Meinrad Lienert Der doppelte Matthias und seine Töchter Roman 1 Es war aber ein Hirte kleinen Wuchses aber aufrechten Hauptes und mit umtunlichen Augen und Armen und flott ausrückenden kurzen Beinen. So gering das Männchen auf einer Wage sein mochte, so scheinig und gewichtig kam es dennoch jedermann vor, denn der kleine Bergbauer vertat und verlegte die Arme als wäre er vom Herrgott beauftragt, am jüngsten Tage die Berge übereinanderzuwerfen und als täte er sich nun lebenslang wacker drauf einüben. Wenn er so das Land ausging, seine Hakennase hoch und die Augen angriffig drüber hinweg wie Falken und so breittuend als lasse ihm die Welt nicht Ellbogenweite genug, mußten die Leute und gar die Fremden, diesem Kleinen nur so nachschauen. Donnerwetter, mochten sie denken, was für ein Stehaufmanderl, der muß sich was einbilden. Aber auch wenn er hinterm Tisch war, mußte man verwundert auf ihn schauen; es schien dann, als sitze man einem gewaltigen Mann gegenüber. Und immer wieder rissen die Leute, die ihn nicht kannten, überrascht die Augen auf, wenn sich der Goliath hinterm Tisch hervormachte und sich nun auf einmal in ein kurzgestumpftes Männlein verwandelte. Doch wenn er so landskräftig zielsicher davonschritt, begann er rasch wieder in aller Augen zu wachsen und dann dachte jedermann: Es muß doch etwas riesenmäßiges an ihm sein. Diesen kurzgeratenen Hirten, der auf seinem Berggut ob Erlenstalden auf der Ruchegg saß, nannte man landauf und ab den doppelten Matthias. Und er trug den Übernamen stolz und gradauf wie einen Herrschermantel mit zweifachem Hermelinbesatz, obwohl es ein Neckname sein sollte. Nämlich, sein Pate über den Bergen, dem Glarnerland zu, ein eifriger Bibelleser, der sich in den Ruhm des tapfern Hohenpriesters und Vorläufers der Späthelden in Israel, der Makkabäer, völlig verloren und vernarrt hatte, gab dem Rucheggbüblein in der Taufe jenes hohenpriesterlichen Mannes Name Matthathias. Alttestamentliche Namen waren ja in seinem Bergland ein altgewohntes. Aber hier tat er es noch in der festen Zuversicht, es müsse aus dem unansehnlichen Alpenpflänzlein, das von einem hochstämmigen Elternpaare herkam, ein Riese aufgehen, der wie Saul, der König der Judenheit, alle andern Leute um Haupteslänge schlagen und überragen werde. Aber als nun dieser Matthathias Stump nach Jahr und Tag zu seinem Paten über die Berge zu Besuch erschien, war der Alte völlig paff, es verschlug's ihm, denn statt einem Riesen, wie er ihn doch erwartet hatte, kam ihm ein sechzehnjähriges nichtsiges Bürschlein ins Haus. Da hatte er sich mit dem Taufnamen doch wohl gewaltig geirrt. Als er jedoch den kurzgewachsenen Matthathias sich ein paar Tage hindurch in Haus und Feld umtun sah, erholte er sich nicht nur von seinem anfänglichen Schrecken, sondern er sagte eines Abends laut zu seiner Frau: »Gott sei Dank, Alte, nun hat der Topf doch noch den richtigen Deckel bekommen. Schau nur hin, wie dieser kleine Matthathias aufzieht, wie ein achtspänniger Schneepflug und wie er alles angreift und an seinen Platz stellt. Hat nicht dieser kurzgestumpfte Feger trotz seiner großen Jugend, gestern neben dem Knecht schon eine Heubürde aufgenommen und so leicht über die lange Leiter auf die Stalldiele getragen, als wolle er uns damit davonlaufen. Und die Herdholzwellen wirft er herum, daß es einem ist, er spiele Ball mit ihnen. Ja freilich, auf den ersten Anschein ist er wohl klein, aber« . . . »Aber,« kam's hinterm Ofen hervor, wohin sich der junge Matthathias nach Betglockenläuten unvermerkt aufs Stieglein gehöckt hatte, »aber falls ich etwas nicht zu erlangen vermag, Götti, so hab ich bald den Stuhl unter mir, der mir hinauf hilft.« Da hatte sein Pate über den Bergen eins aufgelacht und gesagt: »Matthathias, nun hab' ich um dich keinen Kummer; du wirst deinen Namen, trotz deinen kurzen Beinen, nicht zuschanden werden lassen.« Als nun der Matthathias Stump ausreifte und in die Mannsjahre kam, zeigte es sich, daß er ein zählebiger, wehrhafter Bursche, ja, ein ganzer Mann auf kurzen Beinen geworden war, der sich vor nichts und niemand fürchtete und der immer wieder aufstand, wie ein harthölzerner König im Kegelring, so oft ihm auch das Leben ein Bein stellte und ihn zu Fall brachte. So kam er zu guten Jahren und einem gefreuten Heimwesen. Und je älter er ward, desto aufrechter schien er sich zu tragen, also daß die Leute sagten, es sei ihnen alleweil, dieser kleine Herrgottsdonner, der doppelte Matthias, sei das wüchsigste was es geben könne. Es wolle einem vorkommen, wenn man ihn so gradauf ausrücken sehe, er wachse in einem fort und eines Tages werde doch noch ein Riese aus ihm. Man konnte es ihm freilich schon von weitem ansehen, daß er sich keineswegs zu den Geringen zählte. Wenn er sich nicht auf seinem Heim umtat, wenn er zu Tal oder sonstwohin gehen mußte, so trug er statt des weißen Hirtenhemdes, einen grauen doppeltgestrickten Lismerkittel und darüber einen Filzhut, der das ganze Männlein überdeckte, wie ein Schutzdach, das vorn und hinten über eine Schirmhütte hereinhängt. Und wenn er so seinen Weg schritt und etwa unversehens um eine Ecke kam, sah man immer wieder, unwillkürlich, auf seinen gewaltigen Hut und ob nicht eine Fahne drüber hinwegflattere. Doch der Stump hielt seinen Kopf widerständig, ja angriffig gradaus und kümmerte sich um nichts. Also war er ein Eigener im Land, »denn wenn dieser doppelte Matthias nicht ein Eigener wäre,« sagten die Weiber: »so hätte er doch wie andere und unsere Mannsvölker alle, einen stinkigen, ewig rauchenden Knebel im Maul hängen, aber nein, nicht einmal rauchen tut er.« Als ihm seine Frau das aber in jüngern Jahren einmal vorhielt, antwortete er ihr: »Hör' doch nicht auf die Leute, Zischge. Ja, da hätte einer zu tun, wenn er's allen recht machen wollte, denn so viel Leute, so viel Richter. Wegen was soll ich rauchen? Zum ersten bin ich kein kleines Kind mehr, daß ich einen Schnuller brauchte und zum andern aber auch kein Herdloch, das alleweil rauchen muß. Es hat mich schon gelächert als ich ledig war, wenn ich hab' sehen müssen, wie meine halbgewachsenen Talgenossen sich auf Leben und Sterben an ihren Pfeifchen festgehalten und aufgerichtet und getrachtet haben, sich dran allmählich mannhaft erscheinen zu lassen. Das brauch ich aber nicht, das gibt's bei mir nicht. Muß ich was im Maule haben, so tut's ein Grashalm oder ein Weißdornzweiglein auch. Hingegen ich kann es ohne machen und das Maul soll nicht meinen, ich frage ihm etwas danach. Manns genug auch ohne Pfeife. Und zudem, Frau, nimm das Buch nur ab der Kommode und schau nach! Schau nach in der alten schönen Bibel, die mir der Pate selig über den Bergen einst gegeben hat. Du findest das ganze alte Testament wohl voll Weihrauchfässer, aber keinen Menschen der geraucht hätte. Nicht einmal der Absolom, der Querschädel, geschweige mein Namenspatron, der Hohepriester Matthathias.« Es wunderte die Leute auch, ja, es ärgerte sie fast, daß der kleine Stump alles was er tat so offenkundig tat und daß er in nichts hinterrücksig sein wollte und sogar keinen Gebrauch von der Maske machte, die einem doch von Generation zu Generation und alleweil vervollkommneter todsicher vererbt wird, auch wenn man sonst nichts bekommt. Sogar wenn er nach einem Schnäpslein gelüstig war, befahl er's und trank er's allüberall, zu Berg und Tal, selbst vor den Herrenleuten im Wirtshaus. So ein eigener war er, daß er alles offen tat vor Tag und Welt. Also war der Matthathias Stump und nichts vermochte ihn zu bodigen, so kurzbeinig er auch war. Und obwohl er, bei all seiner gutgründigen Frommheit, für die Christenheit im besondern nicht zu Felde zog mit: »Gott will es« und Kreuz und Fahnen, tat er für sie doch ein Großes, denn er hatte der Welt nicht weniger als fünf gesunde Töchter von fast mannhafter Kraft und Angriffigkeit angeschafft. Also daß alle Welt immer wieder verwundert aufschaute, wenn der kleine Berghirte mit seinen großgewachsenen und wie ihr Vater festauftretenden Töchtern von der Ruchegg herab Sonntags nach Erlenstalden zur Kirche kamen. »Hab' ich's nicht gesagt,« raunte bei einem solchen Anlasse der Rickentaler Hornputzer dem Erlenveri zu, »dieser doppelte Matthias werde noch einmal aufgehen und ausschießen? Schau seine Jungwar an! Fünffach hat der Herrgottsdonner nun ausgeschlagen und lauter stämmiges, gutgewachsenes Holz.« – »Freilich,« gab da der andere zurück, »aber wie der alte, rauhhölzig und vielästig.« – »So oder so,« meinte der Hornputzer, »schau sie an, wie sie daherkommen. Sapperlot, ist das Weibervolk!« Kurzum, der kleine Hirte auf der Ruchegg, hatte der bergländischen Christenheit fünf Töchter gegeben und es sah grad aus, als hätte er ihr fünf neue Säulen untergezogen. Und in Wahrheit war er ein Besonderer. Von seinem Paten selig über den Bergen, dem Glarnerland zu, hatte er eine schwere silberne Uhrkette, mit allerlei Zierart dran geerbt, aber auch noch, und das hatte ihn damals noch fast mehr gefreut, ein schweres Buch mit kupferfarbigen Vollbildern, eine Bibel, und zwar das ganze alte Testament, worin die Geschichte von Himmel und Hölle von allem Anfang an gedruckt stand und das gar noch in zwei Sprachen, von denen er freilich nur die Hochdeutsche zu lesen vermochte. Über diesem heiligen Buch nun hockte der junge Matthathias Stump gar manchen Abend, aber fast jeden Sonntag nachmittag, und der alte alsdann noch mehr. So war's gekommen, was der Pate vielleicht beabsichtigt hatte, daß der Hirte auf der Ruchegg von ihm nicht nur die silberne Uhrkette und das Alte Testament, sondern dazu auch noch, so nach und nach, die Freude an den Kindern Israels und vornehmlich aber an den Helden und Heldinnen des auserwählten Volkes Gottes geerbt hatte. So zwar, daß ihn sein eigener Taufname, der ihm doch hinterrücks manchen Spott eintrug, erst recht hochmütig machte, und daß er sich schon in der ersten Zeit seiner Liebe und Nachtbubengänge um die Fenster zeitiger Mädchen zu Berg und Tal, vornahm, wenigstens zwölf Buben in die Welt zu stellen, die dann die Namen der zwölf Söhne des Erzvaters Jakob erhalten sollten. Er kam sich dabei vor wie dieser Patriarch als er dem Joseph den bunten Rock machen ließ. Als jedoch hinter dem Kindleinstein hervor als erstes, ein Kind weiblichen Geschlechtes kam, erschrak er keineswegs, obwohl er einen Knaben erwartet hatte, »denn,« sagte er zur Hebamme, »ist an Helden im Alten Testament kein Mangel, so fehlt's gottlob drin an kuraschiertem und anmächeligem Weibervolk auch nicht.« Also besann er sich nicht lange und ließ seiner Erstgeborenen den Namen Judith geben. »Einen Namen, der so die Kraft in sich hat,« meinte er, »gibt's im ganzen Alten Testament nicht mehr. Alleweil, wenn er mir in den Sinn kommt, steht diese Jungfrau aus der Stadt Jerusalem mit dem Säbel in der Faust vor mir: Heda, Stump, was ist's, weißt mir keinen Holofernes, da bei euch bergeshalber zu köpfen?« So war's denn gekommen, daß die Älteste auf der Ruchegg Judith hieß. Und etwas von ihr mochte sie auch haben, vielleicht gar allerlei. Baumstark und breitschulterig ward sie wenigstens, denn sie trug Heubürden wie Lawinen unters Scheunendach. Dabei hatte sie aber ein munteres Lachen und ein gelassenes, ruhiges Tudichum. Wen sie mit ihren zwei heitern freundlichen Augen ansah, der hatte es gleich heraus, daß diese frohlaunige, aber weder zu stille noch zu laute Judith ein kluges, ja durch und durch gescheites Mädchen sei, und daß sie es also wie ihre Patronin, nicht bloß in der Faust, sondern auch im Kopf habe, wenn freilich etwas andersartig. Und als danach wieder ein Mägdlein zur Welt gekommen war, da kratzte sich der Stump zwar ein wenig hinter den Ohren, aber nicht lang. Gleich machte er sich hinter die Bibel. Und als er das alte moderrüchige Buch aufschlug, stieß er auf den Namen Hagar. Und da es ihn immer etwas gewurmt hatte, daß der Erzvater Jakob, der doch auch seine Freudlein mit der schönen Magd gehabt haben mochte, diese Hagar, so mir nichts, dir nichts, eines verdrossenen Tages einfach wegschickte, ohne ihr auch nur auf vierzehn Tage zu kündigen, so bekam seine zweite Tochter den Namen Hagar. Er meinte, es mit diesem Namen nicht übel getroffen zu haben, denn aus diesem Kinde heraus wuchs es drauf los, wie aus dem Knoblauch, den man ins warme Wasser stellt. Es war dem Stump, diese Hagar verwandle sich in die Jakobsleiter und gehe zuletzt bis in den Himmel hinauf. Aber die Leute gewahrten das auch und als sie nun als eine lange, schlanke Stange vor ihnen her auf dem Kirchweg ging, so nannten sie die Hagar einfach die Mager, was ihr freilich nicht gefallen wollte. Doch konnte sie's nicht ändern, denn obschon sie einen Appetit hatte, wie die Juden in der Wüste vor dem Mannaregen und also ganze Körbe voll Erdäpfel durch sich hinunterrollen ließ, wie die Glückskugeln durch Lottertürmlein, so wollte ihr das doch nicht in die Breite helfen. So groß war diese Hagar, daß die Weiber zu Erlenstalden, die noch keine hatten, nun Umhänglein an ihre Fenster machen ließen, denn, sagten sie, bisher hätten ihnen nur die Wolken und die Vögel in die Kammern gucken können, nun aber wisse man nie, ob einem nicht die Augen der Mager von der Ruchegg bis an den Ofen und noch um die Ecke herum in die Stube spähen. Nämlich, das mußte man von den Augen der Hagar sagen, daß sie außergewöhnlich gut sahen. Wie Sperber sahen sie. Es entging ihnen keine Ameise. Und wen sie ansahen, dem war's wie dem Fisch im Wasser, als hange er an der Angel und sie ziehe ihn nach über Berg und Tal. Ob diesen großen hellbraunen Augen gab es eine Unmenge binsenfarbiger, fast etwas rötlicher Haare, mit denen sie die liebe Not hatte. Es wollte ihr nie so recht gelingen, sie völlig haltbar um den Kopf herum zu bekommen, obwohl sie's mit einem dreifachen Umgang der dicken Zöpfe versuchte. Bei aller Regsamkeit war sie aber ein ruhiges Frauenzimmer, das eine Sache erst sattsam überdachte, dann aber herzhaft zugriff und mit bergbäuerlicher Zähigkeit festhielt, was sie festzuhalten sich vorgenommen hatte. »Sie ist, beim Eid, eine wie eine Krebsschere,« sagte der Kirchmattensebel. »Ich bin nur zweimal bei ihr zu Licht in der Rucheggstube gewesen, aber ich oder vielleicht mein schönes Heimwesen im Tale um die Kirche, muß ihr in die Augen gepaßt haben, denn auf einmal hat sie sich an mich herangemacht, und nur mit Ach und Krach bin ich ihr aus der Zange gekommen. Ich hätte sie zwar am End schon genommen, denn sie ist nicht unmögig und hat mehr Haar als der Absolom im gelobten Lande, aber es machte mir doch Bedenken, wenn ich die lange, glatte Föhre angeschaut habe. Es war mir allemal, ich könnte da in eine ungeschickte Lage bei ihr kommen, wie die Katze, die von den Hunden auf eine Telegraphenstange getrieben wird.« Man konnte sich nichts Trockeneres denken als die Hagar. Sie lachte nie, doch war sie immer gleichmäßig gutlaunig, redete auch nicht ungern etwa ein Weilchen, aber es mußte ihr passen. Sie wartete immer auf eine gute Schickung. Und wenn irgendeiner aus dem großen Dorfe, von Kilchaltdorf her, sich auf die Ruchegg verirrte, so war's als käme sie aus einer großen Trockenheit, wie die Jerichorose, unversehens ins Nasse. Sie taute auf und verwandelte die Wespen ihrer Augen in eitel Schmetterlinge und ließ sie also um den überraschten Dörfler gehen, daß der eine heillose Mühe hatte, von dieser Hagar wieder los und zu Tal zu kommen. Es war eben der Traum, das Sehnen der Mager, aus der unwirtlichen Wildnis der Ruchegg weg und in den »Boden«, wie die Leute das Tal nennen, und wenn immer möglich, gar ins große Dorf zu kommen, wo's so viel zu sehen und zu hören gab. Dieses Ziel trachtete sie zu erreichen, hau's oder stech's. Und wenn sie hierfür focht, konnte sie fast hübsch werden. Es zog sie aber noch etwas anderes, besonderes ins große Dorf. Dort käme sie in die Nähe einer großen Kirche. Also, hoffte sie, auch ihrem starken Bedürfnis nach fleißigem Kirchenbesuch und gar ihrer Leidenschaft für den kirchlichen Gesang, eher genügen zu können als auf der abgelegenen Ruchegg. Von ihrem Vater hatte sie auch den Hang zu frommen Geschichten und zur Bibel geerbt und das hatte sich bei ihr zu einer Vorliebe für Heiligenlegenden weiterentwickelt. Als dem Matthathias Stump aber ein drittes Kind geboren ward und als sich zeigte, daß es auch wieder weiblich war, lachte er auf und sagte: »Ja, Buben wären sonst für die Bauernsame schon ratsamer, aber ich nehm's wie's unser Herrgott hat und gibt. Er wird eben wissen, wie wohl ich das Weibervolk immer hab' leiden mögen und denken, er woll mich nun einmal gut damit versehen. Und zudem wird er nicht wollen, daß ich auf die alten Tage dann auch noch alleweil mit Löchern in den Strümpfen herumlaufe, denn meine Frau hat einstweilen keine Zeit, sie zu flicken. Übrigens alle guten Dinge sind drei,« sagte er. Und dasmal nahm er sich auch reichliche Zeit, das Alte Testament zu befragen, denn er wollte seinem dritten Töchterlein einen ganz auserlesenen Namen geben. Und da er immer einen tiefgehenden Respekt vor Salomon, dem vornehmsten König in Israel, gehabt hatte, der es zu einer unabsehbaren Herde Schafe und überhaupt zu einer gar großen Sache gebracht hatte und dem die allerschönsten Frauen haufenweise in seiner Burg Zion dienen mußten, so ersah er sich aus diesen Schönen die Schönste und Angenehmste in den Augen des Königs und nannte nach ihr sein drittes, schwerwiegendes Kind, mit den zwei Pausbäcklein, Sulamith. Der Pfarrer zu Erlenstalden rümpfte zwar die Nase ein wenig und sagte, es wundere ihn, was Kuckucks allerlei ihm noch in den Sinn komme, bei seinen Kindstaufen, ob ihm denn die landesüblichen Namen nicht gut genug seien, ob er durchaus immer etwas Besonderes haben müsse? Er hätte gemeint, es sei schon an seinem Namen Matthathias, den die Leute gar in einen doppelten Matthias verwandelt hätten, genug. »Ja,« hatte ihm da der Stump geantwortet, heimlich unwirsch darüber, das ihm der Herr seinen Übernamen so offen vor Augen hielt, »ja, Herr Pfarrer, jetzt will ich etwas Besonderes haben. Es ist ja nichts Unrechtes dabei, wenn ich einmal Namen aus dem Alten Testament ins Land bringe, die nicht jedermann kennt. Sie kommen alle von rechten Leuten her und gar die Sulamith ist eines Königs, und was für eines Königs, herztausiger Schatz gewesen. He, seht ihr,« setzte er lachend hinzu, »jetzt sagt Ihr nichts mehr und laßt gar noch übers ganze Gesicht aufheitern. Aber meinetwegen lacht Ihr und das ganze Land. So hat mich Gott gemacht, so bin ich, so bleib ich auch. Es ist doch kein Gebot Gottes, daß die Leute immer Marieli und Anneli, Bethli und Seppeli heißen müssen. Das sind ja gewiß rechte Namen, ja, potzdonner, da will ich nichts gesagt haben, aber ich bin nun so einer, Herr Pfarrer, daß mir auch die schönsten Blumen verleiden, wenn ich sie allsommerlich und allundein Tag ansehen muß und es sind alleweil die Gleichen. Da hol ich die Setzlinge einmal da wo das Paradies einst gestanden ist und bringe sie zur Abwechslung ins Land. Das wird etwa nicht gar so gefehlt sein, oder?« Die kleine Sulamith ließ sich auch gar nicht übel an, also, daß der Stump mit Stolz und großen Erwartungen auf sie sah. Aber als sie heranwuchs, zeigte es sich recht bald, daß sie für eine Blume zu Saron nicht das Zeug hatte. Sie ward von einer eigentümlichen Rundlichkeit, also daß sie alle Ecken, die sonst neben den Häusern und anderm, auch die Menschen wohl sichtbar zu zeigen pflegen, innerhalb zu haben schien. Nach und nach kam sie der rohgeschnitzten Bauernmuttergottes im Heiligenstöcklein vor Stagelrain zu gleichen, und auf einmal aber, als sie volljährig und ausgewachsen war, zeigte es sich, daß sie gar massig und oben und unten gleich dick aussah. So geschah es, daß sie die Leute, denen ihr Taufname Sulamith nicht mundgerecht werden wollte, einfach Salami nannten, was ihr übrigens nicht schlecht anstand, denn sie war nicht nur gleichmäßig rund, sie war auch durch und durch gesalzen und wenn sie wollte, räßen Mundes. Als ihr Vater den Schaden besah, ärgerte er sich zuerst gewaltig über die Unverschämtheit seiner Umwelt, die den Namen der Hochgeliebten Salomons so häßlich umformte. Wie ihm aber seine besagte Tochter immer mehr zu widersprechen wagte und als er's immer schwerer hatte, mit ihr auszukommen und gar obenauf zu schwingen, begann er auch seinerseits sich an den geschändeten Namen zu gewöhnen. »Es ist, bei Gott wahr,« schnörzte er sie eines Tags an, als sie ihm gegenüber durchaus recht behalten wollte und das Mundwerk gehen ließ wie eine Holzfräse, »du bist doch zum richtigen Namen gekommen. Es hat so sein müssen vor dem Herrn, daß ich dich Sulamith habe taufen lassen, auf daß du dann so nach und nach draus selber deinen Übernamen zuwegkneten konntest, denn schau, Meitli, du bist meiner Zunge bitter und der dich erwischt, braucht die Suppe nicht noch besonders zu salzen.« Gleichwohl sah das ledige Mannsvolk Erlenstaldens und der Enden, den Salami nicht ungern, denn die Jungfer hatte jene anmächelige Rundlichkeit, die eine gesunde bergländische Jugend, die's gewohnt ist, handsam und mit beiden Armen zuzugreifen, dem siebenfarbigen Regenbogen, ja sogar dem Schatten des höchsten Kirchturms, vorzieht. Aber die Nachtbuben, die ihr dann in die Stube tollten, trauten sich nicht recht an sie hin. »Es ist mir immer,« sagte hinter ihr durch der junge Gidifränzel im Duliwald, »es könnte einem mit dem Salami ergehen wie's dem Winkelried zu Sempach ergangen ist, nämlich, daß er meint, er drücke die ganze Schweiz ans Herz und daß er dann auf einmal nichts als die Arme voll bissiger Spieße hat.« Eines Tages, es mochte im fünften oder sechsten Jahre seiner Verheiratung sein, kam dem Matthathias Stump wieder ein Mägdlein ins Haus. Und zwar kündigte sich das gleich recht ungestüm an, also daß die schwer überraschte Mutter sich seiner kaum zu erwehren vermochte. Und kaum war's glücklich in der Wiege gelandet, aus welcher der Salami eben erst recht heraus war, so hob es ein Geheul an wie ein junger Wolf und am Taufstein in der Kirche zu Erlenstalden schlug es, erbost über das kalte Wasser mit dem man's betropfte, seiner Patin beide Fäustchen ins Gesicht. »Wohl,« meinte der Hirte auf der Ruchegg, als man's ihm meldete, »die kann recht werden. Wenn's auch wieder kein Bub ist, so kann's dasmal vielleicht ein Weib aus ihm geben, das mir einen Sohn ersetzt, und daß sie die Angriffigste wird. Sowieso, Bub oder Meitli, was von mir herkommt läßt sich nicht an der Nase zupfen. Auf irgendeine Art etwas Packsüchtiges, ein Donnerwetter soll eine jede im Leib haben und allenfalls auch spielen lassen können. Für das garantiere ich, denn man ist nicht umsonst der Matthathias Stump.« Aber als es dann zur Namengebung kam, geriet er doch ziemlich in Verlegenheit, denn dasmal hatte er heilig und gewiß auf einen Knaben gezählt. Ja, er hatte ihm den Namen schon lange bereit; er hätte ihn Goliath Makkabäus taufen lassen. Nun lag doch wieder ein Evchen in der Wiege. So machte er sich denn eines Abends mit seinem abgegriffenen Alten Testament vor den grünen Kachelofen und begann im Buch Moses herumzusuchen. Es war ihm, dort seien Frauennamen verborgen, die ihm jedesmal, wenn er ihnen begegnete, besonders wohlgefallen hätten. Und richtig dauerte es auch gar nicht lange, so fand er die listige Frau des Patriarchen Isaaks, die Rebekka wieder, die ihm immer der Ausbund aller Weiberschläue gedünkt hatte. Es war doch ein arges Stücklein, das sie ihrem eigenen Mann spielte, als sie ihrem Liebling Jakob vom schwachsichtigen und unmerkigen Isaak den Segen der Erstgeburt erschwindelte. Und obwohl er selber gradaus war, so konnte es ihm die Hinterhältigkeit deswegen sowohl, weil auch er durch die Ränke seiner Mutter selig dazu gekommen war, daß ihm das väterliche Heimwesen blieb, und daß daher der ältere Bruder mit einem bescheidenen Auskauf in die weite Welt auswandern mußte. Also schon seiner seligen Mutter zum Gedächtnis, die ihm die Heimat bewahrt hatte, sollte das neuangekommene Kind Rebekka heißen. So kehrte denn eine kleine Rebekka Stump vom Taufstein nach Haus zurück und als sie sich der Stump in seinem Taufräuschlein nochmals recht ansah und gar sich übers Kind neigend ihm zutrank, stießen ihm seine Fäustchen das Glas aus der Hand, so daß der Rotwein, zu aller Schrecken, übers Kindlein und Bettzeug herablief. Da lachte der Bergbauer eins heraus und sagte hochgestimmt: »So ist's recht! das wird noch eine wie vor altem. Eine, die keine Wache vor die Kammertüre braucht und wenn sie eine Königin wäre. Drei Schritte vom Leib, Herrgottsdonner abeinander! das Weltskrötlein da, das schlägt mir einfach den Wein aus den Tatzen. So wird's gut, haarus , Stump, Manns genug!« Und wahrhaftig, die Rebekka ward groß, dielenfest und ein Mannweib vor dem Herrn und aber auch eigenwillig, querköpfig, daß es eine Art hatte. Schon auf dem Schulweg mußten ihre Weggenossen männlichen Geschlechts ihre Obmacht und Angriffigkeit erfahren, denn sie schlug ihnen Löcher in den Kopf soviel sie wollte und im Winter salzte sie einen Buben nach dem andern im Schnee ein wie martinifertige Schweine. Keiner kam außer der Schule gegen sie auf, wogegen sie dann freilich innerhalb der Schulstube so ziemlich allen nachstand und sich recht oft ins Eselbänklein höcken mußte. »Sie hat's halt mehr in der Faust als im Kopf,« antwortete der Stump dem alten Lehrer, als der ihn über die geringe geistige Beweglichkeit seines handsamen Töchterleins aufklärte. »Immerhin, Schulmeister, ich bin's zufrieden so. Setzt sie sich nicht mit dem Kopf durch, wie ein rechtzeitiger Stier, so hilft sie sich mit der Faust zu einem gedeihlichen Ziel. Da sei nur ruhig; mir macht's ja keinen Kummer, also kann's dir auch gleich sein. Im Kopf und in der Faust wie ich und mein Namenspatron, der Hohepriester Matthathias und gar wie der Ritter Samson, der mit seinen Eselskinnbacken die Philister herdenweise gebodigt und gar das Weibsvolk am Haar nachgezogen hat, können es nicht alle Leute haben.« Und als ihr dann die Nachtbuben, wie ihren Schwestern, zu Licht auf die Ruchegg kamen und ihr durchs Fenster und gar durch die Kammertüre wollten, verwandelte sie mit unbezwinglicher Faust auch deren dunkelste Augen über Nacht in föhnhimmelblaue und gar zerrte sie diesen und jenen Nachtbuben eigenfäustig von den Scheiterbeigen an der Hauswand herunter. Die Burschen, die sich diese nicht alltäglichen Erfahrungen mit dem Weib, im ganzen willig gefallen ließen, nahmen es aber ab und zu auch nicht so genau. So kam sie auch nicht immer ohne Beulen weg. Was sie weiter gar nicht zu stören schien. Im Gegenteil, fast nahm sie ihre Wundmale für Schönheitspflästerchen, da sie ihr Vater, Arme und Beine verwerfend, nach jedem sieghaft durchgeführten Hau mit ihren nächtlichen Verehrern, mit lauter Stimme lobte und besang wie Homer die Amazonenfürstin. Da war's denn kein Wunder, daß das Volk ihren alttestamentlichen Namen Rebekka einfach ins Mundartliche abkürzte und eine Reb aus ihr machte. Die Rebe hat aber einen bitteren Beigeschmack, was des Stumpen landskräftige Tochter jedoch kalt ließ, »denn,« sagte sie, »Rebekka oder Reb, süß oder bitterlacht, mich soll keiner beherren.« Der Stump gar freute sich hier des verhunzten Namens und rief prallend am Wirtshaustisch ins Jungvolk: »Seht, ihr Lecker, meine Reb wird mit euch allen fertig. Die hat noch Bestand auf der Ruchegg; die gräbt man nicht so leicht aus wie etwa einen erschrockenen Dachs oder meinetwegen auch eine schlaue Füchsin. Da muß einer Knochen haben und markige Knochen und einen haushohen Mut, der meine Reb holen, aus dem Boden reißen und in sein Heim verpflanzen will. Solches Weibervolk kann eben nur auf der Ruchegg geraten, wo der doppelte Matthias zu Hause ist, als ein Zwilling in einer Person. Ja,« brüllte er unter seinem riesigen Hut hervor, als man ihn auslachte, »wenn ich auch nur einem unscheinigen Baumstumpf gleiche, so fürchte ich doch keinen von euch und hätte ich meine Meitli und gar die Reb hier, so wollten wir euch den Meister schon zeigen.« So willkommen die Nachtbuben auf der Ruchegg bei den Stumpentöchtern waren und so willig sich diese hofen ließen, der ungebärdigen, rauflustigen Reb kam keiner nahe, obwohl es mehr als einer probierte, denn das starke, wehrhafte Mädchen konnte es ihnen gar wohl. »Ja, das ist eine!« sagte der Aumichel, der liederliche Dolmetscher zu Stagelrain. »Ich war einmal einer Kuh wegen auf der Ruchegg, aber als die Reb zu lachen angefangen hat, hab' ich mich am Tisch mit Hand und Fuß festhalten müssen, sonst hätte es mich fortgenommen wie ein Baumtrümmel im Hochwasser.« Es war dann aber, im ziemlichen Abstand von den andern, noch ein fünftes Mädchen auf der Ruchegg geboren worden, an dem seine Mutter starb. Obwohl das dem alten Stump bitter leid tat, so beugte es ihm den Kopf keineswegs. »Gewiß kann keiner seine Frau lieber haben als ich die meine lieb gehabt habe,« sagte er, als ihm seine helfende Schwester zuraunte, es wolle ihr scheinen, er nehme auch gar alles leicht, »aber Kathriseppe, ich bin nun einmal wie ich bin und dem Herrgott dank ich dafür, daß er mich so gemacht hat. Also wenn mir eine Bürde zu schwer werden will, werfe ich sie halt über die Schulter hinter mich und sehe mich nicht mehr nach ihr um. Was das unter Umständen schadet, etwas nicht abtun zu können, weiß man von Lots Weib her, von der dummen Truhe. So trachte ich alles zu vergessen und nehme meinen Weg weiter mit Gott. Fertig. Denn wer lang jung bleiben will, muß vergessen können. Und bleibt mir die Bürde hinterrücks an den Beinen doch hängen, so wehre ich mich gegen sie und schlage aus. Und was gilt's, ich bringe sie noch ab, denn ich bin der Matthathias Stump, ich. Im übrigen tröste Gott meine liebe Zischge selig! So groß gewachsen sie war und so klein ich bin, ist sie mir doch folgsam gewesen wie ein Schwert. Und wenn ich auch oftmals schnauzig mit ihr war und gähschüssig, so hat sie das nicht geplagt; gegenteils gefreut hat es sie, denn sie hat mir's mehr als einmal gesagt, sie habe einen Mannskerl heiraten wollen und keinen Taterich, den man wie ein nasses Hemd auswinden und an allen Ecken und Enden aufhängen könnte. Und recht bin ich mit ihr sonst gewesen, denn das hab' ich nie begreifen wollen, daß ein Mann mit seiner Frau nicht allzeit recht und gut gegen sie sein sollte, wo doch jeder rauhwollige Widder, jeder gehörnte Bock und alles was Tier heißt, zutunlich zu seinem Weiblichen ist. Kathriseppe, wir Mannsleute in unsern zwei Hosenträgern könnten da vom unvernünftigen Vieh noch vieles lernen. So geb ihr Gott die ewige Ruh, meiner lieben Zischge! Wenn ich mich auch nicht zu stark nach ihr umschauen werde, so habe ich sie ja jetzt in fünf Töchtern und in denen will ich mit ihr fortwirtschaften. Und wenn du bei mir bleibst und mir hausen willst und die Kindsköpfe da ratsamen bis sie zeitig sind, so nehme ich keine zweite mehr, so gut mir's das Weibervolk sonst kann. Eine wie die Erste, so durch und durch recht, jung und vertraulich vom ersten Tag an bis zum letzten, nimmt mich nicht mehr und für ältere Jahrgänge bin ich bloß beim Wein. So lasse ich das weiben lieber sein. Meine Töchter, wenn sie mir nur halbwegs im Blut und Tudichum gleichen, werden mir genug zu schaffen geben. Und wenn ich mich kenne, und ich kenne mich, der Donner abeinander! so würde es eine Stiefmutter bei meinem Nachwuchs herum nicht am besten bekommen. Also Schwester, tröste sie Gott, meine Zischge selig! Und nun auf zu Gott, beim Teufel ist kein Trost!« Doch als nun seine Helferin, seine Schwester Kathriseppe, die er dem fünften Kindlein zur Taufpatin bestimmt hatte, dem Täufling ihren Namen zu geben wünschte, schnarchte er sie fast unwillig ab, indem er sagte: »Soviel ich weiß, hast du an deinem altmodischen und mehr oder weniger schönen Namen selber keine Freude und nie keine gehabt, was willst du nun wieder dein Patenkind damit vergrämen? Wie wenig weit könnt ihr Weiber doch sehen! Das sind schon die Witzigern unter euch, die durch die Nacht hindurch in den morgigen Tag hinein zu sehen vermögen. Nimm mir's aber nicht für übel, du meinst es gut.« So stellte sich denn der kleine, helläugige Hirte vor die Wiege hin, in der sein jüngstes Kind lag und als er's so betrachtete, erschien es ihm immer mehr, im Verhältnis zu seinen andern Töchtern, die immer wie große, vollgewichtige Langbrote in der Wiege gelegen waren, ein Feinerlein, obschon es auch nicht wenig wiegen mochte. Und siehe, er hatte, als hätte er das kommen sehen, auch für diesen Fall einen guten, alttestamentlichen Namen gerüstet, und zwar einen, wie er zu seiner Schwester sagte, der durch und durch seidig, ja siebenfarbig seidig sei. Rahel müsse sie heißen. Erst habe er auch an Ruth gedacht, an jenes gutartige Frauenzimmer, das hinter dem alten Boz her die vergessenen Ähren vom Acker aufgelesen habe. Aber er sei dann rasch davon abgekommen. Denn diese Ruth, so gutfärbig und mögig sie sonst gewiß gewesen sei, habe ihm doch nicht so recht gefallen wollen. Sie sei ihm zu untertänig, zu hündisch ergeben, zu wenig aufrecht und selbstsicher gewesen. So könnte ihr Name für eine Stumpentochter niemals passen, denn wenn seine Töchter auch nur einen Funken von ihm haben, so werden sie weder zu einem Mann noch zu einem Weib jemals sagen: wo du hingehst, gehe auch ich hin. Sondern sie werden sagen: meinetwegen geh du hin wo du willst, ich kann mich noch besinnen. Vielleicht komme ich mit dir, vielleicht auch nicht. Rahel dagegen sage ihm schon eher, ja, viel besser zu, obschon es auch ein weichmundiger Name sei. Es habe ihm eben immer besonders gefallen, wenn er so im ersten Buch Moses, im neunten Kapitel, habe lesen können, wie diese schöne Hirtentochter Rahel, hablich und aufrecht, irgendwo aus einer grünen Umwelt, zu dem gottgesegneten Patriarchen Jakob, der damals freilich im besten Nachtbubenalter gestanden haben müsse, mit ihres Vaters Schafherden herabgestiegen sei und wie ihr dann dieser Jakob den Stein vom Brunnen wälzte und wie sich das kleine Mägdlein von ihm doch so züchtiglich küssen und herzen ließ. So etwas entfalle einem nie wieder, denn wenn er trachte, Sorgen und Kummer hinter sich zu bringen und unsichtbar zu machen, so halte er's mit dergleichen Freuden grad umgekehrt; die stelle er wie Wegweiser ins Gutwetterland, dutzendfach vor sich hin an allen Wegborden auf. Ihm tun sie wohl und schaden niemand. »Kurzum, Schwester,« sagte er, »so etwas vergißt ein halbwegs gesundes, geschweige ein durch und durch gesundes Mannsvolk, ewig nie. So soll denn mein fünftes und allerletztes Kind den Namen jenes schönen Hirtentöchterleins haben und ebenfalls Rahel heißen. Wenn auch der Name noch lange nicht alles bei den Weibern ausmacht, so kann er doch etwas, ja viel zu bedeuten haben, allweg soviel, ja auch noch mehr als eine Kappe. Denk' nur ans Rotkäppchen, Schwester, und ans Schneewittchen. Meinst du denn, unsereiner hätte als ein lediger Heickelnäscher nicht eher auf solche Namen gehört, als auf deine Kathriseppe? Wer da nichts merkt, muß ein geborener Gehörübel sein und ist kein Doktor, der ihm's herausschneiden kann.« So kam also eine Rahel auf die Ruchegg ins Nebenstüblein. Ein gar bewegliches, wohlgeratenes Ding, das seiner ältlichen Base Kathriseppe viel zu tun gab und alsdann auch seinen heranwachsenden Schwestern, die sich seiner, sobald es auf den Füßen zu stehen vermochte, eifrig annahmen und es in ihrer Weise ins Landleben einführten. Ja, es gab ihnen wacker zu schaffen und während es aber die kurzgebundene raschzuschlagende Reb beizeiten völlig ablehnte und auch den scharfzüngigen Salami und die allzutrockene und bestimmte Mager nicht gern um sich hatte, lehnte es sich willig an die breitschulterige, kluge und geduldige Älteste, an die Judith an und diese betreute es mütterlich bis es sich ebenfalls zu einem angehenden Jüngferlein herausgemacht hatte. Obschon auch das Röllchen, denn so ward die Rahel landauf und ab geheißen, eine achtbare Größe hatte, so fiel sie neben ihren Schwestern hierin doch ziemlich ab. Aber sie sah dafür auch zierlicher, weniger totschig aus, hatte die blauesten Augen und hinter diesen die flinkesten bauerschlauesten Gedanken und konnte tagaus, tagein lachen wie eine Spottdrossel. Ja, so übermütig konnte sie werden, daß sie vom neidischen Weibervolk zu Erlenstalden und der Enden auch Rolli genannt ward, was aber auch nicht einen einzigen Bergburschen davon abhielt, in ihr ein fröhlich ins Leben hinein kugelndes Röllchen zu sehen und zu schätzen. Bei aller guten, ja übermütigen Laune war diese Rahel aber von einer hinterhältigen Verschwiegenheit, wie die Tanse eines Milchfälschers auf dem Weg in die gemeinsame Sennhütte. Sie lachte oft so leise wie ein Butterstock in der Sonne und war dann noch schwieriger auszunehmen als ein Elsternnest auf einer Wettertanne ob einer Fluh. Die andern Stumpentöchter begriffen es auch neidlos, daß die Nachtbuben des Tales dem Röllchen am meisten nachhielten. Das also waren nun die erwachsenen fünf Töchter des kleinen, untunlichen Bergbauern Matthathias Stump auf der Ruchegg, mit denen er schlecht und recht sein hochgelegenes, weitumgehendes Heimwesen bewirtschaftete. Ja, sie ersetzten ihm mehr als einen Knecht. Die gelassene, gescheite Judith legte sich freilich, bei all ihrem breiten etwas butterflüssigen Aufbau, keineswegs, weder mit Hand noch Fuß, ins Zeug, wie die zwar nicht größere, aber stärkere Reb, die mit Mistgabel und Axt draufloswerkte wie der rauheste Holzschröter. Dafür half sie aber dem Alten im Viehhandel, beim Ankauf und vorab beim Verkauf. Sie hatte ein seltenes Verständnis für das, was ein schönes Haupt Vieh heißen durfte, für das Rassige. Sie trug nicht wenig dazu bei, daß immer mehr Prämienschildchen erster Klasse ob die Stalltüre auf die Ruchegg kamen, denn sie kannte das Vieh noch weit besser als ihr Vater. Der Salami aber liebte die Küche. Dort herrschte sie unumschränkt, wie auch im Hühnerhof und im Schweinestall. Sie schaffte alle Nahrung auf den Tisch, in Kennel, Tröglein und Kofen. Dabei war es ihr nie langweilig, denn sie redete den ganzen Tag. Auch etwa in der Nacht überfloß ihr der Mund. Mit jedem Huhn hielt sie Zwiesprache, mit jeder Sau und jedem Ferkelchen, das sie aufzog. Jedem Geschöpf um sich wußte sie einen Namen und dabei nahm sie es nicht so genau wie ihr Vater, so daß sie der mehr als einmal anschnörzte: »Gib doch den Tieren nicht so grobe Namen! Wenn sie auch keinen Verstand und keine Seele haben, so hat sie doch unser Herrgott für uns erschaffen, daß wir mit ihnen und durch sie leben. Jedes Huhn ist ein Segen. Du brauchst sie nicht so anzufauchen, wie eine Katze, wenn sie dir etwa einmal in die Küche kommen, denn handkehrum hast du ja wieder ein Getue und ein Geschwätz mit ihnen bis sie in ihrer Dummheit doch wieder Eier legen und es dir gar noch mit einem mordsmäßigen Gackern anzeigen. Schau doch wie die Judith mit den Kühen und deren Jungwar umgeht und was sie ihnen für wohleingängige Namen weiß, die ihnen wie angemessen passen.« Die Hagar oder die Mager aber wollte am liebsten die Stube, Stüblein und Kammern besorgen. Sie hockte und werkte den ganzen langen Tag drin und wenn sie auch das alte, wurmstichige Büffet nicht immer zu sauber hielt, noch Boden, Tisch und Diele, änderte sich das doch auf den Sonntag und alle heiligen Zeiten. Alsdann wirbelte sie einen Staub auf, als müßte sie Wolken machen. Wenn nun der Feiertag durch die kleinen, blankgeputzten Fensterscheiben in die getäfelte Stube hineinschaute, gewahrte er, daß alles sauber war wie geleckt und also konnte er seine festtägliche Sonne sich im grünen Kachelofen, ja, in deren Messingknöpfen spiegeln lassen. Alsdann duftete die Stube von den ausgestreuten Tannreislein, die geblümten Kacheln und Teller auf dem Büfett sahen völlig vornehm aus und der messingene Plamper an der Wanduhr strahlte wie lauter Gold und sagte alleweil, hin und herschwingend: Acht die Zeit, acht die Zeit! Während die Mager aber werktags am Abend strümpfestrickend oder irgendwas ausbessernd, als erste an dem Ofen saß und zusah wie dann ihr Vater ausnahmsweise mit den andern Töchtern etwa ein Kartenspiel machte, bei dem der Alte und die Reb die Fäuste auf den Tisch schlugen, blieb sie Sonntags gern für sich. Sobald sie dann aus dem Tale vom Gottesdienst her heimkam, gegessen und saubern Tisch gemacht hatte, setzte sie sich vor den Ofen und las in des Vaters umfänglichem, verstaubtem Bibelbuch oder noch lieber in den Heiligenlegenden, die sie von ihrer Patin seinerzeit zur ersten heiligen Kommunion bekommen hatte. Die Vorliebe ihres Vaters für die biblische Geschichte dehnte sich bei ihr auf alle geistlichen Bücher und überhaupt auf alles Kirchliche aus. Grad viel schien sie sich zwar dabei nicht zu denken, da sie offene, zu zielsichere Augen auch für alles Weltliche behielt. Besonders viel Vergnügen machte ihr aber das Singen und da sie sich darin auf der Vorkirche der kleinen Erlenstalder Kirche nicht genug tun konnte, so erfüllte etwa ihre tiefgängige Stimme das ganze Ruchegghaus mit geistlichen Liedern. Zuzeiten aber mußten eben alle fünf Töchter ins Feld und zu einer gemeinsamen Arbeit ausrücken, denn von Mistanlegen, vom Anpflanzen und Einbringen der Erdäpfel und Saubohnen, von Heuen und Öhmden gab der ewig bewegliche Matthathias Stump keinen Dispens. Wenn auf einmal seine Stimme umging: »Heda, ihr Meitli, was haben wir gestern beim Nachtessen hinter den geschwellten Erdäpfeln ausgemacht? Kommt, wir wollen also heute die Stauden am Dimmerbach ein wenig ausroden. Da braucht's alle Hände.« Da ließ denn der Salami in der Küche die Kelle, unwirsch gackernd wie eine alte, eierbare Gurre, fallen und auch die Mager stellte den Birchbesen verdrossen in einen Stuben- oder Kammerwinkel. Die Reb aber riß die Axt freudigen Angesichtes aus dem Scheitstrunk und auch die Judith trat etwa, von der getigerten Katze gefolgt, bedächtigen Schrittes aus dem Viehgaden. Und machten sich also alle diese wehrhaften Töchter zu ihrem kleinen, alternden Regenten, der sie mit der Säge im Arm erwartete. Da kam auch die behende Rahel, das Röllchen, von irgendwoher, wenn auch selten zuerst, zum Vorschein, denn der Stump gab nicht nach mit Rufen, bis es auch seiner Jüngsten gut schien, ihn zu hören. Dann guckte sie wohl etwa, über und über lachend, aus ihrem Guckaus auf dem Haus, wo sie schlief und rief: »Ich komme gleich, Vater!« Oder aber sie schlüpfte aus irgendeinem Busch heraus und hatte den Schoß voll Blumen oder es waren auch etwa nur leere Schneckenhäuser; ja, oft waren es gar nur Tannenzapfen. Nämlich, das Röllchen hatte es gut, durfte überall sein und nirgends. Als es erwachsen war, fand es, sozusagen, alle Plätze, die es in Feld und Haus hätte einnehmen können oder müssen, von Vater und Schwestern schon besetzt. Und so konnte es zwar vielerorts zulangen, vieles lernen und sich nützlich machen, aber etwa war es auch völlig überflüssig. So kam's, daß das fröhliche, umtunliche Mädchen so ziemlich nur tat, was ihm gefiel. Man ward es so gewohnt auf der Ruchegg und niemand stieß sich daran, um so weniger als das Röllchen eben das verwöhnte Nesthäkchen und im übrigen, galt's Ernst, guten Willens war. Auch wollte es alle bedünken, wenn es doch etwa mittun mußte oder mittun wollte, es und die Mistgabel so flink es sie handhabte, passen nicht recht zueinander, denn die eine war immer schmutzig, während das Röllchen viel auf Reinlichkeit hielt und sich so sauber herausputzte, als es auf der Bauernsame etwa geht. Aber Sonntags sah es aus wie eine Bachforelle und es schien dann grad wie die ebenfalls über und über blau zu sein, was aber alles von seinen immerlachenden, blauen Augen herkam. Man ließ also das Röllchen Röllchen sein und ließ es herumtollen und rollen, wo es gern wollte. Es war des Bergbauern Liebling, wie es schon das verhätschelte Schoßkind der seit langem verstorbenen Kathriseppe, seiner Base, gewesen war. Und wenn der Stump einmal stieg und wild ward und das konnte bei ihm gar wohl vorkommen, denn er hatte ein hitziges Blut, so nahm der Sturm doch immer den Strich an der Jüngsten vorbei, so daß der Salami mehr als einmal herausschnörzte: »Vater, wenn Ihr so lärmen müßt, so lärmt nicht bloß alleweil uns an, der Rolli, Euer Bibäbeli, ist auch kein Engel, wenigstens derzeit noch nicht.« Und einmal als der Bauer wieder so den wilden Mann machte und vor seinen Töchtern herumtanzte, daß die Judith laut herauslachen mußte, schnauzte ihn die Reb mit fast männlicher Stimme an: »Stump, wie tut Ihr jetzt wieder mit uns und schaut dabei am Rolli vorüber, als ob sie gar nicht auf der Welt wäre! Und sie ist's doch grad, die den entlaufenen Geißen den Gatter aufgetan hat, daß sie dem Briefboten bis auf Erlenstalden hinunter nachgewundert haben. Wenn Ihr nicht Vernunft annähmet, so laufe ich Euch davon und gehe mit den Holzschrötern zu Wald. Ich will nicht für andere herhalten und den Scheitstrunk machen, denn ich bin eine Stumpentochter.« Diese Rede, so kurz sie war, gefiel aber dem Alten so gut, daß er kurz auflachte und alsdann vor sich hinmurmelte: »Herrgottneunundvierzig, so, so, eine Stumpentochter.« Alsdann redete er die Reb an: »Heja, bei Gott, allweg bist du das.« Weggehend machte er schmunzelnd in sich hinein: »Oha, die Reb, donnerwetternocheinmal!« Von da an hatte die Reb, die es ihrem Vater schon lange ihres angriffigen Wesens und ihrer Harthölzigkeit wegen gut hatte vertreffen können, völlig Oberwasser. So sehr er an seiner Jüngsten auch weiterhin hing und ihr in allem wie bis an den Paß freiließ, so ward die Reb doch diejenige, auf die er am meisten hielt, denn jaha, beim Eid, sagte er sich, die kommt von mir her wie keine andere. Obwohl das Röllchen diese Wandlung also nicht besonders zu merken bekam, so merkte sie's doch, aber sie machte sich blutwenig draus und ihr flinker Fuß und ihre Fröhlichkeit, ihr Lachen ging wie sonst allüberall auf der Ruchegg um und ebenso ihre Handorgel, die sie gut zu spielen verstand. Es war ein friedliches Leben auf diesen tannenwaldumfaßten Höhen und der altwerdende Stump thronte auf seiner Hochweid wie ein kleiner König. Wer aber über die Ruchegg mußte, um in die andere Welt hinüberzukommen, wie der Erlenstalder Sigrist zu sagen pflegte, der sah sich überrascht in dem Heimwesen um, auf dem ein wehrhaftes Männlein mit fünf handlichen, fast lauter bäumigen Töchtern so tatkräftig und gut wirtschaftete. Es kam freilich selten jemand auf diese abseitigen Höhen außer einem Bäckergesellen, der sommerlang mit dem Korb auf dem Rücken sich hinaufschwitzte und im Winter aber im leichten Schlitten auf einem tiefverschneiten Waldweg hinrösselte. Und dann erschien in großen Abständen einmal der Briefbote, wenn er etwas hatte, das er nicht zu Erlenstalden für die Rucheggleute abgeben konnte oder wollte. Auch etwa ein Viehhändler mit dem Dolmetscher Aumichel, ein Metzger und irgendein Holzhändler, der es auf den schlagreifen, umfänglichen Rucheggwald abgesehen haben mochte. Oder es schuhnete der Bannwart vorbei, auch dieser und jener Berghirte oder sonstige Landesgenossen. Aber fast nie sah man Fremde über die Ruchegg kommen. Kaum daß sich etwa einmal ein Hausierer zeigte, denn diese Egg war nur ein wenig begangenes Päßlein, von dem man zudem ortsunkundigerweise meinen konnte, es falle auf der andern Seite jählings ins Weltende. Nur ab und zu sahen der Alte und die Töchter irgendeinen verdächtigen Landstreicher aus den Wäldern heraufkommen, der allen Grund haben mochte, verlorene Wege zu wandern. Aber meistens drückten sich dergleichen Kunden am Haus vorbei. Nur selten wagte es einer, um einen Schluck Milch anzuhalten, obwohl man ein Näpfchen kalte oder warme Milch niemand versagte. 2 Das Nachtessen war vorüber, doch ging in der niedern Stube des Ruchegghauses noch der Wohlgeruch der geschwellten Erdäpfel um, die man nach einer knollenreichen Mehlbrüh, im Verein mit einem zähen Magerkäse, aus dem man hätte Hosenträger machen können, glücklich unter Dach gebracht hatte. Irgendwo aus der Nacht herauf kam noch ein windverwehtes Läuten. Der Mahnruf zum Abbeten des englischen Grußes. Aber der war in der Rucheggstube gleich nach dem Essen und dem Abräumen des Geschirrs gebetet worden. Und nun hockte der alternde Matthatias Stump vor dem Ofen und mischte die Karten, hin und wieder einen Blick auf das Beckelein tuend, das noch allein auf dem Tisch zurückgeblieben war, und das nach einem starken Schnapskaffee roch. Der kleine Hirte schien ziemlich gutgelaunt. Der große, rundstirnige Kopf, mit dem etwas unordentlichen, angegrauten Haarwulst und den lebhaften, ewig unruhigen Augen, war wie immer gradauf und gutwettergläubig. Und nun übernahm es den Stump, daß er zu singen anhob, denn er hatte Feierabend, soweit das ein Bauer mit einem rechten Viehstand etwa haben kann. Also sang er mit starker, ja dröhnender, aber nichts weniger als wohlklingender Stimme, das Lied, das er alleweil wieder sang, wenn er besonders gut im Strumpf war, und das auch das einzige war, das er konnte: »O Mutter, die Finken sind tot! Hättet ihr denen Finken zu fressen gegeben, so wären die Finken grad jetzt noch am Leben. O Mutter, die Finken sind tot!« Zum Abschluß aber tat er ein kurzes Aufjauchzen, lachte laut eins heraus, schlug die Faust auf den Tisch und rief aus: »Alleweil noch der Stump! Manns genug und keinem was schuldig landauf, landab und weitum, außer unserm lieben Herrgott Dank und Ehre. Ja, wo sind denn aber diese Hagelsröcke heute abend so lang? Maitli!« rief er vernehmlicher, »Wahrlichgott, man könnte vergehen, wenn man ein Schneemann wäre bis die zu einem feierabendlichen Kartenspiel in die Stube hineinmögen. Salami!« lärmte er gegen die Küchentüre, »fleiß dich und komm!« Aus der offenen Küche, in der es im Geschirr klirrte, kam's ziemlich rauhpautzig zurück: »Ich komme ja, sobald ich mit Abwaschen fertig bin. Ihr werdet wohl warten mögen; andernfalls könnt Ihr ja meinetwegen davonlaufen.« Und zu schlug die Türe. »Immer das gleiche Maul,« brummte der Alte. »Wenn die einem einmal ein Wort unverzollt und ungestraft durchläßt, ist's dann Matthäi am letzten mit ihr. Aber,« er bekreuzte sich, »auch sie kommt von mir, so gehört sie mir. Und schaffen, ja, das kann sie. Gott mit ihr! Röllchen,« setzte er bei, auf seine Jüngste schauend, die eben auf die alte Kommode zu trat, an deren Beschlägen zwei Messingringe fehlten, »was meinst, willst du mit mir unterdessen bis die andern kommen, einen Handjaß wagen?« Es war das Röllchen mit dem Bauer allein in der Stube. Eben hatte das umtunliche Mädchen das Weihwasserkesselchen neben der Türe mit Dreikönigwasser nachgefüllt, denn der Stump wollte weder Ostertauf noch sonstiges geweihtes Wasser, er wollte durchaus gesegnetes Wasser vom Dreikönigstag her an der Türe haben. Und jetzt nahm sie ein Öllämpchen vom Ofen, es auf das rote Überzüglein der Kommode, mit einem schadhaften Teller als Unterlage, stellend. Sie gedachte dieses Öllichtlein bereitzumachen. Es war ja Sonnabend. So konnte man's gleich anzünden, wenn man zu Bett ging, auf daß es zum Trost der armen Seelen wie landesüblich die Nacht durchleuchte. »Ja, Vater,« antwortete das Röllchen, »Ihr wißt ja, daß ich nicht gern Karten spiele. Gleichwohl möchte ich's Euch nicht ab sein, obschon ich's ja auch nicht gut kann; doch kommen die Schwestern bald in die Stube. Sie werden mich ablösen. Ihr ärgert Euch ja doch immer, wenn ich mich beim Spielen ungeschickt anstelle und es dann trotzdem gewinne. Also wartet, Gottsnamen, noch ein Zeitchen. Die Schwester in der Küche, Ihr habt's ja gehört, hat nicht lange mehr zu tun und die Mager, die noch in der Elternkammer umgeht, wird wohl auch bald hinterm Ofen herunterkommen. Daß es der Reb auch ums Feierabendmachen ist, könnt Ihr hören. Sie schafft ja die schweren Körbe voll Kleinholz, das sie heute aus den zähen, steinpickelharten Torfwurzeln gescheitet hat, wie gehext in den Schopf. Hört Ihr's? Eben läßt sie wieder einen Korb voll zu Haufen rumpeln. Und eh' man's denkt wird auch die Judith anrücken. Sie läßt sich ja gern Zeit, es ist wahr, aber sie hat auch einen ziemlich langen Weg mit der Milchtanse in die Genossensennhütte hinab.« »Ja, die Judith,« machte der Stump, »die läßt sich Zeit, da wird nichts überhudelt, da heißt's eher: Komm' ich heut nicht, so komm' ich morgen. Sie ist aber doch auch ein Stumpenmaitli und was für eins! Ist sie mit dem Fuß etwas gar bedächtig, so ist sie's dafür auch mit dem Kopf. Was das wert ist weiß der Geißbock, der drauflosfährt und überall den Schädel anschlägt. Für die Judith gibt's keine Ecken, denn sie weiß sie behutsam zu nehmen. Ein gescheites Stück Weibervolk und doch gut um die Waden und fest auf dem Damm. Die macht mir keinen Kummer, aber die andern auch nicht. Und die Reb,« er lachte auf, »ja, die Reb, das ist eine! Die schon gar nicht. Wenn sie jetzt nur einmal kommen wollte, die Weltshex!« Er nahm das vor ihm stehende Beckelein voll schwarzer Tranksame an beiden Ohren und tat einen herzhaften Schluck. Alsdann griff er wieder zu den Karten, fing ein Kartenhaus zu bauen an und sang dazu: »O Mutter, die Finken sind tot! Hättet ihr denen . . .« Da war ein Schleichen, ein schlechtverhehltes Treten und Trampen auf dem Stiegenbrücklein und gleich darauf im Hausflur. Der kleine Hirte horchte auf und auch das Röllchen machte fast verwunderte Augen. Jetzt ging die Türe erst bescheidentlich. Ein verwilderter Kopf mit einem verwitterten Filz schaute herein. Und nun aber tat sie sich völlig auf und über die Schwelle kamen Mannsleute: Ein ziemlich verwahrloster Alter, ein bestandener, lumpiger Rotkopf und ein junger, auch schon arg mitgenommen aussehender Bursche. Kurzum, drei waschechte Stromer, wie man sie und gar auf der Ruchegg, nicht alle Tage zu sehen bekam. Der Stump und seine Jüngste mußten nur so Augen machen. »Guten Abend, miteinander!« wünschten die drei späten, wenig vertraulich aussehenden Gesellen. »Oha, oha,« machte der Bauer, »da kommen ja die Finken. Auch guten Abend, wohl! Ihr kommt ein wenig spät da über die Ruchegg.« »Ja, wir mögen etwas zur Unzeit sein,« sagte der alte Landfahrer, sein rotäugiges Schnapsergesicht mit einem graufetzigen Bart, der wie halbweggeschwemmt aussah, vorstreckend, »wir haben eben im Tal zu Erlenstalden noch zu tun gehabt . . .« »Das glaube ich,« unterbrach ihn, kurz auflachend, der Hirte, »bis ihr um alle Türen habt umschauen mögen.« »Bauer,« warf knurrig der Rotkopf ein, »das geht dich allweg nichts an. Grob mußt du uns nicht kommen; für das kommen wir dir nicht in deine wackelige Behausung. Gib uns lieber etwas an die Gabel, bevor wir uns auf deine Heudiele legen.« Der Stump schaute fast verwundert, aber allmählich rot werdend, auf die Stromer, und zwar von einem zum andern. Aber der Jüngste von ihnen, der völlig barhäuptig war, wollte wieder, angesichts des hübschen Mädchens, das große, ja erschrockene Augen auf sie alle drei machte, für besseres Wetter sorgen, also sprach er: »Nichts für ungut, Meister, aber wir sind, beim Eid, müd wie eine alte Ziehkuh und viel haben wir drunten bei den Erlenstaldern nicht zu fressen bekommen. Fast froh haben wir sein müssen, daß sie uns nicht gefressen haben, denn freundliche Gesichter haben sie uns nicht gezeigt.« »Ja, das glaube ich,« sagte der Hirte, der den Vaganten, den Kopf stellend, geradeswegs und furchtlos in die Augen sah. Nicht ohne eine gewisse Unruhe schauten sie, fast überrascht, auf den Stump, der hinter dem Tische vor dem Ofen hockend, mit seinem angegrauten struben Haupt, seinen breiten Schultern und seinen Falkenaugen, den Eindruck eines riesenhaften Mannes machte. Aber jetzt nahm der seine Kaffeekachel giltmirgleich an den Ohren und, nachdem er einen Schluck draus getan hatte, wischte er sich den Mund mit dem Hirthemdärmel ab und sagte ruhig: »Das könnte ich ja nicht sagen, ihr Herren von der Landstraße, daß ihr euch just höflich bei mir zu Tisch geladen habt. Aber wir sind gleichwohl auch Christenmenschen hier oben abseits auf der Ruchegg. So laßt euch denn zu, in Gottesnamen! Röllchen!« er schaute auf seine Tochter, die eben ihr Lämpchen für die armen Seelen mit etwas zittrigen Fingern angezündet hatte, »geh, hol' den späten Gästen da ein rechtes Becken voll Geißmilch. Einen Bissen Käse wird's auch noch haben. Sie sollen nicht, ohne gegessen zu haben, aufs Heu.« »Jaha, Vater.« Sie kam nicht ab Fleck, denn zu ihrem Schrecken rief jetzt der Rotkopf aus: »Bauer, es ist uns nicht um Milch. Brot und Käse, Maitli,« er wandte sich der Stumpentochter zu, »magst du auftischen, hingegen mit einem durchsichtigen Milchgewäsch, durch das man die armen Seelen wandeln sieht, mußt uns nicht kommen. Tätest ja doch den Rahm zuerst abfeimen. Wirst wohl selber abgefeimt genug sein, an den Augen an. Schnaps wollen wir haben! Einen Schwarzen, einen pechhöllheißen Schwarzen mußt du uns in die Pfanne übertun, so wollen wir dir Vergeltsgott sagen.« »So,« machte, die breiten Schultern wiegend, der Alte vor dem Ofen, »sonst fehlt euch nichts, ihr lieben, guten Mannen, sonst werdet ihr gesund sein? Das muß man sagen, daß ihr durch kein Sieb hindurch redet und daß ihr eure Wünsche splitternackt wie junge Krähen vor uns auftischt.« »Mach' doch nicht so eine Brühe,« redete der grauweiße, völlig verwüstet aussehende Stromer, »jetzt sind wir einmal da und das, wie du ja siehst, drei Mann hoch. Ein ganzes Heerlager sind wir und fühlen uns hier schon völlig und ganz zu Haus. Da sehe ich nicht ein, weswegen wir nicht auch Schnaps haben sollten wie du. Du bist ja gewiß auch kein Abstinent, obwohl du hier oben der Waldbruder bist. Und sowieso, sie haben uns im Tal unten den Schuh gegeben, so hab' nun du Verstand mit uns! Und wenn du uns aufnehmen willst da in deiner Stube, so nimm uns ganz auf und lasse uns auch einen Schluck Gebranntes zu deinem Käsebissen zukommen.« »Maitli,« machte dumpf, den Kopf etwas senkend, aber nicht demütig, eher wie ein Stier, der ans Ausrücken denkt, der Hirte, »geh, bring den Imbiß und nimm danach die Schnapskrausle aus dem Speisegänterlein! Die Herren Gäste da sollen nicht sagen, ich hätte es zum Nachtessen viel besser gehabt als sie. Sie sollen ihr Gläslein Gebranntes haben. Und wenn ihr nur Landfahrer und das nicht auf frischgehaberten Rossen seid,« rief er, den Kopf wieder stellend und alle gradaus ansehend, aus, »so will ich doch auch euch die Stube offen halten und euch so gut bewirten als ich's kann und wie ihr's aber,« er schlug die Faust auf den Tisch, »nicht verdient!« Die drei Stromer lachten. Sie hielten den Alten für schon völlig eingeschüchtert, trotzdem er so handsam auf den Tisch geklopft hatte. Also ließ sich der alte, verlauste Landstreicher ohne weiteres auf eine Stabelle am Tisch fallen, seinen zerknitterten Filz in einen Winkel werfend. Auch der Rote hockte sich mit unguten, ja unheimlichen Augen, während der Jungbursche mit langen, gleißend werdenden Blicken, mitten in der Stube stehend, dem Röllchen zusah, wie es sich am Büfett zu schaffen machte und nun die Schnapskrausle mit zwei verstaubten Gläsern und einem Kaffeebeckelein auf den Tisch hinstellte. Dabei gewahrte er auch die Handorgel, die neben dem zinnernen Gießfäßlein lag. »Wir haben bloß zwei Gläser,« sagte das Mädchen, »aber es kann ja einer von euch den Schnaps aus dem Beckelein trinken.« »Ja, das will ich gern tun,« rief der junge Stromer aus, »was gilt's, es wird mir doch tanzig in den Beinen, auch wenn du mir die Tranksame nicht aus einem silbernen Becher servierst. Und sag' Maitli, Schatz Gottes, wer spielt denn hier die Handorgel? Doch gewiß dein Alter? Nicht gesund ab Fleck kommen will ich, wenn ich ungetanzt aus dieser Stube gehe. Ewig lang ist's her, will's mich dünken, seit ich mit einem so appetitlichen Maitli wie du's bist, zum Tanz gekommen bin. Aber heute nacht will ich nun Jahre voraustanzen, hau's oder stech's! Du kannst dich ja freuen, hast heute auf einmal drei Tänzer, wo sonst keine und wenn auch die beiden da hierfür grad nicht viel zu rechnen sind, so tu' ich's doch für ihrer sieben. Paß auf, Schatz, jetzt soll deine Stube da einmal stieben!« Keck umfaßte er das aufschreiende Röllchen. »O Mutter, die Finken sind tot!« fuhr's dem Stump heraus. Aber dann sauste seine Faust auf den Tisch nieder, daß seine Kaffeekachel samt der Schnapskrausle aufsprangen. Und jetzt schnellte er auf und lärmte: »Willst du wohl das Maitli in Ruhe lassen, Lump!« Ein tolles Gelächter ging um, denn mit Erstaunen und tiefer Befriedigung sahen die Stromer, daß der Hirte, der ihnen, solange er hinter dem Tisch hockte, so gewaltig vorgekommen war, bei seinem Aufstehen fast um nichts wuchs. Aber das Lachen verging ihnen rasch. Der kleine Stump hatte sich mit überraschender Geschwindigkeit auf den Burschen geworfen, aus dessen Armen die Jüngste sich mutig herauszuzappeln trachtete. Und da flog er schon an die Wand hin, also, daß die Wanduhr ihre Gewichte unzeitig ins Holzgehäuse herabrasseln ließ und daß gar die Tafel mit der buntfarbigen Stadt Basel auf den Boden fiel. Doch der junge Landfahrer wollte sich das nicht gefallen lassen. Er stürzte sich zornglühend auf den Stump und jetzt sprangen auch die andern zwei Gesellen auf. Schon hatten sie den Alten in den Fäusten, der sich verzweifelt wehrte, und um sich schlug wie ein ganzer Mann. Jetzt ächzte die Küchentüre. Eine Rauchwolke fuhr in die Stube und in ihr die große, dicke Stumpentochter, der Salami. Einen Augenblick nur stutzte sie, dann stürzte sie sich mit dem nassen Aufwaschlappen, den sie in den Händen hatte, in den Kampf und ließ ihn umgehen wie einen Besenblitz, so daß es nur so klatschte. Aber die ergrimmten Stromer, die überrascht auf das ziemlich große, runde, etwas schlampige Weibsbild geglotzt hatten, als es hereinbrach, gaben nicht nach und machten dem immer schwerer bedrängten Hirten und seinen Töchtern arg zu schaffen, bis auf der Diele ob ihnen ein Poltern anhob und auf einmal eine neue Jungfer, die Mager, hinterm Ofen in die Stube herabrumpelte. Es wollte den verblüfften Gesellen, die sie nur flüchtig betrachten konnten, vorkommen, es komme die schmale Jungfer völlig zweistöckig hinterm Ofen hervor, so lang war sie. Aber sie konnten sich hierüber nicht viel Gedanken machen, denn die Lange hieb ihnen ihres Vaters rauhes Kopfkissen um die Ohren, daß ihnen Hören und Sehen verging. So wurden sie nun naß und trocken abgeklopft. Das machte sie nur wütender. Sie griffen erst recht zu und bekamen immer mehr Oberwasser, denn das Röllchen lag schon jammernd am Boden und den Stump hatten sie in die Knie gezwungen, während sie der Salami in einem fort anfauchte wie ein Baum voll Katzen. Bös hätte es endigen können, wenn nicht in diesen Nöten die Judith, die Milchtanse lässig am Rücken, in die Stube getreten wäre, die nun zu einer regelrechten Rumpelkammer geworden war. »Ja, herrgottabeinander, was geht denn da?!« rief die breitschulterige, umfängliche Tochter aus, »ist denn Krieg im Land?« Doch ihr gescheites Auge sah gleich, was da los war. Und da sie aber ein ruhiges, gar bedächtiges Wesen hatte, so stellte sie die Tanse erst in eine Ecke, alsdann stülpte sie ihre Hemdärmel völlig zurück. Und da griff sie auch schon zu, und zwar so handsam, daß sie den alten, schmutziggrauen Stromer gleich außer Gefecht setzte, indem sie ihn am Schopf von Röllchen wegriß und mit der Faust unter den Tisch schlug, wo er liegen blieb. Und nun machte sie sich, immer bedachtsam, in den Knäuel und suchte den Roten, der ein Mann in den besten Jahren war und ein Erzteufel, vom Vater wegzubringen, um dem Luft zu verschaffen, denn ihre Schwestern, der Salami und die Mager, hatten mit dem feurigen, jungen Gesellen, der tat wie ein verrücktes Roß und der auch so wieherte, da ihn der Salami fürchterlich zerkratzte, haufens genug zu tun. Aber der Rote drückte den Stump eben völlig zu Boden und jetzt begann er mit der stämmigen, weitumgehenden Judith einen Hosenlupf. Ein tolles Schwingen ward es. Und immerhin mochte es gut sein, daß der Rotkopf sich doch schon ziemlich verbraucht hatte, denn die älteste Stumpentochter hatte, trotz ihrer weißen Schwingerarme, Mühe, sich aufrecht zu halten und dem verwilderten Mann, der ihr recht ungeniert kam, zu wehren, daß er sie nicht warf. Nein, es sah nicht gut aus. Der kleine Hirte blutete und es schien, als sei er betäubt, denn er lag wie ein achttägiges Zicklein in der Pfanne, zusammengekugelt auf dem Boden. Das Fluchen der Stromer übergellte das wütige Gekreisch des Salami, während ihre Schwester, die Mager, die Zähne aufeinanderbiß und keinen Laut gab, obwohl sie der Junge an ihrer aufgegangenen Haarflut hin und her riß. Jetzt flog aber das befreite Röllchen in Todesängsten an ein Fensterchen und das Scheiblein zurückstoßend, schrie sie in die Nacht hinaus: »Reb, Reb, der Tausendgottswillen, wo bist du?! Komm, komm rasch! Vaganten im Haus! Hörst du denn nichts, bist du taub! Mordjo, fürjo, mordjo!« Kaum aber hatte sich das Röllchen vom Fenster weg auf ihren Vater geworfen, um ihm womöglich aufzuhelfen, flog die Stubentüre auf und da stand mit aufgerissenen Augen, einen vielästigen Knebel in der Faust, die Reb auf der Schwelle. »Herrgott, Herrgott,« rief sie aus, »ja, geht's da den Weg! Nun haben sie da in der Stube so eine Kirchweih und keine Ahnung hab' ich davon, nicht ein Mückslein habe ich zu hören bekommen.« Aufjauchzte sie. Und wie das heilige Donnerwetter fuhr sie in den Kampf hinein. Mit glasigen, roten Augen glotzte der alte Stromer, der's wieder auf alle viere gebracht hatte, unter dem Tisch hervor, auf die frisch eingreifende Amazone. »Ja, Himmelherrgott!« rief er mit vertrunkener Stimme aus, »wo sind wir denn, in drei Teufels Namen, hingeraten?! Da tollen ja diese rabiaten Jungfern zu allen Türen herein, wie Lawinen. Gebt's auf, gebt's auf, wir haben verspielt! Ja, beim Eid sterb' ich, weitverspielt. Die Mordshexen!« Und ja, sie gaben es auf, denn im Hui hatte die Reb den Roten aus den Armen der Judith herausgeklopft und jetzt warf sie den Knebel weg und begann ihrerseits mit ihm zu schwingen. Und da lag er schon, so lang er war, auf dem Boden und machte ingrimmig: »'s Teufels doch auch, das ist noch die verflüchteste!« Und alsdann begann auch der alte Stump sich wieder, von Röllchen gestützt, aufzustellen, während die Reb sich mit Judith, dem alleweil weiterkreischenden Salami und der arg verrupften und verzupften Mager, zu Hilfe machten. Bald gelang es ihnen, auch den Jüngsten und Zähesten unter sich zu bringen, also, daß er unter all den handlichen Jungfern nach Luft schnappte, wie eine hundertjährige Urgroßmutter. Nicht lange dauerte es, so lagen die drei Stromer in schöner Eintracht neben dem Haus im Saugaden eingeschlossen, denn die Stumpentöchter hatten den Zapfen an der Türe mit Stricken festgemacht. Droben im Ruchegghaus aber stand der kleine Berghirte, der Stump, mitten in der Stube. »Laß mich,« sagte er zum Röllchen, das ihm das Blut von der Stirne wegtupfte. »Es tut mir nichts; wohl tut's mir, Röllchen. Was habe ich gesagt?« rief er in seine herumsitzenden und sich zurechtmachenden Töchter. »Bin ich der Matthatias Stump oder bin ich's nicht? Und jetzt soll mir einer kommen und sagen, meine Abstammung sei nicht vornehmer als die des erstklassigsten Prämienstieres. Ein Stocksteinblinder hat's heute sehen können und auch hören, denn,« er lachte kurz auf, »es hat geknallt wie an einem eidgenössischen Schützenfest. Wir haben die Lumpenkerle gebodigt, daß es eine Freude war. Und zu leicht hat man's uns nicht werden lassen, denn zwei von den Landstreichern sind Weltsburschen und von markigem Holz. Aber, oha, wir haben sie bestanden. O Mutter, die Finken sind tot!« Er lachte wieder auf: »Und die Reb, die Reb! 's Donnersabeinander, wenn sie dich gehabt hätten zu Sempach, Reb, da hätte es keinen Winkelried gebraucht. Was gilt's, du hättest den Sackerloten ihre langen Spieße mit deinem Knebel schon aus den eisernen Tatzen geklopft.« Und nun begann er sich zu recken und zu strecken und zu vertun. Es sah ganz aus, als ob er Haus und Welt ausweiten wollte. »So,« redete er, »aber jetzt zu Bett und auf den Laubsack, Maitli! Respekt vor uns! Wir sind alleweil noch des Stumpen auf der Ruchegg. Und nun schlaft gesund! Wir wollen dann schauen, was wir mit den drei Jünglingen im Saugaden morgen anfangen. Ich meine, ein wenig sollen sie uns doch an den Schaden gehen, obwohl sie uns zu einem frohen Wochenausgang verholfen haben. Aber die schöne Ansicht von der Stadt Basel und die ausgeleerte Schnapskrausle sollen sie uns abverdienen müssen.« Aufrechten Ganges, den Kopf hoch, schritt der kleine Hirte durch die Stube und hinterm Ofen hinauf in die Elternkammer. »Ja,« machte die Reb, auf seine vergehenden Schritte horchend, »es fuchst mich nur, daß ich so spät zu diesem Hau gekommen bin.« »Ach was,« schimpfte der feuerkrebsrote Salami, »der jüngste unter ihnen, der Bursche da mit seinen Feuerteufelaugen, ist flinker gewesen als ein Affe. Er ist über uns dar wie besessen. Aber ich hab' ihn mit meinen Fingernägeln gehörig gezeichnet. Er muß morgen aussehen wie eine Landkarte!« »Mir hat der Luchs fast den Kopf aus dem Zapfen gezerrt,« meinte die Mager, »denn er hatte mich fest am Schopf, aber,« setzte sie trocken mit ihrer tiefen Stimme bei, »ich hab' ihm mit Vaters Kopfkissen auch all den Staub, der seit Jahren auf allen Landstraßen herum über ihn gekommen ist, gründlich ausgeklopft.« »Ja,« lachte munter die Judith, ihr zerfetztes Hemd über dem blendendweißen üppigen Busen zusammennehmend so gut es ging, »es wölkt jetzt noch davon ringsum wie nach einem Unwetter.« Bald machten sich die Töchter aus der Stube. Als letzte das Röllchen, denn als es das ausgegangene Lichtlein ihres Wachsrodels für die armen Seelen wieder angezündet und gar aufs Fenstergesims gestellt hatte, griff es die Handorgel vom Büfett und hockte sich vor den Ofen. »Eigentlich,« redete sie halblaut, »wenn die wüsten andern Tag- und Nachtlumpen nicht gewesen wären, dem Jungen hätte ich schon ein paar Tänze aufgespielt. Ein so Leider war der nicht und weiß Gott wie der so einer geworden ist.« Ihre Augen schon etwas traumbefangen in der Stube umgehen lassend, fing sie einen lüpfigen Walzer zu spielen an, der aber, bei all seinen tollen Sprüngen, ein heimweherisches Herz hatte. Aber am andern Morgen stand die Judith auf dem Stiegenbrücklein des Ruchegghauses und schaute durch den halbmondförmigen Ausguck seiner Vorwand mit lachenden Augen auf das Dreigespann der gezähmten Stromer, die, in langen Stricken hängend, eine ansehnliche Benne voll dampfenden Kuhmistes vom Stall weg auf die Weiden hinauszogen. Neben der Fuhre schritt, die Mistgabel im Arm und unbeweglichen Angesichts, die Reb. Sie schaute wahrhaft hochgetragen auf ihr ungewöhnliches Gespann und pfiff mit der Spottdrossel, die sich irgendwo im nahen Hochwald herumtrieb, um die Wette. Weidlich folgte ihr der Bauer, der Matthatias Stump, die Hirtenhemdkapuze lässig auf dem Kopf, seine Mistgabel geschultert wie eine Hambarte und mit den kurzen Beinen gewaltig ausschreitend. Es war immer, als wollten sich die Beine trennen und das eine rechts und das andere links in die Welt auswandern. Aus einem Stubenfenster guckte kichernd das Röllchen und oben im offenen Fenster der Stubenkammer lehnte die lange, schmale Mager und rief tiefstimmig: »Herrschaft, sind das faule Rosse! Jetzt sind es doch ihrer drei und sie bringen's nicht einmal so geschwind vorwärts mit diesen Führlein Mist wie unsere Ziehkuh.« »Ja, schämt euch nur, ihr Landverstänker!« schrie dem Gespann mit kreischender Stimme der Salami nach, die eben von der Küche her neben die Judith aufs Stiegenbrücklein getreten war. »Nun habe ich die drei gefräßigen Gäule heute morgen so gut gehabert und also überfüttert, daß man sozusagen jeden Hosenknopf an ihnen hat feißen sehen. Und ich hab's getan in der Meinung, sie werden danach wie die Donnerwetter in den Hundstagen ausrücken, und nun schleichen sie nur so dahin, grad wie Schnecken, nur daß ihnen noch die Hörner fehlen. Hü, hü, hü, ihr faulen Hunde! Ihr sollt uns jetzt die blauen Flecke, die ihr uns an die Köpfe geschlagen und in die Arme gekniffen habt, mit Schwielen an Hand und Fuß abverdienen!« »Lärm' doch nicht so!« verwies ihr halblaut, gelassen die Judith. »Ich meine, wir sollten froh sein, wenn wir die drei Kerle wieder mit Glimpf ab der Ruchegg wegbringen, denn sie sind keine heimelige Gesellschaft. Sie wären imstande, uns Haus und Gaden anzuzünden. Gar der Rotkopf. Ich kann den Vater nicht begreifen und dich und die Reb schon gar nicht. Jetzt haben sich die Landstreicher zwar noch geduldig, ein wenig knurrend und die falschen Augen verkehrend, einspannen lassen, denn sie haben sich wieder einmal recht satt essen können. Wird's ihnen aber zu langweilig oder gar zu streng, Rößlein zu spielen und kommen sie dann aus den Strängen . . .« »So sind wir jetzt wachbar und mit der großen Pfanne will ich den gefehlten Hageln die Strubelköpfe zurechttrommeln!« rief der Salami aus. Sie konnte nicht weiterreden, denn draußen begann die Reb also zu jodeln, daß es von allen Bergen und aus allen Wäldern Echo gab. Und da war die ganze Fuhre hinter einem Grüpplein Bergahorne verschwunden. »So,« schnörzte der Salami, »nun will ich in die Küche, die Erdäpfel holen und sie da draußen am Brunnen waschen, so hör' ich am ehesten, was etwa mit den Stromern läuft. Sie sollen nur nicht glauben, wir passen nicht mehr auf sie auf und es sei nun alles, wie's vom Dornröschen im Märleinbuch geschrieben steht, im Ruchegghaus eingeschlafen. Mager!« rief sie an ein Fenster hinauf, »siehst du die Fuhre noch?« Oben, in der Stubenkammer, ging ein nicht übel mit ungewohnt tiefer Stimme gesungenes Marienlied um. »Mager!« Der Gesang brach ab und die lange Hagar stand mit ernstem, etwas braunem Gesicht im Fenster: »Was willst? Ob ich die Mistfuhre noch sehe, willst wissen. Nein, zu sehen vermag ich sie auch da oben nicht mehr, aber ich höre sie. Hab' nur keinen Kummer, ich bin so wach wie du. Der Rote und der junge Strolch haben mich gestern abend an meinem Schopf herumgeläutet, daß ich heute sogar noch mehr höre als man kann.« Und damit legte sie eine schwere Bettdecke übers Fenstergesims, um sie zu sonnen. Sie hing fast bis aufs Stiegenbrücklein herab. Die Judith aber hatte sich in ihrer ganzen Stattlichkeit ein paarmal gereckt und gestreckt, um die letzten Traumnebelchen, die ihr noch in den Augen und allüberall anzuhängen schienen, von sich abzutun. »Salami!« rief sie in die Stube hinein, ihrer in die Küche abgezogenen Schwester nach, »komm hilf mir melken. Allein kann ich's jetzt nicht mehr machen, sonst kommt die Milch zu spät in die Hütte.« »Wohl, fällt mir nicht ein,« kam's scharfgeschliffen durch die Stube von der Küche her, »ich habe genug damit zu tun, euch und den drei fremden Laushunden das Mittagessen zu rüsten und außerdem muß ich noch die jungen Katzen ersäufen. Unsere heillose Bringlerin hat schon wieder ein halbes Dutzend Junge. Alle können wir nicht behalten. Nichts als jüngeln kann die! Also, Judith, melk' du selber. Kannst dir ja Zeit lassen. Bist's gewohnt und hast's in der Hand wie keine von uns. Gleichwohl kann dir unser Rolli, dieses Fegnest, melken helfen. Sie weiß ja so den lieben langen Tag hindurch nichts was anfangen, obschon es wahrlich überall genug zu tun gibt, wenn sie's sehen wollte. Ich muß der Mager ohnedies die Stube nochmals fegen helfen. Man müsse sich ja bald schämen, hat gestern der Vater geschimpft, daß die Stube nicht sauberer aussehe, wo doch so viele Weibsleute im Haus seien. Dabei hat er freilich vergessen, was mit ihm und mit dir, die ihr alleweil im und um den Stall seid, alles am Gewand und gar am Schuhwerk, auch an den Barfüßen, in Stube und Küche hereingebracht wird.« Die Judith hörte sie nicht mehr. Sie schritt bedächtigen Ganges auf die Scheune zu, einen Eimer in der Faust. Und hurtig, mit lachenden Augen folgte ihr das Röllchen, ebenfalls einen Eimer am Arm tragend. Aber am Brunnen, zwischen Haus und Stall, hielten sie an, um ihre Eimer gehörig auszuspülen. Und sie taten es also gründlich, daß der Trog auf allen Seiten überfloß. »Hat der neue Schullehrer da unten zu Erlenstalden nicht letzthin zur Mager, die ihm die schmale Fahrgeiß auf der Vorkirche beim Singen machen muß, gesagt, du seist eine wie ein Bauerngarten voll Bubenrosen und Jungfern im Busch und die gefüllten roten und weißen Nelken lampen allseitig nur so von dir herab, Schwester,« rief das Röllchen munter, hellstimmig aus, »da kann's wohl nicht schaden, wenn man dich in diesen trockenen Tagen ein wenig wässert.« Schwubs, kam der halbvolle Eimer wie ein Bergbach über die weitumblühende Judith. Aber die älteste Stumpentochter tat nicht einmal einen Aufschrei. Sie hob ihren Eimer, dafür aber plattvoll, aus dem Trog und ruhig ausrufend: »Und hat nicht der Pfarrer letzthin gesagt, du seiest eigentlich noch wie ein Erdäpfelsamen, bei dem die Augen freilich schon auf Stielen stünden, So will ich dich etwas beschütten, damit du recht wüchsig wirst.« Jedoch so gewaltig sie ihren Eimer schwang, das Wasser verfehlte das wachsame Röllchen völlig. Und jetzt ließ sie den Eimer gar in den Trog fallend denn aus der Weid herab kam auf einmal die aufgeregte Stimme des alten Stump und wütendes Aufschreien der Reb. Da ließen die zwei Jungfern Eimer Eimer sein. Die Judith machte sich, ungewöhnlich rasch für sie, zur nahen Scheune und schon schritt sie, den Dengelhammer in der Faust, gegen die Ahorne hinauf, hinter denen es gar lebhaft zuging. Aber vor ihr her hastete schon das Röllchen, ohne Wehr und Waffen. Nun fuhr auch der Salami, das Küchenmesser zwischen den Zähnen und die Ofenkrücke stoßfertig in den Fäusten, aus dem Haus und ihr nach polterte die Mager, den Birchbesen auf der Schulter, das Stiegenbrücklein herab. »Wir kommen, wir kommen, wehrt euch!« kreischte der Salami, »haarus, haarus!« Als aber das behende Röllchen den Ahornbestand hinter sich hatte und als erste, mit ängstlichen blauen Augen, um sich wunderte, sah es eben noch, wie ihr Vater lärmend den davonlaufenden Stromern, dem schmutziggrauen Alten und dem Rotkopf, Steine nachschleuderte und wie der jüngste, flinkeste der Gesellen der Reb die Mistgabel aus den Fäusten riß, sie weit weg warf und wie sie jetzt einander anpackten. »Vater, Vater, helft!« schrie das Röllchen. Doch der Alte konnte nichts machen, der jugendkräftige Bursche und die Reb fuhrwerkten einander also auf dem Acker herum, daß es schwarz aufstob und man nicht mehr hätte wissen können, wo anfassen. In heller Aufregung konnten sie dem Kampf nur zuschauen. Aber als nun der Salami mit mordsüchtigen Augen und gefällter Ofenkrücke unter den Ahornen hervorrannte, gefolgt von der Judith und der Mager, da hob die Reb den jungen Feger eben mit Mannskraft und da, wohl, da lag er auf dem Rücken, wie ein gereisteter Baum. Und bevor er sich von seiner augenblicklichen Betäubung zu erholen vermochte, war der alte Stump auf ihm und nun gar mit dem ganzen Geläuf seiner Töchter, die ihn alle miteinander am Aufkommen nachdrucksamst verhinderten, denn als er sich Luft machen und aufspringen wollte, hagelte es Fäuste auf ihn. Also fand er's für besser, sich zu ergeben. Das Röllchen aber mühte sich, die über und über leuchtende, sieghafte Reb, die ziemlich zerrissen und beschmutzt aussah, einigermaßen in Ordnung zu bringen. »So,« sagte die Reb, noch lebhaft Atem holend und die blutigen Schrammen an ihrem Arm eifrig ableckend, »dasmal putzt die Stumpentochter völlig und ganz und der Bauer bleibt Trumpf. Das hingegen, muß ich sagen, ein flinker Sackerlot ist dieser fahrende Mannskerl da; er ist noch weit besser um die Waden als der Rotkopf. Grad leicht hat er's mir nicht gemacht, ihn zu bodigen. Salami!« rief sie der Schwester zu, die den eben aufstehenden Stromer zornig anfuhr, »brauchst den nötigen Landstöffel nicht so anzuhauchen! Hättest du ihn am Morgen nicht so gut gehabert, so hätte er auch nicht so gottlos ausschlagen mögen.« Ihr polterndes Auflachen ging über Berg und Tal. »Ja,« meinte das Röllchen, die blauen Feuerchen ihrer Augen unwillig aufgehen lassend, »tu doch nicht wie eine Holzfräse, Salami! Am End' ist er ein armer Teufel und fürs Murren hat er nun. Vater,« setzte sie bei, »laßt ihn doch laufen!« »Nein,« beschied der kleine Hirten seine Mistgabel wieder zu Handen nehmend und schulternd, »nein, Röllchen, jetzt lasse ich den Jagdhund da noch nicht fort. Er soll nicht sagen, wir hätten ihn aus Angst vor ihm und seinen Mitlumpen laufen lassen. Mist zu ziehen braucht er zwar nicht mehr, denn zum Arbeiten ist so ein geeichter Faulenzer, so jung und stark er ist, doch nichts wert und nur ein Held am Tisch und unter den Weibern. Aber ins Loch muß er bis morgen früh, in den Saugaden muß er wieder, wenn's ihm doch dort besser gefällt als auf der freien, schönen Weid ein Zeitchen das Roß zu spielen. Ja,« herrschte er den finster blickenden Vaganten an, »da oben auf der Ruchegg mache ich halt den Landammann und das Gericht selber, da oben, in diesen Rauhenen, ist der Stump König. Das wirst du dir jetzt gemerkt haben, Bursche. Und wenn du zu Tal kommst, kannst es den andern Landausschmökern und Türenabsuchern gleich ofenwarm weitergeben, daß sie da oben zwar nicht umgebracht werden, auch wenn sie haushohe Halunken seien, daß man auch für sie einen Schluck Milch und allenfalls etwas für die Zähne habe und eine Heuruhe, aber daß es geraten sei, bei uns Stumpenleuten erst anzuklopfen, bevor man eintritt, wenigstens abends nach Betenläuten, und uns sowieso höflich zu kommen. Verstehst du jetzt das, he?!« So ließen sie denn die unabgeladene Mistfuhre im Stich und zogen, alle miteinander, den jungen Stromer sorglich eingekreist haltend, durch die Ahorne zum Ruchegghaus hinunter, wo sie den stillgewordenen Burschen wieder in den Saugaden hineinstießen, die Türe dasmal verrammelnd wie einen Tigerkäfig. Aber am Nachmittag, als der Stump mit seinen Töchtern in der Weid hinter den Ahornen den Mist fachgemäß und mit gewohnter Umtunlichkeit allseitig verlegte, ließ das Röllchen, dem die Hauswacht aufgetragen war, seinen grauen Kittel, dran es in der Küche strickte, liegen. Alsdann ein großes Rundum Brot und eine gedörrte Schweinswurst zu Handen nehmend, schlich sie sich aus dem Haus und zum Saustall. »Bursche,« redete sie halblaut durch eine Türspalte hinein, »wie steht's, möchtest du heraus?« Im Saugaden blieb's still. »Hörst du! Bist wohl eingeschlafen, möchtest du zu Tal?« Jetzt aber ward es lebendig im Kofen. Es schien sich jemand aus einem ächzenden Korb zu erheben. Schritte gingen und nun kam's durch die Spalte, durch die das Röllchen hineinspähte: »Ja, Maitli, tu mir auf und laß mich fort. Ich sag' dir dafür gern Vergeltsgott.« Sie ward zündrot und in ihren blauen Augen zitterte es wunderlich, wie die Luft gen Morgen zu an einem schönen Märztag. »Ja,« gab sie zurück, »aber du mußt dich gleich davonmachen, denn wenn's der Vater und die Schwestern merken, so kannst du erst recht nicht weg, denn du hast dich hundsschlecht benommen und uns alle bös gemacht.« »Ja, ja, tu nur auf. Gewiß will ich davon, so geschwind ich's kann. Ich hab' nun Saustall genug.« So löste sie denn alle Stricke vom Zapfen. Und da trat der junge Stromer schon ins Licht der mittäglichen Sonne hinaus, und jetzt erst gewahrte das Röllchen so recht, daß der Bursche, abgesehen vom Schmutz, von dem er überzogen war, wie ein Krokodil von der Hornhaut, gar nicht so übel aussah. Er ließ ihr aber wenig Zeit zu Betrachtungen, denn rasch griff er nach Brotkringel und Wurst, die sie ihm hinhielt. Alsdann schaute er sich blitzgeschwind weltum und jetzt packte er das Mädchen um den Kopf und küßte es auf den Mund, daß es schnalzte. Und da lief er schon wie ein gehetzter Hirsch, am Brunnen vorbei, hinterm Hause hinunter und weidab. Kein Vaterunser lang dauerte es, so war er im Föhrenwäldchen unterhalb verschwunden. Lautauf lachte das Röllchen. Und erst nach einer geraumen Atempause wischte es sich mit dem nackten Arm den Mund ein wenig ab. »Der Weltsbursche!« redete sie vor sich hin. Dann machte sie sich langsam zum Brunnen und schaute, ihre meisterlos gewordenen Haare ordnend, in sein spiegellauteres Wasser hinein, aus dem sie der Himmel und ihre blauen Augen völlig wolkenlos anlachten. Als aber der alte Stump mit seinen müdgewerkten Töchtern gegen Abend heimkam und die Botschaft vom Abzug des letzten aus dem liederlichen Kleeblatt vernahm, schaute er seine Jüngste eine Weile mit seinen offenen, gradauszielenden Augen an und dann sagte er, kurz auflachend: »Ja, ja, du Schalk, ich kann mir schon denken, wer dem fremden Fötzel fortgeholfen hat, denn er selber hätte den Zapfen von der Türe nicht aufgebracht. Nimm dich in acht, Röllchen! Es will mich bedünken, du seiest etwas gar zu weich geklopft und gehörest also zu jenen Weibern, die dem Männervolk, dem jungen zum voraus, nichts absein können.« Aber danach trampte er, seinen Töchtern voran, vom Stall weg und ins Haus hinauf und nur der Salami rief dem Röllchen unwirsch zu: »Bist ein rechter Aff! Von mir aus hätte dieser lausige Faulenzer im Saugaden bleiben können bis zu Martinitag. Vielleicht hätte ich ihn dann gleich mit einer elf Vierling dicken, schlagreifen Sau einsalzen und ins Kamin hängen können.« Mit einem rohen Gelächter machte sie sich den andern übers Stiegenbrücklein hinauf nach. Die Reb aber sagte kurzgebunden: »Das Röllchen hat's recht gemacht, denn der Bursche hat sich wacker gewehrt und es hat eine wie mich gebraucht, um ihn zu bodigen. Das soll er jetzt nur in den zahmen Tälern auskündigen. Vielleicht kommt dann eines Tags ein anderer in unsere Wildnis hinauf und will's mit mir aufnehmen. Aber,« sie lachte kurz auf wie ihr Vater »aber der liegt jedenfalls noch in der Wiege, der's mit mir probieren könnte. Heute und morgen muß der Reb Stump noch keiner kommen wollen.« 3 Zu Kilchaltdorf war der große Herbstviehmarkt mit Kirchweih, bald nach der Abfahrt ab den Hochalpen. Weitum vertat er sich auf den Amrainmatten beim Dorf. Es war für ein landwirtschaftliches Gemüt eine wohlbekömmliche Augenweide, das viele rassige Braunvieh, die gesetzten, krausköpfigen Stiere, die saubern, gerechten und wahrhaft schönen Kühe und die hoffnungsvolle Jungwar' der Rinder allerart und alles so gut in der Farbe, vor sich zu haben. Hie und da meckerte auch ein Ziegenbock dazwischen oder gar veranstaltete eine Riesenbute voll Ferkel ein weithin tönendes Morgenkonzert. Zwischen dem unvernünftigen Vieh aber war der große Umtrieb vernünftigen Volks, das wußte was es wollte. Es ward gefeilscht und gehandelt, laut und halblaut, aber alles in den singenden Mundarten des Berglandes und in den einfärbigern Tönen der tiefern Talschaften. »Viel und zu guten Preisen wird heut wieder einmal gehandelt, und das Geschäft läuft,« raunte der Spielaumichel dem kleinen Hirten ab der Ruchegg, dem Matthatias Stump, zu. »Bargeld wie Heu. Greif zu, Stump, solang er dich überzahlen will! Wie kannst du nur so hinhaltend und querköpfig sein! Schau' dich um, horch' hin wo du willst, andere tun nicht halb so ungeschickt wie du. Fünfundsechzig Dublonen für deine immerhin etwas eckige Brüni, die dazu noch den Bauch und den rückwärtigen Schlittenrain voll Blumen hat und eine Schaukel im Rücken. So ein Geld, Stump, für ein mißfärbiges Haupt Vieh, mit dem du nie auch nur die 3. Klasse an der Ausstellung bekämest. Was, gut in der Milch, sagst du? Ja, das glaubt dir nicht einmal der alte Erlenstalder Sigrist, der doch alles glaubt, was ihm sein junges Weib angibt und was aber weder sie selber noch sonst ein Mensch glaubt. Gib die Kuh, Stump, gib sie! So ein Haufen Geld, fünfundsechzig lauterlötige Dublonen! Mach', mach', bevor's den Baschitoni reut. Ich seh's ihm an, es macht mit ihm, von dir wegzugehen und dich mit deiner Ratzmaus stehen zu lassen. Was sagst, nicht pressieren tut's dir? Ja, Herrgottabeinander, so gibt's ewig keinen Handel und du kannst deine Brüni mit ihrem übelfeilen Gangwerk wieder mitheimzu über den Prügelweg auf die Ruchegg hinaufschleppen. Die Viehhändler wollen heut sowieso nicht recht anbeißen. Sie trauen eben euren Brocken nicht und fürchten wie die Fische die Angeln. Was hab' ich vorhin gesagt, es werde viel und gut gehandelt? O ich verbrannter Tabaksäckel! Jawohl, das habe ich geredet, dazu stehe ich, aber eben nur um wirkliche Nutzware. Deiner grauen Fladenmacherin da sieht man's aber schon von weitem an den Milchzeichen an, daß . . .« »Red' nur laut, Michel,« sagte jetzt der Stump zum Dolmetscher von Stagelrain, der aber mehr nur ein Marktläufer, Gelegenheitsmacher und Saufaus war, »ich bin kein Beichtstuhl und sowieso nehme ich noch lange nicht alles für Gold was du redest, nicht einmal für Messing, du magst es herausputzen wie du willst, aber,« setzte er zögernd bei, »grad alles kann ich dir auch nicht durchtun, dies und das muß ich dir doch gelten lassen und fünfundsechzig Dublonen sind Geld und . . .« »Nein,« machte jetzt des Alten Tochter, die weißhäutige Judith, ihr buntfärbiges Halstuch von den üppigen Schultern nehmend und es der mausgrauen Kuh vor ihr überhängend, »nein, Vater, das sprengt nicht halb so sehr mit diesem Handel. Fünfundsechzig Dublonen sind zu wenig, das sage ich, denn soviel, das wißt Ihr, verstehe ich auch vom Vieh. Zu niedrig ist dieses Angebot für unsere guttuende Brüni. Um das geben wir sie nicht. Aber wenn Ihr noch vier und eine halbe Dublone dazutut, Baschitoni, so könnt Ihr die Kuh mit heimnehmen; feil ist sie ja.« Sie drängte in aller Gemächlichkeit den vertrunkenen Spielaumichel beiseite, sich hart zu Häupten ihrer Kuh aufstellend und dem Viehhändler Baschitoni von Hochsiten, einem stattlichen Mann, der ihr gegenüberstand, aus gescheiten, grauen Augen ins Gesicht sehend. Interessiert ließen sich die zunächststehenden Bauern und Verkäufer und Kauflustige um die strittige Kuh, die mitten auf dem ausgedehnten Marktplatz stand. Und mit Verwunderung und Wohlgefallen sowieso sahen sie auf die breitschulterige und hellscheinige Jungfer, die nun den Kuhhandel mit vorbildlicher Bedachtsamkeit, mit taubensanften Augen und einer Redeweise, die fast leis wie ein Schlitten auf Glatteis dahinglitt, weiterführte und zu einem guten, einträglichen Ende zu bringen suchte. Was die scharf zuhörenden und hinsehenden Bauern dabei am meisten verwunderte, war die Wahrnehmung, daß diese Stumpentochter ab der Ruchegg das Vieh durch und durch zu kennen schien. Und es freute sie alle bis in die Zehennägel hinunter, wie geschickt sie dem gewichsten Viehhändler die Kuh gefällig und im besondern wie sie ihm ihre Laster unsichtig zu machen trachtete. Ein Weltsmaitli! sagte sich innerhalb auch der Viehhändler und wohlhabende Bauersmann von Hochsiten, der Baschitoni Tritsch. Immer näher rückte er der Judith und immer mehr gelang es ihr, seine Blicke von der Kuh weg und auf sich überzuleiten, wo sie wahrhaftig bald an ihrem weißlachten, etwas vollmondigen Gesicht, dann wieder an den kleinen, fast listig gleißenden Ringen ihrer roten Ohrenläppchen hängen blieben. Und nicht lange dauerte es, so klebten sie gar an ihrem Hals, so daß sie wie die Fliegen auf dem leimigen Papier nur mehr so herumkriechen und einfach nicht mehr loskommen konnten. Nun hatte die Stumpentochter mit den gescheiten Augen und dem bedächtigen, küßlichen Mund gut reden. Wer aber eine ganz unbändige Freude an diesem Kuhhandel, der sich so gut anließ und damit erst recht an seiner ältesten Tochter hatte, das war ihr Vater, der erhobenen Hauptes dabeistand und völlig zapplig geworden, die Rede der Judith unwillkürlich mit Armen und Beinen begleitete. Jaso, da mochten sie jetzt wieder einmal sehen, was es mit dem doppelten Matthias war, den sie hinterrücks etwa gar lächerlich zu machen suchten. Wo war nun ein Bauer im Berggebiet und drüber hinaus, der eine solche Viehkennerin, die dazu ein Maitli zum Ausstellen war, ein erstklassiges Maitli, an den Kilchaltdorfer Viehmärkten aufführen konnte? Aha, der Matthatias Stump! Immer zappliger, wohlgelaunter ward er, um so mehr als seine Tochter nun merkbar einem gutanschlagenden Austrag des Handels zusteuerte, denn je sichtiger dem Baschitoni Tritsch von Hochsiten die Vorzüge der Stumpentochter wurden, desto rascher nahmen die Mängel der geduldig dastehenden Kuh Brüni ab. Und als nun der Marktläufer, der Dolmetscher Spielaumichel sah, wie das Geschäft, das er nicht zuweg gebracht hatte, sich anließ und wie der Viehhändler Tritsch der Stumpentochter den Kaufpreis schon nachgebessert hatte, wobei der verblendete Hochsiter um mindestens vier Goldvögel überfordert war, giftete ihn das heillos. Also begann er sich wieder an den Viehhändler zu machen, zu warnen und zu wehren und seine ausgelaufene, halbheisere Stimme in den Endgang des Handels hineinzuhängen. Aber er richtete wenig, ja nichts aus. Zum ersten überhörte ihn der Viehhändler mit Willen, da er auf die Stimme der nun ganz nahe bei ihm stehenden Judith hören wollte und zum andern gingen seine Augen nun also um die bäumige, aber weichlinige Stumpentochter, daß es den Zuschauern schier vorkam, er schätze das Mädchen ab der Ruchegg ab und der Handel gehe nun um des doppelten Matthiasen Judith und nicht um die Brüni. Und als der Spielaumichel gar keine Ruhe geben wollte und sein Maul wie die Holzschnattern in der Karwoche auf dem Kilchaltdorfer Kirchturm gehen ließ und es gar den Handelnden unter die Nasen hielt, schnauzte ihn der alte Stump an: »Was ist's denn mit dir, du Dörrling! Was brauchst du denn deinen wüstroten, übelrüchigen Apfel alleweil zuvorderst zu haben?! Verdolmetsch' du zuerst deinen Affen, bist ja besoffen!« Schier erschrocken verstummte der rotäugige, durchtriebene Geschäftleinmacher. Aber dann begann es in ihm zu kochen und da er nichts Gescheiteres wußte und auch nichts anderes anzustellen vermocht hätte, so begann er, zum Vergnügen der Umstehenden, von denen es allein der Viehhändler von Hochsiten nicht beachtete, den kleinen, immer zappligen Stump, der ihm den Rücken zukehrte, in allem nachzumachen, mit Armen, Beinen und Gesicht, also daß die Marktleute ringsum nur mit Mühe das Lachen hintanhalten konnten. Die Judith aber, obwohl sie den Aumichel auch halbwegs hinter sich hatte, merkte das alles wohl. Seine Faxen und Grimassen gingen ihr keineswegs verloren. Doch sie tat, als hätte sie keine Ahnung davon, blieb völlig ruhig und brachte, unter dem Beifall der gutaufgelegten Runde, den Handel um die gutgealpnete mausgraue Kuh zu einem für die Rucheggleute gedeihlichen Ende. Nicht einen roten Rappen hatte sie von ihrer Forderung nachlassen müssen. Und da es nun gegen Mittag ging, machten sich die Marktbesucher mit ihrem Vieh von den Amrainmatten weg ins Dorf hinein. Unter ihnen auch der Stump ab der Ruchegg mit der Judith und mit dem Viehhändler Baschitoni Tritsch. Da hockten sie nun in der Wirtschaft zum schwarzen Bären unter den Landsgenossen und auswärtigen Bauern und Viehkäufern aus den tiefen Tälern am See und der Enden. Und zwar hatten sie sich um einen runden Tisch gemacht und lebten bei einer schönfärbigen Tranksame und allerlei Fleischlichem nach bestem Vermögen und auch etwa drüber. Und als es dem Abend zuging, stieg die Tanzmusik auf die Geigenbank, zuhinterst in der Wirtsstube, denn es war ja Kirchweih und begann den ersten lüpfigen Ländler zu ziehen. Und der Tanzschenker tanzte mit einem seiner bestellten Tanzschenkermägdlein, die in schlohweißen, steifen Kleidern unterhalb der Musik, etwas nebenan der Wand nach, auf einer Bank saßen, den landesüblichen Gäuerler also lebendig, daß der Zottel seiner samtenen, um und um geblümten Kappe aufhüpfte wie ein Vogel, der das Fliegen lernt. So ging's denn bald hoch her, denn die Jungmannschaft rückte mit dem Weibervolk zum Tanzen aus. Aber Judith, des Stumpen Älteste, ließ sich nicht auf den wohleingeseiften Tanzboden hinausführen, so oft sie auch hiefür angesprochen ward. Zuerst, sagte sie, müsse das Geschäftliche abgetan sein. Also zog der Baschitoni Tritsch von Hochsiten seinen gewichtigen Geldbeutel und legte vor den Augen des freudig hinschauenden und dazu eifrig seine Zunge kauenden Stump ein Goldstück guter Schweizerwährung nach dem andern in Reih und Glied auf den Tisch, bis die Zahl, die sich die Judith ausbedungen hatte, voll war. Und alsdann schlug er mit der Faust noch einen Fünffränkler dazu, als ein Trinkgeld für die Stumpentochter, wie er laut sagte, die das Vieh kenne wie keine zweite landum und die es einem angeben könne, daß man's ihr durch sieben Wände hindurch glauben müßte. Ruhig, mit munterm Auflachen, schaute das üppige Mädchen auf die schönen, in der Abendsonne blitzenden Goldmünzen. Und als jetzt der kleine Hirte ab der Ruchegg eine nach der andern zuhanden nahm, beschaute und umständlich in seinen Geldsäckel versorgte, behielt seine Tochter den Fünffränkler zurück und brachte ihn ebenfalls irgendwie unter, dem Viehhändler freundlich dankend. Der aber ward immer aufgeräumter, je länger er die Judith ansehen konnte und je süffiger ihn der Seewein dünkte, den er über den Tisch zahlte. Und als sein plumper Schuh, drin aber immerhin ein ganzer und noch ziemlich junger Fuß steckte, sich ein wenig auf Entdeckungsreisen oder überseeisch machte, wie der Erlenstalder Sigrist zu sagen pflegte, und also auf dem auch nicht zu kleinen Fuß der Stumpentochter landete, ward er völlig bodenwohlauf. Die Judith, nämlich, rückte ihren Schuh nicht um Haaresbreite weg und ließ den Baschitoni Tritsch sich mit allen fünf Zehen drauf festsetzen. Und selbst als sie der Schuh, und es war nicht ihr eigener, etwas zu drücken anfing, begann sie deswegen nicht zu jammern, denn sie hatte keine Elsternaugen. Sondern im Gegenteil, sie lachte frohgemut auf und ließ ihre Augen oben und den Fuß unten wirken wie eine elektrische Leitung. Und als der Viehhändler jetzt auch noch ihre Hand über den Tisch nahm und ein Zeitchen in der seinen behielt, so fand sie, nun dürfte alles wohl eingeschaltet sein, also daß es dem Baschitoni ab Hochsiten an Hitzen nicht fehlen könne, die ihn dann nach und nach auch völlig zum Schmelzen brachten. Richtig ließ der Viehhändler einen frischen Liter und vor der Judith braune süßduftende Kräpflein und knusperige, goldgelbe Knieplätzchen aufmarschieren. So lebte sie herrlich und in Freuden. Das plagte aber den Spielaumichel, den abgeknöpften Dolmetscher, immer mehr, obwohl ihn der Baschitoni Tritsch am Weinkauf teilnehmen ließ und sein Glas nie lang leer stand. Es plagte ihn, daß ihn eine Stumpentochter, ein junges Weibervolk gar, hatte so unnütz werden lassen. Noch mehr wurmte es ihn, daß er mit fuchsfeiner Witterung zu spüren meinte, wie aus dem ersten Handel sich allenfalls noch ein zweiter heranlassen könnte, der dieser verflucht gescheiten, ruhigen und über und über anmächeligen Judith noch einen so wohlgestellten, feißten Holofernes von Hochsiten einbringen könnte und das ohne einen Schwertstreich. O verflucht doch auch! In einen solchen heimlichen Ingrimm hinein brachte dieser Gedanke den Dolmetscher und alles was ihm heute wider den Strich gegangen war, daß er wieder anfing, den alten Stump auszulachen und nachzumachen, der im Bewußtsein des Geldes, das er im Sack hatte, erst recht aufging, redreich ward und die Arme verwarf wie eine Windmühle. Ja, so gut im Strumpf war jetzt dieser Berghirte und voll des fleißig mit Zuckerstückchen gesüßten Weins, daß er gewohnterweise ins Prahlen kam. Immer mehr stieg seine Stimme an, immer weiter zurück rutschte sein umfänglicher, verwitterter Filzhut. Er prahlte erst so im allgemeinen mit allem möglichen und alsdann aber im besonderen mit seiner gegenwärtigen Tochter. Und wie die ein gelassenes schönes Tudichum habe und dabei doch heimlicherweise eine sei wie ein Tannadelhaufen im Wald, in dem es von Ameisen nur so wimmle. Und wie die ihm, mit all ihren Schwestern, Freude mache und wie ihr im Melken keine zumöge landauf und landab. So glimpfig melke sie und doch so handlich, daß alle Tannen auf der Ruchegg grün seien vor Neid und weckleingelb, daß sie bloß Harz und keine Milch haben und also ihre Zapfen von der Judith nicht melken lassen können. Immer lauter und beherrschender ging seine Stimme um und nur die Klarinette und das Gestampf der Tanzenden vermochten sie einigermaßen zu überhöhen. Und als jetzt der Viehhändler Baschitoni Tritsch mit der sich willig einstellenden Stumpentochter auch auf die Tanzdiele ausrückte, vermochte der Berghirte schon gar nicht mehr ruhig zu hocken und fast ging er in einem fort wie ein Glockenschwengel am heiligen Tag. Ja, der Hochmut übernahm ihn völlig. Aber der ausgetrocknete Geschäftleinmacher, der Spielaumichel, ließ jetzt seiner Bosheit freien Lauf. Er machte den alten Stump, ihm fast ins Gesicht, nach, ohne daß es dieser merkte oder auch nur ahnte, während man um die Tische die liebe Not hatte, das Lachen zu unterdrücken, obwohl sonst der liederliche Kirchweihläufer nirgends wohlgelitten war. Der schien sich jetzt nicht einmal vor der großen Tochter des kleinen Älplers zu scheuen, denn er hielt sich gar nicht mehr zurück und spielte den Affen ihres Vaters fast vor ihren Augen. Nach einem tollen Gautanz, von dem die Tanzdiele rauchte und stob, hatte sich die Judith wieder ruhig neben den Stump gesetzt. Mit stillem Lächeln und halbem Ohr hörte sie seinen Prahlereien zu und sah dabei ihrem Tänzer, dem Baschitoni Tritsch von Hochsiten, dessen Kopf immer röter ward, mit undurchsichtiger Heiterkeit in die angriffiger, übermütiger werdenden Augen, die's einfach nicht mehr von ihr losbrachten. Dabei biß sie mit ihren blinkenden Zähnen hin und wieder in ein Stück der vor ihr im Teller liegenden knusperigen Kirchweihsüßigkeiten und nur einmal sah sie blitzgeschwind nach dem Spielaumichel, der sein Theater immer frecher weiterspielte. Unversehens, auf einmal aber griff sie zum Glas, stieß mit dem Viehhändler an und alsdann trank sie's flätig aus. Und jetzt stand sie auf und hieb dem Spielaumichel über den Tisch hin eine Ohrfeige herunter, daß er in einer Sekunde den feurigen Schwefelregen von Sodom und Gomorrha und dazu auch noch die drei Jünglinge im Feuerofen sah und wie ein geschlagenes Kalb auf die Bank zurückplatschte, aus der er sich eben, Faxen machend, erhoben hatte. Gewaltig ging das Beifallsgelächter durch die Wirtsstube. Als ihr aber der fuchsteufelswilde Dolmetscher, aufschießend, mit beiden Händen wie mit Krallen ins flachsfarbige Haar fuhr und sie zu sich herüberzureißen trachtete, schüttelte sie ihn ab und alsdann aber zerrte sie den langen, schmalen Kerl nun ihrerseits über den Tisch zu sich herüber. Und wie sie ihn drüben hatte, packte sie ihn rundum, hob ihn hoch und trug ihn über den Tanzplatz und mit einem Fußtritt die Türe aufstoßend, warf sie ihn übers Vortrepplein hinunter in einen Regentümpel hinein. Unter dem jauchzenden Auflachen der ganzen Stube machte sie sich ruhig, den etwas mitgenommenen Kopf angriffig vorwegend, an den Tisch neben ihren Vater zurück, der sie mit Handschlag und überbordendem Wortschwall bewillkommnete, wie eine große Siegerin. Auch der Viehhändler Baschitoni Tritsch und danach alle rundum, wollten mit ihr anstoßen. »Hab' ich's nicht gesagt?!« lärmte der angetrunkene Hirte von der Ruchegg, »der Matthathias Stump lebt auch noch und sein Same ist haushoch aufgegangen und bewährt sich. Ganz nach der Schrift, ihr Mannen, ganz nach der Schrift. Ja, ja, die Judith.« Schmunzelnd erlabte er sich am Anblick seiner Ältesten. Dann setzte er bei: »Aber nun solltet ihr erst mit meiner Reb bachspringen oder Scheiter beigen müssen. Ihr läget dann bald genug alle in einem nassen Seitengraben. Judith!« rief er aus, »trink mir Bescheid! Ich weiß nicht, was du mit dem Spielaumichel auszukernen gehabt hast, aber sei's was es wolle, ich weiß, daß du wohl weißt was du machst und nichts machst bevor du drüber ausgiebig nachgedacht hast. Der Unflat da, dieser Spielaumichel, wird dich irgendwie ins Geschrei haben bringen wollen. Sowieso, und hätte er's heute nicht verdient, so . . .« Jetzt erschien der Wirt am Tisch und man wunderte sich nicht zu sehr, daß er mit der Stumpentochter zu schimpfen begann und es sich ein für allemal verbat, daß man mit seinen Gästen so rauh umgehe und sie einfach aus der Stube werfe. Wenn er so etwas allenfalls für notwendig erachte, könne er's selber besorgen. Er lasse sich das von Leuten, die man sonst jahraus, jahrein fast nie in der Wirtschaft zu sehen bekomme, erst recht nicht gefallen. Nein, man wunderte sich über des Wirtes Entrüstung nicht, denn der Spielaumichel war ein guter Gast im schwarzen Bären und ein Zutreiber von Gästen. Aber als der alte Stump auffahren wollte, zog ihn seine Tochter mit starker Hand auf die Stabelle zurück und ihn am Kittel mit einer Faust festhaltend, wandte sie sich giltmirgleich, fast lachend, dem aufgebrachten Wirt zu und sagte: »Ja, es ist wahr, Wirt, was du antönst, du hättest den Spielaumichel, diesen Windhund, schon lange selber zum Haus hinauswerfen sollen. Es wäre dies nichts als deine Pflicht und Schuldigkeit gewesen, statt es zu dulden und ruhig zuzuschauen, ja, noch die helle Freude dran zu haben, wie der elende Dörrling, der Dolmetscher, dem ich nicht einmal eine Katze zum Verkaufen überließe, meinen Vater nachgemacht und ausgespielt hat. Und da du's nicht getan hast, so hab' ich's besorgt. Und wenn du nun so an dem gefehlten Krauthund hängst, so kann ich dich ja ihm nachwerfen. Ich tät's nicht ungern.« Nein, war das eine Freude und ein Hallo an allen Tischen! »Jaha so, so, so, fest am Stecken, Stumpenmaitli!« rief's und noch allerlei Aufmunterndes von allen Seiten. Aber auch mehr als ein schadenfreudiger, föppelnder Zustupf kam an den Bärenwirt. So geschah's, daß der Wirt, wie man sagt, das Milchlein bedeutend herabließ, ja, daß er allmählich völlig zusammenging, klein ward und verschwand. Der Stump aber wußte sich vor Hochgetragenheit nun erst recht nicht mehr zu fassen. Gewaltig stellte er den Kopf und seine allzeit weitausladenden Arme konnten keinen Augenblick mehr ruhig bleiben. Er rühmte seine Töchter in allen Farben des Regenbogens und stellte erst die Judith und dann eine um die andere gleichsam an den Hag zur Ausstellung und Prämiierung. Aber es hätte nur eine erstklassige sein dürfen. Und es zeigte sich, daß er bei seiner Rühmerei immer gehobener, ja bodenwohlauf ward, denn die Tranksame fiel bei ihm auf einen gutwilligen Boden. Sie brachte auch den verborgensten und verlorensten Keim seiner frohen Veranlagung ins Treiben, ja ins volle Blühen, also daß die wahrhaft festliche Stimmung des kleinen Bergbauern von seinem großen, überhängenden Hut auf die ganze Gesellschaft in der rauchigen Wirtsstube überzuquellen schien. Die Judith ließ ihn prahlen und lärmen. Der Viehhändler Baschitoni Tritsch hatte sich ihrer wieder mit Hand und Fuß angenommen. Munter, glänzenden Angesichts, das sie ja, wie schicklich, vor dem Gang zu Markt und Kirchweih, gehörig mit frischer Butter eingefettet hatte, hörte sie seiner immer gedämpfter werdenden Rede zu. Und nun kam das, was sie schon eine Zeitlang mit ihren gescheiten Augen und der guten Witterung des Weibervolks hatte kommen sehen und dem sie mit allen Sinnen, leise wie auf Spinnenbeinen, so hinterhältig und heimlich als möglich entgegengegangen war: Der wohlhabende Viehhändler raunte ihr auf einmal zu, nun beide Schuhe auf ihre Füße stellend: »Judith, wir haben heute morgen zusammen einen Kuhhandel gemacht, bei dem du, beim Eid, schau', nicht schlecht abgeschnitten hast. Du hast mir eure Kuh, die Brüni, blutteuer angehängt. Aber nun wollen wir noch einen Handel miteinander machen, einen Tauschhandel dasmal, bei dem aber ich sicher und heilig der Gewinner bin. Und dazu braucht's, gottlob, keinen Dolmetscher. Schau', Judith, du hast mir's schon lange gut gekonnt, denn ich habe dich schon als angehenden Knopf bei deinem Vater auf den Viehmärkten herumstehen sehen. Aber heute ist mir ein Licht aufgegangen darüber, was einer an dir haben müßte, der dich ins Haus und in den Stall, ja in den Stall, sag' ich, bekommt. Besser als du können auch unsere gerühmtesten Preisrichter im ganzen Kanton herum das Vieh nicht kennen, selbst wenn sie Bärte hätten bis auf den Boden hinunter und auch noch mit den Elsteraugen durch die Schuhe hindurch zu sehen vermöchten. Zudem, Maitli, wer dich ansieht und er ist nicht stocksteinblind, muß Freude an dir und deiner ganzen Postur haben. Da ist einmal noch etwas da, etwas Ergiebiges in die Arme und dazu auch Nachgiebiges, nicht daß man an beiden Händen Spließen bekommt, wie bei einem Scheitstrunk, wenn man's herzhaft umfaßt und an sich nimmt. Kurzum, ich sehe dich gern, Judith und wenn's dir recht ist, so will ich anfangen, dir auf die Ruchegg zu Licht zu kommen. Du mußt mir's aber versprechen, daß du mich einlassest und mich nicht mit deinen Schwestern durch den Jauchekasten ziehst. Unsereiner darf sich ja auch sehen lassen. Daß ich's habe und wie ich's habe, weiß dein Vater, der doppelte Matthias und du selber bist mir zu weitsichtig, daß du das nicht auch erspäht haben solltest. Ich darf mich aber auch sonst noch zeigen. Bin gegen Ende der dreißiger Jahre und jedenfalls kein Torenbub mehr. Und wenn du mich dennoch in allen Stücken verkaufen tätest, schwingen, Maitli, würde ich dann schon mit dir. Also red', was meinst, gilt's? Bekomme ich dich auch noch zur Brüni, oder?« Freilich, die Judith war bald und wie der Hochsiter Viehhändler mit größter Freude merkte, völlig einverstanden damit, daß er zu ihr auf die Ruchegg zu Licht komme. Er sei ihr und gewiß auch ihrem Vater und den Schwestern willkommen. Sie wolle auch willig bekennen, daß sie ganz gern von der unwirtlichen Rauhwelt ihres bergigen Waldlandes auf den frohscheinigen Hochsiter Rain, mit all seinen gutgründigen und wüchsigen Matten, hinabwechsle. Und wenn er's ehrlich mit ihr meine und immer recht mit ihr sei, so wolle sie dann schon alles dazutun, daß er die heutigen zwei Händel in keiner Weise reuig würde. Sie stießen lebhaft, Auge in Auge und Fuß auf Fuß, mit ihren Gläsern an und waren ein Herz und eine Seele. Aber auch der kleine Hirt ab der Ruchegg, der Stump, war guter Dinge, ja hochzeitlich gestimmt. Er hatte nur immer den Ruhm seines Hauses und das Lob seines Viehstandes im Munde und das Glas Rotwein in der Hand. Alles an seinem Tisch nahm er in den Bann seiner aufs höchste gesteigerten Beredsamkeit. Und eine ziemliche Weile dauerte es, bis er endlich merkte, daß er mit einem geringen Hühnerbäuerlein, das sich von ihm fleißig hatte einschenken lassen und das jetzt ihm gegenüber, Kopf und Kappenzottel hängen lassend, schlief, neben dem Viehhändler Tritsch und seiner Tochter noch allein am Tisch hockte. Es ward ihm aber erst gegenwärtig, als der nichtsige, betrunkene Genossenbauer zu schnarchen anhob wie eine Waldsäge und im Träumen gar sein Glas umstieß, daß es sich blutrot, wie das Türkenblut bei der Eroberung Jerusalems, durch alle Gassen und Seitenweglein des zerschrammten Tisches ergoß. Es plagte ihn aber seine so spät innegewordene Einsamkeit gar nicht. Er fuhr fort zu reden und da er seine Tochter so stumm und verständnisinnig und gar Hand in Hand mit dem wohlbestellten Viehhändler und Senntenbauern Tritsch von Hochsiten nebenan sitzen sah, redete er erst recht an dem versunkenen Paar vorbei. Obwohl er ziemlich geladen war, merkte er doch, daß seine Älteste dran war, als eine bedachtsame Bergwaldspinne, eine wohlgenährte, dicke Hummel ins Netz zu bekommen. Weil er aber jetzt doch nicht ohne Gesellschaft sein konnte und seine Reden, die er mit Sprüchen aus dem Alten Testament durchsetzte, an irgend jemand richten wollte, so besprach er sein eigenes Bild, das ihm aus einem goldrahmigen Spiegel heraus lebhaft Bescheid zu geben schien, denn es redete wie er, mit Hut, Augen und Armen. Alle Augenblicke trank der immer voller werdende Stump seinem Spiegelbild zu. Als er gar aufstehen und mit ihm anstoßen gehen wollte, fiel er über die Stabelle. Hätte ihn seine Tochter nicht noch rasch erwischt, so würden sein Kopf und sein Hut nicht ohne Schaden davongekommen sein. »So, Vater, jetzt ist's aber hohe Zeit, daß wir uns heimzu machen,« redete ihm die Judith zu. »Wir hocken ja nur noch einzig und allein am Tisch. Es scheint, wir haben uns ein Zeitchen verplaudert. Kommt, macht, wir wollen heimzu. Bis wir auf die Ruchegg hinaufkommen, wird's dunkelkreidige Nacht.« Der Viehhändler Baschitoni Tritsch redete nicht viel; er schmunzelte nur glücklich in sich hinein, denn ihn bedünkte, einen besseren Handel als er ihn heute getan hatte, könnte er zeitlebens nicht mehr abschließen. Die Ruchegg-Judith gefiel ihm jetzt bereits so gut, daß er am liebsten mit ihr schnurstracks heimgezogen wäre. Er anerbot sich ja auch hiefür, aber die Judith lachte herzlich eins heraus und ihm auf die Schultern klopfend, sagte sie: »So schnell wie beim Kuhhandel geht's denn da doch nicht. Schau', dessen sollst du dich freuen, denn je länger es dauert, daß du mich kennenlernen kannst und auch mußt, desto sicherer kommst du mir auf meine Mängel und danach mach' immer noch was du willst.« »Ja, ja, Große! Das ist mit euch Weibern doch ein bißchen anders als mit der Brüni,« meinte er lachend, »denn noch vorgestern hörte ich den alten Geriwisel im Oberklein sagen, er wolle lieber die ganze Eidgenossenschaft voll Vieh einschätzen und am Hag stundenweit ihrer Preiswürdigkeit nach aufstellen, als ein einziges halbwüchsiges Maitli. Er habe jetzt mit seiner alten, übelfeilen Madlee vor acht Tagen die goldene Hochzeit feiern können und wenn ihn einer fragen täte, ob er sie nun kenne, so müßte er sagen: Jawohl, kenne ich sie, aber nur streckenweise. Und doch hat sie mich sicher und heilig schon einen Monat nach der ersten wirklich goldenen und nicht bloß goldscheinigen Hochzeit durchschaut wie ein spiegellauteres, mit Hirschleder geputztes Fensterscheiblein.« Sie lachten beide froh auf. Aber dann folgten sie dem alten Hirten, der seinen langen Stock vom Uhrgehäus zu Handen genommen hatte und sich nun schon aus der Wirtsstube und übers Vortrepplein hinabmachte. »O Mutter, die Finken sind tot!« sang er grölend vor sich hin, »hättet ihr denen Finken zu fressen gegeben, so . . .« »Vater, Vater, wartet doch, ich komme ja! Ihr werdet mich doch nicht allein heimgehen lassen. Ich muß da die Äpfel mitnehmen, die mir heute der Grempler im Taubenwinkelladen als Trinkgeld für den Butterstock, den ich ihm habe zutragen müssen, ins Bündel gewickelt. Wartet, wartet!« Also stand der Stump still, ohne aber seinen Gesang abzustellen. Jetzt kam die Judith auch schon, ein großes Bündel voll Äpfel auf der Traggabel am Rücken, das steinerne Vortrepplein herunter. Alsdann machten sie sich miteinander von der Bärenwirtschaft weg und über die Amrainmatten hinauf, heimzu. Der Viehhändler Baschitoni Tritsch von Hochsiten sah ihnen, auf dem steinernen Vortrepplein des Wirtshauses stehend, nach. Es tat ihm wohl um und um zu sehen, wie diese Stumpentochter ihr gewichtiges Bündel voll Obst so ruhig und federleicht, wenn auch etwas breitbeinig und langschrittig, rainauf trug. Und es lächerte ihn aber innerhalb und freute ihn doch, wie er den kleinen graugewordenen Hirten, ihren Vater, an seinem langen Stecken, den ungeheuerlichen Hut fast im Genick, zwar etwas unsicher, aber aufrecht, gewaltig ausgreifend, bergan schreiten sah. 4 In einer lauschigen Mulde, etwas seitlings vom Rucheggstall, die von einigen weißstämmigen, prächtigen Birken bestanden war, unter denen ein klares, dürftiges Bächlein nidsich rann, hatte das allzeit unruhige, unternehmende Röllchen einen Garten angelegt. Es gab da alles mögliche drin an Pflanzentum: Erdäpfelstauden, eine Reihe Schnittlauchbüschel, einen dickhäutigen, braunen Bergsalat, Petersilien, aber auch allerlei Blumen, die sie wild durcheinander wachsen ließ, unter denen die goldenen Frauenschühlein, das an einem spinnwebfeinen Faden hängende Wunderhörnlein Rührmichnichtan, Blumen, die immer da wuchsen, aufleuchteten, aber auch schwere rotballige Bubenrosen und gar ein Grüpplein Feuerlilien, die den Goldbelag der Höhewelt hatten. Sogar ein ewig umgängliches Wasserrad, ein Kinderspielzeug, hatte das Röllchen über das plaudersame Wässerlein gebaut. Es war ein wundervoller, vorsommerlicher Tag und das Röllchen, das sich wieder einmal aus der bäuerlichen Arbeit davongemacht hatte, kniete eben in seinem Garten, schaute lächelnd seinem blitzgeschwinden Mühlerädlein zu und sang zu dessen Klappern und Plappern, was ihr durch den Kopf ging. Und es ging ihr vielerlei durch den Kopf. Sie gedachte der Maul- und Klauenseuche, die im Tal ausgebrochen war und die bewirkte, daß kein Bein mehr von der Ruchegg zu Tal und erst recht nicht von Erlenstalden und der Enden, auf oder gar über die Egg steigen durfte. Auf einmal kam man nicht einmal mehr zu Brot, das sonst eines Unterdorfbäckers halbgewachsener Brotvertreiber von Kilchaltdorf her im Wagen nach Erlenstalden und im Winter gar den rauhen Waldweg der Genossame herauf auf die Ruchegg gefuhrwerkt hatte. Es war ja freilich erst ein paar Tage her, seit man die Botschaft von dieser verfluchten, unheilvollen Seuche vernommen hatte, und zwar vom Briefträger, der die Zeitung, den zweimal wöchentlich erscheinenden »Boten von Kilchaltdorf« einfach auf einen Faulstrunk unterhalb ihres Hauses hinlegte und ihnen die so unerwünschte Neuigkeit zurief. Seitdem zeigte er sich überhaupt nicht wieder. Und nun denke man, schon mehrere Tage kein Brot mehr auf dem Tisch! Das ward ihnen allen ein Ungewohntes. Die Bratkartoffeln, obwohl sie von Butter troffen und einen aus jedem gelben Scheibchen anlachten, vermochten das Brot nicht vergessen zu machen. Brot, Brot! Nein, das hätte man sich doch nicht einbilden können, daß das etwas derartig Gutes sei, daß man schon nach einigen Tagen, da es einem nicht mehr zukam, so gelüstig, ja sehnsüchtig danach würde. Nicht umsonst hatte die Base Kathriseppe selig immer das Kreuzeszeichen mit dem Messer über einen frischen Laib Brot gemacht, bevor sie ihn anschnitt. Aber es ging dem Röllchen noch anderes durch den Kopf. Hatte diese Klauenseuche nicht sogar den Viehhändler Tritsch, den Verlobten der Ältesten, der Judith, von der Ruchegg völlig abgehagt, denn als er sich vorgestern in der Dämmerung aus dem Föhrenwäldchen unterhalb die Weid hinauf aufs Haus zu machen wollte, rief ihm die Judith vom Stiegenbrücklein aus zu, wenn er noch einen einzigen Schritt obsich tue, so wolle sie ihn nicht mehr. Er, als ein bestandener Mann, sollte doch wissen was er mache. Man wolle sich aber von ihm so wenig als von andern Leuten die Seuche in den Stall bringen lassen, was er als ein so gerühmter Viehhändler sich aber noch besonders sollte denken können. Er solle nur machen, daß er wieder abwärts und heimzu nach Hochsiten komme. Das hatte der Baschitoni Tritsch freilich sofort verstanden und so grobkörnig es gegeben worden war, auch ruhig eingenommen und verdaut. Etwas vom Gernhaben und sich Langweilen hatte er noch hinaufgerufen und wie er's kaum erwarten möge, bis die Welt da oben wieder seuchenfrei sei. Alsdann war er lachend wieder abgezogen. Ja, das war ihrer Schwester, der Judith, nicht so leicht geworden, das hatte sie schon gemerkt, den stattlichen Mann und wohlbestellten Senntenbauern von Hochsiten heimzuschicken. Aber Judith hin, Judith her, sie hatte ihre eigenen Sorgen, denn am nachdrucksamsten ging ihr durch den Kopf, daß nun auch der Tschuppmoos Bändichtli, der flinke Sohn des Geißbäuerleins und Flickschusters da unten im Erlenstalder Riedland, ihr gewesener Schulkamerad, nicht mehr kommen durfte, er, der sich immer etwa wieder, mit der Traggabel am Rücken, über die Ruchegg machte. Merkwürdigerweise mußte er ja dann ebenso immer am Brunnen zwischen Haus und Stall sich abkühlen, und zwar just, wenn sie mit ihrer Gelte übers Vorstieglein herabkam, um Wasser zu holen. Nein, weder der Vater, nicht einmal die Schwestern, die kluge Judith vielleicht ausgenommen, die jetzt noch merkiger als sonst war, weil sie an gleichen Nöten litt, hatten es herausbekommen, was sich zwischen ihr und dem Tschuppmoosjungen anzuspinnen begonnen hatte und daß nichts als ein großer Stein auf Bändichtlis Traggabel im Bündel zu finden gewesen wäre, wenn er über die Ruchegg kam. Nein, der Vater, so zapplig er sonst in allem war, nach der Richtung war er nicht mehr der merkigste. Sie mußte laut auflachen, da sie jetzt an den Vater dachte: »Ja, das Röllchen, das Röllchen,« hatte er gestern am Tisch gesagt, sie konnte es im Nebenstüblein ganz gut hören, »das ist noch weit vom Mannsvolk. Es weiß ja, beim Eidhagel, noch nicht einmal recht, wo die kleinen Kinder herkommen, was gilt's? So brumm' nicht allweil wegen seiner und verschimpf' mir's nicht, Salami! Laß es noch eine Zeitlang Kindskopf sein und in seinem Paradieslein da in der Mulde unten herumspielen. Der Engel mit der feurigen Rute wird's eines Tages, Gott sei's geklagt! noch mehr als früh genug hinausjagen.« Nein, der Tschuppmoos Bändichtli wird sich hüten, jetzt auf die Egg zu steigen. Soviel Verstand hat er doch gewiß auch, daß er nicht das Landesunglück der Klauenseuche weiterverträgt. Und käme er dennoch, wäre das doppelt schlimm für sie, dann, dann, nein, hätte er sie nicht so recht lieb, wenn er sich nicht einmal da halten könnte und es gar versuchte, hinterrücks doch an sie zu kommen. Er mußte ja wohl einsehen, daß der Vater von ihm auf keinen Fall etwas wissen wollte, von eines Geißbäuerleins und Allmeindnutzers Buben. Wenn er ihm aber gar noch die Seuche auf die Ruchegg brächte! Jesusgott, nein, daran durfte man nicht einmal denken. Ach, es war so traurig auf der Welt, einen wohl leiden zu mögen, den man nicht haben darf, einen zum Zerreißen, zum Fressen liebhaben, mit dem man kaum über den Brunnen hin alle vierzehn Tage ein paar Worte und Blicke, Blicke, ja freilich, die schon, wechseln kann. Und nun gar diese gottverdammte Klauenseuche, die den Tschuppmoosbattisten Bändichtli völlig von ihr verbannte. Daran dachte natürlich kein Bauer im ganzen Land, daß diese Seuche allenfalls auch der Liebe so bös mitspielen könnte. Diesen Leuten war's nur ums Vieh und alleweil ums Vieh zu tun. Was kümmerte es die Zottelkappen, wie dieses Landübel sogar mit den Herzen so heillos wirtschaftete. Ja, ja, die Judith, die konnte sich dreinschicken. Sie war ja sowieso bedachtsam und nicht die heißeste. Aber die Mannsleute waren ja so, daß sie allweil meinten, wenn man ihnen einen lebhaften Blick gab, nun sei die Liebe wie die Milch in der Pfanne bei uns eben grad am Erwellen und Übersieden und höchste Zeit sei's, sie abzunehmen. Ja, die Älteste, die war ihres Viehhändlers, dieses doch schon ziemlich dicken Hochsiters, sicher. Aber sie und der Bändichtli! Ach, was für eine traurige Zeit, nein, weit mehr: eine erzlangweilige Welt. Trotz alledem tat das Röllchen einen Jauchzer, der wie ein Schwarm Vögel, denen der Käfig plötzlich aufgeht, sich allseitig in alle Himmel hinaufjubelte. Dazu trieb sie ihr Wasserrädlein immer toller an. Jetzt aber schoß sie auf und stand horchend, die blauen Augen im Fernen, da. Wahrhaftig, da war ihr Bescheid geworden, aber nicht vom Echo. Ein Jauchzen war die Antwort zwar, aber was für eines! So krächzend, so scherbelnd konnte doch nur ein unbäuerlicher Dörfler jauchzen. »Aha, da kommen sie ja gläublich, die Herren!« rief sie aus. Nämlich, das Bezirksgericht von Kilchaltdorf hatte im Sinne, wie sie gestern erst durch den Tschuppmoos Bändichtli vernahmen, der's ihrem Vater noch im Zunachten vom nahen Föhrenwäldchen herauf, an den Stall hinauf zugelärmt hatte, in den Weiden jenseits der Ruchegg einen gerichtlichen Augenschein aufzunehmen. Der Augenschein lasse sich nicht mehr aufschieben, heiße es. Die Herren Richter gedenken sich aber also durchs Tal und auf die Ruchegg zu ziehen, daß sie das Seuchegebiet in Erlenstalden umgehen können, auf daß durch sie niemand angesteckt werde und zu Schaden komme. Für diese Botschaft, die den alten Stump vor Aufregung fast aus dem Häuschen brachte, hatte er dem Tschuppmoos Bändichtli eifrig gedankt. Aber danach hatte er im Haus herumgetan wie ein Wilder und sich verschworen, wenn das Gericht es wirklich wagen sollte, ihm allenfalls die Klauenseuche auf den Berg zuzuschleppen, was er aber nicht glauben könne, so wolle er den Herren dann schon zeigen, wie, wo und wann. Und der Salami und die Reb hatten sich nicht viel weniger empört, auch die Judith und die Mager nahmen diese Botschaft schwer, so daß dem Röllchen das Lachen und Singen für eine Weile völlig verging. Der Stump hatte dann seine Mistgabel, mit der er eben den Kühen und Geißen das Bett machte, nur so seitlings, fast liebevoll angeblickt. Und der Salami hockte sich gleich danach draußen vors Haus, fegte an ihrer alten Flinte, die ihr im Schoß lag, herum und schimpfte dazu wie eine aufgeschreckte Elster, also daß es schien, der Mond getraue sich bei diesem wüsten Tun nicht recht hinter den Tannen des Butzistockgrates herauf. Die Reb hatte einen Haufen großer Steine aus der Weid vor das Haus zusammengetragen und gleich angefangen, sich damit im Steinstoßen nach dem Brunnenstock zu üben, während die Mager neben dem Stall um ihren Besenstiel frische, weißtannige Reiser band. Es fing an kriegerisch auszusehen auf der Ruchegg. Die Judith, die trotz allem bedachtsam blieb, hatte die liebe Not, den herumfuchtelnden Vater, der aufgeregt alleweil wieder um Haus und Scheune hastete, wie ein Roß am Seil, das traben lernen soll, abzunehmen und ein wenig zu besänftigen. Sie hatte es nach dem Tag des aufpeitschenden Berichtes mit Zureden, Ausreden und mit allerlei Werweißen soweit gebracht, daß man auf der Ruchegg zu glauben begann, es könne mit einem gerichtlichen Augenschein derzeit doch nichts sein, der Tschuppmoosjunge sei gewiß auf ein leeres Gerücht hin bergwärts gelaufen, um bei ihnen den Gefälligen, den Guten zu machen. Auf jeden Fall wolle man's ruhig und Gewehr bei Fuß an sich herankommen und aber niemals durchlassen, komme wer da wolle und was da wolle. So hatte man's denn fast vergessen und sehnte sich nur wieder nach Brot, wie die Schülerknaben. Aber nun schien doch etwas mit diesem Augenschein los zu sein. Das Röllchen war aus der blumenreichen Mulde voll Wohlgeruchs auf den Bord geeilt. Von da aus sperberte sie nun mit gar wachbaren Augen über die Weiden hinab. »Ja, auf Ehr' und Seligkeit!« machte sie völlig erschrocken. »Da unten, über die Fuchsweid herauf kommt ja, wahrhaftig, ein ganzes Geläuf Mannsvolk. Wenn das nicht das Bezirksgericht Kilchaltdorf ist, so nimmt's mich wunder, wer's denn sonst sein könnte. Militär, junge Soldaten wie im letzten Frühling, rücken da leider nicht heran, das sieht man. Also werden's die Richter seien. Heja, gewiß, sind's Richter, sonst wären sie gelenkiger und kämen rascher obsich. Heiland, Heiland, was wird der Vater sagen und wie wird erst unser Salami tun!« Jetzt verschwand die Schar der heraufsteigenden Männer im Föhrenwäldchen unterhalb der Ruchegg. Lange konnte es doch nicht mehr dauern, so müßten sie in die Weid heraustreten. Im Galopp, leichtfüßig wie ein Rehgeißlein. rannte das Mädchen auf Stall und Haus zu. »Vater, Vater!« rief sie, »sie kommen, bei Gott, sie kommen, sie kommen!« »Wer kömmt?« fragte lärmend der Salami aus der mit hölzernen Stäben vergitterten Küche. »Was machst du denn so ein Gebrüll? Es wird etwa nicht . . .« »Das Gericht kommt, das Gericht kommt!« »Was, wer, das Gericht?! Jetzt ist's gut!« Und weg war sie. »Vater, Vater!« schrie das Röllchen. »Ja, was hast denn?« fragte jetzt auch der alte Stump, aus dem Holzschopf tretend, eine Bürde Küchenholz auf dem Buckel. »Das Gericht, Vater, das . . .« Tätsch! platschte das zusammengebundene Kleinholzbürdelein ins Gras und da rollte es auch schon rainab aufs Föhrenwäldchen zu. »Wird nicht sein, Maitli?!« rief er aus. »Du siehst Gespenster. Das Gericht? Was redtst du da? Willst uns erschrecken. Hast du's denn selber gesehen?« »Jaha, gesehen, Vater. Über die Fuchsweid herauf habe ich sie schuhnen sehen, so langsam, sattlich, wie's nur gutgehaberte Herren können. Das ist doch gewiß etwas Rats oder Gerichts.« Der kleine Hirte war einen Augenblick still geworden, wie der offene Fensterladen vor dem Föhn, aber jetzt ward er völlig lebendig. »Heda, ihr Maitli, Maitli!« lärmte er ans Haus hinauf. »Ho, ho, ho! das Bezirksgericht kommt, das Gericht, die Himmelherrgottsdonner! Nun kommen sie, scheint's, doch. Jetzt gilt's Ernst. Rüstet euch, macht, macht und kommt! Sie stecken schon da unten im Föhrenwäldchen und können also im Hui da sein. Kreuzhagelwetter abeinander, das sollen sie aber eben nicht, das sollen sie ewig nie. Macht, Maitli, rührt euch, fleißt euch! Jetzt sprengt's einmal. Ihr wißt was das heißt, wenn die Klauenseuche in meinen schönen Viehstand hineinmag. Flink, flink!« Er riß die Axt mit einem gewaltigen Ruck aus dem Scheitbock, der vor dem Schopf stand, also daß es ihn fast überwarf und daß ihm die Hirthemdkapuzze vom angegrauten, arg verwilderten Kopf fiel. Gar scharfe Ausschau hielt er jetzt gegen das Föhrenwäldchen hinunter. Und da schob sich auch schon der Salami, trampend, die Büchse umgehängt wie ein rechter Weidmann, über das Stiegenbrücklein herab. »So!« rief sie kreischend aus, »nun sollen sie kommen, ich habe doppelt geladen.« Das Röllchen, das nun, die Hände im Schoß, auf dem Scheitbock saß und ihrer massigen Schwester entgegensah, mußte laut auflachen, was ihr die räße Schwester aber übelnahm, denn sie begann auf sie zu schimpfen: »Ja, jetzt wenn's bös kommt, hat man viel an dir, du Hoffartsgockel!« schrie sie. »Die Jungfer spielen und dich aufrüsten und herausputzen und den Tag verjauchzen, das kannst du, aber . . .« »Halt's Maul!« schnörzte sie der Alte ab, »wir haben jetzt da nicht Kinderlehre; nun gibt's anderes zu tun. Du bist ja auch nicht von gestern und frisch vom Taufstein weg. Man hat mit dir auch schon allerlei erleben können. Und das will ich dir grad auch noch sagen, deine Flinte sehe ich nicht gern, heute schon gar nicht. Es ist genug, daß ich dir immer, freilich umsonst, sagen muß, ich werde es nicht mehr dulden, daß ein so schweres, zeitiges Weibervolk wie du immer wieder wildert. Solltest dich schämen! Maitli, Maitli!« rief er aber gleich wieder ans Haus hinauf, »kommt ihr oder kommt ihr nicht?!« »Vater,« gab der Salami keifend heraus, das Gewehr zärtlich wie ein Wiegenkind im Arm haltend, »Vater, Ihr müßt mir das bißchen Jagdfreude, das ich etwa zeitweilig habe und haben will, nicht so herabmindern oder gar schlecht machen, denn noch allemal, wenn ich ein Häslein, ein Haselhuhn oder sonst etwas saftiges Vier- oder Zweibeiniges aus dem Wald heimgebracht und gut gekocht auf den Tisch vor Euch hingestellt habe, seid Ihr mit Messer und Gabel und dem ganzen Kauwerk, soweit Ihr's noch habt, der erste dabei gewesen, wahr oder nicht? Also!« »Nun hör' einer das Maul,« machte er unwillig, »scharfrüchig wie eine Stande voll Eingesalzenes stellst du dich einem immer gleich unter die Nase, wenn man dir ein wenig die Meinung . . .« Der Alte redete nicht weiter, denn nun hörte man jemand wie das heilige Donnerwetter durchs Haus herunterpoltern. Und da sprang auch schon die Reb, brandzündrot wie ein doppeltgenommenes Alpenglühen, übers Stiegenbrücklein herab und auf den Steinhaufen neben dem Brunnen zu. Und als jetzt auch die Mager, lang und dürr wie eine Streuetristenstange, aber einen Kopf voll rötlich leuchtender Haare, mit ihrem frischausgerüsteten Stubenbesen zu ihnen trat, rannte auch die Reb wieder heran, die Hemdärmel bis an die Ellbogen zurückgestülpt, in den Händen einen halbzentnerigen Stein tragend und sich damit wie ein Tanzbär alleweil hin und her wiegend. »So,« sagte sie, auf ihren schweren Stein und dann auf den Steinhaufen beim Brunnen zurückblickend, »die erste Kanonenkugel wär' also geladen und braucht's mehr, so hab' ich für Munition schon vorgesorgt. Ich könnte damit herumschießen, fast wie die Burschen vom Militär, die letztes Jahr in allen Krachen herumkanoniert haben. Und wißt Ihr was, Stump: Nun wollen wir nicht warten bis sie vor uns stehen. Sobald sich die ersten aus dem Föhrenwäldchen machen, fange ich an, sie zu steinigen, so daß sie wie zu Morgarten durcheinander geraten. Und alsdann wir wie eine Erdbreche über sie dar!« »Red' nicht so einfältig, Reb,« sagte der Alte, seine Blicke aber wohlgefällig über seine Tochter gehen lassend, die wie aus Stahl und Eisen neben ihm stand und die ihm so auffallend glich. »Wir dürfen da nicht gleich katzenhageln, obwohl's unter euch Wildkatzen gibt. Laßt erst nur den Matthatias Stump machen. Wenn ich's mit den Leuten vom Gericht nicht zuweg bringe, gut, so bist du alleweil noch die Reb und die andern da, deine Schwestern, sind auch nicht von Seide und Samt, das große Kind etwa ausgenommen,« machte er, mit einem flüchtigen Lächeln dem Röllchen in die blauen Augen sehend. »Sowieso, vieles ist oft bloß leerer, weißer Wind was daherkommt und tut wie eine Lawine. Steh fest, o Vaterland!« Jetzt war auch die Judith, frisch wie eine Wiese im Morgentau, die alle Blumen und Gräser aufrichtet und sichtbar werden läßt und üppig wie ein schöner Hochsommertag, gemessenen, fast etwas trägen Ganges vom Stall her zu ihnen gekommen. In der Faust trug sie mit nachlässiger Selbstverständlichkeit, wie eine harmlose Stachelpalme voll Äpfel am Palmsonntag, eine ansehnliche Mistgabel, die sie eben schulterte. »Ja, Vater,« redete der Salami unwirsch, »aber einen Schreckschuß in die Luft will ich doch abgeben, sobald wir sie zu Gesicht bekommen. Sie sollen wissen mit wem sie's zu tun haben.« »Halt's Maul und rühr' dich nicht!« schnarchte sie der Alte ab. »Ja, du wärst mir die Rechte; auf dich könnte ich mich verlassen. Du tätest mir den heiklen Handel allweg schön verungeschickten und verlümmeln, du Gans! Und sowieso sag' ich dir: Häng' nicht dein vorlautes, bitteres Maul in alles was da allenfalls läuft. Laßt ihr mich nur machen. Man kommt um den Stump herum nicht so gleitig wie um einen Brunnenstock.« »Gelt nur, Vater,« meinte jetzt das Röllchen, »die Herren vom Gericht ziehen gewiß gleich wieder ab, wenn sie sehen, daß wir so fest willens sind, sie nicht über die Egg zu lassen.« »Ja, kannst dir's denken,« lachte der Hirte kurz auf. »Bist wohl noch ein Kind, ein Springding, wenn auch freilich ein untunliches und einfälliges und eins, das sich noch wird sehen lassen dürfen. Ja, da hast du eine Ahnung, Röllchen, da kennst du die Herren eben nicht wie ich, wenn du dir einbildest, die werden sich wie Schülerbuben heimschicken lassen. Oha Most! Und gar Herren, die in Amt und Würden stehen. Bei solchen ist's als ob sie mindestens siebenfach geweiht und um und um mit Altardecken überhangen wären. Jeder hält sich für einen Regenten vor Gott und Menschen, wenn schon ihn jede bessere Wirtin beim Kartenspiel übertrumpft und jedes zeitige Röcklein mit ein Paar roten Backen zehnmal verkauft. Sobald einer Gemeindrat ist, so denkt er schon: Ich bin es! Und man kann ihm's wie einem Wirtshausschild mit goldenen Buchstaben, vom Gesicht ablesen. Und ist einer gar Kantonsrat oder noch höher, so fühlt er sich überhaupt so hoch oben, daß es ihm fast schwindlig wird. Völlig auf den Wolken thront er, nur daß er nicht Tag und Nacht und aus Roggen Weißbrot machen kann. Ja, da heißt's Hochachtung und zehn Schritte vom Leib. Und tupft man so einen Herrn nur, so wird er unangenehm und heiß wie ein Bügeleisen und hat's wie die Grille, die sogleich den Bürzel mit ihren zwei Beißzangen stellt. Und nun gar ein Gericht, wo sich drin jeder mit dem Jüngsten Gericht in Verbindung und so auch eine Art als seine erste Instanz, sagt der Erlenstalder Sigrist, fühlt. Also seid mir nicht zu hitzig! Es ist allenfalls genug, wenn's ich werde. Wollen dann die Unfläte nicht mit sich reden lassen, dann, ja zum Donnerwetter, kann man wieder sehen. Aber noch einmal, Salami, scharf geschossen wird da keinenfalls, auch nicht einmal in die Luft! Mit Gerichtsherren, meine ich alleweil noch, sollte man's auch von Hand und der Enden aufnehmen können. Ist ja an ihnen das meiste mürbes und halbmürbes Holz, wie jene grüngepolsterten Stühle, auf denen sie hocken und wo sie die Leute drauf richten.« »Vater,« warf der Salami, schwerverdrossen, ein, »Ihr seid ja auch nicht mehr heutig und schon über und über grau, wie die Welt im Herbstnebel.« »Das kann dir gleich sein,« gab er, fast erbost, zurück. »Ich federe gottlob alleweil noch wie ein Herrenfuhrwerk und bin ich außerhalb grau, so bin ich innerhalb . . . Ich pfeif' dir drein, das geht dich einen Dreck an!« lärmte er, »was kannst du von mir wissen. Ich bin . . .« »Sie kommen!« rief das Röllchen halblaut aus. Der Alte brach ab und schauten alle aufgeregt, in brennender Neugier, zum Föhrenwäldchen hinunter, aus dem sich nun erst zwei, dann nach und nach eine ganze Schar Mannsleute herausließen. Jawohl, das konnte man gleich sehen, das da unten waren Leute aus dem Dorf. An ihrer Aufmachung an konnte man's merken. Aber nein, es gab auch einfache, bäuerlich-sonntäglich angezogene Leute drunter. Ja, das werden die Vertreter ab der Bauernsame sein. Deswegen war es wohl dennoch das Bezirksgericht. Jetzt schienen sie alle aus dem Holz heraus zu sein. Und nun fingen sie, einige bestandene Männer voraus und ein paar ältere und alte, die ihre Grauköpfe und Glatzen entblößt hatten, gemächlich, ja eher mühsam, hinterdrein, weidan gegen das Ruchegghaus heraufzusteigen. Nun hieß es handeln. Noch durch ein paar Haselbüsche ließ der Stump die Heraufkommenden sich nahen. Aber als sie jetzt auf einmal unter ihm, von keinem Himbeersträuchlein mehr verdeckt, in der Sonne bergan schritten, hob der Salami blitzgeschwind ihre Flinte und da donnerte auch schon ein Schuß durch die Wald- und Bergwelt, alle Echos aus ihren Schlupfwinkeln aufjagend. Und siehe da, nun tat der Stump nicht einmal wüst, im Gegenteil, er konnte ein Schmunzeln nicht verbergen, als er nun sah, wie die Herren vom Gericht, denn daß sie's waren, erkannte er an einigen von ihnen und an einem alten Advokaten, der mitging, – steif und starr wie frischgeschlagene Böllerstudel, dastanden und mit wahrhaft erschrockenen Augen zum Ruchegghaus heraufglotzten. Und nun sahen die Herren vom löblichen Bezirksgericht Kilchaltdorf zu ihrer großen Überraschung, ja Beunruhigung, den kleinen, grauen Hirten obsich, ganz nahe zwischen Haus und Stall stehen und um ihn seine starkbewehrten Töchter. Sie mußten nur so staunen. Ja, das sah ja recht gefährlich aus, völlig wie im Hirtenhemdenkrieg in den alten Zeiten, mochte es aussehen. Und als sich die Herren Richter doch wieder in Bewegung setzten und Miene machten weiterzusteigen, gebot ihnen die Stimme des Bergbauern donnergängig Halt. Und wie sie sich, der behende, noch jugendliche Bezirkswaibel voraus, dennoch obsich machten, flog dem besagten Amtsdiener ein Stein, groß wie ein Butterballen, hart an den Füßen vorbei und rollte weiter durch die Schar der Richter hin, die ihm schleunigst und achtungsvollst Platz machten. Jetzt aber hielten die Herren an und der alte, dürre Advokat, der das Gericht für seinen Klienten begleitete, der Dr. Hieronimus Fink, lachte auf wie eine alte Ziege. »Nichts für ungut, ihr Herren,« redete nun der alte Stump zu ihnen hinab, »aber wir müssen uns helfen wie wir können. Nämlich hier heißt's: Übergang verboten! Weswegen werden die Herren, nehme ich an, schon wissen, denn, ihr lieben Herren, es ist ja landauf und ab wohlbekannt, daß da unten zu Erlenstalden die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen ist. Und solltet ihr's nicht gewußt haben, was ich aber nicht glaube, so wißt ihr's jetzt und ich rechne, so gescheiten, weitsichtigen und durch und durch gerechten Leuten werde man's nicht zweimal sagen müssen, was die Seuche für uns geplagte Bergbauern bedeutet. So nehmt mir's denn nicht übel, ihr Herren, wenn ich euch sage, daß ihr nun wieder zu Tal und den Berg umgehen müßt, falls ihr auf die andere Seite hinüber wollt. Da über die Ruchegg nämlich, kommt ihr nicht durch.« Unterhalb des Hofes ward's nach dieser bestimmten Absage einen Augenblick still, dann aber ließ sich ein alter Herr, der Gerichtspräsident war's, der Stump erkannte ihn jetzt, hören. Er sagte dem Hirten in aller Freundlichkeit, sie hätten einen Augenschein im obersten Weidlein jenseits der Ruchegg aufzunehmen, der nicht länger aufgeschoben werden könnte. Sie möchten aber ihn und sein Haus in keiner Weise schädigen. Deshalb hätten sie einen weiten Umweg um Erlenstalden gemacht und seien so mit dem Seuchengebiet gewiß nicht in Berührung gekommen. Er solle nun Vernunft walten lassen und ihnen ja keine Schwierigkeiten machen. Es sei schon genug daran, daß man sie mit Schüssen empfange und daß man beinahe eine obrigkeitliche Person, den Waibel, gesteinigt habe. Item, sie wollen aber nichts gehört und gesehen haben, doch solle man jetzt den Paß freigeben. Sowieso, daß er's wisse, das Bezirksgericht von Kilchaltdorf sei keinenfalls willens, sich erschrecken oder so oder anders von seinem Pflichtgang abbringen zu lassen, man möge den Baubau machen wie man wolle. Als jedoch der Präsident und sein Kreis wieder zuschreiten wollten, gebot ihnen der Stump mit hochspringender Stimme abermals Halt und zugleich schwang man oben die Waffen. Und gar die Axt in der Faust des kleinen Hirten glänzte und gleißte auf wie der Blitz im hereinbrechenden Donnerwetter. So blieben die Herren wieder, wenn auch höchst widerwillig stehen, um so mehr als dasmal ein gewichtiger Stein, aus der mannskräftigen Faust der Reb herkommend, hart über ihre Köpfe hinwegsauste. Es konnte mit diesem aufgebrachten Bergbäuerlein und seinen bäumigen Töchtern am End' doch recht ungemütlich werden und schließlich gegen das Gesteinigtwerden fühlte sich keiner der Herren Richter versichert. »Ja, was ist's denn mit Euch, Stump,« rief jetzt der Präsident, »wollt Ihr denn wirklich einem Gericht und gar dem Bezirksgericht von Kilchaltdorf, vor das Ihr ja allenfalls selber gehört, den Weg versperren? Wir haben Euch doch dargetan, daß die Seuche nicht an uns gekommen sein kann. Mann Gottes, wollt Ihr uns hinauflassen oder nicht?!« Scharf kam's herauf. »Nein, ihr Herren,« antwortete der Alte, »ich lasse euch nicht durch, denn das weiß der Teufel, ob ihr nicht doch auf Erlenstaldener Boden herumgegangen seid. Ich will's euch ja gerne glauben, aber ich sage euch auch, daß ihr das nicht recht versteht oder verstehen wollt. Die Klauenseuche ist ein heimtückisches Luder und kann euch auch außerhalb Erlenstaldens unter oder an die Schuhe gekommen sein. Wir Bauern haben da unsere Erfahrungen. Wir können hier oben auch nicht warten, bis es einer hohen Obrigkeit endlich in den Sinn kommt, wir könnten allenfalls Landjäger oder Wächter notwendig haben. Sowieso, wer sich zu sehr auf den Hund verläßt, ist ein schlechter Hirte und die beste Sense ist ein frühzeitiger Mähder. Ich will aber kein Unmensch sein und mir nicht nachreden lassen, ich hätte den Rechtsgang in der Welt aufgehalten und euch am Richten verhindert, obwohl vielleicht deswegen die Erdäpfel im Boden nicht fleckiger oder die Leute ärmer und schlafloser würden. Also zum ersten soviel: Da oben in dieser rauhen Welt regiert der Matthatias Stump, und ohne seinen Willen kommt da kein Bein durch. Es ist schlimm genug, daß wir in dieser schädlichen Seuchezeit die Füchse, Hasen und Rehe nicht anbinden können.« »Na,« rief der Salami dazwischen, »aber auch den Füchsen und Hasen werde ich vielleicht den Weg noch verlegen.« »Halt's Maul!« kanzelte sie der Stump halblaut, barsch ab. »Und zum zweiten, ihr Herren,« redete er abwärts weiter, »will ich aber beide Augen und allenfalls auch noch das Elsternauge an der linken Zehe zudrücken und euch doch über die Ruchegg steigen lassen, wenn ihr die Schuhe auszieht. Die Strümpfe will ich euch anlassen, da die wenigsten von euch das Barfußgehen gewohnt sind. Hingegen die Schuhe müßt ihr da unten zu Haufen werfen. Danach, ja, mögt ihr, Gottesnamen, daherüber über die Egg und auf euren Augenschein gehen. Aber anders tu' ich's nicht. Und nun besinnt euch!« Oben unter den Töchtern und unten unter dem Gericht ging ein Gelächter um. Aber dann ward es laut und vieltönig unterhalb des Ruchegghofes und redeten alle die Mannen vom Gericht und Zubehör durcheinander. Doch hörte man aus allen den besänftigenden Baß des Gerichtspräsidenten und die krächzende, starkbrüchige Stimme des alten Fürsprechers Dr. Fink, die das aufgeregte Kollegium bald zu geschweigen vermochten, denn sie sprachen den Richtern zu, den Vorschlag des Rucheggbauern anzunehmen. Man dürfe es nicht auf Gewalt ankommen lassen, da das für das Gericht kaum glimpflich und ohne Beulen ablaufen dürfte und da man ja den Augenschein schon mehr als langfristig habe werden lassen. Er beantrage im heiligen Ernst, sagte der alte Fürsprecher, dem rabiaten Stump und seiner gefürchtig aussehenden Amazonenhorde zu Willen zu sein. Einmal ausnahmsweise in den bloßen Strümpfen herumzugehen, sei allweg nichts Ehrwidriges; in Afrika und der Enden laufen ja die Könige haufenweise sogar barfuß herum. Man stimmte zu, man widersprach aber auch heftig und mit Falkenaugen sah der kleine Hirte über seine starke Nase hinunter auf das strittige Gericht. Aber als es für einen Augenblick unterhalb stiller ward, rief die Judith, an ihrer Mistgabel wie an einem Spazierstock ein paar Schritte vortretend, hinab: »Heda unten, ihr Herren, hört!« Gleich ward es unten still und mit verwunderten Augen schauten die Richter zu der breitschulterigen, weißroten, wie ein Apfelbaum im Vollblust prangenden Jungfer hinauf. »Ihr Herren,« sagte die Judith, »nichts für ungut, daß ich euch dreinrede, aber es ist mir grad in den Sinn gekommen, daß ich nun schon drei Tage und Nächte nicht minder, auf meinen Schatz, auf den Viehhändler Baschitoni Tritsch von Hochsiten, ich weiß nicht, kennt ihr ihn oder nicht, umsonst warte und ungern warte, ihr könnt es mir glauben. Aber seht, ich ließe ihn mir jetzt nicht über die Scheiter und wenn er nichts anhätte als seine überhängenden Augenbrauen. Da dürftet ihr nun doch Vernunft annehmen, ihr lieben, guten Herren und sollte auch euch dreinschicken, wenigstens für eine Weile die Schuhe abzuziehen und in den Strümpfen über unsere Matten und die Egg zu gehen.« Unten war ein Auflachen, aus dem das Meckern des alten Advokaten herausstach. »Ja,« meinte die Mager halblaut, denn sie hatte viele Bibelsprüche im Kopf, »denn wo du gehst, ist heiliges Land.« »Sei doch still!« schnörzte sie der Salami ab, »das paßt jetzt gewiß für unsern derzeit so verjauchten und übermisteten Boden, du Fahnenstange!« Der alte Stump verwandte kein Auge vom gutlauniger werdenden Gericht. Seine Arme begannen unruhig zu werden und kamen ins Rudern. Aber als jetzt die Judith noch hellstimmig hinunterrief: »Wenn ihr's eingeht, ihr Herren, soll's euch gewiß nicht reuen. Zum ersten tut ihr uns einen christlichen Gefallen und zum andern wollen wir euch einen Älplerkaffee rüsten, der euch acht Tage lang warm hält, wenn ihr von eurem Augenschein zurückkommt. Und nun, was meint ihr?« »Ja,« brummte beifällig der Stump, »das hast du gutgemacht, Judith. Bist doch die gescheiteste von allen, aber die Reb, die Reb . . .« »Nun denn,« kam's von unten herauf, »wir sind 's so einverstanden. Heißt das: wir können es, scheint's, jetzt nicht ändern, aber schön ist's von euch nicht, daß ihr mit dem Bezirksgericht also umspringt. Das hat jedenfalls noch niemand gewagt.« »Gut,« lachte der Stump kurz auf, »so bin ich denn erste der's wagt. Und nun, ihr Maitli,« redete er seine Töchter halblaut an, »bleibt noch da und stramm im Glied. Ich traue den Herren nicht ganz und glaube es nicht bis ich's sehe, daß sie sich dazu verstehen werden, sich vom doppelten Matthias in den Strümpfen über die Ruchegg schicken zu lassen. Das wäre dann allweg der erste Augenschein, soweit die Welt geht, den ein Gericht in den Strümpfen aufgenommen hätte. Aber danach, hört, müssen wir mit den Herren schonlich tun und mit ihnen umgehen wie mit schallosen Eiern, bis wir das Barometer bei ihnen wieder auf beständigschön geklöpfelt haben. Man weiß nie, wo man sie brauchen kann, gar um ein gnädiges Urteil könnte man allenfalls in der diesseitigen, streitsüchtigen Welt froh werden. Aber du, Röllchen,« wandte er sich an seine Jüngste, die sich auf den Scheitstrunk gestellt hatte und die Augen beschattend, mit brennender Neugier auf das gar lebhaft gewordene Gericht hinuntersah, »du könntest jetzt ins Haus hinauf und Ordnung zu machen anfangen, denn . . .« »Nein, Vater,« lachte das Röllchen auf, »ist das lustig! Beigott sie tun's!« Der Stump sah rasch unter sich. Und nun ließ auch er über und über aufhellen, wie eine Sonnenuhr an einem Gutwettertag. Ja, potz Hagel, die Herren taten's. Da unten hatten sie sich ins Gras und auf die moosbewachsenen Steinblöcke geworfen und ihre Schuhe auszuziehen begonnen. »O Mutter, die Finken sind tot!« summte der Alte vor sich hin. »Auf das, ihr Maitli, wollen wir heute nach Betenläuten, wenn die Richter da weg sind, ein gutgezuckertes, höllscharfes Holzschrötersüpplein kochen, bis uns die Augen übergehen. Heilige Kümmernis, da kommen sie ja schon!« »Ja, aber das kann ich nicht verputzen,« machte der Salami zu der Judith, die wieder unter ihnen stand, »daß du gleich das ganze Mannsvolk da und gar so heikelnäschige Dorfherren und gefräßige Herrenbauern ins Haus eingeladen hast. Die bringen uns zu armen Tagen.« »Schweig, du Gelle!« sagte barsch der Stump. »Wie kann man so gehässig reden? Ist nur gut, daß ich weiß, daß du's innerhalb besser hast, sonst könnte einer ob dir erschrecken. Wir wollen froh sein und Gott danken, wenn wir die Herren mit Glimpf über die Egg und danach ohne Stachel und Dornen zurück und wieder völlig abbekommen.« »Ruhig, Vater,« warnte halblaut, tiefstimmig die Mager, sich an ihrem Tannreisbesen zu voller Höhe aufrichtend, »da sind sie.« Ja, da kamen sie in schönem Umgang, wie auf einer Wallfahrt begriffen, herauf und herangestiegen. Zuvorderst der jugendliche Bezirkswaibel, mit dem ganzen Gesicht in die Stumpentöchter hineingrinsend. Danach kam an seinem Stock der alte, etwas zitterige, aber sich doch guthaltende Gerichtspräsident. Den Hut hatte er in der Hand und ab und zu fuhr er sich über den verschwitzten weißen Kopf. Mit ihm, um ihn schritten die mehr oder weniger bestandenen und alten Richter. Und alle schwitzten sie und alle keuchten sie ein wenig und aber gar alle gingen, ja beigott, das gingen sie, – in den Strümpfen daher. Der Stump tat einen geschwinden Blick abwärts. Ja, da unten vor dem Föhrenwäldchen lag alles richterliche Schuhwerk an einem Haufen. Es machte gewaltig mit ihm, ein Gelächter, ja ein Jauchzen wollte hochkommen, aber nein er gab ihm den Paß nicht frei, obwohl er nicht die Maulseuche hatte. Auch die Töchter nahmen sich zusammen. Aber als jetzt mitten unter den Strumpfgängern der alte, steinstaudendürre Fürsprecher, der Doktor Fink, daherstakelte und hinter ihm her gar ein atemnötiges Männchen, das immer wieder ein wenig ächzte und verdrossen die Glatze schüttelte und als sie sehen konnten, wie komisch diese Alten die Beine an sich zogen, wie die Katzen im nassen Stoppelfeld, wenn sie auf einen Stein traten, überlief's der Reb. Mächtig, unaufhaltsam kollerte ihr Gelächter hinaus. Und nun stimmten auch ihre Schwestern ein, so daß es wie ein breiter Strom lauter Freude, ja höchsten Entzückens, über das schuhlose Gericht hinging. »O, o, o verflucht, ist das lustig!« lärmte die Reb. Nein, der Stump hatte sich in der Gewalt, kein Gesicht verzog er bei den Wonneschauern, die über seine Töchter gekommen waren und die sich so allum kundgegeben hatten. »Nichts für ungut, ihr Herren,« machte er, als nun das ganze Gericht bei ihm stand, »'s ist halt einfältiges Weibervolk.« Und alsdann bedeutete er dem Röllchen, es möchte den Herren den kürzesten Weg über sein Gut und in die strittige Weid auf der andern Rucheggseite zeigen und sie also ein Stück Weges geleiten. »Danach, ihr Herren, vergeßt uns ja nicht zu Gast zu kommen, wenn ihr mit euerm Augenschein fertig seid!« sagte er, »Ein Älplerkaffee wird euch erwarten und er soll, wahrlichgott, recht sein.« Mit sauersüßen Gesichtern, etwa auch in sich hineinbrummend, zog nun das löbliche Bezirksgericht Kilchaltdorf über die keineswegs nach den ersten Rosen duftende Hausmatte hinweg, dem Röllchen nach, das als einzig barfüßiges Geschöpf unter ihnen sich nicht wenig freute, den strümpfigen Herren Richtern und ihrem Anhang ein Zeitchen den rechten Weg weisen zu dürfen. Der Stump aber und seine andern Töchter, die sich ins Haus und in den Stall gemacht hatten, schauten heimlich hochbeglückt den Richtern nach, wie sie sich mühten, dem Röllchen im Gänsemarsch zu folgen und wie sie dabei mit gar bedachtsamen Beinen und vorgestreckten Köpfen sich über den eben recht dunkelgemusterten grünen Rain hintasteten, als ob sie über lauter glitschige Frösche gehen müßten. Es ging schon dem Abend zu, als das behende Röllchen mit den Strumpfmannen wieder auf die Ruchegg zurückkehrte und sich mit ihnen ins Haus hinaufmachte. Die Herren vom Gericht und gar auch noch der alte, neidgelbnasige Advokat, hatten sich mit dem hübschen Mädchen, dessen Gedanken noch tausendmal geschwinder sein mochten als seine gleitigen, bloßen Füße, schon ziemlich angefreundet. Nun schienen sie aber alle vom gerichtlichen Augenschein oder vielmehr von der ungewohnten Bergfahrt ermüdet. So ließen sie sich denn mit großem Vergnügen um den breitbeinigen Tisch vor dem Ofen in der Rucheggstube nieder. Die Mager, der's ja oblag, die Stube und die Kammern zu verwalten, hatte alles in beste Ordnung gebracht, ja sogar abgestaubt. Der Boden war mit frischen Tannreissprossen bestreut, und zwar bis in den Flur hinaus und die neueingerahmte Stadt Basel sah in der Abendsonne aus, als ob sie über und über aus feuerrotem Stein gebaut sei. Aber hatte die Stube eben noch gar nüchtern nach Abwaschwasser gerochen, so duftete jetzt alles von einem dampfenden Milchkaffee, den die küchebeherrschende drittälteste Stumpentochter, der Salami, in einem umfänglichen braunen Krug samt den zugehörigen Kaffeekacheln auf den Tisch gestellt hatte. Es lag dabei auch das große, kaum angeschnittene Langbrot und bei ihm ein Butterstöcklein, das sich gar anziehend, halt rein zum Aufessen, zu geben wußte, während daneben ein Bissen Räßkäse aus ungezählten Äuglein bitterlich weinte. Also langte das löbliche Bezirksgericht von Kilchaltdorf, der Aufmunterung des alten Stump gern folgend, herzhaft zu. Auch die Mager, die so lang war, daß sie in der niedrigen Stube nur leicht gebückt herumgehen konnte und die eben den Weihbrunne an der Türe nachfüllte, hieß sie zugreifen. Und siehe da, alles löste sich in eitel Wohlgefallen auf, besonders als bei starksinkender Sonne der kleine Hirte auch noch eine Blechkanne voll kräftig geschnapstem schwarzen Kaffee vom Salami auffahren ließ. Jetzt begannen die Richter, die ältlichen und aber auch die alten, allmählich wieder Federn auf den Hüten zu merken. Sie wurden recht aufgeräumt und hörten mit aller Wohlgeneigtheit dem Stump zu, der nun bei des Salamis scharfeinhauender Tranksame auch hochkam und zu prahlen anhob, daß es stob. Erst rühmte er sein Vieh und seinen gesamten Bauernbetrieb über alle Kirchtürme und Berge hinaus und alsdann auch seine Töchter, indem er sie seinen Gästen weit über Lebensgröße ausmalte. Und als dann bald die Judith mit munterm, immer ein wenig lachendem Gesicht oder die Reb mit polterndem Gelächter oder angriffigen Augen aus der Küche in die festlich gewordene Stube guckten und das Röllchen sich gar in den Ofenwinkel hockte und die Handorgel gehen ließ, daß es die mehr oder minder wurmstichigen, richterlichen Knochen wie in Wolle einwickelte und die Zehen in den Strümpfen fast ins Hüpfen brachte, da war es völlig gewonnen. Das Stumpenhaus hatte das Barometer auf beständigschön hinaufgetrieben. Der Bergbauer wußte sich aber jetzt nicht mehr zu lassen. Erst stand er alle Augenblicke auf und redete mit der Vollkraft seiner gottverliehenen, nicht gewöhnlichen Beredsamkeit ins Richterkollegium um den Tisch hinein, indem er einer hohen Obrigkeit alle offenen und heimlichen Schäden der schweizerischen Eidgenossenschaft, des Kantons und der Gemeinde so recht föhnklar sichtbar zu machen suchte und indem er sich vorab bemühte darzutun, wie die Bauernsame der Anfang und das Ende aller Weltordnung sei und wie es im besondern Bundes-, Kantons- und Bezirkspflicht wäre, den elenden Waldweg der Genossame auf die Ruchegg in ein jederzeit und nicht bloß im Winter fahrbares Sträßchen umzubauen und ihm an seine vorhabende neue Alphütte im Gschwendalpeli 90 % an die Kosten zu vergüten. Und als er dann auf die Klauenseuche zu sprechen kam, war er gar nicht mehr zu zähmen, obwohl die Judith ab und zu einmal in die Stube kam und ihn auf seine Stabelle zurückzupfte. Er schlug alle Augenblicke auf den Tisch los und schließlich behauptete er, der Bundesrat sei an der Klauenseuche schuld, denn wenn nur ein einziger unter diesen Stabellenreitern wäre, der wenigstens ein schmales Urnerkühlein oder ein paar Geißen im Stall hätte, von denen er mit einem übelzeitigen Weib und einem Geläuf triefnässiger Kinder leben müßte, würde er schon dafür sorgen, daß die welschen Ochsen und die Seuche nicht über die Grenzen hereinmöchten. Aber als dann das Röllchen einen lüpfigen Gautanz zog, verwandelte sich die bissige Tranksame in ihm in lauter Honig. Er ward hellauf und unversehens griff er zu seinem halbvollen Kaffeebeckelein und stellte es auf seinen verwilderten Graukopf, damit in der Stube herumtanzend, auf die Knie gehend und mit Zunge und Fingern schnalzend und knallend. Und wie nun der alte Gerichtspräsident, der sich des scharfgepfefferten Schwarzen völlig enthalten hatte, mit einemmal aufbrach und mit ihm auch das ganze Bezirksgericht, verdroß das den Rucheggbauern. Fast mißmutig hockte er sich vor den Ofen und sah, die rauhen Hände um seine Kaffeekachel legend, als wollte er sie dran erwärmen, fast geringschätzig auf die aufbrechenden Richter, die hinter einer so schönen Tranksame so wenig Sitzleder und Bestand hatten. »O Mutter, die Finken sind tot!« sang er lallenden Mundes. Wie nun die Herren, die zuvor in der Küche und im Ofenwinkel bei den Stumpentöchtern für die Bewirtung dankten und sich dann in den Strümpfen über die Türenschwellen gemacht hatten und also weg waren, ließ er sich aber von seiner Jüngsten, vom Röllchen, ohne weiteres hinterm Ofen hinauf in die Stubenkammer und zu Bett bringen. Er merkte es kaum, als die Falltüre sich unter ihm schloß und das Röllchen flinkfüßig wieder in die Stube heruntereilte. Als es jedoch in die Küche hinauskam, die so ziemlich leere Kaffeekanne in der Hand, fand es am Küchentisch zu seiner Überraschung den alten, schiefäugigen Fürsprecher, den Doktor Hieronimus Fink. Er saß da und sprächelte mit seiner zerbrochenen Stimme allerlei Wohleingehendes, Leichtverdauliches in die Stumpentöchter hinein, die sich da zusammengefunden hatten, um sich durch das grobe Holzgitter des Küchenfensters den Abzug des Gerichts, das sich unterhalb des Hauses vor dem Föhrenwäldchen glücklich wieder beschuht hatte, anzusehen. Und jetzt standen die Stumpentöchter alle wieder um den Tisch bis auf den Salami, der am Herd zu tun hatte und hörten dem ausgetrockneten Alten zu, der sich schon vor einer Weile in die Küche hinausgeschlichen hatte und also, unbemerkt von seinen Weggefährten vom Gericht, zurückgeblieben war. Solange er mit dem Salami allein gewesen war, hatte er sich auf einem gar willigen Grund und Boden befunden, denn diese dicke Rucheggköchin, die oben und unten gleichmassig und schwammig aussah, hatte seine an- bis übelrüchigen Witze mit beifälligem Gelächter aufgenommen. Dafür mußte er sich aber von ihr die Ohren vollschwätzen lassen, was er, trotzdem sie immer wieder ins Kreischen kam, da sie sich aus irgendeinem Grunde einbildete, er höre nicht am besten, sich aber gerne gefallen ließ. Es gab sich nämlich, daß ihr gutumschanztes Herz und ihr erhitztes Gesicht mit den beidseitigen Hänglauben zündroter Backen ihm etwa recht nahe kamen. Das heimelte ihn immer mehr an, also zwar, daß er dem Salami gar bald den Vorschlag machte, sie möchte zu ihm nach Kilchaltdorf als Magd kommen. Sie hätte bei ihm einen leichten Dienst, jedenfalls mache er ihr's so leicht als menschenmöglich. Aber sie hatte ihn ausgelacht und ihm geantwortet: »So ein Späßlein mit Euch, Meister Fürsprecher, habe ich nicht ungern, denn Ihr wißt was Lands und wie man die Häslein einbeizen muß. Aber mit einem alten Gaul zu kutschieren begehre ich nicht. Da hört lieber auf von dem zu reden. Ein Kind, was ein Kind? ein Rind müßte ja merken, was ich für ein leichtes Dienstlein bei Euch hätte.« Also hatte auch er aufgelacht und wohlaufgelegt und aufs lebhafteste setzten sie ihre glitschige Unterhaltung fort bis die Reb in die Küche kam, die, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken oder den Mund zu einem Lachen zu verziehen, seine faulen Späße mitanhörte. Als er jedoch auch ihr die Dienststelle bei sich antrug und ihr mit einem mehr als abschüssigen Witz kurzerhand einen Kuß ins Gesicht hineinschnalzte, da er ihr Schweigen für lauter Zustimmung nahm, schlug sie ihn ohne weiteres aufs Maul, daß es pfiff. »He, 's donners, was meinst du alter Dornhag, du ausgeklopftes Markbein,« herrschte sie den Advokaten an, daß er völlig in seine Hosen hineinzuversinken schien, »die Reb ist die Reb und auf eine Stelle bei dir spuck' ich. Ich will mich zeitlebens von keinem Jungen beherren lassen, geschweige von so einem ausgedorrten und abgewetterten Wegweiser in die Ewigkeit.« Doch erholte er sich auch da unglaublich rasch und bald hatte er wieder sein schmutziges Lächeln, das ganz einem faulenden Wassertümpel in der Nebelsonne gliche gefunden. Und wie dann die üppige Judith in die Küche gekommen war, hatte er, nach kurzem, seine Einladung zu baldigem Dienstantritt bei ihm auch ihr annehmlich zu machen versucht. Sie fertigte ihn jedoch mit munterm Kichern, freundlich, ohne ihn aber anzusehen, ab, indem sie sagte, sie habe schon einen, dem sie mehr oder weniger zu dienen gedenke. Zwar sei er auch nicht mehr ganz jung, aber wenn sie einen Schneemann hätte haben wollen, hätte sie sich im vergangenen Winter solche selber haufenweise machen können. Da hatte der Alte nur gewiehert und mit gleißenden Äuglein schweigend eine Weile diese vollerblühte Stumpentochter allseitig abgeweidet. »Sackerlot,« krächzte er ihr dann zu, »wenn unser Bezirk statt des unvernünftigen Viehs das Weibervolk prämiieren würde, was er eigentlich für seine schönste Pflicht halten sollte, kämst du zuvorderst an den Hag zu stehen, Maitli.« Lautauf lachte der Salami, aber die Judith nahm ihn für Luft und kümmerte sich nicht weiter um ihm Nun aber waren alle Töchter in der Küche, auch die Mager, denn sie löffelten, nach kurzem Gebet, um den tannigen Tisch hockend, die Mehlsuppe zusammen aus, die der Salami mit einem Käsebrocken vor sie hingestellt hatte. Und obwohl so ziemlich alle den alten Advokaten satt zu haben schienen, so war doch keine so ungastlich, ihn fortzuschicken. Im Gegenteil, der Salami, die mit dem Fürsprecher gar nicht übel auskam und seine anzüglichen Reden und Sprüche fleißig belachte, hatte auch vor ihn hin einen Teller voll Suppe gestellt. Er ließ ihn jedoch stehen und machte sich in seinen Strümpfen vom Tisch weg auf eine Stabelle beim Herd, denn die Reb hatte ihn also allmählich und unauffällig an die Wand gedrückt, daß er für seine Rippen fürchtete. Und wie er nun sah, daß ihm die Mager, als er von den Vorzügen, Freuden und Freudlein eines großen Dorfes zu reden anfing, als einzige gar aufmerksam, ja andächtig zuhörte, bekam er auf einmal eine Vorliebe für ihre unglaubliche, in dicken Zöpfen um den Kopf gehende Haarfülle und für ihr hochgestelltes Gesamtwesen. Jawohl, mit der ließ sich allenfalls reden. War sie auch nicht die hübscheste unter den Stumpentöchtern, – die jüngste mit den blauen Schalkenaugen kam ja überhaupt noch nicht in Frage, – so war sie doch auch jung, ländlichfrisch und wohl zugänglicher und dienstwilliger als die andern alle. So war's denn kein Wunder, daß der Fürsprecher der Mager bald folgte, als sie aus der Küche in ihr Sonderreich, in die Wohnstube zurückging. Und in der Stube hockte er nun bei ihr am Tisch vor dem Ofen und redete in sie hinein von der schönen Stelle, die sie bei ihm bekäme und von dem ganz andern neuen Leben, das sie im großen Dorf fände. Und da er rasch herausmerkte, daß sie gern zur Kirche ging und sang und daß sie's ein wenig mit der Frömmigkeit hatte, denn die Heiligenlegende lag vor ihr auf dem Tisch, so nahm er sie von dieser Seite, ließ die schlechten Witze sein und begann selber frömmlich zu tun und den Kirchenmann zu spielen. Sie hörte ihm aufmerksam, trocken zu und obschon sie noch lange nicht alles für bare Münze nahm und ihn und seine goldpapierene Frömmigkeit völlig durchschaute, so fing sie doch an, über das Für und Wider eines solchen Dienstes im Dorf ernstlich nachzudenken. Es war ja ihr höchster Wunsch, in ein großes Dorf zu kommen, denn die Bauernsame war ihr zum Sterben verleidet. Man war so gar abseits von den Leuten und von all ihrem Tun und Lassen. Man vernahm und erlebte nichts. Hatten alle Stauden fast das gleiche Gesicht und alles roch nach Langweile und Kuhmist. Und ja, auch von der Kirche war man zu weit ab. Wenn sich's nun einrichten ließe, daß sie den ausgemergelten Weiberschmecker da dazu bringen könnte, sie zu heiraten, so wäre sie von einem Tag auf den andern eine Frau im Dorf, die's recht hätte. Das wäre herrlich. Den Alten freilich müßte sie in den Kauf nehmen, aber das würde doch nur auf Abbruch sein, denn allzulange konnte es der kaum mehr machen. Ja, wie fein wär's, ja, welch ein Gefundenes wäre es, wenn sie von diesem Bauerngewerbe wegkäme und es vielleicht eines Tages dazu brächte, gar auf der Vorkirche im großen Dorf mitsingen zu dürfen, wie sie's jetzt, freilich selten genug, im Erlenstaldener Kirchlein tat. Nein, da mußte man zugreifen. Ein junger Dörfler holte sie ja ewig nie. Vielleicht wohl einmal das Röllchen, aber keine von ihnen. Die Judith zählte sowieso nicht mehr, die kam ja nach Hochsiten. Wie müßte das aber köstlich sein, eine Herrenstube und ihre guten Kammern mit lauter Weißzeug in Ordnung zu halten. Sie sann und sann. Der Vater würde sie nicht stark entbehren. Er hatte es zwar einst gern gesehen, daß sie ihm in seinem Hang zur biblischen Geschichte nachschlug, aber dann war sie ihm allmählich zu fromm und auch zu giltmirgleich gegen alles Bäuerliche geworden. Im besondern hatte es ihn immer geärgert, wenn sie sich im Alten Testament noch besser auskennen wollte als er oder gar wenn sie den Heiligen ihrer Legenden den Vorrang vor den Patriarchen, Propheten, Königen, Richtern und Helden Israels gab. Auch mochte sie ihm wohl zu trocken, zu einsilbig sein, denn da schien sie ganz aus der Art zu schlagen, obwohl ja die Judith auch ruhig und gelassen, aber freilich nichts weniger als trocken oder langweilig war. Der stark alternde Advokat aber, der Doktor Fink, hielt alles für gewonnen, was ihn freudig bewegte und also stellte und stählte als wäre über ihn, wie über einen austrocknenden Sumpf, ein hochsommerlicher Platzregen gekommen. Schon soweit hatte er die lange Maid, die nicht aufstehen konnte ohne fürchten zu müssen, an der Stubendecke den Kopf anzuschlagen, daß sie ihm ihre Hand ließ. In tiefstem Schweigen hörte sie ihm zu, aber doch nur halbwegs, denn ein Ohr wenigstens horchte in die Küche hinaus, wo's gar lebhaft zu- und herzugehen schien. Das Röllchen und die Judith sangen Schelmenliedchen, der Salami schimpfte und die Reb polterte ab und zu einen geharnischten Ausruf oder ein Gelächter über alles hin. Und schließlich kam's dazu, daß die Mager dem Fürsprecher zusagte, sie wolle bei ihm in den Dienst treten und es mit ihm probieren. Soweit ging sie, daß sie's ihm nicht abschlug, als er bei ihr immer wieder und immer dringender anhielt, sie möchte ihn ein Stück Wegs, wenigstens bis hinunter vor das Föhrenwäldchen, wo ja seine Schuhe ihn erwarteten, in die Nacht hinausbegleiten. So machten sie sich denn unversehens leise, ohne auch nur Gute Nacht! in die Küche zu rufen, aus der Stube. Die Mager wollte ja gleich wieder zurück sein, so daß die Schwestern von dem ganzen Handel, den sie mit dem Alten aus dem großen Dorf angesponnen hatte, soviel wie nichts merken konnten. Sie sollten es erst morgen von ihr erfahren, daß sie sich ins Dorf verdungen hatte. Wie sie nun aufs Stiegenbrücklein hinaustraten, sie barfüßig und er auf leisen, baumwollenen Socken, stand der Mond gar schön und voll am Himmel und herrlich war die Welt im Zwielicht und erfüllt vom herben Odem und Wohlgeruch der waldigen Alpenwelt. Still machten sie sich übers Stiegenbrücklein hinunter. Aber als sie nun auf dem samtweichen Rasen vor dem Haus waren und der Scheitstrunk vor dem angebauten Schopf so freundlich und friedlich zu wohliger Sitzgelegenheit einladend dastand, brachten es die Sehnsüchte des arg von seiner Liebe bedrängten Advokaten nicht dran vorbei. Also ließ er sich einfach drauf nieder, riß die Magere solang sie war, an sich und hockte sie auf seine Knie. Die mochten ihr wohl zu spitzig sein, denn sie wollte aufspringen. Und da er sie nicht losgab, ja den Ring seiner hagschwartendürren Arme enger um sie schloß und sich entsetzlich anhänglich an sie zu zeigen anfing, hieb sie ihm eine herunter und sagte trocken, ihn im Genick packend, zum Brunnen zerrend und sein kahles Haupt ein paarmal herzhaft ins quellfrische Wasser eintunkend: »Nein, das ist mir doch ein wenig zu früh, mein lieber, guter Dienstherr. Ich meine, da seid Ihr doch etwas zu rasch gewesen und habt den ausgehungerten Hund zu geschwind aus seinem Schlupf und ab der Kette gelassen. Seht, so schnell gehen die Riegel im Weidland nicht auf. Es hat alles seine Zeit und wer's mit grauen Haaren noch nicht weiß, ist nicht recht gescheit. Da ist's denn gläublich besser für uns beide, wir trennen uns jetzt schon wieder, denn so hab' ich den Dienst bei Euch nicht völlig verstanden. Schlaft gesund!« Sie gab dem sich sträubenden, pustenden und sprudelnden Alten noch einen Hieb auf den Hintern, stülpte ihm den steifen Hut über den flotschtriefendnassen Kopf und alsdann schritt sie ruhig, mit ausgiebigen, langen Beinen ins Haus zurück. Der eingeweichte Fürsprecher aber machte, so rasch er konnte, daß er vom Ruchegghaus weg und nidsich kam, denn es war ihm, da sei nun ein alter gewester Fuchs einmal in den unrechten Hühnerpferch geraten und wüst verpickt worden. Wie er aber vor dem Föhrenwäldchen seine Schuhe auflesen und anziehen wollte, konnte er sie nicht finden, obwohl er im Mondschein den bemoosten Faulholzstumpf gleich erkannte, drauf er sie hingestellt hatte. Eine Weile suchte er sie rundherum. Endlich kam's ihm, daß irgendein Richter, der ihm einen Streich spielen wollte, es konnten freilich auch ihrer mehrere sein, seine Schuhe mit zu Tal genommen haben könnte. So mußte er denn, wohl oder übel, in den Strümpfen den rauhen, näßlichen Wald- und Weidweg auf Erlenstalden hinabmachen. Die Lange aber, die Mager, hatte sich wieder in die Stube gemacht. Obwohl sie das Röllchen und die Judith, ja sogar mit grobschlächtiger Stimme die Reb und kreischend den Salami in der Küche zusammen singen und jodeln hörte und obschon der Gesang sonst ihre Freude war, hockte sie sich doch vor den Ofen, tat einen trockenen Schluchzer und sagte vor sich hin: »Ja, die haben gut singen und jauchzen da in der Küche drin. Sie alle können zu einem Mann kommen, ja, wer weiß, vielleicht kann gar eine ins große Dorf heiraten, aber mir, so einer Fahnenstange, trifft's keinen; da kann ich lange warten.« Aber ihr Gesicht glättete sich rasch und ziemlich giltmirgleich schlug sie ihre Heiligenlegenden auf und begann zu lesen. 5 »Ein Himmel, spiegellauter und föhnheiter wie Schnaps,« sagte der Spielaumichel, als er, gleichwohl einen schweren Regenschirm unterm Arm, mit ein paar Bauern aus Stagelrain auf den festlich aufgerüsteten Weiler Erlenstalden zurückte. Nein, an diesem Sonntag, an dem der »Schützenbund am Bärlauistock« sein alljährliches Wettschießen abhielt, durfte er nicht fehlen. Es wäre den Leuten nicht wohl, dachte er, wenn sie mich nicht zu Gesicht bekämen, denn sie müßten sich sagen, es sei nicht ganz alles in Ordnung, dem Fest mangle einfach etwas. Aha, der Aumichel, der Dolmetscher, ist nicht herum! würden sie endlich ausrufen. Er war ja noch an jeder Kirchweih, an jedem Markt, Fest und Festchen, geistlichen und weltlichen, landauf und -ab dabeigewesen. Er gehörte dazu wie die Uhr, die Tag und Nacht keine Ruhe hat, in die Stube. Das Tüpflein schien erst auf dem i zu sein, wenn er dabei war. Er half die Feststimmung machen. Deswegen war er bei allen Wirten gern gelitten und kam zu manchem Glas und Gläslein, weil er den Leuten, sozusagen wie eine Fahne, ins Wirtshaus vorausging. Freilich, viel hielt niemand auf ihn, denn hinterrücks und etwa auch mitten ins Gesicht, nannten sie ihn einen Lumpen, Säufer und faulen Hund. Aber das hatte ihn noch nie stark geplagt. Das Verschimpftwerden ging ja vorüber wie das Gelobtwerden und machte einen weder jünger noch älter. So wenig berührte ihn das wie ein Wetterwechsel. Er pfiff auf die üblen Nachreden; ein durchgehender Nagel im Schuh konnte einen mehr plagen als sie alle. »Was,« redete er zu dem zitterigen Alten aus der Torlaui, der unter ihnen mitging, »nicht will's dir bessern, sagst? Kein Doktor kann dir helfen, obwohl du schon ein halbes Jahr lang dokterst und keiner recht weiß wo's dir fehlt? Ja, mein lieber Torlauichäpp, ich will dir schon sagen, wo's dir fehlt, dir fehlt's im Kopf, unter der Kappe, denn wenn du Verstand hättest, würdest du's machen wie unsereiner. Meinst du, ich habe keine Last am Buckel? Allundein Morgen erwache ich im Elend und es ist mir wie einem räudigen Hund am Verenden und zitteriger bin ich als ein getretener Webstuhl. Und wenn ich die Augen aufmache, ist meine ganze Welt eine zügige, morsche Gadenwand, an der ich mir den Schädel am liebsten einschlagen möchte, wenn ich's mir getraute. Aber alsdann, mein lieber, guter Hirte ab der wettergestrählten Torlaui, schleppe ich mich mit meinem Jammer ans Wandgänterlein und nehme aus der grünen Krausle einen herzhaften Schluck Erdäpfelgeist. Ein Wässerlein, ein Tropfen so lauter wie ein Kinderäuglein und so bissig wie ein alter Tümpel voll Blutegel. Und da läuft's durch mich hindurch wie brennheiße Brunnen und im Hui ist's mir wieder vögleinwohl. Die feuchten, kalten Gadenwände tun sich nach allen Himmelsrichtungen auf und juhu, schön ist die Welt! Also siehst du, so ein Morgenschnäpslein ist bekömmlicher als eine ganze Apotheke kostspieliger Mixturen. Was mich anlangt, ich hab' dem Doktor noch wenig zu verdienen gegeben; keinen roten Rappen hat er von mir gelöst.« »Ja,« meinte ein zahnluckiges Weiblein, das, einen Korb voll gelber Rüben auf dem Rücken, in der Schar nachhumpelte, »deine Apotheke ist das Wirtshaus, Spielaumichel. Dort bekommst du aber die Flaschen und Fläschchen auch nicht alleweil umsonst, denn andernfalls müßte dein Weib nicht wie ein Schatten an der Wand sich im Land herumschleppen und sich mit ihrem halb Dutzend durchsichtiger Kinder um Gottes willen an allen Türen um einen Mundvoll Futter umschauen.« »Was, du altes, hartgebeiztes Geäder,« rief der Spielaumichel, sich umwendend, »du kommst mir den Weg?!« Aber gleich lachte er dreckig, hohnträchtig auf. »Aha, du bist's bloß, du alte Gurre! Das sagst du ja nur, weil ich dich einst nicht gewollt habe, als du noch ein Mensch warst und etwas gleich gesehen hast. Jetzt aber, meine liebe Nebelhexe aus dem obern Zingel, jetzt wo du nichts mehr als eine dürre Dornhecke bist, fällt's mir nicht ein, nochmals hinter dich zu geraten wie ich hinter dich geraten bin, zu einer Zeit als du mich mehr als wohl leiden mochtest. Sowieso, blas' mir!« Aber als er doch, tückisch grinsend, einen Stein aufgriff und ihn auf das alte Weib werfen wollte, ward er ihm von einem Stagelrainer Kleinbauern aus der Hand geschlagen. »Wohl,« machte das geringe, entrüstete Hühnerbäuerlein zu ihm, »du brauchst noch mit Steinen um dich zu werfen, wenn man dich ein wenig in den Spiegel schauen läßt, du Lumpenhund! Sei du mir still! Es ist ja hundertmal wahr, daß die armen Tröpfe, die das Unglück hatten, an dich zu kommen, es schlecht genug haben, ja zuzeiten hungern müssen, ja hungern, während du dir, wenn immer möglich, nichts abgehen lassest und an alle Winkelfestchen läufst und bei allen Saufereien bist. Es nimmt mich nur Wunder, daß es noch Leute gibt, wie etwa den Metzger Balz Schwitter zu Kilchaltdorf und den Viehhändler Tritsch von Hochsiten, die dich zeitweilig noch mitgehen lassen und brauchen wollen, denn du bist doch mehr ein Schoppenquetscher als ein Dolmetscher. Aber man kennt dich immer noch zu wenig und weiß nichts davon, wie die Deinen zu Haus hinter Gotterbarm sind.« »Guggußjoggeli,« gab der Spielaumichel lachend zurück, »du bist ein Huhn, nur daß du trotz deinem dummen Gegacker keine Eier legen kannst. Es wird ja schon sein, daß ich ein Lump bin, ich glaube fast und gar selber, aber weißt du denn nicht, daß man die Lumpen zu gar vielem brauchen kann und nicht nur zum Aufwaschen manchem schmutzigen Stubenbodens und manches staubigen Heiligenscheines.« Das Trüpplein der Stagelrainer hörte nicht mehr auf den Dolmetscher. Sie waren ins Dörflein Erlenstalden eingetreten. Und nun machten sie sich durch das viele Volk am beflaggten Schulhaus und am bekränzten Wirtshaus zum Hirschen vorbei gegen den Schießplatz hinaus, denn dort knallte und trompete es tapfer drauflos. Ein Gehüt barfüßiger Kinder beinelte vor ihnen her. An ihrer Spitze marschierte wichtigtuerisch ein Büblein im Hirtenhemd, das aus allen seinen Kräften sein Mundorgelchen blies. Als die Kleinhäusler von Stagelrain auf den Festplatz unweit der Kirche hinauskamen, erblickten sie auch die Feldmusik von Stagelrain, die heute in Erlenstalden Festmusik sein durfte. Sie war unermüdlich. Seit der Eröffnung des Wettschießens nach dem feierlichen Gottesdienst, spielte sie nun den vereinigten Schützengesellschaften von Erlenstalden, Stagelrain und Hochsiten drauflos, daß die Hunde heulten und die Bergechos heiser wurden. Eine Festhütte gab's nicht. Die Schützen schossen hemdärmlig unter Gottes freiem Himmel. Doch war immerhin ein Bierfuhrmann da, mit ausgiebiger Tranksame. Auf einer Tristenstange flatterten einträchtig die drei Schützenfahnen des Schützenbundes am Bärlauistock. Um den Schießstand lagerte und trieb sich das Volk der Hirten. Darunter gab's aber auch Leute aus dem großen Dorf Kilchaltdorf. Geschäftsleute, die ihrer ländlichen Kundschaft sich aufmerksam und erkenntlich zeigen und sie für neue Bestellungen empfänglicher machen wollten. Auch gewohnheitsmäßige Festgänger, die weder die eigenen, noch die Festanlässe der Nachbarschaften jemals versäumten, auf daß sie, zum einen, die Langweile für ein paar Stunden von sich abbrächten und zum andern, von den ihnen möglichen Annehmlichkeiten des Lebens ja nichts verlören. Mitten im Festbetrieb drin vertat sich der kleine Hirte von der Ruchegg, der alte Stump. Unter immerwährendem Gelächter begrüßte er sich mit seiner Verwandtschaft und Bekanntschaft. Und also fuchtelte und werkte der Stump mit den Armen und seiner ganzen Person drauflos, daß ihm sein gewaltiger Hut schon weit ob die furchige, ansehnliche Stirne zu sitzen gekommen war, und also hatte er ein lautes Getue, daß auch das entferntere Volk immer etwa wieder nach ihm und seiner Gruppe hinschaute. Weithin konnte man seine Stimme hören und es sah aus, als ob seine zappligen Arme mit allem was er sagte, mit jedwedem Wort, ballspielten. Ja, es war als predigte er. Aber wer ihm näher stand, bekam nur alltägliche, bäuerliche Nachbargespräche über das Wetter, über Kauf und Lauf und Viehhandel, jedoch auch Spruchhaftes aus dem Alten Testament, verbunden mit einer kräftigen Schimpferei über die abgezogene Viehseuche und über die Regierungen des engern und weitern Landes, zu hören, die so wenig gegen das große Übel getan hätten und die sich freilich ganz anders dafür ins Zeug legen würden, die Herren, wenn sie die Kälber selber aufziehen, statt bloß essen müßten. Als der Stump auf jene Halunken im eigenen Land zu reden kam, von denen man sagte, sie hatten aus Neid und Bosheit die Seuche absichtlich in dunkler Nacht zu diesem und jenem Stall vertragen, man könne es ihnen nur leider nicht beweisen, da drückte sich der Spielaumichel, der auch in Stumps Nähe stand. Aber der Alte redete fort. Nach und nach kam er ein wenig ins Prahlen, denn er erzählte den Leuten, wie er mit seiner Jungmannschaft die Seuche von der Ruchegg abgehalten habe und obwohl diese Jungen alle Weiberröcke angehabt hätten, wäre von ihm und ihnen doch das ganze Kilchaltdorfer Bezirksgericht, samt Waibel und Fürsprechern, gezwungen worden, die Schuhe abzuziehen und in den Strümpfen über ihre frischgedüngten Matten und Weiden zu gehen. Und nun begann er in den höchsten Tönen seine Töchter zu rühmen, wofür ihn das immerwährende Knattern aus dem Schützenstand nebenan noch anzufeuern schien. Gar wenn die Feldmusik von Stagelrain einsetzte, stieg er wie ein Gaul vor der Kriegstrompete. Seine Töchter hatten sich unterdessen ein wenig über den Festplatz gemacht, wobei sie mit ihrer alten wohlbeleibten Base Anneseba aus der Stolzern von Hochsiten und mit ihrer Schwester Judith zusammentrafen, die mit Judiths Mann, dem Viehhändler Baschitoni Tritsch, auf dem Gatterwägelchen ans Schützenfest hatten fahren können. Und nun standen sie beisammen und hielten eine kleine Landsgemeinde ab. Die Judith war eher noch hübscher, auch ein wenig umfänglicher, jedenfalls fraulicher und auch noch zutraulicher in ihrer lächelnden Gelassenheit geworden. Es schien ihr im heiligen Ehestand wohlzuergehen. Sah sie vorher aus wie ein übersegneter, fast zu fruchtbarer Bauerngarten, so glich sie jetzt alleweil noch einem solchen; aber es war als sei in all seiner Triebfreudigkeit noch ein stilles Wasser, ein Weiherchen, hineingekommen, das jedes Keimlein und Würzlein drin mit Fruchtbarkeit durchtränkte. Sie stand denn auch nur so da, und wenn die lebhafte Base Anneseba aus der Stolzern ihre Späße machte, lachte sie ihr fröhliches, nicht zu lautes Lachen und blühte und reifte. »Warum habt ihr denn die Mager nicht bei euch?« fragte sie aber jetzt die Schwestern. »Ja, das wundert mich auch,« meinte die alte Base Anneseba, »ihr seid doch nicht vollständig, wenn die Lange fehlt. Ich weiß freilich, daß sie grad nicht viel um diese bäuerlichen Feste gibt und daß ihr überhaupt nicht soviel am Weltlichen liegt, wie euch andern . . .« »Ja die,« warf der Salami fast unwirsch ein, »die geht grad so gern unter die Leute wie wir. Sie hat's auch gern lustig. Sie spielt nur die Eigene. Nein, hat sie gesagt, ich komme nicht mit euch; heute muß jemand zu Haus bleiben, denn seit wir diese Stromer in der Stube gehabt haben, sind wir auf der Ruchegg nicht mehr völlig sicher. Es ist sowieso ein Leichtsinn von uns gewesen, früher Haus und Hof Sonntags so oft allein zu lassen und wenn's auch nur für ein paar Stunden war. Kurz, zu Haus hat die Lange hocken bleiben wollen. Sie vergönne uns diese Schützenfestkurzweil nicht, meinte sie, sie habe sowieso nichts verloren im Tal. Auch wenn sie nicht zu Erlenstalden herumstehe und Maulaffen feilhalten helfe, so werde es ja jetzt dort auch ohne sie Fahnenstangen sonst genug geben . . .« Das polternde Gelächter der Reb fuhr dazwischen. Aber der Salami redete weiter: »Ja, wenn es um ein geistliches Fest zu Kilchaltdorf ginge, da täten sie die Schuhsohlen weniger reuen, hat die Mager gesagt. Und so hat sie sich eben mit ihrem Heiligenlegendenbuch vor den Ofen gehockt und ist daheim geblieben. Wir wissen zwar schon, daß sie herzlich gern zu Tal ginge und unter die Leute, denn die Geißen mit den langen Hälsen sind nicht weniger näschig als die andern. Und mit den Heiligen in ihrem Buch, so schön sie über und über gemalt sind, ist sie auch nicht ganz zufrieden. Aber eben, wenn sie nur einen, auch nur halbwegs annehmbaren Dörfler, etwa einen Kilchaltdorfer, bekommen könnte, liefe sie mit ihm was gibst, was hast, ab der Ruchegg davon. Und was gilt's, sie nähme alles eher und auch ihr Handspieglein, mit, das sie einem Hausierer letzthin hinterrücks mit einem Kuß bezahlt hat, ich hab's schon gesehen, als die gemalten Heiligen. Ja, in ein großes Dorf möchte unsere Mager, davon träumt sie . . .« »Und freilich auch in die Nähe einer großen, schönen Kirche,« redete das Röllchen drein, das die Hand voll Steinlilien hatte, »nein, denn das ist wahr, ihre größte Freude ist das Singen und auf dem Vorkirchlein da zu Erlenstalden kommt sie doch nicht recht, spottwenig kommt sie dazu. Ich singe ja auch mit und alleweil wieder höre ich wie unser Lehrer, den wir seit einem Jahr haben, Freude an ihrer Stimme hat, denn, sagt er, sie habe einen vollen Alt . . .« Die Reb ließ ihre Lachsame wieder strömen. »Ja, was heißt denn das: einen vollen Alt?« fragte sie lärmend, »tags meines Lebens habe ich das noch nie gehört, aber gesehen habe ich einen vollen Alten noch an jedem Markttag, fragt nur den Stump.« »Reb, Reb, wie kannst du so reden von deinem Vater!« machte verweisend die Base Anneseba aus der Stolzern. »Heja, ich sag's ja nicht im Bösen, Base,« lachte die Reb kurz auf, »es ist ja jedesmal lustig, wenn der Vater ein Räuschlein hat, denn dann rückt er erst recht aus wie einer, der niemand und nichts fürchtet, der alles darf und der einen Schritt hat wie der Riese Goliath an der Kirchendecke zu Flugiberg. Aber das ist einmal wahr, was der Salami sagt: Wenn die Mager einen Dörfler bekäme, sie nähme ihn allweg, wenn er's ihr gut zu geben vermöchte, daß sie dann Zeit hätte, viel in die Kirche zu laufen und zu singen, denn fürs Singen nimmt sie kein Gold. Der Schönste und der Jüngste müßte ihr Freier gar nicht sein, denn der Mager ist's ums Mannsvolk, um diese Tabakler, im Grund genommen so pfeifengleich wie mir.« »Reb, tu nicht zu wüst,« sagte lächelnd die Base. »Das meinst du jetzt vielleicht so, aber es kann sich ändern. Schau', wie glücklich sieht die Judith aus, völlig wie ein Festtag sieht sie aus, der mit lauter weißroten Schweizerfahnen überhängt ist, wahr oder nicht?« Die Judith kicherte froh, anheimelnd wie ein Feldbach im üppigen Grünzeug. »Ah pah,« redete mit ihrer kratzbürstigen Stimme der Salami, »wenn's drauf und dran kommt, nimmt eine jede gern einen und du, Reb, so gern als andere, obwohl es einer bei dir nicht leicht hat, falls er dich nicht zu zähmen vermag, denn du bist ja ein halber Staudenteufel. Aber ich lasse mich von einem auch nicht wie ein dreitägiges splitternacktes Zicklein in die Pfanne legen.« »Jaha,« lachte die Reb auf, »wenn mir an den Mannskerlen etwas läge, hätte ich an allen Fingern einen, aber ich brauche keinen. Was sollte ich denn mit so einem anfangen? Ja, wenn ich allenfalls einen fände, der dem Stump, dem Vater, gleicht, einen, vor dem das Gericht die Schuhe ausziehen muß, wenn's ihm gefällt, jaha, einen, der mich auf die Knie zu zwingen vermöchte. Aber so einer begegnet mir heute und morgen noch nicht, da hab' ich keine Angst.« Die Judith ließ ihr Kichern rieseln: »Ja, Reb, Reb, verschwör' dich nicht. Ich bin auch nicht von Stroh, aber das kann ich dir sagen, so hart du dich machst, was ein ganzer Mann ist, der wird . . .« »Aha, oho,« fuhr's der Reb heraus, »liegst du schon auf dem Rücken, völlig auf dem Rücken; der Viehhändler Baschitoni hat da flink obenaufgeschwungen. Aber Judithlein, Schwesterchen, bist du da von gutem Tannenholz, so bin ich eichig, ja dornenhölzig, wenn's drauf ankommt und mit mir, glaubt's nur, nimmt's keiner auf.« Die Base Anneseba aus der Stolzern lächelte immerzu und das Röllchen über den Blondkopf streichelnd, sagte sie: »Gelt, nur, Röllchen, wir zwei, du und ich, nehmen das nicht für ein Evangeli, was unsere liebe, angriffige Reb da behauptet und du, Kind, bist gewiß nicht halb so widerständig und machst dich zum Holzstock oder gar zum Dornstrauch, wenn eines Tags einer kommt, dich wohlmag und liebhaben will.« »Allweg nicht, Base.« »Aber, freilich, bei dir ist das ja noch im weiten Feld, Röllchen, bist ja noch nicht gar lange aus der Christenlehre. Oder solltest etwa gar auf dem Schulweg oder während der Christenlehre dir schon einen gemerkt und ihn im Kopf behalten haben?« Das Röllchen antwortete nichts; es schaute schalkigschen lächelnd, aus großen, blauen Augen erst forschend die alte Base an und dann aber ließ es seine Blicke seitwärts wandern, dorthin, wo eben des Geißbäuerleins und Flickschusters Junge, der Tschuppmoos Bändichtli, das Schießgewehr am Rücken, sich durchs Volk nach dem Schützenstand machte. Und da er sich eifrig umsah, begegneten sich ihre Augen und des Mägdleins heller Schopf kam unmerklich ins Nicken. »Sagt was ihr wollt,« schnörzte der Salami, ihre wohlbewehrte Brust von den Tannennadeln säubernd, die ihr während des Abstiegs durch die Wälder draufgefallen waren, »ich meinerseits, ich will einen. Eine alte Jungfer gebe ich nicht und auch keine Klosterfrau, denn ich will nicht vereinsamen. Ich muß jemand haben, mit dem ich reden, mit dem man eine Sache und was etwa tagein und -aus geht, gründlich durchnehmen und entkernen kann. Ich will wissen, was in der Welt geht und eine Meinung darüber haben und aber auch hören, was andere Leute dazu sagen. Das Singen auf der Vorkirche täte es mir nicht, gar nicht. Und ich begreife es nicht,« setzte sie verdrossen bei, »daß dieser Schulmeister auf seiner Vorsängerin und Fahrgeiß soviel hat. Da wollte ich ihm eine ganz andere Stimme zeigen, auch wenn ich damit nicht singen kann. Übrigens glaube ich nicht, wie ich die Mannsleute kenne, daß ihnen die Stimme das erste ist, denn die können sie ja weder verküssen noch in die Arme nehmen, und . . . ah pah, ich pfeif' euch drauf.« Sie verstummte. Ihr Schwager, der Viehhändler und Senntenbauer Baschitoni Tritsch, trampte gemächlich mit dem jungen, kraftstrotzenden Metzger Balz Schwitter von Kilchaltdorf daher, den sie alle kannten, da er sich mit dem Spielaumichel einmal um etwas Feistes, Schlachtreifes auf der Ruchegg umgesehen hatte. Mit diesen Zweien ging der schon etwas angegraute, aber gutaussehende Bäckermeister Burket, der gleich seinen Brotwagen vom Kilchaltdorfer Unterdorf her mitgebracht hatte. Er und der Metzger Schwitter versorgten ja heute die Festwirtschaft mit Brot und Fleischwaren. Die Rucheggtöchter und ihr Anhang begrüßten sich mit den zwei Kilchaltdorfern mit Gelächter und gleich waren sie in einer lebhaften Rednerei drin, aus der man aber das kreischende Stimmwerk des Salami vor allem und immerwährend hören konnte. Es dauerte gar nicht lange, so entzog sich der junge Metzger dem überströmenden, schon schimpfenden Salami. Fast unbemerkt machte er sich an die Reb heran, die ihm wohlgefiel und die nun bolzgrad, aber mit heiterm, fast gelächerigem Gesicht, vor ihm stand, wie eine starke Bachwuhr, die das Hochwasser erwartet. Und da waren sie auch schon gehörig aneinander und der rotlachte, frische Metzger hatte seine helle Freude an der hagelfluhkörnigen Art, an den halbabweisenden und aber immer mannhaft schreitenden, ja angriffigen Antworten der Reb. Das war ja ein Mädchen wie aus Holz geschnitzt, aber aus weißtannigem, ewiglebendigem Holz. Sie konnte es ihm alleweil besser. Und laut und lachend trieben sie's zusammen. Je stachliger sie sich anließ, desto weniger schien er von ihr loszukommen. Der alternde Bäcker aber war zuerst mit dem Viehhändler und der gutaufgelegten Stolzernbase ins Gespräch geraten. Und wie er sich nun aufgeräumt, angelegentlich an Judith wandte, da ihm die breitschulterige, weichlinige Älteste ab der Ruchegg mit ihrem muntern, aber nie zu laut werdenden Tudichum, immer besonders gefallen hatte, sah er unversehens ein wohlgewachsenes Mägdlein, mit knisterndblauen Augen neben ihr stehen. Lang, fast verwundert schaute er's an. Das mußte ja wohl des Stumpen Jüngste sein, das Röllchen, von dem ihm der Bäckergeselle berichtet hatte, was sie für ein umtunliches Geschöpf sei und wie sie ihn immer wieder mit irgendeiner Neckerei ein wenig zu plagen trachte, wenn er mit dem Brot auf die Ruchegg komme; wie sie ihm bald den Korb verstecke. Jüngsthin habe sie ihm gar ein Nest voll junger Krähen hineingetan. Je länger er nach ihren blauen Augen sah, desto stiller ward der Bäcker, also daß er am Gespräch der andern nicht mehr soviel Anteil nahm wie vorher. Immer wieder mußte er das Röllchen anschauen, das ihn jedoch nicht recht zu beachten schien. Es blickte allweil ins Volk hinein, als suche es dort jemand. Ja, bei Gott, das war ein donnersnettes, um und um wohlgeratenes Geschöpf. Nein, neben dem konnte die Judith, die sich doch auch und wie! sehen lassen durfte, nicht bestehen. Diese letzte Stumpentochter war ja freilich nicht so gewichtig wie die Judith und ihre andern Schwestern oder gar so ewiglang wie die Mager, die in der Stube auf der Ruchegg immer gebückt umhergehen mußte, aber wenn sie auch keineswegs klein oder gar ein schmales Geißlein war, so sah sie doch leichter, behender und feinfädiger aus als ihre Schwestern. Das konnte man merken, obwohl sie sich jetzt kaum regte. Und was sie für ein Paar blaue Erzschalkenaugen hatte! Nein, wahrhaftig, ein verflixt hübsches, anmächeliges Weltskrötlein! Und nun ermahnte sich der Bäcker, indem er rasch, heimlich seine grauen Haare an den Schläfen etwas mehr unter den Hut nahm und sich mit dem zutunlichsten Lächeln, das er konnte, ans Röllchen wandte. Und siehe, er bekam auf seine Reden freundlichen, hellstimmigen Bescheid. Die hübsche Jüngste ab der Ruchegg zeigte sich ihm als ein witziges, liebenswürdiges Ding, wie er's im Tal, zu Erlenstalden und der Enden nicht gesucht hätte. Respekt vor dem alten Stump! dachte er. Der hatte ja wahrhaftig eine ganze Landesausstellung ansehnlicher, kräftiger und durch und durch bodenechter Töchter auf die Welt gestellt. Ein Herrgottsdonner war er doch, dieser doppelte Matthias, dieser kleine, zapplige und lärmende Hirte. Nun, da hatte er ja wohl, völlig unerwarteterweise, etwas entdeckt, was ganz sein Fall sein konnte. Etwas Wohlgewachsenes, Erdengutes, ein eigenschönes Landkind, das man noch haben und zurechtkneten konnte wie man's haben wollte und das sich bald ins Unterdorf des großen Dorfes eingewöhnen würde. Ja, Potzdonner, diesem Jüngferlein müßte seinem Bäckerladen und ihm erst recht, gut anstehen und wohlbekömmlich sein. Er war ja Witwer und hatte also freie Weide. Nein, so ein Fündlein! Ein Schleck war's! Seine Blicke wollten nicht mehr vom Röllchen loskommen, während das jedoch, offen und verstohlen, bei aller Freundlichkeit und lächelnden Anmut, immer wieder von ihm wegsah. Und schon mit einem gewissen Mißvergnügen meinte er zu bemerken, daß ihre blauen Augen auf der unablässigen Suche nach irgend jemand zu sein schienen. Freilich konnte er sich ja täuschen. Sie blickten ja jetzt so kindlich, ländlich-einfältig um sich. Es war wohl nur bergländische Scheue, die ihm freilich bei den Stumpentöchtern etwas Neues, Ungewohntes war. Aber wie ungleich können doch die Hühner, ja sogar ihre Eier, geschweige die Leute sein. Doch der Bäcker hatte einstweilen keine Zeit mehr, am Röllchen herumzudenken und zu werweisen, denn nun kam der alte Stump, den Kopf hoch und gradaus, mit beiden Armen rudernd, als müßte er den Landvogt Geßler über den wildgewordenen Bergsee führen, dahergegangen. Bei ihm waren der Präsident des Schützenbundes am Bärlauistock, der Kari Fuchs aus dem Obereigen, ein noch junger Bergler, der aber schon Gemeinderat, ja sogar Kantonsrat war. Obwohl der innerhalb durchaus Kirchweihstimmung hatte, ja Galopp tanzen ließ, meinte er doch, seiner Würden bewußt, ein ernsthaftes, vielbedeutendes Gesicht und Gehaben zeigen zu müssen. Auch der Lehrer von Erlenstalden schritt oder vielmehr er schob sich linkisch neben dem Stump her. Es war, als wüßte dieser Lehrer nicht, was er mit seinen Armen anfangen sollte, als suche er immer nach einem Nagel, an den er sie aufhängen und also losbekommen könnte. Auch hielt er den Kopf fast ängstlich geduckt, als ob er ihn hinterm hochgezogenen Rücken verbergen wollte. Hinter diesen drein schlenderte, giltmirgleich das verwitterte, schmale und vertrunkene Gesicht, aus dem eine zerlutschte, lange Zigarre hing, vorwegend, der Spielaumichel. Er mochte wohl den Metzger suchen, dem er vielleicht etwas zuzuhalten, mit dem er ja auch immer etwas zu geschäften trachtete. »Aha, jaso, den Weg!« rief der alte Stump herankommend aus, »da ist ja die ganze Stumpenfamilie und gar noch Bekannte aus dem großen Dorf, der Bäcker Burket und der Metzger Balz Schwitter, beieinander. Ja was, potz Strahlhagel, und die Base Anneseba aus der Stolzern ist gar auch da?! Jetzt ist's gut, das freut mich; heute wollen wir einmal eine Zeitlang zusammenhocken und wohlleben, Stolzernbase. Unsereiner kommt selten genug ab der Ruchegg und gar zum Festen. Aber dann, wenn's einmal an dem ist, dann wird zünftig gelebt, das sag' ich dir. Hingegen,« er wandte sich an seine Töchter, »ist mir da der Kari, des Martschen Fuchsen aus dem Obereigen, man soll ihm ja jetzt Kantonsrat sagen, zugelaufen. Er sucht euch, ihr Jungfern. Schade, daß er schon eine hat, sonst könnte er unter euch auslesen,« der Alte lachte kurz auf, »ich habe da ja einen ganzen Markt voll feil, aber freilich, die Judith könnte er nicht mehr bekommen.« »Und mich auch nicht,« machte grob die Reb. Der Metzger Balz Schwitter ließ ein Gelächter herausrollen. Der Festpräsident des Schützenbundes am Bärlauistock und Kantonsrat von Erlenstalden, Hochsiten und Stagelrain, lachte auch ein wenig und sagte ruhig: »Das ist dumm, denn dich, Reb, hätte ich nicht zuletzt genommen. Wenn ich im Gemeinderat etwas mit dem Kopf nicht durchgesetzt hätte, würde ich dich geschickt haben. Ich wette was man will, daß du's von Hand gemacht hättest. Aber heute, nichts für ungut! könnte ich dich nicht brauchen. Ich und der Lehrer da suchen die Ruchegg Sulamith, denn sie hat noch alleweil während der letzten Jahre mitgetan, wenn wir ein Freischießen hatten. Und da wir Erlenstalder wissen, wie gut sie trifft, so wär's uns lieb,« er wandte sich an den aufmerksam gewordenen Salami, die wie ein doppelter, voller Mehlsack dastand, »wenn du heut auch mitmachtest. Ist ja kein offizielles Wettschießen, ist ein Freundschaftswettschießen. Da kannst du auch mittun und uns wie auch schon, zu Ehren helfen. Was meinst?« »Allweg tu' ich mit,« antwortete der Salami, »da bin ich immer dabei, wenn's das Schießen betrifft. Und falls mir der Lehrer da bei dem ungewohnten Standschießen etwas an die Hand gehen wollte . . .« Der angesprochene Schullehrer Beda Aloser begann sich unter den Sperberaugen des Salami und angesichts aller zu wenden und zu winden wie ein Wurm, dem man auf den Anfang oder aufs Ende getreten ist. Sein Gesicht, das aussah wie eine nasse Windel am Gartenhag, bekam den blassen Anflug eines martinisömmerlichen Sonnenlächelns. Und jetzt hob er die etwas verschwommenen, wasserblauen Augen schüchtern zum Salami auf und sagte mit molliger, stillgängiger Stimme: »Ja, Sulamith, ich tu's gern, wenn ich dir etwas helfen kann.« »Ja, das glaub' ich,« machte die Reb. Alle lachten und der Schulmeister ward auch um ein Fenster hellscheiniger. Der alte Stump aber klopfte ihm auf die Achsel und rief aus: »Also, Schullehrer, Respekt vor dir! Du willst nicht bloß den Schulkindern, sondern auch dieser törichten Jungfrau da für Öl in die Lampe sorgen, denn wenn diese Jungfer Sulamith ab der Ruchegg nicht eine Törin wäre, würde sie nicht mit den Mannsleuten wettschießen, da das Männervolk einen festen Stand hat. Es ist freilich nicht das erstemal, daß du schießest,« redete er zu seiner Tochter, »aber, Maitli, grad viel hast du bis jetzt noch nicht herausgeschossen und wegen dem Dutzend gediegener Würste, die du im letzten Herbst vom Gerümpelschießen zu Hochsiten heimgebracht hast, brauchst du dich noch lange nicht für den Wilhelm Tell zu halten. Aber schieß meinetwegen, schieß! Denn das muß ich sagen, weder Fuchs noch Hase möchte ich auf der Ruchegg sein, wenn's dir einfällt mit deiner alten Jagdflinte im Wald umzugehen. Schieß, Salami! Nicht nachlassen gewinnt und am End' bist du auch eine Stumpentochter, und was das Redwerk anbelangt, muß dir auf ein paar Tage Umschwung keine kommen. Wer weiß, vielleicht hast du's dasmal, wenn auch nicht in der Hand, so doch in den Augen, denn für deine Augen gibt's weder Nebel noch Mauern.« Die andern lachten, aber der Salami ließ sich das nicht stark anfechten. »Lacht ihr,« sagte sie, »es ist ja heute das Wetter dazu; jedes halbvolle Regengümplein macht ein gelächeriges Gesicht in der Sonne. Komm, Lehrer, wir wollen abfahren! Es ist jetzt grad schön windstill. Aber bevor ich mich ans Feuern mache, will ich noch einen Schluck Bier haben; das stählt mich. Schau', da drüben beim Stand gibt's einen ganzen Wagen voll.« »Freilich,« warf der Spielaumichel ein, »jetzt hast du wieder recht, das weiß ich auch, denn wenn ich am Morgen früh hin- und herfackle wie eine lange Föhre im kalten Wind, wie ich ein oder zwei Gläschen Schnaps im Leib habe, stehe ich dir so stramm da wie ein Heiligenstöcklein am Bergweg.« »Ja, ein sauberes Heiligenstöcklein,« rief die Base aus der Stolzern unwirsch aus. »Du bist schon mehr ein Marterbildnis vor Gott und Welt.« Man lachte ein wenig. »Brauchst aber auch nicht vor mir abzuknien, Bäuerin,« gab grinsend der Dolmetscher herum. Die Reb und der Metzger ließen ihr Gelächter herauskollern. Doch der Stump herrschte den schon etwas unsicher dastehenden Spielaumichel an: »Halt's Maul, du Heustöffel, du Landausspringer! Wohl, das fehlte jetzt noch, daß du deinen wüsten Schnapskennel in rechter Leute Unterhaltung hineinhängst.« Und ihm den Rücken kehrend, sagte er: »Schaut, da gehen sie nun mitsammen, der Schützenpräsident, des Martschen Fuchsen Kari, unser Schullehrer und mein Maitli. Mit Glück!« rief er den Abziehenden nach. »Und wenn du durchaus Löcher machen willst, Maitli, so schieß sie in die Scheibe und nicht in die Luft. Es brauchen ihrer ja nicht soviel zu sein wie die Herren vom Gericht in ihren Strümpfen gehabt haben, damals, beim Übergang über die Ruchegg. Sowieso hör' und merk' dir's: Beim Schießen heißt's die Augen auf und das Maul zu und nicht umgekehrt, verstanden!« Der Salami wandte sich ein wenig und zeigte die Zunge, als sie gewahrte, daß ihr der Vater nicht mehr nachsah. Dann schritt sie entschlossen fürbaß, zur Seite des Festpräsidenten und gefolgt vom Schullehrer, der sich ihr sozusagen nachwand. Der Bäcker Burket aber sah mit Verwunderung und großem Unbehagen, daß auch das Röllchen verschwunden war. Wie vom Erdboden verschluckt war's. Es mußte sich irgendwie gedrückt haben. Vielleicht war's ins Wirthaus zum Hirschen hinüber, um dort etwas zu essen, es ging ja um Mittag. Wahrscheinlich hatte es die Alte aus der Stolzern, die da wie eine umfängliche Laubkröte unter den Stumpen herumkroch, hingeschickt, ein Mittagessen für alle zu bestellen. Kurzum, als die Judith sich wegmachte, um den Viehhändler Tritsch, ihren Mann, der sich ebenfalls wieder verzogen hatte, zu suchen und der alte Stump lärmend mit der Base gegen das Wirtshaus hinaufbrach, schloß auch er sich ihnen an, hinter sich, in gutem Abstand, die Reb mit dem Balz Schwitter. Der Metzger redete lebhaft auf sie ein, aber sie verzog kein Gesicht, doch unversehens rollte immer wieder beider Gelächter im Tal herum. Ihnen steckelte der Spielaumichel nach, in schweigendem, stillem Vorgenuß eines kostenlosen Gläschens Tresterschnapses oder gar eines Glases dickroten Welschweins. Immerhin grübelte er für alle Fälle seine letzten paar Batzen aus der Westentasche heraus, sie im Gehen auf der flachen Hand hin und herschiebend und schier andächtig zählend. Als nun der Schützenpräsident und der Salami mit dem Schulmeister im Schießstand ankamen, erblickte die Stumpentochter zu ihrer Verwunderung ihre Schwester, das Röllchen, das fast zuhinterst, halb verborgen, beim Tschuppmoosbattisten Bändichtli stand. Er schien ihr das Gewehr, wohl sein Soldatengewehr, zu erklären und auch zu laden. Aber der Salami erholte sich sogleich von ihrer Überraschung. »Aha, der Fratz, also auch schon,« machte sie in sich hinein. Da ward's ihr jetzt auf einmal klar, weswegen dieses Bürschlein, dieser Tschuppmoosjunge, so oft über die Ruchegg mußte, mit seiner Traggabel und woher der Durst kam, der ihn dann immer wieder an den Brunnen zwischen Haus und Stall zwang und weshalb alsdann die Jüngste so nach der Wassergelte zu ihr in die Küche und danach zum Brunnen hastete: »Schau', schau', dieses Röllchen hat sich auch schon einen gemerkt. Ja, meinetwegen. Mir kann's ja Wurst sein oder Salami. Sie soll mir nicht zuvorkommen, den meinigen hab' ich so gut als im Sack. Und eines Hühnerbäuerleins Buben, wie ihn sich dieser Rolli seltsamerweise ausgelesen hat, nähme ich sowieso nicht.« Nämlich, das hatte der Salami schon eine Zeitlang heraus, daß der Lehrer ein Auge auf sie hatte, daß er sich ihr zu nähern suchte, wo immer es anging. Sie meinte zuerst, der scheue, wahrhaft erschrocken dreinblickende Mensch bleibe an der langen Mager, an ihrer Schwester, hangen, die doch auf der Vorkirche seine singende Fahrgeiß war, deren Stimme er hoch rühmte. Aber dann war sie an der letzten Fastnacht innegeworden, daß er nur alleweil sie anglotzte und daß ihm die Augen fast übergingen und schleimig zu werden schienen, wie eine Schnecke, die den Deckel abtut, wenn sie ihm einen guten Blick gab. Erst hatte sie über ihn lachen müssen, außerhalb und innerhalb erst recht, aber dann überlegte sie sich, daß dieser Schullehrer ihr folgen würde wie ihr Schatten, daß er sich in der Ehe von ihr bis zur silbernen Hochzeit völlig, wie ein Mundtuch bei den Herrenleuten, aufwellen und durch einen Ring stecken ließe. Wie er ihr damals im Wirtshaus gegenüber gekauert war, hatte er ja ausgesehen, wie einer, der sich immer aus einem Dornhag hinauslösen möchte und es nicht kann. Ganz dem Schaf glich er da, das die Stolzernbase auf einer Tafel an der Wand hatte und welches der Erzvater Abraham für seinen Sohn Isaak opfern mußte. Sie hatte sich auch keineswegs getäuscht. Der noch ziemlich junge, wenn auch unscheinige Lehrer Beda Aloser war über alles Höhen- und unter allem Tiefenmaß in den Salami verliebt. Ein Stumpenmaitli hatte er sich als Ehefrau vorgenommen. An die Judith hätte er sich niemals hingetraut, die erschien ihm unerreichbar, zu blumig, zu ruhig-stolz. Die Mager, seine Vorsängerin mit den vielen prächtigen Haaren, die war wie eine nackte, schmale Föhre mit vollem, krausem Wipfel, ließ ihn auch nicht viel hoffen, denn sie redete immer von einem großen Dorf, in das sie am liebsten hineinheiraten würde. Freilich war ihm zuweilen, sie nähme ihn vielleicht doch nicht ungern. Jedoch als er sie daraufhin einläßlicher betrachtete, erfand er sie gar zu trocken, so daß es ihm schwante, er könnte mit ihr vierzig Jahre in der Wüste durchfasten müssen wie das auserwählte Volk Gottes. Aber die Reb, nein, vor der hatte er geradezu einen Schrecken, denn sie war ihm einmal, als er aus Versehen mit dem Schuh ihre Waden gestreift hatte, an der letzten Kirchweih im Schlüssel zu Stagelrain, also auf den Fuß und dessen zwei Elsternaugen getreten, daß er den siebenfarbigen Regenbogen jedesmal zwiefach nach allen Himmelsrichtungen hin aufscheinen sah, wenn er nur dran dachte. Behüte, nein diese Reb war auch gar zu hartschalig. Was aber das Röllchen anbelangte, so mußte er sich sagen, daß diese jüngste Hirtentochter ab der Ruchegg zu ihm noch ein Jahr lang vor nicht allzuferner Zeit in die Schule gegangen war, wo er sie nicht wie andere Leute Röllchen, sondern Rahel, ja sogar Rehlein genannt hatte. Nun, diese kam keinesfalls in Frage. Sie war noch gar zu jung. Zwar wußte er wohl, was für himmelblaue Schalkenaugen sie hatte, aber daneben war sie ihm doch noch zu wisplig und zu nichtsig, unscheinig. Er liebte im Grunde genommen das pralle, dralle Weibervolk, an dem alles mollig, wulstig wie verkühlte Lava, zu überlaufen, herabzufließen scheint. Also hatte er nun am Salami seine wohlbekömmliche Augenweide. Soweit auch die Sehnsucht ihm die Arme auftat, diese Stumpentochter vermöchte sie auszufüllen. Wie eine überhängende, sturzbereite Erdbreche kam sie ihm vor. Es kann sein, daß darunter bittere Kresse wächst, denn sie hat eine scharfgeschliffene Zunge. Doch was macht ihm das, er kann schweigen, was ja sowieso eines Landlehrers geschätzteste Tugend ist. Alsdann hat es ihm, neben den massenhaft vorhandenen Reizen der drittältesten Tochter des doppelten Matthias, auch noch ihr ausgesucht schöner Name Sulamith angetan. Das ist ihm wie alle Fenstergesimse voll schwerer Nelken und Geranienbüschel um ein breitausladendes Bauernhaus. Sowieso, die Ruchegg Sulamith oder keine. Also hatte denn der Schulmeister Aloser, der für heute sogar als Festredner bestellt war, im Schießstand an seiner geliebten Stumpentochter eine schöne, ihn beseeligende Aufgabe zu lösen. Und da sie nun einmal, wie auch schon, nach alter Mütter Brauch, am freundschaftlichen Wettschießen mittun wollte, weil sie sich die paarmal, wo sie dabei war, als eine ziemlich sichere Schützin erwiesen hatte, war sie auch heute wieder willkommen. Ja, man war eigentlich froh um sie, denn die andern Vereine hatten ihre besten Schützen mitgebracht, während der Kranzschütze der Erlenstadler am letzten Frühling nach Amerika ausgewandert war. Und der Lehrer tat was er konnte. Zum ersten besorgte er ihr ein paar Gläser Bier, die sie flätig herunterstürzte, denn sie war, wie noch gar viele, die vornehmlich in der Küche wirken, rasch durstig. Dabei hörte er still ihrem immerströmenden Redeschwall zu. Aber als er zu vermuten begann, daß ihr das angenehm sein könnte, half er ihr auf die Schießordnung, auf die Feldmusik von Stagelrain, auf die Zeiger, auf den Wind und was immer sie anredete, zu schimpfen, so weit er's, bei seinen nichts durchbohrenden Gefühlen, wagte. Wenn sie gar schoß, stellte er sich, von ihr aber etwa auch zur Seite gefaucht, stumm, andächtig wie eine Wachskerze, hinter sie und hielt den Atem an; ja, er betete um günstigen Wind und gutes Gelingen. Wenn dann aber die Zeigerkelle plötzlich auftauchte und Schüsse mitten ins Scheibenschwarze verkündigte, freute er sich mit ihr, ihre lärmende Freude jedoch bescheidenerweise mit lautlosem Schmunzeln begleitend, wobei sein Gesicht sich in Ringen auseinander zu lassen schien, wie ein stilles Wasser, in das ein Stein fällt. Nach und nach machten sich auch andere, unter ihnen der Präsident des Schützenbunds, herbei. Also sahen sich der Salami und der Schulmeister bald von einer Schar Leute umgeben, die der drallen Stumpentochter mit vielem Interesse zuschauten und ihren Eifer und ihre Volltreffer lobten. Während nun der Salami, sorglich betreut vom Schullehrer und begafft und begutachtet von einer Gruppe hemdärmliger guter Hirten, mit vielen Ausrufen und Reden ihre zwecksichern Schüsse abgab, mühte sich die blonde Rahel ganz zuhinterst im ungedeckten, offenen Umgang des Schützenstandes, unter der übereifrigen Beihilfe des Tschuppmoosjungen, wenigstens die Scheibe zu treffen. Aber nein, selbst das wollte ihr nicht immer gelingen. Ja, es gelang ihr sogar selten, denn des rothemdigen Zeigers unbestechliche Kelle winkte gar oft ab. Aber das schien weder das Röllchen, noch seinen Gehilfen stark zu plagen. Es war vielmehr, als ob des lebhaften Mädchens Augen ihrem Beistand als eine Art Glücksscheibe dienten, denn sie waren fast immer ihm zugewandt und er schoß in einem fort seine feurigen Blicke hinein. Merkwürdig war hier nur, daß er zwar auch alle diese Schüsse ins Himmelblaue hinein abgab und daß doch jeder Schuß ein Fünfer und Zweckschuß ward. Es sah ganz so aus, als könnte ihm hier ein Kranz oder ein Kränzlein, wenn auch kein lorbeerenes, kaum entgehen. Aber nachdem das Röllchen einen besonders unmöglichen Fehlschuß hoch über den Scheibenstand, ja wohl gar über die Höhen hinweg getan hatte, sah sie sich blitzschnell um und siehe da, obwohl der Schießplatz ringsum jetzt eine volksreiche Gegend war, brachte sie's doch fertig, dem Battisten Bändichtli einen geschwinden, falterflügeligen, seidenlinden Kuß auf eine völlig bartlose Backe zu tupfen, wovon diese Backe aber, ärger als vom giftigsten Mückenstich, plötzlich rot ward. Als jedoch der überraschte Tschuppmoosjunge, sich auch umschauend, aber nicht so gründlich, ihr den Kuß zurückgeben wollte, und zwar auf den Mund, der ihn zu einem richtigen Zweckschuß gewaltig reizte, gelang's ihr, ihn noch rasch davon abzuhalten, indem sie ihn ein wenig in die Seite stieß und ihm zuraunte: »Der Martschenfuchsen Kari, unser Schützenpräsident, schaut uns zu! Ich gewahre ihn erst jetzt; muß ihn übersehen haben. Es ist mir, an seinem gespäßigen Lächeln an, er könnte uns schon eine Weile beobachtet haben. Gib also acht, Bändichtli! Du weißt, wenn's der Vater erführe, was wir hier für ein Schießen abhalten. Er will allweg keinen Hühnerbauern auf die Ruchegg. Mach', mach'!« hastete sie heraus, »reich' mir die Munition! Wir wollen weiterschießen, der neugebackene Kantonsrat da, der Kari Fuchs, kommt auf uns zu.« Also betätigten sie sich wieder in der Schützenkunst. Und wie nun der Präsident des Schützenbundes am Bärlauistock zu ihnen trat und sie fragte: »Heda, so, so ihr zwei Ledigen, wie steht's mit euch, trefft ihr brav?« antwortete der Bursche ab dem Tschuppmoos: »Heja, mir ist's noch ordentlich geraten, denn ich hab' schon geschossen, aber dem Röllchen da will's nicht recht.« Die wohlgewachsene jüngste Stumpentochter aber lachte harmlos auf wie ein Kind, das mit Marmelkügelchen auf der Landstraße spielt und sagte: »Ja, grad am besten geht's mir nicht. Oft schieße ich gar noch neben die Scheibe, aber,« machte sie ladend, ihr rotes Mäulchen wichtig schürzend, »ich glaube alleweil, die Sonne sei schuld, sie blendet mich sackerlots.« »Ja, das kann schon sein,« meinte der Schützenpräsident mit wunderlichem Gesicht, in dem ein schelmisches Lächeln sich nicht völlig verbergen konnte, »es will mich bedünken, Ruchegg Röllchen, du tätest drum am liebsten gegen diese lästige, hellscheinige Sonne gutschließende Fälladen nach allen vier Himmelsrichtungen um diesen Winkel im Schützenstand herunterlassen oder nicht?« Damit rückte er das Gewehr an seiner Schulter und machte sich von dannen. »Ach herjee,« sagte halblaut das Röllchen, »nun hat's der Schuh da wirklich gemerkt, was mit uns los ist. Wir tun auch zu unvorsichtig, du gar,« und da zupfte sie aber den Bändichtli schon wieder flugs an seinen Ohrringlein. »He, zum Kuckuck, einmal müssen sie's doch merken oder nicht? Einmal soll's doch die ganze Welt wissen dürfen,« redete er ernsthaft. »Ja, jaha, aber jetzt noch lange nicht, Närrchen. Das sprengt nicht so. Wenn's jetzt auskäme, so daß es der Vater vernähme, so könnte ich das Bündel packen und irgendwohin ausziehen. Entweder er täte mich zur Base Anneseba in die Stolzern schicken oder gar über den Berg an den See hinunter in den Dienst zu dem Bauern, von dem er etwa Vieh in die Sömmerung nimmt. Er versteht schon auch Spaß, aber hier allweg nicht. Wir und das ganze Land weiß es, wie er's hat: Entweder sagt der Stump nein oder er sagt ja. Was er aber sagt, bleibt stehen wie ein Zaunpfahl, der bis in die Hölle hinuntergeht. Und weil ich fast gewiß bin, daß er eines Geißbäuerleins und nötigen Flickschusters Buben . . .« Sie schwieg, da sie den Tschuppmoosjungen dunkelrot werden sah. »Sei nicht bös, Schatz,« redete sie rasch. »Wir wollen über all das nicht weiter werweißen. Ist mein Vater der Stump auf der Ruchegg, so bin ich auch seine Tochter, wenn ich auch nicht ein Dengelhammer oder gar eine Axt bin wie die Reb. Einstweilen, wenn's jetzt dieser Kari Fuchs aus dem Obereigen auch gemerkt hat, bringt uns das noch lange nicht auseinander. Er ist ja wohl der erste und herumreden tut's der nicht. Das ist ein Mann wie ein Opferstock so verschlossen. Auch meine Schwester, der Salami, so räß und ungemütlich sie etwa ist und so heillosgern sie redet, verrät mich nicht. Da bin ich ruhig. In solchem halten wir Schwestern zusammen. Heraus hat sie unsere Liebschaft. Ich hab's ihr schon angesehen vorhin, aber da auch sie einem nachzieht, so hat sie gegenwärtig mit dem zu tun und alles andere ist ihr daher einstweilen hundewurst. Still, sag' nichts und schau' dich nicht um! Unsere Judith kommt. Sie hat, wie's scheint, den Viehhändler, ihren Baschitoni, immer noch nicht gefunden und doch sucht auch er nach ihr. Ich hab's schon gesehen. Hoffentlich kommen sie vor dem jüngsten Tag doch noch zusammen.« Sie lachte hellauf. »Wart' nur,« warf er fröhlich ein, »bis es zunachtet, da finden sie sich im Dunkeln.« »Geh weg, tu, als ob du zuschautest,« flüsterte sie. Und kaum hatte er ein dürftiges Schrittlein rückwärts gemacht, sandte sie wieder aus seinem Militärgewehr eine Kugel über die ruhig, aber vergeblich auf sie wartenden Scheiben hinweg, in die friedlichen Wälder am Butzistock hinauf. Es ging schon ziemlich in den Nachmittag hinein, als man zu Erlenstalden endlich zum Abschluß des Freundschaftsschießens der im Schützenbund am Bärlauistock vereinigten drei Gesellschaften kam. Man hatte die Bühne hiefür vor dem Schulhaus, auf dem Hauptplatz des Weilers, nahe der Kirche und gegenüber der Wirtschaft zum Hirschen, aufgeschlagen. Auf ihr hatte der Vorstand des Schützenbundes und unmittelbar seitwärts unter ihr die berglandum hochberühmte Feldmusik von Stagelrain Platz genommen. Alsdann mußte auch der Schullehrer von Erlenstalden, der Beda Aloser, wohl oder übel, sich dazu verstehen, die Bühne zu besteigen. Man hatte ihn ja als Festredner gewonnen oder vieleher gepreßt. Hier nämlich ließ man einmal dem Lehrer ohne weiteres den Vortritt. Man wollte ebensogut, wie vorletztes Jahr die Hochsiter, eine Festrede im mustergültigsten Deutsch der Schulsprache haben. Für was hatte man einen eigenen Lehrer und für was hatte er seinen schönen Lohn in lauter Bargeld, das ja, selbst in den Stuben der hablichen Bauern, rar genug ist. Gut, der Lehrer war hier der allein mögliche Mann. So beredt, schlagfertig und packend der Kari aus dem Obereigen an der Gemeindeversammlung, ja, wie man hörte, sogar im Kantonsrat, sich zeigte, in der hochdeutschen Schulsprache ging's auch ihm, wie allem Bauernvolk, schwer, mit dem, was er frei heraussagen wollte, auszurücken. Es kam ihm dabei immer vor, als würden seine Gedanken wie ein Eisenbahnwagen im Geleise geschoben und also um die freie Bewegung gebracht. Ja, wenn sich's auf altschweizerisch reden ließe, aber das war ja, jetzt allem Anscheine nach, für Festreden nicht mehr fein genug, zu selbergewoben. Also schickte man einstimmig den Lehrer vor. Dieser aber war über diesen Beschluß der heimischen Schützengesellschaft, die ihn unversehens so in den Vordergrund stellte und anerkannte, keineswegs ungehalten oder gar verdrossen. Er freute sich dessen im Gegenteil, denn er selbst hielt sich für den einzig möglichen Redner für dergleichen festliche Anlässe. So kam's denn, daß auch er die Bühne, und zwar zur Eröffnung der Preisverteilung, bestieg, wo er sich vor den Festpräsidenten, den Martschenfuchsen Kari aus dem Obereigen, hinstellte. Aber als er nun so viele Augen, die Augen aller drei Schützen- und Festvölker von Erlenstalden, Stagelrain und Hochsiten saitengrad auf sich gerichtet sah und sich so bewußt ward, daß er sich in Dutzenden und aber Dutzenden Gesichtern und Gedanken abspiegelte, ward es ihm auf einmal schwummerlich zumute. Er bekam ein Armsündergesicht. Es sah ganz aus, als wolle sich sein Kopf allmählich wie die Taster bei der Feldschnecke, einziehen und zwischen den Schultern verschwinden. Seine Arme ließ er wie ein Hampelmann hängen. Ja, sein ganzes Wesen glich nur noch einer vereinsamten Bachweide unter Schneedruck. Es machte mit ihm, ob er nicht wieder herabsteigen wollte. Wohl hatte er ja in der Schule auch Augen, aber jene Augen, die tagtäglich an ihm hingen, sahen ihn noch nicht. Heute hingegen, war's anders; die Augen, die ihn jetzt anschauten, drängten sich bis in sein Allerheiligstes hinein, bis dahin, wo der Opfertisch seiner Liebe für den Salami stand. Gut war's, daß nun die Feldmusik anließ. Sie kam ihm zu Hilfe und siehe da, sie machte ihn steigen, zwar nicht wie das Schlachtroß vor der Trompete, aber doch wie ein Ziegenböcklein, das sich nun getraut, über den Grünhag zu gucken. So begann er denn, nach dem Verklingen des Blechmusikspiels, seine Festrede mit einer eigentümlich schleimigen, ja schmalzrünstigen Stimme. Es war, als liefe sie wie ein Schlitten im wassersüchtigen, schnalzenden und säfzgenden Neuschnee. Dennoch, was freilich jedermann von einem Lehrer erwartet hatte, geschah, er hielt eine kleine, ganz hübsche Rede an die vereinigten Schützen der umliegenden Talschaften, und er schmückte diese Rede, so gut wie die großen Festredner an hohen vaterländischen Tagen, mit allerlei scheinigem Beiwerk aus, also daß sie auszusehen kam wie ein mit bunten Tüchlein bewimpeltes Aufrichttannchen auf einem Hausgeripp. Sogar mit der rühmlichst bekannten Bannerseide Gottfried Kellers behing er sie und mit den unerläßlichen ewiglebenden Wortspielen und Sprüchen aus der Requisitenkammer für eidgenössische Festreden. »Ihr Hirten, ihr Männer von den goldenen Firnen! Unser Schütze Tell, der erste Schützenkönig der Welt, sei euch Vorbild, zu Schutz und Trutz und Nutz' dem Vaterland!« Also klang seine Rede unter dem gewaltigen Beifall des versammelten Volkes aus. Und nun kam sein Kopf wieder unerwartet gleitig, wie das Hörnlein der Schnecke bei Tauwetter, aus den Schultern heraus. Er durfte jetzt mit dem Festpräsidenten, dem Kantonsrat Kari Fuchs aus dem Obereigen, die Verteilung der Lorbeerkränze vornehmen. Zuerst verkündigte der Präsident die Hauptergebnisse des Wettschießens. Sie zeigten die Schützengesellschaften von Hochsiten und Stagelrain im ersten und zweiten und den festgebenden Verein Erlenstalden im dritten und letzten Range. Aber es wurden auch die besten Schützen jedes Vereins ausgerufen. So erwies es sich, zur Freude aller, daß diesesmal das Weibervolk den vordersten Platz behauptete, denn der Salami ab der Ruchegg hatte am meisten Zweckschüsse gemacht. Niemand unter den Männern war ihr neidig, denn dem Weiblichen mochten sie's von Herzen gönnen. Aber es ging doch ein munteres Lachen allum, als nun der Festpräsident die Sulamith Stump auf die Bühne zur Krönung einlud. Man sprach wohl im ganzen Berggebiet vom Salami, aber was das eigentlich heißen konnte, schien kein Mensch mehr zu wissen. Daher erkannte man nun den Namen im Sonntagsaufrust kaum mehr. Der Salami genierte sich gar nicht. Rotgesichtig, immer wieder allseitig in die Leute hinein ihre derben Späße machend, drängte sie sich durchs Volk und stieg gemächlich, etwas schleppend, über das krachende Vorstieglein auf die Bühne. Dort kniete sie, zur großen Freude der Zuschauer, vor dem Schullehrer Beda Aloser, der einen Lorbeerkranz in Händen hielt, hin und er bekränzte und krönte sie, unter Wonneschauern, die ihn hin und her bewegten wie Ebbe und Flut einen Korkstöpsel. Lachend, den Kranz schief auf dem Kopf, machte sich der Salami wieder ab der Bühne zu ihrem Schwager, dem Viehhändler Baschitoni Tritsch und zu ihrer Schwester Judith, die Hand in Hand unten standen. »Der Vater wird schauen,« sagte die Judith, ihr munteres, halblautes Lachen gehen lassend, »denn daß er, das Zappelmännchen, der Vater einer Schützenkönigin werde, hat er sich gewiß noch nie träumen lassen, obwohl ihm zwar allerlei durch den Kopf geht und obschon er nie gern zugibt, daß er etwas nicht fertigbringen könnte.« »Ja,« meinte der Salami, »hoffentlich komm' ich nun in seiner Meinung auch hoch. Am End' wird's ja doch wieder heißen: Ja, ja, aber die Reb, die Reb.« Die Stagelrainer Feldmusik deckte ihr Gespräch mit Trompetengeschmetter und Brummbaß völlig zu; doch die Bekränzung der besten Schützen, aber auch die der minderguten, dauerte fort. Der Lorbeer schien hier keineswegs unerschwinglich. Es war ein andauerndes Absteigen bekränzter Schützen. Also daß der Spielaumichel, der vor der Bühne hinter der Judith stand, dem Kartschen Mariä im hohlen Stock zuraunte: »Komm, Kartsch, wir wollen uns drücken und uns hinter dem Pfarrhaus durch in die Wirtschaft hinein zu machen suchen, sonst, beim Eidhagel, bekommen wir auch noch einen Lorbeerkranz auf den Kopf.« Auch dem Tschuppmoos Bändichtli traf's einen Kranz, dagegen ging das Röllchen, trotzdem es von unten noch blauer als der Himmel von oben zur preisspendenden Schützenbehörde hinaufsah, ganz leer aus. Es mußte seine Kugeln geradezu in ein besseres Jenseits, würde der Erlenstalder Sigrist sagen, hinübergeschossen haben. Kaum war die Preisverteilung zu Ende, strömte alles ins Wirtshaus, in den beflaggten Hirschen hinein. Allen voran die immer durstige Feldmusik »Alpenrösli« von Stagelrain. In dieser Wirtsstube hockte nun seit dem Mittagsessen der alte Stump ab der Ruchegg beim Kartenspiel und um ihn seine Spielgenossen, der alternde Bäckermeister Burket, der frische, knallrotbackige Metzger Balz Schwitter und die Reb. Alle waren immer noch eifrig dran, ihren landesbräuchlichen Kreuzjaß zu klopfen. Und der Stump klopfte ihn auch, denn jedesmal, wenn er austrumpfte, fuhr seine Faust mit Mannskraft auf den Tisch nieder. Seine Tochter, die Reb, tat's ihm nach und schlug drein, daß die Gläser aufhüpften. Und wenn ihr einmal ein guter Stich gelang, ließ sie ihr Lachen herauspoltern, daß die Wände zitterten, samt den dranhängenden tollfarbigen Reklametafeln und daß der Dolmetscher Spielaumichel in seinem Winkel dem Kartsch im hohlen Stock zuraunte: »Der, sag' ich dir, den die eines Tages in die Finger bekommt, der muß sich bis zu seinem seligen Ende nicht mehr um seinen Kopfputz bekümmern, der ist für immer gestriegelt und gestrählt.« Aber der junge Metzger, dessen Partnerin die Reb war, hatte seine helle Freude an ihrer draufgängerischen Art. Er kam aus dem Lachen gar nicht mehr heraus und er sorgte auch dafür, daß die rote Tranksame nicht ausging, die Aller Fröhlichkeit ausgiebig begoß und ersichtlich in treibhausrasches Wachsen brachte. Freilich, wenn der Stump nicht gewann, ward er verdrossen. Alsdann kam ihm sein weitumgehender Hut etwas seitwärts zu sitzen und seine runde, furchige Stirne und die gradauspfeilenden Augen wurden fast ein wenig dräuend. Er war etwa gar imstande, mit dem Bäcker, seinem Partner, zu schimpfen, was den aber nicht viel zu bewegen schien. Schweigsam, still lächelnd, ließ er den Alten schimpfen. Er wußte ja wohl: beim ersten guten Stich brüllt und prahlt er wieder vor Vergnügen und Selbstbewußtsein. Wie nun aber das Schützenvolk in die Wirtschaft hineindrängte und die Stube sich samt dem Nebenstüblein rasch zu füllen begann, rief der alte Stump, der eben die Karten mischte, schier verwundert aus: »Ja, 's Donners abeinander, ist's schon an dem! Ist die Schießerei schon aus und vorbei. Nun wird ja das Festen wohl erst recht angehen. Allem Anschein nach haben wir gutes Sitzleder gehabt; es geht ja schon gegen Abend. Und gar die Preisverteilung haben wir versäumt, ah, ah! Da wären wir auch nicht ungern dabei gewesen. Heja, Sackerlot, allweg gehört der Stump eigentlich zu sowas. Es nimmt mich nur wunder, wo die Unserigen heute alleweil herumgeistern. Der Baschitoni Tritsch von Hochsiten, mein Schwiegersohn und die Judith, waren doch auch einmal hier. Wo ist nun das alles wieder hingekommen? Lorbeerkränze werden meine Leute wohl keine bringen, denn im Schießen war ich nie kein großer Held. Der Salami, freilich, tut's gern; auch das Röllchen hab' ich schon schießen sehen, wenn auch nur an der Kirchweih zu Kilchaltdorf, wo es auf springende Kugeln einer Bude geschossen und aber keine getroffen hat.« Er lachte kurz auf. »Dagegen soll das Wild vor dem Salami,« fügte er, der Reb zuzwinkernd, bei, »um die Ruchegg nicht völlig sicher sein, heißt's. Aber das Jagen ist wieder eine andere Schützenkunst. Und sowieso, wie sollte so wispeliges Volk, wie's Weibervolk ist, etwas treffen können.« Aber als er jetzt die Karten ausspielte, machte sich unter den schießfreudigen Hirten und ihren Weibern auch der Viehhändler Tritsch von Hochsiten mit der Judith und ihnen voran, lorbeerbekränzt, der Salami, den Lehrer nachziehend, der sich wand, als hätte ihn eben der Drechsler in der Arbeit, in die Wirtsstube herein. Hinter ihnen kamen auch noch das Röllchen, dem der Tschuppmoosjunge wie ihr Schatten folgte. Doch verlor er sich rasch unter die Leute an einen abseitigen Tisch. Als nun der Salami, freudestrahlend über ihr ganzes, fettwulstiges Wesen und keineswegs schweigend, auf den Tisch zutrat, an dem der Stump thronte, hielt der inne im Spiel und rief aus: »Ja, 's Kuckucks, 's wird doch nicht sein, du solltest auch einen Kranz erwischt haben, Salami? Schau', das hätte ich nicht . . .« »Ja und dazu den allerersten,« rief der Schützen-Präsident, der Martschenfuchsen Kari, von einem andern Tisch, »deine Drittälteste ist heute an unserm Freundschaftsschießen erst geworden.« »Was erst? Ihr wollt mich aufziehen!« Sein mächtiger Hut verschob sich ein wenig seitwärts. »Was aufziehen? Erst ist der Salami!« lärmte ein alter Geißer. Alles lachte auf. Der Lehrer aber, der sich mit den andern an Stumps Tisch niedergelassen hatte und sich schon neben seinen Schützling setzen durfte, machte mit nicht allzulauter Stimme: »Ja, Vater Stump, es ist die heilige Wahrheit, Eure Tochter Sulamith hat den ersten Lorbeerkranz erobert.« Mit munter kugelnden, etwas geringschätzigen Augen schaute der Stump auf den Schullehrer, und zwar also gradenwegs, daß dieser unter seinen Blicken allmählich zusammenzugehen schien und völlig klein ward. Aber dann schlug der Alte die Faust auf den Tisch und der Hut rutschte ihm fast bis ins Genick hinunter. »Aha, den Weg! Erst ist der Salami, erst!« Kein Wort redete er mehr. Er wandte sich seinen Spielgenossen zu, griffe die Arme gewaltig vertuend, seine Karten auf und spielte weiter, als ob er mit seinen drei Partnern allein in Stube und Welt wäre. Das Röllchen hatte sich unterdessen auch am Tisch niedergelassen, und zwar so, daß sie ihren heimlichen Gesponsen, den Bändichtli, der an einer Wand im Winkel hockte, nicht aus den Augen verlieren konnte. Mit stillem Lächeln sah jetzt die üppige Judith hin und wieder auf ihre jüngste Schwester, die ja, merkwürdigerweise, auch einen Lorbeerkranz trug, obwohl sie ihr hatte zuschauen können, wie sie die Kugeln über alle Berge hinausschoß. Aber sie sah dann eben auch, wie ihr nach der Preisverteilung der Tschuppmoosbattisten Bändichtli hinterrücks seinen eigenen Kranz auf den Blondkopf setzte. Der Bäcker Burket aber war nun nicht mehr recht beim Kartenspiel. Er mußte des Röllchens heitere Haare ansehen, dran ungezählte unruhige Spinnenbeinchen sich um den Lorbeer kräuselten. Ein so unachtsamer Kartenspieler ward er, daß ihn der kleine Hirte, der Stump, immer wieder recht unwirsch ermahnte, er solle doch, zum Himmelherrgottsdonner, als sein Partner beim Spiel sein und nicht im letzten Augenblick noch alles versauen, da ihre Sache jetzt so gut stehe. Also nahm sich der Bäcker zusammen, denn er mochte es mit dem Alten nicht verderben. Tätsch! flogen die Spielkarten nur so auf den Tisch und die Reb, die sie, zornentbrannt, hingeschmissen hatte, lärmte: »Heiliges Kanonenrohr aneinander, nun haben wir doch verspielt, Metzger, völlig und ganz verspielt haben wir!« Ihr Teilhaber, der Metzger Schwitter, lachte nur auf, dagegen schlug jetzt der Stump die Faust auf den Tisch und rief, über und über sieghaft und seinen Hut wie einen Triumphbogen auf dem Kopf tragend, aus: »Ja, bei Gott, gewonnen haben wir's, der Matthathias Stump putzt, haarus!« Sein Gelächter polterte durch die Wirtsstube. Unversehens aber wandte er sich an den Salami, die eben dran war, dem aufschreckenden Schullehrer Kräpflein auf den Teller zu tun. »Salami,« lärmte er, »alle Achtung vor dir! Also erst bist du am heutigen Wettschießen geworden. Schau', das ist eine Ehre, sowieso. Aufrichtig will ich dir's sagen, daß ich das von dir nicht erwartet hätte, obwohl du gern schießest, das weiß ich. Aber eigentlich wär's bei dir eher am Maul gewesen, einen Preis zu gewinnen und da, ja, hätte ich gleich an den allerersten gedacht, denn im Reden nimmst du's mit jedem und mit jeder auf, wenn's pressiert und sonst auch. Jedoch im Schießen, du, so eine rasch Aufgeregte. Gleichwohl, weitsichtige Augen hast du, Augen wie ein ganzer Flug Sperber. Und hast du das Zapplige von mir, so hast du anderseits die Augen und die feste, zuverlässige Hand auch nicht gestohlen und es kommt eben wieder auf den Ruchegg Stump hinaus. Nein, die Abstammung ist recht; da können meine Töchter ob mir nicht wüst tun. Heja, drum ist auch jede eine Stumpentochter und kommt so oder anders obenauf, sag' ich. So, so erst, Schützenkönigin bist du. Das freut mich jetzt. Tu mir Bescheid, Maitli!« Er griff zum Glas, das halbvoll Rotweins war und stieß mit seiner Tochter an und alsdann der Reihe nach mit all seiner Verwandtschaft und Bekanntschaft. »Heja, Vater, ich bin erst geworden,« sagte der Salami, »aber das muß ich auch sagen, unser Lehrer Aloser da hat mir dazu viel geholfen. Alleweil ist er um mich gewesen wie ein Gutwetterwind.« »So, so,« machte der Alte, den Schulmeister freundlicher, ein wenig achtungsvoller ansehend. »Ja, für das kann man ihn, scheint's, doch auch noch brauchen und nicht bloß fürs ABC-Malen und Tatzenausteilen. Ich will zwar nichts gegen die Schule sagen. Wenn sie die Leute gescheiter machen kann, so ist das Gold wert. Sie können es brauchen. Dümmer werden sie in der Schule auf keinen Fall. Wie vieles vernimmt man in der Schulbank, wie manches Türlein wird einem da aufgetan, vor dem die Alten noch ratlos und tatlos gestanden sind. Früher hat man nicht einmal einen Heustock ausrechnen können und gemeint, die Welt sei wie ein runder Tisch, der auf einem Baumstrunk stehe und man müsse sich im Winternebel in acht nehmen, daß man mit seinem Führlein Holz auf dem Hornschlitten nicht drüber hinaus ins Bodenlose fahre. Jetzt aber weiß man, daß sie eine Kugel ist, so eine Art Kegelkugel in unseres Herrgotts Hand. Ich will nur eines sagen: Was bringt uns allein das Lesen! Das wenigstens bleibt einem zeitlebens, wenn man auch das Schreiben allenfalls wieder verlernt und lieber einen Berg Scheiter aufschichtet als ein Brieflein schreibt. Aber das Lesen. Ich weiß was man da gewinnen kann. Der Schlüssel ist's zu Erde, Luft und Meer, zu Himmel und Hölle. Hat es unsereinem nicht das ganze Alte Testament aufgetan? Schullehrer, trink und iß brav Krapfen! Große Brocken geben feiste Vögel. Ich zahl's. Jaso, also erst, unser Sa – unsere Sulamith erst, ah, ah, ah! Komm wieder einmal auf die Ruchegg, Lehrer, hörst! Der Salami kann dir ein Becken voll Schlagrahm schwingen, meinetwegen.« Gleich wandte er sich wieder vom Schulmeister weg und zu den andern und begann, von Zeit zu Zeit nachdrucksam auf den Tisch faustend, in einem lärmenden Prahlen, der Welt den Stumpen rundum zu zeigen, ja funkelnagelneu aufzuweißeln, während der Salami mit dem Lehrer in ein andauerndes Tuscheln kam, wobei sie ihn einlud, dem Vater zu folgen und zu ihr auf die Ruchegg zu kommen. Nicht nur zu einem einmaligen Besuch, sondern nächtlicherweile zu Licht, denn wenn er ihr, so ganz in der Nähe besehen, weiterhin zusage, so werde sie nicht zu wüst tun, falls er ihr nachhalte und sie nach Erlenstalden in die Schulhauswohnung für immer herabholen wolle. Der Schulmeister wußte sich ob diesem niemals erwarteten raschen Erfolg bei dem Salami fast nicht zu lassen. Seine Körperlichkeit, sein ganzes Wesen kam in einen beständigen, freilich völlig stillen Aufruhr und seine immer ein wenig schlaftrunken aussehenden Augen blieben in Ergebung an ihrem geläufigen Mundwerk und etwa freilich auch ab und zu unterhalb an ihrem herzlichen Bollwerk hangen. Er war überselig. Und sie goß, zwar nicht Öl, aber Rotwein in seine Flammen, die ihn ganz dem Alltäglichen entrückten. Auch die Festmusik, die sich nicht genug hören und hören lassen konnte, ward noch zum unbewußten Blasbalg seiner lang unter der Asche verborgenen Gluten. Während der Salami zwar alles sah, trotz ihrem zärtlichen Handel mit dem Lehrer, was um sie vorging, war hingegen auch der Bäcker Burket, wenn auch bei weitem nicht wie der Schulmeister, traumbefangen. Er hörte kein Wort von dem, was der alte Stump prahlte und lärmte. Er sah nur immer das Röllchen an, das ihm gegenüber saß, und er sorgte dafür, daß dem blauäugigen Mädchen alles auf den Teller kam, was Küche und Kasten Gutes, Schleckhaftes enthielten. Er zuckerte ihr selber den Wein und redete ab und zu etwas weniges mit ihr, wobei er's verstand, ihr die Annehmlichkeiten des großen Kilchaltdorfer Gemeinwesens klar und verlockend darzustellen. Und sie nahm all seine bedächtig schreitenden Reden, sowie auch seine Süßigkeiten, ziemlich schweigend, aber freundlich hin, ihn hin und wieder mit einem Lächeln beglückend, das ihn schwindliger machte als der Ausblick von einem Kirchturmdach. Ja, sogar ihre Hand durfte er ein Weilchen in die seine nehmen. Er merkte ja ganz und gar nicht, wie des Röllchens Augen es verstanden, an seiner grauen Schläfe sänftiglich vorbei, einen Zweckschuß nach dem andern auf den alleweil und gern Schützenscheibe spielenden Tschuppmoos Bändichtli zu tun. Nun hatte aber auch die Reb über den Tisch von ihren Kraftleistungen zu prahlen angefangen. Sie zeigte sogar nicht übel Lust, sich mit dem Metzger Balz Schwitter im Fingerhäkeln zu messen. Hatten beide zündrote Köpfe. Schon zweimal hatte die Reb dem jungen Metzger die Faust unter die Nase gehalten, allerdings im Scherz, doch rief sie dabei aus: »Was sagst, du würdest es mit mir wohl aufnehmen? Oho, du so wenig wie andere. Wenn mich die Bauernburschen, die unserigen, nicht zu bodigen vermögen, wie sollte mich da so ein Dörfler, selbst wenn er ein Metzger ist und Ochsen schlägt, meistern. Nein, Balz Schwitter, mich bodigt keiner und du auch nicht.« Hatten alle um sie herum, voraus der alte Stump, viel Vergnügen an diesem Spiel. Aber auf einmal sah der kleine Hirte von der Reb weg auf seine Jüngste. Ihr Lorbeerkranz war ihm in die Augen gefallen. »He, du da, Rolli!« rief er aus, »wie kommt's denn, daß du auch einen Kranz auf deinem meisterlosen Kindskopf hast? Es wird die Kränze doch nicht geschneit haben?« »Fast und gar,« machte der Spielaumichel am andern Tisch halblaut. Ein wenig war das Röllchen zusammengeschrocken, als es der Vater so unversehens anredete, doch nur für einen Augenblick. »Heja,« antwortete es, wieder ganz gewappnet, ihn unbefangen ansehend, »ich hab' halt auch geschossen. Wahr oder nicht, Judith?« – Die Große nickte ernsthaft zustimmend. – »He, da hab' ich halt auch ein Kränzlein bekommen, wenn auch nicht ein vorderes.« »Ja, das kann ich mir denken,« lärmte der Alte. »Dennoch ist's ein Kranz und wenn's auch nicht der vorderste ist, brauchst du dich seiner doch nicht zu schämen. Es ist sozusagen auf eine Art dein Jungfernkranz. Also trag ihn in Ehren!« Damit wandte er sich wieder den andern zu. Es war also für das Röllchen noch gut abgelaufen. Der Alte hatte keine Ahnung von ihrem Liebsten dort im Stubenwinkel, der ja nur der armselige Junge des Flickschusters und Hühnerbäuerleins, des Tschuppmoos Battist, war. Die Judith jedoch schien völlig auf dem laufenden, denn sie lächelte ihr nun verständnisvoll und nachsichtig zu. Der Stump aber hörte wieder angelegentlich seiner Tochter Reb zu, die immer lauter und grobkörniger daherredete. Zwischenhinein kam auch er, angeregt von ihr, neuerdings ins Prahlen. Der Metzger jedoch ließ sich nicht ducken, gar nicht. Er stand kräftig Rede und Antwort. Aber sein Wohlgefallen an der ursprünglichen, freilich auch ungeleckten, kerngesunden Stumpentochter, die mit ihm sogar wie ein Mann um die Wette trank und ihm also in allem tapfer die Stange halten wollte, nahm noch zu. Es war ihm, er könne es nicht erwarten, bis sie im Unterdorf zu Kilchaltdorf hinter seiner Fleischbank stehe und mit dem scharfen Messer und den scharfhinsehenden Kunden zum Fechten komme. Heja, wenn die auch einmal einen Puff oder einen Tritt erhielt, die wird deswegen nicht gleich wie ein Zicklein in der Pfanne da liegen oder gar den Alten rufen. Ein rassiges Maitli, bergholzkräftig, gut in Wind und Wetter, ganz der alte Rucheggler, aber jung, mannsstark, eine Postur. Nein, das wäre doch etwas anderes, dachte er mitten unter dem Gelächterrollen der Reb, die über den Tisch erzählte, wie sie einst die Stromer auf der Ruchegg in den Senkel gestellt habe, als das Röllchen da nebenan. Obwohl's ein bildsauberes, beim Eid, ein schönes Mädchen ist, sagte er sich, so ist das doch nichts für unsereinen. Es ist zu nichtsig, zu viel Feinerlein. So eine zerbräche unsereinem ja unter den Händen, wenn man sie einmal etwas herzhaft anpackte. Nicht daß sie nicht auch kräftig sein könnte, ist ja auch recht und stramm gewachsen, aber gegen die Reb ist das bloß Zuckerpapier. Und das kann ein Metzger nicht brauchen. Ab und zu hatte er ja wohl auch einen Blick auf den lorbeerbekränzten Salami getan, die in eifriger Unterhaltung mit dem Erlenstalder Schullehrer schien, aber nein, die paßte ihm von Anfang an nicht recht. Sie war ihm gar zu fleischig. Es war ja grad, als wäre sie von einem Haken in der Metzg abgenommen und ins Leben gestellt worden. Auch war sie ihm zu redreich, zu scharfstimmig. So hatte er sich immer mehr an des Stumpen zweitjüngste, an die Reb hingelassen. Und nun hörte er ihr zu, ohne mehr einen einzigen Blick anderwärts hinzutun. Der Schulmeister Aloser dagegen schaute den Salami ganz anders an. Ihm, der mit seiner Liebe die Welt hätte umspannen mögen, war diese Stumpentochter keineswegs zu massig, durchaus nicht. Er gedachte übrigens diese Masse nach und nach zu vergeistigen und völlig an sich zu ziehen. Sowieso, sie hatte sein Herz und er hing so fest an ihr, wie eines Bübleins Hose am verharzten Baumstumpf. Sie aber nannte ihn bereits beim Vornamen. Beda hin und Beda her ging's in einem fort. Endlich gelang es ihm, als sie endlich eine Pause machen mußte, die sie mit Essen und Trinken auszufüllen begann, auch seinerseits etwas ausgiebiger zu Wort zu kommen. Er benutzte es, um ihr zu wiederholen, wie ihn schon ihr Name Sulamith angezogen habe. Und alsdann fing er an, sein Licht bei ihr gehörig leuchten zu lassen. Er erzählte ihr vom Hohelied der Hl. Schrift und was alles zu bedeuten habe, das darin stehe. Er kam völlig in Begeisterung und ließ auch seine Arme, die so überflüssig an ihm herabzuhangen schienen, an seinen Schilderungen der salomonischen Liebesgeschichte mit der Sulamith im Gelobten Land mitwirken. Die andere Sulamith aber, die ab der Ruchegg, aß und trank und das nicht wenig, und hörte mit halbem Ohr und schließlich mit zunehmendem Unwillen ihrem Verehrer zu. Und auf einmal sagte sie, den Mund halb voll knusperiger Eierröhrchen: »Beda, hör' doch einmal auf! Schau', mit dergleichen Zeug komm mir lieber nicht. Das hättest du unserer Mager, deiner Fahrgeiß auf der Vorkirche, auftischen sollen. Die hat Vergnügen an dergleichen. Ich verstehe davon einen blauen Teufel. Das sag' ich dir zum voraus, Beda, auf daß du's weißt, wenn du zu mir hinauf auf die Ruchegg zu Licht kommen willst, wie ich's dir erlaubt habe. Was aber den Salomon und die Sulamith, die mich freilich eine wunderliche Heilige bedünkt, nach allem was ich heute von dir über sie vernommen habe, anbetrifft, so kann ich mir jetzt schon vorstellen, was sie zusammen ausgekernt haben könnten, ohne daß man's mir mit Butter und Honig aufs Brot streichen muß. Der Salomon ist eben zu dieser Sulamith zu Licht gegangen und fertig.« Diese ziemlich schroffe Abweisung seiner besten Absichten ließen den Schullehrer wieder bedeutend zusammengehen, ja einknicken. Aber nach kurzem Kopfhängen kam wieder Leben in seine schleimig schleichenden Augen und selbst seine Arme begannen sich zu regen. Ja, seine Hand suchte sogar nach der Hand seiner Geliebten, die nun in ihrem Schoße unter dem Tisch lag. Und als er sie fand und sie ihm nicht entzogen ward, ging er wieder ganz auf und lächelte den Salami an. Die ließ sich aber hiedurch keineswegs stören und aß ruhig mit der andern Hand fort. Er aber dachte, wenn sie nur mein ist; alles andere wird sich später geben. Hierin vertraute er sehr seiner Beredsamkeit, da er sich eigentlich für einen gottbegnadigten Redner hielt. Aber der Matthathias Stump, der den Schullehrer, als er ihn von der Sulamith reden hörte, heimlich belauscht hatte, obwohl seine Augen an Rebs Munde hingen, wandte sich jetzt unversehens seiner schützenköniglichen Tochter zu und rief aus: »Was tust du denn so dumm, du Huhn, und stellst dich dümmer und unberichteter als du bist?! Hab' ich denn euch, meinen Töchtern allen, nicht oft aus der Hl. Schrift vorgelesen, wenn auch natürlich nicht alles. Aber so zu tun, als wüßtest du gar nichts und die ganze Welt gälte dir nichts mehr als dein Herdloch auf der Ruchegg, brauchst du doch nicht. Hör' du den Lehrer da nur ruhig ab, wenn er von der Sulamith, dieser schönsten Jungfer im ganzen Alten Testament, redet. Schön muß die gewiß gewesen sein, die ein König Salomon, der doch hat auslesen können, über alles andere Weibervolk gern gehabt hat. Das ist freilich auch wahr, grad vielmehr kannst du nicht von jener biblischen Sulamith haben, als daß du auch auf den Bergen wohnst, wenn auch nicht auf dem Libanon. Und eine Taube . . . kurzum, du verdienst nicht, Sulamith zu heißen. Aber immerhin, weil du sonst ein rechtes Stück Weiblichkeit bist und auf deinem Boden und auf dem Küchenboden zum voraus, deine Sache so gut machst als man's etwa kann, so muß man dich doch gelten lassen. Und heute, das ist auch wahr, hast du gar meinem Haus eine besondere Ehre gemacht und die Stumpenfahne auf sein Dach gestellt. Bist halt doch eine Stumpentochter. Also stoß an, Lehrer!« redete er den Schulmeister an, ihm sein Glas hinhaltend. »Es gefällt mir an dir, daß du in der biblischen Geschichte so wohlbeschlagen bist. Und wenn du einmal auf die Ruchegg kommst, nehmen wir das Alte Testament vor den Ofen, ein schwerwiegendes Buch, sag' ich dir, und da kannst du mir jene Geschichte von der Sulamith noch etwas besser erklären, denn so ganz komme ich nicht aus ihr. Ich nehme an, die Schullehrer werden das aus dem Fundament verstehen, denn für das sind sie länger auf den Schulbänken herumgerutscht als unsereiner und haben ja haufensgenug Zeit, in den Heuferien und auch sonst, drüber nachzudenken, oder?« Er wartete auf keine Antwort, war schon wieder bei den andern, die sich vom Bäcker Burket verabschiedeten, dessen Knecht mit der Peitsche in der Faust unter der Stubentüre stand und auf ihn wartete. Es war auch an der Zeit für den Bäcker, abzufahren. Er mußte noch nach Hochsiten hinüber, wo er einem alten Vetter seinen Besuch versprochen und nun schon mächtig versäumt hatte. Und da der Viehhändler Baschitoni Tritsch und seine junge Frau, die Judith, den gleichen Weg bis nach Hochsiten hatten, so beschlossen sie, zusammen aufzubrechen. Der ältliche Bäcker Burket schien aber recht ungern wegzugehen. Sein Knecht mußte immer wieder rufen. Ein paarmal knallte er sogar mit der Peitsche. Sein Herr wollte einfach nicht kommen; es ward ihm so schwer, sich von der Gesellschaft zu lösen, in der in blühendem Schweigen, aber immer Sonne ums Stülpnäschen und den Schalk in den blauen Augen, das anmächelige Röllchen, fast unbemerkt, saß. Das war ja wieder einmal eine Bergblume, die man übersah. Aber er nicht, er wird wieder kommen, und zwar auf die Ruchegg. Für einen alternden Witwer wie ihn war dieses behende, gutfärbige und bildhübsche Hirtenkind ein Gefundenes. Künftig mochten sein grauer Knecht oder sein junger Bäckergeselle zur Kundschaft aufs Land hinfahren, wohin sie wollten, nach Erlenstalden jedoch wird er fahren, wenigstens im Winter, währenddem man ja über den holperigen Waldweg mit dem Schlitten sogar auf die Ruchegg kommen konnte. Ja, ja, das Röllchen. Wie hieß es eigentlich? Ja richtig, Rahel hieß es, aber dieses Bauernvolk formte ja alle Namen nach seinem Belieben, und zwar immer so, daß es ihren trägen Redwerken am wenigsten zu tun gab und aber auch etwa wie es ihrem Witz und ihrer Laune kam. Nun, Röllchen war ja auch nicht übel. Dieses Röllchen, jawohl, sollte ihm eines Tages ins Haus rollen bis in die Stubenkammer hinein und seine Bäckermeisterin werden. Nur hübsch langsam voran. Sie war noch bluterdenjung und er doch schon ein wenig angegraut. Da hieß es vorsichtig, klug und weise kutschieren, wenn man nicht unversehens in einen Seitengraben hinein zu liegen kommen wollte. Dem Weibervolk war ja sowieso nicht zu trauen. Immerhin, bei diesen Leuten der abseitigen Bergtäler mochte es doch noch besser sein. Und gar das Röllchen schaute aus all der Bläue seiner Augen noch so taufrisch in die Welt. Der Schalk, der freilich drin steckte, schien noch nicht recht wachbar. Nein, es konnte ihm nicht wohl fehlen, um so weniger als ihn das Mädchen heute immer freundlich, ja fast zutraulich, angesehen hatte. So machte sich der Bäcker Burket endlich, nachdem er Röllchens Hand nochmals recht herzlich gedrückt hatte, mit dem Viehhändler und der Judith zur Wirtschaft hinaus, just als der Spielaumichel, aber nicht schön, zu jodeln anfing und die Feldmusik Alpenrösli aus Stagelrain sein Jauchzen und den Lärm der ganzen Stube wieder verschluckte. »Schlaf wohl, Judith!« rief der alte Stump nochmals an die Türe hin, als sie mit ihrem Mann schon lange weggefahren war. Aber dann stürzte er sein volles Glas flätig aus und nun stand auch er auf. Es überkam ihn auf einmal, daß es dunkel geworden war und schon betenläutete. Da wollte er heimzu. Vielleicht hatte die Mager, was er zwar nicht glaubte, das Vieh zu melken und zu füttern vergessen, hinter ihren Heiligenlegenden und Liederheftchen. Aber sicher ist sicher, also heimzu! Als nun bezahlt war, was es noch zu bezahlen gab, denn der Bäcker und der Metzger hatten den Hauptanteil der Rechnung übernommen und hinterrücks beglichen, ward am Stumpentisch aufgebrochen. »Vergelt's Gott!« lärmte der Stump, sich aus der Bank machend, als er vernahm, daß schon das meiste bezahlt war. »Aber jaha, der Bäcker Burket hat zuviel bezahlt, doch bin ich eine treue Kundschaft von ihm. Und du, junger Feger, du, Metzger Balz Schwitter, du hast auch mehr dran getan als ich's begehrt hätte. Doch habe ich schon mit deinem Vater selig geschäftet. Gleichwohl, ihr braucht mir eure Geldsäckel nicht zu leihen, ich kann's noch ohne euch machen, gottlob. Der Stump, merk' wohl, Metzger! der Stump will nichts geschenkt. Der Stump ist niemand etwas schuldig als unserm Herrgott Reu' und Leid und ein paar Herren im Dorf den Zins auf Martini. Sie sind meiner aber gewisser als der Kirchenuhr und wenn ich ihnen zum Zinsen komme und ihnen meine Goldvögel in die Truhen bringe, daß sie dort nisten und sich vermehren können, tuen sie's nicht anders, ich muß mit ihnen eine Flasche vom Mehrbessern oder gar ein fremdländisches, zuckersüßes Gläslein trinken, das das Fegfeuer im Leib hat. Also der Stump ist der Stump. Aber ich sage dir, Bursche, und dem abgezogenen Bäcker, dennoch noch einmal Dank und,« lachte er auf, »ihr werdet's etwa schon aufs Brot schlagen oder an den schlagreifen Stierenkälbern abziehen, da hab' ich keinen Kummer. Jetzt macht aber, wir müssen heimzu! Schlaf' wohl, Metzger! Wirst, denk' ich, noch fast vor uns in Kilchaltdorf sein mit deinem Gefährt, denn wir müssen doch auf einen Berg, wenn auch nicht auf den Sinai. Schlaf gesund!« Und nun stampfte er, allen voran, aus der Wirtsstube und aufs Stiegenbrücklein hinaus, seinen langen Stock in Händen. Den Hut hatte er fast ganz im Genick und den Blick bei den Sternen. Er brach in ein weithinschallendes Gelächter aus, das aber das der Reb noch überhöhte, als er sah, wie der betrunkene Spielaumichel vor ihm über die Vortreppe hinunterpurzelte. Das machte nun den betrunkenen Dolmetscher, der sonst nichts weniger als empfindlich war, wild. Kaum stand er wieder auf den dürren Beinen, wollte er, den verwahrlosten Kopf vorwegend, wie ein erboster Stier und einen Anlauf nehmend, als gälte es über einen hochgehenden Bach zu springen, auf den furchtlos dastehenden Stump losfahren. Aber da hatte ihn die Reb schon am Hosenbändel und ohne viel Federlesens warf sie ihn dem Balz Schwitter auf sein Gatterwägelein. Und da blieb er auch, ganz wie ein Metzgkalb, liegen. Und der Metzger ließ ihn wo er lag, denn er mußte über Stagelrain nach Kilchaltdorf zurück. »Im Stagelrain will ich ihn abgeben,« sagte er. Er nahm den ausgehausten Schnapser um so williger mit, als ihm dieser Spielaumichel, wie dem Viehhändler Tritsch auch, doch immer etwa wieder etwas Dienliches in den Ställen berglandum wissen konnte. »Schlaf wohl, Reb!« rief er, denn er hatte sich mittlerweile auf den Bock seines leichten Wagens gehockt. »Es ist mir alleweil, ich werde bald wieder einmal auf die Ruchegg kommen, und zwar noch lang' bevor's einwintert. Und wenn's mir die Seele im Leib drin zusammenbuttert, will ich doch trachten, es mit meinem Gefährt über euern unflätigen Waldweg auf die Ruchegg zu bringen. Sowieso, Reb, wir sehen uns bald wieder.« »Meinetwegen mußt gar nicht so sprengen,« gab die Reb laut zurück, »aber komm nur, wenn du doch kommen willst. Es wird sich dann zeigen, was es mit dir ist und was du vermagst, du Prahler! Ich will dir, wenn du kommst, die Haustüre verhalten. Alsdann, Bursche, stell' dich und schau', wie du sie doch aufdrückst. Schlaf gesund und bring' dein Kalb gut nach Stagelrain!« Alles lachte, auch der Hirschenwirt, der nun allein auf dem Vortrepplein stand, sich am Geländer festhaltend. Da war der Metzger Balz Schwitter mit seiner Ladung schon weggefahren. Man hörte sein Gatterwäglein in die Nacht hineinrumpeln. Nun machte sich auch der alte Stump schweigend, mit den kurzen Beinen soweit als möglich ausgreifend, an seinem langen Stock bergwärts. Und die Reb, die mit ihm weidan schritt, half ihm über die vielen, im runsigen Weg liegenden Steine des Anstoßes hinweg. Ihnen nach kam der Salami mit dem Schullehrer Aloser, der sie ein Stück Weges begleiten wollte. Die Stumpentochter redete in einem fort, und zwar ziemlich kratzbürstig, kreischend. Er aber, wenn er auch einmal zum Wort kam, antwortete linden, sulzigen Tones und leise wie das dritte Echo. Noch bedeutend stiller, ja, ganz still war's aber hinter diesen, obwohl ihnen doch ein blutjunges, gar lebendiges Pärchen nachfolgte. Freilich in gutem Abstand. Das Röllchen und der Tschuppmoos Bändichtli, von dem die Voransteigenden keine bloße Ahnung haben mochten. Nichts ließ sich von dahinten hören, als ab und zu ein Schnalzen, was aber auch vom bergabrinnenden Wässerlein herkommen konnte. Aber als nun der Schullehrer, von dem redseligen, nimmermüden Salami verabschiedet, umkehren mußte, schlug sich der Tschuppmoosjunge flugs in die Erlenbüsche des Bächleins nebenan und rannte heimzu. Das Röllchen aber machte sich nun den andern gleitig nach. Wie sie am abwärtsgehenden Schulmeister vorbeihuschte, ihn freundlich, ja zutunlich anlächelnd, wünschte er ihr in überschwenglicher Weise gute Nacht, seinen abgeschossenen und zerknüllten Hut tief abnehmend. »Komm doch einmal, du Rolli!« rief der Salami zurück, »was hast du denn so nachzufaulen?« Das Röllchen gab ihr dasmal aber nicht wie sonst etwa heraus. Es winkte dem abziehenden Schulmeister nochmals Gute Nacht! zu. Alsdann hastete es den andern nach. Es war zu glückhaft. Alleweil hielt es sein Näschen etwas gesenkt, auf daß ihm ja vom Waldrosenbüschel, das ihm der Bändichtli ans Herz hatte anheften dürfen, kein Düftlein entgehe. 6 So durfte der Schullehrer von Erlenstalden, Beda Aloser, es wagen, auf die Ruchegg zu einer gewichtigen Stumpentochter, zum Salami, zu Licht zu gehen. Er tat's mit der Leidenschaft eines wahrhaft Verliebten. Und wenn er sich auch nächtlicherweile keineswegs im Galopp, sondern eher langsam über den wüsten Waldweg auf die Ruchegg begab, ja sozusagen sich hinaufwand, so war er doch innerhalb voll Feuer, also daß er wie ein Johanniskäfer völlig leuchtete. Der Salami machte ihm das Freien aber nicht zu leicht. Deshalb sagte die Mager, die zwar zu Erlenstalden auf der Vorkirche weitersang, sich aber nie zeigte, wenn er in der Rucheggstube oder vielmehr in der Küche, zu Licht war, ihre räße Schwester werde den Lehrer solange nicht nehmen, bis sie sicher sei, daß er ihr durch eine Dornhecke hindurch aus der Hand fresse. Auch die Nachtbuben, die hie und da, vor allem zu Röllchens offener und heimlicher Wonne, um die Hausmauer tobten, Scheiterbeigen zusammenritten und ihre Stimmen greulich verkehrten, nahmen den Schulmeister etwa her und plagten ihn gar arg, bis sie ihn zuletzt immer wieder durch ihren Krüppelwald übers Stiegenbrücklein hinauf und in die Rucheggstube hineinließen. Aber als ihn ein Bursche nachts, da er verschwitzt und atemnötig auf der Ruchegg ankam, gleich bei den Beinen packte und mit ihm, wie ein junger, frischeingespannter Hengst im Wagengestell, in der regennassen Hausmatte herumsprang, lärmte der Salami kreischend aus der Küche, sie sollen den Lehrer gehen lassen, sonst komme sie mit dem Jagdgewehr unter sie hinaus. Und als sie nur ausgelacht ward, erschien sie wirklich unter den Nachtbuben vor dem Haus, die Flinte in den Fäusten. Doch da ging die Lustbarkeit erst recht los. Man entwand ihr, trotz ihrem erbittertsten Widerstand, das Mordgewehr. Alsdann umtanzte man sie, sich den stöhnenden, herrjeselnden Schullehrer wie einen Sack voll Sägemehl zuwerfend, daß er nun wirklich fast völlig um alle Luft kam. Und je wütender der zündrote Salami ward und je wüster sie mit Maul und Faust tat, desto hochflutiger ward der Übermut und das Gelächter der nächtlichen Horde der Jungburschen. Da war mit einemmal die Reb mit der Ofenkrücke unter sie hinausgefahren. Im Hui hatte sie ihre bedrängte Schwester und deren halbzerbrochenen Liebsten befreit. Und also freuten sich die Nachtbuben über die Angriffigkeit der Reb und ihrer mannhaft gehandhabten Ofenkrücke, daß sie ihr den Sieg nicht zu schwer machten. Ja, auf einmal hatten sie zwei Burschen auf den Schultern zwischen sich. Und so ward die sieghafte Reb, zum großen Vergnügen des alten Stump, der dem Hau aus einem Fenster im Mondschein gut aufgelegt zugeschaut hatte, im Triumph, von der ganzen Bande begleitet, übers Stiegenbrücklein hinauf in die Rucheggstube hineingetragen, während der Salami, fluchend wie ein Roßknecht, am Brunnen sich mühte, ihren geschändeten Lehrer wieder einigermaßen flott zu machen. Aber endlich kam der langersehnte Tag, der dem Erlenstalder Schullehrer seine Sulamith in die engen Kammern des Schulhauses brachte. Die Hochzeit ward in der Wirtschaft zum Hirschen in Erlenstalden abgehalten. Am Hochzeitsessen aber gab es, unter andern Fleischspeisen, sogar noch etwas ganz Besonderes, nämlich einen großen Auerhahn, den der Salami, als letzten Ausweis ihrer Schießkunst und Jagdfreude im ledigen Stand, kurz vorher noch in den Wäldern um die Ruchegg gewildert hatte. »Der närrische Vogel war gut zu bekommen,« sagte sie offen, im Brautkranz, massenhaft, wie in Wogen, neben ihrem unscheinigen, aber nun hochseligen Beda hockend, »denn es war Balzzeit und da war der verliebte Tor, wie alles was Gockel heißt und auch ist, eben stocktaub bis auf seinen Urgroßvater zurück.« – »Ja,« meinte der alte Stump, an einem Schenkel dieses schönen und schweren Waldvogels herumnagend, »deine Ehe fängt bitter an, Sa–Sulamith, denn es ist mir, ich habe das Maul voll Tannadeln.« Es war aber eine lustige Hochzeit, auf der sogar die Base Anneseba aus der Stolzern, trotz ihren alten, im Urväterlichen verwurzelten, festen Grundsätzen, ein wenig ins Wanken kam, während der Stump sich bei jedem gestobenen Gautanz hoch zu Roß und ein Held dünkte. Die Jugend sparte die Tänze nicht. Die Hirschenstube begann zu stieben und zu rauchen. Die begehrteste Tänzerin war aber immer noch die Judith bei dem Mannsvolk der Gefreundeten. »Denn,« sagte der Kari Fuchs, der Kantonsrat aus dem Obereigen, »wenn die Stumpen-Judith auch nicht just am besten tanzt, ja vom wieselflinken Röllchen hierin weit überholt wird, so ist sie doch am kurzweiligsten in die Arme zu nehmen. Man weiß, was man an ihr hat und hat was man weiß und braucht nicht wie bei einem magern Zicklein die Gräte und Knochen zu fürchten. Ein Weibervolk um und um wie eine ganze Sennenkirchweih.« Alles unterhielt sich also an dieser Hochzeit aufs angenehmste und langwierig, nur die Mager hockte alleweil da so lang sie war, als ob sie da in der Wirtsstube aus dem Boden gewachsen wäre, denn tanzen konnte sie nicht. »Jetzt schau' einmal des Stumpen Mager an,« raunte ihr Vetter Franz Domini aus der Bachtellenruns der Stolzernbase zu, »sie macht, beim Strahl, ein Gesicht wie ein Wegweiser in die Wüste.« – »Ach was, Dummheiten,« gab aber diese zurück, »dieses lange, trockenaussehende Geschöpf, diese Mager, hätte es so gern lustig wie die andern. Ist ja jung und hat den rassigen, doppelten Matthias zum Vater. Was gilt's?! Wenn sich die Nachtbuben mehr an diese lange Föhre machten, sie fänden unter ihrem krausen Wipfel schon auch ein munteres Eichhörnchen. Die armen Maitli! Es ist etwas Heilloses. Wenn sie euch Mannskerlen, die immer nur glatte Zifferblätter oberhalb und aber unterhalb schwere Truhen auf breiten Gestellen haben wollen, nicht völlig in die Augen und ins Gelüsten passen, laßt ihr sie verjumpfern und verschrumpfen. Auf das was in ihnen innerhalb allenfalls sein könnte, gebt ihr wenig oder gar nicht acht, so kommt's und es geschieht euch recht, daß ihr oft eine scheinige, anmächelig gemalte, aber leere oder mit wertlosem Gerümpel angefüllte Truhe erwischt und das bescheidene, unaufdringliche Wandkästchen stehen laßt, das vielleicht voll köstlicher Dinge ist. Aber so ist's und so wird's ja wohl bleiben.« Auch das Röllchen schien nicht recht vergnügt. Es lachte nur einmal laut heraus, als der betrunkene Erlenstalder Fuhrmann, der alltäglich mit seinem Wagen ins Tal fuhr, nun in die Wirtsstube hereinstolperte und mit der Peitsche, sich mitten in den Tanzplatz hineinstellend, den Takt zur Tanzmusik knallte und als ihm dann die Reb die Peitsche aus der Faust rang und ihn damit zur Tür hinausfuhrwerkte, daß es pfiff. Und ein zweitesmal lachte sie noch, als des Tschuppmoosbattisten Junge, mit einem Korb voll Torf auf dem Rücken, am Wirtshaus vorüberging und sich auf Leben und Sterben abquälte, den vom schweren Korb geduckten Kopf und erst recht die Augen zu ihr zu erheben. Aber dieses laute Auflachen verlor sich rasch in ein stilles, sehnsüchtiges Lächeln und zuletzt fast und gar in ein Weinen, als der Korb voll Turben mit dem Bändichtli um die Ecke verschwand. Als jedoch der Salami gegen Mitternacht mit ihrem Schullehrer, der ohne zu wissen wie, aber vom ewigen Zutrinken und Bescheidtun, ein Räuschlein bekommen hatte, heimzuging, lachten der alte Stump und die Reb ein wahres Donnergepolter heraus und die andern ihnen nach, denn es sah völlig aus, als schleppe die handsame Hochzeiterin, die ihren Gatten am Kragen gepackt hatte, bloß noch sein leeres Gewand aus der Wirtschaft und der Lehrer sei völlig irgendwie, wie beim Zauberkünstler in der Kirchweihbude, vergangen. Wie er aber aufs Vortrepplein und in die kühle Nacht hinauskam, regte sich das Leben wieder in ihm, doch seine Zunge konnte und wollte nichts mehr sprechen als das freilich vielgeübte: O Sulamith, o Sulamith! Und damit machte sich das ungleiche Paar ins nahe Schulhaus hinein, wobei man aber den Salami, und zwar schon fast ein wenig in einer mißfärbigen, schimpfenden Tongebung, reden hörte, bis sich die Türe hinter ihnen schloß. Es folgte aber auf diese frohe Hochzeit keine üble Ehe, »denn,« pflegte der Spielaumichel zu sagen, »der Salami und der Schullehrer kommen zusammen aus wie zwei Eier im Nest. Er hat nur einen Willen, den ihrigen, und sie hat's gleich. Wie sollte es da nicht wie am Schnürlein laufen?« Ja, Herr und Frau Lehrer Aloser zu Erlenstalden schienen sich wohlzubefinden. Wenn er nicht in der Schule steckte und sich um die Bänke wand, drin seine Schüler und Schülerinnen als gehorsame Bauernkinder schön auf ihn hörten, schlich er sich hinter seiner Gattin her und suchte ihr seine Zutunlichkeit, ja Hingabe auf jede Weise klarzumachen, indem er die Spiele seiner unveränderlichen Liebe rund um sie gehen ließ wie Springbrunnenwasserkünste. Er nannte sie nur noch Sulamithchen, was sie aber gar nicht genug anerkannte. Gar oft, wenn er mit seinen Zärtlichkeiten ihrem Tagewerk in die Quere kam, fuhr sie ihn schnörzend an: »Mach', daß du wegkommst und laß mich in Ruh! Ich hab' jetzt keine Zeit für solche verliebten Gaukeleien.« Dann hingen sich seine langsamen Augen an sie und blieben zähschleimig an ihr kleben, wie die Landschnecke bei großer Hitze an Zaun und Baumstrunk. Aber immer ergab er sich in ihren Willen, denn sie war ihm ein heiteres Gefängnis und eine rosenvolle Dornhecke. Der Salami aber freute sich insgeheim sowohl der großen Dauerliebe ihres Lehrers als noch weit mehr seiner uferlosen Ergebenheit. So hatte sie die nötige Ellbogenweite, um sich und ihn und ihre allenfallsigen Nachkommen durch die Welt zu bringen, ja in der Welt herauszuschaffen. Sie kochte ihm seine Mehlsuppe und die Erdäpfel in der Uniform so wie er's gewohnt war und gern hatte und allsonntäglich tischte sie ihm ein Stück Schweinernes oder gedörrtes Rindfleisch auf, für das er schwärmte. Auch hatte sie ihm ein Paar mehrfarbige, gar warmhaltende Winterschuhe, landbräuchliche Endenfinken, am Gallusmarkt zu Kilchaltdorf gekauft. Sie mußten ihn nach Betenläuten zu Haus behalten, denn als er noch ledig war, hatte er sich ab und zu abends in das Hirschenwirtshaus hineingeschlichen, um ein Schöpplein zu trinken. Ein solch außerordentliches Vergnügen, auf das er sich von einer Woche zur andern wie die Kinder auf den Weihnachtsbaum freute, erlaubte sie ihm jedoch klugerweise nur jeden dritten Sonnabend. Es kam auch etwa alle Vierteljahre einmal vor, daß ihm die Freude ward, auftraggemäß im großen Dorf für seine Frau allerhand Kommissionen zu machen. Alsdann walzte er strahlend, den umfänglichen Regenschirm unterm Arme, nach Kilchaltdorf hinaus. Und da er von Berufs wegen rechnen mußte und nicht schlecht rechnete, gelang es ihm immer wieder, aus dem mitbekommenen Marktgeld zu dem von der vorsorglichen Gattin erlaubten Schöpplein Weins mindestens noch ein zweites zum Vespertrunk herauszubringen. Er kam dann an solchen Abenden fast immer in stiller Seligkeit und beladen mit Paketen, aber auch etwa ohne Schirm, aus dem Dorf zurück. Und jedesmal mußte der Salami ihr kreischendes Gelächter loslassen, wenn sie ihn im Zudunkeln, wie einen Regenmolch die Stiege heraufkriechen und sie mit zwei glasigen Augen verliebt anglotzen sah. Aber der Salami war nicht die Person, die sich mit ihrer einfachen und keineswegs vielbeachteten Stellung als Lehrersfrau zufriedengegeben hätte. »Ich will mich rühren können, ich will so oder anders auf einen Hochrain kommen, denn, Sackerlot abeinander, ich komme ja auch ab einem Hochrain und außerdem bin ich eine Stumpentochter,« pflegte sie zu ihrem fast verzagt aufhorchenden Gatten zu sagen. So tat sie sich denn in ihrer Art unternehmend um. Bald war sie überall im Land und voran im Weiler Erlenstalden sehr wohlbekannt mit den Leuten und im besondern auf freundnachbarlichem Fuß mit der Hebamme, die nahe beim Schulhaus ein Warenlädlein hielt und mit der Pfarrsköchin hingegen und mit dieser oder jener, auch eigenwilligen Bäuerin, erzverfeindet. Aber sie wußte sich zu halten, wich niemand und wollte vorwärtskommen. Als daher ihre Wohnung oben im Schulhaus für ein neues geräumiges Schulzimmer und eine Kammer für die Lehrschwester, die der Gemeinderat neu eingestellt hatte, gebraucht wurden, kaufte sie ein bescheidenes Landgütlein mit einem Gadenhaus auf der Allmeind nahe bei Kirche und Schuldhaus. Ihr Vater hatte ihr das Bargeld für die Anzahlung vorgeschossen. Ihr Mann aber, der Beda Aloser, hatte nur seine Unterschrift hiefür zu geben. Nicht einmal zu nicken brauchte er, denn um seine Einwilligung zum Ankauf war ja niemand angekommen. Doch er half, was immer er vermochte, mit den größern Schülern, seiner handlichen, kuraschierten Frau ins neue Heim hinüberziehen. Er brauchte es wahrhaftig nicht zu bereuen, daß sie so selbstverständlich unternahm, was er selber nie gewagt hätte. Nun er auf einmal soviel Raum und sattgrüne Matten um sich sah, war ihm, er habe noch einen dritten Lungenflügel bekommen und fast hielt er sich für einen Hirtenkönig. Mit höchster Bewunderung sah er auf seine Sulamith. Ja, er schien sich in ihrer Gegenwart allseitig herabzulassen und zusammenzugehen, obwohl er sich auch sonst schon geduckt genug hielt. Immer kleiner ward er vor ihr, aber glücklich bei den Brosamen ihrer Liebe, so gut er hierin allzeit bei Appetit war. Nein, nun wollte er nicht mehr mucksen, denn mit Erstaunen mußte er nach und nach gewahren, daß ihre Umtunlichkeit mehr ins Haus brachte als sein freilich bescheidener Quartalzapfen. Nämlich, zuerst hatte sie einen Seidenwebstuhl in die Stube angeschafft, den sie, sooft sie dazukam, ja bisweilen bis in die tiefe Nacht hinein, trat, um das auf der Bauernsame so rare Bargeld reichlicher ins Haus zu bringen. Alsdann führte ihr der alte Stump ein paar guttuende Geißen zu, die sich auf dem ansehnlichen Umschwung Rasenboden des Gadenhäuschens, um das jetzt ein Gehüt Hühner gackerten, allmählich vermehrten. Zu alledem machte sie einem Rudel Schweine im Stall Quartier, die sie auf jede Weise zu ernähren, ja zu mästen verstand, wobei ihr die vielen zwerghaften Erdäpfel und die angesteckten, fleckigen, die sie im Herbst von den großen ausschied, stark mithalfen. Sie hatte ihres Mannes Acker von der allgemeinen Bürgergenossame also rundum bepflanzt, daß sie nicht nur Erdäpfel für ihren eigenen Haushalt genug bekam, sie konnte deren auch noch ganze Säcke voll nach Kilchaltdorf verkaufen. So hatte sie allmählich ein allerlei einbringendes Geschäft eingerichtet. Im Frühling verhausierte sie ins große Dorf ihre achttägigen bis dreiwöchigen Zicklein und im Herbst verkaufte sie ihre fälligen, martinigerechten Säue dem Metzger Balz Schwitter, der sie, bei dem großen Wohlgefallen, das er an ihrer Schwester, an der Reb, hatte, ein wenig besser zahlte als andere. Der kleine Hirte auf der Ruchegg, ihr Vater, ließ sich nie aus seiner Bergweid zu Tal, ohne daß er sich beim Salami umgesehen hätte, wobei der Schulmeister sich allemal glücklich pries, wenn er grad in der Schule sein konnte, denn er hatte vor dem kurzbeinigen Stump, der da auftrat wie ein starkes Kriegsheer, einen heillosen Respekt, ja Furcht. Um so mehr, als ihn der Alte jedesmal, wenn er ihn zu Gesicht bekam, anherrschte: »Ja, wie ist's denn, werde ich bald einmal Großvater? Was ist's denn mit dir, Schulmeister?« Konnte er sich dem Adlerblick des schwiegerväterlichen Hirten aber nicht entziehen oder holte ihn die Frau gar aus der Schule, so hielt er sich so gut im Schatten, als es sich immer machen ließ und lauschte mit Ehrfurcht und nicht ohne eine gewisse Unruhe den Anordnungen und Räten, die der Alte, der übrigens immer freundlich zu ihm war, dem Salami gab. Er wußte wohl, so barsch das alles gegeben ward und so verdrossen, ja schimpfend es seine Frau aufnahm, sie besorgte es danach bis ins kleinste, denn auch sie hatte eine hohe Meinung von ihrem Vater. Der aber ließ seine Tochter nie im Stich. Er freute sich mächtig, daß sie sich allseitig so tatkräftig zeigte, sie, die zu Hause alleweil nur in der Küche hatte wirtschaften wollen, und daß sie aus einem geringen Lehrergehalt ein Kleinbauerngewerbe so flott auf- und auszubauen verstanden hatte. Er half ihr sogar beim Ringeln der Schweine, wenn's galt, ihnen das Beißen gründlich abzugewöhnen. Alsdann stand der Lehrer Beda Aloser dabei und das mörderliche Geschrei der Säue, denen man die Schnörren sozusagen mit einem Drahtgitter verriegelte, tat ihm in die Seele hinein weh, denn er fühlte irgendwie mit ihnen, da er sich auch für geringelt halten durfte. Ja, so gut war er geringelt, daß er seiner Frauen allerhöchsten Befehl gemäß nicht nur die Wohnung im kleinen Gadenhaus, sondern auch die Schulstube und Gänge und Treppen im Schulhaus fegte, aufwusch, sandete und kurzum in jeder Hinsicht so sauber hielt, als es der hierin nicht zu genaue Salami etwa für notwendig erachtete. Ja, er half ihr waschen und niemals sah man jemand anders als ihn die Wäsche vor dem sonnigen Gadenhäuschen aufhängen. Und wer nachts den Fußweg beging, der dem schulmeisterlichen Gadenhäuschen nahe kam, konnte ihn unter dem Betenläuten das Geschirr abwaschen und sänftiglich singen hören. Soviel er ihr aber überall zur Hand sein mußte, von den Bejauchungsarbeiten und von der Mistgabel dispensierte sie ihn, da sie ihren Mann und seine Hosen in einem guten Geruch haben wollte. Unterdessen hatte aber die Judith zu Hochsiten ein Büblein bekommen. Der Viehhändler Baschitoni Tritsch, ihr Mann, hatte hierüber eine gewaltige Freude. Ein Knabe, das war das große Los, der war die Zukunft, denn was sollte ein Bauer und gar ein Viehhändler mit Töchtern anfangen? Lieber nur einen einzigen Sohn als sieben solche Unterröcke und Jammerorgeln. Man hat nicht viel von ihnen. Als er aber diese Anschauung auch in Gegenwart seiner bettlägerigen Frau vor dem Vetter Kari, des Martschenfuchsen aus dem Obereigen, wie ein Heuseil vertat, ward die etwas bleiche, aber gleichwohl rundum hübsche Wöchnerin, dunkelrot. Kaum war der Kantonsrat, der Kari Fuchs, weg, richtete sie sich im Bett auf und sagte mit ihrer ruhigen Stimme: »Und das, Baschitoni, redest du vor einer Stumpentochter. Sag', Mann Gottes, wer ist schuld, daß du den Viehstand in deinem Stall hast verdoppeln können? Wer hat dich vor manchem ungeschickten Kauf abgehalten, wenn du etwa den Großartigen hast spielen wollen oder gar ein Haupt Vieh nicht sicher hast abschätzen und überschauen können? Wer hat manchen verfahrenen Handel wieder ins Geleise bringen müssen? Ja, und wer hat die geratensten und gerechtesten Kühe und Rinder an unsern Krippen, aber auch eine musterhafte Rasse auf ganz Hochsiten, Herrenkühe durch und durch sind's jetzt, zuweg gebracht? Und das nicht zuletzt, weil ich den starken Willen hatte, den Raupi, diesen Stier von erstklassiger Abstammung, zu behalten. Wie hab' ich mich da gegen dich stellen müssen, daß ihn dir der protzige Großhans hinter den sieben Bergen nicht hat abschwatzen und aus dem Stall holen können. Sogar der Spielaumichel, dieser versoffene Überschläuling, hätte dich zu mehr als einer Dummheit verleiten können, wäre ich nicht gewesen. Ist's oder ist's nicht? Und nun hat dir unser Prämiestier den hohen Preis, den er damals gegolten hat und der dich fast verlockt hat, schon lange eingebracht und noch gar viel dazu und er hat dich erst recht Trumpf im Land gemacht. Das alles nur, weil so ein unnützer Weiberrock um dich war, Baschitoni. Und red', ist denn in letzter Zeit jemals eine Viehausstellung gewesen, bei der du nicht gut und besser als sonst weggekommen bist? Nicht ein Haupt Vieh, nicht ein Schwanz ist letzthin zu Kilchaltdorf am Hag zu Schau gekommen, den ich nicht unter Augs, ja in den Fingern hatte. Und der Jährling, für den ich mich auch so zäh hab' wehren müssen, den du auch wie den Stier, noch hart vor der Ausstellung, dem schöntuenden Welschen mit dem Maißrind, das mich heute noch reut, hast verkaufen wollen, ist er dann nicht der vorderste geworden am Hag zu Nidach unter den Erstklassigen? Und hingegen, was ward denn aus dem Kuhkalb, das du dem Hitz am Schönenberg abgenommen hast und von dem du gemeint hast, es werde eine Kuh draus, die man geradenwegs an die Krippe zu Bethlehem hinstellen dürfte? Baschitoni, ich will dir gewiß keine Vorwürfe machen, denn du kennst am End' das Vieh doch auch und dem Einsichtigsten kann's etwa da vergeraten, denn es ist keine leichte Sache und aus dem Schulbuch kann man's ewig nie lernen. Auch will ich mich sonst gewiß nicht rühmen, aber weil du uns Weiber, – diese Unterröcke! sagst du so nichtsachtend, – so gar wenig hast gelten lassen wollen, so hab' ich doch einmal ausrücken müssen, denn ich bin eine Stumpentochter und nehme kein Blatt vors Maul, wenn's mir auch nicht so kratzbürstig zu tönen braucht wie dem Salami oder gar so laut wie der Reb. Und nun, nichts für ungut, denn du weißt, ich hab' dich gern und tu dir sonst den Willen auch, wo ich's pflichtig zu sein glaube. Und es ist wahr, du hast mich immer in allem beraten und zugezogen, im Viehhandel und beim Bauern allweg. Du hast mich sogar vor einem halben Jahr, wie du bettlägerig warst und also nicht hast abkommen können, als Preisrichter, als deine Stellvertreterin, an die Viehausstellung nach Seewach abordnen wollen. Ich hab' dir damals natürlich nicht gefolgt, obwohl mich deine Mitpreisrichter wohl und mit Freuden hatten gelten lassen, denn sie kennen mich. Aber aus allem siehst du, mit den minderwertigen Unterröcken mußt du mir nicht mehr kommen. Des Stumpen sind des Stumpen, auch im Weiberrock. Und wenn nun des Tritschen Baschitonis Büblein, das uns da der Herrgott in die Wiege gelegt hat, noch mehr wird, um so besser.« Von da an redete der Viehhändler Tritsch nie mehr ein Wort gegen das Weibervolk. Aber als es nun dazukam, daß man in Hochsiten das Büblein der Judith taufen sollte und als ihm seine Patin Anneseba aus der Stolzern im Auftrag seines glücklichen Vaters den landesüblichen Namen Josef geben lassen wollte, widerstand dem sein Pate, der Matthatias Stump ab der Ruchegg. Er wollte durchaus einen andern Namen haben. Der Pfarrer mußte laut herauslachen, als der Alte ausrief, er wünsche einen Namen aus dem Alten Testament, denn der Josef sei eigentlich mehr aus dem Neuen und zudem heiße jeder zweite Gängelbub bergeshalben Josef, so daß man kaum recht wisse, wer gelte, wenn man diesem allzuverbreiteten Namen nicht einen Übernamen anhänge. Aber als der Stump gar den Namen Laban vorschlug, weil das ein großer Bauer, ein Schafherdenbesitzer erster Güte, gewesen sei, wehrte sich die alte Base aus Leibeskräften dagegen. Nein, meinte sie, ein solcher Heiliger sei landauf und ab noch nie erhört worden und wenn er ihn durchaus durchstieren wolle, so kehre sie stehenden Fußes heimzu. Also mußte der Alte, um so eher, da sich auch der Pfarrer der Base aus der Stolzern annahm, mit sich reden, ja markten lassen. Zuletzt brachte man ihn doch soweit, daß er sich zu Zacharias, der ja auch alttestamentlich und dabei landsbräuchlich sei, wenn auch ungern, bestimmen ließ. Wie sie danach zu Hochsiten, im stattlichen, breitlaubigen Haus des Viehhändlers Baschitoni Tritsch beim Taufmahl beisammen hockten und lebten, aßen und tranken was gut war und nur bedauerten, daß die Wöchnerin, die Judith, bloß aus der offenen Nebenstube dem Festessen anwohnen konnte, trat unversehens das Röllchen, das neue Menschlein, den kleinen Zacharias, auf den Armen, von der Mutter weg in die Stube und ward mit Hallo begrüßt. Sie machte um den ganzen Tisch die Runde, auf daß man das Büblein der Judith in seinem ersten Gewand und Spitzenhäubchen ausgiebig bewundern sollte. Das Röllchen sah besser als jemals aus. Es war nun aus einem Sträuchlein voll rosiger Knospen ein leuchtender Blustwirbel geworden. Schön lagen die Zöpfe um ihren ruhelosen Kopf, nicht so überreich, wulstig wie bei der Mager, aber sorgloser, hellscheiniger. Und so blau konnte sie einen anschauen, wie ein wolkenloser Märztag. Und als diese jüngste, aber wohlgewachsene Stumpentochter ihren Umgang um den fröhlichen Tisch getan hatte, wobei die Stolzernbase dem Zacharisli das Kreuz auf das dunkelrote Köpfchen über und über machte, trug sie ihren Neffen wieder ihrer bettlägerigen Schwester in die Nebenkammer zu. Wie sie dann aber wieder in der raucherfüllten Stube erschien, hatte sie die Handorgel im Arm und sich mit ihr auf die Ofenbank hockend, ließ sie einen Gautanz los, der auch die verkrochensten Mücken und Würmer aus allen Köpfen heraustrieb und die Beine unter dem langen Tisch, die alten und die jungen erst recht, in ein einträchtiges Hüpfen und Stampfen brachte. Jedoch man ließ sie nicht lange aufspielen. Sie müsse sich am Tisch unter ihren Leuten niederlassen, rief man ihr zu. Gar der alte Stump wollte es ganz und gar nicht dulden, daß eine Stumpentochter, obwohl er ihrem Spiel sonst gern zuhöre, ihnen heute den Tafelmusikanten machen sollte. Wenn sein Schwiegersohn niemand andern als eines aus den Eigenen hiefür gefunden habe, so könne man auch ungeorgelt wohlleben; das Röllchen sei ihm zu gut dazu. Aber als es in der Nebenkammer, wo die Judith lag und alles mitanhörte, verdächtig hüstelte, sagte der Baschitoni Tritsch, ja, er habe da niemand auf den Schuh oder gar aufs Elsternauge treten wollen. Er hätte natürlich schon für jemand gesorgt, der ihnen ihr Taufmahl etwas mit Musik verkurzweilen könne. Die Handorgel, auf der das Röllchen spiele, sei ja auch gar nicht die ihrige, sondern sie gehöre seinem neueingestellten Handknechtlein, dem Jungen des Schuhmachers Battist auf dem Tschuppmoos. Sie werde sie eben von einer Kommode, wo sie bereit gelegen sei, weggenommen haben. Gewiß habe sie vor ihnen allen nur so ein wenig ihre Künste hören lassen wollen. Und als nun das Röllchen, tiefrot, die Handorgel auf die Ofenbank hinlegte und sich an den Tisch zu den andern machte, ging leise die Küchentüre und der Tschuppmoos Bändichtli stand im neuen, schneeweißen Hirthemd, aber barfuß, auf der Schwelle und sah scheu, verlegen auf die Gäste. »Heda, Bursche, hock' vor den Ofen und spiel' uns etwas Lustiges auf!« rief ihm der Viehhändler zu. »Kannst jetzt das Röllchen ab der Ruchegg ablösen und zufrieden wollen wir mit dir sein, wenn du's nur halb so gut verstehst wie sie, denn sie hat's im Kopf und in Händen und Füßen.« Alles lachte munter auf. Der Bändichtli aber glitt zur Ofenbank. Und da hatte er die Handorgel schon auf den rauhen, lappengezierten Hosen und spielte, daß es die alte, umfängliche Base Anneseba aus der Stolzern immer mehr ins Wackeln brachte, ja, geradezu schaukelte und das beelendrische Kummergesicht des Sigristen völlig aufheiterte. Während aber alle der Zauber seiner Musik gefangen nahm, flogen seine Blicke gradaus in Röllchens aufmerkende Augen und sie ließen sich den ganzen Abend nicht mehr, mochte da was immer um sie gelebt und getrieben werden. Nun, endlich konnten sie sich, durch die gütige Vorsehung Judiths, wieder einmal, zwar keineswegs satt, aber doch gründlich anschauen. Nämlich, als das argbedrängte Röllchen in ihren Nöten eines Tages nach Hochsiten zu ihrer Schwester Judith gekommen war und ihr gesagt hatte, sie getraue sich nicht recht den Tschuppmoosjungen auf die Ruchegg kommen zu lassen, da die Mager gewiß gemerkt habe, was zwischen ihnen sei und daher kaum mehr an seine Traggabel glaube, hatte sie ihren Mann bestimmen können, den flinken, wehrhaften Bändichtli bis auf weiteres als Hilfsknecht einzustellen. Sie tat es um so eher, als ihr das Röllchen gesagt hatte, es sei nicht sicher, daß die Mager dem Vater ihren Liebsten nicht verrate, da sie immer altjüngferlicher und hässiger werde, obwohl sie doch auch noch jung genug sei. Wie der Vater aber täte, wenn sie ihm nur mit eines Hühnerbäuerleins Sohn dahergestiegen käme, könne sie sich ja denken. Er sei schon verschnupft genug gewesen, daß der Salami nur einen Schullehrer genommen habe. Von ihr aber, als seiner jüngsten und unbäuerlichsten Tochter, erwarte er, daß sie den ältlichen Bäckermeister Burket oder sonst etwas derartig Herrisches aus den Tälern nehme, wodurch sie in ein großes Dorf komme. Und wenn sie ihm auch nie und nimmer hierin nach Wunsch zu heiraten im Sinn habe, so wage sie's doch einstweilen auch noch nicht, ihm das offen zu machen. Sie und der Bändichtli seien ja noch jung genug, um aufs Heiraten hin nicht pressieren zu müssen. Ihr wenigstens gefalle es auch so über allen Begriff, nur müsse man sich doch von Zeit zu Zeit zu sehen bekommen. Vielleicht, daß ihnen der Mut, sich vor dem Vater zu bekennen, doch nach und nach kommen werde. Also war denn der Tschuppmoos Bändichtli von der hilfsbereiten, klugen Judith, welche die Leute noch weit besser kannte als das Vieh, auf Hochsiten in ihr Haus und Hof gezogen und eingestellt worden. 7 Ein schöner Sonntagvormittag. Die Stube des Ruchegghauses war voll von Morgensonne, also daß der Matthatias Stump vor dem großen grünen Ofen und seine Töchter Hagar und Rahel zu beiden Seiten des Tisches mit der zerschrammten Schieferplatte wie in einem goldenen Rauch dasaßen. Der kleine Hirte, dessen wildrauhe Haare immer grauer wurden, staunte aufmerksam, völlig versunken, in das gewaltige, stark mitgenommene Buch des Alten Testamentes, das er wieder einmal vor sich hatte. Eben betrachtete er den Einzug der sämtlichen Geschöpfe der Erde, die auf dem kupferfarbigen Bild in die ungeheuerliche Arche Noah, ein mehrstöckiges Schiff, hineinwanderten. Man konnte Kamele, Löwen, Schafe, Wölfe, Störche, Einhörner, Hasen, Hühner und andere Tiergattungen, paarweise, in paradiesischer Eintracht und bester Marschordnung, in ihre letzte Zuflucht einziehen sehen. Und so hingegeben schaute der Alte in das Buch, als wollte er warten, bis alle tierischen Gebilde Gottes in der Arche untergekommen seien, bevor sie die unheimlich heranbrausende Sündflut erreichte. Dabei bewegten sich seine Lippen immerzu, ohne daß man jedoch etwas zu hören bekam. Die Mager hatte ebenfalls ein Buch, ihre mit Buntdrucken geschmückte Heiligenlegenden, vor sich, während das Röllchen an einer weinroten Winterkappe strickte, womit sie jemand beim Einwintern zu überraschen und zu erfreuen gedachte. Aber die Nadel ging jetzt nicht eben emsig und grad so wenig las die Mager in ihren Legenden. Die Schwestern schauten einander in die Augen und sangen dazu alle Marienlieder, die sie auf der Vorkirche erlernt hatten. Und dann, als es für einen Augenblick still ward in der Stube und nur das Schrittlein des Uhrenplampers an der Wand, das unbeirrbare Schrittlein in die Ewigkeit, sich hören ließ, rückte die Mager mit ihrem Anliegen heraus, das sie ausgedacht und schon länger in ihrem schlichten Busen mit sich herumgetragen hatte. Nämlich, sie suchte ihren Vater, der erst etwas verwundert, ja ungehalten von seiner Bibel aufschaute, zu bereden, zu überzeugen, daß man zum Dank an unsern Herrgott, der den Viehstand auf der Ruchegg seinerzeit vor Maul- und Klauenseuche so wunderbar bewahrt habe, irgendwo in der Hausmatte ein bescheidenes Heimkapellchen, wie's solche ja auf andern Gütern auch gebe, erbauen sollte. Nicht bloß würde das Dank bedeuten, es wäre sicher und heilig auch ein Schutz und Schirm gegen erneute Angriffe der Klauenseuche und gegen all die bösen Geister und Ungeheuer, die ja überall umgehen und den Leuten Unheil antuen. Immer höher war des Hirten Kopf gekommen und nun horchte er mit Ohren, Mund und Augen auf den unerwarteten Vorschlag seiner Zweitältesten und seine starke, zerfurchte Stirne, ob der die grauen durcheinandergewirbelten Haare anzusehen waren wie ein Wald von Bergahornen ob einer sonnenbeschienenen Felsenwand, war steif und starr seiner Tochter zugekehrt. Und als sie nun ihren Vorschlag, der jedenfalls vorher reiflich zurechtgemacht und genugsam und allseitig erdauert worden war, vorgebracht hatte, rief der alte Stump aus, die behaarte Hand über den Tisch streckend: »Gib mir die Hand, Mager, gib mir die Hand!« Und als er seiner Tochter schmale, langfingerige Hand ein paarmal gehörig geschüttelt hatte, sagte er: »Mager, für dumm hab' ich dich nie gehalten, wenn du schon das ganze Jahr durch kein Maul aufmachst und kaum Lieber Gott sagen magst, denn was du tust, tust du recht und dabei, mehr als die Schwestern, Gott zu Ehren. Stube und Kammern sehen alleweil wie geschleckt aus, was in einem Bauernhaus, in das soviel Mistiges hineinkommt, wenn auch oft nur am Schuh und an den Hosen, etwas heißen will. Aber daß du nun gar so einfällig bist und uns da einen so guten Gedanken vorbringen kannst, das hätte ich hinter dir nicht so ohne weiteres gesucht, obwohl du die nachdenklichste bist. Meine andern Töchter haben wohl auch Einfälle, aber etwas Geistliches betreffen sie allweg selten oder nie, sie gehen stark ins Zeitliche und da wieder ums Mannsvolk. Was meinst, Röllchen?« Er lachte kurz, gutmütig auf. »Ja,« rief er aus, die Faust auf den Tisch schlagend und mit einemmal völlig hochkommend, »allweg, Sackerlot abeinander! bin ich mit dir einverstanden. Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Ein Kapellchen soll in unsere Hausmatte, so wahr ich der Matthatias Stump bin. Zum ersten bin ich's dem lieben Gott schuldig, zum andern ist's gegen künftige böse Zeiten und zum dritten und letzten sehe ich nicht ein, weswegen der Stump nicht auch, so gut als etwa der Jörlieni im Däsligs und der Sebimariä im Ruhstallrank und andere Zottelkappen, ein Kapellchen auf seinem Grund und Boden haben sollte. Eine Klosterkirche muß es ja nicht sein, nicht einmal ein Beinhaus, aber ein sauberes, geweißeltes Heiligenhäuslein, in das man etwa ein Altärchen, einen Heiligen und ein paar glitzerige Kerzenstöcke stellen kann, soll's, beim Eidhagel, werden. Wenn's auch zu klein wird, als daß jemand hineingehen könnte, so ist das Hineingehen ja auch nicht notwendig. Für das andere haben wir ja die Kirche im Tal. Aber ein Heiliger, und zwar einer, der im Himmel und auf Erden viel gilt, soll drin samt seinem Altar Platz finden. Und da habe ich, gottlob, an Heiligen und heiligmäßigen Leuten keinen Mangel. Ich brauche nur das Buch da vor mir aufzutun.« »Ja,« lachte das Röllchen auf, eine Masche aus den Stricknadeln fallen lassend, »aber den Abraham müßt Ihr nicht ins Kapellchen stellen, sonst ist Euere Tochter, die Mager da, nicht zufrieden, denn er hat's der Hagar doch gar nicht schön gemacht.« Ein wenig lachte der Alte. »Ja, ja, Röllchen, du Krötlein, das ist das erstemal, daß ich zu merken bekomme, daß du auch etwas von der biblischen Geschichte weißt. Aber so unrecht kann ich dir nicht geben. Es gibt jedoch noch andere Heilige und Erzväter, wenn ich auch nicht den Noah meine, denn der ist ja wohl der Patron der Weinbauern, so können wir ihn nicht . . .« »Vater,« sagte trocken, tiefstimmig, die Mager, »das will ich Euch gleich sagen, dasmal wollen wir keinen Heiligen aus dem Alten Testament, daß Ihr's wißt! Ihr müßt aber deswegen keine Augen machen,« redete sie etwas vernehmlicher, aber in tödlicher Ruhe, an den Alten hin, der schon zapplig ward, die Arme zu heben und die breiten Schultern ob dem kurzen Gestell zu wiegen anfing, »ich will auch einen rechten und großen Heiligen in unser Heimkapellchen, aber dasmal einen landbekannten und vorweg auf der Bauernsame geachteten Heiligen. Und damit Ihr nicht lang auf ihn zu warten braucht, so müßt Ihr wissen, daß ich den Schutzpatron der Älpler und Sennen meine, den heiligen Wendel.« Der Alte ließ die Schultern stiller werden und auch die Arme begannen sich zu beruhigen. Sinnend schaute er durch die Scheiben nach der Reb, die zwischen Haus und Stall, wie gar oft, mit ihrem starken Ziegenbock ein Wettstoßen abhielt, das gewöhnlich sie gewann, denn wenn's der Bock zu toll trieb, packte sie ihn kurzerhand an den Hörnern und drehte ihn auf den Rücken. Eben hetzte sie ihn um den überfludernden Brunnen. »Jaha,« machte der Alte unversehens, sich der gleichgültig auf ihn sehenden Mager zuwendend, »ja, da kann ich dir nicht alles durchtun, Lange. Der heilige St. Wendel, Potzdonner, ja freilich, das ist ein Heiliger, wie wir sie nicht bürstendick im Lande haben. Einer, der sich unserer Viehschäden annimmt und das billiger als die Doktoren. Und einer, der das Übel am besten dadurch doktert, daß er's in der Regel nicht aufkommen läßt. Ein Wohltäter, der nicht viel Wesens macht und den man nicht erst bei Nacht und Nebel zu Kilchaltdorf oder zu Nidach abholen muß. Ein Vaterunser und heiliger St. Wendel bitte für uns! und da ist er. Ja, ja, der heilige St. Wendel. Also, Mager, so will ich dasmal auf einem alttestamentlichen Heiligen für das Heimkapellchen nicht bestehen, obwohl es an Leuten, die wissen, wo der Bauer die Elsternaugen am Zinsfuß hat, auch nicht fehlt. Aber das ist doch etwas anderes. Der heilige St. Wendel ist nicht so uralt und so kann er auch eher verstehen, wie man jetzt bauert und was alles uns nottut. Gut, ich bin's einverstanden, durch und durch, der heilige St. Wendel muß ins Kapellchen. Aber nun sag' mir, Mager, he, du einfällige, woher willst du einen heiligen Wendel nehmen und nicht stehlen?« Ja, darüber habe sie schon nachgesonnen, aber sie müsse gestehen, das wisse sie auch nicht, wo man einen solchen hernehmen könnte. Aus den Kirchen, in denen man ihn als Patron verehre, bekomme man natürlich keinen und einen zu machen sei niemand landauf und -ab imstande. Der halbnärrische Chäpper in der Medenen ob Stagelrain könne ja freilich etwas holzschnitzeln, aber bisher habe sie von ihm noch nichts zu sehen bekommen als klotzige Tabakpfeifen und ein Kästchen mit einem Geschnitz drauf, von dem kein Mensch habe sagen können, ob es ein Gesicht sei oder eine Kreuzspinne im Netz. Aber vielleicht wäre es doch möglich, zu Kilchaltdorf oder noch eher im alten Städtlein Nidach, wo sogar die Leute Gesichter haben wie abgetragene, wurmstichige Holzfiguren, einen heiligen Wendel zu bekommen. Wenn er auch nicht neu wäre, so könnte er ja doch genügen und sich gewiß sehen lassen, falls man ihn gehörig abstauben würde. Da hieße es dann halt auch: Sauber abgeputzt ist wie neu. »Mager,« meinte der Stump jetzt, der seiner Tochter und ihrem schleppenden, langweiligen Vortrag aufmerksam zugehört hatte, »das eilt am End' nicht so; über das können wir immer noch nachdenken. Es sonnt heute nicht zum letztenmal, wollen wir zu Gott hoffen. Also gut. Was aber jetzt bald getan werden muß, ist, daß wir unsern Leuten von dieser Stiftung, von diesem Heimkapellchen Bericht geben. Es müssen alle Stumpenleute und die zu ihnen am nächsten gehören, damit einverstanden sein. Heißt das, versteht mich wohl! ich tät's auch, wenn alle nein sagen würden. Jedoch ein derartiges gutes Werk soll von der ganzen Stumpenfamilie ausgehen, auf daß es auch allen zum Segen wird und unsern Herrgott und den heiligen St. Wendel in allen Teilen zufriedenstellt. Aus diesen Gründen soll mir jetzt eine von euch Töchtern morgen oder übermorgen, denn ich will das nicht lange anstehen lassen, zu Tal und von unsern Absichten Lehrers, also unserm Salami und der Judith auf Hochsiten und ihrem Viehhändler, Nachricht geben. Was gilt's, sie freuen sich. Sowieso, gemacht wird das Kapellchen, das sagt der Stump.« »Hela,« meinte mit hoher, etwas gleißender Stimme, das Röllchen, »Vater, ich kann Euch heute noch auf Erlenstalden und Hochsiten hinunter. Ist ja just Sonntag und da weiß unsereins sowieso nicht was machen. Zur Reb hinaus und mitspielen und den Hollediho machen, mag ich nicht. Gleich wird sie grob, packt mich und – da liegst, Herzwasser! Das hält auf die Dauer höchstens ihr Geißbock aus. Also ich gehe gleich.« Sie sprang auf, daß die Stabelle umfiel und riß ihren weichen, breitrandigen Strohhut, den ein Büschel natürlicher Feldblumen schmückte, vom Nagel neben dem Gehäuse der Wanduhr. »Heda, 's Donners abeinander!« machte fast erstaunt der Alte, »was ist's denn mit dir, Rolli? Du hast's aber pressant. Immer, wenn's heißt, wer geht zu Tal? springst du auf wie ein Gummiball, mit dem die Jungen zu Kilchaltdorf sich die Zeit vertreiben. Es nimmt mich bald einmal wunder, was Kuckucks dich denn alleweil so talbodenwärts zieht. Und gar zur Judith auf Hochsiten ist das ein Gejäg, als ob dort alle Tag Kirchweih wäre. Obwohl ihr's, es ist wahr, gut zusammengekonnt habt, als die Große noch hier war, so will's mich jetzt doch bedünken, du übertreibest es. Die Judith hat ja für gewöhnlich allweg anderes zu tun als dich abzuhören und zu ratsamen. Aber geh! Bist halt noch gar jung, ein neugieriges Springding und mußt ab und zu auch etwas anderes sehen, als jahraus und -ein immer die gleichen Gesichter an Menschen und Vieh. Wenn's einer alten Ziege schon passieren kann, daß sie wunderfitzig wird und sich für ein Zeitchen unter dem Hag durch auf Reisen macht, um etwas Neues zu sehen und zu erleben, so läßt sich's an einem jungen Geschöpf im Weibsrock erst recht verstehen. Also gut denn, so mach' dich meinetwegen zu Tal und laß mir den Salami und ihn,« er lachte wohlgelaunt auf, »und ihren Schullehrer, aber auch,« setzte er bei, »und den Baschitoni Tritsch auf Hochsiten mit seiner Frau, unserer Judith, grüßen. Sie sollen sich alle etwa auch wieder einmal da oben auf der Ruchegg zeigen.« »Und Euer Patchen, der Zacharisli, Euer leibhaftiger Enkel?« fragte neckisch das Röllchen, sich vor einem Spieglein in der Nebenstube die Zöpfe ordnend. »Hela, Sackerlot,« sagte, fast ein wenig beschämt, der Alte, »und den Zacharisli laß mir auch grüßen. Hat ja auch ein gutes Maß voll Stumpenblut im Leib. Beinahe hätte ich ihn vergessen. Ja, da begreife ich jetzt, weshalb du so gern auf Hochsiten hinuntergehst. Halt eben, daß du ein Kindlein wiegen kannst, denn etwas zu wiegen müssen die Weiber haben, sonst sind sie nie recht zufrieden und kommen leicht ab, selbst wenn sie mit dem Bankobersten verheiratet sind. Weiber aber, die nichts zu wiegen haben wollen, gibt es nicht oder dann sind es keine oder es fehlt ihnen die Hauptsache, um derentwillen wir sie eigentlich liebhaben müssen: das Mütterliche. Also mit Glück, Röllchen!« »Daß Euch das nicht schon länger aufgefallen ist,« redete die Mager an den Hirten hin, »daß das Röllchen gern Kindlein wiegt. Man sieht ihr's ja auf hundert Stunden weit an. Sie ist ja selber eine wie eine Wiege, denn ich habe sie noch nie stehen oder hocken sehen, ohne daß sie, so oder so, ein wenig, etwa auch viel, ins Schaukeln gekommen ist. Es ist noch nicht lange her, hat sie noch ihr hölzernes Babi gewiegt und gestern und vorgestern hat sie die jungen Katzen im ganzen Haus, im Stall und auf den Matten herumgetragen, aber, Vater, auf das müßt Ihr Euch schon gefaßt machen, daß unser Fegnest, der Rolli, auch schon länger als Ihr glaubt, am Kindleinstein herum zu sinnen beginnt, hinter dem hervor man ja, wie's heißt, die Kinder beziehen könne.« »Ja, ja, da hast du recht,« meinte der Stump, beifällig nickend, »das Röllchen fängt an Augen zu bekommen. Auch bedünkt's mich, es gehe die letzte Zeit so unmerklich, wie auf den Zehen herum, als ob es irgendwo hineinwundere und irgend etwas erfahren möchte.« In der Nebenstube kicherte es. »Aber,« redete der Alte weiter, »was ist's denn mit dir, Mager? Wenn man dich so ansieht und dabei fremd zu dir ist, so könnte man meinen, du hättest Klostergedanken und gingest uns eines Tages in die kalten Mauern mit den für immer verriegelten Türen. Glauben könnte man, du seiest wie eine ausgetrocknete Alp, auf der es sommerlang nichts mehr zu weiden gebe. Schau', Mager, Kind, also machst du ein Gesicht an die Leute hin. Und doch weiß ich's gewiß, denn ich kenne mich und hab' deine Mutter gekannt, daß du im Grunde ein kurzweiliges, wachbares Stumpenblut hast und daß du, wenn du eine Alp bist, die trocken aussieht, innerhalb Tag und Nacht um Regen betest und sehnsüchtig auf den Moses wartest, der dir deine heimlichen, muntern Quellen aus dem Leibe klopft. Wahr oder nicht? Vor mir, Schatz Gottes, brauchst du dich nicht zu verstellen. Ich hab' auch schon gemeint zu sehen, daß du in deinem Legendenbuch die Geschichten der heiligen Mannsleute fleißiger liesest als die der heiligen Frauen. So merkig ist der Stump auch noch, wenn er auch keine Taster hat wie ein Schneckenbock. Aha,« rief er freudig, getroster aus, als er seine Tochter Hagar ihn lieb anschauen und sich dann lächelnd erheben sah, »siehst du, der Stump weiß, was es mit dir ist. Du kommst mir vor, wie jene Kirchenwand zu Hochsiten, von der man den Verputz abgekratzt hat, unter dem dann das Bildnis der hl. Zille zum Vorschein gekommen ist. Zwar hat man gleich gesehen, daß diese Zille etwas Heiliges war, aber auch daß sie an einer Orgel gesessen ist und frohherzig eins drauflosgespielt hat.« »Vater,« meinte schon wieder völlig trocken, giltmirgleich, die Mager, »so ganz ohne Kern wird die Nuß kaum sein, die Ihr da vor mir aufgetan habt. Aber weder braucht Ihr mich für eine Heilige zu halten, noch für einen tollen Hollediho, was Ihr freilich auch nicht tut. Ich bin halt die Mager und weder von Stein noch aus Maienbutter und in Wirklichkeit, nein, wißt Ihr nicht, was es mit mir ist. Es hat schon mancher sicher und heilig gemeint: Schaut, schaut, dort läuft ein Fuchs! und dann war's eine Füchsin.« Der Alte lachte und sah seine lange Tochter sinnend, fast neugierig an. Jetzt trat das Röllchen aus der Küche in die Stube. In einer Hand hielt es einen hübschgeflochtenen Kratten, der topfebenvoll von glänzenden, schwarzen Brombeeren war. Es hatte sie schon am frühen Morgen in den Sträuchern, die den Garten in der Mulde unter dem Gehöft umwucherten, gewonnen und nun wollte sie selbe ihrer Schwester Sulamith, der Frau Lehrer, zu Erlenstalden im Vorbeigehen zutragen. Jetzt erhob sich auch der Bauer, was man freilich kaum merkte, denn er war ja immer noch auf den Beinen fast gleich kurz, wie auf der Ofenbank hinterm Tisch. Aber hochgetragenen Hauptes zuschreitend verließ er mit seinen Töchtern die Stube. Er wollte in den Stall hinüber, um nach einer trächtigen Kuh zu sehen, die er brüllen hörte, während die Mager, den Schein eines tiefverborgenen Lächelns in den großen, braunen Augen, hinter dem Ofen hinaufstieg, um in der Stubenkammer sich ein Zeitchen auf Vaters Bettstatt zu hocken und in sich hineinzuträumen. Das Röllchen aber huschte, so geschwind sich's mit dem schweren Kratten machen ließ, über das Stiegenbrücklein hinunter. Und als sie am Brunnen vorbeikam und aber die Reb mit dem gehetzten und verängstigten Ziegenbock auf sich zujagen sah, machte sie ihre Hand heimlich zur Kelle. Wie nun ihre vom tollen Spiel mit dem Bock glühende Schwester auf der andern Seite des Brunnens vorüberrannte, fuhr sie flugs in den überfließenden Trog und überströmte die Reb mit einem Überfegen eiskalten Wassers. Alsdann jagte sie, ab und zu wie eine Kegelkugel über einen Stein hinweghüpfend, rainab. Knapp konnte sie noch ins Föhrenwäldchen unterhalb der Hausmatten hineinhasten, als Tannzapfen, faustgroße Steine, ja Kleinhölzer allerart hinter und neben ihr an den Baumstämmen aufschlugen. Aber sie jauchzte triumphierend auf und weidab ging's im Sturm, Erlenstalden zu. »Rolli, Rollibock, Rolli!« lärmte es hinter ihr oben auf der Ruchegg. Am Abend, ziemlich spät, der Mond stand schon hoch ob dem Bärlauistock, war das Röllchen wieder daheim. Es mußte sich stark erhitzt haben; seine Wangen waren hochrot und besondere belustigte es die Reb, daß eine von Röllchens Backen so rot war, daß sie zu bluten schien. Oder blutete sie denn nicht wirklich ein wenig? »Rolli, du bist ja eine wie ein Feuer,« rief lärmend die Reb aus, »und rauchen tust gar auch noch.« »Ja,« meinte die Mager, den Schalk in den hellen Augen, trockenstimmig, »man könnte fast glauben, du seiest zusammen mit den drei Jünglingen im Feuerofen eingesperrt gewesen.« »Sonst heißt's immer,« sagte die Reb, »wenn ich mich ein wenig erhitze: Schaut die Reb an, schaut, was ist der für ein roter Apfel zu den Schultern herausgewachsen! Und nun bist du einmal ebenso rot und noch röter. Ist ja grad, als hätte dich einer in die linke Backe gebissen.« Sie ließ ihr Gelächter herauspoltern. »Ja, dann ist's ja wohl doch die rechte Backe gewesen, wenn's auch die linke war,« sagte, aber ohne das Gesicht zu verziehen, die Mager, »denn es steht geschrieben, wenn dich einer auf die linke Backe . . .« Sie brach ab und ihr braunes Gesicht erhellte sich ein wenig. »Vielleicht,« setzte sie neckisch hinzu, »heißt's doch nicht ganz so, wie du's allenfalls meinen könntest, Röllchen.« »Narrensachen,« sagte kräftig die Reb, »geschrieben oder nicht geschrieben, da weiß ein jedes Kind, was es zu tun hat.« Jetzt lachten alle drei Schwestern auf. Das Röllchen hatte sich wie zerschlagen auf eine Stabelle am Tisch niedergelassen. Aber obwohl es fast in sich zusammenzufallen schien, behielt es doch seine lachenden Augen, die nun wie gewitterträchtig, fast unheimlich blau waren wie Schmiedefeuerchen, die eben dran sind, ein Band stahlhart und unzerbrechlich zu glühen. Sie sprach kein Wort, saß nur so da wie ein blühendes Stäudlein auf dem Wegbord, das einen jungen Wandergesellen verbirgt, umduftet und in wohlige Träume hineinsäuselt. Die Mager setzte sich zu ihrer jüngsten Schwester und ihre Hand nehmend und sie verständnisinnig drückend, schaute sie ihr in einem fort in die wunderlich still gewordenen, nachtblauen Augen hinein. Aber als sich nun auch die Reb dem Röllchen gar in den Schoß warf, daß das aufschrie und die Stabelle krachte, trat, gewichtig wie immer, der alte Stump in die Stube. »Ja was,« machte er, »bist du noch zurückgekommen, Röllchen. Ich habe gedacht, du werdest zu Hochsiten bei der Judith oder doch zu Erlenstalden beim Salami übernachten, obwohl ich das ungern sehe. Was ein rechter Stump ist, will heimzu und übernachtet kaum bei eigenen, geschweige bei fremden Leuten. Man ist ja so rasch unwert, weil eben fast in jedem Haus und in jeder Kammer sich schon allerlei Gäste, die man gewöhnlich nicht sobald zu sehen bekommt, eingenistet haben: Krankheiten, Schulden, Streit und Zank, Neid und andere Übel und Sorgen und die Menschen sich so dran gewöhnen, daß sie meinen, das müsse so sein, statt daß sie mit Gott und Schmalz in den Ellbogen fest zugreifen und die unerwünschte Gesellschaft auszumisten suchen. »Und nun red', Maitli, wie ist's zu Hochsiten gegangen? Am Merken-an nicht so übel, denn du siehst aus, als ob heute Kirchweih wäre und du den Kopf voll Tänze hättest. Also denn, rück' aus!« Nun begann das Röllchen zu erzählen, wie man sie erst in Erlenstalden gut aufgenommen habe. Die Schwester, der Salami, sei grad dran gewesen, ihrem Schullehrer einen Lappen auf seine Werktagshose zu nähen und dazu hätte sie ihn ausgeschimpft, daß er so ein Tuchschleifer sei. Er sei ihr ja nahe an der Hand gewesen, denn er habe ihr eben die Jagdflinte reinigen müssen, da sie im Spätherbst, gleich beim ersten Schnee, unter die Tannenwelt der Ruchegg hinaufsteigen wolle, um wieder einmal ein Häslein oder irgendein Waldhuhn zu schießen. Sie komme sonst noch um, wenn sie nicht wenigstens einmal im Jahr ein wenig wildfreveln könne. Die Brombeeren, die sie ihr gebracht habe, haben ihr eine rechte Freude gemacht, obwohl sie's nicht habe unterlassen können zu sagen, sie könnten noch reifer sein! Alle, auch Röllchen, lachten auf. Doch es erzählte weiter: Auch ihren Mann, den Lehrer, der an einem Fenster an ihrem Gewehr herumgeputzt habe und anzusehen gewesen sei wie eine braune Jacke, die mit lampenden Ärmeln an der Wand hängt, habe sie anläßlich angeschnauzt: »Beda, du könntest jetzt wohl mit deinen Schulkindern in die Wälder hinauf und für mich mit ihnen Brombeeren zum Einmachen suchen gehen.« Der gute Schlamp sei mäuschenstill geblieben und habe nur von Zeit zu Zeit sich scheu, mit schleimigem Lächeln, nach ihr umgesehen. Der Salami habe ihr aber gleich einen Kaffee kochen wollen, doch habe sie sich fortmachen können, da sie ja noch auf Hochsiten gehen sollte. Also hätte ihr die Schwester, und ihr Beda habe auch mitkommen dürfen, noch ein Stück Wegs das Geleit gegeben. »Und wie wir dann so langweilig dahingeschlendert sind, habe ich unserm Salami auch von der beabsichtigten Stiftung des Heimkapellchens auf der Ruchegg berichtet. Und ich muß bekennen, es hat mich fast gewundert, daß die gesalzene Schwester, die doch sonst an allem etwas auszusetzen hat und die jedes Mückendrecklein, selbst an einem Kirchenfenster, erspäht und ersperbert oder gar dranhin sieht, meinen Bericht gut aufgenommen, ja sich drüber gefreut hat. Gar ihr Mann, der Lehrer, ist von diesem Gedanken völlig hin gewesen und hat sogar das Wasser in die Augen bekommen.« »Dieser windige Hagel,« brummte der Alte dazwischen. »Ja, der Salami hat mir heilig versprochen, sie wolle zum mindesten die zwei Kerzenständer, und zwar müßten es versilberte sein, in das Kapellchen stiften. Und danach bin ich auf Hochsiten zur Judith gekommen. »Es war dort just alles um den Vespertisch und so ward ich mit Hallo begrüßt, mußte mich gleich an den Tisch hocken und bekam dazu gar noch Euer Patchen, Vater, den Zacharisli, auf den Schoß. Er ist gehörig gewachsen und hat mir mit seinen Patschhändchen immer die Nase abreißen wollen. Am liebsten hätte er mich wohl ganz aufgegessen. Sie hatten eine große Freude, sage ich Euch, ob der Botschaft vom Heimkapellchen. Da habe die Mager einmal einen ganz guten Gedanken gehabt. Siehst du, Schwester,« wandte sich das Röllchen an die Mager, »die Judith wäre am liebsten geradeswegs zu dir hinaufgelaufen und dir um den Hals gefallen. Aber nun kommt die Hauptsache. Nämlich, wie wir da so beim Milchkaffee hockten und über diese Stiftung und aber auch über allerlei anderes redeten, hieß der Schwager Baschitoni den Bändichtli, des Tschuppmoosbattisten Jungen, der ja auch mitaß, aufstehen und die Spielkarten aus der Kommodtruhe nehmen, sie wollen mit dem Altknecht und dem Melker einen Jaß herausklopfen. Aber als sie nun schon an ihrem Seitentisch hockten und die Karten in die Finger zu nehmen anfingen, legte sie der Schwager Viehhändler wieder weg und zu uns an den Tisch kommend, sagte er, nun habe er eine Idee. Wie er von mir gehört habe, wissen wir noch gar nicht, woher wir für das Heimkapellchen einen hl. Wendel bekommen könnten. Er müsse aber die nächste Zeit ins Städtlein Nidach hinunter zum alten Advokaten, dem Doktor Hieronimus Fink. Der habe ihm einen Prozeß zu führen, einer Kuh wegen, die der Spielaumichel in seinem Rausch sich für trächtig habe anhängen lassen, obschon sie kurz vorher verworfen habe und so wenig trächtig gewesen sei als eine Kirchenorgel. Er könne nun doch den Lumpen, diesen völlig versoffenen Dolmetscher, der einst ein einfälliger Donner gewesen sei, für sich keine Geschäfte mehr besorgen lassen. Und in dem alten Nest unten gebe es vielleicht Gelegenheit, einen solchen Heiligen aufzutreiben. Dieser alte Fürsprecher und Prozeßausroller wisse immer wieder einen Zu-, aber auch einen Ausweg für alles. Denn, sagte der Schwager Tritsch, den Heiligen ins Heimkapellchen wolle er stiften. Er tue es nicht anders. Auch sei's seine heiligste Pflicht vor Gott und seinem Schwiegervater, der ihm seine schöne Frau, die Judith, habe zukommen lassen. Er wisse heute noch nicht, wo er dieses Glück verdient habe. Und sowieso sei ihnen unser Herrgott immer und letzthin im besonderen auch wieder beigestanden und am End habe der hl. Wendel da mitgeholfen, daß er einen Schub Nutzvieh so gut ins Ungarische hinein absetzen und dabei ein schönes Geld habe verdienen können. Also der hl. Wendel aufs Altärchen sei unbedingt seine Sache. Das tue er unter keinen Umständen anders und nicht ruhen werde er, bis er seinen Heiligen gefunden habe. »Das also, Vater, hab' ich Euch zu berichten. Die Judith und ihr Mann lassen Euch grüßen. Es sei merkwürdig, wie selten man jemand von der Ruchegg zu sehen bekomme. Ob Ihr etwa den Weg auf Hochsiten nicht mehr wißt, Vater, haben sie mich gefragt.« »So, so, der Viehhändler, der Tritsch, will den heiligen St. Wendel übernehmen,« machte der Hirte vor sich hin. »Schaut, das freut mich, wohl tut's mir. Man sieht doch aus alledem, wes Fadens mein Schwiegersohn ist und daß das Stumpenblut bei ihm in keinen Jauchekasten geronnen ist. So wollen wir nun in Gottes Namen der Sache den Gang lassen mit dem Heiligen und unterdessen will ich dafür sorgen, daß der Kaminfeger und Maurer da unten zu Erlenstalden das Heimkapellchen bald in Angriff nimmt. Ein Kunstwerk muß es ja nicht werden und hoch wird's auch nicht. Aber ein Altärchen drein und drauf der heilige St. Wendel und vor das alles ein ansehnliches Gitter, das ich zu Kilchaltdorf machen lassen will, muß mir dran gewandt werden. Und kann der Kaminfeger da unten zu Erlenstalden das Kapellchen nicht bauen, so kann's dann aber sicher der Dachdecker von Stagelrain. Das ist ein schauerlich Geschickter. »So und jetzt zu Bett, auf den Laubsack, ihr Maitli! Es ist Zeit mit euch allen. Die Hühner schlafen schon lang auf ihren Sedeln und hört ihr's! die Nachteule, die Pfaffenkellnerin, geht um und prophezeit Schlimmes, aber ich, der Matthatias Stump, glaube es ihr nicht. Macht, macht!« Er brauchte nicht mehr zu mahnen. Die Mager hatte das Röllchen schon zur Stube hinausgeführt, ja fast getragen, immerzu ihre Augen suchend. Und als nun der Stump mit starkausholenden Kurzbeinen hinter dem Ofen hinauf in die Elternkammer stieg, zog die Reb bedächtig ihre rauhledernen Sonntagsschuhe, denn werktags trug sie überhaupt keine, aus und warf sie dann einfach in den Stubenwinkel, in dem die schwarze Katze hinter dem ungebrauchten Spinnrad schlief. Aufgeschreckt schoß sie auf und verkroch sich unter dem Ofen. Auflachend nahm die Reb das Weihwasser an der Türe. Alsdann schritt sie pfeifend, mit den Fäusten auf die Wände trommelnd, über den dunklen Flurboden und über die krachenden Stiegen hinauf in die Schwesternkammer. 8 Es war um St. Gallustag im Herbst. Stumps auf der Ruchegg suchten eben das letzte Öhmd in der Hausmatte so rasch als tunlich einzubringen, da sich die Nebelhorden langsam um den Bärlauistock legten und die Welt ein verdrossenes Regengesicht zeigte. Der kleine, graue, wirrhaarige Hirte tat sich mit seiner Heugabel mächtig um. Er stocknete die nicht allzu trockenen Öhmdschwaden zu ansehnlichen Haufen, die dann die Mager immer wieder mit dem Heuseil zu schweren, umfänglichen Bürden zusammenband. Und die Reb nahm sie auf. Jedesmal spie sie zuerst in die Hände, fluchte auch etwa, wenn ihr das dürre Zeug in die Augen kam oder sonstwie nicht gut genug zu liegen schien, dann mit einem gewaltigen Ruck, sich etwas nach hinten lassend, lud sie sich die gewichtigen Bürden auf, trug sie über die Matten und sichern, wahrhaft männlichen Schrittes über die lange Leiter hinauf auf die Heudiele der nahen Scheune. Das Röllchen aber schwadete das letzte Öhmd für den Vater und besorgte auch schon das Nachrechen. Stille schaute sie in die Mulde unter dem Stall hinein, in der ihr Blumen- und Gemüsegarten, der aber mehr nur ein Erdäpfelacker war, lag und wo nun, von den gotischen Türmchen der roten Weidrosenstengel umblüht, ein Kapellchen stand, das mit dem Schein seines frischgeweißelten Mäuerleins die ganze Mulde erleuchtete. Das war also das Heimkapellchen, die Dankstiftung des Matthatias Stump und seiner Leute für die gnädig vorübergegangene Klauenseuche. Großartig sah es ja nicht aus. Ein kleines Kapellchen mit einem Altärchen aus einem gewaltigen, ziemlich rohbearbeiteten, fast weinroten Block, einem Findling, der hinter dem Stall, von einer Legföhre umwuchert, gestanden hatte, und einem einfachen Gitter, das die einzige Öffnung, im Umfang eines Fensterchens, auf der Vorderseite abschloß. Aber das schmiedeeiserne Gitter ließ sich leicht öffnen. Allenfalls konnte ein Mensch, wenn er hineinkroch, in diesem Heiligenhäuslein aufrecht stehen. Nicht jeder Mensch. Die Mager, die es versuchte, denn sie wollte die versilberten Kerzenstöcke, die der Salami geschickt hatte, hineinbringen, war nur gebückt an den kleinen Altar gekommen. Das Kapellchen aber stand der Gartenmulde, dem ganzen Heimwesen gut. Der Alte hatte Freude dran. Er wartete nur noch auf den hl. Wendel. Das aus Ahornholz geschnitzte Kruzifix, das die Base Anneseba aus der Stolzern stiftete, hing schon ob dem Altärchen. Sobald er nun auch den Heiligen drin haben würde, sollte der Erlenstalder Pfarrer das Heimkapellchen einweihen. Eine bescheidene Einweihung mußte ja stattfinden; da gab es nichts anderes, denn sonst wären ja doch alle die Kosten, die man für das Heimkapellchen hatte, für die Katz, und der Teufel könnte seiner lachen und mit den Nachtbutzen drum ringelreihen. Mit lachenden Augen guckte das Röllchen ab und zu aufs Wasserrädchen hinab, das es einst aus Schindeln in der klarflüssigen Bachrinne der Mulde angebracht hatte und das nun Tag und Nacht durch aus dem Klappern gar nicht mehr herauskam. Es klapperte seit langem allabendlich die ganze Stumpenschaft in Schlaf. Der Alte hatte es wegtun wollen, da sich dieses plappernde Spielzeug so nahe beim Heiligenhäuslein nicht schicke, aber das Rollchen hatte sich mit unerwarteter Zähigkeit für sein kurzweiliges, nimmermüdes Wasserwerk eingesetzt. Da gab der Stump, der nichts so sehr achtete wie einen festen Willen, nach. »Meinetwegen also,« hatte er aufgelacht, »der heilige St. Wendel wird sich wohl auch dran gewöhnen, denn gar vieles was die lieben Heiligen, ja sogar unser Herrgott, von den Leuten zu hören bekommen, ist oft leider auch mehr klappern als beten.« »Vater,« rief jetzt das Röllchen über die Matte dem hart werkenden Hirten zu, »wann kommt denn der hl. Wendel endlich einmal?« »Ich weiß es nicht,« kam kurz der Bescheid. »Er kann ja alle Tage kommen,« meinte die Mager, die Tröglein ihres Heuseiles auswerfend, »Rolli, du hast ja selber gesagt, als du letzthin von Hochsiten zurück warst, der Schwager Viehhändler habe den Heiligen schon frisch verputzen und ihn sich ins Haus bringen lassen. Hast du ihn denn da nicht zu sehen bekommen?« »Nein,« sagte halblaut das Röllchen, »ich hatte allerlei anderes zu tun und da hab' ich's vergessen, danach zu fragen, ob man ihn sehen könne.« »Ja, ja,« machte halblaut, trocken die Mager zu ihr, »wenn der Heilige junges lebendiges Fleisch und heißfüßiges, rotes Blut gehabt hätte, und gar wenn er ein Hirthemd angehabt und statt Wendel Bändichtli geheißen hätte, so . . .« »Sei doch still, der Vater könnte es ja hören!« »Vater,« sagte sie ablenkend, laut, da auch die Reb breitbeinig, aber ziemlich rasch vom Stall her heranmarschierte, »ich meine alleweil, hätten wir eine eingesegnete Kapelle und den hl. Wendel drin schon gehabt, so wäre uns das Prämienrind, das Ramsli, nicht umgestanden. Der Heilige hätte dann schon dafür gesorgt, daß es nicht soviel Hühnerfedern in den Schluck bekommen hätte, daß es dran ersticken und abgetan hat werden müssen.« »Ja, das mag wohl sein,« stimmte der Alte zu. »Aber jetzt habe ich's eingesalzt und ins Kamin gehängt,« sagte die herangekommene Reb überlaut. »So bin ich fast froh, daß uns der Heilige diesen Schaden noch nicht hat wenden können, denn über ein gut geräuchertes Stück saftigen Rindfleisches geht mir nichts.« Sie schnalzte mit der Zunge und zeigte die blinkenden Zähne. »Mach' dich weg, Rolli!« Sie stieß das Röllchen zur Seite, packte mit beiden Fäusten die zurechtgelegte Öhmdbürde also heftig an und bückte sich dann so tief, daß sie ihr richtig über den Kopf hinweg und rainab rollte. Und also kam sie ins Hüpfen und Springen, daß ihr der Tschuppmoos Bändichtli, der eben, die Traggabel auf dem Rücken, aus dem Föhrenwäldchen unterhalb des Gehöftes herauskam, nur noch knapp mit einem Seitensprung entrann. Aber an den Föhren schlug sie auf und blieb liegen. Herrschaft, gab das ein Gelächter oben zwischen Haus und Stall; die Reb brüllte geradezu vor Wonne. Aber dann rannte sie nidsich und auf den Bändichtli zuhastend, lärmte sie: »Du Tropf, hast du denn diese Öhmdwelle nicht aufhalten können?!« Er lachte ihr auch entgegen und sagte: »Nein, da hätte ich zuerst meine Traggabel abstellen müssen. Aber wenn ich Gemeinderat von Stagelrain wäre, ließ' ich dich rufen, damit du beim Lenzen und Föhnen die Lawinen auffangen könntest. Sie bekämen dann dort nicht soviel Waldschaden und wegrasiertes Holz.« Als sie Miene machte, mit den kräftigen, völlig braungebrannten Armen hinter ihn zu geraten, schrie er fast auf und sie mit beiden Händen abwehrend, rief er aus: »Reb, der Tausendgottswillen, rühr' mich nicht an. Ich kann dasmal keinen Hosenlupf, nicht einmal ein scherzendes Ringen mit dir wagen, denn . . .« »Ja, es würde dir auch wenig helfen, denn,« lachte die Reb auf, »denn ich habe dich ja letzthin, als du den jungen Stier von Hochsiten von unserm Schwager her zugeführt hast und so angriffig warst, dreimal hintereinander regelrecht gebodigt, und zwar ins flotschtriefendnasse Gras hinein. Nun wirst du ja wohl wieder trocken sein, Bürschlein, oder doch am End' nur bis an die Ohren?« »Reb, laß ihn doch gehen!« kam des Röllchens verdrossene Stimme von oben. »Nein,« lärmte die Reb zum großen Vergnügen ihres Vaters zurück, »ich lass' ihn nicht so schnell gehen. Wenn mir dieser Tschuppmoosjunge da die Bürde Öhmd nicht wieder hinauf zu euch und auf die Heudiele auch noch trägt, so kommt er mir nicht durch und am Rucheggbrunnen vorbei, du magst darob klagmartern wie du willst. Wirst doch nicht auf ihn warten, Rolli? Pressiert's dir denn so, ihn, dieses gutfedernde, aber auch federleichte Erlenstalderbürschlein oben zu sehen?« »Ich wäre aber schon lange oben und du mit deinem starren, eisenharten Gestell hättest mich jedenfalls kaum abzuhalten, sicher aber nicht einzuholen vermocht,« antwortete der Tschuppmoos Bändichtli, die Reb keck aus seiner Hirthemdkapuze hinaus anblickend, »aber ich darf weder zu geschwind laufen, noch sonstwie wüst tun, denn daß du's weißt, daß ihr's alle wißt,« er erhob die Stimme: »Ich habe heute den hl. Wendel auf meiner Traggabel!« Jetzt sagte die Reb nichts mehr. Sie stand nur so da und glotzte ihn und die Traggabel, auf der's ein kegelförmiges Pack gab, an. Aber vom Haus her kam nun des alten Stumps Stimme: »Was, was, den heiligen St. Wendel bringst?! Reb, Maitli, gib Frieden! Daß du mir den Jungen ja nicht anrührst, sonst hast du's dann mit mir zu tun! So, so, den Heiligen bringst uns. So ist's endlich einmal möglich geworden. Steig hinauf, Bursche, zu uns! Wir wollen den Heiligen in Empfang nehmen und ihn uns ansehen.« Also machte sich der Bändichtli mit seiner ungewohnten Last auf der Traggabel, die allen auf einmal kostbar ward, rainauf und auf die Stumpenleute zu, die ihn um den Brunnen zwischen Haus und Scheune erwarteten. Und als er nun dort war und vor dem kleinen Hirten und seiner langen, breitzinkigen Heugabel stand, wünschte er gar freundlich und allerseits die Zeit an, wobei er aber das Röllchen gar nicht anzusehen wagte. Alsdann nahm er seine Traggabel bedachtsam ab und sie an den Brunnentrog stellend, machte er sich dran, das draufstehende Pack zu lösen. Und ehe man sich's so recht versah, stand auf dem trockenen Ende des morschen Troges eine kleine Statue, eine hübschbemalte Figur, mit einem doppelten, wie lauter Gold glänzenden Heiligenschein. »So,« sagte er, lang aufatmend, »da hätte ich ihn also, euern hl. Wendel und, Gott Lob und Dank, in allen Teilen ganz.« Mit großen Augen schauten alle auf den Heiligen, nun auch noch die Reb, die ihre Öhmdbürde erst wieder den Rain hinauf und gleich auf die Scheune getragen hatte. »Schau' dazu,« lärmte sie auflachend ins tiefe Schweigen, »was ist das für ein nichtsiges Männchen, dieser Heilige da! Aber wohl, schön angestrichen, jaha, das ist er.« Die andern staunten nur alleweil auf die Figur, die da so unversehens ab einer bäuerlichen Traggabel und aus einem milchkaffeebraunen Papiersack auf der Ruchegg erschien. Endlich rief der Stump aus: »So, so, da hätten wir nun den Heiligen für unser Kapellchen. Und wenn ich's reden will, so muß ich's sagen: Er gefällt mir nicht übel, nur ist er mir für einen Heiligen zu jungscheinig. Ich habe mir gedacht, so ein heiliger St. Wendel, der Weid und Welt schirmen und gegen böse Seuchen und allerlei Ungeheuerliches wehren soll, müsse ein bestandener Mann mit einem mehr oder minder grauen Bart sein. Einer, der das Leben und nicht bloß ein paar Schuhe durchgemacht hat. Junges Blut wird es außerdem schwieriger haben, heilig zu werden. Aber das ist wahr, schön bemalt ist er.« »Stump, Vater,« sagte die Mager, »die Heiligkeit schätzt man nicht nach dem Gewicht oder nach dem Bart ein. Ich habe in meinen Heiligenlegenden heiliges Jungvolk genug, das den Martertod gestorben ist und im Himmel gibt's nicht einen einzigen alten Engel.« »Vater,« meinte mit ihrer geschwinden, starken Stimme die Reb, »kommt mir nicht mit den Alten. Ich mag mich unter ihnen umschauen wie und wo ich will, ich bekomme vielleicht nur verharzte Sünder zu Gesicht. Gleichwohl, darin muß ich Euch recht geben, ich habe auch einen bäumigern, rauhwolligern Heiligen erwartet. Auch hätte dieser angemalte Schutzpatron, unser nunmehriger Wächter über Alp und Vieh, doch dem St. Wendel mehr gleichsehen dürfen, den sie auf der Stagelrainer Allmeind in der Kapelle haben und der einer ist wie ein schlechtabgeasteter, windgefallener Baum. Gleichwohl, er ist jetzt da.« »Und hundertmal, tausendmal willkommen sollst du mir sein, lieber St. Wendel!« rief nun das Röllchen aus, sich zu dem ansehnlichen Statuettlein auf den Brunnentrog hockend und es über sein braunes Fell und über den vergoldeten Hirtenstab streichelnd. »Mir gefällst du, ich kann dir's nicht sagen wie sehr, und noch nie habe ich einen Heiligen, jung oder alt, gesehen, der ein so schöner Jüngling gewesen wäre wie du. Schaut nur, wie leicht und fein er gebaut ist und was er für heiterfarbige Locken hat. Nein, keinen Erzvater aus dem Alten Testament nähme ich für ihn und wenn ihm der Bart bis auf den Boden ginge und er ihn zöpfen oder sich drin gar zu Bett legen könnte. Wart' nur, lieber St. Wendel, bis du auf dem Altärchen stehst, ich will dir denn den ganzen Sommer lang schon für Blumen sorgen, daß du aus einem guten Geruch gar nicht mehr herauskommst. Nein, etwas so Hübsches!« »Aff!« schnörzte die Reb. »Jetzt hör' einer, wie die mit diesem St. Wendel redt, als ob sie ihn zum Schatz haben möchte.« »Ihn nicht,« warf die Mager ein, »aber einen Liebsten haben möchte sie wohl und da will sie vielleicht unsern Kapellenheiligen bloß so als eine Art Dolmetscher bei einem andern anstellen und ihn hiefür einseifen, denn das versteht sie. Nun, möge er ihr helfen, ich gönne es ihr.« Der Alte hatte sich am Heiligen jetzt satt gesehen. »Jung oder alt, fein oder groblacht,« sagte er, »die Judith hat ihn heraufgeschickt, in der Meinung, er mache uns Freude und er stehe unserm Heimkapellchen gut an. Also haltet's Maul! Und soviel sagt der Stump: Sei uns willkommen, heiliger St. Wendel, auf der Ruchegg! Und wenn du zu uns und unserer Sache nur halb so schön schaust, wie wir zu dir schauen wollen, so wird sich niemand beklagen können. Und nun, Bursche, Tschuppmoosbattistenbub, sollst du uns aber auch berichten, wie mein Schwiegersohn, der Viehhändler Tritsch auf Hochsiten, zu diesem Heiligen da gekommen ist. Das wundert mich doch fast.« Der Bändichtli lehnte seine Traggabel an den Trog und sich aufs warme Rasenbödelein daneben hinwerfend, schaute er mit gar muntern Augen zum alten Stump auf, der sich auf den Scheitstrunk gehockt hatte und, die Heugabel in der Faust, wie ein rechter Hirtenkönig aussah. Seine Holzschuhe gingen fast und gar bis an die bloßen Füße Röllchens, das nun auf dem Ende des Brunnentroges hockte und den St. Wendel in seinem Schoß hatte. »Also,« begann der Bändichtli, »Eure Judith . . .« »Die Meisterin, du Schaf!« schnauzte ihn der Alte ab. »Also, ja eben die Meisterin und ihr Mann, der Viehhändler Tritsch, lassen euch alle vielmal grüßen und da sei nun der St. Wendel, den sie euch in das Heimkapellchen versprochen haben und die Reb . . .« »Die Rebekka, du Lümmel!« »Heja, und die Rebekka soll die nächsten Tage auf Hochsiten hinunterkommen mit dem Metzgkalb, denn der Metzger Balz Schwitter habe bei uns grad eine alte Kuh abzuholen. Es gehe dann in einem, und sie brauche so das Kalb nicht bis nach Kilchaltdorf, wie auch schon, am Schwanz hineinzudrehen.« Die Reb lachte auf. »Mach', mach', erzähl' einmal!« brummte der Bauer. »Ja, ja, ich komme schon,« sagte frohgemut der Tschuppmoosjunge, »ich kann so wenig wie ein Brunnen alles, was ich drin habe, auf einmal hinauslassen. »Also, so vor einem Monat und etwas Ungerades dazu, hatte der Meister Tritsch unten im Städtlein Nidach beim alten Fürsprecher, dem Doktor Hieronimus Fink, zu tun, eines Streithandels mit einem Nachbar wegen, was Euch aber das Röllchen . . .« »Die Rahel, du Torenbub!« »Die Rahel, die ja letzthin auf Hochsiten war, schon erzählt haben wird. Und da fragte denn der Meister den alten Streitzüchter, ob er ihm vielleicht einen Heiligen, aber es müßte der St. Wendel sein, auf die Ruchegg in ein neues Heimkapellchen wüßte. Er habe nämlich versprochen, einen solchen seinem Schwiegervater zu stiften. »Also gut. Zuerst lachte der Fürsprecher ein wenig, dann aber ward er gleich wieder ernst wie ein Schattentobel und sagte, er glaube, beim alten Trödler auf dem Hauptplatz unterm Bogen könnte man so etwas noch bekommen. Der habe ja so ziemlich alles, was nicht im Paradies und in der Arche Noah zurückgeblieben sei, in seinen dunklen Ladenwinkeln drin. Und wenn er's allenfalls nicht bei der Hand habe, so wisse er's doch sicher und heilig zu beschaffen. Er glaube, man könnte bei ihm sogar die kleinen Kindlein naturfrisch geliefert bekommen. »So machten sich denn der Viehhändler Tritsch, mein Meister, und der Fürsprecher in des Trödlers Kramladen. Wie nun diesem der Fürsprecher sagte, der Meister möchte gern einen St. Wendel für ein Heimkapellchen auf den Waldbergen, führte sie der Alte zu einer großen Truhe, die voll verstaubten Gerümpels allerart war. Und da stand nun zwischen einem verbeulten, grünangelaufenen Kupferkesselchen und einem dreiarmigen Kerzenstock dieser fast zwei Fuß hohe Heilige da, mit seinem Schäferstab und daneben sei noch eine ebenso hohe, etwas abgetragene Figur gestanden, erzählte der Meister, von welcher der Krämer sagte, es sei etwas Griechisches. Der Meister habe es aber nicht geglaubt, denn er habe wohl gemerkt, daß das der Teufel und dazu gar einer mit zwei Bocksfüßen sei, denn er habe ein aalglattes Weibsbild, eine splitternackte Sünderin, in den Armen gehabt und es habe ganz so ausgesehen, als ob er mit ihr der Hölle zueile. Diese Figur habe dem Doktor Fink so gut gefallen, daß er sie dem Alten abgekauft und ihm bare hundert Franken dafür bezahlt habe.« Die Reb lachte kräftig heraus. »Lach' nicht so dumm!« machte unwirsch der Hirte. »Ja, ja,« sagte die Mager, »es wäre, glaublich, eher zum Heulen. Da haben diese arme Sünderin ja nun zwei Teufel geholt.« Alle schauten fast erstaunt auf die Mager, die aber keine Miene verzog und nur trocken ein wenig hüstelte. Aber der Bändichtli, des Tschuppmoosbattisten Sohn, erzählte weiter: »Da nahm also mein Meister, der Baschitoni Tritsch, den Heiligen, der ihm gezeigt worden war, in die Hände und sagte zum Krämer: ›Ja, Mann Gottes, wenn's mir recht ist, müßt Ihr Euch geirrt haben; wie soll das da der St. Wendel sein? Schaut her, es steht ja auf seinem Gestell ein anderer Name, Damon steht ja drauf eingekritzelt.‹ Aber da hat ihn der Fürsprecher, der Doktor Fink, der ja ein gelehrter und weitherum gekommener Mann ist und sich am End' doch nicht nur unter den Teufeln auskennt . . .« »Der alte Satan!« knurrte die Mager. »Gib Ruh!« herrschte sie der Stump an. »Was hast du denn heute immer dein Maul dreinzuhängen, du Stange?!« »Dieser Doktor Fink, der Fürsprecher, sagte nun gleich, deswegen sei diese Figur doch der St. Wendel, wenn auch Damon unter seinen Füßen stehen denn Damon heiße auf deutsch soviel als Wendel. Er werde eben im Griechischen drin, etwa in der Gegend von Arkadien und Umgebung, seine Schäferei gehabt haben. Daß er der Patron der Schäfer und der Enden sei, könne ja jedwedes Kind am Hirtenstab ansehen. Und als der Meister dem alten Trödler vorhielt, dieser Heilige habe ja keinen Heiligenschein, so habe ihn der ausgelacht und gesagt: Freilich hat er einen und sogar einen doppelten, er habe ihn nur zur Reparatur fortschicken müssen. Sobald der also zurückkomme, so werde er ihm das Statuettlein, so habe er der Figur gesagt, nach Hochsiten zuschicken. Und den griechischen Namen habe er gleich ausgekratzt. »So ist uns denn vor kurzem dieser Heilige da, über und über frisch angestrichen, samt dem doppelten Heiligenschein zu Hochsiten angekommen und sein gutdeutscher Name Wendel ist auch drunter gestanden, was ihr ja sehen könnt. Das Röll–, der Roll–, die Rahel hat ihn ja jetzt im Schoß.« »Ja, das ist aber kein Platz für einen Heiligen,« lärmte lachend die Reb. Und das Statuettlein dem Röllchen entreißend, stellte sie's zuhöchst auf den Brunnenstock, wo es dem Bergwind bedenklich ausgesetzt war. Doch da hatte die Mager den Heiligen schon in den Armen. »Macht mir keine Dummheiten,« schimpfte der Alte. »Gar schnell wäre das schöne Geschenk, das uns da die Judith heraufgeschickt hat, den Vögeln, denn unter euch Hornussen kann ja nichts ganz bleiben, was nicht von Stein und Eisen ist.« »Ja,« redete die Magere »es ist ein lieber Heiliger, der St. Wendel, er meint's gut mit dem Bauernvolk und weiß was Brauch ist im Land. Im Legendenbuch steht, wenn ich's noch recht im Kopf habe, daß er die weißwolligsten Schafe hatte und daß an ihnen wie an ihm alles Kotige und Unreine wie Regenwasser abgelaufen sei und ihm auch nicht das kleinste Fleckchen habe machen können.« »So einer solltet Ihr sein, Vater,« machte die Reb, »dann hätte man mit Euern Hosen nicht so eine heillose Arbeit, denn zuweilen ist's einem, Ihr traget an ihnen den ganzen Stall und was dahinter ist, in die Stube hinein.« Der Stump lachte. »Ja, Reblein, das möchte dir dienen, denn das Hosenputzen kann's dir nicht. Lieber als mit der Bürste werkst du mit der Axt. Meinetwegen; ist auch recht. Also, Bursche,« redete er jetzt, sich rasch erhebend und die Schultern und Arme ausweitend und wiegend, »das ist schön, daß du uns den Heiligen und das ohne ein Brestlein, dahinaufgetragen hast. Auch hast du deinen Bericht gut gemacht. Auf den Kopf bist du nicht gefallen oder dann in lauter Taubenflaum, wenn du schon bloß des Schuhmachers und Geißbäuerleins Battisten Bub ab dem Tschuppmoos bist. So nimm denn der Mager den heiligen St. Wendel ab. Derjenige, der ihn uns gebracht hat, soll ihn auch mit eigenen Händen ins Kapellchen hineinstellen dürfen. Das Röllchen kann dir den Weg zeigen. Aber du siehst ihn ja schon und das Kapellchen da unten in der Mulde auch. Doch ist's vielleicht gleichwohl vom Guten, wenn sie dir das Gitter auftut und dir den Heiligen hineingibt, wenn du ins Heiligenhäuslein gekrochen bist. Du solltest es noch wohl hineinbringen; bist ja weidenleicht und gelenkig wie eine Eidechse, oder etwa nicht? Also macht zu! Wir andern aber wollen vespertrinken, denn,« er schaute himmelauf, »der Nebel vermag uns heute nicht zuzudecken. Er hat sich völlig verzogen. Was mich anbelangt, ich muß jetzt einen Schluck gutgezuckerten, einen Schluck geistigen Schwarzen muß ich haben, denn es ist mir völlig feiertäglich zumut, seit wir unsern Kapellenheiligen hieroben unter uns haben. Er bringt uns Glück, was gilt'? Mager, tu den Kaffee über!« Dieser Zuruf wäre nicht notwendig gewesen. Seine Tochter Hagar war schon, mit einem langen, vielsagenden Blick auf das Röllchen und den Tschuppmoosjungen, der nun den St. Wendel im Arm hielt, übers Stiegenbrücklein hinauf in die Küche gegangen. Und als sich ihr nun auch der Stump polternd ins Haus hinein nachgemacht hatte, ließ das Röllchen nochmals die blauen Augen blitzgeschwind rundum gehen. Dann nahm es den Bändichtli bei der Hand und führte ihn still lächelnd in die Mulde hinein, mitten durch ihren Garten, an dessen plauderndem Wässerlein das heimelige Kapellchen stand. Wie war's doch so läubleinstill in der Mulde! Wie dufteten die Herbstblumen und wie glänzten die Brombeeren! Nein, so ganz still war's doch nicht, denn das unermüdliche Wasserrädchen in der Bachrinne klapperte munter drauflos. Es war wirklich und wahrhaftig, als ob der Tschuppmoosbändichtli ins Himmelblaue und ins Abendrot hineinküsse, als er Röllchens blaue Augen und ihren roten Mund küßte. Aber sie wehrte ihm, sie packte ihn am Hirthemd und zog ihn vor das Kapellchen. »Mach', schlüpf' hinein!« gebot sie, das Gitter auftuend, »und dann, wenn du drin steckst, will ich dir den Heiligen geben, damit du ihn aufs Altärchen unter das Kreuz der Base Anneseba aus der Stolzern und zwischen die Kerzenstöcke unseres Salamis hinstellen kannst. Gib ja acht, daß du ihn nicht zerbrichst! Wir zwei haben die Hilfe des lieben Heiligen auch notwendig, nötiger als Stall und Weiden. Wenn er uns wohlwill, nimmt er's mit dem Vater auf und da kann's sein, daß selbst er genug zu tun bekommt.« Schon stand der Bursche im Kapellchen. Sie reichte ihm den St. Wendel hinein, achtgebend, daß dessen doppelter Heiligenschein ja nirgends anschlug oder auch nur anstreifte. Er nahm ihn auf die Arme wie ein erstmaliger Vater seinen eben geborenen Säugling und stellte ihn, den Staub ringsum wegblasend, aufs Altärchen ab. Alsdann kroch er wieder hinaus und das Röllchen packte ihn bei den Armen und zog und half, bis er mit einemmal vor die Kapelle und gar über seine Liebste hinfiel. Blitzgeschwind war sie auf. Und nun jagten sie sich kreuzbodenwohlauf in der Mulde herum und überhörten völlig die Stimme der Mager aus der Küche, die sie zum Vespertrunk rief. Und als sich die Mager, gleich danach, aus dem Haus zur Mulde hinschlich und sich hinter einer Erlenstaude auf die Zehen stellte und sich zu recken und zu strecken begann, als wollte sie über die Berge hinauswachsen, sah sie ihre jüngste Schwester und den Bändichtli beim plappernden Wasserrädchen knien und zuschauen, wie's die Blumen und Blätter, die sie draufzu schwimmen ließen, erfaßte und rundum nahm. »O ihr Kindsköpfe!« rief sie aus. Aber die beiden hörten sie nicht. »Ach,« seufzte sie, »wenn ich doch nur nicht gar so eine Lange wäre und auch so ein helles Lachschellchen im Hals hätte wie das Röllchen, statt so ein langweiliges Tuthorn. Ach wenn . . . Rolli!« lärmte sie plötzlich fast wild, »der Kaffee steht auf dem Tisch. Wollt ihr kommen oder soll ich euch die Reb oder gar den Vater in euere Spielstube hinunterschicken?« Weg war sie. Donnerwetter, war der Bändichtli flink auf den Beinen. »Verrät und verrätscht sie uns jetzt?« fragte er, wahrhaftig erbleichend. »O bewahre,« lachte das Röllchen, immer noch auf den Knien, aus blauen Schelmenaugen zu ihm aufschauend, »das tut die Mager nicht, das, nein, ist nicht Stumpenart.« »Aber wenn sie's doch täte, was würdest du machen?« »Lachen!« schrie sie. Und aufspringend rief sie aus: »Tschuppmoosbub, mach' doch nicht so ein Gesicht oder ich will dich nicht mehr. Nein, so eine Blindschleiche wie meinen Vettermann, den Lehrer Beda Aloser, möchte ich denn doch nicht haben.« »Ja freilich, aber ein anderer, der wohlhabende Bäcker Burket aus dem Kilchaltdorfer Unterdorf will dich ja, und du weißt, wieviel er bei deinem Vater und wie bluterdenwenig ich bei diesem gelte. Aber ich kann nicht ohne dich leben.« Sie kicherte. »Das fragte sich noch,« sagte sie dann, »das glaube ich dir nicht und keinem, der's sagt, glaube ich's. Die Judith hat mir's schon gesagt, die Mannsleute tun nur so bis sie eine haben, doch sei's klüger, wenn man nicht alles, was sie einem sagen, mit einem heiligen Eid behaften wolle. Liebe Kerle seien sie am End' doch. Und nun komm, Bursche, wir wollen zum Kaffee. Du mußt ja danach heimzu, leider Gottes. Und was das andere angeht, was zwischen uns beiden ist und noch werden soll oder nicht, das überlassen wir nun unserm lieben hl. Wendel da im Kapellchen, aber,« sie zupfte ihn geschwind an beiden Ohrenringlein, »ich will die Augen schon auch offen behalten. Komm!« Sie übersprang ihr immer lautes Wasserrädchen und alsdann eilten sie, Hand in Hand, durch die nur noch spärlich beblümte Mulde zum nahen Ruchegghaus hinauf und hinein, just als die Stimme der Reb hinten hinaus nach ihnen lärmte. 9 Es war aber am Namenstag unseres lieben Alpenheiligen und Viehschirmers St. Wendolin, ausgangs Weinmonat, da stand das Heiligenkapellchen auf der Ruchegg wohlausgerüstet, fix und fertig bis auf die feingedrehten und beblümten Kerzen, in seiner Mulde und wartete auf die Einsegnung, denn von einer eigentlichen Einweihung war nicht mehr die Rede, da niemand in dem niedrigen, engen Heiligenhäuslein eine Messe hätte abhalten können. Immerhin machte sich der Pfarrer von Erlenstalden schon vormittags beizeiten auf die waldigen Höhen, begleitet vom alten Sigrist und zwei Knaben, die ihm als Ministranten und so oder anders in der Kirche ihre kleinen Dienste zu leisten pflegten. Der geistliche Herr besah sich das blendendweiße, niedliche Kapellchen und lobte es und aber vor allem auch die gottgefällige Absicht des Bergbauern, seines Stifters. Und als er's dann im Beisein des Matthathias Stump und seiner Töchter Hagar, Rebekka und Rahel und mit ihm zugleich das Ruchegg-Heimwesen eingesegnet hatte, wollte er gleich wieder weidab und talwärts steigen, da er einen Schwerkranken zu besuchen habe. Der Stump und seine Töchter vermochten ihn aber doch zu einem kleinen Imbiß, den sie schon bereitgestellt hatten, in die Stube des Ruchegghauses hineinzunötigem So saß er denn eine Weile und ließ sich den durchzogenen Schweinespeck mit entschälten und geschwellten Erdäpfeln und einem nachfolgenden Becken voll überquellenden Schlagrahms, mit dem Sigristen und den zwei Knaben wohlschmecken. Der alte, glatzköpfige Sigrist freilich, der mit dem Schlagrahm nicht viel anzufangen wußte, denn er sagte von ihm, er gebe um ihn nicht viel mehr als um Bachschaum, bekam von der Mager, mit der er als der Leitsängerin auf der Vorkirche besonders gut bekannt war, ein höllisch scharfes Schnäpschen zum glitschigen Speck. Dafür packte er all die Sprüche, die er wußte, frohflüssige und überflüssige, aus, bis es den Pfarrherrn genug bedünkte und er zum Aufbruch mahnte. Nur ungerne trennte sich der Sigrist von seinem Gläschen, das wie der Öltopf der Witfrau zu Sarepta nie leer stand, so oft er auch dran herumschlückelte. Kopfschüttelnd und in sich hineinbrummend, verließ er die heimelige Stube. Zu gern wäre er geblieben, um danach mit der Stumpensippe die nachmittägliche Einweihungsfeier auf dem nahen Gütsch in der Hausmatte mitzumachen. Aber all seine diesbezüglichen Andeutungen verfingen beim Pfarrer nicht, der ihn seines Schwerkranken wegen im Tale auf alle Fälle um sich haben wollte. Zwar kam der Sigrist nach kurzem nochmals zurück, denn er hatte absichtlich sein Schnupftabaktrühlein, das er noch pflegte wie einst sein Großvater, vergessen. So füllte ihm die Mager sein Gläschen noch einmal mit der unschuldfarbenen, hündisch bissigen Tranksame aus der großen Pumperkrausle, alsdann aber schob sie ihn, da sie den Pfarrer vom Föhrenwäldchen herauf nach ihm rufen hörte, sänftiglich, aber unwiderstehlich zur Türe hinaus. Also ward die Rucheggstube wieder leer und nur ein zählebiges Gerüchlein vom verflossenen Branntweingeist ging drin noch um. Aber als die Sonne nachmittags hoch über dem Bärlauistock und dem Torlauiruck stand, ward das Kapellchen in der nun völlig spätherbstlich aussehenden Gartenmulde immer schöner. Helläugig, morgenfrisch, wie ein saubergewaschenes Kind im schlohweißen Kleidchen, schaute es in die Welt. Es war ja nun gesegnet und wahrlich, wahrlich, man konnte es ihm ansehen. Es war jedoch nicht schmucklos. Efeuwinden und Brombeerranken bekränzten es um und um. Und vor dem Gitter, auf dem Gesims des Mäuerleins, lagen die letzten Waldblumen, vielglockige, tiefblaue Enziane über grüngleißende Stachelpalmenzweige, deren knallrote Beeren alles überglänzten. Unter dieses Gesims voll Spätblumen und Schöngrün aber hatte der Chläus Hülpi, ein kleindörflicher Kannalles von Hochsiten, aufs Mäuerlein die Worte hingemalt: Heiliger St. Wendolin, bitt für uns! Diese fromme Inschrift ward getragen vom Wappenschild der Stumpen, der auf Goldgrund einen grünen Baumstrunk zeigte, aus dem eine Faust mit einer Mordaxt herauswuchs. »Ja,« hatte der Stump naserümpfend gesagt, als er sich die Malerei besehen, »nun weiß kein Mensch, ob das da im Wappen ein Schlachtbeil oder eine Suppenkelle ist. So sind diese Handwerksleute im Tale. Schnell fertig kommen sie aus der Fremde heim und dann können sie gleichwohl alles mit dem Maul, nur nicht mit den Händen.« Vor der kleinen Heimkapelle klapperte immer noch das Wasserrädchen in den Tag hinein. Der Alte hatte es nun auch nicht gelitten, daß man dieses Spielzeug wegnehme, »denn,« sagte er, »dieses einfältige Wasserrädchen hat doch meiner Jüngsten, dem Röllchen, die ganze Kinderzeit durch ein Freudlein ums andere gemacht und auch mir ist's oft in der Nacht, wenn ich hab' wach liegen müssen, mit seinem Plaudermäulchen zu Hilfe gekommen und hat mir allerlei Geschichten zu klappern angefangen und mich so doch wieder zum Einschlafen gebracht.« Vor das Mäuerlein des Kapellchens aber hatte er, gleich unter dem Wappen, eine kleine Bank anbringen lassen, auf der es sich gar gut rasten und allenfalls beim Spiel der kleinen Klappermühle ein Mittagsschläfchen abhalten ließ. Kurzum, das freundliche, weiße Heimkapellchen verklärte die ganze Ruchegg und gab ihr etwas in Gott Geborgenes. Jetzt aber wartete es auf die Leute, die ihm heute, an seinem Ehrentag, zu Besuch kommen sollten. Und sie kamen. Zuerst, als die Stumpen schon fast ungeduldig zu werden anfingen und hinten zur Küche hinauf immer wieder gegen das Föhrenwäldchen hinabspähten, erschien der Bäcker und Wirt Burket aus dem Kilchaltdorfer Unterdorf. Er führte sein Roß, das er mit seinem leichten Brotwagen schon vor dem Einwintern über den mehr als holperigen Waldweg der Erlenstalder Genossame hinaufgebracht hatte. Zwar der Bäcker schritt gemächlich neben dem Gefährt her weidan, doch vertat sich drauf, so behaglich als möglich, eine weitumgehende alte Weibsperson, die Base Anneseba aus der Stolzern. Er hatte die Bäuerin zu Erlenstalden aufgeladen. Bis dorthin hatte sie auf des Viehhändlers Tritschen Fuhrwerk, für das der Waldweg auf die Ruchegg zu runsig war, von Hochsiten herfahren können. Unterwegs war sie mit dem Bäcker in ein Gespräch gekommen, das ihr und ihm erst recht zu passen schien. Nämlich, sie fragte ihn, ob er denn bei seinem großen Doppelgewerbe, der vielbeanspruchten Bäckerei und der kleinen, gangbaren, damit verbundenen Wirtschaft, nicht dran denke, noch einmal zu heiraten. Sie könne sich nicht wohl vorstellen, wie er's ohne ein eigenes Weibervolk in all dem Betrieb zu machen vermöge. Doch, hatte er ihr geantwortet, das Heiraten hätte er schon im Sinn. An seinen zwei Buben von der ersten Frau selig her habe er noch blutwenig oder mehr als nichts. Der eine sei zu Nidach auf der Handelsschule, denn er habe Talent und der andere sei in der Lehre bei einem Konditor im Welschland. – Ja, meinte drauf die Bäuerin aus der Stolzern, da könne man nicht von Hoffart und Übermut reden, wenn er wieder heirate. – Ob sie ihm eine wüßte, wollte er wissen. Da lachte sie ihn aus und sagte, er halte jedenfalls die Frauen für schauerlich einfältig und unmerkig, was man von einem Witwer eigentlich nicht glauben sollte. So wolle sie es ihm grad heraussagen: Er habe es auf die Jüngste des doppelten Matthias, zu dem er heute nicht umsonst den bösen Weg hinauffahre, abgesehen. Das habe sie schon lange heraus. Auch der Ruchegg-Stump sei da auf dem laufenden, wenn er auch sonst manches übersehe, da er seinen großen Kopf allzugradaus halte. Das Röllchen sei freilich noch recht jung für ihn, obwohl man ja eigentlich auch bei den Mannsleuten nie so ganz sicher wissen könne, wie alt oder jung einer sei, wenn er grau zu werden anfange. Doch so oder so, das sei seine Sache. – Ja, gab er lächelnd zu, es sei wahr, er ziele schon lange aufs Röllchen auf der Ruchegg. Sie habe ihn völlig verhext; er nähme sie mit beiden Händen und sie müßte es recht, was recht? fein müßte sie's bei ihm haben. Er führe ein christliches Haus und man könne ihm nachfragen, ob er mit seiner Ersten nicht durch und durch recht gewesen sei. Und wenn sie ihm nun auch etwas zu diesem Röllchen helfen wollte, müßte sie's wahrlich nicht für nichts tun. Sie wäre dann nicht nur ein gerngesehener Gast in seinem Haus und selbstverständlich die Patin zu seinem ersten Kind, er würde ihr auch ein halbes Jahr lang das Brot gratis zuführen lassen, selbst wenn sie auf dem großen Mythen wohnte. – Ja, meinte die Stolzernbäuerin lächelnd, sie wolle sehen, was sich in Sachen tun lasse, aber daß er's wisse, nicht seines Gratisbrotes wegen, denn solange die Welt stelle, habe man in der Stolzern noch nie aufs Mannaschneien warten müssen. Wenn sie da etwas tue, so geschehe es nur, weil sie's ihrem um und um wohlgeratenen, untunlichen Bäschen von Herzen gönnen möchte, daß es in ein großes Dorf und in eine schöne Sache hineinzusitzen käme. Heja, das wolle sie auch bekennen, und weil es ihr, wie allen Frauen, Spaß mache, zwei zusammenzubringen. Also hatte sich der alternde Bäcker Burket beglückwünscht, daß er die Bäuerin aus der Stolzern, trotz ihrem unverschämten Gewicht und obwohl er selber deswegen hatte absteigen und zu Fuß den Berg hinaufschwitzen müssen, auf sein Wägelchen genommen hatte. Und als sie nun auf einem langen Umweg auf das Ruchegghaus zustrebten, ward es drin lebendig und jetzt kam die Mager, als erste und längste, wie die Stolzernbase kichernd sagte, aus der Türe und bedächtigen Schrittes über das Stiegenbrücklein hinunter. Und zugleich danach hinter ihr breitbeinig der Matthathias Stump, sonntäglich angezogen, den grauen Kopf hochauf. Und ihm folgte, neugierig über die gewichtigen Schultern des kleinen Mannes hinwegsehend, das Röllchen. Kaum waren sie unten, polterte auch die Reb übers Stieglein hinab. Und während die andern die Gäste mit einem weitumschallenden, landesüblichen Bewillkommnungsgelächter begrüßten, faßte die Reb die zaghaft, ja zimperlich tuende Base einfach rundum und hob sie, so massig sie auch war, ohne viel Beschwerde ab dem Wägelchen. Aber nun wies der Bäcker Burket, nachdem er allerseits die Hände gedrückt, auf den prallgefüllten Sack, der auf dem Gefährt lag, in dem er die bestellten Langbrote hatte. Alsdann griff er nach einem großen neben dem Brotsack liegenden Paket und wickelte draus einen gewaltigen, köstlich wie ein ganzes Kornfeld duftenden Wecken. »So, Kind Gottes,« sagte er, sich ans errötende Röllchen wendend, »für dich habe ich da noch etwas Besonderes, einen Eierzopf, den ich extra für dich gebacken habe. Ich kann nicht glauben, daß jemals ein besser gebutterter Eierwecken auf die Ruchegg getragen worden ist; nicht einmal vom Weihnachtskind.« Das war ziemlich deutlich. Während der alte Stump schmunzelnd auf den anmächeligen Wecken schaute, freilich ohne ihn recht zu sehen, in Gedanken, und die Base verständnisvoll lächelte, lachte aber die Reb polternd heraus und rief: »Dieser Eierwecken sieht, beim Eidhagel, aus wie ein Wickelkind. Steig jetzt ja nicht auf die Winde, Rolli, wo unsere Wiege steht. Es ist mir, wenn du ihn hineinlegtest, könnte er auf einmal zu schreien anfangen.« »Du Weltsmaitli!« lachte der Stump auf, »was dir nicht alles einfällt. Ja, die Reb, die Reb.« Aber die Base Anneseba aus der Stolzern nahm das blutrote, jedoch gar nicht zufrieden aussehende Röllchen bei der Hand und sagte: »So, Bäschen, komm und zeige mir jetzt das Kapellchen, das wir heute ein wenig feiern wollen und wegen dem ich extra da zu euch in diese abseitige, rauhe Welt hinaufgekommen bin.« »Gern; Base,« machte das Röllchen. Also gingen sie miteinander in die Mulde hinunter, während die andern Roß und Wagen umstanden, alles einläßlich betrachtend. Und als nun die Base Anneseba sich in der Gartenmulde das funkelnagelneue Kapellchen angesehen und es und das von ihr gestiftete, geschnitzte Kruzifix ob dem Altärchen genugsam gerühmt hatte, ließ sie sich auf die kleine Bank vor dem Heiligenhäuslein nieder und zog das Röllchen neben sich hin. Alsdann begann sie zu berichten, wie es sie gefreut habe, daß sie beim Bäcker Burket habe aufsitzen und auf die Ruchegg fahren können. Und wie dieser Bäckermeister und Wirt es gut habe und wie bei dem eine zweite Frau so wohlgebettet wäre, wie in lauter Schlagrahm und wie eine zu guten Sachen und Sächelchen, zu wohlmundigen Mümpfelchen allerart käme und wie sie die Wecklein aus feinstem Weißmehl noch ofenwarm essen könnte. Und wie es heutzutage so schwierig sei für das ledige Weibervolk, recht versorgt zu werden und wie der wohlbestellteste Bergbauer es nicht vermöge, für seine Töchter und gar wenn einer fünfe habe, viel aushinzugeben, da diese magern, rauhen Bergweiden keine großen Kapitallasten vertrügen. »Kurzum, Bäschen Röllchen,« schloß sie ihren ausgiebigen Zuspruch, »wie ich's so ansehe, glaube ich nicht, daß du's irgendwo in allen Teilen so gut bekommen könntest wie beim Bäcker Burket, der ja auch noch gar nicht alt, sondern sozusagen in den besten Mannsjahren ist.« Das Röllchen hatte der Alten schön zugehört, mit einem undurchsichtigen, wunderlichen Lächeln und ihr auch die Hand, die sie in der ihrigen hielt, gelassen. Es sah aber dabei aus, als höre es mehr auf das plauderhafte Wasserrädchen zu seinen Füßen, das ja auch so allerlei zu erzählen gewußt hätte, als auf die Base. Endlich aber antwortete es: »Base Anneseba, ich weiß wohl, wie gut Ihr's mit mir meint. Nein, man kann mir nicht wohler wollen als Ihr's tut. Dennoch, seht, Base, müßt Ihr doch auch gewahren, daß ich noch nicht recht nach bin. Es will mich bedünken, ich sei fürs Heiraten noch viel zu jung. Ich werde es mir aber doch überlegen, Euch zulieb, da Ihr so weit für mich denkt. Freilich,« setzte sie nach einem starken Händedruck der Alten hinzu, »das muß ich ja auch sagen, an den Kilchaltdorfer Bäcker da hätte ich nicht zu allererst gedacht, denn,« und nun ward der Schalk in ihren blauen Augen ein wenig sichtbar, »das wißt Ihr ja auch, daß der Bäcker Burket den Chläus Hülpi, den Kannalles, von Hochsiten herrufen müßte, um sich von ihm plätzeweise frischanstreichen und eine andere Ansicht machen zu lassen. So um die Ohren und der Enden herum ist der Meister Bäcker doch schon katzgrau. Und da es aber keine grauen Weidenkätzchen sind, kann man von ihnen auch keinen lustigen Mai erwarten.« Lautauf lachte die Stolzernbase. »Du Fratz du, du Erzschalk!« sagte sie wohlgelaunt, »ja, da hast du schon recht, das kann dir niemand durchtun. Aber,« und nun gab sie sich eine heillose Mühe, wieder ein ernsthaftes Gesicht zuweg zu bringen, »aber Kind Gottes, wenn zwei sich erst haben und wenn einer recht und lieb zu einem ist, so vergißt man sowas. Schau', das habe ich schon oft gewahren können, Röllchen, bei den Mannsleuten und sonderheitlich den jungen, wird die Liebe nach der Hochzeit leicht brüchig, aber bei uns Frauen nimmt sie zu, oft hochwassermäßig, sag' ich dir. Ja, eigentlich kommt bei vielen Frauen das Gernhaben erst nachher, wenn sie sich an ihren Adam etwas gewöhnt haben. Und zudem, glaub' mir's, ist schon manche junge Frau, die einen Älteren genommen hat, gottenfroh gewesen, daß sie dann ja immer jünger war als ihr Mann, denn da hat er den Appetit nach ihren Küssen und all den verliebten Narreteien nicht so leicht verloren und ist ihr nicht schon in den ersten Zeiten der Ehe wie ein heikelnäschiger Geißbock durch den Hag auf eine andere frischgrüne Weide davon. Wenn ich da reden und berichten wollte von alledem, was ich erfahren habe und etwa auch aus Eigenem weiß, du würdest allerlei Augen machen. Sowieso, Bäschen, ein Teil Leute verjüngen sich durchs Heiraten, das ist einmal wahr. Beim Weibervolk kannst du's ja oft genug sehen, denn aus alten Jungfern gibt's alleweil junge Frauen. Aber das kann auch bei den Männern vorkommen. Und dann, wenn eine halt versorgt ist und Kinder hat, so sind diese ihr die Hauptsache und der Mannskerl, ob er mehr oder weniger gut federt, es . . .« »Base,« machte das Röllchen, »ich meine, wir müssen uns wieder hinauf zum Haus machen. Hört Ihr's nicht?! Gewiß sind wieder Gäste oben angerückt.« Richtig, oben war wieder ein Gelächter und lautes, frohes Getue. So machten sie sich denn, ziemlich rasch, so rasch es der rundum wohlgebauten und völlig eckenfreien Stolzernbase ihr Atem und ihr umständliches Gangwerk erlaubten, aus der Mulde und in den Ruchegghof hinauf. Da konnten sie gleich den Viehhändler Baschitoni Tritsch von Hochsiten und die Judith begrüßen helfen, was sie auch von Herzen taten. Ja, das Röllchen umhalste ihre Schwester in ganz unbäuerlicher, auf der Ruchegg noch nie erhörter Weise. Und wohl ein dutzendmal fragte sie die in Gesundheit strahlende Judith: Was macht unser Büblein, was macht der Zacharisli? Aber auch die Base aus der Stolzern wollte wissen, wie sich ihr Patenkind befinde, wie's mit dem Zahnen sei und ob er bald einmal stehen könne. Die Judith, die doch die älteste Stumpentochter war, schien wahrhaftig noch jünger geworden zu sein, obwohl sie jetzt noch um ein Häftchen oder ein Knopflöchlein breiter aussah. Alles lachte an ihr. Und das alles kam aus ihren stillen, klugen Augen, die einfach alles Schattenhafte hinwegsonnten. Aber jetzt nahm der stämmige, immer gewichtiger werdende Viehhändler Tritsch seinen jungen Knecht, dem Tschuppmoos Bändichtli, die Traggabel ab und nachdem er sie an den Brunnen angelehnt hatte, enthob er ihr ein halbes Dutzend bauchiger Flaschen voll Rotwein, die er auf das Ende des hölzernen, fleißig von Ameisen begangenen Brunnentrogs vor den Alten hinstellte: »So, Großvater,« sagte er, »da hat Euch die Judith einen Tropfen vom Mehrbessern gerüstet und auf die Ruchegg tragen lassen. Flaschenwein, Stump, urchiger Flaschenwein und das eine teure Sorte von einem ehrwürdigen Jahrgang. Ich habe sie einem welschen Viehhändler an eine Schuld hin abnehmen müssen.« Er griff eine Flasche auf und hob sie gegen die Sonne: »Seht, was für ein Färblein! Da drin wachsen die roten Backen, zum einen für die Jungen, die sie noch nicht haben und zum andern für die Alten, die sie schon nicht mehr haben. Was meint Ihr, Stolzernbase, wollt Ihr Euch nicht auch noch für ein Zeitchen solche anschaffen? Vielleicht könnt Ihr's dann dem Schwiegervater da, unserm Vater Stump, antun. Ist ja auch Witwer und wenn ihr allenfalls zusammenkommen wollt, so müßt ihr euch jetzt sputen, über den Graben zu setzen, bevor euch die Beine streiken.« Alle lachten fröhlich auf und der Alte sagte: »Ja, wenn die Base Anneseba noch die wäre, die sie vor zwanzig bis dreißig Jahren gewesen ist, täte ich mich nicht lange besinnen.« »Freilich,« meinte schmunzelnd die Base Anneseba, »aber dann, mein lieber, guter Vettermann, müßtest du dich eben auch frisch anstreichen oder noch lieber völlig wenden lassen, denn ich möchte auch lieber einen Jungen.« »Das glaube ich!« lärmte die Reb und ihr Gelächter verschlang die Lustbarkeit der andern völlig. »Also gut,« redete der Viehhändler weiter, die Flasche dem kleinen Hirten überreichend, der sie sich noch näher besehen wollte, »Großvater, das ist nun unser Festwein, denn ein pechschwarzer Kaffee, und wenn er noch so himmlisch gezuckert und höllisch geschnapst ist, tut's uns heute nicht. Es schickt sich auch nicht, so etwas, das man alle Tage haben kann, bei diesem besondern Anlaß aufzutischen. Dieser Rotwelsche aber, Stump, das sag' ich Euch, macht aus Euch bis zum Zunachten aus einem doppelten Matthias einen vierfachen, so daß Ihr, wenn ich's recht rechne, auf acht Beinen vom Gütsch da oben in der Hausmatten in die Rucheggstube und hinterm Ofen hinauf in die Elternkammer kriechen könnt.« Aber ins laute Auflachen der andern redete jetzt der Alte, doch etwas verärgert über seinen Spottnamen, den ihm sonst niemand ins Gesicht zu sagen wagte: »Baschitoni, schau' du für dich, tracht' du nur, daß du dich auf deinen zwei Beinen zu halten vermagst, denn es ist schon mancher Viehhändler und Senntenbauer unversehens auf den Hintern zu liegen gekommen, wenn er zu großhansig gewirtschaftet hat, obwohl er ja, wenn man sein Sennten Kühe dazuzählt, die doch auch zu ihm gehören, fast auf anderthalbhundert Beinen gestanden ist. Verstehst jetzt das?!« herrschte er seinen gelassen lächelnden Schwiegersohn an. »Der Stump, der Stump, der Stump!« lärmte die Reb, als wolle sie zum Angriff hornen. »Großvater,« sagte die Judith, sich an den Alten anschmiegend und ihm über das schlechtrasierte Gesicht und die Wirrnis seiner grauen Haare streichelnd, »müßt's nicht so nehmen. Wie kann denn ein so verständiger Mann wie Ihr's doch seid, eines wohlgemeinten Späßchens wegen gleich so in Harnisch geraten! Der Baschitoni hat Euch ja nur nach seinem Festwein gelüstig machen wollen. Bei Gott, unser Zacharisli würde Euch gewiß mit verwunderten Augen anschauen, wenn er einen Großvater sähe, der so wegen nichts und wieder nichts wild wird.« »Bist ein Schatz,« machte der Stump, seine Tochter in den Arm kneifend. Und seinem Schwiegersohn stumm die Hand drückend, sagte er, die Rotweinflasche nochmals angelegentlich beaugenscheinigend: »Etwas Besonderes muß also schon an Geistern da drin umgehen, denn diese verpfropften und gar noch versiegelten Flaschen machen einen schauerlich guten Eindruck. Am End' bekommst du doch recht, Baschitoni, daß der ganze rote Spuk, der da drin steckt, mit uns allen Ringelreihen spielt, sobald er heraus ist. He, was schert mich das? Heute ist der heilige St. Wendelstag und die Einweihung seines Kapellchens auf der Ruchegg. Ja, Sackerzuckerdonnerwetter, da darf unsereiner und andere Leute auch, denk' wohl, etwas festen und drantun. Mein Laubbett,« lachte er auf, »ist ja, gottlob, nicht weit weg.« Und nun wandte er sich an seines Schwiegersohnes aufmerkenden Knecht und sagte, die Arme wiegend, als wollte er zu einem Anlauf über einen Bergbach ausholen: »Tschuppmoosbattistenbub, pack' die Tranksame da wieder zusammen und bring' sie auf deiner Traggabel da auf den nahen Gütsch in der Hausmatte! Hinter dem kurzen Erdhöcker gibt's einen Tisch, den uns der Chläus Hülpi, der Kannalles, vorgestern zuweggerichtet hat. Auf den stellst du die Flaschen ab. Aber daß du mir keine zerbrichst, du Haspel! Sonst bist dann alt genug. Röllchen,« redete er zu seiner Jüngsten, die auffallend rasch zur Hand war, »geh mit dem Ledigen da hinter den Gütsch und nimm ihm hinter dem Rainlein die hoffärtigen, petschaftierten Flaschen ab. Sicher ist sicher. Kannst auch gleich einen Armkorb mitnehmen und drin des Bäckers Langbrote da hinauftragen und wenn du willst, auch deinen großen Eierwecken. Wenn wir ihn dir heute auch aufessen helfen, was gilt's, der Meister Bäcker Burket da hat dir bis zu Weihnachten wieder einen andern im Ofen oder etwa nicht?« »Allweg gewiß,« machte, aber nicht eben frohlaunig, der Bäcker, da er sehen mußte, wie eilfertig das Röllchen im Haus verschwand, um einen Korb zu holen. »Lieber wär's mir aber, wenn ich die Brote und den Eierzopf grad selber auf den Gütsch da oben tragen könnte, denn für dein Röllchen, Stump, ist das alles zu schwer . . .« »Herrje, Bäcker,« warf der Alte ein, »zu schwer! Da hast du jedenfalls keine Ahnung davon, was für eine Verfassung wir Stumpenleute in den Knochen haben und wie uns die Oberarme anschwellen können.« »Das Knechtlein da,« sagte aber der Bäcker, mit einem abschätzigen Blick auf den Tschuppmoosjungen, der die Traggabel samt Flaschenkorb schon wieder auf dem Rücken hatte und der mit brennenden Augen an die Haustüre hinaufsperberte, »der Bursche kann ja unterdessen mein Roß einstallen, wenn doch das Röllchen die Langbrote tragen soll. Den Wein will ich dann schon auf den Buckel nehmen.« Der Viehhändler Tritsch, so Manns genug er sonst war und der nicht das Gesicht hatte, in dem man jeden Gedanken konnte aufsteigen sehen wie die Blasen in einem Krötenweiher, vermochte jetzt doch ein Grinsen nicht völlig zu verwinden. Aber im Hui schaute er wieder giltmirgleich, fast ernst drein, während die andern nicht recht zu wissen schienen, was sie mit den gottverliehenen Augen anfangen sollten. Aber die Judith lachte munter, harmlos auf und sagte zum Bäcker: »Meister, seht Ihr denn nicht, habt Ihr's, scheint's, gar nicht gemerkt, daß die Mager, meine Schwester, mit Euerm Gefährtlein zur Scheune gefahren ist und das Roß eben vor dem Stall ausspannt? Das ist also so gut als besorgt, denn was die Mager macht, wird recht gemacht. Für Euch aber, das muß ich schon sagen, schickt es sich doch kaum, für solch einen Mann aus dem großen Dorf, sich mit dem Korb herumzuschlagen. Das ist doch Gesellen- oder Knechtenarbeit.« »He, potztausend,« machte merkbar ungehalten und aber auch verlegen der Bäcker Burket, »tut doch nicht so dumm. In meinen jungen Jahren habe ich den Korb so viel auf dem Buckel gehabt, daß es mir mehr als einmal war, er sei mir angewachsen.« »Ihr Leute, ich meine halt,.« redete jetzt die Base aus der Stolzern, »wenn's unserm lieben, werten Gast aus dem Dorf Freude macht, sich, bevor wir da unten in der Mulde vor dem Kapellchen Andacht halten, ein wenig herumzusteigen und die jenseitige Welt selbander vom grünen Hausmattengütsch aus jetzt schon ein Weilchen anzusehen, so sei das . . .« »Nein,« sagte jetzt laut der alte Stump, der den Braten völlig roch, der aber seinen voraussichtlichen Schwiegersohn mit den angegrauten Schläfen nicht vor dem Viehhändler und den andern lächerlich werden lassen wollte, »nein, Meister Burket, bleib hier. Wir gehen ja alle zusammen bald hinter den Gütsch. Ich hab's dasmal doch fast mit der Judith, ich meine auch, es täte sich für dich nicht recht schicken, Burket, so den Tragesel zu machen. Hast du mir nicht das Haargleiche auch vorgehalten, Bäcker, als ich dir die letzte Woche auf einer Traggabel eine Last von dem Dürrfleisch ins Haus gebracht habe, das du mir aus dem Kamin abgekauft hast?« »Heja,« schnörzte die Reb, »es war auch einfältig genug von Euch, die schweren Längs gedörrten Schweine- und Rindfleisches bis nach Kilchaltdorf hinabzutragen, aber Ihr habt's mich ja nicht tun lassen wollen.« »Reblein,« machte der Hirte, »es wäre dir auch schwer geworden, denn wenn ich nicht beim schnorfigen Jogg, beim Mann des Knollaugs im rittigen Stutz, samt meinem Dürrfleisch auf die Torffuhre hätte aufhocken können, wäre ich wieder umgekehrt.« »Was schwer geworden?!« maulte die Reb. »So ein paar Arme voll gedörrtes Rindfleisch von einer alten Kuh. Ihr wißt doch wohl, daß ich schon mehr als einmal, ungänge, widergrindige Kälber, so bergbäuerliche Zöglinge, sagt allemal der Sigrist, wenn sie nicht nachkommen haben wollen, einfach auf den Armen dem Metzger Balz Schwitter ins Kilchaltdorfer Unterdorf zugetragen habe, ohne deswegen am Weg viel abzuhocken.« »Ja, ja, du bist etwas,« schmunzelte der Alte, »und Bursche genug wärst du, ein Roß zu unterlaufen und es einfach auf den Buckel zu nehmen, samt seinem Reiter, wie's unsere Vorväter, die alten Eidgenossen, einst im Krieg gemacht haben sollen, als sie ihre Haut den fremden Herren um Geld verkauft haben.« Wohlgefällig ruht sein Auge auf der Reb, die mit ihren bloßen flaumigen und braungebrannten Armen in den überfließenden Brunnentrog hineinfuhr, in den ihr bei ihrem heftigen Tudichum ein Kamm gefallen war. Aber nun rannte das Röllchen, eine Zaine am Arm, aus dem Haus und übers Stiegenbrücklein herunter. Ihre roten Wangen sangen und ihre blauen Augen jauchzten mit allen Engeln im Himmel um die Wette Halleluja. Und da war sie beim Brunnen und da zog sie mit dem eilfertigen Tschuppmoos Bändichtli auch schon ab, und zwar so gleitig, als fürchtete sie, der Bäcker könnte ihnen, wie der böse Zauberer im Märchen, doch noch nachlaufen. Die Judith lächelte ihr stilles Lächeln, dem man aber wie einem klaren, aber zu tiefen Wasser, doch nicht auf den Grund sehen konnte. Die Base Anneseba hatte es sauersüß in den Mundwinkeln und der Viehhändler Tritsch klopfte der Reb auf die Achsel und sagte, um doch etwas zu sagen: »Ja, ja, du Weltsbursche!« Aber der alte Stump horchte rainab: »Wenn ich mich nicht täusche und meinen vielgebrauchten Ohren noch trauen darf,« sagte er, »so steigt da wieder jemand durchs Föhrenwäldchen herauf. Wird etwa der Balz Schwitter sein, der Metzger, denn der Mensch lebt nicht allein von Brot,« machte er lachend zum Bäcker, der schweigsam vor sich hinsah, »sondern auch von gesottenen Schweinswürsten.« Und gleich lauschte er wieder rainab. Der Bäcker Burket aber machte sich gelassenen Schrittes, um seinen Verdruß vor der Alten aus der Stolzern, die ihn bedauernd, aber auch wieder ermunternd ansah, besser verbergen zu können, auf die nahe Scheune zu. Ach was, es kann mir ja gleich sein, dachte er, ob der junge Schnaufer das Maidlein auf den grünen Gupf da hinaufbegleitet oder ich. Zum Anbeißen kommt er jedenfalls doch nicht, selbst wenn er ein ganzer Luchs wäre. Ist ja am End' nur ein halbfertiges Knechtlein und eines nichtsigen Hühnerbäuerleins Bub, dessen schuhflickender Alter mir noch für ein Vierteljahr das Brot schuldig ist. Die Stumpentöchter tun's aber nicht so billig; sie wollen einen eigenen, zuverlässigen Boden unter sich wissen oder in Aussicht haben. Wenigstens das Röllchen, das auch zu Kilchaltdorf und Nidach viel zu gelten käme, ohne daß man's auf den Markt aufführen müßte, wo es freilich den Preis ums Weibervolk bedenklich hinauftreiben könnte, will sich gewiß ins volle hineinsetzen und es schön haben. Da brauche ich mich also nicht zuviel zu kümmern. Es ärgert mich nur ein wenig, daß sie so flink bereit war, mit dem Gagelbuben zu gehen und daß sie ihm gar den Eierwecken, an den ich doch extra für sie einen halben Butterstock angewandt habe, zu tragen gab. Er hat ihn wie ein Wickelkind im Arm gehabt. »Meinetwegen, ich pfeif' drauf!« sagte er laut denkend. Was ihn aber fast am meisten zu ärgern schien, war der Gedanke, daß er sich bei seinen bestandenen Jahren eigentlich doch vor dem kleinen, grauen Hirten, der soviel auf sich hielt, wie auch vor der Alten aus der Stolzern und vor Viehhändlers ab Hochsiten, dumm aufgeführt, ja lächerlich gemacht habe. Sie wußten ja doch alle gut genug, in welchem Spittel er krank war. Mit dem doppelten Matthias hatte er sich ja, wie man so sagt, so durch die Blume so gut als verständigt. Ja, da konnte es ihm nicht fehlen; der Stump wäre sicher froh, wenn er das Röllchen aus seiner Hochweid, aus diesen windigen Rauhenen, mitten in eine Kilchaltdorfer Backstube unter die frischen Brote und Wecken und süßen Stücklein hineinsetzen könnte. Überlaut hatte es ihm dieser, sonst so hochgetragene, gute Hirte zu merken gegeben. Nun, das war ja begreiflich. Wenn sich's eben ums eigene Kind handelt, kennt ein Vater nur einen Stolz: ihm so gut und so weit als möglich durch die hag-, ja haushohen Schneewächten allerart ins frostige Leben angewegt zu haben. Also der Alte wäre mir gewiß, sagte er sich, aber seine jungen Leute und gar seine Jüngste? Da komme ich nicht recht draus. Oft einmal, wenn sie so blaue Augen an mich hinmacht und mich freundlich anlächelt, ist's mir, ich könne ihr's noch ordentlich. Und dann wieder, wenn ich tiefer ins Blaue hineinwill, wird's mir auf eine gewisse Art schwindlig, grad wie letzthin auf der Mieserngamsscharte, wo ich auf einmal gemerkt habe, daß ich muttergottseelenallein war und ins Leere hineinfallen könnte. Die alte Tasche aus der Stolzern hat mich bisher noch nicht viel gefördert bei der blauäugigen Unruh. Nun, was nicht ist, kann noch werden. Auf den Gütsch komme ich heute sowieso und wenn nicht alles den Krebsgang geht, auch ans Röllchen. Ein Erzgeschirrlein ist's, das ist sicher; sie hat den Schalk in allen Fingerspitzen und bis in die Zehennägel hinunter. Ich möchte aber heute etwas vorwärts bei ihr kommen. Solange man das Weibervolk nicht fest am Gürtel und in der Kammer hat, hat man's nicht. Und auch da ist man einer noch nicht gewiß und wenn man sie wie einen Hofhund an einen ankettet, ob sie nicht irgendein Seidenfädelchen an einem Bein hat, das ein anderer in den Händen hat und woran er sie ab allen Ketten, aus Kammer und Haus, über Berg und Tal und durch Fegfeuer und Hölle von einem wegschleifen kann. Nun, ich habe ja wachbare Augen und bin kein heuriges Kaninchen mehr. Ich werde mich schon in acht nehmen. Da war er ja vor der altersbraunen, nicht mehr völlig erdbebensicher auf ihrem Grundmäuerlein stehenden Scheune und schon trat er in ihren ziemlich dunklen Stall, wo des Stumps lange Tochter, die Mager, eben seinen Rotfuchs zu den Kühen an den Barren stellte. Es lächerte ihn fast, zu sehen, was die neun Kühe und gar von der andern Seite, aus einer spinngewebeverhangenen Dämmerung, die meckernden Ziegen, für Glotzaugen auf sein kräftiges Roß machten. Aber dann sah er mit Befriedigung, ja, mit Vergnügen und wachsender Aufmerksamkeit, wie selbstverständlich recht und ruhig die schlanke Hagar es mit seinem Roß machte. Wie sicher sie um den trämpelnden Fuchs herum war und wie sich das noch junge, kluge Tier gleich in sie fand und ihre Hand willig, ja gern anzunehmen schien. Sie entschuldigte sich, daß sie dem Gaul mit keinem Haber aufwarten könne, doch wolle sie ihm vom besten, sonnenwarm eingebrachten, gutgeratsamten Öhmd geben. Alsdann begann sie mit ihm über sein Roß zu sprechen und wundern mußte er sich, wie sie da gut berichtet war. Sie habe das nicht etwa von der Mutter her, sagte sie auf seine bezügliche Bemerkung, sondern von einem Aufenthalt bei ihrer Vetterschaft in Richels Erlenbühl. Dort habe man ja immer Roßzucht getrieben. Und da sei sie nun, als dem Petertoni im Erlenbühl die Frau von einem halben Dutzend kleiner Kinder weggestorben sei, zur Aushilfe drei Jahre lang, selber noch ein halbes Kind, eingestanden. Und als sie nun in ihrer ganzen Länge neben ihm beim Roß stand und es ihm, nachdem sie's vorder gerühmt und seine Vorzüge namhaft zu machen versucht hatte, nun auch eingehend kritisierte und es bei aller Rassigkeit etwas zu hoch und zu heubauchig, aber für seine breitausgeladene Schwere zu dünnbeinig erachtete, rückte er ihr noch näher, immer angelegentlicher zuhörend. Und auf einmal fand er, als er sie einläßlicher anzuschauen begann und ihre hellbraunen Augen ein paarmal freundlich, fast zutraulich, über ihn gekommen waren, daß diese zweitälteste Tochter auf der Ruchegg wohl etwas gar weit hinaufging, aber eigentlich gar kein plumpes Bauernfünfe, sondern eine Jungfer sei, die allerlei Anziehendes habe und die unter ihrer Trockenheit vielleicht lebhafte Grundwasser verberge. Und nun fiel ihm auch die Überfülle ihrer Haare auf, die ihr vorhin, wie sie beim Futterrüsten durchs Trüschiloch schlüpfte, aufgegangen waren, sie allseitig überströmend und die sie jetzt wieder schnellfingerig zopfte. Und als sie nun so neben ihm stand, ihn helläugig, fast lieb anlächelnd, wie die Frühlingssonne, die im Augenblick eine frostige Stube in eine warme umzaubern kann, und wie ihm ihre binsenroten Zöpfe, die sie dreifältig um den Kopf band, fast in die Augen kamen, ward es ihm ganz wunderlich. Seine Hand hob sich wie von selbst, völlig eigenwillig und schien sich der Mager auf die Schulter legen zu wollen. Aber da war irgendwo draußen ein Auflachen und jetzt standen blitzgeschwind zwei blaue, knisterndblaue Augen vor ihm. Seine Hand kam anstatt auf die hohe, stillwartende Achsel der Hagar, auf den Hinterteil seines Rosses zu liegen. »Ich meine, es ist wieder ein Besuch angerückt oder doch im Anzug,« redete er. »Das mag wohl sein,« antwortete sie tiefstimmig, »da wollen wir uns jetzt hinausmachen und sehen wer's ist.« Ohne weiteres vor ihm hergehend, schritt sie gemächlich, gradauf aus dem Stall. Der Bäcker aber machte sich ihr nach, zwiespältig durch und durch, fast ungern den dumpfluftigen Stall verlassend. Es war ihm, als müsse er drin noch etwas suchen, das ihm eben entfallen sei. Als er jedoch ins Freie hinauskam und der blaue Himmel über ihn hereinfiel, lachten ihn draus zwei glitzerige, schelmisch zwinkernde Sternlein an, die einzigen Sterne, die für ihn am Himmel möglich schienen und die einzigen, von denen er glaubte, sie könnten ihn ins Gelobte Land hineinführen. Nein, ging's ihm durch den Sinn, sie ist gewiß ein sauberes, ja, und ein anmächeliges Geschöpf, diese Lange, bei all ihrer Trockenheit, aber das Röllchen . . . Er konnte seine Gedanken nicht weiter ausspinnen, denn da gingen sie ja schon auf den Brunnen zu, vor dem eben Schullehrers von Erlenstalden, der Salami und etwas hinter ihr heransteigend ihr Mann, der Beda Aloser, angekommen waren. Diese hatten sich bereits mit den andern begrüßt und nun bewillkommneten sie auch die herankommende Mager und den noch etwas ernsthafter als sonst dreinschauenden Bäcker Burket. Doch gab sich der einen Ruck, rasch bedenkend, daß des Schulmeisters Frau auch Röllchens Schwester sei und schüttelte ihr und ihrem sich ihm fast schüchtern entgegenwindenden Lehrer die Hand nachdrücklich. Und nun betrachteten alle, der alte Stump nicht ohne ein wenig die Nase zu rümpfen, die neuangekommenen Gäste, vorab den Salami. Sie bemühte sich aber auch, ihre ganze drallpralle Person gehörig ins Licht zu rücken, wobei ihr neues Kleid aber besonders zur Schau kommen mußte. Es war buntgesprenkelt und seine Farben schrien fürjo und mordjo! und sprangen den andern fast ins Gesicht. Sie hatte den Stoff dazu, wie sie bald genug und mit rasch werkender Zunge dartat, einem patentlosen Hausierer aus dem Volk Gottes spottbillig, aus lauter Erbarmen abgenommen und ihn dann von der Schneiderin im Hinterdorf zu Kilchaltdorf zum festlichen Gewand gestalten lassen. Als man sie genug bewundert hatte, bemühte sie sich, mit vielen Reden, ihren Mann, den Lehrer, etwas mehr ins Licht zu rücken, denn er liebte oder verstand es, sich immer etwas unsichtbar zu machen. Es mochte aber auch daher kommen, daß er immer im Schatten zu stehen schien, wo er auch stand. Nun, viel gab's an ihm eigentlich nicht zu sehen, denn sein dunkles, schon ziemlich abgetragenes Hochzeits- und Sonntagsgewand hatten sie doch schon reichlich betrachten können. Der Schulmeister kam aber nicht recht dazu, sich zu zeigen, denn seine Frau, der Salami, staubte ihn immer wieder ab und anläßlich auch zugleich allweil wieder flüchtig das Bollwerk ihres Herzens, es blitzgeschwind links und rechts überschauend, um sich zu vergewissern, daß nun alles einwandfrei und erzsauber sei. Was aber den alten Berghirten, den Stump, wunderte und heiter stimmte, war die Gitarre, die sein schulmeisterlicher Schwiegersohn am Rücken, der ihm immer über den Kopf hinauskriechen wollte, trug. Obwohl er ja wußte, daß der Lehrer die kleine Orgel zu Erlenstalden zu spielen verstand, gar soviel Musik hatte er doch nicht hinter ihm vermutet. So sah er doch, beim Strahl, auch nicht aus. Er mußte kurz auflachen, als er ihn näher besah. Sein Schwiegersohn kam ihm mit seiner Gitarre am Rücken vor wie eine aufgerichtete Riesenschildkröte, die sich dreht und windet, um ihre Schale von sich abzutun. »Herrgottabeinander,« lachte aber jetzt die Reb heraus, »jetzt schaut einmal unsern Vetter, den Lehrer an, er hat eine Zupfgeige auf dem Buckel! Nimmt mich der Teufel wunder,« wandte sie sich an ihn, »was du damit anfangen willst, Schwager. Hoffentlich tönt die schöner als die Schulbuben, wenn du sie zupfst.« »Ei, du grobe Schelle,« schnellte sie der Salami an, »laß mir meinen lieben Beda in Ruh. Und sowieso: du wirst dich über seine Zupfgeige noch wundern.« Sie wandte sich gleich von ihrer lachenden Schwester weg und dem viereckigen Zainlein zu, das der Lehrer am Arm hatte. Dem aber entnahm sie einen gebratenen, dem Anschein nach keineswegs in seiner Jugend hingerichteten Hahn. »Vater,« redete sie mit kreischender Stimme, »es soll uns niemand nachsagen, wir seien wie die Fecker mit leeren Händen vor Eure Türe gekommen und mit vollen Schürzen wieder weggegangen. Ich habe gedacht, man könnte Euch an diesem St. Wendelstag zur Feier des Hauskapellchens keine größere Freude machen, als wenn man Euch etwas Feinschmeckendes, Lindes und in allen Teilen Wohlbekömmliches zutrüge. Nun hat mich zwar die Judith mit ihren petschaftierten Flaschen ausgestochen. Gleichwohl, auch vom dickrotesten und meisterlosesten Wein wird niemand satt, er mag so voll davon sein als man's sein kann. So nehme ich an, der junge Gockel da, der ein ganzes Geläuf trauernder Witwen hinterläßt, gefalle Euch auch, Vater. Er wird Euch nur so zerschmilzen zwischen den Zähnen. Kein Fisch, was kein Fisch? kein Erdapfel, sag' ich Euch, kann weniger Gräte haben. Es war sozusagen mein vornehmster, tüchtigster Gockel. Ein Gockel für einen Herrenhühnerhof. Ich hätte ihn, wahrlichgott, an keinen andern vertauscht und wenn man ihn mir, wie den Gockel auf einer reformierten Kirche, über und über vergoldet hätte. Ihr seht also, Vater, daß ich Euch heute auch etwas Rechtes habe zuhalten wollen.« »Ja, ja,« sagte der Alte, die Augen immer auf dem hochgelobten Hahn, »du meinst es ja gut mit mir, das weiß ich. Aber gar so ein Geschwemm brauchst du doch nicht über diesen Gockel da zu machen, als ob du ihn mir noch extra mit Honig einbeizen müßtest. Ich bin ja wohl zufrieden mit ihm, wenn er nicht zu zäh ist, denn, nimm's nicht für ungut! aber ich muß an jenen gallenbittern, zähledrigen Auerhahn denken, den du seinerzeit selber geschossen hast und den wir alsdann an deiner Hochzeit hätten abnagen sollen. Ich sage dir jedoch Vergeltsgott, denn am End' kommt nicht alles auf den Gockel an, ich nehme den Willen fürs Werk, Sulamith.« »Aha,« schimpfte der Salami los, »also kann ich's Euch bloß so gut vertreffen, Vater. Und zum Dank für meinen jungen, vollfettigen Gockel, der ein schneetaubenweißes Fleischlein hat, mindert Ihr mir noch den schönen Auerhahn herab, den der Hutmacher von Nidach durchaus hat ausstopfen lassen und in sein großes Ladenfenster ausstellen wollen. Am liebsten nähme ich den Gockel wieder mit heim. Und ich habe ihn für Euch doch so sorgfältig gebraten. Nein, Euch kann man doch nicht leicht etwas recht machen. Wenn ich's gewußt hätte, wie man meine Gabe aufnimmt, wäre ich, St. Wendel hin, St. Wendel her, lieber daheim zu Erlenstalden bei meinen Säuen geblieben. Aber Ihr seid immer mit mir am unleidlichsten und unverträglichsten gewesen und habt mir die andern Töchter vorgezogen. Und ich habe doch . . .« »Sei doch still, du Einfalt!« machte der Stump. »Du bist auch alleweil die unverträglichste gewesen und hast mir wegen jedem Drecklein und wegen jedem Vorhalt, den ich dir als dein Vater meinte machen zu sollen, ein böses Maul angehängt, sobald du hast reden können. Und, ja wahrlichgott, du hast's viel zu früh gekonnt. Mußt du dich da wundern, daß mir's nicht immer zum Herausjauchzen ist, wenn ich dich ansehe. Dein Maul, das über alles und oft recht lieblos, seine Tunke ausgegossen hat, hat mir das Lachen zuoft verschlagen. Dennoch bist du eine Stumpentochter und hast mir auch schon und nicht wenig Freude gemacht, das will ich dir nun auch sagen. So gib aber einmal Friede und meine nicht immer, die Welt gehe unter, wenn du nicht in allem und jedem das letzte Wort hast und laß auch andere und andern etwas gelten. Du bist nicht der einzige Kopf. Übrigens, wir sind jetzt heute da beisammen wegen dem Kapellchen des heiligen St. Wendel, was wir dann daoben hinterm Gütsch noch besonders etwas feiern wollen. Und sowieso,« redete er aber auf einmal starkstimmiger, mit tieffurchiger Stimme, »du weißt ja, daß mit mir nicht so gut Krieg anzufangen ist wie mit deinem Beda, wo du freilich keine Schlacht verlieren kannst, weil's der gute Schulmeister keinenfalls zum Kampf kommen läßt. Ja, ein guter Mann, unser Lehrer,« rief er aus, seinem zusammenknickenden Schwiegersohn auf die schmalen Schultern klopfend, von denen die Arme wie Dachkennel im Gewitter herabhingen, »einer, der auch das Zeug zum Märtyrer hat, auf daß man ihn einstmals im Kalender rot anstreicht oder gar auch in ein Heimkapellchen hineinstellt. Aber sei er wer er wolle, er hat ein währschaftes Weib, mag sie ihn nehmen wie sie will, eine Stumpentochter. Wenn's eine wert ist und verdient, einen Mann zu beherren, der seinerseits mindestens ein halbes Hundert rauhwolliger Bauernbengel regiert, so ist's unser Salami. Respekt vor dir! Aber jetzt kommt! Ich meine, nun wollen wir in die Mulde hinunter, zu unserm lieben heiligen St. Wendel.« Alles lachte und war bodenwohlauf gestimmt. Sogar der Salami lachte kreischend mit und nur der Schullehrer Beda Aloser zeigte ein Gesicht, aus dem grad so gut ein Weinen wie ein Lachen hätte werden können, aber es verglaste also unabgeklärt. Aber da war's, als ob dieses glasige Angesicht plötzlich in Scherben ginge, denn der Schullehrer fuhr erschrocken zusammen. Ein Tannzapfen, der plötzlich an die Hauslaube aufschlug, war ihm auf den Kopf gefallen. Und jetzt flog noch einer an die Laube und einer gar aufs Hausdach und rollten beide den Untenstehenden vor die Füße. »Aha,« lärmte die Reb, als sich alle überrascht, fast erschrocken, anglotzten, abwärts, »das hätte man doch denken können, daß du dich auf deine Art ankündigen mußt, ohne daß man dich recht zu sehen bekommt, du Dorfhengst!« Flink griff sie die Tannzapfen vom Boden auf und schleuderte sie, gewaltig ausholend, rainab. Aus dem Bestand alter, krauser Föhren, einen guten Steinwurf unterhalb des Hofes, schritt jetzt der gesundfärbige, rotbackige Metzger Balz Schwitter. Auf der Schulter trug er etwas, das wie ein dickkopfiger Knüttel aussah. Vom Brunnen aus konnte man's gewahren, daß er ein völlig angriffiges Gesicht machte, als ginge es zu Krieg. Und das ging's auch, denn der junge, kraftstrotzende Metzger hatte nichts Geringeres im Sinne als heute, hau's oder stech's oder stieb's, des Stumpen Zweitjüngste, die Reb, zu erobern. Hinter ihm trampte giltmirgleich ein älterer Knecht nach, der einen ansehnlichen Korb auf dem Rücken hatte. Dieser ältliche Metzgerknecht aber schaute nichts weniger als kampfeifrig drein. Man sah ihm an, wie ihm der Korb samt dem Berg haushoch verleidet war und wie er sich nach einem Ruhebänklein sehnte. Die Reb, deren braunrotes, etwas sommersprossiges Gesicht um einen ersten Nachtschatten dunkler geworden war, hatte nach einem kindskopfgroßen Stein gelangt, aber als sie der Alte anschnörzte: »Was hast, was fällt denn dir ein?! Willst du unsere Gäste steinigen?« ließ sie den harten Brocken fallen und machte sich ziemlich hurtig, rainab, den Heransteigenden entgegen. Und als sie nun vor dem Metzger stand und er ihr seine rote, umfängliche Hand entgegenstreckte, schlug sie ein, daß es knallte, biß die Zähne zusammen und drückte diese Hand mit Mannskraft. Aber der Metzger gab den Druck nicht minder mannhaft zurück. »Metzger,« rief sie aus, ihn an der Hand hin und her zerrend, »du gäbest einen warmen Handschuh.« »Ja,« meinte er lachend, sich willig ein Weilchen herumreißen lassend, »und aus dir könnte eine rechte Zange werden.« »Du hättest den Korb auch selber tragen können,« sagte sie, ihn loslassend, mit einem Blick auf den übelzeitigen, vernehmlich schnaufenden Knecht, »du, so ein Klöpfel. Es werden ja wohl die bestellten Würste drin sein. So hast du's denn nicht merken können, wie's dem Grauschimmel da die Beine nimmt und wie er Luft zieht, als ob er Durchzug hätte. Schäme dich!« »He, du, Babeli,« antwortete kräftig der Metzger, »dazu daß er das trägt, ist der Knecht da und dafür wird er auch bezahlt. Auch hat er bei mir die ganze Kost und außerdem ist er das Tragen von Kindsbeinen an gewöhnt. Er hat schon für meinen Alten selig das Fleisch kreuz und quer im Land herum vertragen. Übrigens sind wir ja von Kilchaltdorf weg bis Erlenstalden mit dem Gatterwägelchen gefahren. Dahinauf aber, über einen Weg, der schon mehr eine Bachruns ist, hab' ich's mit meinem zwölfjährigen Gaul umsonst probiert.« Er lachte auf: »Es scheint mir fast, du wolltest heute einmal die Barmherzige spielen und die Gute machen. Wenn du aber ein so gutes Herz hast, Reb, so kannst mir jetzt den Schinken da abnehmen und zu euch hinauftragen. Du machst mir damit noch eine große Freude. Ich habe ihn extra für dich, Schatz Gottes, auf die Ruchegg hinaufgetragen. Ehr' und Respekt vor eurem Kaminschoß! Hingegen, ein solcher Schinken ist aber, seit das Ruchegghaus steht, sicher und heilig noch nie daoben gehangen.« »Prahl' nicht so,« sagte sie mit einer schönen Aufheiterung um ihre Nase, die keck, ja verwegen wie ein Fels, aus ihrem Gesichte vorsprang, »du bist ja noch nie auf des Ruchegghauses Herd gehockt. Wie kannst du da wissen, was im Kamin hängt? Gleichwohl, ich sag' dir Vergeltsgott. Du brauchst dir aber deswegen nichts Besonderes auszudenken oder einzubilden, du so wenig als irgendein anderer. Die Würste da kommen auf den Gütsch in der Hausmatte, wo wir festen und auch der Schinken, den du mir verehrt hast, soll allen wohltun und dir freilich auch und das erst recht.« »Bist doch eine, du, eine recht unfreundliche bist du gegen uns Ledige. 's ist ja grad,« redete der Metzger, mit einem doch etwas gezwungenen Lachen, »als ob du uns Mannsleute nicht ansehen, geschweige gern haben könntest. 's wird dir doch nicht ernst sein? Aber machst du dich zur harten Nuß, so kann ich dir sagen, daß ich auch noch die härteste aufgeknackt habe und selbst wenn ich die Zähne zur Faust hab' zu Hilfe nehmen müssen. Und wenn du eine Türfalle mit sieben Schlössern bist, so will ich sie doch aufbringen, was gilt's?! Allweg,« setzte er, sie gradaus mit feurigen Augen ansehend bei, »fühle ich in mir das Zeug, dich allenfalls zum Mannsvolk zu bekehren und wenn du eine Heilige wärst, was du aber auch nicht bist. Eine von den sieben törichten Jungfrauen bist du!« »Das nützt dich nichts,« antwortete sie gutgelaunt, »du magst Augen an mich hinmachen wie du willst. Oh, was so ein junger Mannskerl sich alles einbildet.« »Möchtest du denn lieber einen Alten?« Sie lachte polternd auf: »Ja, kannst dir's denken.« Aber als auch er verschmitzt grinste, lärmte sie fast zornig: »Ich brauche keinen und will keinen!« Jetzt lachte er aber erst recht auf, und auch oben, wo die andern um den Brunnen standen und dem Gespräch zuhörten, gab's ein Gelächter. Da bekam er ihre Hand zu fassen, die sie ihm wie in Verwirrung ließ. »Gib mir wenigstens einen Kuß zum Willkommen. Den meine ich doch verdient zu haben, wenn man dir mit einem Schinken auf dem Buckel nachläuft und,« raunte er ihr zu, »wenn man dich so wohl leiden mag.« Fast ungestüm entzog sie ihm ihre Hand. Aber als sie sah, wie er seine bis weit über ihre Grenzen hinaus roten Backen merklich sinken ließ und wunderliche, unsichere Augen machte, sagte sie so laut, daß es die Krähen, die auf dem Rucheggstall kauerten, hören konnten: »Metzger, Bursche, also ich sag's dir noch einmal: Du brauchst dir nichts einzubilden. Ich will nicht ins Dorf. Es ist mir wohl genug daoben auf der Ruchegg. Und wenn es mich danach gelüstet, einen Mann anzuschauen, so muß ich nicht weit gehen, der Stump, den ihr den doppelten Matthias heißt, lebt noch und einen wie den gibt's ja doch auf hundert Stunden Umfang und noch hundert drüber hinaus, keinen zweiten. Aber du hast mir einen Schinken bis dahinauf gebracht, Bursche, und du willst mir wohl. Gut, wenn du denn um Küsse, um diese Schleckware, diese einfältige Säfzerei, soviel gibst, so will ich dir jetzt sagen, daß ich dir nicht bloß für ein volles Bauerndutzend Küsse ruhig wie eine Ofenkachel darhalten will, sondern ich will dir auch selber einen Kuß geben, und zwar mitten ins Gesicht, dahin wo du deine glitzrigen, beißlustigen Zähne hast, du Wolf, wenn du mich dazu auf irgendeine Art zwingen oder bringen kannst. So,« lachte sie, fast jauchzend heraus, »gelt nur, jetzt gibst's auf?« Und damit machte sich die Reb, den Schinken auf der Schulter, starkschrittig und hochgetragenen Kopfes, wieder zu ihren Leuten hinauf, gefolgt vom jungen Metzger Schwitter, der nun wieder frohauf, mutig in die Welt blickte, und vom ältlichen Metzgerknecht. Am Brunnen, nahe dem Haus, hatte man mit steigender Aufmerksamkeit der Reb zugehört, die ihre Gäste so aus aller Weise eigenwillig empfing. Aber schließlich war man aus der Fröhlichkeit nicht mehr herausgekommen und gar der kleine Hirte, der alte Stump, begann seinen grauen Wildmannskopf zu heben und mit den Armen zu rudern, als wäre er der Tell und müßte den Baumgarten über den Urnersee vor dem Landvogt flüchten, als er die Reb ihn also hochstellen hörte. »Ja, ja, die Reb!« murmelte er immer wieder. Aber dann sagte die Base Anneseba aus der Stolzern lächelnd: »Was meinst du, Stump? Da hat deine Reb dem Metzger Balz Schwitter ja eine schöne, verlockende Aufgabe gegeben. Einen Kuß soll er von ihr bekommen, aber nur wenn er sie dazu so oder so zu zwingen oder zu bringen vermag. Das wird sich so ein baumstarker, junger Mensch, wie's dieser Kilchaltdorfer Metzger ist, wohl nicht zehnmal vorkauen lassen. Es nimmt mich nun doch fast wunder, wie's da noch herauskommt. Leicht macht es ihm die Reb allweg nicht, denn ja, sapperlot, die ist auch ein Bursche und was für einer! Nein, was man doch alles erlebt den Tag aus und bis man alt genug ist.« Der Metzger und sein keuchender Knecht, der seinen schweren Korb so rasch als tunlich abnahm und an den Brunnentrog hinstellte und die Reb, waren nun unter den andern. Und herzlich ward der stramme Schlächtermeister von allen begrüßt. Ja, der Stump klopfte ihm sogar auf die Achsel und sagte halblaut: »Schön von dir, daß du dem Reblein mit einem ganzen Schinken aufwartest. Sie ist ein rechtes Kind.« »Ja,« meinte lachend und ebenso leise, der Metzger, »aber keins, das sich leicht auf die Arme nehmen und einwiegen läßt.« »Jaha,« gab der Alte herum, »dazu muß einer freilich die Arme haben. Ich,« er lachte auf, »hab' sie genug drauf gehabt.« »Mag schon sein,« sagte der Metzger, »aber da war sie noch nicht viel schwerer als eine große Blutwurst, doch jetzt ist's ein anderes mit ihr. Sie ist schwieriger auf die Arme zu nehmen und gar drin zu behalten als eine Wildkatze. Trotzdem, ich probier's. Der versprochene Kuß wird ihr nicht geschenkt.« Der Alte lachte still vor sich hin. »Ja, probier's nur, Metzger,« machte er kaum vernehmlich. »Gelt nur,« raunte er ihm ins Ohr, »du möchtest meine Reb halt gerne hinter deiner Fleischbank stehen sehen?« »Sowieso,« gab der flüsternd zurück. »Nötigenfalls wär's Eure handsame Tochter imstand und tät mir die Ochsen und Kälber nicht bloß zerlegen und ausbeinen, sie täte sie grad auch noch selber schlagen.« »So, ihr Leute,« rief aber jetzt der graue Hirte, »ihr werten Gäste allerseits, nun wollen wir noch ein Weilchen zu unserm lieben heiligen St. Wendel hinunter in die Mulde und vor seinem Kapellchen einen Rosenkranz miteinander beten, bevor wir zum Festen auf den Gütsch gehen. Wir sind's ihm zum ersten schuldig, da er heute seinen Namenstag hat und zum andern, weil wir die eben eingesegnete Kapelle auch mit unserm Gebet einweihen wollen. Der liebe Heilige wird das an uns achten und uns nicht vergessen, wenn Fehlzeiten eintreffen sollten. Also kommt!« So stiegen sie denn alle miteinander, ausgenommen der alte Metzgerknecht, der auf dem Brunnentrog neben dem Schinken hockte und zuerst etwas zu Luft kommen und verkühlen wollte, in die Mulde hinab, zum Heimkapellchen, das ihnen freundlich entgegenzulächeln schien. Auch das Röllchen und der Tschuppmoos Bändichtli waren unter ihnen. Sie hatten sich während der alle Aufmerksamkeit beanspruchenden Begrüßung zwischen dem Metzger und der Reb, unbeachtet vom Gütsch her unter die andern mischen können. Nur die Judith schien ihre etwas verzögerte Rückkehr bemerkt zu haben, denn sie zwinkerte dem über und über roten Röllchen schelmisch, verständnisinnig zu. Bald kam aus der Mulde herauf ein lautes, mehrfarbiges Beten. Aus allen heraus waren die tiefgängige, wohlklingende Stimme der Mager, die hohe, kreischende des Salami und die zwei kräftigen, heldenmäßig schreitenden Stimmen des Matthathias Stump und seiner Tochter Reb zu hören. 10 Oben in der Hausmatte, um den weitsichtigen Gütsch, hatte sich die gesamte Stumpenheit mit Zubehör auf dem sonnenwarmen, zum grünen Teppich zurechtgeweideten Rasen, hingelagert. Zwar gab's da auch den Tisch, den der Kannalles von Stagelrain, der Chläus Hülpi, hergerichtet und an den Rain hingestellt hatte, aber der trug nun ein Fäßchen leichtgärenden Birnenmost, wohlbekömmlichen Saft, den der Bäcker Burket auf seinem Gefährt mitgebracht hatte. Auch standen drauf in Reih und Glied die Flaschen mit des Viehhändler Tritschen roter Tranksame und des Röllchens mächtigem Eierzopf unter den Langbroten, neben denen sich auch Rebs Geschenk, der ansehnliche Schinken, im zwiefachen Kranze von Metzger Schwitters Schweinswürsten vertat. Es fehlte auf dem noch frischen, harzduftigen Tisch aber auch nicht an Fassung für die Tranksame, denn es gab da einige etwas trüb, ja alt aussehende Gläser und aber auch eine Reihe Kaffeebecklein, die heute Wein und Most sollten auswirten helfen. Es war ein Spätherbstnachmittag jener Art, die alles nahscheinig und glaubhaft macht und in denen man sich einbildet, man habe Siebenmeilenstiefel an den Füßen, wie jene Kinder im Märchen und könne nun einmal federleicht und allseitig die Welt auslaufen. Das Röllchen eröffnete das ländliche Festchen zu Ehren St. Wendels und seines Heiligenhäusleins auf seiner Handorgel mit einem flottausrückenden, aber heimweherischen Alemandertanz, zu dem alle Köpfe ein wenig nickten und aller Augen Jawohl! sagten. Und es war, als ob die kleine Handorgel die schon etwas angeschneiten Hochalpen, die sich vor ihnen aufgetan hatten, mit allen Farben der Freude ausmalte. Gold, rot und himmelblau waren überall Trumpf. Ein Aufjauchzen, das vom alten Stump selber herkam und dem er, die Arme mächtig hebend, nachfliegen zu wollen schien, schuf einen lichten Feiertag bis in alle Schluchten und verlorenen Runsen hinein. »Heda, ihr Sackerlotsmaitli, rührt euch und bringt uns zu essen und zu trinken. Sachs genug hätten wir und eine schönere Eßgelegenheit als auf diesem Gütsch oben kann's im Himmel und auf Erden nirgends geben. Her mit der Tranksame!« Die Töchter machten sich über den nebenstehenden Tisch her und gleich lebte alles wie der reiche Prasser im Evangelibuch und das Röllchen sorgte für köstliche, alles in Lebenslust verwandelnde Tafelmusik. »Es ist nun doch schade,« redete der kleine Hirte, seinen grauen Wildmannskopf hochhebend, »daß uns unser Pfarrer Nepomuk nicht hat bleiben können. Zum ersten hätte ich ihm den gemütlichen Hock da auf unserm Hausmattengütsch auch gönnen mögen, und zum andern hätte er uns ein schönes Gesätzlein über unsern Kapellheiligen daunten oder sonst einen wohlbekömmlichen Zustupf loslassen können. Das wäre diesem Tag gut angestanden. Ich kann nicht predigen, obwohl ich's vielleicht auch im Kopf und jedenfalls im Schnabel hätte. Aber wenn ich die Gedanken noch so schön beisammen habe, so kann ich sie doch nicht so herausbringen, denn dann ergeht's mir wie unserm lieben Salami, sie wollen alle miteinander, wie eine Herde Schafe, zum Maul heraus. So lasse ich sie lieber eingestallt. Und was diesen lieben heiligen St. Wendel anbelangt . . .« »Wir sind jetzt aber da nicht zu einer Predigt auf die Ruchegg gekommen,« warf unwirsch die Frau Schullehrer ein, »wenn ich eine Predigt anhören will, so kann ich alle Tage selber eine halten.« »Ja, das kann sie,« machte halblaut der Lehrer. Ein Gelächter jauchzte auf. »Heja,« fuhr der Alte zu reden fort, »deine Schafherde, Salami, behältst du gewiß nicht im Hag, dir steht der Gatter allzeit sperroffen. Trotzdem, ich sag's noch einmal, auch eine Art Predigt hätte uns auf dem Gütsch da ein Segen sein können, denn, meine liebe Tochter Sulamith, was du dem Lehrer predigst, kann unmöglich immer das Wort Gottes sein. Und leicht würde bei uns zu Dornen, was du aussäest, weil's aus Dornen kommt. Aber beim Lehrer fällt's auf willigen Boden und es freut mich, wenn er in dem Dornicht, das draus um ihn ringelum aufgeht, auch allerhand Rosen zu finden weiß, denn . . .« »Ich geh' heim!« rief kreischend der Salami. »Ah pah, das tust du nicht,« raunte ihr ihr Schwager, der Viehhändler Tritsch, vernehmlich zu, »du weißt ja, der Vater meint's recht; wenn's ihm in der Regel auch ungesiebt aus dem Redwerk kommt.« »Ja, aber ich bin immer das Huhn, das er verpickt,« sagte sie. »So hör' doch einmal auf also zu gackern, dann bist du mir so wert als die andern,« sagte der Stump und fuhr über seine sich rasch gebende Tochter hinwegsehend zu reden fort: »Allenfalls hätte uns ja die Mager da, die in den Heiligenlegenden gar wohl beschlagen ist, etwas von unserm lieben heiligen Schirmer St. Wendel erzählen können, aber da wollen wir ihr eher einmal im stillen Kämmerlein zuhören, denn obwohl sie sonst weitaus die stillste und geruhsamste von uns allen auf der Ruchegg ist, sobald sie einmal anläßt und gar auf die Heiligen zu reden kommt, zeigt es sich, daß wir ihr alle auch gar zu weltlich gesinnt sind und es, ihrer Meinung nach, zu viel mit dem Zeitlichen haben. Dann kommt sie völlig ins Predigen und fängt an zu klagen, daß sie da auf der Ruchegg, wo wir doch dem Himmel schon um ein gutes Höhenmaß näher sind als die Leute im Tal, versaure und verbaure und an Leib und Seele verdorren müsse. Und dann hebt sie immer ihr Loblied auf das große Dorf an, wo man so recht unter die Leute und Mitchristen gelange und der Kirche Tag und Nacht so nahe sei und wo man so oft in guter Gemeinschaft zum Singen komme. Das Singen ist ja ihr Leben. Sie hätte notwendigerweise ein Schwarzdrossel werden sollen.« Ein munteres Lachen ringsum. Die Mager stellte eben einen Holzteller, auf dem eine lange Wurst und ein Ring Brot lag, neben den Bauern auf den Rasen, ihm zugleich ein Glas voll Rotwein überreichend. »Vater,« sagte sie mit ihrer angenehmen, tiefen Stimme, »habt keine Angst, ich steige nicht auf die Kanzel, denn das Mannsvolk will uns ganz anderswo und auf der Kanzel allweg zuletzt haben. Und das Weibervolk täte keinen Augenblick auf mich hören; es hört ja auch nur zu beim Predigen, weil's Mannsleute sind, die predigen. Aber was Ihr vom großen Dorf und vom Singen angetönt habt, das ist wahr und dem bestehe ich.« »Siehst du jetzt, Kind, sechs bis sieben Schuh langes,« machte erfreut der Stump, »daß du das Zeug zum Pfarrer gehabt hättest, denn du kannst es schön setzen. Hättest halt ein Mannsbild werden sollen.« Er lachte frohgemut auf und sein Glas hochhebend und gegen die Sonne haltend, rief er aus: »Wie hat allemal mein Großvater gesagt: ›Schönes Weinlein, laß dich trinken! Hab' ich dich in meinem Blut, ist das Wetter herrlichgut. Herrlichgut, die Welt voll Finken. Schönes Weinlein, laß dich trinken!‹« Und er sprang auf und mit dem Glas sich wiegend, schaukelnd, sang er lärmend: »Heijupedihee, im Schwyzerland! was jung ist, freut sich miteinand'!« Aber gleich hockte er sich wieder auf den Rasen, auf dem noch helläugige, tiefblaue Enzianensterne zwischen rosahäubigen Maßliebchen blühten und sagte, den Holzteller mit der Wurst zu Handen nehmend und wohlgefällig betrachtend: »So, und jetzt, ihr lieben Leute und Gefreundeten, wollen wir einmal unseres jungen Metzgers Balz Schwitters gediegene Würste versuchen und sehen, ob sie's dann mit unsern eigenen Rauchwürsten, die aber eben erst ins Kamin gekommen sind, aufnehmen können. Wir,« lachte er auf, »wir hierlands dürfen ja getrost Schweinefleisch essen, obwohl der Matthathias Stump und sein Nachwuchs auch so eine Art Makkabäerblut im Leib haben.« Und nun gab man sich also dem Essen und Trinken hin, daß es für ein Zeitchen fast still um den sonnenwarmen Gütsch ward. Aber die Augen gingen nach den verschneiten Bergen gegenüber und in die tiefen Täler, aus denen ein blaues Seelein unverwandt zu den Festenden hinaufschaute. »Hooo, ho, heda, ihr Meitli, was ist's mit euch?!« rief der Bauer, »habt ihr Stumpenblut oder habt ihr keines?! Da, meine ich, werdet ihr uns doch, beim Eicker, nicht einschlafen lassen wollen. Ein Glück, daß uns der Judith ihre rotäugige, süffige Tranksame wachbar erhält. Gesundheit!« Er stieß mit dem bei ihm hockenden Bäcker Burket an, »Gesundheit, Meister Bäcker! Wenn wir zwei auch nicht mehr die Jüngsten sind, alte Habichte haben auch noch Augen und Krallen und die Tauben sollen sich vor ihnen in acht nehmen, denn wenn's sein muß, können sie auch noch zupacken.« Weitum ging sein Gelächter. »Zum Wohl allerseits!« Aber seine Töchter hatten nur auf ihres Vaters Stimme und Wegleitung, an die sie stramm gewöhnt waren, gewartet. Schon machten sich die Mager und das Röllchen zu ihrer Stagelrainer Schwester hin. Und als die Judith sich nun auch erhob, stand sie zwischen ihnen, breitschulterig und weiß und rot und anmutig wie eine ganze schweizerische Berglandschaft. Und nun begannen sie zu singen. Hell und kristallauter war des Röllchens Stimme, wie ein übermütig weidab hüpfendes Quellwässerlein und breiter, gesänftigter wie ein munterer Mühlebach im Tal floß der Judith ihr Singen dahin. Aber das alles nahm der weitumgehende Alt der Mager auf und nahm es mit sich, wie ein tiefgängiger Strom in alle Lande hinaus. »Jä, Bürschtli, wän du wildre witt, Sä lauff i mir nüd noe. Bi nu äs nütigs Firggeli , Äs brings, äs chlüpfigs Reh. I weiß wohl as nüd a mer lyt . I ha jo nu vil z'liechte Tritt, Wo keiner teuffe Gspure git. Äs Reh, das bist du, währli, nüd. I ha di für nes Röisli. Es räukt dr jo ums Bäggli , Chind, Wo d'ane gohst und stohst. Und sygist noch bist nu säwyt , Vo Rose schmökt dem's Pfeisterbritt , Wo a di sinnt, und Wält und Zyt.« Mit vieler Freude und starkem Beifall ward das Lied aufgenommen. Besonders der Tschuppmoosjunge, der mit dem alten Metzgerknecht ein wenig, aber unmerklich von den andern, seitwärts unter einer völlig alleinstehenden, graubärtigen Wettertanne lagerte und der das Röllchen während des Singens in einem fort angeschaut hatte, wußte seinen Beifall nicht anders auszudrücken, als durch ein blitzzüglich himmelfahrendes Aufjauchzen und dadurch, daß er zweimal nacheinander den Hochstand auf den Händen machte und also um den Tisch zu gehen trachtete, was ihm aber nur zu einem kleinen Teil gelang. »Jeses,« machte die Base Anneseba aus der Stolzern fast erschrocken zum Viehhändler Baschitoni Tritsch, »jetzt schau' einer diesen Heustöffel da an! Auf den Händen geht er. Was doch der heutigen Jugend alles einfällt, ah, ah, ah!« »Freilich,« gab der Viehhändler lachend herum, »vielleicht bis wir vom Gütsch da abziehen, wären wir alle froh, wir könnten wenigstens so gut auf den Füßen gehen, wie es jetzt der Bändichtli auf den Händen zuweggebracht hat.« Es lachten alle auf. Aber die Judith sagte, sich neben ihren Mann wieder ins Grüne lagernd: »Das wollen wir gleichwohl nicht hoffen.« Jetzt aber zeigte es sich, daß die Reb und der Salami während dem Singen ihrer Schwestern keineswegs auf der faulen Haut gelegen hatten, denn nun schritten sie eben, reichlich bepackt, um den Gütsch. Sie mußten sich ziemlich unbemerkt zum nahen Ruchegghaus hinunter gemacht haben. Auf den Schultern trug die voranschreitende Reb einen gar schweren, fast runden Stein, den großen Stein, der nachtrampende und schlampende Salami aber hatte den kleinen Stein auf sich. »So,« lärmte die Reb, »da hätten wir nun ein paar rechtschaffene Brocken aus dem Dimmerbach. Sie sind unsere Kameraden, mit denen wir ja fast alle schönen Sonntage ein Spielchen machen. Und jetzt wird sich's zeigen, wer etwas ist. Steh auf dort!« rief sie an den grinsenden, vergnügt auf sie schauenden Metzger hin, »du kannst nun mit den Stumpentöchtern ein wenig Steinstoßen. Und daß du nicht meinst, wir wollen dich übervorteilen, so geben wir dir zwei Schritte vor, denn du bist's hierin in der Hand nicht so gewohnt wie wir.« Der junge, kraftvolle Metzger ließ sich das nicht zweimal bieten. Er sprang auf, machte sich zur Reb und half ihr das Ziel dem Gütsch entlang, an der Wettertanne vorbei, etwas abstecken. »Es kann aber mittun wer will,« sagte der Salami, »denn der Metzger ist gottlob nicht das einzige Mannsvolk auf der Welt. Meinen Beda nehme ich freilich zum vornherein aus. Auf sowas ist er nicht abgerichtet; dafür hat er doch zu wenig Bestand. Er hat's mehr im Kopf als in den Beinen. Geistigerweise, wie der Sigrist sagt, geistigerweise, müßte es ihm allweg keinen Kummer machen, da könnte er's mit jedem aufnehmen und da käme er noch weit übers Ziel hinaus.« »Red' nicht so einfältig, du Gans,« verwies ihr der alte Stump. »Das glaubt dir der Beda selber nicht, denn wenn er geistigerweise so ein Riese wäre, so hätte er schon lange versucht, den Stein wenigstens weiter zu werfen als du und also über das Ziel hinaus, das du ihm gesteckt hast, hinauszukommen. Solang' er das nicht fertigbringt, ist's freilich besser, er lasse sich in keiner Weise aufs Steinstoßen ein, weder mit den Händen und Beinen noch mit dem Kopf. Was uns andere anbelangt, so schauen ich und der Bäcker zu und lassen euch machen. Für sowas sind wir zu alt oder was meinst du, Burket?« Das Röllchen schaute blitzschnell auf den Bäcker, ihn vom angegrauten Kopf bis zu den Füßen mit einem Blick umfassend und messend. »Ja,« sagte der, denn er fürchtete bei diesem Wettkampf mit dem großen, aber auch mit dem kleinen Stein schlecht abzuschneiden, »nicht daß ich's nicht auch noch in den Ellbogen und Waden hätte, aber Stein gestoßen habe ich nie; da fehlt mir die Übung. Außerdem . . .« »Ist das mehr etwas fürs junge Volk, da habt Ihr recht, Bäcker,« machte die Base Anneseba. Nein, du dumme Truhe, dachte der Bäckermeister, das hab' ich nicht gerade sagen wollen. Du bist mir ein schöner Beistand, viel habe ich von dir. Aber er verhielt sich mäuschenstill und schaute aufs Röllchen, das sich zu seiner Handorgel zuoberst auf den grünen Gütsch hockte und giltmirgleich auf die Herankommenden, den Metzger und die Reb sah. »Röllchen!« Des Bäckers Stimme. »Ja?« »Gesundheit!« Der Bäcker trank ihr mit vielsagendem Lächeln zu. »Ja,« kam's vom Gütsch, »Meister Bäcker, es soll Euch wohltun!« Und freundlich und maienschön bescheinigte sie ihm sein Lächeln, was ihm wärmer gab als die Backstube im Winter. »Bändichtli!« rief sie aber jetzt dem Knechtlein des Viehhändlers, dem Tschuppmoosjungen, zu, der eben den alten Metzgergehilfen die Pfeife aus seinem Tabaksäckel stopfen ließ, »willst du denn nicht auch beim Steinstoßen mittun?« Der Bursche schaute aufleuchtend unter der Wettertanne hervor zu des Stumpen Jüngster hinauf. »Schon, gern, wenn ihr mich mittun laßt.« »Was, der da auch?« machte der Salami, fast geringschätzig nach dem Jungen sehend. »Warum denn nicht?« redete die Judith. »Ist ja auch ein Erlenstalder und schon manche Last hat er auf seiner Traggabel über die Ruchegg gebracht. So wird er wohl auch bei diesem Wettstoßen etwas vermögen.« »Meinetwegen,« sagte der Stump, »laßt den Spritzling mittun. Er wird allweg den Stein nicht über das Ende der Welt hinauswerfen.« Gleich hatte sich auch der Bändichtli den Stumpentöchtern zugesellt, die nun, die Judith und das Röllchen ausgenommen, bei den zwei Steinen standen. Und als der Alte sich und den Bäcker Burket und die Base Anneseba aus der Stolzern zu Preisrichtern ernannt hatte, gab er das Zeichen zum Beginn des Steinstoßens. Erst versuchte man's mit dem kleinen Stein. Aber der Metzger und die Reb hielten es nicht der Mühe wert, hier mitzumachen. Es dauerte auch nicht lange, so hatten die Mager, die einen mächtigen Anlaufschritt nahm und aber auch der wacker vorgehende Salami, den Tschuppmoosjungen, so sehr er sich ins Zeug legte, mit dem kleinen Stein überholt. Und als er sich, auf das allgemeine Gelächter hin, wehrte und sagte, es fehle ihm nur die Übung, wenn man wolle, komme er nach vierzehn Tagen wieder auf die Ruchegg, dann werde er sie schon meistern, lachten die Töchter erst recht auf und der Bäcker am lautesten. Der Stump aber rief, einen Schnitt Schinken, den er sich eben weggesäbelt hatte, in sein Glas Rotwein tunkend: »Mach', daß du unter die Wettertanne zurückkommst, zum Metzgerknecht, Bürschlein! Das will ich dir glauben und zubilligen, daß du im Steinstoßen noch zu wenig Übung hast; Übung ist ein Vorteil, das muß man gelten lassen. Aber, du Lecker, du hast auch noch zu wenig Bestand. In einem Jahr, zwei, kann sich das bessern, denn du bist sonst gut zuweg und gewachsen wie eine wohlgeratene Erle. Bevor du also gestählter um die Waden bist, laß andere Leute machen, schau' zu und lern'! Es kann ja noch nicht grad lang' her sein, seitdem du in die Schule gegangen bist.« Rauchend vor Scham legte sich der Bändichtli unter die Wettertanne zum alten Metzgergesellen. Das Röllchen aber hatte einen zornigen Aufschrei getan, also daß alles verwundert, fast erschrocken zu ihr aufsah. Nein, es war weiter nichts, nur eine Biene hatte sie stechen wollen. »Du närrisches Geschirrlein,« rief der Alte aus, »was schreist du denn so, wenn sie dich doch nicht gestochen hat?« »Vater,« machte sie, dunkelrot, »nun habt Ihr Euer Glas schon wieder leer. Wartet, ich will Euch einschenken.« Sie glitt an den Tisch, eine Flasche zu holen, wobei ihre Augen, so himmelblau als möglich, den Tschuppmoosjungen beschienen, der, völlig geknickt, unter der Wettertanne hervor zu ihr hinschaute. Und siehe da – Röllchens Augen machten ihn rascher gesund und munter, als es der Wunderteich im Gelobten Land hätte tun können, denn sie brachten ihn ja auch in ein warmes Bad. Aber hart vor den andern stand jetzt die Reb, den großen Stein liebevoll in der starken Hand wägend und wiegend, denn der Salami und die Mager hatten diesen gewichtigen Brocken schon nach dem eingesteckten Knebel, als dem Ziel, geworfen. Obwohl es ihnen gelungen war, ihn nahe dranhin zu bringen, so hatte sie der Metzger Schwitter doch um ein gutes Maß überholt, indem er den Stein mit mächtigem Ruck und Druck fast ans Ziel brachte. Jetzt ließ die Reb unversehens ein tolles Gelächter herauskollern, also daß die Base Anneseba erschrocken zusammenfuhr. Und dann aber begann sie den Stein zu heben und ihn und sich zu wiegen und es war, als fange die verschneite Alp gegenüber mitzuschaukeln an. Und da flog der Stein wie ein Auerhahn aus einer Reckholderstaude, – ein Aufjauchzen unter den Stumpentöchtern – und schwerfällig rollte er über das Ziel hinaus. Der kleine Hirte war aufgestanden. Und nun stand er noch da, den grauen Wirrkopf hoch und die Arme wie zum Angriff ausweitend und vorstreckend. Aber wie er nun die Reb aufrecht, stolzschreitend herankommen sah, ging er auf wie ein Freudenfeuer. »Röllchen, gib mir Wein!« rief er aus. Und wie er nun sein Glas plattvoll hatte, ging er seiner starken Tochter ein paar Schritte entgegen und ihr das Glas hinhaltend, sagte er: »Reb, das hast du recht gemacht. Der Metzger ist ein baumstarker, kerngesunder und junger Mann, ein Mann wie von Granit und siehe da, heißt's in der Bibel, der Herr hat ihn doch in deine Hand gegeben. Du hast ihn mit dem Stein überholt. Gesundheit, Reblein!« »Der Stump, der Stump, der Stump!« machte in verhaltener, grimmiger Befriedigung die Reb, sonst nichts. Sie warf sich ins Grüne, ließ sich ein Glas Wein einschenken und den herankommenden, keineswegs verdrossenen, ja lachenden Metzger zu sich auf den Rasen ziehend, trank sie's flätig aus und sagte kurz zu ihm: »Bist doch ein Mannskerl, du! Aber gleichwohl, Metzger, mich bodigst du heute noch nicht.« »Ja,« meinte der Balz Schwitter, einen kräftigen Schluck aus dem Glas tuend, das ihm die Mager gebracht hatte, »mit dem Stein habe ich dir nicht vorkommen können, aber wenn's zwischen uns zweien zu einem Hosenlupf, zum Schwingen käme, wollte ich dich doch dazu bringen, daß du mir den ausbedungenen Kuß . . .« Er redete nicht weiter. »Prosit, Reb!« rief er aus, mit ihr anstoßend. Sie sagte auch nichts, sah ihn aber alleweil an, daß es ihm innerhalb und außerhalb ganz wunderlich ward, denn er wußte nicht, was er aus diesen angriffig, fast wild blickenden Augen machen sollte. Unterdessen hatte aber der Schullehrer Beda Aloser, den man weiter nicht im Auge behielt, sich dem stillen Suff und einer daraus mit amerikanischer Schnelligkeit herauswachsenden freudigen und bekömmlichen Weltanschauung hingegeben. Seine schleimigen Augen weiteten, regten sich und begannen über den Tisch hinwegzuschleichen, wo sie allerlei schöne, bodenwohlauf stimmende Dinge zu sehen bekamen. Sein Gesicht, das schwammig wie eine Metzgwage voll Kuttellappen zwischen den Schultern gelegen hatte, belebte sich immer mehr und die Arme sammelten sich mit den Händen allmählich um sein Glas Rotweine und es sah ganz aus, als hätte er dieser Anhängsel so viele wie etwa ein besserer Polyp. Und auf einmal kam ins vielfarbige Lachen und Reden der andern, die sich seit einer geraumen Weile zu einem Lager voll Frohheit wieder zusammengelassen hatten, ein ganz ungewohntes Zirpen, als ob die Grillen im Gras die Eintönigkeit ihres Gesanges aufgegeben und sich zu allerlei Melodien verstiegen hätten. Nämlich, es begannen sämtliche Töne, die's auf Erden gibt, stiegleinauf, stiegleinab zu hüpfen und jetzt hob dazu hinter ihnen ein Singen an, das wie aus einem leeren Brunnendünchel herauskam und eine Gangart hatte, als müsse es barbeinig durch ein flotschnasses Moor waten. Und da erblickten sie zu ihrer Verwunderung und insonderheit zu ihrem großen Vergnügen, den Schullehrer Beda Aloser, der sich an den von schöner roter Tranksame und allerlei Mürbalien überstellten Tisch gemacht hatte. Da nun hockte er auf dem bisher unbeachtet gebliebenen Mostfäßchen, spielte die Gitarre und sang dazu. Und siehe, ihre Verwunderung nahm zu wie der Graswuchs nach ausgiebiger Bejauchung, als sie nun hörten, wie der Schullehrer mit einem Gesicht, das sie angleißte wie ein frischeingeseifter Tanzboden, ein meisterlosiges Schelmenliedchen nach dem andern von sich gab. Splitternackt tanzten diese federleichten Geschöpfe vor ihnen herum. Der Salami, seine Frau, strahlte. Nun erfuhren sie ja, daß ihr Mann nicht bloß Schule halten konnte. Nun hörten sie, daß er seine Zupfgeige nicht umsonst mit sich auf die Ruchegg getragen hatte. Und erkennen mußten sie, daß er auch kein Haufen Stroh oder ein abgestorbener Ast am Stammbaum der Aloser war, denn er gab es ihnen so saftig, wie er's drin hatte und wie sie es sich nie gedacht hätten. Heja, was hatten sie denn geglaubt? Der Salami wollte auch keinen Waldbruder heiraten, der von nichts anderm als von schalem Wasser und trockenen Wurzeln lebt. Aha, da hatten sie nun ihren ganzen Mann, der wenig gewöhnte rote Wein – sie lachte überlaut, glücklich heraus – hatte ihm's gründlich ausgebracht. Aber als er jetzt endlich, die Töne auf der Gitarre nochmals stiegleinauf, stiegleinab hüpfen lassend, Ruhe gab und wieder in sich zusammenzugehen schien, wobei die Augen sich aber in schleimiger Freudetrunkenheit unter den Festenden herumschlichen, hob der alte Hirte den Graukopf zu ihm auf und sagte: »Aha, Lehrer, bist du so ein Schalk! So ein heimlichfeister bist du. Es ist schon besser, wenn du deine Zupfgeige mehr einem zeitigen bis höchstzeitigen, bubensüchtigen Weibervolk, als deinen Schülerknaben aufspielst. Sonst würden sie in dem, worin sie sowieso früh genug und nach allen Windrichtungen ausgebildet werden, im Gernhaben, zu gleitig ausgelernt. Gleichwohl, für alte Sünder und etwa für den kopfhängerischen König Saul, wäre dein Spiel noch zu brauchen. Es täte sie wieder auftauen und zu allerhand Leben bringen, wie das Abwaschwasser einen Topf voll absterbender Wegeriche, Knöteriche und Rapunzel. Schau', schau', unser Beda. Bist ein Schlecker du, wenn auch kein Falter und Honiglecker, denn es riechen noch lange nicht alle Blumen gut, die dich anzuziehen scheinen. Und da haben wir gemeint, du könnest außerhalb der Schulstube nicht fünfe zählen. Tust dich ja immer im Land um wie eine verregnete Kirchenfahne. Spitzbub, Maitlischmecker, Erzlecker!« »Tut doch nicht so, Vater!« legte keifend der Salami los, »Ihr wißt doch auch was lands in der Liebe. Wenn Ihr auch einen langen Hirtenstab habt, so macht Euch das noch lange nicht zum Bischof. Und da Ihr mit Euren wackelig werdenden Zähnen sowieso nicht mehr gut beißen könnt, so ist Euch so ein lustiger Singvogel, wie er in meines Bedas Gitarre nistet, gewiß ein willkommenes Späßlein, Butter aufs schwieriger werdende Rauhbrot. Unsereins kennt die Alten auch und nicht bloß aus dem Alten Testament und von der Susanne im Bad her. Laßt mir meinen Mann gelten, ihr alle, sag' ich! Ihr vergönnt es ihm nur, daß er so ein Künstler ist. Ich hätte gedacht, ihr tätet alle vor Freude . . .« »Sei doch still, du Gelle!« herrschte sie der Alte an. »Was machst du denn für ein Geschrei? Wir hören alle noch gut. Ein heimlichfeister ist er, dein Beda. Das hab' ich gesagt und was ich einmal gesagt habe, das steht und den Föhn möchte ich sehen, der's wegbläst. Aber deswegen will den Lehrer kein Mensch umbringen. Es ist ein jeder wie er ist, heja, so mag er sich auch geben wie er ist und leben wie er muß und uns seine überschmalzten Liedlein . . .« Es verschlug's ihm. Der Spielaumichel, der Dolmetscher und Landausläufer von Stagelrain, stand mit einemmal mitten unter ihnen. Er mußte sich fast leiser als der Schatten der nahen Wettertanne unter sie hineingeschlichen haben. »Ja, 's Donners abeinander,« rief der Bauer aus, den Spielaumichel, der allseitig eifrig grüßte, anglotzend, »hat der also den Festbraten bis auf Stagelrain hinunter zu riechen bekommen. Es ist ja grad, Michel, als ob's dich heute unter uns hineingehagelt hätte; was freilich kein Wunder wäre, denn du bist ja selber ein Hagel, und zwar ein gefehlter Hagel. Ja, red', wie ist jetzt das? Du wirst doch nicht heute schon zum heiligen St. Wendel in unserm Heimkapellchen versprochen haben? Du kannst ja sowieso nicht grad übermäßig viel bei ihm gelten, denn unser lieber heiliger St. Wendel hat allweg Tag und Nacht durch zu tun, den Schaden, den du im Viehhandel anstiftest, so gut als möglich zu wenden.« »Nichts für ungut, Stump,« sagte, rundum lächelnd und schöntuend in ewiger Bewegung, der Dolmetscher, »aber ich habe zu Erlenstalden im Hirschen gehört, unser Viehhändler, der Baschitoni Tritsch und der Metzger Balz Schwitter seien vorbeigekommen und danach auf die Ruchegg zu irgendeinem Festanlaß gestiegen. Da hat's mich eben auch hinaufgetrieben, denn ich möchte, beim Strahl, nicht, daß dir ein anderer ins Gehege käme, Baschitoni,« wandte er sich an den Viehhändler, »und dir die erstrangige Kuh vor der Nase wegkaufte, die bei der Alten in der Stolzern in unserm Stagelrainer Berg im Stall steht und die du schon lange gern gehabt hättest. Nämlich, die Bäuerin, die alte, wurmstichige Schnitztruhe in der Stolzern, will sie dir jetzt verkaufen. Drum hab' ich heute so pressiert, denn es gehen welsche Viehhändler, der spitzköpfige Fantoni und der schwarze Gabuzzi, im Land um und suchen die Ställe nach Nutzware, aber auch nach Reinrassigem ab. Auch für dich, Metzger,« wandte er sich an Balz Schwitter, »weiß ich jetzt etwas Feistes. Der Resenmadlentschi Wisel im hintern Tschübernell hat eine schlagreife Sau, die er dir billig lassen würde, denn er hat's, wie ich, hat Geld nötig, ohne Geld keine Welt, ich . . .« »So, du Krauthund,« sagte jetzt die Stolzernbase, die dem Spielaumichel in seiner Hast, trotzdem er seine Augen rundum hatte gehen lassen, doch entgangen war, »da bist du jetzt einmal gehörig in den Kuhkot getreten, Spielaumichel, und kannst einen Schuh voll herausziehen. Nämlich, die alte, wurmstichige Schnitztruhe ist auch da, und sie kann sich nicht erinnern, weder dich während eines Vierteljahres jemals gesehen, noch dir die besagte Kuh für irgend jemand feilgeboten zu haben. Du wärst mir sowieso nicht der erste, den ich rufen ließe, wenn's bei mir etwas zu handeln und zu verdolmetschen gibt.« Alles war in ein tolles Gelächter ausgebrochen, aber während man nun den Spielaumichel weidlich hänselte und der sich so klein und unscheinig als menschenmöglich machte, ließ der Stump das Mostfäßchen unter dem Schullehrer, über den sein mißbilligender Zustupf wie eine Sonnenfinsternis gekommen war und der nun in zunehmender Betrübnis dasaß, wegnehmen und anstechen. Dadurch kam der Lehrer Beda Aloser ebenfalls und unfreiwillig ins Grüne zu sitzen. Und als nun auch der landskräftige, noch süße Birnensaft aus dem Tale von Steinen zu fließen begann, rief der graue Hirte dem Spielaumichel zu: »Heda, alter Schlauch für alles, Erzschlauchiger, laß dich zum Most! Umsonst sollst du nicht auf die Ruchegg gestiegen sein am Namenstag des heiligen St. Wendels.« »Es wäre sonst nicht zu tun,« machte der Dolmetscher bescheidentlich, zu Tisch rückend, von dem ihm die Mager eine Wurst und einen Rundschnitt Brot und alsdann auch ein Beckelein voll Süßmost übermachte, den der alte Süffel aber mißtrauisch, kopfschüttelnd beroch, bevor er dran zog. »Wohl bekomm's!« wünschte der Stump, sein Glas Rotwein wieder einmal in die Abendsonne hebend und sich des schönen Tages königlich freuend. Aber der Salami, die alle Tranksame liebte und die demnach dem schönen, roten Flaschenwein das Tor weit aufgetan hatte, fühlte sich in jeder Hinsicht im Aufgang. Also begann sie der festenden Gesellschaft ihre künftigen, weitzielenden Pläne für ihre Wirtschaft zu offenbaren. Ganz großartig ward ihr zumut. Es sei ja blutwenig, was ihr das Schulmeisterslöhnlein ihres Beda ins Haus bringe, redete sie, aber es sei immerhin Bargeld. Auch aus dem Webstuhl stampfe sie eine schöne Handvoll Bares heraus. Aber die Hauptsache sei doch, daß sie's verstanden habe, zu einem Gütlein zu kommen. Ein Mensch ohne eigenen Boden unter den Füßen habe in der Welt und unter den Leuten und vor sich selber keinen festen Stand und rechten Bestand. Wenn's auch nur wenige Jucharten Eigenland sei, so habe sie's doch mit der Mistgabel und mit dem Jauchekasten verdoppelt, so daß es etliche Kuhessen ertrage. Und dabei könne sie mit der Schweinezucht ein Schönes verdienen. Es mache ihr sowieso keinen Kummer. Und wenn sie auch nur der Salami sei, so sei sie doch eine Stumpentochter und nicht ruhen noch rasten werde sie, bis ihr Beda ein Herr, ein wirklicher Herr, ein Herr durch und durch sei, vor dem man zu Kilchaltdorf den Hut abnehme, obwohl ihm dort bis jetzt keine Katze und kaum ein Spatz aus dem Weg gegangen sei. Aber sie lasse nicht nach. Herrenleute wollen sie werden. »Deswegen,« machte sie kreischend, »muß mir jetzt noch eine Kuh zu und den Saugaden baue ich weiter aus und . . .« Mit Verwunderung erkannte sie, daß ihr kein Mensch mehr zuhörte, denn aller Augen waren auf dem Metzger Balz Schwitter, den die Reb soeben, sich bolzgrad vor ihn hinstellend, zum Ringkampf herausforderte. »Also,« redete sie zu ihm, »steh auf, komm und probier's mit mir! Du hast ja vorhin nach dem Steinstoßen so geprahlt und großgetan und gesagt, es fehle dir beim Steinstoßen nur an der Übung, aber im Ringen und Schwingen da wäre es dann etwas anderes, da wolltest du mich bald genug auf den Rücken gelegt haben. Was machst du für Augen an mich hin, Bursche? Ja, schau' mich nur rundherum an! Da bin ich und ich bin dich wartig.« »Jaso, den Weg!« sagte der Metzger und sprang auf, »da bin ich gern dabei. Nichts könnte mir willkommener sein, als mit dir auf diesem grünen Bödelein um den Gütsch da ein wenig zu ringen, Reb.« Er lachte auf. »Wahrlich Gott, das passiert unsereinem nicht alle Tage, daß man so etwas ungestraft in die Finger nehmen darf, ja, dazu gar noch eingeladen wird. Das ist einmal ein anderes Herumlüpfen als ein dummes Kalb oder eine mordjolärmende Sau.« Den Kittel hatte er schon lange ausgezogen, jetzt stülpte er aber auch die Hemdärmel zurück und reckte und streckte kampffreudig die gewichtigen Arme. »Was meinst, Reb, wie ist's, wollen wir dranhin?« »Was fällt dir ein, Schwester,« sagte jetzt die Judith, »es wird doch nicht dein Ernst sein, mit Mannsleuten zu ringen? Da geht's halt rauh und ungewöhnt zu und du könntest übel drankommen, ja, wüst geworfen werden. Schau' den Balz Schwitter an, was der für einer ist und wie er dasteht! Reb, mach' keine Dummheiten, überlaß das dem Männervolk. Für unsereins schickt sich das nicht.« »Aha,« gab die Reb zurück, »ist der Baschitoni, dein Mann, schon so weit mit dir, daß es dir ob diesen Tabaklern zu fürchten anfängt. Also deswegen hast du dich ja wohl beim Steinstoßen hinter deinen Mann verkrochen und dich dasmal so völlig gedrückt, daß man von dir ja nichts zu merken bekommen sollte. Wir Rucheggler sind dir jetzt wohl zu rauhwollig, gelt? O Schwester, Große, nicht einmal da hast du mehr mittun wollen. Früher, als wir zusammen noch alle Sonntagnachmittage vor dem Hause Stein gestoßen und aber auch hinterm Haus geschwungen und gerungen haben, daß die Rasenstücke aufgeflogen sind, hast du nicht so zimperlich geredet. Sowieso, du hast dich von deinem Viehhändler beherren lassen, also schau' du für dich!« »Ja, das glaubt dir kein Mensch, Reb, ich schon gar nicht,« machte lachend der Baschitoni Tritsch. »Aber Reb, aber Reb,« sagte geschämig, halblaut das Röllchen, »du wirst doch nicht mit dem Metzger . . .« »Halt's Maul, du Fratz!« schnauzte sie der Salami an, die sich auf den Hosenlupf freute, »du bist ja nicht unsere Mutter.« »Gleichwohl, Kind, Reb,« meinte die Base Anneseba aus der Stolzern, »du bist doch nur ein Weibsbild und . . .« »Was bin ich?« lärmte die Reb, »die Reb bin ich und eine Stumpentochter, also macht Platz da!« »Ja,« rief jetzt der alte Stump, der eben mit dem Bäcker Burket angestoßen hatte, »laßt doch die Reb machen. Sie hat noch Waden wie vor altem. Die drückt keiner so leicht auf die Knie, geschweige daß er sie legt. Haarus, Reb, wehr' dich und zeig' wer du bist!« »Aber wenn ich dich bodige, Schatz,« sagte jetzt wohlverständlich der Metzger, »und dich also dazubringe oder gar zwinge, daß du mir einen Kuß machst, und ich hoffe das bombensicher, so will ich dir dafür ein gutes Bauerndutzend Küssen, auch mehr, zurückzahlen.« »Ich habe dir's schon gesagt,« machte sie kurz, »wenn du mich dazubringst, daß ich dir gezwungen oder aus freiem Willen einen Kuß . . .« Da hatte er sie schon gepackt. Und nun begann ein Ringkampf, der alle auffahren ließ und der den alten Stump in die höchste Aufregung brachte, »denn,« raunte er der Stolzernbase zu, »das ganze Festchen freut mich nichts, wenn er die Reb bodigt.« Bei sich aber dachte er jetzt, vielleicht hätte ich's doch nicht zulassen sollen, denn einen Mann mit solchen Armen mit einer solchen Stierenkraft wie den Metzger da, gibt's landauf und ab keine drei. Er hätte nicht ungern den St. Wendel für die Reb zu Hilfe gerufen, aber das getraute er sich nun für dieses Ringen doch nicht recht, auch wär's ihm parteiisch vorgekommen, zudem kam's ihm zu Sinn, daß man diesen Heiligen doch mehr als Schirm- und Schutzherr für die Viehhabe anrufe und . . . Nein, er konnte diesen Gedanken nicht länger nachgehen. Der Ringkampf nahm ihn jetzt völlig gefangen. Jawohl, die Reb hielt sich wacker. Und als der Tschuppmoos Bändichtli des Röllchens Handorgel erwischte und gar einen gestobenen Gautanz aufzuspielen anfing, legte sie sich wie ein junges Roß erst recht ins Zeug. Der Metzger hatte alle Hände und Füße voll zu tun, sich ihrer zu erwehren. Zu Fall jedoch oder auch nur einigermaßen unter sich brachte sie ihn auch nicht. Und bald zeigte es sich, was dieser Balz Schwitter für ein bäumiger, zähfaseriger Bursche war, denn er rang mit wachsendem Erfolg, um so mehr, als sie anfänglich zu stürmisch vorgegangen war und sich so rascher verbrauchte. Es gelang ihm, sie in die Knie zu zwingen und mächtig mühte er sich jetzt, den stierenmäßigen, erhitzten Kopf verzweifelt vorstreckend, die Reb zu küssen. Und als er meinte, es sei nun gewonnen, war sie aber schon wieder auf und setzte ihm von neuem mit voller Kraft zu. Doch was sie auch tat, auf den Rücken brachte sie ihn nicht; immer wieder kam er ihr aus und einmal hatte er sie soweit, daß er sie gar fest an sich zu drücken vermochte. Stöhnend lag sie an seiner Brust, immer näher brachte er ihr Gesicht an sich. »So, Reblein,« machte er schwer schnaufend, »nun wären wir soweit, nun gib mir den Kuß gutwillig, denn, schau', küssen mußt du mich nun sowieso, du mußt, du mußt!« Fast berührte er ihren Mund. Sie glühte, sie schäumte. Ein wütender Ruck, es gelang ihr wieder loszukommen und was er auch tat, er bekam sie nicht mehr wie vordem an sich, im Gegenteil brachte ihn die Reb, bei seinem hartnäckigen Trachten und Mühen um ihren Mund, in einen immer böseren Stand, so daß er sich wieder völlig auf die Abwehr verlegen mußte. Nein, da war nichts mehr zu wollen. Mehr und mehr ermüdeten sie beide. Es ward ein unschönes, zweckloses Hin- und Herringen und -reißen und der Reb hingen die aufgelösten Haare schon eine Weile über ihr schweißbedecktes, ja rauchendes Gesicht. »Fertig!« rief eine Stimme. Sogleich und gern, man konnte es sehen, ließen die Ringer voneinander ab und warfen sich auf den Rasen, eifrig atemholend. »Ja,« sagte jetzt der Bäcker Burket, der Halt geboten hatte, »der Kampf ist unentschieden. Aber es würde kaum viel anderes herausschauen, auch wenn wir euch nochmals aneinanderließen. Es ist hart herbeigegangen und das muß ich sagen, daß ist tags meines Lebens noch kein Weibervolk gesehen habe, das sich so heillos stark und gelenkig gezeigt hat. Ein Mordsbursche, deine Reb, Stump. Sie hat dem Metzger gehörig zu schaffen gegeben und der ist ein Mann und was für einer!« »Jaha, die Reb hat sich stumpenmäßig gehalten,« sagte der Hirte, den roten Kopf hochtragend. »Respekt vor dir, Reb, bist halt ein Weltbursche.« Aber so ganz zufrieden war der Alte doch nicht. Einerseits hätte er's ja überaus gern gesehen, wenn die Tochter, auf die er am meisten hielt, den landum als einen der kräftigsten Burschen bekannten Metzger hätte bodigen können. Anderseits aber wäre es ihm auch wieder nicht unlieb, nein, eher wie gewünscht wäre es ihm gekommen, wenn dieser wohlbestellte Kilchaltdorfer Metzger Balz Schwitter die Reb wenigstens dazu gebracht hätte, daß sie ihn hätte küssen müssen. Vielleicht würde sie das doch ein wenig gezähmt haben. Sie war etwa auch gar eine Wilde, und wer weiß, was aus diesem Kuß hätte herauswachsen können, denn das sah ja ein Einäugiger auf eine Stunde weit, daß der Metzger es auf diese seine Zweitjüngste abgesehen hatte. Er konnte alledem aber nicht weiter nachsinnen, denn sein Schwiegersohn, der Viehhändler und die Judith, die ihm seinen heimlichen Verdruß wie aus einem großbuchstabigen Gebetbuch vom Gesicht ablas, zogen ihn ins Gespräch. Und als der Baschitoni Tritsch vom Stierenmarkt am See zu berichten anfing und wie er da mit seiner Heimkuh, mit der Lusti, Glück gehabt habe, fing er an zu vergessen und allmählich aufzuheitern, wozu der süffige Rotwein wacker mithalf. Der Unterdorfmetzger von Kilchaltdorf aber, der Balz Schwitter, hatte der Reb nach guter Ringkämpferart die Hand mit lachendem Gesicht und mit Augen, die seine Wünsche taghell offenbarten, entgegengestreckt. Aber, nein, die Reb nahm sie nicht an. Sie sah auf und schaute ihn giltmirgleich, weder gut noch bös an. Es plagte sie geradezu, daß es ihr im Ringen nicht so gut geraten wollte wie beim Steinstoßen, daß sie den Metzger nicht unter sich gebracht hatte. Leicht hatte sie ja diese Kraftprobe von Anfang an nicht genommen, aber so bärenstark war ihr der Kilchaltdorfer doch nicht erschienen. Ihr Schwager, der Viehhändler Tritsch, war ja auch ein Mann, ein Mann wie eine Fluh, hoch und breit, wohl etwas zu dick, und den hatte sie doch vor nicht langer Zeit, in seiner eigenen Stube zu Hochsiten, nach kurzem Ringen und vor Judiths Augen, die das gar nicht fassen konnte und es ungern sah, auf den Tisch gelegt. Nein, dieser Balz Schwitter war eben harthölziger, ein Baumtrümmel; wo man ihn hinstellte, da stand er. Er hatte ja nun mit ihr zwar auch nicht obenausgeschwungen, das Ringen war unentschieden ausgegangen, der Bäcker hätte nie rechtzeitiger abbrechen können. Aber sie haßte das; entweder ganz oben oder ganz unten, so wollte sie's haben. Wie nun die Base Anneseba aus der Stolzern zu ihr trat, um sie zu ihrer wackern Haltung zu beglückwünschen, bekam sie, genau wie ihr Vater, um die kecke Hakennase allerlei Rümpfchen. Sie ließ jedoch die Alte weiter nichts merken. Und als sie weg war, legte sie sich wieder auf den Rücken, staunte in den blauen Himmel hinein und sann angestrengt darüber nach, wie sie allenfalls dem Metzger doch noch auf eine nachdrucksame Art den Meister zeigen könnte. Der neben ihr lagernde Balz Schwitter war auch nicht zufrieden. Er wälzte sich auf dem Rasen unruhig hin und her, als läge er mit dem Alpkobold im Bett. Es ärgerte ihn doch, daß er diese Stumpentochter, so sehr er ihre Mannskräfte und ihre Umtunlichkeit schätzte und so stark er in sie verschossen war, nicht gleich beim ersten Gang, wie schon so manchen kernhaften Burschen, auf die Schattenseite hatte legen können. Aber vor allem fuchste es ihn wettermäßig, daß es ihm nicht gelungen war, ihr ein paar vollsaftige Küsse aufzubrennen, geschweige sie zu vermögen, ihn zu küssen. Und er hatte ihr Gesicht doch so nahe gehabt. Keine Hand, was keine Hand? keine Feder hätte man mehr zwischen seinen und ihren Mund halten können, ohne daß es sie gekitzelt hätte. Verflucht doch auch sowas! Nein, er mußte es anders anstellen, gescheiter und noch weit angriffiger, sonst würde er mit dieser heillos widerständigen, gleich buckelmachenden Katze auf keinen Bord kommen. Er erhob sich mißmutig, machte sich nach seinem Kittel und nachdem er ihm eine lange welsche Zigarre entnommen, schritt er unter die andern, sich von irgendeinem Feuer zu heischen. Und als er nun beim Viehhändler Tritsch stand und beim alten, ziemlich stillgewordenen Stump und über den breiten, leicht welligen Scheitel der Judith hinweg nach den weißbemäntelten Bergen sah, ein blaues Räuchlein aufsteigen lassend, gab's ein dreckiges Meckern irgendwo um ihm Er schaute sich nicht einmal um, denn das konnte nur vom Spielaumichel herkommen, der ja genau lachte wie ein Ziegenbock. Aber nun mußte er sich doch umsehen. »Grad wie eine Katze, beim Eid' sterb' ich, auf und ähnlich wie eine Katze kann sie's,« rief der Spielaumichel aus. Was für eine Katze? wollte er den Dolmetscher fragen, der auf einem Tischende ob ihm hockte, ein Kaffeebeckelein voll Most in der haarigen Hand. »Heijupedihee!« schrie's jetzt aber unterhalb. Und als sich der Metzger rasch nidsich wandte, erblickte er des Stumpen Röllchen, das auf dem Hag dahinging, der unter dem Gütsch die Hausmatte gegen das Weidland abgrenzte. Und also flott, ja zierlich und doch sicher wie ein Seiltänzer, schrittelte das Mädchen über die schmalen Hagschwarten hinweg, daß der Bäcker Burket hingerissen ausrief. »Ja, bei Gott, sie kann's wie ein Kätzlein!« »Heiteliho!« schrie bodenwohlauf das Röllchen. »Heiteliho, der Mai isch do! Heiteliho, was bringt er? Alli Vögel macht er froh, Us dä Chinde singt r. Moled d' Vyeli chnistblo . Heiteliho und jupedihee! Nästli git's i Gras und Chlee. Wer's nüd glaubt, cha's sälber gseh. Heijo! wer mir auf dem Hag nachgehen kann und mich erwischt ohne hinunterzufallen, bekommt von mir auch einen Kuß, denn,« ihr helles, jauchzendes Auflachen tollte in den Abend hinein, »denn, müßt ihr wissen, ich kann auch schon küssen und hab' von dieser Schleckware nicht weniger in Vorrat als die Reb.« »Jetzt wird's gut,« meckerte der Spielaumichel, sein Bocksbärtchen streichelnd und danach sein leeres Mostglas aus dem Fäßchen, das nun auf dem Tisch stand, frisch füllend. »Ja, was ist denn das, was macht denn die auf einmal für Sprünge?« redete der alte Stump verwundert ins allgemeine Gelächter. Dem alternden Bäcker Burket aber juckte und zuckte es in allen Gliedern. Das war einmal eine Gelegenheit, ans Röllchen zu kommen, das einem immer so nahe am Gesicht vorbeilächelte und so verlockend, und das einem doch immer wieder so unbegreiflich aalglatt entglitt, wenn man's zu fassen meinte. »Nein,« murmelte er in sich hinein, »ich tu's doch nicht. Nein, nie. Zwei Schritte weit brächte ich's auf dem Hag und würde ich alsdann hinunterpurzeln, so hätte ich zum Schaden noch den Spott. Der Spott aber ist einem bei den Weibern auch wieder ein Schaden und wohl der nachhaltigste. Ach, 's Donners doch auch, wäre ich nur um zehn Jahre jünger!« So hielt er an sich als ein erfahrener, bestandener Mann und blieb auf dem Rasen liegen. Aber seine Selbstbeherrschung freute ihn gar nicht, als er nun sehen mußte, wie sich der Tschuppmoosjunge, des Battisten Bändichtli, der bei des Mädchens Aufruf wie ein aufgeschreckter Hase unter der Wettertanne aufgeschnellt war, auf den Hag hinstürzte und wie er alsbald und gar nicht schlecht mit tastenden bloßen Füßen dem Röllchen nachzugehen begann. Aber zweimal purzelte er, zur großen Freude des Bäckers und unter dem Auflachen aller, ins Gras, denn er hatte sich eben im Marschieren auf dem Hag nicht so ausgebildet wie das Röllchen. Doch das kam ihm immer wieder in schönem Gleichgewicht wie der Glorienengel auf dem Galeriegesims zu Kilchaltdorf entgegen. Und nun besann er sich, tat weniger hastig und da machte er sich auch schon wieder, mit vorsorglich tastendem Fuß, dem nicht allzu eilfertig vor ihm hertänzelnden Mädchen nach. Also verminderte sich der Abstand zwischen ihnen immer mehr und es hätte noch allerlei geschehen können. »Du Welthex', was stellst du denn an?!« lärmte jetzt unversehens der graue Hirte am Gütsch, der endlich aus seiner Verblüffung herausgekommen sein mochte. »He, heilige Mutter St. Anna, wer heißt dich denn auch schon Küsse feilhalten, du Knopf! Also der Reb willst du's nachmachen? Ja, Herrgott doch auch, das ist ein anderes, die Reb ist ein ganzes Frauenzimmer, fast hätte ich gesagt, ein ganzer Mann, die darf für ihre Küsse schon einen Kramladen auftun, aber du, ja, Röllchen, Kind Gottes, bist mir noch wohljung. Mindestens ein Jahr lang mußt du noch warten, denn ein Sträuchlein mag sein, was für eins als es will, wenn's zu früh blüht und sich gar zu sehr ans Licht macht, frißt's der Rauhreif. Also wenn du gern den Hag ausläufst, und das tust du ja fast jeden Tag eine Weile, so hab' ich nichts dagegen, jedoch ein Wettrennen auf dem Hag um Küsse ist bei uns sowieso nicht Landesbrauch. Und . . .« Fast erschrocken hielt er an, denn bei einem Haar hatte der Bändichtli auf dem Hag das Röllchen erreicht, ja, zum Donner, jetzt streckte er schon die Hand nach seinen Zöpfen aus. »Bursche, Tschuppmoosvogel,« lärmte er unwirsch, »jetzt mach', daß du vom Hag herunterkommst, du Lecker! Ja, du wärst mir der erste, von dem ich meine Töchter abküssen lassen möchte, du, noch so ein Grünling und dazu des Hühnerbäuerleins und Schuhmachers Battisten Bub.« Er hielt einen Augenblick inne, als er bemerkte, wie der gutgewachsene, flinke Junge auf seinen Anruf hin, hart vor dem Kuß, vom Hag fiel und sich erhebend, gesenkten Kopfes, düster, gedrückt, wie ein abgekanzeltes Hündchen, sich wieder unter die nahe Wettertanne zum alten, grinsenden Metzgerknecht schlich und niederlegte. Aber als er sah, wie auch seine Jüngste sich, ein Schmollmäulchen zeigend, auf den Hag hockte und wie die Judith halblaut sagte: »Ja, Vater, so schrecklich wäre jetzt das doch auch nicht gewesen. Der Bändichtli ist ja ein rechter Bursche und ein Knecht, wie man ihn sich nicht schaffiger wünschen kann, das können wir ja wissen,« ward er auch über die Judith und noch mehr über sich selber unwillig und schnauzte: »Ja, ja, ja, ihr Weiber müßt doch immer allem die Stange halten, was nicht grad eine Kirchenfahne ist und zum Guten reden, besonders wenn's um junges Mannsvolk geht. Aber gern oder ungern, ich sag's und dabei bleibe ich: das Röllchen ist noch nicht zeitig genug zum Küssefeilhalten, obwohl's schon von allen Seiten, zu früh, beim Strahl, Blust ansetzt.« »Vater,« warf die Judith ein, »das weiß man doch hierlands von den Bergkirschenbäumen: die zuerst blühen und dann aber am langsamsten reifen, bringen zuletzt die süßesten Früchte, wahr oder nicht?« »Judith,« sagte der Alte, der seine Tochter einen Augenblick sinnend angesehen hatte, »und wenn das Röllchen da auch zeitig sein sollte, was mir jetzt doch schier scheinen will, und wenn sie nach dem verliebten Geküß und Geschleck so gelüstig ist, daß sie meint, auf den Hag steigen und es aller Welt auskündigen zu müssen, so sollen ihr doch andere Ledige nachsteigen. Bauernsöhne, die nicht bloß eine zehnfränkige Knolluhr und ein Soldatenmesser im Sack haben. Kurzum, hier sind des Stumpen zu Haus und ich sag's, eine Stumpentochter zu küssen ist keine Knechtenarbeit. Hab' ich recht oder nicht, Bäckermeister?« wandte er sich an den Bäcker Burket. Der Bäcker verzog zwar keine Miene, ja, er schaute bei des Hirten Anruf fast ernst drein, aber innerhalb spann und schnurrte seine Seele vor großem Behagen wie eine Katze hinterm Ofen. Als er jedoch sich anschickte zu antworten, gab's um ihn ein Auflachen und nun mußte er, wie alle die andern, auf den Schullehrer Beda Aloser schauen, der sich mit hängenden Armen und seinem dünnbehaarten Kopf, der ihm immer vornüber abzufallen drohte, aus der Gesellschaft weggemacht hatte und nun eifrig auf den Hag zustrebte. »Ja, wo willst du denn hin, Beda?« rief ihm der Salami kreischend, hocherstaunt nach. »Heja,« kam's dickschleimig, in Abständen, zurück, »wo könnte ich denn hinwollen? Auf dem Hag will ich dem Röllchen nachsteigen und seine Küsse einsammeln.« Jetzt aber ging ein Gelächter um den Gütsch, wie's das Echo nicht oft hatte zurückgeben müssen. Heiland, war das eine Freude! Sie schwoll noch an wie ein Wasserfall im Donnerwetter, als das Röllchen sich erhob und auf dem Hag mit gar verführerisch geschürztem Mund hin- und herzutänzeln anfing und die Frische und Köstlichkeit seines ganzen Wesens dem herankommenden Lehrer zur Schau brachte. »Ja,« meinte der Spielaumichel, sein Hakenpfeifchen am Tisch, auf dem er hockte, ausklopfend und die dürren Beine schlenkernd, »des Stumpenröllchens Küsse täte ich auch lieber sammeln als zugedeckelte Schnecken.« Aber als der gute Beda Aloser, der infolge der ungewohnt reichlich eingenommenen blutschönen, so leicht eingehenden Tranksame, sozusagen vom Dampf auf den Hag zugetrieben ward, schon meinte dem Ziel seiner tiefgefühlten Wünsche nahe zu sein und mit gebührender Aufmerksamkeit die weißen Waden obsich auf dem Hag ihr anziehendes Spiel aufführen sah, nahte sich ihm das Verhängnis. Mit einemmal fühlte er sich am Kragen seines abgeschossenen Hochzeitsrockes gepackt und ob er wollte oder nicht, er mußte ganze Wendung machen und geleitet von der unwiderstehlichen Faust seiner Ehegattin Sulamith den Rückweg zur wonnetrunkenen Sippe machen. »Wart', ich will dir durch den Grünhag gehen, du näschiger Geißbock!« kreischte ihn der wütende Salami an. »Wohl, das fehlte mir jetzt grad noch. Ich kann mich für dich jahraus und -ein plagen und abhunden, auf daß wir zu etwas kommen und du ein Herr, ein richtiger Herr, wirst, was ja bei deinem elenden Löhnlein ewig nie möglich wäre, und da gehst du und machst dich auf einmal, wie du ein wenig zuviel Wein hast, einer andern nach. Da wäre mir doch eher der Tod in den Sinn gekommen, als daß du mir nach der Richtung abkommen könntest. Ja, du bist mir ein schöner, Beda. Aber wart' nur, das will ich dir für immer abgewöhnen. Das weiß ich dann schon anzureifen. Wohl, du brauchst andern auf dem Hag nachzulaufen wie die Kater im Hornung. Wenn's dir so um Küsse zu tun ist, so weißt du, wo sie für dich haufensgenug auf Lager sind, denn da bin ich nicht ärmer als der Rolli, so wohlhabend als die Reb und reicher als die Mager. Und über der Judith ihre Munition kann dir der Viehhändler Auskunft geben, wenn er will. Sowieso, so geht man mit einer Stumpentochter nicht um, Beda. Sei du froh und dank unserm Herrgott beim Aufstehen und beim Abliegen, daß du mich bekommen hast, denn du bist mir lange genug, wenn auch nicht auf dem Hag, so doch wie eine Schnecke am Hag nachgeschlichen.« Doch als der Jubel der andern so recht über sie kam und als sie seiner vollbewußt ward und gar des Vaters Stimme vernahm, der ihr zurief, ob sie denn des Teufels sei und ihrem Mann kein Schrittlein daneben im Räuschlein übersehen möge, verstummte sie wie aufs Maul geschlagen und begann ihren Lebensgenossen unversehens sänftiglich, ja zärtlich zu behandeln. Aber ihre Vorwürfe und ihre kreischende Stimme waren so jählings, so lawinenmäßig über den Schullehrer gekommen, daß es bei ihm nicht mehr so geschwind guten wollte. Im Gegenteil, als sie ihn nun unter den andern im Grünen hatte, überkam ihn auf einmal der ganze Weltjammer und eine mit keinem Blei abzusenkelnde und zu erfassende Trostlosigkeit. Er kauerte da wie aus Lumpen gemacht und begann angelegentlich in sich hineinzuweinen, ohne daß er einen Laut hören ließ, aber die Tränen liefen ihm über die Backen und alle, die ihn mit lachenden Augen ansehen mußten, erwarteten jeden Augenblick, sein Gesicht werde wie ein allzunasses Pflaumenmus auseinanderlaufen. Jetzt ward der Salami erst recht wild. Sie fauchte alles ringsum an; dem meckernden Spielaumichel zeigte sie gar die Zunge. Alsdann schleppte sie ihren Schullehrer unter den Tisch, zog ihm den Rock aus und legte ihn auf die Gitarre, sein Haupt draufbettend, das er nicht mehr zu tragen vermochte. Gar sorglich betreute sie ihn und bald hatte er sich in den Schlaf geweint. »O Mutter, die Finken sind tot!« sang der alte Stump zu Salamis Verdruß und zur Freude aller andern. Aber das Röllchen hatte die Handorgel wieder in den Händen und begann nun, zuoberst auf dem grünen Gütsch hockend, einen frohflüssigen Gautanz nach dem andern aufzumachen, wobei ihre Augen unter der Wettertanne weideten, wo der Tschuppmoosjunge bäuchlings lag und mit bekümmertem Gesicht alleweil und geradenwegs zu ihr hinaufsah. Aber das stille Lächeln in ihren blauen Augen wollte nicht vergehn. Sie schienen sich aus seinen Schwermütigkeiten nicht allzuviel zu machen. Und als sich nun die Köpfe leise, merklich oder auch offensichtlich, zu wiegen und die Füße zu regen begannen, je nachdem es dem Zuhörenden innerhalb von der lüpfigen Tanzmusik her erdbebte, stand die Reb unversehens und sagte, den Metzger Balz Schwitter ansehend, der noch keineswegs der guten, ja frohen Laune der andern teilhaftig war: »Metzger, wie haben wir's jetzt, wir zwei, wollen wir noch einen Gang zusammen wagen oder hab' ich's dir etwa verleidet?« Überrascht, bis in die Zehennägel hinunter erfreut, schaute der Metzger zur Reb, die gar angriffig, mit Augen, aus denen kein Mensch kommen konnte, vor ihm stand. »Ja, beim Eid,« machte er laut, »will ich's mit dir noch einmal wagen, zehnmal, wenn du's willst und was und wie du's willst.« »Metzger,« sagte die Reb, »wenn's dir paßt und du nichts dagegen hast, so wollen wir miteinander durch die Wettertanne da nahebei hinaufsteigen. Und wenn du vor mir oben bist, so bleibt's beim versprochenen Kuß. Ich will ihn dir dann gewiß nicht absein; mitten in dein rotlachtes Gesicht hinein sollst du ihn bekommen. Bin aber ich vor dir zuoberst im Tannendolden, so kannst du dich acht Tage lang und drüber schämen.« »Mach' doch nicht so Geschichten, was erfindest du denn heute noch alles,« sagte unwirsch der Salami, »laß doch den Metzger einmal in Ruh, bevor du dich ihm völlig verleidest.« »Halt's Maul!« rief der alte Stump aus, »und laß mir die Reb machen. Sie weiß schon was sie will; die Reb ist die Reb. Und da wir nun einmal zum Festen hier sind, ist's doch wohl, beim Hagel, gut, wenn etwas läuft. Die beiden, die Reb und der Metzger, wollen eben wissen wer sie sind, bevor sie sich so recht Bescheid tun und auf Wiedersehen! sagen.« »Gleichwohl,« meinte jetzt auch die Mager, »man kann alles übertreiben. Ja, die Reb übertreibt's, Vater, und vielleicht ist's den Metzger schon lange reuig, daß er selber da zu uns heraufgekommen ist, wenn er, es ist doch, bei Gott, wahr! seine eigenen Würste da oben auf der Ruchegg so im Schweiße seines Angesichtes essen muß.« Der Alte lachte. »Das verstehst du nicht ganz, liebe, trockene Hagar,« redete er, »denn von dem allen steht nicht viel in den Legenden der Heiligen.« Der Bäcker Burket schaute nicht ohne Wohlgefallen auf die Mager, deren ruhiges Wesen ihn anzog. Aber die Stolzernbase meinte: »Laß sie machen, Mager, schau', das Reden nützt ja da doch nichts.« So war's auch. Der Metzger Balz Schwitter und die Reb standen schon unter der prächtigen, weitausladenden Wettertanne, unter der sich der Bändichtli und der alte Fleischerknecht ziemlich widerwillig hervorgemacht hatten. Und nun gaben sie sich den Handschlag doch und sogar zum voraus. »Bäcker Burket,« rief die Reb, »habt Ihr bisher den Kampfrichter gemacht, so macht ihn jetzt nochmals!« Ja, der Bäcker war gern hiefür bereit. »Ich zähle drei,« sagte er munter werdend, »dann hinauf in die Tanne! Nehmt euch ein wenig in acht! Nicht daß ihr Hals und Beine brecht.« Und langsam, schier feierlich, begann er, die Hand hebend, zu zählen: »Eins!« Sie maßen sich unter der Tanne mit einem geschwinden, lustigen Blick. »Zwei!« – Der Metzger schaute forschend in das allseitig schwer über ihnen lastende Dickicht hinauf, von dessen tiefer Dämmerung er allerlei küßliche Möglichkeiten erhoffte. »Drei!« Da begann von zwei Seiten der Aufstieg in den gewaltigen Baum. Der Metzger Balz Schwitter, so oft und so sehr er schon in alles mögliche Rauhe und Ungestrählte hinein mußte, eine Tanne hatte er noch nie erstiegen. Er hatte sich gedacht, es werde über die Äste so eine Art Leiter im Halbdunkeln geben, wie beim Aufstieg auf den Kilchaltdorfer Kirchturm. Ab und zu werde man auch ein bißchen den Kopf anschlagen, aber im ganzen werde das keine besonderen Schwierigkeiten haben. Er hatte keine Ahnung, daß eine Wettertanne aus lauter ungeschnittenen Tannreisbesen besteht. Nun mußte er's unliebsam erfahren, denn sie fuhren ihm zu Dutzenden ins Gesicht. So kam's, daß er, kaum recht im Baum, schon rundum, auch überall da, wo er seiner Lebenstage nie eine Bürste zu spüren bekommen hatte, aufs gründlichste und unaufhörlich abgestaubt, ja gestriegelt und gestrählt ward. Er hatte es sonst keineswegs mit den Schellenlauten, obwohl er auch kein Blatt vor den Mund zu nehmen pflegte. Nun aber ging's mit ihm durch und er hob an zu fluchen, daß die Base Anneseba aus der Stolzern und die Mager sich bekreuzten. Der Spielaumichel aber sagte, freilich nicht zu laut: »Das kann einer jetzt schon merken, schon an der bösen Litanei an, die der Metzger betet, daß er aufs Tannenklettern nicht recht eingeübt ist. Mit einem Eichhörnchen könnte er's allweg ewignie aufnehmen.« Es lachte niemand, im Gegenteil, es sahen alle in tiefstem Schweigen auf die gewaltige Wettertanne, in der es so lebhaft umging. Die beiden wunderlichen Vögel aber, die drin hausten, bekam man wohl etwa zu hören, aber kaum zu sehen. Doch, hin und wieder zeigte sich jetzt die Reb. Man sah es wohl, sie hatte zu tun wie die Schmeißfliege im Heumonat, aber sie kam auch obsich. Sie wußte eben, wie man mit diesen ungebärdigen Fächern aus Tannreisern umgehen, sich gegen sie wehren mußte, daß sie einen nicht, wie der König Robeam die Juden, mit Geißeln und Skorpionen züchtigten. Mit kundiger Hand hob und lenkte sie das alles von sich ab. Wie eine Luchsin verstand sie's, überall durchzuschlüpfen und also aus der finstern Wettertanne eine leidliche Stiege zu machen. Zu oft hatte sie, in ihrer Kindheit schon, diesen alten, einsamen Baum am Gütsch erstiegen. Sie kam dem sichern, sich kaum regenden Wipfel näher und näher. Der fluchende Metzger aber hatte es immer schwieriger. Es wollte ihn bedünken, so sapperlots habe er die Rute in seinen Lausbubenzeiten nie bekommen wie heute von diesem Baum. Nein, so konnte es nicht weitergehen. Diese Kletterei verleidete ihm ärger als einem Eichhorn der Umgang in einer Drille. Da hatte er sich von diesem Tannicht, in dem er nun steckte, gar mancherlei Wohlbekömmliches, ja allerhand Kurzweil und Lustbarkeit hinter den Kulissen und selbander versprochen und nun war's ihm wie einem wurmstichigen Apfel, zum Abfallen. Ja, beim Eid, sagte er sich nun, die Reb ist nicht nur baumstark und von Stahl und Eisen, sie ist auch ein durchtriebener Bursche, denn sie hat mich da zu einem Wettklettern hinzängeln können, das für mich zum voraus verloren war, was ich hätte denken können, wenn ich überhaupt ans Denken gedacht hätte. Ich habe eben nur die Reb vor Augen gehabt und nicht diese verfluchte, dreimal gottverdammte, wettertannige Kratzbürste. Und nun hat sie mich, wo sie mich hat haben wollen. Völlig bin ich ihr in die Falle gegangen und sie kann mich auslachen. Herrgott doch auch, mich so hereinzulegen, mich, den sonst die verschlagensten, spitzköpfigsten Bauern nicht so leicht erwischen. »Trotzdem,« machte er brummig in sich hinein, »nun will ich sie erst recht haben. Keine paßt so zu mir, wie diese Reb und keine hat mir's noch so gekonnt wie sie. Wenn sie mich nur besser leiden könnte! Aber dieser Wildling im Unterrock macht sich ja nichts aus den Mannsleuten. Und doch hab' ich schon gemeint . . . Himmelherrgottdonnerwetter noch einmal!« lärmte er laut auf, denn nun hatte ihn ein mächtiger Tannreisbesen fast hinabgefegt. Unten meckerte es. Der Spielaumichel. Aha, man lachte ihn also auch unterhalb und nicht nur oben aus. Ja, natürlich, das gehörte sich auch, es geschah ihm hundertmal recht, was hatte er sich so fangen lassen. Er hockte sich, so gut es ging, auf einen Ast, um zu verschnaufen und vor den Tannreisern ein wenig Ruhe zu bekommen. Keinen Schritt wollte er weiter tun. Mochte man lachen, oben und unten. Den Hobel konnten sie ihm ausblasen. Er wollte einfach ein wenig ausruhen und sich danach nidsich machen. Höher hinauf sollte sie ihn nicht bringen. Mit den Küssen war's ja doch nichts. Statt der Küsse von der Reb hatte er von dieser hinterhältigen, groben Wettertanne, die so urväterfromm, so scheinheilig am Gütsch stand und tat, als ob sie nur die kleinen Vögel auf ihren Ästen singen und nisten lasse, die Rute auf die Fresse, ja auf den ganzen zündroten und verschwitzten Vollmond drum herum bekommen. Diese verflixten, abgefeimten Bauern! Nein, das hätte er sich bei dieser rauhwolligen, kurzangebundenen Reb doch nicht vorgestellt, die so fluhhart aussah, daß doch eine Höhle voll arger Füchslein in ihr verborgen sein könnte. »Metzger!« rief's von hoch oben. Ja, ruf du meinetwegen, dachte er ingrimmig; kannst lange warten, bis ich dir das Echo mache. Und er begann, sich von seinem höchst unbequemen Hock zu lösen und sich abwärts zu lassen. Nun, gottlob, das ging doch etwas besser als beim Aufstieg, doch mußte er verflucht scharf aufpassen, daß sein Schuh keinen Ast verfehlte. »Heda, da unten, Balz, was ist's denn mit dir, wo steckst du denn?!« lärmte oben die Reb. »Höher hinauf kann ich auch nicht mehr, denn sonst müßte ich in den Himmel hineinkommen, was nur den Toten erlaubt ist. Ich bin aber noch lebendig. So bleibe ich lieber da oben im Tannenwipfel hocken. Ich erwarte dich. Komm doch einmal, Metzger! Du hast doch vor mir oben sein wollen. Wie ist's, gefällt's dir in der Tanne da unten so ausnehmend wohl, daß du drin etwa gar schon zu nisten anfängst? Soll ich herabrutschen und dir dabei ein wenig helfen? Guggu, guggu, was für ein lahmer Vogel bist du!« Sie lachte auf und auch um den Gütsch war ein Gelächter, aus dem man die Stimme des alten Stump aus allen heraushörte. Da riß die übermütig gewordene Reb einen Tannzapfen aus dem leicht schwankenden Dolden des Baumes und ließ ihn fallen. Ein kurzer Aufschrei unter ihr im Dickicht, ein Knacken und Rutschen und ein Lärmen und Schreien am Gütsch und schon lag der Metzger Balz Schwitter auf dem Rasen unter der Tanne und gab kein Lebenszeichen mehr von sich. »Reb!« lärmte der hocherschrockene Stump. »Du bist wohl vom Teufel besessen, daß du dem Metzger Tannzapfen auf den Kopf fallen lassest. Steig herunter, du Wetterhexe, kannst ihn jetzt da unten auflesen.« Alles umstand den abgestürzten Metzger. Er mußte wohl im augenblicklichen Schreck einen Fehltritt getan haben, als ihn Rebs Tannenzapfen traf. »Er wird uns doch, will's Gott, nicht tot sein!« jammerte die Stolzernbase. »Nein,« meinte jetzt der Bäcker Burket, der beim Metzger niedergekniet war und den Kopf an seine Brust gelegt hatte, »tot ist er gewiß nicht; es ist ihm einfach geschwunden und nun ist er ohnmächtig. Die Tanne hat ihn eben etwas hart fallen lassen. Er muß doch schon ein schönes Stück weit oben gewesen sein.« Das Röllchen kam, das rote Doppelschälchen seiner zusammengehaltenen Hände schon voll Quellwasser, um den Gütsch gegangen und ließ es über des Metzgers Gesicht rinnen. Nein, er regte keinen Finger, keine Wimper. Die Frauen begannen zu klagen und zu schreien. »Komm einmal herunter!« lärmte der Stump nochmals zornig in den Baum hinauf, in dem es mäuschenstill geworden war. Ein Rutschen durchs Tannicht, und jetzt glitt die Reb hart neben dem wie leblos Daliegenden auf den Rasen. Aber im Hui war sie wieder auf und bleich, wie sie noch niemand zu Berg und Tal gesehen hatte, bückte sie sich und wollte den schweren Mann, der da so unheimlich still vor ihr lag und dem sie also bös mitgespielt hatte, einfach auf die Arme nehmen. »Ich will ihn ins Haus hinuntertragen,« sagte sie. »Bist du verrückt?« herrschte sie der Stump an. »Was fängst du denn an, wie solltest du den Metzger zu tragen imstande sein? Dazu braucht's zwei bäumige Männer. Jetzt schau' einer diese Reb an!« rief er aber gleich verwundert aus. Wohl, freilich vermochte die Reb den Metzger zu tragen. Sie hatte ihn schon auf den Armen, wo er lag wie ein Knäblein aus der Riesenzeit. Er ward ihr zwar, allem Anschein nach, keineswegs leicht, aber sie behielt ihn und schritt mit ihm bedachtsam, streng atmend um den Gütsch und zum Ruchegghaus hinunter. Der Alte mußte seiner Tochter nur so nachglotzen. Das war denn doch noch über seine Erwartung. Trotzdem ihm der Absturz seines Gastes stark auflag, war er doch nahe daran aufzujauchzen. Nein, was doch diese Reb für eine Kraft in sich hatte! Unwillkürlich folgte auch er ihr, hinter der die alte Base Anneseba mit der Judith und der Mager hergingen, während das Röllchen geradezu auf das Ruchegghaus, in dem sie für den Metzger in der Töchterkammer ein Bett zurechtrichten wollte, zuzukugeln schien. Auch der Bäckermeister, der alte Metzgerknecht und der Tschuppmoosjunge machten sich ihnen bedrückt nach. Es blieb nur der Salami zurück, die es mit ihrem Beda, dem Schullehrer, der Reb nachmachen wollte. Aber obschon sie auch ein kräftiges Stück Frauenvolk war, so brachte sie das mit ihrem viel leichtern Mann nicht fertig, was ihrer Schwester fast mit Selbstverständlichkeit geraten war. Nämlich, so oft sie ihren betrunkenen, nun allerlei durcheinanderstammelnden Beda auf den Armen hatte, ging er ihr wieder auseinander wie ein überladener Arm voll nasser Wäsche, und glitt auf den Rasen zurück. Und da ihm dieses Säuglingsspielen nicht recht zusagen mochte, kroch er unter den Tisch, wo sie ihn einfach liegen ließ, denn mit großem Unbehagen bemerkte sie, daß alles abgezogen war und wie auch der Spielaumichel, als letzter, aber seitwärts zu Tal, das Geschenk der Reb, den kaum angebrochenen Schinken unterm Arm, sich davonmachte. »Schelm, Halunk'!« lärmte sie ihm nach. Er schien aber diese Zurufe nicht auf sich zu beziehen oder er war sie zu gewohnt, als daß sie ihm besonderen Eindruck hätten machen können. Er schaute sich nicht einmal um und weg war er. Einen Augenblick sah ihm der Salami sinnend nach, alsdann machte sie sich über den Tisch her und stopfte ihrem darunterliegenden Mann die weiten Rocksäcke mit den verbliebenen Schweinswürsten voll und danach nahm sie, ziemlich hastig, die letzte halbvolle Flasche Rotwein zu Handen und sich aufs Mostfäßchen, nahe zu ihrem Mann, der wieder eingeschlafen war, hockend, füllte sie sich ein Glas plattvoll. Also blieb sie hocken und vergaß den Festtag, seinen schlimmen Unterbruch und Welt und Zeit. Und als jetzt der Abendstern im verglühenden Himmel ob den frischverschneiten Hochalpen stand, kam auch sie in ein kreischendes Singen, was ihren musikalischen Schullehrer aber mit Unruhe zu erfüllen schien, denn er begann, sich auf seiner Zupfgeige herumzuwälzen. Die Reb aber hatte den Metzger Balz Schwitter ins Ruchegghaus getragen und es schien ihr doch zu wohlen, als sie den schweren Mann auf ihrem Laubbett in der Töchterkammer ablegen konnte. Und als sie ihn nun mit ihren Schwestern zugedeckt und wohlgebettet hatte, machten sich alle vier Töchter in die Stube hinunter, in der sich's die Mannsleute, der alte Stump, der Bäcker Burket und der Viehhändler Baschitoni, der Mann der Judith, am Tisch vor dem Ofen schon einigermaßen bequem gemacht hatten. Den alten Metzgerknecht hatte der Bäcker in den Stall hinübergeschickt, wo er ihm sein Roß einspannen sollte, da er neben der Stolzernbase auch den abgefallenen Metzger auf sein Wägelchen aufladen und zu Tal mitfahren lassen wollte. Wo aber der Tschuppmoosjunge hingekommen sein mochte, kümmerte die Leute in der Stube einstweilen wenig. Wie jetzt die Töchter eintraten, befahl der graue Hirte einen gutgezuckerten und recht bissigen Schnapskaffee. Während aber die Mager sich in die Küche verzog und das Röllchen die grüne, vielgebuckelte Krausle voll Bergkirschengeist vom Büfett nahm und die noch vorhandenen Kaffeebeckelein auf dem Tisch zu verteilen anfing, erhob sich die Base Anneseba aus der Stolzern und sagte, die Judith und die Reb bei den Händen fassend: »Kommt, wir wollen noch rasch vor dem Zunachten in die Mulde da beim Haus hinuntersteigen und zum hl. Wendel beten, daß er dem Metzger bald wieder auf die Beine hilft, denn das wäre ja schrecklich für ihn und für uns alle, wenn ihm doch etwas Ernstliches passiert sein sollte und schon schlimm genug wär's, sollte er nur etwas gebrochen haben, Komm, Judith komm, Reb!« »Ja,« machte der Stump, dem man ansah, daß es ihm selbst die gewohnte Ofenbank nicht recht behaglich werden lassen wollte, »da hast du jetzt wieder einmal den Vogel abgeschossen, Anneseba. Geht nur hinunter! Es ist mir, der heilige St. Wendel sollte auf euch hören und euch jedenfalls nicht zuwider sein, wo wir ihm heute eine nagelneue Kapelle, die mich und andere einen schönen Batzen gekostet hat, eingeweiht haben. Auch kann er nicht sagen, daß wir ihm immer in den Ohren gelegen seien, denn es ist heute das erstemal, daß wir so geradewegs bei ihm um etwas anhalten. Und wenn's auch dasmal nicht fürs Vieh ist, so ist's doch für den Metzger Balz Schwitter, der auch allerhand mit dem Vieh zu geschäften und schon manchem Kalb aus der Welt geholfen hat. Ja, geht nur. Röllchen!« schnörzte er aber jetzt seine Jüngste an, »frag' die Mager, ob sie den Schwarzen bald einmal auftische oder ob sie die Kaffeebohnen zuerst aus Amerika kommen lassen müsse.« Als aber die Stolzernbase und die Judith übers Stiegenbrücklein hinab vors Haus traten, sahen sie sich fast verwundert um, denn die Reb war verschwunden. »Wo ist denn jetzt die Reb?« fragte die Judith. »Sie wird schon nachkommen,« meinte die Alte, »wir wollen einstweilen in die Mulde hinunter.« So machten sie sich denn miteinander in Röllchens Gartenmulde hinunter, in die sich schon die Schatten der Nacht hineinschlichen. Irgendwo meinten sie etwas wie ein unheimliches Krächzen oder Puhuen zu hören. Kam's denn nicht vom Gütsch in der Hausmatte her? Es mochten wohl aufgescheuchte Krähen oder eine jagende Nachteule sein. Seltsam war's nur, daß dabei der Judith ihre Schwester Sulamith in den Sinn kam. Wo mochte denn nun diese hingekommen sein? Sollte sie wohl noch mit dem trunkenelendigen Schwager Lehrer hinterm Gütsch hocken oder hatte sie angefangen, ihn gegen Erlenstalden hinabzuschleppen? Ja, man sollte doch nachsehen. Also gedachte sie nach der Vorsprache beim St. Wendel nochmals hinauf zum grünen Gupf des Festplatzes zu gehen und nachzuschauen, was mit ihrer Schwester, dem Salami und dem Schullehrer los sei. Aber da standen sie ja schon vor dem weißen Heimkapellchen, hinter dessen Gitter man kaum mehr den doppelten Heiligenschein St. Wendels zu gewahren vermochte, obwohl sich jetzt der Mond hinterm Bärlauistock heraufließ. In der Rucheggstube begannen sich der Alte vom Berge, der Stump, der Bäcker Burket und der Viehhändler Tritsch bei einem starkrüchigen höllschwarzen Kaffee allmählich von ihrem Schrecken zu erholen. Der kleine Hirte konnte sich nicht enthalten, gestachelt vom heimlichen Feuerlein seines Bergkirschengeistes, ins Prahlen zu kommen. Und zwar fing er an, die Reb, die doch das Unheil des Kilchaltdorfer Metzgers verschuldet hatte, in allen Tönen zu rühmen, ja, wahrlich, in allen Regenbogenfarben malte er sie. Und was das für eine sei, wie's in der ganzen Eidgenossenschaft höchstens zwei gebe, aber die andere habe die Katze gefressen. Und wie sie ihm gleiche. Ausgenommen die Größe, sei sie von ihm wie abgeschnitten, der durch und durch ähnliche doppelte Matthias Stump, Stump, Stump! Die andern hörten ihm zu. Der Viehhändler giltmirgleich, denn er war ja seines Schwiegervaters Art gewohnt, der Bäcker aber anscheinend aufmerksam, in Wirklichkeit jedoch ziemlich zerstreut, was der Alte freilich gar nicht merkte, denn er sah und hörte jetzt nur sich. Der Bäcker Burket aber ließ seine Augen bald dem Röllchen, auch etwa der Mager nachgehen, die sie ja bedienten oder sonstwie in der Stube zu tun hatten. Aber so sehr ihn auch die stille, selbstsichere Art der langen Stumpentochter, die gebückt in der getäfelten, niedrigen Stube umgehen mußte, anzog, und so wohl ihm ihr dreifacher Kranz dicker binsenroter Zöpfe gefiel, er mußte doch immer wieder von ihr weg nach dem umtunlichen Röllchen sehen, das nur so in der Stube herumglitt wie ein sagenhaftes Herdweibchen und von dessen blauen Augen es einem so schwindlig werden konnte, als verliere man plötzlich den Boden unter den Füßen und falle ins Blaue hinein. Als jedoch die Mager völlig in die Küche abrückte und sich also das Röllchen den nimmermüden und immer deutlicher werdenden Blicken des Bäckers alleweil ausgesetzt sah, ward es ihr unbehaglich. Und noch weit unbehaglicher, als er sie einlud, sie möchte sich doch ein Zeitchen ausruhen und sich zu ihm an den Tisch setzen. »Es muß ja nicht grad auf die Knie sein,« meinte er lachend. »Ja, hock' doch ein Zeitchen zu uns!« redete jetzt auch ihr Vater, dem's durch den Kopf ging, daß der Kilchaltdorfer Bäckermeister es auf seine Jüngste abgesehen hatte und dem es schmeichelte, allenfalls einen so wohlbestellten, weitum bekannten Dörfler zum Schwiegersohn gewinnen zu können. »Der Bäcker Burket beißt dich nicht, denn,« lachte er kurz auf, »er hat auch schon lange nicht mehr alle Zähne.« Nein, Sackerlot, das hätte er ja wohl nicht sagen sollen, denn der Bäcker lachte ganz und gar nicht mit, sondern er machte eher ein Gesicht wie die Sonne, wenn sie Wasser zieht. Und als der Stump jetzt auch seine grauen Schläfen gewahrte, ward es ihm föhnklar, daß er seine vorherigen Worte nicht aus dem Buch der Weisheit geschöpft hatte. Dafür lächelte aber das Röllchen. Und den Bäckermeister gradaus und ausgiebig ansehend, rückte sie flugs eine Stabelle an den Tisch und setzte sich ganz nahe zu ihm. Aber als sich dieser der unerwarteten Annäherung so recht freuen wollte und als er seine Rechte allzu vertrauensselig und siegesgewiß um das lächelnde Mädchen legte, sprang es wieder auf und sagte hellauflachend: »Meister Bäcker, Ihr seid ein Lecker!« Das fand nun wieder der alte Stump besonders lustig, denn er ließ ein Gelächter heraustrollen und rief aus: »Siehst du, Burket, was ich für Töchter habe, sogar reimen können sie. Ja, die Stumpentöchter, das ist noch Berglandgewachsenes, Rassiges, leiblicher- und geistigerweise, durch und durch, sag' ich dir, Bäcker. Und was das Röllchen anbelangt, das hat's vornehmlich im Kopf und der Enden. Da würdest du dich wundern, Burket, was die für Kalender machen kann und wie du dich vorsehen mußt, wenn du einer Katze und meiner Jüngsten auf dem Hag nachgehen und dabei nicht ums Gleichgewicht kommen und in eine schmutzige Regengumpe abfallen willst. Also das Röllchen hat's mit dem Geistigen. Aber sonst,« machte er fast geringschätzig, »sonst ist's mir, das muß ich schon reden, zu leicht. Siehst du, Bäcker, diese sonst so behende Eidechse da hat mir zu wenig Willen, darin ist sie mir, ich sag's grad, zu wenig Stump. Sie gibt mir und ihren Schwestern zu rasch nach. Das mag bequem liegen für Eltern und für einen Mann, der das Kommandieren gewohnt ist, aber Stumpenart ist das nicht. Wenn ich allen meinen Töchtern Meister geworden bin, so ist's, weil ich der Matthathias Stump bin, von Gott bestimmt oben am Tisch zu hocken und damit holla und fertig! Aber eines sag' ich dir: Es ist kein Schleck gewesen, diese Weiber wenigstens soweit zu zähmen, daß sie mich nicht ab der Stabelle zu lüpfen vermocht haben. Versucht hat es auf ihre Weise eine jede, und die Zunge hat mir nicht bloß der Salami herausgesteckt. Und sogar hinterrücks haben sie's etwa versucht, mir ein Bein zu stellen. Aber so klein mich unser Herrgott erschaffen hat, so gut hat er mich gesetzt, obwohl er kein Ofner ist. So sind sie gegen mich umsonst stößig gewesen. Gut, sie sind nun in ihrer Art auch wider mich und lassen sich nicht so leicht von diesem und jenem unter den Daumen nehmen. Hingegen das Röllchen, das hat mir nicht grad viel zu schaffen gemacht; da habe ich nur die Stumpenaugen ein wenig mehr als gewöhnlich aufmachen müssen, so hat's schon nachgegeben. Und ich muß es bekennen, ich hätte meine Jüngste hin und wieder lieber querköpfiger gehabt, denn auch sie muß die Welt und ihre scharfen Ecken nehmen, zu nehmen suchen. Dir, Bäcker, oder wer mein Kind bekommt, dem möchte es dienen, daß sie so gar keinen Willen hat, aber noch lange nicht immer, denn eine willensstarke Frau ist für den Mann eine Handhabe und ein Trost und ein Segen für die Kinder, für die Buben und für die Töchter erst recht. Deswegen braucht eine ja noch lange kein Hammer und keine Zange zu sein, aber noch weniger sollte sie sein wie zerlassene Butter. Also mich plagt's doch ein wenig, daß sie nicht genug eigenkräftiges Stumpenblut hat.« Das Röllchen aber hatte ein Scheiblein im Fenster zurückgeschoben, durch das, mit der eindämmernden Nacht, eine kühle, erfrischende Hochweidluft in die Stube hereinquoll. Alsdann erwischte sie ihre Handorgel, die merkwürdigerweise auf dem Büfett gelegen war und mit ihr hockte sie sich, unsichtbar für die andern um den Tisch, hinter den Ofen auf einen Stiegentritt und begann einen Walzer zu spielen. Aus der völlig dämmerhaft gewordenen Mulde machte sich jetzt die Stolzernbase mit der Judith. Sie hatten dort ein paar Vaterunser für den verunfallten Balz Schwitter und für die armen Seelen gebetet und dann ein Weilchen auf die Reb gewartet. Als sie jedoch nicht kam, waren sie wieder davongegangen. Und nun stiegen sie aus der Mulde zum Gehöft hinauf. Wie sie in die Hausmatte kamen, mußten sie verwundert anhalten. Unmittelbar vor ihnen ging einer, mit hochgestreckten Beinen, auf den Händen um den da und dort ein wenig überfließenden Brunnen und es sah, wahrhaftig, völlig so aus, als ob er zur Tanzmusik, die aus dem offenen Fenster der Rucheggstube kam, köpflings tanzte. Ja, rings um den Brunnen tanzte er. Und der Mond schien ihm auf die hochgestellten Schuhe, daß die Nägel dran schimmerten. »Jetzt schau' dazu, Judith,« rief die Stolzernbase aus, »jetzt tanzt der Herrgottsdonner, dieser Tschuppmoos Bändichtli, schon wieder auf den Händen! Etwa ein halb Dutzend Beine müßte also dieser Hupfauf gewiß haben, bis er sich einmal für eine Zeitlang austanzen könnte, ah, ah,  ah!« »Freilich,« meinte mit munter sprudelndem Lachen die Judith, »oder doch wenigstens zwei Beine von der Tochter einer andern Mutter sollte er haben, die mit ihm gern tanzen täten.« Jetzt lachte die Alte auch auf, ja sie wußte sich vor Vergnügen nicht zu lassen. Als sie sich jedoch nach dem kurzweiligen Handtänzer umsah, war der weg. Aha, dort stand er schon im Halbdunkel vor dem Stall beim alten Metzgerknecht, der des Bäckers Roß einzuspannen begann. Heiter gestimmt und den abgestürzten Metzger vergessend, machten sich die zwei Frauen übers Stiegenbrücklein hinauf ins Haus hinein, wobei die stolzgebaute, breitschulterige Judith ihre zwar beleibtere, aber kleinere Base völlig verdeckte. Wie sie nun in die Stube hineinschritten, konnten sie eben hören wie der Stump, seinen grauen, verwilderten Kopf unwillig hochhebend und die mutige, rundliche Stirn furchend, dem Röllchen, das sich im Ofenwinkel mäusleinstill verhielt, sein Handorgelspiel verwies. »Ich habe es jetzt da nur zu wenig beachtet,« redete er unwirsch, »sonst hätte ich dir das Handorgeln früher abgeknöpft, du Fratz! Wer wird denn also tanzaufspielen, wo wir den abgefallenen Metzger im Haus haben. Wenn ihm, gläublich, allem Anschein nach, auch nichts Schlimmeres passiert ist, so kann er vielleicht doch irgendeinen heimlichen Schaden innerhalb davontragen. Jedenfalls wollen wir zuerst wissen, wie's mit ihm eigentlich steht, bevor wir wieder deine Tanzmühle anlassen.« »Es ist ihm heilig und gewiß nichts geschehen,« machte ruhig der Viehhändler, »dafür hat er zu feste Postur um und um. Auch ist er zum Glück auf den Rasen gefallen.« »Am End' könnte ich aber doch hinaufgehen in die Schwesternkammer und schauen, was mit ihm los ist,« meinte die Judith. »Es ist mir, man sollte jedenfalls einmal nach ihm sehen.« »Nein,« warf die Base Anneseba ein, sich am Tisch niederlassend, »das tut jetzt einstweilen nicht. Laßt ihn schlafen, so erholt er sich am raschesten und dauerhaftesten. Dann kann man immer noch sehen, was allenfalls zu machen ist.« »Röllchen,« lärmte der Hirte, »stell' ein Kaffeebeckelein, zwei, auf den Tisch! Die Base da und unsere Judith sollen auch einen Schluck Schwarzen haben, so kommen sie wieder zu einer normalen Temperatur, sagt der Erlenstalder Sigrist.« Aber die Mager erschien schon mit der großen Blechkanne aus der Küche. »Im übrigen,« redete der Stump weiter, »hab' ich's mit der Base Anneseba. Laßt den Balz Schwitter liegen. Der Schlaf ist ein guter Doktor. Will einem der nicht mehr ins Haus kommen oder in die Kammer, so schaut einem schon der Tod ein wenig durchs Schlüsselloch. Dennoch, wir wollen für den Metzger das Beste hoffen. Wer gescheit ist, prophezeit immer gutes Wetter. Sowieso muß mir dieser Gast über Nacht bleiben. Da gibt's nichts anderes. Heda, laß dich auch zu Tisch, Judith!« Also schenkte die Mager den zwei Frauen ihre Kaffeebeckelein topfebenvoll mit der schwarzen, kräftig geschnapsten Tranksame, die sie in ihrer großen Kanne hatte. Das Röllchen stellte sich ans Fenster und schaute durchs offene Scheiblein in die Nacht hinaus und hinüber zur mondbeschienenen Scheune. Oben aber in der Kammer der Stumpentöchter, wo der abgestürzte Balz Schwitter lag, war lauter Freude. Die Reb war also, als ihre Base Anneseba und ihre Schwester Judith zum Heimkapellchen hinuntersteigen wollten, auf dem Stiegenbrücklein zurückgeblieben und dann hatte sie sich, allseitig sichernd, ganz ihrem sonstigen Tudichum entgegen, leise über die krachende Treppe hinauf an die Kammertüre geschlichen, hinter der sie sonst selber zu nächtigen pflegte. Die Schuhe, die sie unten abgezogen hatte, stellte sie neben der Türe an die Wand und horchte angestrengt durchs Schlüsselloch hinein. Als sich drin nichts regte, tat sie behutsam auf, und die Türe gleich wieder zunehmend, machte sie sich klopfenden Herzens auf ihr Bett zu, auf das sie den Metzger gelegt hatte und drin er jetzt wohl schlief. O ja, das sah sie schon, er schlief und trotz der starken Dämmerung konnte sie auch wahrnehmen, da der Mond einen silbergewirkten, zitternden Läufer über das Bett legte, daß er seine roten Backen wieder gefunden hatte. Gottlob, gottlob! jauchzte es in ihr. Nein, nun hatte er ihretwegen doch nicht todfallen müssen. Es wäre zu schrecklich gewesen. Die andern, die ja nur Hartholz an ihr sehen wollten, konnten keine Ahnung haben, wie es bei ihr innerhalb auszusehen gekommen war. Lang atmete sie auf. Jetzt war doch alles gut. Viel hatte es ihm wohl nicht geschadet, da er schon wieder so gut aussah und immer besser, wollte sie bedünken, je näher sie ihm auf leisen Barfüßen kam. Und sollte er auch eine Zeitlang liegen müssen, da oben auf der Ruchegg, nein, sie würde ihn gewiß nicht vernachlässigen. Was an ihr lag . . . Und nun, o ja, du heiliges Verdienen, nun hatte er sie doch dazu gebracht, daß sie ihm einen Kuß geben mußte. Auf eine ganz andere Art freilich zwang er sie dazu, als sie's sich gedacht hatte. Mit tausend Freuden wollte sie ihn nun küssen, ihn, der sich so durch und durch als Mann gezeigt hatte und der ihr so unentwegt . . . Nein, sie mochte es jetzt nicht ausdenken. Schnell, nur schnell den erzwungenen Kuß abgetan und dann wie der Blitz wieder zur Kammer hinaus. Da, sie wischte den Mund mit dem weißen Hemdärmel ab, stand sie ja bei ihm. Und jetzt neigte sie den Kopf ein wenig, aber seine roten, schwellenden Lippen, die zu warten schienen, schreckten sie zurück. Ein Zittern überkam sie, wie sie's ihr Leben lang noch nie erfahren hatte. Es ging ihr windschnell die Geschichte durch den Kopf vom starken Hans, der das Gruseln erlernen wollte und es wie sie fast nicht fertig brachte. Jetzt aber, ja bei Gott, überlief es sie wie ein Geschwemm Wassern voll kalter Frösche, es gruselte sie bis ins letzte Härchen hinaus. Dennoch, es mußte sein, sie war ihm's schuldig. Rasch ließ sie sich über den Schläfer hin und küßte ihn herzhaft auf den Mund. »Juu!« Da hatte er sie schon mit beiden Armen um den Hals und hing sich mit Leib und Seele an sie und küßte sie wo er hintraf, daß es schnalzte. Und sie vermochte nicht, sich ihm zu entreißen; ihre außergewöhnliche, gottverliehene Kraft mußte völlig von ihr genommen worden sein. Also ergab sie sich, und so hatten sie sich. Als nun gleich danach die Mager, lang wie ein Nachtschatten und gespenstig still, in die Kammer hineinkam, sah sie ihre starke, eisenmäßige Schwester am Bett beim verunfallten Balz Schwitter knien. Aber ihr Haupt lag in seinen Armen und er küßte es soviel er wollte, und er wollte viel. Was aber die Mager am meisten überraschte und es ihr völlig verschlug, war das wahrhaft plärrende, aber von Herzen kommende Weinen ihrer Schwester. Ja, das war ihr etwas ganz Neues, denn sie konnte sich nicht erinnern, daß sie die Reb jemals anders als aus unbändiger Wildheit, aus Zorn, hatte weinen hören. Die beiden merkten sie gar nicht. Noch einen langen, nicht ganz neidfreien Blick tat sie noch in das Glück der Reb, ihrer jüngern Schwester, danach drückte sie sich wieder zur Kammer hinaus, die Türe sachte, ja sänftiglich hinter sich zunehmend. 11 Als es einzuwintern anfing, heiratete die Reb den Metzger Balz Schwitter von Kilchaltdorf. Er hatte eine heillose Freude an ihr. Die Hochzeit ward im Unterdorf zu Kilchaltdorf in der bescheidenen Wirtschaft des Bäckers Burket gar festlich abgehalten, wobei der alte Stump die ganze Zeit auf seinem Stuhl hockte wie hoch zu Roß. Seine Arme wollten nie recht zur Ruhe kommen, doch prahlte er dasmal nicht. Es konnte ja jetzt jedermann sehen, wer und was der Matthathias Stump auf der Ruchegg war. Seine Töchter, die sogar ins große Dorf hineinheirateten, zeugten für ihn und sein Haus. Aber auch die Reb hatte die Fassung seit ihrer Niederlage in der Töchterkammer des Ruchegghauses schon lange wieder gefunden. Zweimal schlug sie die Faust auf den Tisch während des Hochzeitsschmauses, daß die Gläser tanzten. Einmal, zum ersten, als der Salami ihrem Mann, der doch die Gitarre so eifrig gezupft und dazu die saftigsten Schelmenliedlein aufgetischt hatte, einfach das Glas wegnahm und ihm nichts mehr einschenken lassen wollte. »Hat der Lehrer uns zu Ehren und allen zur Freude die Harfe geschlagen,« lärmte sie über den Tisch auf ihre Schwester Sulamith los, »so soll er auch seinen Rausch dafür haben. Bis jetzt hat er ja noch nicht einmal das trunkene Elend. Und wenn er das Trinken eben nicht so gut verträgt wie du, so kann er ja dann warten unterm Tisch, bis es dich auch mag und zu ihm legt. Dann wollen wir euch beiden zuhören, wie ihr zusammen schnarcht, wie jenesmal auf der Ruchegg, als ihr hinterm Hausmattengütsch unterm Tisch gelegen seid und wir euch drunter haben hervorziehen müssen.« Und dann ließ sie nochmals die Faust auf den Tisch donnern, als man den Spielaumichel, den dürrbeinigen Dolmetscher von Stagelrain, nicht in die Gaststube hineinlassen wollte, weil er schon angetrunken sei und als sie nun hören mußte, wie er, außen an der Hausmauer auf einem Faß stehend und durch ein offenes Fenster in die Wirtschaft hineinschauend, ihr mit vertrunkenen, muntern Froschäuglein den landesüblichen Hochzeitsspruch hersagte: »Mer wüüsched Ü Glück und Säge, Sä dick r 's möged träge. As d' Liebi wien äs Ührli goht, Hergäge, as si jo nüd bstoht. Und as sie süttig blybt wie hüt, Und übers Johr im Wiegli lyt .« Ja, da schlug sie die Faust gewaltig auf den Tisch, was dem Metzger, ihren Mann, so freute, daß er aufstand, den Spielaumichel packte, ihn einfach durchs Fenster hereinzog und unten an den hochzeitlichen Tisch in einen Winkel hockte. Und als die Reb sich nun zu Kilchaltdorf im Metzgerhaus ihres Balz Schwitters eingewöhnt hatte, zeigte es sich, daß sie ihren Platz keineswegs verfehlt hatte. Sie gab eine tüchtige Schlächtersfrau. Wo sie mittat, hinter der Fleischbank oder im Stall, war alles mit ihr wohlversehen. Und was ihrem Mann besonders imponierte, war, daß sie so draufgängerisch war und mit aller Zähigkeit eine Geschäftsverbindung mit ihren Schwestern auf Hochsiten und zu Erlenstalden durchsetzte. Dem Salami richtete sie einen Saustall ein wie eine Arche Noah, wie der alte Stump sagte, so daß sich diese Schwester im großen mit der Schweinezucht abgeben konnte und auch erfolgreich abgab, da sie sich mit der Sennhütte zu Erlenstalden auf Rebs Betreiben in Verbindung setzen konnte. Mit der kenntnisreichen Judith aber besuchte die Reb die Märkte und half ihr und ihrem Mann zu einem immer ausgedehntern Viehstand, wofür sie sich nicht nur des Baschitoni Tritschen alte oder kranke Kühe und Metzgkälber, sondern auch sonst noch manchen Vorteil zu sichern wußte. »Das ist die Reb, ja, ja, die Reb,« pflegte der Alte auf der Ruchegg zu sagen, wenn er wieder hörte, daß sie zwar nicht im Schwingen, wohl aber im Geschäft, einen herzhaften Lupf getan hatte. »Solch ein Weibervolk gibt's weitherum nicht mehr. Der Stump, der Stump, der Stump! Aber,« gruchste er dann etwa auch, »nun ist's freilich auf der Ruchegg ruhiger geworden, seit sie nicht mehr Haus und Stall und Weid auslärmt und poltert. Wenn nicht ich noch hin und wieder ein wenig herumbrüllen täte, könnte man sich einbilden, auf der Ruchegg sei alles eingeschlafen, wie einst in jenem Märlein, wo eine Hexe alles verhext hat und der Koch mit dem Messer vor der Nase seines Lehrbuben eingenickt ist. Die Mager ist ja alleweil ein wenig ein Beinhaus gewesen, außen und innen, aber auch das Röllchen, das sonst mit den Bergfinken und Spottdrosseln um die Wette gesungen hat, ist so wunderlich still geworden. Ich weiß nicht was sie hat. Wenn sie älter wäre, würde ich natürlich denken, es sei das Mannsvolk schuld, denn in neunhundertneunundneunzig Fällen unter tausenden ist's nichts anderes. Aber in den Bäcker Burket, der ja jetzt immer selber mit dem Brot, alle Wochen zweimal wenigstens, zu uns herauffährt, seit es Schlittweg hat, ist sie nicht so verschossen, daß ich glauben könnte, sie sei in diesem Spittel stark unpäßlich. Obwohl er ihr allerlei heraufkramt und nie ohne wenigstens ein Eierwecklein oder sonst etwas Mürbes, Schleckhaftes zu ihr kommt, so will's mit ihm bei ihr doch nicht recht vorwärtsgehen. Nun, nehmen wird sie ihn ja doch noch. Und mir ist's recht so, denn da kommt sie mitten in den Hanfsamen hinein, und da sie eben so ist, daß sie nichts wagt oder nicht viel und keinen rechten eigenen Willen hat, so ist's gut, wenn sie's bekommt wie eine Forelle, die man einfach aus dem Bergbachwasser in einen Fischkasten im Dorf setzt: Da bist wohl aufgehoben und schwimmen kannst ja! Besser ist's so für ihresgleichen, als wenn sie's haben müßte wie hierlands die freien, aber geplagten Haselhühner im Wald, für die's heißt: Schau' zu, wie du durchkommst!« Was ihn aber am meisten beunruhigte war seine zunehmende Vereinsamung und daß er fürchten mußte, sein schönes Bergheimwesen werde in fremde Hände kommen. Das Röllchen, das sich zwar im Bauerngewerbe recht gut auskannte und etwa auch wacker und mit großer Umtunlichkeit mithalf, wird ja kaum einen Bauern heiraten. Es schien ihm hiefür zu feinfädig, zu heikelnäschig und immer wieder konnte man's zum Brunnen oder gar in die Mulde hinunterlaufen sehen, zur Wasserrinne vor dem Heimkapellchen, um vor jedem Essen die Hände zu waschen. Die Mager aber, das konnte er allundein Tag hören, die hatte eine wahre Krankheit, dorfsüchtig war sie. Immer wieder tönte sie davon, wie's doch so herrlich wäre, zu Nidach oder zu Kilchaltdorf zu wohnen, dort mitten unter soviel Leuten umgehen zu können und zu hören und zu sehen, was sie alle treiben und was sie dabei für Gesichter machen. Und wo sie alle Tage zur Kirche gehen und eine große Orgel und den schönen Gesang eines großen Kirchenchores anhören, ja, wer weiß, vielleicht gar selber mitsingen dürfte. Es gebe ja dort wie ihr der Schwager, der Lehrer Beda Aloser, erzählt habe, sogar Gesangvereine, in denen auch Weiberleute mittun könnten. Nein, die Mager, so lang und sehnig sie war und so gut sie sich in der Haushaltung machte, fürs Bauern war die nicht, niemals. Sie tat's auch nicht gern, zuwider war's ihr. Man mußte nur hören, wie sie unwirsch ward und erst recht einsilbig und trocken wie vierzehntägiges Brot, wenn man halt immer wieder verjauchte Hosen oder gar ein wenig Mist oder sonstiges Erdhaftes in die Stube hineintrug. Da war also nicht viel zu wollen. Er mußte drauf denken, die Ruchegg, sobald ihm die Mager noch allein verblieb, gut zu verkaufen und mit ihr nach Erlenstalden, in den Weiler, hinunterzuziehen und sich dort auf eine Art häuslich zu machen und so oder anders, im Winter auf einer fremden Ofenbank und im Sommer vor dem Hausmäuerlein eines fremden Hauses, sich zu langweilen und auf den Tod zu warten. Aber freilich würde er erst ab der Ruchegg gehen, wenn er das Alter noch mehr zu spüren bekäme. Einstweilen machte man's ja noch. Aber hatte er den Weggang der Judith und des Salami kaum recht in acht genommen, die Reb die fehlte ihm jetzt, überall fehlte sie ihm, denn sie hatte für ihrer drei gewerkt und geleistet, wenn sie sich auch auf das Vieh nicht so gut verstand wie die Judith. Auf jeden Fall mußte ihm jetzt ein Knecht zu. Er war doch ein alter Mann, immer mehr ward ihm das gegenwärtig. Als es einwinterte hatte er's in den Gliedern mit einem schmerzlichen und hinderlichen Reißen bekommen, von dem er sonst zeitlebens nie etwas wußte. Auch wollte es ihm scheinen, das Weibervolk schaue ihn von Jahr zu Jahr, je grauer und verwitterter er auszusehen komme, immer giltmirgleicher an, etwa wie eine abgehende Bachweide am Weg, der die Zweige abdorren. Kurzum, alt, alt. Oder wie ist's letzthin auf der Kiste gestanden, drin der Bäcker Burket dem Röllchen zum Namenstag den Spiegel mit dem hoffärtigen Rahmen gebracht hat: Achtung, zerbrechlich! Nein, das wußte er aus der Heiligen Schrift, daß man aufs Alter nicht nur die Mühen des Lebens und ihre ganze Unmuße zu mindern trachten, sondern allmählich mehr ans Ewige statt nur alleweil ans Zeitliche denken sollte. Nun, er hatte ja auch das nie völlig vernachlässigt. Sowieso, das Alter soll vor ihm nicht großtun und ihn gar zu fürchten machen wollen. Er würde weiter leben, vor Gott und Mensch, so recht als etwa möglich und im übrigen, er war der Stump. Mochten es andere halten wie sie wollten oder mußten, er gedachte keineswegs abzugeben und die Arme lampen zu lassen, solange er noch eine Sense ins Gras führen und eine Kuh melken konnte. Und solange er auf der Ruchegg verblieb, würde er auch der Meister sein. Also muß ich einen Knecht zutun, eine billige Hilfe, sagte er immer wieder zu sich, denn einen Knecht, der einen großen Lohn fordert, erträgt mein Bergheim so wenig als die Anwesen der andern Bergler. Und Mäuse, fünfprozentige, habe ich auch drauf, wenn auch freilich nicht so viele, daß sie mich fressen können, solange ich mich noch zu wehren und zu kehren vermag. Ja, solange ich mag, aber wie lange mag ich noch? Immerhin, das wolle er dem Herrgott überlassen, sagte er sich, aber so gut es keine Sünde sei, einen Blitzableiter auf dem Haus zu haben, so wenig könne es schaden oder gar eine Schande sein, einen Knecht einzustellen, wenn man altere und es einsam um einen werde. Also muß ein Knecht heran, ein wohlfeiler. Wie aber sollte er zu so einem kommen? »Doch,« sagte ihm sein Schwiegersohn, der Viehhändler Tritsch, als er wieder einmal nach Weihnachten auf Hochsiten hinunterkam und den Zacharisli, sein Großkind, der ihm schon herzhaft an die Hakennase griff, auf den Knien hatte, »wohl, ich wüßte dir einen, Großvater, einen zwar etwas jungen, aber einen willigen und schaffigen Knecht, der sich immer besser anläßt oder nicht, Judith?« »Allweg,« stimmte die Judith bei, »der Bändichtli, des Tschuppmoosbattisten, wäre ein Gefundener, ein Geschenk wäre er für Euch, Vater. Er arbeitet wie ein junger Hengst und denkt wie ein Meisterknecht. Gern geben wir ihn freilich nicht weg, denn wenn wir neben ihm jetzt auch unsern alten Hogerfranzkarli mit seiner an ihn angewachsenen stinkenden Tabakpfeife und den starken Thysel aus den Studen haben, so lassen wir den Battisten Bändichtli nicht gern von uns, denn er ist ein Bursche.« Ja, meinte der alte Stump zur Judith, es falle ihm nicht ein, sie zu berauben und sie also um ihre Knechte zu bringen, wenn sie solche Wunder seien. Er werde etwa schon noch ein Knechtlein finden. Haben müsse er einen und das wolle er auch sagen, er kenne ja diesen Tschuppmoosjungen, aber grad Berge versetzen oder bergab teufelnde Lawinen aufhalten, glaube er nicht, daß dieses weidenleichte Bürschlein könnte. Auch dünke es ihn, der Bursche habe es zu stark mit der Handorgel. Sonst habe er ihm freilich nicht übel gefallen. Flink sei er und zugreifen könne er, und er tue es auch, das habe er schon oft beachtet. Besonders im letzten Sommer, als sie ihm das Knechtlein zum Heuenhelfen heraufgeschickt hätten. Es sei wahr, die Arbeit sei ihm von der Hand gegangen wie gehext. Jawohl, meinte die Judith, er sollte diesen Burschen erst jetzt sehen und wahrnehmen können, wie der das Vieh schon verstehe. Er habe freilich an ihr eine gute Lehrmeisterin gehabt, aber er lasse sich auch danach an. Ein Mann aus Stein sei nicht gut schulen, selbst wenn es ein Heiliger wäre, hingegen der Bändichtli sei eben gar nicht von Stein. Auch sollte er's ihr nicht verübeln, daß sie ihn nicht grad gern weggebe. Ihm jedoch lasse sie ihn mit Freuden. Das sei eben etwas ganz anderes. Sie hätte an fremde Leute gedacht. Bei ihm oben auf der Ruchegg aber schaffe der Knecht ja nicht nur für den Matthathias Stump, sondern auch für seine Töchter. Sie hatten nun Mühe, den Alten, der den Kopf gar hochhielt, zu vermögen, den Tschuppmoos Bändichtli anzustellen, aber schließlich nahm er ihn doch gern. So dauerte es nicht lange, so arbeitete der junge Knecht, des ärmlichen Hühnerbäuerleins und Flickschusters Sohn, auf der Ruchegg als ein getreuer, zuverlässiger Beistand des alten Stump in Stall und Feld. Und kein Monat verging, so konnten die verheirateten Schwestern, die Judith, der Salami und die Reb von ihrem Vater zu hören bekommen, so oft sie wollten, daß dieser Tschuppmoosjunge sich verdacht gut anlasse, so gut, wie er's von dieser Sorte Genossameausmelker niemals erwartet hätte. Er nehme ihm, sozusagen, die Arbeit rein aus den Händen und vor der Nase weg. Er wisse nicht, ob das auch ein wenig von diesem Knechtlein komme, aber so ausgiebig sei auf der Ruchegg, seines Wissens, noch nie gemolken worden. Auch wisse er von allem und nicht bloß vom Mist, wie wertvoll eine Sache sein könne. Kurzum, er sei recht und mache keinen großen Lärm, was ja freilich auch nicht notwendig sei, denn wenn auf der Ruchegg gelärmt sein müsse, so sei alleweil noch der alte Stump hiefür da. Was ihn auch freue, sei, daß der Bursche mit allem zufrieden sei, obwohl er's ja zu Hochsiten viel besser gehabt hätte. Und daß er beim Weibervolk herum jedenfalls nicht der Geschickteste sei, könne ihm auch nur recht sein, denn er komme eigentlich nur zum Essen ins Haus und danach mache er sich wieder ans Werken, und zwar so gleitig, als ob ihm die Arbeit von jemand gestohlen werden könnte. Höchstens am Samstag abend hocke er sich ein Zeitchen in den Ofenwinkel und spiele ein wenig auf Röllchens Handorgel, was er ihm gern übersehen wolle, denn die Musik sei ja grad kein Laster, und wen sie einmal habe, der sei, wie's ihm scheine, nicht mehr gut davon zu entwöhnen. Und ein wenig Tanzmusik habe ihm schon mehr als einmal wieder aufs Roß geholfen, wenn er gemeint habe, es wolle ihn etwas bodigen. Die Mager gebe sowieso nicht viel um den Burschen, denn die ertrage den Hühnerbauerngeruch nicht wohl, und sie schneuze schnell ob ihm. Unter einem wohlhabenden Dörfler tue es die nicht, wie sie ja auch wissen könnten. Das Röllchen habe wohl etwa sein Späßchen mit dem Knecht, aber da sie fast gleichalterig seien und sich allweg seinerzeit noch auf dem Schulhausplatz getroffen hätten, sei dies nichts anders. Etwas für den Hausgebrauch und die Kurzweile müsse solche junge Lebware doch auch haben. Und überlaut hätte er letzthin den Bäcker Burket anlachen müssen, als der unversehens das Knechtlein am Tisch habe hocken sehen, denn er habe dazu ein Gesicht gemacht, als sehe er den Zahndoktor mit der Zange auf sich zukommen. Sogar das Röllchen scheine es bemerkt zu haben, es habe auch gelächerig ausgesehen. Er könne es nicht verstehen, wie so ein feistessender Mann in den besten Jahren, denn der Bäcker sei ja kaum Ende der Vierzig, gar noch auf so einen Tschuppmoos Habenichts eifersüchtig sei. Aber er wolle eigentlich da nicht zuviel sagen. Wenn halt die Leute vernarrt seien, so seien sie's und das meistens sogar bis am Morgen nach der Hochzeit; ja drüber hinaus. Was übrigens, unter ihnen gesagt, den Bäcker Burket anbelange, so glaube er allweil, ein wenig, vielleicht sogar viel, mache ihm auch noch der schlagreife Wald an der Ruchegg das Röllchen werter. Nun, das sei ja menschlich. Es schaue eben ein jeder, daß er seine Kelle so voll als möglich aus der Suppenschüssel bekomme. Nein, also was das Knechtlein anbetreffe, so könne er da nicht viel anderes sagen. Er sei soweit mit ihm nicht übel zufrieden. Aber die Mager wußte so gut wie ihre Schwestern, warum der Tschuppmoos Bändichtli von der Judith als Knecht ab Hochsiten auf die Ruchegg versetzt worden war. Sie verstand auch die harmlosen Spaßworte besser als ihr Vater, die etwa am Tisch und Samstagabend nach Betglocken zwischen Röllchen und dem jungen Knecht hin- und hergingen. Jedoch sie schwieg, doch war sie überall, dachte und wachte. Eines ruhigen Winterabends hockte der Matthathias Stump vor dem Ofen in der Rucheggstube bei einer Kanne voll schwarzen Kaffees und bei ihm vertat sich, die Ellbogen auf dem Tisch, sein Pfeifchen nebelnd, der Kantonsrat von Stagelrain, der Kari Fuchs, des Martschen, aus dem Obereigen. Sie redeten zusammen über den weitumgehenden, längst schlagreifen Wald voll großmächtiger Urtannen an der Ruchegg im Flüehli, den der Kari Fuchs, der neben seinem Bauerngewerbe auch eine Säge hatte, die ihm weit mehr eintrug als seine Viehzucht, zu gern gehabt hätte. Aber der Stump schien dessen Wert auch zu kennen, denn er war nicht grad entgegenkommend mit dem Preis und wollte ihn, wie alles was er in seinem großen, verwilderten Kopf sich einmal vornahm, durchsetzen. Soviel der Stagelrainer auch auf ihn einredete, der kleine Hirte wollte nicht recht mit sich markten lassen. »So habe ich den Preis für den Wald im Sinn, und soviel sollte ich auch dafür haben, Kari,« sagte er immer wieder. »Du machst ja doch ein gutes Geschäft dabei und kannst, wenn du ihn bekommst, wieder einen Säckel voll, ein ganzes Goldvögelgenist voll Napoleons, auf die Sparkassa nach Kilchaltdorf tragen, denn bei den Holzhändlern ist's grad wie bei dem Metzger, der aus der Kuh Fleisch und Knochen, alles bis aufs letzte Splitterchen und Euterfaserchen per Pfund und Lot verkaufen kann. Hundertfach teilen können sie so ein Rindvieh und da einen Schoß voll Fünffränkler einsacken, wo sie uns nötigen Bauern eine Handvoll dafür geben. Mit dem Wald, den wir euch Holzhändlern verkaufen, ist's haargleich: Ihr bekommt Bäume, Bauholz allerart, Balken, Laden, Scheiter, kurz, kein Spänchen geht euch verloren, denn was ihr nicht sonst abbringt, verkauft ihr noch fürs Herdfeuer und als Sägmehl. Wahr oder nicht?« Aber des Martschen Kari Fuchs wollte ihm das nicht gelten lassen. Er versuchte ihm die Konkurrenz, den teuren Betrieb und was immer er zu seinen Gunsten zu sagen wußte, klarzumachen und so auf den Preis, den ihm der Alte gestellt hatte, soviel als christenmenschenmöglich zu drücken. Es war schon ein ziemliches Räuchlein in der niedern, braunen Stube, doch war dran das immer eifriger Wolken machende Pfeifchen des Stagelrainer Kantonsrates nicht allein schuld, denn auch durch die halboffene Küchentüre, in der die Mager das Geschirr abwusch und hie und da tiefgängig ein wenig hüstelte, kam Rauch. Nein, was zuviel war, war zuviel. »Schließlich braucht man doch nicht wie das Schweinerne im Kaminschoß geräuchert zu werden,« sagte das Röllchen, das am Fenster an einem Strumpf strickte. Sie huschte über die ausgelaufene Diele und schloß, ziemlich geräuschvoll, die Küchentüre. Jetzt war ein Klingeln in der Nacht draußen. Pferdeschellen. Sie horchten auf. Es kam näher und jetzt wurden Schuhe am Stiegenbrücklein vor der Haustüre abgeklopft. Und da trampte es auch schon über den Flurboden, die Stubentüre ging. Auf der Schwelle stand der Bäckermeister Burket von Kilchaltdorf. »Guten Abend beieinander, da wäre ich also!« »Ja, was führt denn jetzt dich heute abend noch auf die Ruchegg, Burket?« fragte verwundert der Stump, »wirst's doch nicht bis in deine Backstube im Unterdorf hinein gerochen haben, daß der Kantonsrat da aus dem Obereigen bei mir zu Licht ist und mir den Wald abzwängen will. Deswegen hättest du nicht so eilen müssen und gar noch mit Roß und Wagen, denn der Wald ist immer noch im Handel. Der Herrgottsdonner da möchte ihn auch am liebsten umsonst haben. Er will mir noch weniger geben als du, obwohl du nicht einmal eine Säge hast und zu deinen Holzscheitern auf Umwegen kommen mußt.« »Ja,« machte der Bäcker, seine bereifte Kappe ans Uhrgehäuse hängend und sich zu den andern am Tisch niederlassend, nachdem er sich mit allen und mit dem Röllchen am einläßlichsten, begrüßt hatte. »Dein Wald ist ein Wald und ich nehme ihn auch, und was dir der Kantonsrat Fuchs aus dem Obereigen dafür bietet, gebe ich auch. Gleichwohl, das ist mir heute nicht die Hauptsache, Vater Stump, heute bin ich nicht wegen Holz hier, es wäre denn um ein Stück Holz von deinem leibeigenen Stamm. Ist's dir denn völlig entfallen, daß wir letzthin, als du mit der Reb und ihrem Metzger Schwitter bei mir im Unterdorf zu Gast warst, ausgemacht haben, ich könne deine Blonde da heute, als am zweiten Fastnachtstag, am Geudismontag, zum Tanz nach Kilchaltdorf abholen. Ich sage dir, im Bären im Oberdorf ist's schon herbeigegangen mit Tanzen und Jauchzen, daß es eine Freude war. Gelt, Röllchen, dein Vater wird dir doch unsere Abrede berichtet haben, denn,« setzte er bei, seine graue Schläfe, auf die ihm der Kantonsrat Kari Fuchs mit wunderlichem Lächeln sah, ein wenig herablassend, »das könnte mich kaum freuen, wenn man so etwas zum einen Ohr hinein und zum andern nur so hinausließe, wie ein Schülerbub die Ermahnungen der Großmutter. Was ist's also mit uns zweien, Röllchen?« Freilich, o ja, beeilte sich das Mädchen, das auffällig aufgeregt an seinem Strumpf strickte, beizustimmen, der Vater habe es ihr schon zu wissen getan, es sei so, ja, ja. »Mager,« lärmte der Alte gegen die Küche. »Komm hinein, der Bäcker Burket ist da und hol' die Kanne! Wir müssen noch mehr von dieser schönen schwarzen Tranksame haben. Und du, Röllchen,« redete er zu seiner Jüngsten, »lauf nach dem Knecht! Wo steckt er denn, der Bursche? Hört er denn nicht, daß ein Roß vor der Stiege steht, ungeduldig wird und gestallt sein will. Hörst du's, wie's eben wieder sein Schellengeröll verschüttelt! Mach', mach'! Der Bändichtli wird im Stall hocken und handorgeln und halt auch irgendeine Fastnacht im Kopf haben.« »Gleich, Vater, ich laufe,« sagte das Röllchen, das eben ein Kaffeebeckelein mit brennenden Rosen drauf, vor den Bäcker hinstellte und ihn dabei mit seinen blauen Augen ansah, daß ihm die Seele wie ein Eichhörnchen im Hui zuoberst in den Kopf hinaufsprang und zu den Augen hinaussperberte, »habt keinen Kummer, ich will den Bändichtli schon finden.« Und weg war sie. »Ja,« meinte nun der Bäckermeister gewaltig aufheiternd, »es muß dem Röllchen doch kund gewesen sein, es ist ja, bei Gott, schon völlig festtäglich aufgerüstet.« Und als jetzt die Mager aus der Küche kam, um die Kanne zu holen, begrüßte er sie, die gebückt vor ihm stehen mußte und aus hellbraunen, brunnenklaren Augen auf ihn herabsah, fast überschwenglich, was ihr gar wohl zu bekommen schien. Aber als sie nun, die Kanne in der Hand, sich immer geneigten Hauptes, unter der tiefsitzenden Decke in die Küche zurückmachte, sah er ihr mit keinem Auge nach. Das Röllchen, ja, das Röllchen, da gab's für ihn nichts anderes. So ein herztausiger Schatz um und um! He, 's Donners, und wie sie ihn angesehen hatte! Es mußte sie doch gefreut haben, daß er kam und sie gar mit Roß und Wagen abholen wollte. Nein, das war doch wohl so, sie hatte ihn eben gern und war nur etwas scheu, wie's so Landkätzlein sind und dann aber hinterrücks, heimlich, wenn sie's einmal erblickt haben . . . Er dachte es nicht aus, es hätte ihn das zu sehr abseits und ins Land Wunderschön hineingeführt. Für einstweilen war ja die Hauptsache, endlich herausgefunden zu haben, daß sie ihn gern hatte. Das andere wird dann schon auch kommen. Er beachtete die Mager auch nicht weiter, als sie jetzt mit der frischgefüllten Kanne eintrat, einen Eierkuchen, groß wie eine Bauernweste, auf den Tisch stellte und ihnen die schwarze, kirschgeistrüchige Brühe einschenkte, denn nun war er anderwärts Aug' und Ohr. Der Stagelrainer Kantonsrat, der Martschen Kari Fuchs, hatte nochmals des Waldes wegen angesetzt. Er schien hiefür sogar einen gewaltigen Anlauf genommen zu haben. Ja, wahrlichgott, er hing sich an den Alten, wie eine ins Wasser geworfene Katze an den Bachbord. Der Bäcker begriff es durchaus. Dem Fuchs aus dem Obereigen mußte nun die Lage mit einemmal föhnhimmelklar geworden sein, nachdem er sehen konnte, wie er, der Bäcker Burket, mit dem hübschen Nesthäkchen auf der Ruchegg stand und gar, daß er sie schon zum Tanz nach Kilchaltdorf abholen durfte. Nun wollte ihm dieser Schläuling wohl den Wald, den er für sich gefährdet und sich entgehen sah, noch schnell abjagen und den Stump dazu bringen, mit ihm handelseinig zu werden. Hatte der Kari Fuchs aber des Alten Wort, so war der Wald sein, denn man konnte wohl einen Wald voll Urtannen, aber auch nicht ein Wörtlein von dem biegen oder brechen, was der kleine Hirte einmal bestimmt gesagt hatte. Zu gern hätte er sich in den Handel gemengt, den der stämmige Bauer aus dem Obereigen nun mit einem Eifer in Gang zu bringen suchte, als hätte er hiefür Hochwasser nötig, wie für seine morsche Säge im Steinkastenbach. Aber er durfte sich nicht zu sehr dreinlassen, nicht zu laut dreinreden und für den Wald einsetzen. Das hätte den klugen Alten vielleicht doch stutzig machen und ihm den Gedanken erwecken können, es sei ihm mehr um das Holz als ums Röllchen oder doch eben so sehr um den Wald zu tun, und es könnte passieren, daß er ihm wohl eines Tages die schönen Tannen billig abnehme, aber die doch immerhin bäuerische Tochter um keinen Preis. Nein, es lag ja freilich nicht so, daß der Stump das denken sollte, aber man konnte bei diesen unvertrauigen, hinterhältigen Bergbauern nie so recht wissen, was sie dachten und woran man mit ihnen war. Auch mußte ja das Röllchen jeden Augenblick wieder in die Stube eintreten. Und wenn nun diese hörte, wie er ihres Vaters Wald nacheiferte, und wenn sie darüber Verdacht zu schöpfen und sich Gedanken zu machen anfing . . . Nein, jetzt nicht, bei allen Heiligen nicht. Da heißt's aufpassen und nicht zu täppisch ins Porzellangeschirr hineinfahren. Übrigens konnte er's ja einstweilen abwarten. Es stand nicht so bös wie er gedacht hatte. Der Alte war widerständig und seine immer furchiger werdende Stirne sah nun aus wie eine schwer ersteigbare Fluh. Der Kari Fuchs aus dem Obereigen konnte ihm zureden soviel er wollte, der Stump wiegte höchstens das mächtige Haupt. Nicht einmal die Arme ließ er rudern, was er doch oft um des kleinsten Ärgers willen tat. Und schließlich sagte er: »Kari, siehst, mußt dich nicht so in die Stränge legen, du bringst den Karren heute doch nicht ab Fleck. Es kann sein, daß du dich noch besinnst und mir ein andermal mit einem andern Angebot näher rückst, denn ich weiß, was mir die Tannen gelten, die mit meinem Urgroßvater schon alt waren, unter denen meine Großmutter beim Farrenmähen in der Waldlichtung unversehens meinen Vater zur Welt gebracht und ihn samt der Sense auf der Schulter ins Ruchegghaus hinuntergetragen hat, und aus deren Wipfeln mein Vater mehr als einen Auerhahn heruntergeschossen hat. Jaha, ich weiß es, was mir die Tannen wert sind, Kari. Sie sind das Gefreuteste an meinem Heimwesen, denn sie sind der Sparhafen der Stumpenleute und die einzige Goldgrube, die wir haben. Also merk' dir's, Kari Fuchs aus dem Obereigen: Ich will meinen Preis für die Bäume haben und keine langen Reden. Die magst du im Kantonsrat halten, wo man dich noch dafür zahlt. Mich wirfst du damit nicht um, denn du bist kein Josua, und die Posaune des Ungläubigen stürzt keine Mauern. Vielleicht, daß ich's mit dem Spruch da nicht ganz genau treffe, aber in die Nähe, glaube ich, komme ich dem, was ich damit sagen will. Also, bedenk's!« Nein, der Wald schien dem Bäcker noch keineswegs verloren. Immerhin, aufpassen hieß es. Er durfte dieses Geschäft nicht mehr außer acht oder gar ruhen lassen. Sobald ihm die flinke, ankehrige Stumpentochter ja und Amen gesagt haben wird, wollte er bei dem Alten hinter den Wald. Entgehen, nein, nur das nicht! durfte ihm dieser gute Schick auf keinen Fall. »Mager,« rief jetzt der Hirte, »geh, schau' einmal und treib, daß das Röllchen bald kommt! Sie wird sich in der Kammer oben noch fertig herausputzen. An sich herumgeschönt hat sie ja den ganzen langen Tag. Aber es scheint, daß der Spiegel, den du ihr überflüssigerweise letzthin gebracht hast, Bäcker, alleweil noch etwas an ihr auszusetzen hat. Der dumme Scherben weiß eben nicht, daß alles Weibervolk schön ist, wenn's jung ist. Aber wir Alten wissen es mit jedem Tag besser. Ist's oder ist's nicht, Burket?« Er lachte auf und gleich aber wandte er sich wieder an die Mager: »Und sag' auch dem Bändichtli, dem Knecht, grad, er brauche nun des Bäckers Roß doch nicht einzustallen, denn der Bäckermeister und mit ihm mein Maitli fahren doch gleich wieder ab und talzu. Der Bursche hat's aber, wie man merken kann, auch noch gar nicht getan, denn das Schlittengeröll schellt ja immer wieder da draußen vor dem Stiegenbrücklein.« »Heja,« meinte der Bäcker, »ich hab' den Gaul eben nur ans Stiegengeländer angeseilt.« »Mach', mach', Maitli, fleiß dich und hol' uns das Röllchen!« lärmte der Stump an die Lange hin. »Und du, heda, Burket,« redete er zum aufhorchenden Bäckermeister, der sich ganz ins Nachsinnen verloren hatte, »greif zu! Schau', was für einen Länderteil Eierkuchen euch mein über sechs Schuh hohes Töchterlein Hagar auf den Tisch gestellt hat. Und du, Kari Fuchs! Macht das nicht auch Tanzmusik in eurer Nase?« lachte er. »Langt zu, ihr Mannen, langt zu, so habt ihr wieder Bestand, sonst nimmt euch der Ruchegger Schneewind, wenn ihr hinauskommt.« Die Mager hatte sich unterdessen aus der Stube gemacht, doch nicht allzu rasch, und als sie hinausging hatte sie ein an ihr ganz ungewohntes Lächeln auf dem sonst so unbeweglichen Gesicht. Der Kantonsrat von Stagelrain und der Enden, der Martschen Kari Fuchs aus dem Obereigen, wollte den Waldhandel mit dem Alten einfach nicht ruhen lassen. Immer wieder setzte er an, obwohl der Stump dazu gähnte, wohl auch ein wenig die Hakennase rümpfte. Der Bäcker aber hockte da, so aufgeregt, als ob er Ameisen in den Hosen hätte, und doch getraute er sich nicht, dem Stump, der ja übrigens seine Absichten auch kannte, auch seinerseits ins Holz zu kommen. Auch wollte er nicht der Narr sein und dem Stagelrainer Melchternschädel den Wald im Preis steigern, daß er ihn danach vielleicht selber von seinem voraussichtlichen Schwiegervater blutteuer oder doch nicht so wie er ihn haben möchte, abkaufen müßte. So verhielt er sich denn still bei dieser Sache und freute sich aber innerlich, daß, des Ruchegglers Gesicht nach, der Waldhandel, an diesem Abend wenigstens, kaum zu einem Abschluß kommen konnte. Die Türe ging, die Mager stand gebückt auf der Schwelle. »Da bist du,« machte der Alte, »kommt sie also, dieses Eitelfähnchen, kommt sie endlich? Nein, es ist doch nicht zu fassen, was diese Weibsbilder immer an sich zu schaffen, zu glätten und zu putzen haben, bis sie sich anmächelig genug vorkommen. Aber wahr ist's ja, wenn's auch meine Jüngste nichts angeht, das Weibervolk hat's nicht leicht. Es muß ja warten, bis es irgendeinem grobhölzigen Bauernschuh augenfällig wird, und bis er ihm, um Gottes willen, die alte Jungfer abnimmt und dafür einen siebentretigen Webstuhl, einen Viehstall, eine Stube voll Schreihälse und ein Leben voll übelzeitiger Tage und Wochen aufladet. O die Weiber! Sie sind wohl Narren, sich also zu Märtyrerinnen machen zu lassen. Aber wohlverstanden, ihr guten, lieben Mannen von Stagelrain und Kilchaltdorf, meine Töchter geht das nichts an. Die sind Stumpentöchter, wenn freilich,« machte er zögernd, ein wenig zudunkelnd, »meine Jüngste, das Röllchen da, es nur halbwegs ist, oder gar . . . Kurzum, sie hat mir zu wenig eigenen Willen. Ich hab's schon oft gesagt und sag's wieder, sie . . .« »Vater,« sagte jetzt die völlig in die Stube hineingetretene Mager, »nichts für ungut, müßt nicht aufbrausen und wie ein aufkommendes Gewitter zu wetterleuchten anfangen, aber ich kann die Schwester, unsern Rolli, einfach nicht finden. Weiß der Kuckuck, wo die hingerollt ist. Im Haus herum, in allen Kammern, im Stall, ja in der Mulde unten beim verschneiten Heimkapellchen, habe ich sie gesucht, aber weder sie noch den Tschuppmoos Bändichtli, unsern Knecht, gefunden. Sie sind rein wie vom Wind vertragen, vom Teufel verschleppt, vor dem uns Gott und unser lieber Schirmer St. Wendel,« sie bekreuzte sich andächtig, »behüten möge im Leben und im Sterben. Und Trost allen christgläubigen armen Seelen! Nein, beim Strahl, Vater, nicht einen Brosamen hab' ich von ihnen zu sehen bekommen.« »Ja, da hast du die Augen allweg nicht grad stark gebraucht,« meinte, etwas ungehalten, der Hirte, »das Röllchen wird den Narren machen und mit dir Versteckens spielen, wie sie's ja mit allen macht. Wohl, Dummheiten, die wird jetzt in der Nacht, wo der Tanzboden auf sie wartet, zum heiligen St. Wendel hinunterlaufen. So etwas könnte doch wohl nur dir in den Sinn kommen. Auf der Winde oben wird sie stecken und den Bäckermeister da ein Zeitchen zängeln und gängeln wollen, um ihm seine doch schon etwas steifern Tanzbeine etwas aufzutauen und glimpfiger zu machen. Ich will sie jetzt dann schon über die Stiege herunter lärmen. Und der Knecht, du lange Einfalt, der wird eben vor dem Hause sein, bei des Bäckers Gefährt. Hast ihn nur nicht wahrgenommen hinter dem Wagen, der doch samt dem Roß immer noch da draußen vor dem Stiegenbrücklein steht. Man hört ja den Gaul alle Augenblicke seine Schellen verschütteln. Hast du denn das auch nicht gemerkt?« »Hejawohl,« beschied die Mager, die Wimpern über ihre großen Augen gehen lassend, als hätte sie irgend etwas zu verbergen, »diese Roßschellen habe ich nicht bloß gehört, ich habe sie auch gesehen, denn es hängt ja das ganze Geröll samt Lederzeug am Geländer des Stiegenbrückleins und immer, wenn ein Windstoß um die Hausecke kommt, läutet es.« Der kleine Hirte hob aufhorchend den Kopf hoch. »Was,« rief er aus, »das Schellengeröll hängt am Stiegengeländer vor dem Haus und kein Wagen, kein Roß und kein Knecht ist draußen herum?! Es wird doch nicht sein? Ja, was ist denn jetzt das, wo ist denn . . .« Er stand auf und mit den kurzen Beinen gewaltig ausgreifend und die Arme wiegend wie ein Adler die Flügel, schritt er durch die Stube. Da hatte er die Türe schon aufgerissen: »Röllchen,« lärmte er durchs Haus hinauf, »Rolli, Rolli!« Und als er keinerlei Antwort bekam, machte er sich aufs überdachte Stiegenbrücklein hinaus und rief durch dessen halbmondförmigen Ausguck in die Nacht hinein: »Rolli, Bändichtli, Bändicht, Battistenbub!« Alle lauschten in der Stube angestrengt. Der Bäcker Burket aber war erst bleich und rot geworden und hockte jetzt da, ziemlich verwirrt, fast dumm dreinschauend. Der Stump polterte wieder in die Stube hinein. Nein, er habe keinen Bescheid erhalten, sagte er etwas bedrückt, das Roßschellengeröll hänge richtig am Stiegengeländer, aber von Roß und Wagen habe er so wenig zu sehen bekommen als von seiner Jüngsten und vom Knecht. »Es muß grad wohlwollen,« rief er aus, »wenn der Himmelherrgottsdonnerbub, der Battisten Bändichtli, mit unserm Fegnest, mit dem Röllchen, nicht auf des Bäckers Schlittengatter auf und davon und nach Kilchaltdorf an die Fastnacht gefahren ist.« »Ja, es sieht fast und gar so aus,« meinte der Kantonsrat aus dem Obereigen, der Kari Fuchs, der ein schadenfrohes Lächeln nicht ganz zu verheimlichen vermochte, »ein Weltskrötlein, dieses Röllchen!« Die Mager aber sagte: »Ja, am End', sein könnte das. Es fällt mir jetzt doch auch allerlei ein von dem Tudichum und den immer mehr zunehmenden Neckereien, die unser Knecht und mein schönes Schwesterlein die letzte Zeit zusammen gehabt haben. Auch haben sie mir ihre Augen nicht immer verheimlichen können. Das wird ihnen eben nach und nach immer schwieriger geworden sein. Habt Ihr denn gar nichts gemerkt, Vater?« »Eh, Herrgottssackerzucker, kein Stäubchen, keinen Hauch habe ich gemerkt,« lärmte der Alte. »Ich hab' da anderes zu tun gehabt als aufzupassen, wohin diese Heuschrecken zielen, wohin diese vier Tanzbeine die Richtung nehmen. Und sowieso; ist's mir doch nie auch nur in den Sinn gekommen,« setzte er abflauend, hinzu, »daß eine Tochter von mir mit eines Hühnerbäuerleins Jungen etwas anderes mache, als etwa eine Zeitlang den Narren. Daß dieses federleichte Röllchen da auf einmal so unternehmend werden könnte, das ist mir etwas Neues. Schau', schau', schau'! Was sagst jetzt, Bäcker? Ah, ah, ah! Und gar auf deinem Schlitten, die Donnersfratzen abeinander!« Nein, dem Bäcker Burket war's nicht recht ums Reden. Erst hatte er ein grimmiges Gesicht gemacht und es schien ganz, als wolle er auf und draus und sprungweise wie ein Stein über die Fluh, den beiden Durchbrennern nachrasen. Aber als er dann des Martschen Kari Fuchsen Gesicht mit einem schnellen Blick erwischte und sah, daß der vor Behagen wie eine frischvergoldete Kirchenuhr aufleuchtete, schraubte er, wie's eben just die Mager mit der Steinöllampe, die von der Decke hing, machte, seine Flamme zurück, biß auf die Zähne und dachte: 's ist jetzt wie's ist, aber auslachen sollt ihr mich nicht zu sehr und mir den Ärger vom Gesicht abweiden schon gar nicht. Dabei kam ihm wie ein kühlender Fächer der schöne, große Wald am Rucheggflüehli in den Sinn. Schon dieser wertvollen Tannen wegen wollte er's mit dem alten Hirten nicht verderben. Erst recht mußte er den Wald nun haben, und wenn's nur wäre, um seinem Konkurrenten hierin, diesem Stagelrainer Kantonsrat und Melchternschädel, sein verdammtes Grinsen heimzuzahlen. »Es ist eben ein abgekartetes Spiel,« redete er endlich, mit einem Lächeln, für das ihn nicht einmal das gutgläubigste Hundeschwänzchen angewedelt hätte. Aber der Alte hatte seine Antwort nicht mehr abgewartet. Er rief seiner Tochter zu, sie solle ihm die Überstrümpfe und die Pechschuhe hinaufbringen. Alsdann war er hinterm Ofen hinauf in die Stubenkammer gegangen. Wie nun auch die Mager aus der Stube war, fing der Kari Fuchs aus dem Obereigen den trotz seinem martinisömmerlichen Lächeln immerhin ersichtlich bedrückten Bäcker in seiner Weise zu trösten an. Landesüblich singenden Tones, in behaglichem Bärentramp ließ er seine Worte um ihn gehen. Sein starkgeknickter Zuhörer aber glaubte aus jeder Silbe heraus den falschen Hund und die gottlose Freude über seine schändliche Abfuhr herauszuhören. »Ja,« sagte zum Schluß der Stagelrainer Kantonsrat, »es ist eine Sache mit diesen Weiberröcken. Man kennt sich unter ihnen nie so recht aus. Und im Bergländischen gar, wo jedes Gehöft und Hüttlein eine eigene Welt ist, wo man sich nicht so nahe kommt wie in den großen Dörfern. Die Leute haben es da fast wie ihr Vieh: Die Kühe des Berglandes weiden auch nicht so herdenmäßig, so gar nahe beisammen, wie die der tiefern Täler. Will jede einen gewissen Abstand von der andern haben und tut keine wie die andere. Ich habe mit dem Frauenvolk auch schon allerhand erlebt und ja, beim Strahl, viel was mich gefreut hat. Freilich, ohne Risse und Dreiangel im Fell bin ich auch nicht durch die Dornhecken gekommen. Aber wie sagt der große Kartsch hinter der Hagelfluh immer wieder, wenn er aus seiner Besoffenheit am Morgen erwacht: Herrgott, muß das ein bodenlos, unerkannt großartiger Rausch gewesen sein, am Katzenjammer an! Dreimal hoch der Branntewein! Schönes Anneli, schenk' ein!« Und nun war der Bäckermeister Burket, dem bei des andern Trost der Grimm nur immer höher wuchs, wie bei einer Katze, die man wider die Haare streichelt, auch nicht mehr ganz imstande, an sich zu halten. Er begann, erst ein wenig über das Röllchen zu schimpfen, aber als er seinem gar willigen Gastgenossen eng beisammenstehende Augen freudig aufleuchten sah, wendete er, so gut er's konnte, den Gang seiner Rede und sagte, mit einem Lächeln, dem man den falschen Schein auf Steinwurfweite ansah, eigentlich sei ihm an diesem Stumpenmaitli nicht grad viel gelegen, denn wenn das bloß so eine sei, so habe er nicht viel oder soviel wie nichts eingebüßt. Eine so schwachgrädige Liebe könne man ja, und auch wärmehaltiger, auf der Straße, sozusagen, spottbillig kaufen, etwa auch umsonst haben. Sie brauche sich nicht einzubilden, daß er sich ihretwegen hintersinne. Es gebe, gottlob, noch andere Häuser und rechte Häuser berglandum, und gar im Tal und mindestens so schöne Maienstöcke vor ihren Fenstern wie da oben im abseitigen Ruchegghaus. Aber als er, unter dem fortwährenden lautlosen Beifallnicken und gespäßigen Lächeln des andern, noch mehr in Zug kommen wollte und allmählich anfing, seinem Ärger das Ventil weiter aufzutun, trampte es hinterm Ofen herab. Und da erschien auch der Matthathias Stump völlig für die Winternacht ausgerüstet und beschuht und hinten am Graukopf saß ihm sein gewaltiger Schlapphut. »So,« rief er lärmend in seiner gewohnten Art, »nun will ich mich zu Tal machen. Hab' nur keinen Kummer, Bäcker, ich will den Handel, den uns da meine Jüngste hinterrücks eingefädelt hat, schon zu einem rechten Austrag bringen, so wahr ich der Stump bin, der Matthathias Stump, versteh wohl! Laß mich nur machen. Das Rind möchte ich sehen, das ich nicht ins Gestell und zum Ziehen brächte. Ich, ja, ich, der doppelte Matthias. Soviel muß ich dir aber doch sagen, Burket: Gar stark darfst du dich auch nicht beklagen, denn am End' bist doch du dem Röllchen und nicht es dir nachgelaufen. Wahr oder nicht? Und nun mach' und komm, wenn du mit mir willst. Ich und der Kantonsrat da, der Kari Fuchs, wollen fort, und zwar gleich.« »Ja,« stimmte der bei, »lang' kann ich mich auch nicht mehr versäumen,« er schenkte sich gelassen noch eine Kachel voll Schwarzes aus der Kanne ein, »ich muß schauen, daß ich auf Stagelrain und in den Obereigen hinaufkomme, bevor der Mond weg ist. Ich möchte nicht gern den Schädel an allen Tannen anschlagen.« ›Den Melchternschädel, den verfluchten!‹ machte ingrimmig, aber doch nur innerhalb, der Bäcker. Laut sagte er: »Nein, hab nichts für ungut, Stump, aber mit euch beiden gehe ich jetzt nicht zu Tal und nach Kilchaltdorf. Und in den schwarzen Bären im Oberdorf zum Tanz möchte ich schon gar nicht. Es gibt ja da unten zu Erlenstalden auch ein Wirtshaus, wo sie unsereins gern über Nacht haben. Nicht im Traum fällt's mir ein, Rucheggler, mit dir nach Kilchaltdorf zu gehen und allenfalls dort noch den zwei Schelmen zu begegnen, die mir mit Roß und Wagen davon sind. Die täten mich schön auslachen! Sowieso möchte ich nicht gern heute nacht durch den Schnee und gar bis nach Haus dem Schlitten nachstampfen, auf dem ich so bequem und ich muß es bekennen, mit allerlei Aussichten und Absichten, dahinauf bis auf die Ruchegg gefahren bin. Ich müßte mich ja vor mir selber schämen!« setzte er ziemlich laut, die Augen rollend, bei. Der kleine Hirte hatte ihn lautlos, ernsthaft, aber dabei über irgend etwas anderes nachdenkend, angesehen und zu seinen Worten wiederholt beifällig genickt. Aber als er jetzt antworten wollte, ging die Türe und die Mager trat, völlig verändert in ihrem Aufrust, in die Stube. Sie hatte sich so ländlichschön als möglich gemacht. Ihre Hemdärmel waren weiß wie Schnee und ihr sonst so trocken scheinendes Gesicht glänzte, als ob sie's hätte wichsen lassen. Aber die schweren Zöpfe um ihren Kopf waren wie ein dreifacher Heiligenschein im Lampenlichte anzusehen, nur viel irdischer. An den kleinen Ohren hatte sie ansehnliche goldene Ringe hängen, die nun nie recht zur Ruhe kommen wollten. »Ja,« sagte der Martschen Kari Fuchs, »wie siehst denn du auf einmal aus, Mager? Man kennt dich ja rein nicht mehr. Hast dich völlig tausendwöchig drillen lassen. Willst etwa auch mit uns zu Tal und gar nach Kilchaltdorf in den Bären zum Tanz?« »Allweg nicht mit dir,« machte trocken, aber freundlich die Mager, »denn soviel ich weiß, hast du schon eine. Geh du nur heimzu und hol' die von ihren zwei Kleinen weg. Sie ist dir's keinenfalls ab.« Der Kari lachte. Der Bäcker Burket aber mußte nur so Augen auf dieses lange Geschöpf machen, das da gebückt in der Stube stand und das ihm jetzt ganz hübsch vorkam. »Macht, macht,« eiferte der Alte, »so kommen wir einmal fort.« Der Kantonsrat erhob sich, seine Kaffeekachel im Stehen völlig austrinkend. »Wir wollen trachten zu Tal zu kommen,« redete der Stump weiter, »denn wenn wir so säumen und noch dazu lang Kalender machen, so könnte es wohl sein, daß ich erst am Morgen zum Kehraus nach Kilchaltdorf käme. Hin aber will ich, ob's stiebt oder hagelt. Wohin mein Kopf einmal will, dahin kommt er auch. Und nun, Burket, Bäcker, wie ist's jetzt, willst mitkommen oder willst nicht?« »Nein,« gab der Bäcker herum, »ich hab's ja schon gesagt, mit euch zweien gehe ich auf keinen Fall.« Und die Mager geradewegs ansehend, setzte er bei: »Eine Weile kann ich ja noch da vor dem Ofen bleiben. Vielleicht hat deine Tochter Hagar noch eine Extraherzstärkung für mich im Speisgänterlein oder im Büfett. Ich könnte sie just jetzt brauchen.« Er hatte ein verstaubtes Lächeln, wie eine Stube, in die ein Sonnenblick schief hineinzielt. »Danach,« machte er, ernster werdend, »lasse ich mich auf Erlenstalden hinunter und übernachte im Hirschen.« »So pressieren wird's allweg nicht,« meinte jetzt die Mager, »der Meister Bäcker soll nur ruhig hier bleiben, solange es ihn gut annimmt.« »Ja,« meinte der alte Stump, »langweile ihn nur nicht mit deinen Heiligenlegenden. Wenn du ihn durchaus etwas Geistiges, sagt der Erlenstalder Sigrist, lehren willst, so liegt ja mein Altes Testament mit den rotlachten Bildern dort auf der Kommode. Da geht's etwa streckenweise kurzweiliger zu als in deinen Legenden. Sing ihm aber lieber etwas vor, denn das kannst du.« »Vater,« beschied die Lange kurzangebunden, »Ihr braucht mich jedenfalls nicht mehr zu christenlehren. Ich weiß schon selber wie man die Wolle kartet.« »So ist's recht,« sagte schmunzelnd der Hirte. »Wie täte jetzt die Reb ausrufen: der Stump, der Stump, der Stump!« »Also schlaf wohl, Bäckermeister,« rief der Kari Fuchs aus dem Obereigen aus, »und schau', daß du dich an der langen Jungfer da nicht zu stark verkühlst.« »Du mußt mir keine Hitzen borgen, Martschen Kari; heiz' du deinen Ofen!« trumpfte ihn die Mager ab. Der kantonsrätliche Hirte lachte eins heraus, aber der Stump nahm seinen langen Stock vom Uhrgehäuse weg und gebot: »Fort jetzt, Kari, wir wollen abtanzen, wir haben uns schon zu lange versäumt.« Wie sie aber mit ihrem schweren Schuhwerk auf die Türe zuknebelten, rief ihnen der Bäcker zu: »Stump, das sage ich dir, Roß und Wagen hoffe ich dann jedenfalls morgen bei mir daheim anzutreffen, sonst könnte es einen gesalzenen Spaß für diese und jene geben, denn der Bäcker Burket ist auch nicht von Lehm und läßt sich also nicht gern zu einem Pfingstenkuckuck oder sonst einem Kinderspielzeug auskneten. 's ist nur, daß du's weißt.« »Gut,« machte der Stump, den Stagelrainer hinauslassend und sich in der Türe halbwegs wendend, »hab' nur keinen Kummer, du sollst zu allem und jedem kommen was dir gehört, Bäcker, das sag' ich, der Matthathias Stump.« Also nahm er die Türe zu und folgte dem andern übers krachende Stiegenbrücklein in die stille Winternacht, auf die tiefverschneiten Weiden hinaus, fast feierlich wie ein Erzbischof, seinen langen Stecken ansetzend und sich, wie verwundert, weltum schauend. Aber mit einemmal schüttelte er das Haupt und machte sich alsdann fast eilig mit seinem Begleiter weidab. In der behaglich durchwärmten Rucheggstube aber hatte sich der Bäckermeister Burket näher zum Ofen gemacht, während die Mager dem Vater und dem Gast bis aufs Bödelein der Stiege hinaus nachgegangen war. Und als sie nun wieder hereinkam, schaute er mit recht verdrossenen, düstern Augen zu ihr auf. Und siehe, da begann der ganze Knäuel seiner schmerzlichen Gedanken, wie ein Schlangenkönig, auseinanderzurascheln, denn nicht ohne ein stilles Vergnügen und eine daraus hervorgehende Beruhigung sah er zu, wie die hochgewachsene Hagar, des doppelten Matthias Zweitälteste, die aufgequollenen Fastnachtsküchlein und die braunen köstlich duftenden Kräpflein, die er als Überraschung fürs Röllchen in den Ausguck des Stiegenbrückleins gelegt hatte, in ihrer Schürze hereintrug, aus dem weißen Bündel auspackte und sie alsdann vor ihm in einem großen, roten Becken aufbaute. »So,« sagte sie, die hellbraunen Augen zutunlich, ja warm, über ihn gehen lassend, »nun wollen wir auch ein Zeitchen Fastnacht zusammen haben und es uns behaglich machen.« Zu mehrerer Bekräftigung brachte sie danach auch gleich vom Büfett her einen schönen, hellroten Rossolibranntwein, der seit dem heiligen Abend zu Weihnachten nicht mehr war angerührt worden, auf den Tisch. Und sich auf eine Stabelle, nicht zu weit vom Bäcker, hockend und ihm und sich zwei kleine grünliche Gläser vollschenkend, sagte sie: »Gesundheit, Meister!« Also stießen sie miteinander an, daß es einen gar guten Klang gab. Und als ihm die süße Tranksame, die ihm aber wie ein Habicht ihre scharfen Krallen ins Blut hieb, so reichlich zu fließen begann, schien er sich allmählich immer mehr von seiner drückenden Verärgerung zu erholen. Stirne und Augen entwölkten sich und nicht lange dauerte es, so kam seine Stabelle ein wenig ins Wandern, was sie freilich nicht ganz unbemerkt tun konnte, denn sie hatte vier Beine, und zwar hölzerne, klapperdürre. An dieser Wiedererweckung seiner gedrückten Lebensgeister war aber der übersüße Rossoliwein nicht allein schuld. Die Mager förderte sie durch ihre so ungewohnte, überraschende Liebenswürdigkeit noch weit mehr. Sie, die sonst alleweil ein Gesicht machte wie ein ausgetrocknetes Bachbett und die außer beim Essen und Beten und Gähnen den Mund kaum auftat, hatte nun ein fortwährendes Lächeln in den Augen, das so neu und unberührt aussah, als ob sie's seit ihrer Geburt immer irgendwie vorsorglich verwahrt gehalten hätte und es jetzt eben ein erstesmal trüge, um damit den Bäcker aus dem Kilchaltdorfer Unterdorf zu beglücken. Und dazu kam sie ins Reden und wenn's auch nicht so geschäftig und klappernd herging wie bei dem Mühlchen vor der Heimkapelle des St. Wendel, so hatten doch ihre Worte einen festen und aber angenehm eingehenden Schritt. Gar wohl tat es dem immer näher rückenden Bäckermeister zu hören, wie die Mager über die Leichtfertigkeit ihrer jüngsten Schwester herzog, wie sie ihn zu trösten und ihm klarzumachen suchte, daß er eigentlich durch den Streich der für ihn doch Allzujungen vielleicht vor spätern, viel schlimmern Erfahrungen gnädig bewahrt worden sei, und wie's ihm mit diesem zwar gutherzigen, aber bubensüchtigen Röllchen, das sich eben schon einen von Kindsbeinen an gemerkt habe, heillos hätte fehlen können, und wie sie ihn schon lange bedauert habe, denn das Spiel der beiden sei ihr keineswegs verborgen geblieben. Sie habe aber über sie gewacht, sei ihnen überall in den Weg gestanden und ihnen so unbequem als menschenmöglich geworden. Also nur habe sie's einzurichten gewußt, daß sie sich nie zu nahe kommen konnten. Sie habe das alles, neben der Sorge um ihre übermütige Schwester, seinetwegen getan, auf daß er wenigstens bis zur Hochzeit nicht völlig hintergangen werde. Aber für nachher, das werde er jetzt auch verstehen, hätte sie ihre blutjunge, meisterlosige Schwester keiner Brandschadenversicherung herzhaft empfehlen können. Wenn eben so ein Röllchen einmal irgendeinen Bändichtli oder sonst einen Übermut mit einem Heiligen-Namen im Kopf habe, so bringe ihn keine Zange mehr heraus. Nun sei's aber ja, sie sage getrost für ihn gottlob! noch beizeiten gut abgelaufen. Statt daß er ein Fähnchen aufs Hausdach bekommen hätte, das aus dem Flattern kaum mehr herausgekommen wäre, sei er nun wieder völlig sein Eigener und habe freie Weide. »Was hättet Ihr denn am Röllchen gehabt, Burket?« sagte sie. »Ihr hättet ja doch nichts mit ihr reden können. So ein Hupfauf, so ein Gummiball versteht vom Ernst des Lebens ja noch keinen Pfifferling. Sie hat wohl ihren Liebsten vor Augen, aber daneben ist ihr ihr Schuh, ja der Nestel dran wichtiger als das was sie ihm als Mittagessen auf den Tisch stellt. Keinen Hochschein hat so ein Springding davon, wie sich die rechte, wahre Liebe füreinander aufopfern muß, wie eine Frau ihrem Mann alles und eins sein muß und wie sie ihm das Aufstehen leicht und den Feierabend wohlbekömmlich machen soll. Dieses junge Gagelzeug in seiner ersten Närrsche hat eben nur die Kirchweih im Kopf und ist dem harten Leben gegenüber wie ein junges Geißlein, das sorglos den Zickleinmetzger, der schon das Messer wetzt, umhüpft. Ich hab's schon oft gesagt und sag's heute wieder,« redete sie, ihm sein Gläschen mit dem schönen Rossoli frisch anfüllend und ihren dreifachen Kranz binsenroter Haare dicht an seiner schon ein wenig schlaffen Wange vorbeiführend, »wenn ich meinerseits ans Heiraten denken wollte, müßte es niemand anders sein, als ein bestandener, vernünftiger Mann, der anfangs weiß, wie man ein Ding angreift und der einem treu bleibt und das auch schätzt, was man ihm alles von Herzen gern tut. Ja, so einen, glaube ich, könnte ich dann noch gehörig liebhaben, und zu so einem würde ich getrost sagen, was der Vater uns da letzthin aus dem Alten Testament von jener Ruth, die dem alten Boz die Ähren auf dem Feld aufgesammelt hat, vorgelesen hat: Wo du hingehst, da gehe auch ich hin und dein Gott ist mein Gott! Und was es da alles noch geheißen hat. Ja, zu einem solchen Mann könnte ich das sagen und einem solchen wollte ich auch nachfolgen, selbst wenn ich ihm alle Tage ein paar Stunden barfuß durch die Brennesseln nachwaten müßte.« Kurzum, die Mager sprach wie ein Buch und dazu wie ein unterhaltsames Buch, das man mehr als einmal lesen kann. Der Bäcker mußte nur so zuhören. Erst hatte er sich gesagt: Ja, ist das nun diese lange, trockene Mager, die sonst ein Gesicht macht streng wie eine Verbottafel und langweiliger als ein Bahnhofwartsaal 3. Klasse und die ihre Worte so ängstlich spart, wie eine geizige Hausfrau die Kaffeebohnen. Aber je mehr er, und nicht nur wie beim Arzt alle Halbstunden einen Löffel voll, von der roten, eindringlichen Tranksame einnahm und je zutraulicher sich das lange Mädchen machte, mit seiner Haarwelle auf dem Kopf, die einem das Kopfkissen hätte ausfüllen und lind werden lassen können, desto mehr wuchs das Wohlbehagen des Bäckers an. Also kam er nach und nach in eine leibliche und seelische Berauschtheit und beglückende Betäubung hinein, daß er den Streich, den man ihm gespielt hatte, samt Röllchen, Roß und Wagen vergaß und nur mehr die schlanke Hagar anzusehen vermochte und den Übersegen ihrer Haare, mit dem man das felsenharte Angesicht einer Fluh hätte verhängen und verschönern können. Nein, diese Haare! Wie ein Hochmoor voll roter Binsen waren sie anzusehen. Zu gern hätte er sie auflösen und drin nisten mögen. Und was die Mager für Augen zeigen konnte! Jetzt begriff er, daß ihr Mund so wenig sprach. Diese Augen machten ihn völlig unnötig. Wie kam es, daß ihm das alles so lange Zeit hindurch entgangen war? Wie hatte er nur, in seinem Schwarm für jenes zerbrechliche Spielzeug, fürs Röllchen, ihre hochgewachsene Schwester übersehen können! Ja, die war freilich auch ein Spielzeug. aber ein ganz anderes, eines wie die Riesentochter im Märlein. Wie mußte die seiner Bäckerei gut anstehen! Wahrhaftig, die Fremden, die nach Kilchaltdorf kamen und die seine einfache Auslage so wenig beachteten, würden sich diese lange Bergbauerntochter und das rotbraune Wunder ihrer Haare gewiß alle ansehen wollen. Nein, wo hatte er bisher nur seine Augen? So einen Schatz zu übersehen! Aber natürlich, sie war ja immer so totenstill gewesen und ihre Augen sahen immer so aus, als ob sie selbe in irgendeiner Heiligenlegende drin hätte. Aha, oho, die stillen Wasser! Da konnte man's ja wieder sehen. Nun, wenn er sie einmal zu Haus hatte, wollte er den Deckel schon von diesem verschlossenen Brunnen abheben und ihre Haare sollten über ihn hereinfallen wie eine Heufuhre. Zu diesem allem schien nun der Bäcker auf guten Wegen, denn er hatte Hagars Hand schon lange und fest in der seinen und seine etwas langsamer, verschleierter gewordenen Augen hingen sich an ihren Hals und wollten, so wenig wie Blutegel, davon lassen. So kam's denn, daß die Mager, die den Weg ins große Dorf nie aus dem Sinn verloren hatte, sondern ihn, gegenteils, zähwillig verfolgte, es hinterm Ofen schon eine ausgiebige Strecke vorwärts gebracht hatte. Trotz allem heimlichen Trachten und Mühen wollte es ihr ein halbes Jahrzehnt lang gar nicht geraten, dem ersehnten Dorf auch nur um einen Fröschesprung näher zu kommen und nun war sie heute, in einer gutbenutzten Stunde, flugs bis hart vor Kilchaltdorfs Kirchturm, ja, bis fast und gar in des Bäckers Burket Backstube und Brotladen, in dem's so allerlei Leckereien gab, hineingekommen. Und als sie nun auch noch von ihrem uralten und umfänglichen Wald am Rucheggflüehli zu reden anhob, von dem sie ja wisse, daß er ihn fürs Leben gern hätte, verlor er den Kompaß völlig und ward so gründlich von den ruhigen, tiefgängigen Reden und so manches versprechenden Augen des sich an ihn schmiegenden Mädchens eingebeizt, daß man ihn getrost in eine kühle Kammer zum Lagern und Vergären hätte bringen dürfen. So bekannte er denn auch, daß er den Wald schon lange gern gehabt hätte, und er vertraute ihr an, es sei ihm heillos dran gelegen, daß ihm da kein anderer und gar dieser Melchternschädel aus dem Obereigen, mit seiner Säge, ins Gehege komme. Gerade jetzt wäre Bauholz so unverschämt und gottlos begehrt und daher hoch im Preis wie noch nie. Sie aber versprach dem Bäcker, mit dem Vater zu reden, und zwar zünftig, denn sie verstehe ihn fast so gut zu nehmen und dahin zu bringen, wo sie ihn haben wolle, ohne daß er's merke, wie einst und etwa im Viehhandel immer noch, ihre gescheite Schwester Judith auf Hochsiten. Er solle sie nur machen lassen. Wenn er das rechte Vertrauen in jeder Beziehung zu ihr habe, so könne es ihm mit den schönen Tannen am Rucheggflüehli nicht fehlen. Also hatte es ihn bald völlig und ganz, wozu der warmfarbige Rossoliwein, der in der Krausle immer geringer und in ihm immer mächtiger ward, das seine redlich beitrug. Er sah nur noch die verwandelte Mager, die ihm alleweil schöner und anmächeliger vorkam. Er brachte es gar nicht mehr zu ihren hellbraunen Augen hinauf, die jetzt warm wie ein getäfeltes, heimeliges Kämmerlein um ihn waren. Vergessen war das Röllchen samt seinen himmelblauen Augen, vergessen wie ein weggeworfener Zigarrenstummel. Man weiß nicht recht wie's gekommen ist, ob der heilige Wendel im Heimkapellchen, der nunmehrige Schutzpatron der Ruchegg, den die fromme Tochter Stumps in ihren Nöten anrief, vielleicht doch auch, als einstiger schöner Schäfer im Griechenland diese Nöte wohl ermessend, mithalf, kurzum, auf einmal hatte der Bäcker Burket die Lange im Ofenwinkel auf dem untersten Stiegentritt und auf den Knien und sie hing ihm am Hals und streichelte ihm mit ihrer im bäuerlichen Betrieb möglichst geschonten Hand die ergrauende Schläfe. Gar lauschig war's hinterm Ofen. Und der Bäcker, dessen Sinne die so rasch aufgehende Liebe und der Feuerwein völlig in Auflösung gebracht hatten, während sie seine Zunge lähmten, gab alle weitere Aussprache auf. Die Mager aber fand eine solche sowieso überflüssig. So kam's denn, daß die große Wanduhr ob ihrem Gehäuse allein das Wort hatte. Mit ruhigen Schritten konnte man sie die hohe Zeit dieser spätsommerlichen Liebe ausmessen hören. Und als nun des Bäckermeisters graue Schläfen immer mehr sich herabließen und er friedlich und seligen Antlitzes einnickte, behielt ihn die Mager erst eine Weile still wie verholzt in den Armen und erschien nichts an ihr lebendig als die hellbraunen Augen. Alsdann erhob sie sich mit ihm und trug ihn hinterm Ofen hinauf, bedächtig und nicht ohne Mühe, in die Elternkammer, wo sie ihn sänftiglich neben ihres Vaters Bett auf den Laubsack ihrer Mutter selig hinlegte. Danach stieg sie wieder in die Stube hinunter, wo sie sich vor dem Ofen niederließ, nachdem sie ihr Legendenbuch vor sich aufgeschlagen hatte. Seelenruhig begann sie darin zu lesen. Sie wollte wach und in der Stube bleiben bis zur Heimkehr ihrer Leute. Niemand sollte sagen können, man hätte sie schlafend gefunden, muttergottseelenallein mit einem Witwer auf Freiersfüßen. Ja, Freier. Ihr Angesicht war jetzt im schwachen Lampenschein wirklich fast schön und neu erblüht und in ihren Augen schien etwas wie ein Sonnwendfeuer auf hohem Gipfel aufzugehen. Sie blickte wohl ins Buch, aber immer auf die gleiche Seite. Keinen Buchstaben sah sie, obwohl es ja von ihnen wimmelte. Ihre Augen, ihre Gedanken weilten beim schlafenden Bäcker, und sie war gewiß, daß sie nun sogar seine Träume nach ihrem Wunsch und Willen zu leiten vermöge. Doch nein, das hatte sie jetzt nicht mehr notwendig. Sie trug ja schon seinen Ehering, deren er zwei besaß und deren einen er ihr selber an den Finger getan hatte. Immer wieder schaute sie ihn lächelnd an. Das große Dorf, die Backstube und die Kirche vor der Türe waren ihr sicher. Unterdessen waren das Röllchen und der Bändichtli auf dem leichten Gatterschlitten des Bäckers, mit dem wacker ausrückenden Roß, glücklich nach Erlenstalden und dann nach Kilchaltdorf ins Unterdorf gekommen. Dort ließen sie das Gefährt einfach stehen, indem sie's an einen Ring in der Mauer festbanden. Danach verzogen sie sich, Hand in Hand, ins Oberdorf, in die Wirtschaft zum schwarzen Bären. Nicht ohne Herzklopfen machten sie sich in die räumliche, wohlerhellte Wirtsstube, in deren angebautem Sälchen man tanzte, hinein. Aber ihre Hemmungen und Beklemmungen verschwanden bald, als sie sich von ihrer nächsten Verwandtschaft, die da gut vertreten war, mit Freude und Hallo empfangen sahen. Um die Augen der erstaunten Erlenstalder Kilchaltdorfer und der Enden kümmerten sie sich nicht viel. Sie brauchten auch keine langen Berichte und Ausreden zu machen, denn die Judith, die mit dem Röllchen die ganze Geschichte bei ihrem letzten Besuch auf Hochsiten einfädelte, hatte der ganzen versammelten Freundschaft von dem Streich, der da dem alternden Bäcker gespielt werden sollte, leise Kunde gegeben. »Der Bäcker Burket ist gewiß, auf Ehr' und Seligkeit, ein rechter, grundbraver und wie's scheint, auch noch ein durch und durch gesunder Mann,« hatte sie zum Schluß gesagt, »da er sich noch mit einer zweiten Frau auf den Weg machen möchte. Ehr' und Respekt vor ihm! Gleichwohl hätte er nicht grad eine unter den allerjüngsten Weibern auslesen sollen und dazu gar noch eine, die schon einen hat, der ganz anders gut zu ihr paßt.« So mußten sie denn aus all den Gläsern der Verwandtschaft um den Tisch Bescheid trinken, sogar vom andern Tisch trank man ihnen zu und vor allem war es das Jungvolk, welches vom Tanzboden hereinströmte, das sie von Herzen und mit allseitiger Zutunlichkeit bewillkommnete. Selbst der Spielaumichel, der Dolmetscher und Marktläufer, der immer vertrunkener, ausgemergelter aussah und von dem das bresthafte Gewand herabhing wie von einer Vogelscheuche, trat auf sie zu und verlangte durchaus, daß das Röllchen Bescheid aus seinem Glas trinke. Das zwar lehnte sie ab, doch stieß sie mit ihm an und ließ ihn so tief in ihre blauen Augen hineinsehen, daß es ihn fast übernahm, denn es war ihm für einen Augenblick, er liege wieder als kleiner Geißbub hochoben auf dem Berggrat in den Alpenrosenbüscheln und schaue wunschlos, glückselig in den knisterndblauen Föhnhimmel hinein. Aber das verging ihm gleich wieder. Er lachte ziemlich dreckig auf und sagte halblaut zum Bändichtli: »Ja, ja Bursche, das glaube ich, so wollte ich auch auf die Ruchegg Blumen suchen gehen, wenn ich einen solchen Strauß davon zu finden und zu binden wüßte. Gib jetzt nur ja gut acht, daß du ihn nicht wieder hergeben mußt, denn, was gilt's? der Alte, der da auf seinem rauhen, waldigen Höcker oben mit dem St. Wendel den Garten ums Heimkapellchen in der Mulde hütet, läßt dir seine wilden Rosen nicht so wohlfeil. Was meinst?« Der Tschuppmoosbattisten Bändichtli meinte nicht grad viel. Er sah den Spielaumichel nur flüchtig, warnend an, mit einem Blick, der da sagte: Was nicht in den Augen liegt, kann in der Faust sein. Aber gleich hatte er wieder ganz andere Augen, alle seine Sinne machten sich zu Röllchen, wie die honigvollen Bienen in ihr Haus und Heim. Aber aus all seiner Wonne sah ihn dann immer wieder das wie aus den Felsen der Heimat herausgemeißelte Angesicht des alten Stump mit Adlerblicken dräuend an, so daß er zu einer vollkommenen Seligkeit nicht zu gelangen vermochte. Irgendwie gab es da doch wohl für ihn und seinen herztausigen Schatz noch ein Fegfeuer durchzumachen, bevor sich ihnen der Himmel völlig auftat. Zwar das Röllchen, das ihn schon ein paarmal in den Tanzplatz hinaus geradezu gezogen hatte, denn die Augen ringsum machten ihn immer scheuer, schien sich nicht besonders um das Künftige zu bekümmern. Sie lachte und gab sich völlig aufgeräumt. Jedoch, wenn er so in ihre Augen hineinblickte und das tat er fast immer, so war's ihm doch, es sei dort irgendwie im Blauen unruhig, es wetterleuchte aus verborgenen, verheimlichten Wolken und die Bangnis eines kommenden Gewitters mache dieses Blaue etwas mitternächtig. Doch freuten sie sich zusammen so gut sie's konnten, und sooft jetzt aus dem kleinen Saalanbau, wo die Tanzmusik auf den Stabellen ihrer breiten Bankunterlage hockte, ein lüpfiger, zündender Gautanz lockte, eilten sie hinein und stoben unter anderm Frohvolk den Ringelreihen ihrer jungen Liebe. Aber eben als sie sich wieder einmal vom Tanzboden an ihren Tisch zur Verwandtschaft zurückmachten, tat sich die Türe der Wirtschaft auf, soweit sie nur konnte und der Matthathias Stump ab der Ruchegg schritt, den Hut hinten am Kopf, mit dem langen Stock in der weitausgestreckten Rechten, über die Schwelle. So klein er war, sein umfängliches Haupt mit dem gewaltigen Schlapphut und vor allem sein Gebaren ließ ihn geradezu groß erscheinen. Ja, dem Tschuppmoosjungen, seinem Knechtlein, der sich erbleichend an den Tisch machte und sich dort duckte, kam der kleine Hirte riesenmäßig vor. Er wollte dem Röllchen unwillkürlich seine Hand entziehen, aber sie behielt sie fest in der ihrigen unter dem Tisch und drückte sie immer wieder angelegentlich. »Aha,« meinte halblaut, mit einem Blick auf den eintretenden Stump, der Spielaumichel ziemlich vernehmlich, »da kommt einer aus dem Alten Testament. Es ist nicht der Erzvater Abraham, es ist nicht der Prophet Habakuk, es ist nicht der König Nabuchodonosor, wohl aber der Matthathias Stump ab der Ruchegg. Nun könnte es sein, daß einmal das Gewitter da ist, bevor man's hat donnern hören.« »Jaha,« kam die Stimme der Reb kräftig zu ihm über ihren langen Tisch hinweg, »dank' Gott, du Lump, wenn's nicht bei dir einschlägt.« Ein unterdrücktes Lachen ringsum. Der Alte ab der Ruchegg aber schien das gar nicht zu hören. Er schaute sich, stehenbleibend, einen Augenblick in der Wirtsstube um. Alsdann schritt er zuerst auf die Tische zu, wo seine Landesgenossen und etwa auch Alterskameraden mit ihren Weibern und ihrem Jungvolk hockten, denn von allen Seiten fuhren ihm dort die vollen Gläser entgegen. Er trank auch aus allen ein wenig Bescheid. Er begrüßte sich mit dem wackelhäuptigen Franzsebi ab der Altmatt und mit dessen noch zitteriger Schnapsdrille, mit der einäugigen Marann. Auch des Gleitigen Martitonis scharfsichtiger ältlicher Tochter, das Gluvenäuglein genannt, drückte er die kalten fünf Finger. Und also begrüßte er die Beth aus dem untern Tries, deren vollmondiges Antlitz immer in zerlassener Butter zu schwimmen schien und der man deswegen landum das »Sonnenzeit« sagte. Aber vor allen zeichnete er nun die Base Anneseba aus der Stolzern aus, die eben nach ihm mit zwei halbgewachsenen Neffen eingetreten war. Er gab ihr laut, fast lärmend, Gruß und Handschlag. Alsdann trat er mit ihr endlich auf den Tisch zu, an dem seine Sippe beisammen hockte und sich keineswegs wunderte, daß er dasmal nicht geradeswegs auf sie zugekommen war. Sie wußten ja, daß er einen Wurm hatte, von dem sie aber hofften und wünschten, er möchte sich nicht an dem fröhlichen Fastnachtabend zu einem feuerspeienden Drachen auswachsen. Es konnte ja noch recht lustig werden, denn es war der Geudismontagabend, und im kleinen Saal nebenan gab's schon allerlei Maskierte, Dominos, verhunzte Trachten und andere Mummerien. Und nun wunderten sich die Stumpenleute und Zugewandte doch sehr, als sie gewahren mußten, wie sich der kleine Hirte ob der Ruchegg mit der Stolzernbase und ihren jungen Vettern ruhig zu ihnen gesellte und sie alle herzlich, aber freilich nicht so überlaut wie sonst, begrüßte. Und fast für selbstverständlich nahmen sie's hin, daß er das Pärchen, seine Jüngste und den Tschuppmoosjungen, nicht begrüßte, die in großer Unruhe, sich so gering und unscheinig als möglich machend, unweit von ihm saßen und sich nicht mehr getrauten, der lockenden Tanzmusik zu folgen. Er sah sie gar nicht an, ja er tat, als ob sie gar nicht da wären. Sie hatten dem Alten doch wohl zu schlimm mitgespielt. Aber sonst war der Stump wie immer; nur die Judith wollte es bedünken, der Vater schaue sie nicht so offen, gradaus an wie gewöhnlich. Es mochte ja wohl sein, daß er ahnte, woher dem Röllchen die Hilfe gekommen war, und wer ihm also eigentlich den Sohn des Flickschusters und Hühnerbäuerlein vom Tschuppmoos als Knecht auf seinen Berghof geschmuggelt hatte. Gewiß ärgerte es den Alten jetzt, daß sie ihm in Röllchens Gartenmulde zwar zuerst den hl. Wendel, danach aber hinterrücks diesen noch keineswegs heiligen Bändichtli hineingeliefert hatte. Am zutunlichsten war er immer zur Reb, die sich aber nicht viel daraus zu machen schien. Sie lachte polternd auf, als eine Maske in altscheiniger, hölzerner Larve und einem aus bunten Lappen zusammengesetzten Weibergewand ihren Mann, den Balz Schwitter, zum Tanz abholen wollte. Sie sah ihm an, daß er lieber mit einer Anziehendern auf den Tanzplatz ausgerückt wäre. »Geh nur mit ihr, Balz,« sagte sie starkstimmig, »du kannst ja nicht wissen, ob nicht eine blutjunge Hübsche in dem wüsten, alten Anzug steckt.« Und der Metzger rückte mit der Maske richtig aus. Der Stump jedoch befahl einen Doppelliter vom Mehrbessern über den Tisch. Und als er sich und der Stolzernbase und allen um ihn, Röllchens und Bändichtlis Gläser übersah er, eingeschenkt hatte, wandte er sich an den Salami und fragte: »Ja, was ist denn das für ein Brauch von dir? Gehst du heute einspännig zum Tanz, wo hast du den Lehrer?« »Heja, der muß halt heute einmal zu Haus bleiben und die Zwillinge hüten, denn die Magd, die ich für die Säue eingestellt habe, hat mit ihrem Schatz auch zum Tanz wollen. Ich werde ihm aber einen Armvoll Fastnachtskrapfen heimbringen.« Der Alte machte nichts draus. Er schien überhaupt gar nicht recht hinzuhorchen, auf das was sie antwortete, doch fragte er nach einer Weile, den anschwellenden Bergbach ihrer Rede unterbrechend, wie es den Großkindern ergehe. Man hatte nämlich in des Schullehrers kleines Geschäft vor kurzem vom Kindlistein her Zwillinge, einen Knaben und ein Mägdlein oder wie man im Land sagte: eine Tanzeten, gebracht. Es waren zwei kugelrunde Kinder. Zwei völlige Salami, aber im kleinen, meinte die Hebamme aus der Schlipfau. Als aber der alte Stump, ihr Pate, die Kinder mit biblischen Namen, nach denen er einen ganzen Sonntagnachmittag in seinem Alten Testament suchte, hatte benennen wollen, während sie ihr Vater, der Lehrer Beda Aloser, gern Rosalina und Engelbert geheißen hätte, hatte der Salami kurz und bündig vom Wochenbett aus gerufen: »Auf Joseph und Maria werden sie getauft, wie einst ihre Großeltern auf der Ruchegg geheißen haben und fertig!« So hatte der Alte auch hier mit seinen alttestamentlichen Namen zurückstehen müssen. »Es geht dem Sebeli und dem Marieli gut, Vater,« antwortete der Salami. »Sie haben schon einen Appetit wie die elf Säulein, die mir die Sau, die ich vom Trutenmärtel ab der Mandliegg hatte, geferkelt hat. Sie gleichen alle beide mir. Nur das Marietschli, das den ganzen Tag aus den Säuen nicht herauskommt, habe viel von ihm, sagt der Beda, denn es sei musikalisch. Auch sagt der Beda, mein Mann . . .« »Als ob dein Mann etwas zu sagen hätte!« rief jetzt der Metzger aus, der hochrot vom Tanzplatz und offenbar zufrieden mit seiner Maske, zurückkam. Aber da schlug die Reb, kaum hockte er neben ihr, die Faust auf den Tisch, und zwar also, daß der weißhaarige Butzisteinjörg, der unten am Tisch, den Kopf auf den Armen, schlief und schnarchte, erschrocken den Kopf hob und mit blöden Augen um sich schaute. »Balz, red' nicht so dumm!« schnörzte sie den Metzger an, »unser Salami ist recht mit ihrem Mann, wenn sie ihn auch ein wenig an der Halfter hat. Man kann die Rosse auch zu stark habern und muß sich dann niemand wundern, wenn sie ausschlagen. Aber der Lehrer schlägt nicht aus, gar nicht. Und wenn er damit zufrieden ist, daß er seine Frau gern haben und die Gitarre dazu zupfen kann, so ist das schön von ihm. Viele andere könnten sich ihn zum Spiegel nehmen. Ja, nämlich, jene andern, die zwar auch spielen, aber nicht die Zupfgeige, wohl aber mit Jaßkarten halbe Tage und Saufnächte lang. Und obwohl dich das bloß streift, Balz, so trifft es doch bei andern mitten ins Schwarze oder in den Schwarzen. Also laßt mir die Schwester und ihren Schulmeister in Ruh, das sag' ich.« »Ja, Schwager Schwitter,« fing nun der Salami, unwirsch kreischend, herauszusprudeln an, »was hast du denn gegen mich? Was geht's dich an, was ich mit dem Lehrer mache? Mein Beda ist kein bißchen stärker unter dem Weiberdaumen als du, denn in deiner Metzg zu Kilchaltdorf im Unterdorf regiert ja . . .« »Halt's Maul!« schnauzte sie die Reb ab. »Behalt deine Trümpfe für andere Gelegenheiten. Es ist jetzt da genug über diese Sache geredet. Wenn unsere Männer doch mit uns zufrieden sind, was gibt's denn da weiter zu bellen? Also verhalt's!« Der alte Stump schien kaum auf ihren Zank hingehört zu haben, aber sein grauer Wirrkopf, auf dem immer noch der weitumgehende Schlapphut saß, hatte sich doch zusehends gehoben. Und nun griff er sein Glas auf und sich voll zu seiner Tochter Reb wendend, rief er aus: »Gesundheit, Reb!« Der Metzger Balz Schwitter aber sagte kein Wörtlein mehr. Er schloß ein Auge, und mit dem andern aber zwinkerte er seinem gegenübersitzenden Schwager, dem Viehhändler Baschitoni Tritsch ab Hochsiten zu, der diesen bedeutsamen Blick mit kurzem, verständnisvollem Schnalzen quittierte. »Ja,« meinte jetzt die Judith, die breiten Schultern unmerklich wiegend und munter auflachend, wobei es schien, als lächle das goldene Blättleinkettchen, das sie um den vollen, rosigen Hals hatte, mit, »ja, jaha, unsere Männer haben es gut. Es kommen fast nur die Freuden an sie, die Sorgen lassen wir nie völlig zu ihnen durch, auf daß sie uns gesund und schaffig bleiben, denn wir Stumpentöchter haben einen festen Stand.« Nun stieß der Matthathias Stump auch mit seiner milchweißen Ältesten an, wobei ihm der Hut fast ganz ins Genick rutschte, seine hundertfältig gefurchte Stirn aber heraustrat, wie eine Fluh im Tagen. »Ja, ja, Judith, du bist ein Schatz, aber,« und nun dunkelte er etwas zu, »auch ein hinterhältiger Fratz, wenn der auch verborgener ist als das Füchslein in einer Hube mit allseitigen Ausgängen. Gleichwohl,« und nun heiterte er schon wieder auf, »wahr ist wahr: was den Kopf anbelangt, nimmt's mit dir landauf und ab keine und es kann sein, auch keiner auf, selbst wenn er im Rathaus und auf einer grünüberzogenen Stabelle hockt.« Auf einmal aber, völlig unversehens, wandte er sich dem still am Tisch sitzenden, sich drunter die Hand haltenden Pärchen, dem Röllchen und dem Bändichtli zu, der ganz erschrocken in die funkelnden Adleraugen schaute, die jetzt über ihn kamen. Jedoch der Alte sah seinen jungen Knecht nur einen Augenblick an. »Maitli,« redete er, sich an Röllchen wendend, so laut, daß es die ganze Stube hören konnte, denn die Tanzmusik war eben still geworden, »es ist mir heute, und zwar nächtlicherweile, eine aus der Stube auf der Ruchegg auf und draus, eine leibhaftige Tochter von mir. Und nicht allein ist sie auf und davon, sondern selbzweit und ohne mich zu fragen oder mir auch nur einen Deut zu tun und dazu auf dem veruntreuten Wagen, mit dem Roß meines Gastes, ist sie zum Fastnachtstanz da nach Kilchaltdorf hinunter. Du weißt, wen ich meine. Und nun,« seine Stimme ward eher weniger laut, jedoch die Stirne furchiger und dräuender, »und nun, Röllchen, möchte ich von dir gern hören, ja, Jungfer, das möchte ich wissen, wer denn eigentlich auf den Gedanken gekommen ist, den wohlmeinenden, ehrenhaften Bäckermeister und mich dazu, mit diesem Spitzbubenstreich so sackerlots hineinzulegen? So, da wäre ich, ich, der Stump, jetzt red'!« »Vater,« antwortete halblaut, hochrot, vor Scham fast vergehend, seine Tochter, »wie könnt Ihr uns denn hier so hart anlassen und bloßstellen vor der ganzen Wirtsstube, was müssen die Leute da von uns denken?« Der Alte lachte ein verdrossenes Lachen. »Aha, Kind Gottes,« redete er, »das kann dir jetzt nicht passen, he!! Und schau', ich kann's verstehen, besser als du deinen Vater verstehst und verstanden hast, denn,« nun ward er wieder ringsum vernehmlich, »denn wenn du mich gekannt hättest und wie du mich übrigens hättest kennen können, so müßte es dir föhnklar und himmelheiter aufgegangen sein, schon als kleiner Knopf, daß der Matthathias Stumpf den Weg gradaus nimmt und es nicht so gern mit dem Spiel um die Ecken hat wie andere. So hättet ihr zwei eben auf der Ruchegg in der Stube euch so vor mich hinstellen und euch so bei den Händen halten sollen, wie ihr's jetzt da, gläublich, unterm Tisch tut. Aber ich hab's schon oft gesagt und es auch selber erfahren, die Liebe macht auch einen Salomon zum Narren. Das Sprüchlein hab' ich also aus mir selber. Und nun nimm's wie ich's habe und auch brunnenfrisch gebe, Rolli und red', sag', wer hat uns das alles hinterm Rücken durchgespielt? Ich will und muß es wissen! Und wenn du's nicht sagen willst, du Wetterhex,« und nun blickte er fast bös, »so ziehe ich dich an den Zöpfen heim, denn für nichts, und wieder nichts stampft der Stump nicht von der Ruchegg die halbe Nacht aus durch den Schnee bis ins Tanzhaus zu Kilchaltdorf.« Nein, so etwas war zu Kilchaltdorf noch kaum jemals erhört worden. Und obschon noch lange nicht alle Leute im schwarzen Bären den kleinen Hirten ab der Ruchegg kannten, so mußten sie nun doch alle mit gespanntester Aufmerksamkeit auf ihn und seine furchige, offene Stirn schauen. Nun, da war wieder einmal etwas Neues los, das konnte ja gemütlich werden: Ein wildgewordener, sowieso halbwilder Bergbauer und seine Tochter, die mit ihrem Knecht durchgebrannt ist. Zwar das mußte man ja gelten lassen, den Knecht konnte man wohl begreifen. Diese Jüngste ab der Ruchegg war eben doch ein wohlgeratenes Hirtenkind über und über. Aber auch sie ward von den anwesenden Bauern- und Dorffrauen verstanden. Dieses Knechtlein, so wenig groß und so jung er war, gewachsen war er saitengrad und Augen hatte er, die doch gewiß nur zum Lachen und Blumensuchen erschaffen worden waren. Jetzt, freilich, lachten sie keineswegs. »Vater,« redete fast leise die Judith, »macht doch hier unter den Leuten nicht solche Geschichten. Was fällt Euch denn ums Himmels willen ein? Es schauen ja alle Augen auf uns.« »Jaha, eben recht, schauen sollen sie und ich, ich will eine Antwort haben,« machte der Alte. »O Mutter, die Finken sind tot!« kam's halblaut aus dem Winkel, in dem der Aumichel hockte. Obwohl diese höhnische Anspielung auf Stumps Lieblingsgesang viele kannten, lachte doch kein Mensch. Aber nun hatte sich das Röllchen, das, schwergetroffen von seines Vaters doch nicht erwartetem Vorgehen, von seiner allzugraden Art, dasaß und vor sich hin in den Schoß schaute, erholt. Und ihrem Liebsten die Hand entziehend, sprach sie, rauchend vor Scham: »Ja, Vater, wenn's denn sein muß und einmal müßte es ja doch sein, wenn's auch nicht grad da im Tanzhaus hätte sein sollen, so will ich Euch hier auch Red' und Antwort geben. Ja, es ist wahr, wir sind Euch und dem Bäcker Burket auf und draus und ich bin's gewesen, Vater, die den Bändichtli dazu überredet hat. Er hat es nicht herzhaft wagen dürfen, so mutig er sonst ist. Er hat gesagt, es sei nicht recht, Euch so hinters Licht zu führen, wenn er's dem Bäcker noch so sehr gönnen möchte. Auch käme es danach gewiß gefehlt, ja bös heraus, denn eines Landschuhmachers und Hühnerbäuerleins Jungen werdet Ihr ja ewignie als Schwiegersohn und gar ins Ruchegghaus nehmen und wenn er sich noch zehnmal besser aufs Bauern verstände. Aber seht Ihr, ich hab' ihn doch dazu gebracht. Ich hab' nicht nachgegeben, bis ich ihn im Gatterschlitten hatte. Ihr könnt's ja sehen, er ist noch nicht einmal im vollen Feiertagsgewand, denn als ich ihn im Schlitten hatte und er sagte, er wolle noch schnell den Hut holen, hab' ich dem Roß mit der Peitsche eins aufgemessen und fort ist's gegangen, weidab und zum Tanz. Es mag wohl sein, daß es von mir nicht schön war und daß ich nicht alles bedacht habe, vor allem nicht, daß Ihr uns heute nacht gleich nachlauft und alles da im Wirtshaus vor aller Welt so aufweißelt. Doch ist's jetzt wie's ist. Den andern, mit dem Ihr mich so herrlichgut und für immer habt versorgen wollen, mag ich nicht, wenigstens nicht zum Heiraten. Das hättet Ihr aber merken können, wenn Ihr den Sinn und die Augen nicht immer anderwärts gehabt hättet. Und so ist's halt heute nacht gekommen, daß ich keinen andern Ausweg mehr gewußt habe, als des Bäckers Fahrgelegenheit, dem ich sonst kaum so leicht entwischt wäre, zu benützen und mit dem Burschen da,« ihre Augen streiften den nun mutiger blickenden Knecht flüchtig, heiß, »durchzubrennen. Und nun, Vater, macht was Ihr wollt. Sind wir soweit und habt Ihr uns allen Leuten als halbe Hochzeiter vorgestellt, so geb' ich jetzt erst recht nicht nach. Ich will den Tschuppmoos Bändichtli und wenn ich mit ihm zusammen den Talgenossen vor den Häusern handorgeln und betteln müßte. Aber das müssen wir nicht und niemals, denn er kann schaffen, Vater, das wißt Ihr auch und jetzt, ja, jetzt wißt Ihr alles.« Eine Weile betrachtete sie der Alte schweigend, mit zündrotem Kopf, denn der war während der Aussprache immer röter geworden. Und jetzt aber schlug er die Faust auf den Tisch, daß die Gläser tanzten und daß der Butzisteinjörg zum zweitenmal aus seinem Schlaf aufgetrieben ward. »So,« sagte er lärmend, »ja, jetzt weiß ich alles. Röllchen, Röllchen, du bist ein heimlichfeistes, ziemlich abgefeimtes Weibervölklein, aber,« und jetzt hob er den Kopf so hoch, daß ihm der Schlapphut fast völlig im Genick saß, »Maitli, du bist auch von gutem, landskräftigem Holz und dazu vom Stamme Stump, das seh' ich nun, denn du hast deinen Kopf durchgesetzt und das nicht wie ein dummer Stier, sondern wie ein Mensch, der sich selber den Weg bahnen will. Ich habe sonst gemeint, du, und das muß ich dir jetzt sagen, schlügest doch stark aus der Art, habest keinen eigenen Willen. Deswegen und nur deswegen, weil's mir so war, hab' ich dich einem an die Hand geben wollen, der das Leben und den Weg durch den Krüppelwald der Welt erfahren hat. Ja, das wollte ich, denn wenn's nicht im Holz ist, kann man keine Häuser draus bauen. Und nun hast du uns heute die Augen aufgetan und uns deine Abstammung nachgewiesen, denn eine rechte Abstammung, und nicht bloß beim Rindergeschlecht, ist die Hauptsache. Ich kann's nun glauben, daß du dich nicht zu scheuen brauchst, das Leben selber anzupacken. Daß du dazu noch einen Gehilfen haben willst, und zwar einen jungen, flinken, kann ich dir nicht für ein Verbrechen nehmen. So ist der Stump nicht. Und wenn dein Liebster ja bloß eines Geißbäuerleins Bub ist und einer, der nichts hat, so kann ich das nicht ändern. Er kann's ändern, aber du, Maitli, wirst es ändern, das weiß ich jetzt seit kurzem. So möge dir Gott die Arme hochhalten, wie er sie dem Moses hochgehalten hat, bis er den Philistern Meister geworden ist.« Und auf stand er und griff zum Glas: »Röllchen, Kind, recht hast's gemacht,« lärmte er und stieß mit seiner, über und über wie ein Freudenfeuer aufleuchtenden Tochter an, »aber der Bäcker Burket soll auch nicht leer ausgehen. Er muß ein zügiges Heilpflaster auf sein närrisches altes Herz haben: Der Bäckermeister bekommt meinen Wald am Rucheggflüehli.« Nun stieß er auch mit dem Tschuppmoos Bändichtli an, der nicht wußte, wie er all dies unverhoffte Glück ratsamen, zusammennehmen und wie eine köstliche Heubürde von wahrhaft betäubendem Wohlgeruch auf seine Diele tragen sollte. »Bursche,« sagte der Stump, ihn offen, aber mit Adleraugen gradaus ansehend und an sein zitteriges Glas anstoßend, »trink, es soll dir wohltun, denn du hast einen guten Tag!« Als sich nun der Alte wieder, aufatmend und den Hut rückend, niederließ, wollten alle seine Leute mit ihm anstoßen, aber auch von den andern Tischen, um die ein immer wieder hochkommendes Gelächter ging, tranken sie ihm und dem jungen Paar zu, mit manchem schalkigen und lustigen Zustupf. Der alten Base Anneseba aus der Stolzern aber kugelten die Tränen nur so über die Backen herunter, während die Judith mit stillem Lächeln auf ihre jüngste Schwester und deren Bändichtli sah. Der hatte nun Röllchens Hand wieder und behielt sie auch fest wie in einem Schraubstock, seiner Liebsten alleweil in die blauen Augen sehend. Aber da erhob sich der Bauer ab der Ruchegg nochmals und mit großen, spiegellautern Augen in den Stubenwinkel schauend, wo der Dolmetscher, der Spielaumichel, hockte und an seinem Glas herumschlückelte, rief er aus: »Und nun, heda, du dort hinten, Spielaumichel, Meister Dolmetscher und kantonaler Landesschluck, dir muß ich's jetzt doch sagen, daß du mich umsonst hast verspotten wollen. Nämlich, die Finken sind nicht tot. Ganz im Gegenteil, mitten in den Hanfsamen sind sie hineingeraten. Und heijupedihee! ich und meine Leute mit mir erleben heute noch eine besondere, wohlbekömmliche Fastnacht, weil wir zweien die häßlich aussehenden Masken vom Gesicht gerissen haben und siehe da, es ist schön und sauber drunter hervorgekommen. Hooo, heda, Base aus der Stolzern, wie ist's jetzt, ich bin Witwer und du Witfrau, was meinst, wollen wir nicht einen Gautanz zusammen wagen? Sind wir noch gelenkig, federn wir noch oder federn wir nicht mehr?« »Allweg,« sagte die alte Base Anneseba, sich willig erhebend, und zum Stump stellend, der sich hinter dem Tisch hervorgemacht hatte, »wir Alten geben noch nicht so geschwind ab.« Da rückte der kleine Hirte auch schon, der Base einen Arm um die Schultern legend und mit dem andern rudernd, auf den Tanzboden aus. Und loszogen die Musikanten. Und wie er nun so mit ihr im offenen Sälein nebenan, allein den Alemander, mit den Fingern klöpfend und mit den schweren Bergschuhen trommelnd, zu tanzen anhob, ward er immer eifriger. Er fing die Stolzernbase zu umkreisen und locken an und weitete dazu seine Arme also gewaltig, als wolle er nicht nur die gewichtige Base, sondern gleich die ganze Welt ans Herz drücken und hochheben. Am Tisch aber, wo seine Leute mit dem stillgewordenen Pärchen hockten und dem talbodenechten Spiel der beiden Alten zuschauten, begann jetzt auch die Reb mit Faust und Fuß zu trommeln und polternd, stolz ging ihre Stimme: »Der Stump, der Stump, der Stump!«   Ende