976   Die Gertrudisquelle Von F. J. Freiholz. – Gropp, Collectio noviss. script. Wirceb., II., 799.         Aus der Karlburg stolzen Hallen Tritt Held Pippins frommes Kind, Zu dem Kirchenbau zu wallen, Den zu Gottes Wohlgefallen Sie im Tal des Mains beginnt. Heil'ge Männer sind gekommen Mit dem Kreuze in der Hand, Und mit Jubel aufgenommen Wurden sie von allen Frommen Im bekehrten Frankenland. Allwärts strömen bald die Scharen Lehrbegier'ger Schüler bei; Siegreich muß sich offenbaren, Daß im Glauben nur, im wahren, Einzig Trost und Segen sei. Doch dem wogenden Gedränge Aller, die dem Herrn vertraut, Ist das kleine Haus zu enge, Darum wird der frommen Menge Dort ein Tempel aufgebaut. Und Gertrudis ist's, die reine, Die das Haus den Gläub'gen schenkt Und dahin beim Morgenscheine Aufwärts wandelnd an dem Maine Oft zum Bau die Schritte lenkt. Einstens, als der Sonne Strahlen Heißer sanken auf die Flur, Fühlt sie bittren Durstes Qualen, Doch des Schmerzes Seufzer stahlen Leis sich aus dem Busen nur. Nirgends war ein kühler Schatten Noch ein Quell, der Labung gab, Nah schon war sie dem Ermatten, Ihre welken Hände hatten Kaum noch fest den Wanderstab. Und mit schmerzlicher Gebärde Blickt zum Himmel sie empor, Daß ihr Gottes Stärkung werde! Plötzlich aus der dürren Erde Springt ein frischer Quell hervor. Gottes Wunder, Gottes Gnade Hat die Heilige erquickt, Daß er ihr auf trocknem Pfade, Da sie hilflos sich ihm nahte, Einen kühlen Born geschickt. Immer noch im Talesgrunde Fließt das Wasser klar und hell, Und es heißt im Volkesmunde, Daß der Kranke schnell gesunde, Trinkt er vom Gertrudisquell.