Edmund Hoefer Auf der Universität 1846 Für den größten Theil der jungen Leute, welche sich drei oder vier Jahre auf der Universität mit ihren Studien beschäftigen, geht diese Zeit gemeiniglich so schnell, und, was das Leben der Gefühle und Empfindungen betrifft, auch so flach und inhaltslos vorüber, daß sich nur wenige von ihnen späterhin besonders ernsthaft an dieselbe erinnern mögen. Lustige Ausgelassenheit und Tollheit einerseits, ein paar sogenannte Freundschaften und die Studien anderseits füllen diese Tage dermaßen, daß sie im Fluge vorbeiziehen, daß sie wohl Kopf und Phantasie beschäftigen, aber das Herz nur sehr selten berühren. Denn, mag man auch sagen und einwenden, was man will, es bleibt ein ziemlich gut begründeter Ausspruch, daß, was unser Inneres treffen und bewegen soll, kaum jemals im Augenblick erscheinen und entschwinden werde; es müsse und wolle vielmehr eine gewisse Dauer, eine Art von Ruhe haben. Und die findet es bei den Musensöhnen nicht gerade häufig. So bleibt also verzweifelt wenig für die Erinnerung zurück. Ueber die Ausgelassenheit ärgern wir uns später höchstens einmal, denn sie war nicht sein, und wir sind jetzt feine Leute. Die schönen Freundschaften, die wir etwa geschlossen, sind gemeinhin sehr vergänglicher Natur gewesen; zwei oder dreimal schrieb man sich nach der Trennung noch in immer längeren Zwischenräumen, und verlor einander dann aus den Augen und aus dem Gedächtniß. An die Studien denken wir natürlich gar nicht. Wer fest in Amt und Brod sitzt, was sollte der nach der Zeit fragen, wo er mit der Mappe unter dem Arm in die Hörsäle lief, oder daheim mit Verzweiflung die unendlichen Bücherhaufen betrachtete, die er zum Examen noch notwendigerweise durcharbeiten mußte. Das alles ist hin wie der gestrige Tag, und wir denken höchstens wieder daran, wenn auch wir dereinst einen Sohn auf die Universität schicken und ihn dann dieselben Pfade wandeln sehen, auf denen wir selbst früher gesammelt und gestrebt, getollt und – wie wir lächelnd meinen – ziemlich albern und kindisch gejubelt und idealisirt haben. Indessen passirt es zuweilen, daß auch das Innere eines jungen Menschen getroffen und bewegt wird, daß seine besten und tiefsten Gefühle und Empfindungen an- und aufgeregt werden. Damit ist es dann gewöhnlich ein übel Ding. Was in solchen Jahren das Herz trifft, drückt sich nur zu leicht hinein, was man da fühlt und empfindet, wird schnell nur gar zu tief und heiß, oft vergißt und verwindet man's nie wieder, nach vielen Jahren noch spürt man, wie die gewaltig angeschlagenen Saiten immerfort leise schwingen und zittern. Wer in solchen Jahren einmal das Gewöhnliche verläßt, oder, wenn ihr lieber wollt, von demselben verlassen wird, der sehe sich immerdar vor. Man ist dann noch so jung und frisch, so weich und empfänglich, so reizbar und sorglos. Man träumt das Leben sich kinderleicht, man weiß nichts von seinem Ernst, man hält sich für glücklich und ein Unglück für unmöglich. Wer den Pfad sieht, der sich lockend vor uns öffnet, anmuthig und freundlich in den Busch hineinschlängelt, der ahnt nichts von den Dornenhecken, die ihn weiterhin versperren. Gedankenlos eilt er darauf hin, – wie lange währt's und er kommt langsam, still und traurig, mit schmerzendem Auge und blutendem Herzen zurück. Oder wir laufen die luftige Höhe empor und denken keck und muthig, da geh' es gradeswegs in den Himmel selbst hinein. Aber wir sahen den Abgrund nicht, der uns jäh zurückschreckt oder uns gar schroff hinabreißt. Und nachher können wir uns vielleicht wund und lahm, wie all die Andern, im öden Staube hinschleppen. Oder wir gehen auf ebenem, breitem, zierlichem Wege vorwärts, und hoffen recht stolz, wir seien klug, da müsse man doch sicher und gewiß vortrefflich weiter kommen, ganz nach Wunsch und Willen. Allein da liegt ein Schlagbaum vor uns und es sind wieder die alten Worte: hier passirt man nicht! Und wir haben weder die Münze noch das Zauberwort, welches ihn zu öffnen vermöchte. Das alles kann uns treffen, wenn wir in so jungen, gedankenlosen und lustigen Jahren da berührt und erregt werden, wo wir noch lange nicht fertig und kampfbereit sind. Und es ist um so übler, da die Jugend hier so wenig wie anderswo ein Maß kennt und will. O, der ist wahrhaftig der Klügste, der sich um nichts als das Notwendige kümmert, der seine Augen nur gebraucht, um das Allernächste zu sehen, daß er nicht geradezu falle, der seine Arbeit thut, seine Speisen ißt, seinen Wein trinkt, der sich müd ins Bett legt und gähnend wieder aufsteht, der das Leben nimmt wie es kommt, und Gott einen guten Mann sein läßt, von dem auf seinem Grabstein zu lesen ist: »er ward geboren, nahm ein Weib, lebte und starb hoch an Jahren, reich an Kindern, noch mit all seinen Zähnen.« Deren gibt es sicherlich mehr, als wir in unserer oft hypochondrischen Laune für möglich halten, und glücklich ist, wer zu ihrer Zahl gehört. Der ist nie auf die Seitenwege des Lebens gerathen, er folgte stets dem großen Haufen. Der braucht sich an nichts zu erinnern, der hat nichts, was er vergessen möchte und nicht vergessen kann. In dem sind Verstand und Gefühl immer auf das freundschaftlichste und gemüthlichste Hand in Hand gegangen. Ich aber will euch eine kleine Geschichte aus meinen Studentenjahren erzählen. Von meiner Studienzeit brachte ich ein Jahr auf einer Universität des westlichen Deutschlands zu, nicht sowohl, wie ich offenherzig gestehe, um dort wirklich eifrig zu arbeiten und fleißig zu sein, als vielmehr, damit ich leichter die anziehendsten Gegenden unseres Vaterlandes kennen lernen und überhaupt in ein etwas weiteres und bewegteres Leben mich hineinfinden könne. So dachte ich keineswegs allein; im Gegentheil treiben es fast alle diejenigen ähnlich, welche aus dem Norden oder Osten kommend sich für einige Zeit unter diesem heiteren Himmel, in dieser sonnigen, anmuthigen Natur aufzuhalten wünschen. Im Sommer besucht man nur die nothwendigsten Collegia, damit das Semester doch überhaupt gerechnet werde, treibt sich lustig umher und benutzt die Ferien auf das fleißigste zu Reisen und Ausflügen in die größtmögliche Ferne, im Winter arbeitet man dann wirklich einigermaßen, im Frühling geht man mit schwerem Herzen auf eine andere, ruhigere Universität, arbeitet und holt nach. Das ist so natürlich, so billig. Einmal im Leben muß der Mensch sich ein wenig gehn lassen, ein bischen gedankenlos sein. Der Ernst und die Gesetztheit kommen doch zeitig genug. So war auch für mich damals das Jahr der Ausgelassenheit. Eine sehr heitere Umgegend lockte freundlich in's Freie und angenehme, gut gelegene Vergnügungsorte ließen mancherlei kleine Ausflüge vergnüglich und lohnend genug erscheinen. Größere Reisen mußten wir uns natürlich aufsparen. Die Umgebung aber zu besuchen, versäumten wir, zumal der Sommer wundersam klar und schön war, selten oder nie, und es gab. keinen Ort um die Stadt, wo man Nachmittags nicht einen lustigen Kranz von ausgelassenen Schutzbefohlenen der alma mater erblickt hätte. Dazumal hielt ich mich mit einigen wackeren Gesellen treulich zusammen: wir besuchten oder schwänzten Morgens die gleichen Collegia, aßen Mittags in derselben Restauration und gingen Nachmittags regelmäßig den gleichen Weg, um, wie man das im Studententon nennt, im selben Wirthshaus zu kneipen. Eine halbe Stunde von der Stadt liegt ein kleines Dorf, welches nur aus einigen wenigen, schiefergedeckten Häusern besteht. Gleich am Eingange steht das Wirthshaus »zum Waldhörnchen«; der Garten hinter dem Gebäude zieht sich eine mäßige Höhe hinan, auf der ein Rasenplatz mühsam erhalten wird und ein paar uralte prächtige Linden empor ragen. Unter den Bäumen sind natürlicherweise Tische und Bänke angebracht; davon hatten wir einen Platz in Beschlag genommen und hielten mit Eifersucht auf den Alleinbesitz dieser Stelle, denn wir genossen dort eine wundervolle Aussicht. Rückwärts und zu beiden Seiten zeigte sich wald- und hügelreiches Land, wo ganz reizende Thäler sich zierlich und üppig zwischen den hier weich und anmuthig steigenden, dort jäh abstürzenden Höhen hinziehen, wo mehr als ein flinker, fischreicher Bach blitzend dahinschießt, wo droben auf manchem hervorspringenden Stein alte Ruinen kühn und finster emporragen. Vorwärts sieht man auf Kornfelder, Weinberge, den schönsten Fluß und eine weite fruchtbare Ebene mit Dörfern und Städten bis zum fernen Gebirg, das im blauen Duft den Horizont begrenzt. War das Wetter einmal zu unfreundlich, um droben und im Freien aushalten zu können, so hatten wir ebenso unsern bestimmten Tisch am Eckfenster in der Gaststube, wo wir die vordere Aussicht vor Augen behielten und alles bemerkten und kritisirten, was auf der ziemlich belebten Straße vorbeizog. Jedermann kannte diese unsere Plätze, lachend nannte man sie die »Fünf-Männer-Tische« und uns selbst »die Fünf.« Das war eine fröhliche Zeit. Einmal saßen wir mit noch zwei oder drei Bekannten, denen wir hatten Plätze einräumen müssen, gleichfalls an unserm Tisch. Es war der dreiundzwanzigste Juli, ein Sonntag und Musik im Garten. Große Gesellschaft hatte sich eingefunden; denn seiner Nähe bei der Stadt und seiner wirklich wunderschönen Lage wegen war der Ort allgemein beliebt. Das lustigste, munterste Treiben füllte die zwischen Weinhecken hinlaufenden Wege des großen Raumes. Professoren und Bürger mit ihren Familien, Fremde, die auf der Durchreise verweilten, Studierende, Handwerker, Bekannte und Verwandte aus benachbarten Städten und Dörfern, alles drängte sich und trieb bunt durcheinander, docirte und schwatzte, lärmte und lachte, freute sich und sang, jubelte auf dem spärlichen Rasen gelagert, oder an den kleinen, dicht umdrängten Tischen; keiner nahm Anstoß am Andern oder scheute sich ekel oder schüchtern vor seinem Begegnen und freundlichen Begrüßen. Denn in jenen glücklichen Gegenden wußte man, damals wenigstens, noch nichts von den unsinnigen Sitten, die im nördlichen Deutschland gang und gebe sind, nichts von dem albernen Verlangen, immer nur unter seines Gleichen sein zu wollen. Hier saß Professor und Bürger am gleichen Tisch, Kaufmann und Fabrikant schlossen sich nicht aus; alle plauderten ganz gemüthlich, jeder seine miserable Cigarre im Mund und einen Schoppen Achter oder Elfer von dem schönen weißen oder rothen Landwein vor sich. Dann lauschten sie der Musik und betrachteten das junge, lustige, scherzende und sich jagende Volk, dann plauderten sie wieder, dann sprachen und disputirten sie auch ganz ernsthaft, denn Bildung oder Intelligenz – ich weiß nicht recht, welche von beiden, oder ob vielleicht auch beide zusammen – war dort viel bedeutender, und diese Bürger dachten lichter und redeten besser, als bei uns daheim die Gelehrten und sogenannten Gebildeten. Wir waren inzwischen gleichfalls keineswegs still. Auch wir hatten unsere Gespräche, ernste und leichte, auch wir tranken, lachten, sangen, auch wir beäugelten eifrig unsere Umgebung und die Schaaren der Vorbeiziehenden. Die kurzen Pfeifen im vollen Brand, die Gläser gefüllt, die bunten Kappen auf's Ohr gerückt und die leichten Röcke weit geöffnet, saßen wir da; ein starker Zweig der Linde streckte sich in nicht bedeutender Höhe über unsern Tisch. Auf ihm hatte sich Freund Alsing seiner Gewohnheit nach placirt, mit dem Rücken an den Stamm gelehnt, vor sich auf einem eigens dazu angebrachten Brettchen seinen Schoppen. Da hockte er, lachte und trieb Possen wie besessen und machte uns auf jedes hübsche Gesicht, auf jede besondere oder eigenthümliche Persönlichkeit aufmerksam, deren er ansichtig wurde. Der arme Bursch! Nie sah man einen liebenswürdigeren und gemüthlicheren Tollkopf, nie fand man in einem Menschenkinde ein lebendigeres, üppigeres und kräftigeres Leben, und jetzt ist er auch schon seit manchen Jahren davongegangen auf die große Route und der Rasen grünt über seinem Kopf voll und warm, wie er ihn im Leben gern unter demselben hatte. Nicht fern von uns hatten sich um andere Tische gleichfalls Studenten gereiht, uns gut bekannt und auch sonst lustige Kumpane. Da trank und sang man hinüber, herüber einander zu, da flogen auch wohl ein paar spöttische Worte hin, denen ein paar derbere folgten. Auch ward vielleicht eine Ausforderung laut und gleichgültig angenommen. Doch das störte nicht, da es zu gewöhnlich war und selbst für die Betheiligten nicht wichtig genug, um das Vergnügen des Augenblicks zu hindern. Heut blieb man noch freundlich, sah sich höchstens mit einem schiefen Blick an: morgen zerschnitt man einander die Gesichter und vertrug sich wieder. Aber das war morgen. Heut war der Lärm groß, wie die Lust. Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich einige Augenblicke in Gedanken und still war, denn meine Art war das für gewöhnlich durchaus nicht. Ich saß und sah träumerisch in die Ferne, als mir durch eine unerwartete hastige Berührung von oben die Mütze heruntergestoßen wurde. Auffahrend sah ich empor und bemerkte, daß Alsing, der mich so aufgeschreckt, sich tief zu mir niederbeugte. »Schau, schau Franz!« sagte er leise, »sieh dich um, aber hübsch manierlich. Welch ein bildhübsches Kind! Die dort im blauen Kleide mein' ich. Wahrhaftig, Franz, sie verdient wohl, daß du die Mütze vor ihr abgenommen.« Der ernsthafte Ton, mit welchem er mich anredete, ließ mich hastig auf und herumfahren, ganz gegen seine Ermahnung, und in der That erblickte ich etwas, dem man wohl nachgehen und nachschauen konnte. Gestalt und Gesicht, die wir vor uns sahen, mögen vielleicht schöner, aber kaum anmuthiger und lieblicher gefunden werden. Sie trug ein Kleid aus einfachem und wenig kostbarem Stoff; ein ganz kleiner Strohhut, auf dem Scheitel, wie es damals Mode war, weit zurücktretend, war mit blau und weiß gemustertem Bande nur zur Noth verziert, ein weißes, leichtes Tuch trug sie auf dem Arm. Aber dies Kleid umgab die zierlichste Figur, wo die eckigen Formen der frühen Jugend eben in eine leise Rundung übergingen, Nacken, Hals und Arme waren weiß und von den reinsten Umrissen, und das Hütchen umrahmte ein allerliebstes frisches und munteres Gesicht mit blondem Haar und dunkelblauen, lebhaften, schönen Augen. Sie ging heiter und lächelnd an der linken Seite einer anständig, ja zierlich gekleideten älteren Frau, deren Rechte im Arm eines zweiten weißgekleideten und ebenso jungen Mädchens ruhte, während zwei jüngere Kinder, ein Knabe und ein kleines Mädchen, jubelnd voransprangen. »Bei Gott,« sprach ich flüsternd zu Alsing, nachdem ich dies alles mit einem Blick übersehen hatte, »sie ist bildhübsch. Wer mag es nur sein?« – »Ja,« meinte er achselzuckend, »sie kamen wohl von auswärts, denn sonst müßte ich doch wenigstens eine Person aus der Gesellschaft kennen. Siehst du? Sie grüßen auch keinen Menschen, und die Bürger halten doch sonst zusammen wie Verwandte. Aha, – dort setzen sie sich. Sie grüßen den Alten. Er spricht mit ihnen. Die Frau wenigstens kennt ihn. Das muß heraus!« rief er und ließ sich vom Ast auf die Schulter eines andern Freundes herabgleiten, der im Gespräch mit Anderen von unserer Unterhaltung nichts gehört haben mochte und nun höchlich erschreckt und fluchend auffuhr. Lachend begütigte ihn Alsing und flüsterte mir darauf zu: »Ich will hin und treiben, daß endlich der Tanz anfängt. Wenn du die ersten Takte hörst, Franz, so machst du dich zu ihr hin und legst auf die beiden ersten Tänze für dich und mich Beschlag. Hörst du? Ich verlasse mich ganz sicher darauf.« Und somit eilte er, ohne auf die Fragen der verwunderten Freunde zu hören, lachend davon. Wie er gesagt, geschah es. Wenige Minuten darauf hörten wir die Instrumente des kleinen Orchesters mit energischen Tönen einen muntern Ländler anstimmen, dann wieder pausiren, damit die Tanzlustigen Zeit hätten, sich zu versammeln und die Musikanten inzwischen nicht vergeblich Lungen und Hände anstrengen möchten. Ich stand auf, ließ mich durch die zechenden Freunde nicht zurückhalten, so sehr sie auch meine plötzliche Tanzlust verspotteten, schlenderte erst, um ihnen aus den Augen zu kommen, einige Augenblicke wie absichtslos umher und näherte mich endlich jenem Tisch, wo sie einen Platz gefunden. Einige Paare verließen bereits den Garten, um sich in den Saal zu begeben; sie sah sich nach ihnen wiederholt um und schien von Lust und Takt heimlich und mächtig bewegt zu werden. »Schon jetzt tanzen sie!« sagte die ältere Frau, »und ich dachte doch, sie würden erst später anfangen. Das thut mir leid um euch, denn nun werdet ihr nur die Lust empfinden, ohne ihr doch genügen zu können.« – »O ja, es ist recht schlimm!« versetzte die Zierliche mit einem kleinen Seufzer. »Ich möchte mich gar zu gern ein paarmal herumdrehen lassen. Ich weiß nicht, wie's kommt, aber wenn ich die Musik höre, kann ich die Füße kaum still halten.« – »Da müßtest du nicht eine flinke Dirne und so jung sein!« bemerkte die Matrone lachend; »denen geht's immer so, und da ich so war wie du, fühlt' ich's nicht weniger prickeln.« Ich trat näher und zog artig meine Mütze, denn eben begann das Orchester den wirklichen Tanz. »Wollen Sie diesen Tanz mit mir wagen, Mamsell?« fragte ich. – Sie erröthete, indem sie aufstehend sich verneigte. »O,« meinte sie und sah zur Aeltern lächelnd und verlegen hinüber, »o wenn die Tante es erlauben wollte, – aber wir haben keine Zeit.« – »Nun Lisette,« erwiderte die Tante freundlich, »da der Herr so artig ist und du gar so viele Lust hast, magst du immerhin ein paarmal herumspringen. Aber lange wird's keinenfalls dauern und du mußt immer parat sein, daß du gleich kommen kannst. Erhitz' dich nicht zu sehr.« Lisette versprach, sich in Acht zu nehmen, legte Hut und Tuch der Tante auf den Schooß, trat zu mir, gab mir den Arm, und so eilten wir lustig davon, dem Saale zu. »Was beeilt Sie denn so sehr?« fragte ich sie. – »Wir sind nur zum Besuch hier,« entgegnete sie, »der Onkel hat uns heut' Morgen hergebracht, ist nach D. weitergefahren, wird aber bald genug zurückkehren und uns dann wieder mit fortnehmen.« – »Bah!« sagt' ich, »er wird doch nicht so hastig sein, daß er Ihnen das kleine Vergnügen nicht gönnen sollte.« – »Ach!« meinte sie und schüttelte lächelnd das hübsche Köpfchen, »er ist ein gar eigener Mann, der Onkel, der wartet nicht.« – »Um so weniger dürfen wir die knappe Zeit verlieren!« rief ich und tanzte mit ihr lustig über den Rasen in die geöffneten Thüren des Saales hinein. Als wir nach einigen Minuten dann in der Ecke standen, um auszuruhen, sprach ich: »Sie tanzen so wunderhübsch! Und doch, und trotz Ihrer Lust kommen Sie nicht oft zu diesem Vergnügen. Wie macht sich das?« – »Ach!« entgegnete sie, »das ist nicht anders in einer kleinen Stadt, mein Herr. Die Bälle, die es bei uns gibt, sind entweder in den Familien und nicht für uns, oder sie sind so, daß ein anständiges Bürgermädchen nicht gut hingehen kann. Da sind nur Knechte und Gesellen und Dienstmädchen.« – »Aber,« meinte ich, »warum gehen Sie denn nicht einmal auf's Land, wie hier? Ihre Lust ist doch so groß, wie Sie vorhin draußen sagten, und es prickelt in den Füßchen.« – »Haben Sie das gehört, Sie böser Mensch?« sprach sie erröthend. – »Gewiß!« versetzt' ich. »Aber was thut das?« – »Oh,– nichts!« antwortete sie. »Nur ist es nicht fein, zu horchen, wenn so ein armes Mädchen von sich spricht.« – »Aber du lieber Gott!« rief ich lachend, »ich mußte doch kommen, um Sie zum Tanze abzuholen, und da mußte ich auch nah zu Ihnen hinan treten.« – »Ach, die Herren Studenten wissen sich immer herauszureden!« erwiderte sie lächelnd. »Aber Sie fragten, weßhalb ich nicht einmal auf's Land ginge, zum Tanz? Was denken Sie auch, mein Herr! Man hat daheim immer genug zu thun. Und so gut wie heut wird es uns nicht recht oft im Jahr. Aber sehen Sie!« rief sie dann und deutete durch's Fenster, an dem wir standen, auf die Straße, die vom Hügel herabführend uns sichtbar war, »da kommt der Onkel gewiß und wahrhaftig! O, das ist einmal schade!« – »So kommen Sie geschwind!« rief ich, »gleich soll er Sie nicht haben.« Und hastig tanzten wir fort. Die Eile hatte Noth gethan. Noch während wir uns drehten, drängte sich der Knabe, den ich vorhin bei ihnen gesehen, durch die Paare, fuhr auf uns zu, und da wir inne hielten, rief er: »Lieschen, du sollst eilen, läßt die Mutter sagen. Der Vater wartet und schilt.« Sie verbeugte sich gegen mich und wollte fort. »O, o!« rief ich, »einmal müssen wir noch vorwärts, Mamsell!« – »Nein, nein!« versetzte sie wie ängstlich, »Sie kennen den Onkel nicht. Ich will der Tante keine Ungelegenheiten machen. Adieu, mein Herr! Ich danke für das Vergnügen.« Und nach einer wiederholten Verbeugung eilte sie mit dem kleinen Boten fort. Als ich ihr nachkam, denn sie lief, sprang sie bereits in den offenen Wagen, wo die Verwandten schon saßen, nahm Tuch und Hütchen, sah mich, erröthete flüchtig, und der Wagen fuhr davon. Daß sie noch einmal sich umblickte, sah ich, und dann waren sie um die nächste Höhe. »Wer war das?« fragte ich den Knecht, der den Pferden Wasser gegeben hatte und mit dem Eimer in der Hand noch müßig dastand, und ihnen gleichfalls nachsah. – »Das ist der Traubenwirth aus L.« sagte der Mensch. – »Waren die Frauen und Kinder mit ihm seine Familie?« forschte ich weiter. – »Weiß nicht, Herr Baron,« entgegnete er, – wir wurden nämlich damals dort zu Lande vom Volk alle auf's Gerathewohl geadelt, – »er fährt oft hier vorbei, aber die Frauenzimmer kenn' ich nicht. Ich war noch nicht in L.« Mißmuthig kehrte ich zurück, mißmuthig forschte ich mit dem ärgerlichen Alsing nach jenem ihnen bekannten alten Mann: wir konnten ihn unter der bunten, sich durcheinander treibenden Menge nicht wieder finden. Einige Tage darauf fuhren wir beide nach L. und kehrten beim Traubenwirth ein, denn wir schwärmten noch immer für das liebenswürdige Kind und waren in jenen köstlichen Jahren, wo man sich zugleich mit dem Freunde und ohne Eifersucht in dasselbe Gesicht vernarren kann. Wir waren nun freilich unter einem Dach mit ihr, wie wir annahmen, allein von den Frauen sahen mir nichts; der Alte bediente uns selbst und sah gar nicht darnach aus, daß er unsere Fragen, und noch dazu Fragen von solcher Art, gutwillig und freundlich aufnehmen und beantworten würde. So fuhren mir denn ziemlich geschlagen Abends wieder zurück. Und die Zeit verging, brachte uns allerlei Neues, Gutes und Uebles, Lustiges und Langweiliges. Von der kleinen Fremden sahen und hörten wir nichts und so vergaßen wir die Geschichte, wie manche andere. Zum Herbst zog Alsing nach Göttingen: zu Ostern wollte ich ihm folgen. Inzwischen machte ich in den Ferien eine Reise durch die Schweiz, kam Mitte October zurück, begann fleißig zu sein und pflegte meiner lustigen, kleinen Liebschaft. Werdet ihr nicht ganz gerührt durch die Naivetät und Offenherzigkeit meiner Darstellung? Aber ich kann euch nicht helfen, denn das alles gehört zu meiner Geschichte, und wollt ihr das Eine haben, müßt ihr auch das Andere mit in den Kauf nehmen. Seht, glücklich war ich damals gar nicht; allerlei Unannehmlichkeiten und Mißlichkeiten hatten mich betroffen und mich geistig und körperlich tief verstimmt, und um mich so oder so heraus zu reißen, warf ich mich in halber Verzweiflung einem bewegten, ja wilden Gesellschaftsleben in die Arme. Dazu gehört, wenigstens in meinen damaligen Jahren, eine kleine Amour, wie man zu sagen pflegt, und in all' die Aeußerlichkeiten einer solchen hatte ich mich denn auch hineingearbeitet, empfindelt, getändelt, geschwatzt. Uebrigens war sie höchst unschuldiger Natur. Durch Empfehlungsbriefe war ich in eine angenehme Familie eingeführt, dort alsbald recht bekannt geworden und zu jeder Zeit freundlich empfangen. Die liebenswürdige Tochter des Hauses war älter als ich. Und so oft sich ein junger Mensch in eine Frau verlieben wird, die der Jahre mehr zählt als er, ebenso selten wird er sich einem Mädchen zuneigen, bei dem dasselbe Mißverhältniß zutrifft. Dennoch hatte ich mich in sie höchst unsterblich und sehr gewaltsam verliebt. Die Zeichen dieser Liebe beschränkten sich jedoch etwa auf einige Verse, die mir in größter und lustigster Zartheit entdufteten; oder ich gab ihr den Arm, wenn wir über Land gingen; ich überreichte ihr gefühlvoll und pathetisch genug diverse unschuldige Wiesenblumen, die ich bei solchen Gängen pflückte und sinnig zusammenstellte; ich verlangte lachend und mit möglichstem Affect ein Bouquet, welches sie bei einer fête champêtre trug, sie verweigerte es zuerst eben so lustig und leidenschaftlich und warf es mir endlich neckend zu. Kurz, solcher Zeichen gab es noch viele, und ihr werdet wohl begreifen, daß dem allen heitre Lust und herzliches Wohlwollen, keineswegs aber ein wirklicher Ernst zu Grunde lag. Auch wußten wir beide selbst und ihre Eltern gleichfalls, woran wir waren, man störte uns nicht, sondern lachte über uns und wir amusirten uns vortrefflich. Nun gab eine geschlossene Gesellschaft, zu der ihre Familie gehörte und in welche auch ich eingeführt war, in den ersten Tagen des November ihren ersten Winterball, und Abends vorher besuchte ich die Familie, um mich und sie mit unsäglichen Artigkeiten auf ein so unschätzbares Glück gebührend vorzubereiten. Ich weiß nicht mehr, was für einen Tanz sie mir zugesagt hatte. Und wir waren lustig und guter Dinge, plauderten und die Damen arbeiteten bereits an den Weihnachtsgeschenken. Mittlerweile brachte das Mädchen einen Carton herein, den die Putzmacherin geschickt. Antoinette, so hieß die von mir Verehrte, fuhr empor, warf die Arbeit zur Seite, riß den Deckel des Cartons auf und schlug das verhüllende Tuch zurück. »Fertig!« rief sie, »fertig! – Und nun, mein schöner Herr, großer Modenkenner und Held des guten Geschmacks,« fuhr sie fort und nahm das leichte Kleid heraus, welches zierlich genug aus dem leichtesten, rosa gefärbten Stoff mit doppelten Röckchen gemacht war, und hielt es mir vor die Augen, »wie finden Sie das, und werd' ich nicht reizend sein?« – »Natürlich, noch mehr als immer, wenn das anders möglich ist!« entgegnete ich mit lachendem Enthusiasmus, während ich rund um das Kleid herum ging und endlich eine Ecke davon wie zur genauern Betrachtung aufnahm, – »aber –.« – »Was aber, ewiger Pedant und Mäkler?« rief sie lustig und eifrig. – »Hm! es gehören doch sehr hübsche Blumen dazu, im Haar und auf dem Kleide selbst.« – »Je nun, mein Vortrefflichster, ich habe auch einen sehr präsentablen Rosenkranz.« – »O um Gotteswillen, doch nicht Rosen allein! Oben Rosen, auf den Wangen Rosen –.« – »Ah!« unterbrachen sie mich lachend. – »Ja,« fuhr ich fort, »und unten Rosen! Sie wären ja die personificirte couleur de rose !« – »Das ist richtig. Also was dann, mein Weiser? Lassen Sie hören.« »Nehmen Sie einen grünen Blätterkranz,« sprach ich mit vieler Gravität, »mit ein paar Rosenknospen allenfalls dazwischen, und fassen Sie dies obere Röschen mit ähnlichen Bouqueten auf. Leider werden wir jetzt und in dieser unglücklichen Stadt nicht so viel natürliche Rosen finden. Sie müssen daher gemachte Blumen und fabricirte Blätter nehmen. Und so schlag' ich Ihnen Rosen und Reseda vor. Ein tiefes Grün würde zu scharf hervortreten, aber die sanfte Reseda, glaub' ich, wird recht passend abstechen von der zarten Nuance des Kleides.« Lachend waren sie meinen Worten gefolgt. Nun brach ein Sturm von Beifall und Gelächter aus. »Kostbar!« rief Antoinette. »Vortrefflich!« die Mutter und Cousine. »Nur schade,« sprach die Letztere, »daß die Reseda bei Licht ziemlich matt und farblos ist und gänzlich nichtig dreinsehn wird. Das hat der arme Herr nicht bedacht.« – »Oho« entgegnete ich, »da behaupten Sie zu viel. Haben Sie diese Zusammenstellung schon einmal gesehn? Nicht? Nun, da bitte ich mir zu vertrauen, Fräulein Antoinette.« – »Schon recht!« erwiderte sie, »so thät ich sehr gern. Aber woher diese Blumen nehmen? Reseda ist gar nicht zu haben oder doch nur selten und in kleiner Quantität.« – »Doch!« rief ich. – »Nein!« antwortete sie. – »Ja doch!« – »Nein, nein!« – »Wollen Sie wetten?« – »Ja!« – »Schön!« sprach ich, »verliere ich, so will ich Ihnen von jetzt bis zur Weihnacht die Bonbons verleiden.« – »Angenommen!« rief sie lustig. – »Das Verleiden möchte ich bezweifeln,« meinte die Mutter. »Aber weiter, wenn Sie gewinnen?« – »Dann nehmen Sie die Blumen von mir zum Geschenk.« – »Das wäre mir eine ehrliche Wette!« rief sie eifrig. »Nein, mein schöner Herr, daraus wird nichts.« – »Doch!« – »Nein!« – »Ich eile –« sprach ich, aufspringend. – »Laufen Sie in Gottesnamen, aber ich nehme sicher nichts.« – »Damit geben Sie also zu, daß diese Blumen dennoch hier zu finden sind?« – »Ei behüte!« – »Dann geh' ich und Sie nehmen.« – »Nein doch!« – »Gut, Sie nehmen also die Blumen –.« – »In Ewigkeit nicht!« – »Lassen Sie mich doch ausreden! – und Sie entsagen von jetzt bis zur Weihnacht den Bonbons.« – »Das fehlte noch. Aber es ließe sich doch bedenken.« – »Nun? Wollen Sie oder wollen Sie nicht?« »Ihr seid beide wahrhaftig närrisch,« sagte die Mutter, die endlich aus dem Lachen kam. »Laß ihn, Antoinette. Er verliert doch.« – »Aber wenn er gewinnt, Mutter?« – »Dann kann man noch immer weiter über die Sache reden, liebes Kind.« – Und ich sprang fort, ziemlich sicher, daß ich siegen werde, denn noch am heutigen Morgen hatte ich in einem Ladenfenster einen sehr hübschen Kranz von Moosrosen und Reseda bemerkt. Den Kranz hatte ich nun zwar bald in Händen, damit war aber auch die Herrlichkeit zu Ende, wie man wohl zu sagen pflegt, denn weiter fand sich in allen Cartons nicht eine einzige weitere Blüthe. Herstellen ließen sich die begehrten Bouquete bis zum folgenden Abend nicht mehr, versicherte mich die Besitzerin des Ladens, denn Reseda sei schwer und langsam zu verfertigen. Sie wisse keinen Rath und keine Hülfe, es müsse denn sein, setzte sie zu ihren Arbeiterinnen gewendet gleichsam fragend hinzu, daß die »Kleine« etwa dergleichen zu ihrem Vergnügen und zur Uebung gearbeitet und bei sich im Haus habe. Der »Kleinen« Hände nämlich lieferten hauptsächlich diese Büschel; sie sei sehr geschickt und recht thätig. Ja, meinten die Mädchen, das möge wohl sein; etwas habe die »Kleine« noch ganz bestimmt. So ward denn alsbald eine Arbeiterin abgesendet, um nachzusehn, während ich aufgefordert wurde, gütigst nur einen Augenblick im Laden zu verweilen. Aus dem Augenblick wurden inzwischen viele, und obgleich es für meine Wünsche ein gutes Zeichen war, daß die Botin nicht alsbald wiederkam, zuletzt wurde mir das Warten langweilig und ich selbst ungeduldig. Ich forschte nach der Wohnung jener, erfuhr, sie sei in der letzten kleinen Gasse ganz nah' am schwarzen Thor, und so macht' ich mich auf den Weg. Hingelangt fand ich ein ganz kleines Haus, welches nur aus einem niedrigen Geschoß bestand, mit einer kleinen Mansarde darüber, einer engen, niedrigen Thür, einem dunklen Flur. Nachdem ich mich an einen Schrank gestoßen und dann entlang getappt, klopfte ich vorschriftsmäßig an eine Thür links, öffnete und trat in ein mäßig erhelltes Zimmerchen. Zwei Mädchen standen am Tisch über einen ganzen Berg von Cartons gebeugt, unter unzähligen Blumen kramend. Im Eifer des Suchens mochten sie mein Kommen überhört haben, denn sie sahen nicht auf und beachteten mich nicht. »Das ist alles,« sagte endlich die »Kleine« und ihre Stimme schien mir ganz bekannt zu klingen, – »das ist alles, und wie ich sehe, wird es kaum zu acht Bouqueten hinreichen.« – »Genug!« rief ich vergnügt. Sie stießen beide einen Schrei aus und fuhren herum mich erschreckt betrachtend. Nicht weniger überrascht stand auch ich, denn in der »Kleinen« erkannte ich augenblicklich die hübsche Tänzerin, die uns im Sommer so bald entführt wurde, deren der Leser sich jetzt unzweifelhaft noch erinnert und die er vom Anfang an hier erwartet hat, die ich aber dazumal durchaus vergessen hatte. »Das ist der Herr selbst, der sie bestellt hat,« sagte die Botin endlich. Nun entschuldigte ich mich, es gab Lachen und Lustigkeit über den Schreck und das Wiedererkennen; sie zeigte mir nun selbst das Vorhandene vor und wiederholte: »Rosen für die halbe Welt, Knospen und Blumen, allein Reseda nur zu acht Bouqueten!« und nachdem sie mir versprochen, daß bis zum nächsten Morgen alles fertig sein werde, ging ich munter meiner Wege. Das Fertige holte ich mir selbst, plauderte mit ihr und erneuerte oder eröffnete vielmehr die Bekanntschaft. Sie war die Tochter eines Thoreinnehmers in L. und hatte sich, als die Eltern schnell hintereinander wegstarben, bei dem Onkel Traubenwirth aufgehalten. Doch habe ihr das müßige Leben nicht gefallen, ebensowenig wie die Abhängigkeit und die Launen des Oheims. So sei sie damals nur herübergekommen, um eine Stelle für sich zu suchen! und seit dem Herbst sei sie hergezogen, mache Blumen, ihr Auskommen sei das beste, die »Madame« lobe sie und gebe ihr zu thun, und auf solche Weise lebe sie glücklich und zufrieden. So plauderten wir wohl eine Stunde lang in dem kleinen Stübchen, am grauen trüben Novembermorgen. Als ich nun mit meinen Blumen zu Antoinette kam, war der Lärm begreiflicherweise groß. Fern aber von abgeschmackter Ziererei nahm man jetzt lustig das Geschenk an, besorgte sogleich, daß es seine Stelle auf dem luftigen Kleide erhielt, und pries lachend meinen scharfen Blick und guten Geschmack. Zugleich aber hatte ich auch eine große Düte voll Bonbons mitgebracht und gab mir Mühe, sie neben Antoinettens Arbeitstischchen auffällig genug zu befestigen. »Da!« sprach ich so ernsthaft, wie es mir möglich war. »Darin sind nun einhundert und fünfzig Bonbons wohlgezählt. Zur Weihnacht sehe ich nach und wehe Ihnen, wenn ein einziger fehlt.« – »Sie sind ganz charmant!« rief Antoinette lachend. »Aber – sind es Frucht- oder Chocolade-Bonbons? Das möchte ich gerne wissen. Nicht wahr, verehrter Herr, drei geben Sie zur Probe heraus, für die Mutter, die Cousine und für mich?« Das gab nun wieder Lust und Gelächter im Ueberfluß. Abends war sie wahrhaftig anmuthig genug, und nicht mit Unlust sah ich mich von ihr bevorzugt. Gott weiß, was daraus noch hätte entstehn können, wenn mir nicht bald von andern Dingen der Kopf voll geworden. So blieb es mit uns jedoch in der alten Weise und davon wüßte ich nichts weiter zu berichten. Aber die »Kleine« in dem kleinen Hause! Es wäre sehr überflüssig zu erzählen, wie sich diese erneuerte Bekanntschaft fortspann. Theils ist dergleichen bekannt und wie gewöhnlich, theils weiß ich jetzt nichts mehr davon. Es war zu gleichgültig, zu unbedeutend um nicht vor dem, was darauf folgte, zu verschwinden. Wer nur den klaren, goldenen Tag will und er hat ihn voll und licht zu Häupten, was wird der daran denken, ob der frühe Morgen auch schon so klar war, oder ob die Wolken ihn beschatteten, oder ob's gar regnete! Was hat das mit seinem Wunsch, mit seinem Glück zu thun? Ich erinnere mich einzig daran, daß ich in jenen Tagen entsetzlich viel Blumen brauchte, daß ich nothwendig selbst und eigenhändig die Blüthen aus den Cartons aussuchen und mir zusammenstellen, und daß sie dann ebenso nothwendig dieselben zusammendrehen oder binden mußte. Denn es geschah bei ihr im Hause; im Laden konnte ich niemals finden, was ich wünschte. Nur sie hatte es. – Beiläufig gesagt, sie war wirklich ein Genie in dieser zierlichen Kunst, das merkte nicht ich allein, das erkannte sogar die »Madame« an. – Bei diesem Aussuchen und Zusammenstellen führten wir dann die ehrbarsten Gespräche von der Welt, über ihre Kunst, über Botanik, kurz nur über zur Sache Gehöriges. Ging ich am Morgen zufällig vorbei, – und das geschah merkwürdigerweise ziemlich häufig, obgleich ich in jener Gegend sonst niemand kannte und nichts zu suchen hatte, – sah ich ihr munteres Gesicht, das goldene Haar am grünumrankten kleinen Fenster, – husch war ich hinein. »Ach Mamsell Lisette, Sie verzeihen mir wohl, daß ich so früh komme. Ich bedarf aber leider ein Bouquet von Stiefmütterchen und Jelängerjelieber. Sie haben gewiß noch von diesen Blumen.« – »Ich glaube fast, Herr Franz, es wird noch davon da sein. Wollen Sie sich nur selbst aussuchen? Ich bin ein wenig pressirt heut Morgen. Im grauen Carton und in dem mit dem gelben Schilde.« Und da saßen wir dann am kleinen Fenster, zu beiden Seiten ihres Tischchens, sie mit ihren Blumen eifrig beschäftigt, ich mit der Pappschachtel auf den Knien, kramend und zusammenstellend, fragend und plaudernd. Wenn sie dann einmal aufsah, die Hände mit Gummipinsel und Scheere auf dem Tisch ruhen ließ und so innig, herzlich über dies und das, über meine Einfälle und Geschichten lachte, wie war sie allerliebst! Oder wenn sie einmal aufstand, um sich das eine oder andere Requisit zu ihrer Arbeit herbeizuholen, wenn sie dann zufällig meine Mappe erblickte, um Erlaubniß fragte, sich niederhockte, sie öffnete und mit großen Augen, mit lustigem Gelächter die Collegienhefte, die fremden Buchstaben betrachtete und sich komisch Mühe gab, sie zu entziffern, – wie war das alles so zierlich und anmuthig! Und die Sonne des Wintertags fiel durch die verbrannten Scheiben, durch die Myrthen, den Epheu und das Rosenstöckchen klar auf das liebliche Gesicht, in das einfache, reinlich weiße Stübchen, auf die ärmlichen und doch saubern und blanken Möbel, – das bunte Kätzchen spann in gemüthlicher Beschaulichkeit am kleinen, eisernen Ofen, der Kanarienvogel spectakelte in seinem dicht umgrünten und umrankten Bauer oben am Fensterkreuz. Das hab' ich alles so oft gesehn, daß ich es jetzt, wo ich nur davon schreibe, noch einmal vor mir zu haben glaube. Ich halte die Hand vor die Augen. Denn ist es der klare Tag, der mich blendet, oder ist es nur der Widerschein jener sonnenklaren lieben Zeit, – sie schmerzen mich nicht wenig. Und ich schüttle still den Kopf. Es ist doch schon so lange vorüber. Als die Weihnacht da war, kam ich täglich in das kleine Haus; wenn sie daheim war, oft schon morgens auf ein Stündchen: war sie im Laden beschäftigt, was zwei oder dreimal wöchentlich zu geschehen pflegte, so holte ich sie Abends um sechs Uhr heimlich ab, blieb dann dort und theilte das leichte Abendessen. Dabei war dann meistentheils die alte Besitzerin des Hauses, eine ehrbare, freundliche Matrone. Dann gab es Lust und Ausgelassenheit und Vergnügen genug. Das war ein Necken und Singen, ein Lachen und Tollen, ein unsinnig Schwatzen und ernsthaft Plaudern. An Zanken dachten wir nicht, und von Sorge und Qual wußten wir nicht, ob dergleichen in der Welt überhaupt existire. Hatte ich es geahnt, daß wir mit einander bekannter sein, daß mir so mit einander verkehren würden? Ich glaube wirklich, daß das menschliche Herz zuweilen einen gewissen Instinct hat von dem, was es dereinst tiefer durchdringen, ganz und gar erfüllen wird. Ich hatte von vorn herein nicht ein Wort über Lisette gesprochen, ich hatte gegen niemand dieser Bekanntschaft erwähnt, selbst Alsing hatte ich nicht über ihre Wiederfindung geschrieben, obgleich es ihn doch interessiren mußte und ich sonst nie ein Geheimniß vor ihm zu haben gewohnt war. Aber von bewußter Absicht war sicher nichts dabei. Wir verbargen unsern Umgang keinem Menschen, denn es war gar nichts Uebles darin; aber eben, weil wir so frei und ungenirt waren, blieb er doch still und heimlich, und Keiner beachtete oder ahnte ihn. Und als es Weihnacht war, nannten wir uns du, und wir liebten uns herzlich, ohne daß davon jemals die Rede zwischen uns gewesen wäre. Und am Sonntag Abend, wenn der Wächter die zehnte Stunde abrief, wenn ich ging und sie mir und der Alten, die dann auch ihre Kammer aufsuchte, hinausleuchtete, dann bekam ich wohl, wenn sie mich die ganze Woche hindurch artig befunden, einen flüchtigen, leisen, schämigen Kuß. Ja es war etwas Wundersames um diese Liebe. Sie brachte uns so wenig und sie beglückte uns doch so sehr. Von Liebe ward, wie gesagt, nie zwischen uns verhandelt, auf die Zukunft kein einziger Plan gebaut. Daß ich zu Ostern hinfort müßte, um vielleicht niemals wieder zu kehren, daß also unser Verkehr unsere Neigung, unsere Liebe meinethalben, keine Zukunft hätten, wußte sie so gut, wie ich selbst. Hatt' ich doch selber keine Zukunft vor mir, in der von Tändeln, Liebe und Glück die Rede sein konnte! Ich hatt' es ihr nie verborgen und sie hatte nie ein Wort dagegen gesagt. Und dennoch wußten wir nichts von Quälerei und Sorge, nichts von Angst und Schmerz. Wir kannten nur Luft und Heiterkeit, wir waren glückselig, und glückselig und gedankenlos lebten wir in die Zeit hinein. Das ist freilich gar nicht klug, nicht vernünftig, nicht motivirt, sondern sehr thöricht, ich weiß das sehr gut. Allein darnach fragt ein junges, heißes Herz auch durchaus nicht. Das ist wie es ist, und fühlt wie es fühlt. Und wenn euch Jemand eine erdachte Geschichte gibt, was man einen Roman nennt, oder eine Novelle, und er euch darin ein junges, liebendes Herz vordemonstrirt und es lieben, schlagen und fühlen läßt, recht zierlich, recht folgerichtig, recht bedacht und ganz und gar motivirt, so deshalb und so um jenes willen, – der, versichere ich euch, hat alle Tage seines Lebens nichts von einem solchen heißen jungen Dinge und seinem unbedächtigen Treiben gewußt, sonst würde er euch ein bischen weniger Kunst und ein wenig mehr Natur geben. Mich fragte mein Kopf dazumal hin und wider: aber du Menschenkind, was soll denn herauskommen bei all diesen Tollheiten? Und mein Herz antwortete ganz vernehmlich: laß mich doch. Ich glaube jetzt einmal, das dort sei die Sonne. Was nützt es, mir zu beweisen, daß es am Ende nur eine Kerzenflamme ist? Laß mich dumm, toll und blind sein. Hab' ich doch mein Glück daran, mag es auch so schnell vorüber sein, wie es will! – Und da zog sich der Kopf dann brummend zurück. Und das war eben das Seltsame in dieser Liebesgeschichte und das ganz Eigenthümliche derselben. Der Kopf hatte leider nichts damit zu thun und stand klar darüber, wenn das Herz auch noch nicht auf sein Predigen hörte. Und darum war es auch nicht die Liebe, die acht strahlende, die flammend wahre. Denn bei der sind Kopf und Herz gleich betheiligt und der Kopf weiß nicht, ob das Herz in ihm, oder ob er im Herzen sitzt. So war es hier nicht, aber es war doch ein prächtiges, herziges Gefühl. Und sie, Lisette? Ihr hättet sie kennen, oder nur einmal sie sehen und hören sollen! Sie war nur eine arme Blumenarbeiterin, und keineswegs, was man gebildet nennt, und ich weiß zwanzig Leute, die über sie und meine ganz unpassende Neigung zu ihr, die Nasen rümpfen und es unverzeihlich finden, daß ich mich so weggeworfen. Aber beim allmächtigen Gott, dies arme, junge Kind wog zwanzig der gezierten und verzierten und verbildeten Puppen auf, welche uns die Welt als seine Damen hinstellt! Sie wußte nichts von unseren Romanen und Novellen, sie schrieb nur kümmerlich und gar nicht richtig, sie las zwar fließend, aber mit falscher Betonung, sie sprach nur den Dialekt jener Gegenden in seiner ganzen Eigenthümlichkeit und Naivetät. In ihrer Rede waren weder prächtige Gedanken, noch hochtönende Phrasen, von der Musik verstand sie nur das, was ihr die Natur mitgegeben. Sie hatte ein recht gutes Gehör und sang mit ihrer zwar schwachen und einfachen, aber vollkommen sanften und melodiösen Stimme all' die reizenden, melancholischen Volkslieder, die dort unter dem Volke noch wirklich bekannt und beliebt sind. Kurz, ihre Kenntnisse waren unendlich gering und beschränkten sich fast nur auf Lesen und Schreiben und auf die Kunst, Blumen zu machen. Aber weil sie immer in der Natur und mit derselben gelebt hatte, war ihr Wissen unglaublich groß. Tausenderlei wußte und kannte sie, was wir mit Studien und aus Büchern mühsam und oft falsch erfahren. Sie hatte keine Ader von Sentimentalität, aber eine Fülle von Gutmüthigkeit, Theilnahme und Gefühl. Keck und fröhlich war sie, aber nicht wild; neckisch und ein bischen kokett, aber nie geziert. Und ihr hättet sie sehen sollen, wenn wir nun Abends beisammen waren, wenn ihre bestellten Arbeiten vollendet und sie dann für sich und mich frei war. Diese Nettigkeit und Geschäftigkeit, womit sie alles in Ordnung brachte, dieser goldene Uebermuth, mit dem sie neckisch die schönste Ordnung wieder zerstörte! Da flatterte sie hin und trug sich Arbeitszeug zusammen, denn sie arbeitete und studirte viel für sich, da leimte sie ihre Blumen mit wundervollster Gravität, mit äußerster Sauberkeit und scheuchte – wie ernsthaft-komisch! – meine Unterbrechungen zurück. Dann fährt sie wieder vom Stuhl, um mir einen Strauß in's Knopfloch zu stecken, der Alten Haube mit einem Kranz zu umflechten. Oder die Katze wird unter ausgelassenem Lachen bekränzt und bebändert und wir wollen uns schier zu Tode lachen, wenn das Thier sich dreht und windet, die tollsten Sätze, die unglaublichsten Anstrengungen macht, des ungewohnten und unbequemen Schmucks ledig zu werden. Oder sie tanzt im Zimmer umher und singt sich dazu einen Ländler; oder sie hockt vor dem Ofen und bereitet zierlich bedächtig das frugale Abendessen. Wieder springt sie auf und zu mir und schmiegt sich mir auf dem Knie zusammen und sieht mir in's Buch, wenn ich vorlese, und lauscht jubelnd oder betrübt den seltsamen Historien vom Ritter von Lusignan und seiner schönen Fee, von den Haimonskindern, vom Fortunat und dem ganzen Anhang dieser wunderbaren, einfachen Geschichtchen. Da lehnt sie auch einmal ermüdet das goldige Köpfchen an meine Brust, bis ein neuer lustiger Einfall sie emportreibt. Und dann dies lustige, gemüthliche Plaudern! Und das alles mit der anmuthigsten Zierlichkeit, mit hinreißender Grazie, und doch wieder so ganz natürlich, so frisch, so durchaus unbewußt! Was sie thut und was sie sagt, es ist kaum jemals etwas Neues und Besonderes, aber es ist immer frühlingsfrisch und rein und gut. So ist Lisette. Und da fällt mir das »ist« mit Centnerschwere auf's Herz. Wenn man von einer Zeit spricht, die man einmal so ganz und so willig, so glückselig in sich aufgenommen hat, wie ich die damalige, da passirt es wohl, daß sie auch jetzt uns wieder fortreißt, und uns daran denken und davon reden läßt, als sei alles noch wirklich, lebendig und gegenwärtig, was längst vorüber ist. Ja, so sah ich eben das Damals vor mir und so sah ich auch sie, die zauberhaft lieblich darin lebte und webte. Nun bin ich freilich bereits wieder hell wach, nun weiß ich wohl, was war und was ist, nun fühl' ich es tief, wie übel solch' ein Träumen, wie herb das darauf folgende Erwachen ist. Aber ich will euch meine Geschichte weiter erzählen. Das alles ging also den Winter über so fort und ich wüßte davon nichts zu berichten. Dergleichen erlebt mancher einmal. Für ihn und in der Gegenwart ist es schön, beglückend und süß, für Andere und in der Vergangenheit erscheint es ziemlich gewöhnlich, sehr einfach, sehr unbedeutend. Das geht oft so im Leben. – Genug, uns entfloß ein Tag wie der andere in Jubel und Lust; keine äußere Störung, keine innerliche Ungehörigkeit unterbrach diesen einzigen Genuß. So kam der zwei und zwanzigste April heran, an dem ich abreisen mußte. Abends, den zwanzigsten, war ich in jener freundlichen Familie, von der ich vorhin gesprochen, auf Antoinetten's Verlobung mit einem angenehmen Mann, den ich ihr und dem ich sie herzlich gönnte. Sie leben, schon lange verheirathet, zufrieden und glücklich, und ich zähle sie zu meinen besten Freunden. Meine kleine Freundin wußte, daß und wann ich reisen wollte, aber sie war und blieb wunderlich gefaßt. Noch am Tage vorher sagte sie zu mir: »Hör', Franz, – ich sehe dich nun heut Abend nicht mehr; da mußt du mir versprechen, morgen Nachmittag recht zeitig zu kommen. Da haben wir doch noch viele gute Stunden vor uns. Willst du?« – »Gewiß, Lisette, zweifelst du daran?« fragte ich und zog sie auf meinen Schooß. – »Nein doch! Aber ich wollt' es doch von dir hören!« sprach sie lächelnd und strich mir mit der Hand über's Gesicht und sprang auf und lustig zu ihrer Arbeit. Als ich nun am ein und zwanzigsten, – am folgenden Tage ging morgens fünf Uhr bereits die Post, – Nachmittags gegen vier Uhr alles gepackt und in Ordnung gebracht hatte, was sich in Jahresfrist um und an uns zu hängen pflegt, und zu ihr kam, fand ich sie noch immer wie gewöhnlich, lustig und beweglich, und sie blieb auch so. Nur bisweilen stand sie einen Augenblick wie sinnend, sah auf mich, sah sich um, als sei etwas hinter ihr, was sie erschrecke, fuhr dann aber wieder desto lebhafter auf und umher. Endlich gegen acht Uhr, als sie die Lampe angezündet hatte und das Abendbrot zusammenkramte, ließ sie plötzlich alles stehn und liegen, trat zu mir und hastig sprach sie: »Franz!« – Ich fuhr unwillkürlich jäh auf, denn meine Augen waren träumerisch ihrem Treiben gefolgt, und ihr Wesen war so eigenthümlich starr, ihre Stimme so seltsam rauh, daß ich beinah erschrack. »Franz,« sagte sie nochmals, »hast du daheim noch irgend etwas zu thun?« – »Nein,« versetzte ich. – »Sind deine Sachen alle bereits zur Post?« – »Ja.« – »Geh' nach Haus und nimm Abschied von deinen Wirthsleuten, geh' zur Post und bestell', daß du hier auf der Ecke einsteigen willst.« – »Lisette!« rief ich. – »Franz!« Und ihre Stimme klang fast drohend, obgleich sie sich zu mir gebeugt hatte, die Hände auf meine Schulter gelegt, und nur flüsterte: »Wir bleiben zusammen heute Nacht. Du kannst schlafen dort im Lehnstuhl. Schlafe! Ich will dich aber sehn bis du gehst. Lieber Franz! Thust du's? Bitte, bitte!« Schweigend ging ich, wie sie es wollte, und kehrte nach schneller Besorgung meiner letzten Angelegenheiten bald zurück. Sie war jetzt wieder – aber wie lustig! und drängte mich zum Essen. »Denn ich weiß, es schmeckt dir hier bei mir doch gut!« sagte sie. – »Ja,« meinte die Alte, die auch dabei war, »wo werden Sie morgen Abend um diese Zeit essen, Herr Franz? Das ist schon näher zu den lieben Eltern und viel weit von hier.« Da schlug sie die kleine Schürze vor's Gesicht, sprang auf, stampfte gleichsam unwillig mit dem Fuß auf den Boden und schluchzte krampfhaft. Das war doch recht gut, denn diese unnatürliche Fassung des jungen Wesens ängstigte mich; ich wußte ja, daß und wie sie für mich fühlte. Aber fünf Minuten darauf lachte sie bereits wieder. So ging es fort bis zehn Uhr, wo die Alte uns nach herzlichem Abschied verließ. Lisette hatte ihr hinausgeleuchtet; als sie zurück kam, setzte sie die Lampe auf den Tisch und trat zu mir. »Bitte, bitte!« sagte sie, »nun setz' dich dort in den Lehnstuhl, recht nah am Ofen, recht bequem, und schlafe. Hörst du, Lieber? Du bedarfst dessen.« – »Und du, Lisette?« fragte ich und faßte ihre heißen Hände und zog sie leise zu mir. Auf ihren Wangen brannte ein fieberhaftes, scharfgezeichnetes Roth, welches ich niemals früher an ihr bemerkt hatte, und ihre Augen lagen krankhaft tief und leuchteten seltsam. – »Ich?« versetzte sie mit leichtwegwerfendem Tone und einem schwachen Versuch zu lächeln, – »o ich! Ich setze mich hier und arbeite, denn ich habe noch zu thun, und ich seh' dich an zuweilen. Ich habe kein Recht an dich!« fuhr sie immer eifriger fort. »Du hast mich nie getäuscht und hast mir nie was vorgelogen. Ich hab' kein einziges Recht. Und wenn du fort bist, bist du fort, ewig! Und ich sehe dich nie wieder, nie! Und du hast mich lieb, das weiß ich, du hast mich lieb. Aber weg mußt du doch, wir müssen auseinander, o Franz. Und du bleibst nur noch so kurze, kurze Zeit. Und kein Recht hab' ich. Aber ich will dich sehn, Franz, siehst du, dich sehn will ich! Denn ich habe dich lieb, du, – ich habe dich sehr lieb, – weißt du! Und ich will dich sehn, Franz, o nur sehn, sehn!« Und damit fällt sie mir um den Hals und legt ihre Stirn gegen die meine und sieht mir in die Augen, so tief, so heiß, so lange, und läßt das Köpfchen auf meine Brust sinken und bricht in leidenschaftliches Weinen aus. Dann fährt sie wieder auf und faßt meinen Kopf zwischen ihre glühenden Hände und bedeckt mich unter gramvollen Thränen mit kummervollen Küssen, mit schluchzendem Stammeln, mit herzzerreißender Zärtlichkeit. Und ich? Meint ihr, daß ich das alles still und starr hingenommen, daß ich kalt und gefaßt geblieben sei? O, ich war auch jung, ich war auch heiß, ich war auch traurig. Sie mußte von mir und ich mußte von ihr. Wir theilten gleich. Es dauerte wohl eine geraume Zeit, bis sich das alles in uns stillte und einigermaßen ordnete. Das war denn der Anfang der Nacht, die nun selbst begann. Aber das war eine Nacht! Und lebt' ich tausend Jahr, diese Nacht vergeß' ich nie und nimmer. Und Gott gebe mir, was er will, Leid und Freude, Gram und Lust, Kummer und Glück, Unglück und Segen, – ich will nicht murren und nicht wanken, ich bin der Mann dazu, alles das zu tragen. Aber eine solche Nacht geb' er mir nicht wieder. Ich bin nicht feig, allein, das waren Stunden, die den Körper ohnmächtig machen und Geist und Seele aus ihren Fugen gehen lassen. Da stürzt sie hin, da stürzen ihre Thränen, da schluchzt und stammelt sie, wird still, kalt, wie ohnmächtig, wie todt, – da schnellt sie wieder empor, da eilt sie zu mir daher, da umklammert sie mich, starrt mir wie wahnsinnig in's Gesicht, in die Augen. »Bist du auch noch da? Franz, bist du's wirklich und wahrhaftig? O Gott! O Gott! Kommt der Wagen schon? Ist es denn möglich? O Franz, lieber, lieber, lieber Franz! Ich lasse dich nicht!« Dann wieder, von mir überredet, legt sie sich auf's Bett, um zu ruhen, zu schlafen. Aber der Schlaf kommt nicht, die Ruh' ist weit fort, alle Rast ist unmöglich; sie will mich sehn, mich halten, mich berühren. Sie springt auf, sie wandert unermüdlich durch's Zimmer, sie umfaßt mich, sie zieht mich mit, sie sinkt mir halb todt in die Arme. Aber mit krampfhafter Energie reißt sie sich empor, denn wir haben nicht eine Minute der knappen Zeit zu verlieren. Wir haben uns ja noch so viel, so viel zu sagen, wir scheiden ja für's ganze Leben. »Schreiben sollst du mir nicht!« sagt sie. – »Hörst du? Nicht schreiben. Wenn ich deine Buchstaben sehen müßte und dein Papier, darauf hat deine Hand gelegen, – und du sprichst zu mir und bist doch so Himmel – himmelfern – o Franz, dann weint' ich mir die Augen aus und das Herz bräche mir mitten auseinander.« Und damit weint sie laut auf, schluchzt und stammelt, und mit einemmal spricht sie wieder von andern Dingen und ein hastiges, tolles Lachen verdrängt den Schmerz auf einen Moment. Ich wollte wohl stark und kräftig sein, aber das alles brach meine Kraft. Als sie wieder einen Augenblick ruhte, ließ ich mich in den Lehnstuhl fallen, schlug die Hände vor's Gesicht und weinte bitterlich und erstickte schier an meinem Schluchzen, da sie es nicht hören sollte. Aber sie hörte es doch, sie stürzte vom Lager zu mir her, sie riß mir die Hände weg, sie hielt sie und stürzte vor mir in die Knie. »Franz,« sagte sie, »um Gottes Barmherzigkeit willen, hör' auf zu weinen und faß dich! Wenn das auch noch kommt, ist's mit mir aus. Wenn ich mich nicht mehr an dir aufrecht erhalten, mich nicht mehr auf dich stützen kann, werd' ich wahnsinnig. Hörst du?« – »Ich kann und kann nicht!« rief ich. »Es ist zu viel! Ich kann mich nicht mehr halten, wenn ich dich so sehe, wenn ich so bald von dir muß!« – »Franz!« sprach sie wieder, mit jenem seltsamen, heiseren Ton, – »ich seh' das ein! Aber du darfst nicht so sein. Nein, nein! Ich versprech' dir, liebster Franz, ich will jetzt auch ganz ruhig, ganz vernünftig, ganz still werden. Du wirst sehn. Die Lisette ist ja ein gutes, gehorsames, lustiges Kind. Nicht wahr? Das hast du mir so oft gesagt.« Und da fing sie von diesem und dem an zu reden, was ihr gerade in den Sinn kam, band mir noch ein kleines Bouquet zusammen als Andenken, setzte sich mir auf den Schooß und legte das Köpfchen still an meine Brust. Und ihre Hände zitterten und zuweilen durchbebte sie solch' ein Schauer, daß ihre Zähne hörbar aufeinander schlugen. Wie lange das währte, weiß ich nicht. Aber als es zu dämmern begann, als der Vogel am Fenster, von all' dem Lärm munter gemacht, einige Töne hören ließ, da fuhr sie auf und stand wie gebannt. »Hörst du das, Franz? Er singt dir sein Abschiedslied. Ja Vogel, singe du nur. Er geht nun doch und du siehst dich umsonst nach ihm um. Er hat dir Futter gegeben und dich gebadet, mit dir gespielt. Er ist weg und du siehst ihn nicht. O wie einsam, einsam, einsam! Ja es wird schon hell, schon hell! Und er muß weg, der Franz! Und wir sind allein, Hans, allein! Weißt du das auch?« Und da fällt sie mir wieder um den Hals, umklammert mich wieder mit unsäglichen Thränen, mit gramvoller Zärtlichkeit. So ging es fort, immerzu, die ganze, lange und doch so kurze Nacht. Und es ward hell. Und der Postwagen kam, er hielt auf der Ecke, das Horn mahnte und rief. Und wie ich hineingekommen, weiß ich nicht. Nur ein herzzerreißender Schrei hallte noch in meinen Ohren und wie durch einen Nebel sah ich die Alte um das ohnmächtige Kind beschäftigt. Das war die letzte Nacht. Ich konnte ihr nichts versprechen, ich hatte ihr nichts zu halten. Schreiben sollte ich nicht. Erkundigen wollte ich mich auch nicht, denn sie hatte recht, es war mit dem einmaligen Abschied schon übergenug. Als ich zwei Jahre später meine Sehnsucht nicht länger unterdrücken konnte und hinüberreiste, mit dem Entschlusse, sie wiederzusehen, entstehe auch daraus was da wolle, wohnten in dem kleinen Hause andere, fremde Leute; die Alte war todt, von der Kleinen wußten sie nichts. Die Besitzerin des Blumenladens sagte mir endlich, die Lisette sei brustkrank geworden, wie das bei dem Geschäft öfters passire; darauf sei sie nach L. zurückgekehrt. In L. war der Traubenwirth gestorben und seine Frau, die das Geschäft fortsetzte, erzählte: die Kleine sei schwindsüchtig zurückgekommen, habe viel an mich gedacht, mir, wenn ich jemals wiederkäme, ihre Bibel vermacht, in der sie viel gelesen, und im vorigen Herbste habe sie ein seliges Ende genommen. Auf dem kleinen Kirchhof, nahe an der Kapelle und fast in einer Laube von Epheuranken, die von dem alten Gemäuer lustig herabnicken, steht eine weiß angestrichene, hölzerne Tafel mit eingeschnittenen, sauber vergoldeten Buchstaben äußerst zierlich. Und es heißt darauf: »Hier ruht der sterbliche Leib der Jungfrau Lisette Josephine H., geboren den 13. Mai 1824, gestorben den 19. October 1843. Gott nehme ihre Seele in seinen Frieden.« Und auf der Rückseite der schöne Spruch aus der Offenbarung Johannis, den sie selber sich ausgewählt hat: »Fürchte dich vor der keinem, das du leiden wirst. Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.« So bin ich denn still wieder weggegangen. Von ihr hab' ich ihre Bibel, wo fast Seite für Seite irgend ein Vers mit einem Nagelstrich bezeichnet ist. Von ihr hab' ich noch ein kleines Bouquet von Rosen und Reseda, das sie mir einmal zum Andenken an den Anfang unserer Bekanntschaft lachend zusammenstellte. Das andere aus der Abschiedsnacht hab' ich damals dort bei ihr liegen lassen. Und dann hab' ich von ihr die Erinnerung, die unauslöschlich ist. Und wenn ich die Blumen vor mir habe, seh' ich an den Stengeln noch immer ihre Hände, die so zierlich damit umgingen, und in den feinen Rosenblättern liegt ihr liebes, liebes Köpfchen so traulich, so innig geschmiegt. Und ich betrachte das oft und still, und die alte Zeit zieht schweigsam, klar und deutlich an mir vorüber. Das ist nun die Geschichte, die so ganz einfach ist und die ich doch niemals los werden kann. Ja, ja, Lisette! Ich habe dich herzinnig geliebt, so sehr, so gar sehr! Grüße dich Gott, du mein süßes Kind, tausendmal! Mit dir begann und endete ein gutes Stück meines Lebens, und es liegt bei dir, und mir fehlt es ewig und überall. Grüße dich Gott, Lisette!