Meinrad Lienert Der König von Euland     Verlag von Huber \& Co. Frauenfeld und Leipzig [1928]     I. Über die verschneiten Grattannen des Heitligeers ob dem Euthal kam ein roter Schein. Wohl das Widerspiel der Abendsonne, die hinter der wilden Schrähhöhe und dem Stäubrig eben unterging. Aber der rote Hauch verlor sich in die Stube des schöngelegenen Sonnhaldenhauses und machte sie also hell und freundlich, als würde es Morgen statt Abend. Die grünglänzenden Kacheln des gewaltigen Ofens, der zwei breitvortretende Umgänge, wie eine starke Wehr, um sich hatte, zeigten deutlich all die Leute, die um den kuhbeinigen Tisch hockten und zu Nacht aßen. Den schon etwas angegrauten, rauhborstigen Kopf des Sonnenhaldenbauers, des Sennen Sebimaria Ruhstallers, die Flachsschöpfe seiner zwei kleinen Buben Sebeli und Bäneli und die ernsten Augen Marielis, des nur wenig ältern Töchterleins; das emsig tätige Kauwerk der Lunn, der breitschulterigen, grobknochigen Magd und ihre wulstigen, aufgestützten Arme; den freiwilligen Knecht aus dem St. Galler Tiefland, den Vitus Wiler. Aber ganz besonders spiegellauter gaben all die grünen Ofenkacheln das lachende Gesicht Bethlis, der erwachsenen Haustochter, die nicht ruhig sitzen konnte, wieder. 2 Eben ging ihr Kichern, wie das Raunen, Quirrlen und Schluchzen eines unter Waldfarn und Blumen verborgenen Bergwässerleins, um den Tisch und ihre Augen sahen schalkig, verstohlen zum Ofen auf, von dem jetzt eine Stimme kam: » Madame, ma reine, wie säumt ihr doch so lange!« »Jetzt redet der Großvater wieder welsch«, raunte der Sebeli dem Bäneli zu. »Aber ich werde euch wieder entgegengehen. Bald kommt der Frühling. Da will ich euch, wie schon lange, auf dem Luginsland, auf der Hagelfluh, mit meinem Gefolge erwarten, Frau Königin.« Bethlis Lachen wollte aufspringen. Doch ihres Vaters strenger Blick und Marielis Kinderaugen schauten sie verweisend an. So hielt sie an sich, so gut sie's vermochte. Es war als lauerte nun all ihr Lachen sprungfertig hinter den tiefblauen Fensterlein ihrer Augen, denn die schauten wahrhaft jubelnd zum Ofen auf. Auf dessen obern Umgang saß, die bloßen Füße auf den Kacheln des untern Umlaufes, ein schneeweißer Alter, der gar wunderlich aussah. Auf dem Kopfe trug er eine Krone aus vergoldetem Pergament. Um die Schultern eine samtene, weinrote, stark abgenutzte Altardecke und in der furchigen, sommersprossigen Rechten einen langen Hirtenstab, dessen Griff ebenfalls etwas wie Vergoldung zeigte. Unter seinem breiten weißen Bart hervor baumelte ein einfaches, nußbaumhölzernes Kreuz. Stumm thronte er auf 3 dem Ofenumgang und sinnend schien er ins Weite zu schauen. »Marieli«, kam nun wieder seine zitterige Stimme vom Ofen. »Ja, Großvater?« »Bring mir ein Schälchen Milch!« »Gleich, Großvater.« Das Marieli, ein noch nichtsiges, aber schon recht umtunliches, wehrhaftes Kind, sprang auf. Alsdann nahm es das hölzerne Näpflein, das ihm sein Vater mit warmer Milch vollgeschenkt hatte und trug es gar sorglich, fast den Atem anhaltend, auf den Ofen zu. Und als es nun auf dem untern Ofenumgang kniete und sein Näpflein, dem ob ihm sitzenden Greise schier andächtig hinhielt, sagte der: »Sei bedankt, Marieli.« Und mit unsichern Händen die Schale ergreifend, redete er weiter: »Hör Kind, bist du denn nicht eines Königs kleine Enkelin. Da ist's mir, du solltest doch wissen, wer dein Ahne ist.« »Wohl, wohl, Großvater, ihr seid der König von Euland, Herr König.« »Jawohl bin ich's. Und schau, Marieli, obschon's mich freut, wenn du mir Großvater sagst, so sollt ihr doch auch nie vergessen, daß ich ein mächtiger Herr bin. Und obwohl ihr euch alle nur für Bergbauern haltet, da ihr verhext seid, so wird das alles offenbar werden, sobald sie endlich kommt. Alsdann wird der Zauber gebrochen. 4 Qui est-ce que j'attends? Auf wen denn warte ich, Marieli, sag?« »Halt auf die Frau Königin Katharina.« »Und weißt du aber auch, weshalb ich auf sie so sehnsüchtig warte?« »Heja, Groß – Herr König, weil sie halt euer Schatz ist«, rief das Kind mit ernsten, gläubigen Augen aus, zündrot über und über. Jetzt jauchzte und tollte des Behtlis Auflachen in der Stube herum. Und obwohl der Bauer Sebimaria sie anherrschte: »Sei still und zäpf dich, du Spottdrossel!« und wie auch Marielis große Augen anklagend, schier böse, nach der ältern Schwester schauten, wollte sich doch deren überlaute Fröhlichkeit nicht völlig verlaufen. Erst als der fremde Knecht, der Vitus, mißbilligend die Nase rümpfte, begann sie ihre Lachsame allmählich wieder zu stauen. Der Alte auf dem Ofen schien das alles kaum bemerkt zu haben. Wohl zitterten ein wenig die kleinen goldenen Kugeln, die an spinnwebfeinen Goldfädchen aus seinen kurzen Ohrenringen herabhingen. Er tat nur einen raschen, fast verwunderten Blick nach seiner vollerblühten großen Enkelin, aber gleich wandte er sich wieder vom nebenanstehenden Tisch weg und staunte in den eindämmernden Abend hinaus. Seine Augen schienen sich in Träume zu verlieren. Ab und zu schüttelte er den weißen Bart und redete vor sich hin: »Katharina, erhabenste Herrin, meine liebe Braut, ich weiß, daß ihr kommt, 5 sobald mir das Marieli die ersten Schneeglöcklein auf den Ofen stellt. Dann will ich euch wieder entgegenziehen. O meine Königin, o Katharina! O viens, ma douce amie! « Frommäugig und immer wieder, schaute das Marieli vom Tisch zum stillgewordenen Großvater auf. Die andern jedoch vergaßen ihn rasch. Sie waren ihn ja gewohnt. Der Bauer sprach mit seinem Knecht, der bei ihm seit Winteranfang eingestanden war, um hier als ein hablicher Bauernsohn aus dem Tiefland, auch die Alpenwirtschaft kennen zu lernen, über eine nicht guttuende Kuh. Die andern vergnügten sich um den Tisch in ihrer Weise. Die kleinen Knaben, der Sebeli und der Bäneli, kratzten mit ihren runden Holzlöffeln die Krusten aus der Habermusgelte und die Magd, die schwerfällige, über und über wellige Lunn, hockte, den pausbackigen Kopf auf die umfänglichen Arme gestützt, nur so da und glotzte mit langsamen Augen, wie eine Kuh über den Hag, von einem zum andern. Die Tochter jedoch, das Lachbethli, wie man sie berglandum hieß, machte sich von der Bank. Im Aufstehen kneipte sie den Knecht, mit dem sie so gut wie verlobt war, in den Arm. Er stöhnte auf vor Schmerz und Freude. Flink schlüpfte sie die paar Tritte, die hinterm Ofen in die Stubenkammer führten, hinauf. Dort nahm sie ein paar große Winterschuhe unterm Umhänglein, das von der Decke um den Ofen hing, hervor. Im Hui war sie auch schon unten und versteckte die Schuhe 6 in einer wurmstichigen Truhe, die an dem rohen, fast schwarzgewordenen Gebälk einer Stubenwand stand. Da saß sie wieder am Tisch und pickte den kleinen Brüdern ein paar der anmächeligsten Haberkrusten aus der Musgelte. Sie heulten auf. Und gleich riß sie auch der plumpen, derben Dienstmagd unversehens die aufgestützten Arme unterm Kopf weg, also daß er ihr vor Schreck fast abfiel. Und jetzt jauchzte ihr Lachen wieder durch die Stube. Als nun Vitus, der Knecht sich nach ihr umsehen wollte, fuhr sie ihm mit der grauen Katze, die sie unter dem Tisch aufgegriffen hatte, ins Gesicht, daß er wahrhaftig einen kurzen Aufschrei tat. »Bist doch eine Donnershexe!« fuhr's ihm heraus. »Keinen Augenblick ist man vor dir sicher; immer spielst du einem irgend etwas.« Aber Sebimaria, der Sonnenhaldenbauer, sagte zu seiner Tochter ziemlich bestimmt: »Gib doch einmal Ruh! Hast du denn wirklich nichts anderes zu tun, als alleweil den Hollediho und den Narren zu machen.« »Ach, Vater«, lachte sie hinaus, »es ist so kurzweilig auf der Welt.« »Ja, ja«, machte der Bauer, »streckenweise wohl und ich mag's gern leiden, wenn man hellmütig ist und guter Laune für und für. Aber, Maitli, du lachst mir zu viel und gar zu hoch über alle Dächer und Berge hinaus. Da ist's mir denn zuweilen«, er tat einen scheuen Blick nach dem in tiefem Schweigen auf dem Ofen thronenden 7 Alten, »es seien irgendwo Schatten verborgen, die heimlicherweise und immer wachsen, bis sie auf einmal, wie Drachen, aufgehen und unser Lachen und deinen Übermut mit ihren schwarzen erdenweiten Flügeln zudecken. Übertreib's nicht, Lachbethli, übertreib's nicht!« Aber Vitus Wiler, ihr junger Hausgenosse, sah sie mit verliebten Augen an. Und als sie nun neben ihm saß, suchte er ihre Hand unterm Tisch und nur halbwegs war er bei dem Gespräch, das der Bauer mit ihm über sein Vieh führte. Das Bethli zog ihn an der Hand hin und her. Sie versuchte gar, ihm Guckeguckelöffelein auf den Knien zu spielen. Er mußte die Zähne zusammenbeißen, um nicht laut aufzulachen. So verliebt und übermütig tat sie, daß auch die Magd, die doch bisan am Tisch lagerte, wie eine niedergegangene Lawine, die aufs Schmelzen wartet, unruhig zu werden anfing. Sie zog die beiden Knäblein, die sich schläfrig an sie hingelegt hatten, völlig an sich und streichelte die graue Katze, die in ihrem Schoße spann, also wider die Haare, daß sie zu fauchen begann und im zudunkelnden Abend Feuer gab. »Marieli!« »Ja, Groß – ja Herr König?« »Der Tag ist um. Die guten Leute, meine Untertanen, wollen schlafen. So will auch ich vom Thron herabsteigen und zu Bett gehen. Bring mir also meine Schuhe!« »Ja, Herr König, gleich!« 8 Das Marieli sprang dienstbeflissen vom Tisch auf und machte sich hinterm Ofen hinauf, um des Großvaters Winterschuhe hinterm Umhänglein hervorzuholen. Nein, auf dem Ofen gab's keinerlei Schuhzeug. Und als es nun mit geschwinden Füßen die Tritte herunterhüpfte und unterm Ofen suchte, ließen sich auch dort keine Winterschuhe finden, obwohl es sich bäuchlings auf den ausgetretenen Stubenboden hingeworfen hatte. Flugs war's wieder auf den Beinen: »Wo sind denn nur heute des Großvaters Schuhe?« »Ach, was, schau nur recht nach«, meinte das Bethli, »irgendwo in der Stube müssen sie sein. Die Mäuse werden sie nicht verschleppt haben.« Nein, das Marieli konnte, trotz allem Suchen, des Großvaters Schuhwerk nicht hervortun. » Morbleu , was ist denn heut los?« kam's brummig, recht ungehalten, vom Ofen. »Wann, 's Donners, bekomme ich denn einmal meine Schuhe?« Mit großen, völlig erstaunten Augen schaute sich das Marieli in der Stube um, mitten drin stehend. Wo, ums Himmelswillen mochten denn heut diese Wintergünschen hingekommen sein? »Buben, Sebeli, Bäneli!« rief es aus, »habt ihr Großvaters Schuhe etwa verschleppt?« Aber die Buben wollten nichts davon wissen. »Marieli, meine Leute, wollt ihr mich, den König von Euland, den Auserwählten der schönen Katharina, denn heut barfuß vom Thron herabsteigen und zu Bett gehenlassen?« 9 »Herr König«, rief weinerlich das Marieli, »wir können die Winterschuhe einfach nicht finden.« »Wohl«, machte es auf dem Ofen, »ich scheue mich ja sonst keineswegs so barfüßig zu sein, wie mein Volk, aber vom Throne könnte ich so niemals hinuntersteigen.« Jetzt wurde der Sonnenhaldenbauer aufmerksam. Verlegen sah er zu seinem weißen Vater auf. Aber da war irgendwo ein Kichern und obwohl's gleich wieder verging, erhaschten seine wachbar gewordenen Augen noch einen lustigen Blick Bethlis, das bei ihrem Vitus noch allein am Tische, der stumpf, giltmirgleich vor sich hinglotzenden Magd gegenüber, saß. »Aha«, machte der Bauer, die Stirne krausziehend, »du bist's wieder einmal, Bethli.« Und leiser fügte er bei: »Schäme dich, deinen Großvater so zu necken! Hast du denn keinen Respekt vor seinen weißen Haaren? Mach nicht, daß dich Gott straft! Du plagst ihn mir auch gar zu viel. Es ist schon mehr als genug, daß du dich über ihn lustig machst. Es steht uns, es steht dir nicht an. Er ist unser Stamm, unser Haupt. Ist dieser Sinn getrübt, wer weiß, wie's mit uns noch endet. – Nimm dich in acht, sag ich! Und nun, wo hast du seine Winterschuhe versteckt?« »Ach, ihr macht doch eine Geschichte dieser Schuhe wegen«, sagte lachend, sich von der Bank erhebend, das Mädchen. »Das wäre jetzt, denk' ich, kein so schreckliches Unglück gewesen, wenn der Großvater, selbst vom Thron 10 herab, einmal barfuß zu Bett hätte gehen müssen. Auf dem Laubsack kann er ja die Schuhe sowieso nicht tragen. Es wäre denn, er wolle sie gleich deswegen anbehalten, daß er sie, wenn er im Traume seiner Königin entgegengeht, nicht mehr anzuziehen braucht.« Hellauf ging ihr Lachen in der düster gewordenen Stube um. »Marieli, que diable , wollt ihr mir denn die Schuhe immer noch nicht bringen?! Was ist das heute für eine Ordnung an meinem Hof?« Der Alte schien allmählich aufgeregt zu werden und das Marieli fing zu weinen an. Aber da hatte das Lachbethli schon in die Truhe unterm Weihwassertröglein gegriffen und die gesuchten Winterschuhe heraushebend, sagte sie gegen den Tisch: »Da sind sie. Tut doch nicht so dumm! Ich hab ja bloß ein Späßlein machen wollen. Das wird etwa der König von Euland, ja, wenn er ein König sein will, noch zu ertragen vermögen.« Sebimaria, der Bauer, ließ sich, recht unzufrieden, wieder am Tisch nieder. Das Marieli aber hatte die Wintergünschen seiner Schwester schon entrissen und sie zum Großvater auf den Ofen hinaufgetragen. Gar sorgsam legte es sie ihm an, indem es dessen Füße aufhob und in die Schuhe hineinzubringen trachtete, was ihm nach und nach auch gelang. Still, mit guten Augen, sein Blondköpfchen streichelnd, sah ihm der Greis zu. 11 Und als er die Schuhe nun anhatte, erhob er sich und sagte: »Es beginnt einzunachten. So wollen wir denn, in Gottesnamen, auf unser Lager gehen und einschlafen, im Troste der sieben Schmerzen Mariä. Morgen ist wieder ein Tag. Und bald, ja bald kommt der Frühling und mit ihm Katharina, meine liebe Herrin. Gute Nacht!« Also stieg der Alte vom Ofen und schritt, begleitet von Marieli, das in heiligem Eifer die Schleppe seines Mantels trug, gemessenen Ganges, durch die Stube. Alle schauten ihm nach bis er mit seiner Enkelin hinterm Ofen verschwunden war. Und sie horchten auf die Schritte, die über das krachende Stieglein hinaufgingen, bis sie sich oben, in der Stubenkammer, nur noch wenig, hören ließen. Das Bethli aber schaute mit lachendem, fast etwas spöttischem Gesicht, offenen Mundes, nach dem düstern Ofenwinkel und sagte dann halblaut: »Es ist doch ein närrisches Zeug mit unserm Großvater, daß er sich alleweil noch für den König unseres armseligen Berglandes hält.« »Immer noch hundertmal besser ist das«, gab ihr Vater zurück, »als wenn er sich für einen Lumpen und Landstreicher halten würde, oder etwa nicht?« »Und gar, daß das Marieli, sonst ein so vorwitziges Näschen, ihn für einen wirklichen König nimmt, daß es das Zeug, das er erzählt, alles glaubt, ist einfach 12 hintervür, verrückt ist's. Ich kann's nicht verstehen, Vater, daß ihr so etwas zulaßt.« »Maitli, schau für dich!« machte, recht unwirsch, der Bauer. »Es ist für den alten, schwerhergenommenen Mann ein Trost, daß er jemand hat, der heilig an ihn glaubt und dem Kind schadet es nichts. Das Vornehmsein schadet niemand und etwas Ungutes lehrt es vom Großvater nicht, im Gegenteil. Du dürftest von ihm auch manches annehmen. Jaha, froh wäre ich, du hättest einen so gutgläubigen Kopf wie das Marieli. Aber du lachst über alles. Sowieso haben wir unter diesem eingebildeten Königtum nicht zu leiden. So alt der Vater ist und gestört, was das Leben angeht, ja die Wirtschaft, gilt mir sein Wort und sein Rat immer noch viel.« Das Bethli blieb still. Ihr Schwesterlein, das Marieli, war wieder hinterm Ofen herabgestiegen. Geschäftig begann es jetzt das wenige Geschirr auf dem Tisch zusammenzustellen, wobei ihm die schwerfällige Magd, die Lunn, ruhig zusah, als verstände sich das von selbst. Vitus Wiler, der St. Galler aber, der seiner Geliebten ernsthaft, fast mißmutig, zugehört hatte, ward jetzt wieder heiterer, als er sah, wie das Bethli mit seinen kleinen Brüdern Ringelreihen zu spielen begann und wie sie dazu so herzlich herauslachte. Nein, wie die doch lachen konnte! Wahrhaftig, die Wolken hätte sie vom Himmel weglachen, den Bergen ihre Schatten nehmen und das Tal in einen Tanzboden verwandeln können. 13 Da gebot der Bauer Ruhe. Er fing an, den Englischen Gruß zu beten, in den alle einstimmten. Wie das Nachtgebet zu Ende war und die Magd ein dünnfädiges Öllämpchen auf die Kommode gestellt hatte, denn es war mittlerweile völlig Nacht geworden, hob das Marieli wieder in den Löffeln zu klirren an. Wie es aber mit der Lunn alles in die Küche hinausgetragen hatte und wieder hereinkam, rief das Bethli aus: »Heda, heijo, ihr Kleinen, macht euch gleitig auf den Laubsack, so mögt ihr morgen wieder auf! Die Hühner sind schon lange schlafen gegangen.« Sie trieb die munter gewordenen Buben, die vor ihr herhüpften wie Zicklein, durch Stube und Küche in ihre Schlafkammer hinauf. Mit stillen, klaren Augen, sich auf die Zehen stellend und also das Weihwasser aus dem Tröglein neben der Türe nehmend, folgte ihr danach das Marieli, gute Nacht wünschend. Als nun Sebimaria, der Sonnenhaldenbauer, mit Vitus, seinem freiwilligen Knecht, allein in der Stube war und sie einander eine Weile in tiefem, nachdenklichem Schweigen gegenüber hockten, räusperte sich der Bursche und sagte: »Hört, Sebimaria, ich bin jetzt fast einen Winter lang bei euch und habe dem merkwürdigen Tudichum eueres Vaters immer zugeschaut, ohne eigentlich zu wissen, was ich davon denken soll. Aber jetzt, nehmt's mir nicht für ungut! Ihr wißt ja wie nahe ich euch durch das Bethli gerückt bin, – täte ich doch nicht ungern 14 vernehmen, wie's denn gekommen ist, daß der Alte so wunderlich geworden ist, wie sich's angelassen hat, daß er sich für einen König hält. Ich habe schon manches Seltsame und Närrische erlebt, aber das ist mir noch nie, nicht einmal vom Hörensagen, vorgekommen. Und wenn ihr mir nun, aber ihr dürft mir nicht zürnen, berichten . . .« »Vitus«, unterbrach ihn der Senn, »schau, ich habe dir schon lange erzählen wollen, wie's mit meinem Vater so eigen gekommen ist, aber ich hab's, ich will dir's offen sagen, immer wieder unterdrückt, denn, habe ich gedacht, der Bursche geht eines Tages wieder seinen Weg heimzu und dann mag er meinetwegen von dem allem halten, was er will. Am Ende geht's ihn ja nichts an. Hingegen jetzt, wo du's mit dem Bethli hast, wo du mit dem Übermut völlig einig zu sein scheinst, bin ich's schuldig, dir's zu wissen zu tun.« »Ja, Meister, wenn ihr's etwa gar so ungern berichtet . . .« »Nein, du mußt es wissen, und ich darf dir's wohl erzählen, obwohl's mir keine Freude macht.« Der Bauer staunte eine Weile vor sich hin in den Tisch, alsdann begann er: »Ich berichte es dir genau so, wie es uns der Morschacher, der Kriegsgefährte meines Vaters, erzählt hat, als er ihn eines Tages ins Euthal und da auf die Sonnenhalde gebracht hat. Ich war damals noch ein blutjunger Bursche und mein Oheim, meiner Mutter Bruder, ist unserm Heimwesen vorgestanden, da 15 die Mutter schon bald nach meiner Geburt gestorben war. Du kannst dir's wohl denken, wie ich die Ohren gesträußt und die wachbaren Augen aufgetan habe, als man den Vater so unversehens und derart ins Haus gebracht hat. Völlig zerzaust, gar bunt hat er in seinem Kriegergewand ausgesehen, jedoch in seinen Ohren sind die kleinen Goldkugeln gehangen, die du ja wohl kennst und von denen er sich nie trennt. Aber als nun sein Waffengenosse, der Morschacher allein vor dem Ofen gehockt ist und mein Oheim und ich bei ihm am Tisch, da hat er dann zu berichten angefangen. ›Ihr wißt ja‹, hat er erzählt, ›wie euer Vater und Vetter, der Zachris Ruhstaller, getrieben von der damaligen teuren Zeit und angelockt von der Sucht nach Gold und Ruhm, beim Obersten Pfyffer Handgeld nahm und in den Dienst der fränkischen Krone trat. Er stand, wie ich heute noch, unter dem Schwyzer Hauptmann Pfyl. So kamen wir nach Paris und waren bald da und dort im Frankenland, um gegen die Ketzer, die Hugenotten, aber auch gegen die Umtriebe des spanischen Königs, zu streiten. Unser Zachris machte seine Sache allweg gut, denn der Oberst Inderhalden von Schwyz klopfte ihm einmal vor dem ganzen Haufen der Eidgenossen auf die Achsel und sagte zu ihm: »Bursch, du bist, beim Strahl, ein Mordshagel. Hätte ich noch ein paar tausend deinesgleichen zur Hand, wollte ich den abtrünnigen Prinzen Condé ins Meer hineinsprengen und dem König die Krone 16 vom Kopf reißen und sie mir selber auflegen.« Es war aber der König, dem wir dienten, erst ein zehnjähriges Büblein und er ist heute noch fast der gleiche kleine Frosch. Dennoch, seine Krone hätte ihm der Landammann Inderhalden nicht vom Kopf gebracht. Sie ward nämlich, müßt ihr wissen, von einer heillos schönen, großen Frau, von seiner Mutter, von der Katharina von Medici, des zweiten Heinrichs Wittfrau, bewacht, der ich ja heute noch Kriegsdienste leiste. Wenn wir Schwyzer aber geschliffener sind als frischgedengelte Sensen, so ist uns doch diese Königin noch zehnmal über. Ein schönes Weib, aber eine gewixtere, abgefeimtere Hexe ist in der Welt noch nicht dreimal erlebt worden. Die nun verstand es gar wohl, die Krone ihres Söhnchens festzuhalten. Und da sie selbst ihren eigengläubigen Leuten gar nicht traute, hielt sie sich immer einen gewaltigen Haufen Eidgenossen, wohl an die sechstausend. Und wir nun mußten ihr die Krone bewachen helfen und ihr in allem zu Willen sein. Wir waren es auch und sind's immer noch und schlagen für sie tot, was sie nicht lebendig haben will. Dabei hat sie eine offene Hand und macht uns, wenn's ihr paßt, gar schöne Augen und einen anmächeligen, zuckersüßen Mund.‹ Gut. Eines Tags aber, hat uns der Morschacher weitererzählt, kam die Königin mit ihrem Söhnchen und dem ganzen Hof in Meaux, einer kleinen Stadt vor Paris, bös in die Klemme. Der Feldherr Condé, der gefährliche Anführer der Hugenotten, begann sie mit seinem 17 Heer einzuschließen und es hieß, es sei noch ein anderer Kriegerhaufen im Anzug. Da ließ die Königin, in großer Furcht um die Krone, uns Schweizer rufen. In Eilmärschen zogen wir ihr zu. Bevor das Städtlein Meaux völlig versperrt war, kamen wir bei ihr an. Obwohl nun die Herren und Höflinge nicht ausziehen wollten, da sie fürchteten, von der Übermacht samt dem Königlein und seiner Mutter gefangen zu werden, vertraute die Königin doch auf die Eidgenossen, deren Hauptleute ihr versprachen, sie durch Hölle und Fegfeuer nach Paris zu bringen. So rückten wir in der Nacht aus, die hohen Herrschaften und ihr Weibervolk in unserer Mitte. Wohl bestürmten uns die Hugenotten von allen Seiten, aber wir stellten unsere Hellebarden und machten uns zum Igel und schlugen sie immer wieder zurück. Oft jedoch, wenn die Siebenketzer gar hündisch auf uns losfuhren, wurden die Rosse, auf denen der Hof ritt, verrückt. Da mußten wir wohl acht haben, daß nicht irgendein Reiter von einem aufgeklöpften Roß in den Feind vertragen ward. Zweimal mußten wir ein paar wildgewordene Hengste also aus den Hugenotten heraushauen. Und auf einmal stieg auch das Roß der Königin Katharina. Es schoß in unsern Ring hinein, im ersten Schreck gab's eine Gasse und den Hugenotten wäre die Königin geworden, wenn nicht im letzten Augenblick unser Zachris Ruhstaller ihrem Hengst an den Hals gesprungen wäre. Und obwohl der tat, wie der Teufel und schnob und 18 Feuer gab, ließ er ihn doch nicht los, er bezwang ihn. Rasch bekam er Hilfe und also konnte er die Königin auf dem gebändigten Tier wieder unter den Hofstaat zurückführen. Und nun wollte sie sich von keinem Edeling mehr geleiten lassen. Sie behielt den Zachris Ruhstaller, obwohl ihm der rote Schaum vom Munde ging. Wie dann alles in der Stadt Paris wohlbehalten angekommen war, nannte der kleine König uns Schweizer seine lieben Gevattersleute. Und nicht lange darnach, nachdem unsere Anführer große Geschenke, schwere goldene Ketten und gewichtige Säckel voll Sonnenkronen, erhalten hatten, brachte unser Hauptmann, der Pfyl, der Königin Katharina unsern Zachris ins Schloß. Sie hatte ihn unter ihre sorgsam ausgewählten Türhüter berufen. Ich sehe ihn noch, wie er strahlend vor Freude und Hochmut, von uns wegging, um den Dienst vor den Kammern der Frau Königin anzutreten. Wir bekamen ihn nicht wieder vor Augen und selten auch die Herrin, außer wenn sie mit ihren Edeln einen Ausritt machte, was sie gern und mannskräftig tat. Wir vergaßen unsern gutmütigen, freilich auch etwas eigenköpfigen Kriegsgespanen ganz. Da ließ mich eines Tages der Hauptmann Pfyl, mit noch ein paar Mannen kommen. Als wir nun bei ihm standen, erblickten wir, zu unserm Schrecken, den Zachris Ruhstaller völlig gefesselt im Vorhof des alten königlichen Schlosses. Finster, starr staunte er in den Boden hinein. 19 Er war totenerdenfahl und beinmager. Es war ein trauriges Wiedersehen. Jubelnd hatten wir ihn an den Hof der Königin abziehen sehen und nun fanden wir ihn so. Jetzt erzählte uns der Hauptmann, der Euthaler Zachris Ruchstaller sei völlig verrückt geworden. Offenbar sei er sowieso nicht ganz bei Trost gewesen, sonst hätte er sich nicht so wahnwitzig in die Königin vergaffen und verlieben und sich einbilden können, ihre Augen, die ihn wohl, wie etwa andere auch, ein wenig eigenfreundlich angesehen haben mochten, meinten ihn. So ein Narr! fluchte der Pfyl. Nun müssen wir ihm gar noch heimhelfen. Die Königin will's durchaus haben, obschon er sich zweimal auf sie stürzte und sie hat erwürgen wollen. Unsereiner wäre dafür schon lang in der Seine verschwunden. Aber aus den Weibern kommt ja niemand. Der verrückte Hund! lärmte er uns nach, als wir dann mit unserm Zachris abzogen, wie konnte er denn, ums Himmelherrgottenwillen, draufkommen, sich in eine Königin zu verlieben, wo er doch willige Mägdlein die ganze Stadt voll, zahlreicher und wohlmundiger als die Erdbeeren am abgeholzten Hochrain, hätte haben können.« Sebimaria, der Sonnhaldenbauer, hielt einen Augenblick inne, alsdann sagte er, sich nachdenklich, schier düster über seinen angegrauten Kopf streichend: »So also hat uns der Morschacher, der Kriegsgenosse meines Vaters, die Geschichte einst erzählt. Es ist lange seither, aber ich habe kein Wörtlein davon vergessen. Wir hatten darnach 20 den Vater gleich zu Bett gebracht. Und da blieb er denn fast ein Jahr lang auf dem Laubsack liegen, völlig gleichgültig gegen alles. Mit traurigen, unheimlichen Augen staunte er vor sich hin auf die Bettdecke und immer hingen die kleinen goldenen Kugeln seiner Ohrringe in seinen Fingern mit denen er unablässig spielte. Aber dann begann er von Zeit zu Zeit schrecklich zu wüten. Der Oheim und ich hatten die liebe Not, ihn zu bändigen. Er lärmte verzweifelt nach seiner Königin Katharina und verfluchte alle, die ihn von ihrer Kammertüre weggewiesen hatten. Ach, schrie er oft, Frau Königin, laßt mich doch, der Tausendgottswillen, wieder an eurer Türe stehen! Nur noch eine Stunde laßt mich dort! Nachher mag mich euer Hengst zerstampfen und der verfluchte Knäuel eurer Höflinge zerreißen. O kommt doch zu mir, meine Geliebte, mein Herzensschatz über alles in der Welt! – Es war ein böses Zuhören, obschon wir nicht immer alles verstanden, denn oft redete er welsch. Aber endlich stand er eines Tags vom Laubsack auf und kam in die Stube herunter. Dort blieb er sitzen bis wir ihn wieder zu Bett brachten. So machte er's nun alle Tage und ins Toben geriet er nicht wieder. Ja, nach und nach begann er gar mit uns zu reden. Und als der Oheim, meiner Mutter Bruder, gestorben war und als ich schon ein Weiblein hatte, trat er gar etwa zu uns vors Haus und sah uns bei der Feldarbeit zu, nicht ohne uns seinen guten Rat zu geben. Wir meinten, es könnte mit ihm noch völlig bessern. Aber eines 21 Morgens fanden wir ihn so, wie du ihn nun fast alle Tage siehst, auf dem obern Ofenumgang sitzen, nur daß er keine Krone aufhatte. Den Mantel, die abgeschossene Altardecke, hatte ihm auf seine Bitte eine alte Base aus der nahen Waldstatt Mariä Einsiedlen gebracht. Nun gab er keine Ruhe, bis wir ihm auch eine Krone machen und unseres Schäfers alten Stab etwas vergolden ließen. Von da an wurden seine Augen immer heiterer. Aber im Geiste blieb er gestört, ja es ward sogar noch ärger, denn nun hält er sich schon lange für den König unseres abseitigen Bergländchens. Und jeden Sonnabend im Sommer macht er seinen langwierigen Umgang durchs Euthal auf den davorne ins Land vorspringenden Felsen, auf die Hagelfluh. Dort will er auf die Königin Katharina von Frankreich warten, die er für seine Braut hält, um sie eines Tages feierlich zu empfangen und da in die Sonnenhalde heraufzuführen. Und jedesmal wartet er dort bis es zudunkelt. Alsdann kehrt er, enttäuscht und traurig heimzu. Hat man schon so etwas gehört? Aber was will man machen? Wir wollen zufrieden sein und Gott danken, wenn er ruhig bleibt. Möge ihn Gott gesund erhalten und uns, ja, mit ihm! Und nun weißt du's Vitus, wie das alles mit dem Großvater gekommen ist. Jetzt schlaf wohl! Geht nicht zu spät auf den Laubsack, du und das Maitli. Müßt ja morgen auch wieder dran. Und laß mir das Bethli, das Lachbethli, Vitus«, er sagte es gedämpft, fast leise, »nicht zu übermütig werden. So geweckt sie ist, 22 ich weiß nicht, immer muß ich denken, es komme noch nicht recht aus sich, es sei noch wie Welle und Wind.« Der Bauer nahm das Weihwasser, spritzte den armen Seelen und trampte alsdann, ernsten Angesichts, aus der Stube, um noch in den Stall hinüber zu gehen. Sinnend schaute der junge Knecht vor sich hin, ab und zu, wie in schweren Gedanken, den Kopf schüttelnd. Aber nach und nach ließ er wieder aufheitern und endlich schaute er ungeduldig nach der Küchentüre: »Bethli«, rief er halblaut. Und als es still blieb, rief er stärker: »Bethli, Lachbethli, wo bleibst du denn?« Die Küchentüre ging ein wenig auf. Bethlis Kopf guckte in die Stube. »Ja, hast denn wirklich du gerufen?« fragte sie mit schalkhaften Augen. »Ich habe gemeint, du seiest eingeschlafen. So wollte ich denn warten, bis mir wachbareres Jungvolk hinterm Haus auf die Scheiterbeigen klettert, Burschen, die nicht so schlafsüchtig sind.« »Ja«, sagte er, »dein Vater hat mir noch die Geschichte deines Ahnen erzählt und da hab ich warten wollen . . .« »Da hast du wohl auch warten wollen, bis dir die Braut von selber kommt und dich abholt, gelt, wie der Großvater?« »Nein, so lange möchte ich denn doch nicht warten.« »Das mußt du auch nicht!« schrie sie aufjauchzend. Da hatte sie ihn schon mit beiden Armen um den Hals und herzte und küßte ihn, daß es ihm rot ward vor 23 den Augen. Und flugs höckte sie sich ihm auf den Schoß und brach in ein tolles Gelächter aus. »Hast du mich wirklich so gern?« fragte er, langaufatmend. »So gern?« ahmte sie ihn neckisch nach. »Hast du mich denn wahrhaft lieb?« »Hast du mich denn wahrhaft lieb?« machte sie, stotternd und mit zitterigem Kopf, einen alten Mann spielend. Aber gleich schrie sie auf: »Im Namen Gottes, Echo, zeige dich! – Da bin ich!« Wieder packte sie ihn beim Schopf, riß ihn zurück und küßte ihn gar sänftiglich erst auf die Augen und alsdann aber auf den Mund, daß es schnalzte. »Ja«, machte er glücklich, nachdem er ihr den Kuß doppelt zurückgegeben hatte, »ich muß es dir doch fast glauben, daß du mich wohlleiden magst, denn du lassest mich nicht erkalten. Aber ob's dir so recht ernst ist, Bethli, und ob deine Liebe andauert? Mußt mich nicht wieder so wunderlich, als sähest du mich zum erstenmal, anschauen. Ich meine es ja gewiß nicht böse und wie gerne wollte ich dir glauben! Schau, man sagt dir, landab und auf, das Lachbethli, weil du über alles und über alle gar zu leicht lachst und nichts so recht ernsthaft zu nehmen scheinst«. »Meinst du?« machte sie langgezogen, ihn aus hellscheinigen, traumverlorenen und verworrenen Augen ansehend. Es wurde ihm ganz unheimlich. 24 »Ja, siehst du, Schatz, ich kann es einfach nicht begreifen und mitansehen, wie du dich gar über deinen alten Großvater lustig machen und ihm immer wieder irgend einen Schabernack spielen magst. Obwohl ich weiß, daß es nicht schlimm gemeint sein kann, so ist's mir doch zuwider. Mehr als einmal hab ich's wohlbeachtet, wie sich der Greis, der dir besonders zugetan ist, ob deinen Streichen gekränkt hat. Und schau, Liebste, das kleine, kaum flügge Marieli, gibt dir doch ein so gutes Beispiel. Immer ist's so lieb, so herzig mit dem armen Alten.« »Arm, du hältst ihn für arm?« Sie betrachtete ihn fast verwundert. Dann ließ sie den Kopf ein wenig sinken und redete seufzend vor sich hin: »Ach, es ist oft so langweilig, so trostlos herbstnebellangweilig auf der Welt! Ja, beigott, totgähnen möchte man sich zuweilen, wenn man all die haargleichen Nasen und das haargleiche Tudichum aller den ganzen Tag um sich hat. Der Großvater ist noch der einzige, der ein eigenes Gesicht hat. Und«, schrie sie auflachend, »und du heiliger Vitus, du bist wahrlich auch nicht der kurzweiligste und einfälligste. Es gibt unterhaltlichere Nachtbuben als du einer bist.« Er sah sie betrübt an. »Bin ich dir also doch nicht recht? Du lassest vielleicht bald wieder andere Burschen, wie vordem, hinein.« Sie schaute ihn mit ihren blauen Augen an, so nahe, daß ihre Haare seine Stirne wie feine Falterfüßchen betasteten. Und sie schaute also in ihn hinein, daß er wie 25 gebannt auf seiner Stabelle kauerte und meinte, die Sinne verlieren zu müssen. Plötzlich riß sie ihn auf und gleich warf sie ihn wieder auf die Stabelle zurück, unbändig auflachend und aber gleich wieder in seine Augen hineinstaunend. Mit bebenden Händen umfaßte er jetzt ihren Kopf und, ihn zu sich herabziehend, sagte er leise: »Wie bist du doch heute wieder! Schatz, nichts für ungut! aber es ist mir oft, ich sehe es in deinen Augen gespenstern.« »Ja«, flüsterte sie zurück, »der Großvater, unser König von Euland«, einen Augenblick schalkte es um ihren Mund, »der hat mir letzthin auch einmal geheimnistuerisch ins Ohr geraunt, er sehe ein weinendes Kind in meinen Augen nachtwandeln, wenn sie lachen.« Sie schaute den Burschen traumhaft, mitternächtig an. Aber gleich wieder rief sie hellauflachend aus, ihn bei den Schultern packend und rüttelnd und schüttelnd: »Und sag, red, was bist denn eigentlich du für einer?! Hältst du dich etwa auch für einen Königssohn?« »Ach du, Spottdrossel!« machte er. »Bursche, Bursche, ich wollt aber du wärst einer!« Sie sah ihn wieder wunderlich, dunkel an, also, daß er völlig unruhig ward. »Da war denn einmal in grauen Zeiten ein Lachvogel«, redete sie kaum hörbar in ihn hinein. »Der ganze weite Wald jauchzte von ihm tagaus, tagein, aber niemand bekam ihn jemals so recht zu Gesicht. Da wollte ihn denn eines Tages ein Bub, dem sein Lachen 26 ins Blut gegangen war, einfangen. So lief er nach ihm in den Wald. Und also zängelte und narrte ihn der lachende Vogel herum, daß er sich völlig verirrte. Aber als es Abend ward, fuhr's jählings aus den Stauden auf ihn los: Puhuu, puhuu!« Sie fauchte den Burschen so wild, gespenstig an, daß er fast erschrack, »und da war«, machte sie aufatmend, mit komischem Ernst, »aus dem Lachvogel ein Nachtvogel geworden.« »Schalk!« rief er aus, sie inbrünstig umfassend. Aber sie riß sich los, hastete aus der Stube und schon überflutete ihr Gelächter das Treppenhaus. Ja, er hörte es noch in ihrem hochgelegenen Guckauskämmerlein umgehen. Eine Weile blieb er noch im Finstern sitzen, denn das Öllämpchen war mit ihr verschwunden. Er horchte und horchte. Sie schien nicht mehr heruntersteigen zu wollen. Da schaute er sinnend, immer nachdenklicher werdend, ins Dunkle. Aber endlich raffte er sich auf, trat zum Weihwassertröglein. Und nachdem er sich bekreuzt und den armen Seelen gespritzt hatte, verließ er die Stube, um sich ebenfalls auf den Laubsack zu machen. Ein heftiger Stoß ließ das alte, große Holzhaus erbeben. Draußen, in der Winternacht, tat der Föhn seinen ersten, lenzverkündenden Umgang. 27   II. Vorfrühling. Aber schon standen die noch kahlen Ahorne und Bergkirschenbäume an der Sonnenhalde auf einem dichten, fast dunkeln Rasen und das Euthal war sonnenseitig ein frohgrünes Leuchten, während die umliegende Landschaft der Sihl, bis zu den weißen Ibergeralpen, noch ihr braunes Herbstgewand anhatten. Vor dem hochgiebligen Hause auf der Sonnenhalde, auf dem morschen Brunnentrog, hockte das Bethli und strählte, ins spiegellautere Wasser sehend, seine braunen, binsenrot schimmernden Haare, die ihm eigenwillig, fast ungeberdig, um den Kopf hingen. Seine Augen blickten heut sehr verdrossen, ja, sie glichen ruhelosen blauen Schmiedefeuerlein, in denen man die Schwerter glüht und härtet. Das kämmende Mädchen war umstanden von einem Schärlein Kinder, die seinem Tun aufmerksam zuschauten. In den Händen trugen alle rotscheinige Seidelbaststäudlein, von denen es um den Brunnen wundersam duftete. »Bethli!« Die Angerufene schaute rasch ans Haus hinauf. Lunn, die Magd stand an einem Fenster. »Ja, was hast du denn wieder, Zwängerin?« kam's verdrossen vom Brunnen. 28 »He, 'sdonners, was schnörzest du mich denn so an?« brummte es im Fenster. »Ich vermag mich nichts, daß du mit dem Großvater gehen mußt. Hab dir nur sagen wollen, daß er nun gleich herabkommen wird. Er läßt sich vom Sebeli und vom Bäneli nur noch die Bundschuhe anziehen.« »Jaha, befleiß dich mit deiner Kämmerei,« sagte jetzt eine ernsthaft schreitende Männerstimme aus dem Ausguck des Stiegenbrückleins, »der Großvater kann jeden Augenblick unten sein.« Sebimaria, der Sonnenhaldenbauer, stand im halbmondförmigen Auslug. »Und daß du recht mit ihm bist, Maitli, du unruhiger Geist! Man sollte dir das eigentlich nicht noch besonders andingen müssen.« »Ach, der Kuckuck«, machte das Bethli, »ich wollte, ich hockte oben in der Krummfluh hinterm Heitligeer und könnte das Echo ablösen. Es sollte mich gewiß kein Mensch mehr auffinden.« »Er kommt, mach, mach!« rief nun die Magd wieder aus einem Fenster. »Ich kann's und kann's nicht mehr tun!« schrie das Bethli auf. »Jetzt bin ich schon fast zwanzig Jahre alt und immer wieder soll ich, wie diese Laufhühnchen, die Springmaiteli da, den Umgang mit dem Großvater durchs Land machen. Es lachen mich ja hinterrücks gewiß alle Leute aus. So ein aufgeschossener Mensch, werden sie denken, und tut noch wie ein Kind. Ich bin aber schon lange kein Kind mehr!« Trotzig schaute sie zum Stiegenbrücklein auf. 29 »Allweg, Bethli, bist du noch ein Kind, durch und durch ein Kindskopf«, sagte der Bauer, »sonst würdest du dich nicht wegen etwas schämen, das doch allen Leuten im Tal Freude macht. Wie kannst du denn so gegen den Großvater sein? Er hat dich ja so lieb.« »Und mehr als du's verdienst«, redete jetzt die Magd, die, wie um und um geschwollen, immer noch im Fenster stand. »Du machst ihm Verdruß haufensgenug mit deiner Hinterhältigkeit und deinen Schalkereien.« »Das geht dich nichts an, du Babitotsch!« kam's bös vom Brunnen. »Du bist nicht meine Mutter, obwohl du's«, sie lachte kurz auf, »altershalber ganz wohl sein könntest.« Die Lunn begann zu brummen, wie eine Hummel, die irgendwo angerannt ist. »Maitli«, rief halblaut der Bauer, »wie tust du denn heute wieder! Ich komme immer weniger aus dir. So ein Maul zu haben ist sonst nicht deine Art. Immer wilder und wunderlicher wirst du. Und doch nennt man dich landum das Lachbethli. Uns aber machst du die letzte Zeit immer den Kopf und lassest deine Launen an uns aus. Was muß da«, der Senn sah forschend gegen den Stall hin, »der Vitus denken, dein Liebster.« Das Bethli hatte seinen Kamm auf den frischgrünen Rasen fallen lassen und darnach eines der umstehenden Kinder zu sich auf den Trog gezogen. Mit zärtlicher, fast zitternder Hand fuhr sie ihm über den Scheitel. »Der 30 Vitus, mein Liebster«, redete sie jetzt nachdenklich vor sich hin, »ist er denn mein Liebster und hat er mich denn lieb? Weiß so ein Vitus, was liebhaben heißt?« Die Lunn oben im Fenster, die ihr Selbstgespräch gehört haben mochte, brach in ein polterndes Gelächter aus. »Lach nicht so dumm!« schnellte es vom Brunnen zu ihr hinauf. »Nein, nein, nein, nie und nimmermehr würde ich diese Narreteien mitmachen, täte ich's nicht dem Vitus zulieb. Nur weil er's noch haben will, tu ich's, sonst, ich sag's euch Vater«, sie sah flammend zum Stiegenbrücklein auf, »sonst liefe ich lieber davon, soweit mich die Beine trügen. Ich kann's, ich kann's nicht mehr! Die vielen Augen im Land, die alle durch einen hindurchgehen, die Leute, die sich totlachen wollen, daß ich, so ein Maitli, ein Geschöpf, das unter Kühen und Geißen aufgewachsen ist, die Königstochter spiele.« »Aber Bethli, es ist ja nur zum Schein«, meinte Vitus Wiler, der Knecht, der jetzt, den überschäumenden Milcheimer in der Faust, vom Stall hergekommen war. »Eben, du törichter Vitus«, redete sie ihm entgegen, »das ärgert mich ja, daß es nur Schein ist. Wäre es Wahrheit, ich wollte euch schon das Königstöchterlein zeigen, so gut als eine. Alsdann müßtest du mir ganz anders hofen, mein Bursche.« Sie lachte toll auf, doch gleich wieder sagte sie mit ernsten Augen: »Einmal, letztes Jahr, nach so einem Umzug mit dem Großvater am Sonnabend, ist's mir ganz wunderlich geworden, wie ich so durch's Tal 31 gezogen bin. Da habe ich mich, beim Strahl, eine Weile für ein wirkliches Königskind gehalten. Danach habe ich die ganze Nacht davon geträumt, wie ich eine Königstochter sei. Und als ich erwacht bin, ist's eine Weile gegangen, bis ich's geglaubt habe, daß ich nicht in einem vergoldeten Himmelbett, sondern bloß auf einem überjährigen Laubsack liege. So ein Huhn!« Sie lachte wieder auf. »Vitus«, sagte sie, »gib mir einen Schluck Milch!« Das Kind, das sie im Schoß hielt, sprang vom Brunnen. Der Bursche trat zu ihr und hob den Eimer zu ihrem roten Mund. Aber bevor sie trank, sah sie ihn eine Weile mit ihren blauen Augen über den feinen, seidenlinden Schaum hin an, als sähe sie ihn zum erstenmal, als wollte sie ihn jetzt gleich für eine ganze Ewigkeit in sich hineinsehen. »Wenn ich ein Königskind wäre«, machte sie flüsternd, »Vitus, red, würdest du dich da freuen?« »Allweg, gewiß«, antwortete er lächelnd, »aber dann wolltest du mich vielleicht nicht mehr, so groß und gutgründig meines Vaters Heimwesen im Tiefland ist.« »Hättest du mich dann lieber, so lieb wie nur ein Königskind liebgehabt werden will?« »Das kann ich jetzt nicht wissen«, machte er mit verlegenem Lächeln, verwundert, »ich bin ja kein Königssohn.« »Nicht?« Sie hob ihre Augen wie im Traum vom Eimer, ohne auch nur den überquellenden Schaum berührt zu haben. »Ich hätte es aber so gern. Könntest du 32 es nicht am Ende werden, Vitus? Probier's einmal! Was meinst?« »Nein«, sagte er fast ungehalten, »jetzt tu doch nicht so närrisch. Du mußt mich halt nehmen wie ich bin. Aber du lachst mich wohl nur aus und machst dich über mich lustig, wie über alles, was um dich ist, sogar über den eigenen Großvater, was ich gar nicht gern sehe und nicht begreifen kann. Und jetzt«, er ließ den Eimer sinken, »rüst dich und mach rasch, denn nun kommt der Ahne gewiß gleich herunter und«, raunte er ihr zu, »und heute hast du mir nicht einmal einen Kuß gegeben, obwohl wir beim Morgenessen allein waren.« Sie schaute ihn kühl an, aber dann lachte sie auf und sich den Kranz goldener Dotterblumen, der an der krummen, hölzernen Brunnenröhre hing, aufs rötliche Braungelock setzend, sagte sie ganz laut: »Und da ist denn einmal ein Büblein unter einem Baum gestanden, der über und über voll roter Kirschen war. Und da stand es und stand es und wollte warten, bis ihm die Kirschen auf die Kappe fallen würden. Und vielleicht steht das dumme Büblein heute noch unterm Baum und wartet und wartet.« »Ei, du Donnershexe«, fuhr's ihm heraus, »das will ich mir für ein andermal merken. Aber nun spute dich! Siehst du, hinter den Fenstern regt sich's. Der König von Euland steigt gewiß gleich herab.« Der Knecht machte sich, nur halbwegs zufrieden mit sich und seiner Geliebten, mit seiner Milch über Vortreppe 33 und Stiegenbrücklein hinauf, um in die Küche zu kommen. Im Hause ward es lebendig. »Er kommt«, redete das Bethli vor sich hin. »Was will ich machen? Ich muß mit ihm. Und ich tät's ihm ja so gern zulieb, dem königlichen Großvater. Aber es plagt mich. Ich weiß nicht, was mich hierin für ein Kobold reitet, daß ich gerade ihm immer etwas antun, entgegen sein muß. Es ist mir oft, ich müsse über ihn herfallen und ihn erwürgen, weil er kein rechter König ist, weil er bloß ein alter Bauer mit einem vergoldeten Pergamentdeckel auf dem Kopf ist. Ja, wenn ich, wie das Marieli, an ihn glauben könnte!« Die schwere, graue Katze strich schmeichlerisch, sich zärtlich anschmiegend, um des Mädchens vom Brunnen hängende bloße Füße und Waden. Und jetzt stolzierte gar der Hahn mit ein paar Hühnern daher und schwang sich neben sie auf den Trog. Da kreischte sie auf, gab der Katze einen Tritt und den aufgeschreckten Hühnern schleuderte sie gar das Holznäpflein nach, das auf dem Brunnenstock gestanden hatte. »Ach, ach, Himmelherrgott abeinander, ich kann's einfach nicht mehr tun. So eine Torheit!« Verwundert, schier erschrocken, schauten die Kinder, die sich aus der Nachbarschaft hier versammelt hatten, um mit ihren roten Zilandenstäudlein dem Alten das Geleite durchs Tal zu geben, zum wildgewordenen Bethli auf. Was mochte es denn auf einmal haben, daß es so grimmig 34 tat? Sie konnten es sich sonst doch nur lachend denken. Und da war's dem Kind des Holzschuh- und Rechenmachers aus dem Weiler des Euthals, dem Trutli, es müsse, um die Große zu besänftigen, etwas Freundliches zu ihr sagen. »Lachbethli«, redete es, »du bist aber heute ein schönes. Und mein Vater hat gesagt, so ein gutfärbiges und hoffärtiges Maitli gebe es im ganzen Tal und noch weit drüber hinaus, nirgends. Wenn er seine lachenden Glöcklein in der Stube hätte, wollte er gern das ganze Dutzend Klosterglocken von Mariä Einsiedlen dran vertauschen.« Aufhorchend, sinnend und ein wenig aufhellend, schaute Bethli das Kind an. Aber als nun die wellige Magd wieder in einem Fenster erschien und herunterrief: »Rüst dich, Beth, er kommt!« griff sie blitzgeschwind ein paar Tannzapfen neben dem Trog auf und schleuderte sie nach der Magd, also heftig, daß sie an ihr vorbei in die Stube hineinfuhren. »Jesus, Jesus, was für eine Wildkatze!« rief die Lunn aus. Das Bethli war vom Brunnen gesprungen und stand nun still, mit brennenden Augen, unter den aufmerkenden Kindern. Erst an einem Fenster und dann im halbrunden Ausguck des Stiegenbrückleins zeigte sich ein weißer Kopf und drauf die goldene Krone. Und nun stieg der alte Zachris Ruhstaller, im abgetragenen weinroten und goldfransigen Mantel, in seinen hirschledernen Bundschuhen, die Krone 35 auf dem schneeigen Haupt, das Vortrepplein herab, sich mit seinem schimmernden Hirtenstab von Tritt zu Tritt tastend. Ihm nach aber trippelte, seines Mantels Schleppe tragend, sorgsam das barfüßige Marieli, das ein aus rosigen Maßliebchen und dunkelblauen Frühlingsenzianen geflochtenes Kränzlein auf dem reistenfarbenen Scheitel hatte. »Der Herr König kommt!« rief des Holzschuhmachers Trutli überlaut aus. »Der König von Euland, unser König!« schrien aufjubelnd die Kinder. Und obschon sie eigentlich nicht so recht wußten, was sie von seinem Königtum zu halten hatten, da sie bei ihren erwachsenen Leuten zuhause immer etwa wieder hinterrücksige, lächerige Augen gewahrten, wenn von ihm die Rede war, so wollten sie doch an ihn glauben. Und die es doch nicht so recht konnten, glaubten immerhin noch an ihn, wie an den St. Nikolaus, von dem man ihnen zugeflüstert hatte, er komme aus der Elternkammer. Und als jetzt der Alte, wahrhaft majestätisch und das Sonnenhaldenmarieli in heiligem Glauben ihm nachfolgend, hinter ihm die Brüderlein, der Sebeli und der Bäneli, in Hirthemden, Föhrenzweige in den Händen, auf denen die Sprossen wie Kerzen standen, das Vorstieglein herunterkamen, mußten sie alle wieder an ihn glauben. Und da er nun auf dem Rasen vor der Hausmauer stand, der als ein zartgrüner mit Maßliebchen feingeblümter Teppich 36 über die Sonnenhalde bis an den Eubach hinunterhing, machten sich die Kinder auf den Greis zu und aus all den kleinen Händen gingen die wunderschön duftenden Seidelbaststäudlein zu seinem weißen Bart hinauf. Und siehe, seine Majestät neigte sich mit freundlichem, gnädigem Lächeln und sog den Vorfrühling aus diesem roten Blumengeleuchte fast gierig in sich hinein. Aus dem Ausguck des Stiegenbrückleins schauten Sebimaria, der Bauer, und Vitus, der Knecht, und aus einem Fenster, vom Lädlein fast verdeckt, gaffte Lunn, die Magd, dem Gebaren der Kinder zu. Das Bethli aber stand, völlig gefangen von dem Bilde, stumm, straff, ein herzliches Lächeln in den Augen, das allmählich sein ganzes Wesen übersonnte, am Brunnen. Doch als nun der Alte sein Haupt ihr zuwandte und fast raschen Schrittes auf sie zuhielt, verflog ihr Lächeln, wie das letzte wärmste Abendgold vom Firn, und die Lunn bekam, zu ihrer Empörung, noch blitzschnell Bethlis geschwindes Zünglein und einen bösen Blick zu sehen. Wie aber der königliche Großvater vor dem Mädchen stand, zeigte sie wieder eine völlig heitere Miene, nur war sie über und über rot, als wäre in ihrem Herzen eben die Sonne untergegangen und ließe nun das Abendrot über ihr Angesicht leuchten. Der König von Euland mochte es wohl auch dafür nehmen, denn nun neigte er das Haupt vor Bethli, was sie mit einer tiefen, ebenso königlichen Verbeugung, über 37 welche die Zuschauer erstaunten, verdankte. Und nun nahm er, freundlich lächelnd, ihre Hand und sagte mit zitteriger Stimme: » Mignonne, allons voir si la rose Qui ce matin avait déclose Sa robe de pourpre au soleil A point perdu, cette vesprée, Les pecs de sa robe pourprée, Et son teint au vôtre pareil... « Und also hob er ihre Hand hoch und ging, Bethli zu seiner Rechten, feierlichen Schrittes vom Hause weg und alsdann das steinplattenbelegte Fußweglein, über die Sonnenhalde hinunter, talwärts, gefolgt vom schleppentragenden, andächtigen Marieli, den Enkelbüblein mit ihren Föhrenkerzen und zweireihig, von den barfüßigen Kindern der Nachbarschaft, die ihre roten Seidelbastlichter hochhielten. »Er hat wieder welsch geredet«, flüsterte des Holzschuhmachers Kind, das Trutli, dem Wiseli, dem Töchterlein des Hornputzers zu. »Heja, natürlich, du Dumme«, gab das leise zurück, »er muß doch gewiß mit der Königin reden können, wenn sie aus dem Welschland kommt.« »Aber vielleicht kommt sie ja gar nicht. Ich bin doch mit dem alten Zachris Ruhstaller schon den ganzen Sommer hindurch, fast jeden Sonnabend, auf die Hagelfluh gegangen. Und meine Mutter hat gesagt, sie sei auch 38 schon als Kind mit ihm dorthin im Umgang gewesen. Und nie ist die Königin gekommen.« »Ja, aber meine Mutter, die auch schon mit dem Zachris gegangen ist, hat gesagt, ich solle ihm nur immer auf die Hagelfluh nachfolgen. Es sei wohl möglich, daß diese welsche Königin eines schönen Abends doch noch ins Tal hereinziehe, denn wenn nicht etwas dran wäre, so würde der Zachris . . .« »Der König von Euland muß man sagen«, verwies das andere. »Heja, so würde der König von Euland nicht so heilig dran glauben und das Warten auf der Fluh wäre ihm gewiß schon lange verleidet.« Sie kamen bald über die sonnige Berghalde ins Tal hinab. Wie sie nun gegen den Eubach gingen, wo ein winziges Kapellchen, ein Schutzheiligtum gegen Wasser- und Nachtschaden, gegen Wolf und Geier, stand und wie ihnen die dunkelbraunen, steinbeschwerten Tätschhäuschen des Euthals entgegenzuwandern schienen, entzog das Bethli dem Großvater sänftiglich, unmerkbar, seine Hand. Und als er nun, als erster, den schmalen Steg über den Bach betrat, gefolgt von Marieli, blieb sie zurück und kniete vor das Kapellchen hin, als wollte sie zum hl. Wendel, der drin ein paar rohgeschnitzte Lämmer hütete, beten. Arglos, ohne sich auch nur umzusehen, trippelten die Kinder dem Greise über den Steg nach. 39 Als dieser sich aber, durchs Tal wandernd, nach seiner Großtochter umschaute, vermochte er sie nirgends mehr zu erblicken. Eine Weile hielt er an. Wie sich jedoch das Bethli nicht mehr zeigte, schüttelte er traurig den weißen Bart und setzte seinen Umgang fort. Wohl sah er sich noch einigemal um, doch umsonst, aber weil ihn dabei jedesmal das schleppentragende Marieli gar lieb anlächelte, schien ihm die zurückgebliebene Enkelin allmählich aus dem Sinn zu kommen. Immer mehr verwitterte, dunkelbraune Hütten kamen ihnen entgegen. Das Bethli aber hatte den lämmerhütenden St. Wendel rasch im Stiche gelassen, denn kaum war der Alte mit den Kindern auf dem Steg, huschte sie ins Gesträuch der Erlen und Haselbüsche. Also machte sie sich durch eine kleine Schlucht wieder in ihres Vaters Heimwesen hinauf. Dort kam sie jedoch übel an. Man hatte auf dem Stiegenbrücklein und in der Stube wohlgemerkt, wie sie sich drückte. Wie sie nun aufs Haus zu hastete, rief Lunn, die Magd, aus einem Fenster: »Da kommt das Lachbethli schon wieder. Sie ist dem Großvater wahrhaftig durchgegangen.« »Maitli«, herrschte sie ihr Vater an, als sie ein Vorstieglein hinauf war und an ihm und Vitus hurtig, blutrot, vorbeihuschen wollte, »was fällt dir denn ein, daß du dem Großvater davonläufst?!« 40 »Ach was«, beschied sie kurzgebunden, »ich bin jetzt erwachsen und kann diese Kindereien nicht mehr mitmachen. Ich kann's einfach nicht mehr!« schrie sie auf. »Ist's denn eine so schwere Sache, dem geisteswirren Ahnen ein Zeitchen zu Gefallen zu leben?« »Ja, Vater«, gab sie herum, »eine schwere Sache ist's jetzt auf einmal für mich. Warum, weiß ich nicht, aber es ist so. Kurzum, ich mag dem Narren nicht länger die Närrin machen.« »Maitli!« Der Sonnenhalder bekam einen ganz roten Kopf. Vitus, der Knecht, aber sagte, das Mädchen fast erschrocken anstaunend: »Bethli, ich kann dich nicht verstehen. Du kommst mir immer wunderlicher vor. Wie kannst du denn so sein? Was machst du dir denn soviel aus diesem Umgang durchs Tal, du, die doch sonst alles so federleicht nimmt und über alles lacht.« »Lache ich über alles, nehme ich alles so leicht? Meinst du das wirklich, Vitus?« machte sie, sich hart vor ihren Geliebten hinstellend und ihn seltsam aus tiefen blauen Augen ansehend. Es überlief ihn, es wurde ihm fast unheimlich und es war ihm, er schaue in eine ihm unbekannte, völlig fremde Welt hinein. »Ich komme immer weniger aus dir«, sagte er leise, bedrückt. Da packte sie ihn um den Hals, küßte ihn auf die Augen und ihn gleich wieder fahren lassend, schrill 41 auflachend, wie eine abstreichende Elster, sagte sie zu ihm, vor ihrem unmutig blickenden Vater: »Bursche, ich weiß eigentlich nicht, warum ich dich so gern habe. Aber glaub's oder glaub's nicht, Vitus, ich sage dir: Wild, fuchsteufelswild bin ich über mich, daß ich dich so lieb haben muß. Es spukt gewiß irgendein verwunschener Nachtbutz oder sonst etwas Teufelsüchtiges, Besessenes in mir, das dir auf Leben und Sterben nachhält, dir fremder Fetzel, du St. Galler Hirsch! Und ich möchte dich doch am liebsten in ein tiefes Tobel hinein zutode hetzen.« »Herrgott, Herrgott!« ächzte der Bauer, völlig fassungslos, »was ist nun das wieder?« Vitus Wiler aber schritt trüb, verdrossen über das Vorstieglein hinab und dem Stall zu. Einen Augenblick stutzte sie. Aber gleich sprang sie ebenfalls vors Haus hinunter, hob ein loses, erdkrustiges Rasenstück neben dem Brunnen auf und schleuderte es ihm nach, daß es stob. Und als er sich wahrhaft erschrocken umschaute, war sie schon, wild auflachend, das Stieglein hinauf und an ihrem Vater vorbei ins Haus hineingerannt. Donnernd flog die Haustüre hinter ihr zu. Mit starren Augen, bedenklich den Kopf schüttelnd, staunte der Bauer immer auf die Türe. Der Knecht aber ging herabgestimmt, bekümmerten Angesichts in den Stall hinein. Unterdessen war der Zug des Alten ab der Sonnenhalde immer näher an den Weiler Euthal herangekommen. 42 »Aha, seht, seht«, rief ein Weiblein ans Fenster tretend, »da kommt ja unser König!« »Ach, was ist doch der Mensch!« rief ihr halblaut die alte wackelköpfige Grabbeterin aus ihrem Tätschhäuschen über die Gasse zu. »Jetzt hab' ich diesen Sonnenbaldenzachris noch als einen übermütigen Nachtbuben gekannt, vor dem keine Scheiterbeige sicher war, ob der er etwas Junges, Zeitiges wußte und nun hat er sich aufs Alter völlig in einen Narren verkehrt. O Welt!« Aber die Bauern, die auf den Matten allerlei arbeiteten, hielten in ihrem Tun inne und wandten sich von allerwärts dem Zug zu. So oft schon hatten sie den Greis durchs Tal ziehen sehen und doch mußten sie ihm immer wieder nachschauen, denn allemal war es ihnen, sie erblicken einen wirklichen König. So gut konnte es dieser alte Reisläufer geben. Das hatte ihm ja wohl die Stadt Paris, die Stadt der fränkischen Könige, angetan und beigebracht. Er soll ja dort gar am Hofe gedient haben. So erwiderten denn die Hirten des Alten allseitiges, herablassendes Lächeln freundlich. Sprach er gar einen aus ihnen an, antwortete er ihm, beim Strahl, wie einem rechtmäßigen König, so übernahm's ihn. Wie oft schon hatten sie über diesen Aufzug hinterrücks, kaum war er vorbei, ihre gröbliche Lustbarkeit, wobei sie sich selber auslachten, aber wenn er dann wieder daherkam, standen sie immer wieder bescheidentlich und ebenso bereit zu Rede und Antwort um den Weg. Sie 43 brachten es einfach nicht über sich, dem so königlich aufziehenden Greise wehzutun. Wie er jetzt an der windschiefen, ärmlichen Hütte des Holzschuhmachers vorbeikam, stand der in seinem schmalen Gerstenacker vor der Türe. Und sich an seiner Hacke aufrichtend und ein erstauntes Gesicht zeigend, fragte er den Alten: »Ja, weswegen habt ihr heut denn das Lachbethli, euer schönes Königstöchterlein, nicht bei euch? Es wird doch nicht gar krank sein?« »Bläsi«, machte der Greis, den weißen Bart einen Augenblick den rohgeschnitzten Rechen an der Hauswand zuwendend, »das Bethli, meine Großtochter, ist auf der Suche nach einem Königssohn. Da hat es jetzt keine rechte Lust mehr, mit mir auszurücken.« »So, so«, meinte des Holzschuhmachers Weib, aus einem dürrbirnenfurchigen Gesicht heraus, »wir haben geglaubt, das Lachbethli habe schon einen Schatz gefunden.« »Weib«, bekam sie zur Antwort, »das kannst du doch nicht im Ernst meinen, daß mein Großkind mit einem Knecht Hochzeit hält.« Und ruhigen Schrittes ging er mit seinem Gefolge fürbas. Verwundert schauten ihm der Holzschuher, sein verdorrtes Weib und ihre drei Ziegen über den Hag hinweg nach. Es schlossen sich dem Umgang noch einige Kinder aus dem Weiler an, sodaß es ein recht ansehnlicher Zug war, 44 der durchs Euthal ging. Und die Leute schauten ihm nach, wie er sich nun in die Windbruchweid hinaufmachte, bis er unter den Tannen verschwand. Nicht lange dauerte es jedoch, so kam er wieder aus dem Hochwald zum Vorschein. Und also gelangte nun Zachris, der König von Euland, allmählig mit seiner Kinderschar auf den samtweichen Moosboden der Hagelfluh hinaus, die ins weitum sich auftuende Tal der Sihl und Minster vorspringt. Etwas ermüdet ließ er sich aufs Bänklein nieder, das er sich auf diesem Felsen, unter einer mächtigen Wettertanne, hatte aufschlagen lassen. Und nun sah er mit suchenden, verträumten Augen ins Land hinaus. Seine kleine Enkelin aber, das Marieli, nahm die Euthaler Kinder zusammen und also machten sie um den Alten und die Wettertanne Ringelreihen, wobei ihre Seidelbaststäudlein einen gar hellen Schein gaben, da sie als ein rotes Band rundumgingen. Und weithin jauchzte ihr Frühlingslied ins Land: Heijuppedihee, im Schwyzerbiet! Dr Lanzig chunt, dr Lanzig chunt! Dr Gugger sait, dr heig ä gseh, Und lue wie's sunnt, und lue wie's sunnt! D'Schneeglöggli rohded si im Riet.           Heijuppedihee, heijuppedihee! Heijuppedihee, schöin i dr Schwyz! O chönnti das rot Wüchli si, 45 Wo det dä Höichene hät no! I spannti Föihn und Byswind i, Und fiehr dur d'Wält us wie dr Blitz.           Heijuppedihee, heijuppedihee! Aber als nun der Reigen zu Ende getanzt war, ließ sich alles wieder zusammen. Und nun nahm das Marieli seine Brüderchen, den Sebeli und den Bäneli, die mit ihren Föhrenzweigen die Mägdlein auseinanderzuschrecken suchten, an der Hand und schritt mit ihnen hochheiligen Ernstes, wie immer gefolgt von der ganzen Jugend, auf den Großvater zu, der über ihr Spiel hinweg den roten Abendwolken nachzuschauen schien. »Guten Abend, Herr König von Euland!« sagte es. Und als er, erwachend, auf die vor ihm stehenden Kinder schaute, ließ das Marieli die Hände seiner Brüder fahren und machte vor dem Alten eine tiefe Verbeugung, wie sie's ihrer Schwester, dem Lachbethli, abgeguckt haben mochte. Der König aber neigte sich mit freundlichem Lächeln zu seiner Enkelin und sprach: »Gott grüß euch, Prinzeßlein und seid mir herzlich willkommen, ihr lieben Kleinen meines Hofes! Die Frau Königin Katharina, meine schöne Herrin, die bald kommt, wird euch gewiß euere Treue reichlich lohnen.« Nun ging das Marieli auf seinen Großvater zu und küßte andächtig das kleine Holzkreuz, das ihm an einer Kette buntfarbiger Heidelschnecken unterm weißen Bart 46 herabhing. Und ein Kind nach dem andern machte es ihm ehrfürchtig nach. Der Greis lächelte ein jedes an. Als er aber bemerkte, daß seine Enkelbüblein, irgend etwas spielend, abseits blieben, winkte er sie zu sich. Wie sie nun bei ihm waren, streichelte er ihre hellhaarigen Köpfe, zog sie an sich und raunte ihnen zu: »Sebeli, Bäneli, wer sollte es heut für möglich halten, daß ihr eines Tages auf stolzen Rossen zum Kampf gegen die falschen Spanier und die ketzerischen Hugenotten ausziehen werdet.« Die Knaben sahen verständnislos, giltmirgleich, zu ihrem Großvater auf und gleich waren sie auch wieder weg, denn das Marieli hatte sich voll Eifers dem Alten in den Schoß gesetzt. Mit großen Augen sah's zu ihm auf und sagte: »Herr König, seid so gut und erzählt uns doch wieder einmal eine Geschichte.« »Kind, Heiterschöpfchen, siehst du, ich muß Ausschau halten. Jeden Augenblick könnte meine Königin anrücken. Was müßte sie da von mir denken, wenn ich sie unten unbegrüßt vorbeireiten oder -fahren ließe und ihr nicht entgegenkäme! Eben war's mir, ich habe im Fernen, ja schon hinter den Waldhöhen ihre Trompeten blasen hören. Glaub mir's Marieli, im Umsehen kann sie von der nahen Waldstatt Einsiedlen her zu uns kommen.« »Großvater«, antwortete das Kind, »kommt doch mit uns, wie letzthin, ein Zeitchen dahinüber auf den windstillen Rasenplatz! Wir sind doch schon einigemal mit euch dort gewesen und dann war's so schön, wie ihr uns erzählt habt.« 47 »Liebes Kind, ich kann euch auch hier eine Geschichte erzählen, denn an Geschichten fehlt's mir gar nicht. Wartet immer eine hinter der andern, bis auch sie erlöst wird.« »Herr König«, meinte aber das Marieli zähwillig, »wißt, hier habt ihr uns ja auch schon erzählt, freilich, aber dann habt ihr die Geschichte und uns alle immer wieder vergessen, weil ihr allezeit ins Land hinaus und nach den Bergfirsten geschaut habt, hinter denen der blaue See liegt. Und bei jedem Jauchzer zu Berg und Tal, ja bei jedem Falkenschrei, habt ihr aufgehorcht und danach die Geschichte nicht mehr recht gewußt und erzählen können. Seid so gut, Großvater, und kommt da aufs Rasenplätzlein hinüber! Es ist ja so nahebei.« »Zwängerlein!« sagte er, »bist ein rechtes Zwängmäulchen. Aber, wer wollte dir, du liebes Auge, etwas absein können? So kommt denn, Kinder!« rief er aus. »Aber das sage ich euch, sobald ihr das mindeste hört, das meiner schönen Freundin Herannahen anzeigen könnte, so sagt's mir ja gleich! Meine Sinne sind nicht mehr jung; aber lieber wollte ich mich vom Blitz erschlagen lassen, als ihre Ankunft versäumen. Kommt!« Also nahm er das freudig aufleuchtende Marieli an der Hand und mit ihm das zunächststehende, mit gewunderigen Augen zu ihm aufschauende Trutli, des Holzschuhmachers ärmliches Kind. Und würdigen Schrittes ging er mit ihnen auf ein recht nahe in der Weid liegendes, besonders sonniges Rasenplätzlein. 48 Dort setzte er sich auf einen von knisterndblauen Enzianensternlein umblühten Faulstrunk. Das Marieli aber ließ sich, ein wenig über die sich im kurzen Frühgras lagernden Kinder erhöht, auf einen bemoosten großen Stein nieder. Sorglich hielt es den vergoldeten Hirtenstab in den Armen, den ihm der König von Euland anvertraut hatte. »Marieli, liebe Kinder«, begann der Greis, nachdem er nochmals angestrengt ins Weite gehorcht hatte, »so will ich euch auch heute eine Geschichte erzählen. Ich will euch erzählen, wo ich einst war und warum es so gekommen ist, daß ich immer wieder mit euch, meine lieben kleinen Hofleute, hier auf der Hagelfluh auf meine königliche Frau warte. Aber«, er lauschte wieder ins Ferne, »aber, daß ihr mir ja die Trompeten nicht überhört!« »Nein, nein, nein!« schrie es um ihn. »O ihr lieben Kinder, wie schön war's doch, als ich noch jung war und zu Paris im Solde der allerchristlichsten Könige stand. Wenn ich nur nicht so ein grimmiges Heimweh gehabt hätte. Gierig nach Ruhm und Gold, war ich dem Vater und meiner blutjungen Frau mit dem Handgeld des Schwyzer Hirtenkönigs Dietrich Inderhalden davongelaufen. Aber dann kam es, daß ich die Heimat eine Zeitlang vergaß. Eine lange, lange Zeit ist seither vergangen. Alles, was damals mit mir lebte, ist tot oder alt und mürbe geworden, wie ich selber; die Berge und die Wettertanne da auf der Hagelfluh 49 ausgenommen und meine königliche Liebste, Frau Katharina, die hundert Jahre lang jung bleibt, wie es ihr ein Sterngucker geweissagt hat. Da kämpfte ich denn unter unserm Schwyzerfähnlein, aber im Dienste der goldenen Lilien des Königs von Frankenland. Fast immer lagen wir um die große Stadt Paris zu Felde. Das war ein rauhes, ein wildschönes Leben. Da waren unsere Schwerter und Hallebarden immer wie die Blitze in einer schweren Wolke und war niemand vor ihnen sicher. Wir standen aber im Solde der Königin Katharina, der Mediceerin, der einst eine ihrer Hofdamen, die schlaue Diana von Poitiers, ihren König abwendig gemacht und gestohlen hatte. Aber nun war ja dieser untreue Fürst gestorben und Katharina regierte das große Reich für ihr Büblein Karlchen. Und da ward ich eines Tages aus dem Feldlager an ihren Hof kommandiert, weil ich sie bei einem Rückzug aus einer kleinen Stadt nach Paris von ihren Feinden retten half, indem ich ihr verrücktes Roß bändigte. So war ich nun einer ihrer Leibwächter und gar der vorderste Türhüter an ihrem Schlafgemach. Sie traute eben nicht einem jeden und hatte viel Beängstigung der Guisen und der Ketzer wegen, obwohl sie eine stolze Frau war, welche die Krone auf dem Kopfe hatte, auch wenn sie keine trug. Aber mit uns Schweizern tat sie fast zutunlich und nie ging sie an mir vorbei, ohne mich freundlich, nach und nach gar herzlich, anzuschauen, also daß ich völlig verliebt in sie ward und meinte, ob ihr 50 den Verstand verlieren zu müssen. O Kinder, das war eine Zeit! Da machte sie Ausritte mit glänzender Gefolgschaft, wobei ich oft als Roßachter mit ihr durfte. Und dann gar die Feste, die sie in ihrem neuen Palaste in der Stadt Paris gab. Was war das für eine Pracht in den Sälen, wenn nachts tausende von Kerzenlichtern auf den kristallenen, goldigen Kronleuchtern brannten und die vornehmsten und schönsten Herren und Damen des Frankenlandes darin tafelten und tanzten. Und das alles bekam ich zu sehen, da mich die Frau Königin, trotz ihren Pagen, immer zunächst an ihren Türen wollte stehen haben. Da kamen auch hohe Kirchenfürsten und Herzoge und Herren aller Länder. Und hundertundfünfzig Ehrendamen gab es aus den hochadeligsten Häusern. Auch allerlei wunderliches Volk aus Paris. Aus diesem zeichnete die Königin einen Mann, der Verse machen konnte und Ronsard hieß, besonders aus, denn von seinen Liedern und seinem Lob war die Stadt voll. Über alledem vergaß sie mich nicht und ihre Augen kehrten alleweil wieder, wie Bienen, die um tausend Blumen geflogen, mit all ihrem Honig in mein Herz zurück, wie in den Einschlupf eines Bergahorns. Und niemand durfte ich in ihre Gemächer lassen als ihr Büblein mit seinem alten Kammerdiener. Aber eines Nachts übernahm's mich. Ich fiel vor der Königin nieder, als sie an mir vorbei, in ihre Schlafgemächer ging. Augen, Arme und Herz hob ich zu ihr auf und raunte ihr alles zu, was mir die Liebe eingab. 51 Da ward ich unversehens gepackt und vor Schreck und Verzweiflung verlor ich fast die Sinne. Wißt Kinder«, machte der Alte flüsternd, »meine Feinde, die vornehmen Herren am Hof, die selber nach der Königin-Witwe trachteten, hatten alles durch ein Kammermädchen, von dem ich nichts wissen wollte, vernommen und mir auflauern lassen. Nun warf man mich zuerst ins Gefängnis und alsdann schaffte man mich heimlich ins Bergland zurück. Die Königin vermochte es, trotz ihrer großen Liebe zu mir, nicht zu verhindern. Da sie in ihres Bübleins Namen herrschte, hätten ihr die mächtigen Herren des Adelsstandes sonst leicht die Krone rauben und sie als unwürdige Reichsverweserin einkerkern lassen können. So hat sie alsdann gewiß beschlossen, zu warten, bis ihr Büblein Karlchen groß sei und selber zu regieren vermöge, um danach aus der Stadt Paris fort, über Berg und Tal mir zuzuziehen und mit mir Hochzeit zu halten, denn Kinder, wißt«, redete er geheimnisvoll in die Schar hinein, »der Königin allein war's bekannt, daß ich, ihr fremdländischer Türhüter, mehr sei als eine Menschenseele in der Stadt Paris ahnen könnte, daß ich eben, wie ihr's ja alle seht, der König von Euland sei.« »Großvater«, fragte das Marieli, »weswegen hat sie denn all den bösen Herren am Hofe nicht gleich ins Gesicht gesagt, daß ihr ein rechtmäßiger König seid? Dann hätten sie euch doch nicht fortjagen und einsperren dürfen.« 52 »Kind«, antwortete der Greis, »sie wird eben gedacht haben, sie wolle lieber vorsichtig sein, sonst komme die Hexenkünstlerin, die schlaue, feine Diana von Poitiers wieder und stehle ihr auch den neuen Freund. Aber nun ist gewiß alles gut. Jetzt wird ihr Knäblein, der König, die Krone schon lange tragen und nichts kann Katharina mehr zurückhalten, zu mir in mein Land zu reisen. Gewiß und heilig, Kinder, bald, vielleicht heute schon, kommt sie. Wie ihr also einen goldenen Wagen, mit einer goldenen Krone darüber und acht weißen Pferden davor, heranziehen seht oder einen glänzenden Reiterzug, so ist's meine Geliebte, die königliche Wittfrau des Frankenreiches. Alsdann halten wir Hochzeit. Danach aber lasse ich auf der Hagelfluh ein Schloß mit hundert Sälen bauen. Da wohnen wir. Und das Bethli, unser Lachbethli«, machte er leise, »das wird Kronprinzessin und hat alsdann all die weiten Kammern in Ordnung zu halten. Und wo«, redete er mit erhobener Stimme, »wo ist der Fürst, der eine solche Königstochter hat, wie's unser Bethli ist. Die ganze Bergwelt unserer Lande hat sich da zusammengenommen, um in ihm einmal etwas Seltenfeines zu erschaffen.« »Ja«, fragte das Marieli, etwas bedrückt zu ihrem Großvater aufsehend, »was darf denn ich im großen Schloß auf der Hagelfluh machen, wenn doch das Bethli die Königstochter ist und alle Kammern unter sich hat?« »Du?« Er sah das Kind fast ein wenig verlegen an, aber dann antwortete er: »Weißt du, Marieli, du kannst 53 die Blumenstöcke, die vor allen Fenstern stehen, alltäglich wässern. Auch sollst du die Weihwasserschälchen neben all den unzähligen Türen des Palastes immer wieder nachfüllen. Denk dir, hundert Säle wird es haben! Da bekommst du wohl genug zu tun.« »O«, rief es schnell aus, »das will ich alles gerne machen!« Und mit leuchtenden Augen: »Wenn's doch der Gottswillen sein könnte, daß die Königin Katharina heute noch käme!« All die Euthaler Kinder schauten schier ehrfürchtig aufs Marieli, das schon sein Amt am Hof weghatte. »Ja, es wäre ein unerhörtes Glück für mich«, sagte der Greis, »aber ihr Kleinen alle hättet auch einen guten Tag, denn die Kammerfrauen der Königin würden euch ganze Säcke voll Leckereien mitbringen.« Die Kinder erröteten vor Freude. Des Holzschuhmachers sommersprossiges Trutli rief aus, es werde nächstesmal, falls heute die Königin nicht kommen sollte, ein ganzes Körblein voll Kuckucksblumen auf die Hagelfluh mitbringen. Gewiß werde sie ihm dafür sein Zainlein dann mit Süßigkeiten anfüllen. Auf das hin wollten sie alle ganze Eimer, Holzgelten und Milchtansen voll Blumen auf den nächsten Umgang mitnehmen. Aber der Alte wehrte lächelnd ab. Das brauchen sie nicht zu tun, meinte er. Man werde sie auch ohne das mit Geschenken aller Art und Näschereien erfreuen, denn im Frankenland wachse das Süße wild, aus allen Wiegen 54 heraus wachse es. Drum gebe es dort auch kein einziges Kind, das nicht schon mit einem honigsüßen Mund zur Welt komme. »Die Königin, die Königin kommt!« schrie's von der Hagelfluh her. Überrascht, fast erschrocken, schauten die Kinder, aber auch der Greis, nach dem Bänklein auf der nahen Fluh. Kein Mensch war zu erblicken. Woher mochten denn aber die gellenden Aufschreie gekommen sein? Etwa gar aus den Lüften? Ging's denn um, kündigte sich die Königin gespenstig an? »Sie kommt, die Königin kommt!« lärmte es wieder. »Oha«, rief jetzt das Trutli aus, »jetzt weiß ich's! Das war doch des Hornputzers Wiselis Stimme und gewiß . . .« »Sie kommt, sie kommt!« gellte es nun gar dreistimmig über die Windbruchweid hin. »Oha, oha!« sagte das Marieli, »habt ihr's gehört: aus der Wettertanne ob dem Bänklein ruft's.« Und schon stoben die Kinder, allen voraus das Trutli, auf und davon, auf die große Tanne der Hagelfluh los. »Die Königin kommt, die Königin Katharina kommt!« schrie es wieder von der Fluh her und aus der ganzen, über die Weid jagenden Jugend widerhallte es: »Sie kommt, sie kommt!« Jetzt hatte sich auch der König von Euland von seinem Faulstrunk erhoben. Die kleinen Goldkugeln, die aus seinen Ohrenringen hingen, zitterten ineinemfort. Und 55 nun schritt er, ziemlich hurtig, den Kleinen nach, zur Hagelfluh hinüber. Und wie er nun auf dem weithinschauenden Felsen stand, staunte er, und mit ihm das gesamte Kindervölklein, hinunter ins Tal der stillen Sihl und hinaus nach den Höhen des finstern Waldes von Maria Einsiedlen. Aber wie sie auch alle ihre Augen und Äuglein wandern und fliegen ließen, sie bekamen nichts zu sehen, als die braune, noch wenig begrünte Talschaft und ein Adlerpaar, das drüber seine Kreise zog. »Ihr Lügner!« schrie jetzt das Holzschuhmacher Trutli in heiliger Entrüstung in die Wettertanne hinauf, die sich mächtig über ihnen ausbreitete. »Es ist ja gar nicht wahr, daß die Königin kommt!« Die Tanne blieb mäuschenstill, kein Zweig regte sich. Doch war jetzt irgendwo oben in ihrem Dickicht ein schwerverhaltenes Kichern. »Buben, Sebeli, Bäneli!« rief das Marieli hinauf, »kommt nur herunter! Ich habe euere Stimmen vorhin schon erkannt. Weswegen seid ihr denn da in den Baum hinaufgeklettert, statt mit dem Großvater aufs Rasenplätzlein hinüber zu kommen?« »Heja«, kam jetzt eines Knaben Stimme aus dem Tannendunkel herab, »halt weil des Hornputzers Wiseli uns verlockt hat. Es hat gesagt, wir wollen in die Tanne hinaufklettern und schauen, wer von uns dreien am höchsten hinaufkomme, ich oder es oder der Bäneli.« 56 »Ja«, schrie jetzt ein gellendes Stimmlein aus dem Wipfel der Wettertanne, »und da habe ich's zu alleroberst hinaufgebracht.« »Ja, aber warum habt ihr uns denn gerufen, die Königin komme?« fragte der Alte. »Und dann ist's doch nicht wahr gewesen.« »Wißt«, antwortete kleinlaut das Wiseli aus der Tanne herab, »wir haben dann halt schauen wollen, wer von euch allen am schnellsten laufen könne und zuerst beim Bänklein auf der Fluh ankomme. Und, und«, redete es zögernd, »und der Sebeli und der Bäneli haben gesagt, sie möchten gerne sehen, wie ihrem Großvater seine Krone hin- und herwackle, wenn er daherzulaufen und zu schnaufen komme.« »Das Wiseli ist schuld!« lärmte es in der Tanne, »es hat uns aufgewiesen, es hat es haben wollen, Großvater, gewiß und heilig.« »Macht euch herunter, Kinder«, sagte ruhigen Tones der Greis, »und gebt wohl acht, daß ihr nicht abfallt!« Da rutschten auch schon die beiden Buben aus dem überhangenden Geäst und so selbstverständlich fielen sie ins Moos, als wären sie, wie die Tannzapfen, auf dem Baum gewachsen. Des Hornputzers Wiseli aber wollte nicht herunterkommen, wie auch die Kinder hinauflärmten. Es blieb still, wie ein Läublein, im Tannendolden hangen. »Wiseli, Maiteli«, rief ihm jetzt der Alte zu, »laß dich nur getrost herunter. Ich will dir dein Späßlein, das 57 mich freilich gewaltig aufgeweckt hat, gern nachsehen. Da nun meine liebe Großtochter, das Lachbethli, nicht mehr mit mir hat gehen wollen, muß ich doch in meinem Gefolge jemand haben, der das Hofnärrlein spielt und der mich ein wenig neckt und plagt. So ist's nun einmal an jedem Hof der Welt, sogar im Hühnerhof.« Er lächelte wohlwollend. Aber gleich erlosch alle Helle seiner Augen und halblaut redete er in sich hinein: »Bethli, Kind, warum tust du mir das an, daß du dich schämst, mich zu begleiten?« Er sah betrübt in den Moosboden hinein. »Wie kannst du denn glauben, ich merke das nicht. Und wie magst du mir immer wieder wehtun, wo ich dir doch einst die Krone meines Landes zu hinterlassen gedenke, da ich dich doch, neben meiner Königin, über alles liebhabe.« Jetzt sank das Wiseli, fast wie ein Laubblatt so leicht, aus der Tanne zu seinen Füßen. Aber wie ein abgefallenes Kätzlein war's gleich wieder auf den Beinen und schaute, mit zündrotem Gesicht, zum Alten auf: »Herr König«, machte es weinerlich, »ich will's auf Ehr und Seligkeit nicht wieder tun.« Mit verträumten Augen schaute der König von Euland auf das zage Kind, aber freundlich, liebkosend fuhr er ihm über sein verwildertes Schöpfchen. Alsdann ließ er sich aufs Bänklein unter der Tanne nieder und die Kinder, die wieder herumzutollen anfingen, völlig vergessend, staunte er mit suchenden Augen ins Tal hinab. 58 »Großvater«, redete, nach einer Weile, das Marieli, das keinen Augenblick von ihm gegangen war, »Herr König, es fängt schon zu dämmern an. Wollen wir nicht bald heimgehen?« Er sah sein Enkelkind gedankenschwer an, dann hob er's auf seinen Schoß. »Marieli«, sagte er, »schau wie schön rot ist's über der Schrähhöhe und dem Stäubrig.« »Ja«, meinte das Kind, »und die Sonne zieht Wasser.« »Nun schaut Katharina, meine königliche Geliebte zu Paris wohl aus den Fenstern ihres Palastes«, redete er weiter, »und schaut, wie ich, in dies rote Leuchten hinein und denkt an mich. Ach, wenn sie doch endlich kommen wollte! Aber die Höflinge, die mächtigen Herren, suchen sie gewiß auf jede Weise zurückzuhalten und vielleicht will sie nun auch der König, ihr Sohn, nicht ziehen lassen. Es ist so traurig auf der Welt, Marieli, daß es gerade die am schwersten haben zusammenzukommen, die sich am stärksten nacheinander sehnen. Marieli«, er stöhnte tief auf, »Marieli, sie kommt mir heute wieder nicht.« »Großvater«, raunte ihm das Kind zu, »gewiß und heilig, am nächsten Sonnabend kommt sie. Bis dann sind alle Matten voll Blumen und vielleicht haben die Bäume bis dahin schon Laub. Sicher, sicher, Großvater, dann kommt sie.« »Am nächsten Sonnabend – Kind, eine ganze Woche ist's bis dann. Du kannst nicht wissen, was das für eine Ewigkeit ist für ein Herz, das wartet.« 59 Er ließ das weiße Haupt todtraurig sinken, also, daß das Marieli ihn mit schier ängstlichen Augen ansah. Aber er begann seine schmalen Hände zu streicheln und ein wenig aufhellend, sagte er: »Komm Kind, so wollen wir heimzu, heim zu Bethli, unserer lieben Spottdrossel. Sie wartet gewiß auf uns und freut sich, wenn sie uns kommen sieht.« Das Abendrot erlosch. Aus den Hochwäldern des Heitligeers und aus den dunklen Ahornweiden herab krochen die lautlosen Wegbereiter der Nacht, lange unheimliche Schatten übers Tal. Der Greis erhob sich. Eine Weile noch schaute er, über die dämmernde Landschaft hinweg, nach den fernen Höhenzügen. Dreimal verbeugte er sich nach Sonnenuntergang, wo er das Land seiner Sehnsucht wußte. Alsdann griff er nach seinem Hirtenstab und schritt, gefolgt vom schleppentragenden Marieli und der singenden Kinderschar, ernsten, schwermütigen Angesichts, über die Weiden hinab, heimzu. 60   III. Von den Erlen der stillen Sihl und des Eubachs lösten sich zögernd die Morgennebelchen. Es war als ob es aus dem Obereuthal, gegen die Runsen und Schluchten der Krummfluh hinauf, goldig rauchte, als hätte der Goldstaub aus den unterirdischen Werkstätten der Erdmännchen einen Ausweg gefunden. Aber über den Steinköpfen vor der Wildegg kreiste miaulend ein Adler und aus den Urwäldern um den Heitligeer kam das Heulen der Wölfe. Ein wundervoller Frühlingsmorgen. In den Hanf-, Gersten- und Haberländern, wie man die Äcker hieß, die unweit des Hauses, auf der Sonnenhalde lagen, werkten die Hacken, um den Boden aufzutun und für die späte Saat willig zu machen. Um das große, tiefbraune Holzhaus, mit den zwei schweren, unter dem breiten Dach hängenden Seitenlauben, schoßen die Schwalben und jauchzten dem sonnigen Tag. Sonst war's still; nur der Brunnen vor dem überdachten Stiegenbrücklein plauderte immer zu und stäubte zuweilen unversehens seine quellfrischen Wasser nach den Schwalben, wenn sie über den lautern Spiegel seines Troges hinpfeilten. 61 Irgendwo in der Welt mußte doch ein Lachen sein. Von den Äckern, am sanften Hang drüben, wo man die Erde umgrub, kam's nicht. Es ging ja wohl im Hause um. Ja, ja im Hause war's. Das ganze Gebälk und Gewände schien davon erfüllt, wie der Wald etwa vom Gelächter eines Eichelhähers oder vom Hohn einer Lachdrossel. Aber jetzt gellte ein zorniger Aufschrei ins tolle Lachen. Ein Fauchen, Schnäuzen und Miaulen und da schoß auch schon aus der offenen Haustüre und übers Stiegenbrücklein, kreischend vor Wut und Angst, die große graue Katze. Am Schwanz hing ihr eine Pfanne, die nun polternd, aufschlagend, hinter ihr her über eines der Vorstieglein herunterrasselte. Im Hui war das ganze ungewöhnliche Fuhrwerk hinterm Hause verschwunden. Jetzt sprang über die Schwelle der Haustüre das Bethli und rief in den Gang zurück, in dem ein großes Lärmen war: »Gigi, gigi, Lunn! Ei, so fang nun die Hexe! Da ich ja eine Haghexe und ein Neckteufel bin, wie du immer sagst, so hast du jetzt deine Pfanne gesehen. So magst du denn künftig das Essen in der Schürze kochen, denn unsere Katze soll die Pfanne in die Ahornweid hinüberverschleppen, wo die drei weißen Frauen sitzen oder gar zu den Wildmännern im Duliwald. Lunn, Lunn, Brummhummel!« Gar laut lachte das Bethli auf und machte in den Gang hinein mit dem losen Spiel ihrer Finger eine lange Nase. 62 Schlürfende, tappige Schritte waren im Flur. Das Mädchen stob das Vorstieglein hinunter. Und wie nun oben die ungelenke, breitschultrige Magd, die Lunn, mit zornigen Augen und hochrotem Gesicht, sich im halbrunden Ausguck des Stiegenbrückleins zeigte, hockte das Bethli schon auf dem Brunnentrog und lachte sie erst recht aus. »Wart nur, Lachbeth, du Wildling!« lärmte die Magd in den Morgen hinaus, »gnad dir Gott, wenn ich dich erwische! Bist dann alt genug.« »Ja, wenn du mich erwischest«, höhnte das Bethli. »Und zudem, es fürchtet mir vor dir nicht eben viel.« Die schwerfällige Magd trampte, bebend vor Empörung, so eilig sie's vermochte, übers Vorstieglein hinab. Wie sie aber, mit hochgeschwungener Schöpfkelle, watschelnd und linkshäldig, auf den Brunnen losrückte, wurde sie von einem kalten Windregen überfludert, sodaß sie zurückwich. Auf dem Brunnenrand, an der Holzröhre, stand das Bethli und verwandelte mit kundigen Fingern das herausschießende Wasser in einen Springbrunnen von regenbogenfarbigen Wirbeln und klatschenden Fächern, die der Lunn den Atem benehmen wollten und sie im Hui triefendtropfendnaß machten. »Kann ich jetzt hexen, Lunn?« schrie das Bethli. »Sagst ja immer, ich sei eine Hexe, eine Haghexe, eine Waldhexe, eine Wetterhexe. Siehst du, nun bin ich gar auch noch eine Brunnenhexe!« Wie ein Springbrunnen voll silberner Kügelchen 63 trillerte Bethlis Lachen himmelan. Und bevor die Magd recht zu sich kam, war es vom Brunnen weg, an ihr vorbei und übers Stiegenbrücklein hinauf, ins Haus hineingewischt. Tätsch! schlug die Haustüre zu. Die Magd war nun völlig wild, recht unglücklich war sie. »So macht sie's einem immer!« lärmte sie in die Äcker hinüber. »Und ich hab sie doch nur Haghexe geheißen. Ist sie denn etwa keine? So ein Fegnest, so eine Hornisse! Den ganzen Tag ist man bei ihr herum, wie in einer Hexendrille. Mehr kommt ihr in den Sinn als hundert heikelnäschigen Ziegen und toller tut sie, wenn sie abkommt, als ein Hochwasser. Und doch staunt sie dann Handkehrum wieder in irgend einen Winkel hinein und macht Augen an einen hin, daß es einem schier fürchtet. Es ist zum Verwilden, zum Davonlaufen ist's! Und nun hat sie mir gar die Pfanne von der Katze verschleppen lassen, bloß weil ich ihr Haghexe und Staudenhexe zugerufen habe. Und ich hab's doch bloß getan, weil sie mir in der letzten Nacht einen ganzen Knäuel glitschiger, eiskalter Frösche auf den Laubsack, unter die Bettdecke versteckt hat. Hu!« kreischte sie auf, »ich darf nicht dran denken, wie's war, als ich mich hineingelegt habe! So eine Hexe, ja, eine Hexe!« lärmte sie wütend. »Aber ich sag's ihrem Vater schon, dem Sebimaria, sobald er von der Sattelalp heruntersteigt. Ich komme immer weniger aus ihr. Sie kann doch sonst so lieb, so gut zu einem 64 sein, wie man's nicht bester wünschen möchte. Aber nun wird sie immer launischer und geht oft mit einem um, wie der Föhnwind mit einem Laubhaufen. Wenn ich schon nur eine Magd und ein dummer Totsch bin«, sie bekam eine weinerliche Stimme, »so lasse ich mich von dem Lachbethli doch nicht alleweil necken. Ich . . .« Nun bekam sie's völlig mit der Trübsal. Aber als sie sich, tieftrauernd, auf den Brunnentrog niederließ, höckte sie sich grad dorthin, wo er überfloß. Also fuhr sie, fuchsteufelswild und wätschnaß, wieder auf und die Kelle schwingend, schrie sie: »Ich muß die Pfanne wieder haben, die Pfanne muß ich haben, sonst kann ich die Froschschenkel nicht übertun und kochen, die mir der Sebeli und der Bäneli gestern zugetragen haben. O Herrgott doch auch! Die Pfanne will ich, die Pfanne!« Sie watschelte hurtig davon und machte sich, der Katze nach, hinters Haus. Drüben in den Äckern hatte man wenig auf Bethlis Lachen und das Geschrei und aufgeregte Getue der Magd gehört. Es waren diese Neckereien auf der Sonnenhalde nichts ungewohntes. Diese ewige Unruhe, das Bethli, wird eben der alternden und immer unwirscher werdenden Lunn wieder einmal einen Streich gespielt haben. Auf diesen Äckern nun, auf denen in sonnigen Sommern etwas Hanf, Hafer und Gerste geriet, arbeitete schon seit dem frühen Morgen Vitus Wiler, der Bauernsohn aus dem St. Galler Tiefland, und zwar hackte er 65 den Boden um. Es halfen ihm dabei zwei ältere Tagner aus dem Weiler des Euthals; nötige Hühnerbäuerlein, deren paar Geißen auf der Allmeind herumzufahren und zu weiden pflegten. Der eine, der Langresl, ein langaufgeschossener, ausgetrockneter Dörrling, hatte einen so umfänglichen dreizerteilten Kropf, daß es die Leute immer bedünken wollte, er stoffle mit drei Sentenschellen am Hals daher. Der König von Euland hatte ihn zu seinem Haushofmeister und Ceremoniar ernannt, woran die Leute, zum Verdrusse ihres ärmlichen, beinmagern Talgenossen, viel Freude hatten. Noch mehr kränkte sich über den König der andere Tagner, der Gängeli, ein gar geringes, fast häßliches Männchen, mit einem starken Buckel. Von ihm sagte der Alte auf der Sonnenhalde, dieser Gangulf oder Gängeli sei sein Reiteroberst und seine ungewöhnlich krummen Beine, auf denen er wie eine Wiege herumwackle, habe er vom vielen Reiten. Obwohl nun diese armen Teufel diese ihre Titel schon lange hätten gewohnt sein dürfen, erbosten sie sich doch immer wieder darüber. Im Schweiße ihres Angsichts hackten nun die drei Mannsleute drauflos, denn der Boden war recht steinig. Sie waren aber nicht allein in den Pflanzländern. Heute machte sich, ziemlich gebückt, auch Zachris, der König von Euland, hinter ihnen her. Er las Steine von der umgebrochenen Erde auf, sie in einen Handkorb, einen Kratten, den er mit sich trug, sammelnd. Immer wieder einmal blieb er stehen, um aufatmend, den Kratten für 66 eine Weile abzustellen und dem Marieli, das ihm mit einem Zainlein folgte, einen warmen Blick zu geben oder seine zwei Enkelbüblein, den Sebeli und den Bäneli, die ihm eine Gelte nachschleppten, ein wenig zu loben. Nämlich, von Zeit zu Zeit pflegte sich der Greis auf die Goldsuche zu begeben. Er behauptete, sein Königreich Euland sei durch und durch goldhaltig. Man müsse freilich die Augen dafür haben, um die Steine herauszufinden und zu erkennen, in denen sich das Gold verberge. Ihm seien sie durch seinen Talisman geworden. Also fand er's bald in Bächen, bald in verlorenen Runsen, ja auf der Gasse. Heute aber suchte er's in den Steinen der aufgebrochenen dampfenden Ackererde. Er schien es auch zu finden, denn sein Kratten war schon schwer von Steinen. Auch Marielis Zainlein und sogar die Holzgelte der beiden Knaben begannen von all dem Gestein und Geschiefer, das der Alte ab und zu dreinwarf, anzuziehen. Wenn er glaubte, einen außergewöhnlichen Fund getan zu haben, rief er alle zu sich. Alsdann erklärte er ihnen an irgend einem Stein, wie er von Goldstreifen durchzogen sei oder wie das Gold von innerhalb durchschimmere. Immer beeilten sich alle, das was er gesehen haben wollte, mit seinen Augen zu sehen und es höchlich zu bewundern. Das Marieli in heiligem Glauben, die Büblein, weil sie sich bei alledem nichts dachten, Vitus, der Knecht, aber, um ihm nicht wehzutun. Die zwei Tagner jedoch, weil sie seinen Zorn fürchteten; denn als der Gängeli, der einmal auf 67 seinen Sichelbeinen auf der Sonnenhalde in einer Runs eine Sperre errichten half, dem steinesammelnden Alten in seinem Unmut keck sagte, er sehe am vorgezeigten Schieferstück nichts als Dreck, schlug er ihm den Hirtenstab über den Buckel und drohte, ihn als Reiteroberst abzusetzen, denn durch einen blinden Esel könne er seine Reiterei nicht zu Krieg führen lassen. Seither erblickte auch der Gängeli in den Steinen, was der König von Euland gern haben wollte. »Kinder«, hob jetzt der Greis zu den Umstehenden, unter denen die beiden Knaben recht gelangweilt aussahen, zu reden an, »wißt, nun habe ich bald meine Kammer, den Dachboden und die Seitenlauben des Hauses voll von diesen kostbaren Steinen. Alsdann fülle ich noch den Schopf und das Tenn der Scheune an. Würde ich nicht zu müde, stiege ich auch auf unsere Sattelalp, wo's eine Wasserrunse gibt, die Goldbächlein heißt. Mit dem vielen Gold, das es gewiß enthält, würde ich die Alphütte voll machen. Vielleicht steige ich eines Tages noch hinauf. Immerhin, was meinst, Marieli, nun haben wir doch schon einen schönen Haufen lauterlötiges Goldgestein beisammen. Sobald meine Geliebte, Frau Katharina, aus dem Frankenland angekommen ist, werde ich auf der Hagelfluh das Schloß mit den hundert Sälen bauen lassen. Darunter aber im Felsen soll man mir eine Schatzkammer aushöhlen, für meine Enkelin, fürs Bethli, das einst nach uns die Krone meines Alpenreiches tragen soll. 68 Sie hat das Zeug dazu. Denn das sage ich euch«, redete er ernst, »der Lachvogel, das Neckkoboldchen ist in meiner großen Enkelin nicht das letzte. Hinter dem allem her gespenstert noch ganzanderes, ernsthaftestes. Das weiß ich. Die Funken, die ihr jetzt so lustig aus den Augen springen, kommen aus einer abgründigen Glut. Und aus dem Rauch und Nebel, den sie uns etwa macht, tritt eines Tags der feinste Stern heraus. Aber dann, fürchte ich, ist's auch Nacht, denn«, setzte er sinnend bei, »was ein rechter Stern ist, zeigt sich im Dunkel; je tiefer die Nacht, desto heller der Stern. Ihr muß eine Schatzkammer unters Schloß gebaut werden. Wenn sie ihren königlichen Großvater auch ab und zu ein wenig am Bart zupft, hat er sie dennoch lieb.« Er lächelte. »Sie hat es ja doch von mir«, machte er schalkhaft. »So ungefähr war ich auch: Ein Lachvogel, aber in einem finstern Wald; denn du mußt wissen, Marieli«, wandte er sich geheimnisvoll, die Hand am Mund, an seine aufhorchende kleine Enkelin, »die Königssöhne der ganzen Welt sollen sich im Schloß auf der Hagelfluh nach und nach zeigen, wenn wir, ich und meine erlauchte Frau Katharina, des Regierens müde sind. Wundern werden sie sich über seine Schätze. Alsdann mag sich das Bethli den würdigsten und schönsten Prinzen aus ihnen auslesen.« »Ja, Herr König, aber was darf ich dann werden?« fragte schüchtern, halblaut das Marieli. »Du?« Er sann nach. »Es ist mir, ich hätte dir schon 69 irgend einmal ein Amt gegeben. Aber, ja, ich will es noch bedenken; du könntest vielleicht . . . Du gutes Kind, ja, ich will's überlegen. Was meinst, vielleicht könntest du die goldene Wiege treten, wenn man deiner königlichen Schwester alsdann eines Tags ein Kindlein bringt. Oder du . . .« »O ja, Großvater, das will ich gerne tun!« rief das Marieli aus. »Den ganzen Tag möchte ich nichts anderes tun und die Nacht hindurch als Kindlein wiegen. Aber«, machte sie mit ernsten Augen, »versäumt es ja nicht, das dem Bethli anzudingen, sonst vergißt sie's sicher und heilig.« »Und was müssen denn wir machen, wenn wir groß sind?« wunderte jetzt auch der Sebeli, angesteckt von seinem Schwesterlein. »Ihr Buben?« Er lachte auf, wobei die Goldkügelchen, die an seinen Ohren hingen, zitternd, gleißend mitzukichern schienen. »Ja, meine Kleinen, wie könnt ihr nur fragen. Sobald ihr groß seid, habt ihr ein Schwert in der Faust, so fest als wär's mit ihr verwachsen. Alsdann werdet ihr eben wie euere Ahnen Handgeld nehmen und in fremde Länder zu Krieg ziehen und schauen, wie ihr euch durch den Krüppelwald der Welt durchhaut. Vielleicht bringt ihr's auch zu einem Hochsitz. Was ein ganzer Mann ist, verläßt sich nicht aufs erben, sondern aufs erwerben. Oha«, rief er aus, den vor ihm her hackenden Männern nachgehend, »dort liegt wieder ein großer Stein, 70 dem ichs von weitem ansehe, daß man aus ihm eine Kappe voll Sonnenkronen münzen könnte. Kommt, Kinder, kommt! Fleißen wir uns! Das ist eine gesegnete Zeit. Nicht alle Leute treffen es so gut, wie wir, daß ihnen das Gold also vor den Füßen wartet. Eilen wir, sputen wir uns, sammeln wir! Denn, das sage ich euch: Hast du das Gold, ist dir alles hold.« Er richtete sich völlig auf. »Hört, Kinder, hört, ihr Leute«, redete er, erst zu Tal und dann gen die Krummfluh und die Wildegg hinaufschauend, »ihr müßt wissen, daß vor alten Zeiten hierlands noch keine Menschenseele etwas von Gold wußte. Das war damals, als unsere Ahnen, als eine geringe versprengte Horde durchs Wäggital, am großen und kleinen Äubrig vorbei, in die Wildnis des Euthals gelangten und sich da einnisteten. So abseitig war's da, daß sie glaubten, noch keines Menschen Fuß sei da umgegangen. Wie sie nun aber eine Zeitlang sich in diesem Engtal eingelebt und der Sonne, als ihrer Gottheit, die einzig mit ihnen durch dick und dünn gegangen war, soweit nachgeholfen hatten, daß sie ihnen über die gefällten Tannen auf ihre Hütten scheinen konnte, merkten sie bald, daß sie nicht die einzigen Wesen in der rauhen Bergwelt seien. Wenn sie den Bären hetzten, den Wölfen wehrten und gar den Hirschen Fallgruben machten, stießen sie zuweilen auf drei Wildmannen, die gar unheimlich aussahen. Sie waren haarig, ja pelzig wie wilde Tiere, und so stark und behend, daß sie den Luchsen mit den Händen zu erwürgen 71 und den Hirschen im Lauf zu überholen vermochten. So geschah es denn, daß die drei Wildmannen einst unversehens vor der Hütte unserer Urahnen auf der Sonnenhalde standen. Erschrocken traten diese zu ihnen heraus und jetzt erst wurde es ihnen so recht augenfällig, was für ein erschreckendes Aussehen die drei Wildlinge hatten und wie sie einander so ähnlich waren, als wären sie Drillinge. Aber wie erschracken sie erst, als diese Riesen von ihnen verlangten, daß Werdi, ihre schönste Tochter, die weißeste Jungfrau im Lande, einem von ihnen in die Wildnis folgen müsse, und zwar jenem, dessen Gabe ihr am meisten gefalle. Drei Jahre hindurch dürfe sie ihre Geschenke prüfen, darnach aber müsse sie sich entscheiden. Des einen Wildmanns Gabe aber war ein Steinnäpflein voll glühender Kohlen. Der andere stellte einen Kratten voll Roggenkörner vor des Mägdleins Füße und der dritte machte vor ihr eine hohle Hand und in dieser lagen, wie in einem Vogelnest, zwei kleine Kugeln, die aus lauter Sonne geworden schienen, solch einen Glanz gaben sie. Sie hingen mit Kettchen, die so fein waren wie Rauhreiffädlinge, an zwei goldenen Ohrenringen. Kaum waren die Wildleute weg, hatte Werdi das goldene Gehänge mit den blitzenden Kügelchen schon an den Ohren. Und obwohl nun ihre Eltern und das Tal tausendmal lieber das Feuer, das sie noch nicht gekannt hatten, behalten hätten, oder doch den Roggen, der ihnen schon nach einem Jahr das Brot aus der harten Erde 72 gezogen hatte, so wollte Werdi doch nicht auf die goldenen Ohrenglänggelein mit ihren glitzerigen Kugeln verzichten. Allundeintag besah sie sich in allen Wassern und Wässerlein und schwur hoch und heilig, sie werde diesen Schmuck nie mehr von sich abtun. Mit den Wildmannen aber, meinte sie, komme sie schon zu einem für alle gedeihlichen Ende. Wie nun das dritte Jahr um war und eines Tages richtig die drei scheusäligen Wildmannen auf der Sonnenhalde vor der Hütte standen, trat Werdi, mit ihrer ganzen, schwerbekümmerten Sippe zu ihnen heraus und redete sie herzhaft also an: »Nun will ich dem folgen«, sagte sie, »der mir vor drei Jahren das goldene Ohrgehänge mit den kleinen Kugeln geschenkt hat. Und jetzt redet, welcher von euch ist's? Denn da ihr euch alle drei so gleichseht, wie ein Ei dem andern, so vermag ich's nicht zu sagen, wer von euch mir die Ohrenringe gegeben hat.« – »Ich bin's!« lärmte einer so toll vor Freude heraus, daß das Echo an der Krummfluh erschrocken aufschrie. Aber wie er in glühender Gier nach der Maid greifen wollte, hingen sich die beiden andern an sein zottiges Fell und in sein Haar, denn sie mochten sich unterdem gar rasch besonnen haben. »Nein, ich bin's, ich bin's!« brüllten sie heraus. Und als nun der erste die Werdi anschrie: »Glaub's nicht, glaub's nicht, ich bin's!« lachte sie laut auf und sagte: »Ja, meine lieben Wildmannen, so kann ich euch nicht helfen, denn allen dreien habe ich mich nicht versprochen. Kehrt jetzt nur wieder in euere Wälder 73 zurück. Sobald ihr dann wißt, wer unter euch der ist, der mir die Ohrenringe gegeben hat, so mag er kommen und sie samt meiner holen.« Da fuhren die drei Waldteufel in rasender Wut gegeneinander, ab und noch lange hörten sie die Hirten auf der Sonnenhalde und im ganzen Land die Wälder durchheulen; und noch lange darnach lebte alles ihretwegen in Ängsten. Nur Werdi blieb frohgemut und sagte immer wieder: »Fürchtet euch nicht, diese drei Wildlinge kommen nie mehr.« Und als sich nun die Euthaler eines Morgens doch wieder in die Wälder wagten, um einen Bären zu stellen, der ihnen die Schafe schlug, sahen sie mit Grauen die drei Wildmannen, völlig ineinander verknäuelt und verbissen, in den Krummfluhtobeln liegen. Sie hatten sich wohl im grimmigen Kampf um Werdi selber in den Abgrund heruntergezerrt. Aber wenn nun nachher die Leute auf der Sonnenhalde in den Hochwinternächten die Wölfe um ihre Hütte schleichen und heulen hörten, glaubten sie die Stimmen der Wildmannen aus dem Geheul zu erkennen. Da waren sie dann fast sicher, daß sich ihre Seelen in Wölfe verwandelt hatten und nun also nach Werdi trachteten, um sie zu zerreißen. Die aber lag wohlgeborgen in ihrem Laubbett und lachte sie aus. So kam's, daß unsere Ahnen in grauer Vorzeit, Feuer und Brot, die listige Werdi aber auch die goldenen Ohrenringe mit den kleinen Kugeln behalten konnte. Und bald darnach, als sie sich eines Tages im Eubach beschaute 74 und sich an den glitzerigen Goldkügelchen an ihren Ohrenläppchen endlich satt gesehen hatte, und nun aus lauter Langeweile nach Forellen zu suchen begann, behutsam Stein um Stein ein wenig aufhebend, sah sie, zu ihrem Erstaunen, hie und da einen Stein goldig glänzen. So hatte sie denn bald heraus, daß sie goldsichtig geworden war. Wo immer sich Gold verbarg, vermochte sie's zu sehen, aber freilich nur, wenn sie ihre Ohrenringe trug. Von Geschlecht zu Geschlecht vererbten sich dann diese kleinen Goldkugeln, bis hinab auf unsere Tage. Allein unsere Ahnen müssen alsdann nach und nach ihre Zauberkraft vergessen oder die Ohrenringe nicht mehr getragen haben. Vielleicht auch achteten sie des Goldes nicht mehr so besonders als sie sich zu den Herren unseres Berglandes gemacht hatten. So war es denn mir vergönnt, eines Tages, als ich eifrig nach Gold trachtete, da ich den großen Palast auf der Hagelfluh im Sinn hatte, den Zauber der Ohrenringe zu merken. Kinder, Kinder«, rief er aus, »seid guten Muts! Ich will noch das ganze Land reich und glückhaft machen, also, daß die Freuden und Freudlein, wie das Gras um Mitte Mai so dick, zu unserm Boden herauswachsen sollen.« Der Alte blinzelte dem Marieli und den Kindern freundlich, fast schalkhaft, zu. Darnach machte er sich wieder hinter den Hackerleuten her und begann aufs neue mit prüfenden Augen die bloßgelegten Steine zu besehen und ab und zu einen in seinen Kratten zu sammeln oder in 75 Marielis Zainlein und in die Gelte der zwei kleinen Enkel zu werfen. Der König von Euland hatte aber heute ein recht unkönigliches Gewand an. Er hatte die Krone und das Zeichen seiner Gewalt, den vergoldeten Hirtenstab, sowie auch den weinroten Mantel, das zerschlissene Wams und die hirschledernen Bundschuhe, zu Hause gelassen. Nur wenn er sich, mittags gewöhnlich, auf den obern Ofenumgang setzte, pflegte er in vollem Königsornat zu prangen und Sonnabends, wenn er seinen Zug nach der Hagelfluh, der Königin Katharina entgegen, unternahm. Werktags jedoch, fast solange es Tag war, gab er sich als schlichter Bergbauer und suchte sich noch so nützlich zu machen als er konnte. Denn, sagte er, auf Vorhalte, die Arbeit sei Werktags das schönste Königsgewand. Der aber sei von vornehmstem Adel, der sich durch seine Tatkraft jeden Tag selber zum Ritter schlage. Ein nichtswertiger Tropf sei, wer im Schatten seines Vaters müßig sitze, auch wenn seine goldenen Ohrenringe bis auf den Boden herablampten. Eine Biene, die sich umtue und sammle, gehe über tausend Drohnen, die im Stock schlafen. Es könne einer ein hundertarmiger Leuchter sein und aus eitel Gold und doch der Welt im Dunkeln nichts bedeuten gegen einen brennenden Spahn. Ein Leuchter sei noch kein Licht. So trug er denn jetzt nur seine rauhe, kurze Hose aus Wildleder, die auch ein lederner Gürtel hielt. Sonst 76 war er nackt und braungebrannt vom Kopfe bis zu den bloßen Füßen. Aber sein schneeweißes, vom Wind etwas zerzaustes Haupthaar hing ihm fast auf die Schultern herab und unter dem breiten Bart hervor baumelte sein Holzkreuzlein. Also fuhr er denn angelegentlich fort Steine in den Äckern aufzulesen. Er griff aber nach keinem, der ihm nicht goldhaltig schien. Und bevor er ihn in den Kratten oder sonstwie versorgte, reinigte er ihn so gut er's vermochte und beaugenscheinigte ihn dann aufs einläßlichste. Als er aber, müde vom ewigen Bücken, ein wenig ausruhte, waren Kratten, Körblein und Holzgelte ziemlich steinbeschwert und die Knäblein, der Sebeli und der Bäneli, sperberten offen und verstohlen immer gegen das Sonnenhaldenhaus hinüber, ob denn nicht das Lachbethli bald einmal mit dem Neunuhrimbiß anrücke. »Ja, ja«, machte der Greis, seine Schätze überblickend, »heute haben wir wieder reich geerntet. Nun liegt das Gold schon haufenweise in meiner Kammer und im ganzen Gehöft der Sonnenhalde herum. Man vermöchte draus eine Kette von hier nach der Schrähhöhe, ja, übers ganze Tal der Minster und der Sihl bis an den Roggenstock zu schmieden, wo die Spielhähne drauf tanzen könnten. Schau die Leute an, Marieli!« raunte er dem immer noch arbeitswilligen Großkind zu, »schau die zwei Tagner an, die da vor uns mit dem fremden Burschen, mit Vitus, diesem Knecht, der einer Königstochter nachzuhalten wagt, 77 ihr strenges Tagwerk tun. Wer denn könnte sich's denken, der's nicht weiß, daß sie zur Auslese meines Hofes gehören; daß der eine, jener kurze buckelige Wicht, der krummbeinige Gängeli, ein gar gewaltiger Kriegsmann und einer der sattelgerechtesten Reiter der Welt ist und daß der dreikropfige Langresl bei Hof den galanten Lecker spielt, der als mein Haushofmeister mit den schönen Damen schäkert. Denk dir, Maiteli, wie das großartig aussehen wird, wenn dieser Gängeli eines Tages hoch zu Roß sitzt!« Das Marieli schaute auf den abgewerkten, ausgesafteten, vom Leben, wie die Tätschhäuschen des Landes, völlig dunkelgebeizten Tagner Gängeli, der in seinen Lumpen mühselig draufloshackte. Es vermochte sich, obwohl es das krummbeinige Männchen aufs eingehendste betrachtete, kein befriedigendes Bild von ihm, als eines strahlenden Reiters, zu machen. So folgte es denn geduldig seinem Großvater, der wieder Steine aufzuheben begonnen hatte. Seine klagmarterisch werdenden Brüderlein aber suchte es mit halblautem, tröstendem Zuspruch zu geschweigen und hinzuhalten. Es wollte jedoch nicht viel helfen; sie verlangten immer vernehmlicher nach dem Imbiß. Auch die Tagner, der Langresl und der Gängeli schielten immer häufiger nach dem Sonnenhaldenhaus hinüber, während Vitus Wiler unentwegt, den Blick auf der Scholle, weiterwerkte. Nur einmal hob er jetzt den Kopf und stützte sich, ein wenig ausruhend, auf seine Hacke, als aus der 78 Sonnenhaldenstube ein Auflachen dem andern nach, in den Frühlingstag herausflatterte. Jetzt kam ein frischer, etwas rauher Wind, von Sonnenaufgang, am kleinen Äubrig vorbei, über das ganze Weidland und es war, als wehe er das blaue Zelttuch des Himmels mit über die Euthalberge herein. Das Marieli fröstelte und dem Alten flog das weiße Haar ums Haupt. Eben hatte er dem Kind wieder einen Stein ins Zainlein gelegt. »Hast du kalt, Marieli?« fragte er. »Siehst, Kind, du darfst dem Wind nie böse sein, auch nicht, wenn er, wie heute, kaltlüftig daherkommt. Wie der rauwollige Bauer die willigen Äcker bereitet, so segnet der morgenfrische Wind sie und die ganze Erde mit Fruchtbarkeit. Das ist, weil es, wie alles was wohltut, von Sonnenaufgang herkommt. Drum heißt man ihn auch Gutwetterwind. Ich will dir aber etwas sagen, Maiteli. Es gibt einen Wind, von dem alle Lüfte ausgehen. Er heißt Allweg, der Wind. Und er ist's, der die Veilchen über Land schickt und die Schlüsselblumen und den leichten Atem. Er ist's aber auch, der die Urtannen von den Bergfirsten wirft und gar die Dächer unserer Hütten verträgt. Und nun komm, Kind! Ich sehe, du bist noch müder als ich und auch der Sebeli und der Bäneli warten sehnsüchtig aufs Neunuhrbrot. Komm, wir höcken uns da eine Weile aufs Ackerbord in die zittrigen Geißglockenblumen bis uns das Bethli kommt.« 79 Und als sie nun im Frühgras saßen, das bürstendick hervorquoll und die Buben, auf dem Grabenrand hockend, ihre Barfüße im Wasser herumfludern ließen, sagte der Greis, der das Marieli im Schoß hatte: »Also, Kind, daß du's mir behaltest: Der Vater und Herr aller Winde heißt Allweg. Er ist nirgends und überall und weiß kein Mensch, wo er zu Hause ist. Man sagt, er falle vom Himmel, aber ich glaube es nicht. Fährt er doch etwa wie ein Geier aus den Bergwäldern herab auf uns los und haut uns die heißen Flügel um die Ohren. Oder er jagt, eiskalt und scharf wie eine Sense, aus dem sumpfigen Hochmoor und der kahlen Heide der stillen Sihl herauf und versengt uns das Frühgras. Und einmal«, er raunte es Marieli ins Ohr, »denk dir, einmal ist er mir gar aus zwei Augen ins Gesicht gesprungen und hat mich in einer Windhose auf all den Gassen der Stadt Paris herumgewirbelt, bis ich fast und gar den Verstand verlor. Denn, mußt du wissen, Kind, er kann in einem einzigen Wort Platz finden und verborgen sein und doch die Kraft haben, einen ins Grab hineinzuverwehen. Du meinst wohl, essen nicht möglich, Marieli. Aber warte nur bis meine erlauchte Frau aus dem Frankenland kommt. Da wird denn gewiß jener Mann bei ihr sein, der Verse machen kann und der kann mir's bezeugen. Schau, Kind, sogar schon in den tiefsten Schlaf herein ist mir solch ein Wind gekommen und hat mir die Träume, wie das Herbstlaub im Buchenwald, heillos durcheinander gebracht. Deswegen 80 ist's, daß ich oft eine so unchristliche Mühe habe, sie wieder auseinander und ins Gleis zu bringen. Heijo, Marieli«, rief er aber, nach kurzem, trübem Hinstaunen auf einmal frohgemut aus, »ist das ein Kannalles, dieser Allweg, der Wind! Sogar die Orgel spielt er«, lachte er auf. »Ich lausche ihm oft, wenn ich nachts schlaflos auf dem Laubsack liege. Da treibt er sich um die Hütte und orgelt und orgelt. Aber freilich, so gewaltige Blasbälge er hat, so schön tönt's ihm ewig nie, wie es mir aus der Kirche zu Notre Dame de Paris entgegengeorgelt hat, wenn ich vor meiner königlichen Frau her . . .« »Sie kommt, sie kommt!« jubelten die Buben. Der Greis schaute fast verwundert auf. Das Bethli kam gemächlichen Schrittes, in einer Hand eine Zinnkanne und im Arm ein großes Roggenbrot, gegen die Pflanzländer gegangen. Eben hatte sie ein tolles Jauchzen durchs Land gejagt, wie sie übers Vortrepplein herabgekommen war. »Habt ihr Durst, mögt ihr essen?!« fragte sie, als sie nun aufs Grabenbord sprang, auf dem ihr Großvater mit ihren jüngern Geschwistern lagerte. »Ja, ja, Bethli, gib her!« lärmten die Buben. Aber der Alte sagte, das Marieli ab dem Schoß lassend: »So bist du denn auch wieder da, meine liebe Wildtaube, mein unruhiger Waldlandvogel! Nein, was du doch heute für blaue Augen hast! Wahrhaftig, da gehört ein Ring, und zwar ein breiter goldener darüber, 81 wie's einem Königskind geziemt und wie ihn oft die Sonne um den blauen Himmel legt. Gottwillkommen, Bethli!« Das Mädchen lachte hellauf, wie es den Alten so reden hörte, aber dann schaute es verdrossen auf dessen so unköniglichen Aufrust, auf seinen braungebrannten Oberleib, auf die welken Hände und die bloßen, schmutzigen Füße. Das Marieli sah fast beängstigt zu ihr auf. Auch ihr Großvater hatte ihre Blicke auf seine dürftige Bekleidung aufgefangen. Und als nun sein Angesicht ein wenig zudunkelte, ward Bethli für einen Augenblick verwirrt, doch gleich wieder lachte sie fröhlich heraus und sich vor dem Greis anmutig verbeugend, sagte sie: »Guten Morgen, Herr König! Ich denke, ihr werdet jetzt einen Schluck Milch und einen rechten Bissen Rauhbrot mögen. Kommt ihr alle! Wißt halt, es hat mich so gelächert, wie ich das Gesicht unseres Vitus hab ansehen müssen. Er schaut ja wahrhaftig aus, wie der heilige St. Baschi am Weg nach Oberiberg, völlig aus Holz gemacht. Mit keinem Auge hat er sich nach mir umgesehen, obwohl er mich hat merken können, eine gute Weile schon, bevor ich da in die Habergärten gekommen bin. Aber unser guter Bursche aus dem St. Gallerland ist halt auch so eine Art Heiligenstöcklein, nur daß er keine Wunder wirken kann.« Ihr tolles Auflachen schien weltum zu gehen. Vitus Wiler und die beiden Tagner hatten ihre Hacken in den Boden getrieben. Alle drei machten sich jetzt 82 auf die sonnigaussehende Haustochter zu, die eben den Großvater aus der großen Kanne hatte trinken lassen und nun daran war, den Kindern Brot abzuschneiden. »Bethli«, redete sie Vitus etwas ungehalten an, »wie kannst du einem doch alles ungut auslegen und verkehren, wenn's dir paßt. Wohl, freilich habe ich dich gemerkt, schon wie du aus dem Haus gekommen bist, und ich habe mich gewiß auf dich gefreut, wie sich einer nur freuen kann. Aber, mußt du wissen, wenn ich einmal gehörig am werken bin, so bin ich's und lasse mich nicht so leicht davon abbringen. Nichts für ungut! Nun bin ich ja für dich bereit, ich und die andern, gib nur her, was du alles hast!« Er wollte sie auf die glühenden Wangen küssen. Doch sie trat zurück und sagte, ihn und die Tagner trinken lassend: »Dreimal, Bursche hab ich dir heute schon aus meinem Guckauskämmerlein zugejauchzt und nie hast du auch nur einen Wank getan und ein wenig den Kopf nach mir umgedreht.« »Ach was, Dummheiten!« meinte er, »ich hab dir ja schon gesagt, wenn ich grabe, grabe ich. Deswegen, Schatz, kann ich ja doch an dich denken und dich gern haben. Oder nicht?« Sie schaute den Knecht unverwandt, mit tiefen, suchenden Augen an, während sie ihn aus der Kanne trinken ließ. Sie streichelte ihn gar über die erhitzten Wangen. Aber als er den Mund vom Gefäß weggenommen hatte, wuchs sich, zu seiner Überraschung, die 83 Liebkosung blitzgeschwind zu einem landskräftigen Backenstreich aus und auflachend, fast aufschreiend, rief das Bethli aus: »Bist halt ein gar wackerer, werkhafter Vitus aus den Ländern, wo die Wasser langsam fließen. Und ist keine Mutter hierherum, die nicht Freude hätte, wenn du zu ihrer Tochter zu Licht gingest.« »Die Mutter?« machte er, seine Wange ein wenig reibend, »das täte es mir nicht ganz. Ich denke, ihre Töchter hätten auch Freude, kröche ich ihnen über die Scheiter vors Fensterlein oder meinst du etwa nicht?« »Die Töchter vielleicht auch«, sagte sie zögernd, aber ihre Augen schienen mit ihrem Munde nicht völlig eins zu sein. »Und du hoffentlich freust dich auch, daß du mich auf den Scheitern hast?« fragte er beunruhigt. »Und ich hoffentlich auch«, redete sie, wunderlich lächelnd. Aber da packte sie ihn mit beiden Händen an den Schultern, riß ihn an sich, und ihre Augen kamen über ihn wie die Morgensonne über ein Ried im Nebel. Es ward ihm heiß bis in die Zehen hinunter. Als er sie aber herzhaft an sich drückte und den spärlich beschnurrbarteten Mund schon zu einem Kusse büschelte, kam des Alten Stimme vom Grabenbord: »Bethli, Bethli, bist du denn nicht eines Königs Enkelin, der dich für große Dinge ausersehen hat. So bedenke dich und halte Wacht über dich, bevor du dich mit irgend einem 84 umtust. Wer aus hohem Horste stammt, soll nicht im Moorgrund nisten wollen.« »Großvater«, machte verdrossen, fast spitzig, das Bethli, den Knecht fahren lassend, »sagt, könnte denn der Vitus nicht auch ein Königssohn sein im Knechtsgewand, wie ihr selbst es ja jetzt auch anhabt?« »Ja, beigott«, kam die Antwort, »manch einer ist wahrhaftig ein König im Gewand eines Knechtes, aber dann, Kind, muß man ihm den König dennoch anmerken; aus den Augen heraus muß man ihm die Krone glänzen sehen.« Das Mädchen ward rot, rot wie Blut, über und über. »Ja«, sagte es, »das ist wahr, wahr, wahr.« Sie packte Vitus mit beiden Händen um den Kopf und staunte ihm lange in die klaren, ernsten Augen hinein. »Was schaust du mich denn so an?« fragte er endlich verwundert, fast mißmutig. Sie ließ ihn langsam fahren und den Kopf schüttelnd, lispelte sie in sich hinein: »Ein Weiher. Es könnten vielleicht eines Tags Seerosen drauf schwimmen, vielleicht auch könnte er noch kälter werden und gar vereisen, aber vielleicht . . . Der Teufel, der Höllenhund doch auch!« schrie sie auf. »Was muß ich denn die Nase in alles stecken! Bin denn etwa ich eine Königstochter? Bin ich nicht des Sonnenhalders Sennen, des Sebimaria Älteste und ein leerer Hupfauf und ein rauhwolliges Bauernmaitli?« »Ja«, sagte ruhig, todsicher, der Alte, »du bist ein Königskind vor Gott und Welt, denn du bist mit jeder 85 Faser deines Wesens die rechtmäßige Nachfolgerin des Königs von Euland.« Langresl, der schmale, tristenstangenhohe Tagner, der nun die Zinnkanne im Schoß hatte, verzog spöttisch sein Froschmaul und verschüttelte den Kopf also, daß es dem Sebeli und dem Bäneli war, sie müssen seinen dreifachen Kropf noch schellen hören. Das krummbeinige Buckelmännlein jedoch, der Gängeli, der sich eben ein gewaltiges Ringelum Brot abgeschnitten hatte, hütete sich wohl, auch nur mit einer Wimper zu zucken, denn er hockte gar nahe beim Greise auf dem Grabenbord. »Bin ich ein Königskind?« machte das Bethli, nachdenklich auf ihren Großvater sehend, dem das Marieli mit emsiger Hand die weißen, etwas durcheinander geratenen Haarsträhnen zu ordnen und auszustrählen suchte. »Man müßte denn doch zuerst ganz sicher und heilig wissen, ob ihr wirklich und wahrhaftig ein König seid, Großvater«, sagte sie jetzt mit erhobener Stimme, mutig, mit funkelnden Augen auf den Alten hinabsehend. »Bethli, Bethli, was sagst du!« schrie das Marieli auf. »Wie kannst du so gottlos reden?! Wart nur, das sage ich dem Vater.« »Ja, beim Strahl, das müßte man erst einmal sicher wissen«, wiederholte fast schreiend laut, brandzündrot, die Große. Die beiden Tagner konnten ein schadenfrohes Grinsen nicht völlig verbergen. 86 Vitus jedoch raunte dem Mädchen zu: »Was ist's denn heute wieder einmal mit dir, Bethli?! Was fällt dir ein, wie redest du da mit deinem Großvater?! Wie kannst du ihm denn so weh tun und ihm das gar ins Gesicht sagen, was doch jedes Kind sehen könnte, daß er kein König ist, so wenig als ich einer bin.« »Nein«, gab sie, ziemlich rasch, leise zurück, ihn ernst, kühl ansehend, »nein, Vitus, du bist keiner. Aber dennoch muß ich dich liebhaben. Ich muß, ich muß.« Sie fuhr ihm ins Haar und schüttelte ihn tüchtig. »Jesus Gott«, seufzte er, »bist du eine, bist du eine Wilde! Ich komme bald gar nicht mehr aus dir.« »Ja, du bist keiner, nun weiß ich's gewiß«, sagte sie laut, »Gift will ich drauf nehmen, daß du kein König bist.« »Natürlich nicht, du Närrlein«, lachte er auf. »Ob aber der Großvater einer ist, in Wirklichkeit einer ist, das möchte ich gerne heraushaben, sicher muß ich's wissen. Ist er keiner, so bin ich auch nur eine geringblütige, nichtsige Magd, aber dann bin ich erlöst und lasse mich vielleicht von dir einspannen, wie ein Zugrind und gehe mit dir wohin es dich treibt, du lieber, du grundguter Vitus du!« rief sie lärmend aus und gab dem Burschen einen Stoß, daß er fast in den Graben gefahren wäre. »Herrgott, Herrgott, du Luchsin, wie tust du denn?!« machte er, sie völlig erschrocken anstaunend. Aber mit 87 stark verärgertem Gesicht redete er dann: »Es wird ja immer schöner mit dir, Maitli, es ist ja grad, als ob du mir die Sonnhalde verleiden wolltest.« »Nein, Vitus«, sagte sie rasch, »bleib bei mir! Ich hab dich lieb, aber«, leise, fast ingrimmig redete sie's in sich hinein, »aber wissen muß ich's, wissen.« Ihre Augen gespensterten um ihres Großvaters weiße Haare, auf die Marielis Tränen fielen. Jetzt hob der Greis die versonnenen Augen und zu seiner Enkelin aufschauend, sagte er: »Bethli, du bist nun einmal unsere Spottdrossel. So wollen wir dir, was du redest, so wenig auf die Goldwage legen, wie das was jener Waldvogel ruft. Du weißt ja wohl, wie sehr ich an dir hange und daß ich gerade dir, nach meinem und meiner Königin Ableben, des Reiches Herrlichkeit vorbehalten habe.« »Großvater«, antwortete ihm die Maid, »nehmt's mir nicht für ungut! Denn ich habe es gut gemeint; ich meine es immer gut, wenn's auch oft mißrät und einen schlimmen Anschein bekommt, weil ich's oft anders geben muß als ich's von Herzen geben möchte. Aber«, kreischte sie, sich kerzengrad straffend, »sei das wie's wolle, ich will's wissen, Großvater, wissen will ich's!« Sie entriß den aufschreienden kleinen Brüdern, dem Sebeli und dem Bäneli, das große Roggenbrot, an dem sich nun alle gütlich getan haben mochten, und flugs griff sie auch die leere Milchkanne aus den Erdschollen auf, 88 sprang über den Graben und rannte, aufschreiend, mit einem tollen Gelächter, aufs Sonnenhaldenhaus zu. Aus warmen Augen schaute ihr Zachris, der Alte, nach. »Sie schreit wie ein Falke«, redete er vor sich hin, »wie ein Königsweih. Aber freilich, sie ist eben auch Falkenart. Was will denn nun dieser Gokel bei ihr?« Er streifte flüchtig den Knecht. »Wie würden seine Federn stieben!« Er lachte kurz auf, dann erhob er sich und seinen Kratten wieder zuhanden nehmend, stapfte er bedächtig hinter den hackenden Mannen her, gefolgt von Marieli mit dem Zainlein und den Buben, die ihre stark beschwerte Holzgelte jetzt singend, lärmend, hin- und herschwangen. Auch Vitus Wiler, der mit immer unschlüssigern, fast scheuen Augen dem abziehenden Lachbethli nachgestaunt hatte, erhob jetzt, kopfschüttelnd, seine Hacke aufs neue und begann unmutig weiterzuwerken. Aber als sie alle wieder, so oder anders, in Tätigkeit waren, ging so leise als möglich drüben im Sonnenhaldenhof die Haustüre und gleich darauf rauschte es, kaum hörbar, in den Erlen und Haselstauden, die sich in einem Rünslein bis dicht an die Äcker heranließen. Das Bethli schlüpfte aus dem Busch. Mit bloßen Füßen setzte es lautlos über einen Graben auf die Äcker und schlich sich also auf ihren eifrig Steine sammelnden Großvater zu. Niemand merkte sie, da es viel Lärm in den Feldern gab, weil die Knaben ihrem Schwesterlein eine Eidechse in seine kleine Zaine hineinzubringen trachteten 89 und es sich verzweifelt gegen sie wehrte. So kam Bethli ohne beachtet zu werden, hart an den Alten heran. Sie hielt den Atem zurück und ihre Augen flammten. Mit hastigen Händen nahm sie des Greises Krone, die sie hinterm Rücken verborgen hielt und setzte sie ihm gar behutsam aufs weiße Haupt. Und siehe, er spürte es nicht, denn ihre Hände waren leiser um ihn gewesen als Fledermäuse in der Dämmerung. Ein paar Sprünge – und sie steckte schon wieder im bergenden Gesträuch. Dort kniete sie ab und sperberte durch einen blühenden wilden Zwetschgenstrauch, nach ihrem Ahnen. Dieser sammelte unentwegt Steine in seinen Kratten. Der scharflüftige Ostwind trieb ihm immer wieder den weißen Bart auf die Schulter und zerzauste ihm das Haar, also daß es ihm wie Rauhreifbüschel um den Kopf hing, was die nackten Schultern und den Rücken noch brauner erscheinen ließ, als sie so schon waren. Dabei stampfte er in seiner Lederhose in der aufgebrochenen Erde herum, sodaß seine bloßen Füße und Waden immer schmutziger wurden. Die Krone jedoch glänzte ob dem gebückten, an der Erde klebenden alten Menschen wie der Blitz. Es war ein erbärmlicher Anblick. Das Bethli kniete immer noch in den Stauden und zwang die widerspenstigen, dornbewehrten Zweige des Zwetschgengesträuchs auseinander, ineinemfort auf ihren Ahnen schauend. Und ihre Augen suchten und wurden wie 90 Jagdhunde, denen keine Spur entgeht. Ja, wie wilde Wespen hasteten ihre Blicke jeder Regung seines Hauptes, jedem Aufschein seiner Krone, ja seinen Händen nach. Vor allem aber suchten sie fast gierig nach des Alten Augen. Und als er sich nun aufrichtete und frei und gut, wie einer, der sich auf hoher Warte weiß, ein Zeitchen ins Blaue hineinträumte, errötete sie tief. Sie strahlte und ihre Augenbrauen verwandelten sich in hochmütige Diademe. Aufatmend drückte sie die Hand aufs Herz. Alsdann ließ sie die Zweige aus den blutgeritzten Händen fahren und raschelte, gar leichtfüßig, durch den Busch davon, dem nahen Sonnenhaldenhause zu. Jetzt erblickte der Sebeli, dem die umstrittene Eidechse eben entschlüpft war, die Krone auf seines Großvaters Haupt. »O«, rief er aus, »das ist lustig! Der Großvater hat die Krone auf. Heja, es ist just, als wäre sie ihm zum Kopf herausgewachsen. Nein, wie das drollig aussieht, wo er doch sonst fast nichts anhat!« Hellauf lachte er in den Tag hinein. Aber plötzlich still werdend, machte er dann hochverwundert mit großen Augen: »Nein aber auch, wer hat ihm denn die Krone aufgesetzt?!« »Ja«, rief der Bäneli, der erst auch mitgelacht hatte, kleinlaut aus, »wer hat das getan? Es ist ja grad, als hätte sie ihm der Wind aus der Stube zugetragen und auf den Kopf fallen lassen. Aber, aber, aber!« Der Alte schien gar nichts zu merken. Er betrachtete eben angelegentlichst einen Glimmerstein, dem das Gold, 91 wie er in sich hineinmurmelte, wahrhaftig zu den Augen herausfunkelte. Man mußte ihn nur ein wenig gegen die Sonne halten. Den wollte er morgen, als am Sonnabend, von Marieli mit auf die Hagelfluh tragen lassen. Morgen würde seine königliche Frau ja sicher kommen, da könnte er ihr von weitem schon, von seinem Felsen aus, mit diesem Stein voll Goldglanz zuwinken und den Weg weisen. Es war doch eigentlich unverantwortlich, wie sie die Hugenotten, ihre offenen Feinde, und die Guisen, ihre falschen Freunde, so lange zurückhielten. Nun morgen endlich würde sie jedenfalls kommen. Es wird ein großes Fest werden. Jetzt hatte auch das Marieli die Krone auf des Großvaters Kopf erblickt. Und da sah es mit einem Male auch, daß er fast nackt war. Es erschrak und seine Augen wurden immer größer und schließlich voll Tränen. Wer denn hatte das dem König von Euland antun und ihn also lächerlich machen können? Es ward völlig verwirrt, sah sich ringsum, ja weltum und konnte es sich doch nicht erdenken, wie das gekommen sein mochte. Nun hörte es aber die beiden Tagner, den Langresl mit seinen drei Kröpfen und den buckeligen, schwarzgebeizten Gängeli hinterrücksig kichern und zusammen tuscheln. Jetzt flüsterte gar der Langresl dem andern zu: »Jutelihee! Du verbrannte Zaine, da kann man lachen! Jetzt schau mir einmal einer, was der alte Sonnenhaldenzachris für eine Ansicht macht und wie ihm der Wind die Krone, 92 die's ihm wohl auf den Weißschädel geschneit hat, linkshäldig gestellt hat. Es ist zum Todlachen, zum Verzicklen ist's! Sie fällt ihm noch in den Dreck. Gewiß kann sie's nicht haben, daß sich der König unter ihr in einen schmutzigen Bauern verwandelt hat. Schau, Gängeli, schau da zu!« »Es fehlt jetzt nur noch«, gab halblaut der andere zurück, »daß nun die Königin Kathri oder wie sie heißt, auf die er doch immer wartet, kommt. Er könnte dann ihrem achtspännigen goldigen Wagen in diesem Aufrust auf einer elf Vierling dicken Sau entgegenreiten.« Das kleine schwarze Buckelmännchen begann sich auf seinen krummen Beinen vor Vergnügen zu schaukeln, als müßte er sein schwerverhaltenes Lachen wie ein unruhiges Kind in der Wiege geschweigen. Aber mit einem Male lachten beide, zu Marielis Entsetzen, laut heraus, obwohl ihnen Vitus, der Knecht, der erst verwundert, dann entrüstet auf den Greis geblickt hatte, mit Hand und Augen abwinkte. Sie wußten sich aber vor Freude nicht zu lassen, denn die Übernamen, mit denen sie der Alte landum für immer lächerlich gemacht hatte, trieben ihr Gelächter, wie getretene Blasbälge eine Orgel. Doch wie sie jetzt Sebimaria, den Sonnenhaldensenn, gewichtigen Schrittes das Fußweglein aus seiner Sattelalp herabsteigen sahen, wurden sie rasch still und begannen auf Tod und Leben draufloszuhacken. Das Marieli hatte sich hinter seinen Großvater geschlichen. Als es ihm aber die Krone heimlich abheben 93 wollte, sich gewaltig auf die Zehen stellend, merkte er seine zarten Hände, obwohl sie ihm wie ein Tauwind ums Haar gingen. Er wandte sich, an den Kopf greifend, zu ihm um. Da hatte er auch schon die Krone in seinen gebräunten alten Händen. Erst verwundert, dann völlig paff, starrte er sie alleweil an. Und dann wieder staunte er aufs weinende Marieli und nun auf einen um den andern. Wie mochte denn die Krone auf seinen Kopf gekommen sein. »Ja«, machte er, und sein Gesicht ward dunkelrot, »ja, wer hat mir denn das antun können?« Der Bäneli und der Sebeli begannen zu heulen, wie sie das Marieli weinen und den Großvater so düster werden sahen. »Zachris!« lärmte es jetzt vom Hause her, wo der dicke Kopf der Magd, der Lunn, in einem Fenster steckte, »ich weiß wohl, wer euch den Streich mit der Krone gespielt hat. He, da muß man doch, beim Eicker, nicht lange suchen. Fragt ihr nur das Lachbethli, wer vorhin durchs Gestäude zu den Äckern geschlichen ist.« Der Greis wurde dunkelrot. Das Haupt sank ihm auf die Brust und seine Augen wetterleuchteten auf die Krone herab. Es sah ganz aus, als würde er sie nun auf einmal zerreißen und zerfetzen. Aber nur für einen Augenblick. Gleich hob sich sein weißer Bart wieder. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne. Alsdann seufzte er schwer und redete vor sich hin: »Wie hat mir das 94 Bethli, sonst so ein vornehmes Geschöpf bei all ihrem Übermut, das antun können? Sie, der ich das Königtum vorbereite, für die ich alle Schätze der Welt zusammentragen möchte.« Er staunte auf die Krone in seinen Händen. »Ja, bei Gott«, sagte er dann kaum vernehmbar, »es ist halt immer so gewesen, daß einem das Blut im eigenen Leib und außer ihm am schlimmsten mitspielt, das eigene Blut, daß einem am wehesten tut, was man am liebsten hat. Aber«, setzte er nachdenklich bei, »am wehesten doch, wenn's einem hinwegstirbt. Bethli du, du?« Er ließ den Kopf wieder sinken und sann traurig, immer die Krone ansehend, in sich hinein. Bedrückt, zornig auf seine Geliebte, schaute Vitus auf den Alten. Wie war es möglich, daß man einen weißhaarigen Menschen und gar seinen eigenen Großvater, so kränken konnte. Nein, das hätte er nie und nimmer von Bethli erwartet, so unberechenbar sie auch war. Daß sie eine solche Bosheit zuweg, über sich gebracht hatte! Er gedachte, dem Greis etwas Tröstliches zu sagen, aber da sah er just den Bauer Sebimaria ziemlich hurtig daherkommen. So packte er denn seine Hacke fester und begann mit den Tagnern, die taten als hätten sie keinen Augenblick von ihrer Arbeit weggesehen, weiter zu arbeiten. Der Sonnenhalder, der nun in die Pflanzländer kam, hatte den Zuruf seiner Magd, der Lunn, wohl 95 gehört. Er trat auf seinen Vater zu. Und ohne viel Worte zu machen und seine Aufregung und seinen Ingrimm besonders merken zu lassen, nahm er die Krone aus dessen zittrigen Händen und sagte ruhig, aber mit einer Stimme, die seine Erregung verriet: »Vater, hat unser hinterhältiger Lachvogel wieder einmal eine schlimme Schalkerei mit euch gehabt. Nein, nehmt's euch nicht zu Herzen. Ihr wißt ja, wie sie ist, und daß sie's nicht bös meint. Sie ist halt ein Wildwässerlein, eine ewige Unruhe; sie kann nicht anders. So muß sie's im Blut haben. Eine Blume, wenn man sie anschaut, eine wilde Distel, wenn man ihr nahe kommt. Ja, ja, sackerlot, potz Wetter doch auch! Ich werde aber«, machte er, und seine Stimme ward wie fernes, fernes Donnergrollen, »ich will mit der Jungfer Tochter noch reden. Was gilt's, ich weiß ihr einen Spruch, den sie im Kopf behalten wird, solange sie lebt. Da, Marieli«, er übergab die Krone seinem flink zugreifenden Kind, »trag sie ins Haus zurück und stell sie in des Königs Kasten. Und nun, Vater«, wandte er sich wieder dem Alten zu, »vergeßt's, wie ihr, ich und wir alle, schon manches zu vergessen haben, das uns das Bethli gespielt hat. Ihr wißt es ja auch, es ist ihr unbändiges Blut, das ihr selber am meisten zu Leid werkt. Wollt ihr nicht wieder Gold suchen, Vater? Es bedünkt mich, ihr habt heute«, redete er weiter, seiner Stimme nun völlig Meister, mit einem Blick über Kratten, Zainlein und Gelte, »wieder einmal einen guten Tag gehabt. 96 So gibt's wohl aus, Eure Schatzkammer in der Hagelfluh kann dann eines Tages noch schön voll werden.« Der Greis sah traurig zu seinem hochgewachsenen, bäumigen, wenn auch angegrauten Sohn auf. »Sebimaria«, sagte er schier tonlos, das Haupt gesenkt, »ich bin doch froh, wenn sie bald kommt, meine liebe Herrin. Es könnt sonst kommen, daß ich noch den Verstand verlöre, da er sich bald an nichts mehr halten kann.« »So kommt denn Vater, wir wollen heimzu«, sagte rasch der Bauer. »Sowieso ist's bald Mittag. Da müßt ihr euch gehörig ausruhen. Ihr habt ja beim Hagel, geschafft wie ein Tagner.« »Wie sagst du, wie ein Tagner habe ich gewerkt, meinst du – bin ich denn nicht der König von Euland?« »Heiland doch auch, wo denkt ihr hin! Freilich, freilich seid ihr unser König. Das ganze Land weiß es. Ich habe es nur ungeschickt gesagt, wie man eben etwa dumm daherredet.« »Das Bethli, das Lachbethli, das Königskind«, machte der Alte, »will mich nicht dafür nehmen.« Und nach kurzem Nachsinnen sagte er: »Am End hat es doch das Herz nicht völlig für eine künftige Königin dieses schönen, wenn auch abseitigen Berglandes und ihres guten Volkes. Aber«, fügte er, etwas aufheiternd bei, »vielleicht ergeht's ihm wie einem Dornsträuchlein, daß es jetzt noch an allen Enden stüpfig ist und weh tun muß, daß es aber eines schönen Morgens über und über voll Rosen steht.« 97 Trüb, ganz leise, redete er aber gleich wieder: »Fast so weh hat es mir getan, wie jene Unholde, die mich einst von der Königin Katharina weggerissen haben. Ich möchte weinen, wenn ich das noch könnte. Es ist alles in mir vertrocknet, wie in einer Bergruns im Herbst, die einst voll von allerlei farbenfroher Fruchtbarkeit und muntern Wässerlein gestanden hat.« Er schüttelte den Kopf, das immer noch weinende Marieli über den hellen Scheitel streichelnd. Aber auf einmal schaute er auf und seine Augen gingen ins Weite. »Ach was«, sagte er warmstimmig, freundlich, »wie kann ich mir nur so törichte Gedanken machen und gar so unbedacht in die Welt hinausschwatzen. Das Bethli ist doch mein Blut, mehr als alle andern, die nach mir gekommen sind, ich weiß es. Wie sollte ich mit ihm da nicht Geduld haben, soviel ein Herz nur aushalten kann, ich, der ich mit mir selber tausendmal mehr Geduld gehabt habe, als mit ihm und allen Menschen um mich zusammen.« Er griff den Kratten vom Boden auf und als ihm der Bauer denselben abnehmen wollte, stieß er dessen zulangende Hand ziemlich bestimmt weg. Hängenden Kopfes, gefolgt von Marieli, das die Krone gar behutsam über die Acker hinwegtrug, und den Knaben, die mitsammen die steinvolle Gelte nachschleppten, ging er davon dem Hause zu. Betrübt, zornig, Marielis Zainlein in der Faust, machte sich auch der Bauer ihnen nach. »Vitus«, rief er 98 zurück, »Langresl, Gängeli, kommt bald nach, ihr Mannen, so können wir mittagessen!« Als der Greis mit seiner Begleitung schon eine Weile im Hause verschwunden war und wie auch der Bauer Sebimaria aufs Haus zutrampte, kam eben seine Tochter, das Bethli, übers Stiegenbrücklein und das Vortrepplein herab. Am Brunnen blieb sie stehen und stellte den Eimer, den sie am Arm hatte, auf die zwei Querhölzer des Trogs unter das muntere, strudelnde Wasserspiel der morschen Holzröhre. Wie sie nun den Vater aufs Haus zuschreiten sah, erbleichte sie und ließ den Kopf ein wenig sinken. Aber sie tat, als wisse sie von nichts um sich als vom quellfrischen Wasser, das ihr in den Eimer sprang und sang. Der Senn aber trat auf sie zu, packte sie am Arm und drückte ihn also, daß sie meinte Fürijo und Mordijo lärmen zu müssen. Sie biß jedoch die Zähne ineinander, ward zündrot und ihre Augen glosten. »Maitli, Maitli!« herrschte sie ihr Vater gewitterig an, »eines Tags vergeht dir das Lachen doch noch, eines Tages wird dir der Spottvogel noch aus dem Nest verjagt! Es könnte auch sein, daß ihn das Unglück erwischte und ihn wie eine Katze übel zerrupfte und auffräße. Schau, bei Gott, am liebsten möchte ich dich zum Hause hinaus treiben, müßte ich nicht fürchten, der Großvater, dem du heute so weh getan hast, liefe dir nach. Maitli, du hast heute«, und nochmals nahm er ihren Arm gewaltig in die Zange seiner Faust, »du 99 hast seine weißen Haare vor deinem Geliebten, vor unsern schadenfreudigen, hohnträchtigen Dreckstampfern, den Tagnern, vor dem ganzen Land und gar vor deinen unschuldigen Geschwistern, hast du sie geschändet.« Er schaute sie geradenwegs an und es war als warte er gierig auf eine Antwort, auf eine Entschuldigung, auf ein Wort der Reue, aber seine Tochter starrte in den überfließenden Eimer und gab keinen Laut von sich. Da schleuderte er, noch finsterer werdend, ihren Arm von sich und schritt schwerfällig, als hätte er eine lawinengroße Heubürde auf dem Rücken, über ein Vortrepplein hinauf, ins Haus hinein. Das Bethli war wieder bleich geworden und mit großen, gespenstigen Augen lauschte sie auf die vergehenden Schritte ihres Vaters. Dann ließ sie den Kopf sinken und staunte wie gebannt alleweil in den plaudernden Eimer hinein. Aber plötzlich überkam es sie wie eine Feuersbrunst. »Ja, ja«, redete sie schwer atmend vor sich hin, »freilich ist's wahr, ich habe seine weißen Haare geschändet, ja, ja, ich hab's getan. Aber«, machte sie hastiger werdend, »aber es reut mich nicht, es kann mich nie reuen in Ewigkeit, denn jetzt, nun weiß ich's! Ich weiß, was ich hab wissen wollen, wissen müssen: Der Großvater ist auch im bäuerlichen, schmutzigen Werktagsrust, nein, auch im Narrengewand, nackt und bloß, ist er ein König geblieben, ein König durch und durch. Ja potz Blut, Himmeldonner 100 abeinander«, schrie sie auf, »da gehört doch gewiß die Krone auf seinen Kopf!« Und beide Arme in den vollen Trog tauchend und ein paar Wasserspinnlein auf sonnbeglänzten Wellchen hin- und herschaukelnd, setzte sie leise bei: »Nein, so arg kann ich ihn also doch nicht geschändet haben. Und wenn auch!« lärmte sie heraus, daß man in den Äckern zusammenfuhr, »nun weiß ich's, nun weiß ich's!« Sie jauchzte gar auf, also daß Vitus drüben im Pflanzland seine Hacke hochentrüstet auf die Schollen warf und schier bös nach dem Brunnen hinüberschaute. Aber das Bethli schien sich um gar nichts zu kümmern. »Nun liest er für mich gewiß kein Gold mehr auf«, redete sie jetzt still vor sich hin, »und so komme ich wohl auch um die versprochene Schatzkammer.« Sie lächelte, aber es war das wehmütige Lächeln der Abendsonne. Eine Träne glitt ins Wasser. Sie sah ihr Gesicht im Eimer. Zwei Augen schauten sie schwermütig, wie aus bodenlosen Tiefen an. »Nein, nein, nein«, schrie sie, die Faust ins Wasser schlagend, »weg mit dieser trüben, langweiligen Larve; denn ich bin eines Königs Großkind, heijuppedihee, heijo! ein Königskind!« Sie packte mit wilden Griffen den Eimer, goß seine Wasser auflachend in den Trog zurück und schleuderte ihn dann in weitem Schwunge unter die entsetzt auseinanderstiebenden Hühner. Und schreiend, kreischend fuhr sie schon über Vortreppe und Stiegenbrücklein hinauf und ins 101 Haus hinein bis zuoberst in ihr Dachkämmerlein, das sie eiligst verriegelte. Sie erschien nicht zum Mittagessen, nicht zur Habermusgelte am Abend. Aber am andern Morgen erfüllte sie das Sonnenhaldenhaus wieder mit einer jauchzenden, tollen Ausgelassenheit. Ihr Vater kränkte sich darüber sehr. Es ward ihm kummervoll, fast unheimlich. Angesichts seiner Tochter jedoch nahm er sich zusammen und ließ wenig von dem was ihn bewegte, merken. Er hatte sich in der Gewalt, denn gar frühzeitig war ihm die Schwere des Lebens auf den Hals gekommen. So war er denn mit dem Bethli wie immer, nur etwas kurzgebundener und vielleicht, auch gegen seinen Willen, ernster. Zachris, der Großvater aber, thronte wie gewohnt auf dem obern Ofenumgang und freute sich der Lustigkeit, des Übermuts seiner Enkelin, von der er zu sagen pflegte, sie sei wie ein warmes Bad für sein altes Herz, wie ein Hindämmern am Sonnenrain im Hochsommer, wobei man die Augen voll rotes Licht habe und die Engel singen höre. Er tat ganz, als wüßte er von nichts anderem als von einem lachenden Bethli, vom Lachbethli. Am Abend aber, als alles, wie gewöhnlich, schon mit den Hühnern zu Bett gegangen war und nur noch Vitus Wiler, der Bauernsohn aus dem St. Galler Tiefland, mit Bethli, das am Ofen, beim schwachen Schein eines Kienspans, spann, sich in der Stube befand, stand auch 102 dieser unversehens vom Tische auf. Freundlich wünschte er der Spinnerin, ohne sie anzusehen, gute Nacht und schritt ruhigen Ganges auf die Türe zu, wo er das Weihwasser aus dem Tröglein nebenan nahm. Völlig überrascht, verwundert, schaute das Mädchen auf ihn. Alsdann wie er die Türklinke schon in der Hand hatte, fragte sie: »Ja, Vitus, was ist's denn auf einmal mit dir? Willst du denn schon auf den Laubsack? Sollte es dir am End bei mir zu langweilig sein, weil ich jetzt so still bin, obwohl ich doch den ganzen Tag den Hollediho gemacht habe. So mußt du mir's halt heut nachsehen. Es hat für dich doch auch Abende gegeben, wo ich dich kaum zum Aufstehen habe bringen können und wo du's fast nicht zu Bett gebracht hast. Was ist's denn jetzt mit dir, was hast denn, Bursche, sag!« »Augen habe ich«, antwortete er, vor sich in den Boden hineinstierend. »Und merk, Bethli, diese Augen haben schon recht vieles sehen müssen, was ihnen nicht grad wohlgefallen hat, aber gestern sind sie mir völlig aufgetan worden. Ich«, er sagte es zögernder, fast flüsternd, »ich habe aber auch noch etwas anderes, ich habe auch ein Herz. Du mußt mir nicht zürnen, Bethli«, machte er wieder vernehmlicher, »daß ich dir das sage. Ich habe lange zu allem geschwiegen und gedacht, es könne sich ja ändern mit dir, aber über Nacht ist's mir nun so gekommen; ich weiß es nun: es ist um nichts bester, eher schlimmer ist's mit dir geworden.« 103 »Herrgott, was redst du denn da?« sagte sie bebend, ihn aus großen Augen anstaunend. »Was meinst du denn? Du sagst – ja, was hast du gesagt? Habe ich denn kein Herz?« Er spritzte angelegentlich den armen Seelen an der Türe, aber dann antwortete er, sich räuspernd, halblaut: »Wie kann denn eine ein Herz haben, die ihren bluteigenen Großvater so vor allen Leuten am heiterhellen Tag zum Narren macht und landum zum Spott werden läßt?« »Du, wie, Vitus, du!« in ihrer Stimme war etwas als zuckten Flammen drin auf, »wie, du meinst es auch so, du hast es auch so aufgenommen, Vitus, du auch?! Lieber, hast du's denn nicht gemerkt, daß ich's nur getan habe, um einen landläufigen Bauern zu töten und einen König zu finden? Und kannst du mir's denn nicht glauben, wenn ich dir's heilig schwöre, Vitus?« Sie starrte mit ängstlichen, fast todesängstlichen Augen auf den Burschen, der kopfschüttelnd, traurig unterm Weihwassertröglein stand. Aufsprang sie: »Und siehe«, rief sie aus, »den König, hörst du! ich habe ihn auch gefunden. In seinen Augen habe ich ihn gefunden und in allem, was an ihm ist, im elendesten, spotträchtigsten Werktagsgewandfetzen, in . . . Aber, oh«, sie lachte wild auf, da sie sah, wie er die Türe auftat, »ich habe es mir ja wohl gedacht, Vitus, du bist wie alle andern. Und doch habe ich gemeint . . .« Sie bekam trübe, traurige Augen und wirr werdend, neigte sie 104 sich über ihren Reistenfaden, das Spinnrädlein blitzgeschwind spielen lassend. Aber als ständen sie plötzlich in Flammen, schrie sie fürchterlich auf, fuhr auf den erschrockenen Burschen los und ihn bei den Schultern packend und wieder in die Stube hineinzerrend, hastete sie heraus: »Sag, Vitus, red, glaubst du's wirklich, ist's dir heilig ernst: habe ich kein Herz?!« »Bethli«, machte er, sie nun fest ansehend, »nimm mir's nicht für ungut, aber nach allem, was ich schon gewahren und auch mit dir selber erleben hab müssen und nun gar das mit dem Großvater, kann ich's nicht recht glauben, daß du ein Herz hast. Hättest du eines, kämst du nicht so federleicht über alles hinweg und tätest nicht gleich wieder über alles hinauslachen, wie die Spottdrossel über einen Wald voll wilder Tiere. Wie soll ich da . . .« Er verstummte und sah, immer trüber werdend, an ihr vorbei. Zögernd, langsam, als müßte sie todmüde das rettende Bord, Finger um Finger, fahren lassen, ließ sie von ihm ab. Ihre Augen hingen, wie ihn einen Augenblick bedünken wollte, wahrhaft todesbänglich an ihm. »Kein Herz?« kam's leise, traumhaft von ihren Lippen. »Mußt mir nicht zürnen«, sagte er, »aber schau, Bethli, ich muß mich doch besinnen über das, was da gestern auf den Äckern gegangen ist und es in mir zu verwerken und zu überwinden suchen, was du für eine Wunderliche – mehr will ich also jetzt nicht sagen – bist, 105 die so herzlos mit den Eigensten sein kann. Deswegen will ich dich ja doch liebhaben. Aber wie soll ich da glauben können, daß du mich lieb hast, ja mich, so wie ich's möchte und nicht bloß ein Stündlein hindurch und heute und morgen, sondern ein Leben lang, Bethli.« »Kein Herz, sagst du?« Sie sah ihn immer, die Hände auf seinen Achseln, an. Es ward ihm nun völlig unbehaglich, schier unheimlich. »Weißt, Liebste, ich hab ja nur gemeint . . .« »Ja, ja«, flüsterte sie, »ich habe mich wohl am Großvater versündigt, es mag sein, es . . . ich hätte es vielleicht nicht tun sollen. Ich hätte es auch sonst schon lange merken können, daß er kein rechter Narr ist oder dann gewiß und heilig einer unter all den vielen Narren, der den Kopf für eine Krone und nicht für eine Schellenkappe hat.« Sie atmete schneller, erregter und es war, als jagten sich in ihren tiefen blauen Augen die Wolken wie im föhnheitern Himmel. »Aber du, du, du!« schrie sie knirschend, glühendrot auf, »du bist ein Narr, ja du bist ein dummer törichter Kappenzottel, du bist ein ganzer Narr!« und schwer atmend ihn heiß anschauend: »Ein lieber Narr, der sich in mich hineingefressen hat, wie ein Wurm in die Nuß und mit dem ich, trotzdem er ein Erznarr ist, lieber zusammensein möchte als mit allen drei Weisen aus dem Morgenlande; denn schau, Vitus, lieber Hansnarr, Närrlein, entweder habe ich kein Herz, dann magst du mich wegwerfen wie ein leeres Schneckenhaus. 106 Oder aber ich habe eins, dann, meine ich, sitzest du drin, du – du weißblütiger, dumpfer Schneck, du Tor, du Torenbub!« Sie kam wie ein Sturmwind über ihn und schüttelte ihn und rüttelte ihn. »Maitli«, machte er, halb betäubt, völlig außer Fassung, »was redest du denn da, was sagst du mir ins Gesicht? Sag, red, bist du noch bei Trost?« »Ich weiß es nicht«, sagte sie, ihn loslassend und lieb anlächelnd, die Hand auf ihrem wildklopfenden Herzen. »Aber«, setzte sie mit ernst werdenden Augen bei, »das könnte mich nicht so sehr plagen, wie das, daß ich dich, dich, den ich lieber habe, als es der Frühling mit all seinen Vögeln und Blumen und allem, was zusammenkommen will, sagen könnte, daß ich eben dich so höllverdammt liebhaben muß, dich so einen . . .« »So einen Narren, willst du wohl wieder sagen, gelt!« rief er zornig, erbleichend aus. »Ja, ja, ja!« schrie sie ihm ins Gesicht. Und schon schlug die Stubentüre hinter ihr zu und ein gellendes Gelächter tollte durchs Haus. Völlig zusammengedonnert stand der Bursche da, erst lange auf die Türe und dann in den Boden hineinstarrend. Endlich ließ er sich auf eine Stabelle nieder und den Kopf auf den Tisch stützend, murmelte er vor sich hin: »Nein, nun ist's heraus, nun ist's mir völlig aufgegangen: Sie mag mich doch nicht. So recht hab ich's ja nie 107 glauben können. Aber nun«, er erhob sich glühend, »nun habe ich einmal genug von dieser wunderlichen, verhexten Welt, von diesem Maitli, aus dem der Kuckuck kommen mag, an der sich einer hintersinnen könnte. Sie hält mich zum Narren, wie alle und alles. Wie ist sie jetzt wieder mit mir umgesprungen, wie hat sie sich über mich lustig gemacht und«, die Hände wurden ihm zu Fäusten, »und mich gar einen Narren geheißen.« Er straffte sich, er wuchs völlig und seine Augen flammten. Und wieder ins Weihwasserschälchen an der Türe langend, redete er laut, als stände sie noch bei ihm: »Ja, ja, Maitli, so lieb ich dich habe, ich will dir jetzt einmal zeigen, ich hätte es wohl schon lange tun sollen, daß ich, wenn auch ein Narr vielleicht, doch nicht länger dein Narr bin, daß ich ein Mann und nicht, wie du sagst, ein Torenbub bin. Hast du mich alsdann so lieb, wie du sagst oder dergleichen tust, wie ich's aber einer nicht glauben kann, die für ihre Eigenen so wenig Herz hat, henun, so magst du mich rufen. Dein Vater weiß ja, wo ich daheim bin. Ja, rufen, rufen mußt du mich!« Er bekreuzte sich und nachdem er noch eine Weile finster auf den Boden gestaunt hatte, verschüttelte er sich als möchte er etwas Schweres von sich abtun. Alsdann verließ er traurigen Angesichts aber festen Schrittes die düster gewordene Stube. 108   IV. Am Sonntagnachmittag thronte Zachris, der König von Euland, wie nun fast immer, auf dem obern Umgang des großen Kachelofens in der Sonnenhaldenstube, die Krone auf dem Haupt, den weinroten Mantel um die Schultern und den Hirtenstab in der Hand. Das Marieli hatte seinen Flachskopf in des Großvaters Schoß gebettet und ließ nun seine träumerischen Augen an der Diele herumwandern. Zu des Königs Füßen aber, auf dem untern Umgang, hockten des Holzschuhmachers märzentupfiges Trutli und das zappelige Wiseli des Hornputzers, das immer, wie ein Brünnelein, ein singendes Summen im Munde hatte. Das Trutli hielt zärtlich eine hölzerne, von seinem Vater gar rohgeschnitzte Puppe im Arm, die es beim Eintritt in die Stube, wie sich selber, mit dem Weihwasser bekreuzt hatte und die es nun mit allerlei Blumen bekränzte. Aber alle drei Kinder horchten mit Aug und Ohr zum Greise auf. Der besonnte Ofen warf einen grünlich flimmernden Läufer über den ausgetretenen Stubenboden und darüber hinweg blitzten Sebimarias, des Bauers, doppelschneidiges Schwert und sein Blechhut, die neben einem 109 harthölzernen hohen Kasten hingen. Sebimaria, der immer grauer werdende Hirte, kauerte gedankenschwer auf einer Stabelle am offenen Fenster und schaute schier schwermütig in den Tag hinaus. Kaum hörte er nach dem Ofen hin, auf dem sein weißer Vater aus seinen Reisläuferzeiten erzählte. »Also will ich euch noch mehr erzählen, wenn ihr mir schön ruhig, wie bisher zuhören wollt«, sagte der Alte zu den Kindern, und nachdem er das Marieli ins heitere Haar geküßt hatte, redete er weiter: »Gut also. Wie ich nun also im Palast der königlichen Wittfrau zu Paris Türhüter geworden war, kam da ab und zu auch jener Mann, der Verse machen konnte, an den Hof, zu meiner Herrin, die ihn gar wohlleiden mochte. Das war ein merkwürdiger Mann, denn er konnte hexen. Aber trotzdem, hieß es, sei er arm und wohne in einem engen Gäßlein der großen Stadt Paris. Eines Tages nun, als ich die Frau Königin Katharina und ihre Hofdamen, mit andern Wächtern von der Leibgarde, durch die Gänge des Schlosses geleiten mußte, war auch dieser Ronsard, von dem ich euch schon einmal berichtete, in ihrem Gefolge. Da hielt meine hohe Frau auf einmal an und winkte den Dichter zu sich heran. ›Mein Freund‹, redete sie zu ihm, ›wo habt ihr denn eigentlich euere Poetenwerkstätte? Man sagt, sie sei in einem engen dunklen Schlupf des geringsten Viertels unserer Stadt Paris.‹ Da machte ihr der Dichter eine tiefe Verbeugung und ohne ein Wort zu 110 erwidern, bedeutete er ihr, sie möchte die Gnade haben, ihm zu folgen. So führte er sie denn hinauf zuhöchst in den Palast. Dort blieb er an einem gar weitausschauenden Bogenfenster neben der Königin stehen und über Paris hin, bis an die in blauer Ferne kaum noch sichtbaren Höhenzüge, mit großartiger Geberde zeigend, sprach er: ›Madame, meine Werkstätte, la voici! ‹« Die Kinder sahen den Greis verständnislos an, aber er fuhr, auch seine Augen ins Weite gehen lassend, zu erzählen fort: »Und eines Tages, Kinder, da begab es sich, daß der Bischof von Reims am Hofe zu Gast war. Als nun der hohe geistliche Herr mit der Königin all ihre Säle und Gemächer angesehen hatte und endlich mit ihr und dem ganzen Hof auch in die Schloßkapelle gelangte, blieb er unversehens stehen und indem er sich ihr zuwandte und sie mit seltsamen, fast ein wenig auffälligen Blicken ansah, sagte er zu ihr: ›Madame, ihr habt ein wundervolles Haus und alles ist so spiegelblank und klar, daß die Schatten nicht wissen, wohin sie sich verstecken sollen. Jedoch will mir scheinen, verzeiht, daß ihr wohl nicht zu oft auf eurem Gebetschemel kniet, an dessen Pültlein sich ein so großes Spinngewebe ansetzen konnte.‹ Da ward die Königin Katharina blutrot, fast finster. Aber Ronsard, der Dichter, fing flugs einen Sonnenstrahl ein, der eben durch das herrliche Glasgemälde eines Spitzbogenfensters kam und ihn durch die Finger gehen lassend, trat er zum Betstuhl seiner Herrin und sprach zum Bischof: ›Pardon, 111 euer Gnaden, seht, was da am Pültlein hängt, ist kein Spinngewebe, es ist ein Fetzen vom Schleier der Königin, der sich wohl löste, als sie sich im Gebete besonders demütig neigte.‹ Erstaunt beschaute der Bischof das Gespinst an des Dichters Hand, alsdann lächelte er und sagte: ›Ei, wie wunderbar! Noch nie ist wohl ein so feiner Schleier aus Brabant in die Stadt der allerchristlichsten Könige gekommen. Das ist, in Wahrheit, ein Gewebe, wie es kein Spinnlein, höchstens noch die Sonne und die Gedanken eines Poeten zu wirken vermögen.‹ So ein großer Hexenmeister war also dieser Ronsard, daß er die Sonnenstrahlen hat einfangen und weben können. Ja, am Hofe flüsterte man einander zu, er sei sogar imstande, die Strahlen aus den Augen der Frauen einzufädeln. Dieser Dichter nun«, erzählte der Alte nach einer Pause erinnerungsvollen Schweigens weiter, »mochte mich recht wohlleiden. Oft, wenn er zu Hofe kam und mich an einer Tür der Gemächer meiner Herrin stehen sah, verweilte er für einen Augenblick bei mir und sprach mich an. Er wollte dann allerlei von mir wissen. Ob die Berge meiner Heimat so hoch seien, daß man von ihnen aus Paris sehen könne, ob die Mägdlein dort auch so weiße lachende Zähne hätten wie ich. Noch viel anderes fragte er mich. So hatte er auch bald heraus, daß mich das Heimweh quälte und wie mir die Tränen über die Backen liefen, wenn ich von unserm Bergland erzählte. Eines Tages 112 aber, wie er das wieder an mir gewahrte, lächelte er mich an und sagte, das Heimweh sei eine Krankheit, die einem Mann in fremdem Solde recht gefährlich werden könnte. Er vermöge sie mir zwar nicht zu heilen, jedoch ließe sie sich allenfalls auf die Frauen überleiten. Dabei gab er mir einen gelinden Backenstreich, sah mir wunderlich in die Augen und weg war er. Erst nach langer Zeit redete er mich wieder einmal an. ›Nun, mein wohlgewachsener Hirtensohn von den Schneebergen‹, fragte er, ›wie gefällt dir Madame, unsere schöne Königin?‹ Ich erschrak fast zutode und es fuhr mir eiskalt bis ins tiefste Herz hinein. Gewiß war ich weißer als die Sonne im Nebel. Doch lächelte er mich herzlich an und aber warnend den Finger hebend, verließ er mich. Nun wußte ich ja, wer mir's angetan hatte, daß ich die Königin Katharina so wahnsinnig lieb haben mußte, wer also mein Heimweh auf sie übergeleitet hatte. Ja, Kinder, das war ein Hexenkünstler, aber bös könnte ich ihm doch nie werden, denn er hat mich durch seine Zauberei über alles glücklich gemacht.« Der Greis wurde still und staunte ins Weite. Aber Sebimaria Ruhstaller, sein Sohn, trommelte seufzend aufs Fenstergesimse. »Sagt, Großvater«, wollte jetzt das Marieli wissen, »hat es denn die Königin Katharina bald gemerkt, daß ihr auch ein König seid?« Der Alte liebkoste den Blondkopf, der in seinem 113 Schoße lag, alsdann redete er: »Nein, Marieli, so bald hat sie's nicht gemerkt. Zuerst hat sie in mir wohl nur den starken, jungen Wächter erblickt. Alsdann wohl auch den scheuen und doch beherzten Sohn der Berge, der ihre Farben trug. Aber nach und nach müssen es ihr meine Augen verraten haben, denn niemand konnte einem so tief hineinsehen wie sie. Auf einmal hat sie's gewußt, daß ich ein König bin.« Die Türe ging. Die Kinder schauten sich um. Es ward still in der Stube. Vitus Wiler, der Knecht, trat, einen Zwerchsack über die Schulter und einen langen Stock in der Faust, langsam, schier zögernden Schrittes ein. Er schaute sich mit scheuen Augen rundum. »So«, begann er aber dann, ziemlich lebhaft, zu reden, »nun bin ich gerüstet, zum Ausrücken gerüstet. Euere Tagner, der Langresl und der Gängeli, warten schon auf mich unten im Euthal. Sie wollen mich bis in die Waldstatt Maria Einsiedlen begleiten. Und nun«, seine Stimme sank etwas und ward recht schwerschattig, »ich möchte jetzt euch allen noch Lebewohl sagen. Das Lachbethli, das Bethli«, machte er fast dumpf, »habe ich freilich im ganzen Hause, auch im Stall, nirgends habe ich sie finden und errufen können. Sie ist mich wohl«, es schien ihm nicht leicht zu werden, es auszusprechen, »sie wird mich wohl geflohen sein.« Es ward erst recht still in der Stube. So ging denn der Knecht auf den Greis zu, der auf dem Ofen thronte. Und wie er unter ihm stand, suchte er die furchige Hand, die auf Marielis Kopf lag, zu 114 erlangen. »Nun, lebt wohl, Großvater, ich muß jetzt fort, ich gehe jetzt ins Tiefland hinunter, heimzu.« Zachris, der Alte, schaute ihn, wie aus tiefen Träumen erwachend, eine Weile still an, es war, als müsse er sich erst erinnern, wer da unter ihm stand. Die kleinen goldenen Kugeln an seinen Ohrenringen wurden unruhig. Er entzog dem zu ihm aufsehenden Burschen langsam die Hand. Aber jetzt kam ein Lächeln in seine Augen und den weißen Bart dem Knecht zuhäldend, nickte er ihm schweigend, freundlich zu. Verwirrt, geduckt, schritt Vitus vom Ofen weg, auf Sebimaria, den grauen Sonnenhaldenbauer zu. Der hatte sich erhoben und ohne dem Burschen die Hand zu geben, ohne ihn recht anzusehen, sagte er trocken zu ihm: »So leb denn wohl! Mit Gott und Glück! Hab Dank für deine guten Dienste, komm gesund heimzu und grüß mir deinen Vater!« Das war alles. Als der Knecht jedoch, düster, aber sich heimlich straffend, auf die Türe zuschritt, folgte ihm der Bauer. In der offenen Türe reichte er ihm die Hand, sich gleich wieder auf seine Stabelle zurückmachend. Jetzt ging die Küchentüre. Lunn, die Magd, tschampte barfuß, eine Pfanne in den roten, wülstigen Fäusten, in die Stube. »Vitus«, rief sie, »ja, muß es denn sein, willst du wirklich heim? Nun, in Gottesnamen denn, ich wünsche dir einen guten Heimweg und daß du gesund zu 115 deinen Leuten kommst und alles in Haus und Stall wohlauf antriffst. Heja, und wenn du bei der Muttergottes davorne zu Einsiedlen vorbeikommst, so bet ein Vaterunser für mich, gelt.« Ja, freilich, das wolle er gerne besorgen, gab er zurück. Und der Magd herzhaft die Hand drückend, schritt er aus der Stube, noch einen langen Blick nach dem Alten auf dem Ofen tuend. Die Lunn begleitete ihn bis vor die Türe aufs Stiegenbrücklein, alsdann kehrte sie um. Aber das Marieli, das sich vom Ofen gemacht hatte, ging dem Burschen übers Vorstieglein hinab nach bis vors Haus. Dort verabschiedete es sich herzlich von ihm und seine Augen waren voll Tränen. Doch als er wissen wollte, wo denn die Große, ihre Schwester auf einmal hingekommen sei, ward es rot, raunte ihm aber zu: »Weißt halt, Vitus; unser Bethli ist, schon vor's recht getagt hat, in unsere Sattelalphütte hinaufgelaufen.« Da dunkelte er zu, als wäre über ihn der Schatten einer Wolke gekommen, und biß die Zähne zusammen. »Ja, aber Vitus«, sagte das Kind, mit großen, warmen Augen zu ihm aufschauend, »warum willst du denn so auf einmal von uns fortgehen? Gelt nur, du kommst aber recht bald wieder. Weißt, ich glaube halt, das Bethli bekomme sonst stark Heimweh nach dir.« »Heimweh nach mir?« Er lachte ungut, bitter auf, »Heimweh nach mir, eine, die sich meinetwegen davonmacht, als wäre ich der schwarze Tod.« 116 »Ja, weißt Vitus«, meinte es bekümmert, »du hättest halt auch nicht so auf einmal gehen sollen.« »Lebwohl, Maiteli, folg immer schön! Und«, raunte er ihm zu, sich zuvor umsehend, »sag dem Lachbethli, wenn ihm der Narr, der Torenbub dann nicht völlig verleidet sei, wisse man ja den Weg zu mir. Ich lasse mich allenfalls schon finden.« So schritt er denn, ziemlich hurtig, das Marieli noch einmal warm ansehend, vom Sonnenhaldenhaus weg und bald klapperten seine schweren Holzschuhe das Steinplattenweglein hinunter. Das Marieli hatte sich auf den Brunnen gehöckt und sah ihm nun mit traurigen Augen nach. Aber plötzlich sprang es vom Trog. »O, o,« rief es in heiliger Entrüstung aus, »nun wirft er die auch noch weg!« Im Abstieg nämlich war Vitus Wiler unversehens stillgestanden, nachdem er den Zwerchsack bald auf diese, bald auf die andere Achsel gehängt hatte. Und dann hatte er ihm, tiefhineinlangend, zwei kugelrunde, kindskopfgroße Bachsteine entnommen. Überrascht hatte er sie einen Augenblick angestaunt und darauf wütend in die Matten hinausgeschleudert. Mit enttäuschten Augen, gekränkt, schaute ihm das Marieli nach, wie er nun wieder, ohne sich mit einem Auge umzusehen, nidsich ging, bis er unten an der Sonnenhalde hinter einem Gesträuch verschwand. Wohl sprang es aufs Stiegenbrücklein, um ihm noch weiter nachsehen 117 zu können, aber er war nicht mehr zu erblicken. »Ach«, rief es trostlos aus, »nun habe ich dem Vitus die zwei größten Steine, die gewiß ganz voll Gold sind, aus des Königs Kammer heimlich in den Zwerchsack hineingetan und nun hat er sie weggeworfen, als wären es bloß Tannzapfen. Und der Großvater hat mich doch selber geheißen, sie ihm in den Sack zu tun, denn, hat er gesagt, er wolle ihm damit zum Abschied ein rechtes Geschenk machen, eines Königs Diener müsse auch königlich belohnt werden. Und nun hat er sie . . .« Es brach in ein Schluchzen aus. Tiefbetrübt machte es sich wieder vom Stiegenbrücklein und lief gleitig ein Stück Wegs über den Rain, um den so schwer mißachteten Schatz wieder zu holen und darnach verstohlen in des Großvaters Kammer hinaufzutragen. Er durfte es ja auf keinen Fall merken, denn dieser Undank des Knechtes hätte ihm gewiß sehr weh getan. Es war schon spät am Abend, als die Sonnenhaldentochter, das Bethli, von der Sattelalp herabgestiegen kam. Sie machte sich hinten ins Haus hinein und schlich sich in ihr Dachkämmerlein hinauf. Als man nach Zunachten nach ihr sah, lag sie zu Bett. Sie weigerte sich zum Nachtessen in die Stube herunterzukommen. Und als gar Sebimaria, ihr Vater, selber vor ihre Türe kam, gab sie auf seinen Anruf keine Antwort. Es war ihm aber, er höre ein halbersticktes Schluchzen. Andern Tags wollte den Leuten auf der Sonnenhalde 118 der Verstand fast stillstehen, denn jauchzend rumpelte das Bethli aus seinem Guckaus herunter und in die Stube herein, wo alles eben, samt den zwei Tagnern Langresl und Gängeli, um den Tisch hockte, außer dem Großvater, der wohl noch zu Bett lag. Toll auflachend, fiel sie über das Marieli und die Buben, den Sebeli und den Bäneli, her, sie verküssend und in den Haaren zausend und sie an sich drückend, daß sie mörderlich aufschrien. Und gleich packte sie auch die graue Katze, die auf dem untern Ofenumgang lag, tanzte mit ihr in der Stube herum und warf sie dann einfach zum Fenster hinaus und ihr nach auch noch die Holzschuhe ihrer kleinen Brüder. Der Lunn aber, der dicken Magd, die offenen Mundes und starren Augs auf sie staunte, stülpte sie die leere Milchmutte über den Kopf, daß sie die Aussicht völlig verlor, und sich vor Sebimaria, ihrem Vater, der nur so staunen mußte, tief verbeugend, rief sie aus: »Euere Tochter, das Königskind von Euland, wünscht euch guten Morgen! habt ihr wohl geschlafen?« Flugs hatte sie auch seinen grauen Kopf in den Armen und dreimal küßte sie ihn auf die Stirne, daß es schnalzte, darnach den ziemlich giltmirgleich, fast dumpf nach ihr gaffenden Tagnern huldvoll, freundlich zunickend. Und da war sie auch schon auf dem Ofen und hüpfte auf seinen zwei Umgängen alleweil auf und ab, bis ihr der Atem ausging. Da sprang sie herunter und sank mit einem ausgelassenen Gelächter auf eine Stabelle. 119 »Wohl, wohl, beim Strahl«, machte jetzt unwirsch die Magd, die sich mit plumper Umtunlichkeit ihrer hölzernen Kappe entledigt hatte, »man merkt den Lachvogel wieder, die gestutzten Flügel sind ihm wieder gewachsen. Potz Heiland, läßt die wieder umgehen! Des Lebens ist man vor dieser Haspel nicht mehr sicher. Sie ist in unserem Hause wie der Schwengel in einer Glocke: heut läßt sie alles hängen und morgen klopft und tollt sie uns die Wände und Ohren voll. Ach, ach, ach!« Aber die Buben, der Sebeli und der Bäneli, waren von Bethlis Lustigkeit schon angesteckt. Sie hatten mit großem Vergnügen ihrem wilden Spiel zugeschaut und lachten fröhlich weiter, als sich nun ihre große Schwester, ruhig an den Tisch tretend, ein Näpfchen Milch aus der großen Zinnkanne vollschenkte. Das Marieli jedoch hatte sie alleweil verwundert angesehen und jetzt erfaßte es ihre herabhängende Hand, sie streichelnd, drückend, auf Kopf und Herz legend und in jeder Weise liebkosend. Sebimaria, der Bauer, hatte sich erhoben und seine Tochter scharf ins Auge fassend, sagte er: »Bethli, Bethli, was bist du denn für ein Geschöpf?! Allweg hast du das Lachen und das Weinen im gleichen Trühlein und gewiß so eng beisammen und verschwistert, daß man's kaum auseinander kennt. Wer denn kommt aus dir? Gestern nacht hab ich gemeint, du werdest dich wie ein armer Wurm so tief in die Erde hineinverkriechen, als es Grund gebe, du könnest den Tag so wenig mehr vertragen, als ein 120 Scheermäuslein. Und heut nun, nein, könnte es, beigott, der hundertfältige Lerchenflug des ganzen Hochmoors der Schachensihl nicht höher in alle Himmel hinaufbringen als du. Schau«, redete er, nach kurzem, tiefem Schweigen, schwerstimmig weiter, »so gerne ich dein Lachen höre, ist's mir doch immer, es wolle etwas Dunkles zudecken, es sei wie ein Sonnenrain, der die Schatten im Leib habe. Du gefällst mir die letzte Zeit gar nicht mehr recht, Bethli. Irgend etwas geht mit dir. Wie hast du's nur so ungeschickt angestellt, daß du mit unserm Knecht, dem Vitus, so einem ordentlichen, gewehrigen und wohlhablichen Bauernsohn, auseinander gekommen bist. Maitli, nein, das habe ich von dir nicht verstehen können, obschon es von ihm auch nicht schön war, sich so unversehens, von einem Tag auf den andern, davonzumachen. Nun, das ist jetzt, wie's ist; was vorüber ist, ist vorüber; wir wollen da nicht lange mehr den Hättich und den Wärich machen und vom Hundertsten ins Tausendste werweisen. Die Katz hat den Vogel und damit Holla und fertig. Es gibt ja, gottlob, noch Mannsvolk genug im Land, auch Burschen, die sich gewiß mit fremden messen können. Aber Bethli, das mag sein wie's will, das sage ich dir, du mußt dich mehr zusammennehmen. Höchste Zeit wär's, daß du aus einer wilden Hornisse eine brauchbare honigvolle Biene würdest. Schau, es fürchtet einem ja bald wie du tust und dein Lachen, so hell es im Haus und im Land umgeht, tut einem nicht recht wohl. Ich weiß nicht recht warum, aber es ist einem 121 dabei, wie wenn das Schwegelpfeiflein und die Geigen einen Tanz aufspielen, der einem die Beine lustig und das Herz traurig macht. Ach, potz Donner doch auch! Du tust auch gar wie hintersinnig.« Die Tochter gab keine Antwort, aber sie verbarg ihr Gesicht hinter ihrem Holznäpflein bis der Vater, gefolgt von den Tagnern, zur Stube hinaus war, bis ihre schweren Schritte vor dem Hause gegen die Scheune hin verhallten. Alsdann stellte sie das Näpflein wieder vor sich hin und staunte aus dunkeln, immer mitternächtiger werdenden Augen in den Tisch hinein, dessen Schrammen und Rissen traumversunken mit einem Finger nachfahrend. »Was hast du, Bethli?« fragte, mit erschrockenen Augen, das Marieli. Und als es keinen Bescheid erhielt, rückte es auf seiner Stabelle ganz dicht an die Schwester heran und ihr binsenrotschimmerndes Haupt zu sich herabzwingend, raunte es ihr zu: »Sag, Bethli, bist du etwa so traurig wegen dem Vitus, hast du schon Heimweh nach ihm?« »Närrlein, Herzlein«, sagte das Mädchen zu ihrer kleinen Schwester, sie küssend und anlächelnd. Aber als sie aufsah und die Glotzaugen der Lunn gradlinig auf sich gerichtet sah, schnörzte sie über den Tisch hin: »Was machst du denn für Bollaugen an mich hin, wie eine Kuh aus dem Stall in die Mondnacht hinaus, du Stande!« »Heja, 'sKuckucks«, gab die überraschte Magd, gekränkt, entrüstet zurück, »man wird dich etwa auch anschauen dürfen, du bist ja keine Königstochter.« 122 »Meinst du?« sagte mit wunderlichem Lächeln das Bethli, »das fragt sich dann noch.« Sie schoß auf, packte das Marieli und die beiden Brüderchen und ringelreihte mit ihnen in der Stube herum, sprang hochauf und tanzte und stampfte drauflos, daß es stob. Die Lunn schlug die Hände über den Kopf zusammen. »Nein, aber so was«, rief sie aus, »wie tut die heut wieder einmal! So verrückt hat sie's denn doch noch nie getrieben. Wenn man diesen Wirbel eines Tages nicht noch anbinden muß, so will ich der Narr sein. Nein aber auch, jeregott, jeregott!« Kopfschüttelnd, brummend, begann sie den Tisch abzuräumen. Als aber dann, eine geraume Weile nachher, der alte Zachris Ruhstaller, als regierender König von Euland, auf dem obern Ofenumgang saß, hatte er einen guten Tag. So froh, so hellauf war ihm sein Großkind noch nie vorgekommen, so durch alle Mauern und Böden hindurch, so über alle Berge hinaus, hatte er das Bethli noch nie lachen hören. Nun war ja wohl alles wieder in guten, gangbaren Geleisen. Der Bursche aus dem St. Gallischen war fort. Er hatte ihn ja wohl auch gut leiden mögen, denn er war ein wackerer, ein fleißiger Bauernknecht, aber eben nur ein Knecht. Wie könnte er sich seine Enkelin in eines Bauers Armen denken, so hoch er diesen Stand hielt. Es müßte denn ein Hirtenkönig sein, wie er selber einer 123 war. Jetzt aber hatte Gott die Lösung ja vollzogen, das Bethli, die künftige Königin von Euland, war frei und konnte nun in aller Ruhe auf einen fürstlichen Freier warten. Wie werden sich einst die Herrensöhne der halben Welt um sie streiten, wenn sie von ihrer Anmut hören und von ihrer Schatzkammer in der Hagelfluh. Wenn's doch nur der Gotteswillen wäre, daß Katharina, seine Herrin, endlich einmal aus dem Frankenland kommen möchte! Wie wird sie dann entzückt sein über sein Großkind, über dieses an Leib und Seele so eigenfärbige Bethli! Wie freudig wird sie diese Wildtaube im Palast auf der Hagelfluh bei sich nisten lasten! Ei sieh, da guckte der Schelm, dieses Lachbethli eben wieder durch ein Fenster hinein und lachte ihn mit lieben Augen an. Sie hing wohl am Gesimse oder war auf die Scheiterbeigen geklettert, wie vorletzten Winter die Nachtbuben, die so sehr darnach trachteten, in ihre warme Stube hineinzukommen. Er lächelte vor sich hin. Nun, dieses Jungvolk, die Nachtbuben, werden sich ja wohl bald genug auch wieder zeigen, da jetzt dieser fremde Bursche ihnen aus dem Gau gelaufen ist. Aber dieser Gedanke schien ihn doch nicht recht zu freuen. Er ward auf einmal ernst und machte verdrossene Augen. »Vielleicht«, redete er nach langem vor sich hin, »es kann sein, daß die Nachtbuben doch nicht kommen oder wenn sie sich dennoch da herauf und über die Scheiter machen«, er ward wieder heiterer, »so sind sie meiner Enkelin ein ländliches Spiel 124 und ein Zeitvertreib bis zu dem Tag, an dem unser Haus vom Felsen mit tausend Fenstern in die Welt hinausschaut und bis dem Bethli ganz andere Freier, zwar nicht über die Scheiterbeigen, aber ans vergoldete Tor kommen.« Zachris, der Alte auf der Sonnenhalde, sollte es doch erraten. Eines Spätabends machten sich die Nachtbuben, Burschen aus den Tälern des Euthals und der Sihl, wieder auf die Sonnenhalde, kurz nachdem der Fremdling, der St. Gallerbursch, aus dem Lande war. Nun hatten sie ja wohl wieder freie Weide und mußten nicht mehr in grimmiger Ohnmacht zusehen, wie sich der Knecht nach und nach an die schöne Sonnenhaldentochter hatte machen können. Jetzt aber schien er das Spiel doch noch verloren zu haben. Das Lachbethli, das sie ja auch als ein heikelnäschiges, ja wunderliches Mädchen kannten, mußte ihm im letzten Augenblick noch ab der Schaukel gesprungen sein. Die Tagner, der Langresl und der Gängeli, die ja dort oben ihr Brot aßen, hatten ihnen da allerlei erzählt, aus dem sie nicht recht kamen. Nun, mochte das sein wie's wollte, das Haus auf dem Sonnenrain war ihnen wieder offen und keiner mehr dort, der ihnen vor die Türe stehen konnte. Schon lange waren ihre Jauchzer durch die Nacht gegangen, bevor sie sich auf die Sonnenhalde gemacht hatten, aber nun schlichen sich die Burschen still rainauf und mit einem Male hatte das Lachbethli wieder eine Horde 125 stimmverstellender, stürmisch Einlaß heischender Nachtbuben ums Haus. Es sei ihr gerade, sagte die Lunn, die in der Stube des Sonnenhaldenhauses, den Kopf auf die Arme gestützt, am Tische hockte, die Nachtbuben seien solange sie wisse, Vitus hin, Vitus her, auf den Scheitern gelegen, denn so oft sie nachts durch die Fenster geschaut habe, habe sie immer Mannsvolk draußen gesehen. »Ja, beim Eid«, sagte halblaut, mit zweideutigem Grinsen, der Gängeli, »das glaube ich dir.« Der Langresl lachte eine Scholle heraus, daß die Wände zitterten. »Bezapf du dich nur!« herrschte die erboste Magd den Gängeli an, »wenn schon du ein Oberst bist«, sie lachte dreckig auf, »du und dein Buckel sind mir unter dem Mannsvolk vor den Fenstern nie vor Augen gekommen, nicht einmal im Traum.« Aber als jetzt der hagschwartendürre Langresl wieder seiner Lachsame die Schleuse auftat, also, daß sein Gelächter durchs ganze Haus hulterpulterte, legte Sebimaria, der Bauer, seinen Holzlöffel in die hohlgewordene Musgelte, die mitten auf dem Tisch stand und sagte, mit einem ernsten Blick auf die Tagner und die Magd: »Jetzt wollen wir noch den Englischen Gruß beten«, er sah flüchtig zum Ofen auf, wo sein Vater auf dem obern Umgang saß, »und darnach macht euch auf den Laubsack, ihr Mannen, so mögt ihr morgen zeitig wieder auf.« Also beteten sie um den Tisch das Nachtgebet, wobei 126 die Lunn immer hintendrein kam, wie die alte Fastnacht. Aber die kleinen Buben, der Sebeli und der Bäneli, so sehr ihre Stimmen die der andern überhöhten, machten nicht so recht mit. Sie mußten immer zum Ofen hinaufsehen, wo das Marieli neben dem König von Euland kniete und ihm beim Essen half. Er hatte eine kleine Holzmutte voll Weißmus im Schoß. Jedesmal nun, wenn er einen dampfenden Löffel voll heraushob, blies es mit roten Pausbacken, aber gar behutsam darüber, bevor er ihn zum Munde führte. Nein, brennendheiß durfte der Großvater den Brei auf keinen Fall essen. Das schien dem Alten sehr zu behagen, denn er neigte den weißen Bart schier andächtig seinem Großkinde zu. Mit stillem Vergnügen schaute auch der Bauer allweil wieder zum Ofen auf. Und als nun das Nachtgebet zu Ende war und auch die nachschleppende Magd zum Amen hatte kommen mögen, erhoben sich die zwei Tagner und trampten, an der Türe ins Weihwassertröglein langend und sich bekreuzend, aus der Stube. Da warf der Sebimaria seine Hirthemdkapuze vom grauen Kopf und tat einen raschen Blick nach den Fenstern, vor denen nun der Lärm der Nachtbuben immer toller ward. Und schon lagen sie auf den Scheitern vor den offenen Fensterlädlein und sperberten jetzt, kichernd, tuschelnd, die Stimmen verkehrend und wohl auch aufjauchzend, in die Sonnenhaldenstube herein. 127 Der Bauer sah unruhig, nachdenklich auf den Tisch hin. Er hatte die Euthaler Nachtbuben schon lange gemerkt. Er wußte auch, daß sie kommen würden, er hatte es sehnlich gehofft. Sie sollten ihm seine Tochter, deren Wesen und Tudichum ihm in letzter Zeit immer weniger gefallen wollte, allmählich auf andere Gedanken bringen. Alsdann würde sich vielleicht doch unter ihnen einer finden lassen, der das Bethli zu gewinnen und völlig zuweg und landesbräuchlich zu machen vermochte. Es ward ja immer schwieriger mit ihr. Alles brachte sie aus der Ordnung. War sie heute Ostertag und Pfingstfest miteinander so glich sie morgen wieder ganz und gar dem Karfreitag. Alle und alles litt darunter und die Tochter, das sah er ja wohl genug, am meisten. Er hatte ihr auf Umwegen verdeuten lassen, durch das Marieli, er wolle den Vitus wieder rufen, aber da war sie wahrhaft fürchterlich geworden und hatte ihm gedroht, sie laufe auf Ehre und Seligkeit davon, wenn er ihr diese Schmach antue. Hundertmal lieber wolle sie sterben, als einen Menschen zurückrufen, der also von ihr fortgegangen sei. So ging's weiter und es war eine ewige Unrast im Hause. Nur der Großvater schien nichts Ungerades zu merken. Er freute sich offenbar, daß der fremde Knecht weg war, daß er nun das Bethli mehr für sich hatte. Gar oft saß sie jetzt bei ihm auf dem obern Umgang, was sie sonst nie getan hatte und ließ sich von ihm von seiner geliebten Königin Katharina erzählen, soviel er wollte. 128 Aber nun waren die Nachtbuben draußen. Der Bauer hatte wohlbemerkt, wie Bethli rot ward, als sie den Lärm ums Haus hörte und wie sie dann zudunkelte. Aber plötzlich war sie in ein Gelächter ausgebrochen, aus dem kein Mensch kommen konnte. Und auf seine Frage, was es nun sei, ob er die Jungen hereinlassen solle, hatte sie ihn erst fremd angesehen, aber gleich darauf giltmirgleich gesagt: »Vater, wenn's euch ein Gefallen ist, so mögen sie eben hereinkommen.« Darnach hatte sie ihren Löffel in die Musgelte gelegt und war in die Küche hinausgehuscht. Der Sonnenhaldenbauer erhob sich. Noch einen langen, nachdenklichen Blick tat er zu seinem Vater hinauf, alsdann schritt er an ein Fenster und das halboffene Lädlein noch weiter auftuend, rief er in die Nacht hinaus: »Ihr Ledigen, die Türe steht euch offen. Wenn's euch so wohlgefällt, so mögt ihr, Gottsnamen, hereinkommen!« Kaum hatte er die Türe auf den Flurboden hinaus aufgetan, so kamen die Nachtbuben, zögernd, fast scheu, mit bloßen Füßen, einer schön hinter dem andern, in die Stube herein. Bedächtig höckten sie sich, den Alten auf dem Ofen so ehrerbietig, als ihnen bei ihren graden Rücken möglich war, grüßend, um den großen, kuhbeinigen Tisch, von dem eben die Lunn die umfängliche Musgelte aufgehoben und in die Küche hinausgetragen hatte. Der König auf dem Ofen gab den Euthalerburschen ihre Gutenabendwünsche freundlich, ja herzlich zurück. Er hatte die Krone abgenommen und sie neben sich auf den 129 obern Umgang gestellt. Es mochte ihm wohl zu warm machen in der dumpflüftigen Stube, in der er mit zitterndem Holzlöffel, den Rest, die Kruste des Weißmuses, aus dem Muttelein herauszukratzen suchte. Doch bald legte er den Löffel ins kleine Gefäß und es dem rasch zulangenden Marieli übergebend, wandte er sich nun völlig den Kindern zu. Er schien die Nachtbuben, die neugierig zu ihm aufsahen, vergessen zu haben, denn jetzt hatten sich auch seine zwei kleinen Enkel auf den untern Umgang des Ofens gehöckt. Der Sebeli bot ihm ein Stück weißen Zigers auf einem Holzteller an und der Bäneli hielt gar ein Handzainlein voll kleiner roter Bergkirschen zu ihm empor. »Nehmt, Großvater, nehmt!« Doch der Greis sah mit immer schläfrigern Augen auf seine Großkinder, sie freundlich, lächelnd über die Scheitel streichelnd. Aber wenn er, mit ein wenig unsichern Fingern, ein paar Kirschen aus dem Zainlein heraushob, kam er damit nicht immer bis über den weißen Bart herauf, die Augen sanken ihm und die Kirschen fielen ins Zainlein zurück. »Ihr nehmt ja gar nicht, Herr König. So greift doch zu, Großvater!« ermunterte ihn das Marieli immer wieder. »Schaut wie schneetaubenweiß der Ziger ist und wie lind, da auf Sebelis Teller!« »Ja und was ich für gute Kirschen in meinem Zainlein habe!« rief der Bäneli, »wegen was nehmt ihr denn nicht, wegen was schlaft ihr denn alleweil wieder ein? Eßt doch, Großvater, nehmt doch!« 130 »So, ihr Ledigen«, sagte nun Sebimaria, der Bauer, nachdem er mit den Euthaler Burschen ein Zeitchen dem anmutigen Spiel auf dem Ofen zugesehen, »nun habt euch warm und bleibt mir nicht zu lang! Es freut mich, daß ihr gekommen seid, ich will's euch frei und offen sagen. Nun aber tut so, daß ich's immer lieber sehe, je fleißiger ihr anrückt. Jetzt gute Nacht beieinander! Ich muß noch in den Stall hinüber und darnach auf den Laubsack. Also habt ihr die Stube, ihr Ledigen. Ich denke, ich werde euch das Bethli aus der Küche hereinschicken müssen. Wie's mir ist, wird sie mich bei euch wohl zu ersetzen vermögen. Oder«, machte er mit schalkhaftem Augenzwinkern, »wollt ihr etwa lieber die Lunn haben? Die gebe wohler aus.« Ein Gelächter polterte durch die Stube. »Ja, ja«, rief's aus den Nachtbuben, »schick uns das Lachbethli ins Gau! Wir möchten wieder einmal sein hellstimmiges Glöcklein auf der Sonnenhalde läuten hören, des Langresls drei Sentenschellen tun's uns nicht. Haarus, haarus!« Der Bauer Sebimaria trampte bedächtig in die Küche hinaus. Und wie sie bald darnach seine schweren Schritte über die Steinplatten gegen den Stall hingehen hörten, sprang die Küchentüre auf und herein kam, lachend über und über, wie ein Sommermorgen, der aber Gewitterwolken und den Blitz im Leibe hat, das Bethli. Erst sah sie zum Großvater hinauf. Der schien sich 131 ganz an die Kinder verloren und alles außer ihnen vergessen zu haben. Dann machten sich ihre Augen unter die Nachtbuben. Doch war kein Bursche in der Stube, der hätte behaupten können, des Mädchens Blicke seien solange wie ein Falter oder auch nur der Schatten eines vorüberziehenden Vogels auf ihm haften geblieben. Sie schien alle und keinen anzuschauen. Aber jetzt lachte sie hellauf, wie sie einen weißborstigen Ledigen, mit keckem roten Schnurrbärtchen vor sich sah. »Oha, Weißgokel, du bist auch da!« »Jawohl, bin ich«, sagte der Weißköpfige frischheraus, »und wie's scheint, hast du mich noch nicht einmal völlig aus den Augen, geschweige aus dem Herzen herausbringen können.« Sein lärmendes Auflachen ging durch die Stube. »Du bildest dir wohl ein, Bälzel«, rief ein anderer, »du seiest es, der in ihr den St. Gallischen, den fremden Fetzel, gebodigt hat. Ich nehme aber an, für einen solchen Lupf brauche es schon meinesgleichen. Einen Menschen, der's nicht bloß im Maul, der's in den Ellenbogen und Waden hat.« Das Bethli sah einen Augenblick kühl, fast abweisend, in das frohgestimmte, angriffige Jungvolk hinein. Aber gleich lachte auch sie wieder los und über alle hinweg und rief aus: »Ihr möchtet's nun wohl ein Zeitchen kurzweilig haben hier in der Sonnenhaldenstube, ihr Buben, oder nicht? Ein wenig den Hund ablassen tätet ihr gern und vielleicht gar ein Tänzlein mit mir stieben, aber . . .« 132 »Aber«, machte einer, mit Grabesstimme, zu den Kindern auf dem Ofenumgang hinblinzelnd, die um den Alten lagerten, schläfriger als die Jünger am Ölberg, »es sind drei Kacheln zu viel im Ofen.« Es ging ein Auflachen um den Tisch. »Wohl, wohl, da kann man abhelfen, man muß sie nur herausheben«, meinte mitlachend das Bethli. »Kinder, Marieli, Sebeli, Bäneli, es ist für euch hohe Zeit auf den Laubsack! Befleiß dich, weidlich, weidlich, Marieli, bring deine Brüderchen zu Bett! Du bist ja unser Hausmütterchen. Was wollten wir denn anfangen, wenn wir dich nicht hätten.« So machte sie sich an den Ofen und hob die zwei halbwegs schlafenden Knaben, samt ihrem Holzgeschirr, vom untern Umgang. Das Marieli aber küßte den Großvater noch in den weißen Bart hinein, also angelegentlich, daß sein schmales Gesichtlein sich drin fast verlor. »Schlaft gesund, Herr König!« rief's aus und darnach hatte es gleich an jeder Hand einen kleinen Bruder und zog und lockte sie mit zärtlichen Zurufen aus der Stube. Im Hui verging das Getappe und Getrippel ihrer bloßen Füße im Hause. Kaum waren sie weg, ließ der alte Zachris Ruhstaller auf seinem Ofenhock das Haupt völlig sinken und gleich nickte er ein, sich am Hirtenstab, den er wieder zuhanden genommen hatte, festhaltend. Jetzt lagen auf einmal zwei Schwegelpfeiflein auf 133 dem Tisch. Die Hirthemden rundum wurden unruhiger. Ein lockendes, kurzes Aufjauchzen kam aus der Horde. Die nackten Füße begannen zu stampfen, aber der Greis auf dem Ofen schlummerte ruhig weiter. Der heiterschopfige Bursche, mit dem roten Schnurrbärtchen, sprang auf, also, daß seine Stabelle umflog. Und sich hart vor die Haustochter stellend, die nun am Spinnrad saß und das Rädlein blitzschnell gehen ließ, sagte er: »Lachbethli, Kind Gottes, sag's nur einmal vor allen frei heraus: wo hast du mich gern?« »Dich?« antwortete sie, lachend zu ihm aufschauend, »am liebsten hätte ich dich zuoberst in einer Wettertanne auf der Schräh.« »Nein, das wäre mir zu weit weg von dir«, sagte er, während die andern lachten. »Ich meinerseits, hörst du, Lachbethli, möchte dich und deine Küsse gern so nahe bei mir haben, wie allenfalls die Eichhörnchen in jener Wettertanne auf der Schräh die Tannzapfen, so daß ich sie völlig bei Hand hätte und sie nur zu schütteln brauchte, um sie haufenweise zu haben. Schau so!« Er jauchzte auf und da hatte er das Mädchen schon vom Stuhl und in seine Arme gerissen und küßte sie ab, was er konnte. Doch dauerte das alles nicht einmal ein Gegrüßtseistdu! lang, denn er bekam vom Bethli einen Stoß vor die Brust, der sie im Hui wieder aus seinen Fängen brachte. »Wart ich will dir, du Lecker!« rief sie aus, ihn an den Schultern packend und auf seine Stabelle 134 niederzwingend, »kommst du mir nochmals so, geht's dir dann bös.« Sie fuhr ihm in die weißen Borsten und schüttelte ihn wie eine Sentenschelle. Aber er lachte nur, schien sich das ganz gern gefallen zu lassen und sein rotgewordenes Gesicht, mit den breiten Kinnbacken, aus denen die Zähne nur so hervorbrachen, als wollte jeder als erster zum Anbeißen kommen, zu ihr aufhebend, sagte er heiß: »Hau nur zu, Maitli! Was du zu hauen vermagst, halten meine Backen mit Freuden aus.« Alles lachte, auch das Bethli. Aber als jetzt die Schwegelpfeifen auf einmal aufspielten und also ein bodenguter, lüpfiger Gautanz umging, erwachte der Alte auf dem Ofen. Verwundert erst, alsdann kalt, schaute er in die so rasch aufgegangene Lustigkeit. Wie jedoch seine Blicke auf die Enkelin fielen, die eben zwei bäumige Burschen, deren Hände sich zu einer gar lebendigen Schaukel verbunden hatten, hin und her läuteten, ja aufwarfen, wurde er unmutig. Seine dichten weißen Brauen hingen dräuend über die Augen herein und die kleinen goldenen Kugeln an seinen Ohren wollten nicht zur Ruhe kommen. Er erhob sich und suchte sich mit zitterigen Händen vom Ofen herunterzuhelfen. Das Bethli hatte das alles und mit zunehmendem Unbehagen wohlbemerkt. Sie sprang den Nachtbuben von der allzulebendig gewordenen Schaukel und machte sich geschwind auf den untern Ofenumgang, um dem 135 Großvater beizustehen. Willig nahm er ihre Handreichungen an und so war er rasch auf dem Stubenboden. Und nun schritt er durch die Jungen, die ihm, fast scheu, Platz machten. Er nickte ihnen stumm, ohne sie jedoch anzusehen, zu und also machte er sich, an seinem schwach vergoldeten Hirtenstab, geführt von seiner Großtochter, über das Trepplein hinterm Ofen hinauf, in die Stubenkammer. Kaum war die weinrote Schleppe seines Mantels hinterm Ofen verschwunden, gerieten die Nachtbuben schon ins Kichern. Wie sie nun die Falltüre oben zuklappen hörten, brachen sie in ein schallendes Gelächter aus. Aber bald ward es wieder ruhiger in der Stube. Sie begannen über den Tisch zu tuscheln und allerlei Sprüche und Witze zu machen. Nach und nach verleidete ihnen das auch, sie hörten immer angelegentlicher zur Stubenkammer hinauf und ihre Augen wollten nicht mehr so recht von der Ofenecke wegkommen, um die der Alte mit seiner Enkelin verschwunden war. Mit schwerverhaltener Ungeduld, sehnsüchtig warteten alle aufs Bethli. Jetzt erblickte der Weißkopf, in dessen Haarborsten noch des Mädchens Griffe brannten, die starkzackige, goldene Krone auf dem obern Ofenumgang. Der schlafbefangene Greis hatte wohl vor seinem Abzug vergessen, sie sich aufzusetzen. Er lachte auf, zeigte auf den Ofen und sagte halblaut in die Nachtbuben hinein: »Seht ihr, der alte Sonnenhaldenzachris, unser König«, er lachte kurz 136 auf, wobei er die verschmitzten Grauäuglein bedeutungsvoll umgehen ließ, »hat seine Krone auf dem Ofen stehen lassen. Potz Blut, ihr Strahlhagel«, redete er mit säfzgendem Mund, »mit dieser Krone könnte man sich nun einmal einen rechten Spaß machen. Meint ihr nicht auch? Ja, beim Eid sterb ich, da bekämen die Vögel wieder einmal Hanfsamen haufensgenug. Ich hab's schon im Kopf, wie ich's meine und es ist mir, wir könnten da etwas anreisen, einen Streich, über den das Bethli acht Tage lang das Lachen nicht abznstellen vermöchte. Ja, da könnte sie einmal lachen, daß ihr die Toten zwei Spieß tief im Boden noch das Echo machen müßten. Heja, was meint ihr Ledigen, wie wär's, wenn wir der dicken Lunn, diesem wandelnden Laubsack, die Krone aufsetzen würden?« »Jaha, potz Wetter«, rief einer aus der Tischrunde, »das könnte wieder einmal einen Landspaß abgeben, über den man über alle Berge hinauslachen täte.« »Soll's also losgehen?« »Allweg, ja, ja, ja!« lärmte es allseitig. »Ja, aber wenn's der alte Zachris zu merken käme?« meinte einer. »Behüt uns Gott!« rief's aus der Schar zurück, »wenn so ein Alter einmal auf dem Laubsack liegt, so ist er gewiß und heilig gehörloser als ein Schneemann.« »Also denn, gut«, sagte der Weißborstige. Flink erhob er sich und ihnen aus seinen Fuchsenäuglein nochmals hinterhältig zuzwinkernd, machte er sich stillfüßig in die Küche hinaus. 137 Alle horchten gespannt. Sie hörten in der Küche aufgeregt flüstern. Doch dauerte es nicht lange, so tat sich die Türe wieder auf und da zog, zerrte und fleischte denn der Bursche schon die umfängliche, bis an die Stirne und drüber hinaus noch fettglänzende Lunn, die Magd, in die Stube herein. Sie wehrte sich mit Hand und Fuß und ihrem zwar wohlgeschmalzten, aber gleichwohl etwas langsamen Stimmwerk, so gut sie's vermochte. Doch als sie die Nachtbuben nun in ihrer Mitte hatten und allseitig auf sie einredeten und ihr schön taten, sie sogar Lunneli nannten, ward ihr umundum warm, wie einer alten Katze auf dem Ofen. Eine derartige, ungewohnte, aber hochwillkommene Zutunlichkeit von der Mannenseite ward ihr zu stark, es übernahm sie. Und siehe da, was sie eben noch mit Unwillen, ja Entrüstung angehört hatte, fing auf einmal an, ihr wie Schlagrahm einzugehen. Henein, meinte sie, nach einigem Getue, am End wolle sie ihnen denn doch auch nicht die Spielverderberin machen. Eigentlich, wenn sie's sagen wolle, wie's ihr sei, so müsse sie's bekennen, daß sie fürs Leben gerne sehen möchte, was das Bethli zu dem Spaß für ein Gesicht mache und wie sie dann ins Lachen komme, wie der April ins Hochwasser. Das werde wieder ein Umtrieb und ein Tanz im ganzen Haus herum absetzen. Kurzum, recht bald hatten die Burschen die schwerfällige Lunn auf den obern Umgang des Ofens 138 hinaufgefuhrwerkt. Da hockte sie nun, also massig und bodengut, wie man sie hingehöckt hatte und ließ sich's, wenn auch in verlegener Scheu und unbehaglicher Verschämtheit, gefallen, daß ihr die behenden Jungen des Königs Krone auf den fettigen Haarwulst stülpten und ihr als Herrscherstab den aus der Küche hereingeholten Tannreisbesen in die rechte Hand drückten, die aufgequollen, wie eine Laubkröte nach der Schneeschmelze, auf ihren Knien lag. Die Nachtbuben hatten eine unbändige Freude an dem dicken, schlampigen Weibervolk, das nun, mit dummem, gelächerigem Gesicht, auf dem Ofen hockte und König spielte. Sie hielten aber an sich und suchten ihre Lachsame zu stauen. Und als sie nun die Falltüre der Stubenkammer aufheben und bedächtige, fast zögernde Schritte hinterm Ofen herabkommen hörten, zwangen sie geradezu den Atem zurück. Sogleich mußte ja das Lachbethli die Lunn sehen. Sie wollten aber sein Gelächter voll und ganz zu vernehmen und auszugenießen bekommen. Langsam, fast auffallend still, kam des Sebimarias Tochter, das Bethli, um die Ofenecke und mit traumverlorenen, schier dämmerdunklen Augen vor sich hinsehend, setzte es sich ans Spinnrad. »Ja, 'sKuckucks abeinander«, rief's jetzt aus den Hirthemden, »bist du denn blind geworden, Bethli, daß du die so lange und so feuerzündheiß vom König von Euland, deinem Großvater, erwartete Königin aus 139 Frankenland nicht siehst. Nun ist sie ihm endlich doch gekommen, sie hockt schon auf dem Ofen.« Die Spinnerin schaute auf und erblickte die gekrönte Lunn auf dem Ofenumgang. Einen Augenblick stutzte sie, geisterhaft und aus halbgeöffnetem Munde lächelnd, aber miteinemmale brach sie los und ihr tolles Gelächter erfüllte die Stube, das ganze Haus, die Welt. Die Burschen mußten erst nur so zuhören. Nein, das war ja noch viel toller als sie sich's doch gedacht hatten. Da lachte und lachte nun dieses Bethli, wie verrückt; es jauchzte geradezu. Aber nun riß es sie alle mit. Doch kaum fuhr ihnen ihr mühsam gestautes Gelächter heraus, verstummte das Bethli jählings. Und zu ihrer großen Überraschung, ja zu ihrem Schreck, sahen es die Nachtbuben erbleichen und sie sahen, wie nun aus einem dunkel gewordenen Gesicht, zwei brennende Augen zum Ofen aufstaunten, als würden sie die Magd erst jetzt gewahr. Ein wilder, wütender Aufschrei, das Bethli war aufgeschossen, daß das Spinnrad unter den Tisch flog; ein paar Sprünge, und nun stand das Mädchen schon bei der Lunn und riß der entsetzten Magd die Krone vom Kopf, sie eilig zuhöchst auf dem Ofen, hinterm Umhänglein verbergend. Als jedoch die Lunn, die in ihrer Vertaterung und in ihrem Schrecken keinen kleinen Finger zu regen vermochte, nach ihr sehen wollte, packten sie schon des Bethlis Griffe 140 an den halbwegs aufgegangenen Zöpfen. »O, o, du Gans, du Grundlawine, du dummes Huhn!« schrie es kreischend auf. »Wie hast du dich nur«, lärmte es, sie vom Ofen herabschleppend, »von diesen verdrückten Heimlichtückern, von diesen Füchsen und Luchsen, zu solch einem Lumpenstreich mißbrauchen lassen können?! Hinunter mit dir, du Erdbreche, du erzdumme Truhe!« Wie sie nun die Magd, schäumend vor Wut, auf dem Stubenboden hatte, entriß sie ihr den Tannreisbesen und trieb die Aufheulende, Jammernde in die Küche hinaus. Und kaum schlug die Türe hinter ihr zu, kehrte sich das Mädchen aufschreiend, zornglühend gegen die Burschen, die alle unwillkürlich vom Tisch aufgefahren waren. Und jetzt bedünkte sie, es spränge ihnen aus Bethlis Augen ein Wirbel blauer Schmiedenfeuerlein ins Gesicht. »Hinaus mit euch, hinaus, hinaus!« Bevor sich die Nachtbuben ihres maßlosen Staunens über das so blitzgeschwind verwandelte Bethli bewußt wurden, tanzte der rauhe Besen schon einen grimmigen Tanz um ihre Köpfe. Und bevor sie auch nur einen Laut von sich zu geben vermochten, fanden sie sich, wie ein Gehüt Schafe, über die ein Gewitter mit Blitz und Hagelschlag hereinfährt, gehetzt und verjagt. Und da standen sie nun in der Nacht draußen, so selbstverständlich, als wären sie nie auch nur mit einer Zehe in der Sonnenhaldenstube drin gewesen. Mit großen Augen staunten sie sich allweil an. 141 Endlich erwachten sie völlig und taten allerlei Ausrufe der Verwunderung. Aber nach und nach fingen sie an zu lachen, doch wollte es zu keinem frohgemuten, herzlichen Lachen werden. Sie blickten immer unfreundlicher und endlich fast böse auf die Fensterlädlein der dunkel gewordenen Stube. Sie bekamen allmählich Fäuste, hart und rund wie Bachsteine. Aber sie bezähmten sich. Ein Nachtbub, der Weißkopf, hatte sich auf den Brunnen gestellt. »Maitli!« rief er ans Haus hin, gegen das Guckauskämmerlein hinauf, »Maitli, nun kannst du lange genug warten, bis wir dir wieder ans Lädlein klopfen. Merk! Wir verstehen jetzt auch, wegen was dein fremder Gespönsling von der Sonnenhalde fort ist. Heja, es wird ihm eben verleidet sein, einer Königstochter zu hofen. Zum Melken und zum Mistanlegen würde man gewiß auch in den eidgenössischen Tieflanden so hoffärtiges Weibervolk nicht wohl brauchen können. Schlaf gesund!« »Heijo, du daoben, sag, bist du denn nicht das Lachbethli?« redete eine andere Stimme in der Nacht, »bist du denn nicht ein Spottvogel über alle Dächer hinaus? Und heja, red, warst nicht du es, die sich geschämt hat, in ihres Großvaters sonderbaren Sonnabendumgängen ihn zu begleiten? Ja, du Strahlsmaitli, warst denn nicht du es, seine leibhaftige Enkelin, die ihm mit der Krone so schlimm mitgespielt hat, als er in den Äckern seinen goldenen Steinen nachgegangen ist? Red, red, rück aus! Und dennoch hast du mit uns heute eines Spaßes wegen 142 getan, als hätten wir den König von Euland mit glühenden Zangen gezwickt und gevierteilt, als wärest du selber auch hintervürköpfig geworden. Mit Gott und Glück, Lachbethli! Uns Euthaler Nachtbuben siehst du auf der Sonnenhalde ein Zeitchen nicht wieder. Haarus, haarus!« Aber als die Burschen über das Steinplattenweglein mit fast lautlosen Barfüßen hinunterschlichen, wurden sie immer einsilbiger. Es wollte nicht, wie sonst immer, wenn sie vom Zulichtgang bei einem Mädchen heimzogen, ein Jauchzen das andere überhöhen. Unruhig, verdrossen stiegen sie ins Tal hinab. Es mußte da wohl etwas Unheimliches mit ihnen gehen; irgendein Alpkobold, ein Nachtbutz mußte ihnen auf den Nacken gesprungen sein und sie also bedrücken und würgen, daß ihr Jauchzen nicht in die sternenklare Hochlandsnacht hinaus wollte. 143   V. Am nächsten Sonnabend, als der alte Zachris Ruhstaller mit dem Marieli und den kleinen Enkeln Sebeli und Bäneli, nachmittags, in königlicher Aufmachung, über ein Vorstieglein des Sonnhaldenhauses herunterkam, stand, zu seiner freudigen Überraschung, das Bethli schon am Brunnen und wartete auf ihn. Sie war hochgeschmückt, denn sie trug auf dem dreifachen Kranz ihrer binsenfarbigen Haare noch ein Kränzlein blutroter Waldrosen. Mit einem herzlichen Lächeln, das aber einen wehen Zug um ihre Augen nicht ganz auszulöschen vermochte, ging sie auf den Greis zu und sich vor ihm tief verneigend und ihn alsdann auf die welke Wange küssend und flüchtig eine der kleinen goldenen Kugeln hinter seinem weißen Bart mit den Lippen betupfend, sagte sie: »Herr König, lieber Großvater, nun will ich gerne mit euch kommen und immer will ich kommen, wenn ihr mich haben wollt.« Der Alte wurde ganz bewegt, Tränen kamen in seine Augen. »Wessen Begleitung könnte mir mehr Vergnügen machen als die deine, liebes Kind«, gab er zurück, »du bist's doch, die mein Königtum einst fortsetzen soll und die mir ja auch besonders am Herzen liegt. Wie 144 freut's mich, daß du bei mir sein willst. Madame wird glücklich sein, wenn sie heute kommt und sieht, was wir in diesem Bergland für eine Nachfolgerin haben werden. Schau, ich habe es wohl gewußt, Bethli, daß du mich lieb hast, obschon du als ein übermütiger Lachvogel und Brausewind mir manche arge Schalkerei gespielt und«, er ward ernster, »und etwa auch ein wenig weh getan hast. Aber es ist mir«, machte er mit einem langwierigen Blick auf seine Großtochter, die nun neben ihm die Sonnenhalde hinab, talzu ging, »du seiest die letzte Zeit stiller, ja gar so still wie eine blätterloses Stäudlein, das auf den Winter wartet, geworden; so, wie man's an dir nie gewohnt war. Es ist mir deshalb, das Leben müsse dir schon ein Leides angetan haben, so jung du bist, denn deine Augen, Kind, die sonst so hellauf, maienhochzeitlich waren, sind jetzt in deinem immer weißer werdenden Gesicht, wie nistende Lerchen im Schnee, geduckt, verängstigt.« Er nahm ihre Hand: »Sag, Bethli, was fehlt dir?« »Großvater«, sagte sie, vor sich hinsehend und den Greis behutsam über die Steinplatten des Fußweges hinabführend, »seid mir nicht bös, daß ich ein wenig hinterhältig bin, aber ich will es euch doch lieber zu wissen tun. Seht, ich komme nicht nur wegen euch auf einmal gerne auf die Hagelfluh, ich möchte auch meinetwegen hin. Es zieht auch mich mit hundert Armen hin, ich bin krank im Herzen wie ihr. Vielleicht habe ich das ja ein wenig von Euch geerbt, Großvater. Wißt, ich habe Heimweh nach 145 einem. So muß und muß ich auf die Hagelfluh, um Ausschau zu halten, ob er mir nicht bald zurückkomme.« »Bethli«, machte er, sie warm anschauend, »das wundert mich nicht, gar nicht, Kind. Heimweh haben wir ja alle und wer weiß, ob es jemals von uns geht. Das Frauenvolk gar, kommt nie aus dem Heimweh heraus. Zeitlebens, von der Wiege bis zum Grab, sehnt es sich nach etwas, das es recht liebhaben und verzärteln kann. Und nie glücklicher sind diese Frauen, als wenn sie sich mit dem, was sie recht liebhaben, ihrer Lebtag abmartern und zu Tode schleppen können. Auf wen wartest du denn?« »Auf einen Bräutigam«, antwortete sie leise. »Kind«, redete er, »gedulde dich noch um ein Kurzes. Ich bin alt und sobald Madame, meine Königin Katharina, da sein wird, und ich erwarte sie sicher auf diesen Abend, so werde ich den Palast, von dem ich dir erzählt habe, auf der Hagelfluh erbauen lassen. Warte, gedulde dich noch ein wenig, meine Lachtaube! Da wirst du aus jedem Fenster seiner hundert Säle immer wieder einen andern Fürstensohn heranreiten sehen, der dich haben möchte. Sei dann nur recht wählerisch, denn es ist eine gar wichtige Stunde, die einem den König über das Land und gar über sein Herz bringt.« »Ach«, sagte sie wehmütig lächelnd, »wie sollte ich nach vielen Freiern verlangen, Großvater. Ich habe ja schon einen gehabt. Hätte ich ihn nie ziehen lassen!« Etwas befremdet, sinnend, schaute er sie, einen 146 Augenblick stehen bleibend, an. Dann ging er weiter. Aber wie sie nun zusammen ins Tal herabkamen, sagte er: »Ich kann mich nicht erinnern, Bethli, einen Bräutigam bei dir zu Licht gesehen zu haben, doch war da freilich ein junger Bursche aus dem Gebiet des Abtes von St. Gallen, der dir schön getan hat. Sag, hat er nicht Vitus geheißen?« »Vitus, Großvater. Er war ein tüchtiger, ein guter Junge.« »Ja, doch, doch, nun bekomme ich ihn allmählich vor Augen, ja, nun erinnere ich mich seiner«, redete er und nach einigem Schweigen setzte er bei: »Es war ein wohlgewachsener Feger und man hat ihn, ist's mir, auf dem Hof gut brauchen können. Wenn er dich aber recht liebgehabt hätte, Bethli, wäre er nicht davongegangen oder dann schon lange wieder da. Nein, er kann nicht von vornehmem Blut gewesen sein.« Er schüttelte nachdenklich das weiße Haupt und ihre Hand ergreifend, sprach er: »Wie magst du nur so einem nachsinnen, Kind. Gedulde dich! Bevor die Waldrosen in deinen Haaren Staub sind, kannst du vielleicht schon einem in die Augen sehen, der dir nicht davonläuft. Komm, wir wollen uns sputen, so sind wir bald auf der Hagelfluh! Es ist mir, ich höre schon irgendwoher Trompeten.« »Ein Adler schreit über uns, Großvater.« »Ja«, meinte er, sie nicht recht verstehend, »freilich ein alter Adler bin ich, mein Kind; da hast du recht. Da kann 147 die Adlerin, die aber jung und schwingenkräftig geblieben ist, nicht mehr weit weg sein. Komm, eilen wir, eilen wir!« Sie zogen durch den Weiler des Euthals. Und nun folgten ihnen auch noch des Holzschuhmachers Trutli und des Hornputzers Wiseli mit einem Schärlein Kinder, die sie ja immer zusammenriefen. Sie waren alle blumenbekränzt, wie das schleppentragende Marieli. Es wollte aber dem Marieli vorkommen, die Leute um den Weg schauen heute nicht so freundlich wie sonst auf seinen königlichen Großvater. Das war wohl, weil die große Schwester mitging, denn seit sie die Euthaler Nachtbuben mit dem rauhen Tannreisbesen zur Sonnenhaldenstube hinausgefegt hatte, mochte man das Bethli im Lande nicht mehr wohlleiden. Gar vom Jungvolk war ja heute kein Bein zu erblicken. Die Burschen hatten sich wohl beim Herannahen des Umganges abseits gemacht. Weder der Alte, noch seine Enkelin neben ihm schienen das zu bemerken. Sie mochten wohl tief in Gedanken versunken sein und ihre Sehnsüchte ließen sie nichts mehr sehen als ihr heutiges Ziel, den weit ins Tal vorstehenden Felsen, die Hagelfluh. Und als sie nun durch die Windbruchweid hinaufstiegen, sagte der Greis, der seine Großtochter nachdenklich, aber mit immer wärmeren Augen, angesehen hatte: »Bethli, hör, es ist mir, je länger ich dich anschaue, du kommest mehr und mehr meiner erlauchten Liebsten, der Königin im Frankenland, gleichzusehen.« 148 Da ward die Maid wie ein Hochsommertag so strahlendschön, und es war, als wolle sie in alle Himmel hinauf jauchzen, aber gleich senkte sie die Augen wieder, und es war als verschatteten ihre dunklen Wimpern ihr ganzes Wesen. Sie neigte sich über des Großvaters Brust, schlug einen Arm um ihn und stieg so, ihn halbziehend, schweigend, weidauf. Aber der war jetzt guter Dinge. Er ward gesprächig und nun raunte er seiner Enkelin ins Ohr: »Und der dir kommt, Bethli, glaub mir's, der wird der adeligste Herrensohn der Welt sein. Es ist mir«, setzte er laut, nachdenklich bei, »jene Maria Stuart, von der man sich erzählt hat, sie sei neben meiner Mediceerin die anmutigste Jungfrau am Hofe zu Paris gewesen, könnte jetzt einen Enkel haben, der just in deinem Alter wäre. Aber heiße den Prinz, der da im Gefolge meiner Herrin ja wohl mitreitet, wie er will, er wird dich sicher alles, was dir ans Herz gekommen ist, doch deiner nicht wert war, vergessen machen. Und meinst du gleichwohl einen Wunsch begraben zu müssen, so wird das sein, wie der abfallende Samen einer Frucht. Denn sei getrost, Bethli, wer immer ein Samenkorn begräbt, glaubt an die Auferstehung vom Toten.« Also kamen sie auf die Hagelfluh. Und nun saßen sie im Schirm der mächtigen Wettertanne auf der kleinen Bank, erwartungsfroh, sehnsüchtig über das Tal der stillen Sihl hin nach den dämmerblauen Höhenzügen schauend. 149 Und der Ringelreihen der Kinder umjubelte sie und das Gejohle und der Lärm Sebelis und Bänelis, die Steine über die Fluh hinunterrollen ließen. Das Marieli aber lagerte zu Füßen ihres Großvaters und ihrer Schwester auf dem feingeblümten Rasen. Fast verwundert schaute es zu ihnen auf, denn es wollte ihm vorkommen, ihre blauen Augen, die nun sehnsüchtig ins Weite staunten, gleichen sich heute gar so sehr. Aber als es nun ob ihm immer still blieb, legte es sein Köpfchen auf seines Großvaters Füße und schlummerte, trotz dem Geschrei der spielenden Kinder, ein. Von da an zog das Bethli mit seinem Großvater alle Sonnabende nach der Hagelfluh. Die Leute, die sie sahen, wie sie so still, fast kopfhängerisch, dahinschritt und die sonstwie bei Begegnungen im Tal kaum den Guttaggruß erwidert bekamen, hielten sich darüber immer mehr auf. Das Lachbethli, sagten sie zueinander, verdiene seinen schönen Übernamen nicht mehr. Kein Mensch habe sie lachen hören, seit ihres Vaters Knecht, der Vitus Wiler, fort sei. Es hätte sich aber auch niemand denken können, daß das bei diesem übermütigen Maitli, bei diesem Hollediho also umschlagen könnte, bei so einem Lachstrudel. Da sehe man wieder einmal, wie tief wilde Wasser graben. Vielleicht auch, setzte man schadenfreudig bei, reue es die tolle Jungfer doch, daß sie mit dem eigenen Jungvolk, eines Spaßes wegen, so völlig landesunbräuchlich abgefahren sei. Sie müsse es ja jetzt erleben, daß ihr kein einziger Nachtbub mehr ums Haus und auf die Scheiter 150 komme. Auch auf ihren Vitus werde sie wohl lange warten können, den sehe sie nie wieder; man kenne ja das Mannsvolk. Die Lunn aber, die Magd auf der Sonnenhalden, die das willwänkische Bethli nie besonders hatte leiden mögen, raunte den Weibern überall zu, des Sebimarias Große werde immer trübseliger. Sie hintersinne sich am End noch. Nun klebe sie miteinemmale am verstörten Großvater, wie Tannenharz, obwohl sie ihn doch früher genug geplagt und ausgespielt habe. Jetzt lasse sie ihn nie mehr allein. Das Marieli, das eben das zehnmal bessere Geschöpf sei und immer, treu wie sein Bart, am Alten gehangen habe, werde nun fast eifersüchtig. Es sei doch gewiß mehr als merkwürdig. Früher sei das ein Getue, ein Holla und Heijuppedihee im ganzen Haus und drum herum gewesen, daß man immer wie in einer Haspel gelebt habe. Nun sei's grad das Gegenteil. Sie wandle jetzt herum wie der Schatten an der Wand, rede nichts und möge einen kaum anschauen. Aber je stiller sie werde, desto mehr Rauch scheine sie zu bekommen, wie das Feuer im Herd. Allundein Abend rücke sie nun ihr Spinnrad auf den untern Ofenumgang und lausche dort dem alten Zachris seine Geschichten ab, in denen es von Königen und Herrensöhnen nur so wimmle. Das gute Marieli komme einfach nicht mehr so recht zu Platz auf dem Ofen und beim Großvater. Doch sei es ja ein geduldiges und am End auch zufrieden, wenn es nur irgendwie um den Alten sein 151 könne, den es, beim wahrhaftigen Gott, immer noch für einen König halte. Wenn er aber zu Bett sei, kauere darnach das Lachbethli oft noch lange hinterm Spinnrad, ohne auch nur einen Fingernagel oder eine Zehe zu rühren und staune alleweil vor sich hin oder in die Nacht hinaus. Letzthin sei sie, zu aller Überraschung, während des Morgenessens unversehens aufgesprungen und aufs Stiegenbrücklein hinausgerannt und habe gelärmt: »Er kommt, er kommt, heilige Muttergottes im Himmel oben, endlich kommt er!« Aber statt des Vitus, auf den sie doch wohl warte, ein Kind könnte das merken, sei nur der Langresl mit seinen drei Sentenschellen am Hals und der Sense auf dem Rücken, aufs Haus zugetrampt. Nein, es werde zu wunderlich mit ihr. Oft verberge sie sich am hellen heitern Tag im Ofenwinkel und seufze in sich hinein. Der Alte auf dem Ofen sei dann ganz unglücklich und gebe keine Ruhe, bis er sie wieder bei sich auf dem Ofen habe. Da wisse er sie immer wieder so wohl zu trösten, wie man's von einem, der doch selber den Hexentanz im Kopf habe, nie für möglich halten würde. Er komme ihr dann alleweil mit den Königssöhnen, als könnte er sie nur so, wie die heillosen Steine, mit der er ihr das ganze Haus und alle Kammern verlege und versaue, vom Boden auflesen. Aber das Bethli lausche ihm immer wieder, ja, immer andächtiger. Man kenne diesen einstigen Plaggeist und Hollediho gar nicht mehr. Das Merkwürdigste hätte sie ihr jedoch noch gar nicht 152 berichtet, flüsterte die Magd eines Tages dem armmütigen Weib des krummbeinigen Gängeli zu, das in der Küche aushalf. Letzthin sei das Bethli den ganzen Morgen hindurch gewesen wie früher. Es habe gelacht und geneckt und die beiden kleinen Buben, den Sebeli und den Bäneli, in der Stube herumgehetzt und sie umarmt und gedrückt, daß sie Fürijo und Mordijo geschrien hätten und darnach habe es gar getanzt, muttergottsseelenallein, wie die gottlose Salome vor dem König Herodes. Der Alte auf dem Ofen sei vor Freude ganz wirblig geworden und habe dazu gesummt, wie die Bienen im blühenden Wald, und gar mit den alten Beinen gestrampelt, wie ein Kind im warmen Wasser. Sie habe das alles durch einen Türspalt in der Küche sehen können. Aber wie sie nun wieder am Herd gestanden sei und an nichts Böses gedacht habe, sei auf einmal das Bethli hinter ihr gestanden. Fast ängstlich habe es sich nach allen Seiten umgesehen und pst, pst! gemacht und ihr alsdann ins Ohr geraunt: »Lunn, nun will ich es dir auch anvertrauen, denn du mußt ja das Haus zum Empfang aufräumen und Herausputzen helfen. So hör also: Nächsten Sonnabend kommt die Königin von Frankenland endlich ins Euthal und mit ihr mein Geliebter, denn ich bin eine Königstochter.« Gar mancherlei noch wußte die Lunn aus dem Sonnenhaldenhaus zu berichten. Die Leute schüttelten darüber die Köpfe und dachten sich ihre Sache. Nur noch neugieriger als vorher schauten 153 sie sich den Umzug des Königs von Euland an, wenn er, nun immer auch mit dem Bethli, durchs Tal ging. Es kamen dann die Herbsttage, in denen man im Tale der Alp, hinter den Waldhöhen des Toppelsberges, am Wallfahrtsort Maria Einsiedeln, auf das Fest der großen Engelweihe rüstete, zu dem die Pilger aus aller Herren Länder zu Unserer Lieben Frauen der Meinradszelle zusammenzuströmen pflegten. Da ward der Alte auf der Sonnenhalde immer unruhiger. Angelegentlicher, sehnsüchtiger, schaute er von seinem felsigen Hochsitz aus über die roten Rieder der stillen Sihl hin nach den Grattannen des Toppelsberges, hinter dem er das Kloster und die Gnadenkapelle Unserer Lieben Frauen zu den Einsiedlen wußte. Und als nun gar ein Kapuziner, der auf der Sonnenhalde um eine Gabe für sein Klösterlein anhielt, berichtete, wie viel Volk auf die Engelweihe im Tale der Alp schon angekommen sei und wie die Wallfahrer immer noch von allen Seiten über die Pässe zu Einsiedlen scharenweise eintreffen, ja, daß gar eine Pilgerfahrt aus dem Frankenreich, ja aus der Stadt Paris, angekündigt sei, kam der Greis ganz aus dem Alltagsgeleise. Kaum war der Kapuziner weg, wollte er durchaus auf den nahen Vorabend des hohen Festtages der Engelweihe nach der Waldstatt Einsiedlen ziehen. Alle Einreden Sebimarias, seines Sohnes, der ihm den für sein Alter doch recht beschwerlichen Weg vor Augen hielt und 154 ihm verdeutete, man könnte vielleicht bei dem gewaltigen Andrang der Pilger kein Nachtlager mehr finden, vermochten ihn von seiner Absicht nicht abzubringen. Man mochte sagen, was man wollte, allem und jedem hielt er entgegen, nun werde ganz gewiß und heilig seine geliebte Katharina, die allerchristlichste Königinwitwe des Frankenlandes, auch nach Maria Einsiedlen kommen. Ja, er sei jetzt völlig sicher, daß sie ihn auf die Vesper am Vorabend dort zu begegnen hoffe. Sie sei ihm im Traume erschienen und habe ihm das kundgetan. Der heilige Denisius, der Patron der fränkischen Könige, sei noch bei ihr gewesen. Sie habe ihm mitgeteilt, daß es ihr nur durch den Vorwand dieser Wallfahrt möglich geworden sei, aus Paris fortzukommen. Ihr königlicher Sohn hätte sie niemals ziehen lassen, wenn sie nicht vorgegeben hätte, diese Pilgerreise nach Notre Dame des Hermites sei ein Gelöbnis von ihr, als Dank für ihre einstige wunderbare Rettung aus den Fängen der Hugenotten bei Meaux. Und nun sei sie schon lange auf dem Weg ins Schwyzer Hochland mit einem ansehnlichen, ihr auf Leben und Sterben ergebenen Teil ihres Hofes, um endlich einmal in seine Arme eilen zu können. Zachris Ruhstaller, der alte Sonnenhalder, setzte denn auch seinen Kopf mit echtem Herrenwillen durch, umsomehr, als er an Bethli eine zähe Helferin hatte, denn auch sie machte sich von dieser Wallfahrt nach dem nicht fernen Maria Einsiedlen Hoffnungen. 155 Als nun der Vorabend der großen Engelweihe gekommen war, brach eine beträchtliche Schar Hirtenvolkes aus dem Euthal und aus dem Tal der Minster nach der Waldstatt Einsiedlen auf. Der Alte auf der Sonnenhalde gedachte, dort noch auf die hochfeierliche Vesper, welche die heilige Oktave eröffnen sollte, einzutreffen. Im Geleite Sebimarias, des Sonnenhaldenbauers, gingen auch seine Leute, sogar der dreikropfige Langresl und der buckelige Gängeli auf seinen krummen Beinen, mit. Der König von Euland wollte, wie er sagte, auch seinen Reiterobersten und den Haushofmeister dabeisehen. Seine königliche Geliebte sollte nichts vermissen, was zu einem höfischen Aufzug gehörte. Alles war mit, nur den Sebeli und den Bäneli hatte das Bethli unter der Obhut einer alten Base zuhause gelassen. Es war um Mittag, als sich diese bergbäuerlichen Wallfahrer aufmachten und durchs Tal der Sihl wanderten. Allen voraus schritt, so hurtig er's bei seinem Alter und dem rauhen Weg konnte, der Alte ab der Sonnenhalde in seinem vollen königlichen Aufrust. Das Lachbethli, seine Enkelin, die auf dem rötlichschimmernden Braunhaar einen Kranz blauer vielglockiger Enzianen trug, führte ihn. Wie sie nun zum langen, über eine Steinwüste gehenden Holzsteg kamen, machte sich das Bethli voran, am Hirtenstab den Alten behutsam nachziehend, dessen Mantelschleppe das nachtrippelnde Marieli mit ernsten Augen 156 betreute. Aber des Holzschuhmachers Trutli und des Hornputzers Wiseli, die ihnen mit leisen Barfüßchen folgten, schauten etwas ängstlich ins schmutziggelbe Hochwasser, das von einem nächtlichen Gewitter her unter dem Steg hinwegrauschte. Das Trutli hatte ein weißes und das Wiseli ein schwarzes Lämmlein auf den Armen. Sie sollten das erste Willkommnungsgeschenk des Königs von Euland an seine langersehnte geliebte Herrin sein. Er hatte die Schäfchen hiefür schon vor ein paar Tagen von der Sattelalp herabholen lassen. Jetzt tastete sich auch ein Geläuf Weibervolks der unsichern Lehne nach über den schwankenden Steg und hinterher trampten unverzagt eine ansehnliche Schar bestandener und grauer Hirten, in allem möglichen, sogar in abgetragenem soldatischen Aufrust. Nicht ein einziger junger Bursche war unter ihnen. Nein, die hatten nicht mitkommen wollen. Nein, hatten sie gesagt, wenn sie nach Maria Einsiedlen zur Engelweihe pilgern werden, dürfe ihnen weder ein Narrenkönig, noch eine hochnäsige Närrin vorangehen. Aber ihre Alten hatten sie ausgelacht und waren ruhig mit dem König von Euland gegangen, der sie feierlich durch eine Schar das Land auslaufender Schellenträger hatte aufbieten und zusammenläuten lassen. Sie hatten eine heimliche Scheu davor, dem schwergeprüften Greisen entgegenzusein, auch mochten sie ihm seine Krone wohl gönnen. Es war gewitterig, schwül. Irgendwo hinter den Bergen wetterleuchtete es. Aber die Sonne folgte, hoch 157 ob dem Stäubrig, dem Zug der Wallfahrer und verblieb bei ihm, der's nun auf dem holperigen, steinigen Weg, der mehr einer Bachrunse glich, nur langsam vorwärts brachte. Zuerst hatten alle laut gebetet, darnach sangen sie, mit immer müder werdenden Stimmen, geistliche Lieder. Schweigend, grüblerisch war Bethli lange neben ihrem Großvater dahingegangen. Aber nun drückte sie seine Hand und fragte ihn mit leiser Stimme: »Großvater, seid mir nicht bös, daß ich gerne etwas von euch wissen möchte. Ich muß die letzte Zeit so oft dran herumsinnen, wie es denn gekommen ist, daß ihr und wie ihr euer Königtum innegeworden seid. Ja, tief in meine Nächte hinein hat mir das zu denken gegeben, wie aus einem einfachen Hirten ein König sollte werden können. Nun ich aber weiß, daß ihr's wahrhaftig, vor Gott und Menschen seid, müßt ihr mir auch sagen, wie ihr dazu gekommen seid. Nicht wahr, Großvater, ihr erzählt's mir!« Der Greis blieb stehen, seine Enkelin erst verwundert, dann aufleuchtend, freudig ansehend. Er tat einen langen Blick an die einsam aufragende Schrähhöhe zurück, alsdann antwortete er: »Ja, Mignonne, ich will dir's erzählen; du bist ja meine Nachfolgerin, so Gott will. Aber behalt es für dich, denn was dir Leben sein kann, ist andern vielleicht nur Luft und kein Mund ist klüger als der schweigsame.« Er schritt, ziemlich schwerfällig, weiter und begann zu erzählen: 158 »Ich war noch ein junges Bürschlein, als ich meines Vaters Schafherde in der Ahornweid hütete. Eines Abends nun vermißte ich ein Schaf, wohl das weißeste der ganzen Herde. Ich machte mich nach ihm auf, aber ich vermochte es nicht zu finden. Endlich geriet ich unter die Bergtannen der Schräh. Und als ich meinte, ein klägliches Pläären zu hören, kam ich völlig in die unwegsame Waldwildnis hinauf. Von meinem Lämmlein fand ich jedoch keine Spur. Die Eulen begannen zu puhuen und als ich unter den Urtannen heraus in die hochgelegene Schrähalp hineintrat, war's Nacht geworden, aber der Mond beschien die einsame Hochweid. Und da erblickte ich auf einmal, zu meiner Überraschung, zuhöchst auf der Weid ein Haus, das im Mondlicht ganz weiß erschien. Obwohl es mir etwas unheimlich ward, ging ich doch draufzu, es wunderte mich, was das wohl für ein Haus sein möchte. Immer mächtiger hob es sich gegen den nächtlichen Himmel ab. Und nun stand es vor mir als ein gewaltiges, langes Gebäude, mit einem an beiden Enden abgeschrägten Schindeldach. Es hatte zu beiden Seiten nichts als eine Reihe eiförmiger Ausgucke unter dem Dach. Nur auf der Schmalseite, auf die ich zögernd zuschritt, war eine große Bogentür und hoch darüber neben einer schmalen länglichen Scharte wieder zwei schiefliegende Langlöcher, also daß es mich fast ansah wie ein Gesicht. Neugierig, auch etwas unruhig, betrachtete ich das 159 stille Haus, das mit seinen hohlen Augen nach den dämmerhaften Schneebergen auszuschauen schien. Ich bekreuzte mich und wie ich nun auf die fallenlose Türe zuging, tat sie sich lautlos auf. Und siehe, da war ich nun miteinemmale in einer hohen Halle, deren Wänden entlang rotgepolsterte Stühle standen. Sonst vermochte ich in der blauen Dämmerung nichts zu gewahren. Es ward mir völlig unheimlich, ich wagte kaum zu atmen und leise wollte ich mich zur Türe zurückschleichen, die sich wieder geschlossen hatte. Da pochte es daran, sie ging auf und die Halle erhellte sich bis in ihr schweres, goldigschimmerndes Balkenwerk hinauf. Ein Mann trat über die Schwelle. Der hatte einen Mantel um, den ein schöner Knabe trug. Drüber aber, um die Schultern, hatte er ein gewöhnliches Hirthemd und auf dessen Kapuze eine Krone. Ich suchte ängstlich sein Gesicht, doch er hatte eine hölzerne Maske davor. An seinem langen Hirtenstab schritt er nun feierlich durch die Halle. Aber gleich ihm nach kam ein häßlicher Kobold, ein Nachtbutz, der an einer roten Schnur ein schneetaubenweißes Schaf nachzog. Es war das meinige, ich erkannte es sogleich. Drauf ritt jetzt ein gehörnter Butz, der ein Spieglein in der Hand hielt. Wohin er auch immer damit zielte, da taten sich die Wände auf, also daß man für einen Augenblick unten tief im Tal das silberige Sihlflüßlein und darüber hinweg aber eine ferne 160 unbekannte Welt aufscheinen sah. Das Lamm trieb ein dritter Kobold an, der über die zottige Schulter ein Schlachtbeil trug. Ach, dachte ich, da bin ich wohl in das Geisterhaus geraten, von dem mir eine alte Base erzählt hatte, daß es auf der Schrähhöhe alle hundert Jahre einmal sich zeige. Aber ich konnte nicht weiter darüber nachdenken. Ein Zug scheußlicher, langohriger Kobolde, die alle Ziegenschellen am Rücken hatten, machten sich wackelnd, die großen Köpfe wiegend, an mir vorbei. Das waren doch wohl die Butzen vom nahen Butzistock. Ein lustiges Völklein Erdmännchen und Erdweiblein, in braunen Kapuzen folgten ihnen, die alle Hände voll Buntsteine hochwarfen und wieder auffingen, was ein gar köstliches Farbenspiel gab. Das mochten die Erdleutchen aus den Schluchten der Krummfluh sein, deren Lichter man nachts oft dort umgehen sieht. Aber die schwarzgekleideten Männer, die ihnen mit ernsten totenbleichen Gesichtern unter den hohen schwarzen Hüten langsam, wie im Leichengang, folgten, verteilten sich nach beiden Seiten der Halle, wo sie sich auf die glühendroten Stühle niederließen. Sicherlich waren das die gespenstigen Waldherren von der Hirzegg. Ach, da kamen sie ja alle, die Gespenster des ganzen Landes. Und als ich hinter ihnen durch nach der Türe schleichen wollte, kamen lautlos die drei weißen Frauen aus der Ahornweid herein. Eine jede trug in ihren 161 Händen ein goldbebändertes schwarzes Kissen. Auf einem lag ein goldenes Kästlein, auf dem andern ein dunkelgrüner Lorbeerzweig und auf dem dritten eine blutrote Waldrose. Jetzt hornte es draußen in der Nacht und als ich vor Angst zu vergehen meinte, stürmte der nackte, zottige, Wilde Mann vom Tuliwald, wer denn hätte es sonst sein können, zur Türe herein. In der Faust hatte er ein gewaltiges Horn. Und er stürmte weiter. Und wie ich ihm nachschaute, sah ich, daß sich der König mit der Krone auf dem Hirthemd, zuvorderst in der hellerleuchteten Halle auf einem Hochsitz niedergelassen hatte. Auf dessen Stufen aber setzten sich eben die drei weißen Frauen, und weit um das alles herum lagerte sich das ganze Volk der Gespenster. Als nun der Wilde Mann in der Mitte der Halle angekommen war, wandte er sich und stieß in sein Horn, daß die Wände bebten. Da eilten gar leichtfüßig ein ganzer Flug feiner Mägdlein, in sonnengoldluftigen, schleierhaften Gewändern in die Halle hinein. Ob den hellen Augen trugen sie blühende Erikakränze und in den Händen hatte jede eine kleine goldene Schale. Und als nun der wilde Mann nochmals ins Horn stieß, umtanzten sie ihn in einem zierlichen Reigen. Es wurde mir auf einmal so wohl, so morgenfreudig zumut, denn von irgendwoher, es schien mir aus den Wänden zu kommen, floß eine Tanzmusik, wie ich sie so wundersam meiner Lebtag nie mehr vernommen 162 habe. Und jedesmal, wenn die tanzenden Mägdlein ihre niedlichen Goldschalen plötzlich hochhielten, vermochte man alles zu hören, was im Bergland allüberall, ja sogar was im Traum gesprochen ward. Das waren ja gewiß und heilig die verwunschenen Seelen schöner Mädchen, die Bergechos aus dem Freisenwald, von der Bärlaui und aus der ganzen Hochwelt. Aber wie schrak ich zusammen! Das erbärmliche, das jämmerliche Klagen meines Schafes pläärte in die Tanzmusik herein. Und nun sah ich, wie man mein weißes Lamm vor den Hochsitz des wunderlichen Königs zerrte und wie der Nachtbutz sein Beil erhob. Ach, gewiß wollte man es töten. Es packte mich, all meine Furcht fiel völlig von mir ab. ›He du dort vorne, du Staudenteufel, was machst du?!‹ lärmte ich, ›du solltest dich erfrechen, mein schönes Schaf totzuschlagen. Es ist mein Schaf!‹ Nun rannte ich, alles vergessend, durch die lange Halle bis zum Hochsitz des verlarvten Königs. Ich warf mich auf den Butz, um ihm das Schlachtbeil zu entreißen, obschon mich der gehörnte Kobold daneben mit seinem Spieglein zu blenden suchte. Aber da sagte eine grabestiefe Stimme: ›Wie kannst du's wagen, das Opfer, das die Berggeister dem König dieses Landes, der nun unter ihnen weilt, bringen wollen, zu verwehren?‹ ›Deswegen‹, fuhr's mir heraus, ›weil ich der Zachris ab der Sonnenhalde bin und weil also das Schaf mir gehört. Es ist mir entlaufen und die Nachtbutzen müssen es 163 mir gestohlen haben. Die Mutter hat es mir geschenkt und wäre mein Vater nicht vor ein paar Tagen gestorben, hätte ich es ihm zur Freude schlachten wollen, wenn er wieder gesund geworden wäre. Wer, sag, bist denn aber du und für was hast du eine Larve an?‹ Da lachten ringsum die häßlichen Butzen und die Erdleutchen. Der König aber winkte. Es ward mäuschenstill. Und nun nahm er die Maske vom Gesicht und redete: ›Wisse, ich bin der König von Euland und dein . . .‹ ›Vater!‹ schrie ich auf. Die ernsten Augen und das bleiche Angesicht meines eben verstorbenen Vaters sahen mich an. ›Bist du denn ein König, Vater?‹ fragte ich ihn erstaunt. ›Ja‹, antwortete er, ›ich bin königlichen Blutes und ein König. Aber zeitlebens habe ich das mit dem Hirthemd verhüllt und es ängstlich hinter einer Maske zu verbergen gesucht. Immer machte ich mich mit dem Volke gemein. Und doch hätte es den Leuten so wohlgetan, einen Starken, einen der ob ihnen stand, zu wissen, zu dem sie mit Vertrauen hätten emporsehen, an dem sie selber hätten aufstehen können. Sie ahnten mich aber wohl und große Mühe hatte ich, es ihnen so gut als möglich zu verbergen. Und deswegen, mein Sohn, muß ich nun bis zu meiner Erlösung eine Maske tragen, weil ich mein wahres Gesicht und gottverliehenes Wesen verdeckte. So zeig dich denn dein Leben lang als das, was du bist, mit Licht und 164 Schatten, auf daß ich durch dich zur Ruhe komme. Und weil du nun einmal da bist und weil du dein Lamm so treu gesucht hast bis in die dunkle Nacht hinein, darfst du dir aus den kostbaren Gaben der weißen Frauen eine auslesen. Sie wird mit dir durchs Leben gehen. So bedenk's denn wohl, welche du wählst!‹ Und schon hatten sich die drei weißen Frauen erhoben und nun hielten sie mir ihre dunkelsamtenen Kissen hin. Aber ich besah die drei Gaben nicht lange: Ein goldenes Kästlein, ein Lorbeerzweig, – schon hatte ich die wilde, blutrote Rose in der Hand. Da ging unter den Nachtbutzen und den Erdleutchen wieder ein Kichern um. Aber die schwarzgewandeten Waldherren erhoben sich von ihren brandroten Stühlen und verneigten sich tief vor mir, während die Echos ihre Goldschalen hochhielten, sodaß ich aus dem ganzen Land das freudetrunkene Aufjauchzen der heimkehrenden Nachtbuben vernehmen konnte. Der König winkte. Alles wurde still, wie das Herz eines selig Verstorbenen. Auch die weißen Frauen saßen wieder auf den Stufen des Hochsitzes. ›Und nun, mein Sohn‹, sagte mein königlicher Vater, ›nimm auch dein Schäflein wieder!‹ Aber wie ich nach dem Schaf greifen wollte, ertönte das Horn des Wildmanns. Es ward stockdunkel, doch durch die Gucklöcher hochoben schien der Morgen zu schauen. Ein gewaltiger Windstoß schlug die Türe auf und sausend 165 und brausend fuhr's durch die Halle. Die Sinne vergingen mir. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf der Höhe der wilden Schräh im Weidgras. Das Geisterhaus war spurlos verschwunden. Aber im dämmernden Morgen konnte ich die sich rötenden Schneeberge sehen und gewaltig tosten in der Tiefe die hochgehenden Wildwasser des Wellkessi- und Steinkastenbaches. Und dann erhob sich neben mir etwas aus dem feuchten Gras. Es war mein verlaufenes weißes Schaf. Da lockte ich's und es lief mir weidlich nach, denn ich jagte, wie der Biswind alpab. Und trotzdem es noch dämmerdunkel war, kam ich nicht zu Fall. Ich hatte eine Waldrose in der Hand, die mir einen roten Lichtschein vorauswarf. Und als ich daheim anlangte, auf der Sonnhalde, sagte mir die Mutter, sie hätten eine große Angst um mich ausgestanden, um so mehr als ein heftiges Gewitter über die Schräh niedergegangen sei. Also, mein liebes Kind, bin ich mein Königtum innegeworden.« Der Alte ward still. Seine Enkelin aber hatte seine Hand ergriffen und so gingen sie schweigend, in tiefes Nachdenken versunken, durchs Hochtal weiter. Der Weg ward immer mühsamer. Die Wallfahrer hatten es nicht leicht, über die hochgehenden Wildwasser zu kommen, die jetzt aus den Urwäldern der Großerrunsen herabrasten. Hätte Sebimaria, der Sonnenhaldenbauer, 166 nicht seinen Vater rittlings auf dem Nacken über den langen, von der Gewalt heranrollenden Gesteins argbedrohten Steg getragen und wäre ihnen das Lachbethli, das Marieli auf den Armen, nicht ruhig und sicher wie eine Traumwandlerin gefolgt, würden die Talleute hinter ihnen wohl wieder heimgegangen sein. So aber scheuten sie sich zurückzubleiben, um so mehr als nun auch des Holzschuhmachers Trutli mit seinem weißen und des Hornputzers Wiseli mit seinem schwarzen Lämmlein in den Armen, dem Bethli nachgingen. Und nun machten sich die Wallfahrer alle ziemlich hastig über den Steg, über den das braune, unheimliche Wildwasser hinausgischtete. Es war auch höchste Zeit, denn kaum waren sie jenseits in den Tannen und Birken angelangt, riß der Großbach den Steg los und nahm ihn mit. Fast wäre auch der buckelige Gängeli, als letzter, noch mit weggeführt worden, hätte ihn nicht ein verzweifelter Sprung ans Ufer gebracht. Und weiter ging's über Stock und Stein, durch versumpfte, mit Birken und Zwergföhren überstandene Rieder, aus denen Reiher, Kibitze und Wasserhühner, aber auch hundertfältig die Heidelerchen, aufstiegen. Als sie aber endlich an den Toppelsberg und gar um seinen ins Tal der Schachensihl vorstehenden Ausläufer kamen, tat sich vor ihnen das Tal der Alp mit den Dorfweiden der Waldleute von Einsiedlen auf und miteinemmale hoben alle Glocken des großen grauen Klosters, das nun hart vor ihnen stand, zu läuten an. Gewiß läuteten sie eben 167 das Fest der Engelweihe und also die hochfeierliche Vesper ein. Der König von Euland hielt an. Seine Augen leuchteten. Nun war es ja sicher und heilig gewonnen. Da kam das heißersehnte Ziel seiner Träume, die Vereinigung mit seiner Geliebten. Hier an der heiligen Gnadenstätte der Meinradszelle sollten seine Leiden für immer ein Ende finden. Er fühlte sich so müde. Es war wohl hohe Zeit, daß sie kam; nein, länger hätte er nicht mehr warten können. »In Gottes und aller Heiligen Namen, endlich, endlich«, rief er mit merkwürdig schwacher Stimme aus, »endlich am Port! Komm, Bethli, komm, Königskind!« Es war als ob er aus langem, schwerem Schlaf auferwachte. Er ward unruhig, hastig und begann nun fast rüstig auszuziehen. Ja, das Bethli schien ihm zu langsam. Aber auch sie, deren Augen eben noch im Schatten lagen, strahlten jetzt. Die Kinder, mit den Leuten hinter ihnen verwunderten sich über die plötzliche Hast, mit der nun Großvater und Enkelin über die grünen Matten der Waldstatt Einsiedlen zustrebten. Aber sie beeilten sich, mit ihnen Schritt zu halten. Und bald waren sie alle vor dem Kloster, das aus einer heimeligen Nische des tannenbestandenen Toppoberges ins Tal der Alp hinabschaute. Die Euthaler Hirten und ihre Weiber und Kinder machten sich sogleich in die hochragende Kirche hinein, aus 168 der ein schönstimmiger Knabengesang kam. Gewiß hatte die feierliche Vesper schon angefangen. Von allen Seiten und in den vielfältigsten und kostbarsten Gewändern und Landestrachten stiegen die Pilger aller Welt zur Kirche auf. Aber der Alte von der Sonnenhalde, der Zachris Ruhstaller, wollte noch nicht mithineingehen, trotzdem ihn Sebimaria, sein Sohn, dazu drängte. »Kommt, Vater!« redete er ihn an, »die Vesper hat begonnen. Es wird euch gewiß wohltun, in den Kirchenstühlen eine Zeitlang auszuruhen. Es will mir scheinen, ihr könntet es brauchen. Kommt jetzt, kommt!« »Sebimaria«, antwortete der Greis mit schwacher Stimme, »laßt mich! Geht ihr alle nur ruhig hinein. Ich muß hier bleiben, an der Türe der Königin aller Königinnen, vor dem Hause der Muttergottes. Hier soll sie mir begegnen, hier mich zuerst erblicken, sie, vor deren Türen ich einst immer so sehnsüchtig auf ihr leises Brokatschühlein gelauscht und gewartet habe, Katharina, meine süße Herrin. Und nun heute, heute endlich – oh! Tausendmal sei mir willkommen, meine Getreue!« »Vater, so hört doch! Ihr fallt ja vor Müdigkeit noch um, ihr . . .« »Laßt den Großvater«, raunte jetzt das Bethli dem Bauern zu, »laßt ihn hier auf sie warten. Wie sollte er ihr nicht hier warten wollen? Über diese Stiege herauf muß sie ja kommen, das weiß er gewiß alles aus seinen 169 Träumen, von denen er uns ja erzählt hat. So laßt ihn in Gottesnamen, was zerrt ihr denn da an seiner Seele herum? Hier will er nun warten und ich, Vater«, redete sie vernehmlicher, »ich warte mit ihm. O Vater, auch ich erwarte heut einen, der mir das Lachen wiederbringen wird, das er eines Tages mit sich fortgenommen hat.« »Jesusgott, Jesusgott!« machte stöhnend Sebimaria, »heilige Gnadenmutter zu den Einsiedlen, bittet für uns!« »Vater«, sagte sie, ihn aus warmen Augen ansehend, »tretet jetzt nur in die Kirche hinein, seht, der Großvater und ich können noch nicht mitgehen. Das Herz würde uns zu schwer, es brächte es nicht über die Kirchentürenschwelle, bevor sie kommen, die wir erwarten. Seid aber getrost, Vater, sie kommen uns, sie kommen uns, glaubt es heilig! Und alles nimmt noch ein gutes Ende. Geht nur ruhig hinein, Vater!« Zachris, der Alte, schien von dem allem nichts zu hören. Er schaute unverwandt die steinerne breite Treppe hinab, über die immer noch die Pilger aufstiegen. Jetzt ging Sebimaria, der Bauer, gefolgt von den Tagnern Langresl und Gängeli und von der Lunn, der Magd, hängenden Kopfes, mit schweren Schritten, als müßte er durch hohe Schneewehen waten, in die Kirche hinein. Der Greis aber stand, gestützt von seiner Großtochter, umgeben von Marieli und von Trutli und Wiseli, die sich mit ihren Schäfchen gesetzt hatten, oben auf dem 170 Treppenumgang, immer in die heraufsteigenden Pilger hineinschauend. Und wie nun ein paar Wallfahrer an ihm vorbei zur Kirche gingen, die in der welschen Sprache des Frankenreichs laut beteten, erzitterte ihm das Herz. Er hielt den nächsten Pilger aus welschen Landen an und fragte ihn, wo er die Königin Katharina gelassen habe und ob sie denn nicht gleich hinter ihm her durch das Dorf der Waldleute heraufkomme. Nämlich, er warte schon seit mehr als hundert Jahren auf sie. Aber heute komme sie endlich, es sei ihm eben gewesen, er höre ihre Trompeten. Aber der Pilger aus dem Frankenland rückte scheu von ihm ab, wie all das heraufsteigende Volk der fremden Waller, dem er in seinem ungewohnten Aufrust vor Augen kam. Fast erschrocken glotzte auch der nächste Pilger, den er ansprach und nach seiner Königin fragte, ihn und sein weißes gekröntes Haupt an und die schöne, schwermütig blickende Maid, die ihn mit ihren Armen fast trug. Und flugs war auch er durch eine Nebenpforte der Kirche verschwunden. Jedoch der Alte gab nicht nach. Immer aufgeregter, dringender ward er. Kein Pilger brachte es mehr an ihm vorbei, in dem er einen Welschen vermutete, den er nicht nach der Königin Katharina fragte. Aber auch das Bethli ließ keinen Menschen aus den Augen, der an ihr vorüberging. Als nun ihr Großvater wieder einen bedächtig auf ihn zusteigenden, vornehmer gekleideten Welschen anredete 171 und angelegentlich auszufragen begann, blieb der ruhig vor ihm stehen, was bisan noch keiner getan hatte. Aufmerksam hörte er ihm zu, mit raschem Blick ihn und sein wunderliches Gewand umfassend. Und alsdann antwortete er, dem Greise in die gierig, fast ängstlich wartenden Augen schauend: »Monsieur, Verzeihung, ich komme nicht so recht aus euch und aus dem was ihr meint. Wenn ihr aber Katharina von Medici, Frankreichs Königin, erwartet, so muß ich euch sagen, daß sie schon lange tot ist und in den königlichen Gräbern von St. Denisius ruht und daß an ihres verstorbenen Sohnes Statt heute Heinrich IV. von Novara den Thron der allerchristlichsten Könige inne hat.« Der Alte staunte den Pilger wie betäubt an und er staunte ihm, mit immer größer, gespenstig werdenden Augen nach, als er jetzt würdigen Ganges auf die große Kirchenpforte zuschritt. Dann stöhnte er schwer, abgründig auf; die kleinen goldenen Kugeln zitterten in seinen weißen Bart hinein, das Haupt sank ihm, und bleich, wie der Mond im Nebel, brach er in den Armen seiner Enkelin zusammen. Ein fürchterlicher Aufschrei machte all das fromme Volk bis tief in die Klosterkirche hinein, erschauern. »Der König ist tot, der König ist tot!« heulte das Bethli auf. Und aufschreiend ließ sie sich, den Großvater in den Armen, mit irren, brennenden Augen, auf dem steinernen Treppenumgang nieder. 172 Da saß sie nun, das weiße gekrönte Haupt im Schoß, immer wieder verzweifelt aufjammernd. Und zu des Großvaters Füßen knieten das Marieli, mit dem Trutli und dem Wiseli, die immer noch ihre Schäfchen in den Armen hatten. »Großvater, ach Großvater!« rief trostlos schluchzend das Marieli aus und die beiden andern Kinder weinten mit eintönigen Stimmen mit ihm. Sie fühlten sich alle drei von Gott und Welt verlassen. Aus den Kramgaden herauf eilten die Einsiedler Waldfrauen und aus der Kirche Pilger und Pilgerinnen. Und sie alle entsetzten und bekreuzten sich angesichts der wilden Verzweiflung des bleichen Mädchens im Bauerngewand, das sich die Haare zerzauste, die ihm bald wie vom Sturm zerfetzt, um Hals und Schultern hingen, und das sich mit den Fäusten auf die Brust und auf die Stirne schlug. Und sie staunten scheu auf den toten Greis und es war ihnen, sie sehen den Winter im Schoße des stürmischen Vorfrühlings liegen. Aber das Bethli beachtete sie nicht. Sie begann, das weiße Haupt, das an ihrem Herzen ruhte, wie wild abzuküssen. Sie küßte immer wieder die dräuenden, überhängenden Augenbrauen, den Mund, den Bart. Nun hasteten aus der Kirche auch Sebimaria, der totenbleiche Bauer, seine beiden Tagner und Lunn, die Magd. Die Fremden schienen den Alten erst jetzt recht gewahr zu werden, der da in einem seltsamen, fastnachtsköniglichen Aufputz der jungen Maid im Schoße lag. 173 »Holt den Pfarrer!« rief der Sonnenhaldenbauer seinen Leuten zu. Der Langresl trampte aufs Kloster zu. Das Bethli aber hatte seinen Großvater auf die Treppe gebettet, also daß sein Haupt auf dem obersten Trittumgang ruhte. Und sich erhebend und gradauf dastehend, wie ein Tännling, hob sie die Hand hoch und rief über die Treppe hin ins Volk der Wallfahrer: »Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, des Herren über Leben und Tod, tue ich euch allen kund, daß Zachris Ruhstaller, unser König von Euland, gestorben ist. Und er ist gestorben aus Heimweh nach seiner vielgeliebten Herrin, der Königin Katharina. Und«, sie sah zum immer wolkiger werdenden Himmel auf »und Gott weiß es, daß er sein Heimweh niemand anderm hinterlassen hat als mir und daß ich tausendmal lieber seine Schatzkammer hergebe und den Palast mit den hundert Sälen, als dieses Heimweh; denn, müßt ihr wissen, mein Heimweh und das seine zusammengenommen, sind so stark, daß ihnen niemand zu widerstehen vermag. Sie werden meinen Liebsten zu mir heranziehen und wenn er mit all den unzählbaren Ketten, die es jemals in der Welt gegeben hat, im fremden Lande angeschmiedet wäre.« Zu aller Entsetzen lachte sie plötzlich also jauchzend auf, daß davon der zudunkelnde Himmel für einen Augenblick morgenhell zu werden schien. »Heijuppedihee!« schrie sie auf. »Er muß mir kommen, ihr Leute, und wenn er mir übers Meer, 174 ja über die Sündflut davongelaufen wäre. Glaubt mir's alle, glaubt mir's heilig, er kommt mir!« Da saß sie wieder auf der Treppe und wiegte des toten Großvaters Haupt im Schoße als wär's ein Wiegenkindlein. »Seht dieses Bergmädchen«, flüsterte ein greiser Pilger in die Umstehenden, »ist's jetzt nicht wie der Brombeerstrauch, der zu gleicher Zeit blüht und Früchte trägt?« Aber der Tagner Gängeli machte halblaut: »Heilige Mutter St. Anna! Es ist grad als hätte der verstorbene alte Zachris Bethlis Verstand auch mitgenommen, als er mit Tod hat abgehen müssen.« Jetzt schrie das Mädchen wieder so verzweifelt auf, daß die Wallfahrer fast erschrocken zurückwichen: »Unser König ist gestorben, der König von Euland ist gestorben!« Als ihr aber Sebimaria, ihr Vater, mit Tränen in den Augen zuredete, ward sie still, ruhiger und sagte: »Seht, Vater, ich habe es selber gesehen, der Großvater war ein ganzer König. Und er ist einer geblieben, auch als er barfuß und nackt bis in die Seele hinein über die Äcker gegangen ist. Ja, glaubt mir's, ihr guten Leute«, sprach sie laut in die umstehende, sie anglotzende Menge, »es liegt nicht an der Krone. Ich weiß das, denk, wohl genug, daß Großvaters Krone nur von Pergament ist. Aber wenn sie aus lauter Blitzen geglüht wäre, könnte sie's nicht bester getroffen haben, denn es ist der Kopf, 175 der die Krone macht, und wenn sie nur eine Hirthemdkapuze wäre. Erzählt das zu Hause euern Kindern und sagt nur, ihr hättet es von der Königstochter von Euland vernommen, der man einst Lachbethli nachgerufen habe, als sie noch närrisch gewesen sei. Sie aber habe es von einem Mann, der so alt und kalt war, daß ihm der Rauhreif von den Wangen bis auf die Brust herabgehangen sei und daß er hätte erfrieren müssen, wenn nicht in seinem alten Herzen ein heimliches Feuer gebrannt hätte. Und nun geht, ihr Leute und betet für seine und euere armen Seelen!« Sie ließ den Kopf traurig sinken und ihren Großvater alleweil ansehend, fuhr sie ihm mit stiller Hand über seinen weißen Bart und über die bleiche, dunkler gewordene Stirne. Jetzt fingen wieder alle Klosterglocken zu läuten an und ihr heiliger Jubel schien alle Unruhe der Welt wie mit einer goldenen Kuppel zuzudecken. Der Pfarrer der Waldstatt eilte mit dem Sigristen, der das heilige Öl trug, heran. Der Langresl kam ihnen nach. Da warfen sich die Wallfahrer und mit ihnen die Bergbauern von Euthal und die Weiber aus den Kramgaden, auf die Knie und mit ausgestreckten Armen beteten sie für die heimgegangene arme Seele des königlichen Hirten, wie landesüblich, fünf Vaterunser und den heiligen Glauben. Hinten im Tale der Alp, den Mythen zu, donnerte 176 es aus einem völlig nachtdunklen Himmel, und über die tannengekrönten Berge stürzte sich mit einem Male, pfeifend, sausend, jauchzend, der Föhn und warf Haufen krächzender, gegen ihn ankämpfender Raben in die schwermütige Waldeinsamkeit der Meinradszelle hinein. 177   VI. Zachris Ruhstaller, der König von Euland, war beerdigt. Seine Enkelin, das Bethli, war lange nachher wie nicht recht bei Trost. Sie schien sich völlig hintersinnen zu wollen. Stundenlang verweilte sie in des Verstorbenen Kammer und spielte mit den Steinen, die darin zu Hügeln aufgebaut waren. Sie versuchte Burgen und Paläste draus zu gestalten. Sogar königliche Gräber baute sie, in die sie dann bald sich, bald das Marieli legte; denn ihr Schwesterlein, das immer wieder um den Großvater weinte, war ihr in allem zu Willen. Aber auch das Trutli, des Holzschuhmachers heiterfarbiges Kind und des Hornputzers behendes Wiseli waren jetzt gar oft auf der Sonnenhalde, um, wie die Lunn hinterrücks sagte, das halbnärrische Geschöpf zu verkurzweilen, das aus einem Lachbethli ein Achbethli geworden sei und immer, wie die Nachtschatten, in allen Winkeln des Hauses herumhocke. Und, wußte die Magd zu erzählen, aus dem Achbethli sei nun gar noch ein Wachbethli geworden. Es scheine, sie könne es nicht mehr zu einem rechten Schlaf bringen. Nachts stehe sie die halbe Zeit durch am Fenster und staune ins Land hinaus. Zuweilen höre man sie in ihrem 178 Guckauskämmerlein laut reden, ja predigen und lärmen. Und einmal sei sie im Mondschein mutterseelenallein auf die Hagelfluh gegangen. Während des Tages sei sie aber nicht mehr die Unruhe wie sonst. Da habe es stark geändert. Sie spinne jetzt wieder fleißig in der Stube und das Marieli, das Trutli und das Wiseli sitzen bei ihr. Es sei schon vorgekommen, daß sie zusammen gesungen hätten. Aber zu trauen sei ihr nicht; jedwede Stunde habe eben bei diesem Bethli ein anderes Gesicht, und daß die noch richtig im Kopf sei, das täte sie dem stärksten Mann nicht glauben, eine die sich oft ganze halbe Tage, ja besonders Nachts, für eine Königstochter halte. Freilich, zuweilen komme es vor, daß sie sich selber dieser Einbildung wegen fürchterlich auslache, sogar wütend beschimpfe. Ja, sie habe deswegen schon geheult und sich die Haare zerzaust und das Gesicht zerkratzt. Aber am Tag darnach spiele sie wieder die Königliche. Das werde sie, gläublich, von ihrem Großvater selig, dem Zachris haben. Die Leute des Euthals aber sahen erst mit Verwunderung und allmählich recht giltmirgleich, daß das Sonnenhaldenbethli nun auch ohne ihren Ahnen, hin und wieder an einem Sonnabend, sich allein und so verstohlen als möglich, ob dem Tal durch Holz und Weid, nach der Hagelfluh schlich. Dort sah sie dann der Schafhirte im Windbruch auf dem Bänklein unter der Wettertanne kauern und ins Tal hinab und darüber hinaus ins Weite staunen, stunden- und stundenlang. 179 Eines Nachmittags, als die beiden Tagner, der dreikropfige Langresl und der krummbeinige Buckel, der Gängeli, im versumpften Riedland des Sonnenhaldenbauers an der Sihl, sich damit plagten, die geschlagenen Birken abzuasten und ins Trockene zu bringen, sahen sie zu ihrer Überraschung das Bethli von der nahen Hagelfluh herabsteigen und darnach geradenwegs auf sich zukommen. Nein, 'sDonners doch auch, wohin sollte es denn da gehen? Sie hielten in ihrer Arbeit inne. Und als nun das Mädchen mit freundlichem Kopfnicken, schweigend an ihnen vorbeigehen wollte, fragte der Gängeli: »Ja, nichts für ungut! aber sag, Bethli, wo willst du denn hin? Du wirst, denk wohl, nicht über die hochgehende Sihl wollen. Die Wildwasser haben ja den Steg vertragen.« »Eben, mein guter Mann«, antwortete sie, stehen bleibend, »just deswegen bin ich jetzt von der Hagelfluh hinuntergestiegen, um meinem Liebsten entgegenzugehen. Nämlich, müßt ihr wissen, er steht am andern Ufer der Sihl und sehnt sich darnach, zu mir hinüber zu kommen, aber weil nun der Steg fortgeschwemmt worden ist, kann er nicht herüber. Also ist's doch an mir, denk ich, ihn zu holen, ihm ans ersehnte Bord zu helfen und mit tausend Freuden will ich das tun. Jedoch«, sie sah bedächtig, forschend zurück, »aber hört, ihr dürft es niemand sagen. Die auf der Sonnenhalden sollen keine Ahnung davon haben, da ich sie überraschen möchte. Heioho, werden die Augen machen, wenn ich mit meinem Liebsten so 180 unversehens durch die Stubentüre komme. Ach«, seufzte sie, »ich möchte meinem Vater diese Freude so gerne gönnen. Wie viel Schweres hat er doch mit mir schon gehabt!« »Aha, so so«, machte, seine Verwunderung unter einem freudigen Getue verbergend, der Gängeli, »deinen Liebsten hast du dort drüben über der Sihl. Ja, das freut uns jetzt, daß er endlich wieder anrückt. Wäre er bei Sinnen gewesen, wäre er nie von dir fort. Aber«, setzte er hinzu, sie am Rock zurückhaltend, da sie weitergehen wollte, »aber sag, schöne Jungfer, wie willst du denn über das Wasser kommen, dem doch der Steg fehlt?« »Heja, und zudem«, sagte jetzt der hagladenschmale Langresl, einen weißrindigen Ast, den er eben abgeschlagen, zu Haufen werfend, »so viel ich sehe, steht ja kein Mensch am andern Sihlbord. Kein Bein kann ich erblicken, als allenfalls den Fischreiher dort in den Birken und Erlen. Du mußt dich heute auf der Hagelfluh versehen haben.« »O, gar nicht«, entgegnete sie mit überlegenem Lächeln. »Ich weiß es ganz sicher und heilig, daß er drüben an der Sihl steht. Wißt«, machte sie mit listigen Blinzäuglein, »mein Liebster ist ein rechter Schalk. Ich habe es immer gedacht, er sei nur so zum Schein weggegangen. In Wirklichkeit wartet er mir schon lange auf dem andern Bachufer. Ja, ja, dort in den Erlenstauden, unter jenen hohen weißen Birken wartet er auf mich.« Mitgenommen vom seherischen, völlig sichern Blick des Mädchens, schauten die Tagner über die Sihl hin. 181 »Nein«, meinten aber jetzt der Langresli, den Kopf samt seinen drei Kröpfen bedenklich schüttelnd, »ich sehe dort, beim Eidhagel, immer noch nichts anderes als den Reiher, der nun allundeintag, seit wir hier werken, dadrüben auf einem Bein steht und ins Wasser guckt.« Sie lachte auf. »O ihr Einfältigen, ihr Unmerkigen«, rief sie aus, »das ist ihn ja eben, das ist mein Geliebter, so wahr ich lebe!« »Ja, Bethli, nichts für ungut!« sagte der Gängeli, sein Beil in die herumliegenden Birkenreiser fallen lassend, »aber das haben wir nicht wissen können, daß du nun einen Fischreiher zum Schatz hast; früher, ist's mir, sei dein lustiger Friedel ein wohlgewachsener Geselle aus dem Tiefland gewesen, von . . .« »O ja, ja«, unterbrach sie ihn glühend, »ein Lediger, angriffig wie ein Luchs und mit einem Handgelenk, das weißer und linder war als Schlagrahm. Aber«, raunte sie ihnen geheimnisträchtig zu, »eines sündigen Schwures wegen ist er dann in einen Reiher verwandelt worden.« Die Tagner mußten nur so aufhorchen und Augen machen. Doch als sie nun doch auf die Sihl zu wollte, griff der Gängeli gleich wieder nach ihrem Rock und hielt sie fest. »Hör Bethli«, redete er, »wenn denn dein Liebster wirklich im Reiher steckt, der da über dem Wildwasser steht, so hat er doch, beim Strahl, Flügel. Da kann unsereins nicht begreifen, weswegen er sie nicht schon lange 182 hätte brauchen sollen. Er muß ja faul und verrückt sein, daß er dir nicht schon lange auf die Sonnenhalde und ins Guckauskämmerlein zugeflogen ist.« »Wißt«, antwortete sie schnell, erregter, den Schelm in ihren Augen mit keinem Blick gewahrend, »als mein Herzallerliebster fortgegangen ist von mir, hat er den Schwur getan, er komme nicht mehr zu mir zurück, bevor ich ihn rufe.« Sie ließ den Kopf sinken und starrte einen Augenblick ins Riedgras hinein. »Es war ein schrecklicher Schwur«, machte sie fast unhörbar, »er fiel, wie jene feurige Kugel, von der die alten Leute erzählen, daß sie einst nachts vom Himmel gefallen sei, in mein Herz hinein.« Aber als sie wieder aufsah, sagte sie ernst: »Er hätte es nicht so leichthin tun sollen, wie ein Büblein, das mit Steinen in ein Wasser wirft, von dem man nicht weiß, ob darin Kröten, blaue Forellen oder gar zutiefst ein Nixlein mit heimweherischen Augen schwimmt. Zur Strafe ist er dann eben in diesen Vogel verwandelt worden, der immer tagein und -aus so nachdenklich am Wasser stehen muß. Ja, da steht er nun und wartet bis ich komme und ihn erlöse. Wohl hat er Flügel, das weiß ich auch, aber obwohl er damit fliegen könnte bis ans Ende der Welt, über dieses wilde Wasser darf er nicht. Sagt, ist das nicht traurig?« »Allweg«, meinte der Langresl, »besonders wenn einem eine so anmächelige Jungfer wartet, wie du es bist, Bethli. Ich, wenn ich der Reiher wäre . . .« 183 »Ach«, rief sie stöhnend aus, »ich könnte mir die Augen aus dem Kopf kratzen, daß ich's so ewiglange nicht gemerkt habe. Und der Reiher ist doch schon drüben gestanden, als ich mit meinem seligen Großvater noch auf die Hagelfluh gegangen bin.«^ »Ja, das können wir dir schon verargen«, sagte der Langresl, »wir hätten den Reiher da drüben auch nicht für deinen Freier gehalten.« »Nicht wahr? Aber jetzt ist's höchstmächtige Zeit, daß ich mich beeile, ihn zu erlösen und ihn also in Gottesnamen selber rufe, wie er's hat haben wollen.« »Ja, Bethli, ja, gewiß, das wäre alles recht und gut«, machte der Gängeli, ihr Gewand noch fester haltend, »obwohl ich's, beim Donner, nicht begreife; aber nun sag mir einmal, wie willst du denn über das bösgewordene Wasser kommen?« »Heja, heja«, lachte sie auf, »das ist doch ein leichtes. Ich gehe einfach ans Wasser, dann nehme ich einen tüchtigen Anlauf und springe hinüber, in meines Liebsten Arme. Für eine Königstochter ist das doch nichts Besonderes, da hat mir der Großvater in seinen Märlein noch ganz anderes – ach was«, rief sie aus, »wenn ich wollte, könnte ich mitten in den Himmel hineinspringen, denn«, raunte sie den Tagnern zu, »ich kann hexen, aber sagt es ja keiner Seele! Ich hab's dem Großvater abgelernt, der's einst am fränkischen Hofe in der Stadt Paris einem Manne, der Verse machen konnte, ablauschte. Ich weiß aber nicht mehr, wie er geheißen hat.« 184 Plötzlich riß sie dem Gängeli aus und rannte auf die hochgehende Sihl zu. Aber da hatten sie die zwei erschrockenen Tagner doch noch einzuholen vermocht, denn sie war über das offene Wurzelgewinde einer Sumpferle gestrauchelt. Sie wollte sich aber, trotzdem die beiden Hühnerbäuerlein sie fast auf den Knien baten, nicht weiterzugehen, nicht ergeben. Mit Gewalt suchte sie loszukommen, also daß es einen grimmigen Kampf absetzte. Die alternden Tagner hatten die größte Mühe, sich ihrer zu erwehren, sie zurückzuhalten. Sie schwitzten und dämpften und riefen heimlich alle Heiligen zu Hilfe. »Wie könnt ihr euch denn erfrechen, ihr Lumpenkerle«, schrie sie auf, »mich niederzwingen und meinen Weg versperren zu wollen, mich gar so grob anzupacken! Du bist ja nur meines seligen Großvaters Reiteroberst, du krummbeiniger Nachtbutz, du Buckel!« machte sie zähneknirschend, den Gängeli in den Haaren packend und ihn hinundherläutend. Und als sie der Langresl an beiden Armen faßte und drückte, um seinem argbedrängten Genossen zu helfen, fuhr sie ihn an: »Wie hat denn nur der König von Euland ein solch dreikropfiges Ungeheuer zum Haushofmeister haben wollen! Jetzt laßt mich einmal aus«, fauchte sie, »ihr Knechte, ihr Knechte, oder ich lasse euch beide zuoberst in die Wettertanne auf der Hagelfluh hinanfhängen, daß euch die Raben und die Geier die falschen Augen aushacken. Wartet nur, wartet nur!« Jetzt hatte sich aber der Bauer von der nahen 185 Sattelhalde her mit seinen zwei Söhnen, auf den Lärm hin, herangemacht. Also gelang es den vereinten Mühen, das rasende Bethli zu bändigen und nach und nach auf die Sonnenhalde zu schleppen. Sebimaria, ihr Vater, erschrak ins tiefste Herz hinein, als man ihm die Tochter also, zerfetzt und zerzaust, totenbleich und mit Gespensteraugen ins Haus brachte. War denn da wirklich noch etwas vom Lachbethli, das einst mit seiner Überfröhlichkeit die Sonnenhalde, ja das ganze Land festtäglich gestimmt hatte. »Vater, Vater!« lärmte sie verzweifelt, als man sie in die Stube hineinzerrte, »seht Vater, so springt man hierlands mit einem Königskind um. Helft mir, der Tausendgottswillen!« Man schaffte sie in ihre Kammer hinauf, in der sie, auf dem Laubsack liegend, endlich in ein wildes Schluchzen ausbrach bis sie nach langem einschlief. An ihrem Bett kniete das Marieli, der Schwester herabhängende Hand haltend und leise in sich hineinweinend, bis es allmählich zu einem Knäuelchen zusammengehend, ebenfalls einschlummerte und auf den Boden hinsank. Aber in der Nacht sprang das Bethli aus dem Bett und wollte, fürijo und mordijo schreiend, fort. Der Sonnenhaldenbauer hatte mit seinen Leuten gewaltig zu tun, sie wieder in ihren Guckaus hinaufzubringen. Es ward dann immer schlimmer und schließlich wußte sich der schwergeplagte und völlig niedergeschlagene Hirte 186 nicht anders mehr zu helfen, als dadurch, daß er ihren Luginsland, ihr Dachkämmerlein, vergittern ließ und sie dort eingesperrt hielt. Aber es ward nicht besser. Sie raste und tobte, daß es im Lande ein gar böses Echo gab und die Leute sich bekreuzten. Tag und Nacht ging's so fort, also, daß man sich zuraunte, wenn's wieder so schaurig von der Sonnenhalde herab jammerte und schrie: »Das narrchtig Bethli kommt wieder ab! Heilige Muttergottes, bitt für uns und erhalte uns den Verstand!« Immer wieder flehte es gar erbärmlich den Vater, das Marieli und auf den Knien sogar die Lunn an, man möge sie doch auf die Hagelfluh gehen lassen. Sie wisse nun ganz sicher, daß ihr Liebster komme. Er sei jetzt nicht mehr verhext, da er ihren guten Willen, ihn zu rufen, habe erkennen können. Aber wenn er auf die Fluh komme und sie dort nicht antreffe, laufe er ihr noch einmal davon. Endlich, nach einiger Zeit schien sie sich doch zu ergeben. Sie ward ruhiger und zuletzt so still, daß sie der Sonnenhaldenbauer, dem es schier das Herz abwürgte, seine einst so lebenstolle Tochter wie in einem Käfig gefangen halten zu müssen, wieder in die Stube heruntersteigen ließ. Dort kauerte sie nun den ganzen Tag am Spinnrad, sinnend, grübelnd und in sich hineinmurmelnd. Zuletzt seufzte und stöhnte sie nur noch. Immer war das Marieli um sie und suchte ihr so gut als christenmenschenmöglich zu Gefallen zu leben. Eines Tages kam der Kapuziner, den der Bauer 187 hatte rufen lassen, ins Haus auf der Sonnenhalde. Er sollte seine Tochter beschwören; denn die Leute im Tal meinten, es könnte ja sein, daß sie am End von einem bösen Geiste besessen und gemartert sei. Wenn's so sei, so würde ihn der Geistliche gewiß auszutreiben verstehen. Als sie nun, kurz nach des Kapuziners Ankunft, um den Tisch lagerten und zu Mittag aßen, war auch das Bethli da. Doch hielt es nicht mit. Mit stillen, unheimlich blauen Augen schaute es zu, wie man gemeinsam eine Mutte voll Vorbruchmolken auslöffelte. Und wie ihr nun der Kapuziner, seinen Löffel weglegend, gar freundlich, gütig, ja mit großer Wärme zuzusprechen anfing, erhob sie sich mit einem Male. Und die Hände wie zum Gebet im Schoß faltend, sang sie mit reiner, schwermütiger Stimme: Oh, wäni au vo nümeh wüßt, Und's niemeh gsächt wie's tagti! Es isch sä trurig uf dr Wält; Und woni stoh und wohni goh, Sän isch mer, 's chäm ä Chilchgang no. Tru keine bloe Auge nüd! Sind trogli wie blos Wasser. Mi meint, dr Himel liggi dri. I ha mi au driabe glo, Is gäälig Hellfüür bini cho. Di bloe Auge, oh, sind schöin, Wie bloi Schmidtefüürli, Wo heimli us dä Glüete chönd. Sie hend eim wie Fyfaltre no Mit ihrne Fäklene chnistblo. 188 Hend ihr vo änem Vogel köirt, Wo flüttered i d'Flamme Und wohluf wider use chunt? Wär ich där Vogel, wurd nüd froh, 's Füür luf mer bis i Himmel no. Oh, wäni au kei Sinn meh hett, Und lyti neime unne! Oh, wüßti nüd vo Lüt und Wält! Oh, müeßti nümme 's Dorff usgoh, I niem'rem, as im Tod verko! Als sie mit ihrem Lied zu Ende gekommen war, ging sie still, allen freundlich zunickend und den Geistlichen warm ansehend, hinaus und in ihr Kämmerlein hinauf. In tiefstem Schweigen saßen alle um den Tisch, auf die Türe staunend, durch die das Bethli verschwunden war. Das Marieli hatte ein Hängmäulchen bekommen und fing nun leise zu weinen an. Gleich machten auch der Sebeli und der Bäneli Gesichter, wie die Sonne, wenn sie Wasser zieht und mit einem Male heulten sie drauflos wie die Glocken bei Nachtschadenfeuer. Der Bauer biß die Zähne zusammen; aber auch er hatte die Augen voll Tränen, während die beiden Tagner, der Langresl und Gängeli, die erst verwundert auf das singende Bethli und dann von einem zum andern geglotzt hatten, nun von all der Traurigkeit um sie geduckt, demütig, den Rest der Molken aus der Holzmutte auslöffelten. Lunn, die Magd, aber gab dem Schafhirt des Bauers, der heute von der Sattelalp mit seiner Herde zu Tal gefahren war, eins 189 ans Bein und raunte ihm zu: »Siehst du, Balz, es hat sie wieder!« Der alte Kapuziner hatte sich erhoben, er versuchte umsonst seine Rührung hinter einem Lächeln zu verbergen und indem er seine Hände auf der Kinder Köpfe legte, ihnen freundlich, väterlich zusprach und allmählich ihren Jammer still machte. Und als jetzt der Bauer aufstand, wandte er sich zu dem und sagte, er wolle nun wieder zu Tal ins Tiefland und in sein Kloster wandern. Was er da gesehen habe, lasse sich durch keine Beschwörungen wegtun; Hexenwerk sei da auch nicht im Spiel. Das Bethli, das eben kein Hackbrett, wohl aber eine feinbesaitete Laute sei, habe Schweres erlebt, sein Herz sei eben krank. Er wolle für sie beten. Man solle sie nur ruhig ihren Weg ziehen und auf die Hagelfluh gehen lassen, ihren Liebsten zu erwarten. Er hoffe zu Gott, es bessere ihr doch wieder, wenn sie ungestört ihren Gedanken nachleben und ihren Gang ungehindert machen könne. Sie sei jetzt freilich verworrener als ein verknäueltes Garn, aber der Schöpfer, der die starke Hand habe, auf der er die Welt trage, habe auch die feinen Finger des Christkindes, das auch das verwickeltste Gespinst zu lösen vermöge. »Habt nur Geduld mit dem armen Geschöpf, viel Geduld, immer Geduld! Die Geduld ist ein Schlüssel, mit dem schon die schwersten Tore und gewiß und heilig auch die Himmelspforte aufgetan worden sind.« Alsdann verließ der Kapuziner die Sonnenhalde. 190 Von diesem Tage an ließ man das narrchtige Bethli, wie man im Tale Sebimarias Tochter nannte, nach ihrem Belieben schalten und walten. So machte sie denn, sorgfältiger geschmückt als jemals, ihren Umgang nach der Hagelfluh, völlig offen durchs Tal. An ihren blassen Wangen aber flimmerte und glitzerte das Ohrgehänge ihres Großvaters, die Ringe mit den kleinen goldenen Kugeln. Das erstemal begleiteten sie das Marieli und ihre Brüderchen. Sie hatte ihnen allerlei Gefäße, Körblein und Eimer, mit Steinen aus des Alten Kammer angefüllt. Diese nun verteilte sie im Tal unter die Leute, die um den Weg waren. Einer armen Witwe legte sie die gewichtigsten Steine, die sie mithatten, eigenhändig auf die Schwelle ihrer windschiefen Hütte. »Ihr müßt mir's nicht für ungut nehmen«, sagte sie dabei zu ihren kleinen Geschwistern, »aber ich mag und darf die Schätze, die der Ahne uns angesammelt hat, nicht behalten. Ich will nun machen, daß es keine armen Leute mehr im Lande gibt; denn die Armut ist wie ein Sträuchlein, das im leeren trockenen Sand steht: jeder Wind kann ihm weh tun.« Die Leute, die das alles sahen und vernahmen, verwunderten sich darüber. Sie wußten nicht recht, ob das nun mehr zum Lachen oder zum Weinen sei. Aber die Kinder des Tales gesellten sich dem narrchtigen Bethli nicht mehr so zahlreich zu wie einst ihrem Großvater; denn an die Königstochter wollten sie nicht 191 glauben. Nur noch des Holzschuhmachers Trutli und das Kind des Hornputzers, das Wiseli, begleiteten sie, wenn auch mit scheuen, geschämigen Augen und der Hund ihres zu Tal gekommenen Schafhirten, der das still dahin wandernde Grüpplein in einem fort sorglich umkreiste, als gedächte er es, wie die Schafherde auf der Alp, vor den Wölfen zu behüten. Das nächstemal wollte das Bethli niemand mehr mit sich haben. Sie verlangte durchaus, allein auf die Hagelfluh zu gehen. So ließ sie Sebimaria, ihr Vater, bekümmerten Herzens ziehen. Es herbstete sehr. Die Bergkirschenbäume hatten ihre goldhellen Krausköpfe nicht mehr. Welkes Laub trieb im kalten Nordwind durchs Land und mit ihm abziehende Geier, Adler und Falken. Der Bauer schaute, solang er's vermochte, vom Hochrain ob dem Haus seiner Tochter nach und das Marieli folgte ihr heimlich. Doch im Tal ward es von Bethli gesehen, als es, hinter einer Scheiterbeige am Weg ihr nachguckend, sich nicht rasch genug zu verbergen vermochte. Mit guten Worten aber bestimmt, schickte sie das weinende Kind heim. Aber am Abend, in tiefer Dämmerung, kehrte das Bethli still und ohne jemand anzusehen, durchs Tal auf die Sonnenhalde zurück. Bis der Wintermonat den ersten Schnee über die Berge gehen ließ, bis davon die Grattannen der Schräh, des Hummels und des Heitligeers aufstanden wie weiße 192 Haarborsten, ging nun des Sebimarias Tochter jeden Sonnabend ganz allein auf die Hagelfluh. Da kam eines Nachmittags, als alles schon steinpickelhart gefroren war, ein Bursche bedächtigen Schrittes über das steinplattenbelegte Weglein gen das Sonnenhaldenhaus heraufgestiegen. Der Bauer Sebimaria, der eben seinen dunkelbraunen Stier im Brunnen vor dem Stall saufen ließ, hatte ihn schon seit einer Weile bemerkt. Es wunderte ihn, was ihm um diese vorwinterliche Zeit wohl noch Fremdes zu Gast kommen möchte. Aber jetzt erkannte er den Wanderer. Es packte ihn am Herzen; einen Jauchzer hätte er in alle Himmel hinein tun mögen. Da stieg ja wahrhaftig sein voriger Knecht, der Vitus Wiler, das Fußweglein herauf. So hatte es diesen im st. gallischen Tiefland doch nicht länger mehr gelitten. Lang atmete er auf; da kam ja der Hexenmeister, der allein seine Tochter noch retten konnte. Gott hatte sein Gewissen geweckt, Gott mußte ihn gesandt haben. Da ward ja wohl das Licht wieder zurückgebracht, das dem Bethli eines Tages weggekommen war. So geschwind als tunlich, mit rotem Kopf, stallte er seinen Stier wieder, alsdann schritt er langsam, mit einem langen beobachtenden Blick aufs Haus, indem sich jedoch nichts regte, dem herankommenden Burschen entgegen. Und als sie zusammentrafen, bewillkommnete er ihn so herzlich als es seiner schlichten Art möglich war. 193 Kräftig drückte er die dargebotene Hand und dem Besucher warm und offen in die Augen schauend, fragte er, was ihn denn so spät im Jahr noch ins Hochland und gar auf die Sonnenhalde treibe. Ob er vielleicht doch einwenig Heimweh nach dem Bethli bekommen habe. »Ja, Sebimaria«, antwortete Vitus, rot und etwas verlegen, »ja, bei Gott, es ist wahr, ich will's grad frei bekennen, das Heimweh nach dem Bethli hat mir keine Ruhe mehr gelassen, es hat mich wieder dahinauf zurückgebracht.« »Bursche«, machte jetzt aber, zudunkelnd, der völlig grau gewordene Bauer, »es will mich bedünken, es sei doch recht lange gegangen, bis du den Rückweg auf die Sonnenhalde gefunden hast. So besonders muß sich das Heimweh mit dir wohl nicht angestrengt haben. Es wäre für mein Kind und uns alle wohl besser gewesen, du hättest dich zeitiger auf das, was sich gehört, besonnen und wärest also schon früher gekommen. Ich kann es dir ja sagen, du bist hier nicht vergessen worden und eine ist in meiner Hofstatt, die dich immer erwartet hat und die um dich viel Herzklopfen, vielzuviel sag ich dir, hat haben müssen.« Der junge Bauer senkte ein wenig den Kopf und schritt schweigend neben dem Hirten her. »Sebimaria«, sagte er aber dann, ohne den ernsten Mann neben sich anzusehen, »es ist halt so, daß ich immer gemeint habe, das Lachbethli lasse mir Kundschaft zukommen, ob es mich 194 leiden möge, ob es mich erwarte. Als nun den ganzen langen Sommer hindurch kein Wort, nicht einmal ein Gruß, den Weg zu mir hat finden wollen, obwohl ja ein Bauer aus unserer Gegend zwei Kühe auf euerm Senten gekauft hat, ist's mir immer schwerer geworden und zuletzt habe ich gefürchtet, sie könnte mich ganz vergessen haben.« »Vitus«, gab der Bauer zurück, »da hättest du noch lange warten können, wenn du dir einbildest, meine Tochter ließe dich bei gesunden Sinnen rufen. Das ist nicht unsere Art, gar nicht. Du hättest das ja wohl wissen können, wenn du die Augen offen gehabt hättest, als du bei uns warst, wenn deine Gedanken der Sonnenhalde und ihren Leuten genugsam nachgegangen wären. Ja, und wenn du das Bethli so lieb hättest, wie's ein solches Maitli verdient. Aber vergessen«, machte er weniger tiefsinnig, »nein, Bursch, das bist du gewiß nicht und froh bin ich, daß du endlich doch noch und ungerufen, gekommen bist. Zwar, vielleicht«, kam's zögernder, »das muß dir jetzt gleich auch noch gesagt sein, vielleicht bist du doch zu spät, denn, schau, das Bethli ist seit ihres Großvaters Tod immer schwerblütiger geworden und nun ist's nicht mehr ganz richtig im Kopf.« Der Sonnenhaldenbauer sah Vitus seitlings scharf, forschend an, doch nichts veränderte sich an diesem; mit keiner Wimper zuckte er. »Sebimaria«, begann er zu reden, »das weiß ich alles schon und obwohl ich gewiß 195 auch sonst dahinauf gekommen wäre, ist doch das schuld, daß ich mich bälder auf die Beine gemacht habe.« Der Hirte sah ihn verwundert an. »Ja, ihr müßt euch nicht verwundern. Es ist vor kurzem ein Kapuziner zu uns auf den Hof gekommen; der hat uns alles erzählt, was da bei euch gegangen ist und wie das Bethli immer noch auf ihren Liebsten warte und wie sie nun sogar auf der Hagelfluh alleweil nach ihm ausschaue, grad wie vorher ihr Großvater, der sich für einen König gehalten hat.« »Ja, das alles ist wahr«, machte ziemlich mißmutig, aber doch innerlich befreiter, ja erlöst, der Bauer. »Alle Sonnabende ist sie, bis vor einer Woche, auf die Hagelfluh gegangen, um auf ihren Liebsten zu warten. Aber als nun der Frost und der Winter ins Land gekommen sind, haben wir sie doch mit Bitten und Beten zurückzuhalten vermocht. Es ist mir aber immer, sie könnte uns hinterrücks doch, Winter hin, Winter her, einmal auf die Fluh davongehen; denn, beim Strahl, das kann ich wohl sagen: ihr Heimweh nach dem Liebsten hat nicht abgenommen, gar nicht. Es ist eben mit dieser Art Heimweh bei uns andern daoben in dieser rauhen Welt, wie mit den Alpenrosenstauden auf den Felsennasen: je verfluchter der Sturm über sie kommt, desto zäher klammern sie sich an und desto stärker werden sie.« »Nun denn, gottlob«, sagte der Bursche, erfreut, auch einwenig stolz, den Kopf hebend: »Jetzt kann ja wohl 196 alles noch gut werden; denn ich habe das Bethli gern, vielleicht lieber als ich's selber gewußt habe. Es ist mir, das Leben täte mich ohne sie nie mehr recht freuen. Ich hätte wohl nicht von ihr gehen sollen, aber«, ein trotziger, fast verbissener Zug war um seinen Mund, »wißt, Sebimaria, ich habe es halt nicht verstehen können, wie man einen Verlobten so verächtlich behandeln und ihn gar einen Narren und Torenbub schelten kann.« Der Bauer schaute ihn fast düster an, dann redete er dumpf: »Du hättest sie verstanden, Bursche, wenn du sie so lieb gehabt hättest, wie sie dich.« Vitus Wiler antwortete nicht. Sie standen jetzt vor dem Sonnenhaldenhaus. Um den Brunnen hockten die Kinder, der Sebeli, der Bäneli, das Trutli und das Wiseli und schauten der grauen Katze zu, die vor dem Trog, zu ihren Füßen, ein Mäuslein totspielte. Sie waren so gefesselt von dem grausamen Spiel und so vergnügt dabei, daß sie die zwei Männer nicht einmal in acht nahmen, die mit schweren Schritten übers krachende Vortrepplein hinauf und übers Stiegenbrücklein hinweg, ins Haus hineingingen. Aber in der offenen Stubentüre blieb Vitus, fast zaghaft geworden, stehen. Sebimarias Tochter, das Bethli, saß am Spinnrad, mit dem Rücken gegen die Türe. Sie spann eilfertig drauflos; das Füßlein ging ihr wie verhext. Im wirren, etwas krausen Haar trug sie einen Stachelpalmenkranz, 197 dessen feuerrote Beeren aus der Dämmerung herausleuchteten. Eben netzte sie den Reistenfaden an, ein wenig den Kopf neigend, wovon die kleinen goldenen Kugeln, die im roten Schimmer ihrer Wangen hingen, in ein zitterndes Glitzern kamen. Zu der Spinnerin Füßen lagerte das Marieli, das drei in seinem Schoße spielende junge Kätzchen liebkoste. Auf dem obern Umgang des großen grünen Kachelofens aber sah der Bursche die Krone stehen, die der König von Euland getragen hatte. Sie war rot wie Feuer, denn der obere Teil des Ofens war noch von der untergehenden Sonne beschienen. Vitus Wiler überflog das alles wie im Traum. Und war es denn nicht ein Traum? Ängstlich hasteten seine Augen wieder nach der Spinnerin. Nein, o nein, da saß ja das schöne Lachbethli und spann. Es spann und es war ihm, er sei nie recht von ihm gegangen, nur so schnell hinüber in den Stall. Da saß sie, die ihm doch keine Ruhe gelassen hatte; mit der Hand konnte er sie erlangen. Und sie schien noch schöner, zarter, ein wenig blasser freilich, fast durchsichtig geworden zu sein. Sein Herz frohlockte. »Bethli!« Die Spinnerin hob den binsenroten Kopf und schaute verwundert auf den Burschen an der Türe. Aber das Marieli war aufgeschossen und die Kätzlein fallen lassend, schrie es jubelnd auf: »Der Vitus, unser Vitus!« 198 Blutrot, bolzgrad dastehend, sah es mit leuchtenden Augen an dem Burschen hinauf. Doch der schritt auf das Spinnrad zu. »Bethli«, fragte er mit bebender Stimme, »Bethli, kennst du mich denn nicht mehr?« Starr, fast ängstlich, schaute der Sonnenhaldenbauer, der immer noch in der Türe stand, auf seine Tochter. »Bethli, Bethli!« Gar warm kam's aus des Burschen Mund. Die Spinnerin schaute schweigend zu ihm auf, immer aufmerksamer. Und endlich sagte sie, ihn freundlich anlächelnd, ohne aber den Reistenfaden aus den Händen zu geben. »Ja, willkommen bei uns! Ja, ich meine dich zu kennen. Heja, du gleichst ganz einem Knecht, der einst vor langer, langer Zeit bei meinem Vater gedient hat.« »Ja, ja«, machte er hastig, überlaut, in eine große Enttäuschung erwachend, aufgeschreckt, »ja, Bethli, ich bin der Vitus und den ganzen letzten Winter hindurch Sebimarias, deines Vaters Lehrjunge und Knecht gewesen, da auf der Sonnenhalde. Da, Bethli, Bethli, mußt du ja auch wissen, daß dieser Knecht dein Schatz ist vor Gott und Welt.« Verwundert, ja hocherstaunt, schaute sie zu ihm auf; die kleinen goldenen Kugeln an ihren Ohren kamen in eine flimmernde Unruhe. »Du mein Schatz, du?« Sie lachte heraus, hellauf, die Welt vergoldend, wie es Vitus 199 Wiler in seinen besten Zeiten, mit ihr selbander hinterm Ofen, nie jubelnder gehört hatte. Ja, das war ja das Lachen wieder, das einst sein Herz ins Tanzen gebracht hatte. Es überflutete ihn heiß, es betäubte ihn fast. »Heja, allweg, kann ich mich deiner erinnern. Ich weiß wohl, was für ein guter, wackerer Knecht du uns gewesen bist. Mein Vater hat oft gesagt, das was man dich tun hieße, das tuest du, da wo man dich hinstelle, da stehest du trotz einer Bachwuhr. Aber so weit«, ihre Lippen hoben sich für einen Augenblick eigentümlich, »ja, braucht meines Vaters Knecht seinen Witz nicht zu treiben, daß er sich für meinen Schatz ausgibt. Aber eben, du spaßest ja, ein rechter Schalksnarr bist du; denn du weißt es ja auch, daß ein Gockel kein Falke, nicht einmal ein Sperber ist. Mein Bursche, ich habe aber immer nur einen Falken geliebt und auch immer nur von einem Falken geliebt werden können. Denn, mußt du wissen, ein Falke kann die Wildtaube von der Krähe unterscheiden, auch wenn er himmelhoch über ihr kreist. So wirst du's ja wohl verstehen, daß mein Geliebter, der mir am nächsten Sonnabend ganz gewiß zurückkehrt, ein Königssohn ist. Dich aber, Vitus«, sie lächelte jetzt wie die Sonne um Martini, »dich kann ich mir doch nicht anders vorstellen, als mit einer Mistgabel oder mit der Hacke in den Fäusten und einem langweiligen, bösen Gesicht, das die Kinder und die Hühner zu den Haberäckern hinausscheucht. Sowieso«, sie stand auf, »nichts für ungut, Vitus, aber«, ein weher 200 Zug war um ihre Augen, »siehst du, ich kann dich nicht länger ansehen, denn es tut mir weh im Herzen, wenn ich dich anschaue. Ich weiß aber wohl genug, was es sein könnte. Ja, ja, es ist, weil du meinem Königssohn gleichst und doch nur ein Knecht bist. Es schmerzt mich, Geselle«, ihre Augen wurden schwermütig, charfreitagdüster, schwarzblau wie ein winterlicher Himmel gen Norden nach Sonnenuntergang, »es tut mir weh, sag' ich dir, daß ein Knecht es wagt, in der Maske meines edlen, lieben Herrn im Land herum zu wandern und gar zu mir heraufzusteigen. Nein, ich kann dich nicht mehr ansehen.« Und den Finger warnend aufhebend, sagte sie zu dem immer noch, nun stumm, unglücklich an der Türe stehenden Bauern: »Vater, wenn ihr mich wirklich lieb habt, so stellt diesen Fremdling nicht wieder als Knecht an, denn wißt, einst hat er mich mit der Zinke seiner Hacke ins Auge gestochen und deswegen war's, daß ich dann für lange Zeit geblendet ward! Hätten mich nicht die drei weißen Frauen in der Ahornweid gesund gehext, wäre ich's heute noch. Er hat es freilich nicht tun wollen, Vater, aber er hat es halt doch getan. Gute Nacht miteinander!« Hochaufgerichtet, königlichen Schrittes, ging sie, das Weihwasser nehmend, zur Stube hinaus, die Türe offen lassend. »Bethli, Lachbethli, wohin gehst du? Was gehst du von mir weg?! Komm, schau mich doch nur recht an! Gewiß bin ich's, ich bin's ja, der Vitus!« 201 »Ja«, kam's von der Stiege herab, »du warst unser Knecht, ich weiß es wohl. Und siehst du, wenn du nun bald wieder gehst und dich nie mehr bei uns erblicken lassest, so will ich dich bei meinem Herzallerliebsten, dem treuesten Königssohn der Welt, nicht verklagen. Aber geh, Gesell, geh bald! Falls er nächsten Sonnabend kommt und du noch herum bist, muß ich's ihm gewiß und heilig sagen, schau, daß mir die Augen weh tun bis in die Wurzeln im Herzen hinab, wenn ich dich ansehe. Dann aber, nimm dich in acht, dann stehe ich dir für nichts. Drum mach dich fort, Knecht, mach dich fort!« Vitus Wiler war völlig niedergeworfen. Er hätte gerne noch etwas in den Gang hinauf rufen mögen; er fand keine Worte, keinen Laut mehr. Oben im Hause aber vergingen die Schritte. Da sank der Bursche auf eine Stabelle. Da lag er nun über den Tisch, den Kopf in den Armen verbergend und schluchzte vor sich hin. Und das Marieli stand, seine drei Kätzlein wieder im Schoß tragend, bei ihm und weinte mit ihm von ganzem Herzen. Jetzt höckte sich Sebimaria zu ihm an den Tisch und sah schweigend in den sinkenden Tag hinaus. Er wollte den Sturm in seinem Gast vertoben lassen. Alsdann gedachte er ihn zu trösten und aufzurichten. Vielleicht war doch noch nicht alles verloren, nach und nach vielleicht, wird das Bethli doch wieder dazukommen, ihren einstigen Freund ganz zu erkennen und ihm in die Arme zu sinken. 202 Und Vitus Wiler ließ sich leicht halten, er blieb. Er blieb eine Woche lang auf der Sonnenhalde, er blieb bis tief in den Winter hinein, bis die Kinder die weißen Frauen in der Ahornweid am hellen heitern Tag als Schneewirbelchen umgehen sahen und bis das Sturmhorn des Wildmanns von Tuliwald her durch die Täler der Minster, der stillen Sihl und des Eubachs, durchs ganze Euland ging. Aber das Bethli blieb in ihrem Guckauskämmerlein. Nicht ein einziges Mal stieg sie in die Stube herunter und totenstill ward das Kämmerlein, wenn Vitus mit dem schluchzenden Marieli davor stand und beide bei ihr flehentlich anhielten und sie bei allen Heiligen beschworen, ihnen doch aufzumachen oder endlich einmal herunterzukommen. Nur der Lunn tat sie im Zunachten immer die Türe halbwegs auf, nahm ihr rasch ihr Muttlein Habermus oder Molken ab und schloß sich wieder ein. Als man ihr aber immer mehr zusetzte, als der Sonnenhaldenbauer gar drohte, sie auszuhungern, wenn sie nicht Vernunft annehme und herabkomme, ward sie unruhiger, laut. Sie rief ins Land hinab um Hilfe. Man reiße sie an der Seele Tag und Nacht herum. Die weißen Frauen in der Ahornweid können es wissen, wie man jetzt mit den Königskindern umgehe, da sie ihr ja ins Fenster sehen. »Hört, hört, hört!« lärmte sie in einer mondheitern Nacht in die verschneite Hochwelt hinaus, »hört ihr Echos allenthalben und fangt es auf in euern 203 goldenen Näpfen und bringt's zu meinem Ahnen, dem König, der die Krone auf der Hirthemdkapuze trägt, daß schon seit langem ein Knecht im Hause auf der Sonnenhalde sei, der mich meinem Liebsten untreu machen und rauben wolle. Und o Trug und Falschheit! Er hat sich hiefür verhexen und meines lieben Königssohns Augen nachmachen lassen. Aber obwohl sie mich bis ins Herz hinein brennen, habe ich's dennoch gemerkt, daß es nicht die richtigen sind. Des Großvaters Ohrenringe, müßt ihr wissen, haben mich goldsichtig gemacht. Wie kann man sich da erfrechen, mir Glimmer für Gold bringen zu wollen! Nun, da ich diesen Knecht von mir gewiesen habe, will man mir Gewalt antun, helft, eilt, erzählt's, ihr lieben verwunschenen Echos! Eilt hinauf zum Urahnen im Gespensterhaus auf der Schräh und erzählt es ihm!« Da gab es Sebimaria, der von der Rückkehr Vitus Wilers so vieles, ja alles Gute gehofft hatte, auf. Aber auch der Bursche aus dem St. Gallischen wollte nicht länger warten. Eines Wintermorgens stieg er, auf das Gebot des Sennen Sebimaria Ruhstaller begleitet von den Tagnern Langresl und Gängeli und dem Schafhirten, zwischen den haghohen Schneewänden des Fußwegleins hinab, hängenden Kopfes, traurig, beschämt, in der gleichen Sonne, die ihn vor kurzem so zukunftssicher, freudvoll hatte heraufkommen sehen. Der Sebeli und der Bäneli winkten und schrien ihm zu, bis sie ihn nicht mehr sahen. Das Marieli aber ging 204 ihm heimlich, weinend nach. Sah er zurück, und er tat es oft, so verschwand es blitzgeschwind hinter den Schneewehen des Fußsteigs. Als er jedoch ins Tal kam, blieb es hinter einem tiefverschneiten Hag stehen und sein frostrotes Gesicht und sein flachsfarbenes Schöpflein schauten drüber hinweg dem Vitus nach bis er mit seinen Begleitern um die Hagelfluh verschwand. Am Abend des gleichen Tages saß das Bethli wieder still an seinem Spinnrad und gar summte sie ein Liedchen vor sich hin. Und als man zu Nacht gegessen hatte, stieg sie auf den Ofen und nahm des Großvaters Krone vom obern Umgang, auf den sie sich niederließ. Und als sie die Krone nun auf dem Kranze ihrer braunen, rötlich schimmernden Zöpfe hatte, redete sie: »Was sagt ihr, Vater, gefalle ich euch so?« Aus tiefer Schwermut heraus kam's freundlich vom Tisch: »Jawohl, allweg Bethli, gefällst du mir. Du gefällst mir ja immer.« »Ja, Schwester«, rief das Marieli aus, »du bist wie eine Königin!« »Hört Ihr's, Vater? Wie sollte ich da nicht auf einen Königssohn warten.« »Freilich, jawohl«, machte herzlich der Bauer, »warte nur, Bethli, warte, es kann schon noch einer kommen.« »Ach Vater«, meinte die Tochter, die Krone wieder auf den Umgang abstellend und sich vom Ofen machend, »seht, es wäre jetzt so schön hell draußen, da ist's mir, 205 könnte man heute so weit ausschauen; denn im Winter sieht man ja, wie ihr auch wißt, noch einmal so weit als sonst. Deswegen, Vater hört, möchte ich heute wieder einmal auf die Hagelfluh gehen. Der Mond scheint ja über die ganze Welt hinaus, und gewiß und heilig wäre ich bald wieder zurück.« Der Sebimaria ließ das graue Haupt sinken. Aber sich straffend, sagte er bedrückt: »Bethli, schau, du mußt dich noch ein Zeitchen gedulden. Warte noch bis der Winter im Abzug ist. Es liegt heute der Schnee über alle Hecken hinaus. Ein weißeres Gesicht hat die Welt noch nie gemacht und ein kälteres. Wie sollte ich dich da gehen lassen dürfen. Du könntest dich verirren und uns also umkommen. Auch wagen sich die Wölfe immer weiter zu Tal. Bethli, sei gut, sei lieb! Schau, bald muß die Sonne wieder höher hinauf. Unser lieber Landesheilige St. Meinrad wegt ihr ja schon an und bevor wir's denken, im Hui, Bethli, ist's über alle Höhen hinaus tauwindig und Frühling. Dann, ja dann magst du, in Gottesnamen, wieder auf die Hagelfluh gehen und auf deinen Liebsten warten.« »Nicht, Vater, nicht?« Der Hirte schüttelte den Kopf. Er erhob sich und ging schweren Schrittes hinaus, um die Tränen zu verbergen, von denen er die Augen voll hatte. Schweigend, zudunkelnd, hatte sich das Bethli ans Spinnrad gesetzt. Nein, nun spann sie doch nicht. Sie 206 beachtete auch das Marieli und die kleinen Brüder kaum, die einen Ringelreihen um die nun mitten in der Stube stehende Zeine, in der die graue Katze mit ihren drei Jungen lag, tanzten, um ihre große Schwester etwas aufzuheitern. Aber ihre Augen gingen immer wieder in die zunehmende Dämmerung hinaus, über die verschneiten Weiden. Es mochte gen Mitternacht gehen, als das Marieli in der Elternkammer erwachte. Es richtete sich lauschend auf. War denn da nicht jemand die Stiege heruntergegangen? Es war doch hin und wieder in einem der morschen Tritte ein Ächzen gewesen und einmal hatte gewiß etwas die Türe gestreift. Es horchte mit Ohr und Auge. Nein, nichts war zu hören, als das einschläfernde Rauschen des vereisenden Eubachs, das Bellen eines Fuchses, der sich wohl in dieser grimmig kalten, mondhellen Nacht um die Hofstatt schlich. Nur aus den Wäldern und Flühen der Bärlaui und der Krummfluh herab kam das Heulen der hungrigen Wölfe. Da wollten dem Marieli die Augen wieder zugehen. Es sank in sein Laubnest zurück und verschloff sich unter der schweren Bettdecke. Es wird ja wohl die graue Katze gewesen sein, dachte es im Einschlummern; sie tollt gewiß mit ihren Jungen im Stiegenhaus herum. Am Morgen, die Sonne lag noch in ihrem Nebelbett und nur ein paar ihrer goldenen Strähnen hingen wie windverweht über den Aubrig hinein, stampften ein 207 Trüpplein Euthaler Holzschröter, mit Axt und Säge auf dem Rücken, die Windbruchweid hinauf zu Wald. Es war ein mühseliges Aufsteigen durch den hohen Schnee. Als sie nun in die Nähe der Hagelfluh kamen, sahen sie zu ihrer Überraschung auf der kleinen Bank unter der Wettertanne jemand sitzen. »Heja«, sagte Bläsi, der Holzschuhmacher, der auch mit den Schrötern ging, »es ist mir, man werde da nicht lange dran herumraten und werweisen müssen, wer dort im Schnee auf dem Bänklein hockt. Es ist gewiß das wunderliche Maitli ab der Sonnenhalde, das Bethli.« Ja, das meinten sie alle. Wie aber mochte es gekommen sein, daß des Sebimarias Tochter schon am frühen Morgen und gar bei diesem haghohen Schnee da drüben auf der eiskalten, zügigen Fluh saß? Einer aus den Holzern jauchzte auf, daß es von Berg und Tal widerhallte. Nichts regte sich auf der Hagelfluh. »Bethli, Lachbethli!« lärmte der Bläsi. Es blieb alles still. Da ward es den Holzern unheimlich. Sie stapften, so rasch es sich etwa durch die mehligen Schneewehen tun ließ, zur Hagelfluh hinüber. Sie fanden das Bethli ab der Sonnenhalde. Sie saß im Schnee, wie in einem wunderfeinen Polster, auf der kleinen Bank, an die Wettertanne angelehnt, deren schwerbeladenes Geäst tief herablampte. Und es war, als hätte sie der Herr aus einer roten Rose in eine weiße verwandelt. Ihre Hände lagen im Schoß und aus den steifen Fingern hingen, in der kommenden Sonne funkelnd, die kleinen goldenen Kugeln ihrer Ohrenringe. Auf ihrem bereiften Scheitel hatte sie den Stachelpalmenkranz mit den brennendroten Beeren. Die erloschenen Augen aber staunten über das Tal hinaus in die blaue Ferne.