm, trotz seiner Länge, dasselbe an; bevor aber Raum dafür geschaffen war, starb H. Hauff und Cotta ließ das Journal eingehen. Ich erhielt das Ms. zurück, machte anderwärts etliche Versuche es unterzubringen, ward aber aller Orten auf recht schnöde Weise zurückgewiesen. Da ließ ich die Sache ruhen. Du bist zu alt geworden, dachte ich, auch Dein Produkt wird altmodisch geworden sein. Ist doch auch das Morgenblatt an seiner Unzeitgemäßheit eingeschlafen. Zudem lag ich schwer krank und fragte wenig mehr nach diesseitigen Erfolgen. Auswärtige Freundinnen aber hatten Mitleid mit der armen Hardine, die sie liebgewonnen hatten, und vielleicht mit Hardinens kranker Mutter, der sie eine letzte Erdenfreude zu machen glaubten, indem sie der Tochter ein Unterkommen verschafften. Jahrelang ist das Manuscript von Hand zu Hand gewandert, ohne mein Vorwissen vergeblich ich glaube an alle möglichen Thüren geklopft worden – sogar in Amerika – bis es endlich, durch H. Otto Roquettes Vermittlung in der Jankeschen Romanzeitung aus Gnade und Barmherzigkeit Aufnahme fand und gleich bei den ersten Kapiteln die erstaunte Verfasserin zu einer Art von Berühmtheit machte. Das ist die Geschichte der Reckenburgerin. In allen meinen Erzählungen sind die Motive der Wirklichkeit entnommen, und wo erfundene, mißrathen. Die Erfindung ist meine schwächste Seite. Dagegen sind alle meine Charaktere erfunden und wo einmal copiert als Carricaturen verschrieen worden. Mich selbst habe ich niemals portraitirt, außer etwa in der kleinen Reisenovelle vom Monarchen ... * * * Weißenfels d. 12. Sept 1881 Verehrter Herr, Das war eine Freude! Ein Brief von Ihnen schon an sich und nach so langer Zeit – fast drei Monate seit dem letzten – und dann die prächtigen Ernteaussichten auf Ihrem Acker! Eine neue Novelle – ich zerbreche mir den Kopf, was der Titel bedeuten mag – und ein erneuter Hutten, wenn er Ihrem alten Hutten, »Huttens letzte Tage«. 1872. meinem Liebling, nur nicht gar zu unähnlich und dem verwogenen Original gar zu ähnlich geworden ist! Erst unter dem Schleier Ihrer Dichtung ist mir das letztere eigentlich ein herzbewegliches geworden. Auch daß der heiße Julimond dem bösen Dynasten förderlich gewesen ist, ist ein tröstlicher Bon , hoffentlich schon für nächstes Jahr. Sie werden aus dem Halb- oder Garnichtverstandenen schon etwas Einleuchtendes machen. Als ich einst, ich weiß nicht mehr wann und wo, die Sage von der bluträchenden Plantatochter las, hätte ich auch nicht gedacht, daß ein Dichter sie einem Jenatsch zu Grunde legen könnte; richtiger ausgedrückt: einen Jenatsch aus ihr schaffen könnte. Manche, die ich neuerdings gesprochen habe, halten den ›Jenatsch‹ für Ihr Meisterwerk. Und dem Gusse nach mögen sie recht haben. Auch der Kontrast zwischen Jenatsch und Rohan ist unvergleichlich; außer etwa dem des Becket und Heinrich. Aber das Motiv des Heiligen, die Tiefe des Problems, sein weltumfassender Horizont machen mir diese Dichtung doch zu der größeren. Ich kenne keinen historischen Roman, den ich ihm an die Seite stellen möchte; längst, längst nicht die promessi sposi und ich muß mir beim Wiederlesen ordentlich Mühe geben, nach Weiberart etwas zum Mäkeln daran zu finden. Mit dem indirecten Vortrag bin ich bereits ausgesöhnt. Wer hörte denn nicht auch aus dem vermittelten Wort, daß der Mann, welcher sich selbst für den klügsten seiner Zeit hält, in der erhabensten Liebe das Medium erkennt zur Befriedigung des tiefsten Hasses und der umfassendsten Herrschsucht und daß erst dieser Haß jene göttliche Liebe in ihm zum Durchbruch bringt. Und dann wieder das Gegenspiel von Herrschsucht und Unterwürfigkeit. Ja, ja Sie sind ein Meister der Contraste. Wo haben Sie so tief in die Seelen zu blicken gelernt? Wo hat es Shakespeare gelernt? O, bleiben Sie nur gesund, so werden wir noch Wunderdinge von Ihnen erleben. Seltsam, daß Sie erst als Fünfziger, wo andere aufhören, angefangen haben, nicht zu dichten, aber zu fabuliren. Will's Gott ein Anzeichen, daß Sie von der Natur angelegt sind, ein Hundertjähriger zu werden ... * * * Weißenfels 11.12.81. ... Daß W.[ildenbruch]s Karolinger sich als Kraftstück behaupten, will ich wünschen; zweifele jedoch, ohne sie zu kennen, daran. In Meiningen, wo sie zuerst aufgeführt wurden, hatten sie nur einen Achtungserfolg. Ich hörte von mancherlei Schönheiten der Sprache und sogenannter Mache – häßliches Wort – aber einen zu Grunde liegenden Sinn, ein zündendes tragisches Problem vermochte man nicht herauszufinden. Denn es ist nicht wie in dem späteren Waldradastreit das Ringen geistlicher und weltlicher Obergewalt, sondern soll einfache Niedertracht sein der kaiserlichen Stiefmutter und ihres gewaltthätigen Buhlen. Uebrigens hat W. möglicherweise die Kraft, ein bedeutender dramatischer Dichter zu werden. An Leidenschaft dafür und sauerem Schweiß hat es ihm nicht leicht einer gleich gethan. Da er in mir verwandten Kreisen befreundet war, interessire ich mich seit Jahren für ihn, ohne natürlich ihn persönlich zu kennen. Sie wissen, daß er der Enkel des genialen preußischen Prinzen Louis Ferdinand ist, der bei Saalfeld blieb. Sein Vater, preußischer General, war lange Zeit unser Gesandte in Constantinopel. Dort wurde der Dichter auch geboren und später nach preußischer Art in Berlin zum Soldaten erzogen. Der Poet ließ dem jungen Gardeoffizier jedoch keine Ruhe, mit einer (Energie, die für den Mittellosen doppelt anerkennenswert ist, setzte er sich auf die Schulbank, um das versäumte Abiturientenexamen nachzuholen, studirte, legte die unerläßlichen Staatsprüfungen ab und ist nun, irre ich nicht, dem Namen nach im äußeren Ministerium angestellt, viel wird der idealistische Schwärmer Meister Bismarck freilich nicht nützen. Bei alledem vermochte er bisher bei seiner Bühne mit einem feiner Dramen: Mennonit, Herrin ihrer Hand usw. anzukommen. Jetzt auf einmal schießt sein Weizen in die Höhe. Sein Genius wolle, daß er zur Reife gelangt ... * * * Weißenfels, 15/3. 82. Verehrter Freund, Alles Gute im neuen Haus Meyer hatte sich in Kilchberg angebaut. seinem Herrn nebst Gattin und Kind und – last not least – der hold ernsten Muse. Ich hoffe sie heißt im nächsten Jahre Melpomene, bin aber auch zufrieden, wenn sie wie bisher so ein Geschwisterkind der Clio ist. Die Zahl der quellenschöpfenden Nymphen hat sich vermehrt. Sie sind Mütter geworden. Das Glück eines eigenen Hauses – und auch das eines neuen – auf einem schönen, sonnigen Fleckchen Gotteswelt, fühle ich Ihnen nach. Es ist lebenslang meine Sehnsucht gewesen. Jetzt, im Alter, bin ich dankbar, es wenigstens zu einer Mansarde gebracht zu haben, in der ich die Sonne und die Sterne aufgehen sehen kann, zu Füßen den Fluß und gegenüber eine Wiese, die sich – wunderfrüh – von Tag zu Tag grüner färbt. Was aber die Hauptsache: in Haus und Hof keine Katze; denn wo Katzen sind kann ich nicht sein, das ist meine einzige, vielfach genirende, Eigentümlichkeit und auch keine besonders rare. Das Frauenstübchen im Giebel denke ich mir anheimelnd genug, wennschon ich bekennen muß, daß ich mich in Bezug auf Wohnräume – wie in allem andern – als ein styllos moderner Mensch fühle. Hoch, hell, luftig, freier Blick, weiche niedere Polstermöbel. Meine eigenen sind leider die denkbar härtesten, aus der Zeit der elterlichen Einrichtung, d. h. Empire, also altmodisch. Ich hätte Ihnen lange schon gern einmal geschrieben, aber es war mir einigermaßen zweifelhaft, ob Sie, wie unser alter, braver Gellert, das Briefschreiben für eine weibliche Tugend hielten. Und was hätte ich sagen dürfen? Ich erlebe ja nichts. Der wundermilde Winter, den ich nach einer Pause von 48 fahren noch einmal erlebt habe, ist mein Wohlthäter gewesen; und über die langen Abende half unser lieber Gregorovius Gregorovius' Geschichte Roms hinweg. Ich bilde mir ein, daß Sie ihn persönlich kennen; mindestens finde ich einen verwandten Zug zwischen Ihnen beiden, wie zwischen einem älteren und jüngeren Bruder. Als Historiker hat er für mich nicht seinesgleichen: Forscher, Philosoph und Dichter verschmolzen und ich bin als Preußin stolz darauf, daß die nüchterne, nordische Provinz, in der man die Füchse sich gute Nacht sagend vermuthet, nach Kant und Herder noch einen dritten von den Ersten hervorbringen könnte. Seine Specialität scheint mir der nordische Sinn, gepaart mit südlichen Sinnen. Und bei Ihnen auch, Verehrter ... * * * Weißenfels 9/11. 82. ... Fast gleichzeitig mit Ihrem Brief trafen, von dem Verleger gesandt, Ihre Gedichte ein, für die Sie auf das Wärmste bedankt sein sollen. Der Eindruck der noch unbekannten war der der bereits bekannten: ein haftender, wachsender bei jedem Wiederlesen. Das Buch war in Halle noch nicht im Buchhandel vorräthig. Eine Hand nach der andern nahm es aus der meinen und legte es darein zurück mit dem Vorsatz, sich einen wertvollen Besitz anzueignen. Vor just einem Jahre machte ich in der alten, ziemlich schwerfälligen, spröden Gelehrtenstadt die gleiche Erfahrung mit Ihren Novellen, die heuer Jedweder irgend Empfängliche dort kennt und hoch hält. – Ich lernte in Halle auch Wildenbruch kennen; d. h. zwei seiner Tragödien. Las den Harold und sah die Karolinger, die freilich für mehr – d. h. weniger als mittelmäßige Bühnenkräfte nicht geeignet sind. Das Stück leidet an überschüssigen Effekten, die Einen nicht zur Ruhe kommen lassen. Daher kein dauernd befriedigender Eindruck nach der spannenden Hetze. Alle Turbane ausgemerzt, das Problem rein karolingisch vertieft und charakteristisch erweitert – würde ein treffliches Ganze gegeben haben. Die Gestalten sind eigenartig, die knappe Sprache sehr schön. – Harold hat mir besser zugesagt. Die geschichtliche Exposition in den ersten beiden Akten dünkte mich tadellos. Die erfundene Catastrophe im dritten, auf einer Subtilität beruhend, wollte mir nicht genügen. Jedenfalls haben wir uns einer bedeutenden Dichterkraft zu erfreuen, einer noch im Werden und Wachsen begriffenen. – Als Novellisten kenne ich W. noch nicht; rühmendes in diesem Bereich wurde mir von ihm nicht vermeldet ... * * * Weißenfels, 1/8. 83. Verehrter Freund, Nehmen Sie es humoristisch auf, wenn ich Ihnen beifolgendes Stückchen altbacken aufgewärmten Pumpernickel anbiete. Ein Leckerbissen ist es nicht, und eines Nährbissens, der es allenfalls sein könnte, bedürfen Sie nicht. Item : nur ein bescheidenes Erinnerungszeichen. Ich verüble Ihnen wahrlich nicht, wenn Sie mir ehrlich sagen, daß Sie den schwerverdaulichen Stoff unschmackhaft gefunden haben, bei alledem ist es die einzige meiner Geschichten, die ich – vor etwa 22 Jahren – mit einiger Selbstzufriedenheit geschrieben habe. »Judith, die Kluswirthin«. Was aber einstmals Silber war, wird häufig in der Erinnerung Blei und – vice versa . Und nun will ich, wie Sie wünschten, den Eindruck vom Parsival vermelden, mit welchem meine Sommerreise abschloß. Kurzweg: der vollendetste theatralische , nicht etwa, den ich im Leben gehabt , denn das würde wenig bedeuten, aber den ich, ganz ohne Zweifel, während meines Lebens hätte haben können. Ich war und bin auch noch nur eine bedingte Verehrerin Wagners, meine Freude an ihn reichte kaum über den Lohengrin hinaus; ich ging als Sceptikerin zu dem romantischen Ueberschwang dieses »Bühnenweihefestspiels«, nur von der Musik erwartete ich eine meiner Stimmung entsprechende Wirkung; und just diese Erwartung ist mir nicht völlig erfüllt worden; die Musik allein würde mich nicht hingerissen haben; ich bezweifele sogar, daß sie mir bei wiederholtem Hören, einen befriedigenden d. h. schönen Eindruck machen würde. Ich habe mich bis zum Schluß nach einer erlösenden Harmonie gesehnt und im zweiten Akte, meine ich, würde nicht nur ein reiner Thor sondern auch ein unreiner Weiser, dem Sinnenzauber widerstanden haben, der so absolut unmelodiös auf feine Gehörnerven zu wirken unternahm. Von neuem und stärker als jemals überkam mich der Zweifel, daß die Zukunft dieser Zukunftsopern scheitern wird an der Zumutung die dem edelsten und gebrechlichsten musikalischen Organ, der Menschenstimme, durch das unausgesetzte recitativische Ueberschreien der gewaltigen Instrumentation gemacht wird. Die außerordentliche Wirkung dagegen, welche die Unsichtbarkeit des Orchesters hervorbringt, dies reine, – wenn auch noch duftlose! – Hören wird gewiß allmählig von allen Bühnen und hoffentlich auch in allen Concertsälen erstrebt werden. – Aber alles, was die Seele durch das Auge empfängt, das bildliche, Abbildliche – das ist ein vollkommenes Kunstwerk; Supraromantismus in classischer Form. In Scenerie, Farbengebung, Rhythmus der Bewegungen, kurzum in der gesamten Auffassung und Darstellung das verkörperte Traumbild eines großen Dichters des zwölften Jahrhunderts; so etwa wie mir das jüngste Gericht des Cornelius in der Münchener Ludwigskirche als die Verkörperung einer Danteschen Vision vorgekommen ist. (Wer dagegen könnte vor Rubens jüngstem Gericht – gewiß seinem Meisterstück! – an Dante denken?) Dazu die Örtlichkeit von Bayreuth – der Bau des Amphitheaters auf grüner, weitschauender Höhe, der Contrast zwischen dem mystischen Dunkel im Zuschauerraum mit den langen Zwischenpausen in freiem, heiteren Tageslicht, die weihevolle Stimmung des Publikums, der gesammte vornehm praktische Apparat: der Parsifal würde auf einer anderen Bühne gewiß nicht ähnlich wirken wie dort, so wie eine Südfrucht in ihrer Heimath vom Baum gebrochen, saftiger munden wird denn als Dessert auf einem nordländischen Tisch ... * * * Weißenfels 4/10. 83. ... Heimgekehrt Aus dem Bade Oynhausen. gerieth ich gleich in einen gewaltigen Kaisertrouble und Jubel. Es war großes Manoeuvre in der Nähe meines Saalstädtchens, das ich noch nie in solchem Schmuck und Frohleben gesehen habe; auch nicht in solcher Menschenfülle. Auch in meiner Antichambre – zu deutsch Vorsaal – lagerten und tummelten sich circa zwei Dutzend Vaterlandsverteidiger. Ich hätte das alte Fräulein in dieser kriegerischen Fassung aufnehmen lassen und seinem verehrten Freunde und Gönner ein Andenken damit stiften sollen! Immermanns alter Hofschulze – meinetwegen auch irgend ein Anderer – hat aber Recht: die Könige sind dem Volke zum Plaisir in die Welt gesetzt und ich möchte wissen, wie königslose Republikaner den Naturdrang befriedigen, von Zeit zu Zeit zusammenzuströmen, Hurrah zu schreien, Ehrenpforten zu bauen und ausnahmsweise einmal auch mit Lust zu einer Ehrenausgabe in den Seckel zu greifen. Nun an der Saale und am Rhein ist in dieser Beziehung jetzt das Mögliche geleistet worden. Aber es ist auch wirklich etwas zur staunenden Freude Ergreifendes im Anblicke unseres majestätischen Achtzigers, wie er bei Wind und Wetter stundenlang zu Pferde sitzt, bei trefflichem Appetit tafelnd Reden hält, bis in die Nacht hinein mit gleicher Liebenswürdigkeit abwechselnd Wirth und Gast ist und in den Zwischenpausen mit unnachahmlich freundlicher Würde sich umjauchzen, ansingen, mit Blumen bewerfen läßt u.s.w. Das Beste bei der Sache aber ist doch, daß er bescheidentlich seinen Kanzler gewähren läßt, der sich von alle dem Spektakel fernhält u. das Nothwendige in der Stille besorgt. »Der Reiter hält's immer länger aus als das Roß«, ist ein gut gefundenes – oder erfundenes – Wort von Bismarck, als sein alter Herr Jenes Hinfälligkeit gegenüber der eigenen Rüstigkeit beklagte ... * * * Weißenfels 23. 12. 83. ... Ich habe kürzlich Manzonis Verlobte wieder gelesen. In meiner Jugend versuchte ich es im Italienischen, dessen ich nicht hinlänglich mächtig war – jetzt bin ich seiner völlig unmächtig – die feine Laune des Vortrags ging mir dadurch verloren; Göthes freudige Bewunderung – eine seiner glänzendsten Eigenheiten das frohe Würdigen und Preisen alles Guterkannten! – war mir fast unverständlich. Nach nahezu einem halben Jahrhundert lese ich das Werk nun wieder, diesmal deutsch. Unter uns : der Übersetzer – – hätte seine Sache auch etwas geschmackvoller u. sorgfältiger machen können; aber – – notwendig sparsame Honorare mögen wohl keinen Aufwand von Kunst und Studium gestatten. Den plötzlichen Impuls gab mir unser Luthertreiben Devrients Lutherfestspiel in Jena. und der novellistische Kampf gegen das katholische Priesterthum, in welchen, Pardon ! Sie, Verehrter, sich neuerdings etwas verbissen haben. (Der Heilige und Hutten Meyers Novellen »Der Heilige« und »Huttens letzte Tage«. gehören selbstverständlich nicht unter diese Kategorie.) Weiblicher Opposition- oder Gerechtigkeitssinn trieb mich, auch einen apologetischen Dichter und zwar den Berufensten, zu Worte kommen zu lassen. Denn so groß die Kunst ist, aus dem denkbar unscheinbarsten Motiv – von Haus aus ein Lustspielstoff! – dem Walten der Naturereignisse vergleichbar, ein wahrheitleuchtendes, gewaltiges Zeitbild zu entwickeln, wir würden uns mit Schauder von dem Realismus der geschilderten Gräuelscenen abwenden, wenn dieselben nicht durch die Idealität echter Priesterseelen verklärt würden. Dank dieser sonnigen Verklärung ist das Nachtgemälde ein erfreuendes Gemeingut geworden und wird es bleiben, wennschon Breite und Anordnung der Darstellung dem Zeitgeschmacke kaum noch gemäß sind ... * * * Weißenfels, 28./2. 84. ... Sie waren also nicht in Paris – wie ich eigentlich im Januar vermutete, – u. haben vor der Hand auch keine Lust hinzugehen. Wohl Ihnen! Der alte Professor Erdmann Johann Eduard Erdmann, Professor der Philosophie in Halle. in Halle – ich glaube der letzte Hegelianer, d. h. von der äußersten Rechten u. ein denkbar liebenswürdigster Greis, – sagte mir verwichenen Herbst nach der Heimkehr von einem Ausfluge nach Oberitalien: »Es ist doch ein Laster um das Reisen.« Er meinte wohl unsere deutsche Reiselust. Ich habe lebenslang auch an dieser Seuche laborirt; aber meinen Fieberdurst selten stillen dürfen. Im Grund gar nicht. Auch der geplante Sauser in den südlichen Frühling hinein ist aufgegeben. Die wenigen Menschen, die ich noch »Angehörige« zu nennen habe, sind Wintersiechlinge u. unser nordischer Frühling soll erst entscheiden, ob ich mich mit Ruhe aus ihrer Nähe entfernen darf ... Daß Bismarcks Gebahren Sie lachen gemacht hat, verstehe ich. Mich hat es nach der Indifferenz der Regierung bei L's Begräbnis Eduard Laskers Begräbnis. Bismarck lehnte es damals ab, die Trauerkundgebung der Vereinigten Staaten dem Reichstag zur Kenntnis zu bringen. nicht überrascht, aber verdrossen bitterlich. Ob es nun eine Naivetät oder eine bewußt ironische Rancüne der Amerikaner war, – wegen des Schweinefleisches! mittelst der Verherrlichung eines Juden! – ein vornehmer Gewalthaber hätte, lachend wie Sie, der Kundgebung keinen Werth beigelegt und sie im Sande verlaufen lassen; wahrend durch einen kleinlichen Haß der Name eines redlichen, aber abgethanen Gegners zu einem historischen geworden ist. Der kleine Lasker lebt fortan als Dokument von des großen Bismarck Nicht großmuth. Ist Ihnen die Sache auch so erschienen, oder wie anders? ... * * * Weißenfels 13./3. 85. ... Ich fand Ihren Brief bei der Rückkehr von Halle, wohin mich die Händelfeier, d. h. ausschließlich der Messias, gelockt. Ich hatte denselben vor langen Jahren in der nämlichen Kirche gehört, als der Grundstein zu Händels Denkmal gelegt wurde und Jenny Lind die Sopranstimme sang. Ihre Stimme hatte schon damals den jugendfrischen Zauber eingebüßt; aber durch die Inbrunst ihres Vortrags erweckte und hinterließ sie mir – und wohl allen Musikliebhabern – den bedeutendsten Sangeseindruck im Leben. Die gelehrten Musikkenner dahingegen, an ihrer Spitze R. Franz, der dazumal noch hörte u. dirigirte, schmälte u. schmähete die »Comödiantin«, weil sie zu Gunsten ihrer Person sich nicht streng an die Vorschrift des Komponisten gehalten habe. Nun, heuer wurde im Ganzen und Einzelnen correct vorgetragen, der Sopran auch mit frischerer Stimme als der damaligen der Lind; aber ein Offenbarungsschauer wie damals bei dem: »Ich weiß, daß mein Erlöser lebt«, hat mich nicht überrieselt. Mich alte Laiin wollte sogar bedünken, als ob auch in diesem dauernd großen Werke ein gutes Teil dem Wechsel des Zeitgeschmacks verfallen wäre. Die paar Tage in Halle waren die einzige Unterbrechung meiner winterlichen Ofenhockerei. Frost ist mein Erzfeind und alles nordische mir antipathisch oder wenigstens gleichgültig. Dennoch habe ich acht dicke Bände – sage acht! – von Bernhardis russischer Geschichte, mit deren Verarbeitung mein guter Hallescher Speisewirth mich den Winter über zu unterhalten gedachte, gründlich verzehrt und nachdem nur das erste Graueln überwunden war, mich auch ganz behaglich dabei gefühlt; gar oft versetzte ich mich aber in die Seele Ihres polnischen Herrn Nachbars und deren zornmüthigen Widerspruch; denn der Autor ist – wie alle unsere jezeitigen deutschen Historiker – der gerechteste nach Moltke in seiner erneuten Lieutenantsarbeit – ein grausamer Polenverächter. Ach, und wie habe ich bei 13 Jahren – 1830 – und (auch noch später) für die Polen geschwärmt u. wie ist ihr Schicksal auch heute noch der harte Bissen, der mir, als Preußin, unverdaulich im Magen liegt. So theile ich auch nur bedingt unsere gegenwärtige Sympathie für die russischen Novellisten. Selbst nicht für Turgénjeff. Nur ganz allein sein Tagebuch eines Jägers hat mich entzückt um seines Natursinns willen. Er ist ja ein großer Künstler als Portraiteur; aber nicht eines seiner Originale hat mir das Herz bewegen können zur Liebe, oder auch nur zum Haß und wenn der Dichter ein Prophet ist, steht es trübselig um die Entwicklung der russischen Welt. Von Tolstoi erinnere ich mich nicht, etwas gelesen zu haben; sein religiöser Umschlag ist aber – und nicht blos unter russischen Verhältnissen mir recht einleuchtend! Von Dostojewsky kenne ich blos eine kleine Novelle, N. N. (von Zabel übersetzt) die mir gesucht absonderlich vorkam, fremdartig u. fast unverständlich war. Nordisch! Auch mit den Norwegern – d. h. Dichtern und ihrer herben Logik – kann ich mich selten befreunden, von den Skandinaviern interessirt mich aber Brandes sehr, der freilich nicht eigentlich Poet ist. Kennen Sie ihn wohl persönlich? ... * * * Weißenfels 12./10. 85. ... Nun kommt der erste Teil der Richterin. Meyers Novelle »Die Richterin«. Er hat mich stark ergriffen und gespannt. Der Kritiker N. N., dessen Sie erwähnen, hat, was wenigstens die Frauencharaktere anbelangt, – nicht ganz unrecht, wenn er meint, Sie kümmern sich nicht viel um die umgebende Gegenwart. Den Emancipationsbestrebungen unserer Damen zum Trotz würden Sie heute kaum ein Vorbild finden für die beiden weiblichen Species, die Ihre Muse gelten läßt: die Kindesreinheit und die Manneskraft. Darum müssen Sie Ihre Probleme in abgelegenen sagenhaften Zeiten sich entwickeln lassen. Shakespeare hielt es ebenso; auch mit den Gewaltaufgaben für seine Männer. Er verlegte sie – den phänomenalen Richard abgerechnet – nicht in die näher liegenden Historien, sondern in die Zeitentiefe, in welcher die Geister, Traumgeister und Gespenster noch Umgang hielten und pflegten unter den Menschen und mit ihnen. Die Exposition Ihrer Richterin ist gewaltig. Sie schrieben mir, daß Sie sich um die realistische Form Mühe gegeben; das hätten Sie, meine ich, nicht nöthig gehabt. Im Gegentheil. Sie gerathen nimmer nach Wolkenkukuksheim. Ein bischen Angst habe ich vor der Entwickelung. Wegen der Geschwisterliebe, gegen deren Erörterung ich eine Aversion habe; nicht aus Prüderie; ich glaube, blos weil das Thema mit abgenutzt scheint, o weh! Und so will ich denn hoffen, daß die Richterin nicht aus Mutterzärtlichkeit zur Bekennerin ihrer Sünd- und Heuchelthat wird. Am liebsten hätte ich, sie wäre gar keine Sünderin; aber das geht wohl nicht an. Und Sie werden in eigenartiger Weise auch als Sünderin und Selbstrichterin mit ihr fertig geworden sein. Ich freue mich auf das Novemberheft Der Deutschen Rundschau mit der Fortsetzung der »Richterin« ... * * * Weißenfels 26./11. 86. ... Wie in früheren Jahren im Oktober war ich auch heuer in Halle, sogar zwei volle Wochen, denn das einst so lebensvolle Freundeshaus stand in eines der Witwenklage umgewandelt und die alte einsame Kleinstädterin hatte die Aufgabe, ein Lebensfünkchen darin anzufachen. Curioser Weise hat sie es auch fertig gebracht. Von Halle habe ich mir nun auch wieder Lesestoff für die langen Winterabende eingeholt. Der Universitätsbibliothekar, Dr. Hartwig – Ihr bescheidener Kollege von der Rundschau – ist mein gütiger, geistiger Nährvater. Diesmal hat er mir auf meine Bitte etwas Schweizerisches überlassen: die Cultur der Renaissance in Italien von Ihrem Baseler Burckhardt; vermuthlich Ihrem persönlichen Freunde, jedenfalls Ihrem geistigen. Das Werk setzt ja weit mehr voraus, als ich zum vollen Verständnis zu bieten habe, auch gleicht mein alter Kopf je mehr und mehr einem Siebe, durch welches das kaum Erfaßte rasch wieder abläuft; dazu die fragmentarische, mitunter aphoristische Schreibweise, das probeweise aus dem Vollenschöpfen; bei alledem jedoch habe ich wenig interessantere Geschichtswerke gelesen und kaum wie hier so oft jemals durch eine flüchtige Bemerkung eine weite, halbdunkle Strecke gleichsam illuminirt gesehen. Wenn ich mit der Renaissance fertig bin, soll die Cicerone an die Reihe kommen. Der beste Nothbehelf, wenn auch ein trübseliger, für das was mit Augen zu schauen mir nicht gegönnt war ... In der nämlichen Zeit schrieb mir meine Freundin Ebner, diese Seele von einer Frau, wiederholt mit der höchsten Bewunderung über das Werk eines Amerikaners, von dessen Wirkung sie nahezu eine neue Weltordnung zu erwarten schien; und endlich schickte sie mir M. Salters »Religion der Moral« (übersetzt von Gizicki, einem Berliner Dozenten). Auf das erste Blatt hatte sie geschrieben: »Kein Philosoph, ein Prophet, dessen demütigste Jüngerin M. E.« Nun eine Philosophie der Moral soll es ja auch nicht sein, sondern zu einer Religion ist die Moral erhoben worden und das allein ist neu an ihr und das, was Sie Verehrtester, wie ich bezweifeln werden. Die Moral an sich, deren Quell und Ausfluß sind die altbekannten von Spinoza an bis Kant und von Kant bis auf uns Heutige; nur daß der republikanische demokratische Amerikaner sie popularisirt und gesellschaftlichen Einrichtungen und Entwicklungen angepaßt hat, für welche die christliche Ethik, dieser ewig unerreichbare individuelle Leitstern, zu hoch gegriffen ist. Das Buch ist aber mit einer packenden Begeisterung, mit einer Art Fanatismus des Guten vorgetragen; eine Ausdehnung der Darwin'schen Entwicklungslehre auf das sittliche Prinzip; und wo der »alte« Glaube nun einmal nicht mehr in Wahrhaftigkeit festzuhalten ist, wird dem »neuen« Glauben des Amerikaners eine allgemeinere Verbreitung zu erwünschen, auch zu erwarten sein als dem exclusiven »neuen« Glauben unseres deutschen Strauß ... * * * Weißenfels 13./2. 87. ... Erlebt, gehört, gesehen habe ich nichts Erwähnenswertes; auch seit Ihrem Burckhardt nichts dergleichen gelesen, mindestens nichts Neues. Viel Grillparzer, der eine Fundgrube ist, eine von uns Norddeutschen viel zu wenig ausgebeutete. Ich bin mir nicht klar darüber, warum er nicht ein ganz großer, ein weithin bewegender Dichter geworden; einige kleine sprachliche Unarten – Idiomismen – können es nicht entschuldigen; seine Stoffe sind bedeutend, allein mir scheint, daß bei reichlicher, mitunter überschießender Phantasie, ihm es an abrundender, zündender Gestaltungskraft fehlt. Alles Vollendete heischt ja eine gewisse Beschränkung. Auch etliche Bruchstücke aus neueren Romanen, die mein Journalzirkel brachte, habe ich gelesen. Selber die, welche einen interessirenden Anlauf nahmen, erlitten vorzeitig ein willkürliches Ende. Wenn den Schreibern Kraft oder Lust an ihren Entwicklungen ausgeht, machen sie den Helden einfach auf irgend eine manierliche oder unmanierliche Weise tot. Selber Turgenjeff hat mit seinem besten Mann nichts weiteres anzufangen gewußt. Bei den Norwegern ist die Nichtlösung sogar Grundsatz; weil Naturwahrheit Lebenswirklichkeit – und erst die Franzosen! – Wie lange wird diese Kunstmode wohl noch währen? Auch in einer früheren ist das minutiöse Alltagsleben als Dichtungsstoff nicht verschmäht worden; aber nicht nackt und blos wurde das Ungenügende preisgegeben, sondern unter dem Schleier des Humors. Haben wir mit unseren Augen, Ohren, Nasen – der Herzen gar nicht zu erwähnen – nicht genugsam natürliche Niedrigkeiten auszustehen, um uns auch noch durch Kunstgenüsse Abbilder derselben mitspielen zu lassen? ... * * * Weißenfels, 24./9. 88. ... Neulich fand ich in einem Journal das Bild von Leo Tolstoi; ein bärtiger, haariger alter russischer Bauernkopf, aber ein Tiefblick der Augen, den ich garnicht wieder vergessen kann; ich bebaute, das Blatt nicht herausgeschnitten und mich so des ersten bewußten Diebstahls im Leben schuldig gemacht zu haben. Jemehr ich mich aber in die Eigenart dieses seltenen Menschen versenke, um so lebhafter wacht die Traumgestalt meiner Jugendjahre in mir auf, der die Wirklichkeit so gründlich Hohn gesprochen hat, daß sie mir mit der Zeit zu einem Blutsverwandten des Ritters von der traurigen Gestalt geworden ist. Ein Aristokrat – d. h. ein herrschender dem Herkommen nach – und ein Demokrat aus Herzenskraft; ein reich Begüterter und einfach volksmäßig lebend aus Rechtssinn; ein evangelischer Friedensfreund aus tapferer Kriegerprobe hervorgegangen; ein Wahrheitsforscher, der nach Volksveredlung strebt, ein Dichter, welcher des Glaubens lebt, für diese Veredlung durch seine Kunst zu wirken: So war mein nämliches Ideal vor länger als einem Halbjahrhundert und heute steht es nahezu verwirklicht – allerdings in mir damals fremdartiger nationaler Färbung – vor mir hochragend, inmitten eines Volkes, das sich kaum seines Halbbarbarentums bewußt zu werden beginnt und in Reih und Glied mit dem Heilandsjünger Tolstoi kämpfen Fanatiker der zerstörenden Theorie wie noch keine Nation sie hervorgebracht hat. Ob er den Glauben an seine menschenfreundliche Mission, die Religion, der er den Dichterberuf bereits geopfert hat, durchführen kann und wird? Es scheint nicht so. Daß die Ernüchterung ihn nur nicht ins Extreme der Erkenntnis führe! ... Literatur-Verzeichnis. Briefe von Goethe und dessen Mutter an Friedrich von Stein. Herausgegeben von Dr. I. I. H. Ebers und Dr. August Kahlert. Leipzig 1846. Die Briefe der Frau Rath Goethe. Gesammelt und herausgegeben von Albert Köster. Leipzig 1904. Charlotte von Stein, Goethes Freundin. Von Heinrich Düntzer. Stuttgart 1874. Goethes Briefe an Frau von Stein. Herausgegeben von Adolf Schöll, 3. Auflage, besorgt von Julius Wahle. Frankfurt a. M. 1899. Goethes Briefe an Charlotte von Stein. Herausgegeben von Jonas Fränkel. Jena 1908. Das Stammbuch Fritz von Steins nebst einigen Brieffragmenten an ihn. Von Fedor von Zobeltitz. Zeitschrift für Bücherfreunde. Jahrgang 1905–1906. Briefe an Fritz von Stein. Herausgegeben von Ludwig Rohmann. Leipzig 1907. Charlotte von Schiller und ihre Freunde. Herausgegeben von Freifrau Emilie von Gleichen-Rußwurm und Ludwig Urlichs. Stuttgart 1860–65. Goethes Briefwechsel mit einem Kinde. (Von Bettina von Arnim.) Berlin 1835. Herders Lebensbild, sein chronologisch geordneter Briefwechsel. Herausgegeben von Emil Gottfried von Herder. Erlangen 1846–1847. Aus Herders Nachlaß. Herausgegeben von H. Dünteer und E. G. von Herder. Frankfurt 1856 – 57. M. Raich, Dorothea von Schlegel und deren Söhne Johannes und Philipp Veit. Briefwechsel. Mainz 1881. Franz Deibel, Dorothea Schlegel als Schriftstellerin. Berlin 1905. Briefe von Charlotte von Kalb an Jean Paul und dessen Gattin. Herausgegeben von P. Nerrlich. Berlin 1882. Charlotte. Gedenkblätter von Paul Palleske. Stuttgart 1879. Charlotte von Kalb und ihre Beziehungen zu Schiller und Goethe. Von E. Köpke. Berlin 1852. Friedrich Schiller und die Frauen. Von Adolf Kohut. Oldenburg 1905. Briefwechsel zwischen Clemens Brentano und Sophie Mereau. Herausgegeben von Heinz Amelung. Leipzig 1908. Fürst, Henriette Herz, ihr Leben und ihre Erinnerungen. Berlin 1850. Henriette Herz, Briefwechsel mit dem jungen Börne. Herausgegeben von Ludwig Geiger. Berlin 1905. Henriette Herz, Jugenderinnerungen. Berlin 1896. Rahel, ein Buch des Andenkens für ihre Freunde. Berlin 1833. Galerie von Bildnissen aus Rahels Umgang und Briefwechsel. Leipzig 1836.